

    Rudolf Lindau
    Der Gast
    
    I
    Die beiden Männer, die auf dem Dampfboot, der »Hudson«, im Hafen von Neuyork, am 26. April 1865 Abschied voneinander nahmen und von vielen der Fahrgaste neugierig beobachtet wurden, schienen nur wenig zueinander zu passen; doch sah man wohl, daß ihnen die Trennung schwer wurde. – Der eine, der Zurückbleibende, ein Mann, der vierzig Jahre alt zu sein schien, aber möglicherweise jünger war als er aussah, stand an der Treppe, um das Schiff zu verlassen. Er war ein Riese von Gestalt. Seine kolossalen Gliedmaßen steckten in einem schlecht gemachten, augenscheinlich fertig gekauften Anzuge und waren darin beengt, seine Bewegungen linkisch, unbeholfen. Er sah aus, als habe er seit Jahren keine städtischen Kleider angelegt und fürchte nun, bei jeder Bewegung den neuen, glänzenden, schwarzen Rock, den er heute zum ersten Male auf dem breiten Rücken trug, zu zerreißen. – Er hatte schlichtes, pechschwarzes Haar, das in einer gewissen altmodischen Weise gescheitelt und gebürstet war und ihm das gemessene, pedantische Aussehen eines Dorfbewohners gab, der mit besonderer Sorgfalt feierlichen Sonntagsstaat angelegt hat. Sein Gesicht war vom Wetter gebräunt, die Züge waren massiv und mächtig, keineswegs häßlich, in gutem Verhältnis zur Gestalt; – geradezu schön waren die großen, schwermütigen, dunkeln Augen und der kindlich gutmütige Mund, hinter dessen glatt rasierten, edel gewölbten Lippen die starken Zähne weiß hervorleuchteten. – Der andere, hellblond, mit blauen, lachenden Augen, sonnverbrannt wie der Riese, die Züge von jugendlicher Anmut und Energie, war mittlerer Größe, schlank und wohlgebaut. Er trug einen Reiseanzug, der aus demselben Laden stammen mochte, wie der schwarze Rock seines Freundes; aber er war einer von den Leuten, denen alles, was sie anziehen, gut sitzt. Frei und edel war jede seiner Bewegungen.
    »Nun, Nick, mein alter Gefährte, gehab' dich wohl,« sagte der Riese. »Sobald ich da drüben alles in Ordnung gebracht habe, folge ich dir. Richte dich zu Hause für uns zwei ein, und wenn du dir eine Frau nimmst, bedinge, daß sie mich in deiner Nähe dulden muß. Und suche meinen Bruder Harry gleich auf und sage ihm, wie es mir geht: gut, ganz gut, mit etwas Sehnsucht nach ihm und den Schwestern und der Heimat. – Du kannst ihn unter Tausenden nicht verfehlen; denn er gleicht mir, wie ein Ei dem andern. Und grüße auch seine Frau und sage ihr, ich hoffe, sie nun bald persönlich kennen zu lernen. – Gott beschütze dich, mein lieber Nick! Lebe wohl!«
    Die Augen wurden ihm feucht, als er sich endlich abwandte und das Schiff verließ, und Nikolaus Ohlsens Blicke folgten ihm mit unverkennbarer Rührung.
    Das Dampfboot war nun vom Hafendamm losgemacht, der Steg, der es noch mit dem Lande verbunden hatte, fortgezogen. Es manövrierte, den kurzen, energischen Befehlen des Kapitäns gehorchend, ungeduldig, schnaufend, ächzend, pfeifend, zischend eine kleine Weile hin und her, um sich von den Schiffen und Booten, die es umgaben, frei zu machen; aber bald hatte es offenes Fahrwasser vor sich, und nun zog es majestätisch, ruhig und schnell, seiner Straße.
    Da ertönte es, einer Posaune gleich, vom Ufer her: »Fahre wohl, Klaus Ohlsen! Fahre wohl!« und der Gerufene, der, mit dem Taschentuche winkend, auf dem Deck stand, setzte beide Hände an den Mund, stieß einen hellen, langgezogenen, wilden Schrei aus und rief dann aus voller Brust zurück: »Glück auf, John Maclean! Auf Wiedersehen!« – Darauf blieb er noch eine Minute mit dem Tuche winkend stehen, dann wandte er sich gelassen ab, und ohne auf die verwunderten Blicke und das Lächeln der andern Fahrgäste zu achten, stieg er die Treppe hinab, um sich, wie alte Reisende dies zu tun pflegen, vor allen Dingen in seiner Kajüte einzurichten. – Ein junger Mann, der zwischen zwei eleganten, hübschen Damen stand, blickte ihm nach und sagte, sich an seine Gefährtinnen wendend: »Einer aus dem ›Fernen Westen‹, ich wette!«
    Der Schotte John Maclean und Nikolaus Ohlsen aus Lübeck hatten sich vor acht Jahren in Kalifornien kennen gelernt, als sie, »Gold suchend«, fast gleichzeitig dort angekommen waren. Ohlsen zählte damals zwanzig Jahre; aber er war bereits ein Mann, der seit vier Jahren, auf eigene Faust, den Kampf mit dem Leben und um das Leben begonnen, Gefahren getrotzt, dem Tode ins Auge geschaut hatte, und der, wenn er die sichere Hand auf dem großen, gut gehaltenen » Navy Revolver« hielt, den er in einem breiten, ledernen Gürtel, an der Seite trug, in Gesellschaft der wilden Abenteurer, die damals aus allen Weltteilen nach dem Gold verheißenden Lande gezogen kamen, so ruhig und behaglich dasaß, und seine Pfeife rauchte, als erfreute sich seine persönliche Sicherheit des Schutzes der besten Polizei einer großen zivilisierten Stadt.
    Nikolaus Ohlsen war eine Waise und hatte weder Bruder noch Schwester. Das Leben bei einem alten, griesgrämigen, strengen Onkel in Lübeck, der ihn erzogen hatte, war ihm zur Last geworden. Er hatte sich von einem wohlhabenden Freunde seines verstorbenen Vaters, dem sein offenes, kühnes Wesen gefallen, »auf Ehrenwort« die für seine damaligen Verhältnisse bedeutende Summe von hundert Talern zu verschaffen gewußt und war damit heimlich davongegangen. Die geborgte Summe hatte er schon nach einem Jahre mit einem herzlichen Dankschreiben zurückgesandt. Der Onkel war ganz froh gewesen, seinen Wildfang von Neffen losgeworden zu sein und hatte keine weiteren Nachforschungen nach ihm angestellt. Er hatte in langen Zwischenräumen lakonische Briefe von Nikolaus empfangen und wußte, daß dieser sich in kurzer Zeit in verschiedenen Weltteilen umgesehen hatte und schließlich nach Kalifornien gelangt war. Von dort aus empfing der Onkel im Jahre 1858 folgenden Brief:
    »Es geht mir gut, lieber Onkel, und ich hoffe, Du befindest Dich ebenfalls wohl. Wenn Du mir etwas mitteilen willst, so schreibe mir Poste restante San Francisco. Dort führen mich meine Geschäfte alljährlich zwei bis dreimal hin.
    Dein ergebener Neffe N. O.«
    Der Onkel hatte gemeint, es sei eine Schande und Sünde, daß Nikolaus ihn schweres Porto habe bezahlen lassen – denn der Brief war nicht frankiert gewesen –, um so wenig zu schreiben. Er hatte zuerst absichtlich nicht geantwortet, dann gezweifelt, daß ein Brief von ihm den vagabundierenden Neffen noch in Kalifornien finden werde, und schließlich war er gestorben, ohne diesem wieder ein Lebenszeichen gegeben zu haben. Nikolaus wußte nicht, was aus dem Onkel geworden war, kümmerte sich sehr wenig um ihn und hatte ihn nach zwei Jahren vergessen. »Keine Sorge im Kopf, keine Kette am Bein; – der Vogel in der Luft ist nicht freier als ich,« sagte er; und leichten Herzens zog er durchs Leben.
    John Maclean war in die Welt hinausgezogen, um Geld zu verdienen. Er hatte ein halbes Dutzend unverheirateter Schwestern, die oben im Norden von Schottland in einer kleinen Stadt wohnten und dort mit ihren alten Eltern ein kümmerliches Leben führten. John und sein Zwillingsbruder Harry waren in Glasgow erzogen worden, hatten sich durch eisernen Fleiß, durch eine an Geiz grenzende Sparsamkeit ausgezeichnet und als sechzehnjährige Burschen angefangen, von ihrer Arbeit zu leben. – Harry war in ein Geschäft eingetreten. Seine Tüchtigkeit und Ehrlichkeit hatten ihm das Zutrauen und das Wohlwollen seines Prinzipals erworben. Er war rasch vorwärts gekommen, und mit seinem zwanzigsten Jahre schon imstande gewesen, seine Eltern zu unterstützen. Dann war er in eine große Bank nach Edinburg und später nach London berufen worden, und dort bekleidete er seit seinem dreißigsten Jahre die Stelle eines Direktors und bezog ein Gehalt, das ihm gestattete, Wohlleben in das Vaterhaus zu bringen. Er hatte dies getan, ohne jemals ein Wort des Dankes dafür zu erwarten oder zu bekommen. – Die Macleans waren ernste, fromme Leute, denen es selbstverständlich erschien, daß ein Mann seine Pflicht tut. Die Eltern hatten mit schweren Opfern, aber ohne sich dessen zu rühmen oder darüber zu klagen, ihre Pflicht an ihren Söhnen getan und ihnen eine gute Erziehung zuteil werden lassen; die Söhne taten nun, ohne dafür Lob zu ernten, ihre Pflicht an den Eltern. Das war in Ordnung. Aber der alte Maclean war stolz auf seinen Sohn Harry, den Direktor der »Western Bank«, und sprach gern und oft von ihm. Anders war es, wenn es sich um Harrys Zwillingsbruder handelte.
    John war eines Tages, nachdem er vier Jahre lang in einem kleinen Geschäft gearbeitet hatte, nach dem Vaterhause zurückgekehrt und hatte dort ungefähr folgende Rede gehalten:
    »Männer kann ich den Mädchen nicht verschaffen; dazu sind sie zu groß und zu wild« – es waren sechs Riesinnen, die älteste zweiunddreißig, die jüngste sechzehn Jahre alt –; »aber für sie sorgen, das will ich. Harry hat sich entschlossen, sein Glück in Edinburg und in London zu versuchen; ich will sehen, ob ich meines auf der andern Seite des Wassers finden kann. Wenn es mir gut geht, so sollt ihr wieder von mir hören.«
    Während langer Jahre hatte man in Schottland aus erster Hand nichts von ihm gehört. »Es muß ihm schlecht gehen,« hatte der alte Maclean oftmals gesagt, und Frau Maclean hatte im geheimen manch' bittere Träne darüber geweint. Doch wußte man zu Hause, daß John am Leben sei; denn Harry berichtete regelmäßig über ihn und schrieb wohl alle drei Monate: »Ich habe Nachrichten von John. Es geht ihm, Gott sei Dank, wohl.« – Endlich, im Jahre 1859, zwölf Jahre, nachdem John die Heimat verlassen hatte, war ein Brief von ihm eingetroffen, der einen Wechsel über tausend Pfund enthielt. In diesem Briefe schrieb der pflichttreue Sohn ehrerbietigst seinem greisen Vater und seiner alten Mutter, es gehe ihm nun endlich gut – sehr gut, und er werde in Zukunft viel Geld nach Hause schicken, das nach Beratung mit dem sachverständigen Harry dazu benutzt werden sollte, um »den Mädchen«, von denen nur zwei Männer gefunden hatten, ein sorgenfreies Leben zu sichern. – Neue Geldsendungen waren sodann in kurzen Zwischenräumen gefolgt, so daß die Macleans für reiche Leute gegolten, als im Jahre 1862 der Vater Maclean und wenige Monate darauf seine Frau das Zeitliche gesegnet hatten. Dann waren die vier alten Jungfern nach Edinburg übergesiedelt, wo sie mit der Hälfte ihres Einkommens ein zurückgezogenes, strenges Leben führten. Sie empfingen nun mit großer Regelmäßigkeit Briefe von John sowohl, wie von Harry, aber nachdem ihnen ein Vermögen gesichert worden war, das ihnen gestattete, alle ihre Bedürfnisse mit Leichtigkeit zu befriedigen, hatten die Geldsendungen aus Amerika aufgehört. Die Schwestern fanden dies ganz in Ordnung, und eine jede von ihnen hatte frühzeitig am gemeinschaftlichen Vermögen so verfügt, daß dasselbe nach ihrem Ableben in gleichen Beträgen unter ihre überlebenden Geschwister verteilt werden sollte.
    Harry Maclean hatte sich im Jahre 1857, bald nach seiner Ernennung zum Direktor der »Western Bank«, mit einer Witwe verheiratet, die eine Tochter hatte und nur vier Jahre jünger war als er. – Die kleine Natalie, das Kind aus erster Ehe, zählte damals acht Jahre, die Mutter sechsundzwanzig. Die Familie Maclean hatte diese Heirat nicht gebilligt. Daran hatte sich Harry wenig gekehrt. Er tat in erster Linie seine Pflicht, der er ohne Murren alles andere opferte, dann aber, unbekümmert um dritte, rücksichtslos das, was ihm gefiel. – Die junge Witwe hatte ihm gefallen, er hatte sich um sie beworben, und sie war bereit gewesen, ihm ihre Hand zu reichen. – Die neue Schwägerin war nach der Meinung der streng protestantischen Schwestern keine rechte Christin. Sie war ebenso schlimm, vielleicht noch schlimmer als eine Paptistin. Sie gehörte einer Religion an, die sich die orthodoxe nannte: sie war Russin. Ihr erster Mann war ein vornehmer, griechischer, in London ansässiger Kaufmann gewesen. Sie war von eigentümlicher, großer Schönheit. – Harry Maclean hatte sie, bald nach seiner Verheiratung, seinen Eltern und Schwestern vorgestellt; aber die Schotten und die Russin waren sich wildfremd geblieben. Monja hatte sich nicht etwa als stolze, vornehme Dame gezeigt. Nicht die leiseste Spur eines Lächelns oder das geringste Zeichen von Verwunderung war auf ihrem Antlitz zu entdecken gewesen, als ihr die riesigen Verwandten, in groben, im Hause Maclean angefertigten Kleidern, vorgestellt worden waren; aber die ganze Familie hatte gefühlt, daß zwischen der großen, schlanken Frau mit dem weißen, hellen Gesicht, den heißen, dunkelblauen Augen, dem hellbraunen, üppigen Haar, die ihnen wie eine Königin, überraschend schön, feierlich entgegengetreten war und ihnen mit fremder, melodischer Stimme, mit absonderlicher Aussprache »guten Tag« gewünscht hatte – daß zwischen dieser Frau, der neuen Schwiegertochter und Schwägerin, und ihnen, keine Gemeinschaft bestehen könne. – Sie war nach wenigen Tagen wieder abgereist, und die ganze Maclean-Familie hatte, nachdem sie gegangen war, aufgeatmet, als habe man sie von einem Zwange befreit. – Ein Jahr später hatte Harry Maclean seinen Verwandten angezeigt, daß ihm ein Sohn geboren sei, später hatte er die Geburt eines zweiten Kindes, einer Tochter, gemeldet. Man hatte sich darüber in Schottland gefreut; aber die alten Macleans hatten nicht den Wunsch geäußert, ihre Enkel zu sehen, und waren im nächsten Jahre gestorben, ohne mit ihrer Schwiegertochter wieder zusammengetroffen zu sein. Harry hatte an dem Sterbebette seines Vaters und später auch an dem seiner Mutter gestanden und der Beerdigung der beiden alten Leute beigewohnt. Er war dabei ruhig und gefaßt erschienen, aber bei dem letzten Begräbnis hatte er totenblaß ausgesehen, und nachdem er die üblichen drei Handvoll Erde auf den Sarg der Mutter geworfen, war er mehrere Schritte zurückgetaumelt und hatte verstört um sich geblickt, wie einer, von dem man gewärtig sein muß, daß er ohnmächtig wird. Er hatte die Abwesenheit seiner Frau damit entschuldigt, daß sie die Kinder nicht allein in London lassen könne. Er war dabei sichtlich verlegen gewesen und hatte gebeten, man möge Monjas Abwesenheit nicht als einen Mangel an Teilnahme deuten; aber die Schwestern waren mit der von Harry gegebenen Erklärung zufrieden gewesen. Monja Maclean gehörte nach ihrer Meinung nicht zur Familie und hatte nichts mit dem Begräbnis von Vater und Mutter zu tun.
    Im Jahre 1865, zur Zeit, als Nikolaus Ohlsen und John Maclean auf dem »Hudson« voneinander Abschied nahmen, war die Entfremdung zwischen den schottischen und den Londoner Macleans eine vollständige geworden. Harry besuchte zwar seine Schwestern noch von Zeit zu Zeit, aber er sprach nicht mehr von seiner Frau, und die Misses Maclean, die keine Schmeichlerinnen waren, erkundigten sich nicht nach ihrer Schwägerin; aber sie freuten sich an den Photographien der beiden Kinder Harrys, richtiger Macleans, mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Harry zeigte ihnen auch das Bild seiner Stieftochter, eines blassen Mädchens mit großen, blauen Augen und goldenem Haar.
    »Sie sieht kränklich aus,« sagte Katharina, die älteste Schwester.
    Die andern nickten dazu mit dem Kopfe. Das war alles.
    »Sie ist schwächlich,« sagte Harry, »und wir haben sie nach einer Pension auf dem Kontinent gebracht, da sie das Klima in London nicht vertragen kann.«
    Die Schwestern fragten nicht einmal, in welcher Stadt das kränkliche Mädchen wohnte. – Natalie Antoniades mochte leben oder sterben, wo und wie sie wollte, das ging die Misses Maclean nichts an.
    Um diese Zeit empfing Harry Maclean einen Brief von seinem Bruder John. Er war aus San Francisco datiert und enthielt unter anderem folgendes:
    »Gleichzeitig mit diesem Briefe verlasse ich Kalifornien: auf kurze Zeit nur, denn ich denke, im Monat Juni wieder hier zu sein. Der Zweck meiner Reise nach Neuyork ist, Nikolaus Ohlsen das Geleit zu geben. Wir halten uns vielleicht unterwegs etwas auf, und Du siehst ihn möglicherweise erst im Sommer; aber wann er auch kommen mag, vergiß nicht, daß er mir acht Jahre lang treu zur Seite gestanden, und daß mir, nächst Dir und den Mädchen, niemand auf der Welt so lieb ist wie er. Empfange ihn wie zur Familie gehörig. – Ohlsen wird Dir Auskunft über den Stand unseres gemeinschaftlichen Vermögens geben. Ich denke, dasselbe im Laufe eines Jahres liquidieren zu können. Sobald das geschehen ist, kehre ich ebenfalls nach Hause zurück, und wir drei: Du, Nick und ich, wollen dann zusammen leben.
    Nick spricht seit Monaten von nichts anderem, als davon, daß er sich verheiraten will. Er ist zehn Jahre jünger als wir und versteht von Frauenzimmern so viel wie ich, also nichts. Aber Du wirst Erfahrung haben. Also achte darauf, daß er sich nicht von einem schlechten Weibsbilde betören läßt und bitte Deine Frau, ihm bei seiner Wahl behilflich zu sein. Er ist Männern gegenüber trotzig und wild; aber in den Händen einer Frau ist er weich wie Wachs. Meine Schwägerin muß ihm eine gute Gefährtin finden. Sie wird damit zwei Menschen glücklich machen; denn Nick ist treu und sicher wie Stahl.«
    Harry nahm sich diesen Brief zu Herzen, wie alles, was von seinem geliebten John kam. Er zeigte den Brief auch seiner Frau, die dazu lächelte und sagte:
    »Schade, daß Natalie nicht ein paar Jahre älter ist, oder dein Freund nicht noch zwei oder drei Jahre warten will. Aber wenn er so ungeduldig ist, so müssen wir ihm gleich eine Braut suchen. – Nun, es fehlt in England nicht an hübschen Mädchen! Du siehst, es hat sein Gutes, daß ich nicht alle Verbindungen abgebrochen habe und nicht ein Klosterleben führe, wie du es gewünscht hättest. – Wenn dein Goldgräber nur nicht gar zu verwildert ist! Zeige mir noch einmal die Photographie, die John dir von ihm geschickt hat.«
    Sie betrachtete das Bild aufmerksam und sagte:
    »Ein hübsches Gesicht! Ich denke, wir werden etwas Passendes für den jungen Mann finden.«
    Auf der Rückseite der Photographie standen mit großer, fester Handschrift die Worte: »Dem Bruder meines Freundes J. M. in aufrichtiger Freundschaft N. O.«
    »Er ist schon dein Freund, noch ehe er dich gesehen,« sagte Frau Monja.
    »Er kennt John. Da ist es, als ob er mich kennt,« antwortete Harry Maclean. »Und du weißt, welch' großen Dienst er meinem Bruder erwiesen hat.«
    Frau Monja kannte die Geschichte genau, auf die Harry Maclean anspielte. John hatte sie in seinen Briefen ausführlich erzählt, und sie hatte diese Briefe bald nach ihrer Verheiratung gelesen und seitdem weit öfter, als es sie kümmerte, davon sprechen hören.
    John Maclean war eines Tages unverschuldet in einen Streit mit Abenteurern geraten, die im Jahre 1857 in denselben Minen wie er und Ohlsen nach Gold suchten. Messer und Revolver waren gezogen worden, und es war zu tödlichem Kampfe gekommen. Da hatte Ohlsen seinen Rücken gegen den von Maclean angelehnt, und die beiden hatten, Hacken gegen Hacken, so tapfer und ruhig gefochten, daß sie ihre Gegner, fünf an der Zahl, in die Flucht geschlagen. Einer von diesen war getötet, zwei waren schwer verletzt worden. Ohlsen und Maclean hatten zahlreiche Wunden empfangen, aber keine war lebensgefährlich gewesen. Das ganze » Camp« hatte ihnen recht gegeben, sie gut gepflegt, ihre Gegner aus dem Lager verwiesen und bei Todesstrafe verwarnt, nicht dorthin zurückzukehren. Nikolaus und John waren bald darauf die Lieblinge und, bis zu einem gewissen Grade, die Richter und Führer ihrer wilden Arbeitsgenossen geworden. Sie hatten ihre Interessen miteinander verbunden und waren, vom Glück begünstigt und dank ihrer Ausdauer und Furchtlosigkeit, zu reichen Leuten geworden. Sie hatten im Jahre 1862 ihre Minenanteile verkauft, einen großen Teil ihres Vermögens in Grundstücken in Sacramento und San Francisco angelegt und dort Häuser errichtet, deren Mieten hohe Zinsen auf die angelegten Kapitalien abzuwerfen versprachen. Zwei Jahre später hatte der siebenundzwanzigjährige Ohlsen den Wunsch geäußert, nach Europa zurückzukehren. Maclean hatte es übernommen, noch ein Jahr oder achtzehn Monate in Kalifornien zu bleiben, um die Vollendung der begonnenen Bauten zu überwachen. Wenn dies geschehen, wenn die Geldanlage so sicher wie möglich gemacht war, dann wollte der vorsichtige, geduldige Schotte seinem Freunde folgen.
    Die Trennung von Ohlsen war Maclean sehr schwer geworden; aber er hatte sich der Abreise nicht widersetzt. Er fühlte eine Art väterlicher Zuneigung für seinen jüngeren Genossen, und er wollte dem Glück seines Freundes in keiner Weise entgegenstehen. – Er war vom Hafendamm schwermütig in das Gasthaus zurückgekehrt, nachdem der Rauch des davondampfenden »Hudson« seinen Augen unsichtbar geworden, und hatte Neuyork noch an demselben Tage verlassen, um so schnell wie möglich nach San Francisco zurückzukehren. Er wollte die Arbeiten, die während seiner Abwesenheit vernachlässigt werden konnten, eifrig vorwärtstreiben, keinen Tag verlieren, um die Trennung von seinem Freunde Nick so sehr wie möglich zu verkürzen. – Ohlsen dachte ebenfalls mit Wehmut an seinen alten John und ging während der ersten Tage der Überfahrt einsam und in sich gekehrt auf dem Verdeck auf und ab. Dann befreundete er sich mit seinen Tischnachbarn, bald darauf mit einigen anderen der Mitreisenden, darunter mit den beiden hübschen Amerikanerinnen, die hinter ihm gestanden hatten, als Maclean von ihm gegangen war, und die sich damals darüber gewundert hatten, daß der vornehm aussehende junge Mann so wild und laut schreien konnte, – und als der »Hudson« nach zwölftägiger Überfahrt in Liverpool vor Anker ging, war ein so vollkommenes »Flirtations-Verhältnis« zwischen Herrn Nikolaus Ohlsen und Fräulein Rosa Dixon hergestellt, daß Wetten an Bord des Dampfers gemacht wurden, die beiden würden sich, noch bevor sie ans Land gestiegen seien, miteinander verloben. – Dazu kam es aber nicht, dank dem vorsichtigen Vater des jungen Mädchens, dem die Leute aus dem »Far West« nur geringes Vertrauen einflößten, und der seiner klugen Tochter empfahl, sich auf nichts Ernstes einzulassen, bis er in Erfahrung gebracht habe, welcher Art die Verhältnisse des Herrn Ohlsen in Wirklichkeit seien.
    Die beiden jungen Leute trennten sich voneinander mit zärtlichem Händedruck, mit dem Versprechen, sich ganz regelmäßig zu schreiben und hatten sich bald darauf vergessen. Die hübsche Rosa Dixon ließ sich in Paris von einigen unzweifelhaft reichen Amerikanern den Hof machen, und Nikolaus Ohlsen hatte in England vollauf Beschäftigung für sein Herz und seinen Kopf gefunden.
    
  



    II
    Harry Maclean galt für einen glücklichen und beneidenswerten Mann. Er erfreute sich des besten Rufes im Kreise der Geschäftsmänner, mit denen er verkehrte, er war reich und hatte eine schöne, kluge, liebenswürdige Frau und blühende, hübsche Kinder. Aber Herr Maclean, obgleich er erst neununddreißig Jahre zählte, war seit geraumer Zeit schon ein ernster, wortkarger Mann geworden, den man nur selten lächeln sah, und auf dessen Gesicht sich ein resignierter, kummervoller Ausdruck gelagert hatte, der seinen Ruf als glücklicher Mensch Lügen zu strafen schien. Er war in der Tat nicht glücklich.
    Als Harry Maclean die schöne Monja Antoniades gefreit, hatte er gewähnt, in ihr eine Frau nach seines Herzens Wünschen zu finden. Er war ein rücksichtsvoller Mann, aber dem entsprechend, in der Theorie wenigstens, nicht ganz anspruchslos. Als er, bald nach seiner Verheiratung, die Unklugheit begangen hatte, seiner Frau, die nur um wenige Jahre jünger und in gewisser Beziehungen lebensklüger als er war, seine Ansichten über die Ehe auseinanderzusetzen, die in den trockenen Worten zusammengefaßt werden konnten: »Ich gebe alles, was ich habe, um alles zu empfangen, was du hast,« da hatte Frau Monja ihn mit ihren großem Augen verwundert und kalt angesehen und ihm in ihrem Herzen – ohne Enttäuschung und ohne Bitterkeit – das Zeugnis ausgestellt, er sei ein Egoist und ein Pedant. Wäre Frau Monja imstande gewesen. Betrachtungen anzustellen, so würde sie mit Leichtigkeit entdeckt haben, daß Harry Maclean zweifelsohne geneigt gewesen wäre, in der Praxis seine Ansprüche ganz erheblich herabzustimmen, und daß er in der Tat ein rücksichtsvoller und anspruchsloser Mensch war; aber die leichtlebige Russin fühlte nicht das geringste Bedürfnis, über die Eigentümlichkeiten des methodischen Schotten oder über irgend etwas anderes nachzudenken, sondern begnügte sich damit, alle äußeren Eindrücke schnell und leicht zu empfangen, sich, je nach der Natur derselben zu vergnügen oder zu langweilen, jeden Tag mit dem Abend abzuschließen und an jedem Morgen ein neues Leben zu beginnen.
    Harry Maclean gehörte zu jenen beklagenswerten Menschen, die in dieser Welt voll Unklarheit, Mißverständnissen und Halbheiten nach vollständiger Klarheit ringen. Es ließ ihn dies häufig schwer und pedantisch erscheinen; Monja dagegen forschte nie nach Motiven und war imstande, fünf Minuten nach einem peinlichen häuslichen Auftritt, ohne Anstrengung, mit voller Aufrichtigkeit, heiter und liebenswürdig zu sein. – Der Schotte, dessen ganzes Leben harte, strenge Arbeit gewesen, und für den Ruhe etwas Kostbares war, hatte gehofft, an Monjas Seite ausruhen zu können. Er liebte sie. Er wollte sie glücklich machen; dafür sollte sie die Freude, der Friede seines Lebens sein. Aber Monja verlangte nicht nach Liebe, Glück, Frieden, Ruhe. Frau Monja war reich, jung und schön, und wollte sich am Leben erfreuen, »sich amüsieren«, wie sie es nannte. Am Arme des ehrbaren Herrn Direktors in den schattigen stillen Anlagen des Parkes spazieren gehen, dem arbeitsmüden Mann bei Tische gegenübersitzen und sich, nach eingenommener Mahlzeit, mit ihm in eine ruhige Unterhaltung oder in die Lektüre eines guten Buches vertiefen, von Zeit zu Zeit einige Bekannten des Gatten empfangen, ebenso ehrenwert und schwerfällig wie dieser und mit nicht minder ehrenwerten Gemahlinnen gesegnet, – das war kein Vergnügen für Frau Monja, dazu brauchte sie nicht jung und eine der gefeiertsten Schönheiten Londons zu sein. – Aber in der Oper sitzen und angestaunt und beneidet werden, in einer großen Gesellschaft, in blendender Toilette, die liebenswürdigsten Männer zu ihren Füßen sehen, diese durch einen vielversprechenden, sehnsüchtigen Blick berauschen, ohne im entferntesten daran zu denken, das gegebene stumme Versprechen je einzulösen, sich von jenem kalt und strafend abwenden, ohne einen andern Grund als den, ein empfindsames Herz zu beunruhigen, überall Hoffnungen und Befürchtungen erwecken, ohne selbst bewegt zu sein, und dabei in den Blicken der Frauen ohnmächtigen Neid lesen, – das war Leben!
    Frau Monja war noch nicht drei Monate verheiratet gewesen, als sie sich in diesem Sinne ihrem Gemahl gegenüber klar und deutlich ausgesprochen hatte. Sie hatte damit Harry Maclean einen Schlag versetzt, dessen Schwere er mit jedem Tage schmerzlicher empfand. Bei seiner selbstquälerischen Veranlagung, sich über sich selbst und andere Rechenschaft ablegen zu wollen, hatte er sich klar gemacht, daß von einem innigen Zusammenleben mit seiner Frau, wie er es geträumt hatte, niemals die Rede sein könne. Sie hatte gar kein Verständnis für das, was in der Tiefe seines Herzens vorging, sie ahnte nicht, daß das Herz überhaupt Tiefen hat, und sie stand in ihrer kalten Armut nicht etwa neidisch vor den ihr verborgenen Schätzen – nein – das Schöne, das sie nicht erkannte, hatte für sie etwas Lächerliches.
    Harry Maclean malte sich sein zukünftiges Leben aus, und ihm graute davor. Er erkannte, daß er an eine Frau gefesselt sei, die ihn nicht liebte, die überhaupt nicht lieben konnte, deren höchste Ansprüche an das Leben, auf Eitelkeit und Gefallsucht gegründet, ihm so niedrig erschienen, daß er dafür nur Verachtung empfinden konnte. – Er ging mit sich selbst zu Rate. Er wollte nicht sagen: Alles ist verloren! Er wollte versuchen, aus dem Schiffbruch seines Glücks zu retten, was noch zu retten war. – »Man muß mit den gegebenen Faktoren rechnen,« sagte er sich. – Aber Monja war für ihn eine unberechenbare Größe, und er machte in seinem Verkehr mit ihr Fehler auf Fehler, für die sie ein grausames Gedächtnis hatte, und die ihn, zu seinem Ingrimm, der untergeordneten Frau gegenüber, in eine ihr untergeordnete Stellung zurückdrängten.
    Einmal, nachdem Maclean festgestellt zu haben glaubte, daß Monja völlig außerstande sei, Güte zu würdigen, hatte er versuchen wollen, mit Strenge zu regieren. Er wußte wohl, daß er sich dabei nie glücklich und behaglich fühlen könne; aber er hoffte, es werde ihm gelingen, sich auf diese Weise Ruhe zu schaffen.
    »Wir werden in diesem Jahre nicht ausgehen,« sagte er, unmittelbar vor Beginn einer neuen Saison. »Meine Gesundheit gestattet mir nicht, mich, wie im vergangenen Jahre, wöchentlich ein halbes Dutzend Mal bis tief in die Nacht hinein in überfüllten Räumen aufzuhalten.«
    »Du denkst immer nur an dich,« antwortete sie. »Weshalb mißgönnst du mir ein harmloses Vergnügen? Andere Frauen gehen aus. Weshalb soll ich immer allein zu Hause sitzen?«
    »Du hast noch niemals allein zu Hause gesessen, und ich verlange nicht, daß du es immer tust. Ich wünsche nur, daß wir nicht auch in diesem Jahre wieder allabendlich ausgehen oder Besuche empfangen.«
    »Das klingt schon etwas vernünftiger. Mir ist es auch ganz recht, daß wir eine Auswahl treffen und nur angenehme Gesellschaft sehen.«
    In den nächsten Tagen trafen die ersten Einladungen zu Bällen und Mahlzeiten in üblicher Fülle ein. Maclean sah sich die Karten an und sagte ruhig:
    »Schreibe ab. – Wir gehen nicht!«
    Monja erwiderte kein Wort, aber sie saß ihm an jenem Abend wie eine Statue stumm und kalt gegenüber, und als Harry ihr vorschlug, einen Spaziergang mit ihm zu machen, antwortete sie, sie sei müde. Gleich darauf zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wo Maclean sie zwei Stunden später in gesunden Schlaf versunken vorfand.
    Derselbe Auftritt wiederholte sich während der nächsten Tage. – Wenn sie ihn, zu ungewöhnlich früher Stunde, von ihrer stummen Gegenwart befreit hatte, so saß er allein in dem hellerleuchteten, großen Gemach, voller Bitterkeit, in dem sicheren Vorgefühl, daß er in dem Kampfe, den er augenblicklich gegen seine Frau führte, unterliegen werde. – Sie würde das Leben, wie es sich während der letzten Tage gestaltet hatte, jahrelang ausgehalten haben. Ihr starrer, ruhiger Eigensinn war unbeugsam; er aber fühlte sich bereits erschöpft. Und doch glaubte er sich in seinem Rechte. – Durfte er denn nicht von seiner Frau erwarten, daß sie Rücksichten auf ihn nehme? Sah sie nicht, daß er des Abends matt und zerschlagen, ruhebedürftig nach Hause kam, nachdem er den Tag über gearbeitet hatte, damit sie und die Kinder in Wohlleben schwelgen und der Zukunft sorgenlos entgegensehen konnten? Waren seine Gesundheit und sein Frohsinn denn ganz wertlos für sie? Hatte sie denn keine Pflichten als Hausfrau und Mutter, lebte sie nur, um sich zu vergnügen?
    Er ging im Hause und im Park grübelnd, bitteren und finsteren Gedanken nachhängend, stundenlang auf und ab, bis körperliche Ermattung ihn zur Ruhe trieb. – Am nächsten Morgen schied er ohne ein Wort der Versöhnung von ihr. Das quälte ihn den ganzen Tag. Sie hatte es vergessen, sobald er den Rücken gekehrt und kam ihm am Abend leichten Sinnes, aber mit demselben eisigen Gesichte entgegen, das ihm am Morgen das Herz schwer gemacht hatte.
    Bald darauf gab er nach. – Was sollte er anders tun? Ihre Unfreundlichkeit machte ihm das Haus zur Hölle. – Sie schickte sich sofort in die neue Lage und zeigte ihm das freundlichste Gesicht.
    Als er wenige Tage darauf in Frack und weißer Binde in ihrem Zimmer saß und darauf wartete, daß sie ihre Toilette vollendet habe, wandte sie sich vom Spiegel ab, und, mit einer kleinen Rose im Munde – sie war damit beschäftigt, einige Blumen an ihrem Kleide zu befestigen – sagte sie:
    »Mein armer Harry, wie angegriffen du aussiehst! Aber das wird vorübergehen. Freue dich doch über meine Freude! . . . Wie steht mir die neue Haartracht?«
    Er antwortete, ohne aufzublicken: »Sehr gut!«
    Darauf, im Vorübergehen, streichelte sie ihm die Wange mit der Hand und dann, in vollem Staat, in strahlender Schönheit, stellte sie sich vor ihm hin, drehte sich langsam um und sagte:
    »So! Nun sieh deine Frau ordentlich an: von Kopf bis zu Füßen! Gefalle ich dir?«
    Und im Vorgefühl der Triumphe, die sie feiern würde, gab sie ihm einen flüchtigen Kuß.
    »Nun komm', und sieh nicht so verdrießlich aus!« sagte sie, und damit lief sie leichtfüßig voraus. Er folgte ihr schleppenden Schrittes, schweren Herzens.
    Aber auch diese oberflächlichen Liebenswürdigkeiten ihrerseits hatten mit der Zeit aufgehört. Maclean war immer verbitterter, sie immer gleichgültiger für seine Gemütsverfassung geworden. – Es hatte Auftritte gegeben, wo sie seiner Verstimmung mit schonungsloser Harte entgegengetreten war:
    »Ich weiß nicht, was du von mir verlangst. Soll ich mich wie eine Gefangene von dir einschließen lassen? Versuche es! Soll ich zum Kindermädchen und Aschenbrödel werden? Befiehl! Du verlangst, daß ich dir zu Gefallen zu Hause bleibe. Weshalb willst du nicht mir zu Liebe ausgehen? Ist mir nicht recht, was dir billig ist? – Wo bleibt deine vielgerühmte Gerechtigkeit? – Du mißgönnst mir jede Freude, und dann wirfst du mir vor, ich sei herzlos. – Wo sehe ich, daß du ein Herz für mich hast? – Weil es dir paßt, am Abend vor dem Kamin zu sitzen und die Zeitung zu lesen, deshalb erwartest du, daß ich zu Hause bleibe: Lies deine Zeitung – aber laß mich ausgehen! Ich verlange kein Opfer von dir. – Gib du mir meine Selbständigkeit. Dein Ideal aber wäre, daß ich schlafe, weil du müde bist. Hinter deiner Vorliebe für Promenaden beim Mondschein und sentimentalen Plaudereien vor dem Kaminfeuer steckt grenzenlose Selbstsucht, unerträgliche Tyrannei. Du bist der größte Egoist, den ich je gesehen habe, und ein recht trauriger Egoist obendrein, der nicht dulden will, daß andere sich freuen, weil er nicht das Herz dazu hat?«
    Harry Maclean fand darauf nichts zu erwidern. Monja peitschte seine nackte Brust mit Nesseln, und sie war für ihn geharnischt vom Scheitel bis zur Zehe. Er konnte sie nirgends angreifen, nirgends verwunden. Er wurde des ungleichen Kampfes müde und zog sich zurück. Er erstrebte in seinem häuslichen Leben fortan nur noch, möglichst wenig Verdruß zu haben: auf jede Freude hatte er verzichtet. Er gewöhnte sich wieder an das leichte Londoner Klubleben, das er unmittelbar nach seiner Verheiratung aufgegeben hatte, und sah nur noch wenig von seiner Frau. Sie aßen zusammen – darauf beschränkte sich ihr Verkehr. Im übrigen ging sie ihrer Wege, er seiner. Sie befand sich dabei ganz wohl und wunderte sich, daß er nicht auch vergnügt war. Er hätte sicherlich noch mancherlei Zerstreuung, wohl auch Beschäftigung für sein Herz, außer dem Hause finden können – an Trösterinnen hätte es dem vornehmen, reichen Manne nicht gefehlt – aber dazu war er nicht veranlagt. Sein Herz war mit Bitterkeit getränkt, und Monja hatte ganz recht: er war ein Pedant, er war schwerfällig. – Sogenannte häusliche Auftritte wurden immer seltener und hörten schließlich ganz auf. Monja war dafür in ihrer Weise dankbar. Sie hieß Maclean, wenn er des Abends heimkehrte, freundlich lächelnd willkommen, sie kleidete sich im Hause in einer Weise, von der sie annahm, daß sie ihm besonders gefiele, sie ging ihm entgegen, wenn sie seine Schritte im Park hörte, hielt die Wirtschaft in musterhafter Ordnung, sorgte für die Kinder und empfing die Freunde ihres Mannes, die dieser von Zeit zu Zeit bei sich sah, mit großer Liebenswürdigkeit. Die Macleansche Gastfreundschaft stand, dank ihren Bemühungen, im besten Rufe. Als er ihr eines Tages dafür seine Erkenntlichkeit aussprach, antwortete sie ihm freundlich und ermutigend, ja mit einer gewissen Zärtlichkeit in der Stimme.
    »Du siehst, wie leicht es ist, mit mir in Frieden zu leben. Ich mache dir gern jede Freude, wenn du es nur übers Herz bringen willst, mir hier und da etwas gefällig zu sein, mich in meinem harmlosen Vergnügen nicht zu stören und mir zu gönnen, daß auch ich meine Freude am Leben habe.«
    Maclean erwiderte hierauf kein Wort; aber hätte sie beobachtet, wie er die Zähne zusammenpreßte, hätte sie gewußt, wie es in seinem Innern kochte, so würde sie erschreckt gewesen sein. Er konnte jetzt ruhig neben ihr leben in stummem Ingrimm ob ihrer Frivolität; aber wenn ein Wort von ihr ihn daran erinnerte, wie sie sein ganzes Lebensglück zerstört, und welchen Erbärmlichkeiten sie es aufgeopfert hatte, wenn er sich sagte, daß sie nie zur Erkenntnis ihrer Kleinheit kommen, niemals ahnen werde, wie grausam sie ihn gekränkt habe, dann gährte es in ihm, und das Herz wurde ihm voll zum Zerspringen. – Und niemand ahnte sein schweres Unglück, und er mußte es allein tragen, bis er darunter zusammenbrach.
    
  



    III
    Der Direktor der Western Bank hatte soeben die letzten Wechsel und Briefe unterschrieben, die mit der Abendpost noch abgesandt werden sollten, und saß nun abgespannt, wie alle richtigen »Citymänner« es gegen fünf Uhr nachmittags werden, in seinem kleinen Schreibzimmer und schaute, ohne viel zu denken, auf den engen, feuchten Hof, den er von seinem Pult aus erblicken konnte, und in dem ein verkrüppelter Baum seine dürftig beblätterten Zweige wie klagend dem grauen Londoner Himmel entgegenstreckte, als die mit grünem Tuch überzogene Tür, die in das Hauptkontor führte, sich geräuschlos öffnete. Ein Diener trat herein. Maclean machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe.
    »Geschäftsstunden sind vorüber,« sagte er mürrisch. Aber er griff dessenungeachtet nach der Visitenkarte, die ihm der Diener überreichte.
    »Nikolaus Ohlsen aus San Francisco« stand darauf.
    »Lassen Sie den Herrn eintreten,« sagte der Direktor schnell, und dann erhob er sich und blieb wartend an seinem Pulte stehen.
    Er war in der Tat als der Zwillingsbruder John Macleans nicht zu verkennen: dieselbe riesige Gestalt, dieselben guten, dunklen Augen, derselbe kindliche Mund. Aber die Züge des Direktors, von der Stadtluft gebleicht, waren nicht so massiv wie die des Goldgräbers, und seine Haltung war gebeugt, wie die eines Mannes, auf dessen Schultern eine schwere Last ruht.
    Die Tür schwang wieder geräuschlos in ihren Angeln und Nikolaus Ohlsen erschien. Maclean ging ihm entgegen. Die beiden begegneten sich in der Mitte des Zimmers, schüttelten sich kräftig die Hände und sagten gleichzeitig:
    »Das freut mich!«
    Dann trat Ohlsen einen Schritt zurück, und Harry Maclean mit einem wohlgefälligen, gemütlichen Lächeln betrachtend, sagte er:
    »Ja, Sie hätte ich erkannt! Es ist mir, als kenne ich Sie seit acht Jahren, gerade so lange, wie ich John Maclean kenne.«
    Nach den ersten zwanzig Worten, die Maclean und Ohlsen miteinander gewechselt hatten, wurde das Gespräch zwischen den beiden so ungezwungen, behaglich, als ob sie sich in der Tat seit langen Jahren gekannt hätten. Ohlsen sprach ohne jeden Rückhalt, und Maclean lauschte mit wohlwollender Aufmerksamkeit.
    »Nun,« sagte dieser, als Ohlsen schwieg, »John schreibt mir, daß wir Ihnen hier eine Frau suchen sollen.«
    »Ja,« antwortete Ohlsen ruhig und bestimmt. »Ich will mich verheiraten.«
    Maclean beobachtete Nikolaus mit demselben väterlichen Blick, mit dem sein Bruder den frischen Burschen zu mustern pflegte, und sagte:
    »Das soll meine Frau besorgen. Sie wird Ihnen hübsche junge Mädchen zeigen, daß Ihnen die Augen übergehen, und Sie nur die Schwierigkeit der Wahl haben sollen.«
    »Das ist gut! Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich sehr wählerisch, sehr schwer zu befriedigen sein werde. Sehen Sie, lieber Herr Maclean, ich habe eine unverantwortlich gute Meinung von mir. Ich bilde mir ein, daß die Beste gerade gut genug für mich ist. – Und warum sollte ich nicht höchst anspruchsvoll sein? Ich bin jung, reich, und ich kann der Frau, die ich lieben will, mein ganzes Herz und mein ganzes Leben geben. Sie soll es gut bei mir haben: jeden Genuß, den sie sich wünschen mag, keine Sorge. Ich will mich ihr ganz hingeben. So habe ich es mir immer gedacht: nichts Halbes! Aber dafür verlange ich, daß sie mich glücklich macht, und daß ich stolz auf sie sein kann. – Sie muß schön sein, sehr schön! Das ist eine Hauptbedingung. Und gut und klug und vornehm obendrein. Das alles steht auf meinem Programm, und ich beabsichtige nicht, irgendwelche Zugeständnisse in dieser Beziehung zu machen.
    »Schön, gut, klug, vornehm,« wiederholte Maclean lächelnd. »Etwas viel auf einmal. – Muß sie auch reich sein?«
    »Nein. Ich habe Geld genug für zwei und für ein halbes Dutzend mehr.«
    »Aber sie muß Sie lieben?«
    »Ja, das muß sie. Sie muß mich lieben, wie ich sie lieben werde, sonst kann mir alle Schönheit, Güte und Klugheit nichts nützen. Aber davor ist mir nicht bange. Zeigen Sie mir ein Mädchen, das mir gefällt, und ich will ihr sonnenklar machen, daß sie nichts Besseres und Weiseres tun kann, als sich in mich zu verlieben.«
    »O! über den bescheidenen jungen Mann!« rief Maclean lachend aus. »Kommen Sie, daß ich Sie mit meiner Frau bekannt mache. Ich freue mich auf ihr Gesicht, wenn sie hört, was Sie mir soeben gesagt haben.«
    »Sie soll es hören: zehnmal, hundertmal, so oft sie will,« entgegnete Nikolaus ebenfalls lachend. – »Glauben Sie nur nicht, daß ich mit meinen Ansichten hinter dem Berg halten werde. – Ich suche mir eine seltene Perle von Frau, und ich suche, bis ich sie gefunden habe. Goldgräber sind geduldige Leute, lieber Herr. Das wußten Sie vielleicht noch nicht. Man gräbt – umsonst . . . weiter – umsonst . . . immer weiter und tiefer – immer noch umsonst. Aber man wirft die Schaufel nicht weg: man gräbt und gräbt – bis man gefunden hat. So ist es John und mir da draußen gegangen, und so will ich es hier machen: suchen – suchen – ohne müde zu werden . . . bis ich gefunden habe.«
    Die beiden hatten während des Sprechens das Bureau verlassen. Vor der Tür der Bank hielten mehrere Droschken. Maclean winkte einem der Kutscher, der schnell vorfuhr, und fragte dann Ohlsen, wo er sein Gepäck gelassen habe. Der Kalifornier nannte einen Gasthof.
    »Da müssen wir also zunächst Ihre Koffer holen,« meinte Maclean; »denn Sie wohnen natürlich bei uns.«
    Nikolaus, für den das Wort »Gastfreundschaft« einen weiten Begriff deckte, fand dies ganz in Ordnung und begnügte sich zu sagen, er hoffe, er werde nicht stören – eine Bemerkung, die Maclean unberücksichtigt ließ. Der Kutscher empfing die Adresse des Gasthofes, in dem Ohlsen abgestiegen war, das Reisegepäck wurde dort abgeholt und bald darauf saßen der Direktor und der Kalifornier auf der Eisenbahn und fuhren nach Lower Norwood, einem friedlichen Ort, der eine halbe Stunde von London gelegen ist, und in dem Harry Maclean inmitten eines großen Parkes eine schöne, geräumige Villa besaß, die er seit seiner Verheiratung mit seiner Familie bewohnte.
    Es war zu Anfang des Monats Mai. Mehr als zwei Stunden waren vergangen, seitdem Ohlsen sich seinem neuen Freunde vorgestellt hatte; und als die beiden nun in den Park traten, hatte sich Abenddämmerung über die stille Landschaft gelagert. Die untergehende Sonne schimmerte goldig durch das dunkle Laub der alten Bäume, hinter denen Ohlsen undeutlich etwas Helles, die weißen Mauern der Villa, hervorleuchten sah. Maclean hatte einen engen Fußsteg eingeschlagen und führte den Weg.
    »Sie wohnen ja hier wie im Urwalde,« sagte Ohlsen.
    Aber der Fußweg machte plötzlich eine scharfe Biegung nach rechts, und Ohlsen stand, nachdem er noch einige Schritte gegangen war, auf einem offenen Platze und erblickte, unmittelbar vor sich, ein großes Rasenbeet von saftigstem Grün, eingerahmt von einem weißen, breiten Kiesweg, auf dem man zu der nahen Villa gelangte. Vor der Tür des Hauses, zu der eine steinerne Treppe von wenigen Stufen emporführte, stand eine große, in helles Gewand gehüllte Frau. Sie hatte die Arme in fremdartiger Weise über der Brust gekreuzt und schaute regungslos in den Abend hinaus. Als sie die Schritte auf dem Kies hörte, wandte sie das Haupt langsam nach links, und als sie zwei Gestalten erblickte, von denen ihr die eine fremd war, hob sie die eine Hand und beschattete damit die Augen. Dann stieg sie wunderbar ruhig, gleichsam als schwebe sie, die Treppe hinunter und trat den Ankommenden entgegen.
    »Willkommen, Herr Nikolaus Ohlsen!«
    Der Kalifornier nahm die schmale Hand, die ihm geboten wurde; aber er schien alle Fassung verloren zu haben, und starrte die schöne Erscheinung sprachlos an.
    »Er kommt von weit her,« sagte Harry Maclean mit weicher, treuherziger Stimme. »Sieh' nur, wie fremd ihm noch alles ist. Nimm ihn freundlich auf: er hat nie eine Heimat gekannt.«
    »Dies soll seine Heimat sein,« sagte Monja leise.
    »Dies soll meine Heimat sein?« wiederholte Ohlsen; aber nicht zustimmend, sondern zögernd, fragend.
    Was ging plötzlich in ihm vor? Wie kam es, daß ihm die Kehle wie zugeschnürt war und daß ihn ein Schauer des Grausens überlief? Hatte er nicht dies alles schon einmal erlebt? Das Getöse in den Straßen von London, – das Zusammentreffen mit dem Doppelgänger seines Freundes John – die rasselnde, schüttelnde Fahrt nach Lower Norwood – der Weg durch den dunklen, stillen Park – die lichte, stille Frauenerscheinung, die ihm entgegenzuschweben schien. – Alles war so bekannt – und doch wiederum so nebelhaft, undeutlich! . . . War dies Wirklichkeit . . . träumte er, oder hatte er es schon einmal geträumt? . . . Aber es fehlte noch etwas. – Was? . . . Wie endete der Traum?
    »Woran denken Sie?« fragte Monja.
    Er richtete seine Augen auf sie, ohne sie zu sehen, und blieb stumm.
    »Woran denken Sie?« wiederholte Monja ängstlich.
    Da schien er zu erwachen. Leben und Licht kamen wieder in seinen Blick; jedoch nicht der alte, freudige, helle Glanz. Er strich sich wie einer, der erschöpft ist oder sich sammeln will, das blonde Haar aus der Stirn und murmelte:
    »Die lange Reise muß mich verwirrt haben . . . Mir war es . . .« und dann stockte er wieder.
    »Kommen Sie!« sagte Frau Monja sanft, »Sie sind müde. – Hier sollen Sie Ruhe finden!«
    Sie schritt voran und die drei traten in das Haus. Aber Ohlsen versank bald wieder in Nachdenklichkeit und blieb während des ganzen Abends wortkarg und zerstreut.
    
  



    IV
    Es war ein heißer Sommertag. Im großen Park von Lower Norwood herrschte tiefe Stille. Die Bäume und die Vögel schienen, von der Mittagshitze überwältigt, zu ruhen. In der Villa, deren weiße Mauern im hellen Sonnenschein glänzten, waren Türen und Fenster, alles, was der heißen Luft und dem grellen Licht Eingang gewähren konnte, sorgfältig geschlossen. Auch im Hause war es still; doch schlief dort nicht alles. In dem großen Salon befanden sich zwei Personen, die an den Schlaf nicht dachten: Monja und Nikolaus. – Sie lag, in weißem, leichtem Gewande auf einem niedrigen Sofa, den rechten gekrümmten Arm unter dem Haupte, die linke Hand herabhängend und den Fußboden berührend. Ein stilles, rätselhaftes Lächeln: eine Frage, eine Herausforderung, lagen auf dem schönen, weißen Gesichte. – Die großen, blauen Augen waren unverwandt auf Ohlsen gerichtet, der, den Blick zu Boden geschlagen, auf einem kleinen Sessel neben ihr saß.
    »Woran denken Sie?« fragte Monja. Es war etwas Leichtfertiges, Spöttisches in dem Ton ihrer Stimme.
    Er warf ihr einen scheuen Blick zu, erhob sich schwerfällig und trat an das Fenster. Die Vorhänge waren heruntergelassen, aber durch die schmalen Ritzen konnte er ein kleines Stück des Rasenplatzes vor dem Hause und einen großen, schattengebenden Baum erblicken. Am Fuße dieses Baumes, auf dem Rasen, saß eine ältliche Frau und neben dieser ein Kind von fünf bis sechs Jahren, das sanft schlummerte und dessen Gesichtchen auf dem Schoße der Alten ruhte.
    »Die kleine Johanna ist draußen,« sagte Ohlsen. »Es ist vielleicht zu heiß . . . Soll ich sie hereinrufen?«
    »Die englische Sonne ist nicht böse,« antwortete Monja. »Lassen Sie das Kind: es ist wohl aufgehoben, wo es ist.«
    Eine Pause trat ein. Ohlsen hatte die heiße Stirn gegen eine Fensterscheibe gedrückt; aber sie gewährte ihm keine Kühlung.
    »Woran denken Sie?« fragte Monja wieder.
    Er atmete tief auf, es klang beinahe wie ein Seufzer, und er wandte sich langsam nach ihr um. – Der lebensfrische, offene, mutige Ausdruck, der sein Gesicht vor wenigen Wochen noch so schön und liebenswürdig gemacht hatte, war verschwunden: die freundlichen, lachenden Augen, deren gerader Blick so treuherzig gewesen war, schauten unstet.
    »Woran ich denke?« antwortete er endlich. Seine Stimme, obgleich er leise, gleichsam zu sich selbst sprach, war heiser. – »Ich denke . . . ich denke, daß ich nach der City fahren will, um Harry abzuholen.«
    »Das ist ein sehr erbaulicher Gedanke – bei fünfunddreißig Grad Hitze . . . Waren Sie als Goldgräber auch so phantastisch?«
    »Als Goldgräber wußte ich, was ich wollte und was ich tat.«
    »Und hier gibt es keine Schätze zu heben und Sie wissen nicht, was Sie wollen und was Sie tun. – Ist das richtig?«
    »Ja,« antwortete er kurz und ungeduldig.
    »Und die seltene Perle, die Sie finden, nach der Sie suchen – suchen wollten, bis Sie sie gefunden hätten? – Schon müde, Sie starker Mann? . . .«
    Er blickte mit einem Ausdruck ratloser Hilflosigkeit um sich. Sie lachte leise.
    ». . . Oder liegt sie auf tiefem Meeresgrunde, so daß Sie verzweifeln, das Tageslicht wieder zu erblicken, wenn Sie nach ihr tauchen?«
    Er antwortete nicht, und nur flüchtig streifte sein unsteter Blick die liegende Gestalt.
    »Setzen Sie sich,« fuhr sie harmlos freundlich fort. »Seien Sie nicht so unruhig. Bei diesem Wetter muß man hübsch am selben Platze bleiben. Kommen Sie hierher. Ich muß mich nach Ihnen umwenden, um Sie zu sehen. Es macht mich müde.«
    Er näherte sich ihr zögernd und ließ sich auf dem Sessel an ihrer Seite nieder.
    »Nun sehen Sie mich an,« sagte sie sanft.
    Er wandte sein Gesicht dem ihrigen zu. Ihre heißen, großen Augen ruhten unverwandt auf ihm. Er ergriff ihre schlaff herabhängende Hand und führte sie an seine Lippen. Sie ließ ihn gewähren, und wieder lagerte sich auf ihrem Antlitz das stille, rätselhafte Lächeln.
    Er erhob sich plötzlich, ließ ihre Hand fallen und trat an das Fenster. Sie sah ihm, ohne Verwunderung, ohne Bewegung, immer noch lächelnd, nach. Er blickte in den Garten. Die Alte und das Kind saßen unbeweglich an demselben Platze, an dem er sie vor einigen Minuten gesehen hatte. – Auf einmal, als habe er einen Entschluß gefaßt, ging er schnell auf Monja zu. – Aber einen Schritt vor ihr blieb er wie festgebannt stehen; dann nach kurzem Zaudern wandte er sich der Tür zu, überschritt die Schwelle und, ohne ein Wort des Abschiedes gesagt zu haben, war er verschwunden – Monja erhob sich darauf ebenfalls. Sie trat vor den Spiegel, und leise singend, mit demselben stillen Lächeln auf dem Gesicht, ordnete sie ihre Haare. Dann nahm sie den alten Platz auf dem Sofa wieder ein und, die schlanken weißen Arme unter dem Kopfe gekreuzt, die großen Augen weit geöffnet, blieb sie lange Zeit unbeweglich liegen: ein schönes Bild der Ruhe und des Friedens. Endlich seufzte sie müde, wandte das Antlitz vom Fenster ab und war nach wenigen Minuten sanft und friedlich eingeschlafen.
    
  



    V
    Nikolaus Ohlsen und John Maclean hatten sich, in Wort sowohl wie in Schrift, stets gut miteinander verständigt. Keiner von beiden war ein Schwätzer, und ihre Briefe konnten als Muster lakonischen Epistolarstils gelten. Maclean schrieb regelmäßig jede Woche einmal an seinen Freund, um über die fortschreitende Auflösung des Geschäftes in Kalifornien Mitteilungen zu machen. Er empfing dagegen zweimal im Monat eine kurze Berichterstattung von Ohlsen über dessen Erlebnisse in Europa. – Seit sechs Wochen jedoch waren diese Briefe nicht mehr pünktlich eingetroffen, und das letzte Schreiben aus London hatte dem braven John förmliches Kopfzerbrechen verursacht. Dieser Brief war zwar ungewöhnlich lang gewesen, aber hatte eigentlich doch nichts enthalten. Ohlsen hatte darin philosophische Betrachtungen über die Schwäche der menschlichen Natur angestellt. – »Wo will der junge Mann hinaus?« hatte sich John gefragt und den Brief kopfschüttelnd beiseite gelegt, um ihn bald darauf von neuem aufzunehmen, noch einmal durchzulesen und sich schließlich ganz fest zu überzeugen, daß er ihn nicht verstehe. Er hatte dies auch in seiner Antwort klar und deutlich festgestellt: »Deinen letzten Brief vom 13. Juli habe ich erhalten, jedoch nicht verstanden. Wenn Du Preßkopie desselben behalten hast, so bitte ich Dich, diese durchzulesen, um Dich zu überzeugen, daß mir der Brief in der Tat unverständlich sein mußte. – Ich hoffe, Du bist bei guter Gesundheit. Ich habe über die meinige nicht zu klagen. – Das Haus in Montgommery Street . . .«, und dann war der gewöhnliche Bericht gefolgt.
    Seit Ankunft des Ohlsenschen Briefes vom 13. Juli waren vier Wochen verflossen. John Maclean war jedoch nicht beunruhigt. »Nick wird sich vergnügen,« meinte er. – Endlich gab Ohlsen wiederum ein Lebenszeichen von sich; aber sein Brief vom 5. August war geradezu rätselhaft. Er schrieb seinem Freunde, er wünsche nach Kalifornien zurückzukehren und, um allen Fragen in London über den Grund seiner Reise aus dem Wege zu gehen, bäte er seinen Freund, ihm zu schreiben oder zu telegraphieren, er, Ohlsen, solle nach Kalifornien kommen, um dort bei der Abwicklung der noch laufenden Geschäfte behilflich zu sein.
    Es paßte John Maclean durchaus nicht, den erbetenen Brief zu schreiben. Er war ein Mann, der die Wahrheit in Ehren hielt. Er schlug ärgerlich mit der Hand auf den Tisch und murmelte vor sich hin: »Weshalb verlangt der Mensch von mir, daß ich lüge? Wenn Ohlsen sich nur durch Lügen retten kann, so muß er auf meinen Beistand verzichten.« – Als Maclean aber eine Stunde später in seiner Schreibstube saß, kamen ihm andere Gedanken. – Ohlsen war kein leichtsinniger Mensch. Er hatte nie etwas Unnützes von Maclean verlangt. Wenn er diesen jetzt ersuchte, ihn nach San Francisco zu berufen, so mußte das einen triftigen Grund haben. – »Man soll seinen Freunden am kräftigsten beistehen, wenn sie im Unrecht sind,« sagte er sich. »Ohlsen wandelt augenscheinlich auf falschen Wegen; gerade deshalb ist es meine Pflicht, ihm die Hand zu reichen, wenn er sie gebraucht.« – Damit setzte Maclean sich hin und schrieb, was Ohlsen von ihm verlangt hatte. Dann trug er den Brief selbst auf die Post, und während der nächsten Tage und Wochen ging er seinen Geschäften mit dem ungewöhnlichen Ernste und der üblichen Umsicht nach.
    Ein Monat ging dahin. Es kam keine Nachricht von Ohlsen. – Ein zweiter Monat verfloß. Ohlsen ließ nichts von sich hören. Maclean hatte ebenfalls nicht mehr geschrieben, da er vermutet hatte, Nicolaus werde sich sofort nach Empfang seines Briefes auf die Reise machen. – Es wurde Maclean unheimlich zumute, die Verbindung mit seinem alten Genossen so lange unterbrochen zu sehen. Gegen Weihnachten, als er sich noch immer ohne Nachricht befand, telegraphierte er seinem Bruder, um anzufragen, ob und wann Nikolaus Ohlsen London verlassen habe. Die Antwort kam umgehend: – »Ich reise nicht. Brief unterwegs. Ohlsen.«
    Maclean hatte sich gern an den Gedanken gewöhnt, seinen Freund bald wiederzusehen, und das Telegramm verstimmte ihn nicht wenig. Er schimpfte an dem Tage, an dem er es empfangen hatte, weidlich auf Ohlsen, ärgerte sich über dessen Rücksichtslosigkeit und endigte damit, daß er ihm im Geiste alles verzieh. – Der telegraphisch angezeigte Brief kam bald darauf an. Maclean erbrach ihn mit großer Ungeduld und warf ihn dann verdrießlich auf den Tisch. Das Schriftstück besagte kaum mehr als das Telegramm. Ohne sich auf irgendwelche Erklärungen einzulassen, schrieb Ohlsen, daß Umstände, denen gegenüber er machtlos sei, es ihm unmöglich machten, England zu verlassen; er befinde sich übrigens wohl und grüße bestens.
    Maclean hatte bei seinen Freunden in den Goldgruben fluchen gelernt und erinnerte sich dessen jetzt, um seinem Ärger Luft zu machen. Nachdem er aber fünf Minuten lang getobt hatte, brach er plötzlich in lautes Lachen aus:
    »Zehn zu eins!« rief er, »da ist ein Mädchen im Spiele. Wie konnte ich dem armen Nick zürnen, daß er verrückt geworden ist? Ich wünsche dem jungen Menschen Glück!«
    Nun wurde ihm auch alles klar, wie er meinte: die Schöne hatte Nick erst vergeblich seufzen lassen, und darauf hatte dieser den selbstmörderischen Entschluß gefaßt, Europa den Rücken zu kehren. – So ist die Jugend! – Dann war die Spröde weicher geworden. Nick, in ihren Banden gefangen, dachte natürlich gar nicht mehr daran, nach Kalifornien zurückzukehren, und fand nichts einfacher, als seinem Freunde mitzuteilen, Umstände, denen gegenüber er machtlos sei, verhinderten ihn, London zu verlassen. – »Natürlich ist der Bursche machtlos! Er tut einfach, was seine Schöne wünscht und erlaubt. So muß es sein!«
    Maclean lächelte vergnüglich vor sich hin und beeilte sich, neue Pläne für die nächste Zukunft zu machen. – Er war, trotzdem er schon viel von der Welt gesehen hatte, in manchen Punkten naiv wie ein Kind geblieben, und seiner kindlichen Einfalt entsprang der Gedanke, die Seinen in London zu überraschen. Er malte sich das Wiedersehen mit verlockenden Farben aus. Er wollte noch zwei- oder dreimal nach England schreiben; aber seiner nahe bevorstehenden Abreise in keiner Weise Erwähnung tun. Nick und Harry mochten denken, er werde im Sommer kommen, keinesfalls würden sie ihn erwarten, wenn er sich nicht vorher anmeldete. Er konnte, ohne daß man in London eine Ahnung davon hatte, Amerika verlassen. Und eines Abends wollte er dann in der Dämmerstunde, wenn er, nach der ihm bekannten Lebensweise seiner Lieben, sicher sein durfte, sie alle in der Villa von Lower Norwood vereint zu finden, »ganz kühl« im Familienkreise seines Bruders auftauchen. – »Wie geht es dir, Nick? Wie geht es dir, Harry? Wie geht es Ihnen, Frau Schwägerin? Was machen die Kinder?« – so wollte er sprechen, »ganz kühl«, als kehre er von einem Spaziergange heim. – Wie sie die Augen aufreißen und ihn wie versteinert anstarren würden! – Was Nick antworten würde, das wußte Maclean ganz genau: »Wie geht es dir, Jack?« mußten seine Worte sein. – Aber wie würde sich Harry, sein Zwillingsbruder, sein zweites Ich gebärden, Harry, den er nun seit achtzehn Jahren nicht gesehen hatte? – Und die Frau Schwägerin? – Sie würde wahrscheinlich sehr erstaunt sein, das wettergebräunte, von schweren Schicksalsschlägen hartgehämmerte Ebenbild ihres Gatten zu erblicken. Aber sie würde ihm freundlich zulächeln und ihm sagen: »Willkommen zu Hause!« Ja, »zu Hause!« Das war ein schöner Gedanke. – Er malte und malte unverdrossen an dem Bilde des Wiedersehens, und zuletzt stand es so farbenreich und vollendet vor seinem Geiste da, daß er sich wunderte, nicht bereits längst daran gedacht zu haben, sich die Freude zu bereiten, an der sich nun sein Herz weidete.
    »Ich möchte die erste halbe Stunde in Lower Norwood nicht für tausend Dollars hingeben!« sagte er sich. – »Wie geht es dir, Nick? Wie geht es dir, Harry?« – Es war beinahe zu schön, um wahr zu werden; aber es mußte wahr werden! Was konnte das verhindern? – In den ersten Tagen des Monats März reiste er voll der schönsten Hoffnungen von San Francisco ab, und sechs Wochen später langte er wohlbehalten in London an.
    
  



    VI
    John Maclean stand vor dem Hause seines Bruders. Er war sicher, sich nicht darin zu irren, denn der Konstabler, den er befragte, hatte ihn bis vor die Tür geleitet und gesagt: »Dies ist Herrn Macleans Haus.« Er hatte dabei höflich an seinen Helm gefaßt, denn es war seinem Polizistenauge nicht entgangen, daß er einen nahen Blutsverwandten des angesehenen Bankdirektors vor sich haben mußte.
    John öffnete die kleine Gartentür, die neben dem großen Tor für Wagen angebracht war, und trat in den stillen Park, in dem die Vögel soeben zur Ruhe gegangen waren, und über den sich friedliche Abenddämmerung gelagert hatte. Seine schweren Schritte knirschten auf dem weißen Kies, der die sorgfältig unterhaltenen Wege bedeckte. Ein schöner, schottischer Schäferhund, mit glänzend schwarzem, seidenem Haar kam ihm in wilden Sprüngen bellend entgegen. – »Komm hierher!« sagte John freundlich. – Das Tier stutzte und näherte sich vorsichtig dem fremden Besuch, dann, als habe es einen Freund erkannt, wedelte es mit dem Schweif und, neben John einherschreitend, führte es ihn gerade auf das Haus zu. Der Ankömmling streichelte dem Tier den Kopf und sagte vergnüglich vor sich hin: »Das wäre also der erste Freund, den ich hier antreffe: einen treuen Hund! Ein gutes Vorzeichen!«
    John Maclean hatte den Tag über ruhig in London gewartet, um sein Programm ganz genau ausführen zu können. Er hatte zur Dämmerungsstunde in Lower Norwood eintreffen wollen und befand sich nun zur bestimmten Zeit dort. Aber jetzt, da er seine Geliebten in wenigen Minuten sehen sollte, schlug ihm das Herz so gewaltig, daß er einige Minuten still stehen mußte, um seine Fassung wieder zu gewinnen. Der Hund ging langsam voran und blieb oben auf der Freitreppe stehen.
    Auf der rechten Seite der Treppe, die zu einer kurzen Veranda führte, stand ein Fenster offen, durch das man, von der Treppe aus, in ein Zimmer hineinblicken konnte. – John Maclean trat an dies Fenster und sah vor sich ein großes, stilles Gemach. Darin, nicht weit vom Fenster und diesem den Rücken kehrend, saß ein großer Mann. Neben ihm, auf dem Teppich, lag eine Zeitung, in der er gelesen hatte und die seiner müden Hand entfallen war. Er schien zu schlummern. – Nicht weit von ihm, auf einem niedrigen Sessel, befand sich ein junges, etwa sechzehnjähriges Mädchen, das den Kopf dem Fenster zugewandt hatte und den Fremdling mit großen Augen ängstlich beobachtete. – Nie hatte die trockene Einbildungskraft des Schotten etwas so Schönes geträumt! Sein Blick haftete gebannt auf dem weißen Gesichte des blonden Kindes.
    »Vater!« sagte dieses leise und zaghaft, »Vater!«
    Der Schlummernde hob mit einer raschen Bewegung das Haupt. Das junge Mädchen zeigte nach dem Fenster. Der Bankdirektor wandte sich um, dann sprang er in die Höhe, und die beiden Brüder standen sich gegenüber.
    »Harry! Harry!«
    »Jack!«
    Sie liefen, der eine aus dem Zimmer, der andere nach der Haustür, und sie begegneten sich im Flur. Dort packten sie einander wie zwei Ringer an den Schultern und drückten sich und blickten, wie in einen Spiegel, der eine in das Auge des andern, und eine Minute lang konnte keiner von den beiden Worte finden.
    Jetzt, da die Zwillingsbrüder nebeneinanderstanden, sah man erst, daß das Leben die ursprünglich fast vollkommene Ähnlichkeit stark angegriffen hatte. John mit seinen schwarzen, dichten Haaren, den wettergebräunten, harten Zügen und den mächtigen, herkulischen Gliedmaßen, schien doppelt so stark und so schwer wie der Bankdirektor, dessen hagere Gestalt gebeugt, und dessen glattrasiertes Gesicht von tiefen Furchen durchzogen war. Aber wie es in beiden Gesichtern vor freudiger Aufregung zuckte, und wie die dunklen Augen in demselben warmen Glanze leuchteten, da war die außerordentliche Ähnlichkeit zwischen den Zwillingsbrüdern wieder unverkennbar.
    »Nun komm herein!« rief Harry endlich, »und sei hunderttausendmal willkommen!«
    Er ergriff Johns Hand und führte ihn in das Zimmer. Das junge Mädchen, das der Ankommende dort bereits erblickt hatte, war aufgestanden und hatte sich scheu auf die Tür der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurückgezogen.
    »Das ist Natalie, unsere Tochter,« sagte Harry, den fragenden Blick seines Bruders beantwortend. »Komm' her, Kind, und begrüße deinen Onkel, Onkel John aus San Francisco, von dem ich euch so oft erzählt habe.«
    Das schöne Mädchen näherte sich mit zu Boden geschlagenen Augen und ergriff die mächtige Hand, die der Kalifornier ihr freundlich entgegenstreckte, und führte sie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen. – Etwas Ähnliches war dem braven John niemals begegnet, er wußte nicht einmal, daß so etwas geschehen könnte, und hatte das Mädchen deshalb auch ohne Widerstand gewähren lassen; aber als er seine rauhe Hand von den jugendlichen Lippen sanft berührt fühlte, da zuckte er zurück, und das braune, männliche Gesicht wurde von heißem Rot übergossen. Er sah seinen Bruder betroffen an, aber der sagte lächelnd:
    »Das sind so fremdländische Sitten, die Monja dem Kinde angewöhnt hat, und die es wohl von selbst ablegen wird, wenn es längere Zeit unter uns lebt. – Natalie ist erst vor Kurzem aus einer Pension auf dem Kontinent zu uns gekommen,« setzte er hinzu.
    Das junge Mädchen hatte diesen Erklärungen befangen und wie beschämt zugehört. Ihr Stiefvater bemerkte es und sagte freundlich:
    »Ich mache dir keine Vorwürfe, liebe Tascha. – Nun geh' und rufe deine Mutter und sage ihr, wir hätten Besuch bekommen: aber verrate nicht, wer hier ist.«
    Natalie wollte sich sofort entfernen. Einige Worte des Kaliforniers hielten sie zurück.
    »Wo ist Nick?« fragte er.
    »Er wird mit Monja spazieren gehen,« antwortete Harry. »Sie werden beide zusammen kommen.«
    »Wo gehen sie spazieren?«
    »Hier in der Nähe, im Park.«
    »Dann laß sie mich aufsuchen.«
    »Wie du willst,« sagte Harry. »Es ist mir auch recht, daß wir noch etwas allein sind.«
    »So darf ich auf mein Zimmer gehen?« fragte Natalie leise.
    In ihrer Aussprache des Englischen lag etwas Fremdartiges; aber die Stimme war unbeschreiblich anmutig.
    »Tu was du willst, mein Kind. Nur verrate uns nicht, wenn du deine Mutter und Ohlsen sehen solltest. – Wie Nick sich freuen wird!«
    »Ja, er wird sich freuen,« wiederholte John zerstreut. Dann atmete er tief auf und setzte sich nieder, während Natalie mit einem stummen Gruß das Zimmer verließ.
    Die beiden Brüder unterhielten sich darauf eine halbe Stunde lang mit großer Lebhaftigkeit. Jeder hatte viele Fragen des andern zu beantworten und erzählte in gedrängter Kürze, was ihm während der langen Trennung begegnet war. – Plötzlich unterbrach Harry seinen Bruder.
    »Es wird dunkel,« sagte er. »Monja und Ohlsen können jeden Augenblick eintreten. Willst du sie aufsuchen, damit sie uns nicht überraschen? Wir wollen später weitersprechen.«
    John war mit dem Vorschlage seines Bruders einverstanden, und die beiden traten auf die Terrasse, um in den Park zu gehen. Da sagte der Kalifornier:
    »Du meinst, Nikolaus könne nicht weit von hier sein?«
    »Zehn Minuten weit, falls er am äußersten Ende des Parkes sein sollte.«
    »Dann laß mich ihn rufen, wenn du nicht fürchtest, daß ich die Nachbarn erschrecke.«
    »Die Nachbarn gehen mich nichts an. Rufe so laut du willst.«
    Da tat John Maclean, wie Nikolaus Ohlsen an Bord des Dampfschiffes getan, als er von dort aus seinem Kameraden Lebewohl zugerufen hatte. Er setzte beide Hände an den Mund und stieß einen langgezogenen, wilden Schrei aus:
    »Haia–o–hi!«
    Der zivilisierte Bankdirektor wich einen Schritt zurück.
    »Ja,« sagte er, »das könnte die Nachbarn in der Tat erschrecken. In welchem Lande der Welt schreien die Menschen so, den wilden Tieren gleich?«
    Der Kalifornier antwortete nicht. Er hatte eine Hand an das Ohr gelegt und lauschte aufmerksam. – Aber alles blieb stumm. Da ließ er von neuem, mit womöglich noch größerer Kraft, seinen wilden Ruf erschallen, und gleich darauf hörten die beiden Brüder Hundegebell, und in geringerer Entfernung als sie erwartet hatten, tönte es vernehmlich, wenn auch schwach zurück:
    »Haia–o–hi!«
    »Das ist Ohlsen,« sagte James freundlich nickend. »Er kann schon nicht mehr so schön rufen, wie in Kalifornien; aber ich erkenne seinen Schrei. Da unten rechts ist er. Nun komm! – Wir wollen ihm entgegengehen.«
    
  



    VII
    John Maclean wohnte nun seit acht Tagen im Hause seines Bruders; aber er war nicht glücklich. Das Leben, das er führte, ließ ihn unbefriedigt. Er fühlte sich befangen, unbehaglich. Er wollte alle Schuld dafür auf sich nehmen. »Ich bin wie ein wilder Bär,« sagte er sich; »ich passe nicht in ein geregeltes, ruhiges Familienleben.« – Die pünktlichen Mahlzeiten, der Diener in Livrée, der würdige »Butler«, der ihm den Wein einschenkte, die Blicke der Frau Schwägerin – alles das und manches andere ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Wohl und behaglich wurde ihm nur zumute, wenn er mit seinem Bruder oder mit den kleinen Kindern allein war. Dann konnte er noch laut lachen und Geschichten erzählen; aber ganz leicht wurde ihm selbst dann nicht ums Herz. Unter den wildfremden, rücksichtslosen Menschen, mit denen er sich sein Leben lang herumgeschlagen, hatte er sich mehr zu Hause gefühlt als hier im Kreise seiner besten Freunde und nächsten Verwandten. Diese nahmen unnütze Rücksichten auf ihn, die er wie stille Vorwürfe über seine eigene Rücksichtslosigkeit empfand, und die ihn bei jedem Schritt, den er in ihrer Gesellschaft tat, aus der Befürchtung nicht herauskommen ließen, er könne, trotz aller Behutsamkeit, Unschicklichkeiten begehen. – Hätte er sich nur mit Nikolaus aussprechen können, so wäre alles gut gewesen. Dieser wußte, daß John Maclean nicht gewöhnt war, in engen Stiefeln einherzugehen, und es wäre gewissermaßen seine Pflicht gewesen, ihn, John, darüber zu belehren, wie man sich in England bei Tische, im Salon und in Damengesellschaft zu benehmen habe. Aber gerade Ohlsens Haltung ihm gegenüber, hatte ihm zuerst seine Unbefangenheit geraubt, war der Grund gewesen, daß er schon am Tage seiner Ankunft gefühlt hatte, er sei ein fremdes, ein störendes Element in dem brüderlichen Familienkreise.
    John Maclean war an jenem Abend seinem Genossen freudig entgegengeeilt; aber schon bevor dieser die ihm treuherzig entgegengestreckte Hand ergriffen, hatte der Kalifornier gefühlt, daß der Mann, der ihm gegenüberstand, sein alter Nick nicht mehr sei. Wo waren die lebensfrischen, blitzenden Augen, die stolze, freie Haltung seines Freundes geblieben? Wie befremdlich leise und matt tönte die Stimme, die in den Goldlagern so hellen, festen Klang gehabt? – Ohlsen hatte gesagt: »Es freut mich, dich zu sehen« – aber er hatte nicht ausgesehen, als ob er sich wirklich freute. Und gleich darauf, ohne weiter ein Wort mit Maclean gewechselt zu haben, war er einen Schritt zurückgetreten, um ihn in förmlicher Weise mit der schönen, großen Frau, die neben ihm unter den Bäumen hervorgetreten war, bekannt zu machen.
    »Erlauben Sie mir, Ihnen meinen guten Freund, Ihren Schwager, Herrn John Maclean aus San Francisco vorzustellen.« –
    ›Herrn John Maclean!‹ – Jedes dieser drei Worte hatte dem Kalifornier wie eine Beleidigung geklungen. ›Jack‹ oder ›Mac‹ so war er gewohnt, von Nick angeredet oder bezeichnet zu werden, und nun nannte ihn dieser ›Herr John Maclean!‹ – Was wollte Ohlsen damit sagen? – Er hatte ihn darüber befragt, sobald er mit ihm allein gewesen war.
    »Was soll es bedeuten, daß du mich meiner Schwägerin als ›Herrn Maclean‹ vorstellst? Bin ich ihr ein Fremdling? Stehe ich dir etwa gegenüber wie ein beliebiger Herzog von Sutherland oder Erzbischof von Canterbury? Beabsichtigst du mir anzudeuten, daß ich dich in Zukunft als ›Herr Nicolaus Ohlsen‹ anzureden habe und daß ich meine Briefe an dich mit ›Geehrter Herr‹ beginnen und mit ›Gehorsamster Diener‹ schließen soll? – Bin ich von Sinnen oder hast du den Verstand verloren?«
    Ohlsen antwortete mit großer Traurigkeit in Stimme und Gebärde:
    »Ich glaube, ich habe den Verstand verloren oder bin nahe daran, ihn zu verlieren. – Ach, John, weshalb hast du mir nicht telegraphiert, ich solle nach San Francisco kommen?«
    Der Kalifornier hatte sofort vergessen, daß er eigentlich der Gekränkte war.
    »Was ist los?« sagte er treuherzig, die schwere Hand auf die Schulter seines Freundes legend. »Sprich heraus wie ein Mann. Wo drückt dich der Schuh?«
    Aber Ohlsen begnügte sich statt aller Antwort langsam und wiederholt den Kopf zu schütteln, und dabei bemerkte Maclean zu seinem grenzenlosen Erstaunen und seiner tiefsten Bekümmernis, daß die Augen seines Freundes feucht wurden. – Ein weinerlicher Ohlsen! Wer hätte das je geglaubt! Die Freunde in Kalifornien würden der Ansicht sein, Maclean mache sich über sie lustig, wollte er ihnen sagen, Nick Ohlsen habe geflennt wie ein junges Mädchen oder ein altes Weib, Nick Ohlsen befinde sich in einem Zustande, der in den Goldminen noch nicht entdeckt sei und den man in eleganten europäischen Kreisen mit »nervös« bezeichne.
    »Entschuldige mich, ich bin nicht wohl,« sagte Ohlsen leise, und dann zog er sein Taschentuch hervor, beugte sein Gesicht tief herab, um es in seine beiden Hände zu legen, und blieb in dieser Stellung, ein Bild tiefen Seelenkummers, unbeweglich sitzen.
    »Was ist vorgefallen? – Was ist los? – Was gibt es?« fragte Maclean vollständig ratlos.
    Aber Ohlsen antwortete nicht.
    Maclean wollte mit diplomatischer Feinheit das Gespräch auf etwas anderes lenken. Er fing an, von Geschäften zu sprechen: das Haus in Montgommery-Street sei auf zehn Jahre vermietet, das in Portland ebenfalls. Ohlsen winkte abwehrend mit der Hand.
    »Das ist mir ganz gleich,« sagte er.
    »So? – Das ist dir ganz gleich,« erwiderte Maclean verletzt. – »Willst du mir hochgeneigtest mitteilen, was dir nicht gleich ist? – Was kümmert dich? . . . Du willst nicht sprechen? – Nun wohl! Ich will dir die Mühe ersparen: an all deinem Elend ist ein Frauenzimmer schuld!«
    Ohlsen fuhr erschreckt in die Höhe und blickte seinen Freund verstört an.
    »Leugne es nicht! Du kannst mir gegenüber die Komödie nicht durchführen. – Also nimm an, du hättest von Anfang an wie ein vernünftiger Mensch gehandelt und mir Vertrauen geschenkt, und ergänze nunmehr, was ich noch zu erfahren habe. – Wie heißt die Spröde, die dich nicht erhören will? Weshalb weist sie deine Bewerbung zurück? Berichte mir das genau, und dann wollen wir gemeinsam beraten, wie deinem Übel abzuhelfen ist. – Es wäre doch wirklich schlimm, wenn zwei wie wir ein junges Mädchen nicht zur Vernunft bringen sollten.«
    »Du irrst dich,« sagte Ohlsen leise und ruhiger.
    »Und du willst mir nicht sagen, was dir fehlt?«
    »Ich kann es nicht.«
    Darauf stand der Kalifornier auf und ging einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb er wieder vor Ohlsen stehen und sagte zutraulich:
    »Was meinst du – sollen wir dem alten Lande wieder den Rücken wenden und nach Kalifornien zurückkehren?«
    Eine freudige Erregung flog über Ohlsens Gesicht.
    »Nun gut, mich hält hier nichts,« fuhr John fort, dem Ohlsens Bewegung nicht entgangen war. »Ich will noch einige Tage hier bleiben, um mich mit Harry ordentlich auszusprechen. nach Edinburg hinunterlaufen, um die Mädchen zu begrüßen, und wenn ich damit fertig bin, was nicht lange dauern wird, dann hole ich dich hier wieder ab, und wir treten die Rückreise an. Paßt dir das?«
    »Ja.«
    »Das ist also eine abgemachte Sache. Aber nun zeige mir auch ein vergnügtes Gesicht. – In vier Wochen hast du England und alles, was dich hier kränken mag, hinter dir gelassen.«
    John hatte das Anerbieten, mit Ohlsen nach Kalifornien zurückzukehren, freudig und aus eigenstem Antriebe gemacht. Aber bald darauf war es ihm leid geworden, ohne daß er sich hätte sagen können, woher seine Bekümmernis kam. Er fing nicht etwa an, sich im Hause seines Bruders wohler zu fühlen – es wurde ihm dort im Gegenteil immer unbehaglicher zumute; – aber ein unbeschreiblich wehes Gefühl beschlich ihn, wenn er daran dachte, daß er jenseits des Ozeans die Stimme seines Bruders nicht mehr hören und Nataliens Augen nicht mehr sehen würde. – Er war kein Träumer, er hatte seine eigenen Gefühle niemals zu analysieren versucht. Er wußte nicht einmal, daß man über sich selbst, über sein Glück oder Unglück nachdenken könne. Er nahm Freud' und Leid, wie sie gerade kamen; aber nun konnte er nicht umhin, mit einer gewissen Angst an das einsame Leben in Kalifornien zu denken. – »Was ist denn eigentlich mit mir geschehen?« fragte er sich.
    Er konnte auf diese Frage keine Antwort finden und suchte auch gar nicht nach einer Antwort; aber er fühlte, daß etwas Neues, Fremdes in sein Leben getreten war, das alles darin verrückte und veränderte, und wofür er noch keinen Platz gefunden hatte.
    John war mit der kleinen Tascha, wie auch er Natalie nannte, merkwürdig schnell befreundet geworden. Sie hatte ihre Befangenheit, die ihn selbst bei ihrem ersten Zusammentreffen eingeschüchtert hatte, in wenigen Tagen abgelegt, nannte ihn »Onkel John« und hing sich zutraulich an seinen Arm, wenn er, eine kurze Pfeife rauchend, nach dem Essen seinen regelmäßigen Spaziergang im Park machte. Als sie das erste Mal ihre leichte Hand auf seinen schweren Arm gelegt, war er rot geworden, wie am Tage seiner Ankunft, als sie ihm die Hand geküßt hatte. – »Fremdländisch,« hatte er sich sodann gesagt, um die Vertraulichkeit zu erklären, die ihm gefiel, und sein Blick war mit Behagen und Wohlgefallen auf die zarte, lichte Gestalt gefallen, die wie ein Sonnenstrahl neben ihm herzuschweben schien. Er hätte gewünscht, »so ein kleines, zartes, schwaches Ding« gegen alle Unbill zu schützen, ihm die Pfade zu ebnen und ihm das Leben leicht und angenehm zu machen. Sein Wohlwollen war deutlich in seinem Auge zu lesen, und Natalie schien dies zu verstehen und war zutraulich und harmlos mit ihm, wie Kinder es Kinderfreunden gegenüber sind.
    Harry Maclean hatte Freude an dem Verhältnis, das sich zwischen seinem Bruder und seiner Stieftochter gebildet hatte; Frau Monja und Ohlsen schienen es nicht zu bemerken. Dieser war seit Wochen nachdenklich und zerstreut, jene bekümmerte sich dem Anscheine nach überhaupt nur wenig um das, was um sie her vorging. John und Tascha waren täglich stundenlang zusammen und hatten sich viel zu erzählen. Wovon sprachen sie? Vom Leben, das John Maclean in Kalifornien geführt hatte – und bei dieser Gelegenheit von Nikolaus Ohlsen, dessen Dasein jahrelang mit dem seines Freundes auf das innigste verbunden gewesen war.
    Vierzehn Tage waren dahingegangen. John wußte nicht, was ihn in Lower Norwood festhielt; aber es wurde ihm schwer, sich von dort loszureißen. Eines Abends endlich faßte er einen Entschluß. Er durfte sich nicht länger den Seinen in Edinburg entziehen. Die regelmäßigen und kurzen Briefe seiner Schwestern, von denen ihm bald die eine, bald die andere schrieb, enthielten zwar nie eine Aufforderung, seinen Besuch bei Harry abzukürzen und nach Schottland zu kommen, aber es sprach aus denselben eine kalte Verwunderung darüber, daß dies nicht geschehe.
    »Ich nehme an, du wirst durch Geschäfte in London zurückgehalten,« schrieb Katharina, die älteste Schwester.
    John empfand diesen Satz wie einen verdienten Vorwurf, und am selben Abend bei Tische, bald nachdem er Katharinas Brief gelesen und eine Weile still und nachdenklich dagesessen hatte, sagte er plötzlich:
    »Ich werde morgen nach Edinburg reisen.«
    Natalie war die Einzige, die verwundert und ängstlich aufblickte, Nikolaus schien die Worte seines Freundes gar nicht gehört zu haben, Monja denselben keine Beachtung zu schenken.
    »Natürlich! Du mußt die Mädchen bald sehen,« sagte Harry. »Wie lange gedenkst du dort zu bleiben?«
    »Nun, ich habe kalkuliert, daß ich es wohl schwerlich unter acht Tagen tun kann. Ich habe die Mädchen seit achtzehn Jahren nicht gesehen, und wir müssen doch endlich wieder Bekanntschaft miteinander machen.«
    »Dazu wirst du Zeit genug haben, wenn du dich einmal hier niedergelassen hast,« sagte Harry. »Man fährt jetzt mit dem Schnellzug nach Edinburg, als wäre es eine Vorstadt von London.«
    »Das ist richtig . . .« John machte eine kurze Pause, nachdem er diese Worte gesagt hatte, und setzte dann hinzu: »Aber es ist doch noch nicht sicher, wann und ob ich mich in London niederlassen werde.«
    »Wie sonst?« fragte Harry ruhig. »Ich empfehle dir, unter allen Umständen in London oder wenigstens in der Nachbarschaft von London zu bleiben. In Schottland hast du keine Bekannten und, außer den Mädchen, keine Verwandte. Hier werden wir schon dafür sorgen, daß du dich nicht langweilst. Oder gefällt es dir bei uns nicht?«
    »Es gefällt mir sehr gut bei euch . . . aber . . .«
    »Nun?« –
    Die anderen waren jetzt auf das Gespräch aufmerksam geworden. Ohlsen schien befangen und blickte nicht von seinem Teller auf.
    »Nun?« fragte Harry von neuem.
    »Ja . . .« sagte John langsam, mit der Hand über Mund und Kinn streichend, »ja . . . aber du weißt doch, oder hat Nick dir es noch nicht gesagt, daß wir noch einmal nach Kalifornien zurück müssen . . . und zwar bald . . . Nicht wahr, Nick?«
    Monja bewegte den Kopf nicht, aber ihre Augen wanderten langsam nach dem Platze hin, wo Ohlsen saß. Dieser nickte, ohne die Augen aufzuschlagen. Ein großes und peinliches Erstaunen schien sich der übrigen Gesellschaft zu bemächtigen. – Tascha richtete einen flehenden Blick auf Onkel John. Monja faltete die Hände und rieb langsam die weichen, weißen Handflächen gegeneinander. Aber sie sprach kein Wort. Harry allein gab seiner unangenehmen Überraschung klaren Ausdruck.
    »Bist du bei Sinnen?« rief er. »Ihr wollt nach Kalifornien zurückkehren? – Warum denn? Hast du mir nicht zwanzigmal geschrieben und gesagt, du hättest mit dem neuen Lande abgeschlossen und wollest nun im alten leben und sterben? Was bedeutet das? Ich verstehe dich nicht! Sprich!«
    »Ein anderes Mal . . . ein anderes Mal,« sagte John, eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand machend. »Ereifere dich nicht! Ich bin ja kein leichtsinniger Mensch. Es hat alles seinen guten Grund.«
    »Ich soll mich nicht ereifern?« fuhr Harry leidenschaftlich fort. »Glaubst du, ich würde dich ziehen lassen, ohne daß du mir sagst, was dich forttreibt? – Was verdrießt dich hier? Willst du es mir sagen?«
    »Nun natürlich werde ich es dir sagen, natürlich; aber ereifere dich nicht! Warte! Ich bin ja noch nicht fort.« –
    Ohlsen warf einen unruhigen Blick auf die beiden Brüder.
    »Du willst jetzt nicht sprechen? – Gut! Also nach dem Essen!« Harry schien vor Ungeduld und Aufregung zu ersticken. – »Ich kann nicht mehr essen!« stieß er hervor und legte Messer und Gabel mit einer so ungeduldigen Bewegung auf den Tisch, daß die Teller klirrten.
    »Aber Harry!« sagte John. »Sei doch nicht so aufgeregt! Du kannst dir doch denken, daß ich nicht zu meinem Vergnügen von dir fortgehe.«
    Da richtete Harry Maclean die großen, schwarzen Augen sanft und liebevoll auf seinen Bruder, und seine Stimme war bewegt, als er mit inniger Zärtlichkeit sagte: »Mein alter John!«
    Monja blickte mit Verwunderung auf die beiden und schüttelte leise, kaum bemerkbar das Haupt. – Ein sentimentaler Bankdirektor! Es fehlte nur, daß der Goldgräber ebenfalls lyrisch wurde! Männer von vierzig Jahren, einer Familienvater, der andere ein Abenteurer! – Geschwisterliebe war eine schöne und achtbare Sache, aber sie sollte doch auch ihre Grenzen haben. Die Komödie, die da aufgeführt wurde, mußte einem jeden vernünftigen Menschen unverständlich oder lächerlich erscheinen.
    Unmittelbar nach dem Essen versuchte Ohlsen, sich John zu nähern; aber Harry hatte bereits dessen Arm ergriffen und führte ihn ins Freie. Natalie folgte ihnen langsam und gesenkten Hauptes, nachdem sie ihrer Mutter ehrerbietig die Hand geküßt hatte. Nikolaus und Monja blieben einen kurzen Augenblick allein im Speisezimmer zurück; aber sie wechselten kein Wort, nicht einmal einen Blick miteinander und traten schweigend in den Salon.
    »Wo sind die Herren?« fragte dort Monja in gleichgültigem Tone.
    Nikolaus wies mit einer stummen Gebärde nach dem Garten.
    »Tascha, mein Kind, rufe deinen Vater,« fuhr Monja fort. –
    Als das junge Mädchen, das auf der Terrasse stehen geblieben war, sich entfernt hatte, beschäftigte sich Monja gelassen damit, den Kaffee einzuschenken. Sie hielt dabei die Augen gesenkt und summte ganz leise ein russisches Lied vor sich hin. Ein eigentümliches Lächeln – kein freundliches – spielte um ihren Mund. Nach einer Weile blickte sie verstohlen auf ihren Gast. Als sie sah, daß dieser, die Augen gesenkt, anscheinend teilnahmslos dasaß, heftete sie ihre Blicke lange und fest auf ihn. Dann zog sie die Augenbrauen in die Höhe, atmete tief auf und setzte sich nieder. Durch die offenen Fenster drang dumpf und kaum vernehmlich das Geräusch der großen Stadt, dem Brausen des fernen Meeres gleich. Das schrille Pfeifen einer Lokomotive zerriß die Stille. Ohlsen fuhr erschreckt zusammen. Sie lächelte und sagte:
    »Wie nervös Sie seit einiger Zeit geworden sind!«
    Der leichte Schritt Taschas ließ sich hören, und gleich darauf trat das junge Mädchen wieder in das Zimmer.
    »Vater läßt sagen, ihr möchtet nicht auf ihn warten.«
    Monja nahm darauf eine Tasse, lehnte sich nachlässig in den Sessel zurück, auf dem sie saß, und trank den Kaffee in kleinen Zügen aus. Nach einer kurzen Weile sagte sie sodann zu Ohlsen: – »Sie wollen rauchen . . . Ich habe auf meinem Zimmer zu tun . . . Auf Wiedersehen zum Tee!«
    Damit erhob sie sich und verließ das Gemach. Ohlsen war aufgestanden und hatte sich verbeugt und blieb jetzt gesenkten Hauptes am Tische stehen. Natalie beobachtete ihn. Er selbst schien die Anwesenheit des jungen Mädchens vergessen zu haben. Da redete sie ihn leise an:
    »Warum sind Sie so traurig, Herr Ohlsen?«
    Er blickte sie groß an; dann sagte er leise, nicht die an ihn gerichtete Frage beantwortend, sondern wie zu sich selbst sprechend: »Ich möchte, ich wäre tot.«
    Darauf trat er geräuschlos in den Garten. Der dunkle, schwere Nachthimmel der Großstadt breitete sich über ihn aus. Nirgends war ein Stern zu erblicken, nur der matte Widerschein von Millionen Gasflammen rötete die Luft in der Richtung nach London. Plötzlich hörte Ohlsen den Kies knirschen unter den schweren, langsamen Schritten der beiden Brüder, die leise sprechend vor dem Hause auf und ab gingen. Er trat in den Schatten, so daß er nicht gesehen werden konnte. Dort wartete er, bis die Beiden vorübergegangen waren, und dann begab er sich ungesehen auf sein Zimmer, wo er verharrte, bis ein Diener ihm meldete, die gnädige Frau lasse ihn bitten, zum Tee zu kommen.
    
  



    VIII
    Die Gesellschaft, die sich an jenem Abend um den Teetisch in der Villa von Lower Norwood versammelt hatte, war eine sehr unbehagliche. Nikolaus, der schon seit geraumer Zeit außerstande zu sein schien, seine Niedergeschlagenheit zu verbergen, saß stumm und teilnahmslos da. Aber auch der Hausherr, der sonst die Unterhaltung zu leiten pflegte, war heute von undurchdringlicher, unruhiger Nachdenklichkeit, und das, was seine Gedanken beschäftigte, mußte wohl peinlicher Natur sein, denn es verhinderte ihn, auch nur einen Bissen zu genießen und sich auch nur mit einem Worte an der Unterhaltung zu beteiligen. Er sah sehr angegriffen aus. Die glattrasierten Lippen waren fest zusammengepreßt, und ein schmerzlicher Zug hatte sich um seinen Mund gelagert. Man hätte sagen können, er sei in wenigen Stunden merklich älter geworden. – Seine rechte Hand lag auf dem Tisch, und seit einer Viertelstunde klopfte er ununterbrochen mit dem Zeigefinger »1, 2, 3 . . . 1, 2, 3.« – Das monotone, regelmäßige Geräusch hatte etwas Beunruhigendes. Harrys Augen waren auf die Lampe gerichtet, die in der Mitte des Tisches stand; aber von Zeit zu Zeit flog ein forschender Blick auf Nikolaus und auf Frau Monja. Diese erschien unbefangen und aß und trank mit ihrem regelmäßigen, guten Appetit. Daß sie nicht sprach, konnte nicht auffallen; denn sie war im allgemeinen eine stille Frau.
    Nach einer Weile wurde das tiefe Schweigen, das nur durch Harrys »1, 2, 3 . . . 1, 2, 3« . . . unterbrochen, und dadurch noch bemerkbarer wurde, plötzlich allen drückend.
    »Eine schöne, warme Nacht,« sagte John.
    Frau Monja sah ihn verwundert an, und als niemand auf die Bemerkung des Kaliforniers einging, nahm sie selbst das Wort.
    »Sie sind noch immer entschlossen, uns morgen zu verlassen,« fragte sie, sich an John wendend.
    Dieser richtete einen unentschlossenen Blick auf seinen Bruder und sagte: »Was meinst du?«
    Der Bankdirektor hatte nicht gehört.
    »Harry!« fuhr John fort.
    Der Angeredete schlug die Augen schnell, gleichsam erschreckt in die Höhe und fragte hastig: »Was gibt's?«
    »Was meinst du . . . soll ich morgen nach Edinburg gehen, oder ist es dir lieber, wenn ich noch einige Tage hierbleibe? Besondere Eile habe ich nicht. Mir ist übermorgen gerade so recht wie morgen. Nur möchte ich die Mädchen nicht gar zu lange warten lassen.«
    Harry dachte eine kleine Weile nach.
    »Ich glaube, es ist am besten, du gehst morgen,« sagte er sodann. Gleichzeitig erhob er sich mit jener eigentümlichen Unentschlossenheit in den Bewegungen, die man annimmt, wenn man eine Gesellschaft zum Aufbruch mahnen will. Frau Monja gähnte leise. Natalie legte eine Handarbeit zusammen, mit der sie sich seit einer Weile beschäftigt hatte. Dann standen alle wie auf ein gegebenes Zeichen auf und näherten sich der Ausgangstür. Harry ging voran. An der Tür blieb er stehen.
    »Der Schnellzug geht um zehn Uhr,« sagte er, sich an seinen Bruder wendend. »Du begleitest mich nach der City, und ich bringe dich dann zur Bahn . . . Gute Nacht!«
    Er war gegangen, ohne einem der Anwesenden die Hand gereicht zu haben.
    »Ihr Bruder scheint sehr verstimmt über Ihre unerwartete Abreise,« sagte Frau Monja zu John. – »Nun, vielleicht besinnen Sie sich noch eines andern.«
    »Natürlich, natürlich,« antwortete der Kalifornier.
    Es war ihm seit einigen Stunden, als wandle er in einem dunklen, pfadlosen Walde. Er hatte sich verirrt und wußte nirgends einen Ausgang zu finden. Nicks Benehmen war ihm seit seiner Ankunft ein Rätsel. Seit einer Stunde war ihm Harry ebenso geheimnisvoll. Er würde nun zwar trotz alledem bald eingeschlafen sein, wenn er sich zur Ruhe begeben hätte, denn seine Nerven waren nicht leicht zu erschüttern, auch war er mehr verwirrt als beunruhigt, doch war es ihm ganz angenehm, als Ohlsen ihn mit halblauter Stimme aufforderte, noch einen Spaziergang mit ihm zu machen. Die beiden wünschten den Damen gute Nacht und traten sodann in den Park.
    »Worüber ist dein Bruder so verstimmt?« fragte Ohlsen besorgt, sobald er sich in genügender Entfernung vom Hause befand, um unbeobachtet sprechen zu können.
    »Über meine Abreise. – Worüber sollte er sonst verstimmt sein?« antwortete John.
    »Hast du ihm gesagt, weshalb du abreist?«
    »Natürlich.«
    »Was hast du ihm gesagt? – Erzähle mir alles.«
    Ohlsen sprach mit auffallender Ungeduld.
    John blieb stehen, nahm einen tiefen Atemzug, kreuzte die Arme langsam über die breite Brust, maß Ohlsen vom Kopf bis zu den Füßen und sagte nach einer Pause:
    »Ich will verdammt sein, wenn ich von alledem, was hier vorgeht, auch nur das Geringste verstehe . . . Was ist los? Ist ein Mord begangen worden, verbirgt sich eine Falschmünzergesellschaft im Keller, oder wird ein Angriff auf die Bank von England geplant? – Wo spukt es? – Soeben hat Harry hundert Fragen über dich an mich gerichtet, die ich alle nach bestem Wissen beantwortet habe, ohne auch nur zu ahnen, woher diese außergewöhnliche Teilnahme für deine Angelegenheiten bei ihm kommt, – und jetzt brennst du darauf, zu wissen, was ich mit Harry gesprochen habe. – Was hast du mit Harry, und was hat er mit dir zu tun? Du bist doch kein altes Weib, das neugierig ist, und du hast doch kein böses Gewissen, daß du dich zu ängstigen brauchst, wenn du erfährst, jemand habe von dir gesprochen! – Schenke mir reinen Wein ein, wenn du etwas von mir erfahren willst.«
    »Ist der Name Taschas ausgesprochen worden?« fragte Nikolaus, unbekümmert um die Aufforderung zu sprechen, die John an ihn gerichtet hatte.
    »Nein,« antwortete dieser gedehnt.
    »Der deiner Schwägerin?«
    »Nein.« Diesmal kam die Antwort zerstreut aber schnell.
    Eine Pause trat ein. John glaubte endlich verstanden zu haben. – Ob von Tascha die Rede gewesen wäre? – Das war Ohlsens erste Sorge gewesen. – John strich sich mit derselben Gebärde wie sein Bruder Mund und Kinn, und ein nie gekanntes Weh beschlich ihn. Er empfand einen dumpfen Schmerz in der Brust, wie wenn sie zugeschnürt würde, und er stand plötzlich still. –
    »Natürlich!« murmelte er vor sich hin.
    »Was willst du sagen?« sagte Nikolaus.
    »Laß die Fragen! – Ich habe auch meine Gedanken.« Die Worte waren in einem feindlichen, gehässigen Ton ausgesprochen. Aber der Sprecher schien sie gleich darauf zu bereuen. »Gib mir einen Augenblick Zeit, nachzudenken,« sagte er milde. Er ließ sich schwerfällig auf eine Bank fallen, vor der er stehen geblieben war, und die Hände auf die Knie gelegt, den Kopf gesenkt, blickte er vor sich hin. – Also um Natalie handelte es sich! Natalie war es, die von Nikolaus geliebt wurde, und aus irgend einem noch nicht aufgeklärten Grunde war diese Liebe eine unglückliche! – Aber was ging das ihn, John Maclean, an? Hatte er vielleicht für sich selbst an Natalie gedacht? – Nein, das hatte er nicht. Aber in dem Augenblicke, wo er verstanden zu haben glaubte, daß ein anderer sich um sie bewerbe, ein anderer, Jüngerer, ihrer Würdigerer, dem sie sich früher oder später hingeben würde, in dem Augenblick war ihm klar geworden, was er an dem Mädchen verlieren werde. Er hatte kein Glück für sich geträumt, aber nun fühlte er mit der bittern Wehmut selbstloser Menschen, wie elend er ohne Glück, wie dunkel das Leben ohne die lichte Natalie für ihn sein werde. – Alles dies zog wirr und wüst durch sein Gehirn. Er atmete schwer.
    »Was gibt es?« fragte Nikolaus, der besorgt vor ihm stehen geblieben war.
    John erwachte wie aus einem Traum.
    »Es ist alles in Ordnung,« sagte er. »Ich will dir helfen, mein Sohn.«
    »Ich verstehe dich nicht.«
    »Ich verstehe mich, das genügt. – Nun wollen wir die Geschichte noch einmal von vorn anfangen, und wie zwei vernünftige Menschen besprechen. Also: was willst du wissen? Was Harry gefragt, und ich über dich gesagt habe? – Warte eine Sekunde. Ich weiß nicht, woher mir der Kopf auf einmal so schwer ist. – Jetzt habe ich den Faden . . .«
    Er zauderte noch einige Augenblicke, um sich zu sammeln, und berichtete dann in geschäftsmäßigem Tone: – »Als ich Harry sagte, ich habe versprochen, mit dir nach Kalifornien zurückzukehren, fragte er, was dich dort hinziehe. – ›Eine Frau,‹ sagte ich. – ›In Kalifornien? Er wollte sich doch hier verheiraten, hattest du mir geschrieben.‹ – ›Nein, keine Frau in Kalifornien, eine Frau von hier treibt ihn fort.‹ – ›Wer ist das?‹ – ›Das mußt du besser wissen. Mit wem ist Nikolaus hier zusammengetroffen?‹ – Darauf antwortete Harry nicht, sondern schien nachzudenken. Endlich richtete er allerhand Fragen an mich, die mir in dem Augenblick schwer verständlich waren. – Ich erzählte ihm unsere Unterhaltung, die ja kein Geheimnis war, wenigstens nicht für Harry, ich erzählte ihm auch, wie ich dich verändert gefunden, wie ich dich hätte ausforschen wollen, ohne daß es mir gelungen wäre, dir dein Geheimnis zu entreißen; daß aber für mich kein Zweifel darüber walte, daß eine Frau dich umgewandelt, aus einem heiteren, gesunden Menschen einen trübseligen Duckmäuser aus dir gemacht habe.«
    »Wie kamst du dazu, das zu sagen?« fragte Nikolaus zornig. »Hatte ich dir irgend etwas Ähnliches anvertraut? Hatte ich dir nicht im Gegenteil gesagt, du irrtest dich, als du schon bei unserer ersten Unterredung hier, darauf versessen warst, mir eine alberne Frauenzimmergeschichte anzuhängen?«
    Aber John war nicht mehr so versöhnlich gestimmt, wie an dem Tage. da er jene erste Unterhaltung mit Nikolaus gehabt hatte, und kurz angebunden entgegnete er:
    »Es wird mir jetzt zu viel mit all der Geheimniskrämerei! Sprich heraus wie ein Mann oder laß mich in Frieden! Ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, seitdem du Kalifornien verlassen hast. Du bist wie umgewandelt. Wenn du wieder der Alte sein kannst, so komm' zu mir – ich bin immer da. Und damit gute Nacht!«
    Er wandte sich mürrisch ab und wollte seiner Wege gehen.
    »John, noch ein Wort!«
    »Nun?« fragte der Kalifornien
    Nikolaus zauderte und sagte dann leise: »Entziehe mir deine Freundschaft nicht! Ich fühle mich so elend, so allein! – O John. alter, guter, lieber Freund, ich wünschte, du ständest an meinem Grabe und sagtest ›Da liegt einer, der treu war.‹«
    John Maclean sah seinen Freund ernst an.
    »Willst du mir vertrauen?« fragte er.
    Nikolaus antwortete nicht.
    »Nun wohl, ich will nicht weiter in dich dringen. Ich gehe als Freund von dir. – Du sprichst wie einer, der eine große Sünde auf sein Gewissen geladen hat. Gott behüte dich! Gib niemals klein bei, sage niemals, alles ist verloren! Das ist Weiberart. Männertrotz kann Schweres durchsetzen. – Es gibt immer nur einen richtigen Weg, auf dem ein Mann wandeln soll. Wenn du ihn verlassen hast, so suche ihn wieder auf, und wenn er auch steil und steinig ist und dir die Füße bluten macht, gehe mutig darauf vorwärts, unbekümmert um Schmerz und Müdigkeit! In fünfzig Jahren ist alles gleich, was wir erlitten haben und was uns erfreut hat; aber das, was wir Gutes und Schlechtes getan haben, das blüht oder wuchert fort!«
    Es war, als wäre ein Geist in ihn gefahren, und Nikolaus blickte der großen Gestalt, die sich jetzt abgewandt hatte und in der Nacht verschwand, mit weit aufgerissenen Augen nach, wie einer überirdischen Erscheinung.
    
  



    IX
    Nachdem John Maclean acht Tage bei seinen Schwestern in Edinburg zugebracht hatte, sagte er sich, er habe nun wohl seinen verwandtschaftlichen Pflichten genügt und sei berechtigt, nach Lower Norwood zurückzukehren. Der Aufenthalt in Schottland hatte für ihn keine besondere Anziehung mehr. Die »Mädchen« hatten ihn mit großer Ruhe empfangen, als sei er statt achtzehn Jahre, vierzehn Tage von ihnen getrennt gewesen; man hatte ihm »Vaters Bett« gegeben, ihm bei Tische »Vaters Platz« angewiesen und betrachtete seine Anwesenheit im elterlichen Hause als etwas Selbstverständliches, um das es sich nicht der Mühe verlohnte, ein Wort zu verlieren. – Katharina, die älteste, fünfzigjährige Schwester, die den Hausstand leitete, erkundigte sich mit einer gewissen Teilnahme nach seinen Lieblingsgerichten, die sie ihm eigenhändig und mit großer Kunstfertigkeit zubereitete; auch braute sie seinen Grog, wenn er am Abend mit den Schwestern um den reinlich und sorgfältig gedeckten Teetisch saß. Darauf beschränkten sich ihre Liebesbezeugungen. – Aber wenn er im besten Zimmer des Hauses seine kurze mit starkem Tabak gefüllte Pfeife rauchte, was die Misses Maclean ganz in Ordnung fanden – »Vater hatte auch geraucht« – und sich dabei sinnend, in Macleanscher Weise, Mund und Kinn strich, so ruhten Katharinas Augen unverwandt auf ihm, und es war in denselben ein Ausdruck großer Liebe. Eines Tages, als er länger als gewöhnlich brütend dagesessen hatte, erhob sie sich leise von ihrem Stuhl, trat zu ihm hin und legte ihm von hinten beide Hände auf die Schultern. Er wandte sich verwundert nach ihr um. Ihre Augen begegneten sich, die großen, ernsten Augen, die alle Macleans als Geschwister kenntlich machten. Sie blickte ihn lange an, und dann sagte sie ruhig:
    »Es freut mich, dich hier bei uns zu haben.«
    »Natürlich,« antwortete John verlegen; denn es war dies der einzige und erste Ausdruck von Zärtlichkeit, der ihm seit seiner Ankunft zuteil geworden war.
    Er fühlte sich bei seinen Schwestern ganz zu Hause. Er ging dort in Hemdsärmeln einher, aß und trank nach fernen Gewohnheiten, empfand nichts von der Befangenheit, von der er sich unter den Augen seiner Schwägerin niemals freimachen konnte – und doch sehnte er sich nach Lower Norwood zurück: nach Harry, nach Nick – und nach Natalie. – Diese ging ihn eigentlich gar nichts an. Sie war bestimmt, über kurz oder lang, eines andern, eines besseren Mannes Weib zu werden, vermutlich seines besten Freundes, Nicks. – Natürlich! – Aber er sehnte sich dennoch, sie wiederzusehen, ihre Stimme zu hören, ihre Hand auf seinem Arm zu fühlen. – Er wagte nicht, sich das zu sagen, er suchte sich selbst über die Beweggründe, die ihn nach London zogen, zu täuschen. Harrys und Nicks rätselhaftes Benehmen beunruhigten ihn. Er mußte versuchen, sich darüber Aufklärung zu verschaffen. Dann waren die Vorbereitungen zur Reise nach Kalifornien. Er stand noch immer unter dem an Ohlsen gegebenen Versprechen, sie mit ihm anzutreten. Nikolaus hatte ihm sein Wort nicht zurückgegeben, er selbst es nicht zurückgenommen. Er hatte seinen Schwestern gesagt, er werde wohl noch einmal nach Kalifornien zurückkehren, um gewisse Geschäfte in Ordnung zu bringen, und diese hatten die Mitteilung mit philosophischem Gleichmut aufgenommen. Geschäft geht vor Vergnügen! – Aber im Grunde seines Herzens glaubte John nicht an die Abreise von England. Davon sprach er jedoch mit niemand. Er wagte es nicht einmal, es sich selbst zu bekennen.
    Harry hatte seinen Bruder seit dessen Ankunft in Schottland nur einmal geschrieben. Nach Verlauf einer Woche brachte die Post einen zweiten Brief von ihm. Er enthielt eine überraschende Mitteilung: Harry forderte seine Schwester Katharina auf, ihn in Lower Norwood zu besuchen und sich so einzurichten, daß sie längere Zeit bei ihm bleiben könne; er bedürfe ihrer.
    »Dann muß ich wohl gehen,« sagte Katharina. – »Wann gedenkst du zu reisen?« fragte sie darauf ihren Bruder John.
    »Wann kannst du fertig sein?«
    »Meine Sachen sind in Ordnung; ich kann heute reisen.«
    »Dann wollen wir morgen gehen. – Was mag Harry von dir wollen?«
    Katharina konnte darüber keine Auskunft geben und schien auch nicht neugierig, zu erfahren, was Harry von ihr verlangte. Er hatte geschrieben, er bedürfe ihrer – das genügte!
    John war wenig auf Äußerlichkeiten bedacht; aber als er im Geiste Frau Monja und Natalie mit Katharina verglich, da kam ihm der Gedanke, daß diese, ehe sie nach Lower Norwood ginge, noch etwas für ihre »Toilette« zu tun habe.
    »Welche Kleider nimmst du mit?« fragte er.
    Katharina blickte ihn erstaunt an und antwortete sodann, sie habe alles, was sie gebrauche; und um dies zu beweisen, zählte sie ihren Reichtum auf.
    John hörte aufmerksam zu und verlangte, die Schätze persönlich in Augenschein zu nehmen. Das Reisekleid, welches Katharina darauf kopfschüttelnd vor ihm ausbreitete, fand seinen Beifall.
    »Ein ruhiges Kleid; es geht,« sagte er billigend.
    »Glaubst du etwa, daß ich im Aufzuge einer französischen Komödiantin reisen werde?« fragte Katharina spitz. – »Du kannst dich auf mich verlassen; ich werde dir weder unterwegs noch in London Schande mit meinem Anzug machen.«
    Miß Katharina gehörte nicht zu den Eitlen ihres Geschlechts; daß sie aber einen sicheren, guten Geschmack habe und sich besser und billiger anziehe als die meisten Frauen, war auch für sie ein unumstößlicher Glaubensartikel. John ließ sich jedoch durch seine Schwester nicht einschüchtern. Er war ein solider Geschäftsmann, der eine angefangene Sache zu Ende zu führen liebte. – Die Hauskleider mußten ebenfalls »Revue passieren«. – Und dann kam die Abendtoilette: ein schwerseidenes, braunes Kleid, das, vor zwanzig Jahren gemacht, bei unzähligen Kindtaufen und Hochzeiten des Macleanschen Clans getragen worden war und noch so gut wie neu aussah. – Die andern Schwestern hatten ähnliche Kleider, die alle ebenso kostspielig, altmodisch und gut erhalten waren. – Katharina warf einen Blick auf ihren Bruder, der ungefähr sagte: »Hiergegen werden die vornehmen Verwandten in London schwerlich etwas einzuwenden haben; es ist ein Kleid, das eine Königin zieren würde.« – Aber John war auch dadurch nicht zu beeinflussen. Er prüfte das Kleidungsstück mit der Miene eines Kenners. Er hatte in San Francisco, wo die eitlen Frauen ihre Kleider von den ersten Pariser Schneidern beziehen, viel elegante Toiletten bewundert, und er hatte ein gutes Gedächtnis für alles, was seine Augen einmal gesehen. Er erinnerte sich jetzt der hellen und dunkeln geschmackvollen Anzüge, die Frau Monja und Tascha während ihres kurzen Aufenthaltes in Lower Norwood zur Schau getragen hatten und sagte kurz und bündig:
    »Das geht nicht. Setz' dir einen Hut auf und führe mich in das beste Konfektionsgeschäft von Edinburg. Dort wollen wir aussuchen, was du gebrauchst.«
    Katharina und ihre Schwestern waren sprachlos. Sie empfanden die Verachtung des verehrten seidenen Kleides wie eine persönliche Beleidigung; aber John und Harry, denen sie alles, was sie im Leben besaßen, auch die braunseidenen Kleider, verdankten – ohne ihnen dafür dankbar zu sein –, hatten Rechte über sie, die sie unter keinen Umständen verkennen durften.
    »Du mußt das besser wissen,« sagte Katharina trocken, und damit verließ sie das Zimmer, um nach wenigen Minuten in Hut und Mantel, zum Ausgehen fertig, wieder zu erscheinen.
    Der Besuch bei Lockhart & Cie, dem vornehmsten Konfektionsgeschäft von Edinburg, blieb eines der größten Ereignisse in Katharinas Leben. John kaufte dort vier Kleider, »eines lächerlich teurer als das andere«, wie Katharina ihren staunenden und ein wenig eifersüchtigen Schwestern am Abend berichtete, und da er einmal beim Kaufen war, so erstand er auch einen komfortabeln Reiseanzug, »wie für die Herzogin von Argyll«, Handschuhe »dutzendweise«, Schuhe, »wenn ich ihn gelassen hätte, mit hohen Hacken, wie für eine Tänzerin«, und schließlich einen Koffer »wie einen Sarg« . . . Er hatte dafür die Genugtuung, mit einer streng und vornehm aussehenden Dame zur Seite in Lower Norwood anzukommen. Die Summe Geldes, mit der er dies erkauft hatte, und über deren Höhe die Schwestern gewissermaßen entrüstet gewesen waren, kümmerte ihn nicht. Katharina sollte auch im Äußeren als Ebenbürtige in das Haus ihres Bruders eintreten und sich neben ihrer Schwägerin und Natalie zu Tisch setzen.
    Katharina hatte eine auffallende Familienähnlichkeit mit ihren Brüdern. Sie war als Frau verhältnismäßig so groß wie diese als Männer, von gesunder Hagerkeit. Sie hielt sich wie ein Grenadier, und ihre Bewegungen waren langsam und bestimmt. So war auch ihre Sprache. Sie hatte gewisse unbestreitbare Schönheiten: pechschwarzes, dichtes, schlichtes Haar, das in einfachster Weise gescheitelt und glatt gekämmt, ihre große Stirn einrahmte, Zähne, die so regelmäßig und weiß waren, daß mancher versucht sein mochte, sie für falsch zu halten, und schöne, dunkle, große Augen, die zwar gewöhnlich sehr ernst blickten und geeignet waren, einen Dämpfer auf die Heiterkeit ihrer Umgebung zu setzen, aber von treuer Ergebenheit erwärmt wurden, wenn sie sich auf Harry oder John hefteten. – Trotz aller dieser unzweifelhaften, einzelnen Schönheiten war jedoch Katharina keinesfalls eine angenehme Erscheinung. Ihr ganzes Auftreten hatte etwas Hartes und Eckiges. Eine liebenswürdige Person, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, war sie nicht; aber jedermann würde sie für wahr und zuverlässig gehalten haben. – Sie trat ihrer Schwägerin, die sie seit der Hochzeitsreise nach Schottland nicht wiedergesehen hatte, freundlich, aber mit der ihr eigenen kalten Zurückhaltung entgegen; ihren Bruder Harry umarmte sie, und dann drückte sie Natalie und Nikolaus, die ihr von Harry vorgestellt worden waren, die Hände. – Nikolaus war sie mit einem günstigen Vorurteil entgegengekommen. Sie kannte seine langjährigen Beziehungen zu John; alles, was ihr Bruder über ihn erzählt hatte, war geeignet, ihn ihr sympathisch zu machen. Aber sie hatte etwas ganz anderes erwartet, als was sie nun in Ohlsen vor sich sah. Der hohläugige, bleiche Mensch, mit dem traurigen, unsicheren Wesen war nicht ein Mann nach ihrem Herzen. Sie wandte sich teilnahmlos von ihm ab.
    In dem Hausstande Harry Macleans hatte sich seit jenem letzten Abend, den John dort zugebracht, nichts geändert. Es herrschte dort noch immer eine schwüle, schwere Stimmung. Frau Monja allein erschien unbefangen. Aber der Hausherr ging stumm und ernst einher, und Nikolaus erschien seinem Freunde John wo möglich noch trauriger als vor der Reise nach Schottland. – Katharina beobachtete dies alles: ihren langsam umherschweifenden Augen entging nichts, was in ihrer Umgebung vorfiel. Ohlsens Traurigkeit war ihr vollständig gleichgültig; aber die Niedergeschlagenheit ihres Bruders bekümmerte sie. So hatte sie ihn früher nicht gekannt, und auch nach der Erzählung von John hatte sie sich nicht vorgestellt, ihn so verändert zu finden. Sie ergriff eine Gelegenheit, um John bei seite zu nehmen.
    »Was fehlt Harry?« fragte sie. »Er ist, seitdem ich ihn zum letzten Male im vergangenen Jahre gesehen habe, ein alter Mann geworden.«
    »Es verdrießt ihn, daß ich nach Kalifornien zurückkehre,« antwortete John mürrisch.
    »Mußt du denn wieder fort?«
    »Ich habe es Ohlsen versprochen.«
    »Ohlsen ist nicht dein Bruder.«
    »Ich habe es ihm versprochen.«
    »Zuerst solltest du an Harry denken. Na, vielleicht änderst du noch deinen Plan.«
    »Ja . . . vielleicht . . . Aber mir selbst ist es unerklärlich, daß meine Abreise ihn so verstimmt. Ich beabsichtige ja nicht für immer zu gehen. In wenigen Monaten kann ich wieder hier sein . . . Hat dir Harry schon gesagt, weshalb er dich hierher gerufen hat, wozu er deiner bedarf?«
    »Nein. Er sagte mir nur, er werde heute abend auf mein Zimmer kommen, um ungestört mit mir sprechen zu können.«
    Darauf winkte John seinem Bruder und trat mit ihm auf die Veranda.
    »Was gibt es neues?« fragte er. »Weshalb hast du Katharina gerufen?«
    »Sie kann es dir morgen erzählen,« antwortete Harry. »Es ist mir lieber, daß sie es tut, als daß ich davon spreche.«
    »Handelt es sich um etwas Wichtiges?«
    »Ich fürchte: ja.«
    »Und du willst es mir nicht anvertrauen?«
    »Ich vertraue dir alles an; aber das, um was es sich handelt, sage ich lieber zuerst Katharina als dir. Sie wird mit dir sprechen . . . und dann kannst du mit mir die Sache beraten; das heißt, wenn du es für nötig erachtest, und wenn du es willst.«
    
  



    X
    Katharina befand sich um zehn Uhr abends auf ihrem Zimmer und erwartete den Besuch, den Harry ihr angekündigt hatte. Sie war ungeduldig; aber sie ließ ihre Aufregung nicht sichtbar werden, und wie sie so gerade und kalt unter dem grellen Lichte einer über dem Tisch brennenden Gaslampe auf einem harten Stuhle dasaß, während das Sofa und die bequemen Sessel, die zum behaglichen Ausruhen im Schatten oder am Fenster einluden, leerstanden, war sie ein Bild anspruchsloser und rücksichtsloser Gleichgültigkeit. – Es wurde leise angeklopft. Sie erhob sich und öffnete die Tür. Harry stand vor ihr. Er trat geräuschlos in das hell erleuchtete Gemach, warf einen Blick auf die geschlossenen Fenster und rings um sich und ließ sich sodann auf einen Sessel nieder. Er blieb geraume Weile stumm. Katharina, die ihm gegenüber Platz genommen hatte, beobachtete ihn ruhig, sprach aber ebenfalls nicht. Endlich erhob sie sich und trat dicht an den gebeugten Mann heran und sagte mit erwärmender Zärtlichkeit im Blick und in der Stimme:
    »Ein tiefer Kummer lastet auf dir. Sage mir, was dein Herz drückt.«
    Sie hatte sich dicht neben ihn gesetzt. Er beugte sich an ihr Ohr und flüsterte ihr leise etwas zu.
    Sie lauschte, während er sprach, mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen, und sie war ebenso blaß geworden wie er. Als er schwieg, sagte sie leise:
    »Ich hoffe, daß du dich irrst.«
    »Das hoffe ich auch,« antwortete er; »zuversichtlicher sogar, als du nach meinem Bekenntnis annehmen magst. Aber die Befürchtung schon ist schrecklich. Sie nagt an mir wie ein tödliches Gift. Ich hätte dich vielleicht nicht rufen sollen: – ein Mann muß allein tragen, was ihm auferlegt wird –; aber ich bin in großen Nöten. Es frißt mir das Leben ab. – Ich konnte die Unruhe nicht mehr ertragen.«
    »Du hast recht getan, mich zu rufen.«
    Sie stand auf und nahm sein Haupt und legte es sanft an ihre Brust. Und er, der starke Mann, ungewohnt solch' inniger, edler Zärtlichkeit, begann leise zu weinen. Man hörte es nicht; aber aus den weitgeöffneten, starren Augen rannen die Tränen unaufhaltsam über seine abgehärmten Wangen. Sie fühlte, was mit ihm vorging, ohne sein Gesicht zu sehen; aber sie blieb unbeweglich stehen, auch ihre starren, bleichen Züge zeigten keine Veränderung. Endlich erholte er sich. Er trocknete die Tränen, was sie nicht zu bemerken schien, drückte sie sanft von sich, nötigte sie, wieder Platz an seiner Seite zu nehmen und sprach dann gefaßt und ruhig:
    »Meine Verbindung mit Monja war ein großer Fehler. Ich bemerkte es bald nach unserer Verheiratung; aber das Geschehene konnte nicht wieder gut gemacht werden, und es blieb mir nichts zu tun übrig, als all' meine Kraft daran zu setzen, mein schweres Schicksal zu ertragen. Ich hatte mit dem Einsatz meines ganzen Glückes mein Los in der Lotterie des Lebens genommen und eine Niete gezogen. Ich erkannte ohne Mühe Monjas Hohlheit und Frivolität; aber ich konnte ihr nicht einmal einen Vorwurf deswegen machen. Jeder Versuch, sie zu ändern, wäre ein vergeblicher gewesen. Monja ist eben von Natur oberflächlich und herzlos, gerade wie sie schön ist. Sie könnte niemand lieben, auch wenn sie es wollte. Sie würde einen andern Mann, der ihr geistig näher stände, vielleicht glücklich gemacht, aber sie würde ihn nicht mehr geliebt haben, als sie mich liebt. Ich aber bin ihr nie etwas gewesen, und kann ihr nie etwas sein, und werde dereinst aus ihrem Leben verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen, wie ein Stein, der in das Meer geworfen ist. – Sie ist von schlechter Art. Sie hat keine Freude am Edlen. Sie hat kein Mitleiden. Ich wollte, sie wäre tot! Sie hat nie etwas Gutes im Leben getan, und wird nie etwas Gutes tun! Sie hat mein ganzes Glück zerstört!«
    »Warum trennst du dich nicht von ihr?« fragte Katharina.
    »Ich habe kein gesetzliches Recht dazu, kaum einen Vorwand. Monja ist nicht nachweisbar schlecht; sie ist einfach nicht gut. Eine Scheidung würde vor Gericht gar nicht zu begründen sein. Eine freiwillige Trennung aber, die ihr unter gewissen Bedingungen möglicherweise ganz lieb wäre, könnte die Lage verschlimmern.«
    »Und doch hast du nie geklagt, wenn du nach Schottland kamst, ja, du schienst uns allen ganz glücklich.«
    »Ich habe mich nicht zu verstellen brauchen, um euch ruhig zu erscheinen. Ob ich glücklich war oder nicht, das konntet ihr nicht bemerken, solange ich darüber schwieg. Und bis vor kurzem fühlte ich nicht das Bedürfnis, über meine Lage zu sprechen. Unerträglich ist sie erst geworden, seitdem ich das Schlimmste: Schande für sie, für mich, für meine Kinder, befürchten muß. – Wie soll ich dir erklären, was bis dahin in mir vorgegangen ist? – Ich habe Monjas Mangel an Güte erst nach und nach entdeckt, ihre Häßlichkeit hat sich mir langsam enthüllt. Und es gab eine Zeit, als ich dafür nachsichtig war. Denn ich liebte sie. Ich hoffte lange, sie würde sich verändern, bessern, sie würde durch den Verkehr mit mir treu und gut werden. Als ich zu der Erkenntnis kam, daß dies unmöglich sei, da war sie mir gleichgültig geworden. Deshalb konnte ich auch gewöhnlich ruhig sein – und ohne Anstrengung oder Heuchelei. Und wem hätte ich auch klagen können? – Aber oftmals bin ich in der Nacht aufgewacht mit dem schweren Schmerz über mein Unglück. Es lag mir wie ein Stein auf der Brust; es war mir, als müßte ich ersticken. Und ich hörte ihre regelmäßigen Atemzüge neben mir. Ich bin dann leise aufgestanden und in ein anderes Zimmer gegangen, ich habe mich an das Fenster gestellt und hinausgeschaut in den dunkeln Park, und ich habe mich tief unglücklich gefühlt, weil mein Leben so freudenleer und hoffnungslos geworden ist. Ich hörte ein leises Geräusch hinter mir, und als ich mich umwandte, stand sie vor mir, eine weiße Erscheinung, mit aufgelöstem Haar und schlaftrunkenen Augen. Ich schrie auf, als sähe ich ein Gespenst. Sie legte ihre warmen Arme um meinen Nacken und sagte mit ihrer weichen Stimme: ›Komm, es ist kalt.‹ Daß mich mein Unglück nicht ruhen ließ, das ahnte sie nicht, das kümmerte sie nicht. Am nächsten Morgen hatte ich den Vorfall so gut wie vergessen. Ich war in der City und brauchte keine besondere Anstrengung zu machen, um meinen Geschäften in der üblichen Weise nachzugehen.«
    »So hast du seit Jahren keine Freude am Leben gehabt?«
    »Ich bin nicht immer unglücklich gewesen. Ich habe manchmal mein Unglück auf längere Zeit vergessen, mich noch über vieles freuen können: über die Kinder, über Johns Heimkehr und manches andere. Ich bin in Beziehung auf Monja nicht anspruchsvoll, ja, ich bin in dieser Beziehung so bescheiden geworden, daß ich mich sogar noch über sie freuen kann: über ihre Liebe zu den Kindern, ihre Schönheit, über kleine Aufmerksamkeiten, die sie mir von Zeit zu Zeit erweist. Manchmal, wenn sie lange nichts getan hatte, was mich verletzte, konnte ich mir sogar noch einbilden, ich habe mich in ihr getäuscht, sie sei nicht weniger gut als viele andere Frauen. – Jetzt begreifst du, weshalb ich euch nicht unglücklich erschien.«
    »Ich verstehe dich. – Aber ich verstehe nicht, weshalb das, was du jetzt fürchtest, dich gleichsam zu Boden wirft. Mußtest du nicht darauf vorbereitet sein?«
    »Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Frauen denken in dieser Beziehung vielleicht anders und gerechter als Männer. – Unsere Ehe hat seit Jahren aufgehört eine glückliche zu sein; aber die Welt weiß davon nichts, Monja gilt für eine tadellos anständige Frau, und sie war es auch, ist es vielleicht noch, in dem Sinne, den man in dieser Beziehung mit dem Worte ›anständig‹ verbindet. – Wie schlecht und böse eine anständige Frau sein kann, das habe ich erfahren! Doch konnte ich mit ihr leben, so lange mir eine Befürchtung erspart blieb. Die Gefahr aber, die mir jetzt droht, hat mich ganz verwirrt. Es ist mir, als wäre ich bis dahin noch nicht unglücklich gewesen und als wäre das, was dann über mich hereinbrechen würde, unerträglich. – Ich bin ein unglücklicher Mensch, an Monja gefesselt zu sein. Doch dies Elend wurde ich tragen mein Leben lang, ohne darunter zusammenzubrechen; – aber mit der offenkundigen Schande – da könnte ich nicht leben.«
    »Was kann ich für dich tun?«
    »Ich weiß es nicht.«
    »Weshalb hast du mich gerufen?«
    »Weil ich mich von Lug und Trug umringt fühlte und einen treuen Menschen in meiner Nähe haben wollte. Mit John kann ich nicht sprechen, obgleich er mir näher steht als du: er ist ein Mann, und er ist sein Freund.«
    »Du hast recht getan. Ich werde sorgen. – Und Harry, eines verspreche ich dir: so lange ich in ihrer Nähe bin, ist deine Ehre sicher! Nun beruhige dich! – Wirst du schlafen können?«
    Er saß noch eine Weile nachdenklich da, die Hände zusammengeschlagen, den Blick starr auf einen Fleck gerichtet. Endlich stand er auf und sagte zerstreut:
    »Ich bin wie zerschlagen. Gute Nacht, Katharina!«
    
  



    XI
    Katharina hatte ihrem Bruder John zunächst nur einen sehr dürftigen Bericht über ihre Unterhaltung mit Harry erstattet. Sie hatte sich darauf beschränkt, zu sagen, Harry sei mit seiner Frau unzufrieden, ihre Oberflächlichkeit mache ihn unglücklich und beunruhige ihn wegen der Zukunft. John schüttelte den Kopf. Diese Erklärung für die Traurigkeit seines Bruders wollte ihm nicht einleuchten.
    »Ist in jüngster Zeit etwas vorgefallen, was ihn beunruhigt?« fragte er.
    »Nein, es ist nichts vorgefallen. – John, sie ist eine schreckliche Frau! Warum hat Harry sie genommen? Ein gutes schottisches Mädchen hätte ihn glücklich gemacht.«
    »Hat er von meiner Abreise gesprochen?«
    »Nein. Wir haben nur von seinem Verhältnis zu seiner Frau gesprochen.«
    Der Kalifornier war enttäuscht. Er hatte darauf gerechnet, daß sein Bruder sich seiner Abreise von England widersetzen würde, und er hatte in seinem Geiste die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß er Harrys Wünschen schließlich nachgeben werde. Zum wenigsten würde er ihm gern versprochen haben, in einer bestimmten kurzen Frist, in sechs Monaten etwa, von Kalifornien nach London zurückzukehren. Aber nun war von ihm und seiner Reise gar nicht die Rede gewesen. – Er fühlte sich dadurch wie durch eine Vernachlässigung gekränkt. – Und doch war es die Anzeige seiner Abreise gewesen, die Harry zuerst in so große Aufregung versetzt hatte.
    »Ich sehe meinen Weg nicht mehr,« sagte John mißtrauisch. »Ich glaube, du verheimlichst mir auch etwas. Jedermann scheint hier Geheimnisse zu haben: du, Harry, Nick! Ich weiß nicht mehr, was ich von euch und mir denken soll, wenn ich sehe, wie ihr mich behandelt.«
    »Du nennst den Fremden auf gleicher Linie mit deinen Geschwistern!«
    »Er ist mein Freund.«
    »Er ist nicht dein Bruder! . . . Er gefällt mir nicht!« fuhr sie mit plötzlicher Leidenschaftlichkeit fort, die John erstaunt aufblicken machte. »Er gehört nicht zu uns! Was hat er hier zu suchen?«
    »Bist du von Sinnen?« fuhr John auf. »Er ist unser Gast, und wir schulden ihm Ehre!«
    »Und schuldet er seinem Wirte nichts?«
    »Hat er in dieser Beziehung seine Pflichten verletzt?«
    »Was weißt du davon? – Ich glaube, er sät Unfrieden und sinnt Verrat!«
    John hatte nun einmal in seinem Kopfe festgesetzt, daß Nikolaus nach Nataliens Hand trachtete. Weshalb dem jungen Mann das so verdacht wurde, begriff John nicht. Der Gedanke. daß es sich um ein anderes weibliches Wesen als Natalie handeln könnte, kam ihm nicht. Aber es erschien ihm als Pflicht, den Freund zu verteidigen, auch wenn er dadurch sein eigenes Glück mit zerstören half.
    »Es ist erlaubt, um die Tochter des Hauses in ehrlicher Weise zu freien,« sagte er.
    »Um die Tochter des Hauses . . . in ehrlicher Weise?« wiederholte Katharina mit bitterstem Nachdruck auf die Worte »Tochter« und »ehrlich«.
    John trat einen Schritt zurück und starrte seine Schwester erschreckt an. – Sie beantwortete seinen fragenden Blick durch ein bedeutungsvolles Neigen des Hauptes.
    »Unmöglich,« brachte John endlich hervor. »Er ist treu wie Stahl.«
    »Er ist wie alle Männer in den Händen einer Frau: ein schwankendes Rohr, unzuverlässig, weich wie Wachs. Sie hat ihn behext. Sie ist eine böse Hexe, es ist kein Tropfen guten Blutes in ihr!«
    »Ich hoffe, du irrst dich, Katharina.«
    »Wir wollen sehen!«
    So nachdenklich war John Maclean noch niemals in seinem Leben gewesen, wie er es nach dieser Unterredung mit Deiner Schwester wurde. Was ihn dabei verdroß, ja, worüber er sich schämte, das war, daß die Mitteilungen Katharinas ihn zwar im ersten Augenblick heftig erschreckt, aber schließlich doch nicht in dem Maße entrüstet hatten, wie dies hätte der Fall sein sollen. Und dazu kam, daß seine unverzeihliche Nachsicht nicht etwa aus der Freundschaft für seinen alten Gefährten Nick entsprang; nein – er wagte nicht, es sich einzugestehen, und doch stand es klar vor seiner Seele: es war etwas in dem Unglück seines Bruders, was ihn nicht schmerzte. –
    Katharina dagegen hatte keine Nebengedanken. Sie verfolgte nunmehr nur ein Ziel. Sie wollte die Verräter entlarven. Sie heftete sich stetig und still, nimmer müde, erschrecklich ermüdend, an Monjas Schritte. Wo diese erschien, folgte ihr Katharina wie ein Schatten, ohne ein Wort der Erklärung für ihre Anwesenheit zu geben, ohne im mindesten den Mißmut zu beachten, den ihre Zudringlichkeit binnen weniger Tage bei dem Opfer derselben hervorrufen mußte. – Was Katharina tat, das tat sie nicht zu ihrem Vergnügen, und es war für sie ohne Bedeutung, ob sie damit andern Freude machte oder nicht. Es handelte sich für sie nur darum, ihrem Bruder zu nützen, ihm Aufklärung zu verschaffen. Alles andere war in dem Augenblick Nebensache für sie. – Aber sie war in ihrem rücksichtslosen Eifer zu weit gegangen. Frau Monja lehnte sich auf. Sie klagte Harry unbefangen und unverhohlen ihr Leid.
    »Deine Schwester ist hier herzlichst willkommen,« erklärte Frau Monja ihrem Mann in dem Ton einer Frau, die sich in ihren unantastbaren Rechten gekränkt sieht. – »Ich bin ihr auf das freundlichste entgegengekommen und werde dies auch in Zukunft tun; aber ich wünschte, du machtest sie darauf aufmerksam, daß wir hier in England in bezug auf unsere Gäste und Wirte andere Sitten haben als in Schottland zu herrschen scheinen. Ich will unberücksichtigt lassen, daß ich mich von deiner Schwester, sobald ich mit ihr zusammen bin, fortwährend beobachtet fühle, ja, daß sie jeden Hausbewohner und das ganze Hauswesen auf das strengste zu überwachen scheint. Sie beginnt ihre Besichtigungen, sobald sie aufsteht und unterbricht sie selbst während der Mahlzeiten nicht. Wenn sie die Suppe ißt, schweifen ihre Augen langsam und unermüdlich von einem zum andern. Es kann kein Wort, kein Blick gewechselt werden, ohne daß sie es zu notieren scheint. – Das ist eine Eigentümlichkeit, unter der wir alle zu leiden haben und von deren Beschwerde ich meinen Teil mittragen will, ohne mich zu beklagen; aber dieselbe äußert sich mir im besonderen gegenüber in einer Weise, die mir lästig wird. – Deine Schwester verfolgt mich auf Schritt und Tritt, von dem Augenblick an, wo ich mein Zimmer verlassen habe. Da ich ihr dabei unmöglich eine böse oder auch nur unfreundliche Absicht unterschieben kann, so nehme ich an, sie hält sich mir gegenüber zu dieser steten Begleitung verpflichtet, die übrigens für sie ebenso ermüdend sein muß wie für mich. Ich könnte ihr darüber nichts sagen, ohne sie zu verletzen. Das entspricht nicht meiner Absicht und würde mir peinlich sein; deshalb bitte ich dich, mit ihr darüber zu reden. Eine Bemerkung von dir, daß es bei uns Sitte ist, die persönliche Freiheit eines jeden möglichst zu achten, wird sicherlich den gewünschten Erfolg haben. Sollte das nicht der Fall sein, so würde ich mich genötigt sehen, meine Lebensweise zu ändern. Ich bin kein Kind mehr, das seine Gewohnheiten mit Leichtigkeit aufgibt. Ich habe es seit fünfzehn Jahren verlernt, stets jemand um mich zu haben, niemals allein, ungestört zu sein. Und wenn ich in unserem Wohnzimmer und Garten nie mehr meine eigene Herrin sein kann, so werde ich mir die wenigen Stunden Ruhe und Einsamkeit, deren ich bedarf, in meinem Schlafzimmer sichern.«
    Frau Monja hatte diese lange und wohlbegründete Klage am Abend vor dem Schlafengehen geführt, als sie mit Harry allein war. Dieser hatte ihr zugehört, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen. Das Zimmer war matt erleuchtet durch eine Lampe, die in der Mitte auf einem niedrigen Tische stand, und deren mildes Licht noch durch einen farbigen Schirm gedämpft wurde. Harry konnte Monjas Gesichtszüge nicht deutlich erkennen. Aus ihrer Stimme klang nicht die geringste Erregung. So sprach eine Frau, die ihr gutes Recht gegen unbefugte Angriffe verteidigt. – Aber dies überzeugte Maclean nicht. Er hatte sich seit Jahren seine Ansichten über Monja gebildet: dazu gehörte auch, daß sie in gewissen Rollen eine Schauspielerin ersten Ranges sei. Ebenso ruhig, wie sie jetzt angriff, hatte sie sich stets verteidigt, auch wenn sie im Unrecht war und dies wußte, und keinen Zweifel darüber hegen konnte, daß ihr Mann von ihrer richtigen Selbsterkenntnis überzeugt sei. Sie hatte den Grundsatz, niemals einzugestehen, daß sie unrecht habe. Daß dies ungerecht sei, war ihr gleichgültig. Hatte sie irgend etwas Ungefälliges getan und machte man ihr darüber einen Vorwurf, so setzte sie sich darüber hinweg, daß sie den Tadel durch ihre Handlung hervorgerufen hatte und klagte nur darüber, daß ihr überhaupt ein Vorwurf gemacht werde. – »Du bist sehr unfreundlich,« sagte sie dann und zog sich wie eine unschuldig Gekränkte zurück. – Das starke Gerechtigkeitsgefühl des Schotten empörte sich gegen eine solche Auffassung; aber er fühlte sich dagegen machtlos, denn er wußte aus Erfahrung, daß nichts seine Frau bewegen werde, auf den von ihm getadelten Vorfall selbst zurückzukommen, und daß jede neue Bemerkung darüber von Monja nur als eine neue Härte zurückgewiesen werden würde. – Schließlich sagte er sich dann gewöhnlich, daß er um eine »Kleinigkeit« – in den meisten Fällen handelte es sich in der Tat nur um Kleinigkeiten – zu großen Aufheben mache, und ließ den Gegenstand fallen, nicht ohne das bittere Gefühl. daß das gute Recht leide. Dann triumphierte sie – und nicht immer im stillen. »Da hast du dich und mich wieder einmal recht unnütz geärgert,« pflegte sie bei solchen Gelegenheiten zu sagen; »ein anderes Mal sei doch vernünftiger.« – Es waren Nadelstiche, mit denen sie ihn verletzte, aber es war, als seien sie vergiftet, so schmerzten sie ihn. – Ähnliche häusliche Auftritte, die in den ersten Jahren der Ehe häufig gewesen, waren mit der Zeit selten geworden. Maclean vermied sie ängstlich, und Monja gehörte zu der Klasse von Frauen, die wenigstens dann verträglich sind, wenn man ihnen in allen Dingen nachgibt. Sie hatte seit Jahren ihren freien Willen und tat beinahe nur noch, was ihr gefiel. Alle Angriffe auf ihre Selbständigkeit waren von ihr systematisch zurückgewiesen worden – selten mit ehrlichen Waffen. Das kümmerte sie nicht. – Johanna, Harrys jüngstes Kind, fand es ganz in der Ordnung, ihren Bruder mit den Nägeln zu kratzen, wenn sie sich mit ihm zankte. Der kleine Harry weinte und wurde wütend. Aber er war ein richtiger Junge, und es wäre ihm unmöglich gewesen, seine Schwester wieder zu kratzen. – Maclean fühlte sich von den rosigen Nägeln seiner Frau zerfleischt, – er knirschte dazu mit den Zähnen, aber es war ihm unmöglich, mit denselben Waffen zu kämpfen wie sie. Ihr Gleichmut, ihre Höflichkeit, ja nicht selten ihre Zärtlichkeit nach solchen Auftritten waren ihm ein Greuel. – Aber auch dagegen war er machtlos. – Er hatte eine Furcht: er wußte, daß er jähzornig werden konnte. Manchmal fühlte er, angesichts der Ungerechtigkeit Monjas, das Blut in seinen Adern kochen. Er kämpfte mit der Kraft eines starken männlichen Willens gegen solche Aufwallungen. – Aber wenn seine Kraft einmal nicht genügte, wenn der Zorn seiner Herr würde! – Nein, das sollte nicht geschehen! – Wenn er fühlte, daß ihm ob ihrer Ungerechtigkeit das Blut zu Kopfe stieg, so entfernte er sich aus ihrer Gegenwart, und sie sah ihm dann achselzuckend und lächelnd nach. Sie wußte in solchen Fällen nicht, daß sie in Lebensgefahr geschwebt hatte. – Und wenn sie es gewußt hatte, so würde das auch nichts an ihrem Benehmen geändert haben. Furcht kannte sie nicht.
    In dem vorliegenden Falle, gelegentlich ihrer Klagen über Katharinas Benehmen, erkannte Maclean, daß er seine Schwester nicht verteidigen konnte. Es war wieder die alte, elende, verächtliche Geschichte. – Daß Katharina guten Grund hatte, mißtrauisch zu sein – davon war nicht die Rede, sollte und konnte nicht die Rede sein! Aber daß Katharina ihre Schwägerin überwachen zu wollen schien, – das war unerträglich, dagegen erhob sich der starke Einwand. –
    Frau Monja hatte, nachdem sie gesprochen, Harry ungestört seinen Gedanken überlassen und sich mit ihrer Toilette beschäftigt. Jetzt stand sie im Nachtgewand vor ihm und sagte freundlich: »Ich darf wohl darauf rechnen, daß du deiner Schwester meine Wünsche mitteilst. Dein Takt und deine Liebe zu ihr bürgen mir dafür, daß dies in schonender Weise geschieht. – Gute Nacht! – Ich bin müde!«
    Sie reichte ihm die Wange zum Kuß, die er mechanisch, kalt berührte, und legte sich nieder, und bald darauf zeigten ihre regelmäßigen, tiefen Atemzüge, daß sie des erquickenden Schlafes ruhe, dessen sich der Gerechte seltener erfreut als der Herzlose. – Er stand leise auf und verließ das Zimmer auf den Fußspitzen. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, richtete sich Frau Monja im Bett in die Höhe und blickte nachdenklich um sich, mit einem sorgenvollen Ausdruck auf dem Gesicht. Nach einer Weile atmete sie tief auf und strich sich mit der flachen Hand über die Stirn, als wollte sie die Sorgen entfernen, die sich darauf gelagert hatten. Dann legte sie sich wieder nieder, und nachdem sie sich noch einige Male unruhig im Bett hin und her geworfen hatte, schlief sie ein. – Harry aber war ohne weiteres zu seiner Schwester gegangen, um mit dieser von der letzten Unterredung mit seiner Frau zu sprechen.
    Die beiden Geschwister saßen sich stumm gegenüber.
    »Ich werde in Zukunft vorsichtiger sein,« sagte Katharina nach einer längeren Pause. »Ich will es nicht mit ihr verderben. Sie soll kein Recht haben, mich aus diesem Hause zu vertreiben.« – Sie schwieg wieder, und dann setzte sie plötzlich hinzu: »Ich begreife nicht, weshalb du den Menschen länger im Hause duldest, diesen Menschen, der so erbärmlich ist, einen Freund zu verraten.«
    »Ich weiß nicht, ob er mich verrät. Ich fürchte nur, daß er es tut.«
    »Nun, der dich verraten würde, wenn er Gelegenheit dazu hätte.«
    »Das weiß ich auch nicht . . . Ich klage sie allein an.«
    »Aber weshalb willst du ihn nicht entfernen, da er doch einmal die unmittelbare Ursache deiner Unruhe ist?«
    »Die unmittelbare Ursache meiner Unruhe ist Monja, und die kann ich, Gott sei es geklagt, nicht entfernen!«
    »Du hast auf alles Antwort,« entgegnete Katharina; »aber was du sagst, überzeugt mich nicht. Der Mensch gibt Ärgernis – entferne ihn! Warte ab, was später kommt. Vielleicht trifft nicht ein, was du für die Zukunft fürchtest. Kümmere dich um die Gegenwart. Entferne den Menschen!«
    »Es geht nicht, Katharina. Das hieße alle Welt in mein Unglück einweihen, und das soll nicht sein – wenigstens nicht, bis die Schande mir sonnenklar vor Augen liegt . . . Dann wird es ein großes Unglück geben. – Dann sei Gott ihr gnädig!«
    Er hob die geballte Faust drohend in die Höhe. Er sah furchtbar aus.
    »Harry!« rief Katharina ängstlich.
    Er biß die Zähne zusammen, so daß die Backenknochen auf seinem hageren Gesicht hervortraten und es breit und erschrecklich machten und wiederholte heiser, die Worte zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervorstoßend: »Dann sei Gott ihr gnädig!«
    
  



    XII
    Während der nächsten Tage ging eine Veränderung in der Lebensweise Monjas vor, die nicht verfehlen konnte, Katharinas und Harrys Aufmerksamkeit und Mißtrauen zu erregen. – Frau Monja war stets Herrin ihrer Bewegungen gewesen. Es war ihr nie eingefallen, von ihren Gängen und Wegen Rechenschaft abzulegen, und niemand hatte das je von ihr gefordert. Sie war, wenn Harry des Abends nach Lower Norwood zurückkam, stets zu Hause, und wenn sie dann nicht aus freien Stücken erzählte, was sie während des Tages vorgenommen hatte, so erfuhr Maclean davon nichts, da er nie eine Frage darüber an sie richtete. – Er wußte jedoch, daß Frau Monja am Tage nur selten ausging. Sie hatte von ihrer slavischen Abkunft eine gewisse körperliche Trägheit bewahrt. Es war ihr eine Anstrengung, sich gerade zu halten, sie schritt langsam. Ein Stuhl mit einer steilen Lehne, auf dem sie nicht halb ausgestreckt ruhen konnte, war ihr ein Marterinstrument. Sie verbrachte einen großen Teil des Tages auf einer Chaiselongue: schlafend, träumend oder nachlässig mit einer nutzlosen, weiblichen Arbeit beschäftigt, und wenn schon sie in herrlicher Gesundheit prangte, so klagte sie doch fortwährend über Ermüdung. Die Antwort auf die Frage, die Maclean des Abends, wenn er nach Hause kam, mechanisch an sie richtete: »Wie geht es dir?« – überhörte er in den meisten Fällen; denn sie lautete ein für allemal: »Ich fühle mich etwas angegriffen.« – Glaubte er zu bemerken, daß sie in der Tat ermüdet aussehe, und fragte er dann höflich: »Was fehlt dir?« so antwortete sie: »O, es ist nichts . . . es wird vorübergehen. Beunruhige dich nicht.«
    Er beunruhigte sich nicht. Er hätte sich nicht beunruhigt, und wenn sie auf dem Sterbebette gelegen hätte. Sie täuschte sich in Beziehung auf seine Gefühle für sie vollständig. Sie erkannte bei ihm, wie bei allen Menschen, mit schnellem Blick gewisse Eigenschaften und Fehler, die auf der Oberfläche lagen, besonders wenn solche Eigentümlichkeiten Ähnlichkeit mit ihren eigenen hatten; aber was darunter vorging, war für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Sie hatte einmal in einem Roman gelesen, das Weib sei ein sehr »kompliziertes« Wesen. Das hatte ihr gefallen und galt fortan in ihrem Geiste für unbestreitbare Wahrheit. – Es war interessant, ein feines, ein »kompliziertes« Wesen zu sein, gegenüber den aus gröberem Material zusammengesetzten, verhältnismäßig einfachen und häufig recht einfältigen Männern. – Die Triebfedern, welche viele Frauen bewegen, hatte sie an sich selbst erkannt: Eitelkeit, Gefallsucht, Herrschsucht, Vergnügungssucht und eine gewisse, blendende Aufopferungsfähigkeit. Ihr Urteil über Frauen war, wenn auch nicht immer ein richtiges, so doch in vielen Fällen ein geistreiches, möglicherweise zutreffendes. Und so bildete sie sich ein, die Menschen zu kennen, das heißt Frauen und Männer. – Sie kannte nur ihresgleichen. Sie wähnte guten Glaubens, Harry liebe sie noch wie früher; seine Bekümmernis rühre nur daher, daß eine gewisse Verstimmung zwischen ihm und ihr eingetreten sei, und er würde dankbar ihre Hand ergreifen, wenn sie sie ihm darreichen wollte. Daß sie etwas in Harry Maclean getötet hatte, was nie wieder zum Leben erweckt werden konnte, das ahnte sie nicht. – Er würde ihre Hand wütend zurückgeschleudert haben, wenn sie sie ihm geboten hätte; er wollte keine Gemeinschaft mehr mit ihr, er erstrebte nur, neben ihr in Frieden zu leben; denn in seinem Herzen hatte sich ein unerschöpflicher Schatz von Bitterkeit angesammelt gegen das Weib, das er geliebt, und die sein Lebensglück zerstört hatte: absichtslos, rücksichtslos, gedankenlos, wie ein Kind ein Spielzeug zerbricht – und ohne den leisesten Anflug von Reue.
    Katharina hatte sich seit der letzten Unterredung mit ihrem Bruder angelegen sein lassen, ihrer Schwägerin keinen Grund zu Klagen über sie zu geben. Sie beobachtete sie zwar mit nimmermüdem Mißtrauen, aber sie tat es fortan mit größerer Zurückhaltung, und Frau Monja war wieder freie Herrin ihrer Bewegungen. Katharina gesellte sich nur noch während der Stunden zu ihrer Schwägerin, die alle Einwohner des Hauses um den Familientisch oder im Wohnzimmer zu vereinen pflegten; während der übrigen Zeit ging sie allein oder mit Natalie und den jüngeren Kindern im Garten spazieren, oder sie saß auf ihrem Zimmer, wo sich niemand um sie kümmerte, und sie sich um niemand zu kümmern schien. Aber in Wahrheit saß sie dort wie auf einem Beobachtungsposten. – Und so bemerkte sie eines Tages, daß ihre Schwägerin um zwölf Uhr mittags ausging, zu einer außergewöhnlich frühen Stunde für Frau Monja, die ihren Morgenanzug selten vor drei Uhr nachmittags abzulegen pflegte. – Die Schwägerin trug an jenem Tage ein einfaches, dunkles Kleid und einen ebenso unscheinbaren, dunkeln Überwurf. – Katharina sah zufällig nach der Uhr. – Wenige Minuten, nachdem Monja gegangen war, erscholl von der naheliegenden Eisenbahnstation das Pfeifen eines abgehenden Zuges. Katharina suchte in dem kleinen Fahrplan für die Londoner Lokalzüge, den sie in ihrem Portemonnaie trug: – »12 10 Nm. direkter Zug nach London.«
    Sie sprach am Abend noch nicht von diesem Ausflug ihrer Schwägerin, die um vier Uhr, eine Stunde vor Harry, nach Lower Norwood zurückgekehrt und seitdem bis zum Essen auf ihrem Zimmer geblieben war.
    Zwei Tage darauf ging Monja wieder aus, genau zu derselben Stunde, genau in demselben Anzuge wie das erstemal; und bald darauf wurde der Ausflug von ihr unter denselben Umständen wiederholt. Katharina hegte fortan keinen Zweifel mehr darüber, daß Frau Monja sich außer dem Hause mit Ohlsen treffe, und äußerte nun diesen Verdacht ihrem Bruder gegenüber. Ihr Haß gegen ihre Schwägerin war ein erbitterter geworden. Die Frau, die ihren Bruder unglücklich gemacht hatte, sollte entlarvt werden. Harry würde darüber sehr unglücklich sein, aber nicht unglücklicher, als er es schon war, und er würde die Katastrophe überwinden, und Friede würde wieder in seine Brust ziehen. Alles war besser für ihn als diese schwere, schwüle, bange Ungewißheit, diese Furcht vor einem nahenden Ereignis, die ihm alle Kraft und Energie zu nehmen schien und ihn in kurzer Zeit um viele Jahre gealtert hatte.
    Harry Maclean hörte dem Bericht seiner Schwester mit finsterer Miene zu. Nachdem sein Verdacht erregt worden war, hatte er bemerkt, daß Monja ihre gesellschaftlichen Beziehungen seit einiger Zeit gänzlich vernachlässigte, daß sie fast jeden Abend zu Hause zubrachte und außer Ohlsen eigentlich keinen Fremden mehr sah. Jetzt fiel ihm sofort ein, daß Ohlsen während des ganzen Nachmittags unsichtbar gewesen war. Maclean hatte seinem Gast, unmittelbar nach dessen Ankunft in London, ein kleines Zimmer auf der Bank zur Verfügung gestellt.
    »Wenn Sie etwas in London zu tun haben oder einen Brief schreiben wollen – da ist ein Zimmer für Sie und ein Pult,« hatte er damals gesagt.
    Ohlsen hatte das Anerbieten angenommen und während der ersten Wochen seines Aufenthaltes im Hause des Direktors diesen fast täglich nach der City begleitet. Er hatte London kennen lernen wollen, Einkäufe gemacht, und er war dann nicht selten erst am Abend mit Harry nach Lower Norwood zurückgefahren. Später waren seine Besuche auf der Bank seltener geworden. Er hatte in London gesehen, was ihn interessierte und seine Einkäufe beendet. Er zog den ruhigen, schattigen Park von Lower Norwood dem heißen, staubigen London vor. Nichts war erklärlicher. Harry hatte es ganz natürlich gefunden. Aber wenn Ohlsen nun auch seltener nach London kam, so war er doch niemals in der Stadt gewesen, ohne einen Besuch auf der Bank zu machen. Er hatte dort gewöhnlich Briefe geschrieben oder irgend etwas, eine Kleinigkeit, die er gekauft, niedergelegt, und in allen Fällen hatte er dann wenigstens eine Fahrt, die nach London oder die von London nach Lower Norwood, in Gesellschaft seines Wirtes gemacht.
    An dem Tage, als Katharina Monjas Ausgehen beobachtet hatte, war Ohlsen frühzeitig, jedoch später als Harry, aus Lower Norwood verschwunden und um halb fünf Uhr, eine halbe Stunde vor der Rückkehr des Hausherrn, dort wieder aufgetaucht. Als dieser am nächsten Tage in das Bankgebäude trat, sagte er zu dem Pförtner:
    »Wenn Herr Ohlsen kommen sollte, so zeigen Sie es mir an.«
    Er wiederholte diese Weisung am nächsten Tage und sagte dem Portier, daß sie auch für die folgenden Tage gelte. Er fragte seitdem jeden Tag, wenn er die Bank verließ, ob Herr Ohlsen gekommen wäre, und erhielt jedesmal denselben Bescheid:
    »Nein, Herr Direktor.«
    Und doch war Ohlsen seitdem dreimal, und zwar an denselben Tagen wie Frau Monja, von morgens früh bis um halb sechs Uhr nachmittags, von Lower Norwood abwesend gewesen.
    Eines Abends bei Tische erwähnte Frau Monja ganz beiläufig, sie sei in der Stadt gewesen, bei Valerie.
    Harry Maclean erhob die Augen nicht von seinem Teller, als seine Frau diesen ungewohnten und unverlangten Bericht erstattete, aus Furcht, den Blicken seiner Schwester zu begegnen; denn der Name Valerie Didier war schon verschiedene Male in den Gesprächen zwischen ihm und seiner Schwester ausgesprochen worden, und zwar als der einer sicheren Verbündeten Monjas, und aus dem Grunde nicht unverdächtigen Person.
    Valerie Didier, eine Französin, war mit Monja in demselben Pariser Pensionat erzogen worden. Ihre Eltern galten damals für reich. Valerie hatte sich auf der Schule durch die Kostspieligkeit ihrer Toiletten ausgezeichnet, und Monja hatte sich zu dem freundlichen, hübschen Mädchen hingezogen gefühlt, in dem sie in der Schule eine Bewunderin ihrer Schönheit und außerhalb des Pensionats eine Freundin fand, in deren Familie sie mit offenen Armen aufgenommen wurde. Dies hatte große und von Monja gewürdigte Annehmlichkeiten. Herr und Frau Didier »empfingen« nämlich jede Woche zwei-, wohl auch dreimal. Man traf dort schöne, elegante Frauen, heiratsfähige junge Mädchen von hervorragender Schönheit oder ansehnlicher Mitgift, und vornehme oder reiche, liebenswürdige Männer, und man »amüsierte« sich besser bei ihnen, als in den meisten anderen Pariser Salons. – Dort, bei den Didiers, hatte Monja auch ihren ersten Mann, den reichen, griechischen Bankier Antoniades kennen gelernt, und ihre Verlobung mit diesem war im Didierschen Hause gefeiert worden. – Bald darauf hatten Monja und Valerie sich getrennt. Jene war ihrem Manne nach London gefolgt, diese in Paris geblieben. Sie hatte gerade im Begriffe gestanden, sich mit einem vornehmen, jungen Franzosen zu verheiraten, als ihr Vater plötzlich gestorben und damit offenkundig geworden war, daß er sich gänzlich zugrunde gerichtet habe, und daß seine hübsche, verwaiste Tochter nicht einen Pfennig Mitgift bekommen werde. Der Herr Bräutigam, der auf mindestens dreimalhunderttausend Franken – »ohne die Hoffnungen« – gerechnet hatte, um seine eigene arg zerrüttete Stellung regeln zu können, hätte sich »zu seinem lebhaften Bedauern« genötigt gesehen, auf das Glück zu verzichten, Valerie heimzuführen. Seine Verhältnisse gestatteten ihm nicht den Luxus einer mitgiftlosen, anspruchsvollen Frau. Es fiel niemand ein, ihn deswegen zu tadeln; die Schuld an dem Unglück der armen Valerie traf den verstorbenen Papa Didier. – Jene lebte nun eine Zeitlang mit ihrer Mutter in Paris, wo die beiden Frauen ein kümmerliches, einsames Dasein führten, das bittere, harte, trockene Brot der Vernachlässigung aßen und bei der Gelegenheit einen großen Vorrat von Galle in sich aufspeicherten. – Frau Didier starb daran; »gebrochenen Herzens«, sagten ihre ehemaligen Freunde.
    Die doppelt verwaiste Valerie sah sich mit hungrigen Augen in der Welt um, und ihr Blick fiel zufälligerweise auf ihre Jugendfreundin Monja, von der sie seit Jahr und Tag getrennt gelebt, und die sie gänzlich vergessen hatte. Sie las nämlich eines Tages unter den »Echos« des »Figaro«, daß Frau Monja Antoniades, von deren unübertrefflicher Schönheit die Pariser Kenner dankbare Erinnerung bewahrt haben würden, sich nach dem Tode ihres ersten Gatten mit dem reichen Bankier, Herrn Harry Maclean, Direktor einer großen englischen Bank und vielfachem Millionär, vermählt habe. – Alle wohlhabenden Engländer galten im »Figaro« für vielfache Millionäre; aber auch ein ganz einfacher würde Valerie veranlaßt haben, sich ihrer geliebten Freundin wieder zu erinnern. Sie schrieb ihr einen rührenden Brief, der auf Monjas Herz einen gewissen Eindruck machte. Diese lebte damals in den Flitterwochen ihrer zweiten Ehe, fühlte sich sehr glücklich und war nicht abgeneigt, zum Glück anderer etwas beizutragen. Sie ließ Valerie nach London kommen, in der Hoffnung, daß es ihr gelingen werde, das hübsche Mädchen dort zu verheiraten; aber eine Enttäuschung wartete ihrer bei dieser Begegnung. Die Jahre des Kummers, der Not und der Erbitterung hatten doppelt und dreifach für die arme Valerie gezählt. Sie sah aus wie eine Person von vierzig Jahren und präsentierte sich mit den eckigen, harten, ungefälligen Manieren einer nach keiner Richtung hin begehrenswerten alten Jungfer. Nur eines war hübsch an ihr – und diese hübsche Eigenschaft rettete sie: ihre vollständige Ergebenheit, Liebe und Treue für Monja, die sie, Valerie, nie vergessen hatte, und von der sie bis zum Tode nun hoffentlich nichts mehr trennen werde. – Die Ertrinkende griff nach einem Strohhalm, und der Strohhalm hielt sie über Wasser. Frau Monja war für so viel Liebe und Treue nicht unempfänglich und unterzog sich der schweren Mühe, Valerie zu retten. Sie verzichtete darauf, ihre Jugendfreundin unter die Haube zu bringen; aber sie verschaffte ihr unermüdlich Stellen als Erzieherin, französische Lehrerin, Dame de compagnie, und betrieb die Sorge um die arme Valerie als einen Sport, der sie um so angenehmer zerstreute, als er der einzige dieser Art war, dem sie sich hingab.
    Valerie hielt es nirgends lange aus. Sie hatte das Unglück, überall die unartigsten Kinder, die unliebenswürdigsten, anspruchsvollsten, rücksichtslosesten Herrschaften zu finden, und hie und da mußte sie sogar, trotz ihrer spitzen Nase und glanzlosen Augen, gegen die Eifersucht irgendeiner jungen, geschmacklosen Engländerin kämpfen. Doch gingen einige Jahre darüber hin, bis Valerie, die ihre Toilette selbst in Ordnung hielt und bei der Gelegenheit einen gewissen Grad von gutem Geschmack entwickelt hatte, auf die glänzende Idee kam, sich als » Couturière française« in Regent Street niederzulassen. Der Bankdirektor schoß die dazu nötigen, nicht unbedeutenden Geldsummen auf Bitten seiner Frau vor, und »Madame Monja Maclean« wurde als erste Klientin in die Bücher des Hauses »Mademoiselle Didier de Paris« eingetragen. – Damit hatte die Sorge um die Jugendfreundin vorläufig ein Ende. Die Verbindung mit ihr dauerte aber ungetrübt fort. Die Ergebenheit der Beschützten für ihre Wohltäterin kannte keine Grenzen. Monja konnte auf ihre Valerie wie auf sich selbst bauen. Es war eine rührende Freundschaft, und es war unerklärlich, daß diese Verbindung zweier Seelen Herrn Maclean so wenig Sympathie einflößte. – Als dieser an dem Abend, an dem Frau Monja ihren Besuch bei Valerie erwähnt hatte, mit seiner Schwester allein war, lächelte er bitter und sagte:
    »Wie albern Frauen sein können, wenn sie es gerade recht schlau zu machen glauben!«
    Bitterste Eifersucht nagte an seinem Herzen. Nicht Eifersucht der Liebe – nein, ein namenlos peinigendes Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer ihm zugefügten Schmach!
    Eines Tages gegen zwölf Uhr konnte er sich nicht mehr bemeistern vor fieberhafter Ungeduld. Er wollte Gewißheit haben. Er stürzte aus der Bank und eilte nach London-Bridge, dem Bahnhof, wo der Zug aus Lower Norwood mündete. Er wartete, hinter den Fenstern der Restauration versteckt, die Ankunft des 12 10-Zuges aus Lower Norwood ab. Keiner der Ankommenden entging seinem spähenden Blick: Monja befand sich nicht darunter. Fast enttäuscht kehrte er nach der Bank zurück. Am Abend berichtete Katharina, ihre Schwägerin sei nicht ausgegangen.
    Am folgenden Tage konnte Maclean es schon von elf Uhr ab nicht mehr auf der Bank aushalten. Er stellte sich wiederum auf seinen gestrigen Beobachtungsposten, und unter den letzten, die den Bahnhof verließen, erkannte er seine Frau. – Er folgte ihr in vorsichtiger Entfernung. Sie schritt langsam, erhobenen Hauptes, wie die Hohepriesterin zum Altar – und die liebe Sonne beschien freundlich ihr schönes, stolzes Angesicht! – Er sah sie in ein »Cab« steigen, nachdem sie dem Kutscher, der die Adresse, die sie ihm nannte, nicht zu kennen schien, kurzen Bescheid gegeben hatte.
    Harrys scharfes Auge erkannte mit Sicherheit die Nummer des davoneilenden Wagens. Das Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Er strich mechanisch mit der Hand darüber, um den Schmerz, den er empfand, zu besänftigen.
    Jetzt war sie in seiner Gewalt! – Er hatte in seiner Stellung als Bankdirektor oftmals mit der Polizei zu tun gehabt; es wäre ihm ein Leichtes gewesen, innerhalb weniger Stunden zu erfahren, wohin die Droschke gefahren, vor welchem Hause die Dame ausgestiegen war. – Sie hatte möglicherweise eine Finte gebraucht, zwei Wagen genommen oder einen Teil des Weges zu Fuß zurückgelegt; – aber wie leicht würde die Polizei dies einfältige Gewebe durchdrungen haben! – Maclean hätte nur einem ihm bekannten, ganz vertrauenswürdigen Polizeibeamten gegenüber den Wunsch auszusprechen brauchen, daß seine Frau und Nikolaus Ohlsen während einiger Tage beobachtet würden, um sich mittels weniger Pfunde und ohne Befürchtung irgendeiner Indiskretion den genauesten Bericht über die Art und Weise zu verschaffen, wie die beiden ihre Zeit verbrachten, ob und unter welchen Verhältnissen sie sich trafen.
    Sollte er diese Erkundigungen einziehen? – Hatte er nicht ein Recht dazu? – War es nicht seine Pflicht, sich selbst, seinen Kindern gegenüber? – War es schändlich, die Schande zu entlarven? – War es nicht im Gegenteil feige, vor einer solchen Handlung zurückzuschrecken? – Er hätte sich zu dem Zweck einem Fremden anvertrauen müssen; aber das hielt ihn nicht zurück. In dieser Beziehung konnte er jedes Gefühl der Beschämung leicht unterdrücken. Derjenige, an den er dachte, um ihm bei dieser Gelegenheit behilflich zu sein, war nicht ein Mann, den Mißtrauen in Erstaunen setzen konnte. Argwohn war ihm zur zweiten Natur geworden. Er wurde das Gesuch des Direktors angehört und »notiert« haben, wie der Kaufmann, dem ein alltägliches Geschäft vorgeschlagen wird.
    Harry Maclean ging langsam, gesenkten Hauptes auf den wohlbekannten Wegen, die zur Bank führten, mechanisch vorwärts, unbekümmert um das Treiben der großen Stadt, das um ihn tobte und wogte. – Er wurde von einem hastig Vorüberschreitenden heftig angestoßen, so daß er vom Fußsteig auf den Fahrweg stolperte. – Er bemerkte es nicht und schritt dort weiter. Die Gedanken schwirrten durch seinen armen Kopf. – Er zog ein Tuch aus der Tasche, um sich den Schweiß abzutrocknen, der in dicken Tropfen auf seiner Stirn perlte. Es überlief ihn dabei ein Schauder. Das Tuch trug ein eigentümliches, durchdringendes Parfüm, dessen sich seine Frau seit Jahren mit Vorliebe bediente. Er mußte aus Versehen eines ihrer Tücher genommen haben. Er warf es mit einer Bewegung des Ekels von sich, als sei es vergiftet gewesen.
    Er schritt weiter. – Er ging über einen Platz, wo sich mehrere belebte Straßen kreuzten. Ein Konstabler legte die Hand an seinen Ellbogen und hielt ihn fest:
    »Warten Sie einen Augenblick!«
    Dann geleitete ihn der Mann auf die andere Seite der Straße, wie er es mit hilflosen Frauen oder Greisen zu tun pflegte und entfernte sich, ohne ein Wort des Dankes abgewartet zu haben.
    Harry Maclean schritt weiter. Er sah nach der Uhr. – Ein Uhr! Jetzt war sie bei ihm . . . Seine wandernden Gedanken langten plötzlich bei einem französischen Ehebruchsroman an, den er vor einiger Zeit gelesen und seitdem vergessen hatte. – Das schuldige Paar wurde in jener Erzählung von dem betrogenen Gatten in einer fremden Wohnung überrascht, in der es sich ein Stelldichein gegeben hatte. Der getäuschte Ehemann erstach den Liebhaber. Der Gerichtshof sprach den Mörder frei. Die Moral triumphierte. – Dann fielen dem Unglücklichen zwei, drei andere Geschichten derselben Art ein, teils der Wirklichkeit entnommen, nämlich Zeitungsberichten, teils Büchern, die er vor Jahren gelesen haben mochte, und auf deren Titel und Verfasser er sich nicht einmal mehr besinnen konnte. – Es war immer dieselbe Geschichte: die schuldigen Paare waren unvorsichtig gewesen und ertappt worden. Und sie waren immer in dieselbe Grube gefallen: Rendezvous außer dem Hause, Briefe, die sie durch bestochene Dienstboten oder die gefällige Vermittlung kupplerischer Freunde und Freundinnen auf ganz sicherem Wege zu befördern meinten, und die schließlich doch an die falsche Adresse gelangt waren. – Die Leute schienen alle angenommen zu haben, daß das, was sie taten, außerordentlich verschmitzt sei, daß sie eine Entdeckung gar nicht zu befürchten hätten. – Als ob Verrat an Freund und Mann nicht so alt wäre, wie die Sünde und nicht immer wieder auf denselben, millionenmale betretenen, sumpfigen Pfaden wandle! – Ging nicht Monja, die sich beargwohnt wußte, überwacht wähnen durfte, auch auf demselben Wege einher: langsam, sicher, stolz erhobenen Hauptes? . . .
    ». . . in den Tod! – In ihr Verderben,« sagte er finster vor sich hin.
    »Aufgepaßt! . . . Aus dem Wege! . . . Um Gottes willen! . . . Halt! Halt!«
    Er hörte von allen Seiten schreien und rufen und stand wie eingeschüchtert still, scheu um sich blickend.
    Wie beim Aufleuchten eines Blitzes sah er, was um ihn vorging: ein wüstes, bewegtes, großes Bild von tausend Formen, Gestalten, Gesichtern – Menschen, Pferde, Wagen, eine graue Häuserreihe, ein feuchtes Pflaster . . . von allen Seiten eine wild gestikulierende, schreiende Menge – aber er selbst ganz allein, auf einem engen, freien Raum – einen kleinen Hund, der, die Ohren zurückgelegt, mit ängstlichem, gellendem Geheul an ihm vorbeiflog, einen Mann, der mit gehobenen Händen auf ihn zustürzte, als wollte er ihn fortreißen, aber noch ehe er ihn erreicht hatte, mit entsetztem Gesicht stehen blieb . . . und in demselben Augenblick fühlte er sich von hinten mit furchtbarer Gewalt gestoßen und zu Boden geworfen. Etwas Schweres schlug ihm auf die Schulter, auf den Rücken. Eine Sekunde noch hatte er das Bewußtsein seiner Lage, wußte, daß er überfahren worden sei – dann verlor er die Besinnung.
    
  



    XIII
    Das Leben in Lower Norwood hatte sich, seitdem die regelmäßigen und geheimen Ausflüge Monjas von Katharina beobachtet worden waren, nicht mehr verändert. Die Hausbewohner waren in verschiedene Gruppen geteilt, die eigentlich nur noch während der gemeinsamen Mahlzeiten zusammentrafen: Katharina und Harry, Monja und Nikolaus, John und Natalie. – Frau Monja, wenn sie zu Hause war, ging dort in ihrer gewöhnlichen, stillen Weise einher, machte sich etwas mit den Kindern, etwas in der Wirtschaft zu schaffen, oder las und ruhte. Sie ruhte viel, und es schien ihr vortrefflich zu bekommen: aus ihren tiefen, heißen Augen blickten Befriedigung und Freude am Leben; ihr schönes, bleiches Angesicht war wie ein Bild sicheren Seelenfriedens. – Von Ohlsen sah man wenig. Früher hatte er häufig mit Monja im Wohnzimmer zusammen gesessen oder lange Spaziergänge in dem schattigen Park mit ihr unternommen; aber schon seit Johns Ankunft war eine gewisse Veränderung in dieser Beziehung eingetreten, und nachdem Katharina sich in der Villa niedergelassen hatte, waren die Begegnungen in Lower Norwood zwischen Monja und Nikolaus selten und kurz geworden. Nikolaus verbrachte den größten Teil des Tages auf seinem Zimmer. Was er, der weder ein viel lesender noch ein viel schreibender Mann war, dort tun mochte, um die langen Stunden auszufüllen, wußte niemand. –
    Zwei Menschen kümmerten sich vielleicht darum: Katharina und Natalie. Beide hatten Gelegenheit gefunden, darüber mit John zu sprechen; aber es war ihnen nicht gelungen, das, was sie wissen wollten, in Erfahrung zu bringen.
    Katharina hatte mit Verwunderung bemerkt, daß John anscheinend nur geringen Anteil an dem Unglück seines Zwillingsbruders nahm. Jedenfalls war er Frau Monja und Ohlsen gegenüber nicht von jener Entrüstung und Erbitterung beseelt, die das Herz der alten Schwester füllten. Es war deshalb auch eine gewisse Erkältung zwischen den beiden Geschwistern eingetreten. Katharina, die zwar Harry gegenüber an dem Vorhandensein eines Verhältnisses zwischen ihrer Schwägerin und Ohlsen noch zu zweifeln schien, war in ihrem Innern fest von der Schuld der beiden überzeugt und sprach mit John darüber wie von einer unbestreitbaren Tatsache. Dies wollte der Kalifornier aber nicht gelten lassen.
    »Es wird viel Schlechtes in der Welt über andere Leute geredet, woran nichts Wahres ist,« sagte er.
    »Aber hast du denn keine Augen!« fuhr Katharina entrüstet auf. »Oder willst du nicht sehen?«
    »Gerade weil ich Augen habe und recht gute obendrein, glaube ich, mich auf meine eigenen Wahrnehmungen verlassen zu dürfen. Ich sehe nichts Verdächtiges. Ohlsen wohnt hier im Hause, weil Harry ihn gebeten hat, sein Gast zu sein, Monja behandelt ihn freundlich und zuvorkommend, wie dies als Wirtin ihre Pflicht und Schuldigkeit ist, die beiden verkehren freundschaftlich miteinander, wie wir es alle erwartet und gewünscht haben. – Ich sehe in alledem keinen Grund zu irgendwelcher Beunruhigung oder zu einem bösen Argwohn.«
    »So!« entgegnete Katharina mit schwer verhaltenem Ingrimm ob der Verstocktheit und Stumpfsinnigkeit ihres Bruders. »So! Du siehst nichts! – Willst du mir sagen, was Herr Nikolaus Ohlsen hier zu suchen hat, weshalb er hier bleibt? Ist es etwa Harrys wegen, der sich nicht um ihn bekümmert? – Ist es um Natalie, das arme Kind, das sich in Liebe um ihn verzehrt? – Was in der Welt könnte ihn verhindern, um sie anzuhalten und sie heimzuführen? – Ist es deinetwegen? – Wo seht ihr beide euch, wann sprecht ihr miteinander? – Du sagtest mir, er sei nach England gekommen, um sich zu verheiraten. Sucht er in diesem Hause eine Frau? – Nach Harrys Briefen hatte ich immer angenommen, es sei ein offenes Haus. Das muß sich aber seit der Ankunft des Fremden geändert haben; denn außer der französischen Schneiderin habe ich, seitdem ich hier bin, noch kein weibliches Wesen über unsere Schwelle treten sehen. – Nun, so antworte doch! . . . Was hält ihn hier? – Er schleicht wie das böse Gewissen umher. Und er hat guten Grund dazu, der Elende! – Scham, Schimpf und Schande über ihn! Weshalb zieht er nicht seiner Straße? Ist die Welt nicht groß genug für alle? Weshalb stört er unseren Frieden? – Ich sage dir, nur eines fesselt ihn hier: ein sündiges, schlechtes Weib. Ich hasse sie. Wenn ich ihre Blicke umherschweifen sehe, so muß ich an mich halten, um ihr nicht laut zuzurufen, sie solle die Augen niederschlagen und kein öffentliches Ärgernis erregen durch ihre Niedrigkeit. Ich möchte ihr einen Trank eingeben, der ihren Frieden zerstörte, der sie schwer und elend und krank machte, wie sie unseren armen Harry gemacht hat!«
    John schwieg. Ihn hatte in dem Zornesausbruch seiner Schwester vor allem ein Satz berührt, der nämlich, in dem Katharina von Nataliens Liebe für Nikolaus gesprochen hatte. Er war darüber sehr nachdenklich geworden. Sie beobachtete ihn, sie hoffte, sein Vertrauen erschüttert zu haben, und besänftigter, zutraulicher fuhr sie fort:
    »Ich glaube, der Fremde bereut, was geschehen ist. Er ist jahrelang dein Freund gewesen, und ursprünglich war er vielleicht nicht schlecht. Er mag gekämpft haben, ehe er unterlegen ist, aber sie war zu stark für ihn mit ihrer Macht und ihrer List. Was ihn jetzt drückt, das ist, zu wissen, er darf einem Ehrenmanne nicht mehr ins Auge sehen. Könnte er alles ungeschehen machen, er täte es. Ich möchte schwören, daß er sie nicht mehr liebt – vielleicht hat er sie nie geliebt. Aber sie hält ihn, sie hat ihn sich erobert. Er ist ihr Eigentum, sie gibt ihn nimmer frei. Sie hängt sich an ihn wie eine Klette! – Weshalb, John, hört man nichts mehr von eurer Reise nach Kalifornien? Er wollte fort, und du hattest ihm versprochen, ihn zu begleiten. – Wochen sind vergangen, seit du von eurer Abreise als nahe bevorstehend sprachst – jetzt ist nicht mehr die Rede davon. Es tut mir leid, mich schon wieder von dir zu trennen; aber ich sage dir: geh' und schaffe den untreuen Menschen aus dem Hause – um jeden Preis, auch um den unseres Zusammenlebens, das ich jahrelang ersehnt hatte!«
    »Er hat nicht wieder von der Reise gesprochen. Es ist richtig, daß ich in den letzten Tagen wenig von ihm gesehen habe,« antwortete John zerstreut.
    »Er hat nicht wieder davon gesprochen, weil sie es ihm verboten hat!«
    »Unsinn! – Weshalb sollte er ihr gehorchen?«
    »Hat sie nicht Gewalt über ihn? – Und wenn sie ihm gesagt hat: ›Wenn du gehst, so folge ich dir, mir ist dann alles gleich?‹ – Harry, der sie kennt, sagte mir, sie sei eine, die auch mit Schimpf und Schande leben könne, ohne unglücklich zu sein. Das könnte sie; aber dein Freund kann es nicht. Er weiß in seiner tiefsten Brust, daß er ein Elender ist, – sich selbst täuscht er darüber nicht; – aber er will den Schein, daß er die anderen täuscht, aufrechterhalten. Ihre Befehle allein halten ihn hier zurück – glaube mir!«
    »Ich will ihn an die Rückreise nach Kalifornien erinnern,« sagte John, noch immer auffallend zerstreut.
    »Tue das . . . entferne ihn! – Du rettest Harry das Leben.«
    John begab sich schnurstracks auf Ohlsens Zimmer. Er wußte nicht, wie er mit ihm sprechen sollte; jede Verstellung wurde ihm schwer, und da er von Nikolaus Schuld nicht überzeugt war, so wollte er keinen Argwohn zeigen. – Aber auch auf die Gefahr hin, daß Katharina sich irrte, wollte er Ohlsen nun aus Lower Norwood entfernen. Da Harry und Katharina dem Gast mißtrauten, so war es unter allen Umständen gut, daß er aus dem Hause verschwand. Auch für Natalie war es gut, daß er ging, wenn sie ihn liebte, und er ihre Gefühle nicht erwiderte oder nicht bekennen durfte. – Ja, entschieden, auch für Natalie war es gut, daß Nikolaus ging!
    Ohlsen war nicht auf seinem Zimmer. Er war überhaupt nicht in Lower Norwood. Der Gärtner sagte, er sei gegen zehn Uhr morgens fortgegangen und nicht wieder zurückgekommen. – Es war drei Uhr nachmittags.
    Darauf suchte John Natalie auf, um mit ihr einen Spaziergang zu machen. Aber die Unterredung zwischen den beiden guten Freunden wollte diesmal nicht in das zutrauliche Geleise kommen, in dem John gewünscht hätte, sie sein ganzes Leben lang fortführen zu können. Er war mit dem Gedanken beschäftigt, daß Natalie eine unglückliche Liebe für Nikolaus hege. Er wollte sich Gewißheit verschaffen; aber es fehlte ihm der Mut, eine gerade Frage darüber an Natalie zu richten, und er war zu ungeschickt, um auf krummem Wege etwas aus ihr herauszulocken, das sie wie ein Geheimnis bewahren mochte. – Der große, starke Mann blickte bemitleidenswert melancholisch auf das zarte, kleine Wesen herab, das an seiner Seite, anscheinend unbekümmert um sein Leid, leicht einherschritt, und seine Brust hob sich mehr als einmal zu einem Seufzer, den er nur zu unterdrücken vermochte, indem er sich selbst zurief: »Jack, alter Mann! – Sei kein Narr!« – Aber er war ein Narr geworden, und Natalie, welche anfing, sich unbehaglich zu fühlen am Arme des Freundes, der heute so eigentümliche Manieren zur Schau trug, würde dies ohne Zweifel durch einige Fragen, die ihr auf der Zunge schwebten, entdeckt haben, wenn beider Aufmerksamkeit nicht plötzlich durch das Läuten der Glocke des Gartentors, dem sie sich genähert hatten, in Anspruch genommen worden wäre. – Es war halb vier Uhr nachmittags.
    Die Tür wurde geöffnet, und ein schwarzgekleideter Herr trat in den Park. John erkannte den Unterdirektor der Western-Bank, dem er von seinem Bruder vorgestellt worden war. Sicherlich etwas ganz Außergewöhnliches und Wichtiges mußte vorgefallen sein, um diesen Mann zu veranlassen, wahrend der Geschäftsstunden nach Lower Norwood zu kommen. John näherte sich ihm schnell und besorgt.
    »Was gibt's, Herr Brent?«
    Herr Brent sah verstört aus. Er ergriff Johns Hand und sagte mit auffallender Wärme:
    »Es ist mir sehr lieb, daß ich Sie zuerst antreffe, Herr Maclean. – Wo ist Ihre Frau Schwägerin?«
    »Was gibt's, Herr Brent?«
    »Ihrem Bruder ist ein Unfall zugestoßen.«
    John erbleichte, und seine Augen öffneten sich weit.
    »Ist er tot?« fragte er heiser.
    »Nein, Gottlob! . . . Aber er hat sich schwere innere Verletzungen zugezogen . . . Er ist überfahren worden.«
    »Wo ist er?«
    »Ich habe ihn durch einen Expreßzug nach Lower Norwood schaffen lassen. Der Doktor ist bei ihm. Er wird in einer Sänfte hergetragen. Er kann in wenigen Minuten hier sein. – Wo ist seine Frau?«
    »Natalie, rufen Sie Ihre Mutter!«
    »Sie ist ausgegangen.«
    »Rufen Sie meine Schwester! . . . Herr Brent, ich folge Ihnen.«
    »Nein, bleiben Sie hier. Die Sänfte muß jeden Augenblick kommen und darf auf der Straße nicht angehalten werden.«
    John Maclean räusperte sich. Sein Atem kam und ging schnell. Er schaukelte sich von einem Fuß auf den anderen. Dann öffnete er die Gartentür und blickte hinaus.
    »Beruhigen Sie sich,« sagte Herr Brent teilnehmend; »es ist noch Hoffnung vorhanden.«
    »Natürlich! . . . Natürlich! . . .« antwortete John.
    Da eilte Katharina die Freitreppe der Villa herunter und stürzte auf ihren Bruder los. Sie sah erschrecklich aus mit ihrem bleichen Gesicht und den unheimlich blitzenden, großen, schwarzen Augen.
    »Wo ist Harry?« rief sie mit wehklagender, herzzerreißender Stimme.
    »Er kommt, Kitty, er kommt!«
    »O, die Elenden! Sie haben ihn ermordet!«
    »Schweig', Kitty! – Ich beschwöre dich, sei ruhig! Es ist ihm ein Unfall zugestoßen! Er ist überfahren worden! . . . Da ist er!«
    Durch die offene Gartentür trugen vier starke Männer eine schwere Bahre. Sie gingen langsam, festen, weiten Schrittes, im Takt, wie professionelle Leichenträger. Sie hatten gemeine, teilnahmlose Gesichter, die von der Anstrengung erhitzt und gerötet waren. Neben der Bahre schritt ein Herr mit ernstem, stillem Gesicht: der Arzt. Er begrüßte die Anwesenden und bat, ihm zunächst das Zimmer anzuweisen, in das der Kranke gebracht werden sollte.
    Katharina, die plötzlich ganz ruhig geworden war, ging voran, und der Arzt folgte ihr. John und Herr Brent schlossen den traurigen Zug. Natalie war auf eine Gartenbank niedergesunken und schluchzte laut.
    Der Kranke wurde in sein Schlafzimmer gebracht. Er war bereits verbunden und wurde nun unter der Leitung des Doktors von seiner Schwester sanft gebettet. Seine Augen waren geschlossen. Katharina warf einen langen, sehnsüchtigen Blick auf das bleiche Angesicht, auf dem ein Ausdruck tiefsten seelischen Schmerzes sich gelagert hatte. Ihre Nasenflügel öffneten sich weit, und sie atmete schwer und vernehmlich. Aber sie sprach kein Wort und schien nur darauf bedacht, die Anordnungen des Arztes auf das beste auszuführen.
    Dieser winkte ihr jetzt, sich vom Lager des Kranken zu entfernen und sagte ihr dann leiser, um die anscheinende Ruhe des Kranken nicht zu stören:
    »Es ist augenblicklich nichts zu tun. In einer Stunde werden Dr. Morris und Dr. Alisson hier sein, um sich mit mir über die Behandlung Ihres Herrn Gemahls zu beraten.«
    »Er ist mein Bruder.«
    »Entschuldigen Sie, gnädige Frau; ich habe nicht die Ehre, Frau Harry Maclean zu kennen . . . Das einzige, was wir augenblicklich für Ihren Bruder tun können, ist, ihm vollständige Ruhe zu sichern. Das überlasse ich Ihnen. Ich werde unten auf meine Kollegen warten. Falls der Kranke inzwischen aufwachen sollte, so bitte ich Sie, mich zu rufen. – Herr Brent, Herr Maclean, Sie folgen mir wohl! Je weniger Personen im Zimmer sind, desto besser für den Patienten.«
    Die drei Männer entfernten sich.
    Katharina blieb allein mit ihrem Bruder. Sie setzte sich an das Bett, und ihre Augen hefteten sich auf das Angesicht des Leidenden. Sie saß still, ohne sich zu rühren, ohne einen Laut von sich zu geben.
    Bald darauf kam Frau Monja aus London zurück. Sie trat müden Schrittes in den Park, ruhebedürftig. Die erste Person die sie dort sah, war die weinende Natalie.
    »Weshalb weinst du, mein Kind?«
    »Ach, der arme Vater!«
    »Was ist geschehen?« fragte Monja ängstlich und schnell.
    »Er ist überfahren worden . . . Sie haben ihn eben auf sein Bett niedergelegt.«
    »Doch nichts Gefährliches, hoffe ich?«
    »Ich weiß nicht, Mama. Der Arzt ist im Wohnzimmer mit Herrn Brent und Onkel John.«
    Frau Monja beschleunigte ihre Schritte ganz bemerkbar und würde die Stufen zur Freitreppe hinaufgelaufen sein, wenn ihre Kleider sie nicht verhindert hätten. Sie trat sichtlich aufgeregt in den Salon und ließ sich von dem Arzt, nachdem dieser ihr von Herrn Brent in üblicher Form vorgestellt worden war, bis in die kleinsten Einzelheiten alles berichten, was dieser über den beklagenswerten Vorfall wußte. Sie äußerte sodann den lebhaften Wunsch, den Verwundeten zu sehen, ließ sich jedoch, nach einigem Widerstand, vom Doktor überzeugen, daß es im Interesse des Kranken am besten sei, auf die Erfüllung dieses Wunsches vorläufig zu verzichten, da Herr Maclean der Ruhe bedürfe und ihm die Aufregung erspart bleiben müsse, die der Anblick der Gattin hervorrufen könnte.
    Darauf legte Frau Monja den Mantel ab, zog die langen schwedischen Handschuhe aus, was einige Zeit erforderte, da sie mit einer großen Anzahl von Knöpfen versehen waren, und ließ sich endlich auf einem bequemen Sessel nieder, auf dem sie schweigend und nachdenklich, mit sichtbarer Bekümmernis in den Mienen, verharrte, bis Dr. Morris und Dr. Alisson erschienen und mit dem bereits anwesenden Kollegen zur Beratung in das Krankenzimmer traten.
    Man hatte Harry in das gemeinschaftliche Schlafgemach gebracht. Es war dies auf Miß Katharinas Anordnung geschehen. Er wäre in jedem anderen Zimmer ebensogut, ja vielleicht besser aufgehoben gewesen, denn das Schlafgemach lag nach vorn heraus und war nicht so ruhig wie einige andere Zimmer, an die Frau Monja dachte. Es war bedauerlich, daß die ersten Anordnungen nicht von ihr selbst getroffen worden waren, man hätte dann manches zweckmäßiger einrichten können. Miß Maclean war zweifellos von der besten Absicht beseelt; aber man durfte nicht von ihr erwarten, daß sie den Hausstand in Lower Norwood so kenne, wie die Herrin desselben. Augenblicklich ließ sich nun aber an den getroffenen Anordnungen nichts mehr ändern, und es handelte sich nur darum, Harry dort, wo er war, möglichste Ruhe und jeden erdenklichen Komfort zu verschaffen.
    Gegen halb sechs Uhr erschien Ohlsen. – Die Doktoren hatten sich bereits in das Krankenzimmer begeben. John war geräuschlos aus dem Wohnzimmer verschwunden. Er wartete auf dem Flur vor dem Krankenzimmer auf den Ausspruch der Ärzte. – Herr Brent hatte sich mit der Versicherung zurückgezogen, er werde am nächsten Morgen, ehe er auf die Bank ginge, wieder vor[bei]kommen, um Nachrichten über das Befinden des Direktors einzuholen. – Frau Monja war allein im Salon, als Ohlsen dort eintrat. Sie erzählte ihm mit besorgter Miene, mit flüsternder Stimme, was vorgefallen sei und sprach zum Schluß mit tiefer Inbrunst die Hoffnung aus, daß alles gut vorübergehen möge; Harry stehe glücklicherweise im kräftigsten Mannesalter; er sei, seitdem sie ihn kenne, nie, auch nur einen Tag krank gewesen. Unter solchen Umständen dürfe man von der Natur gute Hilfe erwarten.
    Frau Monja tröstete ihre Umgebung; aber Ohlsen schien dafür wenig Verständnis zu haben; denn er entgegnete kein Wort, sondern schlich auf den Fußspitzen aus dem Salon die Treppe hinauf, um sich in sein Zimmer zu begeben. Frau Monja sah ihm nachdenklich nach, und ihre Züge blieben sorgenschwer, auch nachdem er gegangen war.
    Auf dem Flur im ersten Stockwerk erblickte Nikolaus seinen Freund John, der mit kummervollem Gesicht vor der Tür des Krankenzimmers Wache stand. Ohlsen drückte ihm stumm und fest die Hand, und dabei traten ihm die Tränen in die Augen. Als er, auf seinem Zimmer angelangt, allein war, setzte er sich nieder und blickte mit blöden Augen, wie jemand, den ein schwerer Schlag betäubt hat, vor sich nieder und dann wieder in den Garten, dessen Blätter von den Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet wurden, wie an jenem Tage, da er mit Harry zum ersten Male in den Park von Lower Norwood getreten war.
    
  



    XIV
    Der Ausspruch der versammelten Ärzte war nicht so ungünstig ausgefallen, wie John und Katharina es befürchtet hatten. Frau Monja, die Vernünftigste der Gesellschaft, hatte mit ihrem ruhigen Optimismus recht gehabt. Der Zustand des Verletzten war ein bedenklicher, aber kein hoffnungsloser: man durfte, wie Frau Monja ganz richtig bemerkt hatte, das beste von seiner kräftigen Konstitution erwarten.
    Frau Monja ließ dem Gatten die aufmerksamste Pflege angedeihen. Ihr Benehmen ihm gegenüber war musterhaft, von unerschütterlicher Sanftmut, unermüdlicher Wachsamkeit. Sie wäre am liebsten gar nicht von seinem Bette gewichen, wenn er selbst sie nicht wiederholt aufgefordert hätte, sich nicht zu sehr zu ermüden und sich durch John oder durch die unverwüstlich starke Katharina ablösen zu lassen. – Jedesmal, wenn sie dann das Zimmer verließ, folgte ihr ein langer, fragender, unruhiger Blick des Leidenden. Und doch hatte sie es an Beweisen nicht fehlen lassen, daß sie zu jedem Opfer bereit sei, um von dem Kranken Beunruhigung fern zu halten. Ihren Stolz sogar hatte sie zum Schweigen gebracht, ja erniedrigt, nur um eine unerklärliche, kindische, wenn nicht krankhafte Laune Harrys zu befriedigen. – Dieser hatte sie, sobald sie das erstemal allein waren, und er sprechen konnte, mit schwacher Stimme gefragt, wo sie an dem Tage, an dem man ihn auf einer Bahre in das Haus getragen hatte, gewesen wäre; er erinnere sich, nur von seinen Geschwistern empfangen worden zu sein.
    Frau Monja war wieder bei Valerie gewesen.
    »In der Tat!« antwortete er. Es war ein Zweifel in seiner Stimme; sie sah ihn erstaunt an.
    »Bist du davon nicht überzeugt?« fragte sie im Tone großer Verwunderung. – »Würde es dich beruhigen, wenn ich den Beweis brächte, daß ich dir die einfache Wahrheit gesagt habe?«
    Er lag eine Weile sinnend da, während der sie ihn kopfschüttelnd betrachtete, als stände sie vor einem unlösbaren Rätsel.
    »Ja,« sagte er endlich trocken.
    Sie stand schnell auf, trat an den kleinen Schreibtisch, der sich im Schlafzimmer befand, und schrieb hastig einige Zeilen. Dann näherte sie sich dem Bette wieder und sagte:
    »Wenn es dich ermüden sollte, selbst zu lesen, so will ich dir vorlesen, was ich geschrieben habe.«
    Er griff mit schwacher Hand nach dem kleinen Briefbogen, den sie ihm hinhielt, und las:
    »Liebe Valerie! Ich weiß nicht, ob du schon von dem Unglück gehört hast, das meinem armen Mann vorgestern, als ich bei dir war, zugestoßen ist: er ist überfahren worden und liegt leidend im Bette. Ich muß mich für heute auf diese kurze Mitteilung beschränken, denn ich habe nicht die Ruhe, dir ausführlich zu schreiben. – Ich hatte vorgestern verschiedene kleine Einkäufe gemacht, die ich aber irgendwo vergessen habe. – Vielleicht bei dir? Es war ein Paket mit weißem Papier und enthielt unter anderem drei Paar Handschuhe. Solltest du es gefunden haben, so schicke es mir durch den Überbringer.
    Deine Monja.
    Das war alles, was in dem unverfänglichen Briefchen stand. Harry las es aufmerksam durch. Dann reichte er es seiner Frau zurück, schloß die Augen und sagte in gleichgültigem Tone:
    »Du kannst es absenden, wenn du willst.«
    »Soll ich etwas anderes schreiben?« fragte sie hastig. »Sage mir: was?«
    »Nein; es würde doch immer auf dasselbe herauskommen.«
    Er wandte sich müde ab. – Sie schien ratlos, aber sie schloß den Brief, klingelte und sagte dem Diener, der gleich darauf erschien, leise, jedoch so, daß ihr Mann jedes Wort verstehen konnte, der Diener solle den Brief sofort zu Fräulein Didier tragen und Antwort zurückbringen. Die Sache habe Eile, er könne eine Droschke nehmen, um den Weg von der Bahn zu Fräulein Didier schneller zurückzulegen. Er solle sich so einrichten, daß er mit dem Vier-Uhr-Zuge wieder zurück sei.
    Während seiner Abwesenheit verließ Monja das Krankenzimmer nicht, wenn schon Katharina und John sich erboten, sie in gewohnter Weise abzulösen. Sie schien jeden möglichen Verdacht, als ob sie hinter dem Rücken ihres Mannes mit Valerie korrespondiere, im Grunde ersticken zu wollen.
    Der abgesandte Diener kam erst um fünf Uhr nach Lower Norwood zurück. Er entschuldigte die Verspätung damit, daß er eine halbe Stunde bei Fräulein Didier habe warten müssen. Er übergab ein sorgfältig eingewickeltes Paket, das Monja nachlässig öffnete, doch so, daß Harry es sehen konnte, und das verschiedene Kleinigkeiten: Bänder, Knöpfe, Nadeln und auch die ausdrücklich erwähnten drei Paar Handschuhe enthielt. – Die Sache war in Ordnung. Auch der Brief ließ für jeden, der nicht überall Arges wähnen wollte, nichts zu deuten übrig. Er war etwas kurz für einen Brief, der die schreibselige und schreibkundige Valerie eine halbe Stunde beschäftigt hatte. Gewöhnlich waren ihre überschwenglichen Epistel an Monja zum mindesten acht Seiten lang und kreuz und quer beschrieben, mit zahlreichen Nachschriften versehen, dagegen ohne Datum. – Das vorliegende Billett lautete:
    »Dienstag, 4. Oktober.
    »Meine arme, beklagenswerte Freundin, geliebte Monja – Ich bin durch die entsetzliche Nachricht, die Deine lieben Zeilen mir bringen, auf das tiefste erschüttert. Ich eile heute abend zu Dir, wenn auch nur auf wenige Minuten, um die Einzelheiten des grausigen Ereignisses aus Deinem Munde zu erfahren. – Anbei das kleine Paket, das ich gleich, nachdem Du gegangen warst, gefunden habe. Ich würde es Dir nachgeschickt haben, wenn ich nicht gehofft hätte, Dich in den nächsten Tagen wiederzusehen. – Hast Du neulich nicht den Zug verpaßt? Wir hatten uns verplaudert, und ich bemerkte erst, als Du gegangen warst, daß nur noch wenige Minuten an vier Uhr fehlten. Die zwei Stunden waren wie wenige Sekunden hingeflogen. – Ach, ich fürchte, geliebte Freundin, es wird lange dauern, bis ich wieder ein Plauderstündchen, die einzige Freude meines traurigen Lebens, mit Dir haben kann! Grüße Deinen lieben, lieben, armen Kranken, und sei tausendmal umarmt von Deiner treuen Valerie.«
    Harry las den Brief bedächtig durch, ohne eine Miene zu verziehen, von Anfang bis zu Ende, dann ließ er ihn gleichgültig auf die Bettdecke fallen.
    »Nun,« sagte Monja, als sie sah, daß er nicht sprechen würde; »bist du befriedigt?«
    Er räusperte sich, als wollte er sprechen; aber dann schien er sich eines anderen besonnen zu haben und sagte einfach in müdem Ton:
    »Ja.«
    Der Brief war in seinen Augen ein elendes, vorher abgekartetes Machwerk. Daß Valerie ihre einzige Stütze in der Welt, Monja, nicht zu Fall bringen würde, darüber war Maclean sich ganz klar. Die Französin hatte sich in Harrys Augen ganz und gar an Monja verkauft, für die Dienste, die sie von dieser erwartete – sie war, nach seiner Ansicht, auf den vorliegenden Fall vorbereitet worden und hatte den ihr gegebenen Anweisungen gemäß, gewissenhaft gehandelt. Was hätte es genützt, diesen neuen Verdacht zu äußern. Monja wäre um eine Antwort sicherlich nicht verlegen gewesen. – Lug und Trug, mit einigem Scharfsinn gepaart, verfügen über viele Waffen. – Harry fühlte sich betrogen, aber er schwieg, wenn er den Betrug auch durchschaute. Er wußte sich der schlauen Monja unendlich überlegen; aber seine Verachtung für sie hatte nun den Grad erreicht, wo sie schweigsam wird und sich nur noch in einem willenlosen Zornausbruch äußern kann. Es gebrach dem kranken Mann an Kraft, sich zur hellen Entrüstung emporzuschwingen. Er war müde – müde, unverdiente Schmach so lange getragen zu haben, müde, von einem untergeordneten Wesen belogen und betrogen zu sein. – »Wozu noch kämpfen?« sagte er sich. – »Bald ist alles aus!« – Und die einzige Sorge, die ihm noch blieb, war die um seine Kinder, die vaterlos heranwachsen, und um seine Geschwister, die ihn beweinen würden. Sorgen um sich selbst hatte er keine mehr.
    Zwei Wochen waren dahingegangen, ohne daß sich eine erhebliche Veränderung im Zustande des Kranken gezeigt hätte. Er war vielleicht etwas schwächer geworden – wenigstens glaubten Katharina und John das zu bemerken. Dem Arzt war es entgangen, auch Frau Monja sah es nicht. Aber sie hatte dessenungeachtet ihre Sorgen – ernste, schwere Sorgen. – Sie fühlte sich vernachlässigt, vereinsamt. Ganz unmerklich, trotz ihrer aufrichtigen Bereitwilligkeit zu jeder Dienstleistung am Bette des Kranken, war sie dort durch Katharina und John verdrängt worden. Die beiden waren ihr an rein physischen Kräften erheblich überlegen. Die knochige Katharina handhabte den kranken Bruder wie ein kleines Kind, während Monja ihn beim besten Willen kaum bewegen konnte, wenn er in die Höhe gehoben werden oder seine Lage im Bett verändern wollte, um sich Linderung der Schmerzen zu verschaffen, die ihn nur selten verließen. Ihre schönen, weichen Hände waren dienstwillig genug, aber nicht diensttüchtig. – »Rufe nur Katharina oder John,« sagte Harry, wenn er sah, wie sie sich mit Anstrengung aller ihrer Kräfte vergeblich bemühte, ihn emporzurichten. Und Katharina oder John waren immer in der nächsten Nachbarschaft, erschienen auf den ersten Wink und taten mit Leichtigkeit, was der Kranke verlangte. Und wenn das geschehen war, dann blieben sie im Zimmer, und nach einer Weile tiefen Schweigens von allen Seiten empfand dann Monja stets, daß sie nicht nur entbehrlich sei, nein, daß sie störe. Und dann entfernte sie sich, nicht ohne die Empfindung eines gewissen eifersüchtigen Grams. Sie wäre so gern eine unübertreffliche Krankenwärterin für ihren Mann gewesen: an gutem Willen dazu fehlte es ihr nicht; aber sie hatte nun einmal nicht die Kräfte dazu. Dagegen ließ sich nichts machen.
    Auch die Ärzte fanden bald heraus, daß die Geschwister die eigentlichen Pfleger ihres Patienten seien und wandten sich vorzugsweise an diese, höchstens aus Höflichkeit auch an Frau Monja, um Weisungen über die Behandlung des Kranken zu erteilen. Selbst die zahlreichen fremden Besucher, wie Herr Brent zum Beispiel, schienen es natürlicher zu finden, Miß Katharina oder Herrn John Maclean nach dem Befinden des Bruders zu fragen als Frau Monja nach dem des Herrn Gemahls. Monja fühlte sich verringert, und das kränkte sie. Sie konnte sich stundenlang auf dem Zimmer einschließen, das sie sich nach der Erkrankung Harrys für ihren Privatgebrauch eingerichtet hatte, ohne daß irgend jemand ihre Abwesenheit zu bemerken schien. Alles ging, auch wenn sie nirgends eingriff, seinen ruhigen Gang. – Sie kümmerte sich um die Kinder, um wenigstens nicht ganz nutzlos zu sein, sie ging mit der stillen Natalie spazieren, um irgend welche Gesellschaft zu haben. – Katharina und John vermieden sie nicht gerade, aber sie suchten sie niemals auf; und dann waren sie stets durch die Sorge um den kranken Bruder beschäftigt. – Die Familie des Gatten war Frau Monja niemals sympathisch gewesen; die anwesenden Mitglieder derselben wurden ihr nunmehr geradezu antipathisch. – Sie verhehlte sich nicht, daß ihr die alles überwuchernde Geschwisterliebe der Macleans unangenehm, lästig werde. – Der Mann sollte zuerst der Frau gehören, so schickte es sich, so wollten es Religion, Gesetz, Gesellschaft! – Harry aber gehörte Katharina und John viel mehr als ihr. – War das recht? – Sie fühlte sich ungerecht, schlecht behandelt, tief verletzt! Sie war eine vernachlässigte Frau!
    Von Nikolaus Ohlsen sah Frau Monja so gut wie nichts mehr. Es konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß er sie absichtlich vermied. Niemals war er mit ihr allein, ja, sie konnte nicht einmal seine Blicke antreffen, wenn er ihr bei Tisch stumm und bleich gegenübersaß. Den Kranken hatte Ohlsen nicht gesehen. Die Ärzte hatten ausdrücklich befohlen, daß niemand außer den Wärtern das Krankenzimmer betreten sollte. Jede Aufregung sei dem Leidenden schädlich, und es sollte deshalb auch die kleinste sorgfältig vermieden werden. – Ohlsen war fast nie mehr zu Hause. Er verließ Lower Norwood gewöhnlich mit frühem Morgen und kehrte erst zum Essen nach der Villa zurück. – Katharina und John vermißten ihn nicht. Sie waren zu sehr mit Harry beschäftigt. Auch war augenscheinlich eine gewisse Verstimmung zwischen John und Nikolaus eingetreten. – Gleich einem kalten, dunklen Schatten erhob sich zwischen ihnen ein finsteres Geheimnis, das John mit der Zeit mißtrauisch gemacht und das Nikolaus schon vom ersten Tage ab sein altes, offenes Zutrauen zu John geraubt hatte.
    John, der als schlichter Mann der Tat nur selten über seine Verhältnisse zu andern nachgrübelte, sondern sie aufnahm, wie sie sich gerade gestalteten, legte sich von der Verstimmung nicht genau Rechenschaft ab. Ja, wenn er an Ohlsen dachte, so geschah es noch immer in alter Freundschaft, und er sagte sich sodann, daß die Geheimniskrämerei, die seinen Freund augenblicklich von ihm entfernt halte, doch endlich einmal ein Ende nehmen, und daß das gute, offene Verhältnis, wie es zehn Jahre lang ungetrübt bestanden hatte, dann wieder aufblühen werde. – Ohlsen aber schien unter der Behandlung, die ihm seit Harrys Erkrankung in Lower Norwood zuteil wurde, empfindlich zu leiden. Eines Abends bemerkte er bei Tische, es sei wohl besser, wenn er das Haus zeitweilig verlasse. Er fürchte, daß seine Gegenwart störe.
    »Unsinn!« rief John.
    »Wie können Sie fürchten, daß Sie stören?« sagte Frau Monja. »Man hört und sieht Sie ja nicht. Mein Mann würde lebhaft bedauern, wenn er erführe, daß er Sie aus dem Hause vertrieben hat. In seinem und in meinem Namen bitte ich Sie zu bleiben.«
    Katharina war nicht gegenwärtig, als diese Unterredung stattfand. Sie saß wie gewöhnlich bei ihrem Bruder. Die arme, kleine Natalie, um die sich kein Mensch zu bekümmern schien, und von der kein Mensch eine Äußerung erwartete, sagte kein Wort, und niemand bemerkte, wie schmerzlich es um den kindlichen Mund zuckte und bebte.
    Nikolaus ließ die Unterhaltung fallen, aber nicht wie einer, der in seinem Vorhaben wankend gemacht worden ist.
    Frau Monja entfernte sich bald nach dem Essen, um nach dem kürzlich eingeführten Gebrauch, Katharina am Krankenbette abzulösen und dieser Zeit zu geben, ihre Mahlzeit einzunehmen. – John leistete der Schwester dabei Gesellschaft. – Ohlsen trat auf die Veranda und zündete sich dort eine Zigarre an. Natalie gesellte sich still zu ihm. Da trat Nikolaus plötzlich leise und scheu auf sie zu, als sei er im Begriff, eine böse Handlung zu begehen und flüsterte:
    »Liebe Natalie, wenn ich gegangen sein werde, so bewahren Sie mir ein freundliches Angedenken!«
    Sie stand sprachlos, entzückt und verwirrt. Er erhob die Arme, als wollte er sie an seine Brust ziehen. Sie rührte sich nicht von der Stelle. Aber plötzlich machte er eine abwehrende Bewegung mit den Händen, und ehe Natalie sich von dem, was vorgegangen war, Rechenschaft abgelegt hatte, war er verschwunden.
    
  



    XV
    Katharina und John hatten richtiger gesehen, als die Ärzte und Monja. Harry war schwächer und schwächer geworden. Seit einigen Tagen war dies allen aufgefallen, die ihn sahen, und die Doktoren machten bedenkliche Gesichter und zuckten die Achseln, wenn sie über den Zustand des Kranken befragt wurden. – »So lange noch Leben ist, ist noch Hoffnung,« sagte Dr. Morris. Das tröstliche Wort war nicht trostreich.
    Eines Abends, zu später Stunde, nachdem der Kranke lange Zeit mit weitgeöffneten Augen schweigend dagelegen hatte, sagte er mit schwacher Stimme zu Katharina, die starr und still neben seinem Bette wachte:
    »Liebe Schwester, rufe Monja. Und dann lasse mich mit ihr allein.«
    Katharina erhob sich und ging. Bald darauf öffnete sich die Tür wieder, und Frau Monja trat herein. Sie war in weißem Nachtgewand. Ihre Lippen erschienen farblos bei dem fahlen Lichte der Lampe, die im Zimmer brannte; aber die großen Augen strahlten in dem stillen, weißen Gesichte in wunderbarer, tiefer Glut. Sie trug um den feinen Hals, an einem schwarzen Samtband, das mit schweren goldenen Stickereien seltsam verziert war, ein altes russisches Kruzifix aus Ebenholz, mit der Gestalt des Gekreuzigten aus gebräuntem Silber. Es war seit ihrer frühen Kindheit ihre Gewohnheit, diese ehrwürdige Reliquie, die ihr von einer längst verstorbenen Urahne kam, des Abends anzulegen, unmittelbar ehe sie sich zur Ruhe begab. Sie versäumte dies niemals, und es war nicht eine gleichgültige Gewohnheit, sondern die einzige feierliche Handlung ihres leichtfertigen täglichen Lebens, eine religiöse Handlung, die sie kniend am Fuße ihres Bettes verrichtete, und mit der sie lange Gebete und gewisse fromme Gebräuche der griechischen Kirche verband. Sie verfuhr dabei mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, denn sie war eine strenggläubige orthodoxe Christin, ohne ein Atom von Skepsis, und für die alles, was die Religion von der Vergeltung im Jenseits lehrt, unangezweifelte Wahrheit war.
    In dem Krankenzimmer herrschte Totenstille. Auf einem kleinen Tisch, neben dem Bett, standen in sauberer Ordnung Arzneiflaschen und erfrischende Getränke. Der Kranke saß halb aufgerichtet auf seinem Schmerzenslager. Sein bleiches, abgehagertes Haupt von dunkeln Haaren umrahmt, ruhte unbeweglich auf dem schneeweißen Kopfkissen, die tief eingesunkenen, müden Augen waren sanft geschlossen. – Monja näherte sich dem Kranken unhörbaren, leichten Schrittes. Er aber fühlte ihre Nähe und öffnete die Augen, sobald sie neben ihm stand. Er blickte sie lange, wehmutsvoll an, mit einem Ausdruck inniger Liebe, der seit Jahren in seinen Augen erloschen war, und sagte dann leise:
    »Ich werde bald sterben, Monja; aber vor meinem Tode muß ich mich mit dir versöhnen: dir verzeihen, wenn du gesündigt hast, deine Verzeihung erbitten, wenn ich dir unrecht getan habe. – Kannst du bei dem heiligen Kreuze, das an deinem Halse hängt, schwören, daß du mir treu gewesen bist, wie es die Frau dem Manne sein soll, dann schwöre und reiche mir die Hand und verzeihe mir, denn dann habe ich in meinem Herzen schweres Unrecht an dir getan. – Kannst du den Schwur nicht leisten – dann schweige. Ich aber will dir verzeihen, wie ich hoffe, daß der Herr, vor dessen Richterstuhle ich nun bald erscheinen werde, mir barmherzig verzeihen möge. – Nun sprich Monja – oder schweig'!«
    »Wirst du mir glauben?« fragte sie bebend.
    »Ich werde dir glauben.« Er kämpfte eine Sekunde, und dann setzte er feierlich hinzu: »So wahr mir Gott helfe!«
    Die Zähne schlugen ihr wie im Fieberfrost im Munde zusammen, ihre Lippen bebten und zitterten. Langsam, zögernd, zitternd hob sie die Rechte und legte sie auf das Kreuz an ihrer Brust. Noch einen Augenblick schien sie zu kämpfen, und dann sagte sie mit erstickter Stimme:
    »Ich war dir treu!«
    Er hatte jede ihrer Bewegungen ängstlich, aufmerksam verfolgt.
    »Ich verstehe dich nicht,« sagte er mit einem schwachen Anflug von Ungeduld. »Sprachst du? Was sagtest du?«
    »Ich schwöre . . . bei dem Bilde des Gekreuzigten . . . ich war dir treu.«
    Die Worte entrangen sich unendlich mühsam, aber klar und verständlich ihrer Brust.
    »Dann verzeihe mir, Monja,« sagte er milde.
    Er streckte die kraftlose, abgemagerte Hand nach ihr aus, die sie mit ihren beiden Händen stürmisch ergriff und mit Küssen bedeckte und mit heißen Tränen benetzte:
    »O Harry, geliebter Mann, stirb nicht, daß ich dir noch zeigen möge, wie ich lieben kann, wie ich dich liebe!«
    Er seufzte tief; dann schloß er ermüdet die Augen und blieb lange Zeit unbeweglich liegen. Endlich sagte er:
    »Ich habe auch mit Katharina und mit John zu sprechen, und ich will die Kinder noch einmal sehen. Rufe zunächst meine Schwester. Auf Wiedersehen, liebe Monja!«
    Sobald Katharina in das Zimmer getreten war, begann Harry zu sprechen, wie einer, der weiß, daß ihm kostbare Zeit karg zugemessen ist. Aber er sprach langsam und feierlich, und Katharina lauschte ehrerbietig, gebeugten Hauptes, überwältigt von der Majestät des gewaltigen Todes, dessen Nähe am Lager des Bruders sie schaudernd empfand.
    »Nähere dein Ohr meinem Munde . . . Katharina, wir haben Monja unrecht getan . . . Sie war unschuldig.«
    »Ja, lieber Bruder.«
    »Der Schein trügt. Er hat uns betrogen. Er zeugte falsch gegen Monja. Sie war treu.«
    »Ja, lieber Bruder.«
    »Kannst du mir versprechen, ihr zur Seite zu stehen in Freud' und Leid, willig ihr zu helfen und zu raten, wenn sie deiner bedarf?«
    »Ja, lieber Bruder.«
    »Du kannst sie niemals lieben, wie du mich liebst; – aber willst du sie lieben – um meinetwillen, deines Bruders willen?«
    »Ja, lieber Bruder.«
    Jammervoll, herzzerreißend kamen die Worte aus der Brust des armen Weibes.
    »Dann küsse mich, Katharina, und rufe John.«
    Sie legte ihr Haupt an das seine, das Gesicht in das Kissen gedrückt. Die beiden Köpfe lagen lange Zeit unbeweglich und stumm nebeneinander. Dann erhob sich Katharina wie nach einem stillen Gebet und verließ das Gemach.
    Mit John, der seiner Schwester folgte, wechselte Harry nur wenige Worte.
    »Ich bin müde,« sagte er, »und wollte dich sehen, ehe ich einschlafe. Gute Nacht, mein alter, treuer John!«
    Er hatte vor drei Wochen, bald nach dem Unfall, aber als er sich noch verhältnismäßig stark fühlte, in geschäftlicher Weise – »zu seiner Beruhigung«, wie er damals sagte – Verfügungen über sein Vermögen nach seinem Tode getroffen und Herrn Brent und seinen Bruder zu seinen Testamentsvollstreckern und zu Vormündern seiner unmündigen Kinder ernannt.
    »Wegen der Kinder bin ich ruhig,« sagte er.
    »Natürlich!«
    Der Kalifornier hatte viele Menschen sterben sehen. Er wußte, daß der Mann, den er am meisten auf der Welt geliebt hatte, den niemand, weder Mann noch Frau, ihm jemals wieder ersetzen konnte, ihn nun bald und auf immer verlassen würde. Bitterer Schmerz füllte seine Brust; aber er blieb stark.
    »Noch eins,« fuhr Harry fort. »Ich habe deinen Freund, Herrn Ohl . . .« Er hielt inne und legte die Hand auf das Herz, wie um einen Schmerz zu besänftigen. Dann wiederholte er den angefangenen Satz, aber in veränderter Form: »Ich habe unsern Gast nicht mehr sehen können. Grüße ihn von mir!«
    Die Kinder, die aus den Betten geholt worden waren, wurden jetzt von Monja und Natalie hereingetragen. Der Kranke küßte die schlaftrunkenen Köpfchen, die ihm hingehalten wurden, und legte seine Hand segnend darauf.
    Und jetzt, da alle seine Lieben um das Lager versammelt waren, faltete er die Hände zum Gebet, und während seine bleichen Lippen sich lautlos bewegten, wanderten seine Augen langsam von einem zum andern, bis seine stummen Lippen sich schlossen. Dann, nach einer kleinen Pause, sagte er leise, doch vernehmbar: »Gute Nacht!« und schloß die Augen, worauf alle, bis auf Monja, sich lautlos entfernten.
    Diese saß geisterbleich an dem Bette des Gatten während der langen Stunden der unheimlichen Nacht. Es war drei Uhr morgens. Ein Schauern des Frostes durchrieselte sie. Sie erhob sich und nahm ein großes Tuch, das auf einem Stuhle lag, um sich darin einzuhüllen. Ihre Bewegungen waren kaum hörbar leise gewesen, aber ebenso leise schwang die Tür, und Katharina erschien auf der Schwelle.
    »Ich hörte, daß Sie sich bewegten,« sagte sie. »Wie geht es Harry?«
    »Er schlummert.«
    Katharina blieb vor Monja stehen. Es schien, als kämpfe sie mit einem Entschluß; aber nicht lange, dann streckte sie dieser die Hand entgegen, die Monja zögernd ergriff und krampfhaft festhielt.
    In diesem Augenblick öffnete Harry Maclean die Augen. Die beiden Frauen standen am Fuße des Bettes, Hand in Hand. Ein Lächeln des Friedens verklärte das Antlitz des Sterbenden.
    »Das ist gut.« sagte er.
    
  



    XVI
    Harry war nicht wieder aus dem Schlummer erwacht, in den er gesunken, nachdem er seine Frau und seine Schwester Hand in Hand am Fuße des Bettes stehend erblickt hatte. – »Das ist gut!« waren seine letzten Worte gewesen, Worte des Friedens. – Katharina hatte sie in ihre Brust gegraben. Nicht eine Miene, geschweige denn ein Wort verriet, daß sie Frau Monja noch vor kurzem gehaßt und bei ihrem Bruder John gleiche Gefühle zu erwecken versucht hatte. Sie vermied ihre Schwägerin nicht mehr, wie dies während der Krankheit Harrys geschehen war, sondern ging ihr milde und friedfertig bei den traurigen Geschäften und Arbeiten zur Hand, die zwischen dem Sterbe- und Begräbnistage verrichtet werden mußten. Zwei ihrer Schwestern, Geraldine und Maria, die telegraphisch von dem Abscheiden Harrys benachrichtigt worden waren, hatten sich in Lower Norwood eingefunden, um der Bestattung des Bruders beizuwohnen: große, hagere, ernste Frauen, mit versteinerten, eckigen Gesichtern, die in ihren einfachen, gänzlich schmucklosen Trauerkleidern aussahen, als seien sie aus einem alten Bilde herausgetreten. Sie hatten Frau Monja bei ihrer Ankunft ohne ein Wort der Klage oder des Beileids begrüßt und waren seitdem für diese wieder unsichtbar geworden.
    Die vier Geschwister saßen am Abend jenes Tages in Katharinas Zimmer. Diese hatte den Neuangekommenen soeben einen kurzen, aber vollständigen Bericht über die letzten Augenblicke des dahingeschiedenen Bruders erstattet.
    »Seine Frau war gut und treu zu ihm, sagtest du?« fragte Maria.
    »Das war sie,« antwortete Katharina bestimmt.
    »Gott segne sie dafür,« sprachen darauf Geraldine und Maria gleichzeitig.
    John warf seiner ältesten Schwester einen verwunderten Blick zu; aber er schwieg.
    »Als ich ankam,« fuhr Katharina fort, »da glaubte ich die Schwägerin auf eitlen Tand allein bedacht und konnte ihr nicht freundlich gesinnt sein. Aber nun weiß ich, daß sie nur anders ist als wir, nicht schlechter, und in meinem Herzen habe ich ihr Abbitte getan ob meines raschen Urteils.«
    John stand leise auf, um sich zu entfernen. Katharina hielt ihn nicht zurück. Sie kannte ihn und wußte, daß es keiner Unterweisung von ihr bedurfte, um ihn zu warnen, den Schwestern den alten Verdacht gegen Frau Monja zu offenbaren. Er würde davon nicht sprechen, dessen war sie sicher.
    John ging in den Park. Ob Monja schuldig oder unschuldig war, kümmerte ihn in diesem Augenblick nicht. Sein Herz war ganz voll des wehen Gefühls, den Menschen, der ihm am nächsten gestanden hatte, verloren zu haben. Er konnte an nichts denken, nicht einmal an den Verlust, den er erlitten hatte; er fühlte sich schwer, müde und sehnte sich nach Dunkelheit und Einsamkeit. In einer Allee des Parkes setzte er sich auf eine Bank nieder, und dort, unter dem herbstlichen Himmel, von niemand gesehen, löste er den Zwang, den er sich bis dahin auferlegt hatte, und ließ seinen Tränen freien Lauf. Sie rannen lange und still über seine Wangen und gewährten seinem Herzen, das nicht trostesbedürftig war, ja das Trost wie eine Kränkung zurückgewiesen haben würde, Erleichterung. – John Maclean wußte, daß er sich männlich in sein Schicksal zu fügen hatte, und daß er dies auch tun werde. Er verzweifelte nicht am Leben oder am Glück, weil er das Teuerste verloren hatte; aber der Schmerz um den Verlust war das einzige, was ihm jetzt noch von seinem Bruder blieb; er wollte diesen Schmerz wahren und pflegen wie etwas Kostbares, und niemand sollte ihm dessen Schwere verringern. Er war Mann, sie zu tragen.
    Da hörte er in der dunkeln Allee langsame Schritte. Eine Gestalt näherte sich, ohne ihn, der unbeweglich auf der Bank saß, zu bemerken. – Es war Ohlsen. – John ließ ihn vorübergehen. Er hatte das Gefühl, daß er ihn erschrecken würde, wenn er ihn beim Namen riefe. Als aber die Schritte sich in der Entfernung nur noch schwach vernehmen ließen, stand er auf und folgte ihnen. – Er hatte seinen Bruder verloren. Es blieb ihm ein Freund. Er hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, sich Klarheit darüber zu verschaffen, ob er auch diesen verlieren müsse. Weit ausschreitend schlug er die Richtung ein, die Ohlsen genommen, und bald hatte er diesen so weit überholt, daß er die langsam vor ihm her wandelnde Gestalt wieder erkennen konnte. Ohlsen hatte die schweren Schritte hinter sich gehört und war stehen geblieben.
    »Wer geht da?« fragte er unwillkürlich, alter kalifornischer Sitten eingedenk, da er in den Minen, wie in Feindesland gelebt und vor jeder fremden Annäherung im Dunkeln auf seiner Hut gestanden hatte.
    »Freund!« antwortete John zurück.
    Darauf vereinigten sich die beiden und gingen eine Weile ohne zu sprechen nebeneinander her. Dann sagte Maclean:
    »Wir haben uns seit Harrys Tode noch nicht allein gesprochen. Ich habe einen Gruß von ihm für dich.«
    Und er berichtete von seiner letzten Unterhaltung mit dem verstorbenen Bruder. Ohlsen hörte schweigend zu. Die beiden hatten jetzt eine kleine Lichtung erreicht. Über ihnen breitete sich ein trüber Nachthimmel aus. Der Mond, durch ein graues Wolkenlager verschleiert, hinter dem er blaß hervorschien, spendete kaltes, glanzloses Licht. Die entblätterten Bäume, die die Lichtung einfaßten, streckten ihre nackten Äste wie lange, schwarze Geisterarme in die Herbstnacht hinaus. Es war ein trauriger Platz, und es herrschte dort unheimliche Stille, die nur durch den fernen, klagenden Schrei eines Nachtvogels unterbrochen wurde. – »Hin ist hin!« so klang der Ruf des Vogels in Nikolaus Ohren. – »Hin ist hin!« – Dort blieb Maclean stehen und sagte kurz entschlossen:
    »Ohlsen« – seit langen Jahren war es das erstemal, daß er ihn so anredete, und die ungewohnte Ansprache hatte in seinem Munde etwas Feierliches –, »wir haben, seit wir uns kennen, als Freunde nebeneinander gestanden. Ich hatte nie anders gedacht, als daß es so bleiben müsse, bis der Tod uns scheidet. Aber diese Zuversicht habe ich nun verloren und – du weißt es – nicht durch meine Schuld. Du hast etwas Fremdes zwischen uns geschoben. Aber wenn es nicht etwas ist, dessen du dich zu schämen hast, so wird die Zeit es beseitigen, und vielleicht entschließt du dich später, mir zu sagen, wie ich dazu helfen kann. Ich verlange keine Geständnisse von dir, und ich verlange keine feierlichen Erklärungen. Ein Mann, ein Wort! Wem ich nicht traue, dem glaube ich nicht, wenn er auch tausend Eide schwört. – Nikolaus, dies ist eine reine Hand . . .«
    Er streckte die Rechte, die Finger weit ausgespreizt, Ohlsen entgegen.
    ». . . die Hand des Zwillingsbruders von Harry Maclean, neben dem ich unter einem Herzen geruht und vierzig Jahre lang in ungetrübter Liebe und Eintracht gelebt habe. Sie ist Blut von seinem Blute. Wenn du sie jetzt berührst, so berührst du auch die Hand des Toten. Darfst du das nicht – dann, Ohlsen, verschwinde! Hast du das Recht, sie zu ergreifen, dann nimm sie! – Da ist sie!« – Er streckte sie ihm mit heftiger Bewegung entgegen. – »Sie ist dein, und dann, bei Gott! Auf Leben und Tod!«
    Ohlsen ergriff, ohne ein Wort zu sagen, die dargebotene Hand, deren Finger sich in zermalmendem Druck um die seine schlossen.
    Dann gingen die beiden weiter; aber schon nach wenigen Schritten blieb Ohlsen plötzlich stehen, stieß einen kurzen, schwachen Klagelaut aus und fiel mit dem Gesicht nach vorn zur Erde, als hätte ihn eine Kugel getroffen.
    Maclean raffte den leblosen Körper auf und erreichte mit ihm, keuchend und in Schweiß gebadet, Ohlsens Zimmer, wo er den noch immer Bewußtlosen auf das Bett legte. Dort kam der Leidende nach kurzer Zeit wieder zu sich. Nachdem er sich mühsam und schwerfällig entkleidet, wobei Maclean ihm hilfreiche Hand geleistet hatte, bat er leise, ihn allein zu lassen; Ruhe würde ihm wohltun und wäre alles, dessen er bedürfte.
    Am Nachmittag des nächsten Tages sollte die Beerdigung des Direktors stattfinden. Vom frühen Morgen ab war die Leiche in dem von liebenden Händen ausgeschmückten, offenen Sarg ausgestellt worden, auf daß die Angehörigen und Freunde bis zum letzten das Antlitz des Dahingeschiedenen schauen möchten. Es war ein schönes, durch den Tod wunderbar verklärtes Angesicht, voll heiligen, sanften Friedens und himmlischer Versöhnung. Die Geschwister kamen und gingen unausgesetzt, ohne sich daran satt sehen zu können. Auch Frau Monja erschien jede Stunde und kniete dann, in tiefem, langem Gebete versunken, am Fuße des Sarges nieder, ohne jedoch das weiße Gesicht auch nur ein einziges Mal zu erheben, um in das noch weißere vor ihr zu schauen.
    Nikolaus trat zu früher Stunde in das Totengemach und verweilte dort geraume Zeit. Er war allein. Er näherte sich dem Sarge und blickte festen Auges in das Angesicht des Verblichenen. Die Versöhnung und der Friede, die darauf lagen, schienen auch in seine Seele zu dringen, und seine starren Züge wurden sanfter und weicher.
    Die Hände des Toten waren über dem Bahrtuche fromm zusammengefaltet: wachsgelbe, makellos reine, fleischlose Hände mit bläulichen Nägeln, von schneeweißen Manschetten umfaßt. – Ohlsens Augen, die lange Zeit unverwandt auf dem Gesicht des Toten geruht hatten, fielen jetzt darauf. Der Anblick schien ihn mit Grausen zu erfüllen, denn er begann zu zittern und kalter Schweiß trat auf seine Stirn. Er wankte zurück und ließ sich auf einen Stuhl nieder. Er wurde nicht ohnmächtig, aber seine Sinne umflorten sich. Er lag mit weitgeöffneten, starren Augen – und doch wie in einem Traum.
    Er befand sich im Getöse einer großen Stadt. John, und wiederum nicht dieser, dessen Doppelgänger, ergriff vertraulich seine Hand und führte ihn nach einem stillen Park, in dessen dunkeln, endlosen Gängen sie dahinwandelten. Hinter den Bäumen blitzte im hellen Sonnenschein ein weißes Haus hervor, und von diesem herab schwebte ihm eine lichte Erscheinung entgegen: ein Weib mit sehnsüchtigen Augen und liebend geöffneten Armen. – Da wurde es plötzlich dunkel und schaurig, und die verfinsterte, eisige Luft war nur noch durch das fahle Licht des Mondes erhellt. – Er stand auf einem freien Platze, von unheimlichen, drohenden Gestalten umringt, die ihre nackten, schwarzen Geisterarme nach ihm ausstreckten. Eine furchtbare Angst packte ihn. Er wollte schreien – und er hörte einen Schrei; aber nicht aus seiner eigenen Brust. Aus weiter Ferne, voll unendlichen, trostlosen Jammers, zog es wehklagend durch die Luft: »Hin ist hin! . . . Hin ist hin!«. – Der Doppelgänger stand noch immer neben ihm; aber nicht mehr vertraulich, freundschaftlich hielt er ihn. Die Finger hatten sich wie eiserne Klammern um seine Hand gelegt und drückten sie zum Zermalmen. Ohlsen riß sich wütend los, der andere taumelte zurück, die Hand zitternd, mit weit ausgespreizten Fingern gegen ihn ausgestreckt, und dann fiel er zu Boden und lag da, regungslos, auf einem mit Blumen und Palmen geschmückten Sarge, das Antlitz feierlich und still, die reinen Hände fromm und ergeben über der Brust gefaltet.
    Ohlsen stöhnte wie unter dem Druck eines Alps. – Mit einer furchtbaren Anstrengung riß er sich empor aus der Betäubung, in die er versunken war. Licht und Leben kamen wieder in seine Augen: trauriges, hoffnungsloses Leben. Er erhob sich und wankte der Tür zu mit einem letzten scheuen Blick auf den Toten im offenen Sarge. –
    
  



    XVII
    Die Villa in Lower Norwood leerte sich schnell nach dem Begräbnis des Direktors. Der erste, der verschwand, war Ohlsen, und dies geschah in einer Weise, die für alle, bis auf John, ein unaufgeklärtes Geheimnis blieb. Als dieser nämlich nach dem Begräbnis in sein Zimmer trat, fand er auf dem Tische einen Brief liegen. Er erkannte die Handschrift Ohlsens, der noch vor einer halben Stunde auf dem Kirchhofe neben ihm gestanden hatte. Nikolaus schrieb:
    »Lieber Jack! Ich scheide von Dir. Du hast mir gestern zum letzten Male die Hand gedrückt. Du wolltest mir damit einen Beweis von Vertrauen geben. Aber es war Mißtrauen darin. Das konntest Du nicht ändern. – Du bleibst mir der liebste Freund. Aber ich will Dich niemals wiedersehen. Ich gehe jetzt nach Kalifornien, um dort meine Angelegenheiten zu ordnen. Gib mir dazu drei Monate Zeit und bleibe bis dahin in Europa. Nachher gehört Dir die ganze Welt. Lebe wohl, alter Kamerad.
    N. O.«
    Macleans großes Herz war »gesättigt«. Es empfand keinen neuen Schmerz mehr. Er faltete den Brief sorgfältig wieder zusammen, steckte ihn in eine große Brieftasche, in der er wertvolle Dokumente aufbewahrte und die er, nach alter kalifornischer Art, stets bei sich trug, und gesellte sich sodann zu seinen Schwestern, mit denen er zu Mittag aß und den Abend verbrachte. – Monja hatte ihr Zimmer nicht verlassen, seitdem die Leiche aus dem Hause getragen worden war.
    Am nächsten Tage reisten die drei Schwestern nach Edinburg zurück. Geraldine und Maria nahmen in förmlichster Weise Abschied von Monja. Sie war ihnen stets eine Fremde geblieben, und der Tod dessen, der sie im Leben hätte vereinen können, näherte sie einander nicht. – Katharina aber hatte, ehe sie ging, ja ehe sie sich überhaupt entschloß zu gehen, eine Unterredung mit Monja. Sie suchte diese in ihrem Zimmer auf und fragte in dem Tone und mit den Worten jemandes, der aufrichtig wünscht, daß seine Anerbieten angenommen werden, ob sie sich auf irgendeine Weise im Hause nützlich machen könnte – vielleicht bei den Kindern, die sie ja liebgewonnen hätten. Monja lehnte dankend ab, keineswegs unfreundlich, aber doch bestimmt. Katharina würde im Hause herzlichst willkommen sein, so lange sie bleiben wollte, und sie, Monja, würde sich glücklich schätzen, wenn es ihrer Schwägerin recht lange in Lower Norwood gefiele; aber sie selbst habe keine andere Freude mehr im Leben, als die, sich um ihre Kinder zu bekümmern, und diese einzige Freude könne sie mit niemand teilen, auch mit einer so lieben Verwandten nicht, wie Katharina. – Darauf sagte diese: »Wenn Sie je meiner bedürfen, so schreiben Sie mir, und ich werde kommen.« Monja dankte. Es sei ihr ein großer Trost, zu wissen, daß sie nicht ganz allein dastehe in der Welt. – Und dann umarmten sich die beiden in klösterlicher Weise, indem sie die Wangen gegeneinander drückten, und schieden voneinander.
    Auch John Maclean fand nur wenig zu tun, um als einer der Testamentsvollstrecker den letzten Willen seines Bruders zu erfüllen. Die Verhältnisse des Erblassers waren vollständig geordnete gewesen. Das Testament, von einem Rechtskundigen aufgesetzt, war kurz und bündig, mit den in England üblichen Bestimmungen, die Witwe und die hinterlassenen Waisen betreffend. Die Kinder waren noch zu jung, als daß es Maclean möglich gewesen wäre, seine Fürsorge für sie in dem Augenblick tatsächlich zu beweisen. Sie mußten noch während langer Jahre der Mutter anvertraut bleiben. Die Verwaltung ihres Vermögens übernahm der zuverlässige und sachverständige Direktor Brent. Nachdem John dies alles festgestellt hatte, tat er, wie seine Schwestern getan. Er suchte Frau Monja auf und stellte sich dieser bereitwillig und ganz zur Verfügung; auch erhielt er denselben Bescheid wie Katharina. – Monja erklärte, sie sei in der Tat tief gerührt von so viel Liebe und Freundschaft; aber sie bedürfe keines Beistandes. Ihre Lebensaufgabe sei ihr vorgezeichnet. Sie wolle sie zu lösen versuchen, indem sie ihre Kinder zu glücklichen und guten Menschen mache.
    »Herr Brent wird stets wissen, wo ich zu finden bin,« bemerkte darauf der Kalifornier. »Wenn ich Ihnen oder den Kindern nützen kann, so rufen Sie mich.«
    Ähnliche Worte hatte Katharina gebraucht. Es war, als ob die beiden sich verabredet hätten, dasselbe zu sagen. Geraldine und Maria würden zweifelsohne auch so gesprochen haben, wenn sie Gelegenheit gefunden hätten, Monja ihre Dienste anzubieten.
    John hatte den Tag seiner Abreise festgestellt. Am Vorabend derselben fand noch eine Unterredung zwischen ihm und Natalie statt. – Es war nun winterlich geworden, und die Türen, die zur Veranda und in den Park führten, waren verschlossen. Im Kamin prasselte ein gutes Kohlenfeuer. Frau Monja hatte sich, wie sie es häufig tat, gleich nach dem Essen auf ihr Zimmer zurückgezogen, um erst zum Tee wieder zu erscheinen. Natalie und John waren allein. Da sagte dieser:
    »Ich gehe nun morgen fort von hier, Gott weiß, auf wie lange Zeit. Da muß ich Sie noch etwas fragen, und Sie können mir unverhohlen antworten; denn wie Ihr Bescheid auch ausfallen möge, er wird mir Gesetz sein . . . Ich habe die traurigste Zeit meines Lebens hier verlebt; aber sie war nicht freudenleer, weil ich Sie hier kennen gelernt habe. – Ich habe Sie liebgewonnen, so lieb, das glaube ich, wie ein Mensch einen anderen lieb haben kann. Sie sind weit jünger als ich, und Sie sind so schön und gut, daß der Beste im Lande glücklich und stolz sein müßte, wollten Sie ihm ihre Hand reichen. Und doch werbe ich darum . . . weil ich glaube, daß niemand mehr darauf bedacht sein wird, Sie glücklich zu machen, als ich. – Wollen Sie sich mir anvertrauen?«
    Natalie antwortete nicht. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und begann zu weinen.
    »Warum weinen Sie?« fragte John.
    »Sie sind so gut,« antwortete Natalie unter Tränen, »weit besser als alle anderen Menschen, die ich kenne, und ich habe Sie von Herzen lieb; aber was Sie von mir verlangen, das kann ich nicht!«
    »Das dachte ich mir,« sagte der Kalifornier ruhig und geschäftsmäßig. »Nur mußte ich sprechen, auch Ihretwegen, weil ich immer denken werde, daß ein anderer nicht so für Ihr Glück sorgen kann, wie ich es getan haben würde. – Aber davon wollen wir nicht weiter reden! – Und noch eins: ich möchte nicht, daß Sie ganz aus meinem Leben verschwänden. – Wollen Sie mir schreiben?«
    »Gern, gern werde ich es tun.«
    »Sehr wohl. Meine Adresse ist leicht zu behalten: Bank von Kalifornien in San Francisco. Sollten Sie das vergessen, Direktor Brent weiß, wo ich zu finden bin. – Soll ich Ihnen schreiben?«
    »Ach bitte, tun Sie das!«
    »Es soll geschehen! – Und wenn Sie einen Freund brauchen, – ich bin immer da, das vergessen Sie nicht! Und nun geben Sie mir die Hand wie ein guter Freund – und als guter Freund nehme ich von Ihnen Abschied.«
    Sie reichte ihm die Hand, die er sanft drückte und dann langsam wieder freigab.
    Am nächsten Tage war John Maclean gegangen, und nun war die Villa in Lower Norwood in der Tat ganz still und öde geworden. Auch auf den Kindern schien das Unglück des Hauses zu lasten. Man hörte sie nicht mehr lachen, und sie wurden still und ernst und sahen eingeschüchtert aus, wie Kinder, die von gekauften Händen gepflegt werden. Monja gab sich große Mühe, um sie aufzuheitern – aber es gelang ihr nicht. Ja, die Herzen der Kleinen schienen sich von ihr abzuwenden. Sie waren gern mit Natalie, ruhig und freundlich, wenn diese oder die Mägde sich mit ihnen beschäftigten; aber vor der eigenen Mutter schienen sie Furcht zu haben, und wenn sie eine kleine Weile mit ihr zusammen gewesen waren, so baten sie mit befremdlicher, ängstlicher Artigkeit, die Mutter möge ihnen doch erlauben, mit Tascha zu spielen.
    Monja bemerkte diese Zurücksetzung, ohne darunter zu leiden. Die Kleinen seien, wie die meisten Kinder, launenhaft und unberechenbar. Mit den Jahren würden sie von selbst herausfinden, daß die Mutter ihnen unvergleichlich näher stände, als alle anderen Menschen, und würden sich ihr dann dementsprechend anschließen. – Frau Monja hatte ihre kühle Objektivität nicht verloren; aber sie war seit dem Tode des Direktors eine andere Frau geworden, zunächst nachdenklich, dann unruhig, endlich schwermütig.
    Als ihr erster Mann, der Grieche Antoniades, gestorben war, hatte ihre Mutter noch gelebt. Sie war zu ihr gezogen, und das Haus der jungen, schönen Witwe hatte sich bald wieder mit Freiern und Freunden gefüllt. Sie hatte in vielen Blicken das Verlangen gelesen, sie zu trösten, und hatte sich nach Ablauf der üblichen Frist von Herrn Direktor Maclean trösten lassen. Ihre erste Ehe war eine kurze gewesen. Sie war in der schönsten Jugend aus derselben herausgetreten, und das ganze Leben hatte damals noch vor ihr gelegen. – Jetzt war alles anders. Sie war fünfunddreißig Jahre alt, sie besaß eine erwachsene Tochter, zwei Kinder, die heranwuchsen. Sie hatte bis dahin nie an ihr Alter gedacht. Ihre Schönheit stand auf dem Höhepunkt der Reife und Vollkommenheit. Jetzt kam sie sich plötzlich alt vor – und sie wurde alt. Kleine, zunächst kaum bemerkbare Fältchen lagerten sich um die Augen und den Mund, und eines Nachts, als sie vor dem Schlafengehen ihr Haar ordnete, erblickte sie im Spiegel ein schneeweißes Haar an ihrer Schläfe. Es mußte im Laufe des Tages weiß geworden sein. Sie hatte es am Morgen nicht bemerkt.
    Es war ganz still in dem warmen Gemach, und auch draußen herrschte feierliche Ruhe. Frau Monja blieb vor dem Toilettentisch sitzen, auf dem zwei Kerzen brannten, die ihr Spiegelbild hell beleuchteten. – Das weiße Haar kümmerte sie nicht; aber die Gedanken, die langsam, unwiderstehlich in ihr aufstiegen und ihr ganzes Wesen wie in einen kalten Nebelmantel einhüllten, lagerten düstere Schatten auf ihre Stirn. – Was sie im Leben noch nicht erreicht hatte, das würde sie nun auch nicht mehr erreichen! – Und was hatte sie erreicht? Wohin hatten sie die tausend Erfolge, nach denen sie so heiß gerungen hatte, auf die sie stolz gewesen war, nun geführt? – Sie war die unbekannte Witwe eines zu seinen Lebzeiten hochgeachteten, nunmehr bereits vergessenen Mannes. – Ihr Haus war seit seinem Tode vereinsamt. – In den ersten Tagen nach dem Trauerereignis waren zahlreich Visitenkarten bei ihr abgegeben worden mit dem üblichen »p. c.« in der eingeknifften Ecke. Einige näher stehende Bekannte hatten der Witwe persönlich ihre Aufwartung gemacht; – aber seit Wochen ließ sich niemand mehr im Hause blicken. Sie mußte sich eingestehen, und sie tat es mit dem bitteren Gefühle verletzten Stolzes, daß der schlichte, wortkarge, pedantische Mann, um den sie sich seit Jahren kaum noch bekümmert hatte, weil er »schwer« war, weil er sie langweilte, den niemand in Gesellschaften zu bemerken schien, wo sich alles um sie, die Schönste der Schönen, drängte, daß dieser Mann es gewesen war, dem sie alles verdankte, was sie im Leben erfreut hatte. Sie fühlte jetzt, da sie allein blieb, was sie mit Harry Maclean verloren hatte. – Wo waren die Freunde des Hauses geblieben? – Verschwunden! Und ihre Freunde? – Sie hatte nie Freunde gehabt. – Sie dachte an Katharina und John, aber nur einen Augenblick, dann machte sie entmutigt eine abwehrende Bewegung mit der Hand; an Valerie, die Getreue. – Sie lächelte bitter. Die liebenswürdige Schneiderin war ihr mit ihren überschwänglichen Ergebenheitsversicherungen plötzlich unangenehm geworden. Sie hatte ihr nicht etwa die Tür gewiesen, sie zeigte ihr, wenn sie kam – was häufig geschah –, ein möglichst freundliches Gesicht, und ihre Trauerkleider waren im »Hause Didier« gemacht und wie gewöhnlich übermäßig teuer und sofort bezahlt worden; – aber mit der Liebe für die Jugendfreundin war es wohl zu Ende; denn zweimal schon hatte Monja sich, wenn auch in der schonendsten, vorsichtigsten Weise, vor der treuen Valerie verleugnen lassen. Sie konnte doch am Ende nicht die Schneiderin Mademoiselle Didier zum Grundpfeiler des gesellschaftlichen Gebäudes machen, in dem sie in Zukunft hausen wollte! – Wenn sie sich wieder verheiratete? Sie dachte als Freier an diesen und jenen, die jahrelang zu ihren Füßen gelegen und wiederholentlich zu verstehen gegeben hatten, daß sie mit Freuden ihr »Herzblut« für sie hingeben wurden. Aber dieser kam nicht und wäre möglicherweise nicht gekommen, auch wenn sie ihn gerufen hätte, und jenen, der die Hand der reichen Witwe wohl bereitwillig ergriffen haben würde, wenn sie sie ihm gereicht hätte, jenen wollte sie nicht.
    Frau Monja hatte den Liebes- und Freundschaftsbeteuerungen ihrer Anbeter, auch der ausgezeichnetsten unter ihnen, niemals vollen Glauben beigemessen; aber daß das angebotene »Herzblut«, das sie in Gedanken oftmals berauscht hatte, ein so elender, nüchterner Saft sei, wie sie nun erkannte, das hatte sie doch nicht erwartet, und das quälte sie. – Blieb ihr denn nichts, nachdem Harry, der ihr so wenig gewesen, gestorben war?
    Ein neuer Gedanke, nagender, bitterer als alle anderen, schien in ihr aufzusteigen, denn ihre Mienen verfinsterten sich, und sie preßte die kleinen, blauweißen Zähne scharf zusammen. – Aber von diesem Gedanken mußte sie sich befreien: es war unerträglich. – Sie stand hastig auf und trat in das Nebenzimmer, in dem Natalie schlief. – Sie hatte, unmittelbar nach dem Tode ihres Mannes, das Schlafzimmer ihrer Tochter neben das ihrige verlegt. Die Einsamkeit der Nacht war ihr beängstigend gewesen, sie hatte ein lebendes Wesen in ihrer Nähe wissen wollen. – Natalie schlummerte sanft. Frau Monja beugte sich vorsichtig zu ihr hinab und drückte einen leisen, langen Kuß auf ihre Stirn. Sie trat beruhigter wieder in ihr eigenes Gemach zurück und vollendete ihre Nachttoilette, wobei sie um den feinen, nackten Hals nichts als ein leichtes, seidenes Tuch schlang. Dann begab sie sich ohne weiteres zur Ruhe, nachdem sie, in dem Augenblick, wo sie sich niederlegte, hastig das Zeichen des Kreuzes geschlagen hatte.
    
  



    XVIII
    John Maclean hatte seit dem Tode seines Bruders noch drei Monate in Edinburg bei seinen Schwestern verlebt und dann die Rückreise nach San Francisco angetreten. Er hatte dort eigentlich wenig zu suchen, aber er fand »drüben« alte Genossen und möglicherweise irgend etwas zu tun. Jedenfalls durfte er hoffen, in Kalifornien schneller mit den langen Tagen fertig zu werden, als ihm dies in Schottland, in der ermüdenden, stillen Einförmigkeit des Hauses seiner Verwandten, möglich gewesen war. – Vor seiner Abreise schrieb er an Frau Monja und an Natalie, und von beiden empfing er mit umgehender Post Antwort auf seine Briefe. – Frau Monja schrieb ganz kurz: Glückliche Reise, beste Wünsche, hoffentlich baldiges Wiedersehen, herzlichste Grüße, auch an die Schwestern, namentlich an Katharina. – Nataliens Brief war länger und wärmer; aber viel besagte er auch nicht. – John Maclean war jedoch nicht anspruchsvoll. Die Briefe, die er schrieb, waren Geschäftsbriefe, und er erwartete auch keine anderen als solche. Nataliens Brief, mit Nachrichten über die Kinder und ihr eigenes Befinden, mit der Versicherung, daß sie ihren »guten Freund Onkel John« schmerzlich vermisse und ihn »recht, recht bald« wiederzusehen hoffe, befriedigte ihn, wenn schon er beim Lesen desselben ein recht wehes Gefühl empfand.
    Die Trennung von den »Mädchen« wurde dem Kalifornier nicht leicht, aber diese taten ihr bestes, um den Abschied nicht zu erschweren. – »Lebewohl, lieber John! Möge es dir gut gehen! Auf Wiedersehen!« – Das waren die letzten Worte, die er mit auf den Weg nahm, als er ihnen auf dem Bahnsteig die Hände zum Abschied drückte. Er blickte noch einmal zum Wagenfenster hinaus, als der Zug sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Da standen die vier schwarzen, großen Gestalten in Reih' und Glied und blickten ihm nach! Er winkte mit der Hand. Sie antworteten in derselben Weise. Und dann verschwanden sie hinter einem Pfeiler, und John Maclean empfand mit einem Gefühl schmerzlicher Leere im Herzen, daß er wieder losgelöst sei von allem, was er auf Gottes Erde liebte und was ihn liebte. – Aber er wurde nicht schwach.
    »Niemals sag': alles ist verloren!« sprach er vor sich hin. Und dann warf er sich in eine Wagenecke und schloß die Augen, wie um zu schlafen.
    Während der Überfahrt von Liverpool nach Neuyork knüpfte Maclean freundschaftliche Beziehungen an mit einem goldhaarigen, blauäugigen, langen, hageren, sehr gesprächigen Herrn Thomas Derrick, dem ersten Ingenieur des Schiffes, mit dem er manches Glas starken, heißen Grog leerte, und der in ihm einen ernsten und aufmerksamen Zuhörer seiner Theorien und Erzählungen fand. Herr Derrick stellte ihm dafür, den anderen Offizieren des Schiffes gegenüber, das Zeugnis aus, er sei ein sehr vernünftiger Mensch, mit dem sich ein ruhiges Wort sprechen lasse. Diese sahen sich Herrn Maclean darauf näher an und gesellten sich später zu ihm, als ob er einer der Ihrigen gewesen wäre, so daß John, als er das Dampfboot in Neuyork verließ, wohl ein Dutzend Paare harter, wettergebräunter Hände zu schütteln hatte, deren Besitzern er ohne Ausnahme die Worte wiederholte: »Froh, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Wenn Sie nach San Francisco kommen, dürfen Sie nicht vergessen, mich aufzusuchen. Bank von Kalifornien! Nie zu verfehlen!« – Er selbst erreichte seine Bestimmung wohlbehalten, ohne daß ihm das geringste Reiseabenteuer zugestoßen wäre und ohne sich unterwegs aufgehalten zu haben. Er hoffte, dort Nachrichten von Nikolaus vorzufinden, von dem er seit dem Tode Harrys nicht wieder gehört, und an den er seit seiner Ankunft in Amerika häufig und liebevoll gedacht hatte.
    Maclean fand in San Francisco in der Tat Nachrichten von Ohlsen, und dieselben waren überraschend. Der Direktor der Bank von Kalifornien überreichte ihm einen großen, sorgfältig verschlossenen Brief, den sein »Partner« für ihn zurückgelassen hatte. Er enthielt verschiedene, weitschweifige Schriftstücke; aber nur die Unterschriften waren von Ohlsens Hand. Es waren Schenkungsurkunden, die von dem ersten Juristen San Franciscos in unantastbarer Form aufgesetzt waren, und die über den größten Teil des Ohlsenschen Vermögens unwiderruflich verfügten. – Nikolaus hatte von dem, was er besaß, 25 000 Dollars für sich behalten und diesen Betrag aus der Bank von Kalifornien entnommen. Das übrige hatte er in drei gleichen Teilen Natalie und deren zwei Halbgeschwistern, Harry Macleans Kindern, geschenkt. Für John war ein Kästchen bestimmt, das die wenigen und wenig wertvollen Schmucksachen enthielt, die Ohlsen seit Jahren getragen hatte. Sonst war in dem Umschlag nichts als die eine Zeile:
    »Noch einmal, lebewohl! N. O.«
    Es schien, als habe Ohlsen sein Testament gemacht, als habe er sterben wollen. Was jedoch Maclean in dieser Beziehung beruhigte, war der Umstand, daß Nikolaus 25 000 Dollars in barem Gelde mit sich genommen hatte. Maclean bemühte sich eifrigst, in Erfahrung zu bringen, was aus dieser Summe und deren Besitzer geworden war; aber seine Nachforschungen blieben erfolglos.
    Nach geraumer Zeit – es mochte wohl ein Jahr dahingegangen sein – drang ganz zufälligerweise ein Gerücht zum Direktor der Bank von Kalifornien, wonach Macleans früherer Partner sich unter einem angenommenen Namen in Blighton Bar, einem neuen Minenlager im Nordwesten von Kalifornien, aufhalte. – Herr Whitley, ein alter Kunde der Bank, der nach Blighton Bar gereist war, um zu sehen, ob dort vielleicht in »Grubenaktien« etwas zu verdienen sei, glaubte Nick Ohlsen dort gesehen und erkannt zu haben. Sicherheit darüber hatte er sich jedoch nicht verschaffen können, da der mutmaßliche Ohlsen ihm aus dem Wege gegangen war, anscheinend absichtlich, denn er hatte sich während Herrn Whitleys Anwesenheit in Blighton Bar nicht wieder vor diesem blicken lassen. – Herr Whitley, ein alter Goldgräber, war nicht neugierig. Er hatte nicht versucht, das vermutete Inkognito aufzudecken. Ohlsen schuldete ihm nichts, und wenn er ihm aus dem Wege ging und unter einem angenommenen Namen leben wollte, so war das seine Sache.
    Der Bankdirektor, dem Macleans Nachforschungen nach Ohlsen bekannt waren, teilte dem Schotten mit, was Whitley ihm erzählt hatte. Dieser und Maclean kannten sich seit langen Jahren, ihre Hütten hatten nebeneinander gestanden in dem Lager, in dem Maclean und Ohlsen Freundschaft geschlossen hatten. – Der alte Goldgräber war einem Genossen aus jenen Tagen gegenüber mitteilsamer als dem Bankdirektor; aber viel Neues erfuhr Maclean nicht von ihm, nur daß Whitley nun mit Bestimmtheit versicherte, Ohlsen gesehen zu haben.
    »Ich würde doch Nick Ohlsen nicht mit einem andern verwechseln!« sagte er. »Ich kenne doch seinen Gang und seine Schultern, wenn ich ihn von hinten sehe. Er war es, so sicher, wie ich Bob Whitley bin. Aber er wollte mich nicht kennen.«
    »Wie sah er aus?«
    »Gealtert, abgemagert, wie einer, der die Fieber gehabt hat. Er hatte sich den ganzen Bart wachsen lassen und die Haare kurz geschnitten. Er sah mich eine Sekunde an – gerade so –« Herr Whitley blickte Herrn Maclean scharf in das Weiße der Augen – »dann wandte er sich ab und ging – aber ich hatte ihn erkannt.«
    »Wie nannte er sich?«
    »Das habe ich vergessen, alter Mann! Ich wußte nicht, daß die Sache Sie kümmerte, hatte Nick seit drei, Sie seit zwei Jahren nicht gesehen. ›Das Kompagniegeschäft muß wohl aufgelöst sein‹, dachte ich mir. Ich wunderte mich darüber, denn Ihr war't ja seinerzeit mächtige Freunde. Aber ich forschte nicht weiter nach. Gefährliche Sache, Wißbegierde, mit Burschen wie Nick; und ich, offen gesagt, habe, seitdem ich verheiratet bin, kein Vergnügen mehr an Auseinandersetzungen.«
    »Schien er in Blighton Bar ansässig, bekannt?«
    »Ja, sicher! Man zeigte mir seine Hütte.«
    »Und Sie können sich auf seinen Namen nicht besinnen?«
    »Ich hörte ihn nur ein einziges Mal und forschte nicht weiter. Der Vorname war ›Georg‹; aber ich will verdammt sein, wenn ich mich besinnen kann, unter welchem Familiennamen er segelte.«
    Mit diesen Nachrichten machte sich John Maclean unverzüglich auf den Weg nach Blighton Bar. – Ohlsen hatte in London geschrieben, er wollte ihn, Maclean, niemals wiedersehen; aber das war für John ohne Bedeutung. Er wünschte, seinen alten Nick wiederzusehen! Achtzehn Monate waren nun seit der Flucht aus Lower Norwood vergangen. Die Zeit hatte möglicherweise ihre Wirkung getan, und Nikolaus war von seiner schwermütigen Laune geheilt. Dann sollte er wieder nach San Francisco zurückkehren und dort mit seinem alten Kameraden wie ein vernünftiger Mensch leben.
    Maclean langte an einem heißen Junitage in dem neuen Goldlager an. Er war mit den Gebräuchen derartiger Ansiedlungen von alters her wohlbekannt, und sein ganzes Auftreten zeigte den »Jungen«, die vor der Schenke des Ortes die Ankunft der Post abwarteten, daß sie eine »alte Hand« vor sich sähen. – Der Wirt begrüßte ihn dementsprechend mit einem gewissen Respekt und fragte, was zu seinen Diensten stände. – Maclean begnügte sich damit, seinen Reisekoffer in Verwahrsam zu geben, da er sich zunächst im Lager etwas umzusehen wünschte. Er hatte nämlich seinen Feldzugsplan gemacht. Er wollte, ohne an irgend jemand eine Frage zu richten, die wenigen Hütten und Arbeitsplätze des kleinen Lagers absuchen, und wenn er Nick gefunden hatte, ihm die Hand auf die Schulter legen, als wäre er ein Schutzmann, und ihm sagen: »Junger Mann, Sie sind mein Gefangener! Sie werden mich sofort nach San Francisco begleiten!« – Dieser Plan hatte Herrn Maclean während des ganzen Weges beschäftigt und ihn verschiedene Male vergnüglich lächeln machen.
    Als Maclean die letzte Hütte des Lagers erreicht hatte, ohne bis dahin auf Ohlsen gestoßen zu sein, schickte er sich an, die Arbeitsplätze zu besuchen. Er bedurfte zu dem Zwecke eines Führers und sah sich nach einem solchen um. Da erblickte er vor sich, auf einer kleinen Anhöhe, im Schatten eines Baumes, ein abgerissenes Individuum, das, auf dem Bauch ausgestreckt, den Kopf auf beide Hände gestützt, mit sichtlichem Wohlbehagen eine kurze Pfeife rauchte und dabei die große, ruhige Landschaft in Augenschein nahm, die, im Sonnenschein gebadet, zu seinen Füßen dalag. – Maclean rief ihn an.
    »He! Sie Mann dort oben!«
    Der Gerufene wandte die Augen nach rechts, um den Störenfried zu sehen; aber er rührte sich sonst nicht.
    »Wollen Sie ein paar Dollars verdienen, dann bemühen Sie sich herunter zu mir?«
    »Es ist nicht weiter von unten nach oben, als von oben nach unten!« schallte es zurück, und dann wandten sich die Augen des Ruhenden wieder dem Pfeifendampf zu, der sich ergötzlich in der stillen, hellen Luft kräuselte.
    Maclean wußte, daß er nachzugeben hatte, wenn er sich mit dem Mann verständigen wollte, und klomm den Hügel empor. Da erblickte er in der Ebene, die sich unübersehbar weit vor ihm ausstreckte, in geringer Entfernung einen Reiter, der in gestrecktem Galopp dahinflog. Es war unmöglich, die Gestalt, die ihm den Rücken zukehrte, zu erkennen; aber die Art und Weise, wie sie sich, etwas nach vorn gebeugt, im Sattel hob und senkte, geschmeidig den Bewegungen des dahinsprengenden Pferdes folgend, erregte Macleans Aufmerksamkeit. – Neben dem Pferde jagten in langen, leichten Sprüngen zwei große Hunde, in denen Maclean schottische Windhunde zu erkennen glaubte.
    »Hallo! Wer ist das?« rief er.
    Der Liegende, dem er sich jetzt auf kurze Entfernung genähert hatte, hob die Augenbrauen und musterte ihn von der Fußsohle bis zum Scheitel, wie etwas Außerordentliches, Sehenswertes.
    »Wer ist der Reiter dort?« wiederholte Maclean aufgeregt.
    Der Liegende veränderte darauf langsam seine Lage. Er richtete den Oberkörper halb in die Höhe, wobei er sich nachlässig auf die linke Hand stützte, und nahm mit der Rechten die Pfeife aus dem Munde, um zu sprechen. – Aber »der Fremdling« bereitete ihm zunächst noch eine neue Überraschung. Dieser hatte nämlich plötzlich beide Hände an den Mund gelegt, und wie Trompetenton schmetterte aus seiner breiten Brust ein langgezogener, wilder Schrei: »Haia–o–hih!«
    Die stille Luft trug den Schall weit hinaus in das Land, bis zu dem fernen Reiter. Die beiden Windhunde stutzten im Sprunge, knickten zusammen, wandten die Köpfe dem Hügel zu und setzten dann in langen Sätzen ihren wilden Lauf fort. Aber den Reiter schien der Schrei wie eine Kugel getroffen zu haben. Man sah deutlich. wie er sich schnell und tief auf den Hals des Pferdes beugte, das einen mächtigen Sprung machte, als sei es wütend gespornt worden, und dann mit rasender Geschwindigkeit weiterflog.
    Maclean, dessen Augen unverwandt auf den Fliehenden gerichtet gewesen waren, hörte jetzt neben sich sprechen.
    »Wollen Sie mir sagen, Fremdling,« so begann das sitzende Individuum, »wer Sie eigentlich sind, der Sie rufen, als wären Sie ein Eingeborener, Leute anreden, denen Sie nicht vorgestellt worden sind, und Fragen an sie richten, als wären diese in der Welt nur dazu da, um Ihnen Auskunft zu geben.«
    »Wollen Sie zehn Dollars verdienen?« fragte Maclean schnell.
    »Das ist wieder eine Frage; aber darauf antworte ich: ja!«
    John zog zwei Goldstücke aus der Börse und reichte sie dem Mann.
    »Wer ist jener Reiter?« fragte er sodann.
    Der Gefragte beschattete seine Augen mit der einen Hand und blickte nach dem Fliehenden, dessen rasch dahinziehende Gestalt mit jeder Minute undeutlicher wurde.
    »Wenn ich Georg Gilmore nicht vor einer Viertelstunde noch auf der Post gesehen hätte, so würde ich antworten: Georg Gilmore. Das ist sein Sitz. – Und richtig: er ist es! Fly und Panther sind bei ihm. Sehen Sie nicht die beiden Hunde?«
    »Hier sind noch zehn Dollars,« sagte Maclean ungeduldig; »aber nun antworten Sie mir schnell! Wohin führt jener Weg?«
    »In die Prairien.«
    »Wissen Sie, wohin Gilmore reitet? Und könnte man ihn wieder einholen, um ihm eine gute Nachricht zu geben?«
    »Wohin er reitet, das weiß ich nicht« – war die Antwort. »Er hat es mir nicht gesagt. Aber vielleicht können wir etwas darüber auf der Post oder in seiner Hütte erfahren. Kommen Sie, Fremdling! Ich werde Ihnen den Weg zeigen. – Ihn einzuholen aber, daran ist nicht zu denken. Er hat das einzige gute Pferd im Lager und ist der beste Reiter.«
    Der Mann war jetzt aufgestanden und ging gelassen, aber weit ausschreitend voran. Maclean folgte ihm. Nach wenigen Minuten blieb der Führer vor einer Hütte stehen, deren angelegte Tür er öffnete, und die er sodann von der Schwelle aus aufmerksam in Augenschein nahm.
    »Ja, er ist gegangen,« berichtete er, sich an Maclean wendend, der hinter ihm stehen geblieben war; »und wohl auf einen weiten Weg. Er hat seine »Henry« und die großen Satteltaschen mitgenommen. Er scheint auch noch gekramt zu haben, ehe er ging. Sein Koffer ist offen und halb geleert.«
    Maclean trat in die Hütte und sah sich dort um. Außer einigem Sattel- und Reitzeug aus der besten Londoner Werkstatt, das der Besitzer sich aber auch in San Francisco angeschafft haben konnte, war in der Hütte nichts zu sehen, als was zur gehörigen Ausstattung eines Goldgräbers gehört. An einem Nagel hingen eine Joppe und ein Beinkleid, und darunter standen ein Paar starke, hohe Stiefel. »Der Anzug würde Ohlsen gepaßt haben,« dachte Maclean, und in seinem Geiste sah er Nikolaus darin stehen, wie vor zehn Jahren, einen herzhaften, lebensmutigen Mann, der sich damals stark genug gefühlt hatte, den Kampf mit der ganzen Welt aufzunehmen. Und nun war er zu Boden geschlagen, wahrscheinlich durch ein Paar weiche Frauenhände!
    Auf der Post, der Hauptschenke von Blighton Bar, erfuhr Maclean im Gespräch mit einigen der Honoratioren des Lagers, daß sein Begleiter den harmonischen Namen Jim Croker führe und ein großer Freund berauschender Getränke, sonst aber ein nichtsnutziges, wenn auch harmloses und friedfertiges Individuum sei; auf seine Mitteilungen über Georg Gilmore dürfe man sich jedoch verlassen, denn er kenne diesen besser als ein anderer Mann im Lager, da Gilmore Herrn Jim Croker mehrere Male zu Dienstleistungen in seinem Stall und in seiner Hütte benutzt, für die er ihn wahrscheinlich immer sehr gut bezahlt habe, denn Jim sei darauf regelmäßig drei Tage hintereinander vollständig betrunken gewesen. – Maclean erschien den Goldgräbern als eine vertrauenswürdige Person. Man glaubte ihm aufs Wort, als er erklärte, er hätte Gilmore gern getroffen, um ihm etwas Angenehmes mitzuteilen, und man war nicht wortkarg in der Berichterstattung über den Verschwundenen.
    Georg Gilmore hatte in Blighton Bar ein zurückgezogenes Leben geführt, auch nicht viel gearbeitet, wenn schon man ihm beim ersten Spatenstich, den er getan, angemerkt hatte, daß es eine »alte Hand« sein müßte. Er hatte jeden Tag die Post abgewartet, aber sich nie nach einem Brief erkundigt, auch nie einen bekommen oder geschrieben. Es wäre so seine Gewohnheit gewesen, und niemand würde daran gedacht haben, sich auf seinen Platz zu stellen, am Pfeiler, am Ende der Veranda; denn obgleich er niemals ein Wort lauter als das andere gesprochen, so hätte doch jedermann vermieden, sich ihm unangenehm zu machen; es wäre etwas Eigentümliches in seinem Blick gewesen, das jede Vertraulichkeit zurückgewiesen hätte.
    »Trank er, spielte er?« fragte Maclean.
    »Nein.«
    »Was tat er während der langen Abende? Er konnte doch nicht allein in seiner Hütte sitzen?«
    »Nun, er trank und spielte natürlich; aber nicht, was man trinken und spielen nennt. Er tat es ohne Freude. Er nahm keine Bank, auch war er niemals betrunken. David O'Connor, der spielt. – Hat gestern wieder alles bis auf seinen letzten Cent verloren; und Jim Croker – der trinkt. – Nein! Gilmore spielte nicht und trank auch nicht. – Er war ein Mann, Herr Maclean, der einem leid tat. Nicht, daß er jemals geklagt hätte; aber er sah aus wie jemand, dem etwas am Herzen nagt, das ihm jede Freude abfrißt. Wir haben manchmal untereinander über ihn geredet und kalkuliert, daß er jenseits des Wassers etwas verübt oder verloren haben müßte, was ihm Ruhe und Frieden raubte. – Wissen Sie, wie wir ihn nannten? Peter Schlemihl, den Mann, der seinen Schatten verloren hat. Denn etwas Außergewöhnliches, Geheimnisvolles war es um Gilmore. Ein einfaches Verbrechen hatte er nicht begangen. – Man hat ja in seinem Leben schon Mörder und Räuber und Falschmünzer gesehen! Aber diese Leute, auch wenn sie den Sheriff auf ihren Fersen wußten, sahen nicht so trostlos aus wie Georg Gilmore. – Peter Schlemihl war der richtige Name für ihn.«
    Maclean blieb noch drei Tage in Blighton Bar. Vor seiner Abreise übergab er dem Postmeister für Georg Gilmore einen Brief, der nach sechs Wochen an Maclean zurückgesandt werden sollte, falls es bis dahin nicht gelungen wäre, den Adressaten aufzufinden.
    Der Brief gelangte wieder in Macleans Hände. Gilmore, so berichtete der Postmeister in einem freundschaftlichen Schreiben, sei im Lager nicht wieder aufgetaucht und auch sonst nirgends zu entdecken gewesen.
    Um dieselbe Zeit empfing Maclean einen unerwarteten und angenehmen Besuch, nämlich den seines flachshaarigen, gesprächigen Freundes Thomas Derrick, mit dem er vor Jahr und Tag die Reise von Liverpool nach Neuyork gemacht hatte. Derrick war auf eine andere Linie versetzt worden und fuhr jetzt zwischen Panama und San Francisco. Er hatte Maclean gleich nach seiner ersten Reise aufgesucht, aber nicht angetroffen und auf der Bank von Kalifornien erfahren, daß jener auf einige Tage in das Innere gegangen sei und voraussichtlich bald wieder nach San Francisco zurückkehren werde.
    »Wann war das?« fragte Maclean.
    »Am 18. Juli,« antwortete der Ingenieur.
    Er war des Tages sicher, denn das Dampfboot, auf dem er diente, hatte einen »Postkontrakt« und mußte stets innerhalb bestimmter kurzer Fristen seine Reisen vollenden.
    »Am 18. Juli war es,« wiederholte er. »Wir blieben eine Woche hier und fuhren am 25. nach Panama zurück.«
    »Das stimmt,« sagte Maclean. »Ich war um die Zeit im Nordwesten auf der Suche nach einem verlorenen Freunde.«
    Und da John Maclean und Thomas Derrick mittlerweile beim vierten großen Glase starken, heißen Grogs angelangt waren, und der Schotte das Bedürfnis fühlte, von dem zu sprechen, was ihm schwer auf dem Herzen lag, so erzählte er dem Gast die Geschichte seiner Fahrt nach Blighton Bar, ohne jedoch Ohlsens wahren Namen zu nennen.
    »Wie sah der Mann aus?« fragte Thomas Derrick.
    Maclean gab eine genaue Beschreibung von Ohlsens Äußerem.
    Derrick strich sich den Bart, schaute nachdenklich in das vor ihm stehende Glas, nahm einen tiefen Zug daraus und sagte sodann:
    »Ich habe Ihren Mann.«
    »Wie? – Was?« fragte Maclean aufgeregt.
    »Er nannte sich Alexander Allen,« fuhr der Ingenieur ruhig fort; »aber ich will mich hängen lassen, wenn er nicht Ihr Georg Gilmore war . . . Also hören Sie . . . Als die ›Goldene Küste‹ – dies war der Name des Dampfers, auf dem Herr Derrick jetzt fuhr – bereits von der Boje los war und die letzten Boote das Schiff verlassen hatten, näherte sich noch ein kleines Gig. Die Treppe war schon aufgezogen; aber der Passagier, der in dem Boote saß, nahm ein Seil, das ihm hingeworfen wurde, und schwang sich an Bord wie ein Lotse. – Er führte nur einen kleinen Handkoffer mit sich, der ihm nachgereicht wurde. Er sah aus wie ein geborener Gentleman, nahm sein Billett zur ersten Kajüte und zahlte dafür in Gold. Mir war es aufgefallen, wie gut er an Bord kam, um so mehr, als ich bei seinem elenden Aussehen nicht so viel Entschlossenheit bei ihm vermutet hatte, und als das Schiff unterwegs war und ich am Abend auf dem Deck spazierenging, redete ich ihn an. – Er hatte sich von den anderen Reisenden abgesondert und saß hinten am Steuer, eine Pfeife rauchend. Er antwortete mir zunächst ziemlich einsilbig. – Ja, er käme von San Francisco; ja, er hätte den Dampfer um ein Haar verfehlt. – Ich sagte, ich hätte San Francisco erst vor kurzem kennen gelernt; es wäre eine hübsche Stadt. – ›Ja.‹ – Ich besäße dort nur einen einzigen Bekannten. – ›So?‹ – Ob er, Herr Allen, ihn vielleicht kenne? Sein Name sei John Maclean. – ›Ich kenne einen Mann des Namens: groß, stark, schwarze Haare, schwarze Augen, glatt rasiert, gute Zähne.‹ – ›Stimmt,‹ sagte ich. – Und dann erzählte ich, daß wir vor fünfzehn Monaten auf einer Reise von Liverpool nach Neuyork zusammen gewesen wären. Er schien sich für Sie zu interessieren. Er fragte, wie Sie ausgesehen, wie Sie sich auf der Fahrt gehalten hätten, und als ich darauf antwortete, Sie wären guter Dinge gewesen, da sagte er, das freue ihn. Als ich dann aber hinzufügte, wir hätten uns angefreundet, ich würde Sie bei meiner nächsten Reise in San Francisco aufsuchen, ob ich Grüße oder Bestellungen von ihm ausrichten sollte, da erwiderte er, nein, er danke, Sie würden ihn gar nicht kennen, er wisse nur zufälligerweise, wer John Maclean sei. – Aber er kam in unseren späteren Unterhaltungen immer wieder auf Sie zurück und wurde nicht müde, zuzuhören, wenn ich von Ihnen sprach. – Ich fragte ihn, ob er in Panama bleiben werde, dann könnten wir dort einmal einen vergnügten Abend zusammen verbringen. Er lehnte ab, indem er sagte, er beabsichtige, sich nur kurze Zeit auf dem Isthmus aufzuhalten und nach Costarica zu gehen. – Nachdem er das Boot verlassen hatte, sah ich nichts mehr von ihm. – Weshalb er sich Alexander Allen nannte und nicht unter seinem wahren Namen Georg Gilmore reiste, das müssen Sie besser wissen als ich; aber daß er Ihr Georg Gilmore war, darauf möchte ich schwören und sogar wetten. – Ihre Freunde in Blighton Bar hatten ganz recht: – Peter Schlemihl war der Name für ihn. Er ging einher wie einer, der etwas Unersetzliches verloren hat.«
    Es war John Maclean unerklärlich, weshalb Gilmore sich wie ein geächteter Verbrecher vor ihm und der Welt verbarg. Der Ingenieur bemerkte darauf bedächtig, daß Lumpe, Lügner und Verräter genug in der Welt umherliefen, welche die Stirn hätten, wie Ehrenmänner aufzutreten, und daß es deshalb nicht gar zu sonderbar erscheinen dürfte, wenn es einem anständigen Menschen einmal gefiele, sich wie ein Verräter zu verstecken. Es gäbe eben unaufgeklärte Geheimnisse in der Natur, die ja bekanntlich von Zeit zu Zeit sehr sonderbar spielte. Herr Derrick war, als er diese sinnreiche Bemerkung von sich gab, soeben mit einem »allerletzten« Glase Grog fertig geworden und äußerte nun mit etwas schwerer Zunge den Wunsch, an Bord »gesehen zu werden«, da er zu der vorgerückten Stunde und in der unbekannten Stadt den Weg zum Hafen verfehlen könnte.
    Maclean begleitete den Ingenieur darauf bis an sein Boot, das am Landungsplatze auf ihn wartete, und ging dann nach Hause, nachdenklich über das, was er im Laufe des Abends über Nikolaus Ohlsen erfahren hatte. – Es war das letzte, was er je von seinem alten Kameraden hörte. Er sagte sich, daß er nicht das Recht habe, ihn ferner zu verfolgen, der sich so ängstlich bemüht zeige, sich ihm zu entziehen. – Der Tod seines Bruders hatte ihn tief geschmerzt, aber er hatte den Schmerz überwunden; es wurde ihm schwer, auf seinen Freund verzichten zu sollen; aber er verzichtete auf ihn und lebte weiter und fand hie und da, anfänglich mit einem Gefühl von Reue, auch wieder Freude am Dasein. – Thomas Derrick, der ihn regelmäßig alle sechs Wochen besuchte und in ihm einen gelehrigen Schüler für die tiefe Lebensphilosophie fand, die er sich während seiner langen Überfahrten auf dem Stillen Ozean angeeeignet hatte, erklärte ihm, seine Reue habe keinen sittlichen Wert, es sei unphilosophisch sie zu kultivieren.
    »Übrigens,« so schloß er eine lange Abhandlung, »müssen Sie bedenken, daß es für Ihren Bruder ein großer Schmerz gewesen wäre, wenn Sie vor ihm gestorben wären, und daß Sie ein Leid tragen, das einer von Ihnen beiden notwendigerweise tragen mußte. – Ich habe keine Geschwister und bin nicht verheiratet; ich habe nur noch meine Mutter auf der Welt. Wenn die stirbt, bin ich ganz allein. Aber ich hoffe, ihr die Augen zuzudrücken, und daß der alten Frau der Schmerz erspart bleibe, mich zu überleben.«
    »Da haben Sie ganz recht,« sagte John Maclean, diesmal vollständig überzeugt.
    Macleans Trübsinn schwand von diesem Zeitpunkt an ziemlich schnell. Er war einundvierzig Jahre alt, aber fühlte sich noch jung, und er nahm sich vor, noch einmal seine Netze auszuwerfen und zu versuchen, sein Glück zu fangen. – Seine Verbindung mit der Heimat war nicht unterbrochen worden. Er empfing ganz regelmäßig Nachrichten von seinen Schwestern, von Herrn Brent, dem gewissenhaften Vormund seines Neffen und seiner Nichte, und auch von Natalie. Diese Briefe, die sich gegenseitig ergänzten, erzählten mit zahlreichen Einzelheiten, was in der Familie in England vorging. Die beiden kleinen Kinder waren wohl; sie wuchsen und gediehen. Auch von Natalie trafen erfreuliche Nachrichten ein. Sie war bereits mehrere Male und auf längere Zeit zum Besuch bei den Schwestern in Schottland gewesen, die sich mit ihrer Schönheit und ihrem fremdartigen Wesen ausgesöhnt hatten und ihr das Zeugnis ausstellten, sie sei ein gutes, stilles, vernünftiges Mädchen. Sie war mit den Kindern nach Edinburg gekommen, um nicht allein mit ihnen in Lower Norwood zu bleiben, während ihre Mutter auf Reisen ging. – Über diese lauteten die Nachrichten traurig. – Nach Nataliens Berichten war sie immer leidend; namentlich quälte sie Schlaflosigkeit. Sie fand nirgends Ruhe. Sie hatte alle möglichen Kurorte und alle möglichen Arzneien versucht. Am besten hatte ihr noch eine Reise nach Kiew getan, der alten, heiligen russischen Stadt, wo sie nahe an drei Monate geblieben war. Heilung ihres peinigenden Leidens hatte sie jedoch auch dort nicht gefunden. Gesunden, natürlichen Schlaf kannte sie gar nicht mehr. Sie versank vor übergroßer Ermattung von Zeit zu Zeit in einen leichten Schlummer; aber nicht selten erwachte sie daraus mit einem Gefühl großer Beängstigung. Sie durfte deshalb auch niemals allein sein, und während der ganzen Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Eine russische fromme Schwester verrichtete diesen schweren Dienst. Die Mutter hatte sie aus Kiew mitgebracht. Sie war eine ganz zuverlässige Person, die aber kein Wort Englisch verstand, so daß sie mit niemand im Hause als mit der Mutter verkehren konnte. – Fräulein Valerie Didier, deren sich Onkel John wohl noch erinnern werde, wäre gern bereit gewesen, Wärterdienste zu leisten; aber die Kranke habe dies nicht zugeben wollen. Überhaupt habe sie Fräulein Didier in letzter Zeit nicht mehr gesehen. Sie, Natalie, könne sich aber auch nicht nützlich machen. Die Mutter ziehe vor, von Fremden gepflegt zu werden, weil sie häufig nervöse Krisen habe, durch die sie ihre Kinder und Verwandten – denn auch Katharina habe sich ihr zur Verfügung gestellt – nicht erschrecken und unnütz aufregen wolle.
    »Sie würden meine arme Mutter nicht wiedererkennen,« schrieb Natalie in ihrem letzten Briefe. »Sie ist abgemagert zum Skelett, und ihre schönen Haare sind ganz weiß geworden.«
    Die nächste Post brachte einen Brief von Katharina aus Lower Norwood. Harrys Frau war gestorben, »versehen mit den heiligen Sakramenten der Kirche«, besagte die amtliche Todesanzeige.
    Katharinas Brief setzte hinzu, sie sei durch ein Telegramm Nataliens nach Lower Norwood gerufen worden und habe dort ihre Schwägerin bereits sterbend gefunden.
    »Sie war noch bei Bewußtsein, als ich mich ihrem Bette näherte. Ich hätte sie nicht erkannt, wenn ich nicht gewußt hätte, wer sie war. Ich habe viele sterben sehen, aber keinen, der sich vor seinem Tode so verändert hätte. Sobald sie mich erblickte, sagte sie mit matter Stimme: ›Liebe Katharina, Sie verzeihen, was ich gesündigt habe.‹ – Darauf antwortete ich: ›Liebe Schwester, ich weiß nicht, was ich dir zu verzeihen hätte. Aber woran du auch in diesem Augenblicke denken magst, ich verzeihe es dir von ganzem Herzen. Gott sei deiner armen Seele gnädig!‹ – ›Amen!‹ sagte sie inbrünstig, und das war ihr letztes Wort. Aber sie verschied erst am nächsten Morgen. Sie ist unserm Harry schnell gefolgt. Sie hing mehr an ihm als wir geglaubt hatten, und sie hat einen schweren Tod gehabt. Friede ihrer Asche!«
    Bald darauf trafen auch Briefe von Natalie und Herrn Brent in San Francisco ein, aus denen hervorging, daß die verwaiste Familie nach Schottland übersiedeln werde. Herr Brent hatte sich in seiner Eigenschaft als Vormund darüber mit der ältesten Miß Maclean verständigt, die er als eine ganz hervorragende Person bezeichnete, von der mit Sicherheit anzunehmen sei, daß sie die Erziehung der beiden Kinder in der besten Weise leiten werde. Auch Fräulein Antoniades werde zweifelsohne in dem Hause ihrer Tante besser aufgehoben sein, als irgend wo anders. Er habe das junge Mädchen, das nun in kurzer Zeit selbständig sein werde, natürlich um ihre Ansicht gefragt, aber nicht nötig gehabt, sie zu beeinflussen; denn Fräulein Antoniades habe als selbstverständlich angenommen, daß sie zu ihren Tanten nach Edinburg ginge. Herr Brent fügte hinzu, Fräulein Natalie sei sehr schön geworden, jedoch sehe sie ihrer Mutter nicht ähnlich. Ihre Schönheit sei, sozusagen, milderer Art, sei nicht so auffallend und stolz, wie es die der verewigten Frau Harry Maclean zur Zeit ihrer Blüte gewesen sei. Auch mache Fräulein Antoniades durchaus den Eindruck einer sanften und gutmütigen Person, was man doch von ihrer Mutter nicht habe sagen können, wenn schon damit keineswegs etwas Unverbindliches gegen die Verstorbene ausgesprochen werden solle.
    John Maclean hielt es für seine Pflicht, sich einen schwarzen Flor um den Hut zu binden; aber in seinen Herzen war keine Trauer. Dagegen dachte er viel an die überlebenden Kinder. Es war als Vormund seine Schuldigkeit, jetzt doppelt für die Kleinen zu sorgen, und er korrespondierte darüber lebhaft und regelmäßig mit Natalie und mit seiner Schwester Katharina. Seine Briefe an diese beschäftigten sich aber vorzugsweise mit Natalie, und Katharinas Antworten taten ein gleiches. Eines Tages schrieb sie ihm, seine Anfrage, ob Natalie noch an Herrn Ohlsen denke, beantworte sie entschieden mit nein; wenigstens denke Natalie nicht mehr an den jungen Mann in der Weise, die John allein meinen könne. Sie sei vor vier Jahren noch ein Kind gewesen, sie habe sich damals in Ohlsen verliebt und sein Verschwinden mit aufrichtigem und tiefem Schmerz empfunden. Aber solche Wunden seien jungen Herzen nicht tödlich; die meisten heilten gründlich davon, und dies sei zweifelsohne auch bei Natalie der Fall. Ohlsen habe sich vergessen machen wollen, und dies sei ihm gelungen. Nataliens Herz sei frei, und da John das junge Mädchen liebe, was sie, Katharina, ja längst erkannt habe, so könne sie ihm nur anraten, sein Glück zu versuchen und Mut zu haben; dann würde es ihm wohl auch glücken, die Braut heimzuführen.
    Darauf stand in der nächsten in den Zeitungen veröffentlichen Passagierliste der »Goldenen Küste« auch der Name von »John Maclean, Esqre. von San Francisco via Panama nach England«.
    Ein einsamer Mann, der eine kleine Hafenstadt in Zentralamerika bewohnte, las diese Anzeige und begab sich bald darauf nach Kalifornien; aber nicht mit dem Dampfschiff »Goldene Küste«, auch nicht nach San Francisco, sondern nach Sacramento. Er hinterlegte dort auf einer Bank unter dem Namen von Georg Gilmore eine Summe von zwanzigtausend Dollar und zog sodann in das Innere als »Prospektor«, d. h. als einer jener furchtlosen Abenteurer, die in neuen, noch nicht erforschten Gebieten nach Gold suchen. Von Zeit zu Zeit kehrte er nach Sacramento zurück, um Mundvorrat und Munition einzukaufen. Er schien keine Bekannte zu haben und auch keine Verbindungen zu suchen. Er verbrachte seine Zeit im Lesezimmer, wo er alte und neue Zeitungen durchblätterte. Bei einer solchen Gelegenheit fand er eines Tages unter der Überschrift »Heiraten« die kurze Notiz:
    »John Maclean Esqre. aus San Francisco (Kalifornien) mit Natalie Antoniades aus Lower Norwood (England) im Hause der Misses Maclean in Edinburg (Schottland).«
    Dabei stieg dem Leser das Blut in das Gesicht, und das Herz schlug ihm. Aber sein Blick wurde bald darauf freudiger. Er zeigte fortan ein weniger scheues Wesen und begann, sich an der »Bar« an der Unterhaltung der dort zahlreich versammelten Gäste zu beteiligen. Wenige Tage darauf verließ er Sacramento wieder, um eine neue Forschungsreise anzutreten. Es sollte die letzte sein, sagte er dem Wirt. Dieser möchte ihm einen kleinen Handkoffer aufheben, der einige Kleidungsstücke enthalte, die ihm augenblicklich unnütz seien; wenn er zurückgekehrt wäre, so wolle er sich in Sacramento niederlassen; er sei des Lebens in den Prairien und Bergen müde.
    »Es ist ein einsames Leben und ein gefährliches Leben,« sagte der Wirt. »Es wird mich freuen, Sie wiederzusehen. Glückliche Reise, Herr Gilmore! Ihre Sachen nehme ich in guten Verwahrsam, bis Sie dieselben wieder abfordern.«
    Aber diese Sachen wurden nicht wieder abgeholt, und nach Jahr und Tag nahm der Wirt an, der Besitzer derselben müsse wohl im Schnee verlorengegangen oder Indianern in die Hände gefallen und dabei ums Leben gekommen sein. Der Koffer wurde im Beisein eines Beamten geöffnet; er enthielt jedoch nichts, was über die Herkunft Georg Gilmores Auskunft gegeben hätte. – Sein Name stand darauf noch eine Zeitlang im Amtsblatt, in der »Liste der Vermißten«; nach der üblichen Frist wurde er wieder daraus entfernt, und damit verschwand sodann die letzte schwache Spur des Verlorenen und Vergessenen.
     
    Helgoland, im September 1882.
    
  

