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Johann Gottfried Schnabel

Wunderliche Fata einiger See-Fahrer,

absonderlich Alberti Julii, eines

geborenen Sachsens, auf der Insel

Felsenburg

Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,

absonderlich

ALBERTI JULII,

eines gebohrnen Sachsens,

Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe

gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Ubersteigung das schönste Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefährtin verheiratet, aus

solcher Ehe eine Familie von mehr als 300.

Seelen erzeuget, das Land vortrefflich

angebauet, durch besondere Zufälle

erstaunens-würdige Schätze gesammlet,

seine in Teutschland ausgekundschafften

Freunde glücklich gemacht, am Ende des

1728sten Jahres, als in seinem Hunderten Jahre,

annoch frisch und gesund gelebt, und

vermutlich noch zu dato lebt,

entworffen

Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,

Mons. Eberhard Julio,

Curieusen Lesern aber zum vermutlichen

Gemüts-Vergnügen ausgefertiget, auch par

Commission dem Drucke übergeben

Von

GISANDERN.

Vorrede.

Geneigter Leser!

Es wird dir in folgenden Blättern eine Geschichts-Beschreibung vorgelegt, die, wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist, oder dein Gehirne bei Erblickung des Titul-Blates nicht schon mit wiederwärtigen Præjudiciis angefüllet hast, unfehlbar zuweilen etwas, ob gleich nicht alles, zu besonderer Gemüts-Ergötzung überlassen, und also die geringe Mühe, so du dir mit Lesen und Durchblättern gemacht, gewisser massen recompensiren kan.

Mein Vorsatz ist zwar nicht, einem oder dem andern dieses Werck als einen vortrefflich begeisterten und in meinen Hoch-deutschen Stylum eingekleideten staates körper anzuraisoniren; sondern ich will das Urteil von dessen Werte, dem es beliebt, überlassen, und da selbiges vor meine Partie nicht allzu vorteilhafftig klappen sollte, weiter nichts sagen, als: Haud curat Hippoclides. Auf Teutsch:

Sprecht, was ihr wolt, von mir und Julio dem

Sachsen,

Ich lasse mir darum kein graues Härlein wachsen.

Allein, ich höre leider! schon manchen, der nur einen blick darauf schiessen lassen, also raisoniren und fragen: Wie hälts, Landsmann! kan man sich auch darauf verlassen, dass deine geschichte keine blossen Gedichte, Lucianische Spaas-Streiche, zusammen geraspelte Robinsonaden-Späne und dergleichen sind? Denn es werffen sich immer mehr und mehr Scribenten auf, die einem neu-begierigen Leser an diejenige Nase, so er doch schon selbst am Kopffe hat, noch viele kleine, mittelmässige und grosse Nasen drehen wollen.

Was gehöret nicht vor ein Baum-starcker Glaube dazu, wenn man des Herrn von Lydio trenchirte Insul als eine Wahrheit in den Back-Ofen seines physicalischen Gewissens schieben will? Wer muss sich nicht vielmehr über den Herrn Geschicht-Schreiber P.L. als über den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst verwundern, da sich der erstere ganz besondere Mühe gibt, sein, nur den Mondsüchtigen gläntzendes Mährlein, unter dem hut des Hrn. Dorrington, mit demütigst-ergebensten Flatterien, als eine brennende Historische Wahrheits-Fackel aufzustekken? Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit ao. 1667 einen ziemlichen Geburts- und Beglaubigungs-Brief erhalten, nachdem aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen übersetzt haben will, und im deutschen, als ein Gerichte Sauer-Kraut mit Stachelbeeren vermischt, aufgewärmet hat, ist ein solche Ollebutterie daraus worden, dass man kaum die ganz zu Matsche gekochten Brocken der Wahrheit, noch auf dem grund der langen Titsche finden kan. Woher denn kommt, dass ein jeder, der diese Geschicht nicht schon sonsten in andern Büchern gelesen, selbige vor eine lautere Fiction hält, mitin das Kind samt dem Badewasser ausschüttet. Gedencket man ferner an die fast unzählige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen, so wohl als andere Lebens-Beschreibungen, welche meistenteils die Beiwörter: Wahrhafftig, erstaunlich, erschrecklich, noch niemals entdeckt, unvergleichlich, unerhört, unerdencklich, wunderbar, bewundernswürdig, seltsam und dergleichen, führen, so möchte man nicht selten Herr Ulrichen, als den Vertreiber eckelhaffter Sachen, ruffen, zumahlen wenn sich in solchen Schrifften lahme Satyren, elender Wind, zerkauete Moralia, überzuckerte Laster-Morsellen, und öffters nicht 6. rechtschaffene oder wahre Historische Streiche antreffen lassen. Denn – – –

Halt inne, mein Freund! Was gehet mich dein gerechter oder ungerechter Eiffer an? Meinest du, dass ich dieserwegen eine Vorrede halte? Nein, keines weges. Lass dir aber dienen! unfehlbar must du das von einem Welt-berühmten mann herstammende Sprichwort: Viel Köpffe, viel Sinne, gehöret oder gelesen haben. Der liebe Niemand allein, kan es allen Leuten recht machen. Was dir nicht gefällt, charmirt vielleicht 10, ja 100. und wohl noch mehr andere Menschen. Alle diejenigen, so du anitzo getadelt hast, haben wohl eine ganz besondere gute Absicht gehabt, die du und ich erstlich erraten müssen. Ich wolte zwar ein vieles zu ihrer Defension anführen, allein, wer weiss, ob mit meiner Treuhertzigkeit Danck zu verdienen sei? Uber dieses, da solche Autores vielleicht klüger und geschickter sind als Du und ich, so werden sie sich, daferne es die Mühe belohnt, schon bei gelegenheit selbst verantworten.

Aber mit Gunst und Permission zu fragen: Warum soll man denn dieser oder jener, eigensinniger Köpffe wegen, die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen mögen, nur eben lauter solche geschichte schreiben, die auf das kleineste Jota mit einem cörperlichen Eide zu bestärcken wären? Warum soll denn eine geschickte Fiction, als ein Lusus Ingenii, so gar verächtlich und verwerfflich sein? Wo