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machen, dass ihr Standesmässig gekleidet und gehalten werdet.

Ich trocknete demnach meine Augen, ging mit getrösteten herzen von ihm, er aber besuchte gute Freunde, und nahm noch selbigen Abend gelegenheit mit seiner Mutter und Schwestern meinetwegen zu sprechen. Wiewohl nun dieselben mich auf sein Begehren, um sein Gespräch nicht mit anzuhören, beiseits geschafft hatten, so habe doch nachher vernommen, dass er ihnen das Gesetz ungemein scharff geprediget, und sonderlich dieses vorgeworffen hat: Wie es zu verantworten stünde, dass sie meine Gelder durchgebracht, Kleider und Geschmeide unter sich geteilet, und über dieses alles, so jämmerlich gepeiniget hätten? Allein auf solche Art wurde die ganze Hölle auf einmal angezündet, denn nachdem Ambrosius wieder auf seine stube gegangen, ich aber meinen Henckern nur entgegen getreten war, redete mich die Alte mit funckelnden Augen also an: Was hastu verfluchter Findling vor ein geheimes Verständniss mit meinen Sohne? und weswegen willstu mir denselben auf den Halss hetzen? Ich hatte meinen Mund noch nicht einmal zur Rechtfertigung aufgetan, da alle 4. Furien über mich herfielen und recht Mörderisch mit mir umgingen, denn ausserdem, dass mir die helffte meiner Haupt-Haare ausgeraufft, das gesicht zerkratzt, auch Maul und Nase Blutrünstig geschlagen wurden, trat mich die Alte etliche mahl dergestalt hefftig auf den Unter-Leib und Magen, dass ich unter ihren Mörder-Klauen ohnmächtig, ja mehr als halb tot liegen blieb. Eine alte Dienst-Magd die dergleichen Mord-Spiel weder verwehren, noch in die Länge ansehen kan, laufft alsobald und rufft den Ambrosius zu Hülffe. Dieser kommt nebst seinem Diener eiligst herzu, und findet mich in dem allererbärmlichsten Zustande, läst deswegen seinem gerechten Eiffer den Zügel schiessen, und zerprügelt seine 3. leiblichen Schwestern dergestalt, dass sie in vielen Wochen nicht aus den Betten steigen können, mich halb tote Creatur aber, trägt er auf den Armen in sein eigenes Bette, lässt nebst einem verständigen Artzte, zwei WartFrauen holen, machte also zu meiner besten Verpflegung und Cur die herrlichsten Anstalten. Ich erkannte sein redliches Gemüte mehr als zu wohl, indem er fast niemals zu meinem Bette nahete, oder sich meines Zustandes erkundigte, dass ihm nicht die hellen Tränen von den Wangen herab gelauffen wären, so bald er auch merckte dass es mir unmöglich wäre, in diesem vor mich unglückseeligen haus einige Ruhe zu geniessen, vielweniger auf meine Genesung zu hoffen, liess er mich in ein anderes, nächst dem seinen gelegenes haus bringen, wo in dem einsamen HinterGebäue eine schöne gelegenheit zu meiner desto bessern Verpflegung bereitet war.

Er liess es also an nichts fehlen meine Genesung aufs eiligste zu beförderen, und besuchte mich täglich sehr öffters, allein meine Kranckheit schien von Tage zu Tage gefährlicher zu werden, weilen die Fuss-Tritte meiner alten Pflege-Mutter eine starcke Geschwulst in meinem Unterleibe veruhrsacht hatten, welche mit einem schlimmen Fieber vergesellschafftet war, so, dass der Medicus nachdem er über drei monat an mir curiret hatte, endlich zu vernehmen gab: es müsse sich irgendwo ein Geschwür im leib angesetzt haben, welches, nachdem es zum Aufbrechen gediehen, mir entweder einen plötzlichen tot, oder baldige Genesung verursachen könnte.

Ambrosius stellte sich hierbei ganz Trostloss an, zumahlen da ihm sein Compagnon aus Amsterdam berichtete: wie die Spanier ein Holländisches Schiff angehalten hätten, worauff sich von ihren gemeinschafftlichen Waaren allein, noch mehr als 20000. Tlr. Wert befänden, demnach müsse sich Ambrosius in aller Eil dahin begeben, um selbiges Schiff zu lösen, weiln er, nämlich der Compagnon, wegen eines Bein-Bruchs ohnmöglich solche Reise antreten könnte.

Er hatte mir dieses kaum eröffnet, da ich ihn umständig bat, um meiner person wegen dergleichen wichtiges Geschäffte nicht zu verabsäumen, indem ich die stärckste Hoffnung zu GOTT hätte, dass mich derselbe binnen der Zeit seines Abwesens, vielleicht gesund herstellen würde, sollte ich aber ja sterben, so bäte mir nichts anders aus, als vorher die Verfügung zu machen, dass ich ehrlich begraben, und hinkünfftig dann und wann seines guten Andenckens gewürdiget würde. Ach! sprach er hierauff mit weinenden Augen, sterbt ihr meine allerliebste Virgilia, so stirbt mit euch alles mein künfftiges Vergnügen, denn wisset: Dass ich eure person eintzig und allein zu meinem Ehe-Gemahl erwehlet habe, soferne ich aber euch verlieren sollte, ist mein Vorsatz, nimmermehr zu Heiraten, saget deswegen, ob ihr nach wieder erlangter Gesundheit meine getreue Liebe mit völliger GegenLiebe belohnen wollet? Ich stelle, gab ich hierauff zur Antwort, meine Ehre, zeitliches Glück und alles was an mir ist, in eure hände, glaubet demnach, dass ich als eine arme Waise euch gänzlich eigen bin, und machet mit mir, was ihr bei GOTT, eurem guten Gewissen und der ehrbaren Welt verantworten könnet. Uber diese Erklärung zeigte sich Ambrosius dermassen vergnügt, dass er fast kein Wort vorzubringen wuste, jedoch erkühnete er sich einen feurigen Kuss auf meine Lippen zu drücken, und weiln dieses der erste war, den ich meines wissens von einer MannsPerson auf meinen Mund empfangen, ging es ohne sonderbare Beschämung nicht ab, jedoch nachdem er mir seine beständige Treue aufs heiligste zugeschworen hatte, konte ich ihm nicht verwehren, dergleichen auf meinen blassen Wangen, Lippen und Händen noch öffter zu wiederholen. Wir brachten also fast einen halben Tag mit den treuhertzigsten Gesprächen hin, und endlich gelückte es mir ihn zu bereden, dass er gleich Morgendes Tages die Reise nach Spanien vornahm, nachdem er von