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wie es meinen See-fahrenden Kindern ergangen. Selbige hatten biss in die 8te Woche vortrefflichen Wind und Wetter gehabt, dennoch müssen die meisten unter ihnen der See den gewöhnlichen Zoll liefern, allein, sie erholen sich dessfalls gar zeitig wieder, biss auf die eintzige Elisabet, deren Kranckheit dermassen zunimmt, dass auch von allen an ihren Leben gezweiffelt wird. Simon Schimmer hatte seine getreue eheliche Liebe bei dieser kümmerlichen gelegenheit dermassen spüren lassen, dass ein jeder von seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit zeugnis geben können, indem er nicht von ihrer Seite weicht, und den Himmel beständig mit tränenden Augen anflehet, das Schiff an ein Land zu treiben, weil er vermeinet, dass seine Elisabet ihres Lebens auf dem land weit besser als auf der See versichert sein könne. Endlich erhöret GOtt dieses eiffrige Gebet, und führet sie im mittel der 6ten Woche an eine kleine flache Insel, bei welcher sie anländen, jedoch weder Menschen noch Tiere, ausgenommen Schild-Kröten und etliche Arten von Vögeln und Fischen darauf antreffen. Amias führet das Schiff um so viel desto lieber in einen daselbst befindlichen guten Hafen, weil er und Jacob, als wohlerfahrene See-Fahrer, aus verschiedenen natürlichen Merckzeichen, einen bevorstehenden starcken Sturm mutmassen. Befinden sich auch hierinnen nicht im geringsten betrogen, da etwa 24. Stunden nach ihrem Aussteigen, als sie sich bereits etliche gute Hütten erbauet haben, ein solches Ungewitter auf der See entstehet, welches leichtlich vermögend gewesen, diesen wenigen und teils schwachen Leuten den Untergang zu befördern.

In solcher Sicherheit aber, sehen sie den entsetzlichen Sturm mit ruheriger Gemächligkeit an, und sind nur bemühet, sich vor dem öffters anfallenden Winde und Regen wohl zu verwahren, welcher letztere ihnen doch vielmehr zu einiger Erquickung dienen muss, da selbiges wasser weit besser und annehmlicher befunden wird, als ihr süsses wasser auf dem Schiffe. Amias, Robert und Jacob schaffen hingegen in diesem Stücke noch bessern Rat, indem sie an vielen Orten eingraben, und endlich die angenehmsten süssen wasser-Brunnen erfinden. An andern erforderlichen Lebens-Mitteln aber haben sie nicht den geringsten Mangel, weil sie mit demjenigen, was meine Insul Felsenburg zur Nahrung hervor bringet, auf länger als 2. Jahr wohl versorgt waren.

Nachdem der Sturm dieses mahl vorbei, auch die krancke Elisabet sich in ziemlich verbesserten Zustande befindet, halten Amias und die übrigen vors ratsamste, wiederum zu Schiffe zu gehen, und ein solches Erdreich zu suchen, auf welchem sich Menschen befänden, doch Schimmer, der sich stark darwider setzt, und seine Elisabet vorher vollkommen gesund sehen will, erhält endlich durch hefftiges Bitten so viel, dass sie sämmtlich beschliessen, wenigstens noch 8. Tage auf selbiger wüsten Insul zu verbleiben, ungeachtet dieselbe ein schlechtes Erdreich hätte, welches denen Menschen weiter nichts zum Nutzen darreichte, als einige schlechte Kräuter, aber desto mehr teils hohe, teils dicke Bäume, die zum Schiff-Bau wohl zu gebrauchen gewesen.

Meine guten Kinder hatten nicht ursache gehabt, diese ihre Versäumniss zu bereuen, denn ehe noch diese 8. Tage vergehen, fällt abermals ein solches Sturm-Wetter ein, welches das vorige an Grausamkeit noch weit übertrifft, da aber auch dessen 4. tägige Wut mit einer angenehmen und stillen Witterung verwechselt wird, hören sie eines Morgens früh noch in der Demmerung ein plötzliches Donnern des groben und kleinen Geschützes auf der See, und zwar, aller Mutmassungen nach, ganz nahe an ihrer wüsten Insul. Es ist leicht zu glauben, dass ihnen sehr bange um die herzen müsse gewesen sein, zumahlen da sie bei völlig herein brechenden Sonnen-Lichte gewahr werden, dass ein mit Holländischen Flaggen bestecktes Schiff von zweien Barbarischen Schiffen angefochten und bestritten wird, der Holländer wehret sich dermassen, dass der eine Barbar gegen Mittag zu grund sincken muss, nichts desto weniger setzet ihm der Letztere so grausam zu, dass bald hernach der Holländer in letzten Zügen zu liegen scheinet.

Bei solchen Gefährlichen Umständen vermercken Amias, Robert, Jacob und Simon, dass sie nebst den Ihrigen ebenfalls entdeckt und verlohren gehen würden, daferne der Holländer das Unglück haben sollte, unten zu liegen, fassen deswegen einen jählingen und verzweiffelten Entschluss, begeben sich mit Sack und Pack in ihr mit 8. kanonen besetztes Schiff, schlupffen aus dem kleinen Hafen heraus, gehen dem Barbar in rücken, und geben zweimahl tüchtig Feuer auf denselben, weswegen dieser in entsetzliches Schrekken gerät, der Holländer aber neuen Mut bekömmt, und seinen Feind mit frischer recht verzweiffelter Wut zu leib gehet. Die Meinigen lösen ihre kanonen in gemessener Weite noch zweimahl kurz auf einander gegen den Barbar, und helffen es endlich dahin bringen, dass derselbe von dem Holländer nach einem rasenden Gefechte vollends gänzlich überwunden, dessen Schiff aber mit allen darauf befindlichen Gefangenen an die wüste und unbenahmte Insel geführt wird.

Der Hauptmann nebst den übrigen Herren des Holländischen schiffes können kaum die Zeit erwarten, biss sie gelegenheit haben, meinen Kindern, als ihren tapffern Lebens-Errettern, ihre danckbare Erkänntlichkeit so wohl mit Worten als in der Tat zu bezeugen, erstaunen aber nicht wenig, als sie dieselben in so geringer Anzahl und von so wenigen Kräfften antreffen, erkennen derohalben gleich, dass der kühne Vorsatz nebst einer geschickten und glücklich ausgeschlagenen List das beste bei der Sache getan hätten.

Nichts desto weniger bieten die guten Leute den Meinigen die Helfte von allen eroberten Gut und Geldern an, weil aber dieselben ausser einigen geringen Sachen sonsten kein ander Andencken wegen des Streits und der Holländer Höflichkeit annehmen wollen