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hindurch mit derselben unterredete, und so wohl an ihrer äuserlichen schönen Gestalt, als innerlichen vortreflichen Gemüts-Gaben ergötzte. Ich wachte gegen Morgen auf, schlief aber unter dem Wunsche, dergleichen Traum öffter zu haben, bald wieder ein, da mir denn vorkam, als ob meine auf der Insul Bonair seelig verstorbene Salome, die tugendhaffte Sophie in meine kammer geführt brächte, und derselben ihren Trau-Ring, den ich ihr mit in den Sarg gegeben hatte, mit fröhlichen Gebärden überlieferte, hernach zurücke ging und Sophien an meiner Seiten stehen liess. Hierüber erwachte ich zum andern mahle, und weil die Morgen-Röte bereits durch mein von durchsichtigen fisch-Häuten gemachtes Fenster schimmerte, stunde ich, ohne den Altvater zu erwekken, sachte auf, spazierete in dessen grossen LustGarten, und setzte mich auf eine, zwischen den Bäumen gemachte Rasen-Banck, verrichtete mein Morgen-Gebet, sung etliche geistliche Lieder, zohe nach diesen meine schreibe-Tafel, die mir nebst andern Kleinigkeiten von meinen Verrätern annoch in Kleidern gelassen worden, hervor, und schrieb folgendes Lied hinnein.

1.

Unverhoffte liebes-Netze

Haben meinen Geist bestrickt.

Das, woran ich mich ergötze,

Hat mein Auge kaum erblickt;

Kaum, ja kaum ein wenig Stunden,

Da der güldnen Freiheit Pracht

Ferner keinen Platz gefunden,

Darum nimmt sie gute Nacht.

2.

Holder Himmel! darff ich fragen:

Wilst du mich im Ernst erfreun?

Soll, nach vielen schweren Plagen,

Hier mein ruhigs Eden sein?

O! so macht dein Wunder-Fügen,

Und die süsse Sklaverei,

Mich von allen Missvergnügen,

Sorgen, Not und Kummer frei.

3.

Nun so fülle, die ich liebe,

Bald mit Glut und Flammen an,

Bringe sie durch reine Triebe

Auf die keusche liebes-Bahn,

Und ersetze meinem herzen,

Was es eh'mals eingebüsst;

Denn so werden dessen Schmertzen

Durch erneute Lust versüsst.

Kaum hatte ich diesen meinen poëtischen Einfall zurechte gebracht, als ich ihn unter einer bekandten weltlichen Melodei abzusingen etliche mahl probierte, und nicht vermerckte, dass ich an dem lieben Altvater einen aufmercksamen Zuhörer bekommen, biss er mich sanfft auf die Schulter klopffte und sagte: Ist's möglich mein Freund, dass ihr in meine Auffrichtigkeit einigen Zweiffel setzen und mir euer liebes-geheimnis verschweigen könnet, welches doch unfehlbar auf einem tugendhafften grund ruhet? Ich fand mich solchergestalt nicht wenig betroffen, entschuldigte meine bisherige Verschwiegenheit mit solchen Worten, die der Wahrheit gemäss waren, und offenbarete ihm hierauff mein ganzes Hertze. Es ist gut, mein Freund versetzte der werte Altvater dargegen, Sophia soll euch nicht vorentalten werden, allein übereilet euch nicht, sondern machet vorher weitere Bekanntschafft mit derselben, untersuchet so wohl ihre als eure selbst eigene Gemüts-Neigungen, wann ihr so dann vor tunlich befindet, eure Lebens-Zeit auf dieser Insul mit einander zuzubringen, soll euch erlaubt sein, mit selbiger in den Stand der Ehe zu treten, doch das sage ich zum voraus: Dass ihr so wohl, als meine vorigen Schwieger-Söhne einen cörperlichen Eid schweren müsset, so lange als meine Augen offen stehen, nichts von dieser Insel, vielweniger eines meiner Kinder eigenmächtiger oder heimlicher Weise hinweg zu führen. Nächst diesem, war seine fernere Rede, hat mir unfehlbar der Geist GOttes ein besonderes Vorhaben eingegeben, zu dessen Ausführung mir keine tüchtigere person von der Welt vorkommen können, als die eurige. Ich danckte dem lieben Altvater nicht allein vor dessen gütiges Erbieten, sondern versprach auch, was so wohl den Eid, als alles andere beträffe, so er von mir verlangen würde, nach meinem äusersten Vermögen ein völliges Genügen zu leisten. Derselbe aber verlangte vorher nochmahls eine umständliche Erzehlung meiner Lebens-geschichte, worin ich ihm noch selbigen Tage gehorsamete, und ungefähr mit erwehnete: Wie ich in einer gewissen berühmten Handels-Stadt, unter andern auch mit einem Kauffmanne in Bekandtschafft geraten, der ebenfalls den Zunahmen Julius geführt hätte, doch, da ich von dessen Geschlecht und Herkommen keine fernere Nachricht zu geben wuste, erseuffzete der liebe Altvater dieserwegen, und wünschte, dass selbiger Kauffmann ein Befreundter von ihm, oder gar ein Abstammling von seinen unfehlbar nunmehr seel. Bruder sein möchte; Allein, ich konte, wie bereits gemeldet, hiervon so wenig, als von des Kaufmanns übriger Familie und dessen Zustande Nachricht geben. deswegen brach endlich der werte Altvater loss, und hielt mir in einer weitläufftigen Rede den glückseeligen Zustand vor, in welchen er sich nebst den Seinigen auf dieser Insul von GOtt gesetzt sähe. Nur dieses eintzige beunruhige sein Gewissen, dass nämlich er und die Seinigen ohne Priester sein, mitin des heiligen Abendmahls nebst anderer geistlichen Gaben beraubt leben müsten: Uber dieses, da die Anzahl der Weibs-Personen auf der Insul stärcker sei, als der Männer, so wäre zu wünschen, dass noch einige zum Ehe-stand tüchtige Handwercker und Künstler anhero gebracht werden könnten, welches dem gemeinen Wesen zum sonderbaren Nutzen, und manchen armen Europäer, der sein Brod nicht wohl finden könnte, zum ruhigen Vergnügen gereichen würde. Und letztlich wünschte der liebe Alt-Vater, vor seinem Ende noch einen seiner Bluts-Freunde aus Europa bei sich zu sehen, um demselben einen teil seines fast unschätzbaren Schatzes zuzuwenden, denn, sagte er: Was sind diese Glücks-Güter mir und den Meinigen auf dieser Insul nütze, da wir mit niemanden in der Welt Handel und Wandel zu treiben gesonnen?