nehme, deswegen verschonet mich nur mit unnötiger Marter, und erfraget von mir was euch beliebt, so will ich euch nach eurem Belieben antworten, es mag mir nun zu meinem zeitlichen Glück und Leben nützlich oder schädlich sein. Hierauff taten sie eine klägliche Ermahnung an mich, GOtte, wie auch der Obrigkeit ein wahrhaftiges Bekenntniss abzustatten, und fiengen an, mir mehr als 30. fragen vorzulegen, allein so bald ich nur ein oder andere mit guten Gewissen und der Wahrheit nach vermeinen, und etwas gewisses zu meiner Entschuldigung vorbringen wolte, wurde alsobald der ScharffRichter mit seinen Marter-Instrumenten näher zu treten ermahnet, weswegen ich aus Angst augenblicklich meinen Sinn änderte und so antwortete, wie es meine Inquisiteurs gerne hören und haben wolten. kurz zu melden, es kam so viel heraus, dass ich das mir unbekannte halb verfaulte Kind von Ambrosio empfangen, zur Welt gebohren, selbst ermordet, und solches durch meine Wart-Frau in einen Canal werffen lassen, woran doch in der Tat Ambrosius und die WartFrau, so wohl als ich vor GOTT und allen heiligen Engeln unschuldig waren.
Solchergestalt vermeinten nun meine Inquisiteurs ihr Ammt an mir rechtschaffener Weise verwaltet zu haben, liessen derowen das Gerüchte durch die ganze Stadt erschallen, dass ich nunmehr in der Güte ohne alle Marter den Kinder-Mord nebst allen behörigen Umständen solchergestalt bekennet, dass niemand daran zu zweiffeln ursache haben könnte, demnach war nichts mehr übrig als zu bestimmen, auf was vor Art und welchen Tag die arme Virgilia vom Leben zum tod gebracht werden sollte. Immittelst wurde noch zur Zeit kein Priester oder Seel Sorger zu mir gesendet, ungeachtet ich schon etliche Tage darum angehalten hatte. Endlich aber, nachdem noch zwei Wochen verlauffen, stellte sich ein solcher, und zwar ein mir wohl bekandter frommer Prediger bei mir ein. Nach getanem Grusse war seine ernstaffte und erste Frage: Ob ich die berüchtigte junge Raben-Mutter und Kinder-Mörderin sei, auch wie ich mich so wohl in meinem Gewissen als wegen der Leibes-Gesundheit befände? Mein Herr! gab ich ihm sehr freimütig zur Antwort, in meinem Gewissen befinde ich mich weit besser und gesunder als am leib, sonsten kan ich GOTT eintzig und allein zum Zeugen anruffen, dass ich niemals eine Mutter, weder eines toten noch lebendigen Kindes gewesen bin, vielweniger ein Kind ermordet oder solches zu ermorden zugelassen habe. Ja, ich ruffe nochmals GOTT zum Zeugen an, dass ich niemals von einem mann erkannt und also noch eine reine und keusche Jungfrau bin, jedoch das grausame Verfahren meiner Inquisiteurs und die grosse Furcht vor der Tortur, haben mich gezwungen solche Sachen zu bekennen, von denen mir niemals etwas in die gedanken kommen ist, und noch biss diese Stunde bin ich entschlossen, lieber mit freudigen herzen in den Tod zu gehen, als die Tortur auszustehen. Der fromme Mann sah mir starr in die Augen, als ob er aus selbigen die Bekräfftigung meiner Reden vernehmen wolte, und schärfte mir das Gewissen in allen Stücken ungemein, nachdem ich aber bei der ihm getanen Aussage verharrete, und meinen ganzen LebensLauff erzehlet hatte, sprach er: Meine Tochter, eure Rechts-Händel müssen, ob GOTT will, in kurtzen auf andern Fuss kommen, ich spreche euch zwar keineswegs vor Recht, dass ihr, aus Furcht vor der Tortur, euch zu einer Kinder- und Selbst-Mörderin machet, allein es sind noch andere eurer Einfalt unbewuste Mittel vorhanden eure Schuld oder Unschuld ans Licht zu bringen. Hierauff setzte er noch einige tröstliche Ermahnungen hinzu, und nahm mit dem Versprechen Abschied, mich längstens in zweien Tagen wiederum zu besuchen.
Allein gleich folgenden Tages erfuhr ich ohnverhofft, dass mich GOTT durch zweierlei Hülffs-Mittel, mit ehesten aus meinem Elende heraus reissen würde, denn vors erste war meine Unschuld schon ziemlich ans Tages Licht gekommen, da die alte Dienst-Magd meiner Pflege-Mutter, aus eigenem Gewissens-Triebe, der Obrigkeit angezeiget hatte, wie nicht ich, sondern die mittelste Tochter meiner Pflege-Mutter das gefundene Kind gebohren, selbiges, vermittelst einer grossen Nadel, ermordet, eingepackt, und hinweg zu werffen befohlen hätte, und zwar so hätten nicht allein die übrigen zwei Schwestern, sondern auch die Mutter selbst mit Hand angelegt, dieweiln es bei ihnen nicht das erste mahl sei, dergleichen Taten begangen zu haben. Meine andere tröstliche Zeitung war, dass mein bester Freund Ambrosius vor wenig Stunden zurück gekommen, und zu meiner Befreiung die äusersten Mittel anzuwenden, allbereits im Begriff sei.
Er bekam noch selbigen Abends erlaubnis, mich in meinem Gefängnisse zu besuchen, und wäre bei nahe in Ohnmacht gefallen, da er mich Elende annoch in Ketten und Banden liegen sah, allein, er hatte doch nach Verlauff einer halben Stunde, so wohl als ich, das Vergnügen, mich von den Banden entlediget, und in ein reputierlicher gefängnis gebracht zu sehen. Ich will mich nicht aufhalten zu beschreiben, wie jämmerlich und dennoch zärtlich und tröstlich diese unsere Wiederzusammenkunfft war, sondern nur melden, dass ich nach zweien Tagen durch seine ernstliche Bemühung in völlige Freiheit gesetzt wurde. Uber dieses liess er es sich sehr viel kosten, wegen meiner Unschuld hinlängliche Erstattung des erlittenen Schimpffs von meinen allzu hitzigen Inquisiteurs zu erhalten, empfing auch so wohl von den geistlichen als weltlichen Gerichten die herrlichsten Ehren-Zeugnisse vor seine und meine person, am allermeisten aber erfreuete er sich über meine in wenig Wochen völlig wieder erlangte Gesundheit.
Nach der Zeit bemühete sich