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mir den allerzärtlichsten Abschied genommen, 1000. Stück dukaten zu meiner Verpflegung zurück gelassen, und sonsten meinetwegen die eiffrigste Sorgfalt vorgekehret hatte.

etwa einen monat nach meines werten Ambrosii Abreise, brach das Geschwür in meinem leib, welches sich des Artzts, und meiner eigenen Meinung nach, am Magen und Zwerchfell angesetzt hatte, in der Nacht plötzlich auf, weswegen etliche Tage nach einander eine erstaunliche Menge Eiter durch den Stuhlgang zum Vorschein kam, hierauff begunte mein dicker Leib allmählich zu fallen, das Fieber nachzulassen, mitin die Hoffnung, meiner volligen Genesung wegen, immer mehr und mehr zuzunehmen. Allein das Unglück, welches mich von Jugend an so grausam verfolget, hatte sich schon wieder aufs neue gerüstet, mir den allerempfindlichsten Streich zu spielen, denn da ich einst um Mitternacht im süssen Schlummer lag, wurde meine Tür von den Gerichts-Dienern plötzlich eröffnet, ich, nebst meiner Wart-Frau in das gemeine Stadt-gefängnis gebracht, und meiner grossen Schwachheit ungeachtet, mit schweren Ketten belegt, ohne zu wissen aus was Ursachen man also grausam mit mir umginge. Gleich folgendes Tages aber erfuhr ich mehr als zu klar, in was vor bösen Verdacht ich arme unschuldige Creatur gehalten wurde, denn es kamen etliche ansehnliche Männer im Gefängnisse bei mir an, welche, nach weitläufftiger Erkundigung meines Lebens und Wandels, endlich eine rot angestrichene Schachtel herbei bringen liessen, und mich befragten: Ob diese Schachtel mir zugehörete, oder sonsten etwa känntlich sei? Ich konte mit guten Gewissen und freien Mute Nein dazu sagen, so bald aber dieselbe eröfnet und mir ein halb verfaultes Kind darinnen gezeiget wurde, entsetzte ich mich dergestalt über diesen eckelhaften Anblick, dass mir Augenblicklich eine Ohnmacht zustiess. Nachdem man meine entwichenen Geister aber wiederum in einige Ordnung gebracht, wurde ich aufs neue befragt: Ob dieses Kind nicht von mir zur Welt gebohren, nachher ermordet und hinweggeworffen worden? Ich erfüllete das ganze Gemach mit meinem Geschrei, und bezeugte meine Unschuld nicht allein mit hefftigen Tränen, sondern auch mit den nachdrücklichsten Reden, allein alles dieses fand keine statt, denn es wurden zwei, mit meiner seel. Mutter Nahmen bezeichnete Teller-Tüchlein, zwar als stumme, doch der Richter Meinung nach, allergewisseste Zeugen dargelegt, in welche das Kind gewickelt gewesen, ich aber konte nicht läugnen, dass unter meinem wenigen weissen Zeuge, eben dergleichen Teller-Tücher befindlich wären. Es wurde mir über dieses auferlegt mich von zwei Weh-Müttern besichtigen zu lassen, da nun nichts anders gedachte, es würde, durch dieses höchste empfindliche Mittel, meine Unschuld völlig an Tag kommen, so muste doch zu meinem allergrösten Schmertzen erfahren, wie diese ohne allen Scheu bekräfftigten, dass ich, allen Umständen nach, vor weniger Zeit ein Kind zur Welt geboren haben müsse. Ich beruffte mich hierbei auf meinen bissherigen Artzt so wohl, als auf meine zwei Wart-Frauen, allein der Arzt hatte die Schultern gezuckt und bekennet, dass er nicht eigentlich sagen könne, wie es mit mir beschaffen gewesen, ob er mich gleich auf ein innerliches MagenGeschwür curieret hätte, die eine Wart-Frau aber zog ihren Kopf aus der Schlinge und sagte: Sie wisse von meinem Zustande wenig zu sagen, weil sie zwar öffters bei Tage, selten aber des Nachts bei mir gewesen wäre, schob hiermit alles auf die andere Wart Frau, die so wohl als ich in Ketten und Banden lag.

O du barmhertziger GOTT! rieff ich aus, wie kanstu zugeben, dass sich alle ängstlichen Umstände mit der Bossheit der Menschen vereinigen müssen, einer höchst unschuldigen armen Waise Unglück zu befördern. O ihr Richter, schrye ich, übereilet euch nicht zu meinem Verderben, sondern höret mich an, auf dass euch GOtt wiederum höre. Hiermit erzehlete ich ihnen meinen von Kindes Beinen an geführten JammerStand deutlich genug, allein da es zum Ende kam, hatte ich tauben Ohren geprediget und sonsten kein ander Lob davon, als dass ich eine sehr gewitzigte Metze und gute Rednerin sei, dem allen ungeachtet aber sollte ich mir nur keine Hoffnung machen sie zu verwirren, sondern nur bei zeiten mein Verbrechen in der Güte gestehen, widrigenfalls würde ehester Tage Anstalt zu meiner Tortur gemacht werden. Dieses war der Bescheid, welchen mir die allzuernstafften Inquisiteurs hinterliessen, ich armes von aller Welt verlassenes Mägdlein wuste mir weder zu helffen noch zu raten, zumahlen, da ich von neuen in ein solches hitziges Fieber verfiel, welches meinen Verstand biss in die 4te Woche ganz verrückte. So bald mich aber durch die gereichten guten Artzeneien nur in etwas wiederum erholet hatte, verhöreten mich die Inquisiteurs aufs neue, bekamen aber, Seiten meiner, keine andere Erklärung als vormals, weswegen sie mir noch drei Tage Bedenck-Zeit gaben, nach deren Verlauff aber in Gesellschafft des Scharff-Richters erschienen, der sein peinliches Werckzeug vor meine Augen legte, und mit grimmigen Gebärden sagte: Dass er mich in kurtzer Zeit zur bessern Bekänntniss meiner Bossheiten bringen wolle.

Bei dem Anblicke so gestallter Sachen veränderte sich meine ganze natur dergestalt, dass ich auf einmal Lust bekam, ehe tausendmal den Tod, als dergleichen Pein zu erleiden, demnach sprach ich mit gröster Herzhafftigkeit dieses zu meinen Richtern: Wohlan! ich spüre, dass ich meines zeitlichen Glücks, Ehre und Lebens wegen, von GOTT und aller Welt verlassen bin, auch der schmählichen Tortur auf keine andere Art entgehen kan, als wenn ich alles dasjenige, was ihr an mir sucht, eingestehe und verrichtet zu haben auf mich