

    Gesammelte
    Novellen in Versen
    von
    Paul Heyse.
     
    
     
    Berlin.
      Verlag von Wilhelm Hertz.
      (Bessersche Buchhandlung.)
      1864.
     
    
     
    
      Inhalt.
      Die Braut von Cypern
      Die Brüder
      König und Magier
      Margherita Spoletina
      Urica
      Die Furie
      Rafael
      Michelangelo Buonarotti
      Die Hochzeitsreise an den Walchensee
       
      
       
    
  



    Die Braut von Cypern.
    (1856)
    Eduard Mörike
                          zugeeignet.
    
    Erster Gesang.
    Es giebt ein Buch, vor Zeiten vielbewundert,
      Bei Niedrigen und Hohen wohlgelitten,
      Ein welterfahrner Tröster, dessen hundert
      Geschichtlein sanft in Ohr und Herzen glitten,
      In unserm höchst anständigen Jahrhundert
      Verpönt indeß ob allzufreier Sitten,
      Ein Lustwald voll der schönsten Abenteuer,
      Nur, wie die Sage geht, nicht ganz geheuer.
    Doch Stellen giebt's in dem verrufnen Hain,
      Die selbst der lieben Jugend ungefährlich.
      Von Belladonnen sind die Wiesen rein,
      Der Weg für guten Wandel unbeschwerlich;
      Kein schnöder Faun grins't unverschämt darein,
      Der strengen Mütter Aufsicht wird entbehrlich,
      Und lose Vögel plaudern von Geschichten,
      Zwar auch verliebt, doch zügellos mit nichten. 2
    Solch ein Geschichtlein – wenn ihr lauschen wollt –
      Gelüstet mich, daß ich im Reim erzähle.
      O wären meine Verse helles Gold
      Zu würd'ger Fassung diesem Lichtjuwele!
      Nie ward der Schönheit Huldigung gezollt
      Andächtiger von einer Dichterseele,
      Nie hat Boccaz sich höhern Flugs erhoben –
      Doch still! Ich will erzählen – ihr mögt loben!
    Der Ort ist Cypern, jenes Sonnen-Eiland,
      Um das ein Sagenmeer melodisch brandet;
      Die Heimath Fortunats, wo kläglich weiland
      Der beiden Söhne Lebensschiff gestrandet;
      Auch edle Ritter, glühend für den Heiland,
      Sind öfter hier, als nöthig war, gelandet.
      Wer kennt nicht Cyperkatzen, Cyperweine
      Und Venus Cypria mit ihrem Haine!
    »Zeit: die poetische!« wie Hebbel sagt,
      Und schwerlich meint er die maschinenreiche,
      Die sich als überklug und alt verklagt,
      Macht sie auch noch die jüngsten dummen Streiche.
      Indeß, so leidlich sie mir sonst behagt,
      Zuweilen lohnt sich's, daß man ihr entweiche
      Zu Menschen in verschollne Zeitenfernen,
      Die noch das Leben nicht aus Büchern lernen.
    Auf Cypern also und vor grauen Jahren
      Gab's einen Kaufmann, reich an Geld und Gut,
      Dem stets bewahrt vor Stürmen und Corsaren
      Manch wackres Schiff sich schaukelt' auf der Flut.
      Und doch die liebsten seiner Güter waren
      Ihm seine Söhne, frisch an Seel' und Blut.
      Ergötzt uns ja zumeist von allen Gaben
      Was wir nächst Gott uns selbst zu danken haben. 3
    Nur Einer war zu seinem Gram geboren,
      Der Schönste zwar, und doch sein steter Kummer.
      Jedwede Mühe schien an ihm verloren,
      Den trägen Geist zu rütteln aus dem Schlummer.
      Er ging umher, wie mit verschlossnen Ohren,
      Verschlossnem Mund ein Tauber und ein Stummer,
      Und mußt' er einem ja ein Wörtlein gönnen,
      Hätt' ihn ein Kind an Witz beschämen können.
    Er hieß Galeso. Doch bei allen Leuten
      War's Brauch, daß sie ihn nur Cimone hießen.
      Dies dunkle Wort weiß ich euch nicht zu deuten,
      Da ich des Cyprischen mich nie beflissen.
      So was wie »Tölpel« wird es wohl bedeuten;
      Boccaccio sagt es auch, der muß es wissen.
      Genug, mit diesem Namen rief man ihn,
      Der ihm durchaus nicht ehrenrührig schien.
    Der Vater selbst ergab sich in sein Loos,
      Von vieren einen dummen Sohn zu haben.
      Am Ende ward er wirklich auch zu groß,
      Zu hoffen auf noch unentdeckte Gaben.
      Er sprach ihn also von dem Lehrer los,.
      Der Frucht erzielt an seinen andern Knaben,
      Und dessen Kunst im Schreiben, Rechnen, Lesen
      Nur bei dem Jüngsten gar umsonst gewesen.
    Denn allzu rasch hat Eines angeschlagen:
      Der Kinderzucht ultima ratio
      So gut in jenen, wie in unsern Tagen.
      Cimone, zwar in allen Künsten roh,
      Begriff die eine schnell, die Kunst zu schlagen,
      Und übte sie an seinem Lehrer so,
      Daß dieser wackre, vielerfahrne Mann
      Im Schüler bald den Meister sich gewann. 4
    Was war zu thun? Man mußt' ihn laufen lassen,
      Ein Füllen, dem der Zaum nicht anzuheften.
      Die Brüder gingen längst auf fernen Straßen
      Der Bildung nach, den Weibern, den Geschäften.
      Cimone blieb daheim und schlug gelassen
      Die Tage, Wochen, Jahre todt nach Kräften.
      Doch sonst unschädlich that er Niemand weh,
      Und haßte nichts, als nur das Abece.
    Zwar schien er auch von Liebe nichts zu wissen;
      Den Vater liebt' er kaum, Gott nicht zu sehr,
      Sich selbst am wenigsten. Denn abgerissen
      Mit wirren Haaren ging er stets umher.
      Sein Sammtrock war, kaum angeschafft, zerschlissen,
      Und ein Barett besaß er bald nicht mehr.
      Der Vater, ihm den Unfug zu verleiden,
      Ließ endlich ihn wie seine Knechte kleiden.
    Das war ihm eben recht. Von da an blieb er
      Ganz aus den Mauern weg der dumpfen Stadt.
      Ein Leben gleich dem ärmsten Bauer trieb er,
      Schlief auf dem Stroh, aß sich am Herde satt.
      Sein Vater hatt' ein Landgut, wo der Cyper
      Auf Felsen reift' an wohlgeschirmter Statt,
      Maisfelder wogten und Orangengärten
      Ihm Schatten, Blüt' und Frucht zugleich bescheerten.
    Da braucht' es Arme, und im Arm Cimone's
      War Mark genug, um viere zu beschämen.
      Kein Knecht vermaß sich, mit des Herrensohnes
      Gewalt'ger Muskelkraft es aufzunehmen.
      Er pflegte jedem Tagewerk, obschon es
      Oft nicht das feinste war, sich zu bequemen,
      Als thät's ihm Noth, den Uebermuth der Kräfte
      Zu bändigen durch knechtische Geschäfte. 5
    Mit einem Faustschlag fällt' er jedes Thier,
      Daß ihm der Schädel tödtlich schütterte,
      Und wenn sich losgemacht ein junger Stier,
      Der hörnerwetzend Freiheit witterte,
      Cimone fing ihn ein im Waldrevier,
      Riß ihn zu Boden, daß er zitterte,
      Dann führt' er ihn nach Haus, pfiff seinen Hunden
      Und wandert' auf die Jagd für lange Stunden.
    Denn fast vergaß ich, etwas liebt sein Herz:
      Die beiden Rüden, die ihn stets umsprangen.
      Bald nahm er sie und warf sie himmelwärts,
      Um am Genick sie wieder aufzufangen,
      Bald, hingelagert, hatt' er seinen Scherz,
      Wenn wüthend sie auf seiner Brust sich rangen,
      Und hetzte laut die ungethümen Bestien;
      Es schien im Mindsten nicht ihn zu beläst'gen.
    Doch auch ein nützlicher Vergnügen fand sich
      Für ihn und sie: den stolzen Hirsch zu jagen.
      Ein Wölflein auch, ein Luchs und Eber stand sich
      Nicht wohl dabei, mit ihnen es zu wagen.
      So kam mein junger Wildling in die Zwanzig
      Und schien dem Weltlauf wenig nachzufragen,
      Von des Gedankens Blaß nicht angekränkelt,
      Doch desto breitrer Brust und schlank geschenkelt.
    Nun war's im Juni, eines Nachmittags,
      Wo Thier' und Menschen große Glut betäubte.
      Das müde Meer, im Sonnendunste lag's,
      Kein Lüftchen ging, das eine Welle sträubte.
      Im tiefen Wald anstatt des Vogelschlags
      Klang nur der Bach, der von der Klippe stäubte,
      Dem Hirsche, dem Cimon den Rest gegeben,
      War heut der Tod bequemer als das Leben. 6
    Sein Jäger, sonst ein Freund von Vierzehnendern,
      Heut schilt er selbst auf den gewicht'gen Braten.
      Es wär' ihm lieber, leer nach Haus zu schlendern,
      Zumal er weit ins Land hineingerathen.
      Doch da Geschehnes selten mehr zu ändern
      Und oft uns drücken unsre besten Thaten,
      So geht Cimon, die Hund' ihm nach mit Schnaufen,
      Verdrossen leckend an den blut'gen Traufen.
    Der Wald zog sich im Innern meilenweit
      Die Höh'n entlang, und schirmte so den Rücken
      Landhäusern, die, nicht nach der Schnur gereiht,
      Mit bunten Gärten das Gestade schmücken.
      Die Reichen bargen hier zur Sommerszeit
      Sich mondenlang vor des Scirocco Tücken,
      Und oft erscholl am Waldsaum ihrer Töchter
      Gesang und Tanz und fröhliches Gelächter.
    Mehr braucht es nicht, daß allen Nachbarpfaden
      Der Menschenfeind Cimone stets entflieht.
      Doch heut, mit dem verwünschten Hirsch beladen,
      Wählt er den nächsten Weg durch dieß Gebiet.
      Zum Glück erscheint in Stein- und Laub-Arcaden
      Ihm nichts, was einem Menschen ähnlich sieht;
      Ein jedes Haus gleicht einer sichern Veste,
      Vor deren Thoren Wache steht die Sieste.
    Wie nun ganz friedlich und gedankenlos
      Der kleine Jagdzug wandelt seiner Straßen,
      Auf einmal stehn in eines Wäldchens Schooß
      Die Hunde still und wittern mit den Nasen.
      Ihr Jäger stutzt und späht; sie winseln bloß
      Und fegen mit dem Schwanz den hohen Rasen.
      Da plötzlich schimmernd aus dem grünsten Schatten
      Sieht er das Wild, das sie gewittert hatten. 7
    Ein Fleck des Waldes war's, den Gärtnerhände
      Entwildert schon, allein nicht zahm gemacht.
      Ein Quell sprang aus den Büschen vor behende
      Und plätschert' in ein Becken, überdacht
      Von wilden Rosen. Hohe Lorbeerwände
      Umhegten diesen Traum der Waldesnacht.
      Von ferne sah das Landhaus eines Reichen
      Herüber durch die immergrünen Eichen.
    Und hier, ins Moos am Brünnlein hingestreckt,
      Lag eine Jungfrau, schlafend in der Hitze.
      Ein luftig sommerlich Gewand bedeckt
      Den schlanken Leib bis zu der Füßchen Spitze.
      Cimone steht wie aus dem Schlaf geweckt,
      Wie angesengt von einem flücht'gen Blitze;
      Die Hunde selbst, die täppischen Gesellen,
      Sehn, daß es hier unziemlich sei, zu bellen.
    Ein Künstler, dessen Feuergenius
      Manch großes Irrlicht ruhig überragt,
      Genelli, den die Zeit verkennen muß,
      Weil dieß Geschlecht nichts mehr nach Größe fragt,
      Malt' uns den Liebesgott, wie er am Fuß
      Der Eiche schläft. Das Waldesdunkel tagt
      Von seiner Fackel, die im Boden steht,
      Und ihm zur Seite ruht sein Kampfgeräth.
    Und eine Löwin, fraßbegierig, schleicht
      Am Waldrand zu des Knaben Schlummerstätte.
      Allein sobald ihr Scheelblick ihn erreicht –
      Als ob sie bang den Gott gewittert hätte,
      Hebt sie die Tatze, duckt sich und entweicht.
      So mit den blöden Thieren in die Wette
      Wird sich Cimon in Tiefen seiner Brust
      Zum erstenmal des Göttlichen bewußt. 8
    Die Schläferin ließ sich fürwahr nicht träumen,
      Welch wilder Sippschaft sie den Weg verlegte.
      Fest lag die Wimper mit den schwarzen Säumen,
      Kaum daß den Mund einmal ein Seufzer regte,
      Wenn sich der Wind, erwachend in den Bäumen,
      Mit schwülem Hauch um ihre Brust bewegte.
      Den bloßen Armen, die ihr Haupt umfingen,
      War viel zu wohl, zu lösen ihre Schlingen.
    Das Angesicht war frei; nur daß sich eine
      Der dunkeln Flechten um die Stirn verschoben.
      Die Wangen schimmerten in Jugendreine,
      Die zarte Brust war mädchenhaft gehoben.
      Von so viel Adel, Herbigkeit und Feine
      War diese selige Gestalt umwoben,
      Daß auch ein größrer Kenner als Cimone
      Sie nennen mußte: des Geschlechtes Krone.
    Und er nun gar, mein armer dummer Junge,
      Sonst allen Weibern blind vorbeigerannt,
      Er wär' auch jetzt vorbei mit einem Sprunge,
      Doch hält ein Zauber seinen Fuß gebannt.
      So steht er vor ihr, wie mit blöder Zunge
      Der erste Mensch vorm ersten Weibe stand.
      Da aber brach Gott Vater selbst das Schweigen;
      Und hier – will denn kein Gott sich gnädig zeigen?
    O heil'ges Wunder! uralt ist die Welt,
      Und dennoch steht am Anfang aller Dinge
      Das Herz, in das ein Strahl der Schönheit fällt.
      Als ob dich eine Schöpfung neu umfinge,
      Wird dir die Brust erschüttert und geschwellt,
      Es trifft dich wie ein Schlag von Adlerschwinge,
      Die Thräne fühlst du dir im Auge beben –
      Nun weißt du erst, lebendig sei dein Leben. 9
    Sie aber, die mit himmlischen Organen
      Nie in sich saugen diese Lebenskraft,
      Die nie, in Gold und Staube wühlend, ahnen
      Den reinen Schatz verklärter Leidenschaft, –
      Ein dumpfer Nebel liegt auf ihren Bahnen,
      Begier allein dünkt ihnen wesenhaft;
      Der bleib' uns fern, der nicht zu scheiden wüßte
      Die Schönheitstrunkenheit vom Rausch der Lüste!
    Es lag auf dieses Mädchens Stirn und Brauen
      Unschuld'ge Majestät, selbstunbewußte,
      Daß, wer nicht würdig war, sie anzuschauen,
      Sich als ein Knecht vor ihr empfinden mußte.
      So spürt Cimon ein ungewohntes Grauen,
      Dem seine Seele nicht zu wehren wußte;
      Ahnt gar vor diesem edeln Menschenbilde
      Die eigne dumpfe Niedrigkeit der Wilde?
    Ein dunkler Zug der Andacht, der ihn faßte
      Zum erstenmal, hält sein Gemüth im Zaum.
      Als ob ein schweres Schicksal auf ihm laste,
      Steht er von fern und wagt zu athmen kaum,
      Obwohl er wie im Fieber darauf paßte,
      Daß sich, ermuntert aus dem letzten Traum,
      Die Wunderschöne möchte zu ihm neigen
      Und was die Wimper noch verhüllt ihm zeigen.
    Indessen schlief das Fräulein immer fort,
      Wer weiß wie lang. Still war's um diese Stunde;
      Kein lebend Wesen nahte sich dem Ort,
      Als Freund Cimon und seine biedern Hunde.
      Die aber sprachen alle drei kein Wort.
      Die letztern nur – verzeihlich war's im Grunde –
      Beginnen endlich doch sich langzuweilen,
      Da sie die Kurzweil ihres Herrn nicht theilen. 10
    Anfangs vermag sie noch ein Blick zu bänd'gen,
      Ein Fußtritt und ein Speerhieb zu regieren.
      Doch wilder murren schon die Unverständ'gen,
      Die endlich heulend die Geduld verlieren.
      Die Schläferin erwacht, fährt mit den Händchen
      Sich übers Antlitz, sieht bei seinen Thieren
      Cimone stehn, und in des Schrecks Erbleichen
      Vergißt sie Rufen, Fliehn und all dergleichen.
    Auch unser Freund versäumt, was üblich ist;
      Sich zu entschuld'gen mocht' er wenig taugen.
      Hatt' er doch nur geharrt so lange Frist,
      Um endlich auch zu schaun die hellen Augen.
      Indeß er alles um sich her vergißt,
      Ihr Licht allein in seine Brust zu saugen,
      Besinnt das Fräulein sich, und dreist und dreister
      Rückkehren die verscheuchten Lebensgeister.
    Denn ob Cimone gleich kein Mädchen kannte,
      Sie kennen ihn, die alt' und jungen alle,
      Und Manche, der er scheu vorüber rannte,
      Gestand sich ein, daß er ihr wohlgefalle,
      Obwohl die Welt ihn einen Tölpel nannte.
      Das Fräulein zwar war nicht in gleichem Falle,
      Doch sagte sie zu ihm mit güt'gem Tone
      Und holdem Lächeln: Guten Tag, Cimone!
    Er aber gab den Gruß ihr nicht zurücke,
      Er starrte nur sie an. Zu Häupten schoß
      Ein Schwindel ihm von unbekanntem Glücke,
      Da wie Musik ihr Grüßen ihn umfloß.
      Sie ahnt nicht, was so seltsam ihn berücke,
      Und mehr und mehr wird ihre Sorge groß:
      Wenn seine Wildheit jetzt ihn überkäme,
      Was fängt sie an, daß sie allein ihn zähme? 11
    So stellt das kluge Kind sich unbefangen
      Und steht mit Hoheit auf von ihrem Quelle.
      Ein leichtes Roth entbrennt auf ihren Wangen,
      Da sie mit tapferm Schritt, doch nicht zu schnelle,
      An ihm vorbeigeht mit geheimem Bangen.
      Behüt' dich Gott, Cimone! spricht sie helle.
      Doch er, dem alle Menschenfurcht geraubt ist,
      Sagt: Ich geleit' Euch, Fräulein, wenn's erlaubt ist.
    Das Jungfräulein erschrickt und ist geneigt,
      Ein wenig mißzutraun so sanften Sitten.
      Doch wenn ein Löwe höflich sich erzeigt,
      Wie dürfte sich's ein armes Reh verbitten!
      Sie geht voran und staunt bei sich und schweigt,
      Er hinter ihr mit seinen Riesenschritten,
      Und immer schwankt im Gehn um seine Lenden
      Das Hirschenhaupt mit seinen vierzehn Enden.
    Der Wald hört auf, und durch des Gartens Gitter
      Tritt leichtern Muths das schöne Mädchen nun.
      Hier hofft sie loszuwerden ihren Ritter,
      Doch pflegt ein ganzer Mann nichts halb zu thun.
      Gedankenvoll den Laubengang durchschritt er
      Und ließ auf ihr allein das Auge ruhn.
      Erst als die Villa wird den Blicken frei,
      Besinnt er sich, daß er ein Fremder sei.
    Auch lädt sie ihn nicht ein. Mit kurzem Gruße
      Schlüpft sie hinein und ach! verschwindet drinnen.
      Da steht er nun und hat die schönste Muße,
      Des Glückes schnellem Wechsel nachzusinnen.
      In so beschaulichem Gedankenflusse
      Verfällt er auf ein löbliches Beginnen:
      Er hebt den Hirsch von seiner Schulter schnelle
      Und legt ihn widmend nieder an der Schwelle. 12
    Dann aber macht er eilig sich davon,
      Als hätt' er, statt zu bringen, ihn gestohlen.
      Ihm brennt der Kopf – er meint bei jedem Ton,
      Man setz' ihm nach, um ihn zurückzuholen.
      Durchmessen ist der kleine Garten schon,
      Er stürmt den Waldweg hin auf flücht'gen Sohlen
      Und macht erst Halt an jener Quelle Rand,
      Wo er sein himmlisches Verhängniß fand.
    Da bückt er sich und trinkt in langen Zügen;.
      Nie ist ein Quell so labend ihm erschienen.
      Ach, könnte man des Herzens Durst betrügen
      Mit schlechtem Wasser – Manchem würd' es dienen!
      Die Heil'gen mögen sich damit begnügen,
      Poeten zählen selten nur zu ihnen,
      Und dürft' ich jetzt die Tradition verletzen,
      Ließ' ich Cimon sich in die Schenke setzen.
    Dieß Wasser zwar ist kein gewöhnlich Naß,
      Denn ihren Athem hat es eingesogen;
      Der Duft des Haars, da sie hier niedersaß,
      Ihr Schatte selbst ist drüber hingeflogen.
      Und dort – was liegt in jenem sel'gen Gras,
      Das unter ihrem Füßlein sich gebogen?
      Ein Buch, in blaue Seiden eingebunden.
      Las sie darin, eh sie den Schlaf gefunden?
    Cimone hebt es auf, mit seinen Händen,
      Die grob ihm däuchten jetzt zum ersten Mal.
      Er öffnet's und beschaut's an allen Enden,
      Und auf die Seele fällt es ihm mit Qual:
      Wie er es immer drehen mag und wenden,
      Es bleibt ihm stumm, es sagt ihm nicht einmal
      Den holden Namen jener einzig Lieben,
      Der, wie er muthmaßt, vorn ist eingeschrieben. 13
    O ihr Dämonen der versäumten Jugend,
      Nun stürmt ihr vor! Erhabnes Abece,
      Wenn dein erzürnter Geist herniederlugend
      Jetzt deinen Spötter so im Elend säh',
      Und du, Magister, dessen Lehrertugend
      Ihm doch nicht wohl gethan, und dir so weh,
      Wenn, sag' ich, ihr ihn Alle säht, den Armen,
      Trotz eures Grolls, – ihr müßtet euch erbarmen!
    Tiefsinnig steht der gute Junge dort,
      Die Hunde können keinen Blick erhaschen.
      Wohl konnt' in aller Welt kein andrer Tort
      Des Schicksals hämischer ihn überraschen.
      Zuletzt besinnt er sich und steckt sofort
      Den Fund in eine seiner großen Taschen.
      Trotzdem daß Ehrlichkeit am längsten währt,
      Hält er, was er gefunden, für bescheert.
    Dann geht er fort. Ja, Aermster, gehe nur,
      Doch wirst du kaum vor Nacht nach Hause kommen.
      Ein schlimmer Schütz ist jetzt auf deiner Spur
      Und hat den Jäger auf das Korn genommen.
      Er hetzt ihn durch Gebirg und Wald und Flur,
      Empor den Klippenweg, den er erklommen –
      Hört ihr in Lüften goldne Pfeile klingen?
      Wie tief sie trafen, will ich nächstens singen. 14
     
    
     
    Zweiter Gesang.
    Ein Stachel ist's in edleren Gemüthern,
      Den Dank für reiche Wohlthat nicht zu zollen.
      Wer aber segnet uns mit höhern Gütern,
      Als wer uns Lehre spendet aus dem Vollen!
      Und gehn wir gar der Dichtkunst greisen Hütern
      Danklos vorbei, wird uns die Muse grollen.
      Nicht weiter führt sie mich des Liedes Pfad,
      Bis ich verehrend, Uhland, dir genaht.
    Dir dank' ich diese Strophe, die elastisch
      Und leicht dem Lied sich an die Hüften schmiegt,
      Jetzt seinen Wuchs bezeichnet, streng und plastisch,
      Jetzt flatternd als ein Schleier es umfliegt.
      Mit ihr hat schon Orlando hochphantastisch
      Und üppig Don Juan die Welt besiegt.
      Doch wie auch in ihr glänzt der Welsch' und Britte,
      Erst Fortunat trägt sie nach deutschem Schnitte.
    O warum hat dein Meister, armer Wicht,.
      Die Hand so jählings von dir abgezogen!
      War unerschöpflich denn der Seckel nicht,
      Draus des Humors Goldmünzen klingend flogen?
      Und that dein Wünschelhut nicht seine Pflicht
      Und trug den Dichter flugs durch Lüft' und Wogen? –
      Fortuna selber hat sich abgewendet,
      Und Fortunat blieb leider unvollendet. 15
    Hier hör' ich Manchen sich ins Fäustchen lachen.
      Ei, sagt ein gründlich kunstverständ'ger Mann,
      Verdankt Ihr Stoff und Form bei Euern Sachen
      Boccaz und Uhland, was ist Euer dann?
      Da wär's ein Kinderspiel, Gedichte machen. –
      Er mache sie! Wer hindert ihn daran?
      »Hier ist der Bogen noch und hier die Ringe!«
      Wir aber kümmern uns um bessre Dinge. –
    Am Tag nach jenem, wo im Walde drauß
      So unerhörte Wunder sich begaben,
      Saß in der Hafenstadt im stillen Haus
      Cimone's Vater, in sein Buch vergraben.
      Er sah gesund und satt und gütig aus
      Und übersann zufrieden Soll und Haben;
      Nicht den Roman; noch war an Cyperns Strand
      Die Firma T. O. Schröter unbekannt.
    Wie nun von diesen würd'gen Folioseiten,
      Sich auszuruhn, Aug' und Gedanken eben
      Hinaus zum Fenster auf die Rhede gleiten,
      Die lärmt und wimmelt von geschäft'gem Leben,
      Erdröhnt im Vorsaal ein so mannhaft Schreiten,
      Daß Thür' und Fenster in den Angeln beben.
      Dazwischen knurrt ein seltsam heisrer Ton;
      Die Thür geht auf, und es erscheint Cimon.
    Verlegen wedelnd, mit verhaltnem Bellen
      Hat sich das Rüdenpaar ihm nachgeschlichen.
      So standen im Gemach die drei Gesellen
      Mit Blicken, die aufs Haar einander glichen.
      Doch hat der Jüngling an des Stadtthors Schwellen
      Erst Wams und Locken sich zurechtgestrichen,
      Und wie die Wangen jetzt ihm scheu entbrennen,
      Muß, daß er schön sei, auch der Neid bekennen. 16
    Der Vater selbst sieht ihn mit Freuden an,
      Doch minder froh die zottige Begleitung.
      Er denkt: der Junge wird fürwahr ein Mann.
      Wie könnt' ich stolz sein, folgt' er weiser Leitung! –
      Mit stillem Seufzer fragt der Gute dann:
      Nun, lieber Sohn, was bringst du mir für Zeitung?
      Der faßt ein Herz und sagt: Ich hätte gerne,
      Wenn du erlaubtest, daß ich lesen lerne. –
    Wenn jetzt auf einmal von den Hunden einer
      Sich hätt' im Tanz durch das Gemach geschwungen,
      Indeß dem andern wär' ein glockenreiner
      Tenorgesang aus rauher Brust erklungen,
      Das Staunen unsres Mannes wäre kleiner,
      Als da er hört, daß seinem großen Jungen,
      An dem die Bildung nie hat wollen haften,
      Der Trieb erwacht ist zu den Wissenschaften.
    Der brave Kaufherr – offen sei's gesagt –
      War selbst kein Freund von vielem Bücherwesen.
      Ein Buch nur giebt es, das ihm stets behagt,
      Drin die Geschichte seines Gelds zu lesen.
      Und einzig darum hat er es beklagt,
      Daß sein Herr Sohn ein Lernenichts gewesen,
      Weil er auch ihm die Lebensfreude gönnte,
      Daß er dies Buch verstehn und mehren könnte.
    Nun spricht er würdiglich: Mich freut, mein Sohn,
      Daß dir verleidet ward dein wildes Treiben.
      Zum Lernen wird man nie zu alt, obschon
      Du fast schon alt genug, dich zu beweiben.
      Gleich geb' ich in Korinthos Commission,
      Dir einen Pädagogen aufzutreiben,
      Den allertrefflichsten in West und Osten;
      Ich lass' es gern mich tausend Drachmen kosten. 17
    Nein, Vater, sagt Cimone, spart das Geld,
      Ich warte nicht so lang; mir eilt die Sache.
      Ich weiß hier einen Mann der Schule hält,
      Die Schifferkinder lernen da die Sprache.
      Da will ich hin. Und wenn es Euch gefällt,
      Befehlt, daß man mir andre Kleider mache.
      Ich schäme mich, so durch die Stadt zu traben.
      Auch eine neue Mütze möcht' ich haben.
    Das war die längste Rede, die zu halten
      Der junge Mann sich je die Mühe gab.
      Man denke sich den freud'gen Schreck des Alten!
      Er küßt den Sohn, läuft selber dann hinab,
      Beschickt den Schneider, heißt ihn flugs entfalten
      Was er an Kunst und edlen Stoffen hab',
      Und läßt den sämmtlichen Verwandten sagen,
      Was sich mit seinem Jüngsten zugetragen.
    Nun läuft zusammen bis ins dritte Glied
      Die ganze Freundschaft, Keiner bleibt zu Haus.
      Doch ihm, zu dessen Feier dieß geschieht,
      Wird all die Lieb' und Ehre bald ein Graus.
      Wie er nun gar die vielen Tanten sieht,
      Stürmt er auf einmal blind zum Saal hinaus,
      So tölpelhaft wie je, und bleibt verborgen,
      Obwohl man nach ihm sucht in großen Sorgen.
    Er saß im Pferdestall und schlief die Nacht,
      Wie er am liebsten schlief, auf einer Streue.
      Die paar Gedanken, die er sich gemacht,
      Ich meine fast, sie schmeckten stark nach Reue.
      Dann aber fühlt' er in die Tasche sacht
      Nach seinem Buch, und über ihn aufs Neue
      Kam ein Gewühl von himmlischen Gewalten
      Und gab ihm Muth, dem Schlimmsten Stand zu halten. 18
    Und in der Früh, da in die Schul' am Hafen
      Die Buben schwärmen, wie zum Korb die Bienen,
      Sehn höchlich sich verwundernd meine braven
      Cypreser Freund Cimone unter ihnen.
      Doch er, obwohl ihn alle Blicke trafen,
      Geht seines Weges mit gefaßten Mienen
      Und mitten in der wilden Jugend Chor
      Stellt er beklommen sich dem Lehrer vor.
    Das war zum Glück kein leidiger Philister,
      Wie jener, der Cimon erzog vor Zeiten;
      Denn seines Zeichens ein gewes'ner Priester
      Kennt er das Leben von so manchen Seiten.
      Und jetzt nach bunten Wechselfällen ist er
      Bestellt, den Jugendunterricht zu leiten.
      Der kränkende Verdacht blieb stets ihm ferne,
      Daß irgend wer bei ihm sich überlerne.
    Er kennt Cimone wohl; wer kennt ihn nicht?
      Und überdies kommt er mit seinen Hunden.
      Der Lehrer macht ein höflich ernst Gesicht
      Und weis't die Bestien fort aus seinen Stunden.
      Gutwillig thut Cimon auch den Verzicht.
      Die Rüden werden draußen angebunden,
      Und wie sie winseln, kratzen und rumoren,
      Heut hat ihr Herr nur für die Weisheit Ohren.
    O goldne Zeit! o wundervolles Land!
      Sogar dem Schulzwang nehmt ihr seine Schauer.
      Was unter Schulhaus damals man verstand,
      War nur ein Hof mit einer schatt'gen Mauer.
      Der Himmel lacht herein, vom nahen Strand
      Erklingt das Meergebraus; es fliegt kein grauer
      Gelehrter Staub den derben Wetterjungen
      Hier jugendmörderisch auf Geist und Lungen. 19
    Das steht und liegt und kauert durcheinander,
      Malt schlecht und recht Buchstaben mit der Kreiden;
      Der Lehrer mitten drin. Gar wohl verstand er,
      Dem Uebermuth die Flügel zu beschneiden.
      Doch keinen Schüler wie Cimone fand er,
      So lernbegierig, sittig und bescheiden.
      Stillsitzen lernt er heute schon, ingleichen
      Vom Alphabet die ersten sieben Zeichen.
    Und als das Nützliche nun abgethan,
      Will man im Schönen auch sich weiter bringen.
      Der Lehrer selbst stimmt einen Hymnus an,
      Den man in Kirchen damals pflag zu singen,
      Und zu der Kinder fröhlichem Sopran
      Läßt er sein altes Geigenspiel erklingen.
      Cimonen treibt's, daß er ein Herz sich fasse;
      So gut er kann, fällt er mit ein im Basse.
    Das war ein Baß! Es wankt bei seinen Tönen
      Die alte Lehmwand, die in Risse sprang.
      Nie war auf Erden seit den Enakssöhnen
      Ein Abeceschütz, der so wacker sang.
      Die Hunde hören diese Stimme dröhnen
      Und heulen los bei dem bekannten Klang,
      Die Brandung selbst hält ein in ihrem Grimme,
      Als hörte sie Poseidons Herrscherstimme.
    Dann aber geht der Schüler stille fort.
      Besorgt, sein kostbar Wissen zu verlieren,
      Sucht er sich eilig einen sichern Ort.
      Der Weisheit Mutter ist das Repetiren.
      Er zieht sein Büchlein vor, am ersten Wort
      Beginnt er gleich ein ernstlich Buchstabiren,
      Doch wie erheblich viel er auch gelernt,
      Vom Ziel des Strebens ist er weit entfernt. 20
    Geduld, mein Freund! Es kommt der Tag zum Tage,
      Auch der zuletzt, der die Erfüllung bringt,
      Wo dir, dem Staunenden, mit Einem Schlage
      Die harte Fessel von den Augen springt.
      Denkt euch hinein in des Adepten Lage,
      Dem endlich Gold aus seinem Tiegel blinkt:
      So war dem Jüngling, als sich lösen ließ
      Das Räthsel ihres Namens: Flordelis.
    Nicht Iphigenie, wie Boccaccio meint;
      In diesem Punkte folg' ich andern Quellen.
      Und wenn sie allen Reiz der Welt vereint,
      Sie darf sich doch nicht neben Jene stellen,
      Die wie der Mond am Frauenhimmel scheint,
      Verklärend Tauriens unholde Wellen.
      Wo ist die Jungfrau, die nicht müßte zagen,
      Den Namen dieser Priesterin zu tragen!
    Doch dieß beiseit. Was kann dem Herzen auch
      Ein Name sein? Schien's unserm Freunde nicht,
      Als müss' ihn ganz besel'gen dieser Hauch,
      Und ist er selig nun, da er ihn spricht?
      Er fühlt es wohl: »Der Nam' ist Schall und Rauch!«
      Zu fern, ihn zu erwärmen, flammt das Licht,
      Und freilich auch zu fern, die dunkeln Stellen
      In seinem armen Kopfe zu erhellen.
    Denn, was noch sonst im Büchlein stand geschrieben,
      Bleibt leider ihm Geheimniß ganz und gar.
      Im Abece ist er nicht stecken blieben,
      Doch fremde Worte stellen sich ihm dar.
      Und wie er zornig sich die Stirn gerieben,
      Die dunkeln Laute werden ihm nicht klar.
      Ihm fällt nicht ein, daß etwa fremd die Sprache;
      Er denkt nur, daß er Lesefehler mache. 21
    Nun war bei seinen andern Schulgenossen
      Ein aufgeweckter Bursch von vierzehn Jahren,
      In fremdem Lande kräftig aufgesprossen,
      Ein Seemannskind; und hier in Cypern waren
      Die Eltern ihm gestorben. Ausgestoßen,
      Verwais't im Leben, mußt' er bald erfahren,
      Wie Vieles man zu lernen hat hienieden,
      Um sich auf eigne Faust ein Glück zu schmieden.
    So kam es, daß er bald der Erste ward
      Und ihn Cimone sah mit stillem Neide.
      Doch heut, da er am Meerstrand ihn gewahrt,
      Verhofft er Trost von ihm in seinem Leide.
      Er lädt ihn ein zu einer kleinen Fahrt
      Ins Meer hinaus, ins Schifflein springen Beide,
      Cimone stößt mit ganzer Macht vom Lande,
      Und bald ist ihre Gondel fern dem Strande.
    Und wie sie jetzt auf abendlicher Flut
      Hintreiben, wo die Tiefen purpurn blauen,
      Faßt unser Liebender sich einen Muth,
      Sein Ungeschick dem Knaben zu vertrauen.
      Das Büchlein zieht er vor aus sichrer Hut
      Und heißt Pedruccio mit hinein zu schauen,
      Und ihm zu sagen, wenn er selbst es wisse,
      Wie man die schweren Worte lesen müsse.
    Kaum blickt der Knab' hinein, so jauchzt er auf,
      Klatscht in die Händ' und seine Augen strahlen.
      Herr, das sind Lieder, jubelt er darauf,
      Wie man sie singt im Land der Provenzalen.
      Bei mir daheim an der Durance Lauf
      Hört' ich sie klingen zu vielhundert Malen.
      Und nun beginnt er mit den muntern Augen
      An der vertrauten Schrift sich festzusaugen. 22
    Lehr' mich die Sprache! sagt Cimone schnelle;
      Fang' an beim ersten Blatt, und dann so fort. –
      Gehorsam folgt sein kleiner Schulgeselle
      Und lies't und übersetzt ihm Wort für Wort.
      Der Andre wiederholt es auf der Stelle
      Und birgt's im Geist, wie einen goldnen Hort.
      Im Tacte wiegt den Kahn das stille Meer,
      Und Abendlüfte schwanken um sie her.
    Du aber, was du liesest, weißt du kaum,
      Du Waisenkind! Doch weiß es um so besser,
      Der dir die Worte nachspricht wie im Traum,
      Den Blick versunken in des Meers Gewässer.
      Und während über ihm am Himmelsraum
      Die Abendglut sich dämpfet, blaß und blässer,
      Fährt wie ein Sturm in seine Flamme wieder
      Der sanfte Athem dieser Liebeslieder.
    Doch endlich setzt das Zwielicht goldner Sterne
      Dem Lehrer wie dem Lernenden ein Ziel.
      Das Andre morgen! spricht Cimon, und gerne
      Gelobt's der Knabe. Heimwärts fährt der Kiel
      Des kleinen Boots; noch aber sind sie ferne,
      Da trifft ihr Ohr Gesang und Saitenspiel,
      Und durch die Flut, von Fackeln überglommen,
      Kommt ein bekränztes Schiff dahergeschwommen.
    Ein Lustschiff war's, drauf die Cypreserinnen
      Der Meereskühle manche Nacht genossen.
      Jungfrauen mit den Müttern saßen drinnen,
      Und Jünglinge, der ersten Häuser Sprossen.
      Cimone sieht's, und plötzlich hält er innen,
      Von tiefem Noth das Antlitz übergossen,
      Denn wie der Fackelschein ihm deutlich wies:
      Sie ist im Schiff, sie selber, Flordelis! 23
    Auf einem Teppich ruht sie, dicht am Bord,
      Und blickt hinüber in die Meeresweiten.
      Zuweilen wechselt sie ein flüchtig Wort
      Mit jenen Jünglingen an ihren Seiten.
      Auch daß sie lache, meint der Späher dort
      Zu sehn, zu hören gar von Zeit zu Zeiten.
      Ihm ist, als ob der Wohllaut ihrer Stimme
      Durch die Musik hindurch in Lüften schwimme.
    Nun sieht er Einen, der die Flöte nimmt,
      Und einfällt zu des Citherspiels Accorden.
      Ob dieser Ton zu ihrem Herzen stimmt?
      Dem Spieler ist ein Blick zu Theil geworden,
      So freundlich, daß Cimone tief ergrimmt;
      Ihm zuckt die Faust, als gält' es Wen zu morden,
      Und seinen Zorn in etwas auszutoben,
      Schlägt er ins Meer; hoch spritzt die Flut nach oben.
    Dieß schien ein Wink dem kleinen Provenzalen,
      Daß seinen Freund nunmehr nach Haus gelüste.
      Er rudert emsig; kaum beachtet stahlen
      Sie von dem Schiff sich weg zur Inselküste.
      Cimone sitzt unthätig und in Qualen,
      Als ob Meduse seine Lippen küßte,
      Und da sie kaum ihr Boot gelandet haben,
      Verläßt er schweigend den betroffnen Knaben.
    Die Nacht war schlaflos, – was man selber nämlich
      Schlaflos zu nennen pflegt bei zwanzig Jahren:
      Daß noch ein Stündlein vor dem Schlaf vernehmlich
      Und klar sich Tön' und Bilder um uns schaaren
      Und früh uns wecken, wenn zuvor bequemlich
      Acht Stunden lang gelös't die Glieder waren.
      Doch reift' in dieser nächtlich kurzen Muße
      Ein wicht'ger Plan Cimonen zum Entschlusse. 24
    Er folgt dem Lehrer, als die Schulzeit aus,
      Und sagt, er hab' ein sonderlich Begehren.
      Der nimmt ihn freundlich plaudernd mit nach Haus
      Und bittet ihn, sich näher zu erklären.
      Verlegen kommt Cimon damit heraus,
      Ob er ein Instrument ihn wolle lehren.
      An Geig' und Cither find' er groß Gefallen,
      Doch sei die Flöte sein Geschmack vor allen.
    Und Jener sagt: Ich denk', ich kann Euch dienen.
      In mancher Kunst hab' ich mich umgesehn,
      Und auch das Flötenspiel war unter ihnen;
      Was ich Euch lehren kann, soll gern geschehn.
      Er öffnet einen Schrank, drin Mandolinen,
      Violen, Cithern und Guitarren stehn,
      Verschiedne Saiten auch aus Darm und Stahle
      Und eine Flöt' im Lederfutterale.
    Cimone greift danach, so wie ein Kind,
      Das blankes Spielzeug sieht vor Augen blitzen,
      Und eh's der Lehrer ihm gezeigt, beginnt
      Der junge Musiker den Mund zu spitzen.
      Doch wehe! viel zu ungefüge sind,
      Zu riesenmäßig seine Fingerspitzen,
      Die zu des Lehrers lachendem Erschrecken
      Der Flötenlöcher zwei auf einmal decken.
    Mit einem Blick wie wenn zu Nacht der arme
      Schatzgräber schwinden sieht den goldnen Topf,
      Den er schon zitternd wog in seinem Arme,
      So steht Cimone, kratzt sich stumm am Kopf
      Und legt die Flöte weg in schwerem Harme.
      Der Lehrer selbst beklagt den guten Tropf,
      Und wie er sinnt, was er ihm Liebes thäte,
      Fällt ihm ins Aug' ein seltsam Tongeräthe. 25
    Im Winkel stand's, ein Unding von Posaune,
      Schier einer Ellen weit der Fuß geschwungen.
      Vom glänzenden Metall war schon der braune
      Lack hie und da buntscheckig abgesprungen.
      Der Lehrer holt sie vor in bester Laune,
      Bläs't ab den Staub und reicht sie dar dem Jungen
      Und sagt zu ihm: Dieß wird zu Euern Maßen,
      Mein junger Freund, vermuthlich, besser passen.
    Wohl hat er Recht; sie passen für einander,
      Wie einst die Keule zu Alkmene's Sohn,
      Bucephalus zum jungen Alexander
      Und jener arge Thurm zu Babylon.
      Von selber schon den richt'gen Ansatz fand er
      Und stieß hervor solch einen freud'gen Ton,
      Daß sich der Lehrer stracks die Ohren hält
      Und ihn hinausführt in das freie Feld.
    Nun gingen sie zusammen viele Wochen
      Ins Waldgebirg, der edlen Kunst zu pflegen.
      Auch manches Wort wird unterwegs gesprochen,
      Und langsam lernt Cimon die Zunge regen.
      Am Wissen zwar hat Jener nur gerochen,
      Doch braucht' er Kopf und Augen allerwegen;
      Er kennt den Weltlauf, fremder Völker Brauch,
      Und Ein'ges von Geschichte weiß er auch.
    Er war dem Jungen bald so zugethan,
      Wie nur ein Bruder kann den Bruder lieben.
      Hört, Bester, fing er einst im Wandern an,
      Nachdem sie im Gebirg Musik getrieben,
      Ihr thatet, wie mir scheint, nicht wohl daran,
      Daß Ihr nur immer so für Euch geblieben.
      Was ich vermag, will ich Euch gerne geben,
      Allein das Beste lernt man doch vom Leben. 26
    Geht in Gesellschaft! meidet nicht so scheu
      Das junge Volk im Weinhaus und Theater! –
      Cimonen war die Rede gar nicht neu,
      Allein verdrießlich, wenn sie kam vom Vater.
      Dem Freund versprach er's, und dem Worte treu
      Den ersten Schritt ins neue Leben that er
      Und steuert herzhaft noch denselben Tag
      Nach einer Schenke, die am Markte lag.
    Er wählte diese, »zu den weißen Lilien,«
      Denn Lilienblume das ist Flordelis.
      Hier saß die Jugend reicherer Familien,
      Die sich den heißen Wein behagen ließ,
      Auch einen Zank zuweilen und ein Spielchen.
      Cimone trat hinzu, und Mancher stieß
      Den Nachbar an, und alle Blicke frugen:
      Was treibt den Tölpel plötzlich zu den Klugen?
    Er läßt sich nieder, wo die Andern sitzen,
      Trinkt still sein Glas und starrt ins Kerzenlicht.
      Zuerst umschwirrt's ihn von versteckten Witzen,
      Doch bleibt er harmlos, als verstünd' er's nicht.
      Er war's gewohnt, an Dornen sich zu ritzen,
      Und nicht den Schmerz zu zeigen im Gesicht.
      So sieht er freundlich drein in guter Ruh
      Und giebt am Ende selbst ein Wort dazu.
    Im Grunde zwar ist sein Bemühn, zu sprechen,
      Nur kümmerlich und kaum der Rede werth.
      Doch seine stille Meisterschaft im Zechen
      Wird bald erkannt und nach Verdienst geehrt.
      Und als er, da es Zeit ist aufzubrechen,
      Das Dutzend Flaschen, das sie heut geleert,
      Allein bezahlt, wer ist, der noch bestritte,
      Daß unser Held ein Muster feiner Sitte? 27
    Und Einer, Leonat, giebt auf die Nacht
      Ihm traulich das Geleit und spricht beim Trennen:
      Freund, da Ihr Euerm Namen Schande macht,
      Wär's tölpelhaft, Euch noch Cimon zu nennen.
      So sagt denn, wie Ihr heißt. – Cimone lacht:
      Ich würde mich am Ende selbst nicht kennen
      Bei anderm Namen. Nennt mich immerzu
      Cimon, allein am liebsten nennt mich »Du.«
    Unlange währt's, daß unser Menschenhasser
      Auf Du und Du ist mit der halben Stadt.
      Nie darf er fehlen, wenn zu Land und Wasser
      Das junge Volk ein Fest gestiftet hat,
      Und, als ein Lebender und Lebenlasser,
      Stellt er im Wettspiel oft sich lahm und matt,
      Obwohl er nur im Schlaf sich durfte regen,
      So fiel der Kranz von selber ihm entgegen.
    Auf Eine Palme nur mußt' er verzichten,
      Wenn man beim Weine, wie es landesüblich,
      Sich überbot in Schnurren und Geschichten.
      Doch dieser Makel war ihm kaum betrüblich.
      Nur das ertrug er leichten Muths mit nichten,
      Daß er nicht gleich den Andern leicht und lieblich
      Bei holden Frau'n sich zu benehmen wußte
      Und mancher Blödigkeit sich schämen mußte.
    Doch nun, wie Herodot sagt, dieß sei dieß!
      Unbillig scheint's, daß ein geneigter Leser
      Noch allzu wenig weiß von Flordelis,
      Um sich daran zu freu'n, daß ein Cypreser
      Von solchem Vollblut seinen Wald verließ,
      Ein Schulkind ward und ein Posaunenbläser,
      Und Freiheit, die im Bergwald ihn umrauschte,
      Mit Zwang der Bildung kümmerlich vertauschte. 28
    Zwar könnt' ich sagen: ihm gefiel sie nun;
      Wer mag darüber mit Verliebten rechten?
      Doch würde mir's im Herzen wehe thun,
      Wenn Der und Die von seinen Freunden dächten,
      Das Kleinod, das ihn bracht' um Rast und Ruhn,
      Sei doch im Grunde keines von den echten,
      Und sollt' er je es in der Nähe kennen,
      Er würde Müh' und Oel verloren nennen.
    Hier aber fühl' ich ein bedenklich Zagen.
      Ach, wenn es irgend wo noch Musen giebt,
      Helft mir, so treu von ihr die Wahrheit sagen,
      Daß sich der Leser selbst in sie verliebt.
      Ihr wißt es ja, wie oft in jenen Tagen
      Ihr Flordelis die lange Zeit vertriebt,
      Ihr und die Grazien, und zumeist von ihnen
      Schalkheit, die Jüngste, der die andern dienen.
    Wo Schalkheit sich mit hoher Schönheit paart,
      Blüht eine Zaubermacht unwiderstehlich.
      Ein Herz, das andachtsvoll verschüchtert ward
      Vom Ernst der Schönheit, – Schalkheit macht es fröhlich.
      Was himmlisch fremd die Form uns offenbart,
      Wird nun vertraut, die Seele macht uns selig;
      Ein Angesicht, das wir bewundern müssen,
      Erst durch die Schalkheit wird es schön zum Küssen.
    Doch der verkennt die Holde, der da wähnte,
      Nur für das Lachen hab' ihr Busen Raum.
      Oft ging sie, wo der Dünensand sich dehnte,
      Allein, vertieft in einen Mädchentraum,
      Der räthselhaft im Innern wogt' und sehnte.
      Ihr Sinn war wie das Meer; den leichten Schaum
      Wirft's an den Strand in tollem Uebermuth
      Indessen feierlich die Tiefe ruht. 29
    Anfangs, als ihr in ritterlichen Züchten
      Cimone nachgefolgt vom Waldeshange,
      Und sie ihn sah im Sturm von hinnen flüchten,
      Da lachte sie, doch lachte sie nicht lange.
      Und als die Stadt sich füllte mit Gerüchten
      Von seinem Schulgang, ward ihr seltsam bange;
      Nicht daß sie irgend sich in ihn vergaffte,
      Nur daß er öfter ihr zu denken schaffte.
    Kam's dann, daß sie ihn traf am dritten Ort,
      So machte seine Nähe sie verlegen,
      Und sprach er gar ein ungeschicktes Wort,
      Befiel sie Scham und Unruh seinetwegen
      Fast mütterlich, als habe sie hinfort
      Zu wachen über seinem Thun und Regen,
      Obwohl sie kaum begriff, geschweig' erzählte,
      Daß sie es war, die dieses Bild beseelte.
    Zwar ward der Hirsch an ihrer Thür gefunden,
      Doch sprach sie keck, sie wisse nichts davon.
      Ihr Liederbuch erwies sich als verschwunden;
      Wer aber suchte Bücher bei Cimon?
      So sehn die Zwei das erste Jahr sich runden,
      Das zweite drauf, das dritte naht sich schon,
      Und da sie sich beharrlich fremd geberden,
      Sieht man nicht ab, wie es soll anders werden.
    Dieß aber wird nachgrade wünschenswerth,
      Für Freund Cimon, den Leser und den Dichter.
      Ich fürchte, wenn die Pause länger währt,
      Verlängern sich bedenklich die Gesichter.
      Doch, ist Euch noch ein Gran Geduld bescheert,
      So haltet Haus damit, gestrenge Richter.
      Bald kommt die Handlung dergestalt in Gluten,
      Daß ihr noch klagt, es sei zuviel des Guten. 30
     
    
     
    Dritter Gesang.
    Nicht ist der Lenz im Süden, wie im Norden,
      Die Zeit, wo Seufzer schaarenweis erwachen,
      Wo Liebende, ein fahr'nder Ritterorden,
      Die Weg' und Steg' im Wald unsicher machen.
      Hier an des Mittagmeers besonnten Borden
      Klingt kerngesund des Frühlings goldnes Lachen.
      Du siehst ihn nicht in Wehmuth überfließen,
      Er lebt nur kurz und will den Tag genießen.
    Wohl ist es süß, im blätterlosen Hag
      Dem ersten Gruß der Veilchen zu begegnen,
      Zu fühlen, wie bei scheuem Vogelschlag
      Die starren Lüfte thau'n in lindes Regnen.
      Nun kommen schon mit jedem neuen Tag
      Des Frühlings neue Boten, die wir segnen,
      Doch ängstigt uns sein langsam Liebesmühn,
      Und mancher Nachtfrost droht dem jungen Grün.
    Wie anders, wo die Erd' und Himmelsmächte
      Auf einmal jauchzend in einander glühen,
      Die Sonne sich besinnt der alten Rechte
      Und herrisch flammt in heil'gen Jahresfrühen.
      Dann, wenn die letzte schwand der Winternächte,
      Siehst du am Mittagstrahl die Mandeln blühen,
      Und hörst es flüstern im Orangenlaube:
      Daß hier ein Winter war, ist Aberglaube. 31
    Und doch hat dießmal unserm Freund ein schlimmer
      Nachwinter seine Freuden eingeschneit.
      Seit Wochen sah er Flordelisen nimmer
      Und Carneval ward ihm zur Fastenzeit.
      Ihr sei nicht wohl, drum hüte sie das Zimmer,
      So hört' er sagen bei Gelegenheit,
      Und als die ersten Frühlingslüfte flogen,
      War sie mit dem Papa aufs Land gezogen.
    Wen kann es Wunder nehmen, daß Cimonen
      Hinfort die Stadt und Stubenluft beengt.
      Er fühlt im Busen eine Schwäche wohnen,
      Die er im freien Wald zu heilen denkt.
      Und bald erblickt er durch die Baumeskronen,
      Zu denen sich von selbst sein Schritt gelenkt,
      Das stille Landhaus, das so früh im Jahr
      Noch nicht geschmückt für Sommergäste war.
    Das Haus lag, wie ihr wißt, am Bergeshang,
      Der abwärts stieg in wechselvoller Schichtung.
      Auf einer Klippe, die zu Tage sprang,
      Fand sich im Eichwald eine breite Lichtung.
      Wer hier sich lagert, dessen Blick umschlang
      Gebirg und Strand und Meer nach jeder Richtung,
      Und – für den Liebeskranken mehr als dieß –
      Das Fenster auch der schönen Flordelis.
    Hier saß Cimon an manchen lieben Tagen,
      Dem vielberühmten Toggenburger ähnlich,
      Nur nicht ein Held, wie dieser, im Entsagen.
      Den Wissenschaften lag er ob gewöhnlich,
      Doch pflegt' es nicht zum Besten anzuschlagen,
      Denn von den dürren Blättern schweifte sehnlich
      Zur Lilienblume Blick und Geist hernieder,
      Und sah er sie, sah er ins Buch nicht wieder. 32
    Heut hätt' er ungestört studiren dürfen,
      Nur daß Musik aus jenem Fenster kam,
      Wie wenn ans Ufer einer Brust sich würfen
      Unstäte Wellen eines Meers von Gram.
      Und dennoch war's ihm Labsal, einzuschlürfen
      Den trüben Saitenklang, den er vernahm;
      Denn immer wurd' er traurig, wenn sie lachte,
      Und ruhig, wenn sie ernste Miene machte.
    So lag er da im Moos. Aus dem Gewand
      Hatt' er sein blaues Buch hervorgezogen.
      Doch ob auch Süßes drin geschrieben stand,
      Von süßerm Denken ward es überwogen.
      Er denkt des Tags, wo er die Eine fand,
      Die ihn vom Knecht zum Menschen auferzogen,
      Den Gottesfunken, der in ihm geruht,
      Mit einem Lächeln angefacht in Glut.
    Nicht Liebe war's, was damals ihn durchfuhr;
      Noch war der Geist nicht in ihm aufgegangen,
      Und Liebe würdigt keine Creatur
      Sie zu empfahn, die nicht den Geist empfangen.
      Was in ihm aufglomm, war im Grunde nur
      In tiefer Nacht ein banges Lichtverlangen,
      Die erste Regung jener Werdelust,
      Die keimt und treibt in jeder Menschenbrust.
    Doch jetzt, nachdem zwei Jahre lang in echter
      Demüthigung sein Geist geläutert ward,
      Dünkt er sich auch nicht besser und nicht schlechter,
      Als andre Kinder Gottes seiner Art.
      Auch scheinen ihm des Landes schöne Töchter
      Nicht mehr zu gut für ihn, zu schön, zu zart,
      Nur leider – nach dem Wahn verliebter Thoren –
      Bis auf die Eine, die sein Herz erkoren. 33
    Indeß – so stärkt er sich im Selbstgespräche –
      Wie, wenn ich doch zu hoffen mir erlaubte?
      Wo ist der Würd'ge, oder wo der Freche,
      Der dieses Kleinod zu verdienen glaubte?
      Gesetzt, daß, wenn ich mit dem Vater spreche,
      Er mit der Hoffnung mir das Leben raubte,
      Viel besser ist's, in meinen jungen Jahren
      Dahingehn, als für langen Gram mich sparen.
    Doch thu' ich klüger, erst mit ihr zu reden.
      Könnt' ich es nur! Ich bin ihr fern und fremd.
      Wie gütig, wie geduldig hört sie Jeden,
      Der mit Geschwätz sie endlos überschwemmt!
      Mich sieht sie kaum, und ich, seh ich mein Eden,
      Gleich fühl' ich, wie es mir den Athem hemmt.
      Wie soll ich vollends das in Worte fassen,
      Was manchmal noch sich kaum will denken lassen!
    O Flordelis! – Mit diesem bitterlichen
      Stoßseufzer fährt er auf aus seiner Lage.
      Doch alle Farb' ist plötzlich ihm entwichen,
      Denn hinter ihm tritt Einer aus dem Hage,
      Der horchend seine Einsamkeit beschlichen,
      In jeder Stirnerunzel eine Frage.
      Weh Jedem, der die Tochter sehnend rief,
      Und dann dem Vater in die Arme lief!
    Und solchem gar, wie unser Ehrenmann,
      Mit dem es nicht gerathen war zu spaßen.
      Denn an die Sündfluth reicht die Zeit heran,
      Seit seine Ahnen hier auf Cypern saßen.
      Zwar war auch er, wie sie, ein Handelsmann,
      Doch reicher als ein Fürst bekanntermaßen,
      Und im Gefühl der angestammten Würde
      Hielt er darauf, daß ihr gehuldigt würde. 34
    Er maß den Juvenil vom Kopf zur Zehe,
      Harrt' auf den Gruß, der gänzlich unterblieb,
      Und sprach sodann: Mein junger Herr, ich sehe
      Ein Buch bei Euch, das Euch die Zeit vertrieb.
      Ein lobenswerther Eifer, ich gestehe;
      Doch wäre mir aus manchen Gründen lieb –
      Und hier bemüht' er sich den Ton zu schärfen –
      Nur einen Blick in dieses Buch zu werfen.
    Was höflichst wünscht ein künft'ger Schwiegervater,
      Treibt billig jede Weigrung in die Enge.
      Cimone zög' es vor, daß jetzt der Krater
      Des Aetna sein geliebtes Buch verschlänge;
      Allein im Blick ein stumm peccavi pater
      Reicht er sie hin, die lieblichen Gesänge,
      Und murmelt: Hier im Wald hab' ich's gefunden. –
      Der Andre spricht: Ich bin Euch sehr verbunden.
    Man findet, fährt er fort, wohl dies und das,
      Was man nicht sucht, und sucht, was man nicht findet.
      So sucht Ihr, wie mir scheint, hier irgend was,
      Das leider Euerm Finderglück entschwindet.
      Wißt aber, daß ich selbst dieß Buch besaß
      In Jahren, wo uns solch ein Tand entzündet.
      Dann hab' ich's meinem Töchterlein geschenkt,
      Und weiß, wie schmerzlich der Verlust sie kränkt.
    Seht – was bis heut Euch unbemerkt geblieben,
      Ihr hättet es ja sonst zurückgegeben –
      Hier steht ihr Name deutlich eingeschrieben,
      Und meiner auch zum Ueberfluß daneben.
      Allein verzeiht; ich darf nun nicht verschieben –
      Mit schuld'gem Dank, daß Ihr es aufzuheben
      Zwei Jahre lang geschätzt der Mühe werth –
      Es der zu bringen, der es zugehört! 35
    Des Jünglings Antlitz überschlugen Flammen,
      Vom edelsten Gefühle jäh empört.
      Die Lippen biß er bebend erst zusammen,
      Dann sprach er: Nein, ich will daß Ihr mich hört,
      Dann mögt Ihr mir verzeihen, mich verdammen.
      Ich wußte längst, wem dieses Buch gehört,
      Doch ich behielt's in hoffenden Gedanken,
      Der Eignerin einst mehr als dieß zu danken.
    Ich weiß nicht, was mir jetzt die Kühnheit giebt,
      So frei vor Euch mein Innerstes zu zeigen.
      Wenn Ihr mein Blut nicht so in Wallung triebt
      Durch Euern Spott, gewiß, noch würd' ich schweigen.
      Denn wenn auch Niemand treuer je geliebt,
      Bin ich doch unwerth, daß sie sei mein eigen;
      Nun aber ist's heraus, Gott sei gepriesen!
      Und furchtlos sag' ich: Gebt mir Flordelisen! –
    Der Alte wiegte kalt das Haupt und sprach:
      Mein werther Herr, ich bin im Ernst betroffen.
      Den Antrag, dem es zwar an Form gebrach,
      Ich schätz' ihn, wie ich soll. Doch muß ich offen
      Euch sagen, daß zu meinem Ungemach
      Ich nicht die Ehre darf zu nutzen hoffen;
      Denn, was bisher geheim geblieben, wißt,
      Daß meine Tochter schon versprochen ist.
    Gleich meinen Vätern, die in Gott verstorben,
      Hass' ich das Schwatzen von beschlossnen Dingen.
      Ein fremder Fürst hat um mein Kind geworben,
      Und jedes Schiff kann mir den Eidam bringen.
      Es thut mir leid, daß Ihr die Zeit verdorben,
      Nach Früchten zielend, die zu hoch Euch hingen;
      Doch bitt' ich, wenn Euch künftig kommt die Laune,
      Blas't weiter ab von meinem Haus Posaune! – 36
    Er neigte sich und ging. Der arme Freier
      Stand wie ein Baum, den falsches Frühlingswetter
      Verlockte zu voreil'ger Blütenfeier,
      Und der nun kläglich hangen läßt die Blätter
      Im winterlichen Druck der Nebelschleier.
      Er sah dem Alten lange nach, als hätt' er
      Nicht recht gehört, und doch zu gut nur fühlte
      Er bis ins Mark die Pein, die ihn durchwühlte.
    Doch mag sie noch so lebensfeindlich wüthen,
      An dieser Muskelkraft wird sie zu Schanden.
      Auf fährt Cimon aus seinem stumpfen Brüten,
      Und geht waldein. Und als die Häuser schwanden,
      Als des Gebirges Blumen ihn umblühten
      Und ernst die lichten Wälder ihn umstanden,
      Zeigt seine Brust, daß sie lebendig sei,
      Die Bande sprengend mit unbänd'gem Schrei.
    Im Felsengrund stand eine junge Fichte,
      Die jetzt erfährt, wie's in Cimon gewittert.
      Daß er nur irgend was zu Grunde richte,
      Ringt er mit ihr, die ächzend wankt und zittert.
      Ihm schäumt der Mund, der Schweiß strömt vom Gesichte,
      Doch nur die Aeste werden abgesplittert.
      Verzweifelnd plötzlich läßt er ab von ihr
      Und stürzt ins Gras, zu heulen wie ein Thier.
    Ja wie ein Thier! Wo blieb, mein armer Freund,
      Die menschliche Gesittung, die dich zierte?
      Der Eber, den man sicher eingezäunt
      Und halb gezähmt, weh, daß er neu verthierte!
      Wer ihn jetzt säh', vom Fichtenstaub gebräunt,
      Wie er mit blödem Aug' ins Leere stierte,
      Hielt' ihn, trotz seinem goldgestickten Wamms,
      Für den Kaziken eines Wildenstamms. 37
    Vergebne Mühe wär's, aus diesen Zügen
      Zu deuten der Gedanken wilde Flucht.
      Wenn Sturmwind ras't in irren Wolkenflügen,
      Wer ist, der droben nach Gestalten sucht?
      Doch sag' ich, wenn nicht alle Zeichen trügen,
      Daß er nichts andres, als den Tag verflucht,
      Der ihn gebar. So lag der arme Narr
      Wohl eine Stunde todtenblaß und starr.
    Auf einmal hört er einen muntern Ton,
      Der sich in Sprüngen naht aus Waldesgrunde,
      Und sieh, durch Zufall ihrer Haft entflohn,
      Her stürmen seine zwei getreuen Hunde.
      Da kehrt das Leben wieder in Cimon,
      Die Freunde zieht er an sein Herz, das wunde,
      Läßt ihre rauhe Zärtlichkeit gewähren
      Und netzt ihr Fell mit seinen heißen Zähren.
    Zuletzt erhebt er sich. Am Firmamente
      Steht hoch und herrlich noch der schönste Tag.
      Doch er, als ob er ihn nicht wiederkennte,
      Geht düster durch den sonnigen Eichenhag.
      Ach jener Spiegel, der die Elemente
      Uns wiederstrahlt, ist wie auf Einen Schlag
      Ihm nun erblindet durch des Unsterns Tücke,
      Ein Wunder, daß er nicht zersprang in Stücke.
    So kommt er endlich in dem Landhaus an,
      Darin er selten mehr sich blicken ließ.
      Den Knechten, die ihn freudevoll empfahn,
      Dankt nur ein Gruß, der sie zurückewies.
      Zu seiner Kammer schreitet er hinan;
      Hier in dem Winkel ruht sein Jägerspieß,
      Die Armbrust, ellenhoch aus derbem Stahl,
      Hirschfänger, Jagdgewand und Horn zumal. 38
    Ein wilder Strahl trübsinniger Freude zückt
      Bei diesem Anblick über seine Wangen.
      Die feine Kleidung, die ihn lang geschmückt,
      Muß schimpflich nun am rost'gen Nagel hangen.
      Der Sammetrock fällt hin; er aber bückt
      Sich nicht einmal, ihn wieder aufzulangen.
      Verächtlich sieht er ihn im Staube liegen
      Und geht im schlechten Kleid hinab die Stiegen.
    Tief im Gebirge, wie er einst gewohnt war,
      Bringt er nun wieder seine Tage zu.
      Das Waldgethier, das jetzt von ihm verschont war,
      Neugierig spielt's um ihn in guter Ruh.
      Oft, wenn erblichen schon der späte Mond war,
      Kam er erst heim, von Thau durchnäßt die Schuh,
      Voll Moos sein Haar, verwildert sein Gewand
      Und baarhaupt, wie er sonst den Wald durchrannt.
    Er hört dann wohl, daß aus der Stadt inzwischen
      Sein Vater liebevoll nach ihm gefragt.
      Doch läßt er nie zu Hause sich erwischen,
      Und wenn Besuch kommt, der ihm sonst behagt,
      Mit dem er öfters saß an lust'gen Tischen,
      Entrinnt er wie vom bösen Feind gejagt.
      Sein Freund Pedruccio selbst, der Provenzale,
      Ist ihm verleidet, scheint's, mit einem Male.
    Doch einst, da Nachts er in die Halle trat,
      Wo auf dem Herd das Feuer fast verglommen,
      Und müd und mürrisch um ein Essen bat,
      Fühlt er vertraulich sich beim Arm genommen.
      Wild blickt er um: Du bist es, Leonat? –
      Ich selbst, Cimon. Man muß wohl zu dir kommen,
      Da du nicht kommst. Ja, zieh nur ein Gesicht!
      Heut, mein verlorner Sohn, entrinnst du nicht. 39
    Sag, welch ein Kobold ist in dich gefahren,
      Der dich verführt, in Wildnissen zu hocken?
      Ist's wahr, daß Eulen dir im Schooß sich paaren
      Und Fledermäuse nisten in den Locken?
      O pfui! Ein solches Sonderlings-Gebahren
      Bringt alle Lieb' und Menschlichkeit ins Stocken.
      Ein Jammer ist's, wie unser Lilienwirth,
      Seit du ihm fehlst, tagtäglich magrer wird.
    Was focht dich an? Heraus nun mit der Sprache,
      Du Waldmensch, Troglodyte, Vogelsteller!
      Doch erst gestatte, daß ich Schulden mache
      Bei deines braven Vaters edlem Keller. –
      Er rief dem Knecht, daß er das Feuer fache,
      Der Cyper wird gebracht auf blankem Teller;
      Doch bleibt Cimon verfinstert, kalt und stumm,
      Und kehrt sich nicht nach Leonaten um.
    Nun aber, da im Saal allein geblieben
      Das Freundespaar beim trauten Feuer saß,
      Füllt Leonat die Gläser: Was wir lieben!
      Trinkt er Cimonen zu. Der nimmt das Glas,
      Allein von Weh und Leidenschaft getrieben
      Wild in den Herdbrand schlendert er das Naß.
      Freund, sagt der Andre, denkst du Glut mit Wein
      Zu löschen, gieß ihn in dich selbst hinein.
    Cimone stutzt dem doppelsinnigen Wort
      Und läßt den scheuen Blick zum Freunde gleiten.
      Der aber fährt gleichgültig also fort:
      Ich habe dir die schönsten Neuigkeiten.
      Und da ich, wie mir scheint, an diesem Ort
      Die Unterhaltung muß allein bestreiten,
      So will ich, was von jeher meine Stärke,
      Mit epischem Behagen gehn zu Werke. 40
    Beim Ei beginn' ich: Flordelis ist Braut!
      Ein Fürst von Rhodus will sie uns entführen.
      Dies Factum, dem ich Wirkung zugetraut,
      Dich freilich scheint es eben nicht zu rühren.
      Doch desto fleiß'ger wird es durchgekaut
      In allen Häusern, unter allen Thüren,
      Und käm' ans Land ein Krak', ein Meereswunder,
      Sie machten nicht so vielen Lärm jetzunder.
    Vor einer Woche war's, als man am Meere
      Ein sonderbares Fahrzeug inne wird.
      Vom Mastkorb bis zum Kiel ist die Galeere
      Mit hundert Wappenschildern ausstaffirt.
      Sie nähert sich mit ungefüger Schwere
      Und landet an; und sieh, heraus spaziert
      Vorauf ein Zug geputzter Edelknaben,
      Die Myrtenreiser in den Händen haben.
    Dann folgt ein Marschall, führend eine Schaar
      Von zofenhaft gezierten Weibspersonen.
      In ihrer Mitte, schon mit grauem Haar,
      Die Allerwürdiglichste der Matronen.
      Zum Schluß ein Dutzend Ritter, die fürwahr
      Das Eisen ihrer Rüstung wenig schonen
      Und während sie mit Blicken uns durchbohren,
      Mit Schilden rasseln, klirren mit den Sporen.
    Der Hafenpöbel – unsereins desgleichen –
      Giebt höflich Raum dem hochgebornen Zug.
      Nie war ein Herr von vielen Königreichen,
      Der höher, als dies Volk, die Nase trug.
      Und während man umsonst nach einem Zeichen
      Zur Lösung dieses stolzen Räthsels frug,
      Zieht aus der Stadt entgegen hoch zu Rosse
      Herr Guido schon mit einem langen Trosse. 41
    Sein Töchterlein, die schöne Flordelis,
      Saß in der Sänfte, dem Papa zur Seiten.
      Als nun ihr Zug auf jenen ersten stieß,
      Ein Lustspiel war's, wie man an Höflichkeiten
      Sich überbot. Die Lilienblume ließ
      Die alte Dame nicht zu Fuße schreiten,
      Herr Guido muß sie in die Sänfte heben,
      Und er und seine Tochter gehn daneben.
    Dann, eh wir alle noch uns recht besonnen,
      Fort ist der Spuk. Wir gaffen wie die Narren.
      Man weiß, der Alte kennt nicht größre Wonnen,
      Als etwas thun, wozu die Leute starren.
      Dießmal gelang's. Ich steh' bei meinen Tonnen
      Voll Oel und Wein, die der Verladung harren,
      Da kommt schon ein Lakay mit goldner Weste
      Und läd't mich zu des Fräuleins Hochzeitfeste.
    Hochzeit? Ei, sag' ich, dazu braucht es Zwei.
      Es scheint mir noch am Bräutigam zu fehlen. –
      Fürstliche Hoheit, schmunzelt der Lakay,
      Ließ durch die Fürstin Mutter sich empfehlen
      Und melden, daß er selbst verhindert sei.
      Sie lassen per procura sich vermählen. –
      Verhindert? sag' ich. – Ja, Regierungssorgen. –
      Der Tausend! Nun, bestell', ich käme morgen.
    Ich kam und kam auch noch an fernern Abenden,
      Und eben heut stahl ich mich weg vom Tanze.
      Guido in seiner löblichen hochtrabenden
      Manier spricht nur von seines Hauses Glanze.
      Die junkerliche Sippschaft schlürft den labenden
      Uralten Chier stumm. So weht durchs Ganze
      Ein sanfter Hauch anständ'ger Langerweile,
      Und ich bin sicher, daß die Braut sie theile. 42
    Ja mehr als das! Ich sah schon Bräute gähnen
      Vor Liebeswonnen und Zufriedenheit.
      Heut Abend aber perlte was wie Thränen
      Auf ein gewisses silberhelles Kleid,
      Und schwerlich weint das gute Kind vor Sehnen;
      Denn flüchtig nur und vor geraumer Zeit
      Hat ihr der Fürst persönlich aufgewartet.
      Fern, mit der Mutter ward es abgekartet.
    Er schwieg und trank. Allein Cimone schob
      Den Sessel fort und wandert nach der Thüre.
      Gott steh uns bei, mein Junge, das ist grob!
      Ruft Leonat. Das mahnt an deine früh're
      Urmenschlichkeit. Ich meinte, daß mir Lob
      Für meine schöne Neuigkeit gebühre.
      Da läuft zum Dank mein Publicum davon.
      Nur zu! Verliebte Leute kennt man schon.
    Was sprichst du da? brummt unser Freund geschwind.
      Ich will mit Liebe nichts zu schaffen haben. –
      Wahrhaftig? lacht der Andre. Theures Kind,
      Nun sprichst du ganz nach Art verliebter Knaben.
      So schwören, daß sie nicht betrunken sind,
      Die Guten, die man liegen sieht im Graben.
      Komm, sei gescheit! Willst du dem Freunde hehlen,
      Was man auf allen Gassen hört erzählen?
    Cimon erglüht. Was schwatzt man auf den Gassen?
      Und lässt vom Thürgriff sinken seine Hand. –
      Man sagt, erwiedert Leonat gelassen,
      Daß ein gewisser junger Mann verschwand,
      Seit ein gewisses Schiff sich blicken lassen,
      Und für ein Fräulein sich ein Freier fand.
      Das dumme Volk zieht gern ins Ungewisse
      Aus kleinen Dingen gleich die größten Schlüsse. 43
    Verwünscht! fährt Jener auf. – Doch leider wahr!
      Sagt Leonat. Komm, eine neue Flasche!
      Stoß an, und wachse dir kein graues Haar,
      Wenn ich nun die verstohlne Wunde wasche.
      Mir altem Sünder war es lange klar,
      Kenn' ich dich doch so gut wie meine Tasche.
      Auch hätt' ich längst dir meinen Dienst geboten;
      Allein wie denkt dein Schatz? Da lag der Knoten.
    Heut ward er mir gelös't. Ich will mein Brod
      Verdienen müssen als ein Karrenschieber,
      Ist ihr der Fürst nicht leider als der Tod.
      Ich sprach von dir; da jagte wie im Fieber
      Auf ihrem Angesicht sich Weiß und Roth.
      Das Eisen glüht; so schmieden wir's, mein Lieber! –
      Beim heil'gen Gott, was redest du für Sachen!
      Ruft jetzt Cimon. Willst du mich rasend machen?
    Ich warb um sie, so magst du es denn hören,
      Beim Vater warb ich und – ward abgewiesen.
      Was kommst du nun, die Ruhe mir zu stören
      Mit eiteln Hoffnungen auf Flordelisen?
      Wär's wahr, daß ihre Thränen mir gehören,
      Machst du zu allem Jammer mir noch diesen?
      Zeigst mir den Quell, und läß'st mich doppelt dürsten?
      Was bin ich Tölpel gegen einen Fürsten? –
    Ein Mann zunächst, sagt trocken Leonat,
      Und eine Puppe nur scheint jener Freier.
      Wär' er ein Kerl, der Lieb' im Leibe hat,
      Er käme selbst zu seiner Hochzeitfeier.
      Zudem, man munkelt in der ganzen Stadt,
      Es sei ihm nur um ihre blanken Dreier.
      Und wenn ich ihn nach seinen Vettern messe,
      Ist's eben nicht weit her mit der Noblesse. 44
    Prahlhänse sind sie, kahl und aufgeblasen,
      Das lahmste Volk, das jemals Waffen trug.
      Spricht man sie an, so rümpfen sie die Nasen,
      Doch unser Geld ist ihnen gut genug.
      Denk' ich, daß einer dieser wind'gen Hasen
      Dies Mädel freit, so schön, so reich, so klug,
      Bei Satans Lung' und Milz, so tobt mein Blut,
      Obzwar ich nicht verschossen bin, vor Wuth.
    Bist du ein Mann, so zeige was du bist,
      Und rette Flordelis vor solcher Ehe.
      Noch hast du vierundzwanzig Stunden Frist,
      Daß etwas Tüchtiges darin geschehe.
      Und dies verbürg' ich dir: Nicht einer ist
      Von unsrer Jugend, der nicht zu dir stehe,
      Wenn du sie abziehn machst mit Schimpf und Schande,
      Der Kaufmannssohn die saubern Herrn von Stande. –
    Noch eh es tagt, ruft Jener, soll sie frei sein,
      Auf, Leonat! Was bleibt noch zu besinnen?
      Mit diesen Armen, Freund, und wär's im Beisein
      Der ganzen Hölle, trag' ich sie von hinnen. –
      Nein, gutes Kind, es muß auch Spaß dabei sein,
      Spricht Leonat. Das Spiel ist zu gewinnen;
      Doch der Gewinn wird schwerlich uns erlaben,
      Wenn wir nicht auch die Lacher für uns haben.
    Komm, setz dich her! Ein Plan rumort in mir;
      Erst aber laß mich nach den Thüren schauen. –
      Er ging und schloß sie ab. So sind auch wir
      Nun ausgeschlossen, edle Herrn und Frauen.
      Ja wüßte Leonat, wie reichlich ihr
      Durch klugen Rath belohntet ein Vertrauen,
      Er bät' euch einzutreten ohne Säumniß,
      Und zög' auch wohl den Dichter ins Geheimniß. 45
    Doch sei es uns nicht leid! Wer weiß, wie Dreistes
      Die beiden Brauseköpf' im Schilde führen.
      Und geht zuletzt die Sache schief, so heißt es,
      Wir seien Schuld an allen Ungebühren.
      Dann aber sagen wir getrosten Geistes:
      Verhandelt wurde bei verschlossnen Thüren.
      Daß wir's im Herzen mit den Schelmen halten,
      Das, mein' ich, können wir für uns behalten.
    Wer aber hielt' es nicht mit Freund Cimon,
      Der ihn jetzt sieht, als Leonat gegangen,
      So kummervoll wie je ein Muttersohn
      Am Herde stehn, wo längst die Glut vergangen.
      Nun röthete ein Strahl der Frühe schon
      Dem Liebenden die überwachten Wangen,
      Da wirft er sich aufs Bett und stöhnt unsäglich
      Und jauchzt: Sie liebt mich! Himmel, ist es möglich!
     
    
     
    Vierter Gesang.
    Des Himmels goldne Pforten sprangen auf
      Dem schönen Gott des Lichtes und der Lieder.
      Die Sonnenrosse stürmten hin im Lauf
      Und sprühten ihren Schaum als Thau hernieder.
      Ein Schwarm von Liebesgöttern flog vorauf
      Und senkte dann zur Erde das Gefieder,
      Um abzulösen ihrer Brüder Schaaren,
      Die dort zu Nacht auf ihren Posten waren. 46
    So etwa würd' ich den Gesang beginnen,
      Wär' die Antike nicht so streng verfehmt.
      Ich weiß, daß manche meiner Leserinnen
      Sich dieses Zopfs in meine Seele schämt.
      Getrost! ich will auf andern Anfang sinnen;
      Streicht diesen aus, wenn ihr ihn übel nehmt;
      Denn euch gefällig sein ist all mein Sorgen.
      Nun denn: Es war ein äußerst schöner Morgen.
    Zwar, soll ich ehrlich was ich denke sagen,
      Die Strophe war nicht schlecht. Ach, wenn ihr wüßtet,
      Wie jetzt wir armen Epiker uns plagen,
      Seitdem euch nicht nach Göttern mehr gelüstet!
      Nun müssen wir die Helden selber fragen,
      Wo sonst ein Gott mit Weisheit uns gerüstet,
      Und den erlauchten Seherblick erniedern
      Zu nüchtern psychologischem Zergliedern.
    Und wär' es euern Ohren zu gering,
      Der Amorinen Zwiesprach zu belauschen,
      Die, eh der Postenwechsel vor sich ging,
      Parol' und Wachtgeheimniß lachend tauschen?
      Wie Flordelisens letzte Nacht verging,
      Ob sie geseufzt ins traute Meeresrauschen,
      Ob Mädchenthränen sahn die späten Sterne –
      Wer sagt es uns? Die Wachen sagten's gerne.
    Doch fürchten sie, sie fänden schlechten Dank
      Und sind zu stolz, sich irgend aufzudringen.
      Nun wohl! So muß der Dichter baar und blank,
      Was er erkundet hat, zu Markte bringen.
      Die Wahrheit ist, die Braut war abschiedskrank;
      Doch sprach sie bei sich selbst: Du mußt dich zwingen;
      Was du nicht Kraft besessen, zu verhindern,
      Sei stark genug, durch Festigkeit zu lindern. 47
    Ach, redet so, wer vom Geliebten scheidet
      Und dem Verhaßten in die Arme reis't?
      Ein Riß, der in das tiefste Leben schneidet,
      Heilt ihn so bald ein lebenskluger Geist?
      Und fühlt sie nicht, wie viel Cimone leidet,
      Am Leiden, das ihr eignes Herz zerreißt?
      So hör' ich zweifelnd fragen in die Wette;
      Doch wenn ich nun ein Nein zur Antwort hätte?
    »Ist's möglich!« war, wie Jeder sich entsinnt,
      Das letzte Wort im vorigen Gesange.
      Ach wie viel Dinge giebt's, die möglich sind,
      Und immer folgt das Herz dem alten Hange,
      Der süßern Möglichkeit, mit Willen blind,
      Sich zu vertraun in Leichtsinns Ueberschwange.
      Auch Leonat, der kühler prüfen sollte,
      Sah bei der Jungfrau was er sehen wollte.
    Wir aber, treu den Pflichten der Historie,
      Erstatten ohne Lieb' und Haß Bericht.
      Der Morgen kam in seiner Frühlingsglorie,
      Doch ein verweintes Auge fand er nicht.
      Freilich begrüßt' ihn auch nicht mehr das vorige
      Sorglos verklärte Mädchenangesicht.
      Ein Schatten lag darauf: nicht schwarze Trauer,
      Nur bangen Vorgefühls helldunkle Schauer.
    Ins Segel athmet eine muntre Brise,
      Da rauscht das Brautschiff in die offnen Wogen.
      Herr Guido, daß er zärtlich sich erwiese,
      Hat vors Gesicht sein Taschentuch gezogen.
      Am Bord beim Steuermann steht Flordelise,
      Und wie die Küsten mehr und mehr entflogen,
      Da übermannt auch sie der bittre Gram,
      Daß sie von Glück und Heimath Abschied nahm. 48
    Der Schwiegermutter dünkt es angemessen,
      Ein Trostwort an die Weinende zu wenden.
      Mein Täubchen, spricht sie, wollet nicht vergessen,
      Ihr seid hier in den liebevollsten Händen.
      Zwar ließt Ihr vieles dort zurück. Indessen
      Erwägt, wie viel Euch Gott hat wollen spenden,
      Und macht beim Eintritt in die höh're Sphäre
      Der Wahl des Fürsten, meines Sohnes, Ehre!
    Thut einen Wunsch, und jedem geb' ich nach,
      Kann Zärtlichkeit das Abschiedsweh verwischen.
      Geliebt es Euch, so ziehen wir im Schach;
      Sorbet ist auch bereit, Euch zu erfrischen.
      Ihr schlagt es aus? Nun denn, vielleicht hernach;
      So will ich gehn und etwas ruhn inzwischen.
      Ich schick' Euch erst durch einen unsrer Vettern
      Das Wappenbuch, gefällt's Euch, drin zu blättern.
    Indessen jetzt die würd'ge Dame ruht,
      Die Junker gähnend auf dem Deck herumstehn
      Und Flordelis hinabweint in die Flut,
      Ist's Zeit, daß wir uns nach Cimonen umsehn.
      Es nimmt mich Wunder, daß sein heißes Blut
      Die Rettungsfrist unthätig ließ herumgehn;
      Ich war gefaßt auf nächtliche Entführung,
      Brandstiftung, Rettung, Vaterzorn und Rührung.
    Hat sich der Tollkopf gar ins Schiff geschlichen
      Und bohrt ein Leck, daß Mann und Maus ersaufen,
      Um dann, sein Lieb im Arm, mit ritterlichen
      Schwimmkünsten sich ihr Leben zu erkaufen?
      Ist er nach Rhodus insgeheim entwichen,
      Dort mit dem Nebenbuhler sich zu raufen?
      Nein, solchem höchst unpraktischen Bestreben
      Wird Leonat nie seine Stimme geben. 49
    Was aber dann? Wie soll's ein Ende nehmen?
      Kann solch ein Strom von Muth im Sand versiegen?
      Läßt Leidenschaft gleich einem unbequemen
      Gewand sich ausziehn, um im Schrank zu liegen?
      Zwar manchen ihrer Freunde wird es grämen,
      Wenn sich Cimon und Flordelis nicht kriegen.
      Das aber ist zunächst Cimonens Sache
      Und thöricht, daß man sich Gedanken mache.
    Genießen wir den wundervollen Tag,
      Der warm und leuchtend auf den Wogen schwimmt.
      Delphine ziehn mit langem Floßenschlag
      Dem Schiff vorauf; ihr hoher Rücken glimmt
      Im Sonnenschein, daß man sich spiegeln mag.
      Manch kleiner Nachen schwankt vorbei und klimmt
      Hinaus, hinab die glatten Wellenberge,
      Und zu dem Schiff herüber grüßt der Ferge.
    Doch als die Küste fern am Horizont
      In Duft verschwand und Barken nicht mehr nahten,
      Ruft der Matros, der sich im Mastkorb sonnt:
      Ein Schiff! Von Süden! Aus den Räuberstaaten!
      Vom Maste glänzt es wie ein halber Mond –
      Es hält den Curs auf uns – halloh, Piraten! –
      Wie Glut in Zunder fällt ins Schiff der Schreck,
      Und augenblicks ist Alles auf dem Deck.
    Bang starrt das Schiffsvolk der Gefahr entgegen,
      Doch die Piraten, scheint's, sind gut gelaunt.
      Von Pauken klingt ihr Schiff und Beckenschlägen,
      Dazwischen wird getrommelt und posaunt;
      Ein Heidenlärm, halb närrisch, halb verwegen.
      Hat ihr Prophet den Schurken zugeraunt,
      Daß sie ein fürstlich Brautschiff kapern würden,
      Und wollen sie's empfahn nach seinen Würden? 50
    Ach, wer sich von verruchten Sarazenen
      Der Höflichkeit versieht, der kennt sie schlecht.
      Heult doch der Wolf auch zwischen seinen Zähnen
      Ein Mordlied, eh er sich zum Mord erfrecht.
      Und diese Heiden, wilder als Hyänen,
      Sind nur so lustig, weil sie scharf gezecht.
      Ein Schiff mit Wein vielleicht ward ihre Beute,
      Und des Korans entschlugen sie sich heute.
    Denn, als sie nah genug, sich zu verständ'gen,
      Ertönt es: Halt! und alle Segel bei! –
      Den Ruf begleitet drohend mit unbänd'gen
      Geberden ein verworrnes Schlachtgeschrei.
      Dann ruft der Führer: Eilt uns auszuhänd'gen
      Die Jungfrau, die ihr führt, so seid ihr frei!
      Der Sultan von Marocco will sie haben;
      Eilt – oder Alle wird das Meer begraben! –
    In reinem Cyprisch rief's der Mohrenhund,
      Sonst braun von Farbe, gleich den andern Teufeln.
      Das aber lernt sich wohl und ist kein Grund,
      An seiner Sarazenenschaft zu zweifeln.
      Die Mannschaft auf dem Rhodusschiffe stund
      Bleich wie der Tod, Angstthränen sah man träufeln,
      Die Fürstin Mutter lag in schweren Krämpfen,
      Allein die Vettern riefen: Laßt uns kämpfen! –
    Nun wohl, zum Kampf! Allah il Allah! scholl's;
      Ein Dutzend Säbel saus'ten aus der Scheide,
      Die Enterbrücke flog und schlug ins Holz
      Des Rhodiers der Haken scharfe Schneide.
      Bedenkt euch noch einmal! rief höhnisch stolz,
      Und wehrte seinem Volk, der grimme Heide;
      Doch rath' ich sehr, bedenkt euch kurz und gut:
      Gebt uns die Jungfrau, oder euer Blut! 51
    Da, eh noch eine flüchtige Secunde
      Verstrichen ist, auf einmal mit Geheul
      Vor stürzen aus dem Maurenschiff zwei Hunde,
      Die Brück' hinan, und mitten in den Knäul
      Des Zofenschwarms, der kreischend in die Runde
      Bleich auseinanderstiebt vor diesem Gräul.
      Die Rüden aber zerren unverschämt
      Der Fürstin Kleid, mit Hermelin verbrämt.
    Hell schreit sie auf, die Krone alter Damen:
      Helft, rettet, helft! Die Thiere würgen mich!
      Gebt ihnen Flordelis in Gottesnamen,
      Ich nehm' es auf mich, ich befehl' es, ich! –
      Da gellt ein Pfiff; sobald sie den vernahmen,
      Sofort ins Räuberschiff unweigerlich
      Zurücke springen mit gesenkten Ohren
      Die Hunde zu dem Größten von den Mohren.
    Dies Zwischenspiel, geschwinder noch vorüber,
      Als hier erzählt, erwies sich folgenschwer.
      Man bringe schleunig Flordelis hinüber!
      Herrscht nun die würd'ge Frau und wimmert sehr.
      Schon von dem Schreck hab' ich ein Nervenfieber,
      Und fließt hier Blut, sieht mich mein Sohn nicht mehr.
      Zehn Frauen schaff' ich ihm für Eine wieder,
      Doch wer ersetzt mir die gesunden Glieder?
    Ist es ein Schimpf, der Uebermacht zu weichen?
      Gebt sie heraus, die Unheilstifterin! –
      Die Junker sehn sich an. Da mit Erbleichen
      Tritt Flordelis vor ihre Schwieger hin.
      Sind das, so ruft sie, Eurer Liebe Zeichen,
      Die Ihr mir mütterlich gelobt vorhin?
      Müßt Ihr, mich opfernd, nicht vergehn vor Scham
      Vor Euerm Sohne, meinem Bräutigam? 52
    O Ihr seyd ganz von Eigensucht versteint,
      Und nicht ein Wort will ich an Euch verschwenden.
      Doch ihr, die ihr dem Kleid nach Ritter scheint,
      Ich weiß, ihr laßt es nicht so ehrlos enden.
      Auf denn und kämpft! Ein Häuflein ist der Feind.
      Gebt eine Waffe mir! Den schwachen Händen
      Wird Stärke kommen von dem starken Gotte,
      Daran zu Schanden wird die Räuberrotte!
    So Flordelis, die Thränen der Empörung
      Mit Flammen trocknend hohen Heldenmuths.
      Schon aus der Ritter Augen blickt Erhörung,
      Da ruft die Alte: Wollt ihr trotzen? Thut's,
      Und lehnt euch auf in sträflicher Bethörung!
      Doch fließt in euch kein Tropfen Fürstenbluts,
      Wenn eurer Herrin ihr mit dreister Stirne
      Die Treue brecht um eine Bürgerdirne! –
    Und – mag, wer's kann, kaltblütig dieß erzählen –
      Das völlig Niederträchtige geschieht.
      Zwei Junker folgen diesen Schandbefehlen
      Und führen sie ins feindliche Gebiet.
      Ein Hohngeschrei schallt aus den Mohrenkehlen,
      Als eilig drauf das Hochzeitschiff entflieht.
      Der Kapitän ruft lachend: Großen Dank,
      Und wohl bekomm' euch dieser Fastnachtschwank!
    Und was sagt Flordelis? Verachtung stand
      Auf ihrem Antlitz, das von Hoheit glühte.
      Der Mohren Einer faßt sie an der Hand
      Und führt sie stumm hinab in die Kajüte.
      Dort auf dem seidnen Polster an der Wand
      Zusammensinkt die holde Menschenblüthe;
      Doch aus den Schrecken, die ihr Herz umdrohn,
      Reißt plötzlich sie ein wohlbekannter Ton. 53
    »O Flordelis!« – Und die Gefangne fährt
      Verwundert auf aus ihrem wilden Gram.
      Da steht, noch mit dem Säbel blank bewehrt,
      Der Sarazen, der bei der Hand sie nahm.
      Es scheint, daß irgend was sein Herz beschwert,
      Den Turban wirft er ab, und – wundersam! –
      Ein Wald von Haar fällt auf die Schultern dicht;
      So wächs't er doch den Wüstensöhnen nicht.
    Was Tausend! ruft mein Leser, wär's Cimon? –
      Er ist's, so viel noch übrig ließ das Sehnen
      Von seiner einst so stattlichen Person.
      Demüthig kniet der Schelm von Sarazenen
      Und fleht mit reuevoll zerknirschtem Ton:
      O tragt sie mir nicht nach, die Schreckensthränen,
      Die Ihr geweint um diesen wilden Scherz!
      Nun wird ja Alles gut, geliebtes Herz! –
    Ein junges Huhn, das schon im Maul der Katze
      Sich völlig drein ergab, verspeis't zu werden,
      Doch plötzlich ihr geraubt von rauher Tatze,
      Vom Retter sich versieht der gleichen Fährden,
      Und dann entdeckt an eines Feindes Platze
      Den Hofhund, seinen besten Freund auf Erden,
      Kann froher nicht als Flordelis erstaunen,
      Da sich Cimon entlarvt in diesem Braunen.
    Sie sieht ihn an vom Turban zu den Schuh'n,
      Mit Augen lachend, die in Thränen stehen.
      Drauf ernsthaft sich besinnend spricht sie nun:
      Ich bin erstaunt, Euch hier und so zu sehen.
      Cimon – was unterfingt Ihr Euch zu thun?
      Wie hofft Ihr gut zu machen, was geschehen? –
      Und er: Was kommen wird, bedacht' ich nicht;
      Nur Euch zu retten, war mir heil'ge Pflicht. – 54
    Retten? Wovor? – Du fragst noch, Flordelis?
      Vor jenem aufgezwungnen Ehebunde,
      Dem Elend, drein der Vater dich verstieß,
      Dem Mann, den du nicht liebst im Herzensgrunde.
      Wohl traf es ein, was Leonat verhieß:
      Dies Junkervolk sei keck nur mit dem Munde.
      Wer nicht für dich daransetzt Blut und Leben,
      Darf er den Blick, die Hand zu dir erheben? –
    Unsel'ger! rief sie aus, was muß ich hören?
      Was für ein Irrsal häuft Ihr auf mein Haupt!
      Habt Ihr dies Ehebündniß zu zerstören
      Mit einem übermüth'gen Scherz geglaubt?
      Und wollt' ich einem Mörder angehören,
      Nun wohl, wer seid Ihr, daß Ihr Euch erlaubt,
      In meines Lebens Schicksal einzugreifen,
      Und vom Altare mich zurückzuschleifen?
    Habt Ihr ein Recht auf mich? – Cimone schwieg
      Und lag gesunknen Muths zu ihren Füßen.
      Verbittert war ihm jetzt der freud'ge Sieg,
      Ach, bittre Worte kamen von der Süßen.
      Er sprach, indem sein Blut zur Wange stieg:
      Ich hofft', Ihr würdet froher uns begrüßen,
      Wenn wir der Hand des Fürsten Euch entzogen.
      Man sagte mir, Ihr wäret mir gewogen.
    Und Flordelis: Erhebt Euch auf der Stelle!
      Verlaßt mich, denn ich höre wohl, Ihr ras't.
      Seid Ihr noch heut der rohe Waldgeselle,
      Wie einst, daß Ihr was Menschen ziemt vergaßt?
      Wann war's – gesteht's und dann entfernt Euch schnelle –
      Daß Neigung Ihr aus meinen Blicken las't?
      Ihr wart mir immer fremd, und jetzo schlimmer
      Als das – entfremdet seid Ihr mir für immer! 55
    Noch fass' ich's nicht. Ist's möglich, daß Ihr dachtet,
      Durch Raub ein freies Mädchen zu erringen?
      Habt Ihr mich als ein Beutestück betrachtet,
      Als ob wir so von Hand zu Händen gingen?
      Und hätt' ich meinen Bräutigam verachtet,
      Gehaßt, verwünscht – da doch von diesen Dingen
      Ich keines that – nicht hätte Dankbarkeit
      Mich überliefert dem, der mich befreit.
    Auch Liebe nicht, wenn meines Vaters Segen
      Dem Bunde fehlte, den ich selbst erwählt.
      Mit welchem Antlitz geht Ihr nun entgegen
      Den beiden Vätern, da Ihr so gefehlt?
      Wie? dachtet Ihr, ein Frevel, so verwegen
      An Mächtigen verübt, sei leicht verhehlt?
      Und landen wir zuletzt in Rhodus an,
      Was ist die Frucht der ganzen Thorheit dann? –
    Er stand vor ihr in der Kajüte Zwielicht,
      Von Scham und Reu' und Jammer wie berauscht.
      Ich hätte, sprach er, wenn Ihr eingewilligt,
      Noch hier an Bord mit Euch den Ring getauscht.
      Die Väter hätten's endlich wohl gebilligt;
      Wer bliebe taub, der Eurer Stimme lauscht!
      Jetzt sag' ich nur, vergebt mir, was geschehn,
      Und dann – lebt wohl auf Nimmerwiedersehn! –
    So der Verzweiflung wehrlos hingegeben
      Stürmt er hinaus. Am Bord bei vollen Flaschen
      Sitzt traulich die Piratenschaar, die eben
      Ihr Heidenthum sich vom Gesicht gewaschen.
      Hoch lassen sie das neue Brautpaar leben,
      Da tritt zu nicht geringem Ueberraschen
      Der Mohr Cimone wie ein Nachtgespenst
      In ihren Kreis, der vom Triumph erglänzt. 56
    Nach Rhodus! ruft er. Alles ist vorbei –
      Die Hoffnung todt, – mein Stern in Nacht begraben!
      Ich log mir vor, daß ich ihr theuer sei,
      Den Lügner soll das Meer zum Opfer haben! –
      Doch eh er noch geendet, springt herbei
      Freund Leonat zusammt dem raschen Knaben
      Pedruccio, die mit allen Kräften ihn,
      Den Rasenden, vom Bord zurückeziehn.
    Zurück! ruft Leonat. Sind wir von Sinnen,
      Daß wir den hellen Wahnsinn dulden sollen?
      In so viel Zeit, als du verlorst da drinnen,
      Hätt' ich wohl ihrer Zehn beschwatzen wollen.
      Nach Rhodus? Traun, ein christliches Beginnen,
      Sehr würdig einer Närrin, eines Tollen.
      Bei meiner Mohrenschaft, das Sprichwort paßt da:
      Viel Lärm und wenig Wolle. Damit basta!
    Erst red' ich selbst mit ihr ein kurzes Wort.
      Ihr steht inzwischen ein für diesen Kranken! –
      Er lief hinab, und es erscholl sofort
      Sein heftig Schelten durch die dünnen Planken.
      Dann kam er wieder, wetternd: Höll' und Mord!
      Sie will nach Cypern; doch sie wird mir's danken,
      Zieh' ich es vor, mit diesen närrischen Käuzen
      Erst noch ein Weniges herumzukreuzen.
    Der Weiber Will' ist Wind, und Wind springt um.
      Gedenkt an mich, es wird nicht lange dauern,
      So bittet uns der Trotzkopf selbst darum,
      Sie zu verloben diesem edlen Mauren.
      Muth, Bruderherz! Es ist, verzeih mir's, dumm,
      Uns ohne Noth hier etwas vorzutrauern.
      Mein Seemannswort zum Pfand: Sie haßt dich nicht.
      Steh auf, Cimon, und wasche dein Gesicht! 57
    Allein kein Trost vermag ihn aufzurichten,
      Stumm liegt er, wie entkörpert und entherzt.
      Die Andern gehn an ihre Seglerpflichten,
      Verstört, wie Leonat auch schilt und scherzt.
      So treiben sie im Meer, als unter dichten
      Sturmwolken plötzlich sich der Himmel schwärzt
      Und, eh sie noch das Segel eingezogen,
      Ein Wetter aufsteigt über Schiff und Wogen.
    Die weite See heult auf vor seinem Grimme;
      Klein ist die Mannschaft, guter Rath wird theuer.
      Doch durch den Lärm dringt Leonatens Stimme
      Und flößt in ihre Herzen neues Feuer.
      Er sorgt, daß Jedem er sein Thun bestimme,
      Er und Pedruccio wechseln ab beim Steuer;
      Nach Cypern! ruft er. Niemals kam zu Schaden
      Ein Fahrzeug, das ein Liebespaar geladen.
    Doch sieht es heut um diese Schifferregel,
      So tröstlich sie auch klingt, bedenklich aus.
      Steil thürmen sich die ries'gen Wellenkegel,
      In allen Fugen knirscht das leichte Haus.
      In Fetzen flattert längst das große Segel,
      Der Mast zersplittert, und der Wellengraus
      Spült übers Deck wo der geschäft'ge Gischt
      Cimon's moreske Farbe bald verwischt.
    Denn unser Freund liegt völlig theilnahmlos,
      Von allem Sturm und Drang wie abgeschieden.
      Schläng' ihn hinab bis in der Hölle Schooß
      Weltuntergang, er wär' es wohl zufrieden.
      Indessen spürt er doch den Fersenstoß,
      Den Leonat seemännisch ihm beschieden,
      Und hört den Ruf: Auf von der Bärenhaut!
      Hast du ein Herz, so rette jetzt die Braut! 58
    Das wirkt, und bald verspürt das Element,
      Wie Liebeskraft ihm trotzt aus Leibeskräften.
      Ein Pflug, der scharf das zähe Brachland trennt,
      Kann sichrer kaum sich an die Furche heften,
      Als jetzt der Kiel, der seinen Meister kennt.
      Wenn Nacht und Sturm den Steuermann nicht äfften,
      Sie wären bald am Ziel. Doch leider wissen
      Sie nicht den Curs mehr in den Finsternissen.
    Um Mitternacht erst sehn sie an den Sternen,
      Die des Gewitters Ungestüm besiegt,
      Daß sie von Cypern stetig sich entfernen,
      Da ungehemmt ihr Schiff nach Westen fliegt.
      Was aber hilft's, daß sie die Richtung lernen?
      Noch herrscht der Wind, und ihre Kraft versiegt
      Je mehr und mehr. Nichts bleibt, als sich zu fassen
      In Gottvertrauen und sich treiben lassen.
    Ermattet zieht das Häuflein nach und nach
      Die Ruder ein und legt zum Schlaf sich nieder.
      Kaum daß ein Stoßgebet das Schweigen brach
      Und lauer Wind mit tönendem Gefieder.
      Cimone saß am Steuer ernst und wach,
      Auch Leonat blieb aus, und hin und wieder
      Horcht' in des Fräuleins Kammer er hinein;
      Schon über Tag bracht' er ihr Speis' und Wein.
    So ging die Fahrt. Kann Flordelise schlafen?
      Fragt meine schöne Leserin in Sorgen. –
      Sie schläft, so ruhig wie auf Epitaphen
      Ein Marmorbild. Noch trifft der nächste Morgen
      Sie auf dem Meer, doch endlich kommt ein Hafen.
      Soviel verrath' ich; mehr bleibt noch verborgen.
      Und damit heut genug. Wir wünschen nun
      Dem Schiffsvolk wie dem Leser wohl zu ruhn! 59
     
    
     
    Fünfter Gesang.
    Von einem Jüngling finden wir erzählt –
      Mich dünkt, ich las beim Plinius die Stelle –
      Den gottlos irre Leidenschaft beseelt
      Zum Venusbild in heil'ger Tempelzelle.
      Zuletzt, vom ruhelosen Wunsch gequält,
      Stahl er die Göttin Nachts vom Fußgestelle,
      Und trug sie fort in eine ferne Wildniß,
      Mit Küssen frevelnd an dem hehren Bildniß.
    Da öffnet' es die Marmorlippen strenge
      Und sprach: Elender, du hast mißgethan!
      Nur wer die Göttin in mir ehrt, bezwänge
      Mein Herz vielleicht, ihm auch als Weib zu nahn.
      Wer glaubt, daß er das Höchste sich erränge
      Durch Eigenmacht, wird einen Stein umfahn! –
      Sie schwand. Durch Priester ward die That verkündigt,
      Denn steinern blieb der Mund, der sich versündigt. –
    Die Sehnsucht mag ein Marmorbild beleidigen,
      Doch ein lebendiges, das lacht und weint?
      Wer möchte wohl Cimone's Wahn vertheidigen,
      Wenn er als Tempelräuber sich erscheint!
      Wir wissen, oft verfiel er schon dem leidigen
      Unmaß, das ihm auch jetzt den Mund versteint,
      Und ihm nach wohlbestandner Zeit der Lehre
      An Lehrgeld kostet mehr als nöthig wäre. 60
    Sobald sein Fuß nur erst das Land betreten,
      Will er auf ew'ge Zeit auf und davon,
      Zu Indern, Kopten, Persern, Massageten,
      Nur wo noch fremd ist Frauentrotz und Hohn.
      Erinnrung hofft er aus der Brust zu jäten
      Wenn er nur erst dem Himmelsstrich entflohn,
      Wo jene Sprache klingt, die ihm das Leben
      Erweckt, um dann mit Gift ihn zu vergeben.
    Bis dahin ach, noch einen langen Tag
      Auf hoher See, nur durch ein Brett geschieden
      Von ihr, die ihm durch Einen harten Schlag
      Für immerdar geknickt den Lebensfrieden!
      Doch einmal nur, als heitrer Mittag lag
      Auf dem Verdecke, das sie sonst gemieden,
      Taucht sie empor an der Kajütentreppe
      Und überschaut des Meeres öde Steppe.
    Er saß an seinem Steuer tief gebückt,
      Kaum daß bei ihrem Anblick auf Secunden
      Ihn eine flücht'ge Schmerzensgluth durchzückt;
      Dann wieder hält die Lähmung ihn gebunden.
      Das Mädchen fragt: Wohin sind wir entrückt? –
      Wohin der Meister Wind für gut befunden,
      Sagt Leonat; ein Segler ohne Mast
      Treibt blindlings hin, wie ein Verliebter fast.
    Doch, wenn mir recht ist, sind wir nun am längsten
      So fortgetaumelt ins Gelag hinein.
      Ihr braucht Euch, bestes Fräulein, nicht zu ängsten,
      Auch führen wir noch sattsam Brod und Wein.
      Mir ist um unsern Steuermann am bängsten;
      Da sitzt er, wie ein Kauz im Sonnenschein.
      Besinnt Euch, Fräulein, Eurer Christenpflicht
      Und heilt mit einem Wort den kranken Wicht. 61
    Ihr aber kommt der Evastöchter Kunst,
      Sich taub zu stellen, allzu sehr gelegen.
      Fast fürcht' ich, sie verscherzt sich eure Gunst,
      Da sie so hart sich zeigt. Sei's ihretwegen
      Euch denn bekannt: Es war ein blauer Dunst,
      Wenn ich gesagt, daß sie des Schlummers Segen
      Genossen wie ein Bild auf Epitaphen;
      Mir fehlt' ein Reim auf »schlafen« und auf »Hafen.«
    Dies mag uns wohl begegnen in Octaven,
      Die, wie bekannt, sehr reimgefräßig sind.
      Doch soll die kleine Lüge sich bestrafen,
      Lasst mich's entgelten, nicht das gute Kind,
      Das schon genug der Schicksalsschläge trafen.
      War's Uebermüdung, war's der laute Wind,
      Der grelle Mond mit blanken Wolkenschafen –
      Genug, ein Etwas störte sie im Schlafen.
    Doch um so kecker trieb der lose Traum
      Sein Spiel mit ihr. Bald wandelt sie vergnüglich
      An eines Mauren Arm am Waldessaum
      Und spricht: Seid ihr so stark, holt unverzüglich
      Den halben Mond herab vom Himmelsraum;
      Doch prahlt Ihr nur, und unterlaßt es klüglich. –
      Er aber langt hinauf und holt ihr ohne
      Beschwer herab die riesigste Melone.
    Kaum haben sie im Grase Platz genommen,
      Und denken sich zu laben an der Frucht,
      Sehn sie mit großem Hofstaat näher kommen
      Den Fürsten, der die Braut im Walde sucht.
      Von Angst fühlt plötzlich sie ihr Herz beklommen,
      Hilf mir, Cimone! ruft sie, hilf zur Flucht! –
      Allein verächtlich lächelt nur der Braune
      Und bläs't alsbald ein Lied auf der Posaune. 62
    Und Wunder! von des Liedes Zauberkraft,
      Indeß die Töne tröstlich sie umfließen,
      Wird flugs der Hofstaat in die Luft entrafft
      Hoch durch den Wald, wo ihn die Zweige spießen.
      Der höchste Ast fängt seine Fürstenschaft,
      Wie Absalon; allein zum Glücke sprießen
      Ihm nicht, wie dem, natürlich seine Locken,
      Und kahl fällt er herunter, hocherschrocken.
    Da lacht Cimon und lacht so ungeheuer,
      Daß er sich augenblicks zu Tode lacht.
      Auf einmal lischt des Mondes goldnes Feuer,
      Und Flordelis steht einsam in der Nacht.
      Ach, ihr zur Seite todt liegt ihr Getreuer,
      Sie rührt den kalten Mund mit ihrem sacht,
      Und da er nicht erwiedert ihren Kuß,
      Entstürzt ihr bitterlich ein Thränenguß.
    Am Kissen, das sie träumend naßgeweint,
      Entsinnt sie morgens sich des Traumgesichts.
      Ist sie nicht gänzlich vom Verdacht gereint,
      Als fühle sie bei fremdem Unglück Nichts?
      Wer so betrauert einen todten Feind,
      Der hat ein Herz; aus ihren Thränen spricht's,
      Und mahnt' auch wohl am Tag: Geh hin, zu spähen,
      Ob er denn lebt, den Nachts du todt gesehen!
    Nun gab der Aermste zwar kein Lebenszeichen,
      Und daß er krank sei, sagt' ihr Leonat.
      Doch, ließ sie gleich im Traume sich erweichen,
      Nicht um die Welt wär' sie ihm jetzt genaht.
      Zwar schmerzt es sie, doch thut sie nicht dergleichen;
      Er büße nur, was er gesündigt hat!
      Ja, hätt' er nicht die Ehre des Geschlechtes
      In ihr gekränkt! Nun geh's den Lauf des Rechtes. 63
    So trutzend geht das stolze Kind hinab
      Und läßt sich über Tag nicht wieder sehen.
      Was ferner noch sich bis zur Nacht begab,
      Das zu berichten ist im Nu geschehen.
      Man ließ das Schiff in seinem kurzen Trab
      In Gottes Namen seiner Wege gehen,
      Und war bemüht, durch Trinken, Singen, Lachen
      Zum bösen Spiel ein gut Gesicht zu machen.
    Es kam die Nacht und Land! erscholl es, Land! –
      Fürwahr, Fortuna hält es mit den Dreisten.
      Im Frühlingsnebel lag, noch unerkannt,
      Die Küste da, der sie entgegenreis'ten.
      Bald glitt das Schiff im Hafen an den Strand,
      Wo viele Segler ankerten, die meisten
      Ohn' ihre Mannschaft, die, wie alle Nächte,
      In einer Hafenschenke saß und zechte.
    Die Mannschaft auf dem Cyprier verspürte
      Geringe Lust, das Handwerk zu begrüßen.
      Sie lobte Gott, daß sie noch frisch sich rührte,
      Anstatt in Jonä Wallfischbauch zu büßen,
      Worauf sich Jeder einen Platz erkürte,
      Dem Schlaf sein Recht zu thun, dem nie so süßen,
      Der auch Cimone's Abschiedsungeduld
      Und Reiselust vorläufig eingelullt.
    So schliefen denn die unbußfert'gen Sünder
      Den Schlaf, den sonst nur der Gerechte schmeckt.
      Es hätte nicht ein Vierundzwanzigpfünder –
      Wenn's damals welche gab – sie aufgeweckt.
      Die Sonne kommt, ihr Schlaf wird nur gesünder,
      Bis plötzlich wilder Lärm ihr Ohr erschreckt;
      Unhöflich fühlen sie am Arm sich rütteln
      Und sich begrüßt mit Fäusten und mit Knütteln. 64
    Sie fahren auf, von Träumen noch umnebelt,
      Und sehn das Schiff von fremden Menschen voll.
      Man hat im besten Schlafe sie geknebelt;
      Heischt man denn hier zu Land so barsch den Zoll?
      Gefaßt darauf, daß man sie niedersäbelt,
      Denn dieses Volk geberdet sich wie toll –
      Wo sind wir? fragen sie. Und in der Runde
      Erschallt's: In Rhodus, ihr Piratenhunde!
    Wohl ist die Insel Rhodus der Bekanntschaft
      Vor andern werth, mit manchem Reiz gesegnet.
      Doch lieber, dünkt mich, wär' des Cyprers Mannschaft
      Selbst einem schwimmenden Vulkan begegnet.
      Denn da man jetzt unsänftlich sie ans Land schafft,
      Und es zum Willkomm Hohn und Flüche regnet,
      Sehn sie das Hochzeitschiff im sichern Hafen,
      Mit dem sie gestern Wand an Wand geschlafen.
    Muth, Jungen! ruft nun Leonat und lacht
      Aus vollem Hals, noch sind wir unverloren.
      Der Witz, den Meister Zufall hier gemacht,
      Gehört zu seinen trefflichsten Humoren.
      Er wird auch ferner Spaß verstehn, gebt Acht;
      Zum Hängen sind wir Alle nicht geboren.
      Die Biedermänner werden mildgesinnt,
      Wenn sie erfahren, daß wir Christen sind.
    Ja wohl, ihr werthen Freund' und Nachbarsleute,
      Wir ruhn mit euch in Einer Kirche Schooß.
      Aus Cypern sind wir, gute Christenhäute
      Und in dem Seeraub Dilettanten bloß.
      Und wenn mich einer Tag und Nacht zerbläute,
      Kein Wörtlein Maurisch schlüg' er von mir los.
      Kurz, Alles war nur eine Maskerade,
      Die uns verwünscht langweilig wird nachgrade. 65
    Wer aber hört auf ihn, da insgesammt
      Die Blicke sich nach Flordelisen wenden.
      Die Lieblichkeit, die diesem Aug' entflammt,
      Muß ihren Strahl in alle Seelen senden.
      Gebenedeit die Mutter, der entstammt
      Ein solches Kind! so flüstert's aller Enden.
      Die Weiber heben auf den Arm die Kleinen,
      Und Jeder neigt sich, sieht er sie erscheinen.
    Sie aber spricht zu den verstummten Schaaren:
      Ich bitt' euch sehr, gebt die Gefangnen frei!
      Ihr seht, sie sind nicht wirkliche Corsaren;
      Was sie gethan, es war kein Arg dabei. –
      Drauf Einer: Frau, man darf Euch nicht willfahren;
      Wir haben strenge Hafenpolizei.
      Wollt Ihr im Ernst für diese Schelme flehn,
      So müßt Ihr schon bis an den Fürsten gehn.
    In tiefes Sinnen nun versenkt durchschreitet
      Die Lilienblume rasch den Gafferschwarm,
      Der ehrfurchtsvoll sie in die Stadt begleitet.
      Sie aber schweigt, indeß ihr Blick voll Harm
      Oft zu dem Häuflein der Gefangnen gleitet,
      Die hinter ihr, gefesselt Arm an Arm,
      Mißhandelt von des Hochzeitschiffs Matrosen,
      Trübselig schlendern in den türk'schen Hosen.
    Nach trug man ihnen als des Tags Trophäen
      Cimon's Posaun', und Becken, Pauken, Geigen.
      Gesenkten Haupts die beiden Hunde gehen,
      Noch seekrank von der Fahrt, in dumpfem Schweigen.
      Ihr Herr ist nicht gelaunt, sie anzusehen;
      Er selber schließt halb wie im Traum den Reigen,
      Nur Leonat schwatzt noch die tollsten Dinge,
      Als ob er wohlgemuth spazieren ginge. 66
    So wälzt der Strom sich fort in dunklen Wogen,
      Bis er zum See sich auf dem Markte staut.
      Hier, von feudalem Zinnenkranz umzogen,
      Stehn fürstliche Paläste stolz erbaut.
      Von den Altanen, aus den Fensterbogen
      Spähn tausend Augen nach der fremden Braut,
      Und sieh, ein Flügelthor fliegt auseinander
      Und durch die Menge läuft es: Fürst Lysander!
    Die Stufen nieder seine Mutter führend
      Steigt er herab, ein jugendlicher Mann,
      Dem jener Traum, das Haupthaar ihm entführend,
      Verleumderisches Unrecht angethan.
      Die Fürstin neben ihm blickt mit gebührend
      Vornehmer Kälte die Piraten an,
      Worauf sie, da die Braut zu Boden sieht,
      Sie zärtlich in die Mutterarme zieht.
    Erlauchte Tochter, spricht sie, seid willkommen,
      Und hochgelobt der Herr, der unser Haus
      So sichtbarlich in seinen Schutz genommen!
      Den Dank dafür sprech' ein Tedeum aus.
      Mein Herz ist mir in Thränen fast zerschwommen,
      So oft ich sah ins öde Meer hinaus.
      Es trug bereits Hoftrauer, süße Lilie,
      Um Euch die ganze fürstliche Familie.
    So sprach die Gute. Schweigend stand ihr Sohn.
      Von seinen blassen, jünglingshaften Zügen
      Schien alle Freudigkeit hinweggeflohn,
      Und auch die Kraft gebrach, sie nur zu lügen.
      Mein Fürst . . .! haucht Flordelis mit leisem Ton.
      Da war's, als ob die Worte weckend schlügen
      An eines Schläfers Ohr. Still blickt er auf
      Und mit umflorter Stimme spricht er drauf: 67
    Fast fing ich an, der Hoffnung zu entsagen,
      Euch je zu sehn, mein holdes Ehgemahl.
      Zwar sandt' ich, den Piraten nachzujagen,
      Fünf Segler aus beim frühsten Morgenstrahl,
      Doch wähnt' ich unerreichbar Euch verschlagen.
      Nun trieb durch Huld des Himmels aus der Zahl
      Der drei Piratenschiffe dies gerade,
      Das Euch entführt, ans rhodische Gestade. –
    Da tritt, sich höflich neigend, Leonat
      Den Andern vor und spricht: Erlauchter Fürst,
      Ich weiß nicht, was man dir berichtet hat,
      Und minder noch, ob du mir glauben wirst.
      Doch wähnst du noch Mitschuld'ge dieser That
      Auf andern Schiffen, so vernimm: du irrst!
      Wir waren, Herr, und sind bis diese Stunde
      In Allem nur zwölf Menschen und zwei Hunde.
    Und da ich doch einmal das Wort ergriffen,
      So laß mich, edler Fürst, noch dieses sagen:
      Ich gebe zu, der Scherz war ungeschliffen,
      Wie eben Kaufmannssöhne sich betragen,
      Die unter ihren Fässern, Ballen, Schiffen
      Jahraus jahrein sich mit Matrosen plagen.
      Doch trieben wir's zu wild und tölpelhaft,
      War desto zahmer deine Ritterschaft.
    Ein Hochzeitsbrauch, in Cypern unvergessen,
      Ist's, eine Braut dem Freier wegzufangen.
      Doch weß wir uns im Scherze nur vermessen,
      Das ließ man höflich uns im Ernst erlangen.
      Die Braut kam mit dem Schreck davon. Indessen
      Urtheile selbst nach diesen Rosenwangen
      Und laß von diesem schönen Mund dir sagen,
      Wie sorgsam wir, wie sittsam uns betragen. 68
    Drum, überschlagen wir Gewinn und Schaden,
      Scheint die Bilanz zu stimmen beiderseits.
      Nur unser Segler hatt' es auszubaden,
      Doch dem geladnen Gut geschah kein Leids.
      Und so, mein Fürst, entlaß uns denn in Gnaden.
      Wenn du uns hängst, was thust du da Gescheits?
      Denn Lösung zahlen unsre Väter ehrlich
      Für lebende, für todte Söhne schwerlich. –
    Kaum hat er ausgeredet, als Cimone
      In edler Wallung ausruft überlaut:
      Mein ist die Schuld, erlauchter Fürst! verschone
      Die mir zu Liebe sich dem Meer vertraut!
      Begnade sie, und deiner Huld zum Lohne
      Vernimm die Wahrheit, daß ich dir die Braut
      Nicht nur zum Scherz, nein, in dem Aberglauben,
      Sie sei mir hold, gesonnen war zu rauben. –
    Schweigt! fällt die Fürstin Mutter ihm ins Wort.
      Es ziemt Uns nicht, mit Räubern Pacte machen.
      Führt in den Thurm die ganze Bande dort,
      Die morgen wird zum letztenmal erwachen! –
      Da pflanzt sich durch das Volk ein Murren fort,
      Dazwischen flackert auf ein höhnisch Lachen,
      Doch ehe Zorn und Mitleid Worte finden,
      Sieht man die Herrschaft im Palast verschwinden.
    Den Dreien folgt ein dumpfverworrnes Tosen,
      Indessen Leonat dem Volk umher
      Zum Besten giebt, gewürzt mit vielen losen
      Spottreden, ihren Raubzug auf dem Meer.
      Schon drängt man drohend sich um die Matrosen,
      Die frischen Jungen finden mehr und mehr
      Partei im Volk, – da kommen von den Treppen
      Bewaffnete, die sie zum Kerker schleppen. 69
    Wie im Gewitter Milch zusammenläuft
      Und sich in Klumpen ballt, so sehn die Zinnen
      Die Menschenflut, die unten sich gehäuft,
      Zu kleinen Gruppen alsobald gerinnen.
      Die Sonnenglut, die schwer vom Himmel träuft,
      Lös't sie nicht auf, kaum spülte sie von hinnen,
      Der sonst versteht, Aufrührer heimzufegen,
      Der alte Friedensfreund – ein derber Regen.
    Jetzt aber thut ein schlimmer Demagoge
      Aus dieser stummen Gährung sich hervor.
      Mit grimmen Augen aus dem Volksgewoge
      Schwingt er sich hoch zum Brunnenrand empor.
      Ein Volkstribun, nur ohne Stab und Toge,
      Sät er des Hasses Saat in jedes Ohr.
      Mitbürger! ruft er, Freunde! Sind wir Memmen,
      Daß wir Gewaltthat sehen und nicht hemmen?
    Zeit dünkt es mir, daß man ein Ende mache
      Mit diesen Herrn und allen ihres Schlages.
      Ist Jemand hier, der dieses Fürsten Sache
      Verfechten mag – er trete vor und sag' es!
      Wer aber meint, ich führte diese Sprache
      Der eignen Kränkung eingedenk, der mag es!
      Ich hass' ihn, ja, ich hehl' es euch mit nichten,
      Und all mein Trachten ist, ihn zu vernichten.
    Was soll ich hehlen, was ihr Alle wisst,
      Daß meiner Schwester er die Eh' versprochen,
      Doch weil sie arm und nicht von Adel ist,
      Zuerst sein Wort und dann ihr Herz gebrochen?
      Von Adel nicht? O der armsel'gen List!
      Er wird nicht ferner auf den Adel pochen,
      Seit seine Fürstlichkeit, so hochgeboren,
      Die Kaufmannstochter zum Gemahl erkoren! 70
    Erkoren? Nein, erkauft, erpreßt, erzwungen.
      Ist eine Braut, die willig kommt, so blaß?
      Und hörten wir nicht Alle selbst den jungen
      Cypreser, der der Jungfrau Herz besaß?
      Das hohe Fest wär' auch nur halb gelungen,
      Wird seinethalb kein andres Auge naß.
      Was ballt ihr doch die Faust, ihr guten Leute?
      Ein Lustspiel ist's: Zwei Opfer und zwei Bräute! –
    So pfeift es aus! hub Einer an zu schrein,
      Den Gott mit wackrem Lungenpaar gesegnet.
      Das Heldenstück blies ihm die Mutter ein;
      Sie schütz' ihn nun, wenn's faule Aepfel regnet! –
      Ja, rief ein Andrer, legen wir uns drein,
      Eh man auch uns in gleichem Stil begegnet;
      Nur schont der armen Puppe, schont Lysanders;
      Das Muttersöhnchen kann und darf nicht anders. –
    Ihn schonen? braus't nun auf der erste Sprecher.
      Ihm doppelt Fluch, der zu der Mutter Schürze,
      Ein feiges Kind, sich flüchtet vor dem Rächer!
      Euch aber frag' ich hier, erklärt in Kürze:
      Wollt ihr, daß ferner noch den üpp'gen Becher
      Der Tyrannei des Elends Thräne würze?
      Seht ihr's mit an, daß zwölf blutjunge Seelen
      Sich morgen mit des Seilers Braut vermählen? –
    Nein! scholl's im Haufen, nein, Valerio!
      Wir dulden's nicht! Zur Hölle die Tyrannen! –
      Und Jener höhnte: Oft schon rieft ihr so;
      Doch schickt die Fürstin eine handvoll Mannen,
      So springt ihr weg, wie Körner aus dem Stroh
      Vor ein'gen Flegeln. Lauft auch heut von dannen,
      Hockt bei den Weibern, spreizt euch in den Schenken
      Und schwört, es nächstens ihnen einzutränken! – 71
    Dieß riß entzwei die Bande der Geduld,
      Die noch die Leidenschaft umschnürt gehalten.
      Los brach rings um den Brunnen der Tumult,
      Daß die Paläste zitternd wiederhallten.
      Doch eh sich uns die Scenen alter Schuld
      Zur Sühnung, wie zu hoffen steht, entfalten,
      Geleit' ich euch zu einer kurzen Rast
      Dem jungen Paare nach in den Palast. – –
    Harmloses Lied, wohin bist du verschlagen?
      Zu dunkler Tragik wandelt sich dein Spiel.
      Die richterliche Binde sollst du tragen,
      Statt jenes Kranzes, der dir wohlgefiel.
      Dein Knappe Scherz muß seinem Dienst entsagen,
      Denn auf dem Gang zu einem dunkeln Ziel
      Folgt dir ein andrer nach, das Schwert in Händen,
      Und bange fragen wir: Wie wird sich's enden?
     
    
     
    Sechster Gesang.
    Nach fernen Zielen hat der Mann zu schweifen,
      Und wo des Lebens Sturm am stärksten braus't,
      Die Frucht des Glückes sich vom Baum zu streifen
      Mit festem Geist und mit entschlossner Faust.
      Das Weib soll nicht hinaus ins Weite greifen,
      Auch wenn ihr kaum vor dreistem Wagen graus't;
      Sie harre, bis ein treuer Arm den Segen,
      Der sie beglückt, ihr will zu Füßen legen. 72
    Doch nicht umsonst weissagt in ihren Sinnen
      Ein feiner Geist den Werth von jeder Frucht,
      In welcher labend lautre Säfte rinnen,
      Und welche tückisch wirkt des Lebens Flucht.
      Mit ganzer Seele werfe sie von hinnen,
      Was lachend roth sie zu verderben sucht.
      Ist ihr verwehrt, zu wetten und zu wagen,
      So wage sie das Eine: Nein zu sagen.
    Denn wo der Mann im Drucke fremder Pflichten
      Sich selbst verliert, dem Ganzen sich zu weihn,
      Da soll das Weib nie auf sich selbst verzichten,
      Nie mit dem eignen Herzen sich entzwei'n.
      Ihr Amt ist, diese Schattenwelt zu lichten
      Mit lieblich ungebrochnem Sonnenschein;
      Vom Streit des Tags durch ihren Herd geschieden,
      Ist sie den Ihren Freude, Trost und Frieden.
    Nachdem ich dieser Weisheit mich entledigt –
      Und warum paßt' in unser buntes Lied
      Nicht zur Veränderung auch eine Predigt –
      Vernehmt, wie ich ins Predigen gerieth.
      Ich dacht' an Flordelis. Ach, nicht entschädigt
      Die Fürstlichkeit, der sie entgegenzieht,
      Nicht aller Glanz, dazu sie auserkoren,
      Die arme Seele, die sich selbst verloren.
    Doch was zuvor in rathlos öden Stunden
      Als ein unselig Schicksal vor ihr stand,
      Daß fremd sie an den Fremden sich gebunden,
      Als eine Schuld hat sie es nun erkannt.
      Und nicht genug der tiefen Seelenwunden,
      Die ihr die Neue schlägt! Ach, sie empfand,
      Umlodert von Cimone's Liebesfeuer,
      Zu tief, wie sehr ihr der Verstoßne theuer. 73
    Zu tief, als daß sie, was so selig schmerzt
      Und vollends sie zerstört, sich nicht gestehe.
      Doch hat sie denn unrettbar sich verscherzt?
      Macht nicht des überkühnen Freundes Nähe,
      Sein wilder Todesmuth auch sie beherzt? –
      Es ist zu spät, und ob sie untergehe –
      Sie sprach ein Jawort, ohn' ihr Herz zu fragen,
      Das Frauenrecht verlor sie, Nein zu sagen.
    Nun steigt sie bleich am Arme des Gemahles
      Empor die hallend weiten Marmorstiegen.
      Er aber führt sie zu des Ahnensaales
      Gewölbtem Fenster. Ihr zu Füßen liegen
      Die Gärten in der Pracht des Morgenstrahles
      Und fern das Meer, auf dem sich Gondeln wiegen;
      Ein lachend Bild! Und doch verklärt es nicht
      Dem jungen Paar Gemüth und Angesicht.
    Was ist dem Fürsten? Jetzt am Fenster lehnen
      Und in die Wolken spähn, ist's wohlgethan?
      Ziehn jene Fernen, die sich vor ihm dehnen,
      Mehr als die nahe Lieblichkeit ihn an?
      Wär' es nicht schicklich, statt hinauszusehnen,
      Mit Gruß und Kuß die Gattin zu umfahn?
      Ist's um die Mutter, daß er's noch verschiebt?
      Wer aber denkt an Mütter, wenn er liebt!
    Und diese Gute läßt zum Ueberflusse
      Dem jungen Ehepaar die schönste Ruh,
      Beschaut die Teppichschilderei in Muße
      Und füttert dort im Ring den Kakadu.
      Doch jetzt mit schlecht verhohlenem Verdrusse
      Kehrt sie sich rasch den stummen Beiden zu:
      Ihr seid so still, mein Sohn, und Ihr nicht minder.
      Wollt ihr ins Freie wandeln, meine Kinder? 74
    Und Flordelis: Wie soll ich heiter blicken,
      Wenn Jene, die mir werth, gefangen sind?
      Wie soll mein Herz sich in die Fremde schicken,
      Wo mir der Tag so schreckenvoll beginnt?
      Lös't diese Sorgen erst, die mich umstricken!
      Ach, Ihr seid anders, als Ihr sprecht, gesinnt;
      Ihr werdet nicht, Ihr könnt es nicht vollziehen
      Das Blutgericht; laßt meine Freunde fliehen!
    Dieß stellet Uns anheim, ich bitt' Euch sehr!
      Spricht kühl die Fürstin. Kommt, Ihr seid ermattet;
      Wir senden Euch die Kammerfrauen her
      Zu Euerm Dienst. Hernach, wenn Ihr gestattet,
      Geleiten wir Euch in den Park ans Meer.
      Die kleine Wolke, die Euch überschattet,
      Wird Ruhe, Pfleg' und Blumenduft zerstreuen,
      Und auch der Fremde lernt Ihr Euch erfreuen. –
    Es kämpft in ihr, als sie den Worten lauscht,
      Tiefathmend steht sie da und blickt hinaus.
      Da hört sie, wie die Fürstin näher rauscht,
      Und alles Weh bricht unaufhaltsam aus.
      Nein, spricht sie hocherglühend, nicht vertauscht'
      Ich auch mein Herz so wie mein heimisch Haus;
      Ich werde nie von der Gewohnheit scheiden,
      Beim Unglück meiner Freunde mitzuleiden.
    O gebt sie frei, ich flehe noch einmal,
      Bestraft die That nicht, die Euch nicht verletzte!
      Auf dieser Insel wandeln würde Qual,
      Wenn nur ein Tropfen ihres Bluts sie netzte.
      Es ist die erste Bitte, mein Gemahl;
      Schlagt Ihr sie ab, leicht würd' es meine letzte,
      Denn einem Menschen wollt' ich mich verbinden,
      Nicht einen Fürsten nur hofft' ich zu finden! – 75
    Und jetzt, vom Estrich, wo es wankend irrte,
      Hebt sich Lysanders Auge schwermuthsvoll.
      Er spricht: Könnt' ich Euch kränken in der Myrte,
      O so verdient' ich ewig Euern Groll.
      Vergebt, wenn Manches mir den Sinn verwirrte,
      Was nun, ich hoff' es, von mir weichen soll.
      Bis heut zu sehr dem innern hingegeben,
      Bin ich ein Neuling noch im äußern Leben.
    Nein, gute Mutter, laßt mich reden jetzt!
      Es ist nicht Alles hier, wie sich's gebührte.
      Im Tiefsten hat die Kunde mich verletzt,
      Daß solch ein Häuflein meine Braut entführte.
      Habt Ihr die Macht der Räuber überschätzt –
      Ihr seid ein Weib. Doch daß kein Schwert sich rührte,
      Den Uebermuth gebührend heimzusenden,
      Wird unser Haus beschimpfen allerenden.
    Und jetzt – soll ich die eine Schande krönen,
      Mit neuer Schmach, Entwaffnete zu morden?
      Wir dienen keinem Gott, den zu versöhnen,
      Man Blut vergießt, wie jene Scythenhorden.
      Nein, Mutter! Wohl geziemt es frommen Söhnen,
      Wenn ihre Mannheit reif und mündig worden,
      Mit aller Ehrfurcht vor der Mutter Willen,
      Die Herrscherpflicht als Männer zu erfüllen.
    Erblassend stand die Fürstin, plötzlich ärmer
      Um einen Thron, vom eignen Sohn belehrt,
      Daß sie verarmt. Ihr werdet warm, und wärmer,
      Spricht sie mit Müh', als diese Sache werth.
      Nicht allzu mündig scheint der weiche Schwärmer,
      Der unter Myrten schlafen läßt das Schwert.
      Ihr aber, Fürstin, laßt aus Euerm Wesen
      Nicht Schlimmeres als Mitgefühl mich lesen! 76
    Den Saal durchmessend, heftig, fährt sie fort:
      O recht! Zur Last wird langerprobte Treue.
      Was gilt dem Manne noch ein Mutterwort?
      Dem welken Alten trotzt das glatte Neue.
      Ich seh's, ich bin zuviel an diesem Ort,
      Ich weiche willig. Möge nie die Reue
      Dir nahn, mein Sohn, auf schlummerlosem Kissen
      Und diesen Tag dir wecken im Gewissen! –
    Wie sprecht Ihr, Mutter? hub er traurig an.
      Hab' ich Euch nicht in allen meinen Tagen
      Oft mehr als ich gesollt zu Lieb gethan?
      Säumt' ich den liebsten Wünschen zu entsagen
      Um Euch? Ungern erinnr' ich Euch daran,
      Ihr aber zwingt mich selbst mit Euern Klagen.
      Nun faßt Euch, gute Mutter, seht es ein,
      Wir dürfen hier nicht strenge Richter sein!
    Ein warmer Blick von Flordelis vergütet
      Ihm dieses Wort. Da, während ob den drei'n
      Im kühlen Saal ein peinlich Schweigen brütet,
      Stürmt einer aus der Vetternschaft herein.
      Der Pöbel, spricht er hastig, droht und wüthet
      Und schickt sich an die Cyprer zu befrei'n.
      Hinab, mein Fürst! Vernahmt Ihr nicht hier oben,
      Wie die Besessnen am Portale toben? –
    Und wie in Lüften hoch ein Brausen klingt,
      Wenn Kranichschwärme überm Walde wandern,
      Hört man den Aufruhr, der herüberdringt:
      Heraus die Cyprer! Nieder mit Lysandern! –
      Wohl, spricht der Fürst, laß sehen, wer uns zwingt!
      Ruft unsre Nachbarn auf, beschickt die andern
      Vom Adel; mir bringt meinen Damascener! –
      Es ist zu spät, spricht achselzuckend Jener. – 77
    Wann wär's zu spät, als Mann sich zu bewähren?
      Fährt heiß Lysander auf. O, ihr zumal,
      Ihr thätet wohl, die schlimmverscherzten Ehren
      Rückzuverdienen heut mit tapferm Stahl.
      Wie? was ich selbst bereit war zu gewähren,
      Abtrotzen will man's? Gehn mir auf einmal
      Die Augen auf, wohin es kam, indessen
      Ich über Büchern jahrelang gesessen?
    O Mutter! – Doch der Andre flüstert scheuer:
      Erwägt es, Fürst: Valer schürt diese Glut;
      Auch Eure Diener sind dem Pöbel treuer,
      Als Euch, und unsern Nachbarn sank der Muth,
      Denn der Empörer Zahl schwoll ungeheuer! –
      Jach von Lysanders Wange wich das Blut.
      Dann sprach er dumpf: Auch das! Es ahnte mir,
      Die Neige müsst' ich leeren; – gehen wir! – –
    Jetzt, da man auf dem Markt schon wetzt die Dolche,
      Laßt uns nach den gefangnen Freunden sehn.
      Ein Kerker schließt sie ein, zu schlecht für Solche,
      Die nur als Sonntagsräuber kapern gehn.
      Zwar giebt es keine Schlangen, Ratten, Molche,
      Doch kann ein Mann darin nicht grade stehn.
      Hier liegt die Schaar beisammen, kummervoll,
      Daß Jugend nicht vorm Tode schützen soll.
    Auch Leonat ist nicht zum Scherz gestimmt,
      Allein zum Schelten bleibt er unverdrossen.
      Wenn, brummt er, dies ein albern Ende nimmt,
      Wem dankt man's, als Cimones Tugendpossen?
      Wenn dir dein Lebenslicht zu lange glimmt,
      Wer heißt dich, uns den Leuchter umzustoßen?
      Was konnten wir durch Ehrlichkeit erlangen?
      Hier heißt es: Mitgegangen, mitgehangen. 78
    Hatt' ich nicht Trumpf gemacht aus unsern Karten,
      Und standen nicht die Andern wie die Tröpfe?
      Allein Freund Tölpel kann es nicht erwarten,
      Daß ihm der Henker das Geblüte schröpfe.
      Bei Satans Lung' und Milz! wenn ich im Garten
      Der Welt je wieder freien Athem schöpfe,
      So soll'n die Ohren durch den Hut mir wachsen,
      Misch' ich mich wieder in verliebte Faxen.
    Doch horch! da draußen tos't und donnert's dumpf,
      Als käm' das Meer aufs Land um uns zu retten.
      Nur Schade, daß im allgemeinen Sumpf
      Auch wir dann untergehn in unsern Ketten. –
      Ein Andrer aber lauscht' und rief: Triumph!
      Das Volk kommt uns zu Hülfe, will ich wetten.
      Schon draußen raunte mir ein Bürger zu:
      Seid unbesorgt, daß er euch Leides thu'!
    Und eh dem Zaun der Zähne dieß entflohn,
      Knarrt schon die Thür, und es erscheint vor ihnen
      Ihr Zwingherr, Fürst Lysander, in Person,
      Mit tiefem Ernst in seinen bleichen Mienen.
      Er spricht in ruhig würdevollem Ton:
      Die Fürstin bat für euch; um ihr zu dienen,
      Gestatten wir euch Allen heimzureisen,
      Sobald ihr wollt. Nehmt ihnen ab die Eisen!
    Zeigt euch dem Volke, das euch wohlgesinnt,
      Und sagt es ihm, daß euch der Fürst begnade. –
      Er sprach's und ging. Von daher weht der Wind?
      Lacht Leonat; an uns ist jetzt die Gnade?
      Nun denn, wenn wir die Retterengel sind,
      Wär's um den Beutel meines Vaters Schade.
      Wer noch von Lösung redet, ist ein Pinsel;.
      Man liebt uns nicht umsonst auf dieser Insel. 79
    Cimon, nur diesmal hab' ein Gran Verstand
      Und zeige, daß du stammst von Kaufmannsblut! –
      Doch unser Freund ist schon hinausgerannt
      Und hört im Corridor des Volkes Wuth.
      Er kommt zum Flur, wo bang beisammen stand
      Die Dienerschaft, die Fürstin Mutter ruht
      Im Sessel sprachlos und die Junker alle
      Gehn wenig heiter auf und ab die Halle.
    Dort an dem Pfeiler lehnend ohne Regung
      Steht Flordelis, er aber sieht vorbei;
      Denn vor dem Thor in wallender Bewegung
      Tobt noch das Volk mit Steinwurf und Geschrei.
      Und jetzt, indem er umblickt, in Erwägung
      Ob keine Waffe hier zu Handen sei,
      Sieht er am Boden bei den Schiffstrophäen
      Die alte Freundin, die Posaune stehen.
    Mit ihr bewehrt, reißt er die Pforten auf
      Und dämmt zurück das trotzige Gedränge.
      Den ganzen Markt bis zum Palast hinauf
      Füllt Kopf an Kopf die ungestüme Menge.
      Dreimal posaunt Cimon, und gleich darauf
      Schweigt jeder Lärm. In seiner vollen Länge
      Steht unser Freund allsichtbar auf der Schwelle,
      Schwingt die Posaun' und ruft hinunter helle:
    Geht heim, geht heim! Was habt ihr hier zu schaffen?
      Wer hat zu unsern Rettern euch berufen?
      Seh' ich noch Fäuste ballen, Steine raffen,
      So fegt euch die Posaune von den Stufen.
      Den Frieden brachen wir mit blanken Waffen,
      Nun trifft uns Unheil, das wir selber schufen.
      Thut nicht der Fürst nach seinen Fürstenrechten,
      Die Straßenräuber auf das Rad zu flechten? – 80
    Also Cimon. Die guten Leute starren
      Den Redner an, als spräch' er aus dem Schlafe.
      Ward je herab vom Armensünderkarren
      Docirt: das Recht des Sünders sei die Strafe!
      Doch schäumend ruft Valer: Was? sind die Narren
      So lebensmüde, so geduld'ge Schafe?
      Wir sind es nicht, und hält man uns für Hunde,
      Wir zeigen, daß wir Wölfe sind, zur Stunde.
    Heran, und reißt in Trümmer den Palast,
      Das Nest der Tyrannei! – So ruft der Grimme.
      Da fühlt er plötzlich seinen Arm umfaßt,
      Und bittend hell klingt eine Mädchenstimme:
      Halt ein, Valer! Wenn du Besinnung hast,
      O so verschlimmre nicht in Wuth das Schlimme.
      Laß nicht im Himmel unsre gute Sache
      Zur schlechten werden durch die eigne Rache.
    Ihr alle, Freund' und Nachbarn, hört mein Flehn
      Und helft den armen Bruder mir beschwichten!
      Denn was mir auch vom Fürsten Leids geschehn,
      Ich bitte Gott, in Gnaden ihn zu richten.
      Wohl ist's mein Tod, ihn neuvermählt zu sehn,
      Doch will ich eh' auf's Leben selbst verzichten,
      Als ihn, der einst mein ganzes Herz besaß,
      Gemordet sehn durch meines Bruders Haß! –
    So rief das Mädchen. Eine Stille war –
      Ein fallend Laub vernähme jedes Ohr.
      Cimon, bestürzt, ergriffen wunderbar,
      Senkt rathlos nieder das Posaunenrohr.
      Da neben ihm mit Augen sonnenklar
      Tritt Flordelis aus dem Palast hervor.
      Wo ist sie, ruft sie aus, wo ist die Arme?
      Hier öffnen sich nach ihr zwei Schwesterarme. 81
    Und wie sie jetzt das blonde Haupt gewahrt,
      Die sanften Augen, die sie staunend grüßen,
      Eilt sie durchs Volk, das sich zur Seite schaart,
      Hinab, Valeria ans Herz zu schließen.
      Nein, spricht sie, diesen Augen sei's erspart,
      Um meinethalb in Thränen zu zerfließen;
      Dein Recht ist älter, heiliger und fester;
      Mein Recht ein Unrecht; nimm es von mir, Schwester!
    Nicht Großmuth schein' es dir, wenn ich ihn räume
      Den Platz, von dem ich schuldlos dich verdrängt.
      Nie hab' ich meines Herzens liebste Träume,
      Die Seele nie an diesen Mann gehängt.
      Ich preise Gott, daß er durch weite Räume
      Des Meeres meinen Fuß hieher gelenkt.
      Ein schweres Unglück hoff' ich zu verhüten,
      Und was du littest liebend zu vergüten.
    Wenn dich der Fürst der Armuth halb verschmähte,
      Sei dein der Brautschatz, den ich mitgebracht.
      Nein, weigr' es nicht, als ob ich Großes thäte;
      Du gabst mir mehr, du hast mich frei gemacht.
      Und immer, wenn ich jetzt zum Himmel bete,
      Sei dein, als meiner Retterin gedacht! . . .
      Hier unterbrachen Thränen ihre Rede,
      Und Mund auf Mund sich küssend weinte Jede.
    Da hob sich auf dem Markte buntgemischt
      Ein Sturm von Jauchzen, Schluchzen, Beifallstoben.
      Manch einer ist, der sich die Augen wischt,
      Und ringsum hört man Flordelise loben.
      Wohl ist's ein Anblick, der das Herz erfrischt,
      Wie sich die Zwei, die Locken dichtverwoben,
      Von Rührung glühend aneinanderpressen
      Und wie verzückt die Welt umher vergessen. 82
    Und als nun Hand in Hand sich innig fassend
      Die Mädchen schreiten zum Pallast empor,
      Die Eine strahlend, hold in Scheu erblassend
      Die Andre naht dem hochgewölbten Thor,
      Da tritt, die Mutter ihren Frauen lassend,
      Lysander stürmisch aus der Halle vor:
      Du bist's! du kommst! du konntest mir vergeben!
      Aus welchem Irrsal rettest du mein Leben!
    Geliebte! Weib! Ich seh', ich halte dich! –
      Und an die Brust der Treuen sinkt sein Haupt.
      Fürst, fleht sie leise, Liebster, schone mich!
      Wohl weiß ich, welche Macht dich mir geraubt.
      Doch daß dein Herz nie von dem meinen wich,
      In allen Schmerzen hab' ich's fest geglaubt.
      Ach, hoffst du nun der Mutter Sinn zu wenden? –
      Ernst blickt er auf: Unwürd'ges will ich enden!
    Dann, an der Hand sie haltend, frei und sicher
      Spricht er zum Volk: Horcht auf, denn ich will reden!
      Mir ist bewußt, daß ich in freventlicher
      Melancholie ließ wuchern alte Schäden.
      Doch dieser Druck – von meinem Geiste wich er.
      Ans Leben neu geknüpft mit starken Fäden
      Fühl' ich mir Kraft, in Neigung Haß zu wandeln
      Und als ein Fürst an meinem Volk zu handeln.
    Doch nicht der Aufruhr ist es, der mich zwingt,
      Daß ich die schwerempfundne Schuld vergüte;
      Es ist, die brennend mir zu Herzen dringt,
      Hier dieser Jungfrau reine Seelengüte.
      Euch, Freundin, die Ihr mir die Gattin bringt,
      Dank' ich's in unvergeßlichem Gemüthe.
      Der Himmel mög' im würdigsten der Gatten,
      Worauf Ihr heut verzichtet, Euch erstatten. 83
    Zur Stunde soll ein Schiff die Anker lichten,
      Vom heil'gen Vater uns Dispens zu bringen.
      Und wollt Ihr mich insonders hoch verpflichten,
      Verweilt bis sie die Hochzeitsmesse singen;
      Dann mögt Ihr heimwärts die Gedanken richten.
      Heut bleibt noch Eins zu thun vor allen Dingen:
      Hier meine Hand, Valerio, schlag ein,
      Und was dich kränkte, laß vergessen sein! –
    Hoch! donnert jetzt das Volk, sie leben hoch!
      Und aus dem Schloß mit Becken, Trommeln, Geigen
      Fällt ein der Tusch. Die Cyprer wollten doch
      Auch ihres Theils versöhnlich sich bezeigen.
      Da tritt zu Freund Cimon, der immer noch
      Versunken steht in hoffnungslosem Schweigen,
      Die Lilienblume. Bester, sagt sie leise,
      Wir rüsten, wenn es Euch gefällt, die Reise.
    Dies hört die Fürstin, aus der Ohnmacht eben
      Erwacht, und ruft in sittlicher Entrüstung:
      Nie werd' ich diesem Bund den Segen geben,
      Der Frucht des Zwangs und schnöder Ueberlistung.
      Ihr aber, Fräulein, – mög' Euch Gott vergeben! –
      Vergaßt Ihr ganz bei Eurer Reiserüstung,
      Wie schlechte Zucht und Sitten es beweis't,
      Wenn eine Jungfrau unter Männern reis't?
    Doch lächelnd sagt die Holde mit Erröthen:
      Ihr nehmt es mit dem Anstand gar genau,
      Und hieltet doch die Rücksicht nicht vonnöthen,
      Als mich die Mohren fingen, hohe Frau.
      Doch, wenn des Hofes Sitten auch verböten,
      Daß ich mich alten Freunden anvertrau',
      So werden sie es schwerlich doch verdammen,
      Wenn Mann und Frau zu Schiffe gehn zusammen. 84
    Da reichte sie vor aller Volkesmenge
      Cimon die Hand: Wirst du sie auch noch wollen,
      Mein Liebster, die sich dir entzog so strenge?
      Gott weiß, warum es so hat kommen sollen. –
      Und er, als würd' ihm seine Brust zu enge,
      Steht vor ihr sprachlos. Dann gleich einem Tollen
      Hebt er sie plötzlich auf mit starkem Arm
      Und stürmt mit seinem Raube durch den Schwarm.
    Muß denn am Ziel der Lehr- und Wanderjahre
      Solch arger Rückfall unserm Freund begegnen,
      Daß noch einmal der Dämon in ihn fahre?
      Sie aber duldet es mit unverlegnen
      Geberden; fest um seine Lockenhaare
      Schlingt sie den Arm und flüstert dem Verwegnen
      Glückselig zu: Nicht alle Welt fortan
      Soll deinem Arm mich rauben, liebster Mann!
    Und hinter dem Entführer, dessen Hast
      Sich mählig legt, strömt jetzt das Volk in bunter
      Verwirrung nach. Es scheiden vom Palast
      Die Jünglinge, die Hunde bellen munter,
      Und Leonat hat die Posaun' erfaßt
      Und bläs't drauf los. So kommen sie hinunter
      Zum Hafen, wo ein jeder Schiffer jetzt
      Sie heimzufahren sich zur Ehre schätzt.
    Da, als sie schon vom Lande scheiden wollten,
      Kommt eilends mit der Braut Lysander nach.
      Nun wird Cimone freundlich ausgescholten,
      Daß er den Abschied so vom Zaune brach,
      Als hätt' es Flucht vorm bösen Feind gegolten.
      Erst, als er bald'ge Wiederkehr versprach,
      Läßt man die Schaar mit herzlichem Bezeigen
      Und tausend Lebewohl zu Schiffe steigen. 85
    Nach Cypern denn, mit Gott! der Wind ist gut,
      Und diesmal sind sie sicher vor Piraten.
      Ein Sonnenhimmel leuchtet aus der Flut,
      Bis die Gestirne klar ins Blaue traten.
      Doch heller glänzt der Mannschaft Uebermuth,
      Die Funken des Humors, die Leonaten
      In ganzen Garben von der Lippe stieben;
      Am stillsten sind die Beiden, die sich lieben.
    Nicht daß sie stets sich in die Augen schmachten,
      Die Hand sich drücken, seufzend oder stumm;
      Bei allen Possen, die die Freunde machten,
      Sind sie auch jetzt ein dankbar Publicum.
      Und wenn Pedruccio jene mehrgedachten
      Canzonen singt – nun weiß der Schalk, warum –
      Dann fällt die Braut im lieblichsten Sopran
      Mit ein und lacht Cimon verstohlen an.
    Daß man daheim von ihrem Glück nichts ahne,
      Ist kaum der Sorge werth für unser Paar.
      Nur Leonat spricht düster vom Orkane
      Des Väterzorns, als sträub' er schon sein Haar.
      Uns aber malt prophetisch Fee Morgane
      Ein Wolkenbild, den Schiffern unsichtbar:
      Wir sehn Cimon zur Seite Flordelisen,
      Und um sie her drei Buben wie die Riesen.
    Und doch vergeht mir nun der Scherz. Denn freilich,
      Der Abschied liegt mir bang in allen Gliedern.
      Zwar kommt er wohl euch Andern nicht zu eilig;
      Die hast'ge Zeit verlangt nach kurzen Liedern.
      Allein dem Dichter ist es wohl verzeihlich,
      Wenn sich die Strophen ihm zu rasch befiedern,
      Steht's ihm bevor, von Herzen sich zu trennen,
      Die Gott ihn lehrte wie sein eignes kennen. 86
    Doch muß es sein, und also sei es bald,
      Sei's auf dem Meer, eh sie ans Land geschwommen.
      Hört ihr, wie hell Cimon's Posaune schallt?
      Seht ihr die Väter an den Hafen kommen,
      Den Lehrer mit der Schule, Jung und Alt?
      Ein Festtag ist der ganzen Stadt erglommen.
      Nun denn fahrt wohl, und bringt wohin ihr zieht
      Die Freude mit! Hier endet unser Lied. 87
     
    
     
  



    Die Brüder.
    (1852)
    An dem Flusse liegt der Maulbeergarten,
      Und ein Sommerlüftchen regt die Wipfel,
      Drin die Grille singt, im Laub verborgen.
      Und herüber aus dem Königsschlosse,
      Dem der Fluß in Demuth küßt die Schwellen,
      Und herüber durchs Gewühl der Gassen
      Tönen Paukenklang und Glockenspiele,
      Tönt Geschrei der Pfauen und Fasanen
      Und das Wiehern stolzer Viergespanne
      Mit dem Festgesumm von Menschenstimmen.
      Denn des Landes Wei geliebter Erbprinz
      Führet heim die fremde Fürstentochter.
    An dem Flusse durch den Maulbeergarten
      Wandelt ganz allein Swen-Kong, der König,
      Trägt den Fürstenhut von Schillerseide
      Mit neun goldgeflochtnen Quastenschnüren,
      Trägt den Seidenrock mit Fuchs verbrämet,
      Schön gegürtet mit dem Perlengürtel,
      Und den bunten Kies der Gartenpfade
      Tritt er mit den rothen Fürstenschuhen.
    Und im Wandeln spricht zu sich der König:
      Wo ist wohl ein Garten, wie der meine?
      Wo ist wohl ein blühend Reich, wie meines? 88
      Wo ein König, der sich mir vergliche?
      Doch es ist Swen-Kong noch nicht am Ziele,
      Seiner Wünsche nicht, noch seiner Tage,
      Und noch immer konnt' er, was er wollte.
    Also murmelnd wirft er hoch die Stirne,
      Daß die Quasten an einander schlagen,
      Und er blickt umher mit stolzen Augen,
      Unverdunkelt von der Nacht des Alters,
      Die ihm nur an Haar und Brauen dämmert.
    Da den Fluß behend hinunter gleitend
      Kommt ein lachend Fahrzeug angeschwommen;
      Von den reichbemalten Segelstangen
      Läßt's in Lüften seidne Wimpel flattern,
      Läßt das golddurchwirkte Tauwerk blitzen
      In der festlich goldnen Sommersonne,
      Und vom Deck antworten Flöt' und Leier
      Hell dem Paukenschall und Spiel der Glocken,
      Das begrüßend aus der Stadt heranklingt.
      Denn am Bord des blanken Hochzeitschiffes
      Sitzt die Braut mit ihren hundert Jungfraun,
      Sitzt des jungen Helden Ki Verlobte,
      Und der Königssohn steht ihr zur Seite,
      Und er lächelt und sie lächelt wieder.
      Kann sie lächeln Dem, der ihren Vater
      Ueberwand in sieben heißen Schlachten,
      Der im Lande Tsi die Wittwen mehrte,
      Dem sie Braut und Beute ward in Einem?
      Und doch ist's ein unverstelltes Lächeln;
      Denn das Leid verließ sie in der Heimath,
      Und die Wonnen geben das Geleit ihr,
      Wie die Vögel, die den Mast umschwärmen.
      Und des Bräut'gams schönes Heldenantlitz
      Fröhlich neigt es sich zu ihren Wangen, 89
      Und er deutet mit der Augenwimper
      Rings umher auf all die Pracht der Ufer –
      Soll die liebliche Swen-Kjang nicht lächeln?
    Der da wandelt in dem Maulbeergarten,
      Wohl gewahrt er dieses Mädchenlächeln
      An dem schwellend halberschlossnen Munde,
      Wohl gewahrt er auch der Augen Schimmer,
      Deren Brauen keiner Tusche brauchten,
      Auch des Zopfes dunkle Seidenfülle,
      Aufgebunden, wie ihn Bräute tragen;
      Und wie sich der heiße Blick verirrte
      Zu des Busens zartbewegter Jugend,
      Ganz verschleiert von der zücht'gen Seide,
      Schwillt unbändig ihm der eigne Busen,
      Flammt im Antlitz auf ein heftig Glühen,
      Und den Stern des Auges still gefesselt
      An die Sonne dort im Hochzeitsschiffe,
      Geht er hastig neben ihr am Ufer,
      Dicht verborgen vom Gezweig der Bäume,
      Das ihm selbst den Ausblick nicht verwehrte;
      Bis das Schifflein, zwiefach angetrieben
      Von des Stromes Fall und Schlag der Ruder,
      Ihm zuvor am Thor des Schlosses landet.
    Und empor die Stiegen des Palastes
      Unter Glockenspiel und Volkesjauchzen
      Führt der Königssohn die Königstochter
      In die Halle, die zum Fest bereitet.
      Auf dem Tische steht der goldne Becher,
      Draus der Bräutigam dem Mädchen vortrinkt,
      Um die Ehe nach dem Brauch zu schließen.
      Rings im Saale harren schon die Fürsten,
      Schwarz das Unterkleid und grün der Mantel,
      Stehn des Reiches erste Mandarinen, 90
      Insgesammt gereiht nach Amt und Würden,
      Und die Schreiber sitzen bei dem Tische,
      Auf den Knien den Ehepact entfaltend.
    Einer fehlt noch zum Beginn der Feier,
      Einer fehlt noch, und er zaudert lange.
      Und man hört der Stunde banges Athmen,
      Hört den eignen Herzschlag in der Halle;
      Denn die Glockenspiel' und frohen Pauken
      Schweigen draußen, und es schweigt die Menge.
      Nur die Grillen in den Maulbeerzweigen
      Singen schrillend durch die offnen Fenster.
    Da erklingt ein Schritt, die Pforten schüttern,
      Und der König kommt hereingeschritten,
      Fest und langsam, Purpur auf den Wangen,
      Hat den Blick so herrisch aufgeschlagen,
      Daß im Saal sich alle Wimpern senken.
      Und sie stehn und harren, daß er rede.
      Doch er schweigt, in sein Gemüth verloren,
      Und den Sohn mit keinem Worte grüßend
      Prüft er mit dem Falkenblick die Taube.
      Lange sinnt er; dann zum Tisch gewendet
      Schenkt er bis zum Rande voll den Becher,
      Draus der Bräutigam dem Mädchen vortrinkt,
      Und – er selber setzt ihn an die Lippen,
      Und er selber trinkt, und nach dem Trunke
      Wie ein Sieger in die Runde blickend
      Reicht er den Pokal der Braut des Sohnes.
    Todtenstille brütet in der Halle,
      Nur unheimlich stöhnt des Mädchens Lippe,
      Da sie halb in Ohnmacht nahm den Becher,
      Draus sie trank ein Gift für ihre Jugend.
      Auf des Königssohnes frische Wangen
      Hat sich jäh ein fahles Blaß gelagert; 91
      Und er neigt sich – wer vermag zu sagen,
      Ob dem Vater, ob vor Grameslasten?
      Dann, die Hand geballt an seinem Gürtel,
      Wankt er, zuckend wie ein sterbend Flämmchen,
      Durch die Reihen, die sich scheu geöffnet,
      Wankt hinaus zum Saal, hinab die Stiegen,
      Schwingt im Hof sich auf den schnellsten Renner,
      Und der Menge, die ihn fragend anstarrt,
      Nicht mit Wort und nicht mit Blick erwiedernd
      Jagt er aus dem Thor der Stadt ins Weite,
    An des Reiches Rand, ins Südgebirge
      Ritt der Königssohn die lange Reise,
      Und dem Feldherrn, der die Grenzen hütet
      Und der Nachbarvölker Brandung eindämmt,
      Stellt' er sich bescheiden als ein Streiter.
      Kamen da nach dreien Jahren Briefe,
      Lobesbriefe von Swen-Kong dem König,
      Der ihn hieß die Südermark verwalten.
      Und so that er sieben schwere Jahre,
      Daß sein Name wuchs bei den Barbaren,
      Und er wohnt' in seines Volkes Herzen; –
      Doch in seinem Herzen wohnt der Kummer.
    Und nach zehn der kummervollen Jahre
      Wieder kamen ihm vom Vater Briefe,
      Daß er komme, sich am Hof zu zeigen;
      Denn das Volk begehre seines Anblicks,
      Und sein Vater sei im Volk der Erste.
      Als Held Ki die Briefe durchgelesen,
      Mußt' er sich auf seine Klinge stützen,
      Denn es griff ein Krampf ihm an die Pulse;
      Und so stand er, wie ein Baum im Felde,
      Dem ein Erdstoß um die Wurzel zuckte.
      Dann, die Brust beklemmt, das Auge düster,
      Alsobald aus dem Gemache schritt er, 92
      Hieß ein Häuflein seiner Diener satteln,
      Winkt' ein Lebewohl dem Schneegebirge,
      Und von dannen sprengt' er mit den Seinen.
    Schlimme Zeichen fand der Held am Wege.
      Rothe Füchse streiften durch die Wälder,
      Schwarze Raben strichen hoch in Lüften,
      Und mit Flüstern wiesen sich's die Diener.
      Doch er selbst, gesenkten Hauptes ritt er,
      Achtlos rother Füchs' und schwarzer Raben;
      Denn das schlimmste Zeichen trug er selber,
      Schlimmes Vorgefühl im eignen Busen.
    Frohe Zeichen fand er auch am Wege,
      Städt' und Dörfer, aufgeschmückt aufs Beste,
      Volk in Schaaren, das ihn jauchzend grüßte –
      Doch er selbst, gesenkten Hauptes ritt er,
      Denn sein Herz war taub der hellen Freude.
    Wie die Reiter nun der Hauptstadt nahten,
      Bleicher ward das Angesicht des Prinzen;
      Denn vom Schloß herüber und den Gassen
      Scholl ein wirres Festgeräusch zum Ohre,
      Pauken, Flötenschall und Glockenspiele,
      Und vom Thor daher in reichem Zuge
      Kam ein Viergespann von weißen Rossen.
      Der es lenkte, war Swen-Kong der König,
      Und er lenkt' es noch mit straffen Zügeln;
      Aufrecht stand er. In dem goldnen Wagen
      Saß die liebliche Swen-Kjang, die Fürstin,
      Und ein Knabe, der ihr glich von Zügen,
      Ein neunjährig holder Königssprosse
      Saß bei ihr und staunte froh ins Weite.
    Wohl gewahrt ihn schon vom fern der Reiter.
      Bitter seufzt er auf und spornt den Rappen, 93
      Daß er wild und wiehernd sich emporbäumt.
      So im Flug erreicht der Prinz den Wagen,
      Grüßt in Ehrfurcht den ergrauten Vater,
      Grüßt die Mutter auch mit leisem Neigen,
      Doch zum Knaben bückt er sich vom Rosse,
      Hebt ihn rasch zu sich empor behutsam,
      Und ihn vor sich auf den Sattel setzend
      Küßt er herzlich seines Bruders Lippen,
      Streichelt ihm die Wang' und drückt ihn an sich,
      Und das Kind liebkos't den hohen Bruder.
    Also kehrten sie zurück zum Thore.
      Und entlang die Gassen zum Palaste,
      Wo das Volk die beiden Prinzen schaute,
      Winkt' es Grüße, rief es frohen Glückwunsch,
      Froher als es je Swen-Kong begrüßte,
      Kam er noch so sieggeschmückt vom Felde.
      Stand der alte König finster horchend;
      Denn der Fürsten Ohr ist fein geartet,
      Feiner als das Ohr des besten Spielmanns,
      Und es mißt genau des Volkes Stimmen,
      Ob sie heller, ob sie dumpfer klingen.
      Und so oft das Volk die Prinzen grüßte,
      Klang dem König Mißton in den Ohren.
      Doch die schöne Swen-Kjang ihm zur Seite,
      Bebend hing ihr Aug' an ihrem Stiefsohn,
      Wie er fest ihr Abbild an sich preßte,
      Zartes Roth erblüht' ihr auf den Wangen,
      Ungewohntes Roth der holden Freude,
      Und auch das gewahrt der alte König.
    Und es wuchs der Mond im Blau der Nächte,
      Und es wuchs mit ihm des Königs Sorge,
      Bis sie ihm die Nacht zum Tage machte.
      Denn vom Fenster des Palastes blickt' er 94
      Auf die Wiesenplätze längs dem Flusse,
      Sah die Söhne täglich dort sich tummeln;
      Und es unterwies Held Ki den Knaben,
      Wie er reiten müss' ein kleines Rößlein,
      Weiß am Leib und kohlschwarz an den Mähnen,
      Und er schenkt' ihm einen schlanken Bogen,
      Elfenbeinern rothbemalten Bogen,
      Und er lehrt' ihn nach den Vögeln schießen,
      Fing ihm junge Füchse, bunte Schlangen.
      Doch am Abend, wenn sie müde waren,
      Lagerten im Gras sie dicht zusammen.
      Dann ins horchbegier'ge Ohr des Knaben
      Goß der Mann die Fülle der Geschichten,
      Kriegesthaten aus dem Süderlande,
      Märlein von dem wunderbaren Einhorn,
      Von Yün-Yang, dem treuen Vogelpaare,
      Das da stirbt, wenn es die Menschen trennen. –
      Sprach Swen-Kong der König zu sich selber:
      Meines Weibes Sinn ist mir entfremdet,
      Meines Knaben Herz wird mir entwendet,
      Soll ich blöde zaudern, bis der Räuber
      Meines Volkes Herz sich auch gewonnen?
      Noch am Ziel nicht bin ich meiner Tage,
      Und mein Leben denk' ich auszuleben!
      Traun, noch immer konnt' ich, was ich wollte.
    Und Gedanken arger Tücke brütend
      Rief er zu sich den getreusten Diener
      Und beschied ihn so: Am frühen Tage
      Will ich morgen einen Boten senden
      Nach dem Lande Tsi zu meinem Schwäher.
      Wer es sei – er soll nicht hingelangen!
      Wer es sei – er soll nicht wiederkehren!
      Dafür haftest du mit deinem Blute. –
      Und der Diener neigte sich in Schweigen. 95
    Und desselben Abends nach dem Mahle
      Rief der König seinen Erstgebornen,
      Falsches Lächeln auf den Greisenwangen,
      Falsches Schmeichelwort im Greisenmunde.
      Eine schnelle Botschaft muß ich senden
      Nach dem Lande Tsi zu meinem Schwäher.
      Sichrer und geschwinder ist kein Bote,
      Als du selbst, den ich so oft erprobte.
      Laß denn morgen in der Frühe satteln,
      Reite noch vor Tagesgraun von hinnen,
      Häng dem Roß dies Täschchen an den Sattel,
      Drin die Briefe, die ich schrieb dem Schwäher,
      Schwöre mir, zu thun, wie ich dir sage!
    Sprach der Königssohn bescheidnen Herzens:
      Stets vollzog ich willig deinen Willen,
      Und nicht braucht es zwischen uns des Eides.
      Doch du heißest mich – so will ich's schwören. –
    Als der Prinz den theuern Eid geleistet,
      Nahm er Abschied von dem greisen Vater,
      Schlummernd sich zum frühen Ritt zu stärken.
    Da nun Mitternacht herangeschlichen,
      Fährt die schöne Fürstin in die Höhe
      An des schlafenden Gemahles Seite;
      Denn der König wälzt sich auf dem Lager,
      Windet sich in Qual der schweren Träume,
      Und die Fürstin horcht dem irren Stöhnen,
      Der zerrissnen Flut der Mordgedanken,
      Die ihm stockend von der Lippe quellen.
      Und ein hohles Lachen klingt dazwischen,
      Wie die heisre Freude pflegt zu höhnen.
      Wohl, so lallt er, wird er schaun den Morgen,
      Doch des Abends Röthe schaut er nimmer; 96
      Gute Wege sind in meinem Reiche,
      Doch am guten Wege schlimme Fäuste! –
      Und so werd' ich Ruhe – Ruhe finden,
      Denn – noch immer konnt' ich, was ich wollte! – –
    Von dem Lager stiehlt sich weg die Fürstin,
      Hastet nach der Schwelle, tappt zur Pforte,
      Lehnt in Ohnmacht taumelnd an den Pfosten,
      Und der Schwindel zwingt den Fuß zu Boden.
      Doch die Flüche, die vom Bette lallen,
      Dringen in die Halbnacht ihrer Sinnen,
      Und sie rüttelt von sich die Betäubung,
      Und mit lautlos athemlosem Gange
      Schleicht sie fort in ihres Knaben Kammer.
    Lag der Knabe dort in tiefem Schlummer,
      Und er träumte kindisch süße Träume,
      Träume von dem wunderbaren Einhorn,
      Von Yün-Yang, dem treuen Vogelpaare,
      Das da stirbt, wenn es die Menschen trennen,
      Träumte Kampf und Sieg im Süderlande,
      Und er focht an seines Bruders Seite.
    Wie die Mutter ihren Knaben anblickt,
      Lös't sich ihr die Angst in heißen Zähren,
      Niedertropfend auf des Schläfers Augen,
      Daß sie fragend alsobald sich öffnen.
    Sprach der Knabe: Mutter, warum weinst du?
      Wer dich kränkt – ich will's ihn büßen lassen!
      Mutter, liebe Mutter, warum weinst du?
    Sprach die Mutter: Ach, wohl muß ich weinen!
      In Gefahr ist deines Bruders Leben.
      Böse Männer lauern unterweges,
      Wenn er morgen in die Fremde reitet 97
      Nach dem Lande Tsi zu deinem Ahnen;
      Böse Männer, die ihn morden wollen.
      Geh, mein Kind, und warne deinen Bruder!
      Sag ihm, andre Straße soll er reiten,
      Sag ihm auch – ich bät' ihn, deine Mutter. –
      Da der Knabe dieses Wort vernommen,
      Mutter, sprach er, sollst nicht weinen, Mutter!
      Ich will zu ihm gehn und will ihn warnen.
      Und er geht im leichten Nachtgewande,
      Eilt im Dunkeln durch die hohen Säle,
      Lange Gänge durch, vorbei den Wachen,
      Die sich scheuen ihm ein Wort zu sagen.
    Da er kam zum Schlafgemach des Bruders,
      Setzt' er sich dem Schlummernden aufs Lager,
      Weckt' ihn sanft und sagt' ihm böse Zeitung.
      Heiter blieb des edeln Helden Auge;
      Nur wie er der Mutter Wunsch gedachte,
      Zuckt' es schmerzlich um die langen Wimpern.
      Und dann streichelt er des Knaben Antlitz,
      Nimmt die zitternd kleine Hand in seine
      Und erwiedert: Kind, ich werde reiten,
      Und des graden Weges werd' ich reiten,
      Ob auch Tücke mag am Wege lauern.
      Denn geschworen hab' ich's meinem Vater,
      Und nicht war ich's je gewohnt zu zagen.
      Böse Träume ängsten deine Mutter;
      Geh und grüße sie und schlaf' in Frieden!
    Lange bat der Knabe, bat in Thränen,
      Bot sich an am Morgen mitzureiten,
      Denn ihm helfen woll' er, wenn es Noth sei.
      Und der Held mit Lächeln küßt den Knaben,
      Schüttelt nur das Haupt und halb mit Bitten,
      Halb mit Drohen zwingt er ihn zu scheiden,
      Legt sich nieder und entschläft aufs Neue. 98
    Kurz vor Tage wich von ihm der Schlummer,
      Und er stieg zu Roß und nahm die Tasche,
      Und den Weg entlang dem Flusse ritt er,
      Ritt vorbei dem Spielplatz seines Bruders.
      Da gedacht' er seines Nachtbesuches,
      Und der Knabenängste mußt' er lächeln,
      Doch nicht lächelt' er der Angst der Mutter.
      Frisch umfing der Frühwind Roß und Reiter,
      Und das Roß griff aus, und bald dahinten
      Blieben Stadt und Schloß im Morgennebel.
    Wenig Meilen war der Held geritten,
      Vor Gedanken nicht des Weges achtend,
      Da erweckt ihn Wiehern seines Rosses,
      Und der Rappe schüttelt sich und schnaubet.
      Denn von Ferne klingt ein andres Wiehern,
      Und ein kleines Pferdchen jagt entgegen,
      Weiß am Leib und kohlschwarz an den Mähnen.
      Wohl erkennt der Held des Bruders Rößlein,
      Und betroffen, daß es ledig schweife,
      Hält er an und ruft es hell bei Namen.
      Kam das gute Rößlein fromm gelaufen,
      Ganz von Schaum bedeckt und heftig zitternd.
      Und der Prinz, wie er den Hals ihm klopfte,
      Weh, was sieht er! – Blut an seinem Sattel,
      Frisches Blut verspritzt an seinem Leibgurt,
      Und des Rößleins Wiehern klingt wie Klage,
      Daß dem Prinzen bei dem Tone schaudert,
      Und von hinnen stürmt er, und das Rößlein
      Folgt dem Rappen schnaufend auf der Fährte.
    Da von fern schon an des Ufers Weidicht
      Auf dem Sand des Weges sah er's dunkeln,
      Sah er junge, wohlbekannte Glieder
      Schmählich hingestreckt in rothem Blute,
      Und den Rappen zu der Stelle spornend 99
      Sah er blasse schöne Knabenwangen,
      Augen, die ihn oft gegrüßt, gebrochen,
      Blut aus dreien Wunden auf dem Röckchen,
      Und am Halse, ganz mit Blut besudelt,
      Hing dem Knaben eine Botentasche,
      Wie er selbst sie an der Seite führte.
    Da der Held den Jammeranblick schaute,
      Schrie er auf, ins tiefste Mark getroffen,
      Sprang zu Boden, warf sich auf den Knaben,
      Und mit Küssen und mit Thränen netzt' er
      Ihm das frühgewelkte Blumenantlitz.
    Und so lag er, und die Rosse standen
      Leise wiehernd bei dem Brüderpaare.
      Doch zuletzt erhebt er sich gewaltsam,
      Und die Faust nach seinem Schwerte zuckend
      Reißt er wie in Wuth den Stahl zu Tage,
      Wirft sich in den Sattel, spornt den Rappen
      Und der frischen Spur im Wege folgend
      Jagt er fort von seines Knaben Leiche.
    Dort im Wald, der beiderseit am Flusse
      Schatten spendet, traf er auf die Mörder,
      Vier mit Waffen wohlbewehrte Männer,
      Und den Einen kannt' er wohl von ihnen,
      Seines Vaters allertreusten Diener.
      Als die Vier den Hufschlag dröhnen hörten,
      Hätten sie sich gern zur Flucht gewendet;
      Doch der Rächer ist schon über ihnen,
      Und den Führer, seines Vaters Treuen,
      Streckt er nieder mit dem ersten Streiche,
      Und dem Zweiten spaltet er den Schädel,
      Und den Dritten, der den Speer erhoben,
      Trifft er in die Weiche, daß er taumelt;
      Doch bevor er sich zum Vierten wendet, 100
      Der auf hundert Schritte schon entwichen,
      Trifft ein Pfeil ihn handbreit nur vom Herzen,
      Und der Vierte floh ins sichre Dickicht.
    Keinen Schmerzenslaut vernahm die Waldung,
      Nur ein dreifach matt verscheidend Röcheln.
      Und der Prinz, entfärbt im Angesichte,
      Langsam reitet er zurück zum Knaben,
      Steigt vom Roß, wie sehr ihn brennt die Wunde,
      Hebt das Kind hinauf auf seinen Rappen,
      Steigt dann selber mühsam in den Sattel,
      Und den Pfeil im Busen trabt er heimwärts,
      Fest umschlungen die geliebte Leiche.
    Und sobald er einritt in die Gassen,
      Schaart sich Volk um ihn, erhebt sich Klage,
      Frauenklage und der Männer Murren,
      Wälzt sich nach in ungestümen Wogen –
      Und der wunde Held vernimmt ihr Brausen,
      Sein' und seines Bruders Todtenfeier.
      Doch, als sei er selbst schon abgeschieden,
      Giebt er nicht dem Sturm der Fragen Antwort,
      Naht sich dem Pallast, steigt ab vom Rosse,
      Hebt mit morscher Kraft des Heldenarmes
      Den geliebten Todten aus dem Sattel,
      Und mit ihm schwankt er empor die Stiegen.
    In der Halle saß Swen-Kong der König,
      Auf dem Sessel neben ihm die Fürstin.
      Nicht berührte sie den Morgenimbiß,
      Netzte keine Lippe mit dem Frühtrunk.
      Und der König auch, so viel er kämpfte,
      Sich die Wolken von der Stirn zu trotzen,
      Nicht bezwang er in der Brust das Grauen.
    Sprach der König: Gehn nicht Schritte draußen?
      Summt es nicht von Stimmen vor den Fenstern? 101
      Doch die Fürstin schwieg und sah zu Boden.
      Sprach der König: Näher kommt der Fußtritt!
      Ist der Schritt nicht meines lieben Knaben,
      Und den Andern sandt' ich in die Ferne –
      Wer erfrecht sich, uns so früh zu stören?
      Da zur Antwort öffnet sich die Pforte;
      In die Halle wankt sein Erstgeborner,
      Sieht dem Vater still ins greise Antlitz,
      Legt den Knaben auf des Saales Teppich,
      Und dann neben ihm ins Knie gesunken
      Spricht er dumpf: Da bring' ich dir dein Opfer.
      Jenen Tod, den du für mich bestimmtest,
      Stahl mir dieses Kindes muth'ge Liebe,
      Und ich fand den Tod, da ich ihn rächte.
      Gute Nacht! Ich folge meinem Liebling, –
      Gute Nacht auch dir, verwais'te Mutter!
    Da er dieses Scheidewort gesprochen,
      Zog er aus der Brust den Pfeil gewaltsam,
      Daß der Blutstrahl in die Höhe spritzte,
      Und zusammen brach er bei dem Knaben.
    Als die Diener in den Saal sich wagten,
      Fanden sie Swen-Kjang in schwerer Ohnmacht,
      Ihr Gesicht gedrückt ans Haupt des Helden,
      Ihr Gewand von seinem Blut befeuchtet.
      Doch der König saß zurückgesunken,
      Unverwandt nach seinen Söhnen stierend,
      Und sie wagten's nicht ihn anzurufen.
      Und der Mittag kam, es kam der Abend,
      Und noch immer saß er unbeweglich.
      Da sie Abends seine Hand berührten,
      War sie eisig und der Puls erstorben.
    Wenig Tage kamen, bange Tage.
      Aus dem leeren Hause zog die Fürstin, 102
      Zog zurück in ihrer Jugend Heimath,
      Zog zum Vater tief in Wittwentrauer.
      Doch vom Süden her nach kurzen Wochen
      Kamen in das Land Barbarenschwärme,
      Brannten rings die reichen Saaten nieder,
      Denn es war kein Held mehr, der sie schreckte,
      Plünderten die reichen Städt' und Schlösser,
      Warfen Fackeln in das Schloß des Königs –
      Und die Pracht des Schlosses brach zusammen,
      Und der Maulbeergarten lag verwüstet;
      Nur die Grillen in dem Laub verborgen
      Zirpten klagend aus den öden Trümmern. 103
     
    
     
  



    König und Magier.
    (1856)
    Gleich dem Tiger, wenn er tagelang
      In der Höhle lauert auf den Fang,
      Gleich dem Falken, wenn er unversehn
      Auf den Raub herabstößt aus den Höhn,
      Gleich dem Löwen, dem, wenn er sich zeigt,
      Jedes Waldthier zittert, dient und schweigt –
      Groß ist unser König! Vor ihm her
      Zieht sein Ruhm und wallt von Meer zu Meer,
      Wie ein Rauch, der seinen Feind erstickt,
      Wohlgeruch, der seinen Freund erquickt,
      Auf und ab am alten Flusse Kjang –
      Schöne junge Sonne, leuchte lang!«
    Also sang am Fuß des Königsschlosses
      Eine Sängerschaar. Das Volk im Kreise
      Horcht und spricht die Worte nach und athmet
      Jenen Wohlgeruch mit freud'gen Sinnen.
    Drinnen aber bei dem Siegesfestmahl
      Sitzt der junge Löwe, sitzt der König,
      Bleich inmitten weinerhitzter Gäste.
      Weder spricht er, weder netzt der Becher
      Ihm den Mund, noch der Gesang die Seele.
      Brennt im Schenkel ihm die alte Wunde? 104
      Glimmt in seinem Busen neue Liebe,
      Die Verstörerin der Lebensfreuden?
      Liebe nicht und nicht die Wunde nagt ihn,
      Ihn verzehrt das Weh der Königskinder,
      Einsamkeit und Herzensungenügen.
    Und der Freund, der einz'ge seiner Jugend,
      Spricht zu ihm: Auf neue Thaten sinnst du,
      Herr; ich seh's am Zucken deiner Lippe.
      Warum schlürfst du nicht des Ruhmes Labsal,
      Nicht die Ruhe, die nach Mühen süß ist,
      Nicht die Liebe deines Volks, o König?
    Drauf der König: Wer des Ruhmes werth ist,
      Dem ist Ruhe fremd. Zudem gedacht' ich
      Jener Fürsten, die mein Schwerdt gebändigt. –
      Schollen nicht auch ihnen solche Lieder,
      Labte nicht auch sie des Volkes Liebe,
      Jenes selben Volkes, mein Tschang-Tschao,
      Das sie mir gebunden überliefert,
      Als ich siegend in die Vesten einritt?
      Volkesgunst ist wandelnd wie die Meerflut;
      Wohl am Saum des Strandes läßt der Weise
      Gerne sich von ihr die Sohle kühlen,
      Doch er weiß, im Grunde wohnt die Tücke,
      Wohnt der Tod. Was sprichst du mir vom Volke! –
    Und er neigt das Haupt und schließt die Augen,
      Und ein Traum entführt den wachen Geist ihm,
      Solch ein Traum, wie ihn die Mächt'gen träumen,
      Sättigend ihr Herzensungenügen.
      Denn er wuchs im Traum. Mit seiner Sohle
      Tritt er fest die Erde, mit dem Scheitel
      In den Reigen der Gestirne ragt er,
      Die sein Haupt umglühn als Krondemanten.
      Doch des Volkes Haß und Liebe brandet 105
      An sein Ohr nur wie ein dumpfes Murmeln,
      Ferner Wasser – und er lacht im Traume.
    Als er aufsah – horch! ein dumpfes Murmeln
      Dringt herauf, es schweigt das Lied der Sänger,
      Und im Saal, wo seine Feldherrn zechten,
      Sieht er staunend sich allein gelassen.
      Auf vom Sitze fährt er. Nur Tschang-Tschao
      Weilt bei ihm: Du hast geschlummert, König?
    Nein, geträumt. Wo sind die Mandarinen?
      Wo die Feldherrn? Wo die Schaar der Diener?
    Herr, zum Markt sind sie hinabgegangen,
      Denn ein Tao-Ssé, ein alter Priester
      Kam zur Stadt – sie heißen ihn den Heil'gen –
      Der mit Wassern, die sein Mund gesegnet,
      Sieche heilt, das Kommende vorhersagt
      Und unsterblich lebt in ew'ger Jugend.
      Alles Land ist voll von seinem Preise,
      Und sie gingen, ihm das Kleid zu küssen,
      Da sie, König, dich entschlafen glaubten.
    Purpurn ward die junge Fürstenstirne;
      Und emporgefahren von dem Thronsitz,
      Den verwundeten Schenkel mühsam schleppend,
      Trat er zum Altan.
                                      Da sah er drunten
      Auf dem Platz die dichte Menge knieen
      Wie ein Kornfeld, das der Hagel knickte;
      Seine Feldherrn, seine Würdenträger,
      Keiner schont sein goldgesticktes Hofkleid,
      Weiber, knieend, schwingen Weihrauchfässer,
      Blumen streun die Kinder auf den Weg hin,
      Und inmitten aufrecht steht der Heil'ge.
      Bis zum Gürtel überm Bastgewande 106
      Fließt der weiße Bart. Sein Antlitz leuchtet
      Wie die Pfirsichblüt' im Maienmonde, –
      Leuchten je so farbig Greisenwangen? –
      Und er murmelt in der heil'gen Sprache
      Worte des Gebets.
                                      Da schallt des Königs
      Stimme vom Altan: Den Knecht der Lüge
      Führt herauf, den Gleißner vor mein Antlitz,
      Denn ich bin gesonnen, ihn zu richten!
    Gleich als wäre Ruf von einem Irren
      Laut geworden in der Tempelstille,
      So emporgeschreckt aus tiefer Andacht
      Sehn zum Schloß des Volkes tausend Augen.
      Die zunächst dem Heil'gen knien, sie beugen
      Tiefer nur das Haupt auf seine Schuhe,
      Emsger wird das Weihrauchfaß geschwungen,
      Wie zur Reinigung der Luft, die frevelnd
      Jener Ruf entweiht.
                                        Allein der König –
      Noch befahl er nie zum zweiten Male –
      In den Saal ist er zurückgeschritten
      Und erwartet, daß der Priester komme.
      Niemand kommt. Da naht sich ihm Tschang-Tschao.
      König, warnt er, deine schwere Wunde
      Braucht der Schonung. Sieh, das Gift des Speeres
      Ward mit linden Salben eingeschläfert
      Und erwacht, wenn Zorn das Blut dir aufwühlt.
      Laß den Priester fliehn. Wo fändst du Ursach
      Wider ihn? Er wandelt leise Pfade.
      Und das Volk, vergreifst du dich an diesem,
      Wirst du heut und immer dir entfremden.
      Hör' auf mich! –
                                  Mich dünkt, sie zaudern lange,
      Spricht Sün-Tsé. Geh du hinab, Tschang-Tschao, 107
      Hol' ihn her! Ist dieser leere Festsaal
      Ursach nicht genug? –
                                            Da ging der Treue,
      Ging und kehrte wieder mit dem Heil'gen
      Und ihm nach die Gäste. Vor dem König
      Stand der Alte, neigte sich bescheiden
      Zweimal, daß sein Bart den Boden rührte,
      Doch sein Blick hing an des Königs Auge.
      Also mißt sich Löw' und Leoparde,
      Die sich treffen in der engen Thalschlucht.
    Und der Löwe; wild, daß er des Gegners
      Auge nicht zu Boden blitzen konnte:
      Sprich, wer bist du, herrscht er ihm entgegen,
      Der sich unterfängt mit frommen Tücken
      Meines Volkes Herzen zu verblenden?
      Säest schnöde Saat des Ungehorsams
      In die Köpfe meiner Mandarinen,
      Daß sie mir vom Tische weg sich stehlen,
      Daß die Krieger, die dem Tod gestanden,
      Zitternd vor der Wucht des Aberglaubens
      Wie die Weiber dir die Kniee beugen?
    Und ein Schauder überlief die Hörer,
      Und sie seufzten heimlich ob der Lästrung;
      Doch der Tao-Ssé hub an und sagte:
    Unrein bin ich nicht. Denn nur der Wille
      Reinigt und befleckt die Menschenseele,
      Und der meine trieft vom Bad der Demuth.
      Wer ich bin? es kennen mich die Menschen
      Beiderseit am Flusse Kiang. Ein armer
      Priester bin ich, unwerth, daß der König
      Nach ihm fragt. Vor hundertsechzig Jahren
      Fand dein Knecht im hohen Steingeklüfte 108
      Eines Magiers Buch. Mit rothen Lettern
      War die Schrift auf weißen Grund geschrieben
      Und benannt: Der Weg zur großen Ruhe.
      Hundert Hefte sind's. Die einen fünfzig
      Voll von uralt magischen Gebeten,
      Daß der Leib genese. Doch die andern
      Lehren, wie man blüht in ew'ger Jugend.
      Diese sind Geheimniß; jene frommen
      Jedem Mutterkind. Seit damals, König,
      Hab' ich auf und ab das Land durchzogen,
      Körper heilend, und die Seelen weisend
      Auf den dunklen Weg zur großen Ruhe.
      Diese Hand soll mir vom Arme faulen,
      Nahm ich jemals Lohn, die kleinste Münze,
      Je ein Kleinod, außer Trank und Speise,
      Nur zu fristen meine Lebenstage.
      That ich was, um Herzen zu verblenden?
      Sprach ich was, zu schmälern deine Hoheit,
      Die der Herr der Welt mit Strahlen kränze
      Ewiglich? Dein Knecht hat ausgeredet.
    Sprach's und neigt bescheiden sich dem König
      Zweimal, daß sein Bart den Boden rührte;
      Doch der König – eine Feuersäule
      Stand er auf dem Thron, Verderben züngelnd,
      Und sein Wort fuhr sengend durch die Herzen:
      Tao-Ssé, ich kenne dich und alle
      Deinesgleichen. Euren Nacken beugt ihr –
      Euer Auge trotzt mir dreist entgegen.
      Heuchelei ist eure ganze Demuth,
      Euer Zauber ist der Menschen Wahnsinn,
      Eure ew'ge Jugend ist die Tücke,
      Welche nie in eurem Orden ausstirbt.
      Wohl den Weg zur großen Ruhe wißt ihr;
      Jeder geht ihn, der die wache Stimme, 109
      Die nach Wahrheit schreit, in sich betäubet
      Und sich bettet in die eigne Lüge.
      Faule nur die Hand von deinem Arme,
      Denn du reckst sie nach dem größten Kleinod,
      Nach der Macht, die alle Schätze werth ist.
      Deine Wange täuscht mich nicht, und sollte
      Mich dein Mund betrügen? Nein! Von hinnen
      Tilg' ich dich, denn Macht sei bei dem Einen,
      Der ein Held und Retter in der Noth ist,
      Nicht beim Schleicher, der vom ew'gen Gott sich
      Alles anmaßt, Würde, Macht und Jugend,
      Nur das Eine nicht, den Haß der Lüge.
      Weil nun Gott geduldig ist und Manchen
      Ueberhört, der ins Gesicht ihn lästert,
      Soll der König, Gottes Sohn und Abbild,
      Seines Herrn und Vaters Ehre wahren
      Und die Gleißner in den Boden schmettern.
      Führt ihn fort, in Ketten! Diesen Tag noch
      Weis' ich ihm den Weg zur großen Ruhe.
    Da fiel alles in die Knie, die Feldherrn,
      Mandarinen und der Freund Tschang-Tschao,
      Und sie flehten: Gieb ihn frei den Heil'gen!
      Schon' ihn, großer König!
                                                  Furchtbar blickte
      Von dem Thron der Held. Für euch um Schonung
      Solltet ihr mich anflehn! Ist es Wahrheit,
      Daß er heilen kann mit seinen Wassern,
      Warum rieft ihr, da ich wund zurückkam,
      Euren Heil'gen nicht, daß er mich heile?
      Warum rieft ihr einen schlechten Wundarzt?
      Geht, ihr seid zu blöd an Geist und Sinnen
      Und sich selber widerspricht der Wahnsinn,
      Sonst gedächt' ich, daß ihr Arglist übtet. 110
    In Bestürzung knien sie, Alle wortlos,
      Und es winkt der Fürst. Die Gäste wandeln
      Heim; hinab zum Kerker schritt der Priester. – –
    Eine Stunde war dahingegangen,
      Da zum jungen König kam die Mutter;
      Denn ein Fürwort bei dem Sohn zu sprechen
      Baten sie die Mandarinenfrauen.
      Und sie fand den Sohn allein im Garten,
      Und sie sprach: Was thatest du, mein Liebling? –
    Mutter, sprach er, wie ein König that ich! –
    Und die Mutter: Könige sind milde,
      Könige sind klug und fromm vor Allem. –
    Nein, vor Allem, Mutter, sind sie König.
      Kommst auch du, und bittest für den Gaukler,
      Der mein Volk verführt, der mir die Feldherrn
      Von der Seite lockt, daß auf dem Thron ich
      Einsam sei? Mit theuren Eiden schwor ich,
      Diese Brut der üppigen Lügengeister
      Wegzutilgen, daß die Erde rein sei,
      Und ich will's, so wahr mein großer Vater
      Als ein reiner Geist da oben wandelt.
      Stets, seit ich ein Roß beschreiten konnte,
      In die Feldschlacht folgt' ich meinem Vater
      Weit und breit; wenn er sein Land bereis'te,
      Stand ich neben ihm im goldnen Wagen,
      Hört' und sah sein Thun und Reden alles;
      Niemals sah und hört' ich, daß er Gauklern
      Ehrfurcht zollt'. In seiner Faust zerbrach er
      Geisterspuk und Trug wie Eierschalen,
      Und vor Gott nur lag er auf den Knieen.
      Und so will ich auch thun, gute Mutter, 111
      Gott gehorchen und der Götzen lachen
      Und vernichten alle Götzenpfaffen.
    Kind, erwiedert kummervoll die Mutter,
      Höre mich, denn ich bin alt geworden
      Dicht am Throne, wo man zeitig altert.
      Gott gehorchen ist der Weisheit Anfang,
      Doch der Götzen lachen ist gefährlich
      Jedem, und den Herscher untergräbt es.
      Was begehrt das Volk? Es will beglückt sein.
      Wenn's ein Wahn beglückt, dann weh dem Herscher,
      Der den Wahn ihm zu entreißen trachtet.
      Böt' er auch dafür die schönste Wahrheit.
      Nicht Erkenntniß tilgt den Aberglauben,
      Nur der Glaube; denn der Geist der Menge
      Lechzt nach Wahrheit nicht, nur nach dem Glauben.
      Weil das Volk an Deinen Vater glaubte,
      Konnt' er Pfaffenspuk und Trug verachten,
      Nicht zerbrechen; solches wagt' er niemals.
      Du bist jung. Als Helden kennt das Volk dich,
      Nicht als Herscher. Daß sie an dich glauben,
      Danach trachte, Sohn, und ihre Götzen
      Werden nie die Wege dir vertreten.
      Doch mit ihnen kämpfen, macht sie mächtig,
      Und der Kleinste unter ihnen zwänge
      Hundert Helden, wenn man ihn beleidigt,
      Da er ungekränkt von selbst vermodert.
      Sprach der Sohn: So willst du, gute Mutter,
      Daß ich mit der Lüge mich vertrage,
      Weil sie Waffen hat?
                                          Und Jene sagte:
      Waffen, Kind, die keinem Helden ziemen,
      Waffen, wie die Wahrheit nie sie führte,
      Unbesieglich doppelschneid'ge Waffen.
      Sohn, noch einmal: gieb ihn frei den Gaukler! 112
      Sag, du seist voll süßen Weins gewesen,
      Stift' ihm einen Tempel. Hat dein Vater
      Tempel nicht erbaut an allen Enden,
      Nicht allein zur Ehre Gottes, nein, auch
      Diesem Volk zu Nutz?
                                              Von seiner Seite
      Riß Sün-Tsé das Schwert. Wie diese Klinge
      Nackt in Lüften saus't und ihrer Schärfe
      Sich erfreut, so ist dein Sohn, o Mutter.
      In der Scheid' ein Schwert – so war mein Vater.
      Wer der Stärkre, wird die Nachwelt richten.
    Und die Hand auf seine Schulter legend
      Spricht die Mutter: Höre noch dies Eine!
      Daß er Sonn' und Regen wirken könne,
      Rühmt das Volk vom Tao-Ssé. Wohlan denn!
      Eine Dürre brütet viele Wochen
      Ueberm Land; vermag er die zu bannen,
      Sag ihm das, so soll er frei davongehn,
      Reich beschenkt; wo nicht, als Lügner sterben.
    Sei's denn! sprach der Sohn; doch thu' ich's ungern.
    Und er ließ den Priester vor sich führen.
      Ohne Ketten kam er, denn die Schergen
      Hatten's nicht gewagt ihn anzufesseln.
      Grimm, da er dies sah, befiel den König,
      Doch er zwang sich, sagt' ihm jene Rede,
      Wie die Mutter sie ihm eingegeben.
      Sprach der Tao-Ssé, sich zweimal neigend:
      Herr, die Frist, die meinem Lebensathem
      Vorbestimmt, ich weiß, sie geht zu Ende;
      Bleich sind meine Sterne; doch versuch' ich
      Was ich kann.
                                Da führten ihn die Schergen
      Auf den Markt. In heller Sonne lag er 113
      Nieder, betend, seine weißen Hände
      Still gefaltet vor das blüh'nde Antlitz.
      Rings umstand ihn dichtgedrängt die Menge,
      Stumm. Auf dem Altan erschien der König;
      Keine Lippe rief ihm heut Willkommen,
      Nicht ein Blick begrüßt' ihn aus des Volkes
      Tausend Augen; sinnend an der Brüstung
      Lehnt Sün-Tsé; im Herzen war ihm wehe.
    »Wenn die Sonne zum Gebirg hinabsteigt,
      Ehe Spruch und Bitte dieses Priesters
      Aufgethan die ehernen Himmelsschleusen,
      Wird der Gaukler auf den Holzstoß treten,
      Und die Flamme soll von ihm die Lande
      Und vom Wahn die irren Herzen läutern!«
    So der Herold. Athemloses Schweigen,
      Murren dann und Wehgeschrei im Volke,
      Lauter Zuruf: Rette dich, du Heil'ger!
      Rette dich! wir wissen, du vermagst es.
    Doch der Alte lag, als ob er schliefe,
      Lag und lag. Die langen Stunden rollten
      Schwer am Himmel in den glühenden Gleisen.
      Und die Sonne sank. Da hieß der König
      Scheiter auf dem Markt zusammenschichten,
      Und mit Fackeln traten vier Trabanten
      An die Ecken hin des Sterbehügels,
      Eines Winkes vom Altan gewärtig.
      Und die Sonne sinkt. Der Abendstern schon
      Blinkt herauf, es schwebt die Mondensichel
      Rein am Firmament – die Sonnenscheibe
      Rührt den Bergrand – sinkt – ein rother Schimmer
      Streift verklärend noch den Todgeweihten –
      Und der König winkt. Die Schergen tragen 114
      Den Verfallnen auf die Todesbühne,
      Der, so scheint's, in sanftem Schlummer athmet,
      Und die Fackeln stürzen in die Scheiter.
      Da im Nu erhebt sich himmlisch Brausen
      Ueberm Markt, die Ziegel von den Dächern
      Fahren durch die Luft im Kreis gewirbelt,
      Ein Gewölk wie Heere großer Adler
      Stürmt zusammen, unter ihrem Fittig
      Dröhnt der Aether, wankt die alte Erde,
      Und ins Jauchzen, Beten, Schrei'n des Volkes
      Prasselt furchtbar Himmelsflut in Bächen,
      Fegt den Markt von Gaffern rein, zerflößet
      Scheit auf Scheiter wie ein Reisighäuflein,
      Und die Fackeln zischen aus. Der Alte
      Liegt bewegungslos, als ob er schliefe.
    Und der Regen schweigt. Wohl einen Schuh hoch
      Ueberschwemmt' er weit und breit die Gassen.
    Aber um den Alten drängt das Volk sich,
      Alle Feldherrn, alle Würdenträger
      Knieen in der Flut, indeß der Priester
      Sanft die Augen hebt und leise murmelt
      Worte des Gebets.
                                      Da rauscht ein Hufschlag
      Durch die Lachen; hoch zu Roß, umgeben
      Von Trabanten, naht Sün-Tsé, der König,
      Neben ihm Tschang-Tschao. Keine Gasse
      Thut sich auf im knieenden Volk. Die Lanzen
      Müssen sie ihm öffnen und der Hufschlag;
      Jeder meidet, zu ihm aufzuschauen,
      Wie man meidet böser Geister Anblick.
      Und er hält beim Tao-Ssé. Der Priester
      Schlägt die Blicke ruhig auf zum König,
      Dessen Aug' in trübem Feuer lodert.
      Und der König: Gott, den Herrn des Himmels, 115
      Würd' ich lästern, glaubt' ich, daß die Ordnung
      Der Natur aus ihren Fugen wankte,
      Dich zu retten. Vorbestimmt von Anfang
      War die Flut, die sich herab ergossen,
      Nicht gehorsam einem Lippenmurmeln.
      Oder wär's, so wär's ein Sieg der Hölle
      Ueber Himmelsmächte, wärst du selber
      Ein verfluchter Geist, und ich gesegnet,
      Wenn ich dich zurück zur Hölle sende.
      Auf, Trabanten! nach der großen Ruhe
      Lüftet ihn: so weis't ihm denn die Pfade!
    Keiner hebt den Arm, die Klinge Keiner.
      Und der König schäumt: Ein Volk von Memmen
      Nenn' ich mein? Ist Keiner, der den Flachsbart,
      Das gemalte Angesicht verachtet? –
      Da erblitzt ein Stahl. Tschang-Tschao's Waffe
      Trennt das Haupt des Tao-Ssé vom Rumpfe.
    Dumpf ein Fall – und welch ein Echo folgt ihm,
      Welch ein Wiederhall von tausend Herzen,
      Welch ein Nachhall in den Wolkenschluchten
      Hoch am Himmel! Draußen vor dem Stadtthor
      Ward auf einen Pfahl der Leib befestigt,
      Eine Schrift dabei: So stirbt die Lüge!
      Und durch Haufen Volks, die stumm hinwegsahn,
      Ritt der König finster heim zum Schlosse.
    Und ihm folgt das Echo, folgt der Sturmwind,
      Fliegt ihm nach auf schwarzen Adlerschwingen,
      Kreiset heulend um des Schlosses Zinnen,
      Ein Empörer. An die Scheiben klirrt er,
      Fährt zum Schlot herein, durchwandelt rasend
      Unsichtbar die düster goldnen Säle,
      Und verlöscht die Kerzen. Auf dem Bette
      Liegt Sün-Tsé. In seiner Schenkelwunde 116
      Kocht das Blut. Bis an den lichten Morgen
      Hören draußen ihn die Wachen ächzen.
      Denn die Meldung war ihm zugekommen,
      Daß der Sturm den todten Leib entführet,
      Und das Haupt sei ihm vorangeflogen.
      Keine Silbe sprach Sün-Tsé. Am Lager
      Saß der Freund Tschang-Tschao, mischte sorgsam
      Kühlen Trank und horcht' auf seines Königs
      Athemzug. Sobald der Sturm verstummt war,
      Mitternachts, besänftigt sich der Kranke
      Und zu schlafen scheint er. Doch auf einmal
      Fährt er auf, zur Pforte stiert sein Auge,
      Sieh, sie öffnet sich, die feuchte Nachtluft
      Fröstelt scharf herein – ein Schrei des Königs –
      Und er greift zum Schwerte; blinde Streiche
      Führt er in die Luft, verworrne Zwiesprach
      Stammelt er mit Schatten, dann ins Kissen
      Sinkt er hin und ächzt: Er ist gegangen!
      Tod den Wachen, die ihn eingelassen!
      Ziemt es sich, zum König so zu kommen,
      Nachts, das Haupt im Arm? O meine Mutter!
    Und Tschang-Tschao ging und rief die Mutter.
      Da sie kam, fand sie den Sohn in Schlummer,
      Kalten Schweiß auf seiner Stirne thauend;
      Und sie wacht bei ihm die nächste Nacht lang
      Ungesehn von ihm. Und wieder kam es,
      Stiert' ihn auf vom Schlafe, Keinem sichtbar,
      Als nur ihm, und schwand, wie es gekommen,
      Und von Neuem ruft er: Meine Mutter!
    Leise tritt sie vor, und ihn umfangend
      Spricht sie: Kind, was hast du? Wer verfolgt dich?
    Mutter, Er! entgegnet dumpf der Kranke.
      Meine Sinne sind mir abgefallen, 117
      Wie mein Volk. Sie halten's mit dem Gaukler
      Wider mich; ich weiß, daß sie mich narren,
      Mich zu ängsten; dennoch staut die Welle
      Meines Bluts zurück zur Herzenskammer
      Und zersprengt sie schier. Hilf, meine Mutter!
      Zweimal schon zu der geschlossnen Pforte
      Trat er ein. Nicht drohen seine Augen;
      Wenn sie drohten, könnt' ich ihrer spotten.
      Still und höhnisch leuchten sie und saugen
      Das Gebein mir leer vom Mark des Lebens.
      Tausend Feinde in der Schlacht erschlug ich,
      Keinem fiel es ein, mich heimzusuchen.
      Warum ihm? Gehorcht' ich nicht der Wahrheit?
      Warum rafft mich das Gespenst der Lüge
      Heimlich hin?
                                Da redete die Mutter:
      Armer Sohn, nicht sind's die Nachtgesichte,
      Sind die Taggesichte, die dich ängsten
      Und Gewalt an deiner Seele üben.
      Denn ich sah dich reiten heut am Mittag,
      Sah, wie alles Volk sich von dir kehrte,
      Und du sahst es auch, mein armer Liebling.
      Lachte dir wie sonst des Volkes Antlitz,
      Wär' es wohl ein Glanz in deinen Nächten,
      Daß kein Spuk an deine Thür sich wagte.
      Eines frommt nur: die verlornen Pfade
      Bahne dir zurück zu ihren Herzen
      Ungesäumt. Befiehl, in der Pagode
      Vor der Stadt den Altar zuzurüsten;
      Dort vollbring' ein heilig Todtenopfer.
      Wem du's opferst, werden Alle wissen,
      Und vor allem Volk wirst du entsühnt sein.
      Solches thu', und Ruhe kehrt dir wieder,
      Ruh' in Nächten und am Tage Frieden. 118
    Sei's denn! sprach der Sohn. Doch thu' ich's ungern.
    Andern Tags im frühen Sonnenschimmer
      Ritt er aus, Tschang-Tschao ihm zur Seite,
      Keiner sonst. Zu Rosse saß der König
      Als ein Träumender, die Augenlieder
      Eingedrückt, die Faust an seiner Wunde,
      Und das Roß schritt fürder ohne Lenkung.
      Oede lag die Stadt. Kaum vor den Thüren
      Spielt' ein Kind. Vorauf den beiden Reitern
      Flog ein Rabe, wohl gesehn vom Freunde,
      Doch der König blickt' in seinen Busen.
    Als sie um die letzte Krümme bogen,
      Lag der Tempel da am Bergesabhang,
      Dunkel wogt's um ihn. Das ganze Volk stand
      Um die Stufen und von Mund zu Munde
      Lief's: Er kommt! zur Buße kommt der König! –
    In die Höhe fährt Sün-Tsé. Ich wußt' es!
      Murrt er knirrschend. Diese Stunde soll mir
      Bitter werden. In den Sumpf der Lüge
      Sink' ich tiefer, da ich ihm entfliehn will.
      Büßt man's nur mit Heucheln, daß man Heuchler
      Von sich stieß? Es sei, doch thu' ich's ungern.
    Und heraus zur Pforte der Pagode
      Tritt ein Priester, blank in Feierkleidern.
      Schlecht verhohlen triumphirt sein Lächeln,
      Und er neigt sich tief Sün-Tsé entgegen.
      Wohl gewahrt's der König, stößt im Zorne
      Weg die Hand, die sich dem Bügel nähert,
      Und betritt das Heiligthum.
                                                      Im Innern
      Flammt der Altar. Knieend reicht der Priester
      Weihrauch dar, im Kreise stehn die andern, 119
      Summend wallt ihr Lied hinaus zur Pforte.
      Und der König zaudert; in die Runde
      Blickt er, überfliegt die Angesichter,
      Die von Stolz und Flammenscheine roth sind;
      Dann die Lippe beißend reißt er heftig
      Aus des Priesters Hand das Weihrauchbecken,
      Schwingt's und schleudert alles in die Flamme.
    Ein Gewölk, ein duftiges, steigt zur Decke,
      Bläulich wirbelnd, ballt sich, träg und träger,
      Und im Dampf bis ans Gewölbe reichend
      Steht der Tao-Ssé, das Haupt im Arme,
      Dran der weiße Bart wie Nebel flattert.
    Draußen, die zunächst am Tempel harren,
      Hören grausend einen hellen Aufschrei,
      Und sie sehn den König aschefarben,
      Einem Todten, der da wandelt, ähnlich,
      Aus dem Tempel stürmen, mit der Klinge
      Hinter sich die leere Luft zertheilend,
      Gleich als wär' ein Feind ihm auf den Fersen.
      Seine Nüstern fliegen, wie dem Schlachtroß
      Im Gewühl, der Schaum steht ihm am Munde,
      Und er ruft: Mein Pferd! Nach Hause will ich.
      Fluch der Lüge, die den Tag besudelt!
      In die Nacht zurück, ihr Nachtgespenster!
      Fort! mein Pferd!
                                      Da hört er's unten wiehern,
      Sieht den Rappen in dem hohen Grase
      Harrend stehn; – doch wer – wer hält den Zügel?
      Ein Lebendiger? – ein Luftgebilde?
      Wallt ein weißer Bart? – Aus ihren Höhlen
      Treten weit des Königs Augenlichter,
      Nach der Stirne greift er, stier geöffnet
      Lacht der Mund, der Helm ist ihm entsunken, 120
      Wie ein Bildniß des Entsetzens spreizt er
      Alle Finger an der blassen Linken –
      Plötzlich zückt die Rechte, die den Schwertgriff
      Fest umklammert hält, nach des Phantomes
      Haupt – ein Schrei, ein Blutstrahl schießt gen Himmel,
      Und es fällt – ein Mensch.
                                                    Der blut'ge Springquell
      Wusch den spukenden Nebel ihm vom Auge;
      Und das Schwert entfällt ihm, nieder wankt er,
      Dann dem Roß genaht bückt er sich mühsam,
      Und den Arm, den der Entseelte fallend
      Wie zur Abwehr ums Gesicht geschlagen,
      Hebt er auf – aus den gebrochnen Augen
      Trifft ihn still der Abschiedsblick der Treue,
      Und bei seinem todten Freund Tschang-Tschao
      Bricht er selbst zusammen.
                                                    Alle sahn es,
      Niemand hob ihn auf. Vor der Pagode
      Stand der Priester, über der Brust die Arme
      Ruhig kreuzend, hinter ihm die Andern,
      Und im Volke sprach's: Es war Tschang-Tschao,
      Der den Heil'gen schlug. Der Himmel richtet.
    Als dem König die Besinnung kehrte,
      Fühlt er sich zu schwach, zu Roß zu steigen;
      Eine Sänfte heischt er. Seinen Todten
      Hebt er selbst hinein und setzt sich düster
      Ihm gegenüber, dicht den Vorhang schließend,
      Denn sie sollten nicht ihn weinen sehen.
    Also trug man sie zurück zum Schlosse.
      Eine Blutspur zeichnet ihre Straße,
      Denn die Schenkelwunde, halb vernarbt schon,
      Blutet frisch. Die Aerzte, die sie prüften,
      Schüttelten die Häupter: Herr, das Gift ist 121
      Aufgewacht. Das Ende deiner Tage
      Naht. – Und Einer murmelt vor sich nieder:
      Nur der Tao-Ssé, wenn er noch lebte,
      Wäre mächtig, dieses Blut zu stillen.
    Ruft mir meine Mutter! sprach der König. –
      Und sie kam. O Sohn, mein Held, mein Liebling,
      Wie verwandelt finden wir uns wieder!
      Ganz ein Andrer blickt aus deinen Augen,
      Theures Kind! – Da hieß er einen Spiegel
      An sein Lager bringen. Lange blickt' er
      Auf die glatte Fläche. Dieser König,
      Sprach er müde, ist ein Kind des Todes.
      Was verunreint er die Lüfte länger
      Den Lebend'gen? – Plötzlich blickt' er starrer:
      Kommst du wieder? schrie er. Aus den eignen
      Augen, aus den eignen Zügen höhnst du
      Mir entgegen, Spuk? Nicht eher weichst du,
      Als zertrümmert ist mein eignes Bildniß?
      Wohl! – Er schlug ins Glas, in Splitter klirrt' es.
      Rückwärts traurig lächelnd sank aufs Lager
      Hin der Held. Sag' meinem Bruder, haucht' er,
      Sag' ihm, Mutter, daß er Gott gehorche,
      Aber sag' ihm auch, woran ich sterbe! – –
    Sprach's und starb. Da sie den Leib begruben,
      Hundert Priester schritten vor der Bahre,
      Hundert hinter ihr. Im Dunstgewölke,
      Das vom Scheiterhaufen hoch emporstieg,
      Sahen Viele durch die Lüfte schwebend
      Einen Rauch, gleich einem Greisenhaupte,
      Dran ein weißer Bart wie Nebel wehte,
      Und sie zeigten sich's mit banger Ehrfurcht.
      Doch es sang zu sanften Trauerflöten
      So ein Sängerchor die Todtenklage: 122
    »Gleich dem Tiger, wenn er tagelang
      In der Höhle lauert auf den Fang,
      Gleich dem Falken, wenn er unversehn
      Auf den Raub herabstößt aus den Höhn,
      Gleich dem Löwen, dem, wenn er sich zeigt,
      Jedes Waldthier zittert, dient und schweigt, –
      Groß war unser König! Vor ihm her
      Zog sein Ruhm und ging von Meer zu Meer,
      Wie ein Rauch, der seinen Feind erstickt,
      Wohlgeruch, der seinen Freund erquickt.
      Strahlend an dem alten Flusse Kiang
      War sein Aufgang – trüb sein Untergang!« 123
     
    
     
  



    Margherita Spoletina.
    (1849)
    Verstohlen lichtet sich die Nacht.
      Die Nebel fangen an zu brauen,
      Es geht ein sommerliches Thauen
      Und rieselt nieder kühl und sacht
      Auf Meer und Land und auf die wüste
      Fernabgelegne Klippenküste.
      Die wilde Möve regt noch kaum
      Die grauen Flügel jezuweilen,
      Aus dem Geniste fortzueilen
      Weit ob dem sprüh'nden Wogenschaum.
      Noch klang der Lerche Taglied nicht,
      Das in des Morgens Dämmernissen
      Dem Knaben ruft: Nun thu' Verzicht
      Auf deines Mädchens weiche Kissen!
      Und doch in jener Hütte schon,
      Die auf dem Klippeneiland ragt,
      Des Scheidens wehevoller Ton,
      So bang, wie nur die Liebe klagt?
      Ach klagt sie auch auf nacktem Stein,
      Im freien Meer, im Windesrauschen?
      Schau, offen steht ein Fensterlein;
      Komm, laß uns spähn! komm, laß uns lauschen! 124
    Siehst du das wunderschöne Weib?
      In süßen Schauern bebt ihr Leib;
      Die weißen Arme wehren still
      Dem Manne, der sie halten will.
      Die rothen Lippen stammeln noch:
      Mein süßer Freund, mein liebstes Leben!
      Und sprechen doch von Widerstreben,
      Und sprechen von Entsagen doch:
    Nun will ich gehn; es taget bald,
      Der Morgenwind erhebt sich kalt;
      Wie weit der Weg durch die Gewässer!
      Wie weit der Pfad hinauf ins Land!
      Weh, wenn ich nicht nach Hause fand,
      Eh noch die Sterne funkeln blässer!
    Er sieht sie an: Und muß es sein?
      O sei noch eine Stunde mein!
      Noch ist die Sommernacht verschwiegen,
      Die Schatten überm Wasser liegen,
      Gestirne blicken her in Ruh! –
    Sie spricht zu ihm: Was bittest du,
      Und weißt, du bittest Tod uns Beiden?
      Hätt' ich nicht Muth von dir zu scheiden,
      Wie hätt' ich Muth zu dir zu gehn?
      Doch morgen bei des Monds Erglimmen
      Will ich nach deiner Leuchte sehn
      Und wieder zu der Insel schwimmen,
      Die schweren Wunden dir zu pflegen,
      Mein Haupt in deinen Arm zu legen,
      Bis du, genesen, wie zuvor
      Zu mir kannst rudern durch die See.
      Und nun – zu tausendmal ade! 125
    Vom Lager rafft er sich empor.
      Er geht zur Thür gefaßt und stumm,
      Den weiten Mantel wirft er um
      Und schlägt ihn rasch um sie und sich.
      So wandeln eng umfaßt die Zweie
      Aus dumpfem Hüttlein in das Freie.
      Die Luft empfängt sie schauerlich.
      Er führt sie nieder an den Strand,
      Er nimmt Valet mit Mund und Hand
      Von süßen Lippen, lieben Händen,
      Und sie, in Thränen, reißt sich los
      Und stürzt sich in der Wellen Schooß.
      Die Arme, die noch kaum geschäftig,
      Zu herzen den geliebten Mann,
      Nun theilen sie die Wogen kräftig,
      Die rühren sie mit Schmeicheln an.
    Und auf dem Eiland wirft inbrünstig
      Calogero sich auf die Knie
      Und betet: Heilige Marie,
      Um Jesu willen, sei ihr günstig!
    
    Geräuschlos längs der Uferbucht
      Gleitet ein Nachen, schmal und leicht.
      Ein Mann, dem schon der Bart erbleicht,
      Sitzt an dem Steuer, murrt und flucht:
      Die Netze leer! Nur taubes Gras
      Und Sand blieb in den Maschen hangen,
      Und schon drei Tage nichts gefangen;
      Mein Magen spürt den Teufelsspaß.
      Wohin ich auch die Reusen schleppe,
      Sie sind behext, versumpft, verschilft;
      Kein Beten und kein Fluchen hilft –
      He, rudre nur nach Haus, Giuseppe! 126
    Der Bube, noch verschlafen halb,
      Gehorcht dem finstern Wort des Alten,
      Schaut unterdeß, sich wach zu halten,
      Rings in das Zwielicht, feucht und falb.
      Auf einmal ruft er: Sieh das Licht
      Dort in der Klippenhütte brennen;
      Der Büßer mag den Schlaf nicht kennen,
      Er betet schon. – Der Alte spricht:
      Ha, die verlogne Gleißnerbrut!
      Wer weiß, nach welchem Lasterleben
      Sich Der der Büßerei ergeben,
      Dabei gedeiht ihm Fleisch und Blut.
      Den Burschen hab' ich lange satt.
      Da kommt er denn mit frommen Mienen
      Allwöchentlich im Kahn zur Stadt,
      Dem siechen Weibervolk zu dienen,
      Und sieht der Herrgott gnädig drein,
      Hat er viel Dank für wenig Pein,
      Und wird dereinst als Heil'ger sterben;
      Indessen ich in saurem Schweiß
      Umsonst verzehre Kraft und Fleiß,
      Und muß mit Weib und Kind verderben!
    Mitleidig sprach der Knabe dann:
      Den Armen wird das Fieber quälen,
      Daß er die Nacht nicht schlafen kann.
      Ich hört' es in der Stadt erzählen:
      Jüngst trafen ihn die Diener an
      Spät in der Spoletini Garten,
      Wohl um die Ebbe zu erwarten.
      Da glaubten sie, es wär' ein Dieb,
      Und stachen blindlings im Ergrimmen
      Mit Messern auf ihn ein, die Schlimmen,
      Daß er in Ohnmacht liegen blieb.
      Doch wie sie sein Gesicht besahn, 127
      Sie schafften ihn in seinem Kahn
      Zur Insel über, gar erschrocken.
    Der Alte schüttelte die Locken
      Und sprach: Ich gönn' ihm jeden Schlag,
      Und ob er dran verscheiden mag.
    Der Bub' am Ruder schwieg darnach;
      Er sah nicht fürder in die Weite,
      Gewendet nach des Ufers Seite.
      Der Küstensand verlief sich flach,
      Und bot zur Landung manche Stelle
      Vom Röhricht schirmend eingehegt,
      Drin sich ein leises Rauschen regt,
      Wenn brandend naht die Meereswelle.
      Des Knaben Blicke spähn umher,
      Und plötzlich jetzt – was zaudert er?
      Er ruft, und hört zu rudern auf:
      Sieh nur die Streifen dort, die weißen,
      Die wunderlich im Schilfe gleißen,
      Als läge Linnen da zuhauf! –
      Der Alte prüft das Ufer stumm,
      Wohin ihn weis't des Knaben Hand,
      Dann wirft ein Ruck den Kahn herum,
      Und hurtig stößt er auf den Sand.
    Er steigt hinaus, dem Knaben winkend,
      Der widerwillig bleibt im Kahn,
      Und geht den Küstenhang hinan
      Bis zum Gebüsch, wo weiß und blinkend
      Ein Weibernachtkleid liegt im Thau,
      Dazu ein Mantel mit Kapuze
      Von grobem Tuche dunkelgrau,
      Wohl gegen Späherblick zum Schutze.
      Zwei kleine Schuhe sieht er stehn,
      Mit goldnem Schnürwerk reich versehn, 128
      Auch ringsum an des Kleides Saum
      War Goldgewirke nicht gespart.
      Da steht der Alte, zaus't den Bart,
      Giebt lüsternen Gedanken Raum.
    Er murrt: So fürstliche Gewandung
      Trägt in Ragusa's Stadt und Flur
      Der Spoletini Schwester nur.
      Sie mag wohl baden, nah der Brandung; –
      Und doch – allein? zu dieser Zeit?
      Gleichviel! es soll ihr goldnes Kleid
      Mir Brod für meine Jungen geben.
    Er will es schon vom Boden heben,
      Wirft einen Blick noch übers Meer,
      Da sieht er von der Insel her
      Zwei weiße Arme landwärts streben.
      Ein Blitz durchzuckt das Hirn ihm jach,
      Und eine arge List wird wach.
      Er läßt das Kleid, nimmt nur die Schuh,
      Geht murmelnd seinem Nachen zu,
      Dann reißt er aus des Buben Hand
      Das Ruder, peitscht die Wasser flugs
      Und fährt zu einer Bucht am Strand,
      Wo reichlich Schilf und Meergestäude
      Gewölbt zu einer Laube wuchs.
      Da läuft er ein mit wilder Freude,
      Und vorgelehnt im Boote kauernd
      Harrt er der stolzen Beute lauernd.
    Die weißen Arme rudern gut.
      Sie tragen bald die schlanken Glieder
      Zu Tod ermattet von der Flut
      An die ersehnte Küste wieder.
      Zusammen bricht das schöne Weib, 129
      Und darf doch nimmer ruhn und rasten.
      Sie rafft sich auf in bangem Hasten,
      Fröstelnd zu kleiden ihren Leib;
      Doch wie sie sucht, im Rohre wühlt
      Und rings umherspäht voller Schrecken,
      Die Schuhe kann sie nicht entdecken;
      Hat sie das Meer hinabgespült?
      Sie giebt sie auf, sie flieht von hinnen
      Auf Waldespfaden, wo die Nacht
      Noch über ihren Schritten wacht,
      Und stiller wird's in ihren Sinnen.
      Sie blickt nicht um, blickt nicht zur Seiten;
      Doch Einen seh' ich, der von Weiten
      Ihr folgt im stummen Waldrevier,
      Die Wangen hohl, die Augen stier,
      Des Hungers und der Tücke Bild:
      So folgt der Wolf dem zarten Wild.
    Ein Schimmer zuckt im Osten schwach.
      Im Gartenhaus, der Stadt entlegen,
      Schläft Alles noch dem Tag entgegen,
      Da tritt sie ein in ihr Gemach.
      Sie muß sich an den Wänden halten,
      Sinkt in die Knie mit Händefalten,
      Wankt dann zum Lager, wacht und weint,
      Bis hoch im Blau die Sonne scheint.
      Ach, endet so in Angst und Kummer
      Die Liebe, die so kühn begann? – –
    Den Spoletini stört ein Mann,
      Der goldne Schuhe bringt, den Schlummer. 130
    
    Und wieder Nacht. Gewölk verhängt
      Den späten Mond, und am Gestade,
      Wo sich im Schilf der Wind verfängt,
      Sind öd' und dunkel alle Pfade.
      Ein Schifflein steuert inselwärts
      Mit schwarzem Kiel. Es sitzen drinnen
      Zwei Männer in verschlossnem Sinnen,
      Um stolze Lippen Grimm und Schmerz.
      Wohl hüllten sie sich sorglich ein;
      Doch wenn im kecken Windesweben
      Die Mäntel sich verräthrisch heben,
      Da funkelt Goldschmuck und Gestein.
      Wer in Ragusa's Stadt und Flur
      Trägt also fürstliche Gewandung?
      Die Brüder Spoletini nur.
    Mühlos am Eiland glückt die Landung.
      Der Eine schwingt sich aus dem Schiff,
      Die Faust um seines Dolches Griff.
      Was brennen ihm die Augen so?
      Der Andre spricht: Sei bald zur Stelle!
      Und jener nickt und schreitet schnelle
      Zur Hütte des Calogero.
    Der Bruder bleibt und lauscht im Boot.
      Vom Hüttlein schallt Geräusch herüber,
      Wie wenn Zwei ringen auf den Tod.
      Dann noch ein Schrei, ein röchelnd trüber,
      Drauf geht die Thür vom Siedlerhaus,
      Und Spoletino tritt heraus.
      Er kommt zum Ufer, in der Linken
      Die Leuchte, frisch mit Oel genetzt.
      Die Rechte trägt den Dolch; sein Blinken
      Wie blind und traurig ward es jetzt!
      Ins schwanke Boot springt er sofort; 131
      Er wirft den Stahl weit über Bord
      Und hört die Flut daran erschaudern.
      Sodann verstört, doch ohne Zaudern,
      Knüpft er sich reckend hoch am Mast
      Die Leuchte fest mit starkem Bast.
    So sitzen sie geraume Zeit
      Genüber sich in düstrem Harren.
      Flutrauschen und der Stengen Knarren
      Klingt in der Meereseinsamkeit
      Wie Geisterstimmen, dumpf und kläglich.
      Die Männer schweigen unbeweglich
      Und starren nach Ragusa's Strand,
      Am Ruder die entschlossne Hand. –
      Die Nacht ist dunkel, lau und weich;
      Zur Küste schreitet, heiß und bleich,
      Ein Mädchen durch der Dünen Feuchte.
      So lockend winkt die ferne Leuchte!
      Sie birgt die Kleider in den Zweigen,
      Die Schuhe streift sie hastig ab,
      Dann wirft sie sich ins Meer hinab,
      Läßt von dem Licht den Weg sich zeigen.
    Das Licht führt in die Irre, weh!
      Schwimmt langsam in die offne See,
      Und Margherita schwimmt ihm nach
      Und weiter – weiter, wo der Schimmer
      Des Lichtes lockt – und landet nimmer.
      Ihr Herz ist stark, ihr Arm wird schwach,
      Bald haucht die Brust ihr letztes Ach.
      Die Brüder rudern immerzu,
      Die Fahrt geht grausig, still und stumm –
      Ihr stolzen Männer, wendet um!
      Das Schwesterherz ist längst zur Ruh. 132
     
    
     
  



    Urica.
    (1851)
    Es war ein Schloß voll Geigenklang und Glanz
      Im schlafenden Paris. Wie überwacht
      Mit rothen Fenstern blickt' es in die Nacht;
      Und drinnen fiebert noch der heiße Tanz,
      Wird noch gescherzt, gelächelt und gelacht,
      Da schon die Schatten aus den Gräbern steigen
      Der Opfer, die der Morgen stumm gemacht,
      Und dräuend tanzen ihren Reigen.
    Wen stört der Spuk? – Festordner ist der Wahn.
      Die bleichen Schatten aus den Gräbern dort
      Weis't am Portal er wie Gesindel fort,
      Wie Bettler, die nicht festlich angethan.
      Und raunt ein Ahnender ein banges Wort
      Ins Ohr des Nachbars, wie von Schuld und Sühne,
      Treibt er zu hellerm Bogenstrich sofort
      Die Geiger droben auf der Bühne.
    Er hat auch sie bethört, die greise Frau,
      Die Herrin des Palastes. Still und hehr
      Durchwandelt sie den Saal und blickt umher
      Mit edlen Augen. Sie sind dunkelblau,
      Wie Luft nach Wettern. Denken sie nicht mehr
      Der trüben Chronik dieses Menschenlebens,
      Dran sie sich wund gelesen, thränenschwer,
      Und wund und thränenschwer vergebens? 133
    Ja sie vergaßen, weil vergessen muß,
      Wer hoffen will. Und noch wie unerschlafft
      Fühlt diese Frau des Hoffens holde Kraft;
      Wie rein von Zweifel noch und Ueberdruß
      Durchglüht sie der Begeistrung Leidenschaft!
      Sie sah getrost in der Geschicke Schwanken,
      Als wär' ihr graues Haupt so jugendhaft,
      Wie diese stürmenden Gedanken.
    War doch zu stolz zum Hochmuth dieses Herz!
      Und als die Freiheit, jung und schön und wild,
      Mit Füßen trat ihr gräflich Wappenschild,
      Sah sie den Tand zertrümmern ohne Schmerz.
      Oft kamen Träume, künft'ger Tage Bild
      Wie ein gelobtes Land ihr zu entschleiern.
      Sie will, so lang noch Leben in ihr quillt,
      Mit Festen ihre Träume feiern.
    Sieh! nun entwirrt sich das Gewühl im Saal.
      Die greise Wirthin lädt zu sitzen ein,
      Wo sich die dunkeln Sammetpolster reihn
      An Wand und Nischen in der Kerzen Strahl.
      Im Blick der Alten – welch ein Freudenschein?
      Wen grüßt er von den schlanken acht Gestalten,
      Die seltsam schreiten in den Saal herein,
      Gepaart sich an den Händen halten?
    Ein buntes Bild! Kein Paar dem andern gleich.
      Das eine trägt in Zöpfen reiches Haar,
      Bemalte Wangen, Waffen wunderbar
      Und Schmuck von Federn. Jenes Paar ist bleich;
      Sakontala trug solchen Putz fürwahr.
      Das dritte dunkel, wie im winterlosen
      Hoch-Afrika, und nur das vierte Paar
      Hat Tracht und Farbe der Franzosen. 134
    Sie treten zur Quadrille zierlich an.
      Ein Ruf des Staunens wandert durch den Kreis
      Der Schauenden, indeß die Geiger leis
      Die Saiten prüfen. So! Nun ist's gethan,
      Und flugs entfesselt sich der Tanz, als sei's
      Nicht die Quadrille mit den zahmen Touren,
      Die höfische; – das Auge sieht sich heiß,
      Das folgt den wirbelnden Figuren.
    Wie Sturm im Frühling durch die Lande fährt,
      Zusammenstäubend loser Blüthen Flor
      Von Wipfeln, die sich nie berührt zuvor,
      Die andres Licht und andre Luft genährt:
      So rauscht und säuselt um der Tänzer Ohr
      Der zügellose Tact der hellen Geigen,
      Und jagt der Masken buntgeschmückten Chor
      Zum raschen Weltverbrüdrungsreigen.
    Und wär's ein Traum – so ist er träumenswerth!
      Stiehl' dich nur fort, du mit dem Leidenszug
      Um deine Denker-Augen. Wär's ein Trug,
      Hat seine Dämmrung doch die Welt verklärt,
      Wie wache Wahrheit nie. Bist du zu klug,
      Zu lächeln und zu hoffen? Geh von hinnen!
      Der Garten draußen dunkelt tief genug,
      Daß einsam deine Thränen rinnen.
    Kein Auge folgt dir. Magisch festgebannt
      Staunt jedes hin und her und späht entzückt,
      Wie jetzt der Federkranz des Wilden nickt
      Aus dem Gewühl, und jetzt das Gürtelband
      Sakontala's vorflattert goldgestickt,
      Jetzt Frankreichs Kind mit seinen Fingerspitzen
      Die Mohrin streift, in deren Haar verstrickt
      Die weißen Perlenschnüre blitzen. 135
    Und die als Mohrin tanzt – wie zart an Wuchs!
      Wie ihr die Maske steht! Du dächtest nicht,
      Sie trüge nur geborgtes Angesicht;
      So alle Täuschung des Erröthens trug's
      Auf den belebten Wangen, so gebricht
      Den vollen Lippen ganz die rothe Frische.
      Wie hold den ernsten Augen widerspricht
      Das Lächeln dort, das träumerische!
    Im Saale flüstert's: Das ist Urica,
      Der Gräfin Pflegekind! – Und Weiberneid
      Bespöttelt wohl die fremde Lieblichkeit,
      Und zuckt die weißen Achseln hie und da.
      Der Tanz verklingt. Im Saale weit und breit
      Schallt Beifallsruf. Es hat die glüh'nden Wangen
      Der Tänzer Urica's vom Flor befreit;
      Was bleibt er nur auf ihren hangen?
    Komm, tritt ihr näher, der du so gefragt,
      Dem Schwarm, der sie umringt, geselle dich.
      Siehst du die Maske nun, der ewiglich
      Sich zu entkleiden ihr Natur versagt?
      Die Tropenblume, wie verlor sie sich
      In Frankreichs fernen Garten und verdunkelt
      Der Andern Helle, wo sie zauberlich,
      Die Königin der Nächte, funkelt?
    Nun naht die Gräfin ihrem schlanken Kind,
      Und ehrerbietig weicht der bunte Schwarm.
      Den dunkeln Liebling schließt sie in den Arm,
      Und liebkos't ihr, und mütterlich gesinnt
      Spricht sie ihr zu: O Kind, wie bist du warm!
      Du hast zu wild getanzt. Geh auf und nieder
      Und kühle dich, und denk' an meinen Harm,
      Lägst du am Morgen krank danieder. 136
    Sie steht und hört die Worte wie im Traum.
      Sie küßt die liebe Hand und athmet bang:
      O mir ist wohl! – Doch unstät irrend drang
      Ein Blick durch ihrer Wimper dichten Saum,
      Als sucht' er wen den weiten Saal entlang,
      Indeß das Herz, das ihn auf Kundschaft sandte,
      Sein ungeduldig Klopfen kaum bezwang,
      Denn fruchtlos forscht der Abgesandte.
    Vorschnelle Kinderthränen sind ihr nah,
      Und Jedem doch gönnt sie ein kluges Wort;
      Nun dem beredten Girondisten dort,
      Nun dem Vicomte mit Schmink' und Chapeaubas.
      Doch klingt der Freude schmeichelnder Accord
      Ihr mißgestimmt, so viel die Lippen scherzen;
      Aus der Bewundrer Menge schleicht sie fort,
      Geängstet von den grellen Kerzen.
    Sie schlüpft in ein Gemach, drin Mondenschein
      Und Lampenzwielicht falb zusammenfloß.
      Hinüber blickt sie nach dem Thurmgeschoß
      Des stillen Hofes, wo der graue Stein
      Manch altes Fenster hochgewölbt umschloß.
      Kein Kerzenstrahl fällt auf Gesims und Mauer;
      So kann er dort nicht sein. Im weiten Schloß
      Wo birgt er sich und seine Trauer?
    Er liebt den Garten und so blasse Nacht
      Wie heut. Wohl weiß sie, was er liebt und haßt.
      Hinab das Treppchen fliegt sie nun in Hast,
      Huscht durch die Pforte, wo kein Pförtner wacht,
      Und bebt, wie draußen sie der Nachtwind faßt
      Mit weichem Fittig, feucht und kühl vom Thaue.
      Kein Frieden hält in ihren Sinnen Rast,
      Wie heiter auch der Himmel blaue. 137
    Oed ist der Park. Auch die Fontäne ruht.
      Entlang den Taxushecken schleicht der Strahl
      Des feuchten Monds, der Kiesweg blinkt so fahl,
      Gedämpft ist längst der rothen Rose Glut,
      Jasminenduft nachtwandelt. Manches Mal
      Schreit wo ein Vogel, schluchzt es in den Winden,
      Wie wer den Tag verweint in kranker Qual
      Aufseufzt und kann den Schlaf nicht finden.
    Und dort die Bank, wo einer aus dem Schwarm
      Der Dienerschaft vom lauten Feste weit
      Mit einem Liebchen sich vertreibt die Zeit
      Und kos't und flüstert, traulich Arm in Arm.
      Sie eilt vorbei; doch in des Busens Streit
      Mischt sich das Bild; und plötzlich aus den Hecken
      Vor tritt ein Mann in einfach dunklem Kleid
      Und sieht sie stehn in süßem Schrecken.
    Begegn' ich dir im Garten, Urica,
      Und dachte dich beim Tanz und Narrenfest? –
      Herb klang das Wort, als sei das Herz gepreßt
      Von bittrem Weh. Doch unverschüchtert sah
      Sie zu ihm auf und hielt die Hand ihm fest:
      Etienne, ich suchte dich. Du mußt mir sagen,
      Was bei den Frohen dich nicht weilen läßt;
      Dein Scheiden scheint sie zu verklagen.
    Du weißt, wie lang die Mutter sich gefreut
      Auf diesen Tanz, wie viel sie sorgt' und sann
      Um seinethalb – und sahst ihn nicht mit an!
      Ich weiß, ich tanzte besser nie als heut;
      Dir zu gefallen dacht' ich. Böser Mann!
      Da warst du längst nicht mehr beim Feste droben,
      Und ließest Andren, die ich missen kann,
      Die Pflicht, dein Schwesterchen zu loben. 138
    Er zog die Hand aus ihren Händen fort,
      Die schmale, weiße, unberingte Hand.
      Er sah hinweg. Vor seiner Seele stand
      Ein blut'ger Schatten. Jedes muntre Wort,
      Das ihn noch mahnt' an dieser Erde Tand,
      Schien ihm Entweihung seiner heil'gen Schmerzen,
      Und jetzt, als sie ihn ansah unverwandt,
      Brach es hervor aus tiefstem Herzen.
    Ja tanze, Kind; doch nicht, wie man es lehrt,
      Nein zornig stampfend. Dieser sanfte Schritt
      Liebkos't die Erde, wie ein leiser Tritt
      Bei Liebenden; und sie ist hassenswerth!
      O eine saubre Mutter, die es litt,
      Daß ihrer Kinder Leichen sie entehren,
      Und die noch immer tanzt den Reigen mit
      Und mitsingt die Musik der Sphären!
    Es ist ja nicht ums rothe Menschenblut.
      Es fließe, wenn es Gott zum Opfer raucht,
      Weil er die Sünde haßt und Sühne braucht
      Und sein Gericht vollzieht durch unsre Wuth.
      Die Freiheit, tief in diesen Styx getaucht,
      Wird unverwundbar. Doch ich weiß von Thaten,
      Aus denen so die Pest der Lüge haucht –
      Geh! geh! dir will ich's nicht verrathen.
    Geh du zum Fest! das Lächeln kleidet dich,
      Und weißt du Das, du lächelst nimmermehr.
      Geh, Urica! du tanztest gern bisher,
      Und weißt du Das, so zerrt dir ewiglich
      Ein Graun den Fuß zu Boden zentnerschwer.
      Was hängst du dich an meinen Arm mit Zittern?
      Von Süßigkeit ist meine Seele leer –
      Ich will die deine nicht verbittern! – – 139
    Sie gingen hastig durch die Schatten hin.
      Da bei der Sphinx am Brunnenrande blieb
      Der Düstre stehn, als ob das Bild ihn trieb',
      Ihr zu enträthseln den verhüllten Sinn.
      Sanft streichelt' er ihr Haar und sprach: Vergieb!
      Wer bliebe weich in diesen harten Tagen!
      Ich war auch hart zu dir, die mir so lieb –
      Vergieb, und laß dir Alles sagen!
    Nun an die Sphinx gelehnt ließ er den Arm
      Auf ihren Schultern ruhen wie gelähmt.
      Kaum grämt es sie, daß sich der Theure grämt,
      Da sie ihn stützen darf in seinem Harm.
      Sie sieht sein Auge, das sich stets geschämt,
      In unbezwungne Thränen auszubrechen,
      Wie es die schweren Tropfen kaum bezähmt;
      Und tonlos hebt er an zu sprechen:
    Du kanntest ihn! Ich führt' ihn einst zu dir,
      Noch von der langen Fahrt nicht ausgeruht.
      Er trug ja deines Stammes Farb' und Blut,
      Nur bleich vermischt. Zu stürzen dacht' er hier,
      Wo manches fiel, den schnöden Uebermuth,
      Der sein Geschlecht zu Markt bringt und verhandelt.
      Da er dich sah – ich weiß es noch so gut,
      Wie du sein traurig Herz verwandelt.
    Ha, sagt' er mir, so war es doch kein Wahn,
      Daß Neger Menschen sind. O wären viel
      Dem Mädchen gleich, so wär' das niedre Spiel
      Mit hohen Worten rascher abgethan!
      Eh' nicht die letzte Sklavenkette fiel,
      Ist's Hohn, was man hier jubelt auf den Gassen.
      Doch laßt mir Zeit, ich bring' es noch zum Ziel! –
      Sie eilten, ihm nicht Zeit zu lassen. 140
    Hörst du's, du armes Mädchen? Er ist hin!
      Ogé ist todt! Vor dem Mulatten bricht
      Hinfort die weiße Pflanzerpeitsche nicht.
      Ogé ist todt! – Hörst du es, Negerin?
      Gemordet, weil nicht weiß sein Angesicht,
      Gemordet von dem Volk, das mit Geprahle
      So brüderlich von Menschenrechten spricht
      Und dazu tanzt im Ahnensaale.
    Tanzt nur, ihr Braven! 's ist auch viel zu weit
      Bis Sant Domingo. Wer vernimmt den Schrei
      Der schwarzen Brüder, die das Bruderblei
      Zum Vater heimschickt? O! 's ist Tanzens Zeit!
      Wen kümmert's, ob ein Mann gemordet sei,
      Der, da die Welt Mulattenwort nicht hörte,
      Zum Trotz der übermächt'gen Tyrannei
      Mit einem Häuflein sich empörte!
    Tanzt nur! Wohl weiß ich, daß die Melodie
      Von Flöt' und Geige viel vergnügter macht,
      Als diese Botschaft, die mir kam zur Nacht.
      Und wenn ich's jetzt euch in die Ohren schrie':
      Ogé ist todt! vom Henker umgebracht!
      Ihr würdet eilig mir den Rücken wenden,
      Eh ihr das unbequeme Wort bedacht,
      Noch einen Cotillon zu enden.
    Doch du bist nicht wie sie! dich kenn' ich ja.
      Dir von den ersten Knabenträumen an
      Vertraut' ich, was ein Mensch nur sagen kann,
      Auch mein unsäglich Leiden, Urica! –
      Und überwältigt drückt der starke Mann
      Sein Haupt an ihre Schulter, schluchzt gewaltsam,
      Wie Männer schluchzen, und in Thränen dann
      Bricht's aus den Augen unaufhaltsam. 141
    Wie? denkt sie ihn zu trösten, wenn sie nun
      Sein Haupt auf einmal an das ihre preßt,
      Aus langen Küssen ganz erfahren läßt,
      Was kurze Worte halb zu wissen thun?
      Wohl stockt die Fluth, die sein Gesicht genäßt,
      Wie sie ins Ohr ihm ihre Beichte flüstert;
      Doch ruht sein Blick auf ihr so seltsam fest,
      Trostloser als zuvor verdüstert.
    »Sprichst du im Traum? Gilt mir, was du gesagt?
      Sind diese Küsse mehr als schwesterlich?
      O, du bist krank! Es hat ein Fieber dich
      In diese wilde Phantasie gejagt.
      Erwache, Schwester!« – Doch die Arme wich
      Von seinem Halse nicht und stöhnt' in Schmerzen
      Und rief: Etienne, ach, du verleugnest mich,
      Mit diesem hingegebnen Herzen?
    Und starr von Schreck und Mitleid kann er nicht
      Sie von sich stoßen. Wie betäubt im Geist
      Horcht er, indeß ihm Wahn auf Wahn zerreißt,
      Wie ihre Täuschung so beweglich spricht:
      Ach nicht dies Schweigen, das mich schweigen heißt!
      Ach nicht den Blick, der niederschlägt den meinen!
      Hast du nicht lang gewußt, was du nun weißt,
      Und will dir's heute fremd erscheinen?
    Zürnst du, daß ich der Sitte gar vergaß?
      Zum Herzen stürmte mir dein Herzeleid,
      Dort auszutilgen jede Schüchternheit.
      Ach! als du weintest, – welch ein Uebermaß
      Von Angst befiel mich, daß der wilde Streit
      Mir gar zu früh dein theures Leben stehle!
      Nun weicht dein Blick mir aus? und allezeit
      Suchte doch sonst mich deine Seele! – 142
    Und er, in Qualen: Daß es dahin kam!
      Ich ahnt' es nie, und hätt' es doch gesollt.
      Gesollt? – Umsonst! das Rad des Schicksals rollt;
      Dich hätt' es doch zerschmettert. Warum nahm
      Die Mutter dich ins Haus! Warum so hold
      Kam Freundschaft mit den traulichen Geberden,
      Und schien so probewerth, so rein wie Gold,
      Und will nun Leid und Liebe werden? –
    Wie sie das hört, von seinem Nacken fällt
      Wie hingewelkt der jungen Arme Kranz.
      Er schaudert vor des Auges todtem Glanz,
      Er sieht, sie taumelt; doch die Glieder hält
      Das Herz noch aufrecht, denn nicht glauben kann's
      Dies gläub'ge Herz, daß er es kam zu brechen.
      Hör' mich! stößt er hervor, o hör' mich ganz!
      Sie aber winkt ihm, nicht zu sprechen.
    Sie sieht ihn an, als wollt' in seine Brust
      Sich graben dieser Blick. Dann spricht sie leis:
      Nein, lüge nicht! es ist dir fremd, ich weiß;
      Drum hör', Etienne, was du mir sagen mußt.
      Ich frage dich vor Gott: Wär' ich so weiß,
      Wie du, Etienne, würdst du mich lieben können,
      Und ist nur deine Liebe nicht so heiß,
      Der – Negerin dein Herz zu gönnen?
    Er schwieg. Wohl fühlt' er, wie er vor ihr stand,
      Noth sei's, zu lügen. Doch er kann es nicht.
      Sie hängt in Todesangst ihm am Gesicht,
      Bis abgewandt er's barg in seine Hand.
      Da stöhnt sie auf. Das trübe Mondenlicht
      Verlischt vor ihrem Blick, sie strebt von hinnen,
      Wankt – stürzt – und wie ihr Leib zusammenbricht,
      Wird's tiefe Nacht um Herz und Sinnen. 143
    
    Der Morgen röthet sich. Seit Stunden schon
      Zerstoben vom Portal die Wagenreihn
      Mit matten Lampen. Wie der Hähne Schrei'n
      Phantome jagt, so brach der bange Ton,
      Der Hülfe rief, ins frohe Fest hinein.
      Wüst dehnen sich die alten Prunkgemächer.
      Ein kecker Morgenwind tanzt noch allein
      Um welke Blumen, leere Becher.
    Gesinde stöbert schläfrig durch den Saal,
      Die Kerzen löschend an der Spiegelwand,
      Die blinzelnd in den Tag hineingebrannt.
      Und Andre schmausen vom verlassnen Mahl,
      Und Andre lauschen auf dem Flur, gespannt
      Um eine Thür geschaart, dem Murmeln drinnen,
      Bis dann der Schlaf die Neugier übermannt.
      Da flüsternd schleichen sie von hinnen.
    Sie aber saß am Bette, schlummerlos,
      Die edle Gräfin. In dem jähen Gram,
      Der um ihr dunkles Kind sie überkam,
      Vergaß sie sich, band nicht die Spangen los,
      Nicht Kett' und Perlenhalsband. Wundersam
      War's anzuschaun, wie dort am Krankenbette
      Das Leben prahlt', als ob es keine Scham
      Vorm ernsten Blick des Todes hätte. 144
    Da lag das Kind, im Aug' so öden Schein,
      Als ob's in bodenlose Tiefen säh'.
      Halboffen stiert der Mund; doch diesem Weh
      Versagt sich selbst die Wohlthat, aufzuschrei'n.
      Und wie ein Büßender tief in die See
      Den Mammon senkt, der ihn zur Schuld getrieben,
      Verschmäht dies Antlitz allen Reiz, der je
      Ihm schmeichelte, man könn' es lieben.
    Und ihre finstre Farbe war nicht leer
      An Lieblichkeit, da noch verstohlnes Roth
      Vom Herzen zu den Wangen aufgeloht,
      Wie Freudenfeu'r in Nächten. Ach, nunmehr
      Erlosch der Glanz, die Nacht ist trüb und todt,
      Kein Lächeln schmückt die Lippen mehr, die blassen.
      Das Leben nur blieb treu in solcher Noth,
      Wo seine Zierden sie verlassen.
    Die Alte sieht's, im Innersten entsetzt;
      Vor ihre Stirn tritt kalt der bange Schweiß.
      Sie fühlt, des Mädchens Schläfe klopft so heiß,
      Als züngle schon des Todes Fackel jetzt
      Nach diesem Haupt. Und doch, die Arme weiß
      Das Weh noch nicht, von dem die Pulse beben,
      Den Winter nicht, der dies verfrühte Reis
      Betrogen um ein frisches Leben.
    Das Fieber sagt ihr's. Horch! aus starrem Ruh'n
      Reißt es sie auf zu Klagen wild und schwer.
      Weh! ruft sie, weh! Sie brachten mich hieher
      Ins weiße Bett – die Tücke kenn' ich nun!
      Bleich, bleich das Bett – die Hand bleicht nimmermehr.
      Habt ihr mir nicht gegönnt, in Nacht zu sterben?
      Die ist von meinem Stamm, die zürnt nicht sehr,
      Wenn auch die Schwarzen sie beerben. 145
    Ich will zu ihr. Du, rühre mich nicht an!
      Mir ist, ich kenne dich. – Laß immerhin!
      Ich will ja nicht zu ihm. Liegt dir's im Sinn,
      Als hätt' ich wohl ein Recht auf diesen Mann?
      Ach, Unrecht nur hat eine Negerin.
      Doch graut der Tag – ich muß dem Tag entrinnen,
      Bis ich im Land der Mitternächte bin;
      Der Sonnenschein bringt mich von Sinnen.
    Die Perlen fort! die lust'ge Seide fort!
      Ich weiß ja doch, daß es der Kaufpreis war,
      Das Blutgeld für die Sklavin. – Ha, wie klar
      Blickst du mich an, Etienne! Blickt so der Mord?
      Laß, laß! Komm, scheere mir das Lockenhaar;
      Dann halt' ich auch dem Opfermesser stille.
      Ich thu' es, weil du's willst. Ach, immerdar
      Zwang mich dein lieber harter Wille. –
    Darauf ein Lachen, schaurig, wie ein Klang
      Aus andren Welten. Tief ins Auge sah
      Die Mutter ihr: Wo bist du, Urica?
      Kennst du mich nicht? – Da horcht sie stumm und bang.
      Es ist, als trät' ihr die Erinnrung nah
      Im Fiebertraum. Sie deutet mit dem Finger
      Auf ihre Pflegerin: Dich kenn' ich, ja,
      Du bist das Schließerweib im Zwinger!
    Dich kenn' ich wohl; du hast das Opferlamm
      Bekränzt, gefüttert, und der Pöbel schrie:
      Die edle Frau! Wie hegt und hätschelt sie
      Den Findling, der verwais't nach Frankreich schwamm!
      O meine arme Mutter, hättst du nie
      Das Schiff bestiegen, wo du starbst in Kummer!
      Wär' ich bei dir, wo sacht die Melodie
      Der Meeresflut uns wiegt' in Schlummer! 146
    Du da am Bett, die hellen Edelstein'
      An deinem Hals, die sind wohl reich und echt,
      Doch deine Thränen falsch und lügen schlecht.
      Geh fort! du mußt bei deinem Feste sein.
      Tanzt nur Verbrüderung; o schön! o recht!
      Die ganze Welt ein großes Hans voll Brüder.
      Doch denkt an Kain! Lächelt nur und sprecht:
      Stiefschwesterlein tanzt nimmer wieder.
    Laß mich hinweg! der Boden hier ist glatt,
      Wie blankes Eis. Mein unbeholfnes Leid
      Kann da nicht wandeln – Winter weit und breit –
      Ich bin des Gleitens in dem Schneewind satt.
      Wüst ist mein Sinn. Mir gab das schwarze Kleid
      Die Wüstensonne. Bin ich zahm gewesen
      Zu meiner Qual so böse lange Zeit,
      In Wildheit will ich neu genesen.
    Genesen nicht, nein sterben, doch zu Haus,
      Dort, wo das gier'ge Schakal mich begräbt.
      Der Boden, dem ihr hier mich übergäbt,
      Er stieße wohl den schwarzen Fremdling aus.
      Fort, fort von hier, bevor ich ausgelebt!
      Sonst wird auf den geduld'gen Stein geschrieben,
      Mit frommen Sprüchen heuchlerisch durchwebt,
      Der Lügenvers von euerm Lieben.
    Gnade vor eurer Liebe! – Wimmernd rief's
      Der heiße Mund. Da mit ersticktem Ach
      Sank sie ins Pfühl; das Auge flammte schwach,
      Dann von der Wimper sanft beruhigt schlief's.
      Der Arzt trat forschend wieder ein und sprach:
      Der Geist ist willig zwar zum Tod gewesen;
      Allein getrost! das Fieber weicht gemach:
      Der Leib ist stark – sie wird genesen! 147
    
    Es kamen Tag und Nacht und neuer Tag.
      Die Gräfin trug man, wie der Sohn befahl,
      Vom Bett der Kranken, da der Seelenqual
      Die müde Kraft des Alters schier erlag.
      Der junge Graf, die Wangen kummerfahl,
      Empfing die Mutter harrend vor der Kammer.
      Sein Blick, der bange durch die Thür sich stahl,
      Sog Nahrung nur zu neuem Jammer.
    Man brachte sie zu Bett; sie fiel in Schlaf,
      Der sie bisher geflohn. Etienne saß
      Die langen Stunden dort, gedankenblaß,
      Aufzuckend, wenn sein Ohr der Name traf,
      Den auch im Traum die Alte nicht vergaß;
      Indeß das arme Kind, dem er gegeben,
      Vom Traum verschont, in tiefem Schlaf genas,
      Mit todter Seele fortzuleben.
    So schlief sie noch die zweite Mitternacht.
      Da, als der Sterne bester Glanz verblaßt,
      Schlägt sie die Augen auf und blickt in Hast
      Umher. Die Wärtrin, die am Bett gewacht
      Anstatt der Gräfin, hat der Schlaf erfaßt;
      Kein Laut im Schlosse. Vor dem Fenster schwanken
      Sieht sie des Gartens Laub – erdrücken fast
      Will sie die Schwere der Gedanken. 148
    Das Schicksal, das ihr Herz zu plündern kam,
      O warum raubt' es die Erinnrung nicht,
      Die schadenfrohe Mitgift – wie ein Wicht
      Von Wegelagrer, der uns Alles nahm,
      Uns wirft den leeren Beutel ins Gesicht:
      So aus dem Leeren blickt sie an die Summe
      Verlornen Glücks. Die Lippen schließt sie dicht,
      Daß ihr gequältes Herz verstumme.
    Sie sinnt nicht nach. Es ist, als hätte still
      Der Geist im Schlummer den Entschluß gereift.
      Ein Morgengrau, das durch den Vorhang streift,
      Drängt, was in ihr noch weibisch zaudern will.
      Geräuschlos hebt sie sich vom Bett, ergreift
      Den weiten Mantel, hüllt sich in die Falten;
      Ihr Auge fragt, das in die Runde schweift:
      Wer ist, der's wagte, mich zu halten?
    Und jetzt entlang den Corridor und sacht
      Zum Park hinab. Ach, muß sie wiedersehn
      Den Ort, wo ihr so bitterweh geschehn?
      Sie flieht vorbei wie sinnlos durch die Nacht,
      Und wie die Bilder ihr vorübergehn
      Verschwundner Nächte, ballen sich die Hände
      Ihr unbewußt. Aufathmend bleibt sie stehn;
      Erreicht ist nun des Gartens Ende.
    Die Thür der Mauer liegt im Schlosse fest,
      Der Schlüssel rostet. Nie erschloß er ihr
      In bessrer Zeit dies schattige Revier
      Und widersteht auch heut. Verzweifelnd läßt
      Die Hand vom Thürgriff. Da – der Schläge vier
      Auf Notre Dame! Gewarnt von diesen Stimmen
      Knüpft sie den Mantel um; das Weinspalier
      Der Mauer strebt sie zu erklimmen. 149
    Es trägt den schlanken Leib. Sie achtet's nicht,
      Daß sie zerdrückt der frühen Traube Saft
      Mit nackter Sohle; an der Rebe Schaft,
      Der mit dem Stabwerk sich zur Leiter flicht,
      Hat sich die Fliehende ernporgerafft,
      An hurt'gen Sehnen und an Menschenhasse
      Dem Panter gleich. Dann mit gelenker Kraft
      Schwingt sie sich nieder in die Gasse.
    Nun ist sie frei. Und doch, so freudelos
      Ist ihr die Freiheit, wie dem Sträfling nur,
      Der Jahr auf Jahr das öde Meer befuhr;
      Und feilt man ihm vom Arm die Kette los
      Und setzt ihn aus auf blüh'nder Erdenflur,
      Wohl kann er gehn, wohin sein Herz begehre;
      Ach, ihm verlöschte seiner Heimath Spur
      Die neue Heimath, die Galeere.
    Doch ruhen läßt's ihn nicht. Er geht und geht,
      Denn Freiheit heißt ihm, daß er wandeln kann.
      Und so that Urica. Ihr Geist besann
      Sich keines Ziels. Der Gasse, drin sie steht,
      Folgt sie begierig, und der nächsten dann,
      Lautlosen Gangs. Ihr ist, als kläng' im Winde
      Das Drohen der Verfolgung dumpf heran
      Und Ruf der Mutter nach dem Kinde.
    Den letzten Rundgang hielt die Hüt'rin Nacht
      Durch Märkt' und Straßen. Wen sie jetzt noch fand
      Ohn' Obdach kauernd an der Häuser Wand,
      Auch wohl verirrt auf seinen Weg bedacht,
      Den schnob sie grimmig an. Mit rauher Hand
      Von Schläfern säubert sie die Treppenschwellen.
      Denn bald ist Wachens Zeit. Der Dächer Rand
      Beginnt schon leise sich zu hellen. 150
    Wohl spürt sie aus die wankende Gestalt,
      Die dunkel durch die blassen Schatten irrt,
      Die Blicke vor sich hin, wie geistverwirrt,
      Bald müde schleichend, und im Fluge bald.
      Kalt haucht der Wind, der ihr zur Seite schwirrt,
      Das Mädchen an, schürt neu des Fiebers Flammen,
      Bis Schwindel ihres Hauptes Meister wird;
      Da sinkt sie klagelos zusammen.
    So lag sie still. Und wie die Nacht geflohn
      Und linder Glanz des Morgens um der Stadt
      Paläst' und Thürme sich gelagert hat,
      Weckt die Verlassne einer Stimme Ton
      Und eine rauhe Hand. Nur scheu und matt
      Lös't ihre Wimper sich; sie sieht mit Schrecken
      Den Tagsschein um die kalte Lagerstatt
      Und dort die Hände, die sie wecken.
    Ein Weib steht neben ihr und prüft sie scharf
      Und schüttelt dann das Haupt bedauerlich.
      Seltsam in ihren Zügen paaren sich
      Rohheit und Gütigkeit. Der Morgen warf
      Sein Licht auf dünnes Haar, das schon verblich,
      Auf grobes Tuch und Kleid, doch unzerrissen.
      Netz und Geräth, das Fischgeräthen glich,
      Ließ deutlich ihr Gewerbe wissen.
    He, rief sie aus, hast du so hitzig Blut,
      Daß du die Nacht hier auf den Steinen bliebst?
      Komm, komm! Steh auf, wenn du dein Leben liebst! –
      Doch wie? 'ne Mohrin? Seht den Thunichtgut!
      Weiß Gott, wie du die Weile dir vertriebst.
      Es gehn wohl Morgens schmucke junge Kinder
      Vom Schatz nach Haus. Wem du die Nächte giebst –
      Sag', ist's ein Sonderling? ein Blinder? 151
    Wild fuhr das Mädchen auf, dann seufzt' es laut
      Und schloß die Augen und bedacht' entsetzt,
      Wie sie verwais't. Das Weib, neugierig jetzt,
      Befühlt ihr feines Kleid, die zarte Haut,
      Das Haar, den seidnen Mantel, reichbesetzt,
      Und blickt verwundert auf die Füßchen nieder,
      Die nackten, die der Morgenthau benetzt,
      Und auf die schlanken jungen Glieder.
    Da plötzlich springt das Mädchen auf vom Stein
      Und spricht: Ich bitte mich bei dir zu Gast;
      Sag', ob du eine Hausmagd nöthig hast,
      Doch fern von hier muß deine Wohnung sein.
      O nimm mich mit dir! Ohne Ruh und Rast
      Der schwersten Arbeit will ich mich bequemen,
      Will keinen Lohn und bin dir nicht zur Last;
      Es wird auch bald ein Ende nehmen.
    Frag' mich nicht aus nach Namen und Geschick.
      Sieh, ich bin schwarz – und Alles ist gesagt.
      Und wenn auch dir die Farbe nicht behagt,
      So laß mich schaffen fern von deinem Blick.
      Gieb mir ein Kleid, wie ihr's im Regen tragt,
      Und nimm dafür den Mantel hier von Seide.
      Er schickt sich schlecht für eine Fischermagd,
      Und ach, er that mir viel zu Leide!
    Sie schwieg, denn Herz und Stimme ward zu schwach.
      Gewonnen war das Fischerweib im Nu.
      Sie sprach: Komm mit mir, armes Närrchen du!
      's ist da noch eine Kammer unterm Dach,
      Wohin ich dir ein wenig Betten thu'.
      Wer Nachts gefischt, muß sich bei Tag erholen;
      Mein Mann sieht gern der Guillotine zu.
      Ein leeres Nest wird leicht bestohlen. 152
    Ich selber sitz' am Markt tagaus tagein,
      Und komm' nach Hause nicht vor dunkler Zeit.
      Wir wohnen an der Seine, das ist weit,
      Da darf man Abends schon zu müde sein
      Zum Nöthigsten und gar zur Sauberkeit;
      Du kannst an Herd und Haus dein Heil versuchen.
      Doch sage: Macht dir's auch kein Herzeleid,
      Wenn wir die Adligen verfluchen?
    Mein Mann – sanft wie ein Lamm! Doch außer sich
      Bringt ihn das bloße Wort: Aristocrat.
      Und du, bist du auch schwarz – so reicher Staat
      Von Seid' und Spitzen ist nicht bürgerlich.
      Die Hand ist weich, weil sie nicht Arbeit that,
      Wie unsereins. Noch kannst du dich bedenken.
      Geh' lieber heim, Kind! folge gutem Rath;
      Es möcht' auch deine Sippschaft kränken.
    So schneidend lachte die Verlassne da –
      Das Weib der Hallen kam ein Grauen an.
      Und plötzlich ernst und langsam sprach sie dann:
      So ist es recht, die Schule fehlt mir ja.
      Sag, schöne neue Flüche weiß dein Mann?
      Sie stahlen mir die Seligkeit auf Erden; –
      Nun wohl: verwünschen will ich sie fortan,
      Sonst kann ich dort nicht selig werden!
    Sie faßte sie am Arm und drängte stumm
      Zur Flucht, denn mit dem Tag wuchs die Gefahr.
      Hell ward's mit Macht. Das wundersame Paar
      Ging abgelegne Gassen, eng und krumm.
      Und wer des Weges kam, dacht' er auch gar,
      Er säh' verspätete Gespenster schreiten,
      Schlug kaum ein Kreuz. Denn mit dem Schauder war
      Die Welt vertraut in jenen Zeiten. 153
    
    Und der September kam mit seiner Schmach,
      Der Januar, deß blut'ger Hochverrath
      Am Enkel sühnte Väter-Missethat.
      Und als der Mai auch die Gironde brach,
      Ward, wer noch träumte, seiner Träume satt.
      Doch stille war's ob einer Greisin Haupte,
      Die um so manchen Wahn getrauert hatt'
      Und um ihr Kind, das todtgeglaubte.
    Und von dem Grab, das lang schon überblüht
      Der dunkeln Veilchen Flor, schied um die Nacht
      Ein adlig hoher Mann in niedrer Tracht,
      Mit feuchtem Aug' und dankendem Gemüth.
      O Jene, die man hier zur Ruh gebracht,
      Möcht' er ins Leben sie zurückbeschwören?
      Von hinnen geht der Trauernde so sacht,
      Als könnt' er noch die Todte stören.
    Die Vorstadt blinkt von Lichtern. Schaarenweis
      Schwärmen die Laster gassenaus und -ein.
      Tief aus der Stadt hört er herüberschrein
      Die wüsten Lieder zu des Mordes Preis.
      Wo führt ein Weg zu den entschlossnen Reihn,
      Die gen Paris zum Kampf bewaffnet rücken
      Aus der Vendée, die Freiheit zu befrein?
      Gesperrt sind alle Thor' und Brücken. 154
    Er kommt zur Seine, die so trübe floß.
      Die kleinen Hütten dort verschleiert ganz
      Mondlose Nacht. Im trägen Wellentanz
      Schwimmt hie und da an Strick und Kettenschloß
      Ein Nachen, und der schwarzen Netze Kranz
      Taucht aus der Fluth in weitgespanntem Bogen,
      Von Fischern über Tag entlang des Strands
      Den Fischen zum Verderb gezogen.
    Von Menschen leer dehnt sich Gestad und Fluß,
      Und dort im Kahn die kauernde Gestalt
      Scheint schlafbetäubt; denn ungehört verhallt
      Vor ihrem Ohr des späten Wandrers Gruß.
      Sie sitzt im Mantel, der im Winde wallt,
      Doch schläft sie nicht. Horch, wie sie wild und leise
      Mitsingt das Lied, das aus der Ferne schallt,
      Die trotzige Marseiller-Weise.
    Der Fremde zaudert noch am Ufer hin
      Und späht umsonst, ob ihn ein loses Boot
      Verstohlen retten will; denn Tücke droht
      Der Nachenhütrin Sang. Sein fester Sinn
      Mahnt ihn zu wagen, mächtig drängt die Noth.
      He, ruft er, seid Ihr taub, Ihr dort im Nachen?
      Habt Ihr nicht Lust, wenn Euch ein Patriot
      Bezahlt, noch eine Fahrt zu machen?
    Das dunkle Wesen reckte sich empor:
      Wer ruft da? – Schaurig war der Stimme Klang,
      Und eine trübe Ahnung überdrang
      Den Flüchtling. Doch er rief, laut wie zuvor:
      Ich bin ein Bursch vom Gärtner Jacques Legrand.
      Ihr kennt sein Haus jenseit der letzten Brücke.
      Fahrt mich dahin. Beim Wein saß ich zu lang
      Und kann durchs Thor nicht mehr zurücke. 155
    Sie wandte rasch ihr dichtverhüllt Gesicht
      Dem Ufer zu. Den Mann bedünkt' es fast,
      Als säh' er taumeln ihres Nachens Mast,
      Und seltsam schwankt das Weib. Doch sprach sie nicht.
      Es war, als hab' ein Krampf sie angefaßt.
      So stand sie da in räthselhaftem Schweigen
      Und sann. Dann hob sie ihren Arm in Hast
      Und winkt' ihm, in den Kahn zu steigen.
    Er kam, und stieg hinein. Doch reichte sie
      Ihm nicht nach Fährmannsbrauch dienstfert'ge Hand.
      Stumm blickte sie aufs Ruder unverwandt,
      Und immer noch erbebten ihr die Knie.
      So in der Finsterniß unschlüssig stand
      Sie lange Zeit, wie wohl ein Wetter droben
      Gefährlich zögert an der Berge Rand,
      Bis es in milde Fluth zerstoben.
    Denn plötzlich lös't sie ihren Kahn und stößt
      Das lange Ruder heftig auf den Grund.
      Auf seiner Enge fuhr der Kahn zur Stund,
      Glatt wie ein Fisch, aus seinem Netz erlös't.
      Kein Laut ging aus der beiden Menschen Mund,
      Die nun hinglitten auf des Stromes Weite.
      Doch gab herüberklingend aus der Rund
      Die Marseillaise das Geleite.
    Dort saß der Flüchtling auf dem schmalen Brett
      Und starrte vor sich in die tiefe Fluth,
      Die nun entehrt von edlem Menschenblut
      Sich murrend wälzte in dem alten Bett.
      Tief drückt' er in die Stirn den breiten Hut,
      Um Blicke mit den Bildern nur zu tauschen,
      Die ihm der Nachtwind vor die Seele lud
      Und dieser Strom mit seinem Rauschen. 156
    Da horch, der stäte Ruderschlag bricht ab,
      Und träger treiben sie dahin die Bahn.
      Das Weib fährt in die Höh'. Was ficht sie an?
      Sie blickt ins Weite, spähend stromhinab.
      Um blickt auch er. Und aus dem Dunkel sahn
      Sie drunten aufgehn Schein von Fackelbränden,
      Und näher schwimmt's – ein heller schneller Kahn,
      Gerudert von viel starken Händen.
    Und er erkennt die rothen Mützen dort
      Auf Stirnen, die von gleicher Farbe glühn,
      Die nackten Arme, drin die Fackeln sprühn;
      Er hört das tolle Lärmen an dem Bord
      Des Jacobinerkahns – und von den Mühn
      Der Fahrt ruht noch das Weib, stiert in die Flammen!
      O lenkt sie nicht zum Ufer, rasch und kühn,
      Die Strömung führt sie bald zusammen.
    Wie? Strafte seine Stimme, schlechtverstellt,
      Die Maske Lügen? Hat die Fischermagd
      Verstanden, was der bange Blick gesagt
      Des adligen Gesichts, das sich erhellt,
      Da nun vom Wiederschein das Dunkel tagt?
      Sie zaudert lange – doch es siegt die Gnade.
      Zum Ruder greift sie nun in Eil und jagt
      Den Kahn seitabwärts zum Gestade.
    Er aber flüstert: Da ist Gold für dich,
      Verräthst du nicht, was du errathen, Weib!
      Sorg', daß der Kahn aus ihrem Gleise treib'
      In jene Schatten, und befreist du mich,
      Glaub, daß ich ewig dir verschuldet bleib'! –
      Sie lässt das Gold vom Schooß zu Boden rollen
      Und spricht kein Wort; warum erbebt ihr Leib,
      Da er die Hand ihr fassen wollen? 157
    O wie sie auch das Ruder heftig regt,
      Zu fern sind sie dem Land, zu stark der Zug
      Des tiefen Stroms, der sie hinunter trug!
      Man sieht sie drüben schon; Gelächter schlägt
      Aufjauchzend an ihr Ohr; des Kahnes Bug
      Lenkt nach dem ihren, und im Schein der Lichter
      Erkennen sie genüber klar genug
      Die wüsten höhnischen Gesichter.
    He, fangt den Kahn! das freche kleine Ding,
      Seht wie es listig auf die Seite weicht.
      Wer Teufel lenkt's? Ein Emigrant vielleicht?
      Hoho, mein Bürschchen, rudre nicht so flink,
      Daß nicht 'ne Kugel deinen Bord bestreicht.
      Leg' bei! Verbotne Waare willst du paschen?
      Heran und beichte, Schuft! Und nach der Beicht
      Schlagt ihm den Schädel ein mit Flaschen!
    Ein wiehernd Lachen schallt. Aufrauscht mit Macht
      Die widerspänst'ge Woge, eingeengt
      Vom einen Kiel, der zu dem andern drängt.
      Und wie nun Bord und Bord zusammenkracht,
      Ruft Einer, der die Mütze lachend schwenkt:
      Nun sacrebleu! das heiß' ich fehlgerathen.
      Die schwarze Hex' ist's, die den Nachen lenkt;
      Die schmuggelt nicht Aristokraten.
    Seht ihr die Blouse nicht? He, schönes Kind,
      Laß sehn, wen du behext! O die ist schlau,
      Die weiß, bei Nacht sind alle Katzen grau.
      Da, Bürger, trink einmal; doch dann geschwind
      Den Mund gewischt, und küsse deine Frau! –
      Und er, die Flasche leerend, ruft entschlossen:
      Schön oder nicht – ich nehm's nicht so genau;
      Komm, küsse mich, und laß die Possen! – 158
    Er schlägt den Arm um sie; da bricht ein Schrei
      Von ihren Lippen, der nach Wahnsinn klingt.
      Sie stößt den Arm hinweg, der sie umschlingt –
      Es fällt ihr Tuch – ein schwarzes Haupt wird frei,
      Von krausem, glänzendem Gelock umringt,
      Draus funkelt ihm ein Augenpaar entgegen –
      Er kennt es nun! Sein letzter Muth versinkt,
      Da wild die Lippen dort sich regen:
    Zurück! du lügst! Hat dich die Todesangst
      Geheilt vom Ekel vor der Negerin,
      Daß ich nun gut genug zum Küssen bin,
      Da du vorm Kusse der Verwesung bangst?
      Hat Elend mich gebleicht? Sieh hin, sieh hin,
      Um welch ein niedrig Liebchen du geworben.
      Rühr' sie nicht an! Sie ist von stolzem Sinn,
      Ob auch zur Grafenbraut verdorben! –
    Sie stöhnt's irr in die Nacht. Dann hält sie ein,
      Von Ahnung dessen, was sie that, umgraut.
      Verworrne Stimmen, Flüche werden laut,
      Und Einer springt in ihren Kahn hinein.
      Da faßt sie wild das Ruder, schwingt's und haut
      Den Frechen nieder, der dem Flüchtling drohte.
      Der taumelt hin. Doch wie's die Bande schaut,
      Los bricht's im Jacobinerboote.
    Toll ist die Hexe! Schlagt sie auf das Hirn,
      Das heilt Verrückte. Packt den Schurken gut,
      Zur Guillotine mit der Grafenbrut! –
      Ein kurzer Kampf. Mit schwergetroffner Stirn
      Zu Boden sinkt das Mädchen. Strömend Blut
      Umnebelt ihr die Augen und Gedanken,
      Bis Morgens sie erweckt fern auf der Fluth
      Des ruderlosen Kahnes Schwanken. 159
    
    Hell auf den Boulevards liegt Abendschein.
      Des kaiserlichen Frankreichs schöne Welt
      Lustwandelt lachend. Lachend ausgestellt
      Sind Frücht' und Blumen, Savoyarden schrein,
      Und in dem Hut des Bettlers klimpert Geld.
      Ein alter Bauer wendet dem Getreibe
      Den Rücken, tritt zu einem saubern Zelt
      Und plaudert mit dem Blumenweibe.
    Sagt, gute Frau, wer ist die Mohrin dort?
      Das arme Ding, seht, wie es stiert und starrt.
      Das sitzt da stundenlang und schweigt und harrt.
      Wirft man ihr was in Schooß, sie nimmt's nicht fort.
      Wißt Ihr, wovon ihr Hirn verdunkelt ward?
      's ist gar beweglich! Wirre weiße Locken
      Und so ein schwarz Gesicht! Parbleu! 's ist hart,
      Wenn Wahnsinn lebt von Bettelbrocken!
    Mitleidig nickt die Frau dem Alten zu.
      Ja, alter Vater, 's ist so, wie Ihr meint.
      Das arme Wesen hat zu viel geweint,
      Das Herz sich ausgeweint, das Hirn dazu.
      Ist auch noch gar so alt nicht, wie sie scheint.
      Denn Haare, wißt Ihr, sind schon oft verblichen
      In Einer Nacht, in der der böse Feind
      Ein zärtlich Menschenkind beschlichen. 160
    Wie's kam bei der – man sagt so dies und das.
      Damals, da's in Paris nicht lustig war,
      Wie heutzutag, hatt' sie noch schwarzes Haar,
      Und auch ein Herzchen, flink zu Lieb und Haß.
      Das hing die wilde Kleine ganz und gar
      An einen Grafen, wie die Leute sagen.
      Der trieb so lange Spaß mit der Gefahr,
      Bis man das Haupt ihm abgeschlagen.
    Und seht, das sah das Jüngferchen mit an.
      Verliebt wie's war – von Sinnen bracht' es sie.
      Man sagt, sie fiel vorm Henker auf die Knie
      Und bettelt' um den Tod. Der arge Mann
      Besah ihr Angesicht und lacht' und schrie:
      Geh, häng dich auf, wenn du die Welt verschworen.
      Verdienst dir doch die Guillotine nie,
      Denn die ist viel zu gut für Mohren.
    Der Mann war grob. Doch wer war damals fein?
      Und seht, zu schaffen hatt' er schon vollauf
      Mit all den Weißen. Nun – die Kleine drauf,
      Wie sie das hört, lacht still in sich hinein,
      Fällt um wie todt, und stand doch wieder auf,
      Nur weiß von Haar – und dunkel war's da innen.
      Da setzt man sie seit manchem Jahreslauf
      Dorthin, ihr Brod sich zu gewinnen. –
    Der alte Bauer sprach kein einzig Wort
      Und grüßt' und ging. Doch in der Mohrin Näh'
      Hält es ihn fest. Freigebiger als je
      Wirft er sein Geldstück in die Büchse dort.
      Sie sieht nicht auf. Ein plötzlich zuckend Weh
      Belebt nur selten ihre starren Züge.
      Zwei Worte spricht sie dann: Egalité!
      Egalité! und: Lüge! Lüge! 161
     
    
     
  



    Die Furie.
    (Rom 1853)
    Willst du im Ernst mich hassen, du Eifersüchtige? wendest
          Finster die Augen und lehrst schmollen den lachenden Mund?
      All das, weil du mich sahst aufheben das seidene Tüchlein,
          Das nachlässig verlor jene gefährliche Frau?
      Ob sie es mir zuwarf, ob ganz unschuldig es hinfiel –
          Weiß ich's? Aber die List, wenn sie es war, sie mißlang.
      Denn nicht sprach ich ein leiseres Wort, nicht blinzt' ich bedeutsam,
          Noch auch drückt' ich die Hand, der ich erstattet den Fund.
      Weiß schon war sie genug – das magst zur Strafe du hören! –
          Und es ermunterten mich freundliche Blicke genug.
      Wär' ich groß zu verdammen? In früheren Tagen, bevor ich
          Ganz dein eigen, ich hab' ärgeren Frevel verübt.
      Und noch fehl' ich zuweilen in Wort und Blicken; die losen
          Schwärmen auf eigene Hand, schweifen begehrlich herum,
      Wie muthwillige Knaben, sobald sie der Lehrer allein läßt;
          Ihr Zuchtmeister, das Herz, weißt du, verschuldete nichts.
      Doch heut waren sie sittlich gelaunt. Und ging ich des Wegs nicht
          Einzig um deine Gestalt oben am Fenster zu sehn? 162
      Warum sah ich sie nicht! Muthlos sank nieder die Wimper,
          Und das unselige Tuch drängte dem Blicke sich auf.
      Und da muß dich ein Dämon gleich herlocken zur Unzeit,
          Daß du mit Argwohn uns Beiden die Stunde vergällst.
      Komm, sitz nieder zu mir und wende nur immer den Rücken!
          Halb doch wendest du schon wieder die Seele mir zu.
      Laß dir ein Märchen erzählen. Es ist nicht fein, der Geliebten
          Predigen dürre Moral; aber ein Fabelchen nützt.
    Nun, da wüthet' einmal im Winter ein feindlicher Nachtsturm;
          Ueber das attische Land schauerte Regengewölk.
      Wer sich ein Obdach wußte, der segnet' es. Aber ein Flüchtling
          Stob durch Wetter und Graus irrend die Haide dahin,
      Hinter dem Stöhnenden her ein Häuflein Furien. Hob er
          Gegen ein Leben die Hand, dem er das eigne verdankt?
      War es Orest gar selbst? Wer kündet es! – Mitten im Brachland,
          Das Stromregen verschlemmt, lös'te vom hastigen Fuß
      Einer der Strafgöttinnen das Band sich, welches die Sohle
          Hielt; am hinkenden Gang merkt' es die Wilde zuletzt.
      Jung noch war sie und nicht so ganz in die Rache versunken,
          Daß sie des Schuhes Verlust hätte geringe geschätzt.
      Also blieb sie zurück und sucht' am Boden; die Schwestern
          Jagten vorüber und nicht hatten der Kleinen sie Acht.
      Die, nachdem sie umsonst die Spur am Wege gemustert,
          Stand und bedacht' im Geist, ob sie den Flüchtigen nach-
      Stürmt', ob lieber der Stadt zuwandelte, wo sie den nackten
          Zärtlichen Fuß aufs Neu' kleid' in ein festes Gewand.
      Jetzt zum Thor in die Gassen hinein scheu huschte die Kleine,
          (Denn nie war sie zuvor Häusern der Menschen genaht)
      Und mit flammenden Augen die Schrift an den Thüren enträthselnd
          Sah sie an einer erfreut Schuh' und Sandalen gemalt,
      Drunter des Hausherrn Namen: Diiphilos, Sohn des Palämon. 163
          Herzhaft klopfte sie an. Sieh, da erschloß sich die Thür,
      Und ein schmucker Gesell – ihm stand nicht übel das Schurzfell –
          Staunte mit offenem Mund stumm die Besucherin an.
      Hübsch wohl war sie und jung, doch nicht gar sauber; der Sturmwind
          Hatte die Flechten gewirrt, denen der Regen enttroff.
      Aber ein Graun war völlig die schlangengeflochtene Geißel,
          Die sie mit Vorsicht halb unterm Gewande verbarg.
      Freundlich – es war ihr bestes Gesicht – nickt Jenem die Kleine,
          Schlüpft' in die Kammer und hob über den Knöchel das Kleid.
      Aber der stattliche Bursch, vom Handwerksstolze befeuert,
          Sprach: Dir mangelt ein Schuh; hurtig bedien' ich und gut.
      Fremd mir scheinst du im Land, auf eiliger Reise; die Nacht ist
          Finster, und heut wohl nicht denkst du von hinnen zu gehn.
      Darum sage mir an, wo dich bis morgen ein Gastfreund
          Herbergt, daß ich zu ihm liefere zeitig den Schuh;
      Denn nicht scheu' ich die Nachtarbeit. – Da schüttelte Jene
          Heftig den Kopf und sprach: Gleich, denn ich reise noch heut!
      Also fand sich der Meister darein, ohn' andres Bedenken,
          Stellt' aufs Bänkchen und maß knieend den zierlichen Fuß.
      Nur, so geschäftig er war, anschielt' er zuweilen die Schlänglein;
          Diese verhielten sich still. Aber es knarrte die Thür,
      Und in das kleine Gemach, vom Lämpchen erhellt, sah ernsthaft
          Unter den Locken hervor glühend ein Mädchengesicht.
      Nun, tritt immer herein! rief ihr der Beflissene. Lang schon
          Wartet' ich heut. Derweil kam mir ein Fremdenbesuch.
      Rüste den Tisch, Lykoris. Du darfst nicht weigern, o Herrin,
          Unser bescheidenes Mahl heute zu theilen. Es ist
      Mir dies Mädchen verlobt. Aufs Frühjahr halten wir Hochzeit,
          Und da besucht sie mich noch jeglichen Abend geheim.
      Denn sie dient im Hause gestrenger Gebieterin; Tags nicht 164
          Darf sie hinaus. Nun, Herz! rüste das Tischchen geschwind! –
      Aber das Mägdlein stand, und den Eindringling mit den Augen
          Maß sie und nahm dann still ihren Geliebten beiseit.
      Wer ist Diese? – Was weiß denn ich? Sie reis't in Geschäften.
          Kehre dich nicht an sie. – Aber sie äugelt dich an! –
      Laß sie immer! sie geht, sobald die Sandale genäht ist,
          Die sie bestellt. Sitz her, Kind, und ereifre dich nicht! –
      So sie begütigend schob er ein Seßlein neben den Tisch hin,
          Drauf unweigerlich nahm schweigend die Furie Platz.
      Nicht vom Brode genoß sie und nicht blaßgrüner Oliven
          Frucht und den Honigtrank, welchen das Mädchen gebraut;
      Die auch saß stillschweigend und aß kein Bischen und trank nicht,
          Finster gelaunt, und hielt immer die Göttin im Aug';
      Bis ihr Liebster vom Tisch sich erhob, sein Mädchen zum Abschied
          Küßt' und eilig sodann Leder und Pfriemen ergriff.
      Kühl hin nahm sie den Kuß und warf die Thür im Hinausgehn,
          Daß es die Furie selbst schreckte vom Sessel empor.
      Wildfang! brummte der Schuster. Sie thut mitunter gefährlich,
          Aber ein süßes Geschöpf ist sie in friedlicher Zeit.
      Daß sie dich hier antraf, das machte sie böse. Sie schmollt nun;
          Doch wir kennen uns wohl, morgen ist Alles verraucht.
      Mach' dir's dorten bequem und schlaf' ein wenig; es braucht schon
          Immer ein Stündchen und mehr, bis ich die Sohlen gesäumt.
    Also saß er und hastete sich. Sie schlich zu dem Schemel
          Ihm genüber und sah steif in das offne Gesicht,
      Drauf die Gesundheit blühte. Sie hatte die widrige Geißel
          Von sich gelegt, und das Haar schlang sie in Knoten ums Haupt. 165
      Gar nicht garstig erschien sie jetzt. Er aber beharrlich
          Sah auf Faden und Pfriem, und er erzählte dem Gast:
      Längst schon sei ihm das Mädchen verlobt und wäre sein Weib schon,
          Aber die Mutter so lang habe der Pflege bedurft,
      Und nicht habe das Handwerk jetzt so goldenen Boden,
          Drauf drei Menschen und gar vieren ein Häuschen zu bau'n.
      Jüngst sei leider die Mutter hinab zum Hades gewandelt;
          Welche vortreffliche Frau! und er beweine sie stets.
      Doch sie habe die Stelle geräumt. So hoff' er im Hause
          Wieder ein Mütterchen bald, aber ein jüngres zu sehn.
      Und dann floß ihm der Mund von Träumen der Zukunft über,
          Wie er gedenke, den Tag, ach! und die selige Nacht
      Ihr zur Seite zu sein. Da lauschte das Hexchen begierig,
          Und das verwilderte Herz wurde gezähmt und gerührt.
      Selber verstand sie's kaum. Denn es hatte die grimmige Mutter
          Von klein auf sie gewöhnt an die entsetzliche Jagd
      Hinter dem sündigen Fuß. Nun hörte sie Worte der Liebe,
          Und die Rinde sogleich schmolz von dem Herzchen gelind.
      Sacht vom Schemel erhob sich die Liebende, schlich zu dem seinen,
          Und ihr schüchterner Mund küßte die Wange des Manns,
      Nur wie ein Hauch. Schon wollt' er erzürnt sich geberden und schelten –
          Zürnt auch ernstlich ein Mann, welchen ein Mädchen geküßt? –
      Als zur geöffneten Thür wie ein Blitz Lykoris hereinfuhr,
          Und das beleidigte Herz eifernde Schmähung ergoß:
      Willst du hinaus zur Kammer, Verführerin? Meinst du, ich wäre
          Nicht mit Augen begabt? Meinst du, ich hätte vorhin
      Nicht dein schändliches Spiel durchschaut, nicht Alles errathen,
          Als du fremden Besitz frech mit den Blicken verschlangst? 166
      Und du, tückischer Mann! ist das die gepriesene Treue,
          Daß du Gesindel zu Nacht dir in die Kammer gewöhnst?
      Traun, mir soll nur einmal ein reisendes Herrchen Gesellschaft
          Leisten, und ganz so fremd thun, wie ich Jene gesehn;
      Sauberen Lärm dann gäb' es und regnete Flüch' und Beschimpfung,
          Aber der Vorwand doch käme dir herzlich erwünscht.
      Stehst du nicht dort noch immer und schirmst die Verworfene? Pfui dir!
          Und du, willst du den Raub hüten, du diebisches Ding?
      Gieb mir heraus, was mein! – Da hörte sie zischen die Schlangen,
          Und vom Boden im Nu hob sie die Geißel und schlug
      Auf die verschüchterte Furie los, die fest mit den Armen
          Ihres Diiphilos Knie hülfebegehrend umschlang.
      Der war schon vom Schemel empor und schalt die erbos'te
          Liebste mit heftigem Ernst: Schlägst du die Fremde, hinfort
      Sind wir Beide geschieden; es soll mir nimmer die Hausfrau
          So mit grilliger Wuth künftig Besucher empfahn! –
      Leer in die Luft hin hallte das Wort. Schon wollte die Geißel
          Aus der erbitterten Hand winden der kräftige Mann,
      Da graunvoll in das Haus einstürmte der Furien Rudel,
          Welche den Spuren gefolgt, als sie die Schwester vermißt.
      Und kaum sahn sie das Mägdlein hier wild schwingen die Geißel,
          Nimmer des fremden Gesichts hatten sie Arg. Mit Gewalt
      Um die Entsetzte geschaart, fortriß sie der rasende Reigen,
          Eh zum Schreien ihr Mund sich zu ermannen vermocht.
    Ferne verklang der Gewaltigen Tritt. Da hob zum bestürzten
          Schuster das Hexlein bang auf den beweglichen Blick.
      Stoße mich nicht hier aus! so flehte sie. Wisse, du hast mir
          Völlig verleidet die Lust, mit den Geschwistern zu sein.
      Besser gefällt mir's nun, auf deine Gespräche zu hören, 167
          In dein Auge zu sehn, dir an der Seite zu knien.
      Denn mir hast du ein Feuer geflößt in Herz und Gebeine,
          Das kein Sturmwind mehr oder ein Regen verlöscht.
      Trotzig verließ dich Jene, die Warnungsstimme verachtend;
          Ich will jegliches Wort immer beherzigen. Ach!
      Nur dies Eine befiehl mir nicht: die Schwelle zu meiden,
          Die mir einzig die Welt inniger Liebe begrenzt! –
      Und dann schmiegte sie fest sich an ihn und bat mit der ganzen
          Dringenden Schmeichelgewalt eines bestrickenden Arms –
      Ganz wie du, o Geliebteste, jetzt, auf daß ich verschweige,
          Was an weiser Moral dieses Geschichtchen verbirgt.
      Bat sie umsonst? – Wer dürft' es bejahn, dem eben im Kusse
          Deines erglühenden Munds Wort und Besinnung vergeht. 168
     
    
     
  



    Rafael.
    (1863)
    Johannes Kugler
                                  zugeeignet.
    O Rom, der Städte Königin,
      Wie schwebt auf deinen Hügeln jetzt
      Mit Flügeln, die der Südwind netzt,
      Melancholie so bang dahin!
      Durch deine stillen Gassen weht
      Die Asche todter Majestät;
      Und wenn der Flug der Vögel ruht,
      Schweift eines Irrlichts bleiche Flamme
      Ob deiner Tiber gelbem Schlamme
      Und mahnt an unversöhntes Blut.
      Wo war die weltgepriesne That,
      Die deine Schwelle nicht betrat,
      Und wo ein Gräul so gottverflucht,
      Der nicht Asyl bei dir gesucht?
      Die herrschgewalt'gen Geister all
      Sahst du an deinem Throne knieen;
      Sie wußten: Wem du Macht verliehen,
      Deß Nam' umflog den Erdenball.
      Heut eine Greisin tiefgebeugt,
      Kahlhäuptig mit verdorrter Brust,
      Die nie mehr ein Lebend'ges säugt,
      Verstummt, versteint für Leid und Lust,
      Von Kummerspur gefurcht die Wangen, 169
      Drin längstvergessne Zähren hangen –
      Die öden Gräber hütest du
      In schlaflos reueloser Ruh.
      Es trägt das Band um deine Scheitel
      Das Königssprichwort: Alles eitel!
      Dein Stab, der einer Welt gedräut,
      Zur morschen Krücke ward er heut
      Und gräbt nur Zeichen ohne Sinn
      In Staub und Moder vor sich hin.
      Wem jetzt dein Hauch die Seele streift,
      Der wird ernüchtert, wird gereift,
      Und wenn er jung und lachend kam,
      Er geht, als hätt' er Schuld zu sühnen,
      Wie wer mit frevelndem Erkühnen
      Vom Saisbild den Schleier nahm.
    Doch manchmal, wenn zur Sommernacht
      Im Strom sich kühlt der Sterne Pracht,
      Wenn rings des Nachtthau's weiche Wellen
      Der Greisin hagren Leib umschwellen,
      Wacht in den Augen, einst so kühn,
      Noch auf ein mattes Freudenglühn.
      Bekränzt mit Veilchen immerjung
      Lehnt neben ihr Erinnerung
      Und singt und sagt dem stumpfen Ohr
      Ein Lied verschollner Tage vor.
      Ein hoher Reigen wallt vorbei
      Von Männern, Weibern, kühn und frei,
      Die aus dem Kelche, den sie bot,
      Das Leben schlürften und den Tod.
      Gepaart, geschaart ziehn sie dahin
      Und neigen sich der Königin;
      Die starrt sie an, nickt wie im Traum –
      Die eignen Kinder kennt sie kaum.
      Doch sieh, ein Jüngling schwebt herzu. 170
      Da plötzlich, bebend, öffnen sich
      Die kalten Lippen mütterlich
      Und lallen: Rafael – auch du?
      Die braunen Locken hangen
      Um seine sanften Wangen,
      Sein dunkles Auge, feuchtverklärt,
      Ist wie mit Himmelsglut genährt.
      Er winkt der Alten mit der Hand
      Und hat sich still hinweggewandt.
      Sie blickt ihm nach mit langem Blick;
      Die Tage dämmern ihr zurück,
      Da er zuerst, noch scheubeklommen,
      Auf ihren Ruf von fern gekommen,
      An Jahren jung, an Ruhm ein Mann,
      Und wie der Herrliche begann
      Die junge Kraft zu stärken
      An hocherlauchten Werken,
      Daß bald vor seinem Morgenglanz
      Erblich der alten Sterne Kranz,
      Durch Rom sein Name siegend flog
      Und selbst der Neid den Nacken bog.
      Er aber ging die hohe Bahn,
      Und wie den Lufthauch, der die schwüle
      Gedankenvolle Stirn ihm kühle,
      Ließ er den Ruhm gelassen nahn.
    Doch jener Tag, – gedenkst du sein? –
      Der eingrub nieverlöschte Spuren
      Der jungen Brust? Von ihm erfuhren
      Du und der Dichter nur allein.
      Der Tag war's, da im Vatican,
      Rom, deine Augen hochentzückt
      Das erste Werk vollendet sahn,
      Das hier der jungen Hand geglückt.
      Gewonnen war der erste Sieg. 171
      Doch als er Abends niederstieg
      Die Marmorstufen am Palast,
      Wie schreitet er mit banger Hast,
      Ein Flüchtling, dem der Boden brennt
      Im Wahn, daß man ihn kennt und nennt?
      Nur manchmal bückt er sich verstohlen
      Und taucht mit tiefem Athemholen
      In einen Kranz sein glühend Haupt,
      Den, gleich als hätt' er ihn geraubt,
      Er heimlich in der Linken trägt.
      Wer hat die Rosen nur, die rothen,
      Der stummen Liebe liebste Boten,
      Ihm Morgens vor sein Bild gelegt?
      Umsonst im Hause forscht' er nach:
      Wer stahl sich ein in dies Gemach?
      Stand über Nacht ein Fenster offen,
      Und bracht' ein wandernd Schwalbenpaar
      Urbino's Heimathgruß ihm dar?
      Er hob das Kränzlein auf, betroffen,
      Und sah ein goldgewirktes Band
      Verschlungen zwischen zarten Blättern,
      Darauf in leichtgezognen Lettern
      Nur »Heute Nacht!« geschrieben stand.
      Und wie er stutzt, und wie er sinnt,
      Sein Denken wird ein Labyrinth.
      Die Hand will heut zum Werk nicht taugen,
      Die Inschrift dämmert ihm vor Augen;
      Der Kirchenväter ernste Schaar,
      Die Heiligen des Himmels gar,
      Des Volkes lauschendes Gedränge –
      Auf allen Lippen lies't er nur,
      Wie neckend, dieser Worte Spur.
      Ja mitten in der würd'gen Menge,
      Wo ausgestellt das höchste Gut
      Auf des Altares Linnen ruht, 172
      Glaubt er mit widerwill'gem Grauen
      Des Kranzes Räthselwort zu schauen.
    Der Tag verrann. Was galt ihm heut
      Des Papstes Staunen, Lob und Huld?
      Sein Herz entbrannt' in Ungeduld,
      Bis spät die Gaffer sich zerstreut.
      Es treibt ihn durch versteckte Gassen,
      Er will sich von den Freunden nicht
      Wie sonst zum Weine locken lassen,
      Den Hutrand zieht er ins Gesicht,
      Und unaufhaltsam eilt sein Fuß
      Zum kleinen Haus am Tiberfluß.
    Hier wohnt' er, Monde schon, allein.
      Den Diener selbst hatt' er entsandt
      Mit einer Botschaft über Land;
      Und dennoch trat er spähend ein
      Als hofft' er einen Gast zu finden
      Und traute seinen Augen kaum,
      Da ihn umfing der leere Raum.
      Er öffnete den Abendwinden
      Die Pforten und die Fenster weit.
      Dann saß er in der Einsamkeit
      Auf seinem Ruhebette nieder
      Und las die beiden Worte wieder.
      Auf einer Schale erznes Rund
      Legt' er den räthselhaften Fund
      Und frischt' aus seinem Kruge dann
      Die halbverlechzten Blüten an.
      Alsbald ergoß sich Rosenduft
      Schwül durch die eingefangne Luft,
      Als ob der Kranz, der neuerquickte,
      Zum Dank sich an zum Sprechen schickte.
      Doch von den rothen Lippen weht 173
      Ein stummer Hauch, der nichts verräth,
      Und nur die Inschrift tröstet sacht:
      Herz, sei geduldig! Heute Nacht!
    Geduld! O wer dies Wort ersann,
      War nie in heißen Jugendnächten
      Ein Spiel den herrisch wilden Mächten,
      Wenn Stund' um Stunde leer verrann.
      Geduld! Dem Bettler mag sie frommen,
      Im Kerker ist ihr Trost willkommen,
      Die Seele, die in Qualen stöhnt,
      Wird an Entsagen streng gewöhnt,
      Und in den kargen Schlummer lullt
      Den ärmsten Dulder die Geduld.
      Doch wen das Glück verheißungsvoll
      Mit goldnem Fittig schon gestreift,
      Sag, wie sich Der gedulden soll,
      Eh er den Wunsch mit Händen greift?
      Wie grausam täuschte dich, wie oft
      Die Stunde, die du heiß erhofft?
      Der Sturm der Sehnsucht schürt dein Blut,
      Der Zweifel summt, der arge Spötter,
      Das alte Lied vom Neid der Götter,
      Und tief im Busen stirbt der Muth.
    So ihm, seit bei des Hochamts Feier
      Still unter dem gehobnen Schleier
      Die Flamme jenes Blicks ihn traf!
      Trüb war sein Wachen, hell sein Schlaf.
      Dies Bild, so eigen schwebt's ihm vor,
      Als hätt' er's seit den jüngsten Tagen
      Verhüllt in seiner Brust getragen,
      Und plötzlich risse nun der Flor.
      Kaum konnt' er glühend sich bezwingen,
      Durch alles Volk zu ihr zu dringen, 174
      Die nach ihm blickend unverwandt
      Fern in dem Chor der Frauen stand.
      Doch als verstummt der Orgel Klänge
      Und das Gewühl ins Freie wallt',
      Umsonst verfolgt' er in der Menge
      Die Spur der einzigen Gestalt,
      Umsonst mit ruhelosem Sinn
      Irrt' er die Gassen auf und nieder;
      Die Augen grüßten ihn nicht wieder,
      Und jede Hoffnung schwand dahin.
    Und heut, die duft'ge Gabe dort –
      Verbürgt sie, daß die Qual sich ende?
      Sind's wirklich die geliebten Hände,
      Die schrieben jenes Räthselwort?
      Längst über Strom und Hügeln blaut
      Die linde Nacht; der Aether thaut.
      Der Lärm der Gassen ist verschollen,
      Und lautlos an den Ufern rollen
      Der Tiber Wogen träg vorbei.
      Man hört von fern der Unke Schrei,
      Den Nachtgesang der Grillen
      Durch die Campagne schrillen.
      Das ist die Zeit, da pfeilbewehrt
      Der Dämon mit der Knabenhand
      Im Sturmflug durch die Lüfte fährt
      Und lodern läßt den alten Brand;
      Die Zeit, der Jene wohl gedacht,
      Die Rosen auftrug: »Heute Nacht!«
      Doch Niemand pocht am kleinen Haus,
      Darin der junge Meister sitzt,
      Die Stirne fiebernd aufgestützt,
      Bang lauschend in die Nacht hinaus.
      Und plötzlich fährt's ihm durch den Sinn:
      Wie? wenn ich nun betrogen bin? 175
      Wenn lose Spötter, mich zu äffen,
      Erdacht dies schnöde Gaukelspiel,
      Um, ihrem Witz ein wehrlos Ziel,
      Mich einsam harrend hier zu treffen?
      Verwünscht! Und wär' es mehr als Trug –
      Wer weiß, ob ich mich selbst nicht trüge?
      O wär' ich endlich Manns genug,
      Daß ich der Hoffnung mich entschlüge,
      Des Wahnsinns, der nun tagelang
      Besinnung, Freude, Kraft verschlang!
      Ein Spuk nur war's der Phantasie,
      Mit diesen Händen fass' ich's nie;
      Und ist der Tand hier werth der Mühe,
      Daß ich in Ungeduld verglühe?
      Fort, Kuppler! Du bethörst mich nicht!
      Und du lisch aus, einsames Licht!
    So sprechend stand er auf und trat
      Voll Unmuth an des Hauses Schwelle.
      Durch hohe Myrthen lief ein Pfad
      Zum Fluß hinab in Sternenhelle,
      Und schon will er den Kranz erheben,
      Dem Spiel der Flut ihn preiszugeben,
      Da plötzlich hält er an und lauscht.
      Es kommt wie Ruderschlag gerauscht,
      Und an der Wasserpforte jetzt
      Legt ein geschwinder Nachen an,
      Deß Schnabel sacht die Stufen wetzt.
      Drin sitzen, dunkel angethan,
      Zwei Frau'n dem Fährmann gegenüber
      Und spähen nach dem Haus hinüber.
      Es scheint, sie halten flüsternd Rath;
      Die Eine dann betritt den Garten,
      Und während stumm die Andern warten,
      Durchwandelt langsam sie den Pfad. 176
    Den Kranz wie zum Empfang bereit,
      Von wechselnder Gefühle Streit
      Erschüttert, lehnt der Jüngling dort,
      Und ihm versagt zum Gruß das Wort.
      Sie aber, noch vom Schleier dicht
      Verhangen Brust und Angesicht,
      Hub also an zu sprechen:
      Ich wag' hier einzubrechen,
      O Meister, recht nach Diebesart,
      Und wohl auf Raub geht meine Fahrt.
      Denn seit ich weiß von Eurer Kunst,
      Schien mir's die höchste Himmelsgunst,
      Ein Werk zu schauen lebenslang,
      Das Eurem Bildnergeist entsprang.
      Geweiht ist schmerzlichem Entsagen
      Der arme Rest von meinen Tagen,
      Und weil ich, wenn die Nacht sich hellt,
      Von Rom soll scheiden und der Welt
      Und man am Tag mich streng bewacht,
      Komm' ich zu Euch im Schutz der Nacht.
      Ihr seid enttäuscht, Ihr schweigt betroffen;
      Der Kranz betrog wohl Euer Hoffen.
      Statt eines frohen Liebchens tritt
      Ein Weib zu Euch, das Viel erlitt.
      Mir aber ist's die letzte Gabe,
      Die ich vom Glück zu hoffen habe,
      Daß Eure Kunst mir helle
      Die trübe Klosterzelle.
      Und wär's auch nur ein flüchtig Blatt,
      Euch zu gering, es aufzuheben,
      Wie köstlich schmückt es noch ein Leben,
      Das allen Schmuck verloren hat!
    Sie sprach's, und wie berauschend drang
      Ans Herz ihm dieser Stimme Klang. 177
      Es wogt in silberner Cadenz
      Die süße Rede von Florenz,
      Doch fremde Laute mischen
      Verstohlen sich dazwischen.
      Und endlich spricht er: Tretet ein,
      Vieledle Frau! Mein Haus ist klein,
      Doch was sein niedres Dach umfaßt,
      Das eignet meinem edlen Gast.
      Nur – wenn es nicht zu kühn erscheint –
      Entfernt des Flors verhaßte Falten.
      Wir Maler sind den Schleiern feind,
      Die unser Recht uns vorenthalten;
      Und auf dem Tisch das kleine Licht,
      Vertraut ihm dreist; es plaudert nicht.
    Da schlug sie freundlich alsobald
      Den Flor zurück, der sie umwallt;
      Es überhaucht ein züchtig Roth
      Das Antlitz, das sie frei ihm bot.
      Sie sprach: Nicht gern stellt eine Frau,
      Einst wohl verwöhnt durch Lob der Männer,
      Euch, aller Schönheit tiefstem Kenner,
      Verblühten Jugendreiz zur Schau.
      Wer aber selbst zu bitten kommt,
      Weiß, daß Versagen ihm nicht frommt.
    So trat sie ein. Doch unverrückt
      Stand er am Eingang, wie verzückt.
      Sie war's, nur schöner tausendmal,
      Nur sehnsuchtwerther ihm genüber,
      Als da ihr Blick in stummer, trüber
      Schwermuth von fern sich zu ihm stahl.
      Der Kranz war seiner Hand entsunken.
      Wie junge Bienen sommertrunken
      Sich sonnend Honig saugen, 178
      So schwärmen seine Augen.
      Um diese Lippen roth und frisch
      Spielt, wenn sie lächeln, Frühlingsluft,
      An diesen Wangen zauberisch
      Hängt noch der Jugend zarter Duft;
      Die breitgeschwungnen Augenlider
      Gehn still und langsam auf und nieder,
      Gleich sammetweichen Schwingen
      Von nächt'gen Schmetterlingen.
      Unstäten Flugs bewachen sie
      Der dunklen Augen schönes Licht,
      Die Augen aber lächeln nie,
      Auch wenn der Mund von Liebe spricht;
      Und vor Gedanken wie erschrocken,
      Die traurig mahnend sie umschwirr'n,
      Birgt sich im Schatten blonder Locken
      Geheimnißvoll die hohe Stirn.
      Sie trägt nicht Goldschmuck noch Gestein,
      Die Schönheit ist ihr Schmuck allein:
      Nur an der Linken blaß und schmal
      Glänzt ein Smaragd in grünem Feuer
      Und äugelt mit des Lämpchens Strahl.
      Und jetzt, da er noch stets in scheuer
      Versunkenheit von ferne stand,
      Ließ sie, vom dunklen Florgewand
      Umhüllt, die schlanken Glieder
      Auf einem Sessel nieder
      Und schien den Pfühl ihm frei zu lassen.
      Doch er, unmächtig sich zu fassen,
      Sprach vor sich hin, und wußt' es kaum:
      Ihr Götter, ist dies mehr als Traum?
    Sie hört' es lächelnd und begann:
      Ihr botet Euer Haus mir an
      Und würdigt's nicht mit mir zu theilen. 179
      Wohl weiß ich, Künstler sind zuweilen
      In menschenscheuer Laune Bann.
      Ich bitt' Euch, sprecht ein halbes Wort,
      Und wie ich kam, so geh' ich fort, –
      Ungern, ich darf's bekennen.
      Wer möchte leicht sich trennen,
      Wo sichtbar Eure Seele webt?
      O wie Ihr schön und einsam lebt!
      Hier ist der Freiheit Heiligthum;
      In diesen ungeschmückten Wänden
      Kehrt ein das Glück, die Macht, der Ruhm.
      Hier streift wohl auch mit weichen Händen
      Die Liebe schmeichelnd Euch vom Haupt
      Den jungen Lorbeer, dichtbelaubt,
      Und windet mit verschwiegnem Kuß
      Den schönsten Kranz dem Genius.
      Doch wie? Vernehmt Ihr meine Worte?
      Noch steht Ihr schweigend an der Pforte.
      Ich ahne, ob Ihr's auch verhehlt,
      Daß ich die Stunde schlecht gewählt.
      So scheid' ich denn nach kurzer Rast;
      Vergebt dem unwillkommnen Gast!
    Und schon erhob sie sich, da sprang
      Die Fessel ab von seinen Gliedern.
      Er konnt' ein bittend Wort erwiedern,
      Das halb noch wie Verstörung klang.
      Dann, ihrem Wunsch genugzuthun,
      Holt er vom Sims die alten Rollen,
      Die Mappen, stattlich angeschwollen,
      Drin leichtentworfne Blätter ruhn.
      Er öffnet und durchwühlt sie alle
      Und findet nichts, das ihm gefalle.
      Für sie – was mag sich schicken,
      Die den bestürzten Blicken 180
      Ein überirdisch Wunder scheint!
      In Wahrheit, stammelt er mit Zagen,
      Ich bin wohl ärmer, als Ihr meint.
      Die Blätter sind aus jüngern Tagen,
      Noch fehlt das Leben, fehlt die Kraft,
      Und jeder Strich ist knabenhaft. –
      Und sie: Ein Thor ist, wer Euch glaubt.
      Ihr könnt von keinem Blatt Euch trennen;
      Ihr fühlt's Euch auf der Seele brennen,
      Sobald Ihr denkt, daß man es raubt. –
      Nein, edle Frau, Ihr irrt fürwahr. –
      Wohlan, so zeigt mir's offenbar.
      Ich suche mit, wenn Ihr's vergönnt,
      Dann wett' ich, daß Ihr finden könnt.
    Nun stand sie auf und trat ihm nah,
      Und langsam mit den schlanken Händen
      Begann sie Blatt um Blatt zu wenden;
      Wie reiche Schätze fand sie da!
      Doch er, da sie beisammen stehn,
      Fühlt selig ihren Athem wehn;
      Er sieht des Lichts bewegtes Spiel
      Auf ihrem sinnenden Profil,
      Den Busen, der mit zarter Fülle
      In Wogen hebt die zücht'ge Hülle,
      Und diesen Nacken, stolzgeschwellt,
      Umwallt von goldnen Lockenringen –
      Er wagt' es nicht für eine Welt,
      Mit dreistem Arm sie zu umschlingen;
      Ihm ist, als ob er sterben müßte,
      Wenn dieser rothe Mund ihn küßte!
    Doch als ihr Auge lang geschweift,
      Bald still geweilt, bald nur gestreift,
      Wo fessellos Natur in freier 181
      Unschuld verschmähte jeden Schleier,
      Hebt sie mit hellem Freudenlaut
      Ein Blatt hervor aus all den vielen,
      Drauf man im Kreise der Gespielen
      Der Jungfrau Hochzeitfeier schaut,
      Den bärt'gen Priester in der Mitte,
      Die Ringe tauschend nach der Sitte.
      O Meister, spricht sie, könnt' ich sagen,
      Wie einst mich dieses Bild bewegt,
      Wie ich es tief im Busen hegt' –
      Ihr gönntet mir's davonzutragen.
      Hier webt ein Himmelsfrieden,
      Der niemals mir beschieden;
      Und dennoch, dürft' ich immerdar
      Die Freude der erwählten Schaar,
      Dies Fest von allen Festen sehn,
      Mir würd' ein großes Heil geschehn:
      Ich mein', ich könnt' auf Erden
      Nie ganz unselig werden!
    Und er darauf mit raschem Feuer:
      Dies Blatt und jedes hier ist Euer.
      Doch wie Ihr seht, zur Hälfte fast
      Sind diese Linien gar verblaßt;
      Verweilt ein Stündlein hier im Haus,
      So bessr' ich diese Schäden aus.
    Sie sprach: Ich bleibe gerne.
      Noch ist der Morgen ferne,
      Und diese letzte Nacht ist mein;
      Ich mag sie schlafend nicht vergeuden,
      Denn morgen muß geschieden sein
      Auch von des Lebens ärmsten Freuden.
      Erlaubt Ihr mir, Euch zuzuschauen?
      Denn ich bekenn' Euch im Vertrauen, 182
      Ich gäb' als eine Pfuscherin
      In Eure Schule gern mich hin.
      O wüßtet Ihr, wie dankbewegt
      Die Hand, die man in Fesseln schlägt,
      Nach jeder Blume pflegt zu haschen,
      Die Glückliche auf ihrem raschen
      Triumphgang in die Winde streun,
      Es reut' Euch nicht mich zu erfreun.
      Doch still! Wer Geister will beschwören,
      Soll, wenn sie nahn, ihr Werk nicht stören.
    Und er: Nein, lasset mehr mich hören!
      Mir ist, wenn Eure Stimme klingt,
      Daß meine Seele sich beschwingt,
      Daß, wenn sie ewig mich umklänge,
      Das Höchste mühlos mir gelänge.
    Darauf verstummten beide tief,
      Und Keines sah das Andre an.
      Sie horchten, wie die Nacht entschlief
      Beim alten Schlummerlied der Sterne,
      Die in erhabner Himmelsferne
      Melodisch wallten ihre Bahn.
      Dem Lämpchen nah hatt' er inzwischen
      Den niedren Sessel vorgerückt
      Und saß auf seine Knie gebückt,
      Die zarten Linien aufzufrischen.
      Sie aber, auf dem Pfühl genüber,
      Beugt regungslos das Haupt herüber,
      Und wie in Andacht folgt gespannt
      Ihr Blick dem Zuge seiner Hand.
    Da sah er plötzlich auf zu ihr
      Und sprach: Ich kann das Herz nicht zähmen.
      Es treibt mich innige Begier,
      Von Eurem Schicksal zu vernehmen. 183
      So jung, so schön, so werth des Glücks –
      Wo ist die Macht, die hinterrücks
      Ein Leben, daß zur Sonne strebt,
      In dumpfer Klostergruft begräbt?
      Ihr schweigt; aus diesem Angesicht,
      Um Aug' und Lippe zuckt ein Wehe.
      O glaubt, wenn ich euch lachen sähe,
      Nach Euren Räthseln forscht' ich nicht.
    Sie sprach: Das Herz, das Abschied nahm
      Von jeder Hoffnung, stählt der Gram.
      Ich bin mit meiner Gruft versöhnt,
      Des Lachens freilich längst entwöhnt,
      Doch nicht im Tiefsten so versteint,
      Dem Sonnenstrahl zu widerstehen,
      Der mich aus fremdem Glück bescheint.
      Wohlan! wollt Ihr mich heiter sehen,
      So sprecht von Euch, dem treugesinnt
      Ein Freudenloos die Parze spinnt.
      Laßt Alles mich erfahren
      Aus Lehr- und Wanderjahren,
      Erzählt von Freunden und Gefährten,
      Von Augen, die zum ersten Mal
      Die junge Seele seufzen lehrten;
      Von Allem müßt Ihr ohne Wahl
      Und ohne Scheu mir Kunde geben;
      Und seht, schon hellt sich mein Gemüth
      Im Glanze, der aus Eurem Leben
      So lachend mir entgegenblüht.
    Und er, mit einem leichten
      Erglühn, hub an zu beichten.
      Er ging zurück mit schlichtem Wort
      Von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort
      Die stillen Pfade seiner Jugend, 184
      Des Vaters Kunst, der Mutter Tugend,
      Die Freunde, die sich früh gesellt,
      Das Licht, das blendend ihn erhellt,
      Da er im ersten Jugendlenz
      Betrat die Gassen von Florenz
      Und heiß von Staunen übermannt
      Vor Lionardo's Werken stand
      Und sich vor Buonarotti beugte,
      Daß von ihm wichen Schlaf und Ruh,
      Bis ihm geheim der Geist bezeugte:
      Getrost! ein Maler bist auch du!
      Dann, wie er auf des Papstes Ruf
      In Rom, wo seit den großen Alten
      Ein jeder Geist sein Höchstes schuf,
      Begann die Flügel zu entfalten
      Zu freudig ungehemmten Flügen.
      Sie hing indeß an seinen Zügen,
      Und nur, wenn seine Rede stockte,
      Warf sie ein sinnig Wort dazwischen,
      Das den Bescheidnen weiterlockte.
      Um ihren Mund, den träumerischen,
      Durch ihrer Augen müden Flor
      Bricht eines Lächeln Glanz hervor,
      Daß er der Arbeit ganz vergaß
      Und schauend ihr genüber saß,
      Verstummend wie zu Anbeginne.
      Die holde Klugheit ward es inne,
      Und plötzlich stand sie auf und sprach:
      Die Nacht verschwindet allgemach.
      Meister, es ist nun Scheidens Zeit;
      Auch seh' ich, daß Ihr fertig seid.
      So bitt' ich, nennt mir nun den Preis.
      Ihr seid kein Kaufmann, wie ich weiß,
      Auch ahn' ich, daß Ihr sagen wollt,
      Das Blatt sei Euch nicht feil um Gold. 185
      Doch bleibt ihr eigensinnig,
      Noch zehnfach stolzer bin ich,
      Und was Ihr immer sagt und denkt:
      Dies Kleinod nehm' ich nicht geschenkt!
    Da fuhr er wie gerührt vom Blitz
      Jählings empor von seinem Sitz.
      Ist's wahr? rief er in lautem Schmerz,
      Ist's möglich? könnt Ihr mich verlassen,
      Und morgen soll mein einsam Herz
      Die Welt, der Ihr entsagt, nicht hassen?
      O scheidet sonst ein schönes Glück,
      Die Hoffnung läßt es doch zurück,
      Und Ihr erschient nur, um zu gehn,
      Und sprecht: Auf Nimmerwiedersehn?
      Bei Christi Blut, dies trag' ich nicht;
      Das finstre Schicksal will ich kennen,
      Das Euch vom Leben wagt zu trennen
      In schnöd erzwungenem Verzicht!
    Und kühner, da er Worte fand,
      Trat er ihr nah, die unbeweglich
      Ihr Herz bekämpfend vor ihm stand.
      Sie sprach: Wie sagt' ich, was unsäglich?
      Ich weiß: Ein Herz, das edel schlägt,
      Wird leicht von fremdem Leid bewegt
      Und fühlt sein Mitleid doppelt scharf,
      Wenn es nicht helfen kann und darf.
      Ich aber – könnt' ich mir's verzeihn,
      Ließ' ich zum Dank so hoher Güte
      Euch einen Stachel im Gemüthe?
      Drum muß es rasch geschieden sein.
      Nur Eins noch hält mich – dieses Bild,
      Und seid Ihr wirklich fest gewillt,
      Zu schenken, was unschätzbar ist, 186
      Nehmt diesen Ring – zum Angedenken,
      Obwohl ich weiß – und darf mich's kränken? –
      Wie schnell ein Glücklicher vergißt!
    Vergessen! rief er, heil'ger Gott!
      Treibt Ihr mit meinem Jammer Spott?
      Wo soll ich hinfliehn unterm Himmel,
      In Meergebraus, in Schlachtgetümmel,
      In welches Leid, in welche Lüste,
      Daß dieser Stimme goldner Ton
      Mir nicht bethörend folgen müßte?
      Zu lang, zu selig trank ich schon
      Den Lebensathem deiner Schöne,
      Daß ich mich jemals sein entwöhne.
      Und wenn hinfort nach öden Tagen
      Der Abendstern verheißend winkt,
      Wie soll ich eine Nacht ertragen,
      Die dich mir niemals wiederbringt!
      Wardst du nicht inne, was du thatst,
      Als diese Schwelle du betratst?
      Sie lud dich gastlich zu mir ein,
      Und jetzt – in Flammen steht der Stein!
      Weißt du nicht, daß Dämonen
      In dieser Hütte wohnen,
      Die, wenn der Schönheit Blick sie traf,
      Abschütteln ihren leisen Schlaf?
      O wohl, den Künstler suchtest du;
      Was gilt dir auch des Menschen Ruh?
      Die Wimper zuckt dir nicht einmal,
      Verglüht ein Herz an ihrem Strahl;
      Die Lippen sind gewohnt zu sprechen
      Ein stolzes Wort, wenn Herzen brechen.
      Ist's deine Wahl, ist's dein Verschulden,
      Wenn, die dich schauten, Qual erdulden?
      Doch nein, heut sollst du büßen! 187
      Hier lieg' ich dir zu Füßen
      Und weiche nicht, bis ich vernahm,
      Daß dich Erbarmen überkam,
      Daß diese Glut, so wehevoll,
      An deinem Mund sich kühlen soll.
    Sie blieb noch immer regungslos,
      Die Hände hingen still im Schooß,
      Die Augen, thränenüberflossen,
      Hielt sie so rührend fest geschlossen,
      Wie wer den Tag zu schauen bebt
      Nach Träumen, drin er froh gelebt.
      Ein halb ungläubig Lächeln stund
      Um ihren athmend heißen Mund.
      Sie will nicht Worte tauschen,
      Will träumen nur und lauschen;
      Sein Schweigen selbst ist ihr Musik,
      Ihr Aug' empfindet seinen Blick
      Durch der gesenkten Wimpern Hülle.
      O sterben, jetzt, in Lebensfülle!
      Doch plötzlich fährt sie jäh zusammen,
      Erweckt von seines Kusses Flammen.
      Sie kann nicht mehr von hinnen fliehn,
      Da schlingt sie selbst den Arm um ihn,
      Und keiner Fessel mehr bewußt
      Ruht Mund an Mund und Brust an Brust.
    So hielten sie sich fest umschlungen,
      Von Leid und Leidenschaft bezwungen,
      Der edle Mann, das blüh'nde Weib,
      Einander werth an Seel' und Leib,
      In Zweien Eine Creatur,
      Die sich gesucht auf fremder Spur,
      Bis sie nach irrem Wandern
      Ausruhen Eins im Andern 188
      Und durch ein Wunder neu vermählt
      Ihr Leben tauschen neubeseelt.
      Doch, wie von Zweifeln noch bedrängt,
      Lös't sie den Arm, der ihn umfängt.
      Sie lächelt ihn durch Thränen an
      Und spricht: Was haben wir gethan?
      Kann ich denn wieder gehen,
      Da mir so hold geschehen,
      Zur unhold fremden Welt zurück,
      Ich, die den Himmel offen schaute?
      Ach, daß ich meiner Kraft vertraute,
      Die nie sich maß an einem Glück! –
      Nein! rief er, sprich von Scheiden nichts!
      Der Glanz nur deines Angesichts
      Kann mir hinfort die Tage lichten.
      Du bleibst, ich lasse dich mit nichten,
      Und wer hier findet deine Spur
      Und dich begehrt – er komme nur!
    Sie sprach: Die Stund' ist viel zu schön
      Und wird zu rasch vorübergehn,
      Um sie mit Klagen zu verstören;
      Und dennoch sollst du Alles hören.
      Ausschütten will ich auf einmal
      In deinen Busen meine Qual.
      Dein Herz, so stark, so göttlich groß,
      Um Erd' und Himmel zu umfassen,
      Wird vor der Hölle nicht erblassen,
      In der ich schmachte hoffnungslos.
      Mir aber, einsam, glückverwais't,
      Ist's Labsal, daß du Alles weißt.
      Komm! Laß uns Wang' an Wange lehnen,
      Ich netze nimmer sie mit Thränen,
      Und wenn ein Grau'n mich übermannt,
      Leg' deine still in meine Hand, 189
      Dann weiß ich, daß dem ärmsten Leben
      Doch eine Stunde Glücks gegeben.
    Nun auf das Polster sank sie wieder
      Und zog den Freund zu sich hernieder.
      Er drückt' in Sehnsuchtsüberschwange
      Sein brennend Aug' an ihre Wange.
      Ihr Athem, da sie sprach, umhauchte
      Sein Antlitz, das in Glut sich tauchte.
      Er dacht' an Küssen nicht und Kosen,
      Er lauschte nur mit ruhelosen
      Herzschlägen, was die Liebste sprach,
      Nur ihre Hände hielt er beide,
      Sie an sich pressend, wenn vor Leide
      Ein Seufzer ihr vom Herzen brach.
    Und sie: O süßer Freund, begann
      Die Liebliche ihr Loos zu klagen,
      Wie hell sah ich das Leben tagen,
      Das so in Nacht und Noth verrann!
      Mein Vater, edel, stolz und reich,
      In Chios lebt' er fürstengleich.
      Die Mutter, die nur mich geboren,
      Hab' ich als junges Kind verloren.
      Doch war der Liebe rings genug,
      Die mich auf weichen Händen trug.
      Ich aber blieb ein trotzig Kind,
      War keinem Menschen holdgesinnt.
      Am liebsten lange Tage
      Lauscht' ich dem Wogenschlage
      Und schwamm im wilden Sturmgebraus
      Weit in die offne See hinaus.
      Dann konnt' ich stundenlang mit Wonnen
      Am schroffen Hang der Küste liegen,
      Wo Fischer nie sich hin verstiegen 190
      Und Schlangen nur am Fels sich sonnen.
      Die Amme schalt, kam ich zur Nacht
      Verwildert heim; ich aber lacht'
      Und sprach: Ihr lebt hier in der Gruft,
      Und ich will frei sein, wie die Luft,
      Mich keinem Zwang bequemen;
      Ihr werdet nie mich zähmen,
      So wenig, wie des Meers Delphin
      Anschirren, euren Kahn zu ziehn.
      Der Vater, sah er so mich schweifen,
      Die Locken los, die Stirn verbrannt,
      Nur lächelnd droht' er mit der Hand
      Und sprach: die Sonne wird sie reifen.
      So wuchs ich ungezügelt auf
      Und merkte kaum der Jahre Lauf.
      Ich lernte nichts von Frauenkünsten,
      Von Weben, Sticken, Goldgespinnsten,
      Nicht tanzen, aller Mädchen Lust.
      Ich hab' auch wahrlich nie gewußt,
      Was Andre schon so früh verstehn,
      Nach schmucken Männern auszuspähn.
      Der Meerwind war mein Buhle gut.
      Wie schlug mein Herz, wenn seine Schwingen
      Mich schwül und ungestüm umfingen,
      Hinab mich lockend in die Flut.
      Und da ich längst herangeblüht
      Zu Jahren, wo sich im Gemüth
      Ein unbekanntes Sehnen regt,
      War ich noch wie die Möve wild,
      Die herrenlos die Flügel schlägt
      Und tanzt, wenn hoch die Woge schwillt.
    Da war's an einem Sommertag,
      Daß ich ermattet nach dem Bade
      Am einsam brandenden Gestade 191
      In tiefen Schlaf versunken lag.
      Und plötzlich fühl' ich aufgeschreckt
      Den Boden unter mir erschwanken
      Und find' auf eines Schiffes Planken,
      Das eilig flieht, mich hingestreckt.
      Corsaren hatten, in der Bucht
      Anlandend, einen Quell gesucht
      Und schlafend mich hinweggeführt.
      Die taube See hätt' ich gerührt
      Mit meinem Flehn und Stöhnen;
      Sie sagten mir mit Höhnen,
      Daß ich zu schön zum Mitleid sei,
      Und setzten alle Segel bei.
      Denn hinter ihnen her mit Macht
      Kam meines Vaters flinke Yacht.
      Ich, als ich sie erkannte, rang
      Laut betend die gebundnen Hände,
      Daß Gott des Retters Werk vollende,
      Der schon von fern die Waffe schwang.
      Ach, wohl erreicht' er unser Schiff;
      Schon hört' ich seine stolze Stimme
      Das Räubervolk bedräun voll Grimme,
      Doch eine tückische Kugel pfiff,
      Ein Wehruf scholl von drüben her,
      Ein schrilles Ach – ein Fall ins Meer –
      Ich schrie, ich rüttelt' an den Banden,
      Bis mir im Schmerz die Sinne schwanden.
    So taucht' ein einz'ger Augenblick
      In ew'ges Irrsal mein Geschick.
      Heimath und Freiheit mir geraubt,
      Des edlen Vaters theures Haupt,
      Und selbst der Trost in letzter Noth:
      Ein freierwählter stolzer Tod!
      Das Maß, ließ ich mir träumen, 192
      War voll zum Ueberschäumen.
      Doch da nach stürmevoller Fahrt
      Wir landeten in Trapezunt, –
      Kaum denkt's die Seele, sagt's der Mund –
      Das Aergste war noch aufgespart:
      Als Waare ward ich ausgestellt,
      Umgafft, umfeilscht für schnödes Geld.
      Den Blick selbst, den die Wucht der Schmach
      Zu Boden schlug, doch ach, nicht brach,
      Ward ich gezwungen aufzuschlagen,
      Um höh'res Blutgeld einzutragen.
    Zuletzt, nicht marktend um den Preis,
      Erkaufte mich ein würd'ger Greis,
      Der ungesäumt zu Schiff mich nahm
      Und schweigend schonte meinen Gram.
      Ein Florentiner Kaufherr war's,
      Der Jahr um Jahr nach der Levante
      Der Güter reiche Ladung sandte.
      Beim Anblick seines grauen Haars
      Wähnt' ich, daß ich den Vater sähe,
      Und schluchzend lös'te sich mein Wehe.
      Er aber sprach: Du bist mein eigen,
      Doch nur, daß ich dein Sklave sei.
      Sobald wir aus dem Schiffe steigen
      Am Strand Italiens, bist du frei.
      Zum Dank begehr' ich Eines nur:
      Daß du zum Ehebunde
      Schon heut mit Hand und Munde
      Dich mir verlobst in heil'gem Schwur.
      Von Stund' an, was ich hab' und bin,
      Als dein Besitzthum nimm es hin. –
    Ich nahm die Hand, die er mir bot;
      Die Lippe schwur – das Herz war todt. 193
    Und er hielt Wort. Als sein Gemahl
      Betrat ich seines Hauses Saal.
      In Sammet und in Seiden
      Mußt' ich mich fürstlich kleiden,
      Von Goldschmuck und Juwelen
      Das Köstlichste mir wählen.
      O diese bunte blanke Lüge
      That nicht der armen Brust Genüge,
      Die, einst an freien Hauch gewöhnt,
      Nun bang dem fremden Zwange fröhnt.
      Denn er hielt Wort, allein nicht ganz:
      Frei war ich nicht in meinem Glanz.
      Und ob ich auch in Treu' und Ehren
      An ihm, der mich gerettet, hing,
      Ein Argwohn schien ihn zu verzehren,
      Der Tag' und Nächte mit ihm ging.
      Erst hütet' er mich streng im Haus,
      Dann bracht' er, sichrer mich zu hegen,
      Auf einen Landsitz mich hinaus,
      Im wilden Waldgebirg gelegen.
      O hätt' er dort mich ausgeschieden
      Von aller Welt, ich hätt' ihm warm
      Gedankt den langersehnten Frieden,
      Darin verblutet jeder Harm.
      Doch ward ein Hüter mir bestellt,
      Der mir die Einsamkeit vergällt',
      Ein Mann, vor dessen Blick mir graute,
      Ein Teufel, dem er, blind genug,
      Allein von Allen mich vertraute,
      Weil Einer Mutter Schooß sie trug,
      Weil er von Kindesbeinen an
      Ein Lebenlang ihm wohlgethan,
      Ein Bruder, mehr als väterlich; –
      Er sollt' es büßen, er und ich. 194
    Doch als ich in den Bergen droben
      Zum ersten Mal den Blick erhoben,
      Wie grüßte mich so tröstlich da
      Die offne Weite, die ich sah!
      Wie sog die Brust so voll und rein
      Den Balsam dieser Lüfte ein!
      Von der Altane dicht am Haus
      Blickt' ich bis an das Meer hinaus,
      Das Meer, das noch wie damals blaute,
      Da es mich frei und glücklich schaute.
      Und dort am Fels in Schluchtentiefen
      Die Haine silberner Oliven,
      Der Strom, aus ihren Schatten blinkend,
      Und fern des Domes Kuppelbau,
      Erhaben ernst herüberwinkend –
      Nie ward ich satt so reicher Schau!
      Da schien ich mir ein selig Weib,
      Und bald zu Zeit- und Leidvertreib
      Begann ich deine Kunst zu üben;
      Ich zeichnete die Berge drüben,
      Das Haus, die Heerde sammt dem Hirten,
      Den Brunnen überdacht von Myrten;
      Mein zager Stift ward dreist und dreister.
      Du hättst gelächelt, lieber Meister,
      Doch lebt' im Haus ein Capellan,
      Ein Greis, im Malen wohlgeübt,
      Eh sich sein Augenlicht getrübt;
      Der spornte meinen Eifer an,
      Und kam mein Herr dann aus der Stadt,
      Wie lobt' und pries er jedes Blatt
      Und ließ mir schöne Farben bringen;
      Mich aber freute mein Gelingen.
      Sucht doch ein ungestilltes Herz
      Trost seinem Kummer allerwärts.
      Der Schwäher mußt' es wohl gestatten. 195
      Ich liebt' es, stundenweit zu gehn,
      Um neuem Ausblick nachzuspähn,
      Und immer folgt' er wie mein Schatten.
      Dann lag er neben mir im Gras,
      Zum Schein tief in ein Buch versunken,
      Allein sein Auge sprühte Funken,
      Wie Neigung bald, und bald wie Haß.
      Doch wagt' er's nie, so kühn er war,
      Mir seinen Sinn zu offenbaren;
      Daß er und ich geschieden waren,
      An meiner Stirne las er's klar.
    Zwei Jahr hielt dieser Mann in Haft
      Die niegekühlte Leidenschaft,
      Bis sie zuletzt, entlodert,
      Ihr Opfer wild gefodert.
      Denn eines Tags kam mein Gemahl
      Zu uns heraus mit frohem Herzen;
      Wir speis'ten bei dem Schein der Kerzen
      Zu Dreien Nachts im lust'gen Saal.
      Das Mahl, der Wein hatt' ihn erquickt,
      Die Diener waren fortgeschickt;
      Ich mußt' ihm, was ich malte, zeigen.
      Er scherzte: Sieben Stunden weit
      Hast du nun Alles conterfeit,
      Nun sollst du mit zu Schiffe steigen,
      Dein Aug' an neuer Schau erfrischen,
      Zu neuem Werk die Farben mischen.
      Mein theurer Bruder, weil wir fern,
      Versieht im Haus die Pflicht des Herrn. –
      Der Bruder, der am Schenktisch stand,
      Ward bleich und schweigsam wie die Wand.
      Und da es kam um Mitternacht,
      Mein Herr stand auf, zu Bett zu gehen.
      Er sprach: Wie ist mir denn geschehen? 196
      Ist's Wein nur, was mich taumeln macht?
      Ein Schauder fuhr mir durch den Sinn,
      Ich sah sein Antlitz sich verfärben,
      Und plötzlich rief er: Ich muß sterben!
      Und mir zu Füßen stürzt' er hin.
    Ich sah den Schwäher ruhig nahn
      Und sprach nur: Das hast du gethan!
      Er aber gab kein Wort darauf,
      Er hob den Hingesunknen auf
      Und trug ihn selbst in sein Gemach.
      In halber Ohnmacht wankt' ich nach.
      Ich stand am Bett des Kranken
      In wogenden Gedanken,
      Ich sah die Qualen, die er litt,
      Da Tod und Leben um ihn stritt;
      Die letzten Kräfte mußt' er sammeln,
      Um mir ein Lebewohl zu stammeln.
    Er faßte meine Hände.
      »Mein Weib, es geht zu Ende.
      Dich aber hab' ich so geliebt,
      Daß Eifersucht mir das Geleit
      Hinüber zu den Schatten giebt.
      Mir ist, wenn dich ein Andrer freit,
      Müßt' ich aus tiefstem Grabesschooß
      Erstehn und wandeln ruhelos.
      Dem Einz'gen nur in aller Welt
      Sah' ich dich ohne Neid gesellt,
      Dem Bruder, der mir theuer war.
      Nach deinem stillen Wittwenjahr
      Vergönn' ihm deiner Treue Pfand;
      Wo nicht – in diese kalte Hand
      Gelobe mir's: Kein Mann auf Erden
      Soll meines Schatzes Hüter werden. 197
      Im Schleier sei des Himmels Braut,
      Der dich mit Gnaden überthaut,
      Wenn dies Gelübd' aus deinem Munde
      Mir sanfter macht die Scheidensstunde.«
    An meinen stummen Lippen hing
      Sein Blick, den halb schon Nacht umfing.
      Ich sah der Angst geheimen Krampf
      In jeder Nerve tödtlich zittern –
      O durft' ich ihm den letzten Kampf,
      Ihm, der mich so geliebt, verbittern,
      Ihm sagen: Dem du mich vereint,
      Der hieß dein Bruder, war dein Feind?
      Wie leicht, ach wie erwünscht erschien
      Die Wahl: Ein Kloster – oder ihn! –
      So sprach ich das Gelübd' ihm nach;
      Er lallte Dank – sein Auge brach.
    Kaum deckte den Entschlafnen – nein,
      Den Hingemordeten der Stein,
      Da trat der Schwäher ein zu mir,
      Sein Mund war bleich, sein Auge stier,
      Sein Haupt hing auf die Brust herab.
      Da ich ihn sah, wandt' ich mich ab.
      Er aber, heuchlerisch und sacht,
      Sprach: Frau, Ihr habt gar unbedacht
      Dem Bruder ein Gelübd' gegeben,
      Mit kurzem Wort ein langes Leben
      Geopfert eifersücht'gen Grillen
      Und selbst gebunden Euren Willen.
      Ich weiß, Ihr habt mich stets gemieden
      Und längst in Eurem Sinn entschieden,
      Die Welt zu fliehn um meinethalb.
      Doch kennt Ihr sie und mich nur halb.
      Ihr dürft in weltentlegnen Mauern 198
      Nicht diese Probezeit vertrauern.
      In Lebenslust, in Jugendwonnen
      Soll Eure Seele frei sich sonnen,
      Die Herrlichkeit der Erden
      Soll mir ein Anwalt werden.
      Dann hoff' ich, daß die Freude warm
      Euch locken wird in allen Sinnen,
      Dem Klostergrabe zu entrinnen
      In eines Freundes treuen Arm.
    Ich schwieg und ließ mit mir geschehn,
      Mein Wille blieb im Herzen stehn.
      Wir reis'ten viele Monden lang,
      Nie hört' er meiner Stimme Klang.
      Wie der Versucher einst dem Herrn
      Die Welt gezeigt von Bergeszinnen,
      So sucht' auch er mich zu gewinnen; –
      Glatt war die Schale, taub der Kern.
      Er ließ mich der Provence Auen,
      Die liederfrohen Städte schauen,
      Lombardiens blüthenreichen Kranz,
      Venedigs meergewiegten Glanz,
      Und wenn der Lärm des Tags verhallt,
      Dann lockten hundert Fackeln bald
      Zu märchenhaften Festen.
      Wie gern wär' ich den Gästen,
      Den müßig schwatzenden, entflohn!
      Es klang mir wie ein bittrer Hohn,
      So oft sie meine Schönheit priesen.
      O was erlitt ich nicht um diesen
      Verhaßten Schmuck, und immer noch
      Um ihn allein seufzt' ich im Joch.
    Und doch, mit jedem Tage neu,
      Blieb mir noch Eine Freude treu. 199
      Mein Blut fühlt' ich erhöhter wallen,
      Wenn ich durchschritt die reichen Hallen,
      Paläste, Kirchen, Wand an Wand
      Geschmückt von hoher Meister Hand.
      Gar oft vor einem Bild geschah's,
      Daß ich der ganzen Welt vergaß,
      Mit innigem Vergnügen
      Hing an den lautren Zügen,
      Und meine Sehnsucht rasten ließ
      Im längst verlornen Paradies.
      Dann konnt' ich lange Zwiesprach halten
      Mit stillen Frau'n auf goldnem Grund,
      Und oft mit Seufzen sprach mein Mund:
      Ich neid' euch, selige Gestalten!
      Ihr glänzt in unberührter Zier
      Und weckt nicht Habsucht und Begier.
      Um euch, die überirdisch schweben,
      Stehn Brüder nicht sich nach dem Leben.
      Frei wie das Licht, das Allen nah,
      In ew'gem Frieden blüht ihr da!
    In solcher Stunde, reichgesegnet,
      Bist du, mein Holder, mir begegnet.
      Noch kannt' ich nichts, als deinen Ruhm.
      Da bin ich einst, um still zu beten,
      Mit ahnungsvollem Geist getreten
      In jenes Klosterheiligthum,
      Das an den Oelwald angeschmiegt
      Bei Città di Castello liegt.
      Das Wunder, das mir dort geschehn,
      Soll nun durchs Leben mit mir gehn,
      Das Bild, das vom Altar mich grüßte,
      Mir folgen wie ein Stern der Wüste.
      Doch als ich sie zuerst geschaut,
      Die benedeite Himmelsbraut, 200
      Die ihre Hand von Scheu bewegt
      In des Erkornen Rechte legt,
      Die jungfräulichen Mienen
      Von Göttlichkeit umschienen, –
      Da maß ich aus mit Einem Blick
      Mein eigen jammervoll Geschick,
      Da wußt' ich erst, was ich verloren,
      Als ich dem Todten mich verschworen,
      Ein Glück, in dieser bangen Welt
      Vom Himmel selbst zum Trost bestellt:
      Zwei edle Herzen frei vereint!
      Da brachen auf die alten Wunden;
      Ich fühlt', ich würde nie gesunden,
      Und weinte, wie ich nie geweint.
    Den Thränen, die so bitter flossen,
      Ist dieser Stunde Glück entsprossen.
      Mir war's, dich selbst hätt' ich gesehn.
      Den Schönen dort im Brautgeleite,
      Deß Augen sinnend in die Weite
      Wie nach verhüllten Sternen spähn,
      Mit deinem Namen nannt' ich ihn,
      Und Nachts in meinen Träumen schien
      Dies Augenpaar mit süßen
      Huldblicken mich zu grüßen,
      Daß ich empor vom Lager fuhr
      Und seufzend rief: Ach, träumt' ich nur?
      Und in mir klang es fort und fort:
      Nach Rom, nach Rom! denn Er ist dort.
    Da meinem Stolz gewann ich's ab
      Und ließ zur Bitte mich herab:
      Eh ich ins Kloster müsse treten,
      An des Apostels Grab zu beten.
      Der Schwäher hörte mich gelassen 201
      Und sprach: Nach Rom? Begehrt Ihr nur
      Dem Papst die Kniee zu umfassen,
      Daß er Euch lös't von Eurem Schwur?
      Es naht die Frist, Euch zu entscheiden;
      Ihr liebt mich nicht. Das aber wißt:
      Spinnt immerhin geheime List, –
      Mein Dolch wird das Gespinnst zerschneiden.
      Wohlan, nach Rom!
                                        Wir brachen auf.
      Mein Herz schlug bis zur Schläf' hinauf,
      Als meine Augen, die entzückten,
      Die Zinnen Roms von fern erblickten.
      Was war mir diese Welt von Stein?
      Doch schloß sie meine Sehnsucht ein.
      Die Straße, da wir ritten,
      Ist Er vielleicht geschritten;
      Wer weiß, er geht an mir vorbei,
      Ich ahn' es nicht, wie nah er sei.
      Werd' ich ihn sehn, und wann, und wo?
      So in Gedanken bang und froh
      Hab' ich in Rom die erste Nacht
      Ein Raub der Zweifel durchgewacht.
      Der Schwäher hütete mich strenger;
      Mit jedem Tage ward ihm bänger
      Um seines Frevels schnöde Frucht.
      Zu all den Stätten hochgefeiert
      Mußt' ich ihm folgen dichtverschleiert;
      Ich aber dachte nicht an Flucht,
      Nur wie ich noch das Glück erwürbe,
      Dir zu begegnen, eh ich stürbe,
      Und nirgends, ach, erschienst du mir.
      Da eines Tags durchwandeln wir
      Mit einer bunten Menge
      Die offnen Hallengänge 202
      Im weiten Hans des Vatican.
      Und als wir aus den Fenstern sahn,
      Vernehm' ich hinter mir das Wort:
      Siehst du im Hof den Jüngling dort?
      Das ist er, das ist Rafael,
      Des Papstes Liebling. – Blitzesschnell
      Erkannt' ich dich. Du schrittest eben
      Vom klarsten Sonnenlicht umgeben
      Die Stufen zum Portal hinan
      Und weiltest sinnend dann und wann.
      Es flog dein Blick in heitrer Ruh
      Den Schwalben am Gesimse zu,
      Und an die Brustwehr angelehnt
      Sahst du ihr schwebend Nest sie bauen.
      Ich aber durfte satt mich schauen
      Am Anblick, den ich lang ersehnt.
      O deine Züge, kühn und klar,
      Vom Winde leisbewegt dein Haar,
      Dein Lächeln, als du an der Pforte
      Zum Schweizer sprachst zwei kurze Worte –
      Wie hab' ich diesen Mann beneidet,
      Die Vögel selbst, an deren Flug
      Dein schönes Auge sich geweidet!
      Kaum bändigt' ich das Herz genug,
      Daß es nicht ausbrach aus der Brust
      Und aufschrie laut in Qual und Lust!
    Doch als du warst zur Thür hinein,
      Schwand plötzlich mir der Tagesschein.
      Ein Schwindel kreis'te mir ums Haupt,
      Ich hielt mich an den Pfeilerwänden,
      Und Eins nur stöhnt' ich sinnberaubt:
      Verlornes Herz, wie soll dies enden!
    Und heut – und jetzt, in herberm Schmerz
      Wie soll dies enden? klagt mein Herz. 203
      O hätte mich der Gott mit raschen
      Geschossen hingestreckt in Aschen,
      Anstatt mich aufzusparen
      Zu tödtlichern Gefahren!
      Ich war der Welt von Herzen feind,
      Ich hätte nicht ihr nachgeweint,
      Mein Haupt der Scheere gern geboten,
      Mein Herz gebettet zu den Todten.
      Wußt' ich denn je, was Leben heißt?
      Ich lernt' es erst an deinen Küssen,
      Und zehnfach werd' ich sterben müssen,
      Wenn mich der Tag von hinnen reißt.
      Warum mit nächtlich kühner List
      Sucht' ich, was so verderblich ist,
      Beschwor mit ungestümem Flehn
      Die treue Magd, den Gang zu wagen,
      Die Rosen vor dein Bild zu tragen
      Und diese Nachtfahrt zu bestehn?
      Warum in deines Hauses Pforte
      Ludst du die Fremde freundlich ein
      Und sprachst so arge Liebesworte,
      Die mich berauscht wie junger Wein?
      Auf! ende diesen kurzen Trug!
      Ich büß' ihn dennoch lang genug.
      Erbarm' dich! noch ist's nicht zu spät;
      Stoß' mich hinweg von deiner Seite,
      Gieb rauhe Worte zum Geleite
      Der Seele, die ins Elend geht.
      Dann werd' ich einen Muth gewinnen,
      Mich auf mein Schicksal zu besinnen,
      Und zu mir sprechen: Flieh hinaus!
      Das Leben selber stößt dich aus!
    So rief sie, und im wildem Harm
      Entglitt sie plötzlich seinem Arm 204
      Und sank, von Todesqual durchzückt,
      Vom Pfühl herab zu seinen Füßen.
      Er weckte sie mit heft'gen Küssen,
      Und tief zu ihr hinabgebückt
      Raunt' er beschwörend ihr ins Ohr:
      Stirb nicht! stirb nicht! O blick' empor
      Und hinter dich wirf alle Pein;
      Von heut an ist dein Leben mein.
      Sobald der neue Tag erschien,
      Will ich mit flehentlichen Bitten
      Am Stuhl des heil'gen Vaters knie'n,
      Ihm sagen, was ein Weib gelitten,
      Auf daß er lösend von dir nimmt
      Den Schwur, um den mein Herz ergrimmt.
      Und mag der Feind dann Rache brüten,
      Ich lache nur zu seinem Wüthen,
      Ich weiß, daß er erliegen muß.
      Denn wer von deinem Hals sich lös'te,
      Dem in die stolze Seele flößte
      Triumph dein Lächeln, Sieg dein Kuß.
    Er hob das schöne Weib empor;
      Sie sah ihn an, wie nie zuvor.
      Sie sprach: Mein Freund, es ist vergebens.
      Und riefst du aller Engel Schaar,
      Sich zu erbarmen meines Lebens,
      Verfallen ist's auf immerdar.
      Der Feind, dem dieses Haupt verpfändet,
      Hat schon zu theuren Preis verschwendet;
      Und hab' ich Zeugniß wider ihn
      Vorm heil'gen Stuhl, und darf ich's wagen,
      Ihn jenes Gräuels zu verklagen,
      Deß ihn mein ahnend Herz geziehn?
      Ja, macht' ich's wie die Sonne klar,
      Und stellt' ich hundert Zeugen dar, 205
      Sein Gold, sein Nam' und, stärker noch,
      Sein Muth der Bosheit siegte doch.
      Ich bin, wie in des Geiers Kralle
      Das Reh, das überm Abgrund schwebt,
      Das, bringt ein Wunder ihn zu Falle,
      Der Räuber stürzend mitbegräbt.
      Des Bruders Schatten höhnt ihm zu:
      »Es gilt! Ein Kloster oder du!«
      Und nie erträgt sein wilder Geist
      Daß mich ein Andrer ihm entreißt.
      Würd' er in deinem Arm mich sehn,
      Die Hölle rief' er unter Waffen,
      Ihm Rache grauenvoll zu schaffen,
      Und um uns Beide wär's geschehn.
      Wie aber? Hab' ich denn geweint?
      Schilt meinem Kleinmuth, süßer Freund!
      Daß ich geklagt, war Gotteslästern.
      Denn mir vor allen meinen Schwestern
      Ward ja ein unermessnes Heil
      Hoch über meinem Werth zu Theil.
      Wie manchem Weib fällt in den Schooß
      Ein vielbeneidet goldnes Loos,
      Und willst du nach dem Glück sie fragen,
      Sie muß die Augen niederschlagen.
      Und ich, nach dunklen Lebensmühn
      Hab' ich den Quell der Sel'gen schlürfen
      Und Seel' und Sinne tauchen dürfen
      In Flammen, welche nie verglühn.
      Nun komme was da kommen mag,
      Ich bin gefeit seit diesem Tag;
      Nun komme was da kommen muß,
      Ich bin geweiht durch deinen Kuß,
      Die Braut, das Weib und ach, wie schnell
      Die Wittwe meines Rafael!
      Du aber, wenn auf deinem Pfad 206
      Dir Schönheit winkt und Liebe naht,
      Den flücht'gen Rausch nur gönnst du ihr,
      Dein tiefstes Sehnen weilt bei mir;
      Denn niemals wird dein Herz vergessen
      Der Stunde, da du mich besessen!
    Das Lämpchen losch; schwül war's im Haus.
      Ins Freie traten sie hinaus.
      Die Myrten rauschten um sie her,
      Die Nacht floß wie ein stilles Meer
      Um einer sel'gen Insel Strand,
      Darauf sie gingen Hand in Hand.
      Ihr Flüstern selbst verstummt gemach,
      Nur ihre Herzen blieben wach
      In sel'gem Pochen ohne Rast.
      Und da nun Stern an Stern verblaßt,
      Stand hoch im dämmernden Azur
      Einsam der Stern der Liebe nur.
    
    Die Nacht verging, der Morgen kam.
      Da saß, versunken tief in Gram,
      Den keine Lebensfreude stillt,
      Der Jüngling vor dem hehren Bild.
      Die himmlischen Gestalten sehn
      Auf seine Trauer ernst hernieder,
      Als sprächen sie: Was ist geschehn?
      Blick' auf! Wir kennen dich nicht wieder.
      Er aber hebt die Blicke nicht,
      Ihn lockt umsonst das Sonnenlicht.
      Der Mund, der nicht mehr küssen kann,
      Fängt unbewußt zu dichten an,
      Das Herz, das stumm an ihrem ruht',
      In Rhythmen strömt es seine Glut,
      Und ein beschriebnes Blatt nur liegt 207
      Auf Knieen, die sein Glück gewiegt.
      Da öffnet sich die Thür in Hast.
      Hereinstürmt, heut ein leid'ger Gast,
      Ein Freund, mit dem er manchen Tag,
      Wenn er am Werk sich heiß gemüht,
      Vertrauter Reden gerne pflag.
      Heut aus den offnen Zügen glüht
      Begeistrung wundersam ihn an.
      Er aber, wie ein siecher Mann,
      Hebt kaum das Haupt, sein Gruß klingt schwach,
      Er birgt das Blatt, das er beschrieben.
      Doch Jener, wie vom Sturm getrieben,
      Durchmißt beflügelt das Gemach.
      O, ruft er, Meister, Theurer, Lieber,
      Erdulde mich, ich bin im Fieber.
      Es hat's ein Weib mir angethan,
      Schön, wie es diese Augen nimmer,
      Auch nicht an Hellas' Küsten sahn.
      O hätt' ich nur den blassen Schimmer,
      Wie ihn zurück die Welle strahlt,
      Den Schatten dieser Frau gemalt,
      Um eines Herzogthums Gewinn
      Gäb' ich das einz'ge Bild nicht hin.
      Denk', als ich heut, nichts Arges ahnend,
      Durch müß'ges Volk den Weg mir bahnend,
      Hinunter die Ripetta schritt, –
      Mein Bruder Carlo schlendert mit,
      Wir plaudern, was man eben spricht,
      Von deinem Bild, von schönen Frauen,
      Da rennt das Volk und schaart sich dicht,
      Der stolzen Barke nachzuschauen,
      Die schon das Ankertau gelös't
      Und eben jetzt vom Ufer stößt;
      Ein Prachtschiff, aufs Verdeck gestellt
      Ein schimmerndes Brocatgezelt, 208
      Mit Teppichen belegt der Bord,
      Und – heil'ge Venus! wer steht dort?
      Ist's eine Göttin? ist's ein Bild?
      Der Flor nur, der im Winde schwillt,
      Der Blick, der still ins Weite strebt,
      Sagt' uns: die Göttliche, sie lebt!
      Wie schön der Glanz ihr Haupt umfing!
      Im Kreis von Mund zu Munde ging
      Ein staunendes, beklommnes Ach!
      Sogar die Kinder riefen's nach,
      Und hätten sie den Himmel offen,
      Der Engel Reigentanz gesehn,
      Sie konnten sel'ger nicht betroffen,
      Nicht athemlos entzückter stehn.
      Mir aber, der seit manchem Jahr
      Der süßen Schwäche Meister war,
      Mir in den Adern tobt' es heiß,
      Die Stirn benetzte kalter Schweiß,
      Den Sinnen kaum zu trauen wagt' ich.
      Ich riß den Freund im Sturm hinweg,
      Drang vor bis an den Ufersteg,
      Und einen von den Schiffern fragt' ich:
      Wer ist die Frau? Wohin die Fahrt? –
      Malanno! flucht' er in den Bart,
      Ist's nicht um aus der Haut zu fahren,
      Wenn solch erles'ne Creatur
      Zum Teufel geht in jungen Jahren,
      Will sagen, in ein Kloster nur?
      Der Teufel aber weiß, warum,
      Ich nicht; die Dienerschaft war stumm!
      Vom Kloster sprachen sie, nichts weiter,
      Kein Wort, wohin die Barke schwimmt,
      Und wo die Frau den Schleier nimmt.
      Ein finstrer Herr war ihr Begleiter,
      Reich, aber böse. Seht ihn dort! 209
      Just steht er neben ihr an Bord. –
      Ich sah's, er trat an sie heran;
      Er durfte dieses Weib geleiten –
      Ich fühlt', ich haßte diesen Mann.
      Und als das Schiff mit sanftem Gleiten
      Stromabwärts trieb, folgt' ich dem Schwarm
      Dem Strand entlang an Carlo's Arm.
      Ist's möglich? auf den Engelsmienen
      Kein Hauch von Schwermuth, die beklagt,
      Daß sie so jung der Welt entsagt,
      Um einem strengen Gott zu dienen?
      Wie nach erkämpften Siegen war
      Ihr Auge frei und sonnenklar,
      Ein Lächeln schwebt' um ihren Mund,
      Als wär' ihr wohl in Herzensgrund,
      Als trüge sie hinweg das Glück
      Und ließe leer die Welt zurück.
      O Rafael, wem sind bewußt
      Die Räthsel einer Menschenbrust!
      Und als vom frischen Wind gezogen
      Das Schiff umglitt den weiten Bogen,
      Da wo die letzten Häuser stehn,
      Ließ sie ein weißes Tüchlein wehn,
      Ein Lebewohl – doch wem? – zu winken.
      Die Mauern hemmten mich; mir war,
      Als säh' ich einen Stern versinken,
      Versinken, ach, auf immerdar!
    Was aber seh' ich? Theurer, sprich,
      Du glühst? Mein Fieber – schüttelt's dich?
      Du kehrst dich schweigend nach der Wand?
      War sie dir nur zu wohlbekannt,
      Die Himmlische, und frische Wunden
      Riß auf mein ahnungsloses Wort?
      O bleibe! Sie ist längst entschwunden – – 210
    Umsonst! Wie sinnlos stürmt er fort.
      Wär's möglich? – – Ein verlornes Blatt
      Am Boden dort, von Thränen satt,
      Sonette, heiße Liebesklagen –:
      »Nach kurzem Glück – welch ein Entsagen!
      O warum bin ich aufgewacht?
      O warum kamst du in der Nacht
      Und brachtest niegeahnte Wonne?
      Da längst versank die Eine Sonne,
      Wie ging die andre strahlend auf – –«
    Er hielt das Blatt und starrte drauf,
      Von tiefer Rührung übermannt;
      Es bebte still die Freundeshand.
      Es ist so, sprach er vor sich hin;
      Dem Reichsten ward auch der Gewinn;
      Wer hat, der soll in Fülle haben,
      Um aus dem Vollen uns zu laben.
      Wir sehn am Strand vorübergleiten
      Ein Glück, das unerreichbar winkt;
      Er braucht den Arm nur auszubreiten,
      Damit es an die Brust ihm sinkt.
      Hinweg, elender Neid! Was haben
      Wir für ein Recht auf solche Gaben?
      Nur wer Unsterbliches vollbracht,
      Dem tagt ein neu Gestirn zu Nacht,
      Der wird, die wir umsonst begehrt,
      Des Lebens Goldfrucht brechen können,
      Und wir – wir müssen sie ihm gönnen,
      Denn Er allein ist ihrer werth! 211
     
    
     
  



    Michelangelo Buonarotti.
    (1852)
    Rück mir den Sessel näher an die Glut!
      Ich hab' es noth, denn mein Gebein ist alt
      Und von des Winters Unbill müd' und kalt.
      Leg Scheite zu, Urbino!
                                                So ist's gut! – –
      Ja ja, leg Scheite zu. – Das glüht und flammt,
      Giebt Glanz und Wärme, wie es uns beliebt.
      Der Funken, der in uns vom Himmel stammt,
      Wenn der zurück ins All des Lichts verstiebt,
      Dann schrei'n wir auch: Herr, Herr, leg Scheite zu!
      Und wer dann übrig bleibt, den fröstelt. –
                                                                            Du,
      Geh schlafen, guter Junge! Draußen treiben
      Die Flocken sausend um, und durch die Ritzen
      Der Fenster weht die Nacht. – Wie? Willst du bleiben?
      So komm heran; du sollst am Feuer sitzen.
      Was siehst du mich mit großen Augen an,
      Als stünd' ein Zeichen, fremd und wunderlich,
      Mir an der Stirne?
                                      Schon erquicken mich
      Die muntern Flammen. An mein Herz heran
      Dringt wieder Leben. Laß uns diese Nacht
      Nun ganz durchwachen! Du hast manche schon 212
      In sündlichern Gedanken hingebracht,
      Als ich sie dir vertrauen will, mein Sohn.
      Und dir allein! Dich hab' ich treu erprobt
      Die zwanzig Jahr', seit ich in Dienst dich nahm,
      Und habe schon in anderm Zorn und Gram
      Vor dir geweint, gebetet und getobt;
      Ob ich auch weiß, ihr Alle seid's nicht werth,
      Daß man ein menschlich Herz zu Tage kehrt
      Vor Menschenaug' und -Ohr. –
                                                          Und Eine doch,
      Ja, Eine war, vor der ich ohne Scham
      Vom nackten Herzen riß den Flitterkram;
      Nur war ich ungeschickt in Worten noch.
      Ich haus't' in Rom kaum sieben Monde lang,
      Stand eines Morgens in der Arbeit Drang
      In meiner Werkstatt, Trümmer um mich her
      Von Julius' Grabmal, das ich nimmermehr,
      Wie mir's im Sinne lag, vollenden sollte.
      So knetet' ich am Mosesbild herum,
      Noch aus dem Gröbsten, wie's gelingen wollte,
      Und ganz versunken sah ich keinmal um.
      Da hört' ich, wie mich wer bei Namen rief,
      Und zornig, daß sie mich beschlichen, lief
      Das Blut mir ins Gesicht. Nun, kurz und wild
      Wend' ich mich um. Ein schmächtig Frauenbild
      An eines Mannes Arm steht auf der Schwelle,
      Und bittet beim berühmten Angelo
      Um Einlaß. Eitel sind wir. Vom Gestelle
      Tret' ich zurück, verneige mich, und so
      Lass' ich sie zu. Sie standen lange da
      Und sprachen nichts. Ich, von der Seite, sah
      Mir die Gesichter an. Des Mannes Bart
      War dünn und fahl, die Linien im Profil
      Wohl ausgeprägt und nicht gemeiner Art,
      Der Anstand vornehm, wie mir's wohlgefiel. 213
      Die Frau war scheinlos, kümmerlich von Wuchs;
      Doch aus dem Blau der großen Augen schlug's
      Wie Meeresleuchten oft. Dann, wie der Mund
      Zu reden anfing, ward voll Lieblichkeit
      Ihr blaß Gesicht, das sonst zu voll und breit;
      Die Nase, die nicht in der Richte stund,
      Erhielt 'nen klugen Zug. Und was sie sprach,
      Wie das zugleich aus Geist und Seele brach!
      Ich horchte staunend. Aus dem plumpen Thon
      Las sie des Marmors ganze Zukunft schon.
      Der ist es, sprach sie, der den Herrn gesehn,
      Und unerblindet durfte von ihm gehn.
      Der sieht Euch ähnlich, Meister. Oft in Stunden
      Lebend'gen Lebens habt Ihr Euch wohl auch
      Dem höchsten Schöpfer innig nah empfunden.
      Und stiegt Ihr dann, noch trunken von dem Hauch
      Des Ew'gen, nieder in der Welt Gedränge
      Und saht die goldnen Kälber, die die Menge
      Mit dumpfem Sinn umtanzt, schwoll heil'ge Wuth
      Auch Euch zum Herzen, um die schnöde Brut,
      Der Ihr verflucht seid das Gesetz zu bringen.
      Zertrümmert's nicht, und laßt den Pöbel springen
      Um seine Götzen! – Und so sprach sie mehr
      Und schöner noch, so kräftig, klar und hehr
      Das Bild mir deutend, daß ich bei ihr stand
      In Demuth vor dem Werk der eignen Hand,
      Und tölpisch schwieg ich still. Zuletzt nur wagt' ich
      Ein unbeholfnes Stammeln: die Figur
      Sei, wie sie sei, ein einzeln Bildniß nur,
      Und um sie her ordn' ich noch andre, sagt' ich. –
      Und sie: Gott war bei ihm – laßt ihn für sich!
      Wer dürft' es wagen, neben ihm zu stehn?
      Ein andermal die Andern. Laß uns gehn!
      Wir kommen wieder. – Da verließ sie mich,
      Der ich mich kaum begriff, so groß und klein, 214
      So weis' und albern dünkt' ich mir zu sein.
      Wie ich mich dann besann, schickt' ich den Knaben,
      Der mir zur Hand war, ungeduldig aus,
      Um Kundschaft von dem seltnen Gast zu haben.
      Mehr als die Namen bracht' er nicht nach Haus:
      Marchese von Pescara, der Gemahl
      Vittoria Colonna's.
                                        Seit dem Tag
      War mir's, als früge jeder Meißelschlag
      Bei ihren Augen an. Fast litt ich Qual;
      So wühlten ihre Worte sich ein Bette
      In meiner Brust und schwollen an zum Strom,
      Der all mein Wesen tränkt', als ob in Rom
      Ich bis auf jenen Tag gedurstet hätte.
      Und sie kam wieder, wie sich's traf, zu Zwei'n,
      Mit ihren Frauen, oder auch allein
      Und sah mir zu und sprach. Ein jedes Blatt,
      Drauf ich Figuren hingestrichelt hatt',
      Jedweden Bauriß legt' ich vor sie hin,
      Und sie mit feinem Finger wies darin
      Auf das, was ihr zumeist gefiel; doch wo
      Die Form noch klein war und verwirrt und roh,
      Da schien ihr Blick zu fragen. Da, wie klar
      Erkannt' ich mich, und ahnt' ich, wer sie war!
      Doch, war ich recht dem Wohllaut hingegeben
      Der hohen Seele, flüsterte mir zu
      Ein eigensinn'ger Dämon: Blinder du!
      Du könntest auch den Finger meisternd heben,
      Denn dies Gesicht hat Gott verpfuscht! –
                                                                          Da schlug ich
      Die Augen nieder, und im Herzen trug ich
      Ein widrig zweifelhaft Gefühl. Hernach,
      War sie dann fort, und hatt' ich Narr der Kunst
      Mir gar verbittert all die Himmelsgunst
      Der reinsten Nähe, dann zur Sühne brach 215
      In Liedern aus die heft'ge Leidenschaft,
      Entzückter Dank, demüth'ge Liebesbitte,
      Gefühl der eignen Macht und Manneskraft,
      Und ungezügelt nach Poetensitte
      Schwatzt' ich mich selbst nur heißer in die Glut.
      Sie schrieb mir auch. – Du, mein Urbino, weißt,
      Wie ganz Italien ihre Verse preis't.
      Doch war sie weiblich immer auf der Hut,
      Den Sturm zu zähmen. Für mein glühend Erz
      Gab sie Demanten, und ihr eigen Herz
      Schien durch den klaren Schliff mit sanftem Schein.
      Ich träumte mich in tollen Traum hinein
      Und ward in Wort und Wünschen dreist und dreister.
      Kam sie dann zu mir, hob sie halb im Ernst
      Den Finger auf und drohte: Lieber Meister,
      Es giebt doch eine Kunst, die du nicht lernst,
      Und die dir frommte!
                                            Hätte sie's gewußt!
      Wenn ich sie sah mit Augen, so verging
      Der Sehnsucht Uebermuth, und zitternd hing
      Das Herz mir schwebend zwischen Leid und Lust.
      Und doch, bei all dem frevlen Selbstentzwei'n
      Wuchs meine Künstlerschaft, daß Farb' und Stein
      Mir willig dienten.
                                      Doch es zehrt' an mir,
      Und einen Tag entschied sich's. Nach dem Essen
      Am kühlen Abend trinkend sitzen wir
      Ein Dutzend Maler in der Schenke, messen
      Im Zeichnen unsre Kunst, in Possen auch,
      Ich unterm Schwarm ganz wider meinen Brauch.
      Und Einer nimmt die Kohle, tritt zur Wand
      Und zeichnet unversehns mit kecker Hand
      Der Fratzen eine, wie sie Kinder pflegen
      Aufs Mauerwerk zu malen an den Wegen.
      Die Andern lachen. Doch die Ungestalt 216
      War noch für Kinderhand zu mannigfalt.
      Ich nehm' ein Kohlenstück, und ganz genau
      In lahmen Linien zeichn' ich eine Frau,
      Daß Alles ruft: So kann's Michele nur!
      Den Andern wurmt es, daß ich's besser macht',
      Und tritt zu mir, flickt mit der Kohle sacht
      Noch hie und da 'nen Zug in die Figur
      Und sagt: Jetzt hab' ich sie, Vittoria!
      Und freilich stand im wüsten Zerrbild da
      Die edle Frau, und das Gesindel schrie:
      He, Michelangelo, erkennst du sie?
      Und lacht' unmäßig. Doch ich schlug dem Wicht
      Im ersten Ingrimm fluchend ins Gesicht;
      Da ward es still. – Dann ging ich rasch von dannen.
      Doch wo ich ging und stand – den Spuk zu bannen
      Vermocht' ich nicht. Im Wachen und im Traum
      Kam mir das Schimpfbild nach, auf jede Mauer
      Warf mir's ein Teufel hin; – der Thränen kaum
      Erwehrt' ich mich in meiner Scham und Trauer.
    Und andern Morgens, wie ich grad in Eile
      Unmuthig sinnend zur Sixtina will,
      Kommt mir entgegen auf der Treppensteile
      Ein Kämmerling vom Hof. Ich grüß' ihn still
      Und will vorbei. Er aber hält mich fest
      Und grins't so höflich, daß der letzte Rest
      Von meiner Langmuth schwand. Ich frug: Was soll's?
      Ei ei, erwiedert er, schon jetzt so stolz,
      Und der Marchese starb erst gestern Nacht?
      Nun sagt mir ehrlich, wann Ihr Hochzeit macht. –
      Hochzeit? mit wem? – Verhehlt doch nicht vor mir,
      Was alle Gassen Roms einander sagen.
      Pescara starb – wer erbt da, wenn nicht Ihr?
      Und – unbequem ist's Wittwenkleider tragen. –
      So schwatzt' er, und der Ingrimm packte mich; 217
      Doch zwang ich mich, schob ihn nur säuberlich
      Mit einem Fußtritt fort und stieg empor.
      Dort klomm ich aufs Gerüst und nahm mir vor,
      Mein Deckenbild zu fördern, streckt' mich auch
      Zur Arbeit hin; allein den halben Tag
      Rührt' ich den Pinsel nicht und lag und lag,
      Die Augen zugedrückt; des Athems Hauch
      Ging keuchend aus und ein. Und so im Grau'n
      Einsamen Wehs mußt' ich Gesichte schaun.
      Sie selbst, Vittoria, stand im Wittwenkleid
      Mir, wo ich malt' und meißelte, zur Seit',
      Sah still mich an und hielt mir Blättchen vor
      Und raunte meine Verse mir ins Ohr
      Und sprach: Michele, war das Alles Trug?
      Nein! rief's in mir, ich schrieb es warm genug,
      Vernarrt genug; doch Liebe war es nicht!
      Denn was ich lieben soll, das muß ich gern
      Betrachten – du bist dürftig von Gesicht. –
      Da funkelt' ihres Auges großer Stern,
      Und Worte sprach sie reiner Melodie,
      Die mir die Seele lös'ten, daß sie schrie:
      Du liebst sie doch, dein unvergänglich Theil
      Bedarf dies Weib zu seinem ird'schen Heil! –
      Auf einmal meiner Sinne spottend stand
      Das Zerrbild vor mir von der Schenkenwand,
      Daß ich die Augen aufriß und empor
      Zur Decke starrte. Da umschwebte mich
      Die ew'ge Form, wie ich sie dort zuvor
      So gut ich's konnt' mit armem Pinselstrich
      In Freuden malte, und es sprach in mir:
      Geselle Zeitliches nicht nah zu dir!
      Sei deine Kunst dein Weib, die wird dir frommen,
      Denn sie ist ganz an Seel' und Leib vollkommen.
      Ring' dich heraus aus dieser Halbheit Zwist,
      Und bleib' allein und bleibe was du bist! 218
    Da trat es hinter mich und fiel im Nu
      Wie Bergeslasten von mir, und in Ruh
      Schritt ich zum Werke. So in kurzer Frist
      Ward jene wackre Decke, was sie ist.
      Sie wußten nicht, warum ich mich verschloß;
      Nicht um den Fleiß! Es war, weil mich verdroß
      Das nichtige Geschwätz der Narren drauß.
      Mit Gottes Hülfe focht' ich's redlich aus.
      Ich sah nichts mehr von ihr. Nur einen Tag,
      Da ich noch droben auf den Brettern lag,
      Bringt mir ein Bursch ein Brieflein. Mein Gesicht
      War stumpf geworden von dem blöden Licht,
      Darin ich malte. Lange sah ich's an,
      Bis mir der Spuk zu fester Form gerann.
      Zusammen schrak ich, denn es kam von ihr.
      Nicht Scheltwort oder Klage schrieb sie mir,
      Und doch ergriff mich's, daß ich schier verging.
      Sie woll' ein Grabmal, schrieb sie, Dem errichten,
      An dem ein Stück von ihrem Leben hing.
      Nun rede sie mir nicht von Freundespflichten,
      Denn wo sei Pflicht, wo Lieb' und Güte sei.
      Doch bat sie, ihr zu Liebe möcht' ich's thun
      Und ihm zu Ehren, hätt' ich Stunden frei,
      Vom großen Werk beim theuern auszuruhn.
      So freundlich war es Alles.
                                                    Da ich's las,
      Stürmt' auf mich ein, was ich mit Noth vergaß,
      Und rüttelt' an der Seele. Endlich frug
      Der Bursch, der harrend stand. Ich aber trug
      Ihm dieses auf: Ich hätte gern geschrieben
      Und käme gern zu ihr; doch sei die Rechte
      Mir fast erlahmt, und hätten böse Mächte
      Mit meines Leibes Kraft ihr Spiel getrieben.
      Was ihren Wunsch betreffe, sei mir's leid; 219
      Zu neuem Thun ermangelt' ich der Zeit.
      Nicht könn' ich sagen, wann dies Werk vollbracht,
      An dem ich schaffen müss' aus aller Macht.
      Und somit – nun, der Bursche ging, und ich –
      Wie ich allein war, weint' ich bitterlich.
    Warum gedenk' ich weicher grauer Narr
      Der Jugendnarrheit? Trägt der alte Nacken
      Doch sonst den Druck der Tage fest und starr.
      Muß es mich heut wie Weiberschwäche packen?
      Allein ich seh's, so ist der Welten Lauf:
      Was Jugend wünschte, hat der Greis vollauf.
      Da ich noch jung war, sucht' ich Einsamkeit.
      Nun hab' ich ihrer ein gehäuftes Maß;
      Gott sei's geklagt! – –
                                            Du hast zur Traurigkeit
      Nicht Grund, Urbino, weil ich dich vergaß.
      Du bist mir Diener, Freund und lieber Sohn.
      Doch – du bist jung, ich in den Siebzig schon.
      Mit andern Augen sehen wir die Welt
      Und hören Gott mit andern Ohren.
                                                                Nun,
      Er half mir, da ich's ihm anheimgestellt,
      Und gab Gedeihen meiner Hände Thun,
      Und schuf daß ich in ihm mich einsam sonnte,
      Daß mir der Schönheit Urbild reifen konnte.
      So webend in der Form webt' ich zugleich
      Im ew'gen Bildner, und aus seinem Reich
      Floß mir der Frieden zu. Den wirren Stimmen,
      Die hastig in dem Wind der Meinung schwimmen,
      Horcht' ich nur selten, wie wohl in der Nacht
      Ein Nüchterner dem Haus vorübergeht,
      Draus ihm das Laster frech entgegenlacht.
      Ich hielt die Lumpen ferne früh und spät.
      So mit des Lebens Tollheit, Traum und Tand 220
      Zerstob auch jenes Weh und hat mich nimmer
      Als nur mit flücht'gem Schatten übermannt.
      Doch heut am Nachmittag sitz' ich im Zimmer –
      Du warst um Wein zu kaufen ausgegangen –
      Und war mir wunderlich zu Sinn. Ich sann
      Den manchen Dingen, so ich angefangen,
      Verdrossen nach. Da klopft's. Ein eil'ger Mann
      Bringt mir ein Blättlein. Ich erbrach den Brief,
      Und wie der Blick die Zeilen überlief,
      Stand mir der Herzschlag still. Es war die Hand,
      Die ich in saubrer Feine sonst gekannt,
      Und die nun wankend dieses Blatt beschrieben.
      Sie lieg' am Tod, hab' allen ihren Lieben
      Bereits Valet gesagt. Wenn ich noch käme,
      Daß meinen Blick sie mit hinübernähme,
      So scheide sie getrost.
                                              Das liebe Wort
      Riß mich hinaus zu ihr. So wie ich war,
      Im alten Mantel und verworrnen Haar
      Und barhaupt stürmt' ich auf die Straße fort.
      Der Schnee trieb ungestüm. Auf Markt und Gassen
      Kein Pferd noch Maulthier, das sich miethen lassen.
      Nicht lange mocht' ich suchen. Aus dem Thor
      Schritt ich dahin, und an den Wangen fror
      Der Tropfen ein, der von der Wimper quoll.
      Im Felde packte mich des Sturmes Groll,
      Der übers todte Land mit Pfeifen schnob.
      Ich ging so hin, wie sinnlos; denn die Last
      Des Jammers drückte mich zu Boden fast,
      Und kein Gedanke kam, der mich erhob.
      Nur ihren Brief sagt' ich mir leise vor,
      Wenn mir die Kraft versiegte.
                                                        Doch zuletzt,
      Da mich die Angst drei Stunden weit gehetzt,
      Gelang' ich keuchend zu der Villa Thor. 221
      Mich schauert schon, da ich es offen finde.
      Nun tret' ich ein. Im Flur sitzt das Gesinde
      Und weint; – da wußt' ich's! – –
                                                            Einer kannte mich,
      Der weis't mich denn hinauf. Vorüber schlich
      Der Arzt, der mir wohl sonst in Rom begegnet.
      Er hielt mich an und schluchzte wie ein Kind.
      Mein Auge war mit Thränen nicht gesegnet;
      Nur bebt' ich wie ein greises Laub im Wind.
      So trat ich ins Gemach.
                                                Es war voll Glanz;
      Die Ampel flammte von der Kerzen Kranz.
      Ich weiß, des Lichtes war ihr nie zu viel,
      So lang sie lebte. Nun so schreiend fiel
      Der Schein zudringlich auf der Wangen Blaß,
      Ward mir der Sinn beleidigt.
                                                        Drinnen saß
      Der Zofenschwarm und schluchzte widerlich,
      Die Wärt'rin lief umher und rang die Hände,
      Die Pagen weinten. Da besann ich mich
      Nicht lang und machte dem Tumult ein Ende
      Und trieb das Volk, so viel es schalt, hinaus
      Und schloß die Thür. Dann, wie ich Ruh geschafft,
      Löscht' ich den Ueberfluß an Kerzen aus
      Und kniet' am Bette. – Kaum noch todtenhaft
      Erschien sie, unverfärbt. Die Hände beide
      Nahm ich in meine, und das milde Licht
      Gab eines Lächelns Anschein dem Gesicht,
      Als ob sie freundlich meine Nähe leide.
      So lag ich lang und bat dem Bild der Todten
      Im Stillen ab, was ich ihr Leids gethan.
      Doch – nichts von Reue wandelte mich an.
      Was ich gethan, Gott hatt' es mir geboten.
      Die Hände küßt' ich ihr und drückte dann
      Die heiße Stirn an ihre stille Wange – –
      Genug davon! 222
                              Ich weiß es nicht, wie lange
      Man so mich ließ mein Todtenfest begehn.
      Dann wurd' es draußen laut. Sie pochten stark.
      Ich öffnete und sah Pescara stehn,
      Der Todten Schwager. Mühsam nur verbarg
      Er seinen stolzen Zorn. Ich habe freilich
      Ihn seltsam angesehn, daß ihm der Muth
      Verging zu schelten. Und so war es gut;
      Wir tauschten keinen Gruß. Ich wandelt' eilig
      Hinab und in die Nacht und in den Schnee;
      Mir fror das Haupt, das Herz that brennend weh.
    Das Feuer sinkt zusammen. Leg dich nieder!
      Auch ich will schlafen gehn, die Augenlider
      Sind bleiern schwer; die Reise griff mich an.
      Doch morgen stehst du zeitig auf; ich sende
      Dich in der Frühe schon zum Vatican.
      Dort legst du in des heil'gen Vaters Hände
      Den Baucontract, wie ich ihn aufgesetzt.
      Ich will Sanct Peter bau'n ohn' allen Lohn,
      Allein zu meines Herrgotts Ehre, jetzt
      Und immerdar. – Nun gute Nacht, mein Sohn! 223
     
    
     
  



    Die Hochzeitsreise
    an den Walchensee.
    (1858)
    Bernhard Windscheid
                                  zugeeignet.
    Erster Gesang.
    Du klagst, mein Freund, und Manchen hör' ich klagen,
      Daß wir so gern nach düstren Stoffen greifen.
      Soll nicht die heitre Kunst in dunklen Tagen
      Des Lebens Druck uns von der Seele streifen?
      Warum ich nur des Lachens mich entschlagen,
      Um Nachtgebiete grübelnd zu durchschweifen,
      Ich, dessen Jugend hell in Sonne stand,
      Und den du stets ein Kind des Glücks genannt?
    Wohl! der Tragöde mag die tiefen Quellen
      Von Schuld und Schicksal schaudernd rauschen hören.
      Doch darf man uns in leidigen Novellen
      Mit herbem Mißklang das Gemüth verstören?
      Nein, ließe Dichterwaare sich bestellen,
      So müsst' ich, sagst du, diesen Hang verschwören
      Und fern von Leidenschaft und ihren Grillen,
      Gleichsam zur Kur, mich üben in Idyllen. 224
    Sei's denn! Mir scheint's ein löbliches Beginnen,
      Aus dieser Welt, die Noth und Gräuel häuft,
      In ein Gedicht friedfertig zu entrinnen,
      Das wie ein Sommerfeiertag verläuft.
      Ein Landschaftsbild, ein Stück Staffage drinnen,
      Ein Himmel, der von Milch und Honig träuft,
      Moral im Sinn der Lebensphilosophen:
      Behüt' uns Gott vor allen Katastrophen!
    Bist du's zufrieden? Gut! Und nicht besinnt sich
      Die müß'ge Muse, frisch ans Werk zu gehen.
      Nur eine kleine Frage noch entspinnt sich:
      Um Etwas doch muß unser Lied sich drehen.
      Ganz ohne Faden, sei er noch so winzig,
      Vermag selbst Theokrit nicht zu bestehen,
      Man müsste denn in Garten, Wald und Wiese
      Beständig schmausen, wie in Voß' Luise.
    Ein Dorfgeschichtchen? – »Nichts von Dorfgeschichten,
      Die's ohnehin bei jeder Messe schneit!« –
      Was aber soll ich von der Stadt berichten,
      Die Staub umhüllt und Politik entzweit?
      Wir, die wir nicht Culturromane dichten,
      Und wenig nur verstehn vom Geist der Zeit,
      Wie könnten wir von dort uns Heil versprechen,
      Und vollends ein Idyll vom Zaune brechen?
    Doch sieh, was kommt aus jenem Thor gefahren?
      Ein Berner Wäglein, groß genug für Zwei,
      Die es behaglich finden, Raum zu sparen,
      Damit nur Herz am Herzen näher sei.
      Ein treuer Diener, schon mit grauen Haaren,
      Sitzt auf dem Bock in neuer Liverey
      Und lässt von Zeit zu Zeit die Peitsche knallen,
      Hört er im Wagen was wie Küsse schallen. 225
    Denn alles Lieb' und Gute gönnt er ehrlich
      Dem jungen Mann, der jüngst ein Eh'mann ward.
      Er fühlt sich seiner Herrschaft unentbehrlich,
      Ob auch schon längst dem Junker sproß der Bart.
      Nun hat er – ein Rival, doch ungefährlich –
      Sich in die schöne junge Frau vernarrt
      Und schätzt es gleich dem höchsten Gunstbeweise,
      Daß man ihn mitnahm auf die Hochzeitsreise.
    O Hochzeitsreise, Zaubertraum, durch dessen
      Magie wir uns der Wirklichkeit entrücken!
      O Lebenssilberblick, du machst vergessen
      Die Noth der Zeit, die Schuhe; die uns drücken,
      Schlecht Wetter, schlechte Wege, schlechtes Essen!
      Wer wünschte nicht, vom breiten Kutscherrücken
      Beschirmt, selbander in die Welt zu fahren,
      Wie wir's erlebt, mit vierundzwanzig Jahren!
    Fahrt zu, ihr Glücklichen! Ihr habt es gut,
      Ihr müht euch nicht, Idyllen zu erdenken;
      Ihr seid ja selber eins in Fleisch und Blut,
      Und keine Noth der Reime darf euch kränken.
      Wenn Wange träumerisch an Wange ruht
      Und eure Hände zärtlich sich verschränken,
      Reimt wohl auch Mund auf Mund, so ungezwungen,
      So rein, wie's keinem Dichter je gelungen.
    Sagt, wohin geht die Fahrt? – Wie? mir entgegen?
      Schon ließt ihr weit dahinten Frau Bavaria
      Und athmet auf, da ihr auf wald'gen Wegen
      Entronnen seid der städtischen Malaria?
      Triumph! Die Straße will ich euch verlegen;
      Ihr kommt mir wie bestellt. Dies ist fürwahr ja
      Ein Himmelswink, daß aller Zweifel ende;
      Läuft mir mein Stoff nicht förmlich in die Hände? 226
    Getrost, mein Freund! ins Garn sind uns gegangen
      Zwei Hauptfiguren ganz nach deinem Sinn.
      Vor Katastrophen braucht dir nicht zu bangen,
      Ob sie »sich kriegen«, steht nicht mehr dahin.
      Die junge Frau, wie lieblich unbefangen!
      Er sorgenlos, trotz seinem bärt'gen Kinn;
      Und macht uns ihre Zärtlichkeit Beschwerde,
      So sehn wir, gleich dem Kutscher, auf die Pferde.
    Die traben lustig fort. Schon liegt Schwaneck,
      Schwanthalers zahmes Raubschloß, hinter ihnen.
      Nun hebt sich Baierbrunn aus dem Versteck
      Des Walds empor, vom frühen Tag beschienen.
      Der Isar wilde Wasser brausen keck
      In tiefer Felsschlucht. Mit verklärten Mienen
      Begrüßt die schöne Frau das Uferland;
      Ein jeder Grashalm hier dünkt ihr bekannt.
    Denn wo der Isar vielzerrißnes Bette
      Zu grünem Wald- und Wiesenthal sich weitet,
      Liegt eines Klosters friedenreiche Stätte,
      Ein hoher Bau, ansehnlich ausgebreitet.
      Herüber blickt ein Streif der Alpenkette,
      Der kaum den Wunsch zur Welt zurückeleitet;
      Und in der Hut entsagungsvoller Tugend
      Blüht still heran manch eine Mädchenjugend.
    Hier war's, beim öffentlichen Herbstexamen,
      Wo Franz zum ersten Mal Marien sah;
      Man sprach dem Wandrer von den frommen Damen,
      Und ohne viel zu denken blieb er da.
      Vormünder, Mütter und Geschwister kamen,
      Neugier'ge strömten zu von fern und nah,
      Die Nönnchen strebten Ehre einzulegen,
      Denn der Herr Erzbischof war selbst zugegen. 227
    Im Saal, in grünen Sonntagskleidern, sitzt
      Der Mädchenflor, Erwartung in den Blicken,
      Der kleinste Backfisch, tugendhaft erhitzt
      Vom Ehrgeiz, heut den Musterstrumpf zu stricken,
      Dann die Gereiftern, deren Auge blitzt
      Im Vorgefühl, einst Herzen zu bestricken.
      An Schönheit hat Marie, ohn' allen Streit,
      Den Vorrang; minder an Gelehrsamkeit.
    Franz, dessen Auge nicht mehr von ihr weicht,
      Nimmt innig Theil an ihren Prüfungsnöthen.
      Bei jedem ihrer Schnitzer überschleicht
      Sein Angesicht gleich ihrem ein Erröthen.
      Die neuen Sprachen spricht sie rein und leicht,
      Doch läßt sie Cäsar durch Pompejus tödten;
      Auch geographisch sündigt sie gar sehr
      Und sucht den Ararat am rothen Meer.
    Dann aber, als der ganze Mädchenchor
      Zusammenklingt im frommen Festgesange,
      Wie glänzt Mariens edler Alt hervor!
      Welch ein Geheimniß schläft in seinem Klange?
      Durch unsres Wandrers unbewachtes Ohr
      Zieht diese Stimme siegend ein, und lange
      Staunt er bei sich, wie gut zusammentaugen
      Ihr dunkles Lied und ihre hellen Augen.
    Was sag' ich mehr? Das Wandern unterblieb.
      Am ersten Herd sollt' unser Vogel haften.
      Ein offner Brief, den Franz Marien schrieb,
      Gestand, wie schnell sich Aug' und Ohr vergafften.
      Er habe sie um ihre Stimme lieb
      Und nicht so sehr um ihre Wissenschaften.
      »Am Schultisch war auch ich,« schloß er mit Scherzen,
      »Der Erste nie; – wär' ich's in Ihrem Herzen!« 228
    Er war's, und aus dem Kloster in sein Haus
      Führt er das Bräutlein mit der Eltern Segen.
      Zwar, sein Westphalen liebt er überaus,
      Doch fügt er sich des Schwiegervaters wegen
      Und tauscht sein Landgut um ein andres aus,
      Das wenig Meilen von der Stadt gelegen.
      Nun hätt' er, als der Hochzeitlärm verschollen,
      Der neuen Heimath gern genießen wollen.
    Sie lacht dazu und küßt ihn und entgegnet:
      Erst laß die Welt mich sehn, mein Süßer, Treuer!
      Nein, eh der Herbst nicht unser Glück verregnet,
      Wird mir's im eignen Hause nicht geheuer.
      Vielleicht, wenn wir auf Reisen gehn, begegnet
      Uns unterwegs ein hübsches Abenteuer.
      Du magst sie freilich müde sein. Indessen
      Bedenk' doch nur, wie lang ich still gesessen.
    Hier läg' es nah, ein ernstes Wort zu sprechen
      Und über alle Mädcheninstitute,
      Geistlich' und weltliche, den Stab zu brechen.
      So manchem zarten Pflänzchen käm's zu Gute.
      Doch war, die Welt zu bessern, meiner Schwächen
      Geringste stets, zumal wo ich vermuthe,
      Daß sie nicht Dank weiß ihren Kritikern;
      Ich lasse dies Socialpolitikern.
    Auch ist das Paar, das weich im Wagen saß,
      Hier auf der Höhe plötzlich ausgestiegen.
      Zum Strom hinab den schatt'gen Felsenpaß
      Sehn wir Marie am Arm des Gatten fliegen.
      Von freud'ger Wehmuth wird ihr Auge naß.
      Als nun die Klostermauern vor ihr liegen.
      Da sind wir! ruft gerührt die junge Frau aus;
      Dort ist die Schule, Franz, und dort das Brauhaus. – 229
    Giebt's auch ein Klosterheimweh? Ach, der Ort,
      An dem wir jung gewesen, lockt uns immer,
      Und wär' es dunkel, kalt und öde dort,
      Das Herz verklärt ihn mit geheimem Schimmer.
      Sie treten ein; nicht eher will sie fort,
      Als bis sie rasch begrüßt die trauten Zimmer,
      Und von der Ob'rin bis zur Küchenmagd
      Noch Einmal Allen Lebewohl gesagt.
    Man sieht, wenn ich hier wenig Lust bezeige,
      Polemisch vorzugehn, ist's wohlgethan. –
      Nachdenklich klimmt das Paar die jähe Steige
      Zum waldbekrönten Uferrand hinan.
      Dort liegt ein Weiler tief im Laubgezweige,
      Ein blankes Wirthshaus, ein Gehöft daran.
      Johann leert seinen Krug, die Peitsche knallt,
      Fort geht die Reise sonder Aufenthalt.
    Eilt immerhin! Mir aber sei's verstattet,
      Nicht ohne Gruß und Abschied mich zu trennen.
      Wohl hat's der Ort, so heimlich grün verschattet,
      Um mich verdient, bei Namen ihn zu nennen.
      Wenn lange Wintermühen mich ermattet
      Und Münchens Sommer schwer begann zu brennen,
      Dem Lechzenden nach Frieden und Natur –
      Du botst ihm Zuflucht, Ebenhausens Flur!
    Es mögen Andre andre Stätten loben;
      Mir aber sei vor allen du gepriesen,
      Du stillster Fleck der Welt! Vom Hügel droben
      Wie labt den Blick Walddunkel, Grün der Wiesen,
      Und fern, mit zartem Aetherduft umwoben,
      Die hehre Kette der Gebirgesriesen!
      Tief blaut der Horizont, für jedes kühne
      Gewitterschauspiel die erhabne Bühne. 230
    Gesegnet seist du mir! – Doch nun im Fluge
      Lebwohl! Zu viele Lyrik möcht' uns schaden.
      Längst wurden ja verpönt mit gutem Fuge
      Buntscheckig lyrisch-epische Tiraden.
      Auf, mein Idyll, und jetzt in frischerm Zuge,
      Denn sieh, es wimmelt rings auf allen Pfaden,
      Und unser Paar hört im Vorübersausen,
      Es geb' ein großes Fest in Wolfrathshausen.
    Dies Wolfrathshausen, das, so viel ich weiß,
      Noch kein Poet gewürdigt zu besingen,
      Nährt vierzehnhundert Seelen, oder sei's
      Ein hundert drüber, die sich vorwärts bringen
      In mancherlei Gewerb. Besondern Fleiß
      Bewähren sie mit rühmlichem Gelingen
      Im Bierconsum. Auf je zweihundert Seelen
      Konnt' ich – beiläufig nur – Ein Brauhaus zählen.
    In Anbetracht, wie segensreich er wirke,
      Ward dieser Flecken denn an höchster Stelle
      Zum Haupt erwählt dem ganzen Landbezirke;
      (Gern sitzt die Göttin Themis an der Quelle.)
      Und daß man heut die Ehre nicht verwirke
      Und neuen Glanz dem alten zugeselle,
      That jeder Bürger ungemahnt sein Bestes
      Zu würdiger Verherrlichung des Festes.
    So manche Kunst versteht das Volk in Bayern,
      In der wir Nordische nur Stümper sind.
      Fern sei's, den alten Hader zu erneuern,
      Ob Süd-, ob Norddeutsch mir den Preis gewinnt.
      Doch daß man hier zu Land im Festefeiern
      Es uns zuvorthut, weiß ein jedes Kind.
      Hoch geht es her im ärmlichsten Gebirgsnest,
      Geschweige bei so stattlichem Bezirksfest. 231
    Seht, wie das Städtchen bunt in Blumen lacht,
      Indeß die Glocke ruft zur Feierstunde!
      Ein lauer Wind in goldner Sonne macht
      Blauweiße Fähnlein tanzen in der Runde.
      Die Flut der klaren Loisach schäumt mit Macht,
      Die Wiese kühl umarmend, dort im Grunde;
      Hoch ob den Häusern und der grünen Halde
      Blickt der Calvarienhügel aus dem Walde.
    Und welch Gewühl! Den Rundhut auf den Köpfen
      Die Männer, jung und alt in kurzen Jankern,
      Mit Zwanzigern gespickt und Silberknöpfen,
      Die Frau'n in Ottermützen oder schlankern
      Filzhütchen auf den breitgeflocht'nen Zöpfen,
      Auch wohl ein Münchner Kind mit seinem blankern
      Goldriegelhäubchen – Alles drängt sich munter
      Zum Festplatz nach der Insel dort hinunter.
    Sieh, unser junges Paar verläßt den Wagen
      Und schwimmt im Strome mit, erwartungsvoll.
      Man hat im Grunde Hütten aufgeschlagen,
      Um die das Fest drei Tage kreisen soll.
      Inmitten sieht man ein Gezelte ragen
      Für die Behörden. Das Gewühl umschwoll
      Die Thier- und Bier- und Akrobatenbuden,
      Die mit Trompetenklang zum Eintritt luden.
    Wer aber achtet drauf! Denn eben naht
      Der Festzug dort, und wie von je geschehen,
      Obwohl die Praxis wenig für sich hat,
      Hebt sich sofort ein Jeder auf den Zehen.
      Voran erscheint in vollem Feierstaat
      Mit seidnen Binden, die vom Sattel wehen,
      Der Kern der Bürgerschaft zu Roß; es reiten
      Ein Dutzend Bauern stolz zu beiden Seiten. 232
    Musik begrüßt sie und ein frohes Brausen
      Im Volk, da durch den grünen Ehrenbogen
      Heranzieht der Senat von Wolfrathshausen.
      Flugs theilen sich des Volkes dichte Wogen,
      Und vom Calvarienberg in kurzen Pausen
      Kommt Böllerknall und Pulverdampf geflogen,
      Daß alle Rosse kühn die Ohren spitzen
      Und mancher Reiter Noth hat, fest zu sitzen.
    Der Cavalcade folgt die Festkapelle,
      Darnach ein Wagen, den vier Rosse ziehn.
      Des Königs Bild auf blumigem Gestelle
      Thront unter goldgesäultem Baldachin.
      Langsam bewegt der Bau sich von der Stelle
      Fähnlein und Kranzgewind' umflattern ihn;
      Vier Kinder stehn mit ländlichem Geräth
      Hüben und drüben um die Majestät.
    Im nächsten Wagen sitzen reihenweis
      In Blumenschmuck zwölf junge Spinnerinnen.
      Die Rädchen schwenken sich mit hurt'gem Fleiß,
      Als spänn' ein jedes heut am Hochzeitslinnen.
      Im dritten geht die Arbeit laut und heiß,
      Da viele Hände dort den Flachs gewinnen;
      Stumm und bescheiden folgt das vierte Dorf,
      Ein Mann von Egling schichtet hier den Torf.
    Und jetzt, vom Würmsee abgesandt, zwei Nachen,
      Die schönbekränzt blauweiße Wimpel schwenken,
      Zwei Schiffermädchen steuern sie und lachen,
      Daß sie die Ruder in die Luft versenken.
      Die Fischer wollen auch sich Ehre machen,
      Hier fällt das Netz, hier dörren sie die Renken;
      Ein Räucherofen dampft am Steuer dort,
      Und leckre Fische fliegen über Bord. 233
    Sieh, welch ein Riesenfaß, an dessen Wucht
      Sechs Rappen keuchen, schwankt daher die Gasse!
      Das Heidelberger kaum, so viel besucht,
      Vergliche sich dem Eurasburger Fasse.
      Ein Treppchen führt in seiner Rippen Schlucht,
      Einladend, daß man dort sich niederlasse,
      Denn drinnen winken gastlich Tisch und Bänke,
      Zum kühlen Keller wird die Tonnenschenke.
    Auch fehlt es nicht in dieser bunten Menge
      An kühnem Schwung symbolischer Ideen.
      Dort lassen sich, friedfertig trotz der Enge,
      Die Jahreszeiten, dort die Monde sehen,
      Und hier, umkränzt von dunklem Laubgehänge,
      Lernt man die Bürgertugenden verstehen,
      Denn Otterfings Schuljugend stellt den Wehrstand
      Figürlich dar, zusammt dem Lehr- und Nährstand.
    So ziehn mit Feierklang der Wagen achtzehn
      Vorbei; mein Ebenhausen macht den Schluß.
      Hier sollt ihr erst die reichste Blumenpracht sehn:
      Ein Sennerhüttlein fährt von Kopf zu Fuß
      Umlaubt einher. Dahinter schreiten sacht zehn
      Bekränzte Kühe. In lebend'gem Fluß
      Ein Brünnlein plätschert draußen vor der Hütte,
      Und eine schlanke Sennin füllt die Bütte.
    Zweimal umkreis't der Zug mit dumpfem Hallen
      Der Heerdenglocken stolz den Wiesenplan.
      Die Arbeit rührt sich auf den Wagen allen,
      Wenn sie den »Spitzen der Behörden« nahn.
      Vom Berg tönt unermüdlich Böllerknallen,
      Und manch ein Vivatruf steigt himmelan;
      Max und Marie läßt man mit Donnern leben,
      Und ein gestrenges Landgericht daneben. 234
    Marie – wo blieb die unsre? Seht, sie steigt
      Mit ihrem Franz dort von der Ehrenbühne.
      Wer ist der Fremde, der sich keck verneigt,
      Der in der Joppe, der das schiefe grüne
      Jagdhütchen trägt? Sein muntres Auge zeigt,
      Er sei nichts weniger als Misogyne.
      Auch ließ er flugs, da er Marie gesehen,
      Zwei schmucke Wolfrathshäuserinnen stehen.
    Die junge Frau begrüßt ihn ungezwungen
      Und stellt ihn Franz als ihren Vetter vor.
      Mit Lachen denkt sie alter Huldigungen
      Und spricht von einem Hof- und Gartenthor
      Und manchem losen Streich des wilden Jungen.
      Franz aber wird einsilb'ger, als zuvor.
      Erwachs'ne Vettern glauben gern, sie müssen
      Auch noch als Frauen ihre Mühmchen küssen.
    Zwar solch ein Aufbruch zärtlicher Gefühle
      Ward abgewehrt. Doch blieb er ihr zur Seite,
      Führt' aus der Wagen kreisendem Gewühle
      Sie im Triumph hinaus, wo an die breite
      Festwiese grenzt ein Schattendach voll Kühle,
      Und war bemüht, dort, als der Eingeweihte
      In jeden Landesbrauch, den Wirth zu machen;
      Ja schlimmer noch: er brachte sie zum Lachen.
    Sieh, sprach er, da sie nun im Grünen saßen
      Und ländlich sittlich »Schweinernes mit Kraut,«
      Das einz'ge Festgericht des Tages, aßen,
      Wir pflegen hier so friedlich unsrer Haut
      Und werden endlich satt, gewissermaßen,
      Indeß man dort noch nicht dem Frieden traut
      Und väterlich in schwerer Waffentracht
      Den Mittagsschlaf des guten Volks bewacht. 235
    Dieß, schönes Mühmchen, ist die Bürgerwehr
      Von Wolfrathshausen, tapfre Kameraden.
      Zwar taugen sie zum Felddienst wenig mehr,
      Und pflegen seltner scharf als schwer zu laden;
      Doch späh'n sie heute pflichtgetreu umher,
      Und wer die Ruhe stört, Gott mög' ihm gnaden!
      Er wird die Strenge der Gesetze spüren,
      Den Rausch verschlafend bei verschloßnen Thüren.
    Wie? winken heut noch größre Heldenthaten?
      Welch ein Getümmel! Ein Zigeunerweib,
      Das sich gelüsten ließ nach fremdem Braten.
      Sie reißen ihr die Kleider schier vom Leib.
      Indessen schlägt ihr Sohn – wie wohlgerathen! –
      Im Sande Rad; ein würd'ger Zeitvertreib!
      Seht, Vetter, dort die kleine Wetterhex'
      Im grünen Kleid; kein garstiges Gewächs!
    Doch, wie mir scheint, verderben sie die Luft.
      Ich dächte, daß wir aus dem Winde gingen.
      Cousine, sprich: Willst du den langen Schuft
      Von Gaukler sehn ein blankes Schwert verschlingen?
      Lockt dich der Seiltanz, wo Bajazzo ruft?
      Wie? oder soll'n wir unsre Huld'gung bringen
      Der wackren Kuh, die, wie der Zettel zeigt,
      Ein Kalb mit zwei lebend'gen Köpfen säugt? –
    So plaudert er. Es war kein Arg dabei,
      Und arglos lacht Marie. Doch den gestrengen
      Ehmann bedünkt, daß es vom Uebel sei,
      Uneingeladen hier sich aufzudrängen.
      »Sind wir uns selber nicht genug, wir Zwei?
      Was braucht der Schwätzer sich uns anzuhängen?
      Zur Eifersucht neig' ich wahrhaftig nicht,
      Nein! doch entbehrlich scheint mir dieser Wicht.« 236
    Noch ärger kommt's. Nachdem er lange Stunden
      Im Volksgedräng unlustig ausgeharrt,
      Am Pferderennen wenig Trost gefunden
      Und auch der Thierschau herzlich müde ward –
      Der Sonne Glanz ist schon hinabgeschwunden,
      Am Himmel steht ihr blasser Widerpart –
      Horch! in den Saal lockt der Musik Geschmetter,
      Und einen Tanz versprach Marie dem Vetter.
    Sei's um den einen Tanz! Doch keinen zweiten,
      Obwohl die Lust ihr aus den Augen blitzt.
      Noch liegt ihr Rastort für die Nacht im Weiten,
      Und eh' sie vor der Fahrt sich mehr erhitzt,
      Eilt Franz, sie an den Wagen zu begleiten,
      Wo reisefertig schon ihr Diener sitzt.
      Der Vetter merkt zu spät, daß sie entrannen,
      Und durch die Nacht rollt ihr Gefährt von dannen.
    Welch eine Nacht! Die Sterne feuerwerken
      Und spielen Ball mit goldnen Meteoren;
      Der Mond beginnt an Macht sich zu verstärken,
      Indeß die Berge silbern sich umfloren.
      Doch sie, die kaum auf all den Zauber merken,
      Sind völlig in ihr junges Glück verloren.
      Er küßt die Augen, draus mit Liebesmacht
      Sein Himmel ihm gestirnt entgegen lacht.
    Doch ihr getreuer Wagenlenker braucht
      Sich nimmer zu bemühn mit Peitschenknallen,
      Denn während sie von Waldesduft umhaucht
      Hinrollen und die Geigen fern verhallen,
      Ist er so ganz in Tiefsinn eingetaucht,
      Daß schier die Zügel seiner Hand entfallen,
      Und Menschenkenner merken's auf der Stelle:
      Der Gute saß zu lang heut an der Quelle. 237
     
    
     
    Zweiter Gesang.
    Wie nun, mein Freund? Wir hätten Ein Kapitel –
      Kein allzu kurzes – glücklich überstanden,
      Der Himmel weiß, ein Zwölftel, Neuntel, Drittel
      Des Lieds, das aus dem Stegreif wir erfanden.
      Nun lege dich mit gutem Rath ins Mittel,
      Denn schändlich wär's, bestünden wir mit Schanden.
      Ist dies die rechte Sorte von Idyllen?
      Wie, oder reut dich unser Pakt im Stillen?
    Du schweigst? O nein, sprich unverblümt und offen.
      Ach, seit ich lernte meine Strophe bauen,
      Hat manch ein kritisch Wetter mich betroffen,
      Durch das ich schritt in stillem Gottvertrauen.
      Und darf ich heut nicht um so dreister hoffen,
      Mich unter deinem Schild herauszuhauen?
      Hab' ich die Ausflucht nicht zur Hand: Ei was da!
      Es wurde so bestellt, und damit basta –?
    »Und dennoch Freund: Aus dem Idyll wird nichts!«
      Nichts? das ist wenig. – »Hab' ich's doch gewußt:
      Du warst gewärtig milderen Gerichts.
      Doch mein' ich, daß du selbst bekennen mußt,
      Sehr dunkel sei die Zukunft des Gedichts.« –
      Wohl! doch bedenk' den Müh- und Zeitverlust,
      Geb' ich es auf. – »So laß den ersten schmucken
      Gesang gelegentlich als Bruchstück drucken. 238
    »Er ist an sich nicht übel.« – Sehr verbunden! –
      »Nein, in der That: du hast ganz art'ge Dinge
      Und manchen lobenswerthen Reim gefunden.
      Doch dieser Ruhm ist, dünkt mich, nur geringe.
      Soll nicht ein Kunstwerk seelenvoll sich runden
      Zum Bild der Ewigkeit, zum Schlangenringe?
      Dein Faden aber fliegt – du mußt verzeihn –
      Wie Weibersommer in den Tag hinein.« –
    Wohl wahr! – »Denn siehst du, wohin soll es führen?
      Begleiten wir so blindlings unser Paar,
      Was willst du machen, wenn sie Lust verspüren
      Nach Welschland, nach Florenz, nach Rom sogar?« –
      Wohl wahr! – »Dann mußt du, statt das Herz zu rühren,
      Was immer doch das Ziel der Muse war,
      Ernst Försters Handbuch, nicht genug zu schätzen,
      Als Nothbehelf in Stanzen übersetzen.« –
    Wohl wahr. Doch alles dies, mein Theurer, hätten
      Wir etwas früher nur bedenken sollen.
      Ob wir die Stirne runzeln oder glätten –
      Der Hochzeitsreisewagen ist im Rollen.
      Und käm' ein Gott, er könnte nichts mehr retten,
      Zu hoch schon sind die Strophen angeschwollen.
      Laß dich geduldig nun vom Strome treiben,
      Denn mein Geschmack ist's nicht, Fragmente schreiben.
    Zwar wär' es leicht, dieß Flitterwochenlied,
      Das unabsehlich scheint, alsbald zu kürzen,
      Den Faden, der sich dünn ins Blaue zieht,
      Zum Knoten, zum dramatischen, zu schürzen.
      Allein, was »Katastrophen« ähnlich sieht,
      Ward ja verpönt. Ohn' euch zu überstürzen,
      Zieht eure Straße ruhig fort, Octaven!
      Ihr seht, die Leutchen haben ausgeschlafen. 239
    So gut, daß bei des Herbstes Morgenfrische
      Sich Wanderlust in ihren Herzen regt.
      Der Wirth betheuert, daß sie noch vor Tische
      Ein leichter Schritt bequem nach Kochel trägt,
      Und am Gebirge dort der zauberische
      Frühduft, der wie ein Schleier sich bewegt,
      Verheißt Bestand den klaren Sommertagen;
      So senden sie getrost vorauf den Wagen.
    Nun also wandern sie. Der runde Hut
      Beschattet kühl der jungen Frau die Wangen.
      Aus ihrem Blick lacht reinste Lebensglut;
      Vom muntern Hauch des Morgenwinds umfangen
      Hüpft sie, wie die Forelle durch die Flut,
      Dahin die Straße. Keine Vögel sangen,
      Nur wilde Tauben schwirrten durch das Laub,
      Und Eichelhäher flogen aus auf Raub.
    Sie aber sang. Denn stumm des Weges ziehen,
      Wer könnt' es, wenn er jung und glücklich ist?
      Da singt und klingt die Brust von Melodieen,
      Daß sich des kühnsten Jodelrufs vermißt,
      Wem nur ein schüchterner Tenor verliehen.
      Sie aber wählt den Text mit arger List.
      Sie sang: »Kennst du das Land? dahin, dahin –«
      Was liegt dem kleinen Feuerkopf im Sinn?
    Franz – und ich fürcht', es wird ihm Schande machen
      Bei unsrer Leserin – sein Geist entfloh
      Der holden Gegenwart, er träumt im Wachen.
      Zwar scheint er herzlich seines Lebens froh,
      Doch ist er ganz vertieft in andre Sachen,
      Waldstreu, Drainage, Guano, Heu und Stroh,
      Ob Kalkphosphat zum Düngen hier verwandt wird,
      Und was noch Alles denkt ein junger Landwirth. 240
    Einst hört' er nicht mit gleicher Seelenruh,
      Wir wissen's ja, die »dunkle Stimme« klingen.
      Doch einem Ehemann kommt Andres zu.
      Sie merkt, sein Herz ist fern von ihrem Singen,
      Und plötzlich bricht sie ab: Was meintest du,
      Wenn wir »dahin«, o mein Geliebter, gingen? –
      Wohin, mein Schatz? – Wo die Citronen blühn. –
      Bei meiner Seele, Kind, das find' ich kühn. –
    Doch herrlich, Franz! Dort öffnet sich die Mauer
      Des Hochgebirgs; das ist Italiens Thor.
      Mit jedem Schritte wird der Himmel blauer,
      Und drüben stehn die Rosen noch in Flor.
      Wie oft sehnt' ich hinüber mich voll Trauer,
      Wenn noch im Mai ein Bäumchen uns erfror.
      Dann, wenn ich las von den Orangenhainen
      Mit ihrem ew'gen Frühling, mußt' ich weinen.
    Und jetzt – wer hindert uns? O Franz, nicht wahr?
      Ein Honigmond in Rom, ein Honigwinter! –
      Du scherzest, Kind. Ein Landwirth, der ein Jahr
      Auf Reisen zubringt, keine Seide spinnt er. –
      Wär's weiter nichts? Der Vetter meint sogar – –
      Wie? unser werther Vetter steckt dahinter? –
      Nun ja, ich ließ mir viel von ihm erzählen;
      Er rieth, den Seeweg keinenfalls zu wählen. –
    Er rieth? Was solch ein Geck sich nur erlaubt!
      Wer trug denn schon nach seinem Rath Verlangen?
      Der eitle Schwätzer täuscht sich, wenn er glaubt,
      Man müss' ihn stets mit offnem Arm empfangen.
      Mir bleib' er fern. Es scheint mir überhaupt,
      Du seist zu freundlich mit ihm umgegangen. –
      Ich? Seh' ich doch nicht ein, was ich verschuldet! –
      Hast du ihn nicht den ganzen Tag geduldet? – 241
    Und sollt' ich nicht? Was that er uns zu Leide? –
      Du fragst, Marie? Nun freilich, ich vergaß:
      Es war ein Wahn, daß gestern für uns Beide
      Der Tag verloren ging in gleichem Maß.
      Wenn ich Gesellschaft neben dir vermeide,
      Du wünschest sie, dir ist sie lieb, ich sah's.
      Da muß dir's wohl, wenn erst die Flocken treiben,
      Zu öde sein, mit mir allein zu bleiben. –
    Franz! – Nein gewiß, ich sag' es ohne Groll;
      Denn du hast Recht: die Wünsche sind verschieden.
      Ich zahlte schon der Weltlust meinen Zoll
      Und freute mich auf meines Hauses Frieden.
      Du blickst nach allem Neuen sehnsuchtsvoll,
      Des Hauses Segen war dir nie beschieden;
      Nun wohl, so magst du aus Erfahrung lernen,
      Ob unser Glück uns blüht in weiten Fernen! –
    Sie schwiegen Beide. Wie geschah es nur,
      Daß sie nun nicht mehr Arm in Arme gehen?
      Sein Blick verfolgt im Gras des Wildes Spur,
      Indeß die Augen ihr in Thränen stehen.
      Mit mütterlichem Gram scheint die Natur
      Die feindlichen Verliebten anzusehen;
      Die schöne Sonne schickt sich übel heute
      Zum ersten Trutztag junger Eheleute.
    Allein Gottlob, an ihrem linden Strahl
      Zerschmilzt sein Unmuth. – Herz, ich that dir wehe;
      Vergieb! Mir ist nun dieser Mensch fatal,
      Doch deinethalb ertrag' ich seine Nähe.
      Nur sei mir hold! – Da blickt sie den Gemahl
      Durch Thränen an: Wenn ich dich mißverstehe,
      So hab' Geduld mit mir, mein liebster Mann!
      Ich bin ein Kind und kindisch dann und wann. – 242
    Ein Händedruck, ein Kuß – die Liebe siegt,
      Der Friede des Idylls ist neu gerettet.
      Nun wieder traulich Arm in Arm geschmiegt
      Hinwandern sie, nur inniger verkettet.
      Wie still die Welt! Bei seiner Heerde liegt
      Der Hirt, der Pflüger ruht ins Heu gebettet,
      Die ew'gen Berge wachsen himmelwärts
      Und an den Bergen wächs't empor das Herz.
    O schönes Wandern dem Gebirg entgegen,
      Das ruhig, groß und einsam deiner harrt!
      Du fühlst, hier weht der Freiheit reiner Segen
      Und eines Gottes stille Gegenwart.
      Indeß die Füße sich von selbst bewegen
      Und wie gebannt dein Blick zum Gipfel starrt,
      Gedenkst du angesichts der Felsenriesen
      An Alles, was sich groß und stark bewiesen.
    An Liebe, Ruhm, der Jugend Ideale,
      Die einst so hoch, so herrlich dir gewinkt.
      Wie langsam dann im heißen Mittagsstrahle,
      Trug dich der Fuß, so stürmisch erst beschwingt!
      Weit ist der Weg, und Manchen trifft im Thale
      Die Nacht, so daß er nie zur Höhe dringt;
      Denn täuschend liegt der hehre Gipfel da
      Noch stundenweit, und scheint zum Greifen nah.
    So in die Wolken ragt empor die Wand
      Der Alpenburg am Kochelsee-Gestade.
      Zu Füßen dem gewalt'gen Herzogstand
      Schläft friedenvoll die Flut und lockt zum Bade.
      Hier steht das Paar. Beflügelt Hand in Hand
      Erklommen sie die letzten Hügelpfade,
      Und alle Mühsal langer Wegesstunden
      Wie ward sie reich belohnt und rasch verwunden! 243
    Sie lagern sich im Gras, sie athmen selig
      Die Kühle, die herauf vom Wasser haucht;
      Sie sehn dem Vogel zu, der weich und wählig
      Die Flügelspitzen in die Wellen taucht.
      Da meldet das Bewußtsein sich allmählig,
      Daß nicht allein die Seele Nahrung braucht,
      Und ihr Johann bringt sehr zur rechten Zeit
      Die Botschaft: Herr, das Essen ist bereit.
    Allein der Muse würd' es schlecht behagen,
      Verweilte sie bei Knödeln, Schmarren, Strauben,
      Die man im Herrenstübel aufgetragen.
      Zwar nicht von ferne möcht' ich mir erlauben,
      Mich über Kochel's Küche zu beklagen;
      Doch vor der Venus Wagen flattern Tauben,
      Backhähndel nicht. Wir lassen sie beim Schmaus
      Und eilen an den Gießbach rasch voraus.
    Steil klimmen wir, entgegen seinem Falle,
      Den Kesselberg hinan. Zur Seite ragen
      Heimgarten, Jocheralp, die Gipfel alle,
      Wo niedre Fichten nur zu grünen wagen,
      Umsprüht vom Wassersturz, umtos't vom Schalle.
      O Lust, sich bis zur Höhe durchzuschlagen,
      Und hier, den einen See im Rücken, grüßen
      Wir einen neuen schon zu unsern Füßen.
    Hoch über seinem sonnigen Nachbar liegt
      In finstrer Majestät der Walchensee,
      Die purpurgrüne Alpenflut geschmiegt
      An dunkle Wände, die ihn drohend jäh
      Umufern. Seine Spiegelfläche wiegt
      Den Wiederschein von ferner Gipfel Schnee.
      Bergeinsamkeit! mit scheuem Fittig schwanken
      Hier überm Todesabgrund die Gedanken. 244
    Und wo die Tanne schwarz am Felsenhang
      Aufragt, die Wächt'rin, die den Hohlweg hütet,
      Ruh'n wir im Kühlen aus von unserm Gang.
      Sagt, die ihr euch mit uns heraufbemühtet,
      Wie wär's, wenn plötzlich mit Gewitterklang
      Der See, der drüben stumm und öde brütet,
      Anwüchse durch den Paß und seine Wogen
      Vom Kesselberg zur Tiefe wälzt' im Bogen?
    Denn oft, wenn Sternendämm'rung um die Zacken
      Der Alpen spielt, taucht aus der Walchennix
      Und krümmt mit Stöhnen seinen schupp'gen Nacken,
      Weil ihn die Kochelnymphe keines Blicks
      Der Liebe würdigt. Könnt' er nur sie packen,
      Wenn sie ihn spöttisch grüßt mit glattem Knix!
      Doch reisen Wassergötter, wie bekannt,
      Gleich andern Fischen, niemals gern zu Land.
    So glaubt sich denn die schöne Nymphe sicher,
      Und hört sie Nachts sein schmachtendes Gestöhn,
      Verspottet sie's mit silbernem Gekicher,
      Daß rings das Echo lacht von allen Höh'n.
      Wie aber wär's, wenn jetzt mit fürchterlicher
      Gewalt, geschürt vom schwülen Hauch des Föhn,
      Zur Rache sich der Walchennix entschlösse
      Und durch den Engpaß seine Flut ergösse?
    Hin ras'te sie mit wolkenhohen Schäumen
      Und donnerte zu Thal ins offne Becken
      Des Kochelsees, aus ihren Mittagsträumen
      Das schöngeschwänzte Seeweib aufzuschrecken.
      Die sieht den Gischt zum Herzogstand sich bäumen,
      Sieht ihren Feind die Arme nach ihr strecken
      Und stürzt hinaus zur Ebne; doch alsbald
      Strömt er ihr tobend nach durch Flur und Wald. 245
    Dann wär' es herrlich, hoch im Paß zu stehen
      Und auf das wirbelnde Gewühl und Brausen
      Vom Jocheralpengrat hinabzusehen,
      Wie Bäum' und Felsen in die Tiefe sausen;
      Dann – – doch wie würd' es dann dem Paar ergehen,
      Das eben jetzt, gestärkt durch Ruh' und Schmausen,
      Das Joch erklimmt? Die Hochzeitsreise fände
      In Katarakten hier ein traurig Ende.
    Der Himmel sei gepriesen, daß zur Frist
      Der Kesselberg noch trocken blieb und gangbar,
      Und daß die Mähr von diesem Nixenzwist
      Ein Traum der Phantasie, ein müß'ger Schwank war,
      Kunstmittel, wie ein reimender Tourist
      Sie wohl gebraucht, sobald sein Stoff nicht dankbar.
      Doch wird es Zeit, daß wir zu Nutz und Frommen
      Des Liedes wieder unter Menschen kommen.
    Wie geht's euch, meine Freunde? Wohl geruht
      Und wohl gespeis't? – So scheint's. Ihr wandert wieder,
      Und freilich, nur ein frevler Uebermuth
      Vertraut dem Wagen hier gesunde Glieder.
      Langsam bergauf müht sich das junge Blut,
      Ihr Plaudern schweigt und vollends ihre Lieder,
      Und als Marie des Weges Höh' erstiegen,
      Sinkt sie ins Moos und seufzt: Hier bleib' ich liegen.
    Doch nun hat's keine Noth. Nur wenig Schritte,
      So ist der Strand des Walchensees erreicht.
      Am Berge dort lehnt eine Schifferhütte,
      Und bald trägt sie ein Nachen vogelleicht
      Dahin, als ob er stromhinunter glitte.
      Die Fergin – dieses Wort, das euch vielleicht
      Befremdet, such' ich wieder einzuführen –
      Die Fergin scheint die Mühe kaum zu spüren. 246
    Dem Blick, der über Bord hinunter irrt,
      Schwindelt, versenkt in die smaragdne Tiefe,
      Die strudelnd nie ein Ruderschlag verwirrt.
      Pfadlos in schroffem Absturz geht die schiefe
      Felswand hinunter, und berichtet wird,
      Daß wer in jenem Wellenabgrund schliefe,
      Von keinem Ankerseil und Taucherblei
      In seinem dunklen Bett zu stören sei.
    Ja, spricht die Frau, er stellt so fromm sich an
      Und ist doch schlimm, wie alle falschen Frommen.
      Sein Opfer will er. Erst den Vater, dann
      Die Mutter auch hat mir der See genommen.
      Ich treib' es halt so fort, so lang ich kann,
      Und endlich wird an mich die Reihe kommen,
      Weil eine Strömung durch die Wellen geht,
      Wen die ergreift, der spricht sein letzt Gebet.
    Umwenden möcht' er, und er kann's nicht mehr
      Und muß zerschellen an den nackten Wänden.
      's ist wie behext. Auch Mancher kommt weither,
      Nur um sein armes Leben hier zu enden;
      So thut's der See ihm an. Die Sünd' ist schwer,
      Doch zieht es ihn hinunter wie mit Händen,
      Und weder Spruch noch Weihung hat Gewalt,
      Noch die Kapellen drüben unterm Wald. –
    Bleich lehnt Marie ihr Haupt an Franzens Wange:
      Ist's wahr, daß dieser See auf Opfer lauert?
      Mir schlägt das Herz so ahnungsvoll, so bange;
      Sieh nur wie rings die öde Landschaft trauert! –
      Er aber spricht: Du wandertest zu lange;
      Nun hat die Nachtluft kühl dich überschauert.
      Schlaf thut dir noth. Glaubst du an Schiffermährchen?
      Der See ist zahm und krümmt dir nicht ein Härchen. – 247
    Am Ufer steht ein Haus. Die Welle fließt
      Breit durch den Thorweg ein, der statt der Wagen
      Die Nachen, die gelandet sind, umschließt.
      Du siehst genüber an der Straße ragen
      Ein stattlich Wirthshaus. Mehr jedoch genießt
      Der Aussicht, wer sein Lager aufgeschlagen
      Im kleinern Hause dicht am Uferrand;
      Er hat Gebirg und See aus erster Hand.
    Hier landet unser Paar. Aus niedrem Zimmer
      Sehn sie des Himmels Wölbung überm Wasser,
      Des Mondes kämpfend zweifelhaften Schimmer,
      Den Abendschein, der blasser wird und blasser.
      Man hört der Welle Spiel, die plätschernd immer
      Die Mauer anspült – wer, wie der Verfasser,
      Zu Träumen neigt, der mag an diesem schönen
      Einsamen Ort recht seiner Schwäche fröhnen.
    Franz aber schickt sein junges Weib zur Ruhe
      Und sitzt, bis sie entschläft, an ihrem Bette.
      Er starrt vertieft auf ihre winz'gen Schuhe
      Und alle Zierlichkeit der Brauttoilette.
      Die Zeit ist nicht so fern, wo eine Truhe
      Voll Gold er gern darum gegeben hätte,
      So nah der Liebsten Schlummer zu belauschen;
      Auch jetzt möcht' er mit keinem Gotte tauschen.
    Doch dunkelt's um ihn her, eh' er's gedacht,
      Kaum sieht er noch ihr Angesicht im Kissen.
      Nun steht er auf und schleicht zum Fenster sacht,
      Da lockt der See in Mondesdämmernissen
      Zur Fahrt hinunter in die laue Nacht.
      Sein schlafend Liebchen wird ihn nicht vermissen,
      Auch könnt' er hier auf seinem Wächterposten
      Nicht Walchensees berühmte Fische kosten. 248
    Zurück vom Fenster tritt er schon, da fällt
      Sein Blick auf einen flinken Fischernachen,
      Der näher kommt und jetzt am Ufer hält.
      Wer springt heraus? Ist das des Vetters Lachen?
      Der Mensch, der gestern ihm den Tag vergällt,
      Muß er auch heut das Land unsicher machen?
      Und wenn er nun sie suchte, hier am Ende
      Einsam im Schlaf sein schönes Mühmchen fände?
    Doch dafür stecken Schlüssel in den Thüren.
      Er tritt ans Bett – sie schläft, fest wie ein Kind.
      Er kann im Kuß die schöne Stirn berühren,
      Sie regt sich nicht. Da stiehlt er sich geschwind
      Zur Thür hinaus, ein Boot sich zu erküren
      Von denen, die im Haus gelandet sind.
      Den Schlüssel, der ihm seinen Schatz verwahrt,
      Trägt er mit fort, recht nach der Geiz'gen Art.
    Er horcht noch unten – Alles schweigt im Haus.
      Sacht lös't er sich ein Fahrzeug von der Kette
      Und gleitet in den nächt'gen See hinaus,
      Der schlummert in gediegner Spiegelglätte.
      Bald streckt er sich im Kahn behaglich aus,
      Vom Mantel zugedeckt im schmalen Bette,
      Und sicher, daß kein Aug' ihn überrasche,
      Zieht er den treuen Schlüssel aus der Tasche.
    Er blickt ihn zärtlich an, er steckt ihn wieder
      Sorgfältig ein und seufzet: O Marie! –
      Wie hell die Nacht! Er schließt die Augenlider
      Und denkt im Finstern immer fort an sie.
      Die Welle schwankt am Nachen auf und nieder
      Und wiegt ihn ein mit leiser Melodie,
      Und unvermerkt hat überm schauerlichen
      Meertiefen Abgrund ihn der Schlaf beschlichen. 249
     
    
     
    Dritter Gesang.
    Im Jahr des Heils und jenes Prachtkometen,
      Der uns gereift des Achtundfünfz'gers Blüte,
      Wagt schüchtern nur ein Lied hervorzutreten,
      Das nicht vom Hauch des jungen Weines glühte.
      Allein zu Ehren eines lang Verschmähten
      Gährt mir ein andrer Hymnus im Gemüthe:
      Sei mir gegrüßt, du Held im Schaumgelock,
      Streitbarer Männer Sieger, edler Bock!
    Dich bringt der Frühling mit als Bundsgenossen,
      Du thaust den letzten Märzenschnee hinweg.
      Der Sonnenschein ist dir ins Blut geflossen,
      Und Veilchen sprießen auf an deinem Weg.
      Bescheiden ist dein Ruhm; doch unverdrossen
      Wirkst du das Gute. Wenn im Winter träg
      Der Geist umnebelt, dumpf die Sinne waren,
      Du glühst sie auf zum Großen, Schönen, Wahren.
    Und nicht das Zwielicht dampfdurchwölkter Schenken,
      Den Mittag liebst du und der Gärten Frische.
      Hier finden sich auf brüderlichen Bänken
      Hoch und Gering in traulichem Gemische;
      Den Knechten nah, die seine Pferde lenken,
      Der Staatenlenker vom Ministertische,
      Pedell, Professor, Famulus, Student –
      Du spülst hinweg die Schranke, die sie trennt. 250
    Es wird von jenem Trevi-Quell berichtet,
      Daraus man ew'ges Heimweh trinkt nach Rom,
      Sehnsucht, die unermüdlich denkt und dichtet,
      Nur Einmal noch zu schau'n Sanct Peters Dom.
      So hat auf München nie ein Herz verzichtet,
      Das je hinabgetaucht in deinen Strom.
      So rasche Wurzeln hier geschlagen hätt' ich
      Nie ohne dich und deinen Freund, den Rettig.
    Kurz ist dein Weilen. Wen die Götter lieben,
      Der endet jung. Doch eine tiefe Spur
      Von deiner Allmacht ist zurückgeblieben;
      Denn schwerlich hätten auf der Isarflur
      Die Künste je so stolzen Wuchs getrieben,
      Gebräch's an solcher Frühlingswunderkur;
      Und regnet es Tragödien hier zu Land:
      Nun, Bock heißt griechisch Tragos, wie bekannt.
    Du zuckst die Achseln, Freund, du wiegst das Haupt,
      Daß ich Etymologensprünge mache? –
      »Nein, dieß Vergnügen sei dir gern erlaubt;
      Von Böcken wimmelt's ja in diesem Fache.
      Doch was in aller Welt soll überhaupt
      Dein Lobgesang? Wann kommen wir zur Sache?
      O Himmel, wenn die Strömung ihn ergriffe!« –
      Wen? – »Nun, den Schlafenden im kleinen Schiffe.«
    Ach, meinst du Den? Ich muß dir ehrlich sagen:
      Vergaß ich ihn, geschah es halb mit Fleiß.
      Wie soll mir ein Idyllenheld behagen,
      Der selbst am Abgrund nur zu schlafen weiß?
      Wir folgten nun dem Paar zu Fuß, zu Wagen,
      Zu Schiff – doch ward uns weder kalt noch heiß.
      Die Muse, soll sie nicht ein wenig nicken,
      Muß sich doch wohl auf eigne Hand erquicken. 251
    Und warum nicht an jenem Göttertrank,
      Wenn auch der Mai, der ihn kredenzt, noch weit ist?
      Das ist der Muse Vorrecht, Gott sei Dank,
      Daß sie erhaben über Raum und Zeit ist.
      Doch ist sie's auch? Wird ihr Humor nicht krank,
      Wenn ihr die Zeit zu lang, der Stoff zu breit ist?
      Und diese Krankheit läßt sich schwerlich heilen,
      Wenn wir am Walchensee noch lange weilen.
    Doch wird die Handlung hoffentlich compacter,
      Da sich der Vetter kürzlich blicken ließ,
      Der einz'ge wahrhaft praktische Charakter,
      Die Schlang' im Flitterwochen-Paradies.
      Ich rechne stark auf ihn. Zwar ein vertrackter
      Geselle bleibt er; aber darf uns dies
      Hier kümmern, wo er hilft, mit ein'gen buntern
      Effecten dieß Stillleben aufzumuntern?
    Es thut schon wohl, den kecken Schritt zu hören
      Mit dem er jetzt das Treppenhaus ersteigt.
      Er denkt wohl nicht, im Schlummer sie zu stören,
      Ein Dämmerstündchen nur ist er geneigt
      Mit ihr zu kosen, Freundschaft ihr zu schwören,
      Und auf den See ein Blick hat ihm gezeigt:
      Der Gatte kommt fürs Erste nicht dazwischen,
      Versucht er's, alte Flammen aufzufrischen.
    Er pocht. Still bleibt es drinnen; kein »Herein«!
      Er drückt die Klinke sacht – die Thür verschlossen.
      Und doch, er weiß, sie muß im Zimmer sein;
      Johann verrieth's ihm, unten bei den Rossen.
      Er klopft noch einmal. Schloß sie hier sich ein
      Und will sich gar verleugnen, ihm zum Possen?
      Doch nein, da klingt verschlafen ihre Stimme:
      Bist du's? – Ich bin's! antwortet dreist der Schlimme. 252
    So komm herein! – Erst öffne mir von innen! –
      Wie das? hätt' ich den Riegel vorgeschoben?
      Kann ich mich doch wahrhaftig nicht besinnen. –
      Er hört, schon hat sie sich vom Bett erhoben,
      Zwei Füßchen nahn, zwei Händchen tasten drinnen,
      Allein so viel sie ihre Kraft erproben,
      Fest bleibt das Schloß. – Wie, Liebster, ging das zu?
      Wer hat mich eingeschlossen, wenn nicht du? –
    Ich nicht, doch er gewiß, spricht jetzt der Vetter.
      Es sieht dem Sultan ähnlich. O Cousine,
      Der Himmel sandte mich, daß ich als Retter
      Der schwerbedrängten Unschuld hier erschiene.
      Wie? schließt man seine Frau beim schönsten Wetter
      Im Zimmer ein und fährt mit stolzer Miene
      Allein zu Wasser? – Franz? Wie, hör' ich recht?
      So ist's. Doch sorge nicht, du wirst gerächt! –
    O Gott! – Und wieder schwieg sie. Doch die Thür,
      Daran sie lehnte, fühlt' er leis erbeben,
      Vor Zorn, so meint er, ob der Ungebühr.
      Geduld! ruft er hinein, bei meinem Leben,
      Dein Kerker wird gesprengt, ich steh' dafür;
      Der dicke Wirth muß seinen Schlüssel geben. –
      Er stürmt hinab, er kehrt zurück, und sieh,
      Als Sieger tritt er ein: Bon soir, Marie!
    Doch wie verwandelt ist sie anzuschauen,
      Ach, nicht gelaunt, ihm an den Hals zu fliegen.
      Die Stirne bleich, von Angst gespannt die Brauen
      Stürzt sie an ihm vorbei hinab die Stiegen.
      Was ist dir, ruft er, reizendste der Frauen?
      O öffne mir dein Herz, ich bin verschwiegen.
      Umsonst, da läuft sie wie der Wind von dannen;
      Sie sucht wahrhaftig ihren Haustyrannen. 253
    Nun, eine Scene giebt's auf alle Fälle!
      So tröstet sich der liebende Verkannte.
      Da tritt sie drüben auf des Hauses Schwelle
      Hervor, die schöne Tochter seiner Tante.
      Ihr folgt, umsprüht von vieler Fackeln Helle,
      Wirth und Gesinde. In die Wette rannte
      Die Schaar hinab zum Ufer, wo beisammen
      Die Kähne friedlich an der Kette schwammen.
    Der Vetter stutzt. Was soll dies Aufgebot?
      Wer ist verunglückt? Franz? Es ist zum Lachen.
      Cousine, du bemühst dich ohne Noth;
      Er lenkte ganz vergnügt den kleinen Nachen.
      Der Mond ist klar, kein Ungewitter droht –
      Willst du zur Fabel Walchensee's dich machen? – –
      Sie aber, ohn' ein Wort an ihn zu wenden,
      Lös't ihren Kahn in Hast mit eignen Händen.
    Da stand er nun am Ufer sehr verdrießlich
      Und sah die Fackeln tanzen durch die Nacht.
      Der Aufzug schien ihm äußerst unersprießlich
      Und abgeschmackt. Er hätte gern gelacht,
      Doch es gelang nicht, denn ihm ahnte schließlich:
      Um seines Mühmchens Gunst war er gebracht.
      O Weiber, wer euch je ergründen lernte!
      So rief er grollend, als er sich entfernte.
    Wir lassen ihn, denn alle Mitgefühle
      Nimmt unsre schöne Schifferin gefangen.
      In ihrer jungen Brust welch ein Gewühle
      Von Angst und Schmerz! Kein Stündlein ist vergangen,
      Daß in demselben Kahn die Abendkühle
      Ihr und dem Liebsten fächelte die Wangen,
      Und nun – der Mond nur und die Wellen wissen,
      Ob er für immer ihrem Arm entrissen. 254
    Was trieb ihn fort? Sie wußt' es wohl: der Vetter
      War ihm verhaßt. Doch kann er ernstlich wähnen,
      Daß ihr gefährlich sei der muntre Spötter?
      Nein, ihn ergriff das räthselhafte Sehnen
      Nach dieser Tiefe; schadenfrohe Götter
      Verlockten ihn zur Fahrt –! Stumm, ohne Thränen
      Läßt sie den Blick weit in die Runde schweifen
      Und denkt's und glaubt's und kann es nicht begreifen.
    Sie sieht im Geist ihn scheiden, da sie schlief,
      Zögernd, im letzten Blick den Gram der Liebe.
      Und dennoch ging er; sein Verhängniß rief.
      Er stahl sich aus dem Zimmer gleich dem Diebe,
      Er schloß sie ein! So wohlbedacht, so tief
      War Plan und Wunsch, daß keine Rettung bliebe,
      Wenn sie, aus bangen Träumen aufgewacht,
      Den Freund vermissen würd' in dunkler Nacht.
    Und hielt ihn nichts zurück? O nur zu klar
      Bricht jetzt Erkenntniß über sie herein:
      Ihm, der so völlig Lieb' und Güte war,
      Konnt' ihr Gefühl ihm ein Genüge sein?
      Wird sie nicht jetzt zum ersten Mal gewahr
      Wie innig sie ihm angehört? Wie klein,
      Wie schwach und arm scheint ihr das eigne Herz,
      Das erst sich selbst erkennt an diesem Schmerz!
    Sich selbst und ihn. Ach, ihn verloren gebend,
      Ermißt sie erst das Glück, das sie besessen,
      So wie die Blum', im Sommerwinde bebend,
      Den Sonnenschein, sorglos und dankvergessen.
      O könnte sie nur Einmal noch ihn lebend,
      Den theuren Mann, an ihren Busen pressen,
      Sie wollt' ihm sagen – ach, nun ist's vorbei!
      Er hört's nie mehr, daß er ihr Alles sei. 255
    Die fern um diese Zeit am Ufer schritten,
      Ergötzte wohl die wundersame Schau
      Der Fackelkähne, die im Fluge glitten,
      Den andern weit voran die schöne Frau.
      So wird das Leiden, das ein Herz durchschnitten
      Und dem Verlassnen selbst den milden Thau
      Der Thräne raubt, ein Schauspiel für die Andern,
      Die fremd und ahnungslos vorüberwandern.
    Seht Ihr noch nichts? – Nichts gnäd'ge Frau! – Doch jetzt,
      Dort, mehr zur Linken; rudert links! – der Alte
      Gehorcht. Auf einmal sinken ihm entsetzt
      Die Händ' am Ruder, während jäh der kalte
      Angstschweiß ihm die gefurchte Stirn benetzt.
      Er sinnt, wie er's der Armen vorenthalte –
      Es ist zu spät, nichts zu verbergen mehr!
      Sie sah den Kahn, sie sah auch: er ist leer.
    Sie schwankt zurück, der Alte springt hinzu,
      Stumm drückt er auf die Ruderbank sie nieder,
      Daß sie im Irrsinn nicht das Aergste thu'.
      Ihm selbst, dem Graukopf, schüttelt's durch die Glieder,
      Er hebt die Fackel hoch – in guter Ruh
      Treibt dunkel dort der Kahn, und hin und wieder
      Hört man die Flut, die sich am Kiele bricht;
      Ach, eines Menschen Arm erregt sie nicht!
    Doch während schaudernd wir den See in diesen
      Angstaugenblicken schwarzer Tücke zieh'n,
      Hat seine Großmuth schweigend er bewiesen
      Und trägt den einen Kahn zum andern hin.
      Und jetzt – wie? hör' ich recht? war das ein Niesen,
      Und aus dem Nachen dort, der ledig schien?
      Gotthelf! – Noch einmal? Spuken nicht Dämonen,
      So muß im Holz dort eine Seele wohnen. 256
    Und eine Seele noch in Fleisch und Bein,
      Denn wem wird Niesen ohne Nase glücken?
      O dieser Ton, verachtet insgemein,
      Wie sollt' er hier ein traurend Herz entzücken!
      Zum dritten Mal schallt in die Nacht hinein
      Das Nothsignal. Da springt der Reif in Stücken,
      Der ihre Brust umfing: Franz! liebster Mann,
      Gottlob, du lebst! Wach auf und sieh mich an! –
    Er aber, ohn' ihr Rufen zu vernehmen –
      Denn träumend hat er aus dem Schlaf genies't –
      Erwehrt sich nur des Rauchs, des unbequemen,
      Bis ihm der Fackelschein ins Auge schießt.
      Nun springt er auf, als säh' er fremde Schemen
      Ihn wild bedräu'n. Doch seinen Hals umschließt
      Sein treues Weib. Sie schluchzt: Du bist gefunden!
      O Franz, wie furchtbar waren diese Stunden! –
    Sacht, gnäd'ge Frau! ruft jetzt der Wirth dazwischen.
      's wär' Schade, jetzt noch über Bord zu fallen. –
      So warnt er, mit verstohlnem Augenwischen;
      Dann läßt er einen Jodelruf erschallen
      Aus voller Brust, das Herz sich zu erfrischen
      Und kundzuthun den Fackelbooten allen,
      Die Jagd sei aus. Er selbst mit festem Seile
      Knüpft Kahn an Kahn und rudert heim in Eile.
    Sein Nachen leuchtet vor. Das junge Paar
      Schwimmt dunkel hinterdrein. Auch sollt' ich denken,
      Daß keine Fackel ihm vonnöthen war,
      Um Aug' in Auge, Herz in Herz zu senken.
      Nicht allzu bald wird Franz die Sache klar;
      Doch als er jetzt mit frohem Fackelschwenken
      Die Schiffer nah'n sieht und begreift, weßhalb,
      Sagt er mit Rührung und mit Lachen halb: 257
    Mein armes Herz, sieh, du bezahlst es theuer,
      Daß du so kindlich allezeit begehrt
      Nach einem wundersamen Abenteuer.
      Nun ward dein Wunsch dir unerwünscht gewährt. –
      Nein, fällt sie ihm ins Wort mit raschem Feuer,
      Was ich davontrug, war des Preises werth:
      In diesen Schrecken erst hab' ich erfahren,
      Daß wir bisher nur halb verbunden waren.
    Seit ich empfand, wie's in mein Leben schnitte,
      Wenn du mir stürbst, seitdem erst lebst du mir.
      Seitdem ich weiß, daß mich der Gram nicht litte
      Allein auf Erden, leb' ich erst in dir.
      Mein Herz wird nun an jeden deiner Schritte
      Sich hängen, Eins auf ewig wurden wir;
      Was mein noch in mir war, nimm Alles hin;
      Dein eigen sein ist all mein Eigensinn.
    O du hast Recht: Nicht in der weiten Welt,
      In uns liegt jedes Glück an deinem Herzen
      Ruht meins! Wenn Liebe mir den Tag erhellt,
      Sollt' ich nicht fremde Sonnen gern verschmerzen?
      Nein, such den Sturm, der mir die Seele schwellt,
      In dieser Stunde nicht hinwegzuscherzen!
      Ich weine nur, daß überm Wellengrabe
      Ich all mein Leben, dich, gerettet habe! –
    So stammelt sie. Doch wie? Ist das die Sprache,
      Die Eheleuten ziemt? Dieß klingt beinah,
      Als ob hier plötzlich Leidenschaft erwache,
      Und dieser zu entfliehn gelobt' ich ja.
      Ach, bester Freund, bedenklich wird die Sache,
      Denn das Idyll ging, eh man sich's versah,
      In Flammen auf, ansteckend und gefährlich,
      Und völlig unversengt entkommst du schwerlich. 258
    Doch brach ich denn auch wirklich mein Gelübde?
      Trag' ich die Schuld, wenn sich dein Haar gebäumt
      Beim Unheil, das ein Schlafender verübte,
      Der unterdeß idyllisch fortgeträumt?
      Nun freilich faßt den Nachen die Charybde
      Der Leidenschaft, die plötzlich überschäumt
      Und, gegen alle Regeln, aus dem Gleise
      Zu stürmen droht selbst eine Hochzeitsreise.
    Und wär' es so – je nun, was wär' es auch?
      Ich brach ein Wort, das sündlich war zu geben.
      Ist Leidenschaft denn nur der trübe Rauch,
      Der qualmend uns verfinstert Licht und Leben?
      Ist sie nicht auch der Jugend-Aetherhauch,
      Der uns beflügelt, wenn wir aufwärts streben,
      Der starke Föhn, durch den die Knospen springen,
      Die Gotteskraft, die hilft den Tod bezwingen?
    Nein, der Poet, der je sich ihr entschworen,
      Schwur seine Sendung ab. In ihrer Glut
      Wird Alles, was die Welt bewegt, geboren,
      Sie gießt in dürre Adern neues Blut,
      Die Hohe, die verdammt von zahmen Thoren,
      Im Stillen dennoch ihre Wunder thut;
      Denn sie ist selbst, ob auch der Tage Flug
      Einförmig kreis't, Ereigniß sich genug.
    O armes Leben, wenn das Band der Ehe
      Den Athem heil'ger Leidenschaft erstickt,
      Und o des Segens, wenn in Wohl und Wehe
      Die Himmlische ein sterblich Herz erquickt,
      Daß alle Selbstsucht wie ein Spuk vergehe
      Vor ihrem Hauch, vor dem das Ich erschrickt!
      Wohl dem, den sie begnaden mag auf Erden –
      Doch halt! wir dürfen nicht zu lyrisch werden. 259
    Geschwind zurück zu unsern Liebesleuten,
      Die heute sich in Wahrheit neu vermählt,
      Zwar ohne Kranz und Ring und Glockenläuten,
      Doch denk' ich nicht, daß es am Segen fehlt;
      Fern sei es mir, dieß weiter auszubeuten,
      Da mich die Pflicht der Kürze jetzt beseelt.
      Hört ihr den Zuruf wohl der frohen Stimmen
      Aus allen Nachen, die ans Ufer schwimmen?
    Nur Einer stimmt in diesen hellen Chor
      Nicht ein. Ihr kennt ihn. Wie ein Tiefgekränkter,
      Ein Feldherr, der die erste Schlacht verlor,
      Sitzt er im Haus, und seinen Grimm ertränkt er
      Im vollen Krug. Gern schlöss' er ganz sein Ohr
      Dem Jubel draus. Was ist zu jubeln? denkt er
      Und will hinaufgehn, sich zu Bett zu legen –
      Da tritt ihm in der Thür das Paar entgegen.
    Um Beider Augen spielt ein Freudenglanz,
      Der rings das Fackellicht zu Schanden macht.
      Sieh da, der Vetter! ruft mit Lächeln Franz,
      Ihr bleibt uns treu; das hab' ich gleich gedacht.
      Heiß' ihn willkommen, Frau. Ich aber kann's
      Nicht bergen: Hunger hab' ich mitgebracht.
      Habt Ihr schon ausgetafelt, soll mir's leid thun,
      Doch müßt Ihr uns mit einem Glas Bescheid thun. –
    Sie setzen sich zu Tisch. Die Seeluft hat
      Besondre Kraft, den Appetit zu schärfen.
      Doch ward Marie nicht von der Freude satt?
      Ich bitte keinen Stein auf sie zu werfen,
      Wenn ich's verneinen muß. Ihr wißt, die Stadt
      Hat nie verzärtelt ihre jungen Nerven.
      Auch von dem Weine nippt sie nicht zum Spaß;
      Sie trinkt unzimpferlich ein volles Glas. 260
    Franz schenkt von Neuem ein, und plötzlich faßt
      Er freundschaftlich des Vetters beide Hände:
      Wie wär's, Cousin, wenn man auf jeder Rast
      Am Abend traulich sich zusammenfände?
      Wir reisen nicht mit übermäß'ger Hast,
      Und Ihr zu Fuß seid wundersam behende.
      So laßt Euch denn Quartier von uns besorgen.
      Auf Wiedersehn in Partenkirchen morgen!
    Halt, Liebster, spricht Marie mit glühnden Wangen,
      Da hätt' ich auch ein Wörtlein mitzusprechen.
      Mir ist zur Reise jede Lust vergangen,
      Und rasch nach Hause wünscht' ich aufzubrechen.
      Du weißt: Nicht enden, was man angefangen,
      War allezeit ein weibliches Gebrechen.
      Der Vetter giebt einmal zu andrer Zeit,
      Nicht wahr? uns in den Bergen das Geleit.
    Franz blickt sie seitwärts an und lächelt schlau:
      Sprichst du im Ernst? Nun, Pflicht geht vor Vergnügen.
      Zwar wär' ein Honigwinter lau und blau
      In Rom nicht übel; doch man lernt sich fügen.
      Beklagt mich, Freund! Auch Euch wird einst die Frau
      Pantoffeln, wenn nicht alle Zeichen trügen;
      Gedenkt an mich. Einstweilen aber thut
      Die Ehr' uns an – besucht uns auf dem Gut.
    Schlagt ein, stoßt an! – Mit höchlichem Erstaunen
      Hört Jener zu. Wie? täuschen ihn die Sinne?
      Er sucht umsonst, wie er dem Blick der braunen
      Treuherz'gen Augen seines »Freunds« entrinne.
      O dieser Franz steckt voller Wetterlaunen,
      Einst wird die arme Frau es auch noch inne.
      Wo blieb in aller Welt die Eifersucht,
      Die gestern ihn so eilig trieb zur Flucht? 261
    Wir Andern wissen, was davon zu denken:
      Versunken ist sie tief im Walchensee.
      Da mag hinfort ein Jeder sie ertränken,
      Der etwa leidet an dem gleichen Weh.
      Doch da die Zwei die Fahrt nach Hause lenken,
      Geziemt's, daß auch das Lied zu Ende geh',
      Und daß wir höflich, eh die Strophen schweigen,
      Vor dem geneigten Leser uns verneigen.
     
    
     
  

