

      Paul Heyse
      Novellen vom Gardasee
       
      Stuttgart und Berlin
      1902
       
      J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G. m. b. H.
      Alle Rechte vorbehalten.
      Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
      
        
      
       
       
      
        Meiner lieben Freundin
        Emma Kling
        zugeeignet.
      
       
       
    



      Gefangene Singvögel.
      (1901)
       
      Mutter, liebe Mutter,
       Hüter stellst du mir?
       Hüt' ich mich nicht selber,
       Hilft kein Hüter dir,
      
        (Spanisches Liedchen.)
      
       
       
      Daß vor mehr als hundert Jahren, genauer gesagt am 11. September 1786, der Gardasee entdeckt worden ist, von keinem Geringeren als unserem größten Dichter, weiß Jeder, der Goethe's »Italienische Reise« gelesen hat.
      Freilich ging es mit dieser Entdeckung wie mit mancher anderen, die für den Culturfortschritt der Menschheit noch wichtiger war: sie wurde bald wieder zugedeckt, noch ehe die Welt so recht von ihr erfahren hatte; wie eine Quelle, die frisch zu Tage dringt, ein Weilchen fortfließt, dann aber bald von lockerem Erdreich wieder aufgesogen wird. Denn obwohl Goethe den Gardasee »eine herrliche Naturwirkung«, »ein köstliches Schauspiel« genannt, und von dem, was jetzt Riviera heißt, der Strecke zwischen Gargnano und Salò, erklärt hatte, »keine Worte drücken die Anmuth dieser so reich bewohnten Gegend aus«, war von dem Zauber des alten Benacus, von dem schon Virgil gerühmt hatte, daß »seine Brandung wie Meereswogen rauscht und braus't«, das folgende Jahrhundert hindurch unseres Wissens kaum die Rede. Manzoni's »Verlobte« und Thorwaldsen's »Alexanderzug« hatten den Comersee interessant gemacht, die Borromeischen Inseln lockten große Fremdenschwärme in ihre Gärten, und die Schlacht von San Martino war geschlagen worden, ohne daß Sieger und Besiegte für den zauberhaften Ausblick nach dem Monte Baldo hinauf Augen und Sinn gehabt hätten.
      Da war es vor etwa einem Vierteljahrhundert einem Landschaftsmaler vorbehalten, den Gardasee von neuem zu entdecken.
      Von verschiedenen Herbstausflügen kehrte mein Freund 
      Bernhard Fries mit einer wohlgefüllten Mappe voller Skizzen und Ölstudien zurück, die er mit seinem heiteren Jupiterlächeln vor mir ausbreitete. Er war noch ein Künstler der alten Schule, die der Natur gegenüber den Begriff der Schönheit gegen den der Stimmung noch nicht vertauscht hatte. Damals war freilich die »Andacht zum Unbedeutenden«, die Armeleutmalerei, der hysterische Hang zur Dissonanz in Kunst und Literatur noch nicht aufgekommen. Impressionismus, schrankenloser Individualismus und wie die Stichworte der neuen Kunstanschauung sonst noch heißen, tönten noch nicht von den Lippen der nach Neuem begierigen jungen Welt, und der Cultus der schönen Linie, der festgegliederten Form, der kräftigen Localfarbe wurde erst etwa zehn Jahre später als akademischer Zopf verhöhnt.
      Bernhard Fries aber erlebte den Anbruch der neuen Zeit noch, und wenn er dann in Ausstellungen und Kunstvereinen dieser modernen Kunst begegnete, betrachtete er sie mit stillem Kopfschütteln, würdigte hie und da das Talent, wendete sich dann aber ruhig ab und sagte: Ich bin kein Consument dafür.
      Dann kehrte er in sein bescheidenes Atelier zurück, zu dem er ein Zimmer seiner Wohnung eingerichtet hatte, und fuhr fort, seine Bilder zu malen, wie es ihm ums Herz war, unbekümmert, ob sich, trotz der siegreichen neuen Richtung, »Consumenten« dafür finden würden.
      Daß einem so gearteten Künstler das Herz aufgehen mußte gegenüber einer Natur, »deren Anmuth keine Worte ausdrücken können«, begreift man leicht. Auch war es kein Wunder, daß er mit seiner Begeisterung mich ansteckte. Ich hatte auf früheren Italienfahrten einer eifrigen Landschaftspfuscherei gefröhnt. Da ich kein eigentliches malerisches Talent besaß, auch einen Stimmungseindruck hervorzubringen mit meinem bescheidenen Zeichenstift nicht hoffen konnte, waren mir landschaftliche Motive die liebsten, in denen sich's um reizvolle feste Linien des Terrains und, was die Vegetation betraf, um die geschlossenen Conturen der Pinien, Cypressen, Palmen und Olivenstämme handelte.
      Das alles fand ich nun in den Gardastudien meines Freundes bis auf die hier kaum vorkommende Pinie aufs schönste beisammen. Und so widerstand ich der Versuchung nicht, auch meinerseits ein paar Herbstwochen als ein künstlerischer Freibeuter an diesem gesegneten Gestade herumzustreifen und dabei vielleicht in meiner dilettantischen Kunstübung einen kleinen Fortschritt zu machen.
      *
      Freund Fries hatte mir als das Standquartier, von dem aus er seine Streifzüge unternommen, Toscolano bezeichnet, und die einzige Herberge in dem kleinen Nest, das 
      Cavallo bianco, wegen ihrer Reinlichkeit und Billigkeit gerühmt.
      Das Lob dieser beiden Tugenden sollte ich bei näherer Bekanntschaft durchaus gerechtfertigt finden. Toscolano selbst aber schien mir den Vorzug vor den nachbarlichen Nestern Gargnano und Maderno nicht so recht zu verdienen.
      Ich war mit dem Schiff von Desenzano hergekommen, in der reinen Herbstsonne des dritten October, vorüber an Salò, dem damals noch unberühmten Gardone Riviera und dem heiteren Maderno. Zwar die Straße von hier aus durch die hohe Lorbeerallee entzückte mich. Als ich aber Toscolano erreichte, fühlte ich auf der Wanderung durch die einzige sonnenlose Gasse eine gewisse schaurige Beklemmung, die mich schon bereuen ließ, daß ich meinem ersten Eindruck nicht gefolgt und in Maderno geblieben war.
      Doch der freundliche Empfang des Wirthes vom »Weißen Roß«, dessen biederes dickes Gesicht ein gemüthvolles Lächeln überflog, als ich ihm den Gruß des alten Gastfreundes Sor Bernardo bestellte, söhnte mich bald mit dem Quartier, das er mir empfohlen, aus.
      Freilich, das Haus selbst lag nicht sonniger als alle anderen. Es glich mehr dem, was wir in unsrem civilisirten Vaterland einen Ausspann nennen, als einem richtigen Albergo, selbst nach italienischen Begriffen. Auch war das einzige Zimmer, das gelegentlich einen Fremden beherbergte und auch meinem Freunde zur Wohnung gedient hatte, nur ein großer, kahler, weißgetünchter Raum ohne anderes Mobiliar, als das breite, mit groben, blühweißen Leintüchern überzogene eiserne Bett, einen einzigen Strohstuhl, ein Waschbecken in einem eisernen Gestell und ein wackliges Tischchen. Statt des Schrankes und der Kommode dienten einige Haken und Nägel an der Thür. Und doch war's, wie man in der Schweiz sagt, ein »frohmüthiges Zimmer«. Denn von dem einzigen Fenster aus hatte man den Ausblick über einen kleinen Hof hinweg in das Gärtchen, das noch voller Georginen und spätblühenden Rosen war, hinten abgeschlossen durch eine lange »Serre«, aus der eine Überfülle gelber Limonen hervorleuchtete, und über dem Ganzen die schöngerundeten Berggipfel, die eben in der Abendglut brannten.
      Übrigens war ich ja auch nicht hieher gekommen, um im Zimmer zu sitzen, sondern sollte in diesem nur die Stätte finden, wo ich nach der erquicklichen Tagesstreiferei mein Haupt niederlegte.
      Mein Handköfferchen war bald ausgepackt – das Tischchen und die Thürhaken reichten vollkommen zur Unterbringung meines leichten Gepäckes aus –, mit dem Wirth wurde ein allerdings sehr mäßiger Pensionspreis vereinbart, und ehe die Sonne noch ganz hinunter war, hatte ich das Skizzenbuch eingeweiht, indem ich darin vom Fenster aus die Umrisse des Gartens und der Berglandschaft entwarf.
      Noch denselben Abend machte ich die Bekanntschaft der übrigen Wirthsfamilie, die heraufkam, als ich in dem zweiten, etwas größeren Zimmer, das bis auf den Tisch in der Mitte ganz ohne Möbel war, meine frugale 
      Cena, mit Hülfe eines recht trinkbaren Weines einnahm.
      Zuerst kam der Sohn des Hauses, 
      Battista, ein treuherziger junger Mensch von etwa dreiundzwanzig Jahren, der sich als einen großen Kunstfreund zu erkennen gab, von den Studien des Sor Bernardo mit Bewunderung sprach und auch mir, nachdem er die angefangene Skizze betrachtet hatte, seine Hochachtung bezeigte. Als ich später einmal im Hof einen Esel zeichnete, der, an einen Pfahl gebunden, ein wenig Futter zu sich nahm, trat er respectvoll hinter mich und brach in die sachverständigen Worte aus: 
      Ah! Pittura di carattere!
      Die Mutter war eine einfache Frau, sehr schweigsam und überaus höflich, die mich neugierig betrachtete und die Leinwand meiner Leibwäsche zwischen zwei Fingern prüfte. Die Musterung schien sie befriedigt zu haben, sie war nun überzeugt, daß ich kein Landstreicher, sondern ein Signore und Galantuomo sei.
      Einen Augenblick zeigte sich auch die Tochter des wackeren Paars, eine lange, dürre Figur, auf der ein sehr reizloses Gesicht saß, bekrönt von einem Berg blonder Flechten, eine Thurmfrisur, mit der sich damals auch in Italien die hübschesten Rasseköpfe entstellten, während sie den Häßlichen den Anstrich lächerlicher Vogelscheuchen lieh.
      Die Inhaberin dieses Haargebäudes schien aber über den Eindruck, den sie auf unbewachte Männerherzen machte, durchaus nicht in Zweifel zu sein. Sie ging nur einmal mit ihren imposanten Schritten durchs Zimmer, indem sie meinen Gruß mit einem leichten Kopfnicken von oben herab erwiderte, und warf mir von der Schwelle aus einen Blick zu, der deutlich sagte, daß sie überzeugt sei, ich würde in kurzem den Widerhaken des Brandpfeils, den sie mir zugeschleudert, in meiner Brust verspüren.
      Diese nächste Nacht jedoch schlief ich ohne die geringste Beunruhigung und blieb auch während der ferneren Tage gegen die Gefahr gewappnet, selbst nachdem ich später einmal gutmüthig genug gewesen war, das Porträt der Tochter für ihre Eltern zu zeichnen. Auch eine Schönere hätte mir's nicht angethan; war ich doch der Landschaften, nicht der Staffage wegen, an den gepriesenen See gekommen, der nicht gerade durch einen besonders anmuthigen Menschenschlag ausgezeichnet war.
      Am anderen Morgen aber, als ich in aller Frühe an das Seeufer hinunterwanderte und mich in dem Ölwald erging, der hier an der Stätte aufgesprossen ist, wo vor Urzeiten das alte Benacus gestanden haben soll, ging mir das Herz auf, und ich rief in Gedanken dem Freunde, der mir diese Wege gewiesen, eine überströmende Dankeshymne zu. Es war in der That eine Scenerie von so überschwänglichem Glanz des Lichtes und der Farben, der Monte Baldo drüben ruhte so feierlich über dem fast unwahrscheinlich purpurblauen Seespiegel, den die Ora noch nicht kräuselte, die Wellchen, die am Strande verrauschten, blitzten wie flüssiges Gold in den ersten Morgenstrahlen und ein Traum schien die silbernen Wipfel der Olivenhalde zu wiegen, da sonst kein Lüftchen zu spüren war. Nur der Kummer befiel mich, daß all dem Zauber gegenüber mein grauer Bleistift noch ohnmächtiger als sonst sein mußte, auch nur einen Hauch dieser »herrlichen Naturwirkung«, wie der Dichter es genannt, auf einem weißen Blatte festzuhalten. So verzichtete ich zunächst auf alles andere Studium, als durch die Augen, und genoß, der Küste entlang wandernd, unter den hohen Lorbeerwipfeln, welche die Straße übernickten, unvergeßliche Stunden.
      Als ich gegen Mittag zu meinem dunklen »Weißen Roß« zurückkehrte, trat der Wirth mir aus der Küche entgegen, auf jeder Hand ein rohes Stück Fleisch, mit der Frage, welches von beiden, das vom Rind oder vom Kalbe, ich zu verspeisen vorzöge. In dieser zwanglosen Art verhandelte er auch an den folgenden Tagen mit mir über das 
      pranzo. Ich war aber so kunst- und schönheitshungrig, daß ich nur selten mich für meine leibliche Nahrung interessierte und noch heute nicht weiß, ob die Küche des Hauses höheren Ansprüchen genügt haben würde.
      *
      Nur daß auch die eingeborenen Toscolaner von sehr genügsamer Art waren, konnte mir nicht entgehen, als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft in dem einzigen Café des Ortes zu frühstücken dachte.
      Das Haus, über dessen Erdgeschoß auf einem schmalen Schilde zu lesen war: 
      Luigi Caramella, Cafè e Liquori, lag meinem »Weißen Roß« schräg gegenüber. Aus dem Fenster des Vorderzimmers hatte ich am Abend ein kleines Häuflein Honoratioren vor dem offenen Eingang zu dem Kaffeelocal sitzen sehen, rauchend und aus schmalen Gläsern verschiedene Getränke, rothe, gelbe und grüne schlürfend, dabei in eifrigem Disput, von dem ich, auch wenn ich in ihrer Mitte gewesen wäre, natürlich keine Silbe verstanden hätte, da sich alle im Ort, auch der Herr Pfarrer und der Schullehrer, des Dialekts bedienten, der an den schwerverständlichen Brescianer anklingt. Gegen Zehn hatten die Herren sich erhoben, der Wirth aber war noch aufgeblieben, hatte eine Mandoline geholt und darauf einige Volksliedchen begleitet, die er zu meiner Verwunderung in der reinsten neapolitanischen Mundart sang.
      Als ich nun am anderen Morgen in das Café eintrat – ich kannte ja die italienische Sitte, das Frühstück nicht im Hôtel einzunehmen –, stellte sich mir Herr Giggi Caramella sofort als einen echten Sohn der 
      bella Napoli vor, mitten in Santa Lucia zur Welt gekommen, ein schlankes, schwarzbraunes Kerlchen, dessen kleine Feueraugen von Verschmitztheit und Spitzbüberei funkelten, sehr anders, als man es in lombardischen Gesichtern zu sehen gewohnt war.
      Er erzählte mir in den ersten fünf Minuten seine Lebensgeschichte, wie er in Geschäften seines älteren Bruders, der am Posilip große Rebengärten besitze, nach Genua gekommen sei, um dort ihren Wein abzusetzen. Von da habe er an den Gardasee einen Ausflug gemacht und sei hier hängen geblieben, denn der Besitzer des Cafés sei gerade mit Tod abgegangen, und er habe gedacht, sich als sein Nachfolger aufzuthun, nicht sowohl der Cafégäste wegen, an denen nicht viel zu verdienen sei, als um hier oben eine Filiale für das brüderliche Weingeschäft zu gründen. Damit sei er denn auch gut gefahren; sein 
      vino del Vesuvio sei rasch beliebt geworden; ob ich ihn nicht auch versuchen wolle, da man im 
      Cavallo bianco gegen ihn feindlich gesinnt sei und den Gästen dort nur das eigene säuerliche Gewächs vorsetze.
      Ich dankte zunächst für diesen zu so früher Stunde ungewohnten Genuß und bat um Kaffee. Dazu zu gelangen, schien seine Schwierigkeiten zu haben. Erst nach langem Warten brachte mir der geschwätzige junge Mann das Gewünschte in einem verbogenen Zinnkännchen, ein trübes, dickes Gebräu, auf einem Schüsselchen verstaubte Zuckerstückchen, ein altbackenes Brödchen neben der etwas defecten Tasse. Wenn ich Milch wünsche, müsse er erst danach fortschicken. Seine Kunden tränken den Kaffee nur schwarz, zögen überhaupt mehr die übrigen bibite, liquori, aqua gazosa vor, von denen er mir eine lange Liste zur Auswahl vorhielt.
      Hienach verzichtete ich darauf, mein Frühstück wieder im Café einzunehmen, und ließ mir etwas, was einem Milchkaffee ähnlich sah, von meinen Hauswirthen bereiten.
      Die frühen Morgenstunden waren aber so einzig schön, daß ich mich nicht lange mit Frühstücken aufhielt, sondern ungeduldig ins Freie strebte. Es war kein Hügel, keine Halde oder einsames Gehöft im Umkreis zwischen Monte Maderno und dem weißen Kirchlein von Gaino hoch oben zwischen seinen jungen Cypressen, die ich nicht mit spähenden Augen nach malerischen »Motiven« durchforscht hätte. Auf's Papier kam das Wenigste. Ich war einsichtig genug, mich davor zu hüten, diesen Wundern Gottes mit unbeholfener Pfuscherei Gewalt anzuthun.
      Dagegen kam statt der dilettantischen Landschafterei meine eigentliche Musenkunst besser zu Ehren. In jenen unvergleichlich schönen Tagen füllte sich mein Skizzenbuch mit allerlei lyrischen »Landschäftchen mit Staffage«, zu denen mir die »Motive« von allen Seiten, aus Luft und See und den Wipfeln der Lorbeern zuströmten. Ich hatte einen glücklichen Anfall acuter Lyrik, die wie ein der Liebe ähnliches Fieber mir in den Adern glühte. Und vollends, wenn der Tag in reinem Golde hinter dem fernen Salò zur Rüste ging, sang und klang es in mir wie in der jugendlichsten Zeit des »fahrenden Schülers«.
      Lautlos faltet nun zusammen
       Der Gebirgswind feine Flügel.
       Der Cypressen dunkle Flammen
       Lodern still empor am Hügel.
      Diese innere Musik erfüllte mich so ganz, daß ich es wie eine mißtönige Störung empfand, wenn vorm Schlafengehen die Gassenhauer Giggi Caramella's, so rein er die Melodien sang, in das offene Fenster meines Zimmers herüberklangen.
      *
      Andere musikalische Talente ließen sich nicht vernehmen.
      Was an Vogelgesang etwa im Frühling zu hören gewesen war, trotz der Jagdflinten, Schlingen und Leimruthen, mit denen man den armen kleinen Sängern nach landesüblicher italienischer Sitte nachstellte, war jetzt im Herbst hier wie überall verstummt. In den Häusern des Ortes, beim Spinnrocken und Webstuhl, erklang keines der Ritornelle, die im südlicheren Italien die Arbeit der Weiber begleiten. Auch in den Rebengärten und Oliveten sah ich die Männer ohne Sang und Klang ihre Geschäfte verrichten, und die Fuhrleute, die oben auf ihren schwerbeladenen Karren ausgestreckt lagen, gaben keinen anderen Laut von sich, als den Knall ihrer Peitsche, mit der sie die keuchenden Esel und Maulthiere antrieben.
      Es ging überhaupt nicht lustig zu in dem alten sonnenlosen Neste, und außer dem grinsenden Lachen Giggi Caramella's sah ich nur ernste, grämliche Mienen, selbst unter den Mädchen und Kindern.
      Von meinem Wirth erfuhr ich den Grund dieser allgemeinen gedrückten und gedämpften Stimmung. Die letzten drei Jahre waren schlechte Weinjahre gewesen, und auch die Oliven hatten nur einen geringen Ertrag gegeben. Das hatte Manchen, der früher auf der faulen Haut gelegen, dazu gebracht, in der Papierfabrik drüben in der Schlucht von Toscolano für sich oder seine Kinder Arbeit zu suchen, die schlecht bezahlt wurde und den Menschen, das Ebenbild Gottes, zu einer Maschine machte. Die Fabrik sei überhaupt ein wahrer Landschaden. Wie viele gingen an Leib und Seele dadurch zu Grunde, bloß damit die Eigenthümer sich bereicherten. Und wozu brauche man überhaupt so viel Papier? Bücher gebe es schon genug in der Welt, in den Zeitungen werde doch nur gelogen, und anständige Mädchen, wie seine 
      Marietta, schrieben keine Liebesbriefe. Wenn es kein Papier gäbe, könnte der friedliche Bürger nicht durch Steuerzettel beunruhigt oder ein Contract ihm präsentirt werden, den er in einer schwachen Stunde zu seinem Nachtheil unterzeichnet hatte. Papier sei daher eine Erfindung des Teufels, die der Heilige Vater in Rom allen guten Christen verbieten sollte.
      Ich hütete mich wohl, dem wackren Manne zu verrathen, daß ich selbst von dieser Erfindung einen ausgiebigen Gebrauch machte und schon von berufswegen auch an den Fabriken, wo sie hergestellt wurde, ein Interesse hätte. Ich nahm mir also heimlich vor, am nächsten Tage die in der Toscolaner Schlucht zu besuchen. Da ich aber, von Gaino herabsteigend, den Weg verloren und, hin und her kletternd, erst spät die Schlucht erreicht hatte, war schon Feierabend angebrochen, als ich die alten, unansehnlichen Fabrikgebäude vor mir liegen sah. Für diesmal mußte ich darauf verzichten, den Teufel am Werk zu sehen, und schlenderte langsam die gewundene Straße an der steilen Felswand dahin, zu meiner Rechten tief im Grunde den Gebirgsbach, der zu dieser Jahreszeit nur als ein dünner Wasserfaden zwischen dem Steingeröll hinschlich.
      Trotzdem war eine feuchte Luft in dieser Tiefe, und ich beschleunigte meine Schritte, um wieder ins Offene zu kommen. Als ich endlich aus der Schlucht heraustrat, auf die Landstraße, die links in den Ort, rechts nach Maderno führt, wehte mir ein warmer Hauch von der Abendsonne entgegen, die eben niedergegangen war. Ich blieb an der breiten Brücke stehen, unter welcher der Bach hinläuft. Es war hier noch ein wenig Leben. Männer in Hemdärmeln, die vielgeflickten Jacken über die eine Schulter gehängt, offenbar Fabrikarbeiter, standen schwatzend und rauchend beisammen, junge Weiber schlenderten hin und her, zu dreien und vieren untergefaßt, nach dem eintönigen Tagewerk in den stickigen Fabrikräumen sich in der reinen Abendluft ergehend. Doch durch das gedämpfte Geschwirr der Stimmen klang ein heller Gesang aus einem Häuschen, das ganz einsam drüben an der Straße neben dem tiefen Bett des Baches lag. Und seltsam, ich hörte deutlich die Melodie des Liedes, das auch der junge Kaffeewirth aus Neapel sang, mit dem schwermüthigen Refrain:
      Te voglio bene assaje,
       E tu non pienz' a me.
      Welches Mädchen mochte bei Giggi Caramella in die Schule gegangen sein?
      Ich schritt über die Straße auf das Haus zu, ein alter, einstöckiger Kasten, von dessen Wand der ehemals rosa gefärbte Bewurf in großen Flecken abgebröckelt war. Neben der breiten Thür unten nur ein einziges Fenster, in dem niedrigen oberen Stockwerk zwei viereckige Löcher, mit festen Läden geschlossen. Zur Seite, an die Mauer gedrückt, die von der Hinterwand aus noch eine Strecke weit fortlief, ein Gärtchen, vorn mit einem verwahrlos'ten Zaun gegen die Straße abgegrenzt. Es mochte ehemals hübsch gewesen sein, große Büsche von Laurustinus und Granaten umgaben einen kleinen Grasfleck, in dessen Mitte ein Orangenbäumchen stand, noch mit Früchten behangen, diese aber, wie alle übrigen Pflanzen des Gartens, dick bestaubt und in der Sonnenhitze hingewelkt.
      Ich sah das alles nur mit einem flüchtigen Blick, denn mein Interesse wurde von einer weiblichen Figur gefesselt, die vor dem breit offenen Eingang der Hausthür auf zwei Steinstufen hockte, auf den Knieen ein altes Kleidungsstück, mit dessen Ausbesserung sie beschäftigt war. Neben dem Thürpfosten hingen vier hölzerne Vogelbauer, nicht viel größer als zwei Hand breit im Geviert. In dem vordersten saß eine schöne, ziemlich große Blauamsel – Leopardi's 
      Passero solitario –, im zweiten eine magere Nachtigall, im dritten eine kleine Meise, der vierte Käfich war leer. Von diesen drei Gefangenen schien sich nur die Meise ihrer früheren Freiheit zu erinnern. Sie allein sprang zwischen den engen Stäben, so gut es gehn wollte, hin und her und stieß verzweifelte kleine Töne aus. Die beiden anderen saßen regungslos und stumm auf der kurzen Querstange, ein Anblick, der mir ins Herz schnitt.
      Ich war vor dem Hause stehn geblieben, während der Gesang drinnen nicht verstummte. Jetzt hörte ich auch das Lied 
      Pare nun sogno, pare pazzia, – ebenfalls ein Repertoirestück Signor Caramella's.
      Wie könnt Ihr nur die armen Vögel so eng einsperren? fragte ich jetzt die Besitzerin des Hauses. Sie hören ja auch zu singen auf, wenn sie sich bei jedem Aufflattern den Kopf oder die Flügel zerstoßen. Gebt ihnen wenigstens größere Käfiche, wenn Ihr sie gefangen haltet.
      Die vor mir Sitzende sah mit einem feindseligen Blick zu mir auf, wie ein Haushund, der gegen einen unvorsichtig nahenden Fremden eine drohende Miene macht. Ich bemerkte nun, daß sie etwas verwachsen war, der Kopf steckte ihr zwischen den Schultern. Die Züge des Gesichts aber waren regelmäßig und noch nicht alt, sie mochte nicht über Vierzig sein, in ihrem dichten schwarzen Haar zeigte sich noch kein grauer Schimmer.
      Erst nachdem sie mich scharf gemustert hatte, erwiderte sie: Größere Bauer habe ich nicht; sie »verlangen sie auch gar nicht« (so!), und die Nachtigall singt auch im Bauer, wenn es dunkel geworden ist. Die Blauamsel ist krank, die würde überhaupt nicht mehr singen, auch wenn ich ihr einen hausgroßen Käfich gäbe. 
      Zitta, 
      Adele! unterbrach sie sich plötzlich, indem sie sich halb umwendete. Drinnen brach plötzlich der Gesang ab. Ich sah jetzt, daß die Hausthür gleich in die Küche führte, hinten am Herd hatte die Sängerin zu schaffen gehabt und dabei ihre helle, frische Stimme hören lassen. Etwas Weißes bewegte sich in dem düsteren Raum hin und her, ein paar aufzuckende Flämmchen auf dem Herde beleuchteten eine lose Jacke und zwei schlanke Arme, das Gesicht blieb im Schatten.
      Hört, sagte ich wieder, mich dauern die armen Vögel. Die Nachtigall würde noch viel schöner singen, wenn sie dort in Eurem Gärtchen säße, und die Blauamsel könnte vielleicht in der Freiheit wieder gesund werden. Ich möchte Euch die Vögel abkaufen, um sie fliegen zu lassen. Am Ende sind sie doch auch Geschöpfe Gottes und haben ja auch nichts verbrochen, weswegen man sie ins Gefängniß setzen dürfte.
      Die scharfen blauen Augen der Frau warfen mir einen argwöhnischen Blick zu; die ganze Sache, das Gespräch, das ich mit ihr angeknüpft, der Vogelhandel kam ihr verdächtig vor. Sie schien zu glauben, daß mir's um einen anderen Singvogel zu thun sei, den großen drinnen im Hause.
      Die Vögel verkaufe ich nicht, sagte sie mit rauher Stimme. Es würde ihnen auch nichts nützen, wenn man sie freiließe. Sie würden von Anderen wieder eingefangen oder todtgeschossen werden. Im Käfich sind sie gut aufgehoben, und daß sie nicht mehr Raum drin haben, ist ganz gut, je mehr sie hätten, je mehr wollten sie. 's ist wie mit den Menschen. Zu viel Freiheit schadet ihnen nur, dann gehen sie zu Grunde. Im Kloster ist gar keine Freiheit, und die drin sind, führen das gottseligste Leben und haben nichts zu bereuen.
      Damit erhob sie sich hastig, raffte ihre Flickarbeit zusammen und trat über die Schwelle, die Thür hinter sich zuschlagend. Ich hatte gesehen, daß sie den einen Fuß nachzog. Vom Rücken betrachtet, wo man ihr feines, noch jugendliches Gesicht nicht sah, erschien sie wie ein buckliges altes Hexenweibchen.
      *
      Ich hatte schon darauf verzichtet, die Tochter dieses unholden Wesens näher kennen zu lernen, da begegnete mir gleich am nächsten Tage die Alte mit der Jungen mitten auf der Straße.
      Man konnte kein ungleicheres Paar sehen. Neben der zusammengekrümmten hinkenden Gestalt, die ein dickes schwarzes Tuch um Kopf und Schultern geschlagen hatte, nahm sich das schlanke junge Geschöpf, das den Kopf frei auf dem Halse trug, doppelt reizend aus, wie ein Cypreßchen neben einem knorrigen Weidenstumpf. Nur in den Gesichtszügen glichen sie sich auffallend. Der Kopf der Jungen hatte aber eine besondere Anmuth durch kleine, natürlich geringelte schwarze Löckchen, die über die feine Stirn und die sanftgeschwungenen dunklen Augenbrauen fast bis an die Wimpern herabhingen und bei jedem Schritt leise zitterten. Auch waren die Augen zum Unterschiede von den blauen der Älteren dunkelbraun, von einem feuchten Glanz wie leuchtende Edelsteine.
      Beide trugen, an kleinen Ketten vom Gürtel herabhängend, ziemlich große blanke Scheeren, wie es hierzulande bei den Schneiderinnen, wenn sie auf Arbeit ausgehen, Sitte ist.
      Ich grüßte höflich im Vorbeigehn, die Jüngere nickte ein wenig, die Ältere dankte mit einem grimmigen Blick und beschleunigte ihren Schritt, offenbar um nicht angeredet zu werden. Dann verschwanden beide in der Thür eines der ansehnlicheren Häuser.
      Abends, als mir meine Wirthin im 
      Cavallo bianco die frugale 
      Cena herauftrug, fragte ich sie nach dem ungleichen Paar ein wenig aus. Ich erfuhr, daß die Ältere nicht die Mutter, sondern die Schwester der Schönen sei, die älteste von vier Töchtern eines Gärtners, dem die Frau gestorben war, nachdem sie lange mit ihm gelebt und ihm noch spät eine vierte Tochter geboren hatte. Da habe diese älteste, 
      Giuditta, die drei jüngeren erzogen und nachdem auch der Vater bald hernach gestorben, das herabgekommene Hauswesen mit Mühe zusammengehalten. Die beiden mittleren Schwestern hätten in der Papierfabrik gearbeitet und seien dort auf schlimme Wege gerathen, jetzt schon lange verdorben und gestorben. Nun habe die Giuditta nur die um zwanzig Jahre jüngere Adele übrig behalten und lasse an dieser Einen alles an Zucht und Strenge aus, was sie als unwirksam an ihren Schwestern mit Kummer und Schande habe erfahren müssen. Sie dürfe ihr kaum je von der Seite, und obwohl sie mit einer fast mütterlichen Liebe an ihr hänge, plage sie die Schwester doch ärger als eine böse Stiefmutter. Es sei schade um das arme Ding, das so hübsch und anständig sei; ihr eigener Sohn, der Battista, habe ein Auge auf sie geworfen, ihr selbst – der Padrona – wäre sie auch zur Schwiegertochter ganz recht trotz ihrer Armuth, es gehe aber dennoch nicht, aus allerlei Gründen.
      Über diese Gründe ließ die Frau sich nicht weiter aus. Ich sollte aber bald noch tiefer in diese Verhältnisse eingeweiht werden.
      Denn am frühen nächsten Morgen, als ich von meinem Ölwalde unten am Strande wieder in den Ort hinaufstieg, mein Skizzenbuch unterm Arm, in das wieder neben einem phantastisch gekrümmten und durchlöcherten Olivenstamm ein paar Strophen hineingekommen waren, sah ich zu meinem freudigen Erstaunen sie selbst, die Adele, mir entgegenkommen, auf dem Kopf einen flachen Korb tragend, in dem ein Haufen Wäsche aufgestapelt lag. Wie die schlanke und doch volle junge Figur im Herabschreiten sich ausnahm, mit dem Arm den Korb im Gleichgewicht haltend, dazu die bräunlichen Wangen von der frischen Morgenluft sanft angeglüht, werde ich mich wohl hüten beschreiben zu wollen.
      Ich sah, daß sie durchaus nicht darauf gefaßt war, auf ihrem Gang zu dem Wäscherinnenplatz unten am See aufgehalten zu werden. Doch blieb ich ein paar Schritte vor ihr stehen, lüftete den Hut und sagte: Guten Tag, Fräulein Adele. Ihr wollt zum Waschen hinunter. Ich möchte Euch aber etwas fragen.
      Sie heftete ihre glänzenden Augen schweigend auf mich, offenbar verlegen, wie sie sich zu benehmen hätte, ob sie ruhig weitergehen oder mich anhören sollte.
      Seht, sagte ich, ich bin ein Maler und zeichne in mein Buch, was mir gefällt. Nun habe ich schon gestern, als ich Euch mit Eurer Schwester begegnete, gewünscht, von Euch ein Bildchen zu machen, damit meine Leute zu Hause sehen, daß es auch in Toscolano schöne Mädchen giebt. Ich hatte aber nicht gleich das Herz, Euch anzureden. Jetzt, da ich Euch hier so allein antreffe, möchte ich Euch fragen, ob Ihr mir nicht sitzen wollt, nur eine kleine Stunde. Ihr würdet mir einen großen, großen Gefallen thun.
      Sie war dunkelroth geworden und hatte die Augen niedergeschlagen.
      Warum wollt Ihr mich zeichnen, Herr? sagte sie endlich. Ich bin häßlich!
      O Evastochter! dachte ich. Auch du verstehst dich schon auf das 
      fishing for compliments.
      Nein, Adele, fuhr ich fort, Ihr seid gar nicht häßlich. Eure Löckchen schon allein sind eine Schönheit. Seht – und ich öffnete das Buch und zeigte ihr darin einige Frauenporträts – alle diese Damen könnten froh sein, wenn sie aussähen wie Ihr. Die Sitzung dauert auch nur eine so kurze Zeit, und ich will Euch das Dreifache von dem geben für dieses Stündchen, was Ihr mit Eurer Schneiderei an einem ganzen Tage verdient. Morgen ist Sonntag, da arbeitet Ihr ja wohl nicht und könnt ganz gut zu mir in das 
      Cavallo bianco kommen, meinetwegen mit Eurer Schwester, wenn Ihr allein Euch nicht zu mir getraut.
      Sie hatte sich, während ich sprach, die Sache offenbar ernstlich überlegt, und auf einmal, da ich schon fürchtete, ein Nein zu hören, sagte sie mit großer Lebhaftigkeit: Meine Schwester darf nichts davon wissen, die würde es nicht erlauben, sie ist so streng. Aber wenn Euch wirklich so viel daran liegt – gut, ich will kommen, morgen, wenn ich allein zur Messe gehe, denn die Giuditta muß zu Hause bleiben, weil sie wieder ihre Gicht hat. Es darf's aber kein Mensch wissen, und das Bild dürft Ihr Niemand zeigen, das müßt Ihr mir versprechen. Wollt Ihr?
      Die Hand darauf, Adele! sagte ich. Ich danke Euch. Ihr braucht Euch nicht vor mir zu fürchten. Ich habe noch keinem braven jungen Kind was zu Leide gethan. Addio, Adele! Auf Wiedersehen!
      Sie nickte mir zu, jetzt schon ganz vertraulich, und schritt dann rasch an mir vorbei, sich umsehend, ob auch Niemand unser Geplauder belauscht habe. Es war aber gewöhnlich keine Menschenseele zu dieser Stunde auf dem Weg nach dem See zu finden.
      *
      Ich war sehr froh über diesen raschen Erfolg, den ich mir gestern nicht hätte träumen lassen, obwohl die schönen Mädchen in Italien sich durch ein solches Ansinnen eines »Malers« nie gekränkt fühlen und die häßlichen erst recht nicht, ganz wie in anderen Ländern. Aber nicht alle diese Schätzchen werden von einem argwöhnischen Drachen, wie Schwester Giuditta, bewacht.
      Diese Adele – das war doch ein anderes Modell als meine knorrigen alten Ölbäume, das glatte, röthlich überhauchte »Fellchen« reizender als die graue, rissige Rinde so eines Olivenstammes, selbst in der Abendsonne. Freilich, hier erst recht hätte es der Farben bedurft. Aber auch die Linien waren schon eine entzückende Aufgabe, die zu lösen ein dilettantischer Bleistift alle Kunst und Kraft aufbieten mußte.
      In großer Ungeduld erwartete ich am anderen Morgen die festgesetzte Stunde. Ich wußte vom vorigen Sonntag, daß die ganze Familie meines »Weißen Rosses« in die Zehn-Uhr-Messe ging; nur der Piccolo, ein zwölfjähriges Bürschchen, blieb zur Bewachung des Hauses zurück und benutzte die Zeit, um den verkürzten Nachtschlaf nachzuholen. Um Elf kehrte dann der Wirth, gewöhnlich auch die Wirthin, aus der Kirche zurück, da sich dann Gäste zu einem Frühtrunk einfanden. Aber diese eine Stunde, hoffte ich, sollte mir und der Kunst gehören.
      Es schien mir diesmal endlos zu dauern, bis sich die Familie in Bewegung setzte. Die Glocken hatten längst zu läuten aufgehört, die Straße war leer geworden, endlich sah ich Vater, Mutter und das Geschwisterpaar aus dem Hause kommen, Marietta in einem himmelblauen Kleide und weiter Crinoline, in dem blonden Lockenthurm ihrer Frisur so etwas wie einen Paradiesvogel. Sie warf einen Blick nach dem Fenster hinauf, hinter dem ich vorsichtig zurückgelehnt hinauslugte, ob ich sie auch in ihrem Glanz bewunderte. Dann verschwanden sie um die Straßenecke.
      Ich blickte scharf nach der anderen Seite, von wo mein Besuch kommen mußte. Das Häuschen der Schwestern lag kaum zweihundert Schritt von meiner Herberge entfernt. Es war aber keine Menschenseele zu erspähen. Schon glaubte ich, auf die Sitzung verzichten zu müssen – wer wußte, ob die Schwester sie nicht aus irgend einem Grunde eingesperrt hatte – da hörte ich ein leises Klopfen an meiner Thür, und sie trat wirklich ein, blaß vor Aufregung, aber ihre Augen leuchteten in dem dämmrigen Raum noch feuriger als gestern in der hellen Sonne.
      Sie habe sich durch das Seitengäßchen ins Haus geschlichen, sei auch Niemand begegnet, der Piccolo unten in der Küche liege auf einer Bank und schnarche. Nun aber solle ich rasch anfangen, denn sie habe nur drei Viertelstunden, dann müsse sie fort, ehe die Wirthsleute nach Hause kehrten.
      Ich ergriff ihre Hand, sie nach dem Fenster zu führen – meinem Nordfenster –, wo ich schon einen Stuhl für sie, dem Zeichentischchen gegenüber, bereit gestellt hatte. Ich fühlte, wie ihre Hand kalt war und zitterte, und um sie völlig zu beruhigen, nahm ich eine väterliche Haltung an, nannte sie Du und und sagte ihr, eine meiner Töchter sehe ihr ein wenig ähnlich, was nicht der Fall war, bis auf den Schnitt und die Farbe der Augen, Ihre Aufregung ließ dann auch nach, der zarte junge Busen hob und senkte sich ruhiger, und sie setzte sich gehorsam, ganz wie ich es ihr angab. Ich weidete mich wieder an dem reinen, lieblichen Oval dieses Gesichtes, dem geraden, unten leicht abgestumpften Näschen, den feinen schwarzen Locken, die ihr über die Stirn fielen. Sie entschuldigte sich, daß sie sich nicht auch so schön frisiert habe wie die Marietta, aber erstens habe sie keinen falschen Zopf, und dann würde ihre Schwester Unrath gewittert haben, wenn sie sich zur Messe so aufgedonnert hätte.
      Ich sagte ihr, daß ihre gewöhnliche Haartracht tausendmal hübscher sei als so ein künstlicher Aufbau, dann schwiegen wir beide eine Weile, da ich mich sehr zusammennahm, die ersten Striche ganz richtig zu machen. Das gute Kind hielt still wie ein gemaltes Madonnenbild. Auch als ich dann zu plaudern anfing, regte sie kein Glied und keine Miene.
      Die Schwester hält dich wohl sehr streng? fragte ich.
      Ja, Herr. Wir leben ganz still und zurückgezogen.
      Aber an Festtagen gehst du doch wohl ein wenig zum Tanz?
      Sie schüttelte langsam den Kopf. Niemals! Ich kann gar nicht tanzen. In Toscolano ist auch selten Tanzmusik. Und anderswohin komme ich nicht. Dreimal in meinem ganzen Leben bin ich in Maderno gewesen, ein einziges Mal in Gargnano. Was sollen wir auch da? Wir kennen Niemand, und wir sind arm, wir müssen arbeiten.
      Ein tiefes Mitleid mit der schönen jungen Menschenblüte, die so im kalten Schatten verkümmerte, überkam mich.
      Damit wird aber dein Liebster nicht einverstanden sein, Adele, fing ich wieder an. Der wird dich doch Sonntags auch einmal weiter spazieren führen wollen, als immer um Toscolano herum.
      Sie wurde roth wie eine Granatblüte.
      Ich habe keinen Liebsten, sagte sie sanft. Giuditta würde es nicht leiden. Wer sollte mich auch heirathen wollen? Ich habe nichts als ein halbes Dutzend Hemden und dies silberne Kettchen, das ich am Halse trage.
      Nun, sagte ich, nicht alle Männer sehen auf Geld, wenn sie einem Mädchen gut sind. Da ist zum Beispiel gleich der Battista, der Sohn vom 
      Cavallo bianco, von dem weiß ich, daß er sehr glücklich wäre, wenn er dich haben könnte.
      Der! – sie rümpfte ein wenig die Unterlippe. Der hat keinen Willen. Ich weiß wohl, daß ich ihm gefalle. Aber weil seine Schwester mich haßt, wagt er nicht, die Hand nach mir auszustrecken. 
      Poveretto!
      Die Marietta haßt dich? Was hast du ihr zu Leide gethan?
      Sie zuckte die Achseln und schwieg. Draußen vor der Thür meines Zimmers raschelte etwas. Sie fuhr vom Stuhl auf, als ob sie fliehen wollte.
      Es wird nur die Katze sein, sagt' ich. Im Haus ist ja Niemand. Aber wenn du dich fürchtest, will ich die Thür verriegeln.
      Nein, nein! bat sie hastig. Bitte, sehen Sie nur nach, dann aber lassen Sie die Thür offen.
      Es war wirklich nur die Katze gewesen. Das Mädchen setzte sich wieder, und ich fuhr fort zu zeichnen. Um den Ausdruck ihres Gesichts lebendig zu erhalten, plauderte ich weiter.
      Wie kommt es, daß du dieselben Lieder singst wie der Giggi Caramella? Hast du sie von ihm gelernt und siehst du ihn öfters?
      Wieder überflog ihr Gesicht eine tiefe Röthe.
      Ich kenne ihn nicht, gewiß nicht. Giuditta spricht schlecht von ihm und sagt, er habe keinen guten Charakter. Das sagt sie aber von allen Männern, und von dem glaube ich es nicht, weil er immer lustig ist und so schöne Lieder weiß. Wir haben einmal eine Woche lang seinem Café gegenüber gearbeitet, der Doctor wohnt da, für dessen Frau hatten wir ein Kleid zu machen. Da hörte ich ihn immer singen und habe seine Lieder behalten. Unten bei Neapel, wo er her ist, muß es viel lustiger sein.
      Ein Seufzer hob ihre Brust. Sie drückte die Augen halb ein und träumte vor sich hin. Um sie aus ihrer Schwermuth herauszureißen, sagt' ich: Wer weiß, Adele, du kommst auch noch einmal nach der Bella Napoli. Es braucht dich nur einmal ein Maler zu sehen, der nicht, wie ich, Frau und Kinder zu Hause hat, oder irgend ein anderer Fremder, der sich in dich verliebt, der heirathet dich dann, und ihr reis't zusammen in die weite Welt, und du singst den ganzen Tag die lustigsten Lieder.
      Sie schüttelte langsam den Kopf.
      Das wird nie geschehen. Meine Schwester will, daß ich ins Kloster gehe. Wenn sie mich nicht im Hause und sonst zur Arbeit brauchte, hätte sie mich auch schon so weit gebracht. Denn im Kloster kann's nicht viel trauriger sein als in dem Leben, das ich führe. Nun, wie Gott es haben will, so geschieht's auf Erden.
      Ich war eben im Begriff, ihr diese zahme Ergebung in ein freudloses Schicksal auszureden, als draußen die Glocken zu läuten anfingen. Sie stand erschrocken auf. Mein Gott! sagte sie, ich habe mich verspätet. Wenn ich jetzt nur noch unbemerkt fortkomme! 
      Addio!
      Sie lief nach der Thür. Ich hatte kaum Zeit, ihr das Geld, das ich ihr versprochen, in die Hand zu drücken, das sie auch in der Verwirrung, ohne darauf zu achten und ohne Dank zu sagen, annahm. Dann huschte sie aus der Thür.
      *
      Sie konnte das Haus kaum verlassen haben, da wurde wieder bei mir angeklopft. Zu meinem nicht geringen Erstaunen erschien Fräulein Marietta in meinem Zimmer, die sonst viel zu strenge Begriffe von Anstand hatte, um einem männlichen Gast ihrer Eltern einen Besuch zu machen.
      Sie hatte einen rothen Kopf, und ihre Züge waren von einer heftigen Aufregung verzerrt, wobei ihre kleinen blondbewimperten Augen unstet hin und her liefen.
      Verzeihen Sie, Herr! sagte sie mit bebender Stimme, aber ich wollte nur fragen, ob Sie wirklich dieses – Mädchen (sie brauchte ein beschimpfendes Beiwort, das ich hier unterschlage) zu einer Sitzung eingeladen haben, wie sie eben vorgab. Sie wäre im Stande, sich fremden Herren auch ohne eine Aufforderung anzubieten, da sie so eitel und schamlos ist, daß sie glaubt, wie eine Prinzessin Jedem eine Gnade zu erweisen, dem sie nur erlaubt, sie anzugaffen. Und sie ist doch nicht einmal hübsch. Vor einem Jahr war ein französischer Maler hier, der sagte, ich hätte das schönste Gesicht von allen Mädchen und Frauen in Toscolano.
      Ich bin wahrhaftig nicht eitel, Jede muß mit dem Gesicht zufrieden sein, das ihr Gott gegeben hat, aber daß nun dumme Leute dieser – (wieder ein ehrenrühriges Wort) Adele schmeicheln und ihr den Kopf verdrehen, o! – Sie ballte eine Faust und schüttelte sie in der Richtung, wo das Häuschen der Schwestern stand. Zeigen Sie mir doch das Bild, wenn es wahr ist, daß Sie sie gezeichnet haben.
      Ich wollte nicht Öl ins Feuer gießen und erklärte, die Skizze sei erst angefangen, ich wisse auch nicht, ob ich dazu kommen würde, sie fertig zu machen.
      Nun, sagte sie etwas beruhigter, wenn Sie ihr Gesicht länger studiren, werden Sie wohl dahinter kommen, daß nichts daran ist. Oder etwas doch: das Muttermal auf der Oberlippe. (In der That saß dort ein kleines schwarzes Fleckchen, das wie ein natürliches Schönheitspflästerchen den rothen Mund nur anmuthiger machte.) Sie sehen, Gott hat sie gezeichnet, wie er ihrer Schwester einen krummen Rücken und einen lahmen Fuß gegeben hat. Und mit solchen verworfenen Creaturen haben wir uns, wenn es meinem Bruder nach gegangen wäre, verschwistern und verschwägern sollen? 
      Per la Madonna, so lange ich noch da bin, die Ehre unseres Hauses zu vertheidigen, sollen diese – (das dritte Schimpfwort) nicht über unsre Schwelle kommen!
      Sie hob wie zum Schwur ihre magere Hand gegen die Zimmerdecke und rauschte aus dem Zimmer, in der Überzeugung, ein reuevolles Bewußtsein, wie unbesonnen ich mich mit einer so niedrigen Person eingelassen hatte, in mir erzeugt zu haben.
      Ich konnte nicht so frei hinter dieser Furie drein lachen, wie sie verdient hatte. Das Mitleiden mit dem wehrlosen Gegenstande ihres Hasses machte mich traurig. Auch der arme verliebte Battista, den ich tief niedergeschlagen im Hause herumschleichen und die Sonntagsgäste bedienen sah, that mir trotz seiner Schwachmüthigkeit leid. Das Mädchen wäre als künftige Padrona des »Weißen Rosses« doch besser aufgehoben gewesen, als hinter kalten Klostermauern.
      Indessen – »wie Gott es haben will, so geschieht's auf Erden«, hatte sie selbst gesagt. Ich war egoistisch genug, mich zu freuen, daß ich wenigstens das liebliche Gesicht für mein Buch erobert hatte, und so saß ich auch am nächsten Morgen wieder an der Zeichnung, um sie noch ein wenig aus dem Kopf auszuführen – ich hatte die Züge ja auswendig gelernt – als es wieder bei mir anklopfte.
      Ich rief in freudiger Erregung »Herein!«, da ich, so unwahrscheinlich es war, wirklich dachte, mein Modell von gestern habe wieder den Weg zu mir gefunden; doch in der Thür, die rasch aufgerissen wurde, erschien diesmal nicht das schlanke junge Wesen, sondern nur ihre mißgestalte Schwester.
      Sie schob sich, mühsam auf einen Stock gestützt, ins Zimmer hinein. Wie mich ihre scharfen grauen Augen, über die zwei Strähnen ihres schwarzen Haares herabhingen – nicht so reizend, wie die Löckchen ihrer Schwester – unter dem schwarzen Shawl hervor anblitzten, konnte einem in der That unheimlich zu Muthe werden.
      Ich ließ mir aber nichts merken, sondern nickte ihr freundlich zu.
      Ah, die Signora Giuditta, sagte ich und stand auf. Was verschafft mir die Ehre? Kommt und nehmt Platz. (Ich bot ihr meinen eigenen Stuhl an.) Wie steht's mit Eurer Gicht? Und was machen Eure Vögel?
      Sie war mitten im Zimmer stehen geblieben und rührte sich nicht vom Fleck.
      Meine Vögel? sagte sie mit ihrer rauhen Stimme. Denen fehlt nichts. Die sind gut verwahrt. Wenn's alle Menschen so gut hätten, könnten sie Gott danken.
      Nun, Giuditta, Menschen brauchen doch keine Käfiche, die haben ihre Vernunft und können sich selbst verwahren.
      Sie zuckte die Achseln.
      Menschen brauchen ihre Vernunft bloß, um unvernünftig zu sein. War's etwa vernünftig, daß die Adele gestern, statt in die Messe zu gehen, zu Euch geschlichen ist, damit nun die ganze Stadt davon spricht? Denn natürlich, die Marietta – 
      questa vipera di Marietta! – der ist sie begegnet, und die hat's an die große Glocke gehängt. Nun zeigt man mit den Fingern auf sie.
      Je nun, sagte ich, sie braucht sich nicht darum zu genieren, wenn sie nichts schlimmeres auf dem Gewissen hat. Es ist keine Todsünde, einem Maler zu sitzen. Die Madonna ist selbst zum heiligen Lukas herabgestiegen, damit er ihr Bildniß male.
      Ja, die Madonna! Die mag thun, was ihr gefällt. Die Adele aber ist nur ein armes Ding, das nichts hat als seinen guten Ruf, und Ihr, Herr, seid kein Heiliger. Die Sitzung war gewiß nur ein Vorwand.
      Ich nahm das Zeichenbuch vom Tisch und hielt ihr das Blatt mit dem Bilde ihrer Schwester vor die Augen. Da seht, sagte ich. Kaum länger als eine halbe Stunde ist Adele bei mir gewesen, da ist dies Bild zu Stande gekommen. Ihr begreift doch wohl auch, daß daneben keine Zeit war, 
      per fare all' amore, auch wenn ich ein leichtsinniger junger Fant wäre und nicht ein ehrsamer Familienvater.
      Sie starrte unverwandt auf das Bild, ihre strengen Züge wurden milder, die Hand zitterte, mit der sie das Buch angefaßt hatte.
      Ja, sagte sie endlich, indem sie langsam vor sich hin nickte, sie ist es, bloß die Farben fehlen. Ihr findet sie also auch schön? Ihr hättet aber erst ihre beiden Schwestern sehen sollen, die waren noch weit schöner, und doch – und eben darum – denn es ist falsch, wenn man sagt:
      Chi bella non è,
       Fortuna non ha!
      Gerade den Schönen geht's schlecht, alles stellt ihnen nach, und sie selbst rennen in ihr Verderben mit offenen Augen, weil ihre Schönheit, von der man ihnen immer die Ohren vollschwatzt, sie um die Vernunft bringt und ihr eigener Spiegel sie verblendet. Glaubt nicht, Herr, daß ich neidisch auf die armen Dinger gewesen wäre, weil ich selber so plump und garstig war von klein auf, wie eine Kröte. Ich sah früh ein, daß ich dadurch vor allen Versuchungen geschützt war, denn die Männer sind alle schlecht – 
      bricconi, furfanti! – und mir gab keiner süße Worte, da behielt ich meinen klaren Verstand, und weil ich die Älteste war, nahm ich mir vor, meine Schwestern vor den Schlingen und Leimruthen der Vogelsteller zu behüten. Sie sind ihnen doch ins Garn gegangen, ich habe sie nicht streng genug bewacht. Aber die Eine, die mir noch geblieben ist, die soll nicht dasselbe Schicksal haben, das habe ich der heiligen Madonna gelobt, und das will ich halten!
      Adele hat mir erzählt, daß Ihr eine Nonne aus ihr machen wollt. Das wäre freilich der festeste Vogelbauer. Ich fürchte nur, sie wird ihre hübschen Federn an dem Klostergitter zerflattern und das Singen ganz verlernen, wie Eure Blauamsel. Dauert Euch denn nicht das junge Blut? Könntet Ihr nicht einen guten Mann für sie finden und selbst noch Freude erleben als Tante ihrer Kinder?
      Sie antwortete nicht gleich. Nein, nein, sagte sie dann, es findet sich Keiner, der so ein armes Mädchen nimmt, wie es geht und steht. Nicht einmal in jedem Kloster fände sie Aufnahme ohne Mitgift. Aber unser Pfarrer hat mir versprochen, sich dafür zu verwenden. Zum Herbst soll sie eingekleidet werden. Ein guter Mann? Sogar der hätte sich gefunden, der Battista hier vom 
      Cavallo bianco, freilich ein Tropf und zum Verlieben nicht eben geschaffen. Aber er hätte sie gut gehalten, und auch die Eltern hatten sich darein ergeben, bloß die Marietta – 
      questa vipera di Marietta! – aus purer Eifersucht, weil sie keine Schwägerin wollte, die schöner wäre als sie – basta! Es ist so besser. Im Kloster ist sie vor allen Fallstricken der Eitelkeit sicher und geht endlich, nachdem sie selig gelebt hat, grad in den Himmel ein. Aber nun verzeiht, daß ich Euch so lange aufgehalten habe, und ich will ja nun glauben, daß Ihr keine schlimmen Absichten mit der Adele gehabt habt; aber wenn sie Euch versprochen hat, noch einmal zu Euch zu kommen, daraus kann nichts werden.
      Auch nicht, wenn Ihr sie zu mir begleitet?
      Sie schüttelte den Kopf. Sie soll nicht noch eitler werden, das taugt nicht für eine künftige Braut des Himmels. Und hier, Herr, nehmt das wieder –
      Sie reichte mir den Fünf-Franken-Thaler, den ich der Adele gestern in die Hand gedrückt hatte.
      Seid Ihr toll? sagte ich. Das Geld ist so redlich verdient, wie wenn Eure Schwester dafür genäht hätte.
      Es ist Sündengeld, und Ihr müßt's zurücknehmen. Handgeld des Teufels, womit er Seelen fängt. Nehmt, nehmt!
      Ich trat ein paar Schritte zurück. Als sie aber sah, daß ich mir's nicht aufdringen ließ, warf sie's auf das Tischchen, von wo es wieder herunter und in eine dunkle Ecke rollte. Dann winkte sie mir mit der Hand einen Abschiedsgruß zu und humpelte an ihrem Stock hastig aus dem Zimmer.
      *
      Meine Zeit in Toscolano war abgelaufen. Zwei Tage nach Giuditta's Besuch sagte ich dem gastlichen 
      Cavallo bianco Valet. Meine Wirthsleute beluden mich noch mit allerlei Gastgeschenken, Früchten und kleinen Kuchen, Battista ließ es sich nicht nehmen, mein Köfferchen selbst bis zur Dampferstation Maderno zu tragen, und so schritten wir am frühen Morgen die dunkle Gasse hinunter nach vielen ernstgemeinten »Auf Wiedersehen!«
      Giggi Caramella räkelte sich, eine lange schwarze Cigarre rauchend, auf zwei Strohstühlen vor seiner Thür und würdigte mich kaum eines hochmüthigen Kopfnickens, da ich seit jenem ersten Morgen nie mehr bei ihm gefrühstückt hatte. Als wir aber an die Brücke kamen, blieben wir Beide unwillkürlich stehen.
      Aus dem Häuschen zur Linken klang eine helle, wohlbekannte Stimme, und deutlich hörten wir die Worte:
      Te voglio bene assaje,
       E tu non pienz' a me!
      Battista war ganz blaß geworden, obwohl ihn der Koffer, den er auf der Schulter trug, erhitzt hatte. Dann aber ermannte er sich, stieß einen schweren Seufzer aus und stapfte weiter, indem er damit meiner Überlegung ein Ende machte, ob ich nicht hingehen und den Schwestern zum Abschied die Hand drücken sollte.
      Das arme, zur Himmelsbraut verurtheilte schöne Kind noch einmal zu sehen, hätte mir freilich nur das Herz schwer gemacht.
      Wir sprachen auf dem Wege kaum ein Wort miteinander, obwohl wir wahrscheinlich dieselben Gedanken hatten. Als wir dann den Landungsplatz erreicht und mein Begleiter seine Last abgeladen hatte, war ich in Verlegenheit, wie ich mich dem guten Menschen, der mich wie einen geehrten Gastfreund, nicht wie einen fremden Reisenden behandelte, dankbar erzeigen sollte. Ich griff aber doch in die Tasche, da sagte er: Ich bitte Sie, Herr, ich nehme nichts. Im Gegentheil: ich möchte, wenn Sie mir eine große Gunst erweisen wollten, die nicht umsonst von Ihnen annehmen. Könnten Sie mir wohl eine kleine Copie von dem Porträt – Sie wissen schon – anfertigen, nur mit ein paar Strichen? Ich würde Ihnen dafür bezahlen, was Sie wollen, ich kenne die Preise für Kunstwerke nicht, aber Sie wissen, daß ich ein Kunstfreund bin, und zudem – ich hätte gern ein Andenken an Sie –
      Das »Sie« klang zweideutig – es konnte so gut den Angeredeten wie eine gewisse junge Person bezeichnen. Wie es gemeint war, zeigte die Röthe, die dem ehrlichen jungen Menschen jetzt bis in die Stirne geschossen war.
      Ich versprach ihm, das Bildchen zu copieren, sobald ich nach Hause gekommen sei, und hielt auch Wort. Es kam aber keine Erwiderung, überhaupt blieben die Bewohner Toscolano's von dem Tage an gänzlich für mich verschollen.
      *
      Und blieben es fast ein volles Vierteljahrhundert.
      Erst vor ein paar Jahren wurde es mir so gut, wieder einmal einige Wochen am Gardasee zuzubringen, diesmal im Frühling, in Salò und in Gesellschaft meiner Frau.
      Am ersten schönen warmen Nachmittage aber nahmen wir ein Wägelchen und fuhren nach meinem Toscolano.
      Ich war sehr gespannt, wie ich das alte Nest und meine Bekannten darin antreffen würde. Zu meinem Bedauern aber fand ich, daß die lange Zeit, die darüber hingegangen war, an den Häusern des Orts keine andere Veränderung vorgenommen, als daß sie alle mir befreundeten Menschen aus ihnen weggeholt hatte.
      Doch nein, auch eines der Häuser war nicht mehr vorhanden, das Häuschen der beiden Schwestern gleich neben der Brücke und das Gärtchen daneben. Mein »Weißes Roß« dagegen – man nannte es jetzt 
      
      Cavallino bianco – hatte allen Regen und Sonnenschein dieser dreiundzwanzig Jahre unverändert überdauert. Als ich mit meiner Frau die dunkle Treppe hinaufstieg zu der denkwürdigen Stätte, wo ich damals nach fleißigem Tagewerk den Schlaf des Gerechten geschlafen hatte, war noch alles wie damals, bis auf einen Fleck an der Wand, der inzwischen etwas weiter abgebröckelt war, und einen der Haken in der Thür, den eine derbe Hand verbogen hatte. Ich mußte erleben, daß meine Frau über die Genügsamkeit ihres lieben Mannes, der aus diesem kahlen Raum begeisterte Briefe nach Hause geschrieben hatte, erschrak und fast auf den Gedanken kam, ein gewisses junges Gesicht mit schwarzen Löckchen habe einen Zauber ausgeübt, der diese Armseligkeit in einem anderen Lichte habe erscheinen lassen.
      Als wir dann aber unten im Hof gegenüber dem frisch aufblühenden Gärtchen saßen und die Wirthin uns den süßen Moscato vorsetzte, den alle Fremden hier im 
      Cavallino zu trinken pflegen, wurde uns Beiden wieder behaglicher. Es war nicht mehr meine Padrona von damals. Das Gasthaus war seitdem schon in die dritte Hand gekommen. Aber die jetzige Wirthin war aus Toscolano gebürtig und konnte all meine Fragen nach den früheren Inhabern beantworten.
      Die Eltern hatten nur noch ein paar Jahr gelebt. Die Kinder waren dann fortgezogen, da eine Verwandte ihnen vorgespiegelt hatte, sie würden besser daran sein, wenn sie den Gasthof, den sie selbst am Idrosee besaß, übernähmen. Die Marietta hatte dazu gerathen, in der Meinung, an einem anderen Ort würde man ihren Reizen und Tugenden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen als hier, wo sie allgemein als eine böse Zunge und widerwärtige Närrin bekannt war.
      Da droben sei es ihr aber auch nicht gelungen, einen Mann zu fangen, so daß sie immer galliger und giftiger geworden sei. Ihr gutmüthiger Bruder, dem sie es verwehrt, eine Frau zu nehmen, habe sich mit der Flasche über sein ödes Leben zu trösten gesucht und sich endlich zu Tode getrunken.
      Und was ist aus den beiden Schwestern geworden, die unten in dem Haus bei der Brücke gewohnt haben, der Giuditta und Adele? fragte ich.
      Habt Ihr die auch gekannt? Nun, von denen ist auch nicht viel Gutes zu berichten.
      Die Giuditta hat es gewiß gut mit ihrer Schwester gemeint, als sie eine Klosterfrau aus ihr machen wollte. Lieber Gott, an ihren anderen Schwestern, die ihr wie eigene Kinder waren, hat sie ja keine Freude und Ehre erlebt. Aber die Adele fühlte nun einmal nicht den Beruf zum heiligen Leben in sich. Und darum, als die Zeit heranrückte, wo sie als Novize eintreten sollte – es war ein ganz angesehenes Kloster, wo sonst nur wohlhabende Mädchen aufgenommen wurden, ihr aber erließ man die Mitgift von wegen ihrer schönen Stimme, die für den Gesang in der Kirche ein Schatz war – nun, da stahl sich das geängstete arme Ding in einer Nacht aus dem Hause und lief zu dem nichtsnutzigen Menschen, dem Cafetiere, der sie mit seinen Schelmenliedern bethört hatte, und sie setzten sich in einen Kahn und fuhren in den See hinaus. Und da es eine schwüle Nacht war, im August, fühlten sie auch nicht das Bedürfniß, vor dem lichten Morgen wieder ans Land zu kommen.
      Welch einen Lärm das Abenteuer machte, könnt Ihr Euch denken, Herr. Aber was war zu machen? Die Giuditta mußte sich drein ergeben, daß ihr Augapfel die Frau dieses 
      Briccone wurde. Sie verkehrte aber nicht mit dem jungen Paar, sie sprach den Namen ihrer Schwester nie aus. Nur als im nächsten Jahr ein Kindchen zur Welt kam und sie zur Pathin gebeten wurde, da versöhnte sie sich mit dem, was einmal nicht zu ändern war, und nahm sich sofort der kleinen Adelina an, als ob sie ihre Großmutter wäre.
      Das arme Würmchen konnte das auch gut brauchen. Denn sein Spitzbube von Papa hielt es nicht länger als ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes aus. Dann verduftete er. Er steckte bis über den Hals in Schulden, der Weinhandel war Schwindel gewesen, an seinem jungen Weibe hing der Taugenichts auch nicht sonderlich, und so war er eines Tages auf und davon. Das Café wurde versteigert, die arme Strohwittwe mußte froh sein, wieder in dem Häuschen der Schwester mit ihrer Kleinen eine Zuflucht zu finden.
      Sie war hier immer noch besser daran als in einer Klosterzelle. Sie hatte doch ihr Kind, und jetzt, da nichts mehr an ihr zu hüten war, sperrte auch die strenge Schwester sie nicht mehr ein. Jetzt aber schien ihr an ihrer Freiheit nichts mehr zu liegen. Sie ging nie aus dem Hause, außer zu ihren Kundschaften, wo sie still und schwermüthig bei ihrer Schneiderarbeit saß. Singen hörte man sie nur selten, immer nur, wenn sie ihr Kleines auf dem Schooß hatte. Ihre Gesundheit hatte sichtlich gelitten in der kurzen Ehe mit dem schlechten Menschen, und auch mit ihrer Schönheit war's bald vorbei. Als die kleine Adelina acht Jahre alt war, trug man ihre Mutter zu Grabe.
      Die Kleine aber gedieh prächtig. Sie war auf und ab das Ebenbild der Mutter, wie ihr aus dem Spiegel gestohlen, nur um einen Kopf kleiner, und seltsamerweise blondhaarig. Aber ein herziges Engelchen – 
      fatta a pennello (wie mit dem Pinsel gemalt) – und die gute Stunde selbst, das Mündchen immer zum Lachen aufgelegt, obwohl sie bei der Tante Giuditta nicht das lustigste Leben hatte. Denn die hielt sie kurz am Bändel, ließ sie nie allein auf die Straße, auch nur mit anderen Kindern zu spielen, und wenn sie selbst ausgehen mußte, schloß sie das Kind in ihrem Häuschen ein.
      Man konnte dann, wenn man vorbeiging, die Kleine drinnen singen hören wie ein Vögelchen im Bauer, dieselben Lieder, die ihre arme Mutter gesungen hatte. Es erbarmte einen ordentlich, zumal wenn man dachte, daß die Giuditta wieder keine andere Versorgung für das Kind im Sinn hatte als für die Mutter, und auch der Pfarrer ihr darin beistimmte.
      Die Adelina wußte das auch, aber sie schien sich gar nicht darum zu ängstigen. Denn auch darin glich sie ihrer Mama, daß sie ihren eigenen Kopf hatte und auch ihr eigenes Herz. Und eines Morgens – sie war mittlerweile achtzehn Jahre geworden – lief die Neuigkeit durch die Stadt, die Giuditta habe einen Anfall von Tobsucht gehabt. Als sie des Morgens aufgewacht, sei das Bett ihrer Nichte, das neben ihrem in der Kammer stand, leer gewesen. Wie sie aus dem Hause entwischt, war nicht zu errathen, wahrscheinlich durchs Fenster, so eng es war, aber sie selbst war schlank und geschmeidig wie eine Eidechse.
      Ein paar Tage später hörte man aus Verona, sie sei dort gesehen worden in Gesellschaft von drei Musikanten, die auch bei uns vor den Häusern gespielt und gesungen hatten. Einer war darunter, ein kraushaariger, junger Bursche aus Venedig, der die Mandoline spielte und mit einem süßen Tenor venetianische Canzonetten sang. An dessen Arm war sie gesehen worden, sehr lustig und ohne Scheu und Scham. Als man sich an die Polizei wendete, sie aufzugreifen und zurückzubringen – übrigens eine sehr dumme Maßregel – war das Trüppchen aus Verona verschwunden.
      Die Giuditta hat diesen Schlag nicht lange überlebt. Sie liegt nun auf dem Friedhof neben ihren drei Schwestern, die sie leider nicht hat behüten können.
      Jetzt, wenn sie ihnen im Paradiese begegnet, wird sie ihnen wohl verziehen haben, daß sie ihrem eigenen Kopf und Herzen mehr gehorcht haben als allen frommen Ermahnungen.
      *
      So erzählte die gute Frau. – –
      Drei Wochen später waren wir in Venedig. Vor der Heimreise fühlten wir noch das Bedürfniß, einmal wieder die »Assunta« des Tizian und die »Barbara« des Palma Vecchio zu begrüßen.
      Als wir am zweiten Abend in der Trattorie des »Vapore« unsere 
      Cena einnahmen, hörten wir plötzlich draußen vor der Thür, die nur angelehnt war, eine helle Sopranstimme singen. Nicht in der kleinen Gasse, die zu dem Restaurant hinführt und so eng ist, daß kaum zwei Menschen nebeneinander vorbeigehen können, sondern in dem Eingangszimmer zu dem größeren Local, wo zwar auch ein paar Tische stehen, aber nie ein Gast sich aufhält.
      Wir hörten ein paar bekannte venetianische Liedchen, 
      La biondina in gondoletta, fenesta vascia e padrone crudele von einer hohen, sehr geläufigen Frauenstimme gesungen, mit dem Accompagnement einer Mandoline, deren schwirrender, vibrirender Ton trefflich zu dem Vogelstimmchen paßte. Und jetzt erklang nach den beiden venetianischen das sonst hier nicht eingebürgerte neapolitanische Lied mit dem sehnsüchtigen Refrain:
      Te voglio bene assaje,
       E tu non pienz' a me!
      Die Gäste im Restaurant, lauter Italiener, hörten andächtig zu, und einer sagte halblaut zu seinem Nachbar: Sie ist heute besonders gut bei Stimme, unsere kleine Patti! Mir aber schwebte es auf der Zunge, zu meiner Frau zu sagen: Das kann Niemand anders sein, als die Adelina von Toscolano! – als die Thür sich öffnete und die Sängerin eintrat.
      Sie war's wirklich, das Kind meiner armen Adele, ganz wie die Wirthin im 
      Cavallo bianco sie beschrieben hatte. Und seltsam, genau dieselben ganz feinen Löckchen hingen ihr über die Stirn bis an die Brauen herein, nur daß sie blond waren, was aber zu den glänzenden braunen Augen ihr nur reizender stand.
      Sie war anständig gekleidet, ein schwarzes Schleiertuch über den Kopf geschlagen, das noch die Schultern bedeckte, eine Menge Gold schimmerte an ihren kleinen Ohren, vorn an der Brust und an den dünnen, mageren Fingerchen, die eine kleine messingene Schale hielten. Mit der ging sie an den Tischen herum, machte einen kleinen Knix, wenn ihr ein Geldstück hineingeworfen wurde, und zeigte lächelnd ihre blanken Zähne.
      Als sie zu uns kam, nahm ich einen Fünf-Lire-Zettel aus der Tasche und legte ihn auf die Schale. Sie sah mich erstaunt an, wie ich zu dieser Freigebigkeit käme. Nehmt nur, Adelina, sagt' ich. Ich bin das Geld noch Eurer Mutter schuldig geblieben und froh, endlich meine Schuld abtragen zu können.
      Meiner Mutter? Habt Ihr die gekannt?
      Ich wollte eben antworten, da wurde die Thür halb geöffnet, und der Mandolinist streckte seinen hübschen Krauskopf herein, der Sängerin zuwinkend. Sie machte ihm eine Gebärde, daß sie gleich kommen werde, hob den Geldzettel, den ich ihr gegeben, in die Höhe und wies auf mich. Der junge Mann zog den Hut, verbeugte sich gegen mich, indem er mit dem Fuß hinten ausscharrte, und wiederholte dann seinen Wink. Da reichte mir die junge Frau mit einer rührend kindlichen Anmuth das Händchen, grüßte meine Frau mit einem Kopfnicken und verließ mit ihrem Begleiter rasch den Saal.
      So war doch eins der gefangenen Singvögelchen, das sich aus dem Käfich gerettet hatte, seiner Freiheit froh geworden.
    



      Die Macht der Stunde
      (1899)
       
      Man hatte an der Wirthstafel im Hôtel Salò schon eine Weile beisammen gesessen, die ersten beiden Gänge waren vorüber, und eben wurde der landesübliche Risotto aufgetragen, als durch eine der Seitenthüren noch ein verspäteter Gast eintrat, dessen Erscheinung die lebhaften Tischgespräche für etliche Minuten ins Stocken brachte.
      Eine schöne, schlanke junge Frau in einem dunklen Reisemäntelchen, auf dessen seidene Kapuze ein schweres Nest aschblonder Flechten tief herabhing. Das zartgerundete Gesicht, sehr blaß, doch nicht von krankhafter Farbe, hatte einen seltsamen Ausdruck von Trübsinn oder Trotz, die schwarzen Augen sahen unter halbgesenkten Lidern regungslos hervor, und das schön geschwungene Lippenpaar war fest geschlossen. Ohne auf den Oberkellner zu achten, der ihr einen Platz anweisen wollte, ging sie auf das untere Ende eines der beiden langen Tische zu und setzte sich auf einen Stuhl zwischen zwei leer gebliebenen, ließ das Mäntelchen auf die Lehne zurückfallen und begann langsam die Handschuhe auszuziehen.
      Auch jetzt sah sie weder rechts noch links, sondern heftete die Augen so beharrlich auf einen vor ihr stehenden kleinen Aufsatz mit Orangen, getrockneten Feigen und Mandeln, als ob sie das Häuflein der Früchte darin zählen wolle. Es schien sie zu frieren; freilich war es erst Mitte März, doch das helle, behagliche Speisesälchen durchwehte eine weiche südliche Frühlingsluft; – sie aber zog ihr Mäntelchen wieder um die Schultern und wickelte sich mit einem leichten Schauer fest hinein. Auf die Frage des Kellners, ob man ihr die Suppe nachserviren solle, schüttelte sie den Kopf, aß ein wenig vom Risotto und nahm hernach einen Kapaunenschenkel, den sie langsam und zerstreut in kleine Bissen zerlegte. Nur vom rothen Wein goß sie sich das Wasserglas voll und trank es in langen Zügen aus.
      Das Plaudern, Flüstern und Lachen der Tischgesellschaft war wieder in Fluß gekommen, aus dem Vorsaal, wo zwei grüne Papageien mit dünnen Kettchen an einer Kletterstange befestigt saßen, drang von Zeit zu Zeit ihr scharfes Kreischen oder heiseres Schwatzen herein, die schöne Fremde saß wie im Traum und überhörte die höfliche Frage der Dame ihr gegenüber, ob sie zu Schiff oder zu Lande gekommen sei. Ohne von ihrem Teller aufzublicken, machte sie sich eben daran, mit ihren schlanken weißen Händen eine Blutorange zu schälen, mit so feierlicher Langsamkeit, als verrichte sie eine sehr wichtige Handlung, da hörte sie eine Männerstimme zu ihrer Rechten in gedämpftem Tone sagen: Ich meine, gnädige Frau, wir sollten einander nicht ganz unbekannt sein.
      Sie richtete sich mit einer leichten Gebärde des Erschreckens auf und warf einen raschen Blick auf den Sprecher, der am Ende des Tisches seinen Sitz hatte, nur durch einen leeren Stuhl von ihr getrennt. Da er dem hellen Fenster den Rücken zukehrte, waren die Züge seines Gesichts nicht so klar beleuchtet, um sich sogleich darin zurechtzufinden. Nur die glänzenden grauen Augen und die weißen Zähne unter einem ungepflegten Bart blitzten daraus hervor und gaben dem Gesicht einen munteren jugendlichen Ausdruck, obwohl das aufgesträubte dichte Haupthaar schon etwas angegraut war.
      Ich verdenke es Ihnen nicht, daß Sie mich nicht erkennen, fuhr er mit einem gutmüthigen Lachen fort. Wir sind einander ja auch nur photographisch vorgestellt worden, und seitdem habe ich mir den Bart wachsen lassen, so daß meine ältesten Freunde an mir irre werden könnten. Ich sehe wohl, ich muß Ihnen meinen Namen ins Gedächtniß zurückrufen: Doctor 
      Hans Hartwig, oder, wie Ihr Gemahl, mein lieber junger Freund, mich zu nennen pflegte, der treue Johannes, weil ich ihn einmal aus einem bösen Nervenfieber herausgerissen habe. Seit er ein glücklicher Ehemann geworden ist, hat der leichtsinnige Mensch mich zu den Todten geworfen. Glück macht vergeßlich, und ich bin ihm nicht feind darum geworden. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war vor zwei Jahren die Einladung zu seiner Hochzeit, begleitet von der Photographie seiner Braut, die ich jetzt in schönster Leibhaftigkeit als junge Frau vor mir sehe. Wie kommt es aber, Frau 
      Malwine, daß ich Sie hier allein begrüße, ohne Ihren – unseren 
      Ludwig, dem es doch auch am Herzen liegen sollte, den alten Freund jenseits der Alpen einmal heimzusuchen?
      Die Blutwelle, die der jungen Frau bei den ersten Worten ihres Nachbarn ins Gesicht geschossen war, hatte sich wieder nach dem Herzen zurückgezogen. Ihre Wangen erschienen jetzt noch bleicher, als sie, die Augen wieder vor sich hin gerichtet, erwiderte: Ludwig ist noch durch seine Kapellmeisterpflichten zurückgehalten und mußte mich allein reisen lassen. Ich komme aus einem Sanatorium, wo ich sechs Wochen zugebracht habe. Meine Nerven waren zerrüttet. Ich weiß nicht, ob Sie erfahren haben –
      Kein Wort von Ihnen seit zwei Jahren, wie ich schon gesagt habe.
      Nun, ich habe eine schwere Niederkunft durchgemacht, das Kind war todt. Ich verfiel in eine so düstere Schwermuth, daß ich mich zu Hause nicht erholen konnte. Der Arzt schickte mich in eine Nervenheilanstalt. Aus der bin ich vor kurzem, wie sie sagten, geheilt entlassen worden. Ich weiß am besten, daß ich unheilbar bin. Und so – wenn man sich fühlt, wie ich mich fühle, thut man gut, sich von allen Menschen wegzuflüchten. Es liegt ja auch nichts daran. Es giebt noch genug gesunde und vergnügte Menschen auf der Welt.
      Das hatte sie mit einem so bitteren Ton hervorgestoßen, die feinen dunklen Augenbrauen so feindselig zusammenziehend, wobei die blassen Flügel des geraden Näschens leise zitterten, daß ihr Nachbar sie mit wachsender Theilnahme betrachtete.
      Liebe gnädige Frau, sagte er, gestatten Sie einem alten ehrlichen Freunde, dessen Metier das Studium der Krankheiten des Leibes und der Seele ist, die unhöfliche Bemerkung, daß Sie nicht wissen, was Sie sagen. Unheilbar? In so jungen Jahren? Nach einem traurigen Schicksal, das Sie mit Tausenden gemein haben? Da kennen Sie die Kraft und Weisheit der größten Heilkünstlerin noch nicht, der allmächtigen Zeit, der noch weit größere Wunderkuren gelingen, als eine junge Mutter, die ihr erstes Kind beweint, wiederherzustellen. Ich selbst, als ich vor fünf Jahren mich nach Italien verpflanzte, da ich das Brennen einer Lebenswunde in der alten heimathlichen Luft unerträglich fand – nun, ganz vernarbt ist sie auch hier noch nicht. Aber ich athme doch wieder, ohne allstündlich den schneidenden Schmerz zu empfinden, ich bringe meine Tage ganz menschlich hin, sogar nicht unnütz für meine Nebenmenschen. Hundert Schritt von diesem Hôtel habe ich mir in einem sauberen Häuschen ein paar Zimmer gemiethet, aus denen ich den hübschen Garten und den wundervollen See bis hinüber zum Monte Baldo überschaue. Da treibe ich allerlei wissenschaftliche und sonstige Allotria. Zu Mittag finde ich mich an diesem Tische ein. Die Wirthe sind meine sehr guten Freunde, der alte weißköpfige Herr dort unten ist der Padrone, er hat seine Nichte geheirathet, die viel jünger ist, eine liebenswürdige Frau und eine treffliche Sängerin. Der Compagnon des alten Signor 
      Triaca ist ein gebildeter junger Mann aus guter Mailändischer Familie; so ist auch im Winter, wenn das Haus leer geworden, für eine Ansprache gesorgt. Und dann, die hülfreiche Assistentin jener großen Ärztin Zeit, die gute, stille, unerschöpflich herrliche Natur an diesem gesegneten See, dem schönsten von allen südlichen, die ich kenne – seien Sie überzeugt, verehrte Frau daß ein paar Wochen in 
      diesem Sanatorium Ihnen an Leib und Seele gedeihlicher sein werden, als Jahr und Tag unter dem grauen nordischen Himmel, wo armselige Pfuscher meiner löblichen Zunft an Ihnen herumexperimentiren.
      Sie hatte ihn angehört, ohne eine Miene zu verziehen. Als er schwieg, griff sie nach ihren Handschuhen, die sie neben ihr Gedeck gelegt hatte. Es war, als ob sie entschlossen sei, nichts zu erwidern. Dann brach es plötzlich aus ihren scharf gepreßten Lippen hervor: Es giebt Wunden, über die weder die Zeit noch Ihre gepriesene Natur Macht hat. Ich wünsche Ihnen Glück, daß Ihnen diese Erfahrung erspart geblieben ist.
      Damit stand sie rasch auf, neigte leise den Kopf gegen ihn und schritt, das Mäntelchen fest um ihre Schultern ziehend, aus dem jetzt schon menschenleeren Gemach.
      *
      Er war sitzen geblieben und hatte ihr mit stillem Wiegen des Kopfes und einem leise gebrummten Hm! Hm! nachgeblickt. Dann trank er langsam seinen Wein aus, zündete eine Cigarre an und stand auf.
      An den leeren Stühlen vorbei, um die jetzt nur die Kellner mit dem Abräumen der Tische beschäftigt waren, schritt er, immer nachdenklich vor sich hin summend, in das Vorgemach hinaus, wo jetzt die Wirthe beim Kaffee saßen. Er begrüßte sie auf Italienisch und fragte sogleich, wann die schöne Fremde angekommen sei, und wo man ihr ein Zimmer angewiesen habe.
      Eine Stunde vor Tisch sei sie mit einem Kutscher von Gardone angelangt, da sie dort in dem überfüllten großen Hôtel nicht untergekommen sei. Sie habe dann ein Wägelchen gemiethet, das sie an irgend einen anderen Ort bringen sollte. Salò sei eben der nächste gewesen, auch scheine es ihr gleichgültig zu sein, wo sie bleibe, denn sie habe mit dem sehr bescheidenen letzten Zimmer, das noch frei gewesen, vorlieb genommen. Sie scheine sehr krank zu sein oder einen großen Kummer zu haben, fügte die Frau Wirthin hinzu. So schön und so traurig, die arme junge Dame! Er habe ja mit ihr gesprochen. Ob er wisse, was ihr fehle?
      Er hoffe, es bald zu ergründen. Es liege ihm aber, da er ein guter Freund ihres Mannes sei, vor allem daran, sie gut aufgehoben zu wissen. In dem Anbau, wo gewöhnlich die Passanten untergebracht würden, werde ihre Nachtruhe gestört werden.
      Signor 
      Guastalla, der jüngere der beiden Wirthe, entsann sich, daß noch vor Nacht der Herr abzureisen gedenke, der das stille Balconzimmer im Hauptgebäude am Ende des Corridors inne habe. Dahin könne die Dame sofort übersiedeln.
      Er ging, sie davon zu benachrichtigen. Der Doctor verabschiedete sich und trat dann auf die Altane hinaus, von der eine Steintreppe in den breiten sonnigen Garten hinabführte. Dahinter blaute der See, eine Barke mit viereckigem braunrothem Segel glitt langsam hinter der niedrigen weißen Brüstungsmauer vorbei, dem Hafen des Städtchens zu. Drüben lagen die Berge im zarten, flimmernden Sonnenduft.
      Die zauberhafte Nachmittagsstille hatte viele der Gäste hinausgelockt, sich's unter den Magnolienbüschen und Feigenbäumen und in der schattigen Bambuslaube zu ihrer Siesta bequem zu machen. Am äußersten Rande aber vor den jetzt noch geschlossenen hohen Fenstern des Citronenwinterhauses ging eine weibliche Gestalt mit unruhigen Schritten in der hellen Sonne auf und ab, das Gesicht nicht einmal mit einem Hut oder Schleier gegen das blendende Licht geschützt, die Arme über der vollen Brust gekreuzt, die Augen beharrlich auf den Kies des Gartenweges geheftet.
      Der Späher auf der Altane droben hatte sie gleich erkannt. Seine erste Regung war, die Treppe hinabzusteigen. Doch hielt er wieder inne. Langsam wandte er sich ab und kehrte in das Haus zurück.
      Die Sache sei schon in Ordnung, sagte ihm Signor Guastalla, der ihm im Flur begegnete. Jener Herr habe sich gern bereit erklärt, sein Zimmer schon jetzt zu räumen. Das Gepäck der Dame – es bestehe nur aus einem Pelzmantel und einem Handköfferchen – werde eben hinübergebracht, er selbst suche die Dame, ihr mitzutheilen, wie man hinter ihrem Rücken für sie gesorgt habe.
      
      Va bene! nickte der Doctor. Sie ist unten im Garten. Auf Wiedersehn heut Abend!
      *
      Er pflegte sonst am Abend seine einsame Wohnung nicht zu verlassen. Heute lockte ihn ein Gefühl, das wärmer als bloße Neugier war, zur Stunde des Abendessens wieder in das Hôtel.
      Der Platz aber, den die junge Frau Mittags eingenommen hatte, blieb leer. Auch die Wirthe wußten nicht mehr von ihr, als daß sie sich ein frugales Nachtmahl aufs Zimmer hatte bringen lassen, nachdem sie mehrere Stunden am einsamsten Platz im Garten auf einer Bank gesessen und auf den See hinausgestarrt hatte.
      Am nächsten Mittag, wo der Doctor ihr sicher zu begegnen gedacht hatte, ließ sie sich ebensowenig an der Wirthstafel blicken. Nach dem Essen schickte er einen Kellner zu ihr ins Zimmer, um anzufragen, ob er sie besuchen dürfe. Das Zimmer war leer gewesen, von dem Mahl, das man ihr dort aufgetragen, hatte sie nur das Wenigste genossen.
      Sie war offenbar entschlossen, jeden weiteren Verkehr mit dem einzigen Menschen, der sie hier kannte, abzuschneiden.
      Verdrossen darüber nachsinnend, ob er dem wunderlichen Wesen den Willen thun oder sich bemühen solle, ihr seine Theilnahme aufzudrängen, schritt er auf der hellen, breiten Landstraße dahin, auf der man in einer halben Stunde nach Gardone gelangt. Er hatte dort einen Bekannten, mit dem er dann und wann, um ihn über seine beständigen Todesgedanken hinwegzubringen, ein Stündchen verplauderte. Als er die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, sah er auf einer Bank eine weibliche Gestalt sitzen, in der er, obwohl ein breiter schwarzer Hut ihr auf die Brust gesenktes Gesicht verdeckte, die Gesuchte erkannte. Die Bank stand im Schatten einer hohen Mauerschlucht, durch die man zu einem Kirchlein hinanstieg. Oben aus den Olivenpflanzungen aufragend, erhoben sich alte, hochwipflige Cypressen, die eine beschauliche Friedhofsstimmung um sich verbreiteten. Die Luft war still, das weite Firmament von einem leichten Dunst verschleiert, der ein Frühlingsgewitter anzukündigen schien.
      Die Einsame auf der Bank fuhr leicht zusammen, als plötzlich die hohe Männergestalt vor ihr stand. Als sie aufblickend den Doctor erkannte, stieg ihr eine dunkle Röthe in die Wangen, die dann rasch wieder erblassten. Sie regte sich aber nicht und brachte keinen Gruß über die Lippen.
      Guten Tag, Frau Malwine! sagte er, ohne ihr die Hand zu bieten, als sei er nicht sicher, daß die ihre ihm entgegengereicht werden würde. Und dann: Sie haben sich hier ein anmuthiges Schmollwinkelchen ausgesucht und denken in diesem Augenblick: warum muß der unangenehme Mensch mich in meinen Meditationen stören! Aber wenn Sie mich auch zu allen Teufeln wünschen – hier bin ich, und hier bleib' ich und treibe die Zudringlichkeit sogar so weit, daß ich mir ein bescheidenes Plätzchen auf der Bank neben Ihnen ausbitte. Sie werden mir diese kleine Gunst doch nicht abschlagen?
      Noch immer schwieg sie, neigte nur unmerklich den Kopf und rückte, ihr Mäntelchen an sich ziehend, auf das äußerste Ende der Bank.
      Ja, sagte er lächelnd, indem er sich neben ihr niederließ, Niemand entgeht seinem Schicksal. Sie haben es so klug angefangen, mir auszuweichen, und nun müssen Sie doch meine Gesellschaft dulden; denn es wäre doch gar zu unfreundschaftlich, wenn Sie jetzt sofort aufstünden und mich hier sitzen ließen. Das hätte ich wahrlich nicht um Sie verdient, da ich, schon vor unserer persönlichen Bekanntschaft, für die Frau meines Freundes das wärmste Interesse gehegt habe.
      Sie sah beharrlich an ihm vorbei, mit einem müden, gleichgültigen Ausdruck, wie man etwas Lästiges, das nicht abzuwehren ist, über sich ergehen läßt.
      Ich bedaure, sagte sie jetzt, daß ich dieses Interesse wohl rasch verscherzen werde. Meine Stimmung ist nicht derart, daß ich irgend einem Menschen liebenswürdig erscheinen könnte.
      O, sagte er, Sie vergessen, daß Sie es mit einem Arzt zu thun haben, der, auch wenn gar kein persönliches Verhältniß besteht, schon von Berufs wegen an einem leidenden Menschen lebhaften Antheil nimmt. Und daß Sie leidend sind, haben Sie mir ja selbst zugestanden.
      Gewiß. Nur daß ich mich in keine ärztliche Behandlung zu geben wünsche.
      So wenig, wie ich gewohnt bin, auf den Patientenfang auszugehen, am wenigsten, seitdem ich meine regelmäßige Praxis aufgegeben habe und nur noch für das arme Landvolk zu sprechen bin, das, Gott weiß warum, mir sein besonderes Vertrauen schenkt und zu gewissen Stunden mich in meiner Klause überläuft. Aber Sie werden begreifen, wenn es sich nicht um die erste beste Kranke handelt, sondern um ein Wesen, das einem mir sehr lieben Menschen das Theuerste ist, was er besitzt, da ist's denn doch ein ander Ding, da wird Indiscretion eine Art heiliger Pflicht, und ich erkläre Ihnen geradezu, verehrte Frau, daß ich entschlossen bin, Sie nicht sich selbst zu überlassen und nicht zu ruhen, bis ich mich von der Unheilbarkeit, die Sie sich nachsagen, überzeugt habe, oder auf irgend ein zweckmäßiges Heilverfahren verfallen bin.
      Sie wandte sich zum erstenmal nach ihm um und sah ihm mit einem festen, herausfordernden Blick gerade ins Gesicht.
      Und wenn ich mich dieser aufgedrungenen Freundessorge entziehe und heute noch abreise?
      So würde ich Ihnen in derselben Stunde nachreisen, da Kranke unzurechnungsfähig sind und sich eine Überwachung gefallen lassen müssen. Es wäre denn, fügte er langsamer hinzu, sie scharf ins Auge fassend, Sie kehrten auf dem geraden Wege, der auch diesmal der beste wäre, zu Ihrem Manne zurück.
      Zu meinem Manne? Niemals!
      Das Wort war ihr kaum entfahren, als sie es zu bereuen schien. Ihre Brust athmete heftig, die feinen Nasenflügel bebten, sie stand rasch auf und trat von der Bank weg, wie um jedes weitere Gespräch abzuschneiden. Da hörte sie den Doctor sagen: Setzen Sie sich doch wieder, liebe Frau! Sie sind mir Aufklärung schuldig über das große Wort, das Sie so gelassen ausgesprochen haben, nein, nicht gelassen, in einer Aufregung, die mich überzeugt, daß es nicht Ihr letztes Wort gewesen sein kann. Sie wollen sich von Ihrem Manne trennen, von diesem Manne, nachdem Sie erst zwei Jahre mit ihm verbunden waren? Das ist ja unglaublich.
      Und als sie mit einem verächtlichen Achselzucken sich in ihr Mäntelchen hüllte und finster schweigend an ihm vorbeisah: Sie müssen doch begreifen, fuhr er fort, daß ich Sie nicht loslasse, ehe Sie mir gesagt haben, was zwischen Sie und Ludwig getreten ist, daß Sie diesen geliebten und liebenswürdigen Menschen plötzlich als Ihren Todfeind betrachten. Wenn Sie mich damit abfertigen wollen, daß dies Ihre Privatangelegenheit sei, in die sich kein Dritter zu mischen habe, so wird Ihnen das nichts helfen. Was Sie mir heute nicht sagen wollen, werden Sie mir morgen oder übermorgen anvertrauen müssen. Denn ich bin es nicht nur meinem Freunde schuldig, sondern auch Ihnen selbst, nicht nachzulassen, bis ich mich überzeugt habe, ob der Riß zwischen Ihnen wirklich unheilbar sei. Wir Ärzte haben die Pflicht, zudringlich zu sein und zu Patienten, die uns die Thüre weisen, zum Fenster hineinzusteigen, um sie, solange noch Hoffnung ist, auch wider ihren Willen zu kuriren. Nun also, kleine Frau, was ist vorgefallen? Es hat einen Sturm gegeben, einen Ehezwist, und da Sie heißblütig und übermäßig nervös sind, obwohl aus dem Sanatorium als geheilt entlassen, sind Sie auf und davon gegangen. Aber ein Mensch wie Ludwig, einer von der besten Sorte dieser großen, mit so vielen Schwächen und Gebrechen behafteten Gattung von Erdengeschöpfen – was kann der gegen Sie verbrochen haben, was eine gute Frau ihm nicht verzeihen müßte, wenn er sich reuig an ihr liebevolles Herz wendet?
      Sie antwortete noch immer nicht. Auch er schwieg und schien, mit seinem Stock im Sande vor seinen Füßen Figuren zeichnend, ruhig abwarten zu wollen, bis sie sich zur Beichte entschließen würde. Auf der Straße draußen schlenderten Lustwandelnde hin, rasche Wägelchen rollten im Fluge vorüber, und ein Mädchen, das einen Korb voll Orangen trug, blieb einen Augenblick am Eingang der kleinen Gasse stehen, ihre Früchte zum Verkauf zu bieten. Ein Kopfschütteln des Doctors scheuchte sie fort.
      Doch obwohl es unter dem Cypressenschatten still war, wie in einem Beichtstuhl, kam noch immer kein Wort von den festgeschlossenen Lippen der jungen Frau.
      Nun wohl, sagte der Doctor endlich und stand langsam auf, ich sehe jetzt klar, wie es steht. Die Hauptschuld an dem Zerwürfniß tragen Sie selbst und scheuen sich, das einzugestehen. Sie finden es natürlich ungalant, daß ich Ihnen das ins Gesicht sage. Aber da ich Sie nur seit gestern zu kennen die Ehre habe, mit Ihrem Manne aber mehrere Jahre aufs Vertrauteste verkehren durfte, bin ich zu dem Glauben berechtigt, daß Sie der schuldigere Theil sind. Was er Ihnen auch angethan haben mag, ich kenne seinen Charakter und weiß, wie er Sie liebt, und wenn sein leicht bewegliches Künstlertemperament einmal mit ihm durchgegangen ist und er etwas gesagt hat, was Ihnen kränkend erschien – mein Gott! Sie haben ja gewußt, daß Sie keinen Pfarramtscandidaten heiratheten, sondern einen lustigen Musikanten, der aber nichts Besseres verlangte, als sich durch den Taktstock seiner lieben Kapellmeisterin regieren zu lassen.
      Er drückte sich mit einer unwirschen Gebärde den Hut in die Stirn, machte eine kurze Verbeugung und wandte sich zum Gehen. In der klugen Berechnung aber, daß er nur auf diese Weise ihr hartnäckiges Schweigen brechen könne, sollte er sich nicht getäuscht haben.
      Ja wohl, sagte sie, wie wenn sie nur zu sich selbst spräche, darauf mußte ich ja gefaßt sein. Vor dem Richterstuhl der Männer bin ich, auch ohne daß man mich verhört, der schuldige Theil. Denn den Herren der Schöpfung ist ja Alles erlaubt, was ihnen Vergnügen macht, und wenn sich eine Frau noch so sehr dadurch beleidigt und entehrt fühlt, sie hat kein Recht, sich zu beklagen, sie muß noch himmelhoch jauchzen, wenn er sie zu Tode betrübt, denn sie kann das Glück, daß er sie seiner Wahl gewürdigt hat, nicht zu theuer bezahlen. Damit Sie mich aber doch nicht für gar zu kindisch halten, sollen Sie hören, daß es am Ende auch in den Augen der Welt keine so ganz alltägliche und geringfügige Sache war, die es mir unmöglich macht, ferner noch neben ihm fortzuleben, sondern ein schweres, selbst in seinen eigenen Augen strafwürdiges Verbrechen. So! Nun wissen Sie's, und nun habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen.
      Er sah auf sie herab, mit einem plötzlich verwandelten Ausdruck innigster Theilnahme. Liebe Frau Malwine, sagte er, den Stock tief in den Grund bohrend, wie zum Zeichen, daß er nun nicht gesonnen sei, von der Stelle zu weichen, Sie irren sich. Sie haben mir noch viel zu sagen, nun erst recht. Ein Verbrechen, sagten Sie? Es giebt nur eins zwischen Mann und Weib, das einen schwer, oft sogar nie zu überbrückenden Abgrund zwischen ihnen aufreißt, und dieses Verbrechens halte ich unseren Freund nicht fähig, Ihnen gegenüber, die ich in vollem Jugendreiz vor mir sehe und deren Besitz ihn so glücklich gemacht hat, daß für alle anderen Menschen, auch seine besten Freunde, kaum noch ein Pflichttheil Liebe in seinem Herzen blieb. Nein, es muß ein Irrwahn Sie verblendet haben, ein falscher Verdacht, von dem er sich nicht sogleich reinigen konnte. Untreue? Ludwig hätte Ihnen untreu werden können?
      Er sah, daß ihr plötzlich große, schwere Tropfen aus den Augen brachen, Thränen, wie sie einem beleidigten Herzen mehr das Gefühl der Kränkung als eines weichen Schmerzes entlockt. Sie schien es nicht einmal zu wissen, daß sie einen Zeugen ihres fassungslosen Kummers sich gegenüber hatte. Die Tropfen rollten langsam über ihre blassen Wangen, während sie die Augen leise zudrückte. Erst als er ihr das Tüchlein, das sie im Schooß gehalten, sacht aus der Hand nahm und ihr mit zutraulicher Sorgfalt, wie einem weinenden Kinde, die schweren Wimpern damit trocknete, war es, als kehre ihr das Bewußtsein dieser ganzen Scene zurück.
      Was wollen Sie noch mehr von mir hören? sagte sie dumpf. Die näheren Umstände sind ja gleichgültig, wenn ich Ihnen sage, daß er selbst nicht den Muth gehabt hat, das Verbrechen abzuleugnen. Mögen Sie's ihm immerhin nicht zutrauen, die Thatsache ist da, und was geschehen, nicht ungeschehen zu machen. Wenn Sie es gut mit mir meinen, so überlassen Sie mich jetzt mir selbst. Ich werde schon ohne fremde Hülfe mit mir fertig werden, denn was mich allein noch aufrecht erhält, ist das Gefühl meiner Freiheit von jedem Zwange, auch dem freundschaftlichsten. Wenn Sie ein seelenkundiger Arzt sind, werden Sie das verstehen.
      Gewiß, sagte er und setzte sich ruhig wieder neben sie, das kleine, ganz durchnäßte Taschentuch wie zum Trocknen über den Griff seines Stockes breitend. Ich weiß, daß alles Dreinreden in solch einer Stimmung nicht wirksamer ist, als ein Senfpflaster auf einem Beinbruch. Nichts liegt mir ferner, als Ihnen den geringsten Zwang anthun zu wollen. Aber auch Sie werden begreifen: so wie ich Ihren Mann bisher geliebt und geachtet habe, wobei ich ihm freilich allerlei Menschlichkeiten zutraute – das, dessen Sie ihn angeklagt haben und er sich schuldig bekannt hat, ist so ungeheuerlich, daß ich es mit meiner alten Vorstellung von ihm nicht reimen kann. Nach zweijähriger glücklicher Ehe – denn Sie waren doch glücklich in diesen zwei Jahren?
      Ein Nicken, bei dem der Thränenstrom nur heftiger vorbrach, antwortete ihm.
      Nun also, wie soll ich es fassen, daß eine Andere ihm ernstlich gefährlich werden, ihn zu einem so völligen Vergessen seiner Liebe und Pflicht verleiten konnte? Ich weiß, daß er, auch bevor er Ihnen begegnete, ein innerlich reinlicher Mensch war, leicht entzündlich von allem Schönen, aber durch den angeborenen Ekel vor allem Gemeinen gegen die Verirrungen leichtlebiger junger Männer geschützt. Und nun soll ich glauben, er habe sich so schwer vergangen an einem leidenschaftlich geliebten Wesen, das er als seine erste wirkliche Liebe vergötterte? Wenn ich Sie die Briefe lesen ließe, die er als Bräutigam an mich schrieb – nein, liebe Frau, ich würde an all meiner psychologischen Erfahrung verzweifeln, wenn ich die »Thatsache«, die ich ja hinnehmen muß, ohne alle »mildernden Umstände« glaubhaft finden sollte.
      Es macht Ihrem Zartgefühl Ehre, fuhr er fort, seine breite, warme Hand auf ihre zitternde und feuchte legend, daß Sie über das Geschehene einen Schleier breiten wollen. Aber Sie thun ihm damit Unrecht. Und er selbst, wenn er jetzt statt Ihrer neben mir säße – er hatte nie ein Geheimniß vor mir – ich weiß, daß er mir auch jetzt nichts vorenthalten würde, was noch so belastend, vielleicht aber auch für einen alten Menschenkenner entschuldigend klänge.
      Sie hatte, während er sprach, ihre Fassung wiedergewonnen und sagte jetzt, aus ihren Thränen aufblickend: Sie haben Recht. Ich habe schon zu viel gesagt, um vor Ihnen, seinem treuesten Freunde, noch etwas zurückzuhalten. Auf mildernde Umstände, die Sie zu entdecken hoffen, werden Sie freilich verzichten müssen. Hat er selbst doch nicht einmal von fern versucht, seine Schuld zu beschönigen. Er erkannte wohl, daß die Trennung um so unversöhnlicher war, je größer das Glück, das sein Verbrechen vernichtet hat.
      Denn ja, ich 
      war glücklich diese zwei Jahre, bis das Kind mir genommen wurde. Auch dieser Schmerz hätte sich endlich verblutet. Ich wußte ja, daß ich in meinem Mann einen der liebenswürdigsten Menschen besaß, wie Sie ihn genannt haben. Auch daß er seine Schwächen hatte, nicht unfehlbar war, als Mensch, und vollends als eine leichtblütige, enthusiastische Künstlernatur, verleugnete ich mir nicht. Ich war sogar darauf gefaßt, daß ich nicht immer die Einzige sein würde, die seine Phantasie, seine Sinne beschäftigte. Ich sagte mir: wenn du alt geworden und nicht mehr hübsch sein wirst, er aber, obwohl er zehn Jahre älter ist, steht dann noch in voller männlicher Kraft, seine Compositionen haben ihn berühmt gemacht, die Welt, zumal die Frauen huldigen ihm – wirst du es ihm nicht verzeihen können, wenn irgend eine reizende Gestalt ihn dir auf eine Weile abtrünnig macht? Ist es nicht Glücks genug, daß du ihn viele Jahre besessen hast, daß das Beste in ihm, sein Herz, sein Vertrauen, seine Freundschaft dir auch dann und bis zum Ende gehören wird?
      Ich hatte den Muth, wenn auch vielleicht mit etwas Herzweh, diese Frage zu bejahen. Und fürs Erste war ich ja auch sicher davor, auf eine so bedenkliche Probe gestellt zu werden.
      Wir waren so glücklich zusammen, er so ausgefüllt von seinen beiden »Schicksalen«, wie er es nannte, seiner Liebe und seiner Kunst. Das Theater ließ ihm Zeit genug zu eigenen Arbeiten, seine Quartette konnte er durch die besten Spieler seines Orchesters gleich zu Hause probieren lassen, wenn er ein Lied componirt hatte, brachte er es, noch eh die Tinte ganz trocken war, zu mir, daß ich es ihm vorsingen mußte –
      Ich weiß, warf der Doctor ein, wie begeistert er mir von Ihrem Gesange schrieb.
      Nein, meine Stimme und mein Talent sind unbedeutend, aber ich habe ein intimes Gefühl gerade für seine Lieder, und ich lernte noch allerlei durch seine Unterweisung. Aber das gehört ja nicht hierher. Was wollt' ich doch sagen? Ja, daß ich auch sonst mich bemühte, seine Geliebte nicht nur, sondern auch sein guter Kamerad zu sein. Es kam wohl vor, daß er einen Abend lang für eine schöne Frau, neben der er bei Tische saß, schwärmte, oder einem reizenden Mädchen die Cour machte. Ich fand das immer sehr natürlich und ging, obwohl ich zuweilen anderer Ansicht war, ganz unbefangen auf solche Schwärmereien ein. Ich wußte ja, es war keine Gefahr dabei. Wäre er der Künstler gewesen, den ich liebte und bewunderte, wenn irgend etwas Schönes keinen Eindruck auf ihn gemacht hätte?
      Was ich anfangs ein wenig ernstlicher gefürchtet hatte, daß eine der Damen vom Theater ihm gefährlich werden könnte, redete er mir bald mit Lachen aus. Ein Kapellmeister, sagte er, sieht diese Sirenen nicht wie die Leute im Parkett nur in der magischen Lampenbeleuchtung, sondern bei den Proben, wenn sie mit überwachten Augen im Straßenanzug ohne Schminke sich an die Rampe stellen und bei jedem falschen Ton oder Takt, den man corrigirt, ein sehr verdrießliches Gesicht machen. Auch wissen sie ja, was für eine Frau ich habe, und daß es verlorene Liebesmüh' wäre, mich erobern zu wollen. Zumal der unbedeutendste Baron oder Graf sie mehr in Flammen setzt, als wenn statt deines noch unberühmten Gemahls Mozart oder Mendelssohn den Taktstock schwänge.
      Vor allem ergoß er seinen Spott über die Primadonna, eine große, schöne Person, die auffallend unmusikalisch war und ohne den beharrlichsten Fleiß mit ihrer ungelenken mächtigen Stimme keine große Rolle bezwungen haben würde. Er kam oft übermüdet und verstimmt nach Hause, wenn er in einer Klavierprobe stundenlang sich abgequält hatte, dem armen Geschöpf etwas musikalische Disciplin beizubringen, da sie selbst genug gethan zu haben glaubte, wenn sie ihre schönen Augen schmachtend aufschlug und in ein schleppendes Tempo verfiel, das sie für seelenvoll hielt.
      Sie war, halb aus Dankbarkeit, da sie ohne ihn mit nichts zu Stande gekommen wäre, in Ludwig verliebt. Ich konnte es schon aus dem unverhohlen feindseligen Ausdruck ihres sonst sehr apathischen Gesichts erkennen, wenn wir uns auf der Straße begegneten. Das hinderte sie nicht, allerlei Verehrern unter den Offizieren und der 
      jeunesse dorée einen ziemlich freien Zutritt zu gewähren, was sie in meinen Augen vollends verächtlich machte. Sie allein ließ ich die Schwelle unseres Hauses nicht überschreiten, so gern ich es sah, wenn andere weibliche Mitglieder der Oper, auch die jüngsten und hübschesten, dann und wann sich zu zwanglosen Abendgesellschaften bei uns einfanden.
      *
      Sie schwieg einen Augenblick, wie schmerzlich versunken in die Erinnerung an jene ungetrübte heitere Zeit vor ihrem Unglück.
      Er saß ganz still neben ihr, den Blick auf das schwarzgrüne Cypressenlaub zu ihren Häupten geheftet. Vor den Bergen drüben, die sich violett zu färben begannen, erschien dann und wann der weiße Rauch eines Dampfers oder das flatternde Segel einer Fischerbarke, während kreischende Möwen durch die sonnige Luft schossen.
      An dem Paar auf der Bank ging all die Schönheit und Heiterkeit des Frühlingsabends ungenossen vorüber.
      Dann kam die Katastrophe, hob sie wieder an, von der ich Ihnen schon gesagt habe. Er war fast noch tiefer dadurch getroffen als ich selbst, oder schien es wenigstens. Er hatte sich so auf den Knaben gefreut. Als er feine Hoffnung zerstört sah, verfiel er mehrere Tage lang in einen Trübsinn, der ihm sogar die Ausübung seines Berufs unmöglich machte. Nur für eins hatte er noch Sinn: mich zu trösten, um für mein Wiederaufleben nach der tödtlichen Erschütterung Sorge zu tragen.
      Als der Arzt mich dann in das Sanatorium schickte, konnte er sich kaum darein finden, mich nicht zu begleiten. Das Theater aber hielt ihn fest. Es war Ende Januar, eine neue Oper sollte einstudirt werden. Niemand konnte ihn vertreten. Aber obwohl er alle Hände voll zu thun hatte, schrieb er mir täglich Briefe, wie in seiner Bräutigamszeit. Ich war aber noch so zerstört in meiner ganzen Natur, daß diese zärtlichen Worte mich nicht anders berührten, als wie eine weiche Luft einen Fieberkranken.
      Dann, vor drei Wochen, fing es an; die Briefe wurden kürzer, nur Berichte über seine Arbeit, die durch ein Gastspiel d'Andrade's erheblich vermehrt wurde. Sie wissen, unsere Bühne kann sich mit denen der Großstädte nicht messen. Wenn ein berühmter Gast uns beehrt, müssen wir alle Kräfte anspannen, uns keine Schande zu machen. Diesmal half uns der Gast selbst, der ja die Gabe hat, selbst mittelmäßige Talente mit sich fortzureißen, daß sie ihr Bestes thun. Ludwig schrieb in hellem Entzücken, wie gut sich Alle hielten. Selbst jenes »Bild ohne Gnade«, die schöne Puppe, mit der er immer seine liebe Noth gehabt, jetzt auf einmal, schrieb er, habe sie ihr musikalisches Herz entdeckt. Es sei jammerschade, daß ich das nicht alles miterleben könne. Der Doctor aber wolle von meiner übereilten Rückkehr nichts hören, und meine Genesung sei denn doch noch wichtiger, als ein paar geglückte Aufführungen des Barbier und Don Juan.
      Ich gestehe Ihnen, auch mir waren sie zuerst sehr gleichgültig. Nur als Ludwig sich immer begeisterter über den großen Künstler ausließ, regte sich allmählich ein leiser Wunsch, der endlich zu einem unwiderstehlichen Verlangen anwuchs. Ich beschwor den guten, strengen Director, mich wenigstens auf zwei Tage zu entlassen, ich würde dann gehorsam zu ihm zurückkehren. Endlich – da die letzte Gastrolle, eine Wiederholung des Don Juan, bevorstand – gab er meinen Bitten nach. Um jeden Einspruch meines Mannes abzuschneiden, fragte ich nicht erst bei Ludwig an, ob auch er mir dies Intermezzo zwischen der langen Kur erlaube. Nur ehe ich in den Abendzug stieg, der mich nach Hause bringen sollte, schickte ich ein Telegramm mit der Ankündigung meiner Ankunft an ihn ab. Ich war so voll ungestümer Vorfreude auf das Wiedersehen, daß ich nicht daran dachte, ob die frohe Botschaft ihn nicht vielleicht aus dem ersten Schlaf wecken würde.
      Erst als ich am Ziele angekommen war, fiel mir aufs Herz, wie thöricht ich gewesen war. Es war vier Uhr Morgens, ein kalter Nebelwind strich durch die Stadt, nichts Lebendiges regte sich, kein Wagen war am Bahnhof, ich fand nur einen Packträger, der mein Handkofferchen mir nachtrug. Als ich an mein verschlossenes Haus kam – einen Hausschlüssel hatte ich nicht mitgenommen –, mußte ich eine gute Weile, vor Kälte schaudernd, an der Klingel ziehen, bis eines unserer Mädchen verschlafen herunterkam und mir öffnete. Sie erschrak, als sie mich erkannte, wie wenn ich aus dem Grabe gestiegen wäre. – Wann mein Telegramm angekommen sei? – Es sei überhaupt keins gekommen. – Ob der Herr schon lange zu Bett gegangen? – Vielleicht. Sie wisse es nicht. Er habe ihnen gesagt, sie sollten nicht auf ihn warten, sondern schlafen gehen. Er werde nach der Vorstellung mit den Theaterleuten im Hôtel zu Nacht essen, es sei eine Feier für den fremden Sänger. Er habe den Hausschlüssel mitgenommen.
      Mir war plötzlich alle Freude an der Überraschung vergangen. Das Herz lag mir schwer in der Brust, als ich die Treppe hinaufstieg, doch dämmerte noch keine Ahnung eines Unheils in mir auf. Ich schickte das Mädchen sogleich wieder zu Bett und nahm ihr nur das Licht aus der Hand. Leise auf den Zehen ging ich in das Wohnzimmer und horchte an der Thür nebenan, die in unser Schlafzimmer führte. Als ich auch von da heraus keinen Laut, keinen Athemzug vernahm, trat ich mit zitternden Knieen sacht hinein – das Bett war leer! – –
      *
      Sie hielt einen Augenblick inne. Die Erinnerung an jene schwere nächtliche Stunde versetzte ihr den Athem. Dann, sich bezwingend, warf sie den Kopf zurück, und ihre Stimme klang rauh und mühsam, als sie fortfuhr: Sie werden sich wundern, nicht wahr, daß ich das gleich so tragisch nahm. Was war auch dabei? Warum sollte selbst der tugendhafteste Ehemann nicht einmal eine Nacht durchzechen, ohne zu ahnen, daß seine junge Frau ungeduldig und sehnsüchtig in seine Arme geeilt ist? Der fremde Sänger war vielleicht an nächtliche Orgien gewöhnt. »Treibt der Champagner das Blut erst im Kreise« – wer denkt da an frühe oder späte Stunden!
      Aber nein, wie durch eine hellseherische Erleuchtung wußte ich, daß es anders zusammenhing. Ich kannte ihn ja auch, ich wußte, daß er kein Freund von langen Trinkgelagen war und sich in der lustigsten Gesellschaft nicht über Mitternacht festhalten ließ. Ein unsäglich bitteres Gefühl, halb Empörung, halb Ekel, überkam mich, daß ich auf einen Stuhl neben der Thür niedersank und regungslos in die Nacht hinaus und in mein jammervolles Herz hineinhorchte. Der wahre Grund seiner Nachtschwärmerei trat mir nicht von fern vor die Seele. Ich war nur überzeugt, daß es irgend etwas Niedriges, Gemeines war, was sich seiner bemächtigt hatte, was ihn mir plötzlich entfremdete. Diese oder jene kokette Frau, die ihm nicht ganz ungefährlich gewesen, fiel mir ein. Sie hatte vielleicht an der Ovation für den Sänger theilgenommen, die Gelegenheit benutzt, da sie ihn ohne die Nähe seiner jungen Frau wehrloser als sonst sich gegenüber sah – die abenteuerlichsten Romangedanken fuhren mir durch den Kopf, und immer schwächer wurden dazwischen die Bemühungen, sein Ausbleiben eine ganze Nacht hindurch einfach und unschuldig damit zu erklären, daß er vorgezogen habe, einen ungewohnten Rausch im Hôtel auszuschlafen.
      So saß ich, eine ganze endlose Stunde lang. Da endlich hörte ich unten die Hausthür aufschließen und darauf seinen Schritt die Treppe herauf und so vorsichtig, wie ein Dieb sich einschleicht, den Schlüssel in der Thür zur Wohnung umdrehen. Noch ein paar qualvolle Secunden – da trat er über die Schwelle des Schlafzimmers. Er sah mich nicht gleich, er starrte nur verwundert die brennende Kerze an, die ich auf den Tisch mitten im Zimmer gestellt hatte, dann mit der Miene eines Schlafwandlers, ganz bleich im Gesicht, drehte er sich langsam um, und jetzt, mit einem Ausruf des tödtlichsten Erschreckens: Du hier! Um Gottes willen, wie kommst du – wie lange bist du – so sprich doch – ist es denn möglich –
      Und während er das stammelte, näherte er sich mir langsam, und als ich keine Silbe hervorbrachte, beugte er sich zu mir herab und hob die Arme, wie um mich an sich zu ziehen, wie ein zärtlicher Ehemann seine Frau begrüßt nach langer Trennung – immer: Malwine – bist du's denn wirklich? flüsternd. Aber wie er mir so nahe kam, spürte ich einen Duft, der von seinem Gesicht, seinen Händen ausströmte, keinen Wein- oder Cigarrenduft – das Parfüm einer Frau!
      Ich stieß ihn mit beiden Händen zurück und schnellte vom Stuhle in die Höhe. Geh! sagt' ich, rühre mich nicht an! Ich weiß, von wem du kommst, ich habe nichts mehr mit dir gemein, von dieser Stunde an sind wir geschieden!
      Er fuhr zurück und strich sich mit der Hand über die Stirn und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Als er meinem eisigen Blick begegnete, fiel ihm der Kopf auf die Brust wie einem auf der That ertappten armen Sünder. So standen wir wohl fünf Minuten einander gegenüber.
      Der Abgrund zwischen uns war nur zwei Schritt breit. Aber kein Steg führte hinüber, und uns Beiden wollten keine Flügel wachsen.
      Malwine! sagte er endlich, höre mich an, du mußt mich anhören – ich will nichts entschuldigen, nichts beschönigen, aber wenn du bedenkst, wie Alles kam –
      Nichts will ich hören! unterbrach ich ihn. Ich habe kein Recht mehr auf dich, noch du auf mich. Wir sind für einander zwei Fremde. Wenn du noch einen Rest von Ritterlichkeit in dir hast, so verlässest du mich jetzt ohne noch ein Wort zu sagen, oder du erlebst, daß der ekelhafte Patschouliduft, der dich umgiebt und den ich nur zu gut kenne, mich wahnsinnig macht!
      Er hob wieder die Augen und sah mich mit einer solchen Jammermiene an, daß er mir vollends verächtlich erschien. Diesen Mann, der nicht einmal den Muth seines Verbrechens besaß, diesen armen Schwächling hatte ich geliebt! Ich kehrte mich ab und trat ans Fenster.
      Als ich nach einer Weile mich ins Zimmer zurückwandte, war es leer, er hatte sich hinausgeschlichen, denn er fühlte, es war alles aus zwischen uns.
      Sofort schloß ich die Thür hinter ihm und sank dann wieder auf den Stuhl; meine letzte Kraft war erschöpft. O nur schlafen, nur eine Stunde lang nichts von mir wissen! Was hätt' ich darum gegeben!
      Aber auch wenn mein gefoltertes, zertretenes Herz mich hätte ruhen lassen, er mißgönnte mir diese Wohlthat.
      Ich hörte, daß er dicht an der Thür stehen geblieben war und zu mir hereinhorchte. Nach einer Weile fing er zu sprechen an. Er hatte sich vom ersten Schrecken erholt. Was er mir ins Gesicht sich nicht zu sagen getraut, was ich nicht hatte hören wollen, jetzt zwang er mich, Alles noch einmal mit ihm durchzuleben. Wie der glänzend verlaufene Abend ihn schon vor dem nachfolgenden Fest in eine Art Rausch versetzt habe, das unsterbliche Werk ihn wie zum ersten Male bezaubert habe, dann das gesellige Nachspiel im Gasthof, wo der herrliche Sänger sie Alle durch den Vortrag spanischer und italienischer Romanzen in Entzücken versetzt habe – und beständig habe ihm vorgeschwebt, wie ich das würde genossen haben, darüber sei er endlich ganz traurig geworden, so daß Donna Anna – eben jene Schlange, deren Namen ich nicht nennen will – ihn geneckt und gescholten habe, wie er nur so ein kalter Fisch sein und selbst heute, wo sie sich selbst übertroffen, kein Wort der Bewunderung an sie wenden könne. Und um Mitternacht sei sie aufgebrochen und in große, natürlich nur gespielte Bestürzung gerathen, da ihr Mädchen sie im Stich gelassen. Was habe er thun können, als ihr seine Begleitung anbieten? Und dann, da er sie halb wie im Traum an seinem Arm geführt und sie sich in der rauhen Nacht immer dichter an ihn geschmiegt habe, dabei ihr Geplauder von ihrem verfehlten Leben und wie schwer sie es empfinde, daß er sie mit so offenbarer Kälte und Geringschätzung behandle – kurz, ihr Zustand habe ihn endlich wirklich gerührt, und als sie vor ihrem Hause ihm ein thränenüberströmtes Gesicht gezeigt, habe er's nicht übers Herz gebracht, sie ohne jeden Trost zu verlassen und – noch immer nur wie ein guter Freund – ihren Mund geküßt. Da habe sie plötzlich ihre Arme so leidenschaftlich um ihn geschlungen, daß ihm das Blut zum Herzen geströmt und alle Besinnung vergangen sei.
      Er sprach noch weiter. Ich brachte es aber nicht übers Herz, noch mehr zu hören. Ich war von meinem Stuhl aufgesprungen, hatte mich zum Bett hingeschleppt und lag darauf hingestreckt, den Kopf ins Kissen vergraben. Als ich nach einer Weile mich wieder aufrichtete, kam kein Laut mehr von nebenan. In dieser Grabesstille war mir zu Muth, als wäre alles Leben aus mir gewichen, oder als wäre ich nur noch ein armes Gespenst, das an den Ort zurückgekehrt sei, wo es einmal glücklich gewesen. Ich fühlte nicht einmal einen Schmerz, meine Augen waren trocken, meine Hände eiskalt. So, auf dem Bette sitzend, erwartete ich den Morgen.
      Er schlich langsam heran. Die Kerze war herabgebrannt und erlosch. Auf der Straße draußen hörte ich den ersten Wagen rollen. Da überfiel mich eine so tiefe Erschöpfung, daß ich auf das Kissen zurücksank und fest einschlief.
      Als ich erwachte, war's heller Tag. Ich sah nach der Uhr – Elf! Um diese Zeit mußte er im Theater sein, bei der Probe. Aber wenn er heute nicht hingegangen wäre? – Ich zitterte vor dem Gedanken. Ich war entschlossen, nie mehr ein Wort mit ihm zu sprechen.
      Auf mein Klingeln kam das Mädchen herein. Der Herr sei fortgegangen und habe befohlen, mich nicht zu stören. Ich sei von der Reise ermüdet und werde hoffentlich bis an den Mittag schlafen. – Der Herr habe vergessen, sagt' ich, daß ich noch vor Zwölf weiterreisen müsse. Ich solle ja eine Nachkur im Süden durchmachen und mich zu Hause um keinen Preis aufhalten. Daran solle sie den Herrn erinnern, wenn er von der Probe zu Tisch nach Hause komme.
      Sie sah mich groß an, doch ließ ich mich auf nichts weiter ein, warf noch ein paar nöthige Sachen in meinen Handkoffer und ließ eine Droschke holen. Erst als ich im Coupé der Eisenbahn saß und der Zug sich in Bewegung setzte, lös'te sich der Starrkrampf in meiner Seele. Ich brach in Thränen aus. Ich hatte ihn doch einmal geliebt, und wie sehr!
      So bin ich ohne Aufenthalt hierher gereis't. Eine Dame meiner Bekanntschaft hatte einen Winter in Gardone zugebracht und mir viel davon erzählt. Dahin wollte ich zunächst. Das große Haus und die vielen eleganten Menschen schreckten mich aber zurück. Da habe ich mich nach Salò geflüchtet, und nun mußte ich hier Ihnen begegnen und an Alles erinnert werden, was ich so leidenschaftlich gern vergessen möchte!
      *
      Er legte seine Hand wieder leise auf die ihre und sagte: Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, liebe Freundin. Ich werde mich bemühen, es zu verdienen. Und glauben Sie nicht, wenn ich die Partei meines unglücklichen Freundes nehme, ich begriffe nicht vollkommen Ihr Gefühl, die Berechtigung Ihrer Stimmung gegen ihn. Nur müssen Sie auch ihm gerecht zu werden suchen. Denn daß er, was Sie sein Verbrechen nennen – auch ich nenne es so – daß er selbst das ganz so schwer nimmt wie Sie, sollte Ihnen schon als Milderungsgrund gelten. Ein anderer, nicht so edler Mensch hätte überhaupt eine so rückhaltlose Beichte nicht abgelegt, hätte irgend eine Ausflucht gebraucht, sein spätes Heimkommen zu erklären – es lag ja so nah – er konnte vom Wein eingeschläfert worden sein und ein paar Stunden im Hôtel geschlafen haben, oder sonst etwas. Ludwig aber – ich kenne ihn so genau –, ich weiß, was für eine 
      anima candida er ist, zumal den Frauen gegenüber, die ihn doch so sehr verwöhnt haben. Und Sie wissen, daß die Männer über gewisse Vergehungen anders denken als Ihr Geschlecht, ich meine die Guten Ihres Geschlechts. Denn die Schlimmen sind ärger als wir. Einer gemeinen Liebschaft ist er nie fähig gewesen.
      Sie blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen herausfordernd an. Wie? sagte sie, und dieses Abenteuer mit einer Person, die er so gering schätzte, deren Charakter er so richtig beurtheilte? O wenn es eine Andere gewesen wäre, keine seiner so ganz Unwürdige, wenn eine dämonische Leidenschaft ihn erfaßt hätte, es giebt ja so etwas wie Bezauberung – freilich, in den Folgen wäre es dasselbe gewesen, mich aber hätte es nicht so tief erniedrigt, wie jetzt, wo ich einer – einer Dirne geopfert worden bin!
      Sie zog ihr Mäntelchen um die Schultern und machte Miene, das Gespräch abzubrechen. Er hielt sie am Arm zurück.
      Auch dann, sagte er, hätte er sich durch diesen einen Fehltritt nicht für alle Zeiten aus der Liste der Ehrenmänner gestrichen. Eine gute Frau wird das freilich nie ganz verstehen, daß für viele Männer, die sich ohne Liebe zu einem gefälligen Weibe herablassen, das nicht mehr bedeutet, als wenn sie vom Durst geplagt einen Trunk thun aus einem nicht ganz reinen Glase. Es entadelt sie das nicht in gleicher Weise, wie eine Frau, die sich bloß durch ihre Sinne dazu fortreißen ließe, sich einem Unwürdigen hinzugeben. Das hängt eben mit geheimnißvollen Naturgesetzen und sehr weisen Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. In Ludwig's Fall aber – davon bin ich fest überzeugt – war's nicht einmal der brutale Zwang des Blutes, der ihn in das Netz jener Dame lockte. Nein, wie ich ihn kenne, kam vieles ganz Andere zusammen, ihn seiner Treuepflicht vergessen zu machen: die Erregung durch so viel Kunstgenüsse, der Wein, der ihn stets in eine Art Traumstimmung bringt, und endlich das Gefühl der Ritterlichkeit, das schon manchen guten Gesellen fast wider Willen einer Verführerin preisgegeben hat.
      Ritterlichkeit? Sie wollen meiner spotten!
      In allem Ernst, liebe Frau: es giebt für einen loyalen, nicht sehr erfahrenen Menschen kein peinlicheres Gefühl, als einem Weibe, das sich ihm in die Arme wirft, sagen zu sollen, daß man für ihre Zärtlichkeit danke, da man sie nicht erwidere. Man weiß, das ist das Kränkendste, was man einem schwachen Wesen zufügen kann, da man zugleich das hingebende Herz und die Eitelkeit der Zurückgewiesenen tödtlich verwundet, und das Beispiel der Frau Potiphar lehrt ja auch, daß in solchem Falle Weiber zu Hyänen zu werden pflegen. Stellen Sie sich Ludwig vor in jener Nacht, wie er das Weib, das er immer schlecht behandelt hatte, in Thränen sich gegenüber sah und dazu alles Übrige, was seine Sinne in Aufruhr gebracht hatte, und Sie werden zugeben, daß ein so weicher Mensch, wie er, dem erliegen mußte, was ich 
      die Macht der Stunde nenne, einer Stunde, in der sich Himmel und Hölle verschwören, einen armen, am Abgrunde hinschwankenden Menschen zu Fall zu bringen.
      Sie sah düster vor sich hin. Mit einem bitteren Rümpfen der Lippe sagte sie nach einer Weile: So gäbe es denn eine Entschuldigung für jede Missethat? Keinen Schutz für die Heiligkeit der Ehe gegen »die Macht der Stunde«, und einer listigen Teufelin dürfte es ohne weiteres gelingen, durch eine rührende Komödienscene jeden weichherzigen Mann seiner Pflicht abtrünnig zu machen? Sie selbst, der Sie ihn so warm vertheidigen, Sie wären gleich ihm – nein, nach Allem, was er mir von Ihrer Ehe erzählt hat, traue ich Ihnen nicht die gleiche sittliche Schwäche zu. Sie würden es wohl verstanden haben, sich der vermeintlichen Ritterpflicht zu entziehen und Ihrer geliebten Frau die Treue zu wahren.
      Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, versetzte er mit einem eigenthümlich schwermüthigen Lächeln. Aber ich vermag von mir selbst nicht so gut zu denken. Daß ich nicht in eine ähnliche Versuchung geführt wurde, kann ich mir nicht zum Verdienst anrechnen. Im Übrigen habe ich leider, obwohl ich mir nichts zu Schulden kommen ließ, was ein Ehegericht verdammen müßte, an meiner armen Frau mich schwerer versündigt, als Ihr Mann an Ihnen.
      Ja, fuhr er fort, da sie ihn betroffen ansah, diese Frau, die eine der edelsten und liebevollsten ihres Geschlechts war, hatte Ursache, sich ganz anders über mich zu beklagen, als wenn mich eine flüchtige Verirrung der Sinne ein einziges Mal ihr entfremdet hätte. Durch all die neun Jahre, die ich sie besessen habe, bin ich neben ihr hingegangen, als wäre ich ihr für die grenzenlose Hingebung, die sie mir widmete, nicht eine entsprechende Gegengabe schuldig gewesen. Sie war dreizehn Jahre jünger als ich, im Hause ihrer Eltern, deren Arzt ich war, hatte ich sie als ganz jungen Backfisch kennen gelernt, und da sie hübsch und verständig und wohlerzogen war, fiel mir eines Tages ein, sie wäre wohl die rechte Frau für mich, da ich wußte, wie sehr sie mich verehrte, ein wie gutes, aufopferndes Kind sie ihrer kranken Mutter gewesen war. Und ich brauchte eine Frau, die keine großen Ansprüche an mich machte, nicht vergnügungssüchtig oder kokett war, zufrieden mit dem Pflichttheil an Zärtlichkeit, das ein vielbeschäftigter Arzt für seine Lebensgefährtin übrig hat. So heirathete ich sie ohne die Illusion einer besonderen Liebe oder gar Leidenschaft, und wir lebten so gut miteinander, wie man von einer sogenannten Vernunftehe nur verlangen kann. Da sie nie klagte und immer ein holdes, liebenswürdiges Gesicht zeigte, dachte ich, auch sie fasse unser Verhältniß als ein behaglich vernünftiges auf, und bei ihrer, wie ich meinte, kühlen Natur sei sie auch gegen alle leidenschaftlichen Ansprüche auf Liebesglück gesichert.
      Ich selbst hatte ein heißeres Naturell, und nur mein Beruf schützte mich vor Verletzungen der ehelichen Treue. Das wird Ihnen sonderbar scheinen, da die meisten meiner Collegen nur allzu geneigt sind, der Macht der Stunde zu gehorchen und den vielfachen Versuchungen, denen sie schwachen oder koketten Patientinnen gegenüber ausgesetzt sind, zu erliegen. Ich aber, sobald ich eine ärztliche Pflicht auszuüben hatte, war der Sklave meines Berufs, und wie jene Römerin sagte: ein Sclave ist kein Mann. Wissenschaft und Liebe vertrugen sich in mir nicht miteinander. Ich bedurfte gar keines Aufwandes von tugendhaften Grundsätzen, um den mancherlei Schlingen, die mir gelegt wurden, unversehrt zu entgehen.
      Dann – Ludwig wird Ihnen wohl erzählt haben, daß meine arme Frau schwer erkrankte, an einem inneren Leiden, das in der Regel durch einen operativen Eingriff gehoben wird. Der eigene Gatte pflegt in solchen Fällen seiner Einsicht zu mißtrauen, auch ich zog ein paar meiner älteren Collegen zu Rathe, die mir an Erfahrung überlegen waren, Sie widerriethen die Operation, die vielleicht das Leben in Gefahr gebracht hätte. Auch eine dritte Autorität, die ich consultirte, gab ihnen recht, und ich, obwohl ich fast überzeugt war, meine Frau sei nur so zu retten, war feige und kleinmüthig genug, das Richtige zu unterlassen. Und so habe ich sie sterben lassen, und erst nach ihrem Tode erkannt, daß sie durch ein ungefährliches Wagniß mir hätte können erhalten bleiben.
      Ihre Standhaftigkeit, ihr sanfter Heldenmuth in der letzten Zeit hatte sie mir theurer gemacht als je zuvor. Und wie erschütterte mich vollends der Einblick in ihr Gemüth, den ich durch ihr Tagebuch gewann, das die rührendsten Klagen über meinen Kaltsinn und dazwischen Äußerungen der leidenschaftlichsten Liebe enthielt, bei aller Demuth und Ergebenheit ihres Wesens durch ihren weiblichen Stolz zurückgehalten, der sie nicht betteln ließ um etwas, was ihr freiwillig nicht geboten wurde!
      O liebe Frau, wie ich mir da als ein Verbrecher erschien, der nie auf Begnadigung hoffen darf! Ich will Sie mit der Schilderung meines zerstörten, verzweifelten Zustandes verschonen. Zugleich war mir mein Beruf verleidet, ich war ein Mörder geworden an dem theuersten Wesen durch eine unselige Verblendung, wie sollte ich in Zukunft meiner Kraft und meinem Wissen vertrauen! Und dazu fortleben in den Räumen, in denen mein verkanntes, hingeopfertes Glück geathmet hatte – das ging über Menschenkraft.
      Ich lös'te Alles auf und flüchtete hierher, wo ich nun seit fünf Jahren die langsame, aber sichere Heilkraft der Zeit an mir erfahren habe. Selbst meine ärztliche Praxis habe ich wieder aufgenommen, sehr bescheiden, ohne ein Schild an meiner Thür, und nur weil ich mir zutraue, der leidenden Menschheit doch vielleicht nützlicher sein zu können, als so viele Pfuscher meiner Zunft mit großen Namen und noch größeren Honoraren. Wenn ich irre, irre ich wenigstens gratis. Und so habe ich nach und nach das verlorene Gleichgewicht wiedergewonnen, und selbst die unauslöschlichen Erinnerungen können es nicht mehr von Grund aus erschüttern.
      *
      Er stand auf, lüftete den breiten schwarzen Filzhut und strich sich über das Haar. Es ist schwül geworden, und wir haben uns noch dazu heiß geplaudert. Sehen Sie die dunkle Wolke dort über dem Höhenrand? Wir haben ein 
      temporaletto zu erwarten, hoffentlich einen ausgiebigen Regen. Dann werden Sie staunen, wie über Nacht die noch dünnen Kastanienzweige sich dicht belauben. Ja, über Nacht kommt hier Manches zur Entfaltung, was droben in der kühleren Zone lange Zeit gebraucht hätte. Ich begleite Sie nicht nach Hause, da ich noch in Gardone einen Besuch zu machen habe. Aber wir trennen uns als gute Freunde, nicht wahr? Und Sie denken nicht mehr daran, vor mir die Flucht zu ergreifen?
      Wenn Sie mir versprechen, auf das, was ich Ihnen anvertraut habe, nicht zurückzukommen und keine Heilversuche mit mir anzustellen –
      Meine Hand darauf! sagte er und bot sie ihr, die sie mit leichtem Druck ergriff. Sie wissen, welchen Respect ich vor jener größten Heilkünstlerin habe, der unsereins nicht ins Handwerk pfuschen soll. Nur Ihrer Nerven werde ich mich doch wohl ein wenig annehmen dürfen.
      Er nickte ihr freundlich zu und schlug, das Gäßchen verlassend, den Weg nach Gardone ein. Als sie ein paar Augenblicke später sich ebenfalls erhob und auf die offene Straße hinaustrat, sah sie die hohe, breitschulterige Gestalt mit jugendlicher Raschheit dahinschreiten, den Hut in der Hand, und plötzlich sich umwenden, und da er sie stehen und ihm nachblicken sah, sich leicht verneigen und ihr mit der Hand einen Gruß zuwinken. Sie erröthete ein wenig und kehrte sich ab, um nach Salò zurückzukehren. Zum ersten Male aber seit jener Nacht fühlte sie wieder etwas Wärme an ihrem Herzen, das ihr bis dahin wie ein Eisklumpen in der Brust gelegen hatte. –
      Noch am Abend ging das Gewitter nieder, und die Nacht brachte einen Stromregen, der die zögernden Frühlingsblüten auf einen Schlag hervorlockte. Der Garten des Hôtel Salò stand am Morgen im schönsten Flor, eine sanfte, balsamische Luft spielte um die Palmen und Agaven und bewegte die Wimpel der kleinen Barken, die sich leise an ihren Ketten schaukelten. Als der Doctor um die Mittagsstunde kam, fand er die junge Frau in einem Amerikaner liegen, wo nach ein paar verträumten, versonnenen Stunden ein leichter Schlaf sie übermannt hatte. Er betrachtete sie eine Weile mit herzlichem Wohlgefallen an den schönen, kraftvollen Zügen, den breiten Augenlidern und dem weichgeschwellten, nur etwas zu blassen Munde. Das rothe Sonnenschirmchen, das halb über die hohe Lehne zurückgesunken war, übergoß das Gesicht mit einem warmen Schimmer, eine Strähne ihres leichtgewellten Haars hing ihr über Stirn und Schläfe herab, die feinen dunklen Brauen zogen sich zusammen wie in einem ängstlichen Traum, und die Brust athmete schwer. Er konnte sich nicht entschließen, sie zu wecken. Da klang oben auf der Terrasse die Tischglocke, und die Schläferin fuhr verwirrt in die Höhe. Sie habe die Nacht schlaflos zugebracht und sei nun von der stillen, milden Sonne eingelullt worden. – Um so besser! sagte er. Wir haben kein wirksameres Medicament in unseren Apotheken, als solch einen Sonnenschlaf, und brauchen die Dosen nicht ängstlich abzumessen. Den Nachtschlaf macht dies Mittel freilich nicht entbehrlich.
      Bei Tische saßen sie nebeneinander, kein leerer Stuhl mehr zwischen ihnen. Er plauderte heiter von gleichgültigen Dingen, sie freilich schien zuweilen kaum darauf zu hören. Als er sie dann nach der Behandlung in ihrem Sanatorium fragte, mußte sie wohl Rede stehen. Doch geschah es einsilbig und ohne jedes Interesse an dem, was sie sagte. Er sah wohl, daß sie noch ganz im Bann ihres Schicksals stand.
      Eine Stunde nach dem Essen klopfte das Mädchen an ihre Thür. Der Herr Doctor halte mit einem Wägelchen am Hause und lasse die Signora fragen, ob sie eine Spazierfahrt mit ihm machen wolle.
      Im ersten Augenblick wollte sie Nein sagen, sie überlegte aber, daß sie keine triftige Entschuldigung hätte, denn den Wunsch, sich in ihren hoffnungslosen Gram zu versenken, hätte er nicht gelten lassen. So nickte sie nur, setzte rasch ihr schwarzes Hütchen mit den kleinen grauen Straußenfedern auf und folgte dem Mädchen durch den Corridor nach der hinteren Thür des Hauses, an der die Landstraße vorbeiführt.
      Ich muß Ihnen doch ein wenig die Honneurs meines Sees machen, rief ihr der Freund entgegen, der sie neben dem leichten Einspänner erwartete. Er präsentirt sich gerade heute, nachdem den Ufern aller Staub abgewaschen worden ist, im höchsten Glanz, und man hat nicht Augen genug, all die Herrlichkeit zu genießen. Aber Sie scheinen noch unschlüssig, ob Sie sich diesem etwas schwanken Gestell anvertrauen sollen. Oder macht Sie meine Gesellschaft bedenklich? Fürchten Sie, daß darüber geschwatzt werden möchte, wenn wir uns zusammen ein schönes Stück Erde besehen? Sie wissen ja, ein Doctor ist kein Mann, und vollends einer mit grauen Haaren –
      O, sagte sie ruhig, ich fühle mich dem Urtheil der Welt gegenüber vollkommen frei und Niemand mehr Rechenschaft schuldig über mein Thun und Lassen. Es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie meinen Cicerone machen wollen, obgleich ich keine heitere Gesellschaft bin.
      Er hob sie in den Wagen, rief dem Kutscher ein paar italienische Worte zu, und das leichte Gefährt saus'te von dannen.
      Sie sind noch zu angegriffen, um weite Fußwanderungen machen zu dürfen, sagte er. Im Garten auf und ab schlendern, im Amerikaner sich strecken und ein paar Stunden in dieser stärkenden Lust herumkutschieren – ich stehe Ihnen dafür, daß Sie schon nach acht Tagen, wenn Sie sich im Spiegel sehen, sich wundern werden, wie viel röther Ihre Lippen und wie viel glänzender Ihre Augen geworden sind. Und lassen Sie uns den Pact machen, daß wir nur miteinander sprechen wollen, wenn wir uns wirklich etwas zu sagen haben. Nichts ermüdet mehr, als eine leere Unterhaltung, bloß um nicht zu schweigen. Und vollends diesen paradiesischen Gefilden gegenüber thut der geistreichste Mensch gut daran, sich auf dann und wann hervorbrechende Naturlaute zu beschränken.
      Sie fuhren die breite Straße nach Tormini hinauf, wo bei jeder Windung ein neuer Blick auf den See hinab sich öffnet. Rechts und links um die kleinen verwitterten Häuser mit schwarzen Dächern standen die Rebengärten im ersten Aufgrünen, hie und da ein Mandelbäumchen in zarter Blüthe, dahinter die grauen Olivenhalden. Je höher sie kamen, desto herrlicher breitete sich das schluchtenreiche Chiesethal um sie her, desto erhabener ragte in der Ferne der noch weißschimmernde breite Gipfel des Monte Baldo über der leuchtend blauen Tiefe des Sees. Ihren Pact hielten sie getreulich. Nur die Namen der kleinen Dörfer, durch die sie fuhren, nannte er ihr, und oben, als sie die Stelle erreichten, wo die Dampftrambahn nach Brescia die Fahrstraße kreuzt, fragte er, ob sie durstig sei. Man könne in dem Stationshause von Tormini ein trinkbares Glas Wein erhalten.
      Sie schüttelte den Kopf. Sie sei schon berauscht von der starken Märzluft, der Sonne und allem Zauber dieser südlichen Welt. Er selbst aber trank etwas rothen Wein und gab dem Kutscher, einem treuherzigen Menschen, der seinen Gaul zuweilen mit drolligen Reden antrieb, den Rest der Flasche. Dann fuhren sie zum Kirchlein von San Pietro hinüber und durch zwei, drei kleine schwärzliche Nester langsam in weitem Umkreise wieder hinab, als die Berge am östlichen Ufer sich schon violett zu färben begannen. Denn in und vor der Kirche droben hatten sie über eine Stunde gerastet. Es war schwer gewesen, sich von der ätherklaren, weithin die Thäler und Höhen beherrschenden Stätte zu trennen.
      So! sagte er, als er sie vor der Thür des Gasthofs wieder aus dem Wagen hob, nun werden Sie die nächste Nacht besser schlafen als die vorige. Morgen, anderthalb Stunden vor Tische, komme ich mit einem anderen Hausmittel für verstörte Nerven, das auch in freier Luft angewendet werden kann. Davon verrath' ich aber heute noch nichts. 
      Felice notte!
      Er schüttelte ihr kräftig die Hand und ging seiner einsamen Wohnung zu.
      *
      Wieder traf er sie am anderen Tag im Garten, in der halbrunden Laube aus Bambusrohr, die ein leichtes Sonnengeflimmer hereinließ. Denn auf den vollbesonnten Gartenwegen war es schon zu warm.
      Er hatte ein Schachbrett unterm Arm, das stellte er auf den steinernen Tisch in der Mitte und rückte einen Sessel heran.
      Sie brauchen mir kein Bulletin über Ihre Nachtruhe zu geben, rief er. Ich sehe schon an Ihren Augen, daß Sie ganze acht Stunden geschlafen haben. Bravo! Aber werfen Sie Ihr kunstreiches Gestichel beiseite, das kurwidrig ist. Ich bringe Ihnen einen viel zweckmäßigeren Zeitvertreib, der vielleicht den Kopf etwas mehr angreift, aber Blut und Nerven beruhigt. Kennen Sie das Spiel? Nun, so muß ich Sie eben in die Lehre nehmen. Wer weiß, welches Talent in Ihnen schlummert, daß Sie dem Lehrmeister bald über den Kopf wachsen. Übrigens kein großes Kunststück. Denn mit einem der wirklichen Meister könnt' ich mich nicht messen.
      Sie vertieften sich in die Lection dergestalt, daß sie das Spiel nur widerwillig aufgaben, als zum Essen geläutet wurde. Nachmittags hielt der kleine Wagen wieder am Hause, doch war das alte geflickte Schirmleder durch ein neues ersetzt und die Räder blank gewaschen. Francesco erklärte mit einer Verbeugung gegen die junge Frau, er habe seinem Herrn gesagt, für eine so schöne Dame sei das Wägelchen doch zu schäbig. Das übersetzte der Doctor lachend seiner Begleiterin, als sie wieder auf der Landstraße dahinrollten. Sie haben eine Eroberung gemacht, sagte er. Der gute Bursch – sehen Sie nur, er hat nicht nur den Wagen herausgeputzt, sondern auch seine eigene werthe Person. Das Volk hier hat einen lebhaften Sinn für alles Schöne.
      Sie hörte das ohne das geringste Lächeln oder Erröthen und sah zerstreut auf den See hinaus. Noch fand nichts Heiteres, was von Menschen kam, Eingang in ihr verstörtes Gemüth.
      Die Magie dieser einzig schönen Ufer wirkte aber auch auf ihre Seele, als sie, heute nach der anderen Seite, hoch über der Fläche des Sees an einem der kleinen Orte nach dem anderen hinfuhren, Gardone, Fasano, Maderno, Toscolano erreichten, endlich Gargnano, wo der Doctor halten ließ. Er geleitete seine Gefährtin in das Gärtchen des sauberen Gasthofs am See, wo er sie unter Lorbeer- und Granatbäumen bei ihrem Thee zurückließ. Ich beurlaube mich für eine kurze Stunde, liebe Freundin. In einem der alten Höfe habe ich genau heute vorm Jahr eine kleine Aquarellstudie angefangen, an der ich nun, da wieder dieselbe Beleuchtung ist, noch ein paar Pinselstriche machen möchte. Sie werden sich nicht langweilen indessen. Die Wirthin ist eine kluge, muntere Frau, und eben kommt sie zu Ihnen heraus.
      Als er nach weniger als einer Stunde zurückkehrte, fand er Frau Malwine allein, das Kinn in die Hand gestützt, die Augen auf die blaue Seefläche geheftet. Er sah sogleich, daß sie geweint hatte; das Gespräch mit der Wirthin schien sie aufgeregt zu haben, doch hütete er sich, davon Notiz zu nehmen, und da sie sich faßte und nach seiner Studie fragte, öffnete er das Farbenkästchen, in dessen Deckel das kleine Bild eingefügt war, und freute sich sichtbar, daß sie die noch immer skizzenhafte, aber sehr talentvolle Arbeit höchlich bewunderte.
      Das bischen Pfuscherei, sagte er, macht mir unendliches Vergnügen. Sie glauben nicht, wie anders man so ein Stück Wirklichkeit genießt, wenn man ihm seine intimen Reize abzustehlen sucht. Ich habe das von früh an getrieben und während meiner angestrengten Praxis mich oft danach gesehnt. Nun, was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Doch jetzt, wo ich mich nach Herzenslust den lieben langen Tag damit »dilettiren« könnte, merke ich freilich, daß ich zu wenig gelernt habe und ein zu geringes Talent besitze, um es noch auf eigene Hand zu einem richtigen Künstler zu bringen.
      Er ging dann ins Haus, die kleine Zeche zu berichtigen. Das hatte sie selbst schon gethan. Von der Wirthin erfuhr er aber, daß die schöne junge Dame, als sie mit ihr von Ehesachen zu reden angefangen, im Glauben, sie sei eine heimliche Verlobte des Doctors, plötzlich sehr traurige Augen bekommen und das Gespräch abgebrochen habe.
      Sie ist nicht glücklich, sagte der Arzt, dazu von zarter Gesundheit. Ich hoffe aber, sie zu kurieren.
      Sie sollten sie heirathen, Herr Doctor. Das wäre die beste Kur, und Sie selbst könnten eine so liebe Frau brauchen.
      Wo denken Sie hin! Sie ist nicht mehr frei. Und auch wenn sie's wäre – ich alter Knabe –
      
      Chè chè! machte sie. Das bischen Staub auf Ihrem dicken Haar! Sie könnten Ihre Augen noch auf die Jüngste werfen.
      Er zuckte die Achseln und ging, Frau Malwine zur Rückkehr abzurufen. In dem raschen Wägelchen dicht neben ihr mußte er beständig an die Worte der Wirthin denken. Jawohl, jetzt an der Seite einer geliebten Frau, 
      dieser Frau – das Leben finge noch einmal für ihn an. Aber »weg du Traum, so Gold du bist!« Er that sich Gewalt an, wieder heiter zu werden, und die herrliche Scenerie, die schönste und mannichfaltigste an dem ganzen See, brachte ihn bald über die melancholische Anwandlung hinaus. Ja, er wurde gesprächiger als gestern und ließ es nicht bei bloßen »Naturlauten« des Entzückens bewenden.
      Zuweilen mußte der Kutscher halten, wenn das scharfe Auge des Doctors am Wegrande eine seltene frühe Blume entdeckt hatte, die er nothwendig pflücken mußte, um sie feiner Begleiterin auf den Schooß zu legen. Als sie vor ihrem Hôtel anlangten, hatte sie einen großen bunten Strauß in Händen und wußte von jeder Blüte den Namen.
      *
      So vergingen den Beiden auch die folgenden Tage.
      Wenn am Nachmittag Francesco's Wägelchen nicht am Hôtel vorfuhr, war's nur, weil der Doctor den Schiffer des Hauses bestellt hatte, mit der Barke unten an der Wassertreppe auf ihn und die junge Frau zu warten. Sie ruderten dann entweder die Bucht hinunter, wo die Stadt mit ihren zwei Kirchen und den blühenden Gärtchen vor den alten Häusern sich besonders malerisch ausnahm, zum Friedhof hinüber an der langen, ernsthaften Cypressenreihe hin, die den Frieden der Todten wie feierliche Schildwachen behüten, oder weit hinaus zum Cap Manerba und der Garda-Insel mit ihrem hoch aufgebauten Schloß und den Grotten am Strande, in die der See mit kristallklaren Wellen eindringt. Bei diesen Fahrten war der Doctor besonders gesprächig aufgelegt, erzählte von dem genügsam-dürftigen Leben der Fischer, das er als ärztlicher Nothhelfer gründlich kennen gelernt, und versank dazwischen in ein tiefsinniges Studium des wechselnden Farbenspiels, zuweilen in drollige Klagen ausbrechend, daß einem Aquarellstümper dergleichen nachzubilden versagt sei.
      Die junge Frau ließ dies alles geschehen, als berühre, was sie sah und hörte, nur ihre äußeren Sinne. Nur selten richtete sie eine Frage an ihren Begleiter, aber ihr Händedruck, wenn er sich nach einer solchen Excursion von ihr verabschiedete, sagte ihm, daß er seine treue Bemühung nicht an eine Undankbare verschwendete. Auch blühte wieder ein leichtes Roth in ihren Wangen auf, und ihr Mund verlernte jenes böse Zucken, das auf eine bittere Regung der Seele deutete.
      Allen im Hause fiel die Veränderung auf. Signora Triaca, die Frau des alten Hausherrn, beglückwünschte den Doctor zu den Erfolgen seiner Behandlung. Er zuckte die Achseln. 
      Lasciar tempo al tempo! sagte er. Wir sind noch nicht über den Berg.
      Er hatte ihnen nur gesagt, daß es sich um eine schwere Nervenkrankheit handle, von der die junge Frau eines seiner Freunde sich hier in der Stille dieses südlichen Frühlings erholen solle.
      Etwa am zehnten Tage nach ihrer Ankunft, als Frau Malwine zu der gewohnten Schachpartie in die Bambuslaube kam, sah sie auf dem Steintisch, neben dem der Freund schon Platz genommen, um die Figuren aufzustellen, einen Brief liegen. Eine tiefe Röthe schoß ihr ins Gesicht. Sie brachte kaum den Morgengruß über die Lippen und blieb regungslos neben dem Sessel stehen, die Augen auf den Kies des Gartenweges geheftet.
      Da ist ein Brief von Ludwig, sagte er gleichmüthig, indem er fortfuhr, das Spiel zu ordnen. Er hat ihn in einen an mich eingeschlossen, wohl um sicher zu sein, daß er auch wirklich in Ihre Hände gelangt. Wollen Sie ihn nicht erst lesen?
      Sie blieb noch eine Weile sprachlos. Was hat er Ihnen geschrieben? brachte sie endlich mühsam hervor.
      O, nichts von dem, was zwischen Ihnen vorgefallen. Nur, daß er froh sei, Sie in meiner Obhut zu wissen, da Sie ärztlichen Raths noch sehr bedürftig seien. Er könne ja leider noch nicht abkommen, um selbst für Sie zu sorgen. Was mich nur wundert, ist, wie er Ihren Aufenthalt erfahren hat? Sie waren ja entschlossen, kein Wort an ihn zu richten.
      Sie erröthete noch tiefer.
      Ich habe eine Unbesonnenheit begangen. Da ich auf ein so warmes Klima nicht eingerichtet war und in besinnungsloser Eile abreis'te, bin ich mit Kleidern, wie ich sie hier brauche, nicht versehen. Ich habe daher an mein Mädchen geschrieben und sie angewiesen, was mir nöthig ist, in einen Koffer zu packen und mir nachzuschicken. Ich konnte, ohne daß es ihr aufgefallen wäre, sie nicht dazu verpflichten, gegen den Herrn nichts davon zu erwähnen. So hat er meine Adresse erfahren. Aber es ist gleichgültig. Das Theater wird erst in acht Wochen geschlossen, und Niemand kann ihn ersetzen. Wenn er endlich frei ist, werde ich längst einen anderen Zufluchtsort gefunden haben.
      Hm! Nun, wie Sie wollen. Ich habe Ihnen gelobt, von dieser Sache mit Ihnen nicht mehr zu reden. Hoffentlich sind Sie dann auch physisch so weit wiederhergestellt, daß Sie Flügel der Morgenröthe nehmen und ans äußerste Meer flüchten können, ohne daß es Ihrer Gesundheit schadet. Wollen wir nun unsere gestern unterbrochene Partie zu Ende spielen oder eine neue anfangen?
      Sie überhörte die Frage. Werden Sie ihm antworten? sagte sie und ihre Stimme verrieth ihre heftige Bewegung. Was werden Sie ihm sagen?
      Natürlich kein Wort von dem bewußten Abgrund zwischen Ihnen, in den ja auch er mich nicht hat hineinblicken lassen. Nur daß Sie sich zu meiner Freude sichtbar erholen, denn das thun Sie ja gottlob! und daß ich glücklich bin, seiner liebenswürdigen Frau meine geringen Dienste als Fremdenführer widmen zu können. – Aber wollen Sie Ihren Brief nicht lesen?
      Er reichte ihn ihr hin, sie nahm ihn mit zwei zitternden Fingern, hielt ihn ein paar Augenblicke in der Hand und riß ihn dann uneröffnet mitten durch. Ihr Gesicht war wieder todtenblaß geworden, die Augen flackerten mit einem irren Glanz, als sie den Brief langsam in kleine Fetzen zerpflückte, die sie zu Boden fallen ließ. Dann sagte sie nur: Ich kann heute nicht spielen und möchte auch Nachmittags allein bleiben. Morgen wird mir hoffentlich besser sein.
      Sie grüßte ihn mit einem zerstreuten Blick und verließ ihn. Er sah ihr nach, bis sie droben im Hause verschwand. O, o! machte er. Sind wir noch nicht weiter? Das wird noch ein hartes Stück Arbeit sein! Armes Weib!
      *
      Am anderen Tage kam sie ihm mit einer Befangenheit entgegen, zugleich mit einem herzlicheren Blick und Ton, die deutlich erkennen ließen, daß sie den Eindruck jener heftigen Scene zu verwischen wünschte. Sie brachte ihm ein Tüchlein von weißer Seide, in dessen Ecken sie kleine Arabesken gestickt hatte. Er sollte es auf windigen Fahrten um den Hals schlingen, da er ihr gesagt hatte, daß er in der rauhen Jahreszeit sich leicht zu erkälten pflege. Er hatte eine große Freude an dem Geschenk und küßte ihr zum ersten Male die schöne weiche Hand, die sich für ihn bemüht hatte. Dann saßen sie einsilbiger als sonst bei Tische nebeneinander.
      Es war ein Regentag, dem noch mehrere folgten. Der April mit seinen Wetterlaunen machte sich auch hier unten fühlbar. Da an Spazierfahrten zu Wasser oder zu Lande nicht zu denken war, verbrachten sie die langen grauen Nachmittagsstunden am Schachbrett, und die junge Frau zeigte sich als eine so gelehrige Schülerin, daß ihr Lehrmeister sich bald sehr zusammennehmen mußte, um ihr Stand zu halten. Als sie zum ersten Male die Partie gewann und er sie lobte, leuchteten ihr die Augen von einem kindlich frohen Stolz. Sie schüttelte aber den Kopf. Sie haben mich gewinnen lassen. – Gewiß nicht mit Absicht, versetzte er. Aber ich habe zerstreut gespielt. Ich sah beständig auf die feinen blauen Adern Ihrer Hand. Zum ersten Male fiel mir die Ähnlichkeit dieser Hand mit einer anderen auf, die nun längst im Grabe ruht. Sie war etwas schmächtiger als die Ihre, aber genau so bewegten sich die schlanken Finger, wenn sie eine Figur vom Brett nahm. Wir haben leider in den acht Jahren nicht viel öfter miteinander gespielt, als ich mit Ihnen.
      Denselben Abend kam er gegen seine Gewohnheit wieder in das Hôtel. Die Wirthin hatte versprochen, einem kleinen Kreise der vertrauteren Hausgenossen etwas vorzusingen. Man versammelte sich in dem Salon neben dem Hausflur, der nur selten betreten wurde, da er dunkel und kühl war. Jetzt in dem gedämpften Lampenlicht sah er behaglich aus, und obwohl er mit Polstermöbeln und Teppichen allzu reich ausgestattet war, klang die Stimme der Sängerin, die einer der Gäste am Klavier begleitete, mächtig genug. Ein starker Mezzosopran, der in der Zeit seiner vollen Blüthe wohl auch ein Opernhaus gefüllt haben würde, und dem man sofort die gute italienische Schule anhörte. Die Sängerin begann mit Volksliedern, neapolitanischen, venetianischen, dann ließ sie ein bekanntes Gounod'sches Lied hören und zuletzt eine Bravourarie aus irgend einer unbekannten 
      Didone abbandonata, in welcher die verrathene Königin dem ungetreuen trojanischen Helden all ihren Zorn und Schmerz nachschleudert.
      Der Doctor, der neben Malwine saß, zuckte bei den ersten Tönen dieser ihm wohlbekannten Musik zusammen und warf einen spähenden Blick nach seiner Nachbarin. Er erkannte nur an ihrem tiefen Erblassen, wie schwer es ihr wurde, ihre Bewegung zu beherrschen. Als die Arie zu Ende war und die kleine Zuhörerschaft lebhaft Beifall klatschte, erhob sie sich rasch, trat zu der Sängerin hin und flüsterte ihr etwas zu, worauf sie hastig das Zimmer verließ. 
      Poveretta! sagte die Frau, ihr theilnahmvoll nachblickend, sie ist von ihrer Migräne so heftig befallen worden, daß jeder Ton ihr eine Marter war. Haben Sie kein Mittel dagegen, Herr Doctor?
      Er zuckte die Achseln. Schlaf und Zeit! sagte er. Ein Schlummerlied war Ihre Arie nun eben nicht, liebe Frau. – – –
      Am anderen Tag gestand ihm die Freundin, daß sie in einen Weinkrampf ausgebrochen sei und erst nach Mitternacht Schlaf gefunden habe.
      Dann aber hörte die Regenzeit auf, und am ersten Morgen, als die Sonne die letzten Nebelflocken von den Bergen scheuchte, schien ein voller Sommer über dem See zu glänzen, der sogar an dem Feigenbaum im Garten zugleich mit den Blättern die kleinen Fruchtknollen hervorlockte. Für morgen machen Sie sich schon früh zu einer Seefahrt bereit, Frau Malwine, sagte der Doctor, als sie in der Bambuslaube zu ihm trat. Wir fahren nach Sermione, der Halbinsel am südlichen Ufer, die der alte römische Dichter, der dort eine Villa besaß, berühmt gemacht hat. Ohne die zärtlichen Verse, in denen er sie besang, wäre sie wohl zwei Jahrtausende lang nicht so fleißig besucht worden, denn ihre Reize sind nicht von der koketten oder prahlerischen Art, die so einen stillen Weltwinkel berühmt macht. Von mir aber ist sie von jeher, wie von Catull, geliebt worden, diese Perle aller Inseln und Halbinseln, und sie erscheint mir weit reizvoller als die Isola di Garda oder die berühmten beiden Inseln im Lago Maggiore. Um Zehn kommt das Dampfschiff von Riva aus nach Salò und nimmt Die mit, die nach Sermione oder daran vorbei nach Desenzano wollen.
      Sie wissen, daß ich nie warten lasse, versetzte sie. Ich freue mich darauf, Ihren Liebling kennen zu lernen.
      *
      Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien sie am anderen Morgen unten im Garten und sah ihn schon am Landungssteg ihrer warten. Er begrüßte sie mit zutraulichem Winken seines großen grauleinenen Sonnenschirms. Wir haben wahres Götterwetter, rief er. Aber 
      cospetto! wie schön Sie heute sind! Der arme Catull, daß er Sie nicht in seinem Landhaus empfangen und herumführen kann!
      Es war das erste Mal, daß er ihr ein Compliment machte. Sie sah aber auch in dem hellen Sommerkleide mit dem breitrandigen Hut aus silbergrauem Stroh, über dem ein dichter Strauß rother Mohnblüthen lag, so jugendlich reizend aus, daß ihm wohl das Herz über die Lippen springen mußte. Ein Lächeln flog über ihr stilles Gesicht, als sie ihm antwortete: Auch Ihr Sommeranzug steht Ihnen gut und macht Sie um mindestens zehn Jahre jünger. Diese wunderbare Sonne verschönert Alles. Sehen Sie nur, wie der Garten blüht. Und draußen der See – ich kann nicht glauben, daß das Meer bei Neapel und Messina eine tiefere Leuchtkraft haben sollte.
      Gewiß nicht. Aber Sie werden noch ganz andere Wunder an dem alten Benacus erleben.
      Das Dampfschiff rauschte heran, es war leider von Fremden überfüllt, die den herrlichen Tag sich ebenfalls zu Nutze machen wollten. Auch von den Gästen des Hôtel Salò stiegen mehrere über die Schiffstreppe und nahmen unter der weitausgespannten Schutzdecke des ersten Platzes ihre Sitze ein. Kommen Sie nach vorn, sagte der Doctor. Wir können unter meinem Schirm da neben den biederen Landleuten des zweiten Platzes dem Gewimmel entrinnen.
      Nun fuhr das schöne Schiff zunächst an der Kirche vorbei nach dem Hafen, wo noch etliche Passagiere ein- und ausstiegen, durchschnitt sodann in weitem Bogen die Bucht von Salò und wandte sich darauf südwärts. Die beiden unter dem Leinwandschirm saßen stumm nebeneinander und enthielten sich sogar aller bewundernden Ausrufe, ganz versunken in die Farbenglut, mit der die strahlende Sonne Gestade und Berghöhen übergoß. Nur einmal sagte er, nachdem er ihr sanftgeröthetes junges Gesicht lange angeblickt hatte: Ihnen ist wohl, liebe Frau! – Sie nickte nur. – Ja, setzte er hinzu, es giebt so Momente, wo einem das eigene Leben gleichsam versinkt und man sich ins All aufzulösen glaubt. Ich habe das nirgends so gefühlt, wie auf diesem See, freilich sonst nur, wenn ich mich allein im Kahn weit hinausgerudert hatte. Heut zum ersten Male zu Zweien. –
      Als der Dampfer nach einer raschen Fahrt von fünf Viertelstunden in die Nähe der Halbinsel kam, an deren flachem Ufer er selbst nicht anlegen konnte, ruderten ihm kleine Fischerbarken entgegen, die Reisenden aufzunehmen, die zu landen wünschten. Ein paar Dutzend Touristen ließen sich übersetzen, die sich dann sogleich aufmachten, die Grotten des Catull und die übrigen im Reisehandbuch angemerkten Sehenswürdigkeiten zu besuchen.
      Wir werden nicht so thöricht sein, in so großer Gesellschaft zu den geheiligten Stätten zu wallfahrten, sagte der Doctor. Lassen wir den profanen Schwarm seiner Wege gehen und frühstücken wir inzwischen in dem Gasthof dort, der den anmuthigen Namen der 
      Promessi sposi auf fein Schild geschrieben hat. Sind wir mit unserer 
      Colazione zu Ende, so kehrt die Horde zurück, und wir haben das Reich für uns allein.
      Sie wandelten durch die Gassen des kleinen Nestes nach dem Wirthshause, wo Wirth und Wirthin den Doctor wie einen werthen Hausfreund empfingen. Er bestellte ihr Mahl und führte dann seine Gefährtin durch das Haus in einen sauber gehaltenen Hof an der Seeseite, wo unter hohen Feigen- und Oleanderbäumen ein paar gedeckte Tische standen. Dazwischen öffnete sich in der Mauer ein Durchblick nach einer Art Hafen, in welchem Fischerboote lagen, von unruhigen Seewellen geschaukelt.
      Hier ist's nun besonders schön im Herbst, sagte er, als sie Platz genommen hatten. Sehen Sie das Netz von Drähten, das sich von dem Pfahl in der Mitte aus über den ganzen Hof spannt? Das ist dann mit dichtem Weinlaub bekleidet, unter dem man den sanftesten Schatten genießt, während man sich die Trauben zum Nachtisch selber pflücken kann. Aber da kommen unsere Fische. Sie werden dem trefflichen Aal, den man hier auftischt, weit und breit an diesen Ufern nicht wieder begegnen.
      Während sie nun in heiterster Stimmung tafelten und auch dem rothen Wein alle Ehre anthaten, kam ein junges Mädchen, das zwei leere Wassereimer trug, aus dem Hause und ging quer über den Hof der Wassertreppe zu. Die zarte junge Gestalt – sie konnte kaum siebzehn sein – war sehr dürftig gekleidet, ein dünnes braunes Röckchen hing um die schmalen Hüften nur bis zu den Knöcheln hinab, ein verblichenes gelbes Tuch deckte nothdürftig die mageren Schultern, und die Füße steckten nackt in kleinen Schuhen mit hölzernen Sohlen.
      Auf dem unansehnlichen Figürchen aber saß ein zierlicher Kopf vom reinsten Adel, ein Profil, das einer jungen Römerin wohl angestanden hätte, die Haut sanft gebräunt, so daß die blitzenden grauen Augen und der rothe Mund hell daraus hervorschimmerten. Eine Strähne ihres tiefschwarzen Haares fiel ihr über die Stirn, die Fülle des übrigen war hinten in einem dichten Knoten zusammengenommen.
      Sie hatte den Doctor gleich beim Heraustreten erkannt, ging aber bescheiden, ihn nur mit einem lächelnden Nicken grüßend, an dem tafelnden Paar vorüber, unten an der Wassertreppe ihre Eimer zu füllen. Wie geht's, 
      Rosina? rief Jener auf Italienisch ihr zu. – Danke, nicht schlecht. Und Ihr? erwiderte sie, warf einen Blick auf die junge Frau und verschwand, ohne die Antwort abzuwarten, zwischen den Pfeilern der Wassermauer.
      Das gute Kind! sagte der Arzt. Das hübscheste und zugleich ärmste Geschöpf der ganzen Insel. Ihr Vater ist in einem Sturm auf dem See ertrunken, die Mutter bald darauf gestorben, seit ihrem zwölften Jahre dient das Waisenkind hier im Hôtel, wo sie ihr alle widerwärtigste Arbeit zuwälzen und ihr nur wenig zu essen geben. Aber so ein armes Unkräutchen gedeiht oft besser als jede Treibhausblume. Sie ist nie eine Stunde krank gewesen und hat sich nie über ihr Schicksal beklagt, und wenn sie Sonntags in die Messe darf, betet sie gewiß nicht um einen Haufen Geld, mit dem sie auch nicht viel anzufangen wüßte, nur vielleicht schon, da sie noch ein unreifes Dingelchen war, um einen hübschen Liebsten, wie alle Mädchen hier unter der heißeren Sonne, und dies Gebet hat der Himmel auch erhört. Sie ist verlobt seit Jahr und Tag mit einem jungen Fischer, der aber erst noch so viel zusammensparen muß, um eine eigene Barke anzuschaffen. Seitdem hat sie keine Wünsche mehr. Werden Sie glauben, daß sie noch nie über den Umkreis von Sermione hinausgekommen ist? Ob sie nicht danach Verlangen trüge? hab' ich sie einmal gefragt. Sie hat den Kopf geschüttelt und erwidert: Was soll ich da draußen? 
      Tonio ist ja hier. – Sie hat Recht. Wo man liebt, hat man seine Welt für sich. Da kommt sie wieder. Ich will sie einmal zu uns rufen. Ich bin sehr bei ihr in Gnaden, seit ich ihr einmal ein dünnes Korallenkettchen geschenkt habe, das sie nur an hohen Feiertagen trägt. Nun, Rosina, rief er ihr entgegen, wann wird die Hochzeit sein?
      Sie stellte die beiden schweren Eimer einen Augenblick nieder. Wann Gott will! sagte sie mit ihrer hellen, etwas scharfen Stimme.
      Wird dir die Zeit nicht lang?
      Wir sind arm, und ich muß arbeiten. Ich habe nicht Zeit, mich zu langweilen.
      Nun, du wirst nicht alt und grau werden, eh du ein Kindchen wiegst. Aber komm ein wenig zu uns und trink ein Glas Wein. Du gefällst der guten Dame.
      Sie hob rasch die Eimer wieder auf und schüttelte den Kopf. Sie gefällt mir auch, o sehr! Aber ich muß ins Haus. Gott behüt' Euch, Herr Doctor, und gebe Euch alle Glückseligkeit. Mit so einer schönen Frau kann's ja nicht daran fehlen.
      Damit eilte sie davon, und ihre klappernden Schuhe verschwanden in dem schwarzen Flur des Hauses.
      *
      Von diesem munteren Zwiegespräch war der jungen Frau nicht ein Wort entgangen. Sie hatte das Italienisch, das sie bei ihren Gesangsstudien gelernt, während ihrer Strohwittwenschaft in Salò noch vervollkommnet, da sie gesonnen war, fürs Erste sich hier unten verborgen zu halten. Gleichwohl sagte sie, als sie mit ihrem Freunde wieder allein war, in möglichst unbefangenem Ton: Ihr Schützling ist nicht nur sehr hübsch, sondern scheint auch aufgeweckten Geistes zu sein. Schade, daß der Dialekt, den man hier spricht, mir unverständlich bleibt.
      Er erwiderte nichts darauf, sondern sah still vor sich hin. Erst als jetzt Einige von der Schiffsgesellschaft den Hof betraten, richtete er sich langsam auf.
      Es wird Zeit, unsere Wanderung anzutreten, sagte er. Da kommt die große Heerde zurück, und nun gehört die Insel uns. Ich erlasse Ihnen das Besteigen des Thurms und die Besichtigung der alten historischen Bauwerke. Dafür wird wohl einmal ein Regentag kommen. Heute wollen wir nur in Sonne baden und Farbenwunder genießen.
      Er griff nach seinem Schirm und Malkästchen, und sie stand auf. Als sie durch die Touristengesellschaft hindurchgingen, merkten sie wohl, daß man die Köpfe zusammensteckte und allerlei flüsterte. Sie ließen sich's aber nicht anfechten, ja sobald sie die dunklen Gassen erreichten und er ihr seinen Arm bot, legte sie den ihren ohne Zögern hinein. So kamen sie aus den Häuserschatten heraus und betraten die Oliveta, die sich weit und breit über das flache Inselland ausdehnt, hie und da von einem dunklen Lorbeergebüsch überragt.
      So heiß aber regnete die Sonnenglut herab, daß er es doch gerathen fand, den Schirm aufzuspannen, unter dem sie nun Beide auf der nicht gar breiten Fahrstraße hinschritten. Zuweilen bückte er sich, aus dem Grase am Wegrand ein Cyclamen oder eine weißblütige wilde Hyacinthe zu pflücken, so daß seine Begleiterin bald ein zierliches, süß duftendes Sträußchen am Busen stecken hatte. Sie sprachen Beide nicht viel, sondern horchten auf das Schwirren der Grillen in den Olivenzweigen und sahen den Eidechsen nach, die ihr Schritt in Steinritzen oder unter die dichte Moosdecke scheuchte.
      Ein Rudel zerlumpter, barfüßiger Knaben, das sich draußen an ihre Fersen hatte heften wollen, war zurückgeblieben, da der Doctor ihnen ein paar Silbermünzen hingeworfen hatte. Sie machen sich ein Gewerbe daraus, sagte er lachend, den Fremden zu einem alten römischen Bade das Geleit zu geben, dessen Souterrains sie mit Streichhölzern erleuchten, um zu zeigen, daß dort nichts zu sehen ist. Auf unserem Rückweg können Sie sich davon überzeugen. Zunächst gehen wir daran vorbei. Denn daß ich's nur gestehe: ich habe früher einmal droben in der sogenannten Villa des Catull eine Skizze angefangen, an der ich heute gern ein bischen fortpinselte, da die Beleuchtung wieder so günstig ist. Sie sollen inzwischen Siesta halten, denn ich merke, Sie sind müde; die plötzlich so gewaltige Sonne greift Sie an, und Sie haben versäumt, den Wein, den Sie tranken, mit Wasser zu mischen.
      Sie antwortete nicht. Wie im Traum hing sie an seinem Arm und drückte zuweilen die Augen ein, die weiche Luft sich über das Gesicht spielen zu lassen. Den Strohhut hatte sie abgenommen und an den anderen Arm gehängt, der Duft des Sträußchens wehte sanft zu ihr hinauf, ihr war so wohl wie lange nicht, und sie empfand, was er vorhin gesagt hatte, wie es Augenblicke gebe, in denen die Welt um uns her versinkt und uns zu Muth ist, als sollten wir unser kleines Ich in das All auflösen.
      So langten sie endlich bei den Ruinen der Prachtvilla an, die ein römischer Großer sich am Nordrande der Halbinsel erbaut hat und die, da sein Name verschollen, jetzt auf den des unsterblichen Poeten getauft ist. Nur große massive Mauerbögen ragen aus der grünen Wildniß auf, durch die in der Tiefe die Seeflut heraufglänzt und der Blick weit hinausschweift bis zu den Bergen, die Riva beherrschen. Der Pfad verliert sich in Gestrüpp und wucherndem hohem Graswuchs. Allerlei Trümmer deuten den Grundriß des Wohnhauses an, dazwischen sinkt der Boden ein, wo es ehemals in Kellerräume hinabging, uralter Epheu klammert sich an das Gestein und klimmt bis zum obersten Sims der Bogentrümmer hinan. Kleine Bäume aber haben im Grunde Wurzel geschlagen und heben die leichten Wipfel in das ätherische Sonnenlicht hinauf, und unten um die grauen Klippen brandet die Seeflut in eintönigem Spiel, dessen leise Musik nur wie ein hörbares Athmen des Elements heraufklingt.
      Hier, Frau Malwine, war mein Sitz das letzte Mal, sagte er, vor einer Bogenöffnung Halt machend. Ist es nicht ein herrlicher Punkt – die rothgelben Ziegelmauern, das Saphirblau dazwischen und über der Küste mit den kleinen schneeweißen Häuschen die violette Bergwand? Ich zeige Ihnen gar nicht, was ich damals angefangen. Vielleicht krieg' ich's heute einigermaßen heraus. Im besten Fall ist so eine Aquarelle ja nur wie ein zweihändiger Klavierauszug einer vollstimmigen Symphonie, selbst wenn ein Meister, der ich leider nicht bin, seine ganze Kunst daran gewendet hat. Ist es nun vollends nur ein Dilettant und das Instrument, auf dem er spielt, nicht das beste und reingestimmteste, so hat nur der Spieler selbst Vergnügen an seiner Stümperei. Die entzückenden Grundmotive kommen indessen doch heraus.
      Er legte das Malkästchen in das hohe Gras und sah sich um. Für Sie ist da oben eine wundervolle Schlummerstätte bereit. Sie können im Schatten ruhen und doch ganz trocken, denn noch vor einer Viertelstunde hat die Sonne das Plätzchen beschienen, während ich hier unten meinen Schirm noch brauche. Kommen Sie, liebe Frau!
      Er führte sie zehn Schritte die Halde hinauf, wo in dichtem, weichem Gras ein Ruhebett sich darbot, das, nach den geknickten Halmen zu schließen, schon anderen Müden zum Lager gedient hatte. Ein hoch mit Moos überwachsener flacher Stein konnte das Kopfkissen vorstellen, und ein Ebereschenbäumchen hob seinen Wipfel wie einen Baldachin in die blaue Luft.
      So, nun machen Sie sich's bequem, sagte er. Daß eine Schlange Sie hier beschleichen möchte, haben Sie nicht zu fürchten, und die Lacerten werden Ihren Schlaf respectiren. Ich selbst freilich habe die Untugend, beim Malen dann und wann zu pfeifen. Es ist aber so leise, daß es Sie nicht stören wird. Wünsche wohl zu ruhen und schön zu träumen.
      Er nickte ihr lächelnd zu und ging wieder hinab, sich unten seine Werkstatt einzurichten. Den Schirm stieß er hinter seinem Rücken tief in die Erde und saß mit ausgestreckten Beinen, das Malkästchen vor sich an die Kniee gestützt, sogleich eifrig bei der Arbeit. Indessen hatte sie sich gelagert, den Kopf aber noch nicht auf das Mooskissen gebettet. Sie sah ihm zu, wie er den Pinsel in das Wasserfläschchen tauchte und dann in die Farben auf der kleinen Palette. Nur sein verlorenes Profil war ihr sichtbar, das unter dem Hutrand hervorkam, die feste, gerade Nase, die blonde Wimper über dem ruhigen blauen Auge, das so warm und redlich in die Welt blickte. Alles kam ihr zum Bewußtsein, was sie ihm in diesen traurigen Wochen schuldig geworden war, und es fiel ihr aufs Herz, daß sie ihm nur etwa mit einem Händedruck, aber noch mit keinem Wort für so viel treue, hingebende Freundessorge gedankt hatte. Sie nahm sich vor, die Insel nicht zu verlassen, ohne das Versäumte nachzuholen. So ein herrlicher Mensch, der jetzt einsam dahinlebte, von keiner liebevollen Gefährtin getröstet über das, was er verloren hatte!
      Über solchen Gedanken schloß sie endlich die Augen, doch, wie sie meinte, nicht um zu schlafen, da das Bild ihr gegenüber zu schön war, um es nicht immer von Neuem zu betrachten. Auch stand er noch einmal auf und kam zu ihr hinauf, um nachzuschauen, ob sie auch bequem gebettet sei. Nein, sagte er, Ihr Kopfkissen ist doch noch zu hart. Erlauben Sie, daß ich meinen Rock darüber breite. Mir wird ohnedieß beim Malen zu heiß. Sie wollen nicht? Nun, wie Sie wünschen. Also 
      buona notte!
      Sie sah freundlich lächelnd zu ihm auf und reichte ihm die Hand. Sie sind so gut, lieber Freund. Ich danke Ihnen von Herzen, für Alles.
      
      Chè chè! machte er. So ein liebes Kind muß man ein bischen verziehen.
      Er ergriff die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, und hielt sie ein paar Secunden lang in der seinigen. Dann kehrte er, ihr freundlich zunickend, zu seinem Platz zurück.
      Wie sie nun wieder allein in dem weichen Grase lag, umsummt von dem leisen Schwirren des Insectenvolks, umduftet von dem starken Würzgeruch des wilden Thymians und des Sträußchens an ihrer Brust, verfiel sie bald in eine wonnige Bewußtlosigkeit, die in allerlei gaukelnde Träume überging.
      Eine bunte Flucht von schwankenden Bildern zog an ihrer Seele vorbei, ohne daß irgend eines sie tiefer berührte. Nur ein allgemeines Wohlgefühl durchdrang sie, da sie sonst seit ihrer Flucht von Hause auch in den Nächten nur von unglücklichen, quälenden Träumen heimgesucht worden war. Das Blut floß in warmem Strom durch ihre jungen Glieder, ihr feines Näschen athmete die süßeste Luft, und sie dehnte sich schlummernd auf ihrem weichen Lager wie in einem warmen Bade. Ja, sie träumte nun wirklich, daß sie in eine sonnige Seebucht hinabgestiegen sei, so wie sie ging und stand in ihrem leichten Sommerkleide. Sie schwamm ganz sicher, obwohl sie es nicht gelernt hatte, eine Strecke weit hinaus, bis sie den schneebekrönten Monte Baldo erblickte, aus dem plötzlich ein Greisenhaupt aufragte, das sie mit drohendem Blick unter den weißen Wimpern hervor zurückscheuchte. Einen Augenblick glaubte sie unterzugehen, aber ihr Kleid trug sie wie eine Taucherglocke, und schon sah sie das Ufer ganz nah vor sich, als zwischen den Klippen eine verhaßte Gestalt erschien, jenes Weib, das ihr ihren Mann verführt hatte. Die stand hohnlachend auf einem Felsvorsprung, ein langes Ruder in Händen, mit dem sie die Heranschwimmende vom Ufer abwehrte. Und jetzt zeigte sich hinter ihr die schlanke Figur des Treulosen. Doch statt der verzweifelt im tiefen Wasser Kämpfenden beizustehen, kreuzte er die Arme über der Brust und sah gleichmüthig über sie hinweg, obwohl sie laut seinen Namen rief. Da rauschte es hinter ihrem Rücken heran. In einem langen, flachen Kahn kam ein wohlbekannter Freund herangerudert, hob sie aus dem Wasser und zog sie zu sich herein. Er flüsterte ihr leise beruhigende Worte zu, sie verstand sie aber nicht, denn die Sirene auf der Felsklippe brach in ein schallendes Gelächter aus, umfaßte den Mann neben sich und riß ihn ins Meer hinab, wo Beide spurlos verschwanden. Nun sind wir allein auf der Welt, hörte sie ihren Retter sagen. Kennst du mich nicht? Ich bin nur ein armer Fischer, aber diese Barke ist mein, ich kann dich und mich ernähren. Aber du mußt mich lieb haben, wie ich dich schon lange geliebt. Willst du? – O, hauchte sie, ich habe Niemand lieber als dich, ich wollte dir's längst sagen, wie viel Dank ich dir schuldig bin. Nun gehöre ich dir ganz, und du darfst mich auch küssen.
      Wie lange habe ich danach geschmachtet! flüsterte er und berührte ihren Mund mit seinen weichen Lippen. Ein seliges Gefühl überschauerte sie, sie erwiderte seinen Kuß in voller Hingebung und schlang die Arme um seinen Hals. Lieber, Geliebter! hauchte sie – da drang ein scharfer Schimmer des Tageslichts in ihre Augen, sie schlug sie voll auf und blieb noch einen Augenblick im dumpfen Zwielicht des Bewußtseins, ungewiß, ob sie noch träume. Denn ihre Arme hingen um den Hals eines Mannes, ihre Lippen –
      Im nächsten Moment schrak sie in die Höhe, ihre Hände stießen den vor ihr Knieenden zurück, eine tiefe Glut stieg ihr in die Schläfen hinauf – was war geschehen? Wie weit hatte der tückische Traum sie fortgerissen?
      Er erhob sich von den Knieen und stand ein paar Minuten sprachlos vor ihr.
      Frau Malwine, stammelte er, habe ich Sie beleidigt? Können Sie mir verzeihen? O wenn Sie Alles bedenken – den Zauber dieser Stille, die den Sinn verwirrt – und meine Trunkenheit von so viel Schönheit rings umher – und von 
      Ihrer Schönheit – Sie ahnen ja nicht, wie überirdisch der Schlummer Sie verklärte – dies Lächeln an Ihrem halbgeöffneten Munde, der sonst sich so streng zu verschließen pflegt, – spricht kein milder Geist in Ihrem Herzen für den armen Sünder, der sich tief zerknirscht fühlt, da er nun auch der Macht der Stunde erlegen ist?
      Sie hatte sich langsam aufgerichtet. Ohne ihn anzusehen, als ob seine Worte ungehört an ihrem Ohr vorübergeglitten wären, setzte sie ihren Hut auf und ergriff ihr Sonnenschirmchen. Sie war wieder tief erblaßt, ihre Brust hob sich in schweren Athemzügen, das Sträußchen hatte sie aus dem Kleide gezogen und ließ es wie spielend und zerstreut ins Gras fallen.
      Lassen Sie sich nicht stören, sagte sie jetzt, wenn Sie noch eine Weile weitermalen wollen. Ich gehe indessen langsam den Weg zurück und sehe mir die Insel noch genauer an. Ihnen ist ja das Alles bekannt. Um Fünf kommt das Dampfschiff, das uns abholt. Da treffen wir uns.
      So verließ sie ihn.
      *
      Er war nicht im Zweifel über ihre Stimmung. Zu lebhaft hatte er gefühlt, daß sie den Kuß erwiderte, zu dem ihn in einem Augenblick selbstvergessener Verwirrung die reizenden, so selig im Traum lächelnden Lippen fortgerissen hatten. Es ist schmählich, murrte er vor sich hin, indem er der langsam Fortwandelnden nachblickte, wie schwach unser Fleisch ist! Diese arme, einsame junge Frau, die sich arglos im tiefsten Vertrauen auf meine Freundestreue und Biederkeit hier einem Mittagsschläfchen überläßt, und ich alter Kerl – aber freilich, altes Holz brennt am besten, und jetzt könnte ich mir –
      Und doch – nein! Ich wäre ein Narr, was geschehen ist, zu bereuen. Wenn ich sie ernstlich beleidigt hätte durch meine Kühnheit, wäre sie nicht gegangen, ohne mich für immer von ihrem Angesicht zu verbannen. Aber sie fühlt sich mitschuldig, da darf sie mich nicht zu hart verurtheilen. Wer weiß, was ihr geträumt haben mag, daß nun auch sie die Macht der Stunde an sich erleben mußte! Denn flüsterte sie nicht meinen Namen, ehe ich ihr die Lippen schloß? Wie wird's nun weiter zwischen uns werden?
      In Sinnen verloren kehrte er zu seinem Sitz zurück. Aber die Lust zur Arbeit war verflogen. Er packte sein Malgeräth zusammen, ergriff den Schirm und stieg langsam aus der Trümmerwildniß ins Freie hinaus.
      Kaum aber fand er sich wieder auf dem Pfade im Olivenhain, den er vor einer Stunde mit ihr durchwandelt hatte, das reizende junge Weib unter dem Schirm an seinen Arm gehängt, so überkam ihn eine leidenschaftliche Sehnsucht, sie wiederzufinden. Das Nachgefühl jenes einen, so zärtlich erwiderten Kusses brannte ihm auf den Lippen, er fühlte, wenn er jetzt wieder vor ihr kniete, würde er seinen Mund nicht so rasch von ihrem trennen, das Glück der Stunde kühner benutzen als in jenem ersten, selbstvergessenen Augenblick. So lange hatte er ohne Frauenliebe hingelebt und seine Tage mit allerlei Thun und Treiben ausgefüllt, das ihm nicht an die Seele ging. War er nicht jung genug, noch einmal aus dem Vollen zu leben? Wer konnte ihm verdenken, wenn er festhielt, was als ein herrenloses Gut ihm in den Weg gekommen war? Diese schwer gekränkte Frau, die zu ihrem Manne nie wieder zurückkehren wollte, warum sollte er sie sich nicht aneignen, um an einem vor der Welt verborgenen Ort, warum nicht auf dieser Insel? ein Glück mit ihr zu genießen, das über alle Träume ging? Sie war ihm schon länger geneigt, das hatte er an manchen Zeichen sehen können. Wenn sie ihn dann freilich zurückgedrängt hatte, sobald sie aus dem Traum wieder zu sich gekommen war, so hatte sie nur gehandelt, wie es einer züchtigen Frau geziemte. Aber wenn sie sich erst vollkommen frei fühlen, das äußere Band, das sie an den Treulosen knüpfte, zerschnitten sein würde – und sie dann seinen Ernst, seine unbedingte Hingebung sähe –
      Ihm schwindelte bei dem Gedanken, sie sein zu nennen, Rosina's Wunsch, der ihm »alle Glückseligkeit« verheißen hatte, in Erfüllung gehen zu sehen. In einer Art ekstatischem Taumel schritt er dahin, spähte rechts und links in die Ölbaumschatten hinaus und rief sogar ein paarmal den Namen der Ersehnten. Nirgends war eine Spur von ihr zu entdecken.
      Auch nicht in der alten Kirche auf dem Hügel droben, die er bis in alle Winkel durchsuchte. Es war klar, sie wollte sich vor ihm verstecken, ihm ihre Reue und Beschämung verbergen. Es kam ihm das ganz erwünscht. Wenn er ihr gleichgültig gewesen wäre, hätte sie kalt an ihm vorbeigesehen und sein Wagniß wie ein Vergehen betrachtet, das am besten bestraft wird, wenn man es keiner ernsteren Beachtung würdigt.
      Vielleicht aber würde sie sich auf der Flucht vor ihm so tief in die abgelegenen Theile der Insel verirren, daß sie die Rückkehr des Dampfers versäumte. Dann wäre sie gezwungen, die Nacht auf der Insel zuzubringen, und er hätte die beste Gelegenheit, ihr künftiges Geschick ins Reine zu bringen.
      In solchen Gedanken langte er endlich bei dem Hôtel »Zu den zwei Verlobten« wieder an. Die Signora habe sich nicht wieder blicken lassen, sagte ihm die Rosina, die ihm in der Küche begegnete. Er bezahlte die Rechnung und schenkte in seiner freudigen Stimmung der jungen Seherin ein goldenes Zehnfrancsstück. Dann ging er nach dem offenen Platz zurück, wo die Barken den Dampfer erwarteten.
      Auch hier, unter dem Häuflein der anderen Fahrgäste, war die Vermißte nicht zu erblicken. Als aber drüben auf dein See der »Mocenigo« herandampfte und die Schiffer am Strande die Passagiere aufforderten, einzusteigen, kam sie ruhigen Ganges, ohne sich irgend zu beeilen, aus einem engen Seitengäßchen herangeschritten, mit einem Gesicht, auf dem nicht die geringste Miene eine sonderliche Bewegung ihres Innern verrieth. An ihrem Ritter vorbei, auf dessen dargebotenen Arm sich zu stützen sie verschmähte, sprang sie ins Boot und erstieg drüben am Dampfer ebenso selbständig die schwanke Schiffstreppe.
      An Bord setzte sie sich diesmal auf eine Bank des ersten Platzes, spannte ihr Sonnenschirmchen hinter sich auf und blickte unverwandt zu den Bergen hinüber. Er hatte ein Feldstühlchen neben sie hingerückt und eine etwas befangene Conversation begonnen. Sie ging höflich darauf ein, wie wenn ein fremder Mitreisender sie angeredet hätte. Nach und nach ließ er das Gespräch fallen. Ein stiller Zorn stieg in ihm auf, daß sie nach Allem, was geschehen war, ihn so mißhandeln konnte. Doch schätzte er sie zu hoch, um ihr Betragen für ein kokettes Manöver zu halten, das ihn nur tiefer ins Netz ziehen sollte. Er fühlte nur mit Kummer, wie das Ziel, nach dem er strebte, zu hoch gesteckt sei, um so im Spazierengehen mit der Hand danach greifen zu können.
      So vollendete das Paar, das in heiterster Laune am Morgen ausgeflogen war, einsilbig und beklommen die Rückfahrt. Aller Zauber des herrlichsten Nachmittags war an ihren Augen und Herzen verschwendet. Als der Dampfer wieder in weitem Bogen die Bucht von Salò durchschnitten hatte und jetzt am Hafen landete, erhob sich die junge Frau rasch und mischte sich unter den Schwarm der Passagiere, die dem hinübergeschobenen Steg zudrängten. Er hatte Mühe, ihr nahe zu bleiben, ging dann aber dicht hinter ihr über die schmale Brücke und hatte eben die Arcade unter dem Haus am Landungsplatz betreten, als er sie plötzlich wie von einem Schreckbild entgeistert stehen bleiben und zusammenzucken sah. Zugleich erblickte er einen jungen Mann, der sich durch das Spalier der wartenden Zuschauer drängte und mit ausgestreckter Hand und dem Ausruf: Guten Tag, Malwine! dicht an sie herantrat.
      Die Erstarrung der so Begrüßten währte nur ein paar Secunden. Dann legte sie ihre Hand in die seine und sagte: Wie bist du hergekommen? Ich hatte dich nicht erwartet.
      Über das hübsche, von dunklem Haar umflogene Gesicht des jungen Mannes, das mit einem Ausdruck ängstlicher Spannung ihr entgegengeblickt hatte, ging ein heller Strahl, als würde ihm eine Last von der Seele gewälzt. O Malwine, sagte er, du konntest doch denken, ich hätte es nicht ausgehalten, auch wenn die Umstände nicht – aber da ist ja auch unser Freund, mein treuer Johannes. Seien Sie mir tausendmal gegrüßt, bester Freund! Aber nun laßt uns erst aus dem Gewühl herauskommen. Ich muß euch doch erklären –
      Er wollte sich des Arms seiner Frau bemächtigen, sie ging aber, ohne ihn gerade unfreundlich abzuweisen, frei in der Mitte der beiden Männer durch die Arcaden und bog dann in die dunkle Gasse ein, die nach dem Thor der Stadt und dem Hôtel führt.
      Wir haben Sie nicht erwartet, sagte der Doctor, der große Mühe hatte, eine erfreute Miene zu erheucheln. Haben Sie denn Ihren Taktstock anderen Händen anvertrauen können, ehe die Spielzeit zu Ende war?
      O, erwiderte der Andere, sich zu einer möglichst unbefangenen Miene zwingend, ein glücklicher Zufall hat mir plötzlich zu Ferien verholfen. Unsere Primadonna, eine sehr launenhafte Dame, ließ sich zu einer stürmischen Scene mit dem Director fortreißen. Das erfolgreiche Gastspiel d'Andrade's, der ihr ein paar Complimente gesagt, hatte sie zum größten Theil sich selbst zugeschrieben und machte nun allerlei Ansprüche, die ganz unsinnig waren und ihr nicht zugestanden werden konnten. Da ist sie denn ohne Weiteres durchgebrannt, um uns ihre Macht und Bedeutung fühlen zu lassen, und dem Director blieb nichts übrig, als herumzureisen und einen Ersatz zu suchen. Jedenfalls eine Woche lang kann von größeren Opern nicht die Rede sein, und für kleinere Operetten und Singspiele vertritt mich ohnehin in Krankheitsfällen unser Concertmeister, der erste Geiger. Da habe ich ohne Mühe Urlaub bekommen. Ich hätte ihn sonst aber auch erzwungen, um endlich mich selbst zu überzeugen, wie es unserer Patientin hier ergeht, da sie mich selbst mit Nachrichten so kurz hält. Ich sehe mit Freuden, Doctor, daß Sie einmal wieder Ihre Kunst und Wissenschaft bewährt haben. Seit wie lange hat Malwine nicht so hell aus den Augen gesehen und so frische Farben gehabt!
      Er bemächtigte sich einer der Hände seiner Frau und drückte rasch einen Kuß darauf, was sie mit tiefem Erröthen litt. Alles, was er sagte und wie er sich betrug, verrieth ein liebenswürdiges, leicht bewegliches Temperament, das zuweilen durch einen Zug von Schüchternheit, wenn er seiner Frau voll ins Gesicht zu sehen wagte, nur noch anziehender wurde.
      Er trug, bis sie das Hôtel vor dem Thore erreichten, die Kosten der Unterhaltung fast allein. Dann verabschiedete sich der Doctor, der nicht zu bewegen war, mit einzutreten.
      Ich bin nicht so taktlos, bei dem Wiedersehen eines jungen Ehepaars den Dritten im Bunde zu machen, bemühte er sich zu scherzen. Wir werden ja noch oft genug Gelegenheit haben, bei einer Flasche Asti spumante von alten Zeiten zu plaudern. Für heute 
      addio und 
      a rivederci!
      *
      Als er dann allein den Weg nach seinem Hause fortsetzte, war ihm sehr übel zu Muth. Nicht sowohl der Verzicht auf alle wonnigen Zukunftsträume, die er gesponnen, machte ihm zu schaffen, als daß er sich sagen mußte, er habe weder als guter Christ noch als 
      Galantuomo gehandelt, da er sich habe gelüsten lassen nach seines Nächsten Weib. Mußte dieser Nächste, mochte er sich noch so schwer vergangen haben, nicht immerhin gerade von einem Freunde Nachsicht und Beistand erwarten? Nun dankte er seinem Stern, daß es nicht gekommen war, wie er in seiner verwegenen Phantasie sich's ausgemalt hatte, daß sie nicht Beide auf Sermione zurückgehalten worden waren. Er konnte den Blick des Freundes jetzt wenigstens aushalten, ohne die Augen niederschlagen zu müssen.
      So erreichte er seine Wohnung, zündete eine Cigarre an und setzte sich in die Loggia, mit der Absicht, sich in eine medizinische Broschüre zu vertiefen. In dem Gärtchen, das sich von seinem Hause aus nach dem See hinabzog, war es ganz still, draußen auf dem Wasser kaum ein Nachen zu erblicken. Gleichwohl vermochte der einsame Mann seine Gedanken nicht auf das, was er lesen wollte, zu heften. Immer kehrten sie zu jener sonnigen Wildniß zwischen den Trümmern der Römervilla zurück, so oft er mit einem tiefen Seufzer sie gewaltsam auf die nächste Umgebung lenken wollte.
      Da ging die Thüre hinter ihm auf, und der junge Freund trat hastig ein.
      Verzeihen Sie, Bester, wenn ich Sie in Ihrer Lectüre störe, sagte er, dem Doctor in einer nervösen Aufregung die Hand schüttelnd. Aber mir blieb nur diese Stunde, wenn ich noch etwas von Ihnen haben will. Und nun lassen Sie sich vor Allem danken für die treue Sorge und Pflege, die Sie meiner Frau gewidmet haben. Keinem Anderen wäre es in so kurzer Zeit gelungen, eine so erfreuliche Wendung in ihrem Befinden herbeizuführen, nicht nur in ihrem Nervenzustand. Ich kann es Ihnen jetzt ja gestehen, was Sie vielleicht schon errathen haben: es war eine Verstimmung zwischen uns entstanden, an der ich allein die Schuld trug. Sie fühlte das Bedürfniß, mir eine Weile fern zu bleiben. Aber man weiß, oft steigert die Entfernung eine solche unglückselige Gemüthsentfremdung, und daß es hier nicht der Fall war, habe ich, davon bin ich überzeugt, und sie hat es mir bestätigt, nur Ihrer freundschaftlichen Vermittlung zu danken. Sie haben mir zum zweiten Male das Leben wiedergegeben. Zwar ist noch ein Rest der Krankheit – auch der seelischen – in ihr zurückgeblieben. Ganz so herzlich wie vorher begegnet sie mir noch nicht wieder, aber daß sie mir beim Wiedersehen ihre Hand nicht verweigert hat und mit mir zurückkehren will – ja, denken Sie, und zwar schon morgen in aller Frühe mit dem Dampfer, der nach Riva fährt. Ich wagte nicht ihr vorzustellen, wie hübsch es wäre, wenn wir meine Ferienwoche hier verlebten, hier die volle Versöhnung in der Gesellschaft unseres treuesten Freundes feierten. Aber sie hat sich so fest vorgesetzt, jetzt ohne Verzug ihr Haus wiederzusehen – sie ist gleich darangegangen, ihren Koffer zu packen, und dann hat sie mich gebeten, sie allein zu lassen, sie sei todmüde von ihrem Ausflug und wolle früh zu Bett gehen, um morgen das Schiff nicht zu versäumen. Ich mußte ihr wohl den Willen thun. Und jetzt bin ich hier, um zu fragen, ob Sie nicht mit mir ins Hôtel zurückkehren wollen, daß wir die bewußte Flasche Asti auf die Gesundheit Malwine's miteinander ausstechen.
      Der Andere hatte ihn reden lassen, ohne ein Wort dazuzugeben. Jetzt sagte er ruhig: Sie müssen mich entschuldigen, lieber Maestro. Ich habe hier eine kleine, ganz bescheidene Praxis unter dem Landvolk und muß noch heut Abend eine ziemlich schwere Patientin in Fasano besuchen. Da kann ich nicht daran denken, den Abschiedstrunk mit Ihnen zu thun, außer in sehr später Stunde, und Sie selbst müssen morgen früh auf den Beinen sein. Ich komme natürlich morgen noch, mich von Ihrer lieben Frau zu verabschieden – vorausgesetzt, daß ich selbst die Zeit nicht verschlafe. Wegen Malwinens Genesung können Sie ganz außer Sorge sein, die wird jetzt ohne weitere Störung fortschreiten, und das bischen, was ich dazu beigetragen habe, bedarf keines Danks, es hat sich mir schon überreich belohnt durch die Behandlung selbst.
      Sie umarmten sich, und der Doctor blieb allein. Er stieg in seinen Keller hinab und holte eine Flasche seines ältesten und schwersten Weines. Der Schlaftrunk wollte aber seine Kraft nicht bewähren. Noch lange nach Mitternacht warf die kleine Studierlampe ihren dünnen rothen Strahl über die Granatbüsche an den Pfeilern seiner Loggia.
      Kein Wunder daher, daß er am anderen Morgen die Abfahrt des Dampfers vom Landungssteg des Hôtel Salò versäumte. Nur als das Schiff nahe an der Wassertreppe seines eigenen Gärtchens vorbeirauschte, stand er auf der obersten Stufe und schwenkte seinen Hut. Vom Bord des Schiffes wurde der Gruß lebhaft erwidert. Ein schlanker junger Mann, der den Arm um eine still neben ihm stehende weibliche Gestalt gelegt hatte, wehte mit seinem Taschentuch. Die junge Frau bewegte nur langsam die Hand zum Gruß. Ihre Augen waren von dem Strohhut so tief verschattet, daß er nicht erkennen konnte, mit welchem Ausdruck sie auf ihn gerichtet waren.
    



      San Vigilio
      (1900)
       
      Es war erst Ende April. Aber in den Gärten am westlichen Ufer des Gardasees von Salò bis Gargnano standen die Rosen schon in voller Blüte. Der Monat, der nördlich der Alpen als wetterwendisch verrufen ist, bewährt in diesem windstillen Winkel unter dem Schutz der hohen Berge Pizzocolo und Monte Baldo seinen Ruhm als der Mai Italiens. Veilchen, Anemonen und Gentianen waren längst an den sonnigen Stellen der Reben- und Olivenhalden aufgeblüht, und neben den hier heimischen lachsfarbenen Gardonerosen mit der röthlichen Glut in der Tiefe des Kelchs dufteten an den Spalieren längs der Häuser die Marschall Niel in üppiger Fülle, während die kleinen gelben Bangsia-Röschen schon bis an die Dachsimse hinaufkletterten.
      Auch im Speisesaal einer deutschen Pension, die ziemlich in der Mitte zwischen Gardone und Fasano am schönsten Punkte des sanft ansteigenden Ufers stand, konnte man an dem reichen Blumenschmuck den frühen südlichen Frühling spüren.
      Hier war in vielen Vasen und Kelchgläsern eine solche Fülle von Rosen und Veilchen verbreitet, eine lange Guirlande von der hier an allen Hecken wachsenden Heidelbeermyrte – 
      myrica – an der Wand angebracht und ein Paar Kränze desselben edlen Unkrauts um zwei Stühle geschlungen, so daß man auf den ersten Blick errathen mußte, das Sälchen sei aus einem besonders festlichen Anlaß so ausgesucht geziert worden.
      In der That hatten die Gäste, die an dem runden Tische saßen, nichts Geringeres als eine Verlobung gefeiert, die gestern erst geschlossen worden war. Die deutsche Wirthin hatte ihr Bestes gethan, sich der Ehre, die ihrem bescheidenen Hause widerfahren war, würdig zu zeigen. Bis um Mitternacht hatte sie mit ihrem deutschen Zimmermädchen und der italienischen Köchin eigenhändig an der Decorirung des Festraums gearbeitet, der für diesen Mittag den übrigen Gästen der Pension verschlossen blieb. Diese hatten heute ihr Mahl in einem Gartenhäuschen einnehmen müssen, eine Stunde früher als sonst, während sich's die Wirthin nicht nehmen ließ, das Verlobungsmenu mit verschiedenen deutschen Gerichten zu bereichern, von deren Zubereitung die kleine schwarzäugige Gardonerin keine Ahnung hatte. Die Krone ihrer Leistungen war eine mit Orangenschnitten verzierte große Mandeltorte, auf deren Mittelschild die verschlungenen Initialen K und S in Zuckerperlen zu lesen waren, zugleich der Hauptschmuck der zierlich gedeckten Tafel, zu der von einer Nachbarin zwei große silberne Armleuchter geliefert worden waren. Die Kerzen derselben konnten freilich erst in Function treten, wenn das Mahl beendet war und die Cigarren angezündet werden sollten.
      Alles schien dazu angethan, an diesem Tische die heiterste Stimmung zu erzeugen, und die beiden großen Öldruckporträts des Königs und der Königin von Italien, an der Wand gegenüber Lithographieen der deutschen Kaiser Wilhelm und Friedrich, blickten offenbar erwartungsvoll herab, ob es nun nicht bald zu den üblichen Festreden, Umarmungen und Freudenthränen kommen wollte.
      Seltsamerweise aber erwärmte sich die Stimmung selbst nicht, als von den beiden Flaschen italienischen Champagners, die in einem Eiskübel standen, die eine bereits geleert worden war. Der grauhaarige Senior der kleinen Gesellschaft, ein würdiger Pastor, hatte zwar in einer feierlichen Rede die Gesundheit des jungen Paares ausgebracht, dieses selbst aber die günstige Gelegenheit, sich herzlich zu küssen, nicht benutzt, da der Bräutigam nur die Hand seiner Braut mit einer galanten Gebärde an seine Lippen zog. Darauf hatte sich Alles wieder gesetzt, und das gleichmüthig hinplätschernde Tischgespräch, das ein paar Minuten gestockt hatte, war wieder in den früheren seichten Fluß gerathen. Der geistliche Herr, ein eifriger Verfechter der reinen lutherischen Lehre, hatte fortgefahren, seine Nachbarin, die Mutter des Bräutigams, von seinen Erfahrungen über allerlei heidnischen Unfug in diesem katholischen Lande zu unterhalten, der Vater des jungen Mannes plauderte mit der Brautmutter, einem blassen kleinen Frauchen in schwarzem Seidenkleide, von dem verlotterten Zustand der Landwirthschaft an diesem See gegenüber der rationellen Bodencultur in ihrer holsteinischen Heimath. So hätte das junge Paar die schönste Freiheit gehabt, in einer unbelauschten Zwiesprach die zärtlichsten Gefühle auszutauschen. Doch schien ihm durchaus nichts daran gelegen, sich diese Freiheit zu Nutze zu machen. Die Braut, ein schönes, dunkeläugiges Mädchen von auffallend blasser Farbe, sah unverwandt auf ihren Teller, auf dem sie ein Stückchen der Festtorte mit dem Messer in winzige Brosämchen zerschnitt, und gab nur mit einem kaum hörbaren Ja oder Nein Antwort, wenn der Bräutigam eine halblaute Frage an sie richtete.
      Dieser, ein schlank aufgeschossener junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, trug eine gewisse Gleichgültigkeit und lächelnde Müdigkeit zur Schau, die allerdings einer so lieblichen jungen Verlobten gegenüber befremden mußte. Nur zuweilen, wenn er einen der ernsten, unmuthigen Blicke auffing, die seine Mutter ihm zwischen den beiden silbernen Leuchtern über die Torte hinüber zusandte, gab er sich gleichsam einen moralischen Ruck und sprach eine Weile lebhafter in seine stumme Nachbarin hinein. Bald aber, mit einem entschuldigenden Achselzucken, das den Blick der Mutter erwiderte, gab er die fruchtlose Mühe wieder auf und widmete sich andächtig dem Kelchglase vor ihm, in dessen aufsteigende Perlenflut er langsam und wie nach einer Apothekervorschrift aus der strohumflochtenen Chiantiflasche tropfenweise den dunklen rothen Landwein träufelte.
      Man hatte nun auch den Käse und die Schale mit Früchten, darunter noch goldgelbe Weintrauben prangten, herumgehen lassen, als die Wirthin erschien, ihren Gästen auf gut Norddeutsch »Gesegnete Mahlzeit« zu wünschen und anzukündigen, daß der Kaffee, wenn es den Herrschaften gefällig wäre, in der Laube draußen servirt sei. Ihre geheime Absicht, das wohlverdiente Lob für ihre Kochkunst einzuernten, wurde nicht getäuscht. Die beiden Damen versicherten, es sei Alles vorzüglich gewesen, besonders erging sich der Papa des Bräutigams in einem begeisterten Vergleich zwischen dem Putenbraten dieses kleinen Hauses und den langweiligen Hühnern der gewöhnlichen Hôtelküche, zumal er eine feine Hausmannskost selbst der trefflichen Table d'hôte, wie sie ja im Hôtel Gardone zu finden sei, weit vorziehe.
      Damit bot er der Brautmutter den Arm, der Herr Pastor führte die Mutter des Bräutigams, und dieser bemächtigte sich des Armes seiner Braut, so daß man in richtiger bunter Reihe die kleine Treppe hinab in den Garten zog.
      Es war das ehemals ein Olivenwäldchen gewesen, in dem man nur die frischesten der alten, wunderlich gekrümmten und geborstenen Stämme hatte stehen lassen, um dazwischen Rosenbeete, Lorbeerbüsche und einige schöne Fächerpalmen zu pflanzen. Ziemlich in der Mitte war aus dünnen, grün angestrichenen Stäben eine geräumige Laube errichtet worden, mit einem runden Kuppeldach geschlossen, das jetzt mit gelben Röschen wie überschneit aus dem silbernen Grün der Ölbäume vorleuchtete. Hier war der Kaffeetisch gedeckt, mit dem besten, nur hie und da ein wenig abgestoßenen Geschirr des Hauses, und die deutsche Dienerin trug eben die dampfende Kanne von blankpolirtem Metall aus der Küche daher. Die vier älteren Herrschaften, etwas schwer vom genossenen Wein, hatten sich bereits auf den bequemen Rohr- und Schaukelstühlen in der Laube niedergelassen. Das junge Paar aber schien keine Neigung zu haben, schon wieder seßhaft zu werden. Sie hatten sich losgelassen, gingen aber dicht nebeneinander nach dem Ufer hinab und blieben an der gemauerten Brüstung stehen, an welcher der heut ungewöhnlich unruhige See mit regelmäßig wiederkehrendem rauschendem Anprall hoch aufspritzte. Ob sie dort in ihrer Schweigsamkeit verharrten oder, wie die übrigen Bewohner der Pension muthmaßten, jetzt erst sich in zärtlichen Liebesreden ergingen, war an ihrer Haltung nicht zu erkennen. Wer aber Bescheid darum wußte, wie diese Verlobung zu Stande gekommen war, konnte nicht glauben, daß angesichts des wundervollen Ausblicks über Land und See die beiden jungen Herzen wärmer werden würden, als in dem blumengeschmückten Gemach unter den Augen der italienischen und deutschen Majestäten.
      *
      Sie waren Kinder derselben Stadt, hatten sich von klein auf gekannt, und wer sie so nebeneinander stehen sah, mochte denken, daß zwei Menschenkinder nicht glücklicher für einander geschaffen sein könnten als dieses Paar: er ein blonder, keck in die Welt blickender junger Herr, der in seinem eleganten Civilanzug den flotten Leutnant nicht verleugnen konnte, das Fräulein neben ihm gerade um so viel kleiner, als es sich für eine richtige Lebensgefährtin ziemt, und trotz der einfacheren, völlig schmucklosen Kleidung durch eine gewisse stille Vornehmheit ihrer Haltung ihm durchaus ebenbürtig. Und doch war eine Kühle und Fremdheit zwischen ihnen, als hätten sie sich eben erst zufällig getroffen und wären in Verlegenheit, wie sie einander anreden sollten. Der Bräutigam zog ein silbernes Etui aus der Tasche und nahm eine Cigarette heraus, die er anzündete, nachdem seine Braut auf die Frage, ob der Rauch sie nicht belästige, nur mit einem Kopfschütteln geantwortet hatte. Sie sah auf die niedere, mit breiten Steinplatten belegte Brüstungsmauer hinab, die mit den hellgrünen Ausläufern der Epheuranken zierlich übersponnen war. Hin und wieder schlüpfte eine geschmeidige kleine Eidechse aus einer Mauerritze, äugelte vorsichtig umher und huschte dann, sobald sie der großen Menschen ansichtig wurde, blitzschnell über die Steinplatten hin nach dem nächsten Versteck. Auch dessen achtete das schöne Fräulein nicht. Sie hob tiefversonnen die Augen und blickte über den See hinaus nach der langgestreckten Gardainsel, die seltsam geisterhaft auf dem bleifarbenen Wasserspiegel zu schwimmen schien. Die strahlende Helle des Vormittags war einem schweren Wolkendunkel gewichen, die Farbe des Sees fast schwarz geworden, und ein unheimlich schwüler Wind vom Süden her wühlte leise in der unruhigen Flut, die mit kleinen, silbergekrönten Schaumwellen über die Weite des Sees herangetrieben wurde.
      Das schöne Mädchen drückte die Augen halb ein; ein Seufzer, den sie vergebens niederzuhalten suchte, bewegte die weiße Rose, die sie als einzigen Schmuck vorn in ihr Kleid gesteckt hatte. Sie zog die Blume langsam heraus, betrachtete sie einen Augenblick und ließ sie dann über die Brustwehr in die Brandung hinabfallen.
      Schade um die schöne Blume! sagte der junge Herr mit einem mühsamen Lächeln und versuchte den Arm um ihre Hüfte zu legen. O, erwiderte sie mit einem Achselzucken, indem sie sich sacht seinem Arm entwand, was liegt an einer Blume! Sie kann noch dankbar sein, daß sie nicht zertreten und nur von den Wellen fortgespült wird. Aber ich bin müde! Setzen wir uns dort auf die Bank!
      Er ging neben ihr nach einem Bänkchen, das unter einem hohen Lorbeerbusch stand. Es liegt Sturm in der Luft, sagte er, indem er sich neben ihr niederließ und mit der aristokratisch wohlgepflegten Hand über die vom Wein erhitzte Stirne strich. Du solltest hineingehen, 
      Stina, dich ein wenig niederlegen. Wir saßen zu lange bei Tisch; es hat dich angegriffen.
      Ich fände dieselbe Luft auch drinnen im Haus – und dieselben Gedanken! sagte sie wie für sich hin. Hier draußen sieht man wenigstens den Aufruhr des Sees; das thut wohl.
      Er wollte etwas erwidern, hielt es aber zurück und blies den Rauch der Cigarette durch die Nase. Dann schwiegen sie wieder.
      Unsere Liebenden haben sich unsern Blicken entzogen, sagte der geistliche Herr in der Rosenlaube, während er die Wolken aus einer kurzen Pfeife blies. Die italienischen Cigarren hatte er für unrauchbar erklärt.
      Ja, sagte die Mutter des Bräutigams, es scheint, daß sie jetzt erst dazu gekommen sind, sich intimer auszusprechen. Gott gebe, daß sie die rechten Worte finden, ihre Herzen gegeneinander aufzuschließen!
      Niemand erwiderte etwas. Auch in der Rosenlaube war die Stimmung sehr gedämpft, der Papa lag in seinem Schaukelstuhl lang ausgestreckt und hielt die ausgegangene Cigarre schlaff in der Rechten, während er mit dem Schlummer, der zu seiner Siesta gehörte, hoffnungslos kämpfte, die Brautmutter hatte kein Auge von ihrer Tochter verwandt, bis diese hinter dem Lorbeer unsichtbar wurde. Nur der geistliche Herr schien in seinem salbungsvollen Gleichmuth unerschütterlich. Sein Glaube, auch dieser Herzensbund sei im Himmel geschlossen, wurde auch durch das Bewußtsein nicht wankend gemacht, wie großen Antheil er selbst aus sehr irdischen Rücksichten am Zustandekommen der Verlobung gehabt hatte.
      *
      Pastor 
      Elias Brodersen, der seit dreißig Jahren Pfarrer an der Hauptkirche des kleinen holsteinischen Städtchens, des Geburtsorts unseres Brautpaars, war, hatte Beide getauft und eingesegnet und glaubte daher am besten wissen zu müssen, was dem Heil dieser jungen Seelen frommen sollte. Als ein redlicher Diener am Wort voll rechter Gottes- und Menschenliebe, wie er sich hundertfach bewährt hatte, genoß er des höchsten Ansehens und vollsten Vertrauens bei seiner Gemeinde, die ihm einen gelegentlichen Übereifer und die wenigen Menschlichkeiten, die auch ihm nicht fehlten, gern nachsah. Da er seine Frau früh verloren und zwei Töchter in benachbarten Städten verheirathet hatte, blieb ihm neben seinen Amts- und Seelsorgergeschäften freie Zeit genug, um seiner Schwäche für den Segelsport und die Fischerei zu fröhnen, die ihn in Wind und Wetter auf die offene See hinaustrieb. Dieser Kampf mit den Elementen hatte ihn bis in sein Alter rüstig erhalten, sein Gesicht unter dem grauen Haar gesund geröthet und seiner Haushälterin oft eine nicht unwillkommene Ergänzung der einfachen Tafelfreuden beschert. Leider nur hatte er die Gewohnheit, so bald er sich auf hoher See befand, einen Choral oder auch zwei anzustimmen, mit um so lauterer Stimme, je heftiger der Wind gegen sein Boot anstürmte. Solches that er nicht allein zur Ehre seines Gottes, sondern auch zur Stärkung seines Halses, was ihm für seine Kanzel zu Gute kam, bis er eines Novembertages aus einem rauhen Schneesturm eine so heftige Halsentzündung heimbrachte, daß er infolge derselben seine Stimme überhaupt verloren zu haben glaubte.
      Es hatte keine Schwierigkeit gehabt, ihm vom Consistorium einen Urlaub zu erwirken, den er sofort antrat, um in Gardone zunächst durch vollständiges Schweigen seine Stimmbänder aus ihrem Verfall wieder aufzurichten. Und schon im Januar konnte er nach Hause melden, daß er täglich eine entschiedene Besserung spüre und mit Gottes Hülfe zu Ostern als ein vollständig Genesener wieder nach Hause zu kommen hoffe.
      Dies hatte er auch einem befreundeten adligen Ehepaar geschrieben, das nahe bei dem Städtchen ein schönes altes Schloß bewohnte, in einem großen Park, der sich bis an das Seeufer erstreckte. Es war dies seit undenklichen Zeiten ein Familienbesitz der Freiherren 
      von Guntram, den der jetzige Schloßherr, nachdem er aus dem französischen Kriege als Husarenrittmeister zurückgekehrt war und seinen Abschied genommen hatte, gründlich zu restauriren und vielfach zu verschönern versucht hatte. Denn er hatte sich in eine schöne junge Gräfin verliebt und sie heimgeführt, für die ihm das alte Gebäude viel zu verwittert und unwohnlich schien.
      Die junge Schloßfrau war freilich nicht sehr verwöhnt. Sie hatte in so drückenden häuslichen Verhältnissen gelebt, daß sie das Herabsteigen zu einer einfachen Baronin, die jedoch über reiche Mittel gebot, als eine wahre Erlösung empfand. Nicht nur äußerlich überragte sie ihren Gatten um einen halben Kopf, sondern auch an Bildung und sicherem Takt war sie ihm beträchtlich überlegen, während der ehemalige Reiteroffizier leicht um thörichten Anlaß aufbraus'te, dann wieder sehr zerknirscht sich demüthigen konnte und nur; wo Geburtsvorrechte in Frage kamen; eigensinnig auf seiner Meinung beharrte.
      Er verehrte seine Frau jedoch nicht allein um der Grafenkrone willen, die sie in den freiherrlichen Stammbaum verpflanzt hatte, sondern wegen ihrer geistigen und Charaktereigenschaften. Und als sie ihm vollends einen Stammhalter geboren hatte, wußte er sich an ritterlicher Hingebung nicht genug zu thun, so daß sein geistlicher Freund, Pastor Brodersen, zu dieser übertriebenen Verhimmelung manchmal den Kopf schütteln mußte.
      Als nun die enthusiastischen Berichte über Gardone, die Milde des Klimas, das Behagen in dem großen Hôtel in das Schlößchen gelangten, kam dem Baron eines Tages, da seine Frau mit bleichen Wangen und gerötheten Augen nach einer schlaflosen Nacht am Frühstückstische erschien, der Gedanke, daß es dringend nöthig sei, für die Gesundheit dieses seltenen Weibes ein Übriges zu thun und sich für den Rest des Winters ebenfalls an das zauberkräftige Ufer des berühmten Sees zu verpflanzen.
      Die Baronin, die wohl wußte, daß die Ursache ihres üblen Nervenzustandes durch noch so wohlthätige klimatische Einflüsse nicht zu heben sei, hatte doch keinen Grund, dem liebevollen Vorschlage ihres Gatten zu widerstreben. Und in der That, als sie gegen Ende Januar in ihrem Winterasyl eintrafen, war der Eindruck der zugleich anmuthigen und erhabenen Scenerie mit dem Schmuck einer immergrünen Vegetation, die keinen winterlichen Gedanken aufkommen ließ, so überwältigend für die beiden nordländischen Gäste, daß für den Augenblick und die nächsten Wochen aller Trübsinn aus dem Gemüth der edlen Dame schwand und auf ihrem etwas schmal gewordenen Gesicht Fülle und Farbe zurückkehrte. Man sah ihre hohe Gestalt zu allen Tagesstunden auf der heiteren Straße bis nach Maderno dahinschreiten, ihr zur Rechten den geistlichen Freund, der sich des Schweigens befleißen sollte, aber unaufhörlich plauderte, auf ihrer anderen Seite den Gemahl in einem grauen Anzug mit Kniehosen und dicken Wadenstrümpfen, die zu seinem ansehnlichen Bäuchlein sich wunderlich genug ausnahmen, das Gesicht aber mit dem grauen martialischen Schnurr- und Backenbart jugendlich frisch und von dem eifrigen Marschieren geröthet. So stiegen sie zu den alten Bergnestern hinauf, durchwanderten die schönen lorbeerduftenden Wege von Morgnaga an über Gardone di sopra, Gargnano, Fasano und Bezzuglio, so daß sie oft zu den Mahlzeiten im Hôtel zu spät heimkehrten.
      Jeden Tag dankte der Baron seinem Freunde, daß er ihn auf diese glückliche Idee gebracht. Und da der Pastor nun schon wieder so weit erholt war, daß er es wagen konnte, in einem der Säle des Hôtels die protestantischen Gäste mit sonntäglichen Andachten zu erbauen, schien dem Glück und Frieden dieser drei Menschen nichts zu fehlen, bis eines bösen Tages ein Brief anlangte, der, wie ein Erdstoß ein ahnungsloses Haus, dies paradiesische Stillleben erschütterte.
      *
      An diesem Vormittag hatten sie einen weiten sonnigen Spaziergang gemacht, von dem sie erst gegen Mittag zurückkehrten. Die beiden Herren begaben sich sogleich in den großen Glassalon im Erdgeschoß, um eine Schachpartie zu Ende zu spielen, die sie stehen gelassen hatten, als die Baronin sie zu ihrer Morgenpromenade abholte. Diese stieg nun die Treppen zu ihren Zimmern hinauf, zwei der bescheidneren im zweiten Stock, mit denen sie hatten vorlieb nehmen müssen, da sie sich erst so spät um Wohnung in dem überfüllten Hôtel bemüht hatten.
      Es fehlte aber in ihrem kleinen Wohnzimmer nicht an einer bequemen Chaiselongue, auf der sie sich auszustrecken gedachte, um vor der Table d'hôte noch ein wenig auszuruhen. Als sie aber eintrat, sah sie auf dem Tisch zwei Briefe liegen, die mit der Zehnuhrpost für sie gebracht worden waren. Ohne erst Hut und Mäntelchen abzulegen, griff sie hastig nach dem einen, öffnete mit einem leichten nervösen Beben das Couvert und las die folgenden flüchtig hingeworfenen Zeilen:
      »Liebste Mama!
      Aus tiefer Noth schrei' ich zu Dir! Ich habe mich gestern nach einem flotten Souper, das Vetter Fritz zur Feier seines Avancements gegeben hat, verleiten lassen, an einem Bänkchen theilzunehmen, das Itzenplitz auslegte – trotz meines Versprechens an Papa, mich des Jeus zu enthalten – und – erschrick nicht! – die Kleinigkeit von achttausend verloren. Bahlen, gegen den ich sie schuldig geblieben, hat generös in eine Frist von vierzehn Tagen gewilligt. Wenn ich dann aber nicht zahlen kann – geliebte Mama, ich brauche Dir nicht das traurige Entweder-Oder, das mir dann bevorsteht, zu schildern. Wenn es Dir nicht gelingt, Papa noch einmal gnädig gegen den verlorenen Sohn zu stimmen – na, ich habe mich ja in meinem kurzen Leben gut genug amüsiert, um nun ohne großen Kummer Schluß machen zu können. Nur um Dich thäte mir's leid, liebes altes Mutting. Du hast den großen Schlingel immer zu lieb gehabt, um nicht zu hoffen, daß er sich noch einmal gründlich bessern würde.
      Der allmächtige Gott, der in die Herzen schaut, und vor dem ich in tiefer Zerknirschung als ein der Gnade Unwürdiger stehe, er weiß, wie ernst es mir damit sein würde, wenn ich nur diesmal noch den Hals aus der Schlinge ziehen kann. Mich einem Seelenverkäufer von Juden anzuvertrauen, habe ich Papa gegenüber ein für allemal verschworen, und dies Ehrenwort werde ich nicht brechen; lieber mir selbst den Hals.
      Ach, geliebtes Mutterherz, obwohl Du auch einmal jung gewesen bist, – wie es einem jungen Gardeleutnant sauer gemacht wird, keinen Fingerbreit von Gottes Wegen abzuweichen, davon hast Du gar keine Vorstellung. Es wäre überflüssig, Dir das klar machen zu wollen. An meine schmerzliche Reue und den festen Vorsatz, einen neuen Menschen anzuziehen, mußt Du glauben, Mutting, oder Du hast Deinen Kurt nie geliebt.
      Ich lege mein Schicksal vertrauensvoll in Deine treuen Hände. Wenn Du mir etwas Günstiges sagen kannst, so bitte ich um Drahtnachricht. Bleibt sie in den nächsten acht Tagen aus, so sage ich Dir und Papa hiermit Lebewohl und tausend Dank für all Eure unverdiente Liebe und Güte.
      Dein unglücklicher
       Kurt.«
      Die Mutter war auf einen Stuhl neben dem Tische gesunken, der Brief glitt ihr aus der zitternden Hand auf den Teppich, so saß sie lange in die dunkelsten Gedanken vertieft. Wieviel Kummer hatte dieser ihr Einziger ihr gemacht, seit er von seinem Vater als Stammhalter des alten Geschlechts mit überschwänglicher Freude begrüßt worden war. Schon als Knabe hatte sein zügelloser Eigenwille selbst durch die strenge väterliche Zucht sich nicht bändigen lassen. Die Mutter hatte sich seufzend darein finden müssen, ihn in die Kadettenanstalt zu geben, aus der er nur immer für kurze Ferienzeiten zu ihr zurückkam. Auch dann war es für ihr zärtliches Herz kein reines Glück gewesen, da sie einen zu hellen Verstand hatte, um sich über die gefährlichen Anlagen in seinem Charakter zu täuschen. Und da auch der Vater, so gründlich er selbst in seinen jungen Jahren sich hatte die Zügel schießen lassen, zu den wilden Manieren des Sohnes den Kopf schüttelte und kein rechtes Herz zu ihm fassen konnte, waren beide Eltern jedesmal froh, wenn das Söhnchen wieder zu seinen Zuchtmeistern zurückkehrte.
      Daß diese freilich auf die Erziehung seines Gemüths keinen Einfluß hatten und sich's auch nicht angelegen sein ließen, war das Bitterste an dem Kummer, mit dem die Baronin an ihren Kurt dachte. Sie bildete sich immer noch ein, wenn sie ihn nur hätte bei sich behalten können, würde die Kälte und Härte, die Selbstsucht und Eitelkeit, die er nicht einmal zu verbergen sich bemühte, nicht so tief in ihm eingenistet sein. Und da der Vater sich das Herz des Sohnes durch seinen Jähzorn vollends entfremdete, sah sie es als ihre Mutterpflicht an, mit seinen Schwächen und tollen Streichen desto unermüdlichere Nachsicht zu üben. Zweimal schon hatte sie in einem ähnlichen Falle die Fürsprecherin bei ihrem Manne gemacht und es das letzte Mal erst durch einen Fußfall erreicht, daß der Baron eine Spielschuld, noch größer als die jetzige, bezahlt hatte. Es war nicht das Geld, das herzugeben ihm das Schwerste war. Im Grunde war er bei all seiner Husarenderbheit ein weichherziger Mann, dem es am wehesten that, daß sein Sohn keinen Funken wahrhafter Liebe und Pietät in sich trug. Und so war er auch nicht sonderlich erbaut, ihn bei seinem letzten Besuch auffallend verändert zu finden, zahmer und scheinbar lenksamer; obwohl er diesmal nicht einmal darauf ausging, durch besondere Liebenswürdigkeit dem strengen Papa einen neuen Zuschuß zu seiner Apanage abzuschmeicheln.
      Auch die Mutter freute sich dieser Wandlung nicht, zumal Kurt, in einer einsilbigen, zerstreuten Haltung neben ihr hinlebend, keine Miene machte, ihr seine Herzensangelegenheit zu beichten. Sie war aber von anderer Seite darüber unterrichtet worden. Eine Freundin in Berlin hatte ihr geschrieben, daß der junge Herr, der jetzt das Leutnantsexamen bestanden hatte, in eine bedenkliche Liebschaft mit einer Dame aus der Halbwelt verstrickt sei, die neben ihm noch Andere begünstigen sollte. Das habe ihn zu unsinnigem Aufwand verleitet, um die Nebenbuhler auszustechen, und um die Mittel dazu sich zu schaffen, sei er ständiger Besucher von verschiedenen Spielergesellschaften geworden.
      Er hatte zwar all diese Beschuldigungen geleugnet, als die Mama in gütigster, eindringlichster Weise ihn darüber auszuforschen suchte. Der heute eingetroffene Brief aber bestätigte nur zu offen die Wahrheit jener Berichte. Und wenn es nur die Spielschuld gewesen wäre! Aber das Andere, was ihr selbst weit entsetzlicher war, was sie vor ihrem Gemahl sorgfältig geheim halten mußte, da der Baron seltsamerweise über dergleichen Sünden jetzt gerade so strenge dachte, wie er in Kurt's Alter sie leicht genommen hatte! Und doch war sie überzeugt, daß vielleicht nur der kleinere Theil der vergeudeten Summe dem Spielteufel geopfert worden war, der größere jener unseligen Leidenschaft.
      Mochte es aber nun sein, wie es wollte, es mußte noch einmal Rath geschafft werden.
      Die unglückliche Frau griff nach dem ihr entfallenen Brief, zugleich nach dem anderen, den sie noch nicht geöffnet hatte, und erhob sich mühsam von ihrem Sitz. Zum Glück lehnte der feste Stock von hellem Citronenholz, den sie auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegte, noch am Tische. Nun stützte sie sich darauf und verließ mit langsamen Schritten, den Kopf auf die Brust gesenkt, das Zimmer.
      Der Baron und der Pastor blickten erstaunt und erschrocken von ihrer Schachpartie auf, als die Baronin mit verstörter Miene an ihr Schachtischchen trat.
      Was ist, Elisabeth? Schlechte Nachrichten? fragte der Baron.
      Ich muß mit dir sprechen, Georg, erwiderte sie hastig und leise. Verzeihen Sie, verehrter Freund, daß ich Ihr Spiel störe –
      Wir sind ohnehin fertig, theure Freundin, sagte der Pastor und stand auf. Gegen den Ansturm eines so schneidigen Husarenrittmeisters hat meine Truppe sich wieder einmal nicht halten können. Aber Sie sehen so erschüttert aus. Diese Briefe – auf dem einen erkenne ich die Handschrift unserer guten Majorin. Aber der kann es nicht sein, Sie haben ihn ja noch nicht einmal geöffnet. Der andere – verzeihen Sie, ich dränge mich nicht ein in Ihre Privatangelegenheiten. Auf Wiedersehen bei Tische!
      Bleiben Sie, lieber Pastor, sagte die Baronin. Vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse, und was ich meinem Manne mitzutheilen habe – Ihre Gegenwart dabei wird mir vielleicht sehr erwünscht sein – nur hier nicht – auch nicht in unseren Zimmern oben, die Wände sind zu dünn. Wir wollen in die Anlage hinaufgehen – um diese Stunde treffen wir keinen Menschen dort.
      Sie ging den Männern voran, die in lebhafter Spannung ihre Hüte nahmen und ihr zum Hause hinaus folgten. Sie brauchten nur die Straße zu kreuzen, die an der Rückseite des langgestreckten Hôtels vorbeiläuft, um in ein sanft ansteigendes Gartenland zu treten, wo die Anpflanzung immergrüner Gewächse und Büsche erst seit kurzem begonnen hatte. Auf der Höhe dieser Anlagen, die den Hôtelgästen eine Ergänzung des schmalen grünen Landstriches zwischen Haus und See bieten sollten, waren bereits ein paar Bänke aufgestellt, auf denen sich jetzt in der warmen Mittagssonne des Februar behaglich rasten ließ. Dahinter, durch einen lichten Weißdornzaun getrennt, lief ein kleiner Pfad, der gleichfalls um diese Zeit nicht betreten zu werden pflegte.
      Die Baronin hatte sich, wie erschöpft von dem kleinen Anstieg, auf eine der Bänke gesetzt; die beiden Herren waren vor ihr stehen geblieben.
      Der Brief ist natürlich von Kurt! stieß der Baron jetzt heftig zwischen den Zähnen hervor. Aller schlimmste Ärger pflegt von dem nichtsnutzigen Jungen zu kommen. Was für saubere Neuigkeiten hat er diesmal seinen theuren Eltern zu berichten? Lies ihn vor, Elisabeth! Mir dringt immer das Blut gegen die Augen, wenn ich von den Suiten des Herrn Sohnes zu lesen bekomme.
      Nein, Georg, erwiderte die Frau mit einem Seufzer, das kann ich nicht. Diesen verzweifelten Brief meines armen Jungen laut vorlesen – die Stimme würde mir versagen. Nimm den Brief, lies ihn ganz still für dich und bedenke, daß ein so junger Mensch, in einer Gesellschaft, die für einen noch unfertigen Charakter so viele Gefahren hat – o Gott, wie sind unsere menschlichen Gedanken so kurzsichtig! Du dachtest es so gut zu machen, als du ihn in das Berliner Regiment eintreten ließest, und jetzt ach, mein verehrter Freund, es giebt kein schwereres Leid, als den Kummer einer Mutter um ihr einziges Kind!
      Sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen und lehnte sich in der Bank zurück. Der Baron, dessen breites Gesicht sich dunkel geröthet hatte, wie immer, wenn er einen Zornesausbruch mit Mühe zurückhielt, nahm ihr den Brief schweigend aus der Hand und ging langsam nach der anderen Bank, fünfzig Schritte zur Seite. Da setzte er sich, zog sein Augenglas hervor und begann zu lesen.
      Der Pastor hatte sich neben der weinenden Baronin niedergelassen. Fassen Sie sich, verehrte Freundin! sagte er mit seinem weichsten Kanzelton. Der Herr schickt uns keine Prüfung, er füge denn die Kraft hinzu, sie als ergebene Kinder unseres himmlischen Vaters zu ertragen. Sagen Sie mir, was in dem Briefe steht. Ihr Kurt ist noch so jung und bei all seinen Jugendthorheiten – eines schlechten Streiches halte ich ihn nicht für fähig, dagegen schützt ihn das Blut seiner Väter, das in seinen Adern rinnt.
      Sie trocknete die Augen, richtete sich auf und berichtete ihrem geistlichen Freunde, was der Sohn ihr geschrieben hatte.
      Daß mehr noch, als die betrübende Thatsache, der Ton, in dem sie gebeichtet wurde, halb blasirt weltmännisch, halb frömmelnd demüthig, weil der Schreiber auf diese Art das Herz der Mutter zu rühren gehofft, dies fein empfindende Mutterherz verletzt hatte, verschwieg sie dem geistlichen Freunde. Dann aber: Ich muß Ihnen alles sagen, fügte sie etwas zögernd hinzu. Es ist auch eine Frau mit im Spiel, eine jener gefährlichen Schlangen, die in der großen Stadt das Herz und die Sinne unerfahrener guter Jünglinge umstricken und ihnen das Blut vergiften. Sie wissen, wie mein Mann über dergleichen Verhältnisse denkt. Er würde, wenn er davon hörte, unserem armen verführten Kinde unerbittlicher zürnen, als wenn er in der Fremde die Schweine gehütet und sich von Trebern genährt hätte. O theurer Freund, meine einzige Hoffnung ist die Macht, die Sie über meinen Mann haben, und ich sehe es als eine Fügung Gottes an, daß dies Schreckliche über uns kommt, während Sie in unserer Nähe sind.
      Der Pastor erwiderte nichts, er wiegte nur mit einer tiefnachdenklichen Miene den grauen Kopf und horchte dann nach der anderen Bank hinüber, von wo hin und wieder ein dumpfer, unarticulirter Laut, wie das drohende Knurren eines großen Hundes, ehe er sich auf einen Feind stürzt, vernommen wurde.
      Sie haben Recht, liebe Freundin, sagte endlich der alte Herr, Kinder sind uns zu unserer höchsten Lust und tiefsten Qual vom Herrn gegeben. Auch wenn sie in der Zucht des Herrn aufwachsen – wieviel Sorgen bereiten sie unseren Herzen! Ich will von mir selbst nicht reden, aber auch Ihre wackere Freundin, die Majorin, deren Tochter ich meiner eigenen immer als Vorbild hingestellt habe – wie oft hat mir die gute Frau ihr Herz über dieses Sorgenkind ausgeschüttet. Und was hat sie Ihnen jetzt geschrieben? Lesen Sie doch auch ihren Brief, es liegt mir daran zu hören, ob die Lebensgefahr, in der das liebe Kind zu schweben schien, vom Herrn noch einmal in Gnaden abgewendet worden ist.
      Ohne den warmen Antheil des ehrwürdigen Mannes am Wohl und Weh seiner Beichtkinder in Zweifel zu ziehen, muß doch gesagt werden, daß es eine seiner Schwächen war, sich um die geringsten Vorgänge in den Familien seines Sprengels zu bekümmern, und daß er seine Haushälterin angewiesen hatte, ihm über alle Stadtneuigkeiten Bericht nach Gardone zu erstatten, da er nur dann im Stande sei, seiner Pflicht als Seelsorger auch aus der Ferne zu genügen.
      Von der Schreiberin des Briefes, der so lange uneröffnet auf dem Schooß der Baronin gelegen hatte, war ihm den ganzen Winter keine Nachricht zugekommen.
      Sie war die Wittwe eines Offiziers, der in den Jahren 1870 und 1871 mit dem Baron im Felde gestanden, als Hauptmann das Eiserne Kreuz erworben hatte, dann aber im Frieden um einer nichtigen Ursache willen im Avancement übergangen worden war. Er hatte tiefgekränkt seinen Abschied genommen, den er als charakterisirter Major erhalten, und sich in die kleine holsteinische Stadt zurückgezogen, wo er sehr einsam den Rest seines Lebens verbrachte, mit mathematischen und kriegswissenschaftlichen Studien den fressenden Groll über seine Zurücksetzung betäubend.
      Auch die Liebe eines anmuthigen jungen Wesens, die er hauptsächlich dem Mitgefühl mit seiner düsteren, schwermüthigen Miene verdankte, hatte ihn nicht wieder zu einer heitreren Lebensanschauung stimmen können. Man sah ihn, auch nachdem er geheirathet hatte, wenig in der Stadt, da er ein Häuschen mit einem kleinen Garten am Rande derselben gekauft hatte, nur einen Büchsenschuß von der See entfernt. Das Gärtchen, in dem er mit viel Eifer und wenig Verständniß arbeitete, schien seine ganze Welt zu umfassen. Auch als ihm eine Tochter geboren wurde, hellte sich seine verdüsterte Seele nur wenig auf, obwohl er das schöne und sehr begabte Kind leidenschaftlich liebte. Dann und wann empfing er den Besuch des Barons, seines ehemaligen Kriegsgefährten. Sie stritten dann, da der Major in einem Infanterieregiment gestanden hatte, über den Vorzug ihrer beiden Waffengattungen, oder kritisirten die strategischen Äußerungen Moltke's in dem großen Generalstabswerk. So kam es auch zwischen den Frauen zu gelegentlichen Besuchen, ja trotz der großen Verschiedenheit der Charaktere und Lebensgewohnheiten zu einer herzlichen Freundschaft, die von seiten der Baronin einen Zug von Mitleid mit der allzu passiven und eingeschüchterten Natur der kleinen Frau annahm. Früh waren auch die Kinder zu einander gekommen, ohne sonderliche Neigung. Denn die kleine Stina war bei all ihrer scheinbaren Ruhe und Bescheidenheit ebenso fest in ihrem Willen und Meinen, wie Junker Kurt herrisch und übermüthig, so daß seine Besuche oft zu hellem Zwist und Zank führten und damit endeten, daß er drohte, gewiß nie wiederzukommen.
      Es war dabei auch die Eifersucht im Spiel auf einen dritten jungen Kameraden, einen entfernten Verwandten des Majors, der als ein blutarmer verwais'ter Junge bei einem Professor des Gymnasiums in Kost und Pflege gegeben war und mit einem mageren Stipendium sich kümmerlich behelfen mußte. Er aß alle Sonntagmittag bei Stina's Eltern und durfte dann mit der Kleinen sich im Garten tummeln, oder sie und ihre Mutter, die er Tante 
      Marie nannte, auf einen Spaziergang im Buchenwald am Strande begleiten.
      Dieser 
      Wilm Lornsen war dem jungen Baron gegenüber noch wilder und trotziger, als sonst schon die Art des stolzen Burschen war, und da ihn das kleine Mädchen offenbar begünstigte, konnte es nicht fehlen, daß zwischen den beiden Knaben von früh an ein eifersüchtiger Haß sich einnistete.
      So vermied es denn auch Stina mehr und mehr, als sie heranwuchs, Kurt zu begegnen, und war, während er in seinen Urlaubszeiten sich bei den Eltern aufhielt, zu einem Besuch im »Schlößchen« nicht zu bewegen. An Einladungen dazu ließ es die Baronin nicht fehlen. Sie hatte das holde Kind ihrer bürgerlichen Freundin von früh an ins Herz geschlossen, und als vollends Stina, nun schon sechzehn Jahre alt, bei einer langwierigen Erkrankung der Baronin sich aufs Liebevollste ihrer Pflege angenommen und Tag und Nacht sich nicht aus ihrer Nähe entfernt hatte, war sie der Genesenen so theuer geworden, wie ein eigenes Kind.
      In den letzten Jahren aber war der Verkehr zwischen beiden Familien etwas ins Stocken gerathen. Der Major war gestorben. Da seine Wittwe nur eine karge Pension bezog, hatte die Tochter noch eifriger als zuvor ihre Vorbereitungen zum Lehrerinnenexamen betrieben und kaum an den Sonntagen einmal zu einem kurzen Besuch im Schlößchen Zeit gefunden. Da sie viele Stunden des Tages der Mutter im Hause an die Hand ging, mußte sie für ihre Studien die Nächte zu Hülfe nehmen. Und so war es kein Wunder, daß ihre schöne, zarte Jugendblüte ihre Frische verlor und sie endlich in einen so erbärmlichen Zustand gerieth, daß der alte Pastor, der mit väterlicher Zuneigung ihr Heranblühen beobachtet hatte, sich nun über ihr sichtbares Hinwelken Sorge machte und auf den neuesten Bericht über ihr Befinden wohl begierig sein konnte.
      Die Baronin, immer dazwischen zu ihrem Manne hinüberspähend, hatte den Brief der Freundin, ohne ein Wort zu sagen, zu Ende gelesen und reichte ihn jetzt mit einem schweren Seufzer ihrem geistlichen Freunde. Überall Kummer und Noth! sagte sie. Je älter man wird, je mehr erlebt man, daß diese so schöne Erde doch nur ein Jammerthal ist. Meine arme Marie! Wie wird der zu helfen fein? Und daß ihre Bedrängniß uns gerade heute bekannt wird, wo unser eigenes Geschick uns zu schaffen macht!
      Sie starrte rathlos auf den eben wieder aufgrünenden Rasen vor sich hin, während Pastor Brodersen eine große Hornbrille aufsetzte und Frau Mariens Brief langsam zu studieren begann. Ringsum war eine tiefe Stille, am Himmel sah man leichte weiße Wölkchen, die regungslos im Blau standen, da nicht der leiseste Wind sich rührte, und die Straße unten, da es Mittagszeit war, wurde nur durch den vorüberschleichenden Karren des schwarzbärtigen Gemüsehändlers belebt, dessen Tochter oben zwischen den jetzt leeren Körben hockte und mit ruhig nickendem Kopf ihre Siesta hielt.
      Nun aber rührte sich's auf der zweiten Bank. Der Baron hatte den Unglücksbrief längst zu Ende gelesen, war dann aber in ein gereiztes, düsteres Nachsinnen versunken, aus dem er erst jetzt auffuhr. Er lüftete den Hut und trocknete sich die Stirn. Dann kam er mit schweren, langsamen Schritten wie ein gebrochener Mann auf die andere Bank zugeschritten und pflanzte sich mit plötzlich entschlossener Miene vor seine erschrockene Gattin hin.
      Ich bin jetzt mit mir ins Reine gekommen, Frau, und mit ihm fertig geworden! stieß er heftig hervor. Er hat sein feierliches Versprechen, nicht mehr zu spielen, gebrochen, sein Herz ist ebenso schlecht, wie sein Charakter haltlos, ich erkenne ihn als meinen Sohn nicht mehr an! Was? Ein Sohn, der für seine Eltern weder wahre kindliche Liebe noch auch nur die äußerlichste Rücksicht beweis't? Denn all das Gerede und Gethue von Reue und Besserung in seinem Briefe ist doch nur bloßer Heuchelkram. Wenn ich noch einmal Gnade vor Recht ergehen lasse – in sechs Monaten kommt wieder ein solcher Brief. Darum will ich heute schon thun, was ich dann thun würde. Ich erkenne ihn als meinen Sohn nicht mehr an, wiederholte er, stark jede Silbe betonend. Du magst ihm schreiben, Elisabeth, daß ich ohne auf weiteres Bitten und Winseln nur ein Wort zu antworten, ihn jetzt sich selbst überlasse. Ob er einen Juden finden wird, der auf den Pflichttheil nach meinem Tode ihm nur hundert Mark borgen möchte, mag er selbst überlegen. Ich – das kannst du ihm sagen – verzeihe ihm den Kummer und die Schande, die er mir bisher gemacht hat. Von heute an aber wird mir sein Leichtsinn und seine Liederlichkeit nicht mehr zu Herzen gehen. Ich habe keinen Sohn mehr, und damit basta!
      Er stieß die geballten Fäuste heftig in die Taschen seines kurzen Röckchens und stapfte mit dicht zusammengezogenen Brauen und wildem Blick auf dem schmalen Wege vor der Bank hin und her, daß der Kies unter seinen Bergschuhen knirschte.
      Auf der Bank blieb es ganz still. Die Baronin war gewöhnt, den ersten Zornesausbrüchen ihres Gatten nicht eine Silbe entgegenzusetzen, da nach einer solchen Entladung eine Stille einzutreten pflegte, in der später auch ein leises Wort von ihr Gehör fand. Sie warf nur einen scheuen Seitenblick auf den geistlichen Freund an ihrer Seite, mehr um auch ihn zu beschwören, den Sturm erst verbrausen zu lassen, als um seinen Beistand zu erbitten.
      Der Pastor bemerkte es nicht. Er hatte den langen Brief von Stina's Mutter jetzt zu Ende gelesen, faltete ihn bedächtig zusammen und nahm die Brille von der Nase. Dann räusperte er sich, wie zum Beginn einer längeren Rede, und sagte mit feierlichem Ton: Mein werther Freund –
      Der Baron stand plötzlich still und wandte sich nach ihm um.
      Ich bitte Sie, verehrter Freund, kein Wort mehr über die Sache zu reden. Ich weiß Alles, was Sie mir sagen wollen, aber ich versichere Sie, es ist verlorene Mühe. Daß man einem Sünder siebenmal siebzigmal verzeihen solle – so sagten Sie, als ich vor anderthalb Jahren zum zweiten Male die Schulden dieses Taugenichts bezahlte, eine kolossale Summe. Wo sind die guten Vorsätze, die er damals von sich gab? Haha! mit denen war nur der Weg zur Hölle gepflastert, wieder zu einer Spielhölle natürlich! Jetzt aber – wenn Sie mir wieder mit einem Bibelwort kommen wollen – o! auch ich habe ein sehr nachdrückliches Gebot der Schrift in Bereitschaft: »Wenn dich dein Auge ärgert, so reiß es aus! Es ist besser –« und so weiter. Ich bin entschlossen, dieses kranke Glied von meinem Leibe zu trennen, eh' es mir das Leben vollends vergiftet! Die Folgen nehm' ich über mich. Von seiner Drohung, mit der er die weichherzige Mama zu schrecken gesucht hat, glaub' ich kein Wort. Ein so herzloser Egoist, der eben dieser nur zu zärtlichen Mutter allen erdenklichen Kummer zu machen im Stande ist, hat sein elendes Ich zu lieb, um es nicht um jeden Preis zu conserviren, und wäre es um den der Verachtung aller Ehrenmänner!
      Mit diesen Worten zog er den unseligen Brief aus der Tasche, riß ihn mitten durch, zerpflückte ihn in winzige Stücke und warf das leichte Häuflein über den Zaun.
      Diese symbolische Handlung schien ihn etwas erleichtert zu haben; er athmete tief auf, trocknete sich die Stirn und sagte mit ganz gelassenem Ton: Ich glaube, es wird nachgerade Zeit sein, zum Diner Toilette zu machen.
      Die beiden Anderen regten sich nicht. Nach einer Weile sagte der alte Herr: Eh' wir zu Tische gehen, muß dies doch noch ins Reine gebracht werden. Sie brauchen nicht zu fürchten, mein werther Freund, daß ich Ihnen das Recht zu Ihrer sehr begreiflichen Entrüstung bestreiten möchte. Am wenigsten sind Sie jetzt in der geistigen und seelischen Verfassung, um vom theologischen Standpunkt aus mit Ihnen zu rechten. Auch die Anwendung des von Ihnen citirten Spruches, so controvers sie ist, gebe ich Ihnen bereitwillig zu. Nur, da ich der Ältere und kraft meines Amtes der Leidenschaftslosere bin, darf ich Sie daran erinnern, daß ein besonnener Mensch, wenn sein Auge ihn ärgert, ehe er es ausreißt, sich fragt, ob nicht eine sanftere Kur Aussicht auf Erfolg hätte. Ein Auge ist immerhin ein Auge, und der Sohn, der Ihr Augapfel war, Ihr einziges. Und darum –
      Nein, nein! fuhr der kleine Herr dazwischen, reden Sie mir von keiner Kurpfuscherei. Ich bin überzeugt, wie von meinem Leben, daß alle milden Medicamente kraftlos sind. Nur eine Radicalkur –
      Und wenn ich nun eine solche Ihnen vorzuschlagen hätte? unterbrach ihn der Pastor, indem er aufstand und ihm einen Schritt näher trat. Dann, als der Baron ihn ungläubig anstarrte und auch die edle Frau in höchster Spannung zu ihm aufsah, sagte er: Meine theuren Freunde, wieder einmal bewährt sich das Wort, daß Gottes Wege unerforschlich sind und seine Hülfe am nächsten, wenn die Noth am größten scheint. Zugleich mit dem tiefbetrübenden Brief, der Ihre Elternherzen verwundete, hat der Herr Sie diesen anderen erhalten lassen, der nach menschlichem Ermessen Heilung und fröhliche Genesung zu bringen verspricht. Es ist scheinbar ein neuer Kummer, was Ihnen, theure Freundin, hier berichtet worden ist, aber eine plötzliche Erleuchtung hat mich erkennen lassen, daß darin der Weg zum Frieden gewiesen wird. Und nun hören Sie erst, was unsere gemeinsame Freundin, die gute Frau Marie, in diesem Briefe sich vom Herzen geschrieben hat.
      Was Stina's Mutter an ihre Freundin berichtet hatte, war wie immer ein Klagelied. Denn die gute Frau hatte die unglückliche Gabe, Alles im Leben schwer zu nehmen und selbst das Erfreuliche durch die Sorge, daß es doch vielleicht nur eine Illusion oder bestenfalls ein kurzer Sonnenblick in ihrem helldunklen Leben sein möchte, sich zu verbittern. So erzählte sie auch jetzt von dem glücklich mit erster Note bestandenen Examen ihres Kindes ohne den freudigen Mutterstolz, der so natürlich gewesen wäre, sondern mit dem bangen Zusatz, das arme Kind werde dies ehrenvolle Ziel wohl nur erreicht haben, um daneben zusammenzubrechen. Stina's Kräfte seien so tief erschöpft, daß sie nie werde hoffen dürfen, den so schwer erkämpften Beruf anzutreten. Sie esse und schlafe nicht mehr, es sei ein Jammer, zu sehen, wie sie sich kaum aufrecht erhalte, ihr einziger Trost sei, daß ihr armer, geliebter Mann nicht mehr erleben könne, wie sein Herzblatt vor der Zeit ins Grab welke.
      Zugleich sei ein anderes Unglück über sie gekommen, das freilich zu anderer Zeit, wo jene Hauptsorge ihr noch fern gewesen, sie schwerer getroffen haben würde.
      Die Hypothek von zwölftausend Mark, die auf ihrem Häuschen ruhe, sei ihr plötzlich gekündigt worden. Da der Gläubiger wisse, daß sie nicht im Stande sei, das Capital zurückzuzahlen, sei seine Absicht klar, sie zum Verkauf zu drängen, um auf diesem schmalen Grundstück, zu dessen beiden Seiten jetzt hohe Miethhäuser aus dem Boden gewachsen seien, gleichfalls ein solches zu errichten. Wohin sie sich um Hülfe gewendet, überall habe sie hören müssen, daß es Sünde und Schande sei, den Grund und Boden nicht besser auszunutzen, zumal das »Hüttchen« zwischen den himmelhohen Wänden eine fast lächerliche Figur mache und auch die frühere Aussicht nach der See ihm verbaut worden sei. Sie selbst habe dies alles um sich herum mit Herzweh sich so verändern sehen. Das Herz aber werde ihr vollends brechen, wenn sie auf ihre alten Tage gezwungen würde, irgendwo anders einen Unterstand zu suchen und die Räume zu verlassen, in denen aus jedem Winkel eine Erinnerung an ihre glückliche Zeit und ihren geliebten Mann sie anblicke.
      Dies alles war in so trauriger, gottergebener Schlichtheit vorgetragen, daß das freiherrliche Paar zunächst sich nur durch das Mitgefühl mit der guten Frau bewegt fühlte und einen Augenblick nicht daran dachte, in welcher Beziehung diese Nothlage der Freundin zu ihrer eigenen und der Abhülfe für dieselbe stehen könne.
      Pastor Brodersen aber nahm jetzt wieder die Brille ab, steckte den Brief ins Couvert und sagte, während auf seinem sonst so feierlichen Gesicht eine Miene triumphierender Überlegenheit erschien: Ich denke, was mir nach Kenntnißnahme dieses Briefes als der Finger Gottes erschien, wird auch Ihnen, meine Freunde, einleuchten. Ihr Sohn muß vor Allem dem verderblichen Einfluß jener leichtfertigen, üppigen Berliner Kreise entzogen werden. Zu dem Ende wäre er sofort hierher zu berufen, um einen letzten Versuch zu machen, ob sein Herz wirklich gegen den ernsten Zuspruch der Vernunft und Liebe verhärtet ist. Aber als eine Bundesgenossin dabei würde Niemand wirksamer Ihnen zur Seite stehen, als das liebe Mädchen, das ja schon in den Kinderjahren es dem wilden jungen Herrn sichtbar angethan hat. Sie bedarf dringend eines Luftwechsels, der Erholung an einem Ort, wo der Winter sie nicht ins Zimmer bannt. Was liegt näher und ist unauffälliger, als daß Sie Mutter und Tochter nach Gardone einladen? Kann nicht auch mündlich am besten berathen werden, wie der guten Frau in ihrer finanziellen Bedrängniß zu helfen wäre? Und nun stellen Sie sich die Lage der Dinge vor, Ihren Sohn und unsere Stina an diesem paradiesischen Orte täglich miteinander verkehrend, beide nach Erschütterungen sehr verschiedener Art sich wieder beruhigend und zu neuem Lebensmuth genesend – und wenn es dann endlich Gottes Wille wäre, daß die jungen Herzen sich finden sollten, welche bessere Bürgschaft, werther Freund, könnten Sie erhalten für den Ernst, mit dem Ihr Kurt wirklich ein neues Leben beginnen und darin verharren werde, als wenn ihm eine so treffliche, edle und liebevolle Gefährtin zur Seite stände, wie unsere Stina?
      Er schwieg, und seine Augen gingen von einem seiner Zuhörer zum andern, zu erforschen, welchen Eindruck diese Lösung aller Wirrnisse gemacht habe. Da er sich auf seine oft schon erprobte Klugheit auch in weltlichen Dingen heimlich viel zu Gute that, machte es ihn betroffen, daß beide Gatten seinen Vorschlag nicht mit dem erwarteten Dankesjubel aufnahmen: der Vater, weil er trotz seines Respects vor dem jungen Mädchen und der Anerkennung aller ihrer sonstigen Vorzüge in einer Verbindung seines Sohnes mit ihr doch eine Mißheirath sah; die Mutter, deren tiefster Herzenswunsch dadurch erfüllt worden wäre, da sie zweifelte, ob ihr Kurt sich würde gefügig zeigen und um eines Mädchens willen, das ihm stets schroff und kalt begegnet war, seinen noblen Passionen entsagen möchte, ja, was noch schwerer ins Gewicht fiel, ob Stina selbst die alte Jugendneigung zu jenem Vetter – die, wie es hieß, sogar zu einer heimlichen Verlobung geführt hatte – aufopfern würde, um die Erziehung eines jungen Wüstlings zu einem gesitteten und achtungswerthen Hausvater zu übernehmen.
      In diesem Augenblick hörte man unten vom Hôtel herauf die Glocke, die zu Tische rief. Der Baron machte eine Bewegung, wie wenn ihm eine Last abgenommen würde.
      Ihr Gedanke, lieber Herr Pastor, sagte er, verdient reiflich erwogen zu werden. Allerdings ist das liebe Mädel tausendmal zu gut für den verwünschten Schlingel, und auch sonst – ich hatte andere Absichten mit ihm. Aber Sie haben Recht: vielleicht ist das der einzige Weg zur Rettung, und wenn er ans Ziel führt, sollen Sie gepriesen und bedankt werden als ein genialer Seelen- und Augenarzt. Vorläufig meine Hand, bester Freund, und nun deinen Arm, Elisabeth! Der Schreck und Zorn ist mir in den Magen gefahren. Ich habe einen Hunger wie ein Wolf.
      *
      Gleichwohl schob der hitzige Herr, nachdem er ein paar Löffel Suppe zu sich genommen, den Teller zurück und ließ auch alle weiteren Gerichte vorübergehen, während er die ganze Flasche des schweren Barolo, die vor ihm stand, in hastigen Zügen nach und nach austrank. Auch die Baronin genoß nur ein paar Bissen. Der Pastor dagegen, der ein starker Esser war, obwohl es seiner hageren Figur nicht anzuschlagen schien, verschlang mit dem ruhigen Behagen eines Mannes, der sich für eine menschenfreundliche That selbst belohnen will, unglaubliche Portionen, wozu er nur Wasser trank, da er alle erhitzenden geistigen Getränke zum Besten seines empfindlichen Halses mied.
      Gesprochen wurde zwischen den Dreien kein Wort. Der geistliche Herr war auch sonst ein schweigsamer Tischgast, da er nicht zweierlei Geschäfte zu gleicher Zeit zu besorgen liebte. Über das Verstummen des sonst gesprächigen Ehepaars aber machten sich ihre Nachbarn an der langen Tafel Gedanken. Man war überzeugt, es sei, da man das aufbrausende Temperament des Freiherrn kannte, zwischen ihm und seiner Gattin zu einer heftigen Scene gekommen.
      Wie weit diese Vermuthung von der Wahrheit entfernt war, zeigte sich, als nach aufgehobener Tafel das Ehepaar in seine Zimmer hinaufstieg und der Baron, nachdem er die Thüre sacht hinter sich geschlossen hatte, mit dem ruhigsten Tone sagte: Ich überlasse nun alles Weitere deiner Klugheit, liebe Frau. Wollte ich mich selbst einmischen, so würde mein Gaul vielleicht mit mir durchgehen, da er leicht den Koller kriegt. Der Pastor hat ja vielleicht mit Allem Recht, was er sagt. Mich hat die Sache so furchtbar emotionirt, daß mir roth vor den Augen wird, wenn ich nur daran denke. Um mein Nachmittagsschläfchen ist's nun einmal geschehen. Aber wenn die verdammte Geschichte wenigstens leidlich reparirt wird, soll mir dies Opfer mit all den anderen nicht zu theuer sein.
      Damit ging er seufzend in sein Zimmer, aus dem schon nach wenigen Minuten friedlich auf- und absteigende Töne anzeigten, daß durch die starke Gemüthsbewegung die Siesta nicht beeinträchtigt worden war. Es war das wohl nicht das Verdienst des Barolo, sondern der heimlichen tiefen Befriedigung darüber, daß es mit der angedrohten Verstoßung und Enterbung des entarteten Söhnchens nun doch nicht Ernst zu werden brauchte, sondern trotz jenes Gebots der Schrift der zärtlich behütete Augapfel an seiner Stelle bleiben konnte.
      Die Mutter aber, da sie kaum sich selbst überlassen war, gab sich noch eine Weile ihrem Schmerz über das neue »Ärgerniß« hin, das ihr mißrathener Liebling ihr angethan hatte, dann aber fuhr sie mit der Hand über die Augen und beeilte sich, zwei Schriftstücke aufzusetzen, ein Telegramm an den Sohn, das ihm befahl, unverzüglich Urlaub zu nehmen und spornstreichs zu den Eltern nach Gardone zu kommen, und einen Brief an die gute Frau Marie, in dem sie natürlich weder von ihrem mütterlichen Kummer noch von dem fein gesponnenen Project zu seiner Heilung nur ein Wort verlauten ließ.
      Die Nachricht von dem Befinden der lieben Stina, schrieb sie, habe sowohl sie und ihren Mann als den verehrten geistlichen Freund aufs Tiefste erschreckt. Sie seien der Meinung, nur durch eine gründliche Ruhe und Erholung werde die Gefahr für das theure Kind abzuwenden sein. Und so lade sie, zugleich im Namen ihres Mannes, das liebe Paar zu sich nach Gardone ein, wo man jetzt schon zuweilen Frühlingslüfte athme, und die Freundin dürfe sich nicht dagegen wehren, das beifolgende Reisegeld anzunehmen, sowie während der zwei, drei nächsten Monate ihre Gastfreundschaft zu genießen. Alle erwarteten sie ungeduldig, da jeder Aufschub verhängnißvoll sein könne.
      Erst in einer Nachschrift erwähnte die Schreiberin der fatalen Hypothekgeschichte. Sie hoffe, daß sich auch dafür ein praktischer Ausweg finden werde. Das aber möge der mündlichen Berathung überlassen bleiben.
      Am vierten Tage nach diesem langte der verlorene Sohn mit dem Nachmittagsdampfer von Riva her in Gardone an. Unter den Wintergästen, die sich am Landungssteg regelmäßig einzufinden pflegen, um neue Gesichter zu sehen und die winterliche Einförmigkeit ihres Lebens für zehn Minuten zu unterbrechen, befand sich nur die Mutter, die mit sorgenvollem Blick dem Sohn entgegenspähte. Der Papa hatte es entschieden abgelehnt, seinen »Taugenichts« wiederzusehen, ehe dieser die bündigsten Bürgschaften gegeben, daß es ihm diesmal mit seinem Entschluß, einen neuen Menschen anzuziehen, Ernst sei und er sich auf Gnade und Ungnade in die Bedingungen füge, welche die Mutter im Namen des Vaters ihm stellen sollte: Austritt aus dem Regiment und Werbung um die Jugendgespielin. Erst dann sollten die Schulden bezahlt und die väterliche Verzeihung ihm bewilligt werden.
      Der junge Sünder stieg mit der Miene tiefen Ernstes ans Land und umarmte die Mutter, deren Thränen von den umstehenden Bekannten als Freudenthränen gedeutet wurden. Es fehlte auch nicht an Complimenten über einen so schmucken, stattlichen Sohn, die man ihr halblaut zuflüsterte, während Kurt nach seinem Gepäck sich umsah. Dann führte er, nachdem er dem aufdringlichen Drehorgelspieler eine blanke Lira zugeworfen hatte, »zur Feier feiner Ankunft«, die Mama durch das Gewühl, ohne nach dem Papa zu fragen, dessen Fernbleiben er sich, wie er ihn kannte, leicht erklären konnte. Die zerknirschte Miene aber behielt er nicht lange bei, sondern fing an, von drolligen Reiseabenteuern zu erzählen und die Schönheit der Gegend zu preisen, wie jeder andere zu seinem Vergnügen reisende junge Mensch, der nichts auf dem Gewissen gehabt hätte.
      Die Mutter aber war nicht geneigt, auf diesen leichten Plauderton einzugehen. Sie ließ dem Sohn nicht einmal die Zeit, in dem Stübchen der Dependance, das sie ihm gemiethet hatte, den Reisestaub abzuschütteln, sondern führte ihn sofort zu jener Bank in den Anlagen, wo der entscheidende Familienrath stattgefunden hatte. Hier hielt sie ihm in sehr ernsten Worten und ohne den zärtlichen Ton, den er an ihr gewohnt war, sein unerhörtes Betragen vor und den festen Entschluß des Papas, seine Hand für immer von ihm abzuziehen, wenn er sich jenen beiden Bedingungen nicht ohne jeden Widerstand unterwerfe.
      Liebe Mama, erwiderte der in der That jetzt bußfertige arme Sünder, ich brauche nicht zu versichern, daß von einem Widerstand gegen das, was ihr mir vorschreibt, keine Rede sein kann, von meiner Seite wenigstens. Ich bin nie mit Passion Soldat gewesen. Ob ich freilich dazu gemacht bin, als ein müßiger Landedelmann mein vielleicht noch ziemlich langes Leben mit ein bischen Forstcultur, Pferdezucht, Segelsport und Kindererziehung auszufüllen, muß ich abwarten. So wie bisher kann es nicht fortgehen, das seh' ich ein. Aber ob es in meiner Macht steht, auch den zweiten Punkt nach eurem Wunsch zu erledigen, überlege selbst. Zum Heirathen gehören bekanntlich Zwei. Stina ist ein reizendes, gescheites und wohlerzogenes Mädchen, und das bischen Lehrerinnenpedanterie wird sich, wenn sie Gutsfrau geworden ist, an ihren eigenen Kindern unschädlich austoben. Aber du weißt, Mama, sie hat mich nie leiden können und mit dem rothen Demokraten, dem Wilm, ein sentimentales Verhältniß gehabt. Ich zweifle, daß sie mir jetzt geneigter geworden sein möchte, wenn sie merkt, daß ich auf höheren Befehl ihr die Cour mache und ihr sie als ein Allheilmittel für meine moralischen Gebrechen mir eingeben möchtet.
      Gewöhne dir diese frivolen Redensarten ab, unterbrach ihn die Mutter mit strenger Miene. Der Papa weiß so gut wie ich, daß die Erfüllung unseres Wunsches, dich mit diesem vortrefflichen Mädchen vermählt zu sehen, nicht allein von deinem guten Willen abhängt. Er verlangt nur, daß du mit allem Ernst das Deinige dazu thust, dir das Herz Stina's geneigt zu machen. Von Wilm Lornsen hat man Jahr und Tag nichts mehr gehört. Er studiert in Kiel Medicin. Wenn er aber auch nächstens seinen Doctor macht – bei seiner vollständigen Armuth und Stina's Vermögenslosigkeit ist kaum eine Gefahr, daß die kindische Liebelei zu einem ernstlichen Ergebniß führe. Du hast gewiß Gelegenheit gehabt – mehr als gut für dich war, – dich in den Künsten zu üben, mit denen man unerfahrene junge Herzen erobert. Jetzt kannst du zu einem guten und ehrbaren Zweck davon Gebrauch machen.
      Sie erzählte ihm nun, daß sie Mutter und Tochter nach Gardone eingeladen und diese ihr Kommen gern in Aussicht gestellt hatten. Nur einige sehr nöthige Vorbereitungen in Betreff ihrer Toilette seien noch zu machen; in acht Tagen aber hofften sie damit zu Stande zu kommen.
      Kurt hörte das mit an, ohne ein Wort zu erwidern. Daß er sein flottes Offiziersleben und die kostspielige Liebschaft aufgeben sollte, war ihm nicht einmal so unlieb, wie die Mutter dachte. Das tolle Treiben hatte ihn ein wenig ermüdet und gegen seine Reize abgestumpft. Die ihm zugedachte Braut trug er mit gemischten Gefühlen in seiner Erinnerung, halb mit Ärger und Ingrimm, daß er keine Gnade vor ihren Augen gefunden hatte, halb mit Respect vor ihrer sittlichen Überlegenheit. Nun schien es ihm doch verlockend, ihre stolze Kälte zu besiegen und sie in seine Gewalt zu bekommen. An den Unterschied des Standes dachte er weniger als sein Papa. Und da er nun fürs Erste sich aller Sorge um die Rettung aus seinen Bedrängnissen entschlagen konnte, athmete er auf, fühlte sich voll Danks gegen die gütigen Eltern und nahm sich vor, äußerst liebenswürdig und vor Gott und Menschen angenehm zu werden.
      Mit den Menschen, vor allen seiner eigenen Mutter, glückte ihm das auch aufs Beste. Der Papa ließ nicht erkennen, ob auch er den eleganten jungen Herrn, der so äußerst solide schien, obwohl er im Gespräch Alte und Junge mit seinem Witz und naiven Lachen bezauberte, für einen ganz zuverlässigen, musterhaften Kameraden hielt. Er begegnete ihm mit eisiger Kälte, reichte ihm nur zwei Finger der Hand zum Willkommen und thaute auch nicht auf, nachdem ihm die Frau berichtet hatte, daß Kurt sich unbedingt unterworfen und sich mit seinem Ehrenwort verpflichtet habe, nichts zu unterlassen, was dazu angethan sei, Stina's Neigung zu gewinnen.
      *
      Es war ihm auch wirklich Ernst damit, zumal nachdem er sie wiedergesehen hatte. Bei dem ersten Empfang am Dampfschiff war er nicht zugegen gewesen. Die kluge Mama hatte das verboten, um nicht von vornherein, wenn eine Absicht zu Tage käme, Stina die Unbefangenheit im Verkehr mit ihrem Jugendgefährten zu rauben. Kurt habe hinter dem Rücken der Eltern Urlaub genommen, um sie hier zu besuchen. Es habe ihm zu lange gewährt, sie einmal wiederzusehen. Er sei gar nicht mehr der frühere leichtsinnige Junge, jetzt hänge er an der alten Heimath, die er früher so öde und langweilig gefunden habe. Wie werde er sich freuen, auch die lieben alten Freundinnen wiederzusehen, mit deren Besuch ihn die Eltern überraschen gewollt. Vielleicht aber könne er nur wenige Wochen bleiben. Ihre theure Stina aber ließen sie nicht fort, ehe die lieben blassen Wangen voll wieder aufgeblüht und alle Examensstrapazen überwunden seien.
      Damit das Sorgenkind in möglichster Ruhe das abwarten könnte, hatte die Baronin nicht in dem großen Hôtel, wo es lebhaft zuging, Wohnung für sie zu bestellen gesucht, sondern in einer der deutschen Pensionen, die nicht viel über ein Dutzend Gäste beherbergen konnte. Hier war auch Frau Marie in ihrer bescheidenen Kleidung keinen mitleidigen Blicken eleganter Tischnachbarinnen oder hochnasiger Kellner ausgesetzt und konnte in dem Garten am Hause Morgens frühstücken in demselben unmodernen Schlafrock, den sie in ihrer eigenen Fliederlaube trug.
      Der Baron und die Baronin hatten es sich nicht nehmen lassen, ihre Gäste selbst nach ihrem Quartier zu begleiten. Die beiden Mütter gingen langsam voran auf dem etwas erhöhten Wege neben der Chaussee, an dem junge immergrüne Bäumchen angepflanzt waren. Die Baronin führte ihre Freundin, die aus dem großen Kragen eines altmodischen seidenen Mantels schüchtern um sich hersah, mit zärtlicher Sorgfalt wie eine ältere Schwester, die der jüngeren bei den ersten Schritten in die große Welt zur Stütze dient. Die kleine Frau war nur einmal in ihren Mädchenjahren bis Lübeck gekommen, dann auf der Hochzeitsreise nach Hamburg. Seither hatte sie sich von ihrem Häuschen nicht weiter entfernt, als zu einem Besuch auf dem Schloß. Nun war es ihr wie ein Traum, daß sie diese weite, weite Reise gemacht, einen Tag in Berlin, einen in München gerastet hatte. Und dann die schauerliche Brennerfahrt und die drei Stunden auf dem See – alles war märchenhaft, und sie plauderte davon, während sie sonst selbst unter vier Augen nicht eben beredt war, unaufhörlich wie in einem Rausch, der ihr die Zunge gelös't hätte. Und dazwischen drückte sie immer wieder den Arm ihrer großherzigen, liebreichen Freundin, die umsonst die stammelnden Versicherungen ihrer Dankbarkeit zurückzudrängen suchte.
      Hinter ihnen schritt der Baron, der der Tochter den Arm geboten hatte.
      Hier war 
      er der Gesprächige, der sich bemühte, die Honneurs der Gegend zu machen, während Stina, die Augen sinnend in die Ferne gerichtet, nur zuweilen ein leises Wörtchen der Bewunderung dazwischen warf. Sie war offenbar von der langen Reise mehr erschöpft als die Mutter; die Hand, die auf dem Arm ihres Begleiters lag, zitterte leise, und ihre schlanken Glieder schwankten ein wenig, so daß er, der es merkte, ein paarmal anhielt, um sie ausruhen zu lassen. Sie trug einen einfachen dunklen Anzug, der ihrer schönen, schmiegsamen Gestalt reizend stand, und ein graues Hütchen mit einer kleinen Feder, die immer über ihre weiße Stirn hereinnickte. Der Baron konnte im Gehen die Augen nicht von ihr abwenden, so gut gefiel sie ihm, ja er wunderte sich, daß er nicht früher bemerkt hatte, wie vornehm ihre Züge waren, zumal die Augen und das feingeschnittene Näschen. Jetzt hatte auch der Mund, der sonst einen Zug von derber Frische und sogar trotziger Kraft gehabt hatte, durch das Leiden und die bleichsüchtige Erschöpfung einen elegischen Ausdruck bekommen, das ganze holde Gesicht war reifer geworden, und auch wenn ein Lächeln darüberhin flog, verging der schwermüthige Schatten nicht, der diese schöne Jugend überflorte.
      In seinem Herzen war der kleine Freiherr, der vor Zeiten im Ruf eines vollendeten Frauenkenners gestanden hatte, zu dem Schlusse gelangt, daß dieses blasse junge Fräulein jedem fürstlichen Thron zur Zierde gereichen würde, und daß sein Schlingel von Sohn eigentlich sieben Jahre für seine Sünden Buße thun müßte, ehe er verdiene, dieser holden Braut auch nur die Fingerspitzen zu küssen.
      In der Pension angelangt, führten die aufmerksamen Gastfreunde Mutter und Tochter erst in die ihnen bestimmten Zimmer, wo der Duft von einer Menge frischer Blumensträuße sie umfing, und ließen sie dann allein. Stina bestand darauf, daß die Mutter sich gleich in dem schmalen einfenstrigen Cabinett ein wenig niederlegte, das zum Schlafgemach bestimmt war. Sie selbst nahm sich kaum Zeit, Gesicht und Hände mit frischem Wasser zu kühlen; dann trat sie im Wohnzimmer auf den Balcon hinaus und ließ sich auf einem bequemen Sessel nieder, Herz und Augen an dem weiten Rundbilde, das sich vor ihr ausbreitete, zu weiden.
      Der Tag neigte sich schon, der See hatte seine tiefe Purpurbläue, die sie während der Fahrt entzückt hatte, verloren, lag aber jetzt spiegelklar, und über seiner gediegenen Fläche schimmerte der Abglanz der Röthe, die das Schneehaupt des Monte Baldo weit zur Linken mit den letzten Abendgluten umwob. Gerade gegenüber lag die Gardainsel, zur Rechten senkte sich der lange Höhenrücken, der die kleinen Nester Portese und San Felice trägt, zur Flut hinab, darüber die scharfe Silhouette des Cap Manerba, schon im violetten Duft, auf der anderen Seite, aus dem östlichen Seegestade leicht hervorspringend, die Punta di San Vigilio, auf der jetzt nur ein paar kleine blitzende Punkte sichtbar waren, Fenster, die das Abendroth spiegelten, dahinter, den Abhang hinauf, kleine schwarze Striche, die Cypressen, an denen da drüben die Fülle ist.
      Aus der hier unsichtbaren Bucht von Salò schwamm langsam eine große Barke daher, deren mächtiges gelbrothes Segel den letzten Windhauch sich zu Nutze machte, um noch eine Strecke weit gegen Riva hin zu gelangen. Näher am Ufer ruderten zwei Fischer ihren schmalen Kahn durch die glatten Wellen, während ein dritter das weite Netz auswarf. In der krystallklaren Luft war das regelmäßige Einfallen der Ruder zu hören, sonst kein Laut, bis vom Kirchthurm droben in Gardone di sopra die dröhnenden Schläge erklangen, welche die sechste Stunde anzeigten.
      Der Zauber dieses Orts und der abendlichen Einsamkeit überwältigten das Gemüth des jungen Mädchens so sehr, daß ihre Augen sich mit schweren Thränen füllten. Sie suchte sie nicht zurückzuhalten. Es war ihr eine Wohlthat, die ihr die Brust befreite. Sie schloß aber die Augen, um sich in ihrem Innern wieder zu sammeln. Was dachte sie nicht alles in diesem Halbtraum! Vor vier Tagen hatte sie schon um diese Zeit zu Hause zu Bett gelegen, da der Arzt darauf bestand, daß sie zu der weiten Reise sich möglichst stärken müsse. An Schlaf hatte es ihr ja so lange gefehlt. Ihr junges Gehirn war so überhäuft worden mit Wissenskram, daß es selbst zur Nachtzeit nicht mehr zur Ruhe kam. Und nun war sie hier, in diesem irdischen Paradiese, wohin ihr keine Grammatiken und historischen Compendien, keine Examengespenster gefolgt waren, wo sie wieder ganz gesund und jung und – wenn die Zeit erfüllet wäre! – 
      glücklich werden sollte.
      In die Gedanken an dies letztere, das ihr zärtlich behütetes Geheimniß war, hatte sie sich so tief verloren, daß sie ein bescheidenes Klopfen an der Thür überhörte. Sie sah erst auf, als sie sich sanft an der Schulter berührt fühlte. Hinter ihr stand Kurt.
      Sie begrüßte ihn mit unverstellter Freundlichkeit. In diesem Augenblick war ihr Herz so von Freude und Dank gegen ihr Schicksal erfüllt, daß sie selbst einem Feinde ohne Groll die Hand geboten hätte. Und gehaßt hatte sie den herrischen, hochmüthigen Jugendgespielen nie, sich nur nicht seinen Launen gebeugt. Nun schien er vollends ein ganz Verwandelter, fast demüthig und ehrerbietig ihr gegenüber, so daß es ihr nur angenehm war, einem guten Bekannten ihr Herz ausschütten zu können über alle Herrlichkeit, die sie umgab. Er äußerte sich sehr entzückt von der Überraschung, die ihm die Eltern bereitet hätten, fragte, ob er sie wirklich noch mit »Du« anreden dürfe, obwohl sie inzwischen sich so fremd geworden, aber das »Gnädigstes Fräulein!« wolle ihm nicht über die Lippen, und wie sehr er sich darauf freue, die alte Jugendfreundschaft fortzusetzen, jetzt, da er selbst sich seiner jungen Unarten schäme und ihr zu beweisen hoffe, daß er besser sei als sein Ruf und die Vorstellung, die sie sich von ihm bewahrt haben möchte.
      Sie hörte ihm mit freundlicher Miene zu und zeigte sich so entgegenkommend, wie er kaum gehofft hatte. Und wie schön war sie geworden! Der Papa hatte nicht zu viel gesagt. Es war durchaus nicht die Art von sinnlichem Reiz, die er bisher bei den »Weibern« vor Allem geschätzt hatte. Aber der Adel dieser etwas allzu geistigen Züge und durchsichtig zarten Wangen, dazu das stille Feuer der dunklen Augen nahmen ihn doch völlig gefangen. Der Geliebte dieses seltenen Wesens zu sein, schien ihm eine Buße, der sich noch weit verhärtetere Sünder mit Freuden unterzogen haben würden.
      Das Zimmermädchen brachte den Thee, den die Baronin vorsorglich bestellt hatte, Stina holte die Mutter herein, die ebenfalls Kurt arglos begrüßte und ihn einlud, an ihrem Vesperbrod theilzunehmen. Auch ihr gegenüber betrug der junge Herr sich so klug und wußte so treuherzig den guten Jungen zu spielen, daß Frau Marie, als er gegangen war, ihn gegen die Tochter nicht genug zu loben wußte.
      Kurt aber fand, als er bei seinen Eltern wieder eintrat, für den Eindruck, den Stina ihm gemacht hatte, so begeisterte Ausdrücke, daß die Mutter ihn mit feuchten Augen umarmte und der Papa, ohne ein Wort zu sagen, ins Nebenzimmer ging, aus dem er gleich darauf zurückkehrte, einen Check auf sein Hamburger Bankhaus in der Hand, in den er die Summe, die Kurt im Spiel verloren haben wollte, eingezeichnet hatte. Er gab dem Sohn, der ihm gerührt die Hand küßte, einen leichten Schlag auf die Backe und sagte: Versuche dein Heil, Taugenichts! Wenn du aber mehr Glück hast, als du verdienst, und deine junge Frau nicht auch noch auf Händen trägst, wenn sie so graue Haare hat wie deine Mutter, bist du nicht bloß der schlechteste, sondern auch der dümmste Kerl, den die Erde trägt!
      *
      Nun begann eine liebliche idyllische Zeit, durch keinen Mißklang getrübt. Nur daß es mit Stina's Genesung langsamer ging, als Alle gehofft hatten. Zwar ihre Lippen und Wangen fingen wieder an sich zu röthen, aber ihre Kräfte reichten noch immer nicht weit, obwohl sie täglich am Vormittag mit der Mutter in die »Latteria« von Gardone wandelte, eine Milchwirthschaft, hinter der eine anmuthige Olivenhalde sich weit den Abhang hinaufzog und wo man an kleinen runden Tischen in der Frühlingssonne sich's wohl sein lassen konnte. Zuweilen fand sich auch der Baron hier ein, von Kurt begleitet, und die Rollen schienen vertauscht zu sein, da der Papa dem schönen Fräulein geflissentlich den Hof machte, während der Sohn eine ernste Miene zur Schau trug und sich jeder noch so unschuldigen Galanterie enthielt.
      In ihrer Stimmung war Stina von einer höchst liebenswürdigen, gleichmäßigen Heiterkeit, und auch wenn sie zuweilen lange verstummte und träumerisch vor sich hin blickte, umspielte ein glückliches Lächeln ihren Mund, als ob ihre Seele weit in der Ferne Dinge sehe, die noch reizender waren, als was sie hier umgab.
      Erst nach drei Wochen dieses einförmig gedeihlichen Lebens stellte sich auch der verlorene Schlaf wieder ein, und nun konnte der Baron mit Recht scherzen, daß er das Gras ihrer Genesung wachsen höre. Man war in den März hineingelangt, die Vegetation wurde immer frühlingshafter, da auch die kahlen Bäume leise zu knospen begannen, und eines Tages hatte das Freundeshäuflein den Nachmittagsgang sogar bis nach Maderno auszudehnen gewagt, ohne daß Stina sich über Ermüdung beklagt hätte. Die Lüfte waren so lau geworden, daß man auch kleine Fahrten unternehmen und die Schluchten, die in den mächtigen Grundstock des Pizzocolo eindringen, besuchen konnte. Nur auf die Bergpfade mußte man Stina's wegen verzichten, zu ihrem großen Kummer, da sie darauf brannte, den geliebten See einmal von der Cypressenhöhe über Toscolano, zu der das Kirchlein von Gaino hinaufwinkte, zu überschauen und sich ihrer wiedergewonnenen Kräfte nach Herzenslust zu erfreuen.
      Es braucht nicht gesagt zu werden, daß Pastor Brodersen an diesen Streifzügen sich eifrig betheiligte. Der Zustand seines Halses hätte ihn längst nicht mehr gehindert, heimzukehren und seine Kanzel wieder zu besteigen. Er sah sich aber mit stiller Genugthuung als die Vorsehung der kleinen fünfköpfigen Gesellschaft an, über die ein wachsames Auge zu halten, damit alles zum guten Ende gelange, seine Pflicht sei. Am liebsten hätte er das Werk, das er begonnen, noch hier gekrönt und das junge Paar zusammengegeben.
      *
      Das schien sich aber immer noch hinausziehen zu wollen.
      Die Gäste im Hôtel Gardone hatten den jungen Baron und das schlanke dunkeläugige Fräulein längst als Brautleute angesehen. Die Mütter erwachsener Töchter, die etwa anfangs, als Kurt erschien, ihn mit schwiegermütterlichen Zukunftsblicken betrachtet hatten, waren bald zu der Erkenntniß gelangt, daß all ihre Beflissenheit gegen Mutter und Sohn verlorene Mühe sei. Man sah das junge Paar täglich im traulichsten Gespräch auf den nahen Wegen und in der Latteria miteinander verkehren und schob das Verdienst an den aufblühenden Wangen des Mädchens mehr ihrem Begleiter zu, als der Frühlingsluft von Gardone. Warum dennoch keine offene Erklärung erfolgte, war Allen ein Räthsel, auch der priesterlichen Vorsehung selbst und den Eltern des Jünglings, der es kein Hehl hatte, daß er täglich mit leidenschaftlicheren Augen das schöne Wesen betrachtete. Er konnte sich auch nicht damit entschuldigen, daß »eine Würde, eine Höhe die Vertraulichkeit entfernte«. Denn je mehr Tage in diesem heiteren Verkehr vergingen, je munterer leuchteten Stina's Augen, und je mehr war sie, soweit es ihre leiblichen Kräfte erlaubten, zu allen Übermüthen und Kinderpossen aufgelegt. Ganz gegen ihre Natur, wie man sie früher gekannt hatte. Auch wenn sie zwischen allerlei Scherzen auf einmal still und ernst wurde, war es nur, als besänne sie sich auf etwas Heimliches, das Niemand wisse, das aber noch viel freudiger und glückseliger sei, als all die armen Thorheiten, die hier getrieben wurden.
      Der Baron begriff am wenigsten, warum sein Sohn, der doch sonst nicht den blöden Schäfer zu spielen pflegte, hier diesem einfachen Mädchen gegenüber die günstigsten Gelegenheiten, sich zu erklären, unbenutzt ließ. Er konnte den Augenblick nicht erwarten, das erröthende holde Wesen an sein väterliches Herz zu drücken und diesen lieblichen Mund zu küssen. Endlich nahm er den Sohn selbst ins Gebet und suchte ihn bei der Ehre eines jungen Gardeleutnants zu fassen, für den es schimpflich sei, sich von ein paar dunklen Augen einschüchtern zu lassen. Denn das hatte Kurt ihm gestanden, daß immer, wenn er von seiner Herzensangelegenheit habe reden wollen, ein Blick Stina's ihn wieder habe verstummen machen.
      Nun aber versprach er dem Papa, die nächste gelegene Stunde nicht wieder ohne das entscheidende Wort vorübergehen zu lassen.
      Sie fand sich auch bald genug.
      In die ersten Tage des April fiel Stina's Geburtstag. Die Baronin kannte das Datum, an das Frau Marie zu erinnern sich streng gehütet hatte, und hoffte, am Tage vorher bei einem längeren Spaziergang nach Salò ihrem Sohn Zeit genug zu schaffen, um endlich sein Herz über die Lippen springen zu lassen. Auch war Stina heute besonders heiter und sah in ihrer hellen Frühlingstoilette so reizend aus, daß jeder Vorübergehende stillstand, ihr nachzublicken.
      Die Chaussee war aber doch wohl zu belebt, um so wichtige heimliche Dinge zu verhandeln. Auch in der langen, dunklen und kellerkühlen Straße von Salò die der kleine Trupp langsam durchwandelte, konnte es nicht zu einer Liebeserklärung kommen. Schon gab die Mutter, die das Paar verstohlen im Auge behielt, ihre Hoffnung für heut verloren, als sie auf die kleine Piazza Napoleone zurückkehrten und erfuhren, das Schiff, auf dem sie nach Gardone zurückzufahren gedachten, sei vor fünf Minuten weitergedampft.
      Ein leichter Seufzer, den Stina ausstieß, verrieth, daß sie sich kaum die Kraft zutraute, die kleine Stunde bis zu ihrem Hause zu Fuß zurückzulegen. Der Baron, der es bemerkt hatte, erklärte auch sofort, es müsse ein Wagen aufgetrieben werden, um die Damen nach Gardone zu bringen. Kurt aber schlug vor, wenn Stina sich ihm anvertrauen wolle, sie in einem der kleinen Boote zurückzurudern, die an der Landungsstelle angepflockt lagen. Ohne Zaudern eilte er zu einem der am Ufer herumstehenden Schiffer und miethete von ihm die Barke, für deren sichere Rückkehr er sich verbürgte.
      Der Baron hatte mit seiner Frau einen raschen verstehenden Blick gewechselt, so daß sie erklärte, sie selbst sei noch nicht ermüdet, und die ganze Gesellschaft in sein Boot aufzunehmen, würde für Kurt schwerlich ein Vergnügen sein. So führte der Papa das liebe Kind hinunter und half ihr beim Einsteigen, während der Schiffer noch ein rothkattunenes Kissen auf das Bänkchen legte und Kurt nach den beiden Rudern griff. Dann sahen sie noch ein paar Minuten der Barke nach, die rasch aus dem kleinen Hafen hinausschoß und dann nach Norden steuerte, an den lustig grünenden Gärten entlang, die sich in der hellen Flut spiegelten.
      Sie sprachen Beide kein Wort, obwohl sie einander nahe genug gegenübersaßen, daß die Spitzen ihrer Schuhe sich berühren konnten. Stina sah unverwandt nach dem Schneegipfel des Monte Baldo hinüber, Kurt in das reizende junge Gesicht, das von einer stillen inneren Glut durchleuchtet schien. Er ruderte kräftig und eine Weile auch in geradem Strich, wie um möglichst rasch zum Ziele zu kommen. Bald aber glitt der Kiel sacht ins Weite hinaus, und Stina hätte wohl gemerkt, daß sie vom rechten Curs abgelenkt hatten, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht von einem Möwenschwarm gefesselt worden wäre, der auf einmal über ihnen schreiend und taumelnd durch die helle Luft fuhr.
      Erst als die zudringlichen Vögel, da sie aus dem kleinen Boot kein Futter bekamen, sich wieder nach der Bucht von Salò zurückwandten, ward das Mädchen inne, daß sie sich vom Ufer entfernten.
      Wohin fährst du, Kurt? fragte sie, noch ahnungslos. Es wird besser sein, ich nehme das dritte Ruder und steure.
      Statt der Antwort zog Kurt beide Ruder ein und sah nach dem Ufer zurück. Sie waren so weit in den See hinausgerathen, daß kein Laut vom Ufer drüben zu ihnen hindrang.
      Ist es nicht schön hier draußen? fragte er nach einer Weile mit etwas unsicherem Ton. Ich gestehe, es würde mich reizen, einmal eine ganze Nacht hier draußen zuzubringen. Dich nicht auch, Stina?
      Was für ein Einfall! lachte sie, noch immer ganz arglos. Statt solche tollen Phantasieen auszuhecken, solltest du lieber wieder in unseren alten Curs einlenken. Du weißt, der Doctor hat mir vorgeschrieben, immer vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein, obwohl ich jetzt ja wieder gesund bin.
      Stina, sagte er, als hätte er keins von ihren Worten verstanden, ich muß es endlich vom Herzen haben. Du hast es freilich lange gemerkt, wie es um mich steht, aber eben darum, da du trotzdem so freundlich zu mir geblieben bist – ich weiß ja, daß ich dir früher sehr unsympathisch gewesen bin, du hattest auch ganz Recht, ich war ein unausstehlicher Bursche – nun, ich bin seitdem älter geworden, habe allerlei erlebt, schäme mich jetzt, wie ich mich gegen dich aufgeführt habe, aber du kannst glauben –
      O, sagte sie mit einem lieblichen Erröthen, davon brauchst du nicht zu sprechen, das sind Jugendthorheiten gewesen, an die ich gar nicht mehr denke. Jetzt, wo wir Beide erst so recht ins ernsthafte Leben eintreten – nein, Kurt, ich habe mich wirklich von Herzen gefreut, zu sehen, wie sehr du dich zu deinem Vortheil verändert hast, und auch ich, wenn ich dir früher manchmal schroff und unliebenswürdig begegnet bin –
      Er stand plötzlich auf, so hastig, daß die schmale Barke bedenklich ins Schwanken kam.
      Stina, sagte er, du bist ein Engel, daß du mir das sagst. Wahrhaftig, obwohl ich es ja sehen und fühlen konnte, daß du mir alle meine alten Sünden verziehen hast, ohne deine Versicherung hätte ich wohl auch heute noch nicht den Muth gehabt, dich zu fragen, ob du mir zutraust, es werde nun so fortgehen mit mir, ich würde ein solider, respectabler Mensch bleiben, dem sich die beste, schönste, liebenswürdigste Frau, dem 
      du selbst dich fürs Leben anvertrauen könntest – und nun hast du's gesagt und darfst es nicht mehr zurücknehmen, und nichts soll je wieder zwischen uns kommen!
      Er war vor ihr niedergesunken und hatte die beiden Arme ausgestreckt, ihre schlanke Figur zu umfassen und an sich zu ziehen. Aber mit einem leichten Schreckensausruf bog sie sich zurück und wehrte seine Hände ab.
      Um Gottes willen, Kurt, was thust du? was sprichst du? Nein, nein, so war's nicht gemeint, so kann es ja nicht gemeint sein! Weißt du denn nicht – hast du ganz vergessen – ich bin ja nicht mehr frei – ich gehöre ja einem Andern, den du ja auch gut genug kennst – und wenn es bis heute noch ein Geheimniß gewesen ist – in Kurzem, vielleicht morgen schon – o mein Gott, wie weh hast du mir gethan – wie schmerzt mich's, daß ich dir dies sagen muß, aber wirklich, nicht die leiseste Ahnung hatte ich, daß du es so meintest, daß du andere als freundschaftliche Gefühle
      Sie brach in Thränen aus, die ihr die Stimme erstickten. Er hatte sich aufgerichtet und wieder auf die Bank ihr gegenüber gesetzt, sein Gesicht war todtenbleich, er nagte an der Unterlippe und stierte an ihr vorbei ins Wasser. Verzeih! knirschte er endlich dumpf hervor, ich war ein Wahnsinniger. Mir einzubilden, du könntest – eine solche Heilige, wie du bist – dich zu einem armen Sterblichen herablassen, über dessen recht irdischen Wandel du vielleicht allerlei gehört hast – dem könntest du den Vorzug geben vor einem so idealen Musterknaben wie mein intimer alter Feind – o ich schäme mir die Augen aus dem Kopf, daß ich vierundzwanzig Jahre die Welt und die Weiber studirt habe und doch einer so kolossalen Blamage fähig war!
      Er hatte in loderndem Ingrimm die Ruder ergriffen und schickte sich an, den Kahn mit mächtigen Stößen dem Ufer zuzutreiben.
      Stina trocknete rasch die Augen und legte die Hand auf seinen Arm.
      Sei vernünftig, lieber Kurt, sagte sie, sei gut und höre mich erst an, und wenn du erfahren hast, wie Alles kam, wirst du begreifen, daß ich, obwohl ich jetzt eine so gute Meinung von dir gefaßt habe, dich nicht früher ins Vertrauen ziehen konnte. Und darum laß uns hier noch ein Weilchen still liegen, und dann, wenn wir wieder ans Land kommen, – versprich mir's, lieber Kurt, daß du deiner Jugendfreundin nicht grollen, vielmehr die alte herzliche Gesinnung ihr bewahren willst, auch wenn sie dir das Glück, das du von ihr gehofft hast, nicht gewähren kann.
      Sie nahm ihm mit sanftem Drängen die Ruder aus den Händen und legte sie seitwärts nieder. Dann setzte sie sich wieder und fing an, ihm zu erzählen, was mehrere Jahre zurück sich mit ihr und jenem Anderen, den er haßte, ereignet hatte.
      *
      Es war genau vor zwei Jahren gewesen, gerade auch an ihrem Geburtstage. Da war sie mit Wilm Lornsen zu ihrem Vater gekommen und hatte ihm gesagt, daß sie sich verlobt hätten und um seine Einwilligung und seinen Segen bäten.
      Der alte Major hatte sie sehr ernst, aber nicht unfreundlich angehört und dann erwidert: Wilm wisse, daß er ihn schätze und liebe, und daß sein Kind ihm zugethan sei, verdenke er ihr nicht. Stina sei aber noch sehr jung und habe noch zu wenig von Welt und Menschen gesehen, um zu wissen, ob das Gefühl für ihren Jugendgespielen das tiefste und stärkste sei, das sie je für einen Mann empfinden würde. Und auch er, Wilm, sei vom Leben noch nicht sonderlich geprüft worden, dazu nicht in einer Lage, um so bald daran denken zu können, einen eigenen Herd zu gründen. Von einer bindenden Verlobung also könne nicht die Rede sein, höchstens über zwei Jahre, wenn Wilm sein Doctorexamen glücklich bestanden hätte. Darum verlange er von ihnen Beiden, daß sie sich bis dahin wieder völlig frei gäben, auch während der ganzen zwei Jahre weder mündlich noch schriftlich miteinander verkehrten, um auf diese Art sich selbst zu prüfen, ob ihre Neigung auf einem festeren Grund ruhe als auf dem vielleicht trüglichen ihrer Spielgenossenschaft.
      Sie Beide hätten sich traurig, aber doch zuversichtlich der Forderung des strengen Vaters gefügt, und Wilm sei noch desselben Tags nach Kiel zurückgereis't, wo er als Studiosus der Medizin sich ziemlich kümmerlich mit Stundengeben durchschlug. Als ein gewissenhafter Mensch habe er sich auch streng an sein Wort gehalten und auf keine Weise mit ihr, als deren Verlobten er sich nach wie vor betrachtet, das zärtliche Verhältniß heimlich fortzuspinnen gesucht, nicht einmal, wenn er einer Freundin von ihr auf der Straße begegnet sei, ihr Grüße an Stina aufgetragen, und selbst als der Vater ein halb Jahr darauf gestorben sei, nichts Anderes sich erlaubt, als einen florumwundenen Grabkranz zur Beerdigung zu schicken. Auch sie sei ihrem Versprechen treu geblieben, so hart es sie zuweilen angekommen. Habe sie doch gewußt, daß sie seines Herzens sicher sein könne, und nur die Tage gezählt bis zu dem glückseligen, wo sie endlich vom Bann des Schweigens erlös't werden würde.
      Und dieser Tag ist nun gekommen, fuhr sie mit strahlenden Augen fort, während ein klares Roth ihr in die Wangen stieg. Morgen darf er sprechen, mir Glück wünschen, und wenn ich ihn recht kenne, nicht nur mit einem beschriebenen Blatt, sondern in Lebensgröße, Auge in Auge. Durch meine Kieler Freundin habe ich erfahren, daß er gerade in dieser Zeit, da die Osterferien begonnen haben, promovieren wollte. Er ist dann immer noch ein armer Doctor der Medizin, und wer weiß, wie lange wir noch warten müssen. Aber wir können uns doch sehen und sprechen, vielleicht läßt die Mutter mich einmal auf ein paar Wochen zum Besuch nach Kiel, und dann –
      Sie hielt plötzlich inne. Kurt hatte die Ruder wieder ergriffen und den Kahn nach dem Ufer gelenkt. Sein Gesicht war starr zur Seite gekehrt, seine Lippen fest aufeinander gepreßt. Es kam ihr jetzt erst zum Bewußtsein, wie sehr es ihn verletzen mußte, sie von ihren frohen Zukunftshoffnungen sprechen zu hören.
      Bist du mir böse, Kurt? sagte sie. Ich ahnte ja nicht, gewiß nicht, daß du selbst – und wie hätt' ich auch denken sollen – selbst wenn du dich viel dringender um mich bemüht hättest – du ein vornehmer junger Herr, der einmal eine Ebenbürtige in sein väterliches Schloß einführen wird, und ich, ein armes Soldatenkind, eine Lehramtscandidatin – nein, Kurt, nicht von fern konnte mir's einfallen – ich hätte es ja sonst für meine Pflicht gehalten, dir anzuvertrauen, wie es mit mir stand.
      Auch jetzt antwortete er keine Silbe, sondern ruderte immer heftiger, um nur bald ans Land zu kommen. Sie gab es endlich auf, ein gutes Wort ihm abzugewinnen. So saßen sie die letzte Viertelstunde der Fahrt in beklommenem Schweigen einander gegenüber.
      Als der Kiel der Barke auf dem steinigen Ufer am Landungssteg der Pension auffuhr, kam gerade ein langer junger Bursch durch den Garten daher, der im Hause alle erdenklichen Ämter, das des Gärtners, Schiffers, Hausknechts und Ausgehers verwaltete. Kurt rief ihn heran, und Francesco half den Kahn so weit ans Land ziehen, daß Stina die Stufen zum Steg hinauf erreichen konnte. Erlaube, daß ich mich gleich hier und heute von dir verabschiede, sagte Kurt, ohne sie anzusehen. Ich werde dir meine Gratulation morgen nicht bringen können, da ich schon mit dem ersten Dampfer abreise. Mög' es dir wohl ergehen und das große Glück, das du erhoffst, dir auch wirklich beschieden sein!
      Der ironische Ton, mit dem er diese letzten Worte sprach, hätte sie vielleicht beleidigt, wenn das Mitleid nicht überwogen hätte.
      Sollen wir wirklich so voneinander gehen, Kurt? fragte sie mit ihrem wärmsten Ton. War Alles nur eine Täuschung, was in diesen letzten Wochen mich an ein edleres Gefühl in dir glauben ließ?
      Gefühle sind sterblich, versetzte er dumpf. Ich liebe keine langen Leichenreden. Meinen Gruß an deine Mutter und – 
      addio per sempre!
      Damit lüftete er den Hut, winkte mit der Hand und sprang ins Boot zurück, das er rasch mit kräftigen Ruderschlägen in den offenen See hinaustrieb.
      Langsam erstieg Stina die kleine Wassertreppe. Sie wollte im Garten sich erst von der aufregenden Scene mit Kurt erholen, ehe sie der Mutter gegenübertreten konnte. Der arme Kurt! Nun mußte sie ihm dies Herzweh machen, da er eben begonnen hatte, sich zu einem rechtschaffenen Leben zu bekehren! Wenn diese Enttäuschung ihn verbitterte, ihn in seine Thorheiten und Tollheiten, von denen sie ja auch gehört hatte, zurückschleuderte! Sie hatte ja wohl in Romanen gelesen, daß seinesgleichen nach einer unglücklichen Liebe sich in schlechter Gesellschaft zu »betäuben« suche. Und daran trug sie dann die Schuld, so wenig es in ihrer Macht gestanden, es zu verhüten!
      In solchen trübsinnigen Gedanken trat sie oben in das Zimmer, wo die Mutter sie erwartete. Nun? sagte die gute Frau, gespannt in Stina's blasses Gesicht blickend. Die Tochter nickte mit einem schweren Seufzer. Ich weiß, was du erwartet hast, Mutter – so überraschend es für mich selbst war. Ich ahnte nicht von fern, daß er jemals mich fragen würde, ob ich seine Frau werden wolle.
      Gott sei Lob und Dank! So hat er endlich den Muth gehabt zu sprechen. O mein geliebtes Kind, nun wird ja Alles gut!
      Sie war rasch aufgestanden und näherte sich Stina, sie an ihr mütterliches Herz zu schließen. Die Tochter aber trat erstaunt einen Schritt zurück.
      Ich begreife dich nicht, Mutter. Was soll denn gut werden? Warum bist du froh, daß er gesprochen hat? Du weißt doch, daß ich nur eine Antwort darauf hatte, die ihm weh thun mußte.
      Sie sah die Augen der kleinen Frau mit dem Ausdruck eines verständnißlosen Erschreckens auf sich gerichtet. Mutter, sagte sie, ihre zitternde, eiskalte Hand fassend, hast du denn vergessen, daß morgen die beiden Prüfungsjahre um sind, daß ich einen Brief von Wilm oder hoffentlich ihn selbst erwarten kann?
      Unglückliches Kind, rief die Mutter und wankte nach dem Sopha zurück, auf das sie wie von einem Schlage getroffen hinsank, so ist Alles aus, all meine Hoffnung ist hin, wir werden von Haus und Hof vertrieben werden, meine alten Tage werde ich fern von Allem, was mir theuer war, in einer Dachkammer – o mein Gott! Ich wollte, ich stürbe in dieser Stunde, statt daß ich mir von einem so großen Unglück das Herz stückweis brechen lassen muß!
      Sie drückte das welke kleine Gesicht, das von Thränen überströmt war, gegen das Sophakissen und blieb eine Weile taub und stumm gegenüber den dringendsten Bitten ihres Kindes, doch endlich zu sagen, was die Ursache dieses fassungslosen Jammers sei.
      Erst nachdem sie sich hinlänglich ausgeweint hatte, setzte die kleine Frau sich auf und sagte, die Augen trocknend: Vergieb mir, Kind, daß es mich so überwältigt hat. Aber du weißt nicht – mit meiner lieben, großherzigen Freundin, Kurt's Mutter, habe ich bald, nachdem wir hergekommen waren und gesehen hatten, wie sehr er dich verehrte, und wie er im Umgang mit dir wie verwandelt war – er ist ja überhaupt auf einen besseren Weg gekommen – kurz, wir Beide freuten uns daran und sprachen es gegeneinander aus, welch ein Glück es für euch Beide wäre, wenn eure Herzen sich fänden. Und nun mußt du noch etwas Anderes bedenken, womit ich dir bisher nicht kommen wollte. Du warst leidend, ich mußte dir jede Sorge und Aufregung fern halten. Denk nur, die Hypothek auf unserem Hause –
      Nun erzählte sie, was sie der Baronin geschrieben hatte, damals schon in dem stillen Gedanken, ob ihr nicht von dieser Seite Hülfe kommen möchte.
      Frau Elisabeth hatte ein paar Wochen vergehen lassen, ohne die peinliche Angelegenheit zu berühren. Erst als es zwischen den jungen Leuten richtig zu werden schien, hatte sie dieser Geschäftssache erwähnt. Es sei gegen die Grundsätze ihres Mannes, sich auf dergleichen Darlehen einzulassen. In Häusern zu speculiren scheine ihm eines Edelmannes unwürdig. Auch habe er nicht eine so ansehnliche Summe bereit liegen, müsse daher entweder Papiere verkaufen oder selbst eine Anleihe machen. Dazu würde er sich nur entschließen, wenn die Sache »in der Familie bliebe«. Für die Schwiegermutter seines einzigen Sohnes und Erben ein solches Opfer zu bringen, werde er nicht als ein Geschäft betrachten, sondern als eine Art väterlicher Pflicht. Wenn Stina die Werbung ihres Kurt annähme, sei der Papa bereit, das Häuschen, in welchem seine liebe Schwiegertochter geboren und herangewachsen sei, käuflich zu erwerben. Die Mutter könne dann bis an ihr Lebensende in den gewohnten, durch Erinnerungen geweihten Räumen bleiben, da er, der Papa, diesen Besitz als Morgengabe der jungen Frau verschreiben würde.
      Diese Eröffnungen, von denen Frau Marie nicht argwöhnte, daß sie nur darauf berechnet waren, Kurt's Aussichten auf Erhörung zu unterstützen, hatten ihr alle Sorgen verscheucht, und der Gedanke, daß von Stina's Seite ein Hinderniß kommen könne, war ihr nicht im Traum nahe getreten. Denn sie hatte in den zwei Jahren der stummen Trennung die Erinnerung an den jungen Studenten mehr und mehr verloren, da auch Stina seinen Namen nie über die Lippen brachte. Jetzt so aus dem blauen Himmel mit ihm geschreckt zu werden und mit einem Schlage dadurch all ihre Hoffnungen zertrümmert zu sehen, mußte ihre ängstliche Seele freilich in rathlose Verstörung versetzen.
      Mutter, sagte die Tochter endlich, nachdem sie Alles erfahren hatte, ich beklage es sehr, daß dieser schöne Plan, an dem du so freudig gehangen hast, durch meine Schuld nicht verwirklicht werden kann. Aber ich kann nicht glauben, daß der Baron nur unter dieser Bedingung dir werde helfen wollen. Du schüttelst den Kopf. Du kennst ihn vielleicht besser als ich, und überhaupt, von Geldgeschäften, wie du weißt, verstehe ich noch weniger als du. Aber sage mir, meine liebe, arme, einzige Mutter, wenn du in eine ähnliche Lage gekommen wärst damals, als du mit dem Vater versprochen warst, würdest du aus irgend einer äußeren Rücksicht auf ihn verzichtet haben, auch wenn du dadurch deiner eigenen Mutter ein Opfer zugemuthet hättest, das doch nicht so groß war, wie das Aufgeben deiner Liebe und Treue und des Wortes, das du deinem Bräutigam gegeben hattest?
      Die kleine Frau schwieg eine Weile. Dann drückte sie Stina's Hand, in der noch immer die ihre lag, und sagte: Ich bin so verwirrt und benommen, mein Kopf ist zu schwach, um mit diesen schrecklichen Gedanken sogleich ins Reine zu kommen. Laß uns heute nicht mehr davon reden. Vielleicht kommt guter Rath über Nacht, oder doch die Kraft, mich in die unerforschlichen Rathschlüsse Gottes ohne Murren zu fügen.
      *
      Die Nacht aber brachte weder Schlaf noch guten Rath.
      Vor Frau Mariens überwachten Augen stand beständig das Schreckgespenst der zerstörten Freundschaft mit den Herrschaften vom Schlößchen und der drohenden Heimathlosigkeit. Auch Stina schloß erst gegen Morgen die Augen. Was sie aber wach hielt, war mehr als das Mitgefühl mit dem Kummer der Mutter und Kurt's Liebesschmerz, der Gedanke an das Glück, das ihr endlich an ihrem Geburtstage beschert werden sollte.
      Ihr erster Blick, als sie in das Wohnzimmer trat, fiel auf einen großen Strauß von Schwertlilien und Tuberosen, der in einer prachtvollen Vase stand. Eine Karte steckte darin: »Freiherr und Freifrau von Guntram«, in einer Ecke mit Bleistift geschrieben ein 
      p. f. Daneben lag ein in schwarzes Leder gebundenes Buch, die Predigten Pastor Elias Brodersen's, die er während seines winterlichen Schweigens aufgeschrieben und als ein Ostergeschenk für seine Gemeinde zu Hause hatte drucken lassen. Der alte Herr hatte vorn einen Spruch hineingeschrieben; als er aber hörte, daß sein Mittlerwerk in die Brüche gegangen war und diese Ehe von ihm nicht eingesegnet werden sollte, wollte das Schriftwort, das einen Glückwunsch enthielt, nicht mehr passen, und so hatte es mit einem Streifchen Papier überklebt werden müssen.
      Stina sah es mit einem schmerzlichen Lächeln, wandte sich dann aber rasch nach dem Frühstückstisch, wo neben ihrer Tasse mehrere Briefe lagen. Die waren schon am Abend vorher gekommen, die Mutter aber hatte sie für den Geburtstagsmorgen aufgehoben. Hastig nahm sie einen nach dem anderen in die Hand, lauter Gratulationsbriefchen von guten Freundinnen – von Wilm keine Zeile.
      Sie faßte sich aber rasch. Er hat bis zuletzt mit peinlicher Gewissenhaftigkeit sein Wort halten wollen, erst heute ist der letzte Tag der zwei Jahre verstrichen, die Morgenpost wird seinen Brief bringen.
      Von den anderen war ihr nur einer wichtig, der von der Kieler Freundin, und nur die eine Stelle darin, wo sie erzählte, vor etlichen Tagen sei ihr der 
      Doctor Lornsen auf der Straße begegnet, er sei's ja nun wirklich geworden und 
      summa cum laude, und sie habe ihn angehalten und ihm gratulirt, und er sei in seiner Bescheidenheit ordentlich roth geworden und habe gesagt, Promoviren sei doch keine Hexerei! Und dann habe sie eben fragen wollen, ob er nichts nach Gardone zu bestellen habe, da sei die widerwärtige alte Geheimräthin N. dazugekommen und habe sie angeredet, und Wilm habe sich eilig empfohlen.
      Auch hier also nichts, was ihre ungeduldige Erwartung ein wenig hätte beschwichtigen können.
      Die Mutter kam jetzt herein, die sich verschlafen hatte. Sie umarmte und küßte ihre Tochter stumm, die Augen gingen ihr schon wieder über. Sie sah den Strauß der Baronin und konnte einen Seufzer nicht zurückhalten. Frau Elisabeth hatte ihr ja die kostbaren Geschenke, das Armband und den Ring, gezeigt, die für das Geburtstagskind bestimmt waren, wenn man es töchterlich in die Arme schloß. Davon sollte nun nicht die Rede sein.
      Und dann brachte die Morgenpost wieder Briefe aus der Heimath, nur den einen, ersehnten nicht. Er wird die Entfernung nicht richtig berechnet haben; ich muß bis zum Abend warten, sagte sich Stina. Es wurde ihr aber schwer. Sie saß die langen Stunden unten am See auf der Bank vor dem Lorbeerbusch und fühlte ihr Herz so laut und ungestüm auf und ab stürmen, wie dort die Brandung. Sie hatte sich vor jedem Besucher verleugnen lassen wollen, eine unnöthige Vorsicht. Die Freunde aus dem Hôtel Gardone ließen sich nicht blicken. Einmal sah sie die lange Figur und das graue Haupt des Pastors über dem Mäuerchen erscheinen, das den Garten gegen die Straße abschloß. Er sah aber steif und streng gerade vor sich hin und hielt am Hause nicht still, um seinem verirrten Schäflein wie sonst zutraulich das Haar zu streicheln und es auf den rechten Weg zurückzuführen.
      Nun, das alles mußte sie hinnehmen. Daß aber auch die Abendpost seinen Brief nicht brachte – das Herz wollte ihr zerspringen. Da der 
      postino feine Tasche vergebens noch einmal durchsucht hatte, ging sie selbst nach dem Postbureau und fragte dringend und bittend, ob wirklich nichts mehr für sie da sei.
      
      Niente, Signorina. Niente affatto!
      Da mußte sie mit gesenktem Kopf nach Hause gehen.
      Immer noch hielt sie sich an der Hoffnung fest, der nächste Tag werde ihr sicherlich die Erlösung von der Qual des Wartens bringen. Auch der und der folgende und der vierte verstrich – es blieb bei dem 
      niente, niente affatto!
      Sie ging an diesen Tagen herum wie schlafwandelnd, ihre Augen sahen an Allem vorüber, wie wenn sie in einen dichten Nebel blickten, ihr Ohr schien von all dem Geräusch des Lebens draußen und den Stimmen in ihrer Nähe nichts zu hören, sondern in weite Ferne hinauszuhorchen, ob nicht von dort ein bekannter Ton zu ihr dringe und sie bei Namen rufe. Nachts lag sie fast immer schlaflos und zermarterte Kopf und Herz mit Zweifeln und Sinnen. Sollte sie ihm schreiben und fragen, ob ein Brief von ihm verloren gegangen wäre? Aber warum hatte er's überhaupt auf einen Brief ankommen lassen? Warum war er nicht selbst erschienen, »in Lebensgröße«, wie sie es Kurt triumphirend angekündigt hatte? Hatte er nicht das Examen hinter sich? Und war der Kieler Freundin ohne ein Zeichen einer Krankheit, die seine Reise verhindert hätte, auf der Straße erschienen? Nein, wenn er sich Zeit ließ, sie endlich wiederzusehen, verbot es ihr Mädchenstolz, ihm entgegenzugehen. Nicht einmal ein Sträußchen, wie bei ihrem vorigen Geburtstag die Veilchen, die anonym bei ihr abgegeben wurden, hatte er ihr diesmal geschickt, da er es ihr doch schuldig gewesen wäre, ihr seine ganze geliebte Person zu Füßen zu legen.
      Jeder weitere Tag, der in solchen Seelenstürmen verstrich, rüttelte stärker an ihrer kaum erst wieder nothdürftig befestigten Gesundheit, zumal sie so gut wie nichts genoß und nun auch sich ins Zimmer einschloß, um allen Menschengesichtern auszuweichen. Die Mutter, die mit schwerem Kummer ihr Kind sich in Herzweh verzehren sah, vermochte nichts über sie. Sie hatte ihrer Freundin, der Baronin, der sie auf dem Wege draußen begegnete, ihr Leid geklagt, aber nicht mehr die alte freundschaftliche Theilnahme gefunden. Man war sehr verstimmt, die Zukunft des reuigen verlorenen Söhnchens nun wieder in Frage gestellt zu sehen. Daß er sofort abreise, hatte der Papa ihm untersagt. Er müsse sich ja schämen, vor diesem Rivalen gleichsam die Flucht zu ergreifen, wie es ohne Zweifel ausgelegt werden würde, wenn man statt seiner nun einen Anderen Stina's Ritter machen sähe. Und Kurt hatte sich fügen müssen, so gern er zu seinen Berliner Kameraden zurückgekehrt wäre, um den Korb, den das jetzt fast gehaßte schöne Mädchen ihm gegeben hatte, zu verschmerzen. Denn seine Liebe war freilich nur ein Flackerfeuer gewesen; desto heftiger brannten Ingrimm über die Enttäuschung und Haß gegen den glücklicheren Jugendfeind in seinem Innern. So strich er düster und ruhelos in der Gegend umher, und nur der eine tröstliche Gedanke tauchte aus all dem Dunkel auf, daß wenigstens der väterliche Check nicht auch eine Täuschung gewesen war.
      *
      Eines Morgens aber – etwa eine Woche nach ihrem Geburtstage – fand Stina, als sie ohne eine Spur von Eßlust an den Frühstückstisch trat, neben ihrer Tasse eine Nummer ihres heimischen Localblattes, das ihnen auch jetzt noch nach dem unheilbaren Bruch von der Baronin täglich hinübergeschickt wurde.
      Nur so verloren glitt ihr Blick über die enggedruckten Spalten hin, wie sie jetzt überhaupt kaum wußte, was sie las. Da sah sie eine kleine Notiz, die mit einem Strichlein am Rande angemerkt war, und las erst mechanisch, ohne den Sinn zu begreifen, so wie man im Traum zu lesen pflegt:
      Martha Liebetraut
       Dr. Wilhelm Lornsen
       Verlobte.
      Diese beiden Namen – der des Mädchens war ihr doch auch bekannt, sie galt ja für die Schönheit von Kiel – Wilm hatte selbst einmal von ihr gesprochen, schon damals war etwas wie Eifersucht in ihr aufgestiegen – und jetzt dieser Doctor – war's denn möglich? Aber warum sollte es unmöglich sein? Sind zwei Jahre nicht lang und haben nicht »die Abwesenden Unrecht?«
      Es flimmerte ihr vor den Augen. Sie versuchte den Nebel wegzuwischen, er wurde aber nur dichter und dichter. Als die Mutter kurz darauf aus dem Schlafzimmer hereintrat, fand sie ihr Kind mit weit zurückgebogenem Leibe im Stuhle liegen, die Augen fest geschlossen, ohne eine Spur von Bewußtsein. –
      Von den bangen, traurigen Tagen, die nun folgten, soll nichts weiter gesagt werden, als daß sie auch das gekränkte Mutterherz der Baronin rührten und wieder einen Verkehr mit der Gastfreundin in der deutschen Pension herbeiführten.
      Stina blieb freilich unsichtbar, auch nachdem sie wieder aufgestanden war. Sie schrieb aber schon selbst auf die täglichen Anfragen nach ihrem Befinden einen freundlichen Dank und bat, noch ein wenig Geduld mit ihr zu haben. Das wurde denn auch dem freiherrlichen Ehepaar nicht schwer, da sich jetzt eine Aussicht zeigte, ihren Herzenswunsch doch noch erfüllt zu sehen.
      Wie Kurt davon dachte, konnte Niemand sagen. Er verharrte in seinem stummen Groll, trank sehr viel schweren rothen Wein und öffnete die Lippen nur, um auf die schlechten italienischen Regiecigarren zu schimpfen.
      Daß es nun an ihm sei, wieder ein wenig Vorsehung zu spielen, leuchtete dem würdigen Pastor Elias Brodersen schon lange ein. Er wartete aber ab, bis er eines Tages sein Beichtkind Stina allein im Garten wandeln sah, gesellte sich zu ihr und blieb eine ganze Stunde auf der Bank vor dem Lorbeergebüsch neben ihr sitzen. Was er mit ihr sprach, war vor dem Rauschen der Brandung von keinem Ohr zu vernehmen. Es schien aber Eindruck auf das ernste junge Wesen gemacht zu haben, denn ihr Seelsorger verließ den Garten mit sehr befriedigter Miene, und am Nachmittag ließ Stina durch eine kurze geschriebene Zeile Kurt bitten, sie noch am Abend desselben Tages zu besuchen.
      Sie erhob sich von ihrem Sitz an der offenen Balconthür, als er, immer noch mit der Miene eines Schwergekränkten, bei ihr eintrat und sich förmlich und stumm vor ihr verneigte. Sie streckte ihm eine Hand entgegen, die er nur mit den Fingerspitzen berührte. Seine gemachte Kälte aber hielt nicht Stand, da er sah, wie das Herzeleid an ihrer Blüte gezehrt hatte. Eine alabasterne, durchsichtige Blässe ließ die feinen Züge noch reizvoller, aber zugleich beängstigender erscheinen, und sie mußte sich sofort wieder setzen, da ihre Kniee zitterten.
      Lieber Kurt, sagte sie, der Herr Pastor wird dir gesagt haben, wie es um mich steht und wozu ich entschlossen bin. Du weißt, daß das Glück, das ich erhoffte, eine Täuschung war, vielleicht aber weißt du nicht, wie schmerzlich es mir war, dir deßhalb so weh thun zu müssen. Nun ist Alles anders geworden. Du wirst nicht glauben, daß ich den alten falschen Traum so rasch aus meinem Herzen gerissen hätte, wie man ein Unkraut mit der Wurzel ausjätet. Aber ich fühle, daß ich jetzt nur wieder genesen kann, wenn ich Andere glücklich zu machen suche, zunächst meine gute Mutter, und dann – dich, lieber Kurt, das heißt, wenn deine Gefühle sich nicht inzwischen geändert haben.
      Er sah finster zu Boden und nagte die Lippe.
      Meine Gefühle? sagte er. Die ändern sich nicht so geschwind. Aber wenn du erwartet hast, daß ich jetzt himmelhoch jauchzend dir danken würde, weil du mich aus 
      dépit amoureux zu Gnaden annimmst, und weil ich jetzt, da ein Anderer sich anders besonnen hat, zum Lückenbüßer gut genug bin –
      Kurt! unterbrach sie ihn mit einer Stimme, deren Innigkeit er nicht widerstand, ich bin krank und noch nicht wieder fähig, so lange und klar zu sprechen, wie ich möchte. Wenn ich glauben soll, daß du es wirklich ernst mit deiner Liebe meinst, mußt du mich schonen und das Wenige, was ich dir sagen kann, nicht in ungerechtem, leidenschaftlichem Groll mißzuverstehen suchen. Der Schlag, der mich getroffen, hat in meinem Herzen alle weichen und holden Regungen geknickt. Ich weiß aber, daß sich mit der Zeit Alles in mir wieder aufrichten wird, bis auf das Eine, was unheilbar verwundet worden ist. Dann werde ich auch für das Gefühl, das du mir entgegenbringst, dankbar sein und es erwidern können. Ich sage es dir heute schon, damit du nicht an mir verzweifelst. Wenn du mir ein Jahr Zeit lassen willst, wieder mit mir ganz ins Reine zu kommen, will ich gern deine Hand ergreifen, heute schon, und versprechen, dir eine treue, liebevolle Frau zu werden.
      Sie sah an ihm vorbei, auf den See hinaus, sonst hätte sie das ungute Lächeln bemerkt, das um seinen Mund spielte und nichts Freundliches weissagte.
      Mag es denn sein! sagte er. Ich sehe, du hast ein Wittwenjahr nöthig, um mit der Trauer über deine erste Liebe fertig zu werden. Da das immerhin respectabel ist, als ein Zeichen von Treue, muß ich mich wohl darein fügen. Vielleicht lernst du mich inzwischen auch so viel besser kennen, daß du selber die lange Wartezeit abkürzest. Auf alle Fälle verpflichte ich mich mit Leib und Seele zu deinem Dienst.
      Er neigte sich auf ihre Hand hinab und küßte sie. Als er Miene machte, auch ihre Lippen zu küssen, entzog sie sich ihm mit tiefem Erröthen. Du hast mich zu schonen versprochen, mein Freund. Ich werde es noch eine Weile nöthig haben und dir innig dankbar sein, wenn du dich bemühst, dein Versprechen ritterlich zu halten.
      *
      Drei Tage nach diesem fand das Verlobungsmahl statt, über das zu Anfang unserer Erzählung berichtet worden ist. Daß es nicht fröhlicher dabei herging, wird nun Niemand wundernehmen.
      Zwar den Eltern des Bräutigams schien jetzt Alles in bester Ordnung zu sein, und daß die Braut sich sanft, aber entschieden weigerte, das kostbare Armband anzunehmen und den Ring – einen breiten Goldreif mit einem Türkis, den die Baronin selbst sich vom Finger gezogen hatte – anzustecken, da sie für Kurt keinen Verlobungsring in Bereitschaft habe, ließ man ihr als eine Grille der Bescheidenheit hingehen. Auch ihre Bitte, die Verlobung noch eine Weile geheim zu halten. Sie sei noch nicht wieder gesund genug, Gratulationsbriefe zu beantworten.
      Daß aber die Baronin in der Freude ihres Herzens ihre Tischnachbarin in das große Ereigniß einweihte, war um so natürlicher, als Alle nur darauf gewartet hatten. Ein so schönes Paar, das sichtbar von der Natur für einander geschaffen war! Schade, daß man es noch nicht officiell beglückwünschen konnte.
      Pastor Brodersen vollends fand das gute Werk, das er mit der Hülfe des Herrn gestiftet hatte, untadelig und für alle Zukunft gesichert. Stina's Mutter aber, obwohl ihr mit der Sorge für ihr Häuschen jetzt ein Stein vom Herzen genommen war, blickte mit stillem Kummer in das blasse, seltsam gespannte Gesicht ihres Kindes, das nicht nach dem Gesicht einer glücklichen Braut aussah. Und Kurt? Es gab Augenblicke, wo er es trotz aller Verliebtheit verwünschte, daß er nun doch das Glück haben sollte, die Braut heimzuführen.
      Die Frauen hatten ihn hinlänglich verwöhnt, daß er es nun als einen harten Zwang empfand, um dieses stille, schwermüthige Mädchen, das ihm nicht die kleinste zärtliche Freiheit gestattete, ein ganzes Jahr dienen zu müssen. War er mit ihr zusammen, so empfand er freilich die stille Macht ihrer Anmuth und Seelenhoheit, doch nicht so stark, daß ihn nicht manchmal ein Gefühl von Langerweile beschlichen hätte, da er sie von seinen Berliner Erlebnissen nicht unterhalten durfte und auch ihre gemeinsame Jugend keinen erfreulichen Stoff zum Plaudern bot.
      Als sie darum auf der Bank im Garten, nachdem sie lange auf die weißen Wellenkämme des Sees gestarrt, davon anfing, daß sie sich nach Hause sehne, weil sie in dieser weichen südlichen Luft sich nicht zu erholen fürchte, griff er den Gedanken einer raschen Abreise lebhaft auf. Auch er, heuchelte er, könne dies unthätige Leben nicht auf die Länge ertragen, es falle ihm auf die Nerven; schon der eintönige Dienst habe ihm nicht genügt, er sei dem Papa dankbar, daß er ihm den größten Theil der Gutsverwaltung übertragen wolle, und wenn sie selbst sich heimsehne, könne ihm nichts Lieberes geschehen, als sofort in seinen künftigen Wirkungskreis eingeführt zu werden. Er müsse nur auf kurze Zeit zu seinem Regiment zurück, seinen Austritt zu bewerkstelligen und all seine dortigen Verhältnisse aufzulösen. Wie schwer ihm diese Trennungszeit werden würde – dabei ergriff er mit einem Seufzer ihre schmale, blasse Hand, die auf ihrem Schooße ruhte – daran werde sie wohl nicht zweifeln.
      Sie nickte zerstreut und überließ ihm ihre Hand; es war, als beruhige sie der Gedanke an diese Trennung und sie wisse ihm Dank dafür. Dann rauchte er ruhig weiter, und sie blickten Beide schweigend auf den gährenden und brandenden See hinaus.
      *
      Gerade um diese Zeit schritt von Fasano her ein junger Mann auf das Haus zu, in welchem sich die deutsche Pension befand, sah sich nach allen Seiten um wie ein Fremder, der sich zurechtzufinden sucht, und blieb endlich vor der Hausthür stehen.
      Es war eine mittelgroße, gedrungene Gestalt, ohne sonderliche Eleganz gekleidet, auf den breiten Schultern ein derber, doch nicht plumper Kopf mit scharfgeschnittenen Zügen und etwas tiefliegenden, sehr hellblauen Augen, die jedes Ding mit ruhiger Festigkeit betrachteten. Als er den weichen grauen Hut abnahm, unter dem ihm warm geworden war, fiel ihm ein dichter dunkelblonder Haarschopf über die Stirn herab, die ungewöhnlich weiß und feingebildet war. Um die sonnverbrannten Wangen kraus'te sich ein kurzer röthlicher Bart, und wenn er lachte, sah man breite weiße Zähne schimmern. Auf den ersten Blick war in ihm der Nordländer zu erkennen, auch ohne den seltsam wiegenden Gang, wie er Sprößlingen einer Seefahrerfamilie eigen zu sein pflegt, auch wenn sie selbst einen Beruf ergriffen haben, der sie aufs feste Land anweis't.
      Er las über dem Hauseingang das Wort: »Deutsche Pension« und nickte befriedigt, zog dann sein Taschentuch heraus und klopfte sich den Staub von feinem grauen Anzug und den gelben Schuhen, die nicht eben klein waren. Dann zog er die Hausglocke.
      Das deutsche Mädchen ließ eine Weile auf sich warten, ehe sie öffnete. Sie war mit dem Abräumen der Verlobungstafel beschäftigt gewesen.
      Ob hier die Majorin Soundso wohne?
      Gewiß.
      Und ob die Damen zu Hause seien?
      Freilich. Sie seien noch im Garten. Wen sie melden solle?
      Der Fremde war in den Flur eingetreten. Führen Sie mich zu ihnen, sagte er rasch. Dann besann er sich. Sind die Damen allein?
      Nein. Die anderen Herrschaften seien noch bei ihnen in der Laube. Das heißt, das Brautpaar sitze für sich am Ufer. Sie seien noch nicht lange von Tisch aufgestanden.
      Das Brautpaar? Von welchem Brautpaar sie rede?
      Nun, natürlich von keinem anderen, als von Fräulein Stina und dem jungen Herrn Baron. Die Verlobung sei ja hier im Hause gefeiert worden. Er könne noch sehen, wie schön sie den Speisesaal decorirt hätten.
      Der junge Fremde fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie um einen Traumnebel wegzuwischen. Was reden Sie da für Unsinn, liebes Kind! sagte er, noch mit ganz ruhiger Stimme. Sie scheinen von dem süßen Wein, den die Gäste getrunken haben, ein wenig angeheitert zu sein, in solcher Verfassung sieht ein Mädchen leicht in jedem jungen Paar, das bei Tische nebeneinander sitzt, ein Brautpaar. Aber da ich sowohl die vermeintliche Braut als auch den gewissen Herrn Baron länger kenne als Sie, erlaube ich mir, Ihre Geschichte von einer Verlobungsfeier für eine Ausgeburt der Weinlaune zu halten.
      Nun, sagte das Mädchen sehr gekränkt durch diese Äußerungen, wenn Sie mir nicht glauben, so fragen Sie die Herrschaften selbst. Dort durch das Zimmer kommen Sie in den Garten.
      Er zauderte doch wieder.
      Hören Sie, sagte er, ich möchte nur zu den beiden Damen, die Baronsfamilie ist mir fremd. Seien Sie so gut, mich in das Zimmer der Frau Majorin zu führen und mich dann dieser allein zu melden – nein, lieber nur dem Fräulein. Und auch der nennen Sie meinen Namen nicht; sagen Sie nur, es sei »Jemand« da, der sie zu sprechen wünsche, auch nicht, daß es ein Fremder sei. Ich möchte sie gern überraschen.
      Kopfschüttelnd stieg er die Treppe hinauf nach dem Zimmer, das ihm das Mädchen bezeichnet hatte. Die Sache fing doch an, ihm nicht ganz geheuer vorzukommen. Warum hatte er auf seinen Geburtstagsbrief, den er pünktlich vor vierzehn Tagen geschrieben, keine Antwort erhalten? Konnte sie es ihm übel genommen haben, daß andere Pflichten, die er respectiren mußte, ihn gehindert hatten, über Hals und Kopf, wie sein Herz ihn trieb, zu ihr zu eilen? Aber wenn sie ihn auch fühlen lassen wollte, daß ihm nichts heiliger und dringender hätte sein müssen, als sie wiederzusehen nach so langer Entbehrung – zur Strafe dafür sich mit einem Anderen zu verloben – mit diesem – diesem –
      Unsinn! Ein Mißverständnis dieses fremden Zimmermädchens! Wie wollten sie darüber lachen, wenn sie sich wieder hätten und vom ersten seligen Küssen und Herzen aufathmeten!
      Damit trat er in das Zimmer, und nachdem er an einem Bildchen des seligen Majors, das Frau Marie über das Sopha gehängt, erkannt hatte, daß es das richtige Zimmer war, näherte er sich dem Balcon und blickte in den Garten hinunter.
      War das denn aber wirklich kein Spuk seiner aufgeregten Sinne, was er da sah? War's wirklich Stina, seine Stina, die da unten vor dem dunkelgrünen Lorbeerbusch auf der Bank saß und dem geckenhaften jungen Herrn neben sich ihre Hand überließ? Diesem hochmüthigen Junker, der ihr schon als kleinem Ding zuwider gewesen war, dem sie die Pfirsich, die er ihr einmal aus dem Treibhaus beim Schlößchen gebracht, ins Gesicht geworfen hatte, weil er sie zum Dank dafür hatte küssen wollen? Und jetzt – so traulich allein mit ihm – und die Leute sagten, sie sei mit ihm verlobt – und die Eltern überließen sie sich selbst – Himmel und Hölle! Jetzt einen Revolver – oder nein, lieber hinunterstürzen, ihnen die ganze Wuth und Verachtung ins Gesicht schleudern und dann – dann –
      Plötzlich lachte er hell auf. Das war ja alles Unsinn, ein Blendwerk der Hölle. Stina, 
      seine Stina – und die zwei langen Prüfungsjahre – und die Mutter, die liebe »Tante Marie«, die ihn immer wie einen eigenen Sohn geliebt hatte, wie hätte sie einwilligen können in so etwas Unerhörtes, Unmögliches – wie konnte er diesen Menschen, die er so genau kannte, wie sich selbst, nur einen Augenblick zutrauen –
      Und da sah er auch schon das Mädchen zu den Beiden herantreten und ihre Botschaft ausrichten und Stina sogleich aufstehen, um ihr zu folgen, als wäre es ihr nur lieb, einen Vorwand zu haben, um sich diesem verhaßten Courmacher zu entziehen. Nun werde sich ja Alles aufklären und er sich schämen müssen, daß er nur einen Augenblick sich von einem so tollen Hirngespinnst hatte ängstigen lassen.
      So stand er mitten im Zimmer, der Thüre zugekehrt, durch die sie eintreten mußte, mit einem Herzklopfen, das ihm bis in den Hals hinaufschlug. Und nun hörte er auf der Treppe draußen die Stimme des Mädchens, der Herr sei droben im Zimmer, und die raschen Schritte die Stufen herauf, und jetzt wurde die Thür aufgerissen, Stina's helle, schlanke Gestalt erschien auf der Schwelle, aber mit einem erstickten Aufschrei: Wilm! O mein Gott! brach das unglückliche Mädchen, ehe er noch hinzuspringen konnte, zusammen.
      Stina war nicht ohnmächtig geworden. Sie streckte die Arme abwehrend gegen Wilm aus, als er sie aufhob, um sie nach dem Sopha zu tragen. Aber ihr Blick flackerte so irr und heiß, als ob etwas Schlimmeres als Ohnmacht sich hinter ihrer Stirne vorbereite. Sie selbst schien es zu fürchten, daß sie die jähe Erschütterung um ihren Verstand bringen würde. Laß mich! stammelte sie. Rühre mich nicht an! Ich werde wahnsinnig, wenn du mir vor Augen bleibst. Gieb mir etwas ein, das mich für immer um mich selbst bringt. Nein, es ist unmöglich! Ich kann nicht fortleben – ich muß mir selber entfliehen, wenn der Ekel, der Jammer, die Verzweiflung – o! es ist zu viel! Das kann kein Mensch aushalten!
      Sie entwand sich leidenschaftlich seinem Arm, mit dem er sie noch immer umschlungen hielt. So im Innersten empört und vernichtet er sich selbst fühlte, überwog doch das schmerzliche Mitleid mit ihrem Zustand, so daß er scheinbar gelassen sagte: Min söte Deern, ich verlange jetzt als Arzt, nicht als dein ehemaliger Liebster, daß du Vernunft annimmst, dies unsinnige Toben lässest und dich so weit beruhigst, daß man ein paar vernünftige Worte miteinander reden kann. Willst du das nicht versuchen, deine lieben fünf Sinne zusammennehmen, daß du wieder meine holde, klare, kluge Stina wirst?
      Sie antwortete nicht. Sie saß gerade aufgerichtet, wie erstarrt und versteinert, nur den Kopf zurückgelehnt und die Augen gegen die Decke gekehrt. Er beobachtete sie mit gespanntem Blick ein paar Secunden lang, dann ließ er ihre Hand los, deren Puls er umspannt hatte, ging nach der Thür und drückte auf den elektrischen Knopf. Dem eintretenden Mädchen sagte er ein Wort und nahm ihr, als sie wiederkam, die kleine Schale ab, in der ein paar Eisstückchen lagen. Eins davon ließ er in das Weinglas gleiten, das auf dem Tische stand, goß Wasser dazu und ein wenig Cognac aus der Reiseflasche, die daneben gelegen hatte. Dann trat er vor die noch immer Regungslose und sagte: Das sollst du austrinken, Stina, hörst du? Doctor Lornsen, der berühmte Arzt, befiehlt es dir. So! es wird dir gut thun. Noch einen Schluck! So! du bist eine brave Patientin und sollst gelobt werden.
      Er stellte das geleerte Glas wieder auf den Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber. Und nun mußt du so gut sein, mir auf ein paar Fragen Antwort zu geben. Du begreifst doch, daß ich von dieser ganzen verrückten Geschichte nicht ein Wort verstehe. Klar ist mir nur, daß mein Brief nicht angekommen ist, der Punkt Geburtstag in deinen Händen sein und mich anmelden sollte. Drei Tage vorher war ich wohlpromovirter Doctor der Medicin geworden. Ich konnte aber nicht gleich fort, gewiß, Liebste, ich konnte nicht. Mein alter Geheimrath, der so fabelhaft viel Liebes und Gutes an mir gethan hatte, wollte durchaus, daß ich erst einer schwer erkrankten alten Dame, seiner besonderen Freundin, wieder auf die Beine helfen sollte. Er bewies mir dies ehrenvolle Vertrauen, da er selbst das Bett hüten mußte und mich für seinen besten Schüler erklärte. Sollt' ich ihm sagen: Es geht nicht, verehrter Gönner, ich muß mit dem nächsten Schnellzug nach Gardone, sonst sucht sich meine Braut einen Anderen? Na, du begreifst, solch eine Verrücktheit konnte mir nicht einfallen. Ich beging nur eine andere Dummheit. Statt einfach zu schreiben, recommandirt, oder zu telegraphiren, kauft' ich einen großen Haufen Fondants und Chocoladen von der Sorte, die du besonders liebst, du weißt, von Johann Jakob Meier am Hafen. Die packt' ich in eine Schachtel, legte ein paar schüchterne Frühlingsblümchen dazu, die sich neben eurer südlichen Rosenpracht noch armseliger ausgenommen hätten, wären sie nicht höchst eigenhändig von mir selbst gepflückt worden, und that den Brief – acht lange Seiten – dazu. Ich ahnte freilich nicht, daß dies die sicherste Art war, meine Botschaft nicht in deine Hände gelangen zu lassen; noch dazu, da meine Hausfrau, welche die Schachtel selbst auf die Post tragen wollte, kopflos genug war, sie nicht einschreiben zu lassen. Und nun stell dir meinen Schrecken vor: als ich im Gespräch mit einem Bekannten, der lange in Italien gelebt hatte, von den verschiedenen Zollchicanen sprach, denen man da unten ausgesetzt sein sollte, erfuhr ich, daß ihm mehrfach, zumal in der Weihnachtszeit, Packete mit Eß- oder Naschwaaren nicht zugegangen seien. Wo sich ein Liebhaber dafür gefunden, habe er nie herausbringen können. Teufel! dacht' ich, wenn auch deine Geburtstagsbescherung dasselbe Schicksal gehabt hätte! Und freilich, eine Empfangsbescheinigung, eine Antwort auf meinen Brief hatte ich ja nicht erhalten. Also meiner Patientin ein Attest darüber ausgestellt, daß sie noch gut und gern zwanzig, dreißig Jahre leben könne, und mit dem nächsten Eilzug abgedampft, besinnungslos Tag und Nacht, daß mir Hören und Sehen verging. Und wie ich endlich hier ankomme – nein, sage, Kind, ist es denn möglich? Wenn ein alter Liebster sich nicht pünktlich zur Gratulation einstellt, muß dann gleich –
      Sie bewegte Kopf und Schultern, als ob sie sich zum Sprechen aufraffen wollte, versank aber wieder in ihre Starrheit. Das Herz schlug ihm bange und schwer, er mußte alle Kraft aufbieten, um seine Aufregung zu bemeistern.
      Willst du mich am Ende nur schonen, sagte er mit erzwungenem Lachen, um nicht den Spieß umzudrehen und mich des Verraths und Treubruchs anzuklagen? Hat etwa auch dir irgend eine mitleidige Seele das Blatt in die Hände gespielt, das mich mit einem Fräulein Martha Liebetraut zusammengekuppelt hat? Siehst du, da haben wir's! (Sie hatte kaum merklich genickt.) Aber du dummes Mädel, hast du nicht sofort merken können, daß da der schamloseste aller Druckfehlerteufel sein Spiel getrieben hat? Wenn mich dieses schöne Fräulein, das mir völlig Hekuba ist, dir abtrünnig gemacht hätte, wäre es nicht die gemeinste Anstandspflicht gewesen, dir erst zu schreiben: »Verehrtes Fräulein, ich bedaure Ihnen mittheilen zu müssen, daß ich mich anders besonnen habe und dich sitzen lassen werde?« Aber dieser mein Doppelgänger und glücklicher Bräutigam hat sich meinen Namen nur fälschlich angemaßt, heißt eigentlich Lorenzen und hat mir mit dieser verwünschten Annonce eine Flut von Gratulationsbriefen auf den Hals gezogen, so daß ich ihn hundertmal in die tiefste Hölle gewünscht habe!
      Er hatte sich so in Eifer geredet, daß er aufsprang, an den Tisch trat und sich ein Glas Wasser einschenkte. Dann kam er langsam wieder zu dem Mädchen zurück, das immer noch die Lippen fest geschlossen hielt.
      So, sagte er, hiermit hätte ich meinerseits die Thatsachen festgestellt. Nun ist es an dir, mich darüber aufzuklären, wie diese Armseligkeiten dich so weit bringen konnten, mich einfach aufzugeben und dich einem gewissen Junker, über dessen Charakter du doch hinlänglich Bescheid wissen mußtest, an den Hals zu werfen. Ich will alle mildernden Umstände gelten lassen: daß deine Mutter dich mit ihm besser versorgt glaubte, als mit dem armen Schlucker von Assistenzarzt, der noch sein erstes Honorar für seine erste glänzende Kur an jener alten Dame zu erwarten hat, daß Junker Kurt hier die Zeit benutzt haben wird, den Charmanten zu spielen und dir von seinem durch dich veredelten inneren Menschen vorzusäuseln, dann vor Allem, daß du in deinen armen zarten Nerven so gründlich heruntergekommen bist durch das lange Sitzen und Büffeln zum Examen, daß man dich wie ein unzurechnungsfähiges Kind zu Allem, was man wollte, bringen konnte. Ja, min söte Deern, das alles sag' ich mir, und doch – war's denn so eilig mit dem Andern? Mußte denn gleich, nachdem der eine Brautstand, der heimliche, ins Wackeln gekommen war, an einen anderen gedacht werden? Ich erkenne meine alte Liebste nicht wieder. Eher hätte ich ihr die Unvernunft zugetraut, überhaupt lieber eine alte Jungfer zu werden, als ihren alten Wilm so im Handumdrehen sich aus dem Sinn zu schlagen.
      Er war wieder aufgesprungen und lief im Zimmer auf und ab, mit der heißen Hand seinen Haarschopf zerwühlend. Da kam es mit einer kaum hörbaren Stimme vom Sopha her: Wilm! Habe Mitleid mit mir – aber nein, ich verdiene kein Mitleid! Je mehr du mich schonen und entschuldigen wolltest, je schwerer würde ich mich anklagen. Ich will dir auch nicht schildern, welche Qualen ich in diesen letzten Wochen ausgestanden habe, bis ich so herunter war, daß ich mir sagte: es ist nun alles Eins, du selbst bist es ja nicht mehr; der Eine, der deine Welt war, ist für dich verloren, der Pastor hat Recht: lebe jetzt nur noch für Andere. Und dann – Eins weißt du doch noch nicht, was der letzte bittere Tropfen war, der den Becher überfließen machte, das mit meiner Mutter – die Hypothek, die ihr gekündigt war, die Angst, das Haus verkaufen zu müssen und auf ihre alten Tage ihren theuersten Erinnerungen den Rücken zu kehren, wenn der Baron nicht half. Und da der es nur thun wollte, wenn ich Kurt's Werbung annahm –
      Sie verstummte. Er war wieder dicht vor sie hingetreten, so daß er ihre Kniee berührte. O du dummes Kind! lachte er ingrimmig auf. Haben sie dir diese alte Komödie vorgespielt, und du bist gerührt und heldenmüthig in die plumpe Falle gegangen? Die gute Tochter, die sich für das Wohl ihrer Mutter opfert, weil sie von der Welt nichts weiß und glaubt, es gebe keinen anderen Ausweg? War da nicht ein gewisser Wilm Lornsen vorhanden, selbst arm wie eine Kirchenmaus, aber ein resoluter Bursch und, wo es sein Liebstes galt, schlau und kühn genug, Rath zu schaffen, und wenn er einem Millionär, dem er auf dem Spaziergang begegnet wäre, die Pistole hätte auf die Brust setzen müssen, um ihm ein so bettelhaftes Darlehen abzuschmeicheln? Dein Baron freilich, dem für seinen liederlichen Herrn Sohn eine anständige Frau, die den Knaben Mores lehren sollte, ganz erwünscht war, ja Der – und wenn es nur so viel wäre, wie er selbst als junger Lebemann an eine Tänzerin gewendet –
      Er schwieg plötzlich. Die Thür hatte sich geöffnet, und die Mutter war eingetreten. Aber mit einem erschrockenen Ausruf, wie wenn sie ein Gespenst erblickt hätte, fuhr auch sie zurück, als sie Wilm erkannte.
      Guten Abend, Tante Marie! sagte er mit heiserer Stimme, indem er sich zu fassen suchte. Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich's recht wohl sein lassen in dem Lande, wo die Citronen blühn? Aber natürlich, Sie leben ja hier herrlich und in Freuden, feiern sogar die schönsten Verlobungsfeste. Nur, daß Sie das hinter meinem Rücken thun, das – verzeihen Sie – ist nicht hübsch von Ihnen. Sie hätten mich wohl dazu einladen sollen – ich war doch am Ende, wie Frau Nüßlern sagt, der Nächste dazu, die glückliche Braut hätte sich wie die Perle im Golde ausgenommen zwischen zwei Bräutigams, einem verflossenen und einem neuen, und statt dessen komm' ich erst, nachdem die Festgesellschaft schon beim Kaffee sitzt, und mir wird nicht einmal eine Tasse angeboten, und das alles, weil die Herren Zöllner und Sünder an der welschen Grenze vorgezogen haben, die Näschereien, die ich dem Geburtstagskinde bescheren wollte, sich selbst zu Gemüthe zu führen! Das ist denn doch die albernste Farce, die das tückische Schicksal mit einem arglosen Sterblichen jemals aufgeführt hat!
      Er hatte diese wilden Worte besinnungslos hinausgestoßen und sah jetzt erst, daß die kleine Frau am ganzen Leibe zitterte und mit geschlossenen Augen auf einen Sessel gesunken war. sofort kam er zu sich, trat zu ihr hin und streckte die Hand nach ihr aus.
      Verzeihen Sie mir, liebe Tante! sagte er. Ich war zu heftig, Sie kennen meine Unart von den Knabenjahren her, wenn ich etwas hörte, was ich für Unrecht hielt, gleich aufzufahren, als ob die Welt aus den Fugen gehen sollte und ich berufen sei, sie einzurenken. Das, was mir da widerfahren, ist nun freilich ein starkes Stück. Aber da kein böser Wille dahinter steckt, wenigstens nicht von Ihrer und Stina's Seite, nur ein bischen – sagen wir Kurzsichtigkeit, müssen wir ruhig Blut behalten und vor Allem sehen, wie wir die verfahrene Sache wieder ins richtige Geleise bringen. Du wirst mir nämlich nicht zutrauen, Liebste, fuhr er fort, da er Stina's Augen fassungslos auf sich gerichtet sah, daß ich mich bei der absurden Schicksalstücke beruhige und mich darein ergebe, wenn Junker Kurt dich mir wegfischt, zu beten: Wie Gott will, ich halte still. Ich habe ältere Rechte auf dich und habe sie mir durch zwei harte Trennungsjahre sauer genug verdient, und so wahr ich Wilm Lornsen heiße, kein Baron und kein Teufel soll sie mir streitig machen!
      Da faßte sie sich ein Herz und sagte mit bebender Stimme, aber sehr entschieden: Wilm, ich habe ihm mein Wort gegeben. Kannst du verlangen, daß ich es breche, weil es mir das Herz bricht, es ihm zu halten?
      Ihre Festigkeit schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen.
      Nein, min söte Deern, sagte er, du sollst ganz aus dem Spiele bleiben. Wir machen das unter uns Männern ab. Erschrick nicht, ich will ihm keine Kugel in den Leib jagen, damit du deinen richtigen Bräutigam dann als Festungsgefangenen betrauern müßtest. Es giebt noch andere Wege – ich bin nur im Augenblick noch nicht klar darüber, welcher der zweckmäßigste wäre. Nur so viel steht mir fest, ehe ich zusehe, wie dieser Laffe dich auf das Schloß seiner Väter führt –
      Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Das Mädchen fragte im Namen der Frau Baronin an, ob Fräulein Stina etwa unwohl geworden sei, und ob die Schwiegermama sie sehen dürfe.
      Ich komme selbst hinunter, antwortete die kleine Frau hastig. Sie ergriff den Anlaß begierig, diesem wilden Menschen, vor dem sie sich doch heimlich eines Unrechts zeihen mußte, aus den Augen zu kommen. Ich will ihnen sagen, Stina, du seiest zu angegriffen, um Besuche zu ertragen. Sie werden dann gehen, von Wilm's Kommen dürfen sie noch nichts erfahren, bis du dich beruhigt hast. O mein armer Junge, wie furchtbar leid thust du mir und wir alle! Aber Stina wird dir erklären –
      Damit wankte sie hinaus.
      Sie hatte kaum die Thür hinter sich geschlossen, da trat er zu dem blassen Mädchen, das immer noch schwieg, und sagte: Es ist mir hier so heiß, daß mir die Adern an den Schläfen zu springen drohen. Auch möchte ich deiner Mutter noch eine Weile ausweichen. Ich stehe nicht dafür, daß ich nicht unartig gegen sie werde, wenn ich denke, daß sie doch eigentlich, da sie ganz gesund war, die Schwäche nicht hätte haben sollen, zu dieser unmöglichen Verlobung ihre Einwilligung zu geben, und daß nur die Sorge für eure alte Hütte sie blind und taub gemacht hat gegen die Mutterpflicht, das Glück ihres Kindes vor Allem zu bedenken. Komm, wir wollen ins Freie, es weht ein so starker Föhn draußen auf dem See, mich verlangt danach, eine Weile zu rudern, damit mein stürmisches Blut sich beschwichtigt. Dabei können wir ungestört Kriegsrath halten. Hast du nicht ein Regenmäntelchen? Es kann draußen ein bischen naß vom Himmel kommen.
      Sie erhob sich mühsam und ging ins Nebenzimmer, aus dem sie sofort, in einen langen, dunklen Umhang gehüllt, zurückkehrte. Sie hatte die Kapuze über den Kopf gezogen, ihr aufgeregtes bleiches Gesicht mit den traurigen Augen sah so reizend darunter aus, daß er sich Gewalt anthun mußte, sie nicht zu küssen. Es war aber etwas zwischen ihnen, das mußte erst aus dem Wege geräumt werden.
      *
      Er wollte ihr den Arm bieten, sie hinauszuführen. Sie glitt aber ängstlich an ihm vorbei, und erst draußen auf der Treppe, als er sah, wie unsicher sie die Stufen hinunterwankte, konnte er sich ihres Armes bemächtigen, obwohl er fühlte, daß sie, da er sie stützte, nur stärker zitterte. Das deutsche Mädchen kam ihnen entgegen, mit großen neugierigen Augen. Wenn man nach uns fragt, sagte er, – wir wollen nur eine kleine Fahrt auf dem See machen.
      So traten sie durch die Hinterthür aus dem Hause. Er spähte vorsichtig nach der Rosenlaube, sie war leer, die Gesellschaft war drüben durch den Garten nach der Straße hinauf gewandelt, man sah sie langsam oben im Gespräch mit der Mutter den Weg nach dem großen Hôtel einschlagen. Die Luft ist rein, sagte er und führte das stumme Mädchen rasch nach dem See hinunter. Der lange dürre Francesco, der den Gärtner und im Nothfall den Schiffer machte, begegnete ihnen und sah sie verwundert an. Als ihm Wilm in seinem mangelhaften Italienisch mittheilte, daß sie auf den See hinaus wollten, zuckte er die Achseln. Schlecht Wetter! 
      Il lago è torbido! Dabei wies er auf die weite schwarze Fläche, die mit schäumenden Wellenkämmen unheimlich gestreift war, während man die Brandung immer ungestümer gegen das Ufer anstürmen hörte.
      Wilm zog sein Geldtäschchen hervor, nahm einen Zehn-Lire-Schein heraus und drückte ihn dem Zögernden in die Hand. Der nickte bedächtig und steckte das Zettelchen in die Tasche. Hätte diese Scene sich im südlichen Italien ereignet, so würde er bei sich gedacht haben: 's ist ein Engländer, ein Milordo! Da nun von dieser Nation und ihren Sitten am Gardasee zur Zeit noch nichts zu spüren war, sagte er nur kopfschüttelnd zwischen den Zähnen: Er ist verrückt!
      Er lief aber über den Landungssteg nach dem Boot, das unten auf den erregten Wellen schaukelte. Stina wollte ihm hastig nachfolgen, aber Wilm hielt sie mit einer lebhaften Gebärde zurück und sprang ihr voran in das Boot, um ihr erst ein bequemes Lager zurecht zu machen. Das Sitzbrett zunächst dem Steuer hob er aus und lehnte es als Rückwand schräg gegen das Bootsende, breitete dann die verschiedenen rothgeblümten Kissen auf dem Boden aus, so daß sie weich darauf ruhen konnte, und deckte, nachdem er ihr den Arm gereicht hatte, sie beim Einsteigen zu unterstützen, eine wollene Decke, die im Kielraum gelegen hatte, über ihre Kniee bis zu den Hüften hinauf. Er selbst nahm auf dem Bänkchen ihr gegenüber Platz, Francesco auf dem zweiten hinter ihm, beide griffen nach den Rudern und legten sich mächtig aus, so daß schon nach wenigen Minuten der Strand weit zurückgeblieben war.
      Sie lag regungslos mit geschlossenen Augen. Unverwandt hielt er die seinigen auf ihr blasses Gesicht geheftet und grübelte darüber nach, was für Gedanken sich wohl hinter ihrer Stirn bewegen mochten. In Wahrheit hätte sie selbst einstweilen nicht darüber Rechenschaft geben können. Es war nur zunächst auf den Tumult von Schreck und Schmerz und Verzweiflung eine dumpfe Stille gefolgt, sogar eine Art Wohlgefühl, daß sie nun zunächst allen Menschen entrückt und den Elementen anvertraut war, die so wild und tobsüchtig schienen und sie doch in ihren Schutz nahmen. Einen Augenblick fühlte sie sogar ein leidenschaftliches Gelüst, sich für immer in die Obhut dieses Sees zu geben. Da unten liegen – schlafen – nicht einmal davon träumen, daß sie einem Ungeliebten ihre Treue gelobt und sie dem Geliebtesten gebrochen hatte! Das zuckte ihr aber nur im Fluge durch den Kopf. Nein, ihrer Mutter diesen Schmerz anthun, dazu die Hoffnung vereiteln, das Häuschen behalten zu können – lieber das Härteste ertragen. Er freilich – Wilm – wie er es ertragen würde – daran durfte sie nicht denken. Sie sah, wenn sie die Lider nur ein wenig hob, sein finsteres, ingrimmiges Gesicht unter dem grauen Hutrande sich gegenüber, und es war ihr, als höre sie seine Zähne knirschen.
      Da versank sie wieder in rathlosen Kummer.
      Er aber, so düster seine Miene war, fühlte sich nicht entfernt so unglücklich, wie sie ihm zutraute. Wenn er die Zähne aufeinander biß, daß sie knirschten, war's nur aus Trotz gegen den stürmischen See, gegen den anzukämpfen keine geringe Anstrengung kostete. Im Übrigen schien ihm, seitdem er auf dem Wasser war, die Lage der Dinge gar nicht so verzweifelt. Zunächst hatte er einmal die Liebste, die man ihm streitig machen wollte, hier in Sicherheit. An der Kraft seiner Arme, mit der er die Ruder gegen die brandende Welle stemmte, hatte er gleichsam die Gewähr, daß er Alles bezwingen würde, was sich ihm entgegenwarf. Wie das geschehen möchte, war ihm freilich noch nicht klar. Aber sie hatten ja eine ganze Nacht vor sich, in der ihm gewiß ein rettender Gedanke kommen würde. Ein paarmal, wenn Stina sich halb aufrichtete, um über die dunkle Flut zu blicken, kam ihm freilich die Furcht, sie möchte Lust haben, allen Zukunftsfragen durch einen Sprung über Bord eine rasche Antwort zu geben. Auch das ängstigte ihn nicht ernstlich. Er war jeden Augenblick bereit, ihr nachzuspringen und sein armes Schätzchen wieder herauszufischen. Zum Glück kam er nicht in diesen Fall. Sie sank immer wieder auf ihr unbequemes Lager zurück.
      Viertelstunde um Viertelstunde verstrich, keines sprach ein Wort. Immer ruhiger und sicherer fühlte sich Wilm in seinem Innersten, je rascher ihm bei der starken Arbeit in freier Luft das Blut durch die Adern lief. Immer mehr bestärkte sich Francesco in seinem Glauben, es sei mit dem Fremden nicht ganz richtig. Auf eine Anfrage, ob sie nicht umkehren sollten, das Wetter werde immer wüster, ein Gewitter und Wolkenbruch sei zu fürchten, hatte Wilm nur mit einem energischen 
      No! avanti! sempre avanti! geantwortet. Es war ihm unendlich wohl zu Muth. Diese Wildheit, diese tiefe Schwärze der Flut, dazu die bleifarbigen Wolken, die tief am Himmel hinjagten, daß nur dann und wann das Schneehaupt des Monte Baldo gespenstisch durchschimmerte – all diesen grandiosen Aufruhr der Natur, der ihm von seiner holsteinischen See so bekannt und vertraut war, hatte er dem zahmen lombardischen Binnensee mit dem berühmten ewig blauen Himmel gar nicht zugetraut. Er sah mit übermüthig herausforderndem Blick zu den drohenden Wolken empor und ließ ein helles Ahoi! ertönen. Stina fuhr zusammen, auch ihr war's einen Augenblick unheimlich, ihn so ausgelassen zu sehen. Dann überfiel sie an Leib und Seele eine seltsame Mattigkeit. Sie schloß wieder die Augen und starrte in ihr Inneres hinein, wo Alles dunkel und leer war.
      Nun fielen plötzlich einzelne schwere Tropfen aus dem purpurdunklen Gewölk über ihnen. Francesco hob die Ruder aus dem Wasser und stand auf.
      Es ist höchste Zeit, umzukehren, murrte er. Wir sind schon fast weiter von Gardone weg als von San Vigilio entfernt. Auch wenn wir uns sehr zusammennehmen, brauchen wir eine Stunde bis nach Hause, und naß werden wir auf jeden Fall. Der Herr hat mir nicht glauben wollen, 's ist eine böse Sache.
      Auch Wilm zog die Ruder ein und stand auf, Umschau zu halten. Die Häuser von Gardone lagen drüben in so weiter Ferne, daß kaum ein weißer Fleck hie und da herüberschimmerte. Auf der anderen, der veronesischen Seite sah man deutlicher die Küste mit den beiden weißen Palästen neben der Hafeneinfahrt, von hohen Cypressen überragt. Dahin mußte in einer halben Stunde zu gelangen sein. Die Gardainsel zur Rechten lag nur wie ein langes schwarzes Seeungethüm fest auf den unstät tanzenden Wellen, die manchmal von einem stärkeren Windstoß so hoch emporgestürmt wurden, daß sie den Rücken des Leviathans völlig zu überströmen schienen.
      Nur eine kurze Minute hatte es gedauert, daß Wilm mit sich zu Rathe ging. Dann überflog sein Gesicht ein kühner, freudiger Blitz, wie wenn ihm ein siegreicher Gedanke im Innern aufgeleuchtet wäre. Ja, so müsse es gelingen, so könne sich Alles aufs Einfachste schlichten lassen, ohne daß sein armes, zaghaftes Lieb sich zu einem heroischen Entschluß aufzuschwingen brauchte! Sie lag dort so ahnungslos, sie sollte auch gar nicht in die Kriegslist eingeweiht werden, und jetzt war sie überdies in eine so tiefe Erschöpfung gesunken, daß sie nicht einmal merken würde, wenn die Barke, statt nach Hause zu lenken, weiter und weiter steuerte, nach einem unbekannten Hafen, wo Niemand sie erwartete, wo sie keinen anderen Hüter und Beschirmer hatte als den einen, der sich das Recht, sie auch fernerhin als sein Eigenthum zu behüten, von keinem geckenhaften Junker rauben lassen wollte.
      *
      Nachdem er soweit mit sich ins Reine gekommen war, lüftete er den Hut, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ sich wieder auf das Bänkchen fallen. Dann griff er zu den Rudern, rief dem Burschen hinter seinem Rücken abermals ein lautes 
      Avanti! Sempre avanti! zu und fuhr fort, mit mächtigen Stößen das Boot vorwärts zu treiben. 
      Vogue la galère! murmelte er zwischen den Zähnen. Nun geht's auf Biegen oder Brechen!
      Die Ruder waren von gutem Holz und brachen nicht, so knirschend sie sich auch in ihren Halftern bogen. Auch droben in den Wolken, so tief sie sich herabsenkten, wollte das Ungewitter nicht losbrechen. Der Sturm freilich wuchs beständig an Wuth und Gewalt, wälzte aber das Regengewölk so athemlos am Himmel hin, daß es nicht dazu kommen konnte, sich zu entladen. Nur klatschten immer noch einzelne breite Tropfen auf die Drei in der Barke herab. Wilm, ohne die Ruder fahren zu lassen, bog sich vor, breitete die wollene Decke höher hinauf bis über die Brust des Mädchens, das sich nicht rührte, auch nicht als er die Kapuze des Regenmantels ihr vollends übers Gesicht zog. Wie fühlst du dich? fragte er leise. Statt aller Antwort nickte sie nur schwach und lag dann wieder, wie wenn sie von all dem Aufruhr um sie her nichts hörte und sähe.
      Das beruhigte ihn, und er dachte jetzt an nichts Anderes, als die Küste drüben zu erreichen, ehe die Sintflut losbräche. Er hätte gern von seinem Gefährten erfahren, wie es in San Vigilio aussehe, von dem er zum ersten Mal den Namen gehört hatte, ob ein gutes Wirthshaus dort zu finden sei. Dazu reichten die paar italienischen Worte, die er wußte, nicht aus, und Francesco's lombardische Mundart hätte, auch wenn er geübter gewesen wäre, die Verständigung erschwert.
      So ergab er sich darein, sich blindlings auf sein gutes Glück zu verlassen, dem er heute schon viel zu verdanken hatte. Auch mußte ihm wohl alles unfruchtbare Denken vergehen. Denn die Arbeit wurde immer härter, die rasenden Wogen, deren silberne Schaumkämme hoch ins Boot hineinsprühten, mit dem schwachen Kiel zu durchschneiden. So manche stürmische Fahrt der nordische Kapitänssohn auf dem weiten Meer auch schon bestanden hatte, einer so gefahrvollen und mühseligen wie auf diesem südlichen Binnensee konnte er sich nicht entsinnen. Dazu wurde es immer finsterer um sie her. Die weißen Flecke am Ufer, auf die sie zusteuerten, und nach denen er von Zeit zu Zeit in brennender Ungeduld sich umsah, verschwanden völlig in Nacht, jetzt fielen auch die Regentropfen dichter, das Herz klopfte ihm stürmisch, wenn er daran dachte, das Unwetter könne seine Schleusen durchbrechen, ehe sie gelandet, und niemals hatte er sich eine schwerere Centnerlast vom Herzen fallen fühlen, als da nach einer letzten gewaltigen Anstrengung der Kiel der Barke mit einem scharfen Knirschen auf dem groben Kiesgrunde des Ufers auffuhr.
      Francesco sprang sofort hinaus, das Boot höher hinaufzuziehen. Auch Wilm erhob sich mit einem aus tiefster Seele kommenden: Gott sei Dank! Er sah nach dem Strande hinauf, wo aus dem fast nächtlichen Zwielicht verschiedene Gestalten auftauchten, die er nicht zu unterscheiden vermochte. Aber gleichviel, sie standen auf dem festen Lande und würden die armen Verschlagenen gastlich aufnehmen. Das Wichtigste war, seinen geretteten Schatz möglichst rasch zu bergen. Stina! rief er, sich zu der regungslos Daliegenden hinabbeugend. Wir sind gelandet. Richte dich auf, Liebste! Das Wetter wird gleich losbrechen. Komm, gieb mir deine Hand, laß dir hinaushelfen!
      Er zog die Decke zurück und tastete unter dem Regenmantel nach Stina's Arm. Aber weder eine Antwort kam unter der Kapuze hervor, noch streckte sich eine Hand ihm entgegen. Als er heftig erschrocken sie mit beiden Armen umfaßte und emporzurichten suchte, erkannte er an der willenlosen Last, die ihm an die Brust sank, daß sie das Bewußtsein verloren hatte.
      Er rief nach Francesco, der eilig herbeisprang. Dann hoben sie Beide die Ohnmächtige aus dem Nachen und ließen sie einen Augenblick auf dem feuchten Strande nieder. Ob das Albergo nahe sei? fragte Wilm. Ob ein Wagen geholt werden könnte? Der Italiener starrte ihn schweigend an, da er ihn nicht verstand. Ein paar Schiffer, die an dem kleinen Hafen gestanden und das verwegen daherrudernde Schiffchen beobachtet hatten, wußten ebensowenig aus den geradebrechten Fragen des fremden jungen Mannes klug zu werden. Schon wollte er in heller Verzweiflung die theure Last in seine Arme nehmen und aufs Gerathewohl den sacht ansteigenden Hafenstrand hinauftragen – irgendwo in einem der kleinen Häuser zur Rechten müßte doch ein Unterkommen zu finden sein –, da traten plötzlich aus dem Schwarm der müßigen Gaffer zwei weibliche Gestalten an ihn heran, und eine derselben sagte in einem Deutsch, das ihm trotz seiner starken Münchner Färbung wie Sphärenmusik klang: Sind Sie nur ganz ruhig, lieber Herr! Ein Albergo giebt's freilich in San Vigilio nicht, aber für das arme Hascherl da wollen wir schon sorgen. Jessas, sie ist ja wirklich bewußtlos! Komm, 
      Hilde, faß mit an! Wir müssen uns sputen, sie unter Dach zu bringen, sonst wird sie uns noch todkrank, wenn sie hier länger auf der nassen Erde liegt und das Unwetter über sie hereinbricht!
      Die Sprecherin war eine kleine, untersetzte Gestalt in einem braunen, kittelartigen Kleide, das in der Mitte mit einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Um den Kopf hatte sie ein rothes Tuch geknüpft, unter dem ein etwas scharfgeschnittenes, aber gescheites und treuherziges Gesicht hervorsah, während die dünnen blonden Flechten vom Winde zerweht auf den bloßen Hals herabhingen. Ihre Freundin, die sie Hilde genannt hatte, war eine schlanke, etwas vorgebeugte Figur in einem schmucklosen grauen Kleide und hatte ein ungemein sanftes Gesicht, das trotz einer etwas dicken Nase und der fahlen Blässe durch die schönsten blauen Augen sehr anziehend war.
      Wilm sah das Alles nur wie durch einen Schleier. Trotz seiner jungen ärztlichen Erfahrungen erregte Stina's Starrheit ihm lebhafte Besorgnisse, und er bereute nun doch einen Augenblick, so gewaltsam sich ihrer bemächtigt zu haben. Wie mechanisch half er den beiden Fräulein, die Ohnmächtige aufheben und das Ufer hinauftragen. Francesco blieb zurück, das Boot an einen Pfahl zu befestigen, zwischen den anderen großen und kleinen Fahrzeugen, die hier vor Anker lagen. Die übrigen Zuschauer folgten unter sich schwatzend dem kleinen Zuge, der sich dem nächsten Hause zuwandte.
      Cap San Vigilio, auch Punta di San Vigilio genannt, bildet auf dem östlichen Rande des Gardasees einen kleinen Vorsprung, der sich gerade so weit der gegenüberliegenden Gardainsel entgegenstreckt, daß hinter ihm nach Süden zu ein sanfter kleiner Busen entsteht, die Bucht von Garda. Nach diesem malerisch am Ufer hingelagerten Nest führt in zwanzig Minuten eine bequeme Straße, während sie über San Vigilio nordwärts eine gute halbe Stunde braucht, um das kleine Torri zu erreichen, dessen weißen Häuserstreif man am hellen Tag von Gardone aus deutlich unterscheiden kann.
      Der heilige Vigilius aber ist nicht etwa, wie Geschichtsunkundige wohl vermuthen mögen, eine Übersetzung des heidnischen Virgilius ins Christliche. Der Name des römischen Dichters, dessen Gestalt in so vielfacher legendärer Verherrlichung durch das ganze Mittelalter spukt, findet sich freilich auch im Kalender am 31. Januar verzeichnet, als der eines Bischofs Virgilius von Salzburg zur Zeit Pipin's um 740 bis 750. Unser San Vigilio aber hat schon um 405 gelebt, ein sehr frommer und eifriger Mann, der im Veronesischen und Brescianischen viele der dortigen bäuerlichen Einwohner bekehrt hat, an dreißig Kirchen gründete und dann den Märtyrertod erlitt. Die Trentiner brachten seine Gebeine in den Dom von Trento, wo zu seinem Fest am 27. November das Landvolk der Umgegend zahlreich zusammenströmt, während auch in der Pfarrkirche von Salò ein mit seinem Märtyrerblut getränktes Linnen noch heutigen Tages aufbewahrt wird.
      Von diesem gelehrten kleinen Excurs in die Heiligengeschichte zu der sehr profanen zurückkehrend, die uns hier zunächst beschäftigt, müssen wir nur noch hinzufügen, daß heutzutage die Punta di San Vigilio, obwohl nur ein paar alte, verwahrloste Paläste an frühere Glanzzeiten erinnern und in den wenigen Häusern jüngeren Datums dürftige Schiffer wohnen, nicht um des guten Heiligen willen eine angesehene Rolle unter den vielen kleinen Nestern am veronesischen Ufer spielt. Denn der Steinbruch, der in dem niederen Hügelstrich aufgeschlossen ist, versorgt die sämmtlichen Ortschaften am See, wo irgend ein Neubau aufgeführt wird, mit einem vielgesuchten Material, das auf den großen Segelbarken, die mit ihren wundersam rothen, gelben und braunen Segeln auf der tiefen Purpurbläue des Sees eine so herrliche Farbenwirkung machen, nach allen Seiten verschifft wird. In der kleinen Hafenbucht von San Vigilio und Garda ankert dann an den müßigen Feiertagen die malerische Flottille, und zumal der Strand von San Vigilio nimmt sich phantastisch genug aus, wenn hinter den gedämpften bunten Farben der Segel die schwarzen Cypressen des höheren Ufers feierlich in den blauen Himmel hinaufragen.
      Kein Wunder, daß die Sage entstanden ist, Arnold Böcklin habe das Motiv zu seiner Todteninsel von hier entlehnt, als er an einem gewitterdunklen Abend in diese cypressenumragte Hafenbucht eingefahren sei. Er ist nie hier gewesen. Man vergaß, daß seine mächtige Phantasie der Anregung durch eine angeschaute barocke Wirklichkeit nicht bedurfte, um wundersame Formen hervorzubringen.
      Den Reiz dieser phantastischen Scenerie erhöht die tiefe Einsamkeit, in der sie durch die Schwierigkeit, hinzugelangen, erhalten wird. Denn die Dampfer, die von Riva aus den See der ganzen Länge nach befahren, vermeiden sorgfältig, die Ortschaften am östlichen Ufer zu berühren. Nur ein Marktschiff, das einmal in der Woche von Maderno aus nach Desenzano fährt, legt drüben an, nicht aber an der Punta, wo es kaum etwas zu schaffen hätte, sondern in Garda und hütet sich auch, Nachmittags dort wieder zu erscheinen, um etwa einen Touristen, der Morgens hier ausgestiegen, wieder an Bord zu nehmen, den Neugier oder ein malerisches Bedürfniß in den nahen Cypressenhain hinaufgelockt hätte.
      Wie es demnach sich damit verhielt, daß die beiden deutschen Fräuleins bei der Hand waren, um sich in dem unwirthlichen Schiffernest der ohnmächtigen Stina anzunehmen, bedarf einer weiteren Erklärung.
      Sie waren beide Malerinnen, die Kleinere, in München geboren, hatte ihre Lehrjahre in Kunst und Leben schon hinter sich und durch talentvolle Frucht- und Blumenstücke sich vortheilhaft bekannt gemacht. Sie hätte sich viel damit verdienen können, wenn sie nicht ein wenig faul gewesen wäre und lieber Karikaturen gezeichnet hätte, als die Trauben und Rosen zu malen, in denen sie es zu einer unbestrittenen Meisterschaft gebracht hatte. Da sie wenig Bedürfnisse hatte, griff sie erst zu ihren Pinseln, wenn ihr das Wasser an die Kehle ging. Übrigens war sie durch einen gewissen trockenen Humor überall beliebt und hatte in dem Damenatelier des Malers, der ihr Lehrer gewesen und dem sie längst entwachsen war, einen Kreis junger Schülerinnen um sich, die, da sie die Stelle einer Art Unterlehrerin einnahm, ihrer Unterweisung lieber folgten als der des Meisters.
      Ihr Name war 
      Ottilie Schwarz. Man nannte sie aber allgemein in Künstlerkreisen »die Otti«, mit welcher Abkürzung sie auch ihre Bildchen zeichnete.
      In jener privaten Malschule hatte sie nun auch vor etlichen Jahren die etwas jüngere Collegin kennen gelernt, die sie Hilde nannte, und die mit ihrem vollen Namen 
      Hildegard von Neubrunn hieß, die Tochter eines österreichischen Generals, der sich, nachdem er den Abschied genommen, nach Linz zurückgezogen und dort verheirathet hatte. Als beide Eltern gestorben waren, ohne ihre einzige Tochter versorgt zu haben, hatte sich das kränkliche junge Fräulein genöthigt gesehen, zu ihrem Maltalent ihre Zuflucht zu nehmen, und war mit dem dürftigen Rest ihrer Habe nach München gegangen, sich im Porträtfach weiter auszubilden.
      Hierbei war ihr ein schwärmerischer »idealer« Zug ihrer Natur in seltsamer Weise hinderlich. Denn während sie sich selbst, sehr mit Unrecht, ungemein häßlich vorkam, widmete sie allen schönen Menschen, die ihr begegneten, einen leidenschaftlichen Cultus, so eigensinnig, daß sie sich nicht überwinden konnte, ein Gesicht, das ihren Schönheitssinn verletzte, zu porträtiren, und wenn es ihr noch so gut bezahlt worden wäre. Kein Wunder, daß diese Schwäche sie nicht auf einen grünen Zweig kommen ließ.
      Otti hatte sie vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen, vielleicht gerade weil sie in ihr den entschiedenen Widerpart ihres eigenen Naturells fand. Sie selbst war im Grunde ihres Herzens ziemlich kühl und ließ sich das Wohl und Weh ihrer Nebenmenschen wenig anfechten. Hilde's Herz dagegen zu rühren, genügte durchaus nicht ein hübsches Gesicht, sondern irgend ein hülfloses Schicksal, in das sie selbst einen Wildfremden verstrickt sah. Auch die boshaften Karikaturen wohlbekannter Menschen, die Otti zeichnete, thaten ihr weh, abgesehen von der Mißempfindung, die ihr jedes Häßliche erregte. Sie konnte aber auf die Länge der eifrigen Freundschaft, mit welcher die ältere Collegin sie umwarb, nicht widerstehen, zumal sie sah, daß sie die Einzige war, die ein wärmeres Gefühl in der Kleinen weckte. So kam es bald dazu, daß die beiden ungleichen Wesen sich eng aneinanderschlossen, in einer Art von Ehe, wie sie unter ledigen Mädchen, die auf Männerliebe verzichtet haben, nicht selten gefunden wird.
      Als sich dann nach ein paar Jahren herausstellte, daß das rauhe Münchener Klima die zarte Brust der jungen Linzerin gefährdete und der Arzt dringend zu einem Winteraufenthalt im Süden rieth, bestand Otti sogleich darauf, Hilde zu begleiten, und sorgte zunächst durch ein paar Fruchtstücke, die sie Hals über Kopf anfertigte, für die Bestreitung der ersten Reisekosten. Hilde entschloß sich blutenden Herzens, das Ihrige dazu beizusteuern, indem sie das Doppelbildniß eines dicken reichen Brauerssohnes und seiner höchst insipiden Braut malte, eine Sünde gegen den heiligen Geist ihrer Kunst, die sie sich lange nicht vergeben konnte.
      Den Gedanken, an die elegante theure Riviera zu gehen, hatten sie von vornherein aufgegeben. Aber auch an den Ufern des Gardasees war nicht so wohlfeil zu leben, wie sie sich vorgestellt hatten. Der Pensionspreis selbst in den bescheidensten Häusern schien ihnen unerschwinglich, zumal es unsicher war, ob sie hier im Winter etwas zu Stande bringen könnten, was auf dem Münchener Kunstmarkt seinen Abnehmer fände.
      Eines Tages aber waren sie nach der Punta di San Vigilio gerathen, die mit ihrem Cypressenhain hinter den weißen Palastmauern sie geheimnißvoll angelockt hatte, als sie von der Gardainsel zu ihr hinüberspähten. Schon am folgenden Tage hatte ein Nachen sie an das seltsame Gestade gebracht, gleich mit all ihren Siebensachen, Staffeleien und Malkästen. Denn obwohl man sie gewarnt hatte, es sei dort kein Gasthaus, nicht einmal eine Osterie vorhanden, hatten sie sich's fest in den Kopf gesetzt, dort müsse das ersehnte Winterasyl zu finden sein.
      Und wirklich war es ihnen gelungen, gleich in dem ersten Hause, an dessen Thür sie anklopften, sich einquartiren zu dürfen. Es gehörte der noch jungen Wittwe eines Schiffers, der vor einem Jahr beim Verladen von Steinen aus dem Bruch verunglückt war. Ein einstöckiges Häuschen, oben zwei Zimmer, ein größeres und ein kleineres, in welchem die Betten des Ehepaars und des einzigen Knaben standen. Diese Räume waren nun frei geworden, da die Frau lieber in der Kammer unten neben der Küche schlief, weil sie droben den gespenstischen Besuch ihres todten Mannes zu erhalten fürchtete.
      Den Ausschlag für Hilde gab der dunkle Lockenkopf und die schwarzen feurigen Augen des sechsjährigen 
      Agostino und das melancholische braune Gesicht der jungen Frau, die es übrigens sehr zufrieden war, durch den geringen Miethzins, den die Malerinnen zahlen wollten, einen Zuwachs ihrer kärglichen Einkünfte aus allerlei kleinen Erwerbszweigen zu erhalten.
      So zogen die Freundinnen noch in der nämlichen Stunde ein, und Hilde, der die kahlen, verstaubten Wände ein Grauen erregten, machte sich sogleich daran, zuerst mit Hülfe der Hausfrau nach Möglichkeit den grauen Wust hinauszufegen, dann die Räume etwas zu schmücken, indem sie allerlei mitgebrachte Studien, die hier ausgeführt werden sollten, über dem Kamin und an der Wand gegenüber anheftete und in den nächsten Tagen aus dem Garten und Cypressenhain droben allerlei schönes immergrünes Strauchwerk zusammentrug, mit dem sie die Winkel decorirte. Neben das Fenster, das nach dem See ging, wurden die beiden Staffeleien postirt, eine rothe Reisedecke über das Tischchen gebreitet, das vor dem alten wackelbeinigen Sopha stand – dem einzigen Möbel besserer Herkunft, das aus einem der benachbarten Paläste sich in das Schifferhaus verloren hatte, – und da nach italienischem Brauch das grobe Linnenzeug, mit dem die Betten überzogen wurden, an Sauberkeit nichts zu wünschen übrig ließ, nahm sich auch das Schlafzimmerchen ganz wohnlich aus, zumal nachdem auf dem kleinen Tisch, den die Hausfrau noch herbeischaffte, der blanke Toilettenkram der beiden Damen zierlich um ihren Reisespiegel herum aufgestellt worden war.
      Diese bescheidene Häuslichkeit entzückte, nachdem die erste Einrichtung beendet war, die beiden anspruchslosen Künstlerinnen dermaßen, daß sie sich begeistert umarmten und ein paarmal in dem größeren Raum, der zum Wohn-, Mal- und Eßzimmer dienen sollte, sich lachend herumschwangen. Als sie nun vollends am nächsten Tage die Umgebung durchstreiften und immer Neues entdeckten, was ihre Maleraugen bestaunen mußten, war ihnen zu Muth, als hätten sie ein Stück des verlorenen Paradieses wiedergefunden, aus dem sie durch keinen Sündenfall vertrieben werden könnten.
      Da noch schöne warme Herbsttage waren, trieben sie sich fast den ganzen Tag im Freien herum, unendliche Cypressenstudien malend oder fremdartige Gewächse botanisirend, deren Otti zu phantastischen Blumenstücken nie genug bekommen konnte. Als das Wetter rauher wurde, wenn auch die beständige Windstille Hilde's angegriffener Brust wohlthat, malte diese das Bild des Knaben und seiner Mutter, und Otti saß neben ihr mit wunderlichen Stillleben beschäftigt, die sie sich aus landüblichen Eßwaren und Früchten, Granatäpfeln, Fischen und etwa einem Stück Gorgonzola mit den grünlichen Arabesken im Innern zusammengebaut hatte.
      Diese Modelle hatten das Gute, daß sie, wenn sie im Dienst der Kunst ihre Schuldigkeit gethan hatten, noch für die einfachen Mahlzeiten zu verwenden waren, in deren dürftigen Zuschnitt sich die Freundinnen ohne Murren ergaben. Da nur einmal in der Woche von Garda herüber frisches Brod kam, gewöhnten sich die beiden an die landesübliche Polenta, die ein äußerst billiger rother Wein hinunterspülen half. Auch bekamen sie fast täglich frische Fische, und überdies hatten sie eine Vorliebe gefaßt für den sehr fraglichen Genuß des in Öl eingemachten Thunfisches, der für empfindsamere Magen schwer verdaulich zu sein pflegt. Selbst die zarte Hilde bezwang ihn ohne schlimme Folgen, wie sie denn überhaupt in dem armseligen Leben unter dem Dach des feuchten Schifferhauses sichtbar aufblühte und sogar etwas Roth auf ihre blassen Wangen bekam.
      Gingen dann trotz ihrer so überaus sparsamen Haushaltung ihre Mittel wieder einmal auf die Neige, so schickten sie geschwind ein paar ihrer fertigeren Studien nach München an Freunde, die sich's angelegen sein ließen, sie zu verkaufen. Davon konnten sie dann wieder eine Weile leben, ihre Miethe und den Vorrath an 
      Tonno sott'olio bezahlen und sich auch etwa den Luxus einer Dampferfahrt gönnen, um neue schöne Punkte zu entdecken.
      In ihren Briefen nach Hause hüteten sie sich aber wohl, ihrem Enthusiasmus für die Punta di San Vigilio den Zügel schießen zu lassen, aus Furcht, Andere herbeizulocken, die ihnen die Wonne ihres weltentrückten Idylls hätten stören können.
      *
      Zu diesen zwei guten Seelen, wie sturmverschlagene Vögel zu einem trockenen Nest am Strande, hatte der freundliche Zufall das junge Paar in der Barke geführt.
      Es war, als empfände Stina in ihrer Erstarrung die Wärme der vier schwesterlichen Arme, die ihre regungslosen Glieder umfaßt hatten. Als sie die Schwelle des Hauses erreicht hatten, öffnete sie sogar die Augen wie schlaftrunken und versuchte mit den Füßen den Boden zu erreichen. Das gelang aber noch nicht; sie mußte sich wieder ihren beiden Samariterinnen überlassen. Nur als sie an die schmale, steile Steintreppe kamen, überließ Hilde ihr Amt dem jungen Mann, theils um voranzuhuschen und droben Licht zu machen, theils weil in dieser Enge nur Einer die schlanke Last tragen konnte.
      Oben aber nahm man ihm die noch immer halb Bewußtlose wieder ab und bedeutete ihn, sich im Wohnzimmer zu gedulden, bis er gerufen würde. Im Schlafzimmer nebenan ging es dann wohl eine halbe Stunde sehr lebhaft und geschäftig her, ab und zu schlüpfte eine der beiden Malerinnen an ihm vorbei die Treppe hinab, um in der Küche unten eins und das andere zu holen oder anzuordnen. Man warf ihm dann ein Trostwörtchen zu, es gehe sehr gut, die Kranke bessere sich zusehends.
      Dann wurde er endlich zu ihr eingelassen und fand sie in Otti's Bett, das geschwind frisch überzogen worden war, mit einem spitzenumsäumten Nachtjäckchen Hilde's angethan, immer noch nicht viel weniger bleich als das Linnen des Kissens, auf dem der zarte junge Kopf ruhte, aber doch nicht mehr mit dem angstvollen Ausdruck, wie in der Barke.
      Sie öffnete die Augen, als Wilm an das Bett trat und ihre Hand faßte, die freilich eiskalt war. Wie fühlst du dich, min söte Deern? fragte er.
      Gut. Aber meine Mutter – sie wird sich zu Tod ängstigen!
      Ich habe schon an sie geschrieben. Hier, siehst du! Ich habe ihr gesagt, daß wir nicht zurückgekonnt hätten, aber glücklich hier gelandet und von zwei liebenswürdigen Damen aufs Freundlichste ausgenommen worden seien. Morgen, wenn der Sturm nachließe, kämen wir zurück. Den Zettel gebe ich dem Francesco, daß er ihn noch heute vor Nacht an die Mutter bringt. Sei nur ganz unbesorgt. Laß mich deinen Puls fühlen, Liebste!
      Sie war schon wieder in ihren Halbschlummer zurückgesunken, als er die Schläge ihres Blutes zählte. Fieber hat sie nicht, flüsterte er, als Otti eben wieder mit einer Wärmflasche und einer dampfenden Tasse Thee von unten heraufkam. Es ist nur eine heftige Nervenerregung, und ich wollte, ich könnte was dagegen thun. Aber eine Apotheke ist wohl nicht zu erreichen?
      Nein, versetzte Otti, diesen Luxus kennt man am östlichen Ufer des Gardasees nicht. Vielleicht aber finden Sie etwas Passendes in Hilde's kleiner Reiseapotheke.
      Sie trug geschwind das Kästchen herbei, das bisher kaum einmal geöffnet worden war. Famos! sagte der junge Arzt. Da haben Sie ja auch Phenacetinpulver. Mehr brauche ich nicht. Nun wird hoffentlich ein gesunder Schlaf sich einstellen, und morgen sind wir aus aller Noth.
      Er überließ dann seine Patientin der einen barmherzigen Schwester, während die andere ihn in die Küche hinunter begleitete, dort für ein Nachtessen zu sorgen. Er selbst suchte Francesco auf, übergab ihm den Zettel an Frau Marie in Gardone und band ihm auf die Seele, unverzüglich die Rückfahrt zu versuchen. Dabei drückte er ihm wieder einen Zehn-Lire-Zettel in die Hand und versprach ihm ein weiteres Douceur, wenn er seine Botschaft rasch und pünktlich ausrichtete.
      Der Bursch nickte zu Allem, steckte das Papier und das Geld ein und machte sich daran, das Seil, mit welchem das Boot befestigt war, von dem Pfahl zu lösen. Kaum aber hatte Wilm den Rücken gewendet, so knotete er es von neuem fest und ging, lebhaft vor sich hin gesticulirend, zu einer Gruppe junger Schiffer, die in die ungestüm wogende Flut hinausschauten. Er erzählte ihnen, welches Ansinnen der verrückte Forestiere ihm gestellt. Und wenn er ihm statt zwanzig Lire hundert geboten hätte, sein Leben und Weib und Kinder seien ihm mehr werth. Er habe sich genug abgerackert, hierher zu kommen. Zur Rückkehr wolle er sich erst frische Kräfte anschlafen.
      Dies Alles wurde sehr vernünftig und selbstverständlich gefunden. Und so gelangte die Botschaft, welche das angstvolle Mutterherz beruhigen sollte, heute noch nicht zu ihrer Bestimmung.
      *
      Inzwischen hatten die Freundinnen droben im Hause große Anstrengungen gemacht, das Wohn- und Eßzimmer festlich und gastlich herzurichten.
      Der Tisch vor dem Sopha war mit einem schneeweißen Tuch gedeckt worden, darauf ein großes strohumflochtenes Fiasco stand als Mittelpunkt verschiedener Schüsseln, die den gesammten Speisevorrath des Hauses enthielten: zunächst einen halben Laib Brot, freilich hart genug, da es schon sieben Tage im Hause war, ferner einen Teller mit großen rothen Scheiben knoblauchduftender Salami, ein Schüsselchen, in welchem zierliche Stücke des berühmten 
      Tonno sott'olio schwammen, endlich drei Eier, welche die Hausfrau mit Noth bei einer Nachbarin aufgetrieben hatte.
      Dieses appetitliche Stillleben nahm sich lockend genug aus für einen Gast, der sich mehrere Stunden lang im Kampf gegen Sturm und Wellen abgearbeitet hatte. Auch war es hübsch beleuchtet durch ein Petroleumlämpchen mit grünem Schirm und zwei in Flaschen gesteckte Kerzen, die auf dem Kaminsims standen. Zwei andere auf gleichen Leuchtern verbreiteten drüben von der Kommode aus eine schwache Helligkeit und waren eigentlich überflüssig. Hilde aber hatte darauf bestanden, sich heute diesen unvernünftigen Luxus zu gönnen, da das zweite Lämpchen neben dem Bett der Kranken unentbehrlich war.
      Wilm blieb mit einem Ausruf ungeheuchelten Erstaunens stehen, als er eintretend diese festlichen Zurüstungen erblickte. Otti, die eben die vierte Kerze angezündet hatte, kam ihm lachend entgegen, hielt ihm die Hand hin und sagte: Schön, daß Sie uns die Ehr' geben, Herr – Wilhelm Lorenzen, wenn ich den Namen recht verstanden habe. (Wilm Lornsen, verbesserte er rasch, in unliebsamer Erinnerung an die verhängnißvolle Verlobungsanzeige.) Sie werden vorlieb nehmen müssen, zwei arme Malweibchen haben's halt nicht besser, und San Vigilio ist noch nicht so civilisirt, daß sich hier ein Delicatessenladen befände, nach dem man nur zu schicken brauchte, wenn unversehens Gäste kommen. Die Hauptsach' aber ist, daß Ihre liebe – ja was ist sie eigentlich zu Ihnen? Schwester – Cousine – Freundin – Braut?
      Die Frage setzte ihn einen Augenblick in Verlegenheit. Seine Braut durfte er Stina ja nicht mehr nennen, und doch konnte er das wunderliche Verhältniß nicht so in der Geschwindigkeit aufklären.
      Wir haben uns vor zwei Jahren verlobt, sagte er endlich, aber nach langer Trennung erst heute wiedergesehen, und da mußten wir gleich in das stürmische Abenteuer gerathen. Wenn ich denke, wie es hätte ablaufen können und wie es auch mir gewesen wäre, wenn meine arme Liebste hier nicht so freundliche Pflegerinnen gefunden hätte, stehen mir nachträglich die Haare zu Berge. Wie ich Ihnen Beiden jemals danken soll –
      Schwatzen Sie doch nicht von Dank! unterbrach ihn die Malerin. Nein, wir haben zu danken. So ein unverhoffter lieber Besuch in unserer einförmigen Zweisiedelei, Sie glauben gar nicht, wie einen das erfrischt. Und Hilde nun gar, die für schöne Menschen schwärmt – die ist ganz weg von Ihrem Fräulein Braut. Ich stehe nicht dafür, daß sie ihr nicht morgen zumuthet, sich von ihr malen zu lassen. Aber nun kommen Sie und essen. Ihrem Schatzerl da drinnen haben wir eine Tasse Thee eingeflößt, sonst braucht sie heute nichts. Für morgen will die Hausfrau ein Huhn auftreiben, daß wir ihr ein gutes Supperl kochen können. Sie aber – ich weiß nicht, ob Sie schon die Bekanntschaft von 
      Tonno sott'olio gemacht haben? So das erste Mal scheint's einem ein bissel zäh und ledern. Aber man gewöhnt sich bald daran. Die Salami ist von Brescia, den Wein können wir jedenfalls empfehlen, und überhaupt, ein Schelm giebt mehr als er hat.
      Hilde trat auf den Zehen herein und meldete, das Fräulein schlafe so ruhig, daß man sie wohl allein lassen könne, wenn die Thür offen bleibe. Das bestätigte Wilm, nachdem er selbst drinnen nachgeschaut hatte, und nun setzten sich alle Drei an das Tischchen, und Wilm stürzte zunächst ein paar Gläser des dunkelrothen Weins hinunter, da ihm die Zunge am Gaumen klebte nach aller Arbeit und Aufregung. Über die Vorzüge des Tonno und der Salami äußerte er sich etwas zurückhaltend, während er mit Verwunderung sah, wie selbst die zarte Hilde eine große Portion des harten Fisches sich zu Gemüthe führte. Übrigens überließ sie der Freundin die Pflicht, den Gast zu unterhalten, was diese mit drolligen Schilderungen der Sitten und Unsitten, die unter der Küstenbevölkerung im Schwange gingen, aufs Munterste besorgte.
      Zwischendurch horchte Wilm in das Schlafzimmer hinein und in den Sturm hinaus, dessen Gewalt sich noch nicht mäßigte, so daß, wenn ein besonders heftiger Stoß durch die Ritzen der schlecht schließenden Fensterläden fuhr, diese in ihren Haspen schlitterten und die Flammen der Kerzen auf dem Kamin zu flackern begannen. So hart gewöhnt er als ein armes Waisenkind von Jugend auf gewesen war, so bewunderte er doch die Genügsamkeit der beiden Freundinnen, die in diesem übel verwahrten Quartier – der Kamin sei kaum heizbar, da er rauche, hatten sie ihm geklagt – und bei so schwerer Kost den Winter fröhlich überdauert hatten.
      Als man das Mahl beendet und Wilm seine Cigarre geraucht hatte, mahnte Fräulein Otti, daß es Zeit sei, zu Bett zu gehen, obwohl es erst halb Neun geworden war. Wir Zwei schlafen heut in Einem Bett, sagte sie. Sie aber müssen auf diesem Sopha vorlieb nehmen. Wir stellen ein paar Stühle an das Fußende hin, und mit unseren Plaids können Sie sich zudecken. Die Hausfrau hat uns eine Matratze für Sie geben wollen, es sieht aber nicht allzu sauber unten bei ihr aus, und ich denke, nach Ihrer Sturmfahrt werden Sie auch auf diesem harten Marterbette ungewiegt schlafen.
      *
      Damit sollte sie Recht behalten, doch freilich nur für den ersten Theil der Nacht. Lange vor Tagesanbruch erwachte er und entschloß sich nur darum auf seinem unbequemen Lager noch eine Weile liegen zu bleiben, um die nebenan schlafenden Mädchen nicht zu stören.
      Endlich aber hielt er es doch nicht länger aus und stand behutsam auf, sich auf den Strümpfen ans Fenster schleichend. Er stieß den Laden auf und lehnte sich in die graue Morgenluft hinaus, seine heiße Stirn zu lüften. Er konnte von seinem Platz aus ein Stück des Hafens überblicken und darüber hinaus den See, der noch immer heftig brandete, während die Wipfel der Cypressen drüben sich bogen. Zu seinem Schrecken aber sah er, wie Francesco eben erst die Barke ins Freie hinausruderte. Auch der gewahrte den »verrückten Forestiere« droben am Fenster, kam aber nicht sonderlich aus der Fassung, sondern deutete nur mit Achselzucken und bedauernden Gebärden auf die noch nicht gestillte stürmische Bewegung der Flut, wie um zu sagen: Fordere was menschlich ist! Aber bei solchem Seegang wär's Wahnsinn gewesen, gestern Abend noch die Rückfahrt anzutreten.
      Wilm selbst war einsichtig genug, dies anzuerkennen. Ja, er hatte im Grunde seines Herzens wohl selbst kaum daran glauben können, daß noch vor der Nacht die Botschaft nach Gardone gelangen würde, und nur zur Beschwichtigung Stina's das Möglichste zu thun gesucht. Jetzt erst bedachte er, wie entsetzlich die Mutter diese Nacht in Ungewißheit um das Schicksal ihres Kindes verbracht haben würde. Das war nun aber einmal nicht zu ändern gewesen, und wenn man es auch beklagen mußte, eine Strafe für ihr selbstsüchtiges Betragen gegen die Tochter hatte sie immerhin verdient. Nun würde sie ja in einigen Stunden aus aller Angst und Sorge erlös't werden.
      Hierauf zog er sich sacht vollends an, schlich die Treppe hinab und riegelte die Hausthür auf. Draußen rührte sich noch keine Menschenseele. Nur der Sturm war noch nicht zur Ruhe gekommen, und Wilm hörte das donnernde Wogen und Rauschen der Flut vom Strande herauf und dazwischen das leise Klirren der Ketten, mit denen die Boote befestigt waren. Über ihm graute noch kaum der Tag, und immer noch zog ein schweres, dunkles Wolkengeschwader unter dem Himmel hin, mit seiner Wucht den weiten Luftkreis tief herabdrückend. Eine Fledermaus kreis'te in ihrem schwankenden Zickzackfluge dicht über dem Kopf des jungen Mannes und flüchtete erschrocken unter den Sims des flachen Daches. Von einem Hahnenschrei oder dem Zwitschern erwachender Vögel war nichts zu hören.
      Wilm athmete tief auf, um den Schauer der öden Frühe, der ihn überlief, abzuschütteln. Dann ging er über die Straße und wandte sich nach einem über der Brandung erhöhten Platz, wo einige Bäume standen, das Kirchlein überschattend, das dem heiligen Vigilius geweiht war. Da stand er eine Weile an der niederen Brüstung und sah in den See hinaus. Daß auch heute, da der Aufruhr der Elemente noch nicht gestillt war, von einer Fahrt nach der Küste drüben keine Rede sein konnte, war ihm klar. Er bedauerte es aber nicht. Je länger er seine Liebste hier in seiner Gewalt behielt, desto sicherer war der Erfolg seines schlauen Anschlags.
      Dann kehrte er um, stieg die schlecht gepflasterte breite Straße hinan, die auf den Rücken der Landzunge führt, rechts von niederen Schifferhäusern begrenzt, links von einer Mauer, in der sich nach wenigen Schritten eine Thür öffnete. Durch diese trat er ein und sah sich in einem sehr verwilderten kleinen Garten, dessen eine Seite von einem Winterhause für Limonenbäumchen eingenommen war, einer der Serren, die an diesem See so häufig sind. Diese war schon abgedeckt, aber wie Alles in diesem Revier verwahrlos't, und der Boden mit abgefallenen angefaulten Früchten bedeckt. Alle Gewächse und Stauden troffen von den nächtlichen Regengüssen, aber zwischen den Moderdüften schwebte auch ein süßer Geruch von Lorbeer und allerlei Würzkräutern. Als er das Gärtchen durchschritten hatte, kam er zu einer Treppe, die in ein höhergelegenes Gebiet hinaufführte. Und hier erst erschloß sich ihm der volle Reiz dieses phantastischen Erdenwinkels.
      Ein kleiner Park zog sich an der hohen Küste hin, in dessen Schutz der eine der beiden alten Paläste lag. Zwischen den Stämmen der immergrünen Bäume sah man auf den See hinaus, nach dem Monte Baldo hinüber, der heute freilich nur mit einem schmalen Schneestreifen, wie mit einer Silberlocke seines greisen Hauptes, durch das dunkle Gewölk herüberwinkte. Als Wilm aber nur kurze Zeit dem Wege, der im Kreise herumlief, gefolgt war, kam er an eine Allee dichtgepflanzter hoher Cypressen, die ein wenig ansteigend zum Allerheiligsten dieses verzauberten Reviers führte.
      Es war das ein nicht gar großer, länglich runder Wiesenplan, auf dem hohes Gras wucherte, wie wenn kein Menschenfuß hier je zu wandeln wagte. Zwölf überhöhte viereckige Nischen aus weißem Marmor, nach Art flacher Kapellen, ragten in mäßigen Abständen um das Rondell herum auf, in der vertieften Mitte einer jeden stand eine antike Büste, wohl eines Kaisers nach dem mancherlei fürstlichen Schmuck zu schließen, alle aber der Nasen beraubt, und die Schrift am Sockel, auch wenn das Zwielicht sie zu lesen gestattet hätte, im Lauf der Jahrtausende verwittert. Drüben in der Mitte dieser Denkmäler den Kreis beschließend, leuchtete ein wunderlicher hoher Marmorblock hervor mit einem Relief, das vier lebensgroße Figuren darstellte. Was sie bedeuteten, war nicht zu enträthseln, nur daß sie das Werk eines späten Künstlers, vielleicht aus der abklingenden Zeit der Renaissance sein mußten, leuchtete selbst einem so wenig geübten Auge, wie das des jungen Holsteiners, ein.
      Er gab sich aber gar nicht damit ab, hierüber nachzugrübeln. Denn sein Blick hing wie gebannt an dem, was die Feierlichkeit dieser Stätte vollendete, dem Kreis uralter Cypressen, die wie eine lebendige schwarze Tempelmauer hinter den Marmornischen aufragten. In keinem der gothischen Dome, die er gesehen, war ihm so überwältigend andachtsvoll zu Muth gewesen. Auch zog der Sturm so hoch über den höchsten Spitzen der Baumriesen hin, daß sie regungslos wie eherne Wächter das Heiligthum zu umstehen schienen, wie wenn sie in seiner Tiefe ein entschlafenes Herrscher- oder Heldengeschlecht zu hüten hätten.
      *
      Wie lange der einsame Wanderer hier gestanden, ganz in die schauerlich erhabene Andachtsstimmung dieses Orts versunken, wußte er nicht zu sagen. Dann aber reckte er sich in die Höhe. Es war, als fürchte er, wenn er hier länger stehen bliebe, gleichfalls verzaubert und für alle Zeiten als ein steinernes Standbild festgebannt zu werden.
      Langsam durchschritt er wieder die Cypressenallee, dann das Gärtchen unten und die Straße nach dem Hause, das ihn zu Nacht beherbergt hatte. Er fand jetzt, da es allmählich Tag geworden war, so gut es bei diesem grauen Sturmwesen konnte, die Bevölkerung des dürftigen Nestes schon regsam, einige Schiffer am Hafen, die eifrig beriethen, ob eine Fahrt zu wagen sei, am Herd der Schifferswittwe Fräulein Otti mit dem Kochen des Theewassers beschäftigt. Sie begrüßte ihn in sehr munterer Laune, sein Schatz habe vortrefflich geschlafen und sei nur mit Mühe im Bett zurückzuhalten gewesen, bis der Herr Doctor die Erlaubniß zum Aufstehen gegeben haben würde.
      Als Wilm dann in das jungfräuliche Schlafgemach trat, grüßten ihn die großen Augen seiner Liebsten von ihrem Kissen aus mit einem halb glücklichen, halb verlegenen Ausdruck, da es sie doch beklommen machte, ihn so in seiner Eigenschaft als Arzt empfangen zu müssen. Er kürzte auch den Besuch nach Möglichkeit ab, that ein paar Fragen nach ihrem Befinden, fuhr ihr sanft mit der Hand über die Stirn und zog sich dann zurück, nachdem er sie für ganz genesen erklärt und nur noch, wenn sie aufstände, große Ruhe empfohlen hatte.
      Hilde war bei dieser ärztlichen Morgenvisite zugegen gewesen. Der kühle Ton, mit dem die Liebesleute sich begegneten, hatte sie höchlich verwundert. Nicht einen einzigen Kuß hat er ihr gegeben, äußerte sie sich gegen Otti. Das hätte sich zwischen Braut und Bräutigam doch nur gehört, auch wenn ein Drittes dabei war. Und obwohl sie offenbar in ihn verliebt ist und er in sie und man es auch bei Beiden begreifen kann – sie betragen sich wie Bruder und Schwester. Vielleicht ist das bei Norddeutschen so hergebracht.
      Die beiden süddeutschen Jungfräulein sollten im Lauf des Tages noch mehr Anlaß zum Verwundern erhalten. Denn auch nachdem Stina aufgestanden war und am Frühstück theilgenommen hatte, verharrte sie in ihrer schwermüthigen Haltung, zu der in der Lage der Dinge kein Grund zu entdecken war. Die Schrecken der stürmischen Fahrt lagen hinter ihr, ihre Mutter wußte sie sammt ihrem Liebsten wohl geborgen, ihre beiden Wirthinnen wetteiferten, ihr alles erdenkliche Liebe anzuthun, und doch erschien kaum einmal ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen, und an dem heiteren Geplauder der Anderen nahm sie nur zerstreut und einsilbig Theil.
      Hilde hatte vergebens gehofft, sie etwas mittheilsamer zu machen, wenn sie mit ihr unter vier Augen wäre in der Stunde am Vormittag, die sie von ihr erbeten hatte, um eine rasche Porträtskizze von ihr zu machen. Doch sogar auf eine directe Frage, ob sie einen heimlichen Kummer habe, erhielt sie keine andere Antwort, als daß sie sich darum sorge, wie es bei der Mutter stehe. Dies genügte der Malerin keineswegs, um alle die Seufzer zu erklären, die der jungen Brust ihres Modells entstiegen. Sie hatte für sich selbst auf Liebesglück verzichtet. Aber wenn sie sich in Stina's Lage versetzte, – mit einem Bräutigam wie Wilm selbst auf eine einsame Insel im weiten Weltmeer verschlagen zu sein, wäre ihr so beseligend erschienen, daß alle fernen Mütter der Welt dagegen nicht in Betracht gekommen wären.
      Ein wenig heiterte sich das sanfte, trübe Gesicht gegen Mittag auf, als man sich zu Tische setzte, um das festliche Mahl zu genießen, das die Freundinnen bereitet hatten. Stina weigerte sich freilich lebhaft, daß das famose Hühnersüppchen nur für sie allein aufgetragen werden sollte. Es half ihr aber nichts; der junge Leibarzt erklärte, daß für eine Reconvalescentin selbst der vortrefflichste Thunfisch in Öl und die duftendste Salami keine zuträgliche Kost seien. Auch von der großen Schüssel mit Maccaroni – ein Bote war eigens nach Garda geschickt worden, um diese Delicatesse herbeizuschaffen – durfte Stina nur kosten. Dagegen brauchte sie auf das Hauptgericht dieses glänzenden Gastmahls nicht ganz zu verzichten: die zierlichen winzigen Fischchen, 
      aule genannt, die gestern Abend noch ein Fischer zum Verkauf herumgetragen und welche die Hausfrau nach einem einheimischen Recept in reinem Öl gebacken hatte. So ganz unschuldig mochte auch diese Speise nicht sein. Aber sie sah in ihrer weißen Schüssel so appetitlich aus, daß es grausam gewesen wäre, sie der Reconvalescentin zu versagen.
      Statt des Brodes diente in Scheiben geschnittene Polenta. Der feurige rothe Wein hatte dafür zu sorgen, daß all diese etwas schwerverdaulichen Gaben Gottes den Schmausenden gut anschlugen.
      Fräulein Otti und Doctor Wilm trugen die Kosten der Unterhaltung. Als er aber auf seinen Morgenspaziergang zu sprechen kam und von dem verzauberten Cypressenhain erzählte, liefen beide Mädchen nach ihren Mappen und holten eine Menge Studien nach dieser wundersamen Stelle des Parks hervor, von der auch sie beide in höchstem Entzücken sprachen.
      Stina, die sich darein ergeben hatte, die Rückfahrt heute noch nicht anzutreten – nicht einmal die beiden großen Dampfer hatten sich in den noch immer stürmischen See hinausgewagt – bestand darauf, diese gepriesene Scenerie selbst kennen zu lernen. Also nahmen, nach einer kleinen Siesta, die Freundinnen sie in die Mitte, indem Otti Wilm erklärte, seine Bräutigamsrechte müßten für diesen Tag zurücktreten, da sie sich der geretteten Braut wie eines ihnen zukommenden Strandguts bemächtigt hätten. Auch war es Stina selbst heimlich zufrieden, daß nicht Wilm, sondern die beiden Mädchen sie am Arm führten, zumal sie noch schwach auf den Füßen war.
      Als sie aber droben durch die Cypressenallee geschritten waren und nun den geweihten inneren Raum betraten, überwältigte sie die Erhabenheit dieser einsamen Stätte mit solcher Gewalt, daß sie in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach und niedergesunken wäre, wenn Otti sie nicht in ihren kräftigen Armen aufgefangen hätte.
      Die ganze Schwere und Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, die sie eine Weile über all dem Freundlichen, was ihr geschah, und so fern von den Menschen, die ihr Schicksal bedingten, vergessen hatte, bedrängte auf einmal wieder ihre arme Seele. Sie dachte daran, wie gern sie für immer in dieser feierlichen Rotunde wie in einem unnahbaren Asyl sich geborgen hätte, und wie, nachdem dieser Traum ausgeträumt sei, morgen Alles wieder ganz so verzweifelt und herzbrechend sein würde wie vorher.
      Nach Hause zurückgekehrt, erholte Stina sich bald wieder und bat aufs Rührendste um Verzeihung, daß sie einer kindischen Schwäche nachgegeben hätte.
      Die Freundinnen umarmten sie, küßten ihr die Thränen von den Wangen und sprachen sie ein für allemal von jeder Sünde frei, die nur die elenden Nerven verschuldeten. So verging der Abend wieder heiter und traulich genug, man trennte sich aber früh, da Stina fest darauf beharrte, das Marktschiff, das am morgigen Dienstag gegen Neun von Maderno nach Desenzano fahren und von dort am Nachmittag in Gardone anlegen sollte, zur unwiderruflichen Rückkehr zu benutzen.
      Diese Nacht schliefen Alle schlechter als die vorige, die beiden Liebenden vor Gedanken, wie sie drüben empfangen werden würden, die Malerinnen, da sie sich schwer in die bevorstehende Trennung fanden. Sie ließen es sich auch nicht nehmen, ihre Gäste am frühen Morgen bis nach Garda zu begleiten, wo der kleine Dampfer pünktlich eintraf. Man nahm gerührten Abschied, versprach von beiden Seiten, bald wieder von sich hören zu lassen, und winkte vom Lande und vom Verdeck des Schiffes eifrig mit den Taschentüchern!
      Lange noch standen die beiden Zurückgebliebenen und sahen dem jungen Paar, das sie so rasch in ihr Herz geschlossen hatten, wehmüthig nach. Wir hätten doch wenigstens bis Desenzano mitfahren sollen, sagte Otti, als sie sich endlich entschloß, den Rückweg anzutreten. – Wo denkst du hin! versetzte Hilde, die zwar nicht durch eigene Erfahrung, aber durch ihre zärtliche Phantasie besser darüber Bescheid zu wissen glaubte, was Liebesleuten noth that. Am Ende hätten sie uns auch das Geleit bis ans Schiff gern geschenkt, um etwas früher wieder unter vier Augen zu sein. Vielleicht rührte Stina's ganzer Trübsinn nur davon her, daß sie uns beständig zwischen sich und ihrem Bräutigam sehen mußte. Ach, was ist sie für ein himmlisches Wesen! Und wie rasch blühte sie wieder auf nach der ersten Erschöpfung! So auszusehen muß ein Glück sein, das ein so garstiges Schätzchen wie ich sich gar nicht vorstellen kann!
      Hierauf umarmte und küßte Otti die Freundin auf der offenen Straße und versicherte ihr, sie sei ein Dummerl und alle Raffaelischen Engel- und Madonnengesichter seien ihr nicht so lieb wie das ihre.
      Wenn sie das Brautpaar hätten sehen können, wie es auf dem Verdeck des Dampfers nebeneinander stand, ohne sich anzusehen oder miteinander zu sprechen, würde ihre Sorge, ihr Alleinsein zu lange gestört zu haben, rasch geschwunden sein.
      Auch auf dem Wochenmarkt in Desenzano thaute Stina aus ihrer Versonnenheit nicht auf, so sehr Wilm sich darum bemühte, indem er sie heiter plaudernd auf das fremdartige Leben und Treiben um sie her aufmerksam machte. Das Wetter war schön geworden, und unter dem strahlenden Sonnenhimmel nahm sich selbst das sehr unansehnliche Nest und das Gewimmel der Marktleute, das darin wogte, lustig genug aus. Stina aber sah alle Augenblicke nach der Uhr, ob die Zeit zur Weiterfahrt noch nicht gekommen sei. Erst in der kleinen Trattorie, wo sie gegen Mittag einkehrten, vergaß sie auf Augenblicke ihr schweres Herz und mußte sogar lächeln bei der Erinnerung an all die Schwerverdaulichkeiten, mit denen sie in San Vigilio bewirthet worden waren und die ihnen hier wieder angeboten wurden. Daneben aber fanden sich auch leichtere Speisen, und bei dem guten Landwein hob sich die Stimmung erfreulich, zumal da sie auf die Gastfreundschaft zu sprechen kamen, die sie bei den guten Seelen gefunden hatten, und auf den Märchenzauber jenes wundersamen Cypressenhains.
      Kaum aber hatten sie das Schiff wieder bestiegen, das nun ohne weiteren Aufenthalt, als ein paar Minuten in Salò, sie nach Gardone zurückbringen sollte, so fiel plötzlich wieder ein Schleier über Stina's Gesicht und Gemüth, sie antwortete auf Wilm's Fragen nur einsilbig und sorgte dafür, daß auf der Bank an Bord zwischen ihnen ein kleiner Zwischenraum blieb. Zuletzt hörte auch er zu plaudern auf, und eine gewisse Spannung erschien auch auf seinen kühnen und selbstbewußten Zügen. Er hielt den Blick unverwandt auf das Ufer gerichtet, und als das Schiff zwischen der Gardainsel und dem Cap San Felice durchgefahren war und nun die Bucht von Salò und weiter nach rechts die Häuser von Gardone sichtbar wurden, stand er auf und ging nach dem Vorderdeck, wo er Ausschau hielt, bis die langgestreckte Häuserflucht des Hôtel Gardone in Sicht kam.
      Dann kehrte er zu seiner Liebsten zurück und sagte: Wir werden nun gleich landen, min söte Deern. Ich bitte dich, den Kopf aufrecht zu tragen und nicht etwa mit einer Armsündermiene ans Land zu gehen, da du nichts verbrochen hast, dessen du dich zu schämen hättest. Auch ich werde, wenn wir zufällig unseren Bekannten begegnen sollten, ihnen frei ins Auge blicken, da ich ja unschuldig daran bin, daß der Sturm uns nach San Vigilio verschlagen hat. Was dann weiter geschieht, wollen wir dem lieben Gott anheimstellen.
      Es klang das ganz treuherzig, und zum Glück sah Stina nicht den Schelmenzug, der ihm dabei um die Lippen spielte. Mit einem beklommenen Seufzer stand sie auf, legte den Arm in den seinen und ließ sich nach vorn führen, wo bereits die Matrosen das Seil bereit hielten, das nach der Landungsbrücke geschleudert werden sollte.
      Wie gewöhnlich hatte sich ein zahlreiches Häuflein von Eingeborenen und Kurgästen zu beiden Seiten des Uferstegs aufgestellt.
      Als Stina die vielen neugierigen Gesichter sah, die alle gerade auf sie gerichtet schienen, zauderte sie einen Augenblick, als wäre sie lieber auf das Schiff zurückgeflüchtet und hätte nie wieder einen Fuß aufs Land gesetzt. Wilm aber überwand ihr Widerstreben und führte sie mit hocherhobenem Kopf durch die Gasse der Gaffenden, die sich vor dem Landungssteg gebildet hatte. Kein einziges Gesicht war ihm bekannt, wie ja auch Stina diese Hôtelgesellschaft zum großen Theil fremd geblieben war. Aber schon vor dem Anlegen des Schiffes hatte Wilm oben in einem der Hôtelfenster des ersten Stockes eine ältere Dame und einen jüngeren Herrn gesehen, in denen er den verhaßten Bräutigam seiner eigenen Braut und dessen Mutter erkannt hatte. Auch sie hatten ihn und Stina offenbar bemerkt, wenigstens hatte die Baronin ihren Operngucker gerade auf die Stelle des Verdecks gerichtet, wo der dreiste Entführer seinen holden Raub offenkundig am Arme hielt, und der, statt schuldbewußt die Stirn zu senken, hatte den Blick gerade zu ihnen emporgerichtet und sogar leicht den Hut gelüftet, wie wenn er gute Bekannte, doch noch ein wenig zweifelhaft, ob sie es auch wirklich seien, begrüßen wollte.
      Wie das auf die Beiden oben am Fenster gewirkt, hatte er nicht sehen können, da sie sich sofort zurückgezogen hatten. Daß ihre Landung Arm in Arm auch unter der übrigen Hôtelgesellschaft Aufsehen machte, gewahrte er an dem hastigen Zusammenstecken einiger Köpfe und dem Geflüster, während sie durch die Gasse gingen. Aber noch eine unfreundlichere Begegnung stand ihnen bevor.
      Sie waren eben mit raschen Schritten, da keinerlei Reisegepäck sie beschwerte, um die Ecke des Hôtels gebogen, als zwei Männergestalten langsam ihnen entgegenkamen, keine Geringeren als Seine Ehrwürden Pastor Elias Brodersen und der kleine Freiherr in dem grauen Sportanzug. Sie kamen von einem Nachmittagsspaziergang zurück, auf dem die Entführung der jungen Verlobten und die muthmaßlichen Folgen dieses kecken Streiches das Hauptthema ihrer Unterhaltung gebildet hatten.
      Als nun plötzlich das entflohene Paar leibhaftig vor ihnen auftauchte, blieben sie wie angewurzelt stehen und starrten die jungen Leute sprachlos an. Wilm aber, während Stina sich zitternd an seinen Arm schmiegte, sah den alten Herren mit der harmlosesten Freundlichkeit ins Gesicht und zog höflich den Hut. Dann führte er das tief erschrockene Mädchen ruhig an ihnen vorüber und hatte sogar den Muth, sich umzublicken, wo er die beiden verehrten Herrn noch immer ganz verdutzt und tief empört regungslos beieinander stehen sah.
      *
      O Wilm, was hast du gethan! flüsterte Stina in höchster Erregung. Sie werden es uns nie verzeihen!
      Das ist auch meine Hoffnung, erwiderte er trocken, indem er ihr zitterndes kaltes Händchen fest an sein Herz drückte. Etwas Unverzeihliches mußte ja geschehen, damit ich dir das Andere verzeihen konnte. Aber nein, verzeih du mir, daß ich wieder von dem angefangen habe, was nun ein für allemal vergeben und vergessen sein soll. Du hast ja auch keine Verantwortung dafür, es kam, wie es kommen mußte. Aber Gott sei gedankt, daß noch Zeit war, es ungeschehen zu machen. Mach dir nur weiter keine Gedanken, Herz, ich stehe für Alles ein. Und nun Kopf hoch, Liebste! Da kommt wahrhaftig deine gute Mutter auf uns zu. Guten Tag, Tante Marie! Da bring' ich Ihnen Ihr Sorgenkind heil und wohlbehalten wieder zurück. Ja, das war eine schlimme Geschichte! Aber wir können noch froh sein, daß sie so glimpflich abgelaufen ist, und ein Seemannskind würde sich ja auch von einem noch wüthenderen Sturm nicht haben unterkriegen lassen.
      Er hatte Stina's Arm losgelassen, als er die Mutter auf sie zueilen sah. Bis zum Landungssteg ihrer Tochter entgegen zu eilen, hatte Frau Marie der vielen Fremden wegen sich nicht getraut, aber sobald sie das Schiff hatte anlegen sehen, war sie fortgestürzt, ihr verlorenes Kind wieder an ihr Herz zu ziehen. Sie sowohl wie Stina waren sprachlos geblieben, als sie sich in die Arme sanken, und hatten sich unter tausend Thränen umfaßt gehalten. Dann fand die Tochter zuerst so viel Fassung, sich von der Mutter loszumachen, ihren Arm in den ihren zu ziehen und sie leise zu bitten, nach der Pension zurückzukehren und den Vorübergehenden kein Schauspiel zu bieten.
      Sie legten die kurze Strecke ohne zu reden zurück. Vor der Thür ihres Hauses blieb Wilm stehen, zog den Hut und sagte: Ich überlasse dich nun der Mutter, Stina; du wirst ihr Alles erzählen, und so bin ich überflüssig. Morgen frag' ich nach, wie ihr Beide auf all die Angst und Sorge geschlafen habt. Gute Nacht, liebe Mutter! Stina ist ganz wohl, aber ein Tasse Thee mit etwas Rum würde ihr doch gut thun. Aus Wiedersehen also! – Damit reichte er Beiden die Hand und setzte seinen Weg fort nach dem Hôtel Fasano.
      *
      Was in dieser ersten Stunde des Wiederhabens zwischen Mutter und Tochter vorging, braucht wohl nicht ausführlich berichtet zu werden.
      Auch daß Frau Marie nicht der leiseste Argwohn beschlich, an dem Abenteuer, das ihr so viel Herzweh gemacht, möchte nicht alle Schuld auf die Elementargewalten fallen, die ihr Kind unaufhaltsam an die ferne Küste fortgestürmt hätten, sondern eine kecke Kriegslist das Beste daran gethan haben, wird man ihrer arglosen Seele zutrauen. In Stina selbst war durch Wilm's Äußerungen nach dem Begegnen mit den beiden Herren der leise Verdacht, es möchte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, zur Gewißheit geworden. Sie hütete sich aber wohl, die Mutter etwas davon merken zu lassen, saß nun aufathmend auf dem Sopha am Theetisch und kramte all ihre Erlebnisse aus, jetzt endlich mit der Hoffnung, es möchte doch noch für die unselige Verstrickung ihrer Lage eine Lösung gefunden werden.
      Ihrerseits erzählte die Mutter, was sich inzwischen bei ihr ereignet hatte. Am Morgen nach der Sturmnacht war die Baronin bei ihr erschienen, sich nach dem Befinden des gestern unwohl gewordenen Schwiegertöchterchens zu erkundigen. Die Mutter hatte es erst verhehlen wollen, daß sie verschwunden war, in ihrer Schüchternheit aber es doch nicht zu Stande gebracht. Das Geständniß, daß Stina gerade mit Wilm auf den See hinausgefahren und noch nicht zurückgekehrt sei, mußte die gestrenge Dame natürlich im Tiefsten erregen. Sie ließ es auch an anzüglichen Reden über die allzu freie Erziehung, die Stina genossen, nicht fehlen und versprach einstweilen nur, ihren Herren das Märchen von Stina's Unwohlsein plausibel zu machen, da die Entflohene hoffentlich im Lauf des Tages sich wieder einfinden werde.
      Das war nun nicht geschehen und durch ein Hintertreppengeschwätz die Nachricht von der Flucht der Braut am Verlobungstage mit einem früheren Liebsten in das große Hôtel hinübergetragen worden. Eine der Damen, die gern für ihre eigenen Töchter den jungen Baron eingefangen hätten, war dann auch boshaft genug gewesen, bei der Abendtafel sich besorgt zu erkundigen, ob das Fräulein Braut auf der stürmischen Seefahrt sich auch nicht erkältet hätte und bald zurückkehren würde. So war das Ungeheure auch dem Baron und Kurt nicht verborgen geblieben. Noch vor der Nacht hatte Kurt in eigener Person sich bei Frau Marie eingefunden und freilich ihr keine Scene gemacht, sie aber durch seine schonungslosen schneidenden Bemerkungen nur tiefer verwundet, als wenn er seinen Zorn heftig ausgeströmt hätte.
      Darüber war der armen kleinen Frau auch die zweite Nacht schlaflos vergangen. Daß sie an diesem zweiten Tage nicht das Geringste vom Hôtel aus vernommen hatte, konnte sie nicht beruhigen. Sie deutete es ganz richtig als die Stille vor dem Sturm. Du sollst sehen, Stina, klagte sie, sie verzeihen es dir nie, obwohl du selbst ganz unschuldig daran bist, und was dann werden soll –
      Daß die Mutter sich genau desselben Ausdrucks bediente, den sie selbst gegen Wilm gebraucht, fiel Stina sogleich ein, jetzt aber war sie schon so gefaßt, daß sie am liebsten der tief Bekümmerten mit denselben Worten geantwortet hätte, mit denen Wilm sie getröstet hatte: auch ich 
      hoffe, daß sie es nicht verzeihen werden, und das Übrige wollen wir dem lieben Gott überlassen.
      Mit der Zeit beruhigte sich die Mutter, und das Glück, ihr Kind wieder zu haben, hob sie über alle Zukunftsängste hinweg. Sie drang aber darauf, daß Stina sich früh niederlegte, und als sie ihr noch eine gute Nacht ans Bett brachte und sie herzlich küßte, überwand sie ihr kummervolles Herz so weit, daß sie ihr tröstend zusprach und ihr gute Träume wünschte, da sie selbst Allem, was kommen würde, und müßte sie auch ihr Häuschen aufgeben, ohne Herzweh entgegensähe, wenn ihr Kind dadurch glücklich gemacht würde.
      *
      Diese zärtlichen Mutterworte hatten den Erfolg, daß Stina zum ersten Mal seit vielen Wochen unter hoffnungsvollen Gedanken, es werde wirklich noch Alles gut werden, einschlief. Da auch das Fenster dicht verhängt war, schlief sie nach den Erschütterungen der letzten Tage so fest, daß erst der helle Sonnenstreifen, der durch die angelehnte Thür hereinfiel, sie aufweckte, zugleich Stimmen aus dem Wohnzimmer, denen sie athemlos lauschte.
      Du wirst wohl ahnen, liebe Marie, weshalb ich schon so früh gekommen bin, hörte sie die Baronin sagen. Es ist mir überaus schmerzlich, daß ich auf eine so liebe, langgehegte Hoffnung verzichten muß. Aber so gern ich, schon um deinetwillen, die Sache in einem milderen Licht ansähe, ich muß den Männern Recht geben, daß nach Allem, was geschehen ist, an eine Vertuschung und Beschönigung nicht gedacht werden kann. Mein Mann ist aufs Tiefste empört, Kurt ganz außer sich und mit Mühe zurückzuhalten, sofort auf Genugthuung zu dringen, und auch unser ehrwürdiger geistlicher Freund gesteht schweren Herzens, daß er im Irrthum gewesen sei, als er geglaubt habe, diese Ehe sei im Himmel geschlossen. Ich habe es deßhalb übernehmen müssen, dir die traurige Mittheilung zu machen, daß zwischen unseren Kindern Alles aus und abgethan ist.
      Hierauf klang die schüchterne Stimme der Frau Marie, so leise, daß die Lauscherin ihre Worte nicht verstand.
      Dann hörte sie die Baronin sagen: Nein, nein, du täuschest dich. Es war kein Zufall, es war ein schlau und dreist durchgeführter Plan, eine bewußte Tücke. Nicht von Seiten Stina's, der ich etwas so Schändliches nicht zutraue. Er aber hatte von vornherein die Absicht, Stina so zu compromittiren, daß Kurt, der auf die Ehre seines Namens halten muß und Offizier ist, sich gezwungen sähe, von der Verlobung zurückzutreten. Hätte sich's nicht so verhalten, so würden die Beiden nicht am hellen Tage und angesichts der ganzen Kurgesellschaft zu Wasser zurückgekehrt sein, sondern den Abend abgewartet und in Desenzano einen geschlossenen Wagen genommen haben, uns den offenbaren Affront zu ersparen. Nun sind wir auf die empfindlichste Weise vor allen Hausgenossen bloßgestellt, und wenn wir auch unverzüglich abreisen, die schadenfrohe Nachrede und die Glossen zu dem Streich, der meinem armen Jungen gespielt worden ist, werden uns lange verfolgen.
      Wieder hörte Stina die Stimme der Mutter, diesmal lebhafter und dringender; was sie aber vorbrachte, wahrscheinlich wieder zur Rechtfertigung des Geschehenen, wurde scharf von der erbitterten früheren Freundin abgeschnitten.
      Erspare dir alles Weitere! Die Sache ist endgültig abgethan, bis auf das, was mein Sohn sich vorbehält zu thun und woran ihn zu hindern ich machtlos bin. Du selbst aber sollst nicht weiter, als nun einmal unumgänglich ist, darunter zu leiden haben. Mein Mann läßt dir sagen, daß er auch jetzt noch sich dazu verstehen will, die Hypothek auf deinem Häuschen zu übernehmen. 
      Noblesse oblige, sagt er, und die arme Frau, die ganz unschuldig ist, wird durch die Auflösung des Verlöbnisses schon genug bestraft. Nur wünscht er, dich nicht mehr zu sehen, und auch Pastor Brodersen empfiehlt sich dir 
      sans adieu. Lebewohl! Begleite mich nicht. Ob ich Stina nicht noch selbst sprechen will? Nein. Es wäre mir allzu peinlich, und ich habe ihr auch nichts weiter zu sagen.
      Die Thür nach dem Treppenflur wurde geöffnet und wieder geschlossen. Eine Weile war's still in dem Wohnzimmer bis auf das Klirren der Tassen, die eine leise Hand auf den Theetisch stellte.
      Dann erschien Stina in ihrem Morgenkleide, mit ganz hellen Augen und einer leichten Röthe auf den Wangen, eilte auf die Mutter zu und umarmte sie. Ich habe Alles gehört, sagte sie, sei nicht mehr betrübt, Mutting. Es ist ja nun Alles wieder in Ordnung. Nur eine Zeile will ich noch gleich schreiben, und das Mädchen muß das Billet dann ins Hôtel bringen.
      Sie setzte sich rasch an den kleinen Schreibtisch und warf ein paar Worte aufs Papier. Dann nahm sie Kurt's Verlobungsring, wickelte ihn in Seidenpapier und legte ihn in das Couvert, das sie sorgfältig versiegelte.
      Sie sprachen dann, während sie frühstückten, nichts mehr über die Sache, die sie Beide beschäftigte. Als aber eine Stunde später der junge Baron gemeldet wurde, verließ die Mutter auf einen bittenden Wink Stina's das Zimmer, ließ jedoch ebenfalls die Thür nach dem Schlafzimmer nur leicht angelehnt.
      Lieber Kurt, sagte Stina, als der elegante junge Herr mit einer steifen Verbeugung eintrat und ihr ein möglichst kaltes, fremdes Gesicht zeigte, ich weiß, wie du und die Deinigen über das Vorgefallene denken. Ich konnte es aber nicht übers Herz bringen, obwohl du selbst es zu wünschen schienst, ohne jeden Versuch einer freundlicheren letzten Verständigung dich für immer von mir gehen zu sehen. Ich will ganz ehrlich sein: obwohl ich ohne diesen Zwischenfall nie daran gedacht hätte, das Wort, das ich dir gegeben, zu brechen – nun es anders gekommen ist, beklage ich es nicht. Denn ich bin der festen Überzeugung, daß ich dich doch nicht hätte glücklich machen können, und daß auch du mich nicht so geliebt hast, wie es zu einer richtigen Ehe nötig ist.
      Er machte eine Bewegung, wie wenn er sich feierlich gegen diesen Verdacht verwahren wollte. Sie ließ ihn aber nicht zu Worte kommen. Sie hatte ihn nicht einmal zum Sitzen aufgefordert, so sehr war sie von dem einen Gedanken erfüllt, der sie bewogen hatte, um seinen Besuch zu bitten.
      Wenn ich glauben soll, fuhr sie mit etwas unsicherer Stimme fort, daß du mich dennoch lieber gehabt hast, als ich dir zutraute, so giebt es ein Mittel, mich besser als durch Betheuerungen davon zu überzeugen. Deine Mutter hat gegen die meine eine Andeutung gemacht, die uns nicht gerade überraschen konnte: du seiest entschlossen, für die »Ehrenkränkung«, die Wilm dir zugefügt, Genugthuung von ihm zu fordern. Ist das wirklich deine Absicht?
      Er nickte mit gespielter Gleichgültigkeit und verzog die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln, wie wenn sich's um eine Sache handle, die zu selbstverständlich sei, um viel Worte darüber zu machen.
      Nun, lieber Kurt, fuhr sie in wachsender Erregung fort, wenn du mir beweisen willst, daß du mich überhaupt jemals wahrhaft geliebt hast, so mußt du mir dein feierliches Versprechen geben, auf diesen Vorsatz zu verzichten. Du weißt und zweifelst nicht daran, daß ich in diese verhängnißvolle Seefahrt ohne jede heimliche Absicht gewilligt habe, bloß weil ich den Aufruhr in mir durch den in der Natur zu beschwichtigen suchte. Nicht von fern dachte ich daran, was für Folgen dieser plötzliche Einfall haben könnte. Und nun wolltest du mich so furchtbar dafür büßen lassen? Mein Leben lang würde ich, wer auch von euch Beiden verwundet oder gar todt vom Kampfplatz getragen würde, eine Blutschuld auf dem Gewissen fühlen, wie wenn ich selbst die Thäterin wäre. Kannst du das einem Mädchen anthun, das deinem Herzen einmal nahe genug gestanden hat, um dich fürs Leben mit ihr verbinden zu wollen? Einem Mädchen, das durch jenen unüberlegten Einfall schon genug gestraft worden ist? Denn sage selbst, wie soll ich der Welt, die nur auf den Schein blickt, eine bessere Meinung von uns beibringen, den Verdacht von mir abwälzen, als wäre ich ein leichtsinniges, wankelmüthiges Ding, das sich nicht entblödet, an seinem Verlobungstage mit einem anderen guten Freunde auf und davon zu gehen? Das aber will ich gern hinnehmen, da ich mich schuldlos fühle und das Urtheil der Welt verachte. Wenn du aber der Leichtsinnigen, wofür man mich halten wird, erklärst, sie sei nicht mehr würdig, deine Frau zu werden – wie könnte da auf 
      deiner Ehre nur der geringste Flecken bleiben? Ist es das erste Mal, daß eine Verlobung vom Bräutigam aufgelös't wird, weil die Braut sich etwas zu Schulden kommen ließ, was in den Augen der Welt unverzeihlich war?
      Er schwieg immer noch und sah mit gerunzelter Stirn zu Boden. Da trat sie dicht an ihn heran, faßte seine Hand und sagte: Kurt, lieber Kurt, dein Vater hat an meiner Mutter gehandelt nach der alten adligen Devise: 
      Noblesse oblige. Thue auch du danach! Dein adliges Blut kann sich nicht dagegen empören, daß du in dem, was sich hier ereignet hat, den Willen Gottes erkennst und dich ihm beugst, ohne einem Rachegedanken gegen Menschen Raum zu geben. Ich hätte dir niemals Treue gelobt, wenn ich nicht an den höheren inneren Adel in deiner Seele geglaubt hätte. Und so gieb mir nun das Wort, um das ich dich gebeten habe, und laß uns als Freunde scheiden.
      Während sie dies alles sprach, ahnte sie freilich nicht, daß es ihm in seinem innersten Herzen keinen sonderlichen Kampf kostete, die Sache leicht zu nehmen, ja daß ihm nichts hätte willkommener sein können, als die Lösung eines Bündnisses, in das er nur mit halbem Widerstreben sich gefügt hatte. Gerade in diesen Tagen hatte er einen Brief von der Dame in Berlin erhalten, mit der er hatte brechen müssen, um seinen Eltern zu gehorchen. Nun war er ohne sein Zuthun wieder frei geworden, seine Schulden waren bezahlt, nichts stand seiner Rückkehr in das alte lustige Leben im Wege. Wenn er sich über den ihm angethanen »Affront« empört gezeigt und die Rolle eines tiefgekränkten Liebenden gespielt hatte, so war er doch heimlich seinem glücklichen Nebenbuhler eher dankbar, daß er ihm die Braut, die ihm je länger je weniger zusagte, noch bei Zeiten abspenstig gemacht und einen so gründlichen Vorwand, sich zurückzuziehen, verschafft hatte.
      Warum sollte er ihm nun eine Kugel in die Brust schießen, wie er natürlich gethan haben würde, wenn er Stina wirklich geliebt hätte? Und der Verzicht auf dieses zweifelhafte Vergnügen wurde ihm noch als ein Beweis wahrhafter Liebe und echten Seelenadels angerechnet! So erhob er die Augen und sah Stina mit dem Ausdruck eines Menschen; der sich einen schweren Entschluß abgerungen hat, ins Gesicht; indem er lebhaft ihre Hand drückte.
      Du sollst gesiegt haben, sagte er. Ce que femme veut, Dieu le veut. Ich reise heute noch ab; Papa will, daß ich den Dienst quittiren soll, sonst – so gern ich persönlich dir diesen Gefallen thäte, würde es damit seine Schwierigkeiten haben. Nun aber gebe ich dir mein Wort, daß die Geschichte für mich abgethan sein soll. Empfiehl mich deiner Mama, und – leb wohl!
      Er beugte sich herab, ihre Hand an seine Lippen zu drücken, und ging rasch aus dem Zimmer.
      *
      Genau ein Jahr nach diesen stürmischen Abenteuern wurde in dem Häuschen an der Ostsee, das die Frau Majorin mit ihrer Tochter bewohnte, eine fröhliche Hochzeit gefeiert.
      Der Doctor Wilm Lornsen hatte in der Mitte des Sommers sein Staatsexamen glänzend bestanden und sich nicht nur an der Kieler Universität als Privatdocent habilitirt, sondern auch durch die Gunst, in der er bei seinem alten Geheimrath stand, es zu einer für seine Jugend sehr ansehnlichen Praxis gebracht, so daß er mit einigem Leichtmuth, an dem es ihm ja, wie wir gesehen haben, überhaupt nicht fehlte, wohl daran denken konnte, sich einen eigenen Hausstand zu gründen.
      Tante Marie hatte denn auch mit ihrer Einwilligung nicht gezögert, schon um ihr Kind daran zu hindern, die frische Farbe ihrer Wangen, die sich so erfreulich wieder eingestellt hatte, in einer dumpfen Schulstube zu verlieren, wenn sie sich um eine Anstellung als Lehrerin bemüht hätte. So ergab sie sich auch ohne Murren in die Trennung, da das junge Paar in der Nachbarschaft blieb und leicht zu erreichen war.
      Wieder an Stina's Geburtstag sollte die Feier, jetzt der Trauung, stattfinden. Das kleine Haus war zwar nicht mit einem Rosenflor geschmückt, wie man ihn in Gardone verschwenderisch über Tisch und Wände gestreut hatte, aber das Gärtchen hatte Alles, was es an Frühlingsblüten ausbringen konnte, zur Zierde der unteren Zimmer hergegeben, und auf der Hochzeitstafel stand in einer herrlichen Krystallvase doch auch ein großer Rosenstrauß, den Wilm's Trauzeuge, ein junger College von der Kieler Universität, zum Feste beigesteuert hatte.
      Der Kreis der Gäste war nur klein, nicht zahlreicher als bei dem Verlobungsessen am Ufer des Gardasees. Aber wenn auch die Herrschaften im Schlößchen droben sich einer Einladung aus guten Gründen entzogen hatten durch eine Reise nach Berlin, und auch der Herr Pastor sich hatte entschuldigen lassen, so wurde das doch reichlich aufgewogen durch das Erscheinen der beiden Brautjungfern, die von weit her kamen, um das Hochzeitsfest durch ihre Gegenwart zu verherrlichen: die beiden »Malweibchen« Otti und Hilde.
      Sie hatten die Gelegenheit, einmal nordische Menschen und Gegenden kennen zu lernen, gern ergriffen, das Reisegeld eilig durch ein paar »Kitsch«-Bildchen ermalt und die Einladung der Brautmutter angenommen, während der ersten Wochen nach der Abreise des jungen Paars in ihrem Häuschen Gastfreundschaft zu genießen. Es sei hier die beste Gelegenheit, Strand- und Seestudien zu machen, und auch an einigen edlen Exemplaren der holsteinischen Race werde es für das schönheitsdurstige Auge Fräulein Hilde's nicht fehlen.
      So waren sie denn ein paar Tage vor der Hochzeit angekommen und hatten neben ihrem mäßigen Reisegepäck eine große Kiste mitgebracht, aus der sie ihre Brautgeschenke auspackten, zwei ziemlich umfangreiche Gemälde, die über den Sommer entstanden waren. Das eine, von Hilde's Hand, stellte den Cvpressenhain um den runden Wiesenplan dar, aber nicht in der düsteren Beleuchtung wie an jenem Sturmtage, sondern unter einem echt südlichen, tiefblauen Himmel. Unten im Vordergrunde sah man eine reizende Gruppe in der feierlichen Haltung des Brautpaars auf Raffael's Sposalizio, nur freilich nicht in so idealen Gewändern wie dort, doch immerhin festlich geschmückt, zur Linken Doctor Wilm, ein Sträußchen von Rosen und Myrten im Knopfloch, ihm gegenüber Jungfrau Stina mit Myrtenkranz und Schleier, sehr holdselig und von Glück strahlend, zwischen ihnen aber statt des Bischofs, der auf Raffael's Bild die Hände des Joseph und der Maria zusammengiebt, einen ehrwürdigen Alten mit dem mildesten Heiligengesicht und einem breiten Goldschein ums Haupt, an dessen Rand winzig klein aber lesbar genug San Vigilio geschrieben stand.
      Fräulein Otti's Bild stellte ein sehr sorgfältig ausgeführtes Stillleben dar: auf einem weißgedeckten Tischchen eine flache Schüssel, in der ein paar Stücke Thunfisch in Öl schwammen, ein Teller mit Salami, ein anderer mit Maccaroni, dazwischen schmale Scheibchen Polenta und in der Mitte ein strohbauchiges Fiasco mit rothem Wein.
      Diese ländlich-sittliche Tafel war aber mit den schönsten Blumen geziert, und an der Wand dahinter sah man einige Skizzen angeheftet, den Lockenkopf des kleinen Agostino, Landschaftsstudien und rechts und links die Porträts der beiden Freundinnen. Bei dem ihren hatte Otti ihrem Hang zum Karikiren reichlich die Zügel schießen lassen.
      Wie großen Jubel diese Bilder erregten und ein Wiederaufleben aller großen und kleinen Erinnerungen veranlaßten, kann man leicht denken, und es zeigte sich wieder einmal, daß nur ein paar Tage, unter denkwürdigen Umständen verlebt, hinreichen, um eine Freundschaft zu knüpfen, die Jahre überdauert.
      Zuletzt sollten diese fremden Brautjungfern dem jungen Paar noch einen besonderen Freundschaftsdienst leisten.
      Die Hochzeitsgesellschaft war in zwei Kutschen nach der Hauptkirche gefahren, wo unter großem Zulauf des ganzen Städtchens die Trauung stattfinden sollte. Um sich nicht durch die Menge drängen zu müssen, die das weite Schiff Kopf an Kopf gefüllt hatte, war man vor der Thür der Sacristei ausgestiegen und trat durch diese ein, wo Pastor Elias Brodersen schon im Ornat wartete.
      Er hatte keine so milde, gütige Miene, wie der heilige Vigilius, sondern da er immer noch das Scheitern seiner Ehevermittlung nicht ganz verschmerzt hatte, sah er die Braut mit einem strengen Blick wie ein unnachsichtiger Richter an und fragte, da sie ihm gegenüberstehend die Augen züchtig niederschlug, indem er auf das Myrtenkrönlein in ihrem braunen Haar deutete: Kannst du, meine Tochter, mit gutem Gewissen versichern, daß du würdig bist, diesen hochzeitlichen Schmuck vor dem Altare des Herrn zu tragen?
      Auf diese eifernden Worte entstand ein paar Minuten lang eine so tödtliche Stille in dem kleinen Raum, daß die betroffenen Hochzeiter ihre Herzen pochen hörten. Eben wollte der Bräutigam die Lippen zu einer scharfen Erwiderung öffnen, da trat Fräulein Otti unerschrocken vor und sagte, dem Pastor gerade ins Gesicht blickend: Verzeihen's, Hochwürden, diese Frage hätten's nicht zu stellen brauchen. Da Sie, wie uns Stina gesagt hat, die Braut getauft und eingesegnet haben, hätten's wissen können, daß kein Engel so rein ist, wie dieses liebe Mädel. Wenn Sie aber denken sollten, es sei damals, als sie ein paar Tage auf der Punta di San Vigilio mit ihrem Liebsten durch den Sturm gefangen gehalten wurde, nicht ganz ehrbar zugegangen, so können wir, meine Freundin und ich, Zeugniß für sie ablegen. Denn in all der Zeit sind wir ihr nicht von der Seite gewichen, und es hat uns selbst gewundert, daß die zwei verliebten Leuteln sich nicht ein einziges Mal auch nur ein Busserl gegeben haben!
      In diesem Augenblick öffnete der Küster die Pforte, die ins Innere der Kirche führte, die Orgel drinnen stimmte den Choral an, und der Brautzug, den etwas verdutzten Pastor an der Spitze, setzte sich ohne weiteren Aufenthalt in Bewegung.
    



      Entsagende Liebe
      (1901)
       
      Der December war sehr sonnig und mild. In den Gärten blühten noch Rosen, die gesunden Wintergäste stiegen fleißig in den Bergen herum bis zur Madonna della Neve und dem Gipfel des Pizzocolo, die Kranken wandelten oder saßen Stunden lang auf der Kurpromenade, dem sogenannten Viale, der, über der Landstraße erhöht, von Gardone aus bis nach Fasano hinläuft, an der einen Seite durch Gärten und terrassenförmige Olivenhalden begrenzt, auf der anderen durch ziemlich dicht gepflanzte junge Stämmchen immergrüner Gewächse. Niemand wollte noch so recht an den Winter glauben.
      Regelmäßig um die elfte Vormittagsstunde verließen drei hochgewachsene Gestalten das Gartenthor des großen Hôtels und beschritten langsam die um diese Zeit warmbesonnte Promenade. Zwei Herren, zwischen denen eine reizende junge Dame auf den zierlichsten Füßen dahinwandelte, anfangs mit elastischer Lebhaftigkeit, bald genug so sichtbar ermattet, daß sie auf der nächsten Bank Rast halten mußte. Die Herren, die sie begleiteten, verhielten sich dann verschieden. Der ältere, ein stattlicher Mann, der die Vierzig nicht weit hinter sich haben konnte, ließ sich neben ihr nieder. Der jüngere, ein sehr elegant gekleideter, auffallend hübscher junger Herr, dem die Blässe des Gesichts gleichwohl nicht den Anstrich eines Kranken gab, blieb vor dem sitzenden Paare stehen, spielte mit seinem Stock, der aus einer Weinrebe mit silbernem Griff gearbeitet war, und plauderte, offenbar in der besten Laune, weiter, da er sehen konnte, daß die junge Frau sehr dankbar für die Bemühung war, mit seinen Scherzen ihr über die Empfindung der versagenden Kraft hinwegzuhelfen.
      Sie erhob sich dann wieder, den Spaziergang fortzusetzen, wobei sie ihren Arm nicht unter den des älteren Herrn schob, sondern sich nur leicht mit der behandschuhten kleinen Hand auf ihn stützte, mit der anderen auf ihren zierlichen Spazierstock. Der jüngere Herr blieb an ihrer rechten Seite und fuhr fort, lebhaft in sie hineinzureden, während der ältere in ernsten Gedanken stumm vor sich hin sah.
      So oft ich dieser Gruppe begegnete, was fast täglich geschah, fesselte mich immer von Neuem das Gesicht der jungen Dame, nicht sowohl durch eine ungewöhnliche Schönheit der Züge, als durch einen seltsamen Gegensatz zwischen dem Ausdruck des Mundes und den Augen. Diese waren das Schönste in dem blassen Leidensgesichtchen, groß und tief saphirblau, lang bewimpert mit braungoldenen Härchen, das Weiß noch von kinderhafter Bläue. Aber sie hatten einen so eigen starren, langen, ins Weite gerichteten Blick, als suchten sie beständig irgend etwas im Weiten, das sie nicht zu entdecken vermöchten. Über dieser vergeblichen Mühe wurden sie so traurig, daß sie in Thränen überzufließen drohten, wozu es jedoch niemals kam. Denn im vollen Widerspruch zu ihnen war der rothe Mund mit den zart geschwungenen Lippen beständig zum Lachen oder Lächeln halb geöffnet, und zwar, wie mir scheinen wollte, nicht in einer künstlich erheuchelten Grimasse, sondern so aufrichtig zur Heiterkeit aufgelegt, wie es ohne die Krankheit das gute Recht dieser dreiundzwanzig Jahre gewesen wäre.
      Man war auch sonst geneigt, dem lachenden Munde Recht zu geben gegen die schwermüthigen Augen. Denn wer die reizende Gestalt, in die pelzverbrämte, eng anschließende Sammetjacke geschmiegt, auf dem reichen braunen Haar ein kokettes Pelzmützchen, darunter das vom frischen Hauch der Sonne geröthete liebliche Gesicht nur flüchtig betrachtete, konnte sich nicht vorstellen, daß dieser jungen Menschenblüte kein langer Sommer und milder Winter beschieden sein sollte. Und sie hatte einen so warmen Klang in der Stimme, ein so morgenhelles Lachen – vergebens wurde sie von ihrem älteren Begleiter daran erinnert, daß der Arzt ihr das Sprechen im Gehen verboten hatte – klang das nicht Alles nach übersprudelnder Lebenslust und Lebenskraft? Bis sie dann auf einmal nach einem kurzen, trockenen Hüsteln jäh verstummte, ihr Battisttüchlein an die Lippen drückte und still stand. Die traurig-klugen Augen behielten doch wieder Recht gegen den lachlustigen Mund.
      Von einem alten, weißhaarigen Herrn, den ich zuweilen in ihrer Gesellschaft gesehen hatte, erfuhr ich, was es mit diesen drei Unzertrennlichen für eine Bewandtniß hätte. Ich hatte seine Bekanntschaft auf einem Spaziergang über einen der herrlichen Höhenwege gemacht, und unsere gemeinsame Bewunderung des Ausblicks über den schimmernden See zu den frisch bereiften Berggipfeln hinüber hatte uns die Zungen gelös't.
      Er war Arzt, hatte eines leichten, aber hartnäckigen Halsleidens wegen seine Praxis aufgeben und für den Winter in ein milderes Klima flüchten müssen.
      Für mich ist es milde genug, sagte er, und an mir altem Knorren ist ja auch nichts mehr zu schonen oder zu retten. Zum Blühen brächte ich's auch in den Tropen nicht mehr. Aber diese liebe junge Frau – ich war nicht eigentlich ihr Hausarzt, da nach ihrer Verheirathung ihre zärtliche Mutter darauf bestand, ihr eigener langjähriger Arzt müsse das Töchterchen behandeln. Der Mann aber, dessen Familie ich seit dreißig Jahren berathen hatte, gab mir darum nicht den Abschied. Und wenn ich auch meinem Collegen die Sorge für die junge Hausfrau überlassen mußte, ich erfuhr ja von ihm so viel ich wissen wollte, und die Diagnose war leider auch ohne eigene Auscultation und Percussion unzweifelhaft.
      Sie sei zu früh in die Ehe gekommen, habe ein todtes Kind zur Welt gebracht, dann erst, nach drei, vier Jahren, ein zweites, dessen überkräftiges Leben der Mutter zu viel von ihrem eigenen entzogen habe. Da habe sich eine tiefe Erschöpfung in ihrer Natur eingenistet, seltsame hysterische Zufälle, und auch die Brust sei mit angegriffen worden. Der Mann, der sie mit einer Leidenschaft vergöttere, wie sie seiner sonst nüchternen Natur völlig fremd zu sein scheine, habe nach dem Ausspruch des Arztes darauf bestanden, sie nach Madeira zu bringen, dem einzigen Ort, wo auf eine Abwehr der drohenden Gefahr und eine vollständige Heilung zu rechnen gewesen wäre. Sie aber habe, da sie ihr Kind bei der Mutter hatte zurücklassen müssen, von einer so weiten Trennung nichts wissen wollen und sich nur zu einem Winteraufenthalt in Gardone verstanden. Das sei nun eine halbe Maßregel, für beide Gatten unheilvoll. Der Mann, Stadtrath L**, an Arbeit gewöhnt, Besitzer einer großen Fabrik am Niederrhein, sei hier nicht so weit von Hause entfernt, um nicht doch immer in Versuchung zu gerathen, durch briefliche Anordnung sich an seinem Geschäft und den städtischen Angelegenheiten zu betheiligen, was manche Unzukömmlichkeiten mit sich bringe. Die junge Frau werde beständig aufgeregt durch die Möglichkeit, in vierundzwanzig Stunden ihr Baby zu erreichen, und finde den Aufenthalt hier überdies so eintönig, daß sie trotz der großartigen Natur sich wegwünsche. Da wäre ihr eine Verbannung nach Madeira, wo so viel Fremdes und Neues sie umgeben hätte, eine ganz andere Wohlthat gewesen.
      Was sie einzig noch über die Langeweile der Tage, die sie auf dem Balcon in Decken eingehüllt verdehnen müsse, hinwegbringe, sei die Gesellschaft des »Dritten im Bunde,« eines jungen Architekten, der ihnen ihre schöne, vielbeneidete Villa hoch überm Rhein gebaut habe. Ein sehr liebenswürdiger, gescheidter und heiterer Mensch, durch einen Fall vom Gerüst ziemlich schwer verletzt, so daß ihm nach der Heilung eine wunderliche Nervenschwäche zurückgeblieben sei. Man habe ihm ein ganzes Jahr der tiefsten Ruhe verordnet, um ihn wieder arbeitsfähig werden zu lassen. Und da der Villenbau ihn auch gesellig dem Ehepaar nahe gebracht, sei der Entschluß sehr natürlich gewesen, seine »Strafzeit« an demselben Ort abzubüßen, wo die junge Frau überwintern sollte.
      *
      So viel hatte ich von dem alten Arzt erfahren und betrachtete nun die Drei, wenn ich ihnen begegnete, mit doppeltem Interesse.
      Das sollte aber nicht lange der Fall sein. Bald nach Weihnachten schlug das Wetter um. Schwere Nebel zogen über den »ewig blauen Himmel des Südens«, um den uns die Freunde im Norden beneideten, herauf, und viele Wochen lang sahen wir die Sonne höchstens ein paarmal wie ein schwaches, röthlich glimmendes, verweintes Auge durch die graue Decke des Firmaments blicken.
      Der Viale war verödet, die gesunden Wintergäste pendelten mit hochgezogenem Mantelkragen, nur der Pflicht gehorchend, unter den triefenden Bäumchen auf und ab, und die Optimisten unter ihnen priesen nichtsdestoweniger das Klima von Gardone wegen seiner Windstille. Die Kranken blieben zu Hause, und wer einen guten Ofen hatte, steckte nach und nach ein kleines Vermögen an Olivenholz hinein.
      Zu diesen gehörte natürlich das Ehepaar mit dem jungen Hausfreunde, eine Zeitlang sogar auch mein guter alter Doctor.
      Als ich ihm endlich einmal wieder begegnete, fand ich ihn nicht in der besten Laune.
      Er habe die ganze Zeit mit einer dummen Erkältung das Zimmer hüten müssen und schwer an Langerweile gelitten. Seine Augen ertrügen es nicht, den ganzen Tag zu lesen, und Gesellschaft habe er nur selten gehabt. Denn die Scatpartie mit seinem Freunde, dem Stadtrath, und dem Architekten habe aufgehört. Der Arzt der jungen Frau habe darauf bestanden, da ihr Zustand sich verschlimmerte und der Wirth in der Regel nur Reconvalescenten oder Nervenkranke bei sich aufnähme, daß sie das Hôtel verlassen und in sein Sanatorium übersiedeln müsse, jenes Haus, das unter dem Namen »Villa Primavera« oben in Gardone di sopra liegt und wo er diejenigen seiner Patienten unterbringt, die er in beständiger Aufsicht zu halten wünscht. Das sei im Hôtel nicht möglich, wo er auch die Kost und sonstige Pflege nicht so genau zu überwachen im Stande sei. Oben könne sie die vollständige Ruhe genießen, die nöthig sei, wenn sie genesen solle.
      Da sei sie denn schon Mitte Januar hinaufgebracht worden. Ihr Gatte habe sein Quartier unten behalten, da der Arzt auch die Trennung von ihm wünschenswerth gefunden habe. Doch eine mitgebrachte treue alte Dienerin und eine hier gemiethete Kammerjungfer, eine Schweizerin, blieben droben der Frau zur Seite. Um ihr aber die Weltabgeschiedenheit in diesem Asyl ein wenig erträglicher zu machen, da die Besuche des Gatten nur immer auf kurze halbe Stunden beschränkt bleiben müßten, habe sich auch der Architekt zu dem Opfer entschlossen, ein Zimmerchen droben zu beziehen. Auch ihm war ja verordnet worden, die längsten Stunden des Tages müßig auf einem Ruhebett zuzubringen – wenn die Witterung es irgend zuließ, im Freien, was ja auch für die Schwerkranken gestrenge Vorschrift war.
      Konnte also von heiterem Geplauder nicht viel die Rede sein, so war es für die junge Frau doch ein tröstlicher Gedanke, noch außer der alten Dienerin eine befreundete Seele in der Nähe zu wissen.
      Dennoch, sagte der alte Arzt, bin ich nicht sicher, ob die Gefahr, die in dieser Leidensgenossenschaft liegt, den Vortheil derselben nicht überwiegt. Ich zweifle nicht an dem ehrlichen guten Willen der Beiden, die Temperatur ihres Verhältnisses den geziemenden Grad nicht übersteigen zu lassen. Aber gerade in Fällen hochgradiger Hysterie treten nur allzu oft seltsame Erscheinungen auf, psychische Erregungszustände, die aller psychologischen Weisheit und Voraussicht spotten. Ich selbst habe einmal eine durchaus ehrwürdige Frau nahe an den Fünfzig behandelt, die plötzlich zu ihrer eigenen tiefen Beschämung eine zärtliche Neigung zu ihrem Bedienten fühlte, einem unansehnlichen, ziemlich stupiden Menschen, dessen Gestalt sich aber ihrer Phantasie dermaßen bemächtigte, daß sie sich nur durch seine Entlassung zu retten wußte.
      Ich habe, fuhr er fort, dem Manne Andeutungen gemacht; er legte aber kein Gewicht darauf, obwohl er sonst von Eifersucht nicht ganz frei ist. Und dann, sagte er, was wollen Sie, lieber Freund, daß ich thun soll? 
      Ellen hat den Vorschlag unseres jungen Freundes so sichtlich erfreut angenommen – würden Sie den Muth haben, ihr die Freude wieder zu verderben?
      Nein, den Muth hatte ich allerdings nicht. Und dann glaube ich auch den Charakter Veit's genug zu kennen, um zu wissen, daß er keiner niedrigen Handlung fähig ist gegen einen Mann, dem er so viel Dank schuldet. Er hat ja schon bei seinen Studien allerhand Unterstützung von ihm genossen. Nur eine gewisse Aufregung fürchte ich für die junge Frau, wenn sie sich da oben, vom Leben der Tageswelt abgeschieden, gleichsam in einem moralischen Zwielicht befinden wird, wo alle möglichen Phantasmen Macht über sie gewinnen können.
      *
      Mir selbst, mit meiner Novellistenphantasie, schien die Sache nicht ganz geheuer.
      Ich bekam aber einen ganz anderen, beruhigenden Eindruck, als ich an einem der milden Sonnentage, die der Februar brachte, durch den Garten der Villa Primavera schlenderte und zwischen den schönen Palmen, Magnolien und seltenen Coniferen langsam bis zur Höhe des Hauses selbst hinaufstieg.
      Hie und da auf den Wiesen fand ich schon Crocus, Veilchen und Immergrün, die Büsche waren voll dicker Knospen, die letzten Oliven wurden den hohen Bäumen von den Zweigen gestreift. Und was an Vögeln nicht der unsinnigen Jagdlust dieser Südländer zum Opfer gefallen war, sang hoffnungsvoll dem Frühling entgegen.
      Ganz oben aber, auf dem Kiesplatz vor dem Hause, der jetzt von warmem Licht überflutet war, traf ich sechs oder sieben blasse, in Decken gewickelte Patienten, die, lang ausgestreckt auf ihren Ruhebetten, keiner anderen Beschäftigung oblagen, als die köstlich reine, staubfreie, mild durchsonnte Luft einzuathmen.
      Unter ihnen erkannte ich sofort das junge Paar, das meine Theilnahme gewonnen hatte, das Gesicht der Frau nur noch ein wenig zarter und durchsichtiger als früher. Ein großer chinesischer Sonnenschirm war hinter ihr befestigt, dessen rothe Blumen in der Sonne leuchteten. Der zarte Schatten fiel über ihr halbes Gesicht, das eigenthümlich reizvoll erschien, Mund und Augen nur halb geöffnet, aber mit einem süßen, fast schelmischen Ausdruck, bei dem ein Grübchen auf der einen Wange hervortrat. Ein kostbarer brauner Pelz bedeckte sie von den Hüften bis über die Füße, der Oberkörper war in eine weiche türkische Decke gewickelt, über die ihr reiches braunes Haar aufgelös't herabhing, ein seidenes, golddurchwirktes Tuch um den Kopf geschlungen. So lag sie, die Hände fest unter der Pelzhülle, wie eine Prinzessin aus Tausend und Einer Nacht, regungslos. Etwa zwei Meter weit von ihr getrennt hatte sich der junge Leidensgefährte sein Lager bereitet, ebenfalls gegen die Frühlingsschauer wohl verwahrt. Er aber, da er weniger empfindlich und nicht wie sie zur äußersten Schonung verpflichtet war, hielt in den freien Händen ein Zeitungsblatt, die Nummer irgend eines illustrirten Witzblattes, aus dem er seiner Nachbarin vorzulesen schien, wenn er etwas Lustiges fand. Ich hörte, da ich langsam vorüberging, ohne daß die Beiden mich beachteten, nur einmal das wohlbekannte helle Kinderlachen der jungen Frau. Die Gruppe sah, im Gegensatz zu den Anderen, die hier ihre stillen Luftexercitien fortsetzten, so heiter und liebenswürdig aus, daß Niemand in dieser nachbarlichen Munterkeit nur einen Hauch von leidenschaftlicher Empfindung wittern konnte.
      Als ich dann durch die Hofthür hinausging, sah ich auf dem schmalen Sträßchen, das von unten neben der hohen Gartenmauer heraufführt, meinen alten Doctor daherkommen, Arm in Arm mit dem Stadtrath. Ich blieb stehen, die Herren zu begrüßen, der Doctor stellte uns einander vor und sagte, sie wollten eben der jungen Frau ihren Morgenbesuch machen. Nachmittags komme der Gemahl allein, immer nur auf eine halbe Stunde.
      Der Mann hatte sich stumm verneigt. Er schien nicht begierig nach einer längeren Unterhaltung. Wie ich ihn jetzt, nachdem ich ihm eine Weile nicht begegnet war, genauer betrachtete, erschien er mir selbst wie ein Kranker, das wohlgebildete, männliche Gesicht mit dem kleinen Backenbart grauer und hagerer, die ernsten Augen tiefer in ihren Höhlen. Er trug einen kleinen Strauß von Veilchen und Cyclamen, aus einem Treibhause oder dem Nizzaer Blumenmarkt stammend, in ein Seidenpapier gehüllt in der Linken. Auf meine Bemerkung, ich hätte im Vorbeigehen seine Gattin gesehen und mich ihres guten Aussehens und heiteren Lachens gefreut; sie habe mich an eine junge Frau in München erinnert, die in Davos auch durch eine solche Luft- und Sonnenkur vollständig wieder hergestellt worden sei, – zuckte er nur mit den Achseln und sagte, indem er sich zum Abschied wieder verneigte: Wir wollen's hoffen!
      Dann betraten sie den Hof, und ich setzte meinen Weg auf der Höhe von Gardone fort, auf dem sogenannten Lorbeerweg, der sich an die letzten Häuser anschließt.
      Ich gelangte auf ihm nach wenigen hundert Schritten zu der schmalen Cypressenallee, hinter der das Friedhofsthor sich aufthut. Durch das verschlossene Gitter blickte die Grabkapelle an der Wand gegenüber und die kahlen, von keinem Grün umschatteten weißen Denksteine und kleinen Obelisken auf den Weg herab. Und draußen war es so warm und freundlich. An allen Hecken sprossen die kleinen Frühlingsblüten hervor, in den Reben- und Olivengärten zur Linken wurde fleißig gearbeitet, und die Luft war erfüllt mit dem kräftigen, aromatisch süßen Geruch der Lorbeerbäume, deren blanke Blätter sich still in der reinen Sonnenluft wiegten.
      Ich war nicht weit gegangen, so hörte ich Schritte hinter mir; mein alter Doctor holte mich ein, mit einem bekümmerten Ausdruck in dem guten, klugen Gesicht.
      Ob er die Kranke beunruhigender gefunden, fragte ich ihn.
      Er schüttelte den Kopf, indem er sich auf einer Bank am Wege niederließ und mit einer Handbewegung mich einlud, neben ihm Platz zu nehmen.
      Über das Schicksal der armen Frau, sagte er, habe ich mich längst resignirt, obwohl der Arzt noch Hoffnung macht und den Zustand der Lunge nicht einmal für so verhängnißvoll hält, wenn keine neuen Complicationen hinzukommen. Aber seltsam, so ein alter Praktikus ich bin und an den Anblick menschlicher Hülflosigkeit in Kliniken und Lazarethen gewöhnt, – dieses Bild junger, blasser Menschen, die so hoffnungsvoll in der Sonne liegen, erschüttert mich jedesmal von Neuem. In dem Halbtraum, der sie da nach und nach überschleicht, vergessen sie, wie ernst es meistentheils mit ihnen steht, Viele werden ganz aufgeräumt, – Frau Ellen haben Sie ja selbst lachen hören über die dürftigen Späße der »Fliegenden Blätter«, die ihr Nachbar ihr vorlas. Und sie thut gut zu lachen. 
      Il riso fa buon sangue, sagen die Italiener. Manch Einer lacht sich auch vielleicht gesund, und ich kenne selbst Einige unter ihnen, die aus dieser »Frühlingsvilla« hoffen dürfen in einen heiteren Lebenssommer zurückzukehren. Für Andere aber ist's wie ein Wartesaal auf der letzten Station ihrer Fahrt ins Jenseits. Mit solchen Gedanken kommt auch mein Freund hier herauf. Auch die Blumen, die er täglich seiner Frau auf den Schooß legt, haben so einen Abschiedsgeruch, und es kostet ihn eine ungeheure Anstrengung, sich's nicht merken zu lassen.
      Ich bemerkte, wie verändert ich ihn gefunden hätte.
      Kein Wunder, bei diesem Leben! Er ist an scharfe Thätigkeit gewöhnt. Eigentlich dachte er nicht daran, die Fabrik seines Vaters einmal zu übernehmen, er studirte Jus, und sein Ehrgeiz ging auf eine Docentenlaufbahn. Dann starb der Papa, die Verhältnisse erwiesen sich sehr verworren, der Fortbestand der Fabrik durch die große Schuldenlast bedroht. Da setzte er seine ganze Kraft und sein strammes Pflichtbewußtsein an die Sanirung und Hebung des väterlichen Werks und brachte es auch in zehn harten Jahren glorreich zu Stande. Er hatte bei seinen Mitbürgern so großen Einfluß und so hohe Achtung gewonnen, daß sie ihn zum Stadtrath wählten, wozu ihn auch seine juristischen Kenntnisse befähigten. Gegönnt hat er sich in der ganzen Zeit weder eine Erholung noch ein Vergnügen. Erst als er mit seinem Vorsatz durch war – jetzt kein Jüngling mehr –, fiel ihm ein, daß der Arbeiter wohl auch seines Lohnes werth sei. Da begegnete ihm das reizende junge Mädchen, die erste Leidenschaft seines Lebens, und nun ruhte er nicht, bis er sie sich errungen hatte, nicht ganz glatt und leicht. Denn er verstand nicht, den schmachtenden Liebhaber zu machen, er hatte als Student über seine Bücher nicht viel hinausgeblickt, als Fabrikherr Tag und Nacht andere Sorgen gehabt.
      Und nun werden Sie begreifen, wie ihm zu Muth ist: von der Frau, über deren Verhängniß er trotz aller tröstlichen Versicherungen des Arztes und der Tage, in denen das Leiden stillsteht, sich keine Illusionen macht, bis auf die kurzen zwei Besuche getrennt, ohne Arbeit im Hôtel seine Stunden verbrütend oder auf weiten Kletterwegen seine Glieder ermüdend. Zerstreuungen, Unterhaltungen, und wär's nur durch eine obligate Kurmusik, die mir übrigens ein Greuel ist, giebt es ja nicht in diesem jungen »klimatischen Kurort«, der weder von der Commune noch von der Provinz irgendwie in seinem Aufstreben unterstützt wird; als ob man alles Weitere, was an anderen Orten für leidende Wintergäste geschieht, getrost der Mutter Natur und dem Vater Monte Baldo überlassen könnte! Dazu täglich mit anzusehen, daß sie selbst nichts zu vermissen scheint, ihn am wenigsten, aber nicht einmal ihr Kind, wenn sie nur den jungen Freund neben sich hat und über seine oft sehr billigen Witze lachen kann.
      Also doch – Eifersucht?
      Nein, aber Neid, brennender Neid auf die Gaben, die ihm selbst fehlen, und die Jener besitzt: leichter Sinn, Sorglosigkeit und das Talent, die Langeweile zu vertreiben. Und dabei sieht er ein, daß er mit dem besten Willen nichts daran ändern kann, und vermag sich doch nicht zu entschließen, was ich ihm so oft dringend angerathen, fortzugehen und an seiner Selbsterhaltung zu arbeiten. Die Nähe dieser Frau, die ihn peinigt, hält ihn doch fest wie mit magischen Banden. Wenn das so fortgeht, fürchte ich, zugleich mit ihrem Lebensfaden reißt auch der seine.
      *
      Wenige Tage nach diesem Gespräch sah ich eines Nachmittags, als ich an dem großen Hôtel vorbeiging, ein Wägelchen vor dem Eingang halten, auf das eben ein Reisekoffer und eine Plaidtasche gehoben worden war. Aus dem Portal trat der Stadtrath im Reisemantel, hinter ihm der alte Doctor, der ihm bis zum Wagen das Geleit gab, noch einige Aufträge entgegenzunehmen schien und sich dann mit einem herzlichen Händedruck verabschiedete.
      Auch gegen mich lüftete der Scheidende im Davonrollen den Hut und winkte mir mit ernstem Gesicht einen höflichen Abschiedsgruß zu.
      Gottlob, daß wir so weit sind! sagte der Doctor, zu dem ich herangetreten war. Zuweilen habe ich gedacht, er würde mir hier unter den Händen ersticken, an einem psychischen oder moralischen Luftmangel. Da kam gestern ein Brief von seinem Geschäftsführer; in einer der Werkstätten war Feuer ausgebrochen, kein beträchtlicher Schaden, immerhin schien es nothwendig, daß der Fabrikherr selbst nach dem Rechten sähe. Er will höchstens acht Tage wegbleiben, täglich soll ich ihm ein Telegramm schicken, wie es oben in Villa Primavera steht, – nun, wenn er sich wirklich nicht länger fernhalten läßt, so muß man schon für dieses kurze Aufathmen in der Luft, die ihm zuträglich ist, dankbar sein.
      Das Schmerzlichste war für ihn, daß die Frau ihn Abschied nehmen sah, wie wenn er nur einen Ausflug von vierundzwanzig Stunden vorhätte. Und ob er ihre Mutter und das Kind grüßen solle, hat er sie erst fragen müssen. Dabei ist sie keine unzärtliche Natur. Aber man weiß ja, wie jede chronische Krankheit die Menschen egoistisch und gleichgültig macht gegen Alles, was sich nicht auf ihren Zustand bezieht. – –
      *
      Hierauf verging eine Woche, in der ich den Doctor nicht mehr sah.
      Als er mir endlich wieder einmal begegnete, war es nahe bei meinem Hause. Er habe eben zu mir gewollt, Abschied von mir zu nehmen. Eine nahe Verwandte, die er in guter Gesundheit verlassen, sei plötzlich erkrankt, es lasse ihm keine Ruhe, sich persönlich von ihrem Zustande zu überzeugen, zumal er selbst sich ja als genesen betrachten könne.
      Wie es der jungen Frau droben gehe, und ob ihr Mann schon zurückgekehrt sei?
      Er wich mit einem seltsamen Ausdruck verlegener Traurigkeit meinen Blicken aus.
      Das Verderben droben in der Villa Primavera geht seinen Gang. Der Mann ist gottlob noch nicht zurückgekehrt, hat ihr aber täglich geschrieben. Was ist dabei zu thun oder nur zu wünschen? Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes – und wie es dann weiter heißt. Wer lange lebt, erlebt viel und überlebt Viele. Ich wünsche Ihnen wohl zu leben. Adieu!
      Dabei ging er, und ich räthselte an seinen wunderlichen Worten herum, in die ich keinen rechten Sinn bringen konnte.
      Dann aber kam er mir aus den Gedanken, er und die Anderen, an deren Schicksal ich durch seine Mittheilungen Antheil genommen hatte. Bis ich viele Wochen später wieder an sie erinnert wurde.
      Es war Frühling geworden, ein richtiger südlicher Frühling, der es an Wärme manchem deutschen Sommer zuvorthut. Meine Tage in Gardone waren gezählt. Ich benutzte die letzten, vorm Abschied mich noch so recht am Zauber dieser Gegenden zu weiden. Der See blaute immer fabelhafter, die Lorbeeren hatten ihr weniges abgestorbenes braunes Winterlaub abgeworfen und schienen sich von Kopf bis Fuß neu begrünt zu haben, auf den Wiesen unter den Reben und Oliven sprossen alle Blumen hervor, die bei uns erst der Mai bringt, obwohl hier erst April war.
      Ich war von dem kleinen Nest Morgnaga herübergekommen, das mit seiner Kirche und den weißen Häusern so malerisch über dem tiefen, mit Ölbäumen bewaldeten Thälchen liegt, und schlenderte auf dem Lorbeerwege Gardone zu. Als ich zu der Cypressenallee gelangte, die zum Friedhof hinanführt, sah ich vom Ort her einen Leichenzug mir entgegenkommen und das Friedhofsgitter weit offen stehen, um ihn einzulassen. Nach der Sitte des Landes trugen vier rüstige Männer in ihren Alltagskleidern eine schmucklose Bahre, auf der der Sarg ruhte, mit einem schwarzen Bahrtuch überdeckt, von dem aber nur die Zipfel zu sehen waren, da eine verschwenderische Fülle von Blumen und Palmen darüber ausgebreitet war.
      Ich war stehn geblieben, den Trauerzug an mir vorbeizulassen. Da sah ich, als die Träger in den Cypressenweg einbogen, zunächst hinter ihnen die wohlbekannte Gestalt des Stadtraths, barhaupt, die Stirne tief gesenkt, in der Haltung eines Schlafwandlers. Neben ihm schritt der protestantische Geistliche, der während des Winters hier für die Fremden Gottesdienst hält, hinter diesen Beiden der jüngere Freund, ebenfalls in schwankender Gebärde, beständig in sein Taschentuch hinein weinend, und neben ihm eine tiefschwarz gekleidete dicke alte Frau, offenbar jene treue Dienerin, die der kranken Herrin in ihre letzte Zufluchtsstätte gefolgt war.
      An diese Trauernden schloß sich ein Häuflein Weiber und Kinder aus dem alten Bergnest, ganz ohne Theilnahme, nur von der Neugier gelockt, ein Begräbniß nach ketzerischem Brauch ohne Chorknaben mit Wedel und Weihrauchkessel mit anzusehen.
      Die Herren waren an mir vorbeigegangen, ohne mich zu erkennen. Ich fühlte mich aber gedrungen, dem armen, schönen jungen Leben, das hier zu Grabe getragen wurde, die letzte Ehre zu erweisen, und überschritt als der Letzte des Zuges die Schwelle des Friedhofs.
      Hier besteht nun die Sitte, daß die Särge der Wohlhabenderen nicht in die Erde versenkt, sondern in die Wände des Friedhofs eingemauert werden, in drei Reihen übereinander, jeder dieser viereckigen Schachte durch eine Marmortafel verschlossen, auf welcher Name und Taten zu lesen sind. Nur die Todten der ärmeren Klasse werden in die dürre, steinige Erde gebettet. Der Mangel an Wasser macht die Anlage von Rasen und Gesträuch unmöglich, und die Palmen in Kübeln, die an den weißen Marmorwänden vor einigen Grabstätten stehen, kommen nur dürftig fort.
      Dies kalte Aufspeichern des armen Staubes hatte mich schon in dem berühmten Cimetero von Bologna und anderen italienischen Friedhöfen abgestoßen. In dieser ländlichen Umgebung, wo die Mutter Erde ihre todten Kinder so viel freundlicher wieder in ihren Schooß genommen hätte, schien es mir doppelt unfreundlich, und es überkam mich ordentlich ein Gefühl der Dankbarkeit gegen den verwittweten Mann, als ich sah, daß er sein kurzes Liebesglück den Elementen zurückgeben, den Sarg in die Erde versenken wollte.
      Es ging sonst nicht allzu feierlich dabei zu. Der Geistliche, der wohl schon im Hause die Leiche eingesegnet hatte, sprach nur ein kurzes Gebet; ich beobachtete dabei das Gesicht des verwittweten Mannes, auf dem kein weicher Schmerzenszug, nur ein fast steinerner und verbissener Gram zu entdecken war, während dem jungen Architekten die Thränen unaufhaltsam über das todtenblasse Gesicht liefen und die alte Dienerin herzbrechend aufschluchzte.
      Dann aber, als der Gatte die drei Schaufeln Erde auf den Sarg geworfen hatte und den Spaten nun dem jungen Freunde reichte, sah ich, wie dieser, statt nach dem hölzernen Griff, nach der Hand des Älteren haschte, sich mit dem Gesicht, um sie zu küssen, tief auf sie herabbeugte und plötzlich taumelnd in den Schutt vor ihm auf die Kniee sank.
      Einen Augenblick sah der Andere auf ihn herab, mit einem Ausdruck, der fast etwas Feindliches hatte. Dann aber sah ich, wie sein Gesicht sich zum Weinen verzog. Mit einer lebhaften Gebärde hob er den Hingesunkenen auf, umschlang ihn mit beiden Armen und suchte nun das Schluchzen, das gewaltsam hervorbrach, an seinem Halse zu ersticken.
      Alle, selbst die ganz gleichgültigen alten Weiber, fühlten eine seltsame Erschütterung bei diesem Anblick. Sie machten auch ehrerbietig Platz, als die beiden Männer Hand in Hand den Todtenbezirk verließen. Ich selbst hätte gern wenigstens mit einem stummen Händedruck meinen Antheil ausgesprochen. Ich fühlte aber, daß diese beiden Trauernden keinem Anderen einen Theil an ihrem Schmerz gönnen würden.
      *
      Keinem von Beiden begegnete ich dann wieder; sie waren wohl bald nach der letzten traurigen Scene in ihre Heimath zurückgekehrt. Von der armen Hingeschiedenen erfuhr ich, daß eine Lungenentzündung hinzugetreten war und sie von ihren Leiden erlös't hatte.
      Mich selbst litt die rasch wachsende Sommerglut nicht mehr lange in meinem Winterquartier, zumal um Mitte Mai fast alle Fremden sich wieder nach Norden ziehen, die Hôtels geschlossen werden und nur die Eingeborenen zurückbleiben, die wohl auch klagen, daß die drei Hochsommermonate ein 
      inferno seien, aber ebenso sich darein ergeben, jetzt »zur Kohle zu verglühen«, wie sie im Winter in ihren ungeheizten steinernen Höhlen alles Zähneklappern des Frostes ertragen.
      Der Herbst aber führte mich wieder zu den Palmen und Agaven meines Gärtchens am Seeufer zurück. Und manche von den Kurgästen, die im vorigen Winter am hitzigsten auf das schwankende Klima dieser Winterstation geschimpft und dies und das vermißt hatten, was anderwärts den Aufenthalt behaglicher mache, fanden sich doch wieder ein und schlenderten so widerwillig-ergeben, wie gefangene Raubthiere in ihrem Käfich den Viale hinauf und hinunter, nun immer wieder von Neuem durch den herrlichen Ausblick auf die purpurne Seeflut und das Silberhaupt des Monte Baldo mit ihrem Schicksal ausgesöhnt.
      Also wunderte ich mich gar nicht, an einem milden Novembertage auch meinem alten Doctor wieder zu begegnen, obwohl er sich selbst beim Scheiden für genesen erklärt hatte.
      Er sei auch nicht wieder seiner Gesundheit wegen hier, sagte er, noch auch zu seinem Vergnügen, und habe auf der Weiterreise nach Rom nur einige Tage hier Station machen wollen. Die Mutter der armen jungen Frau Ellen habe ihn darum gebeten, nachzusehen, ob das einfache Grabmal, das sie der Tochter habe setzen lassen, so ausgefallen sei, wie sie angeordnet habe, und einen Kranz darauf niederzulegen. Das sei nun schon besorgt, und am nächsten Tage werde er seine Reise fortsetzen. Er habe vorgehabt, mir noch vorher guten Tag zu sagen.
      Wie haben Sie es zu Hause verlassen? fragte ich. Wie geht es dem Manne und dem jungen Kinde?
      So gut sich's Menschen nur wünschen können, versetzte er mit einem stillen, bitteren Ton. Den Mann hat bald nach seiner Heimkehr ein Nervenfieber hingerafft. Er war so thöricht, daß er die Wunde nicht wollte ausbluten lasten, hemmte den Schmerz gewaltsam zurück und stürzte sich kopfüber in Arbeit. Dabei war seine sonst so robuste Kraft heimlich aufgezehrt durch die lange Zeit der Angst und Sorge, – da mußte sie zusammenbrechen. Das Kind war gescheidt genug, einzusehen, daß es ohne seine Eltern sich nur kümmerlich in der Welt durchschlagen würde, und zog es vor, ihnen nachzueilen. Nun sind alle Drei wohl aufgehoben, »sicher beigepackt«, wie Hamlet sagt.
      Und – der junge »Dritte im Bunde«?
      Sie meinen den Herrn Baumeister? Nun, der hat von Allen die gesundesten Nerven. Ein älterer Bruder von ihm, auch ein Architekt und Ingenieur, hat drüben in Amerika große Aufträge, Brückenbauten, Millionärpaläste, – was weiß ich. Da hat er ihn als seinen Assistenten zu sich gerufen, und der junge Herr ist schon seit einigen Monaten in New York. Es heißt sogar, er sei schon halb und halb verlobt mit irgend einer Gründertochter. Gewisse Leute sind wie Kork und schwimmen, so tief das Schicksal sie auch untertaucht, immer gleich wieder oben.
      O, sagt' ich, Verehrtester, Sie sind, wie ich sehe, dem jungen Manne noch immer nicht grün, immer noch wegen des alten Verdachts. Aber wenn der Gatte selbst ihn absolviert hat –
      Und nun erzählte ich dem Doctor die Scene am offenen Grabe die ich miterlebt hatte.
      Er hörte mir mit seinem klugen, feinen Ernst ruhig zu. Ja ja, sagte er endlich, daran erkenn' ich meinen alten Freund. Es war das nur die Fortsetzung von Allem, was er vorher schon für diese Frau gethan hatte, jetzt sogar bis über das Grab hinaus. Heute brauche ich ja kein Geheimniß mehr daraus zu machen, die Betheiligten sind todt oder jenseits des großen Wassers, und keine Indiscretion kann ihnen mehr wehe thun. Also lassen Sie sich sagen –
      Nämlich in der Nacht nach dem Tage, wo mein Freund abgereis't war – Sie kamen ja selbst dazu, als ich ihn zu seinem Wagen begleitete, und vielleicht entsinnen Sie sich, er mußte wegen eines Brandes in der Fabrik nach Hause, wollte aber in acht Tagen zurück sein – länger glaubte er die Trennung von seiner angebeteten Frau nicht aushalten zu können –, nun, wie gesagt, ich war froh, daß er wenigstens eine Woche lang eine Luftveränderung genoß, und hier war er ja überflüssig. In der Villa Primavera wurde er nicht vermißt, ganz im Gegentheil.
      Also ich gehe mit einer großen Erleichterung seinetwegen – ich hatte ihn wirklich lieb wie einen jüngeren Bruder – an jenem Abend zu Bett und denke noch vorm Einschlafen: jetzt ist er schon weit über Mailand hinaus. Denn er wollte die Nacht durch fahren, um keine Zeit zu verlieren.
      Ich hatte aber kaum ein paar Stunden geschlafen, da fuhr ich im Bette auf, weil leise an meine Thür gepocht wird. Wer ist da? rufe ich. – Machen Sie auf, Doctor! Ich bin's. – Ich erkenne sogleich seine Stimme und denke, ich träume nur von ihm, bleibe also noch liegen. Was sollte ihn selbst hier zurückgeführt haben? Wie es aber wieder klopft, spring' ich denn doch aus dem Bette und öffne die Thür. Im Corridor brannte noch ein Lämpchen, ich sah, er war's wirklich, schob sich hastig durch die Thür und zog sie hinter sich zu. Guten Abend, Doctor! Verzeihen Sie, daß ich Sie aufwecken mußte. Ein Doctor ist's ja sonst gewohnt. Aber Sie prakticieren freilich nicht mehr.
      Seine Stimme klang ganz verwandelt, heiser und wie von einem Betrunkenen. Ich drehte sogleich den elektrischen Knopf. Als es hell wurde, sah ich, daß auch sein Gesicht völlig verändert war, aschfarben, der Mund verzerrt, die Augen flackerten hin und her.
      Was haben Sie? rief ich erschrocken. Sind Sie plötzlich erkrankt? Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen.
      Nein, nein, wehrte er heftig ab, ich bin gesund wie ein Fisch, nur etwas erschöpft von dem Nachtspaziergang und – etwas Anderem. Geben Sie mir ein Glas Wasser, – die Zunge steckt mir wie ein dürres Stück Holz im Munde.
      Ich gab es ihm, er stürzte es auf einen Zug hinunter und ließ sich dann auf den Divan fallen, indem er tief aufathmete.
      Verzeihen Sie nur die Störung, sagte er – er war immer sehr rücksichtsvoll – aber wahrhaftig, es ging nicht anders, und einen anderen Freund habe ich ja nicht in der Nähe. O Gott, Gott! Giebt es überhaupt Freunde? Nein, 
      Sie sind mir immer aufrichtig zugethan gewesen, da müssen Sie's nun leiden. Dann schwieg er und ließ den Kopf tief auf die Brust sinken. Er sah aus, wie ein völlig gebrochener Mann.
      Daß Sie auf meine Freundschaft rechnen können, brauche ich nicht zu versichern, sagte ich. Aber ich verstehe ja noch immer nicht, – was haben Sie denn erlebt? Wo kommen Sie denn eigentlich her?
      Woher ich komme? sagte er und lachte bitter, ein unheimlich leises Lachen. Nun von da, wohin ich gegangen bin, von Desenzano, von wo ich die Eisenbahn benutzen wollte. Ich hatte plötzlich Grund, die Reise nicht fortzusetzen, obwohl – es ist nicht klug, den 
      revenant zu spielen, nachdem man Abschied genommen hat. Man erfährt da allerlei von den »tieftrauernd Hinterbliebenen«, wie's in den Todesanzeigen heißt, was man lieber nicht erfahren sollte. Aber was wollen Sie? Wenn einem solch ein Wörtchen nachgerufen wird, wie das da, – das könnte sogar einen Todten noch einmal zurückrufen.
      Damit griff er in die Brusttasche und zog ein Billet heraus, das so aussah, als ob es beim Empfang zerknüllt worden wäre. Es waren nur ein paar Zeilen, mit einer ungeübten oder vielleicht verstellten Hand geschrieben, ohne Unterschrift, und lautete ungefähr so: »Wenn Sie wissen wollen, wie Ihre Frau sich über die Trennung von Ihnen tröstet, besuchen Sie sie heute Abend nach Zehn, ohne sich anmelden zu lassen.«
      Ich hielt das infame Blatt eine Weile in der Hand und reichte es ihm dann wieder hin. Er ließ es auf den Teppich fallen, nachdem er es langsam in kleine Stücke zerpflückt hatte.
      Ob er wisse, fragte ich, wer es geschrieben?
      O gewiß. Es könne nur von Einer Hand herrühren. Vor ein paar Tagen habe seine Frau die Kammerjungfer entlassen; das Mädchen sei schon sehr widerwillig mit in die Primavera hinaufgezogen, da sie mit einem der Kellner unten eine Liebschaft angefangen hatte und oben sich langweilte. Es sei eine nichtswürdige Sache.
      Und daraufhin, sagte ich, sind Sie zurückgekehrt? Auf eine anonyme Denunciation?
      Ja, wie Sie sehen. Ich sagte schon, es ist dumm, den 
      revenant zu spielen. Als ich den Kutscher, der mich nach Desenzano gebracht, bezahlt hatte, gab er mir das Billet. Ein Unbekannter habe es ihm mitgegeben, doch erst in Desenzano sollt' er's abliefern. Mein erster Gedanke war auch: Es wäre schmachvoll, auf eine so niedrige anonyme Verdächtigung hin – aber dann – ein Teufel raunte mir zu: »Um so glänzender wird dir die Unschuld der armen Verleumdeten entgegen strahlen, wenn du kommst und dich selbst überzeugst« – denn wirklich, daß sie dessen fähig sein sollte, ihre heiligsten Pflichten, die gelobte Treue, Alles, was sie in den fünf Jahren unserer Ehe mir schuldig geworden war, dem Vater ihres Kindes – und das – wie hatten Sie es doch einmal genannt? – im Vorhof der Ewigkeit –? Nein! Es war undenkbar!
      Sie war nie sehr zärtlich aufgelegt gewesen, etwas Sprödes, Zurückhaltendes war in ihrem ganzen Wesen – selbst bei unserem letzten Abschied – aber wenn diese Kühle während der Krankheit noch zugenommen hatte, mußte ich nicht froh darüber sein? Mit leidenschaftlicherem Gemüth würde sie sich heftiger an das Leben angeklammert haben, während sie jetzt noch zum Lachen gestimmt war, mit dem Leichtsinn eines jungen Vogels sich in der Sonne wärmte, ohne davor zu schaudern, daß der Tod wie ein schwarzer Raubvogel schon über ihr schwebte.
      Das alles sagte ich mir; ich war einen Augenblick fest entschlossen, die Reise fortzusetzen, in der nächsten Minute befahl ich, mein Gepäck wieder aufzuladen, und sagte dem Kutscher, der Brief erinnere mich, daß ich etwas Wichtiges zu Hause vergessen hätte. Ich wolle aber erst in aller Ruhe zu Mittag essen; gegen Abend, wenn es kühler geworden, sei noch Zeit genug zur Rückfahrt.
      Wie ich diese Wartezeit überstanden habe, weiß ich nicht. Von Essen und Trinken war keine Rede, nur die Cigarre blieb mir treu.
      Und endlich war die Sonne hinunter. Wir konnten uns langsam in Bewegung setzen.
      Oben in Portese ließ ich noch einmal anhalten. Es war erst neun Uhr, zu früh zu meinem »unangemeldeten« Besuch. Ich trank droben ein Glas schlechten Wein, der mir wie Galle schmeckte. Daß der Kutscher sich über den seltsamen Passagier seine Gedanken machte, konnt' ich ihm ansehen.
      Endlich stieg ich gegen Zehn in Gardone aus und gab ihm ein so reiches Trinkgeld, als wenn ich ihm besonderen Dank schuldig geworden wäre. Das Gepäck vertraute ich seiner Obhut an, möglich sei's, daß ich schon nach ein paar Stunden ihn aus dem Schlaf klopfen würde, um die Straße nach Desenzano zum dritten Mal zurückzulegen.
      Dann machte ich mich auf den Weg.
      Es war ganz finster, eine schwere Föhnluft hatte den Himmel mit Wolken bedeckt, die spärlichen Laternen in der Gasse glommen wie beständig im Erlöschen durch den trüben Dunst. In dem kleinen Nest regte sich nichts mehr, außer in einer schmutzigen Schenke, wo ein paar Kerle beim Wein und Kartenspiel saßen. Als ich dann das schmale, steinige Sträßchen nach Morgnaga hinaufstieg, empfing mich gleich eine Todtenstille, daß ich das Laub an den Ölbäumen wispern hörte – und das Blut in meinen Schläfen hämmern.
      Es war immer noch zu früh. Drüben in einem Hause des alten Nestes war noch Licht, die Uhr im Kirchthurm schlug langsam Zehn. Ich war in Schweiß gebadet, so langsam ich hinanstieg. Oben mußt' ich mich auf eine Bank setzen. Die Kniee wollten unter mir zusammenbrechen. Doch litt es mich nicht länger als fünf Minuten in der Ruhe. Ich raffte mich auf und schlich den Lorbeerweg entlang, mit einem so schlechten Gewissen wie ein Dieb, der zu einem nächtlichen Einbruch geht.
      Und so kam ich endlich nach der Villa, auf der Straße an ihrer Rückseite. Ich wußte, es wurde drinnen früh Nacht gemacht, und ein Licht war auch hinter den Sprossen der Fensterläden nicht mehr zu sehen. Da stand ich wohl zehn Minuten, mühsam athmend. Endlich faßte ich mir doch ein Herz, leise anzuklopfen.
      Eine Frau, die Hausmeisterin, öffnete mir, nachdem ich meinen Namen genannt. Ich stotterte ihr einen triftigen Grund für meinen späten Besuch vor, eine telegraphische Nachricht von meiner Schwiegermutter, die Genesung des Kindes von einer Kinderkrankheit, die wolle ich meiner Frau so rasch als möglich mittheilen und dann erst die Reise fortsetzen. Ich glaube, ich habe ziemlich gut gelogen. Wenigstens wurde ich ohne Weiteres eingelassen, wies auch die Begleitung die Treppe hinauf ab, da ich ja ortskundig sei und meine Frau noch wach finden würde; sie sei gewohnt, noch lange vor dem Einschlafen im Bett zu lesen.
      So schwankte ich die Stufen hinauf. Alles im Hause war still, im Corridor brannte ein schläfriges Flämmchen, kein Laut drang aus den verschlossenen Thüren. Vor der meiner Frau stand ich eine Weile und horchte hinein; Alles still. Da faßte ich mit einer gewaltsamen Anstrengung den Thürgriff und stieß die Thür auf. Das Zimmer war hell vom elektrischen Licht – aber leer. Die Thür zu der Kammer nebenan stand auf, ich sah beim Schein eines trüben Nachtlichts die alte Auguste in ihrem Bett in tiefem Schlaf. Es war ihr wohl zu langweilig geworden, auf ihre Herrin zu warten, von der sie wußte, daß sie sich über die Trennung von ihrem Manne, so gut es ging, zu trösten suchte. – – –
      *
      Er saß dann eine Weile stumm, hatte die Augen zugedrückt; man hätte glauben können, er schlafe. Dann erhob er sich schwerfällig vom Sopha, ging langsam an das Fenster und stieß es auf. Als er ein paar Athemzüge der reinen Nachtluft gethan hatte, drehte er sich zu mir um und sagte mit ganz ruhigem Ton: Es ist nun vorbei. Ich habe auch das überstanden. Im ersten Augenblick freilich war ich so betäubt, als hätte mir Jemand mit einer Keule vor die Stirn geschlagen. Denn Sie mögen von meinem Verstande denken, was Sie wollen: noch als ich die Thür öffnete, glaubte ich's nicht.
      Dann freilich – wie ich in dem leeren Zimmer stand, alle Gegenstände von dem grellen elektrischen Licht beschienen, mußte mir's wohl einleuchten, das Unbegreifliche, Entsetzliche. Aber sonderbar: es wurde immer ruhiger in mir, der Gewißheit gegenüber. Ich sah all' die Sachen, die ihr gehörten, den orientalischen Shawl, den sie um den Kopf zu wickeln pflegte, das seidene Jäckchen, das sie getragen hatte, als ich Abschied von ihr nahm, mit einer Empfindung an, wie Besitzgegenstände einer Person, die gestorben ist. Nur wie ich auf dem Tisch den schönen Strauß gelber Rosen liegen sah, den ich ihr zum Abschied noch gegeben, 
      ganz so, wie ich ihn gebracht hatte, in dem Spitzenpapier, nicht in Wasser gestellt und schon halb verwelkt, da stieg es heiß und bitter in mir auf. So wenig war ich ihr werth gewesen – sogar die armen Rosen hatten es empfinden müssen!
      Aber dann wurde es immer kälter, ruhiger, steinerner in mir. Es war ja aus zwischen uns, für immer. Ganz so überschwänglich, wie ich diese Frau geliebt hatte, so über alle Maßen haßte ich sie in diesem Augenblick. Nein, ich haßte sie nicht, ich hatte einen Abscheu vor ihr wie vor etwas Greuelhaftem, Unmenschlichem, dessen Nähe schon besudelt. Das mir anzuthun, mir, der ich sie auf Händen getragen, bereit gewesen war, mein Herzblut für sie hinzugeben, und dennoch, hier, wo selbst das leichtsinnigste Gemüth der Gedanke an die letzten Dinge zum Ernst stimmen und das Gewissen wecken müßte, wenn es einzuschlafen drohte – es war zu viel! Das konnte kein Mensch und kein Gott entschuldigen oder gar verzeihen!
      Und so fühlte ich in mir eine Art Wollust bei dem Gedanken, wie mein Anblick, wenn sie nun plötzlich hereinträte, sie zerschmettern würde, daß sie kein Wort hervorbringen, in die Kniee zusammenbrechen müßte und mich halb wahnsinnig vor Scham und Reue um Gnade anflehen. Ich aber, ich würde ihr dann sagen – nein, sagen wollte ich ihr nichts. Sie war ja keines Wortes werth, und es war viel vernichtender und zugleich verächtlicher, wenn ich ihr stumm den Rücken kehrte und mit einer Gebärde sie von mir stieß.
      Ja, erwarten wollte ich sie, nicht etwa sie im Zimmer ihres Mitschuldigen aufsuchen. Ich habe es nie begriffen, wie Jemand es über sich gewinnen kann, eine Frau 
      in flagranti zu überraschen. Was sie auch gesündigt haben mag, er hat sie doch einst geliebt, sie hat ihm Kinder geboren, ihr eine so tödtliche Beschämung angesichts eines Dritten zuzufügen, müßte ihn selbst erniedrigen.
      Also wartete ich – wartete – wartete – ich glaube, eine volle halbe Stunde. Dabei hörte ich immer nur die tiefen Schlaftöne der Alten in der Kammer nebenan, die den Schlaf des Gerechten schlief, obwohl sie Mitwisserin des verbrecherischen Geheimnisses war, gewiß ihrer Herrin Kupplerinnendienste geleistet hatte. Und auch sie hatte ich mit Wohlthaten überhäuft!
      Aber seltsam: gerade indem ich an diese Wohlthaten dachte, war mir's, als hörte ich Jemand ganz laut neben meinem Ohre sagen: Du Narr, was bildest du dir ein? Was hast du denn deiner Frau so besonders Herrliches erwiesen, daß sie dir nun bis ans Grab dankbar sein müßte? Du hast das junge Mädchen zu deiner Frau gemacht, ohne viel zu fragen, ob ihr Herz auch mit in den Kauf ging, ob sie nur halb so sehr in dich verliebt war, wie du in sie. Blutjung war sie, kaum aus den Kinderschuhen heraus, und hat schon mit Schmerzen gebären und ein Kindchen hingeben müssen und muß nun die Geburt eines zweiten mit dem Opfer ihres jungen Lebens bezahlen. Und jetzt wacht in ihr, zehn Schritt vom Rande des Grabes, ein Glückshunger, ein Lebensdurst auf, den du mit deinem Luxus, deinen Zärtlichkeiten und gelben Rosen nicht stillen kannst, und da begegnet ihr Einer, der das alles könnte, wenn sie ihn früher gefunden hätte, und erheitert ihr Herz und erquickt ihre Sinne, und du willst es ihr als eine Todsünde anrechnen, daß sie sich ihm an den Hals wirft? Daß sie Alles vergißt, was sie Menschen schuldig ist, die ihr so kurz vor dem Scheiden keine Freude mehr machen können, ihren Mann, der sich zweimal am Tage nach ihrem Befinden erkundigt, während der Andere ihr in dieses stille Haus gefolgt ist, um ihr stündlich nahe zu sein, ihr Kind, das man ihr genommen hat, damit es von der Krankheit der Mutter nicht ergriffen würde? Und wenn sie nun vergißt, was sie am Altar gelobt hat, und den Taumeltrank an die Lippen setzt, um sich noch einmal zu berauschen, gerade hier »im Vorhof der Ewigkeit«, wo schon alle Schranken der Zeit eingerissen scheinen und das arme Herz von allen irdischen Banden gelös't, aller Zurechnung entbunden im freien Äther schwebt, – da kommst du mit einer grausam richterlichen Miene und willst ihr den halb geleerten Kelch von den Lippen ziehen, weil sie ihn nicht mit dir, sondern mit einem Anderen theilt? Und in dieser deiner Unmenschlichkeit dünkst du dich hoch erhaben über der armen Sünderin und besinnst dich nicht, ihr vielleicht die letzte Lebensfrist zu verkürzen, indem du ihr den Stab brichst? Wenn der Schrecken, dich hier zu finden, sie so gewaltsam erschüttert, daß sie auf dem Fleck todt niedersinkt, wirst du dann dein Gewissen damit beruhigen, daß du sie nicht getödtet, sondern gerecht gerichtet habest?
      Er schwieg und sah still vor sich nieder.
      Ich bewundere Sie, lieber Freund, sagt' ich. Zu dieser Höhe selbstloser Opferwilligkeit würden sich Wenige aufschwingen.
      Nach einer Weile erst erwiderte er, wie wenn er zu sich selbst spräche: Es weiß ja auch Niemand, was diese Frau mir gewesen ist. Welchen anderen Beweis meiner Liebe könnte ich ihr jetzt noch geben, als daß ich ihr entsage? Nicht mit leichtem Herzen wahrhaftig, aber ich hätte mich verachtet, wenn ich dies Opfer nicht gebracht hätte. Und so bald mir das klar geworden war, riß es mich aus meinem starren Brüten auf. Nein, das durfte nicht geschehen! Wir waren hinfort getrennt, das Band zerrissen; aber nun gehörte sie mir auch nicht mehr an, nun hatte ich kein Recht mehr an ihr, sie keine Pflicht gegen mich; und so mußte ich auch noch das Letzte thun: jede Spur verwischen, daß ich in ihr Geheimniß eingedrungen war, von ihr gehen auf Nimmerwiedersehen.
      Da bin ich denn aus dem Zimmer geschlichen mit einem so beklommenen Gefühl wie ein Kirchenräuber, der im letzten Augenblick die Hand von dem silbernen Kelch wieder zurückzieht, den er schon vom Altar hat nehmen wollen. Das Geräusch meiner Tritte muß die Alte nebenan geweckt haben. Ich hörte sie plötzlich rufen: Wer ist da? Sind Sie's, gnädige Frau? – Ich stand still und hielt den Athem an, der Angstschweiß brach mir aus; endlich kamen wieder die tiefen Athemzüge aus der Kammer, da schlich ich durch die Thür.
      Der Hausmeisterin, die mir wieder öffnete, sagte ich, ich hätte meine Frau schlafend gefunden und sie nicht wecken und durch meine unerwartete Rückkehr erschrecken wollen. Nun würde ich ihr morgen ein Telegramm schicken und heute noch wieder abreisen. Ich band es ihr aufs Gewissen, von meinem Nachtbesuch nichts zu erwähnen, und gab ihr ein ansehnliches Trinkgeld. Gott weiß, ob es mir gelungen war, sie an meine Märchen glauben zu machen.
      Dann, wie von einer Centnerlast befreit, bin ich den Weg nach Gardone wieder hinuntergestiegen. Es war Mitternacht geworden. Ich konnte nicht dran denken, gleich jetzt meinen Kutscher aus dem Schlaf zu trommeln. Schon mit dem Portier hier im Hôtel gelang es erst nach wiederholtem Anläuten. Ich hatte auch für ihn ein Märchen in Bereitschaft, von einer Brieftasche mit wichtigen Papieren, die ich in meinem Zimmer vergessen hätte. Er solle mich nur hinauflassen. – Das Zimmer sei schon wieder vergeben; von etwas Zurückgebliebenem wisse er nichts. – Nun, dann will ich zu meinem Freunde, dem Doctor, der hat vielleicht das Vermißte an sich genommen, da er versprochen hat, Alles, was für mich ankommen sollte, nachzuschicken.
      Und so habe ich Sie in der tiefen Nacht stören müssen, bester Freund, sagte er. Nun gehen Sie wieder zu Bett. Mir erlauben Sie, mich für ein paar Stunden auf Ihre Chaiselongue zu strecken. Um Fünf empfehle ich mich auf Französisch. Dann werde ich wohl meines Kutschers schon wieder habhaft werden können.
      *
      Daß an Schlafen in dieser Nacht nicht zu denken war, werden Sie sich vorstellen können. Es war mir ergreifend, zu hören, wie unerschöpflich in immer neuen Argumenten er war, sie zu entschuldigen und alles Unrecht sich selber zuzuwälzen.
      Und noch Eins war merkwürdig: ihres Mitschuldigen erwähnte er mit keinem Wort. Wie ich Ihnen früher einmal sagte: er fühlte nur Neid gegen ihn, nicht Groll noch Eifersucht. Und das wollte er sich selbst nicht eingestehen.
      Vor Thau und Tage nahm er dann Abschied. Ich hatte darauf bestanden, daß er sich noch eine Tasse Thee von mir machen ließ; ich goß, ohne ihn zu fragen, reichlich Arrac hinein, denn er war sichtbar schwach und hinfällig, so sehr er sich auch zusammennahm. So verließ er das Hôtel.
      Am Abend erhielt ich ein Telegramm aus Mailand. »Wohl angekommen. Grüße an Ellen.«
      Er verpflichtete mich dadurch, am anderen Tage sie zu besuchen. Ich that es sehr widerstrebend. Denn ich – so sehr er mich zu überzeugen gesucht hatte – ich konnte ihr nicht verzeihen. Und so brachte ich's auch nicht übers Herz, wie früher täglich nach ihr zu sehen, und länger als acht Tage hielt ich's auch nicht aus, Komödie mit ihr zu spielen. Meine eilige Abreise hatte nur diesen Grund; die Erkrankung meiner Verwandten, die ich vorschützte, war nicht im Mindesten bedenklich.
      Aber er – mein Freund – werden Sie glauben, daß er sich so weit bezwingen konnte, täglich an sie zu schreiben, immer in dem gleichen, herzlich besorgten Ton, immer von Neuem bedauernd, daß es ihm dringende Gründe ganz unmöglich machten, zu ihr zurückzukehren?
      Es giebt ein Heldenthum, das mehr Herzblut kostet als das auf dem Schlachtfeld.
      Erst als der Arzt telegraphirte, das Ende stehe nahe bevor, reis'te er hierher. Er kam nach acht Tagen zurück, ohne ein Wort über das ganze Schicksal mit mir zu sprechen. Nur in der ersten Stunde des Wiedersehens zog er einen Brief hervor, den er neben ihrem Sterbebette gefunden hatte. Darin schrieb sie ihm ungefähr so – den genauen Wortlaut habe ich nicht behalten –: »Du bist der edelste, großmüthigste Mensch, den die Erde trägt. Ich habe Alles erfahren. Du warst hier, Du hast entdeckt, was mich in Deinen Augen mit einer Schuld belasten mußte, die nie zu verzeihen, nie zu sühnen ist. Und ich muß mich anklagen, daß ich den größeren Theil der Schuld auf mich geladen habe. Denn wenn ich ihm nicht so leidenschaftlich entgegengekommen wäre, er hätte, so sehr er mein Gefühl theilte, die Kraft besessen, zu widerstehen. Laß es drum ihn nicht entgelten, Eduard, sei großmüthig auch gegen ihn, der schwer darunter gelitten hat, daß er ein so großes Unrecht an Dir thun mußte. Ich aber – ich habe nur die eine Hoffnung, noch so lange zu leben, bis ich, wenn Du mich dessen werth hältst, Deine Hand fassen und sie mit meinen Thränen benetzen kann. Nicht Thränen der Reue, Eduard! Ich bin von einer unwiderstehlichen Macht zu dem gezogen worden, was ich gethan, und ich war schwach durch die Schauer des Todes, die ich in meinem Blute fühlte. Aber Thränen der Dankbarkeit, daß ich einem solchen Manne angehört hatte, der so hoch über mir stand und mich dennoch nicht verstoßen wollte!«
    



      Eine venezianische Nacht
      (1901)
       
      Der Winter, der im Norden der Alpen ungewöhnlich strenge gewesen war, hatte auch die Ufer des Gardasees seine Macht fühlen lassen. Zwar waren hier nicht, wie an der Riviera di Ponente, die Olivenhalden erfroren, aber in den Gärten zwischen Salò und Gargnano doch auch allerlei edle Pflanzen eingegangen. Auch hier hatte sich der Frühling um einen ganzen Monat verspätet.
      Als er endlich erschien, wurde er um so freudiger begrüßt. Unter Anderm kam der Mandolinistenclub von Salò auf den Gedanken, eine sogenannte venezianische Nacht zu veranstalten. Er ließ große rothe Zettel drucken, in denen die Besitzer der Gasthöfe und Villen am ganzen Ufer bis nach Fasano aufgefordert wurden, ihre Häuser mit Lampions zu illuminiren, desgleichen ihre Barken hell und lustig zu schmücken, und zwar im Wetteifer um den Preis, der für die schönste ausgesetzt worden sei.
      Das ließen die Seeanwohner sich nicht zweimal sagen, und sobald an dem festgesetzten Abende die Dunkelheit hereinbrach, glommen an der ganzen Küste unzählige Lichter auf, bunte, mit Kerzen erleuchtete Ballons schaukelten sich in langen Guirlanden zwischen den Palmen und Lorbeerwegen, von den Balcons und Terrassen herab und an Stangen befestigt an Bord der großen und kleinen Fahrzeuge, die, zum Theil mit Blumen geschmückt, in die dunkle Seeflut hinausglitten. Von Salò aus aber setzte sich eine besonders große Barke in Bewegung, auf deren Bänken die zehn bis zwölf Mandolinisten saßen, etliche schöngeputzte Fräuleins zwischen ihnen, alle festlich beleuchtet durch die dichtgereihten bunten Lampions, die ihnen zu Häupten schwankten. Unter leisem Geschwirr der Saiten fuhr dies musikalische Schiff langsam das Ufer entlang, und die übrigen, wie dieser Zug herankam, schlossen sich an, so daß die kleine Flottille eine halbe Stunde brauchte, bis sie den Weg nach Gardone zurückgelegt hatte.
      Überall, wo sie wieder einem Garten sich näherte, wurde sie durch ein aufflammendes bengalisches Feuer bewillkommt, während zugleich Raketen, Leuchtkugeln und Schwärmer von den Brustwehren der Gärten losgingen und mit Knattern und Zischen hoch gen Himmel saus'ten. Dort stand in seiner ruhigen goldenen Glorie der volle Mond und warf einen leichten Schimmer auf den bunten Menschentumult zu seinen Füßen und das ehrwürdige Schneehaupt des Monte Baldo.
      Von einem der Landhäuser, wo eben ein kleiner Hafen im Bau war, lös'te sich auf einem Floß schwimmend ein hoher viereckiger, aus Holz und bemalter Leinwand errichteter Thurm, das Modell dessen, der später in festem Stein am Hafeneingang stehen sollte. Sobald der Schwarm der kleinen Schiffe zu ihm herankam, loderten rothe und blaue bengalische Feuer auf dem Grunde des Floßes auf, und vom Dach des Thurmes schoß eine kleine Girandola der verschiedensten Feuerwerkskörper in die Höhe. Dies neue und sehr phantastische Schauspiel wurde von der ganzen Flottille mit lautem Zuruf und Händeklatschen begrüßt. Die Mädchen unter den Mandolinisten stimmten das Lied an, das nie fehlen darf, wenn unter dem italienischen Volk gesungen wird, die jungen Leute fielen mit ihren Instrumenten rauschend ein zum Accompagnement der Santa Lucia, der Thurm setzte sich an die Spitze des Zuges, und so schwamm das lustige Spectakel in die schwarze stille Seeflut hinaus, zu großem Ergötzen der zuschauenden Bevölkerung, die sich auf den Höhen und in den Häusern ringsum in Menge gesammelt hatte.
      *
      Schon hatte das funkelnde, flammende und blitzende Gewimmel eine gute Weile sich herumgetrieben, und eine Menge Raketen, Schwärmer und Leuchtkugeln waren unter dem Geklimper der Mandolinen »mit Zisch und Zasch und Rackedakdakdak« in die blaue Luft versprüht, als von der kleinen Landungsstelle unweit des »Hôtel Gardone« ein schmaler, schmuckloser Nachen abstieß, an dem nur vorn und hinten je ein einzelnes Lampion an hoher Stange schwankte.
      In diesem nachzügelnden Fahrzeug, das keine Eile zu haben schien, die versäumte Zeit einzuholen, saß ein junges Paar, durch die ganze Länge des Bootes getrennt, die Frau an der Steuerseite, der junge Mann auf der vorderen Ruderbank, Beide die schlanken Ruder im Takt ins Wasser tauchend.
      Die Dame schien noch sehr jung zu sein. Doch aus dem fast mädchenhaft zarten Gesicht leuchteten zwei dunkle Augen mit einem Ausdruck stiller, etwas schwermüthiger Energie, und zuweilen, wenn sie irgend einen Willen äußerte, zogen sich die feinen Brauen zusammen und an dem kraftvollen Mündchen erschien eine kleine Falte, die dem Gesicht etwas Leidendes gab. Sie war ganz in Weiß gekleidet, ohne anderen Schmuck als ein paar sehr großer bläulich schimmernder Perlen in den feinen Ohren. Doch ein riesengroßer schwarzer Hut, von dem ein paar buschige graue Federn nickten, verschattete ihre weiße Stirn und die glatten, weichen Wangen. Wie geistesabwesend blickte sie in das Lichter- und Farbenspiel hinein; doch jedesmal, wenn eine Rakete mit lautem Knall in die Höhe schoß, fuhr sie leicht zusammen und schloß unwillkürlich die Augen.
      Der junge Herr ihr gegenüber sah, während er kräftig die Ruder führte, unverwandt zu ihr hin und schien an dem bunten Schauspiel, an das sie nun herangekommen waren, nicht das geringste Interesse zu nehmen. Auch er war eine anziehende Erscheinung, das Gesicht nicht so regelmäßig schön wie das seiner Begleiterin, aber die grauen Augen unter der hohen Stirn von einem feinen Schnitt und über der Stirn ein dichter, kraftvoller Busch brauner Haare, während unter der geraden, charaktervollen Nase nur ein leichtes Bärtchen saß. Auch in seinen Zügen, so jung und kraftvoll sie waren, lag eine Traurigkeit, die der Feststimmung dieser venezianischen Nacht nicht weichen wollte.
      Die junge Frau, als sie die lampenhelle Flottille erreicht hatten, hob die Ruder müßig in die Höhe. Auch er bewegte sie lässiger. Sie betrachtete halb belustigt, halb verächtlich den schwerfällig herumschwimmenden Thurm, der sich aus dem Schwarm der Barken hinaus auf die freiere Seeflut gerettet hatte, immer von neuem bengalischem Farbenschein umspielt.
      Auf einmal fanden sie sich Bord an Bord neben der Mandolinistenbarke. Der volle Schein der vielen bunten Lampions fiel auf die beiden stillen Ruderer, und das schöne Gesicht unter dem Riesenhut leuchtete in all seinem blassen Zauber auf. Im selben Augenblick erhob sich einer der jungen Musikanten mitten in der Barke und begann mit einer weichen Tenorstimme, die aber von schwärmerischem Feuer durchglüht war, das bekannte Liedchen
      
        Benedetta sia la madre,
         Che ti fece cosi bella –
      
      gegen die schöne Fremde gewendet zu singen, mit den schwirrenden Tönen seiner Mandoline sich begleitend. Seine Kameraden und die Mädchen neben ihnen hatten sich sämtlich umgedreht, spielten oder summten die Melodie mit, so daß die ganze Mann- und Weibschaft der Barke unisono in die Huldigung einstimmte.
      Als der letzte Ton verklungen war, zog der Sänger sein schwarzes Hütchen, schwenkte es gegen den kleinen Nachen und rief: 
      Evviva la bella Americana! – und 
      evviva! evviva! fiel der Chor ein, während die Gefeierte sich mit einem reizenden Erröthen lächelnd von ihrem Ruderbänkchen erhob und 
      grazie! grazie! rufend, sich gegen die junge Bande verneigte.
      Auch die Bewohner der Villen am Ufer, die an den Brustwehren ihrer Gärten standen und von da aus die improvisierte lustige Scene mitangesehen hatten, betheiligten sich daran durch Zurufe und Tücherschwenken, und zum Schluß schoß gerade eine mächtige Strahlengarbe, ein Bouquet von Raketen und anderen Feuergeistern, mit betäubendem Lärm gen Himmel, der letzte Trumpf, den die geschickten Nachtvögel auszuspielen hatten, so daß alles zusammentraf, das Finale glänzend und feierlich zu machen.
      *
      Nur ein einziger Zuschauer schien durch die glänzende Feier nicht ergötzt worden zu sein.
      Der junge Herr in dem schmalen Nachen hatte es kaum erwarten können, daß das letzte 
      evviva verhallt war, und dann sofort die Ruder hastig eingetaucht, um mit einigen gewaltigen Stößen den dunklen See zu gewinnen. Erst als sie ziemlich weit draußen waren, so daß die Illumination der Ufervillen und Gärten nur wie ein von Glühwürmchen durchfunkeltes Gebüsch erschien, mäßigte er seine stürmende Hast, nahm den Hut vom Kopf und blickte mit einem Seufzer erst zum Monde hinauf, dann nach seiner Gefährtin hinüber, die, ohne ein Wort zu sprechen, ihn ruhig hatte gewähren lassen.
      Von all Denen, die ihnen nachgesehen hatten, als sie ins Dunkel hinausfuhren, bezweifelte Keiner, daß sie ein Liebespaar seien, das aus dem lauten und bunten Treiben nicht eilig genug sich wieder in Einsamkeit und Stille flüchten konnte.
      Wer das Paar jetzt in der Abgeschiedenheit unter dem Nachthimmel hätte beobachten können, wäre an seinem Glauben doch wohl irre geworden.
      Auch waren sie wirklich kein verliebtes oder gar verlobtes Paar, wofür sie in dem Hôtel, wo sie seit sechs Wochen aufs Vertraulichste miteinander verkehrten, von Jedermann angesehen wurden.
      Der Zufall hatte sie dort einander genähert. Gegen Ende März war die junge Dame angekommen und hatte ihren Namen: Mrs. 
      Evelyn B. aus New York, in das Fremdenbuch eingetragen. Der junge Mann kam am Tag darauf, 
      Frank R., Kunst- und Buchverleger aus F. So hatte sich's gefügt, daß sie an der Table d'hôte nebeneinander zu sitzen kamen und nach den ersten allgemeinen Worten der Höflichkeit in ein lebhaftes Gespräch geriethen. Am nächsten Tage war er seiner Tischnachbarin begegnet, die in Gesellschaft ihrer amerikanischen Zofe einen Spaziergang durch Gardone di sopra machte. Das Mädchen sprach nur englisch, die Herrin auch deutsch, nur mit einem leichten überseeischen Accent. Sie erklärte das, als er ihr ein Compliment darüber machte, sehr einfach: ihr Pa' sei ein Deutscher, die Mutter eine Amerikanerin. So gingen sie ein Stündchen zusammen und fanden immer mehr, daß sie trefflich zu einander paßten.
      Beide waren sie nicht krank, die junge Frau – schon verwittwet – nur etwas in ihren Nerven erschüttert, so daß der Arzt ihr einen Aufenthalt in einem stillen südlichen Ort verordnet hatte; er durch Überanstrengung ein wenig erschöpft und ruhebedürftig. Bei der Einrichtung eines großen Kunstverlages, den er mit seinem Vater in einer der ansehnlicheren Städte Deutschlands gegründet hatte, war der größere Theil der Arbeit auf seine Schultern gefallen. Nun sollte er sich Ferien machen und, wenn der Frühling erst käme, noch ein Stück von Italien durchwandern.
      Gleich in ihrem ersten Gespräch hatte sie erkannt, daß sie es mit einem ernsten, vielfach gebildeten jungen Manne zu thun hatte, dessen Unterhaltung nicht auf den üblichen Ton der goldenen Jugend gestimmt war, mit der sie bisher vorzugsweise verkehrt hatte. Seine Kleidung, seine Lebensgewohnheiten verriethen, daß er aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte. Doch war sein Betragen durchaus schlicht und scheinlos. Auch seine große Belesenheit und seinen Kunstsinn trug er nie zur Schau, und nur durch einen Zufall erfuhr sie, daß er drei Jahre auf Universitäten verbracht und einem gelehrten Beruf nur entsagt hatte, um dem Vater in seinem ausgebreiteten Geschäft zur Seite zu stehen.
      Von ihren Verhältnissen erfuhr er weniger, als sie von den seinigen. Sie war reicher Leute Kind, vor etlichen Jahren nach einer überaus kurzen Ehe verwittwet, hatte das Trauerjahr in London und Paris verlebt, ohne andere Begleitung als die ihrer Kammerjungfer, immer außerhalb aller geselligen Kreise, zu denen sie leicht Zugang gefunden hätte, als Touristin, die an der Beobachtung von Land und Leuten sich genügen ließ.
      Und auch ihre Gemüthsstimmung blieb ihm verschleiert. Er sah wohl, daß sie nicht heiter war, doch von einer Schwermuth, in der sie dem verlorenen kurzen Glück nachgetrauert hätte, konnte er auch nichts an ihr entdecken. Nur zuweilen, mitten im gleichgültigsten oder geistvollsten Geplauder, sah er sie plötzlich zusammenfahren und sich in den Schultern schütteln, wie wenn ein unheimlicher Schauer sie überfiele. Sie schloß dann wohl die Augen, und die Brauen zogen sich zusammen. Es ist nichts! erwiderte sie auf seine besorgte Frage. Nur mein alter Nervenspuk!
      Und gleich darauf fuhr sie in ihrer lebhaften Unterhaltung fort, als ob in der That nichts gewesen wäre.
      Es schien denn auch kein ernsteres nervöses Leiden zu sein, was sie hier abzuschütteln suchen sollte. Wenigstens hatte sie keinerlei körperliche Schonung nöthig und betrieb den verschiedensten Sport ohne jede Ermüdung mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit.
      Auch hierin war er für sie ein willkommener Gefährte. Er mußte freilich beim Tennisspiel sich ihr erst in die Lehre geben. Dafür weihte er sie in die Geheimnisse des Ruderns und Segelns ein, und es war seine besondere Lust, wenn der See hoch ging und die weißmähnigen Wellenrosse die weite Fläche durchstürmten, dann in dem guten Segelboot, das er gemiethet hatte, mit ihr hinauszufahren und sie in allen Seemannskünsten zu unterweisen.
      Er bewunderte dann im stillen die kaltblütige Haltung, mit der sie in die aufgeregten Elemente hineinsah. Ja, hier schien ihr am wohlsten zu werden, und sie konnte gerade, wenn die Wogen das Schiffchen am gefährlichsten auf- und niederschwenkten, ihre witzigsten Bemerkungen machen.
      Tag für Tag stiegen sie auf den Bergen herum und verirrten sich oft so weit, daß sie erst in später Nacht ins Hôtel zurückkamen. Manchmal auch erst am nächsten Tage, oder am zweiten und dritten, wie nach ihren Excursionen an den Idro- und Iseosee. Oder sie radelten nach Desenzano hinunter, bis nach Brescia oder Verona, diesmal freilich mit einem kleinen »Bag«, der ihr Handgepäck enthielt, Beide immer in sehr zweckmäßiger Touristenkleidung.
      Das gab nun freilich ihren Mitgästen im Hôtel und den Nachbarn im Ort und den Bewohnern der Pensionen und Villen viel zu reden. Sie konnten darauf gefaßt sein. Zum Überfluß hatte eine würdige alte Dame, die Zimmernachbarin der »schönen Amerikanerin«, wie der Volksmund sie nannte, es für ihre Pflicht gehalten, die Unbesonnene daran zu erinnern, wie leichtherzig sie ihren Ruf aufs Spiel setzte.
      Damit hatte sie kein großes Glück gehabt. Missis Evelyn hatte ihr für ihre gute Absicht freundlich gedankt, aber erklärt, sie sei in einem freien Volk aufgewachsen, wo Jeder und Jede für ihre Handlungen allein verantwortlich seien. Mister Frank sei ein Gentleman und ihr guter Freund. Wie viel Vertrauen sie ihm schenke, auf welchem Fuße sie mit ihm umgehen wolle, sei allein ihre Sache.
      Daß der männliche Theil der Gesellschaft den jungen Mann beneidete, der so im Fluge diesen schönen fremden Vogel eingefangen hatte, war sehr begreiflich. Wenn man freilich genauer gewußt hätte, wie die Beiden miteinander standen, hätte sich der Neid wohl in schadenfrohes Mitleid verwandelt. Es hatte nicht ausbleiben können, daß der junge Deutsche in eine unsinnige Leidenschaft zu der schönen »Freundin« verfiel, die aus ihrer Schätzung seiner vielfachen liebenswürdigen Eigenschaften ja auch kein Hehl machte. Er hatte noch als Student im zweiten Semester an einer unglücklichen ersten Liebe zu leiden gehabt, die zu verwinden er einige Jahre gebraucht hatte. Nun überkam ihn ein so viel heftigeres Gefühl, dem Anschein nach durchaus nicht hoffnungslos, da der Gegenstand desselben ihm so freundlich entgegenkam. Das schöne Wesen hatte ihm schon am dritten Tage gestanden, ihr Zusammentreffen sei der glücklichste Zufall, der ihr hätte begegnen können, da sie in fast all ihren Neigungen und Liebhabereien, ihrem Geschmack wie ihren Antipathieen übereinstimmten. Sie hatte ihn gebeten, sie einfach Evelyn zu nennen und ihr zu erlauben, ihn Frank anzureden. Wenn ein Bach zu überschreiten, eine felsige Wegsteile zu erklimmen war, hatte sie gern seine stützende Hand angenommen, obwohl sie sonst auf ihren Spazierwegen frei neben einander hergingen. Und der Händedruck, mit dem sie sich Gute Nacht! sagten, war so herzlich wie der von ältesten Freunden.
      Irgend ein galantes Wort hatte er ihr niemals gesagt. Nach vierzehn Tagen aber, als sein Herz zu voll wurde, um nicht über die Lippen zu springen, hatte er so einfach, wie wenn er ihr etwas Selbstverständliches mittheilte, das ihr ja nicht neu sein könne, ihr das Bekenntniß seiner leidenschaftlichen Liebe gemacht und schüchtern gefragt, ob sie sich entschließen könne, die Seine zu werden.
      Sie hatte ihn ruhig angehört, wie wenn sie darauf gefaßt gewesen wäre, daß er ihr eines Tages dies sagen würde. Dann aber, die feinen Brauen ein wenig zusammenziehend und die Augen halb schließend, hatte sie ihm erwidert, daß sie bedauere, ihm keine Antwort nach seinen Wünschen geben zu können. Sie habe die herzlichste Hochschätzung für ihn, und nichts Lieberes könne ihr begegnen, als das gemeinsame Leben so wie bisher mit ihm fortzusetzen. Aber seine Frau könne sie niemals werden. Wenn er darein sich nicht zu ergeben vermöchte, wäre es besser, sie trennten sich sogleich. Wenigstens sei sie fest entschlossen, sobald er noch mit einem Wort, auch nur einer leisen Anspielung auf das eben Verhandelte zurückkäme, augenblicklich abzureisen.
      Er hatte diesen freundschaftlichen Korb hingenommen, mit gesenktem Kopf, wie einer ein Todesurtheil mit anhört. Dann waren sie langsam den Weg zurückgegangen, sie bemüht, unbefangen von anderen Dingen zu reden, er in tiefstem Verstummen.
      Und doch war der Zauber, den sie übte, so mächtig, daß er sich nicht zur Rettung durch die Flucht entschließen konnte. Auch stellte sich, da sie selbst sich's angelegen sein ließ, das alte scheinbar unbefangene Verhältniß bald wieder her. Nur daß sie, die von Anfang an sich selbst der unschuldigsten weiblichen Koketterie ihm gegenüber enthalten hatte, nun vollends jeden leichteren Ton des Neckens und Scherzens vermied, und er sich sorgfältig zurückhielt, ihre Hand, ja nur ihr Kleid zu berühren, als ginge eine Flamme von ihrer Person aus, die das mühsam errichtete Kartenhaus seiner Resignation sofort wieder in Asche legen würde.
      Hierüber waren drei weitere Wochen vergangen, als die venezianische Nacht sie in dem kleinen Boot – nicht seiner gewöhnlichen Segelbarke – in den See hinauslockte.
      Er war ungewöhnlich schweigsam gewesen und hatte nur allzu guten Grund dazu. Am nächsten Morgen wollte sie abreisen. Auf seine Frage, weßhalb sie auf einmal so große Eile habe, den Ort zu verlassen, der nun gerade sich anschickte, in dem schönen sonnigen Mai alle seine Reize zu entfalten, hatte sie ausweichend geantwortet. Es treibe sie nach Venedig, dort die 
      echten venezianischen Nächte zu erleben, da schon die 
      mock-Venitian nights so märchenhaft seien. Seine Bitte, ihr dorthin folgen zu dürfen, hatte sie entschieden, sogar mit einer seltsamen Heftigkeit abgewiesen. So war eine Verstimmung am letzten Abend zwischen sie getreten, die ihr selbst leid zu sein schien. Aber ihre Bemühungen, sie zu bannen, hatten keinen Erfolg.
      Nun sahen sie aus ihrer Ferne die letzten Lichter am Ufer auslöschen. Der schwimmende Thurm, der sich so weit hinausgewagt hatte, bis die regsameren Wellen das Floß, auf dem er stand, in ihre Gewalt bekamen, verlor das Gleichgewicht, neigte sich schwerfällig auf die Seite und sank endlich hülflos in den See, daß Wellenschaum und verzischende Funken sich abenteuerlich mischten.
      Dann herrschte an der ganzen Küste drüben Dunkel und Stille. Nur weit in der Ferne verklang die schwirrende Musik der Mandolinenbarke, die als die letzte nach Salò zurückfuhr.
      Sehen Sie, Frank, wie dort der Mond eine zitternde goldene Straße durch die Wellen zieht, sagte sie. Wir wollen da hinein rudern. Es ist zwar nur eine Illusion, wie alles Irdische, aber ich führe gern einmal auf einer so glänzenden Bahn, da ich bisher keine hellen Wege wandeln durfte.
      Er gehorchte und steuerte nach der breiten, funkelnden Stelle, wo er die Ruder einzog, seinen düsteren Blick nun selbst in das reizende Spiel des Lichts versenkend. Auch sie saß unbeweglich und blickte in das bewegliche goldene Netz. Dann sah sie zum Mond auf und seufzte.
      
      Here is peace! kam es leise von ihren Lippen.
      Nach einer Weile sagte er: Warum haben Sie darauf bestanden, Evelyn, sich in das Getümmel zu mischen? Ich weiß ja, daß Sie eine Idiosynkrasie gegen Pistolenschüsse haben, und sah Sie bei jedem Raketenschuß zusammenfahren.
      Wieder überschauerte es sie, und sie zog das silbergraue Pelzcape fester um die Schultern.
      Sie haben Recht, sagte sie. Es war ein Unsinn. Ich dachte, ich müsse suchen, mich abzuhärten, aber es ist umsonst, diese Schwäche ist stärker als ich. Nicht wahr, es wundert Sie, daß ich das nicht überwinden kann, da ich sonst nicht verzärtelt bin und körperliche Anstrengungen mir nichts thun. Aber – es giebt auch Seelennerven, die sind unberechenbar und durch keine Kaltwasserkur zu stärken. Reden wir nicht mehr davon!
      Wieder entstand eine Pause. Auf einmal fing er an: Bleibt es wirklich dabei, daß Sie morgen früh abreisen?
      Gewiß. Und auch bei Ihrem Versprechen, mir nicht am Landungssteg des Dampfers 
      Farewell zu sagen. Ich hasse alles Abschiednehmen; vor Zeugen ist es mir vollends unleidlich. Sie haben doch nicht vergessen, daß Sie mir Ihr Wort gegeben haben?
      Er antwortete nicht, sondern sah wie in abwesenden Gedanken an ihr vorbei in die glitzernden goldenen Wellen.
      Plötzlich, wie nach einem mühsamen Entschluß tief aufathmend, sagte er: Da es denn morgen ohnehin vorbei sein soll – Sie dürfen mir nicht zürnen, Evelyn, wenn ich trotz Ihres Verbots noch einmal von dem anfange, was Leben und Tod für mich bedeutet. Ich habe Ihr Wort nicht vergessen, daß Sie selbst gern so in alle Zukunft mit mir weiterleben würden, wie in diesen fünf Wochen, die für mich Glück und Qual umschlossen. Nun denn, sind Sie nicht Ihre eigene Herrin? Ist irgend ein zwingender Grund vorhanden, Sie von mir zu trennen? Und wenn Ihnen das Herz noch nicht sagt, daß Sie es als meine Frau mit mir wagen könnten, müssen Sie mich darum überhaupt aus Ihrer Nähe verbannen, obwohl ich den Beweis geliefert habe, daß ich im Stande bin, alle meine leidenschaftlichen Wünsche in mich zurückzudrängen und neben Ihnen herzugehen, als ob es mir um nichts Anderes als gute Kameradschaft zu thun wäre?
      Sie that ein paar kräftige Ruderschläge, die den Nachen aus der hellen Mondstraße brachten. Dann zog sie die Ruder wieder ein.
      Frank, sagte sie, warum thun Sie all solche Gewissensfragen? Es wird damit nichts geändert. Ich habe Ihnen erklärt, daß ich nie wieder heirathen werde. Wäre ich nicht eine Thörin, das Zusammensein mit Ihnen zu verlängern, bis es mir immer unentbehrlicher geworden wäre, um am Ende doch Ihnen sagen zu müssen: es kann nicht sein? Und was kann Ihnen tröstlich daran sein, wenn Sie meine Gründe wissen?
      Er sah ihr jetzt voll ins Gesicht, das seltsam erregt und leicht geröthet war. Es war, als ob er ihre geheimsten Gedanken durchdringen wollte.
      Sie sind so klug, Evelyn, sagte er. Begreifen Sie denn nicht, daß man sich eher vor einer traurigen Notwendigkeit beugt und ins Unabänderliche ergiebt, wenn man eingesehen hat, daß es wirklich zwingende Gründe sind, die zum Entsagen nöthigen? Wie oft hat eine Einbildung, ein Vorurtheil das Lebensglück eines Menschen zerstört, weil es unausgesprochen blieb und doch so leicht hätte widerlegt werden können! Wenn Sie etwa Ihrem sterbenden Gatten ein Gelübde gethan hätten, sich nie wieder zu vermählen – Sie wissen, von erzwungenen Gelübden spricht die Kirche oder eine höhere Vernunft den Menschen frei, der darüber heiligere Pflichten verletzen würde.
      Sie schüttelte langsam den Kopf. Mit der Hand schöpfte sie etwas Wasser und benetzte damit ihre Stirn. Die Tropfen rannen über ihr Gesicht herab, sie war aber so versonnen, daß sie nicht daran dachte, sie abzutrocknen.
      Es muß ja wohl sein, sagte sie, wie zu sich selbst sprechend. Lieber wäre mir's gewesen, ich hätte diese traurigen Erinnerungen nicht wieder heraufbeschworen. Aber Sie sollen mich nicht für ein von Einbildungen und Vorurtheilen befangenes dummes Geschöpf halten. Es giebt unbezwingliche Mächte für einen Jeden, den Stärksten wie den Schwächsten.
      Ich für mein armes Theil lebe im Bann solcher Überirdischen, die stärker sind als alle Vernunft und aller tapfere Wille.
      *
      Nein, fuhr sie nach einer Pause fort, kein Gelübde bindet mich, auch nicht eine Herzenstreue gegen den Todten, die mir das Glück mit einem Lebenden verbittern würde. Es ist wahr, ich habe meinen Edward sehr lieb gehabt; er war auch so recht, was man liebenswürdig nennt; aber mein Gott, die Zeit war ja viel zu kurz, als daß mein zärtliches Gefühl tiefe Wurzeln in mir hätte schlagen können, und jetzt – wenn ich seinen Namen ausspreche – ich empfinde dabei nicht viel mehr, als wenn ich den Helden eines Romans, der mich ergriffen hat, nennen höre.
      Nur daß noch immer ein Grauen dabei ist, das ich wohl nie ganz bezwingen werde.
      Aber um das zu verstehen, müssen Sie noch etwas mehr von mir wissen.
      Daß ich das einzige Kind meiner Eltern war und in einem reichen Hause aufwuchs, wo ich sehr verwöhnt wurde, habe ich Ihnen schon erzählt. Aber wenn ich auch sonst nicht wußte, daß es unerfüllte Wünsche giebt, 
      ein Wunsch, der heißeste meines kleinen Herzens, schien mir ewig unerreichbar. Ich war ein sehr unansehnliches, fast häßliches junges Ding und fühlte schon in den Kinderjahren eine brennende Eifersucht auf all meine glücklicheren Kameradinnen. Daß die großen Menschen über mich hinwegsahen und den hübschen Puppen unverhohlen ihr Wohlgefallen bezeugten, machte mich wüthend. Ich kann Ihnen nicht sagen, welch eine Mördergrube voll Neid, Haß, Bosheit und Tücke mein kleines Herzchen damals war, bloß aus beleidigter Eitelkeit und Gram über versagte Liebe.
      Denn die meiner guten Eltern, die mir trotzdem reichlich zu Theil wurde, rechnete ich ihnen nicht hoch an und sah darin eher ein Mitleiden, das mich noch tiefer demüthigte.
      Auf einen Schlag aber, fast über Nacht, wurde das anders. Ich verfiel in meinem vierzehnten Jahre in eine Entwicklungskrankheit. Als ich von ihr genesen aufstand, war ich ein verwandeltes Geschöpf.
      Allen fiel es auf. Ich selbst wollte es erst meinem Spiegel nicht glauben. Dann hörte ich es von meinen Schulfreundinnen und bald auch von jungen Leuten in der Tanzstunde. Es war wirklich die alte Geschichte von der häßlichen Puppe und dem schönen Schmetterling.
      Und gleich damals hatte ich, so unfertig ich im Übrigen war, schon das Gesicht und die Gebärden wie jetzt, nur, will ich hoffen, heute ein bischen weniger hochmüthig und unmenschlich. Denn damals muß ich bei all meiner Schönheit, die vor mir selbst verleugnen zu wollen eine alberne Koketterie gewesen wäre, eine unausstehliche kleine Kröte gewesen sein, manchmal selbst in den verblendeten Augen meiner schwachen Mama. Ich fühlte einen gewissen bösen Kitzel, für die frühere Vernachlässigung mich jetzt zu rächen, allen Männern, jungen und alten, den Kopf zu verdrehen und sie dann, wenn sie mir ihr Herz zu Füßen legten, auszulachen und stehen zu lassen.
      Zu meiner Entschuldigung muß ich aber daran erinnern, daß die Sitte oder Unsitte des Flirtens bei uns drüben ganz allgemein ist und lange nicht so sehr den Charakter verdirbt, wie es in Ihrem biederen, sentimentalen Deutschland der Fall sein würde, wenn man es hier importirte. Nur daß ich es ein bischen ärger und unbarmherziger trieb, als sonst wohl der Brauch ist. Ich hatte eine Art Berühmtheit erlangt als Herzenbrecherin und wußte mir was damit, und jedes neue Opfer war mir willkommen.
      Ganz besonders aber frohlockte ich heimlich, als es mir gelang, einen sehr gefeierten jungen Dichter an meinen Triumphwagen zu spannen. Ihnen wird der Name 
      Algernon Bird schwerlich vorgekommen sein, nicht wahr? Auch in Amerika fing er eben an aufzutauchen, mit einem vielversprechenden morgenröthlichen Glanz. Er hatte nur ein schmales lyrisches Bändchen erscheinen lassen, die Kritik lobte es mit einiger Zurückhaltung, es war aber etwas darin, was unbefangene Leser, zumal Leserinnen, durch eine reizende Naivetät und persönliche Anmuth fesselte. Auch ich hatte diese Verse zu lesen bekommen, da meine beste Freundin für den Dichter schwärmte. Gewöhnlich machte ich mir nichts aus Lyrik, die mir schwarz auf weiß entgegenkam. Und auch diesmal erweckten die Verse nur die Neugier, wie ihr Verfasser wohl aussehen möchte.
      Er sah seiner Poesie recht ähnlich. Auch so ein noch halb unreifes, unbekümmertes Jünglingsgesicht, das mit großen fragenden Augen in die Welt sah. Als diese Augen sich zum ersten Mal auf mich richteten, feierte ich ein stilles Fest der Eitelkeit. Denn so verzückt und geradezu wie bezaubert hatte mich noch kein Mensch angesehen.
      Ich hatte auch noch die Genugthuung, jene meine »beste Freundin« bei ihm auszustechen, eine Rivalin, die mich schon von den Kinderschuhen an gekränkt hatte, da sie allgemein als die Schönheit in unserer Klasse galt. Nun war sie auf einmal Luft für den Dichter, den sie liebte, nachdem er ihr selbst eine Weile gehuldigt hatte.
      Ich selbst liebte ihn nicht. Er hatte in meinen Augen etwas Knabenhaftes, das nicht bloß an seinen jungen Jahren lag. Die Umgebung, in der ich aufgewachsen war, die Banquierluft in meinem Elternhause, die Geschäftsfreunde meines Vaters – all das hatte den geringen Sinn in mir für das Ideale und Poetische nicht großziehen können. Was ich sonst von jungen Courmachern um mich hatte, war elegant, frivol, leichtlebig, und auch die Seufzer aus gebrochenen Herzen, die ich zu hören bekam, klangen sehr ungereimt. Nun betrachtete ich den ersten lebendigen Dichter, der mir vorkam, wie ein seltenes exotisches Thier, mit dem man nur spielen mag, ohne ihm irgend welche ernste menschliche Rechte einzuräumen.
      Er aber nahm es um so ernster.
      Seine Leidenschaft wuchs ihm dermaßen über den Kopf, daß er sogar keine klingenden Worte mehr für sie fand. Ich hatte ihm lachend gesagt, ich erwartete eine glänzende Liebeserklärung in Sonetten, die Shakespeare's berühmte Sonette verdunkelten. Seit ich Sie kenne, sagte er mit dem Ton eines Menschen, der vor dem Richter ein todeswürdiges Verbrechen beichtet, habe ich keinen Vers geschrieben.
      Ich lachte wieder und hielt ihn mit halben Hoffnungen hin, die ich entschlossen war nie zu erfüllen. Und als er eines Tages, nachdem der Flirt ein paar Monate gedauert hatte, in einer 
      garden-party mir geradezu die Frage stellte, ob ich ihm erlaubte, bei meinen Eltern um mich zu werben, er könne die Qual der Ungewißheit nicht länger ertragen; wenn ich ihn nicht erhörte, werde er aus der Welt gehen – war ich herzlos genug, ihm zu erwidern: ich hätte nichts dagegen, wenn er in die Welt der Träume und Reime zurückkehrte, die er um meinetwillen verlassen; an eine andere Weltflucht glaubte ich nicht; schon mehr als Einer, der sich um mich bemüht, habe damit gedroht, und Alle lebten noch frisch und munter in den Tag hinein.
      Sie würden erkennen, Miß Evelyn, daß ich nicht bin wie Alle, erwiderte er. Ich habe mich sehr ernst und lange geprüft und bin zu der Überzeugung gekommen, daß Sie mein Schicksal sind. Wenn Sie mich abweisen und ich mich hoffnungslos von Ihnen trennen muß, ist mir Alles entwerthet, was mir das Leben bisher ertragen half. Ich bitte Sie daher, ehe Sie Ihr letztes Wort sprechen, sich zu fragen, ob Sie es verwinden würden, eine Menschenseele auf dem Gewissen zu haben.
      Ich gestehe, daß mich diese rührende Rede erst recht gegen ihn erkältete.
      Ich lasse mir nichts abpressen, sagte ich sehr scharf und schneidend. Ihr Zwangsmittel ist bei mir wirkungslos. Ich bin überzeugt, daß die Muse, wenn Sie jetzt zu ihr zurückkehren und mich bei ihr verklagen, Sie wie einen reuigen verlorenen Sohn an ihr Herz ziehen und bald über meine Unnahbarkeit trösten wird. Also leben Sie wohl, und auf Wiedersehen bei dem Bankett, mit dem Ihre Freunde die hundertste Auflage Ihrer Gedichte feiern werden.
      Er sah mich mit einem Blick an – einem Blick, den ich seitdem, obwohl vier Jahre dazwischen liegen, noch nicht vergessen habe.
      Sie werden Ihren Hohn bereuen, Miß Evelyn. Und das sollen Sie noch hören: Sie halten mich für einen weichlichen Poeten. Sie werden erleben, daß ich einen starken Willen habe. Und kraft dieses Willens sage ich Ihnen, wenn ich Sie nicht besitzen soll, werde ich es hindern, daß irgend ein anderer Mann Sie jemals besitzt, darauf machen Sie sich gefasst, und hüten Sie sich, leichtsinnig meine Warnung in den Wind zu schlagen. 
      Good bye!
      Er verneigte sich steif und förmlich und ließ mich in der Allee unter den blühenden Rosen stehen, in einer Stimmung, die nichts weniger als rosig war.
      Nicht daß ich daran gedacht hatte, er werde seine Drohung wahr machen und sich das Leben nehmen. Aber ein Ton so tiefer, überschwänglicher Hingebung war in seinen Worten gewesen, ein so magisch loderndes Feuer in seinem Blick – ich zweifelte zum ersten Mal, ob es wohlgethan oder auch nur klug sei, eine ehrliche Leidenschaft, wie diese, mit ein paar spöttischen Scherzen abzuweisen, wie eine galante Huldigung in einem gewöhnlichen Flirt.
      Langsam kehrte ich zu der Gesellschaft zurück. Algernon hatte sich ohne Abschied entfernt.
      Ich blieb verstimmt. Indessen fand ich mich denn doch wieder zurecht. Ich sagte mir, daß ich, da ich seine Liebe nicht erwiderte, eine Abkühlung ihm sogar schuldig gewesen sei. An das Märchen von gebrochenen Herzen glaubte ich nicht. Er werde, wenn etwas an dem seinigen Schaden gelitten hätte, durch eine Luftveränderung rasch die Heilung herbeiführen und von seinem tr
      ip to London and Paris einen schönen melancholischen Band mit Childe Harold-Versen heimbringen.
      Ich sollte mich schwer in meiner Voraussetzung getäuscht haben.
      *
      Habe ich schon gesagt, daß mein letztes Gespräch mit Algernon im Garten unserer Villa stattfand? Sie lag zwei Meilen von der Stadt entfernt, mit einem prachtvollen Park, in dem man selbst die ärgste New Yorker Sommerhitze kaum empfand.
      Es war ein sehr geräumiges Haus, an jenem Abend viel Gesellschaft dort, die sich ungeladen eingefunden hatte. Zuletzt wurde auch getanzt, was ich leidenschaftlich liebte. Auch hinderte mich die Scene mit meinem armen Dichter nicht, bis lange nach Mitternacht aus einem Arm in den andern zu fliegen. Zuweilen freilich klangen mir seine Worte wieder im Ohr: »Sie werden erleben, daß ich einen starken Willen habe.« Aber warum sollte sein Wille stärker sein als der meine? Was war ich ihm schuldig? Weil er mich begehrenswerth fand, mußte ich ihm angehören, obwohl ich keine Lust dazu hatte?
      Erst gegen zwei Uhr fuhren die letzten unserer Gäste weg. Ich hatte mich müde getanzt und ging gleich zu Bett. Aber ich konnte lange nicht einschlafen. »Sie werden Ihren Hohn bereuen, Miß Evelyn!« hörte ich beständig. Ich zwang mich zum Lachen. Nein, so konnte ich mir doch nichts abtrotzen lassen.
      Endlich, gegen das erste Zwielicht, fiel ich denn doch in Schlaf. Aber nicht lange.
      Im Haus war Alles still. Nach dem nächtlichen Treiben gönnte sich auch die Dienerschaft ihren Morgenschlaf. Aber auf einmal fuhr ich in die Höhe. Der Schall eines Schusses hatte mich geweckt, dicht unter meinem Fenster.
      Ich zitterte am ganzen Leibe, blieb aber noch liegen, mir vorredend, ich hätte nur geträumt. Dann merkte ich an der Unruhe im Hause, daß auch Andere die Detonation gehört haben müßten. Und da, mich gewaltsam bezwingend, stand ich vom Bett auf, schlich an das Fenster und öffnete leise den einen Flügel so weit, daß ich den Kopf halb hinausstrecken konnte.
      Drunten, gerade auf der Schwelle der Hausthür, über der mein Mezzaninzimmer lag, sah ich die leblos hingesunkene Gestalt, den Revolver noch in der rechten Hand, das Gesicht blutüberströmt. Nicht lange sah ich das. Nach ein paar Secunden verließ mich das Bewußtsein. So fand mich meine Kammerjungfer auf dem Boden vor dem Fenster liegend.
      Bis ich über dies Furchtbare so weit hinauskam, daß ich am Leben und der Gesellschaft wieder theilnehmen konnte, dauerte es eine Weile.
      Dann aber – es ist seltsam, wie viel Heilmittel so ein junges Gemüth besitzt, um Wunden des Gewissens vernarben zu machen. Und wenn auch das Aufsehn, das das Ereigniß in dem sehr frivolen Kreis, in dem ich lebte, hervorgerufen, der Nimbus, den es mir verliehen, daß ein junges Genie um mich gestorben war, nur wenig dazu beitrug, mich zu trösten, – mein eigenes sophistisches Gewissen that sein Möglichstes, mich zu beruhigen.
      Vielleicht hatte der Unglückliche die That nur aus Eitelkeit begangen, um von sich reden zu machen. Jedenfalls war er ein Schwächling und nicht viel an ihm verloren. Ich aber, die ich in seinen Gedichten ihn so oft mit dem Gedanken an Tod und ewige Vernichtung hatte spielen sehen, sollte ich seine Prosa ernst nehmen? seine Warnung nicht auf Rechnung einer überreizten Dichterphantasie schieben?
      Gewiß, ich hatte mir keinen Vorwurf zu machen und brauchte nicht auf Glück zu verzichten, weil er mir's mißgönnte noch über das Grab hinaus.
      Aber so viel Eindruck hatte das traurige Ereigniß doch auf mich gemacht, daß ich jetzt mich vor allem Flirten in Acht nahm, Diejenigen, die nun erst recht mir den Hof machten, ruhig herankommen ließ, und wenn ich nichts für sie fühlen konnte, sie freundlich und ohne alle koketten Mätzchen verabschiedete.
      Das hatte so Jahr und Tag gedauert, da lernte ich meinen armen 
      Fredy kennen.
      Er war in Allem der gerade Gegensatz zu dem unglücklichen Poeten. Sohn eines reichen Rheders, von Früh an in der halben Welt herumgefahren, ohne viel Schulweisheit und Literatur, aber mit einem hellen, wenn auch ganz unpoetischen gesunden Verstande begabt und einer strahlenden Heiterkeit. Ihn lachen zu hören, war geradezu eine Erquickung, und der schwärzeste Melancholiker konnte nicht widerstehen mitzulachen. Dabei ein Prachtmensch von körperlicher Anmuth, ein Riese an Kraft und Gesundheit, und was mich vor Allem bestach, gutmüthig und lenksam wie ein Kind, wenigstens mir gegenüber.
      So sehr er von seinen persönlichen Vorzügen überzeugt sein konnte – als er mir seine Liebe erklärte, konnte er vor Zaghaftigkeit nicht drei zusammenhängende Worte sagen und sah dabei so drollig aus, daß mir – Sie werden das kaum verstehen, da ich sehr glücklich war, daß er endlich sprach – bei seinen respectvollen Mienen und Gebärden mein kleiner Seidenpinscher einfiel, der gerade so um ein Stück Zucker betteln konnte.
      Ich mußte trotz meiner Aufregung lachen und sagte ihm auch den Grund, und da lachte er mit, und dann umarmte ich ihn, der von Kopf bis Fuß vor Glückseligkeit bebte, und so haben wir uns in unseren Brautstand hineingelacht.
      Aber gleich darauf wurde mir sehr ernst zu Muthe. Ich dachte an den Todten, und als wir uns erst ein wenig beruhigt hatten, fragte ich Fredy geradezu, ob er sich getraue, ein Mädchen zu seiner Frau zu machen, über deren Haupt eine so gespenstische Drohung hänge.
      Er nahm meine beiden Hände in seine große Rechte, sah mich lächelnd an und sagte: 
      Let the poor spirit come, my darling. I'll knock him down!
      Und dabei drückte er meine Hände so gewaltig, daß, während ich mich aufstöhnend losmachte, gegenüber seiner frischen Kraft all meine unheimliche Sorge verschwand.
      Wir wollten keinen langen Brautstand haben. Sechs Wochen nach der Verlobung, im Juli, sollte die Hochzeit sein. Da es wieder sehr schwül in der Stadt war, beschlossen wir, die übliche Hochzeitsreise auf den Herbst zu verschieben, wo Fredy mich nach London führen wollte, die Flitterwochen dagegen ganz still in unserer Villa zu verleben, was besonders meiner Mutter zu Liebe geschah, die mich nur schweren Herzens von ihrer Seite ließ.
      Mich selbst hatte im ersten Augenblick der Gedanke, gerade an jener Unglücksstätte mein neues Leben zu beginnen, mit einem leisen Schauer erfüllt. Doch wollte ich in den Augen meines tapferen Verlobten nicht feig und abergläubisch erscheinen und bezwang auch das Herzklopfen, das ich fühlte, als wir nach der Trauung, die erst in der Abendkühle im Stadthause meiner Eltern stattgefunden hatte, im offenen Wagen die paar Meilen nach der Villa hinausfuhren.
      Fredy saß mit so strahlender Miene neben mir und streichelte mit seiner großen Hand meine kleine, kalte, zitternde so zärtlich, die Sterne über uns funkelten märchenhaft, je weiter der Lärm und Dunst der großen Stadt hinter uns blieb, je stiller und dankbarer wurde mein Herz. Ich dachte freilich an den Todten, aber mit der festen Überzeugung, wenn ein unsichtbares Band die Geister im Jenseits mit uns verknüpfe, werde er edelmüthig genug sein, mir mein Glück zu gönnen.
      So kamen wir vor der Villa an, in der außer dem Gärtner und seiner alten Frau keiner der Dienstboten zurückgeblieben war, da wir alle bei der großen Hochzeit gebraucht hatten. Die beiden treuen Hüter standen neben der offenen Hausthür, die sie aufs schönste mit Kränzen und Guirlanden decorirt hatten; der Wagen hielt vor der steinernen Treppe, Fredy öffnete den Schlag und sprang hinaus, mir beim Aussteigen den Arm zu bieten – in diesem Augenblicke ertönte ein Schuß dicht vor uns, der auf der Schwelle der Thür abgefeuert zu sein schien, und zwar so stark, daß die Pferde scheuten und anzogen, so daß ich schwankte und auf den Wagensitz zurückfiel.
      Auch die Anderen waren heftig erschrocken. Meinem tapferen jungen Gatten erstarb das Lachen auf den Lippen, als er die geisterhafte Blässe sah, mit der ich sprachlos im Wagen lag. Er faßte meine Hände und suchte, indem er mir zärtlich zuredete, mich aufzurichten. Körperlich hätte ich wohl die Kraft dazu gehabt. Aber die Erschütterung meiner Seele war zu stark gewesen, um mich auf den Füßen zu halten.
      Rühre dich nicht, 
      dearest, sagte er, ich trage dich hinein, du sollst diese verwünschte Schwelle, die dir ein solches Grauen macht, mit keiner Zehenspitze berühren.
      Damit beugte er sich über mich und wollte mich aufheben. Ich drückte mich aber nur fester in die Wagenkissen und flehte ihn mit vorgestreckten Armen an, mich zu lassen, wo ich war, ich könne mich nicht überwinden, das Haus zu betreten, er möge Nachsicht mit meiner Angst und Schwäche haben, aber ich wisse genau, daß es mein und sein Unglück sein würde, wenn wir der Warnung des Todten trotzen wollten.
      Er ließ mich ausreden, ohne weder ein scherzendes noch ein ernstes Wort daran zu verschwenden, mich anderen Sinnes zu machen, obwohl er mein Widerstreben für eine kindische Thorheit hielt. Beruhige dich nur erst, 
      darling, sagte er und legte mich bequemer in der Wagenecke zurecht. Es ist hier gute Luft, vielleicht schlummerst du sogar ein wenig, die Hitze beim Essen und die vielen Toaste – kein Wunder, wenn man danach Gespenster sieht.
      Ich schloß denn auch die Augen, hauptsächlich um mit meinen Gedanken allein zu sein. Aber seltsam, ich schlief endlich wirklich ein und schlief die ganze Nacht durch, wenigstens bis die Hähne zu krähen anfingen. Da schlug ich die Augen auf und sah Fredy am Wagenschlag stehen und mir lachend zunicken.
      Nun, sagte er, das ist eine ganz neue Art, seine Hochzeitsnacht zu feiern, die junge Frau im Wagen, der junge Ehemann auf einem Sopha im Gärtnerhause. Denn du schliefst so süß, Liebste, ich gab Jack Ordre, die Pferde ganz still zu halten, bis du etwa aufwachen würdest. Aber jetzt – was hat die gnädige Frau für Befehle an ihren ergebensten Diener? Wir werden uns doch wohl entschließen, im Hause zu frühstücken. Bei Tage spukt ja auch kein noch so boshaftes Gespenst, 
      qui se respecte.
      Ich erzähle Ihnen das Alles so ausführlich, damit Sie sehen, wie gütig und besorgt um mich er war. Mein armer Fredy! Warum mußte er gerade mich zu seiner Frau haben wollen!
      Nein, Fredy, sagte ich, in das Haus setze ich keinen Fuß. Ebensowenig mag ich den Eltern jetzt unter die Augen treten, die mich für eine Närrin halten würden, und dann – die furchtbare Hitze – wenn du mir einen Gefallen thun willst, so fahren wir jetzt an den Hafen und besteigen deine Yacht, und fahren auf ihr wohin du willst. Ich leugne es nicht, meine Furcht – es mag dir vielleicht abergläubisch vorkommen – auf dem Lande werde ich sie nicht los werden, eher denke ich noch auf dem Meere zur Ruhe zu kommen, als ob er mir dahin nicht folgen würde.
      Wie du willst, sagte er. Nur muß ich dann noch ein paar Geschäfte in der Stadt besorgen, und es schickt sich doch auch, daß ich deine Eltern benachrichtige, wo sie ihr Kind – wenigstens im Gedanken – zu suchen haben. Dich selbst fahre ich aber sofort nach dem Hafen. Du wirst bis an den Abend dort als Strohwittwe hausen, aber sonst an nichts Mangel haben.
      Sie müssen wissen, daß diese seine Yacht immer segelfertig im Hafen lag, mit vollständiger Bemannung, dem Steuermann, Koch und sechs Matrosen. Denn plötzlich wandelte ihn einmal die Laune an, in See zu stechen, dann mußte er Alles parat finden.
      Wir fuhren also von der Villa fort, zu großem Erstaunen unserer Leute, die uns für plötzlich verrückt geworden hielten! Wie schonend und zartfühlend mein armer Riese mich behandelte, können Sie sich nicht vorstellen. Keine Neckerei über meine Schwäche, keine Verstimmung, daß ich ihn die Nacht so übel hatte zubringen lassen. Dagegen suchte er mir meine thörichte Einbildung, wofür er es doch hielt, zu vertreiben, indem er mir erzählte, den Schuß habe ein Wilddieb abgefeuert, der unsere Ankunft nicht erwartet und auf die Rehe gebirscht habe, die häufig in hellen Nächten aus dem Walde herüber in unseren Park kommen. Die Erfindung war sehr durchsichtig. Ich hatte den Schuß nicht hinter dem Hause gehört, sondern vorn an der Schwelle. Aber ich war Fredy doch dankbar, daß er sich die Unkosten einer Lüge machte, um mich zu beruhigen.
      Die Sonne blieb diesen Morgen hinter grauem Gewölk. Als wir den Hafen erreichten, drohte es zu regnen, und im Westen stieg ein Unwetter auf. Ich kam aber noch trocken an Bord der Yacht, bis zu der Fredy mich begleitete. Er lachte und winkte mir aus dem kleinen Boote zu, das ihn wieder zurückfahren sollte. Und hörst du, sagte er, da die Bootsleute schon abstießen, wenn dein 
      spirit dir auch zu Wasser eine Visite machen sollte, bitte ihn, ein wenig auf mich zu warten. Ich hätte ihm zwei Worte zu sagen. – Das war der einzige Scherz, den er sich in Bezug auf das unheimliche Ereigniß erlaubte. Dann verschwand er mir im Gewimmel der großen und kleinen Fahrzeuge, die im Hafen vor Anker lagen.
      Keines war wohl so comfortabel eingerichtet wie unsere Yacht, mit dem ausgesuchtesten Geschmack, und dabei so gut gebaut, daß sie dem schlimmsten Sturm trotzen konnte. Und überdies lag sie sicher, neben einem großen Indienfahrer, dessen schwarzer Bug sie überschattete. Und doch machte mir schon das leiseste Schwanken, als jetzt ein lebhafter Regenwind sich erhob, ein peinliches Gefühl von Angst und Übelkeit. Ich zog mich in die Kajüte zurück und streckte mich auf einem Divan aus, nahm einen Roman vom Tischchen, den ich schon bei einer neulichen Fahrt angeblättert hatte, konnte aber weder lesen noch schlafen.
      Wie lang wurde mir der Tag, wie ungeduldig ersehnte ich die Rückkehr Fredy's. Ich wußte, vor Abend konnte sie nicht stattfinden, er hatte an eine Reise mit mir ja nicht gedacht und mußte im Geschäft seines Vaters allerlei abschließen, Geld einstecken, zu meinen Eltern fahren, die ziemlich entfernt wohnten.
      Also galt es sich in Geduld fassen, sich die Ohren zuhalten gegen den Sturm draußen, der immer heftiger tobte und das Hafenwasser aufwühlte, und die Zeit mit dem Studium einer großen Karte vertreiben, die zwischen zwei Spiegeln an der Wand hing. Darüber wurde meine Stimmung endlich ruhiger; ich war selbst geneigt, den Vorfall am Abend nicht tragisch zu nehmen und an eine natürliche Erklärung zu glauben, und überließ mich dem Gedanken, wie hübsch es doch eigentlich sei, in einem solchen Prachtschiffchen ins neue Leben hinauszufahren.
      Und vollends wurde ich ganz vergnügt, als am Nachmittag der Capitän mir sagen ließ, ob ich nicht hinauf kommen wolle, das Boot mit meinem Manne sei schon in Sicht – vier Stunden früher, als ich gerechnet hatte.
      Ich warf mein Regenmäntelchen über und hastete die Stufen hinauf an Bord. Es hatte zu regnen aufgehört, die Wellen gingen aber noch hoch, und das Boot, das Fredy brachte, schwankte sehr. Er stand aber aufrecht und lüftete seinen Hut mit einer lachenden Miene, voller Zärtlichkeit. So ruderten die Bootsleute ihn bis an die Yacht, die schon ihr Fallreep ausgeworfen hatte. Mit der linken Hand ergriff er das Seil des Geländers und setzte den Fuß auf die unterste Sprosse. In dem Augenblicke ertönte ein Schuß dicht neben uns vom Bord des großen Indienfahrers, Fredy wandte unwillkürlich den Kopf nach jener Seite, that, da er das Gleichgewicht verlor, einen Fehltritt und stürzte zwischen dem Boot und der Yacht in die Tiefe.
      Sofort sprang einer der Bootsleute ihm nach. Ich selbst, so erschrocken ich war, ich zweifelte doch nicht, daß er gleich wieder auftauchen würde. Er war ein Preisschwimmer und hier im Hafen keine tückische Strömung, die ihn fortreißen konnte. Noch ein Zweiter warf sich ins Wasser, ein Mann von seiner eigenen Yacht. Beide, die ihn retten wollten, kamen nach einiger Zeit wieder zum Vorschein; ihn selbst hielt sein Schicksal da unten fest. Am nächsten Tage erst fand man ihn. Sein Rock hatte sich unten am Bug eines Dampfers festgehakt, wo sonst kein Nagel vorzustehen pflegt. Es hatte eben sein sollen. Meine alte Schuld – 
      er hatte sie mit seinem jungen Leben büßen müssen. Ein Schiffsjunge auf dem Indienfahrer hatte aus Langerweile nach einem großen Vogel geschossen, der sich im Takelwerk niedergelassen. Der Vogel war heil davongeflogen, meinem armen Fredy hatte der Schuß das Leben gekostet. – –
      Nach diesen Worten blieb es eine lange Weile still in der Barke. Die junge Frau bewegte, in tiefes Sinnen verloren, eines der Ruder, so daß sie sich langsam im Kreise drehten. Darüber wurde es endlich kühl, und sie fühlte es auch und zog ihr Pelzmäntelchen höher zum Halse hinauf.
      Theure Evelyn – fing der junge Mann eine Rede an, die er, während sie erzählte, sich sorgfältig überlegt hatte. Aber sie ließ ihn nicht weiterreden.
      Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen, Frank. Meine Eltern und andere kluge Menschen haben es mir schon gesagt, und ich habe ihnen Recht geben müssen, und doch hat es mein Gefühl nicht geändert. Nicht wahr, auch Sie wollten mir vorhalten, daß es eine Thorheit sei, das unglückliche Zusammentreffen zufälliger Umstände für eine Schicksalsfügung zu halten, ja mehr noch, für die boshafte Veranstaltung einer abgeschiedenen Seele, um noch posthum eine Rache zu vollziehen. Ich kann Ihnen das nicht bestreiten, und doch ist es mir unmöglich, das Schicksal oder den Zufall zum dritten Mal herauszufordern und dabei wieder das Leben eines Menschen, den ich liebte, aufs Spiel zu setzen. Und wenn das Unglück nicht wie bei meinem armen Fredy sogleich einträfe, die Geisterhand mir nicht den Becher vom Munde risse, noch ehe ich nur einen Tropfen Glück daraus getrunken –, daß ich keinen Seelenfrieden mehr finden, täglich um das Leben meines Mannes oder – eines Kindes zittern würde, steht mir fest.
      O lieber Freund, wenn an dieser Überzeugung irgend Jemand rütteln könnte, ich selbst hätte es ja gethan. Glauben Sie, daß ich mit meinen dreiundzwanzig Jahren es so leicht hätte, als ewige Mädchen-Wittwe hinzuleben? Immer, wenn ich, was doch seitdem schon ein paar Mal geschehen ist, Jemand begegne, zu dem ein inneres Gefühl mich hinneigt, daß ich mir denken könnte, von ihm könne mir das Glück kommen, das wir Alle im Stillen ersehnen, – dann immer die Flucht ergreifen zu müssen, um mich nicht erst loszureißen, wenn ein Stück Herz dabei blutend zurückbleibt? So wie der ewige Jude an den Menschen vorbeizugehen, die lieben und lachen und sich des Lebens freuen, und an keiner warmen Stätte rasten zu dürfen? Und doch – Alles lieber, als noch einmal einem so hämischen »Zufall« mich und Einen, den ich liebe, preiszugeben! Was ich an dem armen Algernon gesündigt habe, soll Niemand, außer mir, zu büßen bekommen.
      Sie hatte mit so entschiedenem Nachdruck gesprochen, er sah wohl, daß jeder Einwand machtlos sein würde. Aber jung, wie sie war, konnte er nicht alle Hoffnung für immer aufgeben, daß sie noch anderen Sinnes werden möchte, wenn die Zeit jenes Schreckgespenst noch mehr hätte verbleichen lassen.
      So schwieg er.
      Sie hatte jetzt den Curs wieder nach dem Ufer genommen, und auch er ruderte kräftig in dieser Richtung. Es schlug Elf vom Kirchthurm oben in Gardone, als sie landeten. Der Besitzer der Barke wartete ihrer schon in einiger Ungeduld, half dann aber höflich der Dame aussteigen und nahm von dem jungen Herrn das Fahrgeld in Empfang.
      Sie legten den kurzen Weg nach dem Hôtel schweigend zurück. Auch dort war Alles schon still geworden, der Portier hatte nur ihre Rückkehr abgewartet, um das Haus zu schließen.
      Gegen ihre Gewohnheit hatte sie Frank's Arm genommen, während sie die Treppe langsam hinaufstiegen. Aber vor der Thür ihres Zimmers angekommen, zögerte sie noch einen Augenblick. Sie standen sich in seltsamer Bewegung gegenüber. Dann sagte sie: Ich habe Ihr Wort, Frank, daß Sie morgen nicht ans Dampfschiff kommen, wenn ich abreise. Also wollen wir heute schon Abschied nehmen. Kommen Sie! Ich muß Ihnen noch ein Geheimniß vertrauen.
      Sie ergriff seinen Kopf mit beiden Händen und flüsterte ihm ins Ohr: 
      I love you! Und als er in höchstem Entzücken sie an sich ziehen wollte, hielt sie seinen Kopf fest, küßte ihn drei-, viermal leidenschaftlich auf den Mund und stieß ihn dann zurück. 
      Farewell – for ever!
      Dann trat sie hastig über ihre Schwelle und warf die Thür hinter sich ins Schloß, und er hörte, daß sie den Riegel vorschob und zum Überfluß den Schlüssel umdrehte.
      *
      In einer unbeschreiblichen Verwirrung aller Sinne hatte sich Frank von der Thüre losgerissen, hinter der das geliebte Wesen verschwunden war. Noch einmal anzuklopfen, zu versuchen, ob sie ihm trotz ihres grausam-süßen Abschiedes Einlaß gewähren möchte, hatte er als hoffnungslos aufgegeben.
      So war er mit schwankenden Schritten den langen Corridor bis zu seinem Zimmer zurückgegangen, wie berauscht von einem feurigen Wein, und hatte sich fieberhaft aufgeregt auf den Stuhl am offenen Fenster geworfen. Draußen stand noch der Mond am hohen Himmel, der schmale Garten unten am See lag wie versilbert mit seinen edlen Gewächsen, Palmen, Magnolien und Agaven, und die Rosen dufteten zu ihm herauf.
      War's denn kein Traum gewesen? Sie hatte ihm gestanden, daß sie ihn liebe, und das scheue Geständniß mit ihren Küssen besiegelt? Die Worte, die ihn beseligten, klangen ihm noch im Ohr, der weiche Druck ihrer Lippen brannte noch auf den seinen. Und das Alles sollte keine Verheißung, nur ein unwiderruflicher Abschied sein? Die Pforten des Paradieses wären ihm einen einzigen Augenblick geöffnet worden, um ihn dann für immer in das kalte Leben hinauszustoßen, das ihm jetzt nur um so mehr als eine Wüste erschien?
      Nein, so durfte es nicht enden. Er durfte sich nicht wie ein blöder Knabe ihrem Machtspruch beugen, als ob ihr Wille, dessen Recht er nicht anerkennen konnte, ein Schicksalsspruch sei. Er hatte sein Wort gegeben, nicht am Landungssteg von ihr Abschied zu nehmen. Aber was hinderte ihn, auf demselben Schiff mit ihr abzureisen, ihr nach Venedig zu folgen, dort eine andere venezianische Nacht abzuwarten, wo sie seiner Bitte kein thörichtes Nein entgegensetzen würde?
      Als er in seinen Gedanken so weit gekommen war, wurde er sehr froh, und vor seinen Augen standen Bilder eines überschwänglichen Glücks. 
      Amor vincit omnia! sagte er vor sich hin und war unermüdlich, den tröstlichen Spruch immer neu zu variiren. Über dieser Träumerei in der Nachtstille überkam ihn endlich ein leichter Schlaf, aus dem er plötzlich auffuhr, als die Uhr auf dem Kirchthurm Mitternacht schlug. Er zählte die Schläge, indem er dachte, daß es nun wohl Zeit wäre, zu Bett zu gehen. Als aber der letzte Schlag verhallt war und das weite Haus nun wieder todtenstill – war das keine Täuschung seines von der Gespensterstunde spukhaft aufgeregten Bluts? Kam wirklich draußen auf dem Corridor ein leichter, huschender Schritt heran und hielt stille vor seiner Thür; und jetzt klopfte daran ein leiser Finger und dann eine Pause und dann, etwas stärker, wieder das Klopfen? Heiliger Gott, wenn er recht gehört hatte, wenn 
      das Glück in tiefer Nacht sich an seine Thür geschlichen hätte und wartete nun, daß er käme und ihm öffnete und die Arme nach ihm ausbreitete – –
      Ihm schwindelte der Kopf, er fuhr vom Stuhl in die Höhe, und taumelnd, mit einem Herzklopfen, das ihm die Brust zu sprengen drohte, war er in drei Sprüngen an der Thür und schob den Riegel zurück und griff mit zitternder Hand nach der Klinke – da tönte mit lautem Knall ein Schuß durchs Fenster herein, gleich darauf ein unterdrückter Schrei draußen im Gange, und als er die Thür aufriß, konnte er eben noch die schlanke weiße Gestalt in seinen Armen auffangen, die vor der Schwelle zusammenbrach.
      Evelyn! flüsterte er, indem er sie aufzurichten suchte, süße, geliebte Evelyn, fasse dich, es ist nichts, ich bin bei dir, wir Beide leben und gehören einander – laß dich hineintragen –
      Sie wand sich mit plötzlicher Entschlossenheit aus seinen Armen los und stieß ihn zurück. Fort! Fort! hauchte sie. Lassen Sie mich – folgen Sie mir nicht – ich werde wahnsinnig, wenn Sie mich halten –
      Er sah in dem Zwielicht des matt beleuchteten Corridors ihre dunklen Augen in tödtlicher Angst von ihm wegblicken und mußte sie wohl freigeben. Unwillkürlich trat er vollends hinaus und wollte ihr nachgehen, sie wandte sich aber mit einer so gebieterischen Bewegung gegen ihn zurück, daß er an der Schwelle stehen blieb und mit verzweifelndem Schmerz sie den Gang hinunterwanken und in ihr Zimmer verschwinden sah.
      *
      An Schlaf war nicht zu denken. Aber so tief ihn das seltsame Erlebniß erschüttert hatte – in dem, was er beschlossen, fühlte er sich nicht verändert. Er benutzte die schlaflosen Stunden, seinen Koffer zu packen. Dann lag er angekleidet auf dem Bett und sann über diesen hartnäckigen Zufall nach, der das geliebte Wesen stets an der Schwelle des Glückes zurückstieß. Oder war's doch mehr als ein Zufall? Gab es eine Macht, die aus einem Jenseits herüber ein Menschenschicksal beherrschen konnte? Sein Verstand sträubte sich beharrlich gegen eine so widersinnige Lösung des traurigen Räthsels. Aber er begriff, daß ein Mädchengehirn darüber aus den Fugen gerathen und dem Wahnsinn nahe gebracht werden konnte.
      Als er am hellen Morgen aus einem leichten Schlummer auffuhr, der ihn doch zuletzt übermannt hatte, war sein erster Gedanke, ihr zu schreiben, nur eine Zeile, mit der er sie um eine letzte Unterredung bat. Er fürchtete, wenn er unerwartet ihr entgegenträte, mit dem Grauen, das sie Nachts von ihm getrennt, auch am hellen Tage von ihr zurückgewiesen zu werden.
      Eben hatte er sich zum Schreiben hingesetzt, da brachte ihm der Kellner ein Billet. Das schicke ihm die amerikanische Dame. Sie sei schon vor zwei Stunden abgereis't, in einem Wagen, den sie in aller Frühe habe kommen lassen, um das Schiff, das erst nach zehn Uhr ging, nicht abzuwarten. Sie wolle nach Desenzano lieber im Wagen fahren, um dann auch einen früheren Zug zu benützen.
      Der Brief, den Frank in tiefer Bestürzung öffnete, enthielt nur die Worte:
      »Leben Sie nochmals wohl, theuerster Freund! Ich war schwach genug, nur ein einziges Mal glücklich sein und glücklich machen zu wollen. Sie haben gesehen, daß man es mir nicht gönnt. Versuchen Sie nicht, das Schicksal, das mich zu lebenslanger Buße für ein jugendliches Vergehen verurtheilt, ändern zu wollen, folgen Sie mir nicht nach! In Venedig würden Sie mich ohnedies nicht finden, da ich meinen Reiseplan geändert habe. Eine zweite venezianische Nacht würde mir das Grauen, die Beschämung der gestrigen wieder aufwecken. Ihnen noch einmal in die Augen zu sehen, die ich so liebe, bringe ich nicht übers Herz. Vergessen Sie mich – vergiß mich und werde glücklich! Ich werde Dich nie vergessen!«
      *
      Eine Stunde später ging der einsam Zurückgebliebene in den Garten hinunter, die Morgenluft sollte ihm das Fieber in seinem Blute kühlen.
      Neben einem dicken Lorbeerbusch fand er den Gärtner, der einen etwa fünfzehnjährigen Burschen am Halse festhielt und sein Gesicht unbarmherzig mit Schlägen bearbeitete.
      Frank trat heran und rief dem aufgebrachten Manne zu, was der Junge denn verbrochen habe, um so barbarisch gezüchtigt zu werden.
      Der Gärtner ließ sofort den Mißhandelten fahren, der sich winselnd und den Kopf haltend spornstreichs aus dem Staube machte.
      Der unnütze Schlingel! rief er, sich den Schweiß von der Stirn wischend. Zur Arbeit ist er nie recht aufgelegt, aber wo ein dummer Streich zu machen ist, da ist mein Nino flugs bei der Hand. Die alte Gräfin, die da unten im Erdgeschoß wohnt, hat sich heftig beim Wirth beschwert. Sie ist hierher gekommen, weil sie zu Hause nicht hat schlafen können. Ihr Doctor hat ihr die Seeluft verordnet, und richtig, die vorletzte Nacht hat sie ganze fünf Stunden schlafen können und freute sich darauf, diese letzte, wenn's erst stille geworden nach der Illumination und dem Feuerwerk, nun wieder bis an den Morgen Schlaf zu bekommen. Und da muß der Nino, der Teufelsjunge, der noch hier im Garten herumstrich, eine noch geladene Rakete finden, gerade um Mitternacht, und schießt sie ab, hier vorm Fenster der Gräfin – Sie wohnen ja über ihr im zweiten Stock und müssen den Knall gehört haben! Die Gräfin aber hat von dem plötzlichen Schuß solches Herzklopfen bekommen, daß sie die ganze Nacht wieder kein Auge hat zuthun können. Nun, der verwünschte Taugenichts wird sich wohl hüten, noch einmal einen solchen Teufelsspuk zu treiben!
    



      Antiquarische Briefe
      (1900)
       
      Maderno, 28. Oct. 189..
      Lieber, verehrter Sanitätsrath und Freund!
      Sie werden sich wundern, wenn Sie lesen, von wo aus ich Ihnen schreibe. Ich hatte versprochen, Ihnen erst die Ankunft an meinem Ziel zu melden, das sollte Gardone am Gardasee sein. Nun bin ich aber schon ein paar Stationen vorher hängen geblieben.
      Maderno ist nämlich noch zehn Dampfschiffminuten von jenem berühmten Winterkurort an der Riviera entfernt und hat bisher noch nicht viel von sich reden machen. Ich selbst hörte hier den Namen zum ersten Mal. Als aber der Benaco, auf dem ich fuhr, mit Prusten und Schnaufen am Landungssteg anlegte, entzückte mich eine süße kleine alte Kirche, die über den Platz herübersah, und das ganze alte Nest heimelte mich auf den ersten Blick an.
      Ein mitreisender Herr, der den ganzen See wie seine Tasche kannte, bemerkte meinen Enthusiasmus und fand ihn sehr berechtigt. Er habe selbst einmal vier Wochen hier gewohnt, in einer ganz leidlichen Pension, als er in Gardone kein Unterkommen gefunden hatte. Das könne mir ja auch passieren, dacht' ich, entschloß mich rasch, mein bischen Gepäck ans Land bringen zu lassen, und eine Stunde später war ich denn auch richtig in einem etwas kahlen, aber sauberen Zimmer untergebracht, mit Prachtaussicht auf den See und einem großen Bett, das gerade gegenüber dem Balcon steht, und von wo aus ich alle Sonnenaufgänge aus erster Hand habe. Das war gestern.
      Seitdem habe ich noch nicht viel von meiner nächsten Umgebung gesehen, bis auf die Enttäuschung, die mir das Kirchlein gemacht hat. Es ist nämlich eine Attrappe, nur eine architektonisch merkwürdige Façade, aber nichts dahinter, das Innere nicht viel über hundertfünfzig Jahre alt. Wenn ich aquarelliren könnte, würde mich das nicht anfechten. Denn die goldröthliche Farbe des Steins und die altromanischen Ornamente – ich hoffe doch, mit dieser Bezeichnung blamire ich mich nicht – kurz, das ganze alte Coulißchen ist so malerisch, daß man sich nicht dran satt sieht.
      Hiermit aber werde ich für diesmal mein antiquarisches Gewissen Ihnen gegenüber befriedigt haben. Ob ich überhaupt dazu kommen werde, mein Versprechen zu halten und Ihnen über meine Alterthumsstudien ausgiebigen Bericht zu erstatten, weiß der Himmel. Der Anfang wenigstens hat meine Hoffnungen, auf meine alten Tage noch ein bischen Kenntnisse zu sammeln, wie Sie mir zur Pflicht gemacht, sehr niedergeschlagen.
      Daß Sie mich überhaupt dazu aufgemuntert haben, war ja gewiß sehr gut und gescheidt von Ihnen. Denn wie ich seit dem Tode meiner 
      Anita selbst wie lebendig begraben in unserm öden alten Häuschen hockte, auch nachdem das sogenannte Trauerjahr verstrichen war, mich nicht ins Leben wieder zurückfand, konnten Sie als unser alter Freund, Leib- und Seelsorger nicht ruhig mitansehen. Die Diagnose aber, woran es mir fehlte, war leichter als die Heilmethode. Sie hatten ganz Recht: wenn man eine große Liebe, die größte und einzige seines Lebens verloren hat, muß man sich nach neuen Liebesgelegenheiten umsehen, wären sie auch alle einzeln auf den ersten Blick kaum der Rede werth; »es läppert sich doch zusammen«. Und da überlegten wir, wie ich das anzufangen hätte. Vierzehn Jahr hatte ich meine geliebte Schwester in ihrer Gebrechlichkeit gepflegt, und auch ehe sie in dies Siechthum verfiel, eigentlich nur sie und ihren süßen Jungen geliebt, den wir so früh wieder hingeben mußten. Darüber waren mir all meine anderen Jugendbekannten entfremdet worden, und »verliebt« für mein eigen Theil war ich ja überhaupt nur ein einziges Mal gewesen, auch da nur, wie man etwa eine Mode mitmacht, die einem nicht recht zu Gesichte steht. Mein Bräutigam war zwar selbst ein sehr hübscher Mensch; aber um so komischer kam es mir vor, daß er an meinem garstigen Gesicht Gefallen sollte gefunden haben, zumal er ein Maler war. Für seinen Kunstverstand war das nicht gerade ein besonderes Zeugniß. Zumal die moderne Richtung auf das Häßliche damals noch nicht eingerissen war. Ob nicht das bischen Geld meine unansehnliche Visage in seinen Augen reizend machte wie einen alten Cimabue auf Goldgrund, darüber machte ich mir beständig Gedanken, und in einer richtigen Liebe sollen einem ja die Gedanken vergehen.
      Na, das gütige Schicksal hat mir's denn auch erspart, dahinterzukommen, was an der ganzen Liebschaft richtig oder unrichtig war. Der arme Mensch verunglückte, wie Sie wissen, bei einer Segelpartie. Ich war – Gott verzeih' mir's! – im Stillen ordentlich froh, daß ich meine Zärtlichkeit nun wieder ungetheilt meiner Schwester widmen konnte. Kindliche Liebe hatte ich nie gekannt, unsere Eltern starben so früh, der Vormund, der uns mit einer Gouvernante erzog, hielt es für sehr überflüssig, uns Liebe zu zeigen, wenn er nur unser Vermögen gewissenhaft verwaltete. Dann heirathete Anita, und ich lernte auch das Gefühl des Hasses und der Eifersucht kennen – gegen ihren Gatten, der ja ein sehr lieber und braver Mann war. Aber warum mußte er mir meine einzige Herzensfreude stehlen?
      Sie sehen, verehrter Freund, wenn ich überhaupt nicht an dem bewußten Muskel unter der sechsten Rippe links zu kurz gekommen bin, so habe ich doch versäumt, ihn vielseitig auszubilden. In der Zeit, als ich nicht mit der Schwester zusammen wohnte – eben wegen meines rasenden Neides auf den Schwager – habe ich zwar versucht, mein Herz an etwas Lebendiges zu hängen, erst an einen Dompfaff, den ich einmal auf dem Markt gefunden, wo er in einem winzigen Käfich steckte und mein Mitleid erregte. Dann an ein Kätzchen. Beide Male ist mir's schlecht bekommen. Ich habe, als die Thiere starben, so bitterlich geheult, wie sie wahrscheinlich gar nicht werth waren. Denn wir fühlen doch wohl in diese Geschöpfe weit mehr Herzliches und Menschliches hinein, als in ihnen selber steckt, und lieben in ihnen unsere eigenen idealisirten Phantasiewesen.
      Seitdem, das heißt, nachdem der Schwager gestorben war, habe ich ein für allemal darauf verzichtet, etwas Menschliches oder Animalisches zärtlich ins Herz zu schließen, außer dieser einen einzigen, von mir leidenschaftlich vergötterten Schwesterseele. Sie haben sie hinlänglich gekannt, um es nicht geradezu verrückt zu finden, daß ich in ihr einen solchen Ausbund aller Liebenswürdigkeiten sah. Ein bischen Überschätzung gehört ja zu jeder Liebe. Aber die Thräne, die ich in Ihren verhärteten alten Doctorsaugen sah, als unsere Anita die ihren für immer schloß, zeugte dafür, daß auch Sie nicht hatten widerstehen können und mir nachfühlten, wie leer die Erde für mich sein müsse, nachdem ich ihr diesen Schatz, mit ihm meinen ganzen Reichthum an Lebensfreude, hatte zurückgeben müssen.
      29. Oct.
      Ich bin gestern nicht weitergekommen. Die Erinnerung hatte mich zu sehr angegriffen, da noch Alles in mir zu sehr aufgelockert ist, um nicht bei der geringsten Berührung in heftige Bewegung zu gerathen.
      Heute bin ich ruhiger. Ich habe sehr lange und traumlos geschlafen, so fest, daß ich von dem Überfall der Zanzaren, die mir über Nacht Gesicht und Hände gräßlich zerstochen haben, erst etwas merkte, als ich mich Morgens im Spiegel besah. So wenig ich eitel bin – wie eine tätowirte Wilde mag ich mich nicht unten am Mittagstisch präsentiren und werde auch beim Ausgehen mein holdes Antlitz den Einwohnern von Maderno nicht ohne zwei dichte Schleier zu bewundern geben.
      Dieser Brief ist schon so lang geworden, daß er doppeltes Porto kosten wird, und doch steht fast nichts drin, was Sie nicht schon wissen, außer daß meine Adresse »Maderno (Gardasee)« ist. Damit aber soll nicht gesagt sein, daß ich eine Antwort von Ihnen erwarte. Sie haben Wichtigeres zu thun, als mit einer schwatzhaften alten Patientin Briefe zu wechseln, zumal wenn Sie dieselbe im Stillen für unheilbar ansehen und sie, wie das auch bei Ihren Herren Collegen der Brauch ist, nur in eine entfernte Kuranstalt geschickt haben, um sie loszuwerden.
      Nichts für ungut!
      Mit herzlichem Gruß Ihre ergebene
       Rosa Maria Smidt.
      *
      M. 1. Nov.
      Mit der berühmten »südlichen Sonne« scheint es auch nur Schwindel zu sein. Seit gestern ist sie hinter einer dicken Nebelschicht nicht zum Vorschein gekommen, der lange Uferstrich drüben und die Gardainsel sind so verduftet, daß man fast glauben könnte, da drüben dehnte sich das weite Meer. Immerhin hat der November hier am Gardasee noch Einiges voraus vor dem Wintersanfang an unserer Alster, zunächst die große Windstille, dann die vielen Oliven-, Lorbeer- und Cypressenbäume, die den Gedanken, der Sommer habe definitiv abgewirthschaftet, nicht aufkommen lassen. Kranke, die hieherkommen, befinden sich auch in der stillen, weichen Luft trotz aller Sonnenlosigkeit ganz wohl, wie ich von meinen Tischgenossen höre. Nur wer so impertinent gesund ist, wie ich, aber desto schlimmer am Heimweh leidet, Heimweh nach einer Heimgegangenen, der empfindet den Druck dieser trüben Atmosphäre doppelt.
      Zumal, wenn er sich des Zweifels nicht erwehren kann, ob das Heilverfahren, das Sie, mein gütiger Freund und Nothhelfer, vorgeschlagen haben, den gewünschten Erfolg haben werde.
      Gewiß haben Sie Recht gehabt: so konnte es nicht fortgehen. Ich mußte meinem verwais'ten Leben wieder einen Inhalt schaffen, meinem Kopf eine Aufgabe, wenn auch das Herz, das sonst alle Hände voll zu thun hatte, jetzt müßig bleiben muß. Da ich Ihnen erklärte, zu lebendigen Surrogaten könne ich mich nicht entschließen, mich weder an fremde Menschen, noch an Katzen, Schooßhunde oder Zimmervögel attachiren, schlugen Sie mir vor, es mit irgend einer noblen Passion zu versuchen. Da war nun auch Holland in Noth. So alt ich geworden bin, habe ich nie ein Talent cultivirt, außer dem einen, meiner Anita so viel Liebes anzuthun, als sich irgend erdenken ließ. Ich habe weder Klavier gespielt, noch Blumen gemalt und – zu meiner Ehre sei's gesagt – nicht einmal als Backfisch Sonne auf Wonne und Herz auf Schmerz gereimt. Auch habe ich weder Schmetterlinge noch Briefmarken gesammelt, und getrocknete Blumen zwischen Löschpapier waren mir ein Greuel. Ich machte also ein sehr dummes Gesicht, als Sie mir auseinandersetzten, ich müsse mir durchaus eine Beschäftigung suchen, die meine Gedanken von dem ewig Einen, Trostlosen, Unwiederbringlichen ablenkten, wenn ich nicht bei lebendigem Leibe zur Mumie eintrocknen wolle. Ich sehe aber noch das feine Zwinkern Ihrer hellen Augen hinter der goldenen Brille, als Sie mir, wie wenn Ihnen plötzlich für einen aufgegebenen Patienten die rettende Arznei eingefallen wäre, mit Ihrer gebieterischen Stimme, die keine Widerrede duldet, verordneten: Sammeln Sie alte Möbel! Sie haben ja schon einige Kenntnisse in diesem Fach. Die sollen Sie vervollständigen, und in Jahr und Tag werden Sie sich zwischen all dem alten Gerümpel um zehn Jahre verjüngt fühlen.
      Ich merkte gleich, wie Sie auf diesen Einfall gekommen waren. Meine Anita hatte diese Liebhaberei für Antiquitäten gehabt, es war also gewissermaßen eine Erbschaft, die ich antrat, wenn ich mich auch dazu aufschwang. Bis dahin hatte ich mich nur ihr zu Liebe für wurmstichige geschnitzte Schränke und Truhen und alte Brocatstoffe interessirt und war mir dabei oft als eine armselige Anempfinderin vorgekommen. Wenn ich aber jetzt mich bemühte, etwas zu lieben, was sie geliebt hatte, war's doch immer, als wäre mir noch ein sichtbarer Theil von ihr geblieben.
      Sie hatte ja nach und nach unser ganzes Häuschen am Harvestehuderweg »stilvoll«, wie sie behauptete, eingerichtet. Ich fand Manches darin recht niedlich, Anderes wieder hätte ich am liebsten in die Rumpelkammer geschafft. Aber da sie Freude daran hatte, war mir's auch recht. Nur das sogenannte Fremdenzimmer, wo wir nie einen Gast beherbergten, und eine Kammer daneben war noch mit ganz unwissenschaftlichen, will sagen, unhistorischen Mahagonimöbeln ausgestattet – und natürlich das Stübchen unserer alten Marieken, die uns lieber gekündigt hätte, als »so'n gräsigen Kram« in ihrer Nähe zu dulden. Das Fremdenzimmer aber gleichfalls zu stilisiren hatte meine arme Anita noch in ihren letzten Tagen beschäftigt. Ich hatte zu verschiedenen Trödlern herumlaufen und ihr Bericht erstatten müssen. Ihre armen Augen hatten sich dann geschlossen, ehe sie an der Erfüllung dieses letzten Wunsches sich weiden konnten.
      Das sagte ich Ihnen, und Sie nickten sehr einverstanden dazu. Aber als ein schlauer und weitblickender Seelenarzt wollten Sie nichts davon hören, daß ich meine Alterthumsstudien in unserer Stadt in Angriff nahm. Was hier zu finden ist, sagten Sie, kennen Sie ja. Für das Fremdenzimmer müssen Sie was Apartes auftreiben, nicht immer das eintönige sechzehnte Jahrhundert. Gehen Sie auf eine Studienreise, treiben Sie sich ein büschen in Süddeutschland und Tirol herum, da ist in den Bauernhöfen und abgelegenen Dorfkirchen noch Manches zu finden, was den Händlern entgangen ist. Sie sollen sehen, so ein altes Trumm, das Sie selbst entdeckt und für ein Butterbrod erstanden haben, macht Ihnen ein ganz anderes Pläsir, als was Sie in einem richtigen Antiquitätenladen mit schwerem Gelde bezahlen müßten. Und mit der Zeit kommen Sie in den Geschmack hinein, und das bischen Culturgeschichte, das an Möbeln und Hausgeräth hängt, gewinnt Ihnen immer größeres Interesse ab.
      Ich merkte wohl, verehrter Freund, was Sie mit alle dem beabsichtigten. Mehr noch als an meinen Culturstudien lag Ihnen an der Luftveränderung, die damit verbunden war. Ich sollte aus dem alten Häuschen, das noch nach Jahr und Tag ein Trauerhaus war, einmal in die weite Welt, mir die Augen auswaschen, in denen noch immer Thränenspuren zurückgeblieben waren. Und da ich von Hause aus eine resolute Natur bin und gar nicht zu weichlichem Hinbrüten angethan, sperrte ich mich auch nicht gegen Ihre Kurmethode.
      Ich nahm, bevor ich ging, noch die Maße von den Wänden, die ich möbliren sollte, überlegte, was ich alles anzuschaffen hätte, schärfte Marieken ein, gehörig den Staub von den alten Schränken, Kommoden und Bilderrahmen zu wischen, und trat dann, freilich mit einem Seufzer, die weite Reise an.
      *
      2. Nov. Nachmittags.
      Gestern wurde es früh in meinem Zimmer so dunkel, daß ich mit Schreiben aufhörte, da die elektrische Lampe zu hoch über meinem Tische angebracht ist, um bequem dabei zu lesen oder zu schreiben. Der Abend verging übrigens ganz angenehm. Es ist eine norddeutsche Familie in der Pension, mit der ich mich rasch ein wenig angefreundet habe. So verbrachten wir die Stunden nach dem Essen mit einer Whistpartie, wobei ich freilich Lehrgeld zahlen mußte, da ich die langen Jahre mit meiner Anita nichts als Grabuge gespielt hatte.
      Nun fahre ich heute, wo es ausgiebig »dröscht« und man sich wie in einem nassen Sack klamm und fröstlich fühlt, in meinem Bericht an Sie fort. Dies soll denn auch der erste wirkliche »antiquarische Brief« werden. Wenn er nicht so interessant wird, wie die Lessing'schen, liegt es nicht bloß daran, daß die Schreiberin kein Lessing ist, sondern am Stoff, der leider trotz seiner Überfülle nur einen kleinwinzigen Ertrag geliefert hat.
      Denn als Sie mir sagten, in München würde ich mich wie in einem antiquarischen Paradiese fühlen, wenn ich in das dortige Nationalmuseum käme, haben Sie mir viel mehr wissenschaftlichen Sinn und Verstand zugetraut, als ich in meinem einfältigen fünfzigjährigen Altjungfernkopf besitze. Ich selbst kannte mich besser. Mir graulte schon vorher ein bischen, wenn ich daran dachte, daß ich mir angesichts all der Schätze wie ein dummer Dorfdeubel vorkommen würde. Daß dies so arg werden würde, hatte ich freilich nicht gedacht.
      Von außen sah sich die Sache ja ganz nüdlich an. Keine solche Kunstkaserne sieben Stock hoch und eine halbe Meile breit, wie ich mir vorgestellt hatte, wenn ich dachte, daß der Hausrath und das Kunstgewerbe von acht Jahrhunderten darin untergebracht werden mußte, nein, eine kleine Stadt für sich, kleine, einstöckige Häuschen mit Thürmen und Erkern und Treppchen und Nischen dicht aneinander gereiht und nur in der Mitte ein höherer Bau, wie die Kluckhenne, die ihre Küchlein unter ihre Flügel nimmt. Das sieht sich ganz lustig an, und man ahnt nichts Arges, wenn man hineintritt. Aber kaum ist man über die Schwelle, ochott, ochott! da überfällt's einen, daß sich einem Alles vor den Augen herumdreht. Natürlich nur, wenn man so'n einfältiges Geschöpf ist wie Schreiberin dieses. Denn ein solcher Wolkenbruch von Alterthümern, wie er da von Zimmer zu Zimmer, von Halle zu Halle über einen hereinplatzt, daß man in ein paar Stunden erlebt, wozu man eigentlich Jahre brauchte – nein, mein verehrter Freund, das auszuhalten, dazu gehören stärkere Nerven. Mir wurde schon nach einer Stunde so schlecht, daß ich mich durch den ersten besten Ausgang ins Freie retten mußte, obwohl ich noch nicht den zehnten Theil gesehen hatte – was man so sehen nennt – wie mit Fischaugen, die Alles anglotzen, ohne sich dabei was zu denken.
      Draußen, in der schönen Prinz-Regentenstraße, als ich zur Besinnung kam, schämte ich mich freilich nicht wenig. Das will eine Frau sein, die auf eine antiquarische Studienreise geht und auf der ersten Station sich so schauderhaft blamirt? Aber wie ich dann an die Isar hinunterkam und die schönen Ufer und von der Maximiliansbrücke aus die fernen Berge sah, richtete ich mich aus meiner tiefen Erniedrigung wieder auf. Ist es denn so schanierlich, wenn einem in einer Regimentsküche, wo hundert Töpfe brodeln, der Appetit vergeht? Das war immer schon meine Schwäche gewesen: lieber gar Nichts, als zu Viel. Ich aß als kleines Gör nichts lieber als Äpfel. Bei einem Besuch in Berlin, wo eine Tante von uns wohnte, kam ich einmal an den Weidendamm und sah die Äpfelkähne am Ufer liegen, die von den Werderschen Inseln. Statt daß mich der Anblick gelüstig gemacht hätte, konnte ich wochenlang keinen Apfel, nicht den schönsten Gravensteiner mehr riechen.
      Und daß dem König Salomo nicht die Liebe vergangen ist, wenn er sich unter seinen tausend Frauen und Kebsweibern sah, habe ich nie begriffen!
      Addio für heute! Der Regen macht mich melancholisch. Wenn er an unsere Fenster am Harvestehuderweg schlug, setzte meine Anita sich an den Flügel und spielte ein bischen Bach, das überbraus'te die schläfrige Regenmelodie wie Meeresbrandung.
      So gut wird mir's nun nie wieder!
      Ihre ergebenste
      Rosa Maria S.
      *
      Maderno, 6. Nov.
      »Und der Regen, der regnet jeglichen Tag!« Wir müssen's eben leiden und uns damit trösten, daß alle »tropischen« Gegenden (ganze zehn Grad Celsius noch am 5. November, bitte!) ihre Regenzeit durchzumachen haben. Mi nich to slimm, seggt de Swinegel, dem es freilich nicht darauf ankam, mit seinen kurzen Beinchen durch den Schlamm zu patschen. Ein eleganter junger Maler aber, der hier Studien malen wollte, hat es nicht ausgehalten, sondern gestern sein Bündel geschnürt, nachdem er ins Fremdenbuch unserer Pension den Platen'schen Vers geschrieben hatte:
      Nie laß mich wiedersehn, o nie
       Die nebelreiche Lombardie!
      Wir Anderen bringen uns ganz leidlich durch den Tag, stapfen mit Regenmänteln und Gummischuhen durch die Gassen des kleinen Nestes, die freilich besser gekehrt sein sollten, und ich citire zuweilen den Vers aus Dante's »Hölle«:
      
      Così 
      sen vanno su per l'
      onda bruna.
      Denn meinen kleinen Dante habe ich natürlich mit hergebracht, auch eine Reliquie! Vor sechs Jahren, entsinnen Sie sich noch? hatte meine arme Anita sich's ja in den Kopf gesetzt, nach Rom zu reisen, und wir hätten's auch trotz Ihres Kopfschüttelns gethan, wenn nicht der Typhus dort ausgebrochen wäre, der den ganzen Winter anhielt.
      Inzwischen hatten wir eifrig Italienisch zu lernen angefangen, und zwar tollerweise gleich mit der »Göttlichen Komödie« (die übrigens 
      bye the bye weit leichter ist, als die berühmten 
      Promessi sposi, mit denen sich alle Anfänger pflichtschuldigst abquälen). Gerade bis ans »Fegefeuer« waren wir gekommen, da wurde es schlimmer mit meinem süßen Sorgenkind, und nach etlichen Monaten, als Sie ihr wieder einmal aus dem Gröbsten herausgeholfen hatten, kam der Dante nicht wieder aufs Tapet.
      Es ist aber immerhin so viel von meinen damaligen Exercitien an mir hängen geblieben, daß es mir hier entschieden zu Statten kommt, und an den trüben Tagen lerne ich fleißig weiter.
      Aber das interessirt Sie gewiß sehr wenig. Ich bin Ihnen noch die Fortsetzung der antiquarischen Erlebnisse schuldig.
      Also: mit München war ich fertig, ehe ich noch recht mit ihm angefangen hatte. Es thut mir das wirklich leid, da ich bei einer Rundfahrt in einer Droschke sah, was für eine schöne Stadt es ist, auch wenn man sie, wie ich, nicht aus dem Gesichtspunkt des Maßkrugs betrachtet. Aber selbst die berühmten Theken haben mich nicht halten können, nicht bloß, weil ich auch da mich vor dem Zu Viel fürchtete und mir keine Kunstindigestion zuziehen wollte, sondern weil ich all das Schöne, was ich sah, mit so schlechtem Gewissen genoß, wie ein Schulkind, das die Schule schwänzt. Ich war ja auf eine antiquarische Reise gegangen, vielmehr geschickt worden. Nun hatte ich aus der hohen Schule, die Andere mit so großem Nutzen durchschmarutzt hatten, Reißaus genommen, und zwischen dem Geklapper meiner Droschke glaubte ich hinter mir immer einen Ton zu hören wie von Goethe's wandelnder Glocke, die dem durchgebrannten kleinen Mädchen nachlief.
      Ich fuhr also am nächsten Tage weiter nach Süden, hielt mich auch in Innsbruck nicht auf, sondern kam Abends ohne Fährlichkeiten in Bozen an. Sie kennen diesen Weg und erlassen mir gern die Beschreibung, zu der ich auch das Talent nicht hätte. Ja, daß ich's nur gestehe: angesichts all der schönen Alpenscenerieen kam mir's so recht zum Bewußtsein, daß es doch einigermaßen verrückt sei, für warme Menschenherzen, die man verloren, sich an schneebedeckten Bergklötzen Ersatz oder wenigstens Linderung holen zu wollen. Ich bekam einen förmlichen Haß auf den berühmten Brenner, drückte mich in den Winkel meines einsamen Coupés und heulte wie ein Schloßhund, bis ich endlich darüber einschlief.
      Dann dachte ich in Bozen ein paar Tage zu rasten. Das alte Nest hat mich aber etwas enttäuscht. Es hat ja eine sehr schöne Kirche, und der Blick von der Talferbrücke aus nach der Mendel und dem Rosengarten ist großartig, auch der weite Platz mit dem Walther von der Vogelweide auf seinem marmornen Ofen muß im Sommer sehr lustig sein. Im windigen Spätherbst aber hörte der Spaß auf. Man muß geradezu ein deutscher Professor sein und für den Magdalener Wein schwärmen, um sich auch dann hier wohl zu fühlen. Ich aber, die ich weder im Torgglhaus noch im Batzenhäusl mich festtrinken mochte, dagegen in den kellerhaft eisigen Lauben fror und in den anderen Straßen die Augen voll Staub kriegte, entsagte auch der Fahrt nach Gries und Meran und fuhr am dritten Tage weiter.
      Diesmal traf ich's mit meiner nächsten Station – Trient – desto besser. Eine herrlich gelegene, schöne, schon ganz italienisch anmuthende Stadt – na, Sie kennen Sie ja wohl auch –, ein vortreffliches Hôtel, das lieblichste Wetter und, für meine besonderen Umstände nicht das Letzte, ein Antiquar, bei dem man, obgleich das Meiste nicht echt ist, viel lernen und viel Geld sitzen lassen könnte.
      Was mich betrifft, ist es zu beidem nicht gekommen.
      Das Geschäft liegt in der schönen, breiten Straße mit den breiten alterthümlichen, mit Erkern und Fresken geschmückten Häusern, an denen ich mich nicht satt sehen konnte. Dann trieb ich mich noch eine geschlagene Stunde auf dem Domplatz und in der wundervollen alten Kirche herum, und zum ersten Male gefiel mir die Welt wieder ein bischen, in der ich so allein zurückgeblieben war.
      Dann, wie ich noch einmal zu den beiden Häusern zurückschlenderte, in die ich mich förmlich verliebt hatte, stieß ich auch auf das Haus des Antiquars. Das Thor stand offen, die große untere Halle lockte mich hinein, und ich sperrte Mund und Augen auf, da ich hier vom Boden bis unter die Decke übereinander gestapelt unzählige geschnitzte Truhen erblickte, große und kleine in vier, fünf Etagen, alle mit ehrwürdigem Staube incrustirt. Eine sehr bethuliche italienische Frau begrüßte mich, so höflich wie eine Spinne, der eine dumme kleine Fliege eben ins Netz zu gehen Miene macht. Aber die Fliege war nicht so dumm, wie sie aussah. Truhen waren meine, will sagen meiner Anita Specialität. Wir waren so ziemlich dahinter gekommen, wodurch sich die nachgemachten von den echten alten unterscheiden. Und hier hätte auch ein unerfahrnerer Kunde gewarnt werden müssen durch die allzu gleichmäßige Decorirung mit Staub, während der Verkäufer bei einem guten Gewissen solche Mätzchen entbehren kann.
      Ich imponirte der guten Frau sehr, als ich mit meiner Kennerschaft herausrückte, und sie gestand auch gleich, dies Alles sei 
      roba moderna, es ließe sich ja auch zu so billigem Preise nichts Altes auftreiben, immerhin fänden sich in den Schlössern und Landhäusern der alten adeligen und bäuerlichen Familien noch manche gute echte Stücke, und sie mache sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus, mir zu zeigen, was sie an solchen besitze, wenn ich auch nichts kaufen würde.
      Es waren wirklich recht hübsche Stücke darunter, schöne Chorstühle, Betschemel, prachtvolle große Schränke mit sehr gutem Figurenwerk, Waschtoiletten mit zinnernen Delphinen, kurz, was das Herz nur begehren mochte. Das meine aber blieb ungerührt, da sich's auf etwas Anderes gesteift hatte.
      Ich habe mir nämlich vorgenommen, das »Fremdenzimmer« zur Abwechselung mit Möbeln 
      à la Louis XVI. auszustatten. Einen reizenden Schreibsecretär aus dieser Zeit mit schöner eingelegter Holzarbeit hatte Anita ja schon gekauft, halb wider Willen, da sie diesen Stil nicht sehr mochte. Es war aber ein gar zu appetitliches Möbel – Sie entsinnen sich vielleicht, es steht in dem schmalen Kabinet, wo die Pastellbilder hängen. Mir hatte es von Anfang an besonders eingeleuchtet und jetzt – ich habe mir lange Scrupel darüber gemacht, ob ich Anita das anthun könnte, nun das ganze Zimmer so einzurichten. Aber am Ende würde sie doch auch einsehen, daß der kleine Secretär nicht so einsam bleiben dürfe, und hätte sich mit Louis XVI. ausgesöhnt.
      Von dem Stil nun fand ich kaum etwas bei der guten Frau, und als ich ihr's sagte, meinte sie, solche Sachen seien überhaupt rar in Südtirol, da müsse ich schon weiter hinunter nach der Lombardei. In Mailand, Brescia, Verona seien manche alte Familien so eingerichtet gewesen und jetzt ihres Mobiliars entweder überdrüssig, oder so heruntergekommen, daß sie's gern unter der Hand verkauften. Sie gab mir auch ein paar Adressen, und wir trennten uns als die besten Freundinnen, obwohl ich ihr nicht für einen Gulden zu verdienen gegeben hatte.
      Santa Madonna! (wie die Rosina in unserem Hause alle zehn Minuten sagt) was für ein Ungeheuer von Brief ist das wieder geworden. Aber nun sind meine antiquarischen Erlebnisse ja auch sämmtlich berichtet, ich werde nicht wieder ins Schwögen kommen. Leben Sie wohl, gütigster, nachsichtigster Freund. Hoffentlich haben Sie am Alsterbassin helleres Wetter als unter dem »ewig blauen Himmel des Südens«.
      Ihre Sie herzlich verehrende
      Rosa Maria.
      *
      M., 20. Nov.
      Vierzehn Tage lang keine Feder angerührt. Ich war so unerhört schlechter Laune, daß ich mir selbst am liebsten entflohen wäre, geschweige Anderen mit meiner unausstehlichen Person zur Last fallen mochte.
      Natürlich trug der Himmel die Hauptschuld. Es reizte mich förmlich, zu probiren, wer ein graueres, verdrossneres, menschenfeindlicheres Gesicht machen konnte, er oder ich. Nur daß er keine so gute Entschuldigung dafür hatte, sondern von Gottes und Rechts wegen in schönstem Glanze strahlen sollte, da er den Vorzug hat, immer in diesen schönen See hinabzublicken. Ich aber –
      Ach, verehrter Freund, manchmal zweifelte ich sogar an Ihnen, Ihrer alten Freundschaft für mich oder Ihrem Verständniß für meinen Zustand. Hand aufs Herz: konnten Sie wirklich im Ernst sich einbilden, mir wäre durch Luftveränderung zu helfen oder durch das Herumkramen in altem Gerümpel? Ist das eine 
      Thätigkeit, die einem armen, im Erstarren begriffenen Menschenherzen zu einem frischen Blutumlauf verhilft? Und wenn ich wirklich mich Tag und Nacht gerührt haben werde und das Zimmer nun aus allen Ecken und Winkeln nach Louis XVI. riecht, was dann? Soll ich etwa ein ganzes Haus miethen und ein Alterthumsmuseum daraus machen und als mein eigener Custode darin herumspazieren? Oder gar mich unter die schriftstellernden Frauen mischen und gelehrte Abhandlungen über alte Bettladen, Spiegelrahmen oder Spuckkästchen verfassen?
      Aber verzeihen Sie diesen Schmerzensschrei einer noch immer nicht geheilten Seele. Sie haben mir ja selbst gesagt, so geschwind werde es nicht gehen; mit einer »noblen Passion« glücke es selten wie mit einer anderen Verliebung, die oft wie Blitz und Schlag vor sich gehe; man merke erst gar nicht, daß man Werth auf dies oder das lege, bis Eins zum Andern komme und einem endlich, wie bei einem Reisigfeuer, wo es lange nur so bescheiden knistere, die helle Flamme überm Kopf zusammenschlage. Zuletzt komme noch der Ehrgeiz hinzu, etwas in seiner Weise Vollständiges zusammenzubringen. Ach ja, das mag wohl so sein. Auch Anita hatte eine unvollzählige Besteckgarnitur, die ihr beständig im Sinne lag. So will ich denn auch für mich die Hoffnung nicht aufgeben und vor Allem besseres Wetter abwarten. Bei den Patiencen, die ich lege, der abendlichen Whistpartie und den Nebelpromenaden muß einem ja ganz lebensüberdrüssig zu Muthe werden, und Burckhardt's Renaissance hilft auch nur über ein paar Stunden hinweg. Das Beste war noch Ihr lieber Brief, in dem Sie mir so großmüthig Absolution für mein Auskneifen aus der Nationalgalerie ertheilten. Ich gelobe dafür auch, bei der Rückkehr mich tapferer zu betragen und wirklich wenigstens in die dortige Louis XVI-Sammlung mich gründlich einzuarbeiten.
      Mit der Rundreise in der Lombardei, die meine Trientiner Freundin mir angerathen, ist's vorläufig Nichts. Ich habe mir einen regelrechten Schnupfen zugezogen, als ich einmal eine Fahrt im offenen Wägelchen nach Toscolano und Gargnano machte. Übrigens entzückend, diese Chaussee zwischen hohen Lorbeeren zu beiden Seiten, und die herrliche Straße am hohen Ufer, selbst in der sonnenlosen Luft. Das ist mit ein bischen Nießen und Hüsteln nicht zu theuer bezahlt.
      Seitdem habe ich nur kleine Spazierschliche im Ort und der nächsten Umgebung gemacht und dabei entdeckt, daß sich hier in Maderno selbst ein Antiquar befindet, wie man ihn sich nur wünschen kann, zugleich unterrichtet und kein Schwindler, noch dazu ein Deutscher. Bei dem bin ich nun ein paarmal gewesen und habe mich ordentlich mit ihm angefreundet.
      Ich dachte es sehr schlau anzufangen, indem ich gleich beim Eintreten in seinen Laden äußerte, ich machte nur Jagd auf Louis XVI-Sachen. Damit glaubte ich, da ich dergleichen hier wohl nicht finden würde, berechtigt zu sein Alles anzusehen, ohne etwas zu kaufen. Nun hatte der Mann aber zufällig eine Garnitur von sechs Stühlen und einem süßen kleinen Sopha, mit braunem Seidenzeug und kleingeblümt überzogen, vortrefflich conservirt, forderte aber einen enormen Preis, in der Meinung, ich würde darauf eingehen ohne zu handeln.
      Ich erschrak ein bischen, behielt aber doch Contenance und sagte, da und dort hätte ich etwas ganz Ähnliches um ein Drittel billiger gesehen. Benahm mich auch, mit etwas Flunkerei, so sachverständig, daß mein Mann zwar nicht mit dem Preis herunterging, aber eine entschiedene Hochachtung vor mir bekam und mir seine Schätze bereitwillig auskramte. Zumal nachdem ich, während von Louis XVI. vorläufig nicht weiter die Rede war, mich ehrlich entzückt über zwei andere Stücke äußerte: einen goldbrocatenen Rauchmantel, wie ihn die katholischen Priester beim Hochamt tragen, und einen prachtvoll erhaltenen rothdamastenen Stoff, drei Meter lang, anderthalb breit, wohl ein ehemaliger halber Fenstervorhang, den er mir um hundert Lire lassen wollte.
      Ich bot achtzig und werde ihn für dies Spottgeld wahrscheinlich auch bekommen.
      Für dies erste Mal begnügte ich mich mit der Umschau, versprach aber, bald wiederzukommen, wozu auch das immer noch anhaltende Schlackerwetter mich bald genug veranlassen wird, da das eintönige Leben in diesem »Paradiese« sonst gar keine Zerstreuung bietet.
      Übrigens mag es im eigentlichsten Paradiese, trotz des gewiß beständigen Sonnenscheins, nicht viel amüsanter gewesen sein, und Adam und Eva hatten nicht einmal die Ressource, in Läden mit Alterthümern 
      shopping gehen zu können.
      Aber im Ernst, verehrter Freund: wird denn nicht auch Ihnen mein Geplauder über Truhen, Stühle und Brocatstoffe auf die Länge so entsetzlich, daß Sie einen solchen antiquarischen Brief, ohne nur das Couvert aufzuschneiden, in den Papierkorb werfen? Sie betrachten meine Berichte freilich wie fortlaufende Mittheilungen über die von Ihnen erhoffte Reconvalescenz, wie etwa wenn sich's um andere Krankheiten handelt, die Notizen über die auf- und absteigende Blutwärme oder sonstige Symptome. Leider nur ist von Besserung noch immer nicht viel zu spüren. Jene beiden großen Seidenstoffe haben nur darum ein Interesse für mich, weil ich nun endlich eine Flügeldecke gefunden habe, wie meine Anita sie sich für ihr Instrument wünschte. Wenn es nicht gelingt, den Rauchmantel so zu zerschneiden und wieder zusammenzusetzen, daß er das richtige Format bekommt, kann der rothe Vorhangstoff jedenfalls dazu verarbeitet werden.
      Sie sehen, ich bin um kein Haar breit weiter gekommen. Meine Gedanken drehen sich immer noch um das Eine, was unwiederbringlich ist.
      In Zukunft will ich Sie mit Trödelberichten möglichst verschonen. Vielleicht kommt es doch wieder zu etwas lebendigerem Leben.
      Ihre R. M.
      *
      Maderno, 6. Dec.
      Sie ist wieder da, schon seit einer ganzen Woche, und ist so über alle Maßen schön und liebenswürdig, daß man es sofort aufgegeben hat, über ihr langes Ausbleiben mit ihr zu zanken. Wie sie zum ersten Mal drüben über der Punta di San Vigilio heraufstieg, noch durch eine leichte Nebelschicht sich durcharbeitend, wie eine schöne Prinzeß, die ihr Federbett abwirft – es war einfach »zum Schreien« herrlich. Und seitdem ist sie uns in Gnaden treu geblieben, Alles huldigt ihr, überall spürt man in den Gärten und Oliveten ihren milden Hauch, ich sitze stundenlang auf meinem schmalen Balcon, nehme ein Sonnenbad und träume vor mich hin, sogar gewisse Träume ohne die Melancholie, die sie sonst zu begleiten pflegt. Man wird einfach zur Pflanze, zu einem unvernünftigen, gedankenlosen, bloß sonnendurstigen »Lebewesen« (ein Wort, das ich sonst hasse!) und macht an Gott und die Welt und das eigene liebe Ich keine anderen Ansprüche, als daß man in Ruhe gelassen werde.
      Ganz unbegreiflich ist es mir, wie ich trotzdem dazu kam, mich noch einmal an meinen Louis XVI. zu erinnern und es als eine Pflicht zu empfinden, weiter Jagd auf ihn zu machen. Ich hatte den Rauchmantel gekauft – für schweres Geld, aber sehr vergnügt, daß ich ihn hatte – (nur am Rande unten hat er eine schadhafte Stelle und am Kragen einen Riß), und bei Tische prahlte ich ein bischen mit diesem Einkauf. Einer der Herren, der schon den dritten Winter hier zubringt, fragte, ob ich denn schon bei dem Antiquar in Salò gewesen sei, der habe ein viel größeres Lager und sei als ein sehr kundiger, freilich auch zäher Händler bekannt.
      Das stieg mir in die Krone, und gleich mit dem nächsten Dampfer, der um Drei nach Salò fährt, machte ich mich auf den Weg.
      Die Fahrt ist wundervoll, dies ganze Ufer so reizend in seinem Schmuck von Villen und Gärten und darüber die sanften Abhänge mit Reben- und Ölpflanzungen, zu dieser Winterszeit mit dem immergrünen Laube noch so lachend, daß Niemand daran denken kann, wie nahe Weihnachten ist, und nun noch auf der ganzen Strecke neben und über dem Schiff das ungezogen schreiende und kreischende Mövenvolk, und die tiefe Purpurbläue der Flut – lachen Sie nur! Ich höre schon auf. Daß ich kein Schriftstellertalent habe, habe ich Ihnen ja schon gestanden und brauche Ihnen nicht weitere Beweise schwarz auf weiß dafür zu geben.
      Salò dagegen, das von Vielen gepriesen wird, hat mich stark enttäuscht. Ein einziger langer, steinerner Darm (Verzeihung für das häßliche Wort!), ich meine, eine einzige enge Straße, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, bis zu dem Platz, der dann an den See hinabsteigt. Es mag sich freilich in den Häusern, die sich nach dem Ufer zu öffnen, gar nicht übel wohnen lassen, und vom See aus sieht sich auch die alte Stadt, die ehemals die Capitale der Provinz und in vieler Hinsicht bedeutend war, lustig genug an. Drinnen aber – 
      lasciate ogni speranza! Ich sputete mich, durch die Kellerluft hindurchzukommen bis zu dem Hause ziemlich am Ende des ganzen Nests – nein doch, jenseits des oben erwähnten Platzes Vittorio Emanuele liegt ja noch eine Fortsetzung mit einer eigenen Kirche und größeren Gebäuden – aber mein Salò war hier zu Ende, denn hier wohnte mein Antiquar.
      Ich hatte, über und über fröstelnd, mein bischen gute Laune, Neugier, Kauflust und Alles verloren, als ich die enge steinerne Treppe hinaufstieg, und fand das Alles auch oben nicht wieder. Der Herr war abwesend, statt seiner empfingen mich zwei seiner Töchter, große, richtige Italienerinnen mit hohen Frisuren, die sich ihrer Würde als Schatzhüterinnen einer so ansehnlichen Alterthümersammlung vollauf bewußt zu sein schienen. Ich fand auch wirklich sehr viel werthvolle und fast nur echte Sachen, Truhen, Buffets, Geschirr, Kupfer- und Zinngeräth, auch Spitzen von großer Schönheit, die mir die Fräuleins besonders anpriesen. Da ich aber für meine Toilette ohne Spitzen auskomme und im Übrigen mein Louis XVI. fast gar nicht vertreten war, hielt ich mich nicht lange in den unheimlich düsteren und kalten Räumen auf – Notabene das ganze hohe und tiefe Haus, das bis zum See hinuntergeht, war mit antiquarischer 
      roba angefüllt –, sondern sagte, ich würde wiederkommen, wenn der Papa anwesend sei, und verabschiedete mich so eilig, als es möglich war, ohne nach einer wilden Flucht auszusehen.
      Einmal und nie wieder! sagte ich vor mich hin, als ich unten in der schwarzglimmrigen Straße angelangt war. Ich war schrecklich traurig. Nie hatte ich meinen Beruf zu dieser »noblen Passion«, die Sie mir verordnet hatten, so gründlich wie hier bezweifelt, seit meinem panischen Schrecken im Münchener Nationalmuseum. Wie ich so über das schlechte spitze Pflaster hinschritt und dachte: so wirst du nun von Stadt zu Stadt, von Trödelbude zu Trödelbude pilgern und überall unverrichteter Sache wieder abziehen, überfiel mich ein solcher Jammer, ein so tiefes Mitleid mit mir selbst, daß ich nahe daran war, loszuheulen wie ein armes Kind, das sich in einem dicken dunklen Walde verirrt hat und fürchtet vom Wolf gefressen zu werden.
      Etwas besser wurde mir, als ich auf den kleinen Hafenplatz hinauskam und den Dampfer wieder bestieg, der mich nach Maderno zurückbringen sollte. Es war aber inzwischen so abendlich geworden, und die Kellerluft von Salò steckte mir noch so in den Gliedern, daß ich es vorzog, schon in Gardone auszusteigen und das Stündchen bis zu meiner Pension zu Fuß zurückzulegen.
      Mir wurde auch warm und behaglich, schon eh' ich nach Fasano kam. Auch war der Weg ganz herrlich, die Abendröthe mir im Rücken färbte das Schneehaupt des Monte Baldo mit dem schönsten durchsichtigen Rosenroth und das Ufer zu seinen Füßen mit tiefem Violett. Ich konnte mich nicht satt sehen und schritt dahin wie im Traum.
      So war ich nach Fasano gekommen, bis zu dem letzten Hause unten an der Landstraße, wo eine Osterie ist mit drei hübschen Mädchen, von denen sich aber diesmal keine blicken ließ. Dagegen kam die steile steinige Straße herab, die um die Ecke herum nach Fasano di sopra führt, ein kleines, etwa acht- bis neunjähriges Mädchen herunter, an dem auf den ersten Blick nichts Besonderes war – ein mageres flinkes Ding, »dünn wie 'ne Pahlerbse«, in einem sehr dürftigen Fähnchen von leichtem Wollenstoff, das ihm nicht weit über die Kniee reichte, die Beinchen in vielfach gestopften rothen Strümpfen und an den Füßen Lederpantoffeln mit dünnen hölzernen Sohlen, die bei jedem Schritt auf den Steinen klapperten.
      Auch das Gesichtchen war gar nicht auffallend, höchstens durch seine großen dunklen Augen, die aber still vor sich hinsahen. Ein hageres Kindergesicht mit einem blassen, aber energischen Mündchen, die Bäckchen ganz ohne Farbe, doch nicht krankhaft. Das Kind hatte aschblondes Haar, ziemlich ordentlich frisiert und in einem putzigen kleinen Schopf oben auf dem Kopf zusammengesteckt, wie es die kleinen Mädchen hier zu Lande tragen. Und um die hübsche blasse Stirn wehten kleine krause Härchen, die sich aus dem Scheitel vorgestohlen hatten.
      Das Alles war ziemlich alltäglich und würde meine Aufmerksamkeit nicht gefesselt haben. Was mich bewog, stillzustehen, das Kind vollends zu mir herunterkommen zu lassen und ihm nachzugehen, als es an mir vorbeiflitzte, die Straße entlang, die hier sacht bergan steigt, war das zärtliche Verhältniß, in dem die Kleine zu einem sehr häßlichen schwarzen Hündchen stand, das in kleinen Sprüngen neben ihr her lief und mit Begierde kleine Brocken von der goldgelben Polenta auffing, die das Kind, indem es selbst davon abbiß, zwischendurch ihm zuwarf. Es that das ganz zierlich und geschickt, während es unter dem Arm eine leere gläserne Flasche festhielt und ein dünnes wollenes Tüchelchen, das es um den Hals geschlungen hatte, mit seinen langen Zipfeln ihm dabei in die Quere kam.
      Ich ging ein Weilchen hinter den Beiden her, holte sie aber endlich ein und redete das Kind an.
      
      Buona sera, piccina!
      
      Riverisco! antwortete sie. (Diese höfliche Grußformel wird hier den Kindern beigebracht, wenn sie kaum noch lallen können.)
      Wie heißest du?
      Ippolita. (Der Accent auf der drittletzten Silbe.)
      Wo gehst du hin, Ippolita?
      Ich hole Milch für die Mamma.
      Wer ist deine Mutter und wie heißt sie?
      Cipani Angela. (Jede dritte Familie in Fasano führt den Namen Cipani, auch die drei Grazien in der Osteria.) Meine Mutter ist Schneiderin. Jetzt ist sie krank.
      O! Sehr krank?
      Schon seit dem Sommer.
      Hat der Doctor ihr die Milch verordnet?
      Das Kind sah mich groß an. Ein Doctor? Der war nie bei uns.
      Hat der Vater ihn nicht geholt, da es mit der Mutter nicht besser werden wollte? (Ich konnte mir die Frage sparen. Daß die Leute hier in der Gegend lieber zu einem Heiligen oder einer Hexe, als zu einem Arzt ihre Zuflucht nehmen, – sie müssen ihn ja auch bezahlen – davon ist oft in unserer Pension die Rede gewesen.)
      Der Vater ist todt, vor vier Jahren ist er gestorben.
      Was war dein Vater?
      Er hat in den Vignen und Oliveten gearbeitet. Einmal, beim Olivensammeln, ist er von der hohen Leiter gestürzt. Am dritten Tage war er todt.
      Wie das Kind das Alles sagte, mit der stillen Miene und ohne jede Verlegenheit, erschien sie um einige Jahre älter. Dabei hörte sie selber auf zu essen, warf aber dem Hündchen immer noch seine Polentabrocken zu.
      Ich sah jetzt auch, daß ihr Röckchen viel geflickt war, mit Läppchen von anderem Zeug und großen, unbeholfenen Stichen, die offenbar nicht von der Hand der Schneiderin-Mutter, sondern von dem Kinde selbst herrührten. Aber bei aller äußersten Armuth hatte das süße Gör etwas von einer kleinen Prinzeß aus dem Märchen, die nur eine Weile verwunschen ist, die Gänse zu hüten.
      Ist das dein Hund? fragte ich, sehr einfältig, bloß um die Conversation nicht einschlafen zu lasten. Ich sah jetzt, daß er hinkte und um das linke Vorderbein einen kleinen schmutzigen Verband trug, ein graues Streifchen fest um die verwundete Stelle geknüpft.
      Vor vier Tagen, erzählte nun die Kleine, habe sie das arme Thier auf der Straße liegend gefunden; ein großer Köter habe es so zugerichtet, und es habe sich natürlich nicht wehren können, da es halb verhungert gewesen sei. Das habe sie nicht ansehen können und ihm das blutende Knie verbunden und es in ihr Haus getragen, da sei noch ein bischen Milch gewesen und ein Stückchen Polenta. Und da sei die 
      povera criatura wieder zu sich gekommen und Nachts zu ihr ins Bett gekrochen. Eine Nachbarin habe sie gescholten, sie hätten selbst nicht genug zu essen, sie sollten so ein gefräßiges Maul aus dem Hause jagen, es sei auch nicht Schade um das häßliche Thier. Aber Moretto – den Namen habe sie ihm selbst gegeben, weil er so schwarz ist – sei ihr schon viel zu lieb geworden, und auch die Mutter habe ihn gern, sie müsse manchmal lachen über seine drolligen Sprünge, und sonst lache sie nie mehr. Nein, sie wolle lieber selbst sich nicht satt essen, als Moretto hungern lassen.
      Dabei bückte sie sich, nachdem das letzte Bröckchen von dem kleinen Fresser aufgeschnappt war, und streichelte ihm mit den mageren Händchen den struppigen Kopf, und er streckte das rothe Züngelchen hervor und leckte ihr den Arm. Mir fiel Just's Pudel aus der Minna ein: ein häßlicher Pudel, Herr Major, aber ein guter Hund.
      Und was mir vor Allem auffiel außer der Mildherzigkeit des Kindes, da sonst bekanntlich alle Italiener, klein und groß, grausam mit den Thieren umgehen: sobald sie auf das Möhrchen zu reden kam, sprach sie so fließend und ausführlich, wie ich ihr nach den einsilbigen Antworten auf meine ersten Fragen nicht zugetraut hätte. Ihr Verhältniß zu dem häßlichen Findling, dem sie Samariterdienste geleistet, lag ihr offenbar näher am Herzen, als selbst das zu der kranken Mutter.
      Ein so zartbesaitetes Kinderherz ist in diesem Lande gewiß selten zu finden.
      Seit ich freilich in der Zeitung gelesen habe, wie weit es auch in unserm »hochcivilisirten« Deutschland mit der abscheulichen Thierquälerei kommen kann, hüte ich mich vor der hergebrachten pharisäischen Verdammung der Italiener wegen ihrer Gefühllosigkeit gegenüber den Thieren. Alles, was hier, da das Volk auf dem Standpunkt unerzogener Kinder steht, an armen Pferden, Eseln, Singvögeln in winzigen Käfichen und ähnlichen Greueln gesündigt wird, ist, da es ganz gedankenlos geschieht – »Thiere haben ja keine Seele« –, das reine Kinderspiel gegen die grauenhaften Mißhandlungen des edlen Pferdes in den Bergwerken am Rhein und in Westphalen, wo man aus gemeiner Gewinnsucht die Thiere so barbarisch schindet und ihre Kraft bis zum letzten Hauch ausnutzt, daß einem mildherzigen Menschen beim bloßen Lesen die Haare zu Berge stehen und ich gestern die ganze Nacht darüber nicht habe einschlafen können. Bisher dacht' ich, das Haarsträubendste an Thierquälerei sei, was ich hier von einem Grafen B.....i gehört habe, der im Keller seines Palastes oberhalb Gargnano fünfzig Singvögel in kleinen Käfichen den Winter über gefangen hält, nachdem ihnen die Augen ausgestochen worden sind, um sie im Frühjahr auf den Vogelheerden, 
      roccoli genannt, zum Herbeilocken ihrer Kameraden zu benützen, ein teuflischer Sport, der hier aber ganz gedankenlos betrieben wird.
      Aber die Qualen, die man ein so vornehmes Geschöpf wie das Pferd, das so lange lebt, in unterirdischen Höhlen ausstehen läßt, gehen doch noch drüber hinaus.
      Was habt ihr zu Mittag gegessen, Ippolita? fragte ich die kleine Barmherzige.
      Polenta.
      Und was werdet ihr zu Abend essen?
      Polenta. Die Mamma trinkt Milch dazu.
      O verehrter Freund, ist es nicht gräßlich? Diese Armuth und die Krankheit noch dazu – und ich schelte noch manchmal, wenn die sehr gute Küche in meiner Pension nicht genug Abwechslung bietet!
      Wenn du sagen solltest, Ippolita, was du am liebsten äßest – was würdest du dir wählen? fragt' ich.
      Sie blieb einen Augenblick stehen, sah nachdenklich gen Himmel und sagte dann, ordentlich wie von etwas ganz Herrlichem träumend: 
      Pane!
      Ich erspare Ihnen, wie diese Antwort auf mich wirkte. Zum Glück hatten wir eben das obere Gäßchen erreicht, das zu der Milchwirtschaft führt, einer ziemlich ansehnlichen Molkerei, wo die Milch von allen benachbarten Bauernwirthschaften hingeliefert und Butter und Käse fabricirt wird für die Hôtels in Fasano und Gardone. Seitwärts sah ich einen Laden, in dessen Schaufenster Weißbrod und die seltsam geformten in einander gedrehten Wecken aus sehr weißem, feinen Mehl lagen. Ich kaufte ein paar, auch einen Ziegenkäse und ein Stück Speck, ich hätte gern einen ganzen Sack mit allem Eßbaren gefüllt, was der kleine Laden enthielt, bloß um das greuliche »Polenta, Polenta« aus dem Sinn zu bringen. Das Kind aber konnte nur einen kleinen Vorrath neben seiner Milchflasche tragen, doch zufällig fand sich ein Spankörbchen vor, in das auch noch ein halbes Dutzend Eier verpackt werden konnte. Einmal wenigstens genug zu einer ordentlichen 
      Cena!
      Während ich meinen Einkauf machte, war Ippolita mit ihrem treuen Kameraden nach der Molkerei weiter gegangen und hatte sich die Flasche füllen lassen. Als sie zurückkam, wollte sie es nicht glauben, daß das Körbchen für sie bestimmt sei, dann aber leuchtete eine so helle Freude in ihren hübschen Augen auf, wie nicht jedem Kinde aus gutem Hause angesichts der reichsten Weihnachtsbescheerung. Sie bedankte sich in den zierlichsten Worten, wie sie ihr für solche Fälle beigebracht waren, und stellte dann die Milchflasche noch in den Korb, den sie sorgsam in die Hand nahm. Einen Gruß an die Mamma, rief ich ihr noch nach. 
      Sarà servita, versetzte die kleine Höfliche. Dann eilte sie flink die Straße zurück, daß ihre Pantöffelchen klapperten, und ich sah noch, wie sie von dem Brode ein Stückchen abbrach und es Moretto, der hoch an ihr emporsprang, in das Nimmersatte Schnäuzchen steckte.
      So! Nun habe ich mich ganz stumpf und heiß geschrieben. Da ich Sie aber als Menschen- und Thierfreund kenne, fürchte ich nicht, daß Sie die Achseln zucken werden, wenn dieser Brief, der so ernsthaft antiquarisch anfing, mit einem unbedeutenden menschlichen Abenteuer endigt.
      Nur daß Moretto ein so greulich garstiger Bastard ist, würde Ihnen das Interesse an meiner neuen Bekanntschaft, wenn Sie dabei gewesen wären, getrübt haben. Ich weiß ja noch, wie stolz Sie auf die reine Race Ihres herrlichen Cäsar waren.
      Ihre R. M.
      *
      M., 12. Dec.
      Heut müssen Sie noch mehr als sonst Nachsicht mit mir haben, bester Sanitätsrath; erstens mit meiner schlechten Schrift, da ich meine Krakelfüße auf der Chaiselongue liegend hinkritzle, und dann mit meiner spottschlechten Laune, die nur noch verschlechtert wird durch das göttliche Sonnenwetter, das ich wegen meines dummen verstauchten Fußes nur vom Fenster aus genießen kann. Wenn Sie wüßten, wie schön es hier ist, sobald ihre Majestät die Sonne zu scheinen geruht, würden Sie begreifen, daß ich einfach wüthend bin, bei übrigens kerngesundem Leibe ins Zimmer und auf das Lotterbettchen gebannt zu sein. Und noch dazu zur Strafe für ein Werk der Barmherzigkeit!
      Aber nein, ich will ehrlich sein, es war nicht eigentlich die Nächstenpflicht, die mich trieb, die kranke Schneiderin Angela Cipani zu besuchen, sondern der Wunsch, ihr klein süße Deern, die Ippolita, wiederzusehen, die mir's geradezu angethan hatte. Ja, sogar nach ihrem hinkenden und kläffenden Hündchen hatte ich eine Art Heimweh. Das rothe Züngelchen, das sich aus dem schwarzen Zottelkopf vorstreckte, erschien mir sogar im Traum. Von dem Rauchmantel oder dem Louis XVI-Sopha hatte ich nie geträumt.
      An dem Tage aber, nach dem ich diese Bekanntschaft gemacht hatte, regnete es wieder einmal, da war's nichts mit Fasano di sopra. Erst am folgenden wurde das Wetter wieder spazierlich, da hielt mich nichts zu Hause, und ich machte mich schon früh am Vormittag auf den Weg. Ich hatte für das Kind allerlei Kuchen und Naschwerk gekauft, für das Möhrchen eine kleine Wurst. Was die Kranke etwa erquickt hätte, mußte ich erst bei ihr selbst erfahren.
      Das war aber ein halsbrechender Weg, der in das alte Fasano hinaufführte, eine steile Straße, über deren hartem Pflaster noch ein Geröll spitzer Steinbrocken lag, wie wenn ein Gießbach im Frühling alle losen Felssplitter zu Thal geschwemmt hätte. Ich klettere sonst ganz fix, hier aber mußte ich alle dreißig Schritt stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. Dazu war's schauerlich kühl zwischen den Mauern der Reben- und Ölhalden, obwohl hier noch die Sonne ein bischen hereinschielte. Als ich aber die Häuser des alten Nestes erreicht hatte, wehte mich eine Grabesluft an, die mir in Mark und Bein drang.
      Sie haben keinen Begriff, was für einen öden, tristen Eindruck dieser übereinander gethürmte graue Häuserhaufen macht, lauter cyklopische Steinhöhlen wie aus der Urzeit, manche ohne Fensterscheiben, bloß mit Holzläden verwahrt, nur selten dazwischen ein bischen Grün. Daß da Menschen wohnen, nicht nur im Sommer, wo diese Naturkinder ja halb im Freien zu leben pflegen, sondern auch bei Regen- und Frostwetter, kann Unsereins mit seinen russischen Öfen, Doppelfenstern und dicken Teppichen nicht verstehen. Und doch sind diese Menschen in ihrem Gott vergnügt, wenn man wenigstens nach dem Äußern schließen darf, da mir nicht einmal ein Bettler begegnete, nur Weiber, die vor ihren Hausthüren und aus den Fensterlöchern herunter laut miteinander schwatzten und lachten, während eine Horde ungewaschener und schlecht gekämmter Kinder auf den Treppen hockte oder hin und her sprang.
      Ich mußte im Stillen mein klein süße Ippolita mit diesen Wildfängen vergleichen und wunderte mich, woher sie ihre Sauberkeit und Ernsthaftigkeit hatte. Freilich sah ich auch unter den anderen kleinen Mädchen manche, die ein noch unmündiges Brüderchen oder Schwesterchen herumschleppten, denn der mütterliche Trieb verleugnet sich auch unter den jungen Wildinnen nicht.
      Ich wurde natürlich neugierig angegafft, aber weiter nicht belästigt. Als ich nach der 
      sarta, der Schneiderin fragte, erbot sich sogleich ein schwarzhaariges Dämchen, mich nach ihrem Hause zu führen, sagte mir aber, wenn ich ihr eine Arbeit auftragen wollte, die könne sie nicht mehr annehmen, sie sei krank.
      Das Haus, wohin das Kind mich führte, war eines der letzten und höchsten und so verwittert und verwahrlos't, daß sich mir das Herz zusammenzog, als ich in die Thüre trat. Eine alte Frau saß drinnen auf einem Schemel, ein sehr braunes, verhutzeltes Hexengesicht, dem die silbergrauen Haare bis an die noch kohlschwarzen Augenbrauen hereinhingen. Der zahnlose, welke Mund bekam aber einen ganz freundlichen Zug, als ich nach der Kranken fragte, und sie stand rasch auf, um mich zu ihr zu führen.
      Ich verstand, mit einiger Mühe, da sie den hiesigen Dialekt sprach, nur so viel, daß ihr selbst das Haus gehöre und die Angela schon seit ihrer Verheirathung zur Miethe darin wohne. Seit dem Tode des Mannes habe sie sich nicht mehr recht erholt, auch zu fleißig gearbeitet, um sich und das Kind durchzubringen. Nun könne sie schon vier Monate lang nichts mehr thun und liege fast immer zu Bett. Es würde eine 
      grazia di Dio sein, wenn sie bald erlös't würde.
      Aber das Kind, das dann eine Waise wäre?
      O, für das würde dann schon gesorgt werden, im 
      asilo infantile von Salò. Und jetzt hätte es die Ippolita auch sehr hart, immer die kranke Mamma zu bedienen, Alles einzuholen, Morgens schon früh ihr die Milch zu bringen, denn andere Nahrung könne sie nicht mehr ertragen, nie zum Spiele mit anderen Kindern auf die Straße hinaus, und aus der Schule sei sie auch schon Jahr und Tag weggeblieben. Und es sei ein so gutes und braves Kind und lasse nie eine Klage hören, aber ein Jammer sei's, wie sie dabei herunterkomme, denn sie – die Hausfrau – sei selber arm und könne nicht viel für sie thun, als dann und wann ihr ein Süppchen kochen, damit sie doch einmal etwas Warmes in den Leib bekomme.
      Das Alles sprudelte die Alte an mich hin, während sie mich die enge, eiskalte Steintreppe hinaufführte. Im ersten Stock traten wir dann in eine dunkle Kammer, in der allerlei Gerümpel stand, dann in ein größeres, doch auch nur einfenstriges Zimmer, das trotz des grellen Sonnenscheins draußen nur ein schwaches Licht hatte, weil das Haus gegenüber ihm nur ein paar schräge Strahlen zukommen ließ.
      Es war ein hoher viereckiger Raum mit kahlen, ehemals weiß getünchten Wänden, der zugleich als Küche diente, wenn auf dem Steinherde an der Wand dem Fenster gegenüber ein Feuer angezündet wurde. An Möbeln sah ich nur einen schmalen schwarzen Schrank – keinen geschnitzten –, eine Kommode, auf der ein kleines Petroleumlämpchen stand und zwei Kaffeetassen, eine Truhe im Winkel, daneben eine mit einem Tuch verhängte Nähmaschine und in der Mitte einen länglichen, sehr wurmstichigen Tisch mit zwei Strohstühlen. Hinten in der Ecke neben dem Herd stand das Bett der Kranken, darüber eine kleine ausgetuschte Lithographie der Madonna in einem stockfleckigen Goldrähmchen, an der Wand neben dem Fenster eine Kinderbettstatt, aus der die Ippolita längst herausgewachsen war.
      Das Kind hatte am Tisch gesessen, Moretto zu seinen Füßen auf dem kalten Estrich aus rothen Ziegeln, und stand fast erschrocken auf, als es mich mit der Hausfrau eintreten sah. Es hatte in einem alten Schreibheft die Vorschriften mit Bleistift nachgekritzelt, da es offenbar nicht Alles verlernen wollte, was man ihr in der Schule beigebracht hatte. Nun kam es mit flinken Schritten auf mich zu und reichte mir das magere Händchen, und der Hund umwedelte mich mit freudigem Bellen wie eine alte Bekanntschaft.
      Ich konnte aber dem Mädchen nur zunicken und über das Haar streichen, da ich mich sogleich nach der Kranken umsah. Sie schien ein wenig geschlummert zu haben, schlug die Augen erstaunt zu mir auf, große, viel zu große Augen in dem abgezehrten, durchsichtigen Gesicht, das aber noch vor nicht langen Jahren sehr hübsch gewesen sein mußte.
      Klein Ippolita glich ihr auffallend, so daß ich ordentlich Angst bekam, die Tochter möchte auch die Krankheit von der Mutter überkommen haben.
      Ich setzte mich auf den Stuhl, den die Kleine mir ans Bett trug, und that ein paar theilnehmende Fragen, auf die ich mit einer dünnen, zitternden Stimme nur kurze Antworten erhielt. Die Hausfrau machte den Dolmetsch, sagte, wie sich die Angela gefreut habe, als das Kind das Körbchen mit den Eßwaaren gebracht, und habe auch eines von den Eiern gegessen, die anderen seien noch nicht angerührt, Ippolita weigere sich, sie der Mutter wegzuessen, sie habe nur das Brod und den Käse sich zugeeignet und Moretto das Meiste davon gegeben.
      Die Kranke nickte von Zeit zu Zeit bestätigend und sah dabei das Kind an mit einem so rührenden Ausdruck der zärtlichsten Liebe, daß mir die Augen naß wurden. Ich fragte, ob ich ihr nichts zu Liebe thun könne, sie schüttelte sanft und ergeben den Kopf und streckte nur die Hand nach mir aus, die meine mit ihren knöchernen, gelblichen Fingern zu drücken. Dann, als ich meinen Beutel auspackte und der Ippolita gab, was ich ihr mitgebracht hatte, überflog ein leises Roth ihr Gesicht und ein glückliches Lächeln erschien an dem abgezehrten Munde, dessen blanke Zähne sichtbar wurden. Moretto fraß fein Würstchen, Ippolita gab sogleich den größten der Kuchen an die Hausfrau, biß aber selbst in einen anderen ein und legte ihn doch geschwind auf den Tisch, als die Mutter einen Hustenanfall bekam, wobei das Kind sie mit so kräftigen Armen, wie man es den dünnen Trommelstöckchen nicht zugetraut hätte, unterstützte, bis die Qual einmal wieder vorüber war.
      Es war eine so feuchtkühle Luft im Zimmer, dessen Fenster offen stand, daß ich fragte, ob nicht ein Feuer auf dem Herd der Kranken wohlthun möchte. Sie sei nicht daran gewöhnt, sagte die Padrona. Ippolita hätte wohl einen Haufen dürres Holz zusammengeschleppt, den wollten sie aber »für die kalten Monate« sparen. Auch schien die Kranke in der That in ihrem Bett, dessen bunte Überzüge sehr reinlich waren, warm genug aufgehoben zu sein, und ihre Wangen sahen aus dem alten gelben Shawl, den sie um den Kopf und die Schultern gewickelt hatte, ohnehin vom Fieber erhitzt hervor.
      Also stand ich auf, drückte der Ärmsten noch einmal die Hand, küßte das Kind auf die Stirn und stieg schweren Herzens die Treppe wieder hinab, indem ich der Hausfrau auf die Seele band, es mich wissen zu lassen, wenn sich irgendwie eine Hülfe zu leisten Gelegenheit bieten sollte.
      13. Dec.
      Ich bin gestern nicht weiter gekommen, es war gar zu unbequem, im Liegen zu schreiben.
      Heute darf ich schon wieder aufsitzen, wenn auch noch nicht im Zimmer herumgehen. Auf dem Herabstieg von der steinigen Straße, die vom gestrigen Regen noch schlüpfrig war, glitt ich aus und verknackste mir den linken Fuß am Knöchel. Ein Wagen war nicht aufzutreiben, so hinkte ich noch die halbe Stunde bis nach Maderno und der Knöchel schwoll natürlich auf. Aber der Doctor – ein recht geschickter Mann, obwohl nur ein Italiener, die ja bei euch vornehmen deutschen Ärzten nicht ganz für voll gelten – hat mich sorgfältig behandelt, und in ein paar Tagen soll ich wieder hinaus dürfen.
      Freilich, noch nicht wieder hinauf. Das hat mir aber mein Doctor abgenommen. Er mußte mir gleich am nächsten Tage den Gefallen thun, nach der armen Kranken zu sehen, und brachte mir leider trostlose Nachricht. An eine Besserung sei nicht zu denken, es handle sich überhaupt nur höchstens um Wochen, und das sei noch ein Glück, da das Kind, das ja der Mutter immer ganz nahe komme, Gefahr laufe, angesteckt zu werden. Indessen habe er der ärmsten Dulderin etwas Linderung verschaffen können, vor Allem ruhigen Schlaf in der Nacht.
      Ich war ihm sehr dankbar, und er versprach mir, wenigstens einen Tag um den anderen nachzusehen und mir zu berichten.
      Für das Kind sorgte ich selbst, indem ich ihm aus unserer Küche zu essen schickte, auch ein Fläschchen von dem guten leichten Landwein. Ich hatte mir aber auch vorgenommen, da sie nun doch bald die Mutter entbehren und in das Waisenhaus kommen würde, sie nicht ganz so armselig, wie sie ging und stand, in ihr neues Leben eintreten zu lassen.
      Eine gutherzige Dame in der Pension that mir den Gefallen, nach Salò zu fahren und dort Zeug zu zwei Kleidchen, einem braunen und einem schwarzen, ferner ein halb Dutzend Hemdchen und Strümpfe, auch zur Auswahl verschiedenes Schuhwerk einzukaufen. Die Kleider wollte ich selbst anfertigen, ich hatte ja überflüssig Zeit dazu in meiner unfreiwilligen Zimmerhaft, aber die Maße mußte ich an ihr selbst nehmen.
      So brachte mir mein guter Doctor eines Nachmittags das Kind, das mit Moretto etwas scheu bei mir eintrat, aber bald zutraulich wurde. Immer noch nicht sehr gesprächig, doch unverlegen auf meine Fragen antwortend. Ich tractirte es, nachdem ich die Maße genommen, mit Chocolade und Kuchen, mußte aber erleben, daß sie nur eine kleine Portion zu sich nehmen konnte: sie hatte sich das Essen zu sehr abgewöhnt. Dann aber steckte sie das Übrige in die Tasche – natürlich hatte Möhrchen sein Theil wieder abbekommen – und empfahl sich mit einem Knix und 
      tante grazie, so allerliebst, daß ich mir Zwang anthun mußte, das arme süße Ding nicht ans Herz zu drücken und mit Küssen halb aufzufressen.
      Ich weiß nicht, verehrter Freund, was Sie zu all diesem Geplauder sagen werden. Wahrscheinlich interessirt es Sie nur mäßig, da Sie die betreffenden Personen nur durch meine sehr unvollkommene Schilderung kennen. Aber Sie haben ja auch ein Herz für die Armen und Elenden unter Ihren Patienten. Wie manchmal machten Sie uns die Freude, Sie bei Ihren wohlthätigen Werken ein wenig unterstützen zu können, also halten Sie mir's zu Gute, wenn die letzten Briefe nichts weniger als antiquarisch ausgefallen sind. Auch die Zeit für Louis XVI. wird ja einmal wieder kommen.
      
      Addio! Heute acht Stunden Sonnenschein. Es ist wirklich kein Humbug mit der berühmten Sonne des Südens.
      Ihre alte Verehrerin
      Rosa Maria.
      *
      20. Dec.
      Lieber, verehrter Freund!
      Der Mensch denkt und Gott lenkt!
      Ich weiß, daß Sie in diesem Punkt nicht mit mir übereinstimmen, ein so unverbesserlicher wissenschaftlicher Gottloser, wie Sie sind, dabei mit dem menschenfreundlichsten Herzen, das man nur wünschen kann.
      Aber wenn Sie auch sonst darauf bestehen, daß höchstens die Natur lenkt, der ihr Doctoren ein bischen nachhelft – bei dem, was ich hier erlebt habe, werden Sie doch stutzig werden und das Walten einer gütigen Vorsehung wenigstens ahnen, die die dummen Gedanken armer Sterblicher zum Besten lenkt. Warum sie es freilich in so vielen Fällen nicht zu thun für gut findet, ist ihr Geheimniß.
      Schrieb ich Ihnen nicht in meinem letzten unantiquarischen Brief, auch für Louis XVI. werde die Zeit einmal wieder kommen? Heute weiß ich, daß der arme König mit seinen hübschen Möbeln wohl für immer vor mir Ruhe haben wird.
      Aber ich will der Ordnung nach erzählen.
      Mit meinem Trauerkleidchen war ich gerade fertig geworden, als mein guter schwarzbärtiger Doctor mir die Nachricht brachte, die arme Angela sei in der vorigen Nacht sanft eingeschlafen.
      Das war am 15ten. Für diesen Fall hatte ich ihn gebeten, mir das Kind zu bringen, das ich nicht in dem schauerlichen Hause bei der todten Mutter lassen mochte. Der Doctor hatte das nicht zu Stande gebracht. Klein Ippolita, die mit starren, trockenen Augen neben dem Sterbebett saß, hatte heftig zu weinen angefangen, als man sie wegführen wollte, und nur des Nachts war sie zu der Hausfrau geschlichen; als ob sie sich doch fürchte, mit der Todten im Finstern allein zu bleiben. Sie hatte weder gegessen noch getrunken, nur Moretto gefüttert; den sie immer auf ihrem Schooß hielt.
      Hätte ich meinen Fuß schon brauchen können, so wär' ich hingegangen und glaube, ich hätte es fertig gebracht, die arme Waise in Pflege zu nehmen. So mußte ich mich begnügen, ihr den Traueranzug zu schicken, zugleich mit einem schönen Kranz von allerlei immergrünen Zweigen und weißen Nelken, und das Kind der guten Hausfrau auf die Seele zu binden.
      Am dritten Tage war das Begräbniß, bei dem ich auch nicht zugegen sein konnte. Ich hatte dem Doctor natürlich Geld gegeben, alle Kosten zu bestreiten, damit es so feierlich werde, »eine so schöne Leich'«, wie man in Süddeutschland sagt, als es für diese arme Bevölkerung der höchste Wunsch ihres dürftigen Lebens zu sein pflegt. Auch hatte ich ihm aufgetragen, drei Seelenmessen lesen zu lassen; mein protestantischer lieber Gott wird mir das wohl nicht zur Sünde anrechnen.
      Dem Kinde hatte ich sagen lassen, es solle nur ruhig in das Waisenhaus gehen, ich würde gleich am anderen Tage es dort besuchen.
      Ich hatte vor, mir ein Wägelchen zu nehmen und nach Salò zu fahren. Zugleich wollte ich der Oberin des 
      Asilo infantile – oder wie ihr Titel ist – die kleine Ausstattung des neu eintretenden Pfleglings übergeben und vorläufig etwas Geld, damit das arme heruntergekommene Pflänzchen besser genährt und getränkt würde, um erst wieder aufzublühen.
      Alles schien programmmäßig zu verlaufen. Die Beerdigung sei unter großer Betheiligung der ganzen Fasaner Einwohnerschaft von Statten gegangen, da Alle die Angela geschätzt und lieb gehabt hätten. Das Kind sei dicht hinter dem Sarge hergeschritten, an der Hand der Hausfrau. Es habe ausgesehen wie Alabaster, oder 
      come un panno lavato, sagte mein Doctor, aber keine Thräne geweint. Und eben so, wie wenn es innerlich versteinert gewesen wäre, habe sich's wieder nach Hause führen lassen und zum ersten Mal ein paar Löffel Suppe gegessen, die ihr die gutherzige Hausfrau gekocht habe.
      Am nächsten Mittag sollte es mit der Übersiedelung in das Waisenhaus Ernst werden.
      Ich war nun ziemlich beruhigt über das Schicksal meines kleinen Schützlings, wenn ich auch dachte, daß es ihm anfangs hart ankommen würde, sich in die Gesellschaft fremder Kinder und eine so ganz andere Hausordnung zu finden. Aber ich wußte ja, welch ein gutartiger, verständiger kleiner Mensch mein klein Ippolita war, und traute ihr zu, noch einmal auf die Manier dieser hiesigen Leute, die von der unseren so grundverschieden ist, glücklich zu werden, wenn es nur bei seiner jetzigen Umgebung ein bischen Liebe fände.
      Mich darüber zu beruhigen, war einer der Hauptzwecke meines Besuchs im Waisenhaus. Ich ließ darum auch den ersten Tag vergehen und bestellte den Wagen auf den Vormittag des nächsten Tages. Machte auch meinen ersten kleinen Spaziergang im Städtchen, noch am Stock, aber sehr vergnügt, daß ich doch ohne Schmerz wieder auftreten konnte.
      Fast wäre ich gleich zu meinem Antiquar gegangen, nachzufragen, ob er sich wegen des Preises für die bewußte braunseidene Garnitur nicht eines Bessern besonnen hätte. Aber vor dem Laden warnte mich etwas, nicht anzuläuten, und so kehrte ich in meine Pension zurück.
      Es war schon Dämmerung geworden, übermorgen haben wir ja den kürzesten Tag. Ich fand aber in meinem Zimmer eine sanfte Helle, da der See im Abendroth heraufleuchtete, unterließ es, das elektrische Licht anzuknipsen, und streckte mich in behaglicher Ermüdung auf die Chaiselongue. Da überließ ich mich meinen Träumen, überlegte, ob ich noch im alten Jahr bei dem herrlichen Wetter eine Fahrt nach Brescia oder gar bis Bergamo machen sollte, und dachte an alles Andere eher, als an das, was kommen sollte.
      Denn miteins – ich glaube, ich war ein bischen eingedröselt – höre ich ein Kratzen an meiner Thür, rufe: wer ist da? – keine Antwort, nur ein leises, heiseres Bellen, in dem ich sogleich das Stimmchen Moretto's erkannte. In höchster Verwunderung, wie der kleine Kerl sich zu mir gefunden haben mochte, da er nur einmal hier gewesen war, steh' ich auf und eile nach der Thür. Wie ich sie aufmache, springt richtig das Möhrchen an mir herauf, hinter ihm aber steht das Kind, und auf meine Frage: aber 
      bimba mia, was führt dich her? bricht sie in Thränen aus, fällt auf der Schwelle nieder und giebt keine Antwort, als daß sie mich unter Schluchzen immer wieder um Verzeihung bittet.
      Ich hob sie auf und trug sie auf die Chaiselongue. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis ich aus ihren wirren Reden klug wurde und begriff, wie Alles gekommen war.
      Am Vormittag hatte die gute Hausfrau das Kind nach Salò geführt und es dort der Vorsteherin des 
      Asilo übergeben, der es schon angemeldet war. Es scheint, daß man es freundlich aufgenommen hat. Nur hatte man sich durch die leidenschaftlichsten Bitten nicht dazu bewegen lassen, auch dem Hündchen Einlaß zu gewähren. Die Hausgesetze erlaubten das nicht.
      Sie habe dann zuerst auch nicht in das Haus gewollt, wenn sie sich von ihrem kleinen Freunde trennen sollte, erzählte mir das Kind unter vielen Thränen, aber die Sora Pia – die Hausfrau – habe ihr so zugeredet, und die gute Dame und einige der kleinen Mädchen hätten sie halb mit Gewalt hineingezogen, da habe sie gedacht, es müsse wohl am Ende so sein, und ihre todte Mama würde ihr böse sein, wenn sie nicht folge.
      Zu Mittag aber habe sie keinen Bissen hinuntergebracht, immer habe sie geglaubt, Moretto draußen auf der Straße winseln zu hören, und endlich am Nachmittag habe sie die Gelegenheit ersehen, als gerade die Hausthür offen gestanden, hinaus zu entwischen, bloß um dem Hündchen ein Stück Brod zu bringen. Vielleicht, dachte sie, kann ich das jeden Tag thun, und er bleibt dann beim Hause, und wenn wir zum Spazierengehen ausgeführt werden, erlaubt die Oberin, daß er neben mir herläuft.
      Wie sie ihn aber draußen gefunden habe, sei er wie toll an ihr hinauf gesprungen, daß er sie beinah umgeworfen hätte, und miteins sei es ihr gekommen, sie könne es nicht überleben, ihn Nachts draußen zu wissen, wo größere Hunde ihn hätten todt beißen oder böse Buben ihn mit Steinen werfen können, und da habe sie eine so schreckliche Angst erfaßt, und ohne zu bedenken, was sie that und ob man sie deßhalb strafen würde, sei sie Hals über Kopf davongelaufen, immer los die Straße nach Gardone, und von da nach Fasano, und von Fasano endlich bis Maderno, und habe im Dahinsausen nur manchmal sich umgesehen, ob ihr Keiner aus dem 
      Asilo nachsetze, Moretto immer hinter ihren Fersen, bis sie die Pension gefunden, wo ich wohnte, da erst habe sie aufgeathmet, weil sie wisse, ich meine es gut mit ihr und dem armen Moretto und werde nicht zugeben, daß sie getrennt würden.
      Ich beruhigte sie mit den besten Worten, so daß sie zu weinen aufhörte. Während sie mir das Alles erzählt hatte, wieder mit einer ihr sonst ungewohnten Beredtsamkeit, weil es das geliebte Hündchen betraf, hatte ich im Stillen meinen Entschluß gefaßt. Ich durfte mich doch von dem Kinde nicht beschämen lassen. Wollte sich das von dem Thier nicht trennen, das der Zufall ihm in den Weg geworfen, so durfte ich das arme verwais'te Menschenkind nicht wieder hergeben, das sich so vertrauensvoll zu mir geflüchtet hatte.
      Zunächst sorgte ich für seine leibliche Erquickung, ließ ihm ein Süppchen bringen und brachte es dann in ein lauwarmes Bad. Es war rührend zu sehen, wie der arme magere Fisch in der weichen Flut sich so wohlig streckte und plätscherte, zum ersten Mal in seinem Leben in einem warmen Bade! Nur im Sommer, wo die Hitze hier so enorm ist, war sie am dunkeln Abend mit Schulkameradinnen in den See hinabgetaucht. Als sie dann sauber und frisch herausstieg und ihre Härchen ordentlich wieder gekämmt und aufgesteckt hatte und in ihr schwarzes Kleidchen geschlüpft war, sah ich erst, was für ein von der Natur lieblich ausgestattetes, aber durch die lange Noth traurig heruntergekommenes Geschöpfchen mein klein süße Ippolita war.
      Ich behielt sie auf meinem Zimmer, wo ich auch mein Abendessen mir auftragen ließ. Sie war noch nicht ganz beruhigt. Immer horchte sie auf jedes Geräusch draußen, ob man nicht käme und sie zurückforderte. Als ich ihr dann aber auf der Chaiselongue ihr Lager zurecht gemacht hatte, schlief sie doch hurtig ein, die eine Hand auf Moretto's Kopf gelegt, der neben ihr liegen mußte.
      Auch ich legte mich früh zu Bett; ich wollte mit dem grellen elektrischen Licht ihren Schlaf nicht stören. Und so viele Gedanken mir durch den Kopf gingen, schlief ich seltsamer Weise doch auch bald ein. Die friedlichen Athemzüge meiner kleinen Schlafgenossin lullten mich in Schlummer.
      Ich wachte aber nach einer Stunde auf, da es im Gang draußen noch lebendig war. Sogleich sah ich mich nach der Chaiselongue um. Das Kind und das Hündchen lagen noch, wie sie eingeschlafen waren, der Mondschein aber war durch die breite Balconthür hereingeschlichen und versilberte jetzt Brust und Schultern des Kindes und war zum Gesicht hinaufgeglitten, so daß die weißen Zähnchen zwischen den blassen dünnen Lippen schimmerten und das gerade spitze Näschen noch beschienen war. Nur die Augen lagen noch im Dunkeln.
      Ich konnte nicht widerstehen, ich erhob mich sacht vom Bette und schlich zu dem Lager des Kindes hin. Mein Kind! sagte ich so für mich, wohl ein Dutzend Mal, mein, mein, mein Kind! – mit einer stillen Wonne, wie wenn ich dies arme, süße junge Leben unter meinem eigenen Herzen getragen und mit Schmerzen geboren hätte. Sie merkte nichts davon, und ich hütete mich wohl, so gern ich's gethan hätte, ihren Schlaf durch einen Kuß zu stören. Indessen aber rückte der Mondschein zu ihren Augen hinauf, miteins wurde auch Moretto unruhig und winselte leise aus dem Traum, plötzlich öffnete sie die Augen ganz groß, aber noch nicht mit wachem Bewußtsein, sah mich unverwandt an und schien sich zu besinnen, wo und bei wem sie war. Dann hob sie ganz sacht und schüchtern ihre beiden Ärmchen, legte sie mir um den Hals und zog sich sacht von ihrem Kissen in die Höhe. Im nächsten Augenblick fühlte ich ihre zarten kühlen Lippen auf meinem Munde, nur wie wenn man eine Blume daran drückt; dann lös'ten sich die Arme, das Köpfchen sank zurück, und mit einem glücklichen Lächeln schloß sie wieder die Augen.
      Zwei Stunden später.
      Ich bin hier unterbrochen worden durch den Besuch des hochwürdigen Pfarrers.
      Mit dem Sindaco hatte ich wegen der Adoption keine Schwierigkeiten. Die Comune ist nicht unzufrieden damit, daß ihr die Sorge für ein Waisenkind mehr abgenommen wird, und mein freundlicher Doctor hat mir alle amtlichen Schritte erleichtert, da auch er – wie übrigens die ganze Hausgenossenschaft – einen Narren an dem Kinde gefressen hat.
      Nur daß ich, eine Protestantin, das Kind nach einer so für lutherisch bekannten Stadt wie Hamburg entführen wollte, war den geistlichen Herren doch nicht ganz unbedenklich erschienen. Indessen ließ sich auch diese Schwierigkeit leicht aus dem Wege räumen. Hatte ich doch schon durch die drei Seelenmessen, die ich gestiftet, meinen Respect vor der katholischen Confession der Kleinen bewiesen. Jetzt bedurfte es nur eines Reverses, den ich ausstellte, daß ich mein Adoptivkind der Kirche ihrer leiblichen Mutter nicht abtrünnig machen wolle, und der Versicherung, auch in Hamburg gebe es eine Kirche, in der täglich Messe gelesen würde, um das Gewissen des hochwürdigen Herrn zu beruhigen. Und als ich ihm vollends hundert Lire aufgedrängt hatte, 
      pei suoi poveri trennten wir uns mit gegenseitiger Hochachtung.
      Und jetzt, theurer Freund, ist es höchste Zeit, daß ich diesen Brief schließe, wenn er vor mir nach Hause kommen soll. Ich werde, um das Kind nicht anzustrengen, in Trient und München eine Nacht rasten, dann aber in Einem Zuge bis zu meinem Harvestehuderweg fahren. Denn den Heiligabend soll mein klein süße Ippolita im Hause ihrer neuen Mutter feiern, mit einem richtigen Weihnachtsbaum. Was meine alte Marieken dazu für Augen machen wird, darauf bin ich mit einiger Sorge begierig. Anfangs wird sie brummen und den Kopf schütteln. Aber sie hat ein zu gutes Herz und dies Herz zu sehr auf dem rechten Fleck, um auf die Länge böse darüber zu sein, daß ich statt todter alter Möbel ein junges Leben von der Reise mitbringe.
      Von meinem Antiquar freilich werde ich mich auf Französisch empfehlen. Statt aller Einkäufe, die ich in Aussicht gestellt, nur einen einzigen Rauchmantel! Denn auch den rothen Brocat lasse ich ihm. Ich hatte einen Augenblick daran gedacht, ihn zu Portieren im Fremdenzimmer zu verwenden. Wenn das aber in Zukunft kein Fremden-, sondern ein 
      Kinderzimmer wird, wäre der Luxus nicht am Platz.
      O, mein theurer Freund, lachen Sie mich nur aus, daß ich von meiner antiquarischen Reise nichts mit nach Hause bringe als ein hübsches Kind und ein häßliches Hündchen. Ich komme mir damit doch reicher vor als Saul, der Sohn des Kis, der auszog, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand!

      In alter Freundschaft

       Ihre Rosa Maria.

    

