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diese Commission willig auf, begab mich mit guter manier zu der schönen Sophie, welche im Garten unter einem grünen schattigen Baume mit der Spindel die zärtesten Flachs-Faden spann, weswegen ich gelegenheit ergriff mich bei ihr nieder zu setzen, und ihrer zarten Arbeit zuzusehen, welche ihre geschickten und saubern hände gewiss recht anmutig verrichteten.

Nach ein und andern schertzhafften jedoch tugendhafften Gesprächen, kam ich endlich auf mein propos, und fragte etwas ernstaffter: Warum sie denn so eigensinnig im Lieben sei, und denjenigen Jungen Gesellen, welcher sie so hefftig liebte, nicht zum mann haben wolle. Das artige Kind errötete hierüber, wolte aber nicht ein Wort antworten, welches ich vielmehr ihrer Schamhafftigkeit, als einer Blödigkeit des Verstandes zurechnen muste, indem ich allbereit zur Gnüge verspüret, dass sie einen vortrefflichen Geist und aufgeräumten Sinn hatte. deswegen setzte noch öffter an, und brachte es endlich durch vieles Bitten dahin, dass sie mir ihr ganzes Hertz in folgenden Worten eröffnete: Mein Herr! sagte sie, ich zweiffele nicht im geringsten, dass ihr von den Meinigen abgeschickt seid, meines Hertzens gedanken auszuforschen, doch weil ich euch vor einen der redlichsten und tugendhafftesten Leute halte, so will ich mich nicht schämen euch das zu vertrauen, was ich auch meinem Vater und Geschwister, geschweige denn andern Befreundten, zu eröffnen Scheu getragen habe. Wisset demnach, dass mir unmöglich ist einen Mann zu nehmen, der um so viele Jahre jünger ist als ich, bedencket doch, ich habe allbereit mein 32stes Jahr zurück gelegt, und soll einen jungen Menschen Heiraten, der sein zwantzigstes noch nicht ein mal erreicht hat. Es ist ja Gottlob kein Mangel an WeibsPersonen auf dieser Insul, hergegen hat er so wohl als andere noch das Auslesen unter vielen, wird also nicht unverheiratet sterben dürffen, wenn er gleich mich nicht zur Ehe bekömmt, sollte aber ich gleich ohn verheiratet sterben müssen, so wird mir dieses weder im Leben noch im tod den allergeringsten Verdruss erwecken. Ich verwunderte mich ziemlicher massen über dieses 32. jährigen artigen Frauenzimmers resolution, und hätte, ihrem Ansehen und ganzen Wesen nach, dieselbe kaum mit guten Gewissen auf 20. Jahr geschätzet, doch da ich in ihren Reden einen lautern Ernst verspürete, gab ich ihr vollkommen Recht und fragte nur: Warum sie aber denn allbereit 4. andere Liebhaber vor diesem letzteren abgewiesen hätte? Worauff sie antwortete: Sie sind alle wenigstens 10. biss 12. Jahr jünger gewesen als ich, deswegen habe unmöglich eine Heirat mit ihnen treffen können, sondern viel lieber ledig bleiben wollen.

Hierauff lenckte ich unser Gespräch, um ihren edlen Verstand ferner zu untersuchen auf andere Sachen, und fand denselben so wohl in geistlichen als weltlichen Sachen dermassen geschärfft, dass ich so zu sagen fast darüber erstaunete, und mit innigsten Vergnügen so lange bei ihr sitzen blieb, biss sich unvermerckt die Sonne hinter die hohen Felsen-Spitzen verlohr, weswegen wir beiderseits den Garten verliessen, und weil ich im haus vernahm, dass sich der Vater Christian auf der Schleusen-brücke befände, wunschete ich der schönen Sophie nebst den übrigen eine gute Nacht, und begab mich zu ihm. Indem er mir nun das Geleite biss auf die Alberts-Burg zu unserm Altvater gab, erzehlete ich ihm unterwegens seiner tugendhafften Tochter vernünfftiges Bedencken über die angetragene Heirat, so wohl als ihren ernstlich gefasseten Schluss, worüber er sich ebenfalls nicht wenig verwunderte, und dessfalls erstlich den Altvater um Rat fragen wolte. Derselbe nun tat nach einigen überlegen diesen Ausspruch: Zwinge dein Kind nicht, mein Sohn Christian, denn Sophia ist eine keusche und Gottesfürchtige Tochter, deren Eigensinn in diesem Stück unsträflich ist, ich werde ihren Liebhaber Andream anderweit beraten, und versuchen ob ich Nicolaum, deines seel. Bruders Johannis dritten Sohn, der einige Jahre älter ist, mit der frommen Sophie vereheligen kan.

Wir gerieten demnach auf andere gespräche, allein ich weiss nicht wie es so geschwinde bei mir zuging, dass ich auf einmal ganz tieffsinnig wurde, welches der liebe Altvater sogleich merckte, und sich um meine jählinge Veränderung nicht wenig bekümmerte, doch da ich sonst nichts als einen kleinen Kopff-Schmertzen vorzuwenden wuste, liess er mich in Hoffnung baldiger Besserung zu Bette gehen. Allein ich lage lange biss nach Mitternacht, ehe die geringste Lust zum Schlafe in meine Augen kommen wolte, und, nur kurz von der Sache zu reden, ich spürete nichts richtiges in meinem herzen, als dass es sich vollkommen in die schöne und tugendhaffte Sophie verliebt hätte. Hergegen machten mir des lieben Altvaters gesprochene Worte: Ich werde versuchen, ob ich Nicolaum mit der frommen Sophie vereheligen kann, den allergrösten Kummer, denn erstlich hatte ich als ein elender Einkömmling noch die gröste ursache zu zweiffeln, ob ich der schönen Sophie GegenGunst erlangen, und vors andere schwerlich zu hoffen, dass mich der Altvater seinem Enckel Nicolao vorziehen würde. Nachdem ich mich aber dieserwegen noch eine gute Weile auf meinem Lager herum geworffen, und meiner neuen Liebe nachgedacht hatte, fassete ich endlich den festen Vorsatz keine Zeit zu versäumen, sondern meinem aufrichtigen Wohltäter mein ganzes Hertze, gleich morgen früh zu offenbaren, nachher, auf dessen redliches Gutachten, selbiges der schönen Sophie ohne alle Weitläufftigkeiten ehrlich anzutragen.

Hierauff liessen sich endlich meine Furcht und Hoffnungs-volle Sinnen durch den Schlaff überwältigen, doch die Einbildungs-Kräffte machten ihnen das Vergnügen, die schöne Sophie auch im Traume darzustellen, so, dass sich mein Geist den ganzen übrigen teil der Nacht