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liessen uns sogleich bereden mit ihm, nebst ungefähr 20. wohl bewehrten Bauern zu Pferde, die vortreffliche Herberge im wald noch einmal zu besuchen, welche wir denn gegen Mitternacht nach vielen suchen endlich fanden. Jedoch nicht allein der verzweiffelte Wirt mit seiner ganzen Familie, sondern auch die andern Galgen-Vögel waren alle ausgeflogen, biss auf 2. Weibs- und eine Manns-person, die gefährlich verwundet in der stube lagen, und von einer Stein alten Frau verpflegt wurden. Diese wolte anfänglich von nichts wissen, stellte sich auch gänzlich taub und halb blind an, doch endlich nach scharffen Drohungen zeigete sie einen alten wohlverdeckten Brunnen, aus welchen nicht allein die vier käntlichen körper, der von uns erschossenen und erstochenen Spitzbuben, sondern über dieses, noch 5. teils halb, teils gänzlich abgefaulte Menschen-Gerippe gezogen wurden. Im übrigen wurde so wohl von den Verwundeten als auch von der alten Frau bekräfftiget, dass der Wirt, nebst den Seinigen und etlichen Gästen, schon gestrigen Vormittags mit Sack und Pack aussgezogen wäre, auch nichts zurück gelassen hätte, als etliche schlechte Stücken haus-Geräte und etwas Lebens-Mittel vor die Verwundeten, die nicht mit fortzubringen gewesen. Folgenden Tages fanden sich nach genauerer Durchsuchung noch 13. im Keller vergrabene menschliche körper, die unfehlbar von diesem höllischen Gastwirte und seinen verteuffelten Zunfftgenossen ermordet sein mochten, und uns allen ein wehmütiges Klagen über die unmenschliche Verfolgung der Menschen gegen ihre Neben-Menschen auspresseten. Immittelst kamen die, von dem klugen Beamten bestellte 2. Wagens an, auf welche, da sonst weiter allhier nichts zu tun war, die 3. Verwundeten, nebst der alten Frau gesetzt, und unter Begleitung 10. Handfester Bauern zu Pferde, nach der Stadt zugeschickt wurden.

Der Beambte, welcher, nebst uns und den übrigen, das ganze haus, Hoff und Garten nochmals eiffrig durchsucht, und ferner nichts merckwürdiges angetroffen hatte, war nunmehr auch gesinnet auf den Rückweg zu gedencken, Schimmer aber, der seine in Händen habende Rade-Haue von ungefähr auf den Küchen-Heerd warff, und dabei ein besonderes Getöse anmerckte, nahm dieselbe nochmals auf, tat etliche Hiebe hinein, und entdeckte, wider alles Vermuten, einen darein vermaureten Kessel, worin sich, da es nachher überschlagen wurde, 2000. Tlr. Geld, und bei nahe eben so viel Gold und Silberwerck befand. Wir erstauneten alle darüber, und wusten nicht zu begreiffen, wie es möglich, dass der Wirt dergleichen kostbaren Schatz im Stich lassen können, mutmasseten aber, dass er vielleicht beschlossen, denselben auf ein ander mal abzuholen. Indem trat ein alter Bauer auf, welcher erzehlete: Dass vor etliche 40. Jahren in krieges-zeiten ebenfalls ein Wirt aus diesem haus, Mord und Dieberei halber, gerädert worden, der noch auf dem Richt-platz, kurz vor seinem unbussfertigen Ende, versprochen hätte, einen Schatz von mehr als 4000. Tlr. Wert zu entdecken, daferne man ihm das Leben schencken wolle. Allein die Gerichts-Herren, welche mehr als zu viel Proben seiner Schelmerei erfahren, hätten nichts anhören wollen, sondern das Urteil an ihm vollziehen lassen. Demnach könne es wohl sein, dass seine Nachkommen hiervon nichts gewust, und diesen unverhofft gefundenen Schatz also entbehren müssen.

Der hierdurch zuletzt noch ungemein erfreute Beamte teilete selbigen versiegelt in etliche Futter-Säkke der bauern, und hiermit nahmen wir unsern Weg zurück, er in die Stadt, Schimmer und ich, nebst 4. Bauern aber, zu unsern guttätigen Pfarrer, der über die fernere Nachricht unserer Geschicht um so viel desto mehr Verwunderung und Bestürzung zeigte.

Wir hatten dem redlichen Beamten versprochen, seiner daselbst zu erwarten, und dieser stellte sich am 3ten Tage bei uns ein, brachte vor Schimmern und mich 200. spec. dukaten zum Geschencke mit, angleichen ein ganz Stück Scharlach nebst allem Zubehör der Kleidungen, die uns zwei Schneiders aus der Stadt in der Pfarr-wohnung sogleich verfertigen mussten. Mittlerweile protocollierte er unsere nochmahlige Ausssage wegen dieser Begebenheit, hielt darauff sein Verlöbniss mit des Priesters Tochter, welches Freuden-fest wir beiderseits abwarten mussten, nachher aber, da sich Schimmer ein gutes Pferd erkauft, und unsere übrige Equippage völlig gut eingerichtet war, nahmen wir von dem gutertzigen Priester und den Seinigen danckbarlich Abschied, liessen uns von 6. Handfesten, wohlbewaffneten und gut berittenen Bauern zurück durch den Türinger Wald begleiten, und setzten nachher unsere Reise ohne fernern Anstoss auf Detmold fort, wo wir von Schimmers Mutter, die ihren Mann nur etwa vor 6. oder 8. Wochen durch den Tod eingebüsset hatte, hertzlich wohl empfangen wurden.

Hierselbst teileten wir die, auf unserer Reise wunderbar erworbenen Gelder, ehrlich miteinander und lebten über ein Jahr als getreue Brüder zusammen, binnen welcher Zeit ich dermassen gut Teutsch lernete, dass fast meine Mutter-Sprache darüber vergass, wie ich mich denn auch in solcher Zeit zur Evangelisch-Luterischen Religion wandte, und den verwirrten Englischen Secten gänzlich absagte.

Schimmers Bruder hatte die Väterlichen Güter allbereit angenommen, und ihm etwa 3000. teutscher Taler heraus gegeben, welche dieser zu Bürgerlicher Nahrung anlegen, und eine Jungfrau von nicht weniger guten Mitteln erheiraten, mich aber auf gleiche Art mit seiner eintzigen schönen Schwester versorgen wolte. Allein zu meinem grössten Verdrusse hatte sich dieselbe allbereits mit einem wohlhabenden andern jungen Menschen verplempert, so dass meine zu ihr tragende aufrichtige Liebe vergeblich war, und da vollends meines lieben Schimmers Liebste, etwa 3.