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aber das Haupt fast biss auf die Augen gespalten war, konte man gar leicht begreiffen, wo die Seele ihre Ausfahrt genommen hatte, deswegen überliess ihn der Besorgung seiner Diener, setzte mich zu Pferde und ritte nach meinem Quartiere, wo ich meine empfangenen Wunden, deren ich zwei ziemlich tieffe und 6. etwas geringere aufzuweisen hatte, behörig verbinden liess.

Dieser Glücks-Streich brachte mir nicht allein am ganzen Käyserl. hof grosse Achtbarkeit, sondern des Käyserl. Printzens völlige Gunst zuwege, so dass er mich in die Zahl seiner Leib-Ritter aufnahm, und jährlich mit einer starcken Geld-Pension versahe. Hierbei erhielt ich erlaubnis, nicht allein die vornehmsten deutschen Fürsten-Höfe, sondern auch die Königreiche Böhmen, Ungarn und Pohlen zu besuchen, worüber mir die Zeit geschwinder hinlieff als ich gemeinet hatte, indem ich nicht ehe am Käyserl. hof zurück kam, als da die prinzessin Margareta unserm Castilianischen Cron-Printzen Johanni als Braut zugeführet werden sollte. Da nun der Käyserl. Printz Philippus dieser seiner Schwester das Geleite nach Castilien gab, bekam ich bei solcher gelegenheit mein geliebtes Vaterland, nebst meiner allerliebsten Eleonora wieder zu sehen, indem mich König Ferdinandus, auf Vorbitte der Käyserl. und seiner eigenen Kinder, zu Gnaden annahm, und den ehemals begangenen Fehler gänzlich zu vergessen versprach.

Es ist nicht zu beschreiben was die Donna Eleonora vor eine ungewöhnliche Freude bezeigte, da ich den ersten Besuch wiederum bei ihr ablegte, hiernächst wuste sie mich mit ganz neuen und sonderbaren Liebkosungen dermassen zu bestricken, dass meine ziemlich erkaltete Liebe weit feuriger als jemahls zu werden begunte, und ob mir gleich meine besten Freunde dero bissherige Aufführung ziemlich verdächtig machten, und mich von ihr abzuziehen trachteten; indem dieselbe nicht allein mit dem Neapolitaner, der sich, nach Heilung seiner von mir empfangenen Wunden, noch über ein Jahr lang in Madrit aufgehalten, eine allzugenaue Vertraulichkeit sollte gepflogen, sondern nächst diesem auch allen andern Frembdlingen verdächtige Zugänge erlaubt haben; so war doch nichts vermögend mich aus ihren Banden zu reissen, denn so offt ich ihr nur von dergleichen verdriesslichen Dingen etwas erwehnete, wuste sie von ihrer verfolgten Unschuld ein solches Wesen zu machen, und ihre Keuschheit so wohl mit grossen Beteurungen als heissen Tränen dermassen zu verfechten, dass ich ihr in allen Stücken völligen Glauben beimessen, und mich glücklich schätzen muste, wenn sich ihr in Harnisch gebrachtes Gemüte durch meine kniende Abbitte und äusersten liebes-Bezeugungen nur wiederum besänfftigen liess.

Da nun solchergestalt alle Wurtzeln der Eifersucht von mir ganz frühzeitig abgehauen wurden, und sich unsere herzen aufs neue vollkommen vereinigt hatten, über dieses meine person am ganzen hof immer in grössere Achtbarkeit kam, so bedünckte mich, dass das Missvergnügen noch weiter von mir entfernet wäre, als der Himmel von der Erde. Nachdem aber die, wegen des Cron-Printzens Vermählung, angestelleten Ritter-Spiele und andere vielfältige Lustbarkeiten zum Ende gebracht, gab mir der König ein neues Regiment Fuss-Volck, und damit meine Waffen nicht verrosten möchten, schickte er mich nebst noch mehrern gegen die um Granada auf dem Gebürge wohnenden Maurer zu feld, welche damahls allerhand lose Streiche machten, und eine förmliche Empörung versuchen wolten. Dieses war mein allergröstes Vergnügen, alldieweilen hiermit gelegenheit hatte meines lieben Vaters frühzeitigen T o d an dieser verfluchten Nation zu rächen, und gewiss, sie haben meinen Grimm sonderlich im 1500ten und folgenden Jahre, da ihre Empörung am hefftigsten war, dermassen empfunden, dass dem Könige nicht gereuen durffte mich dahin geschickt zu haben.

Immittelst war Ferdinandus mit Ludovico XII. Könige in Franckreich, über das Königreich Neapolis, welches sie doch vor kurtzer Zeit unter sich geteilet, und den König Friedericum dessen entsetzt hatten, in Streit geraten, und mein Vetter Gonsalvus Ferdinandus de Cordua, der die Spanischen Truppen im Neapolitanischen en Chef kommandierte, war im Jahr 1502. so unglücklich gewesen, alles zu verliehren, bis auf die eintzige Festung Barletta. Demnach schrieb er um schleunigen Succurs, und bat den König, unter andern mich, als seiner Schwester Sohn mit dahin zu senden. Der König willfahrete mir und ihm in diesen Stücke, also ging ich fast zu Ende des Jahres zu ihm über. Ich wurde von meinem Vetter, den ich in vielen Jahren nicht gesehen, ungemein liebreich empfangen, und da ich ihm die erfreuliche Zeitung von den bald nachkommenden frischen Völckern überbrachte, wurde er desto erfreuter, und zweiffelte im geringsten nicht, die Scharte an denen Frantzosen glücklich auszuwetzen, wie er sich denn in seinem Hoffnungs vollen Vorsatze nicht betrogen fand, denn wir schlugen die Frantzosen im folgenden 1503ten Jahre erstlich bei Cereniola, rückten hierauff vor die Haupt-Stadt Neapolis, welche glücklich erobert wurde, lieferten ihnen noch eine uns vorteilhaffte Schlacht bei dem Flusse Garigliano, und brachten, nachdem auch die Festung Cajeta eingenommen war, das ganze Königreich Neapolis, unter Ferdinandi Botmässigkeit, so dass alle Frantzosen mit grössten Schimpf daraus vertrieben waren. Im folgenden Jahre wolte zwar König Ludovicus uns mit einer weit stärckern Macht angreiffen, allein mein Vetter hatte sich, vermöge seiner besonderen Klugheit, in solche Verfassung gesetzt, dass ihm nichts abzugewinnen war. Demnach machten die Frantzosen mit unserm Könige Friede und Bündniss, ja weil Ferdinandi Gemahlin Isabella eben in selbigem Jahre gestorben war, nahm derselbe bald hernach eine Frantzösische Dame zur neuen Gemahlin, und wolte seinen Schwieger-Sohn Philippum verhindern, das, durch den Tod des CronPrintzen auf die prinzessin Johannam gefallene, Castilien in Besitz zu nehmen. Allein Philippus