

      Paul Heyse
      Troubadour-Novellen
      Vierzehnte Sammlung der Novellen
       
      Berlin.
       Verlag von Wilhelm Hertz
       (Bessersche Buchhandlung).
      1882
       
      Der Verfasser behält sich das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vor.
       
       
      
        Meinem lieben Freunde
        Wilhelm Petersen
        zugeeignet.
      
       
       
    



      Der lahme Engel
      (1880)
       
      Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts war die Provence voll von dem Ruhm einer eben so weisen als schönen Dame, der Vizgräfin 
      Beatrix von Beziers, Schwester des Vizgrafen 
      Ademar, der nach dem Tode seines älteren Bruders Roger die Herrschaft über die lachenden Fluren und stolzen Schlösser seines Gebietes angetreten hatte. Er selbst war seit Jahren verwittwet, hatte seine beiden jungen Söhne an den Hof des Königs von Frankreich gesandt, daß sie dort frühzeitig ritterliche Künste und höfische Sitte lernten, und lebte mit der unvermählt gebliebenen Schwester auf der Burg von Beziers, die einsam zwischen dunklen Wäldern und zerstreuten Gehöften auf einer geringen Anhöhe lag und von ihren höchsten Thurmzinnen nach Süden hinaus dem Blick bis ans Meer zu schweifen verstattete. Er war ein strenger, starrsinniger Herr, den man niemals lachen sah, außer über die Possen seines Narren, was er sich selber dann oft so übel nahm, daß er an dem armen Wicht, den er doch eigens zu solchem Dienste fütterte, seinen Ingrimm mit Peitschenhieben ausließ. Gesang und Tanz erschollen niemals auf der Burg von Beziers, obwohl die Provence von höfischen Sängern und Spielleuten wimmelte, und selbst als der Vizgraf noch ein jugendlicher Herr war, mied er die Weiber und schien auch seine eigene Schwester nur mit heimlichem Unmuth neben sich zu dulden. Vor Jahren hatte er sie sehr geliebt und in Ehren gehalten, da sie ihm Hoffnung gab, mit einem Könige in nahe Blutsfreundschaft zu treten. Zwei Söhne mächtiger Fürsten warben damals um die Hand der Siebzehnjährigen, deren Schönheit, Sitte und heitere Klugheit weit über Frankreich hinaus gepriesen wurden: Heinrich's II. von England zweitgeborener Sohn und der Erbe der Krone von Aragon. War es um der Nachbarschaft willen, oder weil der Sohn Peter's von Aragon dereinst die Krone tragen sollte, genug, diesem Letzteren war das schöne Grafenkind verlobt worden; sie hatten bereits Briefe und Bildnisse getauscht, da machte ein Unfall die stolzen Hoffnungen zu Schanden: Beatrix stürzte mit dem Pferde auf der Reiherjagd, eine schwere Verletzung, die von unwissenden Aerzten falsch behandelt wurde, warf das junge Fräulein auf ein langwieriges Krankenlager, und als sie endlich, in ihrem zwanzigsten Jahre, für genesen erklärt ihre Marterstatt verlassen durfte, war das eine ihrer Beine gegen das andere so beträchtlich verkürzt, daß sie nur mit Hülfe eines Stabes zu gehen vermochte und jede Anstrengung des versehrten Gliedes mit großen Schmerzen bezahlen mußte.
      Eine andere Wunde, ihrem Stolze geschlagen, brauchte weit längere Zeit, um ganz zu vernarben. Aragon hatte an dem Gebrechen der jungen Braut, das einer künftigen Königin nicht wohl anzustehen schien, einen unholden Vorwand gesucht, das Verlöbniß, das aus Gründen der Staatsklugheit schon früher nicht mehr mit günstigen Augen betrachtet worden war, trotz des Widerstrebens von Seiten des Bräutigams zu lösen und ihr Bildniß zurückzuschicken. Daß nun der früher abgewiesene Werber der Prinz von England, sich seiner alten Neigung erinnern und zu der nun ihrerseits Verschmähten sich zurückwenden würde, konnte Niemand erwarten. Gleichwohl geschah es. Aber die hochgesinnte junge Dame, im Innersten verletzt durch die Absage ihres spanischen Bräutigams, erklärte, sie wolle sich nicht auf Krücken in ein Königshaus eindrängen, noch von Mitleid und Großmuth annehmen, was sie der Liebe selbst zuerst geweigert habe; sie gedenke unvermählt zu bleiben und im Schatten, wie es einem krüppelhaften Weibe gezieme, zu sorgen, daß Niemand je ihrer spotten möge.
      Diesen ihren festen Entschluß hatte der gestrenge Bruder ihr nie verziehen, und nachdem sie selber längst die ihr zugefügte Kränkung verwunden, saß der Wurm noch in seinem Herzen und vergiftete dasselbe gegen Diejenige, die mit ihm an Einer Mutterbrust gelegen hatte. Die Schwester aber, so schwer sie diesen unbrüderlichen Groll und Haß empfand, ließ es ihn nie entgelten, sondern zeigte ihm stets das gleiche helle und holdselige Gesicht, das sie auch nicht mit sonderlicher Mühe zu erheucheln brauchte. Denn als sie nur erst mit ihrem Gebrechen vertraut und, obwohl mit Schmerz und Noth zu Anfang, doch mehr und mehr wieder Herrin ihrer Bewegungen geworden war, sah sie ihr Loos gar nicht als ein so kümmerliches und beklagenswerthes an, sondern als eines, das nur dazu dienen sollte, die Stärke ihres Geistes und die Heiterkeit ihres Gemüths desto siegreicher zu bewähren.
      Sie hatte in den Jahren, die sie auf dem Siechenlager zugebracht, es sich angelegen sein lassen, mit mancherlei Wissenschaften vertraut zu werden, von denen sonst ein hochgeborenes Fräulein zu jener Zeit so wenig zu erfahren pflegte, als heutzutage. Was nämlich die graduirten Aerzte an ihrem armen jungen Leibe verpfuscht hatten, war durch die Hülfe einer einfachen Bäuerin in etwas wieder gebessert worden, die mit allerlei ererbter Geheimweisheit zwar den Hauptschaden nicht zu heilen, wohl aber die übelsten Folgen zu verhüten verstand. Da sie nun alle Tage um die Genesende war und sie lieber gewann, als eine eigene Tochter, die der Himmel ihr versagt hatte, weihte sie nach und nach die kluge junge Dame, die eine lebhafte Lernbegierde bezeigte, in ihr ganzes heimliches Wissen ein, wies ihr die Kräuter, aus denen sie die erfrischenden Tränke und heilsamen Salben bereitete, lehrte sie, wie man Wunden verbinden und innere Gebrechen erkennen möge, und als Beatrix erst wieder aufgestanden und kräftig genug war, einen mäßigen Ritt zu unternehmen, sah man das wunderliche Paar, die schöne Vizgräfin und das Bauernmütterchen, manchen Tag in den nächsten Dörfern zusammen herumziehen, die Alte mit flinken Schritten neben der Reiterin, zu der sie beständig hinaufsprach, ihr etwa ein Heilkraut, das am Wege wuchs, zu zeigen, oder auf eine ihrer Fragen zu antworten.
      Auf diese Weise besorgten sie gemeinsam die ziemlich ausgebreitete Landpraxis der Mutter 
      Anduse, wie die weise Alte genannt war, bis Vizgraf Ademar, durch eine Spottrede, die ihm zu Ohren kam, aufgereizt, seiner Schwester dies vergnügliche Werk der Barmherzigkeit mit heftigen Worten untersagte. Seitdem blieb Beatrix zu Haus, ohne doch des Unterrichts der Alten gänzlich zu entbehren. Sie hatte sich nahe den Zimmern, die sie sonst bewohnte, in einem der Schloßthürme ein festes, stark ausgewölbtes Gemach zu ihrem Laboratorium eingerichtet, den Kamin zu einem Herde umgeschaffen, auf welchem sie nach den Recepten der Mutter Anduse die übelschmeckendsten, aber heilkräftigsten Säftchen und Pillen bereitete, so daß sie mit der Zeit einen schönen Vorrath davon aufspeicherte. Wurde nun Jemand vom Gesinde oder in den Hütten der fröhnigen Leute krank, so wandte er sich an die junge Herrin um Hülfe, die sie auch bereitwillig spendete. Daß die Medizinen häufig nicht mehr ganz frisch und wohl gar schon vergohren und in Unheilsmittel verwandelt waren, schadete dem Erfolge nur selten. Das Siechthum schwand schon allein durch den Glauben an die tiefe Wissenschaft der vornehmen Aerztin, und die Knechte zumal würgten mit dem fröhlichsten Gesicht das heilloseste Zeug hinunter, nur um der Gunst theilhaftig zu werden, von so schönen weißen Händen und mit so gütigem Lächeln sich die zweifelhafte Wohlthat reichen zu lassen.
      Mit der Zeit aber bemächtigte sich die Leidenschaft, menschliche Leiden zu kennen und zu bekämpfen, dergestalt des jungen, einsamen Gemüthes, daß sie Alles in ihrem Leben nur auf dies Eine bezog, sich einen Lehrmeister kommen ließ, der sie Lateinisch lehren mußte, damit sie die Werke der alten Naturforscher und Heilkünstler verstehen könne, und selbst mit den berühmtesten Leuchten der Facultät zu Paris sich in schriftlichen Verkehr einließ, um über die Fortschritte der Wissenschaft stetig unterrichtet zu werden. Halbe Nächte lang saß sie über den Büchern oder hantierte mit Tiegeln und Kolben an ihrem Laborirherde, und die Landleute, die das Licht im Schloßthurm noch glimmen sahen, wenn sie selbst vor dem ersten Thau wieder aufs Feld zogen, zeigten einander mit Ehrfurcht das Fenster, hinter welchem die Herrin wachte, und erzählten von den Wunderkuren, die ihr schon gelungen, und dem Lebenselixir, dem sie auf der Spur sei.
      Es hätte wenig gefehlt, daß durch dies seltsame Treiben und etliche Fälle von Heilungen, über die man billig erstaunen konnte, Beatrix in den Verdacht eines Einverständnisses mit bösen Mächten gekommen wäre. Aber das Helle und Heitere ihres Wesens und daß sie stets zu Scherz und Lächeln aufgelegt und Kranken wie Gesunden als ein Bild sonniger Unschuld erschien, ließ den Verdacht einer Teufelsgemeinschaft nicht aufkommen, so daß man sie vielmehr allgemein nicht anders als »den lahmen Engel« nannte. Die Kirche besuchte sie fleißig, zumal aber unterhielt sie eine gute und eifrige Freundschaft mit den Nonnen eines Servitinnenklosters, das ziemlich hoch im Gebirge über Stadt und Schloß Beziers in tiefer Einsamkeit gelegen war, aber allerlei Bäche von Segen in die Niederung hinabströmen ließ, da die Schwestern einer menschenfreundlichen Regel unterthan waren und als Krankentrösterinnen, Pflegerinnen verwaister Kindlein und in anderen Werken der Nächstenliebe vielfach sich unter das niedere Volk mischten. Da hatte Beatrix Gelegenheit, ihren Schatz an Kenntnissen durch treue und sorgliche Hände unter die Armen und Hülfsbedürftigen auszutheilen, indem sie Recepte zu neuen Heilmitteln angab, oder bei Seuchen, die hin und wieder auftraten, die kräftigsten Medicamente, mit eigenen Händen bereitet, der Aebtissin überlieferte, von der sie selbst wie eine junge Heilige betrachtet wurde. Es war dies ebenfalls ein Fräulein aus edlem Hause, welches durch Verrath in der Liebe der Welt entfremdet und ihrem Seelenbräutigam zugeführt worden war. So begegneten sich die beiden trefflichen Damen auch in ihrer Stimmung gegen die Männerwelt, nur daß Beatrix es unter ihrer Würde fand, in die oft sehr bitteren Schmähungen der Frau Aebtissin einzustimmen, sondern sich mit einem kühlen Rümpfen der Lippe begnügte und nur etwa die Worte fallen ließ: die hoffärtigen Herren bildeten sich ein, man könne sie nicht entbehren; aber Gottesdienst und Wissenschaft seien ein besserer Zeitvertreib, als das einfältige Gelispel höfischer Gecken und eitler Selbstanbeter.
      Dergleichen Reden wurden in dem Klostergärtchen hoch oben am Fels oder in der Zelle der Frau Aebtissin geführt, da diese das Haus nur äußerst selten verlassen durfte, Vizgräfin Beatrix dagegen, seit sie in ihrer unantastbaren Tugend das dreißigste Jahr überschritten hatte, sich der launischen Tyrannei ihres Bruders nicht mehr so demüthig unterwarf, sondern nach ihrem eigenen Kopfe handelte. Sie versagte sich's daher auch nicht mehr, zu ihren Kranken herumzureiten oder, so oft ihr die Lust kam, ihre geistliche Freundin im Kloster droben zu besuchen, die um mehrere Jahre älter war und schon zu kränkeln anfing. Nun freilich trippelte Altmutter Anduse nicht mehr neben ihrem Thier, da sie längst an einem ihrer eigenen Elixire, das sie in zu starker Dosis genommen, eines unsanften Todes verblichen war. Statt ihrer führte ein lang und hager aufgeschossener Knabe den Zügel des weißen Maulthieres, wenn es die steilen Felspfade zum Kloster hinaufging; und auch auf anderen Wegen, oft stundenweit ins Land hinein, da die Vizgräfin die gesammte ärztliche Clientel der Alten übernommen hatte, begleitete der halbwüchsige Stallmeister rüstigen Schrittes die hohe Frau, hatte des Thieres Acht, so lange ihr Dienst bei einem Kranken sie verweilen ließ, mußte ihr hin und wieder von den Pflanzen bringen, die am Wege wuchsen, oder einem Lahmen oder Blinden, der bettelnd am Wege saß, das Almosen in die Hand stecken. Es sah artig aus, die hohe, schmiegsame Gestalt der schönen Aerztin in schmucker Gewandung – denn sie liebte helle Farben und golddurchwirkte Tücher und Schleier – auf ihrem muthigen weißen Thiere daherkommen zu sehen, am Sattel allerlei Körbe voll Phiolen und Büchsen befestigt, die zu ihrem Berufe gehörten, neben ihr hinschreitend der schlanke junge Bursch in einfachem braunem Wams, ein schlichtes Hütchen mit einer kleinen Pfauenfeder nachlässig auf das krause schwarze Haar gedrückt. 
      Uc Brunet war sein Name; den zweiten hatten ihm die Leute gegeben, da seine Haut, zumal in seinen früheren Knabenjahren, so dunkel war, wie die eines Mauren, so daß auch Viele glaubten, sein Vater, den Niemand gekannt, sei kein Christ gewesen. Als ein zehnjähriges Bübchen war er mit der Mutter, einem armen fahrenden Weibe, nach Schloß Beziers gekommen, in zerlumptem Kleide, mit hungerdürren Wangen, und hatte den fremdartigen Gesang seiner navarresischen Mutter, die der Langue d'oc nur zur Noth mächtig war, auf einer kleinen schwarzen Geige begleitet, dabei aus seinen finsteren Knabenaugen scheue Blitze sprühend, wenn ein ungutes Wort an sein Ohr schlug. Dies armselige Duett im Burghofe sollte traurig enden. Ein Blutstrom war der Sängerin aus dem Munde gequollen, da sie eben die letzte Strophe ihres spanischen Liedchens beginnen wollte. Der junge Sohn hatte sie in seinen Armen aufgefangen und in einen Winkel neben der Hundehütte getragen. Alsbald war der »lahme Engel,« der von seinem Thurmfenster aus dem Gesang zugehört, unten um die bewußtlose Landfahrerin bemüht, aber die kräftigsten Tropfen und Balsame hatten Nichts vermocht; in derselben Nacht war das Weib verschieden, und nur ein jammervoller Blick ihres schon umdunkelten Auges nach dem verwaisten Knaben hatte bei ihrer edlen Aerztin Fürsprache für ihn einlegen können.
      Dies war geschehen, als Beatrix eben Dreißig geworden. Sie hatte es sofort bei ihrem Bruder erwirkt, daß der eltern- und heimathlose Fremdling im Hause behalten wurde. Ein alter Pferdeknecht fand Gefallen an ihm und nahm ihn in seine besondere Obhut, was Brunet, obwohl er in leidenschaftlichem Gram um die Mutter sich ziemlich fühllos gegen alles Andere zeigte und selbst seiner schönen Gönnerin eher abgeneigt, sich gleichwohl gefallen ließ, da er noch Kind genug war, mitten in seiner Trauer und Verwahrlosung sich der schönen Pferde im Stalle von Beziers zu erfreuen. Er blieb die ersten Monate so zurückgezogen, daß die meisten der Schloßbewohner sein Dasein völlig vergaßen und selbst Beatrix, nachdem sie zuerst sich Mühe gegeben, das Kind seiner trotzigen Scheu zu entwöhnen, ihn endlich sich selbst überließ. Mit der Zeit wurde er gefügiger und begegnete seiner Wohlthäterin niemals, ohne daß er stehen blieb und sein Hütchen zog. Sie verweilte dann gewöhnlich ein paar Augenblicke bei dem dunkelwangigen Wildling, fragte, wie es ihm ergehe, ob er irgend etwas zu klagen oder zu wünschen habe, und nahm mit seinen einsilbigen, aber höflichen Antworten vorlieb. Nur die Frage, ob er sein Geigenspiel ganz verlernt habe, wiederholte sie nie wieder. Das erste Mal, da sie ihr entschlüpft, waren ihm die Thränen aus den Augen geschossen, obwohl er sich gewaltsam Mühe gab, seinen inneren Aufruhr zu bezwingen. Sie sah, wie schwer der Tod der Mutter noch auf ihm lastete. Halte dich brav, Ugonet! hatte sie mit ihrem gütigsten Lächeln gesagt, indem sie ihm sacht mit ihrem Tüchlein über die nasse Wange fuhr. Du sollst nicht heimathlos bleiben und, so lang ich lebe, nicht verderben.
      Da hatte er ihre Hand mitsammt dem Tüchlein gehascht, sie an seinen Mund gezogen, ein paar verworrene Worte gestammelt und war mit glühendem Gesicht davongerannt, sich im dunkelsten Winkel des Marstalls zu verbergen.
      Von diesem Tage an war Beatrix ihrem Schützling nie begegnet, ohne ein freundliches Wort an ihn zu richten; doch da sie beständig mit ihren hohen Wissenschaften, ihrem Briefwechsel mit gelehrten Doctoren und der Krankenpflege zu thun hatte, auch zur Lehrmeisterin eines wildaufgewachsenen Knaben nicht sonderliche Neigung und Gaben in sich verspürte, überließ sie ihn gänzlich jenem wackeren Knecht, der ihm beibrachte, was er selber verstand: waidmännische Künste und die Anfangsgründe in der Führung der Waffen, wozu Brunet so viel Begierde als Geschick zeigte. Nur daß es bei seinem stürmischen Blute nicht ohne allerlei Gefährde abging und er mehr als einmal sich bei tollen Ritten oder verwegenem Kampfspiel gegen Stärkere einen blutigen Kopf und scharfe Hieb- und Stichwunden holte. Mit diesen Denkzeichen aber und den trefflichen Pflastern, die sein Zuchtmeister darauf zu drücken pflegte, ließ er sich niemals vor seiner Gönnerin sehen, obwohl diese ihm weit lindere Heilsalben aufgelegt hätte, als der Knecht, der im Grunde nur Pferde zu behandeln verstand. Er schämte sich, da er sonst seinen jähen Trotz und Ungestüm gegen Jedermann ausließ, vor ihr allein seiner Unbändigkeit und hätte geglaubt, ein strafendes Wort von ihr nicht überleben zu können.
      Da er fünfzehn Jahre alt geworden war, begann noch eine andere Lehrzeit für ihn. Der Vizgraf hatte einen Narren, 
      Olivier genannt, ein zwerghaftes Männchen, nicht viel über drei Schuh hoch, mit einem kleinen, welken, greisenhaften Gesicht und einem dünnen Kinderstimmchen, schon über Vierzig alt, ein Geschenk des Grafen von Toulouse, dem dieser Mann nicht lustig genug gewesen war. Er hatte aber besseres Glück bei seinem neuen Herrn, dessen düsterer Sinnesart die bitteren, tiefsinnigen Späße dieses armen Freudlosen weit mehr einleuchteten, als die derben Possen seines Vorgängers. Olivier war der Einzige, der von dem Vizgrafen nie geschlagen wurde. Ein einziges Mal, da sich der Witz des Kleinen allzu dreist gegen den Herrn selbst gekehrt, hatte dieser die Hand aufgehoben mit einem knirschendem Fluch, sie aber gleich wieder sinken lassen, da sein Auge dem des Kleinen begegnete, aus welchem keine Furcht, nur eine seltsam traurige Verklärung ihm entgegenleuchtete. Und wie der feste Blick des Menschen ein Raubthier bezähmt, so war der Jähzorn des Vizgrafen alsbald gebändigt worden.
      Dieser Olivier nahm sich des verwilderten Schößlings an und wußte bald so sehr ihn an sich zu ziehen, daß er sich noch mehr, als zu 
      Lambert, dem Stallmeister, zu diesem wunderlichen Mentor hielt und man die Beiden, sobald der Herr des Schlosses nicht anwesend war, oft halbe Tage lang beisammenhocken sah, Olivier erzählend, Brunet zuhörend, wobei der Knabe immer sorgte, daß sein Freund einen weichen, bequemen Sitz in der Sonne hatte, da er gebrechlich zu werden anfing und Husten und Gliederweh ihm zusetzten. In diesen langen Plauderstunden lehrte der Narr den jungen Stallburschen unter anderen guten Dingen auch Lesen und Schreiben und sogar ein wenig Latein, das er selbst als ein aufgeweckter Knabe früh von einem Pfarrer gelernt, der immer noch hoffte, durch sein Gebet ihm zu einem regelmäßigen Wuchs zu verhelfen und dann ein rechtes geistliches Rüstzeug aus ihm zu erziehen. Diese Hoffnung war fehlgeschlagen, ohne daß der Kleine sich darum betrübt hätte. Denn er hatte große Lust zu allen weltlichen Dingen, und als seine Mutter ihn tröstete, um seiner Kleinheit willen werde er jetzt an den Hof vornehmer Herren taugen, hatte er einen Freudensprung gethan. Wie schlecht seine Träume sich erfüllt, las man auf seiner wehmüthig gespannten Stirne und in den früh ergrauten Härchen. Mehr als einmal sagte er seinem Zögling, daß er wenig so gute Stunden genossen, als wenn er mit ihm draußen auf dem grünen Wall am Schloßgraben unter dem Schlehenbusch sitzen und in sein Knabenherz all seine dunkle Weisheit ausschütten konnte. In einer dieser glücklichen Stunden berührte ihn ein sanfter Herzschlag. Brunet meinte nicht anders, als der Kleine sei eingenickt. Da er eine Stunde stille neben ihm gewartet hatte und das alte blasse Gesichtchen endlich einen ungewohnt spukhaften Ausdruck annahm, erschrak er heftig, rief und rüttelte eine Weile an dem stillen Mann und nahm endlich das Figürchen in die Arme, um es in den Schloßhof zu tragen. Aber selbst die Kunst und Weisheit der Vizgräfin Beatrix vermochten das entflohene Leben nicht mehr zurückzurufen.
      Sein Nachfolger war leider in Allem sein Widerspiel, ein frecher höckriger Wicht von der ärgerlichsten Gemüthsart, neidisch und hämisch, aber mit so ausbündig bösen Possen ausgerüstet, daß er sich rasch in die Gunst seines Herrn noch sicherer einnistete und ihm viel unentbehrlicher wurde, als der tiefsinnige Olivier. Er gedachte es auch bei der schönen Schwester des Vizgrafen dahin zu bringen, daß sie sich ihm huldreich bezeige. Diese aber, obwohl sie gern lachte, ja oft das Sprichwort anführte: Lachen macht gutes Blut, – von den Späßen dieses Buffone wendete sie sich mit unverhohlenem Verdrusse hinweg, während sie die schwermüthigen Scherze des kleinen Olivier mit ihrem lieblichsten Lächeln zu belohnen pflegte.
      
      Guigo – so hieß der Schelm – empfand dies um so bitterer, da er ein heißblütiger Gesell war, trotz seines Narrenhabits Frauengunst vielfach genossen und beim ersten Blick auf die stolze Frau, die eben jetzt, obwohl ihren Vierzig nicht mehr fern, im vollen Flor ihrer Schönheit stand, verwegene Wünsche in seiner mißbildeten Brust empfangen hatte. Er warf von Stund an einen tiefen Haß auf sie und Alles was zu ihr gehörte, und da er merken mußte, daß der schlanke schwarze Juvenil, der im Stalle schlief, von dem »lahmen Engel« freundlicher behandelt wurde, als er selbst, wurde er auch diesem spinnefeind und lauerte auf einen Anlaß, ihm einen Streich zu spielen.
      Brunet beachtete ihn kaum. Daß er der Nachfolger seines geliebten Freundes und Lehrmeisters war, reichte allem schon hin, ihn von Guigo fern zu halten. Ihm war aber zu dieser Zeit überhaupt an alle dem, was um ihn vorging, wenig gelegen, denn ein neuer Sinn war ihm aufgegangen, so daß er blind und taub wurde für Alles, was sonst in seine Nähe kam.
      Einer der benachbarten Barone hatte dem Herrn von Beziers einen Besuch gemacht, was sich selten ereignete, da, wie berichtet, Vizgraf Ademar ein Feind der Geselligkeit war und lieber den Vorwurf des Geizes sich gefallen ließ, als daß er zu den hergebrachten Zeiten seine Thore geöffnet und Gastereien veranstaltet hätte. Diesmal war ein politisches Zwiegespräch der Zweck der Begegnung, und der Gast kam, um sich seiner Macht und Hoheit würdig darzustellen, mit seinem gesammten Hofstaat, darunter auch ein Sänger war, den er seit einiger Zeit auf seinem Schlosse beherbergte: ein damals nicht unberühmter Mann, dessen Name hier aber nichts zur Sache thut. Es hatte nicht fehlen können, daß der Troubadour für die Gastfreundschaft, die er in Beziers genoß, sich durch ein Gedicht dankbar erzeigte, das neben und vor anderem Köstlichen, was die Burg umschloß, die herrliche Frau in überschwänglichen Worten feierte, die männlichen Geist und tiefe Wissenschaft mit allem Zauber ihres Geschlechtes vereinige, also daß sie gleich dem Vogel Phönix in aller Welt nur dies eine Mal vorhanden sei. Dies war nach altem Brauch der höfischen Dichtung in vielen Strophen hin und her gewendet und im Grunde eine gar frostige Huldigung, zu der auch die Verherrlichte selbst nur um der höfischen Sitte willen eine huldvolle Miene machte, während ihr klarer Verstand ihr sagte, daß nicht viel dahinter sei. Sie war noch froh genug, daß der Herr Poet sich's nicht einfallen ließ, sich im Ernst in sie zu verlieben, da sie ungern sich genöthigt sah, eine Bewerbung dieser Art mit scharfer Kälte abzuweisen. Und so verlief Alles in bestem Behagen, und als der Besuch sich endlich wieder verabschiedet hatte, hinterließ er keine andere Spur, als eine Handfeste, die zwischen den beiden hohen Herren beschlossen, verbrieft und besiegelt worden war, und etliche Lücken in Speicher und Keller, die sich bald wieder füllten.
      Nur in Einem Gemüth war ein Funke zurückgeblieben, der fortglimmte und nicht wieder erlöschen wollte. Unter dem Gesinde, das an den halboffenen Thüren des Speisesaals gelauscht hatte, als der Spielmann des fremden Troubadours jene Canzone sang und sie auf seiner schönverzierten Laute begleitete, hatte auch Brunet gestanden und in traumhaftem Entzücken Worte und Weise in sich aufgenommen. Daß man so stolze Ausdrücke kunstvoll zusammenfügen und eine edle Dame geradezu damit ansingen könne, schien ihm ein unbegreifliches Glück, um das er den Sänger innig beneidete. Kaum war er wieder allein, so versuchte er auf seine eigene Hand etwas Aehnliches und gerieth in tiefe Schwermuth, als es ihm nicht sogleich gelingen wollte. In einem alten Kasten unter werthlosem Geräth hatte er die kleine Geige verwahrt und seit Jahren sich gescheut, sie wieder anzurühren, als müsse der erste Ton das bleiche Gespenst seiner armen Mutter aus ihrem Grabe herauflocken. Jetzt aber, in fieberhafter Hast, riß er das unscheinbare Instrument ans Tageslicht, stimmte die Saiten und versuchte die lang vergessenen Griffe. Zu seinem eigenen Staunen klang es ihm lieblicher, als er gefürchtet, und die Todte blieb ruhig in ihrer Tiefe. Dafür aber schwebte, wie er den Saiten immer süßere und schmelzendere Weisen abgewann, ein lebendes Frauenbild zu seiner Qual und Wonne heran und stand unbeweglich ihm gegenüber, daß endlich auch das Band seiner Zunge zerriß und er in freien dichterischen Worten, nur viel heftiger und glühender als jener Hofpoet, sein Herz und Leben, Dank und Andacht, Bewunderung und scheue Bitte dahinströmen ließ.
      Die Knechte und Mägde liefen bald herzu und ließen es an aufmunterndem Beifall nicht fehlen. Brunet aber runzelte die Stirn und warf, sobald er merkte, daß man ihm zuhörte, das Instrument auf sein dürftiges Lager, das in einer Kammer neben dem Stalle aufgeschlagen war. Auch widerstand er in den nächsten Tagen allen Versuchungen, wieder zu musiciren. Selbst als Beatrix, da er ihr in den Sattel half, lächelnd zu ihm sagte: Alte Liebe rostet nicht. Ich höre, Ugonet, daß du deine Musik wieder hervorgesucht hast. Du mußt mir einmal vorspielen, daß ich sehe, ob die alte 
      Bernarda Recht hat, daß du es noch besser könnest, als der Spielmann aus Narbonne! – da hatte er mit tiefem Erröthen, indem er sich am Zaumzeug zu schaffen machte, erwidert, er beschwöre seine Herrin, dies nicht von ihm zu begehren; er habe Alles verlernt, und die Leute im Hause trieben nur ihren Spott mit ihm und wollten, daß er auch vor der Herrschaft beschämt dastünde.
      Beatrix war nicht weiter in ihn gedrungen. In derselben Nacht aber, da sie in ihrem Thurmzimmer über einem schwierigen Recept brütete und eben die Handschrift des Galenus unmuthig beiseite schob, hatte sie plötzlich einen süßen Saitenklang unten vom Wall herauf vernommen, eine schmachtende Weise, die nicht bloß ihr Ohr umschmeichelte, sondern sich leise zu ihrem innersten Gemüthe stahl und dort ein wunderlich süßes Wogen und Wallen anstiftete, so daß sie von ihrem Tische aufstand und an das Fenster trat. Die Nacht funkelte mit tausend Sternen herein, die Welt schlief in der weiten Runde, nur die Stimme der Geige schwirrte ruhelos durch die Wipfel und schwang sich an der steilen Mauer herauf und in das einsame Gemach der hohen Frau. Es ist Ugonet, der spielt, sagte sie sinnend vor sich hin. In der That, es klingt, wie wenn der Frühling selbst zu singen anhöbe. Wer ihn dies nur gelehrt haben mag nach so langen Jahren?
      Als sie am anderen Tage wieder mit ihm über Land zog, er zu Fuß neben ihrem Maulthier, sah sie ihn, der die Augen auf den Weg gesenkt hatte, prüfend von der Seite an, und er erschien ihr heut ein Anderer, als sonst. Auch in seiner knechtischen Kleidung trug er sich frei und mit kühnem Anstand, und sein Wuchs wäre vollkommen gewesen, nur daß er ein wenig zu hager war. Seine dunkle Haut hatte sich zu lichten angefangen, der schlanke Hals erschien sogar weiß, und auch die kleinen Hände waren bleich von Farbe. Noch zeigte sich wenig Flaum an Kinn und Oberlippe, desto dichter krauste sich das glänzende Haar um den feinen Kopf, und die Brauen zogen sich in einer geraden schwarzen Linie über den großen, trübsinnigen Augen hin. Seine Gönnerin sagte sich zum ersten Mal, daß ein schöneres Jugendbild nicht leicht zwischen dem Meer und der Garonne zu finden sein möchte, sicherlich aber keines, das an seinem eigenen Aussehen so wenig Freude zu haben schien. Es dauerte sie der arme landfremde Jüngling, den sein Irrstern zu ewiger Dienstbarkeit verdammt zu haben schien, da nicht viele der Edelgeborenen es an Gaben der Natur mit ihm aufgenommen hätten. – Die Bernarda hat doch Recht gehabt, sagte sie lächelnd von ihrem Sattel herab; die lange Ruhe ist deinem Geigenspiel gut bekommen; es ist, als hättest du seit der Knabenzeit Tag für Tag dich bei einem guten Meister geübt, so schön und stark führst du den Bogen.
      Und nach einer Weile da er nichts erwiderte und den Kopf tiefer auf die Brust senkte: Du solltest darauf denken, Ugonet, dich zu einem Troubadour zu verdingen und ihn auf seinen Fahrten zu begleiten. Da würdest du Ehre und reichen Lohn gewinnen und die ferne Welt sehen, was dir besser anstünde, als hier im Schatten zu verkommen und es nicht höher zu bringen, als mit der Zeit zum Stallmeister oder Marschalk.
      Der Jüngling schüttelte stumm den Kopf. Und da sie gerade an einem Hause angekommen waren, wo ein Kranker lag, den die Vizgräfin zu besuchen hatte, blieb es für diesmal bei diesen wenigen Worten. In der nächsten Nacht aber, als Beatrix nach der Abendtafel in ihr Laboratorium trat, um noch einige Heilmittel zu bereiten, deren sie für morgen bedurfte, trat ihr Fuß auf etwas Hartes, das am Boden lag. Sie bückte sich, es aufzuheben, und sah im Mondzwielicht, daß es der Bolzen einer Armbrust war, der durchs offene Fenster hereingeflogen sein mußte. Als sie das stumpfe Holz – denn die Spitze war sorgfältig abgebrochen worden – näher betrachtete, fand sie einen Streifen Pergament darumgewickelt, auf welchem einige Strophen standen. Sofort wußte sie mit der untrüglichen Ahnung eines Frauenherzens, wer diese wunderliche Post an sie abgesandt, zündete ihre dreiarmige Lampe an und saß am Herde nieder, das Blatt zu lesen. Es war eine Canzone, in der Strophe gedichtet, die der fremde Troubadour zu seinem Liede gebraucht, und lautete so:
      O wollet nicht, ich soll die Stätte fliehn,
       Wo ich zuerst erfuhr, was Leben heißt!
       Den Fremdling, arm und glücklos und verwais't,
       Laßt ihn am Ort, wo ihm die Sonn' erschien!
       Müßt' ich von dannen ziehn,
       Es wär', als bräche man ein Blatt vom Baum:
       Die Winde jagen's hin am Wegessaum,
       Und das noch eben prangte frisch und grün,
       Ist vor dem Herbst verdorret und ergreis't.
      O schickt mich nicht in fremde Dienstbarkeit!
       Nur Einem Zwang gehorcht mein störrisch Blut,
       Und was mein Arm in dieser Frohne thut,
       Scheint mir wie Dienst, den Heiligen geweiht.
       Ich weiß, wie weit, wie weit
       Mein Loos von Der, die mir befiehlt, mich trennt;
       Doch dulde sie's, wenn Stern an Stern entbrennt,
       Daß nur von ferne sich bescheiden-kühn,
       Der Glühwurm ihrer Huld und Schöne freut.
      Sie hatte die Verse noch nicht zu Ende gelesen, da fing unten am Wall die Geige wieder an zu klingen, und sie vernahm jene Melodie, die der Spielmann von Narbonne auf der Laute gegriffen hatte, nur um Vieles süßer und sehnsüchtiger. Da las sie die Strophen von Neuem und dann zum dritten Mal, bis der Geiger eine neue Weise anstimmte, zu der die Worte nicht mehr passen wollten. Es währte diese Nachtmusik über eine volle Stunde. Und immer saß die Lauscherin oben im Thurme unbeweglich und hatte das Blatt auf den Knieen und die Augen halb geschlossen, daß sie nur ein Stück von dem silbernen Mondhimmel draußen sah. Als das Spiel unten verstummte, that sie einen tiefen Seufzer und stand auf. Sie ging zu einem kleinen Spiegel, der an der Wand hing, und indem sie die Lampe voll über ihr Gesicht scheinen ließ, betrachtete sie sich eine ganze Weile und mußte endlich selbst über die bekümmerte Miene lachen, mit der ihr Bild sie anblickte. Er ist nicht recht gescheidt, sagte sie vor sich hin, und ich selbst noch unkluger als er. Das sind Kinderpossen, wie sie zu Zwanzig hingehen mögen; zu Vierzig sollte man sich lieber binden lassen, als mit solcher Tollheit frei herumgehen. Schäme dich, altes Kind! Thu noch deine Arbeit und dann lege dich nieder und schlaf alle klingende und singende Thorheit aus.
      Dann trat sie an den Herd zurück und bereitete sorgsam Alles, was sie für ihre Kranken nöthig hatte, schlief auch diese Nacht ruhig und traumlos wie immer. Sie hatte sich vorgenommen, Ugonet davor zu warnen, daß er sich der Versmacherei nicht ergeben möge, die sie in den meisten Fällen für ein müßiges Spiel mit schönen Worten hielt, nur erfunden, sein eigenes Gemüth zu fälschen und fremde, arglose Seelen zu betrügen. Als sie aber des Jünglings stille, traurige Miene sah, brachte sie's nicht übers Herz, ihm etwas zu untersagen, was ihm als ein Trost in seinem armen Dasein erscheinen mußte, und so war von den Versen und der Serenade zwischen ihnen nicht die Rede.
      Auch nicht an den folgenden Tagen, obwohl die Geige pünktlich, sobald es Nacht wurde, wieder erklang und die Vögel im Walde immer länger wach erhielt. In der vierten Nacht wurde das Spiel plötzlich unterbrochen. Die Lauscherin oben vernahm die heftige Stimme ihres Bruders, der sich das Wimmern und Winseln ein für alle Mal verbat. Als Beatrix ihre getreue Bernarda befragte, erfuhr sie, Guigo, der Narr, habe aus Eifersucht auf Brunet, der durch seine Musik das ganze Gesinde bezaubert habe, dem Herrn hinterbracht, daß der Stallbube allnächtlich vor den Fenstern der Vizgräfin die Geige spiele und man bereits darüber zu reden anfange. Beatrix antwortete mit einem Scherz und that, als sei es auch ihr fast unlieb gewesen, in ihrem nächtlichen Laboriren gestört zu werden. Sie hatte sich aber schon so sehr daran gewöhnt, durch die Geige in Schlaf gesungen zu werden, daß sie die nächste stumme Nacht hindurch sich ruhelos auf ihrem Lager wälzte und mit überwachten Augen aufstand.
      Nun war für diesen Tag ein Ritt nach dem Kloster hinauf beschlossen gewesen, da die Aebtissin in die Burg hinunter Botschaft gesendet, sie fühle sich mehr als sonst unpaß und wünsche sehr, ihre ärztliche Freundin zu Rathe zu ziehen. Also wurde das Maulthier gesattelt, Brunet befestigte die Wanderapotheke an den Sattelknauf und half der Herrin in den Bügel. Sie war Willens gewesen, sich für diesmal einen anderen Begleiter zu nehmen, da sie besorgte, es möchte über den nächtlichen Vorfall zu Erörterungen kommen, die dem heftigen Knaben vielleicht Worte entrissen, wie sie sie nicht zu hören wünschte. Als sie aber sah, daß er ein ganz verfärbtes Gesicht und geröthete Augen hatte, konnte sie sich nicht entschließen, ihm eine neue Kränkung zuzufügen, gab ihrem Thier einen Schlag mit der Hand auf den rauhen Hals und trabte munter den Berg hinan, so daß Brunet sie erst einholen konnte, als die Steile des Pfades ihren Schritt mäßigte. Nun hatte sie sich inzwischen bedacht, als eine kluge und herzhafte Frau, wie sie war, den Stier lieber gleich bei den Hörnern zu fassen, fing deßhalb an, in scherzendem Tone von der unterbrochenen Nachtmusik zu reden und daß es auch ihr leid darum sei, vielleicht aber doch zu seinem Besten gereichen werde. Denn er verwöhne und verzärtele sich mehr und mehr durch die Uebung dieser müßigen Künste, die ihm endlich jedes mannhafte Thun verleiden würden. Sie denke nicht gering von der fröhlichen Kunst der Poesie. Es habe zu allen Zeiten große und erlauchte Dichter gegeben, die einen gerechten Ruhm geerntet und noch lange nach ihrem Tode wie Sternbilder den späteren Geschlechtern geleuchtet hätten. So werde jetzt auch in der Provence der Name manches Troubadours gleich dem eines mächtigen Fürsten oder siegreichen Kriegshelden mit hohen Ehren genannt, und sie selbst würde nicht minder gern, als einen der weisen Meister, die von den Geheimnissen der Natur geschrieben, einen Dichter wie Bertran von Born, oder Bernhard von Ventadour oder Arnaut Daniel von Angesicht kennen lernen. Diese aber seien zu ihrem Ruhm nicht ohne Mühe und eifriges Nachdenken über die Kunst gelangt, wie denn nichts Vortreffliches nur so im Fluge zu erreichen sei, etwa gleich einem Vogel, den ein guter Schütz mit seinem Pfeil aus den Wolken hole. Wie aber er, Ugonet, zu solcher Höhe der Kunstübung gelangen wolle, im Stall bei seinen Pferden, ohne Bücher oder Lehrmeister? Dagegen, wenn er sich in der Führung der Waffen eifriger ausbilde, er bald einen tüchtigen Kriegsmann aus sich machen und wohl hoffen könne, trotz seiner geringen Herkunft dereinst noch einmal sich zu ritterlichen Ehren aufzuschwingen. Das gezieme ihm besser, als ein poetischer Stümper zu bleiben, was unfehlbar geschehen werde, da er es ja verschmähe, fortzugehen und sich bei einem ordentlichen Dichter in die Schule zu begeben.
      Hierbei erröthete sie ein wenig, da sie, ohne es zu wollen, bei dem verfänglichen Punkt jenes ersten Gedichtes angelangt war. Er machte es ihr aber durch sein demüthiges Schweigen leicht, wieder davon abzulenken, und so konnte sie noch eine Zeit lang ihr Ermahnen fortsetzen, wobei sie sich redliche Mühe gab, ihm recht als eine weltweise mütterliche Vorsehung zu erscheinen, die seit undenklicher Zeit über alle jugendlichen Anwandlungen hinaus sei. Versprich es mir, Ugonet, sagte sie schließlich, daß du diese Kindereien abthun und einen tapferen Mann aus dir machen willst. Im Frühling blühen alle Bäume; aber nur diejenigen werden von den Menschen geschätzt und gepflegt, die Frucht tragen. Die anderen läßt man eine Weile wachsen und haut sie dann um, daß sie wenigstens Brennholz geben.
      Er murmelte tief erglühend etwas vor sich hin, das sie für eine Zustimmung nahm. Dann sprachen sie auf dem übrigen Wege nichts mehr hierüber.
      Der Tag war sonnig und sie litten von der Glut. Als sie dann beim Kloster ankamen, lief ihnen der Meier oder Klostervogt entgegen, der in einem Häuschen, einen Bogenschuß von den geistlichen Mauern entfernt, mit seinem Weibe wohnte. Er half der Herrin aus dem Sattel, führte sie selbst an die Klosterpforte, wo sie alsbald mit ehrerbietiger Freude von der Schwester Pförtnerin bewillkommt wurde, und band das Maulthier, nachdem er es des schweren Sattels und seiner übrigen Last entledigt hatte, an einem Pfahl mitten auf einer grünen, schattigen Aue, wo die würzigsten Bergkräuter wuchsen und auch die Klostereselin weidete, die zuweilen gewürdigt wurde, die Frau Aebtissin oder eine der Nonnen auf ihrem geduldigen Rücken zu Thale zu tragen. Dann zog er Brunet, an dem er von jeher großes Gefallen gefunden, zu einem ländlichen Mahl unter sein schlichtes Dach, wunderte sich auch kaum, daß der Jüngling heute noch einsilbiger und versonnener schien, als gewöhnlich, da er schon wußte, daß seine muntere alte Frau und sein feuriger junger Wein mit der Zeit es dahin zu bringen pflegten, den scheuen Gast ein wenig aufzuthauen.
      So geschah es auch heut, und sie saßen über die heißen Tagesstunden einträchtig beisammen, der Meier von Hispanien erzählend, wo er in jungen Jahren als Knappe eines Ritters sich manchen Wind hatte um die Nase wehen lassen, Brunei begierig horchend, da er jenes Land als seine eigentliche Heimath betrachtete. Darüber hatten sie es nicht Acht, daß die Sonne sich neigte, bis die Pförtnerin gelaufen kam und die Nachricht brachte, die Vizgräfin wolle unverzüglich den Heimweg antreten. Brunet sprang auf, das Maulthier wieder zu satteln und aufzuzäumen. Wie er aber auf die Halde hinaustrat, war weder dort, noch so weit die Blicke reichen mochten, von dem sonst so geduldig harrenden Thier auch nur der Schatten zu erspähen. Er rief und lockte und stieg auf den nächsten Abhängen und umbuschten Klippen herum. Da aber auch die Klostereselin verschwunden war und auf das Pfeifen des Meiers sich nicht wieder einstellte, war es klar, daß das herrschaftliche, an gutem Futter nicht darbende Thier Gefallen an der schlichten geistlichen Blutsverwandtin gefunden, im Uebermuth seiner zärtlichen Neigung die Halfter zerrissen und sich der arglos Weidenden genähert habe. Diese, an dergleichen höfische Zudringlichkeiten nicht gewöhnt, mochte das Weite gesucht und von dem stürmischen Bewerber bedrängt in die hohen Fichtenwälder hinaufgeklettert sein, die das Klostergebiet im Winter gegen Lawinensturz schirmten.
      Noch standen die Beiden rathlos, und Brunet wollte vergehen vor Grimm und Unmuth, daß er seines Dienstes nicht besser geachtet habe, als die Klosterpforte sich öffnete und Beatrix, von der sämmtlichen frommen Schaar geleitet, auf die abendlich kühle Aue hinaustrat. Gesenkten Hauptes näherte sich ihr der Jüngling und berichtete, wie die Sache stand. Es könne ein Stündlein darüber vergehen, fügte der Meier hinzu, bis man der Flüchtlinge wieder habhaft geworden, da die Spuren im Kreise liefen und der Berg voller Schluchten sei. Beatrix lächelte, während sie die wunderliche Mähr vernahm. Sie wollte aber nichts davon hören, wieder ins Refectorium zurückzukehren, um dort zu harren, bis der Entführer eingefangen sei. Die Luft ist lieblich, sagte sie, und ich denke, ich kann es wagen, den Heimweg zu Fuß anzutreten. Dieser mein Freund – und sie erhob den Stock von Ebenholz mit silberner Krücke, auf den sie sich im Gehen zu stützen pflegte, – ist zwar so steile Pfade nicht gewöhnt. Aber Brunet wird ihm zu Hülfe kommen und mir seinen Arm leihen, und wenn Meister Elias – so hieß der Klostervogt – so gut sein will, meinem leichtfertigen Zelter nachzuspüren, holt er uns vielleicht noch auf halbem Wege ein. Wer hätte dem frommen Thier, das längst aller Weltlust abgesagt zu haben schien, ein so unschickliches Betragen zugetraut?
      Sie umarmte ihre geistliche Freundin, küßte sie auf beide Wangen und ließ es dann mit Widerstreben geschehen, daß die Nönnchen sämmtlich der Reihe nach ihr die Hände küßten. Dann winkte sie dem Jüngling, ihm ein freundliches Wort zum Troste sagend, und verließ ohne Weiteres, die linke Hand auf seinen Arm gestützt, mit der Rechten den Stock regierend, ungleichen aber raschen Schrittes das Klostergebiet, von dem der Weg sich alsbald durch niederes Gestrüpp über unregelmäßig hingestreute Felsen ziemlich jäh in die Tiefe wand.
      Sie war sichtlich in heiterster Laune; der starke Würzwein, der im Kloster bereitet wurde, und von dem sie gegen ihre mäßige Gewohnheit ein volles Kelchglas geleert, die Hülfe, die sie ihrer Freundin gebracht, der Glanz, von dem der pfirsichfarbene Abendhimmel erzitterte, dazu das ungewohnte Gefühl, sich einmal auf ihre eigenen Glieder zu verlassen, all das machte sie lustig und schier übermüthig, daß ihr zu Muthe ward, wie in ihren früheren Mädchentagen, ehe noch ihr leidiges Gebrechen sie von wilden Sprüngen zurückhielt. Sie scherzte mit Brunet, daß er wohl zu tief der Frau Klostervögtin in die Augen gesehen und darüber versäumt habe, von Zeit zu Zeit einen Blick auf das weidende Pärchen draußen zu werfen. Dazwischen wurde sie wieder ernsthaft, blieb aufseufzend stehn, und indem sie ihr Tüchlein hervorzog, sich die feuchte Stirn zu trocknen, klagte sie: Wenn du wüßtest, Uc, wie ich den Lemosi beneide! (so hieß der Maulesel, der aus Limoges stammte.) Er ist auch nicht der Jüngste mehr, aber da er kein Krüppel ist, kann er über Berg und Thal seiner thörichten Laune nachrennen, so weit es ihm beliebt. Ich dagegen – nun, ich bin zwar weise und vor übermüthigen Anwandlungen geschützt durch meine ernsten Studien; aber verdienstlich würde es erst sein, nicht mehr zum Tanze zu gehen, wenn ich leichtfüßiger wäre. Nun humple ich meinen schmalen Tugendweg auf und ab im Schweiße meines Angesichts, als ob ich mit am Sündenfalle schuld wäre. Hast du den Reiher noch im Sinn, Ugonet, der auf dem Hofe war, da du bei uns ankamst? Er hatte ein zerschossenes Bein und wurde aus Barmherzigkeit vom Thorwart gefüttert, der ein großer Beizjäger war. Wie oft, wenn ich ihn so auf dem gesunden Beine stehen sah, den Stumpf des andern an den Leib gezogen, mußte ich lachen: Du treibst es nicht viel anders, als ich, armer Bursch! Wer dich so sieht, möchte dich für einen ganz schmucken Vogel halten. Wir aber wissen, wie Krüppeln zu Muth ist.
      Sprecht nicht so, Herrin! brach es von den Lippen des Jünglings. Bei San Joan, wen ich so von Euch reden hörte, ich würde ihn eilig stumm machen. Wenn Ihr nun selbst so schlimme Worte über Euch braucht, über Euch, die Ihr immer vor mir steht, wie ein Wesen aus einer anderen Welt –
      Still, Herr Poet! lachte sie wieder und gab ihm mit der Linken einen kleinen Schlag auf den Arm. Ihr seid ein Träumer und Kindskopf und habt von der Welt nicht viel gesehen, und freilich, mit den Pergamentgesichtern droben im Kloster und den Mägden in Beziers kann es der lahme Engel immerhin noch aufnehmen. Wenn du mich aber gekannt hättest, wie ich aussah, als du eben zur Welt gekommen, – ha, ich will dir doch das Bildniß zeigen, das damals ein welscher Maler von mir gefertigt und das ich meinem Herrn Verlobten nach Aragon geschickt. Der kluge Prinz hat es mir hernach mit höflichem Dank wieder zustellen lassen. Er hatte sich eilig satt daran gesehen. Dir aber wird es zeigen, daß du ein Narr und Phantast bist, wenn du noch zwanzig Jahre später das Urbild, das inzwischen nicht so wohl aufgehoben und in Gold gefaßt war, für ein Weltwunder hältst.
      Brunet erwiderte nichts. Die Nähe der geliebten Gestalt, deren Brust er an seiner Schulter fühlte und deren lebhafter Hauch seine Wange umspielte, machte ihm das Herz erglühen und den Kopf schwindeln, daß er alle Mühe hatte, den Weg immer im Auge zu behalten und die unsicheren Schritte der Herrin auf die bequemste Spur zu lenken. Auch sie war wieder still geworden, vielleicht in Jugenderinnerungen versunken. So hatten sie vom steilen Wege etwa die Hälfte zurückgelegt, da erlahmte die Kraft der mühsam Schreitenden vollends; sie blieb, mit einem ängstlichen Blick nach der Höhe zurück, stehen und sagte: Er holt uns nicht mehr ein, fürcht' ich, und mit meinem eignen Gehwerk bring' ich es doch nicht weit. Was mein Herr Bruder für ein Gesicht machen würde, wenn ich über Nacht ausbliebe! Sonst hätt' ich nicht übel Lust, dort im Busch unter dem wilden Thymian bis an den Morgen zu schlafen, und die Sterne würden mich so gut bewachen wie der Baldachin über meinem Bett. Inzwischen, da es nicht sein darf, will ich dort ein paar Augenblicke rasten, bis der arme Schelm, mein linker Fuß, sich von seinem Erstaunen erholt hat, daß man ihm so saure Arbeit zumuthen konnte. Du aber lauf ein paar Schritte zurück und spähe, ob von dem ungetreuen Knecht, dem Limosiner, noch immer nichts zu sehen ist.
      Sie ließ seinen Arm los und wankte, bloß auf ihren Stab gestützt, nach einem kleinen buschigen Platz nah am Wege, wo über niedrigem Haselgesträuch ein paar hohe Edelkastanien ihren Wipfel breiteten und ein Quell ringsum starkduftende Kräuter zu üppiger Blüte brachte. Nicht weit von seinem Murmeln sank sie in das hohe Gras mit einem unterdrückten Stöhnen. Sie sah den raschen Jüngling den Pfad wieder hinaufsteigen und hörte ihn rufen. Da zog sie verstohlen Schuh und Strumpf von ihrem übermüdeten Fuß und goß aus einem Fläschchen, das sie immer mit sich führte, ein paar Tropfen eines stärkenden Balsams auf das zarte Glied, rieb es mit der Hand und kühlte es in dem frischen Grase. Dies vollbracht, fühlte sie eine große Erquickung und streckte sich nun behaglich auf dem sanftgeneigten Abhang aus, beide Arme unter dem Kopf verschränkend, da es an einem anderen Kissen gebrach. Ihr däuchte aber, sie habe nie weicher und wohliger geruht; die Luft war lau und frisch zugleich, keine Mücken belästigten sie, nur ein paar schöne, seltene Falter gaukelten über der Quelle einander nach, und nachdem sie mit den Augen ihren schwankenden Flug eine Weile verfolgt und dabei dem eintönigen Liedchen des Baches gelauscht hatte, fielen ihr die Wimpern zu, und sie versank in einen süßen, erquicklichen Schlaf.
      Allerlei Träume schwirrten an ihrer Seele vorüber, lustige und schwermüthige. Den lahmen Reiher sah sie, der, ein Wickelkind auf dem Rücken, zu ihr hin gehüpft kam und, nachdem er ihr seine Last in den Schooß geworfen, seine Flügel ausspreitete und mit einem scharfen Geschrei, das wie Hohngelächter klang, davonflog. Als sie das Kind dann näher betrachtete, das sie erst für einen kleinen Neger gehalten, wurde das Gesichtchen mit jeder Minute heller, bis sie deutlich die Züge Brunet's erkannte. Der Kleine tastete mit den Händchen nach ihrem Gesicht und ihrer Brust, daß sie Mühe hatte, sich seiner Unart zu erwehren, und ihn von ihrem Schooße weghob und auf die flache Erde legte. Da fing er plötzlich an, die ersten Verse jener Canzone zu singen, die sie wohl im Gedächtniß behalten hatte, und schon wollte sie, von seiner klagenden Stimme gerührt, ihn wieder auf ihren Arm nehmen, als die Aebtissin dazwischentrat und eine ihrer beliebten Standreden gegen das falsche und wankelmüthige Geschlecht der Männer anhob. Zugleich reichte sie ihr einen goldenen Becher, daraus sollte sie ewiges Vergessen trinken, und was der tollen Phantasieen mehr waren, die ihr schlummernder Geist ausbrütete. Wie lange dies Spiel währte, wußte sie nicht, nur daß zuletzt ein halbwaches Gefühl der Unruhe sich ihrer bemächtigte: es möchte wohl Zeit sein, wieder aufzubrechen, daß die Nacht sie nicht überrasche. Nur ihr Kopf aber ermunterte sich ein wenig, ihre Glieder waren noch wie gebannt. Mit großer Anstrengung konnte sie langsam die Augenlider aufschlagen; da sah sie in der Dämmerung, die sie umgab, zwei andere Augen dicht über den ihren, die sie schon eine Weile angestarrt zu haben schienen: dunkle, ernsthafte junge Augen, aus denen eine helle Flamme hervorzubrechen schien. Daß es Brunet's Augen waren, wußte sie sofort. Ob es aber ein Traum sei, daß er neben ihr im Grase kniete und in einer Art Verzückung sie betrachtete, oder ob es in Wahrheit sich so verhielt, mühte sie sich umsonst zu unterscheiden. Und da die Augen sich ganz still verhielten und auch sonst kein Laut sich hören ließ, überwältigte sie noch einmal der Schlummer, und die Lippen zu einem fast schalkhaften Lächeln öffnend, drückte sie die Augen wieder zu, wie um zu erproben, ob das Gesicht über ihr nun schwinden würde. Da fühlte sie plötzlich einen warmen Mund auf dem ihren, zwei weiche jugendliche Lippen, die schüchtern und doch mit sehnsüchtiger Inbrunst auf den ihren ruhten, daß eine süße Wärme ihr ganzes Wesen durchströmte und sie einen Augenblick meinte, ihr Herz müsse still stehen vor nie gekannter Wonne. Sie wollte etwas sagen, eine Frage thun, ein Scheltwort aussprechen; aber der Zauber war zu stark, als daß ihr Geist zwischen Träumen und Wachen ihn hätte brechen mögen. So ergab sie sich mit festgeschlossenen Augen in diesen süßen Zwang und hütete sich, wissen zu wollen, wie es damit zugegangen. Nur ein Seufzer, der sich aus ihrer athmenden Brust befreite, sprach von der Furcht, daß dies Glück zu groß sein möchte, um ihr lange vergönnt zu bleiben. Und in der That riß plötzlich der Traum entzwei, eine laute Stimme, die ihren Namen rief und den Abhang hernieder sich näherte, weckte sie gewaltsam auf, sie stieß das Antlitz, das sich zu ihrem herabgesenkt, jählings mit abwehrenden Händen von sich und fuhr in die Höhe. Auch der Jüngling war hastig aufgesprungen und von ihr weggestürzt, dem Ausgang des Gebüsches zu. Da sah man den Rufenden eben herankommen, den Vogt Elias, der das eingefangene Maulthier am Zügel sich nachführte. Seine Freude, die Vizgräfin noch unterwegs zu finden, so daß seine dienstfertige Eile ihr doch zu Statten kam, sein Eifer ihr wieder in den Sattel zu helfen, machten es ihr leicht, jede Verwirrung über das, was ihr im Traum geschehen, zu verbergen. Sie belohnte den Mann reichlich, trug ihm einen Gruß an die Frau Aebtissin auf und trieb dann das Thier, das mit gesenkten Ohren auf eine wohlverdiente Züchtigung zu warten schien, nur mit einem sanften Zuruf an, sich in Bewegung zu setzen.
      Stumm schritt der Jüngling hinterdrein. Es war jetzt an ihm, nicht zu wissen, ob er wache oder träume. Kein Wort wurde zwischen seiner Herrin und ihm gewechselt. Als sie bei nächtlicher Dunkelheit im Schloßhof anlangten und der Vizgraf seine Schwester mit einem scharfen Vorwurf empfing, daß sie ihre Ritte so weit in die Nacht hinein ausdehne, hatte sie nicht ein Wort, weder der Entschuldigung noch der Ablehnung seiner herrischen Rüge. Ohne ihm zum Nachtmahle zu folgen, schritt sie die Wendelstiege hinauf, die in ihr Thurmzimmer führte. Sie zündete aber ihre Lampe nicht an, sie warf sich am offenen Fenster in ihren Sessel und sah in den Sternenhimmel hinauf. So fand sie am Morgen die alte Bernarda in ihren Kleidern eingeschlafen.
      *
      Sie verließ auch diesen ganzen Tag das Zimmer nicht, obwohl sie etlichen Siechen in der Nachbarschaft ihren Besuch zugesagt hatte, und ließ sich bei ihrem Bruder entschuldigen, daß sie nicht zur Tafel komme; ihr sei nicht wohl. In Wahrheit aber war ihr nie so wohl gewesen, wie in diesen einsamen Stunden. Sie war wie ein Mensch, der in einem Gärtchen, das ihm bisher spärliche Früchte getragen, plötzlich einen goldenen Schatz entdeckt hat. Sie hatte geglaubt, Gott und Welt und ihr eigenes Wesen von Grund aus zu kennen, und nun sah plötzlich Alles, was sie umgab, und Der, der es erschaffen, und ihr eigenes Angesicht im Spiegel sie mit ganz verwandelten Augen an, so viel schöner, blühender und traulicher, daß sie nicht aufhören konnte, darüber zu erstaunen. Zuweilen war ihr, als versänke sie in einen bodenlosen Abgrund, daß sie schwindelnd die Augen schloß und eine purpurne Finsterniß rings um sie her entstand. Und in dieser Nacht, die über ihrem Haupte zusammenschlug, leuchteten plötzlich zwei dunkle, ernsthafte junge Augen auf, und sie fühlte eine Flamme an ihrem Munde, und ihr Herz stand plötzlich still, als hab' es seinen letzten Schlag gethan. Aus diesem seligen Hinsterben fuhr sie dann plötzlich wieder in die Höhe, durch irgend ein Geräusch aufgeschreckt oder durch eine Stimme in ihrem eigenen klugen Haupt, die ihr zurief, daß diese Thorheit nicht dauern dürfe. Sie schüttelte dann den Spuk mit heftiger Geberde von sich und nahm irgend ein Geschäft zur Hand, einen Heiltrank zu bereiten, oder in einem ihrer Bücher eine Stelle nachzulesen, die sich auf einen bedenklichen Fall bezog. Nur daß diese Ermannung selten länger als fünf Minuten dauerte und sofort wieder einem gedankenlosen Hindämmern wich. Auch verbrachte sie nicht wenig Zeit vor ihrem Spiegel, aber ohne Bernarda's Hülfe dabei zu heischen. So eifrig, als ob sie eine schwere Schrift entziffern sollte, studirte sie die Züge ihres Gesichts und war nicht mit allen Stellen einverstanden. Zwar hatte ihr Sprüchlein vom Lachen sich auch an ihr bewährt, und das »gute Blut« zeigte sich an ihrem zartblühenden Fleisch und ihrer weichen Haut. Aber um die Augen und in den Mundwinkeln waren durch dasselbe Lachen viele kleine Fältchen eingegraben, und das Nachdenken über die Räthsel der Natur hatte auch ihre helle Stirn gefurcht. Nun sah sie auch die zarten grauen Streifen, die sich frühzeitig in das Schläfenhaar eingeschlichen, und wenn sie dachte, wie lange und in welcher Nähe Brunet sie hatte betrachten können, erschrak sie, daß er nun auch um diese Altersspur wisse. Dann aber lächelte sie, um sich an dem Glanz ihrer festen weißen Zähne zu freuen, und betrachtete zugleich ihre Lippen aufmerksam, ob sie nicht seit gestern, wo sie zum ersten Mal von Manneslippen berührt worden waren, verwandelt seien an Farbe oder Form. Sie waren aber, als wäre nichts geschehen, und nicht die leiseste Spur der Flammen, die sie versengt, ließ sich heute noch entdecken.
      Als sie dann den Spiegel weglegte, wurde ihr Gesicht wieder nachdenklich, und sie ging mit einem Seufzer zu ihren Büchern, eines hervorzuholen, darin von allerlei magischen Geheimmitteln berichtet war, die meisten freilich nicht ohne Mitwirkung dämonischer Mächte zu erlangen. Vor solchen hatte sie stets ein Grauen gefühlt, da sie ein frommes Weib und von hellem Gemüth war, und auch heute warf sie kaum einen Blick auf die Blätter, wo die Zahlen, Worte und Zeichen, die zu Beschwörungen dienten, geschrieben standen. Sie suchte ein Recept, das ein arabischer Arzt angegeben, um die entflohene Jugend zurückzubringen, erblichenen Haaren neuen Glanz zu verleihen und das Leben, das schon über seinen Mittag sich geneigt, noch einmal mit Morgenduft zu erfüllen. Auch fand sie es bald und verstand die Namen aller Kräuter und Essenzen, die dazu gebraucht wurden. Nur die Mischung und das Maß der Elemente war nicht eben so klar angezeigt. Darüber vertiefte sie sich in Sinnen und Erwägen, vergaß Speise und Trank und hörte es kaum, daß Bernarda mehrmals die Thür öffnete, besorgt, ihrer Herrin möchte etwas zugestoßen sein. Der Tag verging endlich, die Dämmerung sank herein, längst konnten die Augen der einsamen Grüblerin keinen Buchstaben mehr erkennen, da fiel plötzlich, durch das Fensterchen hereingeflogen, ein leichter Körper ihr gerade vor die Füße, und als sie ihn aufhob, sah sie, daß es wieder ein Bolzen war, wie jener erste, und wieder mit einem Blatt umwickelt, auf dem sich eine zierliche Schrift befand. Eilig rief sie der Alten, ihr die Lampe zu bringen, dann riegelte sie die Pforte zu und las, mit zitternden Knieen neben dem Herde stehend:
      Ihr zürnet, Herrin; Ihr verhehlt es nicht,
       Denn Ihr entzieht mir Euer Angesicht.
       Ach, ohne dieses Licht
       Wird heller Mittag mir zu Mitternacht!
       Wie geht mit mir so streng Ihr ins Gericht,
       Weil ich, im Bann von allgewalt'ger Macht,
       Geraubt, was ewig sonst versagt geblieben!
       Ach, was zu solchem Wagniß mich getrieben,
       War stärker als Bescheidenheit und Pflicht.
      Noch seh' ich vor mir, was mein Unheil war,
       Das blüh'nde Angesicht, das goldne Haar
       Und jenes Augenpaar,
       Das halb verträumt mir süß zu winken schien.
       Und wie ich noch das Lächeln ward gewahr,
       Dem Todte zu erwecken Macht verliehn,
       Da wich die Scheu und Ehrfurcht dem Verlangen,
       Ach, einmal nur an diesem Mund zu hangen,
       Nach dem mein Herz geschmachtet Jahr um Jahr.
      Nun soll ich wachend büßen, was geschehn
       Im Zaubertraum. Doch laßt es mich gestehn:
       Nie kann ich mein Vergehn
       Bereu'n, das noch mit Wonne mich durchglüht.
       Und müßt' ich jetzt durch tausend Qualen gehn,
       Ich jauchzte doch, daß mir dies Heil erblüht.
       Viel lieber in der Hölle tiefstem Grunde
       Gedenken jener kurzen sel'gen Stunde,
       Als ohne sie den Himmel offen sehn!
      Sie lächelte, da sie zu Ende gelesen. Sie bemühte sich noch jetzt, das Ereigniß von einer lustigen Seite zu nehmen. Er macht Fortschritte, sagte sie vor sich hin, in der Dichtkunst und in der Keckheit. Ahnt er, daß er es für immer verspielt hätte, wenn er jetzt um Vergebung winselte, wie ein zahmer Knabe? Er will zeigen, daß er ein Herrenrecht habe dem schwachen Weibe gegenüber; – denn wenn es wahr ist, daß ich ihn angelächelt habe, wenn auch nur aus dem Schlaf, trage ich freilich an Allem die Schuld. O Brunet, ich wollte, du wärest noch ein Kind, oder ich könnte es wieder werden! – Und dann sah sie wieder auf das Blatt und wiederholte langsam, jetzt mit ganz ernster Miene die letzten Verse:
      Viel lieber in der Hölle tiefstem Grunde
       Gedenken jener kurzen sel'gen Stunde,
       Als ohne sie den Himmel offen sehn!
      *
      So ganz aber hatte sie noch nicht die Herrschaft über ihr Herz verloren, daß sie sich aller Gedanken, was daraus werden sollte, entschlagen und wie ein unreifes Mädchen dem Zauber eines namenlosen Gefühls hingegeben hätte. Daß sie ihn nicht wiedersehen dürfe, daß es nothwendig sei, ihn unter einem schicklichen Vorwande aus dem Schlosse zu entfernen, ihn und sie vor den Gefahren dieses hoffnungslosen Spiels zu behüten, stand ihr mitten im Taumel ihrer wonnigen Gedanken fest. Nur wie es anzufangen wäre, wollte ihr nicht sogleich einfallen. Und inzwischen war sie schwach genug, aus ihrer verstohlenen Höhe herab nach ihm auszuspähen, wenn er über den Hof ging, oder ein Pferd bändigte, oder im Schatten des Thorbogens sitzend eine schartige Klinge wieder blank schliff. Er selbst sah über Tag nie zu ihrem Fenster hinauf. Es schien ihr aber, als trage er den Kopf stolzer auf den Schultern und schreite beflügelter über die Steine des Burghofs oder die Treppenstufen zu dem Söller hinan. Sie sah auch, daß der Narr Guigo sich zuweilen an ihn machte, mit Stachelreden, die den Knechten zu lachen gaben. Für Brunet war es wie ein rauhes Lüftchen, das ihm übers Gesicht fuhr. Er wandte nicht einmal den Kopf, oder zuckte auch nur die Achseln.
      Doch an jedem Abend, sobald es im Hofe still und leer geworden war, flog ein Armbrustbolzen in das Thurmfenster, und die Briefe, die diese luftige Post beförderte, klangen täglich stürmischer, sehnsüchtiger und verwegener. So süß es der Empfängerin däuchte, dies verworrene Stammeln anzuhören und an der Glut dieser Leidenschaft zugleich mit der Blüte eines jungen Menschenherzens auch eine reine und mächtige Dichterseele sich entfalten zu sehen, konnte sie sich doch nicht verhehlen, daß nun jedes Zögern vom Uebel sei. Sie brachte eine schlaflose Nacht mit diesem Gedanken hin. Am Morgen stand sie zeitig auf und schrieb einen Brief an den Grafen 
      Aimeric von Foix, mit dem sie nahe verschwägert war. Sie bat ihn, sich eines jungen Menschen anzunehmen, der in Beziers mit seinen mancherlei Gaben nicht am rechten Platze sei. Er sei ihr werth, da sie an ihm Mutterstelle vertreten, und werde sie jede Gunst, die ihr Vetter dem Knaben erweise, als ihr selbst geschehen betrachten. – Diesen Brief siegelte sie mit schwerem Herzen. Denn nun erst, da es Ernst werden sollte, überlegte sie, wie ihr Leben plötzlich all seinen Werth und Reiz verlieren würde, wenn diese theure Gestalt aus ihm verschwände und der Abend eines einsam verträumten Tages nicht mehr eine beschwingte Botschaft brächte, die ihr sagte, daß ein anderes einsames Herz in Sehnsucht ihrer gedenke.
      Es muß sein! seufzte sie vor sich hin und stand auf, den Brief zu ihrem Bruder zu bringen. Sie wollte ihn unter einem Vorwande bitten, Brunet mit dieser Botschaft nach Foix zu entsenden. Plötzlich hörte sie einen Männertritt vor ihrer Schwelle, und einen Augenblick überfiel sie der Gedanke, ob der Jüngling wohl gar sich unterstehen möchte, zu ihr zu dringen, da öffnete sich schon die Thür, und der Herr des Hauses, der sonst niemals in ihren Gemächern erschien, trat mit finsterer Miene, ohne nur ein Kopfnicken zum Gruß an sie zu wenden, herein.
      Er war ein großer Mann, von ungewöhnlicher Leibesstärke, mit eisengrauem Bart und Haupthaar, obwohl nur wenige Jahre älter als seine Schwester, gelblich von Farbe, die Bildung des Gesichts, das dem ihren nicht unähnlich war, durch einen eingewurzelten Ausdruck stolzen Menschenhasses entstellt.
      Ihr macht Euch unsichtbar, sagte er mit einer Stimme, die von verhaltenem Zorn bebte. Ich will nicht forschen, was Euch dazu bewegt; ich bin gewohnt, Euch Euer Wesen für Euch treiben zu lassen. Doch muß ich Eure tiefen Studien einen Augenblick unterbrechen, um Euch eine Warnung zu bringen. Ihr seid in Gefahr, Eure Ehre und die unseres Hauses zu schädigen durch ein unbedachtes Tändeln mit einem frechen Knaben, den Eure Güte seit Langem verwöhnt hat. Wie weit Ihr selber Schuld daran tragt, will ich nicht erforschen. Nur so viel mögt Ihr wissen, daß Ihr fortan strenge über Euch zu wachen habt, wenn Ihr nicht selbst das Verderben des Zucht- und Zügellosen beschleunigen wollt. Die Herren von Beziers, wenn sie auch auf die Hoffnung, mit Königen verschwägert zu werden, verzichten mußten, sind immer noch mächtig genug, um die Ehre ihres Hauses nicht dem ersten besten Pferdeknecht preiszugeben.
      Er sah Beatrix mit einem Blicke an, der im Grunde ihrer Seele lesen wollte. Ihr Stolz und das Bewußtsein, so eben erst einen Sieg über ihr eigenes Herz erkämpft zu haben, gab ihr Kraft, die Augen ruhig auf den Bruder zu heften. Nur ein wenig hatte ihre Wange sich geröthet, doch mehr vor Unwillen über die harte Rede, als vor Scham oder Bestürzung.
      Ich weiß nicht, wovon Ihr redet, mein Bruder, erwiderte sie fest. Ich bin mir nicht bewußt, die Ehre des Namens, den ich trage, verletzt zu haben.
      Nun denn, beim Blut des Heilands! brauste der Vizgraf auf, indem er der Regungslosen einen Schritt näher trat, so muß ich es Euch deutlicher sagen. Der Knabe, den ich um Euretwillen unter dem Gesinde geduldet habe, hat böse Träume, die ihm den Kopf kosten möchten. Einer der Stallbuben, der in der Kammer neben der seinen schläft, hat heut morgen, da sie beim Frühmahl unten in der Gesindehalle beisammensaßen, dem Guigo erzählt, daß er in der Nacht durch die dünne Wand ein heftiges Seufzen und Stöhnen vernommen. Er habe sich aufgerichtet, in der Meinung, dem Brunet sei ein plötzliches Unwohlsein zugestoßen. Da habe er deutlich gehört, wie dieser Euren Namen genannt, mit Anrufungen und winselnden Klagen, wie ein Liebender nach seiner Geliebten seufzt. Da ist der Narr in ein überlautes Lachen ausgebrochen, hat seine Kappe vom Kopf genommen und sie über die Tafel dem Buben hingereicht, sprechend: Dieser Hauptschmuck geziemt dir, Gevatter. Wer sich einfallen läßt, von der Gunst der Vizgräfin zu träumen, den soll man in ein Narrenkleid stecken. Der Bursch aber, glühend übers ganze Gesicht wie ein Feuerbrand, sei aufgefahren und habe den Krug, der vor ihm stand, gegen den Spötter geschleudert, daß dieser heulend mit blutendem Schädel zu mir gelaufen kam, mir die Gewaltthat zu klagen. Ich habe sofort den Buben zu mir beschieden, und da er auf mein ernstes Vermahnen, mir zu gestehen, ob er je den Blick zu Euch erhoben, nur ein verstocktes Schweigen hatte, ihn von mir gewiesen, nachdem ich die Hetzpeitsche, die ich gerade in der Hand hielt, da ich im Begriff war, auf die Jagd zu gehen, ihm über den ungebeugten Nacken habe schwirren lassen.
      Sie stand todtenbleich vor ihm, immer noch den Blick starr auf sein Gesicht geheftet. Das verzeih' Euch Gott! sagte sie tonlos.
      Also doch! fuhr er mit Zähneknirschen fort. Also ist er Euch doch theurer, als Eure Ehre. Wohl! es hat mir geahnt, da ich seine Miene sah, daß er nicht so tolldreiste Gedanken genährt hätte, wenn er nicht dazu ermuntert worden wäre. Er fuhr mit der Faust nach dem Waidmesser, das er im Gürtel trug, und aus seinen Augen schoß ein Blitz, als ob er sich auf mich werfen und mich niederstoßen wollte. Sein guter Geist hat ihm die Hand noch zurückgezogen. Ihr aber sollt wissen, daß meine Langmuth zu Ende ist. Bei dem ersten neuen Zeichen geheimen Einverständnisses wird dafür gesorgt werden, daß dieser Wahnsinn nicht um sich greife, wie ein fressendes Feuer. Der Forst ist weit und dicht, und der Bolzen eines guten Schützen findet leicht sein Ziel, so daß kein Hahn danach kräht, wenn ein frecher Mund für immer verstummt. Das wollt' ich Euch angezeigt haben, Beatrix. Und nun gehabt Euch wohl und hütet Eure eigenen Träume! Damit wandte er sich und schritt hinaus. Gleich darauf hörte man ihn, von seinem Jäger begleitet, aus dem Schloßhof sprengen.
      *
      In der Kammer neben dem Stalle lag Brunet. Er hatte, sobald er, kaum seiner Sinne mächtig, dies armselige Schlupfloch erreicht, den Riegel vorgestoßen und sich auf sein Lager geworfen, das Gesicht in das Kissen gedrückt, wie um seine Augen davor zu bewahren, daß sie um sich blickten und die Welt noch sähen wie sonst und ihn noch auf dieser Welt, in der die Schmach ihm doch auf Schritt und Tritt nachging. Nachdem das erste ohnmächtige Wüthen sich vertobt hatte, lag er starr wie ein Todter, nur daß er seine Qual noch fühlte. Draußen kamen und gingen allerlei Stimmen, der Marschalk pochte an seine Thür, da er seiner im Stalle bedurfte, er hörte die anderen Knechte im Hof von ihm sprechen und die Mägde kichern. Aber selbst die scharfe Stimme des Narren, der ihm schnöde Hohnworte hineinrief, vermochte nicht, ihn aus der ohnmächtigen Betäubung aufzurütteln. Zwei Gedanken allein standen unverrückt vor seiner Seele: daß er den Schimpf nicht alsbald mit Blut gerächt, und daß er ihn auch in Zukunft nicht von sich abwaschen dürfe, wenn er nicht für immer darauf verzichten wolle, das Einzige, was er auf Erden liebte, wiederzusehen. Und doch, wenn er der gezüchtigte Knecht blieb, wie konnte er es wagen, die Augen je wieder zu ihr aufzuheben.
      Mehr als einmal zuckte ihm die Hand nach dem Messer, das er an seiner Seite trug und am Morgen zu seiner Schmach und Pein in der Scheide gelassen hatte. Wenn man ihn hier in seinem Blute fände, 
      sie würde die Todeswunde mit ihren Thränen waschen, und wer weiß, auch dem Urheber dieses jammervollen Endes die Ahnung aufdämmern, daß Der, den er in den Tod getrieben, ein adligeres Leben verdient habe, als das Schicksal ihm vergönnt.
      Dann hielt ihn Jugend und die Fülle unverbrauchter Lebenstriebe von dem verzweifelten Entschlusse zurück. Wenn sie davon hörte, welcher Schimpf ihm geschehen, mußte sie nicht auch erfahren, daß er ihn um sie erlitten? Und gehörte sein Leben nicht ihr? Durfte er es wegwerfen, ohne sie zu fragen?
      Er 
      wollte sie fragen. Sie sollte Schiedsspruch thun zwischen ihm und ihrem Bruder. Aber würde sie antworten? Hatte sie all diese Tage ihm das kleinste Zeichen gegeben, ob sie überhaupt auf das höre, was seine gefiederten Botschafter ihr zuraunten?
      So lag er und nagte sich die Lippe wund in seiner rathlosen Noth, und Scham und Grimm, Liebe und Rachedurst stritten sich in seiner Seele. Kein Bissen kam über seine Lippen, nur aus dem Wasserkrug, der seinem Bett zu Häupten stand, kühlte er ein paar Mal sein glühendes Fieber. Die Stunden schlichen dahin, der Abend brach herein, er sah den ersten Stern durch das schmale Fenster äugeln, bald darauf einen schwachen Mondglanz sich in der Kammer verbreiten. Nun war es längst still im Burghofe geworden, Niemand hatte mehr nach ihm gefragt, zuletzt waren ihm vor Erschöpfung durch die wühlende Qual der Seele die Augen zugefallen. Ein paar Stunden mochte er so geschlummert haben, noch im Traum mit seinem mächtigen Todfeinde wort- und handgemein, da drang ein behutsames, aber deutliches Klopfen an sein Ohr. Er fuhr auf und lauschte. Wieder pochte es an seiner Thür, und nun hörte er eine Stimme, die eine, die er über Tag vergebens herbeigesehnt: Mach auf, Ugonet! Ich bin's! – und sprang hin und stieß den Riegel zurück, und über die Schwelle trat, einen dünnen schwarzen Schleier über Haupt und Schulter geworfen, Beatrix.
      Du brauchst die Thür nicht wieder zu verschließen, sagte sie leise. Wenn Jemand käme und mich hier fände, was kümmerte mich's? Ich habe die Nacht nur abgewartet, weil ich dir was zu sagen habe und nicht wollte, daß man uns störe. Laß dich anschauen, Kind. Du lebst! Die Heiligen seien gepriesen! Weißt du, daß ich gefürchtet habe, ich käme schon zu spät?
      Ich durfte nicht aus der Welt gehen ohne Urlaub von Euch! stammelte er.
      Du hast Recht, mein Liebling. Dein Leben gehört mir, daß ich mich noch so lang daran freue, als mir Gott das eigene schenkt. Und darum befehle ich dir, zu leben, obwohl ich an deiner Stirne lese, daß du nicht zum Besten damit zufrieden bist. Siehst du, Uc, was geschehen ist und dir das Athmen verleidet, ist doch auch mit Gottes Willen geschehen, und das bittere Kraut soll eine süße Frucht tragen. Heut in aller Frühe wollte ich dich von mir entsenden für immer, weil ich kein Heil für dich und mich erhoffte, wenn wir zusammenblieben. Und der Brief an den Grafen von Foix, der dich unter seinen Schutz nehmen soll, war schon geschrieben, ein Uriasbrief – setzte sie mit Lächeln hinzu –; denn du solltest nicht wissen, daß Der, dem du ihn brächtest, dich bei sich behalten und dir keine Antwort an mich zu bestellen geben würde. Nun ist der Blitz herabgefahren und hat dich gestreift, Liebster, und wie seine Spur dich brennen muß, an mir selbst glaub' ich es zu empfinden. Da bin ich mit mir zu Rathe gegangen, daß ich dich jetzt noch minder bei mir zurückhalten darf; denn ich wäre Schuld an dem Tode, der dir heimlich geschworen ist. Nun aber sollst du nicht mehr unwissend von mir gehen, sondern die Ehre dieses Hauses, die der Bruder schwer versehrt hat, indem er einen freien und stolzen Menschen wie einen Leibeigenen gezüchtigt, soll die Schwester sühnen, so gut sie kann. Ugonet, ich bin gekommen, um dir selbst zu sagen, daß du mir theurer bist, als Alles in der Welt, daß, wenn du gehst, meine ganze Seele mit dir geht, und daß ich in meinem langen Leben nur Ein wahres Glück genossen: als dein junges Herz sich zu mir geneigt, deine Hand mir diese süßen Worte geschrieben, deine Lippen auf meinen geruht haben.
      Sie sank auf das Lager, von ihrer eigenen Bewegung überwältigt, und saß eine Weile stumm, während er vergebens nach einem Worte rang. Plötzlich war er ihr zu Füßen gestürzt, hatte ihren Leib umklammert und sein glühendes Gesicht gegen ihre Kniee gedrückt.
      Er fühlte, wie sie sich zu ihm niederbeugte und mit ihren Lippen sein Haar berührte.
      Mein Wildling, sagte sie, ich liebe dich um dieser thörichten Glut willen, obwohl ich oftmals lächeln muß, daß sie mir gelten soll, die ich eine alte Frau bin, die dich gar wohl hätte unterm Herzen tragen können. Bin doch auch ich selbst um all meine Vorsicht und Besonnenheit gebracht und Tag und Nacht wie ein kindisches Mägdlein, das ein neues Kleid erhalten, herumgegangen, mich im Spiegel zu beschauen, wie gut dieser Putz mir stehe, den ich dir verdanke. So hab' ich mich in deinen Versen bespiegelt, und das Herz hat mir laut geklopft zu ihrem Tact, und ich habe mir eingebildet, dies Alles sei echte goldene Wahrheit, was dein schwärmendes Poetenherz ausgeheckt, mich vor mir selbst zu verherrlichen. O Ugonet, nun warne ich dich nicht mehr, diese Künste zu treiben, nun weiß ich, daß du ein wahrer und großer Dichter bist, und daß die Welt es bald inne werden wird. Und darum sollst du nun mit fröhlichem Herzen fortziehen, und deine Rache an deinem Ehrenschänder soll sein, daß dein Name weit und breit mit Ruhm genannt und du von größeren und Mächtigeren, als er selber ist, geehrt und als Ihresgleichen gehalten werden wirst. Glaubst du nicht, daß die Wunde der Schmach, die er dir zugefügt, auf diese Art besser und glorreicher vernarben wird, als wenn du ihm ein Schwert in die Brust stießest, was auch ein Knecht in der Wuth zu thun im Stande wäre?
      Sie hielt inne und wartete, was er sagen würde. Er schien aber von ihrer ganzen Rede nur das Eine verstanden zu haben, daß er fort solle und sie nie wiedersehen.
      Ihr verstoßt mich! brach es aus seiner schwerathmenden Brust. O Beatrix, in einer Stunde Himmel und Hölle –
      Höre mich aus, sagte sie, indem sie mit sanfter Gewalt sein Haupt an ihren Knieen festhielt und mit der Hand leise seine Locken streichelte. Siehst du, mein Freund, wenn ich jung wäre wie du, keine Macht der Welt sollte mich zurückhalten, mit dir zu gehen und als dein treues Weib mich an deinem Ruhme zu freuen. Und wenn sie an den Höfen die Nase rümpften über die stolze Vizgräfin, die einem fahrenden Sänger nachzöge, so bliebe ich fern von den Schlössern in einem stillen Hause und erzöge deine Kinder, und immer, wenn du des Glanzes müde wärest, kämst du wieder nach Haus, und wir wären glücklich. Nun aber bin ich ein gebrechliches Weib, zweimal so alt als mein Liebster, und wenn er erst zu seiner vollen Mannesblüte gereift sein wird, ist von meinem Flor die letzte täuschende Farbe gewichen, und wenn die Leute auf der Gasse ihm nachriefen, daß aus seinem lahmen Engel ein hinkender Teufel geworden sei, würde er beschämt die Augen niederschlagen und ihnen im Herzen Recht geben müssen. Wohl giebt es ein Mittel, die Flucht der Zeit zu hemmen und einem alternden Leibe noch einmal Jugendkraft und -schöne einzuflößen. Aber es ist ein Wagniß auf Leben und Tod. Denn das Buch, das davon spricht, ist dunkel und zweideutig, und Gifte sind dem Elixir beigemischt, von denen ein Tropfen mehr, als die Mischung erträgt, unfehlbaren Tod bringt. Mehr als Einmal habe ich den Trank zu brauen versucht, aber jedesmal hat eine innere Stimme mich gewarnt, Gott nicht zu versuchen. So muß diesmal Alter in der That vor Thorheit schützen, da Jugend es nicht vermocht hat. Denn ich war noch sehr jung, als ich mir einredete, Liebe sei ein Wahn und ein Gaukelspiel, das geringe und einfältige Menschen bethöre, und nur ein Weib, das sich von ihr freigehalten, dürfe sagen, sie sei an Klugheit und Selbstherrlichkeit den Männern gleich, die sich auch von ihrer Macht nicht unterjochen lassen, sondern nur mit ihr spielen zum Zeitvertreib. Wie habe ich mich getäuscht! Was hat meine Weisheit, und daß ich um mein armselig bischen Gelahrheit gepriesen wurde, zu meinem Glück vermocht! Zwei Augenblicke an deinem Munde, mein Geliebter, haben mich mehr Wonne kosten lassen, als zwanzig Jahre tiefer Forschung, und ich habe gesehen, daß alle Weisheit Tand und Trug ist gegen die selige Thorheit der Liebe, daß Jugend allein das Glück zur Blüte bringen kann und Selbstvergessen seliger ist als Selbsterkennen. Und daß ich dazu noch gelangen sollte, mein süßer Freund, das werd' ich bis zu meiner letzten Stunde dir danken, wenn auch der Stachel der Reue, mein bestes Leben versäumt zu haben, mir ewig im Herzen wühlen wird.
      Sie stand auf und zog ihn mit sich empor. Es ist Scheidens Zeit, sagte sie. Wer weiß, ob mein Bruder uns diese letzte bittere Wonne gönnt; ich habe Licht in seinem Gemach gesehen, da ich über den Hof schritt. Nun aber nimm diesen Brief, den du geraden Weges nach Foix bringen sollst. Es steht nichts darin von dem, was geheim bleiben soll zwischen dir und mir. Aber du wirst nicht ferner freund- und heimathlos sein, denn Graf Aimeric ist ein edler Mann und ein großer Gönner der Dichter. Und dies hier – und sie zog eine Kette aus ihrem Busen – nimm zum Angedenken an die Frau, die dich heißer und treuer liebt, als je ein Weib dich lieben wird. Sieh, es ist die Kette, die ich meinem Bräutigam nach Aragon schickte, mein Bildniß hängt daran in goldener Kapsel. Er hat mir Beides wiedergeschickt, wie du weißt. Du wirst das Bild bewahren; die Kette, wenn du je in Noth kommen solltest, wird dich vor Hunger und Entbehrung schützen. Stecke sie in dein Wamms neben dein Herz, sie ist noch warm von der Wärme des meinen. Und nun laß mich zum letzten Mal dich küssen, Liebster, wenn es auch thöricht ist, sich in dem Wein noch einmal zu berauschen, der ein langes Leben hindurch nie mehr meinen Durst stillen soll.
      Sie warf ihre Arme fest um seinen Nacken und hielt ihn lange umschlungen, bis ihre Thränen vorbrachen und sich mit ihren Küssen mischten. Da löste sie sich standhaft aus seiner Umarmung.
      Es ist genug! flüsterte sie; ach, nur schon zu viel! Aber ich hab' es selbst gewollt. Komm! Laß uns eilen, eh ich thue, was mich ewig gereuen wird! Ugonet, zwanzig Jahre früher – der lahme Reiher wäre mit dem gesunden geflogen weit übers Meer – und jetzt – aber still! Ich höre Tritte!
      Sie stand und lauschte mit verhaltenem Athem, während sein Mund noch immer ihre Wange suchte. Es ist nichts! sagte sie. Nur mein Schutzengel flog über den Hof. Ich komm', ich komme!
      Damit trat sie aus der Kammer, öffnete sofort die Thür des Marstalls und schritt durch die Reihen der friedlich schlummernden Thiere auf ihr weißes Maulthier zu. Auf dem sollst du reisen, flüsterte sie. Ich würde auf seinem Rücken doch nie wieder einen Ritt machen können ohne schwere Gedanken. Sattle ihn geschwind und dann steig auf. He, Lemosi, mein Freund, du sollst in die weite Welt! Trage deinen Reiter sanft und erinnere ihn manchmal an deine alte Herrin, die nie mehr deinen Hals streicheln wird.
      Zögernd und widerstrebend war er ihr gefolgt. Zehnmal wollte er ihr wieder zu Füßen stürzen, sie beschwören, Alles von ihm zu fordern, nur das Scheiden nicht. Sie aber zwang ihn mit ihrem klaren Willen und der Gewalt ihres ruhigen Blickes. Nur seine Geige und ein langes Schwert holte er noch aus der Kammer, dann führte er das Thier sacht aus dem Stall, sie immer an seiner Seite. Sie klopfte den Thorwart aus dem Schlaf, der mit bestürzten Augen sie anstarrte, da er glaubte, sie selber wolle bei nächtlicher Weile aus dem Schlosse fliehen. Sie müsse Ugonet entsenden mit einer eiligen Botschaft, beschwichtigte sie den zaudernden Mann. Da öffnete er das Thor und ließ die Zugbrücke nieder. Der Mond war hinter den Wald getreten, als Lemosi den Huf über die Thorschwelle setzte. Brunet zog den Zügel an. Er meinte nicht scheiden zu können, ohne noch tausend Worte gesagt zu haben, die ihm das Herz bedrückten. Beatrix aber, als handle sich's nur um einen kurzen Ausritt, gab dem verschlafenen Thier einen Schlag auf den Hals und rief ihm zu, wie sie sonst wohl zu thun gepflegt: Nun fliege, mein Schwan! – und das Lemosi setzte sich willig in Bewegung und trug seinen Reiter, der mit zurückgewendetem Haupt davonsprengte, in die öde Nacht und die ungewisse Fremde hinaus.
      Noch eine kleine Weile stand das einsame Weib an den Brückenpfosten gelehnt. Lebt wohl, Leben, Glück und Jugend! sagte sie vor sich hin. Dann kehrte sie ins Schloß zurück. Als sie die Treppen hinaufstieg und an der Thür ihres Bruders vorüberkam, stand dieser an der Schwelle, als ob er sie erwartet hätte, das Herz voll heftiger Worte. Sie traten ihm aber nicht über die Lippen. Wie die Schwester an ihm vorbeiging, traf ihn ein Blick aus ihren großen Augen, vor dem er trotz seines herrischen Grimmes die seinigen senken mußte. Gute Nacht, Bruder! sagte sie dumpf. Dies war das letzte Wort, das sie mit ihm redete.
      *
      Denn von dieser Nacht an ward ihr Leben und Wesen ein völlig anderes. Nie mehr verließ sie ihr Thurmgemach, und selbst die Kranken, die ihre Hülfe anriefen, mußten zu ihr hinaufkommen, oder sie schickte die alte Bernarda, die sie nach und nach sich zur Gehülfin herangezogen, an die Siechbetten, die Natur des Leidens zu erforschen, worauf sie ihnen dann die Arznei zukommen ließ. Mit anderen Menschen verkehrte sie nicht mehr; ihrem Bruder, der sie endlich um Zutritt bitten ließ, schickte sie den Bescheid: sie ertrage keines Menschen Stimme mehr, sie sei nur noch fähig, mit ihrem Gott zu reden.
      So auch ließ sie sich bei ihrer alten Freundin, der Aebtissin, entschuldigen, daß sie weder zu ihr kommen, noch ihren Besuch empfangen könne. Es seien Dinge geschehen, die ihr andere Gedanken über Vieles gegeben, und sie fürchte nun, mit der alten Vertrauten sich nicht mehr wie sonst zu verständigen.
      Nur mit Bernarda, die um Alles wußte, sprach sie zuweilen von dem Einen, was ihre Gedanken erfüllte. Sie hörte durch die Getreue, daß Brunet der Liebling des Grafen von Foix geworden sei, daß seine Canzonen ihn im ganzen Lande bekannt zu machen anfingen. Doch weigerte sie sich beharrlich, wenn eine von ihnen sich bis nach Beziers verirrte, dieselbe zu lesen. Es werden schönere Verse sein, als er sie zu Anfang machen konnte, sagte sie. Aber sie werden einer anderen Frau gelten und mir darum weniger gefallen. Mein Leben ist zu Ende, das seine beginnt. Wir haben Nichts mehr mit einander zu theilen.
      So vernachlässigte sie auch ihre Schönheit fast geflissentlich, trug immer dasselbe schlichte Kleid und ließ sich von ihrer Pflegerin die Haare flechten, ohne je einen Blick in den Spiegel zu werfen. Da sie nur wenig frische Luft genoß und wenig Schlaf, verfiel ihr Aeußeres, das so lange seinen Jugendreiz bewahrt hatte, sichtbar von Jahr zu Jahr, und als sie noch nicht die Fünfzig erreicht hatte, glich sie einer schönen Greisin, die frühzeitig hingewelkt ist. Es kümmerte sie das aber wenig. Vielmehr schien es jeden Stachel der Reue abzustumpfen, daß sie in jener Nacht ihrem sehnsüchtigen Herzen nicht gefolgt war und das Leben des Jünglings an das ihre gekettet hatte. Nun muß die alte Weisheit mir helfen, sagte sie lächelnd, die junge Thorheit zu verschmerzen.
      Am Ende des neunten Jahres, nachdem Brunet von ihr Abschied genommen, starb Vizgraf Ademar. Sein ältester Sohn trat die Herrschaft an und nahm Besitz von dem Schlosse Beziers. Als er ehrfurchtsvoll anfragen ließ, ob er sich seiner theuren Tante vorstellen dürfe, ließ diese ihm sagen, sie sei bereits abgeschieden und in der Gruft ihrer Bücherei beigesetzt. Er solle nicht vor dem Anblick der wandelnden Todten erschrecken, die ihm Glück und Segen wünsche und nur bitte, daß sie in ihrem Schattendasein ungestört fortwesen dürfe.
      Und so blieb Alles beim Alten auch unter dem neuen Herrn.
      Da kam auf einmal eine Kunde zu der einsam alternden Frau, die ihr das Herz, das sie längst vermodert glaubte, mit heftigem süßem Schrecken durchglühte.
      Der Graf von Foix, den lange Jahre seine Abneigung gegen den alten Herrn von Beziers ferngehalten, ließ seinen Besuch ansagen, um den Sohn und Nachfolger zu begrüßen und die frühere Freundschaft der beiden Häuser neu aufzurichten. Er werde einen wohlbekannten Gast mitbringen, seinen theuren Freund und die Zierde seines Hauses, Uc Brunet, den Troubadour, von dessen Ruhm die Provence voll sei, und der die Stätte wiederzusehen wünsche, wo er seine dunkle Jugend zugebracht.
      Als Bernarda diese große Neuigkeit ihrer Herrin athemlos mittheilte, war sie sehr betroffen über den seltsamen Ausdruck des Gesichts, mit dem diese, ohne ein Wort zu erwidern, in ihrem Sessel ruhte und vor sich hin sah. Sie war darauf gefaßt, daß die Vizgräfin für die Tage dieses Besuches sich noch strenger als sonst abschließen würde. Statt dessen fing die wundersame Frau plötzlich an, von Schmuck und Putz zu reden, und ob das Festkleid, das seit so langer Zeit im Schrein gehangen, wohl noch nicht von den Motten zernagt worden sei. Darauf ließ sie sich einen Spiegel bringen und sah fest und ohne eine Miene zu verziehen ihr Bildniß an, das sie kaum wiedererkennen mochte. Da müssen wir Abhülfe treffen! sagte sie wie zu sich selbst. So darf er mich doch nicht sehen, und meinem Ugonet darf ich doch auch die Thüre nicht verschließen, wenn sein treues Herz ihn treibt, bei seiner alten Liebsten anzuklopfen.
      Sie war nun einige Tage sehr geschäftig an ihrem Herde und über ihren Büchern, ließ ihre schönsten Kleinodien und besten Kleider bringen und probirte sie der Reihe nach an, bis sie eine Wahl getroffen. Es paßt noch nicht zum Gesicht und Haar, lächelte sie Bernarda zu; aber das soll schon noch kommen.
      Die alte Dienerin, der die unstäte Geschäftigkeit ihrer Gebieterin auffiel und die wohl einsah, daß hier mit aller Toilettenkunst nicht viel zu helfen sei, befragte sie wiederholt, was sie vorhabe, ob sie ein Schönheitswasser brauen oder eine neue Schminke bereiten wolle. Mehr als das, und weit Besseres! war Alles, was sie zur Antwort erhielt. Es schien eine große Wandlung mit der sonst so ruhigen, klarsichtigen Frau vorgegangen zu sein. Mitten in dem Verfall ihrer leiblichen Gaben und Vorzüge war ihr Geist bisher fest und hell geblieben, von der Entsagung nur leise umschleiert. Auf einmal schien ein verspätetes jugendliches Gefühl aus dem Grunde ihrer Seele hervorgebrochen zu sein, wie eine verschüttete heiße Quelle, die unerwartet zu Tage tritt und das bescheidene Ziergärtchen, das um sie her angelegt worden, zerrüttet. Hatte sie in jüngeren Jahren auf kleine frauenhafte Künste nur wenig Werth gelegt, so war ihr nun Nichts wichtiger, als wie sie ihrer Gestalt und Erscheinung zu einiger Anmuth verhelfen möchte. Die alte Getreue sah dies Bemühen mit wehmüthigem Kopfschütteln und half ihr, so gut sie konnte, den verblichenen Putz auffrischen. Wenn sie dazwischen aber auf die verwelkten Wangen ihrer Frau einen verstohlenen Blick warf, seufzte sie über das vergebliche Thun. Auch merkte sie aus den abgerissenen wunderlichen Reden der Herrin, daß es nicht mehr ganz geheuer sei unter dieser einst so klaren Stirn. Als Kleid und Schmuck bereit lagen und sie sich entfernen durfte, hörte sie draußen vor der Kammer die Herrin leise vor sich hin singen, mit einer vom langen Schweigen halb erloschenen Stimme. Sie erkannte die Weise nicht, die seit jenem Tage, wo Brunet auf seiner kleinen Geige sie dem Troubadour nachgespielt, nicht wieder an ihr Ohr geklungen war. Daß aber die einsame stille Frau zu singen versuchte, erschien ihr so traurig und unheimlich, daß sie mit Thränen in den Augen davonlief.
      So kam die Zeit des Besuches heran.
      Am Abend vor dem bestimmten Tage, wo die Gäste erwartet wurden, schickte Beatrix die Alte zeitig zu Bett. Sie habe Viel zu thun bis morgen. Dann sah man das Licht aus dem Thurmzimmer blinken die ganze Nacht hindurch, bis es in der ersten Morgenfrühe erlosch. Der Besuch kam zeitig angesprengt, ein großes Gefolge begleitete den Grafen, unter all den Rittern und Knappen zog Keiner die Augen mehr auf sich, als ein schlanker hoher Mann in der Blüte der Schönheit, mit einem ernsthaften Gesicht von dunkler Farbe, der zur Linken seines hohen Gönners ritt und dicht hinter ihm die Stufen zu der Empfangshalle hinaufschritt. Als die ersten Begrüßungen getauscht und ein Frühtrunk eingenommen war, wandte er sich an den jungen Herrn des Hauses mit der Bitte, seiner edlen Verwandten, der Vizgräfin Beatrix, seine Huldigung darbringen zu dürfen, da sie die Wohlthäterin und Pflegerin seiner armen Jugend gewesen sei.
      Er trug eine goldene Kette um den Hals, an welcher ihr Bildniß hing, das der Neffe, der sie nur in früher Zeit gesehen, sofort erkannte. Er wolle gern seinen Wunsch gewähren, sagte er. Doch sei sie inzwischen sehr verändert, wie ihre Dienerin versichere, und pflege Niemand mehr zu empfangen. Er selbst aber werde den Gast zu seiner Muhme hinaufgeleiten und vielleicht bei diesem Anlaß auch gewürdigt werden, der edlen Frau ins Angesicht zu sehen und die Hand zu küssen, die so viel Wohlthaten gespendet und Leiden gelindert habe.
      Also brach, da auch der Graf von Foix um die Vergünstigung bat, seine alte Freundin begrüßen zu dürfen, fast die ganze Gesellschaft auf und stieg die Stufen zu dem Thurmgemach hinan. Sie waren aber noch nicht auf dem obersten Absatz angelangt, als ihnen die alte Bernarda mit tief verstörtem Gesicht und der Geberde höchsten Schreckens entgegenstürzte. Sie deutete, da die Sprache ihr versagte, durch Zeichen an, daß sie fern bleiben möchten; Brunet aber, von schauerlicher Ahnung getrieben, drängte sie sanft beiseite und stürmte die Stufen vollends hinauf. Als er die Schwelle droben betrat, blieb er selbst, vom Schrecken übermannt, keines Wortes mächtig, stehen. Er sah seine alte Geliebte am Herde sitzen, in höchstem Putz, mit Ringen und Geschmeide geziert, das Haupt aber, von schneeweißem Haar umflossen, gegen die hohe Lehne des Sessels zurückgesunken, die Züge still und starr und die gebrochenen Augen mit einem feierlichen weltabgewandten Ausdruck gegen die niedere Wölbung gekehrt. Als er näher zu treten über sich gewann, sah er, daß ihre linke Hand noch einen Becher umkrampft hielt, aus dem sie kurz vor dem Ende getrunken haben mußte. Mancherlei Tiegel, Pfannen und Gläser standen neben den erloschenen Kohlen; auf einem Tischchen lag ein großer Pergamentband, und die Seite war aufgeschlagen, auf welcher von dem Elixir gehandelt war, das entflohene Jugend zurückbringen und entfärbten Locken neuen Goldglanz verleihen sollte. Der Mund der Todten aber lächelte, wie von einer seligen Hoffnung oder Erinnerung verklärt.
    



      Die Rache der Vizgräfin
      (1880)
       
      Unter den vornehmen Häusern der Provence, welche die Pflege der höfischen Dichtkunst und ihrer Sänger sich angelegen sein ließen, wurde um das Jahr 1180 keines so laut und oft genannt, wie das Schloß des Vizgrafen 
      Heraclius von Polignac, eines der reichsten und angesehensten Barone des Landes und des unbestritten eifrigsten Gönners und Förderers aller Dichter und ihrer Gesellen, obwohl er selbst niemals zwei klingende Zeilen zusammengefügt oder auch nur Regel und Brauch der Verskunst begriffen hatte.
      Auch war dies nicht wohl von ihm zu verlangen, da er in seinen jungen Jahren, wo der Geist noch ein weiches Wachs ist, das sich in die künstlichsten Formen schmiegt, ganz andere Schulen durchlaufen und anderen Ehrgeiz in seiner breiten Brust genährt hatte. Als ein fehdelustiger Ritter war er überall auf seinem guten Roß erschienen, wo es einen Strauß auszufechten gab zwischen spanischen und französischen Fürsten und großen Herren, und hatte manche Beute davongetragen, wie auch manche ehrenvolle Wunde. Und selbst da er in reifere Jahre kam, hätte er dies unstäte, rauhe Leben wahrlich nicht mit einem seßhafteren und sanfteren vertauscht, wenn nicht ein Lanzenstich, den ein catalonischer Bandenführer ihm im Schenkel beigebracht, durch einen unwissenden Feldscherer so schlimm behandelt worden wäre, daß der treffliche Vizgraf nicht ohne große Schmerzen und Beschwerden ein Pferd besteigen, oder gar einen halben Tag im Sattel verharren konnte. Er sah sich demnach wohl oder übel gezwungen, dem reisigen Beruf zu entsagen und sich in sein väterliches Schloß unweit Puy zurückzuziehen, mit manchem grimmigen Fluch, daß er bei noch rüstigen Kräften dazu verdammt sei, als eine unnütze Last der Erde herumzuwanken und wie ein altes Schlachtroß die Ohren zu schütteln, wenn der Schall von fernem Waffenspiel zu ihm herüberdrang.
      Doch fand er es zu Hause anders, als er es in junger Zeit verlassen hatte, oder vielmehr, er hatte nun Muße, auf Mancherlei zu achten und zu horchen, was ihm dazumal als ein schnöder Tand und eines thatenfrohen Mannes unwerth gedünkt hatte. Die zarte Blume des höfischen Gesanges war während der letzten Jahrzehnte üppig in Flor gekommen, und wie die Mücken zur Sommerszeit schwärmten jetzt Sänger und Spielleute durch die blauen Lüfte der Provence. Zunächst fand unser Vizgraf Gefallen an den streitbaren Sirventesen des großen 
      Bertran von Born, in denen es von Schwerthieben auf blanken Schilden klirrt und von hochgeschwungenen Bannern rauscht. Dann gingen ihm auch die zarteren Weisen der Liebeslieder nach und nach zu Gemüthe, und da er an ein geschäftiges Treiben gewöhnt war, dauerte es nicht lange, so nahm er an den unblutigen Streithändeln der Troubadoure einen so regen Antheil, als hätte er zeitlebens statt Schwertklingen Verse geschliffen und statt der Lanzen auf mannhafte Brustharnische zierliche Liedespfeile auf das unbewehrte Herz schöner Frauen abgedrückt. Er setzte nun seinen Stolz darein, die berühmtesten der zeitgenössischen Sänger in Person kennen zu lernen und die Kampfesregeln ihrer klingenden und singenden Turniere sich einzuprägen, was ihm aber, da sein Kopf unter der Sturmhaube hart geworden war, trotz des redlichsten Fleißes bis an sein Ende nicht gelang. Er konnte, so gewissenhaft er den Tact an seinen zehn Fingern abzählte, die Tonart der Verse nicht sicher unterscheiden, und vollends die künstlichen Strophengebäude mit eigensinnig verschlungenen Reimen blieben ihm ein Labyrinth, durch das kein zuverlässiger Faden ihn leiten wollte.
      Einer seiner poetischen Freunde, dem er in einer vom Wein mittheilsam gemachten Stunde seine Noth klagte, rieth ihm, sich einer Lehrmeisterin zu überliefern, die selbst das schwerfälligste Gehirn zu diesen munteren Künsten anzufeuern vermöge, der Liebe nämlich, die er ohnehin bisher nur vom Hörensagen gekannt, die aber einem echten und gerechten Dichter nöthiger sei, als das Oel in seiner Lampe und der schwarze Saft in seinem Federkiel. Sei er doch noch in seinen besten Jahren und verpflichtet, den Stamm seiner Väter nicht mit ihm verdorren zu lassen. Ueberdies werde eine schöne Vizgräfin das alte Schloß Derer von Polignac erst recht zu einem Wallfahrtsort aller dichtenden Geister der ganzen Provence machen, mehr als alle Gunst und Gaben, die dort bisher mit freigebigen Händen ausgetheilt worden seien.
      Der treffliche Mann ließ sich das nicht zweimal sagen, und nicht drei Monden waren ins Land gegangen, so hatte er eine schöne, vornehme Braut heimgeführt, keine Geringere als die einzige Schwester des Delphins von Auvergne, die edle 
      Assalide von 
      Claustra, die unter den vornehmen Damen jener Zeit um ihrer Tugenden und Anmuth willen wohl den Preis davontragen mochte. Es erregte nicht geringe Verwunderung, daß diese fürstliche Schönheit, nachdem sie manchem jüngeren und glänzenderen Bewerber ihre Hand versagt, sich nicht weigerte, die Gattin des wackeren, aber schon angejahrten und von allerlei Kriegsungewittern zerzausten Vizgrafen zu werden, da sie auch an Geschlecht und Vermögen ihm überlegen war. Mancher kecke Frauenjäger rechnete im Stillen, nun werde auch die bisher Unnahbare eine leichte Beute werden, und vor Allem rüsteten sich die ritterlichen Sänger zu einem klingenden Wettlauf um die Gunst der schönen Herrin von Polignac. Doch sollten sich Alle verrechnet haben. Denn Assalide trug in ihrer Brust ein ernstes und einfaches Herz und hatte dasselbe gerade darum dem wunden Ritter Heraclius ergeben, weil sie ihn ungeschickt fand in höfischen Zierlichkeiten und er die Sprache der Courtoisie, die nur allzu oft ein falsches Gemüth zu verschleiern dient, nur stammelnd zu radebrechen wußte. Daß er den Sängern gewogen sei, war ihr freilich bekannt, da er nicht gesäumt hatte, auch ihr gegenüber sich damit schön zu machen. Aber sie schob dies auf die Herzensleere und überflüssige Muße seines einsamen Lebens und dachte ihm die harmlose Narrheit wohl noch abzugewöhnen, da sie selbst die meisten dieser Gesänge für nicht mehr achtete, als tönendes Erz und klingende Schellen, denen es, so viel sie von Liebe läuteten, an der wahren und treuen Herzensminne gebreche.
      So ließ sie es auch mit ernstem und zerstreutem Lächeln hingehen, daß ihre Vermählung durch ein großes poetisches Turnier festlich begangen wurde, bei welchem ihr Gatte selbst die spitzfindigsten und absonderlichsten Themata zu den Tenzonen gab und sie selbst sich bequemen mußte, den Schiedsspruch zu fällen und den Sieger zu bekränzen. Es waren ausbündig schwere und gewichtige Streitfragen, um welche die Kämpfenden ihr Flügelroß tummelten, als zum Exempel, was vorzuziehen sei: von der Geliebten die Erlaubniß zu erhalten, ihr das Haar statt eines Kammerfräuleins zu flechten und aufzustecken, oder ihr die Schuhe anzuziehen; oder wer von Dreien beglückter sei: Der, dem eine Frau einen Liebesblick schenke, Der, dem sie verstohlen die Hand drücke, oder Der, auf dessen Fuß sie den ihren stelle. Denn je weniger der Vizgraf von dem eigentlichen Werth und Wesen der Dichtkunst begriff, desto eifriger warf er sich auf diese Scholastik des Minnegesanges, deren müßig schwärmende Witzesfunken in seinem nicht allzu klaren Haupt eine angenehm wetterleuchtende Vorstellung von etwas ungemein Feinem und Erhabenem hervorbrachten.
      Demgemäß schwamm er in stolzer Wonne, als er seinen Plan so herrlich geglückt und seine junge Frau wie einen festen Stern von sausenden Meteoren und flackernden Irrwischen umschwärmt sah. Die schöne Vizgräfin aber, als das eitle Feuerwerk, das sie weder erleuchtete, noch erwärmte, nicht enden wollte und ihr nun die Augen darüber aufgingen, wie wenig ihr Gemahl auf ihr wahres Glück bedacht und wie unausrottbar seine fast kindische Neigung zu diesem Spielwerk sei, verfiel nach und nach in immer ödere Schwermuth, da sie sich sagen mußte, daß sie ihr Herz unter seinem Werthe weggegeben und die Hoffnung auf ein ruhiges, doch genügliches Eheglück verscherzt habe. Denn sie war viel zu redlichen Sinnes, um, wie sie nah und fern so Manche thun sah, die angelobte Treue auf die leichte Achsel zu nehmen und sich nach einem Tröster ihres ungestillten Herzens umzuschauen. Von all den fahrenden Sängern, so viele von schöner Gestalt und einnehmendem Betragen sich eifrig um sie bemühten, zeichnete sie weder laut noch im Stillen auch nur einen einzigen aus, was der biedere Vizgraf ihr nicht einmal zu sonderlichem Ruhme anrechnete, da er ein freundliches Eingehen auf das Spiel der Courtoisie, natürlich unbeschadet der eheherrlichen Würde, als eine Pflicht adeliger Frauen zu betrachten sich gewöhnt hatte.
      Zu allem Unglück blieb auch die Ehe kinderlos, so daß die edle Assalide der besten Herzensfreude entbehren mußte, die ihr für manchen irdischen Kummer ein himmlischer Ersatz gewesen wäre.
      Fünf Jahre hatten sie so hingelebt, der Ritter, je mehr ihm die Haare ergrauten, immer jugendlicher in seine Thorheit verrannt, seine Hausfrau immer stiller und entsagender ihr Gemüth auf geistliche Uebungen und milde Werke richtend, da geschah es, daß eines Tages ein weit berühmter ritterlicher Sänger, Herr 
      Guillem von Saint-Didier, über die Zugbrücke des Schlosses von Polignac ritt und die erlauchten Wirthe zu begrüßen verlangte. Die Burg Saint-Didier (von Anderen Saint-Leidier genannt) lag nördlich vom Schlosse des Vizgrafen Heraclius, nicht über einen Morgenritt entfernt, und Herr Guillem hätte unfehlbar längst die werthen Nachbarn heimgesucht, wenn ihn nicht sein schweifendes Leben und mannichfache Liebesabenteuer in anderen Gegenden der Provence Jahre lang festgehalten hätten, zu seinem nicht geringen Ruhme, da seine Lieder inzwischen bis in seine Heimath drangen und aus der Ferne die meisten seiner dichtenden Collegen verdunkelten.
      So kam es, daß der Schloßherr, sobald er seinen Namen erfuhr, ihn mit offenen Armen aufnahm und ihn alsbald auch zu seiner Gattin führte, nicht ohne ihn mit verlegenem Bedauern darauf vorzubereiten, daß er an dieser kein sehr geneigtes Publikum finden werde, da sie trotz ihrer hohen Geburt sich gegen die edle Kunst des Gesanges spröde verhalte und einen einfältigen lateinischen Chorgesang ungebildeter Nonnen den zierlichsten und auserlesensten Canzonen, Coblas, Retroensas und Tageliedern vorziehe.
      Herr Guillem von Saint-Didier, der sich bewußt war, mit seinem unwiderstehlichen Singen schon so manche festverriegelte Pforte sich geöffnet und das härteste Eis um stolze Frauenbusen zum Schmelzen gebracht zu haben, kräuselte, ohne ein Wort zu erwidern, den Bart und gedachte hier einen Hauptsieg davonzutragen. Als er aber vor Assalide stand und in dies ruhige, fast überirdisch blickende Auge schaute, entsank ihm der verwegene Muth, und er neigte sich in glühender Verwirrung vor der schönen Gestalt, ohne auch nur die Gunst zu erbitten, ihre Hand ehrerbietig mit den Lippen berühren zu dürfen. Die Frau ihrerseits, die seinen leichten Ruf wohl kannte, ward angenehm überrascht, statt des kecken Verführers einen bescheidenen sittsamen und wortkargen Mann vor sich zu sehen, der auch, da sein Wirth ihn aufforderte, gleich zum Willkommen eine seiner berühmten Canzonen durch den Spielmann vortragen zu lassen, sich entschuldigte, er habe nichts gedichtet, was solcher Hörerin würdig sei. Auch erzählte er nichts von den Höfen und Grafenschlössern, wo er Frauengunst und Herrendank genossen, dagegen pries er die Lieblichkeit seiner eigenen Heimath, die es ihm nach so langer Entfremdung mit neuem Zauber angethan habe, und gab seinen Entschluß zu erkennen, hinfort auf Saint-Didier zu hausen und sich vorzubereiten auf den Zug nach dem gelobten Lande, da er Willens sei, zur Buße seiner jugendlichen Verirrungen das Kreuz zu nehmen und zur Ehre des Erlösers sich mit den Ungläubigen zu messen.
      Das Alles mehrte die gute Meinung, die Frau Assalide von ihrem Gast empfing, und während sie schweigsam zuhörte, wie die Männer beim Becher plauderten, konnte sie nicht umhin, Herrn Guillem's schönes junges Antlitz, das krause schwarze Haar und die feurigen und zugleich sanften Augen zu betrachten, dazu die schlanken Glieder, deren Kraft und Geschmeidigkeit freilich erst voll zu Tage kamen, wenn sie ein Pferd zu bändigen hatten. Sie hatte aber ihres Wohlgefallens an der neuen Erscheinung kein Arg und überließ sich der ungewohnten Empfindung unbedenklich, indem sie mehr und mehr aufthaute und zumal an dem Gespräch über die Kreuzfahrt einen sinnigen Antheil nahm.
      Nur eine Nacht und einen Tag blieb der Gast auf dem Schlosse, während deren es stiller dort zuging, als sonst bei Besuchen gefeierter Dichter zu geschehen pflegte. Denn das übrige poetische Hausgesinde des Vizgrafen, – drei oder vier hungrige Poeten und etliche Spielleute in schäbigen Gewändern, die sich an diesem gastlichen Herde seit Wochen und Monden gütlich thaten, – war durch den großen Ruf des Herrn von Saint-Didier dermaßen eingeschüchtert, daß es sich mit seinem Singen und Klimpern nicht hervorwagte, so wenig wie Mäuse, die sich sorgenlos im Speck einer sicheren Rauchkammer gepflegt, in ihren Löchern zu pfeifen wagen, wenn plötzlich eine große Katze hineingewandelt kommt.
      All dies Gelichter athmete auf, als der stattliche Troubadour am Abend des nächsten Tages wieder davonritt. Sein biederer Wirth wunderte sich im Stillen, daß er ihm so wohl gefallen habe, obgleich er von Versen und Reimen keine Silbe gesprochen, desto mehr von kriegerischen Lustbarkeiten und ernsten Fehden, nach denen freilich noch ein verstohlenes Heimweh in des Vizgrafen Seele fortglimmte. Er hatte den Troubadour gebeten, ihm seine Trutz- und Rügelieder zu schicken, die eine waffenklirrende Chronik der Zeitläufte enthielten. Und mir sendet von Euren Minneliedern, hatte Frau Assalide mit einem sanften Lächeln hinzugefügt. Worauf Herr Guillem sich stumm verneigt und die Augen zu Boden gesenkt hatte.
      Es verging aber fast eine Woche, ehe er sein Wort löste und wunderlich war's, wie lang der edlen Frau diese sechs Tage dünkten. Als sie endlich den Spielmann Guillem's in den Schloßhof einreiten sah, stand ihr Herz einen Augenblick still, um im nächsten desto rascher zu hüpfen und zu schlagen. Sie erschrak sehr darüber, daß sie so erschrecken konnte bei dem bloßen Anblick eines Dieners jenes fremden Mannes. Noch aber war sie nicht völlig klar über den wahren Grund dieser Bewegung, und erst als der Bote, nachdem er seiner Sendung an den Vizgrafen sich entledigt, auch bei ihr eintrat und ausrichtete, was sein Herr ihm aufgetragen, fiel es ihr wie eine Binde von den Augen, und sie erkannte den Abgrund, an dessen Rand sie hingeschritten war.
      Jener Spielmann war etwas Besseres als einer der gewöhnlichen Jongleurs, die mit den ritterlichen Sängern zogen und zur Viola oder Laute die Lieder derselben sangen, dem Range nach nicht höher als die Knappen, die ihre Pferde striegelten. Er war im Schlosse Saint-Didier als der Milchbruder des Junkers aufgewachsen, hatte alle Wissenschaften und Künste mit diesem gemeinsam erlernt, und eine fast brüderliche Freundschaft schloß die beiden Knaben aneinander, die auch bis in die männlichen Jahre sich erhielt, so daß Herr Guillem sich nie von seinem 
      Hugo Marschall trennte, obwohl der letztere Name ihn als den Sohn des Stallmeisters vom Vater seines Freundes zu erkennen gab. Auf all seinen Fahrten hatte er den treuen, klugen und bescheidenen Gesellen an seiner Seite gehabt, und wenn Hugo hätte aus der Schule schwatzen wollen, wäre die ganze Reihe verwegener und verliebter Abenteuer, die Herr Guillem bestanden, von ihm zu erfragen gewesen.
      Nun trat er mit ehrerbietigem Anstande vor Frau Assalide und entschuldigte seinen Herrn und Freund, daß er sein Versprechen nicht halten und eine Auswahl seiner alten Canzonen ihr senden könne. Er habe diese Zeugnisse früherer Thorheiten und Verirrungen, sobald er nach Hause gekommen, den Flammen überliefert, da er sich geschämt, aus ihnen zu sehen, an wie Geringes er bisher sein Sinnen und Dichten vergeudet, nur entschuldbar mit der Unkenntniß des Besseren und Besten, die erst so spät von ihm fallen und einem reinen Streben nach dem höchsten Gut weichen sollte. Und nun bat der getreue Bote um die Erlaubniß, eine Canzone vortragen zu dürfen, die in diesen letzten Tagen gedichtet worden war, was Frau Assalide, mit tiefem Roth übergossen, durch ein leises Neigen des Hauptes gewährte. Die Verse begannen scheu und dunkelsinnig, und dem Inhalt angemessen sang sie der gute Freund mit halber Stimme, bis die schüchtern schwärmenden Funken zu einer schönen Flamme sich vereinigten und nun das Bekenntniß einer starken Leidenschaft zu der edelsten und stolzesten Frau der Welt hervorloderte, deren Namen zu nennen gefährlich sei, denn sie werde den Sänger ohne Zweifel für immer von ihrem Angesicht verbannen, wenn er ihr sein Herz offen anzutragen wage. Doch süßer sei es, sie hoffnunglos zu lieben, als von einer Anderen mit allen Gaben der Huld verschwenderisch überschüttet zu werden. Und so stelle er seine Sache der himmlischen Jungfrau anheim und danke ihr, daß sie ihn den Weg zu diesem beseligenden Unheil geführt, bei dem all seine Gedanken weilen würden, auch wenn sein Leib fern im Morgenlande für den Herrn der Welt kämpfen und verbluten müßte.
      Als der Gesang zu Ende war, hatte die schöne Hörerin sich soweit gefaßt, daß sie mit etlichen feinen und schicklichen Worten dem Boten wie dem Dichter ihren Dank sagen konnte, als wäre ihr nichts Verfängliches zu Ohren gekommen. Sie bat sich eine Abschrift des Liedes aus und trug dem Freunde einen huldvollen Gruß an Herrn Guillem auf, der hoffentlich, eh er zum Kreuzzug aufbräche, noch hin und wieder sich erinnern würde, daß er auf Schloß Polignac ein gern gesehener Gast sei.
      Hugo Marschall trug diese Botschaft pünktlich nach Hause; er war aber in seinem Herzen betrübt, denn ihm selbst hatte es die hohe Schönheit und Güte dieses edlen Weibes so seltsam angethan, daß er zum ersten Mal seinem Jugendfreund einen Sieg nicht gönnte und seine niedere Geburt beklagte, die es ihm verwehrte, selbst um den hohen Preis einer solchen Frauengunst zu werben. Sein Mund floß gegen den Freund vom Lobe der Vizgräfin so unerschöpflich über, wie er sonst von keiner Frau gesprochen. Und nicht zum Wenigsten trug dieses ungewohnte Feuer des Boten dazu bei, auch in Guillem eine wahre und tiefe Neigung zu entflammen, also daß er nicht viel Tage vergehen ließ, bis er wieder den Ritt nach dem nachbarlichen Hause machte, um diesmal länger dort zu bleiben und dann in immer kürzeren Zeiträumen wiederzukehren.
      Dem Herrn von Polignac war das eben recht, und daß nach und nach die übrigen Dichterlinge sich von seinem Tische verzogen, wie die Krähen, wenn ein Falke sich blicken läßt, machte ihm wenig Kummer, da er dafür den Ruhm eintauschte, einen so gefeierten und verwöhnten Poeten an sein Haus zu fesseln. Ja, er hätte sich dieses Besitzes noch mehr gefreut, wenn Guillem sich nach der Weise anderer Hofdichter herbeigelassen hätte, die Hausfrau in Liedern zu preisen. Dies aber ließ immer noch auf sich warten, und mehr als einmal hielt der kurzsichtige Biedermann es seinem edlen Weibe vor, welch eine herrliche Gelegenheit, gefeiert zu werden, sie durch ihre offenbare Abneigung gegen die »fröhliche Kunst« verscherzt habe.
      Frau Assalide schwieg mit leisem Erröthen, denn sie wußte es freilich besser – oder schlimmer. Nie empfing sie Guillem's Besuch, ohne daß in einer unbewachten Stunde der treue Hugo Marschall ihr ein neues Lied sang, das immer unverhüllter ihr Herz umwarb und ihre Sinne umschmeichelte, während der Dichter nur durch die stumme Sprache seiner braunen Augen bei ihr anfragte, ob sie in Wahrheit sein Verderben und seinen Tod wünsche, oder mit einem Tropfen Hoffnung seine Flamme zu kühlen sich herablassen wolle. Sie fühlte, daß sie verloren war, wenn sie diesem unterirdischen Strome, der ihr gefestetes Gemüth untergrub, keinen Damm entgegensetzte. Und nachdem sie eines Tages zu ihrer Schutzheiligen gefleht, daß sie ihr die rechten Worte auf die Zunge legen möge, suchte sie mit entschlossener Seele den Ritter im Garten auf, wo er trübsinnig auf einem Bänklein neben einem Myrtenbusch vor sich hin träumte und mit dem Schwert ihren Namenszug in den Kies grub. Sie winkte dem hastig Aufspringenden, ihr in einen einsamen Baumgang zu folgen, und begann alsbald, noch ehe er ein Wort hatte vorbringen können, eifrig und tapfer das Sprüchlein aufzusagen, das sie in mancher schlaflosen Nacht unter Thränen und Seufzen sich ersonnen hatte.
      Herr Guillem, sagte sie, Ihr habt es mir mit vielen schönen Worten in Euren Liedern bekannt und mit noch beredteren Blicken und Geberden bestätigt, daß Ihr eine thörichte und verwegene Neigung zu mir gefaßt und Euch der Hoffnung hingegeben habt, ich würde Euch zu meinem Ritter annehmen und Eure Liebe erwidern. Nun dünkt es mich unrecht und einer ehrbaren Frau nicht geziemend, durch ihr Schweigen einen Mann zu ermuntern, der ihr zu einem müßigen Spiel, wie es freilich an den Höfen unseres Landes nur allzu sehr im Schwange ist, zu gut dünkt; im Ernst aber Euch mein Herz zuzuwenden, verbietet mir die meinem Gemahl vor Gott angelobte Treue, die ich ihm zu halten gedenke, ob ich auch nah und fern gar Viele meines Geschlechtes sehe, die es nicht schwerer damit nehmen, als mit einem lästigen Gewande, das sie in der Zeit der Sommerschwüle abwerfen, um an irgend einer heimlichen Stelle sich in einen kühlen See zu tauchen, dessen Fluten ihnen überm Haupt zusammenschlagen. Ich dagegen hoffe mit der Hülfe der Jungfrau und meiner Schutzheiligen den festen Grund der Treue nie unter meinen Füßen zu verlieren, und so erkläre ich Euch gerade heraus, daß ich Euren Bitten und Wünschen nie Gehör leihen werde, so lange ich meines Verstandes mächtig bin, und nie einem fremden Manne das geringste Recht über mein Herz oder meine Person einräumen werde, wenn nicht ein Wunder geschieht, das mich zu einer Anderen macht, als ich bin, ja wenn nicht mein eigener Gemahl mir gebietet, von ihm zu lassen und Dem anzugehören, der ihm seine Ehre zu rauben trachtet.
      Nachdem sie diese kluge und wackere Rede, freilich mit etwas bebender Stimme, doch ohne Anstoß zu Ende gebracht hatte, schwieg sie athemlos und erwartete, was für Künste der redegewaltige Mann anwenden würde, um ihren Entschluß zum Wanken zu bringen. Denn auch das hatte sie sich zum voraus überlegt und mäßige und standhafte Antworten vorbereitet. Herr Guillem aber, nachdem er gesenkten Hauptes eine Weile neben ihr hingeschritten war, ein Myrtenzweiglein mit den Händen in kleine Trümmer zerrupfend, stand plötzlich still, warf einen langen traurigen Blick auf sie und erwiderte: Wollt Ihr mir schwören, bei Eurem ewigen Heil, mir nicht länger Eure Liebe zu weigern und mit Eurem Herzen und Eurer ganzen Person mir anzugehören, wenn das Wunder dennoch geschieht und Euer Gatte selbst Euch auffordert, ja Euch gebietet, meiner Qual ein Ende zu machen?
      Sie hielt seinen Blick nicht aus, sondern in der Verwirrung über die seltsame Frage, auf die sie keine Antwort in Bereitschaft hatte: Wenn das geschieht, stammelte sie, so werde ich mich der beschworenen Treue für entbunden achten, und dann mag geschehen, was der Himmel oder die Hölle über mich verhängt hat. Das aber ist unmöglich, wie Ihr selber wißt, und Ihr solltet solchen eitlen Grillen nicht nachhängen.
      Ihr habt geschworen! sagte er hastig und verneigte sich, ohne eine Miene zu verändern, vor der geliebten Frau, indem er den herabhängenden Aermel ihres Ueberkleides an seine Lippen drückte. Im nächsten Augenblicke schritt er durch die Schatten des Gartens davon, und als Frau Assalide, aus der wunderlichsten Bewegung sich aufraffend, nur wenig später ins Schloß zurückkehrte, hörte sie, daß ihr Gast unter einem Vorwande sich rasch von dem Schloßherrn beurlaubt habe und sammt seinem Freunde und Diener davongesprengt sei.
      Sie wußte nicht recht, ob sie sich dieses unerwarteten Ausganges des gefährlichen Abenteuers freuen oder darüber kränken sollte, denn sie fühlte sich schon zu tief in das holde Spiel verstrickt, um es ohne Kummer gänzlich entbehren zu können, da ihr doch nicht im Traum die Möglichkeit vorschwebte, daß sie ernstlich daran gemahnt werden könnte, das ihr entrissene Gelübde zu halten. Sie war in den nächsten Tagen noch stiller und versonnener als sonst, blätterte hinter ihrer verriegelten Thür immer wieder in den Liedern, die der Feind ihrer Ruhe ihr hinterlassen, und ihre Frauen flüsterten unter einander, daß sie keine Stunde an der gewohnten Arbeit ausdaure und die Hände im Schooß am Stickrahmen oder Spinnrad sitze, ihr Herz mit keinem Wort, nur mit häufigen Seufzern erleichternd. Nur ihr eigener Gemahl achtete auf diese Verwandlung ihres Wesens nicht, da er den Kopf voll hatte von einer schwierigen Tenzone, die ihm drei seiner Hof- und Hausdichter vorgelegt hatten, damit er entscheide, wer den Sieg davongetragen: Der, dem seine Dame eine Locke von ihrem Haupt geschenkt, Der, dem sie gestattet, ihre Wange zu küssen, oder Der, in dessen Hand sie ihren kleinen Fuß gesetzt, um sich von ihm auf das Pferd heben zu lassen.
      Am Morgen des dritten Tages aber, als Assalide kaum aus einem schweren Traum aufgewacht war, in welchem die Augen ihres fernen Freundes sie so drohend angeblickt hatten, daß sie in Thränen ausbrach, trat Herr Heraclius mit fröhlichem Ungestüm bei ihr ein, ein beschriebenes Blatt in der Hand und einen Brief, den er soeben durch einen reitenden Boten erhalten hatte.
      Liebe Frau, sagte er, da bringe ich dir eine wundersame Märe. Unser Freund von Saint-Didier schreibt mir, daß er selbst zu kommen verhindert sei, aber meinen Rath und Urtheil zu vernehmen wünsche in einem schwierigen Fall, wo die bisher üblichen Bräuche der Kunst nicht zutrafen. Nun will er von mir wissen, ob er sich gut und schicklich aus dem Handel gezogen habe. Ich gestehe dir offen, Sail – so pflegte er den Namen seiner Frau abzukürzen, wenn er guter Laune war, – daß ich Herrn Guillem bisher im Verdacht hatte, er schätze mich mehr als Kriegsmann, denn als Freund und Kenner der Dichtkunst. Du selbst wirst dich gewundert haben, daß er die Rede selten auf poetische Dinge brachte. Nun sehe ich – und muß sagen, es thut mir gar sanft, zumal von einem solchen Meister, – daß ich mich geirrt habe. Wie würde er sonst mein Urtheil anrufen, zumal in einer Sache, die ein Geheimniß umhüllen soll! Und darum bitte ich auch dich, Niemand zu sagen, um was es sich hier handelt. Du aber hast, obwohl du dich auf Verse nicht verstehst, einen feinen Sinn und wirst mir helfen, das Rechte zu finden.
      Was betrifft es? sagte die Frau mit stockender Stimme, während sie sich im Bett aufstützte und das Gesicht ein wenig nach der Wand kehrte, ihre glühende Bestürzung zu verbergen. Denn ihr ahnte wohl, was sie nun hören sollte.
      Der sonderbarste Handel, den je ein Troubadour erlebt! lachte der Vizgraf, indem er das Wamms am Halse losknöpfte, da er ein wenig an Athemnoth litt und sich nun anschickte, den Inhalt des Blattes vorzutragen. Denk, Sail, eine schöne Dame, der er den Hof macht, – ihren Namen hat er verschwiegen, aber ich glaube auf der rechten Spur zu sein, da er kürzlich zweimal und das dritte Mal, als er vorgestern in solcher Eile von uns Abschied nahm, der Gräfin 
      Laura von Saint-Jorlan seinen Besuch gemacht hat, – diese hat ihm erklärt, sie werde ihn nicht eher erhören, als bis ihr eigener Gatte es ihr zur Pflicht mache, seine Bewerbung nicht spröd und unhold abzuweisen. Nun hat er eine Canzone gedichtet im Namen des Ehemannes, der sinnreiche Verführer, und fragt mich in dem Briefe hier, ob ich wohl glaube, es seien darin alle die Gründe aufgezählt, die ein Ehemann, der selbst den Mittler mache, seiner Frau anführen müsse, um ihr Herz dem Dichter zuzuwenden. In der That, Sail, soviel ich verstehe vom Minnegesang, eine keckere und curiosere Canzone ist nie gedichtet worden, und wie mir scheint, wird Graf 
      Aimeric, wenn er sie der schönen Laura vorträgt, kein Wort hinzuzufügen haben, um unserem Freunde Thor und Thür zu öffnen. Wie er es dahin bringen soll, den guten Tropf zum Vortrag dieses lustigen Kupplerliedchens zu bewegen, das freilich wird noch Künste kosten. Was aber ist einem Kopf, wie der unseres Freundes, zu fein oder zu schwer, und wer ist sichrer als er, daß vor der Zauberkraft seines Wortes die festesten Schlösser aufspringen? Höre nur selbst, was er den gefälligen Ehemann sagen läßt!
      Und nun begann er, während Assalide, den Kopf in beide Hände gestützt, auf ihrem Lager saß, die folgenden Verse zu lesen:
      Als Bote, Frau, bin ich gesandt;
       Von Wem, verräth Euch wohl mein Lied.
       Es grüßt Euch Der, der von Euch schied
       Und doch bei Euch nur Freude fand.
       Treu walt' ich meiner Botenpflicht,
       Der ich mich redlich unterwand
       Für ihn, der singend zu Euch spricht.
      So sehr nach Euch steht all sein Sinn,
       Er meidet jede andre Lust;
       Nur Euer Bild füllt seine Brust,
       Und selbst die Qual däucht ihn Gewinn.
       Hört, wie er stöhnt in Liebesnoth:
       Weh, daß ich so gefangen bin,
       Verschmachtend in lebend'gem Tod! –
      Verachtet böser Zungen Spiel,
       Die süßer Minne neidig sind!
       Gönnt ihm, daß er den Lohn gewinnt,
       Der einzig seiner Wünsche Ziel,
       Und da Euch hoher Sinn verliehn,
       Ein Herz, dem Edles nur gefiel,
       Seid treu und wahr auch gegen ihn!
      Frau, jedes andern Ritters Flehn
       Sollt Ihr verweigern immerdar.
       Nur ihn erhört, denn er fürwahr
       Wird Euren Ruhm und Preis erhöhn.
       Ihm weigert nicht, was er begehrt;
       Denn welche Frau ihn will verschmähn,
       Ist keiner Lieb' und Treue werth.
      Sein Name werde nicht genannt,
       Ihr aber kennt ihn gar genau.
       Habt Ihr ihm je gezürnet, Frau,
       So reicht ihm mir zu Lieb' die Hand.
       Ich, dem Ihr allzeit folgen sollt,
       Befehl' Euch: lindert seinen Brand
       Und seid dem Freund in Treuen hold!
      Diese Verse hatte der wackere Herr mit den schmelzendsten Tönen, deren seine im Schlachtgetümmel rauh gewordene Stimme fähig war, stehenden Fußes recitirt und schöpfte nun Athem, die Meinung seiner lieben Frau darüber zu vernehmen. Als diese aber unverändert in ihrer zusammengekauerten Stellung verharrte und keinen Laut von sich gab, sagte er auflachend: Ich glaube gar, du schläfst! Die Verse haben dich eingewiegt, Sail.
      Schlafen! – brach es von den Lippen des unseligen Weibes, während ein Schauer ihre Glieder durchrieselte. Denn sie wußte, daß nun das Loos über ihr Leben geworfen war, und ihre Seele sträubte sich noch gegen das Netz, das sie umstrickt hatte, wie ein Vogel gegen die Schlinge.
      Nun dann, fuhr der Ritter fort, was hältst du von diesem Liede, und wird, der es gedichtet, sein Ziel damit erreichen?
      Sie schwieg und sann vor sich hin.
      Das Lied ist schön und glatt wie die Schlange im Paradiese! sagte sie endlich mit fast wildem Ton. Das Weib zu bethören möchte ihm wohl glücken. Nur daß er auch den Mann finden sollte, der seiner List und Kunst sich willig zum Werkzeug leiht –
      Das ist Herrn Guillem's Sache, unterbrach sie der Arglose, indem er das Blatt zusammenfaltete. Aber wahrlich, auch das wird ihm nicht fehlschlagen, klug und beredt, wie er ist; denn ich kenne Niemand, der ihm widerstehen könnte.
      Niemand? fragte die Frau und hob zum ersten Mal ihr großes Auge zu ihres Eheherrn breitem, gutmüthig lächelndem Antlitz empor. Niemand? Und wenn er dich nun um solch frevelhaften Dienst anginge bei deinem eigenen Weibe, würdest du auch kein Bedenken tragen, ihm zu willfahren?
      Der Ritter wandte sich verlegentlich von ihr ab und spähte durchs Fenster. Du fragst wunderlich, Sail. Daß um 
      deine Lieb' und Gunst Niemand in Canzonen werben wird, da dein Sinn dieser edlen Kunst abgeneigt ist, weiß Jedermann. Indessen, wenn es geschähe, würde ich es dir und mir nicht zur Unehre rechnen. Denn ein gottbegnadeter Sänger ist wie ein Vogel in der Luft, den sein Flügelpaar hierhin und dorthin trägt, wo Anderen, die nur auf ihren Füßen wandeln, der Zutritt versperrt ist, und wenn jener aus dem Speicher des Reichen sich sein Futter holt, darf man ihn darum nicht gemeinen Raubes zeihen, wie den, der Schloß und Riegel aufbrechen muß, um zu fremdem Gut zu gelangen. Sieh, da hätt' ich wahrlich einen poetischen Gedanken gehabt, der in einer Cobla sich trefflich ausnehmen würde. Ich will ihn Herrn Guillem mittheilen, vielleicht fügt er ihn seinem Liede noch hinzu. Meinst du nicht, daß es ihm dann nur um so besser glücken werde?
      Er lachte sehr vergnügt über seinen Einfall. Assalide aber sah ihn mit einem tiefgerötheten, ernsthaften Gesichte nach, wie er jetzt aus der Thüre schritt.
      Gott helfe mir! Ich meine es auch! sagte sie vor sich hin.
      Von Stund an fühlte sie sich innerlich so ganz von ihrem Gatten geschieden und freigegeben, als hätte sie ihm nie angehört. Sie stand auf, kleidete sich in tiefen Gedanken an, ohne nur einmal in den Spiegel zu blicken, und rief dann ihre Dienerin 
      Huguette, der sie auftrug, droben in ihrem Erkergemach ihr ein Lager aufzuschlagen; sie wolle allein ruhen und über Nacht die Fenster offen lassen, es ersticke sie die Schwüle unten in der dumpfen Schlafkammer. Ihrem Herrn sagte sie Abends das Gleiche. So verbrachte sie die nächsten Nächte und Tage, immer versenkt in den einen Gedanken, daß sie nun nicht mehr Herrin ihrer selbst sei, sondern in der Gewalt des Einzigen, den sie je gefürchtet und geliebt hatte.
      Als am dritten oder vierten Tage Herr Guillem erschien, ließ sie ihn erst mit ihrem Gatten allein, wo es ein langes Bereden und Berathen des spitzfindigen Problema's gab, zu welchem der Dichter aus Höflichkeit still hielt, da ihm freilich, seit Herr Heraclius ihm lachend erzählt, er habe seine Frau zur Schiedsrichterin gemacht, an seinen Versen nicht das Geringste mehr gelegen war. Unter dem Vorwande, die ungünstige Meinung zu zerstreuen, die Frau Assalide von ihm gefaßt haben müsse, beurlaubte er sich endlich, um die Herrin des Hauses aufzusuchen. Er traf sie im Garten auf jener Myrtenbank, und sie erhob sich ruhig und trat ihm ohne jegliche Verwirrung entgegen, wie ein stolzes Gemüth sein Schicksal kommen sieht.
      Ihr habt gesiegt, Herr Guillem, sagte sie. Ich bin zu einfach und redlich, um Ausflüchte zu ersinnen, zumal ich Euch jetzt sagen darf, daß ich seit unserem ersten Begegnen gefürchtet habe, aller Schutz und Schirm der Heiligen möchte mich nicht davor bewahren, auf diese oder eine andere Art Eurer Macht anheimzufallen. Nie habe ich einen Mann geliebt, ehe ich Euch erblickte, und wahrlich, auch wenn der Eid, den ich Euch gegeben, mich nicht an Euch bände, würde ich doch jedes andre Band gelöst erachten, da Der, dem ich meine Jugend und Ehr' und Treue ergeben, ihrer so wenig achtet, daß er mir fast darum grollt, sie selber bisher so thöricht streng gehütet zu haben. Nun aber hört auch Ihr, fuhr sie fort, indem sie vor seinen sehnsüchtig ausgebreiteten Armen einen Schritt zurücktrat, wie ich es mit unserer Liebe zu halten entschlossen bin. Ihr seid ein wankelmüthiger Mann, durch Frauengunst verwöhnt, und so viel Ihr betheuern mögt, daß Ihr erst durch mich die wahre Liebe hättet kennen lernen, die so wenig von Verrath und Abfall weiß, wie der Christgläubige zu einem fremden Gotte sich bekehren mag, so darf ich doch nicht zu leichtfertig Euren Worten trauen. Denn Untreue zu erleben, bräche mir das Herz. Ihr werdet Euch deßhalb eine Probezeit gefallen lassen von einem ganzen Jahr, und wenn ich Euch in dieser langen – und doch so kurzen – Zeit als einen Liebenden erkannt habe, wie ich zu lieben mir bewußt bin, will ich meinen Eid redlich halten, und keines Mannes Mund soll bis dahin meine Lippen berühren, als wäre ich eine Novize, die sich vorbereitete, in einen höheren Bund einzutreten, ach, keinen vom Himmel eingesetzten, und doch voll überschwänglicher Wonne, stark wie der Tod und unüberwindlich wie die Pforten der Hölle.
      Damit reichte sie ihre beiden weißen Hände dem tiefbestürzten Ritter hin, der sie zaudernd ergriff; da er aber ihren Ernst sah und im Stillen vielleicht hoffte, auch diesen Vorsatz der wunderlichen Liebsten zu Fall zu bringen, wehrte er sich nicht gegen den langwierigen Pact, und sie verbrachten eine Stunde zusammen unter lieblichen Reden, wie sie ein eben verlobtes Paar zu tauschen pflegt, worauf zum Abschied der glückliche Sieger nur eine der weißen Hände zu küssen bekam, aber eine noch tiefere und ungeduldigere Leidenschaft davontrug.
      Dies geschah im Herbst, und der lange Winter ward den beiden Einverstandenen verkürzt durch häufiges Wiedersehen und noch häufigere Botschaften. Nicht zwei Tage vergingen, ohne daß Hugo Marschall auf Schloß Polignac sich blicken ließ, meist mit einem Anliegen an den Schloßherrn in schwierigen Fragen der Kunst, worauf er dann zu Frau Assalide ging, ihr einen Gruß und Auftrag Herrn Guillem's auszurichten, oder ihr das neueste Lied vorzusingen, das der Sehnsüchtige gedichtet. Niemals verrieth der treue Mann, weder mit Blicken noch mit Seufzern, wie schwer ihm diese seine Pflicht zu üben ward, da er mehr und mehr sein Herz am Licht dieser Anmuth und Holdseligkeit versengte; aber die kluge Frau ward es endlich inne, da er einmal auf die Frage, warum er so blaß sei und ob er sich unpaß fühle, in heftiger Bestürzung erröthet und wie ein Schlafwandler die Antwort schuldig geblieben war. Sie warnte bei ihrem nächsten Wiedersehen den Dichter, ihr nicht mehr diesen Boten zu schicken, und gestand ihm den Grund. Herr Guillem aber lachte mit dem selbstischen Uebermuth des Glücklichen und beschwichtigte sie damit, sein Hugo Marschall sei ihm nicht minder treu als ihr, und wenn er heimliche Liebe zu ihr hege, möge sie des ersten Liedes gedenken, das er ihr in seinem Auftrage gesungen, wonach es mehr beglücke, sie hoffnungslos zu lieben, als von einer Anderen mit der höchsten Gunst und Huld überschüttet zu werden.
      Darüber war das neue Jahr herangekommen, und dem müßig Dahinlebenden schien die Zeit der Prüfung von Woche zu Woche unabsehlicher sich zu dehnen, je freundlicher sich ihm die geliebte Frau bezeigte. Mehr als einmal, mündlich und in seinen Liedern, drang er in sie, das Probejahr abzukürzen, da es Verrath an der Liebe sei, noch jetzt ihren Wankelmuth zu fürchten. Mochten seine klugen und glühenden Worte endlich sie erschüttert haben oder ihr eigenes Herz des Harrens überdrüssig werden, genug, an einem Tage im Hornung, da sie neben einander am Erkerfenster standen und in den stäubenden und wirbelnden Schnee hinausschauten, er aber mit neuen Gründen in sie drang, sagte sie plötzlich: So mag's drum sein, Guillem, Ich verspreche Euch zu glauben und zu vertrauen; denn wahrlich, Ihr wäret der Niedrigste der Männer, wenn Ihr dies arme Weib täuschen könntet, das Euch sein Alles opfern will. Nur noch eine kurze Frist, mein Liebster, und ich will thun, was du begehrst. Sobald statt der eisigen Flocken draußen der erste Blütenschnee auf die Erde niederweht, will ich vorgeben, eine Wallfahrt antreten zu müssen nach der Kirche Saint-Antoine im Viennesischen, dort ein Gelübde zu lösen. Mein Herr wird mich allein reisen lassen, da er es meiden muß, ein Pferd zu besteigen. Der Weg, wie du weißt, führt an deiner Burg vorbei, und ich werde es zu machen wissen, daß wir sie erst mit der sinkenden Sonne erreichen; dann werde ich Euch, Herr Guillem, um Herberge bitten, und wenn Ihr sie mir nicht verweigert, die Nacht in Eurem Hause zubringen.
      Niemand war froher als der Poet, da er das Ziel seiner Wünsche sich auf einmal so nahegerückt sah. Denn er hatte in der That eine tiefe und überschwängliche Liebe zu dieser Frau gefaßt, freilich nicht ohne seinen eitlen Sinn an dem Gedanken zu weiden, daß er auch ein so hochsinniges Weib von unsträflichem Wandel seinem Willen geneigt machen werde. Ihr Zögern hatte ihn daher mit heißer Ungeduld erfüllt. Nun aber machte die Gewißheit des Glücks sein Herz wieder übermüthig und leichtsinnig, so daß er in eine Falle ging, die ein mit reinem Gemüth Liebender leicht vermieden hätte.
      Es lebte nämlich dazumal im Viennesischen, wie die Chronik berichtet, eine schöne und artige Frau, eine Gräfin 
      von Roussillon. Sie war nicht aus vornehmem Geschlecht, sondern die Tochter eines geringen Mannes, aber ihre Schönheit und ihr behender Verstand, mit dem sie Jeden, der sie anredete, zu ergötzen wußte, hatten die Augen der Nachbarn frühzeitig auf sie gelenkt und den Grafen, dessen Güter einige Meilen südwärts von Vienne lagen, bewogen, sie zu seiner Gattin zu erwählen. Als solche hatte sie fortgefahren, einen großen Schwarm von Bewunderern und Anbetern um sich zu versammeln, ohne dabei sonderlich ihres Rufes zu achten. Denn sie war eine fröhliche Phantastin, der Alles nach ihrem Kopfe gehen mußte, ohne daß sie viel fragte, ob Anderen damit wohl oder wehe geschehe, so daß es für den edlen Grafen vielleicht noch übel ausgegangen wäre, wenn ein früher Tod ihn nicht abgerufen hätte. Jetzt in ihrer Wittwenschaft legte sie ihren Launen vollends weder Zaum noch Zügel an, gestand es offen, daß sie keinen größeren Wunsch hege, als sich eilig wieder zu vermählen, aber nur um wieder einen getreuen und demüthigen Diener zu haben, der ihr nicht wie die Anderen davonlaufen könne, wenn sie es ihm zu bunt mache und ihn heute streichle und morgen plage. So Viele sich um diesen nicht ganz sorgenfreien Posten bewarben, Hohe und Geringe, Alte und Junge, und so willig sie Alle sich mißhandeln ließen, schon durch ein geringes Zeichen der Gunst sich hoch belohnt dünkend, – es war doch Keiner darunter, der die reizende Wittwe länger als eine Woche sich geneigt glauben durfte. Keiner aber gab die Hoffnung darum auf, und so tollte Tag für Tag ein Freierschwarm durch die Gemächer und den Park von Roussillon, nicht viel bescheidener noch geringer an Zahl, als jener altberühmte im Hause der Penelope.
      Diese wunderliche Schönheit nun fing eines Abends, da man eben müde von einer Jagd nach Hause gekommen war und bei Tische saß, wie ganz aus dem Blauen an, einen der Gäste, der erst seit Kurzem ihr seinen Hof machte, zu fragen, warum Herr Guillem von Saint-Didier, mit dem er doch befreundet sei, noch keinen Fuß über ihre Schwelle gesetzt habe. Es würde nicht mehr als schuldige Höflichkeit sein, wenn er ihr als seiner Nachbarin einen Besuch abstattete. Aber freilich, man wisse wohl, daß er der tugendsamen Vizgräfin von Polignac ins Garn gegangen sei, und so wenig Süßes die gestrenge Frau den gefangenen Vogel möge kosten lassen, sie habe ihm sicher die Flügel gestutzt, daß er, auch wenn er wollte, nicht mehr ins Freie zurückkönnte. Das Singen habe er ja auch schon verlernt; wenigstens sei vom Tage seiner Heimkehr an kein neues Lied von ihm bekannt geworden.
      Diese Rede, auf welche der Freund zunächst nicht viel zu sagen wußte, hinterbrachte derselbe schon anderen Tages Herrn Guillem, den sie mächtig verdroß. Es dünkte ihn schimpflich, einer solchen Herausforderung nicht Folge zu leisten, und zugleich traf der Spott ihn um so tiefer, da er allerdings eine geheime Furcht hatte, ein Besuch bei der übermüthigen Dame möchte ihm von seiner Liebsten verdacht werden. Doch regte sich zu gewaltig das alte verwegene Blut in ihm, als daß er nicht auf alle Gefahr das Abenteuer hätte bestehen wollen. Er trat deßhalb schon des nächsten Mittags, da die Gräfin eben ein fröhliches Mahl veranstaltet hatte und der Saal vom Lachen über ihre Scherze wiederhallte, mitten in die Gesellschaft hinein und betrug sich so artig und ungezwungen, daß die Wirthin ein großes Gefallen an ihm fand, ihn an ihrer Seite niedersitzen ließ und aus ihrem eigenen Becher ihm zutrank. Sie wußte auch mit all ihren Sirenenkünsten ihn so zu fesseln, zumal er nach der strengen Probezeit bei Frau Assalide des freien Tones ein wenig entwöhnt und vom süßen Weine zärtlicher Blicke und Worte leicht zu berauschen war, daß er auch die folgenden Tage wiederkam und sich sogar verführen ließ, die gefährliche Frau in einer schönen langen Canzone zu feiern.
      Sie aber war kaum im Besitz dieses Blattes, so ließ sie das Lied, obwohl sie dem Dichter hoch gelobt, es für sich zu behalten, an ihrer Tafel durch einen ihrer untergebenen Sänger vortragen, sich nicht wenig berühmend, daß sie es gewesen, welche die verschüttete Liederquelle Herrn Guillem's endlich wieder ans Licht gezaubert habe.
      Am nächsten Tage saß der Dichter ahnungslos in Schloß Polignac bei seiner wahren Geliebten und spielte mit ihr Schach, wobei er wenig Sorge trug, zu gewinnen, da es ihm nur ein Vorwand war, seiner Dame nahe zu sein, als Herr Heraclius mit lachendem Gesicht hereintrat, den Freund des Hauses mit der großen Neuigkeit zu überraschen: man wisse jetzt, wer die Dame seines Herzens sei; und da Frau Assalide, sich verfärbend, den Tisch zwischen ihnen zurückstieß und einen Augenblick dachte, ihr thörichter Gatte habe ihr eigenes Geheimniß erspäht und sie werde ihren Namen von seinen Lippen hören, fuhr der graue Kindskopf fort, dem Hocherstaunten Glück zu wünschen zu seiner neuesten Eroberung, die sich mehr der Mühe verlohne als Gräfin Laura von Saint-Jorlan, obwohl die Mühe geringer gewesen sei, da es hier nicht gegolten habe, den eigenen Mann zum Boten zu werben. Hierauf las er das Lied an die Gräfin von Roussillon, das ihm einer seiner überall herumlungernden Hausdichter soeben zugesteckt hatte, vor und fügte alsbald eine verworrene und mit Kunstworten reichlich durchflochtene Kritik der Canzone hinzu, während der Troubadour, kaum eines Wortes mächtig, im Stillen sann, wie er sich gegen eine ganz andere Richterin vertheidigen sollte.
      Doch ließ ihn sein schlagfertiger Geist nicht im Stich, zumal er im Grunde nichts Unverzeihliches verbrochen hatte. Als er seiner völlig verstummten Freundin wieder allein gegenübersaß, bekannte er sich offen zu seinen Besuchen bei der Gräfin und der Canzone zu ihrem Preise; doch habe er einzig und allein die Absicht dabei gehabt, die Späher und Spürer, die seiner Leidenschaft für Assalide auf der Fährte seien, auf eine falsche Spur abzulenken und die Kläffer zum Schweigen zu bringen, von denen ihrem heimlichen Glück Gefahr und Verderben drohe.
      Ich will Euch glauben, antwortete seine Geliebte, nachdem sie lange still und traurig vor sich hin gesonnen. Es wäre ein zu thörichter Verrath, wenn Ihr jetzt, da Euch nur noch kurze Wochen vom Lohn der Treue trennen, mich hintergehen und eine Andere lieben könntet. Und doch – lieber heute als später, wenn Ihr Eures Herzens nicht sicher seid. Noch ist nichts geschehen, was nicht zu sühnen und zu verschmerzen wäre, – so hoff' ich wenigstens, obwohl ich weiß, es wird lange währen, bis mein Herz sich wieder an seine Einsamkeit gewöhnt. Jene Frau soll munteren Geistes und von reizender Schalkheit sein; ich bin einfach und ernst und habe gedacht, nur das Glück könne mich hell und lachlustig machen. Wenn Ihr aber daran zweifelt und es nicht abwarten wollt –
      Hier ließ er sie nicht ausreden, sondern betheuerte, zu ihren Füßen hingestürzt, mit so heftiger, bald schmeichelnder, bald entrüsteter Rede, daß sie ihm das Herz spalte mit diesem Argwohn, bis sie sich, nur zu gern, von ihm überreden ließ und der Friede geschlossen wurde, der auch ihre Strenge schmolz und zum ersten Male sie hinriß, seine Lippen auf den ihren zu dulden.
      Nach diesem Auftritt vergingen aber nicht viele Tage, da kam eines Morgens Huguette, die Kammerzofe, zu ihrer Herrin gelaufen, um ihr mit verschmitzter Miene wiederzuerzählen, was sie soeben in der Halle unten am Herd von einem Knechtlein des Herrn Guillem gehört, einem ganz zuverlässigen Menschen, der das Abenteuer selbst miterlebt habe. In der vorvergangenen Nacht sei sein Herr mit dem Freunde Hugo Marschall nach der Burg der Gräfin von Roussillon geritten, selbdritt, da auch er den Herren habe nachfolgen müssen; es sei Abend gewesen, und die andern Gäste der Burg, die sich schon von ihr beurlaubt, hätten, ihnen begegnend, mit neckenden Reden gefragt, was für ein eiliges Gewerbe ihn noch so spät zu der schönen Frau rufe. Herr Guillem aber sei mit düsterer Stirn im Sattel gesessen und, die Faust gegen den Schenkel gestemmt, ohne Antwort vorbeigesprengt. Vor der Burg sei er allein abgesessen und habe Einlaß begehrt, sie aber hätten draußen vor Thor und Brücke zu Pferde seiner Rückkehr harren müssen. Herr Hugo habe ihm, dem Knechte, gesagt, der Ritter werde nicht über zehn Minuten verziehen. Es sei aber Stunde um Stunde verronnen, und zuletzt hätten sie ihre Pferde an den Brückenpfosten gebunden und sich am Wege niedergestreckt, so kühl die Märznacht gewesen sei. In der ersten Frühe aber habe sie Jemand wachgerüttelt, das sei Herr Guillem selbst gewesen, der habe mit einem seltsamen Gesicht, wie ein Gespenst, daß sich über die Geisterstunde hinaus verspätet, sie angeblickt und ihnen mit stummer Geberde bedeutet, wieder aufzusitzen und ihm zu folgen. Dann sei er nach Hause gesprengt, als ob er das gute Roß hätte zu Tode spornen wollen, und über den ganzen Tag habe ihn Keiner im Schlosse, selbst Herr Hugo nicht, zu Gesicht bekommen.
      Als Huguette mit ihrem Bericht zu Ende war, erstaunte sie, von ihrer Herrin nicht ein Wort darüber zu vernehmen. Die Vizgräfin saß mit abgewandtem Gesicht regungslos wie ein Steinbild, und nur ein leises Zittern ihrer Knie verrieth, daß nicht alles Leben aus ihr entflohen war. Um Gott, Frau! rief das Mädchen, verzeihet, daß ich Euch mit meinem Geschwätz zu unrechter Zeit gekommen bin. Ihr seid blaß wie eine erloschene Kerze; ich will laufen, den Arzt zu holen oder Euren Gemahl –
      Still! unterbrach sie Assalide mit einem seltsam rauhen und herben Ton, daß es klang, als spräche ein Anderer aus ihr. Es ist nichts – ich bin nicht krank – du sollst Niemand rufen – gehe du selbst – ich will nichts hören – was gehen mich fremde Abenteuer an? Ich hatte nur einen bösen Traum – der will noch nicht weichen – aber Geduld! Geduld! Ich zwinge ihn wohl noch nieder!
      Sie machte eine Bewegung, um aufzustehen, aber ihre Glieder schienen wie gelähmt. Das Mädchen wollte hinzutreten, sie zu unterstützen, sie schüttelte aber heftig den Kopf und wies mit der Hand nach der Thür. Da schlich das junge Ding erschrocken hinaus, und obwohl ihr der Handel zwischen Herrn Guillem und ihrer Herrin bisher verborgen geblieben war, konnte sie sich doch des heimlichen Argwohns nicht erwehren, daß sie selbst mit ihrer wundersamen Neuigkeit schuld gewesen sei an der tödtlichen Erstarrung und dem heftigen Auffahren ihrer sonst so milden und gütigen Frau.
      Die aber saß, nachdem die Zofe gegangen, wohl noch eine Stunde lang auf derselben Stelle, und nur die großen Tropfen, die langsam über ihre verfärbten Wangen rollten, zeigten an, daß das Herz in ihrer Brust noch zuckte und wüthende Schmerzen litt. Als sie dann ein Pferd in den Hof sprengen hörte, riß sie sich mit gewaltsamem Entschluß in die Höhe und spähte hinaus. Es war aber nicht der Gast, vor dem allein sie sich gefürchtet hatte. Nur der getreue Bote stieg unten aus dem Sattel und trat ins Haus. Da strich die blasse Frau droben im Thurm die Haare von der Stirn und warf das Haupt zurück. Eine wilde Flamme fuhr aus ihren Augen, und ihre Lippen verzogen sich zu einem unheimlichen Lächeln, das gleich wieder verschwand. Es war, als hätte ein fremder Geist von ihrem Wesen Besitz genommen und alle weibliche Milde darin erstickt. 
      Das ist das Ende! sagte sie mit bitterem Hohn vor sich hin. So bald! So grausam! Aber so wahr ein Gott lebt und ein Teufel in der Hölle –
      Sie vollendete die Rede nicht, denn eben trat Hugo Marschall herein und verneigte sich ehrerbietig an der Schwelle. Als er die Augen zu ihr aufhob, erstaunte auch er nicht wenig, so verwandelt stand die hohe Frau, die er bisher als ein überirdisches Gnadenbild verehrt, ihm gegenüber. Auch blieb sie stumm und schien jedes gütige Wort, mit dem sie ihn sonst bewillkommnete, vergessen zu haben. Mit stockender Rede fing er endlich an, seine Botschaft auszurichten. Herr Guillem sei unpäßlich und könne heut nicht, wie er versprochen, herüberreiten. Doch sende er statt seiner ein Lied, das er in der letzten Nacht gedichtet. Ob die Frau es jetzt von ihm singen hören oder für sich allein lesen wolle, da ihre Farbe zeige, daß auch ihr nicht eben wohl sei?
      Ich dank' Euch, Hugo, erwiderte Assalide, mit großer Anstrengung ihre Worte zusammenfügend. In der That, mir steht der Sinn nicht nach schönen Versen, zumal wenn sie todte Liebe und Treue zudecken sollen wie Blumen einen Leichnam. Wonach ich hungere und dürste, wie ein Verschmachtender nach Brod und Wein, das ist Wahrheit, und daran hab' ich bitteren Mangel und bettele darum bei dem Einzigen, der sie mir spenden kann, und der seid Ihr.
      Herrin, sagte der treue Mann, indem er in großer Verwirrung zu Boden sah, was ich hab' und bin, gehört Euch. Wenn ich Schätze besäße, sie sollten Euer sein. Doch ich versteh' Euch nicht.
      Ihr versteht mich ganz wohl, Hugo Marschall, erwiderte sie, und ich versteh' Euch auch und weiß seit lange, was Ihr mir mit keinem Wort habt vertrauen wollen. Wenn Ihr jetzt zaudert, mir zu geben, wonach ich verlange, so geschieht es, weil Ihr Treue halten wollt auch Dem, der Untreue geübt hat. Aber so entscheidet Euch nun, wessen Dienst und Lohn Euch mehr gilt, und bei wem Ihr ausharren wollt: bei der ärmsten Frau, die keinen Freund auf Erden hat, wenn Ihr nicht zu ihr steht, oder bei dem wankelmüthigsten Manne, der jemals mit schönen Lügen häßliche Thaten bemäntelt hat. Redet!
      Er stand eine kleine Weile in heftigem Kampf. Dann sank er vor ihr auf die Kniee.
      Ich bin Euer! sagte er. Ihr wißt es. Vater und Bruder würde ich verlassen um einen Blick aus Euren Augen.
      Sie neigte sich zu ihm herab und hob ihn auf. Du sollst mir nicht ohne Lohn dienen, sagte sie, wenn du es redlich meinst. Jetzt aber sage nur das Eine: ist es wahr, daß du die Nachtwache gehalten hast vor Schloß Roussillon?
      O meine Gebieterin, rief er in schmerzlicher Bewegung, denkt nicht schlimmer von ihm, als er es verdient! Er war hingeritten, ihr abzusagen für alle Zeit. Nur ihre falschen Künste, ihre Schlangentücke, mit der sie ihm das Lied abgelistet, um damit zu prahlen und Euch zu kränken, die wollte er ihr ins Gesicht werfen. Er war so voll Grimm und Wuth gegen den schönen Teufel, daß ich selbst ihm zuredete, Schwert und Dolch abzulegen, eh' er zu Pferde stieg. Wie sie es angefangen, ihn zu umstricken, – die Hölle mag es wissen. Aber wenn Ihr seine Reue und Zerknirschung sähet –
      Es ist genug! unterbrach sie ihn scharf, und ihre Augen leuchteten mit einem fahlen Schein. Ich danke dir, mein treuer Mann. Und nun befehle ich dir, so lieb dir meine Huld und dein Lohn ist, daß du zurückreitest zu ihm und mit keinem Wort oder Geberde verräthst, was hier gesprochen worden. Auch ich sei krank, sag ihm; aber das Frühjahr lasse sich lieblich an, und es brauche nur ein paar Sonnentage, so werde der Mandelbaum unter meinem Fenster in Blüte stehen. Was ich ihm verheißen habe, sobald es Blüten schneit, deß wird er wohl eingedenk sein. Bis dahin soll er mich nicht aufsuchen, hörst du wohl? Wenn es aber Zeit ist, werde ich es ihn wissen lassen, dann soll er sich rüsten auf meinen Besuch und seine Burg festlich schmücken, da ich darin herbergen will. Ihm aber soll werden nach seinem Verdienst, und müßte mir selbst darüber das Herz in Stücke springen!
      Sie wandte sich ab, da die Stimme ihr versagte, und bedeutete mit winkender Hand dem rathlosen, tiefbestürzten Boten, daß er sie verlassen solle. Dann verbrachte sie die folgenden Tage in großer Stille, ließ sich auch vor ihrem Gatten nur selten blicken und ging jeden Morgen einsam in den Garten hinab, um nachzuschauen, ob die Blütezeit noch nicht angebrochen sei.
      Und wie sie eines Tages in der Frühe die Erde unter dem Mandelbaum mit weißen und röthlichen Flocken überstreut fand, da in der Nacht ein Gewittersturm gewüthet hatte, suchte sie Herrn Heraclius auf und bat um Urlaub, eine Wallfahrt nach der Kirche von Saint-Antoine zu thun, die sie schon im Herbst gelobt habe. Der alte Herr billigte ihr Vorhaben gar sehr. Er habe wohl bemerkt, daß sie über den Winter ein stilles Leiden mit sich herumgetragen; nun hoffe er, die kleine Reise in milder Luft und das Gebet zu dem Heiligen werde sie stärken, daß sie ihm mit rötheren Wangen zurückkehre. Er indessen werde fleißig an seinem großen Werke schaffen, einer Sammlung aller Tenzonen und Wettgesänge, die über Fragen der Minne und bei dichterischen Ringelrennen seit zwanzig Jahren verfaßt worden seien. Und so schieden sie von einander, nachdem er ihrer Bitte, wenn sie ihn je gekränkt, ihr zu verzeihen, mit fröhlichem Lachen gewillfahrt hatte: ob sie denn ihrem letzten Stündlein entgegenreise, daß sie so feierlichen Abschied nehme?
      Huguette begleitete sie und ein kleiner Troß von Knappen und Knechten, wie ihn eine Frau ihres Standes selbst auf eine Wallfahrt mitzunehmen pflegte. Sie hatte sich aufs Schönste geschmückt und ihr langes braunes Haar mit Perlenschnüren durchflochten, daß Alles am Wege stillstand, das herrliche Bild zu bewundern. Damals war sie noch nicht dreißig Jahre alt, in der Sommerblüte ihrer Schönheit. Aber sie neigte nur ernst und zerstreut ihre Stirn, wenn die Landleute und begegnende Reisige sie ehrerbietig begrüßten, und so auch trat kein Lächeln auf ihren Mund, als am Abend, da sie über die Zugbrücke von Saint-Didier ritt, Herr Guillem ihr aus dem Thore entgegentrat, sie mit inniger Freude aus dem Sattel hob und ihr heimliche Worte, die eine stolze, trunkene Wonne verriethen, zuflüsterte. Während des Mahls in der Halle, die einem Blumengarten glich und von hundert Fackeln schimmerte, verrieth sie mit keinem Wort, was in ihr vorging. Sie antwortete mit gelassener Anmuth auf alle Fragen ihres Wirths, der ihr in sich gekehrtes Wesen auf die bräutliche Befangenheit eines edlen Weibes schob, das bald auf all seinen Stolz verzichten soll. Er hatte aber dafür gesorgt, daß es dennoch nicht allzu gedämpft und unfestlich still blieb, indem er einen Spielmann bestellt hatte, der gar künstlich auf der Geige zu spielen wußte und zum Schluß eine neue Canzone sang, erst kürzlich zum Lob Assalidens von ihrem glückseligen Wirthe gedichtet. Hugo selbst hatte sich entschuldigt, daß er wegen eines Schmerzes im Halse nicht singen könne. Er saß zur anderen Seite der Vizgräfin, stumm wie eins der Bilder auf den Teppichen, mit denen die Wände behangen waren. Auch Assalide richtete das Wort nicht an ihn, außer ein einziges Mal gegen Ende der Tafel. Was sie ihm da zuraunte, mußte besonderen Sinn haben; denn der treue Mann wechselte die Farbe vom tiefsten Blaß zum glühendsten Roth, und Mancher bemerkte es mit Befremden. Der Hausherr stand eilig auf, führte seinen schönen Gast hinaus, während die Knechte Fackeln vorantrugen, und geleitete die Schweigsame die Treppe hinauf in das obere Geschoß, dessen Gemächer sie an seiner Hand durchwandelte. Im letzten Zimmer stand ein Bett mit reichem, silberdurchwirktem Umhang, und der Raum duftete von Veilchen, und Kerzen brannten auf silbernen Leuchtern. Hier werdet Ihr ruhen, edle Frau, sagte er laut. Ihr müßt vorlieb nehmen mit der Schlafkammer eines einsamen Ritters, der so hohen Besuchs nicht gewärtig war. Und leise fügte er hinzu: Darf ich um Mitternacht anklopfen und fragen, ob Ihr schon entschlummert seid?
      Sie nickte zweimal vor sich hin, ohne ihn anzusehen. Ihr dürft! sagte sie mit kaum hörbarem Ton.
      Dann entließ sie ihn und alles Gefolge und schickte auch Huguette hinweg, da sie sich allein entkleiden wolle, nachdem sie erst ihre Gebete gesprochen.
      Alsbald ward Alles still im Schloß. Herr Guillem hatte befohlen, daß sein ganzes Gesinde und auch die Begleiter der Vizgräfin sich zur Ruhe begeben und die Lichter auslöschen sollten, um die vom langen Ritt ermüdete Herrin nicht durch späten Lärm zu stören. Und so geschah es. Als der Wächter am Thurm um Mitternacht seinen Hornruf erschallen ließ, vernahmen ihn im ganzen Hause nur drei Menschen, die noch keinen Schlaf gefunden hatten.
      Da kam ein leiser Schritt die Stufen herauf und schlich die engen Gänge entlang und hielt ein paar Mal still, wie aus Furcht, von einem lauschenden Ohre vernommen zu werden, und kam endlich zu der Schwelle des Gemaches, in welchem die schöne Frau ruhte. Es war so dunkel ringsum, daß nur ein Wohleingeweihter sich in den nächtlichen Räumen zurechtfinden mochte. Eine Weile blieb der Schleicher vor der Thür athem- und lautlos stehen und horchte mit Herzklopfen hinein, ob nicht der Riegel zurückgeschoben würde. Als aber nichts sich regte, pochte er behutsam an und stand dann wieder und harrte. Und zum zweiten Mal berührte er das Schloß mit seinem Finger und wagte es nun, einen Namen zu flüstern. Als aber noch immer keine Antwort kam, klopfte er ungeduldiger und stampfte dazu leise mit dem Fuß. Schlaft Ihr, Assalide? rief er, seine Stimme dämpfend. Ich bin es, Derselbe, dem Ihr gelobt habt, wenn es Blüten schneie, solle die Probezeit zu Ende sein. Um Euer ewiges Heil und das meine, erlöset mich aus dem Fegefeuer dieses Harrens!
      Da antwortete eine Stimme aus dem Innern des Gemaches, die aber keine Frauenstimme war:
      Euer Gast läßt Euch eine gute Nacht wünschen, Guillem, und gute Träume, bessere, als Ihr in Roussillon geträumt. Und nun möchtet Ihr von dieser Schwelle weichen und ihren Schlaf nicht länger stören. Sie sei wohl aufgehoben und von einem treuen Wächter bewacht, auch fehle es ihr nicht am Ruhekissen eines guten Gewissens, da sie ihr Gelübde, in Eurem Hause zu übernachten, vollauf gelöst habe.
      Der Unglückselige war zurückgetaumelt, sobald er die Stimme des Freundes erkannt hatte, und wohl vernahm er aus dem unsicheren Ton, mit dem ihm dies sein Urtheil verkündet wurde, daß es den Wächter da drinnen hart ankam, ihm selbst dies böse Tagelied singen zu müssen, und daß er nur stockend die Worte nachsprach, die ihm vorgesagt wurden. Als er aber schwieg, überfiel es den tödtlich Getroffenen wie ein Schwindel, er mußte sich am Thürgriff halten, der dumpf erklirrte, ohne doch der rüttelnden Hand nachzugeben. Es fuhr ihm durch den Sinn, daß dies Alles ein alberner Spuk sei, mit dem ein Geist der Mitternacht ihn ängstigen und narren wolle. Als aber auf sein lauteres Pochen und heftigeres Beschwören Alles still blieb; er nur den Schein der Kerzen aus den Ritzen vorglimmen sah und den Veilchenduft durch das Schlüsselloch athmete, schlug ihn Scham und Gram wie mit Fäusten zu Boden, und sein Schluchzen und Stöhnen kaum verbeißend, lag er wohl eine Stunde lang in dem dunklen Gang unweit der hochzeitlichen Kammer, von der er sich selber ausgeschlossen hatte, bis ein Geräusch im Hause ihn aufschreckte und ihn daran erinnerte, daß er seine Schmach nicht dürfe ruchbar werden lassen. Da raffte er sich empor und schleppte sich wie ein Mann, der von der Folter aufgestanden, auf sein Lager, in dumpfem Wüthen den Tag heranzumachen.
      *
      Als am andern Morgen Frau Assalide unten in die Halle trat, wo die Tafel mit dem Frühmahl bereit stand, fand sie dort statt des Hausherrn nur den alten Castellan, der im Namen Herrn Guillem's diesen entschuldigte, daß er seinem Gast nicht den Morgengruß entgegenbringen könne. Er sei vor Thau und Tage durch einen eiligen Boten abgerufen worden, da ein Freund auf einem nahen Schlosse in der Nacht zum Tode erkrankt sei und ihn vor seinem Ende zu sprechen begehrt habe. Er hoffe, um die Mittagszeit zurück zu sein; falls aber die Vizgräfin ihn nicht zu erwarten gedenke, übertrage er Herrn Hugo Marschall die Pflicht, ihr bis ans Ziel ihrer Fahrt, oder so weit es ihr gefallen möge, das Geleit zu geben. Hierauf erwiderte die Frau nur mit einem langsamen Nicken des Hauptes. Ihr Gesicht war bleich wie ein Blatt der Wasserrose, doch hingen keine Tropfen daran; ihr Auge, halb von der Lider verschlossen, blickte starr und erloschen vor sich hin, als sähe sie von den Dingen umher nur die trüben Umrisse, ohne zu wissen, was sie sah. Sie weigerte sich mit einer leisen Geberde, das Mahl zu berühren, und verlangte, daß man sofort aufbrechen und die Reise fortsetzen solle. Wie sie dann im Sattel saß, schien nichts an ihr lebendig als der Schleier, der im Morgenwind ihr nachflatterte. Herr Hugo, der als der Nächste im Zuge hinter ihr ritt, konnte den Blick nicht von ihrer Gestalt loslösen. Er fragte sich in den langen Stunden, wo kein Wort von ihren Lippen kam und kein Blitz aus dem erloschenen Auge ihn traf, ob dies dieselbe Frau sei, die er in seinen Armen gehalten. Auch ihm war, trotz der wonnevollen Erinnerung, unfroh zu Sinn. Er mußte an den Verrath der Treue denken und die tödtliche Wunde, die er seinem alten Freunde und Jugendgefährten geschlagen, und zuweilen stieg ein schauderndes Gefühl in ihm auf, wie wenn man süße Früchte essend ein widriges Insect zerbeißt, das sich hineinverkrochen, wenn er erwog, daß er zum Werkzeug einer grausamen Rache gedient und sein traumhaftes Glück nicht der freien Hingabe eines zärtlichen Herzens gedankt habe. Solcher Spuk verflog aber bald, wenn er die herrliche Frau vor sich auf dem langsam hinschreitenden Pferde betrachtete und sich sagte, was auch dahinter liege, nun habe 
      er sie gewonnen, und im Grunde sei dem Andern nur Recht geschehen, daß sie ihn verschmäht und verstoßen habe.
      Wie der Herrin selbst zu Muthe war, erfuhr Niemand. Sie ließ nach einigen Stunden in einem Dorfe halten, den am Morgen verschmähten Imbiß nachzuholen, genoß aber selbst nur ein paar Bissen Brod und einen Trunk Wein. Hugo's Anwesenheit schien sie kaum zu bemerken. Ihr schönes, weiches Gesicht hatte einen strengen, scharfen Zug bekommen, wie eine kaum von schwerer Krankheit Genesene, die zum ersten Mal wieder ins Freie hinausgeführt wird und noch halb von den fliehenden Schatten des Todes verdunkelt wird. Und so vollendeten sie die Fahrt, ohne daß ein Wort gewechselt wurde, und kamen bei sinkender Nacht in dem Wallfahrtsorte an, wo die Vizgräfin mit ihrem Gefolge eine Reihe von Kammern in einer Herberge miethete, sich dann aber gleich in ihr eigenes Gemach zurückzog und auf das Nachtmahl verzichtete.
      Auch that sie nicht wie andere Wallerinnen, deren erster Gang in die Kirche war. Sie hatte in der letzten Kapelle, eine kurze Strecke vor dem Ort, wo man schon die Kirche und auf dem Hügel dahinter das Kloster der unbeschuhten Karmeliterinnen sehen konnte, sich aus dem Sattel geschwungen – mit Hülfe ihres Knappen, Herrn Hugo's Beistand mit leisem Kopfschütteln ablehnend, – und dort ganz allein, während ihr Gefolge draußen im Bügel ihrer wartete, lange Zeit auf den Knieen hingesunken sich mit ihrem Gott berathen. Nun schien es, daß sie von der anstrengenden Reise ermattet sei und vor Allem des Schlafes bedürfe. Doch konnte Herr Hugo sein Herz nicht bezähmen und selbst sein Lager suchen, eh' er noch einmal ihre Stimme gehört und von ihr erforscht hatte, wie sie zu ihm gesinnt sei. Seine Leidenschaft war selbst durch ihr steinernes Gebahren nicht gekühlt, und sie schien ihm mehr als je das begehrenswertheste Weib der Welt und er sich selber ein seliger Mann, den alle reichen und mächtigen Fürsten der Erde beneiden müßten. Als daher in der Herberge nichts Lebendiges mehr sich regte, faßte er sich ein Herz, öffnete leise seine Kammer und schlich durch das Haus nach ihrer Thür, die er sich wohl gemerkt hatte. Mit bebendem Finger pochte er verstohlen an, aber sofort ging die Thür auf, und die geliebte Frau stand vor ihm.
      Sie nickte ihm zu und deutete ihm an, daß er die Schwelle überschreiten solle, die Thür aber ließ sie offen.
      Ich habe Euch erwartet, Hugo, sagte sie, und ihre Stimme klang ruhig und tief. Ihr seid der einzige Freund, der mir geblieben ist, und ich brauche Eure Hülfe zu meinem Vorhaben. Seht, hier habe ich einen Brief geschrieben, den sollt Ihr meinem Gemahl einhändigen. Ich bitte darin um seine Erlaubniß, die er mir nicht weigern wird, daß ich in das Kloster der Karmeliterinnen eintrete, und nehme Abschied von ihm für dieses Leben. Und hier – sie deutete auf etwas Dunkles, das zusammengerollt auf dem von einer einzigen Kerze erhellten Tische lag, – hier ist mein Haar, das ich abgeschnitten habe zum Zeichen meines unwiderruflichen Entschlusses. Das sollt Ihr an Herrn Guillem bringen, als das Einzige, was ich von mir in der Welt zurücklasse. Denn auch mein Herz, das ich ihm gelobt, gehört nicht mehr mein; ich habe es meinem Gott und Richter geweiht, daß er es läutern wolle von all seinen Flecken. Und grüßet ihn und sagt ihm, daß ich erst wisse, wie sehr ich ihn geliebt, seit ich ihm diese bittere Schmach angethan, die er nie verwinden wird.
      Sie wandte sich ab, und er sah nun erst, daß das schöne Haupt, von dem der Schleier zurücksank, seiner Locken beraubt war. Assalide! rief er außer sich. Ist es möglich? Ihr könnt die Welt verlassen, die nichts Köstlicheres hat als Euch, und mich – mich Aermsten – den Ihr eben so reich gemacht habt –
      Schweigt! fiel sie ihm herbe ins Wort. Ihr wißt nicht, was ihr redet. Die Welt ist ein Vorhof der Hölle. Untreue regiert allerwegen; mein Gatte ist von mir abgefallen, um kindischen Ehren nachzujagen, Euer Freund hat mich verrathen, Ihr Euren Freund und ich mein Herz, das von Euch nichts wußte, als ich Euch meine Ehre und Pflicht ausgeliefert habe wie eine Wahnwitzige, die ich war. Und doch konnte ich nicht anders; ein Dämon trieb mich dazu wie mit einer Dornengeißel. Denn als ich erfuhr, in wessen Macht ich mein Herz und meine Ehre hatte geben wollen, und wie das schwerste Opfer, das ich ihm aus übergroßer Liebe zu bringen gelobt, so schnöden Dank erfahren sollte, hat jener Dämon sich in meine Brust geschlichen und mich so traurig berathen, daß ich mein Bild im Spiegel hinfort nicht betrachten kann, ohne vor mir selbst zu erschrecken. Ich weiß nun wohl, daß Ihr sagen wollt, 
      Ihr würdet mich 
      nie verrathen, und Eure Treue solle mir Ersatz sein für Alles, was ich verloren. Nur schade, daß uns Treue werthlos ist, wo wir nicht lieben, und ich habe nie einen Mann geliebt als den Einen, der mich so tief hat kränken können. So will ich mich zu Dem flüchten, der keiner armen Seele, die auf ihn blickt und hofft, je untreu geworden ist. Und wenn Euer Freund darob gar zu verzweifelt sich geberden sollte, gebt ihm den Trost, der einem eitlen Manne der süßeste sein wird, daß ich das Klostergitter zwischen mich und ihn habe bringen müssen, um mich vor ihm zu schützen und nicht der noch größeren Schmach anheimzufallen: nach Allem, was geschehen, noch einmal mir selbst und meinem Stolze untreu zu werden und zurückzueilen in die Welt, um mich auf Gnad' und Ungnade in seine Arme zu stürzen.
      Sie zog den Schleier über ihr Gesicht, daß er die Thränen nicht sehen sollte, die ihr aus den Augen quollen. Dann winkte sie ihm, ihr zu folgen, und verließ das Haus, um gradenwegs den Hügel hinaufzuschreiten, nicht rastend, bis sie selbst den Klopfer an der Klosterpforte ergriff und mit drei lauten Schlägen ihren Einlaß begehrte. Es dauerte eine Weile, bis die Schwester Pförtnerin aus dem Schlaf auffuhr und das Thor öffnete. Dann reichte die Scheidende ihrem Begleiter zum letzten Lebewohl ihre kalte Hand, die er mit heißen Thränen benetzte, und das Thor schloß sich hinter ihr für immer. – –
      Als der Vizgraf von Polignac den unerbittlichen Abschiedsbrief seiner Gattin gelesen, soll er eine Weile wie toll und thöricht geschrieen und getobt, sich dann aber bald beruhigt haben. Auch führte er sein altes Leben nach kurzer Trauerzeit fort, als wenn nie eine Schloßherrin neben ihm gewaltet hätte, und an einem der Tenzonentage hatten seine Hausdichter die Frage zu verhandeln, ob es besser sei, seine Geliebte im Himmel zu wissen, oder in den Armen eines Rivalen, oder lebend und treu, aber in einer Klosterzelle.
      Herr Guillem wartete das Jahr des Noviziates ab, da er immer noch eine leise Hoffnung nährte, die geliebte Frau werde zu ihm und der Welt den Rückweg finden. Als er hörte, daß sie unter dem Namen 
      Sor Beata Profeß gethan habe und ihm für immer verloren sei, nahm er in tiefem Gram das Kreuz, und die Chronik meldet, daß er tapfer fechtend vor Edessa gefallen sei.
    



      Die Dichterin von Carcassonne
      (1880)
       
      Unweit von der Stadt Carcassonne in der schönen Provence lag die Burg 
      Miraval, die seit Menschengedenken im Besitz desselben ritterlichen Geschlechtes geblieben war. Gegen die Neige des zwölften Jahrhunderts aber sahen ihre Mauern nicht mehr so fröhliche Feste und sorgenfreie Bewohner, wie sonst. Ihr letzter Herr wurde durch einen schier allzu reichen Kindersegen genöthigt, sein Hab' und Gut zu zersplittern, so daß auf den Einzelnen kaum so viel kam, um ihn vor Noth zu schützen, geschweige ihm ein Leben zu gewähren, in welchem er der Standesehre überall Genüge thun konnte. Mit der Zeit minderte sich freilich diese Enge und Bedrängniß, da einige von den Töchtern Männer fanden, andere den Schleier nahmen und von den Söhnen etliche frühzeitig wegstarben. Als aber der alte Herr selbst die Augen schloß, waren immerhin noch vier Söhne übrig, die sich in den Besitz der Burg zu theilen hatten.
      Sie thaten dies nicht ganz ohne Murren und Streit, bis auf den jüngsten Bruder, 
      Raimon von Miraval. Dieser hatte zum Ersatz für ein reiches Erbgut von der freigebigen Natur eine Mitgift empfangen, die er wohl auszubeuten verstand: die Gabe des Gesanges und mit dieser die Gunst hoher Herren, also daß er nicht an der väterlichen Scholle zu kleben und ihren kargen Ertrag an seinem Theil zu schmälern brauchte. Er war frühzeitig an den Hof seines Oberherrn gekommen, des Grafen 
      Raimon VI. von Toulouse, der an seinem Singen und seiner Person so großes Wohlgefallen fand, daß er ihn beständig in seiner Nähe haben wollte und ihn so vertraulich hegte und pflegte, wie einen jüngeren Bruder. Sie hatten sich nach der Sitte der Zeit sogar einen gemeinsamen Dichternamen erwählt, unter welchem sie sich in ihren Canzonen wechselweise ansangen, und wenn diese überschwängliche Freundschaft auch hin und wieder ins Wanken kam, sorgten doch später die schweren Zeitläufte dafür, daß Einer des Andern sich in herzlicher Treue erinnern sollte.
      So führte denn der junge Raimon, während seine Brüder dürftig und mißgelaunt sich nebeneinander hindrückten, ein freies und vergnügliches Dichterleben, von seinem brüderlichen Gönner in Waffen und Kleidern höfisch gehalten und durch seine Lieder überall wohlempfohlen, wo ritterliche Sitte geübt und Sänger geehrt wurden. Gleichwohl verfolgte ihn ein eigener Unstern, gegen den er vergebens ankämpfte, da die Quelle dieses unholden Geschickes aus seiner eigenen Gemüthsart entsprang. Mehr als einmal wurde er von schönen Frauen, die seine dichterischen Huldigungen eine Zeitlang aufmunternd entgegengenommen hatten, auf eine empfindlich beschämende Weise hinters Licht geführt und sah, wenn er aus dem Spiele Ernst machen und seinen lang erhofften und verheißenen Lohn endlich einfordern wollte, irgend einen heimlich Begünstigten, ganz ungereimten Liebhaber sich vorgezogen, so daß ihm Nichts übrig blieb, als dieselbe schöne Dame, die er vorher als ein Musterbild edler Sitte in seinen Versen gefeiert, nun in heftigen Trutzliedern vor aller Welt als schnöde Verrätherin und gleißende Schlange zu brandmarken. Ein gewisser geckenhafter Zug in seinem Wesen, ein bedenklicher Hang auf äußeren Glanz und höfische Ehren mehr Gewicht zu legen, als einem aufrichtig Liebenden geziemt, scheint ihn den Frauen verdächtig gemacht zu haben, da selbst die Hoffärtigste und Kaltsinnigste um ihrer selbst willen geliebt zu werden wünscht und einem Liebhaber nicht über den Weg traut, der ihrer Gunst nachtrachtet, nur um sie wie einen Helmschmuck von aller Welt bewundern zu lassen.
      So hatte er es sich selber zuzuschreiben, daß ihm Gleiches mit Gleichem vergolten ward, indem schöne und kluge Frauen ihn an sich heranzogen, um durch seine Kunst verherrlicht zu werden, dann aber, sobald dieser Zweck erreicht war, ihn bei Seite schoben, nicht besser als ein leeres Schminktöpfchen oder eine herabgebrannte Kerze. Wie blind er in solche Fallen ging, beweist statt vieler andern ein wohlbeglaubigtes Geschichtchen, das ihm mit der schönen 
      Adalasia, der Gattin Bernhard's von Boisseson, Herrn des Schlosses Lombers im Albigensischen, begegnete. Dieser vornehmen Dame hatte er längere Zeit auf alle Weise gehuldigt und in hochtönenden Liedern ihre Gaben und Tugenden an Leib und Seele gepriesen, die noch in stetem Aufblühen begriffen seien, wie die Schönheit der Rose und Schwertlilie zur Sommerszeit. Die kluge Frau, die ihren Vortheil verstand, war es sehr zufrieden, daß ihr Ruhm sich weit über die Nachbarschaft verbreitete und Fürsten und Barone sich herzudrängten, ihr den Hof zu machen. Sie wußte, indem sie mit der einen Hand wieder nahm, was sie mit der andern gab, ihren thörichten Anbeter immer stärker zu entflammen und die anderen Bewerber zugleich in so schicklicher Ferne zu halten, daß Raimon, obwohl er immer nur mit Hoffnungen gespeist wurde, sich für den allein Begünstigten hielt und sich nicht scheute, sein Glück auf die gefährlichste Probe zu stellen. Er war wohl angeschrieben bei dem ritterlichsten Fürsten seiner Zeit, P
      etrus II. von Aragon. An diesen richtete er ein Lied, in welchem er ihn einlud, die Bekanntschaft seiner holden Freundin zu machen. Wenn der König zu Lombers erscheint, – rief er darin aus – so wird er Freude davontragen für immerdar, und wiewohl er hoch erhaben ist, wird doch sein Glück sich verdoppeln; denn die Güte und Freundlichkeit der schönen Adalasia, ihre frische Farbe und ihr blondes Haar entzücken alle Welt. – Bei dieser Einladung hegte er die geheime Hoffnung, seine eigene Sache durch den königlichen Besuch gefördert zu sehen. Die Schöne sollte erkennen, was sie an einem Freunde habe, der eines solchen Fürsten Gunst und Gnade genoß, ja er rechnete darauf, der König werde selbst ein Fürwort für ihn einlegen und endlich das Eis zwischen ihnen zum Schmelzen bringen. Ganz anders kam es. Zwar ließ sich der Aragoneser gern bewegen, Schloß Lombers zu besuchen, wo er mit Freuden und Ehren empfangen ward. Kaum aber sah er die reizende junge Wirthin, so ward er selbst von einer raschen Neigung zu ihr ergriffen, und statt für den Dichter, führte er in eigener Sache das Wort, das ein nur zu williges Gehör fand. Damals nicht minder als in späteren Zeiten und bis in die jüngste Gegenwart hinab schien vornehmen Schönen ein Liebeshandel mit einem königlichen Herrn eine allzugroße Ehre, um sich dagegen im Panzer einer unanfechtbaren Tugend zu verwahren. Petrus erreichte Alles, was er wünschte und erbat, und schon am nächsten Tage war der Sieg des Fürsten und die Niederlage des Dichters so offenkundig, daß Miraval von Scham und Gram glühend das Schloß verließ und, eine Zeitlang allen Minnedienst verschwörend, sein unmuthiges Herz in Stille und Einsamkeit vergrub.
      Diese Wunde war noch kaum vernarbt, als er eines Abends in schlichtem Kleide durch die Straßen der Stadt Carcassonne schlenderte, müßig und ruhelos und an Nichts weniger denkend, als an neue Abenteuer. Da hörte er aus einem geringen Hause, an welchem ein Rosenstock sich in die Höhe zweigte, eine liebliche, nicht gar laute Stimme ein Tanzliedchen singen, dessen zärtlich schalkhafte Worte ihm überaus gefielen. Die Weise war ihm unbekannt, aber der etwas umflorte, helldunkle Ton der Sängerin schien ihm süßer als Laute und Flötenspiel.
      Dies Tanzliedchen nun klang so:
      Hört den Kukuk schreien,
       Höret das Schalmeyen
             Der Vögelein im Wald!
       Kommt und schlingt den Reihen,
       Singt und springt im Freien,
             Die Jugend schwindet bald!
             Hei trallalei!
             Mein Herz ist frei –
       Lieblich tanzt es sich im Maien.
      Eine geht alleine,
       Ach, die Süße, Feine,
             Führt Keiner sie zum Tanz?
       Geht im Sternenscheine
       Still einher am Raine –
             Wem windet sie den Kranz?
             Hei trallalei!
             Mein Herz ist frei –
       Lieblich träumt es sich im Maien.
      Wie im Bach, dem hellen,
       Munter gehn die Wellen,
             So rieselt junges Blut.
       Wem von all den schnellen,
       Schmucken Junggesellen
             Ist wohl das Mägdlein gut?
             Hei trallalei!
             Mein Herz ist frei –
       Lieblich liebt es sich im Maien.
      Er war mitten auf der Straße stehen geblieben, dem Fenster gegenüber, hinter welchem die Sängerin saß. Nur bis zum Gürtel hinab konnte er sie sehen, sie kauerte auf einem Schemel und hatte ein Spinnrad zwischen den Knieen, das sie fleißig drehte, während sie vor sich hin sang. Sie war jung und im ersten Aufblühen ihrer schlichten Schönheit: lichtbraune Haare und sanfte schwarze Augen, dazu eine Wange wie Sammt, und wenn im Singen sich die Lippe ein wenig zurückzog, schimmerten ihre kleinen weißen Zähne, daß man es für eine Wonne halten mußte, ein wenig von ihnen gebissen zu werden.
      Unwillkürlich, da das Liedchen zu Ende war, trat Raimon ein paar Schritte auf das Fenster zu. Das Mädchen aber, da sie den Fremden sich nähern sah, erhob sich rasch, ihr Gesicht nahm einen ruhig stolzen Ausdruck an, und indem sie sich hinausbeugend ihm ihre schöne schlanke Gestalt zu schauen gab, schloß sie den Laden und deutete mit einem letzten Blick dem betroffen Hinaufstarrenden an, daß sie für müßige Gaffer nicht zu singen pflege.
      Raimon säumte nicht, bei dem nächsten guten Bürger, der des Weges kam, sich zu erkundigen, wer das Häuschen bewohne. Er hörte den Namen eines ehrsamen Handwerkers, der ehemals ein Schwertfegerlädchen gehalten, seit Jahren aber mit seinen von der Gicht gekrümmten Händen das Werkzeug nicht mehr zu regieren vermöge und nun seine letzten Lebenstage mit der einzigen Tochter, die ihm geblieben, hier in unbescholtener Stille und fast dürftig verbringe. Doch könne manch ein reicherer Vater ihn um dies Kind beneiden, da er an ihm einen wahren Schatz an pflegsamer Liebe und Treue besitze und sie sein kümmerliches Alter auf alle Weise ehre und erheitere. 
      Gaudairenca sei ihr Name, in der Stadt aber heiße sie nur die Dichterin. Denn sie habe eine absonderliche Gabe, allerlei Tanzlieder, Coblas, Rundgesänge und Canzonetten zu dichten und sie nach eigenen Weisen zu singen, so daß sie, wenn sie sich ja einmal unter junge Leute mische und an einer ehrbaren Festlichkeit Theil nehme, immer um ein neues Lied bestürmt werde und nie darum verlegen sei. Was sie gedichtet, falle gleich ins Ohr und werde nicht so bald wieder vergessen, dazu komme ihre züchtige Anmuth, die Jedem das Herz abgewinne, so daß sie trotz ihrer mangelnden Mitgift schon oft eine vortheilhafte Heirath hätte machen können. Doch wolle sie ihren Vater nicht verlassen, der ein grilliger alter Knabe sei, so daß ein Eidam, der ihn mit in seine junge Wirtschaft bekäme, keine kleine Last an ihm zu tragen hätte.
      Dieser Bericht war Oel in die rasche Flamme, die in Herrn Raimon's Brust durch den Anblick und Gesang seiner jungen Kunstgenossin entfacht worden war. Er konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, ohne daß ein muthwilliger Traum das dichtende und singende holde Geschöpf an ihm vorüberführte, immer nur im Fluge, so daß der Aerger, daß sie ihm aus den Händen schlüpfte, ihn alsbald wieder erwachen ließ. Kaum war es Tag geworden, so umschlich er von Neuem das Haus mit dem Rosenstock, dessen Läden der frühen Sonne geöffnet waren, doch nichts Anderes zeigte sich im Innern, als ein grauer Haarbüschel auf einer vielgefurchten Stirn, hinter welcher der alte Schwertfeger seine unwirschen Morgengedanken ausbrütete. In der That war der Vater des dichtenden Mägdleins mehr einem Schuhu, als einem ehemals buntgefiederten alten Singvogel ähnlich und zwinkerte, während er ab und zu einen Zug aus der zinnernen Kanne that, so unheimlich blöde und giftig zugleich mit den gerötheten Augenlidern, daß er jeden fremden Gast von seiner Schwelle zurückschrecken mußte.
      Herr Raimon indessen kümmerte sich wenig um diese Vogelscheuche, sondern schlug sich durch ein Seitengäßlein nach dem Flusse hinab, bis zu welchem das Gärtchen hinter dem kleinen Hause sich erstreckte. Sein ahnendes Gemüth hatte ihn nicht getäuscht. Ueber den niederen Zaun hinweg sah er die schlanke Gestalt seiner jungen Collegin durch die grünen Büsche wandeln, ein rothes Tüchlein lose ums Haupt geschlungen, unter dem ihre Augen und Wangen noch einmal so blühend hervorleuchteten. Sie sang nicht, schien auch nicht ganz leichten und heiteren Gemüthes, wie ein noch unerfahrenes Kind, das in der Morgenluft die Schatten ängstlicher Träume umflattern. Mit ihren Händen, die nicht eben geschont, aber von schlanker Form und leicht gebräunt waren, wand sie eine lose Guirlande aus Lorbeer- und Granatzweigen, die sie im Gehen von den nächsten Sträuchern brach, und blieb mit heftigem Erschrecken mitten im Wege stehen, als Herr Raimon ihr über den Zaun zurief, ob sie da einen Kranz winde für ihren eigenen Scheitel, sich damit zu schmücken, wie es einer berühmten jungen Dichterin gezieme.
      Sie hatte sich rasch gefaßt und sah ihm jetzt mit ihren schwarzen Augen ruhig ins Gesicht.
      Ich habe mir Nichts dabei gedacht, sagte sie, als ich die Zweige pflückte, aber nun ich es bedenke, ist es mir lieb, daß der Kranz wie von selber zu Stande gekommen ist. Denn wenn er nicht zu schmucklos ist für eine Dichterstirn, mögt Ihr ihn tragen, Herr Raimon von Miraval.
      Damit verband sie die Spitzen der Lorbeerzweige, schlang den Faden herum, und indem sie mit leichter Befangenheit an den Zaun herantrat, überreichte sie das blühende Gewinde dem Ritter, der eine Weile zauderte, danach zu greisen, da er ganz in den Anblick des schönen Wesens versunken war.
      Ich dank' Euch, Gaudairenca, sagte er endlich. Aber wie wißt Ihr meinen Namen?
      Ich sollte eher fragen, wer Euch den meinen gesagt hat. Euch kenn' ich wohl. Als Ihr mit dem Grafen Raimon von Toulouse vor zwei Jahren durch Carcassonne geritten kamt, zeigten die Leute auf Euch als den Dichter der schönen Canzonen, die man hie und da singen hört, und da sie mir sehr gefallen hatten, betrachtete ich Euch aufmerksam und behielt Euch wohl im Gedächtniß, als den ersten berühmten Sänger, den ich je gesehen. Gebt Euren Hut her, Herr Raimon; ich will Euch den Kranz herumheften.
      Er that, was sie von ihm verlangte. Ihn däuchte, er habe nie einen holderen Dank für sein Singen erhalten, nicht an den reichsten Fürstenhöfen, noch von hochgeborenen Frauen.
      Und doch, da ich gestern Abend mich Eurem Fenster näherte, fuhr er fort, verschlosset Ihr vor mir den Laden, als ob ein gräulicher Drache Euch angestarrt hätte.
      Das that ich, weil ich mich schämte, versetzte sie erröthend. Ihr hattet mich singen hören, und es war ein einfältiges Lied, ohne Kunst und Sinn und Verstand; Ihr aber seid ein Meister, der die schönsten Reime findet und die trefflichsten Gedanken. – Da habt Ihr den Hut zurück, und nun geleit' Euch unser Heiland! Ich muß ins Haus!
      Gaudairenca! rief er und hielt die Hand fest, die ihm den bekränzten Hut herüberreichte, das schlichteste Wort, das deine rothen Lippen sprechen oder singen, ist köstlicher, als die gepriesensten Lieder des Herrn Bernard von Ventadour, oder Peirol's, oder sonst eines berühmten Sängers, und seit ich jenes Tanzliedchen gehört, ist mir mein eigenes Singen so verleidet wie Pfauenschrei neben dem Schlag der Amsel oder Lerche. Du hast es mir so wundersam angethan, daß ich meine, ich müsse auf ewig verstummen, wenn ich deine Stimme nicht mehr höre.
      Sie lachte ein wenig, indem sie immer tiefer erröthete. Das wäre mir ewig leid um Euch und die Welt und mich selbst, da ich Eure Lieder liebe. Aber wenn Ihr dies nicht sagt, um eines ungelehrten Mädchens zu spotten, – die Straße vor unserm Hause ist frei, Herr Raimon, und ich singe immer, wenn ich arbeite, und da es mir an Arbeit nicht fehlt, ist auch an meinem Singen Ueberfluß. Nur freilich, wenn ich denken soll, es hört mir Einer zu mit so feinen Ohren, wie die Euren, werde ich noch ungeschickter singen, als sonst. Mein Vater schilt ohnehin oft genug, daß ihm das ewige Tireliren Kopfweh mache. Horcht! da ruft er nach mir. Lebt wohl und habet Dank!
      Sie riß sich hastig vom Zaun hinweg, und er sah sie das Gärtchen durcheilen, daß ihr die langen Zöpfe im Winde flogen. Dann nahm er in tiefen Gedanken den Hut ab und drückte eine der dunkelrothen Granatblüten an seinen Mund. Daß es deine Lippen wären, Gaudairenca! murmelte er vor sich hin. Darauf schritt er langsam, das Haupt zur Brust geneigt, seiner Herberge zu.
      Desselbigen Abends fand er sich wieder vor dem Hause mit dem Rosenstock ein, den Kranz kecklich um den Hut gewunden, so daß die Nachbarn auf ihn zeigten und sich zuraunten, es müsse unter diesem Hute nicht ganz richtig stehen. Bald aber erfuhren sie, wer der wunderliche Fremde sei, der Abend für Abend auf einem steinernen Bänklein dem Schwertfegerhaus gegenüber saß und an Nichts zu denken schien, als dem leisen Singen zuzuhören, das von drüben erklang; und da sie nicht wenig stolz waren auf die »Dichterin«, die ihr Stadtkind war, hüteten sie sich, ihn zu stören mit neugierigem Hinzutreten und Anreden. So dauerte das eine Woche, ohne daß die Sängerin sich viel hätte blicken lassen, da sie darauf bedacht war, ihren Ruf zu hüten. Auch das Gärtchen hatte sie gemieden, sobald ihre scharfen Augen ihr anzeigten, daß der höfische Freund den Zaun umschlich, um wieder eine Zwiesprach mit ihr anzuknüpfen. Dies Alles that sie ganz ohne Arglist, nicht etwa um ihn durch ihr Fernhalten nur fester anzuziehen, da sie so bescheiden war, wie klug, und im Traum nicht daran dachte, es könne dem ritterlichen Herrn im Ernst an ihr gelegen sein. Sie wußte ja auch, daß er in Fürsten- und Grafenschlössern ein gern gesehener Gast war, und was von seinem Liebesunstern verlautete, konnte ihr seinen Werth nicht schmälern, da sie es nicht zu fassen vermochte, wie ein Weib einem so vornehmen und trefflichen Manne mit Unglimpf begegnen könne, wenn es nicht ein Herz im Busen trüge, das taub sei für den Zauber süßer Gesänge.
      Darum erschrak sie in allem Ernst, als eines Abends Herr Raimon in das kahle und ärmliche Zimmer ihres Vaters trat und mit schlichten, aber nachdrücklichen Worten seine Tochter von ihm zum Weibe begehrte. Der grillige alte Mann, den Gicht und Armuth und die eigensinnige Zurückgezogenheit von der Welt mißtrauisch und menschenfeindlich gemacht hatten, glaubte nicht anders, als man wolle ein frevelhaftes Spiel mit ihm treiben, und erhob in blindem Zorn den Stecken, an dem er durchs Haus zu schleichen pflegte, wie um einen bösen Buben abzuwehren. Auch er kannte den Ritter dem Rufe nach, und obwohl Miraval kein reicher Besitz war, schien ihm doch die Werbung des höfischen Mannes um ein geringes Stadtkind ein Unding, nur zu Schimpf und Schmach ersonnen. Als aber Raimon seine redliche Absicht betheuerte, seine eigene Armuth gestand und erklärte, ihm thue eine wirthlich und prunklos erzogene Hausfrau Noth, da er des Herumschweifens satt sei und in ehrbarer Stille auf der väterlichen Burg zu leben gedenke, auf welcher auch für den Schwiegervater Platz sei, blickte der Alte, ohne ein Wort zu sagen, seine Tochter an, die regungslos an einem Thürpfosten lehnte und röther glühte als die Granatblüten in ihrem Garten. So schwiegen die Drei eine kleine Weile. Dann kam plötzlich Leben in die junge Gestalt. Ein schüchternes Lächeln ging über ihr zartes Gesicht, sie schlug die Augen mit einem strahlenden Blick zu dem theuren Manne auf und nickte ihm kaum merklich mit dem Haupte zu. Er aber, der trotz seiner Geburt und des Bewußtseins von seinem Dichterruhm verlernt hatte, an Glück zu glauben, stürzte mit einem Aufschrei des höchsten Jubels zu ihr hin und umfaßte die reizende Geliebte, die in verworrenem Taumel ihm in die Arme sank und ihm zuflüsterte: Wenn ich Euch nicht unwerth erscheine, nehmt mich hin; ich hab' Euch geliebt vom ersten Augenblick!
      Nun wurde in Kurzem eine stille, aber fröhliche Hochzeit gehalten, bei welcher das alte Schwertfegerhaus in ein grünendes, blühendes Zauberschlößchen verwandelt erschien, da die Braut alle Sträucher und Beete ihres Gartens geplündert hatte und Freunde und Nachbarn, die geladen waren, es sich angelegen sein ließen, durch zierliche Hochzeitsgaben aller Art sich dankbar zu zeigen für die seltene Ehre, die ihrer jungen Mitbürgerin geschehen. Herr Raimon trug das Haupt hoch, als er an der Seite seines jungen Weibes aus der Kirche schritt. Er mußte in all seiner Hochzeitswonne mit stiller Schadenfreude daran denken, wie manche hochgeborne Frau bei der Nachricht von dieser Vermählung sich kränken würde, daß der Sänger, der ihren Ruhm hätte verbreiten können, ihr nun aus dem Netz gegangen und in einem bescheidenen, aber neidenswerthen Glück vor den Tücken höfischer Schönen geschützt sei. Als die junge Frau bei Tische von den Gästen gebeten wurde, zum Abschiede noch einmal eines ihrer Lieder zu singen, und nun mit einem schalkhaft süßen Blick auf Raimon jenes Tanzliedchen anhob, das ihn zuerst an ihr Haus gefesselt hatte, kam es ihm vor, als sei aller Glanz des höfischen Kunstgesanges ein blasser künstlicher Schein gegen die reine Flamme, die hier alle Herzen hell und heiter machte und er verschwor sich heimlich, keine Stunde seines Lebens mehr an diesen eitlen Tand zu vergeuden.
      Auch hielt er dies Gelübde redlich die erste Zeit, die er mit seiner lieben Frau auf Miraval zubrachte. Zu ihrem Glücke fanden sie dort von den drei Brüdern, die gemeinsam die Burg bewohnt, nur noch den ältesten, einen harmlosen, gutherzigen Mann, der das Pflegeramt verwaltete, nachdem die beiden Andern, des ewigen Zankens und Mißgönnens müde, in fremdem Herrendienst ein reichlicheres Auskommen gesucht hatten. Der Zurückgebliebene, 
      Gaucelm mit Namen, empfing die schöne junge Schwägerin mit brüderlicher Herzlichkeit und ließ sich auch die Zugabe des alten Schuhu's gefallen, für den in einem Thurmgemach ein ganz wohnliches Nest eingerichtet wurde. Nicht lange, so hatte die neue Herrin das verstaubte, verwahrloste alte Gebäude mit geringem Aufwande so sauber wieder hergestellt, daß die Gäste, die sich hin und wieder einfanden, es kaum noch zu erkennen vermochten. Auch sorgte sie dafür, daß die Felder ordentlich bestellt, der Wald nicht thöricht verwüstet, der Garten in gutem und einträglichem Stand erhalten wurde und es ihrem Raimon in Küche und Keller an nichts Wünschenswerthem gebrach. Nur verlernte sie über diesem scharfen Wirtschaften und Haushalten ihr Singen, und erst als sie ein Kind in der Wiege zu schaukeln hatte, ein Mägdlein mit goldhellem Haar und den schwarzen Augen der Mutter, fing sie an Schlafliedchen zu summen, die sie von Niemand gelernt hatte, als von ihrem eigenen Mutterherzen.
      Auch ihre alten Tanzlieder fielen ihr wieder ein, als sie die Kleine die ersten Schritte machen lehrte, aber sie sang sie ihr nur, wenn sie mit dem Kinde allein war. Denn es war Etwas in ihr, das sie warnte, ihren Gatten nicht an alte Zeiten und seine alten Künste zu erinnern, die er über seinem ruhigen Hausvaterberuf glücklich vergessen zu haben schien. Das hatte nun etliche Jahre gewährt, und wer Herrn Raimon von Miraval heimsuchte und ihn auf dem Felde die Knechte anweisen oder im Obstgarten Edelreiser pfropfen oder mit dem Falken auf der Faust, seinen Bruder Gaucelm neben sich, auf die Jagd reiten sah, hätte sich schwerlich träumen lassen, dieser wettergebräunte, schlicht gekleidete Biedermann sei der nämliche Raimon, der zu den Füßen schöner Damen geschmachtet und einem Könige den Weg zu seiner eigenen Liebsten gewiesen hatte.
      Da kam eines schlimmen Tages ein Brief vom Grafen von Toulouse, der in scherzenden Worten anfragte, ob über dem Honigtrank der Liebe der edle Wein der Freundschaft denn ganz vergessen oder verachtet werde. Der Brief war in Reimen abgefaßt und das Geleit (wie das kürzere Ströphchen am Schlusse genannt wurde) wandte sich an die Frau Dichterin mit der Bitte, ihrem Eheherrn die Zügel ein wenig zu lockern, daß alte Freunde sich einmal wieder sein erfreuen könnten.
      Gaudairenca erschrak bis ins innerste Herz, als ihr Gatte ihr diese Botschaft mittheilte, ohne selbst ein Wort hinzuzufügen. Als ein kluges Weib aber wie sie war, redete sie eifrig zu, sich nicht störrig und unhöfisch zu erzeigen, sondern der Ladung des erlauchten Freundes zu folgen. Erst da sie Raimon vom Söller aus nachsah, wie er hastig hinwegritt, als ob er fürchte, doch noch zurückgehalten zu werden, entlud sich ihr schweres Herz in bangen Tropfen, die auf das blonde Häuptlein ihres Kindes niederfielen, und sie drückte die kleine 
      Constanze so fest an ihre Brust, daß auch sie zu weinen anfing und der gute Schwager, der wohl begriff, was den Himmel über Miraval so jählings trübte, genug an Mutter und Kind zu trösten hatte.
      Leider wollte sich auch die Luft nicht wieder klären. Gaudairenca's kummervolle Ahnung traf allzu bald und allzu gründlich ein, Raimon schien am Hofe von Toulouse den alten Adam, den auszuziehen er gelobt, sofort wieder angezogen zu haben, und wenn er auch an Weib und Kind zurückdenken mochte, er ließ nie ein Wort von ihnen verlauten, so daß auch die Scherzreden, mit denen er empfangen worden war wegen seiner dichtenden Gattin aus bürgerlichem Hause, bald für immer verstummten. Es war zu jener Zeit nichts Seltenes, daß ein Troubadour im Geheimen eine unhöfische Verbindung schloß, die ihm zwar nicht vor Gott, aber vor den Menschen völlige Freiheit ließ, standesgemäße Abenteuer zu suchen und um Frauengunst zu werben. Also trieb er, nachdem er den Rost von seiner Leier ein wenig abgeschliffen, sein ungebundenes Wesen ganz wie vor Zeiten und als säße nicht daheim auf der Burg seiner Väter eine schöne junge Frau in bitterer Verlassenheit und Sehnsucht, und begnügte sich nur in großen Pausen, wenn ein Bote grade in jene Gegend gesandt wurde, mit einem kurzen Gruß seiner Hausfrau sagen zu lassen, es gehe ihm wohl und er hoffe, auch ihr fehle es an Nichts, worauf regelmäßig die Antwort kam, es stehe unter Gottes und Schwager Gaucelm's Schutz Alles wohl im Hause, und die kleine Constanze blühe und gedeihe und lasse dem Vater gute Tage wünschen.
      Von ihrem eigenen Zustande erwähnte sie nie ein Wort, theils aus Bescheidenheit und theils aus Stolz. Sie hatte es nicht vergessen, daß sie aus geringem Hause war und nicht den Anspruch erheben durfte, ihrem ritterlichen Geliebten seine ganze höfische Welt aufzuwiegen. Um so weniger aber wollte sie von seinem Mitleiden erbetteln, was seine Liebe ihr nicht aus freien Stücken gewährte, zumal sie ihres Frauenwerthes sich gar wohl bewußt war und sich getraut hätte, wenn er sie mit zu Hof genommen, neben den hochgebornen Schönen, die ihr gleißendes Spiel mit ihm trieben, aufgerichteten Hauptes und hellen Auges einherzugehen und von Keiner überglänzt zu werden.
      Herr Raimon, als ein eitler Mann und Poet und durch den neuen Ruhm, den er sich ersang, verblendet, verstand den schlichten, niemals klagenden oder flehenden Ton ihrer kurzen Briefe unrecht, vielmehr kam es ihm gerade gelegen, das herauszulesen, was ihn berechtigen konnte, noch länger fernzubleiben. Wenn er zurücksann, wie sie ihm ihre Liebe und ihr jungfräuliches Selbst zu eigen gegeben und die ersten Jahre ihn beglückt hatte, konnte er sie freilich nicht der Herzenskälte zeihen. Er redete sich aber ein, wie so manchem Weibe sei auch ihr die Liebe zu dem Kinde vor die Sehnsucht nach anderm Liebesglück getreten und fülle ihr Herz so gänzlich aus, daß sie kummerlos den Gatten entbehre und ihr Strohwittwenthum nicht als eine Last empfinde. Das nahm er ihr nun nicht wenig übel, da er sich als ein so trefflicher und hochverdienstlicher Mann erschien, und er beschloß bei sich, wenn sie es denn nicht besser haben wolle, seine Gedanken ohne jeden Scrupel ganz von ihr abzuwenden und einzig und allein seiner Kunst zu leben und dem Dank vornehmer Frauen nachzutrachten, der seinem thörichten Ehrgeiz verlockender schien, als ein Lächeln seiner holden Frau und ein Lallen seines jungen Kindes.
      So war er schon in das zweite Jahr von Hause weggeblieben, als er in die Netze einer gefährlichen Dame fiel, 
      Ermengarde von Castres im Albigensischen, der reizenden Gemahlin eines greisen ritterlichen Barons, der ihr bald genug den Gefallen that, das Zeitliche zu segnen und sie als unumschränkte Herrin seiner Güter und ihrer Person zurückzulassen. Diese Frau, die man gewöhnlich nur die schöne Albigenserin nannte, zog in der unbequemen Muße ihres Trauerjahres, das sie von geräuschvollen Festen ausschloß, unsern Dichter an sich und ließ sich von ihm in allen Tonarten besingen, ohne freilich ihm einen besonderen Lohn zu gönnen. Denn heimlich hatte sie schon aus den Jahren ihrer Ehe ein zärtliches Einverständniß mit einem gewissen 
      Olivier von Saissac, der ein herabgekommener Junker, aber von verwegenem Muth und schöner Gestalt war und die lebensfrohe junge Wittwe besser zu trösten wußte, als der in seinen Ruhm verliebte Sänger mit seinen schmachtenden Canzonen. Sie war aber verschlagenen Sinnes und wollte neben dem heimlichen Feuer, das ihre fröstelnden Wittwentage erwärmte, auch des Lichts nicht entbehren, das ihre Reize weithin sichtbar machte, munterte daher Herrn Raimon mit süßen, vielverheißenden Blicken und verstohlenen Geberden unverdrossen auf, ihr seinen singenden Hof zu machen, und verbreitete die Lieder zu ihrem Preise in vielen Abschriften, die Olivier von Saissac mit eigener Hand anfertigte, heimlich ins Fäustchen lachend, daß der Schreiberlohn freigebiger sei als der Sängerlohn.
      Herr Raimon, als ein gebranntes Kind, hätte nun billig das Feuer scheuen und Verdacht schöpfen sollen, ob es mit der tugendhaften Zurückhaltung der trauernden jungen Wittwe auch ganz richtig bestellt sei. Wie eine wahrhaft liebende edle Frauenseele beschaffen sein müsse, konnte er überdies aus bester Erfahrung gelernt haben. Aber der Hochmuthsteufel machte ihn blind und taub gegen so manche Zeichen und Winke, die ihn hätten warnen können, und wie ein Knabe, der eine reife und süße Frucht wegwirft, um einen Baum zu erklettern, aus dessen Wipfel ihm ein wurmstichiger Apfel winkt, trieb er es immer eifriger in seinem närrischen Minnedienst und hatte darüber seit vielen Monden versäumt, auch nur das dünne Fädchen fortzuspinnen, das ihn noch mit seinem eigenen Hause verknüpfte.
      Doch mußte er endlich, widerwillig genug, der Rede eines guten Freundes Gehör geben, der ihm mit Gewalt die Augen zu öffnen suchte und ihn erinnerte, wie schmählich es ihm vor Zeiten ergangen sei. Selbst von dem Handel mit Olivier erfuhr er nun das erste Wort, ohne doch daran glauben zu wollen, und nur so viel fruchtete die Ermahnung, daß er beschloß, sich nicht länger mit schönen Worten hinhalten zu lassen, sondern, da das Trauerjahr mit Nächstem zu Ende ging, seinen Dienst aufzukündigen, wenn der Lohn ihm auch ferner vorenthalten werden sollte.
      Die schöne Albigenserin hörte den Dichter, der mit leidenschaftlicher Erregung vor sie hintrat und seine Sache auf Biegen oder Brechen stellte, mit scheinbarer Bestürzung über seine kühnen Wünsche an, ließ dann ihre zärtlichen Augen bittend und demüthig wie ein gescholtenes Kind auf ihm ruhen und entgegnete mit verstellter Beklommenheit: das Alles komme ihr so unerwartet, da sie bisher sein Werben nur für eine Dichterlaune genommen habe, daß sie sich nicht sogleich darein finden könne, an seinen Ernst zu glauben. Sie selbst habe noch nie daran gedacht, ihren Stand zu verändern, gestehe aber gern, daß sie gegen seine Vorzüge nicht blind sei und keinen wünschenswertheren Freund sich denken könne. Nur mache gerade das, was ihn vor anderen Männern auszeichne, sie wieder bedenklich, da man die Falternatur der Poeten kenne, die jede Kerze umflatterten. Sie aber könne sich nicht entschließen, den Besitz eines Mannes mit irgend einer Frau zu theilen.
      Hier unterbrach sie Raimon mit stürmischen Betheuerungen, daß er ihr ganz und für ewige Zeit ergeben sein und ihre Gunst mit einer Treue vergelten werde, die jede Probe herausfordere.
      Nun denn, Herr Raimon, fuhr sie lächelnd fort, indem sie mit den Locken des vor ihr Knieenden spielte, so beweist es mir, indem Ihr eine sehr geringe und leichte Sache vollbringt, die ich von Euch fordern muß, eh' ich die Eure werde. Man sagt, Ihr seiet vermählt, mit einem bürgerlichen Weibe, von dem der Ruf geht, sie sei in der Dichtkunst wohl erfahren. Wißt Ihr, daß ich manches Mal, wenn ich Eure Verse hörte, im Stillen dachte: ob seine Frau ihm dabei geholfen hat? Wenigstens waren die Gedanken oft so zart und blumenhaft, daß sie eher aus einem Frauenkopf, als aus einem männlichen Geist entsprungen zu sein schienen. Nun denn, einen Liebhaber zu besitzen, der hin und wieder nach Hause reitet, um, wenn ihm selbst nichts mehr einfällt, was er zu meinem Preise sagen könnte, die Gedichte seiner Gattin zu bestehlen, würde mir schimpflich dünken. Und überhaupt geht es mir gegen den Sinn, ein loses Band zu knüpfen, das jede Laune einer bösen Stunde zerreißen mag. Einen Gatten will ich mir nehmen, bei dem ich bis an mein Ende wohlaufgehoben wäre. Wenn ihr mich also ernstlich und heiß genug liebt, um jede Probe zu bestehen, so eilt heim in Eure Burg und trennt Euch für immer von Eurer dichtenden Hausfrau, dann kommt zurück zu mir, und ich schwöre Euch bei meinem irdischen und himmlischen Heil, daß hier eine fröhliche Hochzeit gefeiert werden soll.
      So sagte die Listige, und als sie ihn betroffen verstummen sah, erhob sie sich und fügte noch hinzu: Ich sehe, daß Eure Treue und Sehnsucht nur ein Gedicht war. Gut denn! So nehmt auch meine Worte für nichts Besseres und lasset uns als Freunde scheiden.
      Da haschte er nach ihrer Hand, drückte seine Lippen darauf, und indem er sich muthiger und entschlossener stellte, als ihm ums Herz war, rief er: Rüstet nur immer die Hochzeit, holde Gebieterin; denn bei den sieben Wunden der Gnadenmutter, der Bräutigam wird nicht auf sich warten lassen!
      Sie nickte ihm mit einem triumphirenden Lächeln zu und flüsterte: Geht! Ihr seid ein Dichter, Herr Raimon! – dann eilte er von ihr hinweg, schwang sich mit brennendem Kopf und verstörtem Herzen auf sein Pferd und sprengte die Straße dahin, die nach Miraval führte.
      Zwei scharfe Tagesritte hatte er zurückzulegen, Zeit genug, den Kopf verkühlen zu lassen und den Aufruhr in seiner Brust zu stillen. Es wollte ihm aber nicht gelingen. Am ersten Tage freilich wirkte der Zauber der schönen Hexe noch genugsam nach, daß er jede Einrede der Vernunft und jede Klagestimme des Gewissens zum Schweigen brachte, wenn auch nicht ohne steten Kampf mit seinem besseren Selbst. Was verliere sein Weib, wenn sie ihn freigebe? Mehr nicht, als sie in den letzten Jahren schon entbehrt habe, ohne es sonderlich zu vermissen. Habe sie nicht hinlänglichen Ersatz an dem Kinde und ein reichliches Leben dazu, da er ihr auf Miraval zu wohnen auch ferner gestatten wolle? Und sei nicht Bruder Gaucelm da, sie in allen Fährlichkeiten, denen ein einsames Weib sich ausgesetzt sehe, zu schützen? Für den sei sie die rechte Frau, und wer könne wissen, ob er es nicht sei, der ihr die Trennung von dem Gatten so leicht gemacht habe! So möge er sie denn ganz hinnehmen, der wackere Hausvogt die gute Haushälterin! Er aber, Raimon, – ein Höllengeist müsse ihn verblendet haben, daß er das Carcassonner Schwertfegerkind zu seinem Weibe gemacht. Gleich zu Gleich, sage die Weisheit aller Völker und Zeiten. Als Gemahl eines stolzen adeligen Weibes, wie Ermengarde, – wie anders könnte er seine ritterliche Kunst pflegen, daß er die berühmtesten Troubadours der ganzen Provence überstrahlte! Und liebe sie ihn nicht auch? Sei er es ihr nicht schuldig, zu beweisen, daß seine Huldigungen mehr gewesen als Gedichte? Jetzt endlich sei es in seine Hand gelegt, alle neidischen Kläffer, die ihm alte Geschichten aufmutzten, zu beschämen, und er könne noch Bedenken tragen, ein so geringes Hinderniß aus dem Wege zu räumen?
      So sprach er am ersten Tage in tausendfachen Wiederholungen zu seinem anklagenden Herzen. Am zweiten aber wurden die aufmunternden Stimmen immer kleinlauter und verstummten endlich ganz. Eine öde, unheimliche Stille war in seinem Innern, und nur von Zeit zu Zeit summte ihm die Weise des Tanzliedchens vor den Ohren, mit welchem sich Gaudairenca ihm ins Herz gesungen hatte. Dann stieß er dem Falben, den er ritt, die Sporenstacheln tief ins Fleisch und war froh, wenn der klirrende Hufschlag ihm die seltsam süße Melodie übertönte.
      Als er dann am Abend die Zinnen von Miraval über den Wipfeln der hohen Ulmen und Nußbäume, die den Wall umstanden, herüberwinken sah, hielt er unwillkürlich den Zügel an. Ihm schwindelte der Kopf, und das Wiedersehen der alten Mauern, in denen er eine so schöne, stille Zeit verlebt hatte, gab ihm einen Stich ins Herz. Auch war die ganze lange Rede, die er sich seinem Weibe zu halten vorgenommen, bis auf das letzte Wort aus seinem Gedächtniß verflogen. Dann aber schämte er sich, daß ein Weib, welches sich zwei Jahre ohne ihn zu behelfen vermocht, ihm solche Furcht einjagen könne, und sprengte in desto wilderer Hast den steilen Schloßberg hinan.
      Das gute Roß strauchelte, als es über die lückenhaften Balken der Zugbrücke trabte; Herr Raimon aber, ohne des Vorzeichens zu achten, riß es mit Gewalt in die Höhe und: Wo ist die Frau? herrschte er dem Knechte zu, der eilig herbeigerannt kam und den unverhofft heimgekehrten Herrn mit lebhafter Freude begrüßte.
      Sie sei mit dem Kinde ins Dorf hinabgegangen, eine Wöchnerin zu besuchen. Herr Gaucelm habe einen Ritt in die Stadt gemacht, da er einen Rechtshandel wegen eines Brückenzolls zu schlichten habe.
      Und meiner Frauen Vater?
      Ist vor vierzehn Tagen unter der Linde auf dem Gottesacker bestattet worden. Wir hätten die Kunde Herrn Raimon sofort zu wissen gethan, aber Niemand konnte sagen, wo ein Bote ihn zu suchen hätte.
      Es ist gut! murmelte der Heimgekehrte zwischen den Zähnen, mit einem so scheuen, düstern Blick, daß der Knecht sich Sorge machte, sein Herr sei krank und nur darum nach Hause gekommen, um sich von seiner Hausfrau pflegen zu lassen. Auf die Frage aber, ob man Frau Gaudairenca eilig herbescheiden solle, antwortete Raimon nur mit einem heftigen Kopfschütteln und trat, ohne nur Einen von dem herzulaufenden Gesinde zu begrüßen, ins Haus.
      Es war ihm lieb, daß ihm noch eine Frist gewährt war, sich zu sammeln und seiner ersten weichen Bewegung beim Anblick der heimathlichen Stätten Herr zu werden. Den Hut auf dem Haupt, ohne den Reisestaub von den Kleidern zu schütteln, wie Einer, der an kein Rasten denkt, schritt er durch die wohlbekannten Gemächer, die in der letzten Tagesglut ihn heimlich anlachten. Hier stand Jedes geordnet und gefestet an seinem Ort, während es in seinem Inneren unwirthlich und verstört aussah, wie in einem sturmdurchfegten Hause. An vielfachen Zeichen konnte er das liebliche Walten seiner klugen und umsichtigen Hausfrau wahrnehmen in der Halle drunten, wo die eichene Tafel stand und an den Wänden herum das blanke Zinngeschirr, die Becher und Schüsseln, das Linnen reinlich über den Tisch gebreitet zu dem einsamen Nachtmahl, neben dem Gedeck der Mutter ein kleines Tellerlein mit winzigem Becher und einem Hornlöffelchen für das Kind. So waren auch die übrigen Kammern, in die er hineinblickte, musterhaft gehalten und aufgeräumt, und in den Wohnzimmern standen in einfachen Krügen große Sträuße aus den schönsten Blumen, die das Gärtchen am Zwinger zu tragen pflegte. Eine wirthliche Hausfrau ist sie! mußte er sich eingestehen. Aber was ist sie mehr? – Er wappnete sich gegen die wohlige Empfindung, die ihn zu beschleichen suchte. So stieg er ins obere Geschoß hinauf, da war ihre eigene Kammer, daneben das Schlafgemach, wo das Ehebett stand, das kleine Bett des Kindes zur Seite. Hier aber warf er nur einen flüchtigen Blick hinein, er fürchtete, es möchte ein Geist ihm an der Schwelle entgegentreten, der ihn mit Gaudairenca's schwarzen Augen anblickte und ihn vollends entmannte. Mit einem schweren Seufzer schritt er zu dem kleinen viereckigen Fenster des Wohnstübchens, neben welchem ihr Sessel stand, das Spinnrad und ein Rahmen, an dem sie allerlei künstliche Stickereien zu machen pflegte. Das Fensterchen war geöffnet, von den Bäumen draußen drang der würzige Geruch des Nußlaubes herein, und tiefer unten lag das weite Land mit kleinen Häusern, Kornfeldern und rauchenden Meilern friedlich in der Abendsonne.
      Der friedlose Mann wandte die Augen ab, als ob dieses sanfte Bild ihm Schmerz mache. Ohne zu wissen, was er wollte und suchte, öffnete er einen Schrank, der in der holzgetäfelten Fensternische stand und allerlei bescheidenen Frauenputz verschloß. Mechanisch zog er ein Lädchen nach dem andern auf und betrachtete die Nadeln und Spangen, die Gold- und Seidenfäden, die Hals- und Nastüchlein, die hier schön geordnet beisammen lagen. Im untersten Fach aber, das sich nur öffnete, wenn man auf eine verborgene Feder drückte, sah er etwas, das ihn plötzlich aus seinem ziellosen Sinnen herausriß.
      Ein ziemlich starkes Heft lag darin, aus derben Blättern, wie sie in gebundenen Büchern vorn und hinten eingefügt zu sein pflegen, sorgfältig zusammengenäht. Als er es herausnahm, erkannte er sofort die zierliche Handschrift Gaudairenca's und sah auf den ersten Blick, daß es Gedichte waren. Es fuhr ihm durch den Kopf, ob es etwa seine eigenen seien, die sie gesammelt und zu einem Bande für ihre eigene Erbauung vereinigt habe. Aber schon nach den ersten Zeilen mußte er diese eitle Vermuthung aufgeben. Minnelieder waren es freilich und in den Strophen und mit der kunstvollen Reimordnung, die er selbst anzuwenden pflegte. Aber nicht Liebesklagen eines Mannes und ritterlichen Sängers, sondern einer Frau, die nicht müde wurde, ihr sehnsüchtiges Gemüth in diese klingenden Zeilen zu ergießen, jetzt das Glück zweier zärtlich verbundenen Herzen preisend, jetzt das harte Loos beseufzend, den einzigen Mann, der ihr Tag und Nacht im Sinne liege, nicht in ihre Arme schließen zu können, weil böse Menschen und feindliche Sterne zwischen ihnen stünden, dann wieder den Entschluß aussprechend, sich aufzumachen, und wenn sie barfuß gehen müßte über scharfe Kiesel und spitzige Dornen, um den Geliebten nur einmal mit Augen zu sehen und von Ferne mit der Hand ihm eine gute Nacht zuzuwinken.
      Es war kein Zweifel, all diese Blätter hatte die einsame »Dichterin« beschrieben, sich mühend, nachdem sie in ihrer Mädchenzeit einfältige Volksweisen erfunden, jetzt die höfische Dichtersprache ihres Gatten zu reden und ihm Alles abzulernen, was ihn selbst berühmt gemacht hatte. Nur das schien minder klar, ob diese Blätter mehr zu bedeuten hatten, als Uebungshefte einer gelehrigen Schülerin. Es war in jener Zeit so völlig unerhört, daß ein noch so zärtlicher Ehemann, und wäre er zehnmal ein warmherziger Poet gewesen, auf seine eigene Frau Liebste Gedichte machte, daß die Voraussetzung, ein eheliches Weib könne Liebeslieder an ihren eigenen Gatten richten, ein schier lächerlicher und gänzlich unsinniger Gedanke schien. Höfische Reime entsprangen einzig und allein im Verkehr der Geschlechter untereinander, die durch kein festes und geweihtes Band mit einander verknüpft waren. Wohl hatte man adlige Frauen gesehen, die auf das Werben eines Troubadours eine leidenschaftliche Erwiderung in zierliche Strophen gezwängt hatten. Warum sollte Frau Gaudairenca in der langen unbewachten Verlassenheit ihres Lebens nicht gleichfalls ihr Herz einem der vielen abenteuernden Gesellen zugewendet haben, die von Burg zu Burg schwärmten und die Besten und Schönsten für gerade gut genug ansahen, ihre verwegenen Wünsche zu erfüllen? Nirgend war Raimon's Name genannt, nirgend von der Gattentreue gesprochen, die der ersehnte ferne Freund allzulange schon gering achte. Nur die herzliche Trauer, mit dem Geliebten nicht nach Wunsch vereinigt zu sein, die Bitte, kein Hinderniß zu achten, um zu ihr zu eilen und ihre Sehnsucht zu stillen, klang sanfter oder stürmischer aus diesen Blättern, durchaus nicht anders als eine Frau sich auszudrücken pflegte, die vom eifersüchtigen Gatten behütet ihren Liebsten ermahnt, um jeden Preis sich zu ihr zu stehlen. Wie, wenn Schwager Gaucelm von der heimlichen Liebschaft erfahren, dem gefährlichen Gast das Haus verboten und den Zutritt zu seiner schönen Schwägerin ihm erschwert hätte? Wohl klang hin und wieder auch ein Ton des Argwohns mit durch, daß eine Andere den Geliebten fessle und ihr entfremde. Aber paßte das nicht auf einen Liebhaber so gut, wie auf den eigenen Mann, ja tausendmal besser, da nach der Sitte der Zeit die Untreue eines Liebenden, der seinen Lohn erst noch zu erwarten hatte, viel schwerer geahndet wurde, als der Wankelmuth des eigenen Mannes?
      In solchen Zweifeln, die ihm das Blut sieden machten, hatte er das Heft, die Strophen hastig überfliegend, zu Ende geblättert. Da fiel sein Auge auf die letzte Seite, die erst vor Kurzem beschrieben sein mußte, denn über dem letzten Liede stand mit kleinerer Schrift: 
      dies obitus patris dilectissimi, dahinter das Datum. Dann folgte eine lange Canzone, in der ein schweres, von Kummer bedrücktes Herz sich zu erleichtern gesucht hatte.
      Die letzte Strophe aber mit dem Geleit lautete so:
      Ich armes Weib, so jung und Wittwe schon,
       Da mein Gemahl, obwohl er lebt, mir starb,
       Weh mir, daß Lust und Lachen mir entfloh'n.
       Und Weinen meiner Wangen Flor verdarb!
       Du wirst mich finden bleich und aschefarb,
       Mein süßer Freund, und dann erschrickst du sehr.
       Ach, wärest du geschieden nimmermehr,
       Wer weiß, ob ich nicht bessres Glück erwarb!
      Zieh hin, mein Lied, zu meinem blonden Freund!
       Sag ihm, ihn wiedersehn sei all mein Glück,
       Und seh' ich, wie er liebend mir erscheint,
       Bringt er wol Lust und Lachen mir zurück.
      Das Blut schoß Raimon in die Augen, daß die Zeilen vor seinem Blick verschwammen. Er drückte die Faust gegen das Heft, als ob er einen Verräther erwürgen wollte. Ein wunderlicher Kampf entbrannte in seinem Innern: die Freude, daß er eine blutige Anklage gegen die Frau zu erheben hatte, die ohne Ursache zu verstoßen ihm ein nagender Vorwurf gewesen wäre, rang in ihm mit dem Jähzorn über die erlittene Schmach und dem heimlichen bitteren Schmerz, daß ihr Herz sich von ihm gewendet hatte. Noch schwankte die Wage, welches Gefühl obsiegen würde, da hörte er ihren Schritt draußen vor der Kammer, er hatte nur noch Zeit, dem Tische, vor dem er stand, den Rücken zuzukehren, daß jenes Heft hinter ihm verborgen war, da wurde die Thür aufgestoßen, und Gaudairenca, das kleine Mädchen an der Hand nachziehend, trat mit glühenden Wangen, Augen und Lippen, von zärtlicher Freude leuchtend, in das Gemach.
      Raimon! rief sie. Du bist es! Lauf zu ihm, Kind, heiß den Vater willkommen! Raimon – endlich!
      Sie hatte die kleine Vierjährige, die sich schüchtern an die Falten ihres Kleides schmiegte, losgelassen und eilte mit ausgebreiteten Armen auf den lang Entbehrten zu. Der aber stand, die Arme fest über der Brust geschlossen, mit finster gefurchter Stirn und flammenden Augen unbeweglich ihr gegenüber. Da stockte ihr Schritt, ihre Arme sanken wie gelähmt herab, der helle Schein in ihrem Gesicht erlosch. Barmherziger Christ! rief sie, was ist geschehen? Raimon – du bist krank – verwundet –
      Führe das Kind hinaus! unterbrach er sie rauh. Ich habe mit dir zu reden.
      In tödtlicher Angst, da seine Stimme so fremd und böse klang, wandte sich die Arme, beugte sich zu dem Kinde hinab und flüsterte: Geh zu Tiburge, mein Liebling. Die Mutter holt dich, sobald der Vater es erlaubt.
      Die Kleine heftete einen großen Blick auf den fremden Mann, der ihr Vater sein sollte und sie nicht sehen wollte. Mutter, sagte sie leise, er hat uns nicht lieb, es ist nicht der Vater. Komm du mit mir!
      Die Frau drängte, keines Wortes mächtig, das zarte kleine Geschöpf von sich fort, rief nach der Dienerin, die neugierig herangeschlichen draußen auf der Stiege horchte, und übergab ihr das Kind. Dann schloß sie die Thüre und trat wieder vor ihren Gatten.
      Raimon, sagte sie mit einer Stimme, in der all ihre Liebe und Angst zitterte, welch ein Wiedersehen! So lange getrennt – und dies dein Empfang! O, daß ich so dich wiederfinden muß! Aber nicht wahr, du leidest – du bist krank –
      Er sammelte mühsam seine Gedanken. Ich leide, sagte er dumpf; krank bin ich nicht. Ich habe gefunden, was ich nicht gesucht und erwartet hatte. Kennst du diese Schrift?
      Er hatte sich umgewendet und das Heft ergriffen. Nun hielt er es ihr entgegen, seine Hand bebte, seine Augen waren starr auf ihr Antlitz gerichtet. Das aber verfärbte sich nicht. Vielmehr erschien wieder ein leichter Schimmer von Heiterkeit auf ihren bangen Zügen.
      Ist es das? hauchte sie in einer lieblichen Verwirrung. Gelobt sei Gott, daß es nichts Schlimmeres ist! Wie hast du mich erschreckt, lieber Mann! Mich und das unschuldige Kind!
      Wer hat diese Blätter beschrieben? forschte er weiter, indem er das Heft zwischen ihnen zu Boden warf.
      Sie sah ihn wieder befremdet an. Ich denke, die Handschrift ist dir bekannt, erwiderte sie ruhig. Hast du nicht manches Brieflein empfangen, das dieselbe Hand dir geschrieben hatte? Raimon, ich beschwöre dich, was hat dich angewandelt? Nun ja, es war ein müßiges Spiel, das ich trieb, mir die Weile zu kürzen, und es sind werthlose Verse. Eine gute Hausfrau, wenn sie auch in ihren Mädchentagen die Dichterin hieß, sollte keine Zeit verderben mit Künsten, die sie nur halb gelernt hat. Aber sieh dich um im Hause und betrachte unser Kind und frage im Felde nach, ob ich wirklich über diesem armen Reimwerk etwas versäumt habe von meinen Pflichten, und wenn dein Bruder zurückkehrt, forsche auch bei ihm, ob er glaubt –
      Es war, als höre er nicht, was sie sagte. Seine Blicke bohrten sich in die offenen Blätter, die ihm zu Füßen lagen.
      An wen sind diese Lieder gedichtet und gesandt worden? Antworte mir, doch hüte dich zu lügen.
      Lügen, Raimon? – und eine dunkle Röthe stieg ihr in die Wangen. Es wäre meine erste Lüge gegen dich. Und warum sollte ich mein Herz verleugnen, das aus diesen ungeschickten Zeilen spricht? Ich weiß, daß es lächerlich erscheinen mag, wenn eine einsame Frau die Sprache höfischer Sänger nachstammelt, deine Sprache, Raimon. Verzeih, wenn ich etwas gethan habe, was deinen Unwillen erregt. Nie will ich es wieder thun, an dir ist es, mir alle Lust und Versuchung dazu für immer zu entziehen, daß ich einer solchen thörichten Trösteinsamkeit nie mehr bedarf. Aber wenn du keinen anderen Fehler je an mir erfindest, als daß ich meine sehnsüchtigen Gedanken an dich in Reime gebracht habe –
      An mich! lachte er ingrimmig. Er bückte sich rasch, hob das Heft wieder vom Boden, und indem er die letzte Seite ihr dicht vors Gesicht hielt, knirschte er: An mich! Hat mein Haar sich verwandelt, seit ich von dir ging? Willst du, daß ich einen Maler rufen lasse, der sich auf Farben versteht und mir ein Zeugniß ausstellt, daß ich nicht dazu angethan bin dein blonder Freund zu heißen? Antworte! – sprich! – was verstummst du? Nun, ich will dir Zeit lassen, ein Märchen auszusinnen. Sie nannten dich nicht umsonst die Dichterin.
      Er warf das Heft auf den Tisch und that einen Schritt von ihr weg, dem Fenster zu. Die Sonne war indessen untergegangen, das weite Land draußen lag todtenstill in der ersten grauen Dämmerung; eine Fledermaus flatterte herein, schwirrte ängstlich unter der niederen Decke hin und her und huschte endlich pfeifend wieder hinaus.
      Raimon wandte sich um, er sah seine Frau regungslos mitten in der Kammer stehen, ihr feines Gesicht war ein wenig bleicher als sonst, ihre Augen von einem feuchten Flor verschleiert, sahen still gegen den weißen Abendhimmel.
      Nun? sagte er. Hast du dich besonnen?
      Ich sinne noch immer, erwiderte sie langsam. Ich sinne darüber nach, warum du mir diese großen Schmerzen machst. Du liebst mich nicht mehr, Raimon. Du 
      willst mir wehthun, darum bist du hergekommen. Was dein Herz so verwandelt hat – ich weiß es nicht, doch ahnt mir, ein Weib müsse im Spiele sein. Ich könnte mich hinter meine Frauenehre verschanzen und dir sagen: verkenne mich, wenn du es übers Herz bringst! Aber ich bin keine höfische Dame, die weiß, mit welchen Künsten man euch fesselt und betrügt. Ich bin selbst so thöricht, daß ich dir Wahrheit gebe, auch wo sie nicht wahr 
      erscheinen wird, statt eine kluge Ausrede zu ersinnen, wie eine »Dichterin« wol könnte. Denn du hast mich schon einmal im Verdacht der Lüge gehabt und sollst nicht Recht damit behalten, selbst auf die Gefahr, daß du meinem redlichen Worte nicht glaubst. Freilich aber klingt es nach einem Märchen, daß ich einen blonden Bruder habe, der seit Jahren verschollen war, als du um mich warbst. Nun ist er plötzlich wieder aufgetaucht – er hat sein Glück gemacht in fernen Ländern mit der Handelschaft – von Mailand aus hat er mir einen Boten geschickt, daß er unterwegs sei nach Carcassonne, – es war die letzte irdische Freude, die mein armer Vater –
      Genug! unterbrach er sie heftig. Er mußte sich Gewalt anthun, sich von der schlichten Kraft der Wahrheit, die aus ihrer Stimme sprach, nicht überwinden zu lassen. Aber daß er beschämt vor ihr stand, seines argen Vorsatzes sich bewußt, machte ihn taub gegen alle Warnungen seines guten Geistes.
      Ein Bruder! höhnte er; ich wünsche dir Glück zu diesem blonden Freunde, der jetzt deine Wittwenschaft dir erleichtern und deine einsamen Stunden trösten wird, denn wir Zwei haben hinfort Nichts mehr mit einander gemein. An einem Troubadour ist es genug in einem Hause, und deine Lehrzeit bei mir hast du so gut benutzt, daß du nun ohne mich die »fröhliche Kunst« betreiben kannst. Ich werde dafür sorgen, daß du keine Noth leidest, die Hälfte von Allem, was ich besitze, soll Dir verbleiben. Wenn du auf Miraval ferner zu hausen wünschest und Gaucelm deinen blonden Freund dulden will, so geschehe nach deinem Willen. Ich werde den Staub der Heimath von meinen Schuhen schütteln und nie wieder zurückkehren. Und somit lebe wohl – und ich wünsche dir, daß es nicht lange dauere, bis »Lust und Lachen« wieder bei dir einzieht! –
      Er wollte an ihr vorbei zur Thür hinaus, sie aber vertrat ihm den Weg mit einer so hoheitsvollen Geberde, daß er ihren Blick nicht ertragen konnte.
      Bleibt! sagte sie mit einem herben Ton, den er nie von ihr gehört. Ihr seid der Herr von Miraval, und wenn ihr Grund zu haben glaubt, Euer getreues Weib zu verstoßen, so ist es an diesem, aus Eurem Hause hinwegzugehen. Nichts von Allem, was ich als Burgfrau besessen und hinzuerworben, nehme ich in mein einsames Leben mit, als mein gutes Gewissen und mein liebes Kind, das ihr nicht einmal eines Blickes werth gehalten. Sorgt nicht darum, Herr Raimon, wie ich es erhalten und aufziehen werde. Sorgt um Euch und Euern Frieden, der, wie mir ahnt, schwer gefährdet ist. Denn wenn es einen gerechten Richter über den Sternen giebt – nein, kein Wort mehr zwischen uns! Gott sei mit Euch und – mit mir!
      Sie wankte, da sie die letzten Worte mühsam hervorstieß. Als sie aber sah, daß er hinzutreten und ihre Hand ergreifen wollte, nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und schritt mit einem Blick des Grames, der ihn in die Seele traf, über die Schwelle.
      *
      Er fühlte einen jähen Trieb, ihr nachzustürzen, sie zurückzuholen, Alles zu widerrufen, was er in seiner wahnwitzigen Selbstverhärtung ihr gesagt hatte. Aber eine zwiefache Scham, vor ihr als ein jammervoller Schacher dazustehen und den Hohn jener schönen Schlange, die ihn umstrickt hatte, herauszufordern, bannte ihn fest an die Stelle, wo sie ihn verlassen hatte. Im Hause blieb Alles still. Nur einmal hörte er das Stimmchen des Kindes von fern, das irgend eine Frage that, aber sofort beschwichtigt wurde. Er empfand plötzlich ein großes Verlangen, den lockigen Kopf der Kleinen zwischen seine Hände zu nehmen und die großen Augen, die ihn so vorwurfsvoll angestrahlt, recht mit Muße zu betrachten. Dann hörte er drunten im Hof den Hufschlag eines Pferdes, und in der Meinung, sein Bruder kehre zurück, trat er rasch ans Fenster. Da sah er unten einen alten Ackergaul mit einem schlechten Sattel versehen, der eben aus dem Stall geführt worden war. Einige vom Gesinde standen herum, sie mußten aber nicht wissen, was geschehen sollte, denn Keines zeigte eine verwandelte Miene, weder der Trauer noch des Staunens, als Frau Gaudairenca das Pferd bestieg und die Kleine zu sich hinaufheben ließ, wo sie ihr einen bequemen Platz vorn am Sattelknauf zurecht machte. Es schien sich um nichts Größeres zu handeln, als um einen Ritt in der Abendkühle auf die Felder hinaus, auch wurde keinerlei Gepäck dem Klepper aufgebunden. Gelassen zurückwinkend, als werde sie bald wiederkehren, ritt die Herrin durch das hohe Thor, und als der Hufschlag über die Zugbrücke klapperte, kehrten Knechte und Mägde ins Haus zurück; nur der Mann oben am Fenster stierte unverwandt der Reiterin und ihrer kleinen Gefährtin nach, bis sie im Schatten des nahen Waldes verschwunden waren.
      Dann that er einen tiefen Seufzer, der fast wie das Stöhnen eines zu Tode Verwundeten klang. In wilder Flucht jagten ihm die Gedanken durch das Hirn, er war in den Sessel niedergesunken, wo sein verstoßenes Weib zu sitzen und wohl manchen Tag hinauszuspähen pflegte, ob immer noch ihr Glück nicht wieder auftauchen und die alte Straße daherziehen wollte. Aber der Zauber über ihn wirkte noch so stark, daß er den dumpfen Unmuth über sein eigenes Betragen bald genug abschüttelte. Sie hat es hingenommen, sagte er bei sich selbst, als käm' es ihr wahrlich eher erwünscht als unlieb. Im Stillen mag sie frohlockt haben, so leichten Kaufs davongekommen zu sein. Das Märchen, traun, war zu ungeschickt ersonnen, und hätt' ich sie schärfer verhört, sie wäre mit Schimpf und Schmach bestanden. Nun mag es so gut sein. Ich neide ihr wahrlich ihre Freuden nicht, möge sie mir die meinen lassen, uns Beiden ist dann geholfen. Nur das Kind – aber wer weiß, ob nicht auch das – woher nahm es sein blondes Haar? O Schlangenlist der Weiber! Und ich, der ich drauf und dran war, mich anzuklagen, daß ich zu hart an ihr gethan!
      So wogte es in ihm auf und ab. Der alte Burgpfleger pochte endlich an die Thür und fragte, ob er dem Herrn einen Trunk Wein heraufbringen solle, bis die Herrin zurückkehre zum Nachtmahl. Raimon schüttelte finster das Haupt. Er befahl, sein Pferd wieder zu satteln und vorzuführen, er könne diese Nacht nicht da bleiben. Er fürchtete, keine Ruhe zu finden unter diesem Dach, aus welchem Glück und Ehre geflohen, zumal seinem Bruder scheute er sich wieder unter die Augen zu treten. So trug er dem Alten einen Gruß an Herrn Gaucelm auf und ritt unter dem Kopfschütteln, Raunen und Staunen des ganzen Gesindes davon, in die mond- und sternenlose Nacht hinein.
      *
      Erst da die Mitternacht vorüber war, mahnte ihn der lahme Gang seines Thieres, daß es wohl Zeit zu rasten wäre. Er hielt bei einem Hirtenhaus am Wege an, klopfte den Besitzer heraus, ließ dem Pferde einen Armvoll Futter vorwerfen und streckte sich am Herde auf ein unsanftes Lager, das der Mann ihm in der Eile bereitet hatte. Doch fand er erst gegen Morgen ein wenig Schlaf. Wie er dann auf dem ausgeruhten Gaul in den frischen Morgen hineinsprengte, suchte er sich einzureden: was ihn gestern gedrückt und geänstigt hatte, sei wie nächtliche Schwaden vom reifen Korn in der Sonne von ihm weggeweht. Er bemühte sich, das Glück sich vorzustellen, das seiner wartete. Es war aber seltsam, daß vor das glatte, lächelnde Antlitz der schönen Albigenserin alsbald sich das stille Gesicht der Verstoßenen stellte, das ihn mit dunklem Blick warnend und trauernd ansah. Im Lauf der Stunden indessen stumpfte sich der Stachel dieses Unmuths ein wenig ab. Er fand allerlei weise Beschönigungen für sein häßliches Thun. Wer ein krankes Glied sich habe vom Leibe abtrennen müssen, spüre freilich den Schmerz noch am gesunden Fleisch. Er habe dieser Frau ein paar gute Jahre, die sie ihm beschert, zur Genüge gedankt. Wenn sie jetzt einander fern blieben, habe er ihr nicht das Kind unbestritten überlassen? Auch das rechnete er sich nun zu einem großmüthigen Verdienst. Und dann, sie sei jung und noch in ihrer Blüte. Es werde ihr an einem neuen Gatten nicht fehlen, ob es nun der blonde Freund sei, Herr Gaucelm oder irgend ein Anderer.
      Mit solchen spinnewebdünnen Betrachtungen stillte er nothdürftig die blutende Wunde seines Gewissens. Die nächste Nacht schlief er tief und sanft, und als er am zweiten Tage sich dem Schloß Ermengarde's näherte, konnte er wieder aus so kecken, leuchtenden Augen um sich blicken, wie nur je ein Bräutigam dem Hochzeitshause entgegensah.
      Es war später Abend geworden, als er Castres erreichte. Das Wittwenschlößchen lag so von waldigen Wipfeln versteckt, daß er es erst sehen konnte, als er nur einen Speerwurf vom Thor entfernt war. Da aber erstaunte er und erschrak fast und hielt die Zügel an, um seiner bangen Ueberraschung Herr zu werden. Aus allen Fenstern schimmerten ihm Lichter entgegen, und der Schall von Flöten und Geigen wehte tanzlustig zu ihm herüber. Sie hatte ihm freilich gelobt, wenn er wiederkehre, werde hier eine fröhliche Hochzeit gefeiert werden. Wie aber konnte sie Tag und Stunde so pünktlich vorauswissen? Er hatte ihr keinen Boten gesandt. Daß sein widriges Geschäft zu Hause so rasch und glatt sich werde abthun lassen, er selbst hatte es nicht zu glauben gewagt.
      Nachdenklich und zögernd ritt er in den Burghof ein. Das Thor war unverschlossen, auch der Pförtner schien der hochzeitlichen Musik nachgeschlichen zu sein und für verspätete Gäste den Zutritt offen gelassen zu haben. Nur ein uraltes Weib, das für keine Arbeit taugte und hüstelnd neben der Hundehütte kauerte, fuhr in die Höhe, da es den reisigen Herrn erblickte, und humpelte am Stecken herbei, ihn zu bewillkommnen.
      Ihr habt auf Euch warten lassen, Herr Raimon von Miraval, rief sie ihm zu, während er sich aus dem Sattel schwang. Aber das Beste habt Ihr noch nicht versäumt. Sie gehen eben zu Tische, dann beginnt der Reigen. Wo bleibt unser Herr Raimon? hab' ich den Bräutigam selber sagen hören, als er heut früh am Hochzeitmorgen mit seiner schönen Braut über den Hof schritt, sich draußen im Walde zu ergehen, eh sie zur Trauung sich fertig machten. Und Frau Ermengarde: Er hat Geschäfte zu Haus! – und lachte dabei. Aber seid ohne Sorgen, sagte sie, er bleibt nicht aus, und zu spät kommt er ja auf jeden Fall. Und da neigte sich Herr Olivier zu ihr herab und küßte sie auf die Augen, und sie lachten Beide – ein schöneres Paar haben meine alten Augen nie gesehen. Nun werdet Ihr Freude machen, wenn Ihr plötzlich in den Saal tretet und ihnen ein Hochzeitslied singt. Ihr habt doch eines mitgebracht?
      Kein Wort kam von den Lippen des bleichen Mannes, der wie in einem bösen Traum die Augen auf die hellen Fenster gerichtet hielt. Er hatte die eine Faust aufs Herz gepreßt, als fürchte er, es springe ihm in Stücke. Mit der andern hielt er den Sattelknauf umkrampft, er lehnte an dem starken Pferde, seine Kniee drohten einzuknicken. Endlich warf er der Alten den Zügel zu und bedeutete sie mit einer stummen Geberde, ihm das Thier zu halten, bis er wiederkomme.
      Er schritt aber nicht nach dem Haupteingang. Ein Seitenpförtchen führte zu dem Gemach, das er hier manche Woche lang bewohnt hatte. Da stürmte er die Stufen hinauf und trat in seine Kammer, wo Alles lag und stand, wie er es verlassen.
      Er wühlte in wahnsinniger Hast in einer Truhe, die neben seinem Bette stand. Als er das Schwert, das er gesucht, endlich hervorzog und die scharfe Klinge aus der Scheide riß, überkam ihn plötzlich der ganze höhnische Jammer seiner Lage. Was sollte es ihm frommen, wenn er jetzt in die Hochzeitshalle stürmte und den glücklichen Rivalen, der ihm die Braut geraubt, oder das arglistige Weib, das ihn so schnöde betrogen, vor allen Gästen niederstieß? Gewann er sich damit sein verscherztes Glück, seinen zerstörten Seelenfrieden zurück? Konnte er den Schimpf, den er seinem edlen Weibe angethan, mit diesem Blute wegwaschen, oder auch nur eine der Thränen aufwiegen, die Gaudairenca um ihn geweint?
      Er sank auf das Lager und drückte das Gesicht gegen das Kissen, die Ströme der Wuth und Scham, die ihm aus den Augen brachen, zurückzudämmen. So lag er eine geraume Zeit, dann glaubte er Schritte zu vernehmen, und die Angst, einem Zeugen seiner Schmach ins Gesicht sehen zu müssen, riß ihn endlich in die Höhe. Das Schwert gürtete er um, von den anderen Sachen nahm er Nichts an sich. So schlich er die Wendelstufen wieder hinab, ohne irgend Jemand zu begegnen, und fand unten noch die Alte, wie er sie verlassen hatte. Mit schweren Drohungen schärfte er ihr ein, gegen Niemand verlauten zu lassen, daß sie ihn gesehen. Die Alte gelobte es unter hohen Betheuerungen und steckte das Goldstück, das er ihr zuwarf, eilfertig ein. Deine Seele soll in ewigem Höllenfeuer brennen, wie die der schwärzesten Hexe, wo du schwatzest! rief er ihr noch zu, als er schon im Sattel saß und dem müden Thiere die Sporen gab. Sie hob ihre Schwurfinger auf und legte die andere dürre Hand auf ihre Brust. Er aber war schon aus dem Thor und ritt wie von Rachegeistern gejagt ziellos in die weite Welt.
      *
      So blieb er verschollen über Jahr und Tag. Die Kunde verbreitete sich, Herr Raimon von Miraval habe sich in Marseille eingeschifft, man erfuhr aber nicht, wohin, ob nach dem heiligen Grabe zu einer Bußfahrt, oder um ein Land zu suchen, wo man seine Geschichte nicht wisse, und wo die Frauen sich gegen edle Sänger holder und redlicher erzeigten. Denn trotz ihres Gelöbnisses hatte die Alte, als sie ihn für immer entfernt glaubte, sein spätes Erscheinen im Hochzeitshause ausgeplaudert, und Herr Olivier, im schadenfrohen Uebermuth, kein Geheimniß seinen guten Freunden daraus gemacht, mit welch feingestricktem Netz seine schöne Frau den gelüstigen Vogel bethört hatte. Darüber war ein großes Hohngelächter erschollen, noch bitterer jedoch und erbarmungsloser klang die Rede, die wegen seiner Verstoßung des eigenen Weibes durch die Provence lief. Herr Gaucelm nämlich, als er seine theure Schwägerin sammt dem Nichtchen vermißt und endlich in Carcassonne wieder aufgefunden hatte und von ihr hörte, um wie nichtiger Vorwände willen ihr Gatte sich von ihr geschieden, schonte den eigenen Bruder nicht, und bald erzählte man sich in der ganzen Gegend, daß die Dichterin von Carcassonne von ihrem Gemahl aus dem Hause getrieben worden sei, weil er sie auf heimlichem Dichten ertappt und ihre schöne Kunst ihr zum Verbrechen gemacht habe. Da ihm nun seit lange seine Brüder in Apoll aufsässig und neidig waren, weil er es ihnen vielfach an schönen Reimen und zierlichen Gedanken zuvorthat, ergriffen sie mit Begierde diese treffliche Gelegenheit, ihr Müthchen an ihm zu kühlen. Mehr als Ein Spott- und Trutzgedicht ging von Hand zu Hand, das ihn aufs Heftigste anklagte wegen dieses groben Verstoßes gegen allen edlen Brauch und die heiligsten Gesetze der Courtoisie. Vor Allem ward ein Sirventes von Peire Duran herumgetragen, das von Hohn und Vorwürfen überfloß, und bis an den Hof seines alten Gönners, des Königs von Aragon, schallte das Rügegeschrei, also daß auch ein spanischer Troubadour, Uc von Mataplana, der einen alten Span mit ihm hatte, die Sache Gaudairenca's mit Eifer ergriff und auf den blöden Thoren, der ein artiges Weib um ihrer Gaben und Künste willen – vielleicht aus Neid und Eifersucht – verstoßen, die Rache des Himmels und die Verachtung der Welt herabbeschwor.
      Was dem Verfehmten und Geächteten von all diesen gereimten Bannflüchen zu Ohren kam, ist nie bekannt geworden. Man weiß überhaupt nicht genau, in welchem Schlupfwinkel der schwergetroffene Mann seine Qual verborgen hat, doch ist es das Wahrscheinlichste, daß er, nachdem er einige Zeit in wilden Gebirgsthälern herumgeirrt, – wohl oft mit dem Vorsatz ringend, sein verlorenes Leben in irgend einem tiefen Abgrund zur Ruhe zu bringen, – als die Wunde ein wenig zu vernarben begann, sich in ein Kloster geflüchtet und dort, in harten Bußübungen und Kasteiungen seines Leibes, Sühne der schweren Schuld zu erlangen gesucht habe. Die erste Nachricht wenigstens, die ihn uns wieder nahe bringt, zeigt ihn im Mönchsgewande mit geschorenem Haupt und tief über die Brust herabhängendem Bart, die Wangen so vom Fasten abgezehrt und die Augen so scheu in ihre Höhlen gesunken, daß, als er eines Abends durch das Thor von Carcassonne schritt, Niemand in dem bleichen, schäbigen Kuttenträger den ritterlichen Sänger wieder erkannt hätte, der einst hoch zu Rosse neben seinem gräflichen Gönner hier eingeritten war.
      Auch schritt er, als ob er dieser Welt nicht mehr angehöre, ohne weder rechts noch links zu schauen tiefsinnig vor sich hin, keinen Gruß erwidernd, den etwa eine fromme Bürgerin oder ein Kind ihm darbot. Als er aber zu dem Schwertfegerhause kam, an welchem der Rosenstrauch freilich, da es Spätherbst war, nicht mehr mit rothen Blumen ihn anlachte, hielt er an und stellte sich steif wie eine Schildwache neben den Thorpfosten des gegenüberliegenden Hauses. Wieder stand das Fenster offen. Er konnte aber, da es dunkel war, nicht erkennen, wer drinnen war, und von wem die zarten Geigentöne ausgingen, die ihm die Seele so wunderlich bewegten. Es war eine unschuldig süße Volksweise, die ihm aber lieblicher däuchte, als die künstlichste Spielmannsmusik. Er lehnte das Haupt in der Kapuze zurück gegen den kühlen Stein und schloß eine Weile die Augen. Ihm war, als höre er sein verlorenes Glück von drüben herüberlocken und ihn wehmüthig anrufen. Als er endlich wieder aufblickte, war das Zimmerchen drüben erleuchtet. Ein kleines Mädchen stand am Tische, auf welchem ein Notenblatt lag. Es hatte eine halbwüchsige Viola im Arm und führte den leichten Bogen auf und ab mit großer Behendigkeit, und die blonden Härchen fielen ihm frei auf den Steg und das braune Holz herab, daß der Bogen zuweilen sich in die Löckchen verirrte, worauf die Spielerin dann den Kopf zurückwarf und in der Melodie ein kleiner Anstoß entstand. Ihr gegenüber am Tische saß eine schöne, ernsthafte Frau mit einer Näharbeit, und nach einer Weile fing sie an das Geigenspiel mit leisem Gesang zu begleiten, während ein schlanker Mann, dessen starkes blondes Haar rund überm Nacken und über der Stirne abgeschnitten war, hinter dem Tische auf und nieder ging und mit einer Papierrolle sacht den Takt schlug. Es war eine richtige Geigenlection, die der blasse Mann in der Kutte drüben belauschte, und Spiel und Gesang bannten ihn so fest an diese Stelle, daß er sich nicht eher rührte, als bis das Mägdlein die letzte Cadenz gespielt hatte und nun das Instrument in einen Kasten schloß, der auf dem Tische stand. Die Mutter sagte ihm ein Wort. Da ging es zu dem blonden Lehrmeister hin, der es unter die Arme faßte, zu sich hinaufhob und auf die Stirn küßte. Darauf erhob sich auch die Mutter, nahm die Hand des Kindes und führte es hinaus, wohl um es zu Bett zu bringen.
      Ein altes Mütterchen kam des Weges, das erschrak ein wenig, als aus dem Schatten der Hausthür eine Mönchsgestalt sie antrat und mit dumpfer, von langem Schweigen heiserer Stimme sie fragte, wer da drüben wohne.
      Die alte maß den Fragenden mit einem verwunderten Blick. Ob er denn nicht wisse, daß dies das Haus der Frau Gaudairenca sei, die man die Dichterin nenne? Sie habe freilich kein Glück durch ihre schönen Verse erlangt, vielmehr das schwerste Unglück, das einer guten Frau begegnen könne, da ihr Gatte sie um ihrer Kunst willen, auf die er neidisch gewesen, verstoßen habe. Denn er habe gesagt, an Einem Troubadour sei es genug in einem Hause. Nun lebe sie hier ihre stillen Tage, den Mann aber habe die Strafe des Himmels ereilt, und er dürfe sich nirgend mehr blicken lassen.
      Und der Andere? brach es mühsam von den Lippen des Vermummten, Der mit dem blonden Haar?
      Das ist der Bruder der wackeren jungen Frau, der hat sie zu sich genommen und sorgt, daß es ihr und ihrem Kinde an nichts fehlt, da er reich geworden ist auf seinen Handelsfahrten. Er ist noch immer so erbost auf den Herrn von Miraval, daß er geschworen hat, er solle es mit dem Leben büßen, was er seiner Schwester gethan, wenn er ihm je vor die Augen trete. Den aber haben wohl längst die Wölfe im Gebirge zerrissen, und es war immerhin schade um ihn, da er ein großer Sänger war, aber Gott sieht nicht auf die Kunst, sondern auf das Gemüth, und wenn er ein elendes Ende genommen, ist ihm Recht geschehen. Christ sei seiner armen Seele gnädig!
      Die Alte schlug ein Kreuz und setzte ihren Weg fort. Der in der Kutte aber stand noch eine Weile und starrte das Häuschen an. Als das Licht darin erlosch, verschwand auch er.
      Am anderen Morgen aber, als die guten Bürger von Carcassonne zur Messe gingen, da ein Sonntag war, sah man unter den Krüppeln und Bettelleuten, die eine lebendige Hecke vor dem Münster Unserer lieben Frauen bildeten, eine hohe dunkle Gestalt in einer braunen Kutte, die so tief in die Stirn gezogen war, daß kaum die Augen darunter hervorleuchteten. Diese Augen musterten scharf die andächtige Menge, die in die Pforte hineinströmte und der fremden Gestalt nicht achtete. Endlich kam eine schöne Frau in schlichtem aber anständigem Kleide, das Meßbuch in der einen Hand, an der andern ein Jüngferchen führend, das nicht über sechs Jahr sein konnte, ein munteres schlankes Ding, mit so schwarzen Augen, wie die Mutter hatte, nur daß die des Kindes beständig hin und her funkelten und Alles neugierig betrachteten, was in ihren Kreis trat. An der andern Seite der Frau schritt ein stattlicher Mann noch in jugendlichen Jahren, reich, aber ohne Prunk gekleidet, die Züge seines Gesichts dem seiner Begleiterin so ähnlich, daß ihre Geschwisterschaft unverkennbar war. Wie nun diese Drei dem fremden Mönch nahe kamen, stieß die Kleine ihre Mutter heimlich an, wie wenn sie etwas Spukhaftes sähe. Da hob die Frau, die ruhig zu Boden geblickt hatte, ihre Augen auf und spähte nach dem Fremden, und plötzlich erblaßte sie, ihre Hand, die das Büchlein hielt, zitterte, ihr Fuß stockte einen Augenblick. Als aber ihr Bruder fragte, was ihr sei, schüttelte sie hastig den Kopf, zog das Kind näher an sich und eilte mit rascheren Schritten an der Erscheinung vorüber in die offene Kirche hinein, auch auf der Schwelle keinen Blick zurücksendend.
      Herr Raimon wartete draußen auf derselben Stelle, bis das Amt vorüber war. Als aber die Gemeinde wieder herauswallte, suchten sein Augen vergebens nach den drei Gestalten. Er trat endlich ins Innere der Kirche, ob sie hier etwa noch verzögen, von irgend einer besonderen Andacht festgehalten. Er fand aber Niemand, als ein paar uralte Kirchenschläferinnen, und mußte sich sagen, daß sie das Münster wohl längst durch eine Seitenpforte verlassen haben würden.
      Er wußte nun, daß er nichts zu hoffen hatte. Auch hatte er an der festen und kühnen Miene des Bruders wohl abnehmen können, daß dessen Drohung nicht in den Wind geredet war. Gleichwohl zog es ihn am Nachmittag nach jenem Gartenzaun, an welchem er zuerst ein holdes Wort von seiner verlorenen Liebsten empfangen hatte. Es wäre ihm fast erwünscht gewesen, dem Bruder zu begegnen, daß dieser sein Wort wahr machen und ihn des elenden Lebens überheben konnte. Er spähte aber lange umsonst in das Gärtchen hinein, in welchem jetzt keine Sommerblüte mehr an den Zweigen hing, gelbe Blätter die Pfade überrieselt hatten und nur das immergrüne Lorbeer- und Granatlaub dunkel zwischen den fahlen Beeten stand.
      Auf einmal öffnete sich die Thür, die aus dem Hause in den Garten führte, und das Kind trat heraus, in einem sauberen Hausröcklein, die Haare in zwei Flechten um das schlanke Köpfchen gewunden. Sie hatte ein Gießkännchen in der Hand, das sie aus dem fließenden Brunnen füllte, um ein paar Beete zu begießen, auf denen irgend ein spätblühendes Gewächs angepflanzt war. Zierlich wie eine Bachstelze ging sie die schmalen Pfade hin und her, das Kleid mit der Hand aufnehmend, um es nicht zu benetzen. Als sie in die Nähe des Zaunes kam, wo Raimon herüberspähte, erblickte sie plötzlich die dunkle Gestalt und ließ erschrocken das Gefäß fallen. Er aber machte ihr ein bittendes Zeichen, daß sie nicht schreien und davonlaufen sollte, und hob eine kleine goldne Kette mit einem Kreuzchen, die er auf alle Fälle zu sich gesteckt hatte, in die Höhe. Die Kleine begriff, daß der Fremde nichts Böses im Sinne haben konnte, und als er sie immer freundlicher heranwinkte, that sie endlich ein paar zögernde Schrittchen ihm entgegen.
      Constanze, hörte sie ihn rufen, warum fürchtest du dich vor mir? Ich bringe dir einen Gruß von deinem Vater, und das Kettlein sollst du zu seinem Andenken tragen. Komm, daß ich es dir selber umhänge, und wenn du ein liebes Kind bist, gieb mir dafür einen Zweig von jenem Granatstrauch, daß dein Vater ihn sich aufheben mag als etwas, das von seinem geliebten Kinde kommt.
      Mein Vater? erwiderte die Kleine mit einem ernsthaften Zug um die feinen Brauen. Ich habe ja keinen Vater mehr. Er ist gestorben, nachdem er meiner Mutter sehr weh gethan. Wer aber seid Ihr, daß Ihr so von ihm sprecht? Ich sah Euch schon heute früh vor der Kirche. Die Mutter erschrak sehr, da sie Euch bemerkte.
      Sage deiner Mutter, erwiderte er – da wurde ihm das Wort am Munde durchgeschnitten. In der Thür des Hauses erschien Gaudairenca, sie warf nur einen einzigen Blick über das Gärtchen, gleich darauf hörte man sie den Namen des Kindes rufen, scharf und laut, doch ohne daß sie selbst sich von der Stelle rührte.
      Es darf nicht sein! flüsterte die Kleine, indem sie sich eilig umwandte. Ich darf Eure schöne Kette nicht annehmen – ich nehme von keinem Fremden etwas – was mir der Oheim nicht giebt, darf ich nicht tragen – lebt wohl! – Damit huschte sie von ihm fort, ergriff ihr Gießkännchen und flog auf die Mutter zu, die beide Arme um sie schlang, wie wenn sie dies kleine Leben vor einer großen Gefahr zu schützen hätte. Dann traten die Zwei ins Haus, und der ausgestoßene Flüchtling draußen am Zaun zog die Kutte tief übers Gesicht, daß Niemand sehen sollte, wie die Thränen ihm über die eingesunkenen Wangen stürzten.
      *
      Er ward in Carcassonne nicht mehr gesehen. Es währte aber nicht lange, so ging durch die ganze Stadt das Gerücht, Herr Raimon von Miraval sei von den Todten auferstanden und in Toulouse am Hofe seines brüderlichen Gönners, des Grafen Raimon VI. erschienen, um diesem in seinen kriegerischen Nöthen beizustehen.
      Zu jener Zeit nämlich war die wilde Fehde zwischen der päpstlichen Macht und den von ihr geächteten Fürsten und Grafen entbrannt, die nach der Landschaft Albigeois, in welcher die neuen Lehren zuerst gepredigt worden waren, der Albigenserkrieg genannt wird. Das zuchtlose Leben der Geistlichen und allerlei Mißbräuche der römischen Kirche hatten einen gährenden Unwillen erzeugt, der zumal in den Städten und Schlössern der Provence immer lauter und heftiger nach einer Reinigung der katholischen Lehre und Abstellung der Aergernisse verlangte. Die gelinderen Mittel, die Papst Innocenz III. zur Beilegung des gefährlichen Zwistes versuchte, Absendung von Legaten und Mahnbriefe, Gegenpredigten und öffentliche Religionsgespräche, erwiesen sich ohnmächtig; da befahl er den Kreuzzug gegen die Ketzer zu predigen, deren Bändigung und Ausrottung ein eben so verdienstliches Werk sei, als der Kampf um das heilige Grab, und da es nicht an mächtigen Herren fehlte, denen der geistliche Vorwand gelegen kam, im Trüben fischend ihre sehr weltlichen Absichten durchzusetzen, waren die gesegneten Fluren Aquitaniens bald der Schauplatz erbarmungsloser Kämpfe, die mehrere Jahre von beiden Seiten mit der ganzen Hitze und Blutgier eines Glaubenskrieges geführt wurden.
      Der mächtigste Vorkämpfer für die Partei der Abtrünnigen war Graf Raimon von Toulouse. Ihn hatte gleich zu Anfang der Bannfluch der Kirche getroffen, und der gewaltigste Kriegsmann jener Zeit, Graf 
      Simon von Montfort zog, nachdem er das Gebiet des Vizgrafen von Carcassonne verheert und die wohlbefestigte Stadt mit Sturm genommen, gegen Toulouse, um das Strafgericht der Kirche auch an dem streitbaren Haupt der ketzerischen Secte zu vollziehen.
      Bei diesem war, sobald der Kirchenbann über ihn ausgesprochen worden, ein bleicher Mann mit geschorenem Haupt und langem Bart erschienen, in einer schlichten Waffenrüstung auf einem Maulthier reitend, und hatte sich vor ihn hingestellt mit der Frage, ob Graf Raimon einen Kriegsmann brauchen könne. Die Stimme däuchte diesem bekannt. Es währte aber lange, bis er in dem abgezehrten Gesicht des Fragenden die Züge seines alten Freundes und dichterischen Genossen wiederfand. Die Zeit war zu ernst, um alter Thorheiten und Sünden zu gedenken, und der Dichter sorgte dafür, daß Niemand, auch nicht im Uebermuth der Weinlaune, ihm an die alte Wunde rühren mochte. Er focht mit so wilder Tapferkeit, daß nicht nur der Graf, der ihn um seiner Treue willen hoch hielt, sondern alle anderen Herren und Barone sich eingestanden, kein höfischer Mann habe jemals die Verirrungen seiner Jugend mannhafter gesühnt. Nur Raimon selbst blieb düster und freudlos, wie zuvor. Ein einziger Wunsch schien ihn zu beseelen, daß er mit dem Schwert in der Hand den Tod finden möchte. Immer entging er dem Getümmel wie durch ein Wunder unversehrt oder nur mit geringer Verwundung.
      Und nicht nur mit den Waffen stand er für den Freund ein. In leidenschaftlichen Rügeliedern rief er die benachbarten Fürsten und Ritter auf, sich zu den Vorkämpfern für die reine Lehre zu gesellen, und schürte mit dem Hauch seiner Verse die Flammen, die von allen Seiten aufloderten. Eines seiner Sirventese mahnte Petrus von Aragon, der mit einer Schwester des Grafen von Toulouse verheirathet war, seiner Verwandtenpflicht zu gedenken und dem bedrängten Schwager zu Hülfe zu ziehen. Und Petrus ließ ein starkes Heer über die Pyrenäen vordringen und erschien selbst in Toulouse, sich öffentlich lossagend von Rom. Einen Augenblick lebten die Hoffnungen der Albigenser auf. Aber die Schlacht von Muret (1213) schlug sie grausam nieder. Die letzten Streitkräfte der Albigenser wurden zugleich mit dem spanischen Hülfsheer vernichtet oder zerstreut, der König selbst fand seinen Tod. Graf Raimon flüchtete mit genauer Roth übers Gebirge nach Aragon zu seiner Schwester; die Sache, die er verfochten hatte, lag unheilbar getroffen danieder, um sich nie wieder aufzurichten.
      Aus vielen Wunden blutend war Raimon von Miraval dem grimmen Sieger in die Hände gefallen. Der führte ihn sammt anderen Gefangenen mit sich fort, und da er in dem eroberten Toulouse zunächst seinen Sitz aufschlug, ließ er den Dichter in den Thurm des Schlosses werfen, ihn aufsparend für ein feierliches Hochgericht, bei welchem die vornehmsten Ketzerhäupter fallen sollten, sobald der päpstliche Sendbote von anderen Händeln sich abgemüßigt hätte und Zeuge dieses dem Himmel wohlgefälligen Schauspiels sein könnte.
      Ein dumpfes Entsetzen lag über der Provence. Man wußte, daß von dem furchtbaren Gottesstreiter, der in der Magdalenenkirche des erstürmten Beziers siebentausend Menschen verbrannt hatte, keine Gnade zu hoffen war. Hatte doch auch der Abt von Citeaux, als das Morden dort in den Gassen der Stadt kein Ende nahm, auf die Frage, woran man die Unschuldigen von den Ketzern unterscheiden sollte, die gelassene Antwort gegeben: Schlagt nur immer todt, der Herr kennt die Seinen!
      Und dieser selbe Priester, der aus einem Hirten zum Schlächter der Heerde geworden war, erschien nun in Toulouse und wurde von dem furchtbaren Grafen mit großen Ehren empfangen. Die beiden Würgengel hatten ein langes geheimes Gespräch mit einander. Dann traten sie auf den luftigen Altan des Schlosses hinaus, wo eine Tafel gerüstet war, an der außer ihnen nur einige vornehme Ritter und der Bischof mit zwei seiner vertrauten Diakonen Platz nahmen. Man sah hier weit in die vom Kriege verheerten Lande, über zerstampfte Saatfelder und verbrannte Dörfer hinaus, während nach der anderen Seite der Blick den Thurm erreichen konnte, in welchem die Opfer der grausen Fehde ihrem nahen Gericht entgegenschmachteten.
      Als aber der edle Wein der Garonne die Herzen selbst dieser finsteren Blutrichter zu besänftigen anfing, wurde dem Grafen gemeldet, eine Sängerin sei unten im Hofe angelangt und bitte um die Gunst, den Herren ein Lied vortragen zu dürfen. Sie sei von Noth und Kummer abgezehrt, aber noch eine schöne Frau, setzte der Diener, der seinen Herrn kannte, leiser hinzu, und ein halbwüchsiges Mädchen begleite sie, das lieblich sei wie ein Engel.
      Montfort, ohne erst bei seinen Gästen anzufragen, winkte, daß man die fahrende Frau heraufführe, und gleich darauf trat in Trauerkleidern, das Gesicht mit einem durchsichtigen Flor verhängt, Gaudairenca auf den Söller, ihre Tochter Constanze an der Hand, die ihre Geige schüchtern unterm Arm trug und den Blick zu dem gefürchteten Kriegshelden nicht zu erheben wagte. Das Kind war schlank und zart aufgeschossen, in der That einem Engel gleich an Gesicht und Geberde, die Mutter nicht mehr jene blühende Gestalt, die auch nach ihrer Verstoßung in der Stadt Carcassonne die Augen aller Fremden auf sich zog; aber das bleiche Antlitz, da sie jetzt den Schleier zurückschlug, übte mit seiner schmerzlichen Hoheit einen um so tieferen Zauber auf Alle aus, die am Tische saßen, und aus ihrem schwarzen Auge schlug eine unwiderstehliche Flamme, als sie die Lippen öffnete und zu dem leisen Spiel des Kindes, dem der Bogen freilich in den schmalen Händchen zitterte, die folgenden Strophen sang:
      Um Gott, Graf Montfort, hört mich an
       Und neigt Euch gnädig meinem Flehn!
       Er, dessen Thron in Himmelshöhn,
       Dem auch die Größten unterthan,
       Will den Geringsten nicht verschmähn,
       Denn wer vor ihm ist klein und groß?
       Drum denkt des Tags, da nackt und bloß
       Ihr müßt vor seinem Antlitz stehn.
      Ihr schwangt Euch auf, ein stolzer Aar,
       Daß rauschend Euer Fittich klang.
       Der scharfen Klauen Macht bezwang,
       Was weit und breit Euch feindlich war
       Dem kecken Sperber wurde bang,
       Der Falke schreiend flog zu Nest,
       Ihr aber packtet beide fest
       Und würgtet Euren stolzen Fang.
      Gott hat Euch solche Macht verliehn,
       Daß Euch der Sieg ward überall.
       Beziers, Toulouse kam zu Fall,
       Ihr Trotz ist ihnen schlecht gediehn.
       Doch nun vor Eures Schlachtrufs Schall
       Verstummt der Lüfte wilde Brut,
       Warum verfolgt mit Rachewuth
       Der Adler noch die Nachtigall?
      Wohl flog sie mit im dichten Schwarm,
       Die sonst im Walde friedlich schlug,
       Da sie der Sturm ins Freie trug,
       Und wetzt' ihr Schnäblein – Gott erbarm'!
       Doch ward sie nicht bestraft genug,
       Da Sang und Freiheit sie verlor?
       Herr, öffnet ihres Käfichs Thor,
       Und preisen wird man Euch mit Fug.
      Simon von Montfort, hört mir zu
       Und nehmt des eignen Heiles wahr:
       Nicht ziemt es dem gewalt'gen Aar,
       Daß er dem Sänger Leides thu'.
       Durch Gnade mach' er's offenbar,
       Daß ihm gebührt das Herrscheramt,
       Und der ihn feindlich erst verdammt,
       Wird ihn nun rühmen immerdar.
      Kind, spiele deinen weichsten Ton,
       Du spielst um deines Vaters Glück,
       Denn sieh, des edlen Grafen Blick
       Erglänzt von Gnad' und Milde schon!
      Während der letzten Strophe hatte die Stimme sich kaum durch die mühsam zurückgedrängten Thränen durchgekämpft. Jetzt brachen sie unaufhaltsam vor, die unglückliche Frau warf sich vor dem Gewaltherrn nieder und zog das spielende Mägdlein mit sich auf die Kniee, so daß das Ritornell auf der Geige von einem schrillen Mißlaut mitten durchschnitten wurde. Da lagen Mutter und Kind mit gesenkten Häuptern vor Dem, der ihr Geschick in seiner Hand hatte, stumm und ergeben, als wären sie selber des Todesstreichs gewärtig.
      Der finstere Abt hatte mit gefurchten Brauen zugehört, Graf Simon aber, der in jüngeren Jahren ritterlicher Sitte gepflogen und noch jetzt nicht allen Regungen der Courtoisie abgestorben war, hob die still fortweinende Frau alsbald vom Estrich auf, beschwichtigte mit tröstendem Wort ihre heftige Angst und fragte dann nach ihren Schicksalen, von denen er wohl gehört, scherzte, warum sie bei ihrer Jugend und Schönheit nicht längst ein neues Eheband geschlossen, ob sie es auch in Zukunft nicht zu thun gewillt sei und wer sie die schönen Verse gelehrt habe und ihre Tochter das liebliche Geigenspiel. Er hatte inzwischen einen Diener herangewinkt und ihm einen leisen Auftrag ertheilt. Während die Sängerin nun auf alle Fragen schicklich und mit ruhigem Ernst antwortete, zog Herr Simon das schlanke Mägdlein auf seinen Schooß, ließ sie aus seinem Becher trinken und steckte ihr von dem Confect und den süßen Trauben eigenhändig in den Mund, sich an der Verwirrung des holden Kindes ergötzend. Auch schlug er einen scherzhaften Ton an, der dem Abt ein Aergerniß war, indem er fragte, ob das Fräulein wohl Lust habe, seine Frau zu werden, er sei zwar nicht mehr der Jüngste, aber da ihre Mutter dem Manne, der ihr Schmach und Undank zugefügt, so eifrig die Treue halte, werde wohl auch sie eine gute und getreue kleine Hausfrau werden, mit anderen Reden mehr, die das Kind nicht verstand, die aber der Mutter das Blut in die Wangen trieben.
      Während dies Alles droben auf dem Altan sich zutrug, hatte Herr Raimon in seinem Kerkerthurm einsam vor sich hin gebrütet. Er wußte, das Ende seiner Buße stehe nahe bevor, und da das Leben ihm längst entleidet, seine besten Freunde mit ihm gefangen oder getödtet waren, sah er der letzten Stunde mit weltabgewandter Ungeduld entgegen.
      Das Herz in der Brust war schon vor ihm selber hingestorben, wie er meinte, da er weder Freude noch Schmerz, weder Hoffen noch Bangen mehr empfand. Warum durchzuckte es dennoch ein so heftiger Schlag, als plötzlich von weit herüber aus der Höhe, wie wenn eine überirdische Musik schon jetzt ihn begrüßte, ein leise klagender Gesang und das gedämpfte Klingen einer Viola zu ihm herunterwehte? Kein Wort verstand er, und auch die Melodie verschwamm dann und wann in ein undeutliches Seufzen und Summen. Und doch brannte ihm das Herz von Sehnsucht und Erinnerung, daß er selbst sich darüber wunderte und dachte, es müsse wohl ein Fiebertraum sein Spiel mit ihm treiben, daß er zu hören glaube, was doch in Wahrheit nur viele Meilen fern von ihm singen und klingen könne.
      Nicht lange aber war dieser wunderliche Spuk verstummt, da ward die feste Thür seiner Zelle aufgeriegelt, und der Thurmvogt kam, im Auftrag des Grafen ihn hinauszuführen und ihm zu sagen, er könne gehen, wohin er wolle.
      Es dauerte eine kleine Weile, bis er begriff, daß diese plötzliche Erlösung nicht etwa eine Fortsetzung seines Traumes sei. Erst als der finstere Alte auf sein heftiges Dringen ihm erklärte, wem er dies märchenhafte Glück zu danken habe, konnte er sich zum Glauben bequemen. Es war aber kein Strahl der Freude, der über sein Gesicht ging. Ich wollte, Ihr hättet mich zum Tode geführt, statt in eine Freiheit, die schlimmer ist als Sterben von Henkershand! rief er in dumpfem Gram. War ich nicht beschämt genug? Hatt' ich nicht gethan, was ich konnte, den Schimpf von meinem Schilde abzuwaschen? Nun wird eine neue Last mir aufgebürdet, die mich vollends erdrücken soll!
      Er trat ins Freie mit wankenden Knieen, obwohl seine Wunden so gut wie vernarbt waren. Einen langen Blick sandte er nach dem Söller hinauf, von wo er die laute lachende Stimme seines großmüthigen Feindes vernahm. Einen Augenblick war ihm, als sehe er den Glanz von blonden Locken über die Brüstung des Altans auftauchen. Der Vogt aber ließ ihn nicht lange staunen und starren. Er hatte gemessenen Befehl, ihn sofort aus der Burg zu führen mit scharfer Ermahnung, nie wieder sein verfallenes Haupt dem gnädigen Richter vor die Augen zu bringen, der es ihm einzig und allein auf den Schultern lasse, um der Welt zu beweisen, daß er im Lärm der Schlachten nicht taub geworden sei für den Zauber süßen Gesanges.
      *
      So wanderte der tief Gedemüthigte, dessen Buße immer noch nicht vollbracht sein sollte, von der Stadt Toulouse hinweg, ohne Weib und Kind wieder gesehen zu haben. Er dachte nicht mehr daran, sich vor den Augen der Welt zu verstecken. In jenem Thurmverließ war alle irdische Eitelkeit von ihm abgefallen. Auch hatte die arme Menschheit in der Noth dieser Zeit zu viel mit ihren eigenen Sorgen zu schaffen, um hämische Blicke auf einen armen Landfahrer zu werfen, der, wenn er mehr gesündigt, als Manche, auch härter gezüchtigt worden war.
      Nach vielen in der Irre durchwanderten Tagen fand er sich endlich in der Gegend von Miraval. Der Burg selbst sich zu nähern durfte er nicht wagen. Er hörte, daß sie von den Schaaren Simon von Montfort's besetzt, sein Bruder Gaucelm, der sie zu behaupten gewagt, nach hartnäckigem Kampf gefallen sei. Der alte Burgvogt habe sich mit schweren Wunden in eine Jagdhütte tief im Forst zurückgezogen.
      Den suchte er nun auf und bat ihn um Herberge, die der treue Mann seinem müden, schweigsamen Herrn mit Freuden gewährte. Die Kunde erging bald auch nach Carcassonne, Herr Raimon wohne wie ein gehetztes Wild im dichten Forst. Es kümmerten sich aber nur Wenige darum, denn auch in der Stadt, die schwer unter dem Zorn des grimmen Montfort gelitten, hatte Jeder mit sich zu thun.
      Graf Simon aber, nachdem er nun seinen Kreuzzug vollendet und die ganze Provence von der Pest der Ketzerei gesäubert hatte, wurde von Toulouse abgerufen durch Hader seiner eigenen Mitkämpfer, die sich um die Beute stritten. Er war nicht gewillt, sie ihnen zu lassen, da er das Amt eines Streiters für die rechtgläubige katholische Kirche einzig und allein übernommen hatte, um sich selbst eine große Herrschaft zu gründen. So zog er nach Carcassonne, die Stadt einem der Barone wieder abzunehmen, dem er sie nicht anvertraut hatte, um sie für immer zu verschenken.
      Die schwer heimgesuchte Bürgerschaft empfing den Gefürchteten mit großer Angst, beim Streite der beiden Wölfe werde das Lamm wieder Blut und Wolle hergeben müssen. Montfort aber, nachdem er den unbotmäßigen Vasallen schon durch sein bloßes Herannahen weggeschreckt hatte, erwies sich wider Erwarten blutscheu und menschenfreundlich, verhieß dem Rath und den Schöffen der Stadt ein mildes und gnädiges Regiment und versicherte, sie bei ihren alten Gerechtsamen erhalten zu wollen. Am Abend des ersten Tages aber, nachdem er die drängendsten Geschäfte abgethan hatte, ließ er sich nach dem Hause führen, in welchem Frau Gaudairenca wohnte. Er wußte selbst nicht, was er dort suchte, er fühlte nur einen dunklen Trieb, unter all dem Wüsten und Unholden, was zu seinem Handwerk gehörte, sich einmal wieder an einem reinen Bilde zu erquicken und die liebliche Frauenstimme wieder zu hören, die ihm lange im Ohre nachgeklungen war. Während die dichte Menge des Volkes, die ihn staunend und bange bis zu dem Haus mit dem Rosenstock begleitet hatte, auf der Gasse stehen blieb, trat er mit seinem gastlichsten Gesichte hinein und entschuldigte, da die Hausfrau ihm in ihrer stillen Art entgegentrat, die späte Störung. Er habe ihr den Besuch, den sie ihm in Toulouse gemacht, zurückgeben und sich auch erkundigen wollen, ob das junge Fräulein es sich inzwischen überlegt und den Muth gefaßt habe, Gräfin von Montfort zu werden.
      Dieses Scherzwort, das er mit einem Kuß auf die Stirne des elfjährigen Kindes begleitete, beschwichtigte alsbald jede Besorgniß, daß der Eintritt des Gebieters dem Schwertfegerhause Unheil bedeute. Auch fuhr der Herr, indem er sich in den Ledersessel niederließ, der den gichtkranken Alten jahrelang aufgenommen, in behaglichster Laune fort, mit den Insassen des bescheidenen Gemachs zu plaudern, fragte den Bruder, der sich ihm mit bescheidenem Ernst vorstellte, nach seinen Reisen, die Hausfrau nach ihren Plänen für die Zukunft und ob sie immer noch keinen stattlichen Bewerber erhören wolle, die unzweifelhaft sich's zur Wonne und Ehre rechnen würden, die Dichterin von Carcassonne ihren ersten nichtsnutzigen Gemahl vergessen zu machen.
      Gaudairenca erwiderte auf all diese heiteren Reden mit einem zerstreuten Lächeln. Sie ging endlich hinaus, ihrem vornehmen Gast einen Imbiß und einen Trunk Wein, wie das Haus ihn vermochte, zuzurüsten, und brach aus dem Garten die ersten Blumen des Frühlings. Als sie damit wieder eintrat, fand sie die junge Constanze wieder auf dem Schooß des Grafen sitzend, der das Kind mit nicht immer feinen Reden unterhielt, sich an ihrer Verwirrung ergötzend. Er schlug aber die Kollation mit artigem Danke aus, nur einige der Blumen nahm er und steckte sie, nachdem er das Näschen des Kindes damit gestreichelt, in sein Sammtgewand.
      Wenn ihr mich bewirthen wollt, lachte er, müsset Ihr mir auftischen, was nirgend so gut zubereitet und angerichtet wird, wie im Hause einer Dichterin. Laßt mich noch einmal Euren Gesang vernehmen, und meine kleine spröde Braut da soll zeigen, ob sie über den Winter noch zugelernt hat auf der Viola. Ein solches Duett zu hören, thut meinem alten Haupte sanfter, als wenn die edelsten Weine mir zu Kopfe steigen.
      Das Mädchen warf einen fragenden Blick auf ihre Mutter. Als diese mit sinnendem Auge ihr zuwinkte, sprang sie rasch nach dem Schränkchen in der Ecke, wo ihre Geige verwahrt lag, und stellte sich zum Spielen fertig. Frau Gaudairenca machte ihr ein Zeichen, das sie wohl verstand. Da begann sie ein zartes, schwermüthiges Vorspiel, und jetzt öffnete die edle Frau die Lippen und sang, mit einer leicht umflorten Stimme, die erst gegen das Ende des Liedes voller und mächtiger erklang, so daß man draußen auf der Gasse nicht nur die Melodie vernehmen, sondern in der großen Stille jedes einzelne Wort verstehen konnte.
      Ich tret', o Herr, zum andern Mal
       Mit scheuer Bitte hin zu dir.
       Laß wieder leuchten über mir
       Wie damals deiner Gnade Strahl!
       Gedenkst du noch der Stunde,
       Da ich mit bangem Munde
       Losbat von dir die Nachtigall?
      Du gönntest ihr nach langer Qual,
       Zu flattern aus der engen Haft.
       Wohl hat sie frisch sich aufgerafft
       Und flog dahin durch Berg und Thal.
       Doch, da zum alten Neste
       Sie kam, gar wilde Gäste
       Fand sie im Schloß zu Miraval.
      Kein schirmend Dach, kein häuslich Mahl
       Ward in der Heimath ihr gewährt!
       Da hat sie bang sich abgekehrt
       Und irrt nun unstät, krank und fahl.
       Wie soll es ihr gelingen,
       Dem Retter Dank zu singen,
       Wenn man das warme Nest ihr stahl?
      Herr Graf von Montfort, ohne Zahl
       Sind Städt' und Burgen dir bereit.
       Nicht wird der Adler sehn mit Neid
       Das arme Nest der Nachtigall.
       Laß dort sie wieder wohnen.
       Und hold wird sie dir's lohnen
       Mit süßem Sang zu Miraval.
      Beim Blute des Gekreuzigten! rief Montfort, indem er in die Höhe sprang, der Vogelsteller hat sich in sein eigenes Netz verstrickt, und das Nachtigallenweibchen wird ihm noch die Augen auspicken, wenn er sich nicht schleunig den schnürenden Maschen entwindet. Ist das auch Recht, Frau Hinterlist, einem arglosen Gast, statt ihm ein Gastgeschenk zu reichen, so hohen Zoll abzufordern?
      Ich wäre zu Euch gegangen mit diesem Liede, Herr Graf von Montfort, wenn Ihr mir nicht so gnädig zuvorgekommen wäret, versetzte die Frau, indem sie ihre dunklen Augen mit demüthigem Ernst auf den seinen ruhen ließ. Ein hoher und gewaltiger Herr, der sich einer Bittenden zuneigt, wird sich nicht mit halber Gnade begnügen. Ich habe Euer hochsinniges Gemüth schon in Toulouse erkannt. Ihr werdet es unter meinem eigenen armen Dache nicht verleugnen, schon wegen des unschuldigen Kindes, das Ihr nicht verarmen lassen werdet um der Schuld seines Vaters willen.
      Da lachte der furchtbare Graf so laut auf, daß die Drei im Zimmer erschraken, denn sie wußten nicht, ob es Hohn sei oder gute Laune. Es war aber die letztere. Nun bei allen Teufeln und Heiligen! rief er, Ihr kennt mich wahrlich besser, als ich mich selbst. Was Ihr da von der Nachtigall gesungen, rührt mich wenig. Denn dieser lose Vogel, der Klauen hat wie ein Sperber und eine kriegerische Stimme, gleich dem Schrei des Falken, der auf Beute stößt, – nach seinem Lobgesang lüstet mich wenig, und wenn eine Eule im wilden Wald ihn zu Nacht verspeiste, geschähe ihm nach Verdienst. Aber das Weibchen des Sprossers hat mir's angethan, das weiß die Listige nur zu gut, und dieser unflügge Nestling, den ich auf meinen Knieen geschaukelt, sieht mich mit so lieblich gespitztem Schnabel an, daß ich mir von ihm die reifste Beere aus dem Munde stehlen ließe. Schütze mich der Himmel davor, dieser gefährlichen Brut je wieder zu begegnen! Ich glaube, wenn sie mit ihrem Zwitschern es darauf anlegte, mir die halbe Provence abzubetteln, ich wäre Narr genug, mir's gefallen zu lassen. Für diesmal komm' ich noch glimpflich weg mit einer einzigen Burg, die der Kriegsbesen scharf genug ausgefegt hat. So mag es drum sein. Das verschlagene Bettlergesindel aber, das mich darum gebracht, soll erst noch meine Rauhheit zu spüren bekommen.
      Damit faßte er die tief erglühende Frau in seine Arme und küßte sie dreimal auf den Mund. Darauf ließ er sie los und ergriff die kleine Constanze, deren Stirn und Wangen er mit seinem struppigen Bart übel zurichtete. Dann setzte er sein Barett mit der wallenden Feder auf, nickte dem Bruder Gaudairenca's einen Abschiedsgruß zu und verließ, heimlich vor sich hin murrend, doch nicht mit unfreundlicher Miene und Geberde, das Haus.
      Am nächsten Morgen hatte er die Stadt mit seinem Gefolge und einem Trupp Gewaffneter geräumt. Es war, als fürchte er sich vor einem neuen Liede der Dichterin von Carcassonne.
      Drei Tage waren vergangen. In der Stadt hatte man von nichts Anderem gesprochen, als von dem Besuch des furchtbaren Grafen in dem Schwertfegerhause und dem Gesang, den er dort zu hören bekommen. Da sahen die guten Bürger in der hellen Nachmittagssonne einen Mann zum Thore hereinschreiten, der ein Pferd am Zügel führte. Er trug ein schlichtes schwarzes Gewand, das Haupt unbedeckt und die Füße unbeschuht. Einige glaubten in der seltsamen Figur Herrn Raimon von Miraval zu erkennen, Andere bestritten es, bis der Mann an dem Hause mit dem Rosenstock anhielt, das Pferd an einem Stabe des Spaliers fest band und, nachdem er den Klopfer erschallen lassen, ohne Zögern über die Schwelle trat.
      Er fand die drei Bewohner desselben in dem vorderen Zimmer beisammen, die Frau am Spinnrade, das Mädchen aus einem großen Buche ihr vorlesend, den blonden Bruder beschäftigt, ein Schwert von Rostflecken zu reinigen.
      Als dieser Letztere den Besucher ins Auge faßte, fuhr er mit gerunzelter Stirn in die Höhe, seine Hand suchte den Schwertgriff, es schien, daß ein feindseliger Gedanke ihm das Blut empörte. Der Fremde aber veränderte keine Miene, noch fuhr er zurück, um sich gegen einen jähen Anfall zu decken.
      Ich wage es hier einzutreten, sagte er mit ruhiger Stimme, obwohl zu Anfang ein wenig stockend, als ob er seine Worte suchen müsse, – ich bitte nur um ein kurzes Gehör, da es nicht in eigener Sache ist, daß ich rede. Was hier geschehen ist vor wenigen Tagen, ist mir nicht bloß durch das Gerücht zu Ohren gekommen. Der siegreiche Feind hat mir selbst einen Boten geschickt, mir anzuzeigen, daß seine Leute aus Miraval fortgezogen seien und die Burg mir wieder offen stehe. Ich habe es durch meine eigene Schuld und Thorheit verscherzt, darin zu wohnen. Da sie aber nicht herrenlos bleiben soll, habe ich mich aufgemacht, die rechte Herrin aufzusuchen und sie einzuladen, daß sie sich von mir dort wieder einführen lasse, von wo ich sie so schnöde vertrieben. Ich habe ein Pferd mitgebracht, und wenn es ihr gefällt, soll sie schon die nächste Nacht wieder unter dem Dache ruhen, das einst bessere Tage gesehen und nun mit Gottes Gnade wieder sehen soll, wenn auch der frühere Besitzer sie nicht mehr mit ihr theilen darf.
      Er schwieg und wagte nicht auf dem Gesicht der Frau zu forschen, welchen Eindruck seine Rede gemacht habe. Da hörte er sie nach einer kleinen Weile sagen:
      Es steht Euch wohl an, Herr Raimon, daß Ihr so denkt und redet. Ihr werdet aber verzeihen, wenn ich Eurer Einladung nicht zu folgen vermag. Die Welt soll nicht sagen, für mich selbst hätte ich die Burg ersungen, die Eurem Geschlechte gehört, von dem ich für immer ausgestoßen bin. Erwägt es besser, und nehmet unbedenklich an, was der Himmel Euch zurückgegeben hat. Für den Rest meiner Tage habe ich ausgesorgt unter diesem schlichten Dach, das ich, wenn ich besser berathen gewesen wäre, nie hätte verlassen sollen. So geht mit Gott, Herr Raimon, und wenn Euch daran liegt, so wisset, daß ich ohne Feindseligkeit Euer gedenke und den Himmel in meinem Gebet anflehe, Euch noch ein glückliches Loos zu bescheren.
      Es ahnte mir, daß Ihr so sprechen würdet, versetzte er dumpf. Ich habe es nicht um Euch verdient, daß Ihr meine Buße endet und die Last Eurer Großmuth, die mich schier erdrückt, von meiner Seele nehmt. Aber wenn Ihr für Euch selbst jede Erinnerung an das verbannt, was wir einst einander gewesen sind, Eurem Kinde seid Ihr es schuldig, ihm zu erhalten, was ihm gebührt. Erlaubt mir, daß ich Constanze in die Burg ihrer Väter einführe und sie dort als Herrin von Miraval vor dem ganzen Lande bestätige.
      Die Frau wechselte einen Blick mit ihrem Bruder. Dann, nach einem kleinen Schweigen: Ihr habt Recht hierin, Herr Raimon, sagte sie, und ich danke Euch, daß Ihr voraussichtiger und billiger handelt, als ich gethan hätte. Das Kind soll sich fertig machen, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr es auf der Stelle mitnehmen.
      Sie erhob sich nun, suchte einige Kleider und Weißzeug zusammen, das sie in ein Bündel that, und befahl dem Mädchen, das mit großen Augen in seltsamer Bestürzung bald den Vater und bald die Mutter betrachtete, ihre Geige nicht zu vergessen. Als sie ihr dann auf das Pferd geholfen und den Packen hinter dem Sattel festgebunden hatte, wobei eine rasch anschwellende Volksmenge sie umgab, flüsterte sie ihr noch ein Wort ins Ohr, während sie sich selbst im Bügel erhob, das Kind zum Abschiede zu küssen. Dann nahm der Vater den Zügel wieder in die Hand und lenkte das Thier, das seine leichte Last willig trug, im Schritt durch die Gaffer hindurch, von denen mehr mitleidige als böse Blicke ihm nachfolgten.
      Der Frühling blühte vor den Thoren und alle Vögel sangen. Vater und Tochter aber sprachen kein Wort. Das Mädchen hatte die Geige auf dem Schooße ruhen und sah mit rothen Wangen vor sich hin, denn es schämte sich heimlich, daß es auf dem Pferde saß, während der Vater barfuß nebenher schritt. Gern hätte es ihn eingeladen, sich zu ihr in den Sattel zu setzen. Aber die Mutter hatte ihr eingeschärft, ihn gewähren zu lassen, was er auch thue. So waren sie eine halbe Stunde gezogen, da traten dem guten Kinde die Thränen in die Augen, indem sie das erbärmliche Schicksal ihres Vaters erwog, und Alles, was sie je an Groll gegen ihn in der Brust getragen, schmolz in diesen weichen Fluten dahin. Da sie nun nicht wußte, wie sie ihren Kummer vor ihm verbergen sollte, und zugleich ihn gern hätte wissen lassen, daß sie nicht als ein fühlloses Püppchen da oben thronte, während er die scharfen Steine des Wegs mit nackten Sohlen trat, nahm sie plötzlich ihr Instrument zur Hand und spielte eine so wehmüthig sanfte Melodie, daß es dem Vater war, als finge die eigene Seele seines Kindes an zu klingen, und er einen dankbar aufleuchtenden Blick zu ihr hinaufschickte. Da lächelte sie mitten unter ihren Thränen, und die Beiden sahen sich unverwandt an und wußten ohne Worte, was Jedes dem Andern gern gesagt hätte.
      So waren sie endlich an den Fuß des Hügels gekommen, von welchem die Burg mit zerschossenen Zinnen und leeren Fensterhöhlen traurig herniedersah. Das Mädchen hatte, durch den Anblick trübe gestimmt, ihre Geige abgesetzt und that nur dann und wann mit den schlanken Fingern einen spielenden Griff in die Saiten. Als sie aber jetzt die Höhe erreichten, hob sie plötzlich wieder das Instrument an ihr Hälschen, und nun strich sie mit dem Bogen einen so hellen Klang und fingerte so luftig die munterste Tanzweise, die sie wußte, daß Herr Raimon, der das Haupt wieder gesenkt hatte, verwundert aufsah, denn wohl erkannte er die Melodie, die an jenem ersten Abend ihn gebannt hatte. Und als er eben fragen wollte, was sein liebes Kind auf einmal so froh mache, sah er den Grund mit eigenen Augen und hielt in heftiger Bewegung den Zügel an.
      Aus dem dunklen Thorbogen trat Gaudairenca ihnen entgegen. Sie hatte einen grünen Kranz von Lorbeern und Granatzweigen in der Hand, mit dem sie leise den Nahenden winkte, vollends heraufzukommen. Wie nun das Pferd, muthiger als sein Herr, sich wieder in Bewegung setzte und endlich vor der Zugbrücke hielt, ward auch die Gestalt des Bruders in dem alten Gemäuer sichtbar, der den Hut schwenkend die Einziehenden begrüßte.
      Die schöne Frau aber, jetzt nicht mehr mit blassen Wangen, sondern von Güte und Freude über und über erglühend wie eine Braut, rief ihrem Gatten zu:
      Ihr seid langsam gereist, Herr Raimon. Wir haben indeß auf einem Umweg uns getummelt, Euch den Vorsprung abzugewinnen. Denn wahrlich, es war ein thörichtes Wort, daß ich Euch erlaubte, das Kind hier allein als Herrin walten zu lassen. Wo die Tochter ist, muß auch die Mutter sein, zumal es eine erfahrene Hausfrau braucht, um die Schäden dieses alten Schlosses auszubessern und das Nest wieder wohnlich zu machen für die Nachtigall. Ihr braucht darum aber nicht zu fürchten, daß ich Zeit behalten werde zum Singen, und daß hinfort mehr als Ein Troubadour unter diesem Dache hausen werde. Kommt also und ruhet aus, und laßt Euch die Füße waschen, die des steinigen Weges nicht gewohnt waren.
      Gaudairenca! rief er mit ersticktem Laut – ist's möglich? – ist's abgebüßt?
      O Raimon! flüsterte sie, indem sie sich an seinen Hals warf. Ich weiß nicht, du böser Mann, ob deine Buße lang genug war; die meine aber, da ich doch nichts verbrochen, hat mich fast das Leben gekostet! Nun sollst du mir, ob auch in grauen Haaren, Lust und Lachen wieder zurückbringen!
    



      Der Mönch von Montaudon
      (1880)
       
      Am Hofe des dichterfreundlichen Königs Alfons II. von Aragon lebte um die Wende des zwölften Jahrhunderts ein wunderlicher Heiliger, den seine Mönchskutte und selbst die Priorwürde, zu der er im Lauf der Jahre gelangte, nicht hinderten, das Gewerbe eines fahrenden Sängers zu üben und sich mit hitziger Leidenschaft in die allerweltlichsten Handel zu mischen.
      Als der verarmte Sprößling eines edlen Hauses aus Vic in Auvergne war er schon in jungen Jahren in die Abtei von Orlac eingetreten. Aber das härene Hemd und die strenge Disciplin, die ihm dort zu Theil wurden, hatten das Feuer seines ritterlichen Blutes nicht zu dämpfen vermocht. Auch hinter den Klostermauern verfolgte er den Lauf der Welt mit eifrigem Antheil, und da er die Waffen nicht mehr führen durfte, entlud er seinen thatenlosen Grimm und was er an politischen Wünschen und Meinungen auf dem Herzen hatte in schneidigen Liedern zu Schutz und Trutz, Sirventese genannt, die seinen Namen bald durch die ganze Provence bekannt und, je nach der Partei, die er verfocht oder angriff, geliebt oder gefürchtet machten.
      Nicht seinen weltlichen Namen zwar, der spurlos verschollen ist. Damals wie heute wurde er nach dem Kloster, zu dessen Prior der Abt von Orlac ihn geweiht hatte, nur der Mönch 
      von Montaudon genannt. Da nun die Fürsten und Barone der Nachbarschaft gar wohl erkannten, von wie großem Nutzen es ihnen sein mußte, die fernhintreffende Dichtkunst dieses kecken Parteigängers in ihre Dienste zu nehmen und nach ihren Zielen und Zwecken zu lenken, luden sie den Mönch von Montaudon ein, sein Kloster zu verlassen und sich, so lang es ihm gefiele, bald hier bald dort an den Höfen seiner Gönner aufzuhalten. Hiezu gab der Abt von Orlac um so williger seine Zustimmung, als der dichtende Prior alle Geschenke und Gaben, die seine Kunst ihm eintrug, dem dürftigen Kloster und baufälligen Kirchlein von Montaudon zu Gute kommen ließ, auch getreulich, wenn er etliche Jahre fern gewesen war und seine Verse gleichsam wie das Glöckchen am Klingelbeutel munter hatte läuten lassen, in seine Priorzelle zurückkehrte, dort nach dem Rechten zu sehen und wieder eine Zeit lang einer gottseligen Beschaulichkeit zu fröhnen.
      So kam es, daß endlich auch der Herr von Aragon auf den Troubadour in der Kutte aufmerksam wurde und ihm freundliche Botschaft sandte, er möge an seinen Hof kommen, dort unter anderen gefeierten Sängern sich's kurz oder lang als Gast seines königlichen Gönners gefallen zu lassen. Auch hiergegen hatte der würdige Abt nichts einzuwenden, ja er entband den Prior ausdrücklich von der strengen Observanz und wies ihn an, sich in Allem den Wünschen eines so hohen und gnädigen Fürsten zu fügen. Alfons nun, der einen lebensfrohen und zu mancherlei Humoren aufgelegten Sinn hatte, befahl alsbald seinem mönchischen Gast, sich wieder in die weltlichen Bräuche zu schicken, das strenge Fasten zu meiden, den Damen sich höflich zu bezeigen und sich sogar in Liebesliedern zu versuchen.
      In dies neue Leben sich einzugewöhnen, scheint den geistlichen Herrn nicht sonderliche Ueberwindung gekostet zu haben, wobei die adlige Erziehung, die er als Knabe genossen, ihm wohl zu Statten kam. Auch war das klösterliche Kleid, das er im bunten Gewühl des Hofes nicht ablegte, kein Hinderniß, daß er den Damen gefiel und für seine zärtlichen Canzonen Gehör fand. Was in diesen uns heutzutage seltsam anmuthet, eine gewisse lehrhafte Trockenheit und scholastische Spitzfindigkeit, wurde durch die ansehnliche Erscheinung des Dichters aufgewogen, der ein hochgewachsener Mann war, mit feurigen Augen und einem braunen, wallenden Bart, nur durch ein Muttermal an der linken Schläfe in Gestalt einer purpurrothen Himbeere ein wenig entstellt. Vielleicht auch wurde gerade die Künstlichkeit seiner verliebten Lieder ihm zum Verdienst angerechnet. Er rühmt sich wenigstens, »schöne Augen und Wangen geküßt und manche Wallfahrt unternommen zu haben, nur um Gott zu bitten, er möge das Herz seiner Dame wissen lassen, wie treu er sie liebe«.
      So hätte er wohl noch lange Zeit das vergnüglichste Leben von der Welt führen können, wenn auch nicht zur größeren Ehre Gottes, doch zu Nutz und Frommen der armen Klosterbrüder, die gleichfalls bessere Kutten trugen und einen minder sauern Wein tranken, seitdem ihr Prior die Füße unter eines Königs Tafel streckte. Mitten aber in aller Pracht und Ehre seiner Hofdichterschaft stach ihn ein mönchischer Kitzel, auch einmal wieder ein wenig zu predigen, freilich in Versen und auf eine muntere Art, doch immerhin so, daß er es mit der schöneren Hälfte seiner höfischen Gemeinde heillos verdarb.
      Schon damals nämlich war die Unsitte des Schminkens stark im Schwange, wie sie denn zu keiner Zeit und unter keinem Himmelsstrich völlig außer Uebung gekommen ist. Was unsern dichtenden Prior reizte, gerade an dieser, doch nicht wohl zu ewiger Höllenstrafe verdammten Schooßsünde der Frauen ein satirisches Müthchen zu kühlen, ist nicht überliefert worden. Dagegen haben sich die beiden gereimten Gespräche (Tenzonen) erhalten, in denen der Dichter keinen Geringern als Gottvater selbst mitreden läßt, vielleicht um etwaige Proteste der beleidigten Damen durch das Ansehen des höchsten Richters von vorn herein niederzuschlagen.
      Der Schauplatz beider heiliger Conversationen ist der Himmel, wo den Frauen ein förmlicher Prozeß gemacht und ihre Sache zunächst von dem Dichter selbst vertheidigt wird. Denn die erste dieser Tenzonen lautet wie folgt:
      Durch gutes Glück hatt' ich einmal
             Ein Gespräch im Himmel droben,
             Wo die Mönche Klag' erhoben,
       Die Weiber schminkten sich zumal;
       Vollführten da ein groß Geschrei:
       Die Farben stiegen schon im Preis,
       Weil sie die Wänglein roth und weiß
       Bemalten, was doch sündlich sei.
      Gott sprach zu mir mit offnem Sinn:
             Mönch, ich hab' es wohl vernommen,
             Daß ihr seid zu Schaden kommen.
       Drum mir zu Lieb' geh eilends hin,
       Verbiete solches Thun den Frau'n.
       Genug der Klagen hört' ich an,
       Und lassen sie nicht ab fortan,
       Sie sollen schlimme Dinge schau'n!
      Mein Herr und Gott, sprach ich, erwägt
             Billiglich, daß alle Frauen
             Lieben zierlich auszuschauen,
       Das hat Natur in sie gelegt.
       Drum sei es Euch kein Aergerniß,
       Und schweigen sollt' der Mönche Schaar!
       Daß sie den Weibern immerdar
       Gehässig waren, ist gewiß.
      Mönch, sprach der Herrgott, Thorheit nur
             Hat dir jetzt im Sinn gelegen,
             Daß sich meinem Schluß entgegen
       Soll schmücken meine Creatur.
       Sie gliche ja mir selber ganz,
       Wenn sie, die täglich altern soll,
       Mit bunten Farben listenvoll
       Sich schüfe neuen Jugendglanz. –
      Ihr redet, Herr, so gar ergrimmt,
             Weil Ihr thront so hoch im Blauen,
             Und doch lassen nie die Frauen
       Vom Schminken, wenn Ihr nicht bestimmt,
       Daß ihre Schönheit nicht verfällt,
       Bis sie der Tod ruft ab von hier.
       Wollt Ihr das nicht, so müsset Ihr
       Die Farben tilgen von der Welt.
      Hieran schließen sich noch ein halb Dutzend Strophen, in denen die Sache in einem Tone weitergeführt wird, der heutzutage weder auf Erden noch vollends im Himmel als wohlanständig angesehen würde, gegen die Hofsitte jener Zeiten aber so wenig verstieß, daß der Dichter nicht nur den Beifall seines männlichen Publikums gewann, sondern auch die Gunst der Frauen noch nicht verscherzte, obwohl sie den Schalk in der Maske des Fürsprechers wohl witterten. Dieser Erfolg aber machte ihn übermüthig und reizte ihn, das verfängliche Thema in einer zweiten Tenzone zu behandeln, nun freilich mit einer so beißenden Schärfe, daß es den Betroffenen über den Spaß gehen mußte.
      Wiederum wird im Paradiese vor Gottes Angesicht offenes Gericht gehalten zwischen den Mönchen als Klägern und den Weibern als Beklagten.
      »Jene klagen, daß sich die Weiber der Malerei, einer mönchischen Erfindung, bemächtigt hätten und durch die Röthe ihrer geschminkten Wangen die Votivgemälde der Kapellen verdunkelten; die Frauen behaupten dagegen, sie seinen vor der Erfindung der Votivgemälde im Besitz der Malerei gewesen, und Eine von ihnen bemerkte, sie sehe nicht ein, was die Mönche verlören, wenn sie den Spöttern zum Trotz sich die Falten unter den Augen zu bemalen und zu verstecken wisse. Nun legte sich Gott in's Mittel: er forderte die Mönche auf, den Frauen, die nicht über fünfundzwanzig Jahre alt seien, dreißig Jahre zum Schminken zu vergönnen; allein die Mönche weigern sich und wollen nur aus Gefälligkeit für Gott zehn Jahre unter der Bedingung zugestehen, daß sie alsdann in Frieden gelassen würden. Endlich bringen St. Peter und St. Lorenz einen Vertrag zu Stande, jede Partei giebt fünf Jahre nach, und so vereinigt man sich auf fünfzehn; allein dieser Vertrag wurde, wie der Dichter weiter bemerkt, von Seiten der Frauen, welche er betrifft, bald überschritten. Sie legen so viel Weiß und Roth auf, wie kein Votivgemälde enthält; sie mischen zu dem Ende Quecksilber mit verschiedenen Färbestoffen, oder Pferdemilch mit einer Art Bohnen, welche den alten Mönchen zur Speise dienten; wenn man alle ihre Salben zusammenrechnet, so kommen über dreihundert Büchsen heraus. Nie war es St. Petrus' oder St. Lorenz' Ansicht, die Alten, welche längere Zähne haben als ein Eber, in den Vertrag mit einzuschließen. Der Dichter behauptet, sie hätten den Safran so vertheuert, daß man sich im heiligen Lande darüber beklage, und fordert sie auf, die Waffen zu ergreifen, über das Meer zu setzen und diesen Färbestoff zu erfechten.«
      Daß der Bußprediger durch diesen bitterbösen Ausfall, wenn er auch in der Sache nichts änderte, wenigstens die Lacher auf seine Seite brachte, ist nicht zu verwundern. Auch verhielten sich die Angegriffenen kluger Weise so still, daß man fast hätte glauben sollen, sie seien in sich gegangen und hätten die beschämende öffentliche Verhandlung ihrer Sünde als eine gerechte Buße hingenommen. Auch fühlten sie sich freilich zu schwach, um dem unhöflichen Feinde mit seinen eigenen Waffen zu begegnen, und wenn es unter den weltlichen Sängern auch nicht an Solchen fehlen mochte, die in Hoffnung eines zärtlichen Dankes gern eine dichterische Lanze mit dem streitbaren Mönch gebrochen hätten, wehrten sie doch all solche Anerbietungen ab, um den Gegner, dem eine Niederlage durch weibliche Kunst und List zugedacht war, vollends sicher zu machen, als habe er das schwächere Geschlecht für ewige Zeit gedemüthigt.
      So saß er eines Morgens in seinem hellen, wohlausgestatteten Gemach, als ein Diener bei ihm eintrat mit der Meldung, in der nahen Kirche des heiligen Lorenz harre seiner eine vornehme Dame, die eigens hiehergereist sei, um dem Herrn Prior ihre Beichte abzulegen. Da dieser am Hofe, obwohl er täglich in der Frühe eine Messe las, kaum noch in seiner geistlichen Eigenschaft figurirte, wunderte ihn dies seltsame Begehren. Doch folgte er alsbald dem Boten und sah, als er in die Kirche trat, die Fremde schon im Beichtstuhle knieen, in ein eifriges Gebet versunken, so daß sie nicht einmal den Kopf wandte, als seine Schritte an den hohen Wölbungen wiederhallten. Sie war ganz in schwarzen Sammet gekleidet, das Gesicht durch einen dichten schwarzen Schleier verhüllt, den die gefalteten weißen Hände hoch über der Stirn an das Gesicht drückten. Nur so viel vermochte der Prior im Vorbeiwandeln zu erkennen, daß sein Beichtkind vom schönsten Wuchse war und in der Blüte der Jahre, da eine Fülle blonder Haare wie Gold durch die seidenen Maschen des Schleiers erglänzte.
      Er hatte kaum seinen Sitz eingenommen und das Ohr gegen das Gitterfensterchen geneigt, als die Fremde zu reden anfing, mit einer halblauten, schüchternen Stimme, die aber lieblich klang, wie das erste Girren und Zwitschern eines kleinen Vogels zwischen Nacht und frühem Tag.
      Hochwürdiger Herr Prior, sagte sie, ich habe Euch um Verzeihung zu bitten, daß ich Euch hieher bemüht habe, meine Beichte zu vernehmen, da doch der Pfarrer dieser Kirche bei der Hand gewesen wäre und Ihr jetzt andere Dinge zu thun habt, als eine reuige Sünderin zu absolviren. Da aber die Todsünden, die mein Gewissen belasten, Vergehungen gegen Euch selbst, Eure Person und Eure geistliche Würde sind, habe ich es als eine Verschärfung meiner Buße betrachtet, wenn ich mich gerade vor Euren eignen Ohren als Diejenige darstellte, die ohne Eure und Gottes Barmherzigkeit für ewig verdammt sein wird.
      Dem Prior, da er diesen seltsamen Eingang vernahm, versagte jedes Wort der üblichen Ermahnung, die er überdies bei einer so zerknirschten Sünderin sparen zu können meinte. Auch war er allzu begierig zu erfahren, in wie fern er selbst, der Wildfremden gegenüber, in ihre Beichte mit verwickelt sein möchte, als daß er durch ein überflüssiges Wort die Lösung des Räthsels hätte aufhalten mögen. Sprich, meine Tochter, sagte er. Gottes Gnade ist unerschöpflich, und ich selbst bin ein armer Sünder, der verzeihen muß, auf daß auch ihm verziehen werde. Da fuhr sie mit noch leiserer Stimme fort: Wisset, hochwürdiger Herr, daß, die zu Euch spricht, die Gräfin 
      Faidide von Limoges ist, die bis vor wenigen Jahren sich für eine der glücklichsten Frauen unter dem Monde hielt, da sie Alles besaß, was ihr Herz begehrte, und von keinem Verlangen träumte, das ihr jemals unerfüllt bleiben sollte. Nun aber hat der Himmel für gut befunden, ihren freudigen Sinn zu dämpfen, indem er ihr eine schwere Versuchung schickte.
      Hier schwieg sie ein wenig, als ob eine weibliche Scheu ihr die Zunge schwer mache. Dann sprach sie weiter:
      Ich bin einfach erzogen worden, trotz meines Ranges und Reichthums, und der Gemahl, den meine Eltern mir wählten, war ein Vetter von mir, jung und lebensfroh, der Jagd und ritterlichen Hebungen ergeben, aber ein Tropfen Tinte hat nur selten seine Finger befleckt, und den Wissenschaften und Werken der Dichter ist er fremd geblieben. So hatte auch ich bisher den Liedern der Troubadours nicht viel anders mein Ohr geliehen, als man dem Vogelgesang oder dem Rauschen eines Springbrunnens lauscht, bis ich eines Tages eine Canzone vernahm, die eine Dame, ein Gast unseres Hauses, auswendig wußte, ein Liebeslied von so eigenem Klang und Sinn, wie ich noch keines je vernommen. Ich gestehe Euch, hochwürdiger Herr, daß ich nachdenklich wurde und zum ersten Mal darauf verfiel, von allen Freuden des Lebens möchte es doch noch eine geben, die mir versagt geblieben, die nämlich, in so schönen Worten und Bildern gefeiert und um Liebe gebeten zu werden. Wie aber erstaunte und erschrak ich, als ich hörte, der Dichter, der diese süße Weise ersonnen, sei nicht ritterlichen Standes, sondern gehe in Kutte und Tonsur durch die Welt. Von Stund' an verfiel ich in eine tiefe Schwermuth. Denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich keinen anderen Gedanken mehr hatte, als an Euch, was doch in Wahrheit eine schwere und zwiefache Sünde war, einmal gegen meinen Gatten, dem ich meine Treue in Zeit und Ewigkeit verpfändet, und ferner gegen Euch, da ich es stets als eine Todsünde erachtet habe, in weltlicher Liebe zu einem Geistlichen zu entbrennen. Mag immerhin Euch selbst von Euren Oberen ein Indult gegeben sein, als ein höfischer Sänger schönen Frauen zu huldigen, so werden doch diese selbst der Verantwortung nicht enthoben, wenn sie Eurer Weihen vergessend nur auf die edlen Gaben Eures Geistes und Eurer Person blicken. Und dies ist meine erste große und schwere Schuld, die ich überdies weder bereuen noch von mir abwälzen konnte, da ich Euch flüchtig einmal in Puy Sainte-Marie gesehen und eines Eurer Gedichte selbst habe vortragen hören.
      Sie verstummte wieder, und nur ein Seufzer gab zu erkennen, daß die Beichte sie fühlbar erleichtert hatte. Der treffliche Prior aber, dem bei diesen raschen, flammenden Worten ein wenig warm unter der Kapuze geworden war, hatte nicht Zeit, auf eine schickliche Antwort zu sinnen, die zugleich der Pflicht seines geistlichen Amtes genügt und die schöne Sünderin nicht allzu sehr in ihrer Zerknirschung bestärkt hätte, da er die Früchte einer so unverhofften Gunst durchaus nicht zu verscherzen wünschte. Denn ehe er noch den Mund öffnen konnte, hatte sein Beichtkind sich schon wieder gefaßt, und er vernahm jetzt mit nicht geringerem Erstaunen, daß hier Nichts mehr für ihn zu hoffen sei.
      Er brauche sich nicht zu bemühen, sagte die Fremde, die sündige Neigung in ihrer Brust zu bekämpfen. Ihm selber sei dies schon viel früher gelungen, und zwar, indem er einer sehr von ihr geliebten Person einen schweren Kummer zugefügt habe. Sie besitze eine jüngere Schwester, Brunessinde 
      von Venzenac, seit Kurzem vermählt, aber durch die Geburt eines Kindes in eine langwierige Krankheit verfallen, von der sie nur kümmerlich wieder genesen sei. Um nun den Verfall ihrer Schönheit dem eigenen Manne, dem die blassen Wangen und matten Augen verhaßt seien, zu verbergen, habe sie ihre Zuflucht zu allerlei weiblichen Künsten genommen, die ihr gar unschuldig erschienen, zumal sie von so Vielen ihres Geschlechtes geübt würden. Sie habe ein wenig Roth und Weiß aufgelegt und durch einen Strich unter dem Augenlide den Glanz ihres Blickes zu erhöhen gesucht, nur um die Neigung ihres Mannes nicht zu verlieren. Und nun stellt Euch vor, hochwürdiger Herr, fuhr die Knieende fort, wie tödtlich sie betroffen wurde, als eines Tages bei der Tafel ihr eigener Gemahl Eure beiden Tenzonen zum Besten gab! Nicht nur daß sie fürchtete, sein Blick möchte dadurch geschärft werden, so daß er hinter ihre harmlosen Schliche käme: auch das strenge Gericht, das Ihr Gott den Herrn über unsere Malkunst halten lasset, fiel ihr schwer aufs Herz, und es fruchtete wenig, daß ich sie tröstete: Ihr selber könntet das so genau nicht wissen, vielmehr hättet Ihr das himmlische Parlament nur erdichtet, um uns armen Frauen einen Tort anzuthun, – sie blieb dabei, daß sie hinfort es nicht mehr wagen dürfe, ihrer armen erblichenen Schönheit ein wenig aufzuhelfen, und gerieth darüber in so heftigen Zwiespalt ihrer Aengste und Wünsche, daß sie nach kurzer Zeit von Neuem das Bett hüten mußte und noch immer nicht wieder aus der Dämmerung ihres Krankenzimmers an das helle Licht des Tages hervorgehen mag.
      Nun sehet, hochwürdiger Herr, als ich dies erfuhr, hat sofort meine unerlaubte Liebe zu Euch sich in einen Haß verwandelt, der, wenn auch durch die Liebe zu meiner armen Schwester ein wenig entschuldigt, doch einem Geweihten des Herrn gegenüber nicht minder strafbar sein dürfte, als jenes frühere Gefühl. Dieselbe Kunst, die mein Herz Euch zugewendet, hat es Euch nun wieder entfremdet, ja mit so bösen Wünschen zu Eurem Schaden erfüllt, daß es nicht an meinem Willen liegt, wenn Ihr noch keine Strafe des Himmels für diese gehässigen Rügelieder erlitten habt. Noch mehr aber lud ich auf mein Gewissen, indem ich, um der Schwester zu zeigen, daß das Schminken unmöglich in den Augen des gütigen Gottes ein Gräuel sein könne, nun auch meinerseits mich darin übte und kecklich vor aller Welt mit meinem schimmernden Farbenschmuck erschien. Der Himmel aber hat nicht ungestraft seiner spotten lassen. Denn durch eine wundersame Gewalt haben sich das Weiß und Roth und die zarte Tusche, mit der ich meine Brauen dunkel machte, damit sie gegen mein lichtes Haar verführerisch abstächen, dergestalt in mein Gesicht eingegraben, daß ich sie nun nicht mehr wegzuwaschen vermag und als eine von Gott Gezeichnete bis an meines Lebens Ende herumgehen muß. Mit diesen Worten schlug sie den Schleier zurück und zeigte ihr Gesicht zum ersten Male frei und offen ihrem Beichtvater, dessen Augen selbst in dem Zwielicht der alten Kirche und durch das Gitter des Beichtstuhls hindurch an diesem hellen Antlitz so viel zu bestaunen fanden, daß seine Lippen darüber das Reden vergaßen. Er meinte, nie ein reizenderes Frauenbild gesehen zu haben, und wenn es eine Buße des Himmels war, daß die gottlosen Farben von Wangen und Lippen nicht weichen und die feinen schwarzen Bogen über den saphirenen Augen nie wieder ihre Goldfarbe gewinnen sollten, so war dies ganze Teufelswerk doch so listig angestellt und vollendet durchgeführt, daß selbst ein geschworener Feind solcher Künste davon bezaubert werden mußte.
      Doch hatte er noch Besonnenheit genug, seine Bewegung nicht zu verrathen, sondern zu thun, was seines Amtes war: mit gemessenem Ton einen geistlichen Spruch und ernstliche Ermahnung an den büßenden Engel zu richten, von jener ersten Sünde ihrer Liebe zu ihm sie zu entbinden und auch für die größere des Hasses ihr Indulgenz zu verheißen, falls sie dieselbe ernstlich bereuen und hinfort nur mit freundlichen Gedanken sich seiner erinnern wolle. Nachdem er ihr noch das Beten etlicher Rosenkränze und Litaneien an die heil. Jungfrau auferlegt, erhob er sich, mit einigem Zögern, da es ihn einen kleinen Kampf kostete, von dieser holden Frau zu scheiden, ohne sich nun auch in weltlichem Tone mit ihr unterhalten zu haben.
      Auch die Fremde hatte sich von den Knieen erhoben, aber die Geberde, mit der sie ihm gegenüberstand, verrieth, daß sie noch etwas auf dem Herzen habe. Also blieb auch er wieder stehen und befragte sie – jetzt mit aller Courtoisie, die seine Seelsorgerpflicht bis dahin ihm untersagt hatte, – ob er noch etwas für sie thun und, da sie von ferne hergekommen, ihr etwa bei Hofe gefällig sein könne.
      Sie lächelte zum ersten Mal, und eine kleine Schalkheit, die ihr aus den Augen blitzte, machte ihr Gesicht noch tausendmal holdseliger.
      Ich hätte wohl noch ein Anliegen, hochwürdiger Herr, sagte sie mit leichtem Erröthen, aber ich weiß in der That nicht, ob ich Eurer Güte und Geduld so viel zumuthen darf. Eine erfahrene alte Frau, der ich meine Noth geklagt, hat mir gesagt, ich würde die leidige Tünche meines Gesichts nur wieder verlieren, wenn eine geistliche Hand sie mit geweihtem Wasser bestriche. Wolltet Ihr nun in der That einer verirrten armen Seele zu ihrer Rettung behülflich sein, so tauchet dies Tüchlein in den Weihbrunn dort und versucht, ob Ihr das höllische Blendwerk aus meinem Antlitz zu tilgen vermögt.
      Sie reichte ihm mit diesen Worten ein kostbares seidenes Tuch, mit goldenen Fäden durchwirkt und mit einer duftigen Essenz getränkt, das er, ohne ein Wort zu erwidern, nahm und in den nächsten Weihkessel neben dem Beichtstuhl tauchte. Als er sich wieder nach ihr umwendete, sah er sie auf den Marmorfliesen knieen, wie ein Lämmlein, das geschoren werden soll, recht mitten im Hochsommer, wo es sein Vließ mit Freuden hergiebt. Auch hielt sie den Schalk, der hinter ihren Lippen und Augen lauerte, so gut im Zaume, daß er ganz davon überzeugt wurde, sie erwarte von ihm einen großen Dienst. Sofort beugte er sich zu ihr nieder und versuchte mit dem genetzten Tüchlein ganz ernstlich ihre leuchtenden Wangen abzuwaschen. Doch schien es, als erhöhe er nur den Glanz der Haut durch sein eifriges Bemühen, und auch die zarten Härchen in den Augenbrauen blieben so dunkel wie zuvor. Ihm selbst stieg dabei das Blut ins Gesicht, das rothe Muttermal an der Schläfe brannte wie Feuer, und seine Hand zitterte.
      Es ist umsonst, sagte er endlich. Ihr müßt dieses Zeichen Eurer Thorheit nun an Euch behalten, und wenn ich nicht wüßte, welch sündigem Vorsatz es seine Entstehung verdankt, würde ich sagen, daß manche Frau Euch darum beneiden könnte.
      Meint Ihr das im Ernst? erwiderte sie, indem sie sich leicht wie eine Feder vom Knieen erhob. Nun, so will ich hinnehmen, was der Himmel über mich verhängt hat, und mir weiter keine Sorge darum machen. Vielleicht, wenn die dreißig Jahre verstrichen sind, die St. Petrus und St. Lorenz uns bei Gottvater ausgewirkt haben, verschwindet diese garstige Malerei von selbst. Und somit habt Dank, mein theurer Beichtvater, und schließt die arme Fadide in Euer Gebet ein. Sie selbst wird hinfort sich ewig als Eure Schuldnerin bekennen.
      Damit neigte sie sich vor ihm mit einem bezaubernden Lächeln, wobei sie die schönsten jungen Zähne sehen ließ, zog den Schleier wieder über ihr blondes Haupt und war mit leichten Schritten, wie ein schlankes Rauchwölkchen schwebt, aus dem Portal der Kirche entschwunden.
      Der Prior machte nicht sein klügstes Gesicht, als er ihr nachschaute. Wie er jetzt ihre Beichte sich zurückrief, kamen ihm starke Zweifel, ob es mit der ersten Sünde ganz so ehrlich gemeint gewesen sei, wie mit der zweiten, und vollends ihre Bitte, die weiß' und rothe Teufelei zu beschwören, die ihn von ihren Wangen anlachte, schien ihm auf einmal so verdächtig, daß er sich ingrimmig schämte, ihr willfahrt zu haben. Aller Aerger und Unmuth aber, sich von einem übermüthigen Weibe genarrt zu sehen, ging alsbald in Rauch auf, da die Funken, die ihr schalkhaft-andächtiger Blick in ihm zurückgelassen, eine große Flamme in seiner Brust anfachten und bald nur der Eine Gedanke in ihm lebendig war, daß er nie einer holderen Frau begegnet sei, und daß er sie wiedersehen müsse, es koste was es wolle.
      Denn wenn er bisher Frauendienst nur zu seiner Ergötzung, und weil es zu den Pflichten eines fahrenden Sängers gehörte, betrieben hatte, empfand er jetzt zum ersten Mal, was es mit jenem 
      dous cossire auf sich habe, dem süßen Sehnen, das dem Guillem von Cabestaing das Leben gekostet. Es währte auch nicht lange, so hatte er die Glut, die ihm Tag und Nacht keine Ruhe ließ, in ein Lied ergossen, das er seinem Beichtkinde durch einen eigenen Boten nachsandte. Kein Wort stand darin von Rosenkränzen und englischen Grüßen, vielmehr hatte das Blatt sich so völlig gewendet, daß er selbst der Beichtende und Büßende geworden war, der nach einem Wort der Indulgenz schmachtete, sehnsüchtiger als ein armer Sünder, der von einer Blutschuld losgesprochen werden mochte, ehe er das Haupt auf den Block legt.
      Auf dieses erste Geständniß aber kam keine andere Antwort, als ein kühler und kurzer Dank durch den Mund des Boten, so daß der ungeduldig Harrende, der sich eine große Wirkung von seiner Confession versprochen, in tiefe Melancholie versank. Diese gebar ihm eine zweite Canzone, der in kurzer Frist eine dritte und vierte folgten, sämmtlich in einem Stil, der dem kecken Satiriker auch in seinen galanten Abenteuern bisher gänzlich fremd gewesen war. Da das Schloß des Grafen von Limoges unfern von der Stadt, wo Alfons II. Hof hielt, höher im Gebirge gelegen war, konnte der Bote, der die drei neuen dichterischen Ergüsse der Gräfin zu Füßen legen sollte, am zweiten Tage mit der Antwort zurück sein. Doch verbrachte der leidenschaftliche Mann auch die Nacht, die dazwischen lag, in wahrem Fieber und ritt dem Boten schon in aller Frühe den halben Weg entgegen. Als dieser ihm aber statt jedes Zeichens einer freundlichen Aufmunterung nur wieder einen Gruß der geliebten Frau brachte und als ein Geschenk von ihr einen kunstvoll aus Sandelholz gearbeiteten und mit Perlmutter eingelegten Rosenkranz, den einer ihrer Oheime vom heiligen Grabe mit nach Hause gebracht habe, sah er in dieser frommen Gabe nur einen Hohn auf sein gar irdisches Bemühen um ihre Gunst, eine Aufforderung, durch geistliche Uebungen sein sündiges Blut zu zügeln, und da er eine Herausforderung nie abzulehnen vermochte, beschloß er, den Kampf in Feindesland zu verpflanzen und zu sehen, ob seine mündliche Beredtsamkeit sieghafter sein möchte, als alle gereimten Briefe.
      Also schickte er den Boten unverzüglich wieder zurück mit der Anfrage, ob sein Besuch auf dem Schlosse willkommen sei. Dessen wurde er in den artigsten Ausdrücken versichert, und noch am Abend desselben Tages begrüßte ihn das gräfliche Paar an der Schwelle der einsam gelegenen, aber mit aller Pracht damaliger Zeiten ausgestatteten Burg. Der Graf empfing seinen berühmten Gast so treuherzig, daß dieser kein Arg hatte, die schöne Frau möchte sein poetisches Minnewerben dem Gemahl verrathen haben. Da der Herr von Limoges, wie wir wissen, mehr der Jagd und anderen adligen Vergnügungen, als den Musenkünsten hold war, schien er den Troubadour im Priorgewande wie ein fabelhaftes Wesen, etwa wie einen wundersamen Centauren zu betrachten, statt dessen ihm ein ganz alltäglicher Mann auf einem schlichten Gaul erwünschter gewesen wäre. Fadide nickte dem Gast mit Lächeln wie einem alten Bekannten zu und dankte ihm, daß er sie in ihrer Wildniß aufgesucht habe. Es fehle darin freilich nicht an mancherlei Kurzweil, sie fürchte nur, daß er selbst nicht das finden werde, was er wünsche.
      Dies war nun freilich der Fall, da das muntere Leben, das durch die Gastlichkeit seiner Wirthe auf dem Schloß unterhalten wurde, dem neu Hinzugekommenen keine Gelegenheit bot, sich, wie er gehofft hatte, der Herrin seines Herzens zu nähern. Denn sie war beständig umschwärmt von anderen höfischen Galanen, die sie freilich alle gleich kurz hielt, immerhin aber als eine Art Leibgarde gegen jeden Ueberfall ihres geistlichen Freundes gebrauchen konnte. Die Klagen über diese untrauliche Entfernung, die der getäuschte Liebende in schöne Reime brachte, erhielten nie eine andere Erwiderung, als einen drohend aufgehobenen Finger oder ein Kopfschütteln, von einem Lächeln begleitet, wie man Unarten eines Menschen ahndet, den man für unverbesserlich hält, aber wegen anderer guter Eigenschaften nicht zu hart zurechtweisen mag. Daß die schöne Frau jedes dieser beschriebenen Blätter in ihrem stillen Schlafgemach dem Gatten vorlas, der über die anmaßliche Verblendung des Mönchs von Montaudon zuerst aufbrauste, dann aber in das Lachen seines klugen Weibes einstimmte, ahnte der Dichter freilich nicht, so wenig wie alles Uebrige, was im Rathe Gottes, mit dem er in seinen Tenzonen auf so gutem Fuße stand, zu seiner Läuterung beschlossen war. Denn da er, durch seine früheren Erfolge verblendet, nicht anders dachte, als daß die Gräfin nur aus Furcht vor ihrem Gemahl und vielleicht auch aus den alten Gewissensscrupeln sich ihm entziehe, im Herzen aber Nichts sehnlicher begehre, als seinen Wünschen Erhörung schenken zu dürfen, brach er eines Tages durch alle Schranken durch, indem er unangemeldet in ihrem Gemach erschien, wo die Kammerfrau sie eben zu einem Feste schmückte. Er gab vor, er habe eine geistliche Sache mit der Gräfin zu besprechen, konnte aber kaum abwarten, bis sie allein waren, um ihr in den beweglichsten Worten, die wie ein lang zurückgestauter Bergstrom dahinbrausten, sein Herz auszuschütten und ihr vorzustellen, daß Leben oder Tod an ihrem Gewähren oder Versagen hange, daß die Verzweiflung, wenn sie ihm jede Hoffnung entziehe, ihn in sein zeitliches und ewiges Verderben jagen werde.
      Fadide hörte ihn mit theilnehmender Miene an, wie einen Freund, der ihr von einer schweren Krankheit erzählte. Dann seufzte sie ein wenig, schlug die Augen nieder, spielte mit dem silbernen Kamme, den sie langsam durch die Spitzen ihres noch aufgelösten blonden Haares zog, und erwiderte dann wie eine Frau, die plötzlich einen Entschluß faßt, nachdem sie lange in ihrem zweifelnden Gemüthe damit gerungen:
      Mein hochwürdiger Freund, ich sehe mit Schmerz, daß Ihr Euch in einem kläglichen Zustande befindet, den zu lindern und von Euch zu nehmen Christenpflicht wäre, wenn auch die herzliche Bewunderung, die ich für Eure edlen Gaben empfinde, mich nicht zur Teilnahme antriebe. Doch muß ich Euch offen gestehen, daß ich immer noch schwere Bedenken trage, ob Eure Wünsche vor dem Richterstuhle Gottes nicht als sehr strafbar erscheinen möchten. Ihr seid in den geistlichen Wissenschaften hochgelehrt, ich aber bin nur eine einfache Frau. Falls Ihr mich aus den heiligen Büchern und den Werken der Kirchenväter belehren könnt, es sei keine Sünde, wenn eine Ehefrau ihre Tugend hintansetzt, um die Liebe eines kirchlichen Würdenträgers zu erhören, vielleicht bringe ich die Stimme meines Innern, die mich vor Euch warnt, zum Schweigen. Schwerlich aber werde ich mich daran gewöhnen, einen Mann zu meinen Füßen zu sehen, der mir weltliche Gefühle in geistlichem Gewande beichtet. Ein Duft von Weihrauch, der Eurer Kutte anhaftet, wird selbst im Dunkel der Nacht mich erschrecken und der wallende Bart mich daran erinnern, daß Ihr eher dazu geschaffen seid, als Einsiedler Litaneien zu singen, als ein zärtliches Zwiegespräch zu halten. Das rothe Mal an Eurer Schläfe, das Euch ganz artig steht, wird mir dann wie ein Feuerzeichen entgegenglühen, zur Warnung von meinem eigenen Schutzengel entfacht. Kurzum, ich werde Euch nie, wie es in der Liebe geschehen soll, mit selbstvergessener Freude in meiner Nähe sehen, und wenn Ihr auch mein Herz bethört, meine Sinne werden stets gegen Euch auf der Hut bleiben.
      Diese Worte erfüllten den thörichten Mann mit der frohesten Hoffnung. Er wollte sofort beginnen, ihre Bedenken wegen der Sündhaftigkeit eines solchen Einverständnisses durch spitzfindige theologische Gründe und Beispiele aus dem Leben berühmter Heiliger zu widerlegen, als sie ihm lächelnd bemerkte, hiezu sei jetzt weder Ort noch Zeit geeignet, da man sie bei Tafel erwarte. Morgen Abend aber stehe eine große Festlichkeit bevor. Ihre Schwester Brunessinde habe ihren Besuch angekündigt, und zur Feier ihrer Wiedergenesung werde es hoch hergehen auf der Burg. Im Gewühl des Reigentanzes sei es ihr leicht, unbemerkt sich in den Garten hinauszustehlen und ein halbes Stündlein ihren Gästen sich zu entziehen. Da er selbst wohl kaum Verlangen trage, der Frau, der er so schweren Kummer bereitet, unter die Augen zu treten, möge er sich mit Unwohlsein entschuldigen und bis zum Abend auf seinem Zimmer bleiben, dann aber bei den Cypressen drunten am Rande des Blumengartens auf sie warten. Sie verspreche ihm, eine gelehrige Schülerin zu sein und die Aussprüche heiliger Männer, falls sie sie gegründet finde, zu beherzigen. Auch für ein Gewand, das sie nicht sofort an seinen Stand erinnere, werde er vielleicht Ruth zu schaffen wissen.
      Hiermit entließ sie ihn und rief der Kammerfrau, um ihren Putz zu vollenden. Der Prior aber eilte in sein Gemach zurück, das Herz von stolzem Glück geschwellt, und da er im Laufe des Tages sein verwandeltes Gemüth nicht zu verbergen vermochte, mußte er sich von seinem Wirth befragen hören, ob ein Fieber ihn befallen habe, da seine Wangen glühten und ein unstätes Leuchten aus seinen Augen strahle. Er machte sich dieses alsbald zu Nutz, um unter dem Vorwande eines Unwohlseins den ganzen folgenden Tag für sich allein zu bleiben, der Weisung seiner Geliebten getreu. Und noch auf andere Art bediente er sich dieser willkommenen Muße in ihrem Sinne. Er hatte nämlich fest bei sich beschlossen, das Aergerniß, das sie an seiner geistlichen Kleidung nahm, aus dem Wege zu räumen. Wie er nun, eifrig darüber nachdenkend, auf welchem Wege er sich ein weltliches Gewand verschaffen möchte, seine Kammer auf und ab wandelte, fiel sein Blick zum ersten Mal auf einen Schrein, der in die Mauer eingelassen und mit einer künstlich beschlagenen Thür und durch ein Schloß, in welchem der Schlüssel steckte, verwahrt war. Als er die Thüre öffnete, sah er mit frohem Erstaunen mehr als einen Anzug, wie er einem ritterlichen Herrn geziemte, vollständig vom Hut bis zu den Schuhen darin aufgespeichert, von verschiedenen Farben und mannichfaltigem Schnitt, Alles reich und köstlich, so daß er erkannte, er sei in der Gewandkammer des Schloßherrn einquartiert worden. Zugleich fuhr es ihm wie ein Blitz durch die Seele, dies habe seine kluge Freundin von Anfang an so gefügt, damit er, falls ihm eine Vermummung räthlich schiene, sich gleich der unverdächtigsten Maske ihres eigenen Herrn und Gemahls bedienen könne. Diese vorausblickende List, weit entfernt, ihm den ganzen Handel sündhafter erscheinen zu lassen, galt ihm nur als ein neues Zeugniß für die verstohlene Erwiderung seiner Gefühle. So zögerte er nicht, einen der stattlichsten Anzüge zu wählen, ganz aus pfirsichfarbenem Sammet mit schwarzem Atlas bordirt und ausgeschlagen, eine Krause von den zartesten Spitzen und einen Gürtel von feinem Stahl, an welchem ein Toledaner Dolch an zierlichen Ketten hing. Ein modischer Hut mit kleiner Feder deckte, wie nach seinem Maße gemacht, sein geschorenes Haupt, daß auch das letzte Abzeichen der Klosterwürde unter der ritterlichen Zierde verschwand. Und jetzt, da er sich in einem kleinen Wandspiegel betrachtete, mußte er seiner Geliebten Recht geben, daß er in dieser Erscheinung mehr zu einem begünstigten Liebhaber tauge; als in dem traurigen Mönchshabit, das dunkel wie ein Häufchen Bettlerlumpen im Winkel lag. Nur sein Bart bewahrte noch den geistlichen Anstrich. Also nahm er eine Scheere und kürzte ihn unbedenklich um gute zwei Drittheile, ihn nach dem Muster zustutzend, das er täglich an den jungen Baronen und Rittern vor Augen hatte. Immer mehr fand er Gefallen an seiner verwandelten Person, die ja, wie wir berichtet, von der Natur nicht karg ausgestattet worden war, und nur jenes Muttermal an der Schläfe, über das er sich sonst nie gegrämt, däuchte ihm plötzlich in dem ganzen wohlgelungenen Werk ein garstiger Schandfleck. Er erinnerte sich, daß die schöne Frau es ein Feuerzeichen genannt hatte, von ihrem Schutzengel entflammt, um sie vor Irrwegen zu warnen. Es schien ihm daher höchst nothwendig, diesen Rest seiner früheren Erscheinung zu tilgen, und da er in einem Kästchen eine Anzahl Töpfchen und Tiegelchen fand mit Farbstoffen und Pinseln, wie sie zu den Malkünsten der Damen gebraucht wurden, besann er sich keinen Augenblick, eine helle Tünche zu mischen, die aufs Haar seiner Gesichtsfarbe glich, und damit die verrätherische Himbeere so lange zu überpinseln, bis jede Spur von ihr verschwunden und die linke Schläfe so glatt und blank wie die rechte war.
      Während er dieses Teufelswerk so eifrig betrieb, daß ihm dabei nicht ein einziger von all seinen Stachel-Versen gegen das Schminken das Gewissen ritzte, hörte er draußen auf den Gängen und drunten im Burghof den Schall der festlichen Begrüßungen und empfand eine kleine Neugier, die Schwester der Schloßfrau, jene Brunessinde, die er so schwer gekränkt, zu sehen, und den Wunsch, mit ihr Frieden zu schließen, da er in seiner glückseligen Verfassung gern überall Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen gestiftet hätte. Doch mußte er in der freiwilligen Haft ausharren, bis die Sonne gesunken war. Eine Flasche Xeres, ein Brod und ein Teller voll Oliven war Alles, was er als vermeintlicher Kranker zu seiner Stärkung sich erbeten hatte. Dann aber, als es Nacht geworden war, öffnete er sacht den Riegel an seiner Thür und horchte in das Haus hinüber. Die Halle, worin das Fest von Statten ging, lag nach der anderen Seite; so konnte er unbemerkt die Stiegen hinunterschreiten. Nur als er an der Thür, die sich in den Garten öffnete, einem der Mundschenken begegnete, der ihn wohl kannte, weil er ihm den Becher häufig von Neuem füllen mußte, zog er den Hutrand tiefer ins Gesicht und sprach ein paar Worte Provenzalisch, also daß ihn der Mann, der ein Spanier war, für einen der fremden Herren hielt, die mit der Frau von Venzenac bei ihrer Schwester zu Gaste gekommen waren.
      Auch scheute er sich nicht, aufrechten Hauptes und mit gemessenem Schritt den Hofraum zu durchwandeln, der klar vom Monde beschienen war. Erst wie er den Garten betrat, beschleunigte er seinen Gang, nicht aus Furcht, sondern aus sehnsüchtiger Ungeduld, Der Ort, wohin Fadide ihn bestellt hatte, schien noch öde zu sein. Kaum aber hatte er die Cypressen erreicht, so trat eine schlanke Gestalt, in schwarze Schleier gehüllt, ganz so wie sie ihm zuerst in der Kirche begegnet war, hinter dem Lorbeergebüsch hervor und begrüßte ihn flüsternd mit einem freundlichen Vorwurf, daß er sie habe warten lassen. Doch schien sie auf die zärtliche Rede, die er begann, indem er ihre Hand ergriff und sie an seine Lippen zog, kaum hinzuhören, einzig damit beschäftigt, seine Person zu mustern. Sie machte sich von ihm los, ging von allen Seiten um ihn herum, wobei es fast wie ein unterdrücktes Lachen unter dem Schleier hervorklang, und sagte endlich: Verzeiht, Herr Prior, aber Ihr seid in der That unwiderstehlich, und hätte ich gewußt, welchen Eindruck Ihr in ritterlichen Kleidern auf mein schwaches Herz machen würdet, ich hätte Euch diesen Wink fürwahr nicht selbst gegeben. Nun aber lasset uns die kostbare Zeit nicht mit eitlen Possen vergeuden, sondern sagt mir, was Ihr mir zu sagen habt, um mein Gewissen zu beschwichtigen, welches durch Eure höfischen Kleider nur ein wenig eingelullt ist, aber einen gar leisen Schlaf hat. Immerhin würde ich auch einem echten und richtigen Ritter gegenüber Bedenken tragen, meinen bestochenen Augen und Sinnen mehr zu folgen, als der Stimme meiner Pflicht, die mich an die gelobte Treue mahnt.
      Mit diesen Worten zog sie den Schleier fest um ihre Schultern und begann den dunklen Baumgang hastig hinunterzuschreiten, so daß sie ihm, der seinen Arm um ihre Gestalt zu schlingen suchte, schmiegsam wie eine Eidechse dem haschenden Knaben beständig entglitt. Es blieb ihm Nichts übrig, als seinen Vortrag, den er sorgsam vorbereitet, stoßweise und ziemlich athemlos zu beginnen, wobei sie ihn oft durch eine scheinbar harmlose Frage oder einen unschuldigen Einwand in Verwirrung brachte. Dieses ganze Gespräch, das uns über die damalige mönchische Sittenlehre unschätzbare Belehrung geben würde, ist leider nicht aufbewahrt worden. Genug, daß der Redner nach einer halben Stunde seinen ganzen Köcher voll scharfer casuistischer Pfeile verschossen hatte und kaum einen schwachen Eindruck auf das wohlgepanzerte Herz der klugen Frau gemacht zu haben schien.
      Mein frommer und gelehrter Freund, sagte die Gräfin endlich, indem sie stehen blieb und durch den Schleier hindurch ihn schalkhaft anblitzte, sparet Euren Athem und lasset uns diesen ziellosen Disput unerledigt abbrechen. Alles, was Ihr mir vorgestellt, um aus Weiß Schwarz und Sünde gar noch zu einer Tugend zu machen, kann mich hartnäckiges Geschöpf nicht von meinem Glauben abbringen, daß ich den lieben Gott und meinen theuren Gemahl schwer kränken würde, wenn ich Euch Gehör gäbe. Hinwiederum habt Ihr mir Eure Liebe auf eine so eindringliche Weise in Versen und ungebundener Rede erklärt und mir durch Eure Nachgiebigkeit gegen eine bloße Laune, da ich an Eurer Kutte Anstoß nahm, einen so starken Beweis von der Redlichkeit Eurer Gefühle gegeben, daß Ihr mich wirklich dauert und ich Euch gern begnadigen würde, wenn die Ehre meines Geschlechtes nicht auf dem Spiele stünde. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich gelobt habe, Euch für jenen Angriff auf uns arme Weiber eine kleine Strafe zu ertheilen, und dies Gelübde, so gern ich wollte, darf ich nicht brechen. Indeß will ich es Euch so sanft als möglich machen, da Ihr vielleicht ein schlimmer Priester, aber ein liebenswürdiger Mann seid, der, wenn er kein geschorenes Haupt trüge, wohl verdiente, von Frauenlist ungeschoren zu bleiben. Wie es nun einmal steht – aber horch! mich dünkt, ich höre Schritte nahen. Bei allen Heiligen, ich wollte nicht, daß man uns hier beträfe und Euch, den man im Fieber liegend sich vorstellt, als einen abenteuernden Cavalier –
      Sie verstummte, als ob vor Schrecken ihr die Stimme versagte. In der That näherte sich der Schall schwerfälliger Schritte dem Ort, wo sie standen. Rasch zog die Gräfin den verstummten Liebhaber, den ihre zweideutigen Worte betroffen gemacht hatten, sich nach, durch Gänge und Veranden des weitläufigen Gartens, in welchem er selbst sich nimmermehr zurechtgefunden hätte, bis sie ein Treibhaus erreichten, wo die hohen Citronen- und Orangenbäume, sorgfältig mit Strohbündeln überdacht, den rauhen Winter durchdauerten. Jetzt war der spitze Hüttenbau völlig leer und dunkel, und hierhin drängte die Gräfin ihren Freund, warf die Thür hinter sich ins Schloß und schob den Riegel vor. Dieser heimliche Schlupfwinkel schien ihm nicht unerwünscht; er neigte sich zum Ohr der Gräfin herab und flüsterte ihr ein verwegenes Wort ins Ohr. Sie aber schien auf weit bedenklichere Laute zu horchen. Wir sind verloren! rief sie plötzlich und drängte ihn von sich hinweg. Dieses Pflanzenhaus stößt an eine lange Galerie, die mit der großen Halle, worin getafelt wurde, in Verbindung steht. Es scheint, den Gästen ist es drinnen zu schwül geworden; um sich zu lüften, sind sie in die Galerie hinausgetreten und wollen durch diesen Raum den Garten gewinnen. O mein Gott, wohin habe ich mich durch Euch fortreißen lassen!
      Faßt Euch, Geliebte! raunte er ihr zu. Noch ist nichts verloren. Den Riegel dort zurück, und wir sind vor ihnen im Freien.
      Er wollte nach der Thüre zustürzen, sie aber, als ob die Angst ihr den Sinn verwirrte, ergriff seine beiden Hände, klammerte sich fest an ihn an und flehte mit verworrenen Worten, sie zu beschützen, sie nicht zu verlassen, daß er schon tausendmal dies Abenteuer verwünscht hatte und allen Ernstes mit ihr rang, sie von sich abzuschütteln, als plötzlich die Thür nach der Galerie sich öffnete und zwei Knaben, die Fackeln trugen, an der Schwelle des Treibhäuschens erschienen.
      Das Paar hatte nur eben Zeit gehabt, eine unverdächtige Stellung anzunehmen, da sah man schon das vergnügliche Gesicht des Hausherrn, etwas vom Mahle geröthet, all seinen Gästen voran zwischen den Fackeln aufleuchten. In demselben Augenblick trat seine Gattin ihm entgegen.
      Mein Gemahl, sagte sie, ich bringe Euch noch einen Gast, der trotz seines späten Erscheinens Euch willkommen sein wird.
      Aller Augen waren auf den Unglückseligen gerichtet, der sich hundert Klafter tief unter die Erde wünschte. Die hellen Tropfen traten ihm auf die Stirn, er bedachte daß es ihm nicht einmal erlaubt war, sich hinter die Ausflucht eines Mummenschanzes zu retten, da man vom Carneval weit entfernt war. Wie eine arme Seele, die am jüngsten Tage ihr Urtheil erwartet, stand er vor dem Herrn des Hauses. Der schien sich an seinem kläglichen Verstummen zu weiden, bis endlich, auf einen Wink Fadide's, eine gutmüthige Regung die Oberhand gewann.
      Wer ist dieser ritterliche Gast, liebe Frau? sagte er mit einem Lächeln, das dem Angstblick des Priors nicht entging. In der That, er gleicht gar sehr unserm berühmten Freunde, dem hochwürdigen Troubadour, der leider an diesem Abend unter uns vermißt wird, eines bösen Fiebers wegen; fast möchte ich glauben, der geistliche Herr habe sich in einer phantastischen Laune, wie sie Fieberkranke anwandelt, in weltliche Gewande geworfen, um unsere Lustbarkeit zu theilen.
      Nicht doch, mein Gemahl, fiel ihm die Gräfin ins Wort. Wie könnt Ihr unsern frommen Gast auch nur im Fiebertraum im Verdacht eines so weltlichen Possenspieles haben? Sehet Ihr nicht, daß mein Begleiter nicht nur Hofkleider trägt, sondern auch einen zierlich gestutzten Bart, wie es der armen Eitelkeit eines Weltkindes verziehen werden mag, nimmermehr aber der gestrengen Zucht eines Bußpredigers? Auch hat der Herr Prior ein rothes Mal an der Schläfe, das er um keinen Preis verstecken würde, da ihm das Uebertünchen natürlicher Flecken und Beschönigen garstiger Stellen eine Todsünde scheint. Daß aber dieser schöngeschmückte Herr Euch an unsern frommen und schlichten Freund gemahnt, geht mit ganz rechten Dingen zu, da er ein Bruder des Priors von Montaudon ist, mit Aufträgen des Abts von Orlac an ihn gesandt. Weil er ihn nun unpäßlich fand, wünschte er sich uns nur im Fluge vorzustellen, um sich alsbald wieder zu seinem kranken Bruder zu begeben. Erlaubt, daß wir in die Halle zurückkehren, ihn mit einem Becher Weins willkommen zu heißen, um so herzlicher, da wir ihn so bald wieder verlieren sollen.
      Die ganze Gesellschaft hatte diese kluge Rede der schönen Frau mit angehört, ohne eine Miene zu verziehen, so daß dem ertappten Sünder, obwohl ihm die Augen darüber aufgingen, in welches Netz er sich verstrickt hatte, ein Stein vom Herzen fiel und er sich eilig faßte, die ihm zugeschobene Rolle mit guter Manier durchzuführen. Nur im Gesicht des Grafen sah er einen Zug, der ihm verdächtig schien, als ob sein edler Wirth mit in die Verschwörung verwickelt sei. Doch sagte dieser kein Wort mehr, das dem Beschämten neue Noth gemacht hätte, sondern wandte sich nur zu einer Dame, die ihm zunächst stand, und sagte: Ich bedaure, liebe Schwägerin, daß Ihr nicht schon heute dem eifrigen Seelsorger, der Euch so viel Reue und Kummer verursacht, Euren Dank für seine Bußpredigt abstatten könnt. Doch ist morgen wohl auch Zeit dazu! Für jetzt wollen wir seinem trefflichen Bruder die Ehre anthun, die ihm gebührt.
      So nahmen die höflichen Wirthe ihren vermummten Gast in die Mitte, führten ihn unter freundlichen Gesprächen in die Halle zurück und boten ihm Speise und Trank, was er alles in freier und scheinbar heiterer Haltung mit höfischer Sitte hinnahm und genoß. Alsdann aber beurlaubte er sich von ihnen, da er seinen Auftrag dem Bruder nur erst unvollkommen ausgerichtet habe, und bedauerte zu wiederholten Malen, schon in aller Frühe das Schloß wieder verlassen zu müssen. Doch werde dieser Abend und die Huld, die er hier erfahren, ihm unvergeßlich bleiben.
      Dies konnte er freilich in aller Wahrheit versichern. Denn als er sich dem festlichen Gewühl entwunden und sein einsames Gemach wieder erreicht hatte, war es ihm nicht anders als einem ertappten Schacher, der die peinliche Frage erlitten und die Spuren der glühenden Zange, mit der man ihn gezwickt, unauslöschlich eingebrannt auf seiner armen Haut davonträgt. Er war auch sofort entschlossen, noch diese Nacht sich davonzumachen, schrieb ein artiges Briefchen an den Herrn des Hauses, darin stand, die Nachrichten, die sein Bruder ihm gebracht, nöthigten ihn, unverweilt in sein Kloster zurückzukehren, so daß er nur schriftlich sich beurlauben und bei dem werthen Paar, dessen Gastfreundschaft er genossen, um ein gütiges Erinnern bitten könne. Dann vertauschte er sein höfisches Gewand, das wie das Hemd des Nessus ihm am Leibe klebte, mit der ehrwürdigen Kutte, in welcher ihm freilich auch nicht sogleich wieder behaglich werden konnte, wusch die Farbenkruste von seiner linken Schläfe und gedachte, als er die rothe Himbeere wieder hervorleuchten sah, dieses Warnungszeichen seines Schutzengels, das er so sträflich übersehen, nun bis an sein Ende in reuigem Muthe vor Augen zu behalten. Als die letzten Geigentöne des ausklingenden Festes verhallt waren, schlüpfte er durch ein Hinterpförtchen ins Freie und wanderte die ganze Nacht, als fürchte er die listige Stimme der holden Feindin, die ihn so schwer hatte büßen lassen, noch einmal zu vernehmen, mit triumphirendem Hohn seine eigenen Verse ihm nachrufend.
      Seitdem blieb der Mönch von Montaudon allen Welthändeln fern, einzig auf die Ausübung seines geistlichen Amtes bedacht. Auch weiß man nichts mehr von Liedern, die er gedichtet und im Lande herumgeschickt hätte. Als aber der Tag jenes Festes sich jährte, empfing die schöne Gräfin, zum Dank dafür, daß sie seither von dem ganzen Abenteuer schonend geschwiegen hatte, ein Pergamentblatt aus dem Kloster von Montaudon, darauf stand in schönster Mönchsschrift und zierlichen Reimen geschrieben, wie der Dichter nach seinem Abscheiden von dieser Welt ans Thor des Paradieses gekommen, von St. Petrus aber angehalten worden sei, da er sein Fegefeuer noch nicht absolvirt habe. Der Mönch habe erwidert: er habe einmal in einem gewissen Schloß eine Stunde erlebt in so scharfer Pein, daß sie wohl tausend Jahre, an jedem anderen Läuterungsorte verbracht, aufwöge. Hierauf habe der himmlische Pförtner ihm den Eintritt nicht länger geweigert, auf die Frage des Mönches aber, ob er Frau Fadide hier oben finden werde, geantwortet, sie sei zwar eine große Sünderin, und da sie schon auf Erden es so wohl verstanden, armen Seelen die Hölle heiß zu machen, habe der Böse verlangt, daß sie zu ihm hinunterfahre in den glühenden Abgrund, ihm bei der ewigen Marter der Verdammten zu helfen. Gott Vater aber habe sie ihm abgestritten, da sie ein so liebliches Lächeln und so holde Augen habe, daß er zur Belohnung der seligen Geister sie nicht entbehren könne. Und so habe er sie in seinen himmlischen Garten eingeführt, wo sie auch den armen Prior mit ihrem Gruß beseligen und alle irdische Noth, die sie ihm gemacht, vergüten werde.
      So hatte die Courtoisie des Dichters über den Groll des Mönchs am Ende doch den Sieg davongetragen.
    



      Ehre über Alles
      (1881)
       
      Aubert von Puicibot, Sohn eines Kastellans im Limousinischen, wurde schon als Knabe von seinem Vater in das Kloster zum heiligen Leonhart gethan, um dort Wissenschaften zu lernen und sein Leben dem Dienst der Kirche zu widmen. Als er aber zu seinen Jahren gekommen war und schon im Begriff stand, die Weihen zu empfangen, lockte ihn ein schöner Stern, der plötzlich an seinem Klosterhimmel aufging, aus der Dämmerung seines geistlichen Lebens hinweg in den hellen Tag der Welt, wo er sein Heil suchte und sein Verderben finden sollte.
      Es war dazumal einer der größten Barone Frankreichs, Herr 
      Savaric von Mauleon, der im nördlichen Poitou große Güter und Herrschaften besaß und in den Kriegen zwischen Frankreich und England die Tapferkeit seines Armes ebenso glänzend bewährt hatte, wie in Friedenszeiten seine Milde, seine adligen Sitten und die Neigung zu Gesang und höfischen Künsten aller Art, – dieser erlauchte Herr war auf einer seiner Reisen auch nach dem Kloster gekommen, in welchem der junge Aubert erzogen wurde, und hatte seinen zahlreichen Hofstaat mit sich geführt, darunter ein schönes adliges Fräulein, 
      Audiart genannt, das seine Gemahlin, da es eine arme Waise war, zu sich genommen hatte und fast wie ein eigenes Kind in ihrem Hause hielt. Dieses holde Gesicht erblickte der weltfremde Novize bei einem feierlichen Amt in der Klosterkirche und ward augenblicklich von so heftiger Liebe entzündet, daß er, als der Besuch sich wieder entfernte, im Kloster weder Rast noch Ruhe fand, die Kutte, wie man zu sagen pflegt, in die Nesseln warf und den Spuren des erlauchten Herrn folgend, eines Tages vor seinem Angesicht erschien, um ihm zu Füßen zu stürzen und nach einer offenen Beichte ihn um Schutz und Hülfe in seinen Nöthen anzuflehen.
      Beides wurde ihm von Herrn Savaric, der den Klöstern abhold und den Ketzereien der Albigenser zugethan war, mit Freuden gewährt, der Flüchtling in die Zahl seines Hofgesindes aufgenommen und mit Gewand und Waffen versehen, in denen seine schmucke Jugend sich stattlicher ausnahm, als in der klösterlichen Vermummung. Von Stund an verlegte sich Aubert mit nicht minderem Eifer, als er die geistlichen Wissenschaften betrieben hatte, auf die »fröhliche Kunst«, Gesang und Lautenspiel, da sein Gönner, der selbst unter den Dichtern seiner Zeit nicht den letzten Rang einnahm, ihm rieth, den Stand der fahrenden Sänger zu wählen, und ihn bereitwillig in der Dichtkunst unterwies. Auch machte Aubert, da er heimlich noch einen anderen, viel erfahreneren Lehrmeister hatte, die Liebe nämlich zu jenem schönen Fräulein, in kurzer Zeit gewaltige Fortschritte, ohne darum in der Gunst der Einen, an der ihm lag, sonderlich gefördert zu werden. Denn obwohl es der jungen Audiart sanft einging, sich in zierlichen und ehrerbietigen Versen gefeiert zu hören und zu wissen, daß sie allein die Umwandlung des Klosterzöglings in ein Weltkind bewirkt habe, stand ihr der Sinn doch höher hinauf, als die Frau eines hab- und heimathlosen Troubadours zu werden und etwa gar von Hof zu Hof mit ihm ihren Unterhalt zu ersingen. Sie erklärte dem ungestüm Werbenden gerade heraus, daß sie nur eines Ritters Weib zu werden gedenke, und da sie trotz ihrer Jugend gar wohl wußte, was sie wollte, und fest auf ihrem eigenen Sinn beharrte, sah er freilich ein, daß aller Dichterruhm der Welt allein sie ihm nicht gewinnen könne, und verfiel darüber in eine tiefe Schwermuth, weil er nicht hoffen konnte, ihren stolzen Wünschen mit seiner geringen Person jemals zu genügen.
      Das erfuhr Herr Savaric nicht so bald, als er bei sich beschloß, den Jüngling, den er herzlich liebgewonnen, aus seiner Niedrigkeit zu erheben und ihm zu dem zu verhelfen, was ihm als das einzige Glück des Lebens erschien. Also schlug er ihn an einem festlichen Tage, nachdem er mit seinem Gesang eine große Gesellschaft edler Herren und Frauen ergötzt hatte, feierlich zum Ritter und belehnte ihn mit einem Schlößchen nebst hinlänglichem Gebiet, worauf dann nach kurzer Frist die Hochzeit zwischen ihm und dem geliebten Fräulein gefeiert wurde.
      Eine Zeit lang genoß Aubert seines Glückes in vollem Maße, da das alte Wort, daß der Besitz der Feind der Liebe sei, an ihm seine Kraft verloren zu haben schien. Denn wie wenn ein Zauber ihm angethan wäre, hing er mit Seel' und Sinnen an seinem jungen Weibe und ward nicht müde, ihre Lieblichkeit und alle Gaben und Tugenden, die er an ihr fand, in Liedern zu preisen, ganz dem Brauche der Zeit zuwider, der es den Dichtern unziemlich erscheinen ließ, ihr eigenes Eheweib zu besingen. Er konnte keine Stunde sich von ihr entfernen, ohne alle Pein einer armen Seele im Fegefeuer zu erdulden, und erschrak daher, wie wenn es zum Sterben ginge, als eines Tages sein erlauchter Gönner ihm ankündigte, er habe eine vertrauliche Botschaft an den König von Aragon zu senden und wisse Niemand, dem er das Geschäft mit getrosterem Muth übertragen könne, als ihm, der sich überdies bei jenem hohen Herrn, dem Freunde der Dichtkunst und ihrer Pfleger, des besten Empfanges zu gewärtigen habe.
      So hart es den jungen Ehemann ankam, da er kaum ein Jahr mit dem geliebten Weibe verbunden war, sie auf Monate zu verlassen, konnte er sich der ihm zugedachten Ehre doch nicht weigern, da es der erste Dienst war, den sein Wohlthäter von ihm verlangte. Auch hoffte er, den Auftrag in noch kürzerer Frist, als Herr Savaric meinte, zu erledigen, rüstete sich in großer Eile und trat, von einem reisigen Diener begleitet, die Fahrt nach Spanien an, nach tausend Küssen und Thränen sein schönes Weib in der Hut ihrer Herrin, der Dame von Mauleon, zurücklassend.
      Zu seinem großen Kummer fand er die Dinge am Hofe zu Aragon schwieriger und verworrener, als er sich geträumt hatte, und der dritte Monat brach an, ohne daß ein erwünschtes Ende abzusehen war. Briefe gingen fleißig hin und her zwischen ihm und Herrn Savaric, der eben damals seitab von den streitenden Parteien stand und, weltklug wie er war, seinen Beitritt zu der einen oder anderen um den möglichst hohen Preis zu verhandeln gedachte. Noch eifriger flogen die Blättlein über die böse Mauer der Pyrenäen der jungen Strohwittwe zu, die es ihrerseits an zierlichen Antworten nicht fehlen ließ, wenn sie auch die Kunst nicht verstand, ihre Seufzer in Reime zu bringen. Doch war, was sie auf die sehnsüchtigen Lieder ihres jungen Gatten erwiderte, immerhin lieb und hold genug, um die Flamme, die ruhelos in ihm brannte, zu schüren, so daß zuletzt das ungestillte Sehnen und die Qual hoffnungslosen Hinwartens ihm ein hitziges Fieber zuzog, das von ungeschickten Aerzten mißkannt, ihn auf ein hartes Siechenlager warf. Ja es ging das Gerücht, sein Leben sei in Gefahr und er werde das schöne Frankreich nie wieder schauen.
      In dieser Zeit, da Aubert bewußtlos viele Wochen daniederlag, gerieth der schriftliche Verkehr zwischen ihm und seinen Leuten zu Hause völlig ins Stocken. Ihm war zu seinem Trost gesagt worden, man habe der jungen Frau die Kunde von seiner Krankheit verhehlt, sie nicht zu ängstigen, und eine weitere Reise vorgegeben, bis tief in das Herz Spaniens hinein, die es ihm verwehre, wie bisher seine Briefe und Lieder an sie gelangen zu lassen. Da man, als er endlich dem Leben zurückgegeben war, ihm noch die größte Schonung seiner Kräfte zur Pflicht machte, verging wiederum einige Zeit, bis er den ersten Brief mit der Nachricht von Allem, was er ausgestanden, an seine Audiart schreiben durfte. Auf diese Botschaft, der er selbst zu folgen gedachte, sobald er völlig aus der ärztlichen Pflege entlassen sein würde, erfolgte Tag um Tag keine Erwiderung, und auch sein Herr und Gebieter blieb völlig stumm, so daß er in der Angst und Unruhe seines Herzens Brief um Brief jenem ersten nachschickte und endlich mit heftiger Entschlossenheit beim Könige selbst darauf bestand, daß er ihm Urlaub gebe, um mit eigenen Augen zu sehen, was denn seine Liebsten und Nächsten auf der Welt so plötzlich stumm gemacht habe.
      Da eröffnete ihm der König, nachdem er eingesehen, daß es vergebens wäre, ihn ferner hinzuhalten, wie traurig, während er krank gelegen, sein Geschick zu Hause sich gewendet habe. Ein reicher engelländischer Baron, der zugleich in allen ritterlichen Künsten hochberühmt sei, habe sich am Hofe des Herrn Savaric eingefunden mit einer Botschaft des Prinzen Johann ohne Land, dem Alles daran lag, den mächtigen französischen Herrn auf seine Seite zu ziehen, so daß er ihm die Würde eines Seneschalls von Aquitanien antragen ließ. Während dieser Handel noch schwebte, habe der Fremde seine überflüssige Muße dazu benutzt, der schönen Audiart angelegentlich den Hof zu machen, doch so, daß die Herrin von Mauleon selbst nichts Arges daran gefunden, da sie sonst das thörichte junge Weib wohl besser in ihre Hut genommen haben würde. Um so bestürzter habe sie eines Tages, da die Unterhandlungen eben zu einem günstigen Abschluß gediehen waren, die Nachricht vernommen, der fremde Herr sei ohne Abschied auf und davon geritten, und mit ihm sei die junge Frau verschwunden, ohne von ihrem Besitz an Kleidern und Geschmeide mehr mitzunehmen, als was sie auf dem Leibe getragen.
      Umsonst habe man Alles aufgeboten, die Flüchtige wieder einzufangen und zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Weit und breit im Lande habe sich von dem Ehrenräuber und seiner Beute keine Spur entdecken lassen.
      Als Aubert diesen Bericht vernommen, schüttelte er ganz sanft mit einem ungläubigen Lächeln das Haupt. Man halte ihn noch für so schwach an Verstande, daß man glaube, ihm ein Märchen aufbinden zu können, oder wolle ihn prüfen, ob jeder Rest des Fiebers gewichen und er fähig sei, einen tollen Traum von der wachen Wahrheit zu scheiden. Also ging er getrosten Muthes von dem Könige hinweg, der vor der Stunde der Eröffnung sich gar sehr gefürchtet hatte, und verfaßte einen langen Brief an Herrn Savaric, in welchem er der Posse gedachte, die der König selbst mit ihm anzustellen geruht habe, die er aber klar durchschaue. Dem Schreiben war eine zärtliche Canzone an seine Audiart beigelegt, die mit der Versicherung schloß, daß er in kurzen Tagen zu ihren Füßen liegen und mit ihr über die einfältigen Thoren lachen werde, die seine Audiart besser zu kennen vorgaben, als sein eigen Herz. Dem Boten, der diesen Brief bestellen sollte, gedachte er in kurzen Tagereisen, wie es seine Genesungsschwäche forderte, zu folgen. Der König aber weigerte ihm den Urlaub, bis wenigstens Herrn Savaric's Antwort eingetroffen wäre, und so fest der Unglückliche bei seinem Wahn zu verharren schien, daß man sich einen argen Scherz mit ihm erlaubt, konnte er doch der wachsenden Unruhe, mit der er der Entscheidung entgegensah, immer weniger Meister werden. Da traf endlich ein Brief seines Herrn und Freundes ein, der mit furchtbarer Gewißheit Alles bestätigte, was er bisher für ein höhnisches Blendwerk gehalten hatte. Hinzugefügt waren gütige Freundesworte, den Unglücklichen zu ermuntern, daß er sein Geschick männlich ertrage und in der Liebe und Huld seines väterlichen Gönners Trost suche für das, was ein wankelmüthiges Weib ihm angethan.
      Diese Nachschrift aber verfehlte ihres Zweckes, da der unselige Mann, sie gar nicht las; denn sobald er den tödtlichen Schlag empfangen hatte, schlug er eine wilde Lache auf und preßte das Blatt zu einem Ball zusammen, den er dann wiederholt in die Luft warf und wieder fing, als ob er aus seinem Grame sich ein Spiel zu machen gedenke.
      Nachdem er es so eine gute Weile getrieben, auch den Zuspruch des Königs, der auf die Meldung von seinem wirren Wesen bestürzt herbeikam, völlig überhört hatte, brach er plötzlich zusammen, ein Blutstrom entstürzte seinen blassen Lippen, und es gelang nur der eifrigsten Bemühung seiner Aerzte, den Wundquell, der sich in seinem tiefsten Innern erschlossen, zu stauen und das entfliehende Leben zurückzuhalten.
      Wiederum lag er Wochen und Monde lang in tiefer Dämmerung seines Bewußtseins, und selbst da das Fieber endlich gewichen war, schienen die Lebensgeister noch lange wie gelähmt, so daß es ungewiß war, ob er die Gegenstände erkenne, auf die sein irrender Blick sich richtete, und die Reden vernehme, die an sein Ohr drangen. Zu Niemand sprach er ein Wort, oder gab sonst ein Zeichen des Antheils an dem, was um ihn her vorging. Doch wurde sein Gesicht nach und nach sanfter, und die Verstörung seines Geistes schien einer stillen Wehmuth zu weichen. Als endlich der Winter vergangen war und jenes Morgens, beim Anbrechen eines strahlenden Sonnentages, die Vögel vor seiner Kammer in ein überlautes Singen ausbrachen, füllten sich zum ersten Mal seine heißen, trockenen Augen mit langsam vorquellenden großen Tropfen; er barg sein Haupt in das Kissen, und das wiedergewonnene Leben ergoß sich in einem unaufhaltsamen Strom, wie ein erstorbener Baum im Frühling durch vorbrechende Thränen anzeigt, daß der Saft in ihm wieder lebendig geworden ist.
      Als dies dem König hinterbracht wurde, kam er in großer Freude in Aubert's Kammer, setzte sich an sein Bett und wünschte ihm Glück zu seiner wunderbaren Errettung und Wiedergeburt. Das erste Wort, das der Kranke zu stammeln vermochte, war ein Dank für all die huldreiche Fürsorge, die sein königlicher Wirth ihm bewiesen. Dann verstummte er wieder; seine Miene aber zeigte deutlich an, daß sein Sinn nicht mehr verschlossen war für menschliche Rede. Er hörte geduldig Alles an, was Jener ihm sagte, daß er nun ein neues Leben beginnen werde, über welches die Schatten des früheren keine Gewalt mehr haben sollten. Was er verloren, habe seinen Unwerth klar bewiesen, da es von ihm so tückisch habe abfallen können. Ein ritterlicher Mann dürfe nichts theurer achten, als seine Ehre; die seine sei unverletzt, da er selbst keine Schuld daran trage, daß man ihn verrathen und beraubt habe, und so müsse ihm auch in Zukunft die 
      Ehre über Alles gehen und er der Welt zeigen, indem er sein Haupt ungebeugt auf den Schultern trage, daß er höhere Ziele kenne, als einem falschen Glücke nachzuträumen, – und was der weisen und wohlgemeinten Sprüche mehr waren.
      Auch schienen sie auf den siechen Mann, der mit still aufmerkender Miene ihnen ehrerbietig lauschte, den erwünschten Eindruck zu machen. Er erwiderte wenigstens kein Wort, das sie bestritt, und dankte dem hohen Tröster, als er sich entfernte, mit einem matten Händedruck und warmen Blick des trüben Auges. Nunmehr genas er sichtlich von Tag zu Tage, und als wieder etliche Wochen verstrichen waren, erschien er eines Morgens in völliger Reiserüstung vor seinem königlichen Pfleger, ihm nochmals für alle Gutthat zu danken und sich alsdann zu beurlauben, da er entschlossen sei nach Frankreich zurückzukehren. Eine dunkle Röthe stieg in dem bleichen Gesichte auf, als der König ihn fragte, ob er an den Hof des Herrn Savaric zurückzukehren vorhabe. Vor Denen, die ihn früher gekannt, versetzte er, habe er nicht das Herz sich blicken zu lassen, ehe das, was ihm zugestoßen, völlig verschollen und vergessen sei. Zudem sei ihm seine Liederkunst während des siechen Winters abhanden gekommen und er auch sonst zu Hofdiensten nicht wohl tauglich. Vielleicht werde er noch eine Weile auf seiner kleinen Burg still sitzen und warten, was die Zeit bringen möge, vielleicht das Kloster wieder aufsuchen, in welchem er seine Jugend verbracht. Der König, der ihn mitleidig betrachtete: Ihr hättet vielleicht besser gethan, erwiderte er, den Frieden jener heiligen Stätte nie zu verlassen. 
      In dieser für den Autor ungewöhnlichen syntaktischen Form findet sich die Passage im Text. Zu erwarten gewesen wäre z.B.: Der König, der ihn mitleidig betrachtete, erwiderte: Ihr hättet vielleicht besser gethan, den Frieden jener heiligen Stätte nie zu verlassen. - Möglicherweise störte Heyse die Prädikat-Doppelung betrachtete, erwiderte. Ein Fehler des Setzers scheint dagegen nicht vorzuliegen. – D. Hrsg. – Nein, sagte der blasse Mann, und in seinen Augen glühte ein dunkles Feuer, ich hätte dann das Beste, was mein armes Leben mir beschert, nie kennen lernen. – Hieran erkannte der König, daß er die Ungetreue trotz ihres schweren Verraths noch nicht aus seinem Herzen verstoßen hatte und das kurze Glück, das sie ihn kosten lassen, um keinen Preis aus seiner Erinnerung verbannen wollte. So ließ er ihn mit Sorgen scheiden, nachdem er ihn reich beschenkt und seiner steten Huld und Gnade versichert hatte, und empfahl ihm herzlich dringend, vor Allem Herrn Savaric wieder aufzusuchen, von dessen Klugheit er hoffte, daß er über die fernere Genesung des erst halb Geheilten wachen werde. Im Stillen war er überzeugt, es liege dem Hinwegeilenden nichts so sehr am Herzen, als den Entführer seines Weibes aufzusuchen und seine gekränkte Ehre an ihm zu rächen.
      Dieser Gedanke aber war, so seltsam es scheinen mag, selbst in seinen wildesten Fieberträumen dem Unglücklichen kaum einmal durch das Hirn gegangen. Denn der Feind, der ihm seinen Frieden zerrüttet, stand nicht in der Larve eines Fremden vor ihm, den er nie geliebt und der ihm nichts schuldig gewesen war, sondern mit den geliebtesten Zügen, die ihre Macht an ihm noch jetzt nicht verloren hatten. Sie blickten ihm freilich jetzt wie verwandelt und durch einen Flor getrübt entgegen. Sein Grimm und Gram aber kehrte sich nicht sowohl gegen den, der das vertrauteste Antlitz ihm so entfremdet hatte, als daß er sich selber grollte, da er es immer noch nicht über sich gewinnen konnte, Die häßlich zu finden, die er hassen mußte. Dann wieder kam eine unsägliche Bitterkeit über ihn, daß er sich in dem, was ihm das Holdeste und Heiligste geschienen, so jammervoll betrogen haben sollte, und ein Schwindel ergriff sein Haupt, da er fühlte, daß der Grund und Boden, auf den er sein irdisches Heil gebaut, ihm unter den Füßen gewichen und in den Schlund, der sich an derselben Stätte geöffnet, Alles, was das Leben ihm werth gemacht, versunken und verschlungen war.
      So ritt er als ein Mann, den nichts Freundliches daheim erwartet und der kein Ziel im Herzen trägt, langsam über das Pyrenäengebirge und in die lachenden Fluren der Provence hinab; aber so wund und wüst es in seinem Innern aussah, konnte er doch dem milden Hauch seiner heimischen Lüfte nicht wehren, daß sie nach und nach die Spuren des leiblichen Siechthums von ihm hinwegnahmen.
      Er hatte die Richtung nach seiner Burg eingeschlagen und hielt sich von den Höfen fern, wo man, wie er glaubte, von seinem Unglück genug wisse, um ihn jetzt, wenn er sich blicken ließe, mit neugierigem Hohn oder Mitleid zu verwunden. Je näher er den Stätten kam, die ihn in seinem Glück gesehen, je zögernder setzte er die Reise fort, in den kleinsten Städten und unscheinbarsten Burgen am liebsten herbergend, wo er es leichter vermeiden konnte, seinen Namen zu nennen. Gleichwohl ward er hie und da erkannt, da die Straßen von ritterlichen Cavalcaden wimmelten und nur wenige der Vornehmen nicht kürzere oder längere Zeit Herrn Savaric's Gastfreundschaft genossen hatten. Dann gewahrte er mit stiller Genugthuung, daß Niemand ihn um seines häuslichen Unglücks willen scheel ansah und seine Ehre ihm weigerte. Vielmehr suchte ein Jeder ihm die Bahn in das frische Leben zurück so leicht und lockend zu machen, als er selbst nur wünschen konnte, und überließ ihn nur widerstrebend seiner eigensinnigen Weltscheu.
      Indessen war die Wunde, an der er litt, noch immer nicht verharscht, und da er einsah, daß es auch nie dahin kommen werde, wenn er jetzt thatenlos in einem Winkel Frankreichs sich einniste und seine jungen Jahre verbrüte, beschloß er zum Herzog von Mailand zu reiten und ihm seine Dienste anzubieten, deren der streitbare Herr in seinen Händeln mit den Genuesen gar wohl bedurfte. Als er diesen Entschluß gefaßt, ward er ordentlich guter Dinge, und wie er Abends in eine kleine Stadt nahe bei Valence einritt, wo er die Nacht über zu rasten dachte, hob er zum ersten Mal seine Augen nicht unfroh gegen die sinkende Sonne auf und sprach zu sich selber: Will's Gott, so streife ich noch einmal den alten Menschen ab, wie eine Schlange ihre welke Haut, und beginne über den Alpen, unter Solchen, die eine andere Sprache reden, ein zweites Leben.
      Der Wirth des kleinen Gasthofes, zu welchem ein Knabe ihn gewiesen hatte, empfing den stattlichen Herrn aufs Diensteifrigste, führte ihn selbst in die beste Kammer, die er hatte, und ließ auftragen, was Küche und Keller vermochten. Als dann Herr Aubert in dem leeren Gastzimmer einsam beim Weine saß, trat der Wirth an seinen Tisch heran und begann mit höflicher Neugier ihn auszuforschen, unter Vorgeben, daß er ihm gern bei seinen Geschäften, falls solche ihn hergeführt, an die Hand gehen würde. Seinen Namen verschwieg der Fremde, hatte es aber kein Hehl, daß er aus Spanien komme und in die Lombardei wolle. Ob es wahr sei, fragte der Wirth mit einem verschmitzten Lächeln, daß die Frauen jenseits der Berge so viel rascheres Blut und freiere Sitte hätten, als in Frankreich, und zumal gegen ritterliche Fremde sich auf alle Weise huldvoll bezeigten. – Er selbst, erwiderte Aubert, indem seine Stirn sich ein wenig faltete, habe keine Zeit gehabt, dies zu erfahren, da ihn viele Monate lang eine Krankheit von allen Lebensfreuden abgeschieden habe. Auch sei er nicht um Abenteuer willen nach Aragon gereist. – Hierauf schwieg der Wirth eine Weile, hustete und nestelte an seinem Wamms, als habe er etwas auf dem Herzen, für das er nicht sogleich die passenden Worte finde. Herr Ritter, fing er dann wieder an, ich hoffe, Ihr denkt nichts Unrechtes von mir, als gäbe ich mich mit allerlei Geschäften ab, die nicht ganz ehrbar sind. Aber theils Eure schmucke und adlige Jugend, theils das Mitleiden mit einer unglücklichen Frau, die ein besseres Loos verdient hätte, macht, daß ich nicht schweigen kann, da ich vielleicht zwei Menschen einen Dienst erweisen mag, wenn ich rede. Es lebt in unserer kleinen Stadt eine gar schöne Person, in tiefer Verborgenheit, da sie sich, nachdem ein falscher Freund sie verlassen, ihres Unglücks schämt und sich nicht in den lichten Tag hinauszutreten getraut. Ich selbst, obwohl die Frau, die ihr Herberge giebt, meine leibliche Muhme und Gevatterin ist und ganz in der Nähe von den »silbernen Lilien« wohnt, habe sie nur ein einzig Mal zu Gesicht bekommen, da ich unvermuthet eines Morgens bei ihrer Wirthin eintrat. Zeit meines Lebens habe ich nichts Schöneres von einem Frauenzimmer erblickt und muß mich wundern, daß der Mann, dem sie ihre Liebe geschenkt, sich je wieder von ihr hat abwenden können. Sie erscheint, obwohl sie hier in der Stille eines Kindes genesen, das gleich wieder verstarb, noch so zart und unberührt, wie eine junge Prinzessin, und doch ist sie leider arm wie eines Landfahrers ausgesetztes Kind, so daß ihre Wirthin, die sie schon Monde lang aus ihrem eigenen Vermögen ernährt, sie nicht länger behalten will. Gevatter Matieu, sagte sie zu mir, – denn dies ist mein Name – wenn sich ein vornehmer Herr fände, des armen Weibchens sich anzunehmen, es wäre ein Segen für sie, und wer dazu hülfe, thäte wohl ein christliches Werk. Denn in ihrer rathlosen Noth – sagt sie – wer weiß was sie einmal über Nacht anfängt! Sie selbst ist es von Herzen satt, einer armen Wittib zur Last zu liegen, und da sie zu viel auf sich hält, um ein schlechtes Gewerbe zu ergreifen, geht sie sicher einmal halsüberkopf in ein kaltes Bad, ohne an ihr Seelenheil zu denken. Dies hat meine Gevatterin mir gesagt, und als ich Euch so stolz und hoch zu Rosse an meinem schlechten Gasthof Halt machen sah, da so vornehmer Besuch in unserem Städtchen selten über Nacht bleibt, schoß es mir wie eine Erleuchtung durch den Kopf, ob es etwa der Himmel selbst so gefügt habe, daß endlich ein Retter für die arme Schönheit erscheinen solle.
      Diese Rede hatte Aubert in seltsamer Bewegung mit angehört. Denn da seine Gedanken im Stillen immer bei seinem eigenen Schicksal verweilten, kam ihm bei der Schilderung des Wirths die Gestalt seiner verlorenen Liebe wieder in den Sinn, und sein Herz schlug heftig, wenn er dachte, daß er ihr vielleicht nahe sei und mit wenigen Schritten sie erreichen könne. Dann erwog er, wie seltsam und schier einem Märchen gleichend dies Begegnen sein würde, und daß der Räuber seinen Schatz sicherlich fester in Händen gehalten und jenseits des Wassers in seiner engelländischen Heimath geborgen habe. Also erwiderte er dem Wirth mit ernstlichem Kopfschütteln, er sei nicht der Mann, verlorene Weiber am Wege aufzulesen, und er möge Andere suchen, an denen sich leichter ein Kuppelpelz verdienen lasse.
      Hierauf blieb er, da der Wirth sich mit gekränkter Miene zurückzog, wohl eine gute Stunde für sich und trank mit düsterem Sinnen die Kanne leer. Der Spuk aber, den die Erzählung heraufbeschworen, wollte nicht von ihm weichen, und da überdies um die siebente Abendstunde das Gastzimmer sich mit Bürgern aus dem Städtchen füllte, die ihren Nachttrunk hier zu halten kamen, stand er plötzlich auf, winkte dem Herbergsvater und sagte ihm draußen auf dem Flur in einiger Verlegenheit: Er habe sich's reiflicher bedacht. Wenn er auch zu einer Liebschaft nicht aufgelegt sei, halte er es doch für seine Ritterpflicht, die Noth einer armen Verlassenen zu lindern, und wofern sich Alles so verhalte, wie der Wirth gesagt, und keine listige Gauklerin es auf seine Arglosigkeit und seinen vollen Beutel abgesehen habe, wolle er das Seinige thun, das unglückliche Weib von einem verzweifelten Streich zurückzuhalten.
      Der Wirth, der mit keiner Miene verrieth, daß ihm diese uneigennützige Regung verdächtig vorkomme, erklärte sich sofort bereit, den Fremden nach dem Hause zu geleiten, in welchem sich die geheimnißvolle Schöne befand. In tiefer Beklommenheit schritt Aubert neben seinem Führer durch die dunklen Gassen, und das Blut tobte in ihm, als ob es die Herzkammern sprengen wollte, da sie nun die Schwelle des armseligen Häuschens betraten. Er schalt seine Feigheit, die er doch nicht bezwingen konnte, und athmete ein wenig auf, als die alte Frau ihnen allein mit dem Lämpchen entgegentrat und auf ein leises Wort, das ihr Gevatter ihr zuraunte, den schmucken Fremden mit großer Zuthulichkeit willkommen hieß. Ihr Pflegling sei im Augenblick abwesend, da die arme Seele jeden Abend, so lange die Maiandachten zur heiligen Jungfrau währten, in die Kirche gehe, züchtig verschleiert, wie sie denn ihr Gesicht überhaupt niemals offen auf der Gasse sehen lasse. Bis sie wiederkehre, möge der Herr Ritter nur dort in der Kammer, wo die Fremde nun seit zwei Monaten in aller Tugend und Einsamkeit ihr Loos betraure, sich's bequem machen, da sie erst mit ihr reden und sie auf das unverhoffte Glück und die hohe Ehre vorbereiten müsse.
      Als Aubert die Kammer betrat, die mit einfachem Geräth versehen, aber sauber und wohlaufgeräumt war, überkam ihn von Neuem eine unsägliche Angst und Beklommenheit, daß er am liebsten unter einem Vorwande sich wieder entfernt hätte. Es fiel ihm ein, daß er die Alte nach dem Namen der Frau befragen könne. Doch entschlug er sich dessen wieder, da sie sicherlich, falls sie es war und ihr Elend vor aller Welt verbergen wollte, auch ihren Namen verhehlt haben würde. Und was hätte es ihm auch geholfen? Wenn der Wirth Recht hatte und eine himmlische Fügung ihm hierher die Wege gewiesen, durfte er so feige sein, zu fliehen, statt seinem Schicksal fest ins Auge zu blicken? Daß sie ihm hinfort eine Fremde sein mußte, ja ferner und unnahbarer als die Fremdeste, stand im Grunde seines Herzens fest. Gleichsam um sich selbst gegen jede Gefahr zu feien, wiederholte er sich von Zeit zu Zeit das Wort, das der König ihm gesagt und das so tief in seine Seele eingeprägt war, wie eine Devise auf Schild und Wappen, das Wort: Ehre über Alles. So ward er endlich ruhiger und konnte sich bei dem Flimmern des Lämpchens, das die Wirthin ihm überlassen, in dem kahlen Gemach mit Muße umsehen. Im Winkel hinten stand ein breites Bett, wohl der Alten Ehebett, mit einem Teppich überdeckt; die kleinen braunen Säulen, die im Geviert vor Zeiten den Betthimmel getragen hatten, ragten schief und rissig in die Höhe, da sie nichts mehr zu stützen hatten. Eine Truhe stand daneben, die hätte er gern geöffnet, um unter den Habseligkeiten der Bewohnerin nach Zeichen ihrer Herkunft zu spüren. Denn er fand sonst nichts, was ihn auf eine sichere Spur brachte, nur ein paar ärmliche Blumenstöcke, Goldlack und Basilicum, auf dem schmalen Fensterbrett, erinnerten ihn an seine gute Zeit, wo seine junge Frau immer einen kleinen lachenden Garten an ihrem Fenster gepflegt hatte.
      Zwischen den Blumen am Fensterkreuz hing noch ein handgroßes Spiegelchen, in Blei gefaßt. Wie er aber mit der Lampe näher leuchtete, sah er einen kleinen Kamm von Elfenbein auf einem der Töpfe liegen, und plötzlich zitterte ihm die Hand so sehr, daß er die Lampe auf den Sims stellen mußte. Er wußte nur zu gut, wer einen solchen Kamm besessen hatte, wie oft er selbst das schönste goldfarbene Haar, wenn es Abends losgebunden über den jungen Nacken fiel, mit diesem kleinen weißen Rechen durchfurcht, und wie er gelacht hatte, wenn sich ein Zahn desselben in dem weichen Dickicht verfing und ein kleiner Schrei und Schlag ihn für sein Ungeschick bestrafte. Am ganzen Leibe brach ihm ein kalter Schweiß hervor, daß er sich an der Lehne des Stuhls vorm Fenster halten mußte. Dann nahm er den Kamm in die Hand und siehe, da glänzte ihm ein langes blondes Haar, wie ein Seidenfaden, entgegen. In demselben Augenblick hörte er die Hausthür gehen. Ein hastiger Schritt erklang in dem Zimmer nebenan, und eine Frauenstimme sagte: Wer ist in meiner Kammer, Frau Ermesind?
      Das Blut brauste ihm so heftig vor den Ohren, daß er von den weiteren Reden nichts mehr deutlich vernahm. Auch wurden sie mit halblauter Stimme geführt, und es schien ihm, als ob die Alte sich eifrige Mühe gäbe, unwillige Vorwürfe der Anderen zu beschwichtigen. Er hatte aber kaum Zeit, der Lampe den Rücken zuzudrehen und den Reisehut tiefer in die Stirn zu ziehen, als die Thür der Kammer schon geöffnet wurde und eine weibliche Gestalt, das Gesicht dicht verschleiert, zu ihm eintrat.
      Wer Ihr auch sein mögt, mein Herr, hörte er eine leise, vor Aufregung zitternde Stimme sagen, ich erwarte von Eurer Ritterlichkeit, daß ihr dieses Haus, in welches Ihr durch schnöden Irrthum gelockt worden seid, auf der Stelle verlasset. Es ist wahr, daß ich ein armes, von Gott und Menschen verlassenes Weib bin. Aber so sehr mich mein Unglück auch darniedergebeugt hat, mein Sinn ist nicht so erniedrigt, daß der Erste Beste im Vorübergehen nach mir haschen könnte, wie nach einer Frucht, die über die Gartenmauer auf die Heerstraße herabhängt. Wer Euch gesagt hat, daß man Euch hier mit offenen Armen aufnehmen würde, hat Euch betrogen. Und darum bitt' ich, daß Ihr jetzt von mir gehet, denn dies ist nicht der Ort und nicht die Stunde, wo ich mit einem fremden Manne mich unterreden darf. Ihr höret doch, was ich sage?
      Sie hatte das Alles hastig vorgebracht, ohne den Fremden, dessen Gesicht ganz im Schatten war, eines näheren Blicks zu würdigen. Da er stumm blieb, zuckte sie leicht die Achseln, als ob sie sagen wollte: Es soll dir nichts helfen, daß du wie eingewurzelt dort an der Wand lehnst! Sie schlug rasch den Schleier zurück, ihm ihr ernstes Gesicht zu zeigen, damit ihre Augen ihm bestätigten, was er ihren Worten vielleicht nicht glaubte. Sie war bleich und ihre reizenden Züge ein wenig schmaler geworden, aber die Augen blitzten noch wie einst von jenem Feuer, das Alles in ihm zu schmelzen wußte. Den Schleier hatte sie auf die Truhe geworfen und trug das kleine blonde Haupt frei auf dem schlanken Halse, ein wenig in den Nacken zurückgebogen, als sie jetzt sich wieder zu dem seltsamen Besucher wandte.
      Ihr schweigt, sagte sie. Ich sehe daraus, daß es Euch leid thut, mir einen Schimpf angethan zu haben. Ihr scheint kein unedler Mann zu sein, da Ihr sonst meinen Worten vielleicht nicht glauben, sondern versuchen würdet, durch Schmeichelreden mich zu gewinnen. O, mein Herr, wenn es wahr ist, was die Wirthin von Euch ausgesagt hat, und Ihr wolltet Euch in Wahrheit eines unseligen Weibes annehmen aus ritterlicher Großmuth, so kommt morgen am hellen Tage wieder, und wenn Ihr Euch meines Vertrauens werth zeigt, werde ich der allerheiligsten Jungfrau danken, daß sie mein Gebet erhört und mir eine Stütze und einen Retter gesendet hat, da ich in meiner Noth schier verzagte. Die Frau sagt, Ihr zöget nach der Lombardei. Dahin steht auch mein Verlangen. Denn das Unglück, das über mich gekommen, ist so jammervoll, daß ich unter dem Himmel Frankreichs mich nicht ferner blicken lassen kann. Drüben im Lombardischen, wo Niemand meinen Namen und mein Schicksal kennt, hoff' ich bei irgend einer edlen und gütigen Dame eine Zuflucht zu finden, und da ich in künstlicher Arbeit mit der Nadel erfahren, in Hofsitten auferzogen bin, werde ich auch einem fürstlichen Hause keine Schande machen. Aber ich bin so ganz verarmt, daß ich selbst den elenden Unterhalt in dieser Kammer nicht mehr bestreiten kann, und nachdem ich das Wenige an Schmuck und besseren Kleidern verkaufen mußte, nun nichts besitze, als das nackte Leben und meinen Frauenstolz, der mich hindert, durch Schande reich zu werden. Ueberlegt darum wohl, was Ihr thut, und ob Ihr warten könnt und wollt, bis sich mein Glück wieder wendet und ich Euch Alles zurückerstatten kann, was ihr an meine Erlösung aus diesem Elend wagen müßtet.
      Sie hielt inne, da sie nun endlich ein Wort von ihm zu hören erwartete. Sie hatte vor ihm gestanden, nahe genug, aber mit niedergeschlagenen Augen. Da er noch immer schwieg, wurde ihr unheimlich zu Muthe, und sie hob plötzlich die Blicke zu ihm auf und suchte durch das Dunkel unter seinem Hut seine Miene zu erforschen. Da sah sie zwei stille, starre Augen auf sich gerichtet, und jetzt machte er eine Bewegung, wie wenn er eine Waffe in der Hand verborgen gehalten und sie damit überfallen wolle, und: Aubert! schrie sie und wankte mit sträubendem Haar zurück und bewegte die blassen Hände gegen ihn, wie um einen Mörder abzuwehren, und indem ihre strauchelnden Füße sich in den Säumen des Kleides verfingen, wäre sie gegen die Truhe hingesunken, wenn er nicht noch zur rechten Zeit sie in seinen Armen aufgefangen hätte.
      Er hielt sie so ein paar Minuten lang, da ihr das Bewußtsein geschwunden zu sein schien, denn ihr Haupt lag regungslos mit geschlossenen Augen an seiner Schulter, und ihr Athem ging stockend und wie bei einer Sterbenden. Als aber ein wenig Röthe in ihre Wangen zurückkehrte, ließ er ihre Glieder auf die Truhe niedergleiten, so daß sie nun wie eine Schlafende mit vorgeneigter Stirn an der Wand saß.
      Audiart! sagte er dumpf und zwang seine Kehle zu einem rauhen Ton, kommt zu Euch! Hört, was ich Euch zu sagen habe. Es ist umsonst, mir durch ein Gaukelspiel, als hätte der Schreck Euch ins Leben getroffen, das Herz erweichen zu wollen. Ich habe Euch einst nicht gekannt, da Ihr mein waret, und kenne Euch jetzt desto besser, da Ihr mir eine Fremde seid. Fürchtet nicht, daß ich dessen gedenken will, was Ihr an mir verschuldet. Ich finde, der Himmel hat an meiner Statt Euch vergolten nach Gebühr. So will ich nicht mehr Euer Richter sein, sondern wie mit einer fremden Landfahrerin, die ich halb verschmachtet am Wege fände, meinen wenigen Besitz mit Euch theilen. Ihr mögt dann beginnen, was Euch beliebt, bleiben oder gehen, wohin Euer Irrstern Euch lockt; an guten Freunden, die Euch das Geleit geben, wird es Euch nicht fehlen; ich will nur warten, nach welchem Himmelsstrich Ihr Euer Segel stellt, um nach dem entgegengesetzten zu steuern. Denn noch einmal Euch zu begegnen, wäre eine härtere Strafe, als ich für meine Sünden verdient zu haben glaube.
      Diese Worte hatte er mit mannhaftem Ton, an ihrem Klange sein eigenes Herz befestigend, zu Ende gebracht und sie dabei angeblickt, als habe ihr Gesicht allen Zauber über ihn verloren. Wie er jetzt verstummte, schlug sie schüchtern, wie ein gescholtenes Kind, ihre langen Wimpern auf und heftete einen flehenden Blick auf seine Augen, daß er unwillkürlich das Haupt wandte und nach dem Fenster trat. Ach, Aubert! sagte sie mit mühsamer Stimme, ich hatte geglaubt, das Bitterste gekostet zu haben; nun sind all meine Qualen ein Nichts gegen die Pein, die ich bei deinem Anblick erleide, und ich muß glauben, daß ich nicht aus Fleisch und Bein, sondern aus Demant gebildet bin, da ich solche Worte, wie du sie sprachst, habe überleben können. Ach, was ist das Brennen in Höllenflammen gegen die Qual, daß wir nun so beisammen sind, und doch getrennt, daß ich, die du so sehr geliebt, als eine Verworfene und Verstoßene hier die Hände ringen muß, und kann nicht einmal einen Blick von dir gewinnen, und uns wäre besser, das tiefe Meer rauschte zwischen uns, und meine Klagen und Seufzer, die ich zu dir hinüberschickte, verwehte der Wind! Glaube nur nicht, Aubert, daß ich versuchen möchte, mich rein zu waschen von meiner Schuld. Ich weiß, daß keine Reue und Buße sie von mir nehmen kann, und daß ich ein gutes Wort und einen sanften Blick von dir nicht mehr werth bin. Das aber sollst du wissen, daß auch wohl ein besseres Weib als ich dem Versucher erlegen wäre. Denn er war ein Teufel und nicht ein Mensch, und ausgelernt in allen Künsten der Finsterniß. Er zeigte mir, da ich wie in der Wüste nach meinem geliebten Freund und Gemahl verschmachtete, alle Herrlichkeiten der Welt, und ihm zu widerstehen hätte ich sündlos sein müssen, gleich unserem Herrn und Heiland, was einem Menschenkinde nicht gegeben ist. Ich vielmehr, ich hatte Wochen und Monate einsam verlebt und heimlich gegrollt mit meinem Gatten, daß er auf so lange Zeit von mir gehen und Herrendienst höher schätzen konnte, als die Liebe seines jungen Weibes. Und da sagten mir böse Stimmen ins Ohr: es ist gar nicht Krankheit, was ihn fern hält, er ist frisch und fröhlich, und es behagt ihm besser, sich im Netz der hispanischen Frauen zu winden, wie ein Aal, als zu seinem schlichten Herde und zu seiner armen, kleinen Frau zurückzukehren. Und da haßt' ich dich, Aubert, haßte dich aus allzugroßer Liebe, und dieser Haß machte dem Verführer leichtes Spiel. Siehe nun, wie ich es habe bezahlen müssen mit meinem ganzen Vermögen, daß ich heute nackt und bloß wie ein Auswurf meines Geschlechts von dir am Wege gefunden werden konnte und du mir einen Bettelpfennig zuwerfen willst und vorübergehen!
      Nach diesen Worten sing sie an zu schluchzen, da sie sich dergestalt in das Mitleid mit sich selbst hineingeredet hatte, daß sie in der That einen Augenblick wünschte, zu sterben. Als er aber still blieb, lebte die Hoffnung in ihr wieder auf, daß sie seinen gerechten Zorn doch vielleicht entwaffnen könne, und sie blickte durch die Finger der Hand, mit der sie ihre überströmenden Augen bedeckte, nach ihm hin, ob er eine Bewegung mache, die ein verwandeltes Gemüth verrathe. Er aber stand am Fenster und starrte unverrückt zwischen den Blumenstöcken auf die Gasse hinaus, wo eben ein leiser Schein den aufgehenden Mond ankündigte.
      Auf einmal fühlte er, daß seine Kniee umschlungen wurden und ein zitternder junger Leib sich zu seinen Füßen wand. Er versuchte umsonst, sich aus dieser Umstrickung zu lösen.
      Laß mich hier liegen! hörte er die halberstickte Stimme flehen. Ich bin unwerth, daß du mich an dein Herz wieder emporziehst, Aubert! Aber wenn all das, was du mir mit holden Worten und süßen Liedern gesagt, dir wahrhaft aus dem Herzen kam, so habe jetzt nur so viel Mitleid mit Der, die du einst über Alles geliebt hast, daß du ihr zu ihrer Buße und Läuterung verhilfst, damit sie einst in einem anderen Leben gereinigt und begnadigt dir entgegengehen könne. Hilf mir hinweg aus diesem Lande, wo man noch meinen Namen kennt, und bringe mich an einen Ort, wo ich die Unehre, die ich dir gemacht, im Verborgenen mit harter Arbeit im Magdgewande abbüßen kann. Nur laß mich nicht hier zurück, wo harte Menschen mein Unglück sich zu Nutze machen wollen, mich in neue Schande zu verlocken. Ach, Aubert, bedenke, wie jung ich bin und wie unberathen und thöricht ich hinlebte und wie du selbst mich mit deiner zärtlichen Anbetung verleitet hattest, mehr an mich selbst zu denken, als an dich und Gottes Gebot. Und wenn ich wirklich auf ewige Zeit dir verloren bin und du mir –
      Steh auf! herrschte er sie an, da er fühlte, daß ihre Stimme und der Druck ihrer Arme seine Starrheit erschütterte. Weil ich noch denke, was du mir einst gewesen, will ich an mich halten und dich nicht mit Gewalt hinwegstoßen. Aber steh auf, wenn ich noch ein Wort mit dir reden soll. Du aber, fuhr er fort, da sie jetzt langsam sich vom Boden aufhob und wieder nach der Wand schlich, du thätest wohl, deine gleißnerischen Worte zu sparen, mit denen du mir das letzte Kleinod abschmeicheln willst, das mir noch geblieben: meine Ehre. Denn ich weiß, worauf du zielst: im Lauf der Tage, wenn du dich bescheiden und gehorsam zeigtest und in deinem Magdgewande dein Jugendreiz nur um so lockender wieder aufblühte, sollte ich vergessen, was ich meinem ritterlichen Namen schuldig bin, und dich zu Gnaden wieder aufnehmen. Du wärest auch mit dem Fremden, für den du mich hieltest, bald so weit gekommen, trotz aller hochtönenden Versicherungen, er werde nie einen anderen Lohn für seinen Ritterdienst erlangen, als einen großen Dank und das Gefühl seiner edlen Gutthat. Nun bin ich dir freilich lieber, als der Erste Beste, und du gedenkst der alten Macht, die du über mich besessen, und getraust dir wohl, sie wieder zu gewinnen. Ich aber – und wenn ich im steinigen Arabien oder unter den Bären am eisigen Pol mit dir zusammenlebte, als mit meinem Weibe, – ich müßte erröthen, so oft ich mein Gesicht in einem stillen Weiher gespiegelt sähe, daß ich das Weib wieder liebkoste, das ein Ehrenräuber mir entführt und nach kurzer Lust wieder weggeworfen. Und wenn ich vor Durst verginge, – den Apfel, den ich angebissen im Staube fände, führte ich nicht an die Lippen, ob er noch so roth und weiß mich anlachte. Ihr mögt darum Eure Thränen trocknen und alle Schlangenkunst, die an mir verschwendet ist, für bessere Gelegenheit sparen. Ich gehe jetzt von Euch für immer. Morgen werde ich Euch durch einen sicheren Boten eine Summe Geldes zustellen lassen, von der Ihr die Wirthin befriedigen und mit dem Uebrigen Euer neues Leben nach Gefallen beginnen mögt. Und damit befehle ich Euch in die Hut und Gnade Gottes, und wenn Euch daran liegt, will ich scheidend Euch noch versichern, daß die Noth, in der ich Euch gefunden, jeden Groll in mir getilgt hat, und daß es mir von Herzen kommt, wenn ich Euch, fern von mir, gute Tage wünsche.
      Er drückte den Hut wieder in die Stirn und schritt, ohne sie anzusehen, der Thüre zu. Noch aber hatte er die Schwelle nicht erreicht, als ihre Stimme ihn noch einmal festbannte.
      Lebt wohl, Aubert! sagte sie, mit ganz verwandeltem Ton, so fest und klar, wie nur verzweifelte Entschlossenheit zu reden pflegt. Ihr habt Recht, daß Ihr geht und keinen Blick zu mir zurückwerft. Aber glaubt nicht, daß Eure Großmuth mir zu Gute kommen werde. Von jedem Anderen hätte ich eine solche Hülfe um Gotteswillen angenommen, vom Fremdesten und Ungeliebtesten; von Euch nie und nimmermehr. Doch, wenn ich es recht bedenke, so bedarf ich auch keines erbarmenden Herzens mehr. Der Mond scheint so hell, daß ich den Weg zu meinem Frieden wohl finden kann. Ihr aber thätet besser, gleich jetzt hinwegzureiten. Wenn ihr morgen früh noch in der Stadt verweiltet und das Gerücht erginge, Ihr wäret es gewesen, der in der letzten Nacht die fremde Frau besucht, die man früh Morgens aus dem Rhonestrom gezogen, es möchte Eurer Ehre nicht minder nachtheilig sein, als wenn es ruchbar würde, daß Ihr Euer schuldiges Weib begnadigt hättet.
      Er wandte sich nach ihr um; das Herz schlug ihm heftig. Er mußte sich gewaltsam fassen, ehe er die Lippen öffnen konnte. Audiart, sagte er, nehmt Vernunft an. Was Ihr im Sinne habt mit Euch und mir, ist unmöglich. Ich wiederhole es, ich zürne Euch nicht mehr, vielmehr gönne ich Euch jedes Glück, das in der weiten Welt noch für Euch zu finden ist. Ihr seid jung und schön und klug; folgt Eurem ersten Plane, reist über die Alpen in das italische Land und sucht dort ein neues Leben zu beginnen. Ich werde dafür sorgen, daß mein Name nie mehr an Euer Ohr schalle und Euch im Vergessen böser alter Dinge störe. Was Ihr aber jetzt vorhabt, ist gottlos, und Ihr verscherzt damit Euer ewiges Heil.
      Meint Ihr? sagte sie ruhig. Ich kam soeben aus dem Hause Gottes im Stande der Heiligung, so weit eine Sünderin auf Erden es von sich rühmen kann, denn ich hatte den Leib des Herrn empfangen. Und diese Stunde mit Euch war Fegefeuers genug, daß ich, wenn ich durch meinen Tod eine neue Sünde auf mich lade, gleichwohl der himmlischen Gnade mich getrösten mag. Uebrigens – das ist meine Sache. Da ich Euch fremd bin, habe ich Euch keine Rechenschaft zu geben von dem, was ich thue und lasse.
      Er sah sie an. Eine kalte Festigkeit lag in ihrem Gesicht, die großen dunklen Augen blickten gelassen vor sich nieder. Ihm war, als habe er sie nie in so königlicher Schönheit gesehen.
      Nun denn, sagte er, so thue Jeder, was er für seine Pflicht hält. Ihr werdet mich bis zum Morgen in Eurer Kammer dulden müssen, da ich entschlossen bin, Euch den Weg zum Flusse zu versperren. Beim ersten Tagesgrauen erfahrt Ihr, was ich weiter mit Euch zu beginnen denke. Bis dahin genießet ruhig des Schlafs, den ich Euch schon zu lange abgebrochen habe. Ich werde mich leise verhalten und Euch nicht im Wege sein.
      Er nahm den Hut ab, legte ihn auf ein Tischchen an der Wand und setzte sich dann auf einen niedrigen Stuhl am Fenster, den Blick hinausrichtend gegen den mondhellen Himmel. Den Rücken hatte er gegen das Bett gekehrt und verharrte so in tiefer Versunkenheit, ohne sich zu regen. Er hörte, wie sie nach einer Weile von der Truhe aufstand und in der Kammer hin und her ging. In dem Spiegelchen zwischen den Blumen konnte er dann und wann einen Streifen ihres Gesichts oder ihres Halses erblicken und sehen, daß sie ihr Haar löste und, wie sie gewohnt war, es zur Nachtruhe unter eine kleine Haube zusammenlegte. Im Uebrigen blieb sie, wie sie war, nur daß sie die Schuhe von den Füßen streifte und das Gewand über der Brust ein wenig loser band. Sie sprach kein Wort, nicht einmal ein Seufzer unterbrach die Todtenstille, die zwischen den beiden unseligen Menschen waltete. Auch im Nebenzimmer war Alles stumm und todt. Nur wie sie sich in ihren Kleidern auf das Bett streckte, erseufzte die alte Bettstatt, daß es dem Manne am Fenster einen Stich ins Herz gab. Er ergriff den kleinen Kamm und drückte die blanken Zähne desselben gegen das Fleisch seiner eigenen Hand, daß der leibliche Schmerz sein Herzweh überwinden sollte. Mit einer Art wilden Trotzes sah er ein paar Blutstropfen über das Handgelenk herabrieseln. Mit der anderen Hand zerpflückte er die zarten Blätter und Blüten des Basilicums und horchte dazwischen nach dem Winkel der Kammer, wo sein Weib von ihm geschieden ruhte. Kein Laut von ihren Lippen verrieth, ob sie schlafe oder wache, und er hatte nicht das Herz, sich nach ihr umzuwenden. Als etwa eine Stunde so verstrichen war, hob er sich ein wenig auf den Zehen, bis er in das Spiegelchen blicken konnte. Da sah er unter halb geschlossenen Lidern zwei stille schwarze Augen auf sich gerichtet in herzbrechender Trauer und Sehnsucht. Es durchfuhr ihn wie ein Schlag von eherner Faust, daß er bis in die Fußspitzen erbebte! Er preßte aber die elfenbeinernen Zinken inbrünstig wieder gegen sein eigenes Fleisch, sank still auf den Sessel zurück und schloß die Augen. Als er nach einer geraumen Weile sie wieder zu öffnen wagte, hörte er tiefe und ruhige Athemzüge vom Bette her. Sie kann schlafen! sagte er vor sich hin. Sie ist des Spielens mit mir müde geworden und wie ein Kind, das seine Puppe verloren hat, darüber eingeschlafen. Wohl mir, daß ich wach blieb und meine Ehre nicht einnicken ließ! Und doch – wie schön sie ist!
      Nun betrachtete er ihr Gesicht lange im Spiegel, da die Helle des Mondes breit in das Fenster strömte und jeden Gegenstand in der Kammer taghell erleuchtete. Ihr rechter Fuß hing über das Bett herab, er mußte denken, wie oft er ihr geholfen, das zarte Gebilde in den engen Schuh zu kleiden, und wie sie gescherzt hatten, wenn er sich ungeschickt anstellte bei seinem Kammerfrauendienst. Immer schwüler wurde es ihm in der Enge des niederen Gemachs. Er schob leise die Blumen zurück, öffnete das Schiebfensterchen und sog den Athem der Frühlingsnacht in durstigen Zügen ein, da wurde ihm leichter ums Herz. Geräuschlos glitt er wieder auf den Sessel zurück, lehnte den Kopf an die kühlen Scheiben und schloß nun gleichfalls die Augen.
      Doch mied ihn der Schlaf. Die Stunden gingen in ängstigenden Halbträumen hin; einmal hörte er die Frau auf dem Bette stöhnen, wohl von einem Angstgesicht im Traume heimgesucht, und schlich zu ihr hin. Da öffnete sie ein wenig die Augen und schien in der Dämmerung ungewiß, wer sie anblicke. Dann aber lächelte sie ganz unschuldig, daß ihre weißen Zähne reizend zwischen den vollen Lippen schimmerten, lallte ein paar unverständliche Worte, und kehrte das Gesicht gegen die Wand. Es griff ihn so an, daß ihm die Kniee einbrachen und er neben dem Bett auf den harten Boden niedersank. Da lag er lange, und im Dunkeln stürzten ihm die bitteren Thränen über die Wangen, bis auch seiner ein kurzer, dumpfer Schlaf sich erbarmte und er das Bewußtsein seines Elends verlor.
      Als aber der erste graue Tagesschein in die Kammer sah, fuhr die Schläferin in die Höhe und erschrak ein wenig, da sie sich allein fand. Dann entsann sie sich, daß sie Nachts, da sie einmal aufgewacht, Aubert auf dem Fußboden neben dem Bett hatte liegen sehen, und als sie in ihren Spiegel blickte, sich das Haar zu flechten, wurde sie vollends ihrer Sache gewiß und sagte bei sich selbst: Habe ich ihn schon so weit zu mir herangezogen, wird er endlich ganz wieder der Meine sein! – Sie lächelte ihr schönes junges Bild im Spiegel an und band ihr Haar so zierlich auf, als sie nur konnte. Die rothen Flecken an dem elfenbeinernen Kamme warnten sie nicht. Dann erklang Hufschlag draußen am Hause, sie hörte an die Thüre pochen, die Wirthin trat herein, ihr um den Hals zu fallen und ihr Glück zu wünschen, daß sie einen so schönen und freigebigen Cavalier bezaubert habe, der sich über Nacht entschlossen, sie mit sich zu nehmen und all ihr Noth ein Ende zu machen. Da nickte Frau Audiart sanft und geheimnißvoll; als aber Aubert in die Kammer trat und mit einem düsteren Gesicht zur Eile trieb, damit sie ohne Aufsehen aus der Stadt ritten, kam ihre Zuversicht wieder ins Wanken. Mit niedergeschlagenen Augen gestand sie, da er fragte, wo ihr Reisegepäck sei, sie besitze Nichts, als was sie an sich trage, da sie alles Entbehrliche verkaufen müssen. So gingen sie miteinander vors Haus und bestiegen das Pferd, das draußen gesattelt stand. Aubert stieg zuerst in den Bügel und reichte seiner Gefährtin die Hand, daß sie sich hinter ihn schwingen und auf der Kruppe zurechtsetzen konnte. Seinen Mantelsack hatte er vorn am Sattelknauf festgebunden. Darauf nickte er der Wirthin ein Lebewohl zu und gab seinem Thier die Sporen.
      Noch schlief Alles in der kleinen Stadt, denn die Sonne war noch nicht aufgegangen; nur die Brunnen rauschten, und die steinernen Figuren darauf sahen das reisige Paar mit starren Augen an, als es in mäßigem Trabe vorbeiritt. Der jungen Frau war zu Muth, als ob der Mann, hinter dessen Rücken sie saß, auch nur ein Steinbild sei, um dessen Leib sie ihre Arme geschlungen, um sich festzuhalten. Denn es wurde ihr kalt, als sie das Stahlhemd fühlte, das er über seine warme Brust gezogen, und da kein Wort aus seinem Munde kam, merkte sie wohl, daß noch immer ein Abgrund zwischen ihnen war, obwohl sie sich so traulich an ihn lehnen durfte. Sie seufzte ein paar Mal, laut genug, daß er es hören mußte. Er aber blieb steinern. Wie sie nun aus dem Stadtthor kamen, ging eben die schöne Frühlingssonne auf und tauchte Land und Strom und die Zinnen und Thürmchen hinter ihnen in zartes Gold. Da seufzte die Frau wieder, da sie des Morgens nach der Hochzeit gedachte, wo sie aus ihrer eigenen Burg mit ihrem jungen Gatten in den Wald geritten war, und der holden Worte, die er damals zu ihr gesagt. Nun war die letzte Nacht freilich unhold vergangen; aber daß er so völlig stumm bleiben würde, hatte sie doch nicht geglaubt. Als sie daher auf die breite steinerne Brücke kamen, unter welcher die Rhone in hastigen hellgrünen Wellen hinschoß, brach sie selber das Schweigen. Wohin reiten wir? fragte sie schüchtern. Mich dünkt, Aubert, Ihr seid mir unfreundlicher gesinnt heut am hellen Morgen, als gestern in der Nacht, obwohl Ihr nicht, wie Ihr gedroht, mich einsam zurückgelassen, sondern mit Euch genommen habt. Bei den sieben Schwertern, die durch die Brust der Gottesmutter gingen: wenn Ihr mir das Herz brechen wollt mit Eurem starren Haß und Groll, so wäre es besser, Ihr setztet mich hier im Freien ab und sprengtet davon, ohne Euch um mich zu kümmern, als daß Ihr Euch selbst die Last aufbürdet, die Verhaßte noch ferner zu geleiten. Hört Ihr, wie der Fluß unten rauscht? Ein Sprung vom Pferde hinab und in die klaren Wellen, und Ihr wäret meiner los, und ich selbst hätte Ruhe vor meinem eigenen Herzen. Wohin aber wollt Ihr mich bringen, von wo ich nicht auch einen solchen Ruheort erreichen könnte, wenn ich auch noch so gut bewacht wäre? Denn mich noch einmal in das Leben zu schicken, in ein Leben ohne Euch, nachdem ich Euch wiedergesehen, geht über meine Kräfte.
      Statt aller Antwort gab er dem Thiere die Sporen, so daß sie im Fluge von der Brücke kamen. Erst als sie drüben zwischen den Saatgeländen eine Weile hingesprengt waren, ließ er das Pferd wieder langsamer gehen und sagte jetzt, ohne sich nach ihr umzuwenden: Ihr werdet nicht allzu lange meine Gesellschaft zu ertragen haben. Zwei Stunden von hier, wie ich genau erkundet, liegt ein Frauenkloster. Dorthin will ich Euch bringen, um Euch vor Euch selbst und den ungezügelten Trieben Eures Herzens zu schützen. Wenn ich Euch frei in die Welt entließe, möchtet ihr neues Unheil anstiften, anderen Arglosen Gefahr bringen und endlich selbst ein trauriges Ende nehmen. Darum will ich die Sorge für Euer Heil sicheren Händen anvertrauen, und vielleicht kommt noch einmal der Tag, wo Ihr es mir dankt, daß ich Euch dazu verholfen habe, wenigstens Euer unsterblich Theil zu retten.
      Er dachte, daß sie in heftige Klagen und Bitten ausbrechen würde, aber sie nahm seinen Spruch hin, wie eine Armsünderin, der der Stab gebrochen worden. Nicht einmal ein Seufzer kam von ihren Lippen, und wenn er nicht ihre Arme um seinen Leib gefühlt und ihre kleinen Hände gesehen hätte, die sie vor seiner Brust bescheiden zusammengefaltet hielt, hätte er vergessen können, daß er nicht allein zu Pferde saß. Das machte ihn nachdenklicher und bedrückte ihn härter, als wenn sie sich hartnäckig gegen seinen Willen gesträubt hätte. Immer mußte er auf die beiden Händlein blicken, die so zart und hülflos sich in einander schmiegten, und er bedachte, wie jung das unselige Wesen sei und wie bitter ihre kurze Sünde sich schon gerächt habe. So streng er seine Brust umpanzert hatte, konnte er doch dem Mitleiden nicht wehren, sich durch die Ringe des stählernen Hemdes in sein Herz zu schleichen und verstohlenerweise all die alte Liebe und Leidenschaft mit einzuschwärzen, der er so rauh die Thür gewiesen. Die Vögel wachten in ihren Nestern auf und fingen schmetternd an zu singen, als sie unter den zarten Laubkronen hinritten. Die Sonne stieg höher und machte die Welt umher, die in Blüten stand, zu einem traulichen Paradiese, in welchem sich's gut wohnen ließ. Hatte nicht auch das Weib des ersten Menschen der Schlange gelauscht und dadurch sich und ihm den Garten Gottes verscherzt? Und der erste Betrogene hatte sein Weib nicht verstoßen, sondern sie mit sich genommen, den Fluch der Sünde gemeinsam zu tragen. Nein! rief es in ihm, dies trifft dennoch nicht zu. Sie waren nur zu Zweien damals, und vor keinem Dritten hatte Adam seine erröthende Stirn zu verbergen. Nicht seine Ehre galt es, die erst ins Spiel kam, als die Welt bevölkert war und Ritterthum und adlige Sitten aufkamen, deren Gesetz Niemand ungestraft verletzen darf. Halt aus, Aubert, und laß dein festes Herz nicht schmelzen vom Strahl der Maiensonne und dem warmen Hauch eines jungen Busens, der dir um den Nacken spielt!
      Wieder ritten sie stumm und wie durch eine Mauer getrennt, eine weite Strecke dahin. Aber die Luft war zu lau und der Blütenduft, der sie erfüllte, zu süß, als daß sie das Eis, mit welchem der unglückliche Mann sein Herz zu wappnen dachte, nicht zum Thauen gebracht hätten. Er hörte im Vogelgesang ringsum seine eigenen Lieder, die er in der Blütezeit der jungen Minne an Audiart gedichtet; er gedachte an den ersten Kranz, den die blassen Händlein ihm gewunden, und an ihr weiches Kosen, womit sie ihn beseligt hatten. Immer schwüler ward es unter dem Stahlhemd, große Tropfen traten ihm unter dem leichten Hut auf die Stirn, er fühlte das Blut in seinen Adern wie einen Strom rollen, der nach der ersten Frühlingsnacht die Eisdecke lüftet und frei und übermüthig dahinbraust. Und jetzt hörte er hinter sich nach dem langen, demüthigen Schweigen plötzlich ein verstohlenes Weinen, und wie er aus seinem verworrenen Brüten aufblickte, erkannte er gar wohl die Ursache. Vor ihnen, kaum noch eine halbe Stunde entfernt und durch eine lichte Stelle im Walde herüberschauend, lag das Kloster auf einem Hügel, und seine grauen Thürme und Mauern ragten finster in das lachende Himmelsblau empor. Unwillkürlich hielt Aubert die Zügel an. Ein kleiner Buchenhain umgab sie, mit schönen dunkelgrünen Büschen durchwachsen, und weit und breit war keine lebende Seele zu erblicken. Laßt uns einen Augenblick hier im Schatten rasten, sagte er und schwang sich aus dem Sattel. Dann hob er die Weinende herab, deren Thränen sofort zu fließen aufhörten. Sie sank, ohne ein Wort zu sprechen, in das weiche Moos und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Dabei aber schielte sie nach dem finsteren Manne, der mit gekreuzten Armen langsam vor ihr auf und nieder schritt. Der Hut war ihm vom Haupt gefallen, er lüftete das Eisenhemd, das ihm den Athem beklemmte, dann begann er wieder sein düsteres Hin- und Wiederschreiten, wie ein Raubthier hinter dem Käfichgitter. Sie aber hütete sich wohl, die Stille zu unterbrechen. Ihr Gesicht war ruhig geworden, ja sie lächelte sogar verstohlen vor sich hin und fing an mit den schlanken Fingern von den kleinen Blumen zu brechen, die neben ihr auf dem Waldgrunde wuchsen. Da stand er plötzlich vor ihr still, ohne die Arme von der Brust zu lösen, und sagte: Was soll nun werden? Sagt Ihr es mir; denn bei Sankt Leonhart, ich selber weiß es nicht. Ich hatte wohl gedacht, es sei Alles damit abgethan, wenn ich Euch ins Kloster brächte. Euch wüßte ich dort ja auch geborgen. Wer aber schützt 
      mich vor 
      Euch? Wer bürgt mir, daß, wenn ich weiß, wo Ihr zu finden wäret, der alte Wahnsinn nicht wieder ausbreche und ich Mauern und Riegel sprenge, Euch wieder in meine Arme zu ziehen und mit Euch meine Schande ans Herz zu drücken?
      Sie sah zu ihm auf, zuerst mit einem ungewissen Blick. Als sie aber die Flamme gewahrte, die aus seinem Auge loderte, ging ein Glanz von triumphirender Freude über ihr Gesicht, und sie sagte mit erkünstelter Demuth: Warum wollt Ihr thun, Aubert, was Euch hernach gereuen würde? Lasset mich, wo ich bin, so soll keine Mauer und kein Riegel dazwischen sein, wenn Ihr heimverlangt nach Eurem armen Weibe. Habe ich Euch nicht schon gesagt, daß ich mich der Ehre, Eure Gattin zu heißen, nicht mehr würdig achte? Wenn ich es nun aber zufrieden wäre, Eure Magd zu sein, wer würde Euch darum schelten?
      Sie sah mit ihrem scharfen, klugen Auge, wie ihre Macht über ihn mit jeder Minute wuchs. Da wollte sie das Letzte wagen. Nein, sagte sie, so geht es doch wohl nicht. Ich dank Euch, Aubert, daß ihr noch so viel Liebe für mich bewahrt habt. Aber ich möchte nicht, daß Euch späterhin die Reue anwandelte, wenn Ihr mich aus gutem Herzen begnadigt hättet. Darum ist es besser, Ihr macht gleich heut ein Ende und schafft den Anlaß zu so viel Herzweh und Pein aus der Welt. Fürwahr, lieber als in das Kloster, ginge ich aus diesem Leben fort in ein stilles Grab, und wenn ich von Euren Händen stürbe wäre mir's ein sanfter Tod. Sehet, wir sind hier ganz allein, Niemand kann Euch anklagen, wenn Ihr Euer arges Weib für immer von Euch scheidet, und ich selber, ich will stillhalten wie ein Lamm und die Hand noch küssen, die mich gerichtet hat. Zieht Euer gutes Schwert und stoßt es mir ohne langes Besinnen in die Brust. Ich selber will Euch den Weg zeigen, daß Ihr das Herz nicht verfehlen könnt!
      Indem sie dies sagte, faßte sie ihr Kleid oben am Halse mit beiden Händen an und riß es mit einem Ruck über der Brust entzwei, so daß plötzlich ihr junger Busen bis auf den Gürtel entblößt aus dem dunklen Gewande hervorglänzte.
      Aber in demselben Augenblick, wo all ihre Schönheit wieder schleierlos vor sein Auge trat, sah er auch das Schlangenlächeln an ihrem rothen Munde, das ihn aus seiner Verzauberung wieder in die wache Wirklichkeit zurückrief.
      Buhlerin! schrie er überlaut, du hast deine Künste zur rechten Zeit spielen lassen, mich zu erinnern, welch eine Erniedrigung meiner in deinen Armen gewartet hätte. Ja, du hast Recht, wir Zwei können nicht athmen unter demselben Himmel. Eins muß weichen – und das bist du – und so gnade dir Gott – dir geschieht, wie du gewollt hast – mach Reu und Leid, und ich will dir's erlassen, die Hand deines Richters zu küssen. Mir aber – mir sei der Heiland gnädig!
      Er warf sich über sie, die nur noch einen kurzen Angstschrei ausstoßen konnte. Den schwarzen Schleier, der ihr vom Haupt gesunken, hatte er gepackt und um ihren schimmernden Hals geschlungen. Wie ein Wahnsinniger kniete er an ihrer Seite, und unter beständigem Rufen: Mach Reu und Leid! Gott sei uns Beiden gnädig! – erwürgte er sein Weib.
      Als sie regungslos vor ihm lag, stand er ruhig auf. Es ist vollbracht, sagte er mit kalter Stimme. Ich habe ihr den Willen gethan, nun wird sie ruhen und mich in Ruhe lassen. Aber so schamlos, wie sie gestorben ist, will ich sie nicht begraben. – Da zog er das zerrissene Gewand wieder über dem weißen Busen zusammen und nestelte es fest. Dann grub er mühsam mit seinem Schwert eine flache Grube unter den Bäumen, wo sie lag, und trug den leblosen schlanken Leib hinein. Erst als sie dort gebettet lag, überfiel ihn ein Grauen vor seiner eigenen That. Mit zitternden Händen raffte er Moos und dürres Laub zusammen und häufte es über das stille weiße Gesicht, das noch im Tode seine Sehnsucht weckte. Als dann eine reiche Decke von Grün und Blumen ihm die Gestalt verbarg, raffte er sich auf und floh von der Stätte des Grauens fort. Sein Pferd ließ er im Walde weiden, Hut und Schwert und Panzerhemd warf er von sich, das Alles fanden Hirten an demselben Tage, aber das Grab lag so versteckt, daß Niemand es entdeckte.
      Erst nach sieben Tagen kam eine Prozession der Nonnen, an ihrer Spitze die Oberin, das Heiligenbild tragend, um die Felder zu segnen, durch den Wald und an die Stelle, wo die That geschehen war. Da sahen sie einen ganz verwilderten hohlwangigen Mann neben einem Hügel von Laub und Blumen liegen, dessen Anblick die fromme Schaar wie ein Gespenst in die Flucht trieb. Nur die Aebtin trat zu ihm und fragte nach seinem Namen und Schicksal. Da beichtete er ihr, was er erlitten und gethan, und daß er seit jenem Tage wie ein wildes Thier, von den Schrecken seines Gewissens gehetzt, herumgeirrt sei in Einöden und keine Nahrung mehr über die Lippen gebracht habe, nun aber seinem Ende nahe sei. Er bat, man solle das unglückliche Weib christlich bestatten und ihn selbst zu ihren Füßen, da sie ihn noch im Tode nicht losgelassen, sondern wieder zu sich herangelockt habe. Seinem Freunde aber, dem edlen Herrn Savaric, solle man sein trauriges Ende melden und dem Könige von Aragon sagen, daß er um seiner Ehre willen sein ewiges Heil verscherzt habe.
    



      Der verkaufte Gesang
      (1881)
       
      Daß die Kunst des Gesanges unter Brüdern wohl ein Schloß oder Rittergut werth sei, wird von Denen, die sie jemals geübt oder geliebt haben, Niemand leugnen, während Diejenigen, die den Klang des Goldes und Silbers aller Musik von Saiten- oder Menschenstimmen vorziehen, nicht einen rothen Heller dafür zu geben und sie als die brodloseste und unnützeste aller Künste zu betrachten pflegen. Den Ersteren werden wir also nichts Neues sagen und die Letzteren nicht bekehren, wenn wir ein Geschichtchen erzählen, welches darthut, in wie hohem Preise einst der Gesang gestanden hat, freilich zu einer Zeit, da auch die Dichtkunst noch einen goldenen Boden hatte und ihren Mann nährte, da Hoch und Gering sie zu ihrer Lebensnothdurft rechneten und schöne neue Lieder so wenig missen konnten, wie vom Bäcker das Brod. Immerhin aber möchte es tröstlich und erbaulich sein, daran zu denken, daß die Welt nicht zu allen Zeiten so krämerhaft gesinnt und nur auf den handgreiflichsten Nutzen gerichtet war, sondern daß es einmal Menschen gab, die das Ueberflüssige für das Unentbehrlichste hielten und alle Reichthümer und Herrlichkeiten der Welt gering achteten gegen einen Lippenhauch, der freilich die goldenen Schätze der Seele an den Tag zu bringen vermochte.
      In der Auvergne lebte, bald nachdem die wilden Albigenserkriege vertobt hatten, ein Brüderpaar auf einem sonnig gelegenen, mit Wäldern und Fruchtfeldern breit umgürteten Schlößchen, an welchem der Kriegssturm vorübergeweht war, ohne ihm auch nur eine Thurmzinne zu brechen. Dies war um so wundersamer, als der alte Burgherr, ein Herr von 
      Maensac, von Herzen der ketzerischen Partei ergeben war und seine heftige Gesinnung gegen Rom und die päpstlichen Kreuzfahrer in mehr als Einem tapferen Sirventes mit den künstlichsten Reimen ausgesprochen hatte. Das Wunder wurde freilich gemindert, da diese flammenden Proteste nicht über die Mauern des Schlosses hinausdrangen und daher wie eine Faust in der Tasche den Gegner nicht reizen konnten. Es war nicht Feigheit, was den wackeren Baron daran hinderte, seine singenden Brandraketen frei und offen in den schwarzumwölkten Himmel steigen zu lassen. Er hätte, Aug' in Auge dem grimmen Simon von Montfort gegenüber, aus seiner Herzensmeinung kein Hehl gemacht. Doch trug er überhaupt, so eifrig er in seinen Mußestunden sich mit der Versmacherei abgab, eine tiefe und gerechte Scheu, seine verstohlene Kunstübung irgend einem fremden Auge zu verrathen, da er sich in aller Demuth für nicht viel Besseres hielt, als was man heutzutage einen Dilettanten zu nennen pflegt. Die Lust war groß, die Kraft gering, und seitdem einmal ein wirklicher Troubadour, dem er seine Exercitien schamhaft und zögernd vorgelegt, bittend, ihm reinen Wein einzuschenken, dem redlichen Manne alle poetische Phantasie abgesprochen und nur seinen reinlichen Versbau gelobt hatte, begab er sich des geliebten Zeitvertreibes gänzlich und wandte seinen Fleiß desto nachdrücklicher auf die Ausbildung seiner beiden Söhne, 
      Austorc und 
      Peire, 
      Die provenzalische Form für Pierre. die schon als Knaben eine besondere Lust zu allerlei Reimwerk zeigten und in denen er die Erfüllung alles dessen zu erleben hoffte, was in ihm selbst nur Traum und Wunsch geblieben war. Da er nun das Technische der Poeterei ganz wohl inne hatte, konnten seine Söhne in der That keinen besseren Lehrmeister erlangen, als den eigenen Vater, und so waren sie denn auch zu ganz fertigen jungen Versschmieden herangereift, als der treffliche Alte starb, nichts lebhafter bei seinem Scheiden aus der Welt beklagend, als daß es ihm nicht mehr vergönnt sein sollte, sich am Dichterruhme, der durch ihn selbst dem Hause Maensac nicht hatte blühen sollen, wenigstens in seinen Kindern zu weiden.
      Die beiden Jünglinge, die gerade auf dem Punkt gestanden hatten, als flügge junge Sänger sich aus dem Nest zu schwingen, ließen sich durch die Trauer um den Tod des Vaters nicht lange zurückhalten, zumal ihnen die Burg nun doppelt öde und die Höfe und Fürstenschlösser der Provence um so verlockender erschienen. Sie übergaben ihren heimathlichen Besitz einem Verwalter, der hoch und heilig gelobte, des Gutes so getreu zu pflegen, als ob der verklärte Ritter noch überall selbst nach dem Rechten sähe, und zogen mit wohlgespicktem Beutel auf ihre erste Sängerfahrt aus. Da sie sich sehr lieb hatten und von Kind an nie getrennt worden waren, gedachten sie auch auf ihrer Wanderschaft und bei der Ausübung ihres Berufes brüderlich verbunden zu bleiben. Doch schon nach kurzer Zeit erkannten sie, daß dieser ihr Vorsatz nicht wohl durchzuführen sei, ohne ihrer bisherigen einträchtigen Liebe und Treue Gefahr zu bringen. Es konnte nicht fehlen, daß sie in eine unholde Nebenbuhlerschaft geriethen, sowohl bei schönen Frauen als auch in der Gunst der Großen, davon zu schweigen, daß auch ihre Spielleute oder Jongleurs sich mit scheelen Blicken ansahen, wenn der Eine besser sang oder spielte als der Andere, oder einen fetteren Bissen erschnappte. Als es zum ersten Mal so weit kam, daß sie die Burschen, die sich jählings in die Haare gerathen waren, mit Gewalt wie zwei in einander verbissene Doggen trennen mußten, sprach der ältere und allzeit weisere Austorc zu seinem Bruder:
      Lieber, es wird gut und heilsam sein, daß wir verschiedene Wege gehen, so hart es uns ankommt. Wir müssen versuchen, Jeder auf seine eigene Hand unser Glück zu machen, da zwei Maensacs an 
      einem Orte des Guten zu viel zu sein scheinen. Willst du also nach dem Süden ziehen, so wende ich mich gen Norden, oder umgekehrt, je nach deinem Belieben. Wenn das Jahr verstrichen ist, wollen wir uns auf unserer väterlichen Burg wieder zusammenfinden, um ohne Neid und Eifersucht eine fröhliche Woche mit einander zu verleben und unsere Abenteuer auszutauschen.
      Peire, der Jüngere, der ein Träumer war und auf diesen klugen Einfall noch lange nicht gekommen wäre, war es gleichwohl zufrieden, da es ihm heimlich wehthat, daß er seinen lieben Bruder mehr als einmal ausgestochen hatte. So umarmte er Austorc, setzte sich mit seinem Spielmann zu Pferde und zog gen Süden, während sich Austorc nach den schönen Auen der Durance begab, wohin ein Verwandter ihres Vaters die beiden Brüder geladen hatte. Auch ihn hatte es im Stillen schwer verdrossen, sich durch seinen Bruder in den Schatten gestellt zu sehn, zumal da er früher, noch in der väterlichen Lehre, für den Begabteren gegolten hatte. Und freilich war er an Kenntniß und Führung des Handwerkzeuges, bei seiner umsichtigen, kühlen und verständigen Natur, dem Jüngeren weit voraus gewesen und seine Lieder konnten für etwas Rechtes gelten, so lange sich's nur um pünktliche Ausführung der Uebungsaufgaben handelte. Jetzt aber, im freien Menschenverkehr und großen Weltleben, drang die vollsaftigere Natur seines Bruders mit Ungestüm durch, und Frauen und Herren ließen sich willig durch das Wehen seines Geistes fortreißen, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, ob auch nirgend gegen eine Regel der Kunst verstoßen sei und jeder Vers auf seinen richtigen vier oder fünf Füßen wandle. Von nun an hoffte Austorc, seine Kunst, an der er durchaus nicht irre geworden war, ungehindert zur Geltung zu bringen, wie etwa ein kluger Gärtner dafür sorgt, einen schönen Springbrunnen, der in mannichfachen zarten Strahlen aufschießt und sich kreuzende Bogen und Figuren bildet, nicht an einem Ort anzulegen, wo ganz in der Nähe ein freier Wildbach in natürlichem Fall über steile Klippen stürzt und mit seinem heftigen Rauschen jenes gemäßigte Rieseln, Sprudeln und Verstauben übertönt.
      Als nun das Probejahr verstrichen war und die Brüder, ihrem Gelöbniß gemäß, sich auf Schloß Maensac wieder zusammenfanden, war zuerst die Freude, daß sie sich wieder von Angesicht sahen, groß, und sie konnten nicht müde werden, mit verschlungenen Armen überall herumzuwandeln und alle Stätten ihrer Knabenspiele wieder aufzusuchen. Nur die Erfahrung, die sie machten, daß sie in ihrer Abwesenheit von dem spitzbübischen Burgpfleger schmählich betrogen worden waren, da er den Ertrag all ihrer Ernten in einem schmalen Beutelchen vor sie hinstellte, unter Vorgeben eines allgemeinen Mißwachses, trübte bedenklich den ersten Abend, wo sie beim Becher einander gegenübersaßen. Zumal der weltkluge Austorc, dem auch noch ein anderes heimliches Ungenügen nachzugehen schien, gerieth bei der Entdeckung dieser argen Tücke in hellen Zorn, schlug dem ungetreuen Mann den armseligen Zehnten, den er ihnen gönnen wollte, um die Ohren, hieß ihn auf der Stelle sein Bündel schnüren und die Burg mit dem Rücken ansehen und hielt dann, während Peire in den verschütteten Wein mit seiner Dolchscheide zierliche Figuren zeichnete, dem Bruder eine seiner wohlerwogenen Standreden, in denen er Meister war, da auch jener Ausbruch des gerechten Ingrimms das Gleichgewicht seiner Seele nicht bis zum Grunde hatte erschüttern können.
      Liebster Bruder, sagte er, die Lehre, so dieser ungetreue Knecht uns gegeben, hat uns ein zu theueres Lehrgeld gekostet, als daß wir sie in den Wind schlagen und es in der alten Weise leichtherzig forttreiben könnten. Wenn dieser in unserem Hause altgewordene Diener hinter unserem Rücken gehaust hat wie Hagelschlag und Ungewitter, wie sollen wir uns von einem Wildfremden, dem wir das Vogtamt übertrügen, eines Besseren versehen? Nicht, daß mein Herz auf Geld und Gut stände, zumal ich mir getraue, mit meinem Gesang reichlich zu erwerben, was zu meiner Nothdurft, ja darüber hinaus zur Führung eines freien ritterlichen Lebens gehörte. Es ist aber ein unerträglicher Gedanke, sich von einem Wicht betrogen und um das Seinige gebracht zu sehen, und unser theurer Vater, den Gott selig haben möge, würde, wenn er herabblicken könnte, das Haupt schütteln und über seine Söhne ungehalten sein, die ihr Erbgut verwahrlosen lassen. Hierzu kommt, daß ich auch während der Zeit, da wir getrennt herumzogen und unsere edle Kunst betrieben, mehrfach Gelegenheit hatte, zu gewahren, wie bedenklich und unzukömmlich es ist, wenn zwei Dichter desselben Namens zur selben Zeit ihr Wesen treiben. An manchen Orten bin ich als ein schon bekannter und beliebter Sänger empfangen worden um einer Canzone willen, welche du gedichtest hattest, und dir ist es vielleicht nicht anders ergangen.
      Er hielt inne, auf Peire's Zustimmung wartend. Da Diesem aber niemals das Gleiche begegnet war und er doch seinen Bruder nicht betrüben wollte, begnügte er sich mit einem stummen Kopfnicken, worauf Austorc fortfuhr: Nun siehst du wohl, wenn dies schon im Beginn unseres Dichtens geschehen, wie sollen wir, nachdem wir es zehn oder zwanzig Jahre so fort getrieben haben, der Verwirrung steuern und Jeder seinen Ruhm genau und wohlabgegrenzt für sich behalten? Und gesetzt auch, wir fragten nichts danach und ließen unseren Erwerb an Lob und Ehre brüderlich beisammen, wie wir uns ja auch über die Theilung anderen Besitzes nie verfeindet haben, so ist noch der böse Haken dabei, daß Jeder von uns seine eigene Art und Uebung im Dichten hat, wonach man uns kaum für Söhne 
      einer Mutter halten sollte. Nun ist auch die Neigung und Gewöhnung Derer, die uns hören, verschieden, und Diejenigen, die deine Art vorziehen, wissen sich in die meine nicht sogleich zu finden, wie ich es hin und wieder schon habe erleben müssen. Ich habe meine schönsten Strophen in schweren Reimen und den künstlichsten Weisen in Montpellier einer Dame vorgetragen, die nur mit halbem Ohre zuhörte, weil sie etwa ein leichteres Liedchen deines Stils erwartet hatte, und die gleiche Erfahrung wirst auch du wohl gemacht haben.
      Wieder antwortete Peire nur mit einem kurzen Brummen, aus welchem Ja oder Nein zu deuten war, und zeichnete immer eifriger den Anfangsbuchstaben eines Namens auf den Tisch, während Austorc, der im Zimmer langsam auf und ab geschritten, jetzt vor ihm stehen blieb.
      Es wird dir vielleicht seltsam scheinen, Lieber, sagte er, aber ich mag sinnen und denken, so viel ich will, ich finde keinen besseren Ausweg aus dieser Verstrickung. Ich meine nämlich, daß wir gleich heute eine redliche Theilung alles dessen vornehmen sollten, was uns von unserm guten Vater vererbt worden ist, und zwar indem wir fortan nicht seine liegenden Güter, Schloß und Landschaft zusammt dem Gesange gemeinsam besitzen, sondern der Eine die Burg erhält, der Andere den Gesang, was auch dich wohl eine gerechte Theilung zu sein bedünken wird. Jeder Theil giebt seinem Besitzer ein reichliches und ehrenvolles Leben. Der auf dem Schlosse hier zurückbleibt, wird die Pflicht übernehmen, den Namen unseres Hauses nicht erloschen und den väterlichen Besitz nicht zu Grunde gehen zu lassen, was unfehlbar zu befürchten steht, wenn bloße Miethlinge hinter unserem Rücken schalten und walten. Das Auge des Herrn macht die Kühe fett und hält die Spatzen vom Weizenfelde fern. Wer aber das andere theure Vermächtniß unseres verklärten Erzeugers, den Gesang, davonträgt, der ist in anderer Art geborgen, und zu den irdischen Vortheilen, die ihm von Gönnern und edlen Frauen erblühen und die vielleicht an Goldwerth dem gesicherten Grundbesitz nicht die Wage halten, kommt der Gewinn an Ruhm und die Lust des fahrenden Lebens, so daß er eher zu beneiden als zu beklagen wäre. Um aber jeden Anlaß zu Streit oder späterer Reue abzuschneiden, wollen wir das Loos befragen und seine Entscheidung als den Willen des Himmels ansehen. Nun sprich, lieber Bruder, was dünkt dich von meinem Vorschlage?
      Peire saß still am Tische, das Haupt in die linke Hand gestützt. Zuerst war ihm das Ansinnen, auf seine bisherigen Lebensfreuden zu verzichten, falls das Loos so entschiede, dergestalt unerhört und ungeheuerlich erschienen, daß er trotz der guten Gründe seines Bruders geneigt war zu erwidern, hiervon könne nun und nimmer die Rede sein. Je länger indessen Austorc in ihn hineinsprach, desto überzeugender schien ihm der sonderbare Einfall, da er überdies gewohnt war, in Allem, was Lebensklugheit und Weltverstand erforderten, den Aelteren für den Erfahreneren zu halten und sich ihm ohne viel Bedenken zu fügen.
      Nun aber kam noch ein gewichtiger Stein, der ihm auf dem Herzen gelegen, ins Rollen und beschwerte die Wagschale zu Gunsten jener Theilung. Er hatte am Hofe des Grafen von Roussillon eine Zeit lang leidenschaftlich der schönen Gräfin gehuldigt, bis das edle und freundschaftliche Betragen ihres Gatten sein Gemüth bezwang und die frevelhaften Wünsche darin erstickte. Da er eine feine, redliche Seele hatte und von seinem Vater in guter Zucht gehalten worden war, brachte er es nicht übers Herz, nach der zügellosen Sitte jener Zeit einzig und allein auf die Mahnung seiner Leidenschaft zu lauschen, sondern hielt es für ehrlos, in das Haus, das ihn gastlich aufgenommen, Sünde und Verstörung zu bringen. Also schied er mit schwerem Herzen von da, wo ihm, wenn er sich gewissenloser betragen, wohl jede erwünschte Gunst geblüht hatte; er nahm aber die Erfahrung mit hinweg, daß ihm immerhin trotz seines schönen Gesanges Einiges fehle, um als Troubadour sein Glück zu machen, zumal die Wunde, die er dort empfangen, ihn lange Zeit verhinderte, sich einer anderen Schönen zuzuwenden. Nicht minder auch war es dem Freigeborenen zu Anfang beschämend, als ein Schranze und Dienstsucher sich den Reichen und Mächtigen vorzustellen. Als daher Austorc seinen Spruch zu Ende gebracht, däuchte es Peire schier eine Eingebung höherer Weisheit, auf diese Art vielleicht ein für alle Mal aus dem Streit seines Inneren erlös't zu werden. Er verwischte also rasch mit dem Dolchknauf den Namenszug der heimlich noch immer ersehnten Frau, stand hurtig vom Tische auf und erwiderte, den Bruder frei und fröhlich anblickend, dieser weise Plan habe seinen ganzen Beifall, und sie wollten ohne Zögern an die Ausführung schreiten.
      Austorc war es zufrieden, nur drang er darauf, daß sie vorher sich mit Handschlag gelobten, gegen den Ausfall des Geschickes weder jetzt noch später zu murren, vielmehr ihre brüderliche Liebe unerschütterlich aufrecht zu erhalten, auch alljährlich einmal in diesem Schlosse zusammenzukommen und Jeder dem Anderen, was er inzwischen erworben oder genossen, vorzuweisen und mitzutheilen. Auch wollten sie das Loos nicht auf die gemeine Entscheidung durch den Würfelbecher stellen, sondern Arm in Arm in den Schloßhof hinaustreten; welchen von ihnen der alte Haushüter, ein langhaariger navarresischer Wolfshund, zuerst anspringen und zuthulich begrüßen würde, der sollte von nun an alleiniger Besitzer des Schlosses sein, während der Andere den Gesang behielte. Da sie Beide den Hund gleichmäßig gepflegt und ihn stets auf ihren gemeinsamen Jagdzügen mit sich gehabt hatten, schien das ein richtiges und gerechtes Gottesurtheil.
      Dasselbe entschied nun aber zu Gunsten des Jüngeren, der im ersten Augenblick davon nicht eben freudig betroffen war, zumal er zu bemerken glaubte, daß auch sein Bruder auf eine andere Entscheidung gehofft hatte. Als aber Austorc versicherte, ihm hätte nichts Lieberes werden können, als nun ganz auf sich selbst gestellt zu sein, und er gedenke jetzt erst recht all seine Kraft zu entfalten, daß die Welt genau wisse, wie sie mit den Canzonen des Herrn von Maensac daran sei, ergab auch Peire sich in sein Loos, das ihm fürs Erste um so weniger hart vorkam, da er immer noch einige Zeit brauchte, jene schöne Frau zu vergessen. Er ließ es sich nicht nehmen, seinen lieben Bruder mit Allem, was er wünschen oder brauchen konnte, zur Reise auszustatten, und blieb, da Austorc geschieden, in ziemlich weichmüthiger und unwirscher Verfassung auf der Heimatherde zurück, wo er freilich alle Hände voll zu thun hatte, um den von ihrem ungetreuen Vogt angerichteten Schaden wieder gut zu machen.
      Als aber das Gröbste geschehen, das aus der Zucht gerathene Gesinde wieder zur Pflicht zurückgeführt, dazu die wichtigste Feldarbeit bestellt war, überschlich den jungen Schloßherrn eine standesgemäße Langeweile, die er nicht, wie er ehemals gepflegt, mit Verskünsten bannen durfte und daher auf andere Weise sich vom Halse halten mußte. Er ritt auf den Nachbarschlössern herum, die edlen Vettern oder Gefreundeten seines Hauses zu begrüßen, gab artige Feste in seinem Schlößchen oder veranstaltete große Jagdlustbarkeiten, und da er ein schöner, schlanker Mann von ritterlichem Anstande, dazu ledig und von untadeligem Rufe war, konnte es nicht fehlen, daß töchterfrohe Elternaugen sich fleißig auf ihn richteten und er vor Einladungen rings umher kaum zu Athem kam.
      Hieran ergötzte er sich eine Zeit lang, obwohl unter all den heirathbaren adeligen Fräuleins auf sieben Meilen in der Runde ihm keine sonderlich einleuchtete. Da er aber nicht zu eilen brauchte und die Wahl bei seiner Jugend noch Jahre und Tage offen bleiben durfte, ließ er sich's gefallen, als die Goldforelle, nach welcher zwanzig Angeln ausgeworfen wurden, ruhig in seinem kühlen Element hin und her zu gleiten und nur, wenn ihm ein Widerhaken allzu nahe an die Haut kam, unter dem schützenden Steinwall seiner Burg für eine Weile zu verschwinden.
      Sein Liebesungemach war ihm nach und nach aus dem Herzen gewichen und hatte keine andere Spur hinterlassen, als einen gewissen wehmüthigen Abscheu gegen ähnliche Wehen und Wonnen, der ihn in der Gesellschaft seiner Nachbarinnen gegen alle verliebten Anwandlungen feite. Dagegen meldete sich, als es wieder Frühling wurde und die adeligen Vergnügungen ihren ersten Reiz verloren hatten, eine andere Sehnsucht, die ihm zumal am grauen Morgen, wenn er einsam, mit seinem Jagdspeer bewaffnet, in den Wald ging und die noch verschlafenen Athemzüge der Natur behorchte oder das erste Regen der Vögel in Büschen und Zweigen betrachtete, gewaltig zu schaffen machte. Wohl hatte er schon zahlreiche Lieder damit begonnen, das erste Grün und die ganze sprossende Lieblichkeit des jungen Jahres zu begrüßen, und da schon hundert Jahre vor ihm 
      lo gens temps de pascor – die holde Frühlingszeit – den Poeten der Languedoc genau wie denen unserer Tage ein unerschöpfliches Thema zu lyrischem Gezwitscher gewesen war, mußte er sich sagen, daß die Welt nicht viel daran verlor, wenn er durch den Vertrag mit seinem Bruder verhindert wurde, zu tausend Frühlingsliedern das tausendunderste zu fügen. Er glaubte nämlich, nicht nur die Anwartschaft auf Dichterruhm, sondern auch die Erlaubniß, ganz im Stillen seine geliebte Poeterei zu üben, ein für alle Mal verspielt zu haben. Und freilich that er klug daran, da nicht nur Husten, Rauch und Liebe nach dem Sprüchwort sich nicht verstecken lassen, sondern auch das dichterische Feuer sich nicht damit begnügt, unsichtbar fortzuglimmen, vielmehr mit Gewalt durch die kleinste Ritze hinauszulodern sucht.
      So verzichtete er denn lieber auf diese Streifereien vor Thau und Tage, in denen ihm das Herz allzu verlangend schwoll und in Tönen sich auszuströmen begehrte, und wartete den lauten, nüchternen Tag heran, der die Stimmen in seinem Innern nicht zu Worte kommen ließ. Als er aber gemerkt hatte, daß er durchaus nicht ganz sicher sei vor einem Rückfall in das poetische Fieber, hütete er sich geflissentlich, ja nicht mit einer der Nachbarstöchter einen verliebten Handel anzuzetteln, da er bisher für das Beste bei einer richtigen Liebschaft die Verse angesehen, die den Gegenstand der Anbetung verherrlichten, und eine reimlose Leidenschaft für eine Suppe ohne Salz oder, um schwunghafter zu reden, für eine Rose ohne Duft erklärt hatte.
      Dies hatte nun zur Folge, daß ihm in seiner künstlich erhaltenen Einsamkeit, deren Muße er nicht zu erheitern wußte, von Tag zu Tage übler zu Muthe wurde, bis endlich ein fast krankhafter Trübsinn sich seiner bemächtigte. Er hatte nur die eine Erleichterung seines Zustandes, sich ein Pferd zu satteln und auf wilden, abenteuerlichen Ritten, oft bis tief in die Nacht hinein, sein unstätes Blut durch Ermattung ein wenig zu zügeln. Kehrte er dann in die Burg zurück, wo Alles seinen geregelten Gang einhielt und die Knechte die ihm um seines milden Wesens willen herzlich anhingen, ihre Schuldigkeit pünktlicher thaten, als vor Zeiten unter der Fuchtel des geizigen Vogtes, so überfiel ihn die Oede und Stummheit seines Daseins oft mit solcher Gewalt, daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Er verschloß sich dann in sein Gemach, warf sich auf sein Bett und verbrachte die Stunden des Tages in dumpfer Bewußtlosigkeit, dann und wann eine klagende Rede vor sich hinstammelnd, die unwillkürlich sich zu Versen gestaltete, bis er dann wie durch den Klang des Reimes erschreckt, jählings abbrach, einen Speer oder eine Armbrust von der Wand riß und wieder in den Forst hinaus stürmte, seinen tödtlichen Kummer an irgend einem unschuldigen Wild oder einem Raubvogel auszulassen, als ob er ihnen das freie Schweifen und den trotzigen Schrei beneidete, die sein eigenes stummes Nisten und Brüten zu verhöhnen schienen.
      In einer schwülen Sommernacht nun hatte der unstäte Mann den Heimweg aus dem Walde in sein unerwünschtes Haus nicht gefunden oder zu suchen verschmäht und sich im Moose am Fuß eines uralten Ahorns gebettet. Als er nach einem tiefen Schlaf im ersten Morgenlicht die Augen aufschlug, übersah er die Stelle, wo er genächtigt hatte. Der Wald stieg zu einem Thalgrunde hinab, den ein schmales Flüßchen durchrieselte, und vom Ufer drüben ging eine sonnige Halde sanft wieder in die Höhe, auf welcher smaragdgrünes Gras und schöne Kräuter wuchsen. Die ganze Wiese war mit weidenden Schafen bedeckt, deren Glöckchen lustig durch einander bimmelten, und auf der Höhe sah man den Pferch, der die Heerde über Nacht einzäunte, und einen Schäferkarren auf zwei Rädern. Unten aber, wo das Wasser an kleinen Haselbüschen vorbeifloß, saß die Hirtin auf einem alten Weidenknorren so dicht am Ufer, daß ihre nackten Füße von den Wellen überspült wurden. Sie hatte ihr langes schwarzes Haar aufgelös't, um es von Neuem zu zöpfen und neben ihr im Grase lag ihr Hirtenstab und der Schäferhund, der sie während ihres gemächlichen Geschäftes beständig anstarrte, halb wie ein ernster väterlicher Freund, halb wie ein andächtiger Verliebter, und jedes Mal, wenn der Blick seiner Herrin ihn streifte, seinen buschigen Schweif bewegte. Sie schien noch ein wenig verschlafen, denn sie gähnte ein paar Mal recht herzlich, wobei sie einen nicht gar kleinen, aber frischrothen Mund mit den weißesten Zähnen zeigte. Dann aber schien sie auf die erwachenden Vogelstimmen rings umher zu horchen und fing an, die einzelnen nachzuahmen, dazwischen lachend, wenn es ihr gelang, mit diesem oder jenem Finken oder Rothkehlchen, die sich etwa täuschen ließen, in eine längere Zwiesprach zu gerathen. Als sie nun ihr Haar in zwei langen, schweren Zöpfen aufgesteckt hatte, bückte sie sich zum Wasser hinab und kühlte sich, mit den hohlen Händen schöpfend, das Gesicht und den braunen Hals, der aus dem weißen Hemd voll und kräftig hervorblühte. Dann lockte sie den Hund herbei, zog ihre Füße aus dem Wasser und trocknete sie an dem rauhen Fell des Thieres, das dieser Liebkosung schon gewohnt zu sein schien. Als sie dies Alles vollbracht hatte, zog sie ein Stück Brod aus ihrer Tasche und machte sich daran, große Stücke davon abzubeißen, dem treuen Gesellen an ihrer Seite dann und wann einen Bissen zuwerfend.
      Diese friedliche Scene beobachtete Peire aus seiner umschatteten Lagerstätte gegenüber mit so gespanntem Blick, als ob sich die größten Wunder der Welt vor ihm ereigneten. Er konnte jeden Zug in dem jungen Gesicht deutlich erkennen und wunderte sich selbst, warum es ihn so fesselte, da es nicht von ungewöhnlicher Schönheit war, sondern hundert anderen Mädchengesichtern jener glücklichen Gegend glich, in welcher freilich Jugend allein schon Anmuth und Lebensfülle bedeutet. Doch schienen ihm die beiden Augen drüben, die wie zwei Tollkirschen am Zweige glänzten, und das trutzige Stumpfnäschen, dazu das volle und doch zarte Kinn das Lieblichste, was er lange gesehen, und das einsame Zwitschern des armen Kindes und ihr Lachen und Schäkern mit dem Hunde bezauberten ihn vollends, daß er viel darum gegeben hätte, an der Stelle des vierbeinigen Freundes zu sein, von ihren Füßen sich den Rücken krauen zu lassen und die Brocken aufzufangen, die sie erst mit ihren weißen Zähnen abgebissen hatte.
      Auch verhielt er sich ganz still, um sie nicht etwa zu verscheuchen. Als sie aber ihr Brod verzehrt hatte und nun aufstand, sich wieder nach ihrer Heerde zu wenden, raffte auch er sich hastig auf, eilte den Waldabhang vollends hinab und schwang sich in solchem Sturm an seinem langen Jagdspeer über das Wasser, daß es ein großes Rauschen gab und der Hund, der ihn sofort erblickte, in ein lautes Bellen ausbrach.
      Auch das Mädchen war in seinem Gang die Halde hinauf stehen geblieben, zeigte aber, als sie den ritterlichen Herrn so im Sturm daherkommen sah, nicht die geringste Bestürzung oder Verlegenheit, nur das Hemd zog sie ein wenig dichter über der jungen Brust zusammen und stand auf ihren Hirtenstab gestützt, ruhig still, den Hund beschwichtigend, der im Begriff war, zähnefletschend auf den Fremden loszufahren.
      Nun begann Peire, der sich alsbald überzeugt hatte, daß die Heerde sammt der jungen Hirtin zu dem Dorfe gehörten, das an sein Schloßgut grenzte, mit der sicheren Vertraulichkeit, wie man ein halb und halb leibeigenes Geschöpf behandelt, ein Gespräch mit dem Mädchen, zugleich im Stile der idyllischen Conversationen, die unter dem Namen Pastorellen damals vielfach gedichtet wurden. Denn da er immer noch mit stiller Sehnsucht in die verscherzte poetische Welt sich zurückträumte, kam es ihm gelegen, hier nun einmal in morgenheller Wirklichkeit zu erleben, was er bisher, etwa in den sechs berühmten Pastorellen Guiraut Riquier's, nur als eine reizende Erfindung betrachtet hatte.
      Mädchen (
      Tosa), fing er an, – ich habe dein Thun und Treiben unten am Wasser mit angesehen und glaube, daß du von innen ein ebenso sauberes Hexchen bist wie von außen. Und doch bist du zu hübsch, um noch nichts von Liebe zu wissen, und gewiß wartet jetzt dein Liebster oben im Gebüsch, daß du ihm den Morgenkuß bringst.
      Herr, erwiderte sie flink, Ihr täuscht Euch sehr. Ich bin noch so frei und ledig wie mein jüngstes Milchlämmchen und denke auch meinen Stand nicht sobald zu verändern.
      Und Peire darauf: Aber so jung bist du doch nicht mehr, daß dir das Alleinsein nicht leid werden sollte. Sage, wie alt du bist?
      Genau so alt wie mein kleiner Finger.
      So gieb ihn mir einmal her, daß ich ihn ausfrage.
      Herr, Ihr nähmt wohl gar die ganze Hand. Ich brauche sie aber, um meinen Stab zu regieren. – Und sie erhob den Stab mit einer schalkhaft drohenden Geberde.
      Da ich nicht zu deiner Heerde gehöre, sprach Peire lachend, magst du den Stecken nur immer wegwerfen und dich zu mir auf den Rasen setzen. Ich möchte dich allerlei lehren, was du noch nicht kannst.
      Herr, ich bin ein dummes Kind und habe keine Zeit, um das zu lernen, was man auf den Schlössern der Vornehmen thut. Bitte, gehet mir von Seite, mein Esparviers wird ungeduldig, da er Eure feinen Reden so wenig versteht wie ich selbst.
      Warum hast du deinen Hund »Sperber« genannt?
      Weil er wie ein Stoßvogel zufährt, sobald der Heerde oder der Hirtin selbst eine Gefahr droht.
      Dann mag er heute nur ruhig sein. Denn ich selbst will dir nichts Böses thun, vielmehr nur Liebes und Holdes. Im Ernst, Mädchen, du gefällst mir sehr, und da ich kein Liebchen habe, du aber keinen Liebsten, so meine ich, wir Zwei taugten zusammen.
      Nimmermehr, Herr. Ihr seid mir nicht ebenbürtig.
      Kennst du mich denn? Und wie heißest du selbst?
      
      Viernetta, Herr, zu dienen. Ihr aber seid Herr Peire von Maensac, der Herr der Burg droben, und darum taugt Ihr nicht zu mir.
      Bin ich dir nicht vornehm genug?
      Freilich nicht. Denn ich bin eine Königin und Ihr seid nur ein Ritter. Sehet, dort mein Volk gehorcht mir auf den ersten Ruf, und wenn der Feind in mein Reich einbricht, brauch' ich nur meinem Feldherrn zu pfeifen, so verjagt er ihn, und wenn er zehnmal stärker wäre als er selbst, weil er auch den Tod für seine Königin nicht scheute. Und droben auf der Höhe steht mein Thron, und jeden Abend vergoldet ihn die Sonne von Neuem. Wenn es mir aber an diesem Ort nicht mehr gefällt, verpflanze ich mein Reich an einen anderen, wo meine Unterthanen frische Nahrung finden.
      Du bist eine glückliche Fürstin, Viernetta, und hast Recht, stolz zu sein und dich kostbar zu machen. Wenn du mich aber zu deinem getreuen Vasallen annehmen wolltest, es sollte dein Schade nicht sein, vielmehr dein Glück noch erhöhen; auch würde ich deinen Feldherrn da hinführen, wo er gute Beute machen könnte, also daß er mich nicht für einen Feind ansähe. Dein Thron aber, dünkt mich, hat Platz für Zwei.
      Herr, das sind thörichte Reden. Lasset mich nun meiner Wege gehen. Denn seht, dort kommt meine Mutter, die noch bösere Augen machen würde als Esparviers, wenn sie hörte, wessen sich der Herr von Maensac erdreisten möchte. Geht mit Gott und vergesset das Wiederkommen, denn die Krone, die ich trage, ist für Euch zu hoch, und ich weiß sie bei Tag und Nacht zu hüten.
      Sie wandte sich gelassen von ihm ab und stieg die Halde vollends hinauf, dem Schäferkarren zu, bei welchem soeben eine alte Frau, die einen Korb am Arme trug, wie aus dem Erdboden aufgetaucht war, mit vorgeschützter Hand in die Runde spähend und den Namen Viernetta rufend. Peire war unmuthig zurückgeblieben. Es lüstete ihn nicht danach, mit der Alten zusammenzutreffen und vielleicht noch unsanftere Reden von ihr zu hören als von der Jungen. Nachdenklich schritt er die Halde entlang und wieder an das Flüßchen hinab, dessen Lauf er nur zu verfolgen brauchte, um nach einer kleinen Stunde sein Schloß wieder zu erreichen.
      Er war aber kaum in seinem stillen Gemach angelangt, so holte er Schreibgeräth hervor und machte sich daran, das Gespräch, das er mit dem spröden Kinde geführt, in zierlichen Reimen aufzuzeichnen. Denn ihre Antworten schienen ihm das Munterste und Anmuthigste, was jemals eine Hirtin in einer Pastorelle zum Besten gegeben, und dies söhnte ihn fast damit aus, daß er kein besseres Glück gehabt und der Muthwilligen nicht die kleinste Gunst abgewonnen hatte. Als das Gedicht fertig war, wurde er nicht müde, es durchzugehen und daran herumzufeilen, doch immer bemüht, ja nichts an ihren eigenen Worten zu ändern. Dann speiste er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit gesundem Appetit und trank mehrere große Becher des feurigen weißen Weines, den er selbst an den mittägigen Abhängen seines Geländes zog, beständig an das morgendliche Abenteuer denkend und in seiner Erinnerung alle die Reize musternd, die er an der stolzen Barfüßigen wahrgenommen. Es kam ihm je länger je mehr so vor, als habe er nicht die beste Figur gemacht neben dem selbstgewissen Kinde, und er beschloß, morgen um dieselbe Stunde abermals sein Heil zu versuchen und sich seines Herrenrechtes kecker zu bedienen. Als aber die Nacht gekommen war, fand er es unleidlich, die langen dunklen Stunden, da der Schlaf sich nicht einstellte, unthätig hinzuwarten. Also stahl er sich, selbst dem Blick des Thorwarts ausweichend, als müsse ein Jeder schon wissen, was er im Sinne habe, aus der Burg und schritt weitausgreifend dem Flüßchen nach, das ihn trotz des sternenlosen Himmels sicher an die ersehnte Stelle führte.
      Als er die Anhöhe hinaufschlich, von deren oberstem Rande das dunkle Gehäuse, das seinen Schatz verbarg, ihm stumm entgegensah, klopfte ihm das Herz stärker als zu der Zeit, da er noch der vornehmen Frau in Dämmerstunden nachzuwandeln pflegte. Der Hund Esparviers schlug an; Peire rief ihn leise bei Namen, da kam er besänftigt ihm entgegengelaufen und betrachtete den nächtlichen Gast mißtrauisch, aber nicht feindselig, da er am Morgen von ihm geliebkost worden war. Er folgte ihm jedoch auf der Ferse und rieb seine Nase an dem Bein des vorsichtig Schreitenden, wie um ihn zu warnen, daß er nicht durch einen dreisten Streich das gute Einvernehmen stören möge. Peire aber war dicht an den Schäferkarren herangetreten, dessen Thür fest verschlossen war. Er drückte sein Ohr an die Bretterwand und hörte drinnen das ruhige Athmen des schlafenden Mägdleins. In der Hürde wurden die schlummernden Thiere unruhig und hoben ein wenig die Köpfe bei der ungewohnten Störung. Der Hund aber ließ ein kurzes scharfes Knurren vernehmen, das sie versichern sollte, er sei da und sie brauchten sich keine Sorge zu machen. Dann setzte er sich mit gespitzten Ohren zwischen die Deichselstangen des Wägleins, die auf die Erde gestützt waren, und sah starr auf die kleine Thür.
      Peire aber, nachdem er eine Weile gewartet, entschloß sich endlich, sacht an das Häuschen zu pochen, worauf es sich im Innern zu regen begann. Doch erhielt er auf seinen Ruf und die Bitte, ein wenig herauszukommen, da er etwas Wichtiges zu verhandeln habe, keine Antwort. Er wußte indessen, daß man drinnen wach sei, und fing nun an, eine leidenschaftlich dringende Beichte zu stammeln, zu sagen, daß er keine Ruh' und Rast mehr habe, seit er sie gesehen, und sich hoch und theuer zu verschwören, die Stille der Nacht und die einsame Stätte nicht zu mißbrauchen, um ihr nur die kleinste Huld abzutrotzen, die sie ihm nicht gern gewährte. Diese flüsternde Beschwörung währte eine geraume Zeit, ohne daß man sie aus dem Inneren des Kastens der geringsten Erwiderung würdigte. Der verwöhnte Herr, der bei weit vornehmeren Damen schwerlich so lange ohne Erhörung gefleht haben würde, gerieth endlich in hellen Zorn, da er merkte, daß seine nächtliche Rolle noch weniger ehrenvoll ablief als seine morgendliche. Er ließ sich daher von seiner Beschämung verführen, einige Drohungen auszustoßen und den verschlossenen Starrkopf vor seinem Grimm und etwaiger Rache zu warnen. Alsbald klang ein schrilles Pfeifen aus dem stummen Kämmerchen heraus, und im selben Augenblicke sprang Esparviers von seinem Wachtposten hinweg, mit wüthendem Gebell den erschrockenen Nachtschwärmer anspringend, doch ohne noch seine scharfen Zähne zu brauchen. Peire sah wohl ein, daß es nicht ritterlich sein würde, das Jagdmesser, das er im Gürtel trug, gegen das treue Thier zu kehren, vielmehr ein Rückzug mit heiler Haut das Einzige sei, was noch zu retten bliebe. Also fing er laut und lustig an zu singen, suchte das ungestüme Thier durch Koseworte zu besänftigen und machte sich mit unterdrücktem Ingrimm, indem er der unsichtbaren Herrin eine gute Nacht zurief, hinweg wie der Fuchs vom Taubenschlag, den er fest verwahrt gefunden hat.
      Auch hütete er sich wohl, dies nächtliche Abenteuer in Reime zu bringen, zumal eine Pastorelle, in welcher die Hirtin auf alle Fragen und Bitten nicht ein armes Wort erwidert, etwas Unerhörtes gewesen wäre. Statt dessen machte er seinem mißhandelten Herzen in einigen Strophen Luft, in welchen er die grausame Sprödigkeit des Mägdleins mit Allem verglich, was in der todten und lebendigen Natur als rauh, hart und undurchdringlich bekannt ist, vor Allem aber mit dem Magnetstein, der sein ehernes, gegen alle Weiberlockung festumpanzertes Herz sich auf Schritt und Tritt nachzöge. Diese langentbehrte Uebung der geliebten Dichtkunst goß ein wenig Balsam in seine Wunde und Schlafthau auf seine Augenlider. Doch als er am anderen Morgen das Blatt vor seinem Bette liegen sah, zerriß er es in heftiger Beschämung, daß ein geringes Landkind ihn so weit habe bringen können, und schwur sich feierlich zu, ihr nicht zum dritten Male nachzulaufen, sondern die schwarzen spitzbübischen Augen, die braune, mit blühendem Roth durchschossene Haut und den großen lachenden Mund mit all seinen blanken Zähnen ein für allemal sich aus dem Sinn zu schlagen.
      Nun wollte es leider sein Unstern, daß er auf seinem Abendgange, den er trotzig und seines Eides eingedenk nach der entgegengesetzten Richtung unternahm, schon nach einer kurzen Weile auf eine Wiese zwischen wogenden Kornfeldern gerieth, über welchen ein schwarzer Klumpen, scharf gegen den röthlichen Himmel abgezirkt, ihm schon von Weitem entgegenragte. Wie er das Unwesen näher betrachtete, war es nichts Schlimmeres als ein Schäferkarren, und kein anderer, als der, an dem er in der letzten Nacht sich seinen harten Kopf vergebens wund gestoßen. Richtig saß auch die Eignerin dieses wandelnden Hauses in aller Unschuld auf einer der Deichselstangen, hatte ein Hemd auf den Knieen, das sie zu flicken bemüht war, und winkte zuweilen ihrem getreuen Esparviers mit den Augen, wenn eines der Schafe sich zu lüstern dem Weizenacker näherte. Peire blieb augenblicklich stehen und war noch Manns genug, der Gefahr ausweichen zu wollen. Als er aber sah, daß auch das Mägdlein ihn schon bemerkt hatte und in ein Lachen ausbrach, vermuthlich weil es ihr drollig vorkam, daß sie Beide einander dergestalt erst recht entgegengeflohen waren, däuchte es ihn wenig ehrenvoll, ihr das Feld zu lassen, ohne einen Streich zu wagen; er näherte sich ihr also möglichst unbefangen und führte wieder ein Gespräch mit ihr, das ihn freilich um kein Haar weiter brachte. Da er dieses Geplauder nachher wieder aufschrieb, immer in der Meinung, für den reinen Wein, den sie ihm einschenkte, sei das Gefäß der Dichtung gerade edel genug, mag diese neue Pastorelle hier mitgetheilt werden, obwohl sie in der Verdeutschung Einiges von ihrem Schmelz und Klang verloren hat.
      Heut, da ich ging die Au' entlang,
       Traf ich die Hirtin wiederum.
       Es pocht' ihr wohl das Herzchen bang,
       Da querfeldein ich zu ihr sprang,
       Doch sah sie hellen Blicks sich um.
       Es lachte keck ihr frischer Mund,
       Sie blickt' mir bis in Herzensgrund,
       Und als ich nahe vor ihr stund,
       Nicht allzu lange blieb ich stumm.
      Mägdlein, wie schliefst du diese Nacht? –
       Dank, Herr! Wie alle Nacht fürwahr. –
       Doch sag, ein Liebster klopfte sacht;
       Was hast du ihm nicht aufgemacht? –
       Mir däucht, daß es der Wind nur war:
       Ein Wehn und Wispern her und hin,
       Ein Flehn und Drohn aus wind'gem Sinn;
       Ein armes Ding, wie ich es bin,
       Nimmt sich vorm Sausewind in Acht. –
      Mägdlein, die Windsbraut wirft dich um! –
       Herr, meine Hütte steht wohl fest. –
       Sag, lose Wetterhex', warum
       Du nicht von deinem Trutzen läßt? –
       O Herr, ein Vöglein warnte mich:
       Wohl scheint die Hand im Handschuh zahm
       Und kost und streichelt wonnesam,
       Doch wenn sie erst den Dorn dir nahm,
       Dann, Haidenrose, bricht sie dich. –
      Mägdlein, so treibst du mit mir Spott?
       Und soll ich ohne Hoffnung gehn? –
       Herr, hofft auf den barmherz'gen Gott,
       Der auch den Sünder will erhöhn. –
       Wann wird's geschehn? – Am jüngsten Tag. –
       Der ist noch weit! – und ihr noch jung,
       Und habt noch Zeit zur Besserung. –
       So bin ich dir nicht gut genung? –
       Herr, mehr verschweig' ich, als ich sag'.
      In diesem Tone ging es noch lange fort, da der Dichter jedes spitze Wort, das seiner schlagfertigen Liebsten entfahren, sorgfältig in sein Herz gedrückt mit forttrug, wie ein weltlicher Sanct Sebastian, der, mit goldenen Pfeilen gespickt, gleichwohl seines Martyriums froh war. Da es aber so ziemlich immer auf dasselbe hinausläuft, mag es mit obiger Probe sein Bewenden haben.
      Auch verzichten wir darauf, den Fortgang dieses unfruchtbaren Liebeshandels durch die sieben oder acht Tage, die er noch währte, mit umständlicher Chronistenfeder zu schildern oder gar die gereimten Zeugnisse seiner wachsenden Verblendung hier einzuschalten, da dem kühleren Zuschauer nicht jedes Härchen, Fältchen oder Muttermal in Viernetta's bräunlichem Gesicht so wichtig sein kann, wie dem schwärmenden Poeten, der nun einmal glaubte, in diesem schlichten Kinde den Inbegriff alles dessen entdeckt zu haben, was dem Mann am Weibe reizend, tröstlich und nöthig ist: gesunde Jugend und Anmuth, Ehrbarkeit und festen Sinn und dazu einen Mutterwitz, der das gleiche Wesen täglich und stündlich als ein neues erscheinen läßt. Er wurde durch den Verkehr mit ihr je mehr und mehr entflammt und sogar nicht abgekühlt, als sie ihn eines Tages, da Esparviers, im Kampfe mit einem großen Metzgerhund verwundet, seitwärts hinter dem Karren lag und seine Herrin mit der verbundenen Pfote nicht beschützen konnte, ziemlich derb erfahren ließ, aus welchem Holz ihr Hirtenstab geschnitzt sei. Denn verstohlener Weise waren seine Lippen ihrer runden Schulter zu nahe gekommen, die ein wenig aus dem Hemd hervorsah. Kaum aber hatte er nur flüchtig die verbotene Frucht berührt, so wurde ihm eine scharfe Buße zu Theil. Das Mädchen blitzte ihn an wie einen Missethäter, dem der Hals nicht mehr sicher auf den Schultern steht, schlug ihm heftig mit ihrem Stecken auf den Arm, der ihre Hüfte umspannen wollte, und zog sich sofort in die feste Burg ihres Schäferkarrens zurück, obwohl der Mond eben erst aufgegangen und die Zeit noch nicht gekommen war, wo sie ihren vornehmen Gesellschafter unerbittlich heimzuschicken pflegte.
      Nun versuchte es Peire, durch diesen thätlichen Beweis von der Tugend seiner Liebsten erst recht entzündet, auf eine andere Art, indem er sich an die Mutter wandte, die in einer der ärmsten Hütten des Dorfes ganz allein hauste und sich kümmerlich genug mit Spinnen und Weben durchbrachte. Da er sie an ihrem dürftigen Herde bei einem Lichtspan überraschte und sie ihn als den Vogelsteller, der ihre wilde Taube umschlich, nicht zum freundlichsten empfing, rückte er sofort, als ob er der erfahrenen Alten gegenüber die Umschweife sparen könne, mit seinem Anerbieten heraus: er wolle die Tosa auf seiner Burg haben, als Beschließerin und Haushälterin über allem Gesinde, da er sie doch einmal seines ritterlichen Standes wegen nicht zu seiner Gemahlin erheben könne. Sie solle es gut haben und allezeit in Ehren bei ihm gehalten werden, und wenn er je, was nicht denkbar sei, eine Hausfrau heimführte, neben der sie keinen Raum haben würde, sollte sie ihr Lebelang versorgt werden, wie es keine Wittwe eines Barons besser wünschen könne. Auch die Mutter werde nicht leer ausgehen, wessen zur Bekräftigung er sofort einen kleinen Haufen Goldes gleichsam zum Drangelde für den ehrenwerthen Handel auf die Steine des Herdes legte.
      Hier aber gerieth es ihm noch schlechter als bei der Jungen. Denn nachdem die Alte, die ihn erst mit einem festen Kopfschütteln abzuweisen versucht, seine ganze hartnäckige Verranntheit in diesen Plan inne geworden war, erwachte in ihr eine solche Wuth und Empörung, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, das Gold zusammenraffte und es dem Versucher ins Gesicht warf. Er mußte eilig den Rückzug antreten, denn die Alte, deren kluges und wohlgebildetes Antlitz sich unheimlich verzerrte, schien den Wocken, den sie gerade in Händen hielt, nicht träger zu schwingen als ihre Tochter den Hirtenstab, so daß in der Hütte nicht mehr Ehr' und Gewinn zu hoffen war als auf dem freien Felde.
      Am anderen Morgen aber klopfte ein kleiner Bub an Herrn Peire's Thür, der hatte einen Korb am Arm, wie ihn die Kinder tragen, die auf den Landstraßen den verstreuten Hinwurf der Rinder und Schafe aufsammeln. In diesem Korbe, den er vor den jungen Baron hinstellte, schickte ihm die Alte das Gold, das gestern in allen Winkeln ihrer Hütte herumgerollt war, und von dem nicht das kleinste Stück fehlte.
      Peire rächte sich für diesen Schimpf, indem er den ganzen Inhalt des Korbes dem kleinen Boten schenkte. Es hatte ihn aber so tief gekränkt und gedemüthigt, daß in der That ein Fieber bei ihm ausbrach und er mehrere Tage das Haus nicht verlassen konnte.
      Zu dieser Zeit empfing er den Besuch eines Mönches, der im Lande auf und ab bekannt und überall gern gesehen war, da er mit dem Geschäft des Terminirens für sein Kloster noch ein einträglicheres und menschenfreundlicheres verband. Er suchte nämlich, was er selbst durch sein Gelübde verscherzt hatte, anderen Kindern Gottes zuzuwenden, indem er adeligen Jungfrauen zu Männern und ehescheuen Junggesellen zu Gattinnen verhalf. Da ihn sein geistliches Vagantenthum von Burg zu Burg, von Rittersitz zu Edelhof führte, waren ihm alle mannbaren Töchter von sechszehn bis zu sechsunddreißig Jahren bekannt, wie auch die ledigen Candidaten des anderen Geschlechts, und in seinem wohlmeinenden alten Kopf führte er gleichsam Buch über diese Geschäfte, indem er zwei Listen, einander gegenüber geordnet, beständig vor seinem inneren Auge hatte, wie nach seinem weltklugen Dafürhalten die Jungfrauen und Junggesellen am füglichsten sich paaren sollten.
      In diesem Register nun stand seit einiger Zeit der junge Herr von Maensac obenan und ihm gegenüber auf dem Ehrenplatz unter den Fräuleins eine gewisse 
      Germonde von Lomagne, die Erbtochter eines alten, ehrenfesten Hauses, des einzigen, das Peire bei seinem Umritt in der Nachbarschaft geflissentlich übergangen hatte. Er wußte nämlich, daß sein Bruder Austorc dort ein gern gesehener Gast sei, und wollte, ihrer Verabredung gemäß, nicht daran erinnern, daß es einst noch einen zweiten Troubadour gleichen Namens gegeben hatte.
      Als nun der Mönch ihn in schwerer Mißlaune, von seinem Fieber kaum genesen, auf dem einsamen Krankenzimmer antraf und sogleich mit seinem Universalmittel gegen alle krankhaften Anfechtungen des jungen Blutes herausrückte, auch die schöne Germonde aus allen Tonarten pries als einen Ausbund ihres Geschlechts, wies ihn der düstere junge Hagestolz zuerst heftig ab, indem er von seinem Bruder zu reden anfing. Der Mönch aber beruhigte ihn sofort: Austorc sei längst aus Lomagne weggeritten und werde sich schwerlich je wieder dort einfinden, da er inzwischen in Narbonne eine ansehnliche Stellung erlangt und seinen Sinn auf eine Gräfin von Poitiers gerichtet habe. Dessenungeachtet blieb Peire scheinbar taub für alles Zureden des Vermittlers. Sobald aber Dieser achselzuckend sich entfernt hatte, fuhr es ihm durch den Kopf, dies sei vielleicht die beste und sicherste Art, die Verzauberung, in die ihn das Landkind verstrickt, abzuschütteln und von der ziellosen Narrheit zu genesen. Zugleich dünkte es ihn wohlgethan, der Viernetta zu beweisen, welch ein thörichtes Gänschen sie gewesen, da sie ihren hochgeborenen Liebhaber so verstockt und rauh von sich gewiesen, und wenn sie ihn zur Seite einer schönen Braut den Weg am Flusse hinsprengen und die Geigen und Flöten aus dem hochzeitlichen Schlosse herüberklingen höre, werde sie nachträglich doch wohl etwas wie Reue und Sehnsucht anwandeln.
      Um diesen löblichen Vorsatz nicht wieder durch ein zufälliges Begegnen mit ihr zum Wanken zu bringen, ritt er gleich am nächsten Tage nach dem Schloß des Herrn von Lomagne hinüber, wurde dort von Vater und Mutter und dem schönen Fräulein selbst so artig empfangen, daß nicht einmal ein Wort über seine frühere Vernachlässigung fiel, und nicht so viel Tage, als er bei seiner Hirtin verloren, waren ins Land gegangen, als schon die Verlöbniß zu Stande kam und auf Peire's Dringen die Hochzeit auf den nächsten Sonntag über drei Wochen festgesetzt wurde.
      Zu solcher Eile bewog den Bräutigam nicht sowohl die Ungeduld einer übergroßen Liebe, die er etwa zu seiner Braut gefaßt hatte, als vielmehr einzig und allein die Rücksicht, daß in der dritten Woche das alljährliche Wiedersehen mit seinem lieben Bruder bevorstand, den er doch bei seiner Feier nicht entbehren wollte. Er hatte seitdem nichts wieder von ihm selbst vernommen, rechnete aber so sicher auf sein Kommen, daß er es nicht für nöthig fand, ihm durch einen Boten, der ihn von Ort zu Ort hätte suchen müssen, die Nachricht von seiner Verlobung und die Einladung zur Hochzeit nachzuschicken.
      Die Zeit, die noch dazwischenlag, verging ihm durchaus nicht so schleichend und ungeduldig wie sonst einem Liebenden, der den Tag der Erfüllung all seiner Wünsche kaum erwarten kann. Vielmehr sah er mit wachsender Angst einen Abend nach dem anderen herandämmern und wieder einen Markstein auf dem Leidenswege verschwinden, den zu durchwandern er sich selbst verdammt hatte. Nicht daß seine Braut ihm unlieblich erschienen oder ihre Eltern nicht Alles gethan hätten, ihm ihre Genugthuung über seine Wahl zu bezeigen. Obwohl aber Alles so beschaffen war, selbst anspruchsvolleren Wünschen zu genügen, nistete und nagte doch ein brennender Unmuth in seiner Seele.
      Denn das wohlgeborene und wohlerzogene schöne Fräulein, das sogar, wie wir heute sagen würden, einige literarische Bildung besaß, da sie etliche Namen und Dichtungen der gefeiertsten Troubadours kannte, vermochte das Bild des wildaufgewachsenen Liebchens nicht aus seinem Herzen zu verdrängen. Während ihm jedes flinke Wort, das von den Lippen der braunen Viernetta erklang, so kostbar schien, als ob sie das arme Kind im Märchen wäre, dem Perlen und Edelsteine aus dem Munde fielen, sobald es ihn zum Sprechen öffnete, schien ihm das Zierlichste, was seine Braut vorbrachte, nicht besser als geschliffene Kiesel oder vergoldete Scheidemünze. Das schöne junge Geschöpf merkte bald, daß sein Freier zuweilen an ihrer Seite in eine böse Zerstreutheit versank, und wenn er daraus geweckt wurde, ihr wie einer völlig fremden Person ins Gesicht starrte. Sie selbst schien zu Anfang nicht allzu froh über diese glänzende Bewerbung gewesen zu sein, nachher aber den besten Willen gefaßt zu haben, ihren Verlobten liebzugewinnen. Da er es ihr nun so unbillig erschwerte, fiel sie gleichfalls in ihre alte kühle Scheu und Unfreude zurück, und so konnte das junge Paar oft halbe Stunden lang so steif und stumm wie zwei geschnitzte Heiligenfiguren am Portal der Kirche nebeneinander sitzen, da es Herrn Peire kaum beim Kommen oder Gehen einfiel, daß er das Recht und sogar die Pflicht erlangt, dieses schöne Mädchenbild zu küssen, ohne daß ein tugendhafter Hirtenstab sich dazwischen drängen durfte.
      Das Härteste däuchte ihn aber, daß er in der Nähe seiner Erwählten nie die leiseste Versuchung spürte, den Pact mit seinem Bruder zu umgehen und sein Liebesglück und die Schönheit und Tugend seiner Braut in heimlichen Versen zu verherrlichen. Die Stelle in seinem Inneren, wo ein klingender Quell aufsprudelte, sobald er nur von fern Viernetta's Kopftüchlein hatte flattern oder gar nur den Schweif des guten Esparviers im Grase hin und her wedeln sehen, schien urplötzlich für immer eingetrocknet und mit Nesseln und Dornen überwuchert zu sein.
      Doch zeigte er, als wenige Tage vor der Hochzeit sein Bruder Austorc wieder in der alten Burg sich einfand, dem Heimgekehrten ein fröhliches Gesicht, das auch nur zur Hälfte erheuchelt war, da das Wiedersehen ihm seit langer Zeit den ersten warmen Sonnenschein ins Herz leuchten ließ. Auch Austorc, auf dessen Stirn eine trübe Falte sich eingegraben hatte, war sichtlich von Freude bewegt, als er den Bruder umarmte. Er kam in einem stattlichen Aufzuge auf einem Prachtpferde angeritten, da er von jeher auf Glanz der Erscheinung viel gehalten hatte, und erwiderte auf die Frage nach seinen Umständen, daß er alle Ursach habe, mit denselben zufrieden zu sein. Nun denn, versetzte Peire mit erzwungenem Lächeln, so ist der Handel uns Beiden nach Wunsch gediehen. Und er erzählte, daß er in dreien Tagen Hochzeit machen wolle und nur auf den Bruder dazu gewartet habe. Dieser wünschte ihm mit aufrichtiger Freude Glück; als er aber nach dem Namen der Braut fragte und vernahm, Germonde von Lomagne werde in Schloß Maensac als Herrin einziehen, erblaßte er plötzlich und mühte sich umsonst, seine Erschütterung zu beherrschen, indem er zugleich verworrene Entschuldigungen stammelte, daß er an der Feier nicht theilnehmen könne, da ihn ein festes Versprechen schon am nächsten Tage wieder zu scheiden zwinge. Er täuschte aber das Auge des Bruders nicht, der nicht eher ruhte, bis er den wahren Grund dieser plötzlichen Unstäte erfahren hatte. Er könne unmöglich den Zuschauer machen, gestand der peinlich Befragte, wenn ein Anderer, und wäre es auch sein liebster Bruder, ein Weib heimführte, das er selbst vergebens umworben, aber noch immer nicht verschmerzt habe. Und nun erzählte er, daß er etliche Monate lang dem Fräulein von Lomagne aufs Inständigste den Hof gemacht, auch ihre Neigung gewonnen habe, vom Vater aber, der sein einziges Kind keinem hab- und hauslosen höfischen Sänger geben wollen, entschieden und ohne jede Hoffnung abgewiesen worden sei.
      Dies hörte Peire in tiefen Gedanken mit an, ohne sogleich etwas zu erwidern. Auch als sein Bruder eifrig betheuerte, er gönne ihm von Herzen das Glück, das ihm selbst versagt geblieben, und werde vielleicht übers Jahr so völlig geheilt sein, daß es ihn kein Herzblut mehr kosten würde, seiner Schwägerin die Hand zu reichen und ihren Erstgeborenen auf den Knieen zu schaukeln, verharrte der Jüngere noch immer in seinem Brüten. Endlich aber, statt hiervon weiter zu reden, that er ganz aus dem Blauen die Frage, wie Austorc es mit seiner Sängerschaft ergangen sei, und ob er in dieser nicht Trost und Ersatz für die verlorene Hoffnung gefunden habe. O Bruder, versetzte Austorc, Gesang ist wie ein Putz, in welchem ein wohlbekleideter Mensch sich gefallen mag, der aber zum Hohne wird, wenn man der nothdürftigsten Gewande entbehrt. Ich kam mir in meiner Blöße so armselig vor, daß ich mich am liebsten in die Erde verkrochen hätte, statt mich an Höfen zu zeigen und den Kunstreichen zu spielen, da es mir an der Nothdurft meiner armen Seele gebrach. Wäre ich nicht zum Grafen von Narbonne gerathen, der unseren Vater gekannt und hoch gehalten und auch von unserem früheren Singen wußte, wer weiß, welch ein Ende es noch genommen hätte. Nun hat man mich dort gefüttert, gekleidet und geehrt, immer in Hoffnung, daß die Zeit der Stummheit ein Ende nehmen werde. Auch habe ich das verrostete Saitenspiel jüngst wieder hervorgesucht, um es zu probiren, bin aber erschrocken, wie rauh und unhold es klingt, und Gott mag wissen, ob ich ihm noch jemals wieder einen vollen Ton entlocke. Dies aber soll dir dein junges Glück nicht trüben, Bruderherz. Laß mich ziehen und grüß mir die Frau Schwägerin und sag ihr nicht, daß ich dir Einiges vorgewinselt habe. Das Loos hat über uns entschieden, nun muß Jeder das Seine hinnehmen.
      Bruder, sagte Peire und hielt ihn am Arme fest, und wenn das Loos nun ein blinder dummer Spuk oder ein boshafter Teufel gewesen wäre, der in den ehrlichen alten Hund gefahren, um uns beide zum Narren zu halten? Was unter redlichen Kaufleuten und Geschäftsfreunden geschieht, daß ein Handel, der beide Theile reut, rückgängig gemacht wird, das sollte unter Brüdern nicht möglich werden? – Da sah ihn Austorc betroffen an. Peire aber fuhr fort und setzte ihm auseinander, daß er selbst zum seßhaften Burgherrn so wenig tauge, wie Austorc am fahrenden Poetenthum bisher Geschmack gefunden und daß er ihm einen ehrlichen Handel anbiete: er wolle ihm seinen Gesang wieder abkaufen gegen Schloß und Herrschaft Maensac nebst allen Steuern, Gaben und Vortheilen, die daran hingen.
      O Bruder, seufzte der Aeltere, was ist mir jetzt die Burg unserer Väter? Eine Nuß, aus der man den Kern herausgebrochen, da ich als ein lediger Mann hier meine öden Tage zubringen soll. Du aber, wie magst du denken, wenn du die Herrschaft verloren, die Braut zu behalten, die man, wie ich dir ja gesagt, keinem Landfahrer gönnen will?
      Hierauf umarmte Peire seinen Bruder lachend und bat ihn, er möge dies seine Sorge sein lassen, überhaupt sich alles weiteren Nachdenkens entschlagen und nur geloben, die nächsten drei Tage noch auf der Burg auszuharren. Als Austorc sich dem gefügt, verging den Brüdern der Rest des Tages in großer Herzlichkeit bei einem guten Trunk und traulichen Gesprächen.
      Am anderen Morgen aber, da der Aeltere sich spät erhob und nach dem Hausherrn fragte, erfuhr er, daß Peire schon früh hinweggeritten sei. Doch hatte er Niemand gesagt, wohin. Er kam aber diesen ganzen Tag nicht wieder, denn der Weg nach Lomagne war eine halbe Tagereise weit, und er hatte dort die Braut abzuholen, die sich mit Eltern und Brautjungfern, Knechten und Mägden und der ganzen Ausstattung nicht so im Handumdrehen aufs Pferd setzen ließ.
      Ehe es aber so weit kam, wollte der Bräutigam noch einmal die Herzen prüfen. Er nahm eine verlegene Miene an und erzählte mit niedergeschlagenen Augen seinen Schwiegereltern in Gegenwart ihrer Tochter, daß sein Bruder zur Hochzeit gekommen und ihn daran erinnert habe, wie sie durch einen brüderlichen Vertrag sich verbunden, abwechselnd Jahr um Jahr sich den Besitz der Burg wieder abzutreten. Es sei ihm dies ganz aus dem Gedächtniß geschwunden und er nun genöthigt, seine junge Frau gleich nach der Hochzeit mit auf die Wanderung zu nehmen, was ihr aber hoffentlich nicht unlieb sein werde, da es die lustigste Lebensart von der Welt und für junge Leute ersprießlicher sei, als von Anfang an in dem gleichen alten Familiensitz zu hocken.
      Er sah an der Wirkung dieser Rede, sowohl auf die Eltern als auf seine Verlobte, daß es allen Theilen weit mehr um das Schloß und die Herrschaft Maensac, als um den Besitzer derselben zu thun sei, ja an den Thränen, die schon im Begriff waren, aus Germonde's blauen Augen vorzubrechen, daß Diese, selbst wenn Alles gleich gestanden, dem früheren Bewerber bei Weitem den Vorzug gegeben hätte und jetzt dem bitteren Gedanken nachhing, Austorc abgewiesen zu haben, ohne dadurch zu einer standesgemäßen Versorgung gelangt zu sein. Da dies Alles war, was Peire zu wissen begehrte, ließ er die betroffene Familie nicht lange in der peinlichen Lage, sondern erklärte mit lachendem Munde, es sei Alles nur ein Scherz gewesen, Maensac werde hinfort nicht mehr den Herrn wechseln und jedenfalls die schöne Germonde nur des Schloßherrn Gattin werden, da sie viel zu gut und kostbar sei für einen singenden Vaganten, der nicht habe, wo er sein Haupt hinlege.
      Was hierauf folgte, ist so leicht zu errathen, daß es mit wenigen Worten berichtet werden mag. Als der schimmernde Hochzeitszug der Burg sich nahte, wo Austorc einsam zwischen Bangen und Hoffen zurückgeblieben war, gedachte Dieser noch im letzten Augenblick sich davonzuschleichen. Aber gerade an der Schwelle des Thors stieß er auf die festliche Cavalcade und mußte nun stehen bleiben und sich geberden, als sei er zum Empfang des jungen Paares ihm so weit entgegengekommen. Peire aber sprang alsbald aus dem Sattel, führte das Pferd, das die Verlobte trug, dem Bruder entgegen und sagte so laut, daß Alle es vernehmen konnten: Hier, lieber Bruder, bringe ich dir deine liebe Braut, bei der ich nur den Freiwerber für dich gemacht. Denn da du nun für alle Zeit der einzige erbgesessene Herr von Maensac sein wirst, die schöne Blume dieses Landes aber nur blühen kann, wenn sie in fester Erde eingepflanzt und von einem dauerhaften Sonnenschein erwärmt wird, so hast du allein dieses Glück verdient, welches ich dir aus brüderlichem Herzen gönne, nur bittend, daß ihr in der Halle unserer Väter ein warmes Plätzchen offen halten wollt, wenn ein umgetriebener Landstreicher einmal danach verlangt, an eurem Herde sich die Hände und das Herz zu wärmen.
      Wir schweigen von dem frohen Aufsehen und Tumult, dem Lachen und Weinen, Kopfschütteln und Umhalsen, das diese Worte hervorriefen. Als der Sturm sich aber ein wenig gelegt hatte, sah man, daß er nichts in Verwirrung gebracht, vielmehr Alles an seinen richtigen Platz gerückt hatte. Und so wurde unverzüglich, und ohne daß von irgend einer Seite Einsprache geschehen, die Trauung in der Schloßkapelle vollzogen, und als Peire bei der hochzeitlichen Tafel der Neuvermählten gegenübersaß, statt, wie sie noch gestern gedacht, an seiner Seite, grüßte ihn über den Rücken des gebratenen Pfauen hinüber ihr Blick so holdselig und warm, wie er sich's aus der ganzen Brautzeit nicht entsinnen konnte.
      Er war auch selbst so guter Dinge wie lange nicht, trank mit Maßen von dem süßen Hochzeitswein, plauderte aber unaufhörlich, als wäre er in einem frühzeitigen Rausch befangen, und trug zum Nachtisch ein Brautlied vor, das er auf das Glück des jungen Paares erst über Tische gedichtet hatte, wozu die Musikanten nach jeder Strophe einen lieblichen Refrain geigten. Als dann aber die Tafel aufgehoben war und der Tanz beginnen sollte, stahl er sich nach einem flüchtigen Händedruck von dem glückseligen Bruder fort, winkte einen der Knechte herbei, dem er einen heimlichen Auftrag gab, und wandelte dann, nichts mit hinwegnehmend als einen Beutel mit Gold, so viel vorm Jahre Austorc davongetragen, in den dämmernden Abend hinein, ohne jeden Kummer, daß er diese Stätten, die ihn als Herrn gesehen, hinfort nur als Gast wieder betreten sollte.
      Auch besann er sich keinen Augenblick, wohin er seine Schritte wenden sollte. Da er zu Mittag den Brautzug nach dem Schlosse geführt hatte, war er an einem mageren Grasanger vorbeigekommen, fernab von den guten Weideplätzen des Dorfes. Hier stand unfern von der Straße eine uralte Kapelle, die das Galgenkapellchen hieß, weil der Weg nach dem Richtplatz an ihr vorüberführte. Hatte man nun einen Armensünder abgethan und kehrte von der Exemtion zurück, so pflegte man hier bei dem Heiligthum anzuhalten und ein paar stille Vaterunser für die Seele des soeben Gerichteten zu beten. Um dieses schlichte Gotteshäuschen herum hatte Peire die Schafe seiner geliebten Hirtin weiden sehen, ihren Schäferkarren aber und sie selbst konnte er nicht erspähen und vermuthete nur, daß sie sich hinter dem wilden Lorbeerbusch, der den Rücken der Kapelle überwucherte, verborgen hielt, um den Zug zu sehen, ohne sich selber sehen zu lassen. Auch war ein Laut von daher gedrungen, wie eines knurrenden Hundes, dem man das Maul zuhält, um ihn still zu machen. Desto lauter hatten die Schafe, die mit sichtbarem Mißvergnügen das saure Gras abnagten, die prachtvollen Menschen und Pferde angeblökt.
      Nun sank die Nacht schon herein, und im nahen Busch fing eine Nachtigall an so weich und schmachtend zu schlagen, daß dem einsamen Ritter das Herz vor Sehnsucht und stiller Wonne schwoll. Zugleich aber war es ihm nicht ganz geheuer dabei, daß er jetzt vor das schlichte Kind hintreten und es auf Tod und Leben befragen sollte, wie es zu ihm gesinnt sei. Denn es stand ihm in seinen Gedanken so hoch wie das vornehmste Edelfräulein, und viel weniger hatte er sich vor einem Korb gefürchtet, als er bei der schönen Germonde sein Gewerbe anbrachte, denn jetzt, da er Hand und Herz der Hirtin anzubieten kam. Wie er aber dem Kapellchen ganz nahe gekommen war, sah er Viernetta auf der kleinen Bank davor eingeschlafen, und sie schien ihm jetzt, obwohl er von all den hochzeitlich geschmückten Damen kam, noch tausendmal lieblicher als je zuvor. Sie hatte ein Stück schwarzes Brod in der Hand, in welches sie eben eingebissen zu haben schien, ehe sie, von kummervollen Gedanken abgelenkt, darüber einschlief. Denn auf ihren bräunlichen Wangen schimmerte es wie ein leichter Thau, und im Schlaf erschütterte dann und wann ein Schluchzen ihre junge Brust, und das Hemd, das sie verhüllte, schien naß geweint. Esparviers hatte sich wedelnd herangeschlichen, als ob er seinen wohlbekannten alten Freund fragen wollte, was der Herrin denn so das Herz abdrücke. Der aber betrachtete gerührt das gute Wesen und wagte nicht gleich, sie zu wecken. Als er sich aber sacht neben sie auf die Bank setzte, fuhr sie erschrocken auf und wollte, da sie ihn erkannte, hinwegeilen. Er hielt sie aber sanft und nöthigte sie, wieder neben ihm niederzusitzen, worauf eine gute Weile Keines ein Wort sprach. Er sah wohl, daß ihre Augen trübe waren, und ihre alte Munterkeit hatte sie ganz verlassen.
      Herr, sagte sie endlich, was suchet Ihr hier außen?
      Meine Frau! versetzte er.
      Da müßt Ihr ins Hochzeitshaus zurückkehren.
      Das will ich auch, Viernetta. Du aber sollst mich begleiten; denn es ist kein Hochzeitshaus, worin die Braut fehlt.
      Herr, sie ist droben auf dem Schloß und wird Euch vermissen.
      Nein, Kind, sie ist hier beim Galgenkapellchen, und ich merke freilich, daß sie mich ein wenig vermißt hat, da ihre Augen noch roth sind vom Weinen.
      Ihr spottet meiner, sagte die Hirtin, das Gesicht ganz in Glut getaucht, und stand hastig auf. Komm, Esparviers, hier ist nicht unseres Bleibens. Man verfolgt uns selbst an diesem armen Ort.
      Und wird Euch bis ans Ende der Welt verfolgen, wenn ihr nicht stille haltet und dem Sausewind erlaubt, Euch die Wange zu streicheln. So wahr mir Gott helfe, Viernetta, ich bin hier, um dich zu fragen, ob du mich zum Manne willst!
      Sie blitzte ihn zornig an. Denkt, was Ihr vor wenig Stunden eine Andere gefragt habt, sagte sie. Lasset mich gehen!
      Er lachte übermüthig und haschte ihre Hand. Die Andere hat mich nicht gewollt, sagte er, weil mein Bruder ihr lieber war. Wirst du nun einem armen Verstoßenen, der Hab' und Haus verloren hat, deine Thür weisen, oder willst ihm aus christlichem Erbarmen einen Unterschlupf gönnen in deinem Herzen und deine Hirtenstreu mit ihm theilen?
      Sie war todtenbleich geworden und stand sprachlos vor ihm. Auch hatte sie nicht Zeit sich auf eine Antwort zu besinnen, denn eben jetzt kam der Abt des nahen Cistercienserklosters, der die Trauung des Herrn Austorc mit der schönen Germonde vollzogen, auf seinem kleinen Pferdchen dahergetrabt, einen Knaben hinter sich auf der Kruppe, der ihm als Ministrant gedient hatte. Er pflegte von allen Hochzeiten sich zu entfernen, sobald die Musik den ersten Reigen zu spielen begann. Nun war er sehr erstaunt, sich plötzlich anrufen zu hören, und noch mehr, als er Herrn Peire erkannte, der, das ländliche Mädchen an der Hand, vor der Kapelle stehend also zu ihm sagte:
      Hochwürdiger Herr, ich bitte Euch, daß Ihr, eh' Ihr weiterreitet, noch ein anderes junges Paar zusammengebt: mich, den jüngeren Herrn von Maensac, einen fahrenden Poeten seines Zeichens, und dies Euch wohlbekannte Mägdlein, dem Ihr oft genug die Beichte abgenommen habt, um zu wissen, daß sie eines weit besseren Mannes werth wäre. Da nun aber keiner zur Stelle ist und gegenwärtiger Peire von Maensac sie so herzlich liebt, wie er von ihr wiedergeliebt wird, so waltet Eures heiligen Amtes und macht aus uns Zweien 
      eine Creatur und sprechet Euren Segen über uns. Amen!
      Der Abt, der anfangs glaubte, Herr Peire rede in der Weinlaune und wolle seiner Vermittelung sich zu unehrbarer Posse bedienen, suchte Ausflüchte, die jedoch der Liebende mit festem Betragen zu Schanden machte. Der kleine geistliche Knabe und ein Dorfmädchen, das zufällig des Weges kam, mußten als Zeugen dienen, und so wurde vor dem hölzernen Bilde des Gekreuzigten in dem Galgenkapellchen der edle Herr von Maensac mit seiner Schäferin, wie sie ging und stand, unauflöslich verbunden.
      Ich dank' Euch, hochwürdiger Herr, sagte der junge Ehemann, nachdem er seine Braut umarmt und dem Abt die Hand geküßt hatte. Und hier habt Ihr eine Gabe für die Armen Eures Klosters, so gut ein fahrender Mann es hat und vermag. Jetzt aber wollen wir uns noch einen anderen Segen holen.
      Er beschenkte auch den Knaben und Viernetta's Brautjungfer, der Diese die Sorge für ihre Heerde übertrug, nahm dann seine junge Frau unter den Arm und wanderte mit ihr über die Wiesen und durch den Wald dem Häuschen zu, das Viernetta's Mutter bewohnte. Als sie aber dort eintraten, fanden sie die alte Frau vor einem Tische stehend, auf dem ein reiches Mahl aufgetragen war in silbernen Schüsseln, von Kerzen erleuchtet, die in silbernen Armleuchtern brannten. Dies Alles hatte der Diener, auf Peire's Befehl, heimlich nach der Hütte geschafft und der Alten kein Wort dazu sagen dürfen, so daß diese noch von ihrem Staunen sich nicht hatte erholen können. Wie nun das junge Paar bei ihr eintrat und sie Alles begriff, wurde sie durch das unverhoffte Glück ihres Kindes völlig verjüngt und floß unerschöpflich von munteren Reden über, während die Tochter ihren Mutterwitz plötzlich eingebüßt zu haben schien. Auch war die junge Frau kaum zu bewegen, etwas von den Speisen anzurühren oder aus einem Becher zu nippen, während die Mutter ihrem Eidam zu beweisen suchte, daß sie sich wohl auf Lebensart verstände; wenn sie ihn auch bei seinem ersten Besuch so unhöflich abgewiesen. Also blieben die Drei einträchtig beisammen, bis es nahe an Mitternacht ging. Dann stand Herr Peire auf, und die Alte fragte, wo sie denn zu nächtigen gedächten; in der Hütte sei schwerlich ein schickliches Brautbett zu rüsten.
      Wir gehen nach Hause, versetzte Peire lachend. Meine liebe Frau hat ja ein eigenes Dach, unter dem wird wohl auch Platz für ihren Gatten sein.
      Damit verabschiedete er sich von der Schwiegermutter, umfaßte seine Liebste und wandelte mit ihr zum Dorf hinaus unter allerlei halblauten, scherzenden Reden, auf welche sie die Antwort schuldig blieb. Die Sterne flackerten hoch am Himmel wie hunderttausend Hochzeitsfackeln, und der Wind, der über das schlafende Land hinstrich, harfte ein Brautlied in den hohen Wipfeln. Horch! sagte Peire, klingt es nicht lustiger und feierlicher als alle Flöten und Geigen auf Schloß Maensac? – Sie aber schwieg und drückte sich zitternd an ihn. Dann verbrachten sie die Nacht in dem Schäferkarren, der einsam auf dem Hügel stehen geblieben war; denn selbst der treue Esparviers konnte sie dort nicht bewillkommnen, da er die Heerde nicht verlassen hatte. Sie wohnten aber in dem engen Häuschen drei Tage und drei Nächte, und es däuchte ihnen, als ob sie es mit keinem Schlosse vertauschen möchten. Als dann eine andere Hirtin gefunden war, zog Peire mit seinem jungen Weibe, das nun die Sprache und das Lachen und ihren Gesang wiedergefunden hatte, aus der Gegend hinweg, wo nach und nach seine Heirath ruchbar geworden war und Neugierige kamen, das seltsame Schäferglück zu begaffen. So lange der Sommer noch währte dachte er nicht daran, sich irgendwo seßhaft zu machen. Er wollte seiner Frau Liebsten, die nie über das nächste Weideland hinausgekommen war, erst ein Stück Welt zeigen, und so ward er der Erfinder der sogenannten Hochzeitsreise, die dazumal noch durchaus nicht im Brauche war. Er war dabei so guter Dinge, daß er fast immer im Wandern dichtete und sang. Die Schlösser der Vornehmen aber vermied er, hielt sich dafür in den Herbergen, wenn er gute Gesellen dort traf, nicht für zu kostbar, ihnen ein Lied zum Besten zu geben, das neueste, das ihm unterwegs eingefallen war, und erwarb sich überall große Gunst. Damit aber auch Viernetta ihre Kunst zeigen könne, hatte er ein paar Gesätzlein gedichtet, bei denen sie die zweite Stimme sang und den Refrain dazwischen, der in nichts Anderem als in Vogelstimmen bestand. Das klang nun folgendermaßen:
      Wenn Busch und Hain von Liedern klingt,
       Tiriwitt! Kuku! Tirili!
       Die Nachtigall im Flieder singt,
       Tjo tjo! Ziküh! Ziküh!
       Wer da noch hockt und Grillen fängt,
       Sein Hütlein nicht ins Blaue schwenkt,
       Der ist ein Narr, daß Gott erbarm'!
       Die Drossel spottet: Narr! wie arm!
       Der Häher höhnt ihn spät und früh:
       Hehe! Tiriwitt! Ziküh!
      Ich ging des Morgens durch den Hain,
       Tiriwitt! Kuku! Tirili!
       Da saß und sang ein Mägdelein,
       Tjo tjo! Ziküh! Ziküh!
       Ich frug sie: Holde Schäferin,
       Bist du mir gut, wie ich dir bin? –
       Und sie: Du Narr, daß Gott erbarm'!
       Bist mir zu schlecht, bist mir zu arm,
       Die Drossel spottet spät und früh –
       Hoho! Tiriwitt! Ziküh!
      Da rief ich einen Priester an:
       Tiriwitt! Kuku! Tirili!
       O hilf mir, heil'ger Gottesmann!
       Tjo tjo! Ziküh! Ziküh!
       Er sprach: Du Narr, daß Gott erbarm'!
       Nimm flugs das Mägdlein in den Arm,
       Mein Segen macht aus euch ein Paar,
       Und Niemand spottet mehr: Du Narr!
       Nun herze sie so spät wie früh!
       Hehe! Tiriwitt! Ziküh!
      In diesem harmlosen Schelmenliedchen haben wir zugleich eine Probe gegeben von Herrn Peire's Dichtungsart, mit welcher er sich die Gunst der guten Bürger und kleinen Leute eroberte, so daß seine Reise durch das Land ihm so viel Freuden und Ehren brachte, wie er als ein höfischer Sänger zuvor nie erlangt hatte. Als aber der Winter kam und sein Weib überdies nicht mehr so leichtfüßig neben ihm her schritt, auch das Reisegeld auf die Neige zu gehen drohte, miethete er mit dem Reste seiner Barschaft ein Häuschen in einer kleinen Stadt und sandte der Schwiegermutter Botschaft, daß sie kommen und Tochter und Enkelkind pflegen möge. Er selbst begann wieder beim Adel des Landes als richtiger Troubadour zu erscheinen, der um der wunderlichen Abenteuer willen, die von ihm verlauteten, eher besser als übler aufgenommen wurde. Denn viele von den Edeldamen, Gräfinnen und Vizgräfinnen sahen es als eine Ehrensache an, den edlen Herrn von Maensac seiner niedrigen Gefährtin abspenstig zu machen. Nun ließ sich Peire zwar alle Gunst und zuvorkommende Güte wohl gefallen, zeigte sich dankbar dafür, indem er im besten Stil der Courtoisie Canzonen dichtete, die den schönen Frauen alles Süße und Ehrerbietige nachsagten, hütete sich aber wohl, sich mit seinem Herzen und seiner Person in eines der Netze verlocken zu lassen, die ihm zahlreich gestellt wurden. Vielmehr, sobald der Frühling wiederkam, verschwand er plötzlich, auch wo ihm am sanftesten gebettet war, und erschien in dem bescheidenen Hause seiner Viernetta, der er die reichen Gaben seiner vornehmen Gönner in den Schooß schüttete. Er wußte, daß sie ihn immer in gleicher Lieb' und Treue erwartete und die Kinder, die sie ihm geboren, so wachsam behütete, wie vor Zeiten die Schafe auf ihrer heimathlichen Flur. Und als er endlich in hohen Jahren starb und seine alte Frau ihm die Augen zudrückte, lag ein lächelnder Frieden auf seinem Gesicht, zum Zeugniß dafür, daß er es lebenslang nicht bereut hatte, ein ritterliches Schloß und eine stolze Braut hingegeben zu haben, um ein treues Herz und einen freien Gesang dafür einzutauschen.
       
       
      Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N.

    

