

  Peter Rosegger
  Als Großvater freien ging
  Beim Kreuzwirt auf der Höh' saßen sie um den großen Tisch herum: Fuhrleute von oben und unten, Gewerbsleute von Pöllau und Vorau, Holzarbeiter vom Rabenwald und Masenberg, Grenzwächter von der ungarischen Markung.
  Mein Großvater, der Waldbauer von Alpl, war auch unter ihnen. Er war damals eigentlich noch lange nicht mein Großvater, und ihm war sie voll und rund, die Welt, die später jedesmal ein Loch bekam, so oft eins der Seinigen nicht bei ihm war. So geht's auf der Welt, man meint in jungen Jahren, man hätte es fertig mit allem und ahnt nicht, welche Herzensgewalten noch in der Zukunft schlummern.
  Und daß ich denn erzähle. Mein Großvater – Natz – Natz, wie er eigentlich hieß ... nein, da ich einmal da bin, so will ich ihn doch lieber Großvater heißen schon in seiner Jugendzeit – mein Großvater also ging damals gerade »im Heiraten um«. Immer war er auf dem Viehhandel aus, oder im Getreidekauf, oder im Obstmostsuchen, oder im Wallfahrten, oder in diesem und jenem – und keinem Menschen sagte er's, warum er eigentlich wanderte. Der hübschen Mägdlein und jungen Witwen gab es genug im Lande; mancher Bauer sagte, er gebe auch eine gute Aussteuer mit, bevor man noch wußte, daß er eine heiratsfähige Tochter habe. Aber mein Großvater war einer von denen, die nach etwas anderem gucken. Er hatte den Glauben, für jeden Mann gebe es nur ein Weib auf der Welt und es käme für den Heiratslustigen darauf an, dasselbe aus allen anderen lächelnden und winkenden Weibern herauszufinden. Er hat nach jahrelanger Suche schließlich die rechte und einzige gefunden, aber nicht in der weiten Welt draußen, sondern ganz nahe – zehn Minuten seitab von seinem Vaterhause. Dort war sie eines Sonntags im langen Heidelbeerkraut herumgegangen, um für ihre Mutter Beeren zu sammeln. Das rotwangige Köpfel und vom Busen ein bescheidener Teil ragte hervor, alles andere stak im Kraut.
  Mein Großvater lugte ihr durch das Gezweige des Dickichts zu, sprach sie aber nicht an. Und als sie fort war, schlich auch er davon und dachte:
  Jetzt geh' ich morgen noch einmal in die Pöllauergegend hinab, und wenn mir keine Gescheite unterkommt, so laß ich's gut sein und nimm die da.
  So war er noch einmal in der Pöllauergegend gewesen. Und dort hatte er richtig eine aufgetrieben, die reicher und feiner war als das Mädel im Heidekraut; aber gar zu gerngebig. Das freute ihn wohl für den Augenblick, doch ließ er's dabei bewenden; eine Häusliche wollte er haben und er lenkte seine Schritte heimwärts – der Sparsameren zu.
  Und da war's unterwegs, daß er beim Kreuzwirt auf der Höh' einkehrte. Er saß anfangs abseits beim Ofenbanktischchen, trank ein Glas Apfelmost und biß ein Stück schwarzes Brot dazu. Seine Gedanken hatte er – wie alle Freiersleute – nicht beisammen; seine Ohren nahmen wohl teil an dem lebhaften Gespräche der gemischten Gesellschaft, die um den großen Tisch herumsaß und Wein trank. Die Grenzwächter hatten draußen in der Holzhauerhütte schwerverpönten ungarischen Tabak gefunden und wollten demnach den Eigner desselben mit sich fort zum Gerichte führen. Da kamen jedoch andere Männer des Waldes herbei und mit Knütteln stellten sie den Grenzwächtern die Wahl was ihnen lieber wäre: Prügel oder zwei Maß beim Kreuzwirt, denn mit dem Schergengeschäft wär's diesmal nichts. Wollten die Überreiter, wie man die Grenzer nannte, sofort zu ihren Gewehren greifen; diese waren aber schon in den Händen der Holzhauer – sonach wählten sie von den beiden Dingen die zwei Maß Wein beim Kreuzwirt. Nun saßen die Grenzwächter lustig unter den lustigen Zechern, wollten Bruderschaft mit den Waldleuten und Fuhrmännern und stopften schließlich ihre Pfeifen mit jenem Tabak, den sie in der Holzhauerhütte in Beschlag genommen hatten.
  Zum Kartenspielen kam's und Silbergeld kollerte auf dem Tisch herum. Einer der Holzhauer, ein schielendes, weißhaariges Männlein, war nicht glücklich; sein bocklederner Beutel, der manchen schrillenden Fall auf den Tisch getan hatte, der immer tiefer umgestülpt werden mußte, bis die dürren gierigen Finger auf sein silbernes Eingeweide kamen – der Beutel gab endlich nichts mehr herfür. Da zog das Männlein seine Taschenuhr hervor: »Wer kauft mir den Knödel ab?« Die Uhr ging im Kreis herum; es war ein tüchtiges Zeug mit drei schweren Silbergehäusen und einer Schildkrötenschale am Rücken, welche ringsum mit kleinen Silbernieten besetzt war. Ein Spindelwerk mit gewaltigem Zifferblatt, auf welchem der Messingzeiger just die dritte Nachmittagsstunde anzeigte.
  Dreißig Gulden verlangte der Mann für die Uhr; man lachte ihm hell ins Gesicht, der Eigentümer aber behauptete: »Was wollt ihr wetten, ehe der Zeiger auf halb vier steht, ist die Uhr verkauftl« Darauf lachten sie noch unbändiger.
  Mein Großvater, der hatte von seiner Ofenbank aus die Sache so mitangesehen. Diese verkäufliche Uhr. mit dem Schildkrötengehäuse, sie machte ihm die Seele heiß. So eine Uhr war längst sein Plangen gewesen; und wenn er nun als Bräutigam eine könnte im Hosenbusen tragen, oder wenn er sie gar der Braut zur Morgengabe spenden möchte! Eine Uhr! Eine Sackuhr! Eine silberne Sackuhr mit Schildkrötengehäuse! – So weit kam's, daß mein Großvater aufstand, zum großen Tisch hinging und das Wort sprach: »Geh', laß mich das Zeug anschauen!«
  »He, du bist ja der Bauer vom Alpl!« rief der Holzhauer, »na, du kannst leicht ausrucken und dir darf ich's unter vierzig Gulden gar nicht geben!«
  Mein Großvater hatte aber nicht viel im Sack, darum sagte er: »Steine haben wir dies Jahr mehr im Alpl, als Geld.«
  »Was willst denn, Bauer, hast nicht groß Haus und Grund?«
  »Im Haus steht der Tisch zum Essen, aber auf dem Grund wächst lauter Heidekraut«, entgegnete mein Großvater.
  »Und Korn und Hafer!« rief einer drein.
  »Wohl, wohl, ein wenig Hafer«, sagte mein Großvater.
  »Hafer tut's auch«, rief der Weißkopf, »weißt, Bauer, wenn du einverstanden bist, ich laß dir die Uhr billig.«
  »Damit bin ich schon einverstanden«, antwortete mein Ahn.
  »Gut«, und sofort riß ihm der Holzhauer die Uhr wieder aus der Hand, wendete sie um, daß das Schildkrötengehäuse nach oben lag, »siehst du die Silbernieten da am Rand herum?«
  »Sind nicht übel«, entgegnete mein Großvater.
  »Übel oder nicht«, rief der schielende Weißkopf, »nach diesen Nieten zahlst mir die Uhr. – Für die erste Niete gibst mir ein Haferkorn, für die zweite gibst mir zwei Haferkörner, für die dritte vier, für die vierte acht, und so verdoppelst mir den Hafer bis zur letzten Niete, und die Uhr gehört dein mitsamt der Silberkette und dem Frauentaler, der dran hängt.«
  »Gilt schon!« lachte mein Großvater, bei sich bedenkend, daß er für eine solche Uhr eine Handvoll Hafer doch leicht geben könne.
  Der Kreuzwirt hatte im selben Augenblick meinen Großvater noch heimlich in die Seite gestoßen, der aber hielt das für lustige Beistimmung und schlug seine Rechte in die des Alten. »Es gilt, und alle Männer, die beim Tisch sitzen, sind Zeugen!«
  Er hatte aber keinen Hafer bei sich.
  Tat nichts. Sofort brachte der Kreuzwirt ein Scheffel Hafer herbei, um durch Zählen der Körner, wie mein Ahn meinte, die Rechnung zu bestimmen.
  Sie setzten sich um den Hafer zusammen, mein Großvater, vom frischen Apfelmost im Kopfe erwärmt, lachte still in sich hinein; des Gewinnes gewiß, freute er sich schon auf die großen Augen, die das Heidelbeermägdlein zur gewichtigen Uhr machen werde.
  Zuerst wurden die Nieten gezählt, die um das Schildkrötenblatt herumliefen: es waren deren gerade siebzig. Dann kam's an die Haferkörner; mein Großvater sonderte sie mit den Fingern, der Holzhauer zählte nach, und die anderen überwachten das Geschäft.
  Erste Niete: ein Korn; – zweite Niete: zwei Körner; – dritte Niete: vier Körner; – vierte: acht Körner; – fünfte: sechzehn; – sechste: zweiunddreißig; – siebente: vierundsechzig; – achte: hundertachtundzwanzig; neunte: zweihundertsechsundfünfzig; – zehnte Niete: fünfhundertzwölf Körner. – »Wirtin, den kleinen Schöpflöffel herl« – Das ist gerade ein gestrichener Schöpflöffel voll.
  Mein Großvater schob die Körner mit der Hand hin: »Macht's weiter, ich seh's schon, es wird schier ein Metzen herauskommend«.
  Und die anderen zählten: Elfte Niete: zwei Schöpflöffel voll Hafer; – zwölfte Niete: vier Löffel voll; – dreizehnte: acht Löffel; – vierzehnte: sechzehn Löffel voll. Das machte eine Maß. – Fünfzehnte Niete: zwei Maß; – sechzehnte: vier Maß. – Das ist ein Maßl – Siebzehnte Niete: zwei Maßl; – achtzehnte: vier Maßl; – neunzehnte: acht Maßl; – zwanzigste Niete: sechzehn Maßl oder ein Wecht. –
  Jetzt tat mein Großvater einen hellen Schrei. Die anderen zählten fort und bei der dreißigsten Niete kostete die Uhr über tausend Wecht Hafer, Das war mehr, als die Jahresernte der ganzen Gemeinde Alpl.
  »Jetzt hab' ich mein Haus und Grund verspielt«, schrie der Freier.
  »Sollen wir noch weiterzählen?« fragten die Männer.
  »Wie ihr wollt«, antwortete mein Großvater mit stieren Augen.
  Bei der dreiundvierzigsten Niete hatten sie eine Million Wecht Hafer. Bei der fünfzigsten rief mein Großvater, die Hände zusammenschlagend, aus: »O, du himmlischer Herrgott, jetzt hab' ich deinen ganzen Hafer vertan, den du seit der Schöpfung der Welt tust wachsen lassen!«
  »Sollen wir weiterzählen?« fragten die Männer.
  »Nicht nötig«, antwortete das weißköpfige Männlein gemessen, »das übrige schenk' ich ihm.«
  Mein Großvater – er erbarmt mir heute noch – war blaß bis in den Mund hinein. Er hatte es in seiner Kindheit schon gehört, die Weltkugel mit allem was auf ihr, drehe sich im Kreise; jetzt fühlte er's deutlich, daß es so war – ihm schwindelte. – Da geht er ins Heiraten aus und vertut sein ganzes Gütel. – »Alle Rösser auf Erden«, rief er, »fressen nicht so viel Hafer, als die lumpigen paar Nieten da in der Uhr!«
  »Steck' sie ein, Bauer, sie gehört ja dein«, sagte der alte Waldmann, »und zahl' den Bettel aus.«
  »Ihr Leut«, lachte mein Großvater herb, –.»ihr habt mich übertölpelt.« –»Du bist auch nicht auf den Kopf gefallen«, entgegnete man ihm, »du kannst zählen, wie jeder andere. Wirst jetzt wohl müssen geben, was du hast. – Schau, die ehrenwerten Zeugen!«
  »Ja, ja, die ehrenwerten Zeugen«, rief mein Ahn, »lauter Leut' die geschwärzten Tabak rauchen!«
  »Sei still, Bauer!« flüsterte ihm der Kreuzwirt zu, »umliegend ist der Wald! Wenn sie dich angehen, ich kann dir nicht helfen.«
  Der alte Weißkopf schielte in den wurmstichigen Tisch hinein: er mochte merken, daß für ihn hier eigentlich doch nichts Rechtes herauskam, er sagte daher zu meinem Großvater: »Weißt, Bauer, du könntest jetzt wohlfeil zu einem Körndl kommen. Ich will Hafer verkaufen. Gib mir dreißig Gulden für den ganzen.«
  Abgemacht war's. Leichten Herzens legte mein Großvater dreißig Gulden auf den Spieltisch und eilte davon. Im freien Wald sah er auf die Uhr; der Zeiger stand auf halb vier.
  Mein Ahn kehrte heim, warb um das Heidelbeermädchen und verehrte ihm die Uhr zum Brautgeschenk.
  »Aber«, sagte er, »mein Schatz, das nehm' ich mir aus, du mußt mir für die erste Silberniete da einen Kuß geben, und bei jeder weiteren Niete die Küsse verdoppeln.«
  Das arglose Mädchen ging darauf ein. –
  Die Leutchen sind alt, sind meine Großeltern geworden, doch starben sie lange bevor großmutterseits die Uhr bezahlt war. Und wir Nachkommen werden kaum jemals imstande sein, diese ererbte Schuld der Großmutter vollends wettzumachen.




  Peter Rosegger
  Die Entdeckung von Amerika
  Is amol an Mon g'wen, der hat an Oar kina stehn lass'n. Hat Kolumbas ghoass'n. Sogg zu den amal da Kini von Schbanien: »Kolumbas«, sogga, »mechst nit so guat sein und Amerika entdäicken!« »O jo«, sogg da Kolumbas, »däis kimmb ma grod recht. Ih bin jo da Kolumbas.«
  »So gib ih dar a Schiff«, sogg da Kini, »säitz dih amal drauf und fahr zua!« Guat ist's. Da Kolumbas säitzt sih affi, a poar andri säitzn sih a zuhi, aft fahrn's zua.
  Nach a drei Tagn kimmb vom Schiffsschnabl da Steurmon ins Kammerl zan Kolumbas und sogg: »Kolumbas, ih g'siach nouh nix ka Land net.« »’s Oar steht a nouh net«, sogg da Kolumbas, »fahrn ma weiter!« In vierten Toag kimmb er wieda vom Schnabl' da Steurmon, husi rennt er ins Kammerl zan Kolumbas: »Du, Kolumbas, ih g'siach nouh aliaweil nix ka Land net.« »’s Oar steht a nouh net«, sogg da Kolumbas, »fahra ma weiter!« A sou geht's nouh fuat a Stucka zehn Toag.
  Da kimmb stad dar Steurmon daher: »Kolumbas, ih g'siach Land!« »Han ih däs nit allaweil g'sogg« sogg da Kolumbas, »mein Oar steht ah.« Wia's nachha drauf afs Land fahrn' da sein afn fäistn Boudn lauta schwarze Mandla umglaffn.
  »Guatn Morgen!« sogg da Kolumbas, »valaub z'fragn: is däis Amerika?« »Ja freili«, sagn die Schwarzn. »Und säids es d'Neger?«
  »Ja freili«, sagn's' »däis san ma' und du bist g'wiß da Kolumbas.« »Stimmt«, sogg da Kolumbas. »Saggra – mentscha« schrein die Schwarzn, »mir sein entdäickt!«




  Peter Rosegger
  Der Pfarrersbub
  Aus den Aufzeichnungen eines Landgeistlichen.
  Sonntag, 7. Oktober
  Heute Predigt über das Thema nach Paulus: »Wenn ich die Sprachen der Menschen und der Engel redete, hätte ich aber der Liebe nicht, so wäre ich .ein tönendes Erz«, dann Übergang: »Wie du säest, so wirst du ernten«, und von dem. »wie jedes gute Werk gute Früchte trägt und sich oftmals schon auf Erden lohnet«.
  Die Kirche war so voll von Menschen, daß keiner hätte umfallen können. Der Herr Amtsbruder in der Nachbarschaft verscheucht seine Pfarrkinder, er ist in seinen Predigten zu scharf, verdammt zu sehr; mag freilich seine Gründe dazu haben. Ich hätte sie eigentlich auch, denke aber, die Kirche soll den Leuten eine Stätte der Gnade sein. Er mag die Hölle heiß machen und den Teufel so schwarz als möglich, ich will ihnen den Himmel aufputzen mit Sonnenlicht, Rosen, lieben Heiligen und schönen Engelein; so werden sie sich doch nicht lange besinnen, wohin sie sollen, in die Hölle oder in den Himmel. Der Kleingabelwirt hat am vorigen Sonntag in Spaß und Ernst gesagt: Wenn es im Himmel Scheibenschießen gäbe, so wolle er nicht hinein. »Ja; antwortete ich, »es gibt ein Scheibenschießen im Himmel trifft jeder Schuß ins Zentrum.« – »Was?« darauf der »Ich allein will treffen, die anderen sollen fehlen.« – »Der liebe Gott wird's schon so machen, wie es dir recht ist«, sagte ich., »schau nur, daß du hineinkommst.«
  Nach der Predigt Trauung. Man wird nicht bald ein so schönes Brautpaar finden wie diese jungen Veitersleute. Deren Glück habe ich auf dem Gewissen. Die Alten wollten es nicht zugeben, er hat wieder ein; mal zuviel Geld und sie zuwenig. »Gut«, habe ich gesagt, »so sind sie auch in dem zweierlei Geschlechts. Zwei Reiche zusammen gibt Protzen, zwei Arme. zusammen gibt Bettler. Wollt ihr echtes Gold, so nehmt den goldenen Mittelweg.« Hierauf ist geheiratet worden. Es ist unglaublich, wie sich die zwei liebhaben. Wenn ich eine Pfarrerin hätte, wäre es vielleicht weniger unglaublich. Übrigens – es ist besser, Junggeselle zu sein, als manche Leute glauben. Mir ginge es mehr nach einem Wesen, das mich lieb hat. Die Katze ist doch nichts, schmeichelt sich an einen .her, reiht sich am Rock, reckt den Schweif kerzengerade gegen Himmel, dreht ihn dann langsam auf die rechte oder linke Seite – und das ist die ganze Liebe, die sie mir zeigen kann. Die Haushälterin soll schauen, daß sie das Tier wieder wegbringt, in der Scheune mausen, das steht ihr besser als dem Pfarrer auf der Bibel sitzen und mit dem Propheten Jeremia Händel anfangen, wie letztens: die ganze dritte Jeremiade zernagt.
  Sie haben mich zum Hochzeitsmahl geladen, da. kommt gegen Abend ein Versehbote, und während sie daheim zu Tische gehen, zu Tanz und Kurzweil, muß ich fort.
  9. Oktober
  Ein Ereignis. Ich habe ein Kind bekommen.
  »In den sieben Kesseln« heißt die Gegend. Ich haue mehrmals von ihr gehört. Tief im Gebirge. Hochwaldung. Zwischen Bergen sieben Mulden, heißen die sieben Kesseln:
  Wußte gar nicht, daß es auch seßhafte Menschen dort gibt. Kommt vorgestern, wie ich eben ins Hochzeitshaus will, eine kleine alte Magd dahergetrippelt und muß sich eine Weile ausschnaufen, bis sie sprechen kann. Jetzt bittet sie mich um einen Versehgang hinein in die sieben Kesseln. Die Ringel-Schusterin wolle abmachen. Na, gute Nacht, denke ich, gibt's in den Kesseln nicht bloß Leute, sondern a Schuster.
  »Wer braucht denn Schuhe in der Wildnis?« frage schier ärgerlich, als wollte ich eine Sache, die mir nicht genehm ist, wegdisputieren.
  »Niemand«, antwortete die Magd. »Die Holzknechte sind nicht mehr dort, weil das Schlagen eingestellt worden ist, die Schusterin liegt im Bett, das Bübel in der Wiege und ich gehe barfuß.« Nach diesen Worten zeigt die kleine, alte Person ihre großen, staubigen Füße. »Und das Öl«, so setzte sie bei, »möcht der Herr Geistliche-Herr halt auch mitnehmen, laßt sie bitten.«
  »Sollt es denn so schlimm stehen?«
  »Das nicht«, antwortete die Botin, »sterben tut sie halt.«
  »Was fehlt ihr denn?«
  »Die Auszehrung hat sie. Und die Lungensucht hat sie auch. Ja, und ein Fieber hat sie auch noch. Und gar so viel letz (schwach) ist sie.«
  Ich habe mich gleich zusammengerichtet. Während Botin im Dorfe Einkäufe macht, nehme ich einen Imbiß gehe in die Kirche um das Heiligste und lasse die dazugehörigen Sachen zusammentun in eine Ledertasche, die außen noch die Haare und Rehbockklauen hat und vielleicht selbst einmal in den sieben Kesseln umhergelaufen ist. Wie ich der Botin aufladen will, sehe ich, daß sie schon aufgeladen hat. Ein Bündel auf dem Rücken, einen Plutzer in der Hand. Da wird's viel sein, wenn sie die Laterne noch tragen kann, die Ledertasche muß ich mir schon selber umhängen. Währen auf dem Turm das Versehglöcklein tönt, klingen unten Wirtshause die Pfeifen und Geigen zum Hochzeitstag. So geht's auf der Welt.
  Wir wandern talaufwärts. Neben uns rauscht das Wasser. Vor mir keucht die Alte, ich gehe hintendrein und mache mir meine Gedanken, gute und schlechte durcheinander. Mir kam der Gang sauer an. Ich erinnerte mich an einen Fall in der Nachbarspfarre. Wurde in einer stürmischen Nacht der Priester ins Gebirge geholt zu einem plötzlich schwer Erkrankten. Am Morgen; als er hinkam, war der Sterbende auf einem Fichtenbaum und hackte Aste herab zur Stallstreu. So Leute mit ihrer unregelmäßigen Lebensweise sind, aller Ordnung zuwider, auf einmal todkrank, aber ebensoschnell auch wieder gesund.
  Als wir vom schreienden Wasser in ein Nebental abgezweigt sind, will ich doch mit meiner Gefährtin etwas plaudern.
  »Maid«, fragte ich sie, »wie soll ich dich denn nennen?«
  »Ich und die Mutter Gottes haben den gleichen Namen«, antwortete die Magd. – »Also Maria?« – »Daß es der Herr Geistliche-Herr aber gar so geschwind derraten hat!« ruft sie aus.
  »So bist wohl auch recht brav und fromm, wie deine heilige Namensschwester?«
  »0 Gott, nein!« lacht sie auf. »Wenn ich an nichts schwerer täte tragen als an meiner Frömmigkeit! Ich habe viele Sünden!«
  Nicht einmal für einen weltlichen Menschen mag es angenehm sein, mit einer gar nicht besonders zierlichen Weibsperson über Sünden zu plaudern, geschweige für einen geistlichen. Ich wendete also das Gespräch von der Sündenlast rasch auf die andere und fragte meine Begleiterin, was sie denn in ihrem Bündel habe.
  »Wenn wir oben sind !« antwortete sie kurzatmig, denn unser Weg ging bergwärts.
  Eine Weile durch Wald bergan, der Weg steinig, von Wildwasser zerrissen. Endlich eine Hochblöße. Weite Aussicht, aber es dunkelte schon, und die Berge waren vom Grau der Nacht kaum mehr zu unterscheiden. Wir setzten uns auf einen Baumstrunk, um zu rasten. Die Maria stellte ihren Plutzer behutsam neben sich.
  »Hast du Wein drinnen?« fragte ich.
  »Es wundert mich, daß der Herr so viel reden darf, wenn er das heilige Sakrament bei sich hat. Ich habe gemeint, da müßte man wie in einer Kirchen dahergehen und beten.« So die Magd.
  »Der beschwerliche Gang selber schon ist ein Gebet«, sagte ich und kam in Gedanken wieder darauf, daß das Volk den Priester immer noch frömmer und asketischer haben will, als er nach strengster Satzung ist und sein kann.
  »Da drinnen«, antwortete sie auf meine Frage und legte die Hand auf den Plutzer, »da ist schon was Besseres als Wein!«
  »Dann könnte es Honig sein.«
  Die Magd schüttelte verneinend das ins Tuch gebundene Köpfl und sagte: »Es wäre nicht schwer zu erraten. – Weihwasser ist im Plutzer.«
  »Wozu so viel Weihwasser?« ist meine Frage.
  »Für die Totenbahr«, antwortete sie. »Ich habe ja schon gesagt, daß die Schusterin stirbt, und da hat sie mir aufgetragen, wenn ich den Geistlichen holen gehe, daß ich gleich von der Kirche auch Weihwasser für die Totenbahr mitbringen sollt!«
  Es ist zu verwundern, wie mancher Kranke gleich an alles denkt.
  Wir rückten wieder an. Als ich sah, wie die kleine Magd ihr großes Rückenbündel kaum zu heben vermochte und ihr dabei nachgeholfen werden mußte, wollte ich ihr fast Vorwürfe machen, daß sie so schwer aufgeladen.
  »Was denn«, sagte sie, »wir brauchen's ja. Ein Sackel Mehl und ein Töpfel Schmalz fürs Totenmahl. Viel Leut werden eh nicht kommen. Nachher hat sie angeschafft, daß ich auch ein Stück Leinwand mit heimbringen soll – für ein Bahrtuch. Wir haben ja frei nichts im Vorrat. Eins hab ich eh dummerweis vergessen. Mit dem Totengräber, hat sie gesagt, sollt ich reden; und ist mir richtig vor lauter Einkaufen der Totengräber aus dem Kopf gefallen.«
  »Es wird ja mit Gottes Willen noch nicht darauf ankommen«, tröste ich, »und wenn es wäre, so wurden ja andere Leute sein, die das besorgen.«
  »Sie will halt alles selber anordnen«, sagt die Magd, »und laßt sich was kosten auf ein ehrsames Begräbnis.«
  »Hat sie denn Geld?«
  »Freilich. Ins Mieder eingenäht. Zum kleinen Frauentag hat sie ganze neun Gulden gehabt; seither hat sie zwar einmal aufgetrennt, aber viel kann nicht fehlen. Ich weiß es nicht.«
  So erzählte die Magd, und dann geht's voran. Es wird finster, der Weg abwärts, aufwärts, abwärts, und sie mit dem Laternenlicht vor mir her. Endlich kann sie nicht mehr, will rasten und rasten, und bleibt mir nichts übrig, ich nehme ihr das Bündel ab. Vor mir das Allerheiligste, hinter mir Mehl und Schmalz und Bahrtuch, so gehe ich einher.
  Gegen Mitternacht kommen wir zu einem kleinen Hause, das am Bache steht, daneben ein paar Felder oder Wiesen, sonst allenthalben Wald. Im Häuslein ist alles ordentlich und sauber. Auf dem weißgedeckten Stubentische eine Talgkerze und ein Kruzifix. Im Bette die noch junge, kranke Frau, daneben in der Wiege ein kleines Kind. Wie die Kranke meiner ansichtig wird, hebt sie die Hände auf – recht mager sind sie – und ruft in freudevollem Tone: »Gott sei Lob und Dank! So habe ich doch das Glück!«
  Nachdem ich ein wenig gerastet habe, sage ich zur Magd, sie solle hinausgehen in die Küche und beten. Dann legt die Kranke ihre Beichte ab, empfängt das Sakrament des Altars und die Letzte Ölung.
  Ich muß einen Imbiß nehmen, er tut mir auch not. Wie ich damit fertig bin, mich zum Fortgehen anschicke und der Kranken noch Worte des Trostes und der Aufmunterung sage, nimmt sie mich an der Hand und vertraut mir, daß sie noch ein schweres Anliegen habe. Bevor sie damit hervorkommt, beginnt sie zu weinen. Ich setze mich zu ihr und warte, bis sie sich fassen kann. Dann hat sie mir folgendes gesagt:
  Sterben wollte sie gerne, wenn nur das Kind nicht wäre. Der Vater habe im Mai zu den Soldaten müssen und sei in der Schlacht bei Sadowa gefallen. Sie selber sei aus Bayern, habe keine Verwandten mehr, das Haus, in dem sie sterbe, gehöre auch nicht ihr. Die kleine Maria sei die einzige, die bei ihr ausgehalten habe, obwohl sie keinen Lohn bekomme, aber die Magd sei auch arm, und jetzt, wenn sie – die Kranke – gestorben: was wäre mit dem Kinde?
  Das Kind schläft mit seinem runden, blassen Gesichtlein in der Wiege, ich schaue es an und denke: Ahnst es nicht, armes Wesen, was jetzt um dich vorgeht.
  Ich muß wohl sagen: So scharf ist mich der ewig Gott noch nie angegangen um Nächstenliebe als in dieser Stunde. Lange und heftig hat's gesträubt in mir; allerlei Einwände und Ausflüchte, aber endlich habe ich sagen müssen: »Liebe Frau! Eures Kindes wegen sollt Ihr im Frieden ruhen. Das Kind soll zu braven Leuten kommen, die es liebhaben und erziehen wie ihr eigenes und einen gesunden, rechtschaffenen Menschen aus ihm machen. Und wenn sich niemand dafür finden sollte, so nehme ich es selbst zu mir.«
  Jetzt hascht sie nach meiner Hand, reißt sie an sich, bedeckt sie mit Küssen und schluchzt: »Vergelt's Gott! Vergelt's Gott, hochwürdiger Herr! Wenn mich Gott zu sich nimmt, ich will unablässig für Euch beten. Eine solche Wohltat! Ein solches Glück!«
  Ja freilich, ein Glück, auch für mich. Noch nie bin ich mir so gut und christlich und groß vorgekommen als in dieser Nacht. Eine edle Tat vollbringen, es ist doch das beste, was man auf dieser Welt haben kann. Ich habe noch nie ein Opfer für die Mitmenschen bereut, oft aber die Unterlassung eines solchen. Daran merke ich am deutlichsten, daß Gott in uns ist.
  Noch das weiche, kühle Händchen des Kleinen habe ich angerührt, dann der Abschied von dem Weibe. »Auf Wiedersehen in der Ewigkeit!« hat sie gesagt, und war mir, als hätte sie in Gedanken noch dazugesetzt: Dort werde ich mein Kind wieder von dir zurückfordern.
  Um acht Uhr morgens, als ich erschöpft nach Hause komme, stehen an der Kirchtür Leute. Wollen ihre Messe haben.
  Den ganzen Tag komme ich nicht zur Rast, so will ich am Abende früher ins Bett. Kaum lege ich mich in die Federn und preise mich glücklich – klopft es an die Tür.
  Die kleine Magd ist da, berichtet, daß die Ringel-Schusterin gestorben ist, und bringt mir das Kind.
  Nun ist mir freilich wohl aller Schlaf vergangen. Die alte Haushälterin rufen und ihr Rechenschaft ablegen, denn sie macht unheimliche Mienen! Dann ein Bett für das Kleine; die Haushälterin verweigert mir in ihrer Stube dafür den Platz. Ich habe eine Lade, wo altes Meßgewand aufbewahrt ist, die wird ausgeleert, in die Küche getragen, zu einem Bettlein gemacht, und die kleine Magd dazu. – Das ist für die erste Nacht.
  Ein Knabe ist es und heißt Theodor. Der von Gott Gesandte. – Aber heute morgens nach der Messe, und wie ich bei meinem Kaffee sitze, nimmt mich die Wirtschafterin ins Verhör: Die kann's! Gott gnade dem Schuldigen! Ich hab's leicht. Muß aber versprechen, daß ich alsogleich Mittel und Wege finden will, den kleinen Schreihals wieder aus dem Hause zu bringen.
  11. Oktober
  Die Mutter wäre geborgen. Vier Mannsleute haben sie herausgebracht und hintendrein die Ziege, Theodors Erbstück. Das Häusel in den sieben Kesseln zugesperrt. Aus und ab. Ist eigentlich doch schade, daß nach dem Strich wieder ein neues Kapitel anfangen muß. Wenn ich bedenke, was das arme Weib für Mühsal gehabt hat in ihrem Leben, so tut es mir ordentlich selber wohl, daß ich sie da unten in der kühlen Ruhe weiß. – Lieber Gott, wenn die Toten wüßten, wie gut das Totsein ist!
  Nun wollen wir halt sehen, wohin wir den Jungen tun. Ein schönes, herzliebes Kind. Hat ein paarmal nach der Mutter umgeschaut und sich dann mit der kleinen Magd zufriedengegeben. Denn die Maria bleibt einstweilen bei ihm. Er kann schon einzelne Worte sprechen, sagt »Mugudel« und meint Milch, kann auch laut lachen, hat kohlschwarze Augen, Lockerln und alles – und trotzdem sagt der Peinterbauer, er nähme ihn nicht. Der Stöckel in Gruth sagt auch so und der Bauer in der Ramsau auch. Die Schulmeisterin möcht den Buben haben, aber ihr Mann empfiehlt ihr Geduld. Mit der ist dem Theodor nicht gedient. Morgen gehe ich hausieren. Wird doch für so ein Kind noch Platz sein auf der Welt.
  15. Oktober
  Scheint doch keiner mehr zu sein. Voll ist's und auch schon der Gupf drauf. Die meisten Leute wollen nur den Spaß haben und kein Kind; hier ist ein Kind und kein Spaß. Sein Vater hat sich fürs Vaterland erschießen lassen müssen. Man sollte den Wurm eigentlich gut einschachteln und dem Grafen Bismarck schicken und schreiben: Du hast den Großen auf dem Gewissen, nimm auch den Kleinen. Lieber die Preußen als meine Haushälterin. Nie hätte ich geglaubt, daß ein altes Weib so giftig sein könnte. Drei Schierlinge und sieben Fliegenpilze und neun Einbeeren und eine Kupfernatter dazu machen zusammen eines Pfarrers Haushälterin, wenn der Pfarrer ein kleines Kind ins Haus gebracht hat. Die Suppe versalzen, der Braten verbrannt. Und ich möchte darauf wetten, daß sie in den Tischwein Essig tut, er war nie so sauer als in dieser Woche. Mit dem ausgesprungenen Hemdknopf schickt sie mich zur Kindsmagd. Ich konnte mir nicht denken, warum im Kinderzimmer neben der Küche der Ofen so sehr raucht; finde ich nicht den Schlauch, der in den Schornstein führt, mit Lappen verstopft?
  Jungfer Ottilie! Es tut mir leid. Wir leiden alle an deinem Gift und du selber noch am meisten. – Wenn du wußtest, wie grün dein Gesicht geworden ist! Der Neid und Ärger macht recht garstig. Was kann denn ich machen? Wenn ich ihn halt nicht anbringe!
  Wenn wir hierzulande nur einen Nil hätten und eine pharaonitische Prinzessin, es wäre leicht geholfen. Mein kleiner Moses – Ach, lieber Gott, er krächzt schon wieder.
  19. Oktober
  Es ist ganz umsonst.
  Wie war ich in den Häusern meiner Seelsorge immer willkommen! Und jetzt finde .ich die Türen verschlossen, und so eine Hütte stellt sich, als wäre niemand drin. Vor dem Theodor haben sie Furcht.
  Der junge Veiter wollte ihn einstweilen nehmen; er wäre zu nichts weiter verpflichtet worden, nur einstweilen. Da kommt er mir heute nach der Messe und sagt, es wäre nichts, es hätte sich etwas Überraschendes ereignet, bei seinem Weibchen wäre ein eigener Wille zum Vorschein gekommen. Und was die Leute dazu sagen wurden, wenn ein junges Ehepaar, das kaum erst drei Wochen verheiratet ist, ein kleines Kind hätte?
  Lieber Himmel, wenn man das so nehmen will, ist ja das Kind im Pfarrhause weit schlimmer.
  Übrigens – wenn nicht bald etwas vorkommt, so ist's zu spät. Das Knäblein wächst mir an den Leib. Brevier beten und mit dem Theodor schäkern, ich tue es jeden Tag, und – es ist ganz heidnisch – fällt's mir gestern ein: Während ich bete, steht der liebe Gott ernst und strenge dort oben, und wenn ich mit dem Kind herze, steigt er einige Stufen herab und schaut uns lächelnd zu.
  24. Oktober
  Endlich fort!
  Aber nicht das Kind, sondern die Haushälterin.
  Es war mir schon die große Ordnung und Säuberlichkeit aufgefallen, womit sie mir heute den Mittagstisch bereitet hatte. Hirnbrühe, Dunstbraten mit frischem Salat, der gar nicht mehr leicht zu bekommen ist, Eierkuchen mit Himbeertunke, sogar der Wein ist nicht mehr sauer. Mir wollen die Lieblingsgerichte heute aber nicht mehr munden, steckt was dahinter, denke ich, und richtig! Wie sie den Tisch abräumt, wendet sie sich gegen die Wand und fängt an, kläglich zu flennen.
  »Ottilie !« rufe ich, »was ist dir?«
  »Ach«, sagt sie, »wird wohl das letztemal sein, daß ich heute gekocht habe für den Herrn Pfarrer. Ich sehe es schon, ich bin überflüssig in diesem Hause.« – Und marschiert das Kind auf, mitsamt der Kindsmagd. Ich will sie beruhigen, da wird sie arg, gibt dem Kleinen und der Magd Namen, auf die sie eigentlich nicht getauft sind, und drischt mit den Fäusten auf die Wand ein, daß der Kalk losbröckelt.
  - Da ist nichts zu machen, denke ich und sage: »Ja, lieber Himmel, Ottilie, wenn dir die Sache so schrecklich ist, so wäre es eine Ungerechtigkeit, dich länger in diesem Hause festhalten zu wollen.«
  »Alsdann will ich meinen Dienstlohn!« schreit sie. »Habe seit einundzwanzig Monaten nichts mehr bekommen.«
  Es ist wahr. Jetzt, wo soll ich 105 Gulden auftreiben? Die Kasse ist im Stift, und das Stift ist in der Elmau. Unser Kaufmann hört von meiner Not. Ich verschreibe ihm die Einnahmen der nächsten Monate, er borgt mir das Geld. Die Ottilie wirft alles, was ihr gehört, in ihren Kleiderschrank zusammen, sperrt ab, und ohne allen Abschied geht sie davon. Nur ins Kinderzimmer hat sie in ihrer Giftigkeit noch hineingeschrien: »Adieu, Hausherr! Höllischer Balg!« und schlägt die Türe so heftig hinter sich zu, daß der ganze Pfarrhof zittert und der Theodor vor Schreck ein Geschrei erhebt.
  Kaum ist die Haushälterin davon, tritt die Marie in mein Zimmer und sagt, sie wolle auch gehen. Sie sei die Ursache des Unfriedens geworden, zwar ganz unschuldigerweise, aber sie lasse sich da nichts nachsagen.
  Hierauf entgegnete ich: »Habe die Haushälterin nicht angebunden und binde dich auch nicht an. Wenn du glaubst, daß du das arme Kind jetzt verlassen kannst, wo es deiner gerade am dringendsten bedarf, wo ich mir mit ihm nicht zu helfen weiß und es doch nicht auf die Gasse werfen kann, nun so gehe.«
  Sie ist nicht gegangen. Sie pflegt das Kind und hat mir am Abend die Suppe gekocht.
  Noch spätabends kommen zwei Männer aus Unterdorf und führen Ottiliens Kleiderschrank davon. – Ich hätte es doch nicht geglaubt, daß ihr die Sache ernst ist. Nun ich erfahren, wie hart sie sein kann, bin ich froh, daß sie fort ist.
  27. November
  Ich glaube, das Würmel geht endlich.
  In Sachsenberg draußen lebt ein alleinstehendes älteres und – wie es heißt – vermögendes Fräulein, das oft schon den Ausspruch getan haben soll: Wenn, ohne ihre frauliche Würde zu verletzen, ein Kind zu haben wäre, so nehme sie eines. Bei diesem alten Jungfräulein will ich mein Glück noch einmal versuchen.
  28. November
  Dem Fräulein Peselka liegt der Revolutionsschrecken noch in den Gliedern. Sie mag seit Anno achtundvierzig keine Stadt mehr. Jeden Tag erzählt sie es seit achtzehn Jahren, wie damals ein »roter Krowat« in ihre Wohnung gedrungen, um sie mit dem Bajonett aufzuspießen. Vor der Ehrwürdigkeit des alten Adels, den sie, auf das Diplom deutend, sofort angegeben – auch das Fräulein selbst war damals schon reichlich betagt –, hatte er aber zurückgeschreckt und dafür den Jonathan aufgespießt. Vor ihren Augen! Vor ihren leiblichen Augen, den Jonathan! Ihren einzigen Freund, den schwarzen Pinscher! Bloß, weil er gebellt hat! – Sie verhüllt sich noch immer schaudernd das Gesicht, sooft sie die Greueltat erzählt. Kaum der Windischgrätz in Wien so weit Ordnung gemacht, daß man hinaus konnte, verließ sie die Stadt und zog aufs Land, um hier in stiller Trauer ihr Leben zu beschließen. Fräulein Peselke ist jetzt alt; es soll ihm manchmal die Zeit lang werden. Einen Hund hat es sich aber nicht mehr angeschafft, so dachte ich gleich, vielleicht wäre ihm der Theodor willkommen.
  Das Fräulein hat mich sehr höflich in allen Züchten empfangen. Es ist nicht größer als ein siebenjähriges Mädchen, hat ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht mit schwarzen Augen, trägt ein schwarzseidenes Schleppkleid mit weißen Spitzen, ein weißes Häubchen und am Halse eine Brosche mit dem Bilde Jonathans. – Die Wohnung ist so überaus ordentlich und reinlich, daß ich nur wenig Hoffnung hatte, hier ein kleines Kind unterbringen zu können. Doch hielt ich mit meinem Anliegen nicht lange hinter dem Berge, und sie sagte auf der Stelle zu. Sie wolle doch auch noch was leisten, bevor sie fortgehe. Sie möchte auch gern wen haben, der sie ein wenig lieb hätte in ihren alten Tagen. Nur das eine Bedenken äußerte sie, ob ihre zwei Mädchen, die sie habe, mit dem Kinde wohl auch wurden umgehen können? Das eine sei zwar schon etwas vernünftiger, aber das jüngere sei flatterhaft, und mit Kindern habe weder Nannerl noch Veferl je etwas zu schaffen gehabt.
  »Ach Gott«, sagte ich, »so gut wird es das Kind unter allen Umständen haben als bei mir, und sollten die Mädchen in der Tat noch zu unerfahren sein, um ein kleines Kind zu pflegen, so könnte ja die bisherige Pflegerin mit dabeibleiben.«
  Das Fräulein rauschte zum braunglänzenden Schubladkasten, auf welchem eine zierlich geschnitzte Stockuhr mit Glassturz stand – daneben war ein Glöckchen, mit dem es schellte.
  Jetzt kam aus der Küche eine alte, hagere Person herein. Diese hatte ihre weißen Haare säuberlich gescheitelt und war auch im übrigen sorgfältig angezogen, daß ich an ihr keinen Dienstboten vermutet haben wurde, wenn sie nicht gar bescheiden vor das Fräulein hingetreten wäre und »Was befehlen Euer Gnaden?« gefragt hätte.
  »Geh, Nannerl«, sagte das Fräulein, »rufe mir auch die Veferl herein.«
  Also die »Nannerl« war das. Der Jugendlichkeit wegen, dachte ich, könnte man diese schon zu einem kleinen Kind stellen. Das Fräulein schien meine Gedanken zu erraten, denn sie sagte: »Die Nannerl ist wohl recht, ist jetzt einundvierzig Jahre bei mir in Diensten, und man kann sich auf sie verlassen. Die Veferl kenne ich noch zuwenig.«
  Da kamen die beiden schon herein. Die »Veferl« war nicht gar viel jünger als ihre Genossin, hatte aber ein ganz hübsches Gesicht und an der Oberlippe etwas wie einen Schnurrbart. Das war also die Flatterhafte.
  »Die ist halt noch nicht lange bei mir«, bemerkte das Fräulein. »Sage mir einmal, Veferl, wie lange bist du schon bei mir?«
  »Fünfzehn Jahre, Euer Gnaden«, antwortete die Person mit einem artigen Knicks.
  »Na, sehen Sie, Herr Pfarrer«, sagte das Fräulein zu mir, »läßt sich zwar auch gut an, mein Veferl«, dabei tätschelte sie die Genannte an der Wange, »nur manchmal ein bißchen munter! Nun, das wird sich mit der Zeit schon geben.
  Jetzt will ich euch etwas sagen, Mädeln. Wollt ihr ein kleines Kind haben?«
  Die Mägde erröteten, eine wie die andere, und Veferl getraute sich vor lauter Schämen gar nicht mehr aufzugucken.
  Fräulein Peselka setzte den beiden Dienstmägden die Sache nun auseinander, und ich ließ von »Stufen in den Himmel bauen« etwas verlauten, da falteten die beiden ihre Hände und flehten: »Bitt, Euer Gnaden, bitt! Nehmen Euer Gnaden das Kindel auf, wir wollen es schon recht warten und gern haben. Bitt, Euer Gnaden !«
  Es ist soviel als abgemacht. Ich eile nach Hause.
  Es gibt doch noch gute Menschen auf der Welt. Theodor, du machst dein Glück. Vielleicht adoptiert sie dich ganz, du kommst zu einem Vermögen und kannst etwas Tüchtiges lernen. Gottlob, mit dem heutigen Tag bin ich zufrieden.
  30. November
  Heute habe ich vom Herrn Pfarrer in Sachsenberg das beiliegende Schreiben erhalten:
  »Lieber Amtsbruder!
  Es ist mir zu Ohren gekommen, daß Du willens bist, ein kleines Kind, welches Du aus christlicher Barmherzigkeit einer Sterbenden abgenommen,, in die Hände eines Fräuleins Wilhelmine Peselka, in hiesigem Orte wohnhaft, zu legen. Ich achte hierin die beiderseitige gute Absicht, fühle mich aber verpflichtet, Dir eine Mitteilung zu machen, da Dir die Verhältnisse genannter Person gänzlich unbekannt zu sein scheinen. – Das Fräulein gehört nämlich, wie Du in den im Gemeindeamte erliegenden Dokumenten allzeit ersehen kannst, der protestantischen Konfession an. Ich überlasse es nun Deinem eigenen Gutdünken, ob Du ein der römisch-katholischen Kirche angehöriges Kind der Erziehung einer andersgläubigen Person überlassen willst. Es tut mir leid, daß Dein Besuch mich verfehlt hat, glaube aber mit diesen Zeilen das Wichtigste nachgetragen zu haben. Mit kollegialem Gruße Dein Dir wohlergebener Isidor Limasch,
  Pfarrer.«
  Hätten wir den Teufel wieder glücklich herum.
  Natürlich darf ich das Kind nun nicht zu dem Fräulein schicken. Der arme Theodor! Ist ein Glaubensmärtyrer, ohne daß er's weiß.
  1. Mai 1867
  Heute war Kircheninspektion hier; auch Seine Hochwürden, der Prälat, dabei. Gottlob, alles in bester Ordnung befunden, nur der »Heilige Geist« im Kirchenschiff, welcher zu Allerheiligen hätte eingezogen werden sollen, ist damals vom Mesner übersehen worden und hing den ganzen Winter über den Häuptern der Gläubigen.
  Mir ist das gar nicht aufgefallen, hoffe nur, es wird nicht geschadet haben.
  Ich hätte die Herren gerne zum Mittagessen eingeladen, und soll der Herr Prälat sogar darauf angespielt haben; allein, mit der Kochkunst der Maria kann man meine ehrwürdigen Brüder, die Stiftsgeistlichen, nicht regalieren. Noch ein Jährchen, dann hoffe ich, die Kindsmagd entbehren zu können, und soll's dann wieder besser werden.
  14. Mai
  In Elmau geht über mich ein Gerücht um. Der Prälat hätte letzthin bei dem Pfarrer zu Sankt Anna speisen wollen, sei aber nicht geladen worden. Der Pfarrer habe Ursache, seinen Pfarrhof vor dem gestrengen Prälaten abzuschließen, denn er habe ein kleines Kind drin und was dazu gehöre.
  Sonst nichts.
  Ich glaube, die Leute müßten es recht gut wissen, was es mit diesem kleinen Kinde für eine Bewandtnis hat; ich habe wahrlich nicht wenig herumgesucht und geredet, daß für den armen Waisen Zieheltern gesucht wurden. Das wird verschwiegen. Der tratschende Tratsch ist noch lange nicht das schlimmste, der vertuschende Tratsch ist weit schlimmer.
  Schrieb mir da ein guter, boshafter Freund – die besten Freunde sind immer auch die boshaftesten –, es wäre einerseits nicht so streng, als ich glaube, andererseits aber wäre es strenger! Wer versteht denn das? – Ja, setzte der gute Freund bei, mancher dürfe wohl ein kleines Kind kriegen, aber er dürfe keines haben. – Bei mir ist das freilich umgekehrt, ich kriegte keins, habe aber eins.
  Der kleine Theodor lugt mich öfters so ernsthaft und fragend an: Ob ich nicht etwa doch endlich den Anfechtungen Gehör geben und ihn aussetzen wolle? Nein, Junge. Das, was ,ich an dir tun will, ist gut; das Gerede der Leute mag schlecht sein, der Braten deiner braven Marie mag verbrannt sein – es sei drum. Ich halte aus. Du wirst mich schon einmal verteidigen, wenn du groß bist und an anderen gute Werke übest, wie ich sie jetzt an dir zu üben suche.
  7. Juli 1868
  Es ist eine saubere Bescherung – das Kind hat den Scharlach. In der dritten Nacht habe ich heute bei ihm gewacht. Jetzt scheint die größte Gefahr vorüber zu sein, denn der Knabe ist mürrisch und störrisch, und das soll bei Kranken ein gutes Zeichen sein.
  Im unteren Dorfe ist heute eine Dienstmagd ohne die heiligen Sterbesakramente verschieden. Man weiß, daß im Pfarrhofe der Scharlach ist, und so fürchten sich sogar die Sterbenden vor Ansteckung. Muß ich seit ein paar Tagen doch auch die Messe vor leeren Kirchenbänken lesen, und es sind unwillige Stimmen laut geworden, daß es eine schlimme Sache sei, wenn vom Pfarrhofe Kinderkrankheiten ausgingen. Der alte Pegelbrunner hat mir über die Gartenplanke zugerufen: Einen Hund oder ein Rößl sollte ich mir anschaffen, das würde mir mehr Vergnügen und weniger Unannehmlichkeiten machen als ein Menschenknäbel.
  Vergnügen, Unannehmlichkeiten! Sonst fällt ihnen nichts ein. Lieber Gott im Himmel, beschlage mich fester in der Nächtstenliebe, denn manchmal will mich bedünken, die Leute im ganzen und großen wären dir nicht sonderlich geraten. Oft mag wohl auch an mir der Fehler sein. Jetzt bitte ich dich nur, daß du mir den Theodor wieder gesund werden lassest.
  17. November
  Das rechte Auge ist hin. Der Arzt drängte seit Wochen zur Operation. Jetzt ist sie vollführt. Jetzt soll der arme Mensch einäugig durchs Leben gehen.
  Gott, ich bekenne meine Hinterhältigkeit. Ich hatte wirklich gehofft, daß du mein Werk, welches ich dir und den armen Menschen zuliebe getan, doch ein wenig segnen würdest. Ich will ja freilich nichts für mich, nur das Kind lasse gedeihen und mache es zu einem braven, glücklichen Menschen. Was an mir ist, soll geschehen; meine Augen sollen über dem Halbblinden wachen, meine Kraft für seinen halbsiechen Leib ein Stab sein.
  1. Juni 1870
  Heute kamen zwei Fremde gegangen, und als sie den Theodor auf dem Rasen spielen sahen, fragten sie ihn, wie er heiße und wer sein Vater sei. Das letztere wußte der Kleine nicht zu beantworten. So fragte einer der Fremden: »Hast du wohl noch einen Vater?« – Knabe: »Ja.« – Fremder:
  »Nun, was treibt er denn?« – Knabe: »Messe lesen.«
  Man kann sich das Gelächter vorstellen und den Spott, der bald in der Gegend umgehen wird. Ich habe dem Kinde schon oft eingeschärft, daß es mich den geistlichen Herrn Vetter heißen solle. Aber weil es sieht, daß andere Kinder ihren Vater haben, nun, so will es auch einen haben. Man kann es ihm nicht verdenken. Von einer Mutter kann ohnehin nicht die Rede sein, denn die Wirtschafterin, die ich seit der Entlassung der Maria ins Haus genommen habe, stellt sich so zu dem Kleinen, daß er gar nicht in Versuchung kommt, sie Mutter zu nennen.
  Als ich die Mamsell Klara – sonst eine brave Person – in das Haus nahm, bat ich sie. Ein Witwer, der eine Frau nimmt, kann sie nicht herzlicher bitten, mit dem Kinde seiner ersten gut zu sein, als ich es für den Theodor getan. Ja, antwortete sie, das eben stelle mich so hoch in ihren Augen, daß ich an diesem Waisenknaben so viele Barmherzigkeit übe. Heute spricht sie schon anders, und meine schwerste Arbeit an manchen Tagen ist das Schweigen, wenn sie losfährt. Ich weiß dem Knaben nichts Besseres zu tun, als zu schweigen, denn jedes Wort, das ich zu seinen Gunsten rede, muß er von ihrer Seite büßen. Es wird wohl so sein müssen; manchem Menschen scheint es in der Tat angeboren zu sein, daß er nichts Gutes erleben soll in der Welt, dann ist es kein Wunder, wenn er spröde und mißtrauisch wird und seine besonderen Wege geht. Ich hätte auch gemeint, der Knabe würde mir wärmer anhängen, als es der Fall ist.
  Er ist für sich und hält nicht viel frohe Gemeinschaft. Lieber tut er mit den Haustieren um, aber die Hunde und Katzen fliehen vor ihm, denn – des bin ich schon dahintergekommen – während er sie mit der einen Hand streichelt, fügt er ihnen mit der anderen etwas Böses zu.
  Meine Vorstellungen – sie mögen herzlich oder ernst sein – fruchten nicht. Die Fasttage, die ich ihm zur Strafe auferlege, nimmt er gleichgültig hin, verschafft sich mitunter Nahrung auf eigene Hand.
  10. August l874
  Jeden Tag neue Klagen. Man sollte ihn gar nicht aus dem Hause lassen. Sooft bei den Kindern auf der Gasse etwas geschieht – sei es ein Schimpfwort, ein blaues Auge, ein zerrissener Ast: des Pfarrers Bub hat's getan! Ich bin überzeugt, er ist in zehn Fällen neunmal unschuldig. Aber weil es überall heißt, von mir würde er verzärtelt und verzogen, so strafe ich ihn weit öfter und empfindlicher, als ich's vor mir verantworten kann. Was der Mensch der öffentlichen Meinung zuliebe tut! Mehr als seinem besten Freunde, mehr als seinem liebsten Menschen. Und die öffentliche Meinung ist doch nichts anderes als eine Bestie.
  Mein Trost ist die Zufriedenheit seiner Lehrer. Der Knabe ist begabt und fleißig. Allerdings scheint es manchmal, als wollte er sich an seinen Mitschülern, die ihn sooft in die Patsche reiten und wovon die meisten in weit besseren Verhältnissen leben als er, dadurch rächen, daß er der Erste in der Schule ist.
  28. August
  Nun, ich habe es mir gedacht. Man hat mir die Zurückweisung des Gesuches um die bessere Pfründe Schauenstein nicht begründet, weiß es aber aus guter Quelle, daß mein Theodor daran Ursache ist. Läppische Welt! Ist es denn wirklich ein Ärgernis, daß ich den Waisenknaben im Pfarrhofe nähre, pflege und erziehen will? Gut, so sollen sie es mir befehlen, daß ich ihn fortschicke; sie könnten es ja, machen sie doch bei viel Geringerem Gebrauch von ihrer Macht. Und ist das, was an dem Kinde getan wird, kein Ärgernis, sondern vielleicht wohl gar eher ein gutes Vorbild, so sollten sie mir's nicht verübeln. Auf Schauenstein sitzt ein Pfarrer, der um siebzehn Jahre jünger ist als ich – es wird ihm taugen. Mir hätte es wohlgetan, einmal, auch nur ein einzigmal von meinen Vorgesetzten ein Zeichen zu erlangen, daß sie mit meinem einfachen, doch – ich darf es sagen – pflichtgetreuen Wirken nicht ganz unzufrieden sind. Der Prälat soll übrigens mein Gesuch befürwortet haben. Aber andere...
  Nun, in Gottes Namen!
  15. September 1875
  Durchgefallen. Fast alle anderen haben Prämienstücke – Bücher, Bildchen, Schreibzeug – erhalten bei der Jahresabschlußprüfung; der Theodor ist leer ausgegangen. An Fortgang gut, an sittlichem Betragen nicht befriedigend!
  Der Junge stellt sich, als mache er sich nichts daraus, aber ich sehe sein vergrämtes Gesicht recht gut. Mamsell Klara hat ordentlich aufgekreischt vor Vergnügen, als der Theodor mit diesem Zeugnisse nach Hause gekommen ist. Nun hat sie wieder Stoff und wirft mir heftig vor, daß ich ihn zuwenig schlage. Ob das eine Erziehung wäre? Ob sich das Früchtel nicht auf einen Galgenstrick hinauswachse? – Es sind törichte Reden; ich schweige. Ohne Strafe soll er mir nicht ausgehen, aber diesmal hebe ich die Rute nicht den Leuten, sondern ihm selbst zulieb. Es ist ein zäheres Holz, als ich gedacht! Bis er nur erst mit der Schule fertig ist, dann soll er in den Bauerndienst. Die harte Arbeit wird ihn schon mürbe machen. Ich hätte höhere Wünsche gehabt mit dem Theodor, seine schwächliche Natur hätte sich besser beim Buche befunden als hinter dem Pflug. Nun, unter gegenwärtigen Umständen handelt es sich darum, ihn überhaupt auf gute Art loszukriegen. Daß weder viel Freude noch viel Ehre an ihm zu erleben ist, weist sich schon. Die jetzige Zurücksetzung wird nichts besser machen. Wenn mir der Junge nur vertrauen wollte! Was fange ich an mit einem siebenfach versiegelten Wesen? Unbeachtet des Beichtsiegels muß ich gestehen, daß der Theodor bei seiner ersten Beichte, die er in der vorigen Osterzeit abgelegt hat, mir nur noch rätselhafter geworden ist.
  3. Dezember
  Ein neues Kapitel.
  Einer seiner Schulkameraden soll geäußert haben, er möchte sich gerne einen Rodelschlitten kaufen, aber habe kein Geld dazu.
  Soll ihm der Theodor den Rat erteilt haben: »Geh zu deinem Großvater, der soll dir Geld geben.«
  »Er gibt keins her«, sagte der andere.
  »So mußt du ihn erstechen und es selber nehmen.«
  Gott im Himmel, dieses Wort soll er ausgesprochen haben, ein neunjähriges Kind!
  3. Mai 1876
  Ich bin beinahe fassungslos. Nie hätte ich gedacht, daß eine Auszeichnung von Menschen so wirken könnte, wo doch das eigene Gewissen klar richtet und lohnt. Es kam nach der Zurücksetzung vor zwei Jahren auch zu unerwartet. Geistlicher Rat. Es klingt ganz fürtrefflich. Aber solche Auszeichnungen haben nicht sowohl einen eingebildeten, vielmehr einen wirklichen Wert. Wie stehe ich jetzt da! Geistlicher Rat!
  Einen Fackelzug will man mir bringen, was in Sankt Anna noch gar nicht dagewesen ist. Und der Gemeindevorstand, sonst ein trutziger Mann, der sich gerne auf den Liberalen hinausspielt: der »Geistliche Rat« hat ihm gewaltig in den Nacken geschlagen; er war der erste Gratulant heute morgen, der Mann kann ganz grauenhaft devot sein.
  Weniger ernst nahm es der Junge. »Geistlicher Rat«, sagte er und zog die Nase auf, »was ist denn daran?« Es hat mir weh getan.
  24. Juni
  Heute, am späten Nachmittage, kommt der Gemeindediener, tut verlegen eine Weile so herum und fragt mich endlich, ob er ihn mit ins Haus bringen oder noch im Gemeindekotter belassen sollte? – Ich weiß anfangs nicht, wen er meint. Den Theodor meint er.
  Schon gestern ist das Gerede ausgegangen, daß während der Schulstunden dem Oberlehrer aus seiner Wohnung die silberne Sackuhr verschwunden sei. Auf etlichen Schülern war Verdacht, die während der Schule einer nach dem anderen »hinausgebeten« hatten und die an der unverschlossenen Türe der Wohnung vorbei gemußt.
  Mein Theodor kann die »W« nicht machen, und so war es denn heute bei der Schreibstunde, daß der Lehrer sich zu dem Knaben niederbeugte und ihm, die Hand führend, den Buchstaben vorschrieb. Da hört er im Westel des Knaben das Ticken einer Sackuhr. Sie war die des Lehrers. Der Theodor soll es anfangs geleugnet haben, er hätte die Uhr von dem und dem Schulkameraden ausgeborgt bekommen. Als der betreffende Abwesende später befragt wurde, stellte sich freilich sofort die Unwahrheit meines Knaben heraus. Dieser wollte sie nun auf der Gasse gefunden haben, es half ihm aber nichts; er mußte in den Kotter, und nun soll er gestraft werden. Ich habe den Gemeindediener ersucht, daß der Junge die Nacht über im Kotter verbleiben könne. Ich muß mich erst sammeln. Das ist der größte Schlag, der mich bisher getroffen hat.
  25. Juni
  Heute hatte ich vorgehabt, über das Evangelium von dem verlorenen Schafe und dem Sünder, der Buße tut, zu predigen. Ich konnte es aber nicht tun, weil die Leute gemeint haben würden, ich wollte meinem Diebe damit eine Verteidigungsrede halten. Ich las nur das Evangelium, und es wollte mir dabei die Stimme versagen vor lauter Verzagtheit. Anstatt der Predigt ließ ich einen Rosenkranz beten.
  Am Nachmittag nach dem Segen war die Exekution. Ich hatte dem Gemeindevorsteher sagen lassen, er solle mit dem Knaben machen, was er wolle, ich möchte nicht dabeisein. War mir doch schon während des Gottesdienstes zumute gewesen, als müsse ich Spießruten laufen vor den Augen der Gemeinde. Der Vorsteher bestand aber darauf, daß ich dabei sei. Jetzt war mir plötzlich, als müsse ich Gott und das Schicksal anklagen. Ist das der Lohn für das gute Werk, welches ich an jener Sterbenden und dem Waisenkinde getan habe? Wäre es nicht besser gewesen, den Wurm umkommen zu lassen, als daß wir diesen Tag erleben? So wenig Freude an diesem Kinde und so viel Kummer!
  Ich hatte verhofft, den Theodor zerknirscht zu finden. Als er mich sah, wendete er sein unstet zuckendes Auge rasch ab, er biß die Lippen zusammen, aber von einer Zerknirschung keine Spur. Der Gemeindediener gab ihm scharfe fünfundzwanzig, der Junge schrie grauenhaft, aber sein Auge blieb trocken.
  Wieder zu Hause, ließ ich ihn in meine Stube kommen und beschwor ihn mit gerungenen Händen, brav und ehrlich zu sein, er sei noch jung, noch könne er es; der Weg, den er jetzt betreten, führe schnurgerade dem Galgen zu.
  »Gut«, rief er unwillig aus, »hättet ihr mich nur gleich heute schon aufgehänkt!
  Ein Messer mitten ins Herz war mir dieser Ausspruch.
  Sollte manchem Menschen das Unheil doch angeboren sein? Ich habe es nie mögen glauben, es wäre all meine Zuversicht an Gott und sein heiliges Werk dahin.
  26. Juni
  Heute früh, als ich den Knaben wecken wollte, war das Bett leer. Er war nicht im Hause, nicht im Dorfe. Ein Knecht will ihn früh in der Morgendämmerung eilig über die nassen Wiesen gegen den Wald laufen gesehen haben.
  »Er weiß recht gut, wohin er gehört«, höhnte mir meine treue Haushälterin zu.
  30. September
  Der Theodor bleibt verschollen.
  Im August soll er ein paar Tage lang sich bei einem Häus1er in Sachsenberg aufgehalten haben, und hat ihm ein gutes Weib die zerfahrenen Kleider ausgebessert. Dafür hat er der Wohltäterin einen Silbergulden entführt. Seither weiß niemand etwas von ihm.
  Wenn irgendwo etwas entwendet wird, da erinnern sich die Leute seiner und sagen: »Vielleicht hat's der Pfarrersbub getan.« So kommen alle Ehren auf mich.
  Es wäre mir schon am liebsten, von diesem unglückseligen Wesen nichts mehr zu sehen und zu hören. Aber wenn der Schnee kommt, wird's ihn sicherlich wieder zu den Leuten treiben. Dann wird es ihm auch einfallen, daß im Pfarrhofe zu Sankt Anna ein warmes Bett und eine warme Suppe ist.
  31. Dezember 1876
  ... Und sohin könnte ich das verflossene Jahr zu den guten rechnen, wenn das mit dem Theodor nicht gewesen wäre.
  Er hat sich nicht mehr eingestellt. Ich glaube auch nicht, daß er irgendwo im Arreste sitzt, denn seiner Jugend wegen hätten sie ihn doch wohl lieber in seine Heimatgemeinde abgeschoben, wenn er sie nicht etwa aus Schamgefühl verleugnet hat. Am wahrscheinlichsten ist es mir, daß ihn sein Geschick schon erreicht hat. Am heiligen Christtage die zweite Messe opferte ich auf für dieses Menschenkind.
  (Hier fehlt in dem Tagebuch für eine längere Reihe von Jahren jede Bemerkung, die sich auf den Knaben bezöge. Nur in einer Note vom Pfingstsonntage 1881 findet sich folgende Stelle: »Heute früh habe ich die alte, kleine Maria ins Grab gesegnet. Somit wäre auch dieses unschuldige Denkmal an eine harte Zeit vergangen. Möge sie in Frieden ruhen!« – Es mag wohl auch das vorgeschrittene Alter des Pfarrers die Ursache sein, Tatsache ist, daß dem weiteren Tagebuch fast ganz jene Mitteilsamkeit und Seelenheiterkeit mangelt, die in früheren Zeiten vorherrschend gewesen.)
  Der Herausgeber
  19. Mai 1885
  Heute ist unser hochwürdiger Abt gestorben, nach neununddreißigjähriger Würde im Stift zu Elmau, von aller Welt geachtet, von uns Ordensmitgliedern geliebt.
  Auf dem Krankenbette soll er wiederholt von mir gesprochen und gesagt haben: »Einer unserer würdigsten Brüder ist der Pfarrer zu Sankt Anna. Am höchsten achte ich seinen Freimut – Freimut muß man's nennen –, mit welchem er das Waisenkind angenommen hat. Er hat manches darum zu leiden gehabt, auch in seinem Ansehen, doch er hat die christliche Liebe obenangestellt.«
  Dieser Ausspruch tut mir wohl. Es ist eigen, daß man sich so schwer begnügt mit dem Lohne des guten Gewissens, daß man auch menschliche Anerkennung will, wenn man glaubt, etwas Gutes geleistet zu haben. Und weiß man doch anderseits recht gut, wie wandelbar und hinfällig menschliche Urteile sind.
  Elmau, am 22. Mai
  Der Prälat ist beigesetzt. Das Stift hat seine ganze Herrlichkeit der Trauer entwickelt, und von weitem kam soviel Volk geströmt, daß die große Kirche es nicht zur Hälfte fassen konnte. Ein König kann kaum großartiger und würdiger bestattet werden. Der hochselige Abt war der Sohn eines Schuhmachers, der sich dann als Bettelstudent fortbringen mußte. Man hatte sich – wie das schon so geht – nicht viel um den armen Jungen gekümmert, aus eigener Kraft hat er sich emporgearbeitet bis zur Priesterweihe und dann von Rang zu Rang bis zu hoher Würde. Andere sind von gutem Hause, haben die beste Erziehung, die schönsten Vorbilder, haben Mittel, werden von allen Seiten gehoben und getragen, und es wird doch nichts aus ihnen. Fast käme man auf den Gedanken, die Anlage und Entfaltung des Menschen wäre Bestimmung, man könne nichts Wesentliches dazu beitragen und auch nichts davon hinwegnehmen. So hat jeder sein Geleise.
  Mein eigenes Leben ist weder im Guten noch im Schlimmen außergewöhnlich, und ich danke Gott, daß das Alter naht mit seiner Leidenschaftslosigkeit und Anspruchslosigkeit. Das Alter ist der beste Hort. Ich will nichts mehr, als meiner kleinen Gemeinde leben und Frieden haben.
  Nach drei Tagen wird sich im Stifte ein anderer Pomp entfalten. Die Wahl des neuen Abtes. Ich möchte schon wieder am liebsten in meiner stillen Sankt Anna sitzen.
  25. Mai
  O unerhörte Pfingsten!
  Am Morgen, eine Stunde vor der Wahl, ist große Aufregung. In dieser vergangenen Nacht ist in der Stiftskirche das Tabernakel erbrochen und daraus die goldene Monstranz entwendet worden. Der Verbrecher mußte tags zuvor in der Kirche zurückgeblieben sein. Dem Schließer war während der Vesper ein verkommener einäugiger Bursche aufgefallen, der unweit des Hochaltars gestanden und mit einer gewissen Versunkenheit darauf hingestarrt haben soll. Beim Zusperren war nirgends etwas Verdächtiges zu bemerken. Die Flucht hat der Verbrecher mit seinem Raube durch ein Kirchenfenster auf das Dach der Sakristei hinaus vollzogen.
  Alles ist auf, um zu fahnden. Ein einäugiger Bursche!
  Um 12 Uhr mittags. Aus einstimmiger Wahl hervorgegangen, Prälat! – Ich, der arme, unwürdige Mensch.
  Voll der inneren Pein, die mir das Herz zerreißt – des Kirchenraubes wegen –, erklärte ich, die Wahl nicht annehmen zu können. Es half mir nichts, der Konvent sah den Grund der Ablehnung nicht.
  30. Mai
  Die Wahl ist bestätigt. Ich bin Abt des Stiftes Elmau. Das goldene Kreuz, das ich an der Brust trage, ist mir schwerer, als sie glauben. Und manchen würde es glücklich machen, wie es auch mich unter anderen Umständen glücklich gemacht hätte. Ich fühle daran nicht das Gold, ich fühle das Kreuz.
  10. Juni
  Meine guten Pfarrkinder wollten mich kaum fortlassen. Es war rührend, wie sie mich noch bei dem Wagen festzuhalten suchten an meinem Kleide.
  Mamsell Klara war die einzige, die in Wonne und Würden schwamm. Sie sah sich schon als Stiftsbeschließerin. Die Arme! Als ich ihren Hoffnungen dahinterkam, klärte ich sie auf, daß es im Kloster weder Beschließerinnen noch Köchinnen noch Haushälterinnen gäbe und daß solches dort die Fratres besorgten. Da ward sie fast wütend und nannte mich einen Undankbaren, der eine Person, welche ihm die armselige Dorfpfarrerwirtschaft treu besorgt habe, nun verstoße.
  Sie hat ja nicht ganz unrecht. Aber es geschieht ihr auch nicht ganz unrecht. Sie hat mich manchmal gequält.
  Es sei vergessen. Ich will sie meinem Nachfolger empfehlen, der ist aus kernigerem Holze als ich.
  14. Juni
  Das also soll der größte Tag meines Lebens gewesen sein.
  Im Ornat stand ich unter dem Baldachin und gab den Segen. Das Volk lag vor mir in Demut, und viele kamen heran, um den Saum meines Kleides zu küssen. Der Sang und Klang und der berückende Glanz, die Liebe der Brüder, die Andacht der Versammelten – man schätzt sie auf zwölftausend Seelen stark –, die Würde, zu der ich so unerwartet und unverdient erhoben worden, das alles rührte mich bis zu Tränen.
  Zum Gegenstand der Festpredigt hatte ich die christliche Demut gewählt mit dem Ausgangspunkt: »Und wenn ich, den Fischerring an der Hand, die Tiara auf dem Haupte, hier stünde, die Sprachen der Menschen und der Engel redete, hätte aber der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz.«
  15. Juni
  Der Kirchenräuber und Heiligtumschänder ist bis heute nicht gefunden.
  Vor einigen Tagen soll in der Kreisstadt ein einäugiger Mensch in eine Trödlerei getreten sein, um Goldplättchen zu verkaufen. Die Plättchen stammten, gab er auf Befragen an, von einem alten Familienschmucke und müßten aus Not verkauft werden. Allen Angaben nach bestätigt sich meine Vermutung.
  Er wird eingeliefert werden, und da wird's heißen: »Der Pfarrersbub!« Zwanzig Jahre schweren Kerker.
  Wenn ich ihm plötzlich irgendwo begegnete, dem Unglücksmenschen – ich wüßte nicht, was geschähe.
  Ewiger, gib mir Weisheit und Kraft, die Herde, die mir anvertraut worden, auf deinen Wegen zu leiten. Gib mir Demut, auch wenn es mir gelingt, für meine Mitmenschen ein Opfer zu vollbringen. Ich bin ein schwacher Sämann, dein ist das Gedeihen.
  Aus dem Kreisblatte vom 30. Juni 1885
  Original-Telegramm: Gestern ist der hochwürdige Abt des Stiftes Elmau durch verruchte Mörderhand gefallen. Der Prälat begab sich um fünf Uhr nachmittags auf seinen gewohnten Spaziergang durch das sogenannte Mühlhölzel (eine halbe Stunde vom Stift entfernt). Um acht Uhr wurde er in der Nähe eines Teiches entseelt gefunden, von mehreren Messerstichen an Brust und Hals getroffen. Allem Anscheine nach rang der Abt mit dem Mörder. Da weder Barschaft noch Uhr bei der Leiche vorgefunden wurde und auch die goldene Kette mit dem Kreuze fehlt, so liegt unzweifelhaft ein Raubmord vor. Die Bevölkerung ist in unbeschreiblicher Aufregung, alles fahndet nach dem Mörder, der zur Stunde noch nicht eingebracht ist.
  Aus demselben Blatte vom 1. Juli
  Der Mörder des hochwürdigen Abtes von Elmau ist den Armen der Gerechtigkeit überliefert. Derselbe wurde noch in der gestrigen Nacht im Mühlhölzel unter einer Moosschicht aufgegriffen. Er ist ein verkommener neunzehnjähriger Bursche namens Theodor Ringel, der schon wiederholt wegen Diebstahls abgestraft wurde. Es wird behauptet, daß der Mörder zu dem Abte in verwandtschaftlicher Beziehung stand. Nachdem die geraubten Gegenstände bei ihm vorgefunden worden, gestand er die Tat und wurde dann dem Kreisgerichte eingeliefert.
  Nachschrift
  Zur Beisetzung des ermordeten Abtes, bei welcher der Andrang und die Trauer der Bevölkerung eine noch größere war als bei den Begräbnisfeierlichkeiten im Mai desselben Jahres, hielt Pater Benedikt eine Trauerrede, in welcher er das Leben des nun Bestatteten schilderte und der hier einige Sätze entnommen sind:
  »Wir stehen, Geliebte im Herrn, vor einem unerforschlichen Ratschlüsse Gottes. Ein Werk der Nächstenliebe, welches der Hochselige in wahrer Christlichkeit vollbrachte, ist ihm zur Quelle zahlloser Widerwärtigkeiten und Leiden geworden. Jenes gute Werk hat ihn gleich einer Untat verfolgt, bis es ihn endlich das Leben kostete. Der Kleingläubige verzweifelt an dem Segen des Guten. Aber es ist nichts Neues, daß Gutes mit Bösem vergolten wird, unser Heiland selber hat das erfahren. Darum wird der Christ doch eingedenk bleiben der göttlichen Gerechtigkeit, welche das, was in dieser Welt ungeschlichtet bleibt, in jener Welt ausgleicht. Wenn der Verlorene gleichwohl auf dem Hochgerichte sterben wird, die Tat, wie das unschuldige Kind dem Verderben entrissen worden, wird im Buche des Lebens stehen.«




  Peter Rosegger
  Jung Hanele, die Trutzige
  Zwischen Wald und Weide stand der Wiesmeierhof, wie er heute noch steht. Jung Hanele war ganz allein daheim, sie und die große graue Katze. Alles andere war ausgegangen, ausgeflogen, ausgefahren. Die Leute waren bei der Hochzeit im Dorfe. Jung Hanele sollte zwar auch dabei sein, gehörte ja doch dazu, wenn ihre Schwester getraut ward, aber sie hatte mit der flachen Hand in die Luft hineingeschlagen und gesagt, bei so Dummheiten wolle sie nicht dabei sein. Jung Hanele hätte ihn ja selber haben können, den Bräutigam, aber die Mannsbilder waren ihr unsäglich zuwider! Und doch würde sie ihn genommen haben, wenn sie hätte ahnen können, daß ihn sonst die Schwester nimmt – diese falsche Kreatur! – Bei solcher Hochzeit wollte sie nicht dabei sein, da blieb sie hundertmal lieber daheim bei der grauen Katz'.
  Was gibst mir, neugieriger Leser, wenn ich dir jung Hanele beschreibe? Das Mädel ist so schön, daß ein gewöhnliches Trinkgeld nicht kleckt! Der Luger-Steff wollte Haus und Hof dafür geben, hat's aber nicht bekommen. Der Petschen-Anden gab seine Ehre dafür, da er eine Verlobte im Stiche ließ, der Hanele wegen, hat sie aber nicht bekommen. Dem Holzknecht Veitl kostet sie vorläufig das ganze Lebensglück, und doch hat er sie nicht bekommen. Sie hatte seidenweiches Haar von rötlicher Farbe, das spielte allerhand Ringlein über die Stirn herab, allerhand Schlangen über den runden Nacken hinunter. Solche Haarschlangen sind das gefährlichste Reptil! Von dieser Spezies war auch die Schlange im Paradiese. – Noch bedenklicher waren die von langen, leicht aufgeschweiften Wimpern eingefriedeten meergrünen Augen; jedem, den sie damit anblinzelte, zuckte es bis ins Mark hinein. Zum Glücke blinzelte sie selten. Und das feingebaute, etwas ins Längliche gezogene Näschen, welch ein unwiderstehlicher Wegweiser hinab zum roten Lippenpaar! Diesen ganz einzigen Mund näher zu beschreiben ist gesetzlich verboten, weil schon mancher, der ihn zwar gesehen, aber nicht küssen durfte, daran verrückt geworden ist. Besagten Mund sprechen zu hören, war weniger gefährlich, wie wir noch sehen werden.
  Dieses Dirndl nun war im Wiesmeierhof allein zu Hause. Mit einem Reibeisen schabte sie von dem Salzstocke das Salz für die Mittagssuppe. Die Graue strich weichmütig auf dem Tische um und legte im Vorüberschleffichen manchmal den langen Schweif an die hochgerötete Wange der Maid. Hanele war recht verdrießlich, doch dieses Schmeicheln und Streicheln der Grauen tat ihr fast wohl.
  Plötzlich hielt sie in ihrem Salzreiben ein und horchte. Draußen war ein Wagen des Weges herangerollt, und der hielt nun vor dem Hause still. Was kann denn das sein? Sollte es dem Bräutigam zu langweilig geworden sein bei der Hochzeit? – Ein einspänniges Steirerwägel, auf dem Bock der alte Rucker-Ferdl mit dem kleinen braunen Gesicht und dem grauen Schnurrbart drin. Hinter ihm Bündelwerk und der Holzknecht Veitl. Alle vierzehn Nothelfer, der Veitl, der ihr schon dreimal die Lieb' hat abbetteln wollen, und den sie ebensooft kalt hat ablaufen lassen. Ein sauberer Bursche, wie er jetzt aus dem Wagen sprang; sauberer schon, wie der Schwester ihr Bräutigam. Das schwarze Bartl in seinem Gesicht ist zwar nicht groß, man sieht es aber schon. Im Sonntagsgewand stolziert er, und es ist doch Montag. Mit einem Stock geht er und hat doch so junge Füße; gar ernsthaft tut er, wo er sonst doch ein so lustiges Blut ist. Was das heißen soll? Jetzt geht er an die Haustür, dreht an der Klinkel – ist aber zugesperrt.
  »Ist niemand daheim?« ruft er. Gott, was der heute für eine heisere Stimme hat! »Ist niemand daheim?« schreit er, das klingt schon heller, und lebhaft klappert die Klinkel. Die Hanele schießt lautlos in der Stube hin und her und reibt die Fäuste ineinander. Er will herein. Was soll sie tun? Macht sie auf so bleibt er nicht draußen; und läßt sie zugesperrt, so kann er nicht herein!
  »Oder fürchtest du dich vor mir?« rief draußen der Bursche. – Was hat er gesagt? – Jetzt zeigte sie sich am Fenster: »Fürchten? Ha ha, da müßtest du ein anderer sein, oder ich eine andere!«
  »Nun, so riegle auf, Hanele. Es ist was Wichtiges und soll das letztemal sein, daß ich dir Umständ' mach'!«
  So feierlich! – Sie ging zur Türe und schob den schweren Holzriegel zurück, damit er sehe, daß sie sich nicht fürchte. Der Veitl, den braunen Lodenhut in die Stirn gedrückt, trat über die Schwelle, ging an ihr vorbei in die Stube, als wäre er des Hauses Herr und sie die Magd. Das wollte sie doch sehen, von woher dieser Mensch heute seine Keckheit hat! Sie ging ihm nach, mitten in der großen Stube stand sie mit festgestemmten Armen still und sagte; »Nu, was verschafft mir die Ehr'?«
  »Hanele!« sprach er, seine Stimme war unsicher, in seinem jungen Gesichte zuckten die Muskeln. »Ein Behüt' Gott will ich dir noch sagen . . . weil ich fortgeh'!«
  »Ja, ja, die Tür steht eh noch offen«, war ihre Antwort.
  »Du kannst wohl froh sein, Hanele. Nachher hast vor mir Ruh' – dein Lebtag lang.«
  Sie horchte ein wenig auf.
  »Der Rucker-Ferdl fährt mich nach Talham auf den Bahnhof«, fuhr er stockend fort. »Ich gehe nach Amerika.«
  Sie ein Weilchen ganz still, dann: »So – nach Amerika gehst. Da hinüber soll ja der Weg so viel naß sein.«
  »Wirst gehört haben, daß von Babelbach und Sankt Georgen eine Auswanderergesellschaft nach Amerika geht, da mach' ich halt mit.«
  »Wer hält dich denn zehrungsfrei unterwegs?« Wie sie das sagte, es war weder Neugierde noch Teilnahme, es war Spott.
  Er antwortete ruhig: »Am Samstag habe ich beim Gericht meine kleine Erbschaft von Vaterseiten bekommen. Herüben kleckt's nicht viel, will ich's halt drüben damit probieren.«
  Strich die Hanele ein wenig so an der Wand hin, als wollte sie zum Fenster hinausgucken. »Na, hast recht. Geh nur. In Amerika kriegt man ja alles zu kaufen, wie man hört – auch Leut' – wer umsonst keine bekommt.«
  »Sklaven halt ich mir nicht«, antwortete er, ohne den argen Hohn weiter zu beachten. »Wie es mir wird gehen, das weiß ich freilich nicht. Hart wird es schon sein für unsereinen, und anfangs schon gar. Es gehen viel' zugrund'.«
  »Wird dir gewiß recht gut gehen. Ich wünsch' dir's!« Also sie; die Worte waren kalt und schrill wie Eiszapfen, die von den Dachtraufen fallen.
  »Weiß nicht, wie das ist«, sagte der Bursche und tat bei seinen Fingernägeln um, als wollte er nachsehen, ob sie wohl in Ordnung waren. »Ich hab' kein' Vater und Mutter, kein' Geschwister und nichts mehr daheim, und geh doch hart fort. Recht hart. Wenn ein Mensch wär', der mir zum letzten Abschied ein treuherziges Behüt' Gott tät sagen und ein gutes Wort, und daß ich den ersten Tag, wenn ich fortgeh', nicht auch schon vergessen bin.«
  »Wer so weit fortgeht, der muß es freilich auch leiden, wenn er vergessen wird!« gellte sie auf, verzog aber dabei keine Miene.
  »Und sonst sagst mir gar nichts?« »Ja, also behüt' Gott, sag' ich!« – Jetzt schwieg der Veitl, auf der Ofenbank schnurrte etwas, und das war die graue Katze.
  Der Bursche stellte sich dem Dirndl um einen Schritt näher, bohrte seinen Blick gleichsam in ihr Gesicht, und was er nun sprach, das sagte er leise, aber sehr deutlich: »Du glaubst es, daß ich nach Amerika geh'? Du glaubst es wirklich? Und daß ich drüben ohne deiner anfangen werde, wie ich herüben aufgehört hab'? Und daß es sich nur um den Katzensprung übers Wasser handelt? – Daß ich dir's nur sag', Hanele, ich gehe nicht nach Amerika, ich gehe viel weiter fort.«
  »Uh, noch weiter! Wohin denn lauter?«
  »Ich will dir meinen Reisepaß gleich zeigen«, sprach er, langte in den inneren Rocksack, wo andere Leute ihre Brieftasche oder ihr Gebetbuch haben, und zog einen Revolver heraus.
  In einer schier lustigen Weise schlug das Dirndl die Hände zusammen: »Unter die Banditen willst?«
  »Hanele«, sagte er und hielt die Waffe mit beiden Händen prüfend und wiegend so vor sich hin. »Am letzten Sonntag, wie du mir dieselbig' Antwort hast gegeben, daß – nein, ich mag's gar nicht sagen –«
  »Ja, ja, ich weiß schon, strapazier' dich nicht.«
  »Darauf bin ich schnurgerade in den Markt hinab und hab' mir dieses Pfeiferl gekauft. Du willst mich lebendiger nicht, vielleicht magst mich toter.«
  »Aber Bürscherl!« sagte sie mit einer Miene von Überraschung, der man leicht anmerkte, daß sie eine gemachte war, »du wirst dich doch nicht da vor meiner über den Haufen schießen wollen?«
  »Schau dir die Komödie nur an«, sagte er mit tiefer Bitterkeit, »ich glaube nicht, daß dir den Gefallen sobald wieder einer tun wird. Kannst dir nachher doch was zugut tun dein Lebtag lang: meinetwegen hat sich einmal einer erschossen.«
  »Versteht sich, als ob das was Besonderes wär'! Wenn das Mannsbild nicht einmal so viel Kurasch' hätt, sich das Kügerl in den Leib zu schnellen, dann wär's eh kein Mannsbild.«
  »Hanele«, sprach er mit leise zitternder Stimme, »wirst mir eine Handvoll Erden nachwerfen ins Grab?«
  »Im Grab hast eh Erden genug«, gab sie zurück.
  »Spott und nichts als Spott!« brauste er auf. »Dirn, ich sag' dir's, du wirst mich einmal mit blutigen Fingern aus der Erden graben wollen, aber –«
  »Nun? Verschlagt's dir endlich die Red'!«
  »Aber ich werd' nicht drinnen sein!« rief er aus.
  »Na, so mach!« schrie jetzt draußen der Rucker-Ferdl auf dem Wagen, denn das Pferd strampfte unruhig mit den Vorderbeinen, »schau, daß du fertig wirst, Veitl, die Kathrin wird dir was pfeifen, wenn sie so lang' warten soll!«
  »Hörst es?« fragte der Bursche das Mädchen, dabei steckte er den Revolver ein und sein Gesicht veränderte sich von der länglich gezogenen Betrübnis zu einem breitgezogenen Lächeln. Das war ihr gleich nicht geheuer. Er bog seine Knie krumm, streckte seinen Kopf vor:
  »Ja, Hanele! Und hast du auch das geglaubt? Hast du denn wirklich geglaubt, daß einer wegen deiner nach Amerika gehen oder sich totschießen wird? Du bist ein kindisches Mädel!«
  Sie bäumte sich auf und war sprachlos.
  »O nein, Schatzerl«, fuhr er fort, »nicht übers Wasser und nicht unter die Erde. Ich gehe noch viel weiter fort von dir. Nach Amerika könntest du mir leicht nachkommen, aufs Grab könntest du mir Blumen legen und Weihwasser gießen und sagen: das ist meines Liebsten Ruhestatt. O nein, Kindl, so leicht sollst du mich nicht haben. Ins Land, wohin ich jetzt fahre, sind alle und alle Brücken abgebrochen zwischen mir und dir. Ich gehe in den heiligen Ehestand, und der Rucker-Ferdl fährt mich eben nach Talham zum Lindenwirt, wo die schöne Kellnerin ist, die Kathrin. Wir haben heut' miteinand' das Versprechen, und so bin ich unterwegs da bei dir zugekehrt auf ein Behüt' Gott und nichts für ungut. Und jetzt geh' ich.«
  »Verdammter Köter!« fuhr die Hanele in diesem Augenblicke kreischend auf und schleuderte das Reibeisen hin gegen die Ofenbank nach der schnurrenden Katze. Diese sprang mit zwei großen Sätzen hinter den Ofen hinauf und trat einen Topf herab, daß er in Scherben barst. Aus dem dunkeln Winkel funkelten ihre grünen Augen.
  Der Veitl ging recht behaglich zur Türe hinaus. Die Hanele rief ihm mit gellendem Lachen nach, was das für ein Mann sei, der sich vor einer alten Katz' fürchte? Ob er ihr denn nicht die Gutheit erweisen wollte, das verrückte Vieh vom Ofen zu fangen, bevor es das ganze Geschirr in Scherben stürze? – Auf diesen Leim ging der Vogel. Er kehrte um, und nun begannen beide nach der Katze zu jagen. Diese sprang vom Ofen auf die Wandstelle, trat dort einen blechernen Kerzenleuchter herab sprang auf den Tisch mitten in das stäubende Salz, und nun wurde sie erst wild, sie nieste, sie schnurrte, sie kreischte, sie sprang von Bank zu Bank, von Wand zu Wand, unterwegs allerhand Sachen zu Boden stürzend – endlich flüchtete sie vor den ausgestreckten Armen des Burschen und vor dem greulich drohenden Besen des Dirndls hinter einen großen Schrank. Jetzt war nichts zu machen. Und weil nichts zu machen war, lehnte die Hanele den Besen an die Wand, wendete sich in den Winkel und hub sachte an zu flennen.
  Ob sie sich weh getan habe, fragte der Veitl.
  Sie schluchzte erbärmlich, war keines Wortes mächtig; endlich begann sie zu lallen und zu klagen über die Falschheit der Männer. Wenn eine in Züchten und Ehren zurückhaltend sei und den Verlockungen des Liebsten nicht auf der Stelle Gehör gebe, gleich laufe der zu einer andern und benutze die gute Ausrede für seine Treulosigkeit.
  Der Veitl stand mitten in der Stube und warf ihr das Wort hin: »So?
  Aus lauter Züchten bist so hart gewesen auf mich! Hättest mich nach Amerika auswandern lassen aus lauter Züchten, hättest mich in Verzweiflung einen Selbstmord begehen lassen aus lauter Züchten und Ehren! Und zuletzt, Hanele, zuletzt nimmst mich doch?« »Freilich!« schrie sie und wollte auf ihn zueilen.
  Er trat einen Schritt zurück: »Aber ich nehm' dich nicht.«
  Ging zur Tür hinaus, sprang in den Wagen und fuhr davon, die Richtung gen Talham.
  Ein qualvoller Tag war das für Jung-Hanele. Und qualvoll war der Abend, als die Schwester heimkam mit ihrem jungen Manne. Der Maid Herz und Sinn war zu Talham beim Lindenwirt. Dort war ihre Hölle, und doch konnte sie ihre Gedanken und Vorstellungen nicht losreißen von dem Lindenwirtshause, wo nach ihrer Meinung der dümmste der Männer und die schlechteste der Frauenzimmer Verlobung feierten.
  Der dümmste der Männer war nicht bis Talham gefahren. Eine Stunde davor, bei der Waldenbühler Gewerkschaft, war er abgestiegen und hatte dem Rucker-Ferdl lachend einen schönen Dank gesagt. Der Ferdl hatte vom Holzknechte einen andern Fahrlohn auch nicht erwartet und fuhr mit seinem Wollenbündel lustig weiter nach Talham zum Weber.
  Der Veitl sprach in der Gewerkschaft um Arbeit zu, die er auch fand im dazugehörigen schlagbaren Dreibrunnbergforst. Er stand als Holzknecht ein für Jahr und Tag. Und Amerika? Ha, wer wird nach Amerika gehen, wenn's daheim zu roden gibt! Und der Revolver? Ha, wer wird das Bleikügerl sich in den Leib sprengen, wenn so viele Rehe umlaufen im grünen Wald! Und heiraten? Ha, ha, ha, wer wird's einer einzigen so gut meinen, wenn darob zehn andere Dirndln arg bös' werden! Wir bleiben unsers selber. – Der Waldberg ist steil, die Bäume sind hart, aber unser Holzknecht ist stark. Bei der Wochenarbeit freut er sich auf die Lustbarkeit am Sonntag, und bei der Lustbarkeit freut er sich wieder auf die Arbeit. Im Winter freut er sich auf den Sommer, wenn die Bäume leichter zu schlagen sind; im Sommer freut er sich auf den Winter, wenn die Blöcke auf Riesen und Schlitten leichter zu Tal zu bringen sind. Und Jung-Hanele ist ein Unband, an das er nicht mehr denkt.
  Aber Jung-Hanele ist auch ein Weib, und viel sinnt sie darüber nach, wie sie den ihr entkommenen Burschen wieder in ihre Gewalt bekommen könnte. Daß es mit des Lindenwirts Kellnerin nichts geworden, war ihr wohl ein rechter Trost; aber daß auf dem Kirchwege nun der Veitl gar gleichgültig an ihr – der Hanele – vorbeiging, als wäre sie eine Wegsäule, das bekümmerte sie schwer. ja, vor der Wegsäule rückte er fromm sein grünes Hütl, vor ihr rückte er gar nichts, tat, als wäre sie Luft und nicht einmal eine frische, denn er schnupperte mit der Nase, wenn er an ihr vorbeikam.
  Daß der Veitl gar so stolz und wegwerfend tat, war ihr übrigens ein tröstliches Zeichen: ganz gleichgültig ist sie ihm nicht; liebt er sie schon nicht mehr, so haßt er sie doch wenigstens, und das ist immerhin etwas... Jung Hanele kennt sich aus.
  Übrigens, wenn er falsch war, so kann sie auch falsch sein. Daß sie nach Amerika reisen will, kann sie freilich nicht aussprengen. Daß sie sich erschießen wird, glaubt man wahrscheinlich nicht, und daß sie lebendig in den Himmel fahren wird, glaubt man noch weniger. Das Gerücht vom Heiraten wäre schon recht, aber wenn's dann nicht dazu kommt, ist's für ein Dirndl um so schlimmer. Womit soll sie denn locken?
  Eines Tages ist in der Gegend große Neuigkeit. Dem Kaplan von Sankt Georgen ist sie vertraut worden, und der predigte sie von der Kanzel herab zum guten Beispiel: Die Wiesmeier-Tochter geht ins Kloster.
  »Um so was ist's schade!« meinten einige Mannsleut', die nur ihr arg schönes Lärvchen kannten. Allein, als Jung Hanele nachher auf dem Kirchwege wieder dem Holzknecht Veitl begegnete, sah sie zwar nicht, was er für ein Gesicht machte, denn sie schlug ihr Auge zu Boden, hörte aber, was er pfiff. Er pfiff das schöne Lied: »Z'Lauterbach han ich mein' Strumpf verlor'n.«
  Nun war's in einer der nächsten Nächte, als es in der Holzknechthütte des Dreibtunnbergforstes still geworden und die Holzleute der Reihe nach auf ihren Strohpolstetn lagen, daß der Veitl aus dem Schlafe redete. »Das Unband hat recht«, lallte er, »ins Kloster, dort braucht sie's nicht, was sie nicht hat.«
  »Von der Wiesmeierschen phantasiert er«, flüstert einer der Nachbarn zum andern. »Paß auf Freunderl, zwischen diesen zweien gibt's noch was.«
  »Ja, weil sie sich spinnenfeind sind«, meinte der andere.
  »Ah, ganz natürlich!« spottete der eine.
  »Die möchten einander am liebsten auffressen, mein Lieber!«
  »Das laß ich gelten, aber anders, als wie du meinst.«
  » – Für dort hat sie, was sie braucht«, lallte der Schlafende. Bald darauf allseitiges Schnarchen in der Hütte. – So war der Sommer vergangen und der Winter gekommen. Der ganze steile Berghang hinter der Hütte hinauf war abgeholzt, auf der weiten Schneefläche lag blendender Sonnenschein, und die Knechte waren munter beschäftigt, die gefällten und entästeten Blöcke in Haufen zusammenzuschleifen und dann in das Tal zu schaffen, wo die Kohlenmeiler standen. Die Holzknechthütte stand unter dem Schutze eines Waldschachens von uralten, wuchtigen Bäumen. Wenn dann die Holzknechte des Abends in der rußigen, rauchigen und doch traulichen Hütte ihre Mehlnocken kochten und verzehrten, wenn sie Tabak rauchten oder die aus Verstecken hervorgeholten Stutzen von Staub und Rost reinigten, da gab es allerhand Gespräche über Wald, der geschlagen worden war oder geschlagen werden sollte; über Rehe, die auf Schleichwegen erschossen worden waren oder erschossen werden konnten; über Bauernknechte, die bei der letzten Kirchweihe geprügelt worden waren oder bei der nächsten geprügelt werden müßten; über feine Dirndln, die schon geliebt worden waren oder demnächst geliebt werden würden. Der Veitl prahlte sich laut, daß er deren zwei oder drei habe und überhaupt so viele haben könne, als er wolle. Das war sonst nicht seine Art; der Meisterknecht, ein kluger, alter Bursche, schüttelte darüber den Kopf und dachte: den peinigt die Wiesmeierische!
  Solches schien zwar anders zu sein, denn eines Tages, als die Neuigkeit umging, Wiesmeiers Jung Hanele wäre schwer erkrankt, fragte der Veitl gar nicht weitet nach Art der Krankheit, sondern trillerte einen alten Ländler. – Er denkt gar nicht an sie.
  »Ich denk gar nicht an sie!« sagte er zu sich selber und sagte es zu jeder Stunde, Tag und Nacht. Da wird es wohl doch wahr sein, daß er nicht an sie denkt.
  Jung Hanele lag im Bette, von ihren Angehörigen umsorgt, und wimmerte vor Schmerz und schüttelte sich im Fieber und phantasierte im Schlaf. Der Arzt fühlte ihr den Puls, untersuchte ihre Lunge, ihre Leber, ihr Herz und wußte sich keinen Rat. Es war eine höchst unheimliche Krankheit! Der Puls ging ruhig, das Herz pochte gleichmäßig, die Körperwärme war eine gewöhnliche, und doch der kurze, zuckende Atem, und doch der Schmerz in der Brust und doch das Dahinliegen, das Wimmern und Irrereden im Halbschlummer! Die Schwerkranke verlangte den Geistlichen; der Arzt meinte, damit hätte es noch gute Weile; die Kranke verlangte, man solle in der ganzen Gegend für sie beten lassen; der Arzt meinte, das Beten schade niemals. In den Augenblicken, wo Hanele sich allein sah, atmete sie auf und konnte ein wenig austasten von ihrer schweren Krankheit. »Nun wird er doch kommen«, murmelte sie, »er wird ja hören von meiner Krankheit und wird doch kommen und mich besuchen und mich um Verzeihung bitten.«
  Aber er kam nicht. – Ja doch, er kam, er ging die Straße daher, er ging am Wiesmeierhofe vorüber, allein er blickte nicht auf zu ihrem Fenster, denn er unterhielt sich mit einem Nachbarsdirndl, in dessen Finger der linken Hand er die seinen der rechten eingehäkelt hatte. So trotteten sie dahin, schäkernd, lachend – und Jung Hanele sah es und hörte es. Da ward ihr namenlos schlecht, Hören und Sehen verging ihr, sie sank um, schlug ihr Haupt hart an die Wand, und als der Arzt wiederkam, fand er zu seiner Beruhigung an ihr einen fliegenden Puls, eine heftige Glut, ein tobendes Herz – kurz das schönste Fieber.
  Das dauerte ein Weilchen so, aber nun war es der Hanele wieder nicht recht. Ihr Vater, der Wiesmeier, tat zwar nicht viel desgleichen, denn auch er war ein harter Kopf. Allein sie merkte es wohl, daß er sich heimlich um sie grämte. Die Wiesmeierin war schon seit einer Weile tot, die eine Tochter war mit ihrem Manne nach Sankt Leonhard gezogen, so blieb ihm, dem Vater, nur noch die Hanele. Da nahm sieh diese oft vor, sie wolle sich alle Dummheiten aus dem Kopf schlagen und nur für ihren Vater leben – allein die »Dummheiten« saßen fester, als ein Mensch glauben mag. Manchmal kommt dem Menschen vor, sie seien ganz in seiner Gewalt, in seinem Belieben, er spiele nur so mit ihnen zum Zeitvertreib und könne sie ablegen, wann er wolle. Und wenn er sie eines Tages tapfer von sich werfen will, da merkt er, daß er's nicht kann, daß er von der Leidenschaft umsponnen, gefesselt ist und daß sie mit dem Menschen spielt, anstatt er mit ihr. Gerade so ging es auch Jung Hanele, welche dem alternden Vater leben und den jungen Holzknecht vergessen wollte, während sie doch beinahe das Umgekehrte tat. Zum Weinen war ihr oft, wenn sie sah, wie wenig sie ihrem Vater sein konnte, und doch sagte sie ihm nie ein Wort der Liebe – er tat's ja auch nicht. Weil aber ihr Herz Nahrung haben wollte, und weil der Holzknecht so gar nicht fort wollte aus der Erinnerung, so nahm sie sich vor, diesen Menschen recht gründlich zu hassen. Es würde schon einmal Gelegenheit sein, ihm etwas anzutun, etwas recht Arges!
  Gegen Weihnachten ging es, und alles rüstete sich zum heiligen Feste. Laue Lüfte wehten von den Bergen her, als ob Frühling käme. Jung Hanele hatte am Barbaratage vom spröde gefrorenen, mit Schnee bedeckten Kirschbaum, der hinter dem Hause stand, einen Zweig gebrochen, ihn in ein Wasserglas gesteckt und so an ihr Bett gestellt. Bevor noch der heilige Abend kam, hatte dieser Zweig zwei schöne zarte Blüten getrieben, gerade so, wie jener vor einem Jahre bei der Schwester, die nun einen Mann hatte, und gerade so wie der Kirschbaumzweig vor zwei Jahren bei einer anderen Schwester, die in dem darauffolgenden Sommer gestorben war.
  In der Nacht, die dem heiligen Abend vorausging, huben unten im Dorfe die Glocken an zu läuten. Die Hanele ward unruhig, stand vom Bette auf, hüllte sich in einen Lodenmantel und ging hinaus. Auch andere kamen hervor und horchten auf das Läuten. Sie glaubten anfangs, der Meßner habe sich um vierundzwanzig Stunden geirrt und läute schon zur Christmette. Bald merkten sie es, daß die Glocken um Hilfe riefen. Weitum in der Gegend stieg keine Feuersäule auf am Himmel, kein Flammenrot. Und doch verkündete das oft unterbrochene und dann wieder schrill einsetzende Geläute ein plötzliches Unglück. Jemand wollte aus der Ferne ein Donnern gehört haben. Mitten im Winter ein Gewitter? Die Gegend wurde lebendig, die Leute kamen immer zahlreicher aus den Häusern hervor, tiefen einander laut zu, redeten leise, aber aufgeregt und mutmaßten allerlei. Endlich sauste ein Schlitten daher, dessen Insasse schrie kurz und scharf heraus: »Vom Dreibrunnberg ist eine Lawine niedergegangen, hat die Hütte verschüttet mitsamt den Holzknechten!« Und rasch glitt er davon, um die Botschaft weiterzutragen.
  Nun war alles auf gegen den Dreibrunnberg. Mit Spaten und Schaufeln und Äxten und Stangen und Krampen, zu Fuß und auf Schlitten eilten sie dahin über die blasse Schneelandschaft. Der Vollmondschein war durch eine leichte Wolkenschicht gedämpft, und doch war es so hell, daß die Laternen, die vom heftigen Föhn ausgelöscht worden, nicht wieder angezündet werden mußten. Der Wiesmeier hatte an den großen Waldschlitten zwei Pferde gespannt, um also seine sieben Knechte zur Unglücksstelle zu befördern. Auch ein in den Lodenmantel eingemummter Halterjunge hatte sich auf den Schlitten geschwungen.
  Sie kamen an den Dreibrunnberg, sie stiegen aus, um den Hang hinaufzusteigen zum Waldschachen. Aber den Waldschachen fanden sie nicht. Ein kahler, ruppiger Schneehügel war da, hoch und weit ausgeböscht ins wirre wüste Trümmerwerk des Gehölzes hinein. An diesem Hügel arbeiteten bei rotem Fackelschein schon Männer, der Stelle zustrebend und grabend, wo die Hütte gestanden war. Vorne auf dem Platze, in Schnee gebettet, lehnten zwei der Holzknechte, die in der verschütteten Hütte gewohnt hatten. Sie wurden mit Schnee gelabt und als sie aus der Ohnmacht erwachten, schauten sie sehr betroffen um sich, wußten nicht, wo sie waren, und erzählten nachher von einem schaudervollen Sausen und Brausen und von einem Erdbeben, das alles verschlungen habe. Sie, die beiden, hätten noch einen Sprung gemacht zur Tür hinaus, da diese sich unter Krachen schon zu verschieben begann, wären dann in die Lüfte geschleudert worden – und weiter wüßten sie selber nichts. – Und die anderen, die Kameraden? – ja, die seien wohl auch aufgesprungen, hätten aber wahrscheinlich den Ausweg nicht mehr gefunden.
  »Veitl!« Das war jetzt ein gellender Schrei, wer ihn ausgestoßen, wußte man nicht. Der Halterjunge vom Wiesmeierhof hatte einen Eisenkrampen ergriffen und grub an Seite der übrigen mit größtem Eifer drauflos. Eine gesegnete Arbeit war's. Fünf Männer gruben sie aus dem Schnee; einer derselben war schwer, zwei waren leicht verwundet, die übrigen zwei unverletzt, nur betäubt. Der Halterjunge riß jeden empor, daß er ihm ins Gesicht sähe und setzte dann seine Arbeit fort.
  »Aber es ist ja niemand mehr drin!« rief ihm ein schwarzer Kohlenbrenner zu. Der junge, immer den Lodenmantel fest um sich gebunden, grub und grub.
  Einer der Männer riet, daß – nachdem die Rettung geglückt – man sich eilig entferne, denn oben am Berghange sei es unruhig und bald werde die zweite Lahn niedergehen.
  »Veitl!« stöhnte der Junge.
  »Ist ja schon voraus«, sprach ein Holzknecht.
  »Und ist er noch drin, so gnad' ihm Gott!« sagte ein zweiter. »Dann werden wir ihn ja wohl einmal finden. jetzt heißt's auf sich selber denken.«
  Die Fackel war ausgelöscht worden, die Männer verzogen sich, zwei Holzknechte trugen auf einer Bahre den schwer verletzten Kameraden. Über der ungeheuren Schneewucht war die stille dunkle Nacht, nur von dem Scharren und Graben des einen Krampens belebt. Denn der Halterjunge war geblieben, arbeitete unaufhörlich und grub sich in die Massen des Schnees.
  Zwischen Balken und Baumstämmen eingeklemmt und gleichzeitig geschützt lag der Holzknecht Veitl lebendig begraben unter der Lawine. Eine Weile mochte er nichts von sich gewußt haben, dann erwachte er, fühlte seine Lage und sein erster Gedanke war: Von einer Schneelahn verschüttet! Er hörte Männerstimmen, hörte Schaufeln und Graben, er wollte rufen, er hatte keine Stimme. Allmählich aber ward es stille. Na, gute Nacht, dachte der Bursche, jetzt wird gestorben. Aber langweilig hergehen wird's. Das Erfrieren und Verhungern geht schwer im Schnee, das Verdursten gar nicht. So eingeklemmt sein! Weh tut's. Nicht einmal in den Hosensack kann ich mit der Hand ums Messer. Ein Aderl aufmachen, und gleich wär's vorbei. Ah nein, wer weiß, ob's ihm recht wär'. Dem da oben, er hat's nicht gern, wenn sich der Mensch selber abtut. Und jetzt muß ich mich gut mit ihm stellen. – Schad' ums Mädel, daß ich's nicht hab' haben können. – Ich will ein paar Vaterunser beten... Das waren so die Gedanken des jungen Holzknechtes, der unter Schnee und Trümmern verzwängt lag. – Da hörte er knistern und graben. Er versuchte es nochmals mit dem Schreien. Ach, war das eine unheimliche Stimme! Vor seinem eigenen Schrei graute ihm. Das Graben wurde noch lebhafter und kam näher. Plötzlich fiel die Wand nieder. Eine wunderbare Dämmerung war vorhanden, in der standen Schneelasten, Bäume und ein Mensch, der jetzt mit dem Krampen einen Balken locker riß und so den eingeklemmten Menschen befreite. Zwei Arme zerrten ihn aus dem Gewirre, und als er frei war, ganz frei und aufrecht unter freiem Himmel stand, da warf der Retter sein Werkzeug hin und lief davon. – Das nächtige Dämmerlicht war hell genug gewesen, der Veitl hatte dem Burschen ins Gesicht gesehen, hatte gut gesehen, hatte mehr gesehen, als er in seinem Leben je zu sehen verhoffen konnte.
  Das Unband war's gewesen. – Natürlich nur ihr Geist, denn sie selber ist ja krank. Übrigens, gar so natürlich ist es doch wieder nicht wenn der Leib in Ohnmächten dahinliegt und der Geist tut mit einem Eisenkrampen verschüttete Holzknechte ausgraben...
  Der Himmel wurde immer heller, die Wipfel der wenigen noch ruppig aufragenden Tannen standen nicht mehr schwarz drin, sondern grünten sich. Ein Spätzlein zwitscherte. Der Veitl stand so herum und rieb sein Bein. Ein paar Dachbretter lagen im Schnee, eines mitsamt der Firstlatte hing hoch am arg zerzausten Baumast. Sonst von der Hütte keine Spur. Die Schachenbäume waren zerrissen, geknickt, gespalten, ragten teils nur in splitterzackigen Strünken aus den Schneemassen hervor. – Was wird's mit meinen sieben Kameraden sein, dachte der Veitl und war unentschlossen, ob er um Leute gehen oder gleich selbst an der Stelle Hand anlegen sollte. Da hub es an zu donnern, hoch oben am Berghange wurde es lebendig – der Veitl lief in großen Sätzen quer seitab und bald war Baum und Busch eingehüllt von einer ungeheuren Schneestaubwolke. Den Holzknecht hatte eine unsichtbare Macht in einen Wacholderstrauch geschleudert, aus welchem er nach einiger Zeit langsam wieder aufstand, um zu trachten, daß er weiter komme. – Mir scheint, sagte er zu sich selber, der Herrgott fegt heute die Welt aus und unsereiner steht ihm überall im Wege um.
  Als er im sicheren Tale auf der glattbeschlitteten Straße dahinging, hörte er zur Rechten und zur Linken von den Bergen her das hohle Sausen niedergehender Lahnen; von manchen, die in fernen Seitentälern abfuhren, dröhnte in den Wäldern nur der Widerhall. Unterwegs fand der Holzknecht auch zwei seiner Kameraden, und er sah und hörte, daß alles gut war. – Wohin wandert jetzt der Veitl? Daran hatte er selbst nicht gedacht – die Füße wußten es besser.
  Im Wiesmeierhof war alles beschäftigt mit Vorbereitungen zum Christfeste; im Ofen buk es, auf dem Herde briet es, in den Stuben scheuerte es, in den Ställen legten Knechte dem Viehe frische Streu. Der Wiesmeier selbst schritt schon im Feiertagsgewande umher, um überall nach dem Rechten zu sehen. Der Holzknecht Veitl, welcher in den Hof trat, wich dem Bauer ein wenig aus, hingegen fragte er eine alte Magd, die im Vorhause den Fußboden wusch, nach jung Hanele.
  »Hanele? Die wird halt in ihrer Kammer sein«, war die kurze Antwort, die übrigens dem Fragesteller vollkommen genügte. Denn ihre Kammer wußte er zu finden. Heute klopfte er nicht erst artig an, hatte auch keine Ursache, die Klinkel so leise als möglich zu drücken. Schier herrisch trat er ein, und fest trat er auf. Sie saß vollständig angekleidet und mit feuchten Schuhen an den Füßen bei ihrem Bette, sie war eben damit beschäftigt gewesen, die ineinandergeklammerten Hände in dem Schoße, vor sich hinzustarren. jetzt sprang sie auf und machte sich eifrig mit ihrem Gewande zu tun.
  Schweigend trat der Bursche zu ihr hin, um mit beiden Händen ihre Rechte zu ergreifen. Sie zog ihre Hand zurück und blickte ihn mit kaltem Erstaunen an.
  Er stutzte und sprach: »Nun, Hanele!«
  »Nun!« sagte sie mit einem überaus harten Blicke. Was soll das bedeuten? Was hast du hier zu suchen? So fragte dieser Blick. Der Bursche wagte rasch ein zweites, er wollte seinen Arm um ihren Nacken legen und einen Kuß drücken auf ihren Mund. Sie stieß ihn heftig zurück.
  Einen Augenblick starr stand er vor ihr. Dann sprach er die Worte:
  »Was soll das sein? Du grabst mich mit eigener Lebensgefahr aus der Lahn, und jetzt –«
  »Ich dich aus der Lahn graben!« lachte sie grell auf. »Das kunnt mir nicht im Traum einfallen.«
  »Ich hab' dich gesehen, du bist bei mir geblieben, wie sie mich all' verlassen haben, du hast mich gerettet!«
  »Und wenn's wär'!« entgegnete sie. »Was ging' dich das weiter an! Ich hätt' nur meine Christenpflicht getan und einem Zigeuner gerad' so gern, oder lieber, herausgeholfen. Darauf bilde dir nichts ein!«
  Scheinbar bewegungslos stand der Veitl da, aber jedes Äderchen an ihm tobte, schier um einen Kopf höher wuchs seine Gestalt.
  »Hana!« rief er plötzlich gellend aus, »kannst denn du kein Mensch sein? – Unband! Mein Weib mußt du werden!« Wütend stürzte er auf sie hin, riß sie an seine Brust, mit ehernen Armen hielt er sie fest, so fest, daß sie atemlos und ohnmächtig war.
  In so glühendem Zorne hat noch keiner gefreit, als es jetzt der Holzknecht Veitl getan.
  Und jung Hanele? Als sie seine unbändige Kraft empfunden, hat sie sich nicht mehr gewehrt. Wie schmelzendes Wachs am glühenden Eisen, so sank sie hin, sank vor ihm aufs Knie, hielt mit beiden Armen sein Haupt fest an das ihre, daß sie seine Glut erwidern konnte. Und als ihm schon die Sinne vergingen, küßte sie noch heftig seine Lippen, seine Augen, sogar den Scheitel seines Hauptes, und konnte nicht aufhören.
  So fand sie der Wiesmeier. Erst als dieser seine Tochter losriß aus den Armen des Burschen, kam Sie zu sich. Einen Schrei stieß sie aus, verdeckte ihr Gesicht mit den Händen – zu Tode wollte sie sich schämen, daß es so plötzlich über sie gekommen war. Daß sie sich zu gleicher Zeit unaussprechlich elend und unaussprechlich selig fühlte, wer glaubt's nicht? – Mit einem kurzen herben Worte wies der Bauer den Holzknecht zur Türe hinaus; ohne ein Wort zu sagen, ging der Veitl davon. Und jung Hanele? Sie stand stramm da, ballte die Fäuste und blickte finster auf ihren Vater.
  Dieser tat den Mund auf: »Es geht ja recht lustig her bei dir in der Kammer!«
  Sie gab ihm keine Antwort. Sie wendete sich, ging zur Türe hinaus und dem Holzknechte nach.
  Dann haben sie geheiratet. Vor der Hochzeit gab es noch manchen Sturm. Und nach derselben? Das geht uns nichts mehr an.
  Als der Veitl und die Hanele nach fünfundzwanzig Jahren in einem Kreise von prächtigen Kindern – auch ein Enkel war schon dabei – die silberne Hochzeit begingen, es war erst vor kurzer Zeit, da vertraute der Bräutigam dem Brautführer das Folgende an: »Meine Hanele, das ist eine! So schwer die zu kriegen war, so leicht ist sie zu behalten. Ein braveres Eheweib kannst nimmer finden, aber wenn ich sagen wollt', sie hätt' mir auch nur ein einzigmal mit einem einzigen Worte gestanden, daß sie mich gern hat – so müßt' ich es lügen. Das ist eine!«
  Der Brautführer trank auf ihr Wohl. Dann ging er heim und schrieb auf diese Blätter die Geschichte von Jung Hanele, der Trutzigen.




  Peter Rosegger
  Die Zuchtdirn
  Warum der liebe Herrgott gerade arme Leute so häufig mit reichem Kindersegen überschüttet? –
  Das Darum liegt nicht allzu ferne, nur bezieht es sich bloß auf das Mittel und nicht auf den Zweck.
  Wenn ein Taglöhner im Gebirge mit zwölf Gulden Monatserwerb dreizehn unmündige Kinder hat, so ist dieses Zahlenverhältnis ein hinkendes, und man meint, der Volksglaube habe recht, das dreizehnte müsse sterben – an Hunger. Es kommt aber doch vor, daß keines stirbt, daß alle rote Backen haben und groß und kräftig wachsen. Wo eine sorgsame Mutter waltet und die wohltätige Frau Natur Pate gestanden, da tut der Taglohn des Vaters oft gar nicht viel zur Sache.
  Anders ist es, wenn in dem armen Hause sich noch der Leichtsinn zu einem Familienmitgliede zählt oder wenn eine Krankheit oder ein anderes Unglück als Gast einkehrt. Solche Hausgenossen drücken auf die holden Kinderstirnen den Kuß des Elendes, und mit diesem Kainszeichen müssen die Armen hinaus in die Weit, und sie werden geflohen oder verachtet, und sie finden keine Heimstätten außer in den Zuchthäusern oder Siechenanstalten. Nicht die Entbehrung ist der Fluch der Armut, sondern die Verwahrlosung der Kinder. Freilich wohl wachsen sie auf »wie die Bäume im Walde«, aber dann gehören sie auch in den Wald und nicht in die Menschengesellschaft.
  Für die Burschen ist's noch ein Glück, wenn sie zu den Soldaten kommen, obwohl sie in der Regel das durchaus nicht wollen, denn mit dem Gehorsam und mit der Ordnung stehen sie auf bösem Fuße. An Bauernhöfe verdingen sich solch verwahrloste Jungen nur ungern; auch das fruchtbare Flachland sagt ihnen selten zu, oder das Heideland, auf welchem sie sich durch Fleiß und Arbeit kleine Bauerngüter erwerben könnten. Sie suchen das Gebirge, werden Holzhauer, Köhler, Wurzelgräber und verlegen sich auf das Wildern. Könige des Waldes zu sein ist ihr schönster Traum, und wenn sie lesen könnten, die Geschichte von dem bayrischen Hiesel hätte für sie den meisten Reiz.
  Die Töchter armer Leute des Berglandes haben ein gleichwohl nicht viel günstigeres Schicksal, das sich aber dann und wann zum Besseren wendet. Kommt eine reiche Bäuerin in die dunkle Hütte des Taglöhners, teilt unter die Kinder, die sich furchtsam in die Winkel flüchten wollten, Semmeln oder Kreuzer aus und sagt zu einem oder dem andern: »Bist aber sauber, du. Gehst mit?« Und zu der Mutter:
  »Wieviel hast denn nachher?«
  »Liebe Zeit, fünfe hab' ich halt noch daheim.«
  »Willst mir ein Dirndl lassen? Etwa dasselbe schwarzäugig beim Ofenwinkel? Ich zieh' dir's auf, und bei mir hat's eins gut.«
  Da tät sich die Hofbäuerin wohl einen Staffel in den Himmel bauen. Geh, Agerl, küß geschwind der Frau Mahm die Hand. Dir ist jetzt dein schwarzes Stückl Brot in den Honigtopf gefallen.
  Und so wird's abgemacht. Für das Agerl hat gleichwohl die schönste Zeit des Menschenlebens nun ein Ende: es muß Vater und Mutter und Geschwister verlassen, zieht fort von der Heimathütte und zu dem reichen Bauernhof mit den schönen Rindern und Schafen und Pferden, mit dem zahlreichen Gesinde – wird dort Fußschemel, Waschhadern, Aschenbrödel, die Zuchtdirn.
  Mali, die Tochter des Hauses, ist vielleicht im gleichen Alter mit dem Agerl, allein sie mag nicht recht Gemeinschaft haben mit dem »Bettelkind«, so treuherzig sich dieses auch an sie anschließen will. Aber es ist ihr doch recht, daß das Mädchen ins Haus gekommen, nun braucht sie nicht mehr die Hühner zu hüten, daß sie der Geier nicht holt, das Agerl tut's, nun hat sie jemanden, dem sie die abgetragenen und aus der Mode gekommenen Kleider schenken kann, damit sie neue bekommt.
  Das Agerl wird größer. Da sagt der Altknecht: »Ein so großes Mensch da und Hühner halten. ‘s ist eine Schand'! Treib die Schafe auf die Heid', treib die Kühe in den Wald, und trag dabei Holz zusamm' und brock Schwämm, daß du was ausrichtest, ist gescheiter!«
  Nach bestem Wissen und Können folgt das Mädchen der Weisung:
  und nun muß es den ganzen Tag über auf der Heide bleiben oder im Walde, und es bekommt nur ein Stück Brot mit. Bloß ein Stück Brot, das macht der kleinen Halterin kein Herzeleid, sie weiß ja frische Quellen, und neben dem Wässerlein wächst Waldkresse – das ist ein gesundes Mittagsmahl. Angstvolle Stunden sind's, wenn in den Hochsommertagen ein Gewitter naht: da fürchtet sich das Agerl so sehr, es könne der Blitz einschlagen und sie töten mitsamt der Herde:
  Oft gehen Gerüchte umher, es sei ein Bär oder ein Wolf oder gar ein Wildschwein in der Gegend – was unsere Hirtin in solchen Zeiten leidet, ist nicht zu beschreiben. Aber getreu hält sie aus bei ihren Schutzbefohlenen, die ihre besten Freunde sind. Am späten Abend zurückgekehrt in den Hof und zu den Menschen, ist ihr nicht viel wohler als draußen in den Gefahren des Waldes. Jedes schafft und befiehlt ihr mit harten Worten. In der Küche soll sie das Geschirr abreiben, in den Ställen die Streu zurechtfassen, in der Stube den Boden scheuern, vom Brunnen die Wasserkübel holen, oben soll sie sein und unten soll sie sein. Und wenn in der Wirtschaft irgendwo was schiefgeht, was ungeschickt gemacht, was zerbrochen wird – das Agerl hat's getan – an allem ist das Agerl schuld, die Zuchtdirn.
  Und wenn der Knecht auf den Bauer einen Zorn hat, etwa wegen zu magerer Kost, wegen zu langer Arbeit und zu kurzen Feierabenden, so schilt er die Zuchtdirn. Wenn sich die Magd mit der Bäuerin zerschlägt wegen heimlicher Wäsche oder geradehin wegen des Liebsten, so schilt sie die Zuchtdirn; und wenn der Stallbub die Ochsen schlägt und er dafür vom Bauer eine Rüge bekommt, so schlägt er nicht mehr die Ochsen, aber die Zuchtdirn. Da geht das Mädchen wohl hin zur Bäuerin und sagt weinend: »Mutter, die Leut' gehn all so viel los auf mich!«
  Und die Bäuerin entgegnet: »Haben schon recht, das ist dir gesund, mußt auch was gewohnt werden.«
  Und die Mali will gar nicht mehr reden mit der Zuchtschwester, sondern blickt sie über die Achsel an und brummt: »Bist ein Patsch, und das sieht man gleich, wo du her bist. Wärst blieben in deinem Hungerleidkotter und hättst Birnstingel kloben.«
  Aber schau, so sehr können sie das Agerl doch nicht niederhalten, daß es nicht nach und nach aufwüchse schlank und frisch, daß es nicht glatte Flachshaare und blühende Wangen bekäme, daß sich an ihm nicht nach und nach das Busentuch wölbte über zwei sanfte Hügelchen. Und so merkwürdig hat sich nun die Zeit gewendet: der Knecht mag einen noch so großen Zorn haben auf den Bauer, so schilt er nicht mehr die Zuchtdirn; der Stallbub mag noch so rauflustig sein gegen die Ochsen und gegen die Menschen, so schlägt er nicht mehr die Zuchtdirn. Im Gegenteile, er wird gegen dieselbe zartsinnig, liebevoll.
  Aber je mehr das Agerl in der Achtung der Knechte steigt, desto mehr sinkt es in jener der Mägde, der Bäuerin und der Tochter des Hauses.
  Die Bäuerin hat gar bemerkt, daß Fremde lieber dem Agerl nachblicken als der Mali. Ist nicht die Mali die Tochter des Hauses? Hat nicht die Mali die feinen, glatten Hände, und hat nicht die Mali wohlriechende Nelkenöltröpfchen im Haare? Trägt ferner die Mali nicht das neue Samtjöpplein und die goldene Kette um den blühweißen Hals? –»Du, Agerl« schreit die Bäuerin einmal. »Trag deinen geflickten Kittel und geh barfuß, heuer kriegst kein Gewand und keine Schuh', das sag' ich dir. Und kämm mit am Sonntag das Haar nicht alleweil so glatt, bind das braune Tüchel um den Kopf und zieh dir s sittsam über die Augen herab, und duck dich schön zu Boden und versteck dich in der Kirchen ins hinterste Winkel, daß dich niemand sieht: ‘s mag dich so kein Mensch anschauen, bist gar nit so sauber wie du meinst. – Hoffart! Das ging mir noch ab bei der Dirn: da soll sie lieber wieder den Bettelsack auf den Buckel nehmen und um ein Häusel weitergehen. Schau!«
  Und das Agerl befolgt die strengen Worte der Bäuerin auf das gewissenhafteste. Ein kurzes, dunkelrotes Kittelchen und ein braunes Lodenjöpplein trägt es; und daß es das Kopftüchlein über die Augen herabzieht, tut ihm sogar sehr wohl, denn wenn ihm die Burschen oft so in die Augen geguckt hatten, das war immer ein Stich im Herzen. Barfuß geht es die ganze Woche, ob auf steinigem Grunde, ob über die Nesselheide.
  Wenn des Nachbars kleines Büblein, das auch keine Schuhe hat, in dem Gestrüppe und Gesteine der Heide nicht weiterkommt. und zuletzt gar laut zu weinen anhebt, so eilt das Agerl herbei, bückt sich zu ihm nieder und sagt: »So, jetzt klettere mir da aufs Genick, und reck die Füßl auf beiden Seiten vor, und halt dich gut an meinen Kopf: aber gib Fried, sonst lass' ich dich fallen!« Und so trägt das Mädchen den Kleinen über die Hindernisse hinweg. Indes, das Büblein ist zum Dank dafür oft recht unartig; wenn es sich gerade einmal fest und sicher an das Agerl geschlungen und geklammert hat, hebt es mit den Füßen langsam an zu krabbeln und zu zappeln, so daß das Mädchen kichernd schreit: »Du vertrackter Bub, du kitzelst mich ja! Ich schmeiß' dich weg!« Aber es tät's doch nicht, selbst wenn es könnte.
  Mit den Burschen wird das Agerl nach und nach anbandeln – das fürchtet die Bäuerin am meisten, sie hat das Mädel ja auf dem Gewissen. Holzapfelessig gießt sie auf die Haken und Bänder der Tür, welche in Agerls Schlafkammer führt; und jetzt soll nur einer kommen in der Nacht! Sobald er die Tür nur anrührt, schreien und winseln es die rostenden Angeln aus, daß das ganze Haus davon erwacht. Das will sie doch sehen, die Bäuerin, ob man so einem jungen Volke nicht genugsam werden kann.
  Wohl ist auch die Mali schön und hat ein süßes Blut, doch die ist gescheiter, die bewahrt sich schon selbst. Und sie wird ja ohnehin bald einen Mann haben, sie kann sich einen aussuchen, sie ist eine reiche Bauerstochter.
  Und es kommen die Freier. Freundlich grüßen sie das Agerl, das in seinem einfachen Kittelehen in Haus und Hof emsig seinen Arbeiten obliegt, und sie sagen zur Bäuerin: »Dein Töchterl, gelt?«
  »Bei Leib nit, bei Leib nit!« entgegnet die Bäuerin schnell. »Na, das wär nit übel, wenn ich so einen Patschen da zur Tochter hätt'! Eine Zuchtdirn. Kann sich ja gar nicht schicken und so einfältig ist sie – zu Tod' tät' ich mich schämen mit so einem Kind. Ein Bettler-Balg ist's, und ich hab's aus Barmherzigkeit ins Haus genommen, vor – Mali, wie lang ist's schon, daß wir die Betteldirn ins Haus bracht haben?«
  Nein, wahrhaftig, verrückte Leut' sind diese Freier; sie hören gar nicht, was die Mali antwortet, sie sehen in einem fort nur dem Agerl zu und lächeln und stellen gar Worte an die Zuchtdirn.
  Sie haucht nur »ja« oder »nein« und blickt unverwandt auf die Arbeit und wird glutrot im Gesichte.
  Die Freier gehen wieder davon.
  Mali und ihre Mutter können es gar nicht begreifen, und letztere sagt: »Ich bitt' dich, liebes Kind, so sei doch recht freundlich, wenn fremde Leute kommen, und halt dich sauber!«
  Das Agerl darf aber nun nie mehr zu Hause arbeiten; es muß mit dem alten Knecht in den Wald, muß Bäume umhauen und absägen helfen, oder es muß auf dem Felde die ausgeackerten Steine wegschleppen – Arbeiten, die sonst von kräftigen Männern verrichtet werden.
  Zu Weihnachten aber bekommt die junge Magd keinen Jahrlohn, denn sie ist eigentlich und jetzt auf einmal »ein Kind vom Hause«. Sie bekäme Plätze mit besserer Pflege und mit Jahrlohn; sie darf aber nicht fort, die Hofbäuerin hat sie auferzogen; und sie will auch nicht fort, sie will dankbar sein für die Wohltat, und sie harrt aus in Fleiß und Arbeitsamkeit und in geduldiger Ergebung.
  An Sonntagen auf dem Kirchwege suchen sich Burschen zu ihr zu gesellen, wollen sie ins Wirtshaus mitnehmen und ihr Wein und Kaffee zahlen.
  »Dank gar schön! Wir haben schon daheim was«, entgegnet das Mägdelein und eilt davon.
  Und die Mali ist noch immer ledig, und die Freier fragen noch immer, auf das Agerl deutend: »Ist das dein Töchterl, Hofbäuerin?«
  Das wird der Hofbäuerin endlich zu toll, und sie meint, das müsse anders werden. Sie nimmt Baumöl und bestreicht damit die Haken und Bänder der Tür, welche zu Agerls Schlafkammer führt, so wie sie dieselben einst mit Essig begossen hat. Nun werden sie kommen, die Knechte in bloßen Strümpfen, die Burschen der Nachbarschaft, die Türe wird sie nicht mehr verraten; in einigen Monaten werden die Freier nicht mehr nach der Zuchtdirn fragen.
  Aber das Agerl schiebt an jedem Abend fürsorglich den Holzriegel vor die Tür.
  Da kommen eines Tages der junge Hochriegler und sein Pate ins Haus. Sie fragen zuerst, ob keine Kalben zu verkaufen, sie gingen im Viehhandel um. Später, so beim Pfeifenstopfen, läßt der junge Hochriegler das Wort fallen: »Ist das Agerl nicht daheim?«
  »Die Dirn ist im Holz.«
  »Ich mein', wir suchen sie ein wenig auf, Göd«, sagt er zum Paten, und sie gehen dem Walde zu.
  Die Bäuerin schaut nur so. Ja, was wollen denn die mit der Dirn?
  Sie erfährt es bald, denn es geht schnell: Das Agerl wird Hochrieglerin – könnte jetzt seine Ziehmutter über die Achsel ansehen, denn der Hochrieglerhof ist das größte und wohlbestellteste Bauerngut in der ganzen Gegend.
  Bei der Hochzeit geht die Hofbäuerin immer Arm in Arm mit der jungen Braut und sagt: »Nein, aber die Freud', die ich hab'! Den heutigen Tag vergess' ich mein Lebtag nit. Dein Glück geht mir zu Herzen, Agerl, und wenn du meine leibliche Tochter wärst, lieber könnt' ich dich nicht haben, das kann ich wohl sagen. Allweg ist's meine größte Sorg' gewesen, daß du bei mir was gelernt hast und brav geblieben bist. Und das kann ich mir nit verhalten«, fährt sie lispelnd fort, »wenn ich dich dem Hochriegler nicht alleweil so angelobt hätt', du wärst heute nicht die vornehm' Bäuerin.«
  Und zu Hause schlägt die Hofbäuerin vor Unmut drei Töpfe zusammen und brummt in sich hinein: »Sein Lebtag, da kann man wohl sagen, da hat eine blinde Henn' ein Weizenkorn gefunden. Eine Ungerechtigkeit ist jetzt auf der Welt – ‘s ist eine Schand' und ein Spott!« –
  Nicht alle Ziehmütter sind so böswillig, und bei weitem nicht alle Ziehtöchter heiraten reiche Bauernsöhne. Viele dieser verwaisten Kinder verkommen und verkümmern körperlich und geistig aus Mangel an Pflege oder unter der Wucht der Arbeit, welche ihnen über ihre Kräfte auferlegt wird Den leiblich Ausgebildeten wird nach ihrem zwanzigsten Jahre regelmäßig das Schürzenband zu kurz, es mag Baumöl an die Türangeln kommen oder Holzapfelessig.




  Peter Rosegger
  Das Felsenbildnis
  In einem kleinen Tale der Wildnis stand eine einzige Hütte verlassen und verloren. Die gewaltigen Hochwaldbäume, aus denen die Hütte gezimmert war, trugen zum Teil noch ihre Rinden, unter welchen behende Käfer und nagende Würmchen hausten. Aber das Holz war hart geworden; länger als vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte Gezimmer emporgesprossen war als junger, grünender, säuselnder, wohldufthauchender Wald. Das flache, steinbeschwerte Dach war vermoost, es wuchs ein hellgrüner Filz darüber, es wuchs Wildfarn darauf und dort und da guckte ein Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt Samenkörnchen auf das Dach gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache verbleiben und gegen Himmel wachsen zu einem großen Baum.
  Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück in den Schoß der Natur.
  Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim genannt.
  Über der sehr niedrigen Tür an der Wand war mit einer Kohle in einem dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war die ganze Sach' anheimgestellt.
  Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein Sonnenblick gefallen in dieses Tal, und wie der Morgen und der Abend auch glühen mochten oben an den lustigen Zinnen und Alpenhörnern, es war in dieser Tiefe nicht zu sehen.
  Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.
  Einst standen sechs Hütten in der Talschlucht. Sie waren da seit undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Äckerlein, die von den Vorfahren zwischen den grauen Felsblöcken und Schuttriesen waren ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den Matten des kleinen Tales Futter fanden.
  Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es kamen andere.
  Da war – so haben die ältesten Leute des Alpentales erzählt – ein weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis in das schattige Tal. Die schneeweißen Haare dieses Mannes waren so lang gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Riffe. Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber die Leute hatten ihn hell ausgelacht und übermütig geschrien: »Geh, Du alter Eisbär, wickle Dich in Deine Haare ein, so hast Du Dach und Fach wohl für jegliche Sturmnacht!« – Darauf hatte der Kräuterer nichts entgegnet, sondern war wieder aufwärts gestiegen von Gestein zu Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war ein Berggeist gewesen, der die Menschen hatte prüfen wollen, und als darauf die Nacht gekommen war, da ist er wieder herabgefahren gegen das Tal und seine langen Haare haben Felsen gesprengt, haben mächtige Furchen und Schründe gerissen im Gebirg – und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet, und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Teil ist verschüttet worden mitsamt seinen Hütten und Bewohnern. – Und wie die übermütigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so hat der Berggeist zuletzt sie allsamt ausgelacht. – So die Sage.
  Eine wilde Natur-Revolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer lag nun im Tale und durch dasselbe hin wälzte sich der Gletscherbach, breit und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute ging da sein Bett, morgen dort, das ganze früher so bräutliche Tal gehörte dem Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt aufgebaut, blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch des Wacholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der Berggeist Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben und Eidechsen glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen schneeweiße Sandriesen und graue Schutthalden, in denen es allfort leise rieselte und rieselte. Wie viel tausendjahre, bis das ganze, gewaltige Hochgefelse niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein, wer rechnet hier mit Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der Alpen nachbaut herauf aus dem Urgrunde der Erde!
  Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen Erdgelände hinan, auf welchem Sträuche und verknorrte Fichten und Lärchen mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen Wildwachszunge, die einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von dem Talsande des Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene Häuschen. Das allein war übrig geblieben von der kleinen Hüttengemeinde im Felsentale, und das war die einzige und letzte Menschenwohnung weit und breit. Von zwei Wänden nieder lag und sickerte ein breiter, schwerer Schuttstrom; er würde längst niedergetost sein auf das arme Häuschen, wenn er nicht ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn aufgehalten und nach links und rechts seitwärts geleitet worden wäre, so daß auf dem Hange unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und die Hütte stehen konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in dem Steinstrome des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.
  In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.
  Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Köhlerdirn gewesen, deren Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und jämmerlich zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber alljährlich kaum mehr, als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet von den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein Weib und sein Kind das gut' Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren durften. Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht geriet er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Kohlenbrenner her, es entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die Felswand hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der unten in der Tiefe stand. Keinen Atemzug hat der Kohlenbrenner mehr getan. Der Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen daheim sah allfort zum Fensterchen hinaus und wartete auf den Vater.
  Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von der Geschichte und sollte der Waise die Nachricht überbringen.
  Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. »Verlösche es nicht, Hilda«, sagte der Hans, »es brennt auf der Welt sonst kein Licht für ihn.«
  Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater ausgesehen, hat sich verschlossen im Köhlerhause und hat geweint.
  Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: »Hilda, ich habe mir gedacht, da Du jetzt keinen Vater mehr hast, so sollst Du einen Mann haben.«
  Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren, der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust genoß.
  Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok war ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er war blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen Händen. Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht reden. Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort »Hans« konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er seit seinem ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres Vaters. Mit seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem Wildbache gefischt; mit seinem Bruder hatte er die letzte Träne der in Armut und Kümmernis sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte des verscheidenden Vaters gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles und Einziges war, mußte der Jok unsagbar lieb haben, ihm nahm er im Tagwerke die schwersten Arbeiten unter der Hand weg; ihm schob er beim kaum erklecklichen Mahle, das sie gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes zu sich nahmen, die besten Bissen zu. Und als der Hans das Weibchen in's Haus brachte, lächelte der Jok glückselig, und als der Jok das neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er vor Freude und haschte gleich mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen Wesen.
  Das Auftechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt, aber gern und behendig kletterte er mit allen vieren wie die Ziegen und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für eine Schmeichelei, denn mit den Tieren hielt er's immer gern. Aber dem Schründenhans tat der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge und seine Faust: »Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?«
  Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: »So Leut' verstehen keinen Spaß.«
  Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben Herrgott. »Vater unser«, sagte der Hans, und legte seine rauhen, waldharzigen Hände recht innig zusammen, »nicht meinetwegen red' ich, aber unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund, und daß es ein braver Mensch mag werden.«
  Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: »Gegrüßt seist Du, Maria, und ein warm Pelzlein für den heurigen Winter tät mein Bübel wohl brauchen!«
  Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddoff; er hütete daheim stets das Haus und die Ziegen, und kletterte an den Hängen hin auf allen vieren, und pfiff wie die Gemse, und bellte wie das Reh.
  Von all' den Bewohnern der wilden Öde war es seit jeher keinem bewußt geworden, daß sie mitten lebten in der Größe und Herrlichkeit der Natur, und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig meißelte. Sie hatten kein Auge für die wilde Erhabenheit ringsum. Nur zu dem Felshorn, das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen Leute zuweilen auf, aber auch nicht, weil dieser Turm als Wall ihr Beschützer war, sondern einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn stellte nämlich in seiner Auszackung und Durchfurchung ein kolossales Bildnis vor, eine sitzende Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.
  »Da ist Unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der Erden«, so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felstales, den auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.
  Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der Felsturm war die Himmelskönigin mit dem Scepter und der zackigen Krone; von der Tiefe aus gesehen saß sie auf dem Throne und hielt das Kind.
  Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die Talschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu dem sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit gestanden haben mochte.
  Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und sich die Tafeln sanft zu röten begannen, klang von dem Marienbilde ein Ton herab wie das ferne Läuten einer Glocke. »Die Himmelschöre singen Unserer lieben Frauen den englischen Gruß«, sagten da die Hüttenbewohner, und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.
  Der Ton kam von einer Spalte, welche zwischen dem Throne und dem Marienbilde klaffte und durch welche der Morgenwind blies. Das war nicht seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde gegangen im Felsentale, sangen die Chöre.
  Sollten aber nicht immerdar so singen und läuten. Da kam nun ein Sommer und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen der Aveglocke in ein tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen übergegangen war.
  »Hans«, sagte da die Hilda einmal, »die Engel läuten nimmer. Was ist Unserer lieben Frau angetan, daß sie so bitterlich tut weinen?«
  »Wohl, das hab' ich auch schon bedacht«, antwortete der Hans, »ich hab' herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl recht sündig, aber dasselb' kann ich sagen, schlechter bin ich nicht, wie eh' vor Zeit. Leicht hab' ich mein Bübel zu gern und tu' es in allzu großer Lieb' verderben.«
  »Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so tut weinen«, meinte das Weib, »ich will neun Tag' fasten und das Essen der blinden Bachwabi hinausschicken in das Waldland.«
  Sie tat das Buß- und Liebeswerk, auf daß ihr ermordeter Vater erlöst sein sollte, aber das Marienbild oben weinte und weinte.
  Da sagte die Hilda einmal, am Ende sei gar die Zeit nahe, in welcher nach Prophezeiung der Vorfahren der Drache wieder hervorbreche, der in irgend einer Höhle der Felsen lauere.
  An das dachte Hans nicht, obwohl der klägliche Ton von dem Bilde, der zur Morgenfrühe und gar zuweilen auch mitten in der Nacht zu hören war, ihm eine tiefe Besorgnis verursachte. Oft, wenn er nach der Tageslast im Schlummer ruhte, oder ein liebliches Bild aus Kindeszeiten träumte, erwachte er plötzlich und hörte das schauerliche Weinen.
  Und eines Tages, da stieg der Hans die Halde entlang und kletterte hinan bis zu dem Felshorn, und an demselben empor, so weit es ging, und prüfte das Gestein. Die Hilda stand vor der Hütte, hielt die flache Hand über die Augen und blickte hinauf. Wie wenn über den Arm der Mutter Gottes und über dem Haupte des Jesuskindes eine Fliege krabbelte, so war von dieser Ferne ihr Mann zu sehen.
  Als der Hans hierauf wieder herabkam zur Hütte, war er sehr schweigsam. Er setzte sich zur Wiege seines Kindes und wiegte. Er sagte dabei kein liebkosend Wort wie sonst; er sang kein Liedlein. Still und schier wehmütig blickte er den lächelnden Kleinen an. Der Jok grinste zum Fensterchen herein und kicherte und tat unverständliche Laute. Der Hans glaubte ihn zu verstehen und reichte ihm ein Stücklein Brot durch das Fenster.
  Aber nicht Brot wollte der Jok, viel lieber an der Wiege wollte er sein; allweg wollte er das Büblein tragen und herzen.
  Das Weib saß am Herdwinkel und sonderte in Körben die gesammelten Pilze und Kräuter, die für den Winter bereitet waren.
  Als sie lange so still gesessen waren, sagte der Hans halblaut: »Da oben schaut's nicht gut aus. Mein Großvater hat oft erzählt, er hätte nicht einmal seine flache Hand in die Felsenspalte legen können. Mein Vater hat schon leicht die Faust hindurchgebracht, und jetzt –« der Mann brach ab, das Weib ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte ihn fragend an.
  »Jetzt«, fuhr er endlich fort, »das muß schon ein flinkes Gemslein sein, will es die Spalte übersetzen.«
  Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und hinaus zur Türe gegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die Arbeit.
  Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche; er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Tale. Im Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein, und wunderte sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein neues – und wo es denn herkommt, und wo es denn hingeht? Er lachte die Wellen aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in den blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Berghäuptern sehen konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: »Der Narr lacht und weiß es nicht, warum.«
  »Wenn er nur lacht«, antwortete der Hans, »der gescheiteste Mensch auf der Welt kann nichts Besseres tun als lachen.«
  Freilich, der Hans selber lachte selten.
  Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind um die Ecken der Hütte und er winselte an den Fensterchen; aber die Töne des Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren gefüllt mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden der Wände, und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren war. An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.
  In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem Stübchen.
  Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.
  Da lächelte das Kind zu den Worten; und schloß es die Äuglein, so sah es selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an den goldenen Felswänden hin und her.
  Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner Weise seine Freude und sein Leid, wie er's empfinden konnte. Die Ziegen nahmen teil an allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und beleckten seinen Hals. Das tat dem guten Burschen gar wohl.
  Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen erwirtschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde ewig drohend schwebe über dem Scheitel seiner Familie.
  Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und Schneewehen seinem Felsentale zukämpfte, tat er immer einen scheuen Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war es da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es nicht sehen, wie sich »Unsere liebe Frauen« immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn neigte.
  »Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie Du die ganze Woche in der Einschicht bist«, sagte der Hans einmal.
  »In der Einschicht bin ich nicht«, versetzte das Weib, »ich hab' das Kind, und der Jok tut uns hüten. Gib Du nur acht im Walde, daß Dich kein Baum mag letzen, und die Stege sind auch so vermorscht, gehst Du aus und ein in den Schluchten.«
  »Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) über's Jahr heb' ich an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.«
  Als ob er's verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend, sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen –-- und leben bei den Leuten!
  Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den Bergschluchten hervor kam der »Maibrunn«, wie die Schneewässer des Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem Schutt.
  Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche ein Gemslein. Es war niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an einigen Fichtenreisern. Dann erhob es seinen Kopf, daß die krummen, scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen, und lugte herab auf das Hüttendach, unter welchem es die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihm schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, es wollte niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um das Tier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise heimgeholt hatte, und die Tiere mochten sich denken: der Jok da, der ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen Geschöpfen, die auf zwei Füßen gehen; der Jok, der tut uns nichts.
  Und der Jägersmann hinwiederum durfte dem Jok nichts tun, holte sich dieser auch manches Stück Wild; denn was man mit den Händen fängt in der Wildnis, das verschreibt Gott dem Erwerber zu eigen.
  Heute aber machte das Gemslein, als es den Burschen gewahrte, lange Füße die Lehne hinan; das Tierchen gestand es ja zu: der Jok mag ein ehrlicher Kerl sein, aber es traute nicht; wollte man es wirklich für den Ziegenstall oder vielleicht gar zu etwas weit Unerquicklicherem? Wer konnte es wissen!
  Die Gemse war fort und der Jok stand oben beim Felshorn und starrte verdrießlich drein. Zuletzt kletterte er auf den Felsen, wie er es von seinem Bruder einmal gesehen hatte, und guckte durch die klaffende Spalte, in welcher Schnee und Eis und niedergebrochene Steine lagen. Er guckte eine lange Weile, und legte dabei den Kopf auf die rechte Achsel und auf die linke, und er röchelte und ballte die Fäuste zuletzt und war glührot im Gesicht.
  Als er hierauf zurückkam in's Tal, wich er der Schwägerin aus; sie sollte es nicht merken können in seinen Augen, was er oben gesehen. Wozu der Schreck und die Angst, wenn die Sache verhütet wird? Er schlich in den kleinen Bretterschuppen, nahm Scheiter und Balken und eine schwere Axt, trug sie hinan auf den Hang und schlug die Blöcke durch Schnee und Gestrüppe in die Erde.
  Was mag dem Jok wieder eingefallen sein? dachte das Weib bei sich, aber sie ließ den Burschen gehen und schaffen. Es wurde Abend, die Ziegen meckerten im Stalle; wo denn heut' der Jok sei? Gar das Büblein in der Wiege ließ klug seine Äuglein lugen, wo denn der Jok sei, der sonst gern daneben saß und mit den kurzen dicken Fingern Schattenspiele und sonst allerhand Schwänke mache, daß es recht zu lachen war. Der Jok war oben am Hang; die Hilda sah ihn nicht in der Dunkelheit, aber sie hörte die Schläge auf die in den Boden zu treibenden Blöcke. Die Schläge hallten in den Felsen, und als die Hilda rief: »Jok!«so hallte es wieder nur in den Felsen, und das Pochen da oben währte die ganze Nacht.
  Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den weiten Tälern das Getreide schon hoch in Ähren schieße und die Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen, reißenden Fluten des Wassers, und sie wälzten Eisstücke und Bäume und Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger als je; in die Mulden sickerten immer mehr die Schneelasten der Karre und Schründe zusammen, und Wässerlein rieselten von allen Hängen in zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in den Mulden in's Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen Donnern, alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen fuhren.
  Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die Felsschluchten brandete und an den hohen Wänden widerhallte.
  Und an einem milden, leuchtenden Maitag war's. Der Hans hatte am selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. – Es knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher, und die Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag. Gegen die Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und Dröhnen, von allen Mulden stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder, manche Felszacke löste sich von ihrem Grund, manches Gemslein wurde begraben in Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm flatterten grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und schwammen dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue oder bläulich schmutzige Ströme, sich untergrabend und überstürzend, in breiten, wogenden Tüchern oder in schmalen, schlüpfenden Schlangen, glitten die Lawinen nieder. Kein Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen Stämme brachen, ehe die Lasten noch kamen, bloß von dem Drucke des Sturmhauches; nur an mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen empor, daß das ganze Kar in eine Staubwolke gehüllt war; aber weiter unten sammelten sie sich wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem Beben der Vesten dem Abgrunde zu.
  Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit, bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überflutet und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken, und Holzstämmen und Felsmassen.
  Die Holzhauer schüttelten die Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! – Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!
  Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: 's ist eben böse Auswärtszeit, aber über's Jahr heb' ich an in Gottesnamen, und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen schon Hüterin sein. – Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er die Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben anhub von den tobenden Gewalten im Gewände, da tat der Hans plötzlich einen großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein Felsental.
  Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er zuweilen in die Fluten und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken Teile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und das Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsentore, das in sein kleines Tal mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel – da wollten ihm plötzlich seine Füße und sein Atem versagen. Er sah am Hange das Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheuere Sandriese ging nieder von den höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen Hauses zu. Und das Haus stand nicht mehr da.
  Der Hans stand, als wäre er selbst ein Steinbild geworden. Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin – er suchte die zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner Heimat.
  Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus ihm hervor ragte das niedergebrochene, kantige Felshorn.
  Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des Wildbaches – der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er träumte doch nicht, er stand ja mit wunden Füßen im Gestein – aber jenseits des Baches stand sein Häuschen.
  0 Gott, da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über Gefelse, er sprang durch die Fluten, er stand vor seiner Hütte. Sie war ein wenig schief und verschoben und einige Balken waren geborsten, aber sonst war sie unversehrt. Die Tür war offen.
  Den Atem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz (hölzerner Fußboden) und keinen Herd, und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand kleppte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.
  Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bettchen sinken, und sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Tür, sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilda war unversehrt aber – leblos.
  So hatte es der arme Hans gefunden.
  Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein mochte. Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren. Daraus habe sich nun ein mächtiger Luftdruck entwickelt, welcher der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Tür aber durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die größten Bäume und Felsklötze über tiefe Abgründe zu schleudern.
  Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein, und gingen auseinander.
  Der arme Hans blieb bei seinem toten Weibe und bei seinem lebendigen Kinde in der Hütte. Oft ging er vor die Tür hinaus und rief nach dem Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok sei.
  Wenn dann der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die erblindeten Glastäfelchen an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen, von sonst haben auch die Alten nichts gewußt, und dieses Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsentale hinterlassen.
  Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.
  Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsentale umher und suchte seinen Bruder.
  Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, in welchen der Hans arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.
  In dem unwirtlichen Felsentale hatten sie nichts mehr zu suchen. Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine, und da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes Scheit, und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das Haus des Bruders noch retten. Da sind die wilden Gewalten, die keine Lieb' erkennen, über das Bruderherz hingefahren.
  Im Felsentale wächst heute kein einzig Hälmlein mehr – alles Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt, und an den Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.
  So sind aus diesen verlorenen Schründen die letzten Menschen verdrängt worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit beiden Händen.
  Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort in's Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.
  Wenn der Bursche daran denkt, wird es ihm manchmal schier krampfig im Herzen. Aber hinschleudert er den Gram, daß er in die Tiefe fährt wie eine Schneelawine, und hell aufjauchzt der Mann, daß es im grünen Walde und in den sonnigen Hochwänden des Gebirges vielfach widerhallt.




  Peter Rosegger
  Die Wallfahrer
  Wären die Vergnügungsreisen nicht aufgekommen, ich ginge selber mit der Kreuzschar nach Maria-Einsiedeln oder auf den Schutzengelberg oder nach Mariazell oder zu einer anderen Wallfahrtskirche, wie sie gerade in den schönsten Gegenden der Alpen erbaut worden sind. So mit lauter guten Bekannten hintrotten über Berg und Tal, über Felder und Auen, und durch die schönen schattigen Wälder manchmal ein Rosenkränzlein trillern, manchmal ein Liedchen singen, unterwegs keine Kirche übersehen, weil nebenan das Wirtshaus steht, mitunter eine hübsche Kellnerin in Ehren haben, weil sie ein Geschöpf Gottes ist, oder gar ein Wunderbildnis, an dem allerlei Mirakel geschehen können – bigott ein solches Wallfahrten wäre meine Passion!
  Und für eine solche Kirchfahrt täte ich meine Kreuzer zusammensparen Jahr und Tag lang – nicht anders als wie es die Mechtildis gemacht.
  Die Mechtildis, wer ist denn dies, wenn man fragen darf? Nun, ein recht brav und sauber Mädel ist sie und ist auch noch zu haben. Heißt das, ‘s selb kann ich nicht für gewiß sagen; wenn’s wahr ist, was die Leut’ reden – sie reden gar viel, wenn der Tag lang ist – so wäscht die Mechtildis dem Kranzbauern Michel die Hemden und die Strümpfe; ja freilich, dann ist sie schon verheißen.
  Und wenn wir das brave saubere Mädel schon nicht selber kriegen, so wollen wir doch zum mindesten von ihm erzählen – versteht sich, lauter Gutes und Erfreuliches.
  Die Mechtildis also hat eine unbändige Freude, als es der Kirchschlager Pfarrer auf der Kanzel verkündet: »Heuer zum Frauentag geht wieder die Kreuzschar nach Zell: ich wünsche, daß sich meine Pfarrkinder daran recht zahlreich beteiligen. Für die Fahnenträger und den Herrn Kaplan, der auch mitgeht, wird heute abgesammelt!«
  Das ist in der Ordnung. Und wer in der Seele das Bedürfnis fühlt, Gott zu Lieb’ einen weiten Weg zu seinem herrlichen Tempel zu machen, dort Trost und Erquickung für das bedrängte Herz zu suchen – über den macht sich kein gescheiter Mensch lustig. Wo aber unter dem Scheine der Religiosität die weltliche Gesinnung ihr Spiel hat, dort darf man wohl auch in weltlicher Weise – wie es hier geschieht – davon sprechen.
  Wir zweifeln nicht an dem kindlich frommen Gemüte der Mechtildis – aber hier kommt ihr sicherlich von der argen Welt auch ein Fünklein dazu, denn als sie auf der Kanzel das Verkünden hört, da wird ihr ganz heiß in der Brust. Sie weiß, wer gehen wird und sie geht ja auch mir, und das hat sie sich bei ihrem Dienstherrn zu Neujahr ausbedungen; sie will schon brav und fleißig sein, aber nach Zell will sie gehen mit dem Kirchschlager »Kreuz«. Und sie spart jetzt schon im achten Monat von ihrem Mund ab – denn ‘s ist über eine Tagreise nach Zell und der Rückweg ist auch nicht viel kürzer und zwei Gulden braucht man, miteingerechnet das, was man unterwegs den Armen reicht und um was man bei den Zeller Krämern angeschmiert wird. Und erst das Ablaßopfer in der Kirche, dasselb frißt Geld, dasselb! Sollte aber das ersparte Geld nicht langen, in Gottesnamen, so verkauft sie dem Juden die Herbstschur ihres bluteigenen Schafes; zehnmal lieber geht sie den ganzen Winter ohne Strümpfe um, als sie bliebe zurück vom »Kreuz«.
  Und nun beginnt die Mechtildis herzinnig zu beten, daß sie sich bei der Wald- oder Feldarbeit doch nicht etwa einen Fuß breche, sondern daß sie kerngesund bleibe und insonderheit, daß die Kalbslederschuhe halten bis zu den gebenedeiten Tagen der Zellfahrt.
  Des Kranzbauern Michel läßt ihr sagen, seine Schuhe hätten noch gute Sohlen, und sollt’s ihr um etliche Groschen nicht zusammengehen, so sollt’ sie gerad denken, sie hätt’ einen guten Bekannten bei der Kreuzschar.
  Die Mechtildis kann ganze Nächt’ lang nicht mehr schlafen, stets der seltsamen Dinge gedenkend, die da kommen werden. Beten und singen wird sie laut zum Himmel hinan und auf steinigen Wegen und durch Wildnisse werden sie die Engel Gottes führen, und – der Michel.
  Endlich kommt der Tag. Die junge Maid hüllt sich in die frischgeglätteten Wallfahrrskleider; sie ist schier verklärt und mitleidig lächelnd blickt sie nieder auf das alltägige Treiben im Hofe, wo die Knechte wirten und die Hühner den Staub aufkratzen. Sie – die Mechtildis – ist nun der Erde entrückt und verkehrt nur mehr mit den Himmlischen und ihre Dienstfrau ist die Gnadenmutter zu Zell. Einen großen Laib Brot bindet sie sich noch auf den Rücken, das rote Paraplui – Regenschirm hat sie keinen – zwängt sie sich unter die Achsel und jetzt –
  »Behüt’ dich tausendschön Gott, Mechtildis!« sagt ihre Bäuerin, »richt’ einen schönen Gruß aus bei der Zeller-Mutter und bet’ für uns auch was!«
  Sie in ihrer Demut verspricht es – verspricht alles zu dieser Stunde; und noch befühlend, ob die zwei Gulden wohl gut ins Jöpplein genäht sind, geht sie still davon und der Pfarrkirche zu, wo sich die Schar versammelt.
  Weit im Tal kann man die Glocke hören, wenn sie nun ausziehen mit ihren Brotsäcken und Pilgerstäben und Rosenkränzen und mit der flatternden Fahne – der alte Vorbeter unter ihnen und der junge Kaplan. Der Vorbeter hat vorher zwei Gläser Eierbier getrunken, denn das macht den Hals glatt und fördert die Inbrunst im Gebete.
  Und so wallen sie hinaus aus der Gemarkung und hin über Berg und Tal im hellen Sonnenschein, und bedauern die Leute, die sie arbeiten sehen und bedauern die Herrenwägen, die zuweilen vorüberschnurren. Das kein Mensch auf Erden so glücklich ist, wie sie, davon sind sie überzeugt – und das muß uns freuen.
  Gebetet und gesungen wird, was das Zeug hält. Gott Dank, daß er den Menschen den trefflichen Rosenkranz gegeben hat und die flinke Zunge zum Frommsein! – Das Auge mag sich weiden an den Dingen, die daheim nicht zu finden, und »Gegrüßet seist du Maria voll der Gnaden« – das ist doch auch kurios, jetzt tun sie dort unten in den Kreuzmatten erst das Kraut anbauen – »und du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die« – die Füß’ brennen mir schon wie Feuer auf diesem gotteslästerlich argen Weg! Das ist schon gar über – »die Frucht deines Leibes:  heilige Maria. Mutter, – gelt. ihr schenkt mir ein Tröpfel saure Milch, man meint, die Seel’ schwitzt sich eins heraus in dieser grauslichen Hitz!«
  Mancher möcht’ allweg einkehren, aber der Vorbeter sagt: »Gehts laßts euch nit anfechten, die Wirtshäuser sind dem Teufel seine Kirchen!« Hat er aber selber Durst, so findet er schon eine Schenke, die der Teufel nicht gebaut haben kann, weil auswendig an der Türe der »süße Namen« steht.
  Besegne ihnen Gott den frischen Trunk! Wir eilen ihnen ein Stückel voraus, wollen gern einmal unter uns selber sein und was Gescheites miteinander reden.
  Zell liegt tief im Gebirge. Die Wege sind für den, der sie mit seinen Schritten messen muß, weit und wie es im Ave heißt, gotteslästerlich arg’. Mit spitzen Steinen gepflastert und mit Mühsal – und die Wallfahrer gehen gern barfuß, damit sie an Schuhen sparen und Sünden abbüßen. Mancher Pfad führt über wilde Höhen, völlig bis zu Firnen – durchaus böse Gegenden, wenn Nacht und Nebel, Wind und Wetter eintreten.
  Da war es wohl notwendig, daß sich aus der Hirtenklause, aus der Sennhütte ein Einkehrhaus, eine Herberge gebildet hat, die nur im Winter verschneit und verödet liegt, im Sommer aber vom Treiben der Wallfahrer aus allen Gegenden durchtauscht wird.
  So haben die Bauern auch ihre Touristenhotels. Kehren wir hier in ein solches ein und warten, bis das Kirchschlager »Kreuz« nachkommt.
  Ein stattliches frommes Haus von außen: aus Holz gebaut, mir hellen Fenstern, an den Wänden die Schützenscheiben mit den schwarzen Augen – ‘s ist auch ein Försterhaus. Dann das leuchtende Schindeldach und die Schornsteine, aus denen es immer raucht – denn Hunger hat jeder, der hier ankommt. Hinter dem Hause an den felsigen Hügel gelehnt steht die Stallung: wohnt im Erdgeschoß das Geschlecht der Rinder und Schweine, in den Dachräumen ist begehrenswürdig Heu und Stroh – denn müde ist jeder, der hier ankommt.
  Droben am Dachfenster ist die Hochwacht. Dort luget der borstenhaarige Kopf Friedels in die Welt hinaus, ob nicht irgendwo von einer Kreuzschar etwas zu sehen oder zu hören ist.
  Eine Weile ist’s verzweifelt still, nichts zu sehen und zu hören, als die Häher und die Steinlerchen – die bringen aber kein Geld. Auch ist der Sang der Sennerin und das Jodeln des Kühbuben, das aus der Ferne klingt, nicht zu versilbern. Guckt denn der Friedel noch eine Weile – halt, hörst es nicht wie das Summen einer Hummel? Es ist das Schallen eines Wallfahrtsliedes. Dort unten aus der Schlucht taucht eine rote Fahnenstange auf.
  »Sie kommen!« schreit der Friedel. Dieser Ruf kostet manchem Lämmlein, manchem hoffnungsvollen Ferkel das Leben. Selbst das harmlose Hühnervolk stiebt vor solchem Schrei, unheilvoller als der Pfiff eines Geiers, wild auseinander – denn ist etwa ein Prälatenwagen bei der Kreuzschar, so gehen auch die Hühner nicht sicher.
  Und siehe, nach einer halben Stunde schwankt die rote Fahnenstange der Kirchschlager – die Fahne selbst tragen sie in einer Blechbüchse – über das Steinkar heran. Heller wird der Gesang, denn die Sänger sehen schon das Wirtshaus. Der junge Kaplan, anzusehen schier wie der heilige Aloisius, ist umgeben von dem schönsten Kranze gottesfürchtiger Jungfrauen. Die Mechtildis jedoch geht etwas weiter hinterwärts – ‘s ist ihr an diesem steilen Berge fast das Mieder zu fest gebunden –, sie schnauft und sie hat in der rechten Hand das Paraplui und an der linken den Michel, daß es doch mag vorwärtsgehen mit harten Kräften.
  Mittlerweile ist es Abend geworden und von Kuppe zu Kuppe der Alpenhöhen heran kommen graue Nebel gezogen. Still, aber rasch, in dichten Ballen wogen sie heran und hüllen die Niederung, hüllen das Wirtshaus ein, und siehe, die fromme Wallfahrerschar thront in den Wolken des Himmels.
  Daß sie aber auch noch ihre Leiber bei sich haben, die Seelen aus Kirchschlag, das weist das Poltern, unter welchem sie mit ihren staubigen Schuhen und Stöcken, mit ihren Brotsäcken, mit der Fahnbüchse und der Stange in die Herberge einziehen.
  Wer aber wollte nicht einziehen durch eine Pforte, über welcher der biblische Spruch steht: »Herr, bleib’ bei uns, denn es will Abend werden!« Und das um so lieber, wenn über derselben Pforte, aber an der inwendigen Seite in einem Kranz von Knieholzzweigen die tröstliche Satzung prangt: »Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd!«
  Der auswendige Spruch ist bald erfüllt, so mag denn der inwendige erprobt werden. Vorläufig besetzen sie die Tische, tun ihre mitgebrachten Brote, Krapfen und Schinken aus den Bündeln und lassen sich Gläser dazu bringen, wohl gefüllt aus den Fässern mit dem Bronnen des Heiles. Gott Lob, daß sie recht essen und trinken, dies weist, daß sie gesund sind. Gesundheit und auf Gotteswegen wandeln  wer könnt’ sich Schöneres denken! Leider, der gute Vorbeter ist so heiser, daß er kaum nach einem Gläschen Schnaps zu rufen vermag; und als er später zum Kartenspiel kommt, ist es mit seiner Stimme so arg, daß, wenn er ausrufen will: »Gestochen mit dem As, du verd –«, ihm der verdammte Schneider mitten in der Kehle stecken bleibt. Und wie – ich bitt’ euch – soll er morgen mit so einem Kerlchen im Halse wieder vorbeten! –Dem Fahnenträger ferner sind die Arme so steif geworden, daß er den Maßkrug nur mit Mühe an den Mund bringt, das Fingerhäckeln mit der Kellnerin aber nachgerade unmöglich scheinen will.
  Von den Weibsleuten zieht sich ein guter Teil bei Zeiten zurück auf den Heuboden. Daselbst graben sie sich unter Gekicher und Geglucke Nester, lösen ihre Haarflechten auf und belegen die wunden Füße mit Unschlitt. – Ja, ihr Leut, ‘s ist alles verweichlicht heutzutag’; vor Zeiten haben sich fromme Wallfahrer Sand und Glasscherben in die Schuhe getan, um unterwegs recht viele Sünden abzubüßen. – Ist denn das heutzutag’ so sehr überflüssig? Ich glaube nicht! – Indes, meinen sie, was die Sünden anbelangt, so wären sie morgen um die Abendzeit in Zell, und da gäbe es Beichtväter genug. Und manches Mägdlein bildet sich noch ein, es habe gar keine Sünden zu tragen – der Toni-Natzl-Sohn, oder wie er heißen mag, sei weit stärker, der wäre so gut und trage in seinem Bündel auch ihre Sünden, die vorjährigen und die vom Winterfasching her, und auch die vom heurigen Frühjahr.
  In der Gaststube geht es bis spät in die Nacht hinein lebendig zu. Kerzendunst und Tabaksrauch vermögen nicht, das Johlen und Lärmen zu ersticken, und die geistlichen Lieder sind zu weltlichen geworden, und die Kellnerin wahrhaftig ist ein hübsches Frauenbild – soll jünger sein, als jenes zu Zell.
  Der Wirtssohn, der Friedel, huscht schalkhaften Gesichtes unter den Gästen umher, weiß unterhaltsam zu sein, weiß prächtige Ziffern zu zeichnen auf dem Tisch, macht mit einem Fahrer Zahlen, die tief in die Hunderte gehen, und noch allerlei possierliche Zierarten dazu – ein talentiert’ Köpfel, der Friedel! – Und wie geläufig er zu rechnen versteht! – Hat was gelernt, der Friedel! – Auf hohen Bergen können die Zechzahlen nicht niedrig sein, das ist ganz in Ordnung.
  Aber manchem verschlägt Friedels hochherzige Ziffer völlig die Rede, nur daß er noch murmelt: »Bigott, wir sind auf dem heiligen Kirchfahrtsweg: ‘s ist Zeit zum Schlafengehen!«
  Der Herr Kaplan ist schon früher verschwunden, auch seine Füße waren etwas wund, er mußte sie mit Unschlitt belegen. Die Mesnerstochter, die gelbhaarige Hanne, war so gut und hat ihm, eine neue Magdalena, die Füße gesalbt.
  Wohl auch, der Fahnenträger verläßt seine Stang’, torkelt auf den Heuboden hinaus.
  Ehselb sie noch vollends die Augen schließen auf dem Heuboden, fällt es dem Vorbeter ein: »Du kreuzverzwickelt, sind wir aber fromme Kirchfahrer! jetzt haben wir heut’ abends auf das Avebeten vergessen! Sakra, jetzt heben wir aber gleich an!«
  Und auf dem finsteren Heuboden beginnt es zu summen.
  Noch eine Weile rauscht das Heu und das Stroh – der Wirt hat sein Lebtag noch kein Stroh zu dreschen gebraucht, auf welchem Wallfahrer geschlafen – und endlich wird es still unter dem Dache, nur draußen braust der Wind in den Felsen.
  Ich wollt’, mir wären die lieblichen Träume der frommen Diener Gottes gegeben, daß ich sie zu weiterem Nutz und Frommen könnte in dies Büchlein tun. – Je nun, ‘s muß gut sein.
  Des andern Morgens, noch ehe der Tag anbricht, kriechen unsere Kirchschlager aus ihren trautsamen Nestern hervor. Wieder ausgeruht und ernüchtert, kommt neuerdings der Geist der Frömmigkeit über sie. Hastig kleiden sie sich an; mag vielleicht manche ihr Jöpplein, ihr Schürzlein in der Geschwindigkeit nicht finden oder unversehens in das Schühlein einer Nachbarin schlüpfen – doch in guter Ordnung verlassen sie die Herberge.
  Es geht über Stock und Stein, durch Finsternis und Nebel, sie halten sich aber vorsichtig aneinander und gemächlich folgen sie dem Fahnenträger. Der hat ja gar die Fahne aus der Blechbüchse genommen und sie auf die Stange gehangen. Hat es wohl getan, damit die Leute in der Dunkelheit den Weiser besser gewahren oder vielleicht hat er die Fahne schon entfaltet, weil heut’ der Einzug in Zell sein wird? Ihr Lob- und Bußgesang schallt in den Berghängen, an welchen schon der Schimmer des Morgenrotes liegt.
  Die Kreuzschar trottet davon; im Wirtshause auf der Höh’ aber geht der Friedel herum, sammelt die Knochen der gestern zu Gottes Ehre verzehrten Lämmer für neue Suppen, lockert im Stallboden das Heu und das Stroh für neue Schläfer und hat den ganzen Tag für sich etwas zu lachen.
  Und die Wallfahrer? Die sind am selbigen Abend glücklich nach Zell gekommen. Mit der roten Fahne und mit Musik sind sie eingezogen in die große weltberühmte Kirche und hoch auf dem Turm ist geläutet worden mit allen Glocken. Kommt auf 38 Gulden zu stehen, der Einzug: doch die Kirchschlager lassen sich’s kosten, damit es bei den Zeller Bürgern heißt: Ja, die Kirchschlager, die können sich’s kosten lassen!
  Vor allem nun – und das ist auch das Nötigste! – suchen die Kirchschlager Leute die Beichtstühle auf. Alles schon besetzt, und sieht man wieder einmal, wie sündig diese Welt ist. Nun, da sie warten müssen, werfen sie sich auf die Knie und rutschen kniend dreimal um den Gnadenaltar, der mitten in der Kirche steht. Die Mechtildis wohl auch. – Reiche Leute freilich, die können sich neue Schürzen und Unterröcke kaufen: unsere arme Magd aber rutscht aus Ersparungsrücksichten auf den bloßen Knien. Die großen breiten Steine tun ihr gar nicht weh, wo aber so ein kleines, scharfes Sandkörnlein liegt, und sie kommt darauf, da möcht’ sie schier zusammensinken vor Not. Doch starkmütig überwindet sie den Schmerz, nur die »Zellermutter« sieht ihr Weh, ihr sei es geopfert. – ‘s wär’ gut, wenn’s ein wenig schneller ginge, denn ihr auf den Fersen nach rutscht der Michel. Schier wollen der armen Magd beunruhigende Gedanken kommen, ob Ersparungsrücksichten hier doch wohl am Platz! Doch ergeben, wie sie ist, überläßt sie alles der Gebenedeiten.
  Nach diesem Bußrutschen flüstert der Bursche zur Magd: »Ich denk’, Mechtild, wir gehen erst morgen früh zur Beichte.«
  »Ich denk’ auch, Michel.«
  Und nach solcher Eingangsandacht versammeln sie sich in ein Wirtshaus.
  Wir aber hätten schier noch Lust, ein wenig in der Kirche zu bleiben, in welche durch die hohen Fenster das Abendrot strahlt, und in welcher vor dem Gnadenaltare ewig die stillen Kerzenflammen brennen.
  Ein altes Weiblein kauert einsam davor und betet. Es betet von Herzen; es ist nicht gekommen, um sich zu ergötzen; es ist gekommen, um Trost zu suchen in seiner harten Lage, da es von allen Menschen völlig verlassen ist. Und das Mütterlein, das alles hat begraben, woran jemals ihr Herz gehangen, das keine Hoffnung mehr hat auf dieser Erde als die auf ein baldig Ende und auf das Wiederfinden der Ihren dort im Himmelssaal – es wird getröstet und gestärkt vor diesem Bildnisse: denn nimmer gebrochen ist die Wundermacht – lebt nur der Glaube.
  Darum wollen wir still und ohne Lächeln an der Beterin und der Angebeteten vorübergehen und dankbar preisen den Allvater, der jedem, auch dem Ärmsten im Geiste, von seiner allgestaltigen Gnade spendet.
  Genießen ja doch auch unsere wackeren Kirchschlager im Wirtshause von solcher Gnade, da sie guter Dinge werden und Gott einen guten Mann sein lassen.
  Der Kaplan ist freundlich eingeladen, im Pfarrhofe zu übernachten; aber er sieht es wohl, er kann, darf seine Schäflein nicht verlassen in den unbekannten Räumen des Wirtshauses, um so weniger, da die meisten erst morgen zur Beichte gehen.
  Wir wollen alles getrost dem Schutz des Himmels anheimstellen und freuen uns nur, daß unsere zwei Bekannten des andern Morgens ehestens Gelegenheit haben, an den Beichtstuhl zu kommen. – Der Michel kniet lange davor, und als er endlich fertig ist, schleicht er ganz duckmäusig gegen die Altarnische hin, in welcher unter Glas und Rahmen ein »heiliger Leib« ruht. Vor diesem heiligen Leibe soll er, einem Auftrage des Beichtigers gemäß, seine Bußandacht verrichten.
  Vor einem heiligen Leib, der bloß aus Wachs ist, tut es doppelt weh, zu knien. Bald zum Glücke oder zum Unglücke, schleicht auch die Mechtild heran; nicht gar weit von dem Burschen kniet sie hin, blickt ihn aber nicht an, sondern tut ihr Bußgebet. Dann erheben sich beide, weichen sich aus und kommen immer wieder zusammen, und endlich draußen in der Kapelle, in welcher der heilige Brunnen fließt, der Brunnen des Lebens, der gut ist gegen schlechte Augen, gegen Lahmheit, gegen andere Gebrechen und sonderlich gegen den Durst – dort ist es, wo sich die beiden jungen Leutchen wieder begegnen, und wo der Michel das Wort flüstert: »Mechtild!«
  Das erstemal weist sie ihm keine Antwort, sondern lugt gegen ihre Fußspitzen hinab.
  »Mechthild!« sagt der Michel noch einmal. »Was willst denn?« haucht sie.
  »Du bist ja ganz dasig; was hat er denn zu dir gesagt?« »Wer?«
  »Na, der geistlich’ Herr.«
  »Was wird er denn auch gesagt haben?« entgegnet sie fast unwirsch. »Wird schon was gesagt haben«, versetzt er.
  »Was hat er denn zu dir gesagt?« ergreift jetzt sie die Frage.
  »Zu mir?« murmelt der Bursche, »was wird er denn gesagt haben!« »Wird schon was gesagt haben«, erwidert sie hierauf.
  »Grad’ still ist er nicht gewesen«, gibt er bei. – Und das ist am heiligen Brunnen der Diskurs.
  Hierauf nimmt der Bursche den blechernen Schöpflöffel, der beim steinernen Becken an einem Kettchen hängt (weil es Wallfahrer gibt, die nicht allein das heilige Wasser, sondern auch den Schöpflöffel gern bei sich haben möchten), diesen Löffel nimmt der Michel in die Hand und schöpft und trinkt, daß alles Übel von seinem Leibe solle gebannt sein. Dann reicht er dem Mädchen das volle Pfannchen: »Willst auch?«
  »Kann mir schon selber schöpfen«, ist die Antwort. Sie schöpft und trinkt aber nicht.
  »Bist harb auf mich?« fragt der Bursche.
  »Weißt, was mir der Beichtvater gesagt hat?« frägt sie entgegen.
  »Ja, was wird er dir denn gesagt haben?« frägt der Michel wieder zurück.
  »Er hat gesagt«, flüstert sie und plätschert mit dem Schöpflöffel, »der geistliche Herr hat gesagt, ich und du – wir sollten uns meiden.« »Das hat er zu mir auch gesagt«, versetzt der Bursche.
  »Gelt ja!«
  »Was hätt’ er denn sonst sagen sollen? « meint der Michel, »das ist ja schon so der Brauch. Weißt, Mechtild, der Kirchschlager Pfarrer, der hat vor vierzehn Tagen so scharf gegen das Kartenspiel gepredigt; am selbigen Tag sitzt er beim Schwanenwirt und kartelt mit dem Kaufmann und mit dem Schulmeister bis zwölf in der Nacht. Hat ja recht, wenn’s ihn freut; aber predigen muß er, und predigt er gegen die Karten nicht, so predigt er gegen das Trinken oder gegen was anderes, und überall kann er sich selber treffen. – Ja, Mädel, das muß der Mensch nicht so krumm nehmen.«
  »Aber die Höll’, Michel, die Höll’!«
  »Die fürcht’ ich nicht«, sagt der Bursche trotzig – sagt es vor dem heiligen Brunnen in Zell.
  »Bist denn du ein Heid’ geworden«, ruft die Mechtild, »was gehst denn zur Beicht?«
  »Weil’s der Brauch ist.«
  »Ich aber sag’ dir, Michel, ich mag dich nicht!« begehrt das Mädchen auf, »wenn zwei ledige Leut’ so miteinander gehen, so ist das eine Schlechtigkeit. Ein garstig Leben ist’s und ein böses Beispiel!«
  »Das, Mechtild«, versetzt der Bursche langsam, »das laß’ ich dir gelten. Aber schlecht will ich nicht sein. ‘s ist wahr, unsere Bekanntschaft schickt sich nicht; müssen es anders machen. «
  Da wird das Mädel blaß vor Schreck.
  »Ein End’ haben muß die Liebschaft!« sagt der Michel, »aber dich laß ich nicht!«
  »Was willst denn?« frägt sie ängstlich.
  »Heiraten will ich dich und gleich auf der Stell’! Sagst ja?« Sie sagt nicht nein, und das kann ihm genug sein. Und darauf, wenn ich schon alles so haarklein erzählen will, trinken sie Wasser – trinken vom Brunnen des Lebens.
  Und nach all den verrichteten Andachten kehren die Kirchschlager wieder zurück in ihr Heim, und am Sonntag darauf verkündet der Pfarrer, der vor Wochen die Wallfahrt verkündet hat, folgende Nachricht:
  »Es wollen sich verehelichen: Der Bräutigam Michel Partensteiner, katholisch, großjährig, bisher im Dienste beim Kranzbauer. – Die Braut: Mechtildis Klinger, katholisch, minderjährig, derzeit im Dienste auf der unteren Leut. Diese Brautleute werden zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses verkündet heut das erstemal.«
  Ein Ehehindernis ist nicht aufgedeckt worden: im Gegenteile hat der Vormund des Mädchens diesem eine kleine Erbschaft zugewiesen. Frisch geheiratet wird, und jetzt sag’ mir noch einer, daß das Wallfahren zu nichts nütze ist!




  Peter Rosegger
  Die schöne Lenerl
  Ein Schattenbild aus dem Volksleben
  Was ich hier erzählen will, ist so, daß mancher Leser fragen wird: Wozu? Warum erzählt er es? Was hat er damit für eine Absicht? Und ich antworten muß: Keine andere, als wieder ein Stück Wahrheit aus dem Volke zu geben. Ich habe stets lieber die erfreulichen Seiten der Leute darzustellen getrachtet, als die gegenteiligen, aber mich nie auf einen Schönfärber des Volkes hinausgespielt. Es kann mir als Schilderer nicht ganz erspart bleiben, auch das Widerwärtige zu streifen, wenn es zur Kenntnis des Volkscharakters beiträgt. Ich suche es nicht auf, wenn es mir aber in den Weg tritt, da packe ich es an.
  Also trat es mir auf den Weg an jenem Mariahimmelfahrtstage. Ich ging über die grünen Almen hin, um meinen Kindern die Pracht zu zeigen. Das Mädel pflückte Blumen, der Knabe fing Schmetterlinge und Käfer und beide so hastig, als wollten sie dem lieben Gott das ganze Pflanzen- und Tierreich abjagen. Es war Leidenschaft in diesem Sammeln, und als sie die kleinen Hände voll hatten, ließen sie alles wieder fallen, fliegen und laufen. In meiner Einfalt machte ich sie aufmerksam auf die hohen Berge, die ringsum standen, auf den blauen See, der in der Tiefe lag, auf den Wasserfall, der heraufdonnerte aus der Schlucht. Das war ihnen nichts – die Kinder wollten nicht sehen, nicht hören, sie wollten haben. Und darum pflückten sie und haschten sie.
  So währte es eine frohe Weile, da gesellte sich ein Mann zu uns, von dem es mir lieber gewesen, wenn er uns übersehen hätte und seines Weges gegangen wäre. Ich kannte ihn schon lange, es war der Udalrich Eschhuber, genannt der Ochsen-Udel, weil er im Sommer auf den Almen die Rinder der Bauern hütete. Er war ein großer, hagerer, breitbrüstiger Mann, mit säbelförmig gebogenen Beinen, die in einer kurzen, schlotternden Hose staken und manchmal ein bißchen wackelten, als vermöchten sie den plumpen, etwas nach links und nach vorn geneigten Oberkörper nicht recht bequem zu tragen. Auf dem langen Hals saß ein kleiner Kopf, welcher nicht in die Höhe, sondern stets nach vorwärts gestreckt wurde, so daß der verwitterte, fast krempenlose Filzhut mit der langen Rabenfeder auf dem Nacken lag, wie auf einem ebenen Brette. Haare, Schnurrbart und Augenbrauen waren lichtfalb wie Flachs und stark zerzaust. die Nase stand aus dem braunen, eingefallenen Gesicht keck hervor und ging als schmaler, langer, ruppiger Sattel bis zum Schnurrbart, in dem sich ihre Spitze völlig vergrub. Die kleinen grauen, halb blöden und halb verschmitzten Augen waren mit roten Adern durchzogen und zwinkerten, als er uns nun so von der Seite her anschielte. Über der braunen, wettergestreiften Lodenjoppe hing eine große schmierige Ledertasche, einen langen Stock hatte der Mann in der Faust, auf den er sich stützte, wie er jetzt so halb träge und nach vorn gebeugt daherging.
  »Hau, do geit’s ah Leut!« mit diesen Worten hatte er uns begrüßt.
  »Das ist ja der Udalrich!« erwiderte ich seine Ansprache.
  »Mog scha sei«, entgegnete er. »Und dos do«, er tippte mit dem Stock gegen die Kinder bin, »dos is gewiß schan die Bruat, gelt?«
  »Meine Kinder, ja.«
  Sein Auge strammte sich auf das zehnjährige Mädchen. Er schnupperte mit der Nase, und plötzlich murmelte er: »Saggera-Housnzwickel! Dais wird amol a Mentsch zan Holsn! Du verdrackt, dos war a Gusta!« Solche Würdigung meiner Kinder war ich nicht gewohnt. Es hatte mir sonst geschmeichelt, wenn die Kleinen an Bauernmundart Gefallen zeigten, heute war ich sehr froh, daß sie nichts davon verstanden.
  »Ja, Kinder«, sagte ich, sie aus ihrem Sammeleifer rufend »wir werden jetzt zu Tale steigen.«
  »Do gehn mar eh mitanond«, sagte der Ochsen-Udel, während er sich eine Pfeife stopfte, »ih muaß ah a wenk schaun geh, wos de Hegerlschiaba mochn int in Tol«. Da rief ich aufgebracht: »Kommt Kinder, wir drei geben nach dieser Seite hinab!«
  »Zan Olmwirtshaus?« fragt der Udel, »Teuxel, do kunt i ah mitgehn, hon a weni wos z’doan unt.«
  Und er schloß sich uns ohne weiteres an.
  »Was hat denn ein Halter im Wirtshaus zu tun?« fragte ich ärgerlich.
  »Muaß a bresl nochschaun ha mein Lenerl, daß ma dena wul neambt drüba kimbt. In der Wirtsluckn do int gehts furt on, de Bererei!«
  Wir wurden seiner nicht los.
  »Kinder!« rief ich, »geht nur voraus und pflückt Enzian.«
  Als ich soweit mit dem Burschen allein war, konnte ein Gespräch mit ihm gewagt werden.
  »Die Lenerl«, sagte ich, »ist das eine Tochter von Dir?«
  »Wa nit alls!« begehrte er auf, »’s Mentsch is’s.« Dabei schnupperte er mit der Nase in den Schnurrbart.
  »Wie alt magst Du denn schon sein?« war meine Frage. »Wir müssen ja miteinander in die Schule gegangen sein.«
  »Oha, Helm«, lachte er heiser auf> »ih bin mei lebta nia in ‘d Schul’ gonga. Fressn, saufn, ouchsntreibn und mentschastriegeln bringt oaner ah ohne schulgehn zwegn, Goud sei Donk oder wos beißt mih! A storka Vierzga bin ih, und kloa Buabn, sa viel ‘st hobn willst, saggera-kotzenbeudl, nochamol!« Dabei tat der zynische Kerl die Knie auseinander, als ob er auf ein Pferd springen wollte.
  »Mei Jetzige hots ah«, setzte er schnuppernd bei und blies ins Rohr, daß durch den messingenen Pfeiffendeckel Rauch und Funken stoben. »’s Robnbradl! Muaßt as jo eh kenna, die schön Lenerl!«
  Die schöne Lenerl! Ich erschrak. Das war ja das hübsche, kaum neunzehnjährige Mädchen, welches in der Gegend für die Schönste und Sittsamste galt. Eines armen Holzschlägers Kind war es schon als Schulmädchen musterhaft in der Aufführung gewesen und der Liebling der Dorfleute, die sie oft lange Zeit in ihren Häusern behielten und mit Nahrung und Kleidern versorgten. Schon damals nannte man sie die schöne Lenerl, womit freilich der Lehrer und der Katechet nicht einverstanden waren, weil sie fürchteten, daß durch solche Aufweckung der Eitelkeit das Kind Schaden nehmen könnte. Aber das Mädchen schien die schmeichelhafte Bezeichnung ganz und gar zu überhören, es war noch durchaus Kind, und die muntere Einfalt, in der es spielte und sprang und lachte, manchmal knabenhaft herlebig und doch wieder zart und züchtig war, machte es nur noch schöner. Denn schön war sie wie ein gemalter Engel! Als die Lenerl von der Schule ausgetreten war, nahm sie der Pfarrer in den Dienst und stellte sie unter die Obhut der braven Wirtschafterin. Das Mädchen gedieh, war fleißig und munter.
  Von einem jungen Bürger des Ortes, der ans Heiraten dachte, wußte ich, daß er sie lieb hatte, aber zu viele Achtung vor ihr empfand, um ein Verhältnis mit ihr anzubahnen, denn sie war noch gar so jung. Da waren aber Leute in der Gegend. die zum Holzschläger, dem Vater des Mädchens, gingen und ihm rieten, das Töchterlein aus dem Pfarrdorfe wegzunehmen und in die Bauernschaft zu bringen. Unter dem leichtsinnigen Mannsvolke des großen Dorfes könnte sie verdorben werden, in einem ehrsamen Waldbauernhofe wäre sie weit sicherer. Der Vater nahm die Lenerl also aus dem Pfarrhof weg und brachte sie in das Almwirtshaus hinauf, wo er seine Groschen zu vertrinken pflegte und bei dieser Gelegenheit auf das Dirndl achtgeben konnte. Das Achtgeben des Alten wäre nun zwar kein allzugroßes Hindernis gewesen, das Mädchen wußte sich aber in seiner Schneidigkeit und natürlichen Sittsamkeit schon selber zu hüten. Die Knaben und Jungen und Männer kamen nur so dahergeflogen und gesprungen und geschlichen und umflatterten sie, wie Mücken ein Kerzenlicht. Mancher Schelm versengte sich den Flügel, das Licht aber brannte ruhig und klar weiter. Einer Freundin harte sie es vertraut, daß wohl einer dabei sei, den sie herzen möchte – ein schöner, bescheidener Junge, ein Nachbarsohn, der freilich wohl nahe zu ihrem Fenster habe, aber vor dem sie sich doppelt und dreifach hören müsse, eben weil sie ihn gern habe.
  Soviel wußte ich von der schönen Lenerl, die – ich gestehe es – manches Jahr in meinem Sinne war. Ich sah sie, wenn sie in ihrem einfachen und doch herzigen Kleide zur Kirche kam, ich sprach sie manchmal an und fragte, wie es ihr ergehe; sie gab freundliche Antwort, sie war immer zufrieden, und aus ihren großen, runden, braunen Augen schaute die helle Lebensfreude und Unschuld. Ich segnete sie heimlich, und ich segnete den Mann, den sie erwählen würde.
  Als ich nun die Auslassungen des Almhalters Udel vernahm, glaubte ich ihnen nicht, sondern sagte; »Ja, mein Lieber! Da mögen zehn solche Udalrichs kommen, wie Du bist, so seid Ihr alle zehn der Lenerl ihrer kleinen Zehe nicht wert!«
  Zwei-, dreimal paffte er und pusterte Rauch aus, mir zuckenden Äugelein sagte er dann grinsend: , »Di kloa Zehn wurd ma schier wul zweng gwen sei. Wann oaner amol ongreifft, pockt er nahm schar a gressers Bröckel, saggeraspotznschmolz nohamol!«
  »Geh, Prahler!« rief ich.
  Er blieb stehen, hielt auch mich zurück, nahm die Pfeife aus dem Munde und sagte ganz glatt und weich, als wäre seine Stimme mit Schweinsspeck eingefettet: »Daweil sein mas noh, der Udalrikl! Dem hots noch kani verlaugnt, Goud sei Donk, und a Schwommsuppn drauf!«
  Mir ward unheimlich, denn nun erinnerte ich mich an die geradezu dämonische Macht, die dieser häßliche Mensch über das Weibervolk von jeher ausgeübt hatte. Boshafte Leute hatten ihn mit einer Bezeichnung aus dem Tierreich belegt, die der Udel aber durchaus nicht für Schimpf nahm, weit eher für eine Auszeichnung, auf die nicht jeder Anspruch machen konnte.
  »Hau Kristi leisson«, lachte er, »do müassn’s a weng ehanter aufstehn, d’Olmbuabn-Jodln, wans in Udalrikl oani noasn! Seit ‘an erschten Advent-Sunter is s her. Saggera-Schuastapech!
  Mei Lebtog is ma nia so worm gwen, wie in selben Schneehaufn afn Kirchweg ba da Nocht – in d’Oraati! Jo, immeramol kon eahms der Olmjodl besser onschickn, wia die gstudierschten Stodleut. Moan wul jo. Mitn Frogn riebst ban Weibaleuten nix aus. An jadi is froh – an jadi – Vageltsgad, Vageltsgad gmegazt immer oani. Da Lenerl hat’s n Atn vaschlogn, hat mi ah seither ba neamand vaklogg.«
  War das wirklich nur Aufschneiderei? Oder war es mehr? Mir wurde angst und bang.
  Wir kamen nun in eine Talung, wo braungefleckte Kühe grasten und zwischen ihnen ein schwarzer Stier umherschnürfelte, der seine schlotternde Halsfahne einmal auf den Rücken der einen und wieder auf den Rücken der anderen legte.
  »Kinder«, rief ich den vorauseilenden Kleinen nach, »dort drüben am Waldrande gibst weiße Schmetterlinge, fanget ihrer!«
  Es war aber nicht vonnöten, ihre Aufmerksamkeit von der lebenslustigen Herde abzulenken, die Kinder hatten keinen Sinn dafür. »Hau, Schworza!« redete der Ochsen-Udel den Büffel an. »Schbring auf! Reit’s das zaunmarterdin Robnviach! Hots scho ban Krogn! Firigehn loss ‘s saggeraschnopftabakdusn. Hiaz zindt er eihi!«
  Tiefsten Abscheues voll wandte ich mich rasch ab von diesem wüsten Gesellen und eilte mit den Kindern waldabwärts bis zum Bergsattel, wo das Almwirtshaus steht.
  Als wir an die Hausrainung kamen, bemerkte ich, wie in dem Wagenschoppen ein Mann Bretter hobelte. Er nahm nun eines davon in die Hand, hob es zum Auge und schaute am glattgehobelten Rande so hinaus, wie der Schütze am Gewehrlauf.
  Mich wunderte die knechtliche Arbeit an diesem Feiertage. »Ihr seid ja auch am Frauentage recht fleißig«, redete ich ihn zum Gruße an. »Immeramol muaß’s holt ah sein«, gab er zur Antwort und hobelte weiter.
  »So Kinder«, sagte ich zu den Meinen, »nun sind wir da und wollen es uns ein wenig gut sein lassen. Wollt Ihr Milch oder eine Eierspeise?«
  »Milch, Vater, Milch!«
  So traten wir ins Haus, da schreckten wir aber auch schon zurück. Im Vorgelasse auf schmalem Laden lag eine Leiche. Sie war wie dies in Bauernhäusern Sitte ist, mit einem weißen Tuch zugedeckt, und daneben auf einem Lehnstuhle stand ein Kruzifix und ein Wasserglas, in welchem kümmerlich zum Verlöschen ein Öllicht brannte. Die Kinder wußten nicht, was das war. Ich fragte die Wirtin, wem das gelte?
  »Die Lenerl is’s«, antwortete sie und setzte leise bei: »In Kindlbäitn, heint ba da Nocht! Die Lenerl ist’s, das schöne, gute, sittsame Kind.«
  »Was schaffens?« fragte die Wirtin.
  »Ich weiß nicht, ich hab’ keinen Hunger« wird meine Entgegnung gewesen sein.
  Drinnen in der Gaststube standen die Tische still und öde da. Ein paar leere Trinkgläser darauf wurden von Fliegenschwärmen umsummt. Am Tische, der bei der Ofenmauer stand, saß ein kleiner alter Mann, schmauchte sein Pfeiflein und schaute vor sich hin. Ich erkannte in ihm ihren Vater, den Holzhauer.
  »Poldl, grüß Gott!« sagte ich und reichte ihm die Hand.
  »Griass Goud ah«, antwortete er.
  »Wie gehts? Nicht recht gut?«
  »Hiaz is’s amol a wenk lonkweili, a poor Tog!« sagte er und blinzelte mit den blöden Augen.
  An diesem Worte hatte ich lange zu tragen. Er ist ein alter Mann, den das Weib und die anderen Kinder längst verlassen hatten. Nun liegt sein letztes Kind, sein Liebling, auf der Bahre und er steht in kummervollem, mühseligen Alter allein auf der Welt. – Jetzt ist’s einmal ein bißchen langweilig auf ein paar Tage! Das ist sein ganzes Klagen. Auf ein paar Tage, bis die Bestattung vorbei ist, dann beginnt es ja wieder, das lustige Leben des armen, einsamen Greises. Ist es Stumpfsinn? Ist es Unbeholfenheit im Ausdruck oder ist’s weltüberlegene Philosophie? – Auf jeden Fall trachtete ich ihm auch über die paar langweiligen Tage hinauszuhelfen und ließ ihm ein Glas Wein bringen. Dabei blieb er sitzen, ließ sich’s schmecken und rauchte gemütlich seine Pfeife.
  Die Kinder verzehrten ihre Milch mit vollem Behagen, darauf schlich das Mädchen, ohne daß ich es merkte, hinaus und beredete die Wirtin, von dem Ding, das auf dem Laden lag, das Tuch wegzutun. Ich kam gerade zurecht hinaus, wie sie der Toten in das wachsblasse Antlitz schaute. – Es war das schlafende Lenerl. Wie ein Kind von zwölf Jahren, so war es anzusehen mit dem kleinen schmalen Gesichtlein und dem schlichtgescheitelten Haar. Ihr sanft gewölbter Busen war bedeckt mit papierenen Heiligenbildchen, die schmalen Hände waren gefaltet und mit einer Rosenkranzschnur umwunden.
  Ich warf auf die Wirtin einen fragenden Blick, den sie sofort verstand und beantwortete: »In Muadaleib hots Kloani müassn zschnittn wem.«
  In diesem Augenblick poltert zur Tür der Udalneh herein und schrie üherlaut: »Gehts aussi in d’Sunn, da Schinda ziacht enk d’Haut oh!« Aber der liebliche Gruß blieb ihm doch zur Hälfte im Munde stecken, als er die Leiche sah.
  »Geh na her, Udalrikel«, redete ihm die Wirtin mit erzwungenem freundlichem Tone entgegen. »Do leit oani, dai wirst guad kena.«
  Mit lang vorgestrecktem Halse starrte er hin und knurrte:
  »Höillsaggera, wos is dos!«
  »Dai host du umglegt, Holder«, sprach die Wirtin.
  »Guat is s, hot a as Hinwern ibaschdont.« So er, dann drehte er sich ein paarmal unentschlossen herum, ging zur Tür hinaus und stopfte sich eine Pfeife.
  Der alte Holzschläger Poldl, der drinnen im Gastzimmer saß, hatte den Mann wahrgenommen, er schaute zum Fenster hinaus und sagte.. »Wans mih nit truigt, er is’s.«
  Hernach ließ er den Udel durch die Wirtin auffordern, er möchte ein wenig in die Stube kommen. Der ließ zurücksagen: »Hirschouchs, schäibiga! Du host nit weider heraus, wie ih hinei.«
  »Däs is ah wohr«, meinte der alte Holzschläger, nahm sein Weinglas und ging mit einiger Umständlichkeit in das Freie.
  »Udel«, sagte er und hielt ihm das Glas hin, »do drink amol!«
  Der andere tat einen einzigen Zug, da war das Glas leer.
  »Host an Schdorkn, heind!« knurrte er pustend und fing mit der Unterlippe den Schnurrbart, daß er die daranhängenden Tropfen auch noch bekomme. »Von der Olmwirdin ihr Sauschwem is däs koana. Wa nit zwida, der Saggera!«
  »Ja, mei Mensch«, entgegnete der Poldl, »mir trogts as holt, daß ih an guadn Wei trink, hiazt. Trink aus goa, Udel, weilst Dih so brav aufgführt host.«
  »Gilt scha! Aftn zohl ih ah oan, Voda«, sagte der Halter, denn es lag ihm daran, diese Stunde auf etwas Unterhaltliches hinauszuspielen. Er warf die Ledertasche weg, sie setzten sich zusammen an den Tisch, der unter dem Ahorn stand und plauderten miteinander gemütlich eine Weile. Da hörte ich, wie der alte Holzschläger sagte: »Hiazt zohl ih nouh a Holbi. Wirst Dei Geld eh ban Pforer und ban Totengrober brauchn.
  »Sou dum wir ih nit sei!« pfauchte der Udel.
  »Host as umbrocht, wirst as ah miassn eingrobn lossn«, sagte der Alte.
  «Schick um an Schinda, tuats wulfeila, wia da Pfora.«
  Der Holzschläger zuckte zusammen bei diesem unerhörten Wort des Halters.
  Dann sprang er auf und kreischte: »Hänkn loss ih Dih, Du Höilloos!«
  »Mit dein Mostdorm leicht?« gab der andere ruhig zurück.
  »Olls hots ausgsogt in da letztn Schdund«, sprudelte der alte Poldl jetzt hervor, »wiast sie mit Gwolt bist ongongen afn Kirchweg, Du höillasch Robenbond, Du vafluachts!« Mit bebendem Arm faßte er das Weinglas, um es dem Verderber seines Kindes an den Schädel zu schleudern. Aber der Udel packte ihn und leicht, wie man ein Kind niedertaucht, so drückte er den Greis an den Ahornbaum, setzte ihm das Knie an die Brust und sagte mit süßlicher Stimme: »Jetzt, mei liaba Hulzknecht Puldl, jetzt tuas sogn, willst derwürgt sein oder daschdouchn!«
  Zur rechten Zeit noch kamen die Leute herbei, um den Alten zu befreien.
  Der Halter hob langsam Pfeife, Tasche und Hut von der Erde auf und trollte pusternd davon. Der alte Holzhauer schoß im Hofe umher nach einer Waffe suchend, da sah er eine Futtersichel, die an der Stallwand hing, diese erhaschte er, lief damit flink wie ein Knabe dem Udel nach. Der ging eben zur Angerschranke hinaus, als die Sichel durch die Luft sauste und ihm an der linken Seite in den Bauch schlug. Einen Augenblick stand er da, starr wie ein Strunk. »Saggera!« knirschte er. »Wos hob er ma hiaz einikitzelt?« Die halbe Länge des krummen Messers stak in seinem Körper, er zerrte und riß daran, bis sie unter strömendem Blute endlich herausgezogen war. Ohne auch nur eine Bewegung des Angriffes zu machen, ließ er die Sichel fallen und wankte wegshin über die Matte.
  Das alles hatte ich mitansehen, mit anhören müssen an jenem Frauentage. Meine Kinder klammerten sich vor Angst wimmernd an mich. – Der alte Holzknecht Poldl saß wieder auf der Ofenbank und schmauchte seine Pfeife. Man merkte es nicht in seinem gleichgültigen Angesichte, daß draußen seine Tochter auf der Bahre lag, und man merkte es nicht, daß er sie eben gerächt hatte mit dem scharfen Wurfe. Man wußte kaum, ob der Alte weiter einen Unterschied machte zwischen dem gestrigen Tage und dem heutigen.
  Ich machte mich mit meinen Kindern und mit einer neuen Erfahrung auf den Weg ins heimatliche Tal.
  Am nächsten Morgen hörte man es schon. Oben auf der Alm zwischen Wacholdersträuchern war der Halter Udalrich gefunden worden, im Blute liegend, mit aufgeschlitztem Bauche und hervorgequollenem Eingeweide. Der Kopf im Geäste, hatten seine Zähne sich verbissen und verhackt in einem Wacholderaste, den er vor Schmerz halb durchgenagt. Also lag er mit gräßlich verzerrten Zügen hingekrümmt und erstarrt; selbst sein Tod war einer jener abscheulichen Zynismen, von denen sein Leben erfüllt gewesen.
  Das Empörendste für mich aber, was mir heute noch das Herz umdreht, war, daß die beiden Toten, die engelsliebliche Lenerl und der Unhold, in ein gemeinsames Grab gelegt hatten.
  Es wäre anders zu kostspielig gewesen, und der alte Holzschläger konnte nicht zahlen, er war von Gendarmen fortgeführt worden in den Arrest.


