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tröstete, und bat: wo es seine Kräffte zuliessen, uns mit wenig Worten zu berichten: Was es mit ihm und dem Schiffe vor eine Beschaffenheit habe? Hierauf sagte der arme Mensch: Mein Freund! das Schiff, ich und alles was darauff ist, gehöret dem Könige von Spanien. Ein hefftiger Sturm hat uns von dessen West-Indischen Flotte getrennet, und zweien Raub-Schiffen entgegen geführt, denen wir aber durch Tapfferkeit und endliche Flucht entgangen sind. Jedoch die fernern Stürme haben uns nicht vergönnet, einen sichern Hafen zu finden, vielweniger den Abgang unserer Lebens-Mittel zu ersetzen. Unsere Cameraden selbst haben Verräterisch gehandelt, denn da sie von ferne Land sehen, und selbiges mit dem übel zugerichteten Schiffe nicht zu erreichen getrauen, werffen sich die Gesunden ins Boot und lassen etliche Krancke, ohne alle Lebens-Mittel zurücke. Wir wünschten den Tod, da aber selbiger, zu Endigung unserer Marter, sich nicht bei allen auf einmal einstellen wolte, mussten wir uns aus Hunger an die körper derjenigen machen, welche am ersten sturben, hierüber hat unsere Kranckheit dermassen zugenommen, dass ich vor meine person selbst nicht gewust habe, ob ich noch lebte oder allbereits tot wäre.

Robert versuchte zwar noch ein und anderes von ihm zu erforschen, da aber des elenden Spaniers Schwachheit allzugross war, mussten wir uns mit dem Bescheide: Er wolle Morgen, wenn er noch lebte, ein mehreres reden, begnügen lassen. Allein nachdem er die ganze Nacht hindurch ziemlich ruhig gelegen, starb er uns, mit anbrechende Tage, sehr sanfft unter den Händen, und wurde seiner mit wenig Worten und Gebärden bezeigten christlichen Andacht wegen, an die Seite unseres Gottes-Ackers begraben. Solchergestalt war niemand näher die auf dem Schiff befindlichen Sachen in Verwahrung zu nehmen, als ich und die Meinigen, und weil wir dem Könige von Spanien auf keinerlei Weise verbunden waren, so hielt ich nicht vor klug gehandelt, meinen Kindern das StrandRecht zu verwehren, welche demnach in wenig Tagen das ganze Schiff, nebst allen darauff befindlichen Sachen, nach und nach Stückweise auf die Insul brachten.

Ich teilete alle nützliche Waaren unter dieselben zu gleichen Teilen aus, biss auf das Gold, Silber, Perlen, Edelgesteine und Geld, welches von mir, um ihnen alle gelegenheit zum Hoffart, Geitz, Wucher und andern daraus folgenden Lastern zu benehmen, in meinen Keller zu des Don Cyrillo und andern vorher erbeuteten Schätzen legte, auch dieserwegen von ihnen nicht die geringste scheele mine empfieng.

Der erste Jan. im Jahre Christi 1700. wurde nicht allein als der Neue Jahres-Tag und fest der Beschneidung Christi, sondern über dieses als ein solcher Tag, an welchen wir ein neues Jahr hundert, und zwar das 18te nach Christi Gebuhrt antraten, recht besonders frölich von uns gefeiert, indem wir nicht allein alle unsere kanonen löseten, deren wir auf dem letzteren Spanischen Schiffe noch 12. Stück nebst einem starcken Vorrat an Schiess-Pulver überkommen hatten, sondern auch nach zweimahligen verrichteten Gottesdienste, unsere Jugend mit Blumen-Kräntzen ausziereten, und selbige im Reihen herum singen und tantzen liessen. Folgendes Tages liess ich, vor die junge Mannschafft, von 16. Jahren und drüber, die annoch gegenwärtige Vogel-Stange aufrichten, einen höltzernen Vogel daran häncken, wornach sie schiessen mussten, da denn diejenigen, welche sich wohl hielten, nebst einem Blumen-Crantze verschiedene neue Kleidungs-Stücke, Aexte, Sägen und dergleichen, derjenige aber so das letzte Stück herab schoss, von meiner Concordia ein ganz neues Kleid, und von mir eine kostbare Flinte zum Lohne bekam. Diese Lust ist nachher alljährlich einmal um diese Zeit vorgenommen worden.

Am 8. Jan. selbigen Jahres, als an meinen Gebuhrts- und Vereheligungs-Tage, beschenckte mich der ehrliche Simon Schimmer mit einem neugemachten artigen Wagen, der von zweien zahmgemachten Hirschen gezogen wurde, also sehr bequem war, mich und meine Concordia von einem Orte zum andern spatzieren zu führen. Schimmer hatte diese beiden Hirsche noch ganz jung aus dem Tier-Garten genommen, und selbige durch täglichen unverdrossenen Fleiss, dermassen Kirre gewöhnet, dass sie sich Regieren liessen wie man wolte. Ihm haben es nachher meine übrigen Kinder nach getan, und in wenig Jahren viel dergleichen zahme Tiere auferzogen.

Nun könnte ich zwar noch vieles anführen, als nämlich: von Entdeckung der Insul Klein-Felsenburg. Von Erzeugung des Flachses, und wie unsere Weiber denselben zubereiten, spinnen und wircken lernen. Von allerhand andern Handwercken, die wir mit der Zeit durch öffteres Versuchen ohne Lehrmeisters einander selbst gelehret und zu stand bringen helffen. Von allerhand Waaren und Gerätschafften, die uns von Zeit zu Zeit durch die Winde und Wellen zugeführet worden. Von meiner 9. Stämme Vermehrung und immer besserer Wirtschaffts-Einrichtung im Akker-Garten- und Wein-Bau. Von meiner eigenen Wirtschafft, Schatz- Rüst- und Vorrats-kammer und dergleichen; Allein meine Lieben, weil wir doch länger beisammen bleiben, und GOTT mir hoffentlich noch das Leben eine kleine Zeit gönnen wird, so will selbiges biss auf andere zeiten versparen, damit wir in künfftigen Tagen bei dieser und jener gelegenheit darüber mit einander zu sprechen ursache finden, vor jetzt aber will damit schliessen, wenn ich noch gemeldet habe, was der Tod in dem eingetretenen 18den Seculo vor Haupt-Personen, aus diesem unsern irrdischen, in das Himmlische Paradiess versetzt hat, solches aber sind folgende:

1. Johannes mein dritter leiblicher