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Wochen vor dem angestellten Hochzeit-Feste, durch den Tod hinweg gerafft wurde; fasseten wir beiderseits einen ganz andern Schluss, nahmen ein jeder von seinem Vermögen 1000. spec. dukaten, legten die übrigen Gelder in sichere hände, und begaben uns unter die Holländischen Ost-Indien-Fahrer, wo wir auf zwei glücklichen Reisen unser Vermögen ziemlich verstärckten, deswegen auch gesonnen waren, die dritte zu unternehmen, als uns die verzweiffelten Verräter, Alexander und Gallus, das Maul mit der Hoffnung eines grossen Gewinstes wässerig machten, und dahin brachten, in ihrer Gesellschafft nach der Insul Amboina zu schiffen.

Was auf dieser Fahrt vorgegangen, hat meine werte Schwägerin, des Alberti II. Gemahlin, mit behörigen Umständen erzehlet, deswegen will nur noch dieses melden, dass Schimmer und ich eine heimliche Liebe auf die beiden tugendhafften Schwestern, nämlich Philippinen und Judit geworffen hatten, ingleichen dass sich Jacob Larson, der unser dritter Mann und besonderer Hertzens-Freund war, nach Sabinens Besitzung sehnete. Doch keiner von allen dreien hatte das Hertze, seinem Geliebten gegenstand die verliebten Flammen zu entdecken, zumahlen da ihre Gemüter, durch damahlige ängstliche Bekümmernisse, einmal über das andere in die schmerzlichsten Verdriesslichkeiten verfielen. In welchem elenden Zustande denn auch die fromme und keusche Philippine ihr junges Leben kläglich einbüssete, welches Schimmern als ihren ehrerbietigen Liebhaber in geheim 1000. Tränen auspressete, indem ihm dieser Todes-Fall weit heftiger schmertzte, als der plötzliche Abschied seiner ersten Liebste. Ich und Larson hergegen verharreten in dem festen Vorsatze, so bald wir einen sichern Platz auf dem land erreicht, unsern beiden Leit-Sternen die Beschaffenheit und Leidenschafft der herzen zu offenbaren, und allen Fleiss anzuwenden, ihrer ungezwungenen schätzbaren Gegen-Gunst teilhafftig zu werden. Dieses geschahe nun so bald wir auf hiesiger Felsen-Insul unsere Gesundheit völlig wieder erlangt hatten. Der Vortrag wurde nicht allein gutertzig aufgenommen, sondern wir hatten auch beiderseits Hoffnung bei unsern schönen Liebsten glücklich zu werden. Doch Amias und Robert Hüll brachten es durch vernünfftige Vorstellungen dahin, dass wir insgesamt guter Ordnung wegen unsere herzen beruhigten, und selbige auf andere Art vertauschten. Also kam meine innigst geliebte Middelburgische Judit an Albertum II. Sabina an Stephanum, Jacob Larson bekam zu seinem Teile, weil er der älteste unter uns war, auch die älteste Tochter unsers teuren Altvaters, Schimmer nahm mit grössten Vergnügen von dessen Händen die andere, und ich wartete mit innigsten Vergnügen auf meine, ihren zweien Schwestern an Schönheit und Tugend gleichförmige Christina bei nahe noch 6. Jahr, weil ihr beständig zarter und kränklicher Zustand unsere Hochzeit etliche Jahr weiter, biss ins 1674te hinaus verschobe. Wie vergnügt wir unsere Zeit beiderseits biss auf diese Stunde zugebracht, ist nicht auszusprechen. Mein Vaterland, oder nur einen einzigen Ort von Europa wieder zu sehen, ist niemals mein Wunsch gewesen, deswegen habe mein weniges zurück gelassenes Vermögen, so wohl als Schimmer, gern im Stich gelassen und frembden Leuten gegönnet, bin auch entschlossen, biss an mein Ende dem Himmel unaufhörlichen Danck abzustatten, dass er mich an einen solchen Ort geführt, wo die Tugenden in ihrer angebornen Schönheit anzutreffen, hergegen die Laster des Landes fast gänzlich verbannet und verwiesen sind.

Hiermit endigte David Rawkin die Erzehlung seiner und seines Freundes Schimmers Lebens-Geschicht, welche wir nicht weniger als alles Vorige mit besonderen Vergnügen angehöret hatten, und uns desswegen aufs höfflichste gegen diesen 85. jährigen Greiss, der seines hohen Alters ungeachtet noch so frisch und munter, als ein Mann von etwa 40. Jahren war, auffs höfflichste bedanckten. Der Altvater aber sagte zu demselben: Mein werter Sohn, ihr habt eure Erzehlung voritzo zwar kurz, doch sehr gut getan, jedennoch seid ihr denen zuletzt angekommenen lieben Freunden den Bericht von euren zweien Ost-Indischen Reisen annoch schuldig blieben, und weil selbiger viel merkwürdiges in sich fasset, mögen sie euch zur andern Zeit darum ersuchen. Was den Jacob Larson anbelanget, so will ich mit wenigen dieses von ihm melden: Er war ein gebohrner Schwede, und also ebenfalls Luterischer Religion, seines Handwercks ein Schlösser, der in allerhand Eisen- und Stahl-Arbeit ungemeine Erfahrenheit und Kunst zeigete. In seinem 24. Jahre hatte ihn die ganz besondere Lust zum Reisen aufs Schiff getrieben, und durch verschiedene Zufälle zum fertigen See-mann gemacht, Ostund West-Indien hatte derselbe ziemlich durchkrochen, und dabei öffters grossen Reichtum erworben, welchen er aber jederzeit gar plötzlich und zwar öffters aufs gefährlichste, nicht selten auch auf lächerliche Art wiederum verlohren. Dennoch ist er einmal so standhafft als das andere, auf Besehung frembder Länder und Völker geblieben, und ich glaube, dass er nimmermehr auf dieser Insul Stand gehalten, wenn ihm nicht meine Tochter, die er als seine Frau sehr hefftig liebte, sonderlich aber die bald auf einander folgenden Leibes-Erben, eine ruhigere Lebens-Art eingeflösset hätten. Es ist nicht auszusprechen, wie nützlich dieser treffliche Mann mir und allen meinen Kindern gewesen, denn er hat nicht allein Eisen- und Metall-Steine allhier erfunden, sondern auch selbiges ausgeschmelzt und auf viele Jahre hinaus nützliche Instrumenten daraus verfertiget, dass wir das SchiessPulver zur Not selbst, wiewohl nicht so gar fein als das Europäische, machen können, haben wir ebenfalls seiner Geschicklichkeit zu dancken, ja noch viel andere Sachen mehr, welche hinführo den Meinigen gelegenheit geben werden seines Nahmens Gedächtniss zu verehren. Er ist nur vor 6. Jahren seiner seeligen Frauen im tod gefolget, und hat den seeligen Schimmer