

      Erstes Buch
      Erstes Kapitel
      Amerika! Welcher Name hat einen Inhalt gleich diesem Namen! Wer nicht Dinge der gedachten Welt nennt, kann in der wirklichen Welt nichts Höheres nennen. Das Individuum sagt: mein besseres Ich, der Erdglobus sagt: Amerika. Es ist der Schlußfall und die große Kadenz im Konzerte der menschlichen Vollkommenheiten. Was unmöglich in Europa, ist möglich in Amerika; was unmöglich in Amerika, das erst ist unmöglich! Ich sehe hier die höchste gesunde Kraftentwicklung des volljährigen Menschenkörpers; drüber hinaus liegt Konvulsion und Delirium!«
      »Amerika! heilige Erstarrung ergreift mich bei deinem Anblicke. Die Schauer der Menschengröße wehen von deinen Ufern. Menschengröße, wer kennt dein Gefühl in Europa? Karl der Große, Ludwig der Große, Friedrich der Große – das sind die Menschengrößen der alten Welt. Was sonst noch groß ist neben ihnen, wird dekoriert oder hingerichtet! – O weiche zurück, Andenken Europas, vor dem blühenden Bilde dieser jungen Erde! Sei mir gegrüßt, Morgenstirn, Morgenantlitz, frische, schwellende, aufstrahlende Schönheit! Ein jugendlicher Mensch ist die Freude des älteren, aber eine jugendliche Welt, – ist es möglich, diesen Wonnebegriff in ein sterbliches Herz aufzunehmen? Glückliches Land! mit allen Säften unsrer Geschichte bist du genährt, aber wir sind die gröbsten, du das feinste Gefäß dieser Säfte. Asien die Wurzel, Europa der Stamm, Amerika Laub- und Blütenkrone – so gipfelt sich das Wachstum der Menschheit. Und die runzeligen Rinden Asiens und Europas durchkriecht das Insekt, auf Amerikas Wipfel wiegt sich der freie, fröhliche Vogel! In unsern geschichtlichen 
       Schlupfwinkeln verpuppt sich die graue, schläferige Raupe, aus Amerikas Blütenkelchen trinkt der Schmetterling seine Psyche-Unsterblichkeit!«
      »Ein Mann von riesigem Leibe kam an ein Wasser, daran fand er ein Knäblein spielen. Das Knäblein sagte: Mann trag' mich über das Wasser, denn deine Schultern sind stark. Und der Mann hob das kleine, federleichte Körperchen auf, und trug es durchs Wasser. Aber im Tragen verwandelte sich das Kind in eine schwere, gewichtige Last. Wie geht das zu? wunderte sich der Mann, trag' ich doch ein schmales, schmächtiges Knäblein! Du irrst dich, antwortete dieses, Himmel und Erde trägst du auf deinen Schultern. – Darf ich dieser Legende nicht hier gedenken am Bord meines Auswandererschiffes? Der große Christoph sind wir, die alte Weltgeschichte; auf unsern Schultern stehst du, Amerika, das wir in kleinsten Anfängen über die atlantische Wassergrenze trugen; aber wundergleich überflügelt uns dein Gewicht, und wahrlich! du bist der Heiland, der uns einst alle erlösen wird! Glückzu, daß du nicht zu sterben brauchst für uns, daß du leben wirst, leben, und nichts als leben! Zurück ihr Tragiker, die ihr den Angstschweiß, die Tränen, das Blut von hingerichteten Weltideen in den goldnen Schalen eurer Verse sammelt; hier füllen sich nicht eure Schalen. Nach Asien geht, nach Europa! Dort spricht man den Besten und Tugendhaftesten die Todesstrafe zu; – hier werden sie zu Präsidenten erwählt!« –
      »Amerika ist ein Bau, bei welchem die menschliche Vernunft zum ersten Male das Gesetz der Schwere fand. Die Staatsgebäude der alten Welt fingen mit der Kuppel an. Der König und der Hohepriester wölbten vor allem das unermeßliche Dach. Dann kamen die Vasallen, die Ritter und Krieger und stellten ihre Säulen darunter. Unter die Säulen setzte das Bürgertum seine Sockel. Vom Sockel abwärts endete das Gebäude. Die Sudras, die Parias, die Fellahs, die leibeigenen Bauern, – sie waren ein verwahrloster 
       Untergrund. Die Baukunst tat nichts für ihren Bestand, sie 
      erlaubte bloß ihr natürliches Dasein. Das Fundament war 
      geduldet. Trug es den schweren überladenen Bau, so tat es das Glück; trug es ihn nicht, so sank er langsam mit dem zerquetschten Volksleben in die Erde, wie Asiens Despotien, oder er riß gewaltsam in Trümmer unter den Revolutionen Europas. Weises Amerika, das mit dem Anfange anfing!«
      »So werd' ich bewohnen ein festes, wohlgezimmertes Haus, ein Haus gebaut auf die erste aller Wissenschaften, auf die Wissenschaft vom Volke. Marquis Posa sans phrase ist der Hausherr darin. Ich trete ein, und umarme staunend und schauernd den erschossenen Freund. Er lächelt. Verwundere dich nicht, Bruder, mich hier im Gedeihen zu finden. Du wußtest ja, ich bin unsterblich. Die Königswunde hier – traumhaft fährt er sich an die Stirne – siehe, sie ist glücklich vernarbt. Ach, es war ein beschränktes Jahrhundert! Lächeln wir, Freund, über seine Irrtümer. Damals versagte man der Humanität eine kleine Anstellung in Holland, heute schwingt sie ihr Zepter über einen Raum, den Flandern und Brabant hundertmal einnehmen könnten und mancher Acre erübrigte noch zu einem irren-ärztlichen Latifundium für den Madrider Staatsrat. Nicht wahr, das Menschentum schreitet doch vorwärts, und die Könige sind – 
      sonderbare Schwärmer! Hier zuckt man die Achseln über die Ausführbarkeit ihrer Träume und auf dem Kapitol zu Washington findet man nichts praktisch als unsre Ideale. – Sei mir willkommen, Freund, sei mir willkommen!« –
      Also wurde die Küste von Amerika begrüßt. Ein Mann von jugendlichem Alter steht auf dem Vorderteil seines Schiffes und schaut mit verschränkten Armen und begeistertem Blicke sein großes Gegenüber: die neue Welt. In seinem Hymnus steht seine Gestalt vor uns, kaum brauchten wir die leibliche zu betrachten. Aber auch diese drückt 
       eine edle, schwungvolle Persönlichkeit aus. Auf seine Stirn haben die Götter das Siegel des Gedankens gedrückt, sein Mienenspiel ist eine Lyra, mit vollen, herztiefen Empfindungen besaitet. Sein Wuchs, mit Winkelmann zu reden, sein Stamm ist fein, wir möchten sagen 
      artistisch gebaut. Ein künstlerischer Wurf geht auch durch seine Bekleidung. Sie hat nichts zu tun mit dem entsagenden Negligé des abstrakt Gebildeten. Sie verrät Formensinn. Sie stellt eine Persönlichkeit dar, welche über die Identität von Gestalt und Gehalt durch ein natürliches Gefühl, durch eine angeborene Poesie belehrt ist.
      Der Segler passiert die Narrows, die Meerenge zwischen Long-Island und Staten-Island. Links und rechts gezogene Hügel, Waldkronen, Wiesenteppiche, darüber verstreut, von der Hütte bis zum Palast, ein Füllhorn menschlicher Wohnungen. Im Prospekt die prächtige Bai von New York, sie, die sämtliche Kriegsflotten der Erde aufnehmen könnte, im Tiefgrunde die Stadt selbst. Das Masten-Gepfähl und Tau-Gestrick ihres Hafens garniert sie, aus dieser Ferne gesehen, wie das zarteste Spitzengewebe; kaum schimmert der Teint ihres weißen, holländischen Häuseranstrichs durch. Am Borde streitet man sich, ob diese Einfahrt wirklich Ähnlichkeit mit Neapel habe oder nicht. Die hohläugige Seekranke behauptet's mit freuderotem Auferstehungs-Jubel, der vielgereiste Tourist zuckt die abgehärtete Kenner-Achsel. Dem Dritten liegt die Stadt zu eben, sie hat kein Relief. Der Vierte stellt auch Hoboken und Brooklyn in ihren Rahmen und jenes zieht den blauen Hügelkranz von New-Jersey, dieses die bewaldeten Bergwände Longislands mit in das Bild. Ein anderer verschiebt Berg und Wald, setzt sie hieher und dorthin und gewinnt ihnen schöpferisch einen Vesuv ab. Unser Hochwächter im Vorder-Kastell wendet sich um und spricht über das Verdeck hin: Meine Herren, wenn es heißt: Neapel sehen und sterben, so wollen wir sagen: New York sehen und leben! das ist Gleichartiges 
       und Verschiedenes. Beifallszuruf folgt dem Wortspiele des Mittlers; dieser vereinsamt sich wieder und legt sein Auge betrachtungsvoll auf Land und See hinaus.
      Ein grauer Gewitterdunst umduftet den schwülen Sommerhimmel. Der Seespiegel schattet ihn ab und gleicht einer dunklen, angehauchten Stahlplatte. Links auf New-Jersey, rechts über Brooklyns Waldhöhen hängen zwei dünnwallende Sprühregen herab. In der Mitte von beiden bricht im Hintergrunde die Sonne durch und spannt ein paar breite großgefächerte Strahlen über New York. Die Stadt schwimmt in einem milchweißen Fernenlicht, das mattgraue Wolkengehänge des Vordergrunds kontrastiert dazu mit einer schlagenden Wirkung. Wer Neapel in diesem Nimbus gesehen, dürfte sich glücklich preisen. Ein solches Bild mit andern abzuwägen, kennzeichnet das Gros der Menschenaugen. Sie sehen die Landschaft nur als wägbare Masse, der beleuchtende Geist entgeht ihnen allzuoft. Unser Ankömmling empfindet ihn voll. Sein Auge ist wie von einem Zauber gefesselt vor dieser Lichtwirkung. Es ist ihm, als sähe er in der neuen Welt ein neues, sich selbst übertreffendes Tageslicht. Und das sinnliche Bild wie ein Symbol deutend, ruft er aus: Ja, nur Amerika hat Tag, Europa das Phosphorlicht seiner faulenden Stoffe! –
      Inzwischen treibt das Fahrzeug dem Lande immer näher. Die Szenen der Bai werden reicher und bunter. Schiffe von allen Größen und Formen – im Ozean nur durchs Fernrohr gesehen, durchs Sprachrohr angesprochen – bewundert man jetzt in der Nähe; gleich Delphinenscharen erfüllen sie zu Hunderten das majestätische Wasser-Bassin. Zwischen ihnen tummeln sich kleine verwegene Ruderboote und verschwinden in jedem Augenblicke aus dem Gesichte, sooft eine frische Brise über den Meeresspiegel haucht. Aber immer sind sie wieder oben, lustig, geschäftig, rastlos wie die Bienen. Es ist auch ein Bienenvolk, das nach Honig ausschwärmt. Die Reporter der Zeitungen sind's, welche meilenweit 
       den einlaufenden Schiffen entgegenkommen. Sie scheinen die Honneurs der neuen Welt zu machen, den Fremden ihre Dienste anzubieten, verfolgen aber nur den Zweck, sich selbst allerlei Seeberichte und Reisenotizen von ihnen einzusammeln. Weniger artig verhüllen ihre Honiggier die Runners, die Clerks der Makler, der Agenten, der Gastwirte. Zu Ballen und Rießen bombardieren sie das Schiff mit ihren Annoncen, entern, erstürmen es und möchten es in die Sklaverei ihrer Firma gerne mit den geringstmöglichen Umständen schleppen. Bei dieser Gelegenheit geht mancher Wahn in die Brüche, daß man sein Englisch in bester Aussprache einstudiert habe. Indes verständigt man sich doch zuletzt, läßt sich hier in ein Geschäft ein, belegt dort eine Nummer im Gasthaus. Auch unserm Helden präsentiert ein geschäftstüchtiger Runner die Karte seines Hotels. Aber er bringt seine eigene Adresse mit, und dieser Sorge enthoben, wendet er sich von dem Beschwerlichen ab, denn das Einklarieren des Schiffes unterhält jetzt seine Aufmerksamkeit. Er vernimmt die letzten Kommandos des Lotsen, das letzte Segel sieht er von den Matrosen beilegen, das Schiff geht vor seine Hafen-Barrière. Ein leiser Schauer durchrieselt ihn, indem die schwere Ankerkette über die Winde rasselt. Ach, nur der Reiche reist, gleich dem Elfen Puck »schweifend über Land und Meer« – aber wie viele heftet diese Kette bleibend an den Boden, für den sie vielleicht ihr Letztes eingesetzt! Da flattern sie hin alle mit der gleichen Hoffnung, jeder mit seinem besonderen Schicksale! Ein Nest von halbbefiederter Brut dünkt ihm das Auswandererschiff – wer wird aufwärts dringen in den blauen, liederreichen Äther; wer wird niederstürzen in den Busch, in die Tatze des lauernden Wildes? Das Ankerwerfen ist einer jener Momente, wo man die Geisterhand deutlicher zu sehen glaubt, die das Menschenschicksal webt. Auch bei der rosigsten Aussicht flirrt Gespensterfurcht wie ein schwarzer Faden durchs Auge.
      
       Im Getümmel des Landens, des Ausschiffens, in einem Babel amerikanischer Namen und Adressen, die jetzt von allen Lippen durcheinander schwirren, verlieren wir den Freund, der zuerst unsre Aufmerksamkeit erregt, nicht aus dem Auge. Schlägt er doch auffallend genug seinen Weg ein! Während alles um ihn her den Hotels und Agenturen zuströmt, lenkt dieser Ankömmling, nach einem minutenlangen Aufenthalte im Zollhause, seine Schritte auf die Battery, auf New Yorks Promenade.
      Das weltberühmte Südende New Yorks, die 
      Battery, war im Jahre 1832 noch nicht wie heute mit einem überhandnehmenden Anbau von Matrosenschenken und Auswandererherbergen behaftet. Die vornehmste Atmosphäre der Manhattanstadt wehte damals auf dieser reizenden Landspitze. Ihre Rasenteppiche, ihre Schattengänge von Linden und Pappeln atmeten den Geist einer erhabenen Idylle. Im Angesichte der unermeßlichen Bai, am Mündungspunkte des breiten Nord- und Oststromes, in einer Lage, die vielleicht mit dem »goldenen Horn« um die Palme ringen kann, genoß sie der großartigsten Schau des Seeverkehrs und war doch nicht berührt von ihm. Er defilierte gleichsam in Parade an ihr vorbei, zum gemeinen Dienste schwenkte er rechts ab an den Kai des Ostflusses, damals seinem wichtigen Emporium. Auf der Battery schlürfte New York nur den Duft seiner Seemacht.
      Diese Avenue hat unsern Freund schon am Bord seines Schiffes bezaubert; hier wandelt er jetzt im Grün und Laubschatten, – ein letztes intimes Stelldichein der reinen Gemütskräfte gegenüber den handelnden. An der Pforte einer Hemisphäre, am Fußgestelle riesenhafter Wirklichkeiten will er noch einmal eine Stunde der Muße feiern und seine ganze Innerlichkeit in ein großes Gegengewicht zusammenfassen, als scheute er mit dem ahnungsreichen Helden der Tragödie.
      
       daß ihn der Zufall
       Blind herrschend mit sich führe!
      Wir sehen, der flüchtige Blick auf die Persönlichkeit dieses Mannes hat uns nicht getäuscht. Ein Mensch steht vor uns, den nicht die gemeinste Not beeilt, der sein Leben nicht auf Bestellung lebt, aber ein Auftrag scheint ihm geworden: das Subjekt zu vertreten in der Welt der objektiven Äußerlichkeiten.
      Wir belauschen seine Gedanken nicht mehr wie am Bord des Schiffes. Dort waren sie ein Aufblitz der Begeisterung, ein Hallelujah, hier sind sie eine stille Messe der Andacht. Er ist mehr bei sich selbst als bei der Welt; von Zeit zu Zeit fließt ein leiser Schriftzug in sein Taschenbuch. Anfangs häufiger, bald aber sparsamer und mit manch ungeduldigem Korrekturstrich. Das macht, die Battery ist nicht ganz so geräuschlos, wie es zuerst schien. Die Stadt, die hinter diesem dünnen Vorhang von Bäumen liegt, kann ihre mächtige Nähe nicht leicht verschweigen. Schauerlich tönt's da herein. Die industriellen Donner, das friedliche Kriegsgetümmel, das Jagdgeheul der Nahrungssorgen, die ganze Symphonie eines Werktages, der für eine halbe Welt arbeitet, pflanzt sich mit dumpfem Schwalle über die Wipfel des Parks fort. Kein Künstler vermag das Ungesehene lebendiger zu veranschaulichen, als diese taube Masse unvermischbarer Geräusche das Freskogemälde einer großen Stadt zeichnet. Einer Stadt, die noch an sich selbst arbeitet, und schon ein weltgroßes Hinterland auszuarbeiten hat! Ein Kessel, der zugleich braut, da er noch unterm Hammer ist! Kein Wunder, wenn sich das Erdbeben dieses Bodens nicht unterbinden läßt mit der Schnur, die ein paar Alleen zieht! Die Battery ist das Erkerstübchen New Yorks. So weit sie sich ausladet in das schöne, blaue Meer – sie kann dem Hause doch nicht entfliehen, dem sie angehört. Und wie dieses Haus in allen Sparren und Balken dröhnt, so zittern auch die Fenster des Erkers, auf dem Brette wanken 
       die Blumenstöcke, und dem Großvater an der Wand fährt's stoßweise durch die Glieder, daß er manchmal zu nicken scheint wie der Gouverneur zu Pferde. Da ist das Töchterchen, das ihren Dichter lesen, der Sohn, der seinen Euklid studieren will, auch nicht so ganz geborgen im Erkerstübchen. Unser Spaziergänger empfindet's.
      In dem Lärm, der seine Promenade umbrandet, hat er von Zeit zu Zeit eine hellgellende Knabenstimme unterschieden, die mit dem robustesten Pathos eine Ware von unwiderstehlicher Zugkraft auszurufen schien. Der jugendliche Schreier war bisher stets unsichtbar geblieben, denn die Battery hatte in dieser späten Vormittagsstunde wenig Besuch und der kleine Autochthone kannte ohne Zweifel seinen Markt. Endlich aber verirrte er sich doch in die Anlage. Zeitungen waren's, die er ausrief. Er tat dies mit der ganzen Inhaltsanzeige der Tagesnummer. Der Fremde horchte auf. So viel er hier zu hören bekam, waren die Völker von halb Europa in Aufstand, einige Könige verjagt, viele Minister hingerichtet, die vornehmsten Börsenhäupter bankrott, mehrere Städte versunken, und ein teuflisch-raffinierter Doppel-Gattenmord machte den unschuldigen Schluß der Nippes-Artikelchen. Dem Europäer blieb zwischen Staunen und Lachen zu entscheiden anheimgestellt, ob hierorts die Redaktionen selbst ihre Zeitungen so kühn überwürzen, oder ob das Genie ihres Kolporteurs auf eigene Verantwortung diesen schwindelnden Flug nimmt. Jedenfalls aber war es landesübliche Geschäftspraxis, denn er sah an den Mienen der Vorübergehenden, daß sie nichts Außerordentliches hörten. Indes wollte er Neugierde halber die Nummer erstehen und war eben im Begriffe, den marktschreienden Newsboy aus der Ferne zu sich zu winken: da änderte sich die Sache. Der Knabe kolportierte noch eine andere Ware – eine unnennbare! Denn auf einmal schrie er den Titel eines Preßerzeugnisses in die helle, frische Luft hinaus – dem Fremden schoß alles Blut ins Gesicht! Erschrocken blickte er um 
       sich – leider sahen die Vorübergehenden so gleichgültig dazu wie zuvor! Also auch landesüblich! Preßfreiheit und Preßscheußlichkeit in unmittelbarster Berührung! Neben dem römischen Triumphator ging so ein Sklave einher, der sein Zerrbild und Affe war.
      Aber das Ärgernis wurde noch ärger. Der Junge schlug mit seinem schamlosen Geschrei einen Baumgang ein, in welchem drei junge Damen von feinstem Äußeren an der Seite ihrer Begleiter promenierten. Dieser Umstand beengte indes den rücksichtslosen Kaufmann nicht im geringsten. Vergebens erwartet unser Zuschauer, daß er verstummen wird: mitnichten; er fährt aufs zwangloseste fort, sein Kaufgut auszurufen. Vergebens erwartet er selbst, daß die Herren der Damen einschreiten werden: es unterbleibt; sie ehren die Freiheit des Handels und Wandels. Entsetzlich! Nimmt man diesen Unfug hin, wie – irgend eine Szene des Tierlebens auf der Straße? Geschieht nichts gegen diese Schändlichkeit? Und schon begegnet man sich von beiden Seiten, nirgend ein Nebenweg zum Ausbeugen, – und dicht vor den Stirnen der jungen Schönen erhebt der Freche von neuem seinen Ruf! Mit dem peinlichsten Gefühle verfolgt der junge Mann jetzt die Haltung der Mädchen. Die Armen! was können sie tun dem souveränen Skandal gegenüber? Die Dame rechts blickt zur Seite und faßt eifrig einen Hafenkran ins Auge, die mittlere verbirgt ihr Antlitz ins Taschentuch, die Dame links – ein blonder Engel, das seraphisch-gescheitelte Lockenhaupt kaum im Drittels-Profil sichtbar – ist es möglich, das Kind hält den Jungen an! Sie zieht ihre Börse, sie winkt mit einer Handbewegung seewärts, der Bube läuft gehorsam an den Wall der Battery, und im nächsten Augenblicke – entladet er sein ganzes Portefeuille ins Meer. Den Zuschauer überfliegt's wie ein Strahl. Bravo Lady, das haben Sie wohl gemacht! Zwar nicht die Welt, aber doch Ihren Spaziergang konnten Sie reinigen von diesem Schmutze. Es ist geschehen. Jetzt erst 
       blickt er aufmerksamer nach der interessanten Spaziergängerin. Leider, da ist auch das Drittels-Profil hin! Ein ältlicher Herr, dem Augenscheine nach der Klasse der höheren Tafel-Autoritäten zuzählend, schnaubt in der vornehmen Freiheit eines bequem gelüfteten Sommeranzugs heran. Sein Volumen ist das vom trojanischen Pferd. Mit dem Gruße eines intimen Hausfreundes schließt er sich der Gesellschaft an, d.h. bloß sein Schatten saugt all ihre Körper auf. Namentlich die kleine blonde Lady verschwindet neben ihm wie ein Schneeglöcklein unter der Lawine. Die ganze Gruppe entfernt sich gegen die Landseite.
      Das alles war die Szene weniger Augenblicke. Der Fremde brach auf. War es Absicht, daß er die Richtung der drei Damen einschlug, oder – doch, was kümmert es uns? Fragt er sich doch im eigenen Selbstgespräch: was kümmert es dich! Der die Urschatten der Hinterwäldler sucht, sollte sich im Passieren einer Hafenstadt – ein artiger, kleiner Charakter! Die ihre Tugend auf den Kran hing – und die andere mit dem Taschentuch-Feigenblatt – es war vielleicht weiblicher – im niederen Stile, ja! 
      Sie handelte im großen. Überhaupt sie handelte. Doch, – was kümmert es dich! In Ohio wird es eines deiner Gedichte. – Gedichte!
      Ach, ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt –
      Ich glaube es Ihnen, Herr Geheimrat!
      Was unsterblich im Gesang soll leben,
       Muß im Leben untergehn –
      der Teufel selbst hat Ihnen das gesagt, Herr Hofrat! Wie die Herrn Brüder das Leben kannten!
      Damit läßt er, oder verliert er die Gesellschaft aus den Augen.
      Auch die äußere Szene um ihn ist jetzt verwandelt. Nur wenige Schritte haben ihn nach der Stadtseite der Battery geführt, und schon zeigt die Anlage ein wesentlich städtisches 
       Bild. Eine Reihe glänzender Cafés gruppiert sich hier unter den Schattengängen des Parks, sie schließen sich zum voll gewundenen Kranze besonders an der Front, wo die Straßen New Yorks in den großen Halbzirkel der Auffahrt zusammenmünden. Zwar umwittert ein Geist von Einsamkeit diese Pavillons, welche nur Sommererfrischungen bieten und nichts von jenen nahrhafteren Genüssen eines amerikanischen Frühstücks, dessen Stunde eben regiert: desungeachtet fehlt es den Cafés nicht an Leben. So z.B. stimmt gleich im nächstgelegenen ein Orchester von Schwarzen seine Instrumente, und veranlaßt unsern Gast ein Glas Eis zu nehmen, als Folie seines ersten amerikanischen Kunstgenusses. Das Konzert beginnt. Ein seltsam zerhackter Rhythmus, dessen Taktart in einigem Dunkel schwebt, und überdies von jedem der einzelnen Künstler ziemlich selbständig gehandhabt wird! Aber wie wird unserm Zuhörer, als die Melodie, ohne alle Vermittlung, plötzlich aus Dur in Moll überspringt? Entsetzt fährt er auf, reißt dem Vorgeiger die Violine aus der Hand, und spielt ihm die Figur korrekt vor. Alle Anwesenden staunen den Europäer an, niemand begreift die Einmischung eines Gentleman in das »Handwerk« der Schwarzen. Diese selbst am wenigsten. Zwar hören sie mit geschmeicheltem Lächeln dem Spiele des Fremden zu, als aber die Reihe wieder an sie kommt, stellt sich an derselben Stelle auch derselbe Barbarismus wieder ein. Ob man hier allerorts die Ausübung der Musik diesen Negern überlasse? fragt der bestürzte Kunstfreund den Aufwärter. – In der Regel, mein Herr, war die Antwort, die Niggers haben mehr Talent dafür als die weißen Natives. Einige Anwesende sahen den unaussprechlichen Gesichtsausdruck des Fremden, und er glaubt zu hören, wie sie sich zuflüsterten: Ein Deutscher! Darauf nimmt einer derselben laut das Wort und sagt mit dem augenscheinlichen Bestreben einer Ehrenrettung: Nämlich, mein Herr, es ist hier von öffentlicher Musik die Rede. Gute Kammermusik 
       findet sich wohl unter uns. – Wo, mein Herr? fragt der Ankömmling wie mit einem Hilferuf. – Bei Mr. Bennet zum Beispiel. – Der Fremde schien geneigt, über diesem Gegenstande länger zu verweilen, aber es blieb ihm unmöglich unter der fortwährenden Geißel des wilden Orchesters. Im Pavillon gegenüber begann jetzt sogar ein zweites zu spielen, natürlich eine andere Melodie und in einem anderen Takt und Rhythmus. Beide Orchester vernahmen sich einander vollkommen gut, das schien aber weder ihr, noch ihrer Zuschauer Wohlbefinden im geringsten zu beeinträchtigen. Einige Kinder, an ihrer englisch-amerikanischen Mundart als reinste Natives kennbar, liefen sogar begierig herbei und stellten sich mit intelligentester Raumabmessung zwischen die spielenden Orchester in die gerechte Mitte, um, wie sie sich zujubelten, »zwei Musik« zu haben. Der Europäer ergriff eine wilde Flucht.
      Mit der Sehnsucht eines Bräutigams dachte er einen Augenblick lang – an seine Violine. Sie lagert jetzt im Zollhause mit seinem anderen Gepäcke; bis er sie in das bezogene Logis abholen läßt, widmet er ihr ein zärtliches Andenken. Ahnt er doch, welchen Wert sie ihm jetzt haben wird! –
      Aber wenn nach Novalis Architektur starrgewordene Musik ist, so hat New York mindestens seinen starren Beethoven im Broadway. Das sollte der Unvorbereitete sofort empfinden lernen. Er stand, ohne es selbst zu wissen, am südlichen Mündungspunkte dieser Riesenstraße – eine geringe Wendung, und Broadway lag vor ihm aufgetan. Der Anblick erschüttert ihn. Den Zeus aller Straßen erblickt er! Zwei Kriegsschiffe, dünkt ihm, könnten sich ausweichen darin; – das ist ihre Breite! Zwei Kriegsschiffe, dünkt ihm, könnten an beiden Enden sich bombardieren, und ihre Kugeln erreichten sich nicht; – das ist ihre Länge! Vergebens stemmt er sich mit Trotz gegen diesen Eindruck des Ungeheuren. Wohl sieht er, wie die Verhältnisse der Häuser – damals in Mehrzahl noch klein und unansehnlich – das 
       Verhältnis der Straße vergrößern. Wohl sieht er, wie die einförmige Geradlinigkeit der Pappelallee, welche die ganze Flucht durchläuft, ein Hebel mehr ist zur perspektivischen Täuschung. Aber wenn die erste der Pappeln ein Turm und die letzte wie ein Grashalm erscheinen kann – wer überwände die Täuschungskraft einer solchen Perspektive? Wahrlich, ein Volk, das in diesen Dimensionen denkt, hat etwas von dem Geiste, der die neunte Symphonie schrieb oder den olympischen Jupiter meißelte! Es hat ein Recht an das: auch' io son' pittore! Der Newsky-Prospekt ist ein Kaisergedanke, eine Linie aus dem Generalstab; der Broadway ist ein Volksgedanke, ein Maß nach der Krämerelle! Setzet sie unter die Sterne, diese Krämerelle!
      Die Seele unsers Helden, jedes Große und Neue schnell in seiner höchsten Wesenheit fassend, huldiget so dem ersten Anblicke des Broadway. Im nächsten Augenblicke nimmt er es auf mit ihm. Er ist entschlossen, in diesen Strom unterzutauchen, und stürzt sich mutig hinein. Und wahrlich, ein Strom ist die Pulsader New Yorks, ohne alle Figur. Ein Mississippi zu Lande! In der Fahrstraße hat die gestaute Flut der Fuhrwerke kaum Zeit und Raum sich auseinanderzuwirren und individuell abzufließen. Welch ein Schwall von Wagen bedeckt hier in jedem Augenblicke jeden Quadratzoll Landes! Die Karre des Shopkeepers zerrt ihre Ballen und Fässer, der urmenschlichen Schleife verwandt, niedrig am Boden dahin – das kurzbeinige Krokodil dieses Strombettes. Delphinenleicht und lustig tanzt die Karosse des Millionärs an ihr vorbei, hochgepolstert über Shopkeepers Niveau, das vielleicht einst das ihrige war. Plump und brutal wälzt sich die fahrbare Völkerwanderung im Omnibus, die riesige Walfischmaschine, daher, und schürft, alle Flut an die Seiten drängend, ihre breitspurige Wogenbahn. Wer ist groß außer ihr? Der Sixpencefahrer auf der Decke dieses Kastens blickt in die Karosse nieder wie von der Beletage ins Kellergewölbe. Und doch ist über dem 
       keckbemalten, fahnenbewimmelten Omnibus noch ein höheres Wesen. Platz da! rette sich wer kann! die Straße verdunkelt sich, – ein langer, keuchender Pferdetrain schleppt ihn herauf, den alles überragenden Transportwagen. Ein Haus transportiert er – ein fertiges Backsteinhaus! Nur das Dach und der Schornstein fehlt, wenn sie nicht dem Ungeheuer wie in einem Strickkörbchen nachgeführt werden. – So die Straße. Gefährt jeder Größe, Form und Bestimmung drängt sich so dicht hintereinander, daß das Ganze wie ein einziger Leib, wie ein unsterblicher Heerwurm sich ausnimmt. Die tägliche Bilanz dieser Achsendrehungen erreicht vielleicht die Million, ihr nächstes Produkt ist ein unaussprechlicher Lärm. Und nun das Trottoir. Kaufhalle an Kaufhalle, Bude an Bude, jedes Haus ein Markt, jedes Wort ein Geschäft. Hier ist täglich Messe. Die amerikanische Ware liebt das Dunkel nicht. Unter dem römischen Sommerhimmel New Yorks lagert sie vor dem Laden im Freien. Besonders Eßwaren buhlen um diese Öffentlichkeit. Wir sagen: besonders, aber ja nicht: ausschließlich. Denn auch der Buchhändler verschmäht es nicht, unter dem Schatten von Kartoffelbergen zu wohnen, in den Visiergläsern optischer Instrumente spiegelt sich die gerupfte Fettgans, und sogar der Sarghändler stellt sein Produkt zwischen Türme von Baumfrüchten aus und verdirbt seinem Nachbar den Markt, dessen Kokosnüsse, der Ideenverbindung wegen, wie kahle Totenschädel gleißen.
      Diese Gütermassen ab- und zuzuschleppen, zu vermehren, zu vermindern, zu mustern und aufzukaufen, ist beständig ein tausendbeiniges Ungeheuer unterwegs, brüllend nach dem Bedürfnisse, wählerisch im Genusse, gähnend vor Übersättigung. Hier stürzt sich der schwarze Taglöhner auf den faulenden Inhalt eines Fischbehälters, dort gleitet die Auster im Dufte des Champagnerschaums über die feine Zunge der Wallstreet-Männer. Hier kauft sich die Quaterone ein Paar baumwollene Strümpfe und macht 
       den nächsten Torweg zu ihrem Boudoir, worin sie skrupellos den Wechsel des Neuen und Alten vornimmt, dort läßt sich die vornehme Dame im Putzwarenlager den Wert von Fürstentümern vor die Füße rollen und kauft zuletzt nichts. – Unser Wanderer kämpft ritterlich mit all diesen Elementen. Immer tiefer arbeitet er sich den Strom hinab; aber ach! wo ist sein Ende? Wo nur ein Ruhepunkt? Mit jeder Seitenstraße, die einmündet, schwillt noch die Flut, denn alles drängt dem Broadway zu, wenig fließt ab von ihm. Der Schwimmer weiß zuletzt nicht mehr, schwimmt er mit oder gegen den Schwall; wohin er sich wendet, jede Richtung ist ihm eine widrige. Die Kunst des Flanierens ist eine Lokalkunst. Zu schauen und nicht zu schauen, sich zu bewegen und stehen zu bleiben, hat eine andere Technik auf den Boulevards, auf dem Long-Acre und auf dem Broadway. Der Eingeborene kennt diese Kunst, unser Fremder wird fortgespült, wie ein äthiopisches Sandkorn ins Nil-Delta. Es ist als hätte er die ganze Erde wider sich, Bewegliches und Unbewegliches. Ein Blick gegen Himmel bleibt oft der einzige Ruhepunkt. Ruhepunkt? mit nichten! Denn was soll er zu einer Stadt sagen, wo im dritten Gestock der Schlosser hämmert, wo ein Schmiedefeuer glüht in jener Dachetage, die sonst nur das Lämpchen des Poeten kennt? Ja, das Haus ist hier kein Erbe auf Kind und Kindeskind; die Fabrik hat's geliefert, die Fabrik verbraucht's als vorübergehendes Werkzeug. So ist auch der Weg zum Himmel nicht frei, Lärm oben wie unten, Hammer dröhnen und Funken sprühen zu den Fenstern einer Höhe heraus, in welcher der Zeisig singen, von welcher ein Blatt des Blumenstocks niederwehen sollte.
      An einer Straßenecke, in welche der Wanderer endlich einbog, stand ein kleines, reingekleidetes Mädchen, weinend, ein Zettelchen in der Hand. Es hatte verschiedene Versuche gemacht, von den Passanten, wie es schien, eine Auskunft zu erhalten, und stets unglückliche. Alles rannte 
       achtlos an dem kleinen Wesen vorbei und ließ es stehen. Endlich zupfte es auch diesen Ankömmling am Rockärmel und bückte mit hellblauen Augen voll Wasser bittend zu ihm auf. Die Kleine mußte ihr Stimmchen wiederholt anstrengen, um sich in dem Straßenlärm hörbar zu machen. Sie bat um den Weg in irgend eine Street nach der Common-School irgend eines Mr. Mockingbird: zugleich wies sie ihren Zettel vor, worauf die Adresse stand. Der junge Mann wußte nun freilich nicht besser Bescheid als das verirrte Kind selbst. Aber augenblicklich ergriff er den Gedanken, der sich hier darbot. Ist es möglich, rief er sich zu, mit so viel Detail des Markts sich zu balgen und nicht an die Volksschule zu denken, an den einfachen geistigen Punkt, aus dem das Ganze begriffen wird? Common-School, das ist das Schlagwort! Das ist der Ort, wo der Fremde stets zuerst Landeskunde studieren soll! Komm, mein Kind! Er warf sich mit dem Mädchen rasch in den nächsten Omnibus, und war fast so glücklich wie dieses selbst über das gefundene Auskunftsmittel.
      Die Fahrt begann mit einer unfreundlichen Szene. Einer der Mitfahrenden hatte seine Beine lang vor sich ausgestreckt und eben an jene Seite der Wagenlehne gestemmt, welche das einsteigende Paar zu besetzen hatte. Er schien indes nicht geneigt, seine Bequemlichkeit aufzugeben, sondern räumte dem kleinen Mädchen, seinem neuen 
      vis-à-vis, nur so viel ein, daß er ihr Köpfchen zwischen seine beiden Stiefelabsätze aufnahm. Der Fremde verbat sich diese Zwanglosigkeit. Jener erwiderte: Mein Herr, Sie fordern für dieses Kind die Rechte einer Lady zu früh. Sein Ton dabei war vollkommen ruhig, fast belehrend, wie der Mann überhaupt nicht ohne Fasson schien. Aber um so gereizter empfand der Fremde diese Sittenroheit und scharf antwortete er: Sind Sie einer Lady zuvorkommend aus Sklaverei für ein Zeremoniell oder aus freier Menschlichkeit? Auf letztere werden Sie auch dieses Kind zählen lassen! Der Amerikaner 
       blieb gänzlich eindruckslos bei diesem Appell, und die Kollision hätte leicht ernster werden können, wenn ein Marktweib nicht den Takt hatte, ihren Platz mit dem Kinde zu wechseln. Vor dieser Lady zog der Ausgestreckte seine Beine zurück. – Nach dieser Episode verlief die weitere Fahrt ruhig und dauerte, unter einem steten Wechsel von aus- und einsteigenden Personen, verhältnismäßig kurz. Der Omnibus setzte unser Paar in einer Straße ab, von welcher nichts als der Name vorhanden war, den mit großen Lettern ein prophetischer Pfahlanschlag nannte. Das kleine Mädchen fand sich aber sofort orientiert und lief glückstrahlend auf den einzigen Anbau dieser Straßenzukunft zu. Es war ein backsteinener, länglich viereckiger Kasten, ohne Maueranwurf, mit unglasierten Dachpfannen gedeckt. Ein Mann von derbem Leib und starken Knochen, mit einem roten, prallen Gesichte, kurzgeschornem Haupthaar, in Jacke und Hemdärmeln, aber einen französischen Hut auf dem Kopfe, empfing unsern Ankömmling mit der Frage: Wie viel Bushel? Der Fremde wußte diese Anrede nicht zu deuten. Ich dachte, Sie machten eine Bestellung in Zwiebeln, antwortete der Stämmige. Der Fremde wechselte zweifelnde Blicke zwischen dem kleinen Mädchen und diesem Manne und erklärte, daß er die Volksschule des Mr. Mockingbird zu besuchen geglaubt. – In der sind Sie, sagte dieser; – ich habe vor einigen Wochen in Tran falliert und verlor mein Vermögen. Sofort eröffnete ich eine Schule und unterrichte die Kinder meiner Nachbarn in dem, was ich weiß, und in dem, was ich nicht weiß, wozu ich einen Hilfslehrer miete. Da mir diese Beschäftigung weder den ganzen Tag noch den ganzen Beutel ausfüllt, so mache ich in den übrigen Stunden das fehlende Geld mit einem Zwiebelhandel. Damit schritt er ohne weitere Umstände in das Innere des Hauses. Unser Held folgt ihm, – ein wenig zögernd und unsicher. Seine Miene drückt ziemlich unzweideutig den Grad seiner Erwartungen aus. Die Persönlichkeit des ehrenwerten 
       Mr. Mockingbird scheint ihm eine ausgesprochen sinnliche, und die Pflege von Kinderseelen, zwischen Tran und Zwiebeln betrieben, dünkt ihm nicht dessen natürlichster Beruf. Doch folgt er.
      Die Schulstube war ein geräumiges, luftiges Zimmer, dessen ganzer Schmuck in dem hellen Tageslichte bestand, das reichlich einfiel. Tische und Bänke waren nur aus dem Rohesten gehobelt, Lack oder Firniß nirgends verschwendet. Auf den Bänken saßen sechzig bis achtzig Knaben, der Mehrzahl nach in einem Alter von neun bis zwölf Jahren. Ihr Äußeres war reinlich gehalten, ihre Bekleidung mehr grob und formlos als defekt, eigentliche Zerlumpungen nirgends. An einem der vorhandenen Tische arbeitete mit einer Liniermaschine ein junger Mann – Mr. Benthal, Hilfslehrer, sagte Mr. Mockingbird. Der Fremde nahm mit einer leichten Verbeugung den Namen entgegen und erwiderte ihn mit seinem eigenen, indem er sich als Doktor Moorfeld vorstellte. Das kleine Mädchen war gleich bei ihrem Eintritte auf den Hilfslehrer zugeeilt; sie brachte ihm, wie es schien, eine Nachricht. Dann hielt sie sich vertraulich an seiner Seite, indes er stillvertieft fortarbeitete.
      Die Schulstube feierte eben, wenn nicht mit dem eleganten, doch mit dem hungerigen New York, ihre Mittagsstunde. Dr. Moorfeld, wie wir den Fremden jetzt nennen dürfen, fand die kleinen Republikaner über großen Vorräten mitgebrachten Fleisches und Brotes tätig. Desungeachtet sah er seinen Zweck nicht nur nicht verfehlt, sondern sogar noch besser erreicht. Mr. Mockingbird hielt nämlich eine Art Brachwirtschaft in dieser Pause, eine freie Konversation. Er ließ sich mit seinen Schülern in einen Dialog ein, aus welchem der Namensaufruf verbannt war: wer einen Gedanken hatte, konnte mit Auszeichnung antworten, wer nicht, ohne Beschämung schweigen; es war ein zwangloses Spiel der Individualitäten, mehr Klub als Schule. Kurz, diese Zeit der Ernährung wurde, weil Amerika überhaupt 
       keine Zeit verliert, zwar dem Schulzwecke gewonnen, aber ihrem eigenen nicht entzogen.
      Mr. Mockingbird legte behaglich die Arme auf den Rücken und begann mit seinem kleinen Volke ein Wechselspiel von Fragen und Antworten, das eine lebendige Ausführung etwa dieses Umrisses war:
      Ich war wohl ein Tor, fing er an, indem er seine Stube auf- und abschritt und sich scheinbar dem Zufalle überließ, ich war wohl ein Tor, daß ich mein Haus im länglichen Viereck baute. Soeben überlegt' ich mir's anders, indem ich auf der Schwelle stand. Wie, wenn ich's rund gebaut hätte? rund wie diesen Hut? Was meint ihr zu dem Einfall?
      Die Kinder, zweifelhaft zwischen Ernst und Scherz, sahen teils sich, teils den Meister an. Sie schwiegen.
      Jener fuhr fort: Wozu braucht man das Haus? – Ein Knabe antwortete: Zum Wohnen. – Recht; und wer wohnt in dem Hause? – Die Leute. – Gut, der Mensch wohnt in dem Hause. Der Mensch ... hm! der Mensch ist so klein und das Haus so groß! Braucht der Mensch alle Räume des Hauses auf einmal, oder kann er sich auch in einem einzelnen Raume desselben aufhalten? – Im Zimmer. – Richtig, einen einzelnen bewohnbaren Raum des Hauses nennt man ein Zimmer. Also der Mensch wohnt eigentlich im Zimmer, nicht wahr? – Ja. – Hört, ich überlege mir die Sache. Ehrlich zu reden, ich habe Lust, auch dem Zimmer noch was abzusparen. Wozu brauch' ich ein ganzes Zimmer, wenn ich z.B. schlafe; wie? – Das ist wahr, man hat kleine Schlafkämmerchen. – Ich rate, mir wird sehr schwül drin im Sommer. Lieber möcht' ich unter dem freien Sternenhimmel schlafen. Das ginge doch wohl? – Wenn kein Wetter kommt, allerdings. – Seht ihr! das Schlafstübchen brauch' ich so notwendig gar nicht. Aber was brauch' ich doch noch zum Schlafen? – Das Bett. – Da haben wir's, das Bett! Ich wohne also, sozusagen, nachts eigentlich im Bette? – Ja. – 
       Ich bin ein närrischer Kauz! Zuvor wollt' ich mein Haus rund, anstatt im länglichen Viereck haben, aber ich lasse nicht ab. Ich möchte jetzt auch ein rundes Bett, ein kugelrundes Bett; was? Die ganze Schulstube lachte. Mr. Mockingbird fuhr fort:
      Eure Heiterkeit ist euer Urteil. Ihr gebt mir zu verstehen, ein rundes Bett wäre blanker Unsinn. Ein rundes Bett taugte nicht für die menschliche Figur, das länglich-viereckige Bett wäre gerade recht so. Meint ihr das? – Ja, ja! – Meinen ist gut, aber beweisen ist besser. Wie könnt ihr mir's beweisen? Nun, Vance! he! du kanzelst ja gerne; würdest du den Beweis wohl finden? Komm, wir wollen ihn miteinander suchen; zwei richten immer mehr aus als eins.
      Der Lehrer nahm den Knaben aus der Bank und stellte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Dann fing er an, dicht an seinem Körper zwei senkrechte und quer über seinem Kopfe eine kürzere horizontale Linie zu ziehen. Hierauf ließ er ihn wieder abtreten, und wendete sich gegen die übrige Schule mit den Worten:
      Was für eine Figur bilden diese drei Linien an der Wand? – Ein Viereck. Ein längliches Viereck! – Aha! der Mensch ist also, wenn man ihn nicht aufs genaueste abzeichnet, sondern nur grobhin, mit drei Strichen ... was ist da der Mensch? – Ein längliches Viereck. – O, nun weiß ich Bescheid! Gesetzt, ich müßte unsern Freund Vance verpacken wie eine Ware, welche Form müßte seine Kiste bekommen? – Es müßte ein längliches Viereck sein. – Richtig, dort steht ja das Maß an der Wand! Nun verpackt sich aber der Mensch wirklich, und zwar nachts, wenn er schläft. Seine Kiste ist dann das Bett. Das Bett hat daher am passendsten ... welche Form? – Die länglich-viereckige. – Und ist im Grunde das Zimmer nicht eine große Kiste, worin man Betten einpackt? Und das Haus eine große Kiste, worin man Zimmer einpackt? Seht, um wie viel klüger sind wir jetzt, als zuvor! Das Haus muß ein längliches Viereck sein, 
       des Zimmers wegen, das Zimmer des Bettes wegen, und das Bett des Menschen wegen, weil dieser selbst, wie uns jene Figur an der Wand beweist, ein längliches Viereck ist.
      Die Kinder zeigten sich sehr interessiert, namentlich fiel der Knabe Vance dem Meister fast ins Wort: Jetzt weiß ich auch, rief er, warum alle übrigen Möbel im Zimmer viereckig sind; die Tische, die Bänke, die Bilder, die Schränke, die Koffer – Und selbst das noch, was man in Schrank und Koffer packt, die Bücher z. B., ergänzte der Meister. Ja, was soll ich sagen! werden in die Bücher nicht wieder die Buchstaben verpackt? Hier hast du ein feines Stift, Vance. Zieh' um den Buchstaben e dieselben Striche, die ich zuvor um dich gezogen ... was für eine Figur bilden diese Striche? – Ein längliches Viereck; Meister, Meister, mit dem n geht's noch leichter! – Sehr wahr, das n ist ja der Musterbuchstabe. Nun bitt' ich euch! blickt einmal auf- und abwärts auf das, was wir jetzt gelernt haben! Ein Buchstabe und ein Haus haben die nämliche Figur und aus der nämlichen Ursache! Die Ursache steht dort an der Wand. Der Mensch ist ein längliches Viereck und darnach richten sich all seine Formen!
      Diese Probestück machte augenscheinlich Eindruck auf seinen Zeugen. Im Verlaufe desselben hatte die Miene des fremden Doktors einen ungleich höheren Ausdruck angenommen, als womit er die Schwelle des schulmeisternden Zwiebelhändlers überschritten. Er bezeugte dem Mr. Mockingbird jetzt seine ganze Anerkennung.
      Ja, es ist nicht deutsche Metaphysik, antwortete dieser trocken. Und zu seiner Schule gewendet, fuhr er sogleich wieder fort: Wer fertig ist mit dem Essen und gute Lust hat, der lese uns auch ein Kapitel. Dabei findet sich wohl Stoff zu weiterer Unterhaltung. Viele Schüler schlugen sogleich ihre Bücher auf. Der Meister mußte eine Wahl treffen und bezeichnete einen der erwachseneren Knaben, dem er zurief: Hoby, lies uns den Rat an »junge Gewerbsleute«. 
       Der Aufgeforderte fing mit einer muntern, verständigen Stimme aus seinem Büchlein also zu lesen an:
      »Bedenke, daß die Zeit 
      Geld ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben 
      könnte und den halben Tag spazieren geht oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen; er hat nebendem noch fünf Schilling ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.
      Bedenke, daß Kredit Geld ist; läßt jemand sein Geld, nachdem es zahlbar ist, bei mir stehen, so schenkt er mir die Interessen, oder so viel als ich während dieser Zeit damit anfangen kann. Dies beläuft sich auf eine beträchtliche Summe, wenn ein Mann guten und großen Kredit hat und guten Gebrauch davon macht.
      Bedenke, daß Geld hinsichtlich seiner Fortpflanzung sehr fruchtbarer Natur ist. Geld kann Geld erzeugen und die Sprößlinge können noch mehr erzeugen usw. Fünf Schillinge umgetrieben sind sechs, wieder umgetrieben sieben Schilling 3 Pence usw. bis hundert Pfd. Sterl. Je mehr davon vorhanden ist, desto mehr erzeugt das Geld beim Umtreiben, so daß der Nutzen höher und höher steigt. Wer ein Mutterschwein tötet, vernichtet dessen ganze Nachkommenschaft bis ins tausendfachste Glied. Der Verschwender, d.h. der Mörder von einem Schilling bringt seinen Enkel um eine Million.
      Bedenke, daß ein guter Zahlmeister der Herr von jedermanns Beutel ist. Wer pünktlich zahlt, kann zu jeder Zeit alles Geld entlehnen, was seine Freunde gerade nicht brauchen. Dies ist bisweilen von großem Nutzen. Neben Fleiß und Mäßigkeit trägt nichts so sehr dazu bei, einen jungen Mann in der Welt vorwärts zu bringen, als Pünktlichkeit und Gerechtigkeit in seinem Handel. Deshalb behalte niemals erborgtes Geld eine Stunde länger, als du versprachst, damit nicht der Ärger darüber deines Freundes Börse dir auf immer verschließe.
      
       Die unbedeutendsten Handlungen, die dem Kredite Schaden bringen, müssen vermieden werden. Der Schlag deines Hammers, den dein Gläubiger um fünf Uhr morgens oder um neun Uhr abends vernimmt, stellt ihn auf sechs Monate zufrieden; sieht er dich aber am Billardtisch oder hört er deine Stimme im Wirtshause, so läßt er dich am nächsten Morgen um die Zahlung mahnen und fordert sein Geld, bevor du es zur Verfügung hast.
      Außerdem zeigt dies, daß du ein Gedächtnis für deine Schulden hast; es läßt dich als einen ebenso sorgfältigen wie ehrlichen Mann erscheinen, und das vermehrt deinen Kredit.
      Hüte dich, daß du alles, was du besitzest, für dein Eigentum hältst und demgemäß lebst. In diese Täuschung geraten viele Leute, die Kredit haben. Um dies zu verhüten, halte eine genaue Rechnung über deine Ausgaben und dein Einkommen. Gibst du dir Mühe, namentlich erstere genau zu verrechnen, so hat das eine gute Wirkung; dann entdeckst du, wie wunderbar kleine Ausgaben zu großen Summen anschwellen, und du wirst bemerken, was hätte gespart werden können und was in Zukunft gespart werden kann.
      Eine Ausgabe, auch wenn sie noch so klein sei, erlaube dir ohne Not doch nicht darum allein, weil sie klein ist. Bedenke folgendes: der Zinsfuß in unserm Lande ist sechs Prozent, d.h. für sechs Pfund jährlich kannst du den Gebrauch von hundert Pfund haben, vorausgesetzt, daß du ein Mann von bekannter Klugheit und Ehrlichkeit bist. Wer täglich einen Groschen nutzlos ausgibt, gibt jährlich an sechs Pfund nutzlos aus, welches der Preis für den Gebrauch von hundert Pfund ist. Wer einen Teil seiner Tageszeit zum Werte eines Groschen verschwendet (und das mögen nur ein paar Minuten sein) verliert auch, einen Tag in den andern gerechnet, das Vorrecht, hundert Pfund jährlich zu gebrauchen. Wie viel also, nur durch diese Verschwendung weniger Minuten des Tags, an Geld verloren 
       geht, wenn ein junger Mann ein höheres Alter erreicht, – das zu betrachten laß dir aufs ernstlichste angelegen sein. Es ist in der Tat ein größerer Reichtum, als den ein Phantast im Lotto zu gewinnen oder ein Schatzgräber aus der Erde zu heben hofft.«
      Der Mann nimmt das Leben ein wenig peinlich, bemerkte Dr. Moorfeld, den dieses Bruchstück amerikanischer Disziplin offenbar minder ansprach, als das erste.
      Mein Herr, es ist Benjamin Franklin, der so schreibt, antwortete Dr. Mockingbird ohne alle Erörterung.
      Der Doktor hatte indes noch Genugtuung wegen des Ausfalls auf die deutsche Metaphysik zu nehmen, dessen eigentliche Zielscheibe er freilich nicht kannte. Er war daher nicht geneigt, dem Manne, der ihm das Gastrecht zuerst verletzt zu haben schien, die Partie allzu aufopfernd zu überlassen. Und indem er nach Hut und Stock griff, verabschiedete er sich jetzt, zwar unter den Formen eines Gentleman, in bezug auf die Antwort des Mr. Mockingbird aber erwiderte er dieses: Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr, daß Sie mir den geschätzten Namen eines Benjamin Franklin nennen. Der Mann hat jedenfalls in der Wissenschaft noch mehr als in der Bank hinterlassen und durch sein eigenes Leben ein höheres Ideal aufgestellt, als welches in jener Schrift dem menschlichen Trachten zugemutet wird. Diese Ausmünzung der menschlichen Existenz in Schillinge und Pfunde gewinnt erst durch die Erfindung des Blitzableiters den Anspruch auf unsre Verzeihung. Ohne sie würden wir die Doktrine eines Mannes vor uns haben, der sich so weit vergessen hätte, unsre Bestimmung dahin zu definieren: Aus dem Rinde macht man Talg, aus dem Menschen Geld. Mag sein, daß ein unfertiges Volk eine Zeitlang auf diesen Standpunkt sich herabstellen muß, ein fertiges aber sagt: Geist macht man aus dem Menschen, nicht Geld!
      Der Hilfslehrer des Mr. Mockingbird, der bisher ohne 
       aufzublicken sich an seine Liniermaschine gehalten, legte sein Handzeug jetzt hin und machte mit Schüchternheit, wie es schien, einen Versuch, dem Fremden das Geleite zu geben. Unter der Türe ergriff er verstohlen die Hand desselben und flüsterte mit bewegter Stimme: Ich danke Ihnen für dieses 
      deutsche Wort!
    



      Zweites Kapitel
      Im Nachdenken über diese Szene bestieg Moorfeld eine Mietkalesche und fuhr jetzt der Adresse seines New Yorker Absteigequartiers zu. Wer mochte der junge blonde Mann sein, der mit seinem germanischen Bart, seiner vollen Studentenlocke, seiner breiten Brust und trutzigen Stirn ihm so mädchenhaft-schüchtern nachgeschlichen und zugestammelt? Ein Eingewanderter natürlich. Einer jener deutschen Taglöhner der Weltgeschichte, welche auf der ganzen Erde überall am Kulturleben mitarbeiten, aber selten auf eigenen Namen und nie auf den ihrer Nation. Moorfeld nahm seinen Ausfall auf Mr. Mockingbirds Franklin längst wieder zurück; er hätte sich gerne unrecht gegeben, daß er mit idealistischer Einseitigkeit gegen das erste Stück hiesigen Volkslebens so vorschnell abgesprochen: aber da stiehlt sich eine warme Hand in die seine, ein kummervoller Märtyrerblick trifft ihn, und das Wort seiner Übereilung bestätigt ihm, wie es scheint, die Erfahrung. Ein unwillkommenes Rechthaben! Moorfeld suchte sich mit Gewalt in den schönen Flug seiner Erstlingsstimmung wieder zurückzuwerfen. Er ergab sich mit allen Sinnen wieder dem Ungeheuer eines Straßenlebens, das das europäische übertraf wie ein Redoutensaal einen Latrappistenkreuzgang. Er sah und hörte zu seiner Kalesche hinaus, er bemühte sich neugierig zu sein und zu erstaunen. Umsonst. Er bekam seine Stimmung nicht mehr in seine Willkür und durch all das 
       flutende Lärmen um ihn her verfolgte ihn der halberstickte Flüsterton: »Ich danke Ihnen für dieses deutsche Wort.«
      Endlich ragte eine lange Reihe von Mastbäumen die Straße herauf, welche der Kutscher eingeschlagen hatte; ein blauer Wasserstreif dunkelte dahinter, der immer breiter und voller wurde, Wimpel wehten, Matrosen johlten, Krane seufzten, und im Nu wiegte sich das zierliche Wagengebäude auf dem platanenbesäumten Kai des Hudson oder Nordflusses, der sich wohl an drei englische Meilen breit vor den überraschten Augen des Europäers ausdehnte. Der Wagen rollte längst des Flusses an einer Häuserreihe hinab, welche in ihrem bunten Nebeneinander eine äußerst heitere Enfilade bildete: dieses Haus trug einen lebhaften Farbenanstrich, jenes stach durch seine hellgrünen Jalousien hervor, ein drittes durch eine glänzend gefirnißte Palisadenverzäunung, hinter welchen lombardische Pappeln eine steife Parade hielten, jedes machte in seiner Einzelheit einen Versuch zu brillieren, der wirklich im Ganzen erreicht, wenn auch im Besonderen fast immer verfehlt und oft chinesisch verfehlt war.
      Vor einem dieser Häuser hielt der Kutscher. Moorfeld sprang aufgeweckt heraus, ließ den Klopfer ertönen und wartete. Ein Neger öffnete. Aber ehe Moorfeld ihm seinen Namen nennen oder seine Karte abgeben konnte, war der schwarze Hausgeist schon wieder verschwunden, indem er ein solches Zeremoniell nicht zu erwarten schien. »
      Help your self«, lächelte Moorfeld, und sah sich im Hausflur, wo man ihn so republikanisch-formlos allein stehen ließ, auf gut Glück um. Er fand rechts ein Zimmer, dessen Türe, wahrscheinlich der großen Hitze wegen, halb offen stand. Er blickte vorsichtig hinein. Eine junge Dame von großer Schönheit saß darin und studierte über Landkarten und Bücher eifrig hinter einem großen Comptoirtisch. Der Fremdling glaubte sich hier an guter Adresse; er öffnete unter einem bescheidenen Klopfen auch die übrige Hälfte 
       der Tür und stellte sich der schönen Einsiedlerin mit all jener Artigkeit vor, womit ein Mann von Erziehung die Tochter des Hauses unter diesen Umständen anredet. Das Mädchen hörte ihn an, ohne eine Miene zu verändern, ja fast ohne den Blick zu ihm aufzuschlagen, worüber der junge Mann, der sich im Besitz eines gefallenden Äußern wußte und vielleicht etwas verwöhnt in diesem Punkte war, eine unwillkommene Regung empfand. Treten Sie gefälligst ins Parlour gegenüber, antwortete die lakonische Venus mit einer leichten Handbewegung; Moorfeld zog sich zurück, nicht ohne einen seiner bezwingendsten Blicke in das schöne regungslose Antlitz des Mädchens zu werfen. Selbst das offizielle Lächeln der Höflichkeit hätte ihm wohlgetan in diesem Antlitz, aber er sah nichts darauf als die Ruhe einer sauber gearbeiteten Figur unter Glasschrank. Dagegen traf ihn vor der Tür über das Treppengeländer des ersten Stockes herab ein zorniger Mädchenblick aus einem Gehänge oder vielmehr aus einem Tauwerk von schlappen Locken – die Gestalt huschte im Nu zurück, als Moorfeld zu ihrer Loreleihöhe seinen Blick erhob. Kopfschüttelnd ging er auf den bezeichneten Eingang des Parlours zu.
      Er klopfte, ohne Antwort zu erhalten. Er besann sich nicht lange, sondern schloß vielmehr, daß es landesübliche Sitte sein müsse, geradezu zu gehen, ohne sich an irgendeine Form zu binden, da der Mangel derselben unmöglich die spezielle Ungastlichkeit dieses Hauses sein konnte. Er trat also ein. Das Gefühl unter dem ersten amerikanischen Dache zu stehen, brachte jetzt eine Pause in all seine übrigen Empfindungen. Er sah sich im Parlour um, erfüllt und ergriffen von dem Bewußtsein, daß das 
      Zimmer der Abdruck des 
      Menschen sei.
      Die Möbelformen hatten nach unsern Begriffen keinen eigentlichen 
      Stil, wohl aber ließen seltsame Holzarten manch wunderliche Spielerei zu. So sah Moorfeld ein halb Dutzend spindeldürre Stühle, welche mit so bizarrer Feinheit 
       geschnitzt waren, daß selbst die Königin Mab, wie es schien, darauf hätte durchbrechen müssen. Nur eine ungewöhnliche Holzfaser konnte diese Bearbeitung erlauben, aber die sinnliche Vorstellung des Sitzens war ganz bedachtlos dabei verletzt. Nach demselben Mißverhältnis zwischen Schein und Zweck präsentierte sich der Sofaüberzug: er brillierte in einem orange-prächtigen Farbenmuster, das das Auge lebhaft genug traf, aber das Muster stellte nichts weniger als einen – Waldbrand vor. Moorfeld mußte mehr als lächeln, daß der Zumutung, sich auf Feuerflammen zu setzen, nicht das geringste ästhetische Bedenken entgegengestanden hatte. Auf dem Kaminsims stand eine Stutzuhr mit grellen und glänzenden Farben lackiert, ein paar Porzellanvasen links und rechts zeichneten sich gleichfalls durch überladene Buntheit ungefähr im Geschmacke unserer Landleute aus. Im Trumeau erblickte Moorfeld eine schlecht modellierte Statuette, welche einen Mann in knappen Stiefeln und Hosen mit Zopf und Stock, dürftigen Beinen und einem Schlotterbauch vorstellte. Die Unterschrift lehrte, daß es Washington sei. Moorfeld erschrak bei dem Anblicke dieses Mannes und seufzte achselzuckend: Das ist der Mann, der sie alle frei gemacht hat, und sie konnten nicht ihn einmal von ein paar häßlichen Linien frei machen! Sind politische Helden wohlfeiler als poetische? Schnell wandte er sich hinweg, um sein Auge an gelungenen Gegenständen zu entschädigen, aber er entdeckte nichts Besonders mehr. Nach einem Bücherschrank sah er sich z.B. vergebens um. Das einzige Buch, das er im Zimmer fand, war die Bibel. Sie lag mit einer seltsamen Ostentation auf dem runden Tisch, der vor dem waldbrennenden Sofa stand. Die Tapeten des Zimmers, der Fußteppich und die Vorhänge waren teilweise reiche Stoffe, aber harmonierten in ihren Farben nicht, denn jede einzelne war so schreiend, als ob sie Selbstzweck wäre und die optische Belebung des Gemaches allein zu tragen hätte. Die leeren Wandflächen 
       wiesen ein einziges Bild auf, ein Familienporträt, wie es schien; Moorfeld wandte aber ebenso schnell wie von dem Washington sein Auge davon. Das Gesicht war wie mit Kalk und Ziegelrot auf eine unerträglich rohe Weise gepinselt. Ein prächtiger Goldrahmen schmückte das Bild, aber das Gold stand so außer Verhältnis zur Kunst, daß es nur eine Satire auf dasselbe schien. Das war die Ausstattung des Parlours. Sie atmete den Geist einer bürgerlichen Frugalität, das aufwachende Bedürfnis des Luxus und dieser selbst wieder den krassen und heftigen Geschmack der Kindheit. »Vielleicht ein hübsches Gesicht, aber eine erfrorene Nase«, murmelte das europäische Urteil unsers Freundes; dem Zimmer fehlte der gemütliche Zug, wir möchten sagen die organische Wärme der Häuslichkeit.
      Während Moorfeld diese flüchtige und, wie wir sehen, nicht sehr lohnende Rundschau gehalten hatte, öffnete sich die innere Tür des Parlours und Herr Staunton, der Hausherr, trat ein. Eine lange schmächtige Figur mit enger Brust, nach vorn abfallenden Schultern und dünnem Halse präsentiert ihren amerikanischen Typus. Der längliche, nicht unedel geformte Kopf zeigt allen Zerfall des Herbstes, aber allen 
      Schein des Lenzes. Gefärbtes Haar, bepinselte Augenbrauen, eingesetzte Zähne, ein leicht aufgetragenes Rot auf dem glattrasierten Gesichte schillert aus einer gewissen Ferne mit einem gewissen Jugendglanze, natürlich zur mehreren Wehmut des genauen Betrachters. Die freie, weltmännische Haltung des Eintretenden, verbunden mit einer Sorte geschäftsfreundlicher Heiterkeit, ist gleichsam der moralische Teil dieser Toilettenkunst. Ein Zug von merkantiler Selbstsucht wird aus seiner obern Gesichtshälfte in der gewohnheitsmäßigen Heiterkeit der Stirn und des Auges noch siegreich genug hinweggelächelt, hat aber in der untern Hälfte, die überhaupt unbedeutend gedrängt und gekniffen ist, zwischen dünngespannten Lippen und krampfhaften Mundwinkeln eine sehr bemerkbare Heimat. Die 
       ganze Erscheinung machte den Eindruck eines Mannes, der stets als Geschäftsmensch gelebt und stets als Gentleman sich gefirnißt hatte.
      Dieser Herr trat seinem Gast jetzt entgegen und begrüßte ihn mit einer sorgfältigen Herzlichkeit. Er lud ihn ein, sich zu verbrennen, d.h. er bot ihm das Sofa an, er selbst nahm seinen Platz auf einem von den Stühlen der Königin Mab. Hiermit eröffnete er die Unterhaltung, indem er sich wegen seines schwarzen Dieners Jack entschuldigte, den er schon vor zwei Stunden an den Landungsplatz geschickt hätte, um ihn, den erwarteten Gast nämlich, abzuholen. Das Schiff, wisse er, sei so pünktlich eingelaufen als es signalisiert war, es könne nur die Fahrlässigkeit des Dieners sein, der ihn verfehlt habe, er werde ihm die Genugtuung geben, den Schuldigen zu bestrafen. Moorfeld verbat sich diese Aufmerksamkeit, und da er nicht verkannte, daß das Gesagte auch eine Anspielung auf sein eigenes Verspäten sein könne, so gestand er freimütig, daß er aus dem Hafengetümmel sich unverzüglich auf die Battery geflüchtet, und dann der Begierde nachgegeben habe, eine Promenade durch die Stadt zu machen. Der Amerikaner hörte dieser Erklärung salbungsvoll zu, er erhob sich mit einem eigentümlichen Ausdruck ins Große und Hohe und sagte mit einer gedehnten Feierlichkeit: Ich danke Ihnen im Namen unserer unvergleichlichen Hauptstadt, daß Sie bewundern die Pracht und Größe ihrer Anlage, die Tätigkeit ihrer Menschen, den Geist der Freiheit und der Vernunft, der Ihnen entgegenkommt aus allen Bildern unsers öffentlichen Lebens. Haben Sie in Europa sich an ähnlichen Schauspielen zu erfreuen? Moorfeld, der zunächst weder von Bewunderung noch Freude, sondern nur von seiner Schaulust gesprochen, nahm diese Rede ganz so auf, wie er durfte, und sagte gemessen: Europa lebt viel vom alten Gelde, Arbeit und Muße harmoniert dort wie Licht und Schatten in einem fein durchdachten Bilde. Moorfeld errötete, 
       es fiel ihm auf, daß er in zwei Stunden bereits zweimal seiner Begeisterung widersprochen und Europa gegen Amerika bevorzugt. Herr Staunton antwortete: Sie sind ein Kenner der Kunst, wie ich höre; wie gefällt Ihnen dieses Porträt hier, Herr Doktor? – Es ist mit festen Strichen und lebhaften Farben ausgeführt – war das Urteil des Befragten. O, es ist ein vortreffliches Werk, rief Herr Staunton, zehn Dollar kostet es! – Moorfeld sagte, dieser Preis scheine ihm zwar nicht ohne Verhältnis zu dem Gegenstande, aber ohne alles Verhältnis zu denen in Europa. Er nannte hierauf die letzteren. Ich weiß, ich weiß! rief Herr Staunton mit einiger Ungeduld; aber bedenken Sie, daß man mich für einen Verschwender hält, überhaupt ein einzelnes Bild, als solches, zu bezahlen. Man baut oder mietet hier sein Haus, übergibt es dem Tapezierer im Akkord zur Ausschmückung, und dessen Sache ist es dann, einige Goldrahmen mit den betreffenden Malereien anzubringen. Das ist die Sitte hier, kein Mensch hält es anders. – Kein Mensch! rief Moorfeld fast erschrocken und drang in den Sprecher, ob er diese Redensart wörtlich zu nehmen habe oder unter günstigen Beschränkungen. Das Mienenspiel des Amerikaners zeigte einen deutlichen Kampf zwischen zwei einander widersprechenden Gefühlen; er schien einen geheimen Ärger zu empfinden gegen das, was er zu antworten hatte, und doch fiel es ihm schwer, etwas, das Personen außer ihm für auszeichnend hielten, von seinem Vaterlande zu verschweigen. Zuletzt siegte sein Nationalstolz und er fing an, die Privat-Galerie eines Mr. Bennet auf der Battery im Lapidar-Stil zu erheben. Nach dieser Anstrengung erholte er sich aber durch die Bemerkung, daß ihm übrigens auch die gepriesene Kunst der Deutschen einigen Zweifel erregt habe, seit er z.B. von allen Seiten hören müsse, wie viele Bilder nur ein einziger Herr Düsseldorf gegenwärtig durch die Welt verbreite. Unmöglich könne ein Mann, der so viel hervorbringe, anders malen, als es die amerikanischen 
       Tapezierer eben auch zu besorgen wüßten, wenn er nicht an Wunder glauben solle. Es scheine die Fingerfertigkeit dieses heutigen Modekünstlers dem Ruf der deutschen Solidität nicht zu entsprechen, dagegen rechne sich's ganz Amerika zur Ehre, daß der große Alston in Boston, der erste Künstler seiner Zeit, schon zehn Jahre an einem historischen Tableau male und es noch nicht fertig habe. Moorfeld antwortete, nach dem Geiste der Extreme, dessen Ruf diesem Lande vorausgehe und der auf den ersten Blick sich bestätige, würde er sich nicht wundern, wenn Herr Alston sein nächstes Tableau in zehn Minuten vollendete, und Amerika sich's nicht weniger zur Ehre rechnete; übrigens sei Düsseldorf nicht der Name eines Künstlers, sondern der Name einer Stadt voll Künstler.
      In diesem Augenblicke meldete der schwarze Jack, es sei serviert, worauf Herr Staunton sich erhob und seinen Gast zum zweiten Frühstücke bat. Ein ersprießlicher Wechsel von dem Thema der Kunst zu einem, das der Natur näher stand! – Die beiden Herren verfügten sich in ein Zimmer des ersten Gestockes. Die Mitte desselben nahm ein mäßiggroßer Eßtisch ein, beladen mit einer übermäßigen Fülle von Gerichten, deren warm gekochte Piecen das Gemach trotz des geöffneten Fensters mit starken Dünsten erfüllten. Diesem Tische präsidierte eine Dame oder vielmehr die Tagesnummer der New Yorker Tribüne, denn außer den beiden weiblichen Händen, welche das riesige Zeitungsblatt vor sich hin hielten, war die Gestalt der Leserin unsichtbar. Herr Staunton stellte die Frau und den neuen Genossen des Hauses einander vor. Die New Yorker Tribüne legte sich jetzt in die halbe Querfalte und ließ den Kopf einer Matrone sehen, welchen drei ehrwürdige Momente auszeichneten: die Spuren des Weisheitsalters, der Ausdruck religiöser Beflissenheit und eine Brille. Doktor Moorfeld und Mrs. Staunton wechselten die üblichen Komplimente, wobei ersterer die Bemerkung machte, daß, wenn eine schöne Sprache 
       durch das weibliche Organ noch schöner klingt, eine mißtönige dagegen, wie das Yankee-Englisch, ebenso ihren entgegengesetzten Charakter durch den Frauenmund fühlbarer ausdrückt. Nach dieser Zeremonie setzte man sich zu Tische. – Frau Staunton fragte: wo bleibt Sarah? – Beste, das frag' ich dich, antwortete der Gatte. Aber in demselben Augenblick trat der Gegenstand dieser Erkundigung ein; es war eine lange schmächtige Dame von relativer Jugend und zweifelhafter Schönheit; sie wurde dem Fremden als die Tochter des Hauses vorgestellt. Moorfeld erkannte bei dieser Gelegenheit den Irrtum seiner vorigen Verwechselung und sparte die Worte nicht, ihn eifrigst zu entschuldigen; als aber die Eltern nicht gleich begriffen, wovon die Rede sei, flüchtete Sarah in die Arme ihrer Mutter und verbarg sich an ihrem Busen, indem sie mit einem tiefen Gefühle von Kränkung wehklagte: Ach Mama, das Kammermädchen ist zuvor an meiner Statt begrüßt worden! Weder Herr noch Frau Staunton schienen dieses Gebärden ihres hocherwachsenen Töchterchens für übertrieben zu halten, die Mutter schloß vielmehr sehr mütterlich die reife Jungfrau an ihr Herz und tröstete sie mit vielem Affekte. Mein Gott! seufzte sie, und schlug ihre Augen in eine Himmelshöhe, welche weit über die Richtung der Brille hinausging, mein Gott, seufzte sie, ist es denn zu verwundern, wenn fremde Besucher unsers Landes die weiblichen Herrschaften von ihren Domestiken nicht mehr zu unterscheiden wissen? Die Klasse der Dienenden stellt sich in allem Äußern so anmaßend neben uns selbst, daß uns kaum eine andere Auszeichnung übrig bleibt als das Gefühl unserer Würde, welches uns freilich hinlänglich schmückt, wenngleich nicht auf den ersten Blick. Fassen wir uns in christlicher Geduld, liebes Kind! Was wollen wir tun? Auch noch ein schwarzes Kammermädchen nehmen? Ach, schon eins ist zu viel von dieser Rasse! Nicht wahr, dazu entschließen wir uns nicht, gute Sarah! Lassen wir uns um der Liebe Gottes willen die Ansprüche 
       der Weißen gefallen und geben wir unserer liebenswürdigen Freundin recht, welche, wie du weißt, zu sagen pflegt: sie könne sich den Himmel nur als einen Ort voll Dienstboten denken.
      Moorfeld bezeugte sich den Leiden der Damen so teilnehmend, als es mit einem leisen Zug von Ironie im Herzen möglich war, und machte namentlich auf den Umstand aufmerksam, daß er die fragliche Frauensperson über Büchern und Landkarten gefunden, d.h. in einer Beschäftigung, welche in Europa zweifellos die gebildete Haustochter bezeichnet hätte. Ach, in Europa! fiel Herr Staunton mit unbedachter Geringschätzung dazwischen; – im alten Land fühlt sich selber der höchst Beamtete als ein Diener, bei uns möchte der niedrigste Dienst gern für ein Amt gelten. Die weiße Rasse dient überhaupt nicht hier. Darum ließ ich Ihnen ja auch durch unsern Agenten den Rat geben, sich keinen Bedienten mitzunehmen, wie es Ihre Absicht war. Er hätte Sie in den ersten Wochen verlassen. Unsre Harriet betreffend, so bereitet sie sich auf ein Schulamt vor, von dem Umstand gewinnend, daß man neuerer Zeit die Volksschulen gerne mit weiblichen Lehrkräften besetzt. Sie sahen sie in einer dieser Selbstvorbereitungs-Stunden, deren sie sich täglich ein paar ausbedungen hat. Die Sache hat ihre Unbequemlichkeiten für die weibliche Herrschaft, aber dem Mädchen kann ich ihr Streben nicht übelnehmen. Ist sie doch eine freie Amerikanerin, eine reine Native, sie will vorwärts! Moorfeld versagte dieser Mitteilung seinen Beifall nicht und fügte hinzu, er zweifle nicht, daß die Ehre Europas und Amerikas in allen Punkten einander verstehen würden. Herrn Stauntons Abfälligkeit gegen das erstere nötigte ihm die gelinde Rüge ab. Die Gesellschaft setzte sich zu Tische.
      Der junge Fremde glaubte noch immer einen beleidigten Zug in Sarahs Mienen zu finden und nahm sich die Mühe, denselben zu bannen. Er erwies dem Mädchen alle Aufmerksamkeit, 
       sowohl die sie fordern konnte, als die ein junger geistreicher Mann freiwillig gegen ihr Geschlecht verschenkt. Er war aber nicht glücklich. Das Gefühl der Kränkung lag wie ein interessanter Tau auf dieser abgeblühten Blume und kein Sonnenpfeil Apollos war imstande ihn hinwegzuglühen. Er geriet endlich auf den Gedanken, daß dieser Tau – gemalt sei, und gab seine wohlmeinenden Bemühungen auf, eh' er der Versuchung erlag, in eine feine Satire umzuschlagen und der unbescheidenen Spröden für das fingierte Weh ein kleines echtes Tränchen abzupeinigen.
      Bis hieher hatte Moorfeld dem Tische noch keine Aufmerksamkeit geschenkt, desungeachtet wandte er sich jetzt an die Hausfrau und machte ihr ein Kompliment darüber. Als er sah, daß die Phrase eindruckslos abprallte, schrieb er es seiner Aussprache zu und wiederholte eine der schönsten englischen Artigkeiten mit der korrektesten Deutlichkeit. Der Eindruck erfolgte nun zwar, er war aber womöglich entgegengesetzt. Die geschmeichelte Hausfrau sah in diesem Augenblicke fast so beleidigt aus wie ihre Tochter Sarah: sie blickte kalt und stolz nieder und warf irgendein Wort hin, das Moorfeld seinerseits nicht verstand. Herr Staunton legte sich ins Mittel, indem er halb gegen seine Frau, halb gegen Moorfeld gewendet, ersterer auseinandersetzte, der sehr verehrte Gast habe eine dankenswerte Meinung geäußert, welche bloß in der Voraussetzung irrig sei, daß eine amerikanische Lady sich in der Küche beschäftige. Unsere freie und aufgeklärte Nation, fuhr er fort, findet einen ihrer schönsten Vorzüge vor den übrigen Völkern der Erde in dem Bewußtsein, den Frauen eine Stellung eingeräumt zu haben, welche diesen zarten Blumen der Menschheit allein als die natürliche und berechtigte zukommt. Kein amerikanischer Bürger, der sich nicht auf der Höhe, sondern nur auf dem Niveau der öffentlichen Meinung seines Landes behaupten will usw. – Moorfeld bedurfte nicht 
       vieler Geduld, die langatmige Pomp-Phrase zu Ende zu hören. Es war ihm ein Genuß höherer Schauerlichkeit, den alten kosmetisch zusammengehaltenen Mann über die Blumen der Menschheit perorieren zu lassen.
      Inzwischen hatte er angefangen, mit mehr Bedacht sein erstes amerikanisches Dejeuner zu würdigen. Als ein Fremder, der in dem Neuen zugleich das Charakteristische zu belauschen die Neigung hat, blieb die kulinarische Physiognomie der neuen Welt nicht der letzte Gegenstand seines Interesses. Die Stimmung, womit der Gentleman seinen Beobachtungen auf diesem Gebiete nachgeht, hatte bisher etwas verschämt Humoristisches, an den Liberalismus der mittelalterlichen Hofnarren und Kirchenkomödien Erinnerndes; wenn die fortschreitende Naturwissenschaft das Geheimnis vom Stoffwechsel in den feinsten materialistischen Ausspitzungen ergriffen haben wird, so wird sich unser versteckter Ernst für diese Angelegenheit vielleicht offener ans Tageslicht wagen, ungefähr wie heute schon das Teekochen z.B. ein Obligat-Studium an den japanischen Universitäten ist.
      Damals ragte aber die Küche noch wenig in die Chemie und durch diese in die Philosophie herein, unser Held wagte also erst, sich seiner Neugierde über Amerikas Tisch zu überlassen, als er die Tischgäste selbst der Reihe nach ziemlich ungenießbar erprobt hatte.
      Zuerst fiel ihm schon die amerikanische Sitte des 
      Servierens auf. Die Tafeldeckung war hier kein europäisches Hintereinander, sondern ein Nebeneinander. Sämtliche Gerichte standen gleichzeitig auf dem Tische. Erkannte der Fremde das Handelsvolk darin, das die Zeit spart? Oder die gleichmachende Republik, die keine Rangordnung duldet? In beiden Fällen hatte der Anblick eines solchen Eßtisches etwas Fremdartiges, ja wahrhaft Überwältigendes, Brüskes. Die Phantasie sah all ihre Perspektiven abgeschnitten, sie wurde genötigt, das ganze Gebiet ihrer Genüsse auf 
       einen Blick zu umfassen, statt daß die Gänge und Pausen einer europäischen Tafel, wie die Kapitel eines Romans, wie die Aufzüge eines Dramas von Spannung zu Spannung fortschreiten und dem Gaste zwischen Hoffnung, Illusion, Überraschung, ja selbst Furcht und Reue das interessante Spiel seiner menschlichen Leidenschaften gestatten. Dagegen durfte der unparteiische Denker die praktische Seite dieses Gebrauches auch nicht übersehen. Hier lief der Appetit nicht Gefahr an unverstandenen Hintergedanken zu verhungern und über genialen Zukunftsvisionen das Lächeln der Göttin Gelegenheit zu versäumen: die rasche Tat, die scharfe Unmittelbarkeit Amerikas lag in diesem Ensemble.
      Moorfeld musterte nun die Gerichte selbst. Schinken, Fische, Geflügel, Wildpret, Koteletts, Bratwürste, Kartoffeln, Früchte, Eier, Kaffee, Wein, Branntwein, das alles war der Apparat dieses sogenannten Frühstückes. Es war keine Auswahl der landesüblichen Küche, sondern vielmehr die Summe derselben. Alles war da. Der gebratene Speck des Hinterwäldlers dampfte neben dem feinen Putenhahn, und die plebejische Brandyflasche rivalisierte keck mit dem Adelswappen: 
      Jacquesson fils & Cie. Politisch beurteilt sah Moorfeld das Bild einer unfertigen Gesellschaft darin, in welchem die ländlichen Ansiedlerelemente mit den höheren Chorden der Stadtsitte noch chaotisch durcheinander klangen.
      Von allem kostend wanderte seine Zunge gleichsam mit den Rundköpfen Cromwells aus und saß bei Mock Turtle und Champagner im Konzerte der modernsten Geldmächte. Leider war diese bunte Mannigfaltigkeit in eine traurige Einheit gebracht – es schmeckte alles gleich schlecht.
      Ohne nach den Paragraphen der höheren Gourmandise zu richten, fand unser Gast schon als bloßer Naturalist das Frühstück ungenießbar. Sämtliche Gerichte waren entweder 
       halb verbrannt oder halb roh. Es machte ihm den Eindruck, als seien sie gleichzeitig ans Feuer gestellt und nach eben der despotischen Minutenuhr ihrer Schule wieder entrissen worden, ohne jenes liebevolle Eingehen auf das zartere Spiel der Individualitäten, auf die hingebende Empfänglichkeit des Koteletts und auf den charakterfesten Widerstand des Roastbeefs. Wahrlich, es fehlte die Frauenhand in diesem fabriksmäßigen Geköche! Moorfeld zweifelte keinen Augenblick, daß nicht einmal die weibliche Dienerin, welche er ohnehin über Büchern gefunden, sondern der Hausneger selbst seine schwarze Hand in diesem traurigen Spiele gehabt. Rohe Negerrache! grollte er sich zu, nur daß die Weißen selbst nicht fein genug sind, sie zu empfinden.
      In der Tat, von Feinheit war nicht die Rede hier. Die Art, wie die zarten Blumen der Menschheit, die Damen nämlich, auf heißen Maisbrotschnitten gelbe Butter zerließen und es aßen, die Art wie Herr Staunton seine weichen Eier mit der Schale in den Mund führte und die zermalmten Schalensplitter dann auf ein Tellerchen zurückspülte, das alles war für den fremden Beobachter zwar ein Schauspiel höchster Originalität, aber auch Abscheulichkeit. Der Europäer ließ diesen Passus des amerikanischen Dejeuners mit großer Bestürzung an sich vorübergehen.
      Indem unser Held unter also erschwerenden Umständen seinen Appetit zu befriedigen suchte, angelte er, wie er meinte, nur nach den feinsten und am leichtesten zubereiteten Fleischspeisen. Bei diesen Versuchen kam er aber bald dahinter, daß Fleisch überhaupt nur ein relativer Begriff sei. Es fragt sich bei den verschiedenen Nationalitäten immer, was sie vom Tiere begehren und sich vorsetzen. Wenn nun der Engländer die blut- und muskelreichen Teile liebt, der Franzose die gelatinartigen und nervenreichen, so warf sich der Amerikaner vor allem auf das 
      Fett des Tieres. Fett war hier Fleisch. Es lag entweder offen zutage, oder das 
       Fleisch selbst war durch ein eigentümliches Raffinement der Mast mit dem Fettstoff so imprägniert, daß stets dieselbe geschmackwidrige Identität zurückkehrte. Die ganze Tafel war gleichsam ein Tisch für den Lichtzieher. Diese Talgmasse schwamm freilich in einer Beize der schärfsten Gewürze; Moorfeld glaubte sogar deutlich zerstoßenen Höllenstein durchzuschmecken; aber schmeckte es darum besser, daß er sich die Würze mit Satire würzte? Zwei Verneinungen geben wenigstens für den Geschmack keine Bejahung.
      Die Champagnerflaschen blieben nach allen diesen Niederlagen sein letzter Trost. Als aber Moorfeld sich das erste Glas davon ausbat – wie geschah ihm auch jetzt? Hr. Staunton griff, als müßte es so sein, nach der Branntweinbouteille und goß ihm Brandy unter den Champagner. Man verbessere ihn so, sagte er anstandslos. Er selbst trank gleichfalls diese Mischung. Moorfeld sah die Geschichte mit dumpfem Staunen an; – das ging ihm doch über den Begriff! Nicht daß er den Gipfel der bisherigen Geschmackswidrigkeit sah, setzte ihn außer Fassung. Die Sache ergriff ihn tiefer. Im Trinken liegt ja bei allen Völkern eine gewisse Symbolik, das Trinken spielt im Christentum selbst eine Rolle und für den Kelch wurden Kriege geführt. Trinkt der Amerikaner seinen Champagner mit Brandy, wer garantiert hier das Genie gegen die Prosa? fragte sich der Fremdling. Diese Idee unterlegte er dieser Handlung. Es war ein Augenblick ahnungsvollen Erschreckens, der sich nicht näher definieren läßt.
      Indes sich der Freund diesen dunklen Vorgefühlen noch überließ, trat ein Fremder in das Zimmer, glatt und glänzend wie Dollar, lackiert, rasiert, lächelnd und höflich, ein blank geöltes Rad aus der Maschinerie einer großen Handlungsfirma, ein Comptoir-Gentleman, wie je einer aus brettsteifen Vatermördern guckte. Er beschrieb Rückgrats-Kurven nach allen Seiten hin und wechselte dann einen 
       Fragezeichenblick zwischen Staunton und Moorfeld, dessen Inhalt das Bedenken war, ob die Rücksichten der Höflichkeit oder der Vorsicht mit einer Geschäftssache herauszurücken erlaubten? – Soeben wird der Schiffbruch der Temperance, Kapitän Powell, von Sandy Hook signalisiert, fing er an, ich fliege auf eine Minute von der Börse weg und bitte bei Ihren eventuellen Reflektionen darauf um prompteste Ordre, Mr. Staunton. Diese Nachricht schien für Herrn Staunton von großer Erheblichkeit. Er war sogleich ganzer Geschäftsmann. Mit einer eiligen Verbeugung gegen Moorfeld entschuldigte er die veränderte Richtung seiner Aufmerksamkeit und vertiefte sich dann in das Notizbuch des Jobbers, mit dem er anfing, Ziffern hin und her zu kritzeln und überhaupt in Schriftzeichen, Pantomimen und eingestreuten, kurzen Geschäftsphrasen sich zu verständigen. So fähig indes die Börsen-Hierarchie ist, in ihrer eigentümlichen Kunstsprache vor dem Profanen offene Geheimnisse zu behandeln, so begriff Moorfeld doch den ungefähren Zusammenhang. Zufällig wußte er nämlich von den sogenannten Mock-Auktionen, die damals eben anfingen und später so berüchtigt geworden sind. Dieses Geschäft gründete sich darauf, daß die Unternehmer durch Seewasser beschädigte und verdorbene Schiffsfrachten ankauften, der Ware einen künstlichen Schein gaben und sie mit großem Gewinn auktionsweise wieder losschlugen. Von einem solchen Geschäfte war hier die Rede. Herr Staunton gab seine Aufträge, der Jobber notierte, und in fünf Minuten war der Schiffbruch auf Sandy Hook verwertet.
      Als der Börsenmann fort war, fing Mrs. Staunton, indem sie sich mit dem New Yorker Tribüne Kühlung zufächelte, langsam und gedehnt an: Sage mir, Bester, haben wir mit der Temperance nicht unsern Daniel zurückerwartet? Du hättest doch um Gerettete oder Verunglückte Erkundigung einholen sollen. – Ich dachte daran, mein Engel, sagte Hr. Staunton, aber du sahst ja, wie ihn die Börsenstunde pressierte. 
       Später! – Moorfeld stutzte. Was für ein Daniel war das? Ein Sohn? unmöglich! Ein Handlungsdiener? Dann hätte der englische Sprachgebrauch nicht »unser« sondern »Mister« gesagt. Also doch ein Sohn? Moorfeld schwindelte. Nein, nein, es ist unmöglich! Unmöglicher wenigstens als eine Abweichung vom Sprachgebrauch.
      Bestürzt, verwirrt und mehr als gesättigt, sprang Moorfeld auf von seinem ersten amerikanischen Frühstück.
      Der schwarze Jack führte ihn auf sein Zimmer. Es hatte eine weite Aussicht über Fluß und Land, eine der Bedingungen, auf die er ja schon in Europa dieses Privatlogis gemietet. Aber indem er eintrat, kam auf einmal ein plötzlicher Schreck über ihn. Woher er kam, wissen wir nicht zu erklären, wenn sich der Leser nicht eigener Augenblicke dieser Art erinnert. Es gibt solche Augenblicke. Die Macht der Gewohnheit wird manchmal – auf einen Sekundenblitz – aufgehoben. Ein großes Glück, das wir gemacht, wenn wir schon lange von seinen Früchten zehren, schreit oft den ersten Freudenschrei wieder auf in uns, ein Totenfall, den wir schon lange verschmerzt, überschauert uns oft mit den ersten Schrecken der Neuigkeit, ein geliebtes Musikstück, das wir schon lange mit anhören, klingt uns in einem auserwählten Augenblicke wieder das Entzücken des ersten Anhörens zurück. Es wäre ganz vergeblich, den schrecklichen oder süßen Reiz solcher Erstlingseindrücke uns willkürlich zu reproduzieren, es ist eine unbegreifliche Inspiration, die direkt von den Göttern kommt, ein Erdbeben der Phantasie, ein Durchstoßen der Alltagskruste und Auflodern der Originalität in uns. Ein solcher Augenblick war's, der jetzt unsern Europäer überraschte. »Deine Fenster sehen auf Amerika«, der Gedanke packte ihn plötzlich, als hätte er ihn nie zuvor gedacht, noch weniger ausgeführt. Ein Wunder schien ihm's, ein Feenwerk. Er hielt sich den ganzen Tag über an sein Zimmer, gleichsam als wäre er nur hier geborgen und draußen verloren. Der Neger wurde eifrigst aufs 
       Zollhaus gesandt und fieberhaft erwartete Moorfeld mit seinem Gepäcke den Anblick europäischer Gegenstände. Er lag aber, ehe sie noch anlangten, zu Bette. Das genossene Frühstück hatte sich in einer gewaltsamen Transaktion Luft gemacht. Als der Verdauungkranke abends zum Diner gerufen wurde, erbat er sich eine Tasse Kamillentee und ließ alle übrigen Genüsse Amerikas auf sich bewenden.
    



      Drittes Kapitel
      Ein prangender Morgen glänzte über die Welt. Spät aufwachend, wunderte sich Moorfeld, daß der Lärm des Hafenlebens, das unmittelbar unter seinen Fenstern lag, nicht längst ihn erweckt. Er trat ans Fenster. Ja freilich! da lag Schiff an Schiff im Hudson – alle Flaggen aufgehißt, alle Räume grabähnlich stumm – eine ganze Flotte des fliegenden Holländers schien vor Anker. Es herrschte heute also jenes Gespenst, das man in den puritanisch quälerischen Landen Sonntag nennt. Die Strömung des Flusses war die einzige Bewegung in diesem Bilde der unheimlichen Ruhe. – Der Europäer sann darüber nach, was mit einem solchen Tage der heiligen Langeweile anzufangen sei. Sein Blick fiel auf seine Koffer, welche gestern unberührt stehen geblieben. Damit war fürs erste gesorgt. Er stand auf und fing an, sie auszupacken.
      Das ist eine der sinnigsten Menschenarbeiten und jedenfalls das harmloseste Sonntagsvergnügen in allen fünf Zonen auf beiden Hemisphären. Die Bagatells, welche der kurzsichtige Sterbliche »leblose Dinge« nennt, sind keineswegs so leblos, als es scheint: Stoff, Form oder Farbe spricht auf irgendeine Weise zu irgendeinem Sinne und ein Widerschein geschichtlicher Erinnerungen spielt um die geringste Einzelheit. So gehen die Gegenstände mit einer sanften träumerischen Muße durch die Hand, ja, es bleibt überhaupt 
       unentschieden, ob die Hand oder die Phantasie bei einer Arbeit dieser Art vorherrscht. Leuchtet dazu ein blauer geräuschloser Tag zu hellen Fenstern in die einsiedlerische Stube, so faßt sich das Ganze in eine gewisse Stimmung zusammen, welche scheinbar mit Taschenspiegeln und Rasiermessern nichts zu tun hat, aber nichtsdestoweniger da ist und recht tief und lebendig da sein kann.
      In dieser Stimmung hatte der Freund seine geliebte, wohlverpackte Violine vorgefunden und aus den ersten Probegriffen um die Reinheit des Tones wurde unvermerkt ein langgezogenes Spiel. Ans Fenster gedrückt, das Auge über Fluß und Land und durch die tiefblaue Heiterheit des Morgenhimmels schweifend, stand er da und brachte der neuen Welt das erste Liebesopfer einer klangreichen Seele. Die heimatlichen Weisen quollen in reicher Strömung aus dem schönen Instrumente, eine Phantasie, die sich an ihrer eigenen Fruchtbarkeit hinriß, reihte Blume an Blume, hing Kranz neben Kranz auf, und vor dem inneren Auge des Künstlers stand vielleicht ein Freundeskreis von fernen, lieben Menschen, wert, daß sie eine Seele in ihren guten Stunden mitgenießend vergegenwärtigte.
      Als Moorfeld eine Zeitlang so vor sich hingespielt hatte, klopfte es. Herr Staunton trat ein und erkundigte sich, im hochgesteiften Vatermörder, den französischen Hut in der Hand, um das Befinden seines Gastes. Moorfeld dankte, und wies auf seine Violine, das Zeichen seiner aufgeweckten Kräfte. Ein vorzügliches Instrument, ein klangreiches, melodisches Instrument, rief Herr Staunton, geschehe mir anders, als ich wünsche, wenn ich Ihr Spiel nicht mit dankbarer Freude belauscht habe. Ich muß die Wahrheit sagen, Herr Doktor, ein ganz köstliches Holz! Ach, das Vergnügen der Kunst wird mir zu selten zuteil, als daß ich's nicht lebhaft zu schätzen wüßte. In der Woche besetzt das Geschäft und der Klub die Tags- und Abendstunden, und am Sonntage kann man in sämtlichen Staaten der Union keinen 
       musikalischen Ton hören, wenn nicht glücklicherweise vielleicht von einem Fremden. Unser frommes Land hält Klang und Saitenspiel für eine Sünde am Tage des Herrn; aber ich denke wohl, meine Nachbarn sind bereits in den Kirchen, man wird uns kein Ärgernis nachsagen, Herr Doktor. Der junge Europäer legte rasch, als ob es entweiht wäre, sein Instrument hin; sein dunkles Auge schoß einen wilden Blick, voll von dem Genie des Zorns. Der Amerikaner nahm die Gelegenheit wahr, als er seine Mission erfüllt sah, mit Höflichkeits-Formalitäten wieder seinen Rückzug zu nehmen.
      Moorfeld fuhr im Aufräumen seiner Koffer fort, aber wir können in dieser ausdruckslosen Arbeit eine merkliche Veränderung des innern Ausdrucks wahrnehmen. Das harmlose Adagio seines vorigen Gebärdenspiels ist in ein rauschendes Allegro verwandelt; er wirft die Sachen mit einer genußlosen Hast untereinander, seine Finger zucken wie elektrisch, oft unterbricht er sich und geht mit starken Schritten durch das Zimmer. Der enge Raum genügt bald seiner unruhigen Bewegung nicht mehr, es ist mit diesem häuslichen Sonntage nichts anders anzufangen, als ihn 
      in publico anzusehen. Er eilt fort.
      Die beste Flucht vor dem Sonntag wäre natürlich direkt in den Sonntag hinein gewesen. Schon als Sittenbeschauer der Menschen konnte der Fremde nicht anders, als heute die Kirchen besuchen. Wahrscheinlich hätte es Moorfeld auch getan – ohne Herrn Stauntons Morgenbesuch. Dieser aber trieb ihn begreiflich – in die Opposition. Andächtig zu sein mit Andächtigen, welche »Ärgernis« an einem Adagio nehmen – in Europa sieht es jedermann ein, daß das einem Europäer nicht möglich war.
      Dazu kam das Sonntagsgeläute. Wie wurde unserm Freund, als er in New York läuten hörte, wie man in Europa zum Feuer »anschlägt«? Anfangs glaubte er wirklich die ganze Stadt brenne, als das eintönige Gehämmer von allen 
       Kirchen zu arbeiten anfing. Mit empörter Seele rannte er in die Einsamkeit. Wir wüßten auch nichts, was von dem Menschen mehr hinwegscheucht, als solch ein äußerster Grad seiner Rhythmuslosigkeit. Höchstens noch ein Diner aus Fett und Pfeffer und Champagner mit Brandy. Wahrlich, unser Freund zieht eine starke Summe seit gestern. Ein Volk, das nicht einmal die Instinkte des Gaumens und der Andacht – also die Grundpfeiler der sinnlich-sittlichen Menschennatur – zu erfüllen weiß, das wandelt doch weitab vom europäischen Wege. In diesem Augenblicke ging ihm einstweilen Moorfeld selbst aus dem Wege. Er wandelte auf der Battery, wo eben niemand wandelte. Das frische Meer, der blaue Himmel, der weite unendliche Horizont, flammend und spiegelnd im Lichte der kräftigsten Sommersonne, ließen ihn ein paar Stunden so hinträumen. Notizbuch und Stift in seiner Hand verraten uns, daß wir ihn in Gesellschaft guter Geister wissen. Freilich sehen wir ihn ebensooft streichen als schreiben; es scheint ein kleiner Familienzwist in dieser Gesellschaft zu herrschen. Wenn es kein großer ist – bekümmern wir uns nicht darum.
      Als Moorfeld zum Dejeuner in die gestrige Gruppe eintrat, fiel ihm »unser Daniel« wieder mit neuer Schwere auf die Seele. Er beschloß sogleich die Konversation darauf hinzuleiten. Er glaubte mit einer Artigkeit beginnen zu müssen, und drückte dem Hause Staunton sein Bedauern aus, daß er heut morgen seine Sabbatruhe entweiht. Er hätte sein Violinspiel sogleich mit einem Spaziergang vertauscht, als er vernommen – aber die Damen Staunton sahen sich in diesem Augenblicke so bedenklich an, daß Moorfeld, ohne mehr zu sagen, vielmehr das schon Gesagte in eine erschrockene Erwägung zog.
      Herr Staunton beschwichtigte die dreifache Verlegenheit und sagte mit einem liberalen Ausdruck: Die Vernünftigeren in New York werden nicht lange mehr einen Spaziergang für eine Profanation des Sonntags halten. Und machte 
       es auch zur Zeit noch niemand mit, namentlich während der Kirchenstunde nicht, so denkt man hier doch nachsichtiger darüber als z.B. in Boston. Ein Spaziergang, rat' ich, wird bald ein erlaubtes Sonntagsvergnügen in unserer erleuchteten Weltstadt sein.
      Ist's möglich?! rief Moorfeld auf dem Gange draußen, denn er hatte bei Herrn Stauntons Worten – was hilft es, die Wahrheit zu mildern – mit einem wahren 
      Grimm seine Serviette niedergelegt. Unter dem Vorwande der gestrigen Indigestion war er aufgestanden.
      Auf dem Korridor begegnete ihm Jack, der aufwartende Neger. Der Bursche lachte ihn mit verzücktem Augenzwicken an, machte die Gebärde des Violinspielens, zuckte tanzend mit den Fußspitzen und sagte kopfnickend: Sar, schön! schön! heut morgen; Banjo in Ihrer Hand spricht gute Sprache, Sar! Mehr aus seinen Gebärden als aus seinen Worten erriet Moorfeld die Meinung des Schwarzen. Er drückte ihm beide Hände, indem er dem drolligen Gesichte gerührt, fast begeistert ins Auge sah. Aber wir haben eine Sünde begangen, Jack, fügte er wehmütig lächelnd hinzu, der heilige Sonntag verbietet's. Ach, was macht man mit eurem Sonntag hier! – Man geht zum Feuer, Sar, sagte der Neger, indem er den Ausruf für eine Frage nahm und als solche gewissenhaft beantwortete. Zum Feuer, wiederholte Moorfeld verwundert, zu welchem Feuer? – Ei, antwortete Jack, die jungen Herren von den Löschkompagnien vertreiben sich den Sonntag mit Feuerlöschen. Banjo ist Sünde, aber Feuerlöschen ist gut Werk, nicht wahr, Sar? Nun, so müssen sie doch erst Feuer anzünden, wenn sie Feuer löschen wollen, wie Sar? Moorfeld sah den naiven Logiker erschrocken an. Sie sind Brandstifter zu ihrem Sonntagsvergnügen? rief er mit starker Betonung, aber in diesem Augenblicke erdröhnten dumpfe Glockenschläge, die sich zwar von dem monotonen Getön des sogenannten Kirchengeläutes nicht unterschieden, die der entzückte Jack aber 
       sogleich für ein Feuersignal erklärte. Mit einem lauten Freudengejubel sprang er in die Küche hinweg, fluchend auf die unzeitige Neuerung der Brandstifterpraxis, die schon so früh anfange und ihn nicht einmal an seinem Spültisch fertig werden lasse. Moorfeld ging wie im Traume auf die Straße hinaus.
      Er fand am Kai schon die ersten Anfänge eines Zusammenlaufs. »Rooseveltstreet in der vierten Ward!« riefen die Begegnenden einander zu. Auf Erkundigung hörte Moorfeld, daß der genannte Bezirk am Ostflusse hege, also gerade auf der entgegengesetzten Seite der Stadt. Vergebens sah er sich rings nach einem Omnibus um, kein Fuhrwerk war irgendwo zu sehen und zu hören. Er merkte, daß auch hier der Sonntag im Spiele sei, und daß ihm als Fremden nur übrig bleibe, auf gut Glück der Richtung derjenigen zu folgen, welche denselben Weg einzuschlagen schienen. Das tat er.
      Die Menge des Straßenpublikums mehrte sich mit jedem Schritt. Der hochgeputzte Neger in weißen Handschuhen und Manschetten, das zarte Phantasiestäbchen balancierend, an seinem Arme die schwarze Schöne, die im weißen Kleide mit Rosaschleifen ihren äthiopischen Teint vorteilhaft, wie sie meint, zu heben weiß, der kurze Dandy-Frack, die strahlende Uniform, die schwere Samtrobe, der wallende Federhut – das alles eilte auf einen Schauplatz voraussichtlicher Unreinlichkeit mit größtem Eifer. Dazu malte sich auf allen Mienen, selbst der elegantesten Herren und Damen, eine gewisse Freudigkeit, ja schon der Umstand, daß sie aus so weiter Ferne zu einem so alltäglichen Ereignis zusammenströmten, war bedeutungsvoll. Kurz, Moorfeld konnte unverhohlen wahrnehmen, daß die Leute die Zwangsjacke ihrer Sonntagsfeier begierig lüfteten, daß ihnen der Brand ein wahres Volksfest sei, und daß Jacks Vermutung ohne Zweifel ihre sittenkundige Gültigkeit habe.
      
       Unter diesen Beobachtungen gelangte er an den Ort des Brandes. Aus der Tiefe der Straße, in deren Mitte seine Schritte unter dem Gedränge der Menschen kurz und kürzer wurden, flackerte eine lichterlohe Feuersäule von einem auffallend lauten Geprassel und Geschnatter begleitet; es war ein Haus von Fachwerk, ein sogenanntes Framehaus, dessen Sparren und Balken die gefräßige Flamme zusammenknirschte. Die Löschmannschaft in ihren roten Jacken, weißen Hosen und lackierten Hüten, kecke Gestalten, denen die Welt zu gehören schien, bot in ihrer Haltung einen sonderbaren Anblick von Wildheit und Eleganz. Vor allem machte sich ein junger reckenhafter Bursche bemerkbar, der gleichsam der potenzierte Ausdruck seiner ganzen Kompagnie war, über die er auch tatsächlich das Kommando führte. In ihm schien der Mut Übermut, die Wildheit Frechheit, die Eleganz Prahlerei, aber auch ein gewisser Grad von Männerschönheit war ihm nicht abzusprechen. Das ganze Unternehmen beseelte er mit seiner quecksilbernen Raschheit; den einen riß er von der Pumpe weg, den andern verdrängte er vom Schlauch, den dritten warf er von der Leiter, sein Eifer war allgegenwärtig – aber wer das Gebaren des Tollen nicht bloß begaffte, sondern ihm auf seinen Grund schaute, der merkte bald, daß seine Begeisterung entweder der Rumflasche entstammte, oder daß sie Koketterie vor dem Pöbel war, oder daß er Händel in seiner eigenen Mannschaft suchte: am wahrscheinlichsten alles zugleich. Der Anblick dieses Feuerbändigers war ganz danach angetan, als ob er sich das Feuer heimlich erschüfe, das er öffentlich bekämpfte. Wie er mit dem Brande umsprang, so schien alles an ihm zu sagen:
      Ich darf ihn hassen, ich hob' ihn geboren!
      Das Schauspiel hatte jedenfalls seinen Sinnenreiz. Wie die jungen Männer zwischen Rauch, Flamme und hochstrahlenden Fontänen im Wechsel der verschiedensten Stellungen 
       ihre körperliche Geschicklichkeit entwickelten und den Kampf zwischen Wasser und Feuer gleichsam wie ein ritterliches Karussell betrieben, ohne jenen Sudel von Geschrei, Verwirrung und Unreinlichkeit, den der Europäer bei derartigen Gelegenheiten gewohnt ist, so ließ es gar wohl die angenehme Täuschung zu, man sähe eigentlich ein Spiel, eine Vorstellung der höheren Turnkunst. Auf einmal erscholl der Ruf: »Die Achter! die Achter!« Man sah aus einer Seitenstraße eine neue Löschkompagnie anrücken, und die ganze Szene veränderte sich im Nu. Der Matador, den wir zuvor beschrieben – Howland nannten ihn die Seinigen – schwang sich mit einem Satze von der Leiter, seine Kompagnie machte Front gegen jene Straße, die Zuschauer drängten sich dichter zusammen, alles deutete darauf hin, daß man diesem Zusammentreffen der beiden Kompagnien wie der eigen fliehen Handlung des Dramas entgegen sah. Der Recke Howland trat vor und rief: Willkommen, meine Herren von der achten! Die Prompteste Kompagnie zwischen den Polen, das ist ein Faktum! He, meine Freunde, brenne einer von euch einen Schwefelfaden an, die Herren von der achten wollen löschen. – Ich rate, Mr. Howland, Euer verehrlicher Kopf ist selbst ein brennendes Rumfäßchen; daran wäre zu löschen genug, rief der Kapitän der Verspotteten, und seine Kompagnie schrie das Schlagwort sogleich im Chorus nach. Löscht ihn! löscht ihn! löscht das brennende Spritlager von James Howland und Kompagnie! Und augenblicklich kam aus der Spritze der Achter ein Wasserstrahl dahergerauscht und schoß mit einer solchen Heftigkeit an Howlands Kopf, daß es den mächtigen Körper fast zu Boden riß. Der Bursche gebärdete sich wie toll und kommandierte mit einer Stentorstimme: An die Pumpe! Seine Kompagnie schöpfte, zielte und schleuderte der achten eine wütende Decharge zu. Die Mannschaften beider Parteien bombardierten sich mit dem äußersten Eifer aus ihren Spritzen. Ihre Wasserstrahlen rauschten im 
       Bogen bald über bald unter einander hin, bald begegneten sie sich im Kernschuß und prallten gegeneinander, daß der ganze Schwall zischend zerspritzte und rings im Zuschauerkreis die kostbaren Toiletten der Damen einnäßte, welche mit lautem Gekreisch auseinanderstoben und doch immer von neuem sich zudrängten, indes die Männer mit Händen und Füßen applaudierten und hochjauchzende Zurufe erschallen ließen, um die tollen Kämpfer noch mehr zu entflammen. Inzwischen ging der achten Kompagnie ihr mitgebrachter Wasservorrat aus; sie war nun an den Brunnen des Ortes angewiesen, welchen aber ihre Gegner im Besitz hatten. Es galt einen Kampf darum. Entschlossen schoben sie ihre elegante Spritze vor, entschlossen stellte sich Howland mit den Seinigen um den Brunnen. Beide Parteien, naß wie Taucherenten, scheinen gleichwohl, den Schmiedekohlen gleich, nur angefeuchtet um desto lichter zu brennen. Rot von Kampfeshitze und überfließender Begier, ihr Blut zu kühlen, loderten die Gesichter der jungen Männer unter der Traufe des Wassers, der Augenblick, in welchem sie handgemein aneinander rückten, versprach eine stürmische Katastrophe. Da gipfelte sich der dritte Akt des Dramas von einer andern Seite her.
      Mit Fahnen und Standarten und einem lauten Hurrah! als gält's einen Triumphzug, erschien eine neue Kompagnie auf dem Schauplatz. Bei ihrem Anblick geriet Howland in Wut. Es schienen seine ärgsten Parteifeinde zu sein. Wie eine wilde Katze schwang er sich auf die Feuerleiter und schrie ihnen entgegen: Was sucht ihr da in der vierten Ward? Zündet euch selbst ein Feuer an, wenn ihr eure Jungfern-Spritze einweihen wollt! Fort, fort mit euch! Zugleich ließ seine Kompagnie einen Hagel von Schimpf reden über die Eindringlinge niederregnen; man entnahm aus ihrem Geschrei, daß sie die Spritze der andern in einem siegreichen Gefecht vor kurzem zertrümmert, und jene mit Fahnen, Standarten und einer neuen Paradespritze ihnen 
       zum Trotz heute angerückt kamen. Selbst die Achter schienen durch die Erscheinung einer fremden Kompagnie in ihrer Ward beleidigt und einen Augenblick lang geneigt, ihre Partei zu wechseln. Inzwischen waren sie, begünstigt durch die neue Diversion, Herren des Brunnens geworden, hatten ihre Spritze schnell gefüllt und richteten ihren Schlauch erst auf den hochstehenden Howland, dann aber auch auf die Köpfe seiner neuen Feinde. Diese wiederholten dasselbe Manöver, indem sie Howland von der andern Seite bombardierten, und sowohl seine als die achte Kompagnie mit einem langreichenden Wasserstrahle bedeckten. Howland, wütend wie ein angeschossener Eber, zog seinen Revolver und knatterte blindlings nach links und rechts unter seine Feinde; augenblicklich protzten und platzten die Pistoletts von allen Seiten gegeneinander, jede Kompagnie stand gegen jede, die Kugeln flogen hin und wieder, die Wasserbogen brausten auf und ab, dazu regnete es von der Höhe herab Feuerbrände, da die Flamme, schon halb gelöscht, während dieses Handgemenges neu aufflackerte. Die Zuschauer stoben entsetzt auseinander, hier rief eine Frauenstimme: ich bin getroffen! dort: ich brenne; die Männer schrien: Watch! Watch! aber Polizei ließ sich nirgends blicken. Zuletzt verließ auch Moorfeld die Brandstätte und hatte – eine amerikanische Sonntagsfeier gesehen.
      Zu Hause beim Diner sagte Herr Staunton: Sie kommen vom Feuer? Nun, mein Herr, dann werden Sie bewundert haben eine der herrlichsten Institutionen unsers freien und aufgeklärten Volkes. Wo, zwischen beiden Polen, finden Sie eine Feuerwehr wie die amerikanische? Unsere Spritzen sind leicht und zweckmäßig gebaut, ihr Mechanismus ist der vollkommenste, der sich denken läßt, ihr Äußeres ist elegant wie ein Uhrgehäuse. Unsere Löschmannschaft ist die Blüte unserer Jugend, ein Elitekorps, dem keine Nation der Erde etwas Ähnliches entgegenstellen kann: auf meine 
       Verantwortung, mein Herr, das ist ein Faktum über alle Zweifel erhaben. Diese vortrefflichen Jünglinge betrachten die Feuerwehr, was sie auch ist, als eine Schule des männlichen Mutes, der bürgerlichen Aufopferung, als eine Ritter-Akademie, in welcher die edelste aller Kriegswissenschaften gelehrt wird: der Kampf gegen das Element. Nichts gleicht ihrer kühnen Geistesgegenwart, ihrer heroischen Entschlossenheit, ihrer großherzigen Verachtung der Gefahr, ihrer Hingebung für die öffentliche Sicherheit des Lebens und des Eigentums. In Wahrheit, eine Musteranstalt unsere Löschkompagnien! Wir zeigen mit Stolz auf sie, und nächst dem Unabhängigkeitsfeste ist uns kein Tag des Jahres so lieb als der 14. Juni, der Gründungstag unserer Feuerwehr in New York. An diesem glorreichen Tage halten sämtliche Kompagnien ihren Festaufzug durch die Stadt, Deputationen aus allen Gegenden der Union schließen sich ihnen an, Musikchöre treten vor, die Straßen sind mit Blumen bestreut, die Fenster mit Teppichen behangen, die Tücher der Damen wehen, Fahnen mit schmeichelhaften Devisen flattern; in dieser öffentlichen Huldigung einer freien Nation ernten die edlen Jünglinge den einzigen Lohn ihrer uneigennützigen Bürgertugend. Es ist ein Schauspiel, mein Herr, wert, daß man um seinetwillen allein den großen Ozean durchschifft, und selbst die nächsten Sterne, rat' ich, müßten ihre Zuschauer senden, denn die Welt hat nichts Schöneres mehr aufzuweisen, es täte mir leid, wenn's nicht wahr wäre. Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie noch rechtzeitig zu diesem erhabenen Nationalfeste eingetroffen sind, wenigstens hörte ich alle Fremde ohne Ausnahme unsern 14. Juni als den schönsten Tag ihres Lebens preisen, und ich verkehre viel mit Fremden, das darf ich behaupten. Aber was sagen Sie zu der heutigen Probe, Herr Doktor? Sie waren erstaunt – wie?
      Moorfeld erwiderte: 
      ein ritterlicher Zug habe ihn vor allem angesprochen. In Europa sei es gebräuchlich, nur 
       über dem Grabe eines verdienten Kriegers Gewehrsalven zu geben, höchstens erweise noch der romantische Waidmann dem letzten Röcheln eines verendenden Edelwilds diese Ehre. In Amerika aber sei es ausnehmend zart und sinnig, daß man auch das überwältigte Element mit militärischer Courtoisie behandle, und über dem gelöschten Brande, wie über einem gefallenen Helden, die Gewehre abfeuere. Ja, der Eifer für diese rühmliche Sitte ginge so weit, daß die edle Jugend dieses Erlöschen oft nicht einmal abwarte, sondern mitten im robustesten Brande Feuer gebe, und zwar auf sich selbst und das Publikum. Dieser letztere Zug habe ihm wieder heroische Bilder vor den Geist gebracht, nämlich die Fechterspiele der Römer an vornehmen Scheiterhaufen oder auch jenes aufopferungsvolle Schlachten getreuer Waffenträger am Grabe ihres Herrn, welches bei den meisten Kriegsvölkern des Altertums geherrscht habe. Nur schienen ihm die Revolver über eine ganz geringe Distanz hinaus kein sicheres Feuergeschoß mehr, so daß er glaube, die morgigen Zeitungen werden bloß von Verwundungen, nicht aber von einem eigentlichen 
      Opfertod zu berichten haben. – Herr Staunton erblaßte, als er in dieser ganzen Lobrede von einer jener Rowdie-Schlachten hörte, welche auf dem öffentlichen Leben Amerikas mit so großer Schande lasten; Moorfeld fuhr aber in seiner ironischen Anerkennung fort: daß die Sonntags
      ruhe Amerikas durch diese Sonntags
      tätigkeit erst ihr eigentliches Relief erhalte, habe er überhaupt mit aufrichtiger Genugtuung erfahren. Es stand von den ungeheuren Energien Amerikas zu erwarten, daß das zurückgepreßte Leben auf irgendeine Weise sich zu entfesseln wisse, und zwar um so gewaltsamer, je strenger es gefesselt sei – ganz nach den physischen Kraftverhältnissen von Druck und Gegendruck. Dieses sonntägliche Kampfspiel der New Yorker Feuerwehr sei ihm daher ein schätzbarer Kommentar gewesen zu dem Briefe Paulus an die Römer 
      XIV. 5, da er schreibt: »Welcher auf die Tage 
       hält, der tut es dem Herrn, und welcher nichts darauf hält, der tut es auch dem Herrn.«
      Das ist von allen verdammten Deutschen der verdammteste! murmelte Herr Staunton zwischen seinen eingesetzten Zähnen, als sein Gast mit einem verbindlichen Gruße vom Tische aufgestanden. –
      Moorfeld aber saß in einer ernsthafteren Stimmung, als er eben gezeigt hatte, auf seinem Zimmer. Er revidierte den Plan seines New Yorker Aufenthaltes. Bekanntlich bringt ein Reisender an den Ort seiner Bestimmung irgendeine fertige Disposition mit, deren Stichhaltigkeit indes bald von den wirklichen Verhältnissen in Frage gestellt wird. Dies war jetzt Moorfelds Fall. Er hatte geglaubt, vor seiner Weiterreise nach dem Landesinneren in New York, der ersten amerikanischen Großstadt, Station halten zu müssen. Das Verständnis der hinterländischen Zustände, hatte er gemeint, könne er sich dadurch rascher und in größeren Zügen aufschließen. Ebenso hatte er durch Agentur sich Quartier in einem Privathause bestellt: das Kulturbild eines Volkes, nahm er an, könne ein Beobachter nirgends direkter studieren, als an der Quelle aller Kultur, in der Familie. Diese Voraussetzungen waren es, welche er nun noch einmal durchprüfte. Daß die 
      Stadt notwendig die idealisierte Physiognomie des 
      Landes darstelle, ist vielleicht, überlegte er jetzt, bloß europäisch gedacht; in Amerika möchte das Gegenteil walten. Ein Agrikulturland, wie es ist, liege sein höchster Charakterausdruck wohl eben im 
      Lande, und die Stadt sei nur eine Pantomime, ein Nebenumstand, eine Art Pseudoplasma. In der Tat schien es ihm jetzt deutlicher zu werden, was er schon angesichts der Feuerlösch-Emeute dunkel zu fühlen geglaubt. Er hatte sich der Wildheit dieser Szene nicht rein zu erfreuen vermocht. Er hatte den gesunden, naiven Kraftdrang eines Volkes, das sich so sprichwörtlich das 
      jugendliche nennt, in der Balgerei jener Burschen doch nicht recht durchempfunden. 
       Er glaubte, jede deutsche Bauernschlacht weise mehr robusten Vandalismus auf; in dieser New Yorker Jugend läge vielmehr ein gewisses Etwas, das gerade das Gegenteil vermeinter amerikanischer Ursprünglichkeit sei: nämlich eine reflektierte, theatralische Frechheit, eine Emotion von matten und früh verbrauchten Kräften, die höchstens an der Nachsicht der Polizei zu einem Strohfeuer aufprasselt, wie es den Europäer vorübergehend blendet. Kurz, die Ahnung beschlich ihn, ob eine amerikanische Stadt, anstatt die potenzierten, nicht vielmehr die blasierten Elemente des Volkslebens zur Erscheinung bringe, den oberflächlichen Schaum einer reinen und gesunden Gärung, deren Prozeß sich auf andern Schauplätzen vollziehe. Was zweitens das Kulturbild von Herrn Stauntons Familie betraf, so gab sich unser Freund Mühe, mit größter Gewissenhaftigkeit darüber zu urteilen, oder besser eines vorzeitigen Urteils sich zu enthalten. So fremdartig und unerquicklich zwischen der nationalen Arroganz des Hausherrn, der steifen Würde der Hausfrau und der prätentiösen Unnahbarkeit der Tochter ihn die ersten Stunden seines Aufenthaltes anmuteten, so erlaubte ihm doch die Ehrfurcht vor allem Menschlichen noch keine Voreingenommenheit gegen diese Person. Selbst die Lebensfrage »unsers Daniel« mochte er, nach der Auslegung, deren sie zur Not fähig war, auf sich beruhen lassen. Desungeachtet glaubte er von der amerikanischen Familie so wenig wie von der amerikanischen Stadt sich versprechen zu dürfen. Auch hier ahnte er ein dem europäischen entgegengesetztes Verhältnis. In Europa betrachtet der Bürger seine Familie als den angebornen und natürlichen Beirat seiner Angelegenheiten: Europas Geschichte wird in der Familie gemacht. Anders in Amerika. Hier wehte innerhalb der vier häuslichen Wände ein so kühler Geist, daß augenblicklich erraten wurde, die eigentliche Lebenswärme der bürgerlichen Existenz entbinde sich hier auf anderem als häuslichem Schauplatze. Der Mann 
       gehörte, wie in den alten Staaten, der Öffentlichkeit. Dort entfaltete er die Summe seiner Eigentümlichkeit, dort zeichnete er, dort individualisierte er sich. Zu Hause war er nur ein Gattungscharakter – ein guter Ehemann. Was er den Mächten des Lebens abgelistet und abgetrotzt, das legte er wie eine ritterliche Beute seinen Ladies zu Füßen, der Gattin und Tochter. Ihnen kehrte er die Bildseite seines irdischen Webens zu; das Sausen, Schlagen, Rupfen und Treten der Webearbeit blieb ihnen abgewendet. Von dem gemütlichen deutschen Stabreim: Wohl und Weh, Freud und Leid – teilte er nur Wohl und Freud mit ihnen, die andere Hälfte des Reimes verschluckte er: er hob aber alles auf, indem er den Gegensatz aufhob. Seine weibliche Familie vergötterte er, seine männliche vergaß er. Den Sohn spülte ihm der Strom der amerikanischen Freiheit schon als Knabe hinweg und brachte ihn nie wieder oder vielleicht als Associé zurück, mit dem man die Dividende – nicht der väterlichen Liebe – sondern des väterlichen Geschäftes abrechnet.
      Diese Betrachtungen waren es, welche Moorfeld nicht so wohl machte, als vielmehr nicht abhalten konnte von sich. Er streckte wahrlich die Hand nicht freiwillig nach einer Erkenntnisfrucht von so herbem Geschmacke aus; aber gewisse Naturen – dichterische oder weibliche z.B. – urteilen gleichsam unwillkürlich, divinatorisch, mit der Spürkraft der Empfindung, mit der raschen Gestaltungsfähigkeit der Phantasie. Es wäre ganz vergeblich, ein solches Urteil zu unterdrücken, oder zu betäuben. Auch liegt keine moralische Nötigung dazu vor. Nur der langsame Kopf nennt es Vorurteil, der schnelle schöpferische darf es mit Recht sein Urteil nennen. Was jenem die Erfahrung ist, das ist diesem die Intuition. Beide haben in der Tat zwei verschiedene Gewissen. Ja, adoptiert selbst der Geniale das Gewissen der Langsamen und leistet er ihm, da es das Gesetz der Mehrheit ist, gleichsam aus Zerstreuung Gehorsam – er wird es 
       nie lange tun und stets seiner eigenen Stimme vertrauen dürfen. Moorfeld konnte ihr jetzt schon mindestens nicht gänzlich mißtrauen.
      Inzwischen lag der Sabbat auf der Stadt draußen wie eine eiserne Maske. Moorfeld stand in seinem Fenster und betrachtete fast bewundernd das große, allgemeine Nichts. Es kam ihm wie eine Art Kunstwerk vor, dieses Schweigen hervorzubringen. Einem Organismus wie New York eine solche Generalpause aufzulegen, schien ihm der höchste mechanische Triumph. Vor seinem Fenster flutete der Hudson, aber die Schiffe lagen darin wie eine Herde geschlachteter Lämmer. Am Himmel brannte die Sonne zwecklos, und sein weitgespanntes Blau zuckte und sprühte von Licht, aber nirgends die Staffage einer einzigen Rauchsäule! Er horchte weit und breit in die Welt hinaus – kein Wagen rollte, keine Menschenstimme scholl von der Straße. Er dachte an die Lärmszene des Brandes zurück – ein Jahrhundert schien ihm vergangen seitdem.
      Er brannte sich seinen mächtigen Türkenkopf an und wanderte auf und ab in der Stube. Die Szene fing an, Eindruck auf ihn zu machen. Von Zeit zu Zeit blieb er wieder am Fenster stehen und starrte in die Langeweile hinaus. Allmählich füllt sich sein Auge mit Geistern, seine Mienen spannen sich und zeigen jenen Ausdruck, welcher verrät, daß die inneren Gedankenkreise in Fluß geraten. Ja, er hat Funken gefangen von der Langweile. Die Langweile ist ihm zum Pathos geworden. Mit jener feinen dichterischen Saugader, welche jeder Erscheinung ihren 
      Geist aufzusaugen weiß, zieht er Leben aus der allgemeinen Leblosigkeit, Ideen aus dem absoluten Stillstande. Das Riesenhaupt der Meduse draußen versteinert ihn nicht, 
      er ist's, der in ihre Züge die Seele wirft. Mit großen Blicken die große Leerheit durchbohrend, sagt er ihr folgendes:
      
       Das Universum stockt und starrt,
       Kein Puls des Lebens geht;
       Die Welt probiert, wie die Vernichtung
       Ihr zu Gesichte steht!
      Ja, ja, ich seh' ein Leichenfest;
       Ein zweiter Souverän
       Geht hinter seinem leeren Sarg
       Mit Sterblichkeitsgestöhn.
      Gib acht, gib acht! du parodierst
       Nicht ungestraft des Todes Mächte;
       Der falsche Sarg geht vor dir her,
       Doch auf dem Fuß folgt dir der rechte!
      Es setze sich kein Mensch die Sphinx
       Vor seines Lebens Pyramide –
       Die ausdruckslose Ewigkeit
       Mit schlaflos-totem Augenlide!
      Der Nil versumpft, der Sand dringt vor,
       Ruinen seh' ich rings
       Und Memphis, Sabbat, Pfaff und Volk
       Verschlang die graue Sphinx. –
      Laßt ab! ihr nietet allzu fest
       Das Nicht-Sein an das Sein;
       Malt mir ins Leben keinen Zug,
       Den euch Gespenster leihn. –
      Der Dichter liebt ein Volk, das kühn
       Religionen überlebt;
       Nicht liebt er die Religion,
       Die sitten-starr ein Volk begräbt.
      Wir haben uns nicht enthalten, diese Verse mitzuteilen; sie schienen uns besser, als wir's beschreiben möchten, die eigentliche Puritanerlust, in der sie empfangen sind, zu 
       versinnlichen. Mit schroffer, liebloser Kürze berührt das Lied schwere Gedanken, ohne sie auszuführen, deutet sie an, springt ab, winkt in entfernteste Perspektiven, ohne sich im geringsten aufzuhalten, ob wir rasch genug das Entfernte verbinden, bekümmert sich wenig um Verständnis, noch weniger um Zierde. Der Poet macht ein paar Schaufelstiche in das campo vaccino seiner Gedanken, wir hören die Torsos klingen, sehen sie aber nicht ausgraben. Sie bleiben liegen. Es ist ja Sonntag!
      Und so vollbrachte der Europäer seinen ersten amerikanischen Sonntag.
    



      Viertes Kapitel
      Wiederholen wir uns im kurzen den gestrigen Gedankengang unsers Freundes, so kam er zu dem Ziele: Amerika ist im Urwald; die Großstädte der ganzen Erde sind einander familienähnlich. Und wie die brausende Riesenorgel New York heute von neuem ihre Werktags-Register wieder spielen läßt, so winkt ihm über all dem betäubenden Stadtgewühl jetzt das Friedensbild von Wald und Prärie. Wie eine selige Luftspiegelung schwebt ihm das Bild zu Häupten, rein und vernehmlich blickt's dem Erwachenden durch die Morgenfenster und läßt tagsüber nicht ab, mit wonnevollem Geflüster sein Gemüt zu treiben und zu kräuseln. Das ist ja die Schönheit des genialen Menschen vor dem beschränkten und kleinlichen; wenn dieser den Erfahrungen gegenüber an Wärme verliert, so wirft sie jener auf neue und immer wieder auf neue Teile und unter der Schneelocke noch bricht ihm ein junges, glaubensfähiges Herz.
      Moorfeld geht also heute lebendiger als je dem Gedanken seiner Ansiedlung nach. Ob wir ihn deswegen sogleich in die Schatten der Urwälder verschwinden sehen – überlassen 
       wir das dem ehrlichen Generallandamt. Wir werden sehen. Begleiten wir ihn auf den Weg dahin.
      Das Generallandamt ist der Ort, wo Kongreßland verkauft wird. Käufer und Ratgeber der Käufer umschwärmen das Gebäude zu allen Stunden des Tages; nie wird sein Inneres von Menschen leer, nie fehlt es den Karten, Plänen und Prospekten, womit seine Hallen von oben bis unten bedeckt sind, an gelehrten Beschauern und ungelehrten Begaffern, nie verkennt man in der Straße des Hauses jenes geldwickelnde, papierzettelnde, Brieftaschen aus- und einsteckende Publikum, welches die Nähe großer Geschäftsresidenzen bezeichnet, in denen der Verkehrsdrang so stark ist, daß man die Reste der Zahl- und Schreibtischarbeiten weit und breit unter freiem Himmel zu Ende kramt.
      Als Moorfeld in die Straße eintrat, erregte er die Aufmerksamkeit eines Herrn von feinem, fast vornehmem Äußern, der ihn prüfend, aber nicht länger als anständig, betrachtete, dann vor ihm stehen blieb und ihn höflich anredete:
      Mein Herr, Sie sind Ungar, wenn Sie meine Freiheit entschuldigen wollen?
      Ihnen zu dienen, mein Herr – von deutscher Familie in Ungarn gebürtig.
      Die höfliche Haltung des Fremden erwärmte sich. Und kommen in der Absicht, sich anzukaufen? fuhr er fort – in diesem Falle erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin ein österreichischer Gesandtschaftsbeamter und speziell employiert, unsern Staatsangehörigen bei Landkäufen in jenem Hause meine Dienste anzubieten. Das Vorurteil der meisten Auswanderer gegen alles, was heimatliche Behörde heißt, ist leider ein solches, daß sich die Gesandtschaften fast aufdrängen, ja ihren Charakter verleugnen müssen, wenn sie die Ihrigen vor Schaden bewahren wollen. Doch Ihnen gegenüber ist dieses Vorurteil natürlich 
       als nicht vorhanden anzunehmen. Ihnen präsentiere ich am besten gleich meine Legitimation. Hier ist sie. Ich stehe Ihnen bei ihrem Kaufgeschäft mit Rat und Tat zur Verfügung.
      Dankbar anerkannt, mein Herr; ich glaube auf Ihre Güte verzichten zu dürfen.
      Es ist auch nur eine Formel in diesem Falle. Der intelligente Immigrant bedarf dessen nicht, ich weiß. Erfülle Amtspflicht, nichts weiter. Entschuldigen Sie mich. Ihr Diener, mein Herr.
      Der Fremde wandte sich zum Gehen. In demselben Augenblick aber hielt er inne, zog seine elegante Brieftasche und überreichte Moorfelden seine Karte mit den Worten: Wenn Sie nicht pressiert sind, mein Herr, so bitte ich mir vor Ihrer Abreise das Vergnügen auf eine Flasche Tokaier aus. Wir beide werden unsre Landsleute – denn auch ich bin Ungar – in der ganzen Union wohl schwerlich je zu Gesicht bekommen. Und das Andenken der Heimat –
      Aus welcher Gespanschaft, wenn ich bitten darf, fragte Moorfeld, der sich erst jetzt den artigen Herrn aufmerksamer ansah.
      Aus dem Zempliner Komitate, Ujhely ist meine Geburtsstadt, war die Antwort des Fremden. Und mit einem Seufzer, den er nur mühsam in die gemessenen Formen zurückpreßte, fuhr er fort: Ich wollte, ich war' wieder dort! Ubi bene ibi patria – ganz recht – aber wo ist's denn bene, wo ist's denn optime, wenn nicht eben in unserm herrlichen magyar-ország? Ach saß' ich noch als Konzipist bei der Palatinaltafel! Sie taten unrecht, barátom – Pardon »mein Herr«, sagt man hier – Sie taten unrecht, mein Herr, aus einem Lande wie Ungarn auszuwandern. Was können Sie bessers dafür eintauschen? Darf ich fragen, wo Sie Ihre Niederlassung projektieren?
      Ohio ist stark in Aufnahme, sagte Moorfeld.
      Durch den neuen Ohio-Erie-Kanal, allerdings; aber – 
       fluchte der Gesandtschaftbeamte mehr naturwüchsig als diplomatisch, – Gott verdamm' mich, wenn ein Mann von Bildung aushält in einem Lande, das just in Aufnahme ist. Ein solches Modeland ist wie ein Kloake, ein wahrer Abzugsgraben. Alles Gesindel strömt da zusammen, die borniertesten Rasse-Unterschiede haben ihr ekelhaftes Spiel, Parteisucht, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Nein, mein Herr, Sie sind ein viel zu feiner Kulturmensch für solche Schlammwirbel. Sollt' ich Ihnen raten – Sie sehen ich falle nicht aus meinem Amte, lächelte der Sprecher – so ging' ich diesem wilden Landspekulationsschwindel aus dem Wege, und suchte mir ein reservierteres Plätzchen.
      Zum Beispiel? fragte Moorfeld.
      Die beiden Männer waren inzwischen, da der Beamte mechanisch seine Schritte an Moorfeld anschloß, die Straße hinabgekommen und ins Erdgeschoß des Landamtes eingetreten. Sie standen in einer Halle, welche die Vorhalle zu den verschiedenen Bureaus des Amtsgebäudes war, zugleich aber nach Art einer Börsenhalle den Selbstzweck eines öffentlichen Besprechungsortes zu haben schien. Dazu war sie in allen Teilen eingerichtet. Nicht nur sah man Säulen und Wände mit Plakaten von Fahrplänen und Reiserouten in allen Farben und Formaten bunt überkleidet, Situationskarten von allen Gegenden der Union, nach allen Maßstäben projektiert, vom Fußboden bis an den Plafond augenverwirrend durcheinander geklebt: auch Tische und Bänke standen zu reichlicher Bequemlichkeit überall umher und auf den Tischen deuteten Schreibzeuge, Trinkgläser und Wasserflaschen in Kühleimern den ständigen Verkehr eines großen geschäftlichen Publikums an. Dieses Publikum sah Moorfeld in den verschiedensten Trachten, Physiognomien und Nationalitäten auch ringsum die Halle erfüllen, indes ein Durcheinander aller Sprachen und Mundarten babelähnlich sein Ohr betäubte. 
       Er selbst bedurfte aber großer Überwindung, diese Schwelle zu betreten, denn der erste Blick auf den Marmorboden glitt in eine so häßliche Spucknapfpfütze, daß sich seine ganze Natur schauernd am Eingang sträubte. Nur der Gewandtheit seines Führers gelang es, ihn geschickt durch die gangbarsten Stellen dieses Speichelmeers durchzubugsieren, während Moorfeld selbst keine andre Rettung erkannte, als seine Fußspitze überhaupt nicht mit dem Auge zu verfolgen. Sein weißes Steg-Beinkleid gab er übrigens auf.
      Sehen Sie dieses Terrain hier; das ganze Gebiet des untern Missouri, sagte der Fremde, indem er Moorfelden vor eine der vorhandenen Karten führte, das ist der vorzüglichste Boden für unsre Nationalität. Wir Ungarn akklimatisieren uns schwer an Land und Leute; auf diesen Prärien aber leben Sie wie auf unsern Pußten. Leute siedeln noch wenig hier und das Land – wenn zwischen beiden Polen ein Erdwinkel unserm schönen und fruchtbaren Ungarn gleicht, so ist es dieser. Die Üppigkeit des untern Missouri spottet allem Glauben. Ganze Wälder gibt's hier, die aus dem Geschlinge eines einzigen Baumes bestehen; andern Orts fanden die Landesvermesser wieder auf einem einzigen Morgen vier Arten von Walnußbäumen, drei Arten Eichen, zwei Arten Ulmen, den virginischen Kirschbaum, den kanadischen Judasbaum, Pflaumenbäume, einen Maulbeerbaum, Eschen, Linden, Sassafrasbäume, Storaxstauden, Papawbäume, den blumenreichen Kornelbaum, den Eisenholzbaum, den Häckberrybaum, Platanen, Weinstöcke, Haselstauden, Brombeeren und Holunder. Rechnen Sie zu dieser Vegetation den entsprechenden Wildreichtum, erwägen Sie die Wasservorteile vom Missouri und Mississippi, und Sie werden keinem Lande der Welt den Vorzug geben. Ein nicht zu verachtendes Akzidenz sind auch die Pferde, die Sie hier umsonst haben können. Wenn diese Tiere nämlich von den Hofstellen des obern Missouri entlanglaufen und in ihrem 
       Instinkte dem Wasser folgend, am untern Missouri ankommen, so sehen sie sich zwischen Missouri und Mississippi plötzlich aufgehalten und in weiterer Flucht gehemmt. Dieser Mündungswinkel ist daher stets angefüllt von jener edlen und nützlichen Tiergattung, er ist nichts als ein großer Marstall für den dortigen Farmer. Wer aber bedenkt, daß Menschenarbeit und Haustiere die höchsten Posten im Ausgabebudget eines amerikanischen Landwirts sind, der wird diesen Umstand nicht gering anschlagen. Doppelt schätzbar ist er natürlich dem Ungar, dem gebornen Reiter und Pferdefreund, und eine Prärie mit dieser herrlichen Tierstaffage kann ihm den Heimatszauber der Pußta gar nicht mehr süßer vergegenwärtigen. Das sind die kleineren, aber wichtigen und interessanten Detailzüge einer Lokalität, die kein Handbuch nennt, die aber an Ort und Stelle den Entschlüssen des Auswanderers erst eine entscheidende Richtung zu geben imstande sind. Wahrlich, die Abolitionisten verfolgen eine unverantwortliche, aber zum Glück auch unhaltbare Politik, wenn sie die Besiedelung solcher Mutterländer, wie Missouri, bloß weil sie Sklavenstaaten sind, bisher systematisch zu hindern oder in Vergessenheit zu bringen gewußt haben. Natürlich ist das für den heutigen Ankäufer nur eine Chance mehr. Denn wenn jene abstrakte und ungesunde Abolitionspolitik eines Tages in die Luft auffliegt, wozu es unter Jackson schon jetzt den Schein gewinnt, so schnellt Ihr Bodenwert in unaufhaltsamer Folge ums zehn-, hundert- und tausendfache empor und Ihre Hofstelle kann gar wohl ein zweites Cincinnati werden, dessen ganzes Stadtareal in ein- und demselben Menschenalter dreißig Dollar und zwei Millionen Dollar wert war. St. Louis überflügeln Sie reißend. Franzosen und Katholiken halten sich nirgends gegen die Konkurrenz der protestantischen Anglo-Amerikaner. Es ist schade, daß wir das sagen müssen, aber was kümmert's uns? Wir verkaufen unser Land an die Rasse, wir brauchen ja nicht zu leben mit 
       ihr! Daß wir's ein paar Jahre getan haben, dafür schleppen wir unsre Million nach Hause, und das ist doch auch etwas. Ich sage 
      wir, denn auch ich habe ein kleines Kapital in Missouri-Land angelegt, in der Gegend von St. Charles, die nämliche, die ich Ihnen empfehle. Kommen Sie gefälligst in mein Bureau, ich will Ihnen die topographischen Pläne und landamtlichen Berichterstattungen davon vorlegen, dann sollen Sie sehen, von welchen Avantagen hier die Rede ist im Vergleich zu dem armseligen Ohio-Erie-Kanal-Puff, der übrigens größtenteils schon ausgebeutet und für den heutigen Spekulanten kaum noch de saison ist.
      Während der Gesandtschaftsbeamte so sprach, fingen zwei Männer in einer benachbarten Gruppe lauter zu reden an, dem Scheine nach zwar unter sich, doch so, daß es Moorfeld deutlich vernehmen konnte. St. Louis hat eine hügelige Lage, sprach einer der Männer, und ist nur darum bewohnbar. Wer Ihnen aber St. Charles empfiehlt, den betrachten Sie als Ihren Mörder und Totschläger. Ich will verdammt sein, wenn das Land nicht unterm Wasserspiegel von Missouri und Mississippi liegt. Es ist ein Loch für Regenwürmer und Ratten. Es ist das Hauptquartier der Fieberpest. Pfui, pfui, fort mit St. Charles! Ich sehe den Schimmel an den Wänden, und das Wasser von der Decke tröpfeln, wenn ich St. Charles nennen höre. Die Blockhäuser vom dortigen Holze haben alle den Schwamm. Mich schüttelt das Fieber, meine Natur gerät in Transaktion bei dem Gedanken St. Charles. Sprechen wir nicht mehr davon, mein Herr!
      Wir Ungarn heißen Gascogner und Bramarbasse, sagte Moorfelds Landsmann lächelnd, aber diese Yankees wissen die Hyperbel noch ganz anders zu handhaben. Haben Sie den Burschen gehört? Der allmächtige Schuft hat wahrscheinlich eine Handvoll Klippen und Felsen in Agentur, und schwärzt seinem armen Opfer, das uns vielleicht belauscht hat, das köstlichste Bottomland unter der Sonne 
       nun mit des Teufels Pinsel an. Etwas fieberig ist die Gegend, das leidet keinen Zweifel, aber was schadet das einem Ungar? Sind wir in Sumpf und Niederung nicht geboren? Ich spreche nämlich von der reinen Rasse, denn im Gebirge sitzen die Slowacken. Wo sind Sie zu Hause, barátom?
      Ich bin von Saros-Patak im Banate, sagte Moorfeld mit fester Verwegenheit.
      Nun dann kommen Sie, rief der Gesandtschaftsbeamte entschieden. Das besiegt auch den zartesten Zweifel. Ein Mann, dessen Wiege von den Überschwemmungen der Donau, der Theiß und der Maros zugleich bespült war, der kann ohne Sumpfluft gar nicht gedeihen. Der findet zwischen Missouri und Mississippi nichts als Brüste voll Muttermilch. Kommen Sie.
      Moorfeld blieb stehen und maß den Mann, dessen unerschütterliche Fassung ihm fast imponiert hätte, mit einer Art von Bewunderung. Als aber jener sich die freundschaftliche Freiheit nahm, seinen Arm zu ergreifen, trat er gemessen zurück und sagte kalt: Alles wohl erwogen, mein Herr, so kehre ich wieder heim nach Saros-Patak im Banat. Vielleicht hat sich Saros-Patak inzwischen fünfzig Meilen nach Norden hinauf lokomoviert, und sich eine halbe Stunde vor Ujhely hingelegt, was, wie ich höre, Ihr Geburtsort ist. Dann sind wir ja doch wieder Nachbarn. Mit diesen Worten wandte er dem Betrüger den Rücken, welcher mit einem damned! zwischen den Zähnen sich aus dem Staube machte. Dem unkundigen Leser sei aber zu wissen, daß Saros-Patak nicht eben bloß einen Ortsnamen, der möglicherweise öfter vorkommen könnte, sondern zugleich die 
      Lage des Ortes bezeichnet, so daß daher: Saros-Patak im Banate – ungefähr klang, wie: Naumburg an der Saale in Württemberg. Der Schwindler, der so vieles bruchstückartig wußte und mit hoffnungskühner Frechheit darauf baute, wußte zufällig dieses nicht.
      Kaum war derselbe hinweg, so wendete sich von jenen 
       beiden Männern derjenige, welcher über St. Charles abgesprochen hatte, zu Moorfeld, und sagte mit der freien lächelnden Stirn eines Glückwünschenden: Da sind Sie einen der ärgsten Gauner los geworden, der je einen Galgen zu zieren verdient hat, Sir. Der Westen hat eine große Zukunft, Sir, wer möchte es leugnen, und der Mississippi wird jetzt, was vor fünfzig Jahren die Alleghanies waren – die zweite Parallele der Zivilisation gegen die Barbarei. Aber Donnerwetter, Sir, wer dürfte einen Mann von Ihrer espèce zu einem Schanzgräber machen? Das überläßt man den Backwoodmen, den Squatters. Wohlfeiles Land – ja, ja, aber nicht wahr die Baugefangenen in Ihrem Europa, Sir, die mit Hand- und Fußschellen arbeiten, bearbeiten auch wohlfeiles Land, verdammt wohlfeiles Land, keinen Penny kostet es sie, der Teufel weiß es! Nein, Sir, bleiben Sie bei Ihrem Ohio, ich rate Ihnen nichts anders, als Sie sich selbst raten. Welche Anmaßung wäre es auch, einen Gentleman Ihresgleichen für unberaten zu halten! Ohio, recht so, Ohio! mit unvergleichlichem Blick ist's gewählt. Zwischen dem rohen Westen und dem kostspieligen überfeinerten Osten die goldene Mitte! Urwald, Kultur, Wildheit, Schönheit, Luxus, Indianer, Universitäten, Einsamkeit, Meetings, Jugend, Vergangenheit und Zukunft – es gibt nichts Angenehmers und Vorteilhafters, das in diesem glücklichen Staate nicht im reizenden Gemisch vereinigt wäre. Zwar seit dem Ohio-Erie-Kanal haben die Bodenpreise angezogen, es ist wahr, und Kongreßland steht überhaupt nicht mehr im Angebot: Sie werden aus zweiter Hand kaufen müssen. Aber ein Gentleman von Ihrer Bildung war längst in Europa unterrichtet von diesen Verhältnissen; anmaßend wär's, Ihnen was Neues damit zu sagen. Ohio-Land ist, wie Sie also wissen, in den Händen der Aktienkompagnien. Das ist kein Geheimnis. Und ebensowenig mache ich ein Hehl daraus, daß ich Agent einer solchen Kompagnie bin, und Ihnen Ohio-Land gerne verkaufen möchte. In Wahrheit, 
       mein Herr, das will ich, und das ist's, was man einen ehrlichen Handel, eine reine Kaufmannschaft nennt; dazu braucht man keinen österreichischen Gesandten. Jener ewige Schuft baumelt noch mit seiner österreichischen Gesandtschaft; ich will an einer Erdbeere sterben, wenn er nicht baumelt, Sir, aber er tut es gewiß, verlassen Sie sich darauf. Ohio-Land auf sieben bis acht Meilen vom Kanal steht fünf Dollar der Acre. So kann ich's Ihnen ablassen, mein Herr. Nicht wahr, ein hoher Preis, mein Herr? ich bin der Kaufmann der es selbst sagt. Sehen Sie, solchen Handel heb' ich. Das nenn' ich ein loyales Geschäft. Fünf Dollar per Acre ist teuer, mein Herr. Vom Kongreß haben wir ihn um einen gekauft. In Wahrheit, Sir, wir haben den Kongreß wie die Wölfe ausgekauft, das ist ein Faktum. In drei Tagen war ganz Ohio vergriffen, es wär' schade, wenn's nicht wahr wäre. Eins zu fünf das ist unser Profit; – da haben Sie unsre ganze Bilanz; mögen alle Gesandtschaften des Erdkreises baumeln, wenn ich nicht stets den geradesten Weg für den besten Geschäftsweg halte. Fünf Dollar per Acre, das ist der Kurs. In einer Woche wird er zehn und in einem Monat vielleicht fünfzig sein. Um Cleveland und Portsmouth ist er heute schon fünfzig. Dort wütete die wildeste Hausse. Sie wird sich allerdings nicht behaupten, Sir; die Baisse wird eintreten, wenn sich die Spekulationen auf neue Kanal- oder Eisenbahnlinien wirft. Aber auf fünf Dollar weicht Ohio-Land in Ewigkeit nicht mehr. Das Land wird mit jedem Schaufelstich rentabler, und die Vermehrung der Verkehrsmittel bewirkt höchstens im einzelnen eine relative Entwertung, im ganzen dagegen eine absolute Wertsteigerung. Das ist klar.
      Um Gottes willen auf ein Wort, Mr. Jones, die Herren verzeihen, daß ich störe, aber so wahr ich lebe, nur eine Sekunde, Mr. Jones, ich bitte tausendmal! –
      Mit diesen Worten und höchst eilfertiger Gebärde wurde der Ohio-Makler von Moorfelds Seite weggerissen. Wir dürfen 
       dringend vermuten, daß der Mann, der dieses tat, im Einverständnis mit einem andern Makler stand, denn augenblicklich trat ein solches Individuum heran und bemächtigte sich Moorfelds. Mein Herr, sagte dieser Ankömmling mit einer verbindlichen Gentlemanmanier, ich war stets ein Verehrer der europäischen Gelehrsamkeit. Die Art, wie Sie Sprachen, Geschichte, Sitten- und Völkerkunde in Europa betreiben, läßt sicher nichts zu wünschen übrig, desto mehr aber zu beneiden übrig. Ich bin überzeugt, wie Sie auf diesem Marmorwürfel hier stehen, haben Sie bereits aus Europa eine Kenntnis Amerikas mitgebracht, die vielleicht manchem Senator im weißen Hause zu Washington fehlt. Ich möchte schwören darauf, es ist so. Nur eins setzt mich in Erstaunen. Ich mache nämlich in dieser Halle die Bemerkung, daß alle Europäer, welche hier eintreten und amerikanisches Land zu besitzen wünschen, von der seltsamen Idee ausgehen, als müßten sie dieses Land 
      kaufen. In der Tat, mein Herr, ein Wahn, der mich höchlich überrascht. Wird Amerikas Demokratie noch so verkannt in Europa, daß man unsern Boden nicht anders einnehmen zu dürfen glaubt, als indem man die Taschen wucherischer und beutegieriger Land-Jobber füllt? Denn ich bitte Sie, mein Herr, was ist der Kaufschilling, den Sie für Ihr Grundstück zahlen, anders als ein ungerechter, ja schimpflicher Leibzoll, der als Abgabe auf Ihren psychischen und intellektuellen Arbeitskräften ruht, womit Sie dem Lande doch nützen? Oder sagen Sie selbst! Ist irgendeine Logik darin, daß man unser Land ein freies Land nennt und doch es verkauft – d.h., es nur der Aristokratie des Geldes öffnet? Ja, der Osten geht der Aristokratie entgegen, oder vielmehr er ist ihr mit Stiel und Stein schon verfallen. Aber im Westen thront noch der reine und unverfälschte Begriff der Demokratie! Das Land ist ein freies Element, wie Luft und Wasser, heißt unser Programm; halten Sie sich an den Westen, mein Herr! Vom Westen geht jene großherzige und echt 
       republikanische Agitation gegen den Kongreß aus, daß er den schimpflichen und engherzigen Landverkauf endlich fahren lasse, und das Land verschenke. Vom Westen werden jene Bills eingebracht, welche den Kongreß nach einem systematischen Plan zu Preisermäßigungen des Kongreßlandes drängen und auf die gänzliche Preisaufhebung konsequent hinarbeiten. Schon hat unsre free-soiler-Politik solche Preisermäßigungen wiederholt durchgesetzt, obgleich wir mit Schrecken sehen, daß wir nur für den Aktienwucher arbeiten, der sich des wohlfeilen Kongreßlandes bemächtigt, um es teurer als je wieder zu verkaufen. Wollte Ihnen jener ewige und allmächtige Schuft doch Ohio-Land zu fünf Dollar anschwindeln; der Mann ist wahrlich ebenso ehrlich als jener, der Ihnen den Koffer vom Wagen abschneidet. Hol' der Teufel alle Landspekulanten! Wir free-soilers werden nicht ruhen, bis wir nicht Gesetze auch gegen diesen schändlichen und monopolisierenden Landverkauf durchgebracht haben; indes sollte es doch bekannter sein in Europa, daß wir in Arkansas schon jetzt unser Land 
      verschenken, zum vorleuchtenden Beispiel der ganzen Union, von der wir fordern, daß sie uns nachfolge. Ja, mein Herr, Arkansas hat durch mich die Ehre, Ihnen achtzig bis einhundertundzwanzig Acre Landes zum Geschenk zu machen; oder um mich anständiger auszudrücken: Arkansas erklärt Ihnen, daß es dem Import Ihrer Hände, Ihrer Intelligenz und Ihres Kapitals keine Grenzbarriere in Form eines Kauf Schillings entgegensetzt. Wählen Sie nach Belieben den Ort Ihrer Niederlassung. Die Nähe unsrer großen Städte Smithville, Clarkville, Lewisburg, Littlerock dürfte Ihnen besonders annehmlich und vorteilhaft sein; aber ich empfehle Ihnen nichts, ich vermeide jeden Eingriff in Ihr eigenes Urteil, wir heißen Sie auf jeder Hufe unsers wahrhaft freien Bodens willkommen. Nur übernehmen Sie mit der Besitzurkunde die einzige Verpflichtung, Ihren Besitz auch wirklich anzutreten, eine selbstverständliche Bedingung, 
       die uns gegen den Scheinbesitz betrügerischer Landspekulanten schützt. Soll ich das Vergnügen haben, Ihnen einen Grundbrief sogleich auszufertigen? Begleiten Sie mich gefälligst in mein Bureau!
      Im Augenblick bin ich zu Diensten, mein Herr, antwortete Moorfeld, ich wünsche nur ein paar Worte mit einem Freunde zu wechseln.
      Schon lange hatte ihm nämlich über die Schultern seines Partners hinweg eine hagere, spindeldürre Jammerfigur Zeichen und Winke gegeben, welche immer dringender, immer mystischer und inhaltsschwangerer wurden, so daß er zuletzt einen Geist zu sehen glaubte, der ihn pantomimisch um Erlösung beschwor, und dem er mit dem Reiz des Komisch-Schauerlichen folgte.
      Sie wünschen, mein Herr? redete Moorfeld den Klappermann an.
      Die Pflicht der christlichen Bruderliebe wünsche ich an Ihnen zu erfüllen, näselte der Dürre mit einer sentimentalen Quäckerstimme und preßte seine kalte Totenhand in Moorfelds warme und volle, indem er zugleich sein mißfarbiges Mausaugenpaar, schwül seufzend, gegen die Decke des Saales schlug. Herr, ich riskiere mein Leben, fuhr der Quäcker fort, und fing fast zu weinen an, jener Original-Gauner aus Arkansas, der Walfisch aller Diebe, wird mir meuchlerisch nachstellen, weil ich ihm sein Opfer entreiße; aber ich kann nicht anders, ich kann nicht, Gott helfe mir, ich stehe in seiner Hand. Moorfeld machte eine etwas ungeduldige Gebärde gegen den Betbruder, der aber hielt ihn fest in seiner Froschklaue und zog ihn an das äußerste Ende des Saales, in eine heimliche Nische. Ängstlich um sich bückend, als fühlte er die Dolche der Mörder schon zwischen den Rippen, fing er hier zu flüstern an: Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mir gefolgt sind. Es wird Sie nicht reuen. Hier sind Sie im Hafen. Einen Schritt weiter mit jenem Seelenverkäufer und Sie waren verloren. Landverschenker 
       nennt sich die Teufelsbrut, ich aber sage Ihnen, Seelenverkäufer sind's. Das sage ich und das beweise ich. Ja, ich beweise es, mein Herr; hören Sie mich an, wie ich es beweise. Man schenkt Ihnen Arkansas-Land. Gut. Man legt Ihnen Karten vor, schraffiert, koloriert, Wald, Prärie, Bottomland, Straßen, Flüsse, große Städte – alles ist darauf gezeichnet, gemalt, daß das Herzchen im Leibe lacht, und die beigebundenen Beschreibungen lesen sich wie ein Roman; sie sind auch wie diese eine ebenso vollendete Erfindung des Teufels. Gut. Sie wählen Ihre Farm in der Nähe der großen Stadt Littlerock mit ihrem schiffbarem Strome, mit ihren Poststraßen und Flurwegen. Gut, mein Herr. Sie kommen an. Sie finden einen Sumpf und im Sumpfe steht ein Täfelchen auf einer Stange mit der Inschrift: Stadt Littlerock. Aus dem Schilfe guckt eine zweite Stange hervor, die nennt sich: Gerichtshaus der Stadt Littlerock. Im mannshohen Farrenkraut rennen Sie gegen eine dritte Stange, die heißt: Akademie der Stadt Littlerock. Vor einer Stunde haben kämpfende Büffel einen Pfahl niedergetreten: es war die Kathedrale der Stadt Littlerock. Fassen Sie nun den Mann, der die Landkarte gezeichnet hat, beim Kragen! Auf fünfzig Meilen in der Runde finden Sie keine Seele. Wen sie aber finden, der zeigt Ihnen ein ganz anderes Gesicht als hier im Land-Office zu New York. Gut. Sie sind überrascht, enttäuscht, aber nicht entmutigt. Sie stehen auf geschenktem Lande, und das Wort hat noch immer einen Klang für den Europäer. So schnell wird die Form, in welcher wir unsre Begriffe gießen, nicht zerbrochen. Land hat Wert in europäischen Augen und wird's noch lange haben, bis Sie amerikanische Augen bekommen. Sie nehmen also ihr Land in Besitz. Gut. Sie bauen sich Ihren Hof, Sie schaffen sich Haustiere, Sie kaufen ein paar Sklaven. O Gott, Sklaven! Gut. Sie fangen zu wirtschaften an. Aber Ihre Produkte können nicht durch die Luft zu Markte fliegen, und die Erde hat so wenig Straßen als der Grund des 
       Erie-Sees. Ihre Haustiere werden weggeschossen. Ihre Sklaven entlaufen oder werden Ihnen entführt. Sie hören zu wirtschaften auf. Verwünschungen auf den Lippen, den letzten Cent im Beutel wenden Sie Ihrer Wüste den Rücken. Gut, mein Herr. Aber die Spuren Ihres Pfluges, die Ruinen Ihrer Hofstelle sind immer noch wahrnehmbar, und das genügt, daß jener ewige und allmächtige Schuft die Backen voll nimmt: Kulturboden mit Improvements zehn Cent per Acre! Ihr Nachfolger geht ebenfalls zugrunde, hat aber wieder sein Kapital dareingesteckt – einen halben Dollar per Acre. Erst der dritte Mann brachte es zu der Möglichkeit sich zu behaupten, da belehrt ihn ein Wink mit der Kugelbüchse oder mit dem Bowiemesser, daß auch für ihn die Zeit da sei, sich schleunigst durch die Flucht zu expropriieren, denn das Land soll zum vierten Mal ausgeboten werden – einen Dollar per Acre. Einen Dollar per Acre, mein Herr; das Ziel ist erreicht! Mit einer Reihe betrogener und ruinierter Kapitale haben sie ihr wertloses Land in Wert gebracht; – einen Dollar per Acre! Das ist geschenktes Arkansas-Land. So macht man Kultur hinterm »blutigen Grund«. So geschieht's, mein Herr, und nicht anders; – heute verschenkte Wüste, morgen 
      »lovely spots« einen Dollar per Acre – die Zauberei der Gewissenlosigkeit! Ich rate, Herr, die Hölle braucht einen neuen Flügelbau für die »free-soilers«. Nehmen Sie sich in acht, mein Herr, nehmen Sie sich in acht! Wir gehen einer Zeit entgegen – das Böse bekommt die Oberhand auf der Erde.
      Diese letzteren Worte fühlte Moorfeld schon längst in sich selbst Tatsache geworden, denn unüberwindlich war seine Lust, dem frommen uneigennützigen Warner ebenso schlechte Absichten zu unterlegen als den übrigen Herren Kollegen desselben. Er hielt es in der Tat nicht aus, die Wendungen und Übergänge abzuwarten, auf die ihm das Ganze angelegt schien, und so fragte er mit jener ungeduldigen Lust am Bösen geradezu: Ach, sehr ehrenwerter Herr, 
       wenn Sie selbst Land zu verkaufen hätten! dann wäre meiner Verlegenheit auf einmal ein Ende!
      Schneller als ein Blitz zog der lamentable Tugendmann seine Hand aus Moorfelds Hand, fuhr sich an die Augen, und trocknete ein paar abwesende Tränen. Ich muß fort; leider, leider, ich muß fort; ich kehre wieder zurück nach Alt-England. Sie sollen's hören, was mich von hinnen treibt. Die Teufel! o Gott, die Teufel! Aber ich muß fort, das schönste Landgut in den Staaten muß ich aufgeben! Schwarze Dammerde mit Lehmunterlage und kalkhaltig, Herr, kalkhaltig – das Christentum gebeut Fassung im Unglück – aber dieser Kalk, Herr, und diese Dammerde, und diese Lehmunterlage – mir bricht das Herz! Wer mir noch vor einem halben Jahr gesagt hätte, ich würde diese Juwele aller erschaffenen Erde zwei Dollar per Acre verkaufen wollen, da mir Reverend Daniel Gaskin aus New Jersey noch bei seiner letzten Durchreise zwanzig aufzudringen versucht hat – ich bin Temperance-Man, mein Herr, sonst würde ich Sie auf eine Flasche in Mr. Distels Bar bitten, die teuflischen Intrigen anzuhören, die mich forttreiben von Gottes geliebtester Erde. Hier darf ich einer solchen Gemütsbewegung unmöglich freien Lauf lassen. Armer Reverend Daniel Gaskin! du stellst jetzt in der Ewigkeit Vergleiche darüber an, ob meine Landstelle oder das Paradies schöner ist, sonst könntest du's heute haben, das irdische Paradies, zwei Dollar per Acre – doch dann wäre dir dein Ende nicht so leicht geworden! Deinen Glauben in Ehren, würdiger Gottesmann Daniel Gaskin, aber hier hättest du zum erstenmal gezweifelt, ob ein Tausch mit meiner Hofstelle und dem Paradiese ein wirklicher Lohn für den Gerechten ist. Herr, als ich an die jungfräulichen Schätze dieses Bodens die erste Hand anlegte, da trieb ich auf einem einzigen Acre – hören Sie mich an, mein Herr, und merken Sie wohl auf, was ich auf einem einzigen Acre an Bäumen und Sträuchen abtrieb: vier Arten von Walnußbäumen, 
       drei Arten Eichen, zwei Arten Ulmen, den virginischen Kirschbaum, den kanadischen Judasbaum, einen Maulbeerbaum, Pflaumenbäume, Eschen, Linden, Sassafrasbäume, Storaxstauden, Papawbäume, den blumenreichen Kornelbaum, den Eisenholzbaum, den Häckberrybaum, Platanen, Weinstöcke, Haselstauden und Holunder. Wo bleibt Ihre Besinnung, mein Herr, wenn Sie einer solchen Fruchtbarkeit nachdenken? Sie schwindeln! Das alles trieb ich auf einem einzigen Acre ab; mein Herr, auf einem einzigen Acre! –
      Es muß wohl ein einziger Acre gewesen sein, denn seine ganze übrige Landstelle ist nichts als eine senkrechte Felsenwand, an die auch keine Raupe in die Höhe kriecht, viel weniger ein menschlicher Pflug.
      Der Mann, der so sprach, schlenderte mit den Händen in der Hosentasche und einem frischfrohen Apfelgesichte um unser Paar herum, indem er zu mehrerer Herzensvergnügungen den »Yankee doodle« pfiff.
      Der Quäcker zuckte zusammen wie eine elektrisierte Katze. Sein Haar sträubte sich, seine grauen Glasaugen sprühten Blitze, seine vorfallenden amerikanischen Schultern neigten sich noch tiefer, wie der Stier zum Stoß, seine Fäuste ballten sich, seine Adern schwollen, rote Zornflecke loderten in seinem falben Gesichte auf – kurz das seufzende Lämmlein ward auf einmal zu einer Mördergestalt.
      Das alles kümmerte den andern nicht im geringsten. Vertraulich zog er seine Hände aus der Hosentasche und legte sie der gebäumten Katze auf den Rücken, indem er zu flöten aufhörte und zu sprechen anfing. Gemach, Kamerad, sagte er, stehen wir denn hier, um einander den Handel zu verderben? Was hätt' ich gegen deine Felsenwand, wenn ich sie nicht selbst kaufte? Ja, ja, John, sei ruhig. Die Felsenwand ist mein; – zweihundert Dollar – ist's ein Geschäft? schlag' ein, Junge, abgemacht! Der Quäcker, der immer zusammenzuckte, wenn das Wort »Felsenwand« ausgesprochen 
       wurde, sah gleichwohl in dem Angebot des Sprechers so viel Ernst, daß er anfing versöhnlicher auszusehen. Dieser fuhr fort: Siehe Junge, ich habe mir die Sache mit deiner Felsenwand überlegt. Du trödelst nun schon so lange damit herum – den Donner auch! sollen sich Yankees nachsagen lassen, ein Geschäft geht nicht, weil's auf eine Art nicht geht? Keineswegs. Deine Felsenwand steht in den Kattskillbergen, nur zwei Stunden von der großen Route nach Sarotoga und den Fällen –: das muß uns wuchern. Ich lass' ein paar Zentner Farben an die Wand schmieren und wend' ein paar Dollars daran, daß uns irgendein Doktor Thomson beweist, es wären Malereien eines alten Kulturvolkes. Derselbe Dr. Thompson führt dann als Dr. Johnson aus, daß Dr. Thompson ein Esel ist, als Dr. Thompson aber schlägt er den Dr. Johnson mit einer neuen Flut von Thesen aufs Maul und die Wandmalereien des alten Kulturvolkes sind durch »eine ebenso gelehrte als gründliche Kontroverse« in allen Zeitungen siegreich außer Zweifel gesetzt. Merkst du, Bursche? Wir eröffnen jetzt am Fuße der Felsenwand ein Hotel, denn unsere Felsenwand wird Touristen-Mode, und lassen uns bei jedem Beefsteak und weichgekochten Ei unsere Wandmalereien honorieren im Namen der Künstler des alten Kulturvolks. Was sagt John, he? Siehe, das ist die naturgemäße Art, eine Felsenwand zu verwerten. Aber diesem Gentleman hier zuzumuten, mit seinem Pflug auf einem Ding herumzufahren wie der Turm der Londoner Paulskirche – Freundchen, das geht nicht; das ist zu viel verlangt von einer Felsenwand. Steck' sie ein, deine Situationspläne, steck' sie ein, ehrenwerter Sir John (denn dieser hatte bereits angefangen, sie vor Moorfeld auszukramen), steck' sie ein, und sag deinem Geometer, wir bedürfen nicht mehr der liebenswürdigen Zerstreuung, womit man senkrechte Linien als waagrechte zeichnet. Pfui doch, ein garstiger Handel; in Wahrheit ein abscheulicher Handel; das verdirbt uns die Börse, lieber Sir John, und um alles zu 
       sagen, so ist's ein sehr zweideutiger Handel, Sir John, die Senkrechte für eine Waagerechte zu verhandeln, ein sehr zweideutiger Handel, das ist ein Faktum, Sir John. Was ich sagen wollte, wandte er sich an Moorfeld, Sie kaufen doch meine Farm drüben in New Jersey? ich geb' sie jetzt auf, da ich das Hotel an der Felsenwand projektiere. Sie sehen, ich bin zwar ein 
      »smart man«, aber eine ehrliche Haut. Ich werde meinen Landsleuten ihr Geld abnehmen für die Wandmalerei des alten Kulturvolks: das ist kein Schelmenstreich, höchstens ein wenig Humbug, eine Glaubenssteuer, ein Wahnzoll. Sehr aber tadl' ich meinen ehrenwerten Freund, daß er Sie, mein Herr, als einen Fremden und in einer ungleich ernsteren Sache – o pfui, pfui; ich tadle es hart, es verdirbt das Geschäft, wir brauchen das Vertrauen der Fremden. Merken Sie wohl, mein Herr, wir ziehen eine sehr genaue Grenzlinie zwischen Humbug und Betrug; man kann der ärgste Humbuger und der reellste Geschäftsmann sein. In der Tat, Herr, Humbug und Busineß haben gar nichts zu tun miteinander. Im Busineß bin ich der verläßlichste Mann, den die New Yorker Sonne bescheint; Humbug ist meine Erholung, meine Privatsache außerm Busineß; Busineß selbst duldet keinen Humbug. Reines Geschäft, reines Geschäft, mein Herr, um Gotteswillen! reines Geschäft. Im Humbug besteuere ich die menschliche Torheit; – aber im Geschäft sucht der Mensch sein Bedürfnis bei mir, seine Leibes- und Lebens-Notwendigkeiten – auf diesem Boden sein Vertrauen zu täuschen, untergrübe den Bestand aller Staaten und Völker. Es wäre einfach barbarisch. Von Religion und Gewissen nicht zu reden, unklug war's, unpolitisch, selbstmörderisch, denn es hübe die Möglichkeit der menschlichen Gesellschaft auf. Und ohne menschliche Gesellschaft weder Humbug noch Busineß, das ist klar! Das sind meine Grundsätze, Herr; Sie sehen, ich bin weder schwarz noch weiß, sondern grau meliert, aber unendlich haltbar, Sie können mir tausend Prozent mehr 
       vertrauen als einem Burschen, der sich weiß brennt wie Jungfernwachs. Sehen Sie sich mein Gütchen in New Jersey an. Wann fahren wir hinüber, Herr? Freie Station hin und zurück, wenn Ihnen die Farm nicht gefällt. Keine bedruckten und lithographierten Papierwische – gleich amtliche Ausweise, nichts als amtliche Ausweise; gleich vor das Staats-Auditoriat, Einsicht der Ernteregister von heuer, vom vorigen Jahr, von fünf, von zehn Jahren; alter Kulturboden, New Jersey, alter Kulturboden, von hundert Jahren, wenn Sie wollen –
      Kurz, von aller Vergangenheit, sagte Moorfeld, nur nicht von der Zukunft. Denn leider, mein Herr, zeigt Ihr Boden irgendeinen geheimen, angehenden Schaden, den ich zwar weder in Landschaftsbüchern noch mit leiblichen Augen einsehe; aber desungeachtet ist er da und verdirbt Ihnen die Sicherheit Ihrer ferneren Rente. Wie kämen Sie sonst auf den Einfall mit der Felsenwand?
      Ich rate, Sie sind ein smartman nach Onkel Sams Herzen, lachte der Mäkler, good bye, mein Herr! Reiten Sie so gut, wie Sie gesattelt haben, über mich sollen Sie nicht straucheln, es täte mir leid für Sie. In Wahrheit, ein schmuckes Gut, das meinige, gehen Sie drin 'rum wie der Staubpinsel im Uhrwerk, Sie finden kein Stäubchen Makel dran. Denn die kanadische Distel hat sich vorderhand nur im Nachbarfeld eingeschlichen; der Würgeengel alles Unkrauts wird bei mir erst im nächsten Jahr aus dem Samen schießen. Aber dann Gnade Gott dem Käufer, denn verkauft wird das Grundstück doch, oder ich habe nicht mehr Verstand als ein Fingerhut. Das Grünhörnchen soll sich schon finden, der's kauft, es täte mir leid, wenn ich bangte. Sie sind's nicht, mein Herr, und das ist gut für Sie; aber nicht jeder sieht, der die Augen offen hat, und das ist gut für mich. Good bye! 
      
    



      Fünftes Kapitel
      Moorfeld hatte das Haus verlassen. Seine Intelligenz zerriß das Gewebe des niedern Humbugs, der sich im Entree herumtrieb; sie fühlte sich aber nicht intelligent genug, den höheren Humbug zu parieren, der in den Amtszimmern selbst sein Hauptquartier haben mochte. Denn daß die Staatsbeamten, die Verkäufer des Kongreßlandes von Unions wegen, teils auf eigene Rechnung, teils im Solde der Aktienkompagnien ihre offizielle Stellung nicht minder zur Landspekulation ausbeuten würden, daran zu zweifeln wäre nach allen Proben dieses Volksgeistes Vermessenheit gewesen. Mit den höchsten Würdenträgern in der Hierarchie des Humbugs wagte unser Fremdling aber doch keinen so leichten Gang. Er durfte sich Glück wünschen, die geringeren los zu sein. Denn wahrlich, nicht jeder war so glücklich. Das Publikum, das diese Halle erfüllte, trug nicht durchweg Frack und Glacehandschuhe. Er ließ Scharen von Auswanderern hinter sich zurück – grobe Bauernkittel mit dem Holzschnitt ehrlicher Einfalt im Gesichte, mit dem Schweiße saurer Wirtschaftsjahre in der Geldkatze, – gnad' ihnen Gott! selbst ein Atheist hätte für sie gebetet. Erst in ihrem Anblicke schauderte Moorfeld vor der sittlichen Luft dieses Hauses.
      Als er hierauf durch die sonnigen Straßen dem nächstbesten Café auf der Battery-Promenade zuwandelte, geschah es unter Reflexionen, von denen wir nur den geringsten Teil wiedergeben können. Er betrachtete das Verhältnis eines Gebildeten in Europa zu Amerika und entdeckte mit Erstaunen, daß es zunächst gar keines war. Die deutsche Literatur über Amerika war zu Anfang der dreißiger Jahre weder an Umfang noch an Gehalt in einem Zustande, der von der Wichtigkeit ihres Gegenstandes ein Bewußtsein verriet. Der Umfang blieb hinter der weitläufigen Peripherie des Beobachtungsobjektes unendlich zurück, und die Beobachtung 
       selbst war schlecht. Sie trug den persönlichen Charakter der Stimmung, statt den weltgeschichtlichen der Kritik. Bücher, von einem liebenswürdigen aber unhistorischen Dilettantismus geschrieben, sprachen von Amerika so, wie man ungefähr am winterlichen Kamin von Nizza, Meran und vom Corner See spricht; gleichsam als wäre das soziale Leiden Europas mädchenhafte Schwindsuchts-Poesie. So schrieben Racknitz und Scherpf über Texas, Bromme über Florida, Duden über Missouri, Gerke über Illinois, andre über anderes. Noch mehr aber als durch die belletristische Ornamentik litt die Wahrheit des Gegenstandes durch die politische. Der Liberalismus der Restaurationsperiode fand in Wort und Schrift über Amerika eines seiner wenigen erlaubten Ausdrucksmittel. Er benutzte es eifrig. Er feierte die Sternbanner-Republik als die praktische Verwirklichung seines geächteten Ideals. Aus dieser Tendenz ging zwar die Wahrheit auf, aber nicht die volle Wahrheit. Er hätte es für politische Unklugheit, ja für Verrat gehalten, die Flecken seiner Sonne zu gestehen. In dieser filtrierten Sonnenbeleuchtung nun überkamen die Gebildeten der vorigen Generation Amerikas Bild. Wenn wir heute jene Schilderungen lesen, so tun wir es mit dem Hintergedanken ihrer Tendenz, wir betrachten und verstehen sie als Kunstwerke der oppositionellen Beredsamkeit. Bedenken wir aber, daß man allen Farben und allen Farben-Nuancen dieser lockenden Bilder damals volle objektive Wahrheit zugestand, daß man sie buchstäblich nahm und gläubig beschwor, so wird uns eine Vorstellung davon entstehen, daß ein gebildeter Auswanderer, der aus dieser Literatur sich enthusiasmiert hat, sie dem Humbug gegenüber nun selbst als Humbug empfand. In der Tat erkannte Moorfeld seine europäische Lektüre über Amerika jetzt bloß als 
      Unterhaltungs-Lektüre und sah die Notwendigkeit ein, die Belehrungs-Lektüre von vorn anzufangen. Er stellte sich also die Aufgabe, das Land aus den besten Landesquellen selbst zu studieren.
      
       Über das Projekt seiner Ansiedlung beschloß er sodann, auf dem Ländermarkt zu New York überhaupt gar nichts zu unternehmen. Zog er aus dem soeben Erlebten die Summe, so gab ihm sein eigenes Schlußvermögen zunächst folgende zwei Ratschläge an die Hand: Erstens, nur an Ort und Stelle zu kaufen; zweitens, um die Zeit der Ernte zu kaufen, da der Acker gewissermaßen für oder gegen sich selbst zeugt und der Ertrag des Jahres so allgemeines Landgespräch ist, daß der Fremde unmöglich mit einer übereinstimmenden Fiktion umsponnen werden kann.
      Wir wissen nicht, ob wir es an diesem Orte ausdrücklich entschuldigen müssen, daß ein Romanheld mit leidlichem Menschenverstand zu Werke geht. Wer nach dieser Probe die prosaische Perspektive seines künftigen Verhaltens fürchtet, dem geben wir zu bedenken, daß der Verstand, selbst im besten Falle, höchstens die gesetzgebende Gewalt ist, Gemüt und Stimmung aber die ausführende. Wie groß unsre Fähigkeit, uns zu behaupten, sein mag, unsre Fähigkeit, zugrunde zu gehen, ist immer noch größer.
      Bis zum Anfange der Ernte in Ohio, dem Lande seines Ansiedlungsprojektes, hatte Moorfeld noch einige Wochen zu versäumen. Er konnte inzwischen jene literarischen Ergänzungsstudien machen, die er zuvor als notwendig erkannt, und überhaupt den gelehrten Teil seines Haushalts, den er in der Isolierung des Hinterwalds nicht bestellen konnte, aus der Masse des Stoffes zusammenstellen. Dazu bedurfte er der Zeitungen und Bibliotheken New Yorks. Er entschied sich daher in der Versuchung, jene Ferien in Reiseausflügen zu genießen oder sie an seinen städtischen Aufenthalt zu wenden, gewissenhaft fürs letztere. Er kehrte in Mr. Stauntons Haus zurück.
      Denn noch sah er keine dringende Ursache vor sich, mit diesem Hause zu wechseln, zumal da er den Tag größtenteils auswärts zubrachte. Genußvoll war aber sein Aufenthalt darin nicht. Ja, wenn wir später eine Summe von 
       Ursachen zu einer betrübnisvollen Wirkung anwachsen sehen, so dürfen wir die ersten Posten dieser Summe vielleicht schon dem Hause Staunton anrechnen, das mit seiner stillkorrosiven Langweile und Kaltherzigkeit ein energisch-empfindendes Gemüt gewiß gründlicher, als es ihm selbst bewußt geworden ist, auf den folgenden Umschlag vorbereitet hat. Sein Verhältnis oder vielmehr seine Verhältnislosigkeit zu diesem Hause aber war folgendes:
      Mr. Josua Staunton öffnete über Tisch – und sonst sah ihn Moorfeld nicht – kaum auf eine andere Veranlassung den Mund, als um Amerikas Lob zu verkünden. Er war im Ausdrucke seiner Nationaleitelkeit ebenso kindisch übertrieben, als in der Nichtachtung fremder Nationalitäten naiv-unverschämt. Moorfeld ließ ihn das Lächerliche dieser Schwäche, wie gleich zuerst so auch fortwährend, durch die Figur der Ironie fühlen; er antwortete ironisch, wenn er überhaupt antwortete. Manchmal tat er's auch nicht. Denn was sollte er einem Mann erwidern, der sich mit vollen Backen rühmt: unser südlicher Himmel, unsre nordische Tätigkeit, Geist und Natur im Verein erhalten uns vor allen Völkern der Erde bei ewiger Jugend; Sie werden in Amerika keinen alten Mann sehen – wenn die Backen desselben Redners geschminkt, seine Zähne falsch, seine Haare gefärbt und die Rundung seiner Glieder Baumwolle ist? Eine solche Herausforderung anzunehmen, fand unser Freund nicht einmal im Scherze gentil: mitleidiges Achselzucken blieb ihm allein übrig. Und doch schien der Gentleman noch immer näher auf Stauntons als auf Moorfelds blühender Seite zu stehen; denn jener hatte, wie er auch übertreiben mochte, ein achtunggebietendes Vaterland zu seiner Folie, diesem fehlte es. Um so sittlicher es aber ist, eine Nation als ein Ich zu vertreten, um so mehr lag Stauntons Stellung innerhalb und Moorfelds außerhalb des guten Tones, was von Natur doch umgekehrt war. Kurz, Moorfeld sollte bald empfinden, was es heißt, ohne Nationalehre, als bloßes 
       Individuum in die Welt zu gehen. Dieses Gefühl, welches keinem deutschen Auswanderer erspart bleibt und auf welches sich doch der Seltenste gefaßt macht, legte einen Unmut in ihn, durch den die Lichtspiele des Humors, welchen er seinen Beleidiger fühlen ließ, nicht wie Sonnenstrahlen durchbrachen, sondern wie ein werdender Blitz, der seine Jugendspiele hält.
      Nicht gastlicher als Herr Staunton verschönerte ihm die Hausfrau seinen Aufenthalt. Mistreß Livia Staunton trug zur Belebung ihres Hauses das ausgesucht Wenigste bei, was ein lebendiges Wesen zu leisten vermag. Moorfeld erblickte diese Dame kaum anders als im Schaukelstuhl mit der New Yorker Tribüne vor sich oder an ihrem Bureau, die Bibeln, Kinderstrümpfe und Seelen irgendeines geistlichen Hilfsvereins verbuchend. Mrs. Livia Staunton war nämlich – um sie im vollen Rund vorzuführen – aktives Mitglied folgender Vereine: zur Verbreitung der Bibeln, zur Verteilung geistlicher Flugschriften, zur Bekehrung, Zivilisierung und Erziehung der Wilden, zur Verheiratung der Prediger, zur Versorgung ihrer Witwen und Waisen, zur Verkündigung, Ausbreitung, Reinigung und Bewahrung des Glaubens, für den Kirchenbau, zur Dotierung der Gemeinden, zur Aufrechterhaltung der Seminarien, zum Katechisieren und Bekehren der Matrosen, Neger und Freudenmädchen, zur Beobachtung des Sonntags, zur Verhinderung des Schmähens und Fluchens, zur Errichtung von Sonntagsschulen, zur Verhütung der Trunkenheit des 
      weiblichen Geschlechtes. Diese Titulatur war auf der Tür ihres Drawingrooms unter Glas- und Goldrahmen für jeden, der die Geduld dazu hatte, zu lesen. Ein solches Etablissement von christlicher Werktätigkeit gab freilich zu tun. Ihre Erholung davon suchte und fand aber die würdige Frau nicht in ihrer Häuslichkeit, sondern außerhalb, wenn sie mit Miß Sarah sonntags im Kirchenstuhle träumte und sonnabends auf den Shopping ging. Dies sind nämlich die zwei Marktgänge, 
       auf welchen das weibliche Herz in Amerika seinen Bedarf an Galanterie sich besorgt. Daß den New Yorkerinnen der Kirchenstuhl das ist, was den Pariserinnen die Loge in der großen Oper, ein Empfangsalon für den Anbeter, ein Rendezvous der weltlichen Eitelkeit, dies zu erfahren hatte Moorfeld nur eines einzigen Besuches in einer beliebten Damenkirche bedurft. Da stand der Prediger zwischen den Blumen und Goldleisten seiner zierlichen Kanzel, war ein scheinheilig-kokettes, lächelndes Bürschchen, hatte gebrannte Locken, atmete Parfüms und predigte von den weiblichen Tugenden, und wie die Mütter mütterlich und die Jungfrauen jungfräulich sein sollen, und von der Würde der Ehe und von der Süße des Brautstandes, und was ein praller Leib für ein schöner Tempel Gottes und Runzeln für ein verehrungswürdiger Anblick seien, und mischte Bibelsprüche und Zitate aus Byron und Walter Scott reizend durcheinander, und die frühlebenden Fräulein und die frühverlebten Frauen New Yorks dehnten sich auf ihren Polsterstühlen, während die warme Maiensonne ihre vollen und welken Büsten beschien; sie hatten die Augen geschlossen, scheinbar der Sonne wegen, in der Tat aber um das Behagen zu verbergen, das sich darin malte, und durch die ganze Kirche ging ein wollüstiges Gähnen und ein faules Seufzen, und Moorfeld gestand sich gerne, wenn er eine New Yorker Lady wäre, so wüßte er sich keine bessere – 
      Leibesbewegung als solch einen Gottesdienst. Er begriff ohne Umstände den Enthusiasmus des schönen Geschlechts für ihren sonntäglichen Kirchengang. – Der Shoppinggang war eine Variation über dasselbe Thema, nur daß hier Seide und Mousselin und dort die Bibel den vorgeblichen Text bildeten. Auf dem Shoppinggang flanierte der buntgefiederte Wanderschwarm von Evas Töchtern durch die Basars der Manhattan-Stadt und zwar nicht sowohl um die modistische Nachkommenschaft des paradiesischen Feigenblattes zu inspizieren, als vielmehr um die Schlange 
       zu belauschen, welche jenem ersten Schnittwarengeschäfte den Impuls gegeben. Die Ladendiener wußten dabei nicht weniger als die Kanzeldiener den Bedürfnissen ihres Publikums entgegenzukommen, und aus Sabbat und Shopping sogen die Damen New Yorks die Kraft, eine Woche lang zu Hause so langweilig zu sein, als es ihnen die Landessitte vorschrieb. Ein Fremder gab es auf, mit diesen Quellen zu konkurrieren, wenn er ihnen erst auf die Spur gekommen. Seine Huldigung wurde von der Hausfrau, welche in ihren vier Wänden mehr Götze als Weib zu sein hatte, weder erwartet noch nur zugelassen, dafür empfing er aber auch nichts von jenen Gegengeschenken, womit Frauenanmut die schöne Geselligkeit bei andern Kulturvölkern bereichert.
      Nicht mehr Weiblichkeit als in der Mutter konnte Moorfeld in der Tochter entdecken. Miß Sarah Staunton begegnete dem Hausgenossen mit der pflichtschuldigen Würde einer amerikanischen Jungfrau. Freilich wissen wir nicht, ob sie diese Würde um ihrer selbst willen repräsentierte oder des Eindrucks wegen, den sie damit hervorzubringen meinte. Vermutlich das letztere. Und wenn sie ihre hochgewachsene Figur, die wir artiger aber erlogener eine majestätische nennen sollten, in das stolzeste Aufrecht zu schwingen meinte, so zuckte oft plötzlich ein seltsamer Geist durch diesen künstlichen Strebepfeilerbau, der seine architektonischen Linien wunderlich verschob, ihre Haltung bekam etwas Einseitiges, Hinhorchendes, ihr trübblaues Auge fing zu lauern, zu lauschen und zu rechnen an, ihr ganzes Wesen hatte etwas zwecklos Geheimnisvolles; sie glich einem schlechten Rätsel, das teils zu dunkel, teils zu deutlich und in seiner schließlichen Auflösung nichtig ist. Moorfeld hatte es längst aufgelöst und war eben nicht der Mann, einem Mädchen die Tugend der Koketterie für ein Laster anzurechnen; als sie aber nach Tagen und Wochen einer anständigen Vertraulichkeit Moorfelds mit erhobenem Finger die 
       Erinnerung zudrohte: Sie wissen, ich habe Ihnen noch zu verzeihen, Mr. Muhrfield – da erschrak er doch über die Armut ihrer Mittel. Wenn sie schon das traurigste Genre von Koketten sind, jene Unversöhnlichen, die sich stets zu versöhnen haben, so war Sarahs Thema für dieses Spiel bereits in der ersten Stunde ein so erfindungsloses, unglückliches, daß die Fortführung desselben gegen all ihre weiblichen Instinkte zeugte. Was konnte Moorfeld anders, als dieser platten Taktlosigkeit den Rücken wenden?
      Damit aber war das Haus Staunton für ihn zu Ende. Die Domestiken des Hauses schied nämlich in Amerika so gut wie in Europa die soziale Sitte von ihm; ja sie diktierte hier gegen den weiblichen Teil eine Zurückhaltung und gegen den männlichen, der größtenteils der schwarzen Farbe angehörte, ein Rassenvorurteil, wie beides der freisinnigere Europäer nicht kennt. Und doch lehrte ihn der erste Blick, daß in diesem Hause, wie häufig, den Dienenden mehr menschlicher Fond innewohnen möge, als den Herrschenden.
      Harriet, das Kammermädchen, oder die »Gehilfin«, wie der Sprachgebrauch sich ausdrückte, besaß schon den Vorzug einer großen weiblichen Schönheit. Das war viel für Moorfelds Denkart, der von einer befriedigten Natur gerne auf eine harmonische Sittlichkeit schloß und im schlimmsten Falle nur ein Laster kannte, die Feigheit. Feigheit aber ist ausgeschlossen, wo es kein Bewußtsein von Mangel gibt, sondern nur Besitz und Erfüllung. In der Tat trug Harriet ihr Köpfchen so stolz wie alle Amerikanerinnen, aber wie ganz anders kleidete sie dieser Stolz als ihre Gebieterin Sarah, deren kleinliche Kälte stets den Verdacht erweckte, sie sei ihres lüsternen Gegensatzes wegen da! An Harriet war alles Kraft und Sicherheit. Sie war Kaiserin eines brillanten Augenpaares, Königin einer kühn geschwungenen Oberlippe; wenn sie die plastische Macht ihrer Sinnlichkeit brauchte, so konnte sie durchgreifend herrschen; aber 
       darum glaubte man an ihren Stolz, weil er nichts tat, sich glauben zu machen. Schon die Art, wie sie die Fülle ihres prachtvollen Rabenhaares trug, unterschied sie charakterlich von Sarah. Wenn die Locke, dieses flüssige, wandelbare Element, das Organ übermütigen Nackenschüttelns und kriechenden Zulächelns, matt und ratlos um Sarahs erbleichenden Frühling schwankte, so saßen Harriets Zöpfe, mit Trotz à la couronne geschlungen, in ihren Nadeln, ein Bild in sich versammelter Charakterfestigkeit. Daß dieses Mädchen nicht Dienerin blieb, begriff Moorfeld allerdings, daß sie aber die Wahl ergriff, ihre Versorgung lieber im Schulstaub zu suchen als in einem weiblicheren Verhältnisse, wofür sie doch eine wahre Perle von Beruf war, das begriff er keineswegs. Es schien ihm dieser Widerspruch ein weit tieferes und ratenswerteres Geheimnis um Harriet zu legen, als Sarah je sich anzustempeln so eitel sein konnte. Leider mußte er verzichten, sie näher kennen zu lernen: ein gewechseltes Wort mit ihr erregte so viel Aufsehen, sie selbst bezeigte ihm eine so unverstellte Verschlossenheit, daß er dort aus Rücksicht und hier aus Achtung den Versuch einer Annäherung aufgab.
      Seine Bedienung lag in Jacks, des Negers, Händen. Diese Person hätte ihm freilich nichts mehr als eine Maschine sein dürfen, wenn er amerikanisch korrekt dachte. Aber so dachte er nicht. Zwischen ihm und dem Wollkopf spann sich manch zarter Faden. Erstens liebte Jack sein Violinspiel. Zweitens war Jack der Koch des Hauses. Moorfeld, um nur physisch zu existieren, gab ihm für seine Person einen kleinen Lehrkurs in der europäischen Kochkunst, und solch ein Verhältnis angeknüpft, dürfen wir billig zweifeln, ob Chiron ein zärtlicheres Interesse hatte, daß Achill seinen Pfeil richtig ansetzte, oder Moorfeld, daß Jacks geneigtes Gemüt die Theorie der Gollaschbereitung aufnahm. Drittens hatte Jack einen Charakterzug von satirischer Laune in sich, der unsern Freund zugleich ergötzte und auch ernsthafter anregte. 
       Der Neger liebte es nämlich, auf eine eigentümliche Art mit seinem Identitäts-Bewußtsein von Ich und Nicht-Ich zu spielen: er setzte sich sein schwarzes Ich als Objekt und schimpfte im Charakter eines weißen Subjekts drauf los. Durch Haus und Flur konnte man ihn beständig mit, d.h. gegen sich hinbrummen hören: Achtung, schwarzer Esel! merk auf, verdammtes Niggervieh! Kopf oben, rußige Bestie! Platz da, Kohlensack, und was ähnliche Artigkeiten mehr waren. Hatte er Moorfelden ein kleines Versehen zu bekennen, z.B.: Warst du auf der Post, Jack? so hieß die Antwort: Verzeihung, Sar, das Rabenhirn hat's vergessen. – Bist du nach meinen Kleidern gegangen? Ach Gott, Sar, der Kerl hat nicht mehr Gedächtnis als eine Flasche voll Stiefelwichs. Moorfeld lachte anfangs über diese Sorte von Humor, aber eines Tages fiel es ihm plötzlich auf, was für ein Sinn darin lag. War's nicht der nämliche Sinn, in welchem er selbst Herrn Staunton gegenüber sich der Ironie bediente? Tat das der Neger nicht auch, indem er die weiße Rasse verspottete durch die Selbstverspottung seiner schwarzen? Welch gleichartiger Instinkt waltete hier? Ist die Ironie die Muttersprache unterdrückter Nationalitäten? Und wie ward unserem Freund, als er an Europa zurückdachte und bemerken mußte, daß eben jetzt die Ironie die herrschende Form der europäischen Literatur, aber auch ein Weltschmerz, Polenschmerz, Judenschmerz der herrschende Inhalt war? War er den Übeln, die man für Übel nur der alten Welt hielt, nicht entronnen, und fand er in der neuen Welt etwa einen Deutschen- und Negerschmerz? Verhängnisvolle Fragen.
      Von solchen Betrachtungen zerstreuten ihn nur wenig die Sprünge eines Kaninchens, das im Hause ein- und austänzelte und sich den Genossen desselben gewissermaßen anreihte. Dieses Kaninchen war ein Geistlicher, Reverend Joe Brown. Der Mann war ein ziemlich verlebter Vierziger, trug auch die wirklich alternden Züge eines solchen, aber man 
       konnte nichts Leichters und Luftigers sehen, als wie er in Garderobe, Sitten und Manieren den grünsten Zwanziger kopierte; er ging herum wie ein wahres Gespenst der Jugend, sein ausgeschlagenes Hemdkrägelchen buhlte sogar nicht undeutlich mit den phantastischen Lizenzen des Knabenalters, und in der Tat glich er einem Ferienschüler, der sich auf einem Ausfluge etwa um dreißig Jährchen verschlafen, wie jener ehrliche Rip van Winkle, während die Nornen der Zeit ihm ihre unheimliche Taufe erteilt, die bewußten Krähen in seinen Augenwinkeln gescharrt, und nichts ihm geblieben, als die selbstvergnügte Geckenhaftigkeit, das Bündel zuckerner Unverstand, das freilich keinem geraubt werden kann, der es säuberlich festhält. Moorfeld konnte sich eines bittern Lächelns nicht erwehren, wenn Reverend Brown und Mr. Staunton nebeneinander standen – »das jugendliche Amerika« quand même!
      Zuletzt bewohnte Herrn Stauntons Haus auch noch – ein Schatten. Dieser Schatten war ein Mann oder ein Greis, überhaupt ein lebendiges Etwas, von dem nichts weiter zu sehen war, als daß es eben lebte. Der alte Mann saß mitten im Sommer in einem dicken, kragenreichen Karbonari-Mantel, den er genau bis an die breite Hutkrämpe heraufgezogen hatte, so daß es viel eher möglich war, mit dem Detail der Mondfläche als mit den Umrissen seiner Gesichtszüge bekannt zu sein. Moorfeld hatte sein Dasein nicht anders entdeckt als eines späten Abends am Haupttore, da sie beide sich aufschließen wollten. Der Alte bedankte sich im gebrochenen Englisch ausnehmend fein und gewählt, als ihm Moorfeld den Vortritt ließ und huschte dann durch das dunkle Vorhaus nach einer entlegeneren Hintertreppe. Bei einem zweiten Zusammentreffen redete ihn Moorfeld mit einer Anspielung auf sein dickes Mantelgeheimnis an: Nicht wahr, Sir, die Sommernächte sind kalt hier Landes? – Anche gli giorni, 
      Auch die Tage! seufzte der Schatten, in 
       sein Hinterhaus verschwindend. Moorfeld fragte Domestiken nie um häusliche Verhältnisse aus, damals konnte er aber den Neger, der ihn morgens weckte, kaum erwarten, um nach dem Alten zu fragen. Ein Überrest von einem italienischen Opernbankerott, hatte Jack gleichgültig geantwortet. Aber Moorfeld vergaß jenes Wort nicht mehr. Es war ein so echter Naturlaut! Und wenn er noch manchmal das Echo in sich hörte: »Ich danke Ihnen für dieses deutsche Wort«, so begleitete ihn jetzt ein zweites: »Anche gli giorni!«
      Für das unerquickliche Leben in Stauntons Haus bot zuletzt die Lage desselben einigen Trost. Hatte doch Moorfeld schon ein Europa dieser Bedingung wahrgenommen, und hier mindestens war ihm alle Genugtuung geworden. Er erkannte es mit dankbarem Genusse. Wir sehen ihn manches Stündchen in seinem Fenster verrauchen oder vergeigen, das sonst vielleicht ein Spaziergang geworden wäre. Bei der anwachsenden Hitze der zweiten Maihälfte und dem unauslöschlichen Staub der New Yorker Straßen lachte ihm der trockene tiefglühende Himmel des vierzigsten Breitegrades mit grenzenloser Bequemlichkeit ins Haus herein. Unter seinen Fenstern blaute der Hudson, breit wie der Hellespont. Am andern Ufer, stromabwärts zur Linken, nagelten und hobelten Zimmerleute eine neue Stadt, Jersey City, in die äußerste Landspitze hinaus; stromaufwärts, zur Rechten, grünte der schattige Baumgürtel von Hoboken herüber, der alte Holländer-Park, New Yorks klassische Promenade. Mit seinem Dollond in der Hand mischte sich Moorfeld oft ins Menschengedränge der breiten Ulmenalleen und las dem spekulierenden Kaufmann, dem leichtsinnigen Matrosen, dem verhimmelten Quäcker und dem adonisierten Dandy die Prätentionen ihrer unsterblichen Seele von der Stirn. Über Jersey City und Hoboken hinaus erhob sich der Horizont zu sanften Hügelschwellen, auf welchen die Kaufleute New Yorks in weitverstreuten Landhäusern saßen und Sommerruhe hielten. 
       Auf diese Eliten-Kolonie, auf dieses Blumenbukett Fortunas richtete Moorfeld sein Fernrohr mit besonderem Wohlwollen. Das vis-á-vis so vieler Glücklichen erquickte ihn. Er wurde aus der Ferne Familienfreund ihrer aller, er war ihnen dankbar dafür, wie rosenfarbig ihr Wohlstand einherging. Mochte er erworben sein, wie er wollte; ein Kontor ist noch einmal so tugendhaft, wenn es in der Orangerie liegt; und wer fordert auch eine bessere Tugend vom Menschen, als daß er lache? Lachend aber waren sie wirklich, jene Villen und Gärten, lachend in das Wortes verwegenster Bedeutung; nur eins mußte ihnen Moorfeld zu ihrer Üppigkeit wünschen – Geschmack. Hierin glichen sie vollständig Kindern, welche mit den Süßigkeiten ihres Lebens sich Backen, Mund und Kinn und Naschen kolorieren und ihre Verehrer in eine etwas zweideutige Verfassung zwischen Enthusiasmus und Horreur bringen. Gärten mit grenadiersteifen Pallisadenzäunen, Rasengründe mit angestrichenen Holzstatuen verziert, waren ein gewöhnlicher Anblick; Pagoden, Tempel, Kioske, Pavillons, welche vom chinesischen bis zum venezianischen, vom maurischen bis zum Rokokostil alle Bauformen der Erde verstandlos-bunt durcheinander würfelten und regelmäßig einen schreienden Lackfarbenanstrich wie eine Bedientenlivree trugen, das war der immer wiederkehrende Anblick dieser Luxus-Bauten. Ja, unter seinen Augen sah Moorfeld eine Kolonnade entstehen, welche in ein und derselben Front sämtliche fünf Säulenordnungen zugleich vereinigte! Von da an brauchte er seinen Dollond doch weniger häufig und besah sich das kleine Narrenparadies lieber mit freiem Auge. Aus dieser Perspektive blieb es allerliebst.
      Aber wenn das Kostüm eines Volkslebens mit unserm Schönheitsgefühl im Widerspruche steht, so ist es immer die zarte Sache des Augenblicks, wie es uns affizieren soll. Eine scheinlose Veranlassung, ein unbedeutender Zufall, und die Stimmung kann ebenso schnell aus dem Humor in 
       Ärgernis, ja in wahre Verzweiflung umschlagen, der ästhetische Sinn seine Verletzung anstatt komisch, tragisch auffassen. Zweifeln wir nicht, daß mit solchen Veranlassungen unsers Landsmanns Weg wahrhaft besäet war. Vergessen wir nicht, daß Moorfeld auf einen verdorbenen Magen gebeten wird, wenn ihn sein Bankier zufällig zu Gaste bittet; vergessen wir nicht, daß fast in jedem öffentlichen Lokale, in das er eintritt, sein Auge sich krampfhaft an den Plafond klammern muß, wenn ein unbewachter Blick auf den Boden, d.h. in den Speichel von tausend Tabakkauern ihm nicht das Gekröse im Leibe umwenden soll; vergessen wir nicht, daß es solch kleine, aber unerschöpflich durchvariierte Täglichkeiten sind, aus welchen unser Wohl- oder Übelbefinden gewebt wird: und wir entschuldigen gewiß unsern Freund, daß er mitten im Anschauen einer großartigen Volkstümlichkeit das Große nirgends recht zu Gesicht bekommt, weil es unter tausend widerlichen Zügen von Volksroheit begraben liegt, deren Abstoßungskraft der Anziehungskraft fast überall das Gegengewicht hält. Kurz, wenn gemeine Naturen mit ihrem Tun und edle mit ihrem Sein zahlen, so war es dem Europäer, aus dessen Denkweise heraus diese Bemerkung geschöpft ist, nicht möglich, sich für den Amerikaner zu begeistern, dessen erhabenem Tun das schöne Sein fehlte. Vergebens staunte Moorfeld auf Schritt und Tritt Werke und Einrichtungen an, denen Europa nichts Gleiches an die Seite setzt, seine Aufmerksamkeit ermüdete bald, denn der Eindruck zerfloß ihm in die Luft, weil die Taten herrlicher waren als die Täter und das Grandios-Menschliche nie in der Personifizierung grandioser Menschen erschien. Nicht die Vernunft, sondern die Sitte des Volkes ist der Gradmesser seiner Bildung, auch hat die Volksvernunft nirgends, die Volkssitte aber überall einen Leib. Man ladet unsern Freund z.B. ein, einer Sitzung des New Yorker Assisenhofes beizuwohnen, es komme ein interessanter Rechtsfall heute zum Spruche, die Gewandtheit 
       der Advokaten, die gesetzliche Haltung des Publikums, der durchdringende Verstand der Geschwornen – alles werde ihm ein Schauspiel bieten, dergleichen die Welt – usw. Moorfeld betritt den Gerichtssaal, den Hunderte aus Personen hundertmal in jeder Minute mit Tabaksaft bespeien, er sieht im Nu ein Resultat aus diesen vereinten Kräften anwachsen, das alle Sinne aufs gröbste verletzt – wo bleibt da der geistige Eindruck? Wer heißt die Göttin Themis ihre Orakel zugleich aus einem Meere von Weisheit und von Speichel schöpfen? Oder der Ruf hat ihm Crotons Wasserleitung als das achte Weltwunder bezeichnet, er fährt eines Tages hinaus und will bewundern. Aber unterwegs macht sich ein kleiner zehnjähriger Souverän das Vergnügen, seinen Revolver in den Wagen abzufeuern, die Kugel dringt durch das Fenster, streift zuerst eine Dame an den Kleidern, schlägt dann einem gegenübersitzenden Herrn, der zufällig ein Polizeisergeant ist, an die stählerne Tabaksdose in der Hosentasche, prallt von dieser ab, indem sie noch etwas Fleisch von der rechten Hand des Polizisten mitnimmt, berührt dann leise die Schulter seiner Nachbarin und fällt zwischen dieser und Moorfeld auf den Boden nieder. So nahm jener Vergnügungsschuß des freien und aufgeklärten Bürgersprößlings noch einen unschädlichen Verlauf, aber er hätte ebensogut töten können, und der Gedanke, an Crotons Wasserleitung als Vergnügungsleiche anzukommen, war doch gewiß nicht die beste Vorbereitung, um dieses Wunderwerk eines freien und aufgeklärten Volkes zu würdigen, Oder unser Freund wird aufmerksam gemacht, sich ja den heutigen Leader im New York Herald nicht entgehen zu lassen – er enthalte eine Skizze der politischen und sozialen Entwicklung Amerikas seit dem letzten englischen Krieg – was Geistreicheres könne eine menschliche Feder unmöglich zutage fördern. Moorfeld tritt in Rileys Café, eines der fashionablesten auf dem Broadway, und sucht vergebens das genannte Blatt. Endlich 
       entdeckt er es unter den kotigen Stiefeln eines Gentleman, der seine langen Beine mitten in den Lesetisch hineingelegt hat. Der Gentleman hebt auf Bitte des Lesers das Bein ein wenig in die Höhe, läßt's aber sogleich auf die übrigen Zeitungen wieder zurückfallen, gleichsam als gehörte es dahin, wie ein Briefbeschwerer. Was bedeuteten nun Amerikas Fortschritte seit dem letzten englischen Krieg? Moorfeld dachte, es hätte seit dem letzten englischen Krieg lernen sollen, seine Beine unter den Tisch zu stellen.
      Wir würden diese Anführungen ins Unendliche vervielfältigen müssen, um deutlich zu machen, wie der Gemütszustand unsers Fremden während dieser Tage in ein Stadium eintrat, das sich nur schwer definieren läßt. Es ist ein eigentümlicher Scheideprozeß, der alle vorhandenen Elemente des Charakters in Auflösung setzt, und indem er die Formen der Neubildung zunächst noch gar nicht erraten läßt, unerträglich genug als ein eigentlich Charakterloses bezeichnet werden muß. Und gerade Männer, die in der Heimat Subjektivitäten und Physiognomien ersten Ranges waren, sehen wir in der Fremde auf diese unbegreifliche Weise plötzlich weit unter sich selbst zurückgehen, wie uns denn z.B. die Berliner Freunde und Reisegenossen Rückerts, dieser markvollen Mannesgestalt, vor welcher die römischen Kindermädchen mit dem Angstgeschrei: »Simone Mago!« 
      Der Zauberer Simon! die Flucht ergriffen, zum drastischen Gegensatz jener Anekdote den lächerlichen, ja eigentlich feigen Zug zum besten geben, daß dieser arme Zauberer selbst durch ganz Italien nirgends zu bewegen gewesen, im Freien Platz zu nehmen, weil er in einer beständigen Scheue vor Giftschlangen einhergewandelt. Dieses 
      Schrecken der Fremde, dieses unbehagliche Bewußtsein einer tiefen Gegensätzlichkeit zwischen sich und dem Neuen, welches mit dem Worte der Schlangenfurcht gewiß nur poetisch 
       individualisiert, gewissermaßen in einem scherzhaften Symbol dort angedeutet ist, haben wir nun hier in einer verwandten Weise von unserm Helden zu berichten. Moorfeld vermochte – wie nur ein paar der wahllosesten Beispiele uns gezeigt haben – nirgends zum reinen Gefühle der Größe, die ihn umgab, durchzudringen, weil zwischen ihn und diese Größe immer ein Etwas trat, das ihm die Beleuchtung derselben trübte, profanierte, ja nicht selten sogar in ihr Gegenteil verwandelte. Bis er nun zum deutlichen Bewußtsein gelangte, daß das 
      ästhetische Medium es war, welches zwischen ihm und Amerika fehlte, glaubte er die Ursache jenes geheimen Mißverständnisses einseitig in sich selbst suchen zu müssen, als ermangelte er der Organe, zu bewundern und zu genießen, was Hunderte vor ihm bewundert und genossen zu haben meinten oder andere mindestens meinen gemacht. Selbst der physiologische Gedanke trat ihm nahe, ob veränderte Luft und Diät ihn nicht körperlich umgestimmt hätten; kurz wir sehen ihn in einer Gärung, in welcher er mit der Fremde einen durchaus ungleichen und abmüdenden Kampf ringt. Noch können wir diesen Zustand keinen eigentlich unglücklichen nennen, denn er ist kein hoffnungsloser; er weiß, es muß eine Zeit kommen, da es zwischen ihm und dem Lande auf irgendeine Weise zum Durchbruch kommt: aber bis dieser Augenblick reif wird, hegt die Übergangsperiode dazu mit einer Lähmung, mit einem Gefühle von Schwäche und Selbstverlorenheit auf ihm, das ihn tief melancholisch macht.
      Oft weilt er einsiedlerisch zu Hause, oft stürzt er sich ins Straßen- und Hafengewühl: dieses wie jenes ohne Befriedigung. Dabei verfolgt ihn stets die Vorstellung, als gebe es außer dem sichtbaren Volksleben noch ein zweites unsichtbares, das ihm wie hinter einem Vorhange verborgen sei und dessen Enthüllung beselige. Gewiß liegt's im Urwald dieses Geheimnis von Amerikas Glück und Schönheit – aber New York, ein Sammelplatz von dreimalhunderttausend 
       Menschen, welche Kultur treiben, sollte nichts davon zu verraten haben? Im richtigen Winkel gesehen blitzt Tau und Schnee in ein Meer von Diamanten auf, außer diesem Winkel sehen wir graue und gefrorene Wassertropfen. Nur ein Ruck, eine Wendung, und der Zauber wird rings um ihn auflodern. Dieser Gedanke ist's, der unsern Freund fortwährend neckt, nach jedem Versuche ermüdend, zu jedem Versuch anregend.
      Er bereut jetzt, daß er die übliche Aussteuer eines Reisenden, Empfehlungsbriefe, in Europa verschmäht. Im stolzen Instinkt der Originalität hatte er sie verschmäht und in der allerdings richtigen Annahme, sie möchten in New York ebenso nutzlos sein als z. B. in Paris unentbehrlich, denn gewisse Völker seien im Salon, andere aber auf der Straße zu suchen. Nur der Umstand, daß seine Ankunft ohnedies in die sogenannte tote Saison fiel, konnte über jenes Versäumnis ihn wieder beruhigen.
      Was also von idealeren Formen des hiesigen Volkslebens im Innern der Häuser – und zwar seltener Häuser – glänzen mochte, blieb unserm Freunde zunächst aus dem Sinne gerückt. Um so weniger versäumte er den Besuch der öffentlichen Kunstanstalten. Zwar legt der Amerikaner den geringeren Akzent auf diese Seite seiner Nationalgröße, indem er, wenn nicht von mangelnder Kunstbegabung, doch von »Anfängen« redet oder auch den »Einfluß Europas« großmütig anerkennt. Er täuscht den Europäer nicht, überrascht ihn aber doch zugleich mit Zügen von Originalität, welche er selbst nicht geahnt hat und welche diesem den Beweis liefern, daß das Fremde nie ein Vorausgesehenes ist.
      So besuchte Moorfeld ein Ding, das sich New Yorker Bildergalerie nannte. Er tat es mit aller Bescheidenheit seiner eigenen Meinung und der der Einheimischen dazu. Der Galerie-Direktor z. B. war freisinnig genug, ihm geradezu zu sagen, er würde von Kunstwerken ersten Ranges 
       nur Kopien hier finden. Die Originale der besten Italiener, die Danaen, die Leden, die Ganymede usw. müsse man ein für alle Male den verdammten Königen Europas überlassen, sie erhöhten mit den Werken des Genies den Glanz ihrer Kronen und veräußerten ein klassisches Gemälde so wenig als einen Teil ihrer Souveränität. Nach diesem Fingerzeig erwartete also Moorfeld Kopien. Rühren sie von europäischen Künstlern her, so erwartet er gute Kopien, von amerikanischen, so macht er sich auf ein wenig Verzeichnung, Steifheit, Mangel an Vortrag u.dgl. gefaßt. Jedenfalls glaubt er vorbereitet zu sein. Aber wie geschieht ihm, als er nur vor Figuren geführt wird, welche der Direktor, sein artiger Führer, eine Danae, eine Leda, einen Ganymed nennt und von welchen er nichts zu sehen bekommt als Köpfe, Finger und Fußspitzen? Die griechischen Schönheiten waren mit den New Yorker Ladies auf dem »Shopping« gewesen und brillierten in der gewähltesten Garderobe. Für solche Überraschungen ist auch der Gefaßteste nicht gefaßt genug, und schrill reißt eine Empfindung entzwei, die ohnedies nicht überspannt war.
      Ein andermal besuchte Moorfeld das Theater. Eine Temperatur von zwanzig Grad Rèaumur nach Sonnenuntergang hatte ihm bei einem Glas Eis, in einem Battery-Café, bisher jeden Gedanken an New Yorks dramatisches Kunstleben im Hintergrunde gehalten. Aber die Melpomene des Landes verstand es, ihn aufzurütteln. Ein zufälliger Blick Moorfelds an eine Straßenecke brachte ihm eines Tages folgenden Theaterzettel vor Augen:
      »Heute zum ersten Male: Die Abenteuer des Kapitän Ebenezer Drivvle. – Eine Auswahl der rührendsten und heitersten Begebenheiten aus dem Bilde eines schicksalsvollen Menschenlebens. (Nach einer wahren Geschichte.) Personen: Kapitän Ebenezer Drivvle – Mr. Blount. Ein Heldenspieler ersten Ranges; ein Kraftmensch wie Simson und Goliath, mit Erlaubnis einer hoch würdigen Geistlichkeit. – 
       Benjamin Ridge, sein Midshipman – Mß. Dooly. Eine gefeierte Darstellerin jugendlicher Männerrollen. Laune, Übermut, Witz, Schalkheit, eine verwegene Grazie, die mit den Grenzen des Anstandes spielt, ohne sie zu überschreiten, das sind einige von den Gaben dieser liebenswürdigen Künstlerin, aufweiche wir alte, lebensfrohe Herren, die sich gern ihrer schönen Rosenzeit erinnern, aufmerksam machen. – Nathanael Sanders, erster Steuermann – Mr. Fletcher, ein meisterhafter Trunkenbold, sowohl im humoristischen als im abschreckend-scheußlichen Fache. – Jonathan Hodge, Gouverneur von Neu-Schottland, aber doch ein Ehrenmann – Mr. Morses. Bekannter Virtuose in Darstellung einfältiger Blaunasen, welche, richtig behandelt, ganz Güte und Großmut sind. – Black Hamk, ein Indianerhäuptling – Mr. Murphy. Wir machen auf die eiserne Bruststimme dieses Heldenspielers aufmerksam. Könnte Armeen kommandieren, wenn er sie hätte. Sein Volk schmilzt aber unter den Kugeln der Kentucky-Büchsen zuletzt bis auf zehn Mann zusammen. Ist interessant tätowiert. – Andrew Jackson Dewis, ein Sklavenhändler – Mr. Blackely. Ein tiefer Kenner der Nachtseiten des menschlichen Herzens, ein ausgezeichneter Bösewicht. Weiß besonders gräßlich zu sterben. – Magnolia, eine reiche Kreolin in New Orleans, Mrs. Harrison – wechselt siebenmal ihr Kostüm, so daß am heutigen Abend junge Ladies eine ganz vorzügliche Gelegenheit haben, ihre Studien in der höheren Toilettenkunst zu bereichern; die Darstellerin ist bekanntlich tonangebend hierin. – Jane Norwood (wegen ihrer bunten und überraschenden Schicksalswechsel kann ihre Stellung im Stücke nicht näher bezeichnet werden): Mrs. Drake Harriet Store, – ein unschuldiges, gottergebenes Mädchen, welches fast nur in Bibelsprüchen redet. Ihre Rolle zeigt das Theater im schönsten Lichte einer guten Sittenschule. – Junker Tobias Sproul: Mr. Croghan – ein Snob ohnegleichen! Der Charakter des lächerlichen und affektierten Dandy hat nie 
       einen bessern Darsteller gefunden. – Ein Stummer – zwei harthörige Deputierte – ein altes blindes Weib – Matrosen, – Sklaven – Sklavinnen – Indianer – Volk – mehrere auf Rattenfang dressierte Neufundländer – Ratten – Mörder.«
      Als Moorfeld diesen Zettel las, mochte er sich wohl, wie jeder Gebildet getan hätte, vorstellen, daß damit ein anderes als das Publikum 
      seiner Farbe ins Auge gefaßt sei. Das aber ist die feine Menschenkenntnis des Marktbudenstils, daß er mit pfiffiger Barbarei scheinbar an die Ärmsten im Geiste appelliert und damit weit sicherer in die höheren Kreise hinaufreicht, als er umgekehrt mit der Sprache der Kultur die niederen ergreifen würde. Moorfeld war sofort entschlossen, dieser Vorstellung beizuwohnen, wenn er auch nichts anderes erwartete, als in ein Winkeltheater gefahren zu werden, welches Leute seinesgleichen höchstens aus Ironie besuchen. Er nannte also dem nächsten Etage-Kutscher das Burton-Theater und bestieg den Wagen. Aber er hatte sich geirrt.
      Das Fuhrwerk setzte ihn in der Chamber-Street hinterm »Park«, d. h. im Brennpunkte der Stadt ab, und das Theatergebäude blieb in Größe und Bauform hinter keinem der ersten Schauspielhäuser zurück.
      Um so besser, dachte der Fremde. Er wird also nicht unter, sondern mindestens auf der Linie der Kunst oder dessen, was hier dafür gilt, das Gebotene sich bewegen finden und nicht der Neugierde, sondern wie immer, des Studiums wegen da sein. Bei diesem Bewandtnis wollen wir uns entschließen, seinen Theaterbesuch zu teilen. Folgen wir unserm Freunde jetzt in das Innere des Hauses.
      Hier strahlte ihm eine Pracht entgegen, welche zwar nicht die Eleganz selbst war, aber nach amerikanischem Geschmacke, soweit ihn Moorfeld bereits kannte, doch den Anspruch machte, die Eleganz zu repräsentieren. Ein Blick auf das Publikum dünkte ihm schon befremdender. Er begriff, daß es keine Beutelschneiderei gewesen, als ihm der 
       Kassierer, da er ein Parterrebillett gefordert, einen Logensitz für standesgemäß insinuiert hatte. Das Parterre war ein ausschließlicher Tummelplatz der Lehrlinge, Straßenjungen und Zeitungsausträger, kurz eines halberwachsenen Publikums in Hemdärmeln und Schurzfell, seine Diele glich überdies einer nassen Malerpalette, voll vom aufgesetzten Braun des bekannten Kautabak-Extraktes.
      Moorfeld nahm seinen Logenplatz ein. Er kam neben einen Gentleman zu sitzen, der ihm einige Aufmerksamkeit abnötigte. Eine prächtige Dogge dehnte und streckte sich nämlich zu den Füßen des Mannes und krümmte sich, nachdem sie die bequemste Lage aufgefunden hatte, in bekannter Hufeisenform zusammen, indem sie ihre zierlich gespitzte Schnauze gar anmutig zwischen den schlanken Hinterbeinen anbrachte. Hoho! rief der Gentleman dem Hunde zu, Sie wollen einschlafen? dann streichelte er zärtlich, fast rücksichtsvoll den Rücken des Tieres und fuhr fort: Sehr vornehm, wenn man Kemble und Talma gesehen hat, aber wenig aufmerksam gegen unsre Gastfreunde. Nicht zu exklusiv, mein Freund, hören Sie? Verwundert betrachtete Moorfeld den Mann. Ein nicht zu verkennender Typus von osteologischer Steifheit, bei vollkommen geübtem Ausdruck von Selbstgefühl, verriet den Engländer und den Mann von Stande zugleich.
      Sein Kopf war von einem merkwürdigen Bau, denn während die vorgetriebene Stirn sich stark auswölbte und die Nase scharf, gleich einem Widerhaken, vorsprang, traten Mund und Kinn so plötzlich zurück, daß die obere Gesichtshälfte über die untere gleichsam hinauszufallen schien. Ebenso lag sein großes rollendes Auge beinahe gänzlich außer seiner Höhle. Man glaubte in dem ganzen Kopfe das Modell eines Plastikers zu sehen, der in dem Streben, durch Ausbildung der Denkorgane Geistigkeit zu erreichen, bis zum Exzeß weit gegangen und eine so monströse Geistigkeit hervorgebracht, daß sie direkt in ihre Gegenteil 
       umzuschlagen schien. Die Ansprache an den Hund bestätigte dieses physiognomische Urteil wahrhaft verhängnisvoll. Der Engländer begrüßte übrigens seinen ankommenden Nachbar zuvorkommender, als es sonst im Charakter seiner Nation liegt, und erwiderte den psychiatrischen Blick desselben gänzlich unbefangen. Moorfeld musterte das übrige Publikum. Die Logen des ersten und zweiten Ranges waren schwach besetzt und fast durchgehend nur von Herren ohne Damenbegleitung. Die Galerie dagegen zeigte einen zahlreichen Damenbesuch, aber ohne Herrenbegleitung. Die Herren in den Logen beschäftigten sich damit, mittels allerlei optischer Instrumente die Damen der Galerie zu inspizieren, diese hinwieder verrieten durch kein Zeichen, daß sie die Huldigung der bewaffneten Augen unterschätzten. In dieser Gruppierung des Publikums fand Moorfeld ein gutes Teil Sittengeschichte. Wenn das Wechselverhältnis der Geschlechter an öffentlichen Orten überall eines der stärksten Schlaglichter auf das Volksleben wirft, so war dieses Theaterpublikum der beste Schlüssel zu jenem Theaterzettel. Das Theater fand sich hier nicht von der 
      Familie besucht, mehr bedurfte es nicht, um seine Kunststufe zu erklären. Eine mit dem Schauspielhause verbundene Trinkstube, auf welche Moorfeld durch den starken Zuspruch der ab- und zugehenden Personen aufmerksam gemacht wurde und welche die Rentabilität der ganzen Kunstanstalt nicht wenig zu erhöhen schien, tat zur Charakteristik derselben das ihrige.
      Unser diesen Rekognoszierungen des Europäers fing die Musik an. Das Orchester war nicht schlecht, ein Bild darauf lehrte aber, daß es größtenteils aus deutschen Physiognomien bestand. Nun flog der Vorhang in die Höhe. Szene: Neu-Schottland, der Gouverneur und der Sklavenhändler. Der Gouverneur, oder wie die Yankees ihre englischen Nachbarn nennen, die Blaunase, setzte durch ihre Charaktermaske den Kunststil der amerikanischen Bühne sogleich 
       außer Zweifel. Seine Glieder bewegten sich wie die Hand- und Fußgelenke einer Puppe, die sich um hölzerne Kurbeln drehen, sein großkariertes Beinkleid saß ihm zu knapp, sein schwalbenschwänziger Frack schlotterte zu weit, dazu umgürtete ein Schal, wie eine Fenstergardine so groß, seinen Hals, obwohl die Handlung in einem Zimmer spielte. Kurz, die Charaktermaske war außerordentlich faßlich. Der Dialog begann. Der Sklavenhändler hatte die Aufgabe, diese Monstrosität von Steifheit geschmeidig zu machen. Er trat, wie er merken ließ, unter falschem Namen und Charakter auf und hatte seine Gründe, sich im Hause des Gouverneurs einzuschmuggeln. Er legte sich aufs »Kammstreicheln«. So nennt der Amerikaner seine nationale Kunst, durch Flattieren einen Zweck zu erreichen. Der Darsteller machte es nicht schlecht. Die versteckte Bosheit und die geheuchelte Freundlichkeit mischte er in der Tat mit einigen Begriffen von Kunst. Im Stücke erreichte er auch seinen Zweck, denn der Gouverneur bat ihn zum Tee, d.h. er wünschte seine Bekanntschaft fortzusetzen. In dem Monolog, der hierauf folgte, wies aber der Intrigant sogleich die Teufelsklaue. Er erklärte dem Publikum, er habe es auf die Nichte des Gouverneurs, Jane Norwood, abgesehen, deren außerordentliche Schönheit ihn auf den Gedanken gebracht, sie zu rauben und zu New Orleans als Sklavin zu verkaufen. Glücklicherweise sei sie eine Brünette, und wenn er's pfiffig anfange, so werde sie als angebliche Terz- oder Quaterone (denn der letzte Tropfen Negerblut ist ja noch verkäuflich, sagte er mit tendenziös erhobener Stimme) so werde er sie ohne Gefahr des Verrats teuer »an den Mann bringen«, wie er mit faunischer Zweideutigkeit betonte. Aber die gelungene Mimik kam dem armen Künstler zunächst teuer zu stehen. Das Parterre-Publikum der Straßenjungen überschüttete den Bösewicht mit einem Hagel von faulen Eiern. Sie schienen so unerschöpfliche Ladungen dieses übelriechenden Materials mit sich zu führen, 
       daß der Gestank desselben sich bald durchs ganze Haus verbreitete. Moorfeld bat seinen Nachbar, ob er diesem Kunstgenuß vielleicht mit einem Flacon Eau de Cologne zu Hilfe kommen könne. Der Mann reichte seine Tabatiere, brummte aber den Tumultanten im Parterre kopfnickend zu: Brave Burschen! werden früh Abolitionisten! Moorfeld begriff bei diesem Schlagworte die ganze Demonstration, der Schauspieler selbst aber, dem dieselbe galt, schien vollkommen vertraut mit solchen Auftritten, ja fast geschmeichelt, und trat, als ihm eben ein Ei gegen die Stirne flog und zum allgemeinen Jubel wie ein Hörn daran festkleben blieb, mit großer Gelassenheit vor die Lampen, indem er das jugendliche Gesindel im Parterre anredete: Meine Herren! ich erlaube mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, das sittliche Ungeheuer, welches ich darzustellen die Ehre habe, statt mit faulen Eiern vielleicht lieber mit Pomeranzenschalen oder andern trockenen Dingen zu bewerfen. Hören Sie gütigst meine Gründe. Es werden gleich in den folgenden Szenen die Damen des Stückes auftreten, deren Roben auf den also verunreinigten Brettern einen schweren Stand haben dürften. Freie und aufgeklärte Bürger einer Nation, welche allen übrigen in der Hochachtung des schönen Geschlechtes voranleuchtet, haben Sie ein Recht, von mir zu verlangen, daß ich Sie auf die Gefahr, Damen eine Verlegenheit zu bereiten, rechtzeitig aufmerksam mache. Meine Herren, ich tue es hiermit. – Kaum war dieser Appell erschollen, so stürzten sich die Straßenjungen über das Orchester hinweg auf die Bühne, requirierten Besen hinter den Kulissen, und fegten unter dem unermeßlichen Jubel des Hauses die Szene so rein, als es der Eifer für eine große Nationalsache nur immer vermochte. Moorfeld sah dieses Schauspiel im Schauspiel nicht ohne den Reiz einer großen Neuheit. Die naive Ritterlichkeit des jungen Amerikas ergötzte ihn höchlich, aber – auf einmal klang eine Dissonanz drein. Ein pralles, untersetztes Kerlchen warf sich figurmachend 
       seinen Kameraden in den Weg, fuhr ihnen mit der Besentünche über die Köpfe und schrie sie herausfordernd an: Fort da, der große Hoby duldet keine Nebenbuhler! Moorfeld fand die Knabengestalt bekannt; wie der Range hier in Manschetten, Jabots und gesteiften Vatermördern als Gentleman-Karikatur sich brüstete, so glaubte er ihn schon andern Orts und in einem andern Aufzuge gesehen zu haben. Wirklich! Es war jener Newsboy von der Battery, der das Ohr von Damen damals mit Zoten verfolgt und der den Roben der Damen heute reine Bahn machte. Eine große Sinnesänderung oder – ein frühreifer Heuchler!
      Das Stück spielte weiter. Nach dem Sklavenhändler trat Benjamin Ridge, der junge Schiffskadett auf. Er erklärt sich sterbensverliebt in Miß Jane Norwood und geht mit dem Plane um, sie auf dem Schiffe seines Patrons, des Kapitän Drivvle, zu entführen. Das ist aber das nämliche Schiff, dessen sich zur Ausführung seines Raubes auch der Sklavenhändler bedienen will. Der Mann und der Jüngling erraten sich gegenseitig in ihrem Vorhaben und sind entzückt, daß sie sich nolens volens zu Helfershelfern haben werden, indem jeder sich zutraut, den andern zu überlisten und zu prellen. Moorfeld wagte nach dieser Exposition die Durchführung einer bestimmten Intrige und eine gewisse komische Seele des Stücks zu erwarten. Der angeknüpfte Faden riß aber bald wieder ab, und die Seele der folgenden Szenen war der Lärm. So scheiterte im Anfange des zweiten Aktes der ewig betrunkene Steuermann an einem wüsten Vorgebirge, und gibt dem Kapitän Drivvle, dem Simson und Goliath des Anschlagzettels, Gelegenheit, ganz martialisch zu tumultuieren. Desungeachtet sinkt sein Schiff, die abgerichteten Ratten treten auf und rennen verzweiflungsvoll auf dem Verdecke herum, die Neufundländer stürzen auf sie, die Hunde bellen, die Ratten pfeifen, das Publikum wälzt sich in Wonne, und Hoby der Straßenjunge von der Battery schreit, es sei der schönste Tag seines Lebens. Nicht 
       weniger dramatisch als Ratten und Hunde benimmt sich das Schiffspersonal. Hilferufen, Händeringen, Auf- und Abrennen, bestialisches Kämpfen um die Rettungsboote – das alles wird mit einer Wahrheit und Sinnlichkeit agiert, daß das Publikum auf seinen trockenen Sitzen die Greuel eines Schiffbruches nicht mehr schrecklicher erleben kann. Der Sklavenhändler, seine Beute, Jane Norwood, im Arm, erkämpft sich ein Rettungsboot und droht mit seinem Revolver alles niederzuschießen, was Miene machte, ihm nachzufolgen. Der Schiffskadett ist wütend und wirft sich um so eiliger in ein zweites Boot, womit er jenes zu entern sucht. Die beiden Fahrzeuge liefern sich gegenseitig eine Schlacht, aber im Boot des Kadetts entsteht selbst wieder ein Aufruhr darüber, daß er es den Kugeln des Sklavenhändlers aussetzt. Unter diesem Spektakel verlieren sich beide aus dem Auge des Zuschauers, während das zurückbleibende Wrack die zweite Spektakel-Violine spielt und vom Geheul der Hunde und Ratten erfüllt ins Wasser sinkt.
      Natürlich retten sich die Hauptpersonen. Kapitän Drivvle hat auf dem Lande durch die öffentlichen Blätter erfahren, daß der Gouverneur von Neu-Schottland für die Zurückbringung oder auch nur für eine Nachricht von seiner Nichte eine hohe Prämie aussetzt. Augenblicklich macht er den kleinen Abstecher nach Halifax, – eine neue Szene mit der Blaunase. Doch das ist nur ein Intermezzo. Die Hauptaktion ruft nach New Orleans auf den Sklavenmarkt. Der abscheuliche Andrew Jackson Dewis hat seine Beute glücklich an Ort gebracht und bezieht mit ihr die Verkaufshalle. Menschen von allen Schattierungen erfüllen dieselbe. Und eben wird wieder ein starker Negertrupp aus den Züchtereien der Karolinen angetrieben, sie singen ihr Heimatslied
      I born in Suth-Carlina
       Fine country ebber seen –
      
       während ihre Banjos dazu klingen, und Jim Crow, die lustige Person ihrer Volkskomödien, auf Kommando Possen reißt, um der Menschenware durch Heiterkeit einen Firnis zu geben. – Treten auf: Magnolia, die reiche Kreolin, und Junker Tobias Sproul, der Geck, ihr Cicisbeo. Magnolia sucht ein Kammermädchen zu kaufen; Junker Tobias lenkt die Aufmerksamkeit auf Jane Norwood, indem ihn der begreifliche Wunsch leitet, für das Haus seiner ziemlich passierten Gönnerin etwas Schönes zu erstehen. Die Szene könnte interessant werden, wie der arme Ritter die Börse seiner Tyrannin zu dem größten Aufwände vermögen soll, ohne doch ihre geringste Eifersucht zu erregen. Leider hat der gepriesene Charakter-Darsteller der »Snobs« nur wenig Gelegenheit, die komische Situation auszubeuten, denn der Platzregen des Spektakels bricht sogleich wieder herein. Der vorwitzige Amoroso tritt auf, Benjamin Ridge, der Schiffskadett, dem es geglückt war, der Fährte des Sklavenhändlers zu folgen. Das Idol seiner Liebe erblicken, den Gegenstand seines Hasses finden und Skandal anfangen, ist das Werk eines Augenblicks. Der Tumult wird furchtbar. Natürlich unterliegt der kleine Kadett, aber Jane Norwood hat nicht umsonst alle Verse der Bibel aufgeboten inmitten der großen Bedrängnis. Plötzlich erscheint Kapitän Ebenezer Drivvle, ein furchtbarer Deus ex machina. Er kommt von Halifax. In einer Hand die vollwichtige Prämie des sehr ehrenwerten Sir Jonathan Hodge, in der andern die Identitäts-Papiere über Jane Norwood schwingend, entlarvt er den Bösewicht, den schändlichen Sklavenhändler, d.h., er gibt dem Spektakel eine ungleich greulichere Dimension als sein schlankes Midshipmännchen. Sämtliche Sklavenhändler treten auf die Seite ihres Kollegen, fürchterlich blitzen ihre Bowiemesser, herzzerreißend durchläuft Jane Norwood alle großen und kleinen Propheten der Bibel, die Stadtpolizei von New Orleans tritt auf und nimmt seltsamerweise Partei für den Sklavenhändler, da zerschneidet 
       im Tumulte Benjamin Ridge die Bande aller anwesenden Sklaven, schenkt ihnen mit dem Rufe brandy for ever! die Freiheit und stürzt sich an der Spitze dieses frisch geschaffenen Kontingents, das nicht wenig heult, in die Schlacht. Auch der geübteste Theaterbesucher kann jetzt vergessen, daß er vor einer Bühne sitzt. Ein Stucker hundert Menschen, wie Percy sagen würde, sind hier im Handgemenge und alles prügelt sich 
      wirklich. Es ist ein Hochgenuß. Die Parterre-Jugend strampelt vor Wonne, Hoby der Newsboy wirft seine Mütze gegen den Kronleuchter, das übrige Publikum bleibt aber doch verhältnismäßig ruhiger als bei der Schiffbruchs-Szene. Es ist zwar warm und befriedigt, der Europäer sieht aber, daß es nichts Geringeres erwartet, und daß diese Monstre-Darstellungen des Volkslebens die gewohnten Bühnengenüsse des Amerikaners sind.
      Der Prügel- und Walkmühlen-Prozeß endet zwar mit dem Siege der Unschuld, aber der Sieg ist kein vollständiger. Der Sklavenhändler ist vertrieben, aber er schnaubt Rache. Jane Norwood ist gerettet, aber während der Kapitän sie ehrlich nach Hause führen will, gedenkt sie sein Schiffskadett nun erst auf eigene Rechnung zu entführen. So wechselt sinnigerweise mit der Prügel- eine neue Intrigen-Szene. Der liebenswürdige Benjamin macht sich nicht das geringste Gewissen daraus, seinen Herrn der Hafen-Polizei zu verraten und ihn am Auslaufen nach Halifax zu verhindern, was ihm auch vortrefflich gelingt, da ganz New Orleans sklavenhändlerisch gesinnt und auf den Kapitän erbittert ist. Dieser hat Not, sich mit Jane Norwood auf den Landweg durchzuschlagen. Das eben sucht der Kadett zu erreichen, denn der Landweg verspricht ihm ungleich günstigere Chancen für seine Jagd auf das Mädchen. Ja, so wenig skrupulös ist der holde Jüngling in seinen Mitteln, daß er unterwegs nahe daran ist, sogar mit dem Sklavenhändler sich wieder zu verbinden; denn, kalkuliert er, es wäre doch besser, daß sie in New Orleans verkauft würde, er 
       könnte sie ihrer Herrschaft dann jedenfalls mit besserer Muße entführen als so. Moorfeld erwartete an dieser Stelle nichts anderes als ein neues Eier- oder vielmehr Orangenschalen-Bombardement, aber er verzichtete sogleich auf jedes Urteil über die sittlichen Anschauungen des Hauses, denn das Publikum applaudiert vielmehr und ruft teilnehmend: a smart fellow! Also keine gene einer moralischen Volksmeinung, nur die höhere Rücksicht auf eine ergiebige Prügelernte schien den Dichter geleitet zu haben, daß er die schmähliche Allianz nicht doch verwirklichte. Denn während Benjamin Ridge und der Sklavenhändler, der inzwischen durch einen Bund mit den Indianern mächtig geworden, in aller Gemütlichkeit ihre Kompakten besprechen, ändert sich die politische Sachlage. Die Handlung spielt ungefähr in dem Winkel zwischen Mississippi, Tenessee und Alabama. Von Kentucky herüber passiert ein Zug von Ansiedlern durch, welche nach Texas auswandern, – wilde, gerüstete Hinterwaldsgestalten, wobei dem lieben Benjamin das Herz im Leibe lacht. Schnell verläßt er die Partie des Sklavenhändlers, der ohnedies nicht »gesund« wäre, und sucht das Bündnis dieser neuen Abenteuerer für sein Vorhaben. Nun denke man! Von einer Seite der Sklavenhändler mit Black Hamk und einem aufgewiegelten Indianer-Stamme, von der andern Benjamin Ridge mit den wilden Kentuckyern und endlich der Kapitän Drivvle, der zu seinem Schutze ein paar Kompagnien Alabamer Landmiliz requiriert – so türmen sich drei Prügel-Gewitter zugleich am Horizonte auf: wen sollten nicht Wonneschauer schütteln? viele der Zuschauer sieht man ihre Plätze verlassen, um im benachbarten »bar« durch ein Glas Rum ihre Nerven für den bevorstehenden Kunstgenuß zu stählen.
      Der Sturm bricht los. Kentuckyer, Indianer, Alabamer – die Parteien sind so gestellt, daß alle gegen alle kämpfen. Denn nicht Kampf, sondern Chaos soll es zugleich sein. Nicht Schläge müssen fallen, sondern sie müssen auch 
       unversehens fallen, jeder muß doppelt angegriffen werden: wie er's erwartet und wie er's nicht erwartet. Das gibt Überraschung und Schadenfreude, das belebt das allgemeine Getümmel mit einer Menge interessanter Detailzüge. Oder was kann wonnevoller sein, als zu sehen, wie der Schlagriemen gegen das Bowiemesser klatscht, während die Flinte auf den Schlagriemen anlegt, und der Stahldegen rücklings die Flinte anfällt? Solche Gruppen führen sich blitzgleich dem Zuschauer vor, lösen sich auf, arrangieren sich wieder, alles reißt sich im Wirbel einander fort, die ganze Masse ist im glühenden Fluß, ein Feuer durchrast diese Aktion, das gegen deutsche Theaterschlachten absticht wie eine Brandrakete gegen ein fliegendes Glühwürmchen. Das Gemälde fällt freilich aus dem Scheinbaren in die barste Wirklichkeit, aber wenn die dramatische Kunst hier aufhört, so wird wenigstens die unglaubliche Gymnastik bewundert, womit sich der Menschenknäuel wirklichen Tötungen und Verwundungen entzieht, da er gleichwohl einen wirklichen Kampf aufführt. Auch die exaktesten Theaterproben, scheint's, können ein solches Ensemble nicht herstellen, und wie enorm wären die Kosten zahlreicher Theaterproben mit so zahlreichen Komparsen? Moorfeld konnte kaum das Austoben des ärgsten Lärmes erwarten, um sich mit diesem Bedenken an seinen Nachbar zu wenden. Die Bedenken, die er gegen denselben selbst hatte, mußten momentan verstummen davor. Zu lösenswert schien ihm das Rätsel.
      Der Engländer fuhr wie aus dem Traume empor und fragte den Frager naiv: Sind Sie dem Stücke gefolgt? Moorfeld erstaunte. War das aristokratische Gleichgültigkeit, oder – die Zerstreutheit eines Irren? Betreten antwortete er: daß ihm der Verfolg eines Theaterstücks allerdings der Zweck des Theaterbesuches sei. Wahrscheinlich sind Sie selbst Dichter? gab der Engländer zurück. Wir wissen nicht, ob wir das Erstaunen Moorfelds in diesem 
       Augenblicke Bewunderung nennen dürfen, aber mit einem Ausdrucke, der sonst viel zusammengesetzter zu beschreiben wäre, antwortete er: Ich bin nicht dramatischer Dichter. – Also doch, erwiderte der Engländer ohne Umstände. Damit war der Dialog zu Ende. Der Engländer schien Moorfelds erste Anrede vollständig vergessen zu haben. Aber von dem Spektakel war inzwischen seine Dogge erwacht, sie sprang mit den Vorderfüßen gegen die Brüstung und fing unter dem Gelächter des Hauses laut nach der Bühne zu bellen an. Der Engländer brachte das Tier zur Ruhe – nicht wahr, das appelliert an die bestialische Natur? sagte er im Tone eines freundschaftlichen Vorwurfes. Moorfeld schüttelte den Kopf. Auf einmal wandte sich jener wieder an ihn: – Von den Komparsen sprachen Sie? Es sind lauter Volontäre. Die New Yorker Rowdies wirken aus Liebhaberei mit, auch kommen Wunden und Tod wohl im Ernste dabei vor. Ich bin nicht mehr fremd genug hier und habe dergleichen selbst schon erlebt. – In der Tat, das war die einzig mögliche Erklärung einer solchen mise en scène. Mit einer ironischen Form dieser Anerkennung sagte Moorfeld, er hätte es allerdings denken sollen, daß nur die aufopferndste Teilnahme des Publikums solche Kunstblüten zeitige. Der Engländer nickte lächelnd.
      Staub, Pulverdampf, Geschrei und Getrampel hatten endlich ausgespielt; das Schlachtfeld wurde leerer. Zurück blieb zuletzt nur der Sklavenhändler Andrew Jackson Dewis. Er war in der »Affäre« tödlich getroffen worden, und hatte jetzt sein großes Spiel. Er hatte zu sterben. Sollte das ein Glanzpunkt in der Kunstleistung des Mimen sein, so war der Moment vom Dichter übel gewählt; denn nach dem Gewühl der großen Massen-Aktion war der Zuschauer entweder zu aufgeregt, als daß das Spiel eines einzelnen durchschlagen konnte oder dieser einzelne mußte seiner Sache sehr gewiß sein.
      Der Künstler führte nun folgende Szene auf. Mit der 
       klaffenden Todeswunde in der Brust, aus welcher er einen 
      wirklichen Strom von roter Flüssigkeit hervorrinnen ließ, dachte er vorerst ans Sterben noch nicht. In bestialischer Kampfeswut rast er wie unsinnig auf der Bühne umher, ganz Rache gegen seine Mörder, schwingt seinen Schlagriemen, peitscht, geißelt, klatscht in die Luft, gegen die Kulissen, an den Boden. Fürchterliche Gießbäche von Flüchen schallen aus seinem Munde und bezeichnen eine noch kraftvolle Lunge, während das rinnende Blut überall seinen Schritten nachtröpfelt. Aber indem seine Lebensgeister noch unbändig strotzen, fängt sein Körper zu brechen an. Glied für Glied knickt ein, man sieht den Tod durch seinen Körper laufen wie über eine stufenreiche Treppe, die Ober- und Unter-Gelenke der Arme, die Ober- und Untergelenke der Beine, jeder einzelne Wirbel des Rückgrates bricht zusammen und muß dazu dienen, die Fortschritte des Todes zu veranschaulichen. Der Künstler weiß seine osteologischen Mittel mit einem Reichtume zu entfalten, der ein nur allzu genaues Studium bestaunen läßt. Der Zuschauer verwundert sich über die Gliederung seines eigenen Körpers. Diesen zerhackten, zerknickten, zersprungenen Leib jagt der Sterbende nichtsdestoweniger heulend und brüllend noch eine Zeitlang umher und stößt, schleppt und schleift ihn gewaltsam in wilden Tigersprüngen herum, während seine Bewegungen immer eckiger und brüchiger, von Tempo zu Tempo immer zusammenhangloser werden. Er spielt sein Leben ab, wie ein ohrzerreißendes Drehorgelstück, bei welchem Stift für Stift, von der Walze bricht. Und doch scheint er bisher seinen Tod nicht empfunden zu haben. Dieser Moment tritt jetzt ein. Mitten im wildesten Sprunge packt er ihn. Der Donner der Lippe erstirbt, der gehobene Fuß gefriert, der geschwungene Schlagriemen erstarrt in der Luft, so steht er da mit ausholendem Körper, und kann nicht mehr weiter. Der Schlagriemen in der rechten Hand taumelt schlaff am Stiele herab, und leise zittert 
       seine Spitze. Die linke Hand läßt von der Brustwunde los und fährt mit den blutigen Fingern über die Augen, gleichsam den Todesnebel hin wegzuwischen. Diese Gebärde ist namenlos traurig. Aber der Nebel war nicht zu verwischen, und der Sterbende erkennt seinen ganzen Zustand. Der Gedanke: aufhören, ergreift ihn zum erstenmal mit vollem Bewußtsein. Verzweiflungsvoll rollen seine Augen, klappernd schlagen seine Kinnbacken aneinander, die geballte Faust zittert heftiger, sie löst sich auf, der Schlagriemen schlottert einen Augenblick darin, dann fällt er dröhnend auf die Erde herab. Die Hand sinkt nach. Alle Glieder sinken nach. Er sinkt; die Hände tappen in Todesfinsternis nach einem Halt, sie tappen und greifen ins Leere, der Körper stolpert taumelnd über sich selbst, – da liegt er! Er liegt zu Boden. Aber tot ist er noch lange nicht. Nur die willkürlichen Bewegungen haben aufgehört, die konvulsivischen treten jetzt ein. Er fängt zu zucken an, er wälzt sich unruhig hin und her, die Augen rollen nicht mehr, sondern sind blöd und groß herausgetrieben, seine Miene durchläuft eine Reihe der fürchterlichsten Grimassen und wird immer unkenntlicher. Auch die Stimme verändert sich. Er spricht noch fort und fort, seine heißen Lebensgeister kühlen sich zu schwer ab, er wird sprechen bis zum letzten Atemzug. Aber es ist keine Sprache mehr; die Stimme hat keinen Ton, keine Klangfarbe mehr. Hohl wimmert er die Töne in sich hinein, er blökt, er heult, er röchelt und stöhnt in Lauten, welche nicht mehr dieser Welt gehören. Der fürchterliche Klang dieser Stimme trifft von Zeit zu Zeit sein eigenes Ohr, er erschrickt, gibt sich Mühe, sich zu verbessern – wechselt zwischen menschlichen und tierischen Lauten und bezeichnet dadurch den Kampf des Bewußtseins mit der überhandnehmenden Bewußtlosigkeit. Der letzte Ton, den er in der menschlichen Stimmlage versucht, mißlingt endlich gänzlich; ein raspelnder Atem wälzt sich durch seine Brust, seine Stimme kommt hervor wie zwischen Feilen und 
       Kratzbürsten. Es ist eine entsetzliche Erfingung um diese Sterbestimme. Gleichzeitig mit seinem Ausatmen verdunkelt sich die Bühne. Sei es, daß es in dem Stück selbst Abend wird, oder daß das Auslöschen eines Lebenslichtes mit diesem symbolischen Effekt gehoben werden soll. Doch nein, es wird ein dritter Zweck davon deutlich. Der Sterbende wälzt sich nach dem Hintergrund. Er streckt seinen Körper dicht an den Vorhang desselben aus und scheint sich in eine ruhige Lage zurecht zu rücken. Sein Röcheln wird nicht mehr gehört, sein Zucken nicht mehr gesehen; die Agonie ist aus, der Augenblick tritt ein, da sich die Seele von dem Leibe scheidet. Auf einmal 
      erblickt man diese Seele! Ja, man erblickt sie! Vom Haupte des Sterbenden hervor taucht ein weißer durch Transparent erleuchteter Schatten, der die ungefähren Umrisse einer menschlichen Figur entwickelt, aber zerfedert und lose, wie eine Dampfwolke, wie ein Nebelflor. Langsam löst sich dieses Lichtbild von dem dunklen Erdenkörper ab und schwebt an dem Vorhang empor. Da regt sich der Körper noch einmal. Die Hände tappen und greifen nach dem Lichtbilde aus, wie mit magnetischem Zuge folgt der übrige Körper nach, der ganze Leib richtet sich auf und folgt seiner Seele! Er klettert an den Vorhang hinan, die Hände immer nach der entschwundenen Seele ausfahrend, im tiefsten Gurgelschlunde ein dumpfes wimmerndes Brüllen. Aber das Lichtbild ist nicht zu halten. Vergebens streckt sich der Körper, der angehende Leichnam, in gräßlich übernatürlicher Länge, sein nebliger Licht-Extrakt steigt über ihn hinaus wie eine Rauchsäule, höher, immer höher steigt die Gestalt, endlich steht sie mit ihrer untersten Fußspitze auf dem Haupte des Sterbenden, es ist der Moment der gänzlich vollzogenen Loslösung. Noch macht der Leib einen galvanisch-zuckenden Sprung nach dieser äußersten Fußspitze, er erreicht sie nicht mehr, – ein gellender Schrei – letztes Aufflackern – ein schwerer dröhnender Fall – der Körper stürzt um, – er ist tot. –
      
       Moorfeld fand sich in einer der unangenehmsten Empfindungen nach dieser Szene. Es war keine Geschmacks-Faser in seinem ganzen Leibe, die nicht unerhört beleidigt, zu Gelächter und Abscheu entschieden bereit war. Und doch mußte er sich gestehen, daß in dieser brutalen Farce ein falscher und mißbrauchter Funke von Genie ihm das reine Ärgernis daran verkümmerte, daß die Affenfratze gewisse Züge von der Menschheit entlehnt hatte, die man sich erst aus dem Sinn schlagen mußte, um die Affen-Identität nicht zu verkennen.
      Inzwischen übertäubte der Lärm des Hauses jede stillere Reflexion in ihm. Namentlich zog das Parterre seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Jungen klatschten, als ob man sich neue Finger, wie neue Handschuhe anschaffen könnte, sie strampelten gegen den Boden, daß das Fundament des Hauses zitterte. Hoby, der Newsboy, warf endlich, vor Begeisterung seiner nicht mächtig, ein Münzstück auf die Bühne, und schrie, mit dem Modell aller Menschenlungen: »Noch einmal gestorben! für einen Dirne, Mr. Blackely, noch mal gestorben«, – und als der bescheidene Künstler diesem Appell an sein Genie nicht alsogleich Folge leistete, stürzte der seltsame Kunstmäzen wie rasend seine Taschen um, warf ein Münzstück ums andere über die Lampen, und schrie dazu: »Gott verdamm' Euch, Mr. Blackely, wir schmeißen Euch mit Dollars tot, wenn Ihr nicht gutwillig sterbt, Ihr allmächtiger Satan.« Und zugleich hagelte es aus allen Taschen der Straßenjungen, Lehrlinge und Newsboys eine Sprühwolke von zehn Centstücken auf die Bretter, welche die Welt bedeuten.
      Ist's möglich! rief Moorfeld mit einer unwillkürlichen Bewunderung, dieser Roheste der Rohen wirft seine ganze Tagesernte hin, weil er die Bestie, der er sie opfert, für Kunst hält. Welche Höhe müßte bei so viel Empfänglichkeit die Kunst selbst hier erreichen, wenn sie den Gott statt des Tieres im Menschen entzündete!
      
       Pardon, mein Herr! rief der Engländer bei diesem Ausbruch, ohne eine Miene zu verziehen, es ist hier zunächst von einem Geldgeschäft die Rede. Der Bursche wirft keinen Cent auf die Bretter, den er nicht doppelt zurückerhält, weil er ihn einzig in der Absicht wirft, die Centstücke seiner düpierten Kameraden damit zu ködern. Er ist der agent provocateur seines Mr. Blackely, er wird von dem Mimen bezahlt, wie der maître de la claque in Paris. Nur die Form dieser Claque ist amerikanisch.
      Moorfeld senkte sein Haupt. Können Sie mir sagen, mein Herr, ob New York etwa Liebhaberbühnen von Ruf besitzt? begann er nach einer Pause.
      Mr. Bennet, mein schätzbarer Freund, unterhielt sonst ein vorzügliches Haustheater – antwortete der Engländer, und fügte mit Hast hinzu: Ich bitte mir das Vergnügen aus, Sie ihm vorzustehen, Sir. Er hält zwar in der saison morte auf New Jersey Villeggiatur, aber wir wollen hinausfahren, Sir. Ich will Sie auf New Jersey vorstellen, Sir; wahrhaftig ich will es, Sir, nennen Sie mir Tag und Stunde, ich bin ganz zu Ihren Diensten, Sir.
      Moorfeld fand sich, um die Wahrheit zu sagen, mehr verlegen als dankbar für diese Güte gestimmt. Konnte er annehmen? Die ungewöhnliche Zuvorkommenheit des Fremden – zwar war sie nicht mehr, als folgerichtig von dem Manne, der schon seinen Hund so artig behandelte – aber eben dieses letztere? – In diesem Augenblicke hatte die Claque des Newsboys gesiegt, und Mr. Blackely erklärte sich bereit, indem er das zugeworfene Spielhonorar mittelst Besen einsammeln ließ, seine bewunderte Sterbeszene zu wiederholen. Das war mehr, als Moorfeld an einem schwülen Sommerabend für wünschenswert hielt. Er griff nach seinem Hute; der Engländer wiederholte sein Anerbieten, ihn vorzustellen – ja, gleich morgen ihn abzuholen. Moorfeld, zwischen dem Wunsche, den vielgenannten Kunstmäzen, Mr. Bennet, endlich kennen zu lernen, und dem 
       Bedenken gegen die vorliegende Gelegenheit, besann sich auf einen aufschiebenden Mittelweg, worauf die Herren ihre Karten austauschten, sich wechselseitig einladend. Mit Überraschung las Moorfeld auf der Karte des Fremden den Namen: Lord Arthur Ormond. Da geschah ein Krach durch das Haus – es war die Stimme Mr. Blackelys, der von neuem zur Todesverzweiflung ansetzte. Moorfeld ergriff die Flucht. –
    



      Sechstes Kapitel
      Als Moorfeld unter den stillen Nachthimmel heraustrat, ward ihm eine freundliche Überraschung. Deutsche Handwerker zogen am Hause vorbei und sangen eines ihrer schönen Heimatslieder. Das Lied bewegte sich, von den wohlklingenden Männerstimmen getragen, in wenigen glücklich gruppierten Akkorden, es stieg wie reine Goldstrahlen aus dem Herzen. Moorfeld stand und lauschte. Es war ihm wie die Berührung einer Freundeshand nach dem Anfall eines Straßenräubers. Nie hatte ein Lied eine glücklichere Wirkung. Wie hob sich deutsches Maß von amerikanischer Kraßheit hier so sonnenhell ab! Die Sänger woben ihrer Nation ein Ehrenkleid, von dem sie selbst nichts ahnten.
      Moorfeld folgte ihnen durch mehrere Straßen. Es tat zu wohl, von diesen Klangwellen sich so fortspülen zu lassen. Und als erst Wagengerassel und Menschenverkehr aufhörte, die Musik störend zu kreuzen, genoß er um so behaglicher.
      So wurde der Zuhörer unversehens in eine Region verlockt, welche nicht nur wenig befahren, sondern selbst wenig betreten schien. Mit jeder Wendung, mit jedem Schritte nahm der Charakter der Einsamkeit überhand. New York zersplitterte sich plötzlich wie ein aufgelöster Rosenkranz in alle Winde. Der Fremde stand sozusagen im freien Felde. 
       Zwar ließ sich die gradlinige Anlage der Straßen auch hier wie überall wahrnehmen, aber die lückenhafte Art, womit diese Linien angebaut waren, gab dem ganzen Bezirke etwas Chaotisches trotz dem mathematischen Grundrisse. Es war offenbar das jüngste Quartier von New York. Die Ansiedlungen bestanden großenteils aus Gärtnereien, wie sie an den Rändern der Städte zu lagern pflegen, bis sie von dem nachrückenden Kulturleben weit und weiter hinausgedrängt werden. Handel- und Gewerbsleben war hier noch wenig vorhanden, die Grundstimmung des Ganzen eine vorherrschend ländliche. In regellosen Entfernungen blinzelten Laternenpfähle, hie und da guckte ein talghelles Fenster in die Dämmerung – zerstreute Lichtpunkte, welche den Wüsten-Charakter dieses Bezirkes noch sinnlicher ausdrücken halfen.
      Der Chorgesang war inzwischen verstummt und die Sänger um eine Straßenecke verschwunden. Moorfeld stand plötzlich allein auf diesem unbekannten Boden. Jetzt erst wurde die Einsamkeit einsam um ihn. Er mußte sich wie ein Erwachender besinnen, ob er wirklich noch in New York sei. Ein Glied dieser ewig schlaflosen Stadt, das mit einbrechender Dämmerung schon Nachtruhe hielt, – es war so gar nichts Amerikanisches in dieser Szene. Doch ja, der Charakter des Unheimlichen fehlte ihr, die verdächtige Gauner- und Hochstapler-Luft. Wenn in Europas entlegenen Stadtteilen die Ärmsten wohnen, so wohnen hier, wußte er, höchstens die Neuesten. Es wehte jener beklemmende Atem der Unsicherheit aus diesem Nachtbilde nicht, in das er so unversehens als Staffage gestellt war. Er sah sich daher getrost um einen Führer um, dem er es überlassen mochte, in Ermangelung einer Fahrgelegenheit, ihn auf den rechten Weg zurückzubringen. Zu diesem Ende tat er einige Schritte vorwärts gegen ein einzelnstehendes Haus mit einem Wirtsschilde, welches die Deutschen vermutlich aufgenommen hatte. Das Wirtsschild trug, wie beim Dämmer 
       des Tages und eines roten Lämpchens überraschend zu lesen war, die Aufschrift: Gasthaus zum grünen Baum. Bei diesem Anblicke zweifelte Moorfeld keinen Augenblick, daß er sich in jenem nordöstlichen Ende der Stadt befinde, welches er, wie er sich erinnerte, 
      Kleindeutschland hatte nennen hören. Nur an einem Punkte, wo er sich in einem Lager von Landsleuten fühlte, konnte ein deutscher Wirt es gewagt haben, diese erzdeutsche Firma zu führen. Er kannte also das unbekannte Stadtviertel jetzt wenigstens dem Namen nach.
      Er trat in den grünen Baum ein. Ja, hier war Deutschland! Die Gesellschaft deutsche Physiognomien, die Schenkeinrichtung deutsch, die mäßig-große, längliche Gaststube von einer Durchzugswand in zwei gleiche Hälften geteilt, augenscheinlich um der deutschen Sonderungssucht das beliebte »Extrazimmer« zu bieten. Und doch nahm das Publikum dieses Lokales ebenso augenscheinlich eine ziemlich gleiche Glücksstufe ein: gleicher, als manchen vielleicht lieb sein mochte. Die meisten der Anwesenden waren in diesem Augenblicke mit ihrem Abendbrote beschäftigt, welches sie auf deutsche Art einnahmen, d.h. nach der Karte und an gesonderten Tischen, anstatt daß die amerikanische Sitte selbst zum Frühstück und Tee Table d'hote hält. Auch ihre Mienen waren mit ganzer Andacht und Bedächtigkeit bei dem Genüsse; hier wurde nicht amerikanisch gejagt und geschluckt, jeder Bissen ging ins Bewußtsein über, man speiste im Geiste wie in der Form deutsch. Ja, manch ernste Stirn, manch sprechender Blick schien zu verraten, wieviel dem Manne die Mahlzeit wert sei, die er vor sich hatte, wieviel seines eigenen Arbeiterwertes er darangesetzt, sie zu erringen. – Der Ankömmling dachte vornehmer, als daß er mit einem Geldstück in der Hand sich zum Herrn über die Tafelmuße eines dieser Hungrigen aufgeworfen hätte. Mit jener Menschenachtung, die des Gebildeten echtestes Merkmal ist, sah er auf den 
       anwesenden Nährstand, der hier den angenehmeren Teil seiner Standesehre erfüllte, und wollte ihm keinerlei Abbruch tun. Vielmehr nahm er selbst Platz in dem Gastzimmer, bestellte sich ein Souper gleich den übrigen und engagierte sich im Verlaufe desselben den benötigten Wegweiser gelegentlich.
      Da er sich der deutschen Sprache bediente, so konnte er mit Vergnügen bemerken, wie wenig sein Eintreten den Leuten, die offenbar unter sich sein wollten, Zwang auferlegte. Nur im ersten Augenblicke gab sich eine Neugierde kund, wie sie eine ungewohnte Erscheinung in einem Kreise von Bekannten wohl zu erregen imstande ist. Namentlich schien es zu interessieren, ob man einen Mann vor sich habe, der auf eine verdeckte, geschäftskluge Art vielleicht Arbeitskräfte anzuwerben bezwecke, oder das Gegenteil: ob er selbst als ein angehender Schicksalsgenosse der versammelten Kleindeutschen gekommen sei. Moorfeld wußte zu befriedigen und den Geist des Fremdartigen, das um ihn lag, mit dem einheimischen schicklich auszugleichen. Es gelang ihm mit wenigen Griffen, die Unterhaltung dahin zurückzulenken, wo er sie vorgefunden zu haben glaubte. Hierauf überließ er sie wieder ihrem eigenen Gange, dem sie nach wenigen Minuten auch so unbefangen folgte, als ob nichts Neues dazwischengetreten wäre.
      Die Szene des grünen Baums, wie sie dem Ankömmling in kurzem erkennbar wurde, war folgende. Der Wirt hieß »der deutsche Kaiser«. Er trug eine körperliche Größe und Masse zur Schau, wie man sie nur hinter dem Vorhang einer Jahrmarktsbude zu erwarten gewohnt ist; frei und unbezahlt sie zu sehen, erhöhte den Effekt seines Anblicks. Sein breites schwäbisches Gesicht drückte übrigens jenes bescheidene Geistesmaß aus, welches den Riesen seines Schlages in der Regel innezuwohnen pflegt, auch stand er bis zum Kindermärchen unter der Autorität eines klugen stumpfnasigen Töchterchens. Dieses Mißverhältnis zwischen scheinbarer 
       und wirklicher Machtfülle hatte offenbar jener heitere Kopf im Auge gehabt, der mit einem besseren Instinkt des Lächerlichen als des Tragischen das bankerotte Kaiser-Ideal Deutschlands auf eine so bedeutungsvolle Persönlichkeit übertragen. Die Gäste des grünen Baums waren deutsche Handwerker und kleine Geschäftsleute; – ein Publikum von höchst gemischtem Schicksale, das aber bei allen, wie es schien, auf demselben Endpunkte angekommen war. Die Unterhaltung bewegte sich über das Thema von schlechter oder fehlender Arbeit, von trüben Aussichten oder unmittelbarer Not. Chorführer von dieser traurigen Konversation waren ein Bäcker mit sachsen-altenburgischer Mundart, ein Schneider aus dem Württembergschen und ein pfälzischer Schreiner; dazu gesellte sich zeitweilig ein Gärtner aus der Frankfurter Gegend, welcher nach jedem Schluck Whisky den deutschen Kaiser zu einem Importversuch von Äpfelwein aufforderte oder die Tochter desselben um »den Zweck des Daseins« befragte. Einer abwesenden Person, deren Ankunft eben erwartet wurde, gedachte man unter dem Titel des »Rector magnificus«, – offenbar ein Scherzname gleich dem obigen, wie überhaupt der Geist jenes Humors, welcher mißliche Verhältnisse mit ihrem ironischen Gegenbilde aufzuheitern liebt, der Gesellschaft des grünen Baums nicht gänzlich versiegt zu sein schien.
      In diesem Geiste redete der Pfälzer jetzt zu einem Ecktisch hinüber, der eben erst bedient wurde und offenbar von jenen Chorsängern besetzt war, welche dem tragischen Kunstgenüsse Moorfelds ein so schönes Nachspiel geliefert. Der Pfälzer forderte einen jener Tischgenossen auf: Henning, was bringst du uns Gutes mit? Laß dich hören! Wir ziehen wieder Mäuler, wie gebrühte Katzen.
      Der Angeredete antwortete: Iß Käse! Käs erfreut des Menschen Herz.
      Wie auf ein Signal erhoben alle Tische ein Gelächter. Es war ersichtlich: der Mensch, der das gesprochen, war die 
       lustige Person dieses Kreises. Er gehörte zu jener Sorte von Gesellschaftstalenten, welche, sie mögen tun oder lassen, was sie wollen, ein für alle Male den Kredit der komischen Kraft für sich haben. Gewöhnlich werden Spaßmacher dieses Genres schon durch ihre Persönlichkeit unterstützt. Henning, der Schriftsetzer, war eine lange, hagre Figur, schlotternd und scheinbar abgespannt bis zum Schatten eines Menschen. Was er sprach, trug er mit äußerster Gleichgültigkeit vor und in einem so hohlen Basse, wie ihn etwa Menschen annehmen, welche am Nikolaus-Abend den Kindern Gespenster vormachen. Seit seiner Geburt, wie er sagte »im letzten Stadium der Schwindsucht« begriffen, hatte er von dieser vielleicht wirklich jenes dumpfe Timbre seiner Stimme sowie den hohläugigen großstarrenden Blick, mit dessen fürchterlichem Rollen er nicht die geringste seiner komischen Wirkungen erzielte. Kurz, Herr Henning war einer jener beliebten Gesellschafter, welche alles um sich her lauschen sehen, sowie sie den Mund öffnen, deren Anblick allein schon erheitert, deren Wort regelmäßig einen Chorus dankbaren Gelächters nach sich zieht, ohne Unterschied, ob es mehr oder weniger witzig geraten ist, ja ob es nur immer verstanden wird oder nicht. Eine solche Szene sah Moorfeld jetzt spielen, ungefähr in folgender Weise.
      Dem Schriftsetzer wurde sein Abendessen gebracht, Beefsteak mit Kartoffeln. Bedächtig wendete er das Beefsteak um und um und sah es mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke an. Dann sagte er ruhig: das Beefsteak seh' ich wohl, aber das Fleisch nicht.
      Gelächter.
      Der Pfälzer rieb sich vergnügt die Hände. Er freute sich auf den Sprudel der Unterhaltung, die er herankommen sah, und die Sache in Schwung zu bringen, hetzte er an dem Wirte: Haben Sie's gehört, Herr Häberle?
      Der monströse Wirt spielte mit den Fingern in seinem 
       Schwarzwälder Hosenträger und lächelte geduldig. Der Pfälzer wendete seine erwartungsvollen Blicke wieder auf den Schriftsetzer zurück. Dieser griff nunmehr zu Messer und Gabel und fing an, seine Portion in Stücke zu schneiden. Dazu brummte er: Das ist ein Beefsteak wie ein Ohrläppchen so groß.
      Gelächter.
      Was sagen Sie, Herr Häberle? bohrte der pfälzische Schreiner.
      Aber der ehrliche Schwabe schmunzelte nur wie einer, der es gewohnt ist, Zielscheibe zu sein, und nie daran denkt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
      Henning sagte: Laß ihn gehen, den grünen Baumwirt. Er ist ja noch ärger als unser Schiffsreeder. Da hatten wir doch täglich zwölf Lot Fleisch auf den Kopf, die Maus nicht mitgerechnet, die ich einst aus dem Suppenkessel schöpfte. Sie war ganz ausgewachsen.
      Gelächter.
      Aber des Wirtes Töchterlein nahm sich der väterlichen Ehre jetzt an und fragte spitz: Wissen Sie auch, Herr Henning, was die Lendenstücke heute kosteten?
      Henning antwortete gelassen: Je teurer die Sachen sind, desto wohlfeiler muß sie der Wirt geben können. Das ist sein Profit.
      Gelächter.
      Dann fuhr er fort: Weil mein Magen eben falsche Toilette macht, geben Sie mir zu diesem Schönpflästerchen von einem Beefsteak auch ein Flakon Bier.
      Gelächter.
      Und mit gänzlicher Abspannung setzte er hinzu: Das heißt leben! Wollte Gott, ich wäre die Seeschlange, so würd' ich doch 
      einmal ausgestopft, nach meinem Tode wenigstens. Aber unser deutscher Kaiser, der Mehrer des Reichs, gibt mich auf wie die Rheingrenze. Zum Skelett bin ich ausgedorrt unter seiner Regierung. Die Würmer sterben am 
       Hungertyphus, die sich einst an mich machen; Gott verdamm' mich! man wird mich in Schmalz backen müssen, wenn ich ordentlich aufgespeist werden soll.
      Schallendes Gelächter.
      Unter diesem Stoßseufzer verschlang der arme Phthisiker sein Beefsteak mit dem ganzen Heißhunger seiner Konstitution. Dazu rollten seine Augen mit einem höchst grimmigen Ausdrucke, nur seine Zunge schwieg. Letzterer Umstand schien der Gesellschaft indes gar nicht gemütlich. Der pfälzische Schreiner suchte wieder Gelegenheit. Nach einer Pause fing er an: Was seh' ich, Henning, du trägst ja noch einmal ein gewaschenes Hemd? Und deine christliche Mistreß Waschfrau, Mitglied von einem Schock Bibelgesellschaften, Konventikeln und Missionen, hat dir doch den Dienst gekündet. War's nicht so?
      Der Schriftsetzer nickte.
      Sie wollte dir, sagte sie, diesmal nicht aus dem Zimmer gehen, wenn nicht der letzte Cent bezahlt würde? Verstand ich dich recht so?
      Der Schriftsetzer nickte.
      Ei, das müssen wir hören! Wie lief die Geschichte ab? Wie kamst du zu dem Hemde? Wie kam Frau Appendage oder Affentisch um ihre Six-Pence? Wie ist dir's gelungen, den frommen Klauen des Waschbären zu entrinnen?
      Der Schriftsetzer würgte so viel seines Mundvorrats hinunter, daß er zur Not die Eßwerkzeuge als Sprachwerkzeuge frei bekam, und brummte im tiefsten Basse: Inspiration!
      Der Schreiner machte eine aufmerksame aber fragende Miene. Der Schriftsetzer illustrierte seine Worte, indem er stumm mit der Gabel an die Stirne deutete und dem Schreiner mit einem Blick voll weltbezwingender Genialität ins Gesicht starrte.
      Der Bursche fühlte sich ordentlich imponiert und sagte mit einigen Ehrfurchtsschauern: Um Gottes willen stelle 
       dein Licht nicht unter den Scheffel! Laß uns von deinem Genie profitieren! Wir alle leiden ja an unsrer Frau Affentisch; was hat Kleindeutschland dem amerikanischen Yankee-Tricke entgegenzusetzen, wenn nicht seinen alten ehrlichen Mutterwitz?
      Warum man doch 
      Mutterwitz sagt? fragte der deutsche Kaiser, dem dieser Gegenstand freilich sehr fraglich war.
      Warum sagt man denn 
      Blasewitz? antwortete Henning mit ruhiger Würde. Das Gelächter, das dieser Belehrung folgte, brachte indes den Schreiner von seinem Thema nicht ab. Er fuhr fort, das Abenteuer des Schriftsetzers mit seiner Waschfrau zu urgieren. Dieser wischte sich endlich mit der Serviette den Mund, um welchen in der Tat ein goldnes Lächeln spielte. Dann fragte er gegen das Wirtstöchterchen hin: Haben Sie ein zartes Gehör, Fräulein Veronika?
      Wägerli, es mag mir ein schön' Späßle sein! antwortete das Schwabenmädchen.
      Praktisch war's wenigstens, versetzte Henning. Und ohne auf die weibliche Zuhörerin weiter zu achten, die ja keineswegs abgelehnt hatte, sprach er mit seiner saloppen, phlegmatischen Manier: »Männerkeuschheit« ist ein schönes Gedicht von Gottfried August Bürger. Aber Gottfried August Bürger hat in Göttingen waschen lassen, nicht in Amerika, wo das Dutzend Wäschestücke einen Dollar kostet, ohne Ausnahme: sind's Taschentücher oder Betttücher. Sonst hätte der Herr Professor wahrscheinlich meine Keuschheit besungen, statt seine Männerkeuschheit: es wäre seinem Kennerauge nicht entgangen, um wieviel sie der Unsterblichkeit würdiger ist. Ich prahle nicht; die Geschichte war nämlich so: Heut morgen stand mir die Stunde bevor, wo mir die Frau Appendage ohne Geld nicht aus dem Zimmer gehen wollte, wie mir angedroht war. Diesem Schicksale gegenüber erfand ich folgende einfache Vorrichtung. Ich blieb liegen. Nicht, daß ich etwa für krank gelten wollte, pfui der Heuchelei! aber ich blieb eben hegen. 
       Punktum. Ich heuchle nicht, im Gegenteile; ich bin immer ein unverblümter Kerl gewesen, und an diesem Morgen war ich's erst recht. Also blieb ich liegen. Das erfindungsreiche Haupt tief ins Kissen gewühlt, die Decke sittiglich bis an das Kinn gezogen, erwartete ich ruhig das Weib des Gewäsches. Es klopft. Herein! Nun müßt ihr wissen, eine echte amerikanische Lady wäre gleich an der Türe in Ohnmacht gefallen über den Anblick eines Mannsbildes im Bette. Aber meine Frau Appendage, Mitglied von soundsoviel Religions- und Sittlichkeits-Kompagnien, trat herzhaft ein. Das verriet schon ihre unerschütterliche Entschlossenheit, sich diesmal Geld auszufechten. Sie warf sich aufs christliche Mitleid und stellte sich, als ob sie mich für unpäßlich hielte: so kam sie um die weibliche Sittsamkeit herum. Ich dachte mir: Warte, du falsches Stück Katzenvieh, du findest doch noch einen Klügern. Also: Guten Morgen, Herr Henning. – Guten Morgen, Frau Appendage. – Ei, du mein süßes Gottchen, fehlt Ihnen etwas? Wollen Sie in die Apotheke geschickt haben? – Danke, danke, es geht wohl. – Nun desto besser; hier bring' ich die Wäsche. – Schön, legen Sie's dorthin. – Wie, mein werter Herr Henning, das Hinlegen allein kann mir nichts helfen! Sie wissen doch, daß ich heute Geld haben muß? – 
      Haben sollen Sie allerdings was, aber Geduld, das ist viel christlicher als Geld. – Sie gottloser Spötter! Ich kenne die Moral und lerne sie noch von ganz andern Geistern, als Sie mir sind. Sie sollen mir sagen, was christlich ist! Zahlen ist heute christlich. Ich will Geld haben! – Da schlagen unsre Herzen vollkommen einig, Frau Appendage, denn auch ich will Geld haben; ich hab's aber nicht. – Das kümmert mich wenig; kurz, ich gehe heute nicht aus dem Zimmer, bis ich nicht auf den letzten Cent bezahlt bin. – In diesem Augenblicke stand ich auf, sie zu bezahlen. – Wer lacht da? Honny soit qui mal y pense! sagt die Königin Elisabeth eine Szene zuvor, als sie den Mortimer zum Giftmorde dingt, und ihm eine Nacht verspricht. 
       Das war ein Weibsbild. Wenn unsereiner so wär'! Aber nein; im Gegenteile, ich war nie unschuldiger als heut morgen, da ich aufstand, meine Frau Appendage zu bezahlen. Auf Ehre, ich zeigte mich ihr wie ein neugebornes Kind, so unschuldig, will ich sagen. Ihr hättet's sehen sollen, wie hübsch dem langen Henning das Kleid der Unschuld zu Gesichte stand. Wenigstens passend sind solche Kleider, sie machen kein Fältchen, ich versichere euch. Aber meine Frau Appendage – Herr Jeses, so soll ich kreischen hören! Gott weiß, was sie hatte; konnte ich ahnen, daß ihr die helle pure Kinderunschuld so ein Dorn im Auge war? Krisch, krasch, krusch! kreischt sie auf, als ob ein ganzes Nest von Kibitzen zerstöbe, und zur Türe war sie hinaus, wie ein Kreisel. Durchs Schlüsselloch rief ich ihr nach: Ei, Frau Appendage, Sie wollten mir ja nicht aus dem Zimmer gehen, das heißt wohl 
      springen wollten Sie draus? Wie Sie meinen, Frau Appendage, ganz nach Ihrem Belieben. Drauf ruf ich meinen Kammerdiener, laß mir Toilette machen – et sic me serfafit Apollo!
      Nach diesem Vortrage brach ein Sturm von Beifall und Heiterkeit los. Die ganze Gaststube erhob sich mit imposantem Tumulte. Alle Arme fuhren mit ihren Gläsern empor, Mann für Mann, Tisch für Tisch stieß an, und wie auf ein Zeichen erscholl's im Chorus: Unser Bruder Henning, der soll leben! Dazwischen sprang der Pfälzer, kirschrot vor Begeisterung, in die Mitte und fing mit bombenähnlicher Betonung der ersten Note zu singen an: Feierlich schalle der Jubelgesang! Auf einmal schrie eine Stimme: Einen Kranz! einen Kranz! eine Bürgerkrone für den Retter Kleindeutschlands! Der Vorschlag zündete augenblicklich; die Gesellschaft ruhte nicht, bis des deutschen Kaisers Vronele einen Strohkranz aus der Küche geholt hatte. Der pfälzische Schreiner ergriff ihn, und um Falstaffs Wort zu bestätigen: ich bin nicht nur selbst witzig, sondern auch Ursache, daß andere Witz haben, – schickte er sich an, die Krönung des 
       witzigen Schriftsetzers mit einer witzigen Ansprache vorzunehmen. Er sprang auf einen Stuhl, hielt pathetisch den Kranz über Hennings Haupt und sprach: Meine Herren! ich fühle die Ohnmacht in mir, eine Rede zu halten. Und da der Mensch die moralische Verpflichtung hat, jedes Talent, das ihm versagt ist, zu gebrauchen, so werden Sie mir Ihr gütiges Mißfallen nicht entziehen, wenn ich meinen Rednermangel hiermit glänzen lasse. – Aber schon stockte er. Der Kreis fing bereits an, ihn auszulachen, als er sich wieder sammelte und fortfuhr: Ruhig! Das war nur eine Kunstpause. Eine Kunstpause, die sich stets dann am geeignetsten einstellt, wenn die Gedanken eine Naturpause machen. Zum Teufel auch mit allen Gedanken! Wozu braucht der Mensch Gedanken? In der Tat, wir brauchen nur einen Gedanken hier! Diesen einen Gedanken – wären wir darauf vorbereitet, wir ließen ihn ausgeschnitten in geöltem Papiertransparent über dem sinnreichen Haupte unsers Gefeierten leuchten. So leuchte er denn mit Flammenschrift in unsern Herzen und mit Flammenzunge sei er ausgesprochen, der große, weltgeschichtliche Gedanke:
      Gott verläßt keinen Deutschen!
      Henning brummte unter seinem Strohkranze: Das sag' ich auch! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß ich noch gehängt werde. Und sogleich fiel der Chorus ein: Unser Bruder Henning der soll hängen! Aber ... Feierlich schalle der Jubelgesang! –
      In diesem Augenblicke tat sich die Türe auf, und alles begrüßte – den Rector magnificus. Der Eintretende mochte Szenen, wie sie die Gaststube mit ihrem strohgekrönten Mittelpunkte jetzt darstellte, schon gewohnt sein, denn ohne sich umzusehen, durchschritt er einfach grüßend die Stube und begab sich sogleich ins Extrazimmer. Alles drängte ihm nach mit dem Rufe: In die erste Kajüte! auf, in die erste Kajüte! Der deutsche Kaiser kam mit einer Flasche 
       Bier gemächlich hintendrein. – Moorfeld besann sich auf die Gestalt des Rector magnificus. Sie schien ihm so bekannt, daß er über den Mangel seines Gedächtnisses fast erschrak, wenn nicht das fremdartige Bunterlei seines hiesigen Aufenthaltes die Verwirrung genügend erklärte. Als aber der Rector magnificus seine Stimme hören ließ, da löste sich ihm der Zweifel. Es war dieselbe Stimme, die ihm in Mr. Mockingbirds Schule zugeflüstert hatte: Ich danke Ihnen für dieses deutsche Wort. Es war der Hilfslehrer Benthal.
      Für Moorfeld gewann die Szene jetzt ein neues Interesse. Es war offenbar: der Angekommene nahm seinen Platz nicht wie jeder andere Gast in dieser Gesellschaft ein. Seine Mission schien eine besondere hier. Und da das innere Zimmer von dem äußeren nur durch eine vorhanglose Glaswand getrennt war, so bedurfte Moorfeld nicht langen Abwartens, um in seinem bequem situierten Winkel, dicht an eben dieser Wand, Augen- und Ohrenzeuge dessen zu werden, was Benthals Ankunft in diesen Räumen für Zwecke hatte. Wenigstens übersah er auf den ersten Blick, daß der heitere Geist, der sich soeben ausgelassen, eine schnelle Wendung zum Ernste nahm: es gab auf einmal gesetzte Mienen, bedächtige Aufmerksamkeit. Benthal nahm ein Tischchen ein, welches über das Niveau der übrigen Gasttische durch eine kleine Estrade erhöht schien, er zog ein Notizbuch aus seiner Tasche, blätterte darin und breitete verschiedene Papiere, Schnitzel, Adreßkarten usw. vor sich aus. Er begann:
      Was mich wundert, das ist, daß unter uns Deutschen, wie einst unter den Juden, nicht längst sich die Sage von einem Messias gebildet. So oft ich diese Bezirke betrete, – und ich betrete sie gern, denn man liebt das Vaterland in zwölf Quadratschuhen noch eben so sehr als in zwölftausend Quadratmeilen, – so oft ich diese Schauplätze deutscher Leiden und Kränkungen besuche, geschieht es nicht 
       ohne das Geleite irgendeines beschämenden Gedankens. Heut fiel mir der Name Kleindeutschland aufs Herz. Kleindeutschland! Als die Griechen Italien anpflanzten, nannten sie es Großgriechenland; die Engländer haben ihr New-Hampshire, New-Jersey, New-Caledonien, die Holländer ein Neu-Holland, die Franzosen ein Neu-Orleans gegründet; nur Deutsche vermochten es, an ihr Vaterland den Begriff klein zu knüpfen: sie ertragen, sie wählen den Namen eines Kleindeutschland! Wie wir uns hier versammelt sehen, würde ich sofort die Tilgung dieses Nennwortes beantragen; aber leider! das Schmerzliche unsrer Umstände ist, daß es paßt. Was hilft es, einem toten Stück Erde die Schmach abzunehmen, die dem Lebendigen bleibt? Von uns geht der Name auf diesen Boden über. Wir sind die Kleinen und Kleinlichen hier. Wir erröten nicht, ein leeres und niedriges Dasein auf dieser Sandstätte hinzuschleppen, und glauben, alles getan zu haben, wenn wir den Namen unsers edeln Vaterlandes mit unserer bleichwangigen Existenz ins Spiel bringen. An einer Lüge wärmen wir uns, und indem wir den gemütlichen Traum festhalten, in Deutschland zu sein, kommen wir bloß nicht dazu, in Amerika uns einzuwurzeln, es sei denn in seinen Hospitälern und in seiner Verachtung. Meine Herren! ich beeile mich, Ihre Verzeihung nachzusuchen, daß ich dem Schamgefühle, womit ich hierhergekommen, dieses starke Echo erlaube. Seien Sie überzeugt, nur Ihr Schicksal ist's, das mich demütigt, Ihr Anblick erhebt und begeistert mich. Es gibt nichts Herrlicheres auf Erden als Deutsche. In Ihrer Mitte denke ich mich, wie in einem Märchenkreis von verzauberten Fürstensöhnen. Königlich ist Ihr Erbe und Großtaten werden Sie ausführen, wenn nur erst die Entzauberung gelingt. Aber indem ich weiß, daß der Talisman dazu zwischen Himmel und Erde nirgends sonst wo hegt als in Ihrer eigenen Brust, werden Sie einen starken und eindringlichen Ruf dahin nicht mit Ihrem Mißfallen bestrafen. Diesen Ruf wollte ich 
       vorausschicken, denn er ist der wahre Kugelspruch unsrer Lage. Was ich von Daten und Notizen die Woche über eintreibe, liegt zuletzt nur wie ein Häufchen Asche vor uns; alles kommt auf den Geisteshauch an, der die Funken drin anbläst. Ihr Mut, Ihr Wille, Ihre tapfere Entschlossenheit ist alles, diese Papierschnitzel nichts. Ein deutscher Professor, der ein deutscher Charakter war, pflegte seine Studiosen zu begrüßen: Guten Morgen, Henker, Büttel, Gerichtsdiener, Richter, Staatssekretäre, Minister, Kanzler! denn das alles werden Sie machen aus sich, je nachdem Sie Ihr Kollegium hören. Meine Herren, ich denke wir stimmen dem alten Taubmann bei; und so wollen wir zu unsrer Tagesordnung übergehen.
      Er sichtete seine Papiere zurecht und fuhr fort: Ich habe in Erfahrung gebracht, daß in den Kupferminen am oberen See Bergleute gesucht werden. Eine Gesellschaft hier in New York schließt die Engagements ab und befördert gegen Vorauslage der Kosten an den Bestimmungsort. Anmeldungen Murray-Street No. 218. Ich dachte an Sie, Herr Merbach.
      Der Aufgeforderte antwortete langsam und unschlüssig: Ja – aber – in Freiberg baut man auf Silber, Herr Rektor. Ich weiß nicht –
      Kupfer oder Silber, in euern Neugroschen läuft's auf eins hinaus, warf der Schriftsetzer dazwischen.
      Benthal erwiderte: Ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Merbach, ein amerikanischer Kohlengräber aus Pennsylvanien baut in ein paar Wochen auf alles mögliche. Er fragt nicht: bist du fähig? er greift zu und denkt: du wirst fähig. Aber freilich, wenn Sie diese Bescheidenheit ins Aufnahmebureau mitbringen, so kostet sie Dollars. Man engagiert Sie nach der Höhe oder Niedrigkeit Ihres Selbstgefühls. Entdecken Sie dann an Ort und Stelle, daß Ihre deutsche Sinnigkeit viel gewandter sich ins Fremdartige findet, als Sie sich zugetraut, so steigern Sie zu spät. Im tiefsten Hinterland, 
       abgeschnitten von aller Welt, ohne Reisegeld, sind Sie in den Händen des Geschäfts zu jedem Preis.
      Der Sachse antwortete: Aufschneiden kann ich nicht, aber in meinem Fach soll mich keiner klein bringen.
      Benthal fuhr fort: Die Reise nach Albany kostet drei Dollars. Auf dem Eriekanal etwa fünf bis sechs. Von Buffalo nach Chicago, tausend englische Meilen, zahlt man nicht mehr als dreißig Dollars. Alles mit Verpflegung. Ich empfehle Ihnen, diese Preise zu merken, sonst berechnet man Ihnen mehr. Auch werden Sie im Kontrakt sich ausdrücklich Kajütenpassagier nennen lassen, sonst bringt man Ihnen die Kajüte in Abzug und verwendet Sie auf der Fahrt zu Schiffsdiensten.
      Eine Stimme unterbrach diese Anweisung mit den Worten: Er mag tun, was er will, betrogen wird er doch.
      Benthal blickte auf und rief mit Verwunderung: Ei, Herr Sallmann, wie kommen denn Sie wieder hieher? Es war der Bäcker aus Altenburg, einer der früheren Gesprächsführer bei Moorfelds Eintritt. Sallmann war eine stattliche Persönlichkeit. Eine wahre Bürgermeisterfigur. Alles an ihm hatte bessere Tage gesehen. Er schien ein Stück so recht aus der Mitte geschnitten eines deutschen Gemeinwesens, einer ehrbaren Häuslichkeit. Die Trümmer des gebrochenen Selbstgefühls waren kläglich anzusehen auf dieser vollen, fast herrischen Gestalt. Er saß da, in düstrer, grimmiger Resignation, und mit einer Stimme voll Bitterkeit antwortete er: Wie ich hieher komme? das will ich Ihnen sagen. Ich höre, Sie kennen das liebe Amerika; wohlan, merken Sie sich auch dieses Stückchen dazu. Ich hatte mein Metier, wie Sie wissen, mit einem kleinen Backofen in Miete angefangen, und da mir fürs erste die Kundschaft fehlte, so trug ich auf eigenem Rücken mein Erzeugnis hausieren. Das war mir freilich nicht gesungen, als ich in Altenburg ebenso die Adresse für unsern braven Moosbach herumtrug, der jetzt im Königstein fault. Aber in Gottes Namen! Keine Arbeit 
       ist hier geschänd't, und Frau und Kind wollen nachkommen so eher, so besser: da greift man aus. Ich hatte mich also auf ein paar hundert Dollars gebracht, auf einmal ereignet sich's, daß ich das Kapital anlegen kann im großen Stil, wie ich mein Geschäft gewohnt bin. Mein Nachbar will abreisen und verkauft mir seine namhafte Kundschaft. Er läßt mit drei oder vier Bread-Drivers austragen, indes ich allein mein Transportgaul bin. Wir waren des Handels bald eins. Als er das Geld hatte, machte er eine Spazierfahrt auf drei Tage, kommt zurück, sagt, er habe sich anders besonnen, und arbeite weiter in seiner Kundschaft. Mein Geld jedoch verweigert er mir mit frecher Lache. Natürlich werde ich klagbar. Aber wie im Schlaraffenland der Dümmste und Faulste König ist, so scheint das Recht hier eine Prämie des lumpigsten Lumpen. Denn was sagt die Jury? Der Mann hat allerdings seine Verpflichtung erfüllt; er ist abgereist. Gegen seine Rückkehr stand aber nirgends eine Verwehrung in meinem Kontrakt, dagegen könne ich denn auch nicht einschreiten. Pfui! meinem Jungen steckt' ich eine Ohrfeige, wenn er mit solchen Diebskniffen mir unters Gesicht trat' – aber we are in a free country! So judizieren sie im Lande der Freiheit!
      Diese Mitteilung des Mannes erregte unter den Übrigen eine Art dumpfes Entsetzen, welches weit über den Anteil an dem Einzelschicksal hinaus ging. Es war, als fühlte jeder seine persönliche Sicherheit bedroht auf einem Boden, wo solche Gefahren möglich waren. Benthal ließ diese Regungen eines aufgeschreckten Instinktes sich aussprechen, eh' er selbst wieder das Wort nahm.
      Ihr Unglück, Herr Sallmann, geht mir nah', sagte er, aber verzweifeln Sie darum am Lande der Freiheit nicht. Es ist die wahre und wirkliche Freiheit, glauben Sie, die sich im Buchstaben so leicht nicht einfangen läßt. Der Buchstabe muß aufs Bündigste und Bestimmteste gestellt sein, denn mit der Auslegung kommt schon die Willkür. So hat 
       die Legislatur von New York kürzlich das Neun-Kegelspiel verboten. Gehen Sie aber auf den Broadway in Gothic-Hall, zweiten Stock, so finden Sie dort nicht weniger als fünf Kegelbahnen nebeneinander. Wird ein verbotenes Spiel hier gespielt? Beileibe nicht; die Partie hat bloß einen Kegel mehr bekommen. Man spielt ein Zehn-Kegelspiel jetzt.
      Das sei, wie's sei, seufzte der Bäcker, und stützte seinen Kopf in beide Hände; ruiniert bin ich doch! Adieu Weib und Kind, schlagt euch den Vater aus dem Sinn!
      Benthal biß die Lippen und sah mit dem Blicke des schmerzlichen Mitleids auf den armen Verzagenden. Er schien einen Augenblick zu überlegen, dann sagte er entschlossen: Hören Sie mich an, Herr Sallmann, was mir da einfällt. Ein kurioses Mittel, aber es ist amerikanisch. Wir lassen Ihr Abenteuer als Pamphlet drucken und machen den Kerl determiniert schlecht. Natürlich scherzhaft, witzig, mit der besten Miene zum bösen Spiel. In das Pamphlet wickeln Sie Ihre Semmeln und Brote, und 
      verschenken sie Stück für Stück an die Kunden, die Sie gekauft haben. Geht auch der letzte Dollar dabei drauf, – meinen Kopf zum Pfände! die Kunden treten zu Ihnen über. Wagnis und Skandal liebt der Yankee. Sind Sie auf gut amerikanisch betrogen, so soll uns derselbe Landesgeist auch zur Revanche herhalten. Man muß überall das Mittel beim Übel suchen.
      Der Schriftsetzer fügte hinzu: Und ich gehe beim Austragen neben Ihnen her und lache für einen halben Dollar per Tag. So haben Sie schon den ersten Lacher auf Ihrer Seite.
      Damit war ein heiterer Ton angeschlagen, worauf Benthal seine Tagesordnung fortsetzte. Herr Carrey, Inhaber der großen Kupferfabrik, Chatham-Straße No. 9, hat sich gelegentlich der Präsidentenwahl mit einem Teil seiner Arbeiter entzweit, welche gegen ihn stimmten. Er entläßt sie und ersetzt sie durch neue. Ich notierte mir das für Sie, Herr Bertling.
      
       Eine Stimme in Thüringer Mundart antwortete: ne, ich – hab's verred't. Die Kerls verdienen keinen Deutschen. Wenn mein Vorspann aus Deutschland eintrifft, eröffne ich mein eignes Geschäft.
      Sie warten aber schon lange auf diesen Vorspann, bemerkte der Frankfurter Gärtner; und wer sich inzwischen ein Talerchen verdiente, wie? 's wäre besser als in Finger geschnitten; nichts für ungut.
      Ist's meine Schuld, fragte der Kupferschmied, daß es bei Ludlow in Brooklyn nur drei Tage dauerte? Was ein gelernter Meister ist und soll sich unter das Volk stellen – Menschen von neunerlei Handwerk, die alle Sättel reiten, kein Teufel weiß, was für einen Professionisten man eigentlich vor sich hat bei so einem Yankee, ein wahrer Rattenkönig von Handwerken, – probieren Sie das, meine Herren: lieber Fuchsprellen, werden Sie sagen. Wie sie die Branntweinblasen hier machen, ist die Konstruktion so, daß man die einzelnen Teile nicht auseinanderlegen und reinigen kann; notwendig wird dabei das Produkt unreinen Geschmacks, und der Destillateur hat noch eine zweite Arbeit mit'm Abziehen. An so einer Blase bekam ich mein erstes Stück; da dacht' ich hollah! jetzt zeigst du den Meister, und schlage die Sache vor nach 
      deiner Art, nämlich mit den Schwarz'schen Apparaten. Was meinen Sie, daß ich Dank dafür hatte? Ausgegrunzt wurd' ich noch. Eingestanden, daß mein Englisch nicht fix war und meine Zeichnung nicht eben korrekt; was schadet's? ein Deutscher merkt doch auf und faßt, was man ihm beibringt. Aber diese langbeinigen Rothaare sind wie ungeleckte Bären. Da ist kein Sinn und Begriff drin. Was hilft der Kuh die Muskate? heißt's da. Wir schrien uns die Ohren taub wie beim babylonischen Turm und fuhren uns vor den Augen herum wie in der ägyptischen Finsternis; sie spuckten mir ihre Tabaksknülle ein paar tausendmal vor die Füße, das war all ihre Kunst. Garstig bekomplimentierten wir uns auseinander.
      
       Danken Sie Gott, rief Benthal, Sie haben sich ein Kapital gerettet. Wie in aller Welt wandelt Sie die Großmut an, Herr Bertling, daß Sie den Schwarzschen Brennapparat so ohne weiteres zum besten geben? Werden Sie nicht selbst Ihr Hauptgeschäft damit machen, wenn Ihr Vorspann, wie Sie sagen, anlangt? O Deutschland, wann wirst du aufhören, die Welt auszustatten, und anfangen, an dich selbst zu denken! Anstatt die eigenen Kunstgriffe für sich zu behalten und fremde dazuzulernen, machen Sie's umgekehrt; den Schwarzschen Apparat geben Sie hintan und tauschen nichts ein dafür von der hiesigen Technik. Herrn Ludlow auf Brooklyn kenne ich nicht, wie ich mir überhaupt in drei Tagen nichts Amerikanisches kennenzulernen getraue, aber lassen Sie die Fabrik Carrey ja nicht ungesehen als Fachmann. Sehen Sie sich die großen Arbeiten für die südlichen Zuckersiedereien an, das kommt uns in Deutschland doch nicht vor. Was sag' ich? Betrachten Sie den nächstbesten amerikanischen Nagel! Er hat an seinen vier Ecken seine scharfe Widerhaken, die ihn unausreißbar mit dem Holze verbinden, ist auch gegossen, nicht geschmiedet. Ich wollte, es läge auf allen deutschen Agenturen nur ein einziger solcher Nagel auf, daß wir bis ins Kleinste ein Bild davon bekämen, wie verschieden von uns hier fabriziert wird. Mancher deutsche Professionist wäre dann weniger rasch, auf seine Profession auszuwandern.
      Der Rector magnificus hat recht, sagt ein Berliner Maschinenbauer; ich kam herüber in der Meinung, wenigstens Werkführer oder Faktor zu werden mit meinen Kenntnissen. Es ist mir auch nicht bange, daß ich's in einigen Jahren bin, für den Anfang aber muß ich froh sein, auf halben Sold einen halben Lehrling zu machen. Es sind ganz andere Konstruktionen hier. Es ist ein Unterschied wie Feuersteinschloß und Perkussionsschloß; jeder Stift wird hier anders gehandhabt.
      Und manches Metier kommt gar nicht an, setzte ein 
       Hanauer Goldarbeiter hinzu. Ich fragte um Arbeit herum. – Sind Sie ein Uhrmacher? hieß es überall. Ich bitt' einen: Goldarbeiter und Uhrmacher! Ob im Schmuckfache gar nicht gearbeitet wird? fragt' ich weiter. – Wenig, das kommt von Paris und London. Vergebens verdolmetsche ich den Leuten, daß wir Hanauer es nach Paris und London schicken, – wer glaubt es einem? Und so arbeite ich jetzt auf Probe in einem Geschäft, – ums Wasser! rief der Hanauer mit Zorn und Mißmut.
      So verhält es sich, sagte Benthal, nur eines verschweigen Sie, meine Herren. Eine rasche Kenntnis des Englischen, eine rasche Umwandlung in die Nationalformen des »sham« würde Sie als Maschinenbauer wie als Schmuckarbeiter ganz anders akkreditieren. Sie müßten kein deutsches Wort mehr hören. Indes rechte ich freilich nicht mit Ihrem vaterländischen Gemüte, wenn es sich auch »beim Wasser« noch wohler befindet in – 
      Kleindeutschland!
      Der Sprecher hielt sich einen Augenblick lang über seinen Papieren auf, um diese Worte gehörig nachwirken zu lassen. Das betroffene Schweigen der beiden Vorredner bewies auch, daß er diesen Zweck, momentan mindestens, erreichte.
      Hierauf fuhr er fort: Für Sie, Herr Poll, habe ich die Nachricht, daß in einer Apotheke auf dem Bowery eine Stelle offen ist. Sie trägt freilich nur fünf Dollar monatlich bei freiem Board; aber wie Ihnen die Verhältnisse bekannt sind –
      Der Angeredete – ein munterer Lockenkopf in den letzten Faden eines studentischen Samtrocks – rief mit erschrockener Stimme: Bei freiem Board? wie schade! Pardon, Herr Rector magnificus, aber auf eine Kondition mit Beköstigung muß ich verzichten. Ich habe keinen Magen für dieses nasse glitschige Brot, für dieses ewige Schweinefleisch, für diese trocknen, ausgekochten Braten, für diese Talg- und Tran-Meere von öligen Saucen, für diese schlechten 
       Gemüse, für diese alten Hülsenfrüchte, für diese Fuder von Pfeffer, Salz und Gewürzen, die ein Aufputz sein sollen für alles, aber bloß Gaumen, Zunge und Zahnfleisch zerfressen, für dieses abscheuliche Tischgetränk von gewärmtem und gewässertem Brandy, für diese –
      Es ist wahr, unterbrach ihn Benthal, man muß sich die hiesige Küche erst anerziehen. Ich z.B. aß nur einmal in der Woche amerikanisch, dann zweimal, dreimal usf., bis ich mich vom grünen Baum entwöhnt hatte. Man fällt auf Listen, wie Demosthenes, vorausgesetzt, man hat auch von seinem Willensernste etwas.
      Der Lockige antwortete mit einer Art komischer Tragik: Gewisse Dinge liegen außer unsrer Selbstbestimmung, Herr Rektor. Deutsch zu hungern, wird mir leichter, als amerikanisch zu essen. Auf Ehre!
      Benthal zuckte die Achseln und sagte: Zufällig habe ich noch etwas an der Hand für Sie. Es kam mir ein Brief zu Gesichte, ein deutscher Arzt in einer Shaker-Gemeinde bei Pittsburg freut sich darin über den Aufschwung seiner Praxis, und da er bisher die Arzeneien größtenteils selbst bereitete, wie es bei Ärzten kleiner Landstädte hier Brauch ist, so würde er dieses Geschäft jetzt gerne einem Kollaborator überlassen. Notabene, er wünscht ausdrücklich einen Deutschen dafür. Vielleicht führt er denn auch noch deutsche Küche. Genug, ich notierte mir's gleichfalls für Sie, Herr Poll.
      Dankschuldigst anerkannt, erwiderte der Gelockte, aber mit einem langen Gesichte und bedächtigem Griff in seine Rocktasche, fragte er gedehnt: Bei Pittsburg, Herr Rektor, sagten Sie so?
      In der Gegend von Pittsburg, ja!
      Der Apotheker hatte eine Druckschrift aus der zerrissenen Rocktasche zutage gewickelt und schlug jetzt mit der Hand, daß es klatschte, in das entfaltete Papier. Richtig! Pittsburg, im Mai, da steht es! oh ich Schlemihl! rief er bestürzt.
      
       Alles blickte auf ihn und seine Papiere, umdrängte ihn und forschte.
      Das ist ja im 
      Narrenland! dieses Pittsburg, brach Poll mit erhobener Stimme los. Und die Gruppe voll gespannter, neugieriger Gesichter anredend, fuhr er fort: Stellen Sie sich vor, meine Herren, ich promeniere heute am Nordfluß, weiß Gott, woran ich dachte, da kommt ein Bengel mit einem Austräger-Portefeuille auf mich zu und schenkt mir dieses Traktätlein. Man kennt die Ware, die sich einem so auf den Straßen an den Hals wirft; indes, ich denke: du übst dich im Englischen, und müßig wie ich bin, las ich den bedruckten Lumpen. Aber da hört doch alles auf. Ich übersetze nicht so fließend, Sie bemühen sich wohl, Herr Rektor!
      Benthal empfing das Blatt, überflog die erste Seite und fragte gleichgültig: Hm! der Verein will das neue Jerusalem aufbauen und beschreibt den Tempel wie eine Art Blockhaus. Was weiter?
      Die zweite Seite, wenn ich bitten darf, wo er das Kostüm der Gläubigen vorschreibt.
      Benthal wendete um und las vom Blatte weg deutsch:
      Das Kleid, welches vollkommen dem Innern des heiligen Menschen und seiner reinsten Umgebung entspricht, soll beschaffen sein, wie folgt: die Hosen dürfen nicht zu weit und nicht zu eng sein, – die Unterhosen verbinde man so mit den Hosen, daß sie frei darin hängen und mit denselben angezogen werden. Jeder wählt sich die Farbe seiner Kleidung nach der Art des Schmutzes seiner Arbeit; zu den Zeiten aber, wo man keine schmutzende Beschäftigung hat, soll man tragen Hosen von glänzendem Hellgelb, einen schneeweißen Rock und einen glänzend gelben oder goldenen Gürtel. Ein goldener Hut von glänzend hellgelber Farbe ist der beste. Er soll da, wo er am Kopfe anliegt, kleine Luftlöcher haben, welche durch lose Einfassung mit den edelsten Perlen und Steinen, so edel als man sie kaufen kann, verdeckt werden sollen. Die weiblichen Personen, 
       welche von Natur lange Haupthaare tragen, sollen diese zu dem einzig richtigen Zwecke derselben, ihren Hals damit zu erwärmen, benützen, und sie auf passende Weise gebunden um den Hals herumwinden. Die männlichen Personen, denen zur Beihilfe ihrer kürzeren Haupthaare auch Barte gegeben sind, sollen diese nicht hinwegrasieren, denn der Bart ist ein Hauptbestandteil des männlichen Körpers nach Gottes allmächtigem Willen, und durch wiederholtes Abrasieren desselben verwachsen die Wurzeln dermaßen, daß sie das Gesicht sehr verderben, und es kann auch das Abschneiden des Bartes nur von sehr naturwidrigen Folgen sein. Die im Amte stehenden Lehrer und Ältesten des Volkes sollen auf weißen Pferden reiten, denn die Pflichten ihres Amtes machen sie zur unmittelbarsten Umsicht im hellen Geiste aller Erkenntnisse verbindlich; weshalb sich dieses Amt hierbei auch durch die Helle äußern muß. Die Richter sollen auf Pferden von lebhafter braunroter Farbe reiten; denn aus ihrem Amte soll der Eifer einer feurigen Energie sprechen. Die Kassenverwalter sollen auf schwarzen Pferden reiten, so wie die unmittelbarste Äußerung ihres Amtes sich mit den Bedürfnissen beschäftigt, welche gleich einer Schattenseite des Lebens sich verändern und verschwinden. – Die Bewohner unsrer heiligen Stadt mögen nicht heiraten; denn welcher edle Christ wird bezweifeln, daß Gott vermag, dem Abraham Kinder aus Steinen zu erwecken.«
      Hier legte Benthal die Flugschrift lächelnd aus der Hand, und das schallende Gelächter der ganzen Gaststube begleitete ihren Abgang. – Sie haben gut lachen, meine Herren, sagte Poll, selbst lachend, aber 
      ich armer Schächer! Dort riskiere ich den Magen und hier das Gehirn. Adieu, – »Pittsburg im Mai!« Sie sehen, Herr Rektor, ich muß leider noch einmal verzichten.
      O schade! hieß es, ich möcht' ihn sehen im gelblackierten Hut –
      
       Und im schneeweißen Rock –
      Und wie er Kinder aus 
      Staincher zieht, sagte der Frankfurter Gärtner.
      Das Gelächter fing von neuem an.
      Machen wir all unsre Tollhäuser auf, rief der Bäcker aus Altenburg; wenn in Amerika die Narren frei herumlaufen, warum sperrt man sie ein in Europa?
      Meine Herren, sagte Benthal, es ist uns Deutschen mit Recht eine Erquickung, daß wir an solchen Zerrbildern unsre eigne Kultur fühlen lernen. Dieser plumpe Prophet hier will geistige Tendenzen verfolgen und verwickelt sich dabei in Unter- und Oberhosen! Das ist echt amerikanisch. Freilich ist er zugleich auch praktisch wie ein Amerikaner. Was z.B. das Hängenlassen der Unter- in den Oberhosen betrifft, so steht wohl niemand unter uns, der als Lehrling oder Geselle in ungeheizten Kammern schlief und dieses Dogma nicht am Abend befolgt hätte zur großen Fördernis seiner Morgentoilette. Hierin sind wir wohl naturwüchsige Gläubige des neuen Jerusalems. Auch die Wahl unsrer Farben zugunsten der schmutzenden Berufsarbeiten, wie er sagt, ist, wenn nicht appetitlich, doch nützlich erinnert. Dabei läßt sich zugleich einsehen, warum unsere Bösewichter von Präsidenten, unsre Kieselherzen von Finanziers, kurz das ganze feine, also lasterhafte Europa mit Vorliebe Schwarz trägt. Es ist die offizielle Farbe des neuen Jerusalems für 
      sehr schmutzige Beschäftigungen.
      Ein donnerndes Bravo der Auswanderer krönte diesen radikalen Scherz.
      Benthal fuhr fort: Gemach, meine Herren! Fremde Narrheit belachen ist der Zucker des Lebens, heilsame Nutzanwendung davon das Salz. Was wollen Sie? dieser Prophet da, wie Sie sehen, hat ganz gute Verstandesmaximen; komisch wird er nur dadurch, daß er den Verstand in die falsche Beleuchtung der Religiosität stellt. Aber macht es der deutsche Rationalismus anders? Den gemeinen Verstand 
       schiebt er an die Stelle der alten wundertätigen Heiligtümer und ist so naiv, die alte religiöse Begeisterung für denselben in Anspruch zu nehmen. Und nun das Bart-Dogma! Ist es nicht eine von den acht Seligkeiten des »Vater Jahn« und haben wir – wenigstens bis zur Juli-Revolution, – »Vater Jahn« nicht mit Andacht seine Borsten-Religion predigen lassen? Ach, meine Herren, die Narrenleine ist gleich der Linie des Äquators, sie läuft um die ganze Erde herum. Daß also ein Gescheiter in Kleindeutschland verhungern soll, weil um Pittsburg herum Narren sitzen, das scheint mir eine Logik, die vielmehr eine Verwandtschaft als einen Gegensatz mit den Pittsburgern beurkunden dürfte.
      Bei dieser Pointe hatte der Lockige seinerseits eine kleine, freundschaftliche Lache zu bestehen; aber die Zärtlichkeit für sein Gehirn war damit niedergeschlagen. Er zauderte nun nicht mehr, das Offert anzunehmen. Die Gesellschaft unterhielt sich noch eine Weile damit, ihn als Mitglied des neuen Jerusalems zu parodieren, während Benthal den ernsteren Wink anbrachte, seiner Landsleute zu gedenken, wenn er selbst reüssierte, – was die Spötter doch auch wieder gerne hörten.
      Benthal fuhr hierauf in seinen Mitteilungen fort: Die hiesigen Verhältnisse des Tuchmachergewerks – ist Herr Sorau nicht hier? – leider! er versäumt nichts; seine Profession ist gleich Null hier: das gröbste Fabrikat ausgenommen, ist alles Import.
      Er glaubte sich auf die Teppichweberei einzuschießen, sagte der Bäcker Sallmann, den Abwesenden vertretend; wir hörten zu Hause, daß der Teppich hier allgemeine Mode sei, – bis in die Bauernhütte herab.
      Benthal antwortete: Das hat seine Richtigkeit, wie wir sehen; nur webt sich der Farmer von selbsterzeugter Wolle seine Hausteppiche selbst in den müßigen Wintertagen. Was aber die feinere städtische Ware betrifft, so engagiert 
       man an den großen powerlooms oder Dampfwebstühlen ausschließlich Leute vom Fach, die gut eingearbeitet sind, nicht Praktikanten. Überdies versteht Herr Sorau kein Wort englisch. Sagen Sie ihm also, es ist ein Glücksspiel wie Pharao, wenn er länger auf Verdienst in seinem Metier wartet.
      Was soll er machen? fragte Sallmann achselzuckend.
      Zigarren, antwortete Benthal hingeworfen.
      Damit sind wir abgefahren, rief augenblicklich eine gute Anzahl von Stimmen.
      Ich will Ihnen auch erzählen, wie es zuging, antwortete Benthal. Sie nahmen die nächstbeste Zeitung zur Hand und suchten und fanden darin Annoncen, nach welchen, wie es hieß, »unter den solidesten Bedingungen« Lehrlinge angenommen wurden. Ist es so?
      Ja! ja!
      Die Bedingungen waren: vier Wochen Lehrzeit und zehn bis sechzehn Dollar Lehrgeld bei eigener Beköstigung. Waren das Ihre Bedingungen?
      Ja! ja!
      Sie gingen auf dieselben ein. Nach der ersten Woche waren Sie fähig, die ordinärste Penny-Zigarre zu fertigen. Dabei blieb's aber auch die drei folgenden Wochen. Ihr sogenannter Meister verharrte bei der Penny-Sorte. Sie aber kannten als Neulinge weder den geringen Tabak noch den geringen Preis, Sie kannten die schlechte Rentabilität dieser Sorte nicht, wußten also auch nicht, was das ganze Manöver mit Ihnen zu bedeuten hatte. Es bedeutete aber dieses: Ihr sogenannter Meister hatte auf drei Wochen einen Arbeiter, den er nicht bezahlte, von dem er umgekehrt bezahlt wurde. Als Sie dann selbständig zu arbeiten anfingen, merkten Sie erst, auf welch geringer Stufe Ihrer Ausbildung Sie standen. Die Penny-Sorte hatte zwar Ihrem sogenannten Meister rentiert, der ja Lohn sparte und Lohn empfing; Sie dagegen verdienten nicht das Salz dabei. Für 
       die feinere Arbeit, die besser bezahlt wird, hätten Sie einer neuen Lehrzeit bedurft. Dazu fehlte aber jetzt: Mut, Geduld, Geld! So gaben Sie das Zigarrenmachen auf. Ist es so?
      Ja! ja! war die einstimmige Antwort der Obigen.
      Benthal fuhr fort: Ich habe mich speziell über diese Verhältnisse belehren lassen, weil ich annehmen muß, daß viele von Ihnen davon fortwährend werden Gebrauch machen wollen. Ich bedauere nur, daß Sie die Beute von Betrügern geworden sind, eh' ich das Vergnügen hatte, Sie zu besuchen. Die Richtschnur, sich vor zukünftigem Schaden zu bewahren, ist im wesentlichen diese: Der Lehrling akkordiert ein Lehrgeld von zehn Dollar auf 
      unbestimmte Zeit, d. h. bis er die Fabrikation 
      sämtlicher Zigarrensorten gut und tüchtig gelernt hat. Zugleich läßt er sich jedes selbstgefertigte, brauchbare Stück Zigarre bezahlen, und zwar zu dem üblichen Preis. Das ist das einzig reelle Verfahren. Meister, welche andere Bedingungen stellen, sind Schwindler; Sie finden aber auch auf diese noch der Ehrlichen genug. Ich notierte mir eine Reihe derselben zu Ihrem beliebigen Gebrauch.
      Benthal gab eine Anzahl von Zetteln hintan zur großen Befriedigung vieler, welche mit Eifer darnach griffen. Nur hin und wieder sah man eine Hand unschlüssig zucken – unschlüssig zwischen dem Drange der Not und einem sehr bemerkbaren bürgerlichen Meisterstolz, der noch schnell zu überrechnen schien, ob seine Kasse verhalten würde, auch ohne dieses dargebotene Auskunftsmittel. Hin und wieder hörte man aber auch den halb unterdrückten Seufzer eines Armen, der traurig die verteilten Adressen an sich vorübergehen ließ, weil seine Umstände bereits so schlimm waren, daß sie ihm einen Aufwand von zehn Dollar Lehrgeld nicht mehr erlaubten. Personen dieser beiden Farben waren es, welche den Rektor jetzt mit Fragen anlagen, was ihm Entscheidendes über ihre betreffenden Berufszweige etwa bekannt geworden. Benthal beschied sie, so gut er's vermochte, 
       ermangelndenfalls machte er sich Noten und versprach möglichste Auskunft für das nächstemal. Daneben gab es aber auch welche, die sich selbst weder in diese noch in jene der bezeichneten Schicksalskategorien zu rangieren wußten und offenbar noch keinerlei Mittel zwischen sich und der neuen Welt gefunden hatten. So z. B. gestand der Schneider aus Württemberg unverhohlen, daß er sich in totaler Konfusion über sein Geschäft befinde. Agenten, Briefe von Auswanderern, kurz alles hätte zu Hause übereingestimmt, nichts sei sicherer und lohnender hier als die Schneiderei. Nun laufe er aber wochenlang ohne einen Stich in New York herum. Auch Landsleute am Hafen hätten ihm jede Hoffnung –
      Nichts von den Landsleuten am Hafen! fiel Benthal lebhaft dazwischen, 
      die Rasse kennen wir! Das sind aller Welt Landsleute. Schotte, Holländer, Deutscher, Franzose, – jeder ist ihr Bruder, jeden duzen sie in seiner Muttersprache und verderben ihn ohne eine Spur von Gewissen. Wer 
      ihnen traut, hat immer den schlechtesten Stand hier, sein Gewerbe ist immer das elendste, es sei, was es sei. Bis auf die letzte Ader saugen sie ihm den Mut aus der Seele und füllen sie dafür mit Whisky-Begeisterung und Arrak-Moral. Sie schleppen ihn von Schenke zu Schenke, halten ihn frei, vermitteln ihm alles und jedes, lassen ihm keinen selbständigen Schritt zu, nur durch ihre Brille darf der »Landsmann« die neue Welt sehen. Endlich haben Sie ihn für jeden Preis, schleppen den »glücklich Placierten« in seine Sklaverei, und wenn es je möglich ist, einen Menschen lebendigen Leibs zu vierteilen, so ist ein solches Opfer geviertelt. Ein Viertel bekommt der Zubringer, ein Viertel der Herbergswirt, ein Viertel der Arbeitgeber und nur das letzte Viertel seines Verdiensts er, der Arbeiter selbst. Davon mag er vegetieren, bis ihm der letzte gesunde Tropfen ausgepreßt ist, bis er hingeht, Lump mit den Lumpen, und den neuen Landsmann verdirbt, wie er selbst verderbt wurde. Wahrlich, 
       vergebens jubelt der arme Auswanderer, der Pest und dem Ekel des Zwischendecks zu entfliehen: sowie er den Fuß ans Land setzt, verwandelt sich ihm das Schiffsungeziefer in Loafers, Runners und Rowdies, und Fleisch und das Mark in den Knochen verschwindet unter den Freßzangen dieser Brut. Ich beschwöre Sie, meine Herren, würdigen Sie diese Hafenlandsmannschaft Ihres Umganges nicht! Von dem Augenblicke an, als ich das Treiben dort kennenlernte, hielt ich es für meine heilige Pflicht, mein Glas Bier in Ihrer Mitte zu trinken, um das Wenige, aber mindestens Wahre und Wohlgemeinte Ihnen mitzuteilen, was meine Zeit mir von hiesiger Ortskunde einzusammeln erlaubt.
      Eine Stimme rief aus der Mitte der übrigen: Ist stets dankbar anerkannt worden, Herr Rektor, und wir alle wünschen, Sie machten uns endlich die Freude, und ließen sich eine regelmäßige Gratifikation für Ihre Bemühungen gefallen. Es wäre nicht mehr als in der Ordnung.
      Benthal antwortete hurtig: Ich bitte das ruhen zu lassen, ich habe es ebensooft gewünscht. Sie wissen, daß ich kein Verdienst daraus mache, im grünen Baum einzukehren und mich mit Ihnen zu unterhalten, ob von Wind und Wetter oder von Geschäften: 's ist immer Zeitvertreib. Das müßte noch ganz andere Maßstäbe annehmen, wenn es des Lohnes wert sein sollte. Ein Berichterstatter müßte seinen Beruf daraus machen, – was sag' ich, einer? Ein ganzes Komitee wäre nicht zu viel. Wahrscheinlich erleben wir auch die Gründung eines solchen; es müssen erst ein paar tausend unsers Volks zugrunde gehen in den Händen der Hafenauskünftler. Das ist auch in der Ordnung! – Und abspringend von dem patriotischen Sarkasmus fuhr er fort: Ihr Gewerbe, Herr Eckerlein, hat goldenen Boden in New York, seien Sie ganz ruhig darüber. Die Sache ist einfach die: Sie haben die sogenannte »gute Zeit« ungefähr um Ostern herum auf der See zugebracht; nicht wahr? Herbst und Frühling ist aber auch hier die gute Zeit für die Schneider 
       und Winter und Sommer die schlechte. Indes ist auch die schlechte keineswegs brotlos in New York. Es florieren da die sogenannten South-Shops, die großen Kleiderfabriken, welche ganze Schiffsladungen ihrer Ware nach dem Süden absetzen. Sie können denken, wie für die Schafhirten Virginiens oder für die Neger der Reis- und Zuckerplantagen genäht wird. So bekommen Sie denn auch für ein Beinkleid fünfundzwanzig Cent, eine Näherin gar nur achtzehn, während in der eleganten New Yorker Saison der Lohn ein, sogar anderthalb Dollar ist. Diese Lohnersparnis macht natürlich den enormen Vorteil der South-Shops aus, während der Schneider selbst doch auch wieder Vorteil davon hat: den Vorteil einer stets offenen Versorgungsanstalt in seinen schlimmsten Tagen. Ich rate Ihnen also, Herr Eckerlein, nehmen Sie bis zum Herbst mit so einem South-Shop vorlieb.
      Der Württemberger antwortete: Ei, Herr Rektor, ich frug schon herum bei einigen, aber man schlug mir überall fixes Engagement vor, und da bat ich mir doch Bedenkzeit aus.
      Benthal lächelte: Die Rackers! wie sie nur ein deutsches Gesicht sehen, versuchen sie gleich die Prellerei. Fixes Engagement in einem South-Shop! Ein teures Linsengericht in einer hungrigen Stunde! Überhaupt, meine Herren, betrachten Sie das so ziemlich als Regel: wer Ihnen gar zu prompt festen Kontrakt anbietet, der spekuliert auf Ihre Landesunkenntnis, auf Ihre augenblickliche Not, und will Sie zum weißen Sklaven machen. Nein, Herr Eckerlein, nichts von solchen Engagements! Fahren Sie nur fort in den South-Shops Arbeit zu suchen; aber lassen Sie sich merken, daß Sie die Verhältnisse kennen, daß Sie noch Subsistenzmittel haben, ziehen Sie ein patentes Röckchen an, auch wenn's geborgt wäre, – und man wird Sie gerne annehmen, ohne daß Sie dem Teufel für die magre Saison Ihre fette verschreiben. Probieren Sie's nur so.
      
       Mir scheint, ich bin in dem gleichen Falle mit Herrn Eckerlein, hörte man die schwere Stimme eines Westfalen, die zu der schwäbischen Mundart des Württembergers so markig kontrastierte, daß alles fast erschrocken aufblickte.
      Sie sind? fragte Benthal.
      In Deutschland war ich Tapezierer, antwortete der Westfale, was ich hier bin, weiß Gott, ich nicht. Mein Bruder, der als Zimmermaler im bischöflichen Schlosse zu Münster Brot hatte, wurde abgedankt, weil er sich die Protestantin nicht ausreden ließ, da man ihm ein katholisch' Küchenmädchen zugedacht hatte. Indem er sich nun wegen der Auswanderung erkundigte, hieß es einstimmig: für Zimmermaler wär's nichts, man hätte nur Tapeten drüben. Hollah, dacht' ich, denn ich stand schon zuvor sprungfertig, der Eimer, der nicht Wasser hält, mißt doch Hafer; das ist eine Hacke auf deinen Stiel. Ich geh' also voraus auf meine Profession, da sie die bessere ist, und sollte mich umtun, wie der zu Hause nachzubugsieren wäre: aber was find' ich? wollte Gott, ich sah' selbst wieder die Lippe fließen, statt North- und East-River! Die Tapezierer, oder wie man's hier heißt, die Paperhangers, haben nur drei Monat' im Jahre: April, Mai, Juni; – das war just die Zeit meiner Überfahrt. Ich mußte also frischweg neun Monate warten – Bagatell! in neun Monaten wird sonst zwei aus eins; ich aber wurde Null. Daß dich der Schwed'! dacht' ich, sollte denn die Papierleimerei das ganze Geschäft hier sein? Matratzen haben Sie doch! So frag' ich nach Polstererarbeit. Die macht der Möbelschreiner, hieß es. Auch nicht übel! Ich geh' nun zum Möbelschreiner. Ob ich anstreichen und malen könnte! Mich trifft der Donner! Anstreichen und malen! ich mal' euch was! Am Ende fragt das Beest, ob der Tapezierer ein Glockengießer ist! Aber so geht's hier; Herr Bertling hat recht, wahre Rattenkönige von Handwerk findet man hier. Das eine Fach ist oft auseinandergeschlagen, daß man die Scherben in zehnerlei andern Branchen suchen muß, und umgekehrt 
       mengseln sie Handwerker zusammen – es ist toll! Ich möcht' hier in keiner Bataille blessiert werden: ein Yankee-Chirurg ist imstande und setzt mir den Fußknöchel ins Schulterblatt.
      Geht mir's anders? hub ein Glaser an; aber Benthal unterbrach ihn: Mit Erlaubnis, Herr Thalhofer ist nicht zu Ende.
      Der Westfale fuhr fort: Was meinen Sie nun, Herr Rektor, soll ich meinen letzten Penny in die Zigarrenmacherschule tragen?
      Ist es der letzte? fragte Benthal.
      Der allerletzte; und wenn der deutsche Kaiser sein Pöstchen einforderte –
      Das sind freilich keine Umstände für einen Lehrkursus, erwiderte Benthal; mit Schulden anzufangen ist überall verdrießlich, doppelt in Auswandererslage, wo vielmehr stets ein paar Dollar Reisegeld übrig sein sollten für den Fall eines Unterkommens im Innern. Ich will Ihnen dieses sagen: In Williamsburg weiß ich zwei deutsche Doktoren, welche Pappschachteln machen; ihr Absatz ist bereits so gut, daß auch ein dritter Arbeit fände. Fahren Sie einmal hinüber. Der Tapezierer sagte bedenklich: Aber, Herr Rektor, werden sich die Doktoren einen simplen Handwerksmann auch gefallen lassen?
      Benthal schrieb ihm die Adresse auf und hielt den Einwand kaum der Mühe wert, mit Gemurmel darauf zu antworten: Ich hoffe, die Herren haben begriffen, daß sie in New York sind, und nicht in Schilda; – worauf er sogleich fortfuhr: Was wollten Sie sagen, Herr Loßbert?
      Der Glaser antwortete: Neues gar nichts, Herr Rektor, gar nichts. Ich bin eben dran, wie wir Deutschen alle. Der Goldarbeiter soll Uhrmacher sein, der Tuchmacher Teppichdampfweber, der Tapezierer Möbelschreiner, der Möbelschreiner Anstreicher – nur was der Glaser hier sein soll, könnt ich noch nicht loskriegen. Aber daß er nichts ist, 
       soviel weiß ich bereits. Auch ich tappe im Finstern herum nach einem Zipfel meines Handwerks und kann ihn nirgends erwischen.
      Suchen Sie ihn beim Bautischler, antwortete Benthal.
      Aber wenn auch dem Bautischler Arbeit fehlt? fragte der pfälzische Schreiner.
      So hat sie der Zimmermann, war Benthals Antwort.
      Und wenn der Zimmermann feiert? erhob sich ein tiefbrauner Kopf mit dem länglich-scharfen Profil des Oberfranken.
      Was! der Zimmermann feiert? rief Benthal; hier, wo jede Sommerstunde ein Haus ausbrütet, jeder Tag der Geburtstag einer Straße ist? Nicht möglich!
      Dann lüg' ich, sagte der Franke kurz.
      Benthal hielt einen Augenblick inne, hierauf erwiderte er: Sie mögen recht haben. New York liegt an der Front von Amerika, es hat den stärksten Anprall der Einwanderung auszuhalten. Ich gebe die Lokalkonkurrenz zu. Aber, ist New York die Union? Wo bleibt das weltgroße Hinterland? Gibt's nicht für tausende von Ackern jahraus, jahrein Fenzen zu machen, ist Pennsylvanien nicht bedeckt mit Sägemühlen, die alles beschäftigen, was seine Holzaxt führt?
      Reisegeld! rief der Zimmermann, und das Wort traf in seiner baren Bestimmtheit so schlagend die einfache Situation vieler andern, daß man es augenblicklich nachhallen hörte: Reisegeld! ja, Reisegeld!
      Reisegeld ist immer zu haben, antwortete Benthal; wer es so entschieden sucht, wie ich es hier äußern höre, der findet es am Hafenkrahn, bei den Eisenbahnen, beim Kanalgraben, im Arsenal auf Brooklyn, mit der Handkarre, mit der Schaufel – wo und wie Sie wollen! Ich wüßte keine Sorte öffentlicher Arbeiten, welche nicht Taglöhner beschäftigte, soviel sich deren melden.
      Das Wort Taglöhner machte einen aufregenden Eindruck auf die deutschen Handwerker. Einige fuhren wild durcheinander, 
       andere scharrten mit den Füßen, manche schrien laut auf und schickten sich zum Weinen an bei der Nennung eines Wortes, das ohne alle Illusion eine desperate Lage bezeichnete. Ein Schmerzensausruf nach Deutschland erscholl, und einer nahm dem andern das Wort der Rückkehr vom Munde.
      Benthal ließ all diese Äußerungen eine Zeitlang ruhig gewähren, dann ergriff er wieder das Wort und sagte, als ob es nichts Besonderes wäre: Was die Rückkehr nach Deutschland betrifft, so habe ich eine Notiz darüber, welche von den Schiffsreedern, wie es scheint, in tiefstes Dunkel gehüllt wird, denn es wäre sonst befremdend, daß sie nicht allgemeiner benutzt wird. Es besteht nämlich ein Gesetz, welches jeden Schiffseigentümer verpflichtet, den Auswanderer, der binnen Jahr und Tag keinen Erwerb hier gefunden, an den Hafenplatz, von dem er gekommen, wieder zurückzuführen, und zwar unentgeltlich. Diejenigen nun, welche im äußersten Falle –
      Hier wurden die Worte des Sprechers unhörbar, denn die ganze Versammlung war wie elektrisiert bei dieser Mitteilung. Alles sprang von den Stühlen auf, als sollte es stehenden Fußes nach Deutschland zurückgehen. Der Zustand jedes einzelnen schien mit einem Male kopfüber gestürzt, jede Sachlage in ihr Gegenteil verwandelt, jeder gefaßte Entschluß unhaltbar, und nur der eine Gedanke lebensfähig: Rückkehr nach Deutschland. Wie ein ausfliegender Bienenschwarm entstand plötzlich eine äußerst lebhafte, ja tumultuarische Debatte in der Gaststube, und ihr Inhalt war – wenn in dem allgemeinen Durcheinander überhaupt sich ein Inhalt verfolgen ließ – daß jeder dem andern zu beweisen suchte, sein Erwerb sei unzulänglich, war es nie anders und werde es nie anders sein; kurz, er sei im vollsten Rechte, jenes Gesetz zu seinen Gunsten in Anspruch zu nehmen. Dazwischen wurde mit glühenden Farben das Leben in Deutschland geschildert, es stellte sich sonnenklar 
       heraus, daß man zu Hause das Beste verlassen und das Schlimmste dafür eingetauscht, man könne nicht schnell genug den Fehler gutmachen; ja, die hitzigsten Köpfe ließen sogar den Vorwurf hören, daß Benthal diese Nachricht all seinen übrigen nicht gleich vorausgeschickt, sie sei ja mehr wert als das ganze Amerika.
      Benthal versuchte ein paarmal zu Worte zu kommen, aber vergebens: er wurde der Aufregung nicht mächtig. Mit schwülem Aufatmen griff er sich an die Stirne, tat einen Zug aus seinem Glase und sah über das ordnungslose Element dahin mit einem Blicke, der halb dem verachtenden, halb dem erbarmenden Mitleid angehörte. Endlich gewann das Erbarmen die Oberhand, er sprang auf und griff mit folgender Ansprache mutig an sein Steuer.
      Meine Herren, rief er, da Sie sämtlich nach Deutschland zurückkehren, so erlauben Sie mir ein Wort des Abschiedes, denn wir sehen uns in diesem Falle wahrscheinlich zum letzten Male heute. Nach diesen Worten wiederholte er einen Zug aus seinem Glase, aber wenn je eine Kunstpause wirkte, so tat es diese. Es wurde plötzlich stille, man sah sich mit langen Gesichtern an, einige fingen zu lachen an. Diesen Moment ergriff Benthal, er setzte sein Glas ab und lächelte mit. Dann fuhr er fort: Ich muß notwendig lächeln, wenn ich mir vorstelle, wie Sie selbst nach fünf oder zehn Jahren an diesen Augenblick zurückdenken werden. Sie führen dann Ihre großen Firmen auf dem Bowery, haben Häuser oder ganze Straßen gebaut, befahren durch Ihre Aktien den obern See oder den mexikanischen Meerbusen, sind Schul- und Kirchenvorstände, Stadträte, vielleicht Deputierte und Gouverneure geworden, – denn das ist die Karriere des Deutschen: mit der Träne im Auge fängt er an, und mit der Million endet er. Seiner weinerlichen und verschlissenen Gestalt läuft heute der Straßenjunge nach mit dem Spottrufe: »ein Dutchman!« und nach zehn Jahren komplimentiert sich derselbe Straßenjunge mit einer Kandidatenliste 
       durch Ihren Klub, und spricht: »Die Deutschen sind die besten Bürger Amerikas. Wir empfehlen Ihrer einsichtsvollen und patriotischen Wahl – usw.« Tun Sie mir den Gefallen, meine Herren, denken Sie an den grünen Baum zurück und an den Rector magnificus, der Ihnen das wörtlich so vorhergesagt hat. Ist es möglich, werden Sie ausrufen, wußten wir nicht selbst, daß aller Anfang schwer ist, und braucht uns jemand den gemeinsten aller Gemeinplätze in Erinnerung zu bringen? Ja, es ist natürlich, so verkehrt es auch zu sein scheint: Reiten und Schwimmen lernen Tausende von selbst, aber Gehen und Stehen lernt jeder Mensch unter Anleitung.
      Möchten Sie das Glück, wovon ich spreche, in Tagen und Stunden erreichen! wer wünschte es aufrichtiger als ich? Aber wie schnell ist auch eine Handvoll 
      Jahre herum! Der Lehrling sieht sich als Geselle, der Soldat als ausgedient, der Gefangene in der Freiheit – Jahre sind kurz, wenn das Ziel feststeht, das dahinter liegt; ohne dieses wird auch ein Tag zur unerträglichen Last. 
      Glauben Sie an Ihr Glück, und es wird sich erfüllen. Was macht den Yankee groß? Daß er keinen Moment zu fixieren, sondern jeden zu überbieten strebt. Anders der Deutsche. Er liebt das Beharren, alles, auch das Schlechteste, wird ihm zum Ruhepunkte. Fragen Sie sich selbst, wie Sie dahin kamen, dieses kleindeutsche Kartenhaus festzuhalten? Ihre anfängliche Absicht war es nicht. Man wollte nur vorläufig beisammen bleiben, bis jeder seinen Weg gefunden hätte, aber dieses »vorläufig« wurde zur Gewohnheit. Man fand zwar seinen Weg nicht, aber doch einen winzig schmalen 
      Pfad, und der Deutsche ist ja genügsam. Auf diesem Pfad geht's nun dahin mit zerrissenen Kleidern und wunden Füßen: wer sein trocken Brot verdient, hört schon zu streben auf, ja er teilt noch mit dem andern, der es nicht verdient und der nun gleichfalls zu streben aufhört im gewohnheitsmäßigen Genüsse dieser Pension. »Bruder, ich 
       verlaß' dich nicht«, heißt es; aber es sollte heißen: »Bruder, wir verlassen uns selbst alle beide.«
      Das geht uns an, murmelte der Schriftsetzer dem Frankfurter Gärtner zu.
      Benthal faßte die beiden ins Auge, schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Ich nenne keinen Namen, aber ich verleugne auch nicht, wer sich selbst nennt. Allerdings, das geht Sie an, meine Herren. Herr Henning, metteur-en-page, absolvierter Gymnasiast, ein Mann, der nötigenfalls irgendeinen halblateinischen Humbuger von seinem Katheder jagen könnte, zieht den Ruhm der Bescheidenheit allen übrigen Erdengütern vor. Er findet sein Geschäft überfüllt am hiesigen Platze, feiert und hat die Selbstverleugnung – Wassereimer zu schöpfen in dankbarer Erwiderung der Verdienste, welche Herr Birk die Großmut hat, sich um Herrn Henning zu erwerben. Nun ist zwar Ziehbrunnenarbeit nicht die heilsamste Leibesübung für einen Menschen, welcher im letzten Stadium der Phthisis pulmonalis geboren zu sein den Anspruch macht, auch wird die Nützlichkeit dieser Beschäftigung nach einigen der heißesten Sommerwochen zu Ende gegangen sein: indes bescheide ich mich gerne, vorwitziger zu sein, als mir ziemt. Der Deutsche ist ja so unendlich reich an Hilfsmitteln – sicher ist das, was nach dem Ziehbrunnen kommt; noch immer origineller als meine dürftige Phantasie. Hat sich doch ein deutscher Offizier dem Glöckner an der Trinitatis-Kirche als Aushelfer für die Vergünstigung assoziiert, daß er die Sperlinge auf dem Trinitatis-Turm schießen darf. Von diesen Sperlingen lebt er!
      Der Schriftsetzer brummte: Was kann denn er dafür, daß auf dem Trinitatisturm nicht Truthühner nisten!
      Herr Birk selbst – fuhr Benthal fort – kam aus der Frankfurter Gemarkung, aus der Hochschule des deutschen Gemüsebaus, und wird mit Schrecken inne, daß die Gemüseschüssel keine Rolle spielt zwischen den Fleischbergen der hiesigen Tafel. Mit Not findet Herr Birk noch ein Stückchen 
       Sand, das ihm einer der wenigen und schlechten Gärtner hier in einen höchst pfiffigen Pacht gibt – so lange natürlich, bis der Grund verbessert und die Frankfurter Gartenkunst vom Yankee abgemerkt ist. Herr Birk hat sich nicht mit Unrecht die Frage eigen gemacht, was der Zweck dieses Daseins ist? Desungeachtet hat Herr Birk ausgesorgt auf diesem Sandparadiese – es liegt ja in Kleindeutschland! Freilich hat Herr Birk gehört, daß in Cincinnati eine gewinnreiche Blumenkultur floriert, daß ferner Cincinnati ein Hauptsitz der Deutschen ist und also ohne Zweifel auch guten Gemüsekonsum hat: aber – hier bedrängt uns eine andere Verlegenheit – Reisegeld! Das ist der Punkt, »der Unglück läßt zu hohen Jahren kommen«, wie Hamlet sagt. Zwar trete ich mit dem Rat hervor, Reisegeld im nächstbesten Taglohn zu verdienen – das heißt jedoch die große Alarmkanone abprotzen! Der deutsche Handwerksstolz ist empört bei dem Gedanken des Taglöhners, das deutsche Handwerk fürchtet an seiner Ehre zu freveln, wenn es Steine klopft oder die Schiffswinde dreht.
      Meine Herren! wir alle hatten einen Hügel, von dem unsre Eltern, Geschwister und Freunde zum letzten Male ihre Taschentücher schwenkten; auch wir knüpften die unsrigen an die Wanderstöcke, das wehmutsvolle Geflatter ging hin und her, wir glaubten nicht, daß es ein Ende nehmen könne. Als es aber doch zu Ende war, da rafften wir uns mannhaft empor, und nun hieß es tapfer: Deutschland ade! Wir versprachen uns, als neue Menschen die neue Welt zu betreten. Wie, meine Herren, halten wir so Wort? Wehen die verweinten Taschentücher noch einmal? Wo bleibt der herzhafte Abschiedsruf: Deutschland ade? Ha, sind wir Auswanderer, die nicht ausgewandert sind? Das verhüte Gott, meine Herren, denn dann wären wir die unglücklichste Bastardgattung von allen Gattungen des Tierreichs.
      Verstehen Sie mich recht, meine Herren. Sie haben keinen jener falschen Propheten vor sich, welche den perfiden 
       Gemeinplatz ausbreiten, der Deutsche müsse sich möglichst schnell yankeesieren, um sein Glück zu machen. Nichts weniger. Ich beschwöre Sie sogar: schärfen und schleifen Sie alle Spitzen Ihrer Nationalität wie ein chirurgisches Besteck und zerfleischen Sie jeden damit, der Ihnen zu nahe tritt. Ihren deutschen Tief sinn stemmen Sie entgegen der routinierten Flachheit, Ihr deutsches Gemüt der höflichen Herzenskälte, Ihre deutsche Religion dem trocknen Sektenkram, Ihr deutsches Persönlichkeitsgefühl dem herdemäßigen Parteitreiben, Ihr deutsches Gewissen dem Humbug und Yankeetrick, Ihre deutsche Sprache dem Mißlaut und der Gedankenarmut, Ihr deutsches Weinglas der Mäßigkeitsheuchelei, Ihre deutsche Sonntagslust dem Sonntagsmuckertum Amerikas. Das alles halten Sie fest; und hätten Sie bei Neufundland oder zu Sandy Hook bis zum letzten Faden Schiffbruch gelitten, Ihre deutsche Sitte müßten Sie doch gerettet haben, oder ich wünschte, Sie wären mit zugrunde gegangen. Aber eins werfen Sie über Bord, wie die ausgediente Matratze eines Zwischendeckbettes – die deutsche Handwerkspedanterie. Sie könnten den Amerikanern ebensogut Ihre Fleißzettel aus der Schule vorzeigen, als daß Sie versessen sind auf das Handwerk, worin Sie Ihr »Meisterstück« gemacht. Die europäische Zunft war nur eine Schule des Handwerks; die Schule ist durchgemacht und nun fallen die Zünfte in Europa selbst, um wieviel mehr in Amerika. Wissen Sie, was hier Ihr Handwerk ist? Jedes Werk Ihrer Hand. Die Sache hat hier ihren ursprünglichen Wortbegriff. Finden Sie Ihr Handwerk im gewohnten europäischen Stile hier – gut; wo nicht, ergreifen Sie das verwandte und vom verwandten wieder das verwandte, und durchlaufen Sie den ganzen Kreis wie eine Windrose, bis Sie den Punkt gefunden haben, auf dem schön Wetter wird. So kommt der Amerikaner fort; das nennt er »sein Leben machen«. Nur kein Leben auf halbe Diät! Überlassen Sie das den Kranken und Alten. Hier ist 
       man jung und gesund und verwandelt sich zehnmal des Tags, unternimmt alles und verzweifelt an nichts. Das erste Laster in Amerika ist die Zufriedenheit. Beharren Sie in keinem Zustande, der Sie nicht 
      ganz befriedigt. Hüten Sie sich überhaupt vor dem deutschen Triebe des Beharrens. Warum erschreckte Sie das Wort Taglöhner so außerordentlich? Weil Sie es mit deutschem Ohre hörten, weil Sie sich unwillkürlich ein Beharren in der Tagelöhnerei dachten. Behüte der Himmel! Taglöhnern Sie ein paar Wochen, bis einige Dollars erspart sind zu der nächstbesten Unternehmung, sparen Sie bei dieser ein größeres Sümmchen zu einer noch vorteilhafteren Geschäftsart, und fahren Sie so fort in diesem Staffelbau, es wird schneller gehen, als Sie denken. Vielleicht ebenso schnell, als ob Sie nach Deutschland zurückkehrten und sich in die alten ausgefahrenen Geleise wieder einkarreten. Abgesehen, daß Ihre Ansprüche auf jene gesetzliche Retourfahrt lange nicht so liquid sein dürften, als Sie sich vorzustellen scheinen. Wer aber ein wirkliches Recht daran hat, der mache es geltend – zum Scheine wenigstens –, denn der Erfolg wird dieser sein: der Schiffsmakler wird versuchen, Ihnen ein paar Dollars Abstandsgeld zu bieten, die nehmen Sie an, nachdem Sie so viel als möglich gesteigert haben, und nun haben Sie Reisegeld! Gehen Sie damit nach Pennsylvanien oder Ohio, und ich will »damned dutch« sein, wenn Sie dort die Arbeit nicht finden, die Ihnen hier versagt. Das ist der Gebrauch, den Sie von jener Mitteilung machen können. Ich wollte, Sie hätten dieselbe, anstatt teutonischen Rückwärts-Chorus anzustimmen, gleich selbst in diesem Sinne aufgefaßt; es wäre ein hübsches Zeichen gewesen, daß Sie vom amerikanischen Geiste bereits ein paar Tropfen Taufwasser empfangen. –
      Und nun, meine Herren, lassen Sie mich noch einmal Abschied nehmen. Nächste Woche finde ich vielleicht manchen von Ihnen nicht mehr hier, aber nicht weil er nach Deutschland zurückkehrte, sondern weil er nach Taglohn 
       aus ist – wenn ich mir's schmeicheln darf. Wer es immer sei, der sich zu diesem Anfang entschließen wird – er sei beglückwünscht! Und wer es nicht tut, der störe mindestens den andern nicht. Der Amerikaner achtet jede 
      Arbeit, denn keine ist ihm ein 
      Dienst. Diener und Dienstherr speisen an demselben Tische, und jeder spuckt genau in dieselbe Distanz vor sich aus – ein äußerer Gradmesser ihres inneren Selbstgefühls. Nur der Deutsche ist's, der seinen Landsmann mißachtet oder der sich selbst erniedrigt und verknechtet fühlt und kaum zum Tageslicht aufzublicken wagt, wenn ihn jemand mit der Schaufel in der Hand betritt, der ihn mit der Feder hinterm Ohr gekannt hat. Fluch diesem Unsinn! Fluch dieser Handwerksehre, welche Menschenschande ist! Ich speiste einst, meine Herren, bei einem Bankier in Deutschland. Es war mitten im Januar und wir hatten frische Erdbeeren und Pfirsiche zum Dessert. Aber draußen auf der Galerie weinte das kleine Töchterchen des Hauses und fragte mich im Vorbeigehen, ob ich ihr keine Brotrindchen zustecken könnte. Nach drei Tagen war der Bankier tot, und seine Leute begruben ihn schnell, damit die Giftflecke an der Leiche nicht zum Vorschein kämen. Das war deutsche Handwerksehre! – Mein Mr. Mockingbird hat mit einer Viertelmillion in Tran falliert und streift sich lustig die Hemdärmel auf, um rechts ein Bushel Zwiebel zu messen und links ein Rudel Schulrangen zu Paaren zu treiben – der Anfang zu einer neuen Viertelmillion. Und ich, der Rector magnificus, wie Sie sagen, helfe ihm Zwiebel messen und Schulkinder kämmen, da ich doch jede Professorenstelle am Harvard-College versehen könnte, – nur daß ich sie noch nicht habe. Das ist amerikanische Handwerksehre! Nichts ist so gering hier, womit man nicht anfängt, aber nichts so hoch, womit man nicht enden wollte. Der Deutsche macht's umgekehrt. Es ekelt ihm vor der seichten Stelle, wo Frösche laichen, er wagt sich aber auch nicht hinaus, wo Silberflotten segeln. Er kennt kein Fortschreiten 
       von einem zum andern, sondern ein hübsches Beharren in der Mitte. Meine Herren, das taugt nichts, und wär' es nicht schon so spät, ich würd' es eine Million Mal wiederholen: es taugt nichts! Diese freie Beweglichkeit, diese entschlossene Tatkraft, diese vollkommene Herrschaft über sich in allem äußern Handeln müssen Sie von Amerika lernen. Fürchten Sie deshalb nicht gleich, im Yankeetum aufgehen zu müssen. Sie können dem Yankee tausend deutsche Tugenden dafür zurückgeben und ihn ebensogut in unserm Volkstum aufgehen lassen. Das ist ja der Plan, den die Vorsehung mit der deutschen Einwanderung nach Amerika im Schilde führt. Die zwei reichsten Völker der Erde sollen ihr Kapital auf 
      einen Satz einlegen, ein Produkt soll entstehen, welches der beste Jahrgang im Weinberge der Menschheit wird. Der Amerikaner hält seine Hand über Meer und Erde, jede Muskel an ihm ist ein Königreich wert – er ist der Gott der Materie. Dafür hat er sich auch das Geistige vom Halse geschafft und Kunst, Wissenschaft und Religion in einer blechernen Formelbüchse getrocknet zum hastigsten Verzehr mittelst einer Kanne Teewasser. Der Deutsche kommt aus dem Lande der Waldvögel, der Dichter, der Universitäten, der Dome – er ist selbst ein lebendiger Dom, ein immerwährender Gottesdienst der Begeisterung. Aber er blieb auch unvollendet, dieser Dom, die Erde ließ ihn im Stiche, weil er ihr gradeswegs gegen Himmel davonlief. Wohlan, der rührige Yankee ist ganz der Mann dazu, diesen himmlischen Stummel auszumauern. Lassen Sie seine Winden und Hebel spielen an sich, aber während er nur »Maschinenarbeit in Akkord« zu machen glaubt, schlage das Wunderweben des Doms zu den farbigen Spitzbogenfenstern heraus, und Orgelton und Glockenklang und flammende Kerzen und beseeltes Bildwerk werfe den Zunder eines höheren Lebens in sein Herz, daß er vom Gerüst herabkomme, ausgebaut in seinem Innern wie Sie im Äußern. – Ja, meine Herren, halten Sie Ihre Nationalität fest: 
       Sie sind es dem Lande schuldig; aber fügen Sie ihr vom Yankeetum das brauchbarste Stück ein: Sie sind es sich selbst schuldig. – Gute Nacht, meine Herren, ich empfehle mich Ihnen. –
      Kleindeutschland saß noch lange um seine Lichter herum, als Benthal mit einem raschen Verschwinden zur Türe hinaus war. Vor der Türe aber fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und eine klangvolle Männerstimme sprach: Ich danke Ihnen für diese deutsche – 
      Tat!
    



      Siebentes Kapitel
      Benthal wendete sich dem Sprecher dieser Worte zu und erkannte denselben schneller, als es zuvor umgekehrt der Fall gewesen. Freudig erstaunt lüftete er den Hut, womit er sich eben bedeckt hatte, und erwiderte Worte wie diese oder ähnliche: Herr Doktor, die Ehre, Sie wiederzusehen, ist mir eine unschätzbare. Moorfeld antwortete lebhaft: Nicht so, mein Bester! Lassen wir diese Sprache, wenn's beliebt. Die Höflichkeit kommt mir vor wie die Mönchsschrift auf alten Pergamenten: sie erbaut, solang nichts Bessers da ist, aber man beseitigt sie, wenn ein guter Dichter unter ihr entdeckt wird. – Ich wette, Sie sind selbst Dichter, erwiderte Benthal auf dieses Bild. Moorfeld lächelte schalkhaft: Um Verzeihung! keine Wette ohne Gegenwette; aber eine solche wünschte ich nicht.
      Die beiden jungen Männer nahmen sich unter den Arm. Benthal behielt seinen Hut in der Hand, trocknete sich die Stirn und lüftete der geringen Nachtkühle ein paar Knöpfchen. Moorfeld sagte: Klopstock meint, die Unsterblichkeit ist des Schweißes der Edlen wert, ich möchte gerechter sein und es umkehren: der Schweiß der Edlen ist der Unsterblichkeit wert. Aber leider, daß der edelste Schweiß just am wenigsten auf die Nachwelt kommt! Darum bewundere ich 
       immer von neuem Männer wie Sie, welche die entsagende Größe haben, das Beste an das Vergänglichste zu setzen.
      In das Vergänglichste! wiederholte Benthal; – freilich! aber wer weiß denn, was vergänglich ist? Bis dieses Wissen kommt, handelt man im 
      Glauben an dauernde Erfolge. Das kann unter Umständen sehr lange währen. Der Glaube ist dann das eigentlich Unsterbliche an der Sache.
      Recht so! recht so! rief Moorfeld mit Wärme, der Glaube! der ist überhaupt alles! Er ist die größte Heldentat des Menschen. Ich werde nicht müde, das zu behaupten. Der Glaube ist der Vater der Menschheit; die Skepsis ist eine alte unfruchtbare Jungfer.
      Benthal warf einen besorgten Blick auf seinen Begleiter. Moorfeld bemerkte es und fuhr lachend fort: Seien Sie ganz ruhig, Bester. Ich bin weder Jesuit noch Kapuziner, noch Konsistorialrat. Von jenem Glauben ist ja hier nicht die Rede. Oder vielmehr von ihm nicht allein. Glaube ist Selbstgefühl. Ich frage keinen Tischler, was er glaubt: er glaubt an seinen Hobel. Ach, Europa wimmelt von Tischlern, die nicht mehr an ihren Hobel glauben! Darum ergriff ich Ihre Hand, weil ich Sie so imposant glauben sah.
      Benthal antwortete: Ach wohl! ich glaube wie jener Jude, der in Rom Christ wurde, der schlechten Christen wegen. So glaube ich hier an unser Volkstum. Wenn ich dem zerfahrenen Leben der Deutschen zusehe und wie eifrig sie sich ihren eigenen Untergang angelegen sein lassen, so möchte ich mir oft mit Glüheisen meine deutsche Haut vom Leibe brennen. Es ist ein Schauspiel zum Rasendwerden. Wenn ich aber erstaune, daß ihnen ihre Selbstzerstörung doch nicht gelingt, daß sie immer wieder lebendig vom Boden aufstehen, auf dem sie tot hingesunken; wenn ich die hiesigen Nativisten betrachte, wie sie im Besitze des mächtigsten Staatslebens der Erde Bollwerk um Bollwerk auftürmen gegen diese armen verlorenen Söhne; wie sie in ihrer Presse die raffiniertesten Gifte destillieren, um uns zum 
       Teufel zu befördern; wie sie mit offenen Judenverfolgungen in unsre Quartiere einfallen; wie unsre Fehler ihnen winzig dünken müssen, weil sie nur Herschel-Teleskope in Gebrauch nehmen, wenn davon die Rede ist; kurz, wie die eitelste Nation der Welt ihr Frösteln und Beben nicht los wird vor einem Menschenhaufen, der noch gar keine Nation ist; wenn ich mitten unter diesen Wahrnehmungen täglich aufstehe und mich niederlege: so härtet sich mir, wie im zehnfachen Feuer, die Überzeugung: es gibt nur einen Gott, und die Deutschen sind sein auserwähltes Volk! Für diesen Glauben könnte ich dann ebensogut spießen und braten lassen, wie Torquemada für den seinigen.
      Moorfeld sagte: Und Ihre Ketzer, glaube ich, wären noch etwas straffälliger. Ich hörte hier von schändlichen Proben des Humbugs. Kaum glaubt' ich sie, wenn ich persönlich nicht auch schon Erfahrungen über diese Galeerenmoral hätte.
      Eigentlich betrügt der reine Amerikaner nicht um der Beute willen, antwortete Benthal; kein Volk ist weniger habsüchtig und leichter geneigt, das erworbene Privatvermögen zu wohltätigen und nützlichen Zwecken der Öffentlichkeit wieder zurückzugeben. Seine Listen und Tücken sind's, die den Yankee nicht ruhen lassen, auch wenn er wollte. Er kann nicht leben ohne das Gefühl der Überlegenheit über andere. Diesen Kitzel befriedigt er im Guten wie im Schlimmen. Seine Beute ist nicht sowohl ein Raub, als vielmehr ein Preis; denn stillschweigend besteht im ganzen Volke eine beständige Wette, wer es dem andern an Kniffen zuvortut. Tropf, paß auf! ist die allgemeine Losung. Sie betrügen nicht, sie gewinnen nur die Preise ihrer ewigen Nationalwette. Sie sind mehr Schelme als Schufte. Freilich hat auch der gemeine, echte Betrug um so leichteres Spiel unter diesem Schutze der öffentlichen Meinung. Und wieder ist der böseste Betrug der Verzeihung gewiß, wenn er gegen den Deutschen geübt wird. Den Deutschen 
       herunterzubringen, ist gleichsam Nationalsache. Viel verzeihen sich die Amerikaner einander, was nirgends sonst durchginge; aber – leider darf ich es sagen! alles verzeihen sie sich dem Deutschen gegenüber. Es ist ein Deutscher! hat ihnen ungefähr die Bedeutung wie den alten Spaniern: es ist ein Moriske! Hier fehlt jede Grenze. Vor kurzem wurde in New York ein deutscher Familienvater erschlagen. Ein Amerikaner tat's, mit dem der Deutsche Wortwechsel hatte; aber die brutalen Seevölker wechseln überhaupt nicht Worte wie der denkende Deutsche: sie antworten mit Hieb und Stich. Der Mörder wird vor Gericht gezogen. Zufällig steht sein Name in der Klageschrift nicht ganz korrekt, der Beklagte sieht es und wendet dem Gerichtshof mürrisch den Rücken. Warum man ihn seine Zeit versäumen lasse, fragt er den Anwalt, hier sei eine Person mit einem Doppel-m zitiert, was gehe das ihn an? er schreibe sich mit einem einfachen. Vor dem englischen Gesetzbuche war das ein vollgültiges Argument. Der Beklagte wird freigesprochen. Eine neue Anklageschrift mit korrektem Namen ist nicht mehr zulässig, denn niemand kann desselben Vergehens wegen zweimal belangt werden. So geht der Mörder ungekränkt seinen Geschäften nach, alle Welt kennt ihn als solchen – aber was schadet das? Er hat ja nur einen Deutschen umgebracht! und in seinem Schul- und Kirchenvorstand bleibt er das respektable Mitglied, als hätte er ein Schwein von Cincinnati geschlachtet.
      Entsetzlich! rief Moorfeld; Sie haben diese Geschichte im besten Henkerstil erzählt: kurz und kalt, wie ein Fallbeil. Ich träume heute davon, vorausgesetzt, daß sie mich schlafen läßt. Und nach einer Pause fuhr er fort: Sagen Sie, zu welcher Schönheit blickt man hier auf, wenn die Erde ihre wüstesten Fratzengesichter schneidet?
      O weh, rief Benthal, Schönheit und Amerika! Aber Sie antworten sich selbst. Blicken Sie immerhin 
      auf, droben wohnt überall die Schönheit, drunten nie. Der Schwindelnde 
       macht's ja nicht anders: aufwärts sieht er, nicht abwärts, um sich zu halten. Darum haben sie auch die Sterne zu ihrem Banner gemacht. Sie errieten's instinktmäßig, ihre Erde hat weniger Schönheit, ihr Sternenhimmel wird dringender gesucht als irgend sonstwo. Ja, fassen wir's fest ins Auge: nicht was dieses Volk ist, sondern was es 
      bedeutet! Es bedeutet Höheres als Griechen und Römer, es bedeutet die 
      Weltfreiheit! Von einem andern Sterne gesehen ist nicht Rom, nicht Athen der lichteste Punkt unseres Planeten – Washington ist's. Amerikas Schönheit ist Amerikas 
      Idee!
      Das sagt' ich mir auch, als ich herfuhr, antwortete Moorfeld, aber ich komme hinter den Fehler meiner Definition. Die Schönheit ist nicht eine Idee, sie ist eine sinnliche Form. Die Idee wird nur vom abstrakten Geiste erfaßt; das ist eine Mühe, kein Genuß. Wie existiert hier das 
      Herz?
      Das Herz existiert nicht in Amerika, war Benthals Antwort.
      Das ist ja nicht möglich! Wovon leben denn die Weiber?
      Vom Putz und von der Bibel.
      Leider, Sie scheinen recht zu haben. Aber Sie – wovon leben Sie selbst.
      Von meiner Pauline.
      Gott segne sie! Es muß ein herrliches Mädchen sein, das Sie bei soviel Heldenkraft erhält. Ich bitte, erzählen Sie mir von ihr.
      Es war einmal ein schönes Mädchen. Ich habe erzählt.
      Klassischer Lazedämonier! Kleindeutschland hat Ihnen diesen Stil angewöhnt? Ein wahrer Pallisadenstil. Schroff, starr, Männer dahinter! Indes der Frühling fragt nichts nach Pallisaden. Brauchen Sie zur Freundin einen Freund? Sie haben sich ihn heute erworben. Dann aber – Herz um Herz! Gilt's?
      Benthal antwortete: Es hat gegolten, in jenem ersten Augenblicke schon, als Sie in Mr. Mockingbirds Schule eintraten. 
       Ihre ganze Erscheinung war mir ein Freimaurerzeichen, das ich zu beantworten dürstete. Ich bin stolz darauf, daß Sie das, was ich in Kleindeutschland zu wirken versuche, für meine Antwort halten wollen. Aber von Paulinen wollten Sie hören. Sie ist, wie Sie leicht schließen werden, keine Amerikanerin, sie ist eine Deutsche. Auf dem Auswandererschiffe wurde ich bekannt mit ihr. Und da es mir schwer werden dürfte, von einer so verschlossenen, nur in Taten sich äußernden Natur Ihnen ein Bild zu entwerfen, so will ich lieber das Geschichtchen dieser Bekanntschaft selbst erzählen.
      Sie finden den dankbarsten Zuhörer, antwortete Moorfeld.
      Benthal fuhr fort:
      Meine Geschichte spielt auf dem Verdecke des Kauffahrers, der mich von Havre nach New York bringt. Da zähle ich die Schritte auf und nieder, und sehe in das viele Wasser hinaus. Möven, Delphine, fliegende Fische und das übrige Etcetera der See ist die einfache Ausstattung der Szene. Bei heiterem Wetter kriechen aus Kajüte und Zwischendeck nacheinander all die wohlbekannten Gesichter hervor, die man täglich mit stiller Freundlichkeit, mit resignierter Geduld grüßt, indem sich jeder inwendig denkt: Ich wollte, ich sähe einmal was anderes. Unter den Passagieren der Kajüte wandelt dann mit ihrem stillen, sittigen Frauenschritt eine ältere Dame – unendlich ruhig, unendlich mild: wie ein Sabbat unter den Wochentagen. Spuren der feinsten Schönheit ihres Geschlechts verklären noch die zarten, blassen Züge der Matrone. Aber sie führt ihr einstiges Selbst lebendig an der Seite in einem jungen Mädchen von etwa achtzehn Jahren, welches seinerseits wieder ein Schwesterchen von fünf Jahren an der Hand führt. Beide Töchter sind das reinste Ebenbild der Mutter. Das ältere Mädchen hat braunes, schlichtgescheiteltes Haar, ein tiefes braunes Auge unter dämmerungsvollen Wimpern, ein edles Oval des Gesichts 
       und in ihrer ganzen Erscheinung einen so ergreifenden Ernst, daß mir, so oft ich sie einherwandeln sah, immer dieselbe Vorstellung zurückkehrte: ich sähe ein Mädchen zur Konfirmation gehen. Man kann die weibliche Modestie in keiner andern Personifikation denken. Ich sage absichtlich 
      Modestie, und nicht Bescheidenheit: das Wort mit seinen zwei breiten Diphthongen klänge ganz unmalerisch für diesen Charakterausdruck. Modestie muß es heißen.
      Wie artistisch empfunden! rief Moorfeld mit der Freude des Kenners, sagen Sie noch, daß Ihnen ein Bild schwer wird, ohne geschichtlichen Grund! Ein rein dichterischer Zug, eine Nuance voll Plastik!
      Ich bin kein Dichter, sagte Benthal mit einer gewissen Genauigkeit der Definition, ich habe nicht die Imaginationskraft, zu schaffen, höchstens, das Geschaffene zu empfinden. Aber Moorfelds Sympathie war in ihrem Kern getroffen, Benthal selbst hätte es nicht mehr ändern können. In Kleindeutschland hatte ihn Moorfeld achten gelernt, wie ein Mann den Mann achtet, dieser Zug befriedigte das Besondere in ihm, das Eigene. Er drückte unwillkürlich Benthals Arm brüderlicher an sich; dieser fuhr fort: Die Matrone verkürzte sich von Zeit zu Zeit die Langweile der Seefahrt mit Lektüre. Eines Tags sah ich sie mit einem alten Zeitungsblatt in der Hand an mir vorübergehen. Wie wurde mir, als ich, nach dem Kopfe des Blattes schielend, eine liberale Pfälzer Zeitung erkannte, an welcher ich unter dem bewegtesten Wechsel von Privat- und öffentlichen Geschicken ein Hauptmitarbeiter gewesen! Mein Blick mochte lebhafter, als er sollte, meinen Rapport mit diesem Stück Papier ausgedrückt haben, denn die Dame reichte mir es, zwar nicht als Neuigkeit, wie sie sich entschuldigte, aber solch kräftiges Stammholz halte sich lange, sagte sie, man schnitze sich jetzt erst mit gehöriger Andacht Reliquien daraus. Sie fügte dann zum Lobe des leitenden Artikels noch mehreres bei, aber ich unterbrach sie mit den Worten: 
       Madame, ein gewisses Gefühl sagt mir, daß ich Sie nicht fortfahren lassen soll, ohne Sie aufmerksam zu machen, daß hier von keinem Abwesenden die Rede ist. Der Verfasser dieses Artikels hat die Ehre, sich für Ihre Güte persönlich zu bedanken. Die Überraschung der Frauen war groß. Natürlich lag für mich die Aufforderung vor, von meiner Geschichte so viel mitzuteilen, als schicklich war, die erregte Neugierde von Damen zu befriedigen. Ich erzählte das Drama des Hambacher Festes. Meine Beteiligung daran verstand sich von selbst. Meine Flucht durch Frankreich und Einschiffung in Havre war eine Folge jenes Mißlingens. So stand ich an Bord des Auswandererschiffes. Als Gegengeschenk erhielt ich nun auch von den Verhältnissen der drei weiblichen Passagiere einen Abriß. Die Matrone war Witwe eines preußischen Beamten aus der Schule Steins. Die Vexationen der politischen Gegenströmung haben ihn aus der Aktivität gedrängt, vielleicht selbst seinen rascheren Tod mit verschuldet. Die nächste Verwandtschaft schien dem jenseitigen Lager so rücksichtslos anzugehören, daß es die verwaiste Familie bis ins Innerste ihres Privatlebens empfand. Die Matrone berührte den Punkt der Vermögensverhältnisse mit keiner Silbe dabei; doch hielt ich's für wahrscheinlich, daß sie namentlich auch hier viele Kränkungen erlitten und empfindliche Opfer gebracht. Mein Anerbieten, die Töchter im Englischen vorzubereiten, wurde mit ausweichendem Danke beantwortet; ich glaubte zu bemerken, daß es nach einem Gesetze entsagendster Ökonomie geschah. Leider verbot mir eben dieser Umstand die Anspruchslosigkeit meines Offertes so weit zu betonen, daß ich die Ursache jenes Verzichtes zu erraten schien. Das Vertrauen der Matrone war überhaupt nicht leicht zu beanspruchen. In der angeborenen Fähigkeit ihres Geschlechtes, mit dem schicklichsten Mute jene bebende Blumenscheu zu verbinden, welche schon vor der Berührung sich schließt, war sie wohl einzig. Was sagen Sie dazu, wenn der 
       Hauptgrund ihrer Auswanderung der Gedanke war, daß die Heilighaltung des Weibes in Amerika ihren Waisen einen besseren Schutz verspreche als in Europa? Ist es nicht großartig, eine ganze Nation zur Hüterin seiner Haussitte zu machen? – Indes – eine Art Bekanntschaft war immer eingeleitet, und wir begegneten uns jetzt nicht mehr auf dem Verdecke, ohne daß sich irgendein Gespräch anknüpfte. Eines Tages war von der Wortkargheit der Schiffsleute die Rede; ich bemerkte bei dieser Gelegenheit, wie eigentümlich mir's mit dem Kapitän ergehe: ich könne von ihm nur die geographische Breite erfahren, nie die Länge, unter welcher wir segelten. Meine Fragen nach der Länge seien ihm stets verdrießlich, aber sein Stillschweigen darüber mir noch verdrießlicher. Ich vergaß nämlich nicht, den Damen zu bemerken, daß nach den Längengraden der eigentliche Fortschritt der Fahrt angezeigt werde. Bald darauf kam ich aufs Verdeck und fand Paulinen allein oben, was wohl zuweilen, aber nur auf Augenblicke vorkam. Ich hatte bereits aus der Ferne gegrüßt und wollte nähertreten, da ging just der Kapitän an ihr vorbei. Er grüßte und blieb stehen, sie schien ihn mit irgendeiner Ansprache festgehalten zu haben. Es entspann sich eine Konversation, von welcher etwa folgendes in meine Nähe herüberscholl. Werden wir diesen heitern Himmel behalten, Herr Kapitän? – Es ist wahrscheinlich, mein Fräulein. – Was war das für ein Fisch, den Ihre Leute gestern harpunierten? – Ein junger Hai, white shark heißt die Art. – Die Matrosen schienen sehr erfreut; ist das Tier so kostbar? – Doch nicht, mein Fräulein, aber kleinere Fische einer andern Gattung begleiten ihn, und halten sich wohl auch in seinem Rachen auf; die haben prächtige Farben und schmecken wie die besten Forellen. – Die Tierwelt des Meeres scheint nicht weniger interessant als auf dem Festlande und noch viel reicher. Schade, daß man sie nicht in so bestimmten geographischen Grenzen überblicken und 
       behalten kann wie etwa die Regionen der Gemse oder des Rentiers. – Das möchte ich in vielen Fällen doch sagen. Wir kennen so ziemlich die Landschaften und Provinzen, um den Ausdruck zu gebrauchen, in welchen jede Gattung vorkommt. – Das sagt viel! Ich glaube, Sie sind auf Ihrem Ozean zu Hause, wie wir in unsern vier Wänden? – Das geschmeichelte Lächeln des Kapitäns machte einen breiten Riß durch sein muskulöses Gesicht. – Paulinen aber hörte ich fortfahren: 
      In welcher Länge z. B. segeln wir jetzt, Herr Kapitän? Der Seemann riß die Augen auf und maß das junge Mädchen mit einem verblüfften Gesicht. Er blickte auf dem Verdecke umher, gleichsam als suchte er die Quelle dieser gelehrten Frage irgendwo 
      außer der Fragenden. Zuletzt sagte er zögernd: Sie meinen doch von Ferro gezählt? – Ja, stotterte das Mädchen verwirrt, und wurde über und über rot. – Der Kapitän murrte ihr eine Antwort zu, die ich nicht mehr vernehmen konnte, und zog sich dann ziemlich brummig zurück. – Wir segeln im vierzehnten westlicher Länge von Ferro, berichtete mir hierauf Pauline, indem wir einander entgegengingen. Ich empfing das Wort, wie man eine süße verbotene Frucht empfängt. Ich ergriff ihre Hand, küßte sie und behielt sie noch in der meinigen, als ich sie schon längst geküßt hatte. Wir segeln im vierzehnten westlicher Länge von Ferro, wiederholte ich, – und klang mir das Wort nicht wie der seelenvollste Vers eines Dichters? Sie sehen, selbst die Mathematik ist nicht trocken, wenn – wenn es anders sein soll! So wurde ich mit Paulinen bekannt, schloß Benthal mit einer veränderten Stimme; – ich lehrte sie von da an Englisch, und sie lehrt mich: Amerika ertragen, wo möglich – es besiegen!
      Moorfeld ergriff die Hand des Erzählers, und drückte sie lebhaft: Ich danke Ihnen mit meinem ganzen Herzen für Ihr bereitwilliges Vertrauen! Noch liegt Kleindeutschland nicht weit hinter uns, aber um wie viel näher sind Sie mir 
       wieder gerückt! Wird einem doch erst recht wohl am Menschen, wenn man ihn heben sieht!
      Ich wenigstens, antwortete Benthal, erkenne meinen günstigsten Stern darin. Vielleicht säß' ich selbst unter der verirrten Herde Kleindeutschlands, schleppte in einem empfindsamen Tränensack das Hambacher Andenken herum und schliche als ein müßiger Schatten durch die Jahre der Kraft. Mein Glück hat mich bewahrt davor. Es zeigte mir schon im Ozean, wofür ich am Ufer ringen sollte. In jener Wüste von Ekel, Langweile, körperlichem und geistigem Siechtum, welche eine Unmasse von Auswandererkräften schon vorweg aufzehrt, und welche man eine Zwischendecks-Seefahrt nennt, – in diesen mattesten Jammertagen eines menschlichen Erdenwallens legte es seine Lunte an mich, und entzündete meine brennendsten Energien. Ein Glück nenne ich das, denn es ist das einzige, das den Namen Glück verdient. Nicht mit einem großen Lotterietreffer die menschlichen Kräfte zu pensionieren, sondern sie im rechten Augenblicke mit einem Ziele heißer Begehrung aufzuregen, das ist das Glück!
      Moorfeld erwiderte: Im Namen der europäischen Poesie müßte ich eigentlich Einsprache tun gegen diese Auffassung der Liebe. Sie erscheint wie ein Nützlichkeitsprinzip, wie eine dynamische Kraft nach Ihren Worten. Aber freilich sprechen Sie nicht von 
      der Liebe, sondern von einer Liebe. Uns lyrischen Luxusmenschen ist Liebe nicht Preis und Ziel eines Kampfes, sondern in sich selbst Kampf, ja, der Siedepunkt jenes Kampfes, welchen 
      Geist und 
      Natur (denn das sind ja 
      Mann und 
      Weib) in ihrer ewigen Gegensätzlichkeit miteinander auszukämpfen haben. Das ist eine heiße Bataille. Es ist etwas Dämonisches um die Liebe; was sag' ich, geradezu 
      Feindliches, auf gegenseitige Vernichtung Ausgehendes; aber darin hegt eben der Genuß; das ist die berühmte Süßigkeit der Liebe, daß sie eine Extremität bezeichnet, eine Affäre, wo's um den Hals geht. So versteh' 
       ich von Europa her die Liebe, wo man seine Kräfte hat, um den Himmel zu stürmen und die Hölle zu verdienen. Hier, wo es gilt, die Erde in Besitz zu nehmen, ist's freilich was anderes. Hier gibt's außerhalb Kampf genug; hier sind allerdings 
      Sie im Rechte, wenn Sie die Weiblichkeit als etwas Fertiges empfinden, als reine einfache Beseligung.
      Ich nehme Ihren poetischen Protest doch nicht ungern zu Protokoll, antwortete Benthal. Ach, so wohltuend ist die Erscheinung hier, die Sie lyrischer Luxusmensch nennen! Überhaupt macht der Europäer in Amerika den vornehmen Eindruck eines Grand-Seigneurs. Da ist so viel Überfluß, so viel Unnötiges, Unfruchtbares! Seine ganze moralische Landschaft ist wie eine Parkanlage; ein Sperling findet kein Kirschchen darin, aber ein Torquato Tasso die Stanzen des befreiten Jerusalems.
      Bravo, rief Moorfeld, einen Lorbeerkranz für dieses Wort! Ich glaube, Sie werden vollständig die Aufgabe lösen, die Sie unsern Landsleuten dort proklamiert haben: deutscher Geist, amerikanischer Arm!
      Ich möchte es versuchen, sagte Benthal. Ja, lassen Sie mich's machen wie der Ruderer: – das Ufer, dem er zusteuert, hat er im Rücken, wovon er abstößt, im Angesicht. Lassen Sie mich in Amerika anlanden, das Auge geheftet auf Europa und seine besten Vertreter. Er drückte seinem Begleiter die Hand.
      Was mich betrifft, antwortete Moorfeld, so bin ich fast in gleicher Lage, nur umgekehrt. Wir müssen notwendig miteinander gehen.
      Unsere neuen Freunde waren während dieses Gespräches wieder in der Nähe des Theaters, von welchem Moorfeld ausgegangen, angelangt; sie standen nämlich in dem Square an der City-Hall, welcher der Park heißt. In diesem Mittelpunkte New Yorks, von welchem nach Norden und Süden die große Schlagader der Stadt, der Broadway, auslief, fand sich Moorfeld vollständig orientiert. Er dankte für 
       das fernere Geleite Benthals, dessen Weg gegen den Ostfluß zu, so wie sein eigener westlich an den Hudson hinab, also in direkter Entgegensetzung auseinanderging. Die jungen Männer verabschiedeten sich hier und tauschten ihre Adressen gegeneinander aus zum Unterpfande fortzusetzender Freundschaft. Benthal gab die seinige mit den Worten ab:
      Es ist die Wohnung der Frau von Milden, meiner Schwiegermutter in spe, die ich Ihnen hier mitteile. Ich pflege meine freien Stunden dort zuzubringen, und wenn Sie es nicht verschmähen, der vierte in einem Bunde zu sein, der sich einander nicht kreuzigt und erdolcht, sondern bloß eine Partie Whist spielt, so ist Ihnen das Lorettohäuschen meiner Frauen, das ich sonst niemandem öffnete, mit aller Bescheidenheit auf getan. Gewissermaßen sind Sie ohnedies schon eingeführt dort, denn Ihr Besuch in Mr. Mockingbirds Schule war mir eine zu wohltuende, für Amerika zu seltene Erscheinung, als daß ich ihn nicht auch unter meinen Frauen gefeiert hätte. Ja, und sind Sie nicht der Ritter unsrer kleinen Malvine geworden, der Sie so freundlich aus der Not halfen, als sie auf einem Botengang zu mir sich verirrte, und von halb New York in Stich gelassen wurde? Unser Haus wird sich freuen, Ihnen zu danken, es war ein Ereignis in der kleinen Idylle! Das Kind fand seinen Weg sonst spielend zu Mr. Mockingbird, er ist auch kurz genug; aber damals war das arme Schneckchen ein Opfer der Politik geworden; es lief einem Straßenaufzug der Clay-Partei und seinen Fahnen und Standarten nach, da trieb es im Umsehen mitten in New York wie eine Bachforelle im Ozean. Die kleinste der Damen Milden ist nicht wenig liebenswürdig, wenn sie von Ihnen spricht – was sollen die großen dabei tun? Am Ende sind's doch die Kinder, welche den Ton angeben!
      Ich liebe die Kinder, sagte Moorfeld; in der ganzen weiten Welt sind sie's allein, zu denen ein uneigennütziges Verhältnis 
       möglich ist. Die Natur unterwirft man der Kunst, die Kunst eifersüchtelt mit der Natur – wir mögen uns stellen, wie wir wollen: unser Leben ist Neid und Verzweiflung. Das Kind allein ist weder tote, objektive Natur noch bewußte und überbewußte Menschheit: es hat zwischen beiden den rechten Moment, diesen Moment lieb' ich. Neben dem Gespenst, das den Menschen draußen abstößt und dem Gespenst, das ihn innen zerfleischt, steht es in der Mitte, – ein anziehendes und versöhnendes Gespenstchen. – Verlassen Sie sich darauf, ich werde meine kleine Eroberung nicht vergessen. – Mit diesen Worten händigte Moorfeld auch seine Karte aus.
      Die jungen Männer hatten sich eben getrennt, als Benthal, eh' er die empfangene Karte einsteckte, beim Lampenschein einen Blick darauf warf. Er rief den Hinweggehenden sogleich zurück und stellte ihm die Karte mit den Worten zurück: Um Verzeihung; ich habe hier keinen Dr. Moorfeld, sondern einen Herrn von –
      Moorfeld ergriff hastig das dargereichte Blättchen und errötete. Eine Verwechslung mit irgendeiner fremden Karte, sagte Benthal. – Sie irren, antwortete Moorfeld, oder scheinen zu irren. Es war mein eigener Name in Europa. Nach diesem Geständnis folgte eine Pause zwischen beiden Männern. Von Benthals Bescheidenheit war nicht zu erwarten, daß er um Aufklärung bitten würde, obwohl ihn allerdings eine gewisse Empfindlichkeit anwandeln mochte – nicht über dieses Inkognito, als vielmehr über die ungenierte Weise, womit es sich eingestand. – Moorfeld nahm endlich gegen Benthal das Wort: Sagen Sie, wie ward Ihnen zumute, als Ihr Name zum ersten Male von amerikanischen Lippen ausgesprochen wurde? Vielleicht wie einem Badenden, dem seine Kleider gestohlen sind. Es war ein heilloses Gefühl, wie? In Europa unter bekannten Verhältnissen bezeichnete Ihr Name einen gewissen Wert, wie die Ziffer auf einem Münzstücke: hier waren Sie eine Ziffer ohne das 
       Münzstück – Sie hätten ebensogut No. 20 heißen können. Ist es so?
      Ich kann Sie vollkommen verstehen, antwortete Benthal. Die alte soziale und ideelle Bedeutung hat man am andern Ufer abgelegt, und doch bringt man noch den Träger derselben, den Namen, herüber. Da ist's nun ganz eigen, den Namen zu hören und zu wissen, daß dabei nicht mehr gedacht wird, was sonst gedacht wurde.
      Sehen Sie! So trag' ich denn lieber einen angenommenen Namen für Amerika. Man kann ein und denselben Namen nicht zugleich unter Cottas Presse und in den Mund eines Waterclerks legen, der ihn mit seinem Kautabak ausspuckt. Das geht nicht.
      Benthal antwortete: Sie sprechen von Cottas Presse und ich muß mit Bedauern ahnen, daß Sie mir kein bleibender Freundesbesitz sind. Sie gehören also nicht, wie ich, mit Ihrer ganzen Zukunft dem Lande an? Sie treiben's mit dem Schweden nur zum Schein?
      Ich treib' es mit dem Schweden nur zum Schein! wiederholte Moorfeld mit einer Nachbetonung, welche eine Einkehr in sein innerstes Selbstbewußtsein verriet. Ein sonderbares Wort! Wie eigentümlich schicksalsvoll klingt es mir! Sie stellen mich mit dem Gemordeten von Eger zusammen?
      Benthal erschrak fast über den Eindruck, den er so zufällig auf Moorfeld gemacht hatte, und nahm wieder das Wort zu Ausbeugungen, aber dieser fiel ihm rasch in die Rede: Nein, nein, Sie haben nicht weniger als der Pappenheimer das Recht, Ihre Frage zu stellen, wie es Ihnen einfällt. Hingegen die Antwort darauf! Das ist's, was mich so wunderlich hier berührt. Die gleiche Polarität mit dem Manne, der zwischen Kürassieren und Sternen die ideale und reale Welt in sich verbinden will. Steh' ich nicht ebenso zwischen Europa und Amerika? Ist mir's bestimmt, in Prag eine Königskrone, in Eger eine Todeswunde zu holen? Ja, ahn' ich denn nur, in welcher der beiden Welten mein Prag, mein 
       Eger liegt? So habe ich in Ihrem Zitat eine jener Stimmen gehört, welche scheinbar von menschlichen Sprachwerkzeugen kommen, aber es sind keine Menschenstimmen. Sie faßte mich tiefer.
      In diesem Augenblicke kam auf dem Giebel von Astorhouse ein roter feuriger Rand zum Vorschein, – es war der abnehmende Mond, der in dieser späten Nachtstunde aufging. Benthal streckte die Hand aus und rief: Sehen Sie, da kommt unser Landsmann! Der Mond ist ein geborener Deutscher. Dacht' ich's doch! wo zwei Deutsche beisammen sind, kann er nicht ausbleiben. Ist das nicht ein Zeichen, daß wir verweilen sollen? Der Park bekommt jetzt erst seine rechte Magie und das marmorene Stadthaus dort mit seinen schlechten Verhältnissen die beabsichtigte Noblesse. Der Marmor ist überhaupt nur ein Stein für die Mondbeleuchtung. Und die Gedanken, die Sie da anregten – setzte er hinzu – die sind erst recht geschaffen fürs Mondlicht! Wollen wir sie nicht fortspinnen? Ich werde dringender, seit ich weiß, daß ich Sie verlieren kann. Bitte, sprechen Sie von sich selbst, wenn ich so viel eintauschen darf für ein Gespräch von Paulinen.
      Pfui! rief Moorfeld, man sollte die Geliebte selbst nicht im Scherze nachsetzen. Von 
      ihr zu hören, machte uns beiden Freude; aber mein Verhältnis zu Europa und Amerika? Freilich ist's auch eine Dame, es ist eine Sphinx! Die sagt mir nicht, in welchen Längen ich segle – sie gibt mir selbst Fragen und Rätsel auf. Schlimm, wenn ich sie nicht löse, und schlimm, wenn ich sie löse – ein König Ödipus! Doch Sie haben recht. Profitieren wir von dem späten Mondbesuch, es plaudert sich ganz hübsch zwischen Mond und fahrendem Poeten, es klingt so en famille! Gebt dem Dämmer, was des Dämmers ist!
      Die beiden Freunde faßten sich von neuem unter dem Arm und gingen in den Lindenalleen des Parks auf und nieder. Moorfeld begann: Als ich vor einigen Jahren anfing, 
       meinen Dichterberuf zu fühlen, überkam mich eine unermeßliche Unruhe. Ich sah um mich her und fand, daß unsre gesamte poetische Literatur das nicht ausdrückte, was sie ausdrücken wollte und sollte.
      Benthal machte eine überraschte Gebärde.
      Das fand ich, wiederholte Moorfeld. Ich fand mich in einen Hexensabbat geworfen, in einen Maskenball, die ganze Poesie kam mir vor wie eine verabredete Vermummung, eine Verräterei, eine Verschwörung, und auf mich war's gemünzt. Ich fühlte einen starken und eigenen Inhalt in mir, und die Masken huschten in antiken und romantischen Lügengewändern um mich her, und wie das munkelte, zischelte, flüsterte, so ward mir nicht anders, als sie wollten mich verleiten, zuzuhorchen, damit ich meine eigene Stimme überhörte. Es war ein unnennbares Gefühl. Ich bin verlegen, es Ihnen ganz deutlich zu machen. Denken Sie sich einen Musiker, der mitten in einem rauschenden Konzert einen eigenen Einfall bekommt. Von dem Augenblicke an spielt ihm das Orchester in greulichen Disharmonien. Mit größter Anstrengung hält er den eigenen Gedanken fest, es gelingt nicht, die äußeren Sinne überwältigen ihn, der Gedanke sinkt, er geht unter, schon vernimmt er ihn nicht mehr, da ergreift ihn die Angst, er springt auf, rennt was er kann aus dem Bereich des Orchesters – und zu glücklich, wenn nicht der Nachklang noch fortfährt, ihm seine innere Stimme zu verwirren! Das ungefähr war mein poetischer Erstlingszustand. Ich machte eiligst eine Skizze von meiner Melodie, warf sie in Cottas Briefschalter und rannte auf und davon nach Amerika. In der Stille des Hinterwalds will ich sehen, ob ich die Skizze ausführe. – Moorfeld fuhr fort: Ich sagte zuvor: unsre ganze Poesie drückte nicht aus, was sie sollte und wollte: das befremdete Sie. Ich bin Ihnen, wie es scheint, eine Erklärung darüber schuldig?
      Es interessiert mich, sie zu hören, antwortete Benthal. 
       Ich meine es 
      so, sagte Moorfeld: die ganze Literaturgeschichte zerfällt mir in zwei Perioden; die eine zähle ich von Homer bis Racine, die zweite von Racine bis in unbekannte Zeiten. Diese Perioden mögen Ihnen wunderlich dünken; in der ersten stehen z. B. die großen Gegensätze von antik und romantisch, christlich und heidnisch unberücksichtigt nebeneinander, – aber ich finde 
      ein Merkmal der Gleichartigkeit für sie: den Ausdruck des nationalen Inhalts. Homer singt seine Griechen, Cervantes seine Spanier, Camoens seine Portugiesen, Shakespeare seine Engländer, bis herauf zu Racine, welcher seine Franzosen singt. Das ist das einheitliche Moment dieser Periode – die Poesie der 
      Nationalität. Nach Racine folgt eine andere Periode – die Poesie der 
      Individualität. Recht schlagend für diese Einteilung mag ich zwei Engländer nennen – Shakespeare und Byron. Was wäre Shakespeare außer England, was Byron in England geworden? Nichts. Jener hatte die Nationalität, dieser die Individualität zu singen. Ihre Poesie ist in der Wurzel verschiedener als die von Virgil und Tasso. Sie repräsentieren die alte und neue Zeit 
      meines Begriffes. – In Deutschland hatten wir vor dem dreißigjährigen Krieg eine Nationalitätspoesie, aber sie wurde vergessen; desto ungestümer brach die Individualitäts-Periode an: – das war die Sturm- und Drangperiode. Man hat von einem Abschluß dieser Periode durch Schiller und Goethe gesprochen. Aber Sie sehen wohl, wie lächerlich das ist. Haben wir denn bis auf diese heutige Stunde schon einen andern Inhalt gewonnen als den der Sturm- und Drang-Periode – unser armes drangvolles Ich? Oder ist dieses Ich so versöhnt, in seinen tierisch-göttlich-menschlichen Widersprüchen so harmonisch gelöst, der Glaube so stark, das Wissen so weit, die Erde so himmlisch geworden, daß uns der Zustand von Sturm und Drang nicht länger mehr zukäme? Ich dächte! Als ob Faust nicht ein dissonierendes Fragment wäre! Als ob Wilhelm Meister nicht dadurch um die Pistole herumkäme, daß die 
       gesamte Weiblichkeit weniger preziös vor ihm tut als vor Werthers armen lechzenden Sinnen! Eigentlich hätte er sich aus entgegengesetzten Gründen erschießen müssen. Das Problem der erfüllten Sinnlichkeit und Sittlichkeit ist auch in ihm nicht gelöst, denn Mignon stirbt und ist eine Abnormität. Kurz, das Weimarer Ministerial-Reskript mit seiner griechischen Kontrasignatur war eben eine Regierungsmaßregel wie die meisten andern: sie drang nicht ins Volk, sie war ein Willkürakt des Einzelnen. Und als die Olympier mit ihrer erkünstelten Griechen-Harmonie schon längst Ruhe und Ordnung gestiftet zu haben glaubten, – siehe, da schlägt uns das unterdrückte Feuer auf einmal in einem englischen Lord zutage, und wir hören das alte markzerreißende Pan-Geschrei aus Werthers brünstigsten Tagen. Nichts ist abgeschlossen, seit Werther gar nichts; höchstens die Lotten heißen anders. Die Freiheit und die Notwendigkeit, das subjektive Recht und die objektive Pflicht kämpfen miteinander nach wie vor. Unsre Religion, unser Staat oder der Weimarer reflektiertes Griechentum haben die Ausgleichungsformel noch nicht gefunden.
      Die Weimarer haben die Sturm- und Drang-Periode nicht abgeschlossen, sondern bloß unterbrochen und verwirrt. Als sie von Werther und Karl Moor abfielen, fielen sie vom ganzen modernen Weltalter ab. Sie legten den Inhalt der Poesie aus der Individualität wieder in die Nationalität zurück; allerdings griffen sie nach der schönsten Nationalität – nach der griechischen. Aber es war immer eine willkürliche Wahl und andere konnten anders wählen. Das taten denn auch die Romantiker. Sie führten die Poesie in die indische, skandinavische, germanische, romanische, überhaupt in sämtliche Nationalitäten der Welt. Natürlich behauptet das Herz sein Recht, und selbst Münchhausen wird manchmal die Wahrheit sagen. So verriet sich im nationalen Kostüm gelegentlich das individuelle Herz. Aber sonderbar! bei solchen Gelegenheiten lachte man sich entweder 
       selbst oder gegenseitig einander aus: es war, als ob man sich die Löwenhaut verschoben hätte und das Eselsohr durchgucken ließe. Andere erkannten dann in dieser kleinen Zerstreuung wieder einen neuen Toiletteneffekt, wie der junge Heine, und gingen auf absichtliche Verschiebungen und Entblößungen aus, um jenes ironische Gelächter häufiger zu erregen. Wieder andere wären dagegen am liebsten in ihrer natürlichen Stürmer- und Drängerhaut einhergegangen, aber die Mode war stärker als ihre Courage, sie entstellten sich wie Hölderlin mit einer griechischen oder wie Heinrich von Kleist mit einer romantischen Fremdartigkeit und verdarben die wahre Dissonanz mit einer falschen. So wurde überall der Lüge kein Ende. In diesem Zustande fand ich unsre poetische Literatur, als ich zum Bewußtsein derselben erwachte, und darum sagte ich: sie drückte nicht aus, was sie wollte und sollte.
      Ich floh. Sollte ich meinen Beruf erfüllen: eine moderne Individualität rein auszudrücken – so mußte ich das manierierte Deutschland fliehen wie Byron das verrottete England. Warum ich eben nach Amerika floh, das allein bliebe mir zu erklären noch übrig.
      Es ist hier von den ernstesten Interessen der Menschheit die Rede. Sie dulden keine Frivolität, keine Übereilung. Man erschießt sich nicht, weil es hübsch knallt und ein wenig Lärm macht. Lotte kommt darum kein einzigmal weniger in die Wochen, es macht keinen bleibenden Eindruck. Unsterblich wird man nicht damit. Unsterblich ist nur das Leben, nicht der Tod. Das erkannten Schiller und Goethe, als sie die Partei des Todes verließen und sich fürs Leben erklärten. Ihr ewiges Verdienst bleibt es, daß sie mit Ernst und Würde nach dem suchten, was wir heute Weltordnung nennen. Die Beschränktheit ihres Zeitalters bleibt es, daß sie die Weltordnung nur im Reiche des Gedankens zu finden vermochten, daß sie auf eine absolute Trennung von Kunst und Leben antrugen und die Wirklichkeit preisgaben 
       zugunsten »des schönen Scheins«. Aber wenn wir ihren Fund nicht annehmen dürfen, so müssen wir doch von ihnen lernen zu 
      suchen. Diese Pflicht bleibt uns. Und wer möchte verkennen, wie sie sehr uns heute erleichtert ist, wie das Gebiet unsers Suchens heute ein viel weiteres geworden? Wenn die Lenze, die Hölderlins, die Stürmer und Dränger alten Stils am Leben verzweifelten, so war es das Leben ihres Schildas mit der Torsperre um acht, mit dem barschen Bürgermeister und dem süßlichen Stadtpfarrer. Darin gingen sie auf und unter, oder sie fanden im nächsten Schöppenstedt der Neuheit höchstens so viel, daß der Kirchturm rechts stand, statt links, und daß der Mühlbach nicht Schleien hatte, sondern Gründlinge. Das Deutschland, in welchem Werthers Pistolenschuß fiel oder Karl Moor Räuber warb, – und das Deutschland von heute sind doch verschiedene Welt Ordnungen. Es lehrt uns, daß der Unterschied von Ideal und Leben kein stehender ist, sondern ein wandelbarer. Wir sind dem Ideale näher gekommen. Das ist eine große Entdeckung, ein wichtiger Fortschritt seit Schillers und Goethes Jugendtagen. 
      Darum – und nicht weil sie griechisch gelogen haben, – sind uns ihre Jugendexzesse nicht mehr so leichthin erlaubt. Man muß nicht in das erlogene Reich der Schatten flüchten, man kann dem Ideale auf 
      Erden näher kommen. Diese Wahrheit zeichnet den Stürmern und Drängern von heute ihre neue Bahn vor. Sie wandern. Der Poet wird künftig Tourist sein. Er sucht das Ideal auf Erden, oder vielmehr er lernt die Realität gründlicher kennen, eh' er sie verdammt und zum Recht der Verzweiflung greift. – Byron ging nach Griechenland, ich nach Amerika. Er besuchte ein absterbendes Volk, ich ein aufblühendes. Ich glaube, den bessern Weg gewählt zu haben. Mag der große glänzende Lord ein beneidenswerteres Aufsehen erregen als ich, der kleine ungarische nemes-ember; eins habe ich vor ihm voraus: ein tieferes Gewissen. Es ist mir nicht um eine vorübergehende Emotion, 
       um eine nationale Rage zu tun, die nach dem Friedensschluß zusammenfällt wie ein luftleerer Schlauch. Nicht wie die Menschheit ihre Freiheit erkämpft, sondern wie sie ihre Freiheit täglich, stündlich, in Haus, Kirche und Schule gebraucht – das muß mir die Menschheit auf ihrem Gipfel zeigen. Darum ging ich nach Amerika. Hier sind die größten Maßstäbe, die weitesten Perspektiven, hier ist das Leben eine Wahrheit, und die Toten werden alle begraben, nicht bloß teilweise, wie in Europa. Hier ist die Werkstätte des Ideals. Soll ich unsern Rationalisten glauben, daß die Menschheit die Gottheit ist – hier mußte sich's zeigen, wo mit jeder Erfindung, mit jeder neuentdeckten Naturkraft Gottheit entbunden wird; soll ich unsern Liberalen glauben, daß der Vernunftstaat im allgemeinen Stimmrecht liegt und die geschichtliche Gewohnheit ein Fluch ist – hier mußt' ich's erfahren, wo ich Gesetze sehe, die der Millionär und der Schuhputzer des Millionärs gemeinsam gemacht haben. Hierher bracht' ich den Prozeß zwischen Ideal und Wirklichkeit, die Entscheidung über Leben und Tod in letzter Instanz. Hier ist die höchste Appellation in göttlichen und menschlichen Dingen. Mißlingt auch auf diesem Boden der Sühneversuch unsrer widerspruchsvollen Geist-Stoff-Ehe, 
      muß ich mich scheiden von Menschheit, Gottheit, Glaube und Liebe, und behält der teuflische Geist der Verneinung recht – wohlan, dann komm' ich zurück nach Europa, »und bin gescheiter als alle die Laffen«, die die Welt zertrümmern, weil ihr Röschen heiratet. Dann hab' ich mir meine Pistole, meinen Wahnsinn verdient wie ein Mann, nicht wie ein Knabe. –
      Hier ließ Moorfeld Benthals Arm los und verabschiedete sich rasch. Bitten Sie mir morgen abend eine Tasse Tee bei Ihren Frauen aus, rief er im Weggehen zurück, seinen Besuch so nahe rückend gleichsam zur Entschuldigung für diese heftige Trennung. Gute Nacht, Freund; damit verschwand er in der Richtung gegen das Post-Office hinab. 
       Benthals Schritte hörte er aber nicht sich entfernen; der Freund muß noch lange gestanden und ihm nachgesehen haben.
       
      Moorfelds Lebensgeister vermochten keineswegs die Ruhe zu suchen, als er in dieser späten Nachtstunde sein Zimmer erreicht hatte. Er lag noch lange im Fenster. Auf New-Jersey drüben flimmerte eine Villa in Illumination; der Bewohner mochte irgendein Familienfest feiern. Wie ein Busch voll Johanniswürmchen sah das Glück des reichen Mannes auf diese Entfernung aus. Ringsherum lag große, ernsthafte Nacht; die Baumanlage von Hoboken war eine majestätische Schattenmasse. Der Hudson rauschte, in der Finsternis doppelt breit, unter den Kielen der Schiffe hin, welche mit einer melancholischen Wachtlaterne an Bord schlaftrunken in ihren Piers vor Anker lagen. Man hörte in der Nachtstille das Plätschern der Wellen an ihren Flanken. Zuweilen durchschnitt auch ein Kahn die dunkelpolierte Wasserfläche, lautlos, mit umwundenen Rudern, sei's, daß er das nachtschleichende Verbrechen trug oder die nie ruhende Themis, dessen Verfolgerin. Unten im Süden, wo der Strom in die Bai übergeht, stand der Mond und umsäumte mit seinem vollen Glänze den Meereshorizont. Am äußersten Rande der Sehweite fand das Auge einen Ruhepunkt dort; ein dunkler Körper, anzusehen wie Harnisch und Gewaffen einer Heldentrophäe, lag großartig vereinsamt mitten im Meeresspiegel. Es war das Fort Gibson auf dem kleinen Eilande Ellis.
      In diese Nachtszene träumte Moorfeld hinaus, aber sein Inneres war abgezogen von ihr. Die Bilder des heutigen Abends gingen an seiner Seele vorüber. Ein toller Menschenhaufe mit Ratten und Hunden durchwirkt steht als dramatische Kunstgenossenschaft vor ihm – wie verblaßt 
       ist dieses übergrelle Bild schon! Der seltsame Engländer mit seiner Dogge, – Hoby, der Straßenjunge – ach, und mit diesem ein lichtes, lockendes Andenken – blast es hinweg wie ein Goldblättchen, jenes Mädchenbild von der Battery! Kleindeutschland breitet sich aus in seiner Stimmung. Diese Urne voll Nieten rauscht verhängnisvoll an sein Ohr. Unheimlich und doch wohltuend stellt sich dies Schicksalsgemälde vor ihn. Er sieht eine Reihe von Menschen, welche zugrunde gehen ohne moralische Schuld, bloß an der Unmöglichkeit der 
      Tat. Er fühlt lebendiger als je, wie günstig das Los des Sterblichen sei, dessen innerer und äußerer Zensus ihm erlauben, sich selbst zu vertreten, der in jedem Augenblicke an der Urne seines Schicksals das Votum einer ganzen und vollen Freiheit abgeben darf. Er freut sich des Gedankens an seine Ansiedlung; was Menschen so selten schätzen, schätzt er jetzt hoch, nämlich das Glück, daß überhaupt etwas möglich sei.
      Und nun Benthal! Der junge Mann ist ein Stück deutsche Arbeitskraft, das nicht unterzugehen verdient. Und doch – wer schützt ihn auf die Länge davor? Wenn Moorfeld mit weniger Poesie und mehr Wirklichkeitssinn die sonderbare Stellung dieses Propheten zu Kleindeutschland abwog, so mußte er sich fragen: was ist wahrscheinlicher? daß der gesunde Eine die kränkliche Mehrheit bewältige oder daß die Schwachen nach und nach den Starken sich einverleiben werden? Schien es doch jetzt schon, daß Benthals Adhäsion an Kleindeutschland eigentlich auf einer verhängnisvollen Verwandtschaft der Extreme beruhe! Es lag etwas nervöses, Ekstatisches in der Spannkraft dieses wackeren Ringers, das nicht bloß aufgeregte Manneskraft verriet, sondern zugleich einen gewissen weiblichen Zug des Charakters, ein reizbar-ungeduldiges, schmerzhaft-sehnsüchtiges Element, von welchem die Erweichung und Zersetzung dieses tüchtigen Kernes ausgehen konnte, wenn ihm nicht rechtzeitig Genugtuung ward. Und wer bürgte dafür, daß 
       der junge Mann seine tätigen und strebenden Kräfte nicht erschöpfte, eh' er sein Ziel erreichte und dann um so unaufhaltsamer die Beute der weiblichen Seite seiner Natur wurde?
      Wie, wenn Moorfeld diesem Retter auf dem Schauplatze seiner Taten begegnet wäre, um ihn selbst wieder zu retten?
      Es liegt etwas Herzerhebendes in dem Gedanken, auf eine Existenz außer uns bestimmend wirken zu können! Ja, der sogenannte egoistische Mensch datiert eigentlich erst von da an sein Glück, wo es ihm möglich wird, einem Mitgeschöpf die Richtung zum Glücke zu geben. In neuen Perspektiven erblickt Moorfeld jetzt seine Ansiedlung im Urwald. Welchen Sinn gewinnt ihm dieses Projekt! Sollte es nicht berufen sein, der Ausgangspunkt einer Existenz zu werden, die, einmal in ihrer Wurzel befestigt, gar nicht absehen ließ, in welchen Radien der Palmenfächer ihrer Triebkraft sich ausspannen wird? Können denn überhaupt die neuen Freunde sich je wieder trennen? Benthal, die positive, handelnde Natur mit ihrer tiefen Andacht für das Ideale, Moorfeld, der Idealist, mit seinem tiefen Bedürfnis, sich realistisch zu erfüllen, – begegnen sich diese zwei Charaktere nicht gewissermaßen typisch, und ist nicht die ganze Menschheit hergestellt, wenn sich diese Individuen ergänzen? Welche Wirkungen lassen sich hoffen aus den Anfängen eines so naturgemäßen Bundes! Wahrlich, es wäre auf diesem Boden nicht das erstemal, daß zwei junge strebende Männer Väter einer Stadt geworden sind. Moorfeld brauchte nicht einmal Dichter zu sein, um so weit zu phantasieren.
      Romulus und Remus! – Unternehme es, wer sich stolz genug dazu fühlt, die Nachtgedanken unsers Freundes zu Ende zu denken! – Solche Momente sind selbst für die Poesie zu groß. Die Poesie ist die Kunst des »schönen Scheins«, hier ist von schöner Wirklichkeit die Rede. Die Poesie ist die Sprache des Wunsches, hier winkt Besitz. Wir 
       können von dieser Stunde kein Gedicht unsers Freundes überliefern. Er dichtet nicht. Der Dichter besingt die Geliebte: am Brautabend verstummen die Hymnen.
      Moorfeld fühlt sich am Vorabend eines Unternehmens, das kein deutscher Dichter je vor ihm begonnen: kein deutscher Vers ist vorbereitet, sich zum Ausdruck eines solchen Inhalts zu erheben. Aber New York und die Rolle des Beschauenden reizt ihn nicht länger. Sein Gedicht ist: daß er unverzüglich zu reisen beschließt.
      In diesem Augenblick erlosch die beleuchtete Villa auf New-Jersey, welche bisher der Augenpunkt unsers nächtlichen Träumers gewesen.
      Moorfeld stutzte.
      Dann aber blickte er am Himmel aus, ob nicht das Licht des Morgenrots anbräche. – –
      Am Tage fand ihn Jack – das Bett unberührt – im Fauteuil eingeschlafen.
    



      Achtes Kapitel
      Moorfeld behielt von der Trunkenheit seiner gestrigen Nacht-Phantasien am ernüchternden Tageslichte noch so viel Bewußtsein, daß er sich heute mindestens vornahm, den neuen Freund über sein Projekt auszuholen. Denn das sagte er sich nach dem Ausglühen jenes dichterisch angeschürten Traumzustandes, daß es noch sehr die Frage sei, ob Benthal seine Stellung in New York überhaupt so hoffnungsdürftig, wie er selbst, betrachte, und die Stadt mit dem Urwald auch willig werde vertauschen wollen. Enthielt sich Moorfeld aller Überredung und versprach er gewissenhaft, wie es solche Fälle heischen, eher zu wenig als zu viel, so erstaunte er jetzt, daß er dem werten Genossen eigentlich nicht mehr zu bieten hatte als etwa einen freien Platz im Schiffe; Gunst oder Ungunst der Fahrt blieb immer 
       noch das Wagnis des andern. Freilich hielt er sich vor, daß ein tüchtiger Mann größere Unterstützungsmittel sich kaum bieten ließe, und daß das Selbstgefühl des Tatkräftigen nicht mehr verlange als der Grieche in seinem Δός μοι ποῦ στῶ 
      Gib mir, worauf ich fuße. oder Archimedes in jenem Punkt außer der Erde, von welchem er seinen Hebel an diese zu setzen versprach. Aber solch einen Punkt hatte Benthal in seiner Lehrstelle zur Not eben auch, es blieb also immer seine Geschmackssache, ob er von einem Hinterwälder-Blockhaus oder von Mr. Mockingbirds Volksschule aus seine Hebel würde ansetzen wollen. Diese Überzeugungen schlugen unsern Freund ziemlich darnieder. Er hatte sich den Gedanken an Benthals Genossenschaft so rasch und feurig eigen gemacht, daß dieser Gedanke, wie ein Gerüst nach dem Brillantfeuerwerk, heute noch fest stand, wenn auch ohne die magische Verklärung von gestern. Viel eher erwartete das Gerüst die Wiederholung des Feuerwerks als das Schicksal, abgetragen zu werden.
      Bei dieser Stimmung sah Moorfeld mit Ungeduld der Stunde seines gestern angekündigten Abendbesuches entgegen. Endlich brach sie an. Auf Flügeln eilte er fort. Doch, wir wollen ihm, wie er es im Geiste längst selbst tat, in Person voraneilen und uns um einige Augenblicke den Vortritt vor ihm herausnehmen.
      Im letzten Tagesdämmern finden wir uns in einer der einsamsten Straßen New Yorks – und außer dem Broadway und Bowery können sie sehr einsam sein, diese weiten Straßen New Yorks – wir finden uns in einer der Nebenstraßen des Winkels von Bowery und Grandstreet vor einem kleinen niedlichen Framehause von drei Fenstern Front. Es ist hellgelb angestrichen, hat grasgrüne Jalousien und ein paar Akazienbäumchen vorm Eingang. Der gewöhnlich holländisch-amerikanische Aufputz. Wir treten durch ein paar das Basement überbauende Stufen ins Parterre. Nach 
       hiesiger Sitte würden wir hier das Parlour finden. Aber in den Glücksverhältnissen der deutschen Mieterin ist weder von Parlour noch von Drawing-room die Rede. Im Parterre wohnt die Hauseigentümerin selbst, die pensionierte Witwe eines Seeoffiziers, der im letzten englischen Kriege gefallen. Wir besteigen demnach das Gestock. Dieses ist Frau v. Mildens Wohnung. Zwei kleine Zimmer und ein Kabinett bilden den bescheidenen Haushalt, welchen Benthal sein »Lorettohäuschen« nennt. Mit dem Geisterrechte, einzutreten ohne anzuklopfen und zu lauschen ohne erröten zu dürfen, stehen wir jetzt im ersten dieser Gemächer. Da es kein Bett enthält, würde es der Pariser einen Salon nennen; bilden wir uns also ein, wir stehen im Salon der Frau v. Milden. Es ist eine schweigsame Visite, die wir da machen. Eine summende Teemaschine erfüllt die vier Wände mit ihrer mystischen Sordinen-Musik; sonst regt sich kein Laut darin. Überblicken wir die Gruppe, die, »um des Lichts gesellige Flamme« versammelt, den runden Tisch inne hat und von einer Milchlampe, unter der Blende ihres Lichtschirms, beleuchtet wird. Es ist eine Gruppe von drei Frauenköpfen, welche auf den ersten Blick die Gleichheit des Familienzugs erkennen läßt. Es ist Frau v. Milden mit ihren beiden Töchtern. Die Gruppe befindet sich in dem Zustande jener vollkommensten Ruhe, in welcher der Künstler sein Modell zu beschauen liebt. Frau v. Milden heftet ihr Auge auf eine feinere weibliche Arbeit, eine von denen, welche den Gesichtsausdruck denkend beleben, aber doch die Sicherheit des Gelingens nicht beunruhigen. Ein zartes, sinniges Antlitz. Ein mädchenhafter Schmelz liegt auf diesen Zügen, eine nervöse Geistigkeit, welche es vor dem gemeinen Altern ewig bewahren wird. Die Spuren der Jahre sind in ihren Mienen zwar zu lesen, aber nicht in jener groben Runenschrift der sogenannten 
      Erfahrung, sondern nur in dem geübteren Ausdruck einer angeborenen weiblichen Intuitionskraft. Ihr gegenüber erblicken wir Pauline, 
       die ältere Tochter. Im Anschauen dieses Mädchens glauben wir erst die Jugendlichkeit der Mutter zu verstehen. Es ist die gereiftere Milde, von welcher die Matrone verschönt wird, man fühlt, die Mutter kennt den Umgang der Grazien, sie kann lächeln, sie nimmt das Menschliche menschlich. Der Tochter bezweifeln wir das. Es ist ein ergreifender Anblick dieses Mädchen. Die volle Strenge der Jungfräulichkeit. Ihr ganzes Bild ist in Ernst getaucht. Vor ihr steht der dampfende Teekomfort, sie hält eine Art vestalische Flammenwacht daran. Eine nicht zu bezwingende Innigkeit hegt in dem Blicke, womit sie – der Spiritusflamme zuschaut. Man erschrickt fast über so viel feierlichen Ausdruck inmitten der Alltäglichkeit, man sieht eine Seele, die kein Hauskleid zu tragen weiß. Benthal nannte sie die verkörperte Modestie; der Charakter hegt in dem Worte, aber das Wort ist noch seine Grenze nicht. Zwischen der Mutter und Paulinen bücken wir uns etwas tiefer zu dem dritten Frauenbild oder –bildchen herab und blicken der kleinen Malvine in ihr frischfrohes, sinnliches Kinderauge. Ihr petulantes Gesichtchen ist zu einem kräftigen Nachdenken angespannt, sie hat ein englisches Lesebuch vor und mag nicht wenig studieren. Auch diese Trägerin der leichtesten Blutwellen stört also die allgemeine Stille unserer Gruppe nicht. Frau v. Milden mit dem kleinen Mädchen nimmt die eine Hälfte des Tisches auf einem schmalen Kanapee ein; neben ihrer Schwester an der untern Seite hat Pauline Platz, an der oberen neben Frau v. Milden steht ein leerer Stuhl mit Manuskripten und einem Schreibzeug davor. Indem wir uns um den Inhaber desselben umsehen, entdecken wir die Umrisse eines jungen Mannes, der reglos am Fenster verweilt, halb von der zurückgeschlagenen Gardine, ganz aber von dem großen kreisrunden Schatten verborgen, womit der Lampenschirm die Mitte des Zimmers verdunkelt. Es ist Benthal.
      Die Ruhe, in welcher wir diese Gestalt verharren sehen, 
       ist es wahrscheinlich, welche auf die tiefe Stille im Zimmer zurückwirkt. Man wird ihn nicht stören wollen.
      Draußen aber am abendlichen Himmel hallt ein Gewitter.
      Benthal hat das halbe Fenster geöffnet (das amerikanische Fenster ist nur halb zu öffnen) und scheint in die Szenerie am Himmel vertieft. Pauline sucht ihn von Zeit zu Zeit mit einem Blicke jener zärtlichen Inspiration, worin sich nur die bräutliche Angehörigkeit zweier Personen aussprechen kann.
      Der Donner hallt näher, Blitze begleiten ihn, und rasch, wie Amerikas Wetter sich entladen, rauscht ein Platzregen nach. Die Luft ist still, aber wie sie vom Wasserstrom jetzt durchschnitten wird, fangen die Fenstergardinen lebhaft zu wehen an.
      Erkälten Sie sich nicht, Theodor, spricht Frau v. Milden bei diesem Ausbruch zu dem Träumer am Fenster hin. Es ist das erste Wort, welches ein langes Schweigen unterbricht.
      Benthal schließt das Fenster, d. h. nach der hiesigen Konstruktion, er schiebt es zu, den Frauen zugewendet aber antwortet er: Mama, wir hatten an der Rokolbank wohl andere Gelegenheit uns zu erkälten!
      Seitdem ist mir's eben gründlich verleidet, was man romantisch »den Aufruhr der Elemente« nennt, spricht Frau v. Milden zurück.
      Ich bewundere auch nicht den Aufruhr bei solchen Szenen, sondern die Ruhe, antwortete Benthal. Ich halte mir vor, daß auch die höchsten Winde und Wolken, von den fünfzehn Meilen unsrer Lufthöhe nur in den zwei untersten ihr Spiel treiben, und daß das heftigste Meer unter einer Tiefe von zehn Klaftern unbewegt liegt. So dünn sind die Platten, zwischen welchen wir unsre Eindrücke empfangen – und der Erdenwurm spricht von einer »empörten Schöpfung«!
      Wenn Frauenumgang bildend den Exzentrizitäten der 
       Männer steuert, so war's einer jener leisen, aber sichern Frauengriffe ans Steuer, als Frau v. Milden mit einer unschuldigen Stimme jetzt fragte: 
      Wie meinen Sie, Theodor? Sie strafte das Verschrobene, indem sie es nur zur Erklärung seiner selbst aufforderte.
      Aber Pauline hob einen bittenden Blick zur Mutter auf und sagte: Laß, Mama, wie sollte die Welt nicht klein werden, wenn es das Leben ist!
      Benthal wandte sich rasch um. Er sah das Mädchen verstimmt an. Pauline erschrak. In Benthals Blick erst ward ihr's bewußt, daß sie die harmlose Berührung der Mutter mit einer viel empfindlicheren pariert – und doch hatte sie nichts getan, als ihr tiefstes Verständnis für ein mitgefühltes Lebensweh ausgesprochen.
      Frau v. Milden schien das Mißliche von Paulinens Wort zu empfinden und redete Benthal ablenkend an: Wollen wir die Geschichte von Pennsylvanien für heute nicht in den Schrank schließen?
      Demütig sagte Pauline: Oder laß mich schreiben und diktiere du. Du konzipierst fließender, wenn der Kopf allein arbeitet.
      Das läßt sich hören, antwortete Frau v. Milden. Unser Baron – auf einen Blick Benthals verbesserte sie sich – unser Doktor Moorfeld, wollte ich sagen, kommt bei diesem Wetter ohnedies nicht mehr.
      Mama! rief die kleine Malvine halb trotzend, halb bittend.
      Du bildest dir doch nicht ein, wies die Mutter das Kind zurecht, daß man in solchen Wolkenbrüchen Visiten macht? Oder bist du so selbstsüchtig, dir zu wünschen, was andern Menschen Beschwerde macht?
      Aber der Doktor kommt doch, antwortete das Mädchen vergnügt, ohne einen Zug von Eigensinn.
      In diesem Augenblicke geschah ein betäubender Donnerkrach, ein jäher Windstoß riß in das Zimmer herein, 
       denn die Türe war aufgegangen und Moorfeld stand im Zimmer.
      Die Wirkung dieses Zusammentreffens war so schlagend, und Malvine jubelte so trunken, daß Frau v. Milden nicht umhin konnte, den vorausgegangenen Augenblick von Prophetie zu erzählen.
      Moorfeld nahm das kleine Mädchen beim Kopf und küßte es lebhaft.
      Die Herzhaftigkeit, womit das Kind es litt, glaubte die Mutter mit einer üblichen Neckerei rügen zu müssen. Sie sagte: Nun wirst du aber auch einen so schwarzen Ungarbart bekommen wie der Herr Doktor.
      Ach! replizierte die Kleine, da hätte Pauline schon längst einen blonden Ungarbart bekommen, so groß!
      Die Wirkung dieses naiven Kinderwortes und der vierfach variierte Ausdruck von der Verlegenheit der Erwachsenen wäre nicht wohl wiederzugeben, wenn nicht in demselben Augenblicke ein vernünftiger Donnerschlag der Familie die willkommene Veranlassung geboten hätte, zu erschrecken und zu überhören. Frau v. Milden ergriff überdies das Wort und bewunderte Moorfelds Ausgang bei diesem Wetter.
      Ich gehe oder fahre in solchem Wetter am liebsten aus, antwortete Moorfeld, ich kenne kein größeres Vergnügen als eine Platzregen-Promenade durch die eleganten Passagen einer Stadt. Wie wunderschön das herabklatscht in die lackierte und frisierte Puppenschachtel! Nennen Sie's nicht Schadenfreude. Es ist ein ästhetischer Eindruck. Es ist komisch und pathetisch zugleich. Ja, es ist der einzige Fall, wo vom Erhabenen zum Lächerlichen gar kein Schritt ist. Auch leide ich ja mit. Aber im Geiste bin ich dann gar nicht auf der Erde, sondern droben. Wie sympathisiere ich mit dem grauen Ungeheuer in seiner Vogelperspektive! Das kam über Land und Meer dahergerauscht, scheuchte den Bären hier, brach die Zeder dort, plötzlich hängt es auf ein 
       Stückchen Boden herab, wo der Pelz zur Pelisse wird, die Zeder zum Glockenturm, die Wildhöhle zur City-Hall – ein goldenes, zuckernes Ding, Stadt genannt, unter Glassturz zu stellen. Und nun die Fluten, die Blitze, die Orkane da drein! das erquickt! Da weiß man doch, wer noch das große Wort im Hause führt, die Glacéhandschuhmacher oder die Natur?
      Sie hatten eine heitere Überfahrt? fragte Frau v. Milden.
      Ja, das ist ein anderes, rief Moorfeld, indem er sich augenblicklich in diese Frage fand und ernsthaft ward; wenn Sie einen Seesturm erlebt haben, dann verzichte ich darauf, Sie für Sturmpoesie zu begeistern. Gott weiß es, woher die Dichter ihre prächtigen Seestürme haben, wahrscheinlich aus sonnigen Garten-Veranden, aus Kajüten nimmermehr. Herumzukollern wie eine Kugel im Roulett, auf dem Boden, an der Decke, in allen Ecken, Schwindel im Kopf, das jüngste Gericht im Magen, die Luken voll Seewasser, sämtliche Passagiere sprudelnde Fontänen – hinweg davon, auch im entferntesten Andenken! wir wollen dieser appetitlichen Teekanne ihren Beruf nicht sauer machen!
      Auf dieses Signal setzte sich die Gesellschaft zu Tische. Moorfeld konnte bald sehen, daß seine lebhafte unmittelbare Natur gefiel. Die Unterhaltung nahm einen frischen Gang, Wirt und Gast fanden sich schnell und angenehm ineinander.
      Im Flusse des hebenswürdigsten Beisammenseins hatte natürlich Moorfelds Frage an Benthal der günstigen Gelegenheit zu harren. Dieses diplomatische Apropos spannte ihn keineswegs unangenehm, nur war er nicht geduldig genug, es lange auszuhalten. Er suchte bald nach einem Anknüpfungspunkte. Beim Niedersetzen der kleinen Teegesellschaft war eine Mappe mit Manuskripten vom Tische entfernt worden. Moorfeld erinnerte sich an den Bäcker Sallmann aus Kleindeutschland und bat sich dringend aus, das Pamphlet zu hören, welches Benthal demselben versprochen, 
       wenn es dort vielleicht eben unterm Ambos liege. Aber die Mappe enthielt es nicht mehr. Benthal hatte es bereits geschrieben und in die Druckerei geschickt. Es beschäftige ihn ein anderer Aufsatz, erklärte er auf Moorfelds Bewunderung dieser raschen Tätigkeit, und wie er diesen ebenfalls gerne schon druckreif sähe, so treibe eines das andere. Moorfeld erstreckte seine Bitte natürlich auch auf Mitteilung dieses zweiten Artikels. Benthal machte Einwände und ließ sich lebhafter nötigen, bis er die Lektüre nach dem Tee zusagte.
      Der Name Kleindeutschland, der jetzt genannt worden war, gab Moorfelden die Gelegenheit, die er suchte. Er bewegte sich ein paar Augenblicke um dieses Thema, und wie im Vorbeigehen bat er dann den Rector magnificus, ob er ihm ein paar tüchtige deutsche Arme verschaffen könne – einen Zimmermann und einige Ackerleute; er denke nämlich ernstlich daran, demnächst seine Ansiedlung in Ohio zu begründen. Bei dieser vorläufigen Ankündigung hielt er inne und erwartete den nächsten Eindruck derselben.
      Der Eindruck war ein bedeutender. Zwar erwiderte Benthal das Geschäftsmäßige von Moorfelds Frage mit der rücksichtsvollen Fassung, die ihn nicht leicht verließ: er werde sich, sagte er, die Sache angelegen sein lassen, er hoffe jedenfalls die gewünschten Arbeitskräfte zu gewinnen; dann aber, – und er bedurfte einer Pause, um überhaupt weiter zu sprechen, – setzte er hinzu, diese Mitteilung überrasche ihn lebendig. Kaum erinnere er sich noch, daß das Wort Urwald flüchtig gestern genannt worden sei und mehr bildlich als eigentlich, wie es geschienen, es klinge ihm heute neu, und er habe gewaltige Ehrfurcht vor Moorfelds Gewissenhaftigkeit, der ein Land, um es zu studieren, gleich kaufe. Er sagte diese Worte mit immer wachsender Bewegung, die Frauen blickten ihn an und blickten dann sich selbst an. Auch ihnen, sah man, gab das Gehörte zu denken.
      Frau v. Milden tat – was in solchen Momenten das Taktvollste 
       ist – sie sprach die Bewegung, die vorhanden war, freimütig aus. Mit der richtigen Mischung von Gelassenheit und Anteil in ihrer Stimme sagte sie zu Moorfeld: Sie beabsichtigen eine Ansiedlung, Herr Doktor? Ich glaube es gern, daß es Herr Benthal überhört hat, er wird es ungerne gehört haben. Wenn man sich im menschlichen Umgang nur an eine Art Astronomie gewöhnen könnte! die Menschen wie Sterne zu nehmen; – sie kommen und gehen am Horizont, und man hätte das freie Interesse der Wissenschaft an ihnen. Aber das Gemüt will alles gleich festhalten und in Eigentum verwandeln: das ist freilich ungezogen. Ich fürchte, Herr Benthal wird Ihnen eine kleine Ungezogenheit dieser Art abzubitten haben.
      Jetzt war Moorfelds Augenblick da. Gnädige Frau, sagte er, seine Spannung unter einem Scherz verbergend, daß wir beide, Herr Benthal und ich, nur nicht jenen zwei Bettlern gleichen, welche sich im Dunkeln wechselseitig um Almosen angesprochen haben! Für Herrn Benthal setze ich hinzu: sans comparaison! für mich aber nicht. Ich fühle mich nämlich gerade jetzt einen rechten und standesmäßigen Bettler, daß ich nicht einen virginischen Grundbesitz kaufen kann, sondern höchstens ein paar tausend Acres. In jenem Falle würde ich zu meinem Sterne sagen: wollen Sie mein Intendant sein? in diesem darf ich höchstens sagen: wollen Sie mein Mit-Bauer sein? und, hier liegt der Bettler. Desungeachtet bin ich nicht blöde genug, es nicht wirklich zu sagen, wenn ich erst hoffen darf, daß es mir verziehen wird. Also: Herr Benthal, wollen Sie – 
      was sein? was, weiß ich selbst nicht. Sie wissen das besser als ich. Sie haben es gestern so schön gesagt, daß man in Amerika nur eins und ein einziges ist – ein Mann! Wohlan, will es dieser Mann statt mit Mr. Mockingbird mit mir und meinem Urwald versuchen? – Der Bettler hält Ihnen seinen Hut hin. Meine Hand, wenn Sie das Gold Ihrer Fähigkeiten dreinlegen wollen, steht Ihnen stets offen. 
       Diesmal blickten die Frauen nicht mehr auf, und selbst Benthal sagte mit niedergeschlagenem Auge: Es läßt Ihnen wohl, Herr Doktor, mit lachendem Munde Geschichte zu machen. Was Sie da sprechen, ist so wichtig, daß Prosaiker nicht ermangeln würden, es wirklich wichtig zu traktieren. Aber der höhere Mensch, welcher weiß, daß wir nur 
      beginnen können, und daß unermeßliche Schicksale weiter führen, was sich aller Voraussicht entzieht, der hat recht, wenn er seine Saatkörner auswirft wie Bonbons im römischen Karneval. Ihre Worte sind das Signal zu einer neuen Richtung meines Lebens. Sie sind ein Wendepunkt in einer oder mehreren Biographien. Daß die Wendung eine glückliche ist – wer möchte vor dem Gegenbild von Mr. Mockingbirds Volksschule daran zweifeln? Der Zweifel liegt hier anderswo. Ich sehe in Ihren Worten allerdings den Hut, den Sie mir hinhalten. Aber – soll ich was hineinwerfen, oder – soll ich was herausholen? Das ist die Frage hier. Es ist eine 
      Ehren-Frage. Reizend verwirrt, nehmen sich solche Fragen denn doch auch prosaisch gelöst nicht schlecht aus.
      Moorfeld verbiß sein Lächeln, er wußte wohl, was er für einen Charakter vor sich hatte, und war gefaßt darauf, daß ihm ein bißchen Metaphern-Spiel nicht so leicht durchgehen würde. Mit ganz verändertem Tone sagte er daher: Der Mann, der in 
      Hambach nicht gefragt hat, ob er in einem Kerker verfaulen wird, sollte in Ohio nicht fragen, ob er emporblühen wird. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich mute Ihnen nicht zu, die Ehre Ihres Unglücks an den nächstbesten hergelaufenen Freund zu verkaufen. Was Sie der Nation geopfert haben, darf Ihnen nur die Nation vergüten, und ich habe kein Mandat von Deutschland. Es ist nicht der Rede wert, was ich Ihnen biete. Ein paar Kornähren zur Nahrung, ein paar Schafe zur Kleidung und ringsherum starre Wildnis, das ist kein Lebensglück. Halten Sie es dafür, so setzt dieses Dafürhalten Ihr Verdienst, nicht das meinige. Sie denken dabei an Ihre große Produktionskraft, 
       welche die rohe Vorbedingung des Lebens erst in Lebensglück verwandeln muß. Und wahrlich, an diese Kraft dachte ich auch bei meinem Anerbieten. Ich bin der Krämer, der einem Shakespeare ein Buch Papier überreicht mit den Worten: hier, mein Herr, haben Sie die Unsterblichkeit, – sie tut sechs Pfennige. Der Wert meines Materials und der Wert Ihrer Arbeit liegt lächerlich weit auseinander. Ja, ob ich Ihnen selbst diese sechs Pfennige schenke, ist noch die Frage. Ich schenke sie aber nicht, sondern ich lege sie auf furchtbaren Wucher. Sie wissen besser als ich, daß ein Mensch hier viel, ein Grundstück wenig Preis hat. Um einen Kopf mehr gedacht, um eine Hand mehr gerührt auf meiner Farm, erhöht ihre Rente. Ich treibe Agiotage mit meiner Gastfreundschaft. Kurz, es ist hier von einem Kompagnie-Geschäfte die Rede; ich schieße das Geld dazu her und Sie ein Kapital, das Geldes wert ist. Ich bin Poet und ein schlechter Wirtschafter. Eine Strophe kann mich am Erntetag gründlicher beschäftigen als die ganze Ernte. Ein paar Kälber verkauf ich vielleicht zum günstigsten Preis nicht, weil mir die Zeichnung ihrer Haut gefällt. Fragen Sie nicht, ob ein solcher Wirt die praktische Vernunft zu Gaste bitten darf. Mein Einfall, Grund zu besitzen, konnte überhaupt nur auf der Hoffnung ruhen, daß das Glück seine Ausführung übernimmt. Besitzer von Gütern zu sein, ist ein Talent, so gut, als Besitzer von Ideen zu sein. Mir fehlt jenes Talent. Will ich Grund besitzen, so ist es 
      mein Vorteil, den Vorteil anderer daran zu knüpfen. Ich muß mich mit meiner Erde durch Prokuration vermählen lassen.
      Moorfeld hatte sich in eine Überzeugung gesprochen, die ihn des Sieges gewiß machte. Jetzt zog er sich wohlweislich auf sein Ziel, gleichsam wie auf eine Rückzugslinie, zurück, und sagte mit jener Mäßigung, die der Abschluß einer Sache ist: Ich gebe Ihnen gerne zu, daß Sie für den Augenblick noch kein klares Bild von dem Verhältnisse haben. Ich verlange daher auch Ihr klares unumwundenes Wort nicht. 
       Es genügt mir schon, daß wir uns in der Vorfrage orientiert haben. Auch ist meine Stimme nicht die einzige Potenz für Ihre Entschließung. Mit aller Ehrfurcht erkenne ich höhere Potenzen. Der nächste Stand der Dinge bleibt daher, wie er ist. Sie behalten Mr. Mockingbirds Schule; 
      ich gehe meinem Projekte nach auf eigene Hand und Gefahr. Ich reise nach Ohio. Ich sehe mich um, ich wähle, ich kaufe. Ich mache aus meinen Gedanken eine fertige Tatsache. Diese fertige Tatsache lege ich Ihnen vor, Sie werden Ihr Verhältnis zu ihr dann selbst finden. Sind wir aber soweit – 
      ein Wort für alle, liebster Herr, Sie lassen mich nicht sitzen! Sie bleiben selbst nicht sitzen in Kleindeutschland! Sie bringen mir die Besten Ihres Volkes mit, und den ersten rücken spätere nach und den wenigen mehrere, und eine Stadt zimmern wir uns auf, darin sind Sie Pastor primarius, Rector magnificus, Redacteur en chef, Kaufmann en gros und en détail, kurz, was ein Amerikaner in einer jungen Ansiedlung ist: eine indische Gottheit mit hundert Händen und Füßen. Ich aber verkaufe meine Acres um das Hundertfache und werde Millionär. Mit dieser passiven Rolle begnüge ich mich neben Ihrer aktiven. Darauf ziel' ich; daß ich es nur gestehe! ein freiwilliges Geständnis ist immer ein mildernder Umstand. Das sind meine Tendenzen. Freilich sollt' ich sie nicht am Teetisch enthüllen. Eine »Loretto-Kapelle« ist keine Börse. Was werden unsre verehrungswürdigen Damen denken! Ein Dichter ist angemeldet und ein Landspekulant kommt. Welch ein Abfall von gestern und heute! Sehen Sie, so schnell entartet die europäische Rasse in Amerika. Es ist Zeit, daß ich abbreche und von ganzem Herzen um Verzeihung bitte.
      Damit erledigte Moorfeld seinen Antrag fürs erste. Und wie nach solchem Thema nicht wohl ein leichterer Ton wieder anzuschlagen war, so erinnerte er sich jetzt rechtzeitig an Benthals zuvor versprochenen Aufsatz. Er zweifelte nicht, daß derselbe jenes Element enthalten werde, dessen 
       die Situation jetzt bedurfte: irgendein gedankenreiches Etwas, fähig, die Stimmung, ohne ihr Zwang anzutun, an ein neues Interesse zu fesseln. Er wiederholte daher seine Bitte. Aber Benthal war jetzt noch zurückhaltender, als er sich gleich zuerst gezeigt hatte. Man sah ihm eine große Verlegenheit an. Er suchte Ausflüchte, er behauptete, kein Augenblick ließe sich ungünstiger als der gegenwärtige wählen, die Lektüre sei ganz und gar nicht an ihrem Platze jetzt. Auf Moorfelds Befremden verriet er endlich soviel: es sei in jenem Schriftchen von Amerika etwas heterodox gesprochen; eine günstigere Meinung müsse sich notwendig davon verletzt fühlen; eine solche Dissonanz getraue er sich aber nicht zu verantworten, am wenigsten in gegenwärtigem Augenblicke.
      Moorfeld hörte diese Erklärung überrascht, fast betreten an. Er antwortete: Ich würde mich sehr mangelhaft ausgedrückt haben, Herr Benthal, wenn ich eine Vorliebe oder ein Vorurteil für Amerika an den Tag gelegt hätte. Man hält es für ein Land der menschlichen Vollkommenheiten in Europa, und darum macht' ich mich auf, es kennenzulernen. Das ist alles. Ich will es mir ansehen, wie ein Pferd, das ich kaufe. Daß ich die Neigung hätte, 
      absichtliche Täuschungen darüber festzuhalten, sollte ich, wie mir dünkt, mit keinem Worte verraten haben. Es wäre auch entfernt nicht der Fall. Abgesehen, daß der einzelne, bei der freundlichen Absicht mich zu schonen, den Andrang einer allgemeinen Enttäuschung doch nicht abwehren könnte von mir. Was Sie eine günstige Meinung nennen, hatte ich über Amerikas Stadtleben eigentlich nie, und meinen Glauben an die Urwalds-Poesie möchte ich eben auch nicht zu abstrakt kultivieren; ein wenig Bilderdienst wird ihn stets unterstützen müssen; warb ich doch soeben um einen lieben Heiligen für meine Waldkapelle! Nein, lesen Sie immer, ich bin wohl der Mann zu hören. Glauben Sie überhaupt nicht, daß die Poesie noch Täuschungen liebt. Die moderne 
       Poesie ist skeptisch. Eine Negation ist uns lieber als ein Wahn.
      Eine Negation ist uns lieber als ein Wahn! wiederholte Benthal – ja, dann darf ich lesen, rief er bestimmt, fast freudig. Seine Haltung veränderte sich augenblicklich. Hatte sie soeben noch jene ergebene, rücksichtsvolle Schüchternheit, die Moorfeld bei Mr. Mockingbird an ihm gefunden, so zeigte sie jetzt den mannhaften Auf blitz, die entschiedene unerbittliche Sicherheit, in der ihn Kleindeutschland kannte. Der Mann, von äußeren Lebenslagen in den Schatten gestellt, ging immer im vollsten Lichte, wo er auf dem Boden von Überzeugungen stand. Im Selbsterrungenen fühlte er sich.
      Er holte seine Manuskripten-Mappe. Moorfeld rückte zurecht. Frau v. Milden nahm wieder ihre Arbeit vor; die Mädchen räumten den Teetisch ab. Die Kleine machte ihre Sache flink und zierlich. Sie bot in ihrer Tätigkeit ein Schauspiel voll schicklicher Angewöhnungen; alles war Applikatur an ihr. Dabei hatte sie nichts von jenen Übergeschäftigen, die wir die Koketten der Häuslichkeit nennen möchten. Sie huschte hin und wider mit einer dezenten, fast dürften wir sagen, vornehmen Geräuschlosigkeit. Moorfeld beobachtete sie innig vergnügt. Nicht Malvine, Möve muß sie heißen, sagte er, als er ihr eine Zeitlang so zugesehen. Das Kind reichte ihm die Hand und lächelte ihn freundlich an. Sie schien zu glauben, er habe sie mit einem großen Ehrentitel beschenkt.
      Benthal hatte inzwischen einige Oktavblätter von seinem Postpapier aus seiner Mappe geholt und leitete jetzt seine Lektüre mit folgenden Worten ein: Eine der ersten Zeitungen New Yorks machte unlängst mit einem Leitartikel Aufsehen, welcher die politische und soziale Entwicklung Amerikas seit dem letzten Kriege behandelte. Der Haufe fand sich von seinem Sklaven, den er die freie Presse nennt, so maßlos darin geschmeichelt, daß der wirklich freie 
       Mann unwillkürlich in Opposition dagegen geriet. Ich will nun eben nicht sagen, daß dies 
      mein Fall war, aber ich fühlte doch mein Recht, die Sache auf meine Weise anzuschauen. Genug, die Gelegenheit war mir ein Antrieb, einiges von dem niederzuschreiben, was ich dem Lobredner mündlich entgegnet hätte; da ich aber gern Zwecke vor Augen habe, so schrieb ich gleich auf Postpapier und werde nun den Artikel, der die hiesige Lynch-Zensur doch nicht passieren würde, vielleicht an Cotta für die Augsburger Allgemeine schicken. Ich würde es als eine Art Sühne betrachten für unsre politisch-liberalen Schönfärbereien von weiland. Meine Hambacher Kollegen werden freilich wieder einmal Verrat wittern, aber – amicus Plato usw.
      Moorfeld nickte schweigend vor sich hin. Er saß still und in sich gekehrt. Benthal begann:
      
        Zur Beurteilung des Bestandes der nordamerikanischen Gesellschaft.
      
      Als ich vom Havrer Landungsplatze meinen Gang durch New York antrat, war die erste Neuigkeit, die mich anzog, ein riesiges Plakat an der Ecke der Greenwich- und Liberty-Street. Ein Verein, »the Workies« genannt, lud zu einer Generalversammlung ein. Was sind das für Leute? fragte ich zwei Bürger, welche vorübergingen. Tollhäusler! sagte der eine, ein Deutscher; Lichtzieher, die Präsidenten werden wollen, lächelte giftig der andere, ein Amerikaner. Ich aber pflanzte mich auf und studierte nun selbst das jener Einladung beigefügte Programm der Workies.
      Das Programm bestand aus Forderungen einer sozialistischen Arbeiter-Organisation. Die Sprache war ohne Schwung und prophetische Salbung, ohne das Kostüm des europäischen Ikarismus, sie war klar und einfach wie eine Möglichkeit. Und doch war es nichts Geringeres als eine jener Schuldforderungen der Besitzlosen an die Besitzenden, 
       welche mit dem Bankerott beantwortet werden. Sie klang aber viel eher wie eine fürstliche Kabinettsordre, welche Degradation verhängt. Sie sprach wie ein trockener Machtgebrauch, wie eine simple Pflichtübung. Es wurde mir sehr leicht, mich zu belehren.
      Was sind die Workies?
      Die Workies sind eine Verbindung von Arbeitern. Sie sind nicht nur in New York, sondern in allen größeren Städten verbreitet. Sie verfügen über eine gut redigierte Presse und über Straßenecken, soviel sie deren begehren. Kein Hausbesitzer wagt, ihre Plakate zu beleidigen.
      Was fordern die Workies?
      Die Workies fordern streng genommen nur eins: Gleiche und allgemeine Erziehung. Es ist falsch, sagen sie, wenn man behauptet, wir hätten keine privilegierte Aristokratie im Lande. Wir haben vielmehr die gehässigste Sorte derselben, die Aristokratie der Kenntnisse. Wir nennen sie die gehässigste, weil sie vor unsern Augen täglich und stündlich 
      wird und nicht im mildernden Dämmer der Geschichte 
      geworden ist. Jedes Kind, welches zur Schule geht, begründet sich eine Herrschaft über dasjenige, welches zur Fabrik geht. Der Arbeiter ist von der Gelegenheit höheren Unterrichts abgeschnitten, d. h. er ist von den höheren Staatsämtern ausgeschlossen. Die Staatsämter werden in der Tat unter eine kleine Klasse der Gesellschaft verteilt; diejenigen dagegen, welche die Kraft des Landes ausmachen, gelangen nie zur Aussicht, aus den Regierten unter die Regenten einzutreten. Das ist eine Unvollkommenheit. Diese Unvollkommenheit muß abgestellt werden, erklären die Workies, wenn die Freiheit eines Amerikaners mehr als ein eitler Schall sein soll. Sie erklären feierlichst, nicht eher ruhen zu wollen, als bis jeder Bürger in der Union denselben Grad der Bildung erlange wie sein Mitbürger. Eh' aber die Workies von diesem Programm die obere Grenze erreichen, begnügen sie sich (und das ist das Bedenkliche an der Sache) mit 
       der untern Grenze. Bis sie in höhere Bildungsregionen aufsteigen, ziehen sie die Gebildeten zu sich herab, wie sich denn schon mehr als eine Legislatur genötigt gesehen hat, Vermächtnisse ihrer 
      freien Bürger umzustoßen und Fonds, für Universitäten bestimmt, niedern Schulen zuzuwenden. Sagen die Workies doch ausdrücklich, und wir zweifeln, ob es bloß in der Blume gemeint ist, es verrate eine schlechte Volkswirtschaft, wenn die einen sich in Champagner baden, indes die andern schändliches Wasser trinken. Das öffentliche Vermögen müsse offenbar so verteilt sein, daß jeder Brandy haben könne. So umschreibt sich die Theorie von »demselben Bildungsgrad« in der Praxis. Derselbe Bildungsgrad wird, das ist klar, durch Degradation ebensogut erreicht, wie durch Avancement.
      Diese Logik haben denn auch die Reichen bewunderungswürdig schnell begriffen. Sie kommen den Workies durch ihren Zynismus entgegen. Zwar wählen sie Lichtzieher noch nicht ins Repräsentantenhaus, aber Repräsentanten haben sich doch schon beohrfeigt und angespien wie Lichtzieher. Das ist immer auch anzuerkennen. Und als Präsident Jefferson am Abende seines Lebens gefragt wurde, welche Staatsbeamten ein erfahrener Politiker für die tauglichsten halten würde, antwortete er: solche, die sich nicht betrinken. So hört man auch in den alten Staaten bejahrte Notabilitäten darüber klagen, daß sie nur noch von den englischen Traditionen zehren und das Grab der Bildung sich täglich erweitere. Zur Kolonialzeit hätten ärmere Bürger mehr Kultur besessen als jetzt die reichsten. Der Fremde geht noch weiter. Nicht nur der Abgang der Bildung ist's, sondern geradezu die Verachtung derselben, ihre offene Prostituierung, die ihn hier so schneidend verletzt.
      Moorfeld blickte auf.
      Hat nun der Einwanderer – fuhr die Lektüre fort – zum ersten Gruß ein solches Workies-Plakat gelesen, so ist das 
       denkende Wesen in ihm aufgefordert, und er reflektiert den Zuständen des Landes weiter nach. Die Tatsache eines amerikanischen Sozialismus ist so zerstörend in das Gewebe seiner Rosenträume gefahren, daß er jetzt erst mit wachen Augen um sich blickt. Und wie an dem Sommerhimmel New-Orleans ein Gewitter von allen Seiten zugleich aufsteigt, so schwärzt sich ihm jetzt der Horizont der Union an mehr als einer Stelle von drohenden Zukunfts-Gesichten. Aber noch kann er die Workies selbst nicht vergessen. Ist's auch nur ein Proletariat, das Präsident werden und nicht bloß satt werden will, so weiß er wohl: der Notschrei Lears um seine hundert Ritter und der schlesische Notschrei nach einem Mißjahre sind beide ein Notschrei. Die Not, die welterschütternde, treibt hier wie dort, und wer heute noch den Luxus bedarf, bedarf morgen schon das Bedürfnis. In der Tat: um dieses Heute und Morgen bewegt sich Europas und Amerikas ganze Differenzialrechnung vom Glücke. Darum wird man sich hüten, die Workies gering anzuschlagen. Man wird sich hüten, zu wähnen, es sei hier von einer jener unzähligen Parteien im Staate die Rede, welche sich in Gottes Namen gegeneinander reiben und »im feurigen Bewegen ihre Kräfte kundtun« mögen. Gewissen Organismen wohnt die Prädestination der Alleinherrschaft inne. Die Bauern in Latium waren nicht ein kriegerischer Volksschlag neben andern Völkern Italiens; sie wußten es gleich von vornherein nicht anders, als daß sie die Welt erobern würden. Die verachtete Sekte der Nazarener fühlte sich nicht etwa kollegialisch neben der Sekte der Sadduzäer, Pharisäer und Essäer: sie nannte als ihren Beruf – »hinzugehen in alle Welt«. So die Workies. Ihre Anfänge sind die geringsten, denn Amerika ist überwiegend mehr ein Ackerbau- als ein Industriestaat; ihre Zukunft dagegen ist die größte, denn der erste Blick auf die Oberfläche des amerikanischen Bodens zeigt uns einen so ungeheuren zutage liegenden Schatz von Kohlen und Eisen, ein so vortreffliches 
       System von Meer-, See- und Fluß-Bahnen, daß wir dem Lande wie an der Stirne seinen Beruf lesen: der erste Industriestaat der Welt zu werden. Bedenken wir dazu, daß die hiesige Bevölkerung in rascheren Proportionen als irgend auf der Erde zunimmt, bedenken wir ferner, daß der Geist nicht nur des heutigen Gouvernements, sondern die Nationaleitelkeit des ganzen Volkes nach der verhängnisvollen Ehre einer großen Industrie wahrhaft dürstet und das Unglaublichste leistet, um eine solche rasch möglichst emporzukünsteln: so werden wir nicht daran zweifeln, daß dieser unendlich mit sich selbst multiplizierte Kankrin sein Ideal bald und gründlich erreichen wird. Ja, auch Amerika geht den Zuständen entgegen, in welchen Millionen Existenzen von der Nachfrage um ein einziges Fabrikat abhängen; auch hier wird diese Nachfrage einem beständigen Schwanken unterworfen sein und das Pendel Reichtum und Überfluß auf die eine, Not und Verzweiflung auf die andre Seite beständig umherschnellen. Die Veränderungen der Mode, die Überführungen der Märkte, auswärtige Kriege mit ihren Absatzstockungen und Bankrotten, tausend Ursachen werden auch hier beständig unterwegs sein, große Menschenmassen ihres Unterhalts zu berauben und dem Hunger zu überliefern. Diese Hungernden aber werden – Souveräne sein! Wenn der europäische Besitz, ich will nicht sagen in der Waffenmacht, sondern in den Rechtsbegriffen der Besitzlosen selbst, eine Bürgschaft seiner Unantastbarkeit genießt und im ganzen genommen sich des 
      Gehorsams erfreut, so wird der amerikanische Besitz nicht berechtigt, sondern nur geduldet sein, und die Duldung wird ihm versagt werden, sooft sie Opfer erheischt. Der ganze Gesellschaftskontrakt zwischen Besitz und Arbeit wird in Amerika so lauten, daß die Arbeit mit dem Besitze zwar den Vorteil, nicht aber den Nachteil trägt; den letzten wird sie vielmehr mit der vollen Wucht eines agrarischen Spoliations-Systems der Gegenpartei aufladen. Ob solche Kontrakte 
       aber unter wahrhaft Freien eingegangen zu werden pflegen, und ob sie den Bestand, das Glück und den Flor der seltsam situierten Teilhaber verbürgen, das werden praktische Rechtsgelehrte besser als ich zu beantworten wissen. Die Geschichte wenigstens hat keine Beispiele davon. Das Schauspiel der Workies-Regierung wird beispiellos sein. Die Kämpfe der Gracchen erröten davor und flüchten ins Genre der Idylle.
      Im gegenwärtigen Augenblicke sind die Vereinigten Staaten vor revolutionären Erschütterungen vielleicht sicherer als irgendein Staat in der Welt. Sonderbarerweise schreibt der Amerikaner aber dieses Glück nicht dem Umstande zu, daß der größte Teil der Nation vorläufig noch Eigentum besitzt, sondern er hält es für eine Wirkung seiner »unverbesserlichen Konstitution« und bedenkt nicht, daß diese Konstitution eben nur für eine agrarische Bevölkerung mit Eigentum berechnet ist. Was »unsre unverbesserliche Konstitution« – »das unüberwindliche Bollwerk unserer Freiheit« – aber leisten soll, wenn der Hunger im Repräsentantenhause und der Bankrott im Senate sitzen wird, das verlangte mich den Geistern der Zukunft abzulauschen. Unter den Menschen habe ich mich vergebens umgetan, die wunderwirkende Kraft der amerikanischen Konstitution kennen zu lernen. Ich konnte nur sehen, daß sie ein Ding sei, welches allen wohlgefällt; bestrebt' ich mich aber, hinter die Ursache dieses Wohlgefallens zu kommen, so merkt' ich wohl, daß meine Bestrebung eitel Pedanterie war, denn der Liebenswürdigkeit muß man keinen Grund abfragen. Solch eine grundlose Liebenswürdigkeit ist die amerikanische Konstitution. Die Liebhaber derselben definieren sie, wie Liebhabern billig, auf die konfuseste Weise. Fragt man den Präsidenten der Vereinigten Staaten, worin das Wesen der Regierung bestehe, welche er mit so viel Ehre für sich und mit so großen Vorteilen für sein Vaterland verwaltet, so wird General Jackson antworten, sie sei ein 
       Gouvernement der Konsolidation, mit voller Macht begleitet, ihre Beschlüsse in allen Distrikten der Union durchzusetzen. Fragt man den Vizepräsidenten, so wird er das Gegenteil antworten: das Gouvernement sei nur konföderativ und rücksichtlich seiner Beschlüsse von der freien Einwilligung der Einzeln-Staaten abhängig. Fragt man Mr. Clay oder Mr. Webster, worin das Geheimnis ihrer großen âme incomprise, der Konstitution bestehe, so werden sie wahrscheinlich das Privilegium, den Handel des Landes nach Gutdünken zu besteuern und aus den Zolleinkünften Straßen und Schulen zu bauen, dafür ansehen wollen. Man richte dieselbe Frage an General Hayne und Mr. van Buren, und sie werden behaupten, dieses Gewaltsystem nach der einen und Protektionssystem nach der andern Seite hin sei eine Doktrine der beleidigendsten Tendenz und gehe aus einer nicht zu duldenden Auslegung der Konstitution hervor. Dennoch stimmen alle überein, daß diese Konstitution das höchste, deutlichste und fehlerfreiste Werk aller menschlichen Gesetzgebungen sei. Solche Mißverständnisse müssen sich offenbar schwer rächen. Nicht nur, daß die Konstitution unter diesen Umständen kein Bollwerk gegen Anarchie ist, so scheint sie weit eher noch ein Samen- und Treibhaus derselben. Und hier berühren wir eine andere Seite. Es wird gar nicht des sozialen Gärungsstoffes bedürfen, um das, was sich heute Union nennt, aufzulösen; politische Ereignisse können den Zerfall schon früher herbeiführen. In der Tat vergeht kein Jahrzehnt, daß nicht irgendeine politische Krisis die Vitalität der Union auf eine harte Probe stellt. Zur Zeit der Hartforder Konvention war Onkel Sam nahe daran, den Geist aufzugeben; vor anderthalb Jahren litt er entsetzlich am Carolina-Fieber. Und ist von letzterem Krankenbette nicht das tödliche Gift der Nullifikationslehre im Leibe zurückgeblieben? Kann man von einer Bundes-Einheit sprechen, wo jedes einzelne Bundesglied sich das Recht zuschreibt, die Beschlüsse des Ganzen 
       für seinen eigenen Teil unbefolgt zu lassen? Und kann man von der Vortrefflichkeit – was sag' ich? – nur von der notdürftigsten Zulänglichkeit einer Konstitution sprechen, wenn die übrigen Bundesglieder dem renitenten, oder wie es hier heißt, dem nullifizierenden Mitglied die Pflicht des Gehorsams aus dem Wortlaut dieser Konstitution keineswegs klar und unzweifelhaft nachzuweisen vermögen? Wären die Vereinigten Staaten eine gleichartigere Masse, so könnte man diese Lockerheit ihres Zusammenhangs noch ruhiger ansehen; man tröstete sich, daß die Notwendigkeit selbst die Stelle des geschriebenen Buchstabens suppliert. Diese Notwendigkeit aber war höchstens in den dreizehn Staaten vorhanden; in den heutigen sechsundzwanzig dürfte sie wenig mehr zu entdecken und bald wird sie gänzlich verschwunden sein. Die ungleichartige Masse wächst täglich über die gleichartige hinaus, was einst Organismus war, ist jetzt oder demnächst nur noch Aggregat, zusammengehalten von der 
      Einbildung, die durch die alten Traditionen noch genährt wird, aber verflüchtigt von dem Augenblicke an, wo die Interessen stärker sein werden als die Einbildung. Diese Betrachtung wird diejenigen aus einem süßen Traume wecken, welchen es das Herz erhebt, sooft das Sternenbanner mit einem neuen Sterne sich bestickt. Denn was sie für Machtzuwachs halten, erscheint jetzt als Beförderung des Zerfalls. Aber sie mögen sich's selbst sagen! Welche Verwandtschaft ist zwischen dem Franzosen in New-Orleans und dem Puritaner in Boston? zwischen dem Palmenlande Florida und den Eisblöcken in Maine und Vermont? Ja! schon die geographische Ausdehnung der Union protestiert gegen die Zusammengehörigkeit ihrer Bundesglieder. Wer wird auf die Dauer Deputierte von Archangel nach Madrid schicken? Und wenn die Union, wie es ihr Projekt ist, erst den stillen Ozean erreicht haben wird – was dann? Dann mag sie den Regierungssitz von Washington selbst an die zentralste Stelle, nach 
       irgendeinem bisher noch namenlosen Sumpf in Nebraska verlegen, sie wird eine Rotation um diesen Mittelpunkt, sie wird eine Zentripetalkraft von Maine und Kalifornien doch nicht erkünsteln können. Die Meridiane haben auch ein Wort dreinzureden. Man sage nicht, Petersburg und London müssen ebenso riesige Dimensionen ihrer Regierungsgebiete bezwingen. Rußland zentralisiert durch den Despotismus und den Schnee, England kolonisiert für den Abfall. Und wahrlich, Amerika geht diesen beiden Schicksalen zugleich entgegen. Mit dem Abfall bedrohen sich Nord und Süd schon jetzt, ist das stille Meer erreicht, so werden sich auch Ost und West damit bedrohen. Der Despotismus wird gleichfalls seine Entrepreneurs finden.
      Diese letztere Behauptung könnte die kühnste und in bezug auf ein so großes menschliches Ideal wie Amerikas Freiheit wahrhaft unsittlich scheinen. In der Tat wäre sie zu unverantwortlich als Räsonnement, man wird sie schon als Tatsache gelten lassen müssen. Die Anfänge dieser Tatsache aber sind da. Denn wenn wir die Ungleichartigkeit der amerikanischen Bestandteile nicht nur im allgemeinen betrachten, sondern, was für Republiken ein so zarter Punkt ist, sie speziell als Ungleichartigkeit der 
      Machtverhältnisse aufs einzelne anwenden, so finden wir die Tatsache, daß drei große westliche Staaten: New York, Pennsylvanien und Virginien, in Besitz einer Macht sind, wodurch sie in Wahrheit an der Spitze der Sternenbanner-Republik stehen, allen republikanischen Gleichheitstiteln ihrer Geschwister zum Trotz. Diese Macht ist freilich kein konstitutionelles Vorrecht, aber sie ist das natürliche Vorrecht des Reichtums, der Intelligenz, der politischen Erfahrung, kurz, materielle und moralische Macht. So sind jene Staaten ein Triumvirat, das die Angelegenheiten der Republik nur mit einem höflicher betonten: Roma locuta est 
      Rom hat gesprochen. entscheidet, sie sind ein politisches Rund für sich, das nötigenfalls nicht mit 
       dem Übrigen zu folgen braucht, wohl aber folgt das Übrige ihm. Was fehlt da noch zum Begriffe der Oberherrschaft oder des Despotismus? Wie groß ist der Unterschied, ob der Despot ein einzelner oder eine Provinz sei, ob seine Autorität mit friedlicher Instinktmäßigkeit anerkannt oder unter härterer Nötigung erduldet wird? Das Fehlende aber 
      kann, und was höchst wahrscheinlich ist, es 
      wird im Laufe der Zeiten auch noch hinzutreten. Denn wenn die soziale Revolution oder der politische Zerfall, wovon wir gesprochen, unter einer Reihe von Bürgerkriegen nun vor sich gehen wird, so werden die Generale dieser Bürgerkriege wohl nicht sämtlich Männer von Washingtons Tugend oder Mittelmäßigkeit sein. Militärdiktatur war immer der Steigbügel zur Monarchie und wie die genannten Staaten die besitzreichsten sind, diejenigen, die am meisten zu verlieren haben, so wird ihr stärkeres Interesse für den Frieden sie auch am ehesten geneigt machen, abzuschließen und unter irgendeiner Form, ich sage unter 
      irgendeiner ihr wichtiges Güterleben in Sicherheit zu bringen. Vielleicht, daß sogar schon die erste Panik über den Bruch der Union, über die Entzauberung ihres allmächtigen Talismans sie zur Beute des Usurpators macht. Derselbe wird ja ohnedies als Republikaner anfangen; er wird hier Protektor, dort Konsul, am dritten Orte Präsident heißen, er wird hier rascher, dort langsamer an seiner Krone schmieden, überall aber wird sie fertig werden.«
      Hier legte Benthal sein Manuskript nieder und sagte: An diesem Punkte bin ich einstweilen zu Ende mit meiner Lektüre, wenngleich nicht mit dem Aufsatze selbst. Ich werde im folgenden noch der Sklavenverhältnisse gedenken, die ich bei den Schlagwörtern Carolina-Fieber und Nullifikation im Kontexte noch zur Seite liegen ließ. Es gebührte diesem Thema eine eigene Ausführung. Es ist in doppelter Beziehung verhängnisvoll für den Staat der Union, nämlich erstens als religiös-humanistische Frage, 
       wobei der Norden die Bekämpfung des Südens als Gewissenssache führt; dann aber auch als national-ökonomische, wobei Sklaven- und Nicht-Sklavenstaaten dadurch feindlich zusammentreffen, daß jene für den Freihandel, diese aber für den Zolltarif interessiert sind. Ohne das Sallmannsche Pamphlet hätte ich diese Schlußstelle wahrscheinlich heute noch ausgeführt; entschuldigen Sie nun, daß Sie ein Bruchstück gehört haben.
      Bei Gott, ein 
      Bruchstück! rief Moorfeld unter der Last des Gehörten – Alles geht ja hier in die Brüche!
      Bei diesem Worte wendete sich Pauline an Benthal: Hast du nicht etwas zu streng geurteilt? fragte sie bescheiden. Moorfeld fühlte die ganze Aufmerksamkeit dieser Frage für sich. Er vergalt der Fragenden mit einem dankbaren Blicke. Aber des Mädchens Auge war niedergeschlagen, sie konnte seinen Blick nicht gesehen haben. Desungeachtet errötete sie.
      Benthal sagte zu Moorfeld: Nun, richten Sie den Richter! Wie passieren mir meine Negationen?
      Aber Moorfeld fuhr in seiner Ergriffenheit fort: Und 
      mich wollten Sie geschont haben! Herr, wie spannt sich Ihnen selbst noch eine Ader für das Land, über welches Sie so schreiben konnten?
      Weil handeln immer mehr wert ist als schreiben, antwortete Benthal, und in diesem Lande darf ich handeln.
      Dämon von einem 
      Manne! Aber ich begreife Sie doch nicht. Wie sagten Sie gestern? »Amerikas Schönheit ist Amerikas Idee« – »Washington bedeutet höheres als Rom und Athen, es ist das Kapitol der Weltfreiheit.« – Und das alles durften Sie sagen mit diesem Manuskript im Pulte?
      Wir bemerken wohl, antwortete Benthal, es ist hier nicht von der nächsten, sondern von der ferneren Zukunft Amerikas die Rede. Für unsre Zeiten bleibt die Sternenbanner-Republik das Kleinod der Welt. Amerika ist die Baumschule, in welcher die Freiheitsbäume Europas gezogen 
       werden; Amerika ist die große Zisterne, welche die Erde grün erhält in den Hundstagen des Absolutismus. Diesen Beruf habe ich im Auge, wenn ich spreche wie gestern. Von Amerikas 
      Gegenwart kann ich nicht groß genug denken. Seh' ich aber dunkler in Amerikas 
      Zukunft, so benimmt mir das nicht die Spannung meiner Adern, wie Sie sagen, denn in dieser Zukunft erblicke ich wieder eine andere Größe – unsre, die 
      deutsche Größe. Das nämlich ist meine Überzeugung und mein Wissen, wie ich von den Fingern meiner Hand, wie ich von den Haaren meines Hauptes weiß: dieses Amerika geht nicht zugrunde, bis Deutschland seine Stuart-Periode durchgekämpft, bis es seine Revolutionen, hinter welchen seine Einheit und Freiheit liegt, vollendet hat. Wie England ein Gefäß des äußersten Elends war, als es die Besiegten und Geächteten seiner Bürgerkriege an dieses Gestade warf, so kämpft Deutschland dieselbe Geschichtsperiode heute durch, so werden deutsche Auswanderer jetzt Amerika erfüllen und sich über die angelsächsischen herlagern als eine sekundäre über die primäre Schichte. Unser neunzehntes Jahrhundert ist das siebzehnte der Engländer. Deutschland zeugt von heute an keine andere Generationen mehr als Hambacher Jugend. Die erste, vielleicht auch die zweite wird unterliegen, aber die dritte, längstens die vierte wird uns jenen Zustand erkämpft haben, den in England 
      das Haus Oranien bedeutete. Und wahrlich, so lange kann ich warten. So lange soll deutsches Volkstum in dem Leben, das ich vererbe, lebendig bleiben. Oder wie? Was die deutschen Bauern Pennsylvaniens in tiefster Bewußtlosigkeit gewußt haben: deutsches Leben ein Jahrhundert lang festzuhalten, so festzuhalten, daß heute noch ganze Gemeinden von ihnen kein englisches Wort verstehen, das sollte ich mit dem begeisterten Bewußtsein deutscher Art und Bildung weniger weit tragend zu überliefern vermögen? Ich fürchte es nicht. Nein, ich werde ausdauern, Deutscher im Yankeetum, und 
       der Sturz, den ich diesem Mischvolke bevorstehen sehe, kann mich so wenig bekümmern, als uns das Los einer Ziege kümmert, die einen Jupiter groß gesäugt hat. Mag's dann hereinbrechen, wie diese Blätter zu prophezeien wagen, wir werden in den Bürgerkriegen der Union nicht zugrunde gehen. Deutschland wird seine Flotte schicken und seine deutsche Provinz Pennsylvanien sich zu schützen wissen. Was sag' ich: Pennsylvanien? Ganz Nord-Amerika wird deutsch werden, denn unsre Einwandrung stützt sich dann auf ein mächtiges Mutterland, so wie sich Yankee-Englisch auf Alt-England stützte. Aber was sag' ich ganz Nord-Amerika? Die ganze Welt wird deutsch werden, denn mit Deutschlands Aufgang wird England untergehen, wie Holland vor England unterging, und sämtliche englische Kolonien werden dann dem Deutschtume zufallen, wie die Franzosen in Kanada, die Spanier in Florida, die Holländer auf dem Kap und die Portugiesen in Indien den Engländern gewichen sind; die Wachposten der Kultur werden auf dem ganzen Erdenrund abgelöst und mit deutscher Mannschaft bezogen werden. Deutschland erwacht, und kein Volk der Welt behauptet seinen alten Rang, denn alle leben vom deutschen Schlafe und verderben mit deutschem Auferstehen.
      Und 
      ich heiß' ein Dichter! rief Moorfeld, als Benthals letztes Wort in diesem Ergusse verhallt war. Er trat ans Fenster und sah nach dem Himmel, der mit all seinen Sternen auf ihn zurückblickte. Das Gewitter war fort.
      In der Stube aber umfing die Gesellschaft jene tiefere Einigkeit jetzt, welche mit Wortumtausch nicht mehr gefördert werden kann. Moorfeld war voll von Benthals Charakterbild, das wie ein scharfer Abdruck in heißem Wachs von ihm empfangen wurde, die Frauen konnten nie aufgehört haben, den neuen Urwalds-Gedanken, der ja unmittelbar sie selbst anging, stillbildend weiter zu denken, Benthal endlich, um einen Freund reicher, einer Braut näher, auf 
       zwei Seiten, wie durch eine plötzliche Flankenbewegung, zugleich siegesglücklich, mußte am strömendsten bewegt sein. Alle fühlten einen Geist der Zusammengehörigkeit über sich verbreitet, der sich jetzt noch nicht aussprechen ließ, der aber nicht duldete, daß anderes ausgesprochen würde. Man konnte sich nicht mehr als Gesellschaft behandeln, man fühlte sich als Gemeinde. Bei dieser Stimmung trennte man sich für heute. Benthal ging nach Hause, und Moorfeld begleitete ihn. Es gefiel unsrem Freunde, daß Benthal und Pauline beim Abschied sich küßten, und nicht prüde genug dachten, die bräutliche Gewohnheit jeden Tages vor dem fremden Besuch aufzugeben.
      Die jungen Männer aber setzten sich nach ihrer Tasse Tee noch zu einer guten Flasche in Railroad-House. Wir bleiben nicht zweifelhaft über den Zweck dieser Einkehr, denn als sie an der Einmündung der Centre-Street in den Park sich verabschieden, hören wir die Worte hin und zurück: gute Nacht, 
      Bruder!
    



      Neuntes Kapitel
      In tiefen Gedanken wandelte Moorfeld tags darauf durch die Wallstreet, als ein Tilbury vor ihm anhielt und ein Kopf, ganz Stirn und Nase, wie ein Luft-Meteor in seine Träume hereinfiel. Guten Tag, Herr Doktor, soeben fahre ich zu Mr. Bennet; darf ich Ihnen die Hälfte meines Wagens anbieten? ich werde das Vergnügen haben, Sie vorzustellen. – Es war Moorfelds Logen-Nachbar von vorgestern, der seltsame Lord Ormond.
      Moorfeld erinnerte sich kaum noch des Begegnisses; – Kleindeutschland, Benthal, der Urwalds-Traum, ins unmittelbarste Stadium der Tat tretend, das alles erfüllte wie eine Welt für sich die achtundvierzig Stunden seit der Vorstellung des »Kapitän Ebenezer Drivvle«. Auch lehnte er 
       dankend ab, er sei auf einem Geschäftsgang zu seinem Bankier begriffen.
      Aber der Lord war nicht irre zu machen. Er sprang aus dem Wagen, den er selbst kutschiert hatte, warf die Zügel dem Bedienten zu und nahm Moorfeld unter den Arm, indem er ihm auseinandersetzte, wie notwendig er ihn heute vorstellen müsse.
      Der Mann hat wirklich einen Sparren, dachte Moorfeld bei sich; wäre der Engländer nicht jüngeren Alters gewesen, so hätte er fast geglaubt, mit dem nämlichen Sonderlings-Exemplar zu tun zu haben, welches, nach Graf de La Gardes Memoiren, auf dem Wiener Kongreß durch seine Sucht, vorzustellen und vorgestellt zu werden, eine Art Berühmtheit erlangte und dem Prinzen Ligny zu einem seiner unzähligen Bonmots Veranlassung wurde. Wenn sich Moorfeld ihm doch überließ, so geschah es nur, weil die Gelegenheit in der Tat keinen Aufschub gestattete. Der Engländer teilte nämlich mit, die Familie Bennet stünde auf dem Punkte, nach Saratoga in die Bäder zu gehen, und eben heute sei letzter Empfang in der Stadt, nachdem im Landhause drüben auf New-Jersey die große Abschieds-Soiree vorgestern stattgehabt. Das also war die beleuchtete Villa gewesen, welche ihm vorgestern in Stunden unaussprechlicher Phantasien vor Augen geruht! Zu jenem Wonnetraum seiner amerikanischen Zukunft hatte dem Dichter der Freund der Dichter wie zu einer Brautnacht die Fackel vorgetragen! Von dieser Assonanz des Zufalls fühlte sich Moorfeld seltsam angeklungen. Eine ganz neue Luftströmung ging durch sein Gemüt und änderte auf einmal das innere Wetter. In der Tat entschied ihn dieser Umstand. Er ergriff den dargebotenen Gedanken erst jetzt mit voller Lebendigkeit, wie einen freudigen, eignen Entschluß. Er zog dem Namen 
      Bennet gleichsam mit klingendem Spiel entgegen. Er folgte dem Engländer.
      Unterwegs ließ ihn aber ein Zufall bedenklicher Art seine 
       rasche Fügsamkeit fast wieder bereuen. Lord Ormond hatte seine Dogge bei sich, an die er schon im Theater so verwunderliche Ansprachen gehalten. Auf dem Hannover-Square begab es sich nun, daß das edle Tier Gesellschaft fand, und nachdem es mit seinem intelligenten Näschen eine sorgfältige Wappenprobe an dem neuen Standesgenossen gehalten, zu der Überzeugung gelangte, daß es die Würde seines Stammbaumes bei diesem Rendezvous nicht im geringsten kompromittiere. Man sah also eine Verbindung eingehen, welche den Freunden und Verwandten beider Parteien gewiß eine ehrenvolle gedeucht hätte, anders aber dem eigensinnigen Briten. Er rief seinen Hund zurück, faßte ihn sanft beim Ohr und sah ihm mit einem wehmütigen Blick Aug' in Auge. Ist das Ihre Aufführung, Omar? Erröten Sie nicht? Wie oft habe ich Ihr rücksichtsloses Betragen gegen Personen des anderen Geschlechts verabscheut! Empfinden Sie nicht das Unanständige Ihrer Galanterien? Sehen Sie mich an, Omar! Können Sie diesen Blick über sich ergehen lassen, ohne eine bessere Regung zu fühlen? Leichtsinniger! Sie werden meine Geduld noch erschöpfen. – Der Hund hörte diese zwecklosen Reden mit der ganzen Fassung eines unbefangenen Naturwesens, Moorfeld aber erschrak lebhaft darüber. Er schielte mit scheuem Blicke seitwärts nach den Leuten, welche anfingen stehen zu bleiben, und indem ihm der Reflex, der von der Tollheit seines Begleiters auf ihn selbst zurückfallen mußte, nichts weniger als gleichgültig war, sagte er zu diesem auf französisch: Lassen Sie uns gehen, Sir, dieses Volk scheint mir wenig imstande, den Humor Alt-Englands zu würdigen. Der Lord ignorierte die Begaffer mit der Sorglosigkeit des vornehmen Mannes, zu Moorfeld aber sagte er im Weitergehen: Pardon, Sir, ich möchte es nicht für Humor gehalten wissen, was ich mit dem jungen Omar spreche; mir gilt es den Ernst. Wie denken Sie von der Perfektibilität der Tierseele, Sir? Ich weiß nicht, ob Sie dieses Philosophem Ihres 
       speziellen Interesses zu würdigen pflegen, was mich betrifft, so tue ich es. Und um mein Bekenntnis über diesen Gegenstand abzulegen, so gestehe ich gerne, daß mir eine nicht zu umgehende Konsequenz darin zu hegen scheint, von der Bildungsfähigkeit der menschlichen Seele auf die des Tieres zu schließen. Denn wo, dürfen wir fragen, liegt die Grenzlinie zwischen der einen und der andern? In Wahrheit, man hat sie bisher noch nicht feststellen können; oder, um mich genauer auszudrücken, man hat eine Tatsache der Erfahrung, die nur nach einer Seite galt, irrtümlich für beide gelten lassen. Man schließt von der Tatsache, daß die Tierseele bisher nicht in dem Zustande der menschlichen Kultur erblickt worden ist, auch auf die Unmöglichkeit, daß sie diesen Zustand erreichen könne; aber man bedenkt nicht, daß man umgekehrt oft genug Menschen im Zustande völliger Tierheit vorgefunden hat, ohne daß es indes versucht worden wäre, auch in diesem Falle die Perfektibilität zu leugnen. Darin liegt eine Inkonsequenz. Diese Inkonsequenz nun sehen Sie mich in der Behandlung meines Omars aufheben, indem ich rückschließend also denke: Ist es möglich, daß ein Tier, welches der Jäger bald für eine Wildkatze geschossen hätte, nachträglich noch ein Mensch wird, bloß darum weil man es zum Menschen erzieht: warum soll, darf oder muß ich nicht vielmehr von dem Tiere, das wir hier vor Augen haben, gleichfalls erwarten, daß es durch Erziehung erzogen werden kann? Man zeige mir die Lücke in diesem Syllogismus. Nein, mein Herr! kann die Menschheit zur Tierheit verwildern, so kann die Tierheit zur Menschheit veredelt werden: dieser Satz muß notwendig gelten, wenn von Logik überhaupt die Rede sein soll. Aber gewisse Entscheidungen werden statt durch die Logik, durch unsern Egoismus gefaßt. Dahin gehört unsre ganze Behandlung des Tierlebens. Wir regieren die Tierwelt nicht loyal-konstitutionell, sondern mittels lettres de cachet. Weil der Stoff des Tieres uns zum Verbrauche dient, so 
       hütet sich unser Eigennutz, den Geist des Tieres in seinen verfassungsmäßigen Rechten anzuerkennen. Sie sehen wohl, es ist hier von Gewalt, nicht von Vernunft die Rede. Nehmen wir z. B. diese Union hier. Sie bedient sich einer unzähligen Menge von Menschenkörpern stofflich, indem sie die schwarzen Sklaven ganz so verbraucht, wie man ein Haustier verbraucht. Der Nigger ist Tier. Sie erweitert das Tierreich mit einer neuen Spezies. Umgekehrt wird die große britische Nation durch das glorreiche Beispiel der Sklaven-Emanzipation eine Tier-Spezies, um mich so auszudrücken, in die menschliche Gattung avancieren lassen. Da haben Sie die Wandelbarkeit der Grenzlinie, wovon ich zuvor sprach. Aber lassen wir das beiseite. Fleischesser mögen sagen, es ist 
      Notwendigkeit, den Tiergeist zu ignorieren, um den Tierstoff zu verbrauchen, Sklavenhalter mögen sagen, es ist 
      Interesse, die Nigger-Perfektibilität zu leugnen, um die Nigger-Haustier-Arbeit nutzbar zu machen: meinem Hunde gegenüber fallen diese Rücksichten weg. Ich will weder sein Fleisch verzehren, noch seine Arbeitskraft benützen, ich habe keinen Grund, das intellektuelle Wesen in ihm aufzuopfern. Der Jesuit Pater Bougeant hindert mich wenigstens nicht, indem er die Tierseele für eine Teufelsseele erkannt wissen will. Es liegt auf der Hand, daß sein System nur der Versuch einer Vermittlung zwischen dem Mißbrauch des Tierstoffes und der Anerkennung des Tiergeistes ist. Wir nehmen Akt von der philosophischen Seite seines Bekenntnisses und lassen die theologische auf sich beruhen. Ich behandle also meinen Omar als Geist. Ich ignoriere seine niedere Natur und wirke auf seine höhere. Ich wecke seine schlummernde und gebundene Sittlichkeit. Ich begegne ihm mit Achtung und werde dadurch seine Selbstachtung anregen. Kurz, ich verfahre mit ihm, wie man mit jenem Wilde verfährt, welches Wurzeln gräbt, Gras ißt, Vögel und Ratten jagt, unartikulierte Laute ausstößt, behaarten und zottigen Leibes ist, und welches man 
       doch nicht im Stalle, sondern im Boudoir erzieht, weil es nach Familien-Erinnerungen und Kirchenbüchern sich als eine Baronesse ausweist. Sie werden sagen, dem Tier fehlt die Sprache. Dieser eine Mangel stehe seiner Perfektibilität entscheidend im Wege. Aber fehlt die Sprache den Taubstummen nicht auch? In der Tat, Sir, sobald ich meinen Omar nur so weit gebracht habe, daß das Persönlichkeitsgefühl in ihm wach ist, so will ich es auch mit der Zeichensprache versuchen. Man hat zu Boston ein vortreffliches Taubstummen-Institut. Omar soll hin, denn ich zweifle nicht, daß der Direktor ein vorurteilsfreier Mann sein wird.
      Hier schwieg der Engländer. Moorfeld hatte diese ganze Demonstration mit jener Bewunderung angehört, die ihr nicht wohl zu versagen war. Er sann im stillen darauf, wie er sich der Einführung durch einen Mann entziehen könne, der nach dieser Probe offenbar die bête noire der Salons sein mußte. Aber schon hatte unser Paar Whitehall-Street quer durchstrichen und das Schmuckkästchen New Yorks, die Battery, tat ihre Pracht und Herrlichkeit auf. Die olympische Luft, die durch diese Park-Anlagen, durch diese Palast-Enfiladen voll geschäftsloser Ruhe und vornehmer Verschlossenheit wehte, goß alsbald ihren berauschenden Duft um die dichterischen Sinne unsers Freundes. Hier ist Mr. Bennet, sagte der Lord auf ein Haus deutend, das schönste des ganzen Quartiers, eine wahre Blume von Bauschönheit. Moorfeld erschrak mächtig, wie kopfhängerisch-trüb er sonst hier promeniert haben mußte, daß ihm diese Perle nicht längst in die Augen geleuchtet. Eine Begierde, eine Art leidenschaftliche Genußsucht hier einzutreten, ergriff ihn sogleich, die ihm über alles andere hinweghalf. Er dachte von dem Engländer jetzt mit einer gewissen Liberalität, seine vorigen Bedenken schienen ihm kleinlich, er beurteilte ihn auf einer Höhe, wo selbst der Narr berechtigt ist und die Tollheit nur für Sport gilt. Zu solch geistiger Vornehmheit erhob ihn der Anblick eines Gebäudes. Das 
       Haus hatte aber wirklich seinesgleichen nicht in allem Glanz seiner Umgebung. Es stand da wie ein Mensch, der nichts Gemeines denkt unter Menschen, die ihre Gemeinheit mit Gold bedecken. Seine Verhältnisse waren einfach, seine Ornamente schicklich, jede Linie mit dem Takte des Genies getroffen. Das Auge lief auf und ab daran und empfand nichts Störendes, nur Harmonie und höchste Idealität der Formen. Moorfeld fragte nach dem Baumeister – es war freilich eine Kopie des Palazzo Pandolfini-Nencini in Florenz und die geborene Kunstschönheit hatte den Plan dazu gemacht – 
      Rafael.
      Ein Reflex der untergehenden Sonne warf ein charakteristisches Schlaglicht über das Haus und die Ulmenpartie vor demselben und adelte den Anblick noch mehr. Moorfeld pries die gute Stunde, da er gekommen; sein Gefühl für diesen Besuch wurde immer voller, immer ahnungsreicher. So stieg er die geschliffenen Granitstufen der Freitreppe hinan, der Lord zog die Klingel, ein Neger in weißen Glacéhandschuhen öffnete. Wie befindet sich der junge Herr? rief derselbe sogleich die Dogge an, die ihm wedelnd entgegensprang. Er ist Eurer Gesellschaft überlassen, ich hoffe sie ist eine gute, sagte der Lord, worauf der Neger sich ernsthaft verbeugte. Aber Moorfeld hatte keine Zeit mehr, diesen Eintritt sich zu Herzen zu nehmen. Jetzt galt ihm's, von dem Hause, dessen Äußeres 
      Rafael war, das Innere in sich aufzunehmen, das 
      Bennet war. Er stand im Vestibül. Der Eindruck war ein vollkommener. Marmorboden, Marmorwände, Marmortreppen mit vergoldetem Bronzegeländer usw. verstand sich von selbst. Worauf es hier ankam, war das Wie? Moorfeld hatte manch reichornamentiertes Vorhaus gesehen, reicher als dieses. Im Hause seines Bankiers hüteten zwei marmorene Sphinxen den Eingang; ohne Frage ein prächtiges Ornament, aber die Sphinxen trugen blau und rot gemalte Schabracken. Andere Vestibüls waren mit Gold- und Lackfarben im Arabeskenstil ausgemalt, 
       aber leider hatte man auch die Pracht gemalter Fenstergläser über dem Haustore nicht missen wollen, und niemand fühlte, daß die einfallenden Buntlichter mit den inwendigen Malereien einen optisch-gräßlichen Krieg führten. Mr. Bennets Vestibül dagegen war einfach und nichts als dieses. Das Tageslicht transparierte durch milchweiße mattgeschliffene Spiegelscheiben, die Marmorwände waren glatt und flach, durch Nischen, Kannelierungen, Pilastern und Büsten nicht unterbrochen; das Vorhaus wußte, was es zu sein hatte, ein Vorhaus. Nur 
      eine Zierde besaß es, aber eine klassische; in der Mitte stand auf römischem Sockel – ein 
      Apollino. Selig blickte die Schönheit des nackten Gottes dem Eintretenden entgegen, Prüderie hatte den Anblick in keinem seiner Teile beleidigt. Moorfeld faßte den höchsten Begriff von dem Hausherrn.
      Der diensttuende Neger meldete die Gäste und öffnete die Flügeltüren des Parlours. Mit höherem Herzschlage trat Moorfeld über diese Schwelle. Es war das erstemal in New York, daß ihm die menschliche Fähigkeit der Pietät wieder in Übung gebracht wurde.
      Das Gemach, in welchem er jetzt stand, war ein Füllhorn von Reichtum und Kunst. Der Fuß versank in den Blumen und Blättern eines kostbaren Brüsseler Teppichs. Das Auge taumelte an den Wänden von Goldrahmen zu Goldrahmen durch einen Himmel italienischer Schönheitswunder. In Ottomanen, Fauteuils, Bergeren und Taburetts strahlten die Meisterwerke französischer Ebenisten und Tapezierer umher, von der Decke hingen zwei schwere, goldene Kronleuchter. Ein prächtiger Goldspiegel über dem Kamin und auf dem Gesimse des letztern eine Kopie der Danneckerschen Ariadne in Alabaster schmückten den wirtlichen Mittelpunkt des Salons. Das Tageslicht fiel durch gelbseidene Gardinen ein, welche in reichen Falten, von lanzenförmigen Haltern getragen, an den Boden herabflossen. Vor den Fenstern blühte in einer Art Glashaus ein kleines Schiras von 
       seltenen Pflanzen und Blumen, dazwischen hingen vergoldete Käfige mit Kanarienvögeln, ein noch seltenerer Luxus dieses vogelsanglosen Landes. Im Wandpfeiler zwischen den zwei mittleren Fenstern stand die Statue einer Diana unter einem Laubwerk von Efeu. Die beiden oberen Ecken des Gemaches nahmen zwei Scagliola-Tische ein, bedeckt mit Nippes und Büchern in Prachteinbänden. Der Farben-Grundton des ganzen Gemaches klang unter dem Reichtum dieser Ausstattung eben nicht übermächtig durch, die Tapeten schienen bronzefarbige Seide mit Golddruck.
      Dies war das rasche Totalbild des Saales, welchen Moorfeld im ersten Augenblicke nur flüchtig mustern konnte. Die Person des Hausherrn stand vor den Eintretenden.
      Der Engländer präsentierte seinen Begleiter mit dem Air eines Habitués: Doktor Muhrfield, ein literary gentleman aus Deutschland, Kunstkenner und –
      Selbst Künstler, ergänzte Mr. Bennet in eben jenem Charakter von Bequemlichkeit. Ich setze das voraus, Mylord, bei meinen verehrten Gästen aus Deutschland. In Deutschland entspringt der Geschmack an den Künsten aus der angeborenen Fähigkeit, sie auszuüben. Ein wunderbares Land, dieses Deutschland. Ich war in Wien in ein Kolleg eingeführt – ein Estaminet, das unsern irischen Brandystuben nicht unähnlich sah – aber da hießt es: dieser Herr hat die Ahnfrau gedichtet und jener Gentleman die Totenkränze und ein dritter den österreichischen Dialekt auf den Parnaß erhoben, und die Spitze von allen war ein kleiner unansehnlicher – Shopkeeper hätte ich bald gesagt, aber man nannte ihn Beethoven! In Stuttgart zog ich mein Wagenfenster auf, als ich durch die Friedrichstraße fuhr, aber im nämlichen Augenblick rief auch schon mein Begleiter: Sehen Sie da, soeben tritt Uhland aus jenem Hause. Mit dem ersten Luftzug hatten wir einen Dichter ersten Rangs geschnappt. In Weimar erwartet man nichts anders als eine Peerage von Genies; neben dem ehrwürdigen Goethe, den 
       ich noch zu sehen das Glück hatte, verschwinden dort Namen, die bei uns nicht Planeten, sondern Sonnen eines eigenen Planetensystems wären. Fährt man von Weimar über Leipzig und Dresden nach Berlin – ein Gebiet beiläufig wie eine Baumwollenplantage, oder das Jagdgebiet eines einzigen Indianers, – so lernt man auf dieser Spanne deutscher Erde mehr Verdienst für Kunst und Wissenschaft kennen, als in den fünf Zonen der übrigen Erde zusammen. In Berlin könnte man bequem ein Bataillon formieren aus Männern, welche jeder den Marschallsstab eines klassischen Werkes in ihrer Patronentasche tragen. Ich sage klassisch, Mylord, und unterscheide ausdrücklich von modisch. Ich heiße Sie bestens willkommen, Herr Doktor!
      Dieser Empfang war mehr, als Moorfeld erwartet hatte. Sein Auftreten im Hause Bennet war ihm durch die Einführung des abenteuerlichen Engländers also nicht nur nicht verdorben – wovon er freilich nicht schon im ersten Augenblicke Symptome fürchten gedurft – sondern die Zuvorkommenheit des Wirtes übertraf nach der entgegengesetzten Seite noch das Maß des Gewöhnlichen. War's möglich, daß Deutschland in Amerika so gehuldigt wurde? Freilich huldigte der Amerikaner eigentlich sich selbst, wie überhaupt seine ganze Empfangsrede nach europäischen Begriffen von gutem Tone zu lang und wortreich war. Aber Moorfeld kannte bereits den transatlantischen Stil und die Persönlichkeit Mr. Bennets rechtfertigte denselben vollends. Mr. Bennet war eine mittelgroße Figur von schlanker Beweglichkeit, raschen Gebärden, reizbarem Mienenspiel, um den Mund etwas humoristischer Lebemann, im Blick geistreich, scharf, rastlos, wie auf beständigem Bienenflug der Gedanken, in seiner Haltung freier und entwickelter, als es dem Amerikaner schon seine physische Brustbildung zuläßt: das ganze Charakterbild schien überhaupt mehr französische als angelsächsische Rasse; Moorfeld urteilte, daß mindestens das gallische Blut Irlands in Mr. Bennets Adern 
       fließe. Er hatte ihn während seiner Rede wie vor einem Flintenlauf visiert, aber auch Bennet vertiefte sich in Moorfelds halbwilden, urmenschlichen Blick mit einer Art von Bezauberung. Die beiden Männer fühlten, daß sie sich gegenseitig am höchsten Maße maßen. In jedem regte sich das Eigenste beim Anblick des andern. Sie standen einen Augenblick lang wie im Duell, und indem sie wechselweise die Macht ausübten, ihr Persönlichkeitsgefühl auf die Spitze zu treiben, erkannten sie schnell den gemeinsamen Familienzug des Genies in sich. Ihr vis-à-vis befriedigte, denn es versprach.
      Mr. Bennet bat sich die Ehre aus, seinen neuen Gast der Hausfrau vorzustellen, was dieser dankbar annahm. Die drei Herren verfügten sich in die Etage und durchschritten eine Reihe von Zimmern, wobei sich der Wirt mit dem Gaste im gelegentlichen Gespräche vor manchem Kunstgegenstand aufhielt, indes der Lord mit dem Gewohnheitsrechte des Hausfreundes seinen Weg ins Drawing-room allein fortsetzte. Diesen Umstand benutzte Moorfeld, sich über sein Verhältnis oder Nicht-Verhältnis zu dem bedenklichen Mann so weit zu erklären, als es die Rücksicht gegen Bennet und die Rücksicht für sich selbst in die Möglichkeit legte. Bennet seinerseits befand sich in dem nämlichen Falle, daher eine Verständigung wie von selbst erfolgte. Ein Original! lächelte Mr. Bennet, ein Doppel-sportman, bei dem sich Mensch und Tier wohl befinden. Die Tiere erzieht er zu Menschen, und die Menschen bringt er einander näher. Letzteres hat ihm soeben meinen Dank erworben; wir wollen Sr. Lordschaft darum mit Anerkennung gedenken. Ich sage, Sr. Lordschaft, und darin liegt meine Erkenntlichkeit schon. Denn eigentlich ist er ein jüngerer Sohn seines Hauses und ein noch jüngerer Sohn der Fortuna, welche seinen Maßstab am grünen Tisch einst so verjüngte, daß es Se. Herrlichkeit seitdem vorzog, in unsrer Mushroom-Aristokratie der erste, statt im Londoner Westend der zweite oder 
       zweithundertste zu sein. Nun, er ist willkommen! Sind wir doch alle ein Volk von Flüchtlingen hier; die politischen Flüchtlinge des Pharao dürfen auch nicht fehlen. Damit war der Gegenstand, so viel hier nötig, abgefertigt; das Saitenspiel der Göttin Medisance sollte vorerst nicht weiter ausklingen über dieses dankbare Thema. Moorfelds Aufmerksamkeit war bei den Kunstsammlungen Bennets. Er machte auch gar kein Hehl daraus, daß er wie ein Wilder oder wie ein neugieriges Kind diese Säle durchschreite, er genieße wieder das erste jugendliche Gefühl seiner Gesundheit hier; in New York lähme der Schlag eine ganze Menschheitsseite, und wirklich sei die Stadt so unbefangen, das Haus Bennet ungefähr wie die Adresse eines berühmten Arztes zu nennen. Die Bevölkerung sei stolz darauf, aber ohne das Gefühl, ähnliche Ehren erwerben zu sollen, jeder einzelne bezahle seine ästhetische Schuld höchst sorglos mit einer Anweisung auf Mr. Bennet. Und doch gab es eine Zeit, antwortete Bennet, indem das geschmeichelte Lächeln seines Antlitzes schnell dem Ernste, ja einem gewissen Zug von Kummer wich, doch gab es eine Zeit, wo die Sache ganz anders lag. Ich habe eine seltsame Position zu meinen Mitbürgern. Sie lieben mich und meine Richtung eigentlich nicht, aber sie schmeichelt ihrem Nationalstolze. Einen guten Ruck zur Versöhnung würde ich vielleicht tun, wenn ich meine Sammlungen geradezu Bennets Museum oder noch besser amerikanisches Museum taufte. In der Tat haben mir Wohlmeinende diesen Schritt wiederholt geraten. Als ob die Kabinettstücke eines Privatmanns zu solchem Titel berechtigt wären! Aber dergleichen bedenkt man hier wenig. Wenn's nur klingt. Und dann bekenn' ich aufrichtig, daß mich die Aussicht disgustiert, einem gewissen Spektakel-Humbug zu verfallen, den ich von diesen Räumen nicht abhalten könnte, wenn ich ihnen einen öffentlichen Charakter verliehe. Kurz, ich kann mich zu dieser Avance nicht entschließen. Auch denk' ich der dringendsten 
       Nötigung überhoben zu sein. Die eigentlichen Kämpfe sind bestanden.
      Moorfeld ahnte in letzterem Worte, was gleich im Entree dieses Hauses zum lebhaftesten Gefühle kommt, und versagte seinem Wirte die Anerkennung nicht, es laut auszusprechen. Er bewunderte vor allem Bennets 
      Mut, seine Kunstpflege so rein durchgeführt zu haben, daß er auch dem höchsten, aber zartesten Stoffe der Kunst, den Darstellungen des Nackten, nicht aus dem Wege gegangen sei, ein Mut, der den flüchtigsten Kenner der hiesigen Sitten noch mehr überrasche, als das Vorhandensein dieser Kunstpflege selbst. Und ich bin ein Mann, der drei Töchter hat! antwortete Bennet, gedenken wir dieses Umstandes nicht zuletzt, mein Herr. Jede Verdammungsthesis wider mich fand ihren Vorder-, Mittel- und Schlußsatz in meinem eigenen Hause. Ja, mein Herr, General Jackson hat viel Mut bei New-Orelans bewiesen, gegen die Bank noch mehr, aber gegen die Prüderie 
      ich den meisten. Und doch macht mich niemand zum Präsidenten dafür, ich bin froh, daß ich das Leben davontrage, das 
      nackte Leben! scherzte der aufgeweckte Mann mit einem wohlangebrachten Sinnspiele. Er fuhr sich mit einem echt französischen Wurf durch den Busch seiner Stirnhaare, wobei der Solitär an seiner Hand gleich einem Stern aus Wolken blitzte, und sagte wie im Andenken großer Erinnerungen: Zweimal spielt' ich va bancque mit meinem Leben, zweimal warf ich den Würfel eines kühnen Entschlusses über meine bürgerliche Existenz. Das erstemal war's eine Handelsunternehmung. Ich befrachtete mit einem kleinen oder auch großen Kapital – denn es war mein ganzes väterliches Erbe – ein Schiff nach der Habanna in Seide. Ich war vierzehn Jahre, mein Steuermann siebenzehn. Wir hatten einen luckigen Eindecker, der kaum noch See hielt, dazu Gegenwind aus Südwest, und um schneller reich zu werden, sparte ich auch noch die Assekuranz. Kurz, ein kompletter Knabenstreich. In Europa 
       hätte man uns mit der Rute nach Hause gejagt, hier standen die Leute am Ufer und wetteten um den Punkt, wo wir scheitern mußten. By Jasus! am Cap Hatteras! schrie der eine; Good damn! sie kommen nicht über Shandy-Hoock, fluchte der andre; 'pon honour! im Florida-Golfstrom gehen sie auf den Grund, beteuerte der dritte. Ich hatte eine gute Ladung Kognak im Kopf, und diese Wetten machten mich vollends des Teufels. Beim Old Nick! schrie ich außer mir, nun wett' ich auch, 
      ich! Jungens, wenn ihr die grüne Erbsensuppe schlucken müßt, verschwor ich mich meinem Steuermann-Buben und seinen vier Matrosen – denn das war unsere ganze Bemannung – wenn's euer Leben gilt, so halt' ich mit, ich jage mir ein Lot Blei in den Kopf. Dabei rief ich Umstehende, Fremde und Freunde zu Zeugen an, und nur ein alter Geistlicher verhinderte mich, den Notar zu rufen. Enfin, die Buben lavierten sich durch, auf halber Fahrt schlug der Wind um, wir hatten den Konkurrenz-Vorsprung und machten enormen Gewinn. Das aber ist gewiß, kam's anders, so war ich Mann genug, mein Wort zu halten. Raten Sie nun, was ich jener Wagetat an die Seite setze? die Tat, als ich zwanzig Jahre später – den Walzer hier einführte. Ja, Herr, das war mein zweites va banque! Man hatte bis dahin nur langweilig-sittsame Quadrillen und Ekossaisen gekannt; daß man im Tanze die Taille eines Weibes berühren könne, ging über all unsre Vorstellungen. War ja noch vor meiner grande route ein Pariser Ballett nach New York herübergekommen – es ist schlechterdings mit Worten nicht wiederzugeben, welches Aufsehen seine Vorstellungen erregten. Ich war bei der ersten zugegen. Schon der bloße Anblick der kurzen Ballettröcke brachte eine Bewegung im Hause hervor, die dem Ausbruch eines Volksaufstandes nicht unähnlich war. Als aber die erste Pirouette gemacht wurde, besagte Röcke rundum flogen und die Beine eine horizontale Richtung nahmen – da schrien die weiblichen Zuschauerinnen laut 
       auf, und die nicht auf eigenen Füßen hinausstürzten, die wurden ohnmächtig fortgetragen. Die Männer aber erhoben ein Gelächter – kein wohlgefälliges, bewahre, ein satyrisches, ein Hohngelächter, nur lächerlich schien ihnen diese Kunst; die Sprache der Grazien verstanden sie nicht darin, in ganz New York war keine Ahnung darüber aufzutreiben. So sah das Land aus, in welches ich bei meiner Rückkehr von Europa den Walzer verpflanzen wollte. Lassen Sie mich sagen, mein Herr, neue Städte gründen ist etwas, aber neue Sitten gründen mehr. Noch habe ich die Geige im Glasschrank stehen, womit der deutsche Tanzmeister meinen Töchtern den Senfsamenwalzer einstudierte, – Gott weiß es, ich vergesse diese Klänge nie wieder. Der Ballabend brach an. Meine Töchter konnten damals noch für unmündig gelten, meine Frau ließ ich aufs Land gehen, – ich wollte die Verantwortung allein tragen. So ging ich in die Schlacht. Die Quadrillen und Ekossaisen schickt' ich natürlich voran. Als aber das Orchester den ersten Bogenstrich vom Senfsamenwalzer machte, als ich meine Cöleste an die Hand nahm, in die Mitte des Saales trat, und nun anfing unsern freien und aufgeklärten Bürgern das böse Beispiel eines Walzers zu geben – sehen Sie, Sir, da lief mein unversicherter Eindecker von neuem gegen den Wind aus. Meine bürgerliche Existenz stand zum zweiten Male auf dem Spiele. Mit dem Angstschweiß auf der Stirne erwartete ich die Wirkung. Mein Gott, ich durfte nicht lange warten! Da war die Miß Arabella Comonach, früher Fabriksmädchen in Lowell, jetzt eine Fregatte von Würde und Anstand, die fiel in eine pomphafte Ohnmacht und schrie um ein Riechfläschchen. Da war die Mistreß Lydia Hundington, die Frau des Hauptpastors an der Trinity-Church, die schoß wie eine Brandrakete zum Saale hinaus und grollte mir wütend zu, sie glaube in Singsing zu sein, d. h. im Zuchthaus. Da war aber auch der Kolonel Burr – erinnern Sie sich gefälligst an diesen großen, jetzt verschollenen 
       Namen. Sie wissen, dieser Satan war nahe daran, König von Amerika zu werden. Seine Verschwörung, – ein unsterbliches Meisterwerk von menschlicher Weisheit und Frechheit, mißglückte zwar, aber so stark war der Anhang dieses Catilina, daß kein Gerichtshof ihn zu verurteilen wagte, aus Furcht vor seinen Dolchen. Entlassen mit einem »Nichtschuldig«, aber gescheucht und gemieden von aller Welt, lebte er seitdem vereinsamt in New York, mein Salon allein war's, der dieser unheimlichen Existenz noch offen stand. Ich verehrte das Genie in ihm; ich hatte Herz für sein Familienunglück. Denn seine Tochter ist heutigen Tags noch nicht wiedergefunden, da sie sich in der flagrantesten Krisis der Verschwörung auf eine Landreise von tausend Meilen aufgemacht hatte, um sich mit ihrem verfolgten Vater zu vereinigen. Kein Mensch weiß, was aus ihr geworden; eine Beute der Räuber, der wilden Tiere und der Novellendichter verschwand sie in unsern ungeheuren Wildnissen. Nun, dieser Kolonel Burr kommt auf mich zu, – es war das letztemal, daß ich diesen kleinen muskulösen Raubvogelkörper, diesen Alligatorenblick, diese Jupiterstirn sah, und mit der Haltung, womit er in seinen besten Tagen die Menschen wie Wachs bewältigte, sagt er mir unter die Augen: Wenn meine Tochter in diesem Augenblick so herumgeschleift würde, so möchte ich sie lieber tot wissen. Ich wollte Amerika beherrschen, aber nicht zerrütten, Mr. Bennet. Ich danke von heut' an für Ihre Gastfreundschaft. – Wenn Sie ein graues Har auf meinem leidlich schwarzen Kopf finden, so bekam ich's jene Nacht. Kolonel Burr, der sich gegen einen Walzer empört! Lange wälzt' ich mich schlaflos auf meinem Lager und sann darüber nach, wo der Grenzstein der menschlichen Natur stehe. War ich wirklich der Felddieb, der ihn verrückt hatte und morgen vor ganz Amerika die Stäupe dafür bekommen sollte? Es war eine Hölle, das zu fragen und die Antwort darauf abzuwarten wie ein wehrloses Schlachtopfer. Gegen Morgen 
       endlich hatt' ich einen gescheiten Einfall. Ich sprang auf, nahm hundert Dollar, wickelte sie in ein Papier und adressierte sie an eine unsrer ersten Redaktionen, daß sie das Tagesereignis freundlich bespreche. Darauf wurde ich ruhiger und schlief ein par Stunden in den hohen Tag hinein. Als ich aufwachte, lag die gedruckte Zeitung schon auf meinem Toilettentisch. Meine Apologie strahlte heller darin als die frische Morgensonne. Der Mob machte Chorus dazu, und ich war gerettet. Das ist die Geschichte des ersten Walzers in Amerika.
      »We are in a free country!« murmelte Moorfeld erschüttert.
      Bennet, dem das Wort »frei« ans Ohr klang, bezog es anders und jubelte auf: Es lebe die freie Presse! ja, ja, mein Herr, das ist die Perle unsers aufgeklärten und glücklichen Landes. Die Knechtung der Presse ist ein vortreffliches Mittel der Freiheit; denn das Publikum bildet sich in diesem Falle sein eigenes Urteil; aber die freie Presse ist ein köstliches Werkzeug der Tyrannei, – der Mob vertraut ihr und betet ihr blind nach. Das Mittel mit dem Walzer schlug mir noch öfter an. Ich muß immer ein sardonisches Lächeln bekämpfen, wenn mich die Leute fragen, was mein Apollino, meine Ariadne und dgl. gekostet hat. Ich weiß wohl, wem ich diese göttlichen Nacktheiten am teuersten bezahlt habe. Es lebe die freie Presse!
      Moorfeld zuckte zusammen. Er stierte mit einem toten Blicke vor sich hin. Was haben Sie? fragte Bennet, Anlage zur Melancholie? Hang, die Sachen von ihrer schwarzen Seite zu nehmen? Auf, in Frauengesellschaft! Meine arme Frau. Sie muß schon seit einer Stunde auf die Perfektibilität der Tierseele schwören. Kommen Sie, ich will ihr eine schöne Menschenseele vorstellen!
      Wenn die Artigkeit des Herrn Bennet nicht ein angeborener, liebenswürdiger Hang zur Galanterie war, so konnte sie Moorfeld jetzt in einem neuen Lichte sehen. Es schien 
       ihm nicht unmöglich, daß Herr Bennet seinen fremden Gästen darum soviel Aufmerksamkeit, ja, Devotion erzeige, um den Ruf seines Salons auch in Europa auszubreiten. Eine Rückwirkung davon auf sein eigenes Vaterland mochte dem amerikanischen Kunstmäzen, nach dem was Moorfeld gehört, in der Tat weder gleichgültig noch selbst entbehrlich dünken. Und Moorfeld gestand sich, daß auch er – Tendenzverse dichten könne.
      Er trat jetzt an der Seite seines Wirtes in das Drawingroom, dessen offenstehende Flügeltüren schon auf die Entfernung mehrerer Zimmer das Innere dieses Boudoirs ins Auge fallen ließen. Moorfeld glaubte in einen Blumenkelch zu blicken. Decke, Plafond, Wände, Möbel, Teppiche, Tapeten – das ganze Gemach schmolz in ein einziges Laubwerk, in eine große Blätter-Arabeske zusammen. Nichts war Bedürfnis hier, alles Ornament, nichts Kante und Ecke, alles Wellenlinie, nichts Stein und Holz, alles eine lockere Blütenschneedecke, Auflösung in Faser, Falte, Flocke, Spitze, ein Sommernachtstraum aus Seide und Flor, eine Phantasie, ein Duft. Die Pracht hatte sich hier verflüchtigt, als scheute sie, durch irdische Schwere zur Last zu fallen, nirgends drückte die Erinnerung an Goldgehalt oder Karatgewicht, der Besucher konnte inmitten eines unschätzbaren Wertes glauben, alles sei mit größter Leichtigkeit da, quelle aus sich selbst wie eine Schaumperle auf. Die alabasterne Orchislampe an der Decke schien noch das einzige Stück von Masse hier; wie sie den schweren, goldenen Kronleuchtern im Parlour kontrastierte, so ungefähr verglich sich dieser Empfangssalon der Hausfrau dem des Hausherrn. Wenn wir sagen, Moorfeld trat in dieses Gemach ein, wie Faust den Himmelsatem der weiblichen Temperatur im ärmlichen Bürgerstübchen trinkt, so sagen wir zu wenig. Anders und höher noch atmet dieser Geist doch, wenn im Boudoir der Millionärin die Flammen unendlichen Reichtums aus allen Fugen schlagen und der 
       Taubenflügel der weiblichen Bescheidenheit tuschend und dämpfend das Ganze zur Ruhe niederfächelt.
      Die Bewohnerin dieses reizenden Aufenthaltes war eine kleine zarte Dame – eine Vignette von einem Frauenbild. Tiefe Blässe bedeckte ihr Antlitz, nicht jene Blässe der Amerikanerinnen, die einer immerwährenden Dyspepsie entspringt, es war eine echtere Ätherfarbe. Stille und Sinnigkeit lag um sie her, und der Ausdruck des allgemeinen Frauenloses, Geduld und Duldung. Wie sie im einfachen grauseidenen Kleide, die feine Hand im rosa Glacéhandschuh, den zarten Fuß im gestickten Atlaspantoffel, den Nacken von einem schmalen Spitzenkragen umrändelt, ohne Gold und Juwelen da saß und von dem weitgeschlungenen Schaukelstuhl fast nur den kleinsten Raum einnahm, so war es ein Anblick, als ob das weiche Glück zwar nicht wie eine Bürde auf ihr ruhte, aber wie jener Flaum, womit man das Leben eines Entschlafenen erprobt, und der sich nicht regt. Nicht bescheiden, – ergeben in ihren Stand schien dieses milde, ruhige Frauenbild.
      Herr Bennet machte die Vorstellung Moorfelds französisch; Mistreß Bennet antwortet in derselben Sprache und mit einem Akzente, womit man nur die Muttersprache spricht. Moorfeld konnte sie ohne Frage für eine Pariserin nehmen. Es schien ihm diese Wahl nicht der unbedeutendste Charakterzug für Bennets Geistesrichtung – ob er auch ahnen durfte: für das gedämpfte Lebensgefühl der verpflanzten Seine-Blume?
      Mrs. Bennet sprach von den Schönheiten des Rheins und der deutschen Literatur. Moorfeld antwortete mit Paris und Frankreich. Seine Lobesäußerungen wurden mit Dank erwidert, aber das Thema nicht fortgesetzt. Moorfeld ging auf Saratoga über. Mrs. Bennet sagte: sie hoffe viel für das Vergnügen ihrer Kinder von diesem Ausfluge. Die Formalität schlang dann noch einige andere Fragen und Antworten in ein loses Bukett zusammen, das man sich gegenseitig 
       überreichte, und als sich Moorfeld wieder erhob, erfüllte sich dieses Bild auch im eigentlichen Sinne; die Hausfrau reichte dem Gaste aus einer Blumenvase ein feines Sträußchen von Vanille-Blüten. Es schien damit eine ständige Sitte beobachtet, denn selbst der Engländer, der Habitue des Hauses, hielt, wie Moorfeld sehen konnte, eine solche Gabe zwischen den Fingern.
      Den sich Entfernenden schloß sich auch die Person des Letztgenannten jetzt wieder an. Die drei Herren traten jetzt in eine andere Enfilade von Zimmern über, als durch die sie gekommen, in die Gesellschaftssäle. Hier waren die Gardinen bereits niedergelassen, die Kronleuchter angezündet, und alles für den Empfang der abendlichen Gäste in Verfassung. Aber Moorfeld tat seinem Wirte die Bitte, bzw. Abbitte, er möge ihm erlauben, flugs nach Hause zu fahren und Toilette zu machen, er habe sich dieses Umstandes verhängnisvoller Weise keinen Augenblick früher als im Boudoir der Hausfrau zu erinnern vermocht, dort aber zu seiner großen Verlegenheit. Herr Bennet lachte und sprach von poetischen Charakterzügen; er ersuchte übrigens seinen Gast zu bleiben, er sei ja nur auf einen Rout gekommen. Es ist dieses eine Gesellschaftsform, erklärte er auf Moorfelds freimütige Äußerung, sie nicht zu kennen, welche vor einigen Jahren von England ausgegangen ist und in New York sich schnell eingebürgert hat. Sie empfiehlt sich See- und Handelsvölkern durch ein gewisses demokratisches Negligé, wie sich etwa ein bequemer Surtout empfiehlt, der für jede Gestalt paßt, aber freilich keine hervortreten läßt. Man könnte den Rout fast den 
      Klub nennen, ins Privathaus verlegt. Seine wahre Form ist eigentlich die Formlosigkeit. Der Engländer setzte hinzu, seines Wissens seien im Westend und Downingstreet die ersten Routs in der sogenannten Restaurations-Periode gehalten worden, in jener Zeit der politischen Aufregung, wo der Ernst des Tagesgesprächs angefangen habe, der Handhabung der Frauen zu 
       entwachsen, und die Behandlung von Fragen, welche fast lauter Lebensfragen waren, den leichteren Konversationston unmöglich zu machen. Der Rout sei ganz eigentlich ein Männer-Konvent. Es ist seltsam, reflektierte der Engländer weiter, daß hier in Amerika, wo der Kultus der Frauen so hoch wie in keinem Lande der Welt getrieben wird, der Einfluß der Frauen auf die öffentlichen Formen außer allem Verhältnis gering, ja eine Tonangebung des weiblichen Elements im Grunde gar nicht vorhanden ist. Der Typus aller Geselligkeit ist hier ein schroff männlicher; der Rout herrschte schon längst in Amerika, eh' ihm England den Namen lieh. Um Bennets Lippen spielte ein pikantes Lächeln bei dieser Bemerkung, nach einer Pause nahm er das Wort. Sie sprechen von der Abwesenheit der Frauen aus unsern geselligen Zirkeln, sagte er – meine Herren, ich will Ihnen ein Geschichtchen erzählen. Es war bei einer der glänzendsten Matinees der vorigen Präsidenten in Washington und Mädchen und Frauen die wünschenswerteste Menge anwesend. Sie waren da mit ihren Herren Brüdern, Vettern, Ehegatten, Senatoren, Offizieren, Staatsbeamten aller Grade und Würden. Den Reiz der Gesellschaft erhöhte ein Indianer-Häuptling, eine rothäutige Majestät aus dem Westen, ein wild-malerischer Kriegsgott. Er war auch der Abgott manch schönen Augenpaars, das die Salonfähigkeit dieses romantischen Mitmenschen gewiß nicht bezweifelte. All men are equal! Der Präsident führte seine Gäste in den Sälen herum und ließ sie die Sehenswürdigkeiten seines Hauses in Augenschein nehmen. Der stolze, schwarze Blick des Indianers verfolgte alles mit lebhaftem Anteil; jeder Zigarren-Aschbecher, jedes Feuerzeug-Etui interessierte ihn. Endlich ging's in den Bildersaal. Hier zeigte ihm der Präsident die Porträts unserer politischen Größen, unserer Land- und Seeheroen, Abbildungen unserer merkwürdigsten Bau-Denkmäler, unserer schönsten Fregatten. Unverhofft machten diese Bildwerke den geringeren Eindruck auf 
       unsern Natursohn. Nun, Krieger, sagte der Präsident ihn bei der Hand fassend, was denkst du davon? – Bruder, antwortete der Häuptling, – diese groß sind, sie leben und atmen und ganz gegenwärtig sein; diese großen Gemälde, ich sage dir, sehr wirklich groß sind; aber ich habe noch besser. Und dabei drehte er sich um, bückte sich, zog seinen Mantel über den Kopf, und sagte, indem er mit der flachen Hand sich auf die beiden Schenkel klatschte: Schau, Bruder, hier tätowiert ist Alligator, und hier Waschbär; sind das nicht prächtig Bild? – Es wird mich im letzten Stündchen noch erheitern, was im Bildersaale das selbst für ein Bild gab: die kreischenden Weiber, die lachenden Männer, die Verlegenheit des Präsidenten, die Stellung des Indianers! Ich möchte das Bild gemalt haben, es ist ein Symbol. Es ist das einzig richtige Bild von der amerikanischen Gesellschaft, obgleich Genre, ein wahres Historienbild! Aber Sie sehen wohl, meine Herren, wie nahe uns noch die Wildnis liegt, wie das vorherrschende Kostüm unsrer Zirkel noch die Inexpressibles sein müssen, nicht die Roben. Denn wo Frauen unsicher sind, sind sie nicht. – Bennet fuhr fort: Wie lange nur ist es her, daß ich und einige Gleichgesinnte den Anfang machten, die Meldung der Hausbesucher einzuführen? Noch vor wenigen Jahren konnte man, zu den ersten Partien geladen, nichts als ein Öllämpchen im Vorhause antreffen, häufig auch das nicht, noch weniger einen Concierge, kurz nichts. Es geschah öfter als einmal, daß man auf gut Glück nach dem Salon tappte und in ein Gemach geriet, wofür man seine Glacéhandschuhe nicht angezogen. Mir selbst widerfuhr es einst. Und doch, wie übel nahm man mir meine Neuerung! Denn kein Luxus ist den Amerikanern zu luxuriös, aber jede Form zu formell. Ach ja, sie sind schwer zu disziplinieren außer dem Schiffe!
      Moorfeld hatte während dieser Konversation – die Herren standen im äußersten Ende eines Eckzimmers und blickten von einer Art Erkerbalkon auf die noch tageslichte 
       Straße hinab – seine Aufmerksamkeit zu teilen gehabt zwischen drolligem Hören und drolligem Sehen. Sein Auge war auf der Straße. Ein wunderliches Schauspiel zog es hinaus. Ein Rudel junger Schweine, wie Menschen gekleidet, schlumperte das Trottoir herab, eine absurde Sammlung von Jünglingen, zu kenntlich für die Maskerade, zu unkenntlich als Wirklichkeitswesen, Kerle, die eine Garderobe trugen und eine Toilette gemacht hatten, welche phantastisch sein sollte, aber nach einem Stile es war, als ob sich die Göttin Phantasie an irgendeinem Mondkalbe versehen hätte, da sie die Stutzerwitze dieser Erdärmlichen gebar. Der eine trug schlotternde Pumphosen mit schuhgroßen Karees, das Beinkleid des andern war eng und knapp wie Trikot. Dem einen hing die Weste über den Bauch herab, dem andern endete sie auf der Herzgrube, dieser balancierte ein Spazierstöckchen kurz und dünn wie eine Stricknadel, jener schleppte einen Prügel wie eine Herkuleskeule. Die Krawatte des Dritten war ein Zwirnsfaden, die des Vierten eine mäßige Gartenmauer. Der Fünfte hatte seinen Kopf durch einen Pfannkuchen gesteckt, so flach war sein Hut, der Sechste trug eine Kopfbedeckung von der halben Höhe seiner ganzen Person. Was sonst Rock oder Frack heißt, war am Leibe dieser Dandies ein Stück tollgewordenes Segeltuch, das den Fiebertraum träumte, nach allen Winden zugleich zu hängen und die widersprechendsten Formen, die es je angenommen, in einen einzigen Moment zu vereinigen. Dazu hatten die Wichte einen Gang wie Känguruhs, ein Mittelding zwischen Rutschen und Stolpern, indem sie entweder, weil sie es für Fashion hielten, oder aus wirklicher Marklosigkeit, bei jedem Schritt in die Knie brachen und die Unterbeine liederlich nachschleiften. Moorfeld sah diesem Zuge mit einer Art Fassungslosigkeit zu; er hatte im Straßenleben New Yorks ein solches Ensemble von Karikaturen noch nicht gesehen. Aber wie ward ihm, als das Gesindel an Mr. Bennets Haus die Klingel zog! Unwillkürlich 
       bückte er den Hausherrn an; Herr Bennet senkte mit einiger Verlegenheit sein Auge, dann aber sagte er achselzuckend: Die Armen! Wo sollten sie sich bessern lernen, wenn ich ihnen auch noch mein Haus verschlösse! – Moorfeld fand diese Antwort groß. Die doppelte Liberalität gegen sich selbst und gegen die andern, denen er noch Besserungsfähigkeit zuschrieb, schien ihn den Nagel einer noblen Gesinnung auf den Kopf zu treffen. Übrigens, setzte Bennet hinzu, ist ihr ärgerliches Äußeres das Ärgste an ihnen. In der Gesellschaft sind sie die unschädlichsten Hasenfüße, die man sich wünschen kann. Es ist nie erhört worden, daß ein Dandy on short allowance – denn das ist ihr Kunstname – die Sitte des Salons freventlich durchbrochen hätte. Ihre ganze Selbständigkeit liegt in der Affenfratze ihres Anzugs, ihr innerer Affe muckst nicht in der Welt des guten Tons. Sie sollten sehen, wie lammsfromm sie unter Damen sind, wie sie das Pfötchen reichen, wenn meine Frau oder Töchter von ihrem Dasein Notiz nehmen. Und das geschieht zuweilen. Denn die Weiber haben bei aller Verachtung für unmännliche Männer doch auch eine Art Gutherzigkeit gegen den armen Narren, der so unglücklich ist, ihre Verachtung zu verdienen. Sie entdecken mit ihrem mikroskopischen Blick sein geringstes Verdienst, sie sagen selbst der Null, daß sie eine Komposition aus Wellenlinien ist. So haben meine Frauen auch diesen Jünglingen ihr Gutes abgelauscht. Der eine weiß z. B., wo man die hübschesten Hemdknöpfchen kauft, der andere will ein Putzpulver erfinden, gelbes Elfenbein wieder weiß zu machen, der Dritte besitzt eine Nagelfeile, womit er den plattesten Nagel konvex feilt. Besonders meine Jüngste, Cöleste ist es, die solche parfaits dans le petit, sublimes en bijoux, grands inventeurs de riens ich sage nicht zu schätzen, aber doch zu erziehen weiß. Das Mädchen lebt in einem Babel von Bagatells, sie umgibt sich stets mit dem Überflüssigsten, das superflu, chose trèsnécessaire ist eigens für sie gesagt. Die Sachen selbst sind ihr 
       unendlich gleichgültig, die Wahl reizt sie, das Arrangement, eine Art schöpferischer Geist, der sie treibt. Wenn etwas bildend für diese Burschen sein kann, so ist es sie. Von der Auswahl eines netten Hemdknöpfchens bis zur Würdigung eines Raffaelschen Gemäldes kann ich mir sehr wohl eine Stufenleiter denken. Heute schickt man den Galopin nach Hemdknöpfchen aus, morgen läßt man ihn ein hübsches Muster für durchbrochene Strumpfzwickel auftreiben, übermorgen schon eins für Fußschemel oder Lichtschirme, so wird das Hämmelchen in die bildende Kunst eingeführt. Auch delirieren die Kerls nicht immer so in ihrer Garderobe. Wie wir sie heute sehen, läßt's keinen Schluß zu auf morgen, es ist ihnen nicht habituell. Schon im nächsten Salon können sie so wohlgekleidet eintreten wie andere Vernunftwesen. Sie sind eben die Schaumperlen einer Geldaristokratie, die in der Gärung begriffen ist. Der Reichtum hat seine Flegeljahre jetzt in Amerika. Er ist in einem Stadium der Abgeschmacktheit begriffen, aber es ist nur ein Stadium. Denn 
      Geld wird immer zu 
      Geist. Das ist mein Wahlspruch. Völker, die Geld ohne Geist hatten, wie Phönizier, Babylonier usw., sind heute doch nicht mehr möglich. Die Bildung ist kosmopolitisch geworden.
      Moorfeld ließ sich diese Apologie gar wohl gefallen. Der geistreiche Mann hatte seinen Verdruß über jene melee wie weggehaucht. Mr. Bennet befestigte sich immer mehr in der Meinung, die ihm Moorfeld entgegengebracht.
      Inzwischen hatte sich die jeuness doree durch die Gesellschaftssäle – auch den letzten – verbreitet und betrug sich ziemlich säuberlich. Moorfeld entdeckte sogar, daß sie erröten könne. Denn als einer der Bengel ihn durch sein Kneif-Lorgnon etwas ungezogen anstarrte, steckte Moorfeld sein eignes Lorgnon vor und fixierte ihn ebenso. Da errötete der Junge, ließ sein Lorgnon fallen und ging. Moorfeld und Bennet lächelten sich zu.
      Nach und nach fand sich zahlreichere Gesellschaft ein.
      
       Im Laufe einer Stunde war schon so viel »Welt« da, daß die Dandies on short allowance sich erträglich genug darin verloren. Zwar blieb das Publikum noch immer gemischt, wie Moorfeld im Kommen und Gehen dieser Menschen überhaupt einen erstaunlichen Grad von republikanischer Sittenfreiheit wahrnahm; auch bedauerte Mr. Bennet wiederholt, daß er Moorfelden nicht vorgestern auf New-Jersey bei sich gesehen, die Elite der Gesellschaft wohne jetzt draußen, und der heutige Rout sei mehr eine Förmlichkeit gegen die Stadt, gewissermaßen eine Beobachtung der demokratischen dehors; doch zweifle er nicht, es werde sich noch immer eine kleine Geistesgemeinde fürs Estaminet zusammenfinden, an die halte man sich dann und lasse den Mob laufen.
      In der Tat erschienen bald darauf einige von den Häuptern, auf welchen ein dem Europäer mehr oder minder bekannter Name ruhte. Die erste dieser Gestalten war ein Mann von majestätischer Hoch-Statur, stark gewölbter Brust und noch ausgebildeterem Abdominal-System, das plastisch-viereckige Haupt bis an den Scheitel kahl, im Nacken aber mit einer derben Fülle herabfallender Locken beschwert, was ein seltsamer Anblick war und einen Ausdruck von unzerbrechlicher Manneskraft gab. Das Erhabene war vorherrschend in diesem Bilde, wenngleich nicht alleinherrschend, denn seine Augen waren klein, und die etwas hervortretende Unterlippe sowie das weiche schwellende Kinn verrieten, daß der Mann den gutschmeckenden Dingen dieser Welt nicht allzu ungerecht begegnete. Es war Doktor 
      Channing, der erste Prosaist Amerikas, nach der Stimme des Landes – Amerikas Cato! wie Mr. Bennet Moorfelden zuflüsterte, die öffentliche Vorstellung mit einer geheimen ergänzend.
      Diesem Mann auf dem Fuße folgte sein direktestes Gegenstück. Es war ein hageres, fast gebrechliches Männchen, dessen graue Augen schüchtern wie die eines Schulmädchens 
       blickten, indes sein kleines fleischloses Köpfchen auf die Seite neigte, als ob es ihm durch zuviel Lernen beschwert wäre. Er war nicht alt, sah aber aus, als ob er nie eine Jugend gehabt hätte und die Knabenjahre wie ein notwendiges Übel so schnell als möglich passiert wäre. Mr. Bennet begrüßte ihn mit tiefer Hochachtung und stellte ihn als Doktor 
      Griswold vor, Bibliothekar an der neu errichteten Universität in New York, der fleißigste Gelehrte des Landes, ein Mann, der eine ganze Akademie wert ist, setzte er Moorfelden in obiger Weise hinzu.
      Auch der vormalige Präsident 
      Monroe erschien. Eine schwache abgemagerte Gestalt, gebeugt von Alter oder altmachenden Gemütsstimmungen. Moorfeld sah in ein mildes, aber glanzloses Auge, auf eine breite und gut begrenzte, aber platte Stirn, es verdroß ihn überhaupt, daß der ganze Charakterausdruck des Mannes, der den edelsten der Indianerstämme um sein Land betrogen, nicht einmal von geistiger Überlegenheit oder energischen Leidenschaften zeugte. Moorfeld haßte ihn noch von seinen glühendsten Studentenjahren her, in welche die Unterdrückung der Georgia-Creeks gefallen, und unser Freund, den wir nur nicht »Jüngling« nennen, um ein pathetisches Wort nicht abzunützen, hatte jene Jahre nicht so weit hinter sich, daß ihm der Anblick dieses Mannes nicht immer noch eine lebhafte Mißstimmung verursacht hätte. Nur der Umstand, daß Monroe, wie er hörte, jetzt in Armut lebe und von den Bestechungen, die in jenem diplomatischen Räuberroman gespielt, nicht persönlich gewonnen habe, milderte zum Teil seine Empfindungen.
      Noch stand Moorfeld über dieses Thema mit Mr. Bennet im Gespräche, als durch die Säle eine ehrerbietige Bewegung ging, von denjenigen ausgehend, welche die Person des jetzt Eintretenden kannten, und um so spannungsvoller fortgepflanzt auf die, welche sie nicht kannten. Man machte dem Ankömmling links und rechts Platz, und doch 
       begleitete ihn von allen Seiten das Gedränge eines natürlichen Wohlwollens. Mr. 
      Livingstone, Amerikas erster Jurist, sagte Herr Bennet. Verfasser des klassischen Carolina-Strafkodex? fragte Moorfeld – von welchem ich Ihnen eine Geschichte erzählen will, eine Geschichte in zwei Worten, setzte Bennet hinzu. Das Manuskript dieses Kodex ging abends um zehn Uhr bei einer Feuersbrunst seines Hauses in Flammen auf. Morgens um sieben Uhr saß Livingstone in einem andern Hause vor einem andern Buch Papier und begann es von neuem. Das ist nicht von einem Gelehrten erzählt, sondern von einem Enthusiasten, werden Sie sagen. Ich widerspreche nicht. Livingstone ist Dichter in seinem Berufe!
      Wirklich war Mr. Livingstone eine außerordentlich gewinnende Persönlichkeit. Seine Gesichtszüge konnten keineswegs fein heißen, aber eine Herzenswärme lag darin, die alles, was selbst Herz und Menschlichkeit hatte, gefangen nahm. Seine Statur war über Mittelgröße, seine Manieren die des vollendeten Gentlemans. Das Gepräge einer natürlichen Zartheit und Harmonie des Gefühls adelte sie, seine Sitte war Sittlichkeit.
      Diese Personen wurden alsbald die Mittelpunkte von Gruppen, in welchen sich das eigentliche Leben des Routs kristallisierte. Zwar wurde Moorfeld, der literary gentleman, noch immer einer Anzahl von Anwesenden vorgestellt, welche ein großer, zum Teil weltbewegender Name in Handel und Industrie ebenbürtig neben die geistigen Koryphäen der Gesellschaft stellte. Es verdroß ihn aber bald, daß er Kaufleute, Fabrikanten und Schiffsreeder als Oberste, Kolonels, Kapitäns usw. durch alle Grade der Kasernen-Hierarchie zu salutieren hatte. Ein Land, das in seinem ganzen Begriff das Friedensreich der modernen Bürgerlichkeit bedeutet, mit soviel Vorhebe im Epauletten-Reflex sich bespiegeln zu sehen, war dem Europäer, dem zu Hause schon sein »Soldatenspielen« kulturwidrig dünkt, eine der 
       widerwärtigsten Schwächen des amerikanischen Volkscharakters. Er dankte Gott, daß Mr. Bennet selbst seine Musen und Grazien nicht nach irgendeinem imaginären Korporalstock dirigierte. Wie entlegen und eigentümlich waren die Momente, die hier zur vollen Würdigung eines Mannes beitrugen!
      Vom andringenden Strome der Gäste war in den letzten Augenblicken der Hausherr Moorfelds vorherrschendem Besitze entführt worden, und bis sie zu stillerem Begegnis sich wieder zusammenfanden, gefiel sich unser Freund, auf eigene Hand aus den Wellen der Gesellschaft zu schöpfen. Den bedeutendsten Personen aufs rücksichtsvollste vorgestellt, war ihm der Charakter des Fremden benommen; er hatte den Vorteil, in die einzelnen Gruppen einzutreten und sie zu verlassen nach freier Wahl und Bequemlichkeit. So konnte er wie in einem lebendigen Index die amerikanischen Zustände durchblättern: dort stand ein Kapitel Bankwesen, hier Schutzzoll und Freihandel, in diesem Trinkzimmer zechte die Sklavenfrage, in jenem die Indianer-Expropriation, in der Nische rechts zupfte die neue Universität an den Gardinenquasten im eifrigen Vortrag über die literarischen Landeszustände, in der Nische links kritisierte ein Börsensyndikus, d.h. ein Oberstleutnant die Bankrotte vom Jahre dreißig und stellte das Prognostikon der nächsten Kalamität.
      Das war nun ein Amerika, nicht aus papierenen Quarterly Reviews, noch aus dem Tabakskot öffentlicher Sittenroheit zu studieren, sondern im Goldrahmen eines kunstsinnigen Salons, unter den Blumen des Landes. Diese Gedankenflora durchschwärmend, mußte sich's zeigen, ob Moorfeld auf einem jener optischen Punkte hier stand, wo ihm das Grau und Kalt des amerikanischen Reifschauers zu schönem Farbenspiel aufloderte – ein Punkt, der seinen Ahnungen in all diesen Tagen gläubiger oder verzagender vorgeschwebt. Wie er hier stand, fühlte er, stand er auf 
       einem Gipfel; – haben die Götter einen heiteren Tag geschenkt, oder Hegt ein Nebel auf der vielverheißenden Aussicht? Moorfeld war ganz Empfänglichkeit.
      Die Rolle des unbeteiligten Beobachters blieb ihm aber nicht ganz so frei überlassen, als es in seinem Wunsche und in der Freiheit des Routs selbst gelegen hätte. Er war heute der einzige Fremde aus Europa, der in Mr. Bennets Salon eingeführt war, es wurde ihm dadurch eine Aufmerksamkeit zuteil, deren Vorteile er lieber entbehrt hätte. Auch war diese Aufmerksamkeit selbst nicht ganz von der wohltuenden Art; der Mangel an Frauen verursachte, daß sie nicht eigentlich als zarter 
      Persönlichkeitssinn, sondern vielmehr als 
      sachliches Interesse für Europa gegen ihn sich kund gab, wenigstens glaubte unser Freund, dem wir ein feines Gefühl für diese Unterscheidung wohl zutrauen dürfen, etwas Ähnliches durchzuempfinden. Wenn es bekannt ist, daß der Amerikaner keine Frage beantwortet, ohne eine Gegenfrage zu tun, so kam Moorfeld überhaupt zunächst weniger zum Empfangen als zum Geben; die Neugierde forderte ihren Tribut, obgleich in der geglättetsten Form. So fiel es ihm auch auf, daß die Männer, deren Namen und Bedeutung wir zuvor genannt, nicht ganz jene stillbewußte Zurückhaltung beobachteten, womit in Europa der Mann von Verdienst sich bekleidet; sie wußten im Gegenteil vortrefflich die Attitüde zu finden, die sie ihren Mitbürgern im vollen Rund darstellte. Ebenso nahm sich Moorfeld vor, scharf darüber zu beobachten, ob die Artigkeit, die ihm mit einer wahren Farbenpracht von allen Seiten entgegengetragen wurde, wirklich vom echtesten Stempel des Bontons sei, oder eine gewisse tendenziöse Beflissenheit gegen den »literary gentleman« durchblicken ließ, der ohne Zweifel über seine Reise ein Buch schreiben würde. Kurz, unser Freund, der es nachdrücklich betont hat, nicht auf »absichtliche Täuschungen« nach Amerika gegangen zu sein, verwahrte sich auf diesem Boden, der ein Boden des idealisierten 
       »shams« sein konnte, außerordentlich sorgfältig dagegen, 
      rosiger zu sehen, als er sollte. Dürfen wir fragen, ob es mit der geheimen Lust geschieht, 
      schwarz zu sehen?
      Zuerst finden wir unsern Gast in der Gesellschaft des Mr. Livingstone, des Kriminalgesetzgebers von Louisiana, dem Moorfeld für die Abschaffung der Todesstrafe in diesem Staate seine ganze Pietät ausdrückt. Er spricht von den Hoffnungen der europäischen Reformer über diesen Punkt, oder vielmehr von dem Stand der Frage, da die »Hoffnung« noch weitaus die Minorität der europäischen Gewissen habe. Moorfeld findet es frappant, daß Livingstone die Todesstrafe eine – Präventivjustiz nennt. Denn, da der Mord durch seine Verdoppelung nicht sittlicher wird, sagt der Rechtsphilosoph, so könne von einer Sühne des verletzten Sittengesetzes durch eine Hinrichtung nicht wohl die Rede sein. Man habe daher die Talions-Theorie mehr und mehr aufgegeben oder tue es noch täglich, dafür spreche man desto überzeugter von einem Rechte der Notwehr, welches durch die Todesstrafe ausgeübt würde. Die Gesellschaft müsse sich schützen gegen den Feind der Gesellschaft. Nun wird sich aber die Gesellschaft gegen das geschehene Verbrechen kaum noch schützen können, sondern nur gegen das künftig zu wiederholende. Das heißt also, man spielt dem bösen Prinzip ein Prävenire durch Hinwegnehmung des Lebens. Allerdings die sicherste Präventivhaft ist das Grab. Moorfeld sprach die Vermutung aus, ob Mr. Livingstone den ersten Keim seines großherzigen Systems nicht in dem Bestreben gefunden habe, zunächst das Leben der Sklaven ihren Herren gegenüber zu sichern. Der herrliche Mann antwortete lächelnd: Verzeihung, mein Herr, man tötet ein nützliches Haustier nicht leicht. Die Todesstrafe bestand zwar in Louisiana wie sie in andern Sklavenstaaten noch jetzt besteht; aber die Praxis bringt sie fast gar nicht zur Anwendung gegen den Sklaven. Das Tribunal findet in den meisten Fällen eine ausbeugende 
       Interpretation des tödlichen Paragraphen. Ein Virginier, in dessen unmittelbarer Nähe die Unterhaltung gepflogen wurde, wendete sich gegen Moorfeld, und sagte mit würdevoller Einfachheit: Ich darf mir vielleicht erlauben hinzuzusetzen, wie das Los unserer Sklaven überhaupt ein menschliches und besserer Vorstellungen würdiges ist, als unsre Gegner verbreiten zu können das traurige Glück haben. Es entgeht uns nämlich an diesem Punkte nicht, daß die öffentliche Meinung Europas über die Sklaverei fast allein das Produkt des Nordens ist, der seit allen Zeiten durch die Literatur, durch die Einwanderung, durch den Fremdenbesuch weitaus inniger mit der alten Welt zusammenhing als wir Südländer. In Wahrheit, wir stehen diesen Einflüssen gegenüber eigentlich unvertreten in Europa da. Wir handeln mit Europa nicht wie der Norden, unsre Zeitungen gehen nicht dahin, Gäste kommen uns nicht daher, oder in der Regel hat doch der Reisende früher den Norden besucht und betritt den Süden mit den Inspirationen unsrer glücklicheren Brüder. Vielleicht halten Sie es unter diesen Prämissen für einen verzeihlichen Eigennutz, mein Herr, wenn ich Sie geradezu einlade, von virginischem Gastrecht nach Ihrer Möglichkeit Gebrauch zu machen. – Der Pflanzer nannte County und Hof nebst seinem Namen – es war der altaristokratische der Mortons – und Moorfeld glaubte nur mit der Mitteilung seines unaufschiebbaren Vorhabens die edle Zuvorkommenheit dieses Anerbietens ablehnen zu dürfen. Doch setzte er mit der Festigkeit, womit er seinen inneren Widerspruch bisher nie unter ein äußeres Schweigen gebeugt, offen hinzu, daß auch das liberalste Gastrecht mit dem illiberalsten aller Prinzipien ihn nicht aussöhnen würde.
      Der Virginier schüttelte leise das Haupt und antwortete mild lächelnd, als ob von den angenehmsten Dingen der Welt die Rede wäre: Ich zweifle, mein Herr, daß Sie Ihr Herz dem Zauber dieses illiberalen Prinzips verschließen 
       würden. Sie würden unsre Neger wohnen sehen in gesunden und freundlichen Hütten, gekleidet nach Bedürfnis, genährt mit Freigebigkeit, wie ihre vollen und kräftigen Glieder bewiesen. Sie würden sehen ein Volk von zufriedenen Familien, das sein Leben zwischen zweckmäßiger Tätigkeit und freier Erholung so nützlich-angenehm hinbringt, wie wir nur immer menschliche Zustände, wenn nicht im goldenen Zeitalter, welches absoluter Müßiggang gewesen sein soll, doch im silbernen, will ich sagen, uns dichterisch ausmalen mögen. Sie würden bei ihnen Arbeit mit Gesang, Fleiß mit Muße, Anstrengung mit Genuß, die ernste Handlung ihres Lebens mit der scherzhaften ihrer Volks-Komödien naturgemäß wechseln sehen. Sie würden überall die wünschenswerteste Herrschaft der Vernunft erblicken. In der Tat, die Vernunft des Negers ist sein Herr. Sie steht verkörpert außer ihm, und das ist das Ganze des Unterschieds zwischen Freien und Sklaven. Wie der Dichter mit der glücklichen Kunst des Kontrastes das empfindende und das denkende Wesen in uns oft in zwei getrennten Personifikationen darstellt – Ihr Goethe liebte das – so stellen wir den Carlos, den Antonio, den Mephisto, wenn Sie wollen, und unsre Sklaven das instinktivere Wesen des Clavigo, des Tasso, des Faust dar. Aber nicht die Vernunft allein, auch die Liebe lassen wir ihr göttliches Amt erfüllen in unsrer Obergewalt über den schwarzen Bruder. Wir betrachten unsre Neger als Glieder unsrer Familie; ihre Kinder sind die Gespielen unsrer Kinder, wir nehmen wechselseitigen Anteil an den freudigen und traurigen Ereignissen, womit das Schicksal in der Kolonnade des Herrn wie in dem log cabin des Sklaven einkehrt. Wir haben unsern Negern Schulen errichtet, Spitäler und Versorgungshäuser, wir unterrichten sie im Christentume. Kurz, Sie erblickten in unsern Sklaven einen glücklichen und zufriedenen 
      Bauernstand und würden lächelnd inne, wie seltsam-kindisch das Spiel ist, das die Menschen mit Worten treiben. Was noch von 
       Resten alter, romantischer Schauer in Ihnen zurückbliebe, verschwände vollends, wenn Sie, da ich jetzt nur von der schwarzen Rasse sprach, Ihren Blick auf die weiße Rasse eines Sklavenstaates richteten. Bei uns erfüllt die weiße Rasse den Sinn des allgemeinen Gesetzes, daß die Mehrheit für die Minderheit arbeitet, durch wirkliche Kultur und nicht bloß durch äußerlich-scheinbare. Die Arbeit unsrer Sklaven gewährt uns die Muße, den höheren Funktionen der Menschheit obzuliegen. Wir lieben Künste und Wissenschaften, pflegen die Literatur, verfeinern die gesellige Sitte, bilden uns für den Staat und die schwere Erfüllung unsrer patriotischen Pflichten. Wir liefern dem Kongreß die hervorragendsten Mitglieder, der Republik die besten Präsidenten, Washington selbst war ein Sklavenhalter. Von all diesen Vorzügen ist im »freien« Norden nicht die Rede. Der Fabriksarbeiter lebt tatsächlich schlechter als unser wohlverpflegter und sorgenfreier Sklave, der Fabriksherr selbst aber kommt über den Unruhen seines bürgerlichen Erwerbes und als unfreies Glied in der Kette eines Kredit- und Konkurrenzsystems, das ihn willenlos fortreißt, ebensowenig zur Veredlung seines menschlichen, noch weniger zur Ausbildung seines großen staatsbürgerlichen Daseins. Wenn Amerika seine Freiheit verlieren kann, so wird die erste Gefahr von dort ausgehen, bei uns werden die unerschöpflichen Hilfsmittel eines wahrhaft republikanischen Patriotismus sein. Ja, ohne alle Paradoxie dürfen wir behaupten, die Sklavenstaaten sind die besten Stützen unsrer Freiheit.
      Quantum periculum immineret, si servi nostri numerare nos coepissent!« 
      Welche Gefahr drohte uns, wenn unsere Sklaven uns zu zählen anfingen! sagte Moorfeld mit tiefer, ernsthafter Betonung. Ob Senecas Wort, fuhr er fort, nur vom römischen und nicht naturgemäß und notwendig von jedem Sklavenstaate der Erde gilt, mögen die Götter in der praktischen Beantwortung ebenso auf sich beruhen lassen, wie ich in der 
       theoretischen. Ich gestehe gerne, daß ich über diesen Gegenstand – Kundigeren das Wort lasse.
      Mr. Livingstone nahm den Wink auf und antwortete zwischen Moorfeld und dem Virginier: Da die Virginier nach den Gesetzen der Vernunft und der Liebe ihre Sklaven behandeln, so muß es ihnen außerordentlich unangenehm sein, überhaupt noch Sklavenhalter zu heißen. Wäre es nicht besser, sie erklärten ihre Sklaverei demnach für aufgehoben? Tatsächlich änderte ja dieser Großmutsakt nichts, denn die Sklaven, die sich heute so glücklich fühlen, würden sich wohl hüten, das bestehende Verhältnis zu lösen. Löseten sie's aber doch – nun, dann hätten sie sich eben 
      nicht glücklich gefühlt. Und das ist der einfache und immer wiederkehrende Syllogismus, wenn vom Glücke der Sklaven die Rede ist. Laßt es auf ihre Wahl ankommen! – In der Tat, Herr General, in diesen Tagen, da uns zu jeder Stunde die Nachricht werden kann, das englische Parlament hat die Emanzipationsakte erlassen, fühlt die Union ein tödliches Herzklopfen, und wir sind aufgeregter als je, unser Herrenrecht über unsre Sklaven uns selbst und andern recht unzerstörbar einzureden. Als ob das Gift im Magen durch die Einbildung, es sei Honig, auch nur eine Sekunde lang in seinen tödlichen Wirkungen innehielte! Von ganzem Herzen beglückwünsche ich Mortonhall, daß es diesen Honigtraum zu träumen vermag; daß es ihn zu träumen verdient, bezeuge ich dem edlen Besitzer desselben mit größtem Vergnügen. Aber der ganze übrige Süden lebt in einem fürchterlichen Wachen! Aus allen Regionen zwischen dem Red-River und Potomac werde ich stündlich mit Briefen überhäuft, in welchen die Sklavenbeglücker mit jenem Angstschweiß auf der Stirne, den die Verurteilten der Geschichte an schwülen Vorabenden schwitzen, mich um Rat in ihren Gesetzgebungen bestürmen. Wie seltsam! Sie meinen, ich könne Gesetze erfinden, nach welchem eine 
      Person zugleich als 
      Sache zu behandeln, eine 
      Macht zugleich als 
       Recht auszuüben ist; diesen Widerspruch zu lösen schwebt ihnen als eine Kunst vor und sollte ihnen doch als eine Unmöglichkeit einleuchten. Ebensogut könnte der Räuber von mir Gesetze verlangen, die seinen Raub, den Erwerb einer Gewalttat, garantieren. In der Tat haben auch die Räuber Gesetze unter sich, die sie mehr oder weniger gut beobachten; nur schade, daß sie von uns andern gleichmäßig gehängt werden. Die Unglücklichen! sie wollen gerecht sein und merken nicht, daß sie es nicht können! Aus einer ungerechten Prämisse wollen sie gerechte Konsequenzen ziehen! Es ist nicht wahr, daß ihr eure Sklaven so gut behandelt wie eure Haustiere. Ein unaufhörlicher Argwohn, eine Eifersucht, die durch nichts zu beschwichtigen ist, leitet das Betragen des Herrn gegen den Sklaven. Die Interessen beider liegen in einem ewigen Kampfe, und nie und nimmer, auch bei seinem besten Willen nicht, kann der Herr den Sklaven in dem Lichte erblicken wie seinen Esel oder sein Pferd. Denn das Tier ist ihm sicher, der Sklave mitnichten; ohne Sicherheit aber kein Vertrauen, und ohne Vertrauen keine Behandlung, die eine gute heißen könnte. Könnt ihr den Sklaven aber nicht einmal als Haustieren gerecht werden – und das wäre doch euer geringstes! – wie mögt ihr euch überreden, ihnen als Menschen gerecht zu werden? Ihr unterrichtet sie? aber die fünfundzwanzig Buchstaben des Negers werden sogleich ein Kriegsheer gegen euch, denn er liest die Reden eines Wilberforce und Canning damit, und wird euch erwürgen. Ihr erzieht sie zu Christen? Aber der Schwarze wird über den Weißen herfallen, und – auf St. Domingo ist es geschehen – mit Rachegeschrei euch anklagen: die Weißen haben den Heiland ermordet! Wahrlich sie brauchen nur die Gattung für die Art zu nehmen, – ein sehr gebräuchlicher Tropus! – so sind ihre Massakers mindestens ebenso gerecht als die Judenverfolgungen unsrer mittelalterlichen Christen: denn die Juden waren doch unzweifelhaft Weiße und nicht Schwarze! Seht, 
       so unversöhnlich ist ein Verhältnis von Sklaven und Herren, daß selbst die alles versöhnende Bildung den Abgrund nicht schließt, ihr mögt hineinwerfen, was ihr wollt. Nein, ein unsittliches Prinzip ist nicht sittlich zu handhaben. Zu verbessern ist nicht, was nur aufzuheben ist. Der Modus der Aufhebung kann allein hier Gegenstand des vernünftigen Nachdenkens sein, oder sagen wir besser: des ernstlichen Bestrebens. Leider verabscheuen meine Konsulenten im Süden die Aufhebung in all ihren Modalitäten. Was habe ich nicht versucht, Ganzes und Halbes! Ich habe das mildmenschliche Sklavenwesen Asiens und Afrikas studiert, und von dort her mindestens die erträglichsten Formen des Sklavenbesitzes entlehnen gewollt. Denn so trostlos liegt leider die Sache, daß Amerikaner, die exaktesten Christen der Welt, von Mohammedanern lernen könnten! Ich habe das Beispiel aufgestellt: auf dem Sklavenstande hafte im Orient keine Schande. Der Mohammedaner hat nicht Rassenhaß; die schmähliche Sophistik, den Negern die volle Menschheit abzusprechen, womit sich Christen befleckt haben, ist den Ungläubigen nie in den Sinn gekommen. Der Mohammedaner hat keinen Code noir; die Verbrechen der Sklaven werden von ihm mit einer sehr richtigen Würdigung ihrer bürgerlichen Unzurechnungsfähigkeit in allen Fällen nur mit der Hälfte der Strafen belegt, welche das gleiche Verbrechen des freien Mannes träfe. Wir Christen machen es bekanntlich umgekehrt. Ebenso habe ich angeraten, gleich den Mohammedanern, die Sklaven vom Herrn erben, ja sie in die Familie heiraten zu lassen; welch letzteren Gebrauch christliche Sklavenhalter leider in gleichfalls umgekehrter Tendenz, und zwar dergestalt pflegen, daß der Herr oder sein Sohn mit der Sklavin Kinder erzeugt, um aus Herrenblut Sklavenkapital zu münzen, statt entgegengesetzt. Gebet es auf, habe ich gepredigt, eure Verhältnisse zu den Schwarzen als das von Herren zu Sklaven zu betrachten; betrachtet es besser als ein Nebeneinander zweier 
       Nationen: ihr wäret die siegende, jene die besiegte Nation. Wohlan, vermischt euch, riet ich, Sieger und Besiegte, zu einer neuen Nationalität, wie sich die Normannen mit den Sachsen zur englischen vermischt haben. Von eurem Blute tragen sie ja doch längst schon in sich, und von eurer Intelligenz ebenfalls; physisch wie geistig stehen eure Niggers den afrikanischen Bozals, was ihr auch sagen mögt, bereits ferne. Sie sind Bürger eures Bodens, erkennt es an, und euer Übel ist geheilt. Aber sie wollen nicht. – Andere zeigten sich besser gesinnt, riefen aber ratlos: Wohin mit unseren Freigelassenen? Gerne wären wir bereit, unser überflüssiges Kapital an sich selbst zu verschenken, aber wohin damit? Liberia hat sich als ein Puppenspiel erwiesen, die weißen Staaten wehren und erschweren den Eintritt von Niggers auf jede denkbare Weise – wie abolitionieren wir das Übel? Und in der Verlegenheit wissen sie sich nicht andern Rat, als das Übel fort und fort einander sich zuzuwälzen, jeden neu der Union zuwachsenden Staat mit allen bösen Künsten der Partei-Politik für den Fluch ihres Sklavensystems zu werben, wie kürzlich wieder Missouri, und atmen hoch auf, wenn die Geißel eine Sekunde lang ruht, bloß darum, weil ein neuer Riemen hineingeflochten wird. Denen schrieb ich: ist's möglich, daß wir bei dem guten Willen für Liberia nicht längst schon einen näher liegenden Gedanken gefunden haben? Räumen wir unsern Niggers ein Territorium in der Union ein! Machen wir sie zu einem Stern unsers Sternenbanners, gönnen wir ihnen ihr eigenes Staatsleben in einem unsrer eignen Staaten. Ein Liberia jenseits des Ozeans hat sich als unpraktisch ausgewiesen, ein Liberia jenseits des Mississippi wird praktisch sein. Aber sie wollen wieder nicht. Sie wollen nichts. Sie wollen nichts, was sie können, sie können nichts, was sie wollen. So läßt man den Ernst des Augenblicks herankommen, man zittert der englischen Abstimmung entgegen, man erkennt die Solidarität der Sklavensache in ihrer ganzen fürchterlichen 
       Wahrheit, und doch scheut man die Solidarität mit der Klugheit und dem Mute der englischen Emanzipations-Politik. Unser Sprichwort sagt: die Engländer prügeln die ganze Welt, aber die Amerikaner prügeln die Engländer. Wollte Gott, wir täten's den Engländern auch diesmal nicht zuvor, sondern nur nach, und nur zur Hälfte nach. Das erstemal, daß wir uns hier auf einer Lüge ertappen lassen, kann uns verderben für immer. In Wahrheit, meine Korrespondenten im Süden sind darauf gefaßt, daß mit der ersten Nachricht von der Freiheit der englischen Sklaven der Sklavenaufstand in Amerika ausbrechen wird. Entsetzliches Angstgestöhn liegt in meinem Pulte. Alle die weißen Hände, die heute noch an mich schreiben, haben das Vorgefühl, sie können binnen Jahr und Tag von der Erde verschwunden sein. Ja, meine Herren, die größere Hälfte der Union, durch Sklavenarbeit ein Paradies, kann schauderhafte Sklavenarbeit bald in eine ausgebrannte Wüste, in einen Leichenanger voll gebleichter Gebeine verwandelt haben! – We are in a free country! bebte es unwillkürlich von Moorfelds Lippen; der Virginier aber sagte blaß lächelnd: er vertraue der göttlichen Vorsehung. Mr. Livingstone schwieg.
      Die beängstigende Pause unterbrach der barocke Lord Ormond, der wie die lustige Person nach der Tragödie sich jetzt zu unsrer Gruppe fand. Er mußte dem Gespräche aus der Nähe gefolgt sein, denn er redete Mr. Livingstone an: Erlauben Sie, mein Herr, daß ich auf meinem Standpunkte Ihrer Philosophie mich anschließe. Sie haben die Bemerkung ausgesprochen, daß die amerikanischen Nigger um vieles höher stünden als ihre afrikanischen Stammgenossen. Diese Bemerkung ist so fruchtbar an Folgerungen, daß sie noch weit über Ihr gegenwärtiges Ziel hinausführt. Sie haben die Perfektibilität der Negerrasse ausgesprochen; – bei dem Worte »Perfektibilität« wußte Moorfeld sogleich, wohin der edle Lord ziele. Er sah sich nach einem passenden 
       Rückzuge um, der Engländer aber nahm ihn freundlich bei der Hand und hielt ihn fest. Moorfeld seufzte. Der Engländer fuhr fort: – und doch ist diese Perfektibilität seit dem Anbeginn der Schöpfung in Afrika latent geblieben. Wäre sie in Amerika nicht zum Vorscheine gekommen, man hätte sie ganz und gar geleugnet. Das ist wichtig. Denn nun werden wir mit Recht weiter gehen und fragen dürfen: Hat sich der Bozal durch den Umgang mit einer gebildeten Rasse veredelt, müßte sich eine Art von erschaffenen Wesen, die zunächst unter den Bozals stünden, im Verkehre mit diesen nicht gleichfalls vermenschlichen? Ja, dürfen wir diese Frage auf jeder nächst tieferen Stufe der beseelten Schöpfung nicht stets von neuem wiederholen? Gewiß dürfen wir das. Damit ist aber eine Kontinuität der intellektuellen Welt gewonnen, welche die unlogischen Grenzen zwischen Mensch und Tier aufhebt. Sie sprechen von der Emanzipation der Neger, – ich spreche von der Emanzipation der Tiere selbst. Ich wünschte nichts so sehr – denn noch ist es nicht allen Menschen verliehen, einen Syllogismus wie eine Tatsache auf sich wirken zu lassen, – ich wünschte nichts so sehr, als daß es neueren Entdeckungsreisenden gelingen möchte, den Gorilla-Affen wieder aufzufinden, dessen Gattung der karthagiensische Seeforscher Hanno gesehen hat und dessen Menschenähnlichkeit in dem »Periplus« so merkwürdig beschrieben ist. Hätten wir diesen Gorilla-Halbmenschen, diesen einen ausgebrochenen Zahn in dem Uhrwerke der lebendigen Schöpfung, so würden wir wohl für immer aufhören, die Natur in eine tierische und menschliche zu zerreißen, d.h. wir würden anfangen, das Tier zum Menschen zu erziehen. Bis dahin, meine Herren, – und so demonstrierte der britische Philosoph weiter. Wir wiederholen im Salon nicht mehr, was wir schon auf dem Wege dahin zu bewundern Gelegenheit hatten. Zu bedauern fand es Moorfeld nur, daß es sich auch hier wiederholte. Nach der tiefernsten Stimmung, welche der 
       vorige Gegenstand aufgeregt, war diese Farce doch recht unpassend an ihrem Platze. Sie wirkte nicht komisch, sie war nur widerwärtig.
      Noch mehr.
      Eine Bewegung im Saale erweckte Moorfelds Aufmerksamkeit. Drei Damen hatten einen Gang durch die Gesellschaftszimmer gemacht – ihr Bild traf Moorfelds Auge nur noch wie ein Streiflicht. Die Mittlere der drei Frauen war Mrs. Bennet, die Hausfrau; aber Moorfeld verwunderte sich, daß auch eine der beiden andern, ein blonder Mädchenkopf, ihm nicht unbekannt schien. Wie ein Strahl blitzte es auf in ihm, wie aus einem Traume fuhr er empor, er riß sich von dem Engländer los, er staunte, er drängte der Erscheinung nach, welche mit den reizenden Bewegungen eines jugendlichen Körpers am Arme der älteren Dame und unter dem Andrang allseitiger Huldigungen sich durch die Wogen der Gesellschaft wand. Er kam zu spät. Der Engländer hatte im Eifer seiner Dissertation ihn wie mit Greifscheren festgehalten. Ja, zu seinem Verdrusse glaubte Moorfeld sogar zu bemerken, daß das Blondköpfchen die Zuhörergruppe des verrückten Lords mit einem fein-satirischen Lächeln auf den Lippen vorübergewandelt.
      Das Ganze war das Werk eines Augenblicks.
      Diese Episode riß unsern Freund aus allem Zusammenhang mit dem Rout. Er stand eine Weile lang in jener tiefsten Vereinsamung, welche mit Unrecht Geistesabwesenheit heißt. Sein Geist war von der Außenwelt abwesend, wie es ein Taucher von der Erde ist. Er versenkte sich in ein Element, worin keine Gesellschaft möglich ist. Die Damen verschwanden mehr und mehr in die Tiefe der Säle hinab, und Moorfelds Auge folgte noch immer, gleichsam wie man einen Gegenstand oft in perspektivischer Entfernung betrachtet und hofft, seines Bildes sich deutlicher zu versichern als in der Nähe.
      In diesem Zustande fand ihn Mr. Bennet. So in Gedanken, 
       Sir? Nicht wahr, man kann recht sich selbst leben auf einem Rout? Aber was höre ich! General Morton aus Virginien sagt mir soeben, Sie beabsichtigten demnächst eine Ansiedlungsreise an den Ohio? Ist es an dem? Im Schreck darüber ließ ich den Bischof Parton stehen, der mich just zum Vertrauten seiner Kirchenbedürfnisse gemacht hat, und dem ich doch artig sein muß, denn der Zelot hat Einfluß, und ich erwarte jeden Augenblick eine Ladung Gipsabgüsse – nach dem Museo Borbonico!
      Es war Moorfeld eigentümlich zumute, jetzt an sein Urwaldsprojekt erinnert zu werden. Er erschrak fast.
      Bennet fuhr in seiner affablen Manier fort: Freilich gratuliere ich uns anderseits wieder, daß Sie ein Bürger unsrer Staaten werden wollen. Und dürfte ich dreinreden, so würde ich erinnern, daß unser Hudson hier auch ein angenehmes Flüßchen ist. Seine Naturschönheiten –
      Ich halte die Wintersaison vielleicht in New York, antwortete Moorfeld. Das Wort war gesprochen, er wußte nicht wie. Doch fühlte er sein brennendes Erröten darüber.
      Tant mieux! tant mieux! jubelte Mr. Bennet. Moorfeld hörte ihn und mußte sich zusammennehmen, ihn auch zu sehen. Sein Auge war wie gebannt. Und doch waren die Damen in der Reihe der Säle längst nicht mehr sichtbar, nur die Bewegung der Gesellschaft kräuselte noch wie Furchen, die der Schwan zieht, den Verschwundenen nach.
      Ich bin gekommen, fuhr Bennet fort, Sie um Ihre Gesellschaft in den Teepavillon zu bitten. Wir wollen unsern Tee nehmen, wenn es Ihnen gefällig ist. Mr. Livingstone wird von unsrer Partie sein und noch einige andre Gentlemen meiner engeren Bekanntschaft.
      Sollte Moorfeld seine augenblickliche Stimmung opfern, so tat er's noch am liebsten in Bennets Gesellschaft. Er folgte.
      Der Hausherr führte seinen Gast die Konversationssäle, Spielzimmer und Trinkstuben entlang an das äußerste 
       Ende der Appartements. Dort lud sich ein niedlich verstecktes Plauderkabinett erkerartig auf eine Terrasse aus, welche mit einer Fülle tropischer Gewächse besetzt war. Das Kabinett bildete eine Art Glaspavillon, seine Form war die des Achteckes. Ein runder, in diesem Augenblicke reich garnierter Teetisch nahm die Mitte des Gemaches ein; den übrigen Raum erfüllten breite Diwans, niedrige Fauteuils, sogar einige Schaukelstühle, zum Beweis, daß das reizende Reduit, außer seiner Bestimmung als Estaminet, auch schöneren Besuches gewürdigt wurde. Die acht Ecken des Gemaches verzierten Blumen- und Fruchtkörbe aus japanischem Bambusrohr auf vergoldeten Postamenten. Das Licht fiel von oben durch eine Konstruktion von Spiegelgläsern ein, welche aber ein Netz von Schlingpflanzen so anmutig überkleidete, daß vom ganzen Apparat nichts zu sehen war als seine Leistung selbst, eine milde, dämmerige Mondeshelle. Die Gardinen der Fenster waren niedergelassen mit Ausnahme eines einzigen. Dieses zeigte im Vordergrunde eine charaktristische Laubmasse vom Batterypark, darüber ein ritterliches Stück Mauerwerk vom Castle Garden, im Hintergrunde das Meer. Vor- und Mittelgrund lagen in tiefer Nacht, das Meer warf von seiner fernen Höhe das letzte purpurne Abendlicht herein. Der offene Fensterraum kontrastierte zu den Gardinenfarben, die ihn rechts und links einrahmten, und zu der eigentümlichen Beleuchtung des Kabinetts so täuschend, daß der Eintretende im ersten Augenblicke keine natürliche Aussicht, sondern ein bezauberndes Landschaftsbild, durch irgendeinen optischen Effekt erzeugt, vor sich zu haben wähnte. Moorfeld schickte aus vollster Seele dem Meere seinen Gruß hinaus.
      Den Eingang des Kabinetts bildete nach gewöhnlichem Brauch englischer Trinkstuben ein Vorhang. Dieser Vorhang war halb zurückgeschlagen, so daß ein Teil des hier beschriebenen Inneren den Ankömmlingen schon aus einer gewissen Distanz bemerkbar wurde. Moorfeld erkannte von 
       den anwesenden Gästen Dr. Channing, Dr. Griswold und Mr. Livingstone. Er erblickte aber noch drei oder vier andere Herren an der Tafelrunde, welche ihm unbekannt waren. Herr Bennet erklärte sie ihm folgenderweise: Rechts neben Dr. Channing sitzt Oberst Gault, Direktor der Militärakademie in Westpoint. Ein sehr gelehrter Militär, der aber möglicherweise den ganzen Abend den Mund nicht öffnen wird, wenn wir nicht zufällig von Mathematik sprechen. Auf der andern Seite erblicken wir Mr. Wood mit Schwager und Schwiegersohn. Die drei Herren sind die Firma einer patentierten Licht- und Seifenfabrik; sie zogen es aber, wie wir sehen, heute vor, in ihren glänzenden Uniformen zu erscheinen. Die beiden jüngern tragen weißes Beinkleid, blauen Frack und Lederzeug von rotem Maroquin. Es ist die Uniform der Kaufleute von den Freiwilligen-Kompagnien unsrer Miliz. Mr. Wood, der ältere, ist Major eines Freiwilligen-Schützenbataillons und trägt die theatralische Uniform der Bergschotten. Das Kostüm ist durch W. Scotts Romane fashionabel geworden. Diese Schwäche ausgenommen, sind es vernünftige Leute, die keine Partie verunzieren; sie besitzen vielmehr einen gewissen Verfeinerungstrieb, womit sie, wie ich mich ausdrücken möchte, ungefähr auf der Grenze von Böotien und Attika zu stehen kommen. Ohne selbst Juwelen zu sein, gleichen sie jenen Folien etwa, welche der Joailleur unter seine Juwelen legt, um ihren Glanz zu erhöhen. Sie sind als anregende und sekundierende Elemente verwendbar. Dabei besitzen sie die seltenste Eigenschaft eines Amerikaners: Autoritätsglauben. Bemerken Sie gefälligst, Dr. Channing, unser Cato, hält wieder einen seiner catonischen Vorträge. Er macht soeben unser Volk schlecht. Der Mann hat ein eigenes Talent dafür. Er seziert uns so deliziös, wie man eine Trüffelpastete zerschneidet. Und sehen Sie, die Herren Dekorationsoffiziere sitzen dabei und beobachten eine bewaffnete Neutralität. Das ist viel für einen Amerikaner.
      
       In der Tat war es so. Die imposante Gestalt Dr. Channings saß wie ein heraldisches Brustbild hinter einem Eisaufsatz, welcher eine Fruchtpyramide bildete, bestehend aus künstlich geformten Trauben, Granatäpfeln, Ananasorangen, Zitronen, Mandeln und ähnlichen Fruchtformen. Das Hauptstück dieser Pyramide war eine Melone, gefüllt mit zusammengefrorenem Champagnerschaum. Indem Dr. Channing die Rinde dieser Eismelone anschnitt, redete er unter einem Duftstrom der köstlichsten Aromen ohne Barmherzigkeit auf die Herren Woods ein, welche mit gesenkten Häuptern zuhörten und in der köstlichen Süße des Augenblicks den Kontrast des Herben geduldig mit hinunterschluckten. Die Herren mußten ihre amerikanischen Institutionen gepriesen haben; denn Moorfeld hörte in dem Augenblick, den wir beschreiben, von Channings Rede noch folgendes:
      In einer Hinsicht haben unsre Institutionen uns alle getäuscht. Sie haben nicht jene Veredelung des Charakters bewirkt, welche die köstlichste und in Wahrheit die einzig wesentliche Segnung der Freiheit ist. Unsre Fortschritte des Gedeihens sind in der Tat ein Weltwunder geworden, aber dieses Gedeihen hat auch viel dazu beigetragen, dem veredelnden Einfluß freier Institutionen entgegenzuarbeiten. Besondere Umstände der Zeit und unsrer Lage haben einen Strom von Wohlstand über uns ausgeschüttet und die menschliche Natur ist nicht stark genug gewesen, dem Anfalle einer so schweren Versuchung zu widerstehen. Tugend ist teurer geworden als Freiheit. Die Regierung wird mehr als ein Mittel zur Bereicherung des Landes als zur Sicherung der einzelnen betrachtet. Wir sind mit dem 
      Gewinne als mit unserm höchsten Gute eine Ehe eingegangen, und niemanden darf es wundern, daß aus dieser Ehe die gemeinsten Leidenschaften entsprossen sind, welche alle bessern moralischen Stützen unsers Gemeinwesens entfestigen, während selbstische Berechnung, Neigung nach äußerm Schein, Verschwendung, 
       unruhige, neidische und niedere Begierden, wilder Schwindelgeist und tolle Spekulationswut die Stelle dafür einnehmen. In Wahrheit, es geht ein Geist der Zügellosigkeit und der Verwilderung durch unser Land, der, wenn er nicht unterdrückt wird, der gegenwärtigen Gestaltung der bürgerlichen Gesellschaft die Auflösung droht. Selbst in den älteren Staaten der Puritaner nehmen Pöbelhaufen die Regierung in ihre Hand und eine verworfene Zeitung findet es leicht, die Menge zur Gewalttätigkeit anzureizen. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß die überhand nehmenden Beispiele unsrer Volksjustiz, denen nicht das dunkelste Rechtsgefühl, sondern bloßer Hang zur Ausschweifung zugrunde liegt, uns als ein Volk hinstellen, welches von den ersten Grundsätzen der Freiheit keinen Begriff hat.
      Der weiche schwellende Mund, der diese Strafrede gehalten, erquickte sich hierauf mit der besagten Eismelonenschnitte. Die Milizoffiziere dagegen erquickten sich gar nicht. Es war ein eigentümliches Schauspiel, unter welchen Gefühlen diese glänzenden Herren in ihren koketten Uniformen dasaßen und keines Einfalls, keiner Erwiderung fähig waren, um deretwillen sie den Mund hätten öffnen können.
      Die Niederlage, sah man, war vollständig auf ihrer Seite.
      Endlich erhob doch Mr. Wood, der Bergschotte, seinen Blick von dem silberplattierten Korkpfropfen, mit dem er bisher gedankenlos gespielt, und sagte kleinlaut:
      Aber unsre Erziehung, Doktor, unsre Schulen!
      Und sogleich stimmten Schwiegersohn und Schwager des Herrn Wood mit sichtlich erleichterten Herzen ein:
      Ja, ja, unsre Schulen! das ist's. Welche Nation der Welt tut soviel für sie wie wir? Unsre Schulen mehren sich täglich, und mit ihnen wächst stündlich die Hoffnung –
      Unsre Schulen mehren sich täglich, antwortete Doktor Channing gelassen, aber mehrt sich der Geist, den unsre 
       Schulen zu überliefern haben? 
      Wie wird der junge Amerikaner erzogen? fragen wir uns vor allem das, meine Herren. Der Geist unsrer Pädagogik ist nicht der, Menschen zu bilden, sondern Rechenmaschinen zu machen. Der Amerikaner soll baldmöglichst ein Dollar erzeugender Automat werden, das allein ist's, wofür die Schule zu sorgen hat. Für sein warmes, aufquellendes Menschenherz kümmert sich kein gemieteter Lehrer, der ja selbst nur Dollars erzeugt aus dem menschlichen Rohstoff seines Schülers. Eine zartere Vorsorge findet der Amerikaner eigentlich nur in seiner frühesten Kindheit; da aber allerdings mehr als bei jedem andern Volke. Die Mühe und Sorgfalt, die auf die Wartung und Ausschmückung unsrer Kinder verwendet wird, ist in der Tat groß genug, den reichsten Mann arm zu machen, wenn ihm der Himmel der Nachkommen viele beschert. Die weichlichste Pflege entkräftet frühzeitig den Körper, die Fütterung mit süßen und starkgewürzten Sachen verdirbt den natürlichen Geschmack, die Stubenerziehung und Verhätschelung erstickt den derben Kern der Gesundheit. Freilich sind unsre Kinder dafür wahre Modells von Engeln, und ich gebe gern zu, es sei kein holderer Anblick in der Welt als ein amerikanisches Baby. Trauriger Ruhm, daß wir die schönsten Puppen erziehen zu unschönen Menschen. Denn kaum vermag nun das Kleine Händchen und Füßchen zu regen, so läßt man diesen zarten Spiegel der Volkssouveränität bereits nach Herzenslust schalten und walten. Wo sich Trotz, Mutwillen, Starrsinn und Hang zur Widersetzlichkeit kundgibt, wird sie mit Freude begrüßt als ein Zeichen künftiger Mannestüchtigkeit. Die Kinder üben vollkommene Überlegenheit gegen ihre Eltern. In die erste Schule kommen sie schon als unbeugsame Republikaner-Gamins, und die Lust, nach ihren Einfällen ihre Kraft zu versuchen, wächst mit jedem Tage. Sie lernen bereits nach ihrem Tadler mit Pistolen schießen und schieben das erste Primchen Kautabak in den verschlemmten Süßmund. Auch betrinken 
       sie sich. Mit dem zwölften Jahre wird der Knabe in die höhere Schule geschickt, er denkt aber wenig mehr an Schulen, sondern an Dinge, welche die Natur sonst nur auf die Gedankenbahn bringt, wenn der Bart keimt. Sein Griechisch und Latein, seine Physik und Mathematik und endlich jene banausische Mischung von Denk- und Naturgesetzen, Sittenlehren und Geschichtsanekdoten, welche man Philosophie nennt – das alles nimmt ihm nur vier, oft nur zwei Jahre weg. Von einer tieferen klassischen Bildung, welche dem Jüngling die geistigen Besitztümer der Menschheit alter und neuer Zeit übermittelte, welche ebenmäßig seine Seele ausbildete und ihm ein für alle Male die Gerechtigkeit und die Schönheit, statt die Nützlichkeit zum Lebensprinzip machte – von einer solchen Bildung ist in unsern Schulen nicht die Rede. Es wird schnell und oberflächlich viel gelernt, der Unterricht in der Weltgeschichte fällt so gut wie gänzlich weg. Kann der Knabe nur die Äußerlichkeit, die Handgriffe einer Sprache oder Wissenschaft zur Schau tragen, so ist man sehr zufrieden. Bei den öffentlichen Prüfungen ein Stück her zu übersetzen, darauf allein steuert man los; gerade so wie der Musiklehrer am besten fährt, der, statt das Verständnis eines mehrstimmigen Tonsatzes zu lehren, viele neue und melodische Musikstückchen einfingern läßt. So werden die Klassen durchlaufen, die Zeugnisse darüber in die Tasche gesteckt, die Schule ist abgetan. Der junge Mann, denn Mann ist er nunmehr, und hätte er auch das sechzehnte Jahr nicht zurückgelegt – der junge Mann schlendert hierauf eine gute Weile frei und müßig umher und nennt das, die Welt kennen lernen. Diese Welt sind die Promenaden, die Austernkeller, die Kegelbahnen, die Theater, die Matrosenkneipen und – die dritte Avenue! Äußerst zufrieden mit sich selbst sieht man ihn durch die Straßen stolzieren, den Mantel malerisch, nämlich für Karikaturmaler, um die Schultern geworfen, den langen nackten Hals über den niedrigen Hemdkragen emporstreckend, 
       das schnell verknöcherte Haupt in einer Takelage von zottigen Locken. Die ganze Welt steht ihm offen, er ist Bürger des freiesten Volkes der Erde. Die Weichheit und Keuschheit, die Begeisterung des ersten Jünglingsalters hegt schon lang hinter ihm, oder besser, er hat sie nie gekannt. Jetzt steht sein einziger Ehrgeiz darnach, der Welt zu zeigen, was er für ein Mann ist. Zu diesem Ende wird er Mitglied einer Feuerlöschkompagnie, liest die Zeitungen, entscheidet sich für eine Partei und spricht klein von großen Verdiensten. Aber das alles greift ihn fürchterlich an. Er muß bereits seine erste Gesundheitsreise machen. Gewiß, er muß nach dem Süden, oder nach den Rocky-Mountains, oder nach Baden-Baden, nach Nizza, nach Vauxhall. Ohne die letzte Suppe mit der Familie zu essen, ohne den letzten väterlichen Gruß, aber mit desto mehr väterlichen Wechseln sitzt er eines Morgens auf der Eisenbahn, im Schiffe, und durchstöbert die Erde, soweit der letzte Cent reicht. Man könnte dies Schwärmen dichterisch nennen, wäre nur etwas Gemüt dabei, etwas Lust oder Qual. Aber er langweilt sich, genießt gähnend, und im Kontrast mit der Fremde beschleicht ihn dann doch ein gewisses Bewußtsein seiner Scheinbildung. Das alles macht ihm das Reisen unbehaglich. Zu Hause aber sagt er, die Sehnsucht nach unserm freien und aufgeklärten Lande habe ihn heimwärts getrieben, denn alles übrige wäre ja doch nur Bettel. Jetzt ist er zwanzig Jahre alt und beginnt seine Bekehrung. Er überzeugt sich, daß er zu dem sham seiner Studien, zu dem sham seiner Reisebildung, zu dem sham eines weitgereisten smartmans zu guter Letzt auch den sham des Christentums nötig habe, um unter seinen Mitbürgern zu reüssieren. In dieser Stimmung trifft ihn der Prediger, der Freund seiner Mutter. Er redet auf den jungen Mann ein, er zeigt ihm, wieviel Geld das tolle Leben kostet, wie wohlfeil dagegen das Abonnement eines Kirchenstuhls sei. Er empfiehlt ihm das Sakrament der Ehe – natürlich 
       mit einem reichen Mädchen. Er stellt ihm die Ausgaben für die dritte Avenue und die Einkünfte aus dem Vermögen einer »respektablen« Frau so faßlich gegeneinander, daß Zahlen, welche alles beweisen, in diesem Falle auch die Tugend beweisen. Zuweilen kommt es aber auch vor, daß die Bekehrung länger auf sich warten läßt. Dann ist die gewöhnliche Krisis eine heftige Szene zwischen Vater und Sohn. Der letztere verläßt noch einmal das Haus, und jahrelang hört und sieht man nichts von ihm. Fragt man den Papa, wo John sei, so heißt es: John ist gegangen, er wollte nicht gut tun, er wird eines Tags wohl wieder kommen – und im stillen setzt er hinzu: als Millionär.
      Und so kommt er auch! randalierte Mr. Bennet im scherzhaften Charakter eines Yankee-Boys, indem er mit seinem Gaste jetzt vortrat – hören Sie, Doktor, die Million ist sehr gut! Aus Geld wird Geist, kein armes Volk bringt's zur Kultur. Es lebe die Million!
      Die Tischgesellschaft blickte auf. Jubelnd begrüßte man den Hausherrn. Jubelnd applaudierte man seinem Impromptu zu, alle Gläser erhoben sich, und im bacchanalischen Chor scholl es von Mund zu Mund: Es lebe die Million! Man sah es den vergnügten Gesichtern der armen Milizoffiziere an, wie unendlich froh sie über diese glückliche Ausbeugung waren.
      Bennet und Moorfeld nahmen ihre Plätze ein. Moorfeld fand es nicht ohne Reiz, daß in einem amerikanischen Salon Reden gehalten werden konnten, wie er zuvor von Mr. Livingstone und jetzt aus Dr. Channings Munde gehört. Diese Strafoden schienen ihm ein weit besseres Zeugnis für Amerikas Kraft und Gesundheit als seines Herrn Stauntons Bausch- und Bogen-Patriotismus. Er sah in Bennets Salon einen jener Zentralpunkte, in welchem die wahrhaft vorwärtstreibenden und idealisierenden Kräfte einer Nation pulsieren. Nicht plattes Selbstlob, sondern der aristokratische Ton der Absprechung, der Voltaireanismus, die Kritik, 
       die Satire – horazische wie juvenalische – verrichten dieses Amt. Man erweitert die Volkssitte, indem man sie negiert; der Spott ist produktiv und der Tadel wird zum Verdienst in solchen Zirkeln, man beleidigt das Volksleben nicht, man nützt ihm. Man bricht das Herkommen, man macht Zukunft.
      So war es der Yankee selbst, der sich zum lustigen Verbrauche dieses Kreises hergeben mußte. Der Ton, den Dr. Channing angeschlagen, klang fort, nur seit dem Eintritt Bennets und Moorfelds in minder tragischer Weise. Der heitere Schaumwein von der Marne moussierte, die Temperatur der Anekdotenblüte entwickelte sich. Man beutete das originelle Volkstum Onkel Sams in zahllosen Charakterzügen aus: von vielen derselben erkannte Moorfeld wohl, daß sie zu jenen gestempelten gehörten, dergleichen jede Nation als stehende Symbole ihres Begriffes aufzuweisen hat. Andere aber waren unmittelbare, rein persönliche Erlebnisse. Mr. Bennet erzählte z.B., er habe in Rom eine Partie alter kostbarer Italiener verpackt, als über dieser Arbeit ein Yankee aus Connecticut ins Bureau des Spediteurs trat. Ei, ei, Mister, rief er sogleich, ich rate, Ihr werdet da ein dickes Stück Geld Eingangszoll bezahlen; Ölgemälde bezahlen doch Zoll, das wißt Ihr. Aber was tut's? Ofenschirme bezahlen doch keinen. Nun, Mister, ich wäre meines Vaters schlechtester Sohn, rate ich, wenn ich nicht eine Auflösung aus Kalk oder Leim nähme, und den ganzen Krickelkrackel damit übertünchte. Verdammt seien meine Augen, ich importierte das Zeug wahrhaftig unter Ofenschirm-Deklaration; an Ort und Stelle ließe sich der Anstrich wieder ablösen. Das tat' ich, oder ich will nicht mehr weiß spucken, Mister. Und in der Tat begriff der smart-man aus Connecticut nicht, was mich abhielt, seinen vortrefflichen Rat zu befolgen.
      Von der naiven Roheit des amerikanischen Kunstgefühls erzählte Moorfeld, der diese Seite nicht stärker berühren 
       mochte, als er sonst wohl gekonnt, jenen artigen Zug aus der ersten Stunde seines Landens, da er ein Kinder-Träubchen in die Mitte zweier spielender Neger-Orchester sich stellen sah, weil sie »zwei Musik« hören wollten.
      Der gelehrte Doktor Griswold ließ den stets verehrten Ton seiner dünnen Kinderstimme hören und sagte: Von diesem Thema können wir nicht sprechen, ohne des unsterblichen Faktums zu gedenken, daß eine ganze Nation ein Spottlied auf sich selbst in Text und Musik verkennt und es zu ihrer Nationalhymne macht. In einem satirischen Schlagworte, Parteinamen u. dgl. sich selbst zu ironisieren, ist bekanntlich ein historischer Lieblingszug der Völker: aber Satire und Ironie gar nicht zu merken, das konnte nur unserm Bruder Jonathan passieren. Ich spreche von dem Ursprung des Yankee-Doodle. Sie wissen, meine Herren, wie lange uns dieser Ursprung apokryphisch war, und heute noch weiß man im größeren Publikum nicht, welcher der vielen Versionen darüber man die historische Echtheit zusprechen soll. Authentisch aber ist folgende Version: Im Anfange des Jahres 1755 versammelten sich die Kolonialtruppen von Neu-England bei Albany, um mit den Truppen des Mutterlandes unter General Johnston gegen die Franzosen in Crownpoint zu marschieren. Die Amerikaner bildeten den linken Flügel, die Europäer den rechten der britischen Streitmacht. Von der altenglischen Truppe berichtet die Chronika nichts, wohl aber von der unsrigen. Der Aufzug der amerikanischen Milizen soll nämlich so lächerlich gewesen sein wie das Korps jener wahrhaft Unsterblichen unter Sir John Falstaff. Einige waren in langen Röcken erschienen, andere in kurzen, wieder andere in gar keinen. Einige trugen ihre Haare kurz geschoren, nach Art der Rundköpfe Cromwells, andere stolzierten in gravitätischen Puderperücken à la Louis-quatorze. Ihre Uniformen imitierten alle Farben des Regenbogens, ihre Bewaffnung spielte mitunter ins Nachtwächterliche. Von ihrer Feldmusik 
       war das neueste Stück zweihundert Jahre alt. Letzteren Umstand benützten die englischen Offiziere, die schon längst darauf gesonnen, für das Ridikül einer solchen Kameradschaft mit einem lustigen Streich sich zu entschädigen. Dieser ganzen Pyramus- und Thisbe-Truppe, sagten sie, fehlt nichts, als daß ein Tonsetzer, so wie sie leibt und lebt, sie in Musik setzte. Die Kerls müßten offenbar nach einem travestierten Feldmarsch marschieren, der ihre militärische Lächerlichkeit auch musikalisch ausdrückte. Gesagt, getan. Die Engländer hatten einen Spaßvogel unter sich, einen gewissen Dr. Shekbourg. Dieser erinnerte sich einer Schweinetreiber-Melodie, die er einst von einem Hannoveraner gehört hatte, welcher sie von einer westfälischen Bauernhochzeit herübergebracht. (Unsre Nationalhymne ist also deutsch, schaltete der Doktor verbindlich gegen Moorfeld ein.) Dieser Dr. Shekbourg, fuhr er fort, war ein Stück von einem Komponisten, daneben Dilettant in der Poeterei, vor allem aber, wie es scheint, ein Genie in der basse-comique. Er schrieb also seine Dudelsack-Melodie al marchia nieder, verschnörkelte sie und dichtete einen spaßhaften Text dazu – d.h. spaßhaft, wie man es vor hundert Jahren war. Satirische Stupfer mit Zaunpfählen. Als ein Humorist von Takt versäumte er aber auch den eingestreuten Ernst nicht. So scheinen namentlich die zwei Verse im Refrain:
      Yankee, wahr' die Küste dein –
       Kehr' dich nicht an Droh'n und Schrei'n –
      unsere Vorfahren dergestalt satisfaziert zu haben, daß sie darüber den burlesken Ton des ganzen Liedes, besonders aber den katzbuckelnden Bedientenstil in der fortwährenden Wiederholung des Wortes Sir, Sir, nicht im mindesten krumm nahmen. Die Chronik sagt, daß Offizierkorps soll sich halb tot gelacht haben, als Dr. Shekbourg sein Machwerk zum erstenmal produzierte. Natürlich kam alles auf 
       die mimische Selbstbeherrschung an, womit dieser seinen Bären aufzubinden verstand. Und nun seh' ich den närrischen Kauz von den Schuhschnallen bis zur Stutzperücke mit seiner Habichtsnase und seinen kleinen klugen Augen hinter der großen Brille leibhaftig vor mir, wie er gravitätisch in unser Lager hinüberschreitet und die Yankees mit der ernsthaftesten Miene von der Welt versichert, ihre Brüder am jenseitigen Flügel hätten sich ihre veraltete Feldmusik zu Herzen genommen. Er bringe da ein neues, feines Feldstückchen, habe auch neue liebliche Verse dazu, das alles sei fine, very fine. Sie möchten sich nur bedienen, die Engländer gäben es gern. Ihr großer Händel versorge sie überflüssig mit so galanten Sachen, – dies sei freilich eins der galantesten. In Wahrheit, der alte, lustige Herr muß seine Sache gut gemacht haben, denn unsre Jugend tanzt nun für ewig nach seinem Dudelsack. Der Pfiff war vollkommen geglückt.
      Unser Teezirkel erbaute sich, so harmlos, als sie erzählt war, an dieser Entstehung von Amerikas Nationalhymne. Nur die Milizoffiziere lächelten etwas säuerlich dazu, eingedenk, daß sie den Vollgenuß ihrer strahlenden Uniformen selbst nur unter den süßen Klängen des Yankee-Doodle feierten, wenn sie nämlich zweimal des Jahres, am 14. Juni, dem Gründungstage der New Yorker Feuerwehr, und am 4. Juli, dem Unabhängigkeitsfeste der Union, in voller Parade ihre Aufzüge hielten. Mr. Wood, der hochschottische Seifensieder, der nie ermangelte, den Direktor der Kriegsschule zu West-Point Herr Kollege zu titulieren, strengte darum schleunigst seinen Witz an, das Thema des amerikanischen Kunstgefühls mit einem dankbareren zu überbieten. Er erzählte Anekdoten aus dem Gebiete jener Nationaleigenschaft, die der Amerikaner »smart« nennt und worin seine stärkste Seite hegt. Von der Kunst, dem Gesetz eine wächserne Nase zu drehen, wollte er selbst folgende zwei Beispiele erlebt haben. In Connecticut, wo am Sonntag das 
       Reisen verboten ist, fuhr ich mit einem Eingebornen am Sonntag spazieren. Mitten auf der Landstraße wurde die Equipage von einem Konstabler angehalten. Der Konstabler hielt uns das Gesetz vor und forderte uns auf, sofort mit ihm umzukehren. Gott bewahre, mein Freund, rief der Mann aus Connecticut ohne Anstand, wenn es bei uns Gesetz ist, am Sonntage nicht zu fahren, was ich leider nicht wußte, so kann dem Gesetze nicht prompt genug Folge geleistet werden. Ich darf die Pferde jetzt keinen Huf mehr aufheben lassen, weder vor- noch rückwärts. Es bleibt uns nichts anders übrig, als auf diesem Punkt hier stehen zu bleiben und den Montag abzuwarten. Das ist klar. Nicht wahr, Herr Major, Sie bringen unsern heiligen Institutionen dieses Opfer. Mit Vergnügen, sagte ich. Der Konstabler machte ein langes Gesicht und zog ab. Als wir ihn aus den Augen verloren hatten, fuhren wir weiter. – Ein andermal begegne ich meinem alten Freund, dem lustigen Kapitän Tim Auspice, auf der Straße von Newburyport nach Salem in Massachusetts. Der gute Alte hatte längst »beigelegt« und rauchte seine Friedenspfeife im sicheren Port, damals aber trabte er einen wahren Bräutigamstrab mit seinem hartmäuligen Cyrus; ich denke, es gilt irgendeine kapitale Wette. Wo hinaus, flotte Seele? ruf ich ganz erstaunt über den närrischen Ritt, ich rate, Ihr habt des Orts hier herum eine halbe Million aufzuheben? nicht doch, lieber Major, ich will bloß die hübschen Mädchen in Salem küssen. Gut, dann reiten wir miteinander, sag' ich lachend. Das sollt' Euch übel bekommen, ich denke, Ihr seid noch ein wenig zu jung dazu, Herr Major. Ich will verdammt sein, wenn man nicht schon einen bessern Scherz von Euch hörte, sagt' ich empfindlich, denn das werd' ich bald. Gut, dann seid Ihr verdammt, lieber Major, denn ich rate, es ist mein bester Scherz, den ich da vorhabe. Was meint Ihr? Ich lese auf meine alten Tage allerlei alten Schnack durcheinander, unter anderen auch die Geschichten und Rechtsgewohnheiten 
       unsrer Neuenglandstaaten hier. Nun haben die Narren zu Salem heutigentags noch ein Gesetz, lieber Major, ein puritanisches Gesetz, das lautet buchstäblich wie folgt: Wenn ein junger Mann ein Mädchen ohne Zustimmung ihrer Eltern anzureden wagt oder wohl gar es küßt, so soll er das erstemal um fünf Pfund, das zweitemal um das Doppelte bestraft und das drittemal eingesperrt werden. Wie gefällt Euch der Spaß? Nicht wahr, das ist »schlechte Medizin«, wie ein Indianer sagen würde. Ihr seht aber wohl, daß ein alter Nigger, wie ich, nirgends ungestrafter küssen kann als in Salem. Denn das Gesetz sagt nur: wenn ein junger Mann – und die Jury möcht' ich wohl sehen, die mir beweist, daß ich ein junger Mann bin. In Wahrheit, Sir, ich werde denen zu Salem einen hübschen Esel bohren, rat' ich. Darauf allein reit' ich jetzt aus. Hi, Cyrus, hü Good evening, Sir! Und so ritt der alte Schelm von dannen.
      Mr. Livingstone sagte: Was der Amerikaner mit dem Worte »smart« bezeichnet, scheint in unserer Luft selbst zu liegen, nicht bloß in unsrer Rasse; denn smart kann der Nigger so gut sein als der Weiße. Natürlich wird bei diesem mehr oder minder die gentlemännische Form, der Takt des Maßes und der Schicklichkeit fehlen und der Charakter des Grotesken oder Burlesken dafür an die Stelle treten. Solch ein burlesker smart-man war jener Neger Scipio, ein freier und stimmberechtigter Bürger der Union, seines Berufes aber Dienstmann im Hause des berühmten Girard zu Philadelphia. Das Geschichtchen, von dem ich spreche, trug sich bei Gelegenheit der letzten Präsidentenwahl zu. Girard hielt natürlich, wie alle großen Finanziers, zur schwarzen Kokarde, der Neger Scipio war für Jackson. Girards Charakter ist bekannt. Er konnte großherzig wie ein Lord und mesquin wie ein Holländer sein, und letzteres war er sicher, wenn ihm irgend etwas gegen seinen eigensinnigen Gascogner-Kopf ging. Er schämte sich dann der kleinlichsten Trakasserien nicht, sich an seinem Widersacher auszulassen. 
       So ärgerte ihn die politische Gegnerschaft seines Hausnegers. Er war fest entschlossen, den General Jackson um die Stimme dieses einen Mannes zu bringen. Am Wahltage ersann er sich alle möglichen Arbeiten, um den armen Nigger so zu beschäftigen, daß es ihm unmöglich sein sollte, seinen Stimmzettel abzugeben. Scipio ließ sich alles gefallen. Zuletzt, als schon der Tag zu Ende ging, und die Wahlurne nur noch eine halbe Stunde offen stand, beordert ihn Girard auch noch aufs Dach hinauf, er möge den schadhaften Schieferziegeln nachsehen. Scipio tat auch das. Schon war der intrigante Franzose seines Sieges gewiß. Solch blödes Nigger-Vieh ist doch für Dollar-Klang ein willenloses Werkzeug, dachte der goldgewaltige Eigentümer von zwanzig Schiffen; – und das will Staatsbürger sein! Scipio revidiert indes seine Dachziegel. Auf einmal nimmt er die Miene an, als erblickte er vom Dachfirst herab einen Kameraden auf der Straße und ruft mit überlauter Stimme herab: Lauf, lauf, Tom, du stimmst doch für Jackson, mein Goldjunge? Dann tu mir den Gefallen und nimm deine Beine über die Achseln, und lauf was du kannst! Ein Schuft, der nicht für Jackson stimmt! Jackson for ever! fort mit dem Schwein! und so randaliert er im Nu die Straße voll Leute zusammen. Ruft mir den schwarzen Halunken herunter! stürzt der Franzose in sein Bureau, die verdammte Plattnase verführt mir ganz Philadelphia. Und als er seinen Hausmann vor sich hat – hier ist dein Lohn, ich brauche keinen Spektakelmacher in meinem Hause, mach' daß du fortkommst. – Nicht also, Mister, antwortet Scipio ruhig, wenn ich abgedankt sein wollte, so hätt' ich Euch offen Widerstand geleistet. Denkt Ihr denn, ich merkte den ganzen Tag über nicht, wo Ihr hinaus wolltet? Nun aber hat die Geschichte Aufsehen gemacht – Euer eigenes Dach war meine Kanzel – das Volk weiß, um was es sich handelt, und wenn ich wegen Jackson von Eurer Schwelle gejagt werde, so zündet es Euch das Haus an, verbrennt Eure Magazine und Schiffe, 
       denn Ihr wißt wohl, daß das Gros der Bevölkerung überall für den alten Hickorry ist. Ich rate, Mister, Ihr laßt mich im Dienste. Du bist mein Mann, sagte Girard, du bleibst und rückst vor, Leute von solchem Charakter lieb' ich in meinem Geschäfte. Und Scipio lief schnell noch aufs Stadthaus, und gab seinen Wahlzettel ab. Ob nun der Franzose bloß staatsklug oder aus einer wirklich edlen Regung diesen Ton anschlug, bleibt bei der Doppelnatur jenes merkwürdigen Mannes ungewiß; gewiß aber ist, daß ein armer Neger diesmal smarter war als der smarteste Kaufmann der Union.
      Unter solchen und ähnlichen Erzählungen waren die Zungen trocken geworden, und als Mr. Bennet die Gläser von neuem füllte, hatte Mr. Wood den Einfall, einen Toast auf die bevorstehende Saratoga-Badereise auszubringen. Bei dieser Gelegenheit nahm Dr. Channing wieder das Wort. Ein satirisches Lächeln spielte um seine vollen, üppigen Lippen, und wie in Mr. Livingstones Anekdote zuvor Stephan Girard, der großmütigste Privatmann der Welt, ein Mann, der der Stadt Philadelphia sechzig Millionen Dollars zum Geschenke gemacht, dem Witze und dem patriotischen Gewissen eines armen Negers nachstehen gemußt, so lag es ganz in der attischen Liberalität dieses Kreises, daß jetzt der Hausherr selbst von der Laune seiner Gäste nicht unberührt bleiben sollte. Denn Dr. Channing, von dem Toaste Gelegenheit zu einem seiner satirischen Streifzüge nehmend, erwiderte denselben zwar in der gebührenden Haltung, entwarf aber gleich hinterdrein folgendes Bild von der Saratoga-Saison: Ich ziehe mich mit Vorliebe nach Saratoga zurück, sagte er, wenn ich von Geschäften ausruhen will. Man ruht nirgends gründlicher aus als dort. Wie Bären einen Winterschlaf halten, so ist Saratoga gleichsam die gemeinsame Höhle, in welcher freie und aufgeklärte Bürger eine Art Sommer-Erstarrung genießen – man erlaube das paradoxe Wort. Der Saratogabrunnen schien mir von jeher das, was die Alten ihre Lethe nannten. 
       Es ist wirklich der Hoch- und Fein-Gehalt jener Langweile dort, welche Fremde in unsrer sonstigen Geselligkeit mitunter entdeckt haben wollen – zumal an Sonntagen. Saratoga ist eine Welt voll Sonntagen. Eigentlich ist von Welt nicht wohl die Rede mehr in Saratoga; das Wort ist viel zu körperlich, Saratoga fängt erst an, wo die Welt aufhört. Saratoga ist eine Null, die Umgrenzung eines leeren Raumes mit einer Linie. Wir sind auch hierin vorzüglicher als andere Völker, welche ihre Bäder mit den lockendsten Anreizungen zur Sünde ausstatten. In Saratoga sündigt man nicht. Das Leben ist dort so rein von Flecken wie ein Mensch, dem man die Haut abgezogen hat, von Sommersprossen. Man trinkt morgens seinen Brunnen und macht eine Promenade. Die Gäste, welche natürlich alle verdauungskrank sind, unterhalten sich dabei stets von ihrem Magen und nie von ihrem Herzen. Das ist eine moralische Konversation; denn das Herz ist verderbter als der verdorbenste Magen, wie fromme Leute behaupten, in deren Munde dieser Satz seine vollste Glaubwürdigkeit hat. Zu Mittag speiset die ganze Gesellschaft in einem langen, schmalen Saal mit einer niederen Decke, der, wie ich mich erinnere, mir den Eindruck eines Sarges gemacht hat. Die Gäste unterhalten sich über Tische von ihren Verdauungsbeschwerden, was eine heilsame Reaktion auf ihren Appetit ausübt, wobei dem Laster Fraß und Völlerei ein Damm gesetzt wird. Ist abgespeist, so lehnen sich die Herren über die Balkons und rauchen eine Zigarre, die Damen sitzen in ihren Gesellschaftszimmern, lesen, stricken Filet oder quälen ein verstimmtes Piano mit falschgegriffenen Noten. Abends ist in diesem oder jenem Hotel vielleicht Ball; junge Herren, die in irgendeinem Quäker-Seminar Tanzstunden bezahlt haben, riskieren eine Ekossaise, welcher man nicht leicht anmerkt, wieviel Honorar-Marken in ihr stecken. Die Tänzerin unterhält gewöhnlich den Tänzer von ihren Verdauungsbeschwerden. Sie lenkt dadurch auf eine keusche 
       Weise seine Phantasie von den Bahnen der Sünde zwar räumlich nur wenig, im übrigen aber desto gründlicher ab. Ich habe in Saratoga oft den Gedanken gehabt, eine Zeitung für Unverdaulichkeit herauszugeben. Bei der ungemeinen Popularität dieses Themas, welches in Saratoga von der Elite unserer Bevölkerung repräsentiert wird (die Stadt ist ein wahrer Kongreßort, ein zweites Washington dafür), könnte ich mich zu der ersten Macht des Landes dadurch emporschwingen. Ich bitte die Herren um Diskretion, denn vielleicht setze ich mir wirklich noch die Krone der Dyspepsie auf dieses Haupt. Inzwischen bin ich mit der Tagesordnung unsres reizenden Badeaufenthaltes zu Ende. Zuweilen verabredet man aber wohl auch eine Vergnügungsfahrt nach einem kleinen See, der wenige Stunden in der Nähe liegt. Dort steht die ganze Gesellschaft auf einem plattbehauenen Steine am Uferrand, wirft ihre Angeln aus und hat Geduld. Übereingekommenermaßen nennt man das ein Vergnügen. Ein Vergnügen mag es wohl sein, aber eines jener bescheidenen, von welchen Goethe sagt, daß sie von Leiden kaum zu unterscheiden. Freilich ereignet sich's fast in jeder Saison einmal, daß eine junge Lady aus dem Institute wirklich ein Schneiderlein fängt. Dieser Fisch wird dann mit großem Jubel aufgenommen, bloß weil er lebendig ist. Es ist ein Ereignis, das nicht ohne erschütternden Einfluß auf das Gleichgewicht der Alltagsstimmung bleibt. Die Geister beginnen wilder zu schwärmen. Die junge Lady, die sich überzeugt hat, daß nicht bloß in Bilderbüchern, sondern in der Natur selbst Fische vorkommen, wächst auf einmal über ihren See hinaus. Sie phantasiert vom Erie und von den »Fällen«. Der Einfall zündet, und an diesem Punkte ist es, wo wir das fashionable Saratoga aus unsern Augen verlieren. Eh' wir es uns versehen, ist die ganze Gesellschaft am Niagara. Sie ist fort, unaufhaltsam fort. Man brauchte den Gedanken nur anzuregen, um ihn auszuführen. Denn der Yankee liebt die erhabene 
       Natur und hat einen angebornen poetischen Sinn für sie. Er macht weite Reisen und läßt sich seine geliebten Dollars nicht reuen, um einen Wasserfall, oder einen Löwen zu sehen. Freilich würde es seinen Genuß wunderbar erhöhen, wenn der Wasserfall zugleich eine Mühle triebe und der Löwe einen Bratspieß drehte.
      Mr. Bennet stimmte dem Spötter lachend bei. Sein Geschmack sei Saratoga nicht, aber jeder rechtgläubige Yankee müsse einmal in Saratoga, wie jeder Mohammedaner in Mekka gewesen sein. Und in der Tat freuten sich seine drei Ladies auf das Schneiderlein im See mindestens ebenso sehr, als er, Doktor Channing, auf seine Unverdaulichkeitszeitung. Man scherzte noch weiter über dieses Thema, bis Bennet die Gläser von neuem füllte, da er es dann nicht anders als passend fand, nach Mr. Woods Toast auf Saratoga, einen Toast auf das Ohio-Projekt seines verehrten Gastes, Doktor Moorfeld, auszubringen. Die Amerikaner hörten von Moorfelds Vorhaben, wie dieser sogleich bemerken konnte, mit geschmeicheltem Selbstgefühle. Ein Europäer, der weder aus Not noch aus Spekulation, sondern – wie es hier lauten mußte, was wir nur in stiller Mondnacht einem stillen Deutschen gegenüber sinniger gehört haben, – aus 
      Liebhaberei in den Schatten ihres Sternbanners sich begab: eine solche Erscheinung war ihnen offenbar sehr wohltuend. Es verbreitete sich jene Temperatur behaglicher Eitelkeit im Kreise, ohne die der verfeinerte Mensch nicht leben mag, und die ihn um so komfortabler im Inneren durchwärmt, je mäßiger sie durch die vornehme Kühle des äußeren Anstandes ausstrahlt. Das süße Schlürfen in Negationen ging in ein positiveres Nationalgefühl über; die Heiterkeit des Tones blieb zwar, aber sie nuancierte aus dem Humoristischen ins Pathetische. Man machte dem Gentleman-Urwäldler die Avance, seine Phantasie auf den Schauplatz seines künftigen Wirkens zu führen. Man verlegte die Unterhaltung in die Geschichte der ersten Ansiedlungen 
       Amerikas. Das heroische Zeitalter des Landes wurde der Stoff des Gespräches. Homerische Helden tauchten aus dem Champagnerschaum empor, und blutige Skalpe und bluttriefende Tomahawks erfüllten den eleganten Teepavillon. Jene härtesten Männergestalten schritten im Geiste vorüber, die im Kampfe mit dem schlachtgierigen Indianer, im Kampfe mit Panther und Alligator, im Kampfe mit einer tausendjährigen Waldwurzelung den Boden für eine Handvoll Mais eroberten, den das Füllhorn der Kultur jetzt mit Perlen und Juwelen bedeckte. Da stürzte der Schlachtengel Whalley, der wunderbare Einsiedler von Hartford, sich zwischen die mordheulenden Indianer und das unbeschützte Christenhäuflein im Gotteshause; da wurden Michael Fink und Johann Wetzel die Märtyrer für Pennsylvaniens Anbau; da brachen Daniel Boone und Simon Kenton, der Diomedes und Odysseus Amerikas, in die pfadlosen Wildnisse Kentuckys vor, und Städte erblühten aus ihren Fußspuren. Endlos reihte sich die Iliade der Taten und Abenteuer im Munde der kundigen. Patrioten, staunend überblickte der Zuhörer mehr als ein Privatleben, das die Geschichte eines Landes war. So wuchs das Pathos der Unterhaltung aus markvollem Schafte in die Höhe und Breite, weihevoller saß die Gesellschaft da, wie unter dem Baldachin ihres Götterolymps, und als Doktor Channing mit der klangvollsten Bruststimme, die Moorfeld in Amerika gehört, jetzt in die Saiten des modernen Dichterfürsten griff und aus Byrons Don Juan jene sieben Stanzen rezitierte, welche Daniel Boones schlicht urmenschliches Kraftleben feiern: da waren Schwungfedern ausgespannt, auf welchen wohl Gemüter sich wiegen mochten, die zur Größe sich genießend, nicht aber erzeugend verhalten.
      Anders Moorfeld. Für ihn ging diese Wendung über die Freiheit der Konversation hinaus. Das Spiel der Rede rührte an den vollsten, brennendsten Ernst seines Lebens. Er saß da wie ein Mensch, der sich persönlich getroffen 
       fühlt. Eine flammende Röte durchloderte sein Antlitz, es war ihm zumute, als müßte er diesen Glaskäfig direkt durchstoßen und auffliegen den Winken ewiger Geister nach. – Er fühlte sich tief und schmerzlich vereinsamt. Das Symposion des Teepavillons hatte sich selbst aufgehoben. Mit einem Ruck seines Fauteuils wendete er sich der Aussicht nach dem Meere zu. Aber der violettne Abendschimmer darauf war erloschen, das magische Bild von zuvor nicht mehr vorhanden. Kein äußeres Symbol kam der Sehnsucht seines Innern entgegen. Er stand auf und verließ unter irgendeinem Vorwande den Pavillon. Er machte einen Gang durch die Gesellschaftssäle. Übervollen Herzens warf er sich in die Einsamkeit des dichtesten Gewühles.
      All seine Kräfte trieben im Sturme. Es war eine jener Lunten an ihn gelegt, welche unmittelbar zum Handeln auffordern. Daniel Boone und Lord Byron! Und ein Name, der an die Möglichkeit glaubt, zwei solche Namen in sich zu vereinigen! Und dieser Name namenlos auf einem nichtswollenden New Yorker Rout!
      Wie ein Löwe der Wüste streifte er durch die prunkvollen Appartements – die Kronleuchter brannten ihm matt – die Luft war schwül und entnervend – seine innere Staffage brandete und blitzte. Die Poesie in ihm lechzte nach Tätigkeit. Glücklich pries er den südlichen Improvisator, der in jedem Momente aus der Menge heraustritt, Markt, Wiese, Meerstrand zu seinem nie versagenden Schauplatz hat und ein Volk um sich her, das die Begeisterung versteht, wo sie auftritt. Die Gesellschaft sollte das Pathos entweder nie zu erregen wissen, oder in ihren Formen phantasievoll genug sein, ihm Raum zu geben.
      In diesem Augenblicke fesselte eine Gruppe seine Aufmerksamkeit, welche auch von der trunkensten Verinnerlichung nicht leicht übersehen worden wäre. Im Fond des nächsten Salons erblickte er die Schar jener toll kostümierten Stutzer wieder, der Dandies on short allowance, wie sie 
       Bennet genannt hatte, denen er außer dem Momente ihre Ankunft nicht weiter begegnet war. Sie standen auf einen Haufen gedrängt, wie Kaninchen nach dem Volksglauben um ein Licht sich versammeln, und das Licht war – ein blonder Mädchenscheitel – ein Antlitz.
      Moorfeld sah und sah wieder.
      Da kam Lord Ormond ihm in den Weg. Er sah Moorfelds beobachtende Stellung, und indem er der Richtung seiner Blicke folgte, redete er ihn an:
      Gut, daß ich Sie finde, Sir. Ich werde Sie jener Dame dort vorstellen müssen. Ich habe es leider versäumt, als Mistreß Bennet mit ihren Töchtern zuvor dem Rout die Honneurs gemacht, d.h. nach hiesiger Sitte die Appartements einmal hin- und zurückpassiert. Aber wir behandelten eben, ich erinnere mich, das wichtige Thema der Tieremanzipation, ich hoffe darum auf Ihre Entschuldigung. Die beiden altern Schwestern haben sich inzwischen zurückgezogen, – ich werde mich bei denselben verantworten. Erweisen Sie mir die Ehre, Sie der jüngsten Tochter des Hauses, Miß Cöleste, jetzt zu präsentieren. Der Moment ist günstig, Sie werden die Cour des Winkels verbessern.
      Die Cour des Winkels? fragte Moorfeld – was ist das? mir ist Name und Sache dieses Ausdrucks gänzlich fremd; ich muß um Erklärung bitten.
      Ihnen zu dienen, Sir. Die Cour des Winkels ist eine amerikanische Form von Salongalanterie. Ein Kreis von Herren umringt eine Dame und sucht sie im Gespräche allmählich nach einer Ecke des Saales zu drängen. Natürlich wird das Gespräch angenehm, fesselnd, interessant sein müssen. Und zwar sowohl von Seite der Herren als der Dame selbst. Ist die Dame unzufrieden, so wird sie mit einer leichten Wendung den Kreis durchbrechen; sind es die Herren, so wird sich ihr Ring allmählich auflösen. Gelingt die Cour des Winkels aber, d.h. wird die Dame der Ecke glücklich zugeführt, so heißt sie »die Dame des Winkels«. Sie ist dann die 
       Königin des Abends. Wir sehen, diese Art Huldigung spielt ein wenig auf der Grenzlinie der Equivoque. Der Grundgedanke ist frivol genug, die Ausführung aber ein Spielraum für Geist und Grazie. Man sollte die Erfindung für französisch halten, daß sie amerikanisch ist, leuchtet in der Tat nicht recht ein. Jene Dandies aber – Snobs sollte ich sagen – haben vollends keinen Begriff ihrer Aufgabe. Wie sie das arme Mädchen umdrängen! Sie ersticken sie fast in dieser Sommerschwüle. An ihrer Stelle hätte ich den Kreis längst durchbrochen. Aber sie weiß sich nicht zu helfen. Sie ist noch halb Kind. Hält auch nichts von der Perfektibilität der Tierseele. Aber kommen Sie, Sir!
      Da blieb keine Wahl. Die Poesie des Augenblicks hatte jetzt ihre Muse. Dort stand sie verkörpert. Sie stand auf dem Scheidewege von Saratoga nach Ohio. Moorfeld erkannte die Göttin Gelegenheit und verzieh ihr die kapriziöse Wahl ihres Sendlings. Er nahm den Arm des Engländers an.
      Die Herren promenierten die beiden Säle hinab, im Vorbeigehen an der Gruppe winkte der Engländer mit dem vertraulichen Gruß des Hausfreundes dem jungen Mädchen zu und sagte mit einer Handbewegung gegen Moorfeld: Doktor Muhrfield, a literary gentleman aus Deutschland.
      Die langen Hälse der Snobs drehten sich auf ihren Wirbeln herum, den Vorgestellten neugierig musternd. Das satirische Lächeln, das sie bei der Annäherung des Lords gezeigt, verschwand sofort wieder beim Anblicke Moorfelds. Es machte dem Ausdruck eines gewissen Verdrusses Platz, einem undefinierbaren Mienenspiel von Einfalt und Naseweisheit, welches verriet, daß sie zwar zu dumm waren, ein höheres Genie als sich selbst zu erkennen und zu fürchten, aber doch auch zu feig, sich ganz behaglich und sicher dabei zu fühlen. Jedenfalls wies sich dem Ankömmling eine Galerie von übelwollenden Gesichtern. Moorfeld ließ sich das nicht anfechten. Sein Auge feierte den Anblick 
       Cölestens. Es war zum ersten Male, daß er ihr in Front gegenüberstand. 
      Damals hatte er sie aus einer gewissen Ferne und nur flüchtig gesehen; auch trug sie an jenem Morgen einen Peignoir und eine Coiffure von kleinen Ringellöckchen; heute war sie à l'enfant frisiert, und das glatte Leibchen ihrer eleganten Robe von indischem Musselin hob ihre feine Taille ebenso edel hervor, als jener Morgenüberwurf sie dem Blicke verhüllt hatte. Kurz, die äußere Erscheinung bot zwei ganz verschiedene Bilder, und Moorfeld erschrak fast, wie treu er das eine festgehalten. Auch die Gesichtszüge des Mädchens schienen nicht geeignet, der Imagination sich scharf einzuprägen; da sie Blondine war, so fiel der Begriff einer »markierten« oder »ausdrucksvollen« Schönheit von selbst weg. Fänden wir es nicht tadelnswert, das Lebendige durch seine eigene Nachahmung zu definieren, so würden wir mit dem schlechten, aber viel gebrauchten Behelf, unser Kunstmittel einer andern Kunst zu entlehnen, uns etwa so ausdrücken: nicht die Zeichnung, sondern das Kolorit war das Bezaubernde ihres Kopfes, sie war kein Buonarroti, sondern ein Guido Reni. Die Rose der Gesundheit war zu dem zarten Rosa der Mandelblüte auf ihren Wangen verfeinert, der Strahl ihres Auges leuchtete weich und mild wie Mondesstrahl und hatte etwas Überwachtes, einen Dämmer süßer Müdigkeit, welchen die fatigierteste Aristokratin dem kleinen verwöhnten Bürgerkinde New Yorks beneidet hätte. Es schien ungefährlich, in dieses Auge zu sehen. Es atmete einen Ausdruck von Ruhe, welche capuanisch sicher machte. Der Beschauer vertiefte sich darin mit vollkommenster Freiheit; aus dem Arsenal der Mädchenwaffen zuckte ihm keines der wohlbekannten Geschosse entgegen. Aber eine schwüle Atmosphäre, ein narkotischer Duftnimbus zitterte mit magischen Schwingungen um den ganzen Horizont dieses Mädchens und überwand alle Seelenkräfte. Die Ruhe ihres Anblicks war orientalische Ruhe. Die Phantasie fühlte sich vor ihrem Bilde 
       wie in ihrer Urheimat und all ihre Kulturfrüchte wuchsen wild in diesem Klima. Das war das Fesselnde, das Unvergeßliche auch ihres flüchtigsten Anschauens.
      Das Mädchen erwiderte die Vorstellung Moorfelds mit einer der üblichen Redensarten, woran sie die Frage reihte: Sie kommen aus dem alten Lande, Sir? Wie gefällt Ihnen New York? Die junge Amerikanerin tat diese Frage – deutsch.
      Moorfeld antwortete sogleich mit einer Anspielung auf diesen Umstand: die Stadt wendet viele Kunst daran, auf ihre Weise schön zu sein; aber es sind doch nur die schönen Schöpfungen der Natur, welche uns überall heimisch ansprechen.
      Cöleste schlug das Auge nieder und gab sich Mühe, ein geschmeicheltes Lächeln zu verbergen. Auch unterdrückte sie den Eindruck dieser Antwort sogleich mit der neuen Frage: Kommen Sie unmittelbar aus Deutschland, Sir?
      Die Snobs vermerkten mit großem Mißvergnügen die Absicht ihrer Heldin, den Ankömmling im Gespräche festzuhalten. Sie gaben diese Seelenregung durch ein unartiges Scharren mit den Füßen zu erkennen, indem sie demselben einen Platz in ihrer Mitte einräumten. Der Engländer hatte den Takt, sich zu entfernen.
      Moorfeld aber war nicht gestimmt, konventionell zu antworten. Er benutzte das Terrain der Poesie, das ihm das Gegenüber dieses reizenden Mädchens bot, und ließ den dithyrambischen Flutungen seiner Begeisterung jetzt freien Lauf.
      Ich komme zunächst von Kuba, Miß, antwortete er ohne Anstand.
      Von Kuba? rief Cöleste mit einem Anflug von Schwärmerei – ah, wie herrlich! Da haben Sie die Perle der Welt gesehen!
      Ich gehe seitdem wie mit einem Gefolge unsichtbarer Genien. Die Bilder, die Schatten dieses Paradieses sind eine 
       selige Begleitung auf jedem meiner Schritte. Noch umwölben mich – doch ich bin egoistisch. Warum soll sich dieser Saal nicht in einen Salon de verdure verwandeln, der die Königin der Antillen 
      uns vergegenwärtigt? Kann die Phantasie diesen Zauber vollbringen, dann umwölben uns die Laubdome großblättriger Bignonien und Pisangs, hoher luftiger Kassien, stolzer und mächtiger Latanen, deren Blätter, an langen Schäften gerollt, einer grün glänzenden Sonne gleichen; es umschattet uns der dunkle, majestätische Lebensbaum und sein prächtiger Kontrast, der helle, glänzend belaubte Kampfer; die Magnolie, die ihre breiten Rosen hoch trägt, das ganze Gebüsch beherrscht und keine Nebenbuhlerin als die Riesenpalme hat, welche mit leichter Grazie ihre grünen Fächer in den Lüften schaukelt, der Wollbaum, bewaffnet mit ritterlichen Stacheln, der weithin die dicken Äste verbreitet und seine gefingerten Blätter in bewegliche Massen gruppiert; weißstämmige, großgeblätterte Kekropien werfen ihr phantastisch durchbrochenes Gitterwerk zwischen uns und das Himmelsblau, und ein Heer von namenlosen Waldkoryphäen erdrückt uns in seinen bilderreichen Korallenarmen. Ein Volk von buntgefiederten Papageien schwirrt über uns hin, läßt sich schreiend auf Blütengipfeln nieder und pickt in saftige Granaten. Durch undurchdringliche, tausendfarbige Schmarotzerpflanzen, Konvolven und andere Waldparasiten ziehen sich Schnüre blattloser milchiger Lianen, die mit spiralförmigen Stengeln bald von stolzwogenden Gipfeln fallen, bald freischwebende Girlanden bilden, welche von unsichtbaren Feenhänden getragen scheinen. Die Buffi des südlichen Tiertheaters, die Affen, springen humoristisch von Zweig zu Zweig, schüchtern flieht die Gazelle in tieferes Gebüsch, schmelzend erhebt die Nachtigall aus traumhaftem Walddunkel ihre Liebesklagen, während die hellen Töne der Zikaden durch ihre Monotonie die Seele in süße Melancholie versenken. Myriaden glänzender Käfer durchschwirren die 
       Luft und blicken gleich Edelsteinen aus herrlichen Blumen. Unschädliche Schlangen wetteifern an Glanz mit den Farben des Regenbogens und schaukeln sich gleich Lianen von den Gipfeln der Bäume. Pfeilschnell durchschwirrt der Kolibri, der kleine Liebesgott der Blumen, sein immer blühendes Serail. Von Bewegung ein Vogel, von Pracht und Feuer seiner Farben ein fliegender Smaragd oder Rubin, nennen wir seine Familien ein Potosi in der Luft. Dieses Paradies umflutet uns Tag und Nacht mit Duftwellen, welche gleich Weihrauchwolken gegen den Himmel wallen, daß der kühnste Luftschiffer die Grenze ihres würzigen Bezirkes nicht erreichte. Die kleine chinesische Thuja und die königliche Magnolia vermischen nachbarlich ihr Aroma. Die zarte Vanilleblüte, der süßatmende Orangenhain, Auen von honigreichen Paullinien und die würzigen Blumenbüschel unzähliger Palmenarten unterhalten eine Ebbe und Flut von Wohlgerüchen. Wasserfälle, die sich unaufhörlich ihr eigenes Grab wühlen, kontrastieren mit natürlichen Springbrunnen, die ihren Gischt fröhlich gegen Himmel spritzen und wetteifern im Aushauch erquickender Kühle. Dort schlummert ein Wiesengrund sanft in eines Stromes traulicher Umarmung. Koloquinthen kriechen vom Fuße der Tulpenbäume bis zu ihren Gipfeln empor und bilden hundert Grotten, Tore und Dächer; sie ranken von Zweig zu Zweig über Bäche und Flüsse hinweg, und hängen Blumenbrücken zwischen den dichtbewachsenen Ufern auf. Mimosenbäume folgen den Windungen mäandrischer Flußränder und umsäumen sie malerisch mit Doppelkolonnaden: der Abend sinkt nieder auf sie; sie falten schlaftrunken ihre Blätter zusammen. Seine Blätter schließt in den abendroten Flußwellen der Lotos, die heilige Blume, die das Leben bedeutet, das keusche Mysterium der Weiblichkeit. Von den hohen Stämmen der Zedern hängt weißbärtiges Moos herab, – der Wanderer hält es für eine Geistererscheinung in Dämmerlüften, aber das Nachtgespenst hat keine 
       Schrecken hier; denn jeder Lebendige fühlt, dieser Boden müsse noch den abgeschiedenen Geist festhalten, wie er den genießenden Sinnmenschen beglückt hat.
      Moorfeld hatte im Flusse dieser Schilderung Cölesten ununterbrochen ins Auge gesehen und ein leiser, lächelnder Zug sagte das übrige. Das Mädchen erriet bald, daß Moorfeld aus diesem Auge heraus und nicht aus einer Reiseerinnerung dichtete, daß sie selbst das Motiv dieser Arabesken, daß sie selbst Kuba sei.
      Gleichzeitig hatte Moorfeld einige jener bedeutungsvollen vorschreitenden Bewegungen versucht, aus welchen Cöleste erkannte, daß der Fremde mit der »Cour des Winkels« bekannt sei. Sie gab unvermerkt diesen Bewegungen nach.
      Das alles war stummes Spiel. Das Mädchen erwiderte die Beschreibung von Kuba aber auch mit einigen Dankesworten. Die Dandies on short allowance gebärdeten sich dabei wie Vergiftete. Einer derselben (er mochte den Gedanken irgendwo gelesen haben) antwortete ohne weiteres: Pah, was mach' ich mir aus den Tropen! Es ist weltbekannt, die Tropen haben noch keinen großen Mann geboren.
      Aber wenig große Männer gab's, die nach den Tropen sich nicht gesehnt hätten, antwortete Cöleste, das Mädchen, das der halbtolle Engländer für ein Halbkind ausgegeben.
      Moorfeld machte die Gebärde eines Suchenden und erwiderte augenblicklich: War mir's doch soeben, Sie hätten einen Juwel verloren, Miß.
      Zur Antwort trat Cöleste zurück, gleichsam wie man einem Suchenden Platz macht, aber es war eine Bewegung gegen den 
      Winkel!
      Unser Freund gestand sich bald, daß diese »Cour des Winkels« eine höchst liebenswürdige Nationalsitte sei und die Telegraphie des Unaussprechlichen im Schoße der Konvenienz recht anmutig und glücklich bereichere.
      Cöleste indes fuhr fort: Wenn ich raten darf, Sir, so haben 
       Sie gewiß auch den hohen Norden besucht? Bitte, erzählen Sie uns etwas Freundliches von dem Eismeer.
      Etwas Freundliches von dem Eismeer! Moorfeld berichtigte sein Urteil sofort dahin, daß die Dame des Winkels ihren Pfad doch auch ein wenig epinöse machen könne, vorausgesetzt, daß sie die Kaprice geschickt zu handhaben wisse. Er blickte der kleinen Versucherin ins Auge, das so unschuldig sah, als ob es sich nicht fern seiner Schelmerei bewußt wäre. Aber auch er blieb sicher, die Phantasie war ihm bereit. Mit freudiger Rüstigkeit, wie ein Vogel die taubenetzte Schwinge schüttelnd zur Sonne auffliegt, griff er ins Füllhorn der Inspiration. Er antwortete:
      Sie haben richtig geraten, teure Miß. Auch der eisstarrende Norden hat meine Reiselust in seinen strengen Bann zu zaubern gewußt. Aber wahrlich, es erlebt sich nichts Freundliches dort. Wo der Eskimo sich und seine Lampe aus ein und derselben widerlichen Tranquelle nährt; wo der überwinternde Europäer seine Hand wie einen Handschuh verliert und vor Hunger seinen Handschuh verspeist wie eine delikate Bärenklaue: dort ist die Erde nicht freundlich. Höchstens könnte ich das Nordlicht beschreiben; aber seit Lord Byron sich ein Nordlicht in Versen nannte, hat die fashionable Welt diese hehre Naturerscheinung hinlänglich studiert. – Moorfeld genoß den Triumph, daß die Snobs um ihn her bereits triumphierend und auch Cöleste zweifelnd, wenn nicht enttäuscht blickte. Aber eben das wollte er. Er machte eine kleine »Kunstpause« und fuhr dann mit einem leichten Selbstbelächeln dieser Koketterie fort: Zu glücklich preise ich mich daher, daß mich desungeachtet das Eismeer mit einem Bilde beschenkt hat, welches mir ewig als der schönste Augenblick meines Lebens vorleuchten wird. Es war in der Baffinsbai. Wir lagen an einem Eisberge vor Anker, rings um uns her große, gewaltige Eismassen, funkelnd und farbenspielend unter den Strahlen der Mittagssonne. Das Wetter war ruhig, der Himmel blau und 
       klar. Ein Teil der Mannschaft war ans Land gegangen, um Eier von wilden Seevögeln zu sammeln, welche an den einsamen Felsen und Abgründen der Baffinsbai nisten. Die übrige Schiffsbesatzung, ermüdet von den Anstrengungen des vorhergegangenen Tages, hatte sich der Ruhe in die Arme geworfen. Ich ging allein auf dem Verdecke auf und ab, die ganze Natur um mich her feierte ein tiefes, erhabenes Schweigen. Da bemerkte ich in der offenen See einen ungeheuren Eisberg, der in der Mitte durchbrochen war, so daß er eine Art Tunnel bildete. Ich konnte mich nicht erinnern, gehört oder gelesen zu haben, daß ein Reisender in den arktischen Regionen etwas Ähnliches gesehen hätte. Die Neuheit der Sache reizte mich, ich beschloß die Fahrt durch diesen Eistunnel. Bald fand ich auch zwei Matrosen, die bereit waren, mich zu begleiten. Das kleine Boot wurde ausgesetzt, die Entdeckungsreise angetreten. Wir näherten uns dem Koloß und erkannten, daß in der Höhle Wasser genug war, dem Boote die Durchfahrt zu gestatten. So wagten wir denn das Abenteuer. Wir ruderten langsam und schweigend in die Pforten des Eisberges hinein. Es war ein feierlicher Augenblick. Ich durfte mir sagen, daß ich jetzt sah, was kein Mensch vor mir gesehen, und nach mir kaum wieder einer sehen wird. Denken Sie sich einen ungeheuren Bogengang, breit, hoch, kühn gespannt und so regelmäßig gebildet, als ob er vom geschicktesten Baumeister ausgeführt wäre, an allen Stellen so glatt und eben, wie es nur der sorgfältigste polierte Alabaster sein kann, denken Sie sich das Ganze als eine halb durchsichtige Masse von der wunderbarsten, schönsten Opalfarbe – kurz einen Broadway aus Kristallglas gegossen, und die Phantasie wird eine schwache Vorstellung jener Tempelhalle haben, der schönsten, welche je die Natur an irgendeinem Punkte der Erde sich selbst errichtet. Es war ein kühler, bläulicher Dämmerschein, zu durchsichtig für die Nacht, zu gedämpft für den Tag, ein weicher Perlenglanz, ein filtrierter Mond, ein klarer, 
       duftig lasierter Mittelschatten, der sich wie Balsam auf das Auge legte. Ein wonnevolles Licht! Es berührte den Sehnerv so geisterhaft, so züchtig, möchte ich sagen, daß sich alle Sinne in Ruhegefühl tauchten, und doch war der Zustand Begeisterung und das ganze Dasein eine selige Aufregung.
      Cöleste ließ die langen seidenen Wimpern über ihr schönes Mondauge fallen. Moorfeld hielt inne, als ertrüge er den Verlust dieser dichterischen Quelle nicht oder besänne sich, wie weit er überhaupt, ohne die Allegorie zu nahe zu legen, von seinem Zauberlichte sprechen dürfte.
      Nach einer Pause fuhr er fort: Als wir ungefähr in die Mitte unsers Tunnels vorgedrungen waren, änderte sich auf einmal die Szene. Eine überirdische Helle verbreitete sich in der Grotte. Verwundert blickten wir auf, und siehe! die ganze Kuppel des Eisgewölbes entlang regnete es Sonnenstrahlen herein. An einer Stelle schossen sie in dünnen Goldfäden, an einer andern in breiten Feuergarben nieder, hier fielen sie in stumpfen, dort in spitzen Winkeln, hier direkt, dort gebrochen ein – wir ruderten unter einem Kreuzfeuer von prismatischen Raketen. Wo das Licht unmittelbar den Spiegel der Eiswände traf, loderten sie auf wie geschmolzenes Gold und Silber; Partien, die in Schatten lagen, kontrastierten mit einem tiefkräftigen Dunkelblau voll Ernst und Majestät dazwischen, und der Übergang von der blendendsten Strahlung zum vollsten Schatten belebte den Bogengang mit einer Szenerie von Schein und Widerschein, von Licht- und Farbenspielen, die sich mit jedem Ruderschlag bilderreich auflöste und bilderreicher zusammensetzte. Wir trieben in einem unermeßlichen Kaleidoskop. Unsre Sinne umspannten die Pracht dieses Schauspiels nicht mehr. Der Sinnenmensch war tot, die Erde verschwand vor mir, ich war ein seliger Geist, die Pforten des Paradieses schienen mir auf getan. Welch ein verklärender Wechsel! Die Eisgrotte, eben noch ein kühler, dämmeriger Knospenkelch, 
       schlummerte traumblöden Zauberschlaf – ein Strahl von oben traf sie – und die Undine hatte ihre 
      Seele empfangen!
      Das Auge des Mädchens blitzte auf. Es begegneten sich sprechende Blicke. Eine Pause – Moorfeld fuhr fort:
      Einige Sekunden lang berauschte diese Szene uns völlig. Allmählich kehrte der Gebrauch der äußeren Sinne wieder zurück. Und jetzt geschah uns sonderbar. Wir bemerkten, daß das Meer um uns her in einen Wellenschlag geriet. Auch die Wände des Eisberges schienen außer der Ortsveränderung unseres Bootes einer ihnen eigentümlichen Bewegung zu folgen. Der Eisberg ruhte nicht, er schwamm. Gleichzeitig zeigte sich's, daß die Lichtzugänge ins Berginnere sich abwechselnd schlössen und öffneten und zwar in ziemlich rascher Folge des einen wie des andern. Bei dieser Beobachtung wurde uns überhaupt der Grund dieses Lichtzuflusses klar. Wir entdeckten, daß der Eisblock in seiner ganzen Breite von einem Ende zum andern – zerborsten war! Dieser Riß war es, der zu Häupten uns den Himmel öffnete, indem er zu Füßen uns den Todesabgrund legte. Der schwimmende Eiskoloß konnte in jedem Augenblick in sich zusammenstürzen. Mit angehaltenem Atem flüsterte ich diese Entdeckung meinen beiden Gefährten zu. Sie nickten mir stumm zurück, und die Blässe ihrer Mienen zeigte, daß sie unsern Zustand bereits kannten. Unsre Lage war fürchterlich. Wir sahen vor und hinter uns, überall schien der Ausweg eine gleich lange Bahn von Gefahr. Wir lauschten mit wirbelnden Sinnen, in welcher Richtung die Meeresströmung treibe; aber die Wellen taumelten unregelmäßig durcheinander. Endlich legten wir instinktmäßig die Ruder ein, jeder von uns empfahl im stillen seine Seele, und pfeilschnell schossen wir die Eiswände dahin. Glücklich gelangten wir unter den freien Himmel hinaus. Ein donnerndes Hurra der Matrosen begrüßte ihn. Noch hatten wir unser Schiff nicht erreicht, da krachte die mürbe Eismasse zusammen, regte das Meer weit und breit auf und erfüllte es 
       mit ihren Trümmern. Traurig sah ich sie treiben. Sie hatten mir einen Hochpunkt des Lebens geschenkt, und leicht vergaß ich, daß sie bald das Leben selbst dafür gefordert. Aber gibt sich die Schönheit überhaupt wohl für geringeren Preis? – Das, verehrteste Miß, ist es, was ich »Freundliches aus dem Eismeere« berichten kann.
      Das junge Mädchen war mit regsamster Phantasie dieser Erzählung gefolgt. Sie hatte zuletzt vergessen, daß sie Dichtung höre, sie hatte der »Cour des Winkels« vergessen, und wie sie ihre Anerkennung innerhalb dieser Sitte ausdrücken könne. Gefesselt stand sie an ihrem Platz und erhob ihr Auge zaudernd, fast furchtsam jetzt wieder zu Moorfeld, indem sich ihr Mund zu irgendeiner Erwiderung öffnete. Aber nicht 
      ihr Wort sollte Moorfeld vernehmen. Die Gemeinheit begehrte auch ihres Rechtes. Moorfeld sollte erinnert werden, in welcher Umgebung er stand, und daß er die Höhe dieses Augenblicks nur der Niedrigkeit abkämpfen könne. Derselbe Mensch, welcher zuvor gesprochen, trat jetzt wieder als Wortführer seines Cötus auf und sagte rasch, in der deutlichen Absicht, jedem andern Eindrucke zuvorzukommen: Wahrhaftig, Sir, Sie haben schöne Reisen gemacht, das ist ein Faktum. Reisen, will mich bedünken, ist überhaupt das Beste, wozu ein Gentleman seine Mittel und seine Muße verwenden kann. Es hilft entweder große Lebensweisheit erwerben, oder mindestens – eine große Leere ausfüllen.
      Sehr wahr, Sir, antwortete Moorfeld gemessen, aber leider sehe ich viele zu Hause bleiben, welche namentlich in letzterer Beziehung das dringendste Motiv hätten, auf Reisen zu gehen.
      Moorfeld begleitete diese Zurechtweisung mit einem entsprechenden Blicke. Sein Widersacher war eine echte Rowdy-Gestalt. Er handhabte eine Baguette, lang und dünn wie eine Makkaroni, und fuchtelte höchst sittsam gegen sein grotesk chiniertes Beinkleid damit. Alle Fassung aber benahm 
       es, zu sehen, daß der Mensch in zweierlei Schuhen ging: der eine lief in eine Spitze zu, der andere war breit abgehackt. Moorfeld erfuhr bei einer spätem Gelegenheit, daß es ihm eine starke Wette gegolten, in solchem Fußzeug Bennets Salon zu besuchen. Übrigens genoß er vor seinen Kameraden die Auszeichnung einer schönen und tüchtigen Männerfigur, die ihre Verballhornierung in forcierter Frechheit und Albernheit doppelt bedauern ließ.
      Der Rowdy antwortete: Wir Amerikaner kommen weniger zum Reisen als irgendein Volk der Welt. Denn erstens haben wir zu viel zu tun, und zweitens reist sich's nur als Garcon leicht; der Amerikaner aber heiratet früh, und das ist jedenfalls das Beste, was er tun kann.
      Allerdings, die Ehe bessert, sagte Moorfeld.
      Was wollen Sie damit sagen, Sir? Bedarf unsre Jugend in Ihren Augen der Besserung?
      Ich hoffe nicht, daß ihr die Fähigkeit dazu abgeht. Beruhigen Sie sich übrigens. Die Frage geht zur Hälfte auch die Frauen an. Und ich gestehe Ihnen gern, ich kenne Amerikas Frauen wenig.
      Darf ich mir ein Urteil erlauben, Sir, so sind Sie überhaupt ein Verächter des Geschlechts?
      Ich bedauere, daß Sie einen so barbarischen Einfall ein Urteil nennen. Woraus schöpfen Sie dieses sogenannte Urteil?
      Aus Ihren Reisen, Sir. Wo die Phantasie auf so großartige Bilderjagden auszieht, dort ist das Herz schwer zu fesseln. Sie haben zwischen Tropen und Pol viel Schönes gesehen, Sir, aber wir sind zu Hause geblieben, Sir, und sehen Sie, Sir, wir haben der Schönheit doch voller und unmittelbarer ins Auge geschaut.
      Wir brauchen kaum zu bemerken, in welcher Haltung Cölesten gegenüber diese Worte gesprochen waren. Der Sprecher bemühte sich offenbar, sein Gespräch so beziehungsvoll als möglich zu wenden. Aber Moorfeld hatte kein 
       Interesse ihn hier zu stören, sondern nur zu überbieten. Er antwortete:
      Was Sie an Ihrem Platze Holdes und Vortreffliches bewundern, das gestehe ich Ihnen von ganzem Herzen zu, Sir. Ich sagte es ja: ich kenne Amerikas Frauen wenig. Und sehen Sie, Sir, daß ich selbst jetzt an diesem Platze stehe, das spricht nur 
      für das Prinzip der Reisen: wie wäre ich sonst hergekommen? Weiber erfüllen freilich die ganze Welt; aber die ganze Welt will auch durchwandert sein, um 
      das Weib zu finden, das Idealweib, die Blüte und den Hochbegriff ihres Geschlechts.
      Cöleste blickte fragend auf. Es war fast ein kindlicher Zug von dem Mädchen, daß sie naiv zweifelte, ob solch ein hohes Wort für sie gesprochen. Moorfelds Auge aber mußte sie hinlänglich orientiert haben, denn sie schlug das ihre nieder und – gewährte als »Dame des Winkels« Raum zwischen sich und Moorfeld, den dieser sogleich einnahm.
      Der Rowdy warf sich in Fechterpositur.
      Nun, bei Gott, rief er emphatisch, so möchte ich mein Vaterland nicht hintansetzen! Sie werfen auf die Frauen Ihres Vaterlandes ein Licht, Sir –
      Erlauben Sie, Sir. Das Wort Vaterland hat einen vollgehaltigen Begriff in der Politik. Der Amerikaner denkt sich ein lebensvolles, reichgegliedertes Gewebe von Parteiungen, Standpunkten, Interessen und Vorteilen darunter, – vielleicht denkt er sich auch Mädchenblick und Händedruck darunter. Es steht ihm das ganz frei. Ich aber bitte jeden, mich aus dem Spiele zu lassen, der so geistreich ist, eine so große und rein menschliche Sache unter einem beschränkten Horizont zu betrachten: diese Beschränkung heiße nun Vaterland oder wie immer.
      Cöleste sah den Dandy mit jenem Auge an, welches sagt: was willst du darauf antworten? Zugleich näherte sie sich wieder dem »Winkel«.
      Der Nebenbuhler knirschte. Aber er schien entschlossen, 
       die Partie nicht aufzugeben. Das Idealweib! sagte er achselzuckend. Man muß das Weib auch mit seinen Schwächen lieben können.
      Ich gebe Ihnen noch mehr zu, antwortete Moorfeld, nicht nur mit, sondern wegen seiner Schwächen! In den idealen Zügen der Weiblichkeit dürften die Schwächen wahrlich nicht fehlen. Nur müssen es auch wieder 
      gewählte Schwächen sein.
      Das ist unverständlich, sagte der andere.
      Verzeihung, Mr. Howland, das finde ich 
      nicht, wendete Cöleste ein. – Bei dem Namen Howland erkannte Moorfeld auf einmal seinen Mann. Er sah jenen Rowdy-Elegant wieder, den er zuerst als Kommandant eines Löschbataillons sein ritterliches aber kokettes Wesen treiben gesehen. Er verwunderte sich nicht wenig, daß man solchen Straßenhelden auf dem Parkett des Salons begegnen könne.
      Howland antwortete kurz, fast rauh: Nun wohl, es ist nicht unverständlich. Sie haben recht. Ich brauche auch nur jene Geschöpfe zu sehen, die wir hier deutsche oder vielmehr hessische Mädchen heißen, so verstehe ich sehr wohl, was Sie gewählte Schwächen nennen. Es ist eine Argumentation durchs Gegenteil.
      Mich dünkt, um nicht pöbelhaft zu sprechen, spreche man überhaupt von dem Pöbel keiner Nation, sagte Moorfeld nachdrücklich. Cöleste aber trat begütigend dazwischen: In der Tat, meine Herren, wir können hier unmöglich eine Gelegenheit zu Mißverständnissen haben. Der Ruf der deutschen Mädchen erfüllt ja die Welt. Ihr weiblicher Charakter ist anerkannt der liebenswürdigste, ja er wird oft für den mustergültigen selbst gehalten. Haben wir nicht Deutsch gelernt, um jener Uhlandschen Königstöchter, um jener Goetheschen Gretchens und Klärchens willen, die in der schlichten Tiefe, in der süßen Innigkeit, in der duftigsten Zartheit und gewagtesten Kraft ihrer Empfindung als reizende Typen des Geschlechtes, ja als der weibliche Genius 
       überhaupt uns erschienen sind? Warum wollten wir diese Wahrheit leugnen, Mr. Howland?
      Der leichte Seufzer, womit das schöne Kind New Yorks dieses Wort begleitete, schien unserm Freunde nicht ohne einen Anflug graziöser Koketterie. Er hätte das weibliche Herz sehr mißverstanden, wenn er diese Anerkennung nicht mit einer leichten Schattierung von Medisance erwidert hätte. Er antwortete:
      Sie überzeugen mich aufs angenehmste, verehrte Miß, daß der Schönheitsadel aller Nationen mit Leichtigkeit an seinen gemeinsamen Familienzügen sich erkennt. Sie nennen glänzende Dichternamen als Träger des deutschen Frauenruhms und umgehen es mit Zartsinn, daß nur die eigene Vortrefflichkeit das Verhältnis des Vortrefflichen vermittelt und daß der goldenste Dichtermund ohne sympathische Herzen so stumm wäre, als spräche er in einem Luftballon jenseits der Grenze, wo die Atmosphäre den Schall nicht mehr fortpflanzt. Aber ich muß mich verteidigen. Nicht aus Widerspruchslust, sondern nur, damit die Imputation, welche dieser ehrenwerte Gentleman aussprach, nicht mehr Wahrscheinlichkeit gewinne, als ihr gebührt, erlaube ich mir doch zu bemerken, daß der deutsche Frauencharakter weit entfernt ist, auf der Höhe jenes Abschlusses zu stehen, welcher den, der auch andere Länder Menschen kennen lernen will, als einen Verächter des vaterländischen Ideals erscheinen ließe. Das poetische Deutschland ist nicht das wirkliche. Die Dichter sagen die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Der schöne grüne Jungfrauenkranz könnte immer noch schöner und grüner sein. Es liegt viel Mehltau darauf. Empfindung ist häufig Sentimentalität, d.h. Empfindung ohne Gegenstand oder ohne großen Gegenstand; vermeinte Sinnigkeit bedeutet oft die Abwesenheit der Sinne und jene kühle, nur deutschen Mädchen eigentümliche Schwermut, welche aus dem dunklen Bewußtsein geistiger Kraftlosigkeit kommt; durch 
       den Blumenflor aller weiblichen Tugenden schleicht sich die Prüderie und pinselt die schönsten Rosen mit Zinnober an, gleichsam um mit Pferdekraft zu erröten. Es ist viel Schwächliches, viel Abgestandenes in dem blaßblonden Geschlechte Thusneldas. Man hat in Deutschland, oder überhaupt in der alten Welt, einen Niederschlag des langen geschichtlichen Lebens, welchen man Philisterei nennt und wovon Amerika gottlob keinen Begriff hat. Ich bin verlegen, Miß, wie ich Ihnen diesen Begriff definieren soll, denn Philisterei ist nicht sowohl ein Übel, als vielmehr der Inbegriff aller Übel. Philisterei ist Beschränktheit des Geistes und Herzens. Sie entsteht aus der Pflege des Hergebrachten, aus der Pflege der unveränderlichen Gewohnheit. Eine solche Pflege entwickelt stark den Detailsinn, Detailsinn aber ist nur bis zu einer gewissen Grenze gut. Innerhalb dieser Grenze macht man seine Sachen sauber, appetitlich, hat viel Empfindung fürs Formelle, einen gewissen Kunstsinn, ist in Freundschaft und Liebe ein Bienenkorb voll fleißiger Aufmerksamkeiten. Innerhalb. Drüber hinaus aber wird's schauerlich. Da hat dann der Sinn fürs Detail so überhandgenommen, daß er höckerhaft auf alle edleren Organe drückt, und Herz, Phantasie, Enthusiasmus, rasche Entschlüsse, kühne Ideen, feurige Hingebung, das alles muß elend zugrunde gehen. Detailsinn verschlingt in seiner Über- und Mißbildung den ganzen Menschen, der Mensch wird kleinlich. Diese Kleinlichkeit ist es, welche Philisterei heißt. Und ich bin leider das Geständnis schuldig: Philister und Philisterinnen sind im Hause der heiligen Germania ein sehr zahlreiches Genre.
      Cöleste trat, wie verwundert, einen Schritt zurück. Es war aber nur eine Bewegung gegen den Winkel. Moorfelds Entgegnung war aufgenommen, wie er ahnte. Er fuhr fort:
      Sie selbst nannten zuvor Klärchen, verehrteste Miß. Aber die Spuren der Philisterin entdecken wir auch in ihr. Wie sie ihren aufgeputzten Helden abtätschelt, seinen 
       Samt und seine Ordenskette anstaunt, das hat mir nie gefallen. Das ist philisterhaft. Das Mädchen, das ein Bube sein will, um ihrem Auserwählten die Fahne vorzutragen, mußte ihn überhaupt nicht als Ritter vom goldenen Vließ, sie mußte ihn im Reiterkollett sehen wollen, das er in der Schlacht von Gravelingen trug. So gefällst du mir am besten! Aber solche Züge zeichnen den Charakter der deutschen Mädchen. Nur daß sie nicht die Brüsseler Bürger haranguieren und Gift nehmen, sondern zu Hause ihre vier Wände haranguieren und den Brakenburg nehmen.
      Klärchens Entzücken über das goldene Vließ scheint mir so schlimm nicht, sagte Cöleste, indem sie mit einiger Verlegenheit die Augen niederschlug. Wir erinnern uns, daß sie selbst, nach den Worten ihres Vaters, in einem »Babel von Bagatells« lebte.
      Schlimm! antwortete Moorfeld, was könnte das köstliche Mädchen schlimm kleiden? Ihre weibliche Größe macht vielmehr diesen Kontrast des Minutiösen notwendig. Schlimm wird das Kleinliche erst, wenn die Größe dazu fehlt, oder noch besser, wenn das Kleinliche selbst wieder zu einer Art Ungeheuerlichkeit ausartet. Schlimm war gewiß jene Herzogin von Buckingham. Der Herzog, ihr Gemahl, hatte in einem der Bürgerkriege Englands das politische Verbrechen begangen, sich besiegen zu lassen, und wurde zum Tode verurteilt. Er bestieg das Schafott. Schon schwang der Nachrichter das Schwert über sein Haupt, da erscheint ein Bote von Mylady. Mylady läßt ihrem Manne sagen – es wäre doch schade, wenn seine diamantenen Hemdknöpfchen ein Erbe des Henkers würden; er möge nicht vergessen, sie im letzten Augenblicke abzulösen und umgehend zurückzuschicken.
      Welch ein Rabencharakter! rief Cöleste.
      Und doch war das gute Weib, fuhr Moorfeld fort, vielleicht kein Monstrum von Herzlosigkeit, sondern nur von Kleinlichkeit. Sie war gewohnt, ihre Sachen in Ordnung zu 
       halten. Sie war ein Krüppel des Detailsinns. Sie war eine Philisterin.
      Cöleste blickte nachdenklich, fast in sich gekehrt. Sie sah ihre Vorliebe für Bijouterientand offenbar in einem neuen Lichte; sie war in diesem Augenblicke zum ersten Male über die harmlose Mädchenliebhaberei zur Reflexion gebracht.
      Mr. Howland, dem der häusliche Charakter des jungen Mädchens natürlich bekannter war als unserm Fremden, der nur in flüchtiger Konversation davon gehört, wußte diesem Anflug von Bestürzung auch besser auf den Grund zu blicken und glaubte davon gewinnen zu können. Jetzt, dachte er, sei der Augenblick gekommen, den lästigen Gast aus dem Felde zu schlagen. Er ergriff die Gelegenheit, sich um das beunruhigte Kind verdient zu machen und die Ausfälle auf den Nebenbuhler zu erneuern. Mit einer Siegesgewißheit, die bereits Schadenfreude selbst war, nahm er das Wort:
      Ihr Urteil drückt auf das zarte und leicht verletzliche Geschlecht mit einer Last, sagte er zu Moorfeld gewendet, die ich fast grausam nennen möchte. Sie verbinden, Sie ziehen Schlüsse, Sie kombinieren Charakterzüge der unschuldigsten und gravierendsten Art mit einer so drakonischen Logik, daß Sie den Charakter des Weiblichen eigentlich aufheben zu wollen scheinen. Wenigstens sehe ich nicht, wie vor der Methode Ihres Urteilens zwischen dem Liebenswürdigen und dem Abscheulichen noch eine Unterscheidung bestehen soll, wenn die leichteste Nuance eine Art Hängebrücke abgibt, auf welcher der kecke Fuß des Konsequenz-Kundigen schwindelfrei hin und wieder hüpft. Was Sie Detailsinn oder Sinn des Kleinlichen nennen, wurde mir übrigens dankenswert klar in Ihrer Ausführung; so klar, daß mir zumute war, ich sähe diesen minutiösen Sinn gleichsam vor meinen Augen stehen. Und nicht nur jenem Geschlechte –
      Mr. Howland dachte nicht anders, als er würde die Dame 
       des Winkels mit diesem Plädoyer der klassischen Ecke anzunähern imstande sein. Nur ein Schritt war noch zu tun. Aber Cöleste gewährte ihm diesen Schritt nicht. Sie stand vielmehr und erwartete mit unverhohlener Spannung Moorfelds Antwort.
      Moorfeld unterbrach seinen Gegner in dem Augenblicke, als jener eine direkte Injurie ausgesprochen hatte und noch fortzuführen im Begriffe war. Er unterbrach ihn im Tone eines ruhigen, obgleich ernsten Verweises.
      Halten Sie ein, mein Herr, sagte er. Wenn Sie für Frauen sprechen, so engagieren Sie Ihr Gespräch so, daß Sie Frauen nicht erschrecken. Sie haben herausfordernd gesprochen, und wollte ich herausfordernd antworten, so würden wir eine Dame verscheuchen, die wir zu fesseln wünschen. Also nichts mehr von diesem Genre, wenn ich bitten darf. Und mehr gegen Cöleste gewendet, fuhr er fort: Es ist wahr, ich schließe von kleinen Zügen oft auf den ganzen Charakter. Diese Mikrologie mag ihr Grausames haben, wenn der Schluß ungünstig ausfällt. Ich gebe das zu. Ich sehe aber nicht ein, warum ich den Baum nur am Stamm und nicht auch in seinen zartesten Ausspitzungen erkennen sollte. Und ist es ein edler Baum, so erkenne ich seinen Adel ebenso leicht an. So hat es einst mein günstigstes Vorurteil erregt – aber ich will mir erlauben, den kleinen Zug zu erzählen. Ich promenierte vor nicht langer Zeit hier auf der Battery. In einiger Entfernung von mir gingen drei junge Ladies in eleganten Morgentoiletten die Laubgänge entlang. Sie waren ohne männliche Begleitung – sei's, daß ihre Equipage am Eingang des Parks hielt oder daß ihr Haus selbst in der Nähe lag, was das wahrscheinlichste war, denn sie gehörten, wie ich sehen konnte, jener Gesellschaftssphäre an, welche auf der Battery ihre Residenz hat. Diesen Damen kam ein Newsboy entgegen, welcher seine Zeitung ausrief. Der Junge handelte aber gleichzeitig noch mit einer andern Literatur und diese rief er ebenso unverhohlen aus. Ich 
       traute meinem Ohre nicht. Dicht vor den Mädchen erhob er seine Stimme zu einem obszönen Proklam, daß mir zumute war, eine moralische Pulvermine fliege vor ihnen auf. Die armen Kinder konnten weder vor noch zurück, noch seitwärts; der freche Knabe lief ihnen geradezu in den Weg; sie mußten hören wohl oder übel. Sie hörten auch. Die eine begrub ihr Gesicht ins batistene Taschentuch, die andere wandte das Köpfchen seitwärts, als wäre sie eben geistesabwesend, die Dritte aber sah ich stille stehen. Sie hielt den Jungen an, nahm ihre Perlbörse zur Hand, winkte, und im nächsten Augenblicke flog das obszöne Portefeuille über den Batterywall ins Meer. Sehen Sie, sagte Moorfeld, indem er seine Stimme mit einem eigentümlichen Timbre ausklingen ließ, dieser Zug gefiel mir. Den Buben zu ignorieren, sich zu stellen, als verstände man ihn überhaupt nicht, war freilich auch mädchenhaft, sogar mädchenhafter, aber in jenem Philistersinne, von dem ich zuvor sprach. Es hatte fast etwas Komisches, etwas vom Vogel Strauß, wenn er seinen Kopf in den Sand steckt. Die Dritte fühlte das und trat mit einer edlen Freimütigkeit aus der kleinlichen Modestie heraus, um nach einer größeren zu handeln. Das Unsittliche war freilich in der Welt, das konnte sie nicht hindern; aber sie ließ es nicht vorübergehen an sich. Der Moment, da es an sie herankam, war auch sein letzter. Eine Berührung ihrer reinen Hand und es verschwand. Das war ästhetisch. Es lag eine so schöne Harmonie in diesem Zuge, – man nenne ihn scheinlos, wie man will, aber ich schäme mich nicht zu gestehen, ich würde nach diesem Zuge jener Dame für ewig eine gewisse Genialität ihrer Weiblichkeit zutrauen.
      Cöleste stand da in tiefe Purpurglut getaucht. Sie stand da in einem Momente ihrer höchsten Mädchen-Schönheit. Freude, Scham, Stolz, der tiefste Kern ihres weiblichen Bewußtseins geschmeichelt, wie es die Galanterie der Alltäglichkeit auch bei geräuschvolleren Ostentation 
       nimmermehr in ihren Mitteln hat – der ganze Nimbus ihres Geschlechtes umspielte das reizende Mädchen. Sie wagte nicht zu Moorfeld das Auge zu erheben. Er hatte sie erkannt – der Ton seiner Stimme, der ganze Akzent seines Vortrages verriet ihr's. Und wenn sie jetzt den letzten Schritt nach dem Winkel zurücktat, so geschah es kaum noch im konventionellen Sinne, – es war der natürliche Ausdruck des Augenblicks; sie bebte zurück wie eine Venus verschämt vor ihrer eigenen Schönheit flüchtete.
      Die »Cour des Winkels« war jetzt zu Ende. Aber die Snobs waren wütend. Mr. Howland sann auf eine neue Tücke, seinem Nebenbuhler beizukommen. Und isoliert wie er sich sah, fing er zu deklamieren an:
      Ich steh' auf hohem Berg allein –
      auf einmal blickte Cöleste auf zu ihm. Der Dandy kopierte jetzt ganz Moorfelds Attitüde von zuvor. Er warf sich in ein Air von Begeisterung, welches das Vorgeben durchschimmern ließ, den dichterischen Ausdruck allegorisch zu gebrauchen, er heftete seinen Blick schwärmerisch auf Celesten und deklamierte aus ihrem Auge heraus:
      Ich steh' auf hohem Berg allein
       In meinem Schmerz und denke dein;
       Ein Brünnlein rinnt zu meinem Fuß
       Und lispelt leis: ich muß, ich muß
       Ins grüne Tal hinab von hier,
       Dort grüß' ich heimlich sie von dir!
      O Brünnlein, Brünnlein hell und klar,
       Gleichst meinen Tränen ganz und gar:
       Es weint der Berg sich stumm und still,
       Weil noch sein Lenz nicht kommen will;
       O riesle, riesle fort ins Tal
       Und sag' ihr das viel tausendmal.
      Das Gedicht heißt »Des Schäfers Botschaft« wandte er sich gegen Moorfeld, – wie gefällt es Ihnen, Herr Doktor?
      
       Ich begreife zunächst nicht, wie es hieher gehört, antwortete Moorfeld, erzürnt über die forcierte Störung.
      Mit Erlaubnis, Sir, ein gutes Gedicht gehört überall hin.
      Ein gutes!
      Wie, Sir, ist das Gedicht schlecht?
      Ganz außerordentlich, Sir!
      Hätte Moorfeld bei seiner eigenen inneren Fülle jetzt einen Blick haben können für den versteckten Geist dieses Augenblicks, so hätte es ihm auffallen müssen, daß sich eine eigentümliche Verlegenheit in Cölestens Antlitz malte, während Mr. Howland mit einer faunischen Schadenfreude sich die Lippe biß.
      Ihre Gründe, Sir! Ihre Gründe! rief der Snob mit einem ungewöhnlichen Eifer.
      Gründe! sagte Moorfeld wegwerfend, mein Gott, ja! sie sind wohlfeiler als Brombeeren hier.
      Nun, Sir?
      Moorfeld antwortete mit einer Gelassenheit, die nur die Bändigung seiner inneren Aufregung war:
      Betrachten wir, um einer amerikanischen Anschauungsweise entgegenzukommen, das Gedicht zunächst nur unter der Kategorie der Zweckmäßigkeit. Das Gedicht ist eine Adresse. Es adressiert sich an die Geliebte. Wie, denken Sie sich nun, erreicht diese Adresse ihren Zweck? Der Kern des Gedichtes ist der Vergleich eines weinenden Liebhabers mit einem weinenden Berg. Ein Liebhaber und ein Berg! Der Dichter hat auch nicht den leisesten poetischen Instinkt für die Nebenbegriffe eines Bildes, sonst würde er sich nicht selbst zum Falstaff machen. Er tut es aber, und so ist der Zweck seiner Adresse verfehlt. Die Schäferin soll doch nicht einen Falstaff lieben? Dies ist der Nebenbegriff des Bildes; nun aber das Bild selbst. Ist das Quellrieseln eines Berges ein zweckmäßiges Bild für das Weinen eines Liebhabers? Warum soll der Berg weinen? »Weil noch sein Lenz nicht kommen will«? Aber der Berg hat seit tausend und mehr 
       Jahren die Erfahrung gemacht, daß der Lenz regelmäßig kommt. Weinen denn wir, wenn einmal ein Frühling schlecht gerät? Und der Berg hat ungleich mehr Zeit zu versäumen. Sie merken also, der Gedanke des Gedichts ist Unsinn. Und dieser Unsinn soll der Geliebten vieltausendmal gesagt werden! Ich danke schön. Es liegt auf der Hand, warum der Dichter ungeliebt ist. Das Mädchen will von dem langweiligen Kauz nichts wissen. Er kann lange singen! Er wird keinen Eindruck machen. Er singt – ich wiederhole es, um Sie mit allen höheren Distinktionen zu verschonen – er singt nicht zweckmäßig.
      Howland hatte Mühe, den wilden Freudenglanz seines Auges zu verbergen. Cöleste sagte schüchtern, fast bittend: Es ist ja nur erotische Poesie!
      Moorfeld glaubte, das Mädchen stehe für Howland ein, und wollte ihm mit weiblichem Takte aus der Klemme helfen. Aber selbst wenn er dem Gegner dieser Gunst hätte gönnen wollen – und es wäre in diesem Augenblicke nicht gemeine Selbstverleugnung gewesen – er durfte die Interessen der Poesie nicht preisgeben. Er freute sich vielmehr, daß Cöleste selbst an dem Stoffe teilnahm; es gab ihm Gelegenheit, sich mit jener Wärme des Moments zu äußern, die er vor dem andern nur mühsam zurückdrängte.
      Voll Eifer antwortete er: Warum, teuerste Miß, soll erotische Poesie zur Trivialität verdammt sein? Doch nicht, weil sie den Frauen geweiht ist? Aber in der Tat, das ist die Ursache. Die erotischen Dichter begehen alle einen Fehler. Sie glauben, die Geliebte nicht genug feiern zu können, und vergessen sich selbst. Sie raffinieren auf den forciertesten Ausdruck der Liebe, der Zärtlichkeit, der Ergebenheit, sie leisten das Möglichste und Unmöglichste, um Herz zu zeigen, und tun nichts, um Charakter zu zeigen. Das ist das Grundübel. Sie opfern alle das männliche Element dem weiblichen. So geschieht's, daß keine Kunstgattung mehr Witz aufbraucht, ihre Ausdrucksmittel stets zu erneuern 
       und zu verstärken, und keine rettungsloser der einen und ewigen Ohnmacht verfemt ist, als die erotische Poesie. Eine paradoxe Forderung: den Frauen zu huldigen und sich selbst dabei zu bedenken, warf Howland ein.
      Als ob den Frauen gedient wäre mit Männern ohne Selbstgefühl! antwortete Moorfeld. Der erotische Dichter gewöhnlichen Schlags scheint es aber fast zu glauben. Er plagt sich aufs ausgesuchteste, die 
      Leidenschaft zu malen, und vergißt darüber, die 
      Kraft anzudeuten, die von dieser Leidenschaft besiegt worden ist. Das ist's, was ich seinen Grundfehler nenne. Denn die Frauen wollen Männer erobert, nicht Strohhalme geknickt haben.
      Howland entgegnete aufreizend: Ich finde es seltsam, Sir, welche Mühe Sie aufwenden, ein gutes Gedicht, das Sie herabsetzen wollen, nach einem Ideale zu messen, das nie existiert hat und nie existieren wird. Beispiele, Sir, Beispiele!
      Endlich haben Sie recht, rief Moorfeld lebhaft. Beispiele! Dabei allein kann uns wohl werden! Ich diene mit größtem Vergnügen. Nur die Poesie selbst kann die Poesie erklären.
      Howland sah mit finsterster Miene, wie wenig Verlegenheit er seinem Rivalen bereitete, vielmehr wie glücklich er ihn gemacht zu haben schien. Moorfeld war plötzlich verwandelt, aus Ton und Haltung verschwand alle Bitterkeit der Polemik, man sah, ein Geist der Freude und Befriedigung kehrte in ihm ein, der Wohllaut einer schönen, reingestimmten Empfindung zog durch seine Seele. Mit diesem Ausdruck sprach er folgende Strophen:
      Hinter dem Walde
       Steht ein Hüttchen
       Eng und nieder
       Mitten im Flieder.
      Aus dem Fenster
       Lang' ich das Dach, 
      
       Netz' ich den Finger
       Unten im Bach.
      Eine Rebe
       Faßte das Ganze
       Schlangenwindig
       In ihrem Kranze. –
      Ach, wie kam es,
       Daß dieser Zoll
       Die Welt des Mannes
       Bedeuten soll?
      Höher am Hügel
       Liegt ein Stein,
       Oft sitz' ich droben
       Im Abendschein –
      Die rote Erde
       Rings um mich her,
       Täler und Hügel,
       Ufer und Meer:
      O wie entzückt' es
       Mir sonst die Brust!
       Wie wogt' und drängte
       Tatenlust
      Hinüber, hinüber,
       Hinaus, hinaus,
       Und nirgend die Heimat,
       Die Welt mein Haus –
      Das ist nun alles.
       Nun alles dahin!
       Das enge Häuschen
       Das bannt meinen Sinn! 
      
      Nicht spreitete drin sich
       Der kleinste Baum:
       O Leben, o Jugend,
       Dir gibt es Raum! –
      Was soll ich wünschen?
       Daß es so bliebe?
       Daß es einst ende?
       O Liebe! Liebe!
      An dieser Stelle würde ein anderer Liebhaber vielleicht zu seufzen erst anfangen, sagte Moorfeld; – der unsrige braucht es nicht. Die Empfindung an sich zu halten, ist unter allen Umständen ausdrucksvoller, als sie auszudrücken. Hier der Schauplatz der Weiblichkeit – das enge niedrige Hüttchen, – dort der Schauplatz der Mannhaftigkeit, – die weite tätige Welt – und das Hüttchen Siegerin in diesem Kontraste. Das sagt genug. Aber Sie sehen, eben dieses Kontrastes bedurft' es.
      Hören Sie weiter, fuhr Moorfeld fort. Von dem Geiste der Poesie hingerissen, aufgeregt in seiner tiefsten Klangfähigkeit, war ihm Howland kaum noch etwas anderes als ein blindes, ja günstiges Zufallsspiel, das ihm erlaubte, an erwünschtester Stelle das Hochgefühl dieser Stunde auszuströmen. Er rezitierte folgendes Gedicht:
      Erst baute der Mann die Hütte, den Herd,
       Und fühlte nur sich und das Seine;
       Sein Weib, sein Kind war ihm alles wert,
       Sie umschlossen die ganze Gemeine.
       Da stand vor den Laren im häuslichen Flur
       Die älteste Gruppe der Natur.
      Dann erwachte das mächtige Stammgefühl,
       Dem Gleichen verband sich ein Gleicher,
       Hetärien stürzten ins Kampfgewühl,
       Es belebte die Erde sich reicher:
       Das verwandte Blut, zur Menge gesellt,
       Umscharte das patriarchalische Zelt.
      
       Und die Stämme vereinten zum Volke sich,
       Und ergossen sich durch die Geschichte;
       Die Fehden ruhten, der Hader wich,
       Und die Einheit drängte zum Lichte;
       Ein Herz, eine Sprache, ein geistiges Band,
       Ein teures, ein heiliges Vaterland!
      Doch die Menschheit wuchs und der Geist gebar
       Die großen, die letzten Gedanken;
       Das Volk und das Land, wie geliebt es war,
       Er zerbrach sie wie dürftige Schranken,
       Er umspannte die Welt, er umarmte das All
       Und erstürmte der Endlichkeit äußersten Wall! –
      Der Ring ist geschlossen, der Kreis ist erfüllt,
       Und zum Anfang strebet das Ende.
       Des Denkers Haupt in Ideen gehüllt.
       Wie er Welten zum Heile verbände:
       Er sinnet und sinnt in die Ferne hinaus
       Und sinnet das Glück des Lebens nicht aus!
      Es erfreuet ihn nicht der begeisterte Kiel
       Und die schönen, geschriebenen Träume,
       Es bevölkert kein luftiges Schattenspiel
       Des Hauses einsame Räume;
       Der Freund der Menschheit, der Bürger der Welt,
       Er weinet, daß ihm das Nächste fehlt!
      Und der stolze Geist, er kehret zurück
       Zu der Menschheit ältestem Triebe,
       Das erste sucht er, das süßeste Glück
       In des Weibes Schönheit und Liebe;
       Die Hütte wird ihm, der häusliche Herd,
       Die Stimme des Herzens das Höchste wert!
      Wohlan denn, so klag' es und sag' es nur:
       Dies Herz, es leidet und liebet!
       Mit ihm ist ja ewig die Macht der Natur,
       Und alles andere zerstiebet. 
      
       Es singet der Menschlichkeit sterbender Schwan,
       Wenn des Weibes vergißt der vergeistigte Mann!
      Hier ist der Liebe, sagte Moorfeld, nichts geringeres als die ganze Menschheitsgeschichte entgegengesetzt. Familie – Stamm – Volk – Kosmopolitismus – vier Weltalter überwindet sie und setzt sich als ihr Letztes, wie sie ihr Erstes war. So verstärkt sich das 
      Gefühl durch die Macht der 
      Idee. Was hilft es, den Professor zum Schäfer zu verkleiden und im Zeitalter der Reflexion das Haferrohr des Naturlauts zu blasen? Viel besser, man gesteht diese Reflexion tapfer ein, holt aber eben aus ihr die tiefere und tiefste Begründung des Naturlauts. Ist das geschehen, dann darf der Liebende wieder 
      weinen wie das erste einfachste Menschenkind, und wahrlich, er weint dann erschütternder, als der Berg weint, »weil noch sein Lenz nicht kommen will«. Tränen, die über Gedanken rieseln, das sind Tränen! die sind des Weibes wert!
      Howland antwortete auf diese Demonstration mit einem gänzlichen Abspringen von derselben: Wahrhaftig, Sir, sagte er, ich finde es wenig paßlich, in Amerika ein amerikanisches Gedicht herabzuwürdigen!
      Jetzt erkannte Moorfeld die deutliche Absicht dieses Menschen, einen Eklat herbeizuführen. Hatte er so lange ihm Rede gestanden, so geschah es aus Achtung vor Ort und Umgebung; diese Achtung gebot endlich die entgegengesetzte Behandlung. Moorfeld wandte ihm schweigend den Rücken.
      Aber Howland drang heftig in ihn: Was sagen Sie, Sir?
      Mit dem Aufwände seiner letzten Geduld antwortete Moorfeld: Die amerikanische Lyrik teilt gegenwärtig das Schicksal aller Nachahmer; sie kopiert die schlechten Seiten ihres europäischen Originals. Wir dürfen hoffen, dieses Stadium wird vorübergehen.
      Wie, Sir, also sind Sie ein für allemal entschlossen, unsern Dichter en chien zu behandeln? Ich sage Ihnen aber, eine 
       
      Lady hat diese Verse gemacht; werden Sie jetzt Ihr Urteil mildern, Sir?
      Moorfeld, dem der Ausdruck »Verse machen« allein schon ein Greuel war, antwortete kalt: Das ist für die Kritik ein Adiaphoron.
      God damn, Sir! 
      Miß Cöleste Bennet hat diese Verse gemacht; wie nun?
      Der Dandy hatte seinen Zweck erreicht. Die Sitte ist nur für den Sittlichen und das Gesetz für den Gesetzlichen da. Wie ein Vandale eine kostbare Vase zerschlägt, so war der glänzende Augenblick jetzt in Trümmer geschlagen. Cöleste erlag unter einer Wucht von Scham, Zorn und Betrübnis; das Weinen trat ihr nahe. Howland, ihr Beleidiger, brüstete sich als ihr Ritter, Moorfeld, der ihr Blumen der zartesten Huldigung gereicht, wurde als ihr Beleidiger angegriffen, – alle Schönheitslinien liefen verwirrt durcheinander, die Roheit war Meisterin der Situation.
      Cöleste flüchtete aus dem Kreise. Howland nahm sich dabei heraus, sie an der Hand zu fassen, und seine Frechheit zu krönen, wandte er sich an Moorfeld mit den Worten:
      Mein Herr, ich fordere im Namen dieser Dame Genugtuung von Ihnen.
      Der Herr Doktor wird sie ihr geben, erscholl eine Stimme über Howlands Achsel.
      Moorfeld wandte sich um und sah mit Verwunderung, daß sich der größte Teil der Gesellschaft als Zeuge dieser Szene eingefunden hatte. Der Saal war fast vollgedrängt von Menschen. Herr Bennet und der Kreis seines Teepavillons standen unter den Vordersten.
      Herr Bennet trat zwischen Moorfeld und Howland vor. Der Herr Doktor, sagte er zu Howland, werden die Saison an dem Ohio zubringen, indes ich selbst nach Saratoga gehe. Wir beide stehen auf dem Punkt der Abreise. Aber den Winter, wie ich höre, wird unser verehrter Gast New York zum Aufenthalte wählen, und dann – wandte er sich 
       an Moorfeld – darf ich Sie vielleicht bitten, Sir, ohne dem Berufe Ihrer Privatmuse sonst nahe zu treten, die ästhetische Ausbildung meiner Tochter im Fache der schönen Redekünste vollenden zu helfen. Miß Cöleste, wie Sie hörten, versucht sich in der Poesie, und wie Sie gleichfalls hörten, sind diese Versuche noch derart, daß daran allerdings 
      genug zu tun übrig bleibt. Das ist die 
      Genugtuung, von welcher Mr. Howland sprach; lassen Sie mich meine Bitte mit seiner vereinigen, daß Sie diese Genugtuung zusagen wollen.
      Wer zu beschreiben unternommen hat, sollte von dem Ausdrucke: eine Sache sei nicht zu beschreiben, nur den sparsamsten Gebrauch machen; an diesem Orte aber müssen wir bitten, den Ausdruck uns zu gestatten. Es ist schwer zu beschreiben, welche Wendung diese Dazwischenkunft Bennets der ganzen Situation wie auf einen Zauberschlag mitteilte. Moorfeld sah sich plötzlich an einem seiner flüchtigsten Worte gebunden, und unter anspruchlosem Namen von einem Verhältnis ergriffen, daß er eher ein Orakel als eine Menschenstimme zu hören glaubte, – Cöleste war überrascht, verwirrt, verlegen, bestürzt, erfreut, fliegende Farben wechselten widerspruchsvoll auf ihrem Antlitze, und das leichtverletztliche Mädchenherz schien vor allem nur eins zu empfinden: den Gewaltakt des Zufalls, – der Rowdy Howland stand da, blaß und zitternd vor Aufregung; Wut, Scham, Neid, ein Heer von giftigen Leidenschaften durchjagte seine ausdrucksvollen Züge, – Mr. Bennet selbst, die verkörperte Salonsitte dieses Augenblicks, konnte ein leichtes Wanken seiner Stimme nicht ganz verbergen, und der Sturm, den sein Zauberstab so plötzlich erstickt, pulsierte unter ruhiger Oberfläche in seinem Innern. Und wie die feineren Formen der Gesellschaft dem Überraschenden als solchem keinen Ausdruck gestatten, so war es ein seltsamer, ja humoristischer Kontrast, daß jeder der Beteiligten diese ungewöhnliche Bewegung in den Umgangsformeln des alltäglichen Kurses abfinden mußte. Moorfeld sprach von 
       seiner »Bereitwilligkeit«, Cöleste stotterte von ihrem »Vergnügen«, Mr. Bennet von seiner »Freude« und selbst Howland von einem »kleinen Mißverständnisse«.
      Man sei im Zirkel dieses Salons, sagte er, so sehr gewohnt, die Kunstübungen der Misses als bekannt vorauszusetzen, und namentlich »Des Schäfers Botschaft« als eine Zelebrität unter den Freunden des Hauses zu betrachten, daß der ausnahmsweise Fall mit einem Fremden ihn zu einer Übereilung verleitet. Dazu erklärte der Engländer, dessen abnormer Gesichtsvorsprung im Kreise dieser Gruppe jetzt auch bemerkt wurde, daß er das Versehen auf sich nähme, den neu eingeführten Gast über diese Punkte im Dunkel gelassen zu haben. Ein dringendes Motiv habe seine Aufmerksamkeit unterwegs auf das Thema der Tier-Perfektibilität gelenkt.
      Das alles mochte nun gelten, soviel es wert war. Genug, die Roheit und die Narrheit hatten ihre Mission hier erfüllt. Ihrer bedurfte es, um den Abend zu enden, wie er endete.
      Das sagte sich Moorfeld, indem der beleidigende Mißklang dieser Szene seine Seele verließ und ein Strom von goldenen Harmonien darüber herfloß.
      Den weiteren Verlauf dieses Abends übergehen wir.
      Es war schon tief in der Nacht, als Moorfeld unter den dunklen Bäumen der Battery das Haus hinter sich zurückließ, dem ein 
      Rafael die Formen gegeben. 
      Er sollte jetzt Geist hineintragen. Er sollte dem Mädchen, das ihm ein Adelswappen ihres Geschlechtes war, lehrend und bildend zur Seite stehen, sollte in der schönsten Gruppe zu ihr stehen, die in der sinnlich-geistigen Welt denkbar ist, weil sie die reinste und fließendste Bewegung gestattet, Sinn und Geist in vollwirkendem Wechselverhältnis zu erfüllen.
      Auf dem späten Nachhauseweg ging der abnehmende Mond über ihm auf. Romulus und Remus! hatte ihm Moorfeld vorgestern zugerufen – gewisse menschliche Verhältnisse haben für ewig ihre Symbole – Abälard und Heloise! rief er heute. 
       
      
    



      Zweites Buch
      Erstes Kapitel
      Wir begleiten unsern Helden jetzt auf seiner Reise nach Ohio. Er schied aus New York in einer Stimmung, die dem Bleiben eigentlich günstiger als dem Reisen war. Unter andern Umständen hätte er sich wahrscheinlich dem Zuge nach Saratoga angeschlossen. Überhaupt konnte der Plan seines ganzen Aufenthaltes durch den Abend bei Bennet in eine neue Frage gestellt sein. So hatte Dr. Griswold – gleichsam in Konkurrenz mit Bennet – später noch zu verstehen gegeben, es sei eigentlich wünschenswert, daß an der Universität selbst die Lehrkanzel für Literatur und Ästhetik mit europäischer Kunstbildung besetzt werde, und es hätte unsern Freund nur ein Wort gekostet, die öffentliche Stellung, die ihm dieser Wink zudachte, anzunehmen. Sein Zweck, Amerikas Leben und Treiben kennen zu lernen, stand durch eine solche Beteiligung an der Menschenkultur mindestens ebensogut zu erreichen als durch die an der Bodenkultur. Kurz, Moorfeld hätte an jenem Abend Stadt gegen Urwald, New York gegen Ohio in seiner Wahl vielleicht umgetauscht, wenn – die Freiheit dieser Wahl noch bei ihm gestanden hätte. Aber vierundzwanzig Stunden zuvor hatte er sich, wie wir wissen, zugunsten Benthals gebunden. Und er bereute diesen Schritt nicht. War es ihm schon sorgenswert erschienen, einen Charakter wie Benthal so bald wie möglich auf ein Feld der Tat zu verpflanzen, so wurde er in dem Gedanken noch unendlich bestärkt, als er Benthals Braut, Pauline, gesehen hatte. Dieses dunkle, sinnige Mädchenbild hatte er an jenem Abend mit einer seltsamen Regung sich gegenübergesehen. Er bangte für sie. Sie erweckte ihm die Vorstellung, daß sie als Hausfrau in einer großen Stadt an dem verfehltesten 
       und unglücklichsten Platz ihres Lebens stehe. Der ganze Himmel New Yorks, dachte er, müßte über ihrem Haupte voll Damokles-Schwertern hängen. Ahnungen treiben oft mehr als Überzeugungen, und Moorfeld fühlte sich getrieben, das Los Paulinens wie einer Schwester zu bedenken. Dies scheue, schüchterne Mädchenleben dem gefräßigen Egoismus der Welt zu entrücken, schwebte ihm bald als ein natürlicher Beruf seiner Ansiedlung vor. »Jungfräulicher Boden«, wie es der Sprachgebrauch nennt, war allein der Boden des Gedeihens. Ganz von selbst verband sich ihr Bild mit dem Bilde einer stilldämmerigen Urwaldsbucht. Schien sie doch gleichsam ein verkörperter Waldschatten! –
      So reiste denn Moorfeld. Er sieht jetzt Amerika außer New York. Vom Hudson an den Ohio zieht er eine neue Linie Landes- und Volksschau in das Buch, das ihm New York auf getan. Aber es wird uns nicht überraschen, wenn Ton und Stimmung auch in dieser Reihe von Bildern wenig erfreulich sein sollte. Er tritt aus dem Hause Bennets in der glücklichsten Herzenswärme, die den jungen, lebhaft fühlenden Mann ergreifen kann. Aber dieser Aufschwung kommt nicht seiner Reise zugute. Nach der Natur der menschlichen Seele dürfen wir vielmehr das Gegenteil annehmen. Der Kontrast ist groß; die Wirklichkeit, die vor dem Musen- und Grazien-Tempel auf der Battery lagert, wird dem Heraustretenden mit ihren schärfsten, nüchternsten Lichtern ins Auge fallen. Ihre Kälte wird kalt, ihre Häßlichkeit häßlich sein; er wird das Gemeine schneidender als je empfinden. Mit dieser Voraussicht wird es rätlich sein, Moorfelds Reisetagebuch aufzuschlagen. Die rosigen Zukunftsträume, welche die Katastrophe von Bennets Rout in seiner Seele entzündet, dürfen wir nicht darin suchen; – sie bilden die duftige Fernsicht seiner inneren Landschaft. Was wir im Vordergrunde sehen, wird so schroff, hart, trocken gefärbt sein, wie es leibt und lebt, und wie ein 
       leidenschaftlich bewegtes Gemüt, dessen Abstoßungskraft wahrhaftig nicht gebrochen ist, bald satirisch, bald ironisch, bald tragisch, stets aber mit der ganzen Fülle des unmittelbaren Eindrucks es auffaßt.
      Darum zogen wir's auch vor, unsern Helden seinen Reiseerlebnissen gegenüber sich selbst vertreten zu lassen, indem wir sein Tagebuch mitteilen. Es ist in Briefform an Benthal geschrieben, also in der unbefangensten, die wir wünschen mögen. Mit Saratoga hingegen wird vorläufig noch kein Briefwechsel gepflogen, und zwar aus gutem Grunde. Moorfelds Stellung zu Cöleste lag im Gebiet der reinen Ahnung, sie gehörte den Göttern des Schweigens. Diese Anfänge waren zu anfänglich, als daß das geschriebene Wort sie ausbilden konnte, zumal den Schicklichkeitsgesetzen einer amerikanischen Lady gegenüber. Moorfeld fühlte, der Briefstil könne hinter das vielleicht stillschweigend Vorhandene nur zurückgehen, nicht aber es weiterführen. Er war also klug genug, ein Korrespondenzversprechen, das Höflichkeit ohne Zweifel gewechselt, eben nicht wörtlich zu nehmen.
      Mit Benthal aber reiste er gleichsam wie mit einem geistigen Wandergesellen. Reist er doch fast nur 
      für ihn, ein natürlicher Zug seines Gemütes ist's, daß er 
      mit ihm reist. Alles, was der Tag Neues, Charakteristisches, Eindrucksvolles bringt, erlebt er zugleich in der unsichtbaren Gesellschaft Benthals, und indem er es aufschreibt, nimmt es von selbst die Adresse dieses Freundes an. Die äußere Briefform dabei ist Nebensache, Ort und Tag gleichgültig, nur daß sich ein Wanderzug durch Pennsylvanien gleichsam unwillkürlich um die drei Hauptstädte Pennsylvaniens: Philadelphia, Harrisburg, Pittsburg gruppiert und entweder in oder dahin der äußerliche Anhaltspunkt des Datums wird. Diese Ortsangaben fehlen nicht. –
      Das schien uns in Kürze die notwendigste Verständigung, die wir den nachfolgenden Blättern vorauszuschicken hatten. 
       Mögen wir uns gestimmt finden, ihnen mit Anteil und Aufmerksamkeit zu folgen.
      *
      Moorfelds Reisetagebuch von New York nach Ohio.
      Nach 
      Philadelphia. – Die Lokomotive braust durch New Jersey. Das Land ist flach und bietet dem Auge wenig Beschäftigung. So weit von den Alleghanies und so nahe am Meere erwarte ich es nicht anders. Dagegen fliegen prächtige Wälder vorüber, die mich auf so altem Kulturboden überraschen. Der Urwald, scheint's, liegt noch überall näher, als man glaubt. Aber der Anblick der Bäume setzt mich in Verwirrung. Ich kenne sie nicht. Die europäischen Bäume haben es fast alle gemacht wie ich: sie sind Pseudonym in Amerika da. Als Europäer geben sie sich sehr selten; namentlich die Eichen sind verstockte Geheimniskrämer; sie kommen unter allen möglichen Formen vor, nur nicht unter 
      der, die wir an ihr kennen. Ich muß es meinen Nachbarn oft auf Treue glauben, daß irgendein prächtiger, aber mir völlig fremder Baum eine Eiche sei. Am besten ist noch die Kastanie kennbar; ich sehe sie sehr häufig und immer als guten europäischen Bekannten; nur ist sie groß und stolz hier, etwa wie sie in Serbien oder in Italien prangt. Bekannt heimeln auch solche Bäume an, die man aus europäischen Parks bereits als Amerikaner kennt; – z.B. 
      Lyriodendron tulipifera mit seinem feinen, zierlich ausgeschnittenen Laub, der hier ziemlich gemein ist. Kurz, der hiesige Baumschlag gibt im ersten Augenblick genug zu schauen, er hält die Imagination in beständiger Aufregung. Nur soll mich's wundern, ob er auch das Gemüt zu fesseln weiß. Fremde Bäume sind eigentlich schauerlich. Wenn sie nicht Kindheitssprache mit uns reden, so bleiben sie unverständlich wie Gespenster. Indes hat mich der Anblick großer 
       Waldfluren doch wieder ganz eigentümlich gepackt. Ich brenne vor Begierde, diesem Naturleben näher zu treten.
      Nach 
      Philadelphia. – Ja, dieses Volk ist groß! Ein Freiheitsgeist, dessen Bewußtsein keinen Augenblick unterdrückt werden kann, durchdringt es in allen Klassen und Schichten; überall siehst du den Menschen als Mensch. Mein Mr. Staunton hat ein wahres Wort durch seine falschen Zähne gesprochen, als er sagte: »Im alten Lande fühlt sich selbst der höchst Beamtete als ein Diener; bei uns möchte der niedrigste Dienst gern für ein Amt gelten.« Auf halber Fahrt zwischen New York und Philadelphia erschien ein Gentleman in unserm Wagen, der mit einer Haltung, die einem Staatsrat Ehre gemacht hätte, diplomatisch kühl und höflich von Passagier zu Passagier wandelte, jedem irgendeine intime, gewichtige Depesche zuflüsterte, worauf er mit einer graziösen Handbewegung in seine Busentasche (Brusttasche klingt zu gemein) seinen lauschigen Fuß weiter setzte. Bald kam auch die Reihe an mich. »Es wird Ihnen gefällig sein, mein Herr, die Fahrtaxe zu entrichten.« Und dabei stand der Mann vor mir – »ein Kavalier wie andere Kavaliere.« Da ich unvorbereitet war und ihn etwas länger aufhielt als meine Mitreisenden, fragte er inzwischen meinen Nachbar, was die neueste Rede des Hrn. Clay »gemacht habe« und ob er der Meinung sei, daß General Jackson den Bundesgerichtsspruch für die Cherokees vollziehen werde. Folgte eine kleine, staatsmännische Unterhaltung, indes ich mein Kleingeld zählte. Ich gestehe, die Szene war mir neu. Ich musterte mir den Gentleman-Kondukteur noch mit manchem Blicke; ich konnte aber nicht das geringste Abzeichen an ihm entdecken. Zuletzt war ich »grün« genug, mein Befremden gegen meinen Nachbar merken zu lassen. Mein Nachbar war ein langer, hagerer Mann, aber meine Frage blähte ihn auf wie eine frische Brise ein schlappes Segel. Er streckte Arme und Beine aus wie ein Bachkrebs, 
       der an einer schwierigen Stelle ans Ufer klettert, spuckte weit von sich, zog seinen Vatermörder in die Höhe und sagte »mit Sonnenschein in der Brust«: Ich rate, Mister, ein Kondukteur ist kein Hund, das ist ein Faktum; wozu ein Abzeichen? Sollen Bürger im Dienste ihrer Mitbürger mit Halsbändern herumlaufen und sich zeichnen lassen wie eine Galloway-Kuh, als wären sie die Haustiere der Nation und nicht freie und selbständige Männer, die unter ihresgleichen wandeln? Verdammter Unsinn wär's! Wir sind ein Volk von Souveränen. Was wir voneinander zu wissen brauchen, das ist: wie wir politisch gesinnt sind; darum tragen wir die Abzeichen unsrer Partei. Was wir aber nicht zu wissen brauchen und was in guter Gesellschaft überhaupt keiner vom andern fragt, das ist: wovon er lebt; darum tragen wir keine Abzeichen unseres Gewerbes – der Kondukteur so wenig als der Präsident. So ist es, mein Herr, es war' schade, wenn's anders wäre, das ist ein Faktum. Reisen Sie durch die ganze Union, und Sie werden keinen einzigen Offizianten in irgendeiner Branche finden, der ein Abzeichen trüge. Nicht am Zeichen erkennen Sie ihn, sondern an der Sache selbst, einfach daran, daß er Sie bedient und höflich bedient. Im übrigen ist er Gentleman wie Sie. In Wahrheit, mein Herr, alles was im hundertsten Gliede mit der Livree verwandt ist, das hassen wir mit jenem heilsamen Instinkte der Gleichheit, welcher die unzerstörbare Grundlage der Republik ist. Ein freier und aufgeklärter Bürger der Union duldet kein Abzeichen an seinem Leibe. 
      All men are equal! Wir sind eine Nation von Souveränen. Es täte mir leid, wenn's nicht so wäre. – Klingt das nicht prächtig? Schade nur, daß das Schöne einen so kurzen Moment hat! Denn kaum waren wir eine Meile weiter gefahren, als an der nächsten Station ein Kondukteur seine Streife durch den Wagen machte und uns die Fahrkarte nach Philadelphia abforderte. Wir staunten nicht wenig. Der Mann trug ditto kein Abzeichen, aber seine Legitimation, die wir ihn abfragten, 
       war in Ordnung, und so blieb nichts anders übrig, als die Börse zum zweiten Male zu ziehen. Das ist die Lehre von der Toilette dieser Republik. Bürgermilizen prangen in höchst überflüssigen Uniformen, und Kondukteure perhorreszieren höchst notwendige Abzeichen. – »Wir sind eine Nation von Souveränen«; das ist freilich die Wahrheit: aber auch von Beutelschneidern, – das ist die ganze Wahrheit.
      
      Philadelphia. – Ich bin in der zweiten Hauptstadt Amerikas angekommen. Wie sie mir gefällt? Lieber Bruder! Nimm einen Westenstoff, der bekanntlich ein viereckiger Fleck ist, laß das Muster selbst wieder quadrilliert sein, und denke Dir, Du siehst Philadelphia. Die ganze Stadt ist ein großes Quadrat, und wie sich sämtliche Straßen im rechten Winkel schneiden, so besteht sie aus lauter kleinen Quadraten. Ich komme mir in Philadelphia vor wie das Tier »von einem bösen Geist – nicht im Kreis, sondern im 
      Viereck herum geführt«. Ich gehe stundenlang in der Stadt herum und bemerke nicht, daß ich von der Stelle komme. Jede Straße wiederholt die vorhergehende, jedes Karree von Häusern ist wie ein Feld im Schachbrett allen übrigen gleich. Berlin und Mannheim sind mit wahrhaft orientalischer Phantasie gebaut gegen die stocksteife Einförmigkeit von Philadelphia. Die Häuser, die Bäume, die Gesichter könnten aus einer Schneidemaschine herausgefallen sein, so fabriksmäßig uniform ist alles einander. Ja, auch die Gesichter. Hinter jeder Fenstergardine steht genau die nämliche dünnspitzige Fuchsnase, blinzelt das nämliche mißfarbige Augenpaar, das mit einem Blick in den Himmel und mit dem andern in die Dollarkiste schielt, und das von dem blauen und gelben Reflex des Himmels und des Dollars einen verflucht grünlichen Farbenton annimmt, den wir mit einem eigenen Kunstausdruck 
      Quäker-Augen-Grün nennen müssen. In der Tat, diese Fuchsnasen und Katzenaugen sind die physiognomischen Grundzüge der Bruderstadt. Dabei 
       herrscht für ein so großes Straßenleben eine widernatürliche Stille und Sauberkeit hier. Die Stadt soll 300 000 Einwohner haben – und sind sie alle lebendig? fragt' ich unwillkürlich, als ich's zum erstenmal hörte. Die guten Quäker bilden sich freilich ein, ihre Residenz habe ein aristokratisches Air; zugestanden meinethalben; man glaubt nämlich eines jener hocharistokratischen Skelette vor sich zu haben, denen allerdings kein sterblicher Schweißtropfen mehr an die Haut tritt, aus dem einfachen Grunde, weil sie überhaupt nicht mehr lebendig funktionieren und ihre ganze Diät auf einen Hühnerflügel und eine Morrisonsche Pille reduziert ist. So laufen auch hier jene Schweine nicht herum, welchen man in den Nebenstrecken New Yorks begegnet; dafür begegnen Dir auffallend viele Pfarrer hier, was noch ärger ist. So ein Quäker-Pfarrer, der in Vater Penns Bruderliebe macht, ist vollends unbeschreiblich. Da wandelt er einher in seinem langschößigen oxfordfarbigen Rock, den Kopf in einen steifen Kragen eingekeilt, einen Hut mit niedriger Krone und breiter Krempe auf den mausgrauen Haaren, silberne Schnallen an den blankgewichsten Schuhen, und im Gesichte, das eine Mischfarbe von Talg und welken Herbstblättern hat, ein altgebackenes schimmeliges Lächeln, eine unaussprechlich-erlogene Mischung der schärfsten egoistischen Gifte mit süßlichen Ingredienzen – nein, dieses Lächeln ist nicht zu kopieren, ich wiederhole es noch einmal. Im mildesten Falle gleicht es einem Topf voll verdorbener Kompotte, in welchem die Zuckergärung mißlungen ist, in der Regel aber ist es bösartiger. Wahrlich, der wunderliche Girard wußte, was er tat, als er mit fürstlicher Munfizenz sein Girard-College, die größte Privatstiftung der Welt, gründete, aber die testamentarische Bestimmung hinzufügte, daß kein Geistlicher; von was immer für einer Glaubenssekte, die Schwelle seiner Anstalt betreten dürfe. In Europa, wo man 
      herrschende Kirchen hat, lebt der Geistliche, namentlich der katholische, 
       im Korporationsgefühl einer gefestigten und angesehenen Stellung mit einer gewissen Naivität, die ihn zum bequemen, häufig zum liebenswürdigen Gesellschafter macht; hier, wo die Kirche als solche nichts gilt, wo geistliche Gemeinden sich bilden und auflösen wie Teekränzchens, wo es leichter ist, eine Wiese voll Heuschrecken zu hüten, als eine religiöse Gemeinschaft zusammenzuhalten, hier kommt alles nicht auf die kirchliche Autorität, sondern auf die Autorität der Persönlichkeit an; infolgedessen hat sich unter den hiesigen Pfaffen ein Pharisäertum ausgebildet, an dessen Ekelhaftigkeit eine europäische Vorstellung schwer hinreicht. Philadelphia scheint nun die wahre Zionsburg der geistlichen Heuchelei. Ich glaub' es dem alten Girard, der ein munterer Franzose war, herzlich gern, daß er sich diese Rasse vom Leibe halten wollte, vom lebendigen wie vom toten. Die Quäker duzen sich noch wie zu Vater Penns Zeiten und alle Welt nennt sich einander »Freund«. Das verbreitet nun einen Geruch in Philadelphia, als ob alle Leichen seit Vater Penn unbeerdigt herumlägen. Wahrlich, man muß den gestorbenen Geist begraben wie den gestorbenen Körper. Unsre Regierungen tun ganz wohl, wenn sie die Bildung jener Sekten nicht dulden wollen, welche scheinbar auf das reine und unschuldige Urchristentum zurückgehen. Eine infame Lüge ist's, den patriarchalischen Kleingemeindegeist im modernen Industrie- und Interessenleben etablieren zu wollen. So ein Quäker-»Freund« klingt mir immer, wie das »Sei gegrüßt, Rabbi«. Die Kerls sehen auch ganz darnach aus wie Judas und Kaiphas auf der Seelenwanderung begriffen. Was sag' ich? Die jüdischen Pharisäer kreuzigten von Christus nur den Leib, aber das Evangelium ließen sie laufen. Die hiesigen vergössen kein Blut, bewahre! aber sie verurteilten ihren »Freund« Christus auf lebenslänglich zu ihrer vermaledeiten 
      Schweigehaft, und das Evangelium selbst wäre gemordet. Die Schweigehaft ist eine echt pennsyIvanische Erfindung. Man muß diese 
       frommen säuberlichen Straßen mit ihrem heimtückischen Stillschweigen, diesen Virtuosensitz der Langeweile und Scheinheiligkeit kennen lernen, um zu begreifen, wie hier und nirgend anders jenes Henkertum in Glacéhandschuhen, jene teuflische Bruderliebetortur erfunden werden konnte, welche das pennsylvanische System heißt.
      
      Philadelphia. – Als ein gewissenhafter Reisender besucht' ich es auch, – das 
      State penetentiary, mein' ich, das hochberühmte Original des pennsylvanischen Systems. Ja freilich ist's ein Wunder des menschlichen Scharfsinns. Ein einziger Wächter übersieht fünfhundert Zellen! Der Kerl sitzt wie eine Spinne in ihrem Sacke, von ihm spannt sich der ganze grauenvolle Fächerbau des Gefängnisses aus, kein Zellenfenster blickt in das andere und er in sie alle! Ebenso predigt sonntags der Prediger aus diesem Mittelpunkte den Sträflingen das Wort Gottes; an ihre Eisentüren geklammert, strecken sich fünfhundert bleiche Köpfe nach ihm vor, eine ganze Volksversammlung! und jeder einzelne ist einsam, und keiner bekommt den andern zu Gesichte. Das heiß' ich Netze flechten! Das Haus verwahrt gegenwärtig dreihundert Gefangene. Nur dreißig davon sind Deutsche. Und selbst diese büßen größtenteils wegen Pferdediebstahl, ein Vergehen, das in Amerika sehr schwer wiegt, aber in Ungarn sehr leicht. Ei Miklós, warum so traurig, fragt' ich in meinem Geburtsorte einst einen Czikós. Ein Schlingel hat mir mein Pferd von der Herde gestohlen, antwortete der Roßhirt. Dann zeig's den Gerichten an, erwiderte ich. Wo sind Gerichte? Stuhlrichter liegt besoffen auf der Hochzeit von János Jranyi, Vizegespan ist gefahren auf Jagd – Nun was willst du machen? – 
      Bassama! stehl' ich mir anders Pferd, sagte der offenherzige Natursohn, ein Kerl, dem ich mein letztes Hemd vertraut hätte, aber das Pferd hat er mit höchster Wahrscheinlichkeit wirklich gestohlen. Kurz, es ist ein ungeheurer moralischer Unterschied, ob ich 
       jemandem Geld aus der Kiste nehme, oder Geldeswert vom freien Felde weg in Gestalt eines freien Naturgeschöpfes. Das scheint aber der Yankee, der nicht empfinden, sondern nur rechnen kann, nicht zu unterscheiden und unsre armen Deutschen, die von Schiffsmaklern, Agenten, Land-Jobbern usw. vielleicht zehnfach ärger geplündert worden, verzweifeln nun, weil sie sich vier notwendige Beine von fremder Weide holten, in den grauenvollen Pennsylvaniazellen. Ich sage, sie 
      verzweifeln, und das ist wahrlich keine sentimentale Unterstellung. Die statistischen Schneiderellen, die überall das Maß nehmen, haben sich eingebildet, es auch hier nehmen zu können, und glücklich herausdividiert, daß nur zwei Prozent Selbstmorde oder Wahnsinn im Pennsylvaniagefängnis vorkommen. Wohlverstanden: im Gefängnis, wieviel aber 
      draußen als 
      Nachwirkung einer Pennsylvaniahaft, so weit reicht die Schneiderelle nicht mehr. – Mein Besuch in diesem Marterhause traf auf einen Deutschen aus Rheinbayern, ein junger Mann nicht ohne Bildung. Auch seine Gesichtszüge mußten glücklich gewesen sein, ließen aber ihr Einst kaum noch erraten. Das Gesicht war offenbar länger geworden, eine aschfahle Blässe bedeckte es durch und durch, sein Blick stierte gläsern. Und doch war er noch nicht zwei Jahre hier, denn seine erste Frage war, wie der Sturm auf Warschau ausgefallen? Das Bevorstehen desselben hatte er noch »draußen« gelesen. Wie weh ward mir zu antworten! Ich sprach dafür von Börne und von der Rührigkeit der republikanischen Partei in Paris, um nur etwas zu sagen. Er hörte mir mit einem stillblöden Lächeln zu, schien aber von dem Inhalte nicht so bewegt, wie ich meinte; er weidete sich offenbar am bloßen Klang der deutschen Sprache. Auf dem Tische sah ich ein Buch liegen. Es war die Bibel. Das ganze Ameublement einer Pennsylvaniazelle besteht nämlich bloß aus vier Stücken: Tisch, Stuhl, Bettstelle, Bibel. Ich fragte den Gefangenen, ob auch andere Lektüre gestattet würde? Er verneinte es. Ob ihm 
       die Bibel hinlänglich Gedanken gäbe? Es streckte seine Hand nach dem Plafond aus und sagte: In 
      dieser Ecke, mein Herr, denke ich darüber nach, wie der Geist des zwanzigsten Kapitels vom zweiten Buch Mosis mit der katholischen Priesterlehre sich in Einklang bringen lasse. Ich ließ mich, da ich nicht stark in der Bibel bin, auf dieses Problem nicht ein und fragte ihn bloß, ob er dazu die Stubenecke bedürfe? Allerdings, mein Herr, war seine Antwort, ich lebe nur von drei oder vier Phantasien hier und die wohnen in den Zellenecken. Wissen Sie das nicht? Er sah ganz unbefangen dazu aus. Mir ward seltsam zumute. Wer wohnt denn in der zweiten Ecke? fragte ich. In dieser Ecke sehe ich die sechstausend Sklaven kreuzigen, die nach dem Aufruhr des Spartakus gefangen wurden. Die ganze Straße zwischen Rom und Capua gab's eine Allee von Kreuzen und zwar eine Doppelallee. Darunter promenierten die römischen Damen und Herren und genossen des Schattens, – so lange bis der Duft nicht kam. – Ich starrte den Menschen an. – Und in der dritten? – Der Sträfling antwortete: Ich war in Kentucky einst in der üblen Lage, einen Sklavenaufseherdienst nehmen zu müssen. Da unterhielt sich mein Herr einmal mit einer jungen Negerin damit, daß er aus einer gewissen Entfernung mit einem Bowiemesser nach ihrem nackten Leibe warf. So oft er sie getroffen, mußte sie das Messer eigenhändig aus der Wunde ziehen, es ihm zurückbringen, ihm die Hand küssen und sich von neuem aufstellen. Das ganze Spiel dauerte so lange, bis sie hinsank. Voll Abscheu verließ ich das Ungeheuer; in dieser dritten Ecke aber kam die Szene wieder zum Vorschein und – leider muß ich's gestehen – mit einer Art von Genuß. Ach, mein Herr, was sind die Freuden des Einsamen! – Ich war außer mir. Und in der vierten? hatte ich kaum noch den Mut zu fragen. In diese Ecke blicke ich nie! flüsterte der Unglückliche abgewendet; seine Stimme klang hohl und ein Schauder überflog ihn.
      Mich auch. Ich bekam eine entsetzliche Anwandlung 
       in diesem Augenblicke. Es ist ein gewöhnliches Phantasiespiel von mir, daß ich mir einen blonden, lächelnden Kindskopf ins zitternde Greisenalter übersetze; umgekehrt kann ich kein blutleeres Runzelgesicht ansehen, ohne mir sein vollwangiges Jugendbild herauszustudieren. In demselben Sinne tret' ich manchmal vor den Spiegel, um den Menschen darin zu erblicken, der ich selbst nach zwanzig oder dreißig Jahren sein werde. Ein solcher Phantasiespuk war's, der mir jetzt begegnete. Blitzschnell verwechselten sich die Personen und ich stand an 
      seiner Stelle. Hu! fort von hier. Eine Schauderträne trat mir ins Auge. Ich machte, daß ich aus dem Hause kam.
      Nun sage mir! In Europa gibt's Zensoren, welche die Gedanken morden, in Amerika Strafhäuser, welche den Menschen an seine Gedanken ausliefern. Was ist der größere Jammer? Ich glaube das Letztere. Streicht, Zensoren! streicht! Phantasie ist ein Bruthaus des 
      Wahnsinns! Verschlinge der Abgrund das pennsylvanische System!
       
      
      Philadelphia. – Schinderhannes war sehr borniert, sein Wesen am Rhein zu treiben. Er hätte Direktor einer amerikanischen Bank sein müssen. Wir lesen die Zeitungen über Amerika viel zu flüchtig in Europa. Sonst würden wir nicht von Vereinigten Staaten, sondern einfach von Raubstaaten reden. Ich war gestern, um mir das Zellengefängnis aus dem Sinne zu schlagen, noch in einer hiesigen »
      Wistar-Partie«. Mein Wirt, oder vielmehr mein »Freund« hatte mich daselbst eingeführt, wahrscheinlich zur Entschädigung, daß er mir die Baltimore-Ducks, eine delikate Entengattung, um die Hälfte teurer als in New York anrechnete, da sie doch in Philadelphia um die Hälfte billiger sein könnten. (Ich speise nämlich standhaft nach der Karte.) Die 
      Wistar-Partien sollen die hiesigen Elite-Soireen sein, und der Philadelphier läßt sich merken, daß ein Reisender, der von New York kommt, Augen und Mund aufsperren muß über 
       seine bessere Bildung. Aber die Amerikaner haben nun einmal Unglück mit mir. Ich kann sie nirgends in ihrer rechten 
      gloire sehen. Die 
      Wistar-Pastie vollends war ein Rendezvous, wie gesagt, mit dem Schinderhannes. Freilich fand ich die parfümierteste Gesellschaft dort, Menschen, die, wenn es auf ihr Havannablatt und auf ihren 
      East-India-Madeira allein ankäme, die Creme der Gesellschaft wären; als aber besagter 
      East-India-Madeira meine freien und aufgeklärten Bürger etwas unfrei und trübe zu machen begann, da wagte sich der Schinderhannes in Lebensgröße aus seinem Schlupfwinkel. Die Geld-Frommen von Philadelphia sind noch ganz außer sich über die Zerstörung ihres Tempels, der schönen marmornen Nationalbank am Schuylkill, die der gottlose Nabbuchodonosor, General Jackson, geschlossen hat! Ach, es ließ sich so hübsch Bruderliebe darin machen! Die Herren Aktionärs hatten bereits drei Viertel des Nationalvermögens in der Tasche, und nur noch ein weniges, so sackten sie auch das letzte Viertel ein. Da wählte das Land im gemeinen Instinkt seiner Selbsterhaltung den alten Eisenfresser von New Orleans, der nun auch ein Papierfresser wurde, und um die nobleren Instinkte war's geschehen. Die Dollar-Heiligen zu Philadelphia mußten sich begnügen, 
      East-India-Madeira bloß zu trinken, nicht auch zu baden darin: ist das nicht zuviel des Märtyrertums? Darob Heulen und Zähneklappern in Israel und Taufe diverser Hunde auf dem Namen Jackson.
      In der Tat, einer der gläubigsten Papier-Priester meiner 
      Wistar-Partie stand, als die Diskussion dieses Gegenstandes schon den Siedepunkt erreicht hatte, mit der fanatischen Prophezeiung auf: Jackson würde am Galgen oder im Gefängnis sterben, die Bank der Vereinigten Staaten aber auferstehen und alle menschlichen Institutionen der Welt überdauern. Ein Kerl, der sich Bischof nannte, weiß Gott von was für einer Winkelkirche, bekämpfte heftig einen englischen Baronet, der die Vorteile und Nachteile des Papiergeldes 
       mit Ruhe auseinandersetzte, aber vom elenden Widerspruch seines Gegners gereizt, zuletzt sich gleichfalls erhitzte und auch die Vorteile mit dem schwärzesten Räsonnement verfinsterte. Es ist hier nicht mehr von Geld und Papier die Rede, es ist die Rede von Catilina und Cicero, rief er mit erhobener Stimme. Die Bank war Catilina, General Jackson Cicero. Um die Verfassung war's geschehen, der Staat war umgestürzt, wenn die Bank bestehen blieb. Oder sollen wir Fremde, meine Herren, nicht so weit unterrichtet sein über Ihre inneren Zustände, daß wir nicht wüßten, wie die Bank zu einer Macht herangewachsen war, welche dem Catilinarischen oder Robbespierreschen Terrorismus nichts nachgab? Der Schrecken herrschte in Ihrer Republik, der Schrecken des Kredits! Wohin das Lächeln der Bank strahlte, da wucherte ein papiernes Zauberleben von Glück und Überfluß empor, wo der Blitz ihres Zornes niederfiel, erstarrte Handel und Industrie zu Nordpols-Winterschlaf. Ganze Städte und Provinzen hielt sie in Abhängigkeit und Gehorsam gegen sich; was sag' ich, die ganze Union lag ihr zu Füßen, denn dreihundertunddreißig über das Land verteilte Schwindelbanken buhlten um die Gunst ihrer Notenannahme zu Philadelphia; Philadelphia herrschte wie der Großkhan der goldenen Horde über ein Heer von Satrapen, Vasallen, Unter-Despoten und Subaltern-Tyrannen. Was war dieser Macht gegenüber die Verfassung? Die Bank zu Philadelphia war die Verfassung! 
      sie wählte, 
      sie machte Präsidenten, Senatoren und Deputierte, sie handhabte Legislative und Exekutive, 
      sie war Papst, Cäsar, Omniarch! Die Gefahren Ihrer Freiheit-Neider! Neider! Neider! schrie der Bischof oder vielmehr das Faß Madeira in ihm mit einer Wut, als wäre er vom Beelzebub besessen, – man bedroht gern unsere Zukunft, wenn man den Flor unsrer Gegenwart nicht leugnen kann. Ob in einem Wahlflecken das Gewissen oder die Guinee votiert, ist ein Ding, das dies- und jenseits des Ozeans besser aus dem Lichte bleibt. Was kümmert uns 
       der späte Verlauf einer Institution, die uns täglich und stündlich mit Wohltaten überhäuft? Lassen wir die politische Seite hier aus dem Spiele, Sir, und halten wir uns an die soziale, Sir! Ist das Papier nicht die Quelle unsres Wohlstands, unsrer Macht, unsrer Nationalgröße geworden? Wer hat unsre Städte gebaut, unsre Kanäle und Straßen gebahnt, unsre Häfen mit Flotten gefüllt, unsre Wälder und Prärien mit Menschen bevölkert; wer führt den Pflug, das Steuerruder, die Bergmannshacke, das Schwert und die Lunte, wenn nicht das Papier? Lassen Sie uns mit Metall wirtschaften, und der Indianer skalpiert uns heute noch am Delaware, statt daß er hinterm Mississippi uns um Gnade bittet. Die Banknotenpresse macht uns zum ersten Volk der Welt; die Bank stürzen heißt den Staat stürzen. War das Privilegium unsrer Nationalbank nicht abgelaufen im Jahre elf und haben ihre eifrigsten Gegner nach fünf Jahren nicht selbst auf ihre Wiederherstellung gedrungen, weil uns der Krieg mit England inzwischen gelehrt hatte, daß ohne Papier kein zivilisierter Staat selbsterhaltungsfähig ist? Wie, Sir? leugnen Sie das, Sir? Als Engländer gewiß, aber als Vernunftwesen nicht. Und wenn der bornierteste Schuft unter der Sonne, General Jackson, gestern sein Veto einlegte, – glauben Sie nicht, Sir, daß mein geehrter Vorredner recht hat: der Kerl baumelt eher am Galgen, als daß morgen die Bank nicht von neuem erneuert wird? Was sagen Sie, Sir? Eine triumphierende Beifallssalve belohnte den brüllenden Logiker. Die Erinnerung an den letzten englischen Krieg, den die Union bekanntlich siegreich geführt, schien eine zu glückliche und beißende Argumentation, als daß der arme Baronet nicht überwältigt sein mußte. Aber das Gegenteil. Gerade diese Anspielung pflanzte er selbst auf sein Bajonett. Und wie dem Manne eine kräftige Bruststimme zu Gebote stand, die durch ein Bataillon engbrüstiger und näselnder Yankeestimmen schlug, so klang es wie eine Gerichtsposaune, als er anfing, seinen Widerspruch 
       aufzubauen. Ganz recht, meine Herren, rief er, daß Sie der letzte englische Krieg den Vorteil, oder besser, das Bedürfnis des Papiergeldes fühlen lehrte; auch wir haben den Napoleon mit Papiergeld besiegt. Der Krieg, der die sittlichen Güter einer Nation verteidigen soll, entzieht derselben in allen Fällen ein mehr oder minder großes Quantum materieller Güter, Kapitalien genannt, und gibt sie der Zerstörung preis, um jene höheren Güter zu retten. Die Kapitalien müssen auf dem Altar des Vaterlandes verbrannt werden wie irgendein Brandopfer; es wird also Zündstoff notwendig sein, sie in Brand zu setzen. Dieser Zündstoff ist das Papier. Das Papier verwandelt die Nationalopfer von Kapitalien in Asche, freilich ohne daß die Opfernden selbst es wissen oder geduldig wollen. Genug, wenn bei der menschlichen Schwäche des Egoismus ein Opfer fürs Ganze nicht anders zu erhalten ist, als indem man es verhüllt und mit einem momentanen, erlogenen Wert ersetzt. Als die karthaginiensischen Frauen aus ihren Kopfhaaren Bogensehnen flechten ließen, als die polnischen Großen die silbernen Särge ihrer Ahnen in die Münze schickten, leisteten sie das Opfer bewußt, der Staat brauchte ihnen nicht Papierwerte dafür vorzuspiegeln. Aber das sind Ausnahmsfälle der Begeisterung, der Verzweiflung, wenn Sie wollen, und in der Regel wird der Krieg von denen, die er verteidigt, die Mittel ihrer Verteidigung nicht anders erhalten können, als indem er sie ihnen scheinbar vergütet, bis sie den wirklichen Verlust kennen lernen, da sie dann freilich betrogen, aber auch gerettet sind. Dies der Krieg. Aber herrscht in diesem Lande beständig Krieg? Leben Sie in einem Krieg mit sich selbst, meine Herren? Bei Gott, so ist es. Sie führen einen Krieg der Reichen gegen die Armen, nein, nicht einmal das! denn in Michigan weiß ich eine Bank, deren ganzes Vermögen in den Metallplatten besteht, womit sie ihre Noten druckt, und in Missouri weiß ich eine andere, deren Barfond ein einziger Dollar ist! Michigan und Missouri sind aufstrebende 
       Staaten, Staateneier, wie sie hierlandes vor der Hälfte der Brutzeit die Schale sprengen, es koste was es wolle. Und wahrlich eine Metallplatte zum Banknotenpressen kostet blutwenig. Ist erst der Strom der Ansiedler da, jene unglücklichen Helotenschwärme von deutschen und irischen Einwanderern, die mit einem zerrissenen Zeltwagen, einem Pferdegerippe, zwei harten Männerfäusten und sechs hungernden Familienmägen auf tausend Meilen von der Kultur 
      wegagentiert worden sind, was bleibt ihnen anders übrig, als zu arbeiten für alles, was man ihnen als Geld anzubieten die Laune hat? zu arbeiten für eine Handvoll jener Lumpen, deren sie selbst ihren Wagen voll besitzen, nur daß diese noch nicht die Papiermühle passiert? So zahlen Sie auf dem Lande, so zahlen Sie in den Städten, und indem die papierne Lüge von Hand zu Hand geht, können Tausende von Auswanderern ihr Glück in die Heimat berichten, bis jene zum Worte kommen, an welchen die Exekution des Bankbruchs vollzogen wird. Leider gelangen nur Bankbrüche ersten Rangs zu einiger Öffentlichkeit, also daß der Ruf der Prosperität und Kalamität in den Vereinigten Staaten fortwährend ein unrichtiger ist. Ich aber, meine Herren, ich habe den Fallissements Ihrer Banken seit dem Jahr 1811 nachgerechnet und gefunden, daß Sie bis heute, also innerhalb einer Generation, für zweihundert Millionen Dollars falliert haben. Schlage ich einen Taglohn durchschnittlich zu 1 1/2 Dollar an, so haben Sie einer einzigen Generation Ihrer Mitbürger 150 Millionen Arbeitstage gestohlen! Damit läßt sich was ausrichten! Das tut Ihnen allerdings keine Nation der Erde gleich. Von dem Geheimnis Ihrer Fortschritte ist das der Schlüssel. Aber sehen Sie bei einer solchen Lage der Dinge von der politischen Seite Ihres Bankwesens nicht länger mehr ab zugunsten der sozialen Seite. Wahrlich noch schwärzer wird letztere dabei. Gestehen Sie, daß Sie mit einer solchen Summe von Robottagen Ihre arbeitende Klasse ärger mitnehmen als die 
       Spartaner ihre Heloten oder die polnischen Magnaten ihre leibeignen Bauern.
      So oder mindestens ähnlich durfte ein Engländer in der Fremde reden. Was für eine herrliche Sache ist's um einen großen nationalen Rang! Wie blaß stand ich als Deutscher daneben!
      Aber sein Räsonnement tat mir in der Seele wohl. Ich weiß nun, was ich den Amerikanern zu antworten habe, wenn sie mir ihre Nationalgröße vorprahlen. Ich werde sagen: hätte Falstaff seinen Sekt 
      bezahlt, so wäre er nicht so dick geworden, und ein Falstaff ist noch kein Riese! Der hiesige Materialismus braucht mir nun ebensowenig zu imponieren, als es der Idealismus gleich anfangs nicht tat. So werde ich Schritt für Schritt freier.
       
      Nach 
      Harrisburg. – Pennsylvanien heißt »der Garten der Union«. Soviel ich sehen kann, verdient es diesen Namen. Wohin man blickt, ist der Gesichtskreis voll von Bildern des Wohlstandes und der Zufriedenheit. Farm an Farm reiht sich unabsehbar über die hügelige Bodenfläche eines Landes, dem es nirgends an Wald, Wasser, Weide und, wie es scheint, an Fruchtbarkeit gebricht. Jede Farm liegt in der Mitte des Ihren – für das Auge ein volles Rund. Das Haus umgibt der Blumen- und Obstgarten, lange Feldbreiten von Mais und Weizen schließen sich an, grasreiche Wiesengründe folgen, und das Ganze begrenzt gewöhnlich irgendein Halbzirkel von Wald, dessen Nähe der Farmer gerne sucht. Wie die Flüsse schweifen, die Täler ziehen, sanfte Abhänge, bewaldet oder bebaut, sich durch die Ebene mischen, zerstreute Bauernhöfe nach Ost und West ihre Fronten ins Land kehren, so gibt es auf jedem Hügel von ein paar Ellen Höhe eine freundliche, anmutige Umschau. Kurz das Land ist nicht eben malerisch, aber heiter, behaglich.
       
      
       Nach 
      Harrisburg. – Im Postwagen ist der Mensch fast auf der ganzen Erde unliebenswürdig, der reisende Yankee aber ist ein Ungeheuer. Ich erlebte heute eine Probe davon, die auch einen Holländer toll gemacht hätte. Ich fuhr im Stagewagen nach Reading, oder vielmehr in der Richtung dahin. Meine Reisegefährten waren: erstens, ein Kaufmann aus Sunbury, zugleich Schuldistriktsvorsteher, Milizleutnant, Geschworener, Straßenbaukommissär, Bibelverbreiter, Sträflingsbesserer und Temperance-Ausschuß-Mitglied. Zweitens, ein 
      Indian-Trader, einer aus dem Orden jener spekulativen Industrie-Ritter, welche zur Zeit, wenn die expropriierten Indianerstämme ihre Rente für abgetretene Ländereien ausbezahlt bekommen, mit nichtsnutzigem Hausiererkram, hölzernen Muskatnüssen, hölzernen Feuersteinen, schlechtem Branntwein u. dgl. den fernen Westen bereisen und sich das Blutgeld wieder heimholen. Drittens, die blasse, grämliche Frau eines Philadelphia-Advokaten, welche viel über Unverdaulichkeit klagte und ein noch blasseres Kind auf dem Schöße hielt, ein Würmlein – Gott verzeih's – wie eine Made. Nun höre, wie mir's zwischen diesen drei Menschen erging. Der 
      Indian-Trader hatte mir gleich beim Einsteigen seinen dickbenagelten Stiefelabsatz in die Herzgrube gedrückt und mir das Herz fast abgedrückt. Als er dann saß, legte er seine zwei langen Beine wie Greif scheren auseinander und zwar auf meine Schultern. Dagegen durfte ich eigentlich nichts einwenden, denn das Recht der Beinausstreckung gehört in jeder Lage des Körpers zu den wichtigsten Privilegien des Yankee. Bloß auf dem Wege des friedlichen Vertrages erschlich ich mir so viel, daß er die Beine nach Art eines Viadukts über meinen Kopf spannte, und sich's gefallen ließ, da ihnen die Unterlage meiner Schultern entzogen war, daß ich sie mit meinem Taschentuche oben an die Wagendecke knüpfte. Der Kaufmann von Sunbury, der uns so eifrig von seiner bürgerlichen Vielseitigkeit unterhielt, war im Laufe dieser Anstrengung 
       eingeschlafen und erkor mich zu seiner Matratze, indem er sein ganzes Gewicht so über meinen Körper herlegte, daß ich darunter verschwand und gleichsam vernichtet war. Mit 
      dem Manne ließ sich noch weniger paziszieren. Ich nahm also zur List meine Zuflucht. Ich stahl mich mit meiner eingeklemmten Hand in meine Taschen, was mir nach vielen schmerzhaften Extorsionen gelang. Nun sucht' ich alles Spitzige darin zusammen, Federmesser, Zigarrenspitzen, Haarkamm, und bemühte mich, diesen Gegenständen eine solche Aufstellung zu geben, daß sie als Stacheln die Rippen meines Alps von mir abhalten sollten. Kaum aber freute ich mich meiner kleinlichen Erfolge hierin, als sich das blasse Schoßkind meiner unverdaulichen Nachbarin übergab, und zwar auf mein rechtes Bein. Entsetzt fuhr ich auf, aber die Lady hieß mich ruhig sein, denn ihr Baby wäre eigentlich nicht krank, sagte sie, es komme nur vom schwachen Magen. – Wie gefällt dir dieses ganze Kulturbildchen? Möchte sich doch die Erde ein ganz klein wenig spalten und dies liebenswürdige Volk sanft in ihr Zentralfeuer hinabgleiten lassen. Ich rate, dort wär's gut aufgehoben.
      Nach 
      Harrisburg. – Auf der Eisenbahn geplündert, im Stagewagen zerquetscht und bespien, wollt' ich es mit dem Dampfschiff versuchen. Ich wanderte ein paar Meilen zu Fuß dem Tale des Susquehanna zu und bestieg in Lancaster das Boot. Schlechtere Reisegesellschaft hat wohl selten ein Wanderer gefunden als ich Unglücklicher bei dieser Fahrt. Es umgab mich ein Genre von Menschen, das gar nicht zu charakterisieren ist, denn alles fehlte ihnen, um Menschen zu sein, und alles besaßen sie, was zur Bestialität gehört. Ihre Moralität und ihre Sitten waren gleich abscheulich. Eine kalte, dickhäutige Selbstsucht, eine Nichtachtung jedes gesellschaftlichen Anstandes prägte sich so sehr in ihren Zügen, Worten und Handlungen aus, daß ich unmöglich den Wunsch unterdrücken konnte, das Register 
       ihrer Untugenden möchte noch mit einer einzigen vermehrt sein, – mit der Scheinheiligkeit. Diese konnte man ihnen aber nicht vorwerfen. Das Gespräch in der Kajüte strotzte von den frevelhaftesten Gemeinheiten, die aber ohne alle Wärme des Temperamentes, mit einer wahrhaft teuflischen Ruhe und Kaltblütigkeit sich äußerten. Letzter Umstand macht die hiesige Gemeinheit besonders empörend. Den Kerls ist nicht etwa wohl wie den bekannten fünfhundert Säuen, sie sind als Zotenreißer so trocken wie als anständige Menschen. Es ist nicht der geringste Humor in ihren Ausschweifungen. Ein presbyterianischer Geistlicher war an Bord, seine Gegenwart tat aber keinen Augenblick Einhalt. Kurz, ich litt bis zur Verzweiflung unter dieser Reisegesellschaft. Da ich merkte, daß der Geistliche kein Landeskind, sondern in Schottländer sei, so fing ich an, mein Herz gegen ihn zu erleichtern; er antwortete aber mit ziemlichem Phlegma: Das wird man bald gewohnt auf Reisen; außer dem Zwang ihrer häuslichen Verhältnisse sind sie so. Da steht der Verstand still! Der 
      freie Amerikaner außer dem Zwang seiner häuslichen Verhältnisse! Und doch hält er durch die ganze Union diesen Zwang aufrecht und kanonisiert die häusliche Langeweile unter dem Namen 
      lemper, was man für unübersetzbar hält, was aber ganz einfach Muckertum heißt! – Als ich morgens Toilette machte, zirkulierte für die ganze Schiffsgesellschaft ein einziges Handtuch; ebenso hing ein allgemeiner Kamm samt Haarbürste an einem Nagel. Jedermann bediente sich unbedenklich dieser Gegenstände der Reihe nach. Ich hätte gerne gefragt, ob nicht auch eine General-Zahnbürste da sei, aber ich glaube, dieses Mustervolk braucht überhaupt keine Zahnbürste. Was mich betrifft, so protestierte ich feierlich gegen das Gleichheits-Handtuch und verlangte mein eignes. Da fing der souveräne Schweinestall eine Rebellion gegen mich an, und selbst der Kapitän versicherte mich mit der empfindlichsten Miene, daß mein Begehren auf jedem amerikanischen 
       Schiffe Aufsehen erregen würde. 
      All men are equal! Heißt das so viel als: 
      all hogs are equal? Welch eine erlogene Kultur! Zu Hause wandeln sie bis zum Kohlenträger herab auf Teppichen, und im Schiff hat die ganze Bande 
      ein Handtuch! Meinethalben. Ich nähere mich mit jedem Schritt meinem Urwalde, sehe aber nichts anders übrig, als mir ein Reitpferd zu kaufen, ich wüßte sonst nicht, wie ich fort käme. Körper an Körper mit dem Amerikaner zu reisen, ist weder zu Wasser noch zu Lande möglich, so viel belehrt bin ich nun. Gott, was es heißt, ein Volk 
      en détail kennenlernen!
       
      
      Harrisburg. – Wie neugeboren bin ich aus dem verruchten Schiff ans Land gestiegen. Der niedrige Wasserstand hat die heillose Fahrt noch mehr verzögert. Aber das Flußbett war ihm eine große Verschönerung schuldig. Meilenweit war der Susquehanna übersäet von Felstrümmern voll wilden Formenspiels. Bald ragten sie wie Ruinen römischer Triumphbogen aus dem Wasser, bald glaubte man Löwen, Sphinxe, Greife und sonst solch heraldisches Wildbret zu schauen; kurz, die Phantasie war schöpferisch angeregt. Es ist gar herrlich, wenn so ein Felsenbett niederen Wasserstand hat. Da zeigt der Strom doch ein ander' Gesicht als seine platte, geduldige Oberfläche, die nur Schiffsgüter expediert. Man sieht ihm ins Herz, man sieht seine innere poetische Werkstätte und mit welcher Muskelkraft er feilt, sägt, hämmert und bohrt, um aus den Urwaldsblöcken seine Gedanken zu formen, – rohe, zyklopische Riesengedanken! Überhaupt hat die Gegend von Harrisburg einen heldenhaften Charakter. Das Tal des Susquehanna, auf der östlichen Flußseite besonders, zeigt schöne, markige Felsenpartien. Die knorrigen Steineichen darauf glaubt man ordentlich knattern zu hören, wie die Hitze ihr altes Holz sprengt. Hoch über ihnen schweift der Geier und kreischt seinen rauhen Gesang von Hunger und Liebe, daß einem das Herz im Leibe lacht. Wer 
       das Auge hätte, womit so ein Racker unterm vierzigsten Breitengrad in die Mittagssonne schaut!
       
      
      Harrisburg. – Es fängt an, mir ernstlich bange zu werden, welchen Weg die Kulturgeschichte Amerikas einschlagen wird. Von den Tausenden und Tausenden, die jährlich als Neusiedler in ungebahnten Wildnissen sich niederlassen, erwartet man, wie billig, nichts anders als die erste roheste Arbeit. Pioniere der Kultur heißen sie, die Kultur selbst soll ihnen erst nachrücken. Von dieser nachzurückenden Kultur wird man aber wieder die großen See- und Handelsstädte abziehen müssen, deren Leben Taumel ist – Taumel des Geschäfts und Taumel des Genusses. Nun dächte man, läge die Kultur in der Mitte; sie läge in jenen glücklich situierten Städten, die, gleich entfernt von der Roheit des Hinterwäldlers und von der Verderbnis der Seehafen-Aristokratie, Besitzer eines ruhig arbeitenden Kapitals sind, das den bürgerlichen Atmungsprozeß in normalen, gesunden Schwingungen vollzieht. Mit dieser Erwartung betrat ich Harrisburg. Harrisburg ist in jeder Hinsicht ein reinerer Sitz des amerikanischen Deutschtums als Philadelphia. Unsere Kinder sollen nicht englische Affen werden, sagten die deutschen Ansiedler Pennsylvaniens, welche mit einem Grundstock guter protestantischer Bildung herüberkamen, deutsche Schulen anlegten, deutsche Lehrer und Pastoren mitbrachten und sie noch lange, oft mit großer Aufopferung aus Deutschland, namentlich aus Halle, der damaligen Metropole deutsch-theologischer Gelehrsamkeit, verschrieben. Wohlan, die Söhne und Enkel dieser Rektoren, dieser Pastoren, dieser Offiziere aus Washingtons Armee, dieser braven, bildungsfähigen Pennsylvania-Bauern bilden den Grundstock der hiesigen Bevölkerung. Ihr altes Vater-Erbe hat seitdem zehn- und hundertfachen Bodenwert erreicht, das Bauerngut rentiert längst als Rittergut, oder es ist vorteilhaft verkauft – kurz, diese ganze Gesellschaftsklasse 
       ist aus dem bäuerlichen in den bürgerlichen Rang vorgerückt: sie ist der Stadtkern von Harrisburg. Aber wie sieht sie aus, diese deutsch-amerikanische »Gentry«, die es mindestens sein könnte in so gutem Sinne wie die englische? Ihr Wohlstand ist gewachsen, ihre Bildung nicht. Sie hat zu streben aufgehört, genau auf jener Stufe, wo die Not und der Kampf um die Existenz aufgehört hat. Ich habe Häuser von Reichtum und gesellschaftlichem Rang betreten, aber ihre Bibliotheken waren nicht hinaus über den hundertjährigen Kalender, Doktor Fausts Höllenzwang, Theophrastus Paracelsus, Jakob Böhme und Burkard Waldis. Das neueste deutsche Buch, das ich in Harrisburg fand, waren Gellerts Fabeln. Von den bessern deutschen Charakterzügen pflegen sie nur noch den Hang für Gartenkunst; von der anglo-amerikanischen Rasse haben sie den Sport für Pferde angenommen, die aber bei allzu reichlicher Fütterung mehr dick als schön werden. Das ist alles. Eine sanfte, unschuldige Ehe der National-
      Liebhabereien, kein Durchdringen des National-
      Geistes mit großen, produktiven Resultaten, keine Kreuzung des Besten und Edelsten von deutsch und amerikanisch zu einem neuen Menschheits-Adel, wie 
      wir es als möglich – träumten!
      Diese Mischung von Nationalitäten, eher zu einem Zerrbilde als zu einem Ideale, finde ich wie in einem Spiegel in dem Sprach-Kauderwelch des Pennsylvania-Deutsch abkonterfeit. Es wird einem ach und weh, an einem lebendigen Organismus eine so fortschreitende 
      Verödung – möchte ich als Arzt sagen – zu beobachten. Ein Fischer z. B. spricht: 
      Below werden die Fische umgepackt, 
      inspected und dann wieder 
      vereingepackt again. – Ein Tischler erklärt: Wenn Sie ein 
      loghouse bauen wollen und dasselbe inwendig 
      geplasterd und von außen 
      geclapboardet wird, so kostet es siebenhundert Dollars. – In einem hiesigen deutschen (?) Blatte fand ich folgende Blüette; ich bemerke aber, daß die Sprache darin noch lange nicht die verdorbenste ist. 
      
       
      1. Sechs 
      Monate nach der Hochzeit.
      Well, liebe Härriett, willstu heute abend auf den Ball gehen? Du weißt, wir sind höflich eingeladen worden. – Just wie du sagst, William, du weißt, ich wünsche nichts zu tun, als was dir Vergnügen macht. – Well, denn Härriett, suppos wir gehen, das ist, wenn du perfektly willens bist; nau, sag' aber nicht ja, just weil ich so sage; denn du weißt, wo du bist, da fühle ich mich vollkommen glücklich. – Ei, lieber William, ich weiß, daß du auf dem Ball Vergnügen haben würdest, und wo du vergnügt bist, da habe ich auch, of cours. Was für 'nen Dreß soll ich antun, William? meinen weißen Gaun oder den groben mit pink Trimmings, oder den schwarzen Merino, oder den weißen Satin? Du weißt besser, was mir gut steht. – Liebe Härriett, du bist schön in jedem Dreß. Nau, nimm heute abend deine eigene Wahl. Ich denke aber, dein weißer Satin Dreß steht dir ausnehmend schön. – Nun sieh, William, ich wußte, daß du just meine Gedanken haben würdest. O wie glücklich werden wir heut abend sein!
       
      2. Sechs 
      Jahre nach der Hochzeit.
      Härriett, reich mir mal' die Zuckerbohl, du hast mir just einen Teelöffel voll in meinen Tee getan. – Well, William Schnuck, du juhst wahrhaft Zucker genug in deinen Tee, um ein Barrel Essig süß zu machen. Hier Tschanni, witt du die Finger aus der Schüssel tun? Susen, sei still! was die kleine Sau net kreischt; wahrhaftig 's ist genug, um eins närrisch zu machen. Witt du still sein! Da! da! (sie schlägt) du kleiner Satan! – Ei, Härriett, was hat denn das Kind getan? Du bist wahrhaftig zu schnell. – Ich wollt', Mister Schnuck, du tatst deine eigne Büßnes meinten; du bekümmerst dir allsfort, um was dir nichts angeht. – Wäll, Härriett, ich möchte wissen, wer ein besseres Recht hat als ich? 
       Du zankst und maulst ja auch immerwährend. – Däddi, Tschanni zerreißt Eure Zeitung zu Stücken. – Tschanni, komm her. Wie kannst du dich unterstehen, meine Zeitung zu zerreißen? Da, du Räskel! wie schmeckt das? Und nau pack dich ins Nest. – Ei William, du Bösewicht, wie kannst du mein Kind so unvernünftig schlagen? Komm her, Tschanni, armes Kind! hat's weh getut? never min; da, da, nimm ein Stück Zucker; so, das is'n schmär Bübchen. – Härriet, ich will dir sagen, du verdirbst die Kinder ganz und gar. Du weißt, ich mittle mich niemals drein, wenn du ein Kind bestrafst. Es ist erstaunlich, was ein Weibsmensch niemals recht tun kann. – Nie recht tun? Wahrhaftig, Mister Schnuck, wenn niemand hier im Hause recht täte als du, so wundere ich, was am Ende aus uns werden sollte. – Härriett, du sprichst wie ein Narr, ich will's nicht länger ständen. Du bist anfangens so schnappisch und beißig, wie 'n Bschidog, und wenn noch irgendeine Ehescheidung im Land zu haben ist, will ich sie haben. – Hallo, was das Männchen so wütig ist! Well, gute Nacht, Mister Schnuck, träume nichts Böses! –
       
      Kannst du dir in dieser Sprache einen Dichter denken? Eine Nationalität aber, die keiner Dichter fähig ist, gleicht einem Baum, der keine Blüten treibt. Sie ist abgestorben. Das ist der Fall mit dem Pennsylvania-Deutschtum.
      Nimm mir diesen Brief nicht übel, lieber Bruder. Sein ganzer Inhalt zeugt gegen dein Ideal. Aber nicht wahr, wir sind nach 
      Wahrheit ausgegangen?
       
      
      Harrisburg. – Mein Pferd ist gekauft. Ich bin mit meinem Entschlüsse vortrefflich zufrieden. Das Reiten hat etwas Aufheiterndes, Idealisches, Dramatisches, – es ist die schönste Szene zwischen Mensch und Natur. Mein Brauner ist ein leichter und kräftiger Traber, echtes Rassepferd, nur die Schule fehlt etwas; der Amerikaner ist nicht der beste 
       Zureiter. Aber es ist jung, und ich werde es noch erziehen. Dann wollen wir in Huf und Gehirn manch schönen Rhythmus miteinander tanzen. Warum soll ich nicht eine eigene Gangart erfinden: die lyrische? Pegasus hat sie gehabt, aber sie ist seitdem vergessen worden; die Flügel sind nur ein Symbol davon, ich will den Begriff selbst wiederherstellen. Apropos! die Art, wie das Tier zum Kaufe stand, ist originell genug. Es war einer jener charakteristischen Yankeepuffs, welche das hiesige Volkstum so weltbekannt kennzeichnen. In dem Harrisburger Advertiser las ich die Annonce: »Ein Pferd zu verkaufen gegen die Insertionsgebühr. Bei Mr. Bradley, Washington Square.« Ein Pferd gegen die Insertionsgebühr! Mein erster Gedanke war: dieser Mr. Bradley sei selbst ein Puff; existierte er aber, so verdiente er sich jedenfalls einen Besuch. Und siehe! er existierte wirklich. Mr. Bradly in Washington Square war ein munterer alter Fuchs mit grauem Kopf, zwei hellen Äuglein und einer glühroten Nase. Sein Tier kostete hundert Dollars. Darüber läßt sich sprechen, sagt' ich, für ein Reitpferd ist's ein Preis; aber für eine Insertionsgebühr? wie geht das zu, Mister, he? Sehr einfach, Mister, sagte der alte Schelm; kündige ich das Pferd mit seiner ganzen Beschreibung an, so brauch' ich die halbe Spalte, und es kommt doch niemand, die Sache ist zu gewöhnlich. Diese Annonce dagegen spart mir Geld und zieht brav. Steht mir der Käufer einmal im Hause, so läßt sich schon eher ein Geschäft machen; die Hauptsache ist, daß er hereinkommt. – Sehr wahr, Mister; aber der Zeitverlust von Seiten des Publikums? Wißt Ihr auch, daß man Euch verklagen könnte auf den Wortlaut der Annonce und wahrscheinlich recht behielte in diesem Lande, wo Zeit Geld ist? – Gar nicht, Mister; ich würde in diesem Falle ein Redaktionszeugnis vorlegen und beweisen, daß ich wirklich 100 Dollars Insertionsgebühr bezahlt; welcher Gerichtshof der Union kann dem Redakteur seine Preise vorschreiben? – Ist das nicht echt yankeesch? In der Tat wurden wir bald 
       des Handels eins; es handelt sich wunderleicht mit dem Amerikaner, wenn er Menschen vor sich hat, die seinen Kram verstehen. Und meine gute ungarische Pferdekennerschaft ließ sich kein X für ein U machen. Das Tierchen ist übrigens wirklich preiswürdig, heißt auch Cäsar, wie in diesem bombastischen Lande überhaupt alle Pferde entweder Cyrus oder Cäsar heißen. Wäre der Fall seltner, so würd' ich vielleicht abergläubisch sein und sagen: Nun reis' ich mit Cäsars Glück! Indes wollen wir sehen.
       
      Nach 
      Pittsburg. – Mein Weg geht jetzt durch die Region der Alleghanies. Leider halten sie nicht, was sie bei Harrisburg zu versprechen schienen. Dort schlitzte der Susquehanna das Gebirge bis auf sein innerstes Knochengerippe auf und zeigte Fels und Gestein. Das sehe ich nun schon lange nicht mehr. Fels und Gestein ist überpolstert mit dem philiströsen Alluvialboden, – und diese Polster heißen die Alleghanies. Nirgends hat sie der Vulkanismus kräftig gehoben und zerrissen, er begnügte sich mit einer leichten Verbiegung und Verschiebung der neptunischen Tafelschichten, und nichts kann eintöniger sein als die parallele Regelmäßigkeit dieser Gebirgszüge. Ihr Material ist ein Gemengsel von Trapp und Granit, metamorphosiertem Gneis- und Glimmerschiefer, der wilde Phantast Melaphyr oder Augitporphyr, Trachit oder Dolomit spielt keine seiner hochromantischen Rollen hier. »Ein unentwickeltes Bergsystem« nennt die Wissenschaft solch mürbes Pastetengebäcke, – genug, das Genre ist langweilig, es heiße, wie es will. Die Amerikaner sehen es freilich vom Nützlichkeitsstandpunkte aus und sind außerordentlich zufrieden damit. Eine solche Bodenfiguration erleichtere den Verkehr, sei der Kanalisierung günstig, ja, sie rühmen sich, Wasserscheiden zu haben, über welche bei Überschwemmungen ein Kahn schon natürlicherweise hinwegkomme! Gut für die Ökonomie des Volks, aber gewiß schlimm für die Entwicklung 
       seiner höheren Anlagen. In der Tat wird mir im Anblick dieser Alleghanies die prosaische Sinnesrichtung Bruder Jonathans ein gutes Stück klarer. Genauer hingesehen, kommt aber auch sein Materialismus zu kurz dabei. Denn seine Gebirge, indem sie nur 
      Hoch-Plateaus sind, bieten dem Wind und Wetter viel breitere Flächen, ermangeln der »geschützten Lagen«, und Höhen sind hier rauh, in welchen bei uns noch Rebe und Kastanie blühte. Unermeßliche Strecken fallen so für den Anbau aus; bedenkt man aber dazu, daß auch die fruchtbaren Flußtäler, als Bruthäuser des Fiebers, in starken Abzug zu bringen, so wird Amerika überhaupt viel kleiner, als die Götzendiener der Quadratmeilen gewöhnlich ausrechnen. – Ich sprach von Wind und Wetter, die sind gleichfalls prosaisch in den Alleghanies. Gestern erlebt' ich ein Gewitter, das war so zahm, daß es mir fast aus der Hand fraß. Alles, was ein Gewitter in europäischen Mittelgebirgen gleicher Höhen an Effekten der Optik und Akustik leistet, fehlt hier. Engpässe, Schluchten, Abgründe, reichgegliederte Bergwandungen, Zacken, Spitze, Kante – nichts dieser Art wirkt hier auf die atmosphärische Landschaft zurück. Überraschende Lichtwechsel, kühne Wolkenbildungen, starke Donner, phantastische Echos gehören nicht zum Heerbann des Alleghany-Gewitters. Der Himmel ist so arm wie die Erde. Droben geistlos, drunten formlos – so reise ich durch dieses »unentwickelte Bergsystem«.
       
      Nach 
      Pittsburg. – Auch die heutige Strecke war arm an Naturschönheiten. Manch freundliche Ansicht – aber man wird das Freundliche doch endlich müde, wenn es ewig das Nämliche bleibt. Es fehlt gar zu sehr an Abwechslung. Die amerikanische Landschaft gleicht jenen Weibern, welche eben nichts zu sein wissen als Geschlecht. Da ist ein gewisses Inventar von natürlichen Mitteln; wirken sie – gut; wenn nicht – nicht. Aber Holz und Wasser ist noch nicht Wald 
       und Fluß. Überall fehlt der Natur Sinn für schöne Gruppierung; sie weiß nicht zu überraschen, nicht zu zürnen, nicht zu versöhnen; was Licht und Schatten, was die Macht der Nuance sei – nichts weiß sie, nichts. Jener Ober-Chinese, der den Ausdruck erfunden hat »Vorratskammern der Natur«, verdient Entschuldigung; was ich von dem Lande hier sehe, hätt' ich ihn selbst erfunden. So und so viel Zentner Braunkohle, Eisenstein, Gips, Mergel, das ist hier die Natur. Ob diese »Bodenschätze« (auch ein verfluchtes Wort!) mit einer malerischen Oberfläche das Auge erfreuen, dafür ist nirgends gesorgt. Auch von »Kulturlandschaft« ist eigentlich nur unter deutschen Händen die Rede. Amerikanische Kultur entstellt das Land eher, als daß sie es verschönert. Der Amerikaner ist nicht Bauer, nur Freibeuter. Er setzt seinen Fuß auf die Erde, haut, sticht, sengt und brennt in sie hinein und verläßt sie dann wieder. Er hat kein Gemütsverhältnis zum Boden, auf dem er sitzt. Sein Haus liegt da wie ein viereckiger Kasten, der vom Möbel-Transportwagen herabgefallen ist. Es blickt dich an, so kalt, so nüchtern, ohne Horizont, ohne Perspektive. Kein Blumengarten, kein Baumschatten umgibt es mit traulichem Gehege. Die Felder sind ein wüster Anblick, kaum aus dem Gröbsten gearbeitet, hastig, oberflächlich, denn die Arbeit ist teuer, das Land wohlfeil, man preßt's eilig aus, verkauft und verläßt es dann. Die Zickzack-Zäune, die sog. Virginia-Fenzen vollenden den widerwärtigen Anblick. Es ist geradezu eine Marter für das Auge, einen weiten Landstrich zu sehen, angefüllt mit dieser Unzahl gebrochener und geknickter Linien, – die »freie Natur« in lauter Dreiecke ausgenestelt. Und wie die einzelne Farm, so die Gruppe. Ihr Nebeneinander gibt so wenig ein harmonisches Bild, als zusammengeflossene Kleckse ein Gemälde geben. Ein 
      Dorf suchst du vergebens hier. Ist das Blockhaus-Stadium überwunden, so baut sich das Nest aus Stein oder Fachwerk auf, übertüncht sich mit schreienden Lackfarben und nennt sich 
       Stadt. Die Kaffern heißen dann Ladies und Gentlemen, ihre ABC-Schule Universität, ihr Gemeindehaus City-Hall, sie führen Eau de Cologne, abonnieren ein Pariser Moden-Journal und auf den Karten findest du die ganze Hühnersteige unter dem Namen Athen, Rom, Troja, Karthago, Syrakus, Petersburg, Nanking. Oft kommt die ganze Stadt auf dem Transportwagen, noch glänzend vom Hobel her, und stellt sich auf wie aus der Puppenschachtel. Fällt dir vor solch einem lackierten Ding irgendein bemooster Dorf-Knorren in Franken oder Schwaben ein, so vergehen dir alle Sinne. Es sind gar zu scharfe, schneidende Lichter in diesem Lande.
       
      Nach 
      Pittsburg. – Müde und hungrig erreichte ich gestern abend ein einzelnes Haus an der Straße, ein sogenanntes 
      Privat-Entertainement, das sich aber doch mit seiner Aufschrift auf einer Schindel, welche an einem Pfahl steckte, ein 
      County-Hotel nannte. Ich resignierte auf ein sumptuoses Souper in dieser Taverne und nahm mit zufriedenem Herzen, was da war – eine Tasse schlechten Tee dazu ein paar Eier und gebratenen Speck. Indem ich an diese Tafelgenüsse aber Hand anlege, fährt ein Gespenst aus einer dunkeln Stubenecke auf, ein alter gelber Knochen, ein Mensch wie eine Leiche und donnert mich an: Halten Sie ein, mein Herr! Die sündige Kreatur soll nicht Speis und Trank genießen, ohne ihm, dem Geber aller Gaben, zu danken. Ich starrte den Klappermann an wie einen Verrückten, diagnostizierte auf Gehirnvertrocknung und glaubte deshalb ihm sein Attentat verzeihen zu müssen. Ruhig setzte ich mich an mein Gericht. In diesem Augenblicke aber riß mir die Wirtin so Tasse als Schüssel vom Munde weg und rief: Wenn Sie der Aufforderung unsers frommen und ehrwürdigen Reverend nicht Folge leisten, mein Herr, so habe ich für Gottesleugner kein Brot unter meinem Dache; dazu ist mir das Heil meiner Seele zu lieb. Was war zu machen? Ich 
       selbst hätte hungern können, aber meinem Gaul zuliebe betete ich. – 
      We are in a free country! Mit diesem Zucker schluckt man solche Pillen hinunter.
       
      Nach 
      Pittsburg. – Gewitzigt von gestern abend, dirigierte ich mich heute in ein Städtchen, dem ein frequenteres Hotel zuzutrauen war, als daß es die Andachtsübungen seiner Gäste überwachen sollte. In der Tat war es so frequent, daß ich's von oben bis unten besetzt fand, als ich ziemlich spät vortrabte und den schläfrigen Steward herauspochte. Er schleppte mich ein halb Dutzend Etagen unters Dach hinauf und warf meinen Leichnam in eine enge niedere Bodenluke wie in die Wolfsschlucht. Ich fiel fast um, als sich beim Eintreten ein Schwaden schwüler Stickluft mir auf die Lunge legte, auch glaubt' ich's rascheln zu hören. Desungeachtet behauptete der Aufwärter, es sei der einzige freie Raum im Hause. Unter diesen Umständen hieß ich ihn das nötigste Bettzeug mitnehmen, ich wolle mich lieber auf irgendeinem Balkon oder Vorhaus, oder wie es sonst käme, einrichten. Indem wir deliberierten, gingen wir im ersten Stock an einem allerliebsten niedlichen Zimmer vorüber, das offenstand und unbewohnt war. Hier ist's ja frei, bedeutete ich dem Hausknecht. Das ist das 
      parlour of the Ladies, sagte er gleichgültig und ging weiter. Ich starrte ihn an, wie gestern den Reverend. Wie? ein müder Reisender soll um Mitternacht auf ein Zimmer verzichten, weil am Tage darin die Weiber plaudern? Augenblicklich warf ich meine Betten hinein und hieß den Burschen mir zum Auskleiden leuchten. Aber Sir, es ist das 
      parlour of the Ladies! blökte der Golem und hatte fast Lust, mich am Ärmel fortzuziehen. Ich schleuderte ihn aber sehr unsanft auf den Gang hinaus – ich war wie ein angeschossener Eber. Gestern kein Nachtessen, heute kein Bett – der Teufel hole diese Volkssitten. Ich zog mir die Stiefeln aus. Der Ölgötze auf dem Gang glotzte mich an wie einen, der die Welt aus ihren Angeln 
       hebt, und brummte: Was wird Mister und Mistreß dazu sagen; ich muß es melden. Meld' es dem Peter Bell! rief ich, aber wer mir heraufkommt und mir die Nachtruhe stört, dem jag' ich eine Kugel durch den Kopf. Damit wies ich ihm die Mündung meiner Pistolen, warf die Tür ins Schloß und war für diesmal zu Hause. Es ließ sich niemand mehr blicken. Ich erleichtere mein Herz, indem ich noch diese Zeilen an dich schreibe und den hübschen Kanarienkäfig mit dem Behagen eines Eroberers durchmustere. Ginge die Reise nicht so langsam, ich müßte längst in Ohio sein. Aber die Tage sind heiß und ich mache Kreuz- und Querzüge in allen Richtungen von der Straße ab. Will mich indes doch sputen, denn du siehst wohl, wie wenig behaglich ich reise. Im Urwald sind wir eine Welt für uns und wollen auf zwanzig Meilen ein Beispiel sein. Ja, allmählich geht der Umschlag in mir vor, ich halte nicht mehr zu diesem Lande, um Muster zu sehen, um Muster zu geben. Diese Freien müssen durch uns Verknechtete ein wenig freier werden. Gute Nacht, Bruder.
       
      Nach 
      Pittsburg. – Lieber Bruder! Ich habe dir heute eine schmutzige Novelle zu erzählen, die ich zuletzt mit meinem Tränen wusch. Ja, es ist mir verhängt, ich soll dieses Landes nicht froh werden. Ich spreche von meiner Nachtherberge. Wollte mich heute einmal in ein Privathaus zu Gaste bitten, an einen traulichen deutschen Familienherd. Denn eine deutsche Farm war's, die abends vor mir lag, – man kennt solche Hofstellen schon meilenweit. Der Garten, der sich sanft um einen schwellenden Hügel wand, strotzte von köstlichem Edelobst – das zieht nur der Deutsche. Feld und Hof umkränzten grüne lebendige Hecken und nicht jene abscheulichen Fenzenzäune des amerikanischen Stils – es sind nur deutsche Zäune. Und wie die Furchen des Ackers, die Bewässerungsrinnen der Wiesen gezogen waren, der Schwung und Schluß in dem ganzen Feld- und Waldwuchs 
       umher, das alles verriet die Hand, die die Natur nicht beraubt, sondern sinnig pflegt, die deutsche Hand, die das Genie hat, ihre Erde so zu zieren wie der Franzose seinen Menschen. Es war nach längerer Zeit wieder die erste deutsche Farm, die mir begegnete – der Gedanke, hier Einkehr zu halten, tat mir in der Seele wohl. Meines Wegs zog ein junger Mensch von wohlgefälligem Äußern. Er saß ritterlich in seinem Sattel, handhabte volle prächtige Glieder und sah mit einem warmen, fast schwärmerischen Blick in die Welt hinaus; mich überraschte seine Jünglingsschönheit. So, dacht' ich, müßten die Coopers und Irwings aussehen, ein gewöhnlicher Amerikaner ist selten schön; soll er der Sohn jenes Hauses sein, so sei mein Eingang gesegnet.
      Letzteres äußerte ich denn auch, indem ich das Gespräch anknüpfte.
      Der Sohn dieses Hauses?! rief er schnell und mit Abscheu, Gott bewahre mich davor!
      Wieso? fragt' ich betreten, ist der Besitzer dieses Landgutes ein schlechter unmoralischer Mensch?
      Nein, war die Antwort.
      Dann ist sein ganzes Verbrechen wohl nur, daß er ein Deutscher ist? erwiderte ich nicht ohne Gereiztheit.
      Ja, er ist ein 
      Deutscher, bestätigte der Jüngling, aber mit einem unnachahmlichen Zug von Verachtung; auch gebrauchte er nicht das Wort German, sondern Dutchman.
      Mir wallte das Blut, und nur ein Blick in sein schönes Auge begütigte mich wieder so weit, daß ich dem Verächter mit Mäßigung seine Gründe abfragen konnte.
      Der Jüngling war mir willfährig, obwohl ich zu bemerken glaubte, daß es mit Widerwillen gegen das, was er zu sprechen hatte, geschah. Er zog die Zügel an, ließ sein Tier kurzen Schritt gehen und erzählte mir folgendes:
      In Philadelphia war einst eine Schiffsladung von deutschen Paupers gelandet, unter andern eine Familie, die aus Mann, Frau, zwei Knaben und einem Mädchen bestand. Sie 
       wurden auf zeitweilige Dienstbarkeit versteigert, wie es zur Schadloshaltung des Kapitäns in Fällen der mangelnden Bezahlung für die Überfahrt gebräuchlich ist. Mein Vater erstand den Mann, Martin oder Merten, wie er sich aussprach, Mr. Howth, ein Nachbar von uns, die Frau mit dem Mädchen; die Knaben wurden an einen dritten Ort vergantet. So ging die Familie in drei Bruchstücke auseinander, sie zeigte übrigens keinerlei Leidwesen darüber, namentlich der Mann nicht. – Als mein Vater den deutschen Mann auf seinem Wagen mit nach Hause nahm (ich war als junges Kind mit dabei, erinnere mich aber sehr wohl daran), da huckte dieser ein gewaltiges Bündel von Lumpen auf seinen Rücken auf, ein Ding, das einen entsetzlichen Gestank verbreitete. Mein Vater befahl ihm sofort das Zeug an sein Weib zu überlassen, oder noch besser, es in den Delaware zu werfen. Der Mann bat aber so dringend, so untertänig, seine Habe, wie er den Schmutz nannte, behalten zu dürfen, daß es ihm endlich erlaubt wurde, aber unter der Bedingung, hinten beim Neger damit Platz zu nehmen. Kein Weißer des hiesigen Volks hätte sich das gefallen lassen, der Deutsche aber nahm es hocherfreut an.
      Als wir zu Hause ankamen, wies ihm mein Vater eine unsrer verlassenen Negerhütten an, wie sie aus der Sklavenzeit Pennsylvaniens noch auf den Höfen standen, seitdem aber unbewohnt und unbenutzt geblieben waren. In dieser verlassenen Hütte nun deponierte Martin jenes schmutzige Bündel, und bald diente dasselbe statt eines Vorhängeschlosses, denn Gestank und Ekel trieb auf zwanzig Schritte Distanz jeden Menschen aus dem Umkreis; zum Hineintreten war außer Martin selbst einer der Unsrigen nie zu bewegen. Inzwischen vermehrte der Deutsche diesen Schatz noch täglich mit allen Lumpen, die er habhaft werden konnte; zerfetzte Kleider, abgelegte Hosen, vernutzte Strümpfe, das alles sammelte er wie toll zusammen und hinterlegte es in seiner Depositenbank. Sonst waren wir mit 
       dem Manne ganz gut zufrieden, er arbeitete fleißig und umsichtig, verstand die Landwirtschaft vortrefflich, und wo sie vom deutschen Stile abwich, zeigte er sich ganz besonders aufmerksam, die Ursache davon zu begreifen und zu lernen, was zu lernen war. Dabei erlaubten ihm seine Begriffe von häuslicher Ökonomie kein einziges Mal, sich vom Hause zu entfernen, obwohl ihm mein Vater wiederholt die Freiheit einräumte, sein Weib zu besuchen. Wozu die Schuhe zerreißen? war immer seine Antwort; und als die Frau mit dem Töchterchen in fünf Jahren einmal zu ihm kam, ließ er sie hart an, daß sie die Schuhe nicht spare. Auch seine beiden Knaben besuchten ihn einst, die waren barfuß hergelaufen und kamen schon gnädiger weg; nur fragte er sie, ob sie unterwegs hübsch gebettelt? Trotz alledem wollten wir den Menschen nehmen, wie er war, und der Vater hatte sich so sehr an Martin gewöhnt, daß er beschloß, nach Ablauf seiner Dienstzeit ihm ein fünfzig Acres zu verlehnen samt einem Häuschen, das zu derselben Zeit leer werden sollte. Als nun diese Zeit bis auf acht Tage heranrückte, kam Martin eines Morgens zu meinem Vater und redete ihn an: Squire, wollen Sie mir wohl erlauben, morgen hinüber auf die Auktion nach Bedford zu gehen? – Auf die Auktion nach Bedford, Martin? was wollt Ihr auf einer Auktion erwerben? erwiderte mein Vater; es werden, soviel ich aus den Zeitungen ersehe, zwei 
      Sheriff sales über zwei Farmen morgen abgehalten, davon jede dreihundert Acres Landes und Wohn- und Wirtschaftsgebäude hat, die wenigstens auf fünftausend Dollar geschätzt werden. Die wolltet Ihr doch nicht erstehen? – Ja, wenn's auf den Willen ankäme! Indes habe ich so lange meine Schuhe gespart und diesmal kommt mir es just in den Schuß. – Nun so geht, erwiderte mein Vater; nehmt den alten Rappen und hier ist ein Dollar als Zahlungsgeld für Euch und das Tier; aber daß Ihr nachts wieder zu Hause seid! Wirklich war Martin pünktlich auf die Nacht zurück, hatte aber seinen Dollar gespart und mit 
       dem Pferd nichts als ein paar Pfund Brot genossen, die er vom Hause mitgenommen. Das Tier fiel nämlich mit solchem Heißhunger über den Hafer seiner heimatlichen Krippe her, daß ihm seine Diät nur allzu sprechend abgemerkt wurde. Ich war mit meiner scharfen Kinder-Aufmerksamkeit bei der Fütterung zugegen und verstand mich darauf, denn das Pferdewesen war seit dem frühsten Knabenalter meine Leidenschaft. – Am folgenden Morgen sprach Mr. Gordon, der damalige Sheriff, bei uns vor und gratulierte dem Papa von wegen des guten Kaufes, den er mit Hawkes Farm getan. Ich habe Hawkes Farm gekauft? hörte ich den Vater verwundert ausrufen; welcher Müßiggänger trägt solch unnütze Reden durch die Grafschaft? Der Sheriff schüttelte den Kopf und zog statt aller Antwort das Auktionsprotokoll aus der Tasche, in das mein Vater sogleich neugierige Blicke tat. Wen erblickte er als Käufer der Farm? Niemand sonst als unsern deutschen Knecht Martin. Wir trauten unsern Sinnen nicht. Der Mann wurde augenblicklich gerufen und zur Rede gestellt. Verzeihung, Squire, sagte er unbefangen, ich habe die Farm gleichsam stillschweigend auf Ihren Namen gekauft, da ich als Redemtionist noch nicht mein eigener Herr bin, sondern erst nach acht Tagen es werde. Unser ganzes Haus starrte den Menschen sprachlos an. Aber wie in aller Welt, Ihr verdammter Narr, wollt Ihr denn die Farm bezahlen, mein Name ist ja noch nicht meine Kassa! Da lächelte der Kerl verschmitzt in sich hinein und stolperte nach seiner Hütte, wo er den bewußten Sack mit seinen stinkenden Lumpen auf den Fußboden auszuschütten begann. Wir waren ihm gefolgt und sahen seinem Treiben mit verhaltener Nase durch die Türe zu. Es war ein Sack, der wohl an die hundert Pfund wiegen mochte, aber wie gesagt, lauter Abfälle von allen möglichen Verbrauchsgegenständen enthielt: durchgeschwitzte Hemden und Strümpfe, Fetzen von Flanelleibchen, Hosen und Pferdedecken, dazwischen Stücke von 
       altem Eisen, zerbrochene Hufeisen, Nägel, Zinn, Blei, Kupfer – alles dies fiel aus dem Sack. Nachdem er ihn gänzlich geleert, kehrte er ihn um und hielt ihn über einen Trog, indem er mit einem Taschenmesser nun auch die Nähte des Sackes, der um und um geflickt war, aufzutrennen begann. Und siehe da! es fiel 
      ein Louisdor heraus, und noch einer und wieder einer, und ein vierter, fünfter, sechster und das ging so fort, bis der ganze Sack nur noch ein löcheriges Gerippe ohne Zusammenhang war. Dann war aber auch die Summe voll und Hawkes Farm in blankem barem Gelde bezahlt bis auf den letzten Dime. Sehen Sie, das ist meine Schatzkammer, sprach der Langverschwiegene bei dieser Enthüllung; nicht wahr, es ist eine so schöne Schatzkammer, als die Bank der Vereinigten Staaten nur sein kann. Ja, ja, staunen Sie nur! Hätte ich gleich bei meiner Ankunft im Lande etwas gekauft, so wäre ich sicherlich betrogen worden oder durch eigene Unkenntnis zugrunde gegangen. Gegenteils hatte ich die Überfahrt und die Erfahrung umsonst, gab den edlen Herren Amerikanern kein Lehrgeld, sondern wendete es so, daß sie mir noch draufzahlten. Ja, ja, sind verdammt pfiffig, die Herren Amerikaner, aber ein Deutscher kann's auch sein. Und dazu lachte der Lump mit einer Selbstzufriedenheit – verdammt seien meine Augen, wenn wir nicht alle schauderten! Dieser totale Begriffsmangel von menschlicher Ehre und Würde, dieses hündische Wegwerfen seiner selbst, diese fünfjährige Niedertracht einer freiwilligen Sklaverei mit Weib und Kind um einer lumpigen Handvoll Dollars willen, und die Meinung dazu, das alles wäre nur weltklug, weltklug im amerikanischen Sinne – wir waren außer Fassung bei dieser Art, sich mit dem niedrigsten Knechtssinn in das freieste Land der Erde einzuschleichen. Warum ich nicht der Sohn jenes Hauses sein wollte, mein Herr! Wohlan, jenes Haus ist's, wovon ich dieses Geschichtchen erzählte. Es ist Hawkes, oder wie es jetzt heißt, Martins Farm. Die Buben sind indes 
       aufgewachsen, gleich mir, und können die höchsten Staatswürden erreichen, die unsere freie und herrliche Verfassung allen Bürgern dieses Landes zugänglich macht; aber noch einmal: Gott behüte mich, aus diesem Blute entsprossen, Gott behüte mich, der Sohn dieses Hauses zu sein!
      So erzählte der Jüngling. Dichterisch wie seine schöne Persönlichkeit mich ansprach, wünschte ich nichts mehr, als ich hätte aus seinem Munde eine 
      Dichtung vernommen! Aber leider! jedes Härchen ist deutsch an dem alten Martin; das Porträt ist vernichtend wahr. Und wenn ich nun künftig die schmucken Muster-Höfe der Pennsylvania-Deutschen vorüberreite, so werde ich den stinkenden Sack im Hintergrund riechen – und auch um diese Freude ist's getan!
      Der schöne Jüngling bot mir Herberge in seinem eigenen Hause – es war mir nicht möglich, Besiegter, in die Pforten des Siegers einzuziehen. Aber auch von Martins Farm lenkt' ich mein Pferd weg. Ich führte es sachte ab in ein Gehölz, bettete mich diese Nacht ins Gras und weinte über die Nation, welcher alles verliehen ist, nur eines nicht: der alleinseligmachende 
      Nationalstolz.
      Später ging der Mond auf, es war das erstemal, daß er mich kalt ließ. Armer Proletaire, dacht' ich, was kann man Elenderes sein, als ein Trabant dieser Erde!
       
      Nach 
      Pittsburg. – Heute fiel mir das Herz wie nie. Ich sah den ersten Hinterwalds-Anbau. Grausenhaft! Ich finde kein Wort, das Unversöhnliche eines solchen Anblicks für das europäische Gefühl zu beschreiben. Ist's denn möglich? Was man längst gelesen hat – muß man's mit leiblichen Augen sehen, um es doch noch anders zu finden, als es die Einbildungskraft im Lesen sich dachte? So lesen wir: der Hinterwäldler brennt den Urwald nieder, den er in Ackerland verwandeln will, und denken nichts weiter dabei. Wir 
       stellen uns vor, die Bäume fallen in Asche zusammen und auf diesem Aschendünger, den wir vielleicht noch mit der Egge hübsch ausebnen, erhebt sich das glatte wallende Kornfeld. Wie erschrak ich! Ich bieg' um eine Waldecke und vor mir liegt so ein ausgebranntes Waldfeld. Aber die Bäume sind nicht 
      niedergebrannt, sondern nur 
      angebrannt; sie stehen noch da mit ihren ganzen riesenlangen Stämmen, ja mit ihren Zweigen und Aussprüngen: aber das alles 
      verkohlt! schwarz von oben bis unten! Nun denke dir so einen Wald von rußigen Stummeln; wie sich das abhebt vom samtenen Himmelsblau, vom goldnen Korn dazwischen! Diese Millionen schwarzer Ruten und Spieße aus dem blonden Ährenfeld aufstarrend, in den veilchenblauen Himmelsatlas hineinfahrend! Du bist im Augenblick wie vor die Stirne geschlagen. Der Zügel war mir entfallen, der Puls glaub' ich, stand mir still, so starrte ich mir dieses Bild an – das erste Bild von der Hinterwaldspoesie! Pennsylvanien, das alte Kulturland, geht zu Ende, und dieses Schauspiel werde ich nun öfter haben. Freilich wird sich Aug' und Gefühl dann abstumpfen dagegen – aber – ja, was ich sagen wollte? Aug' und Gefühl dann abstumpfen! Das ist's. Auf dieses eine läuft alles hinaus. Aug' und Gefühl abstumpfen! Leb wohl, Bruder!
       
      Nach 
      Pittsburg. – Ich ritt unter der heißesten Mittagssonne über eine menschenleere Prärie. Ich war dem Verschmachten nahe. Meiner Karte nach sollten zwar einige menschliche Wohnsitze nicht fern sein – Connesville, oder Smithfeld, oder Union – aber möglich, daß sie auch nur auf der Karte existierten, möglich, daß ich mich verirrt – kurz, ich ritt über eine unabsehbare Grasebene, und nichts war da, gar nichts. Die Luft glühte wie in einem Hochofen. Kein Vogel, kein Schmetterling, kein Tierlaut weit und breit; was nicht Salamander war, schien tot zu sein. Nur Eidechsen schwänzelten zwischen den verbrannten Grasripsen hin und 
       wieder, die aus den geborstenen Erdritzen hervorkamen, um im tiefsten Moos vielleicht ein verspätetes Tautröpfchen zu lecken. Ich und mein Pferd litten martervoll. Die Zunge hing dem armen Tier weit aus dem Halse, und doch konnte ich ihm meine Last nicht ersparen, denn auf dem heißen Boden, gepeitscht von dem glühenden Steppengestrüpp, war kein menschliches Fortkommen. Ich teilte mit dem Tier redlich den Rest meiner Bouillontafeln und Schokolade, aber zuletzt half alles nichts mehr, was uns allein nottat, war ein Trunk Wasser. Meiner Meinung nach ritten wir auf ziemliche Nähe dem Monongahela entgegen, und ich war sehr beunruhigt, daß das Pferd die Witterung des Wassers nicht hatte. Aber es regte sich auch kein Lüftchen. Endlich merkte mein Auge auf der gradlinigen Fläche eine kleine Erhebung. Der Boden formte sich zu einem jener platten Hügel, die man hier Bluffs nennt, und die, wo sie die Prärie unterbrechen, gewöhnlich einer menschlichen Wirtschaft zur Anlehne bieten. Und wirklich war es so. Als ich dem langgestreckten langweiligen Hügelding näher kam, lag denn so ein viereckiger Farmkasten glücklich vor mir. Aber um das Haus herum regte sich nicht die geringste menschliche Spur; die Tür stand sperrangelweit offen. Die ganze Avenue war nichts weniger als wirtlich. Desungeachtet sprang ich mit beiden Füßen aus den Steigbügeln und war mit einem Satz im Innern der Hütte. In demselben Augenblick erhob sich eine Stimme darin: Um Gottes willen, einen Trunk Wasser! Es war eine Frau, welche angekleidet auf dem Bette lag und offenbar nur einen menschlichen Fußtritt erwartet hatte, um so zu flehen. Die Frau hatte das Fieber. Matt schlug sie die Augen auf, ich las darin, daß ich der Mann nicht war, den sie erwartet, aber Überraschung, Bestürzung las ich nicht darin. Es war die tiefe hohle Gleichgültigkeit der resignierten Verzweiflung. Ohne mich zu besinnen, ergriff ich den Wasserkrug, der bis zum letzten Tropfen geleert war. Die Frau beschrieb mir mit 
       schwacher Stimme die Richtung zu der nahen Quelle und warf sich nach dieser Anstrengung wieder hin wie einer, der ein gutes Testament gemacht hat. Cäsar, der den Wasserkrug sah, trabte instinktmäßig mit mir, und seinen Nüstern mehr als dem todesmatten Gemurmel der Frau verdankt' ich das direkte Auffinden der Wasserquelle. Wir labten uns so eilig als möglich, das Tier ließ ich an dem weidigen Plätzchen, mit dem Krug eilte ich an den Mund der Fieberkranken zurück. Die arme Leidende leerte ihn sofort wieder zur Hälfte. Sie schlug die Augen auf, die einst ein schönes Veilchenpaar waren, ihre Züge verrieten Jugend und weibliche Reize, aber alles hoffnungslos zerstört von Fieber und Seelenleiden. Wir fingen zu sprechen an. Sie war die Tochter eines Marburger Professors; ihr Mann, wie ich hörte, der blühendste und geistvollste Studiosus, der im Hause ihres Vaters Zutritt gehabt. Demagogenhetzen vertrieben ihn. Ich sprach von dem Aufopferungsmut, womit sie sein Schicksal geteilt. Ein schmerzliches Lächeln überflog das Antlitz der Dulderin. Verzeihung, mein Herr, ich war ja Miß Temple von Templetown und unsere Tees gratulierten mir lebhaft zu der Lustpartie. Also Coopersche Roman-Ideale! Welcher Unstern sie in diese wasserlose Steppe verschlagen? Das traurige Lächeln wiederholte sich wieder. Als uns der Landagent hierherführte, waren wir umrauscht von Wasserkräften. Dort floß der Monongahela und hier ein Nebenfluß von ihm. Der eine ist ausgetrocknet, Sie müssen über sein spurloses Bett geritten sein. Der andere ist nur bei Hochwasser hier, sonst auf drei Meilen entfernt. – Da hast du das Ganze der deutschen Auswanderung. Zur Hälfte betrügt man sich selbst, zur Hälfte wird man betrogen; Resultat: ganzer Ruin! Die wenigen Worte hatten das arme Weib wieder so erschöpft, daß sie seufzend aufs Lager zurücksank. Sie trank fortwährend Wasser, aber immer mit weniger Labnis. Der Mann war nach Milch aus, d. h. es mußte ihm gelingen, seiner Milchkuh habhaft zu werden, da 
       das Vieh halbwild hier im Freien weidet. Ich konnte es nicht über mich bringen, die Ärmste einsam zu lassen, obwohl sie es wahrscheinlich tagelang ist. Ich suchte mir die Zeit zu vertreiben. Einen meiner ersten Bücke in der Hütte hatte ein Bücherregal auf sich gezogen; das musterte ich jetzt. Ich fand eine schöne juristische Literatur aufgestellt, dazwischen deutsche und englische Klassiker, Chateaubriands Natchez, Dudens Missouri und ähnliche Phantasiewerke über Amerika. Alles von dickem Staub überzogen. An der Wand hing eine Flöte, deren Mundloch das Kunstwerk einer Spinne ausfüllte. Die Tinte im Tintenfaß war vertrocknet und hatte sich in dürre Krusten gespalten. Neben diesen Betrachtungen griff ich wieder zum Krug und ging hinaus, ihn von neuem zu füllen. Ich entdeckte jetzt einen Pfad, dessen Steigung verhältnismäßig merklich war und der eine Art Aussicht versprach. Ich machte ein paar hundert Schritte darauf vorwärts und übersah bald das Terrain. Der Bluff war eine Erderhebung wie etwa der Kreuzberg bei Berlin oder das Laaer-Wäldchen bei Wien oder der Röderberg bei Frankfurt: von mehreren Seiten vollkommen und wie es schien sterile Ebene, nach einer aber hügeliger Abhang, wo die Quellwasser absickern mochten; in dieser Richtung war auch Feldanbau und etwas Wald. Ein Mann kam von dort herauf, – es war der Mann! Ich erkannte ihn am Milcheimer, den er bei sich hatte, und der leider! leer war. Die Kuh würde nun vor Abend nicht zum Hofe kommen, sagte er. Wir maßen uns übrigens mit unerquicklichen Blicken. Er mich mit Mißtrauen und einer störrischen Menschenscheu, ich ihn einem Ausdruck von Mitleid und Enttäuschung, der vielleicht nicht ganz schmeichelhaft war. »Der blühendste und geistvollste Studiosus« war ein gelbes Gerippe, den das Fieber durch und durch entfleischt hatte, physisch und moralisch aufgezehrt. Ich sprach von Europa, er war still; ich sprach von Amerika, er war stumm; ich sprach von der Wissenschaft, er schwieg; ich sprach von der 
       Landwirtschaft, er antwortete nicht. Ich glaubte endlich sein Herz besser zu treffen und sprach mit menschlichem und ärztlichem Anteil von der Krankheit seiner Frau zu ihm; er unterbrach mich trocken: Das Fieber müssen wir alle durchmachen; – Sie werden auch nicht verschont bleiben, setzte er hinzu und sein Blick fiel mit einem Ausdruck von Neid auf meine Gestalt. Mein Anerbieten, womit ich ihm dienen könne, nahm er übrigens ohne Umstände an; ich möge ihm von Pittsburg ein paar Pfund Pulver und Schrot schicken, er verschieße leider viel und treffe wenig, die Hand zittere ihm noch. An letztere Bemerkung suchte ich wieder teilnehmend anzuknüpfen, er ließ sich aber außer dem Nützlichkeitspunkt in nichts weiter ein und war stumm wie zuvor. Ich fühlte, wie ich ihm zur Last fiel, und nur um der Frau Lebewohl zu sagen, begleitete ich ihn bis an die Hütte zurück. Die Frau war aber eingeschlummert. Ich brauchte mit meinem Abzüge entsetzlich wenig Umstände zu machen. Ich schied aus dieser Farm, wie man sich mit gebildeten Ägyptern begrüßt, – wenn sie Mumien sind und in den Hypogäen liegen.
      Das ist das Land, in welchem niemand zugrunde geht, wenn er arbeiten kann! Richtig, gewiß; denn von den Zugrundegegangenen braucht man bloß zu sagen, sie konnten nicht arbeiten. Vom Fieber braucht man nichts zu sagen. O Herr, schicke uns alle Jahre eine Pest, und nimm dafür eins unsrer Vorurteile von uns. – Amerika ist ein Vorurteil.
       
      
      Pittsburg. – Endlich bin ich hier angekommen. Pittsburg ist mit Philadelphia und Harrisburg die dritte Hauptstadt Pennsylvaniens. Sie gefällt mir so wenig wie die beiden andern. Philadelphia, ein aalglattes Quäkernest, Harrisburg, eine Motte und Runzel aus dem vorigen Jahrhundert, Pittsburg brauch ich nicht weiter anzuschwärzen, es ist schon so schwarz genug. Pittsburg ist eigentlich keine Stadt, sondern eine große bituminöse Steinkohle, welche 
       jahraus, jahrein entsetzlich dampft und stinkt, die Luft verpestet und die Geldbeutel füllt. Letzteres entschädigt denn in bekannter Weise den Yankee für alles andere. Die große und volkreiche Stadt hat keine einzige Promenade, auf der man den Kohlenruß ein wenig von sich schütteln könnte, was doch so sehr Bedürfnis ist. Diese Gartenlosigkeit scheint überhaupt ein Grundzug amerikanischer Städte, selbst New York verdankt sein Hoboken den Holländern. Ich werde mich in diesem Rauch- und Schmauchschlot auch nicht länger verweilen, als nötig ist, um verschiedenes ein- und nachzukaufen, dann geht's an den Ufern des Ohio weiter. Der Ohio entsteht hier; die Vereinigung des Alleghany und Monongahela bilden ihn. Der Alleghany ist klar und hell, der Monongahela trüb und schlammig – nehm' ich den Ohio für ein Bild meiner Ansiedlung oder vielmehr des menschlichen Lebens überhaupt? Eine Mischung des Heitern und Trüben, des Lichten und Dunklen, welches die ewigen Gegensätze unsrer Schicksale sind? Wie Gott will! Ich entziehe mich dieser Mischung nicht, liebe sie aber freilich am meisten in dem, was wir bei uns »eine Melange« nennen, da nämlich das lichte Element fette Sahne, das dunkle kräftiger Mokka-Kaffee ist. Solche Schicksalstassen schlürfe ich gerne. Dazu eine brave Pfeife echt Türkischen, einen guten Freund, dem man ein gutes Gedicht vorliest, und muß es sein, irgendein »süßes Schnäbelchen« für die schwächste Seite des menschlichen Herzens, – sufficit! Gott, was man bescheiden ist! und doch handeln sie einen noch herab, und das Leben wird dem Mindestfordernden zugeschlagen.
      Meine Sachen, die ich nach Pittsburg adressiert hatte, sind angekommen; ich packte vor allem meine Violine aus und spielte mir steirische Ländler vor. Gott weiß, es ist auch höchste Zeit, daß ich mir ein bißchen Humor ans Bein zeche; soeben laufe ich diese Blätter durch, die von hier an dich abgehen sollen, und erschrecke über das Grau in Grau. 
       Wahrlich, es ist sehr praktisch von mir, einem Kompagnon, den ich mir nachlocken will, eine solche Reisebeschreibung zu liefern! Wärest du nicht der große, heroische Benthal, so würf ich das ganze Geschreibsel in einen Kohlenschlot, wie sie mir zu Dutzenden in das Fenster hereinstarren. Aber ich sehe dich schon, wie du diese Blätter ruhig beiseite legst: – nun gut; das ist Amerika, und 
      das bin 
      ich!
      Recht auch; man muß diesem Lande Trotz bieten. Leider! ein Poet trotzt nicht, er zertrümmert. In der Tat, es wird mir täglich und stündlich klarer: ohne dich ist meine Ansiedlung eine Unmöglichkeit. Ich spüre einen Vernichtungstrieb in mir, der einem Kolonisten schlecht zu Gesichte steht. Mein Gehirn ist wie ein Nest von unausgebrüteten Blitzen; es kommt mir oft vor, als müßt' ich Unglück anrichten oder unglücklich werden, wie's keine Zunge nennt. Wie ein Orpheus mit klingenden Saiten die Hölle zu zähmen – dieses Schlags ist meine Poesie nicht. Die Orpheus-Sage ist der Ausdruck der höchsten und mir wahrhaft unbegreiflichen Milde des griechischen Geistes. 
      Ich hätte das infernalische Gesindel zum Kampfe fordern müssen; ich glaube überhaupt: Kampflust ist meine Sangeslust; ich bin ein metrischer Husar. Das Pack, das einem die Blume des Lebens gestohlen hat, das höhere idealische Selbst, mit wohllautenden Akkorden noch anzuleiern, das erfordert eine große Stärke – in der 
      Schwäche! Darum bist du so ein Prachtmensch, weil dich dein Herrgott aus einem Zeug geschnitten hat, das ich für den besten menschlichen Stoff halte. Du wirst dich mit den Höllenhunden nicht auf die Mensur stellen, du wirst ihnen aber auch kein Adagio in die haarigen Ohren träufeln: du hättest deine Eurydike überhaupt nicht mehr auf die Erde zurückgeführt. Nein, du hättest es unternommen, die Hölle selbst wohnlich für sie einzurichten, du würdest 
      die Hölle urbar gemacht haben. Und ich glaube, es wäre dir gelungen.
      Ich kann dir nicht sagen, mein lieber Rector magnificus, 
       wie ich mich freue auf deinen Amtsantritt im Urwald. Es muß eine Lust sein, einen Mann, wie dich, sich rühren zu sehen. Ich glaube, die Alten hatten recht, wenn sie die Landschaft vernachlässigten über den kräftigen und anmutigen Menschen darin. Und das taten sie doch mit griechischen Landschaften, was täten sie erst mit amerikanischen! Höchstens ließen sie den Menschen auch daraus weg. Mein Wirt hier hat ein Söhnchen von wunderlieblicher Knabenschönheit; ich lächelte ihn freundlich an, faßte ihn sanft unterm Kinn und streichelte ihm die reizenden Goldlöckchen aus der kostbaren Antonius-Stirn. Das achtjährige Bübchen schnitt aber ein beleidigtes Gesicht dazu und sah mich so pedantisch-altklug an, daß ich's in seinem Innern deutlich sprechen hörte: Darüber sind wir hinaus, du deutscher Narr, du schmeicheltest mir weit besser, wenn du mir das erste Priemchen Kautabak in den Mund schöbst. Es ist gräßlich, ein Volk, von dem man nicht einmal die Kinder lieben kann! – Deß sattl' ich mein Gäulchen noch einmal so eifrig und will nun in Ohio das Plätzchen aufstöbern, wo weder das Fieber noch die Langeweile grassiert, wo es einem so recht bergesfrisch und waldheimlich und wasserkühl zumute wird, daß ich mit gutem Gewissen sagen darf: liebe Deutsche, kommt zu mir, deutsche Feen haben das für euch geschaffen! denn ich hoffe, die Feen sind auch ein wenig emigriert wie die Menschen.
      Hol's der Teufel! Indem ich schreibe, wälzt mir der nächste Schlot eine Rauchsäule durchs offene Fenster, daß Herculanum und Pompeji daran ersticken könnten. Und schließ' ich das Fenster, so erstick' ich wieder. Ich schließe demnach dieses Briefpaket, es bleibt nichts anders übrig. Adieu! ich hoffe, von Ohio soll alles besser klingen. La belle riviere nannten die Franzosen den Ohio, und die Franzosen wissen, was schön ist. Aber warum behaupteten sie ihn nicht? Geht's uns mit allem Schönen so? Du hast recht: der Mensch kann nur 
      beginnen! 
      
    



      Zweites Kapitel
      Daß unser Held vierundzwanzig Stunden nach diesem Briefe seinen Grundbesitz erworben haben würde, ahnte ihm in jenem Augenblicke nicht im mindesten noch. Der wichtigste Moment, der eigentliche Ziel- und Mittelpunkt seiner amerikanischen Reise überraschte ihn so – wie die flüchtigste Episode eines Wandertags, ja, fast wie ein Stein des Anstoßes am Wege. Wir könnten das Ereignis wieder aus seinen Briefen erzählen, haben aber Grund, es diesmal nicht zu tun. Denn da es unmittelbar ein Akt der Großmut war, und unser Freund edel genug dachte, dieses Umstands mit keiner Silbe zu erwähnen, so würde der Briefton nicht nur zur Wiedergabe der eigentlichen Gemütsfärbung nicht beitragen, sondern die geschichtliche Tatsache selbst wesentlich entformen.
      Moorfeld ritt also von Pittsburg die schönen Ufer des Ohio hinab. Als er die Grenze Pennsylvaniens bei Beaver erreichte, las er in einem Lokalblatt dieser Stadt, daß in einem benachbarten Orte, der aber schon dem Staate Ohio angehörte und sich sehr großartig Neu Lissabon nannte, eine Landauktion oder sogenannte Sheriff sale abgehalten würde. Um sich eine solche Szene »einstweilen«, wie er dachte, mit anzusehen, wandte er nun in Beaver vom Flußtale des Ohio sein Pferd ab und begab sich landeinwärts auf die Straße nach New Lisbon. Bald verschwanden die Höhen des Ohio mit ihren laubreichen Eichwaldungen hinter seinem Rücken, und das Land fing an, in niedrig gestreckten Hügelwellen sich abzuflachen. An die Stelle des Eichwuchses traten Weiden, Pappeln und Zypressen, welche einen Sumpfboden bewaldeten, der vielleicht fruchtbar, vielleicht auch ungesund war. Dazwischen lagen wie Inseln und Halbinseln dürre Sandstriche, die ihre sterile Natur in traurig-eintönigen Fichtenwaldungen ausdrückten. Die Gegend war einsam, und nichts verriet die Nähe einer Stadt. Im 
       halbgelichteten Walddunkel erblickte der Reisende hin und wieder einen aufgeschichteten Haufen von Baumstücken, welcher im Innern hohl war und eine menschliche Hütte vorstellte. Gluckte ein Huhn oder grunzte ein Schwein an solchen Grabeseinöden, so wurde der Lokalton schon sehr warm dadurch. Aber plötzlich fingen diese Blockhäuser an einer Stelle, wo sie etwas dichter standen, an, sich Lissabon zu nennen. Es war eine Überraschung der traurigsten Art, als sich Moorfeld nach einer Passage durch einen hochstämmigen Fichtenstrich auf einmal im Angesichte dieser sogenannten Stadt befand. Die Sonne verbreitete ihr Licht über eine elende Wüste von dürrem Gras, trübseligen Weiden und schmutzigen Hütten, deren Anblick eher einer Kolonie von Selbstmördern glich, welche bloß zwischen dem Strick und dieser Existenz gewählt hatten. Die Vegetation war weit und breit herum mulsterig, übelriechend und von jenem eklen Grün, wie es etwa die faule Pflanzendecke auf stehenden Wassern zeigt. Die Fußtapfen der Pferdehufe oder die Wagenspuren in dem schwammigen Boden standen von Pilzen voll, ja Moorfeld konnte Schwämme und Pilze noch reichlich an den Wohnhäusern sehen, wo sie aus den Ritzen der Wände wie Hexenkorallen in ganzen Schnüren und Ketten hervorquollen. Es war ein schauderhafter Fleck Erde: weder Wald noch Sumpf, noch Heide, das Ganze schien wie ein ungesunder Magen, der Essig und Kalomel getrunken und den Anblick seiner inneren Szenerie an die Sonne gewendet hat. Solche Stellen konnte im praktischen Amerika nur der Humbug besiedeln. Der erste Anbauer hat sein Land durch Agentur, vielleicht schon in Europa, gekauft und war er nicht in der Lage, den Verlust zu tragen, indem er es wieder aufgab, so konnte er nur vom raschesten Menschenzuwachs Verbesserung hoffen. Er verführte also andere, welche in der gleichen Lage wieder andere verführten; so verwandelte sich der krankhafte Landstrich in einen Stadtbauplatz, und auf seiner Oberfläche 
       schwebt jetzt eine Anzahl von Menschen eine Zeitlang zwischen Tod und Leben, bis es sich bleibend entscheidet, ob der Ausfluß des Bodens oder der Einfluß des Menschen die Oberhand davonträgt. Siegt der Mensch, so wird mit Posaunenstößen die wunderbare Kulturkraft des Amerikaners durch die Welt verkündigt; siegt das Naturgift, so begräbt eine Handvoll von Humbugern im tiefsten Stillschweigen seine Leichen, während der Überrest im tiefsten Stillschweigen abzieht, – Gras wächst über die Stätte und ihrer wird nicht mehr gedacht.
      Dies waren Moorfelds Betrachtungen, als er den häßlichen Ort langsam durchritt. Er gelangte auf einen freien Platz in der Mitte desselben und fand einiges Leben hier. Eine hölzerne Bude, welche sich City-Hall nannte, aber viel mehr einem Wagenschuppen glich, war von oben bis unten mit ellenlangen Plakaten von Buntpapier beklebt, während Fahnen und Standarten in allen Farben auf langen Stangen in der Luft flatterten; er sah den Schauplatz der Landauktion. Diesem Hause gegenüber stand ein gotisches Unding, die Kathedrale von Neu Lissabon. An jedem andern Orte hätte das barbarische Machwerk die Sinne beleidigt, in der Umgebung der elendesten und schmutzigsten Hütten aber machte es immer noch Staat. Der Raum zwischen diesen beiden öffentlichen Gebäuden, welcher je nach Umständen eine Pfütze oder eine Staubwüste war, in beiden Gestalten aber der Square von Neu Lissabon hieß, diente jetzt einer Menge von Zeltwagen, Marktbuden und sonstiger fahrender Zigeunerhabe zum Standorte; es war das Feldlager von Zuzüglern, welche die Landauktion aus näherer oder fernerer Umgebung herbeigelockt hatte. Ein spekulierender Irländer hatte diese Gelegenheit benutzt, Geschäfte in ein paar Fässern Fusel zu machen, welchen er von seinem Karren herab für mint julep ausrief; ein fliegender Buchhändler neben ihm verkaufte den Himmel in beliebiger Auswahl, nämlich Traktätlein aller möglichen Glaubensbekenntnisse. 
       Das gläubige und ungläubige Publikum traktierte sich aber mit mehr Vorliebe in einer Trinkstube, auf welche Moorfeld erst aufmerksam wurde, als er sich überhaupt um Publikum umsah und verhältnismäßig wenig am Platze fand. Er entdeckte bei dieser Gelegenheit noch ein drittes öffentliches Gebäude, nämlich ein Croceryshop mit einem Wirtshaus verbunden, und zwar dicht am gotischen Dome, dem es zur Seite stand wie ein Ministrant seinem Priester. Der Kramladen mochte einst besser in die Augen gefallen sein, als nämlich die Farben der kolorierten Lithographien an seinem Schaufenster noch greller erglänzten. Moorfeld musterte diese Lithographien und fand bunt nebeneinander den Alpenübergang Napoleons, Mrs. Siddons als Lady Macbeth, das Rennpferd Eclipse, einen Faustkampf zwischen John Bull und Bruder Jonathan, die Rückkehr des Geliebten, Rotjacke im indianischen Kostüm, Edmund Kean als König Lear, die Schlacht bei Bunkershill, eine New Yorker Regatta, General Washington, Lord Nelson, das Fegefeuer u. a. Über all diese Blätter hatte sich eine Unzahl von Fliegen verbreitet mit überreichlicher Hinterlassung ihrer wohlbekannten Spuren. Die Spelunke erreichte daher durch ihr Schaufenster so ziemlich das Gegenteil der beabsichtigten Anziehungskraft; da überdies die Trinkstube nebenan Rauchwolken des schlechtesten Tabaks, vermischt mit den Pestdünsten abscheulicher Getränkesorten, durch alle Fugen und Ritzen ausschwitzte, so fand sich Moorfeld wenig eingeladen, das wirtliche Dach dieses Hauses zu beschreiten. Nur sein Pferd stellte er hier ein; seine Person, die, wie er aus hinlänglicher Erfahrung wußte, selbst unter dem widerlichsten Pöbelhaufen in keiner öffentlichen Herberge auf irgendeine Sonderung dringen durfte, rettete er wieder ins sogenannte Freie. Er kaute für all sein Nahrungsbedürfnis ein Stückchen Bouillontafel, deren er in Pittsburg einen neuen Vorrat eingekauft. Irgendein nettes Privathäuschen zu entdecken, wo er an einem leidlich 
       menschlichen Tisch sich zu Gaste bitten könnte, ohne das »Hotel von New Lisbon« zu frondieren, darauf verzweifelte er in dieser Kaffernstadt.
      Inzwischen ertönte ein greller Trompetentusch von einer Dachluke des Schuppens, d. h. vom Balkon der City-Hall. Das brachte einige Bewegung auf dem Marktplatz hervor. Unter den Dächern der Zeltwagen streckten sich lange Amerikaner-Beine hervor, die dort ihre Mittagsruhe gehalten hatten, aus der Trinkstube des Croceryshops kamen die Gäste gruppenweise über den Square daher gestolpert, der fliegende Buchhändler schloß seine Mappen und der Irländer trank seinen mint julep selber. Alles drängte sich durch die unbehauenen Türpfosten des Stadthauses. Moorfeld folgte. Er stand in einem Stalle, den die Väter der Stadt vielleicht ihren Sitzungssaal nannten, aber der Fußboden dieses Saales war die rauhe unbedielte Erde, die Fensterlöcher hatten keine Fenster, was zwar einen dankenswerten Luftzug gegen die Hitze bewirkte, aber auch einer Unzahl von lästigen Mücken die Passage frei gab, die Decke endlich war so niedrig, daß die Beleuchtung, obschon sie ungetrübter als durch das reinste Kristallglas einfiel, doch etwas Düsteres und Kellerartiges hatte. Das Ameublement bestand in einem Tisch und einigen Stühlen für die Auktionsbeamten nebst zwei langen Bänken für das Publikum, welche an den beiden Längenseiten des oblongen Quadrats hinliefen. Das Publikum nahm dieselben teilweise ein, teils stand es umher oder ging auf und ab. Es waren meist Hinterwäldler, die in Kitteln von selbstgewebten Zwilch oder Kaliko, den groben Strohhut auf dem Kopfe und ein Priemchen Tabak zwischen schlechten Zähnen, herumlungerten. Dieser Aufzug war aber auch alles Ländliche an ihren; Moorfeld bemühte sich vergebens, gewisse allgemein gültige bäuerliche Grundtöne in ihrem Wesen herauszufinden. Kein einziger sah zufrieden, glücklich oder – ehrlich aus. Ihre Leiber waren vom Fieber abgemagert, welk und 
       schlotterig, ihre gefurchten Gesichter bleich und von Luft und Sonne mehr übermalt als gesund gebräunt, ihre hohlen Augen gingen unruhig umher, voll List und Verschlagenheit und wie von allseitigen Sorgen umlagert. Es war eine traurige Heerschau für unsern Europäer. Sind das die Bürger eines freien und glücklichen Landes? fragte er sich unwillkürlich. Zwischen diesen Gestalten bewegten sich noch einige Exemplare aus einer anderen Schichte der Gesellschaft; diese waren mehr oder minder städtisch gekleidet, trugen goldene Uhren und affektierten eine gewissen gentlemanlike Haltung. Moorfeld erkannte sie aber mühelos als Subjekte von gemeinem Charakter und Gewerbe, sie machten ihm ungefähr den Eindruck von verkommenen Advokaten oder durchgegangenen Handlungskommis, kurz von Industrierittern auf allen Gäulen. Indem unser Freund das Treiben dieser Leute schärfer beobachtete, merkte es bald, daß sich ihre Tendenzen gemeinschaftlich an einem Manne begegneten, den sie wie Flammen einen festen Körper umzüngelten; wenigstens schien ihre Rolle die angreifende und die des andern die passive oder selbst die abwehrende. Der ganze Anblick erinnerte ihn auffallend an seine eigene Stellung weiland im Generallandamt zu New York. Diese Ähnlichkeit vermehrte noch das Interesse seiner Beobachtung, das übrigens das Bild jenes einzelnen Mannes schon durch sich selbst zu erregen geeignet war. Derselbe war unverkennbar ein Deutscher, stand in den mittleren Mannesjahren und trug die tiefsten Spuren einer schweren kummervollen Lebenslast zur Schau. Sein Wesen schien das eines ehrlichen, ja selbst noblen Charakters, die eiserne Hinterwaldsarbeit hatte sein Äußeres verknechtet, sein Inneres machte noch eine Art von Figur. Er kontrastierte ebenso fremdartig als vorteilhaft zu den Physiognomien um ihn her, denen die Wolfs- und Luchsnatur eines schlauen und raubgierigen Materialismus grell aufgeprägt war. Er machte neben ihnen mehr den Eindruck eines ausgedienten 
       braven Soldaten, der den Pflug ergriffen, oder eines kleines Landedelmanns, der sein Feld bestellt, als eines Landproletariats, der es ist mit der ganzen Verkommenheit seines sittlichen und geistigen Zustandes. – Sein momentaner Zustand erweckte im steigenden Grade Sympathie. Er befand sich jenen Industrierittern gegenüber offenbar in einer schwierigen, vielleicht selbst verzweifelten Lage. Moorfeld vergaß alles Übrige um sich, indem er den Fortgang dieser Szene verfolgte. Sie hatte ihren Anfang genommen damit, daß einer der Industrieritter gesprächsweise zu dem Manne trat und ihm, wie es schien, im Vorbeigehen ein Offert machte, das er mit der Miene eines Gönners, sonst aber mit großer Gleichgültigkeit behandelte, gleichsam als wäre hier von einem Vorteile die Rede, den nur der andere allein genösse, während er selbst kein Interesse dabei habe. Der Deutsche hatte ihn angehört, einige Gegenfragen gemacht und dann, wie von einer Notwendigkeit überzeugt, die sich nicht ändern läßt, seine Brieftasche gezogen, aus der er langsam und bedächtig eine Banknote hervorholte, die der andere leicht und ungedankt in seine Westentasche schob. Hierauf trat ein zweiter der uhrenkettenbehängten Gentlemen zu dem Manne. Es wiederholte sich von ersterer Seite mit geringen, von letzterer aber mit bedeutsameren Variationen dasselbe Spiel. Es war dem Deutschen, wie man sehen konnte, eine sehr ernsthafte Sache, auch von dieser Person in Anspruch genommen zu sein. Seine Miene verdunkelte sich, seine Stirnfalten wurden tiefer, seine Augenbrauen zogen sich in die Höhe, einer seiner Füße trat unwillkürlich zurück, die ganze Stellung drückte den Schrecken aus, womit man sich gegen ein unvorhergesehenes Phänomen in Positur setzt und einen Augenblick stutzt, ob man sich ihr unterwerfen muß oder entziehen kann. Der Deutsche machte eine Gebärde, mit der er offenbar auf den Mann wies, welcher soeben von ihm gegangen: der Industrieritter dagegen wendete kaum den Kopf, zuckte die Achseln und 
       sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung: pah! Der Deutsche war unentschlossen, ratlos. Er warf einen verstörten Blick auf seinen Gegner, maß ihn von oben bis unten und schien die ganze Kraft seiner Menschenkenntnis zusammenzuraffen, um denselben zu durchschauen. Dieser wandte sich stolz zum Gehen. Der Deutsche schüttelte den Kopf, seufzte und folgte jenem, indem ihm zu bangen schien, die Verhandlung abzubrechen. So wandelten die beiden in kurzen Schritten auf einem schmalen Bodenstreifen eine Zeitlang auf und ab und setzten sich ernstlich auseinander. Das Ende war, daß der eine wieder seine Brieftasche zog und dem andern eine Banknote daraus reichte, von der er sich mit sichtlicher Aufopferung trennte. Hierauf trat er an ein Fenster oder vielmehr in eine der leeren Fensterhöhlen und erholte sich mit ein paar Atemzügen frischer Luft von seinem Kummer. Aber er stand nicht lange so. Zwei Schacher nahmen ihn in die Mitte, indem sie links und rechts an seine Seite traten. Dritte und vierte Wiederholung der nämlichen Pantomime. Nur schienen sich die Rollen diesmal umzukehren. Der Deutsche stellte sich kalt, gelassen, gleichgültig und versuchte es, die zwei neuen Quälgeister über seinen eigentlichen Zustand, auf den sie spekulieren mochten, irre zu führen. Der Versuch blieb aber vergebens. Sei es, daß sie sein Benehmen in den beiden vorigen Fällen allzu genau beobachtet oder überhaupt untrüglich gut orientiert waren: genug, sie hatten sich bald fest in den Mann gehakt, der zwischen ihnen jetzt ein so tragisches Bild bot wie Laokoon zwischen den Schlangen. Er litt, er duldete. Seine Mimik war ganz Schmerz, aber dürrer, hoffnungsloser Schmerz, der nur ein Unterliegen vor Augen hat, kein Überwinden. Er kämpft, weil er noch die Kraft dazu fühlt, – Schritt für Schritt diese Kraft aufzubrauchen, kann der einzige Preis des Kampfes sein. So sah man ihn mit seinen beiden Tyrannen handeln und unterhandeln, Vorstellungen machen, schroff und entgegenkommend, 
       nachdrücklich und gelinde sein, man sah die ganze Arbeit eines Menschen, der alles versucht, einen billigen Frieden zu erlangen, und weiß, daß alles umsonst sein wird. Seine Partner standen und ließen ihn gewähren, wie man einen Menschen etwa höflichkeitshalber anhört. Wie dringend er die Aktion belebte, sie waren tot und ließen ihn Schläge ins Wasser tun. Ein kaltes Achselzucken, ein Schnippchen mit dem Finger, ein Ruck auf dem Absatz, ein stummes Getändel mit der Uhrkette, mitunter ein spitzer Mund, als pfiffen sie geistesabwesend ein Liedchen – das war ihre ganze Antwort. Es war die Rhetorik von Granitherzen. Endlich ergab sich der andere in sein Schicksal. Er zog seine Brieftasche und händigte ihnen zwei Banknoten aus. Dann setzte er sich auf die Bank hin und begrub den Kopf in seine beiden Hände, welche er auf die Knie stützte. Wenn ein Maler eine Mannesträne malen wollte, ohne sie sehen zu lassen, so würde er diese Stellung wählen – sagte sich Moorfeld.
      Jetzt trat durch einen untern Eingang des »Saales« der Sheriff mit zwei Clercs ein. Er stellte sich hinter seinen Tisch und gab mit einem Hammer das Zeichen des Anfangs. Die anwesenden Waldfäuste erhoben sich vorwurfsvoll über sein langes Ausbleiben. Der Sheriff bat die »Herren« sehr artig um Verzeihung, worauf sich das souveräne Volk zufrieden gab. In diesem Augenblick näherte sich ein fünfter Industrieritter dem Mann auf der Bank. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und mußte ihn mit einem Wort aufgescheucht haben, das genau die Tendenz der vier andern ausdrückte, denn der Mann zuckte, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen und starrte den Fünften an, gleichsam als begriffe er nicht, wie es möglich sei, daß sich nach all seinen Opfern die alte Zumutung von neuem vor sein Auge hinpflanzen könne. Indem Moorfeld sein so erhobenes Gesicht betrachtete, ergriffen ihn die rührenden Züge des inneren Menschen darin. Der Kopf kam 
       ihm schöner vor als zuvor, gleichsam als hätte der Schmerz inzwischen Zeit gefunden, sich über sein ganzes Ich auszugießen und es zu einem reinen Modell des Seelenleidens zu idealisieren. Desto abscheulicher stach die Physiognomie des Fünften neben ihm ab. Der Mann war ungefähr ein naher Sechziger, sein Schädel eine schwere und unförmliche Masse, seine Züge grob geschnitten, das Gesicht aufgetrieben, wulstig, voll Warzen und beulenartiger Unebenheiten, welche durch die Ideenverbindung mit Krankheitsursachen noch zurückstoßender wurden; er hatte eine niedrige Stirn, eine platte Nase, einen dicken brutalen Mund und hervorragende Backenknochen. Seine Augen waren klein, grau und von einem bösen Blick; zottige Augenbrauen hingen darüber im finstern, schweren Buschen herab und vollendeten den Ausdruck eines ungeselligen, harten, rachsüchtigen Charakters. Dieser Wehrwolf stellte sich jetzt dem vielgebeugten Manne entgegen und wiederholte, wie man sah, das Manöver der vier Vorhergegangenen. Der Deutsche stand da, sein Haupt auf die Brust gesunken, die eine Hand am Barte, die andere schlaff niederhangend, den Blick auf dem Boden. Er war auf einem Punkte angelangt, wo er verzweifelte. Nur einmal sah man ihn eine leichte Frage tun, gleichsam versuchsweise, wie über einen Gegenstand, den man aufgibt. Der Häßliche antwortete, – der Deutsche maß ihn mit einem langen, stummen Blick, dann wendete er sich um, holte seinen Wanderstock von der Wand und schritt ohne weiteres dem Ausgange zu. Nahe an der Türe wurde sein Gang langsamer, noch einmal blickte er in das Auktionszimmer zurück, wie auf eine Position, die man mit schweren Opfern erkauft und schwer wie das Leben selbst verläßt, ein Seufzer unendlichen Wehs entwand sich seiner Brust, er fiel mehr hinaus, als er ging.
      Um Gottes willen, was geht hier vor? rief Moorfeld, den Mann zurückhaltend.
      Ein Schicksal! antwortete dieser tonlos.
      
       Erklären Sie sich, mein Herr, ich bitte!
      Es ist entschieden! Ich soll nicht leben. Auch der letzte Faden reißt. Lassen Sie mich.
      Es gelang Moorfeld erst nach einigen Minuten, andere als solche und ähnliche Antworten zu erhalten, welche den Glauben an ein düstres, alles vereitelndes Faktum atmeten. Der Deutsche entzog sich mehr seiner Teilnahme, als er ihr entgegenkam; er schien eine jener wackern Naturen, welche ihre Kraft lange zusammenhalten, aber gebrochen auch vollständig brechen. Diesen Verlust seiner männlichen Fassung fühlte er auch mit Scham; er strebte hinweg, und nicht leicht war es, ihn festzuhalten. Selbst die deutsche Anrede, womit Moorfeld gleich vorweg ihn zu gewinnen gedacht, verfehlte jedes Zaubers auf ihn. Ich bin in allen Zungen betrogen worden, sagte der Unglückliche. Moorfeld schleppte ihn endlich mit Gewalt in eine einsame Ecke und forderte sein Vertrauen wie die Erfüllung einer Menschenpflicht.
      Das Unglück muß sich erzählen, sagte der andere, es ist wahr; jeder Weinende ist dem Konzertsaal ein Andante schuldig. Wohlan, mein Herr, ich war deutscher Offizier, mein Name ist von Anhorst. Ich hatte ein Duell mit einem andern Offizier, welcher die Ehre meiner Frau beleidigt hatte, weil sie ein armes, braves Bürgermädchen war, indes er selbst die Mätresse eines Großen und die natürliche Tochter eines andern Großen geehlichet. Der Ausgang des Duells brachte mich auf die Festung. Man verhalf mir zur Flucht, ich ging mit Frau und Kind nach Amerika. Aber – unterbrach sich der Erzähler mit plötzlich veränderter Stimme – aber, mein Herr, indes ich so anfange, wird dort geendet mit mir. Haben Sie gehört? schon rief der Sheriff das Land aus, das ich mit dieser Hornhaut auf den Händen, das ich mit dem vierfach erkauften Rechte zu kaufen, mein nenne. Steht Ihnen noch mehr von meiner Geschichte zu Diensten?
      Moorfeld gab sich die Miene, die Bitterkeit des Tiefverstimmten zu überhören, und sagte mit Wärme: Allerdings, 
       mein Herr, bitte ich darum, wenngleich nicht in diesem Augenblicke. Gegenwärtig würde ich Ihnen Dank wissen, wenn Sie mir bloß die letzten Ihrer Worte zu erklären so freundlich wären. Das Land, worauf Sie gerechte Ansprüche haben und das Ihnen desungeachtet soeben entgehen soll – wie verhält es sich damit?
      Anhörst, wie wir den Deutschen jetzt nennen können, widerstand der fortgesetzten Freundlichkeit Moorfelds nicht länger; er fühlte seinen eigenen Kulturmenschen wieder erwacht in sich und antwortete etwas geselliger: Sie wissen, mein Herr, was ein Squatter oder Vorsiedler ist. Er ist ein Festungssträfling im Freien. Er verrichtet die härtesten aller menschlichen Arbeiten, denn er geht allen übrigen Arbeiten voraus. Mit Axt und Flinte wirft er sich in den Ozean der Urwälder und Prärien, und wo er die Spuren einer Büffelherde entdeckt, dort ist seine Etappenstraße; der folgt er. Eine Waldeinöde links, eine Graseinöde rechts, und in der Front vielleicht ein trüber Abfluß von einem morastigen See – das ist ihm genug zur Heimat: den Winkel wählt er und fragt nichts darnach, ob er zur nächst-größeren Stadt ungefähr so weit hat, wie von Basel nach Leipzig. Er zündet das erste menschliche Licht an, wo sonst nur der Blitz in Bäume gezündet hat, er haut sich ein paar Schock Eichen um, welche mit Friedrich von Hohenstaufen zugleich flaumbärtige Kinder waren, er stellt sich seine rohe Blockhütte auf. Er bricht den Wald und Prärieboden um, der mit zahllosen Wurzeln wie mit einem Eisendraht durchflochten ist, er rodet rastlos das ewig nachwuchernde Unkraut aus, er schützt sich endlich das halbwegs geklärte Feld gegen die wilden Tiere und gegen sein eigenes bald verwilderndes Haustier mit dem bekannten Fenzenzaun, zu welchem Ende er die gefällten Eichen jetzt in Hunderte von Scheitern aushackt. Das alles sind gräßliche Arbeiten, Herr. Der Squatter bekommt Hände davon wie ein Petrefakt – sehen Sie, 
      solche Hände ungefähr. Der Sprecher wies 
       seine Hände und ließ sie gegeneinanderklirren wie Schildpatt. Ich sehe nicht ab, wie das im Grabe verwesen soll, setzte er mit einem tragischen Scherze hinzu. Dann fuhr er fort: Ist nun das Hauswesen also festgenagelt in den widerspenstigen Boden, sind die Sommerfieber glücklich überstanden, kommen weder Überschwemmungen, Windbrüche, Waldbrände vor, geht nicht gleich die erste Ernte an der hessischen Fliege zugrunde: so – nun, so hat sich eben kein Unglück ereignet, aber der Vorsiedler ist darum noch nicht sicher in seiner Existenz. Ein Käufer erscheint, welcher das Land, das bis dahin herrenlos war, kauft. Der Vorsiedler kann dann gehen, wenn es dem Käufer beliebt. Das ist eine Katastrophe, die er früher oder später über sich ergehen lassen muß. Freilich gibt's eine Partei, die freesoolers, welche den Grundsatz aufstellt: amerikanischer Boden werde durch Arbeit, nicht durch Geld erworben. Diese Partei würde dem Vorsiedler das Land als Eigentum zusprechen. Aber ihre Politik hat noch nicht die Majorität. Bis dahin kann jeder Vorsiedler ausgekauft werden und alles, was ihm der Kongreß als jus primae occupationis zu bewilligen für gut findet, das ist das Recht des Vorkaufs. Aber selbst diese kleine Wohltat, von der Gesetzgebung gewährt, wird von den Gesetzgebern, nämlich vom Volke selbst, wieder illusorisch gemacht. Ein Beispiel davon sehen Sie an mir. Nachdem ich in verschiedenen Städten meinen Wohlstand gegründet, aber dem großen und kleinen Krieg der Yankee-Tricks stets immer wieder erlegen war, gab ich den ungleichen Kampf endlich auf und vergrub meinen Ekel vor diesem Volke in diese Waldeinöde. Das Land, worauf ich mich niederließ, gehörte einem Manne, namens John Stutering, der einen notorischen Mord begangen, aber durch die Umtriebe seines Advokaten es dahin gebracht, daß er gegen tausend Dollars Kaution, wofür er eben dieses Land verpfändete, aus der Personalhaft entlassen wurde. Kaum freigegeben, ergriff er sofort die Flucht. Sein Grundstück 
       – es war ein roher Waldboden auf Spekulation gekauft, – blieb herrenlos hinter ihm zurück. Ich siedelte mich in einem äußersten Waldeckchen davon an, so genügsam als möglich. Die Untersuchung nahm indes ihren Fortgang und stellte die Beweise gegen John Stutering vollständig her. Er war fort. Die Gerichte ziehen nun die Kaution ein und versteigern das Land. Das Wort Versteigerung ist aber in diesem wie in den meisten Versteigerungsfällen nur ein Wort. Niemand beeilt sich zu bieten, denn das unverkauft gebliebene Land ist bedeutend niedriger, oft unter einen Dollar per Acre, zu erstehen. Auf diese Gelegenheit wartet man. Aber dies ist dann auch der Fall, wo ein Vorsiedler, wenn ein solcher da ist, das Vorkaufsrecht hat. Bleibt also Stuterings »Los« bei der heutigen Versteigerung unverkauft, so bin 
      ich der Berechtigte, zu dem herabgesetzten Preis es vor allen Mitbewerbern an mich zu bringen. Das ist die Gunst des Gesetzes.
      Nun aber die Menschen! Sehen Sie mein Herr – doch, Sie haben es, wie ich höre, gesehen. Sie haben es genau verfolgt, wie diese Meute mir zusetzt. O es sind Teufel! Es ist keine Menschlichkeit in ihnen. Herr, in deinem Reich! es läßt sich am Ende noch begreifen, wenn sie mich als Geschäftsmann betrogen, da ich im gestickten Pantoffel auf Brüsseler Teppichen wandelte: – sie mochten denken: Schelm, wer weiß, woher 
      du es hast; wir nehmen's einer vom andern. Aber der arme Settler, der mit schwielenvoller Faust das härteste Stück Brot, das von Menschen gegessen wird, aus der Erde gräbt, der nichts hat als seinen Schweiß, der mit Pflug und Karst niemand übervorteilen kann, wohl aber die Grundlage aller übrigen Geschäfte und Vorteile ist – doch ich will kurz sein. Ich habe gesagt, die Versteigerung ist kaum mehr eine Form, es findet sich nicht leicht ein Steigerer ein. Wohl! Es finden sich aber schlechte nichtswürdige Menschen ein, welche sich für Steigerer ausgeben, um dem armen Vorsiedler ein Stück Geld abzupressen. Diese Leute haben oft keinen 
       halben Adler in der Tasche, dessenungeachtet treten sie dreist mit der Miene auf die Auktion, als ob sie das ausgebotene Land zu jedem, auch dem höchsten Preis kaufen würden. Es liegt für ihre Geschäftsverbindungen wunderbar bequem, sie werden Kardiermaschinen, Drehmaschinen, Marmormühlen, Lohmühlen, Kreissägen und Gott weiß welche »Improviments« darauf errichten, sie wissen ganz sicher, daß ein Kanaldurchstich oder eine Eisenbahnlinie durch dieses Grundstück projektiert ist, und daß es demnächst hundertfachen Wert haben wird: kurz sie steigern jedenfalls. Da aber ein Vorsiedler da ist, so wollen sie freilich nicht rücksichtslos sein. Zu seinen Gunsten stehen sie von dem Handel ab und bitten sich nur ein »hush-money« von etwa fünf oder zehn Dollars aus. Diese kleine Erkenntlichkeit dürfen sie billig in Anspruch nehmen. Wer wollte sie verweigern? Es wäre sein eigener Schaden. Der arme Settler zahlt es denn auch. So muß er sich sein Vorkaufsrecht kaufen, das er durch die »freien und aufgeklärten Institutionen« dieses Landes hoch-wohlklingender Weise umsonst hat. Manchmal darf er freilich das hush-money ungestraft verweigern. Zuweilen statuiert aber auch der Scheinkäufer ein Exempel und kauft wirklich. Den Kaufschilling bringt er durch die Hilfe seiner Zunftgenossen zusammen. 
      Ein solcher Fall wirkt dann gleich vielen. Der Settler kann nie wissen, was er für eine Potenz vor sich hat. Er läßt sich also, es schmerze, wie's wolle, gutwillig brandschatzen.
      Daß man auf jeder Landauktion, fuhr Anhörst fort, einem solchen hush-money-Reiter begegnen werde, darauf kann man schon längst und regelmäßig gefaßt sein. Die Entsittlichung der Bevölkerung schreitet noch mehr vor als diese selbst. Auch ich kam auf die Lisboner Auktion in keiner bessern Erwartung. Ja, ich glaubte gefaßt zu sein. Leider! dem gegenüber, was mich erwartete, ging mir die Fassung aus in Börse wie in Gemüt. Nicht ein, fünf 
       hush-money-Wölfe nahmen mich diesmal in Empfang. Das war mir überwältigend neu! Ach, mein Herr! ich habe in den Städten viel Unglück erlebt: die Bowery-Jungen zu New York haben mich gewaltsam geplündert, die Quäker zu Philadelphia gaben in Geld- und Wechselsachen falsch Zeugnis wider mich, und die ersten Häuser in Cincinnati bankrottierten mich nieder, während sie selbst ihren pile dabei machten. In dieser Wildnis, mit dieser Kieselfaust, glaubt' ich, um den Preis alles dessen, was das Leben schön macht, das Leben behaupten zu können. Umsonst. Es geht noch einmal nicht. Viermal, wie Sie sahen, zog ich meine Brieftasche und fütterte die Wölfe; was ein Mensch geben kann, der entschlossen ist, lieber sämtliches Ackergerät aus Eisen zu verkaufen und mit hölzernen Stangen und zehnfacher Anstrengung zu arbeiten, das gab ich diesen Unbarmherzigen dahin, um mein letztes unwirtliches Waldasyl festzuhalten. Umsonst. Viere könnt' ich befriedigen, den fünften nicht mehr. Der ist unter den Wölfen der Wehrwolf. Sehen Sie diesen grauen bestialischen Satan mit seinem bösen Auge und vertiertem Gesichte, ein Kerl, der eher einer Kreuzung von Schwein und Tiger als einem Menschen gleicht, Mr. Wogan ist's, einer jener unzähligen Winkeladvokaten, die wie Pest und Finnen im Staatskörper dieser dissoluten Republik stecken, ein Herumtreiber, der alles mitnimmt, was nach Schlechtigkeit riecht, ein Ignorant, der noch nie einen ordentlichen Prozeß vor der Barre gewonnen hat, aber dessenungeachtet von einer gewissen Klientensorte gesucht wird, weil die Geschwornen, die gegen sein Plädoyer votieren, nicht selten an einem anonymen Drohbrief erkranken, und bald darauf irgendwo tot gefunden werden – dieser Kannibale ist's, der mir jetzt alles vereitelt, mein Recht, meine Aussichten und meine Geldopfer, die ich beiden schon gebracht. Ein Mensch, der soeben in Mr. Clahanes Bar – ich lege einen Eid darauf ab – seinen letzten Dirne in Slings vertrunken, wagt es, mir vorzuschwindeln – 
       In diesem Augenblick unterbrach Moorfeld seinen Mann, und fragte mit jenem Tone, der einen fertigen Entschluß ausdrückt, welcher nur noch der letzten Feile bedarf: Sie scheinen sich übrigens, mein Freund, an der hiesigen Gegend ein traurig Stück Erde zum Wohnplatz erwählt zu haben?
      Die Gegend ist gut, antwortete Anhörst mit Unbefangenheit. Wenn Sie vom Ohio heraufgekommen sind, so werden Sie bemerkt haben, daß der Boden teils zu naß, teils zu trocken war; hier in Lisbon z. B. das erstere. Die Weide oder die Fichte stand da einseitig. Stuterings Waldland hingegen hat eine sehr reiche Mischung von Baumarten, was bekanntlich schon allein hinreicht, über den Wert eines Grundstücks jedes Laienauge zu orientieren. Wenn Lisbon sich ausdehnt, so wird es vor all seinen übrigen Radien der Richtung Stutering folgen müssen. Dort sind die Bodenbestandteile –
      Die Unterhaltung der beiden Männer ward an dieser Stelle unterbrochen. Der Sheriff hatte die Auktion über das besprochene Grundstück eröffnet, ein Akt, auf welchen unsre zwei Freunde nicht sonderlich geachtet, da Moorfeld inzwischen auf Anhorsts Mitteilungen gehört, und dieser selbst, wie wir wissen, das ganze Steigerungsgeschäft mehr wie eine Vorarbeit, als wie den Mittelpunkt der Handlung betrachtete. Wie groß war daher Anhorsts Bestürzung, als der Sheriff das Grundstück zu tausend Dollars kaum ausgerufen hatte, und eine Stimme sogleich tausendzweihundert dagegen rief. Es war die Stimme Mr. Wogans. Fest und trotzig rief er sein Angebot und wendete sein häßliches Gesicht bedeutungsvoll auf Anhorst zurück.
      Er bietet wahrhaftig! stammelte dieser erblaßt und sah mit einem schreckenseisigen Blick auf Moorfeld.
      Tausendfünfhundert! rief eine zweite Stimme. Aber in seinem ganzen schicksalsreichen Leben hatte Anhorst wohl nie einen so plötzlichen Wechsel von Gemütsbewegungen 
       erfahren, denn diese zweite Stimme war Moorfelds Stimme selbst. Ein wallendes Freudenrot überflog die harten, zerarbeiteten Züge des Deutschen und kaum glaubend an diese plötzliche Hilfe in der Not, bückte er seinen Retter zwischen Furcht und Hoffnung an. Moorfeld nahm sich keine Zeit, den Zagenden seines ausdrücklichen Schutzes zu versichern, denn Funke auf Funke stob's jetzt zwischen ihm und Wogan; er konnte nur durch Taten antworten. Tausendsechshundert, hatte Wogan geantwortet, siebenhundert gab Moorfeld zurück, achthundert Wogan, neunhundert Moorfeld, neunhundertfünfzig Wogan, zweitausend Moorfeld.
      Der ganze Saal wendete sich jetzt nach den beiden Kämpfern, während einige der erfahrendsten Landhändler das Haus verließen, überzeugt, daß jedes weitere Verweilen unnütz und die Auktion »fest« sei. Der Sheriff selbst streckte mit einiger Verwunderung seinen langen Hals aus den Vatermördern, und es geschah offenbar zu seiner eigenen Überraschung, daß er John Stuterings Los nunmehr zu zweitausend Dollars zu auktionieren fortfahren konnte. Und schon sah man den Hammer in seiner Hand erhoben und zum Niederschlagen bereit, als Wogan schnell noch ein neues Hundert dazwischen rief. Moorfeld überbot mit zweihundert, Wogan steigerte drei-, Moorfeld vier-, Wogan fünfhundert. Zweitausendfünfhundert! rief Wogan. Jetzt hielt Moorfeld inne. Wogan stutzte. Unwillkürlich blickte er hin nach Moorfeld, aber nicht triumphierend, erschrocken war der Blick. Ertappt! rief Moorfeld seinen Schützling anstoßend, jetzt wollen wir ihn zappeln lassen. – Zweitausendfünfhundert wiederholte mit heller Stimme der Sheriff. Moorfeld schwieg noch einmal. Wogan blickte nicht mehr nach ihm, er mocht fürchten, daß sein voriger Blick ihn verraten. Desto unerbittlicher durchbohrte Moorfelds Auge den Betrüger. Dieser stand da, den Kopf gesenkt und zur Seite geneigt, wie ein Mensch, der dem, was herankommen 
       soll, nicht ins Auge zu schauen wagt. Es war eine Stellung, kleinlaut und grimmig. Zweitausendfünfhundert! rief der Sheriff zum dritten Male. Moorfeld beharrte in seinem Schweigen. Er beharrte in seinem Blick auf dem zermalmten, elenden Gesichtsausdruck seines Gegners. Die Szene fing an Aufsehen zu machen. Alles blickte mit Moorfeld auf Wogan, der seinerseits mit einem kriechenden Blicke von unten auf dem Niederfallen des erhobenen Hammers rat- und hilflos entgegenzitterte. Zuletzt holte sich Moorfeld eine Zigarre aus seinem Etui, biß ihre Mundspitze ab, schnellte sie mit der Zunge von sich und sagte dazu: Dreitausend! Es lag für Wogan etwas unendlich Verächtliches in dieser Aktion. Er bot nicht mehr. Die Lektion, die ihm Moorfeld gegeben, verfehlte ihre Wirkung nicht. Er schlich sich aus der Versammlung. An Moorfeld vorübergehend murmelte er mit tückisch gesenktem Haupte und einem bösen, wölfisch-schielenden Seitenblick: Ich heiße Wogan. – Mir sehr gleichgültig, erwiderte Moorfeld schnell und schwang seine Zigarre durch die Luft, um ihr Feuer anzufachen.
    



      Drittes Kapitel
      In seinen Wünschen zeichnet der Mensch sich selbst. Wie kommt es, daß er die Zeichnung so selten lobt, wenn sie äußerlich vor ihn hintritt – wenn der Wunsch erreicht ist? Wie kommt es, daß ein erreichter Wunsch uns oft düsterer stimmt als ein versagter? Im versagten Wunsche haben die Götter unrecht, im erreichten wir selbst! Nur an Tatsachen lernt sich der Mensch kennen. Nur dem verkörperten Wunsche gegenüber wird uns das Urteil, das Gefühl möglich, ob dieser das Maß unsers Innern wirklich enthielt oder nicht. Und es ist der gemeinere Mensch, der diese Frage sich bejaht. Die Besten und Tiefsten geben in ihren erreichten 
       Wünschen sich am härtesten unrecht. Mit Schauder und Ekel wenden sie sich von dem endlichen Bilde ihres unendlichen Ichs wie von einem Zerrbilde hinweg, um in höheren, kühneren Zielen der Sehnsucht sich würdiger zu genügen; diese erreicht, beleidigt sie von neuem die kleinliche Formel für einen großen Sinn: so schreiten sie von Unbefriedigung zu Unbefriedigung die erhabenen Pfade der Selbstqual zu Ende, bis sie am Markstein der Verzweiflung oder Vergötterung das Bewußtsein erringen, daß Irdisches und Ewiges nimmer sich decken, daß nichts Irdisches wünschenswert!
      Diesen Naturzug des menschlichen Herzens müssen wir uns gegenwärtig halten, wenn wir begreifen wollen, mit welchen Gefühlen Moorfeld tags nach der Landauktion in Anhorsts Blockhütte erwachte. Er hatte zum erstenmal auf dem Seinigen geruht, er stand zum ersten Male im Seinigen auf. Aber alles in ihm widerrief diese Tatsache. Das Wort »Urwald« tönte fremd und abschreckend im Herzen. Mit Anstrengung besann er sich jetzt auf den Ideengang, den die Entwicklung dieses Wunsches in Europa genommen und – er fand den Faden nicht mehr. Er fühlte sich tief unglücklich. Es war ihm, als sei er kein moralisches Wesen, sondern ein Mechanismus, dessen Bestandteile eine fremde Hand auseinandergelegt, und er selbst könne sie nicht wieder zusammensetzen. Er wußte nicht, habe er in Europa geirrt, oder irre er heute. In seinem Gemüte war plötzlich der Grundton verstummt, auf welchem sein Ich und der Urwald sonst im Akkorde gestimmt. Er sah seinen Wunsch vor sich nicht wie einen vertrauten, langgenährten Umgang, sondern wie einen zweideutigen Gesellschafter, mit dem man im Taumel Brüderschaft gemacht, und der bei ernüchterten Sinnen in Verlegenheit setzt. Alles ist Mißton hier, den angeklungenen Ton fortzusetzen und auch von ihm abzuspringen. Nach beiden Seiten hin fehlt die Wahrheit, – und so findet sich unser 
       Freund heute in einem Verhältnisse, das eigentlich eine Unmöglichkeit ist.
      Als er in früher Morgenstunde vor die Hütte trat, fehlte wenig, daß er nach seinem gesattelten Pferde gerufen. Er fühlte sich wie ein städtischer Spaziergänger, der eine Nacht auf dem Lande zugebracht und im jungen Tagesstrahl fröhlich davonfliegt. Warum er hier weilen sollte, war ihm unverständlich. Er hatte zum ersten Male eine dumpfe Ahnung davon, was es heiße, den europäischen Kulturmenschen an diesem rauhen Boden zu befestigen. Er erschrak, wie wenig seine Reise ihn vorbereitet. Sonst war er frei und heute gebunden – das allein entschied.
      Moorfeld hatte wenig geschlafen, und sein Auge war physisch wie moralisch überwacht, indem er die Szenerie seiner neuen Umgebung jetzt überblickte.
      Anhorsts Blockhaus war ein sogenanntes Log shanty und bestand, wie alle Obdachungen dieses primitiven Schlags, aus einer einzigen Kammer. Es war aus Baumstämmen aufgeführt, welche roh behauen übereinanderlagen, die Zwischenluken mit Moos und Lehm verstopft oder mit dünnen Holzspänen ausgefugt. Eine der Seitenwände zeigte den Ausschnitt für den Kamin, und dieser war aus Backsteinen erbaut. In der Nähe des Kamins stand die Bettstelle; ein Tisch und eine Bank von barbarischer Arbeit vollendeten das Ameublement. An den Wänden hingen die Werkzeuge von einem Dutzend Handwerkern herum, in denen der Hinterwäldler sämtlich sein Schüler und Meister zugleich sein muß. Die Diele bestand aus geschlagenem Lehm, die Fenster waren zwei in die Längenseiten der Hütte geschnittene Löcher, statt des Glases mit Holzläden versehen. Die Hütte lehnte sich an den Wald, doch waren die Bäume auf einige Entfernung von ihr weggebrannt. Vor der Hütte lag das Feld. Es war ein wüster Fleck Erde, übersäet mit verkohlten Baumpflöcken, zwischen welchen ein paar spärliche Raufen Getreidegelb fast sich verloren. Das Ganze umgab 
       jener häßliche Zickzackzaun – halb ironisch, wie es schien, denn erst er machte aufmerksam, daß hier überhaupt etwas einzuschließen.
      Dieses traurige Gehöft lag in einem Meere von Einsamkeit. Kein Vogel pfiff, kein Haustier brüllte, wieherte oder krähte in seiner Nähe – die Haustiere staken im Walddickicht und gaben sich nicht zur ländlichen Staffage her. Es war ein trübseliges Stück Menschen-Existenz. Das Grab eines Unbegrabenen! sagte Moorfeld bei sich. Doch nahm er sich zusammen, um seine Wohltat nicht selbst zu verkürzen, indem er seine Stimmung verriet.
      Bald erwachte auch Anhorst. Nach den wechselnden Aufregungen von gestern hatte ihn der Schlaf wie mit eisernen Armen umklammert. Er stand jetzt rüstig da, aber das Glück seiner neuen Schicksalswendung, ja nur die Frische eines gesunden Morgengefühls bemühte sich Moorfeld vergebens in seinen Mienen wahrzunehmen. Dieses Antlitz schien nur noch des Ausdrucks der Sorge fähig. Die Sorge war heute gewichen, aber der Glanz der Freude darum nicht aufgegangen. Der ernste Gleichmut der Alltäglichkeit herrschte darin.
      Anhorst bemühte sich, seinem »Grundherren« ein erträgliches Frühstück vorzusetzen und lobte den relativen Wert einiger Kaffeebohnen, über die er verfüge. Moorfeld überreichte ihm seinen ständigen Reisevorrat von Bouillon- und Schokolade-Tafeln. Bei diesem Anblick sah Moorfeld das erste Lächeln auf Anhorsts Miene. »Ach, mein Herr, was sind die Freuden des Einsamen!« vernahm er's in seinem Innern. Er dachte an den Zellengefangenen in Philadelphia.
      Die rauhe Blockhütte duftete bald von dem feinen Arom der Vanille. Moorfeld fing an, von Benthal zu sprechen. Der Dritte ist stets das beste Auskunftsmittel, wo zwei so vollen oder fremden Herzens sind, daß ihr Gegenüber stockt. Überdies stand dieses Thema mit unter den nächsten, welche hier Boden hatten.
      
       Anhorst schien mit Vergnügen von Moorfelds Plänen zu hören, – mit mehr sogar, als womit dieser selbst in gegenwärtiger Gemütsverfassung von ihnen sprach.
      Er ergriff die Gelegenheit, auch seinerseits mit einem kleinen Projekte hervorzutreten. Durch Moorfelds Güte, sagte er, habe er den Kaufschilling für sein Grundstück erspart und zur Disposition. Er wisse ihm eine vorteilhafte Beschäftigung. Der Einfall sei ihm schon gestern im Nachhausereiten aufgetaucht. An den oberen Seen ströme jetzt viel Volk zusammen. Über weite Distrikte ergieße sich ein Andrang von Kolonisten, die alles bedürften und nichts hätten. Eine Zufuhr von Saatkorn und Lebensmitteln dahin müsse ungeheuer rentieren. Er hätte Lust, sein kleines Kapital in solch einem Versuche arbeiten zu lassen. Er würde an den Erie hinabgehen, unterwegs von den kleineren Farmern, die frühzeitig einernten, um rasch Geld zu machen, wohlfeiles Neukorn haben können, und damit einen Export nach dem Westen wahrscheinlich höchst lohnend unternehmen.
      Moorfeld erstaunte über die Zähigkeit der menschlichen Natur. Sie wagen sich noch einmal auf die hohe See der Spekulation! rief er mit unverhohlener Bewunderung.
      Mitnichten, antwortete Anhörst ruhig. Ich verkaufe gegen Käsch an den Abnehmer, nichts weiter. Ich lasse mich nicht auf Kommissionsgeschäfte ein, ich gebe nicht Kredit.
      Aber warum wollen Sie überhaupt wieder handeln? fragte Moorfeld noch immer verwundert.
      Anhorst sah ihn groß an. Heißt es denn handeln, wenn man alljährlich einmal eine Ernte zu Markt führt? Und was ist meine Expedition an die Seen? Kommt es doch vor, daß Farmer dieser Gegend sich zur Erntezeit ein paar Hickorys schlagen, ein Boot zimmern, und mit der Frucht den Ohio und den Mississippi hinab nach New Orleans fahren! Dort verkaufen sie Ladung und Schiff zugleich und machen dann tausend Meilen den Landweg zurück auf einem Klepper, 
       den sie im Süden gekauft haben und hier ebenfalls wieder losschlagen. Das sind amerikanische Marktfahrten, Herr Doktor. Ja, der Bauernstand ist kein Ruhestand bei uns. Hier handelt alles, was sein bißchen Mark noch fühlt. Schlimm genug, wen das Fieber niederknebelt; wer sich aber rühren kann, dem ist die Strecke sein Haus; sein Haus nur Absteigquartier.
      Moorfeld schwieg. Schlagender konnte das Ungemütliche des hiesigen Landlebens nicht mehr ausgedrückt werden.
      Nach dem Frühstück sattelte Anhorst sein und Moorfelds Pferd, indem er es nicht anders zu erwarten schien, als daß Moorfeld seinen Kauf jetzt besehen wolle. Moorfeld nahm die Partie an und verbarg, so gut es ihm möglich war, mit wie wenig Interesse er's tat.
      Indes hatte Anhorst doch wahr gesprochen, als er gestern die Gegend von Lisbon und die hiesige außer Vergleich gesetzt. Wenn Moorfeld einen Molch- und Unkenpfuhl erwartet hatte, so war wenigstens diese Erwartung übertroffen. Zwar als die Reisigen ausritten, ging's nicht unmittelbar in den Waldesgrund, der vor ihnen lag: ein böser Schwaden schlug aus seinen nächtlichen Schattentiefen, der Mensch und Tier dämonisch anschauerte. Aber Moorfeld wußte, das sei eben der ungesunde Atem Amerikas in den Früh- und Abendstunden, die denn auch kein Amerikaner »im Freien« zubringt, namentlich in der Nähe von Neuboden nicht. Die Reiter traten ihre Urwaldpartie auf einem Umwege an, und dieser war nicht ohne Reiz. Sie faßten in einem großen Bogen den Wald von der Ostseite, wo die Sonne schon anfing, Sieger über die Dünste zu werden. Sie ritten durch eine kleine Prärie, der man fast die Würde einer 
      Boccage zusprechen konnte; der Grund war malerisch mit Baumgruppen bestanden, und ein Bach durchschnitt ihn in mäandrigen Krümmungen. Moorfeld lobte das Parkartige dieses Anblicks, während Anhorst ihn auf die Pflanzendecke des Bodens aufmerksam machte, wo das Timotheusgras, 
       der Wiesenfuchsschwanz, der Lolch, das Schwingel- und Knäuelgras überall hervorsteche und den Boden wie von selbst zur schönsten Kulturwiese stempele. Hierauf schloß sich der Ritt dem Laufe des Baches an. Der Bach war ein trübes, lebloses Wasser, wenn es nicht etwa für Belebung galt, daß Anhorst mitteilte, vor dreißig Jahren soll er von Bibern gewimmelt haben. Sein durchweichtes Ufer war von üppigem, aber rauhem Grase bewachsen, zwischen welchem hie und da wilder Reis seine zierlich gefiederten Rispen emporstreckte. Später umsäumte ihn ein Gestrüpp von Zedern, Zypressen, Thujas und sonstigem Sumpfholz, welches bald so dicht wurde, daß es das schmale Rinnsal wild überwucherte, ja stellenweise gänzlich zuwölbte.
      Anhorst sagte bei diesem Anblicke, er sei schon im Begriffe gewesen, dieses Dickicht niederzubrennen, denn das Wasser habe hier einiges Gefäll, was es unterhalb nicht mehr habe, und hier seien die Punkte, wo sich »Improvements« anbringen ließen. Moorfeld sagte nichts.
      So ritten sie in den Urwald. Die Morgensonne stand hinter ihnen und warf ihre langgestreckten Schatten auf die angeleuchteten Baumstämme voraus, indes sie die schweren Walddünste in gefiederten Nebeln vor sich her trieb und den Wanderern reine Luft machte. Der Gang durch ein Waldinneres war unserm Helden kein neuer mehr und hatte ihn nie europäisch-waldfroh angemutet. Auch heute tat er's nicht. Die amerikanische Waldphysiognomie hatte für Moorfelds Auge etwas Hohles, Starres, Gitterhaftes, da fast überall das Unterholz fehlt, also neben dem Gewordenen das Werdende. Dasselbe Bild wiederholte sich hier. Die ganze Vegetation schien ihm fertig wie ein Drahtgeflecht, die Idee des freien Hineinrankens eisern ausschließend. Dabei mangelte dem Walde aber doch auch der Ausdruck der ruhigen Größe und Erhabenheit. Die Baumarten standen charakterlos in unendlicher Buntheit durcheinander. Nicht 
       nur die Zonen der Koniferen und Laubbäume vermischten sich auf jeder Zollbreite – Fichten, Föhren, Tannen, Zedern, Taxus und Lärchenbäume mit Ulmen, Pappeln, Eschen, Erlen und Birken: selbst polarische und tropische Waldbilder fielen auf diesen Boden herein, der, zwischen Kanada und Virginien in der Mitte liegend, nicht umsonst Türhüter der Extreme zu sein schien. Moorfeld sah die Kiefern und Wacholderbäume des frostigen Nordens neben der orientalisch-riesigen Sykomore, neben dem prachtvollen Tulpenbaum, der Myrte und dem Lorbeer. Die Eichenarten blieben ihm nicht minder fremdartig als sonst; nur Anhörst wies ihn mit Sicherheit durch dieses Labyrinth und zeigte sich als ein gründlicher Kenner – denn die Schwarzeiche, sagte er, liefere dem amerikanischen Farmer gute Dachschindel, die Roteiche vorzügliche Schweinemast und die Weißeiche sei in allen Gestalten nützlich, da sie als Schößling elastisches Reifenholz, im mittleren Alter Korbflechtespäne und ausgewachsen die besten Balken zu Blockhaus und Fenzriegeln gebe, auch sei ihr Laub ein brauchbares Viehfutter.
      Unserm Freund schnürte aber inzwischen ein anderer Charakterzug des amerikanischen Waldes das Herz zusammen: die eigentümliche Sang- und Duftlosigkeit. Kein Vogelton belebte das Holz, kein würziger Hauch durchatmete es. Er ritt wie durch ein Schaugericht.
      Selbst von Wild fand Moorfeld nichts als ein zahlreiches Volk grauer Eichhörnchen, das sich auf den luftigen Ästen der Walnußbäume wiegte und in den dickschaligen Früchten derselben, die kaum der Reife entgegengingen, seine Nußknackerkünste hören ließ. Die Jagd auf dieses »fruchtbare Ungeziefer«, wie Anhörst sich ausdrückte, gehöre zu den ärgsten Tribulationen des Farmers, er müsse jedes Körnchen seines Feldes mit Pulverkorn gegen die Brut verteidigen. Die vermeinte Jagdlust werde eine wahre Jagdqual im Urwald. Moorfeld schwieg dazu.
      
       Nach einem Ritt von einer kleinen englischen Meile, den das Paar zwar unbehindert, doch im Schritt durch den freiwüchsigen Baumschlag zurückgelegt, veränderte sich die Szene. Der Boden stieg aus dem Ebenen mit einem sanften Schwung empor, und auch Unterholz stellte sich ein. Zwischen den hohen Baumpfeilern drängte sich allerlei Busch- und Strauchwuchs ins Leben, üppige Schling-, Kletter- und Hängepflanzen halsten sich in die Höhe, und bald war der ganze Waldraum von der Wurzeltiefe bis zu der obersten Schaftspitze der alles überragenden Weymouthtanne vollständig und wie es schien undurchdringlich ausgefüllt. Die Wanderer standen wie vor einer Mauer aus Laubwerk. Nur einzelne Breschen dieser Mauer erlaubten ein weiteres Vordringen; man ließ die Pferde bald hintereinander gehen, bald trennte man sich gänzlich und schlug sich auf eigene Hand durch, indem jeder durch Zuruf sich des andern versicherte und hin und wieder über die Auffindung des gangbarsten Pfades korrespondiert wurde. Hier wurde es Moorfeld zum erstenmal wohler. Gibt's Panther oder Schlangen hier? rief er nicht ohne den Reiz des Romantischen und legte Hand an seine Büchse. Nichts als unermeßliche Dollars gibt's, antwortete Anhörst zurück; – das alles wartet nur aufs Niederprasseln; wir gehen über den kostbarsten Alluvialboden; reines Bottom-Land!
      Utilitarier! schalt Moorfeld für sich.
      Nach einer zweiten englischen Meile erreichte man die Platte des Hügels, zu dem der undulierende Boden bisher emporgeführt hatte. Moorfeld und Anhörst fanden sich kurz nacheinander auf dem Plateau ein. Sie stiegen vom Pferde und rasteten aus.
      Die Stelle war schön im Sinne der Wildnis. Einsam, öd, tiefstill, umgeben von der breiten Einförmigkeit des Waldes, welchen sie nirgend dominierte, vielmehr fiel er allseits über sie herein und deckte sie zu, wie ein Geheimnis.
      Das Strauchwerk überwucherte die Höhe des Hügels 
       noch so dicht wie den Abhang, doch standen die starken schweren Stammholzbäume hier etwas spärlicher. Dagegen lagen viele Stämme am Boden umgestürzt, verwitternd, zerbröckelnd und neue Schößlinge treibend, – alles wüst durcheinander. Das Ganze schien die Stätte eines verjährten Windbruches.
      Nach der Natur solcher Stätten, welche der Schauplatz einer zeugungsreichen Pflanzenverwitterung sind, war die Waldstelle wahrhaft erstickt von einem prachtvollen Blumenwuchs.
      Moorfeld ließ sich auf einen Baumstamm nieder und betrachtete das Spiel eines Kolibris, der wie berauscht diese Flora durchtaumelte und seine zierliche Erscheinung als eine willkommene Episode der tiefen Einsamkeit spendete. Anhörst aber musterte die Ahornbäume, welche den stillen Bezirk umgrenzten, und führte bald Klage darüber, daß sie gleichfalls zu alt zur Zuckergewinnung seien; er habe den Wald schon viel durchforscht nach jüngeren Exemplaren, aber überall vergebens. Moorfeld lud ihn ein, sich neben ihn zu setzen, und zeigte ihm das reizende Vöglein, das der Gegenstand seines schöneren Interesses war. Der Kolibri hatte sich dicht in Moorfelds Nähe an eine flammrote Magnolie gefesselt und vertiefte sich mit der ganzen Süßigkeit einer selbstvergessenen Liebe in sein trunkenes Kosen und Naschen. Vollkommen reglos hing es an dem Blumenkelch, sein prächtiges Körperchen ruhig zur Schau geboten. Der kleine Amor hatte kaum die Leibesfülle einer Hummel, aber der Schönheit war's Raum genug, darauf ihre Wunder zu tun. Sein Gefieder strahlte vom reinsten Juwelenglanz, smaragdgrün und opalblau spielten Leib und Flügel an der Sonne, seine kleine Kehle war ein Rubin von Farbe und Feuer. Schade, daß wir nicht ein wenig Vogeldunst bei uns haben! sagte Anhörst und setzte hinzu: Ob sich mit den Tierchen nicht überhaupt ein Geschäft machen ließe? Im Mai kommen sie in ganzen Schwärmen vom Süden nach den 
       Seen durch. Freilich die Amerikaner halten nichts auf Naturaliensammlungen – aber nach Deutschland könnte man sie verschicken; – was sagen Sie, Herr Doktor?
      Moorfeld sah in das braune, zerfurchte Antlitz des deutschen Mannes und sah lange hinein. Wie lange sind Sie schon in Amerika? fragte er ihn.
      Fünfzehn Jahre, antwortete Anhorst.
      Fünfzehn Jahre! – das ist freilich eine lange Zeit! Er schüttelte die Magnolia mit dem Fuße, daß der Kolibri pfeilschnell davonflog.
      Hierauf folgte eine Pause des Schweigens zwischen den beiden. Zwei Männer, welche der Zufall an 
      einem menschlichen Berührungspunkt zusammengeführt, dachten zum erstenmal, wie man sah, darüber nach, ob sie deren mehrere haben könnten. Moorfeld fühlte das Bedürfnis dessen, was man in der Sprache der Empfindsamen Herzensergießung nennt. Wenn es für einen Menschen einnimmt, daß man ihm eine Wohltat erweist, so mußte Moorfeld diese Teilnahme für Anhorst haben. Ihm zuliebe hatte er ohne alle Wahl sich auf eine Scholle gekauft, die er mit sorgfältigster Wahl kaufen wollte, und das Bruchteil, das Anhorst davon inne hatte, ihm ohne weiteres geschenkt. Anhorst war rettungsbedürftig wie ein Ertrinkender gewesen, und Moorfeld hatte ihn gerettet. Aber bei dem Bande der rohen Not kann ein feineres Gemüt nicht stehen bleiben. Er durfte wünschen, daß Anhorst jetzt von seinem Eigenen – Innern etwas herausgebe. Seit gestern war es noch nicht geschehen. Dieser Augenblick aber war einem innigeren Austausch günstig. Er forderte von selbst dazu auf.
      Moorfeld zog den fremden Mann treuherzig an seine Seite und sagte: Und wie ging es Ihnen in diesen fünfzehn Jahren? Lassen Sie mich hören, wie das Menschenleben auf den Pfaden, auf welchen 
      Sie es durchwandelten, ausgesehen hat.
      In den Zügen des Deutschen malte sich's fast wie Schamgefühl 
       bei dieser Aufforderung. Und wie das germanische Auge immer trotzig blickt, wenn das Gefühl an sich selbst erinnert wird und sich zugleich ehrt und verbirgt bei dieser Erinnerung, so sah das blaue Auge des abgehärteten Mannes jetzt mit einem gewissen Barbarismus drein, der im Äußern Trotz schien, im Innern aber keusche Selbstbewahrung war.
      Mit diesem Ausdruck antwortete Anhorst: Sie haben mir gestern Gutes getan; ich könnte es heute kaum vermeiden, mich so zu schildern, als ob ich's recht sehr wert wäre. Das geht nicht. Aber mein Tagebuch steht Ihnen zu Diensten. Drin stehen Gott und dieser Bursche hier etwas unparteiischer nebeneinander.
      Soeben hab' ich's gelesen, sagte Moorfeld und drückte dem Manne die Hand. Seine Gefühlsanwandlung war vorüber. Er stand auf und ging weiter mit ihm. Zwischen den beiden Männern war von der Vergangenheit weder in Schrift noch in Wort je wieder die Rede.
    



      Viertes Kapitel
      Wir werden nicht erwartet haben, daß die Stimmung, in welcher Moorfeld den ersten Blockhaus-Morgen erblickt, und die wir zu Anfang des Vorigen zu berichten hatten, die bleibende seines neuen Lebens geworden. Wir haben sie gewiß nur als eine Krisis erkannt, welche den Wechsel der Gewohnheiten mit Naturnotwendigkeit begleitet. Diese Krisis ging um so rascher vorüber, je heftiger sie sich eingestellt. Es ist am dritten Tage und wir finden Moorfelds Gemüt wieder im Gleichgewichte. Die Schauder der Fremde haben sich gemildert, die Liebe zum Eigentum ist erwacht. Moorfeld fing an, seinem Boden entgegenzukommen. Lag er auch nicht im schönen Ohio- oder Miami-Tale oder am waldreichen Gestade des majestätischen 
       Erie-Sees, so hätte eine reizvollere Außenseite leicht auch als ein Werkzeug der Landspekulation dienen können, um mancherlei innere Schäden damit zu vergolden, wogegen die umsichtigste Auswahl zuweilen nicht schützt. Moorfelds blinder Griff aber – alles in allem – war kein verfehlter. Erst indem er sein Land mit eigenen Augen sah, indem er das Geschäft des Ankaufes ratifizierte und die betreffenden Dokumente eines näheren als flüchtigen Zuschauerblicks würdigte, ging ihm der Begriff des Geschehenen in einem befriedigenden Bilde auf. John Stuterings sogenanntes »Los« war ein Komplex von zwei »Sektionen«, d.h. eine Bodenfläche von tausendachthundertzwanzig Acres. Das ungefähr war einer der größten Realitäten, welche zu dem gleichen Preis erreichbar. Dieser Boden bestand, wenn nicht aus einer romantischen, doch nützlichen Mischung von Wald und Prärie und war, wie Baum- und Graswuchs zeigte, im Ganzen betrachtet, vortrefflich. So kam es, daß Kenner – unparteiische, oder vielmehr eifersüchtige – den Erwerb des neuen Gentleman-Farmers leicht auf den doppelten und dreifachen Wert schätzten, wozu besonders politische Köpfe noch den Umstand rechneten, daß in dieser Gegend der Ohiostrom sich auf die geringste Entfernung dem Erie-See nähere, ein Kanal-Durchstich über kurz oder lang seine Unternehmer finden und die Bodenpreise wohl auf das Zehnfache bringen könne. Mochten nun solche Konjekturen wert sein, so viel sie wollten, und auch hier die allgemeine Sitte wirken, daß, wenn ein Kauf erst realisiert ist, alles umher von den beneidenswerten, aber versäumten Vorteilen desselben genug spricht: genug, Moorfeld hatte wenigstens keinen Mißgriff getan. Die Raschheit seines Herzens war nicht zugleich ökonomische Übereilung.
      Diese Raschheit des Herzens lieh dem Ankaufe Moorfelds übrigens doch auch einigen Wert. Und konnten wir gleich nicht so prompt, als Moralisten vielleicht erwarteten, mit dem Geständnis herausrücken, daß »das Bewußtsein einer 
       guten Tat« ihn für sein Grundstück mit jener Selbstverliebtheit eingenommen, welche gewisse Menschen als »Lohn der Tugend« in Kurs bringen möchten: so fing dieses Bewußtsein doch an, freundlich 
      nachzuwirken, nachdem die Abstoßungskraft des ersten Eindrucks der Natur ihren Tribut gezollt. Moorfeld hatte die Genugtuung, das, was noch Liebhaberei an seinem Unternehmen gewesen, die Auswahl der landschaftlichen Lage, einem reinen realen Bedürfnis geopfert zu haben. Damit war das letzte Moment des 
      Gefühligen von seinem Unternehmen abgestreift, damit erst war es ganz Tat. Und da vor Geistern seines Rangs die Tat überhaupt gut ist, so fühlte er diese gute Tat jetzt, wenn nicht mit der Süßigkeit des Tugendphilisters, doch wie einen frischen stählernen Luftstrom, der all seine Nerven ausheiterte. Er war im Fahrwasser der Unternehmungslust.
      Zwar die eigentlichen Geschäfte der Besitzergreifung, die Pläne und Arbeiten der Kolonisation, konnten jetzt noch nicht beginnen; Anhorst machte seine Marktfahrt und Benthal war noch nicht da. Moorfeld fand sich vorläufig auf Ferien gesetzt. Aber als ein guter Wirt, der zum Ernste seines Haushalts entschlossen ist, wollte er diese Ferien nicht ungenützt verpassen. Was einem Manne, der zu existieren gedenkt, außer seinem eigenen Schwerpunkte das Wichtigste sein muß, das ist seine Umgebung. Moorfeld verlegte sich zum Erstlings-Anfang auf die Kenntnis seiner Nachbarschaft.
      Der nächste Nachbar war ihm Anhorst selbst. Mit diesem Manne ging es ihm sonderbar. Wir haben bei Gelegenheit der Landauktion bemerkt, daß sein erster Anblick ihm einen fast chevaleresken Eindruck gemacht. Moorfeld verwunderte sich, daß dieser Eindruck nicht wiederkommen wollte. Er vergaß, daß das ausgefieberte, dollarhungrige Volk der Yankee-Bauern damals sein vorteilhafter und daß er selbst jetzt sein verdunkelnder Kontrast sei. Was von Anhorst auf der Oberfläche seines Lebens zu erblicken, das 
       war und blieb der Nützlichkeitsmensch. In den ersten Tagen und Stunden zwar hatte Moorfeld alle Ursache, sich dazu Glück zu wünschen. Anhörst assistierte ihm bei dem Abschlüsse seines Kaufes und dem ganzen Notariatsgeschäfte auf dem Landamte zu Lisbon, er ritt mit ihm auf die Hofstellen der Nachbarn und machte ihn mit den Kommunalangelegenheiten des County bekannt, er half ihm die vorteilhafteste Lage zum Neubau einer Farm wählen und stellte ihm den ganzen Schatz seiner praktischen Erfahrungen zur Verfügung, worauf es in Moorfelds gänzlich neuer und fremdartiger Lage so wesentlich ankam. Er legte selbst wieder Hand an Axt und Säge und hatte im Nu sein Log shanty um eine Kammer erweitert, da Moorfeld bis zur Anlegung einer größeren Hofstelle vorläufig bei Anhörst wohnen blieb. Kurz, er sorgte für ihn wie ein älterer Bruder für den Jüngern, ja, um ein weichlicheres Bild nicht zu scheuen, wie eine Mutter für ihr Kind. Aber das alles tat er, nicht weil es freundlich, sondern weil es – 
      zweckmäßig war. Er tat es, wie die Alpenrose blüht oder die Erdbeere reift, auch an Orten, wo kein Mensch ihrer genießt. Moorfeld fühlte sich kaum Gegenstand davon. Denn ein andermal konnte Moorfeld mit ihm einen Ritt machen, vertieft in die warme, begeisterte Ausführung irgendeines Lieblingsgedankens – ihn treulich anzuhören wäre nur der allergewöhnlichste Gemütsinstinkt gewesen. Aber Anhorst war imstande, mitten in solchen Ergießungen den nächstbesten Begegnenden anzureden: was das Bushel Weizen in Cleveland mache, und ob es wahr sei, daß Mr. Youatts Durham-Kuh zu Petersburg ebensogut milche als Mr. Berrys Ayrshire-Kuh zu Neu-Alexander. Daß man aus freundschaftlicher Aufmerksamkeit die ökonomische auch einmal opfern könne, schien nicht in der Begriffssphäre dieses streng geschulten Mannes zu liegen. Moorfeld achtete ihn deswegen nicht geringer. Er fühlte, daß jede Empfindlichkeit hier eine krankhafte wäre, und unterschied sehr gewissenhaft, 
       wo seine Bildungsaristokratie berechtigt sei und wo nicht. Aber freilich konnte er nicht umhin, – wenn nicht zwischen sich und Anhörst, – doch zwischen Europa und Amerika bei solchen Gelegenheiten Vergleiche zu machen und sich zu fragen: warum hat dieses Land den Ruf, daß es sich leichter und freier darin leben läßt als in der alten Welt, wo der Bauer nicht den hundertsten Teil jener Anstelligkeit bedarf wie der amerikanische Farmer. Und er bedachte bei diesem Vergleiche, wie charakteristisch er sich selbst in den beiderseitigen Redensarten ausdrücke, denn der Amerikaner sagt »sein 
      Leben machen«; der Europäer aber »sein 
      Glück machen«.
      Über seine Blockhütte hinaus wies die ökonomische Magnetnadel vor allem andern nach New Lisbon. Dort war der Pol für den Landverkehr seines »Townships«. Das soziale Terrain dieser Stadt nahm somit den nächsten Rang unter den Gegenständen seines Interesses in Anspruch.
      Leider lag dieses Element in bodenlosester Trübheit. Die Zustände von New Lisbon gehörten zu jenen sittlichen Erscheinungen, welche man nach Jahren nicht durchschauen lernt, aber auf den ersten Augenblick errät. Zweideutig ist der rechte Ausdruck für das 
      Kostüm solcher Mysterien.
      So liefen z.B. alle Fäden, denen Moorfeld nach einer greiflichen Autorität zu New Lisbon nachging, in dem Kramladen des dasigen Storekeepers, Mr. Clahane, zusammen und gruppierten sich um Fässer voll Schmierseife, Butter, Schweineschmalz, Whisky, Sirup, Zucker, Kaffee, Mehl, um Haufen von Stiefeln und Schuhen, Röcken und Beinkleidern, Mützen, Umschlagtüchern, Sätteln, Zäumen, Eisen- und Blechwaren, und – um eine schmutzig abgegriffene Brieftasche. Diese Brieftasche war der eigentliche Dämon des Orts. Sie war der Sitz jener geheimnisvollen Kraft, welche in Afrika Fetisch, in Amerika Humbug heißt. Was sie enthielt wußte niemand. Sie enthielt eine lebendige 
       Spinne. Das Netz dieser Spinne war nichts weniger als New Lisbon selbst, die Grundfäden dieses Netzes waren vielleicht angeknüpft in New York, in Baltimore, in Philadelphia, – wer weiß es? wer hat der Organisation der amerikanischen Landjobberei je auf den Grund geblickt? Wer kann sagen, daß Mr. Clahane von der geheimen Polizei der Landspekulatio war und halb Lisbon die Baugefangenen, die er auf die Festung gebracht? Man müßte diese Brieftasche eingesehen haben. Daß eine Stadt auf so ungesundem Platze nicht mit rechten Dingen zugehe, hatte Moorfeld allerdings schon bei ihrem ersten Anblicke herausgefühlt. Das zweite Rätsel blieb nur noch, wie es zuging, daß sie überhaupt im Übel verharrte und nicht weiter wanderte. Dieses Rätsel lag schon in einem durchsichtigeren Helldunkel. Natürlich führte es sich ebenfalls wieder auf Mr. Clahane zurück. Mr. Clahane war Storekeeper, d.h. er versah seine ländlichen Mitbürger mit den Produkten der Industrie und nahm an Zahlungs Statt ihre Naturprodukte dafür. Da fügte es nun ein merkwürdiges Schicksal, daß die Natur stets im Rückstande blieb gegen die Warenwerte des Mr. Clahane. Der hiesigen Natur mochte das allerdings nicht schwer fallen. Wer sich aber vom Schuldbuche des Storekeepers losgemacht, der brachte es wenigstens zu keinem Barersparnis, um den rebellischen Gedanken des Auszuges zu fassen. Konnte aber Mr. Clahane durchaus nicht umhin, auch einmal ein bares Stück Geld herauszugeben, so zahlte er entweder in Banknoten irgendeiner brüchigen Bank, oder er spekulierte auf irgendeine schwache Seite seines von der Passiva zur Aktiva abgefallenen Kunden, und Tausend gegen Eins war zu wetten, daß in den nächsten Tagen hier ein Stallion aus Kentucky, dort ein Uhrenhändler aus Connecticut herbeigeschneit kam und in einem feurigen Vollblutpferd oder einer buntlackierten Stutzuhr das fatale Bar-Geld, der Hebel der Unabhängigkeit, wieder hinwegmanövriert wurde.
      
       Nächst diesem Würdigen war es ein Hochwürdiger und ein Ehrwürdiger, welche sich in die Herrschaft New Lisbons teilten. Die Bevölkerung von mehreren hundert Seelen bestand nämlich aus zwei Konfessionen: Katholiken und Methodisten. Der »Pater« der ersten und der »Reverend« der zweiten trübten nun weiterhin die trüben Verhältnisse dieser Stadtschaft. Die Herren bekämpften sich – wir würden sagen auf Leben und Tod, wenn die Redensart nicht zu europäisch wäre. Aber der Amerikaner bekämpft sich nur auf Leben allein. Die beiden Pfaffen gingen nicht auf ihre gegenseitige Vernichtung, sondern Überbietung und Steigerung aus. So hatte der katholische sein Gotteshaus erst kürzlich in einem Stile aufgebaut, der es zum dominierendsten Gebäude von New Lisbon machte. Die »Kathedrale« war freilich nur aus Schindeln und Latten zusammengenagelt, aber ihre gotische Form imponierte höchlich, und ihr Umfang hätte hundert Lisboner Gemeinden aufnehmen können. Nebenbei, aber ganz im Vertrauen, wollen wir verraten, daß Mr. Clahane das Geld dazu vorgeschossen. Ließ sich doch nun in den Zeitungen aller Seehäfen von dem »Dombau« zu New Lisbon trompeten! ließen sich doch die Abbildungen von New Lisbon jetzt mit der prächtigen Ansicht der Kathedrale bereichern! und ob diese spanische Fliege von Quadern oder Brettern war, lief für die Landjobberei auf eins hinaus. Die Lithographie verstummte für beides, daß aber der Zeichner mit einer schätzbaren Plumpheit und Härte seiner Striche viel näher dem Stein- als Holzcharakter kommen würde, stand von seiner amerikanischen Kunstsinnigkeit ganz von selbst zu erwarten. Dieser Dom-Humbug war erst im laufenden Sommer in Szene gesetzt worden, und der methodistische Humbuger rüstete sich nun gleich umgehend darauf zu antworten. Er wollte nach der Ernte einen Waldgottesdienst, ein sogenanntes Campmeeting, vom Stapel lassen. Zu solchen Monstre-Andachten strömen die Konfessionellen auf hundert und 
       mehr Meilen im Umkreis zusammen, und gelingt es, einen Gastprediger von Ruf dafür heranzuziehen, so hat der Ortsregisseur mit diesem Kassenstück oft einen bleibenden Sieg errungen. Nebenbei, aber ganz im Vertrauen, wollen wir verraten, daß gleichfalls Mr. Clahane es war, welcher dem Reverend zuerst diesen glücklichen Gedanken souffliert hatte. Bei einem solchen Volksauflauf mußte nämlich nicht nur der methodistische Himmel, sondern auch der irdische Storekeeper seinen »Pile« machen; das war klar.
      Daß Moorfeld nun zu diesen Ortsautoritäten kein Verhältnis haben könne, stand so ziemlich in der ersten Stunde fest. Die beiden Pfaffen verketzerten ihn gleichzeitig. Der Methodist haßte ihn als einen »Papisten« und der Katholik verschrie ihn gar als »Atheisten«, weil Moorfeld als neu ankommender »Sohn der Kirche« versäumt hatte, ihn zum Tee auf seine Farm zu bitten, was des Paters erster Gedanke, aber Moorfelds allerletzter war.
      Auch von Mr. Clahane, sagte Anhörst, haben wir wenig Gutes zu erwarten. Meine Marktfahrten an die Seen wird ihm als Konkurrenz erscheinen, denn er hat im Produktenhandel sein Schäfchen sonst ziemlich allein geschoren. Gut, wir werden Feinde haben, antwortete Moorfeld.
      Über Lisbon hinaus verengerte sich der soziale Horizont jener einsamen Gegend. Die übrigen Waldnachbarn Moorfelds waren es nur sehr relativ, denn der nächste lag noch immer zehn Meilen fern. Wir werden nicht Ursache haben, Moorfelds Runde durch dieselben auf jedem Schritt zu begleiten, da weder der rohe Stil dieser kulturlosen Farmen noch das stumpfe Menschentum ihrer Inhaber ihm irgendein nennenswertes Interesse abnötigt. Doch wollen wir einzelne seiner Besuche nicht mit Stillschweigen übergehen.
      Gleich den ersten können wir mit seinen eigenen Worten nach einem Brief an Benthal erzählen. Noch war unser neuer Ansiedler nicht dazu gekommen, die Geschichte seines Ankaufs, die Charakteristik von New Lisbon, von Anhorst 
       usw. zu Papier zu bringen, als er sich eines Tages hinsetzte, und folgende Zeilen niederschrieb:
      Eine kleine Liebschaft! daß mir aber Möwe ja nicht eifersüchtig wird! Anhorst war nach New Lisbon geritten in Besorgung einiger Allotria zu seiner Marktfahrt. Ich saß in meinem Blockpalast allein, spielte Violine, konzipierte in Gedanken ein paar rückständige Briefe an Dich, welche dem gegenwärtigen vorzudatieren sind und, will's Gott, nächstens auch dran sollen. Aber noch binden sich meine Lebensgeister schwer ans Haus, ich warf Violine und Konzepte bald hinter mich und trabte auf ein paar Meilen ins Freie hinaus. Ohne meinen Stallmeister sollt' ich's freilich bleiben lassen, meine wilde Grafschaft zu inspizieren; das Ländchen hat so wenig Weg und Steg als der blaue Himmel oder das grüne Meer. Es ging mir auch darnach. Denn kaum hatt' ich den Platanen und den Fichten, den Eichen, Gummi- und Eisenholzbäumen usw. ihren sechstätigen Herrn und Meister in verschiedenen Fassaden gezeigt, als ich mit meinen Cäsar vollkommen im Irren trieb. Es ging wie mit einem Zauber zu, daß ich mich plötzlich in wildfremden Bezirken sah. Ich war einem Bache gefolgt, welchen ich lange für 
      meinen Bache hielt, denn es ist merkwürdig wie gleich sich hier alle Naturansichten sind. Die stille Quellrinne führte mich aber allmählich tiefer in das Gehölz anstatt auf meine Boccage heraus; ich setzte ein paarmal über, je nachdem mir dieser Ufersaum oder jener wegsamer schien, und als ich endlich meinen Irrtum einsah und den Bach entlang wieder zurückkehren wollte, schlug ich eine Nebenader desselben ein, da der Hauptarm, von jenseits gesehen, unter Schilf- und Sumpfgestrüpp fast verschwand. Dieser Abweg führte mich nun gänzlich ins Oede. Ein unermeßliches Waldlabyrinth verrammelte mir in jeder Richtung den Weg. Stamm an Stamm sah ich nirgends zehn Schritte tief, es war ein Meer von Einsamkeit. Unter diesen Umständen wäre ich froh gewesen, nicht meine, sondern 
       nur irgendeine Farm zu erreichen, aber nicht die leiseste Hieroglyphe einer menschlichen Nähe war rings zu entziffern. Die Merkmale, die den geschulten Hinterwäldler auf seinem chaotischen Terrain leiten, waren mir als Neuling natürlich noch fremd, meinen gelehrten Apparat aber, Taschenkompaß und topographische Karte des County, hatte ich zu Hause liegen lassen. Kurz, das Abenteuer war mehr unbehaglich als romantisch, ich kreuzte stundenlang hin und her, und schon fing ich zu sorgen an.
      Auf einmal erfreute mein Ohr die Stimme eines lebendigen Wesens, und mein Auge erblickte ein kleines rotes Röckchen. Es war ein Kind, welches Hühner aus dem Walddickicht zu locken schien. Voll Freude rief ich das Mädchen an, welches Roß und Reiter nicht sobald gewahr wurde, als es emsig die Flucht ergriff. Mir aber war der Fund zu kostbar. Und mußte ich mir meine Wegweiserin erst erjagen, so bebte ich vor dem kleinen Sabinerinnenraub auch nicht zurück. Ich sprang vom Pferde, das hier nicht gut fortkam, und verfolgte das rote Röckchen mit lieblichen Worten und langen Schritten. Letztere waren glücklicher als erstere, denn bald ergriff ich mein kleines scheues Waldfräulein in der Höhlung eines kurzen und dicken Papawstammes, wohin sie zuletzt – für das Auge gar zierlich – ihre Zuflucht genommen. Sie sah wirklich wie die 
      Seele des Baumes aus, so zart und geistig stand sie in dem rauhen Rahmen. Es war ein Bild wie im Kirchenstil gemalt. Ihr Köpfchen kein mutwilliges Apfelrund mit klugem Stutznäschen und braunen Rehaugen – nein, ein ernsthaftes, ehrbares Oval, mit edel gezogener, nachdenklicher Nase, großem, wasserblauem Blicke, der Teint weiß, die Ringellocken gelb wie der Mondschein und ein langes, schweres Gehänge. Kurz, ein Charakterbild echten germanischen Magdtums. Ich redete sie auch sofort deutsch an, und hatte richtig geraten. Das erschrockene Kind zeigte Spuren von Zutrauen. Warum sie mich geflohen, und ob ich denn wie ein 
       Räuber aussehe? Sie rückte etwas scheu zur Seite, hob bedächtig ihr blaues Auge zu mir auf und sagte: ich sähe aus wie ein 
      Herr. – Was ein Herr Schlimmes sei? ich mußte es wiederholt fragen. Zaudernd antwortete sie: Der Vater sagt – aber mehr war ihr nicht abzugewinnen. Sie legte ihren Arm vor die Augen und sagte: ich sag's nicht! Ich schloß das keusche Kind in meine Arme und versucht' es auch nicht weiter, auf die reinen, kindlichen Lippen ein Schmähwort heraufzubeschwören. Ich fragte nach ihrer Familie. Sie war das einzige Kind eines deutschen Farmers in der Nähe, eines ausgewanderten Landmanns vom Niederrhein. Das erklärte mir freilich, was der Vater gegen die 
      Herren hatte. Leider hat man das Landvolk gewöhnt, im städtischen Rock die summarische Quelle seiner Übel zu sehen. Desungeachtet hörte ich mit Verwunderung, daß sie ein Bauernkind sei. Ich faßte sogleich den höchsten Begriff von der Mutter; – es mußte eine mütterliche Mutter sein nach der musterhaften Art, wie sie das Äußere ihres Kindes hielt. Ihr Haar war offenbar schlicht und die schönen langen Locken nur ein Kunstwerk der Zärtlichkeit. Ihr weißes Leibchen, ihr rotes Sergeröckchen, die Schnur von Glasperlen an ihrem Halse – alles so schmuck, so inspiriert! möchte ich sagen. – Was sie hier schaffe? Sie sagte, sie sei ausgegangen, nach Eiern zu suchen, indes wie immer vergeblich, denn – belehrte sie mich – die Hinkel kämen zu ihrer Zeit wohl mit einem Schwarm Küchlein aus dem Walddickicht hervor, aber die Eier ließen sie sich selten ablauern. Sie habe schon den ganzen Vormittag ihre Not mit dieser Aufgabe gehabt. Das alles sprach sie im reinsten Hochdeutsch, indem sie ihre Ehre darein zu setzen schien, das Platt sorgfältig zu vermeiden, das ihr ohne Zweifel mundgerechter war. Auch bewegte sich ihre Zunge etwas schwer dabei, da das Zungenband ein wenig länger als normal. Ihre Rede bekam dadurch etwas Bedächtiges, Abgemessenes, das ihr ungemein wohl stand. Es stimmte 
       wunderbar zu ihrem Charakter von Ernst und Zurückhaltung.
      Das nun war meine Erlöserin aus den Wirren dieser Waldfahrt. Wir ließen die Eier Eier sein und machten uns nach 
      Annettens Heimwesen auf. Ich nahm die Kleine vor mich aufs Pferd, und sie gab mir den Weg an. So kamen wir bald aus dem Walde. In kurzem lag 
      Vater Ermars Hofstelle vor uns.
      Der Hufschlag lockte schon von weitem die Eltern vor das Haus. Sie sahen verwundert ihr Kind zu Pferd ankommen, das zu Fuß ausgegangen war.
      Ich gab kurz meine einfachen Erklärungen.
      Ich kann nicht sagen, daß ich im ersten Augenblicke besonders gastlich angesehen war. Der Deutsche in Amerika hat immer etwas – Verschämtes und Abstoßendes, wenn er auf seinem einsamen Hof überrascht wird. Und Westfäler sind schon von selbst nicht die insinuantesten Menschen.
      Der Mann sah mich aus harten und scharfen Zügen wie aus einer eisernen Maske an. Er war schlank und hoch gewachsen – eine lebendige Lanze. Seine Hakennase eine wahre heraldische Siegelprobe von Energie und Charakter, sein Blauauge treu wie der sicherste Ackergrund. Die Mutter eine blasse, reine Frau, eine Erscheinung wie ein Stück Damast. Ganz wie ich sie gedacht. Sie war ohne Zweifel eine Honoratiorentochter ihrer einstigen Heimat. Der Vater Teutoburg, die Mutter Bielefeld, würde dieses westfälische Paar ein neumodischer Jung-Deutscher in seinem Ideen-Assonanzen-Stil charakterisieren.
      Die Frau wartete das Benehmen ihres Mannes ab und der Mann mein eigenes. Beide empfingen mich eigentlich gar nicht; es mußte sich aus mir selbst zeigen, »was für ein Vogel ich sei«.
      Ich sprach natürlich von ihrem Kinde, der nächsten Veranlassung dieses Rendezvous, und erkundigte mich, wie 
       es hier um die Schule stehe. Diese praktische Frage schien den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich konnte sogleich sehen, daß man damit zufrieden war. Vor allem seufzte die Mutter lebhaft und antwortete: das sei allerdings traurig. Eine deutsche Schule bestände nicht in der Gegend, und zu den Engländern schicke man seine deutschen Kinder gar zu schwer, sie lernten nur ihre eigenen Eltern verunehren.
      Ich erbot mich sofort zu Annettens Lehrer.
      Die Frau sah ihren Mann an, und der Mann hatte offenbar was gehört, »was sich hören ließ«. Ob ich gut lutherisch sei? war seine erste Antwort darauf.
      Doktor Luther hat auch für mich gelebt, sagte ich, nicht ohne einige Verwirrung, und war froh, daß mir die Phrase so durchging. Es geschieht einem doch ganz eigen, wenn man mit seiner weitschichtigen Aufklärung so knapp-positiven Gemütern konfrontiert ist! Verschiedene Stände sind verschiedene Jahrhunderte.
      Wir verständigten uns. Ich habe nun eine Anstellung im Urwald, – ich bin Erzieher. Wahrlich, das kleine Abenteuer freut mich mehr, als es scheinen mag. Ich bin, wie du weißt, Kinderfreund. Freilich hat mir eine geistreiche Frau einst gesagt: dann sind Sie Menschenfeind, und ich war wie vom Blitz gerührt, daß sie recht hatte. Aber ist's meine Schuld? Ich leugne es nicht, die Kinder repräsentieren mir die Menschheit reiner als die Erwachsenen. Der mutige Knabe entartet zum servilen Untertan, und wie selten findet das Mädchen zwischen Prüderie und Koketterie den Begriff der Weiblichkeit. Blüten sind Bienenkost, ausgewachsene Frucht oft kaum Schweinekost. Die Nähe dieses Kindes soll mir wohltun. Ich nehm's wie ein glückliches Unterpfand von dem Gott, der mich hierhergeführt.
      Nächst dieser Bekanntschaft, die unsern Freund so sehr anmutet, wollen wir von seinen übrigen Nachbar-Besuchen noch zwei erzählen, zwar nicht ihrer Anmut wegen, sondern weil sie sonst nicht ohne einiges Interesse an ihm 
       vorübergingen. Moorfeld machte sie beide tags nach dem hier mitgeteilten Begegnis und diesmal in Anhorsts Begleitung.
      Auf dem Wege sagte Anhorst: die Farm, die wir zunächst besuchen werden, gehört einem Amerikaner, Mister Thorne. Wir werden ihn selbst nicht zu Hause treffen – er ist seit einigen Wochen auf irgendein Busineß abwesend. Indes lohnt es sich doch den Gang dahin. Er hat einen Knecht, oder »Hand« wie man hier sagt, der eigentlich ein Tischler, und zwar ein vorzüglicher deutscher Arbeiter ist. Wenn Sie sich einzumöblieren gedenken, so können Sie mit dem Manne gleich Rücksprache darüber nehmen. Er ist auf sein Handwerk sehr zu empfehlen.
      Dann sitzt er wohl auch nicht aus Geschmack am Landleben hier? sagte Moorfeld.
      Gewiß nicht, antwortete Anhorst.
      Können Sie mir seine Geschichte erzählen?
      
      Geschichte eben nicht, aber eine Anekdote daraus, den Dirty Job, der ihn zunächst hieher verschlug. Indes, solche Sachen spielen ja täglich und stündlich.
      Lassen Sie immer hören, forderte Moorfeld.
      Und Anhorst erzählte, indem der Weg eine reizlose Gegend durchmaß:
      Es war drüben in Pennsylvanien im Mercer County, Stadt Mercer. Dort hatte ein Mr. Baine für einen Kaufmann, ich weiß nicht mehr welche Arbeit übernommen, einen Neubau oder Anbau seines Ladens, gleichviel. Mr. Baine war aber mehrerseits beschäftigt und übertrug die Arbeit an Herrn Rapp, unsern deutschen Tischler. Man machte einen Akkord auf 38 3/8 Dollar, mit der Bedingung, daß der Bau in einer bestimmten Zeit, sachgerecht und zur gänzlichen Zufriedenheit des ursprünglichen Kontrahenten, des Kaufmanns, zu vollenden sei. Das geschah. Unser Tischler plagte sich zwanzige Tage lang unter der heißesten Augustsonne und stellte sein Werk her. Als er zu Ende war, forderte er von Mr. Baine seine akkordmäßigen 38 3/8 Dollars. 
       Mr. Baine beanstandet die Bezahlung, da man ja erst das Urteil des Kaufmanns, der eben verreist sei, abzuwarten habe. Der Kaufmann kommt, und unser Rapp, der sein Geld braucht, bittet jetzt diesen darum. Der Kaufmann natürlich wendet ihm einfach den Rücken: er kenne ihn gar nicht, er habe nichts mit ihm zu tun. Der Tischler geht wieder zu Mr. Baine. Dieser antwortet: er habe mit dem Kaufmann Rücksprache genommen und gehört, daß die Arbeit keineswegs probehaltig sei. Der Deutsche merkt jetzt, worauf es abgesehen, und nachdem er erst noch zwischen dem Kaufmann und Mr. Baine ein paar Wochen lang hin und her gelaufen, reicht er endlich seine Rechnung klägerisch ein. Zu Ende Oktober erhält er den Termin. Mr. Baine kam mit seinem Advokaten, der Kaufmann mit einem Komitee von »sachverständigen und unparteiischen« Zimmerleuten. Der Deutsche kam allein. Er mochte bei so klarem Rechte einen Advokaten für überflüssig halten oder die Kosten schwer empfinden, er vertraute sich. Die Verhandlung beginnt. Der Advokat der Gegenpartei liest den Kontrakt zwischen Mr. Baine und Herrn Rapp vor, hierauf wird der Kaufmann vereidigt und befragt, ob er mit dem Bau zufrieden sei? Durchaus nicht, antwortete er mit fester Stimme. Nun werden die sachverständigen Zimmerleute vereidigt und befragt, was das Resultat ihrer Besichtigung gewesen sei? Sie antworteten, daß sie den Bau in einer 
      nicht sachgerechten Art und Weise aufgerichtet gefunden. Der Tischler stand wie vom Donner gerührt. Die Eidesaussagen allein waren es ja, auf welchen seine Hoffnung geruht. Diese Hoffnung versagte ihm jetzt, er sah mit Schrecken, daß solch ein Prozeß auch verloren werden könne. Tränen traten dem vierzigjährigen Mann ins Auge. Aufgefordert, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen habe, stotterte er mit mutloser Stimme folgendes: Ich habe drei lange Jahre lang für den Stadtrat in Breslau gearbeitet, Fußböden gelegt, Türen, Fenster und Gesimse gemacht, 
       aber nie nicht! ist mir ein Stück zurückgegeben, oder getadelt worden. Mr. Baine hat meiner Arbeit täglich nachgesehen und mich oft aufgefordert, ich möchte es nicht so genau nehmen, auf ein paar Fugen käme es ja nicht an, den Fußboden zu hobeln verbot er mir förmlich. Zwanzig Tage habe ich unter der siedigsten Sommerhitze geschafft; ich frage bei Gott und Welt, ob es erlaubt ist, daß so etwas unbezahlt bleiben soll. Ich frage jeden ehrlichen Tischler, der meine Arbeit versteht, ob 38 3/8 Dollars ein übermäßiger Preis dafür ist. Gewiß, das ist es nicht, meine Herren! Die Nennung des Preises veranlaßte den Richter nun auch nach dem Kontrakt zwischen Mr. Baine und dem Kaufmann zu fragen. Der Verteidiger verwarf zuerst diese Frage als ungehörig, gab aber zuletzt, mit Zustimmung seiner Klienten, nach. Der Kontrakt wurde verlesen. Er lautet mit dem vorigen ganz gleich, nur in der Ziffer ergab sich eine kleine Verschiedenheit. Nicht 38 3/8, sondern 200 Dollars hatte sich Mr. Baine von dem Kaufmann bedungen! Und der Kaufmann fügte noch hinzu, daß er diese Summe teils in Geld, teils in Waren dem Br. Baine bereits bezahlt. Diese Mitteilung war eigentlich unbesonnen, denn der Kaufmann bewies damit augenscheinlich, daß ihm die Arbeit ja doch gut genug gewesen und nicht, wie er dem Deutschen gegenüber geschworen: »durchaus nicht!« Aber dieser kleine Fauxpas wurde nicht mehr bemerkt, denn im ganzen Gerichtssaal machte sich ein Unwille laut, – ein Unwille gegen den Deutschen. Er nämlich, nicht Mr. Baine war es, den jene Entdeckung direkt tot machte. Daß sich ein Mensch für 38 Dollars zu einer Leistung hergibt, die ein anderer auf 200 schätzt, das war dem Amerikaner tief verächtlich. Der Amerikaner war wieder einmal recht groß dem schoflen Deutschen gegenüber. Und so fällte denn der Richter, wie er auf Grund der beiden eidlichen Aussagen wohl nicht anders konnte, zuletzt den Urteilsspruch: daß der Deutsche seinen Kontrakt 
      nicht erfüllt habe; doch dürfte er allerdings der Großmut des Mr. Baine zu 
       empfehlen sein, welcher ihm wenigstens einen Teil der akkordierten Summe möge zukommen lassen. Keinen Cent soll er haben, der verfluchte Dutchman! rief Mr. Baine, und damit war die Sache zu Ende. Der Richter machte nur noch seine und des Konstablers Rechnung, die er dem Deutschen schnell, denn es war Essenszeit, überreichte, und woran dieser zehn Monate lang zu bezahlen hatte. Von allem entblößt, griff er vor sechs Wochen zu, auf jener Farm sich als Knecht zu vermieten, – ums augenblickliche Brot.
      Anhorst hatte inzwischen Moorfelds Pferd ins Auge gefaßt und machte jetzt einige Bemerkungen über die inkorrekte Schule desselben. Freimütig antwortete Moorfeld: Nicht doch, nicht doch! Wir müssen solche Geschichten künftig nur zu Fuß erzählen.
      Schweigend erreichte das Paar die Farm. Man fand den Tischler Rapp beim Ausbessern des Fenzenzauns, den ein paar mutige Bullen über Nacht eingerissen. Schon aus der Ferne hatte man ihn die schweren Pflöcke einrammen gehört. Es war ein Mann von mittlerer Statur, die Haare schon hoch in dem Scheitel ausgefallen, der Körper ein wenig gebeugt, und wie es schien, nicht mehr allzu kräftig. Sein Gesichtsausdruck war unbeholfene Arglosigkeit und ein tüchtiges, aber beschränktes Selbstvertrauen. Moorfeld fand ganz das Charakterbild aus jenem Prozesse in ihm.
      Er fing ein Gespräch mit ihm an, das sich, wie es in deutscher Zunge geführt ward, zunächst auch auf deutsches Heimatsandenken bezog. Die Augen des Tischlers leuchteten wie trunken, und aus tiefster Seele brach er in den Ausruf aus: Ach, hätten wir in Deutschland Gewerbefreiheit, es wäre das erste Land in der Welt! Und die politische Freiheit Amerikas ist Euch gleichgültig? fragte Moorfeld, – indes mehr um die Begriffe des sogenannten gemeinen Mannes darüber kennen zu lernen, als in irgendeiner direkten Absicht.
      Politische Freiheit, erwiderte der Tischler – wo ist sie 
       denn? und blickte dabei um sich, wie um ein verlorenes Taschenmesser, – ich seh' nichts von. Ich war in Pittsburg, als sie im vorigen Jahr den Präsidenten wählten, – Prügeln sah ich wohl, aber keine Freiheit. Da liefen sie die eine Straße herauf mit schwarzen Kokarden und die andere Straße mit roten, und wie sie an der City-Hall zusammenstießen, ging der Tanz an. Es war ein Krawall – Riot heißen sie's – von einigen tausend Personen, und da wählten sie den Präsidenten, daß man bis in die Nacht die Pistolen hörte, und das Blut lief herum wie in einem Schlachthaus. Es sind gar unbändige Menschen hier. Wo wir Deutsche einen Wortwechsel führen, da rennen sie gleich mit Messern und Schießgewehr gegeneinander los. Immer geschossen, immer gestochen! Wie das unvernünftige Vieh! Es ist, als ob sie gar nichts im Schädel hätten, alles in der Faust. Nein, Gott weiß, ich habe einen Ekel an den großen Städten. Aber auf dem Lande sitzt die Freiheit eben auch nicht zu dick. Bäume umhauen, Fenzen machen, Blockhäuser bauen, Wild schießen, Vieh hüten, das ist die erste Freiheit. Man sieht die Leute wie Sklaven sich rackern, wer nie in der Näh' war, hat keinen Begriff von. Dabei wohnen sie halbe Tagereisen auseinander, und kommen sie zusammen, so versteht oft keiner den andern nicht, die ganze Gemeind' ist neunerlei Volk. Das macht sich dann irgendein verlaufener Yankee prächtig zunutze. Der tut in solch einer Wüstenei einen Storeladen auf, und damit ist er König. Vom Kleinsten bis zum Größten, alles, was der Mensch braucht, führt er in seinem Kram. Wer nicht fünfzig Meilen weit in die Stadt fahren oder reisen will, der findet jeden Brettnagel bei ihm, und jede Zwiebel nimmt er an Zahlungs Statt. Die ganze Gemeind' steht in Rechnung bei ihm, er spielt absolut den Meister. Der hat dann die Stimmen von selbst. Ich möcht's keinem raten und ihm die Wahl verweigern. Diese Rackers sind meistens auch Postmeister, und so ein Kerl ist imstand und hält einem die Briefe auf, wenn man ihn nicht auf den 
       Stimmzettel schreibt. Ja, ja, das tun sie. Sie sind wie Räuber, sie erlauben sich alles. Einem Amerikaner ist jedes Mittel recht. So bringen es die Leute von Amt zu Amt, die Gegend wird volkreicher, es kommen oft die besten Köpfe heran, aber der Ladenhalter hat für ewige Zeiten das Prä. Hat er vielleicht noch einen Advokaten zum Schwager und einen Pfaffen zum Vetter, so fliegt er auf, wie ein Luftballon. Es ist merkwürdig, was sich so ein Flötz Ehren und Würden zu begehren traut. Dann prahlen sie aber noch in den Zeitungen: Wieder hat es einer unsrer Mitbürger zum Gouverneur eines Staates gebracht, der früher ein Grobschmied oder ein Schweinmetzger war, das ist die Herrlichkeit eines freien Landes! Ach, geht mir fort. Ich wollte, wir hätten Gewerbfreiheit in Deutschland, keinen Nagelschnitzel gäb' ich für eure Herrlichkeiten!
      Moorfeld hörte diese Rede mit Staunen an. Sein Blick fiel zum zweiten Male, aber mit einem ganz andern Ausdruck auf den armen Tischler. Er erfuhr hier von neuem, wie fähig der Deutsche sei, objektive Verhältnisse groß und richtig zu beurteilen, und wie wenig Mangel an Weltklugheit in seinen persönlichen Angelegenheiten einen Schluß auf sein übriges Denkvermögen zulasse. Eh' er die Farm verließ, bat er den Tischler, er möge es ihn wissen lassen, wenn der Eigentümer der Farm ihm etwa einen längeren Dienstvertrag anbieten wolle. Der Tischler sagte es unter frohen Ahnungen zu.
      Nach diesem Besuche lenkte das Paar wieder dem Heimwege zu, – Moorfeld fragte im Vorbeigehen: Wer kommt morgen dran?
      Wären wir gemeldet, antwortete Anhörst, so könnten wir noch heute hinüber reiten; von hier sind's nur fünf Meilen, und vom Hause weg fünfzehn. Aber, es wird Abend, wir kämen direkt zum Tee und sind nicht gemeldet.
      Moorfeld blickte groß. Tee? gemeldet? Mich dünkt, wir sind im Hinterwalde.
      Wir, aber Lady Brubaker nicht, oder vielmehr Lady 
       Morgan, wie sie sich nach der hiesigen Gewohnheit, europäische Namengrößen zu adoptieren, nennt.
      Die Lady Morgan ist wohl eine betrübte Witwe?
      Doch nicht, Herr Doktor, sie ist die Frau eines deutschen Narren, Michael Braubacher, der sich aber yankeesiert hat und nun Brubaker prononciert wird. Ein trauriges Hauswesen! und aufrichtig gesagt, ich selbst ließ' es links liegen; es regt sich die Galle, nur daran zu denken. Der Mann hat bei einem Bankrott ihrer Familie in New York sein Vermögen eingebüßt, die Humbuger von Schwager und Schwiegervater treiben sich nun in aller Welt herum, während er selbst noch immer Mittel wußte, aus Deutschland sein letztes Tausend Taler herauszuziehen, womit er diese Farm hier anlegte und wenigstens Frau und Kind redlich ernährt. Desungeachtet! Wenn Sie den Ton hören werden, der dort über Deutsch und Deutschland herrscht, so haben Sie wahrlich zu würgen daran. Das Weib spricht von ihrer Nationalität, als ob sie in ihrem New Yorker Schaukelstuhl alle Flotten der Welt kommandierte; die Nation ihres Mannes aber tritt sie mit Füßen. Leider! der deutsche Michel duldet's. Es ist so weit gekommen, daß ihn seine zwei Buben in seinem eigenen Haus 
      old dutchman schimpfen dürfen, und wie er nur den Mund öffnet, um von Deutschland zu erzählen, so lachen sie ihm ins Gesicht. Die »Ma« ist alles, der »Pa« gar nichts. Mordio! Von allen dummen Streichen, die der Deutsche in Amerika macht, ist es sicher der dümmste und unverzeihlichste, eine amerikanische Frau zu heiraten.
      Anhörst wundert sich, daß während dieser Worte auf Moorfelds Lippen ein – Lächeln entstanden. Es spielte freilich ein wenig ins Diabolische, aber er hatte sich auf ein zornvolles Rechtsum! gefaßt gemacht.
      Moorfeld dagegen sagte: Reiten wir hin!
      Anhörst blickte ihn fragend an, erwiderte aber nichts. Er fühlte, er kannte seinen Mann noch viel zu wenig, um sich 
       über das, was Widerspruch schien oder nicht, ein Urteil zu erlauben. Hatte er doch das Seinige getan! –
      Die Wanderer trabten frisch und erreichten Braubachers Farm noch im vollen Tageslichte. Es war ein kahles Gehöft, ganz im lieblosen Yankeestil. Keine lebendige Feldhecke, kein Baum vor dem Hause, keine Blume am Fenster, nichts, was den schönen Natursinn eines Deutschen verriet. Sie traten ein. Die Hütte war noch roh genug und durfte vielleicht nur darum nicht mehr Blockhaus heißen, weil sie zwei Wohnräume enthielt. Und einer davon nannte sich auch richtig »Parlour«.
      Die Ankömmlinge waren so glücklich Mister und Mistreß zu Hause zu treffen. Nach den ersten Begrüßungsformeln führte Anhorst, auf einen Wink Moorfelds, den Mister zu einer landwirtschaftlichen Umschau vor das Haus und Moorfeld blieb mit der Mistreß allein. Die Hinterwäldler-Hausfrau wiegte sich in ihrem Schaukelstuhl und – garnierte ein Bonnet.
      Moorfeld lobte das Häubchen im elegantesten Englisch. Er zeichnete der Lady Morgan sogleich auf ein Pergamentblättchen seines Notizbuches das Muster eines Bonnets von Madame Dasse in Paris vor, welches kurz vor seiner Abreise nach Ohio den Ton der diesjährigen Saison angegeben. Der Stoff glatter Tüll, erklärte er seine Zeichnung, rechts eine Bausche mit einigen Rosen, links zwei Marabouts an die Wange herabfallend, hinten eine weiße Atlasschleife. Der Fond recht tief am Scheitel zu tragen, mit einer Neigung gegen die Stirn wäre es provinziell.
      Die Lady Morgan maß ihren Gast mit erstaunten Blicken. Aber Moorfeld beherrschte seine Miene vollkommen. Die Dame merkte nichts und war ehrlich genug zu seufzen, das reizende Modenbild werde sich in dieser »verdammten Wildnis« leider nicht wohl präsentieren lassen. Moorfeld seufzte mit. Er heftete sein Auge mit einem bedeutungsvollen Ausdruck auf die arme Leidende und warf, 
       gleichsam vom Mitgefühl abgepreßt, das Wort hin: Es könnte in kurzem sich vieles ändern in dieser Wildnis. Mrs. Brubaker blickte aufmerksam. Es ist wahr, es werden neuester Zeit starke Landkäufe hier gemacht, sagte sie, zweifelhaft, was sie eigentlich zu sagen habe. Mein Ankauf ist nicht der Rede wert, antwortete Moorfeld, ohne Umstände das Wort auf sich beziehend, und mit der vornehmsten Gleichgültigkeit. Aber für eine 
      Probe, fuhr er fort, bedurfte es einstweilen nicht mehr. – Für eine Probe? Von welcher Probe sprechen Sie, Sir? fragte Mrs. Brubaker, indem sie anfing, ganz so gespannt zu werden, wie Moorfeld beabsichtigte. Moorfeld schien zerstreut und tändelte mit dem Bonnet. Wie hübsch sich das in einem elegant dekorierten Salon, unter strahlenden Girandolen und Kandelabern, zur Tanzmusik eines guten deutschen Orchesters ausnehmen wird! phantasierte er wie im Traume vor sich hin. Die Farmersfrau machte ungeduldige Bewegungen. Ihr Geist ist bei deutschen Geigen und Flöten, mein Herr! sagte sie empfindlich, aber nicht ohne ahnungsvolle Aufregung. Ah, Madame, Sie sind nicht für den Urwald geboren! fuhr Moorfeld plötzlich auf und sah seine Wirtin mit jener Dreistigkeit an, die den Kavalier als Galan der Bürgersfrau auszuzeichnen pflegt. Die New Yorker Bürgersfrau hatte darüber auch, wenn nicht ein deutliches Gefühl, doch eine dunkle Ahnung und versuchte eine Miene aus den besten Tagen ihrer Impertinenz. Aber ihre Eitelkeit war bereits erregt; sie hütete sich, mit dem merkwürdigen Farmer-Galanthomme zu brechen. Moorfeld sah fast mit Augen, wie der kalte Stolz und die heiße Neugierde in ihrem Innern gegeneinander zischten.
      Was ich da von Flöten und Geigen phantasiere, rückte er vertraulich heraus, ist nicht ganz ohne. Wenn Sie mich nicht verraten, Madame, so will ich Ihnen ein Geheimnis ausplaudern. Geheimnis eigentlich nicht. Es wird bald genug Stoff der Tagespresse sein. Aber eine Dame von so 
       gutem Geschmack – das Getändel mit dem Bonnet dauerte fort – ist im Grunde näher dabei interessiert als die dumme Publizistik, die nicht überall so ungalant sein soll, den Vortritt zu haben. Lady Morgan horchte hoch auf. Eine Gesellschaft deutscher Edelleute – lassen Sie mich das Wort nicht entgelten, Verehrteste, es klingt barbarisch, ohne Zweifel, aber wer das Unglück hat, mit dem Adel behaftet zu sein, leidet mindestens an einem unverschuldeten Unglücke; er verdient weniger den Abscheu als das Mitleid aufgeklärter Republikaner. Ich bin nicht republikanisch gesinnt, sagte Lady Morgan verlegen lächelnd. All men are equal, ist nicht all women. Frauen sind dem Prinzip der Gleichheit nicht hold. – Mon Dieu! rief Moorfeld, dann hört die schönere Hälfte der Union auf, Republik zu sein; und Lady Morgan mußte sich's schon gefallen lassen, eine leichte Artigkeit in einer boshaften Wendung gegen ihr vergöttertes Vaterland hinzunehmen. Moorfeld fuhr fort: Eine Gesellschaft deutscher Edelleute, disgustiert von der Juli-Revolution, geriet auf den Einfall, sich ein Reduit, eine Art Adelskolonie in Amerika zu gründen, wenn das erkrankte Jahrhundert einst die Hahnemannsche Kur empfehlen sollte, einer deutschen Republik in eine amerikanische zu entfliehen. In der Wahl des Orts wollten wir die alten Bourgeoisstaaten des Ostens wie die langweiligen Wüsteneien des Westens gleichmäßig vermeiden und entschieden uns zunächst für Ohio. Doch, um die ganze Wahrheit zu sagen, gestehe ich allerdings, daß noch zwei Versuche in zwei andern Staaten gemacht sind. Mein Probekauf ist nur einer von dreien.
      Wir drei werden nun – das ist der Plan – als gewöhnliche Farmer wirtschaften, und ohne alles Aufsehen unsere Lokalverhältnisse beobachten. Nach Jahresfrist schicken wir dann unsere Berichte ein, und welcher am günstigsten lautet, jenes Terrain wird erwählt. Bei einem Ankauf von einer halben Million Acres mochten wir einige Vorsicht nicht 
       ganz verschmähen. Übrigens sind wir nicht anspruchsvoll. Wir achten die fremde Nationalität, der wir uns anschließen, und fordern bloß, daß sie uns wieder achte, das ist unsre ganze Prätention. Der Chef des Unternehmens, der gefürstete Reichsgraf von Tettan, ist der liberalste Aristokrat, der sich denken läßt. Ein Muster von einem liebenswürdigen Gentleman. Sie haben vielleicht den General Lafayette bei seinem letzten Besuch in den Staaten gesehen? Ein so populärer, leutseliger Charakter ist der Reichsgraf. Nur nicht so trikolor. Der Graf legt seiner Geburt einen hohen Wert bei, aber er schätzt sie nicht als persönliches Privilegium, sondern als einen Teil der Nationalehre. In der Tat, Nationalstolz ist vielleicht die einzige Leidenschaft des deutschen Reichsgrafen. Darin geht er etwas weit, ich gestehe es. Europa ist voll von Charakterzügen seines National-
      sports, und er vermehrt sie noch fortwährend. Ein paar davon werden den Mann kennzeichnen. Als vor drei Jahren in Haymarket der berühmte arabische Hengst Almansor, Vater Abdallah, Mutter Mirza, zum Verkaufe stand, war die ganze haute volee d'Angleterre in einer Art Aufregung. Das edle Tier sah sich vom Morgen bis zum Abend von der Creme der Gesellschaft umschwärmt: Herzöge waren seine Stallbedienten. Die Pairs des Landes überboten sich in enormen Summen, die Wetten überboten sich über den Sieg der Bieter, kurz Almansor war der Löwe des Tags. Der Reichsgraf ging damals mit Plänen anderer Art in London um, war auch eben erst angekommen, ich glaube, der ganze Lärm verhallte an ihm allein spurlos. Aber ein müßiger Reitknecht aus seinem Gefolge, der sich auf eigene Hand Haymarket ansah, fand Gefallen an Almansor und fragte in aller Unschuld nach dem Preis. Die anwesende Stallaristokratie umwiehert ihn mit Gelächter. Der Stallion klopft ihm hochgnädig auf die Schulter: Guter Freund, dieses Pferd bezahlt ein deutscher Kavalier nicht! Der Reitknecht läßt sich das nicht zweimal sagen. Er tritt vor den 
       Grafen: Erlaucht, da draußen steht ein Gaul, den ein deutscher Kavalier nicht bezahlen kann. Der Graf horcht und hört, was geschehn. Wie ein Blitz reitet er nach Haymarket. Er steht vor Almansor. Was kostet der Araber? fragte er und zwar auf deutsch wie sein Reitknecht. Der Stallion ist betreten, besinnt sich aber und hat die Unverschämtheit zu antworten: Fünfzigtausend Pfund, Sir. Der Graf zeichnet – »präsentiert das meinem Intendanten«, sagt er – zieht eine Pistole und schießt das Pferd nieder. »So füttert ein deutscher Kavalier englische Raben.«
      Moorfeld weidete sich an dem Schuß, der der erschrockenen Lady fast persönlich durch den Leib zu gehen schien; dann fuhr er, sich leicht auf dem Stuhle wiegend, zu plaudern fort: In ebenso großem Stil, aber reizender für Frauenohren war jenes Impromptü, welchem ich selbst diesen Winter in Paris beiwohnte. Unter den Feinen der Feinste, unter den Brüsken der Brüskeste – der Graf ist wie sein Boden. Zu einem Maskenballe der Herzogin von – Livadien, lassen Sie mich sagen, denn die enthusiastische Philhellenin hieß in der Tat scherzweise so – hatte ein Kränzchen der fashionablen Kavaliere gewettet, wer unter ihnen in der kostbarsten und originellste Maske erscheinen würde. Der Reichsgraf setzte zum Besten Griechenlands zwanzigtausend Franken, daß 
      er die Wette gewinnen wolle. Er erschien aber im Habit eines – Hausierers, trug das Tuch und die Wäsche eines servierenden Laden-Kommis, dazu nur noch am grünen Bande seinen Tabulettkasten von Ebenholz vor sich an der Brust. Mit diesem Kasten promenierte er ausrufend durch die Appartements – Messieurs et Mesdames, achetez, achetez, s'il vous plait! Objets de toilette, objets de fantaisie, bijoux, parfums, avancez, Messieurs et Mesdames!
      Lachend und glossierend drängten sich die reizenden Damen des Balls um die drollige Charaktermaske, der Graf teilte nach links und rechts seine Quelquechoserien aus, und 
       die Ware fand um so schnelleren Abgang, als man sie ohne Zweifel für unecht hielt. Aber, – welch ein angenehmes Staunen wogte, erst flüsternd, dann laut und immer lauter, durch die Säle, als man die Entdeckung machte, daß der blitzende Inhalt der vielerlei Schächtelchen und Kästchen, daß die Bonbonnieren mit Türkisen oder Rubinen, die Ringe und Ohrringe, die damaszierten Flakons mit ihren Steinen, die reichbesetzten Damenuhren von Breguet, die Kolliers von Bot, mit großen Chrysoprasen geschmückt, die massiven, antik gearbeiteten Armspangen, die modernen Berliner Eisengürtel mit Saphiren oder Amethysten à jour gefaßt, kurz, daß der ganze Galanteriekram echt war! In Wahrheit, Madame, der Graf hat an jenem Abend einen Wert von hunderttausend Franken verschenkt für zwanzigtausend Franken zugunsten Griechenlands und – für den Nachruf: Der artige deutsche Kavalier! – Wir wollen nun sehen, schloß Moorfeld aufstehend, wo wir in Amerika die Stelle finden, dies Treiben des lustigen alten Europa möglichst originalgetreu fortzusetzen. Aber, bitte, Madame, verraten Sie mich nicht. Wir möchten den Zynismus der Land-Jobberei nicht vor der Zeit aufregen, und dann – kommt ja alles noch, wie gesagt, auf mein und meiner Kollegen Referat an.
      In diesem Augenblicke kam Mr. Braubacher mit Anhorst zurück, hinter ihnen zwei schmalleibige Knaben mit matten Augen und bleichen Gesichtern, verzärtelte New Yorker-Sprößlinge. Einer derselben pflanzte sich sogleich vor Moorfeld hin und rief: Ma, ist das auch ein Dutchman? Aber die Ma klapste mit eigener feiner Hand den Frager auf den Mund und zürnte ernsthaft: Unartiger! Wie oft habe ich dir gesagt: German heißt ein Deutscher, nicht Dutchman! Dann wandte sie sich mit einem verzerrten Lächeln zu Moorfeld: Entschuldigung, Sir! deutsch – dutch – es liegt den Kindern so im Munde. – Hat nichts zu sagen, Madame; ich werde es an meiner Bemühung nicht fehlen lassen, den 
       lieben Kleinen einen regelmäßigen deutschen Sprachunterricht zu verschaffen. – O, ich wäre unendlich dankbar, Sir, grinste Lady Morgan übersüß. Die Kinder aber staunten ihre Ma, Mister Brubaker seine Mistreß, Anhorst seinen Moorfeld an, und Moorfeld griff mit einer kavaliermäßigen tour de main nach seinem Hut, und empfahl sich nach allen Seiten im herzlichsten Einverständnis.
      Unser Paar hatte die Farm lange hinter sich, als Anhorst endlich eine Art versteinertes Schweigen brach:
      Darf ich mir erlauben, Sir, Ihrer – wickedness meine ganze Huldigung darzubringen?
      Bitte! Ich habe der Gans bloß ein wenig Vogeldunst gestreut, antwortete Moorfeld. Er erzählte seinen Einfall. Sie hat nun ein Jahr lang Besserungsfrist, sagte er, und kommt der Reichsgraf nicht, so kommt vielleicht doch die Karbatsche. Ihren Mann will ich inzwischen auch noch ein wenig abrichten.
      Anhorst bezeigte sich ungemein erfreut über das Gehörte. Vielleicht gefiel ihm Moorfelds Puff darum so ungewöhnlich, weil er nicht bloß ein müßiges Spiel des Witzes, sondern eine praktische Tat mit einem bestimmten sittlichen Zwecke war. Unter diesem Gesichtspunkte begriff er das Geistreiche leicht und lebhaft.
      Es war das erstemal auf dem abendlichen und teilweise nächtlichen Nachhauseritt, daß diese so ungleich gearteten Männer sich besser als je verstanden. Jeder schien bei sich selbst den andern zu widerrufen, daß er ausschließlich Prosaiker oder ausschließlich Schöngeist sei. Diese Meinung transpirierte mit einer warmen Ausstrahlung durch ihr Gespräch. Anhorsts und Moorfelds Unterhaltung in dieser Stunde war von jener Art, welche dauernde Freundschaften zu begründen pflegt. So erreichten sie ihren einsamen Waldwinkel. 
      
    



      Fünftes Kapitel
      Aber jetzt war auch der Tag für Anhorsts Marktfahrt herangekommen. Allerorts begannen die Ernten, und wenn Anhörst die Chance nicht verlieren wollte, so hatte er keinen Augenblick zu versäumen. Er brach auf. Ungern sah Moorfeld ihn scheiden. Anhörst war offenbar, wenn auch langsam, geistig wieder aufgelebt, Moorfeld dagegen meinte an praktischem Sinne ihm näher gerückt zu sein. Es schien ihm wie eine Sünde gegen Natur und Kunst zugleich, den beginnenden Fluß der Melodie jetzt mit einer Pause zu zerhacken. Es war unschön, es war widersinnig. Moorfeld hatte fast das Gefühl, als müßte sich hier etwas 
      strafen, als geschähe den Mächten des Gemütes Gewalt durch die Mächte der Materie. Aber freilich war dieses Gefühl unaussprechlich. Wie sollte Moorfeld die ahnungsvolle Spürkraft des ästhetischen Sentiments in einen so rechtwinkeligen, unvermischten Charakter wie Anhörst hinübertragen? Er schämte sich, die alte Melodie zu variieren: Bleibe bei mir, Max! und darauf lief seine Regung doch wohl allein hinaus. Es war fast rührend, wie Anhorst am Vorabend seines Auszugs mit einem langen, starken Mann vor das Blockhaus gerückt kam, Moorfelden versicherte, das sei weit und breit der zuverlässigste »Knecht«, den er auftreiben gekonnt, und nun treuherzig überzeugt war, er habe seinen Remplaçant gestellt! Da blieb denn unserm Freunde nichts weiter übrig, als dem braven Gesellen glückliche Reise zu wünschen und nur schüchtern hinzusetzen, wenn er etwa in Detroit schon guten Absatz fände, so möge er für diesmal nicht weiter schweifen und hübsch bald wieder heimkehren. Das versprach Anhorst und ging.
      Moorfeld stand jetzt in seiner Waldhütte allein. Es fehlte wenig, daß die Schauer des ersten Momentes von neuem über ihn herfielen. Die nächsten Tage und Stunden brachten ihm ganz das bodenlose Gefühl der Fremde wieder 
       zurück. Wie flüchtiger Goldschaum ging von den Dingen seiner Umgebung der Hauch der Gewohnheit hinweg, woran er noch allzu zart gehaftet. Bestürzt wurde Moorfeld inne, daß er nicht mit einem Ruck, wie er schon gewähnt, Herr seiner Situation geworden: – nein! sein Zustand war wie das Treiben in einer Meerenge, und Anprall und Widerprall extremer Stimmungen mußte noch lange hin und her zerren an ihm, bis ihm feste Richtung gewonnen war.
      Wer freilich die äußere Lage Moorfelds in diesen Tagen betrachtete, der hätte leicht in einen Spiegel der seligsten Idylle zu schauen geglaubt. Von dem Theater-Apparat des sogenannten »angenehmen Lebens« fehlt wenig oder nichts. Eine elegante Doppelflinte, – ein stattliches Reitpferd, – ein Waldrevier hinter dem Hause, in welchem unser Backwood-Baron nicht nur das Jagd
      recht, sondern – nach der pfiffigen Version eines modernen Junker-Anwalts – ganz eigentlich die Jagd
      pflicht hatte, denn sein Wildstand war vor allem reich an Eichhörnchen, welche, wie wir gehört, eine Landplage des amerikanischen Farmers sind. An dieser Jagdpflicht konnte unser Held in Amerika hier vollauf zum Ritter werden. Daneben konnte er mit Zirkel und Winkelmaß in der Hand Baupläne entwerfen, Felder, Gärten, Häuser und Dörfer abmessen, Straßen bahnen, Parks einhegen, kurz das Bewußtsein des Grundbesitzes in tausend hübschen Faltenwürfen sich umlegen und zwischen Projekt und Spiel angenehme Halbträume träumen. Dürstete er nach den Wonnen dichterischen Schaffens – hing nicht das Abendlicht wie eine goldene Harfe dort auf dem Riesenwipfel der Weymouthtanne, dieser Lurlei der Pflanzenwelt, griffen nicht Morgennebel mit ossianischen Geisterarmen durch das Gezack der windungsreichen Lebenseiche, ließ nicht der Mond an weißen Birkenstämmen sein bleiches Silberlicht hängen, zog nicht ein mystisches, wehmütiges Elfengeflüster durch die zitternden Grasrespen der Prärie, und sprach nicht rings um ihn her die große freie Wildnis 
       das Wort aus, das ein fühlender Mensch nur nachzusprechen braucht, um langen Reihen von Geschlechtern und Zeiten unvergeßlich zu bleiben? Ja, die Szene stand. Aber wenn die gefangene Königin ihre fühlende Kennedy auf Augenblicke beiseite setzt, um nach Wind und Wolken ihre Arme zu breiten, so eilte hier der Gesellschafter von Wind und Wolken, von Bäumen und Graswogen wieder und wieder ans Schreibpult in die Arme eines Menschen, selbst eines abwesenden, und aus dem Tiefsten heraus schrieb er an Benthal einst das Wort nieder: Ich bin nicht einsam hier, sondern nullsam! –
      In der Tat, so war es geworden. Moorfeld saß in seinem Urwald, und sein liebstes Urwald-Vergnügen war – sein Schreiben an Benthal! Es verging kein Tag, kaum eine Stunde, daß er nicht schrieb. Eine Unzahl von Blättern und Blättchen datiert aus dieser verhältnismäßig so kurzen Spanne Zeit. Wir können sie unmöglich, so wie sie liegen, mitteilen: denn wer sollte sich nicht wiederholen, wer, der so gärend und gierig in sich hineinlebt, sollte ein Gedächtnis dafür haben können, was er geschrieben, wie er's geschrieben, wie oft dieselbe Welle an die nämliche Stelle zurückrollte? Und doch lebt Moorfeld nach außen hin ein so spurloses, stillstehendes Leben jetzt, daß wir, da es einen fortlaufenden Erzählungsfaden nicht zuläßt, gerne in jene Blätter zurückgreifen werden, um Figur und Farbe dieser Tage uns bildlich zu machen. Freilich wird dazu nur die kleinste Auswahl genügen, wenige werden die Dienste aller tun, und indem wir die äußere und innere Landschaft unseres Einsiedlers nur an einzelnen Punkten beleuchten, wird Gemüt und Phantasie es nicht als Abbruch, sondern als sein Recht empfinden, die dazwischenliegenden Partien selbsttätig zu beleben.
      Vor allem wollen wir denen, welche im Handeln, nicht im Empfinden Heil sehen, Bericht davon geben, daß Moorfeld nicht in »schöner Muße« allein seinen Genuß suchte. Der 
       Notschrei des Fiebers erscholl jetzt im Lande, und unser Held trug zwar einen adoptierten Namen, doch sein 
      Dr. nicht umsonst davor. Unaufgefordert bot er Nahen und Fernen Hilfe. Leider werden wir belehrt, daß auch die Tat des Tätigen nicht Zufriedenheit gibt, wo der Boden fehlt, das Schöne schön zu empfangen.
      Beginnen wir in seinen Aufzeichnungen unsre Lese:
      *
      Es ist Hochsommer, das ganze Land liegt im Fieber. Ich reite weit und breit herum und bin, wie man sagt, nützlich: Aber ich habe keine Freude daran. Der Amerikaner versteht den europäischen »Rettungsengel« nicht. Er honoriert ihn mit seinen Dollars, und wenn's der Engel ausschlägt, so hält er ihn für einen Simpel. Oder es kommen die giftigen Kannegießer und Medisance-Pächter, die auch bei der dünnsten Urwaldsbevölkerung in diesem Claquen- und Cliquenlande nicht fehlen, die stecken die Köpfe zusammen und munkeln: Was will der Kerl? gebt acht, der will was. Er macht Partei für die Dutchman, er ist ein Papist, er bringt die Cholera ins Land und ähnlichen Unsinn. Und dann – hab' ich am Ende doch die Arzneikunst verlassen, weil ich Poet bin und der Anblick der leidenden Materie den Geist zu Boden drückt, statt ihn zu erheben. Bin ich nach Amerika gegangen, um dunstige Bettdecken aufzuheben und belegte Zungen zu sehen, – dieselben Zungen, deren geübteste Muskelbewegung das »damn'd Dutchman« ist? So komme ich oft abends nach Hause – mit einer langen Schatten-Queue von Melancholie hinter mir her, ich könnte zehn Schlemihls damit versorgen und bin am Ende selbst einer.
      *
      
       Das ist deutlich. Aber vollends ins Zerrbild gezogen fand Moorfeld den Wert seines guten Willens, wenn er auf demselben Gebiete frivolstem und frevelhaftestem Unwert begegnete und die Affenliebe amerikanischer National-Eitelkeit kein Hehl hatte, was für ein Prinzip sie hielt und begünstigte. Wir lesen: Am Krankenbette Mr. Gulls, des County-Clerks zu New Lisbon traf ich heute mit einem wandernden Arzte zusammen. Zur Zeit der Fieber sind nämlich die Schüler Äskulaps hierlandes stark unterwegs, indem sie in dünn bevölkerten Strichen von Farm zu Farm, von Städtchen zu Städtchen ziehen und den gesteigerten Bedarf bei äußerst unzureichender Lokal-Deckung durch das System der Ambulanz befriedigen. Gerechter Gott, was nennt sich hier Arzt! Ich sah einen Burschen vor mir mit einem Busineß-Gesicht, wie man sie, die Hand in der Hosentasche, den Yankee-Doodle-Pfiff auf den Lippen, beim Wollballen, beim Pferdehandel, bei der Mock-Auktion, kurz in allen Branchen der Dollar-Macherei stereotyp findet. Ein Ausdruck von Leichtsinn und Unverschämtheit lag auf diesem Gesichte, der mich schaudern machte. Die Art, wie sich der Mensch um den Zustand des Kranken erkundigte, verriet mir, daß er die medizinischen Kenntnisse ungefähr so besaß, wie ein Bücherverleiher die Literatur-Kenntnis. Es waren leere Repräsentations-Fragen, womit er ein Viertelstündchen ausfüllte, um sodann eine exorbitante Dosis China zu verordnen, welches Medikament er aus seiner mithabenden Apotheke in möglichst großen Quantitäten gegen möglichst viele Dollars zu verabfolgen, offenbar für seinen Hauptberuf hielt. Ich sah dem Treiben in laienhafter Verwunderung zu. Noch hatte ich keinen Begriff von dem ganzen Umfange der Schlechtigkeit, deren Verkörperung vor mir stand. Beim Anblicke seiner Chinarinde, die überdies zu der schlechtesten Sorte gehörte, bemerkte ich daher, – bloß auf die Empfehlung und Ausbreitung des Guten bedacht – daß sich Amerika, wo dieses Medikament eine so 
       große Rolle spiele, mehr und mehr den Gebrauch des Chinins aneignen sollte. Es sei freilich eine teure Arznei, aber man erspare dem Kranken die Verdauung vieler nutzloser Stoffe, indem man die größere Masse der Chinagabe auf das Volumen des eigentlich Wirksamen reduziere, auch setze Chinin uns in den Stand, mit genau bestimmbaren Gewichtsmengen auf den Körper zu wirken, während in demselben Gewichte der Chinarinde sehr wechselnde Mengen des. wirksamen Stoffes vorhanden seien. Der Humbuger erblickte mit einiger Bestürzung einen Fachmann in seinem Bereich, faßte sich aber sogleich und antwortete schnell: Ganz Ihrer Meinung, ganz Ihrer Meinung, Herr Kollega; nichts über Chinin, ja wohl, Chinin, – good, very good! ganz Ihrer Meinung. Aber, setzte er mit gedämpfter Stimme, mich an das Fenster ziehend, hinzu – verdammter Unsinn wär's, Mister, für mehr Geld weniger Arznei zu bieten. Die Leute wollen das Maul recht voll. Ich entzog mich kalt dieser empörenden Vertraulichkeit und sprach von der Würde der Therapie. Überdies, fuhr ich fort, – denn meine Beobachtung des Kranken hatte mir inzwischen sehr deutliche diagnostische Resultate geliefert, – überdies sollte es scheinen, daß hier vor allem anderen Aderlässe indiziert seien, welche bei der hohen Expansion des Blutes, den gewaltigen kongestiven und entzündlichen Affektionen, sowie der bedeutenden Hirnerregung, deren Symptome wir offenbar vor uns haben, jedenfalls der China vorauszugehen hätten, wenn anders von einer rationellen Behandlung die Rede sein sollte. – Gewiß, gewiß, antwortete der Äskulap so rasch und heimlich wie zuvor, aber die Leute hier glauben, nur das Geben kuriere, nicht das Nehmen. Und lauter setzte er in einem ganz andern Tone hinzu: Ich habe über Blutentziehung meine eigenen Ansichten, mein Herr. Blut ist der Träger der Lebenskraft, wie wir wissen; das Heilbestreben der Natur liegt vorzüglich im Blute, es äußert sich am kräftigsten und wirksamsten durch dieses. Mit welchen 
       Waffen sollte die Natur den Krankheits-Dämonen bekämpfen, wenn nicht mit dem Blute? Das Blut ist gewissermaßen das ganze aktive Vermögen der Natur; um dem Bankrott, d.h. dem Tode zu entgehen, kann sie die Passiva, d.h. die Krankheit nur allein aus der Blutmasse decken. Das ist klar. Auch wissen wir ja, daß die neueren Schriftsteller unsrer Wissenschaft von der Theorie der Blutentziehung mehr und mehr zurückkommen. – Mir stand der Verstand still. In der Verlegenheit, daß Worte nicht Haselstöcke seien, fehlte mir einen Augenblick lang das Wort. Einzig im Interesse des Kranken verschonte ich ihn mit einer Szene, die er verdiente, und beschränkte mich darauf, mit äußerster Kälte zu antworten: Was immer der Wert des Blutes sei, es sei zunächst wert, daß der Heilkünstler es kennen lerne. Was neuere Schriftsteller über Aderlässe in remittierenden Fiebern sagen, empfehle ich ihm nachzulesen bei Shapter, bei Irvine und Burnett, bei Esmarsch in Hufelands Journal, Band sechsundsiebenzig, Heft sechs, Bericht über die Marsch-Epidemien zu Eiderstädt aus den Jahren achtzehnhundertsiebenundzwanzig bis -neunundzwanzig, was hoffentlich »neu« heißen wird. Diese neueren Autoritäten hätten den letalen Verlauf des Fiebers nur durch Öffnen der Adern verhindert, Burnett selbst durch die der Arteria temporalis. – Der Papagei plapperte sogleich, wie folgt: Arteria temporalis; ja, ja, ich kenne sie wohl, die Arteria temporalis. Aber ich rate, mein Herr, die zeitliche (!!) Arterie würde bald eine 
      ewige sein, wenn ich sie öffnete. Darum nenn' ich auch die Dinge beim rechten Namen und nicht lateinisch. Ich verschmähe es, mein Herr, vor Laien lateinische Ausdrücke zu gebrauchen, sei's in Wörtern oder in ganzen Phrasen; ich halte es für unpassend, für gelehrtes Übernehmen. Sonst bediene ich mich wohl auch dieser Sprache der Wissenschaft, und zwar so gut wie einer, aber aufrichtig gesagt – nunquam opinavi, ut lingua latinum aliquot est, quod maladum potest sanare.
      
       Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie wir noch weiter auseinander kamen, und wie ich meine Pflicht, Diebstahl und Meuchelmord vom Hause des Mr. Gull abzuhalten, zu erfüllen bestrebt war. Es gelang mir nicht einmal. Frau, Töchter und Sohn ließen mich nicht undeutlich merken, zu welcher Partei sie standen, denn der Ruf des Doktors Meakhead sei ja ein weltbekannter, und man habe längst gewünscht, er möchte in hiesiger Gegend sich bleibend niederlassen, was, wenn auch nicht so lukrativ für ihn, doch für die Wissenschaft desto wünschenswerter sei, denn bei einem stetigen 
      home (eine der Misses errötete) könnte er mit mehr Bequemlichkeit als jetzt »Lehrlinge« annehmen und seine Kunst weiter verbreiten.
      Also dieser Mensch wird noch »Lehrlinge« annehmen! Nun, ich bin ja ruhig. Denn viele Dinge können einen hier verwirren und in Widerspruch setzen; aber der blanke einfache Totschlag ist bis zur Erquickung faßlich. Und siehe! jetzt weiß ich auch, warum die Einwanderung nach Amerika im Plane der Vorsehung liegen muß. 
      Ohne sie würden die Amerikaner innerhalb einer Generation von ihren Ärzten ausgerottet sein. Du kannst mir diesen Satz keck nachschreiben, wenn Du wieder über Amerika schreibst. Sogar durchschossen oder mit fetter Schrift. Ich verantworte ihn.
      *
      Wir finden es gewiß menschlich, wenn Moorfeld den Beigeschmack der Bestie, der unter diesen Umständen seinen ärztlichen Tugendübungen beiwohnt, nicht beseligend genug findet, um ihn – quand meme! zu suchen. Diese Art Tätigkeit war ihm verleidet. Er zieht sich wieder dumpf auf sich selbst zurück oder widmet die besseren Kräfte seines Herzens fast ausschließlich auf seine »Flucht nach Ägypten«.
      So nenne ich nämlich – schreibt er – die kleine 
       westfälische Familie des Vaters Ermar. In der Tat, Annette ist wie ein weibliches Jesus-Kindlein, ihre Eltern entfernen sich nicht allzusehr von einem Joseph- und Maria-Modell, und auf der Flucht sind sie auch, denn es liegt ein so elegischer, heimatloser Hauch über diesem Hause – Du solltest diese Luft hier atmen! Man sieht den Deutschen überhaupt nur in zwei Formen diesseits des Ozeans: entweder Renegaten-Fratze, hyper-yankeesiert, oder –
      »Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hieher!«
      Zeitlose Herbstwiesen-Blumen, auch unter dem fließendsten Sonnenstrahl von der Ahnung durchschauert: wir sind der Vergänglichkeit geweiht, wir gehören nicht in die Welt! Aus dieser Flora sind meine Westfälier!
      Der Mann hält an sich, stockt und trotzt. Soviel ich errate, hat er schwere Verluste erlitten, ist viel betrogen worden; aber keinen Augenblick öffnet er den Mund, zu klagen darüber. Nicht den Yankees schreibt er's zu, sich selbst. Er fordert ohne weiteres von sich, er hätte als Mann den »Bubenlisten« gewachsen sein sollen. Daß die Büberei ein großes ausgebildetes System, daß sie »Industrie« ist, darüber fehlt ihm jede Anschauung. Er sieht nur den einzelnen Clerk, den einzelnen Mäkler. Mann gegen Mann, meint er, sei alles gekommen. So liegt er offenbar noch gegenwärtig in den Netzen der Blutsauger, ohne es zu wissen, ja, ohne es wissen zu wollen. Seine Farm ist hundert Acres groß, die er scheinbar zu einem billigen Preis überkommen. Aber nur zehn davon sind geklärtes Land, die übrigen neunzig Waldboden. Denn das ist einer jener unzähligen Kunstgriffe der Land-Jobberei, eine kleine Parzelle urbaren Bodens nie apart zu verkaufen, sondern stets mit einem große Zuschlag von Waldboden. Nach geklärten Parzellen aber geizt jedermann, da das Klären ein furchtbares, Gesundheiterschütterndes und bei verfehltem Erfolg oft die Existenz einer ganzen Familie gefährdendes Unternehmen ist. So hat 
       nun Ermar von seinen zehn urbaren Acres nicht nur seinen Lebensunterhalt zu ziehen, sondern auch die Zinsen für die neunzig übrigen Acres aufzubringen, und der übliche Zinsfuß ist hier 12 bis 20 Prozent! Sein Kaufkontrakt aber lautet so, daß er Teile des Grundstückes nicht wiederverkaufen kann, bis das Ganze bezahlt ist, selbst wenn ihm eben dazu der Erlös mehr als reichlich verhülfe. Es bleibt ihm also nichts übrig, als die neunzig Waldboden-Acres nach und nach abzuklären und aus ihrem Ertrag den Kaufschilling zu tilgen, wenn er ihn als Zins nicht zehn- oder hundertfach inzwischen zahlen will. Das Klären geht aber so leicht nicht ohne fremde Beihilfe, und diese unterliegt gleichfalls wieder den Manövern der Landspekulanten. Denn kaum ist der Knecht oder vielmehr »hand« auf solch eine Hof stelle zugezogen, so währt es nicht lange und irgendein unschuldiges Ding, das ein wandernder Hausierer, Arzt, sogar Seelsorger zu sein scheint, in Wahrheit aber ein Agent der allgegenwärtigen Landspekulation ist, – ein solcher Emissär spricht dann auf dem Hofe ein, nimmt den Knecht beiseite, was er doch für ein Tor sei, auf dem freien Boden Amerikas in einem Dienstverhältnisse zu leben, er könne sein eigener Herr sein, man wisse ihm hier und dort eine hübsche Lokation, Geld brauche er nicht, der Boden überfließe von Fruchtbarkeit, er könne schon mit den ersten Ernten den Kaufschilling herausschlagen usw. usw. Der Unselbständige geht natürlich mit Freuden in diese Falle der Selbständigkeit, läßt sich einen geschickt geknüpften Kaufkontrakt über den Kopf netzen und ist nun kein 
      Knecht mehr, – nämlich kein Farmersknecht, sondern ein Fronknecht der Landkapitalisten. So bestocken diese Vampyre weite Landstrecken mit sogenannten freien Grundbesitzern, die aber alle ihre gedrücktesten Leibeigenen sind. In diesem Systeme der Exploitation ist nun auch mein steinstarrer Westfale befangen. Er fühlt, daß ihm der Genuß des Lebens dabei fehlt, daß er mit eisernem Fleiß 
       nicht von der Stelle rückt; aber er meint, er könne immer noch eiserner sein. »Da stehe der Mann vor! bete und arbeite!« sagt er, und das übrige sperrt er in sich hinein und keine Seele hat Schloß und Riegel dazu. Es ist etwas Turmhaftes um den echt deutschen Mann, um seinen Selbstbegriff, um seine Forderung an sich, und – um seine Beschränktheit! Der Mann zieht mich an in seinem Charakter; aber will ich wirken auf ihn, so kann ich's nur durch die Frau.
      Ich strebe nämlich danach, die Lage dieser Familie, laß mich den knuffigen Ausdruck gebrauchen – zu 
      entamerikanern. Zunächst handelt es sich darum, das Grundstück freizuzahlen, was eigentlich keine Aufgabe ist. Da es aber dann aus einem zehrenden erst in ein müßiges Kapital verwandelt ist, so handelt es sich ferner darum, ihm einige tüchtige und vorzüglich 
      treue Knechte zu werben, die es ihm klären helfen. Dazu kannst 
      Du vielleicht Hand bieten. Und endlich kommt es darauf an, ihn zu bewegen, das alles – anzunehmen. Hier liegt wahrscheinlich die unüberwindlichste Schwierigkeit. Er wird stolz genug sein, einen Vorschlag zurückzuweisen, er wird eigensinnig genug sein, Knechten, die er nicht selbst gewählt hat, zu mißtrauen, ja, den ganzen Wirtschaftsplan, den er nicht selbst erzeugt hat, kurzweg abzulehnen. Hierin hab' ich es nun mit der Frau. Sie soll mir helfen, ihn vorzubereiten, ihn zugänglich zu machen. Die Frau ist über diese Sachen vernünftig, wie in der Regel die Frauen, nur fehlt es ihr fast gänzlich an Selbständigkeit. Auch glaube ich ihr tiefer auf der Seele Grund zu schauen und – diese Seele ist mit ihren zartesten und festesten Fasern noch in Deutschland. Sie erschrickt eigentlich vor meinem Projekte. Es tut ihr weh, mit diesem Boden sich tiefer einzulassen. Ihr Verstand möchte wohl, aber das Herz dazu fehlt.
      Dieser Zug nach der Heimat ist's, was mich auch an dem Kinde, an der kleinen Annette, rührt. Natürlich, daß sie die 
       Heimat nur unter dem Symbol des – Spielzeugs in sich trägt. Ihr Spielzeug aber waren Blumen. Sie hatte »zu Hause« ein paar Ellen Gartenland, das ihre »Grafschaft« hieß, und das, sooft sie den Eltern eine besondere Freude gemacht, um ein paar Spannen vergrößert wurde. Die Grafschaft avancierte nach und nach zum Fürstentum, Großfürstentum, Herzog- und Großherzogtum, und eben war es daran, Königreich zu werden, als »der Hof« verkauft wurde und sie ans große Wasser reisten. In diesem schnell entwickelten Staatsgebiete nun zog sie Blumen. Wenn sie darauf zu sprechen kommt, so glaubt man einen Fürsten zu hören, der seine Souveränität verloren. Ich finde sie auffallend bewandert in dem Bereiche der Botanik, das sie dabei umspannte. Sie zeigt einen fein unterscheidenden und individualisierenden Sinn für diese Seite des Naturlebens, sie scheint ihre Blumen-Stöcke und -Büsche mit einer Aufmerksamkeit, ich möchte sagen mit einer 
      Geschwisterlichkeit gehegt zu haben, wie ich es einer kleinen Annette auch tausendmal eher glaube als einer heiratsfähigen Sakontala. Wohlan, ihre Grafschaft kann sie freilich hier wieder haben, aber ihre Blumen nicht mehr. Die sind ihr verwandelt in fremde, duft- und gemütlose Schaustücke, die keinen Anspruch an ihre frühere Liebe haben. Als sie mir zum ersten Male dieses Leid klagte – doch nein! ich kann nicht einmal sagen, daß sie klagte; sie sprach bloß von Unterschieden, sie kontrastierte bloß, nach ihrer Art, die deutsche und die amerikanische Flora: aber die Wahl ihrer Ausdrücke, die Mittel, sich deutlich zu machen, Ton, Mimik, die ganze Schwingung ihres Naturgefühls gab einen so elegischen Klang, daß mich die bitterste Wehmut dabei ergriff. »Das ist ein Traubenkropf, hier steht Hartheu, dort Schafgarbe, dort Weidenröschen am Sumpfrand der Wiese; aber sehen Sie, wie verelendert das alles am Boden kriecht! Und wie sie bei uns zu Hause in die Luft wachsen! Es ist wie eine Schule, wo die einen in der Strafe stehen, die anderen haben Fleißzeichen 
       bekommen und sind lustig.« – »Haben Sie im Frühling den Goldlack gesehen? Er riecht nicht und hat auch kein Gold; er ist bleich und garstig – wie ein Spielzeug, von dem die kleinen Kinder die Farben abgeleckt haben.« So steht sie, wie eine Heliotrope nach der Sonne ihrer Heimat gewendet, verliert kein Wort der Sehnsucht, und ist nichts als die Sehnsucht verkörpert. Ein Blumenkelch voll ungeweinter Tränen!
      Das Kind geht vor mir herum wie eine Monade von mir. Nicht Muskel, Nervengeist. Reines, passives Gefühl dessen, was bei uns als Bewußtsein, als Geist- und Leibeskraft seine Wellen schlägt. Welch ein Zauber dieses bescheidene, unschuldige Leiden! Wir beflecken mit unserm Haß die Welt, die unsere Ideale befleckt. Dieses Kind – laß mich den neuen Ausdruck gebrauchen – 
      haßt platonisch, wie man platonisch liebt, d. h. sie erwidert das Häßliche nicht, sie empfindet es bloß.
      Ich nenne sie mein Schwesterchen, da ich sie nicht meine Monade oder Psyche nennen kann. Sie sollte mich Bruder nennen. Das ging dem westfälischen Hartkopf erst nicht ein, zuletzt erreichte ich doch, daß sie mich Herrn Bruder nennen darf. Die Hauptsache ist, daß wir uns duzen. Ich kann mich von der Vignette meines eignen Ich nicht »Sie«, oder gar »Herr Doktor« anreden lassen.
      *
      Mein braver Anhorst! Was er mir diesen Knecht, den Schottländer Adin Ballan, mit Sorgfalt ausgesucht hat! Und wie undankbar bin ich! Der Mann ist fleißig, nüchtern, treu, wachsam, exemplarisch bis zur naturhistorischen Merkwürdigkeit. Seine Tugenden gehen wie eine Uhr. Er hat keine Bedürfnisse, keine Wünsche, keine Genüsse, – man kann ihn mit nichts glücklich machen. Ein Priemchen Tabak, ein Quart Zider und gerösteter Speck – für diesen 
       Preis hält er die Erde aus. Das ist heute wie morgen der Uhrschlüssel, womit er aufgezogen wird. Nichts drüber. Nie! Meine feinen Rumflaschen könnten ebensogut mit Sand gefüllt sein. Wie oft bot ich ihm davon, in der Absicht, ihm die Zunge zu lösen, denn er ist zu seinen übrigen Tugend-Lastern so gesprächig wie ein Fischteich. Umsonst. Selbst in Gesellschaft hält er nicht mit. Unlängst hatte ich den Tischler Rapp zu einer Bowle Punsch gebeten, und ihn ein paar wackre Bekannte mitnehmen lassen. Wir waren aufgeweckt wie das Salz der Erde; mein Ballan aber trank sein Quart Zider, und absolut nichts weiter. Er ist nicht Temperance-Mann, er bildet sich keine Krankheit ein, die Enthaltsamkeit ist eine Art Monomanie bei ihm. Er ist ein Mann in den mittleren Jahren, hat einen Sohn in den Kohlengruben von Newcastle verloren und seine Frau auf der Überfahrt. Unglück genug, um eine Anlage zur Melancholie auszubilden. Er ist aber auch nicht melancholisch. Möglich, daß er es war und auch dieses Stadium schon überwunden hat; wenigstens kannt' ich als Knabe einen Siebenbürger Sachsen, der im Hause meiner Eltern öfter von seinen traurigen Lebensschicksalen erzählte und stets damit schloß, wie gefaßt er sei und wie christlich er überwunden habe. Ich erinnere mich deutlich, wie peinlich mir der Mann war. Daß man nach seinen Schicksalen, anstatt wahnsinnig oder tot zu sein, mit Leinwand handeln könne, verwirrte und demütigte mein eigenes Mensch-Bewußtsein. Bei meinem Schotten spekulierte ich anfangs auf Ossian und alte Balladen – und es war mein krassester Fehlschluß, den ich getan. Er sagte, in seiner Jugend habe er wohl zum Dudelsack gesungen. Er sagt' es in einem Ton, als ob ohne Jugend und Dudelsack so wenig Schall im Menschen wie in einem ausgeweideten Leib. Auch meine Geige machte ihm keinen Eindruck. Es scheint, Musik sind ihm nur die schrillen, schnarrenden Klangfarben – Klarinette, Dudelsack. Welch' ein Gesellschafter für mich! Der brave Anhost! Hätt' er mir einen 
       liederlichen, aber lustigen Irländer zugebracht, – meine Rumflaschen würden leerer, aber meine Einsamkeit voller. Welch eine Gesellschaft!
      *
      Und wenn ich nun nachts im Bette liege und aufwache und mich besinne, ich bin in Amerika, dem Lande meiner langen, alten Sehnsucht, so komme ich mir vor – wie eine ägyptische Mumie, die unter Mehmet Ali die Augen aufschlägt! Seit ich in den Hafen von New York einlief, dünkt es mir Jahrtausende und doch – wenn ich einen tüchtigen Brocken, einen guten Schluck Lebensgefühl haben will, kann ich nur 
      daran anknüpfen, und alles Dazwischenliegende ist verdünnt! so unsättlich! Wenigstens in der hohen Erregbarkeit einer schlaflosen Nacht. Ja, mitten in der Finsternis, wo ich nichts sehe, empfinde ich die Fremde noch weit empfindlicher als am hellen, bildervollen Tage. Die feineren Sinne kommen dann ins Spiel. Denn das ist richtig, die Nacht hat ihren Geruch, ihre Akustik, wie der Tag; nur sind die Sinne dafür schärfer, etwa wie die eines Blinden. Wach' ich in Europa aus dem Schlafe auf: ein bellender Hund – ein Hahnschrei – ein Flämmchen im Nachbarhause, – ein Posthorn auf der Landstraße – den klassischen Nachtwächter nicht zu vergessen, – das alles hat seine eigene, dem Gemüt fest verwachsene Staffage. So atmen, wie bekannt, auch die Pflanzen stärker des Nachts, und der eigentümliche Geruch eines ganzen Landes, ja Weltteils, kann nur in der Nacht vernommen werden. Es geht ein schwärmerischer Zug durch die europäischen Nächte, eine zaubervolle, geistige Hellseherei, – was sind sie denn sonst, die 
      Elfen, als diese spielenden körpergewichtslosen Regungen? 
      Hier dehnt die Nacht nicht aus, sie drückt zusammen, ist kalt – schrill – hart. In meinem Kamin bläst sich eine Kröte auf, in den Wandspalten des Blockhauses 
       klemmt sich eine Natter ein und pfeift in Todesangst, – das sind die Nachttöne, die mich hier wecken. Ich stiere zur Fensterluke hinaus, ob die Sonne Homers schon komme oder die rosenfingerige Eos, und im Finstern, statt kühlender, weichwehender Lindenschatten, glotzen mich verkohlte Baumstrünke an. Und nebenan schläft mir der Schottländer und träumt von dem erstickten Sohn im Kohlenschacht und von der versenkten Leiche seines Weibes am Meeresgrunde, wacht auf, und – schweigt! Ach! ich werde Opiate nehmen müssen. Dormi, che voi tu più!
      *
      Jetzt, nach der Erntezeit, wird's geselliger. Für unsere Gegend ist ein Campmeeting angesagt, das allernächst seinen Anfang nehmen soll. Auch die »Frolics« mehren sich jetzt, d. h. Fröhlich- oder Lustbarkeiten, namentlich in den deutschen Bezirken. Zu einem solchen Frolic ritt ich vorgestern nach Pennsylvanien hinüber. Noch sind mir alle Glieder zerschlagen, – nicht nur des Leibes, der Seele noch mehr.
      Der Schauplatz der ländlichen Orgie war mitten in einem der wildesten Waldstriche, denn Wald und Wildnis starrt noch überall, und selbst nach kürzestem Aufenthalt in Amerika kommt man bald dahinter, daß die sogenannten alten Kulturstaaten noch immer Einöden sind, wogegen die rheinische Eifel, oder der ungarische Bakonyerwald an wahrer Überbevölkerung leiden. Erst hier im Hinterlande merkt man, was New York oder Boston für große Lügen sind, – ungefähr wie Petersburg und Odessa. Auch die Straßen, – man ist bei mir zu Hause an der untern Theiß eben nicht verwöhnt in diesem Artikel, – aber auf meinem ganzen Ritt fand ich keine einzige Wagenspur. Wenn das keinen Schluß auf Geisteskultur zuläßt, so gibt's keine Logik.
      Aber freilich, Geist zu sehen, war ich nicht ausgeritten. Und ich fand ihn auch nicht. Gott ist mein Zeuge! Das 
       Erntefest ging in einer Kneipe vor sich, zu der ein Kramladen gehörte – Store mit Privat-Entertainment. Da mir unterwegs weit und breit keine Bauernfuhr aufgestoßen, so schloß ich, daß der Spektakel schon angefangen. Und so war es. Als ich mich dem Neste näherte, schlug mir von Musik und Stimmen ein Lärm daraus entgegen, der nicht mehr abscheulicher sein konnte. Die Leute hier haben eine Art zu jauchzen, so barbarisch, so fremdartig, daß ein Europäer ganz außer Fassung gerät. Ich vermute, diese eigentümlichen, nicht zu definierenden Schreie sind dem Kriegsgeheul der Indianer entlehnt. Wenigstens findet man sie durch ganz Amerika; auch jene Schiffsgesellschaft, die mich auf dem Susquehanna so unvergeßlich molestierte, stieß genau die nämlichen Mißtöne aus. Es ist ein schrilles, blutrünstiges Gellen, wie von befriedigter Mordgier. Man begreift die Gemüter nicht, die den Naturlaut der Freude daran finden. An steierische Alpenjodler darf man nicht dabei denken.
      Die Waldherberge schwitzte aus allen Fugen vom Andrang eines verehrungswürdigen Publikums und weit und breit standen die Equipagen umher. Ich sah bunt durcheinander Wagen und Karren, mit Pferden, Ochsen und Kühen bespannt, dazwischen Fuhrwerke, von denen sich die Schulweisheit eines Offenburger Stellmachers nichts träumen läßt. Über allen Ausdruck wild war aber der Anblick der Menschen. Männer, Burschen, Knaben und Frauen wimmelten, kaum unterscheidbar, in Anzügen umher, von denen sich schwer eine Vorstellung machen läßt. Ihre Röcke und Hosen, ihre Mäntel und Jacken waren aus selbstgewebtem Tuche selbst zusammengeschneidert, mit Flicken und Flecken übersäet, von Farben oder Mustern, was sag' ich, oft von der Grundform des Kleides selbst keine Spur. Kappen aus selbstpräpariertem Pelze von wilden Katzen, selbstverfertigte Schuhe aus wilden Tierhäuten, hohe Wasserstiefeln, indianische Mokassins, phrygische Mützen und 
       Karbonari-Mäntel der jüngsten Emigration, – das alles mischte sich zu einem sinnverwirrenden Höllenbreughel untereinander. Die Gesichter blickten verwittert, verwildert, 
      vertiert mitunter, und ließen mich häufig, unterstützt zumal durch die zigeunerhafte Unbestimmtheit der Kleidungsstücke, zwischen männlichen und weiblichen irren. Desto merkwürdiger scharf zeichneten sich die Nationalitäten. Der spintisierende Amerikaner, der phlegmatische Deutsche, der heißköpfige Irländer wurden auf den ersten Blick herausgefunden. Ebenso bestimmt erkannte man die Neueingewanderten von den alten. Und da leugne noch einer die transatlantische Entartung der Rassen! Die geknechteten Europäer sahen wie geistige Menschen, die freien Amerikaner wie verdummte Heloten.
      Ich betrat den Tanz-Salon. Es war ein langer, schmaler Kasten, rauh gedielt, vierwändig-kahl und durch nichts ausgezeichnet als durch die Art, wie das Orchester angebracht war. Das Orchester bestand aus zwei Künstlern, Onkel Tom und Onkel Jim, d. h. Negern, welche hier überall die Rolle der Dorfmusikanten spielen. Aus Raumersparnis nun hätte man dieses Götterpaar auf ihren Sesseln, wie in Vogelbauern, oben an die Wand aufgehängt, indes ihre verehrlichen Beine über den Köpfen der Tänzer baumelten. Bei diesem Anblick ergriff mich eine Art satirische Begeisterung; ich hätte für nichts in der Welt es unterlassen, auf dem Frolic jetzt mitzutanzen. Die deutschen Farmerstöchter waren gigantische Schönheiten: Rosen und Rosetten, ohne Zweifel, aber aus Stein gehauen, wie am Stephansturm oder Straßburger Münster. Ich forderte eine dieser ziegelroten Grazien auf, und tanzte – was? weiß ich bei Gott nicht! Die Aufgabe ist gar nicht so leicht, Takt und Rhythmus jener Valse americaine oder vielmehr africaine zu beschreiben, die wir zu Banjo und Pikkolo-Pfeife der zwei Neger hopsten. Doch brachte ich die Tour mit Ehren zu Ende, ein Beweis, daß ich viele Anlage zur – Barbarei habe. 
       Ich suchte sodann meine Schöne nach schwachen Kräften zu unterhalten und bei der Gelegenheit möglichst viele ethnographische Notizen einzuheimsen. Settchen war in Amerika geboren und verstand doch kein Wort englisch. Das machte mir anfangs deutschtümelnde Freude, die aber bald gedämpft wurde. Denn sie wußte auch von Deutschland nicht mehr, als daß es hinter einem großen Wasser liege und Bremen die Hauptstadt davon sei. Auch wußte sie noch, daß die »Deutschländer« nicht 
      einen König hätten, sondern sehr viele. Von der Schlacht von Leipzig aber wußte sie nichts. Den Namen Napoleon hatte sie nie gehört. Ich schauderte bei mir, indem ich an Annette dachte. Ich will alles tun, das feine Kind vor solcher Verwilderung zu retten. – Desungeachtet war Settchen zur Schule gegangen, und zwar, wie ich mit Erstaunen hörte, besuchen die Farmerskinder ihre Waldschulen bis in das Alter hinauf, wo sie heiraten, was fast unmittelbar von der Schule weg geschieht. Auch für die Burschen gilt das. Freilich währt der Schulgang nur drei bis vier Monate im Jahre, und die Lehrgegenstände sind einzig: Bibel und amerikanische Geschichte. In letzterer war Settchen genau bewandert. Den Unabhängigkeitskrieg z. B. kannte sie so im Detail, als ob jedes Vorpostengefecht wichtiger als die Schlacht bei Leipzig gewesen wäre. Verdammte Prahlsucht dieses Volks, das alle Geschichte zu verachten affektiert, nur nicht sein eigenes Geschichtchen! Den 
      deutschen General Steuben hingegen kannte sie wieder nicht. So redigiert der Yankee seine Schulbücher! Ich knirschte. Settchen knirschte auch, aber in ihre Pics, was eine Art schlechter Obstkuchen ist, die sie mit erstaunlichem Appetite verzehrte. Dazu trank sie Quantitäten von Zider, daß mir nichts übrig blieb, als sie in stiller Andacht zu bewundern.
      Das Depot dieser Genüsse war der Storeladen, der unmittelbar mit dem Tanzlokal in Verbindung stand. Er hatte sich heute zu einer Art Büfett travestiert, ohne daß es indes 
       möglich gewesen wäre, die verschiedenen Talg- und Butterfässer, Tabakkisten, Wollballen, Kohlesäcke usw. usw. in eine rücksichtsvolle Entfernung zurückzudrängen. Sie wurden indes sehr sinnig als Tische und Bänke benutzt, an welchen alles schmausend und zechend »umhergegossen« lag, was das Tanzvergnügen nicht teilte. Es waren ungemein plastische Gruppen. In der Menge fielen mir auch zwei »Gebildete« ins Auge, und siehe da! eine derselben war eine mir bekannte Gestalt. Es war der junge Apotheker Poll aus Kleindeutschland. Er trug nicht mehr sein fadenscheiniges Samtröckchen, klagte auch nicht mehr über die unverdauliche amerikanische Küche und schien überhaupt seinen Geschmack mit den Reizen des Hinterwaldes in Einklang gesetzt zu haben. Der andere war sein Prinzipal, Doktor Althof, an den du ihn damals empfohlen. Diese zwei Stadtröcke unter den rauhen Waldjobben leuchteten mir wie freundliche Heimatsterne. Wie armselig belügt sich doch der Stubenpoet, der Waldbrünnlein und Köhlerhütte über die Kultur setzt! In diesem Storeladen hier schlug der Kontrast ganz anders aus.
      Denn als ich, da es inzwischen Abend geworden, mit dem Storekeeper über mein Nachtlager verhandelte, erklärte mir der Mensch, daß ein Bett für mich allein eine Forderung wäre, auf die er nicht wohl vorbereitet sei. Er könne mir ein Bett nur mit Gesellschaft »einiger anderer« zusichern, aber, sagte er naiv, »im Parterre rückten ja auch Fremde aneinander, warum nicht im Bette?« Gestehe doch der Stubenpoet, daß unter diesen Umständen die Aussicht auf zwei 
      gekämmte Schlafkameraden mindestens kein verächtliches Kulturgelüste war.
      Übrigens beschlossen wir drei die Nacht zu durchwachen; der Doktor war ohnedies als Reserve da und hatte seine Bandagen, Charpien und Vomitive nicht unnütz mitgebracht. Er erwartete die Nacht über Prügel und morgen Indigestionen.
      
       Wir machten etwas vom Hause weg eine Promenade am Waldsaum hin und tauschten aus, was Europäer bei solchem Begebnis sich zu sagen haben. Ich erzählte mein Rencontre mit dem Fieberdoktor nunquam opinavi und wiederholte meine Ansicht über den Untergang der amerikanischen Nation durch ihre Ärzte – und Apotheker, setzen Sie hinzu! fiel mir der Doktor sogleich bei; – Sie wissen, daß der Handel mit Medikamenten nach amerikanischem, leider auch englischem Rechte frei ist. Was nun die Ärzte übrig lassen, vergiften die Apotheker vollends. Von pharmazeutischen Studien ist bei den sogenannten Apothekern nirgends die Rede; sie sind einfach Materialisten und Drogisten. Wie diese Menschen, – entlaufene Schuljungen, verdorbene Schneider usw. – ein ärztliches Rezept malträtieren, darüber könnte ich unglaubliche Details niederschreiben. Bei mir zu Gadshill begegnete es einmal – als ich den jungen Poll noch nicht hatte – daß mir so ein Drogistenschwengel willkürlich einen versus strich und mit einem andern ersetzte. Das hat Mr. Althof wohl nicht recht verstanden, sagte er weise lächelnd dazu und schüttelte sein gekräuseltes Haupt zwischen dem feinen Hemdkrägelchen. Als mir die Geschichte wieder zugebracht wurde, eilte ich nach dem Laden, ohrfeigte das Bürschchen ein dutzendmal auf und ab, zog ein paar geladene Pistolen und sagte, wenn er noch besser bedient sein wolle, so möge er vors Haus kommen. Das wirkte. Ich habe in meinen ersten fünf Monaten drei Ärzte im Duell erschossen, das heißt Humbuger, die sich für Ärzte ausgaben und meinem Ansehen zu nahe traten.
      Mit Weibern sich vertragen,
       Mit Männern 'rum sich schlagen –
      nirgends gilt's mehr als hier. Die Ladies hofieren wie Prinzessinnen, die Männer niederschießen wie Hunde: das setzt fest in Amerika, das macht Dollars! –
      
       Unter solchen Gesprächen kehrten wir immer wieder zum bal champêtre zurück, der sich jetzt, bei Fackelbeleuchtung, besonders effektvoll machte. Freund Poll genoß sein junges Leben mit einer heißen, schwarzäugigen Irländerin, die dem hübschen Burschen gewaltig zusetzte und wohl auch stärker armierte Festungen mit Erfolg blockiert hätte. Aller Appetit verschwand aber, als ich das Mädchen wahre Schiffsladungen von 
      Brandy trinken sah, womit sie ihr Tänzer traktierte. Das deutsche Settchen hatte dieselben Quantitäten doch nur in Obstmost vertilgt. So lernte ich nachträglich erst noch ihre Modestie schätzen. Auch machte mich Doktor Althof aufmerksam – ich hatte ihm das Verschwinden ihrer nationalen Erinnerung geklagt – daß die Mädchen deutscher Abstammung denn doch noch ihre Blumensträuße vor der Brust trügen; – irische und amerikanische nicht. Dieser deutsche Naturzug lebte wenigstens fort. Das gefiel mir wieder.
      Da die Nächte schon länger werden, so vertrieben wir uns die Zeit – Doktor Althof und ich – gelegentlich wieder mit Tanzen. Dabei passierte es einmal, daß ein junger, baumlanger Pennsylvania-Deutscher mit einem besonderen Elan in die Höhe sprang, und auf 
      einen Ruck die zwei Neger samt ihren Sesseln aus den Angeln hob. Der Arme stürzte mit blutendem Kopf zu Boden, die zwei Neger über ihn her, die ganze Tanzkette, die sich im Schwung nicht mehr zu halten vermochte, über die Neger, und im Nu lagen wir alle, wie die ehrsamen Lallenburger, aber nicht sehr ehrsam, in einem unentwirrbaren Knäuel durcheinander. Es wollte was sagen, bis jeder und jede aus dem verworrenen Inventar von Beinen das ihm zuständige Paar wieder herausgefunden; auch will ich gar nicht leugnen, daß manche Täuschung nicht absichtlich 
      festgehalten wurde. Der Tanzlust tat dies kleine Intermezzo freilich wenig Eintrag. Nur 
      meine Toilette kam übel dabei weg; namentlich hatte mir ein rüstiger Tabakkauer bei dieser Gelegenheit einen Kotillonorden an 
       die Brust gespuckt, dessen Spuren weniger zu vertilgen waren als die Blutflecken der Lady Macbeth. Mit dieser Dekoration und einigen ähnlichen vermied ich denn für den Rest der Nacht die »Gesellschaft«. –
      Am Morgen sah das Frolic nun traurig aus. Oder vielmehr abscheulich. Wie ringsherum in allen Lagen und Zuständen des menschlichen Körpers »die Bestialität sich gar herrlich kund gab«, – laß mich davon schweigen. Wahrlich, verdorbene Magen bedurften keines weitern Vomitivs, als sich einander nur selbst anzusehen. So sattelte ich, um ein amerikanisches Sittenbildchen reicher, meinen Cäsar, ließ das besoffene und stinkende Arkadien hinter mir und trabte mit sehr gemischten Gefühlen wieder heimwärts.
      *
      Du kennst gewiß auch den Ruf der Kentuckyer, der Männer »vom blutigen Grunde«? Sie sind als die Männer par excellence berühmt, sie sind der physische Adel Nordamerikas. Diese Nimrods-Ideale in ihrer Urpracht zu schauen, nahm ich mir lange schon einen Ausflug nach Kentucky vor. Einer New Yorker Soiree war' ich bald einst stehenden Fußes davongelaufen, so brannte mir Byrons effektvoll deklamierte Kentucky-Begeisterung an den Sohlen. Wohlan, diesen Wahn bin ich nun auch los. Einen einäugigen Kentuckyer traf ich auf meinem Pennsylvania-Frolic. Ohne was zu denken, gewissermaßen aus ärztlichem Instinkte, bracht' ich die Rede auf diesen Defekt und erkundigte mich um seine Ursache. Das hätte mir bald übel bekommen. Der Kerl nahm eine Miene an, als ob ich ihn foppte, so daß ich wohl merkte, dahinter steckte etwas. In der Tat belehrte mich Doktor Althof. Der Mann trug seine Niederlage von einer Boxerwette zur Schau. Aber der Ausdruck ist uneigentlich, denn die Kentuckyer boxen sich nicht wie die Engländer, sondern die Kämpfer wetten über 
       die Geschicklichkeit, wer von ihnen dem andern 
      ein Auge ausdrehen könne! Hat die Menschenkanaille je eine solche Scheußlichkeit ausgedacht? Augenausdrehen ein Geschicklichkeitsspiel! eine Bravour der männlichen Kraftübung! Aber dieser Zug geht durch ganz Amerika. Der frische Stahlbrunnen der Barbarei, den man hier zu trinken meint, schmeckt überall verdorben. Es ist 
      Raffinement in der Wildheit! Bei den großstädtischen Rowdies merkt' ich das schnell, und hier bei den Hinterwaldshelden des blutigen Grundes find' ich's nun wieder. Sich boxen auf Augenausdrehen!
      *
      Noch ein Nachtrag von meinem Frolic. An der Grenze von Ohio und Pennsylvanien steht ein Posthaus, heißt Marlington und scheint eine Stadt werden zu wollen. Als ich im Vorbeitreiten mein Pferd hier fütterte, kam eben die Post von Erie an. Sie gab in Marlington ein paar Zeitungen unter Kreuzband ab, darunter auch eine deutsche, wie ich sehen konnte. Der Posthalter sonderte die deutsche von den übrigen aus und warf sie mit einem damd'd dutch! in den Entenpfuhl vor seinem Hause. So expediert man hier deutsche Blätter. –
      Wir haben freilich gut sagen, das Volk fürchtet instinktiv die deutsche Geistesüberlegenheit, von der es schon jetzt in allen Zweigen seines Nationallebens zehrt, und sein Haß müsse uns eigentlich schmeicheln; aber Mensch ist Mensch, und es zückt einem wie Dolchesgier in den Fingern, dieser Brut nach ihrem Rechte zu tun.
      *
      Heute nacht weckte mich ein Flintenschuß und Angstgeheul und Todesgeschrei wie von einer menschlichen Stimme. Ich stand mit Adin Ballan auf; wir zündeten 
       Fackeln an, bewaffneten uns und ritten hinaus in die Waldnacht. Wir knallten unsere Doppelflinten ab und schrien dazu, um einem Hilfebedürftigen unsere Richtung, einem Mörder die Nähe von Rächern zu signalisieren. Schuß und Schrei von der andern Seite aber wiederholte sich nicht mehr, so daß wir ziemlich im unklaren trieben, wohin wir uns in der unermeßlichen Waldweite zu wenden. Wir setzten unsre Streife noch lange fort und wiederholten unaufhörlich unsre Alarmzeichen, aber nichts regte sich mehr. Endlich kehrten wir wieder nach Hause zurück. Ich war begreiflich in großer Aufregung und schloß kein Auge mehr. Im Laufe des Tags erklärte sich das Nachtabenteuer. Von der benachbarten Virginiergrenze hatte sich ein entlaufener Sklave über den Ohio gerettet. Aber die Verfolger waren ihm dicht auf der Fährte und zwischen meinem und dem Lisboner Gebiet erreichte ihn die tödliche Kugel. Farmer von New Lisbon fanden die Leiche im Walde. Die Lisboner behandeln die Untat wie etwas Alltägliches, von einer Fahndung auf den Mörder ist keine Rede. Jeder Sklavenbesitzer hat das Recht, entflohene Sklaven lebendig oder 
      tot wieder einbringen zu lassen. Sie halten zu diesem Zweck eigene Leute und – Hunde! We are in a free country!
      *
      Vielleicht genügt es uns an diesen Proben. Blatt für Blatt würden wir so durchblättern, und auch nicht ein lichter Moment, auch nicht ein reiner, ungetrübter Strahl der Freude wäre die Ausbeute davon. Urwaldspoesie, Jugend- und Freiheitswelt, Menschheitsglück im Westen, Stern einer bessern Zukunft, immer unaufhaltsamer werden diese Worte zu – 
      Wörtern, das große Diluvium der Enttäuschung ist nirgend mehr einzudämmen. Es wäre unter diesen Umständen eine ungerechte Parteilichkeit, von einer 
      persönlichen Anlage zur tragischen Weltanschauung zu reden. Denn 
       erstens ist diese Anlage das Erbteil jedes tieferen Menschen, und dann – bliebe sie eben nur 
      Anlage, wenn nicht die Außenwelt sie weckte und nährte.
      Zwar der idealistische Glaube an Amerika hat in der Brust unsers Helden längst ausgelebt. Wir erinnern uns, daß er schon auf seiner Pennsylvania-Reise sich die Umstimmung bezeugte: »in diesem Lande nicht Muster zu sehen, sondern Muster zu geben. Diese Freien«, hieß es, »müssen durch uns Verknechtete ein wenig freier werden«. Allmählich aber langen wir an dem Punkte an, wo es sich fragt, ob er auch dazu noch Lust und Kraft übrig behält.
      Anhorst ist fort und Benthal noch nicht da. Ein schlimmer Umstand in einer Lage, die durch sich selbst so wenig Anziehungskraft übt! Daß aber diese beiden Geschenke des Zufalls unserm Helden so bald zur Notwendigkeit geworden, kann nicht gegen die Kraft und Selbständigkeit seines Charakters zeugen. Kein Mensch erträgt einen neuen Gedanken, geht einen neuen Weg ohne das Prinzip der Genossenschaft. Ohne Remus kein Romulus, ohne Cassius kein Brutus, selbst kein Kolumbus ohne die Pinzons.
      Was Anhorsts Rückkehr betraf, so entzog sie sich einer strikten Wahrscheinlichkeitsrechnung; einem Briefe Benthals dagegen rechnete Moorfeld schon nach Stunden und Minuten zu. Zwar währt sein Aufenthalt in Ohio noch nicht so nennenswert lange, keinesfalls so lange, als es unter so vielen neuen Bildern und Eindrücken, welche überdies fast alle die Fähigkeit haben, sich rasch wieder auszuleben, den Schein gewinnen mag. Wir zählen kaum die achte Woche der Ansiedlung Moorfelds, und ging seine erste Briefsendung an Benthal von Pittsburg ein wenig früher ab, so datiert das Paket, welches erst seine Adresse enthielt, auch etwas später. Bedenken wir dazu, daß wir von einer Zeit sprechen, in welcher das Pennsylvanische Eisenbahnsystem zwar im Beginn, aber noch nicht am Ziele, und namentlich die großartige Alleghany-Portage-Eisenbahn Hudson und Ohio noch 
       nicht mit Dampfeskraft verband, so wird in den Tagen, welche wir gegenwärtig darstellen, ein Brief von Benthal zwar ankommen können, aber eben nur 
      können. Moorfeld überstürzte auch seine Berechnung keineswegs. Aber genug, daß eine Berechnung nie zur Beruhigung führt, vielmehr just an dem Punkte anfängt, wo auch die Unruhe anfängt. Wie ein Mensch, der sich ausnahmsweise frühes Erwachen vornimmt, seinen Schlaf nicht etwa um 
      diese Morgenstunden kürzt, sondern den ganzen Schlaf sich verdirbt, weil die Seele im 
      Traume rechnet und überhaupt nichts anders träumt als das Erwachen: so stört solch ein Rechnen den Genuß, die Perspektive, das ganze Leben des Tages, denn statt allem Gegenwärtigen setzt sich ein Abwesendes, statt allem Ersten ein Zweites, der ganze Vordergrund liegt in einem Schatten, aber die Ferne nicht im Lichte. Mit Benthals Brief hat Moorfeld einen Genuß, eine Freude zu erwarten, aber die Erwartung selbst ist Qual, ist Sorge. Der trübe Horizont des Einsamen wird um so vieles trüber. Mit jedem Sandkorn, das verrinnt, ohne die Erfüllung zu bringen, fühlt sich von neuem die Frage berechtigt: Ist er krank? Sind es die Seinen? Ging dein Brief verloren? Ist seine Antwort verunglückt? und siehe! wie erschrak Moorfeld, als er bei letzterer Frage sich an den Postmeister erinnerte, der die deutsche Zeitungsnummer veruntreute! Wie, wenn Benthal den Einfall gehabt, 
      deutsch zu adressieren, der Brief einem ähnlichen Native-Fanatiker zu ähnlichem Frevel in die Hand geraten, und alles Hoffen für jetzt und für ewige Zeiten überhaupt vergebens? Also ein neues, geflügeltes Blättchen: englisch zu adressieren, und neues Abwarten des Postengangs hin und zurück!
      Es ist eine beängstigende Pause. Unser europäischer Freund, umgeben von seinen Fähigkeiten, Gemütskräften, Strebnissen, Erwartungen und Entwürfen, macht uns in diesen Tagen den Eindruck einer vollen offenen Szene, welche ein plötzlicher Zwischenfall in Stockung versetzt. Mit 
       reichem, breitem Wurf steht eine glänzende Gruppe mitten im gespanntesten Nerv der Handlung da, – eine Feder fehlt, sie stockt. Schnell versendete Boten sind nach prompter Ergänzung aus – wird sie gefunden? wird sie es nicht? Wird neues strömendes Leben durch diese gebundenen Organe rollen? oder fällt schrill und rasch der Vorhang über ein Fragment? Bis es sich entscheidet, führt uns der Held der Szene einstweilen ein anderes Bild vor. Er schaukelt ein kleines blondes Mädchen und lauscht einer stammelnden Zunge auf Klagen um europäische Blumen!
      Die »Flucht nach Ägypten«, wie wir wissen, ist Moorfelds einzige Erholung in diesen Tagen. Eine gefährliche Erholung! Hier saugt er in milden, schmeichelnden Zügen die Melancholie in sich, die ihn zu Hause vielleicht unerträglich, aber eben darum zum Widerstand auffordernd, bestürmt. Flucht nach Ägypten! Mit welchem Gefühle für das schmerzliche Ungenügen einer menschlichen Lage hat Moorfeld nur dieses Bild gewählt! Aber was bedürfen wir den geheimen Zug der Selbstbespiegelung, der ihn an dieses Gegenüber fesselt, erst deutlicher aufzudecken? Hier hegt ja volles Bewußtsein. Seine Monade, – Psyche, – Schwesterchen, – Vignette seines eigenen Ich ist ihm das Kind, dem sich – wenn auch nur über Blumen – zu Amerika das Herz versperrt! Was sonst sucht er also dort als den Genuß seiner Selbstqual, das Echo seiner eigenen Verneinungen? Nur daß das Kind der einfache Ausdruck, er selbst der unbändigste für den gleichen Seelenzustand ist. Es läuft, dürfen wir ahnen, sogar ein Zug des 
      künstlerischen Wohlgefallens hier durch. Das kleine Mädchen ist ihm die naivste Form dessen, was auf den höheren Stufen seines Gedanken-Lebens zerklüftet und widerspruchsvoll in unkünstlerischer Maßlosigkeit sich abmüdet. Wir würden daher ein tiefes Verkennen an den Tag legen, wenn wir an dieser Kindes-Freundschaft unsern Trost fänden. Ja, sie ist eine Davidsharfe in der Sauls-Melancholie unsers Helden. Aber hat die 
       Harfe den Saul geheilt? So schmeichelt sich in Annetten süß und wohlklingend der schwarzblütige Dämon ein, den Moorfeld ohne sie vielleicht kräftig zurückstieße. Sie zerteilt die Gewitterwolke, welche stürmen, blitzen und – reinigen sollte, in ein weiches, nebelhaftes Geflör, das den Horizont leichter umschleiert, aber schwüler am Marke saugt. Diese zarte Geselligkeit lindert die Schmerzen des Einsamen – gewiß! nur daß mit den Schmerzen auch die Kraft zerstreut, auch der Wille aufgelöst wird, der vom Schmerz 
      frei macht, nur daß am unschuldigen 
      Mitleid mit seiner kleinen Verbannten Moorfeld schuldig wird an sich selbst, denn er 
      leidet in ungleich größerem Stile 
      mit, – er leidet gelinder, aber erschöpfend, schwächend bis zur Ohnmacht.
      Aus dieser Ohnmacht blitzte dann plötzlich wieder das höchste Lebensgefühl auf. In Momenten, wo Moorfeld alles verloren zu haben schien, verlor er doch das eine nicht: die Erinnerung seiner selbst. Aber seine Täuschung war es dann, daß er Erinnerung zugleich für Besitz hielt! Er verkannte die Natur solcher Rückschläge, nahm als Begeisterung, was nur Stolz, als Fülle, was nur Glaube an Erfüllung. Mit einer Gier, welche die Stelle des gesunden Enthusiasmus vertrat, griff er dann in die Saiten und sang – wir kennen sein Thema. »In Ohio wird's eins deiner Gedichte!« hatte er sich schon im ersten Augenblick gesagt; – hier lag ein teurer, tiefgehüteter Schatz. Nur in seinen besten, überzeugtesten Dichterstunden kann die New Yorker Battery durch seine Leier rauschen.
      Moorfeld griff wiederholt diese Melodie, aber – sie versagte. Mit tödlicher Verwunderung erfüllte ihn dieser Wortbruch der Musen. Vertrauen und Mißtrauen wechselten so in gleichmäßiger Selbsttäuschung. Wie ein plötzlicher Anflug ihm ausdauernde Kraft, so schien die versagte Gabe des Augenblicks ihm bleibender, unwiederbringlicher Verlust. Er glaubte an eine Abnahme seiner Geisteskräfte. 
       Seine Blätter überflossen von Klagen eines Unglücklichen. Die Termiten der Selbstbeobachtung fielen ihn an, und jeder Zug wurde zum Zeugnisse seines Verfalls. So finden wir die Klage verzeichnet, daß er jetzt einen Nachmittagsschlummer halte, was er sonst nur Philistern überlassen und was ein verhaßtes Zeichen seiner ausgehenden Jugend. Daß er in Ohio um zehn Breitengrade dem Äquator näher als in Deutschland schlief, für dieses Zeichen nahm er es nicht. Auch die Beobachtung zufälliger Vergeßlichkeit schien ihm verhängnisvoll. Gestern – schrieb er – kommandierte ich meinen Schottländer nach New Lisbon, das Buch Postpapier zu holen, das ich nebst anderen Sachen in Mr. Clahanes Store eingekauft, aber in der Zerstreuung wieder liegen gelassen. Der Knecht kam zurück, das Papier hätte sich nicht gefunden, ich müsse es haben. Die Gauner haben es Euch verleugnet, aber hättet Ihr doch um Gottes willen ein neues Buch gekauft, ich will soeben schreiben, und soll nun passen, bis Ihr noch einmal hin- und zurückreitet. So fuhr ich auf. In demselben Augenblicke aber hielt ich inne, denn ich schrieb ja wirklich an Dich. Und erst daran merkte ich, daß ich das vermißte Papier vor mir unter der Feder hatte. So steht's mit mir. Das ist der Dämon der Einsamkeit. Wahrlich, die Klöster haben nicht verdummt, sie müssen selbst dumm gewesen sein. – Und ein anderes Mal lesen wir: Kennst du die Tragödie von dem elektrischen Aal? Man hat lange die Bemerkung gemacht, wenn der elektrische Aal von den Gewässern Süd-Amerikas nach England verführt wird, so kam er entweder tot oder todesmatt an, kurz, starb ab unterwegs. Man forschte vielfach über diese Erscheinung nach, zog Klima, Nahrung, Gewohnheiten des Tieres usw. in Betracht und erkünstelte ihm in allen diesen Stücken aufs genaueste seine Heimat. Umsonst; er starb ab. Endlich entdeckte man's. Holz und Eisen der Fässer, worin der elektrische Aal transportiert wurde, wirkten als Konduktoren auf ihn, und versetzten ihn in einen steten 
       Zustand von Erschöpfung. In Geschirren aus Steingut kam er wohlbehalten nach England. Sind wir Menschen solche elektrische Aale? Ich bin's. Es ist etwas wider mich in der Natur, ein Feindseliges, Tragisches, das nach einem ewigen Gesetz auf mich einwirkt. Alles zeitliche Glück hilft nichts dagegen. Ich werde im Bann eines fatalistischen Elementes durch die Welt geschleift, das mich umbringt. Ich bin in einen falschen Raum gestellt, oder in ein falsches Jahrhundert – was weiß ich? Nur fühlen kann ich's, und in lichteren Momenten seh ich's. Ja, ich sehe das Unglück oft vor mir, wie eine Person. In Deutschland hab' ich einen Freund, der sieht Geister, wie Stammgäste im Kasino. Die Prosaischen zucken die Achseln über ihn, aber die Poetischen haben zu keiner Zeit sich auf den Sensualismus allein vereidigt. Nein, nicht unverhofft trifft mich mein Buttler! Ich habe Miragen von ihm, ich weiß, daß er kommen wird. Das ist's, was mich so traurig macht.
      So schwelgte Moorfeld in den Foltern seiner Phantasie und erschöpfte den ganzen Reichtum eines Geistig-Reichen, sich unglücklich zu machen. Aus der Fülle dieser imaginären Leiden, aus dem innersten Drang dichterischer Selbstanklage entströmten ihm in dieser Periode die Verse:
      Am Tage stehen meine Schmerzen,
       Sie stehen nächtlich um mich her;
       Ach, tönten sie mir recht vom Herzen,
       So wären sie schon nimmermehr!
       Doch keine Saite hält mir Spannung,
       Kein Boden hält mir Resonanz, –
       In grambeladner Geist-Entmannung
       Verwelkt mir so mein Dichterkranz!
      Das Leben lebt nicht! – wär's zu leugnen,
       Die letzten Funken facht' ich an,
       Und Wunder sollten sich ereignen,
       Wie Puck und Ariel getan.
       Ich flog wie sie – doch unterm Lumen
       
       Des schlimmsten Sterns – ums Erdenrund,
       Und ach, die alten Zauberblumen,
       Sie stehn nicht mehr auf altem Grund!
      Ja, die Klage um die Poesie brachte ihm die Poesie selbst wieder zurück. Diese Strophen waren sein erstes Gedicht in Ohio. Freilich blieben sie Fragment. Das gehaltene Aneinanderreihen elegischer Gedanken und Empfindungen zweiter Ordnung scheint den heftigen Affekt des Dichters nicht befriedigt zu haben; ungeduldig springt er ab davon, um in dem strafferen Schlußgedanken alles auf einmal auszusprechen: sein Geist erkenne sich in dem Spiegel größerer Zeiten, das Altertum hat die Fülle des Lebens erschöpft, der Epigone ist das Nichts! Wir finden zu jenem Fragmente nur noch die Schlußstrophe:
      Leander küßte meine Hero,
       Aus meinen Bechern trank Lukull,
       Mein Satanismus gor in Nero,
       Mein Herz floß über in Tibull!
       Heut schaufeln wir mit Schulvergnügen
       Nach dieses Daseins Span und Zoll,
       Freu'n uns an alten Tränenkrügen
       Und – weinen sie von neuem voll!
    



      Sechstes Kapitel
      In diesen Schmerzen der Akklimatisation wurde Moorfeld von einem Ereignisse überrascht, das den stilleren Zug seiner geistigen Gärungen grell unterbrach und ihn schrecklich vorbereitet fand, das Unglück mit offenen Armen zu empfangen.
      Die Geschichte, von der wir sprechen, findet sich in Briefform an Benthal gleich seinen übrigen Aufzeichnungen. Wir haben keine Ursache, für die Form dieser Erzählung eine andere zu wählen; mit traurigem Danke vielmehr nehmen 
       wir das Bild hin, so wie es ist, wie es von dem schwerbeteiligten Herzen sich unmittelbar losgelöst, mit allen eigenen Zügen des Selbsterlebnisses. Keine Kunst der Darstellung soll dieses Blatt entweihen. –
      Wir erinnern uns, daß die Methodistengemeinde zu Lisbon unter Vortritt ihres Predigers einen Waldgottesdienst, ein sogenanntes Campmeeting, zu veranstalten beschlossen. Die Zurüstungen zu diesem Feste lagen bisher gänzlich ab von dem Kreise unseres Interesses; sie zu verfolgen fanden wir uns ohne jede Veranlassung. Dieses Campmeeting aber ist es, welches in unserer Aufmerksamkeit jetzt plötzlich seinen unheilvollen Platz begehrt. Es rückte heran, es war da, und erst indem die Sonne seines Tages aufgeht, reißt uns das Schicksal unvorbereitet in seine Mitte.
      Unvorbereitet – nach der Ordnung jedes bekannten Naturgesetzes. Aber Moorfeld spricht von einer Vorahnung, die zu merkwürdig scheint, als daß wir den schmerzlichen Bericht jenes Ereignisses nicht mit ihr selbst schon beginnen sollten.
      Moorfeld erzählt:
      ... Tags vor dem Campmeeting hatte ich eine meiner melancholischen Visionen. Es war am hellen, heißen Mittage, da sie mir widerfuhr. Ich war frühmorgens ausgeritten, den Tischler Rapp zu besuchen, der einen kleinen Fieberanfall bekommen. Ich plauderte eine gute Weile mit ihm, denn sein Zustand schien großenteils deprimierte Gemütsstimmung und die ganze Indikation – ein teilnehmendes Herz. Die Sonne brannte schon ziemlich heiß, als ich ihn verließ. Ich wollte hierauf zu Vater Ermar hinüberreiten, oder zum »Meier«, wie er nach westfälischem Landesbrauch sich gerne noch nennt. Der Weg war mir nicht so geläufig als von meiner eigenen Farm aus, ich hatte mich daher bald verirrt. Die berühmte Herbstpracht des amerikanischen Waldes beginnt schon und tat das Ihrige, mich kreuz und quer herumzunarren. Das Auge des Neulings schwelgt in 
       einem Farben-Kaleidoskop, wovon der Europäer schwer eine Vorstellung hat, – das Gemüt freilich klingt wenig mit. Die stille geschlossene Ruhe eines deutschen Herbstwaldes ist mir lieber. Es ist ein rastloses Effekthaschen in dieser Fülle von unvermischbaren Tinten, – später scheint es sich zur erklärten Musterkarte auswachsen zu wollen. Von dem grellen Gepränge sprang ich daher bald ab und vertiefte mich über eine Strophe, die mir schon seit Tagen zu schaffen macht. Inzwischen knusperten in den Walnüssen Scharen von Eichhörnchen rings um mich her: da schoß ich bis zum letzten Pulverkorn darein. Endlich fing stomachus an, seine Spieluhr klingen zu lassen, und auch Cäsar schnaubte und schnobberte wenigstens nach Wasser. Ich wäre herzlich froh gewesen, ein Ziel meiner Irrfahrt zu finden. Ich spannte meine Aufmerksamkeit nach allen Richtungen, umsonst. Tiefe, unberührte Waldfremde rings – keine Spur, kein Merkzeichen eines Menschen. Wäre ich noch Herr eines Pulverkörnchens gewesen, so hätte ich's jetzt zu Notsignalen verschossen; dagegen verführte mich lange Zeit eine hiesige Spechtart, der wood-cock, der mit einem menschenähnlichen Klopfen die Bäume behackt und dessen Treiben ich selbst für Signale hielt. So geriet ich immer tiefer ins Waldöde. Einmal stand ich an einer gräßlichen Stelle. Der Boden war bedeckt mit Gerippen von Hornvieh; die Schädel der Tiere glotzten fürchterlich in allen Lagen und Richtungen aus dem verworrenen Beinhaufen. Schaudernd starrte ich das Rätsel dieses gespenstischen Bildes an, bis ich mich auf seine Erklärung besann. Die Herden überwintern bekanntlich im Freien hier; aber in diesem aus Skandinavien und Italien zusammengebackenen Klima erfriert das Vieh oft massenhaft in kalten Winternächten. Der Leichenanger solch einer verunglückten Herde war's, der mir da aufgestoßen.
      Krankenbesuch – Waldschattierung – Gedicht – Eichhörnchenjagd – Hunger – gefallenes Vieh – ich skizziere 
       diese Szenerie, um darzutun, wie sehr ich mit meinem Sinnenleben am Äußerlichen beteiligt war und nichts weniger als zur Schwärmerei aufgelegt. Zuletzt brachte mich das Geläute einer weidenden Herde wieder auf die rechte Bahn. Sie weidete zwar nach Landesart frei im Walde, aber indem ich ihren Spuren folgte, erreichte ich den Rand desselben. Vor mir lag ein Ackerfeld, in der Ferne entdeckte ich eine Hofstelle, doch konnte ich nicht erkennen, welche. Ich setzte mich auf einen der niedergebrannten Baumstämme am Waldessaum und ruhte aus.
      Die Sonne stand im Zenith; es war die Panstunde. Der Himmel glühte in einem grau-rostigen Dunst. Die Luft vor mir zitterte wie über einem Kalkofen. Auf dem Acker knisterte das Stroh, als würde es langsam geröstet. Der strohene Acker war ein häßlicher Anblick. Indem man hier nur die Ähren absichelt, das Stroh aber stehen läßt, so sieht sich das Besenfeld an, als hätten Buben die ganze Ernte mutwillig geköpft und gemeuchelmordet. Später brennt man das Stroh nieder, und die Asche ist der einzige Dünger des Feldes. Die Sonne schien es aber schon jetzt anzuzünden. Die Glühhitze leckte so lüstern über das blanke Stoppelfeld, als wäre ihr die Speise wohlbekannt. Ich erwartete wirklich, es in jedem Augenblick aufflackern zu sehen.
      In diesem Mittagsbrande dachte ich an die Miasmen, die er ausbrütet. Wie aus der Vogelschau überblicke ich die amerikanische Erdfläche: aus allen Flußtälern, aus allen Niederungen, Sümpfen und Neubrüchen ringt sich das Fieber los. Wer hat diesem Präsidenten der Sommermonate seine Stimme gegeben? Arme, arme Freiheit der freien Erde, er 
      nimmt die Stimmen! Oh wie sie matt hinsinken mit ausseufzenden Brusthöhlen; ihre Stimme ist auf ewig dahin! Wer zählt die Tausende? Ich treibe die schöne Spiegelfläche des Ohio hinab – was wimmert aus den Blockhäusern des Landes Hunderte von Meilen entlang wie aus einer langen Katakombe? »Matt, matt, lieber Herr, o einen Trunk 
       Wasser!« Ich folge der langen Wellenbahn des Missouri hinauf – was flüstert über die dürren Grasrespen der Prärien? »Die Ernte ist eingetan, Herr, Väterchen auch!« Ich taumle mit den Wirbeln des Mississippi der Vergessenheit des ewigen Meeres zu, – auf welche Länder seh' ich herab! Nennt man sie Alabama, Arkansas, Louisiana, Florida, – Pèrelachaise? Ein Volk von Äthiopiern seh' ich geschäftig, sie häufen moderne Pyramiden aus Reis, Zucker und Baumwolle zusammen – aber wie geschieht mir? Sind das die langlebenden Äthiopier des Herodot? Seht, wie sie Reihen auf Reihen sich am Boden gruppieren! Wenig Anmut ist in diesen ruhenden Gruppen. Jetzt kommt der Massa und berührt sie mit dem Lebensstab seiner Peitsche, aber das Leben bleibt aus. Er macht kleine Striche durch sein Namensverzeichnis und geht weiter. – Auf einmal flogen von sämtlichen Kirchen des Landes die Dächer ab, und ich sah die schwarzen Pastoren auf ihren Kanzeln. Sie dankten Gott für die gesegnete Ernte. Ein Schauer überlief mich. Denn die schwarzen Pastoren waren niemand anders als das verkleidete Fieber, und das Fieber dankte hohnlachend für seine Ernte. Gott mußte sich's gefallen lassen. – Von den Fieber-Pastoren kam ich auf das morgige Campmeeting. Ich wußte jetzt ganz bestimmt, daß die Methodisten pseudonyme Teufel seien. Was sie seit Wochen rüsteten und schürten war ein Menschenopfer. Diese Sonnenglut und dieser Religionsbrand konnten nicht anders, als eine versengende Ehe eingehen. Es war ein Fackeltanz in einer Pulverkammer. Das Unglück ging so deutlich vor meinen Augen vor, ich konnte sogar das Opfer nennen, wenn ich nur etwas genauer hinsah. 
      Auf einmal sah ich es auch. Ein Kindesbild, zart und leicht, stand meinem Auge gegenüber auf dem Stoppelfeld. Es war Annette. Sie lächelte und war jugendlich glücklich. Plötzlich griff sie sich an die Stirn, ein blauer Funke sprang aus ihrem Scheitel, sie schrie durchdringend auf, dann war sie weg! Ich lief in die Stoppeln, 
       um das verschwundene Körperchen aufzufinden; das heiße Stroh geißelte mich wie mit glühenden Ruten, ich rief Annette! – umsonst; nirgends eine Spur des lieben Mädchens.
      In diesem Augenblick rief die Glocke der Hofstelle das Vieh zur Maisfütterung. Ich wunderte mich, denn die Glocke war von Meiers-Farm. An welcher Stelle des Waldes war ich herausgekommen, daß mir die Farm hier so ganz eine unbekannte Ansicht bot? Aber froh dieser Entdeckung rannte ich sogleich dem Gehöfte zu. Die Familie setzte sich just zu Tische, als ich eintrat. Annette hatte an einem Kleidungsstück für das Campmeeting genäht und war über den Eifer der Arbeit ganz rot geworden. Ich nahm das liebliche Köpfchen zwischen meine Hände und sagte: Schwester, wenn du mich lieb hast, so bleibst du morgen zu Hause. Es kommt ein Gewitter, und du wirst vom Blitz erschlagen. Das Kind sah mich verwundert an, und der Meier murmelte mit dem bekannten Ausdruck seiner düstern Resignation: Wir haben nicht Geld genug für den Blitz. Der Blitz wird vom Geld angezogen, wie die ganze Welt.
      Nach Tische regten sich alle Hände im Hause zur morgigen Waldfahrt. Ich suchte meine Stimmung zu übermannen, indem ich nach Kräften mithalf. Annette war voll Jubel. Sie freute sich auf die große Gesellschaft von Menschen, sie hoffte Mädchen ihresgleichen als Gespielinnen zu finden, sie wollte nach Blumensamen umfragen und handeln und tauschen, kurz ihr kleines Leben war im Rotglühen. Ich hörte zu mit unbezwinglicher Wehmut. Sie fragte: Herr Bruder, bist du bös? Ich zog sie an mich und sagte, indem ich mich ganz meiner Trauer überließ: Siehe, Schwesterchen, ich bat dich, zu Hause zu bleiben, und du liegst mir mit der Reise im Ohr. Du hast kein Gemüt zu mir. Wenn dir morgen ein Unglück widerfährt, so sage nicht, daß du unschuldig zugrunde gehst. Du solltest ein Liebesopfer 
       bringen können und bringst es nicht, – das ist deine Schuld. Mir war die Seele so voll, ich mußte dieses oder Ähnliches aussprechen, unbekümmert, ob es verstanden wurde oder nicht. Aber das Mädchen hatte immer einen Begriff des Gesagten, sie brach in Tränen aus, legte weinend ihren Kopf auf meinen Schoß und sprach: Ich will ja alles, was du willst, aber warum willst du denn? Darauf hatt' ich freilich nichts zu antworten. So angeboren ist den Deutschen die Logik! Die Italienerin Mignon hätte sich 
      fraglos hingegeben; die Deutsche gibt sich zwar auch hin: »sie will alles, was ich will«; aber, fragt sie deutsch-protestantisch, »warum willst du denn?« Warum wollte ich denn? Ich schalt mich selbst, das arme Kind so zu quälen und sagte zuletzt, gewaltsam-heiter: ich prüfte dich nur, Schwesterchen, und bin ja zufrieden mit dir; sei wieder ruhig.
      Abends ritt ich nach Hause und schlief nach der Ermüdung des heißen Tages gut und traumlos. Dies war der Vorabend des Campmeeting. Tags darauf nahm mich beim Erwachen das ganze trostlose Gefühl von gestern wieder in Besitz. Auch an meine Vision glaubt' ich wieder, und so lebhaft, als stünde sie noch einmal vor mir. Daß eine Stimmung ohne äußere tatsächliche Ursachen so mit uns nächtigen kann, war mir sehr ernsthaft zu erfahren. Ich wurde nun erst über meine Trauer traurig, griff aber zu meiner Violine und strich mit die lustigsten Sachen, die mir einfielen. Dazu tanzte ich in der Stube herum. Kurz, ich machte Opposition. Hierauf ging's aufs Pferd. Meinem Schottländer übergab ich die Aufsicht des Hauses und ritt hinüber auf Meiers Farm, wo ich schon alles zur Abreise bereit fand. Ein großer Zeltwagen stand bespannt, mit Vorräten und häuslichen Notwendigkeiten versorgt. Die kleine Familie war in ihrem Sonntagsstaat. Amerikanischer Sonntagsstaat! Ihre guten westfälischen Stücke verbrauchten die Deutschen zu Hause, um öffentlich der langweiligen Landestracht die Ehre zu geben. Um der Frauen willen tat mir 
       diese Probe der deutschen Selbständigkeit besonders leid. Ihr halb-städtischer Kleiderschnitt drückte so gar nichts aus! Ein Manschetten-Bauer ist ein übler Anblick, aber eine Manschetten-Bäuerin – doch freilich, Bäuerinnen sind sie nicht, die Myladies der Hinterwäldler! – Und der Dutchman mißhandelt seine Frau, wenn er sie nicht zur Lady travestiert.
      Ich hatte also, diesem Fuhrwerk zur Seite reitend, die größte Ähnlichkeit mit Don Quixotte, indem er eine seiner sonderbaren Herzoginnen begleitet. Dieses Bild war mir willkommen, und ich malte mir's aus, um von der Heiterkeit desselben zu profitieren. Mein Meier hatte unterdessen heiligere Gedanken. Während der 
      Knecht (ich sehe ab von dem hiesigen Euphemismus »hand« –), während der Knecht kutschierte, machte der Meier Miene, das Gesangbuch aufzuschlagen und einen biblischen Psalm anzustimmen. Ich gestehe, daß mich diese Aussicht wenig erquickte. Glücklicherweise war Annette zu lebhaft. Sie war ganz Kind. Alles kam ihr neu vor, ich mußte durchaus jedes Stämmchen und Zweiglein für ein Wunder erklären. Wie gerne tat ich's! Entrannen wir wenigstens dem Morgensegen, nach welchem Vater Ermar lechzte wie nach einem guten Schluck. Was für ein prächtiges Morgenlied sein eigenes Kind war, fühlte er nicht. Leider dauerte mein Feld- und Waldduett mit dem kleinen Mädchen nicht lange. Die Andacht ereilte uns doch. Ein Wagen mit Männern, Frauen und Kindern kam in unsern Fahrweg eingelenkt und alle überraschten aus vollen Kehlen ihren lieben Gott mit einem Frühgesang, wobei es mir merkwürdig blieb, daß die Pferde nicht scheuchten davor. Zwischen eine spielende Batterie und dieses Geheul gestellt, hätte ich jedenfalls bei den Kartätschen Sicherheit gesucht. Wie wenig kann man sich doch das höchste Wesen nach dem menschlichen Bilde vorstellen, wenn ein amerikanischer Chor im Himmel angenehm klingt! Das ganze Volk hat keine einzige musikalische Note 
       in seiner Kehle. Daß sich diese Sangeslust nun unfehlbar unserm Wagen mitteilen würde, war ein Gedanke, der mich sehr beunruhigte. Ich ließ dem Cäsar die Zügel und erwartete mein Schicksal. Auf einmal galoppierte es seitwärts zum Walde heraus, ein Kerl kam zum Vorschein mit aufgestreckten Hemdärmeln und einem kupfernen Kessel als Sonnenschirm überm Kopf, – nie saß was Tolleres zu Pferde, selbst den Barbier mit Mambrins Helm nicht ausgenommen. Der Bursche hatte kaum den singenden Wagen wahrgenommen, als er den Vorsänger mit heller Stimme anrief: He Jones, sing' gegen den Wind, daß niemand merkt, wieviel Maisbranntwein heute schon den Weg deiner Nieren ging. Der Spötter war eine jener verwegenen Rowdygestalten und bezog das Campmeeting offenbar als Skandalmacher und Boxer. Für diesesmal unterblieb aber noch ein Hahnenkampf zwischen dem Herausforderer und dem Geforderten, wahrscheinlich der Ladies wegen, welche bereits Zion und Israel um Gnade ankreischten. Der Beleidigte begnügte sich damit, daß er zu unserm Wagen herüberrief: Nathanael Cutter spricht nur mit seinen Pferden die Wahrheit, mit den Menschen nie. Nathanael aber machte sich an uns und erzählte uns, wie jener psalmsingende Wagenlenker, ein eifriges Mitglied der Mäßigkeitspropaganda, nichts so sehr liebe als ein volles Whiskyglas, das bei gehöriger Tiefe die entsprechende Breite habe. Jüngst sei ihm ein artiges Abenteuer passiert. Der Mann unterhalte ein Croceryshop auf seiner Farm, das er natürlich mit einem Schilde versehen habe: Hier werden keine Spirituosen verkauft. Nun war es aber Nacht, das Schild nicht mehr zu lesen oder vielleicht schon eingezogen, kurz, ein später Wanderer hält mit seinem Wagen vor dem Laden und fordert in aller Unschuld ein Quart Whisky. Der Fromme war in einiger Verlegenheit. Er führte allerdings Whisky, aber nur für sich selbst und seine guten Freunde; er sieht sich also den fremden Kunden ein wenig bedächtig 
       an. Dabei geriet aber dieser in Verlegenheit. Er steckte sich, um dem Mantel der Nacht unter die Arme zu greifen, möglichst tief in seinen eigenen und drehte sich mit der allergeringsten Fläche dem Inhaber des geforderten Labsals zu. Trotzdem erkannte ihn dieser, denn der Fremde war Ehrn Joe Johnson, der Mäßigkeitsmissionar des dasigen Townships, derselbe, der den Farmer sogar persönlich affiliiert hatte. Bei so bewandten Umständen wurde das Quart Whisky mit aller Diskretion verabreicht und ebenso schweigsam genossen, die beiden Frommen verloren kein Wort über ihr erkanntes Inkognito, und am hellen Tage im Missionshause beglückwünschen sie sich als die auserwählten Kinder dieser gottlosen Welt. – Mit dieser Schnurre galoppierte der Spottvogel wieder von dannen, der singende Wagen aber hatte schamvoll einen Seitenweg eingeschlagen und ließ noch lauter als zuvor seine Lungen arbeiten. – Der Waldweg wurde inzwischen immer lebhafter. Von allen Seiten kamen Farmer von ihren einsamen Hofstellen herangefahren, hielten aber nie dauernd unsere Richtung ein, denn jeder schlug sich nach eigenem Gutdünken durch den Wald – Kunststraßen hat unsere Gegend noch nicht. Auf der letzten Strecke bekamen wir ein längeres Geleite. Ein Farmer schleifte seinen Reisekasten neben uns her – ein echtes Dollargesicht. Ich hatte das Glück, daß er mich in seine besondere Affektion nahm. Er erteilte mir über amerikanischen Landbau und Produktengewinn eine Fülle der nützlichsten Ratschläge, die mir nur leider verloren gingen, denn sie blieben ihm zwischen der Zunge und einem ungeheuren Tabakspriem in der Gaumenhöhle stecken. Dazu salivierte er überreichlich: mit der Uhr in der Hand zählte ich, daß er in fünf Minuten vierzigmal meinem Pferd in die Mähne spuckte. Desungeachtet erkannte ich gegen Nachbar Ermar seine seltene Dienstwilligkeit bewundernd an, aber der Meier antwortete: Denken Sie, das spricht er fürs schöne Wetter? Auf den ersten Blick sah er, daß Sie ein 
       Lateinfarmer und trüber Laune seien, und indem er letztere mißratenen Wirtschaftsverhältnissen zuschreibt, fürchtet er, Sie möchten Ihre Hofstelle eingehen lassen und fortwandern, da uns doch Zuzug, nicht Abzug willkommen sein muß. Darum bemüht er sich so kräftig um Ihre Rente. Bei dieser Enttäuschung schlug ich vor, dem Manne aus der Nähe zu fahren, aber der Meier machte mich darauf aufmerksam, wie er mit einem eigenen Kennerauge das beste Niveau der ganzen Waldregion befahre. Eine blumige Stelle, mit den prächtigsten Astern übersät, erregte das laute Entzücken Annettes. Und mitten in diesen Juwelenhain trieb der Farmer sein plumpes Fuhrwerk. Ich machte ihm Vorwürfe darüber, da antwortete mir der Verwüster folgendes: Hören Sie, mein Herr, die Lokomotive, die hinter uns nachbraust? In zehn Jahren ist meine Wagenspur eine Eisenbahn, und ich war der erste Ingenieur, der sie absteckte! Was macht man mit diesen Leuten? Sie formulieren ihre Prosa mitunter doch großartig! Dann begreift man wenigstens den 
      Charakter darin, und für die nächste Minute sind sie wieder amnestiert!
      Arme Annette! daß ich so ruhig all das Geschwätz niederzuschreiben vermag! – Aber freilich – ich bin ruhig, sehr ruhig! Geßner schrieb so ruhig nicht seine schweizerischen, als ich diese – amerikanische Waldidylle!
      Es war wirklich idyllisch. Wir fuhren in eine tiefe geräumige Wiesenbucht wie in einen Hafen: der Wald umdämmte uns rings mit seinem kräftigsten Stammholz. Die hohen Laubkronen schliefen kapuanisch wollüstig in der samtenen Himmelsbläue, – aber wenn sie abendlich zu rauschen anfingen und die Wachfeuer der Versammlung aufloderten und ein feierlicher Bußgesang dreinschwoll, so mußte – den Standpunkt in halbdeutlicher Ferne genommen – das Bild eine gewaltige Wirkung tun. Die Waldwiese, auf der wir jetzt hielten, war bereits das Lager des Campmeeting. Auf ihrer Mitte sahen wir die Fuhrwerke 
       der Pilger in ein längliches Viereck zusammengestellt, eine Art Wagenburg. Näher am Waldsaume waren Zelte und Laubhütten zur profanen Haushaltung aufgeschlagen, das Innere der Wagenburg aber war das Allerheiligste, der penn. An der Längenfronte desselben in der Mitte stand aus Brettern und Baumästen gezimmert die Tribüne des Predigers; horizontal vor dieser liefen die Bänke der Zuhörer, ein Querschnitt durch dieselben bildete einen Gang, welcher die Geschlechter trennte. Die acht Ecken der beiden Vierecke, in welche durch diesen Querschnitt das oblonge Quadrat des penn zerlegt wurde, sah ich mit Herdstellen versehen. Das Brennmaterial lag schon jetzt darauf in Bereitschaft zum Anzünden für den Nachtgottesdienst. Noch war die Wagenburg leer; alle Hände tummelten sich, die Waldstelle erst häuslich in Besitz zu nehmen. Daß der ganze Ort übrigens ziemlich ab von dem ungesunden Lisbon lag, versteht sich unter smart mens von selbst.
      Wir Neulinge sahen sonderbar drein. Da standen wir nun in der Mitte des fremden Volks – es mochten wohl einige Tausende da sein. Ich musterte mir die Versammlung, – auf den ersten Blick war's kein reiches Charakterbild. Was ich schon im einzelnen bemerkt, fand ich hier ausgedehnter bestätigt: 
      ein Amerikaner sieht dem andern ähnlich. Es ist ohne Übertreibung wahr: Amerika, das größte Ackerbauland der Erde, hat keinen Bauernstand. Diese Gesichter sieht man auf unsern Börsen. Jedes drückt List und Sorge aus, ihre spitzen, pfiffigen Nasen stecken gleich Widerhaken in der Zukunft – nirgend ein bäuerliches Sattsein in der Gegenwart oder Vergangenheit. Satt ist Amerika überhaupt nicht, trotz seiner größten Fleischkonsumtion. Ich sah noch keine Korpulenz. Alles spindelt und schlottert, namentlich sind die Köpfe so dürr, wie es die edelste Rasse, mindestens bei den Pferden, bedeutet. Hier aber bedeutet es das Fieber.
      
       Wir betrugen uns still und einsam in dem Menschenhaufen. Das Campmeeting, so manche Woche zuvor der Gegenstand unserer Unterhaltung, gab uns in dieser ersten Stunde nicht zu reden von sich. Indem wir mitten drin standen, verloren wir keine Silbe darüber. Annette machte große offene Augen zu allem, aber der Blick drückte fast Schrecken aus. Sie sah überall umher und lief nirgend hinzu. Sie entfernte sich keinen Schritt von unserer Seite. Es kam mir nicht vor, als ob sie viel nach Gespielen und Blumensamen Lust hätte.
      Als die Sonne den höchsten Stand hatte, bestieg ein langer, schwarzer Reverend die Predigerkanzel, sein Clerk neben ihm zog die Glocke. Alles strömte in die Wagenburg. Ein Mensch im geistlichen Rock trennte am Eingange die Geschlechter, insofern sie der Ordnung unkundig waren – Annette wurde fast gewaltsam in die weibliche Abteilung gezogen. Als schiene ihr der Schutz einer schüchternen deutschen Frau nicht genügend in dieser Verbannung, blickte sie angstvoll nach uns hinüber und zeigte sich sehr aufgeregt. Mein dumpfes Ahnungsgefühl wurde bei diesem Anblicke um nichts deutlicher, aber um vieles schwerer und drückender. Ich sagte dem Meier (nur mit andern Worten), sein zartes Kind scheine mir nicht gemacht, diese Feierlichkeit wochenlang auszuhalten. Er antwortete, man hätte ihm gesagt, später lasse die ganze Zeremonie nach, und in den letzten Tagen sei es nur eine Geschäftsbörse der Landschaft.
      Der Prediger auf der Tribüne verkündigte den Leuten, daß er bei Gelegenheit des Mittags sie zum Tischgebet versammelt habe, und mit dieser ersten Andacht erklärte er denn das Campmeeting für eröffnet. Hierauf stimmte er ein Lied an, in das die Gemeinde einfiel – was soll ich sagen? Wenn ich in diesem Lande der Graßheiten noch erstaunen könnte, so wäre ich aus den Wolken gefallen. Die Methodisten sangen ihren Bußgesang nach der Weise
      
       Mihi est propositum
       In taberna mori!
      Es ist bekannt, daß das sangesarme Volk der Yankees seine Kirchenlieder den weltlichen Melodien der eingewanderten Deutschen nachbildet. Diese musikalische Anleihe setzte mich aber doch außer Fassung. Der Ermar wurde lutherisch rot dabei und brummte mir zu: Das Predigen wäre die Hauptsache bei den Methodisten. Als das Lied zu Ende war, sagte der Geistliche, er überlasse die Frommen ihrer stillen Betrachtung, und trat ab. Folgte die stille Betrachtung. Jeder Kopf sank auf seinen Brustknochen, die Blicke schlössen sich oder starrten so vor sich hin. Schwere Seufzer, dem Tone des Schnarchens nicht unähnlich, gingen durch die Versammlung. Über das Ganze brannte die Mittagssonne, – es war getreu das Bild von gestern mittag. Die gesenkten Köpfe, das abgesichelte Stoppelfeld – die Seufzer, das glühheiße Geknister im Stroh – warum mußte ich unwillkürlich mitseufzen? – Ich blickte nach Annetten hinüber: – sie war an der Seite ihrer Mutter eingeschlafen.
      Die Andächtigen erhoben sich nach und nach aus der stillen Betrachtung und zerstreuten sich durchs Waldlager zu den Verrichtungen des Mittags. Frau Ermar sah ängstlich um sich; sie fühlte offenbar die gleiche Pflicht dieses Berufes, aber sie gönnte auch ihrer Schlummernden die Ruhe. Wir konnten bemerken, wie verlegen sie war, einen Entschluß zu fassen. Endlich weckte sie das Mädchen, aber der Augenblick war übel gewählt. Denn eben wandelte der lange, schwarze Reverend den Gang hinab. Indem Annette verwirrt und erschrocken aus dem Schlafe fuhr, erregte sie seine Aufmerksamkeit. Er blieb flüchtig vor ihr stehen und maß sie mit einem finstern Blicke. Mich überlief's. Das »böse Auge« des Volksglaubens fiel mir ein. Wäre ich Mutter gewesen, ich hätte mein Kind bedeckt gegen diesen Blick. Ohne ein Wort zu sagen, wandelte er weiter, aber ich hatte 
       das Gefühl, als wäre hier eine Entweihung vor sich gegangen.
      Der Prediger – nicht der Lisboner, sondern ein auswärtiger Matador – war ein widerlicher Mensch. Seine gemeinen Züge stempelte sinnliche Roheit. Die breite Anlage seiner untern Gesichtshälfte, die starke Muskulatur der Eßorgane gab ihm sogar etwas tierisch Brutales. Sein ganzer Charakterausdruck wies keine Spur von Geistlichkeit auf, selbst nicht von geistlichen Lastern. Ich kann nicht sagen, daß ihn das geheimnisvolle Schrecken des Fanatismus umkleidete; die gänzliche Abwesenheit jeder Gemütskraft, selbst einer verirrten, war vielmehr das Schreckliche seines Bildes. Sein leeres blaßgraues Auge sprach eigentlich gar nichts aus; wie bitterböse er damit blickte, schien's die giftige Mißlaune eines Geschäftsmannes, der sich nicht schnell genug reich melkt an seiner Geschäftskuh. Das war das Grauen seines Daseins, daß er nicht da war in der Welt, die er leitete. Er machte zittern, aber nicht wie ein europäischer Torquemada, sondern wie ein Tölpel, der durch ein Kunstkabinett geht. Er wird Unheil stiften aus platter, blinder Flegelhaftigkeit. Er wird die Spieluhr anfassen wie einen Mühlstein.
      Wir gingen an unsere Feldmahlzeit. Ein eigentümliches Mißbehagen drückte unsern kleinen Kreis. Den Waldraum durchwürzte das traulichste Parfüm unter der Sonne – Küchen- und Bratenduft: auch ein Überfluß von lebendigen Gliedern war da, der dran herumarbeitete. Aber das alles wollte noch keine Versammlung werden. Jedem einzelnen fehlte das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Man überblickte diesen Menschennumerus wie einen aufgelösten Rosenkranz, ja, wie einen bloßgelegten Kirchhof, dessen innern Bestand eine Überschwemmung aufdeckt. Das Campmeeting schien ein Haufe von Schnecken, die dicht zusammenrücken, aber sie erwärmen sich doch nicht. Das Ganze bleibt so kalt wie das Einzelne. Die Sonne zerfloß in Erbarmen und gab sich alle Mühe einer äußern Erwärmung. 
       Umsonst. Wie mochte sie sich wundern! drüben in Neapel gelang ihr's so trefflich. Fünf Menschen machen den Lärm eines Volkes dort. Hier Tausende nicht. In welchen Verhältnissen leben Sonne und Erde auf ein und demselben Breitegrad? Ist sie dort die Geliebte und hier die Verschmähte, die um so kälter macht, je heißer sie wird? Unglückliche, wie tragisch bist du in deiner Unschuld! Du brennst herab, eine Tarantella zu zeitigen und zeitigst das Fieber. Da waren meine Verwesungsgedanken von gestern wieder! Wen soll man hier anklagen? die Sonne, die Erde, die Menschen? Ich hätte in die Schöpfung schreien mögen, wie König Lear: Mach' mich nicht toll!! –
      Viel Volks war in der stillen Betrachtung zurückgeblieben: entweder im ersten Drang seiner Andacht oder aus pfiffiger Konkurrenz um den Frömmigkeitsruf. Das nötigte auch die andern, schleuniger nachzukommen, und ebenso trieb es den Prediger vorwärts. Kurz, ich erlebte die Raserei, daß statt eines gesunden Mittagsschläfchens das Meeting in der ärgsten Hitze zusammenrannte und die Wagenburg füllte. Da gab denn der Clerk das Zeichen, der Prediger stieg auf die Kanzel und der Nachmittags-Gottesdienst fing schon am Mittage an.
      Die Erbauung eröffnete wieder ein Gassenhauer-Psalm; ich kannte zwar diesmal die Weise nicht, aber denke dir etwa: »O mein lieber Augustin« oder dergleichen, es verschlägt nicht viel. Dem seelenvollen Liede folgte die Predigt. Also die erste Methodistenpredigt! »Rede, daß ich dich sehe!« sagte Sokrates. Amerikas Idealismus hat sich auf die Religion zurückgezogen: hier sollt' ich ihn jetzt sehen. Er fing zu reden an.
      Aber schon nach den ersten Perioden verging mir Hören und Sehen im barsten Sinne des Wortes. Wie soll ich dir diese Predigt beschreiben? Nichts Amerikanisches ist zu übertragen, du weißt es. Annähernd ein Urbild ist in Heinrich IV. die Stelle, wo Falstaff eine Szene am Hof zwischen 
       Vater und Sohn repräsentiert. Er spricht im vermeintlichen Charakter eines Königs: »Es gibt ein Ding, Heinrich, wovon du oftmals gehört hast, und das vielen in unserm Lande unter dem Namen Pech bekannt ist; dieses Pech, wie alte Schriftsteller versichern, pflegt zu besudeln. – So idealisiert ein Falstaff den Satz: Wer Pech anrührt, beschmutzt sich! So machte es die Predigt. Und doch ist mit diesem Beispiel nur der geringste Teil des Ärgernisses angedeutet. Falstaffs Grundgedanke ist gemein; zu verderben war bloß die einfache Form daran. Hier aber war das Einfache zugleich das Erhabene; die gänzliche Ohnmacht des Methodisten, aus seiner Gemeinheit sich zu erheben, schändete Form und Inhalt zugleich. Der elendste aller Gottesknechte ersetzte diesen geistigen Abgang durch physische Mittel. Nichts konnte alberner sein als die Art, wie er einzelne Grundsilben betonte und durch eine übermäßige Länge ihre Feierlichkeit nach dem Klaftermaße dehnte. Ein halbhundert Pendelschläge z. B. dauerte das Längenmaß der ersten Silben in holy oder glory. Solche Götterworte legte er förmlich unter Streckwalzen und quetschte sie zu Ewigkeitsdraht. Wenn er auf den devil zu sprechen kam (und er sprach von nichts anderm), so versank die Streckmaschine in einen Keller. Zu der Dehnung kam dann eine fürchterliche Hohlheit und Tiefe des Tons – in der Wirklichkeit ist kein Gleichnis dafür. Man muß es aus der Möglichkeit holen und sich vorstellen, eine ähnliche Klangfarbe gäbe es vielleicht, wenn ein Bär in das Spundloch des Heidelberger Fasses brummte. Aus diesem Bauchrednerbasse in die kreischendste Fistel umzuschlagen, war eins seiner beliebtesten Kunstmittel. Man glaubte einen verzweifelnden Hahn zu hören, der zwischen Mardern und Iltissen um die Integrität seines Harems schreit, wenn er im schneidendsten Falsett auf einmal den Aufschrei einer verdammten Seele losließ. Kurz, der Weihevolle schlug sich in Gedanken, Worten und Gebärden über alle Hindernisse der menschlichen Grenzen direkt zum Pavian durch.
      
       Das war der Hirt. Und diesem Hirten entsprach die Herde. Die 
      Herde steht hier ganz ohne Allegorie da. Sie war es wirklich. Zwar in der ersten Viertelstunde hielt die mitgebrachte Menschenhaut noch ihre Nähte. Aber bald fing sie zu platzen an. Zuerst brachte die Bußpredigt eine sonderbare, gewitterähnliche Unruhe unter den Zuhörern hervor, ein Zappeln und Trippeln von einem Bein auf das andere, ein Stöhnen, Seufzen, Wimmern und Schluchzen, gemischt mit einem fast zornigen Murren, das einem Aufruhrgemurmel glich – Aufruhr gegen den Teufel. Diese Geräusche erhoben sich nach und nach zu der Höhe des Lärmes. Wie man in einem schwülen Raum die Kleidungsstücke ablegt, so begannen die Seelen, die ins Schweißtreiben gerieten, sich zu lüften. Man verzweifelte, man verfluchte sich, man schrie laut die Namen derjenigen Laster umher, von denen man sich am schwersten bedrückt fühlte, und forderte andere auf, das gleiche zu tun, man schrie dem Prediger Beifall zu, ließ sich die kräftigsten Stellen wiederholen, brüllte sie im Chor nach, kurz, man betäubte sich gewaltsam. Einer Versammlung von Tausenden gelingt das wunderbar schnell. Im Nu waren die menschlichen Stimmen verschwunden, und ein Heulen, Blöken, Bellen, Grunzen, Miauen und Schnarren hub an, als ob eine Noahsarche im Schiffbruch begriffen wäre und alle Tiergattungen der Erde um Hilfe schrien. Dazu strampften die Beine, die Arme fuhren in die Luft, die Hände schlugen um sich, man schüttelte die Leiber, stieß, rieb, trieb, zwickte und zwackte sich, um der Teufelsaustreibung so gewiß als möglich zu werden. In diesem Tumulte gingen endlich die Donner des Predigers unter. Nur in einzelnen langgehaltenen Pausen schlug noch sein hohler Weheruf durch wie Glockensignale in einer feuerlärmenden Stadt. Zuletzt verhallte auch das – der Brand war fertig, das Schüreisen ruhte.
      Ich stand da, von Scham übergossen. Die Unkeuschheit dieser Szene ließ mich bereuen, ein Mensch zu sein. Darum 
       also mähte der Würgengel der Zivilisation die eingebornen Naturvölker vor sich her, um dieses Christentum nachzupflanzen! Ich sah unwillkürlich nach Westen aus, als müßt' ich der Staubwolke des letzten abziehenden Indianerstammes mich anschließen können.
      Aber hier war kein Ort zu Betrachtungen.
      Auf einmal schoß ein Schrei neben mir auf – ich prallte zurück wie vor einer Explosion. Jesus komm' herab! Jesus komm' herab! lärmte ein Knabe in meiner Nähe mit einer Lunge aus Granit. Und es genügte ihm nicht etwa der ein- und zweimalige Anruf, sondern er wiederholte diese Formel fort und fort, ungefähr wie unsere Kinder ihr: Maikäfer flieg' oder: Schmetterling, buntes Ding! auf warmen Frühlingswiesen rufen. Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wie es komme, daß der Mutwillige diesen Unfug sich erlauben dürfe und kein Erwachsener ihm wehre. Der Angeredete maß mich mit einem großen Blicke, dann hub er an: Es scheint, Sie sind fremd, mein Herr. Dieser tugendhafte Knabe lag schon gestern im brünstigen Gebete und will es mit des Allbarmherzigen göttlicher Hilfe zu einer 
      Wiederbelebung bringen. Gebe der Himmel seinen Segen dazu! Aber die Kräfte des Leibes müssen mit aller Tätigkeit mitwirken, wenn die gebundene Seele ihre Fessel sprengen soll. Brav arbeitet er, der Kleine! Sehen Sie, wie ihm die Halsadern schwellen! Wie das Gesicht ihm anläuft! Er wird den wunderwirkenden Blutdruck aufs Gehirn früher zustande bringen als wir trägen Gewohnheitssünder. Er bringt es zu einem der glänzendsten reviews, geben Sie acht. Methodistenprediger will er werden, der Sohn der Gnade. Wir wünschen uns Glück dazu. Nie hatte ein Kind des neuen Landes bessere Gaben für diesen Beruf. Welch eine Lunge, mein Herr!
      Während dieser Worte hatte ich den Knaben nachsinnend betrachtet. Es kam mir vor, als ob diese Lunge schon öfter geglänzt hätte. Wie war ich überrascht, ihn endlich zu 
       erkennen – es war Hoby der Straßenjunge! – Es war derselbe Lump, der auf der Battery Schandschriften verkauft, der im tragischen Theater als Chef du succès spektakuliert hatte – zwei Begegnisse, von denen ich dir erwähnt, wenn ich nicht irre. Und zum dritten Male fand ich jetzt diese amerikanische Jugendblüte in den Wäldern Ohios als Kandidaten des geistlichen Lehramts!
      Bei dieser Entdeckung ertrug ich die Scham meiner Anwesenheit nicht länger. Ich drängte mich sachte nach dem Ausgange zurück und gewann, obwohl mit einigem Aufsehen, das Freie. Ich sattelte mein Pferd und bestieg es. Eine Stunde von hier lag die pennsylvanische Grenze und Gadshill, wo Doktor Althof wohnte. Dort wollte ich Aufnahme suchen für die kleine Annette. Denn daß ich das Kind von dem Campmeeting entfernen müsse, verstand sich nach dieser Erstlingsprobe von selbst. Den Meier nötigenfalls zu beherrschen, war mein Recht und meine Pflicht. Um ihm Fertiges zu bieten, säumte ich keinen Augenblick, die Sache mit dem Doktor gleich abzumachen. Ich ritt davon und hörte, glaub' ich, zischen und grunzen hinter mir. Hobys Geschrei: Jesus, komm herab! tönte mir vor allem nach.
      Aber nahe vor Gadshill begegnete mir Doktor Althof selbst, mit Poll dem Apotheker. Er ritt eben auch zum Campmeeting. Ich verwunderte mich, daß ihm seine Praxis erlaube, solchen Schauspielen nachzugehen. Er sah mich groß an. Gerade dort ist mein Posten jetzt, Herr Kollege – war seine Antwort; – schöne Apoplexien, Konvulsionen, Ohnmächten, Krämpfe, Neuralgien in allen Sorten und Mustern, kapitale Paroxysmen – was denken Sie denn von einem Campmeeting! Dabei wies er auf ein drittes Pferd, welches mit einer Feldapotheke bepackt, hinter den beiden Reitern hertrabte. Ich sah mir den Gaul mit einer Art von Respekt an; dies also war die Person, die in diesem Konventikel das letzte Wort hatte!
      
       Ich versagte mir nicht, meinen Gefühlen über die Szene, von der ich soeben kam, freien Lauf zu lassen.
      Die Religion, sagte der Doktor, ist in Italien ein Ballett, in Spanien eine Verschwörung, in Deutschland eine philosophische Liebe, in Amerika ist sie eine Maschine von soundsoviel Pferdekraft.
      Ich verwundere mich überhaupt, war meine Antwort, daß die hiesige Menschheit nicht längst sich eine neue Religion gegeben. Das Christentum ward der leidenden Welt verkündet, der Sehnsucht nach dem Jenseits; hier haben wir ein Reich der Tat, eine leidenschaftliche Befangenheit im Diesseits, eine absolute Unfähigkeit zur Vertiefung und Verinnerlichung. Lauter Gegensätze zum Christentum. Amerika braucht eine eigene Religion.
      Ich glaube, es bekommt sie auch noch, sagte Althof; das Volk arbeitet an allen Punkten daran. Was bedeuten diese Hunderte von Sekten, die täglich entstehen und vergehen, anders, als das Suchen nach einer nationalen Form der Religion?
      Der Apotheker lächelte schalkhaft. Ich sah ihn befremdet an, da hier zunächst kein Anlaß zur Heiterkeit gegeben war; der Doktor bemerkte beides und gab mir mit der besten Miene folgende Erklärung: Herr Poll denkt an meine gewesene Braut, jetzige Prophetin im Killanytal. Wohlan, wenn Sie geneigt sind, ein Pröbchen von amerikanischer Religionsmache zu hören – die Geschichte ist diese: Ich hatte meine Mina aus Deutschland mitgenommen in der Absicht, unsere Ehe zu vollziehen, sobald mein Wirkungskreis ein gesicherter würde. In der Dauer dieser Wartezeit verschwand mir auf einmal das Mädchen. Niemand wußte, wohin? Sie hatte mir zwar Zeilen zurückgelassen von entweder freiwilliger oder unfreiwilliger Mystik des Stils; genug, ich konnte alles drin lesen, ich las aber, da ich überhaupt kein weibliches Motiv einer solchen Flucht kenne, gar nichts darin. Ich zählte das Mädchen zu jenen Entarteten, 
       die den ungeheuren Übergang von der alten zur neuen Welt moralisch nicht bestehen, und vergaß sie. Die Kleine hatte sich aber, in aller Stille gereift an der hiesigen Humbugluft, folgendes Plänchen ausgedacht: Sie lief nach Philadelphia und nahm Kondition in einer Modewarenhandlung. Da sie in ihren neuen Verhältnissen nur Deutsch sprach, so war die unterste Stelle, die schlechteste Gage und eine demgemäße Behandlung ihr Los. Dieses Los schien ihr sehr nahe zu gehen. Nach reicherer Sprachkenntnis sah man sie das heftigste Verlangen tragen. Sie ließ sich berechnen, was englische und französische Lektionen kosten möchten. Sie sparte mit peinlicher Entsagung, verzweifelte an der Unzulänglichkeit ihrer Mittel, raffte sich wieder auf, erlahmte von neuem, man sah sie stundenlang ihr Unglück beweinen, sie rief die Kraft der Religion zu Hilfe, warf sich in die Arme der Konventikeln und Missionen, ja ihre Lippen fingen oft mitten im Verkaufsladen zu beten an. Da rauscht eines Tags ein glänzendes Bukett von Aristokraten des »alten Landes« in ihren Basar. Herren und Damen, Kinder und Bediente bezaubern ihr Ohr mit der Musik der heiß ersehnten Sprachen. Die arme deutsche Magd lauscht wie auf das Säuseln der Gottheit. Ihr Herz schwillt, sie vergißt sich, statt zu servieren, fängt sie zu beten an. Die Direktrice begegnet ihr streng, sie bricht in einen Tränenstrom aus. Die Direktrice weist sie voll Zorn und Verlegenheit fort, da wird das Maß der überreizten Seele voll. Ekstatisch fällt sie auf die Knie, ringt die Hände und fleht in dem imposanten, sinnlos-erhabenen Schwall ihrer Missionsmystiker den Himmel um seinen Beistand an. Das Wunder geschieht. Verklärt springt sie auf. Sieg leuchtet ihr seherisches Auge, sie öffnet den Mund, die Sprache der Staël und der Martineau sprudelt wie eine Kaskade über die gottbegnadeten Lippen. Der Salon erstarrt. In einer Minute hat Fama ihre Lauffeuer angezündet, das Volk sperrt die Straße, selig, wer zuerst die neuen Sprachlaute der neuen 
       Prophetin vernimmt; Kranke lassen sich ihre Hände auflegen, der Saum ihrer Kleider wird geküßt. – In einem Tale Pennsylvaniens, wohin sie der Einladung eines Gläubigen folgte, ist sie jetzt Prophetin. Sie bewohnt einen Palast und fährt mit Vieren und zählt ihre Gemeinde nach Tausenden. Aus diesem Glanze heraus – denn wunderbar ist das Frauenherz – hat sie mir wieder ihre Hand angeboten; zum Danke für soviel Treue gelobt' ich ihr auf ewig jenes Mädchenpensionat zu verschweigen, in welchem sie Französisch und Englisch gelernt. Haben Sie aber Lust, einen Kopf voll Tiefsinn und Vernunft zu riskieren, so gehen Sie in das Killanytal und zweifeln Sie an dem Pfingstwunder der Miß Mina. Der Yankee schlägt sich für sie, wie nur ein Mensch für das Göttliche kämpft. Die witzige Ladenmamsell ist ein Teil des amerikanischen Logos geworden.
      Ich antwortete: Wo die Menschheit in so verzerrten Zügen auftritt wie hier, da bleibt nichts anders übrig, als sie zu begreifen. Denn nur holde Rätsel läßt man sich gefallen, ärgerliche muß man wenigstens auflösen, um sie erträglich zu machen. Ich kann die Möglichkeit dieses plumpen Wunderglaubens einsehen. Das Volk hat nun einmal keine Vergangenheit. Warum sollte es vergangene Wunder haben? Es will gegenwärtige! Es ist zu praktisch, zu ungeduldig, um nicht selbst zu leisten, was andere Menschen, was andere Zeiten auch geleistet haben. Seine einzige Geistesnahrung, die Bibel, stellt ihm ein auserwähltes Volk mit seinen Propheten auf. Man denke sich dabei die Gärung in einer amerikanischen Brust! Bekanntlich ist Bruder Jonathan sich selbst das auserwählteste aller Völker. Der liebe Gott sollte mit Juden umgegangen sein und mit Amerikanern nicht umgehen wollen? Konkurrenz! Wahrlich, das Wort darf uns nicht zu profan sein, es ist auch hier das wahre Schlagwort der Sache.
      Ich möchte sagen, der Amerikaner verhält sich zur Bibel wie Don Quixotte zu seinen Ritterbüchern – sans comparaison! – warf Poll juvialisch hin. 
      
      Sehr richtig! sagt' ich mit lebhafter Zustimmung. Don Quixotte fühlt sein eigenstes Wesen sich erklärt und enträtselt im Unschaun seiner romantischen Vorbilder. So sind auch dem Amerikaner die biblischen Wunder ganz aus der Seele gesprochen. Geht er doch allenthalben darauf aus, die Natur zu überwinden, und wo wäre sie gründlicher überwunden als im Wunder? Meine Herren, sehen wir genauer hin, es herrscht die natürlichste Wahlverwandtschaft zwischen den neuamerikanischen und altjüdischen Humbugern!
      Sollte der künftige Islam dieses Weltteils nicht überhaupt 
      Humbug heißen? fragte der Doktor.
      Wenigstens, antwortete ich, ist dieser Ausdruck der erschöpfendste für den amerikanischen Nationalgeist; und um den Nationalgeist handelt es sich ja in der neuen Religion, von ihm sind wir ja ausgegangen. Das ist's, was die kleinen Sekten-Humbuger reüssieren läßt: daß sie diesen einen Nerv glücklich berühren. Es fragt sich dabei gar nicht, wie überall, um die Authentizität ihrer Wunder; ihr Wunder ist, die Eigentümlichkeit des Volksgeistes zu erraten. Nicht die Wahrheit ist glaubwürdig, sondern dasjenige Märchen, das den Märchengeschmack am besten errät. Tritt nun nach diesen kleinen Humbugern ein Groß-Humbuger auf, der nicht einen, sondern alle Nerven zugleich berührt, die ganze Klaviatur des Volksgefühls auf einmal spielt, so ist die neue Religion fertig, die Sekten münden in sie wie die Nebenflüsse in den Mississippi. Sie haben das Wort »Islam«, fuhr ich fort, glücklich gebraucht. Der Islam ist eine Redaktion der Bibel und des Evangeliums in arabischen Formen, gestützt auf die Überlieferungen des Volks und die Persönlichkeit des Propheten. Das ungefähr ist's, worauf es hier ankommt. Bibel und Evangelium werden auch dem amerikanischen Mohammed die Grundlage liefern: wesentlich wird aber immer die Umdichtung in amerikanische Formen, die Befriedigung des kolossalen 
       amerikanischen Nationalpathos dabei sein. Und in diesem Sinne werden wir die hiesige Zukunftsreligion ohne alle Frivolität Humbug nennen dürfen. Sie wird eine Religion des Unternehmungsgeistes, der Eroberung, eine Religion go ahead sein. Sie wird das: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, so lange nationalisieren, bis ein help your selp! daraus wird. Kurz, sie wird national sein. Dieses Moment darf keiner Religion fehlen, vielmehr ist es der innerste Kern und das tiefste Bedürfnis einer jeden. Die Römer und Griechen hatten kein Nationalgefühl mehr und die Germanen hatten's noch nicht, als sie ihre heutige Religion annahmen. Hier stehen die Sachen anders. Es ist eigentlich die größte Anomalie, daß das Volk nur die Stempelakte und nicht auch die Religion des Mutterlandes abwarf. In seinen Verhältnissen kann es gar nichts brauchen von Europa. Der Grund ist einzig, daß man Religionen nicht so schnell macht wie Konstitutionen, obwohl man auch diese mitunter zu schnell macht. Aber eben darum steht der Islam Amerikas noch bevor.
      Bis dahin, sagte der Doktor, müssen wir freilich methodistische Tobsucht und puritanische Starrsucht für unser liebes altes Christentum gelten lassen. Unsereiner steht sich am besten dabei. Man wird ordentlich Doktor der Medizin und Theologie zugleich bei diesen christlichen Suchten.
      So unterhielten wir uns, indem wir über dieses Stück amerikanische Erde ritten. Unsere Zungen lechzten, unsere Pferde suchten ohne alle Anleitung den kurzen Schatten am Wegsaum. Wir waren froh, das Waldlager zu erreichen. Das Geschrei: Jesus komm herab! ertönte noch immer. Fast zwei Stunden war ich abwesend gewesen.
      Als wir unsere Pferde abgezäumt hatten und in die Wagenburg eintraten, fand ich vieles verändert. Die ganze Menschenwoge lag nicht mehr breit über den vorhandenen Raum ausgegossen, sondern zugespitzt wie zur Springflut; alles kulminierte in einem dichtgedrängten Kreis. Der 
       Kreis war inwendig hohl; drinnen erscholl jetzt die Stimme: Jesus komm herab! aber die umgebende Menge verhielt sich schweigend. Hoby, der Straßenjunge, war zum Mittelpunkt der Andacht geworden. – Ich merke, er sitzt auf dem »Angststuhl«, sagte Doktor Althof – bitte, Poll, reichen Sie mir das Besteck, wenn ich etwa eine Ader schlagen müßte. Erschrocken machte ich Fragen, aber Althof antwortete: Wir werden sehen, mein Herr. Er und der studentische Poll betrugen sich auf einmal knapp und gemessen. Unter den Amerikanern nahmen sie ihre amerikanische Miene vor.
      Wir drängten uns aus der Peripherie des Menschenknäuels mutig ins Zentrum durch. Die Szene hier war folgende. Hoby saß in der Tat auf einem niedern Stuhl, nach der vorigen Äußerung, dem 
      Angststuhl. Der Prediger und sein Gehilfe standen ihm links und rechts zur Seite und hielten oder vielmehr rüttelten und schüttelten ihn wie ein Sieb, um seine wundertätigen Zirkulationen zu befördern. Er lag oder streckte sich in ihren Armen und tat, zwischen den Ausrufungen an Jesu, seine Wiederbelebungsbeichte. Ich habe gestohlen – Jesus komm herab! ich war unzüchtig – Jesus komm herab! – ich entweihte den Sabbat – Jesus komm herab! usw. So oft er eine Sünde nannte, stieß er heftig mit dem Bein, gleichsam unter Fußtritten sie verabschiedend; bei der Formel: Jesus komm herab! fuhr er dagegen mit der Hand in die Luft, wie Macbeth, der nach dem Dolche hascht. Diese Gebärden lösten sich fast kanonisch-regelmäßig einander ab: es sah aus wie Maschinenarbeit, wie Drahtpuppenbewegung. Ein ähnliches Manöver wiederholte er mit der Stimme. Das Bekenntnis einer Sünde stöhnte er dumpf und röchelnd wie ein Sterbender, den Refrain: Jesus komm herab! stieß er gellend heraus wie im aufschreienden Schmerzgefühl. Dabei atmete sein heiserer, offen stehender Schlund kurz und lechzend, seine Augen rollten wild, sein Gesicht war aufgedunsen, verdummt und verquollen, Schweiß und Schaum bedeckte es reichlich. Die 
       Umstehenden blickten mit großer Andacht auf dieses Bild des Abscheus.
      Ich wendete geekelt das Auge davon. Wäre es möglich gewesen, das dichte Gedränge von Menschen zu durchpirschen wie ein Walddickicht, so hätte ich sogleich die Familie Ermar aufgesucht. Ich brannte vor Ungeduld, mich zu überzeugen, daß ihre deutsche Natur entweder selbst schon abgeschreckt sei oder mindestens meine Sorge für Annette gutheiße. Zufällig standen sie mir näher, als ich ahnte. Indem ich den Kreis überblickte, sah ich Vater, Mutter und Kind an einem mir entgegengesetzten Punkte des Zirkels in den vordersten Reihen stehen. Annette hielt sich ihr Taschentuch vor die Augen, weil ihr die Sonne grell ins Gesicht schien oder um sich vor dem barbarischen Schauspiele der Wiederbelebung zu schützen. Ich mochte gerne das letztere glauben. Die Mutter stand etwas zurück, ich sah nur ihre vorgestreckten Hände auf Annettens Schultern ruhen. Ich suchte mich zu nähern. Ich rückte sachte aber beständig von meinem Platz dem ihrigen zu. Von Zeit zu Zeit gab ich Winke meines Daseins. Endlich wurde ich bemerkt. Annette fuhr bei meinem Anblick freudevoll auf, sie sprang aus der Reihe und rief mir voll Selbstvergessenheit zu: Ach, Herr Bruder, laß uns gehn! Ich erschrak nicht wenig. Fern, wie ich noch war, gab ich ihr ein Zeichen der Beschwichtigung. Aber das Unglück packte sie schnell. Der schwarze Prediger warf sich ihr entgegen und donnerte sie an: »Halt, junge Sünderin, wohin? Warum willst du fort? Steh' und verantworte dich: Bist du für Gott oder für den Teufel? Annette bebte zusammen. Sie wurde brennend rot, schlug das Auge nieder, zitterte heftig und antwortete wie ein erschrockenes Kind: mit Tränen. Das sinnloseste aller Tiere hielt diese Stummheit für Verstocktheit. Schreib' sie in das Buch des Teufels! brüllte der Pfaff seinem Schreiber zu. Da fuhr sich das Mädchen an die Stirne, ein durchdringender Schrei, ein Riß durch alle Gesichtsmuskeln, sie stürzte zu Boden.
      
       Man sagte mir, ich habe wie eine Tigerkatze an der Kehle des Methodisten gehangen, und zwei Parteien haben mich wechselweise beschützt und geprügelt.
      Ich kam wieder zur Besinnung; Annette nicht mehr. Der Schlag hat ihr Gehirn gelähmt; sie deliriert.
      Man will das unglückliche Kind in das Irrenhaus zu Columbus bringen. Das Irrenhaus zu Columbus hat eine Fassade von Säulen und Pilastern, eine prächtige Marmorbekleidung und ist, wie alle Narren- und Zuchthäuser dieses Landes, das schönste Gebäude seiner Stadt. Wenn dich der Direktor darin herumführt, so wird er sein respektvollstes Nationalgesicht vorlegen und in seinem langweiligen Englisch feierlich perorieren: Dieses Haus ist errichtet worden und ausgestattet von den Beiträgen großmütiger Bürger des Staates Ohio zum Heile derjenigen unserer leidenden Mitchristen, welchen der göttliche Ratschluß die Gesundheit des Geistes entbehren läßt. Es enthält dreihundert Wohnungen, Betsäle, Lesesäle, Badesalons und einen Garten von fünfzig Acre Landes. Es wird ärztlich geleitet von dem sehr ehrenwerten Herrn Doktor Jehadiah Bykbookbeaker, die Kosten seines jährlichen Unterhalts betragen die Summe von hunderttausend Dollars. Die Einrichtungen und Zustände der Anstalt sind solche, welche den Fortschritten der Wissenschaft, der Blüte des Staates Ohio, dem Ruhme unsrer großen und erleuchteten Nation in allen Teilen entsprechen. Unsre Wohltätigkeitanstalten sind der Stolz unsers Landes.
      Aber wie sie sich füllen, sagte er nicht. 
      
    



      Siebentes Kapitel
      Dieser Brief war der letzte, den Moorfeld aus Ohio an Benthal schrieb. Die scheinbare Ruhe und Mäßigung, womit er die unglückliche Begebenheit erzählt, war vielleicht schon in dem Augenblicke, da er's tat, entweder nur die Ohnmacht des Betäubten oder das mühsamste Produkt der Reflexion, womit er – ein Mann vor einem Mann – sich zusammennahm. Anders sah ihn seine nächste Umgebung. Der Ausbruch der Wut, von welchem er in knappester Gemessenheit Erwähnung macht, daß er ihn unmittelbar gegen den Urheber des Unglücks gerichtet, flutete ungezähmt auch über die festeren Dämme der geselligen Ordnung und Verträglichkeit. Zunächst zerfiel er mit Doktor Althof. Was er in seinem Briefe so ruhig ausspricht: »Man will das unglückliche Kind in das Irrenhaus zu Columbus bringen«, bekämpfte er in der Wirklichkeit mit dem heftigsten Widerspruch. Er wolle sie nun und nimmermehr »unter den Fäusten der Yankees« wissen, schwor er ununterbrochen, wie er überhaupt alle Heilvorschläge des Doktors, welche die gewöhnliche Praxis in Lähmungsfällen befolgt, leidenschaftlich verwarf. Er schalt den Doktor einen »krassen Somatiker«, wollte das Kind mit Adagios auf der Violine heilen, wollte ihr frische Blumen aus Deutschland kommen lassen und malte einen »Heilplan der Liebe« aus, der vielleicht eine schönere Eingebung der Poesie als der Wissenschaft war. Ganz außer sich geriet er aber, als Vater Ermar selbst, ohne von dem ärztlichen Streite einen Begriff zu haben, nur dem natürlichen Instinkte des Verstandes folgend, die Partei des Besonnenen gegen den Exzentrischen ergriff und seine Kranke der ausschließlichen Behandlung des Doktor Althof anheimstellte. So vergingen die ersten Stunden und Tage im Hause des Doktor Althof zu Gadshill, dem unmittelbaren Schauplatze nach jener traurigen Katastrophe, unter einem fortwährenden Sturme von Aufregungen, 
       die alles verwirrten, Meinungskämpfen, die niemanden belehrten, Sorgen, die sich selbst im Wege standen, Tätigkeiten, die ohne Frucht blieben, und Moorfeld war nahe daran, das zweite Opfer zu werden. In seinen brennendsten Energien ohne Nutzen und Einfluß, von dem eigenen Triebe der Selbsterhaltung dunkel gemahnt, daß sein erschüttertes Nervenleben die Gefahr nur teilen, nicht aufheben könne, ergab er sich zuletzt in den Gedanken, einen Menschenkreis zu verlassen, in welchem das ungestümste Herz das unfruchtbarste war. Er nahm dem Doktor Althof sein Manneswort ab, vor seiner Zurückkunft Annetten nicht nach Columbus zu schicken, dann ritt er aus, um von dem schweren Unglücksschlage zunächst sich selbst zu erholen.
      An sein Haus konnte er nicht denken. Die öde Waldhütte, des Schottländers dumpfe Gesellschaft waren doppelt unheimlich in diesen Augenblicken. Ebenso war ihm die gesellige Nähe anderer Menschengruppen verleidet. Die Natur in ihrer wilden Schönheit und Unschuld, die unberührten Reize verschwiegener Einsamkeiten hatten vielleicht allein das Wort, – eines jener einfachen, ewigen Worte hier auszusprechen, an denen das Menschenherz zu allen Zeiten gesundet. Moorfeld folgte diesem Zuge.
      Er dachte an die Schönheit der »Seen«. Erie – Huron – Michigan – Saginaw – Makinaw – St. Clair – St. Marie – das waren die Namen, welche damals von den Tauperlen sehnsüchtiger Einbildungskraft glänzten. Jene wunderbaren Binnenmeere, mit ihren durchsichtigen, kristallhellen Gewässern, mit ihren undurchforschten Labyrinthen friedensseliger Eilande, mit ihrem dichtbelaubten Kranze länderbedeckender Wälder, jene duftigen Grenzbezirke der Menschheit, an welchen der seltene Reisende damals ankam, wie Alexander an den Toren des Paradieses; – ihre Kunde erscholl in den Regionen der Zivilisation mit einem Zauberklange, den das Gemüt tief in sich aufnahm, in die 
       Wünsche und Träume der inneren Welt leise mitklingen ließ, den frecheren Geräuschen der zudringlichen Gegenwart vielleicht unterordnete, aber brach der rechte Augenblick an, dann stieg das trotzverheißende Bild dieser engelreinen Erde hinreißend vor dem inneren Auge empor, und alle Stimmen des qualbeladenen Herzens riefen laut: Auf nach den Seen!
      Wir vergessen nämlich nicht: Zwischen uns und unsrer Geschichte liegt eine Generation. Wenn die Phrase von dem »Belecken der Kultur« schon in den meisten Fällen eine übereilte ist, da von den ungeheuren Formen von Meer und Land die einzelnen Umformungen durch Menschenarbeit in der Regel doch infusorischer erscheinen, als der Schöpfungs-König sich schmeichelt, so lag vor dreiundzwanzig Jahren die Region der nordamerikanischen Süßwasserseen in der Tat noch in dem zauberischen Kindheitsdämmer einer halbmythischen Geographie. Zwar wehte die Rauchflagge des Steamers schon in jenen Urweltsregionen, aber diese fruchtbare Gattung von Seeungeheuern hatte ihr Geschlecht noch nicht zu der Ausbreitung von heute gebracht. Noch war die einsame Welle dieser Gewässer des indianischen Ruders gewohnter als der wühlenden Dampfmaschine, noch stand der Eichwald in ungelichteten Reihen um die heimatliche Seebucht, der heute in allen Schiffsgestalten die Meere der Welt durchfurcht, noch hielt der Bär seinen ruhigen Winterschlaf in Höhlen, wo heute Bijouterieläden strahlen und im gasflammenden Lesekabinett die Zeitungen von London und Paris aufliegen.
      Dahin nun richtete Moorfeld nach der Verblutung des ersten, wildesten Schmerzes seine stillen Wege. Im Augenblicke des Abschieds blieb ihm mit Doktor Althof noch ein harter Kampf zu bestehen. Der vorsichtige Mann bestand darauf, Moorfeld sollte, wie er sich schonend ausdrückte, einen – Diener mitnehmen. Der Arzt erriet aber den Arzt und kalt-beleidigt gab Moorfeld die Antwort: Kann unbegleitet 
       zur Hölle gehn! Auch seinen Abschied von Annetten suchte Doktor Althof um jeden Preis hintanzuhalten. Ein Schlaganfall hatte sich noch tags zuvor wiederholt und das Kind einen entsetzlichen Schritt weiter in seiner Krankheit geführt. Die Gesichtszüge waren von der Lähmung bis zur Unkenntlichkeit entstellt, die Zunge kaum noch eines tierähnlichen Stammelns fähig, die Irre des Geistes vergröberter, finstrer. Es war ein peinlicher Augenblick, als Moorfeld den letzten Kuß auf die »entgeisterte Stirne« zu drücken begehrte. Der Doktor, der Vater, die Mutter selbst stellten sich mit Bitten und Tränen davor. Je gereizter Moorfeld seinen Willen behauptete, desto gefährlicher schien es, ihn zu erfüllen. Zuletzt bewältigt aber die Menschen nichts so sehr als die Leidenschaft, wo sie in ihrem Berufe ist, und das Nachgeben mußte gewagt werden. Man führte ihn vor das Bild der Unglücklichen. Alles bangte einem entsetzlichen Ausbruche entgegen, als Moorfeld mit offenen Armen auf die gräßlich Verlorene zuschritt. Aber er blieb ruhig. Stillsinnend hielt er das Kind vor sich hin und vertiefte sich in sein Anschauen. Nach einer langen Pause rief er aus:
      Warum nannt' ich dich auch 
      Schwester! Dann legte er seine Hand auf ihren Scheitel und sprach: Sei gesegnet, mein Kind! Der Gott der Menschenopfer hat dein Schicksal erlaubt. Das reine Weib und die Schuld dieser Welt haben eine alte, mystische Gegenseitigkeit. Edle Jungfrauen seh' ich den Ungeheuern des Altertums opfern, und noch dem Kreuze bringt die Jungfrau blutigen Tribut. Es mußte so sein! Diesem Lande fängt sein zweites Zeitalter an. Als Leiber mit Leibern hier rangen, riß die Rothaut den Skalp vom Haupte der Weißen; heut' rollen Geisterschlachten über diesen Boden, und die Wilden skalpieren Geister. Zu groß ist, was hier beginnt, es muß barbarisch beginnen. Die Sieger von Teutoburg, die zweimal Rom überwunden, sollen deutsches Geistesbanner auf Washingtons Kapitol pflanzen. Die neue Welt ist ihnen gegeben, wie die alte. 
       Voran, deutsche Jungfrau, heilige, weihe! Du leidest für dein Volk; du bist Deutschland! armes, frommes, mißhandeltes Kind. Mit deinem Unglück ist dieser Boden deutsch geworden; – könnte der Geist denn siegen, wenn er nicht zertreten wird? Wir haben, liebes Kind, eine große Schuld in dieses Land eingeführt: wir sind unschuldig! Wir sind wahrhaftig unter den Lügnern, wir sind aufopfernd unter den Selbstlingen, wir sind zart unter den Ungeschlachten, wir sind keusch unter den Frechen, wir sind tiefsinnig unter den Stumpfen, wir sind fromm unter den Heuchlern, wir haben Herzen unter Ziffern, wir sind Menschen unter Bestien! Ob wir siegen werden; – wer darf zweifeln, wenn Kolumbus nicht der Vater der Atheisten sein soll? Aber bis dahin, werden sie uns erwürgen. Viel schönes Leben wird untergehen. Sie haben scharfe Messer und volle Kanonen, die weißen Delawaren und Mohikaner. Sie haben uns das Zauberwort der Kultur nachgestammelt, aber unrein, daß sie nicht gute, nur verderbte Geister zitieren können. Und sie kommen, sie kommen die höllischen Scharen! Beelzebub-Reverend voran! Auf Teufel, auf, das Schlachtmesser bloß! Hier liegen wir; deutsche Häupter liegen da, morgen deine Könige, heute noch deine Knechte! Schnell! schnell! greif zu, 
      innre Stirnhäute sind zu gewinnen; reiße, zerre, – sie zucken, sie bluten, – ha, da raucht ihr Gehirn! Da raucht es! es ist getan! klatschet, Teufel: der Deutsche ist wahnsinnig und Yankee ist ein kluger Mann! – Moorfeld stürzte mit gellendem Lachen hinaus, schwang sich aufs Pferd, und riß in die Straße hinein, eh' ein Arm zu seiner Rettung sich erheben konnte. Wir haben ihn zum letztenmal gesehen! sagte Doktor Althof einsilbig hinter ihm.
      Die gewöhnliche Prophezeiung des Verstandesmenschen gegenüber dem Gefühlsmenschen. Leider, er versteht das Fatum schlecht genug! Denn längst würde ihn die Erfahrung gelehrt haben, daß eben er selbst es ist, der Verstandesmensch, der regelrechte, geordnete Geist, der vollwangige, 
       behagliche Lebekünstler, der von jeher die raschesten Blitze des Verhängnisses angezogen hat. Auf lustiger Hochzeitsreise, beim schmackhaften Lieblingsgericht, über wohlabgezählten Summen und schön ausgerundeten Kodizillen packt ihn die Raubtatze des Todes und brüllt ihm ins Ohr: ein Ungeheures ist in der Welt, ein Racheschrei gegen alles Leben, dein Dasein nur der sekundenlange Fall eines Fallbeils! Menschen wie Moorfeld dagegen sind vorherbestimmt, nur in langen, langsamen Zügen den tragischen Schicksalsbecher zu trinken. Von der Lebendigkeit ihres Gefühls, von der Reizbarkeit ihrer Phantasie, von der Bahnlosigkeit ihres Geistes, von der raschen Verbrauchskraft all ihrer menschlichen Mittel erwartet die Welt fortwährend irgendein direktes, wundergleiches Verderben, das neu und plötzlich mit ihnen ende. Mitnichten; sie wandeln sicher, wie Somnambulen, ihre gefährliche Bahn. Die Poesie des Schicksals geht den Poeten aus dem Wege. Ja; die dämonische Nachtluft dieser Welt dringt ihnen zu allen Poren ans Herz, ihr Horizont ist voll den Schattenbildern der Furien, welche die Schaubühne der Erde umkreisen; sie wittern den Hauch des Todes, dem alles Leben geweiht ist, mit einer verhängnisvollen Nervenschärfe: ihre Poesie selbst ist nichts als das Schnauben, Sträuben, Bäumen und Fliehen des edlen Rosses, das den sprungfertigen Tiger in seinem Bereiche spürt: aber wie lange zaudert der Sprung! wie lange ist der Weg, den die 
      Sensitiven der Lebens-Tragik auf der entsetzlichen Kante ihrer stets geschärften Selbstqual zurücklegen, bis dann der Tod, der endliche, persönliche Tod, irgendeinmal ein vergessenes, blödsinniges Greisesauge bricht und die Welt wieder erinnert wird, das war einer jener Kometen, dessen erstes Erscheinen schon ihm und ihr den vernichtenden Zusammenstoß zu bedeuten schien! –
      Nein! nicht hier und nicht heute endet die Bahn unsers Helden; seine Uhr hatte noch länger zu laufen. –
      
       Moorfeld ritt bis zur Erschöpfung. Wohl nannte er das Reiten einst die schönste Ehe zwischen dem Menschen und der Naturkraft. Pferd und Reiter wirken aufeinander sympathetisch zurück. Moorfelds Raserei war mit Blitzesverständnis in das Tier gefahren, die Ohnmacht des Tieres gab ihm hierauf Ruhe und Sanftmut. Sein verstörtes Auge gewann wieder Blicke für die Außenwelt.
      Die Gegend, die Moorfeld durchritt, zeigte größtenteils einen öden, unbestimmten Charakter. In den früheren Grenzkriegen mit den Indianern waren zwischen dem Erie und Ohio große Waldstrecken niedergebrannt worden, um den Eingebornen das Jagdgebiet zu verderben. Der jüngere Waldanflug hatte nirgend noch die Kraft und Fülle des alten, geschlossenen Urwalds erreicht; hätte die Sonne nicht so erstickend heiß gebrannt, so konnte der Wanderer häufig glauben, durch die Regionen des Buschholzes im hohen Norden zu reisen. Die verwüsteten Bodenblößen, einer langen Austrocknung preisgegeben, fingen nur langsam an, unter dem Schutz des Nachwuchses Feuchtigkeit und Humus wieder zu sammeln. Oft lagen sie als nackte Wüstenstriche da, nicht Wald, nicht Prärie, ja nicht einmal 
      Heide mit dem ästhetischen Charakter der Heide-Tinten und -Linien. Hin und wieder stand eine flache, formlos begrenzte Sumpflache auf diesen Steppen, wahrscheinlich die entartete Nachkommenschaft früherer Quellen und Bäche, welche des Waldschattens, ihrer natürlichen Leiter, beraubt, das ursprüngliche Rinnsal verloren. Jetzt irrten sie heimatlos über die veränderte Erde, verschwanden auf sandigem Boden, standen auf fettem und tonigem als Moräste. In diesen Einöden scheuchte Moorfelds Ritt nur selten ein wildes Truthuhn oder ein verwirrtes virginisches Rebhuhn auf; aber Schwärme von Raben befleckten den klarblauen Herbsthimmel, oder ein Aasgeier kreischte hoch über Schußweite. In Busch und Gestrüpp raschelte zuweilen eine Ratte – Weidwild, überall seltener als man den 
       Europäer glauben macht, war hier gänzlich ausgerottet. So ließ sich auch von den Waldsängern einzig die Spottdrossel hören, welche das Ohr unsers Wanderers bald mit dem kräftigen Zungenschlag des Finken, bald mit den weichen Kehllauten eines zärtlichen Sprossers äffte, in den Sprachen aller Vögel redete und das Gemüt keines einzigen ausdrückte, bis sie zuletzt als stillose Manieristin gründlich ärgerte.
      Von Menschenwohnungen fand Moorfeld nur den spärlichen Anflug dessen, was sich heute – hall oder – city in dieser Gegend nennt. Es waren rohe, eintönige Blockhütten von stets wiederholter Form, die so ermüdend durch jede Einzelheit lief, daß sich Moorfeld mit grauester Überzeugtheit eines Glasers erinnerte, welcher ihm einst gerühmt, »jedes Fensterglas passe in jeden Fensterrahmen der Union«. Ein paarmal überraschten ihn auch Gruppen von eleganten Frame- oder Bretterhäusern, welche mit hellgelbem Anstrich, roten Dächern und grünen Jalousien keck an ein sumpfiges Fuhrwerksgeleise wie an die schönste Poststraße sich hinstellten, und irgendeinen Balkon, Portikus, oder eine kaktusgeschmückte Veranda mit der Koketterie eines nur zu naheliegenden Bildes ausluden. Das waren Häuser von Humbugern, welche als Lockvögel der Landspekulationen vor den unerfahrenen Augen der Einwanderer »Farmerglück« zu spielen hatten. Ihre »lovely spots« standen entweder selbst zum Kaufe, oder das käufliche Land war so geschickt zwischen sie einparzelliert, daß der Käufer nicht umhin konnte, künstliche geschraubte Preise dafür zu zahlen. In einer dieser bemalten Ostereischalen hielt Moorfeld seine Mittagseinkehr. Der Wirt, der ihn für eine Beute halten mochte, belagerte ihn mit lauernden Gesprächen. Unwillig blickte ihm Moorfeld auf den Grund und legte in raschen, kurzen Antworten seine Sacheinsichten zutage. Da sprang der Yankee ab und gefiel sich hierauf, den Frommen zu spielen. Er erkundigte sich eifrig nach 
       dem Campmeeting. Moorfeld ließ sein Pferd abfüttern und ritt ungesättigt von dannen.
      Er überließ sich planlos der Irre. Die besuchtere Straße nach Erie, der Stadt, hatte er absichtlich vermieden, sein Weg ging in die einsamsten Richtungen.
      Erst als der Abend niedersank, am Horizont dichtere Waldmassen in finsterer Geschlossenheit zusammenrückten und die Riesenschatten der Weymouthtanne wie Landzungen der Nacht tief in das sonnige Mattgold des wiesenflachen Vordergrundes einschnitten, dachte Moorfeld zum zweiten Male an seine Einkehr. Indem er den Zirkel der Gegend nach Spuren menschlicher Nähe durchflog, tönten ihm aus dem nahen Waldgrund Axtschläge entgegen. Moorfeld folgte ihnen. Er fand einen Mann im Schurzfell und baumwollenen Hemde, welches bis an den Gürtel eingestreift war, beim Holzfällen. Sein Körper leuchtete kupferrot vom Widerschein der untergehenden Sonne. Doch nein; Moorfeld erkannte diese Röte bald als die natürliche Hautfarbe des Mannes. Der Holzschläger war ein Indianer.
      Zum erstenmal seit er Amerikas Boden betreten, hatte Moorfeld den Anblick der roten Rasse. Der Indianer gehörte offenbar der Zivilisation an. Sein Wesen unterschied sich in nichts von dem arbeitgewohnten Proletarier. Spuren kriegerischer Wildheit leuchteten nicht daraus vor. Seine Züge waren die eines alternden, sorgenvollen Menschen, seine schwarzen Augen lagen hohl, und wenn sie nicht eben mit »der Gedankensblässe« blickten, so war es doch ein – christlicher Leidensblick.
      Moorfeld hielt sein Tier an und fragte nach der Lage der nächsten Farm. Der Indianer maß ihn mit argwöhnischen Blicken, indem er für alle Fälle seine Axt an sich faßte. Moorfeld durchschaute die Lage des Mannes. Aus der kurzen Erfahrung seines Grundbesitzes wußte er, daß der Besitz ausgedehnter Waldstrecken von den Nichtbesitzenden kaum als ein Recht, ja fast wie eine Versündigung an dem 
       Naturrechte betrachtet und Jagd und Holzschlag auf sogenanntem fremden Boden dieser Anschauung gemäß überall ausgeübt wurde. Moorfeld war kein Gegner dieser Rechtsbegriffe. In Amerika, wo das Holz mehr Last als Revenue ist, wo durch die Landspekulation aufgekaufte Waldmassen überall herrenlos liegen und sogar oft nicht anders als mit den Noten einer Schwindelbank bezahlt sind: kann der größere Waldfrevel leicht beim Monopol des Besitzers selbst zu sein scheinen. Desungeachtet handhabten viele Besitzer den Schutz ihrer Wälder unerbittlich, mehr mit dem Instinkte der Grausamkeit als der Gerechtigkeit, und der Indianer fürchtete seinem ganzen Benehmen nach Verrat.
      Moorfeld sah daher ein, daß er zuerst um das Vertrauen des roten Mannes werben müsse. Er bot dem Arbeitsmüden seine Feldflasche an, überzeugt, den kürzesten Weg zu seinem Zweck damit einzuschlagen. Aber der Indianer stieß die Flasche mit Abscheu zurück. Moorfeld staunte. Seid Ihr Temperanceman? fragte er verwundert. Der Indianer griff fester an seine Axt, gleichsam als sei es gut, das, was er sage, in wehrhafter Verfassung zu sagen, dann stieß er mit Ingrimm die Worte aus: Wollte Gott, nur der rote Mann wäre es und der weißen Männer kein einziger. Was habt ihr Mäßigkeitsvereine und führt dem roten Mann das Evangelium nie anders als in Begleitung des Whisky-Barrels zu? Moorfeld wurde aufmerksam. Er antwortete vor allem, daß er nicht dem Volke der Amerikaner angehöre. Die Züge des Indianers milderten sich. Moorfeld fuhr fort und lobte das tiefe Gefühl des Indianers für das Nationalunglück der roten Rasse. Der Indianer, auf sein Beil gelehnt, hörte mit einer traurigen Resignation zu. Es ist nicht das, sagte er kopfschüttelnd. Es ist nicht das. Der rote Mann muß untergehen. Ich sehe den Beschluß des Himmels ein, und ob dieser Beschluß mit Pulver oder mit Branntwein vollzogen wird, kann mir gleichgültig sein. Ich habe es öfter als einmal 
       gesehen, Sir, wie der weiße Mann im Nanking schmunzelnd dabeistand, wenn ein Haufe halbnackter Indianer nach der Wirkung seines Branntweinfasses sich mordgierig in die Schlachtmesser rannte; ich habe es gesehen, wie der feine Staatsmann aus Washington lächelte, wenn betrunkene Häuptlinge ihren Pfeil, ihren Waschbär, ihre Schildkröte, oder was sonst ihren Namenszug bedeutete, besinnungslos unter einen Staatvertrag malten, der Tausende von heldenmütigen Kriegern und Jägern in die Verbannung trieb; ich habe es gesehen, wie der Indian Trader sich die Hände rieb, wenn er die Jahresrente eines ausgekauften Indianerstamms, wie sie blank von Washington kam, im Branntweinhandel an sich riß und habe es gesehen, wie für den Genuß des Augenblicks Hunderte von armen Rothäuten den Winter darauf verhungerten. Ich habe den Branntweinkrieg in allen Gestalten gesehen, Sir, und habe es fühllos gesehen, wie man das Unvermeidliche sieht. Aber eins habe ich nicht fühllos gesehen. Von diesem Tage an trank ich kein gebranntes Wasser mehr. Es war vor zwei Jahren. Der Kongreß schickte eine Kommission zur Schlichtung von Grenzstreitigkeiten an die obern Seen; ich ging im Solde einer Bibelgesellschaft mit. Der Ort der Staatsverhandlung war in der Nähe von Fort Howard zwischen Greenbay und dem Winnebagosee. Dort wurde das Beratungsfeuer angezündet. Die Ufer des Foxflusses wimmelten von Indianern. An dreitausend waren gekommen im Gefolge ihrer Häuptlinge. Die Menomenies, die Winnebagoes, die Stockbridges, die Oneidas, die Chippeways, die Brothertons und noch viele andere, bekehrte und wilde, Ost- und Westvölker sah man vertreten. Vor allen herrlich schritten die Männer und Frauen der stolzen Winnebagoes. Sie trugen die schönsten Waffen, den schönsten Schmuck, hatten die besten Kanoes, die stattlichsten Zelte. An einem strahlenreichen Morgen, als über der stillen Fläche des Foxflusses die Nebel zu wallen und sich zu brechen anfingen, betrat ich zuerst ihr 
       weitverstreutes Zeltlager. Hier erblickt' ich die Tochter eines Häuptlings, ein junges, schönes, reichgekleidetes Mädchen. Sie schritt einher mit dem ganzen Stolze jungfräulicher Reinheit und Anmut. Eine natürliche Heiterkeit strahlte aus ihrem Auge, jede ihrer Bewegungen war reizend und würdevoll. Sie glich einer Blume im Glänze des ersten Morgentaus. Nach drei Tagen führte mich mein Dienst wieder zu den Winnebagoes. Ich begegnete demselben Mädchen. Sie saß in einsamer Entfernung von dem väterlichen Zelte am Ufer des Foxflusses. Ihr Haar war los, ihr Schmuck, ihre kostbaren Kleider verschwunden, ein Tuch hing über ihre Schultern und bedeckte notdürftig ihren Körper. Ihr ganzes Äußere war ein Bild von verlorener Selbstachtung. Geist und Adel hatten ihr Antlitz verlassen, ihre Auge stierte tot in die Wellen des Flusses. Bestürzt fragte ich. Ach, sie war zu unschuldig, ihr Unglück zu verheimlichen. Ein weißer Mann hatte ihr Feuerwasser gegeben und sie entehrt. Als ich dieses hörte, warf ich meine Bibeln in den Foxfluß, kehrte zurück und gewinne mein armes Leben mit dieser Axt.
      So sprach der Indianer. Moorfeld aber fragte nicht mehr nach der nächsten Farm; er übernachtete in dem Reisigzelte des roten Mannes.
      Wie erwachte er morgens! Verdrossen, nicht leidenschaftlich schleppte er diesen Tag sich weiter. Sein Reisetrieb war gedämpft, der Schmelz jener duftigen Waldregionen dahin. Hätte er nicht Anhorst in Detroit zu finden oder zu erwarten gehofft, so stand er ganz ziellos jetzt auf seinen wilden Irrwegen. Dieser eine Zug bewegte ihn noch vorwärts.
      Die Landschaft war heute angenehmer, die Luft dagegen gänzlich verstimmt.
      Gegen Mittag verfinsterte sich der Horizont. Vom Norden brach ein heftiger Sturm ins Land, überflügelte den Himmel im Nu mit einer Beduinenarmee von kaltgrauen Haufwolken. Wildbrüllend wälzte der gigantische Schwarm sich 
       übers Firmament, und auf der Erde verrannte sich Schatten in Schatten. Die Temperatur sank empfindlich; schneller wechselt auf einer Schaubühne die Szene nicht, als an diesem Tage der Personenwechsel von Sommer und Herbst vorzugehen schien. Moorfeld suchte jetzt notgedrungen den Schutz der Wälder, deren Einsamkeit und dunkleres Kolorit er sonst nur gesucht. Sie standen streckenweise wieder so urwüchsig heute, daß unter ihren Gewölben, wie in Kasematten einer natürlichen Festung, dem stärksten Bombardement eines Wetters zu trotzen möglich war.
      Ein solches erwartete Moorfeld. Aber der Ausbruch war kein Sommergewitter mit Blitz und Donner und dem raschen Abprasseln eines Stromregens. Moorfeld ritt manche Stunde zu, bis er erkannte, daß nicht die letzte Wut des Sirius, sondern die erste der Aequinoktialstürme über ihn ausgebrochen. Der Regen begann zwar, aber in unruhigen, zerflatterten Zwischenpausen; das wüste Getriebe der Haufwolken ballte sich regellos in verschiedener Dichtigkeit, Temperatur und Lufthöhe, eine Wolke regnete in die andere, und die frostschauernden Windstöße rissen sie ebensooft auseinander, als sie im nächsten Nu, wie mit Keulen der Treibjagd, den nassen Pferch zusammenhetzten.
      Die Nacht fiel an diesem Abend früher herein, als es Gesetz der Jahreszeit. Moorfeld erkannte an der Harzluft und an den verworrenen Figuren der Bäume, daß es ein Wald von Nadelholz war, in welchem sie mit plötzlich verzehrendem Dunkel ihn überraschte. Er stieg vom Pferde, schlug Feuer, hieb sich einen Fichtenzweig ab und leuchtete seinen unergründlichen Wegen. Sein Tier war vor Angst und Anstrengung gebadet in Schweiß, von seinen Weichen wirbelte Dampf auf. Moorfeld führte es am Zaume neben sich her. Aber seltsamerweise zeigte es einen begierigen Trieb nach vorwärts, es warf den Kopf hoch an den Hals zurück, schnob mit weiten Nüstern sehnsüchtig in die Luft 
       und setzte sich wiederholt in einen Trab, dem Moorfeld zu Fuße nicht folgen konnte. Er schloß, daß das Tier irgendeine Wasserstelle wittere. So bestieg er es wieder und überließ es seinem Instinkte. Das Pferd griff sogleich mit munterem Gewieher aus. Der Wald war so frei, wie rasiert, von Unterholz; das Tier trabte lebhafter, als seit Stunden. Rasch flogen die Stämme der Bäume an Moorfelds Fackel vorüber, die Beleuchtung schnitt ein Bild um das andere aus der allgemeinen Finsternis heraus, um es ebenso schnell wieder verschwinden zu machen. Droben aber verschränkte sich alles zu einer dichten undurchdringlichen Schattenmasse, durch welche Sturm und Regen dumpfbrausend heulten; zuweilen fand ein gebrochener Ast im Herabfallen bis auf den Boden des Waldes seinen Weg und verriet den Wurzeln und Stämmen der Bäume, in welchem Schlachtgewühl ihre Spitzen trieben.
      Nach einem Ritt von ungefähr einer englischen Meile glaubte Moorfeld eine veränderte Luft zu atmen. Auf einmal sah er durch die Bäume des Waldes seinen Boden wanken und schwanken, ein flüssig gewordener Horizont rannte auf und ab vor seinen Augen, auf eine tiefgraue Ferne hinaus erblickte er nichts als einen Taumel zerbrochener Linien, die in blitzschnellen Veränderungen übereinander herstürzten und mit Wind und Wolken vermischt in rhythmuslosen Zischlauten siedeten und surrten, daß Aug' und Ohr vor dem sinnlosen Wunder erstarrten. Moorfeld hielt die Fackel hoch, blickte, staunte, kombinierte wie im Traume und erkannte endlich das Bild einer großen sturmbewegten Flut. Er stand am 
      Eriesee.
      Es war ein Bild wie zur Verzweiflung gemacht. Oben eine Decke grauer und formlos zerfließender, unten ein Chaos schwarzer und starrer Schatten, dort die Wolken-, hier die Waldlandschaft einrätselnd; dazwischen eine wilde Jagd von Wellen und Wogen, in raumloser Finsternis unendlich für die Sinne wie für die Ahnung, und darüberher ein 
       reißender Sturm, der über den See mit einem hohen und zischenden, über den Wald mit einem tiefen und brüllenden Ton fuhr und so die ungefähre Grenze von Wasser und Erde aus dem gröbsten Naturlaut heraus verkündete. Moorfeld stand und erlabte sich in einem langen bewundernden Blicke an dieser Unterwelts-Szene.
      Er hörte sein Pferd unter sich in tiefen Zügen schlürfen, leuchtete hinab und sah eine Wasserlache, welche die Brandung des Sees landeinwärts ausgegossen. Es war gewiß, daß das Ufer in mehr oder minderer Tiefe ringsher eine gefährliche, wenn nicht unmögliche Passage bot.
      Moorfeld stieg zum zweiten Male vom Pferde und dachte an einen Rückzug in das Waldinnere. Es galt, das Standquartier dieser Nacht auszuwählen.
      Da geschah ihm, als trüg' ihm der Sturm Gesangstöne zu.
      Moorfeld horchte hoch auf. Die Entdeckung war zu ansprechend, wenn sie sich bestätigen sollte. Eine neue Windeswelle leitete den Schall deutlicher. Es war ohne Zweifel, es sang jemand in der Nähe.
      Moorfeld ließ einen hellen Jagdruf erschallen, aber er hatte den Wind gegen sich. Er kehrte sein Auge mit Anstrengung in die Finsternis, ob er nicht die Begleiterin menschlicher Kultur, eine Lichtflamme, entdecken könne, aber gleichfalls vergebens. Er mußte sich darauf beschränken, sein Pferd vorsichtig der Richtung der Töne entgegenzuführen, dem Zufall anheimgestellt, daß sie vielleicht wieder aufhörten und ihre Spur ihm entzogen.
      Glücklicherweise geschah dies nicht. Der Gesang erhob sich vielmehr immer vernehmlicher. Es war ein marschartiger Rhythmus und eine leichte, leichtsinnige Vaudeville-Melodie nach altem Zuschnitt. Moorfeld konnte sich bald darauf verlegen, die Textworte selbst herauszuhören. Buvons – buvons – klang es einige Male, – dann brüllte ein breiter Sturmdonner dazwischen, daß der Wald krachte, Cäsars erhitzte Haut schaudernd zusammenfuhr und 
       Moorfeld aus dem See heraus den spritzenden Gischt im Gesichte spürte. Das schien aber den nächtlichen Sänger wenig zu genieren. Denn bald darauf hatte sein fröhliches Herz mit le vin bon zu tun und der nächste Windstoß war noch galanter, er kam avec ma Lison.
      Als Moorfeld erst die Sprache herausgehört, war es ihm um so leichter zu folgen. Ein gut gelaunter Franzose, wahrscheinlich ein »heureux Canadien«, vom nördlichen Erieufer herübergekommen, trieb sich in der Nähe. Wahrlich, der Sänger konnte auch nur Franzose oder Irländer sein. Ein Amerikaner hätte nicht gesungen. In dieser einsamen, melancholischen Lage vielleicht kaum ein Deutscher.
      Moorfeld tappte sich am Leitseile dieser Vokal-Produktion Schritt für Schritt näher. Der syllabisch-rezitierende Stil des französischen Gesanges ließ ihn bald jedes einzelne Wort vernehmen, wozu noch beitrug, daß die akzentuierten Silben durch ihren regelmäßigen Fall auf die guten Taktteile ungemein markiert hervortraten, was auch dem Chanson, trotz seiner Schäferlichkeit, seinen gallischen, sturmschrittartigen Geist verlieh.
      Der Sänger nahm zu einer neuen Strophe seinen Aufschwung.
      Belle Iris, de tous vos amants
       Faites une différence –
      forderte er pathetisch,
      Je ne suis pas le plus charmant
      gab er aufrichtig zu;
      Mais je suis le plus tendre
      behauptete er.
      Si j 'étais seul auprès de vous –
      ein witziger Windstoß machte hier wieder eine Pause, worauf Moorfeld nur noch
      
       – les moments les plus doux
      hörte, welche der arme Schelm sich davon versprach.
      Moorfeld fürchtete mit poetischer Kennerschaft, daß diese schönsten Momente auch billig die letzten und das Lied damit an seiner Pointe angelangt sei. Er erhob von neuem seine Stimme, in der Voraussicht, den Leitton jetzt einzubüßen. Aber sein kritischer Blick hatte ihn diesmal getäuscht. Der unverwüstliche Chansonnier fuhr fort:
      Allons donc nous y promener.
       Sous ces sombres feuillages –
      eine direkte Satire zu der Promenade unsers Wanderers –
      Nous entendrons le rossignol chanter –
      diesmal mußte selbst Moorfeld lächeln. Rossignol und diese Szene!
      In demselben Augenblicke verschränkte sich der Wald so dicht vor seinem Fuße, daß er sich genötigt sah, auf einem ziemlichen Umweg auszubeugen. Bevor er es tat, rief er zum drittenmal die singende Stimme an, und Cäsar begleitete ihn mit einem kräftigen Gewieher.
      Dieses Doppelsignal weckte den Sänger endlich aus seinen Träumen. Q'est-ce que cela? un chevalier avec son cheval? Soyez les bien-venus mes bons camerades!
      Je vous rends bonne grace, Monsieur! mais dites-moi s'il vous plait ...
      Je comprend, je comprend! Je serai votre guide. Le passage est horrible. Restez, s'il vous plait. Je serai directement à votre Service. Tenez place, Monsieur. C'est votre flambeau, qui me dirige.
      »Ah! rendez-moi mon cour,
       Maman me le demande.«
       »II est à vous, si vous pouvez le reprendre.
       II est confondu dans le mien
       Je ne saurais lequel est le tien.«
      
       Der Sturm pfiff, der See brandete, die Waldwipfel brausten, die Nacht lag undurchdringlich auf jeder Fußbreite Weges, und durch diesen Tartarus sang sich dieser Amor, als wäre Cerberus nur ein Wachtelhündchen seiner Iris!
      Werden wir heute unseren armen Irrenden bei diesem Franzosen besser betten als gestern bei dem Indianer!
      Moorfeld hörte Baumäste knattern, Büsche rauschen, Fußschritte schreiten, springen, im Sumpfwasser quietschen und mit einem bon soir, Monsieur! traten die Umrisse eines Menschen aus der Waldfinsternis.
      Die Kienfackel beleuchtete den beiden Begegnenden ihr tête-à-tête.
      Was für ein anderes Bild hatte sich Moorfeld von dem Schäfer der schönen Iris gemacht!
      Es war ein Mann von mittlerem, ja späterem Lebensalter, seine Stirne gefurcht, wir möchten schon sagen 
      gekerbt, sein Teint tief dunkelbraun, sei's von der Sonne und Luft oder von einem starken Zusatz indianischen Blutes, – kurz der ganze Kopf hart und erzfarbig wie eine Büste aus Bronze. Sein Auge, klein und schwarz, blickte fast hohl und nichts weniger als sorglos; seine stark hervortretenden Backenknochen, gleichfalls der indianischen Abstammung verdächtig, verliehen ihm sogar etwas Abschreckendes; nur um Kinn und Mund spielte ein Abglanz des feinen, sinnlichen Frankreichs. Seine Tracht war äußerst roh und wild; er trug ein Hemd von Hirschleder mit ebensolchen Beinkleidern, beide Stücke durch lange Abnutzung fast unkenntlich, die Füße standen in indianischen Mokassins, um die Schultern hing ein gräulicher Mantel von Büffelhaut. Als er Moorfelden die Hand zum Gruß reichte, glaubte dieser, er habe ihm einen Kieselstein in die seinige gelegt.
      Nun will ich Sie in meinen Pavillon führen, sagte der Halbwilde, und Moorfeld empfand erst jetzt die ganze Heiterkeit des Kontrastes der belle France mit dem sauvage du Canada.
      
       Was der Franzose seinen Pavillon nannte, war eine Erderhebung, die sich wie eine natürliche Terrasse in den See auslud, gekrönt mit einem Hain von prachtvollen Ulmen.
      Die Stelle bildete eine kleine Landzunge, aber die Erosion des Sees hatte beide Seiten derselben in tiefen Einschnitten versumpft, den Sumpf jedoch mit einer trügerischen Vegetation von Erlen-, Weiden-, Berberitzen- und Thuja-Gestrüpp so reichlich überwuchert, daß der Reisende, der etwa einen festen Weg durch diese Au-Striche suchte, unfehlbar darin zugrunde ging. Der Franzose führte Roß und Reiter den einzig praktikablen Zugang, einen kiesigen Pfad, der sanft aufwärts führte und nach einer kurzen Strecke die Spitze der Landzunge erreichte. Diese Spitze war fast ein Vorgebirge.
      Der Platz war ungemein wirtlich. Der Wald hatte hier, wo er unmittelbar in den See abstürzte, gleichsam seine trotzigste Kraft zusammengerafft und auf die Landzungenterrasse eine Fülle seines stolzesten Holzes geworfen. Man stand wie in einer Kammer. Der Franzose hatte den Ausdruck Pavillon kaum scherzweise gebraucht. Er führte seinen Gast, man konnte sagen, in ein geheiztes Kabinett; denn in einem Winkel von drei dicht nebeneinanderstehenden Ulmen sah Moorfeld ein Feuer lodern, welches eine behagliche Wärme verbreitete. Die Zwischenräume der drei Bäume waren mit Reisig vollgeschichtet, und auf diese Weise eine vollkommen windfeste Wand hergestellt. Auf der andern Seite des Feuers dagegen schloß ein um die Baumstämme gepflöcktes Segeltuch den Raum ein, in dem am Boden ein Teppich aus Büffelhaut ausgespannt lag, hinter welchem ein Erdaufwurf dem darauf Sitzenden sybaritisch zur Rücklehne diente. Das Dach bildeten die zusammengedrängten Ulmenkronen fest und dicht wie ein Gewölbe. In ihren obersten Spitzen hörte man den Sturm rauschen, im See drunten klatschten die brandenden Wellen 
       –, in der Mitte von beiden dieser Raum voll Sicherheit war wie ein Ding des Zaubers.
      Für die Höhe der Zivilisation hat der Rückblick auf ihre Anfänge unter allen Umständen etwas wohltuend Ergreifendes. Dieser Sänger in diesem Foyer war ein Rendezvous, das unserm Repräsentanten der europäischen Kultur mächtig und freundlich in die Seele griff. Er fühlte es zum ersten Male seit seinem zweitätigen Ritt wie einen Moment des Friedens in sich.
      In dieser Stimmung ließ sich Moorfeld an die gastliche Herdstelle nieder. Monsieur, wir werden soupieren wilden Reis in Wasser gekocht, ein paar Wasserschnepfen und eine Ente. Brot wollen wir für schädlich erklären. Zider-Bordeaux von Charlotteville in Ober-Kanada wird uns diese Kürbisbouteille liefern. Charlotteville ist meine Heimat, Monsieur. Dort drüben liegt es. Wagh! eine Lokation mitten unter Engländern, die Gott verdammen möge. Hätt' ich nicht ein paar gute Freunde in New Orleans, die ich winters über besuche pour avoir quelque conversation, ich möchte mehr Waschbär sein als Mensch. Wagh!
      Der Kanadier hing einen kleinen Kessel mit Reis über sein Feuer, steckte sein genanntes Geflügel an ein paar Bratspieße und reichte Moorfelden die Kürbisflasche.
      Die ganze Szene war unserm Helden so neu, so sehr im Geiste dessen, was sich wohl sonst die europäische Poesie unter dem »romantischen Wesen« denkt, daß Moorfeld aus seinem dumpfen, selbstertötenden Brüten mehr und mehr zu erwachen anfing. Und konnte er gleich sein krampfhaft zusammengeschnürtes Herz nicht frei und fröhlich als Gastgeschenk bieten, so erinnerte er sich doch, daß zur Unterhaltung auffordern auch unterhalten heiße. Wie schwer aber hätte ihm diese Aufgabe werden sollen bei einem Manne, der von Kanada nach New Orleans reist pour avoir quelque conversation?
      Er begann sich's an der Feuerstelle bequem zu machen. 
       Bitte, stellt mich auch Frau und Kind vor! scherzte er dazu. Der Franzose aber schien dieses Kompliment über seine glückliche Nachahmung von Häuslichkeit zu verkennen, denn er schlug ein Schnippchen und antwortete fast mürrisch: Wagh! Familienleben, schönes Leben! Ich bin Amateur von dem Familienleben – anderer Leute! Ich hebe es außerordentlich. Aber zu Hause will ich frei sein. Wagh! Familie ist Silber, Freiheit ist Gold!
      Und plaudernd fuhr er fort: Als ich vor mehreren Jahren für die Nordwest Biberjagd trieb, da besaß ich zwei Weiber, wie es im Westen der Trapper Brauch. Ah, Monsieur, Schöneres hat die Welt nicht gesehen! Die eine, Juanita, hatte ich aus einer Mission in Kalifornien entführt; aus ihren schwarzen Augen brannte es wie der Blitz einer Doppelflinte, aber das dunkle spanische Feuerblut ihrer Wangen verriet, daß sie ebenso berufen, Wunden zu heilen als zu schlagen. Ihr weißes Chemisettchen war im Besitz von Geheimnissen, die einen König glücklich gemacht hätten, ihr kurzes rotes Sergeröckchen schloß sich an einen bunten mit Glasperlen verzierten Gürtel um Hüften – das war ein wonnevoller Anblick. Als ich sie von ihrer verdammten Stampfmühle auf meinen Sattel hob und rief – ah, Juanita, du bist zu bessern Dingen geboren, als ewig Korn zu stampfen und Tortillas zu backen – parbleu! da wüßt' ich, was ich in Armen hielt. Wenn mir die Engländer und die Yankees – Gott verdamme sie! – in Bentsfort nicht um die Wette zehn der schönsten Pferde und Maultiere für sie geboten, so will ich ein toter Biber sein; die mexikanischen Fettlappen aber klimperten mir mit Dublonen und Dolchen vor die Ohren, daß ich mehr als einem mein Messer bis zum Greenriver in den Leib jagen mußte, um mir Ruhe zu schaffen. Die zweite war eine Yuta-Indianerin, hieß Chil-cho-the, das schwankende Rohr. Ihre Schilfsrohrtaille bildete zu der Fülle der Spanierin den reizendsten Gegensatz, sie war noch ein ganz junger Schößling. Ich hatte sie nach Kriegsrecht im Kampf 
       mit den Indianern erbeutet, und brauchte ihr nur die verdammten Ockerfarben, das abscheuliche fanfaron der Wilden, aus dem Gesichte zu reiben, um zu sehen, was für eine Perle ich gefischt. Sie war gehorsam wie ein zahmes Kaninchen und in Künsten geschickt wie eine Spinne. Sie verstand die zierlichsten Mokassins, die dauerndsten Teppiche zu flechten, sie machte aus Glasperlen und den gefärbten Nadeln des Stachelschweins fanfaron, das uns im Handel mit Indianerstämmen allerorts zustatten kam, und niemand wußte zähes Büffelfleisch so weich zu klopfen wie sie; Sie mögen das glauben wie Geschriebenes, Monsieur! Enfin, von einer Nacht auf die andere fort waren meine Squaws beide. Als wir über das Gebirge durch das Bayou Solade nach dem Platte gingen, verlor ich bei einem nächtlichen Überfall der verdammten Schlangenindianer meine Pferde, meine Maultiere, meine Biberpelze, meine Weiber, alles. Nichts behielt ich als meine doppelläufige Flinte. Bon! Ein Schuft, der sich nicht seine Ehre gibt. Und wenn ich gestehen müßte, daß ich aus dieser Flinte an diesem Tage einen schlechtem Schuß getan als an jedem andern, daß mir das Auge trüber ins Visierglas guckte oder die Hand nur ein Zehntels Haar zitterte, so wollt' ich vor die Hunde kommen. Wagh! Was ein rechter Philosoph ist, der sieht die Dinge, die er hat, von ihrer guten, und Dinge, die er verliert, von ihrer schlimmen Seite. Und meine Juanita war doch ein verdammt übermütiges Ding und meine Chil-cho-the nur ein willenloses Schaf. Wagh! Weiber sind gut, aber die Freiheit ist besser!
      Das klingt wild, mein Freund, antwortete Moorfeld, und experimentierend, wie weit der Leichtsinn oder das Selbstvertrauen dieser Natursöhne gehe, fügte er hinzu: Fürchtet Ihr nicht die Tage des Alters? wenn eine liebevolle Hand nicht mehr Luxus, sondern Bedürfnis ist?
      Wagh! sagte der Kanadier sich schüttelnd, haben Sie schon einen alten Franzosen gesehen? So wenig als einen 
       jungen Engländer! Alt? qu'est-ce que cela? Ein Franzose wird nicht alt!
      Eine charakteristische Antwort! Ein Sittenforscher könnte sich wohl an ihr genügen lassen.
      Und damit war zugleich auch das Thema für eine ausreichende Abendunterhaltung gefunden. Der Kanadier hatte an eine Zeit seines Lebens erinnert, wo er »Trapper« gewesen. Moorfeld brauchte ihn nur zu Erzählungen aus dieser bewegten Sphäre zu ermuntern, und er unterhielt seinen freundlichen Wirt ganz auf seine eigenen Kosten, während er selbst die passive Rolle, die so sehr zu seinem Gemüte stimmte, ohne Zwang innehaben konnte. Der Kanadier ließ sich nicht nötigen. Im dämmerungsvollen Schein seines Herdfeuers und bei einer ziemlich unverkürzten Mitgift französischer Selbsteingenommenheit hatte er wenig Blick für den Seelenzustand seines Gastes. Auch fragte er nicht: woher? und wohin? Eine Reiseerscheinung wie Moorfeld bot einem Manne wie ihm nichts Merkwürdiges. So überließ er sich ganz seinen eigenen Merkwürdigkeiten. Wahrlich, er war ein unerschöpflicher Erzähler! Nach Stoff und Neigung. Der Himmel stürmte, der See zischte, die Schnepfen brieten, der Reis kochte, der Kanadier sah fleißig zur Küche, man speiste, trank dazu und hatte abgespeist, und der Fluß seiner Rede schwebte wie ein ewiges Element über all diesen endlichen Dingen. Leider können wir uns nicht darauf einlassen, unsern Anteil an dieser Konversation zu fordern. Welche Episode dürften wir herausheben, ohne Parteilichkeit gegen die übrigen? Und welcher Raum dieser Blätter wäre geräumig genug, das Ganze zu geben? Wo begänne und wo endete der groß und wild gezeichnete Karton eines amerikanischen Trapperlebens? Jede Stunde darin ist ein Bild für einen Michelangelo, jeder Tag ein Epos von Abenteuern, Kämpfen, Gefahren, Heldentaten, Untaten. Wenn der Trapper von St. Louis oder Independence aufbricht mit seinen Pferden und Maultieren, seinen Zeltwagen, 
       seiner ungeheuren »Rifle« samt seinen Vorräten an Pulver und Blei, – so hat er das Uhrblatt der Zivilisation hinter sich zertrümmert, sein Tag ist nicht mehr Sonnen-, sondern Kometenbahn. Übersprungen ist der schützende, nivellierende Damm des 
      Gesetzes, er wirft sich in den Ozean der ewig originellen, ewig erfinderischen, ewig vernichtenden und im Guten und Schlimmen ewig sich selbst gehorchenden 
      Not. Aus diesem Ozean tauchen dann alle jene Schwärme von Ungeheuern wieder auf, die der Mensch seit Theseus und Herkules, seit Thyest und Atreus von der Erde gebannt glaubte. Frische Schrecken und frische Freuden schöpft er aus einer jugendlichen Urweltsnatur, – die Freuden kurz und ausschweifend, wie eine Hochzeit der Lapithen und Zentauren, die Schrecken anhaltend, mit einem festen, mannherzigen, unter uns nicht mehr leserlichen Mute. Sein ostensibles Ziel ist: Biber zu fangen, im Grunde geht er aber, ohne es selbst zu wissen, nur jenem Urruf nach Freiheit nach, welcher in keiner menschlichen Brust je verstummt, und wenn er sich den Grenzen eines Landes nähert, worin auf einer Quadratmeile sechs Ackerbauer sitzen, so klagt er über den »verengten« Raum.
      Diesen Freiheitstrieb faßte Moorfeld auch als den eigentlichen Kern all jener überwuchernden Begebenheitspoesie. Psychologisch merkwürdiger als die ganze Romantik des Trapperlebens wurde ihm daher bald die Frage: wie ein Trapper aufhören könne, ein Trapper zu sein? Seine äußere Aufmerksamkeit war lang schon gesättigt, vielleicht übersättigt, als er sich's nicht versagen mochte, noch diese Frage zu tun.
      Es fehlte wenig, daß sie der Kanadier fast übel nahm. Parbleu! antwortete er, ich war kein vite-poche-Mann, das mögen Sie glauben. Auch mein Kamerad stand seinen Mann, der gute Au Reste, das hat er hundertmal bewiesen. Der arme Teufel kam freilich mit einem verflucht gebrochenen Herzen, wie sie's nennen, in unsere Gesellschaft; die 
       Bourgeois in Cincinnati hatten ihn abscheulich ausgerieben und Weib und Kind war ihm darüber untergegangen, – er hatte Unglück haufenweis! Sein Anschluß an die Trapper war eine Sache mehr der Desperation als der Erholung, er wollte unter ein indianisch' Messer, das war klar wie eine Biberfährte. Enfin, solche Dünste verdunsten nach dem ersten Schluck Büffelblut in der Prärie, und Au Reste war bald ein Kerl, dem zwischen Platte und Arkansas keiner das Visierglas von der Flinte schlug – ich fresse mich selbst, wenn ich lüge! Ich muß plädieren für den armen Gaul, denn ich hatte mich so attachiert an ihn, daß ich mit ihm zugleich das Trapperleben ließ, und soll mir niemand sagen, er war ein Bleichgesicht wie die andern Kornknacker; ich mache Fleisch aus dem Kerl, der das behauptet. Urteilen Sie selbst, mein Herr. Im Sommer war er zu uns gekommen, und gleich im Spätherbst passierte folgendes Abenteuer.
      Wir kaschten, von einer größern Schar abgeschnitten, zu fünf Mann vor einem Haufen Sioux-Indianer, welche in übermächtiger Anzahl uns auf den Fersen waren. Wir entrannen glücklich und erreichten an einem stürmischen Abend in der Nähe des Hochgebirgtales, welches man den stillen Park nennt, eine wilde Schlucht. – Es war das felsige Bett eines ausgetrockneten Bergstroms. Schroff und steil stiegen die Uferwände von allen Seiten aus dem Creek auf und gewährten selbst dem flüchtigen Dickhorn, welches zuweilen hoch über uns in die gräuliche Steinspalte niederlugte, kaum einen Platz zum Fußen. Dazu verrammelten Fichtenstämme, die der Sturm oben abgerissen und in die Tiefe gestürzt, beständig den Weg, und Felsblöcke, welche das Flußbett beinahe ausfüllten, hinderten noch mehr am Vordringen. So krochen wir unter unsäglichen Beschwerden in das Berginnere, und Mann und Pferd waren öfter als einmal in Gefahr unterzugehen. – Gegen Abend gelangten wir endlich an einen Punkt, wo die Schlucht sich zu einer kleinen abschüssigen Prärie von einigen hundert Schritten 
       erweiterte, deren Zugang ein Dickicht von Zwergfichten und Zedern wie ein Vorhang verbarg. Hier beschlossen wir das Nachtlager aufzuschlagen. Nie waren Trapper vor Indianern besser gekascht: wir hielten uns alle überzeugt, kein menschlicher Fuß habe je vor uns diese Stelle betreten oder nur je zu betreten versucht. – Wie groß war daher unser Erstaunen, als wir hinter dem Dickicht ein Pferd stehen sahen! Einsam und unbeweglich stand es in der Mitte der Prärie – wie das Bruchstück einer Reiterstatue! Es war ein alter ergrauter Mustang oder indianischer Pony, mit gestutzten Ohren, von der Kälte zusammengekrümmt, vom hohen Alter aufs Äußerste herabgebracht, und hungrige Maultiere hatten weiland seinen Schweif ausgerauft. Parbleu, es war ein pitoyabler Anblick! Die Knochen drangen dem Tiere durch die steife Haut, es hatte seine Beine unter sich eingezogen, sein müder Kopf und ausgestreckter Hals hingen gleichgültig herab und schienen ein Übergewicht zu bilden, das der schwankende Körper kaum mehr zu tragen vermochte! Das verglaste und eingesunkene Auge, die heraushängende, schaumbedeckte Zunge, die keuchende Flanke und der zuckende Schweif – alles verriet, daß die Laufbahn dieses Tieres zu Ende, und Schnee- und Hagelgestöber und der durchdringende Herbststurm machten kaum noch einen Eindruck auf seinen unempfindlichen Körper. Ah, ein erbärmlicher Anblick! – Wir hatten aber einen von uns, der das Tier in all seiner Dekadenz auf den ersten Blick erkannte. Hört ihr's, rief er, das ist das berühmte nez-percé-Pferd des berühmten Bill Williams, des ältesten, tapfersten und schlauesten Gebirgsjägers, der Krone aller Trappers! Man hat lange nichts gehört von dem alten Gaul, gebt acht, er muß in der Nähe sein. Und so war es! Als wir das Fichten- und Zederngebüsch sorgfältig zu durchsuchen anfingen, stießen wir auf ein altes Lager, von welchem die geschwärzten Überreste einer Feuerstelle aus dem frühen Herbstschnee hervorragten. Hier saß die Leiche 
       des alten Williams. Sie saß mit untergeschlagenen Beinen, den Rücken an einen Fichtenstamm gelehnt, den Kopf tief auf die Brust hängend und mit Schnee bedeckt. Sein bekannter Jagdrock von Elenleder hing steif um seine Glieder, welche der Nachtfrost steif wie Glas gemacht hatte, seine Büchse, seine Munition, seine Biberfelle und Fallen lagen unverletzt um ihn her, sein Körper zeigte neben den vernarbten, keine frische blutgeronnene Wunde. Er hatte die Laufbahn eines Trappers unbesiegt zu Ende gemessen, er war eines natürlichen Todes – verhungert! – Ah, dacht' ich, das ist kein Anblick für einen Anfänger. Au Reste wird zurückschrecken. Aber Au Reste erschrak nicht. Wir gaben dem Pferd einen mitleidigen Schuß, machten ein großes Grab, wozu der aufgehende Mond uns leuchtete, legten Roß und Reiter hinein, und Au Reste half so unverzagt, wie jeder andere, und nach getaner Arbeit sagte er: wagh! – Ha, Monsieur! ob mein braver Kamerad ein festes Herz hatte! Denselben Winter, fuhr der Kanadier fort, wär' es uns auf ein Haar selbst so passiert wie dem alten Bill Williams. Ich spreche von Au Reste und mir. Denn wir zwei waren von den Fünfen allein übrig geblieben. Einer hatte sich verirrt, zwei waren am nächtlichen Wachtfeuer hungernd und frierend eingeschlafen, und ein Indianerknabe, der sie beschlich, hatte sie mit Pfeilen getötet wie Sperlinge. Wir beide also, Au Reste und ich –
      Moorfeld sah wohl, daß dieser Geist voll Erinnerungen eine einfache Frage nicht anders als durch eine Reihe von Abenteuern zu beantworten imstande war. Sein gespannter Geist und sein erschöpfter Körper lagen bereits in einem bedenklichen Konflikt, den die ruhende Lage und die behagliche Feuerwärme mit jeder Minute mehr zugunsten des letztern entschied. Unumwunden: es fielen ihm die Augen zu. Indes rezitierte der Improvisator im schlimmsten Falle noch, während Moorfeld schon schlief, und er hatte dann doch die Genugtuung, daß sich sein Wirt gut unterhalte, 
       wenngleich die einzige Frage, die er selbst mit wirklichem Interesse gestellt, leer ausging. So streckte er sich auf sein Büffellager hin und überließ sich zwischen den Forderungen der Natur und der Kunst, ihn wach zu erhalten, ganz der Neutralität.
      Au Reste und ich, erzählte also der Trapper, hatten uns vergebens bemüht, einen Paß über das Gebirge auszukundschaften und in eine Region mit Wild und Weide zu gelangen. Der Winter war ungewöhnlich früh und rauh angebrochen; Frost, Hunger und Erschöpfung überraschten uns, eh' wir's dachten. Von unsern Pferden war eins gefallen, das andere schlachteten wir selbst und verzehrten es: ein weiteres Vordringen war damit aufgegeben. Überdies wurde Au Reste krank um diese Zeit, eine Kugel hatte ihn kürzlich an der Ferse verwundet und war noch nicht ausgezogen. Durch das Gehen und die übermäßige Kälte verschlimmerte sich die Wunde, nahm ein häßliches Aussehen an und machte ihn bald unfähig zu jeder anhaltenden Bewegung. So sahen wir uns genötigt, in die Tiefschlucht des Creeks wieder zurückzukehren, auf die kleine versteckte Prärie, wo wir den alten Bill Williams begraben. Hier mußten wir uns entschließen zu überwintern. Wir bauten uns eine kleine Hütte, Au Reste wurde auf ein Lager von Fichtenzweigen gebettet, mein Geschäft sollte es sein, auf Jagd auszugehen und für Fleisch zu sorgen. Mon Dieu, eine Büffelfährte, die vielleicht mehrere Monate alt war, war alles, was ich von Wildspuren in vielen Tagen entdeckte! Der Hunger setzte uns gräßlich zu. Es kam eine Zeit, da wir in drei Tagen nichts zu essen hatten, als ein Stück Parflêche, welches die Rückseite von Au Restes Kugeltasche bildete: das weichten wir im Wasser des Creeks ein und verzehrten es gierig. Am vierten Tag kroch ich wieder zur Jagd aus, aber ich konnte mich kaum schleppen, konnte kaum die Büchse heben, und aufrichtig, ich machte mich fort, um draußen vor der Hütte zu verhungern und nicht vor den Augen meines Kameraden. 
       – Da rief mich Au Reste an. Er hatte meinen Zustand wohl gemerkt. Mit sterbender Stimme hieß er mich setzen und redete mich also an: Höre, Junge, sagte er, es ist diesem alten Gaul, als ob er untergehen müßte und zwar in kurzem. Ihr aber seid mir in Kräften um eine Kopflänge noch voraus, und wenn Ihr Fleisch fändet, so würdet Ihr bald wieder herumkommen. Nun, Junge, ich werde, wie gesagt, ehe viele Stunden vergehen, fort sein, und wenn Ihr kein Fleisch findet, wird es Euch nicht besser werden. Ich selbst esse nie Aasfleisch und würde von keinem verlangen, daß er's tun soll, aber gehörig geschlachtetes Fleisch ist immer eßbar. Stecht mir also Euer Messer in den Leib, solange dieser Leichnam noch Puls macht. Ihr werdet mich freilich dürr und zäh genug finden, aber vielleicht sitzt um die Nieren noch etwas und – ein Schelm gibt mehr, als er hat! – Langt zu. – Oho, sagt' ich, Ihr seid ein guter Kamerad, aber ich bin noch kein Nigger. Und damit macht' ich, daß ich aus der Hütte kam, denn ich fing an weich zu werden, wie eine Squaw. Eh bien, was erblickt' ich, als ich vor die Hütte trat? Ich dachte, es müßte eine Mirage sein! Ein Büffel lag mitten auf der Prärie im Schnee! das Tier war freilich unser eigenes Konterfei. Es lag in den letzten Zügen des Hungertodes. Es wiegte seinen schweren Kopf ohnmächtig von einer Seite auf die andere, während große mit Blut vermischte Schaumflocken aus seinem Maule auf den langen zottigen Bart herabhingen und seine stieren, blutunterlaufenen Augen wütend auf zwei Wölfe schielten, welche auf ihren Hintervierteln in der Nähe saßen und mit lechzendem Rachen das Ausatmen des alten Patriarchen erwarteten. Bei diesem Anblick stand ich wie versteinert. Mein erster Gedanke war die Furcht, daß sich der Büffel doch noch aufraffen und weitermarschieren möchte: – so langsam es geschehen wäre, ich hätte ihm nicht zu folgen vermocht. Dann war es wirklich – eine Mirage! Ah, wie nahm ich mich zusammen! Wie klopfte mir das Herz, als ich heranschlich, 
       als ich den Hahn aufzog, als ich anlegte! Von diesem Schusse hing, mein und meines Bruders Leben ab. Endlich fühlte ich meine Hand fest, der Schuß krachte, – ich sah hin. Der Büffel schüttelte sein struppig verworrenes Kopfhaar, warf den Schädel wild hin und her, dann streckte er konvulsivisch seine Glieder, legte sich auf die Seite und war tot. Grâce â Dieu! Ich atmete auf. Au Reste, der in der Hütte den Schuß gehört hatte, kam jetzt auf allen Vieren heraus. Hurrah, Fleisch! rief er mit matter Stimme und sank vor Freuden in Ohnmacht. Ich ließ ihn liegen und machte mich hurtig an die Arznei, die allein hier helfen konnte. Erst wies ich den Wölfen noch meine Flinte, die ohne Verzug Reißaus nahmen, dann ging ich dran, den Büffel auszuweiden. Ein schweres Stück Arbeit! Ich schnitt vor allem einen Teil der Leber aus, tauchte sie in die Gallenblase, und schlug es meinem Patienten ums Gesicht. Wußt' ich's doch! das wirkte, trotz Riechsalz und Vinaigrette. Au Reste schlug die Augen auf und fing zu essen an. Von dem Tage an erholten wir uns Schritt für Schritt, es besuchten den Winter noch mehrere Büffel die Talschlucht, früher als sonst brach auch diesmal der Frühling an, – wir waren gerettet. Aber, dacht' ich, Au Reste wird sich diese Passsage gemerkt haben. Die erste Pflanzung, die wir zu Gesichte bekommen, werd' ich's zu hören haben: Junge, wir wollen wieder Kornknacker werden! Pardon, mon brave! Es kam ihm nicht in den Sinn. Au Reste trappte fort mit mir und trappte in seinem ersten Jahr wie ein anderer in seinem dreißigsten. Ah, Monsieur, sagen Sie, ob mein Kamerad ein homme du coeur war!
      Nun sollen Sie hören, was dieses Herz wendete, fuhr der Kanadier fort, und wir dürfen vielleicht das Konzept des wilden Erzählers anerkennen, der den begonnenen Faden doch nicht verloren. Wir wollten den hierauf folgenden Sommer nach Kalifornien aufbrechen, um uns Pferde und Maultiere aus der Mission San Fernando zu holen, derselben, 
       woher ich früher meine Gattin Juanita geholt. Wir hatten uns einer größeren Trappergesellschaft angeschlossen, und alles ging gut. Die Prärien waren dunkel von Büffelherden, die Creeks wimmelten von Bibern, täglich wurden siegreiche Gefechte mit den Indianern bestanden, wir behingen uns um und um mit Skalps, erbeuteten Weiber und lebten en Seigneur. Da geschah's mit dem Teufel, daß wir eines Tags gegen den Führer des Zugs uns einbildeten, eine kürzere Route, als die er selbst vorschlug, einschlagen zu können; Kürze aber war nötig, denn wir betraten eben das Land der Gräber-Indianer, was ein heilloses Gesindel ist und in seiner feigen, tückischen Kriegsweise viel gefährlicher als die mutigsten Stämme. Wir konnten uns nicht einigen und trennten uns zu Vieren von der größeren Kompagnie, der wir nach längstens drei Tagen, wie wir behaupteten, an einer Station unter befreundeten Stämmen vorausgekommen sein wollten. Das war mein letzter Zug. Wir waren wie gesagt zu Vieren: Au Reste und ich, ein Kanadier namens Sublette und ein mexikanischer Spanier, der aber kein Fettlappen war wie die übrigen Männer seiner Nation. Außerdem führten wir drei gefangene Squaws mit uns. Wir nahmen unsern Weg, welchen wir abzuschneiden gedachten, durch eine Wüste, die von Wild und Wasser völlig entblößt war und nichts als den Anblick einer öden, sandigen Fläche mit einer dünnen Bedeckung von Zwergfichten und Zedergestrüpp bot. Indes erwarteten wir schon am Abend desselben Tags einen kleinen Creek unter Kirsch- und Kottonbäumen, und morgen meinten wir wieder in die Region des fetten Büffelgrases zu kommen. Der Tag ging zu Ende, aber weit und breit zeigte sich von einer Wasserstelle keine Spur. Wir mußten unser Lager aufschlagen, ohne die Pferde tränken zu können, indes wir selbst vor Trocknis fast verschmachteten und in jeder Stunde der Nacht aus dem erbärmlichen Schlafe fuhren. Nur die Überzeugung, den Creek desto gewisser morgen zu erreichen, hielt uns bei 
       Mute. Indes stürzten schon tags darauf drei von unsern Tieren, und eins schleppte sich so erschöpft, daß wir es töteten und sein Blut tranken. Den Creek aber erreichten wir auch heute nicht. Beim Anbruch des dritten Tages lagen abermals drei von unsern Tieren an den Pfählen, woran sie angepflöckt, tot. Wir besaßen jetzt nur noch eines, und zwar in einem marschunfähigen Zustande. Wir schlachteten es, tranken sein Blut und machten es zu Fleisch, denn zu der gräßlichen Trocknis hatte sich nunmehr auch wütender Hunger eingestellt, und die Wüste war ebenso leer von Wild als von Wasser. Das Tier verschwand unter uns sieben fast auf eine Mahlzeit, den Rest aber verloren wir nachts bei einer Überrumplung oder vielmehr bei Beschleichung der elenden Gräberindianer, welche uns das Fleisch mit wölfischer Gier stahlen, da das miserable Volk keine andere Nahrung als getrocknete Ameisen gewohnt ist. Leider ging uns bei dieser Attacke auch unser Gefährte Sublette unter. Wir sechs schleppten uns nun gänzlich unberitten weiter. Es half uns nichts, daß wir längst unseres Irrtums inne wurden, wir hatten bei einem Rückzug bereits ebenso viel zu verlieren, und vorwärts leuchtete uns doch die Hoffnung. So krochen wir von neuem zwei lange, ewige Tage durch. Der Hunger packte uns wieder so wütend an als zuvor, der Durst aber war martervoll über allen Ausdruck. Die Lippen wurden uns glühend und aufgeschwollen, unsre Augen unterliefen mit Blut, ein schwindelndes Unwohlsein befiel uns in gewissen, von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Pausen. Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung stierten wir alle nach Rettung in die Wüste hinaus. Da ließ der Spanier das Wort hören: Fleisch und Blut ist uns vielleicht näher, als wir denken; – es klang aber nicht nach Trost, sondern nach Entsetzen in seiner Stimme. Wir verstanden ihn wohl. Wir ließen das Wort fallen und schleppten uns schweigend weiter. Die drei Indianerinnen aber folgten uns in ergebenem Stumpfsinn. Von Zeit zu Zeit bückten sie sich, um einen 
       Käfer am Wege zu fangen, welchen sie gierig verschluckten. – Am vierten Tage teilten wir einander mit, daß wir 
      wölfisch sahen. Unsere Gesichter waren verdummt und verquollen, und keiner sah mehr sich selbst ähnlich. Wir schlugen Rat. Der Untergang lag uns dicht zu Füßen, es galt, etwas zu tun, solange noch die letzten Funken unserer Kräfte flimmerten. Wir beschlossen also, uns zu trennen und anstatt in einer einzigen in drei verschiedenen Richtungen nach Wild- oder Wasserspuren auszugehen. Die Indianerinnen sollten zurückbleiben und eine große Rauchsäule anzünden, die uns den Punkt der Wiedervereinigung bezeichnete. Das geschah. Au Reste und ich, wir jagten vergebens. Als wir aber beim letzten Tageslicht nach dem Rauchzeichen zurückkrochen, duftete uns schon von ferne Bratengeruch entgegen. Wir fanden den Spanier an einer Herdstelle, er war glücklicher gewesen als wir, und hatte, wie er sagte, eine Antilope geschossen. Wie fielen wir her über das Fleisch! So haben Menschen, seit die Welt steht, nicht geschmaust. Erst als die wütendste Gier gestillt war, fiel es uns auf, daß eine unsrer Gefangenen fehlte. Sie habe sich verlaufen, sagte der Spanier. Wir sahen ihn an, und indem ich gleichzeitig einen Streifen Fleisch in den Kürbis voll Blut tauchte, warf ich die Bemerkung hin, daß der Geschmack der Antilope eigentlich wenig zu spüren, wenn man bedächtiger esse. Da wurde der Spanier wild, riß seinen Mantel von einem Dinge weg, das seitwärts hinter einem magern Dornbusch lag und schrie: Valga me Dios! Fleisch ist Fleisch; seid ihr satt oder nicht? Unter dem Mantel lag der Kopf und der blutende Körperrest des fehlenden Indianermädchens. – Da war es, mein Herr, aber auch nicht früher als da, wo Au Reste ausrief: Auf der nächsten Straße kehr' ich zu den Kornknackern zurück. Er hat Wort gehalten. So, mein Herr, hörten wir auf, Trapper zu sein.
      Mit Recht! rief Moorfeld aus, der schreckensstarr nur die einfachste Antwort für soviel Entsetzen hatte.
      
       Es folgte eine längere Pause zwischen unsern Gastfreunden. Moorfelds Lebensgeister waren gewaltsam wieder ermuntert. Vor allem rege war sein Interesse für Au Reste. Der Mann, der sich bei lebendigem Leibe seinem Freunde zur Nahrung geboten und doch vor der gleichen Nahrung mit unbefleckter Menschlichkeit zurückgeschreckt, – er war in einem Petrefakt von Barbarei ein so unschätzbarer, tiefliegender Juwel des Menschengemütes, daß ihn Moorfeld lebhafter ergriff als die Schattengestalt einer flüchtigen Abendunterhaltung.
      Und was ist aus Au Reste geworden? war daher seine erste Frage, als er von dem Eindruck des gehörten Greuels sich erholt.
      Ah, le pauvre diable! seufzte der Kanadier, mehr für sich als zur Antwort.
      Erreichte er noch die Bezirke der Zivilisation? ging er zugrunde? starb er? wie?
      Monsieur, ce sont des choses bien – bien – ah, fort damit! Was wäre das Leben ohne Wein und Gesang!
      Rien jamais si jolie qu' Adèle
       Qui, grâce à Lucas –
      Trinken wir aus! Primasorte, mein Zider; spüren ihn bis in die Fußspitze! Wir müssen lustig sein, quand même!
      Wie, mein Herr, ehrt man so das Andenken der Braven? Was ist aus Au Reste geworden?
      Mon Dieu – wenn es sein soll – Sie schlafen auf seinem Grabhügel.
      Moorfeld sprang auf.
      Auf seinem Grabhügel?
      Ja, hier unten liegt er und kommt nicht wieder herauf. Freut es mich doch, daß ihn die Yankees – Gott verdamme sie! – nicht eingescharrt haben. Sie haben ihm das Leben leid genug gemacht. Ruhe seiner Seele! Ich danke Gott, daß ich wenigstens berufen war, ihm den letzten Dienst zu erweisen. 
       Mann? Was ging hier vor? Auf welchem Boden steh' ich? Bei Gott, sprechen Sie!
      Nun ja doch – ja! Ich will Ihre curiosité pour des événements funestes befriedigen. Aber behalten Sie Platz, Monsieur. Glauben Sie, man schläft auf einem Grabhügel wie in jedem andern Fauteuil. Wenn wir im Westen einen Trapper begruben, – und keine Woche verging ohne das –
      Auf einem frischen Grabe! Sie litten Schiffbruch auf dem stürmischen See, und er blieb das Opfer?
      Pardon, der Sturm war sehr gut; – steifer Strich aus Nord, mein Kanoe flog wie eine Schwalbe! Ja, freilich litt er Schiffbruch; aber nicht mit mir – ah, je comprends; Sie denken, wir fuhren ensemble von Kanada herüber? Keineswegs, mein Herr, zwei Trapper bleiben unter den Bourgeois nie beisammen, die besten Freunde nicht. Mon Dieu, was sind Trapper in den Städten? Wachsstumpen in des Küsters Lade. Meidet einer den andern. Nein, ich wußte in Wahrheit nicht, was aus Au Reste geworden. Wir hatten uns getrennt als gute Freunde und Brüder, aber wir hatten uns getrennt. Erst heute, erst hier sah ich ihn nach fünf Jahren zum ersten- und letztenmal wieder. Hier landete ich, dort zog ich mein Kanoe ins Dickicht, wo ich es, von New-Orleans retour, regelmäßig wiederzufinden pflege, und so war alles gut für diesmal, dacht' ich. Stehendes Fußes sollte es nun weiter gehen nach dem Ohio. Ein paar hundert Schritte von hier kenn' ich eine der besten Waldpassagen, dahinab marschierte ich längs dem Seeufer. Nun, was soll ich finden unterwegs dieser détour? Eine Leiche am Strande. Und wer soll diese Leiche sein? Mein alter Gaul, Au Reste, der arme brave Narr! Zwar Leiche war er noch nicht. Der See hatte ihn besinnungslos ans Ufer geworfen, und was solch eine blinde, dumme Welle vermag, das war hier geschehen. Sie hatte ihn anstatt ins weiche Gras gegen einen verdammten alten Eichknorren geschnellt, der in der heben weiten Welt just auch dort seinen einfältigen Stamm vorhangen ließ. 
       Das Gehirn war erschüttert, wie es ein Büffelschädel vielleicht eben noch verknust hätte, aber hier war's genug zum letzten Datum. Wagh! Sturzwellen und Eichkloben verstehen sich schlecht auf gute Manieren; hätt' ich nur den verdammten Yankee vor meiner Rifle, den Hund von einem Kapitän! Das Schiff konnte sich noch ganz gut retten. Es war von Detroit nach Stadt Erie in Ladung und hatte das Unglück, heut' nacht im Nebel gegen einen Propellor zu stoßen, welcher in der entgegengesetzten Richtung kam. Die zwei Waschbären von Kapitäns fuhren beide mit ihrer vollen Maschinenkraft trotz Nacht und Nebel; Au Restes seiner hatte überdies noch versäumt, die Warnungsglocke anschlagen zu lassen. Sind Niggers, diese Yankees, schwören Sie drauf, Monsieur. Eh bien, sie stießen zusammen. Beide im vollen Gange, wie ich sage. Der Chok kann nicht sanft gewesen sein. Nun sollen Sie sagen, ob die Yankees verdammte Seehunde sind. Unmittelbar nach dem Zusammenstoß setzte der Propellor seinen Weg fort, ohne sich um den Zustand des andern Dampfers nur im mindesten zu kümmern. Dieser aber bekümmert sich auch um sich selbst nicht. Der Kapitän läßt dem Leck kaum nachsehen, schlägt ihn gering an und will, so wie er ist, Stadt Erie noch erreichen. Go ahead! sagen diese Niggers, und der Mensch gilt nichts, die Ware alles unter der verdammten Devise. Enfin, das Schiff sinkt, als es beizulegen schon zu spät war, im Nu sind die Lichter aus, Maschinen-Heizung gelöscht, und – ein Schelm will ich sein, wenn ich ein Wort nur verstanden, was Au Reste noch weiter röchelte. Nehmt diese Brieftasche, alter Gaul, schrie er mit seinem letzten Funken und merkt auf den Namen, Freund Leichtfuß: sie soll für Doktor Moorfeld bei New-Lisbon sein, der hat ein Recht daran.
      Moorfeld sah das Gesicht einer Meduse.
      
      Anhorst! schrie er außer sich.
      C'est juste! Das war sein Name. Mon Dieu, un nome très 
       difficile; die Yankees verhunzten ihn, Gott verdamme sie; und ich prononcierte Anorest – Orest und zuletzt Au Reste, denn wahrlich er war arrivé au reste, als er zu den Trappers kam. Aber kannten Sie ihn, Monsieur?
    



      Achtes Kapitel
      Eine finstere Herbstnacht bedeckt Himmel und Erde. Der Wind braust kalt und schneidend über Wald und Prärie. Nasse Wolken sprengen stoßweise Regenschauer nieder, – harte, körnige Tropfen, die schon den Eisgedanken denken. Rasselnd fahren sie durch das Gelaub der Bäume und streifen Strich um Strich Hekatomben von Blättern ab. Die Erde schauert ins innerste Mark hinein. Es dröhnt ihr wie Trommelwirbel im Ohr, – das Martialgesetz des Winters hört sie verkünden. Horch, wie entsetzte Tierlaute durch die hohle Finsternis dringen! Das Volk der Wildhöhlen kreischt angstzerrissen den Gott des irregewordenen Lebens an. Eine Eule raschelt mit schwerem Flügel durchs Dickicht – ein scharfer Schrei – da sank noch ein Opfer der Lokal-Tyrannei, eh' der Winter sie alle, alle gebieterisch anherrscht: Schlafet und sterbet!
      Hufetrab schallt durch die Nacht, erhitztes, abgehetztes Schnauben und Schnaufen, – es ist ein Pferd mit seinem Reiter. Sie haben einen langen Gang getan. Das Pferd ist wund geritten, mit Schweiß und Schaum bedeckt, die Beine hoch hinauf von Sand starrend, Schweif und Mähne von tausend Dornen zerrauft. Der städtisch-elegante Reiter teilt das verwüstete Aussehen seines Tieres. Ein Wild achtet seines Felles mehr, als hier ein Mensch einer menschlichen Bedeckung geachtet. Der feine Anzug ist zerzaust, zerrissen, beschmutzt, jedes Stück in Unordnung, von Wind und Regennässe, Waldesgedorn und nacktem Erdlager gestaltlos, formlos. Das Antlitz des Reiters ist bleich, 
       entstellt, überwacht, die Gesichtsmuskeln abgespannt wie die eines Hinzurichtenden, aber das Auge darüber schneidig, blitzfunkelnd, wie ein Henkerbeil.
      Der Reiter ist Moorfeld.
      Wir erzählen seine, seit dem Nachtlager am Eriesee durchlebten Stunden durch – Schweigen. Diese Orestie sei der Phantasie des Lesers überlassen. Genug, daß den Furien, die ihn jagten, kein Weg zu unwegsam, kein Dickicht zu dicht, kein Dorn zu dornig, keine Nacht zu nächtlich war, sie fegten dies Herz über den herzlosen Boden Amerikas wie ein dürres Baumblatt im Winde. Aber es war kein dürres Baumblatt, es lebte und blutete, und blutend schleifte es sich von dem methodistischen Campmeeting, von Gadshill, von Anhorsts Grabhügel jetzt seiner verlassenen Hütte zu.
      Es war späte Nachtstunde, als Moorfeld sein ödes Heimwesen wieder erreichte.
      Wie ein abgetakeltes Wrack trieb Roß und Reiter in den nachtbedeckten Hafen. Kein Salutierschuß der Freundschaft empfängt den Heimkehrenden freudig oder ehrenvoll; als schliche er sich in einen Piratenhafen, ist's traurig– stumm bei seiner Annäherung. Ach, er liegt ja im Grabe, der Mann, für den Moorfeld Dank und Freundschaft hier ausgesäet! Hinter jenen Blockwänden lungert teilnahmslos ein Mietling.
      Aber das Blockhaus ist erleuchtet und zwar ungewöhnlich, wie es scheint. Noch mehr, lärmende Zecherstimmen hallen daraus durch die Waldnacht.
      Moorfeld staunt.
      Seltsames Beispiel von Dienertreue! Der trübsinnige Schottländer kennt also doch die Freuden des Trinkgelages; nur – hinter dem Rücken des Herrn! Oder ist ihm ein Schwärm wilder, ungebetener Gäste ins Haus gefallen, ein Schlag von Backwood-Rowdies, die er anders nicht los wird? Das war Moorfelds besserer Gedanke.
      
       In diesem Augenblicke stürzte Cäsar über ein paar querliegende Baumstämme. Moorfeld fiel und sah im Finstern den Boden rings bedeckt von frisch geschlagenem Stammholz. Es war wie eine Art Barrikade.
      Halloh! Ballan heraus! rief Moorfeld mit hellem Waldruf.
      Niemand antwortete.
      Hört, Ballan, hört! Heraus mit dem Licht!
      Das Blockhaus rührte sich nicht.
      Ungeduldig raffte sich Moorfeld, so gut es gehen wollte, auf und half auch seinem Pferde auf die Beine. Er führte es vorsichtig am Zaume nach sich gegen die Hütte, deren Türe er mit einem Fußtritte aufstieß.
      Aber jetzt war auch Empfang da.
      Ein Mann trat ihm unter der Tür entgegen und leuchtete ihm mit einer Kienfackel ins Antlitz.
      Moorfeld prallte zurück. Das war Adin Ballan der Schottländer nicht, dieses Gesicht war – Wogan!
      Halloh, was soll's? Was wollt Ihr vor meinem Hause? polterte der barsche, häßliche Mann.
      Moorfeld blickte unwillkürlich um sich, ob er den Ort nicht verfehlt, aber kein Irrtum waltete. Welch neue Ungeheuerlichkeit das! Hölle! rief er, ist ein Toller hier eingebrochen; wo ist Ballan?
      In allen Winden; was kümmert's mich! laßt mir mein Haus in Frieden!
      Teufel! Herr, pack Euch ins Tollhaus; Pistolen spaßen nicht. Wo ist Ballan, mein Diener?
      Wogan trat zurück und machte Miene, die Türe zuzuwerfen.
      Moorfeld riß eine Pistole aus dem Gürtel und feuerte. Das Hausrecht gegen die kolossalste aller Frechheiten zu verteidigen, hätten wir selbst, um ein Gleiches zu tun, vielleicht nicht erst des Zustandes bedurft, worin diese Frechheit ihn antraf.
      James! Dick! Bill! Charles! Heda, schüttet Zündkraut 
       auf! Knallt ihn nieder! Schmeißt ihn tot! Und im Nu stand der Eingang gedrängt von einem Halbdutzend wilder, betrunkener Galgengesichter.
      Moorfeld zog eine zweite Pistole. Da geschah ein Schlag gegen seine Hand, und die Waffe fiel zu Boden. Ein höllisches Gewieher umwieherte ihn, das Gesindel packte ihn von allen Seiten. Moorfeld riß ein Jagdmesser aus der Scheide und stürzte blind auf den Schwarm. Dieser stob augenblicks auseinander. Moorfeld fiel im Schwung seines Stoßes zu Boden und sein Messer rannte tief in die ungedielte Erde. Die Meute johlte unbändig über den gelungenen Raufer-Kunstgriff.
      Na, Jungens, laßt's gut sein, fing jetzt eine Stimme mit irischem Akzent zu lallen an. Verklagt den Burschen of trepass vi et armis und setzt ihn für diesmal an die Luft. Man ist doch Friedensrichter sozusagen und für Blutvergießen verantwortlich, sozusagen. Ich rate, Misters, es wär' ein verdammtes Akzident, wenn ein Friedensrichter und ein Bündel Geschworene Selbsthilfe genommen. Wofür sind die Gesetze unsrer freien und aufgeklärten Verfassung da? Was will der Kerl eigentlich? Nachtlager? O pfui, Mister, wer wird mit Pistolen in der Hand Gastfreundschaft fordern? Aber die arme Maus steht nicht mehr fest in ihren Schuhen. Gebt ihm ein Glas steifen Grog, Jungens, Hitze muß Hitze vertreiben; ich rate, das wird ihm gut tun, wie der Nachtigall die Kreuzspinne.
      Moorfeld packte den Mann, der so sprach an, und rief: Ihr seid Friedensrichter? Nun denn im Namen Eures Amtes! Wißt Ihr, auf welchem Boden Ihr steht? Wißt Ihr, an welchem Verbrechen Ihr mitschuldig seid? Ich überblicke, was hier vorgegangen ist. Man hat meinen Diener verjagt und sich in den gewaltsamen Besitz meines Hauses gesetzt. Ihr seid von einem Räuber bewirtet und Mitschuldiger Eures Räubers. Geht! Taumelt Euer frevelhaftes Gelage zu Ende und erwachet morgen unter dem Schwert des Gesetzes.
      
       So sprechend, schleuderte Moorfeld den Betrunkenen hin, warf sich aufs Pferd und sprengte davon. Wald und Finsternis verschlang ihn. Das Ganze war die Szene eines Augenblicks. –
      Wenn Menschen durch Untertauchen ins Wasser sich den Genuß eines schwungvollen Glockengeläutes verschaffen, andere durch starke Narkosen oder durch künstliches Erhängen, oder durch was immer für eine Hervorbringung von momentanem Blutdruck aufs Gehirn sich eine plötzliche Traumwelt an die Stelle der realen Wirklichkeit setzen, so müssen wir an die Abnormität solcher Augenblicke erinnern, wenn wir von Moorfelds Zustand jetzt sprechen sollen. Das Abenteuer dieser Minute war so herausgerissen aus dem Zusammenhange alles dessen, was ein Heimkehrender an seiner Schwelle erwartet, es war so unerhört, ja so wahrhaft 
      unmöglich, daß es fast einzig nur im Charakter des Absurden auf Moorfeld wirkte. Moorfeld hatte die ganze Zeit über an die Person Wogans nicht wieder gedacht. Und dachte er ja an sie, so versah er sich eines bösen, feindseligen Streiches zu ihr: – dieser aber war ein 
      dummer! Es blieb ihm unbegreiflich, was ein Feind, der zu schaden oder auch nur zu kränken denkt, Planmäßiges ausgeführt hat, wenn er sich dem Gesetze gegenüber in eine völlig offene, ungedeckte Lage begibt, sich einer schweren Strafe schuldig macht und nichts erreicht hat dafür, was einer logischen Bosheit ein entsprechender Ersatz scheinen könnte. Denn daß der rechtmäßige Herr eines Hauses eine Nacht außer seinem Hause zubringt, sollte das ein lange vorbereiteter Racheakt, sollte das ein Genuß sein, der das Strafurteil einer unrechtmäßigen Besitzergreifung mittels gewalttätigen Einbruchs aufwäge?
      So war nach der Betäubung des ersten Augenblicks Moorfelds Eindruck von diesem Erlebnisse eigentlich kein anderer, als der einer schlecht befriedigten – Verwunderung. 
       Noch nie war eine Beleidigung sinnloser angelegt, noch nie eine Genugtuung gewisser.
      In dieser Zuversicht stand Moorfeld tags darauf vor dem Kantonsrichter in New-Lisbon und forderte nach einem kurzen Referate der nächtlichen Begebenheit einen Konstabler, der ihn in den Besitz seines Hauses zurück- und den unbefugten Eindringling in Haft daraus wegführte.
      Kaum aber hatte Moorfeld sein Begehren vorgebracht, als Mr. Wogan selbst vor dem Richter erschien. Er behauptete eine große Kaltblütigkeit bei Moorfelds Anblick.
      Zu dem Friedensrichter gewendet, sagte er, er komme, um das Ortsgericht zur Übernahme eines Depositums aufzufordern. Es stünden ihm die Fahrnisse im Wege, welche der vorige »Inhaber« von John Stuterings Los in seinem log shanty zurückgelassen. Seine Rechtstitel erstreckten sich nur auf das Immobiliar, die bewegliche Habe anzutasten oder zu benutzen, getraue er sich nicht zu verantworten. Übrigens belästige sie ihn nachgerade, da er endlich daran denke, sich mit einer eigenen Einrichtung zu versehen, ja vielleicht breche er überhaupt die vorgefundene Blockhütte ab und fange einen größeren Bau an; – kurz, er wolle diesen Nachlaß auf eine legale Art los sein. Mit großem Gleichmute fügte er hinzu, er sehe zwar in diesem Augenblick die Person des Eigentümers jener Möbel selbst vor sich, er nehme aber Abstand, deren Übernahme von ihm zu begehren, da derselbe voraussichtlich und demnächst eine Haft werde anzutreten haben, indem er soeben of trepass vi et armis ihn anzuklagen im Begriffe stehe.
      Moorfeld traute seinen Ohren nicht. Er glaubte in Wogan eine Art Automat zu hören, welcher zwar eingerichtet ist, artikulierte Laute hervorzubringen, aber aufs Geratewohl, ohne Sinn und logische Ordnung. Und da der Mensch, selbst wo ihm der Verstand gänzlich stille steht, seiner Natur nach doch noch Gedanken erzeugt, so war Moorfelds einziger Gedanke: der Mann ist verrückt.
      
       In diesem Sinne antwortete er auch. Er sagte, er ziehe seine Klage auf widerrechtliche Besitzergreifung mittels Einbruchs zwar nicht zurück, aber er suspendiere sie so lange, bis die gerichtsärztliche Expertise über die Imputationsfähigkeit des Angeklagten entschieden. Für jetzt wünsche er unter Gerichtsgeleit in seine Wohnung zurückzukehren, und sei es ja möglich, dem geisteskranken Übeltäter hier einen lichten Gedankenmoment abzugewinnen, so möge er vor allem inquiriert werden, was aus Adin Ballan, dem Schottländer, geworden.
      Ein Yankee macht nicht leicht ein verblüfftes Gesicht, es wäre denn in supernaturalistischen Dingen. Aber selbst dann affektiert er statt der verblüfften bloß eine verächtliche Miene.
      Der Friedensrichter von New-Lisbon behauptete in dieser widerspruchsvollen Lage seine vollkommenste Fassung. Ja, so groß war diese Fassung, daß er während des Vortrages der beiden Parteien keinen Augenblick aufhörte, zu nieten und zu schweißen, denn wir dürfen nicht vergessen zu bemerken, daß Moorfeld den ehrenwerten Mr. Cartwright bei der Ausbesserung eines Pittsburger Packwagens angetroffen, welcher einer durchreisenden Auswandererfamilie aus Pennsylvanien auf der schlechten Lisboner Straße in Brüche gegangen und welchen der barmherzige Ortsrichter soeben zur Kur vorhatte, da dieser Würdige, seines Zeichens ein Schmied, aus überfließender Menschen- und Dollarliebe mitunter auch gerne noch zu seinem vorigen Handwerk griff.
      Der Richter antwortete daher unter Hammerschlägen und dem Zischen glühender Stifte gegen Moorfeld gewendet: Stehe gleich zu Diensten, Mister. Erlauben Sie nur, daß ich das Eisen schmiede, da es warm ist. Haben ja auch noch Zeit zu versäumen. Geht so rasch nicht, wie Sie denken, Mister. Vertreiben da einen Mann, der in einem Hause sitzt und befinden sich selber außer dem Hause. 
       Wird so leicht nicht gehen, Mister. Unter welchem Titel lokomovieren Sie Mr. Wogan von seiner Feuerstelle, wenn ich fragen darf?
      Bei dieser Frage hätte Moorfeld gerne den Richter selbst für verrückt erklärt. Seine Stellung gemahnte ihn nachgerade an die Situationen jener parodistischen Romane, in welchen der gesunde Menschenverstand die negative Rolle spielt, und irgendein allegorischer Narrenspuk von Pflanzen, Tieren oder gefabelten Wesen den Unsinn als positive Weltordnung treibt. Er stand einen Augenblick und besann sich, ob er mit solchen Menschen sich weiter befassen wolle. Im Ernste gewiß nicht. Nur indem er der Vorstellung folgte, sie als »Clowns« eines Schauspiels vor sich zu haben, nur indem er sich erinnerte, er sei nach Amerika gekommen, um zu experimentieren, zu erfahren, kennen zu lernen, entschloß er sich, den Gang dieser Szene einzuhalten, so lang bis sein Ekel größer als seine Wißbegier sein würde. Dieser Ideengang ging voraus, als er auf Mr. Cartwrights Frage: unter welchem Titel lokomovieren Sie Mr. Wogan von seiner Feuerstelle? endlich antwortete.
      Er antwortete einfach durch Vorweisung seines Kaufbriefes.
      Der Richter warf einen flüchtigen Blick auf das Papier, indem er einen kleinen Blasbalg an sein Kohlenbecken setzte und sagte phlegmatisch: Hm, ein beschriebenes Blatt! Ich rate, Mr. Wogan hat deren mehrere. Von was für einer Sorte, wenn ich bitten darf, ist diese Schrift?
      Es ist ein Kaufbrief!
      Ein Kaufbrief, hm! das ist so übel nicht. Und wenn dieser Kaufbrief mit dem Grundbuche stimmt, – allerdings; dann hätte eine Klage auf Restitution vielleicht Aussicht.
      Wirklich? fragte Moorfeld mit einer ironischen Heiterkeit.
      Noch einen Augenblick, Mister, bat der Friedensrichter, dem der Packwagen sehr am Herzen lag; – noch einen 
       Augenblick, dann gehen wir hinüber auf die Cityhall und kollationieren –
      Daß ich nicht wüßte! unterbrach Moorfeld die Zumutung, in Gesellschaft Wogans und des Schmieds über die Straße zu gehen.
      Der Schmied hörte diese Weigerung offenbar mit Vergnügen und hämmerte noch einmal so eifrig auf seinen Wagen ein. Gut, er mag kommen, sagte er. Heda, Tom! Lauf hinüber: Mr. Gull, wenn es ihm gefällig ist, möge mit dem Grundbuche sich bei mir einfinden.
      Moorfeld hörte diesen Befehl mit Erstaunen. Aber freilich erinnerte er sich zugleich, in einem Reisewerke über Amerika einst gelesen zu haben, daß dem Reisenden ein sehr achtungswerter Staatssekretär die auf Pergament geschriebene Stiftungsurkunde eines großen Unionstaates vorgezeigt habe, welche wie ein gewöhnlicher auf die Post gegebener Brief zusammengelegt, in den Falten abgeschabt und in den Ecken durchlöchert war. Auf die Bemerkung des Reisenden, daß man solche Dokumente in Folio zwischen Papp und andern Tafeln aufbewahre, habe der Staatssekretär dieses Verfahren zwar sehr schön gefunden, aber desungeachtet seine Urkunde höchst kaltblütig wieder in die alten Falten eingebrochen. So schien es denn ein Seitenstück dieses Verfahrens, ein Grundbuch ohne weiters aus der Registratur zu reißen und damit über jede beliebige Straße zu laufen.
      Tom, ein schwarzer Hausdiener, war inzwischen fortgelaufen, der Richter fuhr fort, seine glänzenden Schmiedekünste an dem alten Packwagen zu erschöpfen.
      Mr. Wogan hatte die Unverschämtheit, dem Richter Parteilichkeit vorzuwerfen, daß er bisher nur Moorfelds Sache berücksichtigt, seine eigene Klage of trepass vi et armis aber durchaus ignoriert.
      Eure Zeugen? fragte der Richter.
      Mr. James Pettigraw, Advokat von New-Lisbon, Mr. 
       Richard Luke, Farmer im County und Leutnant bei der Landmiliz, Mr. William Clisby, ein Holzhändler aus Virginien, Mr. Charles Adoir, ein Pferdehändler vom Süden, Mr. Phelim O'Brien, Friedensrichter von Ravenna –
      Was? der Phelim war auch dabei? fiel der Richter lebhaft dazwischen. Ei, Mr. Wogan, dann seid ihr ja alle, nehmt mir's nicht übel – voll gewesen. Ja, ja, ich rate, ihr seid tüchtig im Lee gelegen. Den Teufel auch, der Phelim! Wo mein ehrenwerter Kollege von Ravenna einfährt, dort schwimmt man im Grog bis an die Ohren, – lehrt mich den Irländer kennen! Nein, Wogan, Betrunkene sind keine Zeugen, das ist ein Faktum. Vi et armis! ach geht mir doch! Wo seid Ihr denn verletzt? Wo tut's Euch denn weh? und der Schmied-Richter spie mit großer Selbstüberzeugung einen ganzen Mund voll Rauchtabakextrakt in seine Kohlen, die laut aufzischten.
      Moorfeld sah mit Verwunderung, daß er am Ende noch die 
      Freisinnigkeit dieses Justizbeamten anerkennen müsse. Freilich indem er seine Leute näher beobachtete – stieg ihm der Verdacht auf, es verdrieße den ehrlichen Mann eigentlich, daß er nicht selbst mit von dem besagten Gelage gewesen. Natürlich fand es Moorfeld unter seiner Würde, von solch einer Nachsicht zu profitieren und die Tat seines gerechten Zorns zu verschweigen. Aber Mr. Cartwright hämmerte wieder auf sein Wagenrad so vulkanisch los, daß die zwei zugestandenen Pistolenschüsse absichtlich, wie es schien, übertönt wurden. Mr. Wogan wendete kein Wort dagegen ein. Er stand da, seine wulstigen Lippen in die Zähne gekniffen, seine Schultern hoch an den häßlichen Schädel gezogen, und schien Kraft und Erwartung wie zu einem Hauptschlag zusammenzudrängen.
      Dieser Augenblick kam jetzt. Man sah Mr. Gull, den County Clerk, über den »Square« von New-Lisbon heranschreiten, Tom, der Neger, trug ihm das Grundbuch nach. Mr. Cartwright warf schnell noch einen prüfenden Blick auf 
       den Pittsburger Patienten und schien von der Rekonvaleszenz desselben so weit überzeugt, daß er es wagen mochte, den Gegenstand seiner zärtlichen Sorge endlich zu verlassen. Er hatte nämlich den Takt, die drei Herren jetzt in seine Amtsstube zu bitten, da der bisherige Schauplatz unter freiem Himmel gewesen.
      Man trat ein.
      Mr. Gull, der County Clerk, war dieselbe Person, an dessen Krankenlager Moorfeld das von ihm beschriebene Zusammentreffen mit dem reisenden »Doktor« gehabt. Der Mann grüßte unsern Helden mit einer Artigkeit darüber, der es nicht an Herzlichkeit fehlte. Er habe von seinem Bette aus die Kontroverse wohl begriffen, sogar mit einer Klarheit und Leichtigkeit, die ihn selbst verwundere. Es sei ihm eine ausgemachte Sache, daß der Doktor Mackhead ein Ignorant und Moorfeld sein Meister. Ein Kind habe ja das beurteilen können. Auch habe er sofort ein paar Aderlässe genommen, und er sei überzeugt, daß er dieser Kur allein sein Leben verdanke. Wogan blies wie ein erstickendes Schwein seinen Grimm von sich und schnauzte barsch: Zur Sache, wenn's beliebt.
      Die Gegeneinanderstellung des Kaufbriefes und des Grundbuches war das Werk eines Augenblicks, der Befund vollkommen richtig.
      Moorfeld hielt den Gegenstand hiermit für erledigt. Er forderte jetzt Rechenschaft wegen Adin Ballin.
      Wogan ließ sich mit mürrischer Kürze und Gleichgültigkeit zu der Aussage herbei: er habe dem Schottländer sein Recht auf John Stuterings Grundstück deutlich gemacht, soweit es dem Rechtsunkundigen begreiflich gewesen, habe ihn ferner auf die Mittel aufmerksam gemacht, mit welchen er dieses Recht gegen einen unbesonnenen Widerstand in Vollzug setzen könne, und ihn dadurch gütlich vermocht, den Platz zu räumen, indem er ihn zugleich zu einer andern Dienststelle nach Whelling empfohlen, wohin derselbe auch abgegangen. 
       Moorfeld wiederholte sofort mit nachdrücklicher Betonung: Sie haben ihn auf die Mittel aufmerksam gemacht, Ihr angebliches Recht gegen seinen Widerstand in Vollzug zu setzen; – d.h. Sie haben ihn unter 
      Androhung von überlegener Gewalt von dem Posten seiner Pflicht vertrieben. Nehmen Sie das zu Protokoll, meine Herren. Die weitere Glaubwürdigkeit dieser Aussage wird eine sofort in Whelling anzustellende Requisition lehren. Moorfeld ließ die Schritte dazu unter seinen Augen verfügen.
      Erst nachdem er diese Obliegenheit gegen seinen Diener erfüllt, verlangte er jetzt die Verantwortung über Wogans Verbrechen des Einbruchs.
      Wogan holte eine geräumige Brieftasche hervor, aus welcher er eine Unmasse von Schriftstücken, gleich dem Inhalt eines trojanischen Pferdes, ausschüttete. Er begleitete diese Entfaltung seiner Papierschätze mit folgender Erklärung:
      Ich werde die Rechtmäßigkeit meiner Ansprüche an John Stuterings Los aus einer Reihe von Dokumenten beweisen, wovon jedes für sich und alle zusammen mich als unzweifelhaften Eigentümer des genannten Grundstückes legitimieren sollen. Mit diesen Papieren in der Hand hätte ich jeden vorfindlichen Inhaber jener Realität ohne weiteres außer Besitz zu setzen die Befugnis gehabt; ich fand aber das Land 
      nicht besessen, es lag herrenlos da, ein Mensch nistete darin, dem jedes Erfordernis fehlte, dasselbe rechtlich zu behaupten oder zu verteidigen, ja dem ich nicht einmal zu glauben brauchte, daß er der Diener eines angeblichen Besitzers derselben Landstelle sei, kurz den ich als Fremdling und Eindringling zu präsumieren das Recht hatte, was ich denn auch getan.
      Moorfeld, wendete sich an den Richter und sagte: Haben Sie die Güte, diesen Possenreißer an den Ernst einer gerichtlichen Verantwortung zu erinnern. Mich dünkt, ich höre einen Menschen, welcher jede Ehefrau im Lande, deren 
       Gatte verreist, als Witwe präsumiert und je nach Befund in Anspruch nimmt. Ich liebe den Scherz, aber ich wähle mir meine Gesellschaft dazu. Ich räume jenem Menschen das Recht nicht ein, mich zu unterhalten!
      Die beiden Gerichtspersonen sahen sich auf eine Art an, welche verriet, daß ihnen die sophistische Sprache Wogans offenbar weniger neu war als der hohe Ton des Europäers. Aber doch lag in Moorfelds Haltung ein Etwas, dessen Macht nicht unempfunden auf sie wirkte. Mr. Gull sagte daher kurz zu Wogan hinüber: Erklären Sie Ihre Papiere.
      Wogan begann:
      Sie wissen, meine Herren, daß John Stutering auf die Aussagen zweier Hauptzeugen hin, eines Mr. Samuel Flint, Farmer im Beaver-County im Staate Pennsylvanien, und eines Mr. Vane, Storekeeper in Cleveland am Eriesee, für schuldig befunden und verurteilt wurde. Hier lege ich Papiere vor, welche das Zeugnis dieser Zeugen gesetzlich aufheben. Mr. Samuel Flint hat seine Aussage unter dem göttlichen Einflüsse einer Wiederbelebung auf dem Campmeeting der Methodistengemeinde zu New-Lisbon feierlich widerrufen, worauf er eines seligen Todes verblichen. Sie werden die Akte des Widerrufes von drei Ältesten, zwei circuit riders, und dem ehrwürdigen Reverend Jeremias Windowshutter, Methodistenprediger dahier, unter Observanz aller legalen Formen ausgefertigt finden. Hier ist sie. Was die Aussage des zweiten Kapitalzeugen, Mr. James Vane, betrifft, so lege ich hier ein Zertifikat seiner Ortsbehörden vor, aus welchem ersichtlich, daß besagter Mr. James Vane als Sergeant bei der Landesmiliz in der Schlacht bei Bunkershill den rechten Arm verloren. Mr. Vane hat also mit den Fingern der 
      linken Hand geschworen. Nun habe ich nach sorgfältigster Durchsicht der Prozeßakten des John Stutering nirgends finden können, daß der Gerichtshof den Zeugen Vane von der gesetzlich gebotenen Form der Aufhebung der 
      rechten Hand ausdrücklich entbunden hätte. Das 
       Zeugnis des Mr. Vane ist also unter einer ungültigen Form, d. h. im rechtlichen Sinne gar nicht abgelegt worden. Eine Wiederholung seiner Eidesaussage ist aber unstatthaft, da in einem Prozesse auf Leben und Tod kein Zeugnis eines Zeugen zweimal abgefordert werden kann. John Stutering kehrt demnach vollkommen rechtlich rehabilitiert in den Besitz seines Grundstückes zurück, und hat der Gerichtshof dasselbe eingezogen und veräußert, so ist hier von einem Prozesse des Käufers mit dem Gerichtshofe die Rede, der John Stutering in keiner Weise berühren kann. Der Käufer hat sich an den Gerichtshof zu halten, und ein Attentat auf John Stuterings Eigentum, wie es heute nacht versucht worden, fällt in die Kategorie der strafbaren Handlungen.
      Ich lege nunmehr eine Zessionsurkunde, beziehungsweise einen Kaufbrief vor, womit ich erweise, daß John Stuterings Los inzwischen auf mich übergegangen, und zwar unter allen gesetzlichen Formen und Observanzen.
      Wenn die geringe Summe in Verwunderung setzen sollte, womit ich das Eigentumsrecht von John Stuterings Landlos erworben, so bin ich ferner zu erklären bereit, daß dieses Eigentumsrecht selbst ein zweifelhaftes, ein anzufechtendes, ein ungewisses. John Stutering hat von den Erben eines Majors Solon Robinson in Connecticut gekauft, welcher die Landstelle im Jahre 1784 durch Ankauf von den Eingeborenen an sich gebracht haben will. Es war aber damals schon das Gesetz erlassen und in Gültigkeit getreten, daß zur Vermeidung aller Grenzstreitigkeiten, welche den Bestand der jüngeren Kolonien aufs äußerste zu verwirren angefangen, künftig kein Privatmann durch Abtretung von den Indianern Land erwerben könne. Der Major hat dieses Gesetz verletzt und scheint überdies zur Zeit des westlichen Vorbehalts mit seinem ungesetzlichen Eigentum furtim durchgeschlichen zu sein, anstatt es dem öffentlichen Grundbesitze Connecticuts anzuschließen, als dieser gegen eine Entschädigung von einer Million zweimalhunderttausend 
       Dollars in die Föderalregierung abgetreten wurde, eine Summe, aus welcher der Major gleichfalls seine Entschädigung zu fordern gehabt hätte, wenn er sich der Abtretung nicht illegaler Weise entzogen. Die Erben des Majors waren daher nicht rechtliche Eigentümer dieses Grundstücks, sondern besaßen höchstens einen Anspruch auf die für dasselbe entfallende Ablösungsquote, vorausgesetzt, daß ihnen eine solche überhaupt zugesprochen wurde, da eine Erwerbung durch Privatvertrag mit den Eingeborenen, wie bemerkt, schon vor dem Jahre 1784 ein ungesetzlicher Rechtstitel des Besitzes. Gleichzeitig finde ich weiter, daß weder der Major noch seine Erben das Landlos schuldenfrei besessen, wie ich aus vorliegender Reihe von legalisierten Vidimierungen nach älteren Grund- und Hypothekenbüchern in Connecticut darzutun in der Lage bin. Einige dieser Insätze habe ich bereits auch käuflich an mich gebracht, über die Ablösung anderer stehe ich noch in Unterhandlung. Bei näherer Untersuchung begegnete mir ferner ein gleichfalls zu beachtender Rechtstitel, welcher auf einer der beiden Sektionen des Landloses aus früheren Zeiten haftet. Nach dem alten pennsylvanischen common law erwarb es nämlich Rechtstitel auf ein Land, wenn ein Ansiedler drei Nächte nacheinander sein Herdfeuer darauf angezündet. Mr. Chauncez Gulbert in Pittsburg vermag nun, wie ich in diesen Papieren vorlege, den Nachweis zu führen, daß ihm unter jenem Titel des jus primae occupationis für die Sektion Numero fünf von John Stuterings Landlos schon aus dem Jahre 1778 zusteht. Ich habe dem Mr. Chauncez Gulbert diesen Anspruch gleich den übrigen abgekauft; hier ist die Urkunde darüber. In einer ganz besonders verwickelten Rechtslage befindet sich aber die Sektion sechs des besprochenen Grundstückes. Ich werde aus diesem Faszikel von Kontrakten, Zessionen, Pfandbriefen, vidimierten Kodizillen –
      Nicht nötig, Mister – unterbrach Moorfeld – ich zweifle 
       nicht, daß halb Amerika John Stuterings Los besitzt und daß Sie das alles abgelöst. Aber ich bin nicht gekommen, um mir eine Indigestion an Advokatenkünsten zu holen, deren Vorkost nicht besonders gewählt und glücklich ist, wenn der Effekt nicht in der Steigerung der Gänge liegen sollte. Genug, daß ich Ihre Absicht erkenne, mich durch ein shingled over, wie sie's nennen, zu dekontenancieren, und daß ich den geringsten Begriff fassen darf von dem Publikum, in dessen Schule Ihre Erfindungsgabe im ganzen genommen so herzlich roh geblieben ist, – ich sag' es mit aller Anerkennung Ihres sonstig guten Willens. Nicht mit Ihnen habe ich es zu tun. Ich fahre fort, Sie als Partei, unter aller Schätzung zu betrachten. Ich frage Sie vielmehr, mein Herr, – wandte sich Moorfeld an den Friedensrichter – ob Sie als Ortspolizei verpflichtet sind, mir jetzt mein Haus aufzuschließen, und als Untergericht meine Klage gegen diesen Verbrecher zur geeigneten Weiterbeförderung entgegenzunehmen?
      Das letztere ohne Zweifel, antwortete Mr. Cartwright nach einer Pause, aber eine eigenmächtige Restition, wie Sie von mir fordern, Sir – er vertauschte doch nachgerade das Mister mit Sir, – ich könnte nicht sagen, – ich weiß nicht, Sir – die Sache hat eben den Prozeßweg zu gehen.
      Das versteht sich von selbst; nur daß ich nicht gesonnen bin, den Prozeß unter freiem Himmel abzuwarten.
      Der Friedensrichter zuckte die Achseln.
      Moorfeld warf einen erstaunten Blick auf Mr. Gull. Aber auch dieser Beamte sah ernster, als es Moorfeld begreifen konnte.
      Sie nehmen die Sache in der Tat leichter – erlauben Sie die Bemerkung – als sie uns andern erscheinen will.
      Mein Herr! rief Moorfeld groß, soll ich denn zweifeln müssen, daß in diesem Lande die Anfänge und Ausgangspunkte aller menschlichen Gesittung fehlen? Hier mein Kaufbrief, dort Ihr Grundbuch – Sie erkennen mich als 
       Eigentümer und mein Eigentum soll mir verschlossen bleiben?
      Ach, mein Herr, ein Kaufbrief hat hierlandes weniger zu bedeuten als irgendwo zwischen den Polen. Und Sie sehen wohl, was Mr. Wogan Ihnen an Rechtstiteln entgegensetzt. A dirty Job! in Wahrheit; aber ist nur ein Zehntel davon »gesund« – es tut mir wirklich leid, Sir! aber ich weiß nicht, was dann das Schicksal Ihres Eigentums sein wird. Sie hätten wahrscheinlich auf eigenes Risiko gekauft.
      Von einer 
      Behörde?
      Von einer Behörde, Sir. Was kümmern sich unsre Behörden um Rechtstiteln? Sie überliefern, wie sie überkommen. Bei uns gilt der Grundsatz: Caveat emtor! 
      Käufer, nimm dich in acht!
      Moorfeld stand erstarrt. In Wogans Zügen verkroch sich ein tückisches Hohnlachen. Nach einer Pause kurzer Überlegung sagte Moorfeld: Wohl! Das hat auf den 
      Ausgang dieses Prozesses Bezug. Ich mag's erwarten. Und eine Stimme sagt mir, daß auch nicht das Zehntel von jenem dirty Job gesund ist. Kaum werde ich einen 
      Livingstone auffordern dürfen, die Truggewebe eines 
      Wogan zu zerreißen. Aber–
      Bei dem Namen: Livingstone blickte Wogan überrascht und erblaßte. Er murmelte etwas von einem »billigen Vergleiche«, zu dem er sich bereit finden lasse.
      Aber – fuhr Moorfeld fort, ohne ihn eines Blicks zu würdigen – unter allen Umständen kehrt meine Forderung zurück, mir mein Haus aufzuschließen. Wenn ich's erlebe, daß ein amerikanisches Gericht den Raub nachträglich heiligt, so soll mich das Urteil einer Mehrheit von Flibustiern so gehorsam finden wie jede Mehrheit. Das Gut sei sein. Jetzt, wo es noch nicht sein ist, ersuche ich Sie indes, diese Szene zu enden. Handeln Sie Ihres Amts. Ich wünsche, unter der Autorität Ihres Gerichts nach Hause zu kehren.
      
       Mr. Gull antwortete in einem sanften, aber bestimmten Tone: In Wahrheit, Sir, auch das macht sich nicht, wie Sie denken. Ihr Gegner sitzt 
      in dem Hause, Sie stehen 
      außer dem Hause. Das ist der faktische Tatbestand hier. Und bis zu einem Urteilsspruch, der diesen Tatbestand ändert, dürfte kein Sheriff in Amerika die Verantwortung auf sich laden, ihn einseitig aufzuheben. Mr. Wogan präsentiert sich uns im Besitze, der Besitz aber ist prima facie ein Beweis des Rechts.
      Moorfeld war sprachlos. Er hatte gehört, aber das Wort irrte unverstanden am äußeren Ohre umher: es vermischte sich nicht sinnvoll mit der Besinnung. Beamte dieser Republik, rief er aus, versteh' ich Sie recht? Ein Räuber bricht nachts in mein Haus, und morgens stellt Ihr Amerikas Themis als Schutzwache an 
      sein Haus?
      Und die Beamten der Republik sahen ernst und bejahten.
      Der Mensch ist noch ungeboren, den der Anblick des 
      Gesetzes nicht überwältigte. Dem Unnatürlichsten ist es natürlich, dem Ehrfurchtslosesten eine Majestät und selbst dem Gottesleugner ein Gott. – Betäubt verließ Moorfeld das Haus. Über all seinen Seelenqualen war es ihm möglich geblieben, mit Ruhe und Würde dieser Stunde zu stehen; – jetzt brach er zusammen. Mit dem Rest seiner Besinnung eilte er hinweg, seine Besinnungslosigkeit zu verbergen.
      *
      Dies war das Ende von Moorfelds Aufenthalt in Ohio. Noch verweilte er, die Recherchen über Adin Ballan abzuwarten, der zwar in Whelling gefunden wurde, aber in dem elendesten Zustande. Für die arme Annette warf er eine Rente aus, um die Benutzung einer öffentlichen Heilanstalt für immer entbehrlich zu machen. Zuletzt erwirkte er gegen Wogan ein vorläufiges writ de ne exeas, wodurch er diese 
       Beute seines gerechten Zornes – nach einem annäherungsweisen Begriffe – unter 
      polizeiliche Aufsicht stellte und sich der Haftung für dessen Person versicherte. Dann eilte er nach New York, lechzend, der mißhandelten Gerechtigkeit einen Ritter des Rechts aufzurufen. 
      
    



      Drittes Buch
      Erstes Kapitel
      Von der Landseite des Philadelphia-Bahnhofs bietet New York keine Avenüe wie von der Seeseite seines Hafens. Von New-Lisbon zurück bot sie auch keine wie von Europa heran! Im Äußern und Innern verglich Moorfeld seine zweite Ankunft mit seiner ersten, und – der Vergleich war traurig genug.
      Desungeachtet konnte er sich eines gewissen Heimatsgefühls nicht erwehren, wenigstens im ersten Augenblicke nicht. Diese Straßen – diese Kirchtürme, – dieses Menschengewühl – um wieviel näher stand es dem Europäer als die blöde, glotzende Einsamkeit und Barbarei des Urwaldes! Schon das Wehen der Seeluft, die Nähe des Ozeans, – wie lockend! wie beflügelnd! Ist das Meer nicht der Nachbar aller Menschen, die Pforte aller Länder? Diese Welle hat den Dom von Rouen zurückgespiegelt, dort liegen die Länder Homers, Shakespeares, Petrarcas! Und ein Stück Leinwand trägt hinüber leichter als vogelleicht, denn selbst die Möwe ruht aus auf ihr! Wahrlich, jede Seestadt ist die Heimat jedes Menschen!
      Leise und angenehm spielen diese Empfindungen in Moorfelds Seele: sie sind ihr ahnungsreicher Hintergrund, indes die strengen Sorgen des Tages in den vordersten Reihen einherdröhnen. Es war bei einbrechender Abenddämmerung, als er mit dem Philadelphia-Bahnzug in New York ankam. Er stieg in dem nächsten Boardinghouse am Bahnhofe ab und eilte sogleich, Benthal zu sehen. Zwar erlaubte ihm die späte Tageszeit nicht mehr, bei Frau v. Milden vorzusprechen, doch erinnerte sich Moorfeld an Kleindeutschland. Die vorgerückte Stunde, sonst zu jedem 
       Besuch unpassend, eignete sich eben zu diesem. Dort konnte er den einzigen Versuch, Benthal zu finden, noch heute machen. Das tat er. Glücklicherweise fand er in seinem Notizbuch die Adresse jenes abgelegenen Stadtwinkels vor, wohin er sich sonst wohl schwerlich zurechtgefunden hätte. So warf er sich in die nächste Mietkutsche und flog dahin.
      Das Gasthaus zum grünen Baum stand jetzt in einer Straße, das vor drei Monaten fast noch auf freiem Felde gestanden. Im Innern aber war es so ziemlich beim alten geblieben. Herr Häberle, »der deutsche Kaiser«, war noch immer ein rundes Bild von leiblichem Gedeihen bei geistigen Vakanzen; Vronele, sein flinkes Töchterlein, oder vielmehr seine Vormünderin, führte noch immer schnippisch und gutmütig das Reichsregiment nach stabilen Satzungen und Maximen, die anwesenden Gäste waren noch immer deutsche Zungen und deutsche Gesichter, welche behaglich bei ihrem Schoppen 
      saßen, nicht wie der hastige Yankee stehend an der Bar tranken, und so meinte Moorfeld, die Person des Rector magnificus könne gar nicht fehlen, wie ihn um und um alles so hübsch gewohnheitstreu anheimelte. Erblicken aber konnte er sie noch nicht.
      Überhaupt bemerkte Moorfeld bei einiger Aufmerksamkeit doch mehr Veränderung in der Physiognomie der Trinkstube, als es auf den ersten Blick scheinen mochte. Das Lokal war besuchter, was er teils der späteren Jahreszeit, teils dem vermehrten Anbau zuschrieb. Das Publikum selbst war gemischter: die Gäste schienen nicht mehr ausschließlich der einen Klasse von arbeitsuchenden Handwerkern anzugehören, noch verriet ihr Beisammensein jenes familienhafte Gemeingefühl, jene Brüderlichkeit des Bedrängnisses, was dem Hause damals ein so eigentümliches Gepräge verliehen. Moorfeld erblickte zufriedene Gesichter, welche offenbar mit ihrer Subsistenz im Reinen waren, dann wieder verdutzte, rekrutenhafte, welche vielleicht Auswanderern angehörten, die erst während seiner 
       Abwesenheit angekommen. Daß er selbst von dem schwäbischen Wirt und seiner Tochter nicht wiedererkannt wurde, brauchen wir kaum hinzuzufügen.
      Indem Moorfeld sich letzteren näherte, um über die Person, die er suchte, Nachfrage zu tun, hielt er plötzlich inne. Es schlug ihm wie eine wohlbekannte Stimme ans Ohr – er brauchte sich nicht lange zu besinnen, – es war die hohle Baßstimme Herrn Hennings, des Schriftsetzers. Sie kam aus dem sogenannten »Extrazimmer«. Dahin schienen sich die Intimen des alten Kleindeutschland für diesmal zurückgezogen zu haben.
      Herr Henning sprach lebhaft, mit Feuer. Auch sein Äußeres umspielte ein gewisser Glanz, es lag wie ein erhöhter Moment, wie ein Goldstaub von »guten Tagen« auf ihm. Er war sorgfältig rasiert, sein Stirnhaar genial in die Höhe geworfen, seine Backen von einer leichten Röte angehaucht, und ein feiner, blütenweißer Hemdkragen, der in Erinnerung seiner schweren Kämpfe mit der Waschfrau wie eine wahre Siegesflagge prangte, lag breit über einem, wie es schien, seidenen Halstuche. Er war in einer aufgeweckten angenehm-nervösen Stimmung, ganz herausgetreten aus dem phlegmatisch-schlotterigen Charakter früherer Tage. Bald hätte Moorfeld an eine wirkliche Glückswendung bei diesem Anblicke geglaubt, wenn nicht die jugendlich-strahlende, fast kokette Laune des Schriftsetzers im Grunde ebensoviel schalkhafte Selbstironie durchzog, als früher seine scheinbare Abspannung und Todesahnung der phthisis pulmonalis. Auch sprach er laut genug, daß Moorfeld durch die dünne Glaswand jedes seiner Worte vernehmen konnte, und diese ließen allerdings keinen Zweifel über seine Glücksumstände zu, denn eben sie waren das Thema seiner Unterhaltung.
      Ich bin Vorstand eines Vereins zur Verbreitung guter und nützlicher Volksschriften – rühmte Herr Henning von sich; – der Verein liegt freilich noch in der Wiege, wenn sich 
       anders behaupten läßt, daß ich, der lange Henning, ein Wiegenkind sei; denn die Wahrheit zu gestehen: ich selbst bin das einzige Mitglied meines Vereins. Das schadet aber nichts. Mein Verein wirkt nichtsdestoweniger segensreich, das heißt segensreich für mich, und das ist doch wohl die unerläßlichste Probe jedes gemeinnützigen Unternehmens. Hört mich an. Seit wir uns das letztemal nicht gesehen, haben einige von meinen sieben magern Kühen ihr Embonpoint wesentlich verbessert. Ich habe eine Fütterungsmethode erfunden, – doch nein! nicht ich; der Zufall, der Vater aller merkwürdigen Entdeckungen, hat's getan. Man muß sich auch nicht mehr Vaterschaften, als nötig, zuschreiben. Nachdem Frau Appendage mit mir umgegangen war, wie ihr es wißt, – Gott, es ist kein Gemüt unter diesen Amerikanern! – beschloß ich, meine Kundschaft den Deutschen zuzuwenden. Dieser patriotische Zug belohnte sich. Zwar war auch meine neue Leibwäscherin, Frau Scheuderlein, so herzlos, mir Geld abzufordern – diese Gier nach dem Mammon liegt überhaupt schon in der Luft, wie es hier scheint; aber – die Sache aberte sich doch. Ich hatte, als sie mir die erste Wäsche brachte, just eine Anweisung auf zweitausend Dollars an die Gebrüder Sweet u. Comp. in der Wall-Street einzukassieren, was sich freilich nicht so leicht machte, denn ich lag gleichzeitig an einem verstauchten Fuß darnieder, den ich mir tags zuvor bei dem berühmten Longisland-Wettrennen geholt, indem ich einen schrecklichen Sturz vom Pferde mit angesehen. Die Verrenkung schmerzte außerordentlich, ich konnte das Bein nicht rühren, es ging mir erbärmlich.
      Natürlich ließ sich das Inkasso eines so bedeutenden Schecks wie meine zweitausend Dollar keiner fremden Hand anvertrauen, und doch forderte Frau Scheuderlein ihr Geld, just wie es Frau Appendage auch getan – es war, als ob sich die zwei Weiber verabredet hätten. Mißmutig über diese Entartung der deutschen Rasse warf ich ihr ein 
       Buch an den Kopf: sie sollte damit auf den Bowery gehen zu Heiman Levi, der kaufe antiquarische Bücher. Ich gestehe gern: ich dachte nichts bei diesem Puff, – nichts, als nur eben sie los zu werden. Aber nun lernt den Fond des deutschen Charakters kennen. Nach einer Stunde kommt Frau Scheuderlein zurück: sie hätte auf dem ganzen Bowery keinen Heiman Levi gefunden, sie hätte aber in das Buch »a bisle ingeguckt«, und es wäre eine schöne Geschichte. Da hört ihr's! Ein schlichtes Weib aus dem Volke, die verschämte, aber reinliche Armut – Kennerin der deutschen Literatur! empfängliches Gemüt für die ästhetischen Schönheiten unserer Geistesblüten! Ich wäre ein Barbar gewesen, hätte mich dieser Moment nicht erleuchtet. Jetzt erkannt' ich meine Mission. Hier mußte was geschehen. So viel gesunde und tüchtige Elemente unseres Volkslebens sollten nicht in Zersplitterung und geistiger Nahrungslosigkeit untergehen. Ich gründete meinen Verein zur Verbreitung guter und nützlicher Volksschriften. Ich besaß noch die deutsche »Männerbibliothek« mit Claurens sämtlichen Werken, Schlenkerts historische Romane, zwölf Teile vom Pantheon, zwei Jahrgänge Mitternachtsblatt für gebildete Stände, zwei Jahrgänge vom Gesellschafter, Fouqués Zauberring, Philippine von Geldern, die Grafen von Hohenberg, Casanovas Memoiren und hatte überhaupt eine ganze Kiste mit Büchern mit nach Amerika gebracht, sowohl aus angeborenem Interesse für die schöne Literatur als auch um, in Ermangelung anderer Fahrnisse, meinem Schiffsreeder das kontraktliche Passagier-Freigut nicht zu schenken. Diese Schätze machte ich jetzt flüssig. Ich ernannte meine Kiste zur Volksbibliothek und mich selbst zum Vorstand eines Vereins, der sich die patriotische Aufgabe setzte, jene ehrwürdigen Denkmäler des deutschen Geistes der weitesten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein schwieriges Amt! ein aufopferungsvoller Beruf! Als ein Mann, der im letzten Stadium der Phthisis pulmonalis begriffen ist, 
       schleppe ich, soweit die deutsche Zunge reicht, in New York und Brooklyn jetzt meine Bücher herum; keine Mansarde ist mir zu steil, keine Kellertreppe zu abschüssig, Herr Henning, der Büchermann, verbreitet Aufklärung. So treib' ich es jetzt. Schwer lastet der Volksdienst auf seinen Auserwählten, aber Deutschland ist dankbar, und meine Kiste ist tief, – ich sehe einer sorgenfreien Zukunft entgegen. Ich werde heiraten. –
      Unser Bruder Henning, der soll leben! erscholl es im Chorus, – die Stimme des pfälzischen Schreiners gab den Grundton dazu an.
      Merci! bedankte sich der Schriftsetzer mit geschmeichelter Eitelkeit und lächelte liebenswürdig nach allen Seiten. Aber, fuhr er fort, nun 
      gebt mir auch zu leben! Ihr seid mir Kerls! Ihr hört von meiner Leihbibliothek und abonniert nicht. Für euch besonders hätt' ich rare Sachen. Da sind z.B. Thümmels Reisen in das mittägige Frankreich – die acht Bände liegen mir schwer am Herzen! Das ist Kaviar fürs Volk. Der Plebs will nur spannende Handlung, Entführungen und Mordtaten, und der Thümmel ist ihnen viel zu geistreich. Das wäre ein Dessert für meine engeren Freunde. Ein Cent per Tag, ohne Einsatz, der Band mit Titelkupfer, – und welche Kupfer! Das Aushängeschild der holländischen Wirtin –
      In diesem Augenblick servierte Vronele einige Gläser Bier im Extrazimmer. Als sie den Rücken wandte, sah ihr der Schriftsetzer kennerisch nach und brummte mit einem bedeutsam spannenden Kopfnicken: das wäre kein übles Aushängschild der holländischen Wirtin! Seine Stimme ging hierauf in ein gedämpftes Flüstern über, die Köpfe rückten zusammen um ihn, und alles verriet, daß er das bekannte Mysterium von dem physiognomischen Quiproquo der holländischen Wirtin zum besten gab. Ein wieherndes Gelächter folgte hierauf.
      Das war denn Kleindeutschland, wie es leibte und lebte! 
       Die alte Not – die alte Gemütlichkeit – Moorfeld ließ sich an dieser Skizze genügen und verlor keine Zeit mit ihr. Ihm handelte es sich um das Haupt dieser Glieder. Mit klopfendem Herzen fragte er jetzt, ob Herr Benthal heute noch zu erwarten, eine bangere Eventualität in dieser Frage umgehend. Herr Häberle, der Wirt, ließ seine Finger in seinem breiten Schwarzwälder Hosenträger spielen und besann sich auf den Namen. Der Rector magnificus? antwortete er nach einer langen geistigen Operation; hierauf rief er sein Töchterchen herbei, damit sie ihn im Reden substituiere. Vronele gab mit einem geläufigen Zünglein den Bescheid, der Rector magnificus sei schon lange nicht mehr dagewesen, die Abende wären überhaupt nicht regelmäßig gehalten worden, es hätte diesen Sommer gar zu arg das Fieber gewirtschaftet; ganze Häuser seien ausgestorben, ganze Bezirke abgesperrt gewesen, die »Hohen« hätten zwar lange Plakate anschlagen lassen, daß die Krankheit nicht ansteckend sei, aber die Leute hätten sie wieder herabgerissen, und alles sei auseinandergegangen, nirgends gab's Gesellschaft. In Fife Point, wo die »Jauner« hausten, stürben noch jetzt Leute, und die Doktoren hätten gesagt, bis nicht der erste Frost käme, würde es wohl gehen, wie im Jahre neunzehn und einundzwanzig. Sie, Gott sei Dank, wären gesund geblieben, und die Leute seien rechte Narren, die sich nicht zu essen und trinken getrauten und den grünen Baum leer stehen ließen. Dazu lächelte das frische Schwabenmädchen so naiv-kokett aus ihren schelmischen Rosengrübchen, daß sich die Torheit, den grünen Baum zu meiden, wohl einsehen ließ. Herr Häberle aber stand hinter dem Zahltisch und hörte mit schmunzelnder Bewunderung dem Konzept seines Töchterchens zu.
      Diese Auskünfte klangen nichts weniger als beruhigend. Und weiter war nichts zu erhalten. Denn der Rector magnificus, hieß es, lasse nicht viel von sich wissen; wenn er komme, so sei er eben da, sein Logis hingegen sei ein 
       Geheimnis, niemand könne ihn besuchen, wahrscheinlich wolle er »den Schwärm« nicht nach sich ziehen. Der Herr sei gar kurz und proper mit den Leuten.
      Indes das Mädchen noch redete, tat sich die Türe auf, und Moorfeld, der sie fortwährend im Auge behalten, glaubte schon an der Art, wie sie in der Angel geschwungen wurde, etwas erwarten zu dürfen. Allerdings war's eine ungewöhnliche Erscheinung, die da eintrat, aber Benthal war's nicht. Es waren drei bis vier junge Amerikaner von auffallendem Äußern, Bursche jenes eleganteren Rowdy- und Loafer-Schlags, wie sie Moorfeld als Dandies on short allowance etwa auf Bennets Rout gesehen. Die Schwengel traten mit einer unerträglichen Parodie des Anstandes in die überraschte Gaststube, warfen stolz und wichtig ihre Augen umher und schritten, indem sie sich im Gehen gegeneinander verweilten, im nachlässigen Promenierschritt nach dem Schenktisch hinab. Der deutsche Kaiser erblaßte bei ihrem Anblicke und murmelte zitternd: Gott, da sind sie schon wieder! Die anwesenden Gäste wendeten sämtlich ihre Köpfe nach ihnen.
      Aus dem Zötus trat ein Sprecher vor, ein Mensch, der unmittelbar die Lust erregte, ihn zu ohrfeigen. Es war ein Bürschchen mit einem merkwürdig mädchenhaften Gesichte, wenn anders ein schmales, knöchernes Köpfchen, von zerbrechlicher, nicht zarter Form und einem Ausdruck von Fadheit, der auf die Speicheldrüsen wirkte, mädchenhaft genannt werden dürfte. Er knickte auf ein paar Beinchen einher, die eher gemacht schienen, eine Strickmasche aufzufassen, als einen menschlichen Leib zu tragen; bei seinem Anblicke mußte sich jedermann sagen, dieses Insekt würde, allein, vor einem Hasen davonlaufen. Hier aber spreizte er sich in dem feigen Bewußtsein einer Genossenschaft, welche ihrerseits wieder mit einem Ausdruck von Hochachtung auf ihn blickte, wie sie etwa einem Muttersöhnchen zuteil wird, das im sechzehnten Jahre eine halbe 
       Million durchgebracht, und vielleicht Mittel, wenn auch nicht Nerven genug hat, noch eine zweite durchzubringen.
      Der deutsche Kaiser zupfte Moorfeld am Rockärmel und flüsterte flehentlich: Bleiben Sie hier! bleiben Sie hier! Verwundert fragte Moorfeld: Haben Sie zu fürchten von diesen Laffen? und ist doch die halbe Stube voll Leute? – Ach Gott, Sie tragen einen Schnurrbart, – haben so schwarze grimmige Augen, – Sie sind ganz ein anderer Mensch! stotterte der Kaiser in Seelenangst. Die Loafers waren inzwischen dicht an den Schenktisch getreten, und jenes Knabengesicht, das sich als Sprecher gerierte, hatte sein fahles Köpfchen auf dem langen spindeldürren Hals bereits in die Höhe geworfen und mit allen Zügen einer unwiderstehlichen Frechheit bereits den Mund geöffnet, als sein Blick auf Moorfeld fiel. Er stutzte, maß den Fremdling mißtrauisch von oben bis unten und blickte zweifelhaft auf seine Kameraden zurück. Dann wendete er sich an den Wirt, indem seine ganze Haltung verriet, daß er sein mitgebrachtes Konzept einigermaßen abänderte, und fragte mit einem dünnen Stimmchen, das aus aristokratischer Affektation äußerst leidenschaftslos klang: Haben Sie sich entschlossen, die Order der Kompagnie zu erfüllen? – Nein! rief Vronele statt ihres Vaters und stampfte trotzig mit dem Fuße. Der Bube warf seine ausgelöschten Augen auf das wackere Schwabenmädchen und gab sich offenbar die ohnmächtige Mühe, eine Begierde zu empfinden. Es ist gut, sagte er sanft, wir werden ein Glas Mintjuleb nehmen. Die Loafers schwenkten hierauf von der Schenkbude ab, wobei sie Mann für Mann ihre verdächtigen Blicke auf Moorfeld wiederholten, dann setzten sie sich still an einen Tisch. Bleiben Sie hier! bat der deutsche Kaiser noch einmal.
      Moorfeld begriff von alledem nichts. Mechanisch nahm er den Loafers gegenüber Platz, welche fortfuhren, ihn zu fixieren. Er saß auf Nadeln. Seine Gedanken waren bei Benthal. Was er gehört oder nicht gehört, erfüllte ihn mit 
       einem dumpfen, unbestimmten Kummer. Die Brust war ihm zum Zerspringen voll von Unglücksgedanken. Die Loafers zischelten indes beratend hin und her, während sie mit ihren Schnitzmessern eifrig die Stühle unter sich bearbeiteten. Einmal hörte sie Moorfeld im schlechten Französisch sagen: Der Gaul sieht verflucht widermäulig, und was die Hauptsache ist, so ein Kerl wird einer ganzen Schafherde zum Anführer – wobei sie verächtlich auf die friedsamen Deutschen um sich wiesen. Hierauf zog einer von ihnen seinen Revolver und fing behutsam damit zu spielen an, indem er verstohlen, aber scharf nach Moorfeld hinüberschielte. Moorfeld zog ein paar Sackpistolen – schon längst seine ständigen Begleiter in Amerika – und begehrte von des Wirtes Vronele ein ledernes Läppchen, um sie zu putzen. Er beschäftigte sich anscheinend sehr harmlos damit. Die Loafers blickten einander an, nickten sich zu, dann standen sie auf und gingen sittsam zur Tür hinaus.
      Der deutsche Kaiser fühlte sich sehr glücklich über die abgewendete Gefahr. Er liebkoste Moorfelds Pistolen fast wie lebendige Wesen. Vronele dagegen erzählte ihm: Diese »Herrenbuben« seien nun schon zum drittenmal da, und es wäre schändlich! Das hätte sie in Deutschland wissen sollen! Vorige Woche wäre die Geschichte passiert, da ging ein Mädchen, dem man von eheher eine üble Aufführung nachredet, über den Bowery. Einer ihrer vorigen Bekannten begegnete ihr und wurde dreist. Das Mädchen aber war längst wieder auf guten Wegen, hatte ein ehrliches Verhältnis mit einem deutschen Maurer, der sie heiraten wollte, dann sollt's nach Cincinnati gehen, weit weg von New York, wo auch gute Arbeit auf die Maurerei ist. Das Mädchen erwehrte sich darum ihres Verfolgers, und da alles nichts helfen wollte, flüchtete sie in einen deutschen Bierkeller auf den Bowery. Der Strolch verfolgte sie auch in den Keller, bekam Streit mit den Deutschen und erstach einen. Das sei aber noch nicht alles. Jetzt komm's erst. Die Amerikaner – 
       man könnte sich's nicht einbilden! – schrien Zeter über den deutschen Wirt, weil er die 
      Frechheit gehabt, den Mörder verhaften zu lassen! Und da wäre ein Gesindel beisammen, es nenne sich Feuerlöschkompagnie, und der Mörder sei ihr sauberer Hauptmann. Diese Kompagnie habe es durch spitzbübische Advokaten dahin gebracht, daß derselbige Hauptmann auf Kaution wieder herauskommen könnte. Sie hätten Geld genug, die nichtsnutzigen Buben, aber zu Schimpf und Schand unsers Volks wollten sie die Kaution von den deutschen Wirten zusammenbringen. Die sollten Buße tun. Sie strichen jetzt durch ganz New York und legten jedem Wirt eine Steuer auf. Der Vater sollte zehn Dollars zahlen. Aber sie wolle Fußschläge haben, wenn er nur einen Cent gebe. Sie dulde den Unfug nicht. Sie gebe nichts.
      Die anwesenden Gäste waren mehr oder weniger vertraut mit dieser Tagsbegebenheit und tauschten ihrerseits das, was sie von neueren Gerüchten und Stadtgesprächen darüber wußten. Das Gastzimmer geriet in eine lebhafte Unterhaltung. Moorfeld verzichtete unter diesen Umständen darauf, das Gespräch auf Benthal noch einmal zurückzuführen. Es ließ sich noch manche Wendung erdenken, um aus einem Examen der Umstände zufällig oder schlußweise an ein festeres Wissen zu gelangen, aber er fühlte wohl, wie diese Rowdiegeschichte die Berechtigung einer ganzen Aufmerksamkeit für Kleindeutschland hatte, wenn sie gleich nach seinen eigenen Erlebnissen und vor seinen gegenwärtigen Sorgen nur ein dumpfes Echo in ihm haben konnte.
      Erst zu Hause trat ihm der Fall von einer eigentümlichen Seite wieder näher. Indem er sich von einer vorgefundenen Nummer des »Sun« einen Anzünder riß, um möglicherweise in einer kräftigen Pfeife Unruhe und Ungeduld zu narkotisieren, blieb sein Auge an einer jener Phrasen heften, welche oft unwillkürlich zum Weiterlesen einladen. Er las. Der Artikel behandelte eben jenes Ereignis. Er tat es zunächst 
       in polemischer Form gegen den »New Yorker Herald«, denn auch dieses »Akzident« war in die Sphäre des politischen Parteitreibens gezogen, wie überhaupt alles in diesem Lande. Im weiteren Verlaufe dieses Artikels hieß es nun: Was man bei dieser Gelegenheit über den Charakter des Mädchens und ihres deutschen Bräutigams angemerkt hat, möchten wir nicht gern als das Urteil der öffentlichen Meinung hingestellt wissen. Der Ausdruck, »daß nur ein Deutscher gut genug sein könne, die Abfälle amerikanischer Prostitution vom Boden aufzulesen«, hat uns schmerzlich überrascht. Wenn wir unsern ehrenwerten Kollegen im jenseitigen Lager nicht geradezu der absichtlichen Verleumdung zeihen wollen, so können wir ihn doch von einer befremdlichen Unkenntnis in der Völker- und Sittenkunde nicht freisprechen. Weiß der »New Yorker Herald« nicht, daß die Deutschen über Prostitution ein für alle Male anders denken als wir, ja daß einige ihrer verehrtesten Dichter sie kurzweg idealisiert haben? Wir gestehen gern, daß wir diesen Nationalzug der Deutschen nicht begreifen, aber wir trauen uns nicht den Erweis zu führen, daß die Deutschen deswegen unsittlicher seien als wir. Zahlen hindern uns daran. Wir haben Tabellen der deutschen und amerikanischen Lasterstatistik vor uns, und – erkläre es wer will! – die deutschen Sitten sind besser als die deutschen Grundsätze. Lassen wir übrigens die Deutschen. Sprechen wir von der traurigen Ursache dieses Skandals, von unserer unglücklichen Mitbürgerin. Wahrlich es ist sehr gentlemanlike, eine Schande, die wir nicht entschuldigen zu können glauben, mit der Etikette: »Abfall amerikanischer Prostitution« geschwind in ein fremdes Nationaleigentum zu verwandeln! Ei, behalten wir sie doch, aber wenden wir unser bißchen Witz daran, sie immer noch zu entschuldigen! Mißlingt der Versuch, so war er mindestens christlich, denn das Neue Testament will den Tod des Sünders nicht. Man wird uns hier nicht vorwerfen, daß wir Dinge ans Licht ziehen, denen 
       das Dunkel wohltätiger wäre. Die Sache hat eine Publizität erlangt, bei welcher es geradezu lächerlich ist, das Blindekuhspiel halber Worte, mystischer Phrasen und zimperlicher Unwissenheit zu spielen. Leider, wir haben die schmerzliche Freiheit alles zu sagen, denn alles ist bekannt. Nun! Ein Mädchen aus einer der ersten Familien, ein Ideal von Schönheit, ein Muster von Sittsamkeit, ein Inbegriff aller weiblichen Tugenden, verschwindet plötzlich aus dem väterlichen Hause und – affiliiert sich einem Nymphenchor der dritten Avenue. Nemo repente turpissismus! Was ist das Mittelglied zwischen zwei so unermeßlichen Extremitäten? Ein abonnierter Kirchenstuhl! Der Prediger ihres Kirchspiels ist ein sogenannter Damenprediger, einer jener geistlichen Glücksritter, welche den Fuhrmannsgrundsatz im Munde führen, wer die Vorderräder eines Wagens in Bewegung setzt, dem folgen die Hinterräder von selbst, d. h., welche sich in ihrer Gemeinde dadurch festsetzen, daß sie auf die weiblichen Mitglieder derselben spekulieren. Diese Damenprediger sind das Unzüchtigste, was die Welt kennt. Sie malen den christlichen Himmel in einem Stile, wogegen Mohammeds Paradies zum Nonnenkloster wird; sie halten sich in unsrer ehrwürdigen Bibel zumeist an gewissen Stellen auf wie Wildschweine an Sümpfen und Morästen; sie lesen aus ihrem schwarzsamtnen Buche mit silbernem Kreuzbeschlag Romane heraus und Romane hinein, die einen Faublas schamrot machen könnten. Ihre Art, die Gemeinde zu »kammstreicheln«, gleicht einer bekannten Art von Forellenfischfang. Die sport-men verstehen uns. Wie also? Wenn ein rasches, lebhaftes Mädchen, bis in Blut gepeitscht von den Stacheln einer Rhetorik, welche an der Grenzlinie des Polizeikodex gerade noch vorbeilaviert, aber die zarten Grenzen der Phantasie aufs wildeste durcheinanderwirrt, wenn die Verführte solcher Sonntagserbauungen, sagen wir, unaufhaltsam den lockenden Bildern ihrer Phantasie zuflattert und zu Asche brennt: dann stehen wir pharisäisch 
       vor der Schnuppe und rufen: Warum 
      hast du diese Phantasie! Seit wann sind wir Idealisten? Seit wann nehmen wir die Menschen nicht wie sie sind, sondern wie sie sein sollen? Daß ein Mädchen Phantasie hat, können wir nicht ändern; daß ein Prediger aber den Schwerpunkt seiner Existenz in diese Phantasie lege, das können wir sicherlich ändern. Man besolde die Prediger von Staats wegen, anstatt sie auf Freiwilligkeit der Gemeinde anzuweisen, und Faune werden sich wieder in christliche Kanzelredner verwandeln. Kurz, man überzeuge sich endlich von der Fehlerhaftigkeit des Volontary-Systems, das wir stets ebenso eifrig bekämpft haben, als es unser politischer Gegner befürwortete. Das, wenn wir moralisieren wollen, ist die einzige gesunde Moral, die wir als praktische Amerikaner aus diesem Ärgernis ziehen können. Doch, es ist hier noch von andern Ärgernissen die Rede. Die Verirrte z.B. kehrt aus den Armen des Lasters zurück und bekennt jetzt, zum Entsetzen der Welt, nicht das Laster selbst habe sie zum Rückschritt getrieben, sondern das habe sie mit Schauder und Ekel, ja mit zerrüttender Verzweiflung erfüllt, daß die gefeiertsten Tugendspiegel New Yorks in hellen Haufen die Besucher ihres Hauses gewesen! Das ist freilich ungalant von einer Dame, welche die Galanterie zu ihrer Spezialität gemacht. Desungeachtet finden wir den gellenden Aufschrei über die Denunziation sehr bedenklich. Wer nicht direkt unter ihr zu leiden hat – und das Redaktionsbureau des »New Yorker Herald« hat's hoffentlich nicht – der lege seinen Stein getrost wieder hin. Daß eine entdeckte Schande zur Hölle der allgemeinen Verachtung nicht anders fahren will, als eine Welt von Mitsündern nach sich ziehend, ist zwar tragisch, aber berechtigt. Weiter erhebt sich gegen diese Miß B** der Vorwurf, daß sie nach ihrer Bekehrung sich an einem entgegengesetzten Ende unserer großen Reichsstadt unter fremden Namen in ein achtbares Haus als Magd eingeschlichen und dadurch die Heiligkeit 
       eines reinen Familienlebens »gemeuchelmordet«. Wer ist noch sicher, heißt es, sein Tischgebet ohne Frevel zu beten, wenn die Prostitution ihm serviert hat? Wir gestehen, diese Vorstellung hat etwas unversöhnlich Beleidigendes. Aber, wenn Gott die Sünde duldet in der Welt, so muß er sie doch in irgend bestimmten Verhältnisse dulden, und welche bescheidenere Stellung könnte die Sünde sich auswählen, als die einer bußfertigen Magd? Das Haus St** gibt übrigens zu, das Mädchen habe sich einer musterhaften Aufführung beflissen, habe unter anderem nicht am Familientisch, wie es doch Recht und Sitte unserer weiblichen Domestiken, sondern abgesondert gespeist, – eine vorgebliche »Grille«, in welcher Miß B** allen Zartsinn verriet, der ihr in ihrer Lage überhaupt möglich war.
      Moorfeld hielt plötzlich inne. An dieser Stelle blitzte eine Ahnung in ihm auf. Er erinnerte sich an das Kammermädchen Betty bei weiland Staunton. Der Zug, welcher hier angegeben war: abgesonderter Tisch von der Herrnfamilie, wies zuerst mit Besonderheit auf sie. Augenblicks überlas er von neuem, und nun fiel aus jeder Zeile Licht in sein Auge. Auch die Vorbereitungsstudien zu einer Schulstelle fanden sich besprochen. Moorfeld ließ das Blatt aus den Händen sinken und starrte. Welch eine Entdeckung! welch ein Sittenbild! welch ein Erstlingsgruß New Yorks an den Zurückkehrenden!
      Er sank verworren in sich zusammen. Ein später, unruhiger Schlaf jagte ihn durch ein Chaos von Träumen. Benthal und das Fieber drangen aus allen Fugen dazwischen vor. Eine neblige Morgensonne erhob sich über sein Lager und rief ihn in ein wüstes Tagesbewußtsein. Er warf den »Sun« ins Kamin, machte verstört Toilette und stand – nachdem er noch einen Umweg über die Battery genommen, um seinen Namen in Bennets Visitenbuch zu schreiben, – zur üblichen Besuchsstunde in Frau v. Mildens Zimmer. 
      
    



      Zweites Kapitel
      Nun, mein Kind, wie nimmst du dich? Kennst du den Herrn Baron – den Herrn Doktor, wollt' ich sagen, nicht mehr?
      Die kleine Malwine drückte sich scheu in den Winkel von Wand und Sofa und schüttelte den Kopf.
      Ist das nicht derselbe Herr, welcher die Güte gehabt, dich nach Mr. Mockingbirds Schule zu fahren und welcher uns einst einen freundlichen Besuch zum Tee geschenkt?
      Das Mädchen blickte aufmerksam auf.
      Moorfeld faßte die Kleine unters Kinn: wahrhaftig, meine Möwe hat mich vergessen?
      Die »Möwe« wirkte. Malwine machte schnell eine entgegenkommende Bewegung, rief aber unwillkürlich dazu: Ach, Sie sehen so blaß!
      Wirst du? zürnte Frau v. Milden, indes Moorfeld einen erschrockenen Blick nach dem Spiegel warf. Sie hat recht, sagte er seufzend, damals kam ich auch von Europa und heute nur – von Ohio! –
      Frau v. Milden aber lenkte ab, indem sie ihrem Gaste mit der Frage entgegenkam: Ich werde vermuten dürfen, daß ich die Ehre Ihres Besuchs Herrn Benthal verdanke? Ich bin bereit, Bestellungen an ihn nach Kräften zu besorgen.
      Er lebt also?! rief, oder vielmehr jauchzte Moorfeld auf.
      Die Hausfrau blickte verwundert: Ging zu irgendeiner Zeit ein Gerücht seines Todes?
      Moorfeld schüttet sein ganzes Herz über seinen gestrigen Besuch in Kleindeutschland aus.
      Frau v. Milden sieht mit einem fast mütterlichen Blicke in das verstörte Antlitz des armen Leidenden. Sie »ist glücklich«, sagt sie, so »lebhaft empfundene Sorgen« verscheuchen zu können.
      Moorfeld atmet leichter. So müssen doch nicht alle Schreckensträume in Erfüllung gehen!
      
       Indem sich aber sein Antlitz jetzt aufheitert, vermißt er den gleichgestimmten Ton bei Frau v. Milden. Er hat in seiner Freude ein scharfes Auge dafür, daß diese Freude nicht geteilt wird. Er glaubt zu fühlen, die Frau atmet nicht die reine Atmosphäre, die sie selbst über ihn verbreitet hat. Es fehlt etwas zwischen ihm und ihr, gleichsam ein Medium, eine Voraussetzung. Selbst ihre Züge, bedünkt es ihm bald, haben seit drei Monaten vieles gelitten. Er wollte das Wort, das ihm Malwines Kindes-Naivität entgegengetragen, leicht wieder zurückgeben können. –
      Die Hausfrau nimmt mit ihrem Gaste Platz. Sie richtet Fragen höflicher Teilnahme über seinen Ohio-Ausflug an Moorfeld. Unser Freund antwortet in demselben Tone. Er erzählt vor allem die Geschichte seines ärgerlichen oder wunderlichen Prozesses mit dem Räuber Wogan, indem er annimmt, daß er mit diesem Bericht eigentlich vor Mitinteressenten trete. Frau v. Milden bezeugt dem Ereignisse schuldigen Anteil, – aber auch nur 
      schuldigen, glaubt Moorfeld zu sehen. Er findet keinen Zug, womit die Frau ein persönliches Interesse daran verriete, und auch die feinste Selbstbeherrschung, meint er, müßte in solch einem Falle einen Moment von Durchsichtigkeit haben. Frau v. Milden indes bleibt augenscheinlich außer Partei dabei. Sie geht ebenso unbefangen zu andern Mitteilungen über. Moorfeld antwortete fortwährend, wie einer, der sich wiederholt, denn stillschweigend bezieht er sich auf seine Briefe. Frau v. Milden dagegen sieht sich bei dieser Art zu antworten oft zu Ergänzungsfragen genötigt. Diese Unterhaltung währte gar nicht lange, als Moorfeld erkannte, daß sie schlechterdings auf einer Lücke beruhe. Er spricht endlich direkt von seinem Reise-Tagebuch, und daß er nicht anders als der Meinung lebe, Benthal habe es in seinem »Lorettohäuschen« mitgeteilt. Die Hausfrau stutzt. Sie blickt verlegen. Mit diesem Worte ist ein Punkt erreicht, auf welchem es nicht mehr möglich blieb, reserviert zu sein. Die Dame 
       faßte sich indes, so gut es gehen will, und antwortet gelassen: Ich bedauere, daß uns Herr Benthal dieses Vergnügen nicht gemacht hat. Er war viel beschäftigt. – Er ist ein Verräter! schrie Moorfeld auf einmal wie von einem Dämon inspiriert. Als das Wort gesprochen war, blickte er selbst erschrocken dazu. Es lag ein Gedanke darin, den nicht 
      er denken konnte; ein fremdes Wesen in ihm hatte gedacht.
      Aber es war gesprochen, es war gedacht. Die Förmlichkeit der konventionellen Haltung war durchbrochen, Frau v. Milden verwandelte sich sichtlich. Sie zeigte das leidende, trostbedürftige Weib. Es ziemt uns Frauen nicht, sagte sie in einem Tone wehmütiger Weichheit, unsre Ausdrücke über Männer so entschieden zu wählen, wie diese es selbst dürfen. Ich möchte Ihr Wort nicht wiederholen, Herr Doktor. Um Ihrer selbst willen nicht. Sie waren sein Freund, ich weiß es. Sie haben gebaut auf ihn, fest, unerschütterlich. Wie hielten wir deswegen auf Sie! So müssen 
      Männer Freunde werden, sagten wir oft. Ein Blick, ein Griff – und es ist der rechte! Denn im alltäglichen Umgang nehmen wir meist für Freundschaft, was nur Gewohnheit ist, und ein so und so oft wiederholtes Sehen der Außenseite gibt gedankenlosen Kredit fürs Innere. 
      Sie wurden Freunde von innen heraus, nicht von außen hinein. Wir fanden unsre Bürgschaft in Ihnen. Wie hätten wir schwache Frauen nicht gläubig sein sollen, wo ein Mann den Mann so rasch überzeugte? Ja, er war zum Vertrauen geschaffen; er war ein Charakter. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Theodor war brav – bis zur Stunde, von der wir alle sprachen: Führe uns nicht in Versuchung!
      Moorfeld saß da, – der letzte Blutstropfen aus seinem Gesichte gewichen. Also doch! stammelte es dumpf in ihm.
      Trag' dieses Buch zu Mistreß Norbert, hieß Frau v. Milden ihr Töchterchen, indem sie das Kind damit entfernte.
      Malwine ging. Moorfeld sah ihr nach, und als sie die Türe geschlossen, sagte er zur Mutter gewendet: Geschlossener 
       Hofraum! Die Exekution kann beginnen. In Philadelphia richtet man so: ein tête-à-tête nur zwischen Henker und Delinquenten. Ich bitte, sprechen Sie, gnädige Frau.
      Könnt' ich uns beiden diese Stunde ersparen! seufzte die edle Frau, deren Züge der Schmerz ebenso zu verschönen schien, als Moorfeld wild, ja, gräßlich blickte. Und gleichsam als klängen ihr Moorfelds Worte jetzt erst ans Ohr, sagte sie sanft: Ich richte niemanden. Auch ist er noch nicht gerichtet. Ach, ich erzähle ja nichts als ein paar veränderte Äußerlichkeiten. Urteilen Sie selbst, ob sie ein Schicksal sind.
      Moorfeld starrte vor sich hin.
      Frau v. Milden begann: Es war am Tage Ihrer Abreise, Herr Doktor. Die letzten Stunden, wenn ich nicht irre, brachten ein wiederholtes Hin- und Wiedergehen zwischen Ihnen und Theodor, wie es solche Gelegenheiten pflegen. Einmal kam Theodor zu spät. Herr Staunton, der zwischen Tür und Angel ihn empfing, kündigte ihm an, Sie wären soeben abgereist. Das sind aber auch Entfernungen! rief Theodor erhitzt und bestürzt, wie flog ich zurück von der Crotonschen Wasserleitung! Und stehendes Fußes wandte er sich, um Sie noch einzuholen. Herr Staunton hielt ihn auf: wie, mein Herr, Sie haben unsern Croton-Aquädukt gesehen? Sie staunen, wie? ein echt römisches Bauwerk, wie? – Verdammt römisch! rief Theodor unwillig über die zudringliche Eitelkeit, – ich glaube in der Tat, die Amerikaner kennen so wenig als die alten Römer das hydrostatische Gesetz, nach welchem das Wasser in Röhren, die untereinander verbunden sind, überall auf denselben Höhepunkt steigt. Kolossale Verschwendung, dieser Aquädukt! in Europa richten wir's wohlfeiler. Herr Staunton horchte mit offenem Munde. Sie sind Ingenieur? war der halb geistesabwesende Ausdruck seiner Überraschung. – Ingenieur, Physiker, Chemiker, Techniker, was Sie wollen! – Wie hoch taxieren Sie ein Jahresengagement in all diesen Branchen? 
       – Sechstausend Dollars! warf Theodor hin, um den Lästigen zu brüskieren. Aber Herr Staunton fuhr mit beiden Händen nach den seinigen und rief: Topp, Sie sind mein Mann! Hätten Sie zweitausend gesagt, – adieu! Soviel Selbstvertrauen erwirbt Beachtung. Kommen Sie in mein Parlour. – Das alles war das Werk einer Sekunde.
      Theodor folgte wie im Traume. Herr Staunton hieß ihn auf ein feuerflammendes Kanapee niedersetzen, indes er selbst mit großen Schritten das Zimmer durchmaß. Er fing eine weitausholende pathetische Rede von der Größe und Herrlichkeit seines Vaterlandes an. Er schien es darauf abzusehen, den jungen Mann zu betäuben, zu berauschen. Er streckte sich zu einer Art höherem Wesen vor ihm aus. Er pries ihn glücklich, daß die Erde New Yorks ihn trage. Der Winkel am Hudson und an der Manhattanbai sei auf dem ganzen Globus der auserwählteste Sitz für Menschenkultur. Wer es hier zu nichts bringe, der lästere den sechsten Schöpfungstag, er steige von der Höhe seiner Gattung herab zum Tiere und zur Pflanze. Fassen Sie diesen gottbegnadeten Punkt unsers Planeten näher ins Auge! rief er mit ausgestreckten Händen. Denken Sie sich z.B.: Afrika sei ein wohlbevölkertes, zivilisiertes Land, die Spanier seien ein tätiges, aufgeklärtes Volk mit einem hohen Sinn für Handelsverkehr, und nehmen Sie dann an, daß Gibraltar nicht nur der vorzüglichste, bequemste und gesündeste Hafen der Welt, sondern auch durch seine Lage den Vorrang im Handel von Europa zu behaupten berufen sei. Entfernen Sie alle bedeutenderen Nebenbuhlerinnen, welche durch Zufall oder Betriebsamkeit in den übrigen Teilen Europas entstanden, kurz geben Sie Gibraltar unter den ersten Handelsstätten unsrer Halbkugel die erste Stelle. Denken Sie sich hierauf das mittelländische Meer mit seinen Fortsetzungen als einen bloßen Strom, der in unmittelbarer Verbindung mit großen Seen steht, an deren Ufern Menschen von gleicher Erziehung, gleichen Ansichten und Bedürfnissen wohnen, 
       welche dieselben Staatsmaximen befolgen und unter denselben allgemeinen Gesetzen stehen, nennen Sie dieses Gibraltar endlich New York, und ich überlasse es Ihrer eigenen Einbildungskraft, was für ein Schauplatz menschlicher Tätigkeit und Machtentwicklung dieser unschätzbare Fleck Erde sein kann und sein muß.
      Ja! rief er aus, indem er von einer Karte Amerikas stehen blieb, vor diesem Bilde muß jedes menschliche Knie sich beugen. Welch ein Anblick! Dieses Profil, diese Gliederung, dieser wunderbare Zusammenhang der fähigsten Organe – welch ein Göttergebilde! Das ist ein Leib, wie die Schöpfung des Prometheus! Aber nicht das Feuer fehlt ihm – beim Himmel, das haben wir selbst! – bloß der Ausarbeitung seines Geäders sind wir die letzte Hand schuldig. Dieser Hudson, dieser Mississippi, dieser Ohio und Missouri, diese Seen und dieser Golf – er beschrieb mit der Hand schwungvolle Linien – welcher Landkörper der Erde hat ähnliche Venen und Arterien aufzuweisen? Alles ist da, bloß in den Kapillargefäßen bleibt uns noch eine letzte Feile. Ein paar hundert Eisenbahnen und Kanäle sind wir diesem Lande schuldig!
      Hierauf folgte eine weitere Liturgie über den großartigen Tätigkeitstrieb der amerikanischen Nation, über die staunenswerten Untersuchungen, die auf allen Punkten des Landes, wie ebenso viele Jupiters gerüstete Minerven erzeugten, – der Mann verwandelte ohne weiters sein Amerika in einen Olymp von Göttern, indem er dürftige Schulerinnerungen am rechten Orte mit Pomp paradieren ließ. Den Schluß machte ein Engagement für eine der reichsten und mächtigsten Eisenbahnkompagnien Nordamerikas. Den gänzlichen Schluß bildete der kleine Nachsatz, Herr Benthal könne gelegentlich der Trassierungen wohl auch in montanistischer, hydrographischer, chemisch-agrarischer, überhaupt in national-ökonomischer Beziehung die Landschaften 
      ein wenig explorieren und 
      nebenher seine Berichte 
       und Zeichnungen darüber der Kompagnie einsenden. Auf letzteres Offert antwortete Theodor mit großer Kaltblütigkeit: Also von einem Doppelgeschäfte ist hier die Rede! Unsre Eisenbahnkompagnie ist zugleich eine Gesellschaft für Landhandel. Eine glückliche Kombination, die einen ungeheuren Gewinn abwerfen muß! Indes modifiziert das unsre Abrede ein wenig, Herr Staunton. Soll ich die Seele solch eines zweilebigen Körpers sein, wie es den Schein hat, so wären sechstausend Dollars ein wahres Almosen für diese Stellung. Ich würde in diesem Falle eine Tantieme an dem Geschäfte selbst beanspruchen. Herr Staunton traute seinen Ohren nicht. Er hatte den schlichten, blonden Deutschen so geschickt überrascht, wie er meinte, und nun mußte er diese Geistesgegenwart finden! Aber der Eindruck war ein bezaubernder. Herr Staunton strahlte; er fiel mit offenen Armen über Theodor her und rief: Sie sind ein smart man! Sie sind wert ein Amerikaner zu sein! Aber nun genug, Freundchen! Lassen Sie's gut sein. Überlassen Sie sich mir, und Sie sollen es nicht bereuen. Wir können den Baum nicht auf einen Schlag fällen, seien Sie indes versichert: 
      dem Genie bewilligt der Amerikaner alles, alles! Sie sollen nicht zu kurz kommen.
      Das, fuhr Frau v. Milden fort, war der Inhalt eines Ergusses, womit Theodor sprudelnd und glühend am selben Abend uns überraschte. Er riß unsere Lebensgeister mit hin, wir vernahmen wiederholt das glückliche Ereignis aus seinem Munde. Sie hören, ich behielt seine Worte, wie ich aus dem Mädchenpensionat noch manche Memorieraufgabe behalten. Wir waren begeistert mit ihm.
      Frau v. Milden hielt inne. Sie kämpfte einen Augenblick mit dem Schmerze, den ihr die Natur dieser Mitteilungen aufzuregen schien, bis sie mit unbewegter Stimme fortzufahren vermochte:
      Seit jenem Abend aber kam alles anders. Theodor verwandelte sich rasch, im Fluge. Die feste, männliche Bescheidenheit, 
       womit er sonst unser Los, wie eine Würde, ertrug, machte einer wilden, hastigen Emotionssucht Platz. Er erlaubte sich, unsern einfachen Tee mit allerlei Genüssen zu garnieren, die höchstens ein Kind naschen, eine angehende Hausfrau aber nicht wirtschaften lehrten. Daneben fing er an, einzelne Abende ausfallen zu lassen, – seine neuen Klubverbindungen mit den Männern des Kommerzes und der Industrie zögen ihn nach außen. Wir glaubten es gerne. Erschien er dann, so trat er ein wie ein Gott, kramte glänzende Geschenke aus und wurde empfindlich, selbst verletzend, wenn sie ihm nur die Bewunderung meiner Kleinen, von Paulinen aber ein tiefsinniges Kopfschütteln, von mir eine mütterliche Ermahnung eintrugen. Allmählich fing er auch an, sein Äußeres umzuformen. Erst verschwand ein schöner, blonder Vollbart, dann kamen Vatermörder, dann dieses und jenes, nach und nach die ganze Transkription in den steifen, unkleidsamen Komptoir- und Börsenmenschen. Als Pauline ihr Leidwesen um die liebe, vaterländische Tracht bezeigte, antwortete Theodor: sie scheine auch nur zum »Leidwesen« geschaffen, seine Freuden teile sie wenig.
      Übrigens standen diese Freuden selbst noch hinter manchem Meilenstein. Wovon Theodor depensierte, das scheint nur ein glänzendes oder vielmehr lockendes Handgeld gewesen zu sein. Der Abschluß des eigentlichen Engagements ließ auf sich warten. Es ist das ein dunkler, labyrinthischer Handel, den eine Frau schwer durchdringt, wohl auch nicht durchdringen will. Ich habe mich nie in die Karten gemischt. Wenn es indes erlaubt ist, aus Gerüchten, Winken, Andeutungen und dergleichen Halbheiten ein Urteil zu bilden, so dürfte auf Herrn Stauntons Charakter und bürgerliche Stellung ein Schein von Zweideutigkeit fallen. Dieser Herr, wie man sagen will, hat sich von verschiedenen Geschäften mit wiederholten Bankrotten zurückgezogen, was freilich in Amerika anders als bei uns beurteilt werden 
       mag. Das hiesige Kreditsystem und der volkstümliche Geist des kühnen Wagens mögen dafür Maßstäbe haben, welche nicht die unsrigen sind; ich will darüber nicht absprechen. Auch will ich nicht entscheiden, ob er den Versuch, ein fashionables Boardinghouse erst im kleinen, dann im großartigeren Stile zu halten, direkt zu dem Zwecke unternommen hat, um reichere Auswanderer, welche er in Europa selbst schon anzuködern wußte, den Händen einer mystisch-organisierten Landspekulation zu überantworten. Unzweifelhaft dürfte nur sein, daß er in seinem Geschäfte mit Theodor wirklich oder auch wirklich 
      nur als Makler einer großen hinter ihm stehenden Aktiengesellschaft handelte. Er scheint aber außer den Zwecken dieser Gesellschaft noch gewisse ihm allein eigene verfolgt zu haben; wenigstens leuchtete aus all seinen verworrenen Manövern der eine Grundgedanke durch: Theodor in seiner Hand zu behalten. Er brachte den jungen Mann nie unmittelbar in Verbindung mit den Leitern der Gesellschaft, er ließ sein Engagement selbst eine Reihe von verschiedenen Chancen durchlaufen, heute streckte ein unermeßliches Kapital sichtlich und greiflich seine goldgefüllte Hand nach Theodor aus, und morgen war alles wieder so schattenhaft, so entlegen, daß die Hoffnung auf immer Abschied zu nehmen schien. Ich kann diese Vorgänge unmöglich bestimmter schildern, als sie mir selbst erschienen, und Sie sehen wohl, ihr Licht war trübe genug. Herr Staunton bediente sich ohne Zweifel gegen Theodor des Vorgebens, und wer sagt mir, ob und wieweit dieser es nicht gegen uns getan? Augenscheinlich aber war es allerdings, daß Theodor selbst zwischen Hoffnung und Täuschung unendlich herumgetrieben wurde, daß er Tantalusqualen litt, daß man ihn wie einen Schweißhund an der Leine gehen ließ, daß ein unerbittlicher Rechner es darauf abgesehen hatte, ihn durch und durch moralisch mürbe zu machen, ehe er den vorhabenden Zwecken zugeführt wurde. All seine Leidenschaften waren 
       aufgeregt und keine einzige befriedigt; es griff wirklich seinen Körper an; er sah oft recht elend aus.
      In solch einem Augenblick fragte ihn Pauline einmal: ob er schon Briefe aus den Urwäldern Ohios habe? Ich verstand diese Frage wohl, und auch Theodor hat die Erinnerung an das stille Naturleben mitten aus seinen städtischen Geschäftsfoltern heraus keineswegs mißverstanden. Desungeachtet gab er ihr als Antwort zurück: Frägst du des Urwalds oder des Doktors wegen so? Sie hören es! Das geschah in meiner Gegenwart. Pauline erblaßte, stand auf, ging in das Nebenzimmer und weinte den ganzen Abend darin. Auch ich geriet außer Fassung diesmal. Ich bin sonst geneigt, manche Ungezogenheit, manche Laune dem Geschlechte nachzusehen, das, wenn es nicht das starke, doch gewiß das 
      freie ist: aber diese niedrige Bosheit empörte mich. Ich ließ dem Menschen eine ernsthafte Rüge angedeihen. Es ist wahr, das Mädchen ist eine etwas schwere Natur, sie artet viel ihrem Vater nach. Es mochte nicht ganz gewählt sein, daß sie einem Manne, der mit vollen Segeln dem high life zuzufliegen meint, zu verstehen gibt, sie sehe die rauhe Farmersaxt lieber in seiner Faust. Es ist wahr, sie hat die ganze Wendung seines Geschicks mehr mit einem stillen ahnungsvollen Grauen als mit lachendem Mitgenuß angesehen. Aber wenn sie keinen Begriff davon hat, daß das Weib, unbeschadet seiner tiefen und wahren Empfindungen 
      scheinen muß: so kannte Theodor längst ihr Naturell und hat sie, eben so wie sie ist, gewählt, geschätzt, vergöttert. Sie ist unverfälscht wie die 
      Elemente! war sein Lieblingsausdruck. Und er hatte recht damit. Das Mädchen ist eine strenge, geradlinige Weiblichkeit. Sie ist wie eine Fackel, sie flammt in jeder Richtung nach oben. Theodors Wort, überall sonst ein eifersüchtelnder Scherz, war hier eine freche Entheiligung. Auch erkannte er sein Unrecht und tat mir reuige Abbitte. Aber solche Äußerungen kehrten öfter, es schien seine Absicht, Zwietracht zu säen. Er 
       beträgt sich fortwährend herrisch, launenhaft, nachlässig, oder, noch ärger, gnädig und prahlerisch und meint mit irgendeinem goldenen Gehängsel ganze Reihen von Kränkungen gut zu machen. Auch bleibt er wiederholt weg. Eben jetzt haben wir ihn länger als je, eine volle Woche lang, nicht gesehen. Er ist aber weder verreist, noch gestorben, denn andere Leute haben ihn gesehen. –
      Das ist Benthal von heute, – schloß Frau v. Milden aufstehend. Als Moorfeld sprechen wollte, fiel ihm die sensible Frau rasch ins Wort: Ich bitte, sagen Sie mir nichts zum Troste. Ich danke vorweg für Ihre gute Meinung. Ich weiß, was ich zu denken habe. Ich weiß, daß Sie einen Versuch machen werden, das Schwungrad, das ihn ergriffen hat, aufzuhalten. Das werden Sie 
      tun, aber 
      versprechen können Sie nichts. Dann reichte sie Moorfeld die Hand zum Abschiede und sagte mit einer schmerzlichen Heiterkeit: Doch, bester Herr! Eins können Sie mir versprechen: Vor 
      ihr wollen wir fest bleiben. Wenn Sie Pauline irgendwie sehen sollten, verraten Sie nichts! Ich zeige dem Mädchen die heiterste Miene, und noch, denk' ich, ahnt sie die Möglichkeit ihres Unglücks nicht. Ach, sie hat keine Vorstellung von der schlechten Seite des menschlichen Herzens!
      Auf dieses Versprechen reichte Moorfeld seine Hand. Sie zitterte heftig in Frau v. Mildens Hand. Nur mit einem stummen Blick vermochte er sein unaussprechliches Inneres auszudrücken.
      Trunken von Schmerz wankte er zur Türe hinaus.
      Als er am Fuß der Treppe angelangt war, öffnete sich die Türe des Basements, wo die Eigentümerin des Hauses wohnte. Pauline trat zu der Türe heraus. Sie hatte eine Arzneischale in der Hand. Als sie Moorfeld ansichtig wurde, schrak sie heftig zusammen. Der volle Gegensatz zwischen einst und jetzt überwältigte sie bei diesem Anblicke. Sie sank mit einem gebrochenen Schmerzensruf an ihm nieder. Moorfeld eilte schnell, sie zu stützen. Die Berührung eines 
       fremden Arms schien allein schon mächtig, das züchtige Mädchen aus ihrer Ohnmacht aufzurütteln. Sie entwand sich den Armen Moorfelds, stützte sich halb lehnend gegen das Treppengeländer und hauchte ihm die Worte zu: Ich bitte, schonen Sie meine Mutter. Noch tragen ihre Ahnungen nicht so weit, wie die meinigen. Ich nehme mich übermenschlich zusammen.
      Menschen! Menschen! rief Moorfeld mit einem zerrissenen Blick zum Himmel, weint, wenn ihr weinen müßt, miteinander, denn soeben sagte mir Frau v. Milden dasselbe!
      Mit wilder Hast stürzte er zum Hause hinaus.
    



      Drittes Kapitel
      Es war keine Person, es war eine – Rede, die jetzt durch New Yorks Straßentumult fuhr, als sich Moorfeld in seinen Wagen geworfen. Unaufhaltsam strömten ihm die Gedanken zu, unter deren Wucht Benthal erliegen mußte. Sein Zorn loderte als dichterische Begeisterung auf, – und nie hatte Begeisterung mit solcher Fruchtbarkeit ihn überschüttet wie in dieser Stunde. Alles gab sie ihm ein, was Herz und Gehirn fähig ist, er war alles, was ein Mensch sein kann, – er war ganz sein Gegenstand. Wohin sein Auge fiel, jeder Anblick des Straßenlebens wurde von der Gärung seines Inneren aufgenommen und verbraucht. Dieser Abbruch eines alten Hauses, jener Aufbau eines neuen, dieses Schaufenster, jenes Aushängeschild, die Konsulatsflagge, der Matrosenhut, das Negerantlitz, die schlagende Turmuhr – kein Bild führten ihm seine Sinne zu, das nicht in ein poetisches Bild, in ein tiefsinniges Gleichnis sich verwandelte, – ganz New York gab sich der Moral zum Schmucke her.
      So erreichte Moorfeld sein Boardinghouse. Er schickte zu 
       Staunton und ließ anfragen, wann und wo Benthal zu sprechen. Seinen Namen nannte er nicht, wie er seine Person nicht zeigte. Er wollte dem traurigen Fall einer Verleugnung vorbeugen.
      Es war die Börsenstunde, in welcher diese Anfrage geschah, und Hr. Staunton nicht zu Hause. Im Laufe des Nachmittags sendete Moorfeld noch einmal hin, da kam der Lohnbediente zurück mit dem Namen der Straße und des Klubhauses, in welchem Mr. Benthal von acht Uhr abends an zu finden.
      Moorfeld brachte den Rest des Tages auf seinem Zimmer zu. Er ordnete seine Gedanken und gebot seinen Leidenschaften. Er stellte sich im Geiste, erfindungsreicher als im ersten Augenblick, die mancherlei Möglichkeiten und Gestalten vor, in welchen dieser Fall sich ihm zeigen könne, und bereitete sich auf all seine denkbaren Seiten vor. Er wunderte sich selbst, wie rasch er ihn als Tatsache ergreifen konnte. Denn mitten in seinem Gedankenstrom kamen dann wieder Momente, wo all sein Denken plötzlich still stand, wo die ganze schreckensstarre Neuheit in ihm aufschrie: Das war mit Benthal möglich?! –
      Der Tag sank, die Straßenlichter brannten, der wälzende Lärm des Volksgewühls löste sich in seine einfacheren Elemente auf, die ab- und zurollenden Fuhrwerke zum Philadelphia-Bahnhof verhallten mit ihrem letzten Getöse, als Moorfeld den Wagen holen ließ, der ihn seinem verhängnisvollen Ziele entgegenbringen sollte. Es war ein weiter Weg zurückzulegen. Moorfeld hatte seine Aufmerksamkeit nichts weniger als auf die Außenwelt gerichtet; aber er fuhr nicht lange, so fiel ihm manches auf, das in der Physiognomie eines städtischen Straßenlebens zu dieser Stunde eben nicht alltäglich ist. Er sah im dämmerungsvollen Laternenlicht Arbeiterzüge von ihrem Tagewerk heimkehrend mit einer gewissen Hast und Unruhe durch die Straßen eilen, welche von der Kälte, die in den Bewegungen der Amerikaner sich 
       sonst kund gibt, wunderlich abstach. Aus hohlem Straßendunkel hörte er hie und da einen jener gellenden Rufe anstimmen, welche nach seinem Dafürhalten dem indianischen Kriegsgeheul entlehnt: in gewissen Abständen gab es dann Antwort darauf, wie eine Signalkette. An einsamen Orten wimmelte es plötzlich von Menschen, welche nach allen Richtungen auseinanderströmten; anderswo lief alles auf einen Punkt zusammen und schloß sich im Nu zu geheimnisvollen Kreisen und Gruppen.
      Eine dieser Gruppen stand endlich an einer Seitenstraße, welche Moorfeld zu schneiden hatte, so dicht, daß eine Stimme den Kutscher ohne weiteres anrief: Um in die Centre-Street! Der Kutscher machte Vorstellungen, aber es war ein Schwarm von Rowdies, welcher diese Passage sperrte, gegen den sich nicht aufkommen ließ. Durch seine Überzahl und das Dunkel der Nacht ermutigt, fühlte sich der Haufe im souveränsten Besitz des Platzes. Es waren, was Moorfeld beim Lampenscheine sehen konnte, wohlgekleidete, aber stark bewaffnete Banden, und fast wie die Stimme der 
      Würde klang es, womit diese Straßenmacht dem Kutscher die drohendsten Befehle entgegenschleuderte. Der arme Neger (denn ein solcher war er) erbat sich endlich von Moorfeld die Erlaubnis, umkehren zu dürfen, obwohl, wie er sagte, das Klubhaus nur noch hundert Schritte weit drüben liege. Moorfeld sprang aus den Wagen, als er dieses hörte, und schritt zu Fuß hinüber. Der leere Wagen kehrte um.
      Kaum hatte Moorfeld das Gedränge der Rowdies durchbrochen und seinen Weg in die Tiefe der bezeichneten Straße eingeschlagen, als er einige Schritte vor sich einen Menschen in Ohnmacht sinken sah. Die Gestalt hatte sich erst gegen die Mauer eines Hauses gelehnt und war dann längs derselben langsam zu Boden geglitten. Rasch eilte Moorfeld hinzu. Hat Ihnen das wilde Volk Gewalttätigkeiten zugefügt? fragte er den Verunglückten, indem er ihn 
       aufhob. Der Mann schüttelte, ohne aufzublicken, schwach und zitternd den Kopf vor sich hin. Aber in demselben Augenblicke glaubte Moorfeld die Gestalt zu erkennen. Schon der faltenreiche Mantel mit den vielen kurzen übereinanderliegenden Kragen gehörte in das Inventar seiner Erinnerungen. »Anche gli giorni!« war das Schlagwort dieser Erinnerungen. Ohne sich zu besinnen, redete er den Alten an: Se non m'inganno, Signore, é la sua lingua materna, in cui la sáluto? Der Fremde zuckte zusammen. Ah, non é Americano, Signore, seufzte er aufatmend, – per grazia di Dio, un bichiere di vino!« 
      Wenn ich nicht irre, mein Herr, so ist es Ihre Muttersprache, in welcher ich Sie begrüße?
       Ah, Sie sind kein Amerikaner, mein Herr – um Gotteswillen, ein Glas Wein! Moorfeld erschrak. So war der alte Mann aus Hunger und Durst hier zusammengebrochen? Seine Bitte ließ keinen Zweifel darüber.
      Moorfeld warf seine Blicke schnell nach einem Gasthofe umher und entdeckte wenigstens, womit New York damals schon übersät war, die illuminierte Aufschrift einer Kellerwirtschaft in der Nähe. Er führte oder trug den Verschmachtenden dahin.
      Die Taverne fand sich unangenehmerweise von einem stark ab- und zugehenden Publikum jener Rowdies besetzt, welche vorn an der Straßenecke ihr Standquartier aufgeschlagen. Moorfeld zeigte Gold und forderte ein ruhiges Zimmer mit der besten Flasche Wein. Man übergab ihm eine Stube des Hinterhauses und brachte Wein, der, mindestens seiner Etikette nach, Ost-India-Madeira war.
      Bei der Eile, die Moorfeld für die Bestimmung dieses Abends hatte, konnte er nicht daran denken, seinem unerwarteten Gaste die Pflicht der Gastfreundschaft zu erfüllen. Einzig die Pflicht als Arzt und Mensch gebot augenblickliche Erfüllung hier.
      Moorfeld erlaubte sich die nötigsten Fragen um das körperliche Befinden des Unglücklichen. Der Alte antwortete 
       nicht. Er starrte still vor sich hin. Er drückte sich in die Ecke des Kanapees und zog fest seinen Mantel an sich. Moorfeld, auf eine scharfe Beobachtung durch das Auge, wie so häufig in solchen Fällen, fast ausschließlich beschränkt, folgte der geringsten dieser Bewegungen mit Aufmerksamkeit. Die Züge des Geistes zeigten den Ausdruck tiefer Erschöpfung und langwieriger Seelenleiden. Eigentliche Krankheitssymptome konnte Moorfeld nicht darin erforschen. Sein Kopf war von zarten und edlen Formen, das Auge glanzvoll, entschieden geistig. Die schön gebleichte Stirne strahlte vom blendendsten Weiß, der Mund, der übrigens auch nicht einen Zahn nachwies, schien gegen die greisenhafte Erschlaffung der Muskel, welche die Mundwinkel abwärts zieht, ziemlich standhaft geblieben. Man sah die lange Übung des wohlredenden Italieners, den Abglanz witziger Scherze und feiner Tafelgenüsse darauf. Wenigstens glaubte Moorfeld, indem die physiognomischen Transponierkünste seiner Phantasie zu spielen anfingen, aus dieser Greisenmaske die Jugend eines eleganten Lebemannes zu dechiffrieren, und wir dürfen es sehr dahingestellt lassen, ob sein studienhafter Blick mehr mit poetischem oder pathologischem Tiefsinn in die Züge des alten Mannes hineinträumte.
      Moorfeld schenkte zwei Gläser voll. Der Alte wickelte eine seiner Hände aus dem Mantel und streckte sie zitternd nach dem Weine aus. Moorfeld gab sich die Miene, ihm das Glas in die Hand zu drücken, wobei er die Gelegenheit benützte, seinen Puls zu fühlen. Er war herabgestimmt, aber gleichmäßig. Beruhigter stieß Moorfeld an mit dem Alten. Dieser aber führte das Glas nicht zum Munde. Er hielt es nachdenklich vor sich hin. Er lächelte das dunkle Rotbraun mit einer Art kindischer Freude an. Die Idee, Wein in der Hand zu halten, schien ihm ein Genuß, den er durch Befriedigung nicht sogleich aufheben wollte. So ließ er das Glas gegen das Licht funkeln und sah immer darauf. 
       Sein Blick wurde zuletzt wie geistesabwesend, er versank, wie es schien, in ein Meer alter Erinnerungen. Moorfeld stand seitwärts und betrachtete den Greis ebenso ergriffen, wie dieser sein Labsal. Das währte eine geraume Weile. Hierauf gab der Alte dem Glas eine leichte Schwenkung und murmelte fast feierlich: Evviva Vienna! Damit leerte er es.
      Moorfeld hatte den Toast belauscht. Er erstaunte. Ha, mein Herr, Ihre Erinnerungen knüpfen sich an Wien! rief er aufwallend von Heimatsgefühl. Er streckte dem Greise beide Arme entgegen. Es waren die zehn schönsten Jahre meines Lebens! antwortete dieser traumversunken. – O, wie bedauere ich die Schicksale, die dieses Glück Ihnen geraubt. Sie müssen trauriger Art gewesen sein! – Zwei Todesfälle waren es, Signor. Den 20. Februar 1790 starb Kaiser Joseph, der wärmste Freund und Beschützer der Künste, und den 5. Dezember 1791 Amadé Mozart, der Kaiser seiner Kunst selbst. Was sollte da 
      ich noch in Wien! – Moorfeld sah den Alten groß an. Wer ist es, der mit mir spricht? rief er in höchster Spannung. – Wenig, antwortete der Greis, und kauerte sich tiefer in seinen Mantel zusammen, – ich heiße Da Ponte.
      Da Ponte! rief Moorfeld außer sich: Castis und Metastasios Rival, verschmachtend am Strande der Manhattan! Er stand vor dem alten Manne wie vor der Reliquie eines Heiligen. Unaussprechlich war seine Bewegung. Der Gedanke, mit seinem Blick auf einem Haupte zu ruhen, das in Mozarts brüderlichem Schoß gelegen, ergriff ihn betäubend. Staunen und Ehrfurcht hielt ihn wie mit Bezauberung vor dem Bilde des alten Mannes gefesselt. Er bedurfte einiger Minuten, um sich zu fassen. Dann trat er vor den Greis und sprach mit einer fast ritterlichen Courtoisie: Herr Abbé ich bitte Sie, den Tribut meiner begeisterten Hochachtung anzunehmen. Soweit die Erde Kultur hat, ist jeder einzelne Mensch Ihnen Dank schuldig. Wie tief mich das Unglück erschüttert, das dieser unwirtliche Boden Ihnen 
       zu bereiten scheint, so muß ich den Zufall segnen, der es 
      meine Hand sein ließ, welche in dieser Stunde die Ihrige ergreifen durfte. Keinem Amerikaner hätte ich die Ehre gegönnt, die Hand zu berühren, aus welcher Mozart das Gedicht seines Don Juan empfangen. Ganz füllt mich die Vorstellung aus, was diese Hand der Welt geleistet hat. Ist doch Musik die einzige Kunst, in der wir mit einer selbständigen Kultur dem Altertum gegenübertreten, in der wir unsre Laokoone, unsere Iliaden ohne Vorbild erschaffen! Ist doch Don Juan die höchste Blüte dieser musikalischen Kunst, die süßeste und gewaltigste Botschaft des modernen Menschenherzens! Und daß dieser Ehrenkranz der neueren Kunst vor allem aus 
      Ihren Versen herauslaubte, bei Gott, das hat kein Zufall gefügt! Ich habe Ihr Drama giocoso: Don Giovanni, ossia il dissoluto punito stets bewundert. Es ist schwierig, vielleicht unmöglich, ein musikalisches Drama zu schreiben. Die Musik bedarf der Leidenschaften und Affekte; das Drama 
      motiviert Leidenschaften und Affekte. Motivierung ist eine Verstandesoperation; diese widerstrebt der Musik. Eine Handlung voll 
      wirklicher Leidenschaften, welche auf dem 
      kürzesten Wege sich motivieren; das ist das Ideal eines musikalischen Dramas. Ihr Don Giovanni hat dieses Ideal wie unter einer Konstellation aller günstigen Sterne erreicht. Nur einmal, seit für Musik gedichtet wird, trat solch eine Gruppe zu solchen Wirkungen zusammen! Das ganze Buch ist musikalisches Vollblut. Ich sehe allerlei Personen in ihrem Singspiele auftreten, hohe und niedere. Die niederen, Leporello, Masetto, Zerline, sind musikalisch durch sich selbst. Sie sitzen an der Quelle der Musik, im Volke, und dem Volke wird nicht der höchste, sondern aller Affekt zum Liede. Diese Menschen sind sangbar ohne weiteres. Dann aber stellen Sie auch vornehme und gebildete Personen in Ihr Gedicht, welche eine ungeheure Kluft von der Leidenschaft trennt. Sollen 
      erzogene Menschen nicht Gemeinplätze singen, so ist kaum 
       abzusehen, wie sie der Quelle des Gesanges, der Aufregung, auf 
      kürzestem Wege nahe zu bringen. Wir haben ein deutsches Drama: Torquato Tasso genannt, und dieses kann, wie in einem Spiegel, uns zeigen, welch weitläufiger und künstlicher Operationen es bedarf, daß ein Hofkavalier den Degen zieht und daß ein anderer Hofkavalier eine Prinzessin umarmt – das heißt, daß die 
      Sitte zur Leidenschaft vordringe. Und nun fliegt der Vorhang Ihres Dramas auf! Und nun sehe ich einen Don Juan, einen modernen Giganten, welcher seine Sinnenkraft über die Weltordnung setzt, – eine Donna Elvira, welche ein ewiges Herz gegen die endliche Zeit zu verteidigen unternimmt, – einen Gouverneur, welcher im Leben zur Rettung für sein Heiligstes aufgefordert wird, nach dem Tode im Namen des Allerheiligsten selber zur Rettung einer unsterblichen Seele auffordert, – eine Donna Anna, welche von ein und demselben Schicksale zugleich auf den höchsten Gipfel und in den tiefsten Abgrund des weiblichen Bewußtseins geschleudert wird, – einen Don Ottavio, welcher in einer Welt, die aus ihren Fugen ist, um so berechtigter jenes einfache Naturgesetz singen darf, durch das sie ewig sich neu ergänzt: ich sehe Gestalten, welche Sie aus dem Banne der konventionellen Menschheit, der sie angehören, mit dem glücklichsten Wurf in die volle musikalische Strömung schleudern. Sie treten auf in den außerordentlichsten und verständlichsten Zuständen, klar einfach, unmittelbar, ihre eigene Erklärung, wie das Dasein selbst. Ihr erster Schritt auf die Bühne schon ist die höchste pathetische Szene; und wahrlich nur aus solch einem Eingang kann solch ein Finale herauswachsen! Welch ein Ozean an Umfang und Tiefe dieses Finale! Zwei rächende Bräutigame, drei beleidigte Frauen, ein Mord im Hintergrunde, Champagner und Ballett im Vordergrunde, Blitz und Donner im Zenith, und mitten in diesem Aufruhr ein verwilderter Gott, eine gesträubte Löwenmähne, gepackt von der Rache, packend im Sinnenfieber der Liebe! Solang 
       eine Bühne steht, wird die kunstbegnadete Menschheit anbetend vor diesem Finale liegen, und wenn wir nicht begreifen können, daß Mozart ein Mensch war, so wird Da Ponte in diesem Mysterium als Mittler verehrt werden müssen! So sprach Moorfeld, hingerissen von seiner dichterischen Begeisterung. Der alte Mann, auf dessen gebleichtem Scheitel der Name Da Ponte ruhte, horchte aus der Ausdrucksweise eines vorgeschrittenen Ideenlebens nur so viel heraus, daß das erste Don-Juan-Finale gelobt wurde. Er schien zufrieden mit dieser Anerkennung und bestätigte sie mit folgenden Worten: Ja, wohl will ein Finale gearbeitet sein! Sie sagen es recht, Signor! Ein Finale ist eine Art Komödie, oder ein kleines Drama in sich selbst; es muß mit der übrigen Oper eng verbunden sein, und doch erfordert es einen neuen Eingang und ein neues Interesse. Im Finale muß das Talent des Kapellmeisters, die Kunst und Kraft der Sänger hauptsächlich hervortreten, es muß als Glanzpunkte der Oper den größten Effekt hervorbringen. Die Rezitative sind ganz davon ausgeschlossen, man singt alles, und jede Art des Gesanges muß darin entwickelt werden. Das Adagio und Allegro, das Andante, das Amabile, das Armonioso, das Strepitoso, das Arcistonpitoso und das Fortissimo, womit sich in der Regel das Finale schließt, und was man die Chiesa oder Stretta nennt: – ich weiß nicht, ob man es so benennt, weil darin die ganze Kraft des Dramas sich zusammenzieht oder weil es allgemein das arme Gehirn des Poeten, der es zu schreiben hat, nicht ein-, sondern tausendmal in die 
      Enge treibt. In einem Finale müssen nach theatralischem Brauch alle Sänger auf der Bühne erscheinen und wären ihrer noch so viele, um einzeln, zu zweien, zu drei, zu sechs, zu zehn und zu sechzig Arien, Duette, Terzette, Sextette und große Chöre zu singen. Sollte der Inhalt des Dramas das nicht erlauben, so ist es Aufgabe des Dichters, sich einen Weg zu suchen, auf dem er es bewerkstelligen kann, ohne gegen die gesunde Vernunft oder die aristotelischen 
       Vorschriften allzu gröblich sich zu versündigen. Gewiß, es ist eine große Sache, ein gutes Finale zu schreiben.
      Diese Sprache eines altmodischen Jahrhunderts stach nicht ohne Reiz für Moorfeld von seiner eigenen ab. Der Grundton der schlichten Wirklichkeit, der aus ihr klang, ermangelte nicht, seine Begeisterung selbst zu ergreifen, die er dem ehrwürdigen Hause des Dichters jetzt in der vertraulicheren Färbung einer jugendlichen Zärtlichkeit für das Alter entgegenbrachte.
      Und nun, sprechen Sie, Herr Abbé, fragte er, wie war es möglich, daß ich das Schicksal in so schwerer Schuld gegen Sie finden konnte? Sprechen Sie, wie hat dieses unselige Land an Ihnen gefrevelt?
      Da Ponte schüttelte nach einer Pause das Haupt. Er zog einen seiner obersten Mantelkragen über Kopf und Stirne und machte sich eine Art Lichtschirm daraus, gleichsam als störte der ihn bedeckende Lampenschimmer seine Gedankenbildung, wie er den Nerv seines Auges belästigen mochte. Aus diesem Dunkel heraus sprach er:
      Warum ich in einem Lande nicht gedieh, das für die Kunst so viele Mittel und wohl auch guten Willen hat, – ich wüßte äußere Widerwärtigkeiten vielleicht kaum zu nennen, Signor. Aber 
      einen Zug will ich Ihnen erzählen, von welchem Sie selbst sagen sollen, ob ich ex ungue leonem daran erkennen und für immer zurückschrecken durfte. Es war in einer der besseren Soireen hiesiger Stadt, wo ich als neu eingeführter Fremdling von einer jungen Miß die Arie Vedrai carino singen hörte. Ha, dachte ich, hier ist dein Krug am rechten Brunnen, New York empfängt dich vortrefflich. Indes trug das arme Mädchen die Arie so über alle Maßen schleppend und seelenlos vor, daß man mit leichter Mühe mich überredet hätte, der berühmte Epimenides, der neun Jahre geschlafen haben soll, sei von keinem andern als diesem Liede eingesungen worden. Ich vermochte natürlich nicht, an mich zu halten. Ich schmuggelte mich auf eine 
       gute Art ans Klavier, wo ein Bukett von jungen Damen und Herren wie ein Nest bunter Papageien umhersaß und sich nach allen Regeln des bon ton langweilte. Ich mischte mich ins Gespräch und brachte es wirklich dahin, daß ich die junge Sängerin begleiten durfte. Gleich nach den ersten Akkorden verlor sie den Takt. Sie wußte sich in die Art, wie ich deklamierte, durchaus nicht zu finden. Meine verehrungswürdige Lady, wendete ich mich nun zur Erklärung meines Vortrags an sie – die bezaubernde Aisance, womit Sie diese Noten singen, macht mich außerordentlich begierig die 
      erste Arie der Zerlina: Batti, batti, o bel Masetto von Ihnen zu hören. Dort müßte sie von ganz unvergleichlicher Wirkung sein. Dort nämlich geht Zerlina damit um, allerlei überflüssige Skrupel ihres Bräutigams einzusingen, einzulullen, wenn Sie wollen; ihr Gesang muß sich wie lindes Öl, wie Mondlicht auf die Nerven legen. In der 
      ersten Arie, sprech' ich. In dieser zweiten dagegen herrscht jener Charakter nur teilweise, teilweise nicht. Beruhigen will sie freilich auch diesmal wieder, aber sie selbst ist nicht mehr ruhig. Sie nimmt ihren Bräutigam jetzt offenbar ernsthaft, der früher nahezu ihr Düpe war, die Stunden erfüllter Liebessehnsucht rücken unaufhaltsam näher, das Abenteuer mit Don Giovanni selbst, obwohl in der Spitze gebrochen, muß ihre Phantasie lebhaft ergriffen haben: – so webt durch dieses ganze Vedrai carino eine Luft des Brautgemachs, möcht' ich sagen, und das: sentillo battere steht nicht umsonst da. Man muß das Herz wirklich schlagen hören darin. In meinem Kunsteifer merkt' ich nicht, daß sämtliche Ladies sich die Taschentücher vor die Augen hielten. Ein junger Affe aber, der sich den Musiklehrer des Hauses nannte, übernahm es, meine Ansicht »shoking« zu finden. Ich suchte vergebens ein Fünkchen gesundes Gefühl in ihm anzublasen, und da er fortfuhr, mich durch den absurdesten Widerspruch aufs Äußerste zu treiben, so rief ich zuletzt: Mein Herr, wenn ich Ihnen sage, daß ich selbst der Dichter 
       dieser Verse bin, daß Mozart selbst seine Musik dazu für die glücklichste Inspiration der Liebe erklärt hat, so habe ich vielleicht einige Autorität für mich. In diesem Augenblick aber schritt der Hausherr auf mich zu, ein gelblederner Herr in schwarzem Frack, an dem nichts Lebendiges war als die rote Nelke, die er im Knopfloch trug, der näselte mich an: Mein Herr, es kümmert uns blutwenig, womit Sie und Ihr Mozart sich in Europa Ihr Brot verdient. Daraus fließt kein Gesetz für uns in Amerika, die Kunst anders zu treiben, als es uns beliebt. – »Sie und Ihr Mozart Ihr Brot verdient!« – Hören Sie es, Signor? Von diesem Worte war mein Nerv für immer durchschnitten. Ich trug noch ein ansehnliches Faszikel Empfehlungsbriefe bei mir, aber ich fühlte keinen Halt mehr daran. Denn was in einem fremden Lande Mut und Vertrauen, sich geltend zu machen, gibt, das sind nicht einzelne Fäden, es ist der öffentliche Geist des Ganzen. Mich schauerte die scharfe Luft dieses Landes. Ich gab es auf, in Amerika als Künstler einen Beruf zu suchen.
      Und freilich, in jedem andern Beruf mußten Sie unglücklich sein! sagte Moorfeld mit dem überzeugtesten Blick auf den fein organisierten Italiener.
      Ich wurde Kaufmann, antwortete Da Ponte. Die Musen drehten Pfeffertüten und maßen Schnittwaren ab. Ich kann nicht sagen, daß sie es ungeschickt taten. Ich prosperierte im kleinen und versuchte mich bald in größeren Unternehmungen. Auch da ging alles herrlich und im schönsten Flor, solang ich – Kredit gab. Dann aber stürmten Bankrotte auf mich ein – ah, lassen Sie mich schweigen, Signor. Amerikanische Bankrotte sind ein eigenes Genre. Ich werde meine Memorabilien schreiben. Genug, ich kam an den Bettelstab und meine Debitoren bauten sich Häuser. Von einem derselben, Herr Staunton, erreicht' ich's mit Mühe, daß er mich von der Straße unter sein Dach aufnahm, und die Sache müßte eigentlich umgekehrt stehen. Ich habe eine liquide Forderung von fünftausend Dollars an 
       ihn. Freilich nicht an ihn, sondern an eine seiner gewesenen Firmen, und kein Kaufmann und kein Advokat der Welt weiß geschickter seine Firma von seiner Person zu trennen als ein Amerikaner. Ja, ja, mein Herr, ich werde mein Leben beschreiben. Die Welt wird um nichts besser, aber um manches klüger daraus werden. Der Europäer mag sich vorsehen mit diesen Menschen.
      Moorfeld hatte inzwischen ein Souper bestellt, aber Da Ponte dankte lebhaft für seine Aufmerksamkeit. Er pflege abends nichts zu genießen. Nur ein Glas Wein sei ihm zuvor Bedürfnis gewesen, eine Ohnmacht, ein plötzlicher Schwindel habe ihn angewandelt; »denn ach, mein Herr, es ist eine harte Arbeit, im zweiundsiebzigsten Jahre auf Gönnerschaften auszugehen!« Alles, was er annehmen wollte, war ein Wagen.
      So führte der Dichter Moorfeld den Dichter der alten kaiserlichen Wiener Oper jetzt in sein dürftiges Asyl zurück. Er behielt sich vor, den unglücklichen Greis demnächst wiederzusehen: heute überließ er ihn seiner Ruhe und sich selbst – seinen Reflexionen. –
      Wo waren sie jetzt, die schönen Reden, die glänzenden Gedanken, die fruchtbaren, hinreißenden, überzeugenden Ideen, die Moorfeld zum Entsatze Benthals tagsüber in so kampffertige Schlachtordnung aufgestellt? Und doch sollte, mußte dieser Gang noch geschehen, stumm, mit zurückgepreßten Tränen, zitterten zwei edle Frauen jeder Sekunde seines Erfolges entgegen! Mühsam sammelte Moorfeld seine Lebensgeister – ach, da lag alles auseinander, wüst, zerstückt, sinnlos! Der freie Zug, der zuckende Nerv, die unwiderstehliche Strömung – kalt, lahm, tot war das alles jetzt! Aber er 
      mußte!
      So fuhr er nach dem Klubhause zurück.
      Die lange Fensterreihe des Hauses flammte lichterloh in die Nacht hinaus. Jüngling im Feuerofen, werd' ich dich retten können? seufzte Moorfeld schwerbeladenen Herzens, indem er die Treppen hinanstieg.
      
       Ein Steward führte ihn durch eine glitzernde, etwas grell ausgeschmückte Zeile von Sälen. Im Anblicke der Gesellschaft, die Moorfeld durchschritt, jener glattrasierten, gantierten und toupierten Herings- und Tran-Dynasten, die als flüsternde, vornehm-kühle Gentlemen mit einer Bildung, die vom heutigen Dollar datiert, der morgen wieder verbankrottiert sein kann, ihre in Eis gestellten, gespenstisch-jugendlichen Gestalten oder vielmehr Etiketten gegenseitig sich hier präsentierten: im Anblick dieser bleizuckernen Welt des Egoismus fühlte Moorfeld seine ganze Streitlust wieder erwacht. So trat er vor einen Menschen im schwarzen Frack und weißer Krawatte und mit einem Lächeln à la hausse auf der blankrasierten Lippe, den ihm der Steward als Mister Benthal vorstellte. Moorfeld hätte ihn kaum noch erkannt. Aber Benthal erkannte ihn um so schneller. All seine Züge gingen in Freudigkeit auf. Mit dem Ton seiner alten Stimme und seines alten Herzens begrüßte er den wiederkehrenden Freund. Vor allem eine Entschuldigung, Verehrtester, für mein Schweigen auf Ihr Reisejournal, redete er Moorfeld an. Sie denken wohl, wieviel ich darauf zu antworten hatte, und ich war so okkupiert! Aber Sie wissen schon, Sie waren bei Frau v. Milden, nicht wahr? Gott! dort war ich nun auch schon nicht – lassen Sie mich zählen; – mit Schaudern bring ich's heraus, – ja, sieben Tage sind es! sieben Tage! Wie man in die Schulden gerät! Wer mir das noch vor kurzem gesagt hätte! Freilich hat mich mein liebes Lorettohäuschen neuerer Zeit nicht immer so hebenswürdig behandelt, wie ich's aus bessern Tagen, – ach, es waren bessere Tage! – gewohnt bin. Ich weiß nicht, was die Frauen haben, ihr Ton ist manchmal ein so fremdartiger! es scheint ordentlich, als ob sie einen unüberwindlichen Stolz vor einem reichen Manne hätten. Und es ist doch nicht meine Schuld, wenn ich mit meinem bißchen Wissen endlich auch einen Treffer ziehe. Aber vielleicht liegt's an mir selbst. Der Mensch beobachtet sich vortrefflich, wenn er allein ist; wie 
       ich mit den Frauen umgegangen bin, darüber habe ich wahrhaftig kein Urteil. Möglich, daß ich nicht ganz korrekt war; mein Gott! eine solche Veränderung der äußeren Lage darf wohl auch inwendig manches verschieben – aber nein! nein! was sag' ich: inwendig? Ein wenig Kopf verlieren, ein wenig strudeln und wirbeln im Betragen, das hat ja mit dem Herzen nichts zu tun. Ach, in solchen Lagen ist ein Freund wie Sie ein wahrer Segen! Sie kommen jetzt wie vom Himmel geschickt. Wenn man sich hier und dort mißversteht, hier und dort zu stolz oder zu empfindlich ist, es einzugestehen, wenn unzeitiger Trotz, selbstgebildete Leiden, wenn der ewig rege Kitzel der Verliebten: sich unglücklich zu fühlen, kleine Zwiste zu raschem und unheilbarem Bruche auszuklüften droht: da ist der treue, stetige Charakter eines Mittlers in seinem schönsten und dankenswertesten Berufe. Ich bitte, übernehmen Sie ihn gleich, diesen Beruf. Entschuldigen Sie mich bei den Frauen, ehe ich selbst wieder erscheine. Ich setze nämlich voraus, verehrtester Freund, daß Sie selbst wenigstens ganz und voll mit meiner neuen Richtung einverstanden sind. Von den Frauen bin ich das leider nicht gewiß. Ich will eben nicht sagen, daß sie Murmelquellen- und Strohdach-Schwärmerinnen wären; nein! Frau von Milden denkt viel zu vernünftig für eine solches Genre von Poesie. Aber zuletzt ist sie doch nur Frau, und Frauen sind für das Mittlere, Bürgerliche. Was ans Ungeheure, ans Million-Große geht, das scheint ihnen wieder so unpraktisch und schwindelhaft wie die Murmelquelle. Mit Ihnen ist's anders, das bin ich überzeugt. Ja, Ihr Reisejournal selbst ist's, auf das ich mich berufen darf. Was Sie über die Verrottung der Deutschen in Pennsylvanien gesagt haben, glauben Sie, das wird man ewig zu sagen haben. Von 
      der Idee sind wir wohl beide zurückgekommen, das Deutschtum auf den Pflug zu gründen. Sie sehen, wie's geht damit. Tausende von Bauern, Tausende von Handwerkern können wir ins Land werfen, und sie werden immer eine 
       Seitenstellung einnehmen. Ein einziger Bankdirektor, ein einziger Großhandlungs-Chef aus unserem Volke ist ein stärkerer Keil unserer Macht als Massen von nützlichen, aber verachteten Heloten. Nicht Herings-Schwärme sind die Gebieter des Meeres: der Leviathan ist's. O diese Yankees! Wir müssen sie in ihrer höchsten, heiligsten Zitadelle beschleichen: in ihrer Börse. Dort, wo das Fett und Mark der Nationen ausgekocht wird, dort müssen wir mitkochen. Ein Quadratfuß an diesem Herde ist mehr wert, als eine halbe Million Acres in Missouri. Ja, so Gott will – ich sinne manches! Ich will diese Yankees – ein Cäsar in der Wallstreet – aber kommen Sie – ich mache schon wieder Aufsehen. Noch trauen Sie mir nicht ganz – Instinkt mindestens hat das Vieh, wenngleich nicht Vernunft. –
      Das war nun einer jener häufigen Fälle! So glaubt ein Mensch wohlausgerüstet ins Gespräch mit einem anderen zu gehen, hat alles vorausgenommen, was vorauszunehmen war, und im Momente betritt ihn doch das Neue, Unvorhergesehene, und mit Überraschung entdeckt er das Allernatürlichste: daß ein Einziges sich nie wahrhaft als ein Zweites zu setzen vermag. Vor 
      diesem Benthal errötete Moorfeld bei sich, wie rasch ihn die Verwandtschaft zwischen Dichter und Frauen in die nervöse Furcht des Lorettohäuschens mit hingerissen. Er verplauderte noch eine Weile mit dem alten Wiedergefundenen, den er immer mehr von neuem erkannte, wenn auch in kühneren Linien und weiterem Zirkel, gleichsam das Ideal seiner selbst. Es war ein Gesprächsgang im höchsten Stile, und Moorfeld mochte selbst die freundschaftliche Schmollis-Buße des vergessenen Du auf eine Stunde vertagen, die mehr vertraulich als geschwungen war.
      Tief befriedigt kehrte er nach Hause.
      Des andern Tages war unser junger Europäer sicher der unruhigste Geist, der in seinem Boardinghouse an der Tafel des zweiten Frühstücks oder sogenannten »Lunch« saß. 
       Nach Aufhebung des Lunch schlug die legitime Stunde der Morgenvisiten. Der Wagen nach Frau v. Mildens Wohnung war schon früher bestellt. Hundertmal zog Moorfeld die Uhr, mit ungeduldigen Blicken sah er dem Messer des schwarzen Vorschneiders zu, der die verschiedenen Rumpsteaks, Koteletts usw. in all jene unzähligen Atome zerfällte, in welchen sie den Gästen dargereicht wurden. Da öffnete sich die Türe und ein Mensch, dessen Äußeres wie gewöhnlich durch nichts seine Funktion bezeichnete, überreichte den Damen des Hauses, einem jungfräulichen Schwesterpaar von mystischen Jahren, welches der Tafel präsidierte, eine Karte. An einer hämischen Bemerkung, welche die herbstlichen Fräuleins sich zuflüsterten, bemerkte Moorfeld, daß es eine Verlobungskarte war. Hat 
      die auch noch einen Mann bekommen! klang der christliche Spott der welken Lippen, indes die dürren Finger mit äußerster Geringschätzung die Karte von sich schnellten. Das Blatt flog Moorfeld fast in den Teller. Unwillkürlich fiel ihm die Schrift ins Auge. Er las:
      Mr. Theodor Benthal
       Engineer and Surveyor
       with
       Mss. Sarah Staunton.
    



      Viertes Kapitel
      Moorfeld flog auf sein Zimmer, lud seine Pistolen, warf sich in einen Wagen und eilte nach Stauntons Haus. Er hatte bei diesem Ereignis vor allem den Mißbrauch seiner Person zu rächen, welcher Benthal einen Auftrag an die Damen Milden gegeben in dem Augenblicke, da seine Verlobungskarten mit Miß Sarah gedruckt waren. Aber er fand Stauntons Haus verschlossen, die Jalousien niedergelassen, 
       und nur Jack, der Neger, war da, welcher zu verkünden hatte, daß seine Herrschaft heute morgen eine Reise angetreten. Er zog von dem alt-anhänglichen Diener noch weitere Erkundigungen ein und gelangte zu der Überzeugung, daß er sein Opfer aufgeben müsse. Es war die öffentliche Meinung der Stadt selbst, welche dem Hause Staunton wegen des Ereignisses mit seinem Kammermädchen diesen zeitweiligen Rückzug auferlegte. Aber geschickt hatte das Haus seine Ehrfurcht vor den Dehors mit dem Rückzuge des Schwiegersohnes kombiniert, der bei seinem raschen, praktischen Auffassungstalente seit gestern abend wohl wußte, was ihm bevorstand. Dies war die Einsicht der Sachlage, welche Moorfeld in wenigen Augenblicken davontrug.
      Er kehrte nach Hause zurück. Er fing an, einen Brief an Frau v. Milden aufzusetzen. Aber bald fühlte er, daß seine Hand keiner geraden Linie fähig war. Noch minder waren es seine Gedanken. Er warf sich hin und ließ sich zermalmen. Ein dumpfes Feuer breitete sich aus in ihm, in welchem alles still und gestaltlos zusammenbrannte. Er wunderte sich, daß der Philadelphia-Bahnhof stand, daß Wagen rasselten, daß Glocken im Hause schallten, daß er auf den Treppen den Yankee Doodle pfeifen und mit der Baguette an Pantalons schlagen hörte. Die Welt kam ihm wie ein Bilderbogen vor; er hatte das Gefühl, als sei alles um ihn her nur gemalt. Bei dieser fürchterlichen Zerstörtheit im Innern marterte ihn die äußere Gesundheit seiner Sinne, die desungeachtet fortfuhren, ihm Vorstellungen und Bewußtsein zu vermitteln, ganz unerträglich. Ein Fieber-Delirium wäre ihm Wohltat gewesen.
      In diesem Zustande traf ihn der Aufwärter, der ihm ein Billett abzugeben hatte. Es war eine Einladung vom Hause Bennet zum Tee.
      Mit den gemischtesten Gefühlen empfing Moorfeld dieses Blatt. Sein erster Schritt war vor den Spiegel. Leider! er sah 
       alles darin, was seit dem Campmeeting in Ohio bis zu dieser Stunde auf ihn eingestürmt. Und hätte er selbst sich darüber täuschen mögen: noch scholl ihm das unverfälschte Kindeswort Malvines im Ohre: Ach, Sie sehen so blaß! Dieses Wort für einen Gang zu Bennet galt ihm, was alten Staaten ihre politischen Orakel.
      Was war zu tun! Sich zu entschuldigen und das Haus seiner Sehnsucht so lange zu meiden, bis die Zeit über ihre eigenen Verwüstungen ihr Grün und ihre Rosen wieder geschlungen? Aber das, was »die Zeit« heißt, diese jugendliche Huldgöttin alles Lebens, diese herrliche Kraft des Vergebens und Vergessens, – stand sie nicht mit den vollsten Fruchtkörben ihres Labsals an Bennets schönem Hausaltare selbst? Stand sie außer ihm, in trüber, selbstquälerischer Muße, im verzehrenden Hinbrüten, im bodenlosen Betrachten und Durchdenken dessen, was ohne Boden ist, weil der Gute und Gebildete Roheit und Egoismus im letzten Augenblicke so wenig begreift wie im ersten? Moorfeld wog seinen Entschluß hin und her. Er trat wiederholt vor den Spiegel. Also, ein Kranker, sollte er dieses Heiligtum betreten, ein Bedürftiger, Elender, statt ein Mitteilender, Reicher? In einer Entstellung, die jedes Kind verscheucht, sollte er sich zeigen, wo alles in ihm brannte, seine beste, glänzendste Gestalt dem Auge zu bieten?
      Aber indem Moorfeld noch zu schwanken schien, durchdrang Licht und Wärme schon alle Räume seiner Phantasie. Die Szenerie des Abends fing unwiderstehlich in ihm zu leben an. Es wogte von Flammen, Bildern, Gestalten, Glanz, Fülle und Wohllaut um ihn her, Sinne und Seele waren nicht mehr sein, er dachte nichts anderes mehr, als was in Verbindung mit jenem idealischen Schauplatze stand. Noch hatte er keinen Entschluß gefaßt, aber die Stimmung selbst war sein Entschluß.
      In dieser Stimmung entraffte er sich der dumpfen Leidensöde 
       seines Zimmers und suchte die »frische Luft«. Die Luft war mehr als frisch, sie war rauh. Seit jenem zweiten Tagesritt an den Eriesee lag der Sommer, wie von einer scharfen Klinge geköpft, als plötzliche Winterleiche da. Unser Europäer hatte zu erfahren, daß Amerika den Übergang der Jahreszeiten gleich mancher anderen Schönheit entbehre.
      Er warf sich in ein Segelboot und fuhr scharf dem schneidenden Nordwind entgegen. Ja, die frostige Klarheit des Hudson erregte ihm die schauerliche Begierde zu baden. Er fuhr den letzten New Yorker Bauten aus den Augen und tat es. Nach einem zweistündigen Ausflug ließ er das Boot wieder wenden, das mit dem Winde stromabwärts in einer Viertelstunde zurückflog. Den Rest des Tages brachte er unter den Händen des Friseurs, am Toilettentisch, vor dem Kleiderschrank zu. Er wollte mindestens vorbereitet sein, wenn bis zum Abend sein Entschluß reif wäre, ihn auch ausführen zu können. Wußte er nicht, daß all diese Vorbereitungen selbst nichts waren als die Frucht der entschiedensten Reife? Und so stand sein träger Stundenzeiger kaum auf sieben Uhr, als er mit Mut, Lust, Jugend, Stolz und Vertrauen sich in den Wagen warf, – mit dem Stolze, daß der geistig überlegene Mensch sich selbst Ersatz sei für einen ungünstigen Moment seiner Äußerlichkeit, mit dem Vertrauen, ja mit der Zuversicht, daß er endlich, endlich hier einen Gang machte, der ihm die erste und letzte Genugtuung in Amerika biete.
      Waren das Schneeflocken, die ein barbarischer Nordost gegen sein Wagenfenster peitschte? waren es Feuersignale, die von dem Turm der City-Hall tönten und die Stadt zu schauerlichem Tumulte aufregten? Liefen die Menschen zu dem Brande, fegte sie der rasselnde Hagelsturm so herbstwild durch die Straßen? Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, der Wagen jagte wie auf einer verzweifelten Flucht, – Moorfeld sah und hörte nur mit vorübereilenden Sinnen: es 
       war ein unheimliches Stück Straßenleben, dem er auf dieser Fahrt zur Staffage diente.
      Endlich hielt der Wagen unter den sturmzerzausten Pappeln und Platanen des Parks auf der Battery.
      Die hellbeleuchtete Reihe von Bennets Fenstern warf irrende Lichter auf die Bäume, welche mit ihren triefenden Wipfeln unruhig hin und her wogten. Moorfeld dachte bei diesem Bilde an seinen Fackelritt in der Waldnacht am Eriesee.
      Hastig sprang er aus dem Wagen, gegen alles Weh seiner Erinnerungen in dieses Haus wie in einen delphinischen Hain zu flüchten.
      Er fand an der Auffahrt noch mehrere Equipagen vor und trat mit mehreren Gästen zugleich jetzt durch die weitgeöffnete Vorhalle. Zwei Neger in Livree standen rechts und links am Eingange, welche sich die Namen der Ankommenden ausbaten, um sie mit einer, nicht stets korrekten Aussprache ins Parlour vorauszurufen.
      Als Moorfeld seinen Namen nannte, öffneten ihm die Neger nicht das Parlour, sondern einer derselben bat im Namen der Mistreß Bennet, ihm ins Drawing-Room zu folgen.
      Moorfeld überließ sich ihm.
      Er dachte unterwegs über die Ausbildung des republikanischen Geistes in Amerika nach. Der neue Gebrauch der 
      Livree in der New Yorker haute Finance schmiegte sich jedenfalls als eine pikante Illustration um die Devise: all men are equal; ja, und hatte er nicht an einer der Equipagen, die vor dem Hause hielten, im Halbdunkel des Lampenscheines deutlich ein 
      Wappen erblickt?
      Indes führte ihn der Neger durch jene Reihe von Appartements, welche die Kunstsammlungen des Hauses enthielten, der den Gesellschaftssälen entgegenliegenden Seite zu nach dem Empfangzimmer der Hausfrau.
      Moorfeld trat in das Gemach, welches eine Milchlampe 
       unter blaßrotem Lichtschirm mild erleuchtete. Mistreß Bennet verweilte ganz allein in demselben. Sie erhob sich bei Moorfelds Anmeldung aus einem Schaukelstuhl und trat ihm mit einer Blume in der Hand nicht ohne Bewegung, wie es schien, entgegen.
      Ich habe Sie bemüht, Herr Doktor, sagte sie, indem sie ihm die Blume überreichte, um Sie mit einer Veränderung in unserem Familienleben au fait zu setzen, von welcher es Mr. Bennet lieb sein wird, wenn er sie, im vis-à-vis mit Ihnen, schon als eine Voraussetzung behandeln kann. Sie hatten die Aufopferung, in einem etwas – charakteristischen Augenblicke den Dehors unserer Partien einen großen Dienst zu leisten, indem Sie mit dem Versprechen, die ästhetischen Studien meiner jüngsten Tochter zu leiten, einem peinlichen Eklat die Spitze brachen. Mr. Bennet hätte vielleicht unseren Vorteil so sehr geliebt, das Impromptü jenes Augenblicks wörtlich zu nehmen; ja, Sie selbst hätten vielleicht die Güte gehabt, demselben eine gewisse Verbindlichkeit beizulegen. Ich darf Sie in diesem Falle, Herr Doktor, indem ich Sie unseres herzlichsten Dankes versichere, von dieser Verbindlichkeit frei sprechen. Miß Cöleste hat inzwischen aufgehört, der väterlichen Gewalt zu unterstehen. Sie ist Braut mit Sir Edmund Ormond, Esquire.
      Moorfeld unterdrückte einen lauten Aufschrei.
      Aber auch Mrs. Bennet schien ihrer Mitteilung nicht froh geworden zu sein. Mit einem leichten »darf ich bitten« machte sie Miene, den Arm ihres Gastes zu nehmen, mehr gepreßt, von diesem Gegenstande weg-, als beeilt, in die Gesellschaft hinzukommen.
      Moorfeld stand reglos. Er war keiner Besinnung fähig. Er bedurfte einer furchtbaren Kraftanstrengung, bis er die Unmöglichkeit, überhaupt zu sprechen, besiegt hatte. Nach einer Pause antwortete er: Madame, erlauben Sie mir, zu bleiben. Ihr Haus ist heute, wie ich ahnen muß, nicht in 
       den großen Gesellschaftssälen, es ist hier in diesem stillen Räume. Und für mich, der ich ein Fremder bin, wird es bald weder dort noch hier mehr sein. Was ich gehört habe, gilt in der Regel für ein frohes Ereignis; wie ich's gehört habe, scheint es eine Ausnahme von der Regel. Dieser Zweifel martert mich. Ich nehme den innigsten Anteil an Ihrem Hause. O, geben Sie mir die Genugtuung, Madame, ehe wir uns in jene Säle verlieren, wo Glück und Unglück die gleichen Züge tragen, geben Sie mir die Genugtuung, daß Sie mir ein glückliches – ein Ereignis, das Sie glücklich macht, mitgeteilt haben!
      Verzeihung, mein Herr, ich kann unmöglich geben, was ich selbst entbehre.
      Jetzt ergriff Moorfeld den zarten Arm der Dame, aber er führte sie an ihren Schaukelstuhl zurück. Sie haben mir viel zu sagen, Madame, stammelte er; Sie sollen es sagen! Ein Menschenherz für ein Mutterherz!
      Diese Art poetischer Diktatur mußte etwas haben, das gefiel; auch war Mistreß Bennet Pariserin genug, den Umgangsformen eine gemütvollere Freiheit zu bewilligen, als es eine Amerikanerin getan hätte. Sie nahm ihren Platz ein und bat Moorfeld mit einer Handbewegung, das gleiche zu tun.
      Ich bin schwach genug, Ihre Teilnahme anzunehmen, sagte die edle Frau mit einem Ausdruck des müdesten Schmerzes. Aber nicht wahr, die Unglücklichen dürfen miteinander zwangloser umgehen! Und ach, wir 
      sind unglücklich, mein Herr, wir sind es, wie wenige Familien dieser Stadt! Es wird mir von Jahr zu Jahr schwerer, den Trost des Mitleids zu entbehren, den teilnehmende Freunde uns entgegenbringen. Mr. Bennet mag mir's verzeihen! Wir lassen uns ja willig zertreten, wird es uns doch erlaubt sein, uns zu krümmen!
      Moorfeld war wie vom Blitze gerührt. Mr. Bennet –? das Wort erstarb ihm auf den Lippen.
      
       Ja, Mr. Bennet! Mr. Bennet! wiederholte die Hausfrau mit Affekt. Es wird dem Mann, dessen glorreicher Ehrgeiz es ist, zu den Medicäern seiner Nation zu zählen, es wird ihm in Ihrer Meinung nicht schaden, wenn Sie ihn in seinem Hause, der Schattenseite so vieler ausgezeichneter Männer, kennen lernen. Ich kann nicht anders! Es ist mir Trost, es ist mir Lebensbedürfnis, den Schmerzenslaut meiner Schmerzen hören zu lassen. Ich reiße in diesem Augenblick mit Verzweiflung mein Kind von meinem Herzen und muß mir Glück wünschen lassen zu meiner Verzweiflung! Ha, ich sollte nicht ein, nicht ein Herz den Vertrauten meiner Muttergefühle nennen dürfen? O, mein Herr, der Himmel hat Sie mir in dieser Stunde geschenkt! Helfen Sie mir weinen um das liebenswürdige Kind! Sechzehn unerfahrene, unschuldige Jahre und – un mariage de déspération! Die Unglückliche! Das Genie des geistreichsten Vaters treibt sie in die Arme eines – imbecile! 
      Muß ich meine Cöleste opfern für den Beweis, wie alle Gegensätze sich ihren eigenen Fluch erzeugen? Leider, ich muß es!
      Ich werde Ihnen nichts Neues zu sagen haben, fuhr Mistreß Bennet ruhiger fort. Sie kennen den Enthusiasmus meines Mannes für die schönen Künste. Er möchte seinem Vaterlande ein Augustus, ein Perikles werden. Ich glaube es aufrichtig, daß er es könnte. Ja, ich glaube an ihn. Hätte er die Kräfte einer Nation zur Verfügung, er arbeitete mit dem Werkzeug, das er bedarf. 
      Er wäre glücklich und der Kunstadel der ganzen Erde mit ihm. Leider sind wir kein Reich, wir sind nur ein Haus. Das ist unser Unglück. In weiten Entfernungen würde er erwärmen und beleben, im engen Familienraume verzehrt und tötet er. Er ist ein Jupiter und wir sind – die Asche der Semele!
      Moorfeld stöhnte unter Bergeslasten.
      Ja, die Künste haben keine Freistätte hier, eine Werkstätte sollen sie haben. Ein Bennet will erschaffen, was er genießt. Und so war es meinen Kindern schon in der Wiege 
       diktiert: du malest, du dichtest, du modellierst, du musizierst! Die Natur hatte nur das Recht, die Steuern zu bewilligen, die ihr Bennet auferlegte, sie durfte Ja sagen, aber nicht Nein.
      Und wahrlich, sie sagte nicht nein! Die Kinder dieses Vaters hatten wirkliche, angeborene Talente. Aber gibt es Mittel, das Talent sich selbst verhaßt zu machen, so gebrauchte sie Bennet. Die Art, wie er die Talente weckte, – was sag' ich, »wecken«? So weckt nicht das Morgenlied der Lerche, spielende Batterien wecken so. Er donnerte die armen Kleinen schon aus ihrem zartesten Kindheitsschlafe empor. Auf zur Arbeit! war das erste Wort seiner Vaterlippe. Daß sie in drei Sprachen zugleich erzogen werden, rechne ich noch für nichts, die Natur leistet wirklich Außerordentliches hierin. Daß sie den Freuden ihrer Spiele, den geringsten Erholungen und Genüssen ihres Alters entsagen mußten, daß ihre Kinderstube ein Gedränge von Lehrern und Büchern erfüllte, zwischen welchem das flüchtigste Lächeln einer Mußestunde erdrückt wurde, daß ihnen die frische Luft, die Nahrung, die Ruhe des nächtlichen Lagers entzogen wurde, »weil die Götter den Sterblichen nur alles für Arbeit verkaufen«, – das ist schon etwas, mein Herr! cela commence à compter! Aber was soll ich sagen, was soll ich als Frau sagen, wenn diese dämonische Begeisterung selbst das Opfer der Schicklichkeit, des Anstandes, des weiblichen Schamgefühls nicht für zu groß hält, um es ohne weiteres zu fordern? Jenny, meine Älteste, modelliert. Die Diana im Trumeau unsers Parlours ist von ihr. Aber nicht Dilettantin soll sie bleiben, sie soll wetteifern mit Künstlern, welchen das Studium der Antike, welchen der Anblick der unmittelbaren Natur zu Gebote steht. Und wir leben in Puritaner-Staaten, mein Herr! O, lassen Sie mich schweigen! Von welchen Stürmen, von welchem Tränenmeere rede ich da! Papa, sie werden mit Steinen nach mir werfen! jammerte das verzweifelnde Mädchen. Laß sie werfen, mein Kind, 
       aber die letzten Steine werden Edelsteine sein! antwortete der Papa.
      Ja, das ist ein griechischer Gott, in einen Yankee gefahren! rief Mrs. Bennet mit Bitterkeit und Bewunderung zugleich. Jede Ader voll Poesie – aber diese Gewalttätigkeit gegen das Leben, diese Nichtachtung der Natur, dieser grausame, unerbittliche Vertilgungstrieb gegen alles, was frei wachsen, was sein eigener Zweck auf seiner eigenen Bodenspanne sein will, – das ist Kulturtrieb in amerikanischem Stil! Absolute Unfähigkeit zu schonen und zu lieben – neunziggradiger Egoismus! Und doch – dieses Ich, welch ein schönes, herrliches ist es! Er macht unglücklich, nur weil er die Welt für unglücklich hält, die nicht seines Sinnes ist. Auch war ich weit entfernt und war es lange, mich selbst und meine Kinder für berechtigt zu halten neben ihm. Es ist was Überzeugendes, Hinreißendes in seinem Temperament, etwas Faszinierendes, das in Tat und Willen den Widerstand irre macht. Man fühlt sich beschämt von solcher Größe, man glaubt immer von neuem, daß sie möglich ist. Erst als ich die bleichen Wangen, die erloschenen Augen, die schleichenden Pulse, die kränkelnde Zartheit und Durchsichtigkeit von den jugendlichen Gestalten meiner armen Kleinen mit keinem Vorwand hinwegleugnen, mit keiner Geduld zu Ende warten konnte, fing ich an, die Erstlingseinwürfe meiner Mutterangst zu stammeln. Ah, Bennet belehrte mich eines Besseren! »Das ist die Flamme des Genies, welche die Materie aufzehrt; man muß ihr Luft schaffen!« und nun kamen Bücher zu den Büchern, und Lehrer zu den Lehrern, und Aufgaben zu den Arbeiten, und Luft wurde geschafft, daß uns der Atem stockte!
      Das ist unser Familienleben, mein Herr. In Unterwerfung zugrunde zu gehen oder uns zu retten – durch Rebellion, diese traurige Wahl bleibt uns allein. Die Kinder nähern sich dem einen oder dem andern, je nach der Verschiedenheit ihrer Inklinationen. Mein Sohn Edgar empörte sich 
       zuerst. Als ein Knabe von elf Jahren lief er in die Kriegsschule nach West-Point, und keine Macht der Welt wäre imstande gewesen, ihn zurückzuführen. Dort studiert er nun, – mein mütterliches Auge entbehrt seinen Anblick. Erst seit kurzem sehen wir uns öfter; lange hießen meine Besuche Konspiration! Der Meißel, der ihm bestimmt war, ging auf Jenny, meine zweite Tochter über. Die duldet, soweit sich dulden läßt. Charakterfester wieder ist mein viertes Kind, Cöleste. Ihre Spezialität ist die Poesie. Die Entscheidung dafür datiert von einem Zufalle. Wir erwarteten den Papa von seiner zweiten europäischen Reise zurück, es war im Jahre zweiundzwanzig. Cölestine stand im siebenten Jahre. Ma, sagte sie, ich will den Pa mit einem Gedichte empfangen. In der Tat schrieb das Kind in diesem Alter ein paar französische Strophen, an denen ich wenig oder nichts zu korrigieren fand. Bennet aber kam direkt von Genua, von der poetischen Hofhaltung Lord Byrons. In welchem Zustand seiner Imagination, mögen Sie selbst denken. So trat ihm nun ein kleines, stammelndes Kind an der Schwelle seines Hauses entgegen, mit einem Orangeblütenzweig in der Hand, mit dem Wohllaut selbstgedichteter Verse auf den Lippen – verhängnisvoller Eindruck! Wer dieses Kind nicht für den ersten Genius seiner Zeit hielt, der verlor seinen Anspruch auf Bildung. Bennet war außer sich. Auf, auf, Bücher! Lehrer! Studierlampen! welche Vaterpflichten sind hier zu erfüllen! Schlaf, Spiel, Erholung, – gemeine Einreden! Der versteht den Genius schlecht, der nicht weiß, daß er an sich selbst sich erholt. Es gibt nur 
      eine Erholung von der Arbeit, – die Arbeit!
      Nun ist aber Cöleste eigen geartet. Die ganze Wucht der väterlichen Erziehungstyrannei drückte auf sie überwiegend, und doch war sie es zugleich, die am wenigsten klagte. Sie hatte Ehrgeiz. Was immer ihr auferlegt wurde, sie verrichtete es nicht nur, sie tat noch drüber. Sie rivalisierte gleichsam mit ihrem Vater. Die Tränen traten mir oft ins 
       Auge, das Mädchen zu sehen. Statt mit dem Rot der Gesundheit, mit der feinen geistigen Glut des Wetteifers auf den Wangen saß sie da, überbot ihre Aufgabe, überbot sich selbst und brannte vor Begierde zu überraschen. Nicht der Vater, der Gentleman nur allein, hätte seinen Degen senken müssen vor der Galanterie seines Kindes. Leider! Bennet war nicht zu überraschen. Seine Ansprüche wuchsen mit der Befriedigung, und das arme Kind erarbeitete sich nur Mißhandlungen. Da wandte sich ihr Herz. Mit dem Stolze des beleidigten Adels trat sie in sich zurück. Ihre Stimmung wurde eine gereizte, feindselige. Sie ließ alle Forderungen über sich ergehen und schärfte sich trotzig die Lippen dazu. Sie machte nicht den Eindruck einer leidenden Natur, sondern einer, die ihren Tag abwartet. Bennet verstand sie nicht. Er hielt den Himmel für ruhig und glaubte, er 
      sei der Donnerer darauf, nicht 
      sie, der kleine reservierte Trotzkopf.
      In dieser Verfassung waren die Gemüter, als der Tag von Saratoga anbrach. Ich hoffte von der veränderten Hausordnung, von dem heiteren Naturgenuß, von dem ganzen Schwung dieser Ferien einen heilsamen, mildernden Einfluß. Das Gegenteil kam. Wir waren direkt in die Löwenhöhle getreten. Die Saison von Saratoga war eine der glänzendsten: man sah, daß die Pairskammer Karls X. und die Fürsten der polnischen Nation Nomaden geworden. Bennet begrüßte von seinen drei europäischen Reisen her viele alte Bekanntschaften und machte noch mehr neue. Die Albumsblätter wanderten im lebhaftesten Austausch hin und wieder. Kein Tag verging, daß nicht mehrere Unsterblichkeiten zu stiften waren. Denn so faßte es Bennet auf. Welch eine Gelegenheit! Europas Pforten waren dem Dichterruhm seiner Tochter geöffnet. Die haute volée aller Länder gab sich zur Kolportage ihrer Verse her. Wen diese Gelegenheit nicht begeisterte, das war ein Kretin, kein Mensch! Bennets Forderungen kannten keine Grenzen 
       mehr! Er hatte alles Bewußtsein verloren, was menschlich zu leisten. 
      Sechsmal zerriß er Cölesten ein Albumsblatt für einen griechischen Palikarenhäuptling. Welche bassesse in Form und Gedanken! Das muß anders tönen, meine Gute! Dieses Volk ist an die Solitäre eines Byron gewöhnt, und Apoll selbst nennt es seinen Landsmann. Er vergaß sich so weit, daß er sie einsperrte und ihr die Nahrung entzog, bis sie so klassisch geworden, wie es ihm vorschwebte. »Singvögel und Jagdhunde muß man kurz halten!« Sie sehen, es eilte zum Ende.
      Und just an diesem Tage kam der Pudel Omar mit seinem Verehrer, Lord Ormond, an. Der edle Herr war inzwischen zwar nicht wirklich Lord geworden, aber er hatte einen Seitenverwandten aus der Gentry beerbt und konnte wieder standesgemäß in England auftreten. Er verabschiedete sich von uns. Bei dieser Gelegenheit beobachtete er es als eine Form der Höflichkeit, meiner Tochter die Hand zu bieten. Racheglühend, ich muß das Wort betonen, mein Herr, 
      racheglühend nahm Cöleste an. Augenblicklich setzte sie sich hin und schrieb – an Mr. Bennet ihre Verlobungskarte! Es ist dieser Gebrauch kein seltener zwischen Kindern und Eltern in Amerika – leider! kam er jetzt auch in meiner Familie vor! 
      Hohnlachend stürzte der Vater vor seine Tochter. Gut gemacht, Lady, gut gemacht! Und das soll Bennets Blut sein! – Es ist's, Sir! Eine Bennet ist lieber die Herrin eines Narren, als die Sklavin eines Genies! Bennet erblaßte. Es ahnte ihm zum ersten Male, daß sein Kind ein Charakter. – So, mein Herr, ist Miß Cöleste Braut geworden.
      In diesem Augenblicke fiel ein Schuß auf der Straße.
      Werther! rief Moorfeld emporfahrend.
      Es ist seit gestern und heute ein wenig unruhig in der Stadt, ein Riot scheint im Anzuge, sagte Mrs. Bennet mit tiefer Gleichgültigkeit.
      Moorfeld kam zu sich. Glücklicherweise – wußte er – 
       klingt Werther zumeist Worther im Englischen; das gräßliche Streiflicht über sein Inneres konnte unzündend abgeblitzt sein.
      Er kehrte an seinen Platz zurück.
      Die gebeugte Frau war mit ihrer Mitteilung zu Ende. Mühsam nahm Moorfeld das Wort: Ich muß mich mäßigen, Madame, mein Mitgefühl Ihnen auszusprechen. Sie haben mir gezeigt, was an dem Fluche unserer Poesie der Anteil der Frauen ist; könnte es Ihnen zum Troste gereichen, so würde ich Sie auffordern zu einem Rückschluß auf uns selbst. Sie würden Schuld und Strafe, dünkt mir, in einer schauerlichen Harmonie finden. Doch nichts davon! Tragen Sie den Widerschein eines Unglücks als ein ganzes und volles Unglück, ich will nichts verkürzen daran. Nur noch meinen Dank für Ihre Schonung. Daß ich in diese Verhältnisse als ein verkörperter Nero über Ihre Schwelle trat, daß die Aussicht auf einen Winterkursus mit dem Kritiker von »Schäfers Botschaft« das Maß füllen mußte schon vor Saratoga – Sie haben es mir, verehrteste Frau –
      Verzeihung, Herr Doktor, unterbrach Mistreß Bennet. Ihr Auge ruhte mit jener Anerkennung auf Moorfelds Gestalt, wie nur die Französin, im Besitze souveräner und berechtigter Geschmacksherrschaft, blicken darf. Allerdings konnte Ihre Erscheinung nicht ungezählt bleiben in unserm Hause. Aber gefürchtet wurde sie nicht. Das Gegenteil ist wahr. Cöleste, die sich zuweilen in Paradoxien gefällt, sagte gradezu: Ich vertraue diesem Europäer, er wird Poet genug sein, gegen die Poesie mich zu schützen.
      Moorfeld schrak zusammen. Er überblickte den ganzen Wert dieses Mädchens. Wo hatte sie den höchsten Begriff der Poesie gefunden: Eigentümlichkeiten zu verehren, nicht umzubilden, wenn nicht in ihrer eigenen herrlichen Seele?
      Und doch!
      Und doch, fuhr Mrs. Bennet fort, für uns gibt es keine 
       Hoffnung! 
      Auf meinen Mann ist nichts anders zu wirken, als 
      mit ihm. Keine Opposition ist einflußloser als gegen Mr. Bennet. Wir werden einen Freund gewinnen, sagten Doktor Channing und Doktor Griswold, das heißt: wir werden einen Mann mehr haben auf unserm Rückzuge. Leider ist es so. Wir haben unsern Freunden nur eine verlorne Sache zu bieten. Neue Opfer den alten hinzuzufügen, wäre nach unsern Erfahrungen grausam gewesen. Wir können uns nicht helfen, – mindestens nicht anders, ach! als es Cöleste getan.
      Während Mrs. Bennet noch sprach, öffnete sich leise die Tür des Drawingrooms. Cöleste selbst war es. Als sie Besuch sah, trat sie sogleich wieder zurück, aber schon hatte ihr halb sichtbares Bild zwischen Tür und Angel Moorfelds Auge gestreift. Moorfeld sprang auf und ging dem Mädchen entgegen. Er nahm sie bei der Hand mit den Worten: Wir sprachen von Ihnen, teuerste Miß; schenken Sie uns einen Augenblick Ihre Nähe. Ich habe Ihnen meinen Glückwunsch zu Füßen zu legen. Sie werden, wie ich höre, in die große Welt eintreten. Auf diesem Wege werden Sie einen großen Schatz finden – das Bewußtsein, was für ein unermeßlicher Besitz es ist, sich selbst zu haben! Sie werden inne werden, daß die Welt, in welcher jeder sein eigener Mittelpunkt zu sein glaubt, nichts so naturgemäß sucht, als sich um den Hof einer edlen und schönen Selbständigkeit zu gruppieren. Dieses Glück zu finden, erwartet Sie unter allen Umständen, und dazu bringe ich Ihnen meine aufrichtigen Wünsche.
      Ein tiefes, kraftgebändigtes Beben klang durch Moorfelds Stimme, als er diese Worte sprach. Cöleste selbst vermochte nicht anders zu antworten als mit stummer Gebärde.
      Indem sie jetzt tiefer ins Licht vortrat, rief Mrs. Bennet bei ihrem Anblick: Aber welche Toilette, mein Kind? Das junge Mädchen trug ein schwarzes Atlaskleid mit einem 
       Schmucke von Coque-Perlen. Es kontrastierte mit einer magischen Wirkung zu der stillen, marmornen Blässe ihres Antlitzes. War es eine Kaprice, so war es auch – eine Wahl.
      Cöleste hatte inzwischen die Fassung errungen, Moorfeld anzureden. Sie sprach ohne aufzublicken: Meine Mutter wird Ihnen gesagt haben, Herr Doktor, wie sehr es mich gefreut hätte, diesen Winter einen Teil meines Bildungsweges mit Ihnen zurückzulegen. Meine – plötzliche Reise nach Europa bringt mich um diesen Gewinn. Darf ich Sie jetzt bitten, mir ein Zeichen mitzugeben, das ich als Denkmal – selbst einer vereitelten Hoffnung noch wert halten werde? Darf ich mir erlauben, Herr Doktor, Ihnen mein Gedenkbuch vorzulegen?
      Indem Moorfeld den Klang dieser Stimme wieder hörte, schauerte sein ganzes Inneres zusammen. Mit Mühe stotterte er eine übliche Formel der Bejahung. Cöleste holte das Buch. Moorfeld rückte an den Tisch und versuchte zu schreiben. Aber seine Hand zitterte heftig. Er setzte wiederholt an, – es gelang nicht.
      Ich bitte, mit dem Blatte nach Zeit und Muße zu verfügen – sagte Cöleste – wir reisen wahrscheinlich erst in vierzehn Tagen.
      Verzeihung, Miß, ich schon morgen, war Moorfels Antwort.
      Cöleste blickte erschrocken-fragend auf.
      Moorfeld war nicht imstande, ihren Blick zu ertragen. Er stand auf und machte einige Schritte durchs Zimmer. Der Moment wäre nicht zu bewältigen gewesen – da fiel Moorfelds Blick auf eine Violine im untersten Fach des Glasschrankes. Es mochte jene monumentale Violine sein, welche Mr. Bennet zum Andenken an den ersten amerikanischen Walzer aufbewahrte. Wie der Blitz auf seinen Ableiter, so stürzte Moorfeld auf das Instrument. Er tat ein paar Probegriffe, dann fing er zu phantasieren an. Die Geige 
       hatte einen weiten großartigen Ton; der Spieler empfand sogleich ihren ganzen Geist. Er begann einen breiten heroischen Satz, schwebend, wie ausgebreitete Adlerflügel, hoch in der Höhe. Er zog Töne von hinreißender Beredsamkeit, es war Schmerz darin, aber der Schmerz eines Demosthenes um die schönste Weltrepublik. Nicht lange deklamierte er so. Dieser erste, volle Trunk der musikalischen Seele getan, schöpfte sie gieriger, wilder. Bald hackten sich kurze, scharfschnäblige Triolen in die breite Prometheus-Brust des Eingangssatzes ein, und die ehrbar-schöne Weltordnung der Antike zerfetzte romantisches Galgen- und Zwielichts-Gevögel. Auf einmal war der Jammer entschieden; in einem humoristisch-verzweifelten Tremolo sprang's wie ein Pudel, – ein wohlbekannter Pudel! – in die vier Saiten und apportierte dem olympischen Griechenland bulgarisches Zigeunergesindel. Schneller jagt Aprilschnee sich mit Aprilsonne nicht, als 
      Glucks Stil in eine Fantasie nach dem 
      Rákóczy-Marsch umsprang. Als Cöleste diese Rhythmen hörte, bedeckte sie ihr Antlitz mit beiden Händen und sank knieend in den Schoß ihrer Mutter. Der spornklirrende Kriegsgesang jagte über sie hin, unaufhaltsam. Zaum- und zügellos flog's haidewild dahin: Schlachtluft, Abschiedsweinen. Ein Narbengesicht in Tränen! In diesen Klängen atmete Moorfeld Heimatsluft. Schenkenlustige Tänze wirbelten, türkische Krummsäbel und ungarische Pallasche klirrten, man sah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden Molltönen dazwischen, und am Horizont des Kriegsgetümmels stand verlassene Liebe! So trieb's Moorfeld, bis der letzte Tropfen Herzblut herausgeschüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach der Türe stürzend: »Auch das ist ein Andenken!«
      Nein, so dürfen Sie nicht von uns! rief Cöleste aufspringend, außer sich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Beruhigens 
      flehte um einen Sonnenblick in seinem 
       Auge. Dringend faßte sie Moorfelds Arm – so dürfen Sie nicht von uns! das darf Ihr letztes Wort nicht sein!
      Es ist's nicht! antwortete Moorfeld, – ich werde den Frauenherzen noch manches Souvenir schreiben! Verfolgen Sie den Dichternamen Nikolaus –
      Seine Stimme brach, – ein Blick, – ein Händedruck – er stürmte hinweg.
    



      Fünftes Kapitel
      So erwachte Moorfeld zu seinem letzten Morgen in Amerika. Tags nach diesem Abend fuhr er mit der ersten Geschäftsstunde an den Hafen, entschlossen, jede Gelegenheit nach jedem europäischen Seeplatz anzunehmen, einzig bedingend, daß die Anker noch heute gelichtet wurden. Er fand ein Dampfboot, dessen Abfahrt auf zehn Uhr festgesetzt war. Natürlich waren die Plätze besetzt, aber ein junger französischer Arzt, der in Amerika eine Studienreise gemacht, hatte die Artigkeit, ihm seinen ersten Kajütenplatz zu verkaufen. Das Dampfboot hieß – Riego.
      Die Stadt New York feierte der Einschiffung Moorfelds ein wildes Abschiedsfest. Wie die Fugen der Alltagsordnung schon seit zwei Tagen oder vielmehr Abenden in ein verdächtiges Schwanken und Krachen geraten, haben wir mitten aus dem erschütterungsvollen Eigenleben Moorfelds heraus im Fluge bemerkt. Aber bei seinem heutigen Erwachen fand er die Pulvermine in voller Explosion. Schon auf der Fahrt nach dem Hafen zeigte die Stadt ein entsetzliches Antlitz. Arbeiter, welche in ihre Fabriken zogen, standen überall in bestürzten Gruppen umher, Kaufläden blieben verschlossen und stierten, wie von einem bösen Traum befangen, mit den Vorhängschlössern der Nacht in den hellen Tag hinein, die belebtesten Passagen waren unverhältnismäßig öde, oder was sich von Menschen und Wagen bewegte, 
       schien wieder in rückgängiger Bewegung vom Tagesgeschäft begriffen – alles trug die Miene der Angst und Verwirrung. Moorfeld, in seinem gräßlichen Seelenkrampf keines äußeren Eindruckes fähig, fuhr durch diese Szene, ohne sie zu bemerken, bemerkte sie, ohne zu fühlen und zu denken. Erst am Hafen drang sich das öffentliche Zittern unwillkürlich seinem Interesse auf. Überall begegnete er bangen Gesichtern. Überall wurde er befragt, was er von den Ereignissen der Nacht wisse, überall liefen Menschen hin und wider, welche ihrerseits Gerüchte darüber ausbreiteten. Seltsam, wie eine große Stadt von den Lebensvorgängen in ihren Extremitäten so unzuverlässig und so spät eine bestimmte Empfindung im Zentrum ihrer Nervengefäße erlangen kann! Im Hafen wußte man wenig oder nichts von dem, was Schreckliches in den nördlichen Ausläufen New Yorks vorgefallen. Im allgemeinen verlautete nur von einer großen Feuersbrunst. Aber niemand wußte zu sagen, was verbrannt, wie weit der Brand um sich gegriffen, ob man überhaupt löschen 
      wollte, und eine Furcht, die alles Blut von den Wangen trieb, rieselte durch die Adern der Bevölkerung, daß sie auf dem Krater geheimnisvoller Verbrechen, gräßlicher Verschwörungen stehe, daß ein unbekanntes Verderben über ihrem Haupte schwebe, von welchem niemand eine bestimmte Vorstellung hatte, welches anzudeuten, allein schon für Mitschuld galt, welches aber durch stockendes, zähneklapperndes Schweigen eben am fürchterlichsten vergrößert wurde.
      Als Moorfeld vom Hafenplatze wieder zurückfuhr, sollte es sein letztes Geschäft sein, sich den Prozeß um sein Landlos vom Halse zu schaffen. Er lenkte nach dem Hotel seiner Gesandtschaft, um unter den erforderlichen Rechtsformen seine Vollmachten auszustellen und dann den widerlichen Handel auf ewig zu ignorieren. Ein blutiges Abenteuer begegnete ihm auf diesem Wege. Ein Mensch stürzte dem Broadway herab, gehetzt von einer Meute Rowdies, welche 
       Revolvers nach ihm abfeuerten, abgefeuerte Revolvers nach ihm warfen und ihm mit dem Geschrei: Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot! ein deutscher Mordbrenner! wie eine Bande entfesselter Höllengeister zusetzten. Moorfeld schrie seinem Kutscher augenblicklich die Weisung zu, zwischen Verfolger und Verfolgten quer in den Weg zu fahren, aber der Zuruf war offenbar eine Interjektion der Verzweiflung und hätte sie direkt der Vernichtung ausgesetzt. Auch beugte der Kutscher gerade entgegengesetzt aus, und im Nu war die wilde Jagd aus den Augen. Schauerlich tönte es aus der Ferne zurück: Schlagt ihn tot! ein deutscher Mordbrenner!
      Eine entsetzliche Ahnung stieg in Moorfeld auf. Er dachte an die Szene, der er vor zwei Tagen in Kleindeutschland beigewohnt. Es blieb kein Zweifel übrig; hier war ein Riot gegen die Deutschen ausgebrochen.
      Ohne Besinnen befahl er dem Kutscher, in das nördliche Stadtquartier zu fahren. Der Kutscher weigerte sich. Nach langem Wortwechsel entschloß sich Moorfeld, auszusteigen und die unermeßliche Strecke zu Fuß auf sich zu nehmen, dem Zufall überlassend, ob ihm unterwegs ein willigerer Kutscher aufstoßen würde.
      Aber kaum hatte er einige hundert Schritte zurückgelegt, als ihm wiederholt Menschen entgegen kamen, welche mit hastigen Schritten und erschrockenen Mienen ihm die Worte zuriefen: Kehren Sie um, Sir, die Stadt ist heute in schlimmen Händen! Und je weiter er vordrang, desto sprechender bestätigte alles diese Warnung. Er fand hier einen Revolver, dort einen Schlagriemen, hier eine grimmig zertretene Alarmtrommel, dort Blutspuren auf seinem Wege.
      So erreichte er City-Hall. Welch ein Schauspiel! Das Stadthaus, der Sitz der Ordnung und Gewalt, der Thron der bürgerlichen Majestät, der Herzmuskel, von welchem Gesetzeskraft und Ansehen, wie das Blut, bis in die fernsten 
       Äste des öffentlichen Gemeinwesens ausströmen sollte: das Stadthaus fand er wie einen hilflosen Hirsch, an dem die Meute der Hunde mit tödlichen Bissen hängt. Tausende von Rowdies belagerten das Haus. Sie staken teils in den eleganten Uniformen der Löschkompagnien, teils waren sie anständig, ja fein in Zivil gekleidet – ein fürchterliches Gesindel, das mit seinem Wohlstande nicht den brutalen Tiertrieb, sondern die raffinierte, teuflische Bosheit verrät. All diese Banden waren mehr oder minder betrunken, zerfetzt, besudelt, der Park selbst von den vielen Feuerspritzen in einen Sumpf verwandelt, in welchem sich die Herren des Platzes mit johlender Wollust wälzten. Geschrei, Flüche und Pistolengeknall erfüllte die Luft, vermengt mit dem Rufe: Heraus die Deutschen! die deutschen Mordbrenner heraus! welches mit einer so kannibalischen Mordgier gebrüllt wurde, als sollte der Marmor des Stadthauses, wie Jerichos Mauern, davor in Trümmern springen.
      An dieser Stelle hatte Moorfeld zugleich das Ziel seines Vordringens erreicht. Nach jeder nördlichen Richtung hin fand er die Straße gesperrt. Die Fortsetzung des Broadways, die Centre-Street, die Chatam-Street, keine Ausmündung war zugänglich. Tief in all diese Straßen hinein lagerten die Banden der Rowdies, trieben sich Gestalten von Ruß, Blut und Brandy in wilde Tiere verwandelt, polternd, heulend und im Besitz aller möglichen Waffen zu jedem Verbrechen aufgelegt, umher. Sie sperrten den Brand ab, wie sie sagten, d.h. sie ließen ihrem Wüten in Kleindeutschland keine Intervention zu.
      Moorfeld mußte seine Versuche, an jenen Schauplatz des Unglücks durchzudringen, der Reihe nach aufgeben. Bei dieser verhängnisvollen Unmöglichkeit blieb ihm nichts übrig, als der schwache Trost, daß die Invasion des grünen Baums vielleicht eben im Stadthause selbst ein momentanes Asyl gefunden. Das Geschrei nach dem Blute der Deutschen, das wolfsgierig zu allen Fenstern hineinheulte, 
       schien diese Vermutung zu erlauben. Freilich blieb es dann zweifelhaft, wie lange dieser Schutz ausreichen und ob die anarchischen Rotten nicht zum Sturm selbst vorschreiten würden. Wie frech ihre Diktatur das obrigkeitliche Ansehen mit Füßen trat, davon sah Moorfeld mit eigenen Augen eine Probe. Als das Mordgeschrei nach den Deutschen den wildesten Grad erreicht hatte, trat der Major von New York mit einigen Aldermen auf den Balkon. Meine Herren, harunguierte er die Aufrührer, wir sind soeben mit dem Verhöre der geflüchteten Deutschen beschäftigt und machen Sie darauf aufmerksam, daß Ihre Ungeduld um prompte Justiz nur geeignet ist, das Werk der Justiz aufzuhalten. Ich versichere Sie übrigens als Gentleman, daß eine exakte Gerechtigkeit gehandhabt werden soll. Sie mögen sich, meine Herren, über diesen Punkt vollkommen beruhigen. Bis dahin empfehle ich die Stadt Ihrem Schutz und hoffe zu der Loyalität freier und aufgeklärter Bürger, daß Sie einer so billigen und gesetzlichen Aufforderung Folge leisten werden. – Moorfeld traute seinen Ohren nicht, als er in diesen Worten New York in die Diskretion von Meuterern stellen hörte. Wo bleibt die Polizei? die Stadtmiliz? fragte er staunend einen wohlgekleideten Bürger neben sich. Ich rate, Mister, wir tun wohl, das Wort Polizei und Stadtmiliz heute nicht auszusprechen, antwortete dieser erschrocken und rückte von Moorfelds Seite. Die Rowdies aber waren von der Anrede des Majors noch so wenig befriedigt, daß sie mit einer Feuerspritze vorfuhren und unter betäubendem Gebrüll einen Wasserstrahl auf das Haupt der Stadtobrigkeit schleuderten.
      Moorfeld kehrte wieder um. Unvermögend, dem Brennpunkte dieser Frevel einen Zugang abzugewinnen, noch mehr, irgendeine nützliche Tat zu tun, mußte er sich darauf beschränken, in Europa aus Zeitungsnachrichten zu erfahren, wie der Lavastrom dieses Tages noch seinen verderblichen Lauf genommen. Er hatte jetzt keinen Augenblick zu 
       verlieren, sein Geschäft im Gesandtschaftshotel abzumachen. Als Moorfeld dieses Gebäude erreichte, sah er die Fenster des Basements von kriegerischen Gestalten erfüllt, welche Gewehr im Arm, auf alle Fälle gerüstet dastanden. Es war ein braves Häuflein deutscher New Yorker Bürger, welche zum Schutz ihrer Landsleute, die ohne Unterschied der provinziellen Abstammung in das Gesandtschaftshotel der ersten deutschen Großmacht geflüchtet, sich in unerschrockener Bürgerwehrpflicht eingefunden. Sie sagten, sie hätten schon vor Tags eine Lokomotive nach Philadelphia requiriert, um den Zuzug der dortigen deutschen Schützenkompagnie, die jetzt in jedem Augenblick eintreffen werde. Dann möge der Tanz wohl aus einer anderen Tonart gehen. Es habe nicht viel auf sich mit diesen Burschen. Strohfeuer sei's, üppige Büberei, das Gesindel hüte sich wohl, deutsches Pulver zu riechen. Diese Sprache war ein Lichtblick in dem Pfuhl so vieler Abscheulichkeit. Und daß sie nicht übertrieb, bewies die Tat. Kein Rowdy ließ sich blicken in dem weiten Umkreis des Hotels, und doch belief sich die ganze Besatzung desselben kaum auf dreißig Mann.
      Moorfeld fand alle Räume des Hauses von flüchtigen Deutschen besetzt. Es war der bunteste Wirrwarr, der sich denken ließ. Männer, Frauen, Kinder, Herrschaften und Domestiken, alle Stufen der bürgerlichen Rang- und Glücksskala, alle Anzüge der Nacht und des Tags, Kostbares und Gemeines, im Moment der Flucht sinnlos übereinander geworfen, was jeder an seinem eigenen Leibe retten zu können glaubte, trieb sich im schauerlichen Kostümball durch das angsterfüllte Gebäude. Dazwischen lag ein Jahrmarktskram von geretteten Fahrnissen auf jedem Schritt und Tritt im Wege; man sah Betten, Töpfe, Waschkörbe, Stutzuhren, Porzellangeschirr, Bücher, Schüreisen, allerlei Handwerkszeug, Nützliches und Entbehrliches, Wertvolles und Lächerliches ohne Wahl zusammengeschleppt. In diesem Wirrnis war das Geschrei der Kinder zu hören, die ihre 
       tägliche Hausordnung vermißten, der Mütter, welche die Bedürfnisse ihrer Kinder unter Jammer und Zeter zu improvisieren suchten, die Fluch- und Zornausbrüche der Männer, welche, scheinbar oder wirklich, sich nach wahrhafter Verfassung sehnten, wohl auch ein oder das andere Waffenstück mit sich führten, da dann dem einen die Munition, dem andern die Büchse fehlte, diese Patrone nicht zu jener Flinte paßte, und mit vielen Worten wenig erzielt wurde.
      In diesem Bienenschwarm begegnete Moorfeld denn auch dem Wirte von Kleindeutschland mit Vronele, seiner Tochter. Der deutsche Kaiser war kaum mehr zu erkennen. Totenblässe bedeckte sein vollwangiges Antlitz, er zitterte am ganzen Leibe wie Espenlaub. Sein erstes Wort, als er Moorfeld erblickte, war, daß er mit überstürzter Zunge die Frage stammelte: Kommt Polizei? kommt Polizei? Moorfeld antwortete: We are in a free country!
      Vronele hielt sich wackerer. Sie war vor vielen um sich her allein einer vernünftigen und unerschrockenen Rede Meisterin. Die Herrenbuben haben uns ausgebrannt und sagen öffentlich, wir selbst hätten's getan, das ist Evangelium und Epistel an dieser Sache, sagte sie. Da sie uns nicht versimpeln und kleinkriegen konnten – Sie sahen's ja selbst, Herr Doktor – so kamen sie uns so. Sie legten das Feuer bei uns und bei einigen Nachbarn, dann waren sie aber – hurrah! von allen Seiten mit ihren Spritzen da, wie das wilde Heer. Wups hatten sie einen deutschen Maurer beim Flügel und schrien drauf los: Den hätten sie beim Brandstiften ertappt. In einer Minute baumelte der arme Mensch an der Dachrinne. Das war aber meertief erlogen und hat freilich Schein und Art vor den Leuten – die Maurer wollten Arbeit haben, sagen sie, und wollten sich auch rächen für den erstochenen Maurer vom Bowery. Es ist schon recht! Beim Verhör wird alles herauskommen. Es gibt noch Leute, Gott sei Dank! die auch zu reden wissen von 
       dieser Nacht. Die Spitzbuben genierten sich so wenig, daß sie mit hellflammigen Bränden herumliefen; hier löschten sie, dort zündeten sie und schrien immer dazwischen: Tod den deutschen Mordbrennern! die Schinderhunde! und glaubten uns alle auszutilgen, daß kein einziger übrigbleiben wird, der eine Zung' rühren kann! Da müßt' New York nicht gebaut sein, daß neun Katzen keine Maus fangen! Jetzt haben sie vielleicht zugestopft und gnade Gott, wer seine Beine nicht beizeiten über die Achseln nahm! Jetzt ist die richtige Mördergrub' los da droben. Aber es muß einen zahlenden Tag geben! Wär' ich nur ein Mann! Ich wüßt' mir was Besseres, als da vorn im Gesindezimmer zu stehen, Gewehr im Arm, wie auf einem Nürnberger Bilderbogen! Aber unser ganzes Haus will ich verschmerzen, wenn nur die Philadelphier kommen! Selbe Schützen sind die richtigen noch aus dem Freiheitskrieg her, was die ganze Welt weiß. Das ist der Dank jetzt! Engländer und Hessen haben sie aus dem Land getrieben, – ich begreif gar nicht, warum die Yankees allein die Herren im Lande spielen wollen. – Aus dieser weittragenden Reflexion wandte sich das Mädchen dann wieder an die nächste Gegenwart, indem sie sich nach einer jungen Frau umkehrte, die in einem Winkel des überfüllten Hauses auf einer Treppenstufe saß und Ströme von Tränen in ihren Schoß niederfließen ließ. Laßt's gut sein, lieb' Fraule, tröstete sie mit einer naiven Herzlichkeit, Eure Bäckle blieben doch schön, verderbt sie Euch mit dem abscheulichen Kummerwasser nicht. Es wird Euch kein Mensch darum Schlechtes nachsagen. Gewiß nicht. Wär' so ein Haderlump an Euch gekommen wie an mich, Ihr hättet ihn wägerle überwältigt. Guck, was für ein Hutzelmännchen um die Macht mit mir rang! Das war ein Kerl wie aus Mehl und Wasser gebacken, sein Gesicht sah aus wie ein Restchen Schmierseife. Es ist merkwürdig, daß sich solche Buben noch fühlen. Aber der wird denken an eine Schwabenhand! Ich fuhr ihm mit einem großen Kamm 
       über den Kopf. Ich ohrfeigte ihn in die tiefste Schand' hinunter.
      So fand Moorfeld die Residenz seines Gesandten. Daß er seine Angelegenheit im Flug oder vielmehr gar nicht austrug, brauchen wir bei dieser fürchterlichen Gestalt der Umstände kaum zu erwähnen. Ein ziemlich jugendlicher Sekretär empfing ihn, mit welchem sich Moorfeld nicht einmal zuerst über seine Sache, sondern über das öffentliche Unglück des Tages unterhielt. Die jungen Männer blickten sich bald in ihre Parteiverwandtschaft, und ohne Umstände berichtete der Sekretär die Abwesenheit seines Chefs mit folgenden Worten: Se. Exzellenz sind auf dem Stadthause. Wir protestieren, wir machen verantwortlich und tun, was wir vermögen, das heißt, nichts. Wer sollte auch imstande sein, ohne Kriegsflotte einem Seevolk zu imponieren? – Seinen Prozeß führte Moorfeld später von Europa aus durch den Hof- und Gerichtsadvokaten B**, den ihm der Sekretär der New Yorker Legation mit tiefer Hochachtung empfahl. Dieser ausgezeichnete Jurist führte ihn zu einem Ende, welches der Ungunst der Umstände die möglichst günstige Seite abgewann. –
      An da Ponte dachte Moorfeld zu spät Vor den unaufhörlichen Schlägen der letzten Stunden war das Schattenbild dieses Unglücklichen in seiner zernichteten Seele zurückgetreten. Indem wir diesen Bericht schreiben, wird dem Andenken Metastasios in Wien ein Denkmal gesetzt. Der Dichter des Don Juan starb in New York in einem Hospitale.
      Wir begleiten nun unsern Helden auf seinem letzten Gange in Amerika. Er eilt von dem Gesandtschaftshotel in der Whitehallstreet nach der Statestreet, schneidet die Nordseite der Battery und lenkt nach einer kurzen Strecke in der Washingtonstreet der Weststreet zu, dem Landungsplatz der Bremer, Hamburger und Havrer Schiffe. Als er über die Battery ging, bot ihm ein grausiger Anblick den 
       letzten Abschiedsgruß. Schon aus der Ferne sah er an einem Baume des Parks die langgestreckte Gestalt eines Menschen hängen. Er vermutete, jener Unglückliche sei's, den er zuvor über den Broadway herab verfolgen gesehen. Als er näher kam, erkannte er in der Leiche eine Gestalt aus Kleindeutschland. Es war der Schriftsetzer Henning. –

      Im Geleite aller Furien erreichte Moorfeld den Landungsplatz. Endlich schaukelt ihn die Jolle, die ihn an Bord des Riego bringt. Endlich besteigt er die Bretter, die in einem andern Sinne die Welt bedeuten, denn sie führen gleich dem Ideale erlösend von Zone zu Zone, und nur durch die Schifffahrt lernt die Menschheit ihr eigenes Ich kennen. Die öffentliche Unordnung hatte die Einschiffung vieler Passagiere verspätet, und auch Moorfeld ließ noch vom Schiffe aus sein Reisegut abholen. Alle übrigen Vorgänge waren für ihn die Phantasmagorie eines Traumes. Er hörte die Passagiere in den mannigfachsten Sprachen, Ansichten und Parteinahmen die Schandtat dieses Tages besprechen, er hörte das Prasseln des Stadttumults aus der Ferne und unterschied namentlich einen Augenblick, in welchem ein starkes, heftiges Gewehrfeuer lauter als je aufloderte, was ohne Zweifel die Ankunft der Philadelphia-Schützen bedeutete: er sah und hörte und – sehnte sich nach der alles verschlingenden Betäubung der Seekrankheit. Nach einer dumpf durchharrten Stunde fing die Maschine zu arbeiten an, das Boot setzte sich in Bewegung – hinaus ging's. Mit jeder Achsenumdrehung des Rades verlor die Stadtansicht New Yorks an Bestimmtheit der Umrisse. Die Luft war grau und nebelschwer und tauchte schlammfarbig wie in die 

      Hefe eines Lethe das verschwindende Stadtbild ein. Zuletzt blieb nur noch die Rauchsäule von Kleindeutschland übrig, die von der bleiernen Luft nach unten und in die Breite gedrückt als ein trüber, häßlicher Klecks zwischen Himmel und Erde hing. Es war in der Nähe der Narrows, wo ein ankommendes Auswandererschiff am Riego vorbeidampfte. 

       Das dichtgedrängte Verdeck erblickte diese Rauchspur des eingeäscherten Kleindeutschlands, hundert Hände wiesen sich's einander als das erste Zeichen New Yorks, und aus hundert deutschen Kehlen donnerte der Jubelruf in die Luft:

      »Vivat das freie Amerika!«

    

