kam uns meine Concordia mit der ganzen Familie entgegen, indem sie die 9. Enckel auf einen grossen Rollwagen gesetzt, und durch die Affen hierher fahren lassen. nunmehr ging es wieder an ein neues Bewillkommen, jedoch es wurden auf mein Zureden nicht viel Weitläufftigkeiten gemacht, biss wir ingesamt auf diesem Hügel in unsern Wohnungen anlangeten.
Ich will, meine Lieben! sagte hier unser Altvater, die Freuden-Bezeugungen von beiden Teilen, nebst allen andern, was biss zu eingenommener MittagsMahlzeit vorgegangen, mit Stillschweigen übergehen, und nur dieses Berichten: Dass mir nachher die Meinigen einen umständlichen Bericht von ihrer Reise abstatteten, worauff die mit angekommene junge Wittbe ihren wunderbaren Lebens-Lauff weitläufftig zu erzehlen anfieng. Da aber ich, meine Lieben! entschuldigte sich der Altvater, mich nicht im stand befinde, selbigen so deutlich zu erzehlen, als er von ihrer eigenen Hand beschrieben ist, so will ich denselben hiermit meinem lieben Vetter Eberhard einhändigen, damit er euch solche Geschicht vorlesen könne.
Ich Eberhard Julius empfieng also, aus des Altvaters Händen, dieses in Holländischer Sprache geschriebene Frauenzimmer-Manuscript, welches ich sofort denen andern in Teutscher Sprache also lautend herlass:
Im Jahr Christi 1647. bin ich, von Jugend auf sehr Unglückseelige, nunmehr aber da ich dieses auf der Insul Felsenburg schreibe, sehr, ja vollkommen vergnügte Virgilia van Cattmers zur Welt gebohren worden. Mein Vater war ein Rechts-Gelehrter und Prokurator zu Rotterdam, der wegen seiner besonderen Gelehrsamkeit, die Kundschafft der vornehmsten Leute, um ihnen in ihren Streit-Sachen beizustehen erlangt, und Hoffnung gehabt, mit ehesten eine vornehmere Bedienung zu bekommen. Allein, er wurde eines Abends auf freier Strasse Meuchelmörderischer Weise, mit 9. Dolch-Stichen ums Leben gebracht, und zwar eben um die Zeit, da meine Mutter 5. Tage vorher abermals einer jungen Tochter genesen war. Ich bin damahls 4. Jahr und 6. monat alt gewesen, weiss mich aber noch wohl zu erinnern, wie jämmerlich es aussahe: Da der annoch stark blutende körper meines Vaters, von dazu bestellten Personen besichtiget, und dabei öffentlich gesagt wurde, dass diesen Mord kein anderer Mensch angestellet hätte, als ein Gewissen loser reicher Mann, gegen welchen er tages vorher einen rechtlichen Process zum Ende gebracht, der mehr als hundert tausend Taler anbetroffen, und wobei mein Vater vor seine Mühe sogleich auf der Stelle 2000. Taler bekommen hatte.
Vor meine person war es Unglücklich genug zu schätzen, einen treuen Vater solchergestalt zu verlieren, allein das unerforschliche Schicksal hatte noch ein mehreres über mich beschlossen, denn zwölff Tage hernach starb auch meine liebe Mutter, und nahm ihr jüngst gebohrnes Töchterlein, welches nur 4. Stunden vorher verschieden, zugleich mit in das Grab. Indem ich nun die eintzige Erbin von meiner Eltern Verlassenschafft war, so fand sich gar bald ein wohlhabender Kauffmann, der meiner Mutterwegen, mein naher Vetter war, und also nebst meinem zu Gelde geschlagenen Erbteile, die Vormundschafft übernahm. Mein Vermögen belief sich etwa auf 18000. Tlr. ohne den Schmuck, Kleider-Werck und schönen haus-Rat, den mir meine Mutter in ihrer wohlbestellten Hausshaltung zurück gelassen hatte. Allein die Frau meines Pflege-Vaters war, nebst andern Lastern, dem schändlichen Geitze dermassen ergeben, dass sie meine schönsten Sachen unter ihre drei Töchter verteilete, denen ich bei zunehmenden Jahren als eine Magd auffwarten, und nur zufrieden sein muste, wenn mich Mutter und Töchter nicht täglich aufs erbärmlichste mit Schlägen tractirten. Wem wolte ich mein Elend klagen, da ich in der ganzen Stadt sonst keinen Anverwandten hatte, frembden Leuten aber durffte mein Herz nicht eröffnen, weil meine Aufrichtigkeit schon öffters übel angekommen war, und von denen 4. Furien desto übler belohnet wurde.
Solchergestalt ertrug ich mein Elend biss ins 14. Jahr mit gröster Gedult, und wuchs zu aller Leute Verwunderung, und bei schlechter Verpflegung dennoch stark in die Höhe. Meiner Pflege-Mutter allergröster Verdruss aber bestund darinne, dass die meisten Leute von meiner Gesichts-Bildung, Leibes-Gestalt und ganzen Wesen mehr Wesens und rühmens machten als von ihren eigenen Töchtern, welche nicht allein von natur ziemlich hesslich gebildet, sondern auch einer geilen und leichtfertigen Lebens-Art gewohnt waren. Ich muste dieserwegen viele SchmachReden und Verdriesslichkeiten erdulden, war aber bereits dermassen im Elende abgehärtet, dass mich fast nicht mehr darum bekümmerte.
Mittlerweile bekam ich ohnvermutet einen Liebhaber an dem vornehmsten Handels-Diener meines Pflege-Vaters, dieses war ein Mensch von etliche 20. Jahren, und konte täglich mit Augen ansehen, wie unbillig und schändlich ich arme Wäyse, vor mein Geld, welches mein Pflege-Vater in seinen Nutzen verwendet hatte, tractiret wurde, weiln ihm aber alle gelegenheit abgeschnitten war, mit mir ein vertrautes Gespräch zu halten, steckte er mir eines Tages einen kleinen Brief in die Hand, worin nicht allein sein hefftiges Mitleiden wegen meines Zustandes, sondern auch die Ursachen desselben, nebst dem Antrage seiner treuen Liebe befindlich, mit dem Versprechen: Dass, wo ich mich entschliessen wolte eine Heirat mit ihm zu treffen; er meine person ehester Tages aus diesem Jammer-stand erlösen, und mir zu meinem Väter- und Mütterlichen Erbteile verhelffen wolle, um welches es ohnedem jetzt sehr gefährlich stünde, da mein Pfleg-Vater, allem Ansehen nach, in kurtzer Zeit banquerot werden müste.
Ich armes unschuldiges Kind wuste mir einen schlechten Begriff von allen diesen Vorstellungen zu machen, und war noch dazu so unglücklich