Rätzels von mir, in Erzählung der wunderbaren Geschicht eures Vettern, Albert Julius, vernehmet, setzet euch demnach nieder und höret mir zu.
Hiermit fing er an, eine, meines Erachtens, der wunderbarsten begebenheiten von der Welt zu erzehlen, die ich dem geneigten Leser, als die Haupt-Sache dieses buches am gehörigen Orte ordentlicher und melden, dass da der kapitän über zwei Stunden damit zugebracht, und mich in erstaunendes Vergnügen gesetzt hatte; ich mich auf eine recht sonderlich verpflichtete Art gegen ihn bedanckte, in allen Stükken seiner gütigen Vorsorge empfahl, anbei allen kindlichen und schuldigen Gehorsam zu leisten versprach.
Nachdem aber fest gestellet war, mit ihm zu Schiffe zu gehen, liess er meine Sachen aus dem Gastofe abholen, und behielt mich bei sich in seinem eigenen Logis, er bezeugte eine ganz besondere Freude über einige schrifftl. Documenta und andere Dinge, welche zeugnis gaben, dass ich und meine Vorfahren, in richtigen graden von dem Stephano Julio herstammeten, weil derselbe meines Grossvaters Grossvater, Johann Baltasar Julius aber, als meines leiblichen Vaters Grossvater, der anno 1630. gebohren, ein leiblicher Bruder des Alberti Julii, und jüngster Sohn des Stephani gewesen.
Unsere Abfart blieb auf den 27. Jun. fest gestellet, binnen welcher Zeit ich 200. Stück deutsche, 100. Stück Englische Bibeln, 400. Gesang- und Gebetnebst vielen andern, so wohl geistl. als weltlichen höchst nützlichen Büchern, alle sauber gebunden, kauffen, und zum mitnehmen einpacken muste, über dieses muste noch vor etliche 1000. Tlr. allerhand so wohl künstliche als gemeine Instrumenta, vielerlei haus-Rat, etliche Ballen weiss Pappier, Dinten Pulver, Federn, Bleistiffte, nebst mancherlei Kleinigkeiten erhandeln, welches alles, worzu es gebraucht worden, am gehörigen Orte melden will.
Mein werter kapitän Wolffgang merckte, dass ich nicht gerne müssig ging, überliess mir demnach alle Sorgfalt über diejenigen Puncte, so er nach und nach, wie sie ihm beigefallen waren, auf ein Papier verzeichnet hatte, und zeigte sich die wenigen Stunden, so ihm seine wichtigen Verrichtungen zu haus zu sein erlaubten, meines verspürten Fleisses und Ordnung wegen, sehr vergnügt.
Am 24. Jun. gleich am Tage Johannis des Täuffers, liess sich, da wir eben Mittags zu Tische sassen, ein fremder Mensch bei dem kapitän melden, dieser ging hinaus denselben abzufertigen, kam aber sogleich wieder zurück ins Zimmer, brachte eine ansehnliche person in Priester habite an der Hand hinein geführt, und nötigte denselben sich bei uns zu Tische zu setzen. Kaum hatte ich den frembden Priester recht ins Gesicht gesehen, als ich ihn vor meinen ehemahligen Informator, Herrn Ernst Gottlieb Schmeltzern erkannte, umarmete, und zu verschiedenen mahlen küssete, denn er hatte von meinem zehenten biss ins 14te Jahr, ungemein wohl an mir getan, und mich hertzlich geliebet.
Als er mich gleichfals völlig erkannt und geküsset, gab er seine Verwunderung, mich allhier anzutreffen, mit Worten zu verstehen. Ich tat, ohne ihm zu antworten, einen blick auf den kapitän, und nahm wahr, dass ihm über unser hertzliches Bewillkommen, die Augen voll Freuden-Tränen stunden. Er sagte: setzet euch, meine lieben, und speiset, denn wir hernach noch Zeit genug haben mit einander zu sprechen.
Dem ungeachtet, konte ich die Zeit nicht erwarten, sondern fragte bald darauff meinen lieben Herrn Schmeltzer, ob er bei denen Luteranern allhier in Amsterdam seine Beförderung gefunden? Er antwortete mit einigem Lächeln: Nein. Der kapitän aber sagte: Mein Sohn, dieser Herr soll auf dem Schiffe, unser, nach diesem an gehörigem Orte, auch eurer Vettern und Muhmen, Seelsorger sein. Ich habe die hoffnung von ihm, dass er nächst Göttl. Hülffe daselbst mehr Wunder tun, und sein Ammt fruchtbarlicher verrichten werde, als sonsten unter 100. Luterischen Predigern kaum einer. Und in der Tat hatte ihn der kapitän in ordentliche Bestallung genommen, auf seine Kosten behörig zum Priester weihen lassen, und in Amsterdam bei uns einzutreffen befohlen, welchem allen er denn auch aufs genauste nachgekommen war.
Indem aber nunmehr fast alles, was der kapitän entworffen, in behörige Ordnung gebracht war, wandte derselbe die 2. letzteren Tage weiter sonderlich zu nichts an, als seinen guten Freunden die AbschiedsVisiten zu geben, wobei Herr Schmeltzer und ich ihn mehrenteils begleiteten, am 27ten Jun. 1725. aber, verliessen wir unter dem stärcksten Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen, die Weltberühmte Stadt Amsterdam, und kamen den 30. dito auf dem Texel an, wo wir 14. Tage verweileten, den 15. Jul. unter Begleitung vieler andern Schiffe unter Seegel gingen, und von einem favorablen Winde nach Wunsche fort getrieben wurden. Nach Mitternacht wurde derselbe etwas stärcker, welches zwar niemand von See-Erfahrnen gross achten wolte, jedoch mir, der ich schon ein paar Stündgen geschlummert hatte, kam es schon als einer der grössten Stürme vor, weswegen alle meine Courage von mir weichen wolte, jedoch da ich nicht gesonnen, selbige fahren zu lassen, entfuhr mir folgende Tage nach einander, s.v. alles, was in meinen Magen und Gedärmen vorhanden war. Dem Herrn Schmeltzer und vielen andern, so ebenfalls das erste mal auf die See kamen, ging es zwar eben nicht anders, allein mir dennoch am allerübelsten, weil ich nicht eher ausser dem Bette dauren konte, biss wir den Canal völlig passiret waren, dahingegen die andern sich in wenig Tagen wieder