

      Paul Heyse
      Neue Moralische Novellen
       
      Elfte Sammlung der Novellen
      Berlin.
       Verlag von Wilhelm Hertz
      (Bessersche Buchhandlung).
      1878
       
      Der Verfasser behält sich das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vor.
       
       
      
        Meinen lieben Freunde
        Theodor Storm
        zugeeignet.
      
       
       
    



      Jorinde
      (1878)
       
      Vor einem der alten Festungsthore der Stadt Augsburg stand noch in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ein Häuschen mitten in einem großen, verwilderten Garten, den schon seit Menschengedenken Niemand mehr betreten hatte. Eine hohe Mauer, deren Bewurf von Regen und Schnee zernagt kaum noch hie und da an den Steinen hing, lief in weitem Viereck um das öde Grundstück herum, und nur durch das schwere eiserne Gitterthor zwischen den beiden mit Wappenlöwen gekrönten Mittelpfeilern konnte man einen verstohlenen Blick in das Innere werfen. Man sah von dem Häuschen, das nur Ein Stockwerk hatte, nichts als ein Stück des verwitterten Schindeldaches über die Taxushecke hervorragen, die gleich hinter dem Eingang gepflanzt dazu bestimmt schien, neugierige Blicke abzuwehren. Jahr um Jahr wuchs diese Hecke, an der so lange schon keine Gärtnerscheere gestutzt hatte, und Jahr um Jahr schien die schwarze Dachlinie des Gartenhäuschens tiefer hinabzusinken, so daß man den Tag kommen sah, wo hinter den rostigen Schnörkeln des alten Thores nur noch eine dunkelgrüne Wildniß zu schauen sein würde.
      Eine halbverschollene unheimliche Geschichte knüpfte sich an diesen Garten. Ein vornehmer Herr – nach Anderer Meinung gar ein hoher Kirchenfürst – hatte das Häuschen für eine Dame, die er liebte, bauen und mit allem üppigen Hausrath, wie er in den Lustschlössern der Rococozeit zu finden war, ausstatten lassen. Die Herrlichkeit sollte nicht lange währen. Der Gemahl – oder war es ein Bruder – der unglücklichen Schönheit, die hier von der Welt vergessen zu werden hoffte, hatte ihren Versteck ausfindig gemacht und mit einem Pistolenschuß seine besudelte Ehre reingewaschen. Seitdem war das Haus unbewohnt geblieben. Es gehe darin um, raunten sich die Leute zu. Einem kleinen Bürger der Stadt hatte der Besitzer die Schlüssel anvertraut, unter der Bedingung, daß er Niemand den Eintritt gestatte. Darüber waren viele Jahre vergangen. Ueber den Gespenstern der französischen Schreckenszeit hatte man den Spuk in der Nähe vergessen. Doch wirkte das Unheimliche, das jeder Verödung anhaftet, noch immer so stark, daß selbst unter dem Empire, als die Blutscheu auf den großen Schlachtfeldern gründlich erstickt wurde, Niemand sich fand, der Lust gehabt hätte, das so schön gelegene Gartengrundstück zu erwerben und den Motten und Mäusen die Herrschaft in dem verfallenen Häuschen streitig zu machen.
      Um so größer war das Erstaunen der gesammten Augsburger Bürgerschaft, als plötzlich die Neuigkeit durch die Stadt lief, das verwunschene Haus sei wieder bewohnt, und zwar von zwei einzelnen Frauenzimmern, einer jungen wunderschönen Person und einer ältlichen, welche die Kammerfrau, Haushälterin, Köchin und Gärtnerin der Jungen vorstelle. Denn außer einem in Augsburg gemietheten Laufmädchen, das die nöthigen Einkäufe in der Stadt besorgen und täglich mit einem Körbchen zum Bäcker und Metzger wandern müsse, zeige sich keine menschliche, geschweige männliche Seele im Bereich der gemiedenen Mauern. Der alte Schlüsselbewahrer, den man um Auskunft bestürmte, konnte nichts weiter berichten, als daß vor etlichen Wochen die alte Person ihn mit der Frage angegangen, ob das Häuschen sammt dem Garten vermiethet werde. Er hatte sich um Instruction für diesen bisher undenkbaren Fall an die Erben des früheren Besitzers gewendet, die gern gegen einen mäßigen Zins ihre Einwilligung gegeben. Dann seien eines Morgens die beiden Frauenzimmer in einem kleinen Wagen vor dem Gitterthor erschienen, hätten ein Köfferchen und einige Schachteln vom Kutscher abladen lassen und sofort von dem Hause Besitz ergriffen, das wundersamerweise trotz der langen Vernachlässigung sich noch in ziemlich wohnbarem Zustande gezeigt habe.
      Auf seine Frage, wen er denn der Herrschaft als Mietherin zu nennen habe, sei ihm von der Jungen, die dabei ein Paar unglaublich schöner schwarzer Augen so fest auf ihn geheftet, daß er den Blick kaum habe ertragen können, in gutem, nur etwas fremdartigem Deutsch die Antwort geworden, sie heiße Mademoiselle Jorinde La Haine und gedenke jedenfalls Jahr und Tag hier wohnen zu bleiben.
      Nach diesen Mittheilungen konnte es nicht fehlen, daß die Neugier, zumal der jungen Welt, zu einem wahren Fieber gesteigert wurde und diese sonst so einsame Gegend des alten Stadtwalles zu allen Stunden des Tages von Spaziergängern zu wimmeln anfing. Ja selbst in der Nacht konnte man junge Bürger aus den anständigsten Familien, die sonst keine Nachtschwärmer waren, das Gitterthor hier außen umschleichen und wohl gar, wenn sie sich unbemerkt glaubten, an der bröckligen Mauer hinaufklettern sehen, um in die Taxuswege und zu dem Häuschen hinüberzuspähen. Auch schienen sich alle Dilettanten auf der Guitarre und im Gesang plötzlich verschworen zu haben, ihre Künste vor dem geheimnißvollen Garten zu üben. Es war gerade Sommer und die Nächte warm und duftig, da der Jasmin eben zu blühen begonnen. Wer die Worte, die da gesungen wurden, nicht verstand, konnte sich nach Italien versetzt glauben.
      Alles aber blieb verlorene Mühe, und schon begann die Neugier zu erkalten und selbst in den abenteuerlichsten Köpfen die Ahnung zu dämmern, daß es eine große Thorheit sei, um eine ewig Unsichtbare sich den Schlaf abzubrechen, als eines schönen Sonntagmorgens, da gerade der Wall von geputzten Kirchgängerinnen und spazierenden jungen Bürgern schwärmte, das eiserne Parkthor sich öffnete und die räthselhafte Fremde, begleitet von ihrer Dienerin, heraustrat. Ihre Erscheinung, wie sie die sonnige Straße zwischen ihrem Garten und dem von hohen Bäumen überschatteten Wall mit ruhigen Schritten kreuzte, war so wundersam und wie aus einer fremden Welt, daß das gesammte lustwandelnde Publikum auf Einen Schlag betroffen stillstand, nicht die Jugend allein, sondern auch bejahrte Matronen und ehrwürdige Grauköpfe, die bisher zu allen Erzählungen von der seltsamen Fremden die Achseln gezuckt und gemurmelt hatten: es werde auch an Dieser nicht viel Sauberes sein, gleichwie an ihrer Vorgängerin in dem spukhaften Häuschen. Jetzt standen sie alle mit offenen Augen und Mäulern und starrten der schlanken Gestalt entgegen, wie man Spalier bildet, um irgend eine fürstliche Person ehrerbietig vorbeizulassen. Das Fräulein war in ein schwarzes, sommerliches Gewand gekleidet, das, nach der Mode der Zeit hoch unter der Brust gegürtet, den schönsten jugendlichen Wuchs erkennen ließ, während ein feiner rother Shawl die bloßen Schultern und Arme nur wie ein schmaler Streifen umschlang. Ihr reiches, ganz eigen aufgestecktes Haar war unter einen hohen Strohhut nur nothdürftig gebändigt, und eine lose schwarze Locke fiel ihr auf den Busen, den sie, gleichfalls der herrschenden Sitte gemäß, ziemlich frei der Sommerluft preisgab. Statt der Schuhe – und dies war das Einzige, worin sie völlig von der Mode abwich, – trug sie kleine hochrothe Saffianpantöffelchen, ohne hohe Hacken, in denen sich ihre schmalen Füße aufs Zierlichste bewegten. Sie schritt, als ob das Gaffen der Menge sie nicht das Mindeste anginge, den Weg zum Wall hinan in einer Haltung, die nicht züchtiger und harmloser hätte sein können, ihre Dienerin in einem ehrbaren grauen Kleide mit großer Haube dicht an ihrer Seite, von Zeit zu Zeit ein Wort an ihr Fräulein richtend, das immer freundlich erwidert wurde. Während sie nun rasch durch die stehen gebliebenen Gruppen hinschritt, konnte die Neugier, die so lange hatte fasten müssen, sich recht an ihrem Anblick sättigen, und man hörte von allen Seiten die bewundernden Ausrufe und geflüsterten Bekenntnisse, daß sie noch weit schöner sei, als man sie sich vorgestellt, ja daß man überhaupt nie und nirgend, außer in Bildern, etwas Aehnliches gesehen habe. Selbst den alten Leuten, deren Blut zahm und schläfrig in den Adern floß, schien sie es wie durch einen Zauber angethan zu haben; sie rühmten in die Wette ihren Anstand, ihre grazienhafte Art, das Haupt auf den schönen Schultern zu tragen, die schlichte Hoheit, womit sie etwa einen Gruß erwiderte, ohne daß je ein Lächeln über ihr Gesicht ging, auch den Geschmack in ihrer wunderlich gewählten Kleidung. Daß die Jugend vollends, die weibliche wie die männliche, von der Fremden ganz erfüllt war und in leidenschaftlichem Eifer, freilich in sehr verschiedenem Sinne, ihr plötzliches Erscheinen besprach, wird Niemand Wunder nehmen.
      Sie aber, die Anstifterin dieses Volksaufruhrs, schien von der Wirkung ihrer jungen Reize nicht die geringste Notiz zu nehmen. Sie war an eine Stelle gelangt, wo sie unten in dem breiten Wassergraben, der träge zwischen Wall und Stadtmauer hinschleicht, die Entenhäuschen sehen konnte und die zahlreiche junge Brut, die sich dazwischen auf der schlammigen Welle hin- und hertrieb. Da blieb sie stehen, zog ein Brödchen aus der Tasche und fing an einzelne Brocken den gierigen Vögeln hinunterzuwerfen, die sich sofort nach der Stelle hindrängten, um das seltene Futter sich streitig zu machen. Dies dauerte eine Weile, zu sichtbarer Belustigung der Spenderin. Als aber der Vorrath erschöpft war, winkte sie ihnen nur noch mit ihrer kleinen Hand, die zur Hälfte in einem schwarzseidenen Filethandschuh steckte, gleichsam einen Abschiedsgruß hinunter, zog den rothen Shawl, der tief herabgefallen war, wieder um ihre Schultern und trat den Heimweg nach ihrem Garten an, die dichte Zuschauermenge furchtlos durchwandelnd, als wären es eben so viel Sträucher und Bäume.
      So verschwand sie hinter ihrem eisernen Parkgitter, das die alte Dienerin sorgfältig mit einem großen rostigen Schlüssel hinter ihnen verschloß.
      *
      Von diesem Tage an war die ausländische Demoiselle, wie die älteren Leute sie nannten, oder die schöne Jorinde, wie sie bei der Jugend hieß, durch viele Wochen das Hauptgespräch der guten Stadt, in welcher vor einem halben Jahrhundert noch sehr kleinstädtischer Brauch herrschte. Die jungen und alternden Töchter der guten Bürgershäuser führten dies Gespräch mit verhaltener Gereiztheit, die mehr und mehr in offene Erbitterung ausartete. Väter und Mütter, die anfangs nur daran ein Aergerniß genommen hatten, daß die Fremde nie eine Kirche besuchte, überhaupt die Straßen der Stadt niemals betrat, als ob eine ansteckende Seuche darin umgehe, wurden von diesen feindseligen Gefühlen mit der Zeit ebenfalls ergriffen und fingen ihrerseits an, das schöne Wesen als eine gemeinschädliche Person zu betrachten, ja auch im Stillen auf Mittel zu sinnen, wie man sie aus ihrem stillen Garten vertreiben könnte. Das Alles einzig und allein, weil die gesammte männliche Jugend je länger je unentrinnbarer dem Zauber verfiel, den die Bewohnerin des verwunschenen Häuschens um sich her verbreitete.
      Sie erschien, nachdem sie einmal die Schwelle ihrer Gartenpforte überschritten hatte, alltäglich zu der nämlichen Stunde auf dem Wall, um ihren Spaziergang zu machen, meist mit der Alten, zuweilen auch allein. Immer trug sie dasselbe Kleid, den rothen Shawl und Strohhut und die Saffianpantöffelchen, und nie wurde an ihr das geringste Schmuckstück bemerkt, außer einem kleinen Kreuz von rothen Korallen an einem schwarzen Sammetbande, das die Weiße ihres Halses und Busens nur noch leuchtender hervorhob. In einem Körbchen trug sie regelmäßig das Futter für ihre Pfleglinge unten im Wallgraben und gab sich dieser Beschäftigung so ernsthaft und eifrig hin, als vollbrächte sie damit ein wichtiges Tagewerk. In der That sah man sie auch in ihrem Garten, als man später sie dort aufsuchen durfte, nie mit irgend einer weiblichen Arbeit beschäftigt, noch schien sie je ein Buch zu lesen. Gleichwohl konnte man in dem schönen Gesicht nie einen Zug von Langerweile entdecken, wenn auch freilich noch weniger von Munterkeit, wie man bei einem so jungen Wesen, das alle Welt bewunderte, wohl hätte erwarten dürfen. Es war etwas Kaltes, Stilles und doch wieder Kühnes und Trotziges in den kindlich weichen Zügen, und gerade dieser räthselhafte Widerspruch reizte die jungen Leute mehr als das süßeste Lächeln und die zierlichste Gefallsucht anderer glatter Lärvchen. Schon am folgenden Tage faßte sich der reichste und auf seine schöne Figur eitelste junge Herr, der Sohn des Bürgermeisters, ein Herz, die Fremde auf dem Walle anzureden. Sie antwortete ohne jede Verlegenheit, vermied aber auf eine feine Weise, über ihre persönlichen Verhältnisse irgend nähere Auskunft zu geben; nur soviel ließ sie durchblicken, daß sie, von deutschen Eltern geboren, längere Zeit in Frankreich gelebt habe und jetzt ganz allein in der Welt stehe. Auf die Frage, warum sie ein schwarzes Kleid trage, erwiderte sie unverlegen, es sei dies ihr einziger guter Anzug, sie habe eben kein großes Vermögen und müsse an ihrer Garderobe sparen, um sich ohne Schulden durchzubringen.
      Als dieses offene Bekenntniß unter den jungen Bürgerssöhnen herumkam, bestärkten sie sich daran in der frechen Hoffnung, an diesem fremden Meerwunder, das sie nun für nicht viel Besseres als eine Abenteurerin hielten, einen bequemen Fang zu machen. Sie sollten aber unsanft enttäuscht werden. Denn so freien Zutritt die Schöne Jedem verstattete, der auf dem Wall sich ihr vorstellte, oder gar die Klingel an dem Parkthor zog, um ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine Visite zu machen, so wenig konnte sich irgend Einer rühmen, auch nur die Spitze ihres kleinen Fingers geküßt zu haben, oder auf eine verwegene Rede ohne die gebührende Abfertigung geblieben zu sein. Jenen Haupthahn im Korbe der jungen Augsburgerinnen, den Sohn des Bürgermeisters, hatte sie sogar ein für allemal von ihrem Antlitz verbannt, weil er in einer vom Wein befeuerten übermüthigen Stunde sich unterstanden hatte, den Arm um ihre Hüfte zu legen. Er wagte es, obwohl seine Leidenschaft bis zu völliger Verzweiflung emporloderte, nicht mehr, die Schwelle ihres Gartens zu betreten, während er so viel andere, bescheidnere Bewerber den halben Tag dort aus- und eingehen sah.
      Denn es war bald Sitte geworden, gleich nach Mittag der schönen Jorinde seine Cour zu machen, die es auch nicht ungnädig aufzunehmen schien, und deren ernste schwarze Augen immer seltsamer zu blitzen anfingen, je größer der Schwarm verliebter junger Thoren ward, der durch die verschlungenen Kieswege um das Häuschen herum, bei der alten, längst verlechzten Fontäne, unter der Trauerweide und bei dem Tempelchen hinten im dichteren Theil des Parks der angebeteten Grausamen nachzog.
      In das Innere ihres Hauses ließ sie Niemand. Und jeden Tag, sobald die Sonne hinter den Rand der Fichtenreihe, die das Grundstück nach Westen abgrenzte, zu versinken Miene machte, verabschiedete sie ihren ganzen Hofstaat, und die alte Dienerin mußte warten, bis der Letzte hinaus war, um das Parkthor hinter ihm wieder zu verschließen. Daß Keiner aus der Schaar sich heimlich in einem Schlupfwinkel verbarg, um, wenn die Andern gegangen, die Früchte seiner Kriegslist zu ernten, dafür sorgte die Eifersucht Aller, die eine genaue Liste über jeden Mitbewerber führte.
      Auch die Hoffnung, vielleicht durch die Alte etwas zu erreichen, und wär' es zunächst nur eine genauere Kunde über das frühere Leben des Fräuleins, ihr Herkommen und warum sie sich gerade Augsburg zum Aufenthalt erwählt, auch diese Hoffnung erwies sich als eitel. Geld, das man der Alten geboten, hatte diese mürrisch und verächtlich zurückgewiesen. Dagegen war es um so sonderbarer, daß Jorinde selbst Geschenke, die man ihr zuerst nur höchst schüchterner Weise darzubringen gewagt, durchaus nicht abgelehnt, freilich auch kaum mit mehr als einem trocknen Wort gedankt hatte. Sie sagte, als dies zum ersten Male geschah, sie selbst habe keine Freude am Besitz, doch wisse sie arme Leute genug, denen es zu Gute kommen würde, wenn sie die Augsburger Goldfasanen ein wenig rupfte. Möglich auch, daß sie, wenn sie einen rechten Schatz beisammen hätte, eine Kirche oder Kapelle davon gründen würde. Nur kein Kloster, dessen Aebtissin sie selbst werden möchte! riefen einige der Jünglinge scherzend. O nein, sagte sie ganz ruhig, zum Klosterleben fühle sie einstweilen nicht den geringsten Beruf. Sie habe fürs Erste eine andere Mission zu erfüllen. Gefragt, worin diese bestehe, verstummte sie, und ihr Gesicht verfinsterte sich fast unheimlich. Dann aber fing sie gleich wieder an zu singen, eine leichtmüthige französische Chanson oder ein trübsinniges deutsches Volkslied, und ihre Stimme, obwohl weder stark noch geübt, vollendete den märchenhaften Zauber, den ihr fremdes und widerspruchsvolles Wesen auf jedes Mannsbild auszuüben wußte.
      Jene Aeußerung nun war das Signal zu einer wetteifernden Bemühung um ihre Gunst durch kostbare Geschenke. Jeder wollte, wie er sagte, zur Gründung ihrer Kapelle seinen Baustein herbeitragen. Alles aber, Juwelen, kostbare Stoffe und Geräthe, seltene Schaumünzen und was die Söhne der reichen Handelsherren irgend Ausgesuchtes aus der Ferne verschreiben mochten, häufte die Herrin des Häuschens in einem eigenen Zimmer zusammen und führte zuweilen ihren jungen Hofstaat an das Fenster, um den milden Stiftern zu zeigen, daß Alles wohl aufgehoben sei. Sie selbst trug nie weder eins der theuren Geschmeide, noch kleidete sie sich in den Sammet und die golddurchwirkte Seide, schien vielmehr diese ihre Schatzkammer nicht höher zu achten, als ob darin ein Haufen dürren Laubes aufgeschichtet läge. Eine besondere Freude schien ihr überhaupt Nichts auf der Welt zu machen, und selbst wenn sie einmal lachte, klang es unfroh und verstimmt, wie ein Instrument, das lange nicht gespielt seinen harmonischen Klang verloren hat.
      Es konnte nicht fehlen, daß die Erbitterung gegen ein so gefährliches Wesen bei Allen, die nicht von Leidenschaft zu ihr verblendet waren, immer drohender heranwuchs. Mehr als Ein Brautstand war durch die fremde Hexe, wie sie nun hieß, zerrüttet, mehr als Ein wackerer Muttersohn seinem Geschäft und rührigen Erwerb abtrünnig gemacht worden, Dieser in Schulden gestürzt, Jener mit Vater und Mutter entzweit, und wenn noch kein Blut geflossen war unter den Rivalen selbst, da sie alle in gleicher Hoffnungslosigkeit hinschmachteten, so fingen doch einige Brüder von Patriziersbräuten an, Händel mit ihren künftigen Schwägern zu suchen, die gleichfalls sich dem verzauberten Schwarm zugesellt hatten, und ein Ehrsamer Rath der Stadt hielt allen Ernstes im Stillen eine Sitzung, ob nicht Mittel zu finden seien, dieser Stadtplage auf gute und gesetzliche Manier loszuwerden. Es kam aber zu Nichts, weil einige der jüngeren Rathsherren selbst von der Schlange gebissen waren und mit allem juristischen Scharfsinn nachwiesen, daß sich kein Paragraph ihres Stadtrechtes auf diesen unerhörten Fall anwenden lasse. So gährte die leidenschaftlichste Aufregung, Haß, Liebe, Furcht und Neid in dunklem Gemisch Woche um Woche fort, nicht anders als ob man in die fabelhaften Zeiten zurückgekehrt wäre, wo hie und da ein Lindwurm, eine böse Schlange oder sonst ein reißendes Ungeheuer eine Stadt oder Insel in Contribution gesetzt hatte.
      Da geschah Etwas, das der ganzen Welt die Augen darüber öffnen mußte, wie groß die Gefahr und wie dringend geboten eine rasche Abwehr sei.
      *
      Unter Denen, die wie verblendete Motten um das Licht der fremden Schönheit schwirrten, befand sich Einer, dem Niemand je zugetraut hatte, daß er einer leidenschaftlichen Thorheit fähig wäre: ein junger Kaufmann, der die Dreißig schon erreicht, steif und nüchtern, ganz nur auf sein Geschäft bedacht, das er in großen Flor gebracht hatte, allen jugendlichen Lüsten und Liebhabereien abgekehrt und in der Stadt für einen ausgemachten Weiberfeind geltend. Sein Name war Georg Haslach, und er führte das Geschäft unter der Firma und mit dem Gelde eines frühverstorbenen Oheims, der in jungen Jahren sich durch die leichtsinnige Verbindung mit einer schönen Magd einen üblen Ruf gemacht hatte, dann aber, nachdem er diese ungleiche Ehe gelöst und eine der reichsten Patriziertöchter heimgeführt hatte, bei der gestrengen reichsbürgerlichen Gesellschaft wieder zu Gnaden aufgenommen worden war. Seinen Neffen Georg und dessen Bruder Walter hatte er zu Erben eingesetzt. Der Letztere, der zugleich mit dem noch lebenden alten Vater in der österreichischen Armee diente, war dem älteren Bruder durchaus unähnlich, ein ungebunden schwärmendes und schweifendes Reiterblut, übrigens bei Jung und Alt trotz seiner wilden Sitten besser gelitten als der rechtfertige, trockene Georg, der doch den Kredit und Wohlstand des Hauses Haslach mit rastloser Arbeit aufrecht erhielt. Auch dankte der Biedermann im Stillen Gott, daß sein Bruder fern bei der Armee war, als das erste Gerücht von der gefährlichen Sirene durch die Stadt lief. Aber sein tugendstolzer Hochmuth sollte desto schmählicher zu Falle kommen. Er war der Fremden kaum einmal auf dem Walle begegnet, wohin er mit dem Vorsatz gegangen war, sie durch einen verachtungsvollen Blick zu beleidigen, als er selber, nur gestreift von ihrem gleichgiltigen schwarzen Auge, rettungslos sich in ihrem Netz gefangen fühlte.
      Statt sie zu demüthigen, mußte er nun selbst die nicht geringe Schmach erleiden, als er das erste Mal sich ihrem Hofstaat beigesellte, von den übrigen Schicksalsgenossen, die sonst alle Ursache hatten, sich unter einander zu schonen, mit grausamer Schadenfreude begrüßt und der jungen Dame unter anzüglichen Stichelreden als das interessanteste ihrer Opfer vorgestellt zu werden. Jorinde empfing ihn nicht anders wie jeden Andern. Nur als sie seinen Namen hörte, blitzte etwas wie eine stolze Genugthuung über ihre Lippen, und sie schien ihm in so fern einen Vorzug vor den Anderen zu gönnen, daß sie ihn mit noch schneidenderer Kälte behandelte, als alle seine Rivalen.
      Er selbst nahm ihre Geringschätzung hin wie ein Schicksal und machte, seiner steifen und unweltmännischen Natur gemäß, keinerlei Anstrengung, unter den glänzenderen Bewerbern sich vorzudrängen. Im Stillen aber hoffte er dennoch, durch unsinnige Kostbarkeiten, die er ihr schickte, und durch wiederholte Briefe, in denen er ihr seine Hand anbot und sich und sein ganzes Vermögen ihr zu Füßen legte, mit der Zeit allen Andern den Rang abzulaufen.
      Sie nahm sich kaum die Mühe, wenn er wieder vor ihr erschien, nur mit einem flüchtigen Wort den Empfang der Briefe und Geschenke zu bescheinigen, so daß sich ihm der Stachel immer tiefer ins Herz wühlte. Und einmal, da er es durchgesetzt hatte, sie allein zu treffen, übermannte ihn seine jammervolle Leidenschaft dergestalt, daß er sie in heftiger Rede um eine Antwort bestürmte, ob sie ihm Hoffnung machen könne oder nicht, jemals die Seine zu werden. Tod oder Leben hänge an ihrer Entscheidung.
      Sie erwiderte mit ihrer gelassensten Miene, während doch ihre Stimme von verhaltener Erregung bebte: sein Tod oder sein Leben habe nicht den geringsten Werth für sie. Sie sei noch überhaupt nicht Willens, ihre Freiheit aufzugeben. Wenn es aber geschehe, werde sie lieber dem lahmen Bettler, der täglich an ihrem Gitterthor seinen Kreuzer hole, ihre Hand reichen, als Herrn Georg Haslach.
      Und als er darauf mit mühsamer Stimme, bleich wie die getünchte Wand ihres Häuschens, die Drohung hinwarf, sie werde dies Wort bereuen, wenn er um ihretwillen das Leben hingeworfen wie einen Beutel, aus dem ein Bankerottirer den letzten Gulden ausgezahlt, lachte sie kalt: ihr sei nicht bange, daß ein Haslach aus Liebe sterben könne, es sei denn aus hoffnungsloser Sehnsucht nach einer Million, die er nicht zu erlangen vermöge.
      Am folgenden Morgen, als die alte Dienerin die vordere Thür des Häuschens, die auf einen kleinen Portikus zwischen zwei verschnörkelten Säulen hinausging, ihrer Gewohnheit nach öffnen wollte, konnte sie nicht damit zu Stande kommen, da etwas Schweres sich dagegen stemmte. Verwundert mußte sie zur Hinterthür hinaus und um das Haus herumgehen. Da sah sie eine Mannesgestalt in der kleinen Vorhalle sitzen, am Boden hingekauert und gegen die Thür gelehnt, und glaubte, da trotz der Sommerzeit ein grauer Mantel mit kurzem Krügelchen und der tief über die Augen gedrückte Hut das Gesicht verbarg, irgend ein Anbeter habe zu Nacht im Rausch der Hoffnungslosigkeit oder des Weines die Gartenmauer überstiegen, um vor der Schwelle seiner harten Herrin den Tag zu erwarten. Wie sie aber hinzueilte, den Schläfer wachzurütteln, erkannte sie mit Entsetzen Herrn Georg Haslach's entfärbtes und vom Tode verzerrtes Gesicht. In der starren Hand hielt er ein leeres Fläschchen, darin noch einige Tropfen einer braunen Flüssigkeit, die deutlich verriethen, was hier geschehen war.
      *
      Wenn der eherne Herkules von seinem Brunnen in der Hauptstraße herabgestiegen wäre und die Treppen des Rathhauses hinanschreitend die Thür zum goldnen Saal mit seiner Keule gesprengt hätte, – es hätte die Stadt kaum in helleren Aufruhr und tieferes Grauen versetzen können, als die Nachricht von diesem schauderhaften Ende eines so stillen und achtbaren Mitbürgers. Noch lange, nachdem der Leichnam hinweg und in das Haslach-Haus auf einer eilig errichteten Tragbahre geschafft, die herzudrängende Menge des geringeren Volkes wieder hinausgewiesen und das eiserne Gitterthor fest verschlossen war, stand die Straße, die an Jorindens Garten vorbeilief, Kopf an Kopf gefüllt von einem unheimlich gährenden Gewühl, aus dem sich dann und wann Arme und Hände deutend und drohend gegen das Innere des verschlossenen Bezirkes reckten und Stimmen laut wurden, die nur durch den Machtspruch einiger bewaffneter Polizeidiener sich wieder beschwichtigen ließen. Wären die Zeiten der Hexenprozesse nicht vorbei gewesen, so hätte sich das grauenvoll aufgereizte Volksgemüth unzweifelhaft zu den wildesten Gewaltthaten fortreißen lassen.
      Gegen Mittag erschienen Abgesandte vom Justizamt, die mit der Bewohnerin des Gartenhauses ein Verhör anstellten und ein weitläufiges Protokoll aufnahmen. Sie berichteten hernach, daß sie das Fräulein in ganz unerschütterter Fassung, von dem furchtbaren Vorfall scheinbar unberührt gefunden hätten, und da ihre völlige Schuldlosigkeit aus allen Zeugnissen hervorging, fehlte auch fürs Erste den Vätern der Stadt jede Handhabe, um gegen sie einzuschreiten und ihre Verweisung aus dem Stadtgebiet anzuordnen.
      Auch war zunächst dasjenige von selbst erreicht, was die besorgten Mütter und die schwergekränkten Töchter der Stadt aufs Dringendste gewünscht hatten: auf Einen Schlag war das Gefolge der unheimlichen Fremden zersprengt und zerstoben. Von all den jungen Thoren, die sich jeden Nachmittag in dem Zaubergarten dieser Circe eingefunden, wagte sich keiner mehr über die Schwelle des Parkgitters, die Einen von dem Grauen, das hier seinen Einzug gehalten, zurückgebannt, die Anderen nur aus Furcht, von dem Volk, das sich draußen wie zu einer freiwilligen Wache hin und her trieb, geschmäht oder gar handgreiflich fortgewiesen zu werden.
      Man hatte Vater und Bruder des Unglücklichen sofort benachrichtigt, konnte aber die Bestattung, die ohnehin bei der frevelhaften Art dieses Todes ohne jede Feier bleiben mußte, nicht so lange hinausschieben, bis die beiden nächsten und einzigen Verwandten in der Stadt eingetroffen wären. Sie hatten eine Reise von mehreren Tagen zu machen, und obwohl sie unterwegs täglich die Pferde wechselten, langten sie doch erst in ihrem Hause zu Augsburg an, als das Grab an der Kirchhofsmauer schon eine Woche lang mit flachem Rasen zugedeckt war. Nichts fanden sie von dem kläglich verlorenen Sohn und Bruder, als den Anzug, den er in jener Todesnacht getragen, seinen grauen Mantel und Hut und einen kurzen Brief, worin er ihnen ein verzweifeltes Lebewohl sagte.
      Der alte Oberst, ein weißhaariger, harter Soldat, den Niemand je hatte weinen sehen, brach beim Anblick dieser Ueberbleibsel wie ein geknicktes Rohr zusammen und verschloß sich, als er seine Mannheit wiedergefunden, in seinem Schlafzimmer, wo die ganze Nacht das Licht brannte und der sporenklirrende Schritt des Alten ruhelos über die Dielen klang. Dem jungen Sohn leistete einer seiner früheren Kameraden und Schulgenossen eine tröstliche Gesellschaft, wobei ihm Alles mitgetheilt wurde, was die Stadtchronik über das Unglück und seine Urheberin bisher verzeichnet hatte. Die Brüder hatten sich nie sehr nahe gestanden. Gemüthsart und Beruf hielten sie in einer kühlen, wenn auch nicht unfreundlichen Entfernung von einander. Jetzt aber schien es dem Ueberlebenden, als hätte ihn kein größerer Verlust treffen können, als müsse er alle versäumte brüderliche Liebe und Zärtlichkeit gegen den Todten mit doppelter Innigkeit nachholen. Doch als der Freund um Mitternacht den jungen Kapitän verließ, fielen diesem vor Erschöpfung durch den hastigen Ritt und die bittere Trauer alsbald die Augen zu, und er erwachte spät aus sonderbaren Träumen, in denen ihm die Gestalt seines Bruders und einer teuflischen Schönheit, die ihm nach dem Leben stand, in den mannichfachsten Bildern und Scenen vorübergegangen war.
      *
      Gegen Mittag, als eine stechende Gewittersonne die Straße vor Jorindens Garten öde machte, sahen die wenigen Menschen, die im Schutz der Wallbäume vorbeischlenderten, mit großem Erstaunen einen jungen Mann in österreichischer Uniform sich nähern und mit aufgeregten Schritten auf das eiserne Gitter zueilen. Er riß so heftig an dem Glockenzug, daß die lange stumm gebliebene Klingel gellend durch die stille Luft tönte. Als nicht sogleich Jemand kam, um das Thor zu öffnen, läutete er von Neuem, indem er den Hut abnahm und sich den Schweiß von der Stirn trocknete, die Augen finster und scheu zu Boden geheftet, als fürchte er irgend Wem ins Gesicht zu sehen, der ihn fragen könnte, wie er es übers Herz brächte, dieser Schwelle zu nahen.
      Endlich erschien die alte Dienerin, den Schlüssel in der Hand, und als sie den Unbekannten draußen stehen sah und seine wunderlich verstörte Miene gewahrte, fragte sie durch die Eisenstäbe hindurch, was er wünsche. – Mit ihrer Herrin zu sprechen. – Das Fräulein habe noch nicht Toilette gemacht, er möge sich nach Tisch wieder herbemühen. – Er sei nicht gekommen, die Reize ihres Fräuleins zu bewundern, gab der junge Mann barsch zur Antwort, sondern um über ein Geschäft mit ihr zu verhandeln. – Wen sie zu melden habe? fragte die Alte wieder nach einigem Zögern. – Der Name thue nichts zur Sache; er werde sich dem Fräulein selbst vorstellen.
      Die Alte schloß nach einigem Besinnen kopfschüttelnd das Gitter auf und führte den düsterblickenden Besucher durch die sonneglitzernden Kieswege des Gartens dem Hause zu. Als er die kleine Vorhalle mit den geschnörkelten Säulen erblickte, wo sein Bruder vor wenigen Tagen seine letzte Nachtruhe gehalten, überlief ihn ein Schauder, er wandte sich ab und preßte die Lippen zusammen, wie um einen Seufzer oder eine Verwünschung zu ersticken. Während die Dienerin ins Haus ging, ihn zu melden, warf er sich in tiefer Erschöpfung auf ein Bänkchen neben einer hohen Taxuswand und fuhr sich mit der Hand über die Augen, aus denen schwere Tropfen rollten. Er biß die Zähne in sein Schnupftuch, und seine schwer arbeitende Brust verrieth, daß ein schluchzender Krampf ihn erschütterte. Plötzlich hörte er leichte Schritte vom Hause her, kämpfte seine Bewegung gewaltsam nieder und erhob sich, um mit dem Aufgebot all seines Muths der verhaßten Erscheinung die Stirn zu bieten.
      Was er aber sah, widersprach so völlig Dem, was er zu sehen erwartet hatte, daß das Erstaunen zunächst alle anderen Empfindungen seines Innern niederschlug.
      Statt einer kaltsinnigen Verführerin, die mit aller Schlangenkunst der Gefallsucht jedem neuen Besucher entgegentritt, stand eine bescheidene junge Gestalt vor ihm, in ein schlichtes, fast ärmliches Morgengewand gekleidet, die Arme nur bis zu den Ellenbogen entblößt, die reichen Haare kunstlos aufgesteckt, das ernste, blasse Gesicht durch einen kleinen leinenen Sonnenschirm gegen die Mittagsglut geschützt. Als sie die großen schwarzen Augen unter breiten Lidern müde und theilnahmlos auf ihn heftete und mit einer sanften Stimme nach seinem Begehren fragte, war plötzlich jedes Wort der heftigen Rede aus seinem Gedächtnis; verlöscht, mit der er sich der Mörderin seines Bruders vorzustellen gedacht hatte.
      Doch besann er sich endlich, ließ die Augen, gleichsam um sich gegen diese stille Gewalt zu waffnen, wieder nach dem Portikus schweifen und sagte dann mit dem schärfsten Ton, dessen er fähig war:
      Sie sind die Herrin dieses unglücklichen Hauses, Mademoiselle?
      Ein leichtes Kopfnicken war die ganze Antwort.
      Ich bin gekommen, fuhr er fort, Ihnen ein Handelsgeschäft zu proponiren. Es ist dazu nöthig, daß Sie meinen Namen kennen. Ich bin der Kapitän Walter Haslach, Bruder jenes Unglücklichen –
      Sie trat einen Schritt zurück, ihre ohnehin bleiche Wange war todtenfahl geworden, einen Augenblick schien sie zu wanken oder hinwegflüchten zu wollen, faßte sich aber sogleich und sagte, während ein tiefer Seufzer ihren jungen Busen hob:
      O wie beklage ich Sie – und ihn – und mich!
      Dann verstummte sie wieder. Er hatte schon ein schneidendes Wort verächtlichen Hohns auf der Lippe, um sich jedes geheuchelte Beileid zu verbitten. Aber das Wort versagte ihm. Ein Ausdruck wahren Schmerzes lag in Ton und Blick und Geberde des schönen Wesens, dem er sich nicht entziehen konnte.
      Ich weiß nicht, was man Ihnen von mir gesagt haben mag, fing sie endlich mit einer seltsamen Hast wieder zu reden an. Man wird mich als ein fluchwürdiges Ungeheuer dargestellt haben, und in Ihren Augen werde ich es wohl immer bleiben, obwohl ich, so wahr mir Gott helfe! an diesem Unglück keinen Theil habe. Nie habe ich Ihrem Bruder die geringste Hoffnung gemacht, nie seine Bewerbung um mich begünstigt. Weßhalb ich überhaupt – aber wozu verschwende ich meine Worte? Sie hören mich nicht, am wenigsten, wenn ich mein Betragen zu rechtfertigen versuchte. Wohl ist es wahr – und auch das mögen Sie erfahren: ich habe dem Todten nie etwas Gutes gewünscht. Warum? Das ist ein Geheimnis; zwischen meinem Schöpfer und mir. Sein klägliches Ende aber war nicht mein Wunsch, so wenig wie mein Werk. Ich dachte, ein Haslach sei ewig schon durch den Geist seiner edlen Familie vor einem so raschen, unseligen Schritt geschützt. Es ist nun geschehen, wie überhaupt Unglück in der Welt geschieht Ich kann es beklagen, aber wenn Sie gekommen sind, es mir ins Gewissen zu schieben, so erkläre ich Ihnen offen und ehrlich, daß ich keinerlei Reue zu empfinden vermag. Und somit –
      Sie trat wieder einen Schritt zurück, als ob sie das Gespräch zu enden wünsche. Er hatte, während sie sprach, den Blick nicht von ihr verwandt, aber seine düster gespannte Miene ließ es ungewiß, ob er ihren Worten gefolgt war.
      Mademoiselle, sagte er jetzt und senkte die Augen in plötzlicher Verwirrung, ich bin nicht gekommen – seien Sie überzeugt, daß ich bis auf einen gewissen Grad meinem armen Bruder nachfühlen kann, – ich gestehe, daß die Vorstellung, die ich mir von Ihnen gemacht hatte –
      Er stockte. Das Blut schoß ihm in die schönen, wettergebräunten Wangen. Er ballte die Faust krampfhaft um seinen Degengriff, als ob er sich seiner Mannes- und Bruderpflicht erinnern wollte, hier nur 
      das zu sprechen, was streng mit seinem Geschäft zu vereinigen war, und sich schämte, daß er sich von dieser sanften Stimme halb und halb hatte entwaffnen lassen.
      Ich komme nicht aus eigenem Antrieb, brach es endlich rauh und kalt von seinen Lippen. Mein Vater hat mich geschickt –
      Ihr Vater! Ah! er ist hier? –
      Ihr Gesicht, während sie dies sagte, nahm wieder seinen herben, unguten Ausdruck an.
      Mein Vater – hat unter dem Nachlaß des Todten etwas vermißt, was ihm sehr werth ist, einen Ring, der in der Familie seit mehr als hundert Jahren immer auf den ältesten Sohn fortgeerbt hat, einen Rubin in Diamanten gefaßt. Da es bekannt ist, Mademoiselle, – daß Sie Liebhaberin von Juwelen sind – daß Sie eine Sammlung von Kostbarkeiten angelegt haben – (er betonte das Wort mit neu aufwallender Feindseligkeit) – so glaubt mein Vater nicht fehl zu gehen – auch diesen Ring jetzt in Ihrem Besitz vermuthen zu dürfen. Ich weiß nicht, Mademoiselle, –
      Jetzt erst heftete er die Augen wieder auf ihr Gesicht und begegnete einem kalten, stolzen Blick, den er mit Mühe ertrug.
      Es kann sein. Ich glaube sogar mich bestimmt zu erinnern, daß auf diesen Ring einmal die Rede kam; die andern Herren fragten ihn darnach, er sagte, daß es ein Familienstück sei, und zog ihn vom Finger, mich ihn betrachten zu lassen. Ich gab ihn zurück ohne jede Bemerkung. Desselben Tages sandte er mir ein elfenbeinernes Kästchen mit verschiedenem Geschmeide, darunter auch diesen Ring, den ich eben so wie alles Uebrige bei Seite that. Er steht Ihnen jeden Augenblick wieder zu Dienst.
      Mein Vater wird sich beeilen, Ihnen den dreifachen Werth in Gold dagegen zu senden! warf der Jüngling trotzig hin, indem er sich verneigte.
      Sagen Sie Ihrem Vater, daß ich keinen Handel mit Juwelen treibe. Ihr Vater ist zwar Offizier, aber da er einem alten Kaufmannshause entstammt, ist er gewiß nicht gleichgültig gegen Gold und Gut, und dieser Ring wird darum nichts in seiner Schätzung verlieren, wenn ich mir jeden Preis dafür verbitte. Folgen Sie mir. Sie können ihn sofort in Empfang nehmen.
      Sie wandte sich mit der kältesten Geberde dem Hause zu und ging ihm rasch voran. Im höchsten Erstaunen hatte er sie reden hören, selbst das Beleidigende in ihren Worten erfüllte ihn mehr mit geheimer Achtung und Bewunderung, als mit Unmuth. Keines Wortes mächtig, gesenkten Hauptes, wie in einer traumhaften Betäubung schritt er hinter ihr her.
      Als sie das Haus erreicht hatte, blieb sie stehen und wandte sich nach ihm um.
      Sie sind der erste Mann, der diese Schwelle überschreitet, sagte sie. Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, mit Ihnen eine Ausnahme zu machen, die mich vielleicht in Ihren Augen herabsetzt. Aber es ist nun Alles gleich. Treten Sie ein.
      Er betrat das kleine Gemach, in welchem der vielberufene »Schatz« Jorindens aufgespeichert lag. Es war ein zierlicher Raum mit verblichener mattblauer Seidentapete und schmalen Spiegeln rings an den Wänden. Auf einem Rococotisch in der Mitte standen schöne Geräthe, Uhren, Vasen, Candelaber, wie in einem Bazar; ein großer Schrank mit halboffenen Thüren enthielt Stoffe und Stickereien, Spitzen und kostbare Fächer. Ein kleineres Möbel mit eingelegter Holzarbeit und vergoldeten Rococogriffen schien blos für die Aufbewahrung von Schmucksachen bestimmt. Zu diesem ging das Fräulein und zog ein Schubfach nach dem andern heraus. Er beobachtete sie dabei. Keine Miene verrieth irgend eine Freude an diesem Besitz. Mit einer Art verächtlicher Unordnung waren Kästchen, Etuis und lose Ketten und Spangen über einander gehäuft. Sie wühlte darin herum, ihre Wangen rötheten sich, da sie immer noch das Gesuchte nicht fand. Endlich schob sie das letzte Fach wieder hinein und sagte:
      Ich bin zu aufgeregt, um jetzt ordentlich zu suchen. Der Ring ist sicher vorhanden, beruhigen Sie sich darüber. Ich will Sie nicht länger aufhalten, ich begreife, daß Ihnen hier der Boden unter den Füßen brennt. Aber mein Wort darauf, heut Abend haben Sie den Ring. Ich sende ihn durch eine zuverlässige Person in Ihr Haus.
      Er sah, daß sie ihn verabschiedete. Dennoch zögerte er noch einen Augenblick.
      Erlauben Sie mir, heute Abend noch einmal selbst vorzusprechen und den Ring aus Ihrer Hand in Empfang zu nehmen?
      Wie Sie wollen. Ich dachte Ihnen ein peinliches Wiedersehen zu ersparen. Aber wie es Ihnen lieber ist.
      Sie neigte den Kopf unmerklich gegen ihn, er machte eine linkische Verbeugung und verließ das Haus.
      Als die alte Dienerin, die ihm das Parkthor wieder geöffnet hatte, zu ihrem Fräulein zurückkehrte, stand diese noch unbeweglich auf derselben Stelle, wo der junge Kapitän sie verlassen.
      Du bist es, Anne! sagte sie mit einem Seufzer. Ist er fort?
      Die Alte nickte. Wer war der Herr?
      Sein Bruder! Walter Haslach! Sollte man's für möglich halten? – Ach, Anne, ich gäbe alles Gold der Welt darum, wenn er dem Todten ähnlich sähe!
      *
      In tiefster Verworrenheit war der Jüngling fortgestürmt. Stundenlang rannte er durch die einsamsten Feldwege rings um die Stadt und wich allen Menschengesichtern aus. Als er sich endlich besann, daß der Vater auf ihn warte, erschrak er. Aber als Soldat an Gehorsam und Selbstverleugnung gewöhnt, schlug er, ermattet wie von einem langen, blutigen Kampf, den Weg nach der Stadt wieder ein und schlich, die Augen zu Boden gesenkt, die Glieder mühsam regierend, durch die abgelegensten Gassen seinem väterlichen Hause zu.
      Er fand den Alten in dem Zimmer, wo die Kleider des Todten lagen. Die hohe Gestalt, von den Jahren noch ungebrochen, hatte ihre frühere Straffheit wiedergefunden. Nur das Sprechen schien Mühe zu kosten. Der Alte hörte den stammelnden Bericht des Sohnes ohne eine Miene zu bewegen, dichte Wolken aus seiner kurzen Thonpfeife hervorstoßend, und nickte dann nur mit dem Kopf. Der Bediente flüsterte hernach dem Sohne zu, der Herr Oberst habe den ganzen Tag nichts genossen, als ein Stück Brod und eine Flasche Wein.
      Auch Walter wies die Frage zurück, ob er nicht zu speisen befehle. Der Freund von gestern Nacht kam wieder, sich zur Gesellschaft anzubieten, wurde aber weggeschickt: ein Kopfweh mache jede Unterhaltung unmöglich. Dann saß der Einsame in seinem Stübchen, bis die Dämmerung hereinbrach und die Thurmuhr, die acht Uhr schlug, ihn von Neuem aufschreckte.
      Einen Augenblick war es ihm durch den Kopf gefahren, ob er nicht besser thäte, einen Boten zu schicken, statt selbst zu gehen. Dann sagte er sich, daß sie es als Feigheit oder Geringschätzung deuten könnte, wenn er sein Versprechen nicht hielte. Den wahren Grund, der ihn unwiderstehlich wieder zu ihr hinzog, gestand er sich nicht.
      Aber auf dem Wall, da er schon aus der Ferne die Wappenlöwen auf den Thorpfeilern ihres Parks erkennen konnte, schlug ihm das Herz so heftig, daß er stillstehen und an einen Baum gelehnt nach Athem ringen mußte. Nein! sagte er dumpf vor sich hin, ich will sie nicht wiedersehen. Es kann nicht Feigheit gescholten werden, wenn ein Mensch von Fleisch und Blut sich vor der Hölle fürchtet. Wer sie auch sein mag – sie ist ein Dämon – und wenn sie unschuldig ist – um so schlimmer!
      Er nahm sich fest vor, sich nicht bei ihr zu melden, nur durch ihre Dienerin um das Versprochene bitten zu lassen. Das beruhigte ihn. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirn und gelangte mit festen Schritten an das verhängnißvolle Gitter.
      Leise zog er die Glocke. Sie hatte aber kaum ausgeklungen, als er hinter der Taxushecke, die den Garten vorn abschloß, eine schlanke dunkle Gestalt hervortreten sah und erkannte, daß all seine weisen Entschlüsse umsonst gefaßt waren.
      Sie trug wieder ihr schwarzes Kleid, heut aber nicht den Shawl, und Hals und Brust waren mit einem grauen Flortuch verhüllt. Wie sie jetzt selbst das Gitter öffnete und ihn nur mit einer stummen Geberde begrüßte, war ihm zu Muth, als hätte er sie schon Jahr und Tag gesehen und könne keinen Tag mehr leben, an dem er sie nicht sehen sollte.
      Sie kommen spät, sagte sie, als sie ein paar Schritte in den Garten hinein gethan hatten. Ich dachte schon, es sei Ihnen überhaupt wieder leid geworden, – ich hätte es Ihnen nicht verdenken können. Desto mehr danke ich Ihnen, daß Sie nun doch Wort gehalten haben. Ich sehe es als einen Beweis an, daß Sie Alles glauben, was ich Ihnen von mir und meinem Unglück gesagt habe. Gleich nachdem Sie mich heute verlassen hatten, fand ich den Ring. Hier ist er. Verzeihen Sie mir, daß er je in meine Hände kam, so unschuldig ich daran bin.
      Sie zog den Ring aus der Tasche und reichte ihn dem Jüngling, der ihn stumm, ohne einen Blick darauf zu werfen, in Empfang nahm und zu sich steckte. Mademoiselle – sagte er; er stockte und nahm den Hut ab, die Stirne brannte ihm, seine Augen irrten durch das Halbdunkel der Gebüsche, vermieden aber ängstlich die Richtung nach dem Hause einzuschlagen.
      Ich habe noch eine Bitte an Sie! sagte er endlich kaum hörbar.
      Sie blieb stehen und wartete.
      Ich weiß nicht, was Sie von mir denken werden, fuhr er mit schwerer Zunge fort. Glauben Sie an ein Schicksal? Ich war bisher geneigt zu denken, der Mensch – einer, der Muth und Selbstachtung und einen Begriff von Ehre habe, – ein 
      Mann, mit einem Wort, schaffe sich sein Schicksal selbst. Seit heute – hab' ich erlebt, wie wenig wir wissen und können, – wie wir beherrscht – geknechtet werden von unbekannten Gewalten. Wer mir noch gestern gesagt hätte, daß ich an die Stätte, wo mein armer Bruder seinen letzten Hauch gethan, – an das Wesen, um welches er so früh fortgemußt, – anders als mit Grauen und Bitterkeit denken würde, ich hätte ihn einen Lügner und Ehrenschänder gescholten. Und nun heute – verzeihen Sie – ich weiß nicht, was ich sage, kaum was ich fühle. Aber so viel ist mir mit furchtbarer Klarheit gewiß geworden, daß – daß ich den Todten beneide, der den Muth gehabt hat, lieber zu sterben, als ein hoffnungsloses Leben jammervoll hinzuschleppen!
      Sie standen von einander abgewandt. Er hatte die Spitze seines Fußes in den Kiesweg gebohrt, wie wenn er etwas Begrabenes herauswühlen wollte. Kein Laut regte sich ringsum. Nur der niedrige Flug der Fledermäuse bewegte dann und wann die Luft zu ihren Häupten.
      Und Ihre Bitte? fragte sie nach einer langen Pause mit tonloser Stimme.
      Sie haben mir den Ring zurückgegeben, und nun wäre Alles aus zwischen uns, – und doch – Ihr Bild wird mich verfolgen, wohin ich auch gehen mag. Ich möchte – eine Art Vergeltung üben, – Ihnen etwas zurücklassen, was Sie daran erinnert, daß Sie nicht nur einen Todten, sondern auch einen Lebenden auf dem Gewissen haben. Hier – und er zog einen breiten goldenen Reis mit einem Türkis von seinem Finger – erlauben Sie mir, Ihnen dies werthlose Andenken – Sie mögen's zu dem Uebrigen legen!
      Er hielt ihr den Ring hin und sah sie unwillkürlich jetzt zum ersten Male an. Ihre Augen, die groß und still geöffnet waren, standen in hellen Thränen. Ich danke Ihnen, hauchte sie; dieser Ring soll mit mir begraben werden.
      Jorinde! rief er überlaut, – Sie –
      Die Stimme brach ihm. Im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen, hatte ihre beiden Hände an seine Lippen gerissen und benetzte sie mit Thränen und Küssen.
      Sie fand zuerst ihre Besinnung wieder. Stehen Sie auf! Was thun Sie? Walter, bei Allem, was Ihnen theuer ist – Sie können – Sie dürfen nicht –
      Was kann und darf ein Mensch nicht, um den diese Augen geweint haben! rief er außer sich. O Jorinde, was vermag ein Mensch gegen sein Schicksal!
      Ich habe es mich selbst gefragt, sagte sie kaum hörbar. Ich weiß keine Antwort, als – sich ergeben! Kommen Sie, führen Sie mich dort zu jener Bank. Ich habe Ihnen Viel, Viel zu sagen. –
      *
      Acht Tage waren vergangen. Der Urlaub, den der alte Oberst für sich und seinen Sohn bei ihrem Regiment erwirkt, neigte sich zum Ende. In der Stadt hatte man von den beiden Trauernden wenig gesehen; Niemand war es auffallend, daß sie keine Besuche gemacht, und selbst die Schroffheit, mit welcher der Vater sich alle Condolenzen von Seiten befreundeter Familienhäupter und Jugendgefährten verbeten hatte, fand ihre Entschuldigung in der grauenvollen Art des Todes und den Ursachen, die ihn herbeigeführt.
      Auch mit dem eigenen Sohn hatte der alte Herr wenig verkehrt; sie nahmen sogar ihre Mahlzeiten zu verschiedenen Stunden, Jeder auf seinem Zimmer. Denn seltsamer Weise, obwohl der Ueberlebende den gleichen Beruf, wie der Vater, erwählt hatte, war der Todte doch von jeher dem Herzen des Alten näher gewesen. Er hatte den Familiengeist deutlicher in sich ausgeprägt, als der jüngere Bruder, der von seinem strengen Erzieher ein Phantast gescholten ward und hören mußte, wie der pünktliche und nüchterne Georg ihm als Vorbild hingestellt wurde. Auch schien bei dem Schmerz um den Verlorenen in der Seele des Alten die herbe Enttäuschung mitzusprechen, daß dieser musterhafte Sohn durch eine so überspannte That den Namen seines Hauses hatte beflecken können. Das alte Patrizierblut empörte sich bei dem Gedanken, daß ein Haslach fähig gewesen war, wie ein kopfloser Schwärmer einen Wertherstreich zu begehen und ein bequemes, wohlgeordnetes Leben um einer hergelaufenen, verdächtigen Fremden willen auf eine so jähe Art wegzuwerfen. So hatte er den Sohn doppelt verloren, da sein Bild ihm plötzlich verzerrt erschien und er auch um die Erinnerung an ihn betrogen war.
      Am Abend des neunten Tages, als er den Anderen, minder Geliebten, der ihm geblieben, eben zu einem Ausgang sich rüsten sah, rief er ihn zu sich und erinnerte ihn daran, daß sie sich in zwei Tagen zur Rückkehr nach Linz, wo sie in Garnison lagen, bereit halten müßten.
      Der Sohn stand regungslos vor ihm, den Hut in der Hand, das Gesicht düster zur Seite gekehrt.
      Vater, sagte er, ich habe Sie bitten wollen, um eine Verlängerung des Urlaubs einzukommen. Ich möchte – eh' ich die Stadt wieder verlasse – eine Angelegenheit ordnen, an der das Glück meines Lebens hängt.
      Der Alte sah ihn prüfend an, legte die Pfeife auf den Tisch und kreuzte die Arme über der Brust. Er hörte an der Stimme des Sohnes, daß er eine peinliche Eröffnung zu machen hatte. Es war aber nicht seine Art, ihm in solchen Fällen mit einem väterlich ermunternden Wort zu Hülfe zu kommen.
      Ich habe mich entschlossen, zu 
      heirathen, fuhr der Jüngling fort. Ehe ich gehe, sollte die Verlobung fest abgeschlossen werden – wenigstens Sie, mein Vater, sollten meine Braut kennen lernen, und in der Stille, wie es diese Trauerzeit erheischt –
      Nun, beim Sacrament, du hast dir eine recht convenable Zeit ausgesucht für deine Herzensangelegenheiten! Heirathen willst du? Eine alte Liebschaft vielleicht? Und hast in dieser tristen Woche das Herz dazu gehabt, wieder anzubändeln und die Sache glücklich so weit zu bringen, daß es nur noch am Vatersegen fehlt? Uebrigens – Jeder auf seine Manier. Ich habe schon sonst erleben müssen, daß deine phantastischen Einfälle mir über den Kopf weggingen, und wenn du es auch diesmal ein bischen stark machst – basta! Du bist mündig. Ich gratulire dir zu deiner Kaltblütigkeit, dicht neben einem frischen Grabe an Hochzeit zu denken. Wer ist denn die Auserwählte?
      Der Jüngling antwortete nicht sogleich. Er hob aber den Blick vom Boden auf und heftete ihn fest und muthig auf die bohrenden Augen des Vaters, als ob er ihm zeigen wollte, daß er seines Willens und seiner Kraft sicher sei.
      Ich muß darauf gefaßt sein, Vater, daß Sie meine Wahl noch unpassender finden werden, als die Zeit. Ich kann nichts Anderes zu meiner Rechtfertigung anführen, als daß wir so wenig Herr unseres Herzens sind, wie unserer Tage. Und ich weiß auch, wenn Sie die erste Ueberraschung, den ersten so natürlichen Abscheu überwunden haben, wenn Sie meine Braut kennen gelernt und alle Umstände ruhig werden erwogen haben –
      Den Namen! Lass Er die krausen Reden und sag' Er endlich –
      Ich kann es Ihnen nicht ersparen, Vater, Sie erst vorzubereiten. Alles scheint gegen dieses Mädchen zu sprechen, und ich selbst – eh' ich sie kannte – da ich nur wußte, welch ein Unglück durch sie, die ich damals noch für schuldig hielt, über uns gekommen –
      Der Alte richtete sich plötzlich hoch auf. Er winkte mit der Hand, daß der Sohn nicht weiter sprechen sollte, machte dann ein paar Schritte nach der Thüre zu, wie wenn er das Zimmer eilig verlassen wollte, blieb aber wieder stehen und sagte endlich mit einem seltsam heiseren Ton, heftig mit dem Kopf vor sich hin nickend: Nur zu! Nur immer zu! Der Eine todt – der Andere wahnsinnig! Nur zu! nur zu! Eine herrliche Welt!
      Vater! rief der Jüngling, schmerzlich sich zu ihm hinwendend, glauben Sie mir, nur um Ihretwillen habe ich das Uebermenschliche gethan, um dieses Gefühl mir aus der Brust zu reißen. Auch wie ich Alles wußte, daß sie selbst so wenig Theil an diesem jammervollen Schicksal hat, wie eine der steinernen Figuren in ihrem Garten, – selbst da kämpfte ich noch mit nur selbst. Der Todte steht ewig zwischen uns! rief eine Summe in mir, und 
      Mehr noch! – denn wenn der Aermste wirklich aus einem Jenseits zurückzublicken vermag, kann es sein verklärter Geist dem Bruder mißgönnen, glücklicher zu sein, als er selbst hat werden sollen? – aber Sie, mein Vater, Sie, wie ich Sie kenne – da Ihnen der Todte von jeher theurer war als ich – nicht daß ich es als einen Vorwurf ausspräche! – vielleicht war die Schuld 
      mein, daß ich den Weg zu Ihrem Herzen –
      Still! – unterbrach ihn der Alte überlaut. Ich habe den Wahnwitz lange genug toben lassen. Kein Wort – keine Silbe mehr! Noch bin ich auf der Welt – oder bin ich's nicht? Oder ist das die Mode dieser neuen Zeit geworden, daß der Vater höflichst um seinen Segen gebeten wird, wenn der Sohn sich und sein Geschlecht entehren will? Nur Geduld! Es heißt zwar, daß Söhne mündig werden mit fünfundzwanzig Jahren. Aber ein Toller bleibt ewig unmündig, einen Rasenden bindet man mit Stricken und Ketten, daß er sich nicht selbst das Gesicht zerfleischt. Nur Geduld – nur Geduld!
      Es war ganz dunkel im Zimmer geworden. Wie ein Blinder tappte der Alte um sich her, griff nach seinem Degen, den er umzuschnallen anfing, warf ihn dann wieder auf den Stuhl und nahm den Hut vom Tische.
      Vater! rief der Jüngling, was wollen Sie thun? Wo wollen Sie hin? Ich beschwöre Sie –
      Sei ruhig – o sei ganz ruhig! Ich – ich will nur ein wenig Luft schöpfen, und übrigens – hast du mich nicht selbst eingeladen, diese interessante Bekanntschaft zu machen, wovon du dir Wunder versprichst? Haha! in der That, ein großmächtiges Wunder gehörte dazu, mich dahin zu bringen, daß ich eine mordlustige Buhlerin –
      Vater! bei Allem, was heilig ist – bedenken Sie, zu wem Sie sprechen, daß ich eine Beleidigung meiner Braut selbst von Ihnen –
      Sei ruhig! Sei nur ruhig! O ich weiß, was Cavalierspflichten sind. Und wenn du etwa glaubst, daß ich etwas Gewaltsames vorhabe, – siehst du, ich nehme nicht einmal den Degen mit, ich will auch die Zunge in der Scheide behalten, du kannst ganz unbesorgt sein, daß ich diesem Geschöpf kein Haar krümmen werde, – aber sehen will ich doch, wie eine Dirne beschaffen sein muß, um aus einem jungen Narren einen rasenden Gotteslästerer zu machen, der seinem Bruder im Grabe die Ruhe stiehlt und seinem alten Vater ins Gesicht schlägt!
      Er hatte den Hut aufgesetzt und war mit starken Schritten auf die Thüre zugegangen.
      Vater, sagte der Sohn mit verzweifelter Festigkeit – geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie in diesem unglücklichen Mädchen die Braut Ihres Sohnes respektiren wollen? O wenn Sie Alles wüßten, wenn ich Ihnen Alles sagen dürfte! – Ihr Ehrenwort, Vater, oder beim allmächtigen Gott, ich lasse Sie nicht allein gehen, ich muß –
      Du bleibst! herrschte der alte Mann von der Thüre aus, deren Griff er schon gefaßt hatte. Armer Wahnsinniger, er glaubt, ich würde mich an seinem Kleinod vergreifen! Es wird nicht lange dauern, ich denke ihr nur zwei Worte zu sagen. Wie? kann er nicht einmal die halbe Stunde sich gedulden, um dann nach Herzenslust wieder zu seiner sauberen Liebschaft zu schleichen? – Die Hand von meinem Kleide, Thor! Bei meiner Soldatenehre, die mir theurer ist, als meinem Herrn Sohn, es soll Alles höflich und ritterlich abgemacht werden. Du erwartest mich hier!
      Er ging hinaus. Der Sohn hörte ihn draußen mit dem Bedienten sprechen, wie wenn nichts Besonderes vorgefallen wäre. Dann sah er vom Fenster aus, wie der Vater aus dem Hause trat und die Gasse hinunterging, links und rechts keines der bekannten Gesichter grüßend. Die qualvolle Aufregung wich ein wenig von ihm. Er zog ein Miniaturbild aus der Brusttasche, das er gestern erst empfangen hatte, und vertiefte sich in das schöne, traurige Gesicht. – Wenn er sie nur erst sieht! sagte er vor sich hin.
      *
      Es war inzwischen Nacht geworden. Aber die sommerliche Helle des Himmels ließ den Mond noch nicht durchdringen. Am Wallgraben war's finster, Niemand erkannte den alten Offizier, als er auf das eiserne Parkgitter zuschritt und mit hastiger Hand die Glocke zog.
      Die alte Dienerin aber, die alsbald mit dem Schlüssel herankam, stutzte, als sie das bleiche Gesicht mit dem grauen Bart durch die Gitterstäbe erkannte. Sie fragte nach dem Begehren des Herrn. Ihr Fräulein empfange so spät Abends keinen Besuch.
      Er wisse, daß dieses Thor nach Sonnenuntergang nur für 
      junge Herren aufgeschlossen werde, die Mademoiselle werde aber vielleicht eine Ausnahme machen, wenn sie höre, daß der Oberst Haslach, der Vater des Kapitäns, ihr die Ehre erzeige. Dann, als der Getreuen vor Schrecken der Schlüssel entfiel und sie auf dem dunkeln Boden eine Weile danach herumtastete, setzte er gebieterisch hinzu:
      Oeffne Sie! Wenn es Sitte ist, das Entrée vorauszubezahlen, hier ist ein Louisd'or.
      Die Alte richtete sich auf und sah ihm mit einem ganz eigenen Blick ins Gesicht. Ich hoffe doch, Herr Oberst, sagte sie, Sie sind nicht gekommen, um wehrlosen Frauenzimmern Beleidigungen zu sagen. Uebrigens – das Fräulein wird um die Antwort nicht verlegen sein. Treten Sie näher.
      Ihr Ton machte ihn stutzig. Er hatte Anderes erwartet und schob mit einem murrenden Soldatenfluch die Börse, die er schon herausgezogen, wieder ein. Dann ging er die Gartenpfade entlang, welche die Alte ihn führte.
      Wie sie um die Taxuswand bogen, sah er das Häuschen hinter dem Rasenplatz, der Mond fiel gerade zwischen den Säulen durch und zeichnete ein viereckiges Lichtfeld in die kleine Vorhalle. Der Alte wußte, was dort geschehen war; aber seine Seele war gegen das Grauen gepanzert durch Zorn und Ingrimm darüber, daß er gezwungen wurde, diese fluchwürdige Stätte zu betreten, und mit 
      diesem Anliegen.
      Schon wollte er den nächsten Weg nach dem Hause einschlagen, da sah er auf der Bank am Rande einer verfallenen Fontäne eine weibliche Gestalt in schwarzem Kleide, die sich mit einer Geberde der Ueberraschung erhob und einige Schritte ihm entgegen that.
      Die alte Dienerin war plötzlich verschwunden, er stand der Herrin des Parks allein gegenüber.
      Ohne sich Zeit zu lassen, ihre Person näher zu mustern – auch war ihr Gesicht durch den Schatten der Hecke verdunkelt, – ohne sie auch nur mit einer Verbeugung zu begrüßen, sagte er:
      Sie sind die Mamsell, die dieses Haus bewohnt?
      Sie antwortete nicht.
      Ich bin der Oberst Haslach, fuhr der Alte fort. Mein Sohn hat mir soeben mitgetheilt, daß es zwischen Ihnen bis zu einer Art von heimlicher Verlobung gekommen ist. Ich bin nun hier, um Ihnen zu erklären, daß eine solche unpassende Verbindung mit meinem Willen nie zu Stande kommen wird. Mein Sohn ist, wie alle verliebten Gecken, überzeugt, daß es Ihnen mit Ihrem bischen Larve und allerlei verschmitzten Künsten nicht fehlen könne, auch meinen alten Schädel aus den Fugen zu bringen, wie Sie so vielen jungen Laffen den Kopf verdreht haben, daß ich mit Kußhand meinen Segen zu einer so standesmäßigen Manage geben würde. Bemühen Sie sich aber nicht, Mademoiselle. Ich halte Sie für gescheidt genug, um mir altem Soldaten eine solche Tollheit nicht zuzutrauen. Aber wie ich leider meinen Herrn Sohn kenne, sitzen die Schrullen bei ihm fester, als bei andern Sausewinden in seinen Jahren. Deßhalb bin ich hier, um Ihnen, falls Sie etwa schon ein schriftliches Eheversprechen in Händen haben, ein Arrangement vorzuschlagen, was für beide Theile vortheilhaft wäre. Belieben Sie Ihren Preis zu bestimmen. Ein Haslach pflegt nicht zu knausern, wo es die Familienehre gilt.
      Sie hatte ihn ausreden lassen. Jetzt that sie einen Schritt aus dem Schatten heraus und zeigte ihm ihr volles Gesicht, dessen traurig stolze Ruhe ihn mehr, als er sich selbst gestehen wollte, überraschte. Er suchte in seiner Erinnerung, wo er die Ähnlichkeit hinbringen sollte, die ihm auf den ersten Blick aufgegangen war. Nun hörte er ihre Stimme und mußte sich beständig vorhalten, was auf dem Spiele stand, um nicht seine Söhne zu begreifen oder doch zu entschuldigen.
      Herr Oberst, sagte sie, ich weiß genug von Ihnen, um darauf gefaßt zu sein, daß Sie kein Mittel unversucht lassen werden, um Ihren Sohn von mir zu trennen. Daß Sie mir ein erniedrigendes Anerbieten machen, vergebe ich Ihnen gern. Sie kennen mich nicht, der Schein ist gegen mich, Ihr Sohn, dem ich meine Geschichte mitgetheilt, hat mir versprochen, Niemand davon zu sagen, er hat auch wohl seinen eigenen Vater nicht einzuweihen gewagt, – sonst hätten Sie mir gegenüber nicht diese Sprache geführt. Damit Sie mich aber gerechter beurtheilen –
      Ich bitte, Mademoiselle –! Es ist mir nicht im Traum eingefallen, mir ein Urtheil über Sie zu erlauben. Schöne junge Damen, die ihre Freiheit genießen, pflegt man nicht nach irgend einem bürgerlichen Maßstabe zu messen. Eine Jede hat irgend eine interessante Lebensgeschichte aufzutischen, in welcher sie sich alle Qualitäten einer geopferten Unschuld und eines hochherzigen Engels beilegt. Daß mein Sohn mich damit verschont hat, mir Ihre Memoiren mitzutheilen, war sehr wohlgethan. Ich gestehe Ihnen auch, daß ich zu alt bin, um mich von einem Roman rühren zu lassen, selbst wenn ich ihn aus der Heldin eigenem Munde erführe. Das letzte Kapitel des Ihrigen, das in diesem Garten gespielt hat, genügt mir vollkommen, um für jede Fortsetzung zu danken. Parbleu, Mademoiselle, es ist doch eine etwas starke Zumuthung, daß ein Vater, der auf Ehre und Respect bei seinen Mitbürgern hält, einer – gelinde gesprochen – zweideutigen Fremden seinen jüngern Sohn anverloben soll, nachdem sie dem älteren – aus der Welt geholfen hat!
      Sie stand mit gesenkter Stirn dem Alten gegenüber. Die grauenvolle Erinnerung schien sie zu überwältigen. Aber plötzlich brach ein anderes Gefühl in ihrer Seele hervor; sie schüttelte das dichte Haar in den Nacken und trat dem Obersten einen Schritt näher.
      Sie haben Recht, sagte sie mit leiserer Stimme, aus der eine tiefe Bitterkeit klang. Werfen Sie mir nur ein Unglück, das mich zu allem Andern noch getroffen, als eine Schuld vor. In so fern 
      bin ich auch schuldig, als ich bei diesem Unglück kaum einen Schmerz gefühlt habe, nur ein dumpfes Staunen, wie die Rache des Himmels sich endlich vollzieht, wenn auch spät, erst im zweiten Gliede. Sie sehen mich betroffen an, Herr Oberst. Betrachten Sie mich nur genauer; vielleicht finden Sie, daß ich doch nicht so ganz eine Fremde für Sie bin, wie Sie glaubten, und nicht so zweideutig, wie Sie mich gern vor sich selber darstellen möchten, um für Ihr Gewissen eine Rechtfertigung zu haben, wenn Sie mich in die Fremde zurückzustoßen suchen. Forschen Sie doch nach an allen Orten, wo ich je gesehen worden bin, ob man irgend etwas Ehrloses oder nur Unziemliches von mir sagen kann, von mir oder – von meiner Mutter, die jetzt unter der Erde ruht.
      Wir waren arm, Herr Oberst; wir haben uns mit der Arbeit unsrer Hände durchbringen müssen. Freude und Lachen habe ich nicht gekannt, obwohl ich jung war und ein gutes Gewissen hatte und eine Sehnsucht nach Glück, die keine Sünde sein kann, da Gott sie jedem Menschen ins Herz gelegt hat. Aber ich sah meine arme Mutter an, da erschien es mir wie ein sündhafter Leichtsinn, wenn ich hätte lustig sein und an Vergnügen und Putz denken wollen. Und doch hatte ich Augen und Ohren und hätte mir beide zuhalten müssen, um nicht zu merken, daß ich für schön galt und daß unsere Armuth in den Augen junger und alter Nachbarn keine Schande war, kein Grund, mich nicht zu allen Festen und Tänzen hinzuzuwünschen. Wenn ich trotzdem keine frohe Jugend gehabt habe, wissen Sie, wer daran Schuld war? Ich will es Ihnen sagen, wie ich es Walter gesagt habe: der alte Hochmuth und Familienstolz des Hauses Haslach, an dem das Lebensglück meiner armen Mutter zu Grunde ging und der nun auch die Tochter elend machen möchte. Kennen Sie den Namen Franziska Bauer? So hieß meine Mutter, Herr Oberst, als sie in das Haus Ihrer Eltern als Magd eintrat, da ihr Vater zu arm war, um seine vielen Kinder bei sich in Freiburg zu behalten. Das Uebrige werden Sie besser wissen, als ich. Sie werden sich auch ohne Zweifel so gut wie meine Mutter entsinnen, daß es viel Geld und viel mächtige Vermittlung brauchte, bis die heimliche Ehe, die Ihr Bruder mit der Magd seiner Eltern schloß, wieder gelöst und alle Ansprüche der ärmsten Frau ein für alle Mal mit einer Summe Geldes abgekauft waren. Nie habe ich begriffen, wie meine Mutter darein willigen konnte, Geld zu nehmen für ihren Mann. Sie sagte, sie habe es ihres Kindes wegen gethan. Es ist möglich, daß man anders gesinnt wird, wenn man Mutter ist. Und Sie haben Recht, das Haus Haslach knausert nicht, wenn es einen Preis machen muß für das, was es seine Familienehre nennt. Aber auch arme Leute haben ihre Ehre, Herr Oheim. Und alles Gold, was Sie der verstorbenen Schwägerin mit auf den Weg gaben, hat ihr die verlorene Ehre nicht vergüten können.
      Ihre Stimme war immer erregter geworden, Thränen erstickten sie jetzt. Der alte Offizier, der an die Hecke gelehnt stand, starrte vor sich hin. Kein Laut verrieth, was in ihm vorging.
      Sie haben es abgelehnt, meinen Roman, wie Sie es nennen, zu hören, fuhr sie fort, nachdem sie sich wieder ein wenig gesammelt hatte. Ich kann es Ihnen dennoch nicht ersparen. Sie sind nicht nur der Urheber dieser traurigen Geschichte, Sie müssen auch wissen, ganz und unverhüllt, wie das unglückliche Wesen dazu gekommen ist, Sie wieder an sein Dasein zu erinnern. O, ich will nicht versuchen, mich nun als ein Opfer hinzustellen, wie Sie vielleicht erwarten! Alles, was meiner armen Mutter an Trotz und Muth gegen ihr Schicksal gefehlt hat, all das habe ich in mir auflodern fühlen, als ich an ihrem Todbette zuerst die Geschichte ihrer Leiden erfuhr, die ich bisher nur verworren geahnt hatte. Wie sie in ihre Heimath zurückkam, ohne den Mann, nur mit dem Kinde; wie Keiner, selbst ihre Nächsten nicht, daran glauben wollte, daß dieses Kind einer wirklichen Ehe entsprungen sei, – und die Schmähungen, die Verdächtigungen, die eigenen Eltern, die sich von ihr abwendeten, bis sie es zu Hause nicht mehr aushielt und nach einem Orte floh, wo Niemand sie kannte, bis nach Frankreich hinein, – wie sie erst in Besançon, dann in Grenobles eine Zuflucht suchte, und weil sie schön war und man nichts von ihrer Herkunft wußte, überall Nachstellungen und Demüthigungen preisgegeben – nein, Herr Oberst, ich will Ihnen nicht langweilig werden mit der ausführlichen Geschichte dieser traurigen Zeit. Da erbarmte sich unser endlich ein neues Unglück. Das Kapital, das die Mutter von dem Hause Haslach nach der Scheidung erhalten, ging bei einem Bankrott verloren, sie fiel vor Schrecken in ein Nervenfieber, das ihre Schönheit zerstörte, und da sie in der Nacht, besinnungslos, ihrer Wärterin entkam und aus dem Fenster sprang und ein schweres inneres Leiden davontrug, siechte sie ihre übrigen Jahre so hin, sich selbst nicht mehr ähnlich. Ich habe sie nicht anders in der Erinnerung, als auf Krücken schleichend, wenn sie einmal von ihrem Spitzenklöppeln am Fenster aufstand, nach dem Herde zu sehen oder mir die Thüre zu öffnen. So haben wir Jahr um Jahr gelebt, und ich wußte nicht, warum wir so unglücklich waren, warum in einem fremden Lande, da wir doch Deutsch sprachen, und warum von meinem Vater nie die Rede war. Erst als sie ihre letzte Nacht herankommen fühlte, sagte sie mir Alles. Und in dem bitteren Gram, daß ich meine Mutter begraben mußte, – wie viel härter schien mir ihr Loos, wie viel schändlicher die Tücke des Geschickes und die Herzenskälte der Menschen! Ich hörte den Namen Haslach, den ich selbst zu führen berechtigt war, zum ersten Mal, und die erste Silbe davon klang mir immer im Ohr. 
      Haß fühlte ich gegen Alle, die das Leben meiner armen Mutter zerrüttet, sie um Ehre und Glück betrogen hatten, die Einen aus Schwäche, die Andern – ich weiß nicht, wie Sie selbst es nennen, Oheim. Und nun es vorbei war, was nun? Kam nun die Reihe an mich? Ich war schön, wie meine Mutter, und arm, wie sie, und wehrlos, wie sie, gegen selbstsüchtige Menschen, die meine Jugend zu verderben Lust hatten. Sollte ich nun still halten und auch so ein erbärmliches heimathloses Leben herankommen lassen, wie hier eben eins zu Ende gegangen war? Nein! sagte ich mir und biß die Zähne zusammen, ich will nicht so geduldig sein, ich will mein Schicksal herausfordern, und vor Allem: die Todte will ich rächen an dem ganzen Geschlecht, das ihr Elend verschuldet hat, und der Herrgott im Himmel, der ja will, daß wir die Sünde hassen, wird mir beistehen, wenn ich mich zum Werkzeug der Vergeltung in seine Hand gebe!
      Ich wußte, daß mein Vater nicht mehr lebte, daß seine zweite Ehe kinderlos geblieben war, – von Ihnen, Oheim, den ich vor Allen hassen mußte, wußte ich Nichts. Auch lag mir wenig daran, bloß an den Haslachs mich zu rächen. Alle die hochmüthigen reichen Häuser in dieser Stadt, die damals es nur gelobt und gebilligt hatten, daß die Ehe mit einer fremden Magd vernichtet wurde, all die wollt' ich aus ihrer Ruhe aufschrecken. Ich wußte gut genug, daß mein Gesicht und meine Gestalt jungen Leuten gefährlich war. Ich hatte es trotz unseres eingezogenen Lebens mehr als einmal erprobt, daß, wenn ich es darauf anlegte, ich jeden Strohkopf in Flammen setzen konnte. Schelten Sie das Eitelkeit, Oheim, oder wie Sie wollen, Gott ist mein Zeuge, ich hatte nie Mißbrauch damit getrieben; ich liebte die Männer nicht, noch eh' ich wußte, was meine arme Mutter durch einen Mann hatte leiden müssen. Jetzt aber, jetzt freute ich mich, daß ich es in meiner Macht hatte, mich an diesen stolzen Patrizierhäusern zu rächen, indem ich ihre übermüthigen, verwöhnten Söhne zu meinen Füßen schmachten ließ!
      Sie hatte im hellen Mondlicht gestanden, ihr Gesicht glühte über und über, es war, als ob ein Fieber all diese Bekenntnisse aus ihr herauslocke. Und der Alte noch immer starr und stumm auf dem alten Fleck.
      Sie näherte sich ihm jetzt und suchte sich zu einem gelassenen Ton zu zwingen.
      Es graut Ihnen vor mir, Oheim, gestehen Sie es offen; mir selbst – jetzt, wenn ich zurückdenke, – wie von einem bösen Geist besessen komme ich mir vor; ich frage mich, ob ich's wirklich war, die das arge Spiel mit all den verblendeten Thoren getrieben hat, so gelassen, wie ich die Enten im Wallgraben fütterte. Ich will nichts beschönigen, Oheim. Ich weiß, daß ich mir Nichts von all den Sorgen und Seufzern zu Herzen gehen ließ, sondern heimlich dachte: euch geschieht Recht; wenn es nur noch ärger käme! – Dann 
      kam es ärger – und es war ein 
      Haslach, den es traf, – und auch das, Oheim, obwohl mir's schauerlich war – ich trug nicht schwer daran in meinem Gewissen. Ich glaubte, es sei die Hand des gerechten Gottes, die ihn getroffen.
      Aber dann – als 
      wieder ein Haslach kam und ich beim ersten Blick auf ihn in meinem Innersten fühlte: nun war ich getroffen von der vergeltenden Hand, – o wenn ich Ihnen sagen – wenn Sie mir glauben könnten –
      Sie verstummte plötzlich. Sie sah, wie der Alte mit einem Ruck die Lähmung abschüttelte, die ihn so lange an die dunkle Hecke festgeklammert hielt. Er fuhr, mit der Hand tastend, nach seinem Hut, als ob er sich überzeugen wollte, daß er ihn noch auf dem Kopfe trug; dann strich er sich die Uniform über den Hüften glatt und versuchte an ihr vorbeizuschreiten. Aber sie vertrat ihm den Weg.
      Wo wollen Sie hin, Herr Oberst? rief sie voll Angst. Können Sie, nachdem Sie nun Alles wissen, ohne ein Wort –
      Es ist genug geredet worden, stieß er rauh heraus. Was helfen Worte? Können sie einen Todten wieder aufwecken? Und selbst dann – können Sie im Ernst glauben, Mademoiselle, –
      Oheim! rief sie, nach seiner Hand haschend, nennen Sie mich nicht mehr eine Fremde! Sei'n Sie barmherzig! Ich bin nicht mehr Jorinde La Haine. O diesen selbstgeschmiedeten Namen – wie hab' ich ihn büßen müssen! Soll er uns nun ganz elend machen, mich, Ihren Sohn, – Sie selbst? – Mich freilich kennen Sie nicht, und daß ich, wenn ich gefehlt, nicht aus Leichtsinn, nur weil ich ein allzu schweres Herz und meine arme Mutter zu sehr geliebt habe –
      Er zog barsch seine Hand zurück. Bemühen Sie sich nicht weiter, sagte er mit seiner ganzen Kälte. Niemals wird der Oberst Haslach seine Einwilligung dazu geben, daß sein Sohn eine so wahnwitzige Ehe schließt. Wenn Sie glauben, ich sei mürbe geworden durch die zwanzig Jahre, seit ich meinem Bruder geholfen habe, einen Narrenstreich ungeschehen zu machen, so irren Sie sehr. Wie mein Sohn 
      jetzt darüber denkt, ist mir sehr gleichgültig. Wenn er so graue Haare hat, wie sein Vater, wird er es ihm noch im Grabe danken, daß er ihn von einem Abgrunde zurückgezogen hat, und wär's auch mit Gewalt. Gute Nacht, Mademoiselle!
      Er legte die Hand an den Hut und verließ, ohne noch einen Blick auf die regungslose Gestalt zu werfen, den Garten.
      *
      Was in dieser Nacht zwischen Vater und Sohn vorging, hat Niemand je erfahren. Am andern Tage sah man Jeden mit starrer, steinerner Miene herumgehen, die letzten Geschäfte vor der Abreise besorgen, Abschied nehmen von den wenigen näheren Bekannten, mit denen sie in dieser Trauerwoche überhaupt verkehrt hatten. Unter einander sprachen sie kein Wort und sorgten dafür, sich im Hause beim Kommen und Gehen nicht zu begegnen. Den Nachbarn fiel es auf, daß die Züge des jungen Kapitäns düsterer, sein Betragen scheuer und abweisender war, als am ersten Tage, wo der Schmerz um den Bruder noch frisch in ihm bluten mußte. Der Oberst hatte stets für einen Sonderling gegolten, der die Menschen nicht liebe. Aber auch an ihm fiel eine unheimliche lauernde Miene auf, die selbst seine alten Kameraden von ihm zurückscheuchte.
      So verging der Tag. Als es dunkel geworden war, trat der Bursche des Kapitäns in das Zimmer des Obersten, um im Auftrag seines jungen Herrn zu melden, derselbe sei von einem Freunde – dessen Namen er auch nannte – eingeladen worden, noch einen Abschiedstrunk in seiner Gesellschaft zu nehmen. Sie würden in einem Weinhause vielleicht bis über Mitternacht bleiben, der Herr Oberst möge daher nicht unruhig werden, wenn der Herr Kapitän erst spät nach Hause käme. Bei der Abreise, die auf morgen früh festgesetzt war, werde er nicht fehlen.
      Kein Wort und keine Miene verrieth, ob der alte Herr die Meldung gehört hatte. Er saß in Tabakswolken eingehüllt vor seinem Schreibtisch. Auf einem Stuhl lagen die Kleider seines todten Sohnes, die er mitnehmen, aber selbst in den Mantelsack verpacken wollte.
      So verließ ihn der Bursche, da auch auf die Frage, ob der Herr Oberst sonst Nichts befehle, keine Antwort kam.
      Indessen saß der Sohn wirklich, wie er es dem Vater hatte melden lassen, in einem abgeschlossenen Zimmer einer Weinschenke mit jenem ältesten und vertrautesten seiner Jugendfreunde zusammen. Sie hatten viel mit einander zu besprechen gehabt, so ernste und gewichtige Dinge, daß Beide das Trinken darüber vergessen mochten. Eine ansehnliche Summe in Gold hatte der Freund mitgebracht, über die der junge Offizier ihm einen Schein ausstellte. Was sie dann noch weiter verabredet, war alles mit so leiser Stimme gesprochen worden, daß der dienstfertig ab- und zugehende Kellner nicht eine Silbe verstand.
      In der Trinkstube nebenan war es still und stiller geworden. Nur wenige von den beharrlichsten Nachtvögeln nisteten noch fest in den düsteren Winkeln hinter ihrem letzten Schoppen, und man hörte den rasselnden Gang der alten Wanduhr. Jetzt setzte sie ein, um Mitternacht zu schlagen. Da erhob sich der junge Offizier von seinem Stuhl, griff nach dem Hut und sagte zu seinem Gefährten:
      Es ist Zeit. Sie soll nicht auf mich zu warten haben. Bleibe du hier, Martin, und laß mich allein das Haus verlassen. Du kannst hernach der Wahrheit gemäß bezeugen, daß ich um Mitternacht fortgegangen sei und du nicht gesehen habest, welchen Weg ich eingeschlagen. Nochmals Dank für all deine gute, herzliche Freundschaft, und ich hoffe dir's noch einmal vergelten zu können. Wenn sie hinter mir drein schimpfen und schmähen, – versprich mir, daß du mich nicht vertheidigen, dir keine Händel meinetwegen zuziehen willst. Jeder hat nur Einen Richter über seine Handlungen, sein Gewissen, und jedes richtet nach eignem Gesetz. Daß meines mich losspricht, wo mich die Menschen verdammen werden, das fühl' ich so gewiß wie mein Leben. Ich weiß nicht, ob ich es thun würde, wenn Nichts weiter als meine Leidenschaft mich dazu spornte. Aber hier steht mehr auf dem Spiel. Der Name, den ich trage, legt mir die Pflicht auf, an der Tochter gut zu machen, was ein Haslach an der Mutter verbrochen hat. So spiele ich 
      va banque – was liegt an meinem Leben? Du siehst zwar schwarz in die Zukunft, Martin. Aber du bist auch kein Soldat, nicht an Wagen gewöhnt. Und dann – du kennst 
      sie nicht, wie ich sie kenne. Hoffentlich, wenn wir irgendwo auf einem sichern Fleckchen Erde unser Leben gegründet haben, kommst du einmal zu Besuch, und dann scherzen wir über all deine sorglichen Einbildungen, mit denen du mir in dieser letzten Nacht das Herz hast schwer machen wollen. Lebewohl, mein Alter! Vergelt' dir's Gott, was du trotz alledem gethan hast, mir beizustehen.
      Er schüttelte dem guten Gesellen kräftig die Hand, leerte dann noch sein Glas und verließ das Haus.
      In einem Gasthof nahe am Thor hatte er seine Pferde eingestellt. Dahin ging er jetzt durch die schlafende Stadt, in der die Brunnen rauschten und das Mondlicht sein stilles, märchenhaftes Wesen trieb. Er mußte eine Weile pochen und rufen, bis der Stallknecht aus seiner Kammer hervortaumelte, fluchend über die nächtliche Störung. Als er den jungen Offizier erkannte, der ihm ein Goldstück in die Hand gleiten ließ, wurde er alsbald munter, machte sich auch weiter keine Gedanken darüber, warum der Herr Kapitän um Mitternacht seine Pferde verlange, sondern zog die beiden wohlgepflegten Thiere flink aus dem Stall und sattelte das Pferd des Dieners, während der Herr sein eigenes besorgte. Dann leuchtete er, als der Kapitän sich in den Sattel geschwungen und das zweite Pferd am Zügel gefaßt hatte, mit der Stalllaterne über den dunklen Hof und verschloß das Thor hinter dem Davonsprengenden.
      Nur ein Weg von zehn Minuten war zurückzulegen, da ragten ihm schon die Thorpfeiler mit den Wappenlöwen vom Mondschein versilbert entgegen. Er hielt am Parkgitter still, schwang sich aus dem Sattel und band die Zügel der beiden Pferde an einem der Eisenstäbe fest. Die Glocke zu ziehen war heute nicht nöthig; die Pforte war der Verabredung gemäß nur angelehnt. So klopfte er seinem Sattelpferde nur noch mit einer leisen Ermahnung, ruhig zu bleiben, den Hals und betrat den Garten.
      Das Herz pochte ihm ungestüm, als er die hohe Taxushecke entlang schritt, ein fieberhaft ungewisses Gefühl überkam ihn, so muthig und entschlossen er war. Er fühlte, daß hinter ihm die Brücke versank, daß er nun von Allem, was ihm bisher Heimath und Frieden bedeutet hatte, sich geschieden hatte. Aber er ging vorwärts, ohne zu zaudern, den Blick auf die Kiesel des Weges geheftet, die wie Edelsteine glänzten. Er horchte rings umher. Nirgends ein Laut. Es war ja auch ausgemacht worden, daß sie ihn im Hause erwarten sollte. Und doch fiel dies Schweigen ihm so beklemmend auf die Brust. Um nur bald ihre Stimme zu hören, verdoppelte er seinen Schritt, und schon bog er um die Ecke der dunklen Wand und sah jetzt das Häuschen im grellen Mondlicht auf der kleinen Anhöhe stehen – da – was erblickt er zwischen den Säulen der Vorhalle?
      – Es lehnt dort Etwas, halb über die Stufen hingestreckt – den Oberkörper gegen die mittlere Thür gelauert – eine Mannsgestalt, das Gesicht im Schatten der breiten Hutkrämpe – und warum in der warmen Sommernacht den Mantel um die Glieder geschlagen – 
      diesen Mantel – von lichtgrauer Farbe – heiliger Gott! – wer hütet die Thür zu dieser Stunde?
      Ein zäher, kalter Nebel spann sich um die Augen des Jünglings, unwillkürlich war er einen Schritt zurückgetaumelt, er rieb sich mit der Hand Stirn und Augen, um den Nebel wegzuwischen – und jetzt riß er beide Augen so weit auf, als er konnte, und starrte mit wahnwitzig verzerrtem Munde auf die Gestalt. – Wer da? rief er mit halb erstickter Stimme, das Haar gesträubt, die Hand am Degengriff.
      Keine Antwort. Aber Der im grauen Mantel schien gleichwohl für einen irdischen Anruf nicht taub zu sein, langsam zog er das eine Knie nach dem andern an sich – und nun – mit mühsamer Geberde, wie ein Schwerverwundeter, reckte er sich auf den Stufen in die Höhe – nun lehnte er sich in den Schatten zurück – nur seine untere Hälfte war deutlich im Mondlicht zu erkennen – so deutlich, daß dem Jüngling die Brust von einer Zentnerlast zu zerspringen drohte – und nun hob sich eine Hand, ein Arm bewegte sich winkend, drohend gegen ihn, der nur etwa zwanzig Schritte entfernt drüben auf dem hellen Kieswege stand, – ein Winken und Drohen – so still und feierlich, wie es der Arm keines Lebendigen –
      Gespenst der Hölle! rief der Unglückliche drüben, dem dies Winken und Drohen galt – ich – ich weiche dir nicht! Was für ein Recht hast du – dich einzudrängen – diese Schwelle – hinweg von dieser Schwelle, sag' ich – oder vollende dein Werk, Phantom, komm an – wage es, blasser Spuk, dem Leben zu trotzen – ich weiß, daß du kein Recht hast – ich verachte dein Drohen – komm an! O all ihr Engel und Schutzgeister, helft mir gegen ihn!
      Er hatte in der blinden Angst und Verstörung seinen Degen aus der Scheide gerissen, immer den Blick starr auf die Gestalt gerichtet – der Fuß trug ihn bewußtlos ein paar Schritte näher – er erhob den blanken Stahl – wieder ein Schritt gegen das Haus – da trat die Gestalt voll aus dem Schatten hervor, nur das Gesicht dunkel, und bewegte sich ihm entgegen, beide Arme wie beschwörend gegen den Besinnungslosen ausgestreckt – noch ein Winken und Drohen – dann ein dumpfes Stöhnen – die Gestalt im Mantel wankte ein paar Schritte zurück und stürzte strauchelnd zwischen den Säulen über die Stufen hin, wo sie mit dumpfem Hall zusammenbrach.
      Im hellen Kiesweg stand der Jüngling, erstarrt wie ein Entseelter. Der Degen, von welchem Blut auf die Erde tropfte, fiel ihm aus der eiskalten Hand. Im nächsten Augenblick kniete er neben dem zusammengebrochenen Körper und schlug den Mantel zurück, den der Vermummte im Fallen über sein Gesicht geschlagen hatte: er sah in die Züge seines Vaters, die der Todeskampf verzerrte.
      *
      Als am anderen Morgen die Marktweiber über den Wall nach der Stadt gingen, fanden sie zu ihrem Erstaunen das sonst so wohlverschlossene Parkgitter geöffnet. Einige Polizeisoldaten, hiervon benachrichtigt, hielten es für ihre Pflicht, nachzusehen, ob etwa über Nacht ein Einbruch geschehen sei. Sie fanden den Garten und das Haus in friedlicher Ordnung! Als sie aber nach der Vorhalle kamen, lag dort der Todte, ganz wie er Nachts zusammengesunken war.
      Von den Frauenzimmern, die hier gewohnt, war Nichts zu hören noch zu sehen. Man mußte durch einen Schlosser die Thüren sprengen lassen. Da fand man in dem kleinen Rococogemach, wo der Schatz aufbewahrt wurde, Alles in der alten Ordnung, nicht eine Spange oder ein Ring schien zu fehlen, auf dem Tisch aber lag ein offenes Blatt, worin die Besitzerin den Bürgermeister ersuchte, all diese kostbaren Sachen zum Besten der Stadtarmen zu verkaufen, da sie im Begriff sei, mit ihrem Bräutigam eine Reise anzutreten, und Nichts von hier mitnehmen wolle, als was sie mitgebracht habe, außer der Liebe und Treue ihres Verlobten. Zugleich bitte sie den Vater ihres Bräutigams um Verzeihung, daß sie auf seinen Segen habe verzichten müssen.
      Dies Testament ließ deutlich erkennen, daß es noch vor dem letzten entsetzlichen Ereigniß abgefaßt war. Was dann sich noch zugetragen, konnte nur aus den jammervollen Spuren gemuthmaßt werden. Am Abend desselben Tages kam eines der Pferde, abgetrieben und halbgelähmt, an das Stadtthor und wurde als das Reitpferd des jungen Offiziers erkannt. Ihn selbst fand man erst zwei Tage später in einem nahen Gehölz, mit zerschmettertem Haupt unter einer Eiche liegend, seine Pistole neben ihm. Von seiner unglücklichen Braut und ihrer Dienerin, die auf dem anderen Pferde entflohen sein mußten, ist nie die geringste Kunde wieder vernommen worden.
    



      Getreu bis in den Tod
      (1875)
       
      Mitternacht war vorüber, eine rauhe, sternlose Novembermitternacht. Ein dünner erster Schnee, der über Tag auf den Dächern und Fenstergesimsen gelegen, wurde vom Nachtwind in kurzen Stößen durch die Straßen gefegt und füllte die Luft mit unsichtbarem, krümligem Eisstaube. Dennoch ging ein junger Mann mit hastigen Schritten, deren Schall er sorgfältig zu dämpfen suchte, in einem engen Gäßchen der Stadt unermüdlich auf und ab und sah immer von Zeit zu Zeit nach der Wand des Hauses gegenüber, an der sich das Lichtbild eines kleinen, fast viereckigen Fensters malte, mit dunklem Stabwerk und zurückgezogenen Gardinen. Manchmal erschien ein Schatten in dem hellen Felde und stand dort eine Weile still; ein weiblicher Kopf war zu erkennen, von einer Haube eingerahmt. Dann hielt der Wandelnde unten den Schritt an und drückte sich in die Nische der nächsten Hausthür, als fürchte er, das Fenster oben möchte geöffnet werden und die Gestalt sich hinausbeugen, um besser hinunterzuspähen. Das geschah aber nicht, und nach einiger Zeit verschwand auch wieder der Schattenriß droben im Lichtschein an der Mauer. Dann schüttelte der Jüngling die Erstarrung ab, die ihn überfallen wollte, vergrub seufzend die Hände tief in die Rocktaschen und begann von Neuem seinen rastlosen Schildwachenschritt auf der Schattenseite.
      Auch die Frau in dem Stübchen droben ging ruhelos hin und her. Sie war klein und zart gebaut, das schlichte Haar unter ihrer Haube so weiß wie die Tüllkrause, die es einfaßte, das sehr blasse Gesicht zeigte einen ängstlichen Ausdruck von Horchen und Harren; aber wenn sie die blauen Augen aufschlug und zufällig auf einem großen Bildniß ruhen ließ, das hinter dem Sopha die ganze schmale Wand einnahm, war etwas in dem Aufleuchten ihres Blicks, das die weißen Haare und das verblühte Gesicht Lügen strafte, obwohl auch die Farbe dieser Augen ausgeblichen war, wie es hellen Augen geschieht, wenn sie zu viel weinen.
      Das Bild stellte einen schönen, hochgewachsenen, breitbrustigen Mann dar, in schmuckem Jagdkostüm, die Flinte am Riemen über die Schulter gehängt. Eine leichtsinnige Munterkeit und verwegene Lebenslust blitzte ihm aus den Augen, und die vollen Lippen schienen sich eben zu einem trotzigen Scherz zu öffnen. Die eine Hand hatte er auf den glatten Kopf eines Hundes gelegt, in der andern hielt er eine rothe Rose. Auf diese fiel der volle Schein des Lämpchens, das auf dem Tisch vor dem Sopha stand, während der Kopf des Mannes nur einen Halbschimmer erhielt. Gerade in dieser Dämmerung aber erschienen die Züge um so geisterhaft lebendiger.
      Sonst war kein Bilderschmuck in dem niedrigen Stübchen, auch alles Geräth überaus einfach und altmodisch. Aber die geblümten Ueberzüge über Sopha und Stühlen waren peinlich sauber gehalten, das Bett im Alkoven, das schon lange für die Nacht hergerichtet war, mit schneeweißen Linnen überdeckt, auf der rundausgebauchten Klappe des alten Secretärs kein Stäubchen, so wenig wie auf dem Gehäuse der Wanduhr, die, im Winkel stehend, bis an die Decke reichte, und deren zinnerner Pendel mit hartem Geräusch hin und her schlug, so ruhelos, wie das Herz der kleinen Frau, während sie immer von Neuem den Weg zwischen Thür und Fenster dem großen Bilde vorüber wandelte.
      Der Ofen war längst ausgebrannt. Auf einmal erlosch auch die Lampe. Nun war es so finster in dem niedren Zimmerchen, daß kaum noch die weiße Masse des Bettes aus der Tiefe des Alkovens hervordämmerte. Aber die einsame Frau hatte die Schritte zwischen Thür und Fenster zu oft gemessen, um ihre Wanderung wegen der plötzlichen Finsterniß einzustellen. Was hätte es ihr auch geholfen, so lange ihr Herz nicht ruhiger wurde, als der Pendel an der Wanduhr!
      Nun schlug die Uhr halb Eins, einen harten, heiseren Schlag. Die Frau fuhr leicht zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Mein Gott, ach mein Gott! sagte sie vor sich hin, es ist nichts Gutes, nichts Gutes, sonst ließe er mich nicht darauf warten! – Sie horchte wieder in die Gasse hinaus, jetzt um so geschärfteren Ohrs, da das Auge unthätig blieb. Die Fenster schütterten leise unter den Windstößen, ein feines Winseln klang durch den hohen Schlot in den Ofen herab, dann und wann hörte man aus einem Hofe in der Nachbarschaft einen Hund heulen, den in seiner Hütte fror. Aber jetzt – der Zeiger war auf drei Viertel gerückt – wurde nicht unten ein Schlüssel sacht in die Hausthür gesteckt und behutsam das Haus geöffnet und wieder verschlossen – Alles in Pausen, um das Geräusch dazwischen wieder einschlafen zu lassen? Und nun kam es die Treppe herauf mit Diebestritten, und oben, auf dem Flur des zweiten Stocks, hielt es an und schien hineinzulauschen, ob drinnen wirklich Alles zur Ruhe sei. Und jetzt legte sich eine Hand auf den Griff der Thür, die das kleine Mittelzimmer zwischen den beiden Wohn- und Schlafstuben öffnete, – da aber wurde diese Thür von innen aufgerissen, und der Verspätete, der hier Niemand mehr wach zu finden hoffte, stand erschrocken vor der alten Frau, die trotz der Finsterniß jeden Zug seines jungen Gesichts deutlich zu erkennen schien.
      O Hubert, bist du's endlich! sagte sie, indem sie tastend seine Hände ergriff und ihn hineinzog. Mein Gott, wie eisig du bist! Und nun ist der Ofen kalt – und den Thee hat die Dora längst ausgetrunken, – aber wer dachte auch – und übrigens kann ich ja in fünf Minuten – die Spiritusmaschine steht noch im Zimmer, – o Kind, was für eine Nacht!
      Sie war, sobald sie ihn in Sicherheit hatte, auf einen Stuhl neben der Thür gesunken, die Füße hatten ihren Dienst nur so lange nicht geweigert, als sie ihm noch entgegeneilen mußten. Jetzt war Alles in ihr wie auf einen Schlag gelähmt, so überwältigte sie, was sie doch so lange erwartet und – gefürchtet hatte: daß er kam und stumm blieb.
      Er schien sich einzubilden, daß er von der Finsterniß Vortheil ziehen und alles Schwere, was noch durchzumachen war, auf morgen vertagen könne; als ob ihr sein Gesicht und sein stummes Betragen nicht trotzdem gesagt hätten, wie es um ihn stand.
      Laß nur, Mutterchen, sagte er. Ich werde gleich wieder warm. Bist du denn wirklich aufgeblieben? Ich – ich konnte noch nicht gleich nach Hause gehen – du begreifst, wenn man so aufgeregt ist, – schlafen kann man ja noch genug, – und der Gruß, den dir Cilly schickt, hat ja wohl bis morgen –
      Er hatte im Finstern die Thür nach seinem Zimmer gefunden und schien geradewegs mit einem flüchtigen »Gutenacht!« auf der Schwelle die Mutter verlassen zu wollen. Aber schon hatte diese sich tapfer wieder aufgerichtet und war ihm nachgeeilt.
      Kind! sagte sie hastig, kannst du glauben, ich ließe mich so abspeisen? Sei doch nicht so wunderlich. Als könntest du mir was verbergen, was dich selber drückt. Meinst du, ich hätte es nicht gewußt, wie ich nur unten deinen ersten Schritt auf der Stiege hörte? Hab' ich nicht lange genug meinen lieben Jungen in froher und trauriger Zeit nach Hause kommen hören, um schon an seinem Gang zu wissen, wie ihm zu Muth ist? Die alte Treppe hat mehr Zutrauen zu mir, als mein eigener Sohn; die beichtet mir Alles.
      Es war gut, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, während sie diesen trübseligen Scherz hervorstammelte. Auch daß sie sich am Thürpfosten halten mußte, bemerkte er nicht. Er war auch zu sehr mit seinem eigenen Gemüth beschäftigt, um ganz klar zu begreifen, wie der alten Frau zu Muth sein mochte.
      Mutterchen, sagte er endlich und klinkte die Thür leise auf, es ist spät, – du hast schon gestern über Tag so schlecht ausgesehen, – wenn du nun auch um deinen Schlaf kommst – Und was ich dir zu erzählen habe, ist eine lange Geschichte, eine sehr einfältige Geschichte, – aber du brauchst nicht zu erschrecken, – es ist gar nichts entschieden bis jetzt, und da zwischen mir und Cilly Alles geblieben ist, wie es war, – und auch die Eltern genau so viel von mir halten, wie früher, – du siehst, liebste Mutter, es ist gar nichts Verzweifeltes dabei, – dumme kleine Rücksichten und Vorurtheile, die eine rechte Liebe nicht unterkriegen dürfen –
      Hubert – du willst mich täuschen! O mein Kind, – mein schweres Herz diese letzte Woche, – ich wüßt' es wohl, das würde Recht behalten –
      Sie faßte wieder seine Hand. Ihre war kalt und zitterte.
      Gewiß nicht, Mütterchen. Thu mir jetzt nur die einzige Liebe und geh zu Bett. Ich soll morgen um Neun ins Gericht, – du weißt, der Prozeß, wo ich zu plaidiren habe, – und darum bin ich so lange durch die Stadt gerannt, um noch ein paar Stunden schlafen zu können und morgen einen freien Kopf zu haben. Wenn wir jetzt den hellen Tag heranschwatzen – thu mir's zu Liebe, Mutterchen!
      Sie ließ sogleich seine Hand los.
      Gute Nacht, mein Kind, sagte sie. Du hast Recht, wir müssen schlafen. Morgen ist auch ein Tag. Schlaf' wohl, lieber Junge!
      Damit zog sie seinen Kopf zu sich herab, küßte ihm das Gesicht und drängte ihn dann selbst in sein Zimmer. Erst als die Thür hinter ihm zugefallen war, tappte sie leise, als ob er sofort eingeschlafen wäre und nicht mehr gestört werden dürfte, in ihr eigenes Gemach, dessen Thür sie aber nur anlehnte. Sie wollte horchen können, ob er auch wirklich schlafe.
      Es blieb Alles ganz still. Dennoch konnte sie sich erst nach einer langen Pause, die sie am Thürpfosten lehnend verbracht, entschließen, in den Alkoven zu schleichen und sich zu entkleiden. Auch das geschah zaudernd; zwischen jedem Stück, das sie ablegte, saß sie ein Weilchen unthätig, horchte um sich her und in sich hinein und seufzte: Ach mein Gott! Als sie dann endlich im Bette lag, starrte sie mit weit offenen Augen in die Finsterniß, aus der nur wenige hellere Punkte auftauchten, die weiße Glocke der kleinen Lampe vor dem Sopha, ein Streif des goldenen Rahmens um das große Bild, der messingene Griff an der Thür, die ins Vorzimmer führte.
      Immer hingen ihre Augen an dieser Thür, sie wußte selbst nicht, warum. Denn drüben blieb es ja still. Auch die Nachtstimmen beruhigten sich, der Wind hörte auf zu heulen und im Kamin zu winseln, der Hund in seiner Hütte schien endlich eingeschlafen zu sein, nichts regte sich als der Pendelschlag in der Wanduhr, den sie sonst vor alter Gewohnheit nicht mehr vernahm. Heute aber überdachte sie, was Alles an ihr vorübergegangen war, seit diese eintönige Zunge das alte Lied von Werden und Vergehen sang; und darüber konnte sie nicht zur Ruhe kommen.
      Es hatte Eins geschlagen – ein Viertel – halb – drei Viertel, – da sah sie den gelben Punkt an der Thür sich sacht bewegen, die Thür that sich geräuschlos auf, und Der, den sie schlafend geglaubt hatte, stand als ein dunklerer Schatten – noch völlig angekleidet, wie er gekommen war, nur ohne Mantel, – in dem finsteren Rahmen der Thür.
      Er bewegte sich nicht; er wollte horchen, ob sie schlafe. Hubert! rief sie halblaut, – siehst du nun wohl, daß es doch nichts hilft?
      Im nächsten Augenblick war er an ihrem Bett niedergesunken, er hatte die Hand, die sie ihm entgegenstreckte, ergriffen und an seine Lippen gedrückt, sie fühlte, daß seine Wange naß war, und zuckte zusammen.
      Nein, sagte er, als sie sich hastig aufrichten wollte, du mußt ganz still liegen bleiben, meine geliebte Herzensmutter. Ich komme nur, weil ich auch nicht schlafen konnte, – und von dir wußte ich's wohl, – da ist es gescheidter, dacht' ich, man versucht es mit einander, sich erst noch ein wenig zu beruhigen. – So! ich sitze hier ganz gut auf dem Schemel an deinem Bett, laß mir nur deine Hand, sie thut mir wohl. Und ich habe auch gedacht, so in der Dunkelheit kann ich mir eher ein Herz fassen, – denn ich müßte mich schämen, Mutter, am helllichten Tag von so albernen Gespenstern zu sprechen, wie sie mir heut in den Weg getreten sind, und wenn ich so feig und kindisch war, nur einen Augenblick daran zu glauben, nicht wahr, Mutterchen, du verzeihst es mir? Nicht wahr?
      Liebes Kind, erwiderte die Frau, indem sie sacht die Hand des Sohnes streichelte, wie soll ich dir verzeihen, was ich gar nicht weiß? Aber laß es nur gut sein, sprich nicht davon, wenn es dir peinlich ist, oder sag gleich Alles heraus, wenn es dich erleichtert. Daß ich wissen möchte, was dir Kummer macht, kannst du wohl denken, – obwohl ich sonst nicht neugierig bin. Aber Alles, wie es dir lieb ist, mein armer Junge.
      Es war wieder eine Weile still in dem Alkoven. Dann sagte die Mutter:
      Ich wette, du hast nichts zu Nacht gegessen. Du gingst schon so früh hin, dann habt ihr gewiß gleich über die Hauptsache zu reden angefangen, und dann hast du alles Andere vergessen. Geh doch an das Wandschränkchen, da steht noch die Flasche mit dem alten Wein, die du mir neulich gebracht, und ein Teller mit Zwieback. Thu es um meinetwillen, mein Junge, du erträgst es sonst nicht, und morgen bist du krank. Siehst du wohl, deine Hand ist ganz heiß und trocken.
      Er schüttelte still den Kopf.
      Mich hungert nicht ein bischen, Mutter, und wenn ich heiße Hände und heißen Kopf habe, kommt es von ganz anderen Dingen. Aber es geht schon vorüber, wenn du mir nur –
      Er stockte und brütete eine Weile vor sich hin. Plötzlich sprang er auf und machte einen Gang durch das Zimmer, bis er endlich vor dem Bild über dem Sopha stehen blieb. Er sah es in der Dunkelheit so unverwandt und lange an, als ob er jede Linie des Gesichts aus den dichten Schatten herausfinden wollte.
      Wann ist das Bild gemalt worden, Mutter? fragte er hastig.
      Ein Jahr ehe du auf die Welt kamst. Warum fragst du jetzt auf einmal darnach? Ich meine, ich habe es dir oft gesagt.
      Es kann wohl sein – es kam mir nur so – es war heut von dem Bild die Rede, – auch von Dem, den es vorstellt, – ist es wahr, Mutter, daß ich ihm so ähnlich sehe?
      Zug für Zug, Kind, bis auf den Bart, für den du noch zu jung bist, und bis auf die Augen, die du von mir hast. Mußt du's nicht selber sagen, wenn du nur in den Spiegel siehst? Aber wie kam es denn, daß sie vom Vater zu reden anfingen? Und – was sagten sie denn von ihm?
      Der Sohn antwortete nicht gleich. Er ging wieder mit tastenden Schritten durch das Zimmer, stand jetzt vor der Uhr still und sagte: Darf ich wohl den Zeiger anhalten? Es macht einen ganz toll, in der Stille das harte, klirrende Ticktack zu hören. Mich wundert, wie du es aushältst.
      Wie du willst, Kind.
      Er öffnete den Kasten, plötzlich aber schien er in seinen Gedanken wieder auf etwas Anderes zu gerathen, denn er berührte den Pendel nicht, sondern wandte sich ab und ging wieder nach dem Alkoven, um sich auf seinen alten Platz niederzukauern.
      Nein, sagte er, es ist nicht möglich!
      Was, mein lieber Sohn?
      Soll uns die Stimme der Natur so jammervoll belügen können? Wenn ich denke, wie ich schon als kleiner Junge, wenn der Vater nur ins Zimmer trat, – aber nein, auch jetzt nicht, auch nicht einen Augenblick, ich schwör' es dir, Mutter, hab' ich es im Ernst geglaubt – auch nur so lange wie man es ausspricht, um gleich zu sagen, daß es unmöglich ist. Nicht wahr, Mutterchen, das traust du mir nicht zu?
      Wieder eine Stille, die wohl fünf Minuten anhielt. Die Hand der Mutter ruhte sanft auf dem buschigen Haar des Sohnes, der seinen Kopf dicht neben sie an das Kissen geschmiegt hatte.
      Armer Junge! flüsterte endlich ihre traurige Stimme. Also doch! Es hat dir also nicht erspart werden sollen! Ich wußte es gleich, wie es hieß, sie wollten sich's noch eine Woche überlegen, sich erst noch erkundigen. Man soll nur bei fremden Menschen herumfragen, ob sie einem erlauben, glücklich zu sein, da wird einem die reinste Freude vergiftet. Sage jetzt nur Alles, Kind; du sagst mir schwerlich etwas Neues.
      Sie zog ihre Hand leise von seinem Kopf zurück und stützte sich im Bett auf, so daß sie ganz gerade saß, die Hände vor sich auf der Decke gefaltet.
      Mutterchen, fragte er stockend, muß ich wirklich Alles sagen, – auch wenn es dir nichts Neues ist?
      Sag es nur, Kind, sag es nur! Wenn dumme Menschen alte Geschichten erzählen, lügen sie doch immer was Neues hinzu. Ich sage das nicht von Cilly's Eltern, die sprechen nur so nach, und haben auch die Pflicht, für ihr einziges Kind – aber eine Woche ist lang, da kann man sich viel einfältiges Zeug erzählen lassen, – ach Gott! ach mein Gott!
      Ich danke dir, Mutter, daß du nicht schlecht von ihnen denkst. Sie haben dich beide sehr lieb, besonders der Papa hält große Stücke auf dich, der Mama bist du nicht zuthulich genug; sie glaubt, es sei aus einem heimlichen Stolz wegen unseres Adels, den wir doch selbst aufgegeben haben, und weil sie nur Kaufleute sind. Aber warum hast du mir auch nicht den Gefallen thun wollen, öfter hinzugehen, als gerade durchaus nothwendig war! Sie kennten dich jetzt, Mutterchen, so genau, daß sie sich gar nichts in den Kopf setzen ließen, und was die Tante Veronika schreibt –
      So – so! Die Tante Veronika! Hab' ich's doch gewußt! Ach Gott! ach mein Gott!
      Sie haben bei ihr anfragen 
      müssen, einmal weil sie die ältere Schwester des Papa ist und von der ganzen Familie verehrt wird wie ein Weltwunder an Tugend, Weisheit und Frömmigkeit, und dann, weil sie Cilly's Pathin ist und ihr ganzes Vermögen, das jetzt im Geschäft angelegt ist, einmal an ihre Nichte fallen soll. Cilly selbst, die gar keine Ader von ihrem Vater hat, gar keinen Geschäftsverstand, – schon als die Tante noch hier bei ihnen gelebt hat, war sie ihr nur mäßig zugethan. Das Moralisiren und Schelten über die Welt, der altjüngferliche Tugenddünkel hielt sie von ihr fern, und jetzt, seit sie nach B. übergesiedelt ist, mußte sie sich zu jedem Pflichtbrief an die Pathin mit Gewalt drängen und treiben lassen. Nun vollends, seit die Tante ihr's so übel nahm, daß sie den jungen Stadtpfarrer, ihren Protégé, nicht hat heirathen wollen. Noch das letzte Mal, als sie ihr einen Geburtstagsbrief schreiben sollte, fand ich sie in Thränen, es gehe ihr gegen das Blut, schöne Worte zu machen, wo sie nichts fühle; – ich lachte noch und sagte, wir Advocaten hätten ein weiteres Gewissen, wir schrieben eine halbe Seite mit sogenannten Kurialien voll, bei denen noch nie ein Mensch etwas gefühlt habe, – und so dictirt' ich ihr die schönste Kurial-Gratulation, die eine Tante sich nur wünschen kann.
      Ich erzähl' dir das Alles nur, Mutterchen, daß du siehst, wenn die Mama bei der Tante anfragte, ob sie gegen Cilly's Verlobung mit einem Doktor Hubert Horst, der ehemals Horst von Halden geheißen, nichts einzuwenden habe, so war kein Schatten von einem Mißwollen oder Mißtrauen gegen dich oder mich dabei, nur eine unerläßliche Form, und Niemand ließ sich träumen, daß eine ernste Einsprache erfolgen könnte.
      Mich hat das alte Fräulein wohl kaum einmal gesehen. Ich war noch auf der Universität, als sie im Hause ihres Bruders lebte, und wenn ich dich in den Ferien besuchte und schon damals an Cilly's Fenster vorbeistrich, so wenig ich ahnte, daß sich's dabei um mein ganzes Lebensglück handle, macht' ich mich eilig davon, sobald das verdrossene, hochmüthige Altjungferngesicht sich nur von ferne blicken ließ.
      Ob sie 
      dich gesehen und irgend eine Abneigung gegen dich gefaßt, weiß ich nicht. Es ist aber nicht glaublich, erstens, weil man dich nicht sehen kann, meine kleine Mutter, ohne dich lieb zu haben, und dann bist du ja erst nach ihrem Fortgang und ihrer Uebersiedlung nach B. in die Stadt gezogen, weil ich mich hier etablirte und doch meinen Clienten den Weg bis nach unserem Landhäuschen hinaus nicht zumuthen konnte.
      Also war's wohl keine persönliche Bosheit gegen uns, nur eine kleine Schadenfreude, daß sie der Cilly, die jenen geistlichen Freier so geradezu abgewiesen, einen Possen spielen kann und ihr den Liebsten, den sie wirklich liebt, nun auch nicht zu gönnen braucht.
      Er sprang wieder von seinem niedrigen Sitz am Bett auf, der Gedanke an die Tücke und Erbärmlichkeit der Menschen, die ihn um sein Glück bringen wollten, schien ihm schwül um die Stirn zu machen, daß er sein Blut wieder beruhigen mußte durch einen Gang im Zimmer auf und ab.
      Erst nach einer langen Pause hörte er die leise Stimme ans dem Alkoven:
      Nun? Und was hat sie geschrieben?
      Er fuhr fort, hin und her zu schreiten.
      Ha! sagte er, sich nach dem Fenster wendend, während ihm das Blut in die Wangen stieg, einen Brief voll der absurdesten Geschichten, aufgewärmten, längst verjährten Klatsch, ohne die Spur eines Beweises oder auch nur des Versuchs dazu. Man braucht nicht einmal Jurist zu sein, um diesen armseligen Wisch zu verachten, – nicht einmal die Schrift lesen zu können, die auf deinem Gesicht steht, um zu wissen –
      Was aber stand denn darin, in Gottes Namen? Du sollst es mir sagen, Kind, hörst du? Ich kann ja sonst nicht –
      Mutter, rief er, – glaube doch um Alles in der Welt nicht, daß du nöthig hättest, mir gegenüber, oder Cilly, – oder selbst den Eltern, – wenn sie dich auch wenig genug kennen, – auf so handgreifliche Lügen, so alberne Verleumdungen auch nur mit einem Wort dich zu rechtfertigen! Wenn du selbst nicht zu stolz dazu warst: ich, dein Sohn, der dich kennt wie seine eigene Seele, – und dann, selbst wenn wir uns erniedrigen und jene tückischen Anklagen bestreiten wollten, – wo ist denn etwas Greifbares für oder wider, nach sechzehn Jahren, alle Zeugen verstorben oder verschollen? – Es ist lächerlich, und nur das verschrobene Gehirn einer alten Jungfer kann auf so einen ganz unqualifizirbaren Gedanken kommen, der ebenso dumm wie perfid ist.
      Es blieb still im Alkoven.
      Nach einer Weile fuhr der Jüngling fort:
      Der Papa, der ein praktischer Mann ist, nebenbei seine Tochter abgöttisch liebt und mich sehr schätzt, seit ich ihm seinen Prozeß gewonnen habe, der war auch gleich der Meinung, seine arme Schwester habe im Umgang mit allerlei Betschwestern und skandalsüchtigen Heiligen das letzte Restchen ihrer gefunden Vernunft eingebüßt. Die Mama aber, obwohl sie gleichfalls die Achseln zuckte, sagte, man dürfe sie doch nicht geradezu vor den Kopf stoßen, man müsse es leiser und diplomatischer angreifen. Wenn sie nun aus Aerger und gekränkter Eitelkeit, ihre Stimme im Familienrath ganz mißachtet zu sehen, ihre alte Drohung wahr machte, ihr Vermögen aus dem Geschäft zurückzöge und statt ihrer Nichte Gott weiß welchen leisetretenden geistlichen Hausfreund zum Erben einsetzte?
      Ich erklärte, daß ich am liebsten mein Mädchen ohne einen Heller Mitgift heimführen würde. Der Papa aber war still geworden und sagte nach einiger Zeit: von allen äußeren Vortheilen abgesehen, widerstrebe es ihm, seine einzige Schwester sich geradezu für immer zu entfremden. Schon wenn sie weiter nichts thäte, als, wie sie geschrieben, nicht zur Hochzeit hieherzukommen, um nicht der Mutter des Bräutigams ihres geliebten Pathenkindes begegnen zu müssen – hast du einen Begriff, Mutterchen, von einer so abgeschmackten Einbildung? So ein sitzengebliebenes vierundfünfzigjähriges Herz, – der reine Petrefact –
      Er war wieder an das Bett getreten. Es schien, als lausche er ängstlich, trotz seiner gezwungenen Munterkeit, auf ein tröstliches Wort der Mutter.
      Ich weiß immer noch nicht, was Alles in dem Briefe steht! sagte jetzt die leise Stimme.
      Nun denn, wenn du es mir durchaus nicht ersparen willst, dir dies kindische Märchen wiederzuerzählen: sie habe sich bei Leuten, die uns vor sechzehn Jahren intim gekannt, erkundigt, was du für eine Frau seiest und was für ein Mann der Vater gewesen, und ob man ein Mädchen wie Cilly auch mit ruhigem Herzen in unsere Familie hineinheirathen lassen könne, da die ihre, die Webers, seit zweihundert Jahren fast lauter Pastoren aufzuweisen habe und in ihrem Bruder den ersten Kaufmann, der aber auch in diesem Stande Gott vor Augen und im Herzen behalten habe. Und da habe sie zu ihrem Schrecken und Kummer gehört, daß du damals – vor sechzehn Jahren, Mutterchen, als ich ein Bursch von elf, ein grüner Tertianer war – aus B. weggezogen seiest, nicht, wie du gesagt, um dich einzuschränken und hier auf dem Landgütchen in aller Stille zu leben, während ich auf der Schulpforte etwas strammer gehalten werden sollte, sondern weil du dem Stadtgerede über den Tod des Vaters hättest aus dem Wege gehen wollen, – 
      müssen, schreibt die Tante, da all deine alten Freunde und Bekannten von dir abgefallen seien. Denn der Vater – aber das Uebrige kannst du dir vielleicht hinzudenken, Mutterchen. Ich schäme mich wahrhaftig, daß ich's übers Herz bringe, diese niederträchtigen Klatschgeschichten –
      Weiter, mein Kind! Sage nur Alles. Es muß doch einmal zur Sprache kommen.
      O Mutter, warum hab' ich nur überhaupt davon angefangen! Nun bring' ich dich noch vollends um deinen Schlaf. Ich hätte meinem ersten Gefühl folgen sollen und ihnen einfach sagen: wenn sie euch schreibt, ihr habt zu wählen zwischen mir und dieser Frau, so kann ich euch nur sagen: Cilly hat zu wählen zwischen dieser Frau und der Schreiberin dieses Briefs. Und Gott ist mein Zeuge, Mutter: wenn sie auch nur eine Miene gemacht hätten, als ob sie selbst an diese elende Verleumdung glaubten, so hätt' ich ihnen Alles vor die Füße geworfen und ihre Schwelle nie wieder betreten. Aber gerade weil ihnen selbst daran gelegen schien, dir eine recht gründliche Genugthuung, eine recht vollständige Ehrenrettung selbst in den Augen der bösen Schwätzerin zu verschaffen – Mutter! dir nachsagen zu können, du hättest jemals dem Vater gerechten Grund zum Argwohn gegeben, die Kugel, die seinem Leben so früh ein Ende gemacht, sei nicht aus einem Jagdgewehr gekommen durch einen unglückseligen Zufall, sondern aus der Pistole eines Dritten, gegen den der Vater seine – seine 
      Ehre zu vertheidigen gehabt – o Mutter, verzeih mir, daß ich diese erbärmlichen Lügen über meine Lippen gebracht habe! Du hast sie mir abgezwungen, du selbst! Und nun kein Wort mehr davon!
      Er war neben dem Bett auf die Kniee niedergesunken, hatte ihre Hand gehascht und drückte seinen heißen Mund gegen ihre schmalen, kühlen Finger.
      So blieben sie eine Zeitlang, und die Hand gab kein Zeichen erwiedernder Zärtlichkeit. Endlich regte sie sich nur, um sich zurückzuziehen.
      Steh auf, Kind, sagte die Mutter. Zünd ein Licht an und stelle es dort auf den Tisch vor das Bild des Vaters. Was ich dir noch zu sagen habe, dabei soll er mein Zeuge sein, – und du mußt mir klar ins Gesicht sehen können.
      O Mutterchen, sagte er, indem er zögernd that, was sie von ihm verlangte, wozu der curiose Apparat wie beim Schwören vor Gericht? Auch wenn ich deine Augen nicht sehe, weiß ich ja doch, daß du mir nie die Unwahrheit sagen kannst.
      Nein, nein, mein Junge, das ist es eben, du hast eine zu gute Meinung von mir. – So! das Licht nur ein wenig mehr nach rechts, ich kann sonst gerade den Kopf des Bildes nicht sehen. Und nun sollst du wissen, so viel als ich dir sagen darf, und zuerst, daß ich dir doch eine Unwahrheit gesagt habe. Verzeih' mir's Gott, ich würde es wieder thun, wenn Alles wäre wie damals, du noch ein elfjähriges Knäbchen, und ich allein mit dir in der Welt, die so schlimm ist und immer noch Schlechteres schwatzt, als sie selber glaubt. Es hätte dich um deine ganze fröhliche Jugend gebracht, wenn all die Lügen dir zu Ohren gekommen waren. Was ist dagegen die Lüge einer Mutter? War dennoch eine Sünde dabei, die nahm ich auf mich, und sie hat mich bis heute nicht gedrückt. Nun aber schäme ich mich doch, und gräme mich auch, weil du vielleicht von jetzt an nicht mehr so blindlings auf jedes Wort deiner armen Mutter schwören wirst, da du weißt, sie kann auch die Unwahrheit sagen, sogar ihrem einzigen Kind. Aber nicht wahr, das denkst du nicht, daß ich lügen könnte, wenn ich das Andenken deines armen Vaters dabei anrufe und ihm fest in die Augen sehe?
      Mutter, rief er und stürzte zu ihr hin, ich bitte dich –
      Still! wehrte sie ihn ab. Störe mich jetzt nicht. Ich will dir nur ganz kurz sagen, was wahr und falsch ist an jenem Brief des alten Fräuleins. Dein Vater ist freilich nicht auf der Jagd verunglückt, wie ich dir damals vorerzählte, damit du nicht weiter darüber nachgrübeltest, sondern das Unglück hinnähmst, wie Etwas, das Gott gefügt, aus seinem unerforschlichen Willen. Nein, er ist von uns fortgereis't bis nach Belgien hinein, um drüben jenseits der Grenze mit einem alten Freunde, der ihm ein Todfeind geworden war, einen Gang auf Leben und Tod zu machen. Das Todesloos fiel auf ihn, sein Gegner entfloh nach England und ist nie wieder zurückgekehrt.
      Es war so still im Zimmer, daß man das leise Knistern der Kerze hören konnte.
      Erst nach einer langen Pause fuhr die Mutter mit noch leiserer Stimme fort: Ich wollte nicht, daß dir deine Jugend vergiftet würde, wenn wir in der Stadt blieben und jedes erste beste Zeitungsblatt dir unter Unglücksfällen und Mordthaten erzählen konnte, wie kläglich dein armer Vater dahinstarb, den du so leidenschaftlich lieb hattest, dessen einzige unverbitterte Lebensfreude du gewesen bist. Darum brachte ich dich ohne Zaudern fort nach Thüringen in die stille Klosterschule, und als du sie verließest, war längst Gras gewachsen über all diesem Traurigen, und ich hoffte, es würde für immer begraben bleiben. Der Mensch denkt und Gott lenkt. Nun hab' ich es doch nicht mit mir ins Grab nehmen können!
      Ihre Blicke hingen still an dem Bilde, ihre Hände lagen gefaltet auf der weißen Decke, aber ihr Herz klopfte noch immer stürmisch; sie wußte, daß das Gespräch noch nicht zu Ende war.
      Und darfst du mir jetzt nicht auch sagen, Mutter, weßhalb die alte Freundschaft in so tödtlichen Haß umschlug?
      Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort.
      Nein, sagte sie dann leise, aber mit ganz festem Ton, nein, mein Sohn, ich darf nicht. Ich habe es deinem Vater gelobt, nie würde ein Wort davon über meine Lippen kommen. Das darf ich sagen, ohne mein Gelübde zu brechen: ich selbst war unschuldig an dem entsetzlichen Schicksal, so unschuldig, daß ich meine Hand gen Himmel heben und einen Eid thun könnte bei dem Glück und Leben meines einzigen Sohnes. Soll ich den Eid schwören, Kind? Ich bin dazu bereit, wenn du es für nöthig hältst, dich zu beruhigen.
      Er wandte sich rasch nach ihr um. Sein Blick begegnete dem ihren, der von einer stillen, traurigen Hoheit glänzte. Mutter! rief er, du thust mir sehr weh, daß du so fragen kannst. Ich – und wenn ich dein Sohn nicht wäre – nur so mit dir gelebt hätte, wie wir gethan haben diese drei Jahre, seit ich die Universität und meine Reisen hinter mir hatte, – o, auch ein ganz Fremder, auch Cilly's Eltern, wenn du ihnen das Alles nur so sagen wolltest, wie jetzt mir, – kein Hauch von Mißtrauen könnte in ihnen zurückbleiben! Vergieb mir nur, daß ich dir überhaupt das Herz schwer gemacht habe mit dieser traurigen, längst begrabenen Geschichte. Aber siehst du, es klebt Jedem Etwas an von seinem Handwerk. Ich bin nun einmal ein Aktenwurm; ich dachte, wie ich nach Hause kam: wer weiß, ob sie nicht mit irgend einem einfachen Aktenstück die ganze erbärmliche Verleumdung beschämen kann, daß nicht bloß Cilly's Eltern, sondern auch die heilige Frau Base, die Tante Veronika, ihr auf den Knieen abbitten muß, was sie jemals gegen ihre Vergangenheit gesagt oder gedacht haben. Darum fing ich davon an, Mutter, und es ist nun freilich schade, daß es so einfach nicht geht, daß du das Dunkel über dem Tode des Vaters nicht aufhellen darfst. Aber sei nur ruhig, es wird sich dennoch Alles lichten. Morgen, sobald ich mich vom Gericht losmachen kann, gehe ich zu den Eltern und berichte ihnen Alles, und wenn ihnen meine moralische Ueberzeugung von der Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit jenes Geschwätzes nicht genügt, erkläre ich ihnen gerade heraus, daß ich lieber auf die Ehre, ihr Schwiegersohn zu werden, verzichten will, als es dulden, daß meine liebe Mutter –
      Du wirst mir versprechen, Kind, etwas so Tollköpfiges nicht zu thun, hörst du? Du wirst nicht zu den Eltern gehen und in deiner Hitze und selbstlosen Aufwallung einen Schaden anstiften, der vielleicht nie wieder gut zu machen ist. Vom Gericht wirst du nach Hause kommen, hörst du wohl? und abwarten, was du hier von mir erfahren wirst. Denn ich selbst werde zu Cilly's Mutter gehen, und verlaß dich darauf, meine Worte werden eindringlicher sein, wenn sie auch sanfter klingen werden, als all dein heißblütiges Herausfahren und stolzes Pochen auf unsere Unschuld. Und jetzt nimm nur das Licht vom Tisch und gehe damit in dein Zimmer. Gute Nacht, Kind. Komm! laß dich noch einmal an mein altes Herz drücken. So! Und nun schlafe gut. Deine Mutter steht dir dafür, daß der Morgen Gutes bringen wird!
      *
      Spät war es Tag geworden. Die Novembersonne hatte Mühe, den zähen Nebelschleier zu lüften, der an den spitzen Giebeln der alten Häuser sich festgehakt hatte. Und vollends in dem Alkoven der Mutter schien es heut überhaupt nicht Tag werden zu wollen. Dreimal hatte der Sohn sich herangeschlichen und, die Thür verstohlen öffnend, hineingehorcht. Er hörte immer die gleichen stillen Athemzüge und winkte der alten Dienerin, der ein solches Verschlafen ihrer stets vor Tag schon sich rührenden Frau unerhört vorkam, sich ja ruhig zu verhalten. Er habe mit der Mutter bis gegen den Morgen zu reden gehabt. Nun hole sie das Versäumte nach.
      Kaum aber war er aus dem Hause, so regte sich's hinter dem Vorhang, und die kleine Glocke erscholl, die jeden Morgen der alten Dora das Zeichen gab, daß sie Feuer im Ofen anmachen solle. Die getreue Dienerin pflegte während dieses Geschäfts mit ihrer Herrin zwanglos zu plaudern, den Tagesbefehl für Küche und Haus entgegenzunehmen und allerlei Neuigkeiten aus der Nachbarschaft zu berichten. Heute, da sie nur einen flüchtig forschenden Blick auf das ernste Gesicht und die fest vor sich hin starrenden Augen gethan, verging ihr alle Versuchung zum Schwatzen. Sie glaubte, die Frau sei überhaupt noch nicht recht wach, sondern träume noch fort mit offenen Augen. Also sputete sie sich, so viel sie konnte, stellte das Frühstück auf den Tisch und ging wieder in ihre Küche.
      Die Frau hatte aber überhaupt nicht geschlafen, nur so lange das Bett gehütet, um das nächtliche Gespräch nicht gleich in der Frühe fortspinnen zu müssen. Nun stand sie auf, in tiefen Gedanken, zog sogleich das schwarze Seidenkleid an, in welchem sie Besuche zu machen pflegte, und setzte sich dann mechanisch zu ihrem Frühstück. Sie hatte aber kaum ein paar Bissen genossen, als sie wieder aufstand, nach dem alten rundbauchigen Secretär ging und mit einem Schlüssel, den sie in ihrem Geldtäschchen verwahrte, die gewölbte Klappe öffnete.
      Ein unruhiger, zweifelnder Geist arbeitete sichtbar hinter ihrer sonst so klaren Stirn, als sie in die dunkle Höhlung des Schränkchens hineinblickte. Sie zauderte eine ganze Weile, ehe sie eines der Seitenfächer öffnete und eine alte Brieftasche herausnahm. Mit leise bebenden Händen zog sie einen vergilbten Brief daraus hervor, der noch in seinem Umschlag steckte. Die Adresse zeigte ihren eigenen Namen.
      Wie oft hatte sie diesen Brief, den sie einst in ihrer jammervollsten Stunde auf dem Tisch neben dem Sterbelager ihres Mannes gefunden, wie oft hatte sie ihn aus dem Couvert genommen, gelesen und Thränen aufgetrocknet, welche die Schriftzüge hie und da zu verwischen drohten. Sie wußte jedes Wort auswendig. Warum las sie ihn jetzt dennoch wieder wie zum ersten Mal?
      »Mein armes, unglückliches Weib, meine getreueste Freundin, ich muß dir schreiben, denn ich weiß nicht, ob du noch zeitig genug kommen kannst, um meinen Abschied und die letzte Bitte, mir zu verzeihen, von meinen Lippen zu hören. – O Karoline, fast wünschte ich, du möchtest zu spät kommen. Wie soll ich sterbender Schächer in meinen letzten Augenblicken Kraft finden, deinen Anblick zu ertragen! Du weißt es ja, daß ich selbst in meinen übermüthigsten Tagen vor deinem stillen Blick, der mir niemals strafend und anklagend, höchstens traurig begegnete, mich gefürchtet habe wie ein Schulknabe. Gerade weil du mit deiner Engelsseele mich es nie wolltest fühlen lassen, wie wenig ich deiner werth war, gerade darum ertrug ich deine Nähe so schwer. Der Dämon in mir riß mich mit Gewalt von dir weg, dem Teufel ist's nicht geheuer an einem geweihten Ort. Hättest du mir Scenen gemacht, mir Alles ins Gesicht gesagt, was ich mir selbst dir gegenüber im Stillen sagen mußte, so wäre mir's minder drückend gewesen. So aber mied ich dich und suchte mir Gesellschaft, die nicht besser war als ich selbst. Gerade den Einzigen, gegen den ich jemals dein Auge in hellem Zorn hatte blitzen sehen, als du ihm wegen seiner galanten Zudringlichkeit unser Haus verbotst, gerade an Den mußte ich wieder gerathen. Es war ein seltsam gemischtes Gefühl von Schadenfreude und Kameradschaft, das mich zu ihm zog. Er war von dir ausgestoßen, und ich wäre es werth gewesen, mehr als er, denn ich kannte ja noch besser deinen ganzen Werth, und dein ganzes Leben hattest du mir geschenkt, und ich Wahnsinniger – Das Schreiben wird mir zu schwer, um hier noch einmal zu sagen, was du ja Alles weißt. Verzeihung, Karoline! Verzeihe dem Sterbenden, was du dem Lebenden nie vorgeworfen, als durch das stille Bild deines Kummers. Seit jener ersten Untreue an dir, zu der mich – Gott ist mein Zeuge! – kein Funke einer wirklichen Leidenschaft, nur der Uebermuth eines von den Frauen verwöhnten Weltmannes, nur der teuflische Tik verleitet hatte, nicht den plötzlich zur Tugend bekehrten Ehemann zu spielen, da ich einen Engel an meiner Seite hatte, – seit jener ersten Sünde an deinem Frieden habe ich immer mit getheiltem Herzen mein Leben geführt, hundertmal Willens, ein Ende zu machen und zu deinen Füßen all meine schnöden Thorheiten abzuschwören, und immer wieder – –
      Ich habe inzwischen viel Blut verloren – zwei Stunden lang in der Ohnmacht gelegen. Meine Augenblicke sind gezählt. O Karoline, nur das Letzte noch: ich bin einer nichtswürdigen Kabale jenes Menschen zum Opfer gefallen, der unter der Maske leichtfertiger Vertraulichkeit seinen tiefen Haß versteckte, seine wüthende Begierde, sich an mir dafür zu rächen, daß meine Frau ihn beschämend abgewiesen. Er hatte eigens zu diesem Zweck ein Verhältniß angeknüpft mit einem ebenso reizenden als verworfenen Weibe. Er führte mich bei dieser Frau ein, gegen die ich anfangs vollkommen kalt blieb. Aber im Einverständniß mit ihm bot sie alle Künste ihrer Koketterie, alle Listen der Hölle auf, mich aus meiner Gleichgültigkeit herauszulocken. Als es endlich gelungen war und ich mich, wie hundert andere Narren vor mir, als ein schmachtender Wurm zu ihren Füßen krümmte, trat der »Freund«, der um Alles wußte, wie zufällig herein, da sie mich gerade mit Hohn von sich stieß, und übernahm in ihrem Spottlied die zweite Stimme. Ich durchschaute auf der Stelle das tückische Possenspiel – mein heißes Blut wallte über – ich warf dem Triumphirenden meine Reitpeitsche ins Gesicht, – das Ende der Komödie vollzieht sich auf diesem blutigen Bette. –
      – – Es flimmert mir vor den Augen. Kaum daß ich die Züge meiner eigenen Schrift noch unterscheiden kann. Es ist gut so! Ich sehne mich nach dem letzten Augenblick, um die qualvollen Stimmen nicht mehr zu hören, die mir zurufen: du hast das edelste Weib elend gemacht, und wenn es eine Ewigkeit giebt, wird 
      der Gedanke dich mehr darin martern, als alle Höllengeister thun könnten. Mein Weib, meine hochherzige, starke, reine Karoline! – ich weiß, du wirst diese meine Flecken mit deinen Thränen auslöschen. Aber ich bitte dich noch um Eins: wenn es irgend möglich ist, sorge, daß unser Sohn nie erfährt, wie jämmerlich sein Vater gelebt und gestorben. Mein prächtiger Junge – ich sehe in diesem Augenblick seine ernsthaften, ehrlichen Augen auf mich gerichtet, – 
      deine Augen, Karoline! Wenn ich denken müßte, die stürmische Liebe, mit der er sich mir an den Hals warf, so oft er mich sah, verkehrte sich in – Verachtung – Abscheu – o, das ist mehr als Hölle – das, Karoline, bei deinem Mutterherzen beschwöre ich dich, – das darf, das 
      wird nie geschehen, – nicht wahr? Diese angstvolle letzte Bitte eines von Reue gefolterten Sterbenden – – –«
      Hier brach es ab, die letzten Zeilen waren kaum noch leserlich, Auge und Hand schien die Nähe des Todes bereits überschattet zu haben. Was blieb auch noch zu sagen? Das Herz dieser Frau hätte wohl auch ohne Wort verstanden, was der letzte Wunsch des Sterbenden sein mußte.
      Wort für Wort wußte sie den Brief auswendig. Und in den langen dunklen Nachtstunden nach dem Gespräch mit ihrem Sohn war es ihr als ganz natürlich und gut erschienen, das verhängnißvolle Blatt zu sich zu stecken, wenn sie den Gang zu Cilly's Mutter anträte. Ihr allein, die Mutter der Mutter, wollte sie, nach feierlichem Gelöbniß unverbrüchlicher Verschwiegenheit, dieses unter so viel Entsagungen und Schmerzen behütete Geheimniß offenbaren. Sie konnte sich dann bei der übrigen Familie, vor Allem bei jener gefürchteten Erbtante in B. für die völlige Unschuld und Unantastbarkeit der Verleumdeten verbürgen.
      Das schien ihr, wie gesagt, so leicht und richtig in ihrem einsamen nächtlichen Denken, daß sie ein fröhliches Ende voraussah. Und nun – ein einziger Blick auf den Brief, wie er da vor ihr lag, hatte ihr allen Muth gelähmt.
      Nein, sagte sie vor sich hin, es ist unmöglich. 
      Dieser Frau, die mich nicht liebt, die auch mein Kind sich nur so aus Gnaden gefallen läßt, um ihrem eigenen Kinde nicht das Herz zu brechen, – dieser ganz Fremden mein heiligstes Geheimniß ausliefern, das Andenken an das unselige Geschick eines guten, nur leider schwachen Menschen, – nein, in ihren Augen wäre es nur eine gerechte Buße für arge Sünden, – sie hat ihn ja nicht gekannt, sie ahnt und begreift ja nicht, warum man ihn trotz alledem lieben mußte, wie man ein ganzes Leben lang ihn betrauern kann!
      In solche rathlose Gedanken versunken stand sie noch vor dem Secretär, als die alte Dora leise hereintrat, ein Bündel Schriften in der Hand.
      Der Bote vom Armenpflegschaftsrath habe die Akten gebracht. Wenn die Madame sie gleich durchsehen wolle, könne er darauf warten. Sie müßten noch bei drei anderen Damen vom Vorstand circuliren, und es sei pressant; übermorgen habe der Herr Stadtpfarrer eine Sitzung anberaumt.
      Frau Karoline warf einen zerstreuten Blick auf die Papiere. Es war eine ansehnliche Menge von Zeugnissen, Briefen und Bittgesuchen um Unterstützung, die sie alle sorgfältig zu prüfen hatte, da sie es mit ihren Pflichten als Vorstandsmitglied des städtischen Hülfsvereins nicht leichtsinnig nahm.
      Lege die Akten nur auf den Tisch, Dora, sagte sie. Der Mann soll Nachmittag wiederkommen. Ich habe etwas Anderes vor, das mehr Eile hat.
      Die Alte that mit stillem Kopfschütteln, wie ihr geheißen war. Es war noch nie vorgekommen, daß irgend Etwas auf der Welt ihrer Frau pressanter schien, als ihre Armensachen.
      Frau Karoline aber ging noch eine ganze Viertelstunde in ihrem Stübchen auf und ab. Dann erst schien ihr Entschluß sich ganz befestigt zu haben. Sie trat vor das Bild des unglücklichen Mannes, der aus seinem goldnen Rahmen so zuversichtlich lebensfroh zu ihr herabsah, als ob nie ein ernster Kummer diese offene Stirn furchen könne. Wie die kleine blasse Frau jetzt zu ihm aufblickte, war Etwas im Ausdruck ihres Mundes, als wiederhole sie im Stillen ihr altes Gelübde, nie zu verrathen, was die letzten Stunden dieses trostlos hingestürmten Lebens verbittert hatte.
      Sie nahm dann mechanisch das Bündel Papiere vom Tisch, trug es zum Secretär und legte es in dieselbe Schublade, wo sie auch den Brief beim Eintritt ihrer Dienerin rasch wieder verborgen hatte. Sorgfältig schloß sie die runde Klappe wieder zu und steckte den Schlüssel in ein eigenes Fach ihres Geldtäschchens. Darauf klingelte sie ihrer Dora und ließ sich Hut und Mantel bringen.
      *
      Wie sie so rasch und ohne rechts noch links zu blicken durch die bereiften, nebligen Straßen hinging, sah der resoluten kleinen Frau wohl Niemand an, wie sauer dieser Gang ihr wurde. Sie hatte das Mädchen, das ihr Sohn liebte, so wenig sie bisher mit ihr zusammengekommen, tief ins Herz geschlossen. Mit der Mutter hatte sie öfter verkehrt, unter Anderm in jenem Armencomité. Sie empfand aber, eine geborene Großstädterin wie sie war, von echt vornehmer Familie und in den besten Kreisen aufgewachsen, eine stille, unüberwindliche Abneigung gegen diese Frau, die bei aller Gutmüthigkeit einen kleinstädtischen Honoratiorendünkel besaß und als Gattin eines der reichsten Männer der Stadt der Pflicht, zu repräsentiren, sich lebhaft bewußt war. Dieser Frau sollte sie nun gegenübertreten und sie bitten, die Ehrenerklärung, die sie sich selber geben mußte, auch ohne weitere Zeugnisse für voll anzunehmen!
      Als sie das stattliche blanke Haus am Markt erreicht hatte, mußte sie all ihren Muth zusammennehmen, um nicht wieder umzukehren. Ach Gott! ach mein Gott! seufzte sie, indem sie die teppichbelegte Treppe hinaufstieg. Droben wurde sie in das Besuchszimmer geführt und hatte hier eine Weile Zeit, sich zu sammeln. Wie sie die prunkvollen Möbel und schweren Seidenstoffe musterte, mit denen dies Gemach nicht eben im besten Geschmack ausgestattet war, kehrte ihr angeborener echter Stolz, der allen Schein verachtete, in ihre Seele zurück, und sie besann sich, daß sie ja keine Gunst zu erbitten komme, vielmehr der Besitzerin dieses Hauses eine Ehre damit anthue, wenn sie ihren einzigen Sohn ihr zum Schwiegersohn gönnen wollte.
      Sie war kaum mit dieser Erwägung fertig geworden, als Cilly's Mutter hereintrat, in einem reichen Morgenanzug, sichtbar erregt und im Zweifel darüber, mit welcher Miene sie den frühen Besuch, den sie halb und halb mit heimlicher Angst erwartet, zu begrüßen habe. Sie glaubte sehr klug zu verfahren, wenn sie alle übrigen Beziehungen beiseite ließ und nur das collegiale Verhältniß von der Armenpflegschaft her betonte.
      Ich komme in ganz persönlichen Angelegenheiten zu Ihnen, sagte die kleine Frau sofort mit einem Ton, der alle Umschweife abschnitt. Mein Sohn war gestern bei Ihnen, um Ihre und Ihres Herrn Gemahls Entscheidung über sein Lebensglück –
      O meine verehrte Frau Collegin, unterbrach sie Cilly's Mutter, Ihr Herr Sohn ist ein so vortrefflicher junger Mann, Sie glauben nicht, wie mein Gatte ihn schätzt; ich selbst – obwohl Cilly Partieen hätte machen können, die äußerlich weit glänzender gewesen wären, – ich selbst bin ganz verliebt in ihn, und wenn dieser Eine Umstand nicht wäre – aber ich bitte doch Platz zu nehmen – es ist noch ein wenig kalt hier – der Salon wird so schwer durchwärmt, – wir wollen es nun mit einem russischen Ofen versuchen – ich bitte dringend –
      Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen, erwiderte Frau Karoline, und – verzeihen Sie – in einem Hause, wo eine so schwere Beschuldigung gegen meine Ehre ausgesprochen worden ist, mag ich mich nicht als Gast betrachten, ehe dieser Makel wieder von mir genommen ist. Ich habe meinem Sohn, als er mir von dem Einspruch des alten Fräuleins und Ihren Rücksichten auf diese reiche Verwandte erzählte –
      Aber ich bitte Sie, beste Frau, was sollen wir mit dem besten Willen thun? Es hängt so viel davon ab – versetzen Sie sich in unsere Lage – von allem Geschäftlichen abgesehen – die natürlichen Beziehungen zu einer einzigen Schwester und Schwägerin – übrigens war Ihr Herr Sohn heut schon in aller Frühe bei meinem Mann und hat ihm mitgetheilt, was Sie in der Nacht ihm eröffnet haben. Ich muß gestehen –
      Mein Sohn? Er war hier? Ich hatte ihn doch gebeten –
      Er wollte Ihnen gewiß einen Gang ersparen, der Ihnen wohl nicht leicht wurde. Mein Gott, Sie sind ja so exclusiv – so menschenscheu – man muß ja geradezu ein Armer oder Kranker sein, damit Sie einem die Ehre erweisen, einen aufzusuchen! – und Ihr Herr Sohn, der Sie förmlich vergöttert, das können Sie nur glauben –
      Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, 
      was mein Sohn Ihnen von unserem Gespräch berichtet hat?
      Nun, was wir uns denken konnten: daß Sie Alles für eine böswillige Verleumdung erklären, bis auf das Duell, dessen Veranlassung Sie allerdings nicht aufklären dürften, zu dem Sie selbst aber nicht in der entferntesten Beziehung gestanden hätten. Der arme Hubert! Er war noch ganz unter dem Eindruck dieses aufregenden nächtlichen Gesprächs. Und er ist ein so guter Sohn, 
      jede Mutter könnte stolz darauf sein, – ein solches Herz, ein so klarer Verstand – er wird gewiß noch eine schöne Carrière machen und so glücklich werden, daß er es leicht verschmerzt, wenn auch wirklich ein jugendlicher Wunsch ihm unerfüllt geblieben ist!
      Sie hatte so eifrig gesprochen, daß ihr rundes, vor Zeiten gewiß recht hübsches Gesicht über und über geröthet war. Nun schwieg sie in sichtbarer Verlegenheit, wandte sich einen Augenblick ab und fegte ein paar Stäubchen von der kostbaren Decke des Tisches, neben welchem die beiden Frauen standen.
      Es entstand eine peinliche Stille. Dann hörte man die Stimme der kleinen Frau mit den weißen Haaren, die jetzt ein wenig gepreßt klang, als habe sie Mühe, ihre Aufregung zu bemeistern.
      Sie haben vielleicht Recht. Ein junger Mann, wie mein Sohn, dem ein reiches Leben bevorsteht, der an keiner Thür, wo er auch anklopfen mag, befürchten muß, abgewiesen zu werden, – ich glaube wohl, daß er mit den Jahren selbst eine so tiefe Neigung, wie die zu Ihrer Tochter, verwinden wird. Aber glauben Sie dasselbe auch von Fräulein Cilly? Ich habe sie nicht oft gesehen, aber doch den Eindruck von ihr empfangen, als ob sie zu den Naturen gehörte, die in unserem Geschlecht zwar selten, aber doch noch immer zu finden sind, die ein für alle Mal ihr Herz hingeben, und wenn es ein Irrthum war oder das Schicksal dazwischentrat, nie wieder ganz glücklich werden, auch nicht durch die glänzendste Partie, mit der man später sie zu entschädigen versuchte.
      Ja wohl, nickte Cilly's Mutter, indem sie an dem Strauß künstlicher Blumen in der großen Krystallvase ein paar Blättchen zurechtzupfte, Cilly 
      ist ein ungewöhnliches Kind, ein seltenes Geschöpf, wie mein Mann immer sagt. Aber bei alledem – mein Gott, das Leben bringt so Vieles mit sich – Sie begreifen, beste Frau, die Pflicht der Eltern, die kühler und unbefangener urtheilen, – nicht als ob wir irgend etwas von dem in Zweifel zögen, was Ihr Herr Sohn uns mitgetheilt –
      Sie stockte. Es machte sie immer verwirrter, daß sie die stillen Augen der kleinen Frau so fest auf sich gerichtet fühlte. Wenn es nur auf uns ankäme – stotterte sie
      Hat mein Sohn Ihnen auch gesagt, daß ich bereit war, mit einem feierlichen Eide Alles zu bekräftigen, was ich in dieser Nacht zum ersten Mal mit ihm besprochen habe?
      Ich weiß wahrhaftig nicht, ob er meinem Mann auch das gesagt hat. Aber, beste Frau, was würde es helfen? Denn, sagt mein Mann mit Recht, was wir glauben oder nicht, kommt ja nicht in Betracht. 
      Veronika muß überzeugt werden – da sie sich nun einmal die verrückte Marotte in den Kopf gesetzt hat, so eine rechte Betschwestern-Marotte, – Sie sehen, mein Mann beurtheilt seine Schwester nicht gerade schonend, – die nämlich, sich von der Familie loszusagen, wenn Sie, meine Liebe, an der Hochzeit Theil nähmen oder ihr sonst hier im Hause begegneten. Und wie sie nun einmal ist – und einer einzigen Schwester, auch wenn sie keine Erbtante wäre, kann man doch nicht geradezu das Haus verbieten, – würde sie sich nicht dabei beruhigen, wenn 
      wir die moralische Ueberzeugung von Frau Karolinens vollkommener Unschuld erhielten – sagt mein Mann –, und selbst wenn Frau Karoline einen sogenannten Reinigungseid schwören wollte, mein Gott, wie oft hat man erlebt, daß eine Mutter, um ihr geliebtes Kind glücklich zu machen, ein Verbrechen begangen, eine Todsünde auf ihr Gewissen genommen hat, ohne an ihr eigenes Seelenheil zu denken. So, sagt mein Mann, könnte 
      Veronika sagen, nicht entfernt als ob er selbst oder ich einen solchen Gedanken –
      Ich bitte, sich ja keinen Zwang anzuthun – brach es jetzt der kleinen Frau von den entfärbten Lippen, die sich während der letzten langen Rede immer fester zusammengepreßt hatten. Nach Allem, was ich so eben gehört, muß ich leider gestehen, daß mir auch auf Ihre eigene moralische Ueberzeugung nicht viel mehr ankommt. Ich bitte mir nur noch eine Frage zu beantworten: wenn ich den Tod meines Gatten nicht überlebt, oder überhaupt nie die Ehre gehabt hätte, Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern etwa in einer sehr entfernten Stadt lebte und Ihnen die Versicherung geben könnte, daß ich Ihrem Fräulein Schwägerin niemals durch meine anstößige Nähe unbequem werden würde, – wäre dann jedes Hinderniß für die Ehe unserer Kinder beseitigt?
      Die runden Augen der Kaufmannsfrau richteten sich mit einem betroffenen Ausdruck auf ihren Besuch.
      Was wollen Sie damit sagen? Was nützt es, von Möglichkeiten zu reden, die ja vorläufig –
      Es ist gut, unterbrach sie Frau Karoline. Sie haben Recht, vorläufig bin ich eben noch da, und da ich leider schon Manches überlebt habe, wird mich auch diese neue Erfahrung nicht aus der Welt schaffen. Uebrigens kommt Zeit, kommt Rath. Ich bitte um Entschuldigung wegen meiner langen Störung zu so unschicklicher Stunde. Leben Sie wohl!
      Sie machte einen förmlichen, eher herablassenden, als höflichen Knix und war aus dem Zimmer, bevor die verdutzte Herrin des Hauses noch ein Abschiedswort an sie richten konnte.
      So eilig sie es aber hatte, das Gespräch, das sie nicht länger ertrug, abzuschneiden und diesem Hause für immer den Rücken zu kehren, so mußte sie dennoch draußen in dem glänzenden Treppenflur einen Augenblick stehen bleiben, die Hand um das Mahagonygeländer geklammert, die Augen eingedrückt, da das erregte Blut ihr zu heftig gegen die Schläfen pochte und ein plötzlicher Schwindel sie um ihre Besinnung zu bringen drohte. Es dauerte nur einige Secunden. Der Gedanke, wie beschämend es für sie sein würde, wenn man sie hier ohnmächtig fände, als ob ihr Stolz die Demüthigung, die sie so eben erlitten, nicht hätte überwinden können, kam ihrer Kraft zu Hülfe. Aber ehe sie sich noch besinnen konnte, fühlte sie sich von zwei zarten Armen umfaßt und unwiderstehlich fortgezogen nach einer Thür neben dem großen Vorzimmer und sah mit tiefer Rührung in ein junges, über und über glühendes Mädchengesicht, aus dem zwei Augen in zärtlichster Verwirrung sie anlächelten.
      O Cilly, du bist es! sagte sie leise abwehrend. Ich danke dir, Kind, daß ich dich noch einmal sehen darf. Und dabei schien sie das reizende Gesicht zu studiren, wie wenn sie es noch nie gesehen, und athmete wie von einer Angst befreit auf, als sie keinen Zug darin fand, der der Mutter glich.
      O liebste Mutter, flüsterte das Mädchen, kommen Sie doch in mein Zimmer – bitte, bitte – ich habe Ihnen so viel zu sagen. Denn schelten Sie mich nur, aber – ich habe Alles mit angehört, was Sie mit der Mama gesprochen haben – die Thür vom Salon war offen geblieben – Sie glauben nicht, wie weh es mir gethan hat, aber nicht wahr, das ist ja unmöglich! – Was kümmert uns diese böse Tante? An ihr Geld habe ich nie gedacht, an sie selbst nur aus Pflicht, so oft die Mama es für nöthig fand, – Sie aber, liebste Mutter, seit dem ersten Tage, wo ich Ihnen mit Hubert im Stadtwäldchen begegnet bin, – o nicht wahr, Sie wissen es, nicht bloß, weil Sie seine Mutter sind, hab' ich Sie lieb gehabt, Sie wissen auch –
      Meine geliebte Tochter, unterbrach sie die kleine Frau, während das Mädchen seine Thränen an ihrer Brust ausweinte, du mußt dich fassen, ich muß es ja auch. Hier ist meines Bleibens nicht, und dir würde man es übelnehmen, wenn man dich so in meinen Armen fände. Sei ruhig, es wird noch Alles gut. Versprich mir nur, ihn immer so zu lieben, wie heut; du wirst sehen, er wird es immer werth sein. Gieb mir deine Hand darauf – so! – und nun laß dich noch einmal recht mütterlich küssen und segnen!
      Ein Geräusch unten auf der Treppe riß die Beiden, die sich fest umschlungen hatten, auseinander. Bald darauf sah man die kleine Frau langsam, aber mit ganz gefaßter Haltung die Treppe hinuntergehen und die Hausthür mit fester Hand öffnen, ohne die Hülfe des herbeieilenden Portiers abzuwarten.
      *
      Eine gute halbe Stunde von der Stadt entfernt und von dem nächsten Dorf recht geflissentlich durch ein Wäldchen geschieden, lag ein schlichtes einstöckiges Landhaus mitten in einem großen Obst- und Gemüsegarten, der den eigentlichen Werth dieser Besitzung ausmachte. Vor sechzehn Jahren hatte Frau Karoline, als sie aus ihrer Vaterstadt fortzog, dies Gütchen gekauft und in tiefster Zurückgezogenheit hier gelebt, bis ihr Sohn von seinen Reisen zurückkam und sich als Advocat in der Stadt niederließ. Da war der Garten dem bisherigen Gärtner in Pacht gegeben worden, und von dem Hause hatte sich die Besitzerin nur den oberen Stock vorbehalten, um dort die heiße Jahreszeit zuzubringen.
      Der Gärtner, ein schon betagter und etwas wunderlicher Mann, hauste seit einigen Monaten mutterseelenallein in einem Hinterzimmer des Erdgeschosses. Seine alte Frau und ein einziger blühender Sohn, der ihm im Geschäft geholfen, waren ihm rasch nach einander weggestorben, und in seiner wortlosen, fast ingrimmigen Trauer um diese beiden einzigen Angehörigen mochte er kein fremdes Gesicht um sich sehen. Auch konnte er, was die Pflanzungen im Winter an Pflege erforderten, da er noch rüstig und ein umsichtiger Mann war, füglich ohne Hülfe beschicken.
      Er saß eben an dem Herd seiner kleinen Küche auf dem Block, auf dem er sein kleines Holz zu spalten pflegte, und tauchte den Löffel trübsinnig in die Suppe, die er sich selbst hatte kochen müssen, als er einen Schritt über den Kiesweg herankommen und gleich darauf den Hund, der draußen im Flur bei seinem Mittagmahl kauerte, freudig aufheulen hörte.
      Gleich darauf wurde die Küchenthür leise aufgemacht, und Frau Karoline erschien auf der Schwelle.
      Der alte Mann hing sehr an seiner gütigen Herrin, die noch in der letzten schweren Zeit seinem armen Weibe beigestanden und dem Sohne selbst die Augen zugedrückt hatte. Als er ihrer jetzt ansichtig wurde, schoß ihm diese Erinnerung wieder mächtig gegen das Herz, daß er sich zuerst gar nicht verwunderte, die Frau an einem so rauhen Nebeltage hier draußen zu sehen.
      Guten Tag, Veit, sagte sie, anscheinend mit ganz gleichmüthiger Freundlichkeit, wie immer. Laßt Euch nicht stören in Eurem Mittagessen. Ihr sollt mir hernach selbst noch etwas kochen – nicht jetzt, es ist noch nicht meine Stunde – aber vor allen Dingen: Niemand darf wissen, Veit, daß ich hier im Hause bin. Könnt Ihr lügen, Veit? Ich weiß wohl, es wird Euch sauer, aber dießmal müßt Ihr's dennoch übers Herz bringen. Es ist möglich, fuhr sie leiser fort, – daß man mich vermißt, daß mein eigener Sohn mich hier draußen sucht. Wenn er kommen sollte, Veit, – Ihr versteht mich – Ihr habt seine Mutter seit drei Wochen nicht gesehen; die Sünde, die Ihr damit thut, nehm' ich auf mein Gewissen, – und wenn er Euch nicht glaubt, da Ihr vielleicht trotz Eurer zweiundsechzig Jahre noch roth dabei werdet, – wenn er das Haus nach mir durchsucht, – zu der alten Kammer auf dem Speicher, wo Ihr sonst Eure Sämereien und Zwiebelknollen überwintert, habt Ihr schon seit Jahr und Tag den Schlüssel verloren, hört Ihr? – Und jetzt macht mir oben die blaue Stube auf und bringt mir Feder, Tinte und Papier, ich habe einen eiligen Brief zu schreiben.
      Dem einsamen alten Manne, der immer wortkarg gewesen, war vollends in der letzten Zeit der Mund versiegelt geblieben. So nickte er nur zu Allem, was er geheißen wurde, führte die Herrin in das obere Stockwerk, öffnete die Läden in dem blauen Zimmer und war nicht eher zu bewegen, sein unterbrochenes Mahl fortzusetzen, bis er in dem Ofen ein Feuerchen angemacht, das die dumpfe, frostig beklommene Luft des lang verschlossenen Raumes ein wenig verbesserte.
      Aber selbst als dies geschehen und die Schreibsachen zusammengesucht waren, konnte Frau Karoline sich nicht gleich entschließen, den Brief aufzusetzen, den sie auf dem traurigen Wege hier heraus schon hundertmal in Gedanken geschrieben hatte.
      Sobald der Alte sie droben allein gelassen hatte, veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts. Eine tiefe Trostlosigkeit, eine schmerzliche Erschöpfung sprach aus jedem Zuge ihres Mundes, und die Augen wanderten unstät an den wohlbekannten Wänden herum, wo jetzt von der früheren behaglichen Einrichtung ihres Wittwensitzes nur noch dürftige Reste zurückgeblieben waren. Ach Gott! ach mein Gott! sagte sie immer von Zeit zu Zeit vor sich hin, während sie über die weißgescheuerten Dielen hin und her ging, den Hut noch immer auf dem Kopf und den Mantel umgebunden, obwohl der Ofen schon seit einer halben Stunde eifrig prasselte. Dann kam der alte Veit wieder herauf, fragte, ob die Frau zu essen wünsche, und wurde wieder fortgeschickt. Dann schlug der Hund im Hausflur an, daß sie zusammenschrak, hastig das Schreibgeräth in die Schublade warf und sich auf dem Sprung hielt, ihr Versteck auf dem Speicher aufzusuchen. Erst als diese Gefahr vorüber war, konnte sie so viel Muth und Kraft zusammenraffen, um sich an das Tischchen zu setzen und die folgenden Zeilen mit leidlich fester Hand aufs Papier zu werfen:
      »Mein geliebtes Kind! Es bleibt nichts Anderes übrig, als sich der Nothwendigkeit zu beugen. Daß es mir nicht ganz leicht wird, mich in diese Trennung zu finden, will ich nicht zu leugnen versuchen. Was würde es helfen, da du meine Liebe zu dir kennst? Aber ich habe schon Härteres überwunden, und dies wird mich Gott ja wohl auch überleben lassen. Wenn nur die ersten Jahre vorüber sind, wird man es mir wohl nicht mehr mißgönnen, mich an eurem Glück zu freuen. Bis dahin denke ich bei meiner Schwester in Hamburg zu leben. Du magst allen Denen, die sich über meine plötzliche Abreise etwa wundern, sagen, daß ich zu ihr gerufen sei, um sie in ihrer Krankheit zu pflegen. Daß sie mich schon längst sehr gut hätte brauchen können, ist ja die reine Wahrheit. Dir aber war ich noch nöthiger; das hat jetzt aufgehört; du wirst dein Mutterchen kaum vermissen, als glücklicher junger Ehemann. Grüße unsere Cilly von mir, sie hat ein goldenes Gemüth, ich liebe sie, wie wenn ich sie unterm Herzen getragen hätte.
      Lebwohl, mein lieber Junge. Du hörst bald wieder von mir. Dein getreues
      Mutterchen.
      Ich mache den Brief noch einmal auf, um dir zu sagen: denke nur nicht daran, mich etwa aus übertriebenem Stolz und Ritterlichkeit in meinem Vorhaben wankend machen zu wollen, reise nicht etwa nach Hamburg, mich von da mit Gewalt wieder nach Hause zu holen. Ich komme fürs Erste noch gar nicht hin, reise auf einem weiten Umwege, Geld genug hab' ich mitgenommen, bin so gesund wie ein Fisch, auch gar nicht einmal sehr betrübt, daß es so hat sein müssen. Du weißt ja, wie es meine Art ist, über Dinge, die nicht zu ändern sind, mir rasch einen Vers zu machen.
      Also sei gutes Muths, liebster Junge, und hoffe mit mir auf bessere Zeiten. Wir stehen alle in Gottes Hand und müssen's nehmen, wie er's schickt.
      Lebwohl! Ich küsse dich und Cilly, und bin eure alte resolute
      Mama Karoline.«
      Herrgott, ich muß wahrhaftig ein drittes Couvert daran wenden. Mir fällt ein, du möchtest am Ende, wenn du meine Spur nicht findest, auf den wahnsinnigen Gedanken kommen, ich hätte in einem Anfall von gottloser Schwermuth mir selbst – wer weiß, ob man mich etwa, da ich ziemlich lange spazieren gegangen bin, auch in der Nähe des Flusses gesehen hat, – aber nicht wahr, Kind, so etwas Sündliches traust du deiner alten, von Gott hartgeprüften Mutter nicht zu, – es wäre ja nicht bloß frevelhaft und gottlos, sondern würde auch meinen Zweck, dir nicht zu deinem Glücke hinderlich zu sein, verfehlen. Wie könnte mein lieber Sohn ein Glück genießen, das mit einem Verbrechen seiner Mutter erkauft wäre!
      Also – nicht wahr? – du bist ganz ruhig um mich. Wir sehen uns wieder, vielleicht früher als wir denken. – Empfiehl mich auch den Schwiegereltern. Sie können ja nichts dafür, daß sie gewisse Rücksichten zu nehmen haben.
      Leb tausendmal wohl und sei gesegnet!«
      *
      Ihre Hand zitterte, als sie den Brief zum letzten Male schloß; ein kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Aber sie zauderte nun keinen Augenblick mehr. Sie rief den alten Veit und trug ihm auf, sich nach einen, sicheren Boten umzuthun, der den Brief nach der Stadt tragen sollte. Sie band ihm auf die Seele, dem Boten einzuschärfen, daß er auf keinen Fall verrathen dürfe, von welchem Ort man ihn abgeschickt habe. Dann ging sie mit dem Alten in die Küche hinunter und wartete dort, auf dem Hauklotz am Herde sitzend, auf seine Rückkehr.
      Er blieb nicht lange aus, es war Alles aufs Beste und Zuverlässigste besorgt worden. Nun redete er der Herrin zu, etwas zu essen, und bediente sie, als sie sich endlich, um ihn zu beruhigen, dazu verstand, in seiner stillen, einsilbigen Art, ohne sie mit Fragen zu belästigen, da sein eigener Kummer ihm die Neugier abgestumpft hatte. Erst als sie ihn fragte, ob wohl für morgen früh ein Wagen aufzutreiben sei, bei einem sicheren Mann, der reinen Mund zu halten verstehe, wagte er zu fragen, wohin die gnädige Frau denn in der bösen Jahreszeit verreisen wolle. Er hörte mit stillem Kopfschütteln, da ihm jetzt erst ihr ungewohntes Wesen verdächtig ward, daß sie es selbst noch nicht genau wisse, die Nacht sei lang genug, sich's zu überlegen, sie werde dem Kutscher dann schon Bescheid sagen. Aber den Rückstand von der Pacht müsse er ihr mit auf den Weg geben; er werde die Summe, wenn er sie nicht gleich im Hause habe, leicht auftreiben können in der Nachbarschaft, und wenn es ihm gerade schwer falle, bis zum neuen Jahr das Geld zu entbehren, wolle sie ihn, vom Ziel ihrer Reise aus, wo sie Geld zu finden denke, das Nöthige schicken. – Das Alles verwunderte ihn mehr und mehr. Er war aber zu sehr gewohnt, den Willen der gütigen Frau als weise und gerecht zu verehren, um irgend eine Einwendung zu machen.
      Auch brachte er schon eine Stunde später Beides, das Geld und die Nachricht, daß ein Fuhrwerk für morgen früh bestellt sei, das sie vor Thau und Tage davonführen werde. Sie hatte sich wieder in die blaue Stube zurückgezogen, wo der Ofen inzwischen ausgebrannt war, und saß in einem Lehnstuhl am Fenster, den Blick auf die kahle Straße gerichtet, die nach der Stadt lief.
      Veit, sagte sie plötzlich, da kommt er, ich hatte es wohl geahnt. Sein erster Gedanke mußte sein, mich hier draußen zu suchen. Geht hinunter und erinnert Euch, was Ihr mir angelobt habt. Ich darf Euch die Gründe nicht sagen, aber Ihr werdet begreifen, daß es sich um nichts Kleines handelt, wenn ein Sohn seine Mutter sucht und sie muß sich vor ihm verleugnen lassen. Schließt mich hier ein und steckt den Schlüssel zu Euch. Im Nothfall bleibt noch immer die Bodenkammer.
      Der Alte nickte und ging. Frau Karoline hörte den Schlüssel im Schloß umdrehen und seufzte tief auf. Sie konnte jetzt, durch die staubblinden Scheiben spähend, deutlich das Gesicht ihres lieben Sohnes erkennen, wie er mit verstörten Zügen daherkam, – also hatte er schon ihren Brief; – es war ihr einen Augenblick, als habe sein Blick, die oberen Fenster streifend, ihre Augen getroffen, erschrocken schmiegte sie sich hinter die Mauer zurück und horchte mit Herzklopfen hinunter. Der Hund schlug an und stieß dann sein Freudengebell aus, als er den jungen Herrn eintreten sah. Dann hörte sie Hubert's Stimme und schlich an die Thür, um zum letzten Mal zu hören, was ihr Kind sagte, aber die Worte verhallten in dem tiefen Treppenflur. Ein langes Gespräch wurde unten geführt, einen Augenblick schien es, als ob sich die Sprechenden der Treppe näherten, um heraufzusteigen, schon war die Mutter von der Thür zurückgeflohen und im Begriff durch eine Seitenpforte nach dem Speicher hinaufzuhuschen, als es unten still ward, die Hausthür wieder aufging und Schritte sich vom Hause weg nach der Straße hin entfernten. Im nächsten Augenblick war die Frau wieder nach dem Fenster hingestürzt und sah nun die schlanke Gestalt ihres Lieblings gerade noch am Gartenzaun stehen, dem Alten die Hand reichend, und dann mit einem letzten hoffnungslosen Blick auf das Haus langsam den Weg nach der Stadt einschlagen.
      Da sank sie in den Sessel, drückte beide Hände vor das Gesicht und weinte sich von Herzen aus.
      *
      Sie überhörte es, als der Alte heraufkam und die Thür wieder aufschloß. Da er sie drinnen leise schluchzen hörte, wagte er nicht einzutreten. Erst nach einer Stunde schlich er wieder hinauf, klopfte behutsam an und getraute sich endlich in das Zimmer zu schleichen. Da lag sie in einem sanften Schlaf, der sich ihrer erschöpften Seele erbarmt hatte.
      So vergingen mehrere Stunden. Die Stille hier draußen in der winterlich verödeten Gegend ließ sie ruhig fortschlummern, so erquicklich traumlos, daß, wie sie endlich durch das Peitschenknallen eines vorüberfahrenden Kärrners geweckt wurde, sie ganz heiter die Augen aufschlug. Da sah sie in die unwohnliche Stube und die dunkle Nebellandschaft vor dem Fenster, und die ganze Last ihres Schicksals fiel ihr plötzlich wieder auf die Brust. Ach Gott! ach mein Gott! seufzte sie und besann sich rasch auf Alles, was geschehen war und noch kommen sollte. Und jetzt erst, wie ihr Eins nach dem Andern Alles wieder vorüberging, fuhr sie, plötzlich von einem qualvollen Gedanken erschreckt, in die Höhe: sie hatte ja den Brief nicht bei sich, an dem Alles hing, der vor keines Menschen Auge kommen durfte, den sie heute früh offen, wie sie ihn in der Hand gehalten, wieder in das Schubfach des Secretärs verschlossen hatte! Wenn sie nun nicht nach Hause kam, Wochen, Monate, Jahre lang, – wie sollte sie es anstellen, zu diesem so eifersüchtig bewachten unseligen Document ihrer Unschuld und ihres Unglücks zu gelangen!
      Ein kalter Schauer überlief sie bei dem Gedanken, der Brief möchte auch nur erst nach ihrem Tod gefunden werden. Warum hatte sie ihn nicht heut am Morgen, wie sie einen Augenblick vorgehabt, verbrannt! So konnte sie jetzt ruhig sein, alles Andere war so schön geordnet, Niemand litt, als sie selbst, und sie war ja an Leiden gewöhnt. Nein! es durfte nicht so bleiben. Sie mußte das Papier haben, um jeden Preis. Und noch war es ja nicht schwer, das Versäumte wieder gut zu machen.
      Der alte Veit riß die Augen weit auf, als er die Herrin die Treppe herunterkommen sah, wieder in Hut und Mantel, und hörte, sie habe noch ein eiliges Geschäft in der Stadt abzuthun. Die frühe Novembernacht brach schon herein, der Schneewind pfiff ums Dach, und es war bitter kalt auf der Landstraße neben dem hoch mit Eis gehenden Fluß. Lassen Sie mich gehen, Frau, murmelte der alte Mann. Sie werden sich eine Krankheit zuziehen, und wenn Sie morgen ohnehin fort wollen –
      Aber sie schüttelte entschlossen den Kopf und erlaubte auch nicht, daß er sie begleitete. Wenn man den Himmel nicht leichtsinnig herausfordert, sondern thut, was Gottes Wille ist, schadet einem kein bös Wetter, sagte sie, und trug ihm auf, oben noch einmal nachzulegen und für heißes Wasser zu sorgen, daß sie, wenn sie zurückkäme, sich ihren Thee bereiten könne. Dann schlug sie den Weg nach der Stadt ein.
      Sie hatte Zeit, sich Alles wohl zu überlegen. Ihrem Hause gegenüber war ein kleiner Kramladen, dessen Besitzerin allerlei Gutes von ihr genossen hatte, in gesunden und kranken Tagen. Bei Der wollte sie vorsprechen, in Deren Hinterstübchen abwarten, bis sie ohne Gefahr drüben in ihrer Wohnung einbrechen und den Schatz entwenden könnte. Auch die alte Dora, vor deren Thränen und Bemühungen, sie nicht wieder fortzulassen, sie sich fürchtete, konnte durch die Nachbarin, die ein kluges und gewandtes Weibchen war, aus dem Hause gelockt und so lange festgehalten werden, bis sie ihren Zweck erreicht hatte. Wie sie durch die nächtliche Dämmerung und den scharfen Wind dahineilte und all diese Anschläge überdachte, trat ihr das Erbärmliche ihrer Lage so ans Herz, daß ihr die Augen übergingen. Sie kam sich als das unseligste aller irdischen Geschöpfe vor, daß sie so gezwungen war, mit Noth und Gefahr, durch Sturm und Winterschauer darum kämpfen zu müssen, von ihrem einzigen Lebensglück sich zu trennen, und in ihrer Verlassenheit auf der unwirthlichen Landstraße schien es ihr jetzt auch unmöglich, daß diese Trennung einmal ein Ende nehmen würde. Ach Gott! ach mein Gott! seufzte sie aus tiefer Brust. Dann stand sie still, schöpfte eine kleine Weile Athem und faßte sich neuen Muth. Auch das noch! dachte sie. Dann ist Alles gethan, und ich kann ruhig schlafen, er wird nie erfahren, was mich selbst sechzehn Jahre hindurch so unselig gemacht hat.
      Niemand begegnete ihr, der sie erkannt hätte. Auch in den Straßen der Stadt, die sie endlich erreichte, wurde sie von keinem Begegnenden aufgehalten. Sie strich zitternd und trotz des eisigen Windes in Schweiß gebadet an den Häusern hin und bog jetzt in die Straße ein, wo sie wohnte – gewohnt 
      hatte, wie es ihr jetzt schon vorkam. Ihr erster Blick fiel auf die Wand des Hauses gegenüber, an welcher sich gestern bis nach Mitternacht das schwarze Kreuz ihres Fensters in dem ruhigen Lichtschein abgeschattet hatte. Heute war die Wand dunkel, es brannte also kein Licht in ihrem oder ihres Sohnes Zimmer, Niemand war zu Hause, – höchstens die Magd, deren Kammer nach dem Hofe lag.
      Ein schwerer Stein fiel ihr vom Herzen. Sofort gab sie all die künstlichen Pläne auf, die sie nur mit Hülfe der Nachbarin hätte ausführen können. Mit der Dora allein fertig zu werden, schien ihr jetzt ein Spiel. Sie stand einen Augenblick auf der Treppenstufe vor der Hausthür und betete still und wortlos zu Gott um das Gelingen ihres Vorhabens. Dann drehte sie behutsam den Schlüssel, den sie immer bei sich trug, im Schloß, öffnete und schlüpfte geräuschlos in den dunklen Flur und die alte Treppe hinauf.
      Alles blieb ganz still im Hause. Auch oben, vor dem Eingang zu ihrer Wohnung, hörte sie keinen Laut, und es schien fast, als ob auch die Nora nicht in ihrer Kammer sei; denn das Kammerfenster war unerleuchtet. Da schloß sie mit klopfendem Herzen die Thür auf und betrat so leise, wie gestern Nacht der Sohn heimgekommen war, die Räume, die sie nun für immer meiden sollte.
      Auf den Zehen, mit verhaltenem Athem schlich sie durch den dunklen Flur; denn sie hörte nun wohl, daß ihre getreue Dienerin in der Küche hantierte, aber vor dem Lärm, den sie dort mit Tellern und Pfannen machte, das Oeffnen der Thür überhört hatte. Auch in das Vorzimmer gelangte sie geräuschlos, zitternd am ganzen Leibe; denn ihr war zu Muth, wie wenn sie eine Diebesthat begehen wollte, ja noch unheimlicher, wie wenn sie zu einem Gespenst geworden wäre, das eine versäumte irdische Pflicht noch einmal in die Stätten des alten Lebens zurückzwingt. Kaum eine schwache Dämmerung schimmerte durch die Schneestreifen draußen an Dächern und Fenstersimsen in ihr grauliches Wohnstübchen, wo aus der schwarzen Höhle des Alkovens die Erinnerung so mancher kummervollen Nacht sie anblickte. Nur die Uhr hielt ihr eintönig heiseres Selbstgespräch, und über dem Sopha stand die dunkle Gestalt des Todten, für den sie all das litt und wagte, – das hielt sie aufrecht, daß sie, ohne erst einen Augenblick von dem hastigen Gang auszuruhen, so sehr ihre Kniee wankten, nach dem Secretär schlich, um ihren Schatz zu heben. Aber wie sie mit der Hand, in der sie den Schlüssel hielt, nach der bauchigen Klappe tastete, griff sie ins Leere – der Deckel stand offen – auch das Schubfach zur Rechten war halb herausgezogen, ihre suchende, wühlende Hand, die blindlings sich hier zurechtzufinden wußte, – nach Brief und Brieftasche tastete, griff und wühlte sie vergebens. Da vergingen der ärmsten Frau die Sinne; ehe sie noch sich zusammenreimen konnte, wer ihr hier zuvorgekommen, brach sie von dem Schrecken überwältigt in die Kniee zusammen und lag bewußtlos auf dem Teppich vor dem alten Möbel, Finsternis; um sie her und in ihrem von allen Schmerzen dieses Tages übermannten Gemüth.
      Doch währte es nicht lange, so fing sie wieder an, ihr Bewußtsein zu sammeln; durch alle Betäubung der Sinne hindurch dämmerte in ihr das Gefühl der Gefahr und der Pflicht, ihr zu begegnen, wenn es noch irgend möglich wäre. Mühsam erhob sie sich vom Boden und wollte eben wagen, ein Kerzchen anzuzünden, das zum Siegeln neben dem Schreibzeug stand, um noch einmal ihre Augen in jedem Winkel herumgehen zu lasten, da hörte sie draußen eine Stimme, die sie vom Kopf bis zu den Füßen zittern machte, als ob ein Fieber sie schüttelte. Er war's, – er kam nach Hause, – die Dora leuchtete ihm durch das Vorzimmer herein, – ehe die Mutter noch daran denken konnte, etwa in den Alkoven zu flüchten, hörte sie ihn schon an der Schwelle sprechen: Ist Niemand dagewesen? Die Thür zu Mutters Zimmer steht ja auf! – und jetzt stand er auf der Schwelle und sah die stille kleine Frau an dem offenen Secretär, – und mit einem Ausruf, der wie der Schrei eines Geretteten klang, stürzte er auf sie zu und schlang seine beiden Arme so heftig um ihre wehrlose Gestalt, daß er jeden Laut von ihren Lippen erstickte.
      Die alte Dienerin hatte das Licht auf den Tisch gestellt und war, ihre Augen mit der Schürze trocknend, wieder in die Küche geschlichen. Nichts regte sich in dem Stübchen als der zinnerne Pendel der Uhr, und er mußte eine gute Weile hin und her schwingen, ehe der Sohn endlich die Mutter, die leise weinte und mit stillen Geberden und halben Worten bat, daß er sie freigeben möchte, aus seinen Armen losließ. Nun stand sie vor ihm, sah ihn aber nicht an; sie knüpfte, als ob sie gleich wieder fort müsse, die Hutbänder fest, die er in seiner stürmischen Umarmung gelockert hatte. Endlich, da er sie mit seinen Blicken förmlich wie eine Geliebte verschlang und immer noch kein Wort über die Lippen brachte, dachte sie es sehr klug zu machen, wenn sie sich zu einem mütterlich vorwurfsvollen Tone zwang, und sagte, mit einer Geberde nach dem offenen Secretär hin: O Kind, warum hast du mir das gethan!
      Er aber, dem sonst das leiseste verweisende Wort von ihr sehr zu Herzen ging, er schüttelte diesmal nur den Kopf und sagte: Komm, Mutterchen, jetzt ist die Reihe zu schelten an mir. Aber erst wollen wir uns hinsetzen. Du stellst Dinge an, die einem in die Glieder fahren.
      Dann zog er einen Stuhl heran, stellte ihn vor den offenen Schreibtisch und setzte sich darauf, seine kleine Mutter aber hob er auf seinen Schooß, so viel sie sich sträubte, und sagte, halb lachend, halb mit erstickten Thränen:
      Du darfst nun gar nicht mehr einen eigenen Willen haben, du böse Mutter, du mußt unter strenge Aussicht und Curatel; denn wer so leichtsinnige Geschichten macht und plötzlich auf und davon geht, den muß man dingfest machen, und einstweilen halt' ich dich hier auf meinem Schooß, bis du Zeichen ernstlicher Reue und die heiligsten Versprechungen giebst, dich zu bessern. Siehst du, wie ich heute deinen Brief bekam, da bin ich so wild und betrübt und dir so gram gewesen, wie ich nie geglaubt hatte daß man gegen eine solche Mutter werden könne. Und dann hab' ich draußen im Landhause nach dir gesucht –
      Ich war auch da, sagte sie ganz scheu und ohne ihn anzusehen, aber du durftest mich eben nicht finden, und daß du mich jetzt so überrascht und ertappt hast, und hier gegen meinen ausdrücklichen Willen –
      Er schloß ihr mit zärtlicher Gewalt den Mund, indem er sein Gesicht dagegen drückte. Sprich nur ja nichts, sagte er; es ist Alles dummes Zeug, was du sagen willst, und es muß weit gekommen sein, daß ein Sohn seiner Mutter den Mund verbieten darf. O du hartherzige Frau! Sieht und hört mich kommen in ihrem Versteck da draußen und ist mit dem alten grauen Sünder, dem Veit, verschworen, mich ablaufen zu lassen wie einen Narren! Und ich guter Tropf glaube auch wirklich, der Erdboden habe diese kleine Frau verschlungen; und wenn ich in meiner rasenden Desperation mir gleich ein Leids angethan hätte, wessen Schuld wäre es gewesen? Siehst du, jetzt fährst du doch zusammen bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit, die du in deiner unsinnigen Weisheit dir gar nicht vorgestellt hast. Aber ich bin zum Glück ein weit vorsichtigerer und besonnenerer Mensch, als meine böse Mutter. Ich lief nur auf die Polizei, um gleich, unter dem Siegel der tiefsten Heimlichkeit, eine allgemeine Spähe auf Wegen und Stegen nach dir zu veranlassen. Und dann kam ich heim und war wie ein lebendig Begrabener, daß ich dachte, ich müsse ersticken vor Angst um dich – ja, streichle mir jetzt nur die Hände – nie werde ich diese Stunde vergessen – und da klingelt es, und der Bote vom Armenpflegschaftsrath ist draußen, wegen der Papiere, die heut früh die Nora dir hereingebracht hatte, – es habe Eile, wurde mir bestellt; und weil ich sie nirgends fand, dachte ich mir gleich, du habest sie da in der Höhle verschlossen neben deinen Wirthschaftspapieren, und da du sonst nie Geheimnisse vor mir gehabt, – wie ich wenigstens mir einbildete – schickte ich nach einem Schlosser, – da fand ich denn bald, was ich suchte, – o, und weit mehr, als ich gesucht hatte! O Mutter, was bist du für eine einzige, kluge, thörichte, anbetungswürdige Heilige! Und nun hast du deine Schelte, und jetzt setz dich ganz still da hin und laß dir Hände und Füße küssen.
      Er war aufgestanden, hatte die kleine Frau auf seinen Stuhl niedergelassen und lag nun vor ihr auf dem Teppich, das Gesicht unter strömenden Thränen in ihre Hände gedrückt.
      Kind, sagte sie nach einer Weile, wir wollen nichts mehr davon reden. Geschehen ist geschehen; so wahr mir Gott helfe, deine Vorwürfe rühren mich gar nicht, ich thät' es genau so wieder und stellt' es vielleicht nur ein bischen vorsichtiger an. O mein lieber Junge, was ist denn nun gewonnen? Beisammenbleiben können wir jetzt so wenig, wie vorher, und mir hast du's nur erschwert –
      Er richtete sich vom Boden auf und stand ihr mit einem seltsam stillen Lächeln gegenüber. Mutter, sagte er, weißt du, woher ich eben komme?
      Sie sah ihn fragend an.
      Von Cilly's Vater komm' ich. Den Brief, Mutter, den du mir so sorgsam vorenthalten hast, ob dir auch das Herz darüber brechen wollte, den hab' ich verbrannt. Aber erst, nachdem ich ihn dem trefflichen Mann gezeigt hatte, der dich stets mit einer wahren Schwärmerei verehrt hat und jetzt vollends dich für die Krone aller Frauen hält. Du wirst böse sein, Mutter, und mich eigenmächtig schelten; aber es ist nun ganz recht so, auch ich habe dir ja etwas zu vergeben: daß du mir nur einen Augenblick zugetraut hast, ich würde glücklich sein können ohne dich, auf deine Kosten. Siehst du, Mutterchen, so sind wir quitt. Mein Schwiegervater hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß der Inhalt dieses Briefs ein Geheimniß bleiben soll zwischen uns Männern, und daß er nun der Schwester gegenüber sein feierliches Wort verpfänden werde, an deinem Leben hafte nicht der Schatten eines Makels. O Mutter, nicke mir nur wieder zu, sage mir nur, daß ich wieder dein guter Junge sein soll, wenn ich auch bei dir eingebrochen bin und dein theuerstes Geheimniß entwendet habe! Und wenn du glaubst, daß ich von nun an das Bild da mit andern Augen ansehen werde, – ja, es ist wahr, Mutter, ich habe jetzt erst einen Begriff davon, wie unglücklich mein armer Vater war, da er deinen ganzen Werth kannte, und doch durch sein Verhängniß so früh dir von der Seite gerissen wurde. Ich aber, Gott sei Dank, ich lebe noch, und noch Eine lebt, die gerade so denkt, wie ich, und wenn du je wieder so böse Gedanken hast, als ob du zu dem Glück deiner Kinder nicht unumgänglich nöthig wärst, – vier Arme werden schon im Stande sein, dich zu hindern, daß du nicht wieder in die weite Welt fliehen kannst, um den Todten treuer zu sein als den Lebendigen!
    



      Die Kaiserin von Spinetta
      (1875)
       
      In der Ebene von Alessandria, eine Stunde von dem Dorf Marengo entfernt, liegt ein anderes Dorf, 
      Spinetta genannt, das der Glanz seines weltberühmten Nachbarn vollständig verdunkelt hat. Kaum einmal in genaueren Kriegsgeschichten wird sein Name erwähnt, und die Fremden, die auf dem Schlachtfelde Marengo's jeden Steinhaufen mustern, würdigen im Vorbeifahren das bescheidene Spinetta keines Blickes. So ist es auch nur den Wenigsten bekannt, daß dieser unscheinbare Ort einmal einen Tag erlebt hat, wo ein Kaiser und eine Kaiserin mit feierlichem Pomp hier gekrönt wurden, und wie es hernach mit der Herrlichkeit dieser Majestäten ein seltsames Ende nahm. Nur ein fliegendes Blatt, dergleichen auf ländlichen Messen und Jahrmärkten für eine kleine Kupfermünze zu Tausenden verkauft werden, hat die nachdenkliche Geschichte dieser Kaiserkrönung aufbewahrt, und die dichtende Phantasie der piemontesischen und lombardischen Landleute umrankt den historischen Kern mit allerlei wunderlicher Zuthat, so daß es heutzutage schwer ist, Geschehenes und Gedichtetes vollkommen zweifellos zu scheiden. Im Wesentlichen aber hat das Ereigniß sich so zugetragen, wie es in den folgenden Blättern berichtet werden soll.
      Zu Anfang der zwanziger Jahre, als Karl Felix, nach der Niederschlagung aller Umsturzversuche der Carbonari, unangefochten auf dem Throne von Piemont sich behauptete, lebte in einer der ärmsten Hütten am Rande des Dorfes Spinetta ein schönes Schwesternpaar, das wegen seiner Bravheit und Frömmigkeit allgemein geachtet wurde. Sie hatten beide Eltern schon früh verloren, als die Jüngere, 
      Margheritina, kaum drei Jahre alt war. Damals starb die Mutter aus Kummer über das traurige Ende ihres Mannes, der Napoleon's Zug nach Moskau als Sergeant mitgemacht und im Eise der Beresina den Heimweg verloren hatte. Die genaue Bestätigung, daß er wirklich todt und nicht etwa gefangen oder irgend wohin verschlagen sei, kam erst einige Jahre nach jenem furchtbaren Völkertrauerspiel, und mit dem Fünkchen Hoffnung, das die gute Frau immer noch genährt hatte, erlosch auch ihre schwache Lebensflamme. Das ältere Mädchen, 
      Pia genannt, war erst fünfzehn Jahre alt, als sie mit ihrem Schwesterchen zur Waise wurde. Sie wollte aber nichts davon wissen, das Kind fremden Leuten zu übergeben, um selbst in einem ländlichen Dienst sich ihren Unterhalt zu erwerben; sondern sie blieb in dem Häuschen, das noch ihr Vater gebaut hatte, ernährte sich und das Kind mit dem Ertrage ihrer Spindel und der Ernte eines kleinen Maisfeldes, das sie selbst bestellte, und hielt dabei sich und die Kleine so anständig in Kleidern und in so tadelloser Zucht und Ehrbarkeit, daß man ihr großes Lob zollte und die Mütter ihren Töchtern diese beiden Waisenkinder als Muster einer guten Aufführung hinzustellen pflegten.
      Es war freilich ein sauer verdienter Ruhm; denn bei ihrer Armuth mußte sie vom Morgen bis in die Nacht die Hände regen, um sich nur durchzubringen, und durfte nicht einmal an Feiertagen den Spinnrocken in die Ecke stellen. Und sie konnte es so viel bequemer haben, wenn sie nur gewollt hätte. Nicht nur daß man ihr von vielen Seiten Hülfe und freundliche Gaben anbot und auch die Kleine ihr gern abgenommen hätte, da es ein so liebliches und kluges Kind war; auch für sie selbst fand sich mehr als Eine sehr annehmbare Versorgung, denn sie galt für das schönste Mädchen im Dorfe, und überdies wäre Jeder, auch der Reichste, mit einer solchen Hausfrau wohlberathen gewesen. Sie aber schüttelte zu allem guten Willen rings um sie her den Kopf, verbat sich jegliches Geschenk und ließ von den jungen Leuten, die ihr den Hof machten, einen nach dem andern mit langem Gesicht und schwerem Herzen abziehen.
      Dieses spröde Betragen wurde ihr natürlich von Alt und Jung schwer verdacht, und sogar der Pfarrer des Dorfes fand sich endlich bemüßigt, sein wunderliches Beichtkind über den räthselhaften Stolz, mit dem sie sich ganz auf sich selbst zurückzog, zur Rede zu stellen. Was sie ihm zur Aufklärung sagte, war nichts irgend Sündhaftes, weßhalb sie es auch nicht unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses ihrem Seelsorger anvertraute. Und so wußte denn bald das ganze Dorf, aus was für Augen die Pia ihre Zukunft betrachtete.
      Sie war nämlich gerade an jenem 14. Juni des Jahres 1800 zur Welt gekommen, als die Schlacht von Marengo in so naher Nachbarschaft von Spinetta geschlagen wurde. In ihrer bangen Stunde hatte die Mutter die Kanonen der Franzosen herüberdonnern hören und in doppelten Aengsten geschwebt, da ihr Manu unter Desaix' Truppen an diesem Tage mitfocht. War das Kind also unleugbar unter dem Gestirn des Mars geboren worden und hatte einen Helden zum Vater, den der erste Consul auf dem Schlachtfelde selbst belobte und zum Sergeanten beförderte, so wurde das Selbstgefühl der Familie noch erhöht, als fünf Jahre später der Gewaltige, vor dem alle Reiche der Welt zitterten, wieder in die Nähe ihres namenlosen Dorfes kam, jetzt als Kaiser der Franzosen und im Begriff, sich in Mailand auch die Krone von Italien aufs Haupt zu setzen. Auf dem Schlachtfelde von Marengo hielt der Kaiser eine große Heerschau ab. Da hatte das Weib des Sergeanten der Versuchung nicht widerstehen können, sondern war mit ihrem Kinde aufgebrochen und nebst der ganzen Bevölkerung des Dorfes dem herrlichen Schauspiel nachgewandert. Das fünfjährige muntere Dirnchen begriff freilich noch nicht recht, was dies Alles zu bedeuten habe. Als aber die Musterung der Truppen beendet war und der Kaiser mit seinem glänzenden Gefolge langsam die Straße nach Alessandria zurückritt, stand die Mutter in der vordersten Reihe des unabsehbaren Spalieres, das die Bauern der Umgegend gebildet hatten, und hielt die kleine Pia, die sonst schon rüstig auf ihren eigenen Füßchen stand, schwebend auf ihrem Arm, damit das Kind den Kaiser sich recht genau betrachten könne. Wie es nun hieß: Da kommt er! Das ist er! Der da vorn auf dem Schimmel! 
      Evviva, L'
      Imperatore! – streckte das kleine Mägdlein, als der Blitz des dunklen Kaiserauges sein roth und weißes Gesichtchen streifte, wie in plötzlicher Verzückung die beiden nackten Arme gegen den wunderbaren Helden aus und rief mit so heller Stimme sein 
      Evviva! – daß der kindische Jubel durch alle anderen Stimmen hindurch an das Ohr des Herrschers drang und er einen Augenblick die Zügel anzog. Im nächsten hatte er das schlanke Mägdlein zu sich auf den Sattel gehoben, sah ihm ein paar Secunden lang mit festem Blick in die großen schwarzen Augen, die nicht mit einer Wimper zuckend diesen dämonischen Blick aushielten, küßte die kleine, von krausen Härchen umflogene Stirn und reichte dann das Kind der Mutter wieder zurück, die sprachlos vor Entzücken über diese unerhörte Gunst wie eine Bildsäule am Wege stand und über dem davonsprengenden Triumphator sogar den eigenen Mann nicht gewahrte, als dieser bald nachher ermattet und bestaubt mit seinem Regimente an Frau und Kind vorbeimarschirte.
      Niemand wird es verwundern, daß dieses Ereigniß auf alle Augenzeugen, zumal auf die nächsten Bekannten aus dem Dorfe, einen ungewöhnlichen und lange nachwirkenden Eindruck machte. Das ist die Pia, die der Kaiser geküßt hat! – hieß es noch Jahre lang, wenn etwa einem Fremden in Spinetta das schöne, schlanke Mädchen auffiel, welches auch seinerseits in einer gewissen aparten Haltung, sowohl in seinen Kleidern als im Betragen, an den Tag zu legen schien, daß es sich gleichsam geadelt fühlte durch jenes märchenhafte Erlebniß aus der Kinderzeit. Trotz ihrer dürftigen Lage ging Pia stets in Schuhen und Strümpfen, duldete nie einen Flecken an ihrem Röckchen oder an dem groben Linnenzeug, das sie selbst gesponnen und gewebt hatte, und ihre langen, schweren Zöpfe trug sie in einer breiten Flechte vorn über der Stirn, daß es fast einem schwarzen Diadem gleichsah. Ihre Gespielinnen liebten sie nicht sonderlich, nannten sie die Prinzessin oder gar die Kaiserin, was sie sich wie etwas ganz Natürliches gefallen ließ, und suchten sie bei den jungen Burschen in den Ruf einer Närrin zu bringen, mit der es hinter ihrem geflochtenen Diadem nicht ganz richtig sei.
      Diese Nachrede aber verfing bei dem männlichen Theile der Jugend nicht im Geringsten, zumal sie in der That dem sonderbar schönen Geschöpf Unrecht that. Pia verachtete keinen Menschen darum, weil sie auf sich selbst etwas hielt, und wenn jener Kuß des Kaisers hinter ihrer jungen Stirn Unfug gestiftet hatte, so war es doch nichts Schlimmeres, als ein träumerisches Sinnen und Brüten, das sie manchmal überfiel, wo sie dann geheime Stimmen zu vernehmen glaubte, die ihr von einer herrlichen Zukunft in Glanz und Ehren vorerzählten, so daß sie genau denselben wonnigen Schauder von Kopf bis Fuß sich wieder überrieseln fühlte, wie in jenem Augenblicke, als der Sieger von Marengo sie zu sich aufs Pferd hob. Sie war verständig genug, diesen Einflüsterungen ihrer Träume nicht zu glauben, sobald sie sich mit wachen Augen wieder umsah in ihrem armen Mutterhause, und als sie vollends für das Schwesterchen ganz allein zu sorgen hatte, kamen diese Phantasmen seltener und seltener; doch war es immerhin um ihretwillen, daß sie sich weigerte, in irgend einen Dienst zu treten, und wenn sie auf ihren Anzug bei aller niederen Arbeit besondere Sorgfalt verwendete, spielte der Gedanke heimlich mit, daß wohl gar eines schönen Tages wieder ein Fürst vorbeisprengen und den Blick auf sie richten möchte, wo sie sich dann hätte schämen müssen, wenn sie unsauber und unordentlich einhergegangen wäre.
      Ihre Abneigung indessen, einen ihrer vielen Bewerber zu erhören, rührte nicht etwa davon her, daß sie sich nur für einen hohen Herrn gut genug dünkte, sondern, wie sie auch dem Pfarrer mit Erröthen eingestand, gerade im Gegentheil von ihrer festen und treuen Neigung zu dem allerärmsten Burschen des ganzen Dorfs. Es war dies ein gewisser 
      Maino, ein junger Bauer, der gleich ihr selbst schon früh seine Eltern verloren hatte und sich erst als Tagelöhner, dann als Maurergeselle ehrlich, aber kümmerlich durchschlagen mußte. Das hatte ihm weder den Muth, noch selbst den Uebermuth gelähmt, und es gab weit und breit keinen muntreren, keckeren und zu lustigen Streichen aufgelegteren Gesellen als ihn. Auch war er ein bildhübscher Bursch mit dichtem Kraushaar und feurigen schwarzen Augen, breiter Brust und Schenkeln wie ein Hirsch; dazu hatte er eine schöne helle Stimme und wußte tausend Rispetti und Ritornelle, die er auf der Guitarre begleiten konnte. Sein einziger Fehler, außer der großen Armuth, war ein allzu heißes Blut, das ihn häufig in Raufhändel verwickelte, wo dann die Messer lockerer, als gut war, in der Scheide saßen. Es war aber immer noch ohne den schlimmsten Ausgang abgelaufen, und je älter Maino wurde, desto mehr hielt, nicht etwa die Vernunft, sondern ein übermächtiger Stolz seine Leidenschaften im Zaum, so daß er gemeinen Zänkereien auswich und seinen Zorn für größere Anlässe sparte.
      Auch die Liebe hatte ihren Antheil an dieser Bändigung des Wildlings. Die Pia war noch ein halbwüchsiges Jungferchen; als Maino ihr schon erklärt hatte; daß sie keinem Andern gehören dürfe, als ihm, und trotz aller kaiserlichen Träume hatte das Kind Nichts dagegen einzuwenden gehabt. Die Armuth ihres jungen Verlobten schreckte sie nicht von ihm zurück. Sie erfuhr es ja an sich selbst, daß wahrer Adel und fürstliche Gesinnung auch in geringen Kleidern sich bewähren können. Nur wie die Mutter gestorben war, bestand sie darauf, daß er sich von ihr fern halten und gegen Niemand von ihrem heimlichen Einverständnisse reden sollte, bis er es so weit gebracht, einen eigenen Herd gründen zu können, an dem auch für Margheritina ein Plätzchen frei sein müsse. Sie wolle gern auf ihn warten, aber er müsse es weiter bringen, als bis zum Gesellen, da sie nur einem freien und selbständigen Meister ihre Hand reichen werde. Sie mochte wohl wissen, wie nöthig es war, ihn zu stetigem Fleiße anzuspornen, da er sie am liebsten vom Fleck weg, wie sie Beide gingen und standen, geheirathet und dann ein sorgloses Leben von der Hand in den Mund begonnen hätte.
      Seitdem sie nun, um den Verdacht des Hochmuths von sich abzuwälzen, dem Herrn Pfarrer vertraut hatte, wie sie mit Maino stand, und diese ungeahnte Aufklärung überall großes Aufsehen machte, glaubte auch der Jüngling nicht länger sich zurückhalten zu müssen, sondern fand sich an allen Feiertagen und oft auch im Vorbeigehen am Werkeltage bei seiner Geliebten ein, die ihn aber nie über die Schwelle ihres Hauses ließ. Man konnte sie dort an schönen Abenden, oft bis tief in die Nacht hinein, auf einem Bänkchen sitzen sehen, das Kind Margheritina zu ihren Füßen spielend, bis es endlich einschlief, die Arme um den Hals des Hündchens Brusco gelegt. Dann erst durfte Maino sich einige unschuldige Liebkosungen gegen seine schöne und züchtige Braut erlauben. Bei allem Ungestüm seines zärtlichen Blutes hielt ihn doch auch die Verehrung, die er für sie wie für ein höheres Wesen hegte, in gewissen Grenzen. O Pia, sagte er mehr als einmal, ich weiß es, daß ich zu schlecht für dich bin, und wenn ich mir einbilden könnte, daß irgend ein sterblicher Mensch dich besser und treuer zu lieben vermöchte, als der arme Maurerbursche, – beim Blute Christi, ich hinge mich an den ersten besten Baum und ließe dich glücklich werden, wie du es verdienst. Aber habe nur Geduld! Es geschehen noch alle Tage große Dinge in der Welt, wahrhaftige Mirakel, und ebenso gut, wie der namenlose Corse ein großer Kaiser und der Herr der ganzen Welt hat werden können – seine Herrlichkeit ist freilich zu einem schnöden Ende gekommen, weil er sich selbst mehr geliebt hat, als die Völker, – ebenso gut kann der arme Bauernkerl Maino noch einmal ein großer Herr werden und dich wie eine Fürstin in seinem Hause halten.
      Sie lächelte ungläubig zu solchen Worten und suchte ihrem Liebsten dergleichen Hirngespinnste auszureden, damit er nur um so eifriger darauf bedacht wäre, ohne Hoffnung auf Wunder dem Ziel ihrer Wünsche nachzustreben. Aber Etwas, das einem Wunder nicht allzu unähnlich sah, ereignete sich in der That und rückte dieses Ziel, das noch um Jahre entfernt schien, plötzlich in die allernächste Gegenwart.
      Eines schönen Tages, lange vor Feierabend, erschien Maino im Dorfe mit strahlendem Gesicht. Er hatte gegen den Willen seiner Braut es nicht versäumen wollen, dem Glück ein Pförtchen offen zu lassen, und scharf in der Lotterie gespielt. Nun war das seit Menschengedenken Unerhörte geschehen und die vier Nummern, die er gesetzt, sämmtlich herausgekommen. Diese benedeite Quaterne hatte ihm einen ganz ansehnlichen Haufen Lire ins Haus gebracht, mit dem er wohl wagen durfte, sich als Meister zu setzen, ein Geschäft und einen eigenen Hausstand anzufangen und ein Mädchen, welches der Kaiser auf die Stirn geküßt, heimzuführen.
      Auch willigte nun seine Braut ohne Widerstreben ein, die Seinige zu werden. Nicht sowohl das Geld war es, was sie zu der raschen Hochzeit geneigt machte, als vielmehr der Umstand, daß ihnen dasselbe von der Glücksgöttin selbst ins Haus beschert worden. Sie betrachtete Maino seitdem mit anderen Augen, als einen Liebling höherer Mächte, und wenn sie auch zu verständig war, um zu glauben, daß ihm eine so glänzende Bahn bestimmt sei, wie dem corsischen Unterlieutenant, so sah sie ihn doch im Geiste mit allerlei Ehren und Würden geschmückt, als den ersten Mann im Dorfe, oder wer weiß gar noch als Podestà einer der Nachbarstädte, wenn das Glück ihm treu bliebe.
      Ueberdies war sie nun zweiundzwanzig Jahre, hatte den verwegenen guten Jungen von Herzen lieb und sehnte sich danach, sein Weib zu werden.
      Es sollte hoch hergehen bei ihrer Hochzeit, davon ließ sich der glückliche Bräutigam nicht abbringen. Was irgend mit dem Schwesternpaare nah oder fern versippt war, und das war das halbe Dorf, wurde in die Schenke geladen, Musiker von Alessandria her verschrieben und für ein hinlänglich ausgiebiges Faß des besten Nostrale gesorgt. Daß Maino seine Braut und das Kind Margheritina von Kopf bis Fuß aufs Schönste in neue Kleider steckte, braucht kaum gesagt zu werden. Auch das Hündchen Brusco erhielt ein hochzeitliches Halsband von rothem Sammet mit einer kleinen silbernen Schelle, und seit der Quaterne kam der glückliche Maino nie zu seiner Verlobten, ohne dieser einen Blumenstrauß und dem Hunde ein Würstchen mitzubringen.
      Als nun in der zweiten Woche nach dem Glücksfalle der Hochzeitstag angebrochen war, erschien der Bräutigam zu Pferde mit vier oder fünf seiner guten Freunde, die gleichfalls trefflich beritten waren, da das Dorf San Giuliano Vecchio, wo sie sämmtlich in Arbeit standen, eine ziemliche Strecke von Spinetta entfernt an der Straße nach Tortona liegt, und Hochzeiter doch nicht in bestaubten Schuhen und Kleidern auftreten dürfen. Die Braut empfing ihn von ihren Brautführerinnen umgeben, die Schönste und Königlichste von Allen, mit einem so liebestrahlenden Lächeln, daß dem guten Jünglinge der Himmel sich aufzuthun schien, und er große Mühe hatte, an sich zu halten, um nicht die verrücktesten Freudensprünge zu machen. Er schwang sich wie eine Feder vom Rosse, reichte seiner Liebsten die Hand und trat ungesäumt, mit möglichster Würde, wie die uralten Dorfsitten es erheischten, den Kirchgang mit ihr an.
      Nun hatte es seit unvordenklichen Zeiten zu einer richtigen Hochzeit in Spinetta gehört, daß auf dem Wege zur Kirche, und nach der Trauung wiederum bis zum Wirthshause hin, von den Freunden des Bräutigams kleine Böller gelöst, Flinten und Pistolen und was irgend knallen wollte blind in die Luft hinaus abgefeuert wurden. Seitdem aber Karl Felix sein unumschränktes Regiment ausübte, durfte, da die Furcht vor heimlichen Anschlägen der Carbonari noch nicht ganz beseitigt war, kein Bauer eine Schußwaffe sehen, geschweige denn hören lassen. Die königlichen Gensdarmen, die überall auch auf den Dörfern vertheilt waren, hatten strenge darauf zu sehen, daß dem Waffenverbot nirgend zuwidergehandelt wurde, und selbst das Freudenschießen bei Hochzeiten war seit Anno Einundzwanzig verstummt.
      Bisher hatte die muntere Dorfjugend, der bei jedem Feste der Lärm die Hauptsache ist, sich knirschend in den Verzicht gefügt. Maino aber war nicht gesonnen, seinen Hochzeitstag ohne diese kriegerische Musik zu feiern. Er glaubte es schon seiner Braut schuldig zu sein, deren Vater als tapferer Soldat gefallen war, und wenn auch nicht so viel Pulver draufgehen konnte, wie bei der Krönung des großen Soldatenkaisers, oder bei seiner Heirath mit der österreichischen Kaiserstochter, – ganz wie jeder andere Bauernbursche durfte doch Dessen Ehrentag nicht vergehen, der eine Quaterne in der Lotterie gewonnen hatte.
      Als daher der festliche Zug etwa die Hälfte des Kirchwegs zurückgelegt hatte, fingen Maino's Freunde an, unter lautem Jauchzen und schallenden Evviva's ihre Büchsen abzuschießen, und der Bräutigam selbst, sobald er diese langersehnten Töne hörte, griff in seinen Gürtel, holte ein paar alte, aber schön gearbeitete Taschenpistolen heraus und feuerte aus ihnen, trotz des inständigen Bittens der Unheil ahnenden Pia, mit einem hellen Jubelruf in die blaue Luft.
      Nun wäre unter gewöhnlichen Verhältnissen diese Uebertretung des Gesetzes wohl nicht strenger geahndet worden, als mit einer nachträglichen Geldbuße oder gar nur einer scharfen Vermahnung der Schuldigen. Zum Unglück aber war einer der beiden Gensdarmen, die in Spinetta ihr Standquartier hatten, selbst ein Anbeter der Braut gewesen, hatte sich, seines obrigkeitlichen Ansehens wegen, mit kühnen Hoffnungen getragen und es als eine persönliche Beleidigung, wo nicht gar als eine Schmälerung seiner Amtsehre empfunden, daß es nun doch zwischen der schönen Pia und diesem armseligen Maurerburschen richtig wurde. Er war, Rache und Verderben brütend, die Tage vor der Hochzeit herumgegangen, hatte seine Kameraden in den Dörfern Parodi und Mandrogne benachrichtigt, daß sie sich am Hochzeitstage nach Spinetta begeben sollten, da es dann leicht zu Händeln kommen möchte und, wenn der Wein dem Bauernvolk erst zu Kopfe stiege, sie Beide allein nicht ausreichten, um Unfug zu verhüten.
      Wie nun jene völlig harmlosen Freudenschüsse zu knallen anfingen, erschienen die sechs wohlbewaffneten Gensdarmen plötzlich mitten auf der Straße, forderten die Auslieferung der Waffen, und jener verschmähte Nebenbuhler des Bräutigams, der den Spitznamen Barbone führte, trat mit triumphirender Miene gerade auf Maino zu, um ihn als den Anstifter des ganzen Lärms gerade aus dem Brautzüge weg in Haft zu nehmen. Mochten die jungen Leute nun schon vorher bei ihrem Ritte nach Spinetta dem rothen Vorjährigen zugesprochen haben, oder der Ingrimm über diese ausgesuchte Bosheit ihnen zu Kopfe steigen, genug, sie widersetzten sich offen der obrigkeitlichen Macht, und Maino selbst, dem die Demüthigung vor den Augen seiner Braut fast die Besinnung raubte, erwiderte dem Barbone mit so schneidigem Hohn, daß zwar alle Zuhörer vom Dorfe in schallendes Gelächter ausbrachen, der wüthend gemachte Gegner aber nun auch aller Schonung vergaß und seinen spottenden Feind beim Kragen ergriff, um ihn mit eignen Fäusten in den Kerker zu schleppen. Im nächsten Augenblicke blitzte das Messer Maino's mit seinen sprühenden Augen um die Wette. Ein Ringen Faust gegen Faust, Dolch gegen Säbel entspann sich; die Weiber und Kinder schrieen, die Männer tobten wild durcheinander. Barbone's Kameraden waren mit den Brautführern handgemein geworden, und erst als der Pfarrer, der von fern in der Kirche das Getümmel des Kampfes vernommen, im vollen Ornat auf der Schwelle des Portals erschien und seine warnende Stimme erschallen ließ, trat eine plötzliche Stille ein. Man gewahrte nun mit Entsetzen, daß der Barbone und zwei seiner Gefährten aus mehreren Wunden blutend am Boden lagen, während auch die hochzeitlichen Kleider Maino's mit Blut bespritzt waren und aus einem Schlitz in seinem sammetnen Aermel schwere Tropfen hervorquollen.
      Eine düstere Pause, ein lautloses Umherstarren war auf den wilden Tumult gefolgt. Man sah den Geistlichen eilfertig sich nähern, und Niemand wußte, was nun aus der blutig verstörten Feier werden sollte. Maino aber hatte sich zuerst gefaßt. Nur noch einen Blick tödtlichen Hasses warf er auf den ächzend am Boden liegenden Barbone, dann raunte er seiner sprachlos versteinerten Braut ein Wort ins Ohr, das Niemand verstand, umarmte sie heftig und küßte sie auf den entfärbten Mund, gab dann seinen Genossen ein Zeichen und war im Umsehen durch das dichtgeschaarte Volk verschwunden, gerade als der Pfarrer keuchend herankam, den Namen des Bräutigams rufend, um von ihm Aufklärung über den Hergang zu verlangen.
      Die Schüsse, die er schon vorher vernommen, und der Anblick der hingestreckten Hüter des Gesetzes konnten ihn freilich zur Genüge belehren, und er hatte noch kaum nach dem Bader schicken und die Verwundeten befragen können, wie sie sich fühlten, als schon die Nachricht kam, der Bräutigam habe sich mit seinem ganzen Geleit wieder aufs Pferd geworfen und sei wie das Ungewitter davongesprengt, wahrscheinlich in die Waldberge nahe bei Tortona, wenn die Flüchtigen nicht etwa diese Straße nur gewählt hätten, um die Verfolger irre zu leiten. Dann würden sie wohl in dem Busch- und Bergland um Novi herum ihre Schlupfwinkel suchen.
      Ein so trübseliges Ende hatte diese Hochzeit genommen. Der Bräutigam war als ein dem Gesetz Verfallener, ein Bandito, in die Wälder geflohen; der Braut blieb Nichts übrig, als in ihr einsames Häuschen zurückzukehren und das alte ledige und langweilige Leben mit ihrem Schwesterchen von Neuem zu beginnen.
      Nach dem ersten Schrecken aber schien dem schönen und gedankenvollen Geschöpf dieser Entschluß nicht eben schwer zu werden. Sie wich allen Beileidsbezeigungen aus, nahm Margheritina bei der Hand und schlug den Weg nach ihrem verlassenen Hause ein, wo man sie noch denselben Tag in ihrem Alltagsgewande gleichmüthig schaffen und sich rühren sah.
      Dem Pfarrer, der sich pflichtgetreu gegen Abend bei ihr einfand, um sich nach ihrem Seelenzustande zu erkundigen, erklärte sie, es sei ihr freilich leid um diesen bösen Handel, aber sie vertraue auf ihren und ihres Maino Stern. Sie seien ganz gewiß Beide zu einem hohen und ungemeinen Glücke bestimmt, nur müßten sie sich das Warten nicht verdrießen lassen.
      Es war aus ihren Reden abzunehmen, daß ihr Verlobter ihr mehr als je ins Herz gewachsen war, seit er so heroisch sich gegen kecke Vergewaltigung zur Wehre gesetzt. Ueber diesen Punkt wollte sie auch von dem geistlichen Herrn sich keines Besseren belehren lassen. Auch der Kaiser Napoleon würde, behauptete sie, nicht halb so große Dinge verrichtet haben, wenn er jedem ersten besten Gensdarmen das Recht eingeräumt hätte, ihn an die bestehenden Verordnungen zu mahnen.
      Der Pfarrer sah mit Betrübniß, daß eine sonderbare Art von Kaiserwahnsinn sich dieses stillen Weiberkopfes bemächtigt hatte. Er beschloß, nach Kräften dagegen zu arbeiten. Das konnte aber freilich nicht auf einmal gelingen.
      Bald vernahm man nun im Dorfe, daß Maino mit seinen Spießgesellen in der That um Novi herum sich hatte blicken lassen. Die Wunden des Barbone und seiner Kameraden waren zwar unbedenklich. Aber Regierung und Polizei durften nichtsdestoweniger die Sache nicht leicht nehmen, in Zeiten, wo der eben gedämpfte Carbonarismus überall noch unter der Asche fortglomm und beim ersten Windstoß hell aufzuflackern drohte. Es wurde daher auf den entwichenen Friedensbrecher und seine Helfershelfer eifrig gefahndet, im Stile all jener polizeilichen Razzias, bei denen dem gejagten Wilde immer zum Entkommen Zeit gelassen wird, gleichsam um das Jagdvergnügen selbst möglichst zu verlängern. Auf diese Weise bildete die Staatsgewalt aus den armen Teufeln, die anfangs nur aus Noth sich als Dilettanten im Räuberhandwerk versucht hatten, die trefflichsten Virtuosen heran, die aus der Noth endlich eine Tugend machten und die neue freie Kunst um keinen Preis wieder gegen ihr altes kümmerliches Gewerbe vertauscht haben würden.
      Pia hörte all diese Dinge erzählen und schien sie als selbstverständlich und keinenfalls ehrenrührig oder verzweifelt zu betrachten. Daß ihr Maino das Räubergeschäft auf eine hochherzige Manier betrieb, die Armen und Elenden schonte oder gar ihnen half, nur an die Großen und Mächtigen sich wagte und sich nirgend mit Mordlust oder tückischer Grausamkeit besteckte, rühmten ihm Alle nach. Das Dorf Spinetta, in welchem er bisher kein sonderliches Ansehen genossen hatte, begann jetzt von diesem seinem berühmten Sohne mit Hochachtung und Bewunderung zu reden. Wer ihm zufällig in den Bergen begegnet war, wußte nicht genug zu sagen, wie schön und stattlich er aussehe und wie er seine Landsleute als Galantuomo behandle. Dem Barbone dagegen, der nach einigen Lazarethwochen wieder dienstfähig war, wenn er auch wegen einer Wunde im Schenkel am Stock herumhinkte, wich Jedermann aus, und er mußte sich trotz seiner amtlichen Würde schiefe Gesichter und verstohlene Flüche gefallen lassen, wo er sich nur blicken ließ.
      *
      So waren einige Monate ins Land gegangen. Der Sommer neigte sich zu seinem Ende; die einsame Braut dachte wohl mit stillem Seufzen daran, was im rauhen Winter aus dem gejagten Wild in den Bergen werden würde, und ihre Zuversicht auf Maino's Stern fing an wankend zu werden. Da saß eines Abends, als der Mond eben über dem Dache des Kirchleins heraufglänzte, der Pfarrer von Spinetta in der Küche, wo er seine Mahlzeiten an einem Tischchen nahe beim Herde einzunehmen pflegte; die alte Magd hatte ihm das Schüsselchen mit Polenta aufgetragen, dazu den Teller mit Brod und Oliven, und wollte nur noch in den Keller, um unten die Flasche mit rothem Landwein zu füllen, als die Thüre sacht aufgemacht wurde und mit einem Guten Abend, Herr Pfarrer! ein Mann in wunderlichem Aufzuge über die Schwelle trat. Er glich in der That den phantastisch aufgeputzten Räuberfiguren, wie sie in Italien sonst nicht zu finden sind, außer auf Opernbühnen, wenn Fra Diavolo in Scene geht. Ueber der Schulter hing ihm eine treffliche englische Doppelbüchse; in dem großen rothseidenen Shawl, der die Hüften umgürtete, steckten zwei silberbeschlagene Pistolen; Gesicht und Hände zeigten sich wohlgewaschen, und das krause Lockenhaar war glänzend von wohlriechendem Oel. Der Pfarrer, der sofort den berühmten Helden von Spinetta erkannt hatte, erschrak trotz alledem und starrte die Erscheinung stumm mit großen Augen an, während die alte Magd sich schreiend hinter den Herd flüchtete. Maino aber trat mit einem zutraulichen Kopfnicken näher, nahm den breiten Hut mit der wallenden Feder ab, daß die lange goldene Kette daran klirrend die Steinfliesen streifte, und bat den hochwürdigen Herrn, ganz unbesorgt zu sein, er habe nichts Böses gegen ihn im Sinne, wolle ihn auch nicht länger incommodiren, als bis er den Zweck seines Besuchs erreicht habe, der kein anderer sei, als daß die Trauung, die neulich so unliebsam gestört worden, nunmehr in aller Form zu Ende gebracht werde.
      Hiermit winkte er nach der Thür zurück, und Pia trat schüchtern herein, im Brautstaate, wie damals, nur daß man ihr ansah, wie wenige Minuten sie auf ihren Putz hatte verwenden dürfen. Hinter ihr regten sich im Hausflur allerlei dunkle Gestalten mit blitzenden Gewehrläufen, und vor dem Hause schien die ganze Bevölkerung von Spinetta in athemloser Spannung der Dinge zu harren, die da kommen sollten.
      Der Pfarrer, der um Vieles beherzter war als sein berühmter College Don Abbondio, sah dennoch ein, daß hier von Widerspruch keine Rede sein konnte, und da alle üblichen Präliminarien schon vor dem ersten Hochzeitstage ins Reine gebracht waren, konnte auch sein geistliches Gewissen nichts gegen die Einsegnung dieser Ehe einwenden. Nur erlaubte er sich die Frage, ob Maino auch ganz sicher sei, daß die Hochzeit nicht abermals durch einen Protest der weltlichen Macht unterbrochen werden würde, worauf der Bräutigam, der seit seiner Hauptmannswürde um ein paar Zoll gewachsen zu sein schien, mit einem überlegenen Schmunzeln erklärte: bis an den andern Tag würden sie ganz traulich unter sich bleiben, da er Sorge getragen, die hämischen Störenfriede in einen sichern Gewahrsam zu bringen. Die beiden gottverdammten Hallunken, Barbone und sein schuftiger Kamerad, lägen mit neuen Stricken gebunden im Spritzenhäuschen, das zum Ueberfluß verschlossen sei und wohl bewacht werde. Diese Nacht gedenke er mit seiner jungen Frau in ihrem Hause zuzubringen, morgen aber seiner Heimath für lange, wo nicht für immer, den Rücken zu kehren. Ein Galantuomo, Herr Pfarrer, schloß er seine Rede und lachte dabei so freudig, daß all seine weißen Zähne im Herdfeuer blinkten, ein Galantuomo findet sein Vaterland überall, wo es Galantuomini giebt, und in unserm benedeiten Piemont sind diese Früchte so selten, wie Feigen auf dem Kirchendach. Ich gedenke mit meiner Frau mich in Frankreich niederzulassen, oder auch in Spanien, da gilt Jeder nur was er ist. Das beste Gericht, Herr Pfarrer, ist nicht mehr schmackhaft, wenn es angebrannt ist, und meine Feinde hier im Lande haben einen Rauch und eine Stänkerei angestiftet, daß es einem in die Augen beißt. Uebrigens verlang' ich nichts umsonst, Hochwürden, und hier sind die Traugebühren.
      Er trat an das Tischchen und zählte ein Dutzend blanker Goldstücke neben das Lämpchen hin. Dabei konnte der Pfarrer sehen, daß sein Gang schwankend war und seine Hände ein wenig unsicher. Er hatte offenbar stark gezecht, und das geringste Hinderniß, das seinen Willen kreuzte, konnte den treuherzigen Uebermuth seiner Weinlaune in wildesten Jähzorn verwandeln.
      Also besann sich der Pfarrer keinen Augenblick, diese fürstliche Vorausbezahlung einzustreichen, und erklärte sich bereit, dem Hochzeitspaar in die Kirche voranzugehen.
      Es war inzwischen aus Dämmerung Nacht geworden, aber die Straße zwischen dem Pfarrhause und der Kirche gleichwohl hell erleuchtet von einer Menge Fackeln, die Maino's zahlreiches Gefolge mitgebracht hatte, und überdies von den Lämpchen und Kerzen, mit denen auf höheren Befehl alle Einwohner des Dorfes ihre kleinen Fenster illuminirt hatten. Die Leute von Spinetta mochten gleichfalls schon auf Kosten ihres berühmten Mitbürgers mehr als ein Glas geleert haben. Wenigstens waren sie Alle in hochzeitlichster Stimmung und empfingen den Pfarrer und das Brautpaar beim Heraustreten aus dem Hause mit schallenden Hochrufen, in welche sich Freudenschüsse mischten, die jetzt ordentlich schadenfroh klangen, da die Feinde dieser harmlosen Festmusik sie von fern in ihrem finstern Kerker vernehmen mußten. An anderen Tonwerkzeugen fehlte es auch nicht. Zwei Guitarren und eine Clarinette waren im Dorfe vorhanden, die ihre Künste jedoch für das Hochzeitsbankett in der Schenke aufsparten.
      Als nun der Pfarrer und die Brautleute vor den Altar traten, gab es noch eine kleine Zögerung. Der Bräutigam bestand nämlich darauf, daß außer den beiden schon angezündeten Kerzen sämmtliche Candelaber mit Wachslichtern besteckt und die Kirche wie bei den allerhöchsten Festen rundum erleuchtet werden sollte. Das Geld für diesen Aufwand legte er, ohne lange zu zählen, mit der vollen Faust auf das Taufbecken und befahl, inzwischen die Orgel zu spielen, und zwar seine Leibstücke, die damals in Schwang gehenden kriegerischen Volkshymnen und eine Tenorarie aus einer beliebten Oper. Inzwischen war die armselige Kirche in einen märchenhaften Glanz getaucht worden, und wie nun Alles bereit war und der schlanke, stattliche Bursch im vollen Waffenschmuck seine schöne Braut vor den Altar führte, ging ein Ah! der Bewunderung durch die Kopf an Kopf gedrängte Menge, und Jeder von den Burschen hätte trotz Bann und Acht gern mit dem Bräutigam getauscht, so wie jedes Mädchen mit der glücklichen Braut.
      Der Pfarrer aber, dem es allein von Allen bei der Sache nicht geheuer war, sputete sich, mit seinem Spruch und Segen zu Ende zu kommen, und wollte, da nun das Paar seinen Willen erreicht und sich untrennbar verbunden hatte, mit einem eilfertigen Lebewohl sich in die Sacristei zurückziehen. Maino indessen trat ihm höflich in den Weg und sagte, immer mit einem seltsamen Ton der Stimme, wie ein Mensch, aus dem der Wein redet:
      Hochwürdigster Herr Pfarrer, getraut wären wir nun, dem Herrn Barbone und dem hochlöblichen Governo in die Zähne; aber nun müßt Ihr noch ein Uebriges thun.
      Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, versetzte der Pfarrer, der seine Bestürzung über die neue Zumuthung nur mühsam verhehlte.
      Ich habe nämlich einen heiligen Eid geschworen bei den sieben Wunden unseres Erlösers, fuhr Maino fort, daß ich diese Kirche nicht verlassen will, bis ich und meine geliebte Gattin, Signora Pia Maino, zum Kaiser und zur Kaiserin von Spinetta gekrönt worden sind. Ihr müßt nämlich wissen, Hochwürden, dieses mein Weib ist die Krone und Perle unter allen Weibern, als solche schon in ihrer Kindheit anerkannt durch den größten Helden des Jahrhunderts und aller Zeiten, der sie auf die Stirn geküßt hat, weil er sie für ebenbürtig und ihre Stirn für würdig erklären wollte, auch dermaleinst eine Krone zu tragen. Und darum bitte und ersuche ich Euch, Herr Pfarrer, da Ihr noch zugegen seid, die Krönung und Salbung an uns zu vollziehen. Es geht in Einem hin, und die Gebühren für Eure Mühe –
      Er griff wieder in seine Tasche, um die Börse hervorzuholen.
      Du scherzest, mein Sohn, sagte der Geistliche, indem er zu lächeln versuchte. Wer bin ich, daß ich weltliche Ehren zu verleihen hätte, auch wenn du und deine junge Frau ihrer noch so würdig wäret? Und überdies, womit sollte ich euch krönen und salben? In unserm armen Gotteshause –
      Das sind Possen und Winkelzüge – mit gütiger Erlaubnis, Hochwürden. Ihr habt keine Lust zu dieser heiligen Handlung und haltet uns der Krönung nicht würdig. Ich aber weiß, was ich sage, und will nicht mehr werth sein als ein Haar im Bart des Barbone, wenn ich ungekrönt aus dieser Kirche weggehe. Macht also keine Umstände! Salböl findet sich genug dort in der ewigen Lampe vor dem Bilde der Madonna. Und was die Kronen betrifft –
      Er ließ seinen Blick an den Wänden neben dem Altar herumschweifen, dann schritt er ganz gelassen auf ein Paar lebensgroße Heiligenfiguren zu, die auf kleinen Säulen standen und uralte verstäubte Kronen von Goldblech trugen. Zwei von diesen nahm er ab, blies den Staub aus dem durchbrochenen Zierath und polirte die Vergoldung mit dem Aermel seiner sammetnen Jacke blank; dann trug er die beiden Kronen sorgsam nach dem Altar zurück und legte sie auf die Decke vor dem Tabernakel nieder.
      Da! sagte er. Die mögen's für diesmal thun. Und nun ans Werk!
      Maino! rief seine junge Frau mit dem Ausdruck des höchsten Grauens und Entsetzens. Was hast du gethan? Die Heiligen im Himmel –
      Sie vollendete nicht. Ein Blick ihres Gatten hatte sie verstummen machen.
      Aber der Pfarrer ließ sich von diesen gebieterischen Augen nicht einschüchtern. Ich verwahre mich feierlich gegen solchen Frevel, rief er mit so lauter Stimme, daß selbst Maino's wilde Gefährten zusammenfuhren. Weißt du, Verblendeter, daß du den Zorn Gottes herausforderst, wenn du dich am Kirchenschmucke, an den Kronen der Heiligen vergreifst, um deiner weltlichen Hoffahrt damit zu dienen? Hebe dich von hinnen und bete zur allerseligsten Jungfrau, daß sie dir diese tempelschänderische That vergebe und Fürbitte einlege bei dem Herrn des Himmels! Ich aber wasche meine Hände in Unschuld; ich habe keinen Theil an diesem Sacrilegium.
      Mit diesen Worten wandte er sich hastig ab und war sammt dem Knaben, der ihm bei der Trauung ministrirt hatte, ehe ihn Jemand aufzuhalten dachte, in der Sacristei verschwunden.
      Einen Augenblick schien es, als ob dieser muthige Protest auch auf Maino's verwilderte Seele Eindruck gemacht hätte. Dann aber loderte der alte phantastische Uebermuth wieder in ihm auf, und er rief mit lachendem Munde: Gehe hin, kleinmüthiger Knecht des Herkommens, armseliger Bauernpfaff, der du nicht weißt, wie man mit hohen Herrschaften umzugehen hat. Was ich geschworen, will ich trotz deiner und ohne dich halten. Hat nicht der große Kaiser die eiserne Krone in Mailand sich selbst aufs Haupt gesetzt, da er wohl wußte, daß die Hände eines messesingenden Hasenfußes zittern würden, wenn er dies Geschäft ihnen anvertraute? Nun denn, meine Freunde, so will auch ich thun und mich und mein geliebtes Weib mit eigenen Händen krönen und dazu sprechen, wie Jener in Mailand sprach: Gott hat mir diese Krone gegeben; wehe Dem, der daran rührt!
      Indem er dies sagte, ergriff er mit beiden Händen zugleich die beiden Kronen und setzte sie sich selbst und seiner Neuvermählten auf, ohne die abwehrende Geberde der Pia zu beachten, die wieder auf ihre Kniee gesunken war und, wie von einer Schlange gebissen, zusammenschauderte, als das leichte metallene Geschmeide ihre Stirn berührte. Auch haftete das Krönchen nicht in ihrem Haare, sondern fiel auf die Stufen des Altars herab; ein Knabe vom Dorf hob es auf. Maino dagegen trug sein kaiserliches Diadem, wie wenn es auf seinem Haupte festgeschmiedet wäre, und als auf einen herrischen Wink seine Gefährten in jubelnden Zuruf ausbrachen und Kaiser und Kaiserin von Spinetta glückwünschend umdrängten, hob er die knieende junge Frau von dem Teppich auf, sprach ihr ernst aber zärtlich zu, daß sie sich zusammennehmen und ihrer Würde eingedenk sein sollte, und führte sie dann durch die Reihen des Volkes hinaus der Schenke zu, wohin alle Zeugen dieser seltsamen heiligen Handlung in dichtem Schwarme nachfolgten.
      Wieder erschallten Freudenschüsse, und jetzt mischten sich auch die bescheidneren Klänge der Klarinette und der Guitarren mit ein, aber die Hochzeitsgäste waren sonderbar still geworden, und erst der Wein, der auf Kosten des Bräutigams in Strömen floß, vermochte die erstarrten Zungen zu lösen. Dazwischen aber blickten die Leute immer wieder mit heimlichem Grauen auf die blanke Krone, die der Festgeber auf seinen krausen Locken trug, und raunten sich scheu und halblaut zu, wie bleich und stumm die junge Frau neben dem Maino sitze, völlig abwesenden Geistes, und habe noch nicht die Lippen mit dem rothen Weine genetzt, auch kein einziges Mal gelacht über die anzüglichen Späße, die der lahme Beppe, der offizielle Buffone des Dorfes, bei dieser wie bei jeder Hochzeit zum Besten gab. Alles wäre recht und gut, flüsterte der Bader seinem Gevatter, dem Schmied, ins Ohr, Alles wäre, wie sich's gehörte, denn die Leute im Buschwalde wollen auch Weiber nehmen, und mit der Copulation ist's ja hier obenein 
      in regola abgelaufen; aber das mit der Krönung, Gevatter, denkt an mich, das bekommt ihm noch schlimm. Sacrilegium bleibt Sacrilegium, und mit dem Governo mag man's verderben, aber geistlich Regiment läßt nicht mit sich spaßen. Seht nur die Pia! Ist's nicht, als wäre ihr was unter der Stirn zu Stein geworden, als die geweihte Krone sie berührt hat? Indessen, was kümmert das uns? Wir trinken Maino's Wein, weil wir müssen, denn andernfalls würde er es als eine Beleidigung ansehen und schwer an uns rächen, das können wir vor Gericht beschwören, wenn sie uns fassen wollen. Im Uebrigen mag er sehen, wie er davonkommt!
      Der, dem diese Worte galten, schien um Nichts weniger besorgt, als wie er sich für Alles, was er gethan, verantworten möchte. Er saß mit strahlendem Gesicht mitten unter seinen zechenden Gästen, trank seinerseits nur selten seinen Becher aus, war aber der Fröhlichste und Redseligste von Allen. Er belachte jeden der dürftigen Späße, mit denen der Buffone seiner kaiserlichen Hoheit und ehelichen Würde huldigte, und erzählte dazwischen allerlei drollige Geschichten von dem freien und verwogenen Leben, das er im Waldgebirge geführt hatte. Zuweilen auch sang er mit seiner hellen Stimme ein zärtliches Liedchen und drückte dabei die stumme Braut, die neben ihm saß, fester an sich, ohne sich über ihr seltsam versonnenes und starres Wesen zu verwundern. Nur als das ledige junge Volk zu tanzen anfing und auch das Hochzeitspaar sich erhob, fiel ihm die Todtenblässe ihres Gesichtes auf. Er zog sie sanft und dringend mit sich fort in den stillen Garten der Schenke und befragte sie, was sie habe, ob ihr nicht wohl sei. Statt aller Antwort fiel sie ihm um den Hals, preßte ihn mit ängstlicher Heftigkeit so fest in ihre Arme, daß ihm fast der Athem verging, und er fühlte, daß sie über den ganzen Leib zitterte wie von Fieberfrost geschüttelt.
      Auf all seine Bitten und Fragen aber blieb sie hartnäckig die Antwort schuldig, so daß er es endlich aufgab, aus seinem wunderlichen jungen Weibe klug zu werden, zumal er überlegte, daß die Aufregungen dieses Tages auch eine starke Natur wohl aus dem Gleichgewicht bringen konnten. Also beschloß er, sie sofort dem Festgetümmel zu entziehen, da sie ohnehin nicht lange in den Tag hinein schlafen durften, sondern mit dem ersten Morgengrauen aufsitzen und ihrem Versteck im Gebirge zusprengen sollten.
      Ohne sich erst von den Hochzeitsgästen zu verabschieden, führte er seine Liebste, die wie traumwandelnd neben ihm hinschritt, nach ihrem eigenen Häuschen. Die kleine Margheritina war schon für diese Nacht bei einer guten Frau untergebracht, die sich auch fernerhin ihrer annehmen wollte. Denn das Kind sollte nicht wie die Schwester seine Heimath für immer verlassen. Nur das Hündchen Brusco war den heimlich Entweichenden gefolgt, klingelte mit seiner silbernen Schelle lustig voran und schlüpfte auch in die Brautkammer mit hinein, wo es sich still in seinem gewohnten Winkel auf die Strohmatte niederkauerte.
      *
      Um Mitternacht war auch Maino eingeschlafen, und der Mond, der oben durch das Loch im Fensterladen hereinsah, mochte weit und breit kein argloseres und friedlicheres Menschengesicht bescheinen, als das des jungen Geächteten, der den Schlaf des Gerechten zu schlafen schien. Seine Krone hatte er auf den Schemel am Bette gestellt auf seine Kleider und Waffen, wo sie neben der kahlen Wand und dem schlechten dörflichen Geräth wunderlich gleißte. Die Krone der Pia war in der Schenke zurückgeblieben.
      Nicht viele Stunden mochte er geschlafen haben, doch hatte der Hahn noch nicht gekräht, und eben erst zuckte fern am östlichen Rande des Himmels ein falber Morgenschimmer auf, da hörte Maino mitten im glücklichsten Liebestraume das Hündchen winseln, und mit der Behendigkeit, die er in seinem Banditenleben gelernt, strich er den Druck des Schlummers von den Wimpern und richtete sich im Bette auf.
      Der Platz an seiner Seite war leer, der Laden aber halb aufgemacht, so daß er in dem grauen Zwielicht Alles, was in der Kammer war, erkennen konnte. Da sah er sein junges Weib auf dem Strohsessel am Fenster sitzen, einen Handspiegel auf den Knieen haltend, mit der anderen Hand bemüht, die Krone auf ihrem Haupt zu befestigen, was ihr nur mit Mühe gelang. Sie war so leicht bekleidet, wie sie aus dem Bette gestiegen, aber ihr aufgelöstes dichtes Haar floß ihr in breiten Wellen über die nackten Schultern. Dabei lächelte sie beständig ihr Abbild im Spiegel an und summte mit gedämpfter Stimme eine der Strophen, die Maino am Abend vorher gesungen hatte, worüber das Hündchen aufgewacht war, das nun mit scheuem Winseln um seine Herrin herumstrich.
      Pia! rief der tödtlich Erschrockene, du bist schon aufgestanden? Was thust du da am Fenster? Es ist noch nicht Morgen. Sie werden uns wecken, wenn es Zeit ist; ich hab' es ihnen aufs Strengste eingeschärft. Komm! Lege die Krone weg! Schlafe noch eine Stunde – der Weg ist weit und du bist das Reiten nicht gewöhnt –
      Zitto! machte sie, indem sie den Finger warnend aufhob, doch ohne sich nach ihm umzuwenden. Hörst du nicht? Sie kommen schon. Ich habe mich schmücken müssen zur Huldigung – eine Kaiserin darf sich nicht ohne ihre Krone dem Volke zeigen – sie will aber nicht festsitzen – so – so – so – nun geht es – nun noch den Purpurmantel –
      Im Nu war Maino aus dem Bette gesprungen und in die Kleider gefahren. Pia, flehte er, während er die Jacke umwarf, ich beschwöre dich bei allen Heiligen –
      Still! unterbrach sie ihn. Rufe die Heiligen nicht an! Mit denen haben wir's verschüttet. Sie sind uns böse, weil sie ihre Kronen an uns haben abtreten müssen. Aber – und hier lächelte sie mit einem wunderlich verschmitzten Ausdruck – ein hungriger Esel frißt seine eigene Streu – Noth kennt kein Gebot – warum hat der Goldschmidt unsere Kronen nicht zur rechten Zeit fertig gebracht? Die guten Heiligen können wohl einmal barhaupt gehen – hahaha!
      Er stürzte zu ihr hin und faßte ihre beiden Hände, die eiskalt waren, und berührte ihre Stirn, die ebenfalls wie Marmor sich anfühlte. Misericordia! rief er. Du träumst, Pia! Wach auf! Siehe, hier bin ich, dein Maino, dein Gatte, dem du das Herz im Leibe schmelzest mit solch unsinnigen Reden. Lege dich nieder, meine süße Frau, und schlaf diese Possen aus! Ich Unseliger, daß ich es dahin habe kommen lassen!
      Nein, nein, nein! sprach sie vor sich hin. Mache mich nicht irre! Mein Gemahl der Kaiser war die Nacht bei mir, dann aber ist er weggegangen, in den Krieg, denn wir haben so viele Feinde. Es ist erschrecklich, wie Größe gehaßt und Hoheit beneidet wird. Aber mein kaiserlicher Herr wird sie Alle niederwerfen, daß ich den Fuß auf ihren Nacken setze. Dann werden wir regieren in Freude und Herrlichkeit, und Brusco wird Statthalter von Spinetta, wenn wir selbst unsere Provinzen bereisen. So – so! Sitzt die Krone nun recht kaiserlich? Es ist noch ein bischen Spinneweb daran; das thut nichts – das ist um so heiliger – Kaiserin Pia – so sollen sie mich nennen – und meinen Gemahl – wart', wie heißt er nur gleich? Er hat einen süßen Namen, und er hat mich tausend Mal geküßt – aber das sind Kindereien, daran dürfen wir erst wieder denken, wenn all unsere Feinde – horch! Da kommen sie!
      Sie war vom Sessel aufgefahren; das Spiegelchen glitt ihr vom Schooß und zersprang klirrend auf dem Steinboden der Kammer, – sie achtete es nicht; sie lehnte am Fenster und starrte mit großen Augen in das Zwielicht hinaus. Maino stand, vom Jammer überwältigt, vor ihr; er hatte keinen Gedanken als an die Zerrüttung dieses geliebten Wesens, die er sich selbst zuschreiben mußte. Mit leisen flehenden Worten suchte er sie vom Fenster wegzuschmeicheln. Aber sie schien seine Stimme nicht zu hören, nur mit der Hand wehrte sie ihn von sich ab und drückte sich fest an den Rahmen des kleinen Fensters. Jetzt! rief sie auf einmal. Hörst du auch 
      jetzt noch nichts? Da sind sie! Nun, sie mögen kommen – ich bin bereit.
      In der That hörte auch er jetzt ein seltsam dumpfes Geräusch, das durch die graue Morgenluft herandrang. Es war nicht Hufschlag der Pferde, auf denen seine Gefährten vor das Brauthaus sprengen sollten, um ihren Anführer zu wecken und ihn und sein junges Weib zur Flucht zu mahnen. Ein Menschenhaufe näherte sich, behutsam auftretend, zu Fuß; die Dorfgasse kam es heran – sie konnten kaum noch fünfzig Schritte entfernt sein. Rasch entschlossen, stürzte Maino in das größere Gemach nebenan, das Küche und Wohnraum zugleich war und ein Fenster nach der Straße hatte. Durch den Spalt des Ladens konnte er ins Dorf hinausspähen. Da sah er einen Trupp Soldaten vorsichtig herannahen. Unfern des Hauses machten sie Halt. Er erkannte seinen alten Feind, den Barbone, der mit dem Sergeanten Rath zu halten schien. Eine furchtbare Klarheit durchzuckte sein Gehirn: die beiden Gefesselten hatten sich ihrer Bande zu entledigen gewußt, durch List oder Verrath die Riegel ihres Kerkers gesprengt und von Alessandria Hülfe herbeigeholt. Wo waren nun seine armen Gefährten? Sicherlich hatte es wenig Mühe gemacht, die vom Hochzeitswein Taumelnden zu überwältigen. Aber der Hauptstreich sollte nun erst geschehen: der Anführer und Häuptling der Geächteten sollte in der Brautkammer überfallen und wie Simson von den Philistern in Ketten und Banden davongeführt werden.
      Mit einem wilden Fluch fuhr der doppelt Unglückselige zurück. Er hatte im Nu begriffen, daß Alles verloren war, wenn nicht in den nächsten Minuten noch die Flucht gelang.
      Pia! rief er, in die Kammer zurückstürzend, man will uns fangen und fortschleppen. Die Verfolger sind schon ganz nah, aber wir können uns noch retten; hier zu diesem Fenster hinaus, durch das Maisfeld, hinten an den Scheuern vorbei – mich holt so leicht Niemand ein, und wenn du dich nur sputen willst –
      Es ist gut, hörte er sie erwidern; ganz gut, daß wir hier fortkommen. In der Thai, ich bin neugierig, unsern Palast zu sehen. Aber zu Fuß gehe ich nicht – das ist nicht kaiserlich; sie sollen mir die Karosse schicken mit sechs milchweißen Pferden – schön – schön – die Heiligen haben es nicht besser –
      Wenn dir dein und mein Leben lieb ist, süßes, geliebtes Weib, so komm! drängte er sie in verzweifelter Hast, indem er versuchte, ihr ein Tuch um den entblößten Nacken zu werfen. Noch drei Secunden – so ist es zu spät – und wir – hörst du mich nicht? Kennst du mich nicht mehr?
      Rühre mich nicht an, Verwegner! rief sie mit flammendem Blicke. Ich kenne dich wohl – du bist mit unseren Feinden im Bunde; du willst unserer Majestät nicht huldigen, wie sich's gebührt – aber bei der Krone auf meinem Haupte schwör' ich es –
      Nun, so sei Gott deiner armen Seele gnädig! rief er und drängte sie vom Fenster weg; so flieh' ich allein und komme dich zu holen, wenn dein armer Kopf wieder in den Fugen ist. Gute Nacht, mein Weib!
      Er hatte seine Waffen vom Schemel aufgerafft, drückte das arme blasse Geschöpf noch einmal an sein Herz und schwang sich dann über den niedrigen Fenstersims in den dunklen Hof hinaus. In demselben Augenblick pochten die Gewehrkolben der Soldaten an die vordere Thür; Stimmen wurden laut, die Maino riefen, das Hündchen bellte heftig dazwischen, und das Haus erdröhnte von den wuchtigen Stößen, mit denen man die Thür zu sprengen suchte. Plötzlich fiel von der anderen Seite ein Schuß; schreiende Stimmen, Stöhnen und der Ruf: Mord! Mord! fangt den Mörder! wurden rings um das Haus her laut; darauf gab die Thür nach, und die bewaffnete Schaar drang in das todtenstille Gemach. Als sie hier Niemand fanden, betraten sie, eine Fackel vorantragend, die Kammer. Da sahen sie das bleiche junge Weib am Fußende des Bettes sitzen, die Krone noch immer auf dem Haupt, die nackten Arme über der Brust gekreuzt, mit einem stillen, feierlichen Lächeln ihnen zunickend, als danke sie ihnen, daß sie gekommen, ihr zu huldigen.
      Grauen hemmte den Schritt der wild Hereingestürmten, und eine Weile wagte Niemand das Schweigen zu brechen. Erst als einige Soldaten den Barbone hereinschleppten, der den entfliehenden Maino hatte fassen wollen und mit einer tödtlichen Kugel von seinem alten Feinde abgewehrt worden war, kam Bewegung und Unruhe in die verschüchterte Schaar. Sie wollten den Verscheidenden auf das Bett heben, wo die Irre noch immer saß, die nicht von fern zu ahnen schien, was vorging. Aber der Mann des Todes, der mit einem halberloschenen Auge die weiße Gestalt auf dem Bett erkannte, machte eine heftige Geberde des Abscheues und sträubte sich dagegen, das Lager zu berühren. Man streckte ihn auf dem Steinboden zu den Füßen der Kronenträgerin aus, die huldvoll lächelnd auf ihn herabsah. Da gab er nach wenigen Minuten seinen Geist auf, ehe noch der Pfarrer herbeigeholt werden konnte.
      *
      Den glücklich Entflohenen hat man nie wieder zu Gesicht bekommen. Nur so viel ist durch eine alte Frau, die Nachts zur Bewachung der armen Irren in der Küche ihr Lager aufschlug, bekannt geworden, daß etwa eine Woche nach diesen Ereignissen in einer stürmischen Herbstnacht Maino mit einem Pferde, dessen Hufe mit Lappen umwickelt gewesen, sich ins Dorf gewagt habe, um seine Geliebte wiederzusehen und sie mit sich zu nehmen auf seine Irrfahrt in die weite Welt hinaus. Die Pia habe ihn auch zuerst wiedererkannt und Freude über sein Kommen bezeigt. Als er sie aber in seine Arme habe schließen wollen, sei sie vor ihm zurückgebebt, wie wenn der Tod sie an sich ziehen wollte, und habe so kläglich zu jammern und zu weinen angefangen, daß er wohl erkennen mußte, es sei Alles umsonst. Da habe er sich mit bitterem Schmerze von ihr losgerissen und in einem ledernen Beutel einen großen Haufen Gold bei ihr zurückgelassen, um sein Weib für alle Zeiten vor Elend zu schützen. Dann sei er davongesprengt auf Nimmerwiedersehen.
      Diesen Beutel fand am andern Morgen die Hüterin der Pia auf dem Fenstersimse und übergab ihn dem Pfarrer, der das Geld der Kirche zuwendete, um für die Seele der armen Wahnwitzigen und ihres sündigen Gatten Messen zu lesen. Welch ein Ende der Flüchtling gefunden, ist bis auf diesen Tag nicht verlautet. Das aber steht fest, daß noch in den vierziger Jahren vor dem letzten Hause von Spinetta täglich ein armes Weib in der Sonne zu sitzen pflegte, einen leeren Spinnrocken in der Hand, den sie wie ein Scepter gegen die Vorübergehenden neigte, immer sanft und freundlich und die eisgrauen Haare, da man die Krone dem Heiligen wiedergegeben hatte, wie ein Diadem über der Stirn zusammengeflochten. Die Kinder, die zur Schule an ihr vorbei mußten, nickten ihr zu und sagten jedesmal: Gott segne dich, Kaiserin von Spinetta! – worauf die Frau erwiderte: In Ewigkeit, Amen!
    



      Das Seeweib
      (1875)
       
      In den schattigen Laubgängen des Gartens, dicht am See, der im Glanz der Abendsonne durch die Büsche funkelte, ergingen sich langsam Arm in Arm zwei stattliche Frauen, die beide schon über die Mitte des Lebens hinaus waren. Von Zeit zu Zeit blieben sie stehen, um etwa eine schön blühende Blume zu betrachten, oder einen Blick nach dem Landhause zu werfen, das auf der Höhe des sanft ansteigenden Ufers stand, von prachtvollen alten Bäumen überwölbt, alle Fenster und Balconthüren geöffnet, um die Abendkühle hereinzulassen. Tiefer ins Land hinein sah man weiße Bauernhäuser und zerstreute Fischerhütten aus dichtem Nadelholz hervorblicken; die rothen Stämme der Föhren und Tannen standen wie glühende Säulen zwischen den schwarzen Tiefen des Waldes, ein leichter silbergrauer Rauch wallte hie und da über die Wipfel hin, in der Ferne donnerte es leise von abziehenden Gewittern.
      Die Luft hat sich abgekühlt, sagte die Eine der beiden Wandelnden, aber es ist seltsam: der Druck, der diesen ganzen Tag auf meiner Stimmung lag, will nicht weichen. Ich kenne diese wunderliche Beklommenheit nur zu gut an mir. Selten war mir so zu Muth, ohne daß ein Unglück oder wenigstens ein Verdruß darauf gefolgt wäre.
      Du hast immer an Ahnungen geglaubt, versetzte die Andere lächelnd. Weißt du nicht mehr, 
      Hermine, wie oft wir im Institut dich mit deinem prophetischen Gemüth geneckt haben? Und wenn du ehrlich sein willst: sind deine Kassandra-Stimmungen nicht viel öfter ohne Bestätigung geblieben, als daß sie sich bewährt hätten? Du solltest dich entschließen, Buch zu führen über deine Ahnungen, und am Ende des Jahres die Summe ziehen, wie viele eingetroffen sind und wie viele nur etwa von der Migräne herrührten.
      Es ist wahr, 
      Cornelie, erwiderte die ältere Freundin, gerade ich sollte diesen Aberglauben längst abgeschworen haben. Das Schwerste, was ich je erlebt, der Tod meines geliebten Mannes, hat mich ganz ahnungslos, im heitersten Genuß des Lebens getroffen. Du weißt, er wollte mir auf den Ball nachkommen; er hatte erst noch eine wichtige Arbeit zu vollenden. Statt seiner kam die entsetzliche Botschaft, daß er am Schreibtisch umgesunken war. So verlor ich auch meine Mutter wenige Jahre darauf, ohne jedes Vorgefühl. Und doch – es ist etwas daran. Vielleicht ist mein zweites Gesicht weitsichtig: die mir am nächsten stehen, werden nicht davon erreicht. Aber es ist thöricht, sich den herrlichen Abend mit so dunklen Dingen zu verderben. Höre, wie die Kinder vergnügt sind!
      Sie waren zu einer Stelle des Ufers gekommen, wo hinter den Flieder- und Jasminbüschen ein Badehüttchen stand. Muthwilliges Geplätscher und helles Lachen von einigen Mädchenstimmen erklang hinter den hölzernen Wänden.
      Mein Wildfang scheint wieder die Ausgelassenste zu sein, sagte Frau Cornelie. Sie hat ein Lachen in der Kehle, das so ansteckend wirkt, wie bei Anderen das Gähnen. Selbst mein Herr Gemahl, der manchmal den rauhen Krieger recht täuschend zu spielen weiß, ein so milder Kern in der stachligen Schale steckt, – wenn dieses gottlose Geschöpf seinen Kopf darauf setzt, ihn aufgeräumt zu machen, kann er nicht zehn Minuten sein Dienstgesicht, seine Oberstenmiene, wie wir's nennen, beibehalten. Auch deine 
      Lilli, die ich viel ernster und in sich gekehrter gefunden habe, als das letzte Mal vor zwei Jahren, ist seit den paar Tagen in 
      Louison's Gesellschaft fast wieder zum spiel- und tanzlustigen Backfisch geworden.
      Wollte Gott, daß es vorhielte! sagte die Mutter mit einem Seufzer. Du hast ganz recht gesehen, Cornelie. Du hast das Kind nicht so wiedergefunden, wie du es damals verließest. Es sind nicht die zwei Jahre allein, die freilich gerade in dieser Jugend die Natur im Innersten zu verwandeln vermögen. Auch eine Erfahrung, die sie inzwischen gemacht, an ihrem eigenen Herzen – ich mochte dir, so wenig ich sonst Geheimnisse vor dir habe, nichts davon schreiben, da es eben nicht 
      mein Geheimniß war. Aber ich sehe nicht ein, warum du es jetzt nicht wissen sollst; sie hat eine Neigung zu einem jungen Mann gefaßt, ernster, wie ich fürchte, als sonst erste Neigungen zu sein pflegen. Das geht ihr noch im Stillen nach, und scheu und stolz, wie sie ist, hat sie nicht einmal ihre Mutter zur Vertrauten gemacht, so daß Alles um so tiefer nach innen drang.
      Eine unglückliche Liebe? Du erschreckst mich; denn so reizend wie sie sich entwickelt hat, kann ich nur an eine Passion für einen verheiratheten oder doch verlobten Mann denken. Jeder, der deiner Lilli begegnete und noch frei wäre –
      Nein, Liebste; ganz so schlimm ist es zum Glücke nicht, und doch, wer weiß, ob völlige Hoffnungslosigkeit nicht besser für sie wäre. Laß dir sagen. Im vorigen Sommer, als ich ins Seebad mußte, – ich reiste allein, nur mit meiner alten 
      Christel, – Lilli blieb hier zurück, um als Hausmütterchen für 
      Max zu sorgen, der gerade in seinem Staatsexamen steckte; und da sie selbst viel aufgeregter und ängstlicher dabei war, als ihr Leichtfuß von Bruder, und, bis Alles überstanden, ihm nicht von der Seite wollte, mußte ich mich darein ergeben, daß mir die Kinder erst ein paar Wochen später nachkommen sollten. Auch that mir die völlige Einsamkeit, das tagelange Schweigen so wohl, wir hatten im Winter ein wenig viel Trouble um uns gehabt mit Bällen, Maskeraden und Komödiespiel im Hause, daß ich auch in Scheveningen jeder neuen Bekanntschaft und vor Allem jeder älteren sorgfältig auswich. So machte sich's, da ich immer die einsamsten Wege suchte, daß ich öfter einem jungen Mann begegnete, der gleich mir aus dem eleganten Strandgewimmel in die Abgeschiedenheit flüchtete. Nachdem wir uns einige Male stumm gegrüßt hatten, redete er mich an; es dauerte nicht lange, so begleitete er mich täglich auf meinen Spaziergängen. Er gefiel mir sehr, seine stille Art, sein bescheidenes und doch männlich festes Betragen, sein sicheres Urtheil, so jung er noch war, nicht über sechsundzwanzig, wie er mir sagte. Ich verglich ihn im Stillen mit Max, dem ich bei all seinen guten Eigenschaften etwas mehr Besonnenheit und Mäßigung wünschte, und empfand ordentlich ein mütterliches Gefühl für diesen einsamen jungen Menschen. Irgend ein Kummer schien ihm nachzugehen. Aber so viel wahrhaft herzliche Hingebung er mir auch bewies, – über seine persönlichen Stimmungen und Schicksale sprach er mit keiner Silbe. Ich erfuhr bloß, daß er ganz allein und unabhängig, ohne Amt oder eigentlichen Beruf in der Welt stehe und seit vier Jahren sich beständig auf Reisen befunden habe, bis in den Orient, Egypten, Tunis und dann durch Spanien und Frankreich zurück. Er hatte eine sehr hübsche Gabe, von Allem, was er gesehen, zu erzählen, mit der größten Anschaulichkeit und den lebendigsten Details, aber immer so, als ob er an Allem keinen tieferen Antheil genommen, diese Scenen nur erlebt hätte, wie man ein illustrirtes Reisewerk durchblättert. Auch nach meinen Verhältnissen fragte er nie, ja ich glaube, es vergingen vierzehn Tage, ohne daß er meinen Namen wußte. Es war ein so eigener Reiz in diesem anonymen und doch sympathischen Verkehr, daß auch ich diese Bekanntschaft gleichsam mit der Halbmaske vor dem Gesicht gern fortgesetzt hätte, wenn meine neugierige Christine, die mich ein paar Mal mit meinem jungen Verehrer hatte nach Haus kommen sehen, nicht den Namen ausgekundschaftet hätte. Da erfuhr ich, daß er nicht bloß ein näherer Landsmann von mir war, was ich kaum seiner Sprache nach vermuthet hätte, sondern aus einer Familie unserer Stadt, die ich oft genug hatte nennen hören. Da wir aber die letzten sechs Jahre vor dem Tode meines Mannes in L. gelebt haben, wußte ich nichts Näheres von allen Stadtgeschichten, und der Name 
      Frank konnte mir über die melancholische Gemüthsart meines jungen Freundes keinen Aufschluß geben.
      Ich hütete mich auch wohl, es ihn merken zu lassen, daß ich als junges Mädchen seine Mutter oft gesehen hatte, bei mancher Française ihr Vis-à-vis gewesen war. Eine deutliche Ahnung – lache nur nicht wieder! – ließ mich fürchten, daß er sich dann von mir zurückziehen würde. Und ich hatte mich schon so an ihn gewöhnt, daß mir seine Gesellschaft in der That gefehlt haben würde.
      Auch das war seltsam an ihm, daß er schon länger als ich in Scheveningen war und noch nicht ein einziges Bad genommen hatte. Ich konnte es nicht lassen, als das erste Mal die Rede darauf kam, einen Scherz darüber zu machen: ob es sich dabei um eine Wette handle, wie bei jenem Engländer, der ein halbes Jahr in Rom gelebt, ohne je die Peterskirche zu betreten? Er wurde blutroth im Gesicht, stammelte eine verworrene Antwort und war schwer wieder in seine unbefangene Stimmung zurückzubringen. Er liebe das Meer nicht, warf er hin – und verstummte dann. Und doch hatte ich ihn an manchem späten Abend von meinem Fenster aus am Strande sitzen und wie verzaubert in die Brandung starren sehen.
      Seltsam! Eine Krankheit vielleicht – ein Herzfehler, bei dem das Baden verboten ist –?
      Nichts dergleichen. Ich selbst nahm mir die mütterliche Freiheit, ihn darum zu befragen. Er sei völlig gesund, versetzte er mit einem trübsinnigen Lächeln; und das sei gerade das Schlimme. Sein Herz sei aus so dauerhaftem Stoff, daß es die stärksten Stöße und Erschütterungen aushalte und er alle Aussicht habe, achtzig Jahre alt zu werden, – nicht die angenehmste Perspective für einen Menschen, der nicht eben gern lebe.
      Das Warum? lag mir auf der Zunge. Schon aber war er wieder in seinem Erzählen von den Zigeunern in Sevilla oder sonst etwas Südlichem, und ich mußte alle weiteren Fragen hinunterschlucken.
      Endlich war es so weit, daß ich die Kinder erwarten durfte. Max hatte es nöthig, von seinen Prüfungsstrapazen sich zu erholen, und seine treue Schwester von der sehr überflüssig ausgestandenen Angst. Ich hütete mich wohl, meinem jungen Freunde etwas davon zu sagen. Ich hatte ihn geflissentlich jeder jungen Dame ausweichen sehen, und wenn er den reizendsten Französinnen und jungen Misses einmal wider Willen nahe kam, ging er so steif und fast feindselig an ihnen vorüber, wie an einer Dornenhecke; da fürchtete ich, er möchte mich gleich im Stich lassen, sobald unser Unter-vier-Augen gestört würde.
      Und wirklich, als wir uns den Tag nach der Ankunft der Kinder auf dem gewohnten Wege trafen, ich nun mit meiner jungen Escorte, sah ich ihn eine Bewegung machen, als ob er etwas verloren hätte und eilig umkehren müßte, es zu suchen. Dann aber schämte er sich doch, vor unseren Augen die Flucht ergreifen, faßte sich ein Herz und kam möglichst unbefangen auf uns zu.
      Er gefiel auch gleich meinen Kindern, und sie ihrerseits schienen auf ihn den besten Eindruck zu machen, so daß es nach der ersten Viertelstunde war, als wären wir nie anders als so zu Vieren dort herumgeschlendert. Ich hatte meinem nicht gerade sehr diplomatischen Herrn Sohn einen Wink gegeben, daß er seine ungestüme, warmherzige Art, fremde Menschen, wenn sie ihm zusagten, gleich allzu vertraut zu behandeln, diesem Sonderling gegenüber im Zaum halten möchte. Er versprach es feierlich, hielt es auch eine ganze Stunde lang, fiel dann aber gleich wieder in seinen eigenthümlichen Ton zurück, und ich sah mit Erstaunen, daß seine cordiale Unverfrorenheit ihm in den Augen des jungen Menschenfeindes durchaus nicht schadete. In der ersten Stunde schon kam zur Sprache, was ich vierzehn Tage lang nie berührt hatte, daß wir aus derselben Stadt waren, daß er – Frank – Militär gewesen und als Lieutenant seinen Abschied genommen, daß er noch ein paar Jahre zu reisen vorhabe, um für ein volkswirthschaftliches Werk Material zu sammeln, – kurz, eine Menge persönlicher Notizen, an die sich allerlei allgemeine, recht interessante Debatten knüpften.
      Meine Lilli, der ich nie nöthig gehabt habe über Tact und Discretion gute Lehren zu geben, betrug sich bei diesem ersten Spaziergange auffallend und fast über Gebühr zurückhaltend, so daß ich sie zu Hause befragte, ob ihr nicht wohl gewesen sei, oder ob Frank ihr einen abstoßenden Eindruck gemacht habe. Sie erwiderte ruhig, sie habe beständig in seiner Nähe mit einem schmerzlichen Gefühl zu kämpfen gehabt, wie neben einem unheilbar Kranken, an dessen Seite man sich's fast übel nehme, gesund und glücklich zu sein. Es sei ihr das um so trauriger gewesen, da sie alles Gute, was ich über ihn geschrieben, bestätigt gefunden habe. Sie könne aber nicht ohne eine unerklärliche Bangigkeit in sein Gesicht sehen.
      Was soll ich dir weiter sagen? Wir blieben noch drei Wochen zusammen, und unser räthselhafter Freund war unzertrennlich von uns. Nur wenn wir nicht allein waren, was sich auf die Länge doch nicht immer vermeiden ließ, erschien er in sichtbar verstörter Laune, sprach nur das Nöthigste und zog sich nach einer Viertelstunde wieder zurück.
      Max kam ihm auf die Länge nicht näher, als schon in der ersten Stunde geschehen war. Ihre Naturen hatten zu wenig Verwandtes. Aber meinem mütterlichen Blick konnte es nicht entgehen, daß er sich immer entschiedener zu Lilli hingezogen fühlte, und daß in ihrem Herzen die Bangigkeit, mit der sie anfangs sein Gesicht betrachtet hatte, einem viel lebhafteren Langen und Bangen wich, wenn sie zu der gewohnten Zeit einmal 
      nicht in sein Gesicht sehen konnte.
      Sollte ich mich darüber freuen oder ängstigen?
      Ich wußte es nicht; diesmal ließen mich meine Ahnungen ganz im Stich. Aber daß ich mir, trotz aller dunklen Punkte, keinen lieberen Schwiegersohn gewünscht hätte, kann ich dir ja wohl im Vertrauen gestehen.
      Es schien auch wirklich, als ob es zu einer raschen und glücklichen Entscheidung kommen würde. Aber eines Abends, als wir eben im muntersten Gespräch mit Frank das gesellige Leben in unserer Stadt, auf das er nicht gut zu sprechen war, in Schutz nahmen, kam es, daß Lilli zum ersten Mal unseres Landhauses hier am See erwähnte. Max fügte scherzend hinzu, es sei zwar auf dem Lande bei uns nicht viel zu haben, als ein Bad, ein Gericht Fische, das man selbst angele, Winters etwa ein Hase, den man selbst schießen könne; aber wenn er's mit mir und Lilli nicht verderben wolle, müsse er uns hier draußen jedenfalls besuchen und über das Haus und die Aussicht und jeden Grashalm entzückt sein.
      Schon während er noch sprach, hatte ich mit Schrecken bemerkt, daß Frank's Gesicht plötzlich von einer Todtenblässe überzogen worden war. Eh' ich ihn fragen konnte, was er habe, stand er auf, machte ein paar Schritte durch das Zimmer, nahm dann rasch seinen Hut und verabschiedete sich in der seltsamsten Hast unter dem Vorwand, den er halblaut hervorstotterte: er habe sich plötzlich an einen wichtigen Brief erinnert, der heute durchaus noch geschrieben werden müsse.
      Du kannst dir vorstellen, Liebe, in welcher Befremdung wir ihm nachsahen. Aber was sollten wir erst denken und sagen, als am andern Morgen in aller Frühe ein Billet von ihm kam, in welchem er mit sehr herzlichen Worten Abschied nahm, sein gestriges Davonstürmen zu entschuldigen und ihm ein freundliches Andenken zu bewahren bat, auch wenn es ihm nicht gegeben gewesen sei, sich so vieler Güte werth zu zeigen. Er tauge eben nicht zu glücklichen Menschen.
      Das klingt ja nach einem Eugen Aram! rief Frau Cornelie. Arme Lilli! Ich kann mir denken, wie dem guten Kinde zu Muth war, als es sich sagen mußte, dieser Gegenstand ihres heimlichen Interesses habe, wenn auch nicht gerade einen Mord, doch sonst irgend eine Schuld auf dem Herzen, die ihn so unstät durch die Welt jage.
      Sie ist ein eigenes Mädchen, versetzte die Mutter. Nicht ein Wort hat sie zu mir über dieses plötzliche Aufwachen aus einem Traum geäußert, der ihr nur leider schon zu tief im Herzen saß. Aber ihr Wesen war so rührend ernst und still, daß selbst Max, der seine Schwester leidenschaftlich liebt, obwohl er beständig mit ihr auf dem Kriegsfuße lebt, seinen Ton gegen sie völlig änderte und sie mit der ausgesuchtesten Aufmerksamkeit behandelte, als fühlte er die Pflicht, sie für ein verlorenes Glück zu entschädigen.
      Du wirst begreifen, daß wir nun auch nicht mehr viel Vergnügen an der See fanden. Kaum waren wir aber wieder zu Hause, so erkundigte ich mich nach Frank's Familie und seinen eigenen Schicksalen, die ihm so unheilvoll nachgingen. Ich erfuhr, daß sein elterliches Haus schon seit fünf Jahren verödet und fest zugeschlossen sei. Bis dahin habe es der alte Frank mit diesem Sohn und einer einzigen liebenswürdigen Tochter bewohnt, sehr zurückgezogen; aber die wenigen Freunde, die bei ihnen aus- und eingingen, hatten darin übereingestimmt, nie eine glücklichere, einträchtigere Familie gesehen zu haben. Die Mutter sei früh gestorben. Da habe der um einige Jahre ältere Sohn seine kleine Schwester völlig wie eine Bonne gepflegt und behütet, da der Papa von der Gicht gelähmt die meiste Zeit in seinem Lehnstuhl zubringen mußte. Auch wie sie heranwuchs und er zum Militär ging, hörte dieses Verhältniß nicht auf, und man hatte das Mädchen kaum anders als am Arm des Bruders ausgehen sehen.
      Und nun denke dir das Entsetzliche: die beiden Geschwister, die auch sonst in allen körperlichen Uebungen, im Reiten, Schwimmen, Scheibenschießen mit einander wetteiferten, fuhren eines Tags mitten im Winter hier an den See hinaus, wo gerade eine prachtvolle Eisbahn war, um sich recht nach Herzenslust mit ihren Schlittschuhen zu vergnügen. Am Abend erhält der alte Vater die Nachricht, seine Tochter sei verunglückt, in eine offene Stelle gerathen, bis jetzt nicht wieder aufgefunden, der Bruder irre wie ein Verzweifelter am Ufer umher, und man fürchte ernstlich, daß sein Kopf aus den Fugen gehen werde.
      Welch ein schauerliches Unglück! rief Frau Cornelie. Nun erinnere ich mich, in einer Zeitung davon gelesen zu haben, ohne die Namen. Kein Wunder, daß der unglückliche Bruder ein Grauen davor hat, diese Gegend je wieder zu betreten! –
      Er hatte sich endlich losreißen müssen, die Eisdecke hielt den Leichnam zu fest verwahrt, und den Verstand darüber zu verlieren verbot ihm eine sehr ernste Pflicht. Den Vater hatte bei der Nachricht von diesem Jammerschicksale der Schlag getroffen; er lebte aber noch viele Monate und bedurfte den Sohn, und dieser sah und hörte täglich in den erloschenen Augen des Vaters und den gebrochenen Klagelauten das Gespenst jenes grauenhaften Unglücks. Wie der Alte dann endlich starb, ging der Sohn von seinem frischen Grabe weg in die weite Welt und hat nirgend Ruhe gefunden.
      Armer, armer Mensch! Und die arme Lilli –
      Sie weiß Alles. Obwohl ich mir sagen mußte, daß es nur dazu beitragen würde, ihr das Bild des Unglücklichen, da er so schuldlos leidet, tiefer ins Herz zu drücken. Aber ich hatte ihn schon zu lieb gewonnen, um es zu ertragen, daß ein Schatten auf seinem Bilde blieb, der Verdacht, eine Schuld trenne ihn von den Menschen. Laß dir's gestehen, Cornelie: sogar die Hoffnung sprach leise mit, die Zeit möchte diese schauerlichen Gespenster von ihm wegbannen, und man könnte mithelfen, ihn wieder dem Leben zurückzugewinnen. Auch scheint er selbst ernstlich bemüht, sich nicht verloren zu geben. Er ist seit acht Tagen, wie Max uns schrieb, wieder in der Stadt aufgetaucht, hat auch diesmal wieder, da er meinem Sohn auf der Straße begegnete, unwillkürlich ihm auszuweichen versucht; dann aber, wie mit einem plötzlichen Entschluß, sei er gerade auf ihn zu gegangen, habe ihm herzlich die Hand geschüttelt, sich nach uns erkundigt und sogar geäußert, seine Zeit sei zwar sehr beschränkt, er werde aber doch, wenn es irgend möglich sei, uns hier draußen aufsuchen.
      Um Gotteswillen! Er wird doch nicht –! Wenn nun hier die ganze unglückselige Erinnerung ihn gewaltsam wieder überfällt –
      Auch ich würde es fürchten, sagte Frau Hermine, und darum ließ ich ihn durch Max fragen, ob er uns nicht lieber in der Stadt wiedersehen möchte. Daß wir jetzt Alles wissen, hatte mein Sohn ihm nicht verhehlt. Er wollte aber nichts davon hören. Wenn irgend Etwas ihm die unheimlichen Stätten wieder gleichsam reinigen könnte von allem Grauen, so sei es die Nähe zweier Menschen, die er so verehre wie mich und meine Tochter. Und so leben wir seit einigen Tagen beständig in der Erwartung dieses auf alle Fälle aufregenden Wiedersehens. Lilli's Munterkeit ist zum Theil die Folge ihrer steten Bemühung, Niemand merken zu lassen, wie bange ihr Herz zwischen Furcht und Freude hin und her schwankt. Und ich –
      Mein Gott! unterbrach sie sich plötzlich – da ist er selbst!
      *
      Aus dem Schatten der Bäume oben neben dem Landhause traten eben zwei junge Männer ins Helle heraus, und der Eine ließ einen fröhlichen Jodelruf erschallen, während er lebhaft seinen Strohhut schwenkte. Auch der Andere grüßte zu den beiden Frauen hinunter, folgte aber mit etwas langsameren Schritten seinem Begleiter, der munter den Gartenweg hinabeilte.
      Da bring' ich ihn! rief Max schon von Weitem der Mutter entgegen. Haben wir uns nicht einen schönen Tag ausgesucht, – ein kleines Miniaturgewitter, Abendroth, Vollmond, Alles was man nur wünschen kann? Auch sind wir von der letzten Station an zu Fuß gegangen, so daß wir euch den richtigen Landappetit mitbringen. Hoffentlich, liebste Mama, kannst du uns noch satt machen. Aber wo steckt denn mein Lilliput? Und Fräulein Louison?
      Die Mutter hörte nichts von Allem, was ihr übermüthiger Sohn nach seiner Gewohnheit in den Tag hinein plauderte, ohne es übelzunehmen, daß man ihm die Antwort schuldig blieb. Ihre ganze Sorge war davon in Anspruch genommen, welchen Eindruck dies Begegnen hier an dem verhängnißvollen Ufer auf Frank machen würde. Zu ihrer großen Beruhigung schien die Freude, seine mütterliche Freundin wiederzusehen, jede andere Regung in ihm niederzuhalten. Er küßte Frau Herminen mit inniger Ehrerbietung die Hand, fragte nach ihrem Befinden und ließ es sich wenigstens nicht anmerken, daß es ihm unlieb sei, ein fremdes Gesicht hier zu treffen. Es schien ihm eher erwünscht, sich hier in größerer Gesellschaft zu befinden, und er sprach so lebendig und heiter von einer Menge interessanter Dinge, daß Frau Cornelie Mühe hatte, in diesem angenehmen Gesellschafter den düsteren, menschenscheuen Träumer zu erkennen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte.
      Freilich, nur so lange er sprach. Sobald er schwieg, schienen die Züge seines geistreichen Gesichts gleichsam zu erstarren; die Augen allein leuchteten von unheimlich ängstlichem Leben, und ein nervöses Zucken der Augenbrauen verrieth ein geheimes Leiden. Dann aber brauchte nur die edle Frau, der sein Besuch galt, das Wort an ihn zu richten, um sofort eine stille, wehmüthige Heiterkeit über seine Züge zu verbreiten, die Jedem, der seine Geschichte kannte, den herzlichsten Antheil abgewinnen mußte.
      Er war ganz schwarz gekleidet, von hoher Gestalt, das Haar trotz seiner Jugend schon hie und da mit grauen Flocken gemischt. Wenn er lächelt, flüsterte Frau Cornelie der Freundin zu, machen ihn seine schönen Zähne ordentlich hübsch.
      Auch er fragte endlich nach Fräulein Lilli; in demselben Augenblick sah er das Mädchen mit ihrer Freundin aus dem Ufergebüsch hervortauchen und ihrem Bruder entgegenfliegen, der nach der Badehütte hinabgegangen war. Er schien ihr zu sagen, wen er mitgebracht, denn sofort machte sie sich von ihm los, strich sich die aufgelösten braunen Haare aus dem Gesicht, um die Röthe zu verbergen, die ihr bis über die Stirne gestiegen war, und eilte dann dem Gast mit unbefangener Herzlichkeit entgegen.
      Wie schön, daß Sie Wort halten! sagte sie, ihm die Hand reichend. Es schien der Mutter gar zu unnatürlich, Sie in der Stadt zu wissen und Sie nicht zu sehen. Wir wären Ihnen gern entgegengekommen, aber es ist besser so. Das Jahr, seit wir uns nicht gesehen, hat Ihnen gut gethan, Sie haben viel mehr Farbe als damals. Aber nun muß ich Sie vor Allem mit meiner Freundin Louison bekannt machen.
      Er erwiderte ein paar höfliche Worte, verneigte sich vor dem fremden Fräulein, schien dann aber nur Augen und Ohren für Lilli zu haben, die an seiner Seite blieb und ihn über seine letzten Reisen befragte. Es ist Alles wieder wie in Scheveningen, sagte sie lächelnd, nicht wahr? Sogar die flatternden Haare, die in der Luft vollends trocknen sollen. Und nicht einmal mein Herr Bruder ist inzwischen um zwölf Monate gesetzter und verständiger geworden.
      Sie hatte eine liebliche, etwas tiefe Stimme, die dem Unbedeutendsten, was sie sagen mochte, einen eigenen seelenvollen Reiz verlieh. Auf den ersten Blick fand man die blonde Louison schöner, zumal sie es sehr gut verstand, ihre natürlichen Vorzüge mit allen kleinen Künsten einer Evastochter ins beste Licht zu stellen. Auch war Max offenbar wehrlos gegen ihre muthwilligen Blicke und die ausgesucht schlechte Behandlung, die sie ihm zu Theil werden ließ. Doch ein ernsthafterer Mensch, wie Frank, konnte nicht lange darüber in Zweifel sein, welche von den beiden Freundinnen den echteren Reiz besaß. Für ihn schien die Blonde gar nicht auf der Welt zu sein. Und gerade das stachelte den Uebermuth Louison's zu immer tolleren Raketenfeuern der Koketterie, so daß Max nicht aus dem Lachen kam und nur in den kurzen Pausen des Athemschöpfens einen verstohlenen Seufzer vernehmen ließ, da er, selbst neben dem unempfindlichen Fremden, mit seiner ritterlichen Huldigung nur schlechten Dank von dem muthwilligen jungen Fräulein erntete.
      So waren die drei Paare lange durch den Garten gewandelt, und die Mutter erinnerte endlich daran, daß die Stunde des Nachtessens gekommen sei. In einem Zimmer des Erdgeschosses brannte die Lampe auf dem gedeckten Tisch, von Nachtschmetterlingen umschwirrt; die alte Christel, die Frank wie einen Hausfreund mit großer Zutraulichkeit begrüßte, trug die Speisen auf, man setzte sich und genoß behaglich nach dem schwülen Tage die Wohlthat, in dem luftigen Gemach sich an Speise und Trank zu erquicken.
      Das Gespräch ward allgemeiner; Max, der neben Louison saß, gerieth endlich durch den Aerger über die geflissentliche Art, wie seine blonde Flamme ihr Interesse an Frank ihn merken ließ, in einen Humor der Verzweiflung, der ihm die witzigsten Einfalle eingab, so daß selbst seine ernste Mutter von der Heiterkeit der Anderen angesteckt wurde, während sie es ihrem Sohn im Stillen Dank wußte, daß er jene ahnungsvolle Beklommenheit so glücklich zu zerstreuen verstand.
      Frank erkundigte sich, ob Lilli noch fleißig gesungen habe.
      Sie soll Ihnen gleich ihre neuesten Lieder zum Besten geben, sagte die Mutter. Es sind gar schöne darunter, und unser Flügel ist auch hörenswerther, als das alte Scheveninger Klavier, dem die Seeluft einen so hartnäckigen Katarrh zugezogen hatte.
      Man stand vom Tische auf und begab sich in den anstoßenden Salon, dessen Fenster und mittlere Flügelthür nach dem Garten hinausgingen. Ueber den sanft sich hinabsenkenden großen Rasenplatz sah man die Büsche unten am Seeufer und dahinter die weite Wasserfläche, auf der jetzt ein ruhiger Glanz des Mondes lag. Das Gemach war einfach und ländlich möblirt, ein chinesischer Mattenteppich deckte den Fußboden, einige schöne Stiche nach Claude le Lorrain'schen Landschaften hingen an den Wänden, in der Fensternische stand Lilli's Nähtisch, ein großer Flügel von dunklem Holz nahm die eine Wand ein und ein langes Sopha die andere. Die Hängelampe mitten im Saal wurde angezündet, die Mutter öffnete das Instrument und begann erst wie präludirend zu spielen, bis sich jenes geheimnißvoll rührende Rondo von Philipp Emanuel Bach daraus entwickelte, das Frank sich schon vorm Jahr immer von Neuem hatte vorspielen lassen. Der Gast hatte sich in Lilli's Stuhl vor das kleine Tischchen gesetzt und lauschte, das Gesicht in die Hand gestützt, während seine Augen gegen den hellen Nachthimmel gerichtet waren.
      Er sprach kein Wort, als das Spiel zu Ende war. Louison, die von Allen allein nicht wußte, wer er war und welcher dunkle Schatten über seinem Leben lag, flüsterte Lilli, die neben ihr auf dem Sopha saß, ins Ohr: Der sonderbare Musikfreund scheint eingeschlafen zu sein!
      Wenn Musik ihm zum Schlaf verhelfen könnte, wollte ich ihm die ganze Nacht vorsingen! erwiderte Lilli und stand auf, um aus einem Schrank in der Ecke ihre Noten zu holen. Max zündete die Kerzen am Flügel an und trat dann auf die Terrasse vor dem Gartensalon hinaus, wo man ihn rauchend im Mondschein hin und her wandeln sah, während seine Schwester sang.
      Sie begann mit einigen Liedern, die Frank schon in Scheveningen gefallen hatten. Sie kannte seine Eigenheit, daß es ihm unmöglich war, nach einem Gesang, der ihm an die Seele gegangen war, mit einem Zeichen des Beifalls die nachklingende Stimmung zu stören. Und doch war das tiefe Schweigen ihres Gastes heut für die Sängerin wie für die Mutter, die sie begleitete, peinlich, da sie gern gewußt hätten, ob die Musik ihm wohl oder weh that.
      Soll ich weitersingen? fragte Lilli endlich schüchtern.
      Wenn Sie wüßten, Fräulein, wie durstig ich nach solcher Musik war, – wie eine halbverdorrte Pflanze nach einem warmen Regen! – Aber Sie halten mir schon meine Unart zu Gut, daß ich hier im Winkel sitze und alles Herrliche, was Sie mich genießen lassen, hinnehme, als müßte es so sein.
      Sie nickte nur, aber mit einem frohen Gesicht, und zog dann ein neues Heft hervor, das sie vor ihre Mutter auf das Notenpult hinstellte. Dann sang sie die folgenden Strophen:
      Es kommen Blätter, es kommen Blüten,
       Doch keinen Frühling erlebt mein Herz.
       Ich sitze trauernd ein Grab zu hüten,
       Und um Cypressen schweift mein Schmerz.
      – Die sanften Lüfte, fühl, wie sie tosen!
       Die hohen Sterne, sieh, wie sie glühn!
       Der neue Sommer bringt neue Rosen,
       Und nur für Einen soll keine blühn? –
      Für mich wird nimmer ein Kranz gewunden,
       An meinem Herzen sind all' verdorrt.
       Es wächst ein Kräutlein, das heilt die Wunden,
       Das Kraut Vergessen – wer kennt den Ort?
      – Wer darf vergessen, der je besessen,
       Was tief im Herzen so theuer war?
       Doch giebt's ein Gärtchen, da stehn Cypressen,
       Die tragen Rosen im dunklen Haar! –
      Sie hatte die letzten Tone vor verhaltener Bewegung kaum noch aus der Kehle gebracht. Ich muß wirklich aufhören, sagte sie, ich werde plötzlich so heiser, daß kein Ton mehr rein klingt.
      Die Mutter stand auf. Warum hast du gerade 
      das gesungen? sagte sie leise, indem sie den Flügel schloß.
      Ich hab' es einmal wagen wollen, versetzte die Tochter. Es ist so unnatürlich, immer zu thun, als wäre Alles, wie es sein sollte.
      Frau Cornelie trat jetzt zu ihnen heran und sagte, das Lied erinnere sie an einen Friedhof am Genfer See in der Nähe von Montreux, wo sie einen alten Cypressenbaum gefunden, den die Ranken eines Rosenstocks so durchwachsen hätten, daß er wie ein schwarzer Baum mit rothen Blüten ausgesehen habe. Wahrscheinlich sei dem Dichter durch ein ähnliches Naturspiel der Gedanke zu seinem Liede gekommen.
      Frau Hermine und Lilli erwiderten nichts. Louison saß auf dem Sopha, ein wenig verwundert über die sonderbare Stimmung, in die man heut Abend gerathen war, verdrießlich über Max, der seine Cigarre der Pflicht, ihr den Hof zu machen, vorzog, und vor Allem mehr und mehr ungehalten über den fremden Gast, um den sich Alles so sichtbar bemühte, da er ihr doch nichts weniger als liebenswürdig vorkam. In der Pause, die nach dem Gesange eintrat, griff sie mechanisch nach einem Büchlein, das auf dem Tisch vor dem Sopha lag, und beschloß auch ihrerseits einmal möglichst unartig zu sein, da dies heute Abend die Losung zu sein schien, und mitten in der Gesellschaft zu lesen, als ob sie ganz allein wäre.
      Es waren Gottfried Keller's »neuere Gedichte«, die sie noch nie in der Hand gehabt hatte. Sie blätterte ein wenig, las hie und da, und da man ihr in der Pension wegen ihrer schönen Declamation immer großes Lob gespendet hatte, kam ihr plötzlich der Einfall, sich hören zu lassen, um auch ihrerseits dem Fremden, der sie so wenig beachtete, interessant zu werden. Ueberdies hatte sie ein Gedicht gefunden, dessen schauerliche Schönheit selbst auf ihre nicht sonderlich tiefe Natur einen wundersamen Eindruck machte.
      Wollt ihr einmal zuhören? rief sie. Da ist ein Gedicht, das ist wie lauter Musik und dabei so recht für unsere heutige Gesellschaft, wo man nur von melancholischen Dingen hören will. Ihr müßt nur vorlieb nehmen mit meinem schlechten Lesen.
      Dann las sie:
      Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
       Still und blendend lag der weiße Schnee,
       Nicht ein Wölkchen hing am Sternenzelt,
       Keine Welle schlug im starren See.
      Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
       Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
       An den Aesten klomm die Nix' herauf,
       Schaute durch das grüne Eis empor;
      Auf dem dünnen Glase stand ich da,
       Das die schwarze Tiefe von mir schied;
       Dicht ich unter meinen Füßen sah
       Ihr weiße Schönheit Glied für Glied.
      Mit ersticktem Jammer tastet' sie
       An der harten Decke her und hin.
       Ich vergeß' das dunkle Antlitz nie,
       Immer, immer liegt es mir im Sinn!
      Kaum hatte sie geendigt, so erhob sich Frank. Er war todtenblaß geworden, seine Augen irrten am Boden, wie tastend streckte er die Hände vor sich hin, um die Thüre zu finden, die ins Freie führte. Wenn die Mutter und Lilli nicht selbst vom Schrecken über das Gedicht, das so schneidend in die alte Wunde drang, wie gelähmt gewesen wären, hätten sie hinzueilen und dem Wankenden die Hand bieten müssen. So aber starrten sie ihn in rathloser Verstörung an, wie er jetzt an der Schwelle sich umwandte und mit mühsamer Stimme sagte: Es ist mir auf einmal – ich bitte, sich ja nicht stören zu lassen, – es wird sogleich im Freien besser werden – bitte, bitte, meine Gnädige! – und indem er fast gebieterisch mit der Hand abwehrte, daß Niemand ihm folgen sollte, schritt er auch an Max, der ihn anrief, mit ablehnender Geberde vorbei und verschwand im Dunkel der Bäume.
      *
      Zehn Minuten später ging die Mutter ihm nach. Sie fand ihn auf einer Bank, die im dichtesten Schatten stand, er hatte das Gesicht in die beiden Hände gedrückt und den Kopf auf die hölzerne Lehne sinken lassen. So überhörte er eine Weile ihre Annäherung, und erst als sie ihm die Hand leise auf das Haupt legte und ihn mit mütterlichem Ton beim Namen rief, fuhr er in die Höhe, und sie sah sein von zerdrückten Thränen nasses Gesicht und seine zuckenden Lippen.
      Lieber Freund, sagte sie, verdenken Sie mir's, daß ich Sie in Ihrer tiefen Verdüsterung nicht sich selbst überlassen kann? Ich müßte Sie nicht so liebgewonnen haben, fast wie einen eigenen Sohn, wenn ich Ihnen nicht Alles nachfühlen sollte, was dieser unglückselige Zufall in Ihnen aufgeregt hat. Darf ich mich hier zu Ihnen setzen, und wollen Sie mir Ihre Hand überlassen? Meine Kinder behaupten, wenn sie krank sind und ich sitze neben ihrem Bett und halte ihre Hand, so werde ihnen besser.
      O meine theure, gütige Freundin, rief er, meine zweite Mutter, ziehen Sie Ihre Hand von mir ab, es bringt Ihnen nur Unheil, daß Sie so viel Liebe und Erbarmen an mich elenden Menschen verschwenden! Ich hätte es wissen sollen, daß es zu kühn war, zu glauben, in Ihrer Nähe würden keine Gespenster sich an mich wagen; sie haben die Herausforderung übelgenommen und mir nun gezeigt, wie viel Macht sie noch über mich haben und ewig behalten werden. Mir war vorhin so wohl! Sie wiederzusehen, Ihre Kinder, die seelenvolle Stimme ihrer Tochter zu hören – ich glaubte wahrhaftig einen Augenblick, es sei nun Alles gewonnen, ich sollte noch einmal leben wie andere Menschen. Aber die Krankheit sitzt schon zu tief in meinem Blut. Nur ein winziger Tropfen vom Gift der Erinnerung – und gleich ras't es mir wieder wie eine Hölle durch alle Fasern meines Daseins. Nein! – und er sprang auf und suchte seine Hand aus der ihrigen zu lösen – es ist besser, ich fliehe wieder, so weit meine Füße mich tragen, als daß ich gute Menschen, die besten, gütigsten Freundesseelen anstecke mit meinem Unglück, und so hoffnungslos wie ich bin –
      Sie lästern die Vorsehung, Frank! sagte die Frau mit Nachdruck. Es ist nicht wahr, daß Sie alle Heilmittel erschöpft haben. Darf ich ganz offen mit Ihnen sein? Sehen Sie, lieber Freund, in einem so unstäten, unthätigen Leben, wie Sie es geführt, wird man nicht Meister über einen Gram, der so berechtigt ist. Aber wenn Sie bedenken wollten, daß Niemand ohne Wunden, ohne bittere Erinnerungen sein Erdenschicksal vollbringt und Jeder dennoch die Pflicht zu üben hat, für Andere zu sorgen und zu wirken, – Sie schütteln den Kopf, lieber Frank, Sie wollen sagen, daß Sie für Niemand dazusein haben. Aber sind nicht auch wir für Sie da? Da wir nun einmal Sie kennen und lieb haben, sind Sie nicht auch uns etwas schuldig? Wollen Sie uns den Kummer machen, ganz ohnmächtig zu Ihrer Rettung gewesen zu sein, trotz unsres herzlichsten guten Willens? Gönnen Sie uns nicht lieber die Freude, Sie ins Leben wieder zurückgeführt zu haben?
      O liebste Mutter, rief er, nun ihre beiden Hände ergreifend, wenn ich Sie so reden höre – wenn ich Sie immer und immer nur Sie reden hören könnte! – Aber es ist unmöglich. Sie wissen nicht – wissen nicht 
      Alles –
      
      Alles weiß ich, lieber Sohn, und dennoch sage ich: vertrauen Sie auf die Macht der Liebe und den Segen der Zeit! Glauben Sie nur ein bischen an Wunder! Ist es nicht schon eines, daß wir uns gefunden haben, unter den tausend Menschen, die seit vier Jahren an Ihnen vorbeigegangen, endlich die rechten und Ihnen notwendigen, die Ihnen eine neue Familie sein sollen und Nichts dafür verlangen, als daß Sie sich nicht gewaltsam und eigensinnig von ihnen abwenden? Gewiß, kaum Sie selbst können so heftig von dem, was eben vorgefallen, erschüttert worden sein, wie wir. Aber vielleicht war es gut, daß es einmal zu einem starken, Gott gebe letzten Anfall Ihres Leidens kam, damit wir uns aussprechen konnten. Ich wäre sonst vielleicht noch lange zu feige gewesen. Nun aber sage ich Ihnen, daß ich Ihre Hand fasse und nicht eher wieder loslasse, bis sie mir versprochen haben, ein Mann sein zu wollen, Ihr Leben als eine Aufgabe, nicht als eine Last zu betrachten und Alles zu thun, was ein redlicher Wille vermag, um ein schweres Schicksal zu besiegen.
      Er drückte ihre Hand wieder und wieder, schwieg aber, und sie wußte nicht, ob er zustimmte, oder ihre Worte nur nicht bestritt, um sie nicht zu betrüben. Es dünkte ihr aber schon viel gewonnen, daß er ruhiger geworden war und offenbar sich ihrer mütterlichen Einwirkung gern überließ. So drängte sie ihn auch nicht, irgend welche Versprechungen zu machen und Entschlüsse zu fassen, sondern sprach noch eine Weile gütige und eindringliche Worte, indem sie von eigenen gewaltsam-traurigen Erlebnissen erzählte und wie sie gerungen habe, auch die bittersten Schmerzen mit fester Resignation zu überwinden. Er hielt ihre Hand dabei in den seinen und streichelte sie leise und sagte nur, als sie endlich schwieg: Ich danke Ihnen; ich danke Ihnen tausendmal! Ich wollte, ich könnt's Ihnen je vergelten.
      Darüber war es spät geworden; sie hörten vom Dorfkirchthurm die zehnte Stunde schlagen. Gehen wir jetzt hinein, sagte Frau Hermine; morgen ist auch ein Tag, und hoffentlich haben wir noch viele, um von dem zu reden, was man nie zu Ende spricht.
      Im Gartensaal fanden sie Niemand mehr als Max. Die Anderen ließen durch ihn gute Nacht wünschen, Lilli habe ein wenig Kopfweh gehabt, sie fürchte, sich im Bade erkältet zu haben. – So wurde des Vorfalls mit keiner Silbe mehr erwähnt; das Buch, in welchem das unselige Gedicht stand, war beiseite geschafft worden, auf dem Sopha ein Bett aufgeschlagen.
      Sie werden nebenan in Max' Zimmer die Nacht zubringen, lieber Frank, sagte die Mutter. Unser eigentliches Fremdenstübchen ist von meiner Freundin und ihrer Tochter in Beschlag genommen.
      Und Max? fragte der Gast.
      Ich campire hier im Salon. Das alte Schlafsopha, kann ich Sie versichern, ist nicht zu verachten.
      Wenn Sie mich nicht aus dem Hause treiben wollen, lieber Freund, so bleiben Sie ruhig in Ihrem gewohnten Zimmer und überlassen 
      mir dieses Lager. Ich versichere Sie, daß ich in Ihrem Bett kein Auge zuthun würde. Helfen Sie mir, liebe Mama, ihn zu überzeugen, daß es so am besten ist.
      Die Mutter wechselte einen Blick mit Max, und es geschah nach dem Wunsch des Gastes. Nur bat dieser, eh' er sich von seiner Wirthin trennte, die ganze Nacht die Lampe brennen lassen zu dürfen, die von der Mitte des Saales aus alle Winkel erleuchtete. Dann schieden sie mit einem Händedruck, und alle Drei gingen zur Ruhe.
      *
      Doch währte es noch lange, bis die Mutter zur Ruhe kam. Ihr Schlafzimmer lag im obersten Stock des Hauses, gerade über dem Gartensalon. Daneben war Lilli's Stübchen. Sie fand die Tochter noch angekleidet am Fenster sitzen, sagte ihr, was sie mit Frank gesprochen und daß sie fest vertraue, er werde sich nun zurechtfinden.
      O Mutter, rief das Mädchen, sich an ihren Hals werfend, es ist so furchtbar traurig! Du sagst, was du nicht glaubst, um mich zu beruhigen. Auch ich, wie ich das Lied sang, wollte mich damit beschwichtigen, aber mittendrin fühlte ich, es ist umsonst. Hat er nicht gesagt, du wüßtest noch nicht Alles? Was kann er meinen? Ach, ich wußte es wohl, ihr Tod allein, so sehr er sie auch geliebt haben mag, – wie kann ihm der bloße Verlust eines noch so theuren Menschen sein ganzes Leben so völlig zerstören, da Männer sich sonst über das Schwerste hinweghelfen mit Arbeiten, Plänen und Ehrgeiz? O Mutter, wer doch Alles wüßte, wer doch helfen könnte!
      Sie hatte sich endlich mit ihren Thränen und Klagen ein wenig das Herz erleichtert; es war das erste Mal, daß die Mutter so in ihr Inneres blicken durfte. So ließ sie es sich endlich gefallen, wie ein Kind ausgekleidet und zu Bett gebracht zu werden, und drang nun auch in die Mutter, sich niederzulegen.
      Aber die bekümmerte Frau, obwohl sie sich in ihr Zimmer zurückzog und sogar zu Bette ging, fand so bald noch keinen Schlaf. Sie hörte deutlich, wie ihr Gast unten im Saale ruhelos auf und ab wanderte; einmal öffnete er sogar die Glasthür und schien ins Freie zu treten. Dann hörte sie die Thür schließen, aber die Schritte wieder hin und her gehen. Endlich wurde es still, und ihre heimliche Angst, daß es ihn nach dem See hinunterlocken möchte, war für diesmal beruhigt. Sie hatte zwar Max eingeschärft, auf jedes Geräusch nebenan zu horchen, um gleich bei der Hand zu sein. Der aber hatte einen so gesunden Schlaf. Er mochte nicht einmal gehört haben, daß die Glasthür klirrte und dann behutsam wieder zugemacht wurde.
      Die Mitternacht kam sacht herbei, die schweren Lider der Frau hatten sich seit einer halben Stunde geschlossen, da weckte sie ein seltsamer Ton, der aus dem Saal unten herausdrang. Sie fuhr im Augenblick in die Höhe, ein kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn, und sie horchte im Bette aufgestützt durch den Fußboden hinab in den unteren Raum. Wieder klang es, abgerissene Laute, bald schwächer, bald stärker, wie tiefes Stöhnen eines Schwerverwundeten, oder das todesbange Aechzen eines Menschen, dem die Kehle zugeschnürt wird. Der Mond drang nur in unsicheren Strahlen durch die Ritzen der festgeschlossenen Läden. Ohne erst Licht zu machen, kleidete sie sich mit fliegender Hast wieder an, war aber noch nicht damit zu Ende, als ein halb erstickter Schrei von unten heraufdrang, dann ein dumpfer Ton, wie der Fall eines schweren Körpers, dann tiefe Stille.
      Einen Augenblick sank die Frau auf das Bett zurück, ihre Kniee wollten ihr den Dienst versagen. Dann nahm sie ihr Herz fest in die Hände und schlich, an der Wand sich forttastend, zur Thür hinaus. Daß ihre Tochter nebenan ruhig fortschlief, stärkte ihr den Muth.
      Sie wankte die Treppe hinab, schritt durch den Speisesaal, der gestern so viel fröhliches Lachen vernommen hatte, und stand dann horchend an der Thür des Gartenzimmers. Nichts regte sich, nichts konnte sie durchs Schlüsselloch sehen, als daß die Lampe nicht mehr brannte, der Mond aber hell zu den drei Fenstern hereinsah. Da ermannte sie sich vollends, öffnete geräuschlos die Thür und trat ein.
      Alles schien in tiefem Frieden. Aber das Bett auf dem Sopha war leer. Auf dem Boden daneben lag, in seinen Kleidern, nur den Rock hatte er abgestreift, den Kopf mit geschlossenen Augen weit zurückgebogen, die geballten Fäuste vor die Augen gedrückt, der Unglückliche, dessen Stöhnen sie geweckt. Er schien aber jetzt zu schlafen; nur ein Wimmern brach aus seinem Munde, seine Glieder rührten sich nicht.
      Nun fühlte er eine weiche Hand auf seiner Stirn, eine andere, die ihm sanft die Hände von den Augen nahm. Gleich darauf kam er vollends zur Besinnung, richtete sich mühsam auf und sah der edlen Frau, die neben ihm auf dem Binsenteppich kniete, mit einem ängstlichen Blick ins Gesicht.
      Sind Sie es! rief er. Was hat Sie hergeführt? O mein Gott – haben Sie es miterlebt? – haben Sie sie auch gesehen? – und – sind sie denn auch wirklich fort?
      Von wem sprechen Sie, lieber Freund? fragte die Mutter, während sie mit heimlichem Grauen den Blicken folgte, die er suchend in allen Winkeln des mondhellen Raumes herumgehen ließ. Wer soll denn dagewesen sein? Die Thür ist geschlossen, das Zimmer ist leer, – Sie haben geträumt.
      Meinen Sie? sagte er mit einem bittern Lächeln. Ich hab' es sonst wohl auch gemeint – aber heut – aber hier! – Wie bin ich nur hier auf den Fußboden gekommen? O meine theure Freundin, wie gütig von Ihnen – aber lassen Sie es jetzt genug sein – Sie sehen ja, es ist umsonst –
      Er versuchte bei diesen gestammelten Worten aufzustehen, aber eine übermächtige Erschöpfung schien ihn zu lähmen, er sank wieder auf das Bett und verbarg einen Augenblick sein Gesicht im Kissen.
      Die Mutter hatte sich erhoben, sie trat ganz nah zu ihm hin und streichelte ihm sanft das Haar. Lieber Frank, sagte sie, ich will Alles wissen. Sie sollen sehen, wenn Sie es mir nur anvertraut haben, wird es viel von seinen Schrecken verlieren. Was ist Ihnen begegnet? Wen oder was haben Sie hier zu sehen geglaubt?
      Geglaubt? O meine beste Freundin – ich habe so gute Augen, das ist ja eben das Unglück, ich sehe, was andere Menschen nicht sehen, und nur die Blinden sind glücklich! Zumal in der Nacht, da bin ich so klarsichtig wie ein Uhu. Darum wollt' ich die Lampe brennen lassen, – der Mondschein dazu – es war so taghell, daß ich glaubte, sie wagten sich nicht herein.
      Wer, lieber Freund?
      Ja wer! Ich weiß es nicht, wer sie sind. Auch kommen immer Andere. Aber sie waren in der letzten Zeit seltener gekommen, ich dachte, sie seien es endlich müde, mich zu ängstigen, diese furchtbaren Spukgesichter. Und heute – heute war's gewiß mehr als Traum, glauben Sie mir's nur – ich sah's, wie ich Sie jetzt sehe, und hatte die Augen grade so weit offen, – und fühlte – o was ich fühlte!
      Aber ich fand Sie doch schlafend!
      O nein! das war kein Schlaf, das war Ohnmacht, so hatten sie mich um alle Sinne geängstigt. Denn hören Sie nur: wie ich endlich – es mochte gegen Mitternacht sein – wie ich eine Müdigkeit spürte und dachte, jetzt würde mich's schlafen lassen –
      Sie sind aber auch nicht ordentlich zu Bett gegangen. So in den Kleidern –
      Doch! Ich schlafe immer so. Ich entkleide mich nie. Mir ist, als sei ich dann weniger wehrlos. Und heute schlief ich auch ganz fest ein und fühlte die Erquickung, zu ruhen, unter Ihrem Dache, in Ihrem Schutz, meine theure Mutter. Da, auf einmal – ich weiß nicht, wie lange ich so geschlummert hatte, ganz ruhig und traumlos – da hör' ich ein Geräusch, wie wenn die Glasthür vorsichtig aufgemacht würde, und der Wind konnte es doch nicht sein, ich hatte sie selbst sorgfältig geschlossen. Und so richte ich mich auf, immer noch ganz arglos, und sehe – wie gesagt, so deutlich, wie Sie da vor mir sitzen – obwohl die Lampe ausgegangen war – der Mond aber schien kreideweiß herein, und im Mondschein sah ich – ein Weib, das hereinkam, ein wildes, garstiges Weib, die Haut glänzend wie eine Fischhaut, die Haare hingen ihr triefend über den Rücken, ein Kind trug sie an der Brust, ein anderes hielt sich mit beiden Händen an ihren schwarzen Flechten fest und zottelte so hinterdrein – nun sah ich sie deutlich: es war das Seeweib!
      Sie schütteln den Kopf, aber hören Sie nur weiter, Sie werden selbst nicht länger zweifeln können. Wenn Sie sie nur gesehen hätten! Sie ging watschelnd auf zwei dicken Füßen wie eine Ente, und als sie jetzt das Gesicht nach dem Fenster kehrte, sah ich ihre glasigen grünen Augen und den großen Karpfenmund mit Zähnen wie Fischgräten. Aber es war seltsam, mir graute gar nicht vor ihr, und sie selbst schien ganz gut gelaunt. Sie lachte sogar über das ganze Gesicht, wie sie sich plötzlich in dem schönen blanken Zimmer fand, als hätte sie eine besondere Freude, endlich einmal ihre Neugier zu befriedigen, wie es wohl in einer Menschenwohnung aussehen möchte. So tappte sie mit leisem, unheimlichem Schmatzen und Kichern rings herum, die Kinder immer an ihr hängend, aber keines der Kleinen gab einen Laut, auch ihr Lachen hörte man nicht. Wie sie nun zu dem Flügel kam, betastete sie ihn erst von allen Seiten und schien sich sehr zu verwundern, was es wohl für ein Ding wäre und wozu es dienen möchte. Als das größere Kind seinen breiten, zottigen Kopf daran stieß, da klirrten innen die Saiten, und nun lachte sie wieder. Und Gott weiß, wie sie dahinter kam, das Instrument zu öffnen – plötzlich hatte sie sich auf dem Stuhl davor hingekauert und wischte mit der Hand über die Tasten, und das Kind glitt ihr vom Schoß und kugelte unbeholfen über den Boden hin, sein Bruder hinterdrein, und so wälzten sie sich wie zwei Fische im Sande, während die Mutter mit Fäusten und Ellbogen auf die Tasten stampfte, daß Alles zu springen drohte. Haben Sie denn gar nichts davon gehört? Ich wenigstens, obwohl ich noch immer kein Grauen spürte, – beständig dacht' ich, wie es 
      Sie wohl erschrecken möchte! Aber ich war unfähig mich aufzurichten und das eingedrungene Gesindel zu verjagen; wie Blei lag mir's in allen Gliedern, nur mit den Augen konnt' ich ihr drohen, aber sie bemerkte es gar nicht, sie schien nicht einmal zu ahnen, daß ein Mensch im Zimmer sei.
      Das dauerte – ich weiß nicht, wie lange. Sie schien den entsetzlichen Lärm nicht satt zu bekommen. Ich sah sie so genau, daß ich sie hätte zeichnen können, ihre Haut schimmerte wie von Schuppen, silbergrau, aber sie hatte doch keine Schuppen, und ihre Lippen waren fleischfarben, statt roth, ihre Nase ganz stumpf, der Ausdruck wie von einem Raubfisch, lauernd und böse, außer wenn sie lachte über ihre Musik und die ungeschickten Tanzversuche der Kleinen. Die aber schienen noch Schuppen zu haben und kleine Flossen am Rücken, während die Mutter ganz wie ein Weib gebildet war, aber keine Spur von schöner Nixengestalt, wie man sie wohl auf Bildern sieht, – ein Scheuel und Gräuel!
      Und eben überlege ich, ob ich mir nicht doch ein Herz fassen und die Brut hinausjagen soll, da seh' ich 
      noch Etwas draußen auf die Thüre zukommen, und es nähert sich der Schwelle – und jetzt klirrt die Thür – und jetzt – o liebe Frau! 
      dieses Gesicht! O wenn Sie sie gekannt hätten – wie sie schon im Leben, mit ihrer unschuldigsten Miene, mit einem Lächeln oder einem ganz gelassenen Blick einem das Herz rühren konnte! – und nun – nun so! Meine arme, arme Marie!
      Auch sie schien sich erst gar nicht darum zu kümmern, daß ich da war. Sie ging auf das Seeweib zu und deutete und drohte – Alles ganz lautlos, aber es überlief mich ein Schauder bis in die Fußspitzen, wie ich sie mit dem Halbgeschöpf wie mit ihresgleichen sich unterhalten sah, und das Seeweib sie frech angrinste mit den offenen Lippen und nun die Jungen zu ihr hinkrochen und an ihr hinaufklettern wollten. Sie schüttelte sie aber ruhig ab und trat dann mitten ins Zimmer, – und jetzt richtete sie ihre Augen zum ersten Mal auf mich. Schwester! wollte ich rufen, aber ich brachte keinen Laut aus der Kehle. Ich sah sie nur immer an. Sie war völlig wie damals, hatte aber die Haare lose um die Schultern hängen und so etwas wie eine grüne Binsenmatte um den Leib. Dabei sah ich, wie sie fror, und hörte ihre kleinen Zähne aufeinander klappern. Und dann warf sie einen Blick durch das ganze Zimmer und besonders nach der Fensternische mit dem Nähtisch, und ich hörte sie laut aufseufzen. Das Seeweib klirrte noch immer auf den Tasten, fast war ich nun froh darüber, denn ich fürchtete mich, die Stimme wieder zu hören, die mir damals so kläglich zugerufen hatte, ich sollte ihr zu Hilfe kommen, und ich – ich Elender –
      Er vergrub wieder das Gesicht in den Händen, ein Krampf schien seine ganze Gestalt zu schütteln, dann faßte er sich gewaltsam und sah wieder in die Höhe.
      Wobei war ich doch? fragte er. Ja so, wie sie mich ansah. Ich machte eine Bewegung, aufzustehen, aber eh' ich mich's versah, saß sie neben mir, hier auf dem Bette. Warum willst du fort? hörte ich sie jetzt sagen. Es hilft dir doch nichts, du entgehst mir nicht, du kommst doch noch zu mir. Wenn du wüßtest, wie einsam es mir ist, wie es mich friert da unten, – fühl nur meine Hände! – und dabei drückte sie mir ihre weißen Finger gegen die Schläfen, daß es mich eisig durchschauerte. Ja, ja! sagte sie und lachte schadenfroh, als sie sah, wie ich zusammenfuhr, du bist es besser gewöhnt; die Sonne hier oben ist warm, und selbst der Mond und die Augen des schönen Mädchens, das du liebst, sind sanfter, als die da – und sie deutete mit dem Kopf nach dem Seeweib. Aber bilde dir nicht ein, daß du das Alles genießen wirst, während ich frieren muß in meinem nassen Abgrund. Du möchtest dich wohl in einem warmen Bette ausstrecken und das schöne Leben ans Herz drücken; versuch es nicht! Ich komme und lege mich mit hinein, und weh über das arme junge Ding und dreimal weh über dich!
      Habe doch Erbarmen! konnt' ich endlich stöhnen. Siehst du nicht, wie jammervoll ich lebe? Soll es nie gebüßt sein? Soll ich ganz zu Grunde Zehn?
      Zu Grunde, ja wohl! sagte sie und fing dabei an mit der gleichgültigsten Miene ihr Haar auszudrücken, daß ich die Tropfen auf die Matte fallen hörte. Erbarmen? Hast du dich denn meiner erbarmt? Und sind wir nicht Bruder und Schwester und haben uns so lieb gehabt? Soll denn das nie aufhören, weil ich unglücklich bin und du –
      Und dabei immer das wahnsinnige Klirren und Dröhnen der geschlagenen Saiten.
      Der Todesschweiß trat mir auf die Stirn, ich fühlte, wie mir das Blut in Händen und Füßen stockte und die Kälte mehr und mehr nach dem Herzen drang. Nur zu! dachte ich. Nur noch ein paar Zoll höher hinauf, so ist mit Einem Schlage Alles aus, und sie hat ihren Willen, sie hält einen Leichnam in ihren Armen. Da sehe ich, wie das ältere von den kleinen Ungeheuern sich an das Bett schleicht, und plötzlich kriecht es über die Decke zu mir hinauf und tappt mit seinen feuchtkalten Händen nach meiner Brust, nach meinem Halse, und fängt an mich zu drücken und zu kneipen, und sieht mich so mordlustig mit den kleinen geschlitzten Fischaugen an, daß ich ächzend um mich schlage, mich seiner zu erwehren, und dazwischen, um Hülfe flehend, suchen meine Augen die Blicke meiner Schwester, – die aber starren mich kalt und erbarmungslos an, und immer fester krampfen sich die Hände der kleinen Kröte um meinen Hals, ich stöhne immer verzweifelter, schon will mich die Besinnung verlassen, da ermanne ich mich mit letzter Kraft, stoße die mörderischen Krallen von mir weg und fahre mit einem Schrei in die Höhe. In demselben Augenblick wird der Flügel zugeschlagen, das Seeweib schnellt vom Stuhl auf, reißt die Kinder an sich, stürmt durch die Glasthür in die Nacht hinaus und auch die Gestalt an meinem Bett ist verschwunden. – –
      *
      Er hatte das Letzte so laut herausgeschrieen, daß der Schläfer im Nebenzimmer davon erwachen mußte. In höchster Bestürzung sprang Max aus dem Bette, warf nur den Schlafrock um und öffnete hastig die Thür. Er sah den Freund auf seinem Lager ausgestreckt liegen, das Gesicht wieder ins Kissen vergraben, die Mutter an seiner Seite sitzend. Sie winkte dem Sohn mit einer ernsten Geberde, daß er sich wieder zurückziehen und sie nicht stören solle. Dann, als Jener die Thür geräuschlos wieder geschlossen hatte, neigte die Frau sich zu dem Unglücklichen hinab und drückte einen Kuß auf sein Haar.
      Armer, armer Freund! sagte sie leise. Was haben Sie gelitten! Was müssen Sie noch immer leiden! Aber sagen Sie selbst, kann denn das Ihre Schwester gewesen sein, die jene furchtbaren Worte gesprochen hat: es giebt kein Erbarmen? Der Geist einer Schwester, wenn er den Weg zu Ihnen fände, würde er nicht Alles thun, was in seiner Macht stände, Ihre verstörten Sinne, Ihre kranke Phantasie zur Ruhe zu bringen? Warum sollen Sie denn büßen, was Sie nicht verschuldet haben, was ein höherer Wille verhängt hat?
      Er richtete sich langsam auf und ergriff ihre Hand. Und wenn ich es nun doch verschuldet hätte? fragte er mit tonloser Stimme. Und ich 
      habe es verschuldet! Ich 
      hätte sie retten können, 
      vielleicht, und ich war feige und habe 
      mich selbst gerettet! Begreifen Sie es nun? Ich hatte sie freilich gewarnt, das Eis sei nicht mehr dicht genug, ich hielt ihre Hand fest und wollte sie wegziehen, nach dem Lande zu, aber muthig und muthwillig, wie sie war, lachte sie über meine Sorge, und plötzlich war sie mir entschlüpft und fuhr in einem schönen kühnen Bogen gerade auf die gefährliche Stelle zu, und da – ehe ich nur noch einmal sie anrufen konnte – da sank sie ein, ihr Hütchen mit dem blauen Schleier glitt pfeilschnell über die glatte Fläche hin – Bruder! zu Hülfe! war das Letzte, was ich von ihr vernahm – dann sah ich nur noch ihre beiden kleinen Hände an den Rand des Eises angeklammert, das schon von den Wellen überspült war – und sah's und stand – und hätte 
      vielleicht mit einem raschen Wagniß sie noch erreichen, ihre Hände fassen, uns mit Schwimmen wieder emporarbeiten können, oder wenn das nicht gelingen konnte – ich elender Feigling! – warum habe ich nicht lieber 
      mit ihr den Tod gefunden, als auf der festen Scholle die Hände ringend sie langsam versinken sehen! – –
      Ein langes, dumpfes Schweigen folgte auf dieses Bekenntniß.
      Er hatte den Kopf auf das Kissen zurückgelegt und starrte mit unverwandtem Blick gegen die Decke des Saales. Die Frau lag im Sessel neben seinem Bett, die Augen auf den See hinausgerichtet. Ihre Hand hing über die Lehne herab, ganz nah bei der seinen. Aber sie berührte sie nicht mehr.
      Und doch siegte endlich das mütterliche Gefühl.
      Wollen Sie mich ruhig anhören, lieber Frank? sagte sie.
      Er schüttelte langsam den Kopf.
      Nein, meine theure Freundin, sprechen Sie nichts mehr darüber. Was hätten Sie mir zu sagen, wenn Sie Ihr eigenes Herz nicht betrügen wollen, als daß Sie mich beklagen, und doch heimlich verachten? Ja, verachten, wie Sie es thun würden, wenn Sie hörten, ich hätte vor einer Schlacht mich schnöde weggeschlichen und sei infam cassirt worden, da meine Kameraden nicht mehr mit mir dienen wollten.
      Das, was ich Ihnen da gebeichtet, weiß sonst keine lebende Seele. Aber ich selbst – ich selbst vergesse es nie, und darum habe ich mich 
      selbst cassirt, und darum ist meines Bleibens nirgend, wo arglose Menschen leben, die sich verleiten lassen, mich lieb zu gewinnen, ohne zu ahnen – Oder wollten Sie mir zu jener ersten Schmach noch die neue zutrauen, den Frevel, die Ruchlosigkeit, zu einem Mädchen zu sagen: ich bin ein etwas trüber Geselle, ich habe eine geliebte Schwester verloren und einen guten Vater, das hat mir eine gewisse Schwermuth zugezogen, aber wenn du darüber hinwegsehen, mich lieben und die Meine sein willst, hoff' ich wieder ein recht vergnügter Mensch zu werden? Könnten Sie mir zureden, eine solche Ehrlosigkeit zu begehen? Nun sehen Sie, und wenn ich ehrenhaft handle, wenn ich ihr Alles sage, was ich Ihnen jetzt gesagt, wird sie einem so selbstisch feigen, so unritterlichen Manne ihr Leben anvertrauen? Kennen Sie Eine, die nicht mit derselben Verachtung sich abwenden würde wie – wie ihre Mutter?
      Die Mutter näherte ihr Gesicht dem seinigen. Und 
      wenn ich Eine kennte? sagte sie leise; Eine, die gleich mir fragen wird, wer einen so schwer Getroffenen mit andern Augen ansehen könnte, als mit denen des tiefsten Mitgefühls? O mein theurer Sohn, hätten Sie doch schon früher Ihr Herz ausgeschüttet! Diese überreizte Vorstellung, die Sie sich von einer vermeintlichen Schuld gebildet und so hartnäckig tiefer und tiefer ins Herz gedrückt haben – gewiß, lieber Freund, Sie wären längst davon zurückgekommen. Jedes unbefangene Ehrengericht würde Sie freigesprochen haben, gerade weil Sie selbst sich so hart anklagen. Sagen Sie doch nur: ein Bruder, der seine Schwester so innig liebt, dessen ganzes Glück an ihr hängt und der sonst ein edler und tapferer Mensch ist und keinen Flecken je auf seiner Ehre geduldet hat, – der sollte 
      feige gewesen sein, wo es sein Theuerstes galt, wenn es nicht die bare 
      Unmöglichkeit war, zu helfen, wenn nicht eine physische Erstarrung, gegen die alle Seelenkraft ohnmächtig, seine ganze Natur gelähmt hätte? Es ist unmöglich, lieber Sohn, und darum tragen Sie das Entsetzliche als ein Schicksal, nicht als eine Schuld!
      Sie legte ihre Hand wieder auf die seine. Er ergriff sie aber nicht. Ich danke Ihnen, sagte er. Sie meinen es gut und sprechen klug und tröstlich, wie nur ein Engelsmund sprechen könnte. Nichts läßt sich dagegen einwenden, ich bin durch langes Nachsinnen auch schon darauf gekommen, am Ende möchte es sich so verhalten; aber sehen Sie, alle Advocatenkünste der Welt können es nicht ändern: 
      daß sie todt ist und ich noch lebe. Lassen Sie es auf sich beruhen, beste Frau. An der ewigen Notwendigkeit des Weltlaufs ändern wir ja doch nichts. Es wird seine guten Gründe haben, daß die heroische Ader mir fehlt, die Alles an Alles setzt auf Tod und Leben. Viele Menschen, die große Mehrzahl sogar behilft sich ganz vortrefflich ohne das; warum will ich mehr von mir verlangen? Und so – und in dieser bescheidenen Schätzung meiner selbst kann ich vielleicht noch alt werden, ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft, nur freilich muß ich mich nicht zu der Elite verirren, da werde ich gleich unsanft daran erinnert, was mir fehlt. Und darum wollen wir morgen freundschaftlich von einander Abschied nehmen, für immer. Sie versichern mich noch einmal Ihrer Achtung, und ich –
      Thränen drangen ihm unwillkürlich in die Augen, er wandte das Gesicht ab und schwieg. Sie saß wohl noch eine Stunde neben ihm, alle guten Worte aufbietend, die das Herz ihr nur eingab, um ihn mit sich selber auszusöhnen. Er schien auch wirklich ruhiger zu werden, er bestritt nicht mehr, was sie sagte, er gab sogar Hoffnung auf eine Heilung durch die Jahre. Nur daß er morgen von hier fort müsse, wiederholte er entschieden. Er hatte ihr unter Anderm gesagt, daß er nie daran gedacht habe, seinem traurigen Dasein selbst ein Ende zu machen; sie bat sich sein Ehrenwort aus, daß er auch in Zukunft das Leben ertragen wolle. Schon weil es mich freut, daß Sie auf mein Ehrenwort etwas geben, will ich es Ihnen versprechen, sagte er und lächelte bitter. Darüber war es drei Uhr geworden. Sie verließ ihn endlich, da er erklärte, er hoffe noch etwas schlafen zu können.
      *
      Wirklich war es schon hoher Morgen, als er aus einem tiefen, todähnlichen Schlaf erwachte. Sofort aber stand mit völliger Klarheit Alles vor ihm, was sich in der Nacht ereignet hatte. Er überlegte nicht, lange; er sah ein, daß es für alle Theile eine Wohlthat sein würde, wenn er sich ohne Abschied wegschliche und von der Stadt aus ein paar Zeilen an die Mutter richtete. In fieberhafter Eile machte er seine Morgentoilette, hing sich die kleine Wandertasche um und beschloß, durch die Schatten der Bäume dicht neben dem Hause sich ins Freie zu stehlen, an dem Gartenzaun entlang, bis er weit genug vom Hause wäre, um ihn unbemerkt zu überklettern. Er spähte durch die Glasthür, – der Rasen und die Büsche unten am See lagen in der Morgensonne still und verödet. So öffnete er behutsam die Thür und trat hinaus. Doch als er bereits glücklich die Anlagen erreicht hatte, die sich auf der Höhe des Gartens hinzogen, stand er plötzlich, um eine Ecke des Laubgangs biegend, vor 
      Lilli.
      Er erröthete wie ein ertappter Dieb und stammelte mit niedergeschlagenen Augen einen Gruß.
      Sie wollen fort? hörte er sie sagen. Weiß es denn die Mutter? Und – 
      müssen Sie fort?
      Ich muß! kam es aus seiner gepreßten Brust. Wenn ich fort bin, wird die Mutter Ihnen Alles sagen, was mich forttreibt. Sie werden dann begreifen –
      Sie 
      hat es mir schon gesagt – Alles! – und gerade darum begreife ich nicht, daß Sie fort wollen, vor Denen fliehen wollen, die Sie kennen – wie wir – wie ich –
      Wie 
      Sie, Lilli? O mein Gott – Sie 
      kennen mich und – treiben mich 
      nicht fort aus Ihrer Nähe?
      So wenig, – daß ich Sie halten möchte – für immer! hauchte sie. Die Thränen stürzten ihr aus den Augen, sie wankte einen Schritt ihm entgegen und lag an seiner Brust.
      Als die erste übermächtige Erschütterung sich ausgestürmt hatte, führte er sie zu einer Bank, die in der Tiefe des kleinen Parks unter den Fichten stand; da setzte er sich neben sie und hörte ihr zu, während sie beständig in aufgeregter Freude, Angst und Innigkeit ihm erzählte, wie seit dem ersten Tage, wo er ihr begegnet, ihr Herz sich mit ihm beschäftigt hatte. Er schwieg und lächelte zuweilen und hielt immer nur ihre Hand, und nur von Zeit zu Zeit, wie zu sich selbst, sagte er: Ist es denn auch möglich! – Aber wenn sie ihn schalt, daß er an ihr zweifeln könne, zog er ihre Hand an seine Lippen, wie um sich selbst damit den Mund zu schließen.
      Sie erinnerten sich endlich, daß sie nicht allein von ihrem Glück wissen durften, und suchten die Mutter auf. Sie kam mit Max ihnen entgegen, ihr edles, gütiges Gesicht leuchtete vor Rührung und liebevoller Freude, kein Schatten trüber Ahnung lag auf ihrer Stirn. Sie umarmte Frank und wollte ihn gar nicht wieder aus ihren Armen lassen; auch Max drückte ihn mit brüderlichster Wärme an sich. Frau Cornelie und Louison hatten einen Ausflug gemacht, von dem sie erst am nächsten Tage zurückkehren wollten. Als sie dann kamen, wie es schien, nicht sonderlich überrascht, ein verlobtes Paar zu finden, konnte ihre Gegenwart die glückliche Stimmung des Hauses nicht stören. Frank schien ein neuer Mensch geworden, ruhig, gleichmäßig, auch gegen die fremden Damen der aufmerksamste Cavalier, und aus Lilli's Augen schwand mehr und mehr die letzte Sorge, mit der sie den geretteten, dem Leben wiedergewonnenen Geliebten am ersten Tage noch zuweilen betrachtet hatte.
      Die Mutter hatte ihn gefragt, ob sie nicht lieber gleich in die Stadt übersiedeln wollten. Warum? hatte er zur Antwort gegeben. Wo du bist und Lilli, ist mir wohl. Er theilte Nachts das Zimmer mit Max, und dieser versicherte, daß er vollkommen ruhig schlafe. Nur die Fahrten auf dem See, mit denen sie sich sonst ergötzt hatten, waren stillschweigend eingestellt worden.
      Eine Woche mochte so vergangen sein. Die Verlobungskarten, die das frohe Ereigniß Frau Herminens ganzer Bekanntschaft mittheilen sollten, waren eben aus der Stadt gekommen, und die Braut hatte ein Schreibzeug in den Salon gebracht, um die hundert Adressen mit Frank's Hülfe heute noch zu schreiben. Als er das erste Kärtchen in die Hand nahm, das ihm die beiden Namen in zierlichem Drucke beisammen zeigte, wurde er auf einmal still. Sie scherzte, ob er nicht finde, daß die Namen sich gut zusammen ausnähmen, oder ob es ihm gar bange mache, daß er es der ganzen Welt schriftlich geben wolle, was er bisher nur ihr mit Hand und Mund vertraut hatte. Er antwortete nicht, lächelte nur zerstreut und sagte nach einer Weile: Ich bitte dich, Herz, schreibe du die Adressen allein, ich – mir ist der Kopf heut ein wenig benommen, – ich glaube, ich thäte gut, ein Bad zu nehmen.
      Im See? fragte sie erschrocken.
      Wo denn sonst, Liebste? Ich weiß, es wird mir die Schwüle aus dem Blut vertreiben. Ich habe hier so lange stillgesessen, mein Pferd ist in der Stadt, ein bischen Schwimmen wird mich wohlthätig ermüden.
      Sie wagte nichts einzuwenden; aber eine wunderliche Bangigkeit hatte sie überkommen, als er das erste Wort vom Bade gesagt. Sie wußte es indessen so einzurichten, daß Max, obwohl er schon am frühen Morgen im See gewesen war, sich erbot, zur Gesellschaft noch einmal mitzubaden. Frank äußerte sich sehr erfreut darüber, küßte seine Braut und scherzte, da er sie verließ, sie werde nun absichtlich so langsam mit ihrem Geschäft vorangehen, daß er hernach noch genug zu thun fände. Aber auch er werde sich nicht übereilen.
      Dann sah sie ihnen nach, wie sie heiter plaudernd Arm in Arm den Abhang nach dem See hinuntergingen. Als sie endlich zu ihrem Schreibtisch zurückkehrte, war sie so zerstreut, daß mehr als eine Adresse verunglückte und zerrissen werden mußte. Immer lag ihr im Sinn, daß sie ihn nicht hätte gehen lassen sollen. Die Mutter kam dazu, fand sie in dieser Bekümmerniß und schalt, daß sie sich trübe Gedanken mache. Sie wisse ja, wie glücklich er sei; was solle ihm begegnen? Und sei nicht auch Max –
      Indem sie noch den Namen aussprach, stürzte der Sohn zur Thür herein, nur halb angekleidet, die nassen Haare wirr um den Kopf. Er fuhr zurück, als er die Frauen sah, offenbar hatte er ihnen ausweichen wollen, – nun hielten sie ihn fest, er aber beschwor sie, ihn fort zu lassen, er 
      müsse fort, die Christel solle zum Nachbar laufen, dem Fischer, er selbst wolle die Andern aufbieten – Frank sei plötzlich untergesunken und nicht wieder auf die Oberfläche zurückgekommen.
      Und so 
      blieb er versunken. Die vereinte Mühe aller Anwohner dieses Ufers brachte ihn nicht wieder herauf. Als es entschieden war, die Nacht über dem Suchen hereinbrach und Niemand zweifeln konnte, Alles sei umsonst, erst da konnte Max, der bis dahin nur zur Rettung mitgewirkt und die Frauen sofort wieder verlassen hatte, seine Gedanken so weit sammeln, daß er zu berichten vermochte, wie es sich zugetragen. Sie seien unter muntern Scherzen hinausgeschwommen, weit in den See hinaus; Frank in der heitersten Laune habe dem Schwager vorgeschlagen, mit ihm in die Wette zu schwimmen. Anfangs sei Max ihm voraus gewesen, dann aber habe Frank alle Kraft aufgeboten und ihn eingeholt. Die Flasche Champagner, die es gilt, fängt schon an dich zu stärken! habe Max lachend ihm zugerufen. Und Frank: Bah! eine Flasche Schaumwein! Es giebt theurere Preise! – Doch indem er dies gesagt, habe er plötzlich zu rudern aufgehört und im Wasser stehend weit vor sich hin gestarrt. Entdeckst du dort eine Zauberinsel? – habe Max rufen wollen, aber den Satz nicht zu Ende gebracht; denn der Ausdruck im Gesicht des Freundes habe ihm die Zunge gelähmt. Wird dir unwohl? habe er nur rufen können. Und Frank, immer auf dieselbe Stelle starrend: Still! Siehst du die beiden kleinen Hände dort heraustauchen? Sieh nur hin – sie rühren sich nicht – sie bitten ganz stumm – und jetzt – sie sinken ein – jetzt nur noch die Finger – die Finger
      spitzen – allmächtiger Gott – hinunter, hinunter, hinunter!
      Wie mit zusammengeschnürter Kehle habe er das Letzte gerufen, dann noch einen Laut wie Hülfe! – dann sei er verschwunden, wie von einem Strudel hinabgerissen. Im Augenblick war Max an der Stelle, wo er versank; er tauchte dem Verschwundenen nach, immer von Neuem durchfuhr er die krystallhellen Gründe des Sees, bis in eine große Tiefe hinab. Keine Spur war von dem Unglücklichen zu finden, und bis auf den heutigen Tag soll der entseelte Körper nicht ans Ufer gespült worden sein. Die Fischer sagen: das Seeweib hat ihn behalten.
    



      Die Frau Marchesa
      (1876)
       
      An der schönen östlichen Küste des ligurischen Meeres, ziemlich genau in der Mitte zwischen Genua und La Spezzia, tritt ein steiles Vorgebirge, von herrlichen Pinien überschattet, in die blaue Seeflut hinaus, das Niemand, der vor Zeiten diese Straße zog, unbesucht ließ. Denn in dem Städtchen, das auf der Landzunge zwischen den tiefen Buchten und weiter in das Thal hinein sich ausgebreitet hat, von Schiffern und kleinen Leuten bewohnt, hielten regelmäßig die Vetturine an, die von Süden oder Norden kamen, sei es nur um ihren Passagieren und Pferden eine Mittagsruhe zu gönnen, oder um hier für die Nacht Station zu machen. Dann stieg der Reisende die gepflasterten Gäßchen zu der Villa des Marchese Piuma hinan und wandelte durch die langen Gartenwege nach der Pinienhöhe, um dort unter wildem Gesträuch, Aloe- und Tamariskengestrüpp des unsäglich schönen Ausblicks auf das Meer zu genießen und dann an dem ehemaligen Castell und dem Friedhof mit den schwarz und weiß gestreiften Mauern vorbei den Niedersteig nach der anderen Seite zu suchen, wo vom Bergabhang drüben das alte Kapuzinerkloster zwischen Cypressen und Oelbäumen traulich herabsieht, unten die wunderliche verödete Kirche am Strande steht und die roth bemalte Wand des Hospitals und die weißgetünchten Häuser von 
      Sestri sich in den ruhigen Wellen spiegeln. Seitdem ein Schienenweg längs dieser berühmten Riviera di Levante hinführt, mit zahllosen Tunneln, zwischen denen man nur auf kurze Strecken einen fast traumhaften Blick auf die vielzerklüfteten Ufer mit weißen Städtchen und grauen Schlössern zu werfen vermag, ist das Vorgebirge von Sestri verödet und verschollen. Die hastigen neuen Menschen, die »Italien in fünfzig Tagen« kennen zu lernen wünschen, haben kaum für Das Zeit, was sie die Hauptpunkte nennen. Nur Solche, die noch aus den guten alten Tagen der Vetturine ein stilles Pinienheimweh nach dieser Küste gerettet haben, überschlagen hier etwa einen Zug, um die unvergeßlichen Bilder auf einem Rundgang über die sonnigen Höhen wieder aufzufrischen. Es sind aber nicht so Viele, daß der Wirth des Albergo d'Europa dicht an der flachen, kieselschimmernden Meerküste seine Rechnung dabei fände. Ueber Haus und Hof und Garten breitet das Gespenst des unausbleiblichen Ruins seine grauen Schleier, dem nur die beiden großen Orangenbäume im Hof neben dem Eingangsthor in ihrer lachenden Ueberfülle an Blüten und Früchten zu trotzen wagen.
      Mich hatte, außer meinen Jugenderinnerungen, gerade die tiefe Einsamkeit dieser Stätten gelockt, da ich vor Jahr und Tag als ein ruhebedürftiger Mensch mich in den Süden flüchtete. Und doch hatte ich Mühe, ein beklommenes Gefühl zu überwinden, als ich den Hof der alten Herberge betrat, der jetzt nicht mehr vom Stampfen und Wiehern schellenbehangener Kärrnerpferde und dem Gewimmel von Vetturinen und Kellnern erscholl. Die Frau Wirthin saß, Artischocken putzend, in Hemd und geflicktem Unterrock auf den Steinstufen der Thür, der Wirth im schwarzen Tuchrock, einen Cylinderhut auf dem Kopf, die Hände in den Hosentaschen, ging finster schwatzend und gestikulirend mit einem hageren Geistlichen im Schatten der Mauer auf und ab, ein hemdärmeliger Bursche, in welchem ich den Herrn Oberkellner, Hausknecht und Küfer nicht sogleich erkannte, lag auf dem Bauch mitten in der Sonne und ließ die beiden halbnackten Kinder der Wirthin über seinen Rücken hinweg Purzelbäume schlagen, und hinter dem Eisengitter einer rauchgeschwärzten Höhle des Erdgeschosses, welche die Küche vorstellte, lehnte eine dicke Figur in vormals weißer Jacke und Kochmütze und schlief trotz der zahllosen Fliegen, die das breite, weinrothe Gesicht umschwärmten.
      Als ich meine Absicht kund that, hier ein paar Tage zu verweilen, wurde ich von den sämmtlichen Mitspielern in dieser Mittagsidylle mit großen Augen angeglotzt, als eine Art Meerwunder, das eben hier von der See ans Land gespült worden war. Der Wirth erwies mir in eigner Person die Ehre, mich durch die unteren und oberen Räume seines Hauses zu führen, überall die dichtverschlossenen Läden zu öffnen, von Motten und Staub umwölkt, und mir unter bitteren Verwünschungen der neuen Zeit, die über Sestri hinweg zur Tagesordnung fortgedampft sei, die Wahl zwischen den dreißig leeren Gastzimmern beider Stockwerke zu überlassen.
      Ich wählte ein luftiges Eckzimmer, das auf das Meer hinausging und durch eine Glasthüre, die freilich unverschließbar, sich nach der Galerie und dem Hof mit den Orangenbäumen öffnete. Hier verbrachte ich im tiefsten Frieden acht volle Tage. Die Hausleute waren so gutartige Wesen, wie man sie durch ganz Italien findet, wenn man ein harmloses Interesse an den Freuden und Leiden der Einwohner nimmt. Mit dem Wirth besprach ich mehrfach ausführlich sein großes Project, das Albergo d'Europa zu einer großen Pension für badende, fischende und aquarellirende Engländer auszubauen. 
      Agostino, der Oberkellner, eröffnete mir seine Pläne, in Genua oder Mailand einen seinen Talenten angemessneren Wirkungskreis zu suchen, wozu er sich durch das Studium einer französischen Grammatik vom Jahre 1796 im Stillen vorbereitete. Auch der Koch war mein Freund geworden, seit ich sein 
      fritto misto als eine unübertreffliche Leistung gelobt hatte. War dann die heißeste Zeit des Tages vorbei, so ging ich den Strand entlang an den rüstig arbeitenden Seilern und netzestrickenden Weibern vorbei in die Hauptstraße, dort in dem einzigen, unbeschreiblich armseligen 
      Café die Opinione zu lesen, und stieg dann nach dem Kapuzinerkloster hinauf, wo ich mich trotz des mönchischen Geruchs von Schnupftabak und Zwiebeln stundenlang mit einigen der langbärtigen alten Gesellen unterhielt, die dort, von der Regierung des einigen Italiens auf den Aussterbe-Etat gesetzt, kümmerlich genug ihr bescheidenes Dasein fristen, während die Haupträume ihres Klosters zu einer Schule verwandt worden sind und Nichts geschieht, um die zerbröckelnden Zellenmauern wohnlicher zu machen. Kam ich dann Abends wieder an die Küste hinab, so saß ich, während der rothgoldne Mond fast drohend-feierlich über dem Horizont heraufbrannte, auf einer Bank am Felsen und sah, wie die Schuljugend ihre linnenen Höschen und Hemdchen über die Klippen hinwarf und wie eine Schaar blanker Frösche in die schwarzblaue Flut hinabschoß, die Größern die Kleinen im Schwimmen und Tauchen unterweisend. Die Fledermäuse schwirrten ihnen dabei über die Köpfe, fern im Meer schwamm ein stilles Segel vorüber, ein scharfer Duft von Seetang, Theer und Fischen zog sich an der Küste hin und wurde, wie der kühlere Nachtwind sich aufmachte, verweht, daß nur noch eine erquickende Frische über alle Sinne hereindrang.
      Schön war's an diesen Abenden, schön und still. Ob es so bleiben wird, wenn der letzte der biederen Kapuziner in dem Kreuzgang neben den Cypressen schläft, die Betten im Albergo d'Europa nicht mehr aus Schilfgras mühsam aufgeschüttelte Matratzen bergen und der neue Agostino, statt in Hemdärmeln, in einem schwarzen Frack das 
      fritto misto auf den Tisch stellt?
      *
      Am letzten jener acht unvergeßlichen Abende hatte mich ein träumerisches Ungefähr, statt nach der Meerbucht unter dem Kloster, durch die ganze Stadt bis in die Ebene hinausgeführt, durch welche eine staubige, schnurgerade Chaussee nach den nahen Bergen hinläuft. In diese Gegend, wo der Sonnenbrand nicht mehr vom Hauch des Meeres gelindert wurde, hatte ich mich bisher nur ein einziges Mal verirrt, um nach kurzer Wanderung an den schattenlosen Gartenmauern entlang eilig wieder umzukehren. Heute war die Junisonne schon hinter dem Wellenhorizont versunken, der Himmel aber noch von so leuchtender Helle, wie weißgeglühter Stahl, daß man in den kleinen Landhäusern auf halbe Stunden weit die Menschen erkennen konnte, die auf die Altane und flachen Dächer traten, um endlich in der Abendfrische aufzuathmen.
      Rechts und links neben der Straße steht hie und da unter den ärmeren Gebäuden eine Villa, deren buntbemalte oder mit Säulchen und zierlicheren Balconen geschmückte Façade auf größeren Wohlstand der Besitzer schließen läßt. Gerade um diese Häuschen aber war es an jenem Abend fast überall todtenstill, keine Jalousie dem kühlen Zwielicht geöffnet, die Gartenthore fest verwahrt. Denn sie gehören zum großen Theil genuesischen Familien, welche sie jetzt, da das Reisen leichter geworden, nur selten mehr während der heißen Zeit besuchen und nur etwa im Herbst, der Meerbäder wegen, einen Monat hier zubringen, das übrige Jahr ihr Landgut der Sorge eines Pächters überlassend, der an Wein und Pfirsichen und Orangen seinen Gewinn herausschlägt, Haus und Blumengarten aber verwahrlosen läßt.
      Auch wäre wohl alle Sorge und Pflege verschwendet, da von der vielbefahrenen Landstraße aus die schweren Staubwolken unaufhaltsam über die Mauern steigen, um unter einer fingerdicken heißen gelben Decke Alles, was sprießt und grünt, zu ersticken. Das Auge, das sich von der eintönigen Dürre erholen will, muß zu den fernen Hügeln flüchten, wo aus den Oelwäldern weiße Häuschen hervorschimmern, hie und da eine dünne Rauchwolke in die Höhe zieht und einzelne schwarze Cypressen aus dem bleichen Laub der Olivenwälder aufragen.
      Was dennoch, trotz der unerquicklichen Umgebung, mich weiter und weiter von der Küste weg ins Land zog, wüßte ich wahrlich nicht zu sagen. Auf einmal aber, vor einem eisernen Gitterthor, dessen einer Flügel offen stand, machte ich unwillkürlich Halt, mit einem Ausruf freudigen Erstaunens, wie wohl ein Wanderer im Wüstensand eine Quelle unter einem Palmenwäldchen begrüßt.
      Die Villa, die ich, etwa dreißig Schritt vom Eingang entfernt, mitten im Garten liegen sah, unterschied sich freilich nicht sonderlich von manchen anderen der herrschaftlichen Landhäuser, an denen ich vorbeigekommen war. Die Außenwände des einstöckigen Baues waren dunkelroth getüncht und auf dem Grund allerlei Muschel- und Fruchtgehänge gemalt, dazwischen über jeden der gebrochenen Fenstergiebel ein kleiner Amor mit verblichenen rosenfarbenen Flügelchen. Aber alle oberen Fenster und auch die Thür, die auf den mittleren Balcon ging, standen offen, und innen brannte hie und da ein Licht, so daß ich in wohnlich eingerichtete Zimmer mit weißgewaschenen Vorhängen, die sich im Abendwind bewegten, blicken konnte. Was aber mehr als dies freundlich gelüftete Haus mich überrascht und zum Stillstehen bewogen hatte, war die üppige Frische des Gärtchens, dessen Pflanzen wie durch eine unsichtbare Mauer gegen allen Andrang von Staub und Glut geschützt schienen. Auf den Myrthen- und Lorbeerhecken, zwischen denen herrliche gelbe und purpurne Rosen und brennendrothe Granaten blühten, schimmerte ein feuchter Glanz, wie nach starkem Thau, und selbst die beiden jungen Cypressen, die als Wächter dicht neben dem Haus den Eingang hüteten, trugen ihr feines Laub ohne jeden grauen Anflug, als ob sie eben aus einem Treibhause dorthin gepflanzt waren.
      Ich hatte kaum Zeit, dem Räthsel nachzusinnen, als mir schon die Lösung entgegenkam in Gestalt eines langen, seltsamen Gesellen, der über der Schulter an einer schwanken Trage zwei gewaltige Gießkannen herbeischleppte und, ohne mich eines Blickes unter den gesenkten, buschigen Brauen zu würdigen, sein Geschäft des Wassersprühens fortsetzte. Er gebrauchte dabei nur den linken Arm. Der rechte, der ihm dicht überm Ellenbogen abgenommen war, hing als ein derber Stumpf lose an der Seite herunter, und er bediente sich desselben nur, um mit einer raschen Bewegung, die sich grotesk genug ausnahm, dann und wann den Schweiß von der Stirne zu wischen, wobei sein riesenhafter Hut aus grobem Maisstroh sich wunderlich bald in den Nacken verschob, bald wieder fast bis über die Augen hereinfiel.
      Ich wollte eben, trotz seiner unwirschen Miene, die Frage an ihn richten, wem dieses Haus und das kleine Gartenparadies gehöre, als eine Stimme, die von der dunklen Schwelle unter dem Balcon zu mir herdrang, mir das Wort vor dem Munde wegnahm.
      Treten Sie nur in Gottes Namen näher, mein Herr, wenn es Ihnen Vergnügen macht! Sie können sich dreist den Garten besehen; einen solchen finden Sie weit und breit nicht wieder, freilich auch keinen Gärtner, wie unser 
      Giannicco, der die Pflanzen tränkt, wie eine Mutter ihr Neugebornes. Und heute kommt die Herrschaft, auf die wir warten, doch wohl nicht mehr; der letzte Zug ist schon vorüber, es könnte freilich sein, daß meine Frau Tochter, die Frau Marchesa, lieber im Wagen hätte fahren wollen; aber es ist doch schon spät, und sie hätte mich's wissen lassen, wenn sie bei Nacht ankommen wollte. Und selbst wenn sie käme, lieber Herr, eine große Dame ist nie verlegen, Fremde zu empfangen, und würde nicht böse werden, Sie hier zu treffen, da Sie ein Galantuomo zu sein scheinen und wissen, was schön ist, und unserm Garten die Ehre anthun, die ihm gebührt.
      Diese ziemlich lange Rede hatte ein kleines altes Weibchen mir entgegengesprudelt, das dabei unbeweglich auf der Treppenstufe der Villa saß und beide Hände auf einem runden Klumpen ruhen ließ, den sie im Schooße hielt. Ich war auf die zutrauliche Einladung ohne Zögern eingetreten und an dem einarmigen Gärtner vorbei auf das Haus zugeschritten. Nun erst konnte ich die alte Haushüterin genauer betrachten. Sie mochte über sechzig Jahre alt sein, und ihr sehr zusammengeschwundenes, ehemals gewiß anmuthiges Gesichtchen trug den Typus der Frauen geringen Standes, wie ich sie vor den Häusern der Schiffer von Sestri hatte sitzen sehen. Ihre Tracht aber war um einiges sorgfältiger und dazu völlig schwarz, bis auf die saubere weiße Schürze, in welcher der runde Klumpen lag, den ihre alten dürren Hände beständig streichelten. Ich sah jetzt, daß es nicht etwa ein Schooßhündchen oder eine Katze war, sondern eine dunkelbraune Schildkröte, die bei meinem Herankommen nur den Kopf ein wenig aus der Halsberge vorschob, um nach mir zu blinzeln, im Uebrigen aber sich im Schooß der Alten vollkommen sicher wußte.
      Sie wundern sich über meine Kameradin da, fing die Frau wieder an. Aber die wahren Freunde erkennt man in der Noth. Ich habe immer heiße Hände, lieber Herr, so alt ich bin; der Doctor sagt, es käme von meiner Unruhe, weil ich beständig schaffen möchte und weiß nicht, für Wen, und das mache mir ein Fieber. Lieber Gott, eine Wittwe! und nun schon seit vierzig Jahren! Aber gegen die heißen Hände bei alten Leuten hilft nichts besser, als sie auf ein Lebendiges legen, das kaltes Blut hat, und sehen Sie, lieber Herr, da ist keins so geduldig, wie diese meine Freundin, die hab' ich nun schon drei Jahr. Nachts kriecht sie im Garten in ein feuchtes Loch neben dem Brunnen, und zu füttern braucht sie Niemand. Aber nun will ich nicht mehr vor Ihnen sitzen bleiben, wie ein Bauernweib, das nicht weiß, was sich schickt einem Herrn gegenüber. Geh, Miranda, geh, mein braves Thierchen, und such dir dein Abendessen, und 
      felice notte, meine Alte! Morgen sehen wir uns wieder.
      Sie hatte mit diesen Worten das Thier aus ihrer Schürze gehoben und behutsam auf den sauber geharkten Kiesweg gesetzt, worauf die vier kurzen Füße sich zu regen begannen und das runde Panzerklümpchen träge nach der Myrthenhecke kroch. Dann stand die kleine alte Frau behende auf, strich sich das Haar zurecht, das in grauen Strähnen um ihren Kopf geschlungen war, und sagte:
      Wollen Sie sich nun den Garten ansehen, lieber Herr? Ich will mit Ihnen gehn und Ihnen ein Sträußchen abschneiden. Die schönsten Blumen hab' ich freilich für das Haus gebraucht, daß überall was blüht, wenn die Herrin wieder den Fuß hinein setzt. Lieber Gott, eine junge Wittwe, wenn sie sich auch nicht die Augen aus dem Kopf geweint hat, – die Bahre und die Fackeln und in der Kirche die schwarzen Paramente, darauf thut was Grünes gut, und ich wollte nur, wir hätten sie erst hier draußen, das arme Herzchen, hier wo sie immer so gerne war, lieber als in ihrem großen, finsteren Haus in Genua, wo einem zu Muth war, wie in einem Sarge, und das Meer, das man hier vom Dach ganz gut sehen kann, ist dort nur ein schmutziges Wasser mit tausend Schiffen, und sie war so daran gewohnt, von Klein auf, wo sie noch mit bloßen Füßen wie eine Möve über die Klippen sprang, wenn sie hinaufging zur Beichte ins Kloster, zu dem guten Padre 
      Francesco! Misericordia! Was muß ein Menschenkind Alles entbehren lernen!
      Von wem redet Ihr denn, gute Frau? fragt' ich, während ich neben der Alten, die ganz zusammengebückt mit unhörbaren Tritten hintrippelte, an den Lorbeerbüschen vorbeiging.
      Sie blieb plötzlich stehen und sah mich groß an.
      Von wem ich rede? Nun, das ist curios. Wißt Ihr denn nicht, daß dieser Garten meiner Frau Tochter, der Frau Marchesa, gehört? Das weiß ja jedes Kind in Sestri. Aber freilich, Ihr seid ein Fremder, lieber Herr, und ich sehe Euch das erste Mal in meinem Leben, so alt ich auch schon bin und so ein gutes Gedächtniß ich habe. Und daß ich einmal jung gewesen bin, sieht man mir freilich nicht mehr an, aber jeder schöne Schuh wird einmal eine garstige Schlappe, und die Männer sind so alt, wie sie sich fühlen, die Frauen aber so alt, wie sie aussehen. Aber wenn Ihr lieber ein schönes Gesicht seht, als eine alte Hexe, wie mich, so wartet, bis meine Frau Tochter kommt. Die ist nun auch schon vierunddreißig, aber kein Mensch sieht es ihr an. Ihre Jugend ist ihr stehn geblieben, wie eine Uhr, die man nicht mehr aufgezogen hat. Nun geht sie auf einmal weiter, und die Zeit dazwischen ist wie ausgestrichen. Armes Ding! Es ist ihr wohl zu gönnen, denn wir leben alle nur Einmal hier auf Erden, und die himmlischen Freuden sind wohl eine schöne Sache, aber da droben wird nicht gefreit und nicht gelacht, und dann ist auch noch erst das Fegefeuer, lieber Herr! Heilige Mutter Gottes, bitt' für uns!
      Ihre Worte verloren sich in ein unverständliches Murmeln, während sie wieder weiterhuschte, hier und dort ein blühendes Zweiglein abbrechend zu dem Strauß, den sie mir versprochen hatte.
      Ich sagte ihr nun, daß ich aus reinem Zufall bis an diesen Garten gekommen sei und mit keiner Seele in der Stadt über die Herrin des Hauses gesprochen hätte. Wenn es nicht indiscret sei – denn ich fing an, die Alte, die eine Frau Marchesa zur Tochter hatte, mit einiger Förmlichkeit wie eine Art Dame zu behandeln, – so möchte sie mir etwas deutlicher Bescheid geben. Wie es denn komme, daß ihre Frau Tochter keine Jugend gehabt habe, da sie doch so lustig über die Felsen gesprungen und dann an einen vornehmen Herrn in Genua verheirathet worden sei? Und wie lange sie nun schon Wittwe sei, und ob sie etwa keine glückliche Ehe geführt habe?
      Sie sah sich, ehe sie antwortete, mit einem schüchternen Blick nach dem einarmigen Gärtner um, der immer noch seine Gießkanne an dem Ziehbrunnen füllte und, wenn er sie an uns vorbeitrug, mit dem Armstumpf den Hut tiefer in die Stirne rückte, als ob ihm mein Anblick widerwärtig wäre.
      Erst da sie sich versichert hatte, daß der mürrische Gesell sie nicht hören konnte, sagte sie:
      Warum soll ich Ihnen das nicht erzählen, was man auf der ganzen Riviera, in Sestri, Chiávari, Nervi bis Genua weiß? Aber vor dem Giannicco mag ich Nichts davon hören lassen. Der arme Tropf! Von dem heißt es auch: »Neue Liebe kommt und geht, alte Liebe fest besteht,« und jetzt, da der Herr Marchese gestorben ist, bildet er sich wahrhaftig im Stillen ein, der arme Esel, nun käme doch noch die Reihe an ihn, und Jeder, der nur den Namen meiner Frau Tochter in den Mund nehme, der stehle ihm was, das ihm zugehöre. Kommen Sie aber hier an den Magnolien vorbei, da will ich Sie ins Haus führen; unterdessen können Sie mich fragen, was Sie wollen. Sie scheinen ein braver Herr zu sein; ich sah es gleich, wie Sie so mitleidig den Giannicco betrachteten, von wegen seines Arms. Sehn Sie, er war auch einmal ein ganz frischer, gesunder Bursch, nur ein bischen wild und zu allen Teufeleien aufgelegt, und hatte ein Auge auf die 
      Lisa geworfen, meine Tochter, die damals eben erst herangewachsen war. Wie sie dann den Herrn Marchese nahm, was ihr Niemand verdachte, da er ein so guter Herr war, obwohl schon über die Fünfzig – nun, Sie wissen, was das Sprichwort von den Fünfzigern sagt, – da ist er in der Hochzeitnacht auf und davon mit einer Piratenbande, die gerade im Hafen draußen ihr Schiff ausgeflickt hatte, und wir haben wohl an zehn Jahre Nichts mehr von ihm gesehen und gehört. Bis er eines schönen Tages wiederkam als ein trauriger Krüppel und ohne einen blanken Heller, und da er überdies an einem schweren Fieber litt, erbarmte mich der arme Hund, der die Ohren so jämmerlich hängen ließ, und ich nahm ihn hier ins Haus und pflegte und fütterte ihn zurecht. Hernach fragte ich bei meiner Frau Tochter an, ob ich ihn als Knecht behalten dürfte, und da er doch eigentlich um 
      sie das Alles ausgestanden und seine arme Seele dem Bösen verschrieben hatte, schickte sie mir ihre Erlaubniß, und der Giannicco, der niemals lacht, wurde feuerroth, wie ich ihm den Brief vorlas. Seitdem hat er sich hier so nützlich gemacht und einen so frommen Wandel geführt, daß er sich einen Ablaß für all seine Piratensünden damit verdient hat. Wenn dann meine Frau Tochter im September auf ein paar Wochen kam und ihm nur zunickte: Ihr haltet den Garten schön in Ordnung, Giannicco, das muß man sagen! – wie eine Kohle wurde das verwetterte Gesicht des armen Teufels, und keine Silbe brachte er heraus vor Satisfaction, und man konnte deutlich sehen, daß es noch immer beim Alten mit ihm war, wie man zu sagen pflegt: wenn ein Licht ausgeht, wird eine Fackel angezündet. Die Stürme und Unwetter auf der See mögen ihm die alte Verliebtheit ausgeblasen haben; aber kaum wieder auf dem festen Lande, brennt die Fackel lichterloh. Nun, er wird sich darein ergeben müssen, daß man eines Tages ihm drei Schaufeln Erde drüberschüttet und gute Nacht! Nicht Jeder bekommt, was er möchte, aber dem geschorenen Schaf schickt der liebe Gott einen gelinderen Wind. Amen! Gott sei allen armen Sündern gnädig! –
      Indessen hatten wir uns dem Hause wieder genähert, und meine Führerin ging mir voran durch den kühlen, mit Fliesen belegten Flur eine schmale Steintreppe hinauf, um mir die oberen Räume zu zeigen. Es waren sechs oder sieben mäßig große Zimmer, an deren stuckverzierten Plafonds ich erkennen konnte, daß das Haus vor etwa hundert Jahren erbaut sein mußte. Die Möbel stammten aus der Napoleonischen Zeit, waren aber sämmtlich vor Kurzem erst frisch auflackirt und die Vergoldung an den steilen Rücklehnen der Stühle und den Tischfüßen und Spiegelrahmen erneuert. Dazu standen hie und da in Alabastervasen prachtvolle Blumensträuße auf den Kaminsimsen und Schränken und in jedem zweiten Zimmer ein brennender Armleuchter auf dem Pfeilertischchen vorm Spiegel, so daß es sich feierlich und festlich ausnahm, als werde auf die Nacht eine große Gesellschaft erwartet, welche die Sommernacht zu durchtanzen beschlossen habe.
      Das Schlafzimmer war gleichfalls gelüftet, das große viereckige Ehebett aber mit einer alten seidenen Decke zugedeckt. Wenn meine Frau Tochter kommt, sagte die Alte, indem sie mit ihrer welken Hand über die Decke hinstrich, soll sie bei mir unten schlafen. Am Ende sähe sie hier in dieser Stube ein Gespenst. Denn wenn sie um den Herrn Marchese auch mehr wie um einen Vater trauert, als wie um einen Gatten, so heißt's doch auch nicht von ihr:
      Vier Thränchen, vier Kerzchen,
       Ein Streckchen
       Ums Eckchen,
       Kein Schmerz mehr im Herzchen.
      Denn er war ein braver Herr, mein Herr Schwiegersohn, ein rechter Galantuomo – seine Seele sei im Paradiese! – und nicht einen bösen Tag hat er seiner lieben Frau gemacht, mit seinem Willen, versteht sich; denn freilich die fünfzig Jahre, und dann endlich gar die Achtundsechzig, und die Gicht dazu und die langen, schlaflosen Nächte: – wer, als er nun endlich die Augen zugemacht hatte, wer könnt' es der Wittwe verdenken, wenn sie ihr bischen übrig gebliebene Jugend nicht mit zu vielem Weinen verderben möchte, sondern noch retten was zu retten ist? Und meine Lisa! – die als Kind immer so gern lachte, daß ich oft sagte: Lache nur, Tochter, sagt' ich; ein frohes Herz macht ein glattes Gesicht, und wer lustig ist, dem hilft Gott! Nun, er hat denn auch geholfen, ihr und uns Allen. Denn wie ich zum ersten Male den Herrn Marchese in mein armes Haus treten sah, war er mir recht wie ein Engel vom Himmel in meiner größten Noth.
      Sie müssen nämlich wissen, lieber Herr, ich bin eine Schiffersfrau, hier im Ort geboren, hatte einen guten und fleißigen Mann, der große Seefahrten machte, erst als Steuermann und dann mit seinem eigenen Schiff, bis nach Amerika und Indien. Und so lang' er lebte, wenn er auch oft ein oder zwei Jahre ausblieb, wünscht' ich mir nichts Besseres, und wir hatten zu leben, ich mit meinen drei Töchtern, 
      Marietta, 
      Cesira und 
      Lisa. Ich selbst heiße wie meine zweite Tochter, und meine Enkelin, die junge Marchesina, heißt wiederum Cesira, wie ich und ihre Tante. Anders hätt' es meine Lisa nicht gethan. Und wie dies mein jüngstes und bestes Kind eben acht Jahr alt war, ist mein Mann wieder fort, und nach sechs Monaten schreibt er aus Lima einen ganz vergnügten Brief, und daß er über sechs andere Monate wiederkommen und jeder von unsern Mädchen etwas Schönes mitbringen würde. Die Marietta war damals siebzehn, die Cesira fünfzehn, und sie galten für die schönsten Creaturen in ganz Sestri, und ich erzog sie so gut ich konnte, daß sie tugendhafte und rechtschaffene Weiber werden sollten.
      Aber wenn wir glauben, wir sitzen zu Pferde, liegen wir auf der Erde. Die sechs Monate vergingen, und dann wieder sechs und noch einmal sechs, und von meinem armen Mann – Gott hab' ihn selig! – kein Sterbenswort. Und wie das dritte Jahr herankam, seit er nach Lima gefahren war – und sein Schiff trug obenein noch den schönen Namen 
      La Speranza – da sagte meine Marietta: Mutter, sagte sie, der Vater ist todt, und wir Andern sind schlimmer dran, als wenn wir auch todt und begraben wären, sagte sie. Ich habe mit einer Signora gesprochen, die in Genua ein Haus hat, zu der soll ich in Dienst gehen, und wenn ich erst dort bin und einen guten Platz für die Cesira finde, muß sie nachkommen. Dann kannst du dich mit der Lisa allein besser durchschlagen, sagte sie. Tochter, sagt' ich, gehe mit Gott; denn wenn auch das Brod in fremdem Hause sieben Krusten hat, es ist doch nicht so hart wie der Hunger, und was sollst du hier sitzen und dein bischen Jugend und Schönheit ist wie vermauert, da hier alle Nachbarn wissen, daß du eine Waise bist und einem Mann Nichts mitbringst als das Hemd auf dem Leib? Wer eine Hand in die andere legt, dem springt der Teufel in die Schürze, – sagt' ich arme Närrin, die ich war, und wußte nicht, daß es eben der Teufel war, der mein Kind nach Genua haben wollte, wo kein Auge einer Mutter sich nach ihr umsah. – –
      Wir standen, während die Alte mir das Alles erzählte, am offnen Fenster in einem kleinen Salon, in welchem offenbar die Herrin des Hauses sich am liebsten aufhielt; denn hier befanden sich die zierlichsten Möbel, auch einige ganz moderne zwischen den steiflehnigen, und Bilder und Photographien hingen an der Wand, über einem Schreibtischchen aber eine kleine Handzeichnung in prächtigem Rahmen, ein schöner, sehr jugendlicher Mädchenkopf, das sanfteste Oval, und eine feine kleine Nase zwischen ganz unwahrscheinlich großen, dichtumschatteten Augen, und ein strenges oder vielmehr schüchternes Mündchen, dazu die prachtvollsten Haare in einen dicken Knoten am Nacken zusammengebunden. Es war eine ziemlich geschickte Hand, die diese wenigen Bleistiftlinien aufs Papier geworfen; ein leichter Farbenton war auf die Wangen, Lippen und das dunkle Haar gelegt, aber eine kleine Verzeichnung am Ansatz des schlanken Hälschens ließ doch den Dilettanten erkennen.
      Ist das Eure Marietta, gute Frau? fragte ich.
      Sie that einen tiefen Seufzer und tastete an dem Eisenstab der Jalousie herum, augenscheinlich um ihre Hände zu kühlen, denn die Erzählung schien ihr seltsames Fieber vermehrt zu haben.
      Das Bild da an der Wand? Nein, lieber Herr, das ist ja meine Frau Tochter, die Frau Marchesa, und das hat ihr Herr Gemahl selbst gezeichnet – der nun im Paradiese sein mag! Aber häßlicher war auch die Marietta nicht, und Sie wissen, wie es heißt: 
      Chi nasce bella, nasce maritata. Aber nicht allemal trifft es ein. Zwar hörten wir allerlei Schönes von dem Mädchen, und nach einem halben Jahr ließ sie an die Cesira schreiben, sie möchte nur auch kommen, sie habe einen herrlichen Platz für sie ausgekundschaftet, bei einem Grafen, und versprach ihr Meere und Berge, wenn sie sich gleich aufmachte. Nun, sagt' ich, so gehe, Kind, geh nach dem stolzen Genua, und grüße unsre Marietta, und bleibe brav und denk ein wenig an deine alte Mutter, und daß du dem 
      babbo, wenn er noch leben sollte, keine Schande machst.
      Und so ging auch Die, und ich war nun mit meiner Kleinen, meiner Einzigen, allein. Wir hörten die erste Zeit manchmal von unsern Großen; sie ließen uns die allerschönsten Briefe schreiben, und daß es ihnen herrlich ginge, schickten auch etwas Geld und Bänder und Schuhe für die Lisa, die sie aber nicht tragen konnte, weil sie zu fein waren für ihre übrige Armseligkeit. Auch ließen sie mich wissen, daß sie sich wahrscheinlich verheirathen würden, und ich konnte mich nicht lassen vor Glück und Zufriedenheit und dachte: jetzt nur noch der Mann von der Reise zurück, so tausch' ich mit keiner Prinzessin! dacht' ich.
      Aber dann, eines Abends, da kam der Pater Francesco, zu dem meine Mädchen immer beichten gegangen waren, der hatte in Genua ein Geschäft gehabt für sein Kloster, und ich hatte ihn gebeten, sich einmal nach den Kindern umzusehen, und das hatte er gethan und kam nun, mir Bescheid zu bringen. Jesumaria! ich weiß noch wie heut, wie ich nichts thun konnte, als die Hände überm Kopf zusammenschlagen und auf mein Bette hinfallen, als hätte man mir mit einem Hammer das Herz zerschmettert! Sie verstehen wohl, was ich meine, lieber Herr. Es kommt einer Mutter zu hart an, von der Schande ihrer Kinder zu sprechen, auch wenn zwanzig Jahre und mehr seitdem vergangen sind. Die Lisa war bei mir, als ich das Unglück erfuhr. Mutter, sagte sie hernach, da der gute Pater wieder fort war, was hat er denn gemeint? Was ist es denn mit den Schwestern? Hat er nicht gesagt, daß er die Cesira in einem seidnen Kleid getroffen hätte, mit goldnen Ohrringen und einer Broche, und die Marietta habe er nicht sehen können, weil sie bei einem andern Herrn Grafen auf seiner Villa sei? Warum weinst du nun doch, 
      Mamma mia, wenn meine Schwestern ein solches Glück gemacht haben? – Und ich: O Kind, sagt' ich, weißt du nicht, daß es heißt: wer mit großen Herren geht, stirbt auf dem Stroh? sagt' ich, und mehr durft' ich ihr ja nicht erklären, der armen, unschuldigen Creatur, die eben erst ihre dreizehn Jahre hatte, und in unserm Sestri, Gott sei dafür gelobt, lebt man nicht wie die Heiden, und meine Mädchen hatten weder im Hause noch auf der Straße je etwas Sündhaftes gesehn. Ich aber hörte nicht auf zu weinen, und bald dacht' ich, ich wollte nach Genua, meine Lämmer dem Wolf aus dem Rachen zu reißen, bald sagt' ich mir, es hilft doch nichts, und wenn du die Lisa mitnimmst, wird auch Die von der Pest angesteckt; lassest du sie aber allein zu Hause, so drückt dir die Angst das Herz ab.
      Und so, lieber Herr, resolvirt' ich mich, und meine Mädchen waren mir wie todt, und da ich nun auch die Nachricht bekam, mein armer Mann liege wirklich schon seit zwei Jahren im Meere, sein Schiff sei in einem Sturm kopfüber in den Abgrund geschossen, so sagt' ich mir: ich habe Nichts mehr auf der Welt als meine Lisa und meine Armuth und mein bischen Rechtschaffenheit, da soll mir Niemand mehr dran rühren. Denn wer lebt, ißt sein Brot, wer stirbt, der ist todt, und jedes Pferd wehrt sich die Mücken ab mit seinem eigenen Schwanz.
      Also hielt ich mein Kind streng zu Hause, und wenn sie gern herumgesprungen wäre mit andern Kindern oder, wie sie älter wurde, geschwatzt hätte mit den jungen Burschen – und der Giannicco hatte schon damals ein Auge auf sie geworfen –, sagt' ich ihr nur immer den guten alten Spruch:
      Ein Mädchen, zu viel auf der Gasse,
       Kommt ab von der rechten Straße.
      Und ein gutes Kind, wie sie war, ließ sie es sich auch gesagt sein, saß den lieben langen Tag und spann oder strickte Netze, und nur am Sonntag ging sie zum Kloster hinauf, die Messe zu hören oder bei dem guten Pater Francesco zu beichten, ihre paar unschuldigen Kindersünden, und der Pater lobte sie sehr und sagte, daß sie durch ihre Tugend mir Alles wieder vergüten würde, was ich an Unglück und Unehre in meinem kümmerlichen Leben erfahren hätte.
      Sehen Sie sich das Bild nur recht an, lieber Herr. Es sind jetzt über zwanzig Jahr, daß der Herr Marchese es gezeichnet hat, und sie ist jetzt freilich kein Kind mehr, sondern eine schöne und stattliche Frau, aber alle Leute sagen, es gleiche ihr noch heut, nicht bloß der Giannicco, den ich manchmal hier oben ertappe, daß er vor dem Gesicht wie vor einem Gnadenbilde steht und so darein vertieft ist, daß er mich nicht einmal kommen hört. Der Herr Marchese war eine Art Künstler, müssen Sie wissen; er hatte schon damals dies Haus außer seinem Palast in Genua, und manchen Sommer kam er hier heraus, bloß um stundenlang an den schönsten Orten in der Umgegend zu sitzen und die Berge und das Meer mit prachtvollen Farben hinzumalen in seine Mappe. Ich aber kam nie mehr aus dem Haus, seit dem Unglück mit meinen Kindern; ich meinte, jede Gevatterin müsse mich deßhalb über die Achsel ansehen. Und so wußte ich nicht einmal, daß ein solcher Herr Marchese auf der Welt sei, und war des Todes erschrocken, als eines Sonntag-Vormittags sich meine Thür aufthut, wo ich eben in der Küche steh', unser bischen Polenta zu kochen, und herein fliegt mein Kind, die Lisa, ganz roth im Gesicht, und ein Herr hinter ihr, nicht mehr der Jüngste – er war schon damals hoch in den Vierzigen – und: 
      Mamma mia, sagt das Kind, der Herr hat mich angeredet, wie ich eben aus der Messe kam, und weil es so heiß war, hatt' ich Schuh und Strümpfe ausgezogen und lief über die nassen Klippen am Strand, und da sah ich ihn plötzlich auf mich zukommen, und er fragte mich, wie ich heiße und wo ich wohne und ob er mit mir gehen könnte, er möchte ein Bild von mir machen.
      Was soll ich Ihnen lang und breit erzählen, lieber Herr, wie nun Alles kam, wie ich mich erst unsrer Armuth schämte, und er mich in fünf Minuten so zutraulich gemacht hatte, daß ich ihm meine ganze Lebensgeschichte beichten mußte, so ein vornehmer Herr er auch war; aber die Vornehmsten wissen oft am besten, wo einen ehrlichen armen Tropf der Schuh drückt. Und während er das Kind abconterfeite und kein Wörtchen sprach, redete ich immer fort wie ein Wasserfall, und auch das verheimlichte ich nicht, was mit den beiden Großen sich zugetragen hatte.
      Als ich dann endlich fertig war und schämte mich nun selbst, was ich Alles geschwatzt hatte, hatte auch er das Bildchen so ziemlich zu Stande gebracht und sagte, für heute sei es nun genug, ich hätte da ein braves und liebes Kind, und er interessire sich für die Lisa, und wenn es mir recht sei, wolle er sorgen, daß ich an dieser Tochter mehr Freude erlebte, als an den andern. Wie alt sie denn sei? Nun, dreizehn sei noch jung genug, was Rechtes zu lernen. Er wolle sie mit einer sicheren Begleitung nach Genf schicken, in ein sehr gutes Erziehungsinstitut, da solle sie etwa drei oder vier Jahre bleiben, und er wolle alle Kosten tragen.
      Sie können sich vorstellen, lieber Herr, daß ich erst nicht wußte, ob ich dazu lachen oder weinen sollte. Mein letztes Kind hergeben! – es schien mir, als schnitte man mir das Herz aus dem Leibe und ich sollte noch tausend Dank dafür sagen. Aber wie ich den Pater Francesco um Rath fragte, und der mir zuredete und sagte, hier treffe es ein: wenn Gott einem eine Thür zumache, mache er ihm gleich daneben ein Thor auf, schluckte ich meine Mutterthränen hinunter und ließ Alles geschehen, was meinem Kinde zum Glück dienen sollte.
      So hab ich's denn auch nicht zu bereuen gehabt. Wie sie mir nach drei Jahren wiedergebracht wurde, – ich dachte freilich, es seien tausend gewesen, aber mit Geduld kommt auch der Lahme über den Berg, – o lieber Herr, was war sie schön geworden und klug und hatte Manieren wie eine Herzogin, aber zu ihrer einfältigen alten Mutter war sie noch ganz wie sonst. Die Leute von Sestri aber machten große Augen, wie sie das Fräulein zum ersten Mal neben mir in die Kirche gehn sahen, natürlich zum Kloster hinauf, um sie auch dem guten Pater zu zeigen. Der lobte sie sehr, sagte aber, sie solle nur fein demüthig und tugendhaft bleiben und sich nichts in den Kopf setzen, und so noch eine Menge erbaulicher Reden, wobei sie immer die Augen still zu Boden geschlagen hielt, das süße Geschöpf, und hernach küßte sie dem guten alten Pater die Hand, wie sie als kleines, barfüßiges Ding gethan, und war Abends in ihrem schlechten Bettchen so rasch und vergnügt eingeschlafen, als ob sie es nicht inzwischen besser gehabt und die schweren Künste und Wissenschaften gelernt hätte, daß sie nun gescheidter war wie der Sindaco von Sestri selbst.
      Wir wollen hier vom Fenster weggehn, lieber Herr, sagte die Alte plötzlich und zog mich tiefer in das Zimmer hinein, wo sie mich nöthigte, auf einem kleinen, mit verblichener blauer Seide überzogenen Canapé Platz zu nehmen. Sie selbst blieb an dem Tischchen stehen und zupfte ein paar welke Blätter aus dem großen Strauß, der mit bunten Farben im Schein des Armleuchters glühte.
      Was hat Euch denn angewandelt, gute Frau? fragt' ich. Warum wollt Ihr die schöne kühle Nachtluft nicht länger athmen?
      Es ist nur wegen des Giannicco, sagte sie nachdenklich. Er geht immer noch unten an dem Fenster vorbei und hat so feine Ohren, besonders, wenn er seinen Namen hört. Und ich wollt' Ihnen eben sagen, wie er dazumal, als er das Kind nur einmal wiedergesehen, in eine ganz gefährliche Verliebtheit gerathen ist, und obwohl sie ihm gar nicht süße Augen machte, wie überhaupt keinem der jungen Bursche, meinte er doch, sie denke heimlich an ihn, der arme Narr, der er war, und hielt eines Tages richtig um sie an. Aber wenn sie ihn auch gemocht hätte, – sie waren beide arm, und wenn der Hunger zur Thür hereinkommt, geht die Liebe zum Fenster hinaus. Und dann, lieber Herr, was hätte sie mit ihren Künsten und Wissenschaften, die sie von Genf mitgebracht, als Frau eines armen Tischlergesellen, wie der Giannicco war, anfangen sollen?
      Aber die Hauptsache war, sie machte sich gar nichts aus ihm. Sie machte sich freilich auch aus Anderen und Reicheren Nichts, die damals um sie warben, ja nicht einmal aus unserm Wohlthäter, dem Herrn Marchese. Wie ich ihr sagte: Kind, willst du dein Glück machen? Du sollst Frau Marchesa werden. Der gute Herr, der deiner Mutter aus ihrem Elend geholfen und dich so schöne Dinge hat lernen lassen, – und denken Sie nur, lieber Herr, auch für meine Cesira hatte er noch gesorgt, ihr eine Aussteuer gegeben und sie an einen seiner Pächter auf einem Gut bei Turin verheirathet, – nun will er dich zur Frau, sagt' ich, und du sollst in Genua in seinem schönen Palast wohnen; überlege es dir wohl, Kind: Schönheit macht nicht satt, und wer sich selbst nicht hilft, der ertrinkt, sagt' ich – da fiel sie mir um den Hals und sagte unter tausend Thränen: 
      Mamma mia, ich will nicht fort von dir, ich will keinen alten Mann; lieber sterb' ich so wie ich geh' und stehe! sagte sie.
      Arme Creatur! Ich hatte wahrlich großes Erbarmen mit ihr, denn ich liebte sie mehr als meine Augen. Aber da war auch die Dankbarkeit, und daß wir ein paar verwaiste armselige Frauenzimmer waren, und was Armuth aus einem Mädchen machen kann, hatte ich ja an meinen Großen erlebt. Und dann war noch der Pater Francesco, der sprach dem Kind, als sie ihm beichten ging, so kräftig zu, daß sie wie verwandelt vom Kloster herunterkam und zu mir sagte: Mutter, ich will es thun. Die Madonna und alle Heiligen, sagte sie, werden mir beistehen, daß ich eine tugendhafte Frau werde, und du hast es dann gut auf deine alten Tage, und, sagte sie, er ist ein so guter Herr, er wird nicht verlangen, daß ich ihn mehr lieben soll, als ich kann, aber treu will ich ihm sein und ihm all seine Gutthaten vergelten.
      Nun, lieber Herr, da hatt' ich denn einen Herrn Marchese zum Schwiegersohn, und hätte nun auch die große Dame spielen können und durch die Straßen von Genua in einer Carrosse fahren. Aber ich dachte, wenn das schwarze Huhn auch ein weißes Ei gelegt hat, es taugt doch nur auf seinen Misthaufen, und so blieb ich ganz still zu Hause, nur daß ich hieher in die Villa zog, die damals noch nicht so hübsch und reinlich aussah, ohne mich zu rühmen. Und hier hielt auch meine Frau Tochter ihre Wochen ab, als sie übers Jahr ein Kindlein zur Welt brachte, schön wie mit dem Pinsel gemalt und Zug um Zug das Abbild ihrer Mutter. Und daß der Herr Vater fast närrisch wurde vor Freude, können Sie sich leicht denken. Auch meine Lisa war sehr vergnügt. Nun wird es mir nicht mehr schwer werden, sagte sie, dem lieben Gott zu danken für das Glück, das er mir beschert hat, da er mir jetzt den kleinen Engel geschickt, und der Pater Francesco braucht mir nicht erst Tugend zu predigen. Ich muß meiner Tochter ein gutes Beispiel geben.
      So sagte sie, armes junges Weib! Und ich wußte wohl, was sie meinte; denn sie hatte mir erzählt, daß alle jungen Herren vom Adel, die schönsten und reichsten, ihr nachstellten, und Manche geberdeten sich wie toll, um der schönen Frau Marchesa ihre Liebe zu zeigen, und Sie wissen, lieber Herr, das Stroh kann nichts dafür, daß es brennt, wenn es dem Feuer zu nahe kommt. Aber nun hatte sie ihr Kind und sah weder rechts noch links, sondern immer in die beiden kleinen unschuldigen Augen, und was die verliebten Gecken auch anstellen mochten, war nur so viel, wie wenn Einer ein Loch ins Wasser machen will.
      Aber so leicht wurde es ihr doch nicht, wie sie sich's geträumt hatte. Denn schon ein Jahr nachdem die kleine Cesira auf die Welt gekommen war, befiel den Herrn Marchese eine Lähmung, daß er immer im Rollstuhl sitzen mußte, und nur ein Glück war, daß es die linke Seite getroffen hatte, nicht die rechte, da konnte er sich doch noch die Zeit vertreiben mit Zeichnen und Malen; und weil er ein edles und christliches Gemüth hatte, wurde er auch gar nicht wild und menschenfeindlich über sein Unglück, sondern nur um so gütiger gegen seine arme junge Frau, der er that und schenkte, was er ihr nur an den Augen absehen konnte. Und auch sie ließ sich nicht auf melancholischen Mienen ertappen. Man kann freilich nicht singen, wenn man ein Kreuz trägt, aber wenn eine Mutter ihr Kind wiegt, findet sie doch immer noch einen Ton in ihrer Kehle. Und so war es für Alt und Jung eine Erbauung, wie meine Frau Tochter sich in ihrem Ehestand hielt, und Pater Francesco, mit dem ich oft darüber sprach, sagte: Sie ist eine Heilige, sagte er, und ihre Tugend reicht aus, um auch ihre Schwestern aus dem Fegefeuer loszukaufen. Ihr seid eine benedeite Mutter, Frau Cesira.
      Ja, ja, lieber Herr, wenn man schon am Morgen immer wüßte, ob am Mittag ein Gewitter kommen wird! Aber wer am Freitag lacht, weint am Sonntag. Die kleine Cesira war kaum sieben Jahr und ihre Frau Mutter also fünfundzwanzig, und sechs Jahr war es schon her, seit der Herr Marchese im Rollstuhl lag, da sitz' ich eines Tages hier ganz fröhlich im Haus, bei meinem Spinnrocken und meinen paar Gedanken – und der Giannicco war auch noch nicht von seiner Piratenfahrt hier wieder gelandet – auf einmal fährt ein Wagen vor, denn eine Eisenbahn gab es damals noch nicht, und wer steigt aus? – mein eignes liebes Kind, die Frau Marchesa, aber so blaß und wunderlich, daß ich zu Tode erschrak, und brachte auch die Kleine nicht mit, wie sonst, und auf meine Fragen, was denn vorgefallen sei, konnte ich lange Zeit nicht eine Silbe zur Antwort bekommen. Aber Mutter und Tochter – es ist wider die Natur, lieber Herr, daß die Zwei ein Geheimniß vor einander haben sollten. Was es aber war, – jetzt kann ich es ja auch Ihnen sagen, zumal Sie morgen wieder wegreisen, und dann, so traurig es war: meinem Kinde hat es ja nur um so größere Ehre gemacht. Denn das Gold erprobt man erst im Feuer und den Heiligen auf dem Scheiterhaufen. Sehen Sie, da war ein Maler in das Haus meines Herrn Schwiegersohns gekommen, der ja ein gewaltiger Freund der Kunst war, so ein junger Mann, zwei Monate noch jünger als meine Frau Tochter, 
      Lorenzino Sciarpa hieß er; Sie haben seinen Namen wohl schon gehört, da er seitdem sehr berühmt geworden sein soll. Der hatte einen Speisesaal beim Herrn Marchese mit Göttern und Göttinnen auszumalen, und so kam er täglich ins Haus und sah täglich das schöne junge Weib, mein armes Kind, und sehen und brennen war Eins. Am Tage nach dem er ihr seine erste Erklärung gemacht, da war's, wo sie plötzlich hier draußen an der Villa vorfuhr. Und erst war nichts aus ihr herauszubringen; sie schloß sich wohl drei Stunden lang droben in ihrem Schlafzimmer ein, sie müsse sich was überlegen, sagte sie, und müsse allein sein, und könne keinem Menschen ins Gesicht sehen. Ich hörte sie hin und her gehen, aber weder weinen noch beten. Zuletzt hielt sie selber es nicht mehr aus, sondern sagte mir Alles, daß sie diesen Lorenzino liebte, wie sie bisher gar nicht gewußt habe, daß man einen Menschen lieben könne, und, sagte sie, wenn du ihn kenntest, Mutter, würdest du deine unglückliche Tochter nicht verdammen, sondern bejammern, da die Liebe zu 
      diesem Menschen, wo sie einmal in einem Herzen gekeimt hat, nur mit dem Spaten, der das Grab gräbt, herausgerissen werden kann. Und nun erzählte sie mir von ihm mit Ausdrücken, lieber Herr, daß ich selbst, ein so dürrer alter Zaunstecken wie ich war, wahrhaftig fast selbst Feuer fing und um diesen Lorenzino mein ewiges Seelenheil geopfert hätte, indem ich meinem Kinde sagte: Man spricht von der Sünde, aber nicht vom Sünder, und man spricht vom Rausch, aber nicht vom Durst. Kind, sagte ich, was fragst du mich? Ich habe meine Schuldigkeit gethan, indem ich dich fromm und tugendhaft auferzogen habe. Aber jeder Mensch, sagt' ich, lebt sein eigenes Leben, und am jüngsten Tag werden wir alle nackt und bloß vor unsern Richter treten.
      Werden Sie's glauben, lieber Herr, daß dies stolze Kind that, als ob sie mich gar nicht verstünde? Und jetzt noch schäme ich mich, daß ich mich von meiner eignen Creatur beschämen lassen mußte, und daß diesmal das Ei wirklich klüger war als die Henne.
      Mutter, sagte sie, ich bin gar nicht gekommen, um mir rathen zu lassen. Was ich zu thun habe, was ich meinem Gatten und der Kleinen schuldig bin, das weiß ich schon allein. Aber in der Einsamkeit muß ich mir erst die Kraft holen, das auch zu 
      können, was ich thun will, und darum wollt' ich eine Nacht hier mit mir allein sein. Richte mir ein wenig zu essen her und dann schicke Jemand, um den Pater Francesco zu bitten, daß er mich besucht. Denn es ist spät, und ich kann nicht mehr wie damals, wo ich barfuß über die Klippen sprang, beim Mondschein ins Kloster hinauf, ohne daß ein Gerede entstünde.
      Eine Heilige hätte sich nicht besser benehmen können, das werden Sie mir zugeben, lieber Herr.
      Und richtig, wie sie am anderen Morgen wieder fortfuhr, hatte sie ein ganz klares, stilles Gesicht, und das behielt sie auch all die Jahre, seitdem sie ihren letzten Kampf gekämpft hatte, obwohl auf die Länge selbst ein Strohhalm drückt, geschweige eine so große Last, wie eine heimliche Passion zu einem schönen und braven Menschen. Denn das war er, leider, ich selbst mußte es sagen, obwohl ich ihn haßte, weil er mein armes Kind so viel leiden machte. Er wußte aber selbst nichts davon, denn sie hatte ihm scheinbar ganz kaltblütig jede Hoffnung benommen und nur um seinetwillen darauf bestanden, daß er seinen Verkehr im Hause abbrechen, ja am liebsten die Stadt Genua überhaupt meiden sollte. Die ersten Jahre konnt' er's nicht lassen, wenigstens einmal im Jahr sich wieder einzufinden, als ob er fragen wollte: ist es denn möglich, daß Ihr mich könnt sterben lassen? Als er aber immer die gleiche Miene und die nämliche Antwort erhielt, sogar hier draußen, wo er meine Frau Tochter einmal allein überraschte, nur mit dem Kinde, das sich von den Folgen der Masern erholen sollte, sogar hier erreichte er nicht das Mindeste, so daß sein Leidensgefährte, der Giannicco, der damals schon hier gärtnerte, ihn mit der hellsten Schadenfreude wieder abziehen sah. Mich dauerte er mehr, als ich sagen konnte und durfte. So ein schöner, braver junger Mann, sanft wie ein Lamm und feurig wie ein Löwe! Und ein Maler dazu, gegen den der Herr Marchese nur ein Schulknabe war.
      Kind, sagte ich zu meiner Frau Tochter, hast du ihm denn wenigstens ein bischen Trost gegeben, daß es nicht an deinem guten Willen liegt, wenn du ihn nicht glücklich machen kannst, sondern an der Tugend und Bravheit und Dankbarkeit gegen deinen Herrn Gemahl, und hast ihm gesagt, daß es dich hart genug ankommt, ihn wegzuschicken, und daß du dich heimlich so nach ihm verzehrst, wie er nach dir?
      O Mutter, sagte sie darauf, wenn ich ihm solche Dinge sagte, brächte ich ihn nimmermehr von meiner Seite, und wer weiß, ob die Heiligen mir dann beistehen möchten; denn wenn ich täglich seine traurigen Augen sehen müßte, sagte sie, schmölze mein bischen Bravheit und Standhaftigkeit hin, wie eine Kerze am Feuer; und wie sollte ich meinem guten Mann ins Gesicht sehen, der mich so liebt und ehrt und mir vertraut wie einer übermenschlichen Creatur, wenn ich einem andern Mann gesagt hatte: gedulde dich, bis der arme Kranke nicht mehr in seinem Rollstuhl sitzt, sondern von all seinen Leiden ausruht –? Nein, Mutter, sagte sie, rede mir nicht zu, denn Gott allein weiß, wie mein Herz schreit, daß ich mir beide Ohren zuhalten muß, um nicht den Kopf zu verlieren und zu thun, was mich reuen würde in alle Ewigkeit.
      Armes Weib! Und doch hätten Sie sehen müssen, lieber Herr, wie sie immer noch lächeln konnte und Allen, die sie zu besuchen kamen, ein heiteres Gesicht zeigen, und zumal, wenn sie das Kind, die Cesira, ansah, die schön wie ein Engel war und von der Mutter, der sie recht eigentlich aus dem Gesicht geschnitten war, alle Gaben und Tugenden hatte, die Sanftmuth und das gute Herz, und daß sie freundlich war mit dem Geringsten. Aber Viele sagten doch, daß ihre Mamma, obwohl sie nun schon in die Dreißig ging, immer noch die Schönere sei von Beiden, und man hielte sie viel eher für Schwestern, als für Mutter und Tochter. Das Kind war nun ihr ganzes Glück und einziger Trost, und auch den mußte sie zuletzt entbehren. Denn wie die Cesira vierzehn Jahr alt geworden war, beschloß der Herr Marchese, sie in dieselbe Pension nach Genf zu schicken, wo meine Lisa so viel schöne Dinge gelernt hatte, und meine Frau Tochter, die den Willen ihres Herrn Gemahls immer ehrte und gerecht fand, brachte das Kind selbst nach der Schule und nahm mit tausend Thränen Abschied von ihr.
      Sie hat mir dann erzählt, was ihr auf der Rückreise begegnet ist, daß der arme Lorenzino in einem Ort, wo sie übernachten mußte, – Gott weiß, wie er Alles ausgekundschaftet hatte, – ihr plötzlich in den Weg getreten sei, und er habe sich vor ihre Füße hingeworfen und sehr wenig gesprochen, aber eine ganze lange Geschichte von Desperation und durchwachten Nächten habe auf seinem schönen Gesicht gestanden. Er hatte seitdem die meiste Zeit in Paris gelebt und hätte die schönsten und reichsten Mädchen freien können, aber in seinem Herzen war immer nur die Eine Liebe, wie es in dem Vers heißt:
      Wo einmal ward ein Feuer angezündet,
       Bleibt stets ein Funke noch zurück im Finstern,
      und er wollte lieber als ein Junggesell leben und sterben, als seiner alten Flamme untreu werden.
      Damals hat es der armen Frau mehr gekostet, als ein Mensch sich vorstellen kann, ihn hoffnungslos fortzuschicken, und sie zeigte mir hernach eine Strähne von ihrem langen schwarzen Haar, die hatte sie Nachts, da sie im Bette wach lag, zwischen die Zähne genommen und fest darauf gebissen, um nicht laut aufzuschreien. Und am andern Morgen war diese Strähne grau, und es sieht wunderlich aus, noch heute sie damit herumgehen zu sehen, denn sie hat sie nicht abschneiden wollen, um sich immer daran zu erinnern, was sie schon durchgemacht und wie tapfer sie sich dabei gehalten hat.
      *
      Giannicco trat herein. Er stand plötzlich auf der Schwelle, ohne daß ich ihn die Treppe hatte heraufkommen hören, warf einen schiefen, feindseligen Blick auf mich und sagte ein paar Worte im genuesischen Dialekt, die ich nicht verstand.
      Es ist gut, Giannicco, erwiderte die Alte, die sich nicht einen Augenblick in ihrer Ruhe stören ließ. Ihr könnt schlafen gehn. Ich werde den Herrn selbst hinausbegleiten und das Gitter zuschließen. Gute Nacht, Giannicco!
      Der Einarmige brummte Etwas vor sich hin und zog sich geräuschlos zurück, wie er gekommen war. Wir schwiegen aber, bis wir ihn unten auf dem Kiesweg hatten hinschleichen hören, mit den schweren, gleichmäßigen Schritten eines Menschen, der große Lasten zu tragen gewöhnt ist.
      Mit Dem werden wir noch unsere liebe Noth haben, sagte die Alte. Wenn meine Frau Tochter wiederkommt, jetzt, da sie Wittwe ist, – ich glaube wahrhaftig, der verrückte Mensch bildet sich ein, nun sei das Feld für ihn frei, der armselige Krüppel, und wenn er nun erleben muß, daß der Herr Lorenzino hier als Herr befiehlt, – nun, dafür wird meine Frau Tochter schon sorgen, so oder so. Aber es ist curios, wie viel Narren frei herumlaufen, und das Sprichwort hat wohl Recht: wenn Narrheit weh thäte, würde man in jedem Hause stöhnen hören. Aber obwohl man sich seines Nebenmenschen erbarmen soll, ich kann doch nichts Anderes thun, als den ganzen Tag Gott loben und preisen, daß er meinem Kinde endlich die Erlösung geschickt hat und den Lohn für ihre Tugend schon hier auf Erden, und alle anderen Menschen kümmern mich nicht mehr als eine Mücke einen Elephanten. Mein Herr Schwiegersohn – Gott hab' ihn selig! – hat einen schönen, leichten Tod gehabt, er ist von seiner Siesta nicht mehr aufgewacht, ohne auch nur einen Schrei zu thun, und dann das schöne, ehrenvolle Begräbniß, wo der ganze Adel von Genua ihm die letzte Ehre erwiesen hat, und Alle haben seiner Wittwe condolirt mit großem Respect, und es sei die ganze Stadt des Lobes voll, wie schön sie sich benommen, obwohl sie nur die Tochter einer so einfachen Frau ist und nicht in einem Palast geboren und auferzogen. Nun hat sie erlebt, wie das alte Wort sagt: wer ausharrt, der siegt, und wenn sie jetzt nach ihrer Trauerzeit ihren Lorenzino heirathet, – lieber Gott, man ist ja noch nicht zu alt mit fünfunddreißig Jahren, um noch glücklich zu sein, besonders wenn man ein Gesicht hat, wie meine Lisa, und ein unschuldiges Herz, wie sie, das sich im ganzen Leben Nichts vorzuwerfen brauchte. Denn Reue und Schande, lieber Herr, die graben viel tiefere Runzeln als die Jahre, und ein gutes Gewissen ist das beste Schönheitsmittel. Ja, ja, nun soll es hier bald anders aussehen, und die alte Mutter kriecht dann ganz vergnügt in ihren Winkel zu ihrer alten Freundin Miranda, und wir beide stecken den Kopf nur aus unserer Schale, um uns zu freuen, wie die Jugend sich gute Tage macht und ihr Leben genießt. Herr, dein Wille geschehe! Amen.
      Ich war aufgestanden und noch einmal vor das Bild getreten, das die Heldin dieser schlichten und doch seltsam ergreifenden Geschichte in ihrer ahnungslosen Kinderschönheit darstellte. Es schien mir jetzt, als deuteten diese zarten Linien schon alle Kraft und Sicherheit an, die das reife Weib bewähren sollte, nur ein rührender Hauch von Scheu vor dem unbekannten Leben schien um die frischen Lippen zu spielen.
      Ihr seid wahrlich glücklich zu preisen um solche Tochter, gute Frau, sagt' ich, da ich endlich mich zum Gehen anschickte. Und nun wächst Euch noch eine neue Lebensfreude heran in Eurer Enkelin, die ja der Mutter Ebenbild sein soll. Wie gern wartete ich, bis ich die Bekanntschaft der Frau Marchesa und des jungen Fräuleins machen könnte. Aber ich habe einem Freunde versprochen, morgen in La Spezzia mit ihm zusammenzutreffen, und weiß kaum, ob ich bei meiner Rückkehr über drei oder vier Tage abermals in Sestri anhalten kann.
      Dann würden Sie auch die Cesira vielleicht noch nicht hier vorfinden, lieber Herr, sagte die Alte; sie hat nicht einmal zum Begräbniß ihres Herrn Vaters nach Genua kommen können, sie war mit der ganzen Pension abwesend auf einem Ausflug in die hohen Berge, – die Schweiz heißt man sie –, und in Genf wußte man nicht einmal genau, wohin die Depesche nachgeschickt werden sollte. Nun, sie erfährt Alles noch früh genug. Meine Frau Tochter aber wird, denk' ich, froh sein, aus dem traurigen Haus, wo sie so viel Kummer erlebt und jetzt dem todten alten Mann hat die Augen zudrücken müssen, sich zu ihrer treuen Mamma zu flüchten und hier ein wenig zu sich selbst zu kommen. Wenn Sie daher wieder vorbeikommen sollten, lieber Herr, – meine Lisa hat noch allen Fremden den Eintritt in den Garten erlaubt, und wenn es höfliche und gebildete Herrschaften waren, blieb ihnen auch das Haus nicht verschlossen. Da, nehmen Sie einstweilen zum Andenken diesen Strauß mit nach La Spezzia. Es ist doch zu spät geworden, um den andern im Garten noch fertig zu machen.
      Sie drang mir den schönen vollen Rosen- und Granatblütenstrauß so treuherzig auf, daß ich ihn wohl annehmen mußte. Ich habe Sie lange aufgehalten, sagte sie, da ich ihr am Gitter draußen noch einmal die Hand drückte; aber wenn ich von meinem Kinde zu reden anfange, finde ich kein Ende. Gute Nacht, lieber Herr, und ich danke Ihnen, daß sie so viel Geduld gehabt haben mit einem schwatzhaften alten Weibe. Sehen Sie nur einmal mit Augen Die, von der wir gesprochen haben, so werden Sie begreifen, daß einem jedes Wort noch viel zu gering scheint, sie zu loben, und daß man nicht eine eitle Mutter zu sein braucht, um sie für die vollkommenste Creatur unter Gottes Sonne zu halten.
      *
      Diese Nacht stand ich noch lange am Fenster meines Eckzimmers im Albergo d'Europa und sah nach dem Pinienvorgebirge hinüber und auf das Meer, das wie ein ungeheurer silberner Schild mit breitem dunklem Stahlrande den Mondhimmel spiegelte. Ich fragte mich, warum die einfache Geschichte mich so feierlich gestimmt hatte. Ein reines und starkes Herz, das allen Lockungen der Leidenschaft widersteht, um seiner Pflicht treu zu bleiben, und nun endlich – spät, aber nicht zu spät – den Lohn seiner Treue erntet, war das ein so seltenes Menschenschicksal, daß man ihm wie einem Märchen nachsinnen mußte? Freilich, je mehr ein Garten dem Paradiese gleicht, desto menschlicher scheint ein Sündenfall. Die Orangen im Hof drunten dufteten so schwül herauf, ich mußte daran denken, wie der Mond so manchmal draußen im Gärtchen der Frau Marchesa die Herrin des Hauses mit ihrem Freunde durch die Myrten- und Lorbeerhecken hatte wandeln sehen, und dennoch hatte sie ihn verabschiedet mit einem gelassenen Gute Nacht! und ihn gebeten, morgen nicht wieder zu kommen. Und das im Lande des Cicisbeats und der nachsichtigen Mütter und der nachsichtigsten von allen, der Mutter Kirche. Und doch war es nicht das, was meine Gedanken immer wieder zu der Geschichte dieser vollkommensten Creatur unter der Sonne zurücklenkte. Ich sah beständig die sanften, lieblichen Umrisse des jungen Gesichts vor mir, und es war als nähmen sie einen immer gespannteren, schmerzlicheren Ausdruck an, als ob sie sagen wollten: Alles ist eingetroffen, was uns damals ahnte von Schwerem und Traurigem, und wir haben das Lachen so lange nicht geübt, werden wir's überhaupt noch wieder lernen können? Und dann fragte ich mich, ob ein Mensch, der seine Jugend nicht genossen hat, überhaupt noch entschädigt werden kann durch ein verspätetes Glück, – eine thörichte Frage, da es Menschen giebt, die erst spät jung werden, wie solche, die es niemals sind, und andere, die es zu sein nie aufhören.
      Zuletzt thaten mir die Augen weh von dem blendenden Glanz des Silberschildes, und ich vergrub alles Grübeln in das heiße Kissen meines Bettes.
      Am andern Morgen fuhr ich, wie ich beabsichtigt hatte, nach La Spezzia. Aber meinen Koffer hatte ich der Obhut Agostino's anvertraut, da ich entschlossen war, auf dem Rückwege nach Genua jedenfalls hier wieder eine Nacht zu rasten. Die Einladung der Alten, die Villa noch einmal zu besuchen, wenn erst ihre Frau Tochter darin eingetroffen sei, hatte, ohne daß ich es mir eingestand, den Hauptantheil an diesem Vorsatze, den ich freilich damit vor mir selbst bemäntelte, daß ich noch Briefe nach Sestri bestellt hatte; die bisher nicht eingetroffen waren.
      Was ich in den Tagen, die ich an der schönen Bucht von La Spezzia und Portovenere mit meinem Freunde verbrachte; an denkwürdigen Dingen etwa erlebt habe, gehört nicht hieher. Auch sollte das Alles bald genug in den Hintergrund der Erinnerung gedrängt werden, als ich am Abend des dritten Tages mit dem Bahnzuge wieder vor dem niedrigen Stationsgebäude von Sestri ankam und beim Aussteigen mit dem ersten Blicke die stolzen Linien des Vorgebirgs und des Meerhorizontes begrüßte.
      Ich wandte mich aber nicht sogleich nach dem einsamen Gasthof am Strande, sondern schlug den Weg durch die Hauptstraße des Städtchens ein, da der kleine Apothekerladen, der zugleich als Postbureau diente, schon vor Nacht geschlossen zu werden pflegte. Wie ich so an den wohlbekannten Häusern vorüberging, fiel mir auf, daß heut fast nirgends, wie sonst üblich war, die Leute vor den Thüren saßen. Auch die Handwerker schienen vorzeitig Feierabend gemacht zu haben, und doch standen die Tische und Geräthe, die sie zu ihrem Gewerbe brauchten, noch auf der Gasse, und halbfertige Arbeit lag überall herum.
      Ist denn ein Feiertag? fragte ich ein junges Mädchen, das eines Gebrechens wegen immer auf demselben Bänkchen vor der Hausthür saß und auch heute mit den großen grauen Augen in dem blassen Gesicht mir zunickte.
      Nein, Herr. Es ist nur wegen der Beisetzung der Frau Marchesa, da sind sie alle in die Kirche nachgegangen; sie müssen aber gleich wiederkommen, es ist schon eine Stunde her.
      Der Marchesa? Welcher Marchesa? War der Marchese Piuma verheirathet und hat seine Frau verloren?
      Seltsam, daß ich nur an den Besitzer der Pinienvilla dachte. Aber so ahnungslos überraschte mich die Nachricht, daß ich plötzlich wie von einem Blitze getroffen mich an die Hauswand lehnen mußte, als die Kranke mit ihrer umschleierten, tiefen Stimme erwiderte:
      Nein, Herr; die Marchesa Piuma ist es nicht. Es ist ein Stadtkind aus Sestri, das nach Genua an einen Signore verheirathet war, und ihre Villa steht draußen an der Landstraße.
      Und nun nannte sie zum Ueberfluß den Namen, der mir in den letzten Tagen nur zu oft wieder in den Sinn gekommen war.
      Todt! stammelte ich endlich, indem ich mich zu fassen suchte. Aber das ist ja unmöglich! Sie war ja in voller Gesundheit noch am letzten Samstag. Ihr werdet das verwechseln, liebes Kind. Ihr Mann ist gestorben, der Herr Marchese. Der wird angeordnet haben, daß für ihn eine Todtenfeier hier in Sestri gehalten werden solle. Ich hörte ja, daß er auch dort in der Kirche sich hat trauen lassen.
      Das Mädchen schüttelte ruhig den Kopf und bewegte den Zeigefinger der rechten Hand hin und her, um ihrem Nein Nachdruck zu geben.
      Es ist 
      doch die Frau Marchesa, Herr. Und Alle sind so davon bestürzt worden, wie Sie; denn freilich kam sie vorgestern noch ganz wohlauf hier an, und wir freuten uns, daß wir sie wiedersehen sollten, denn es ist nicht zu sagen, Herr, wie alle Leute in der Stadt sie verehrt und beinah angebetet haben, und die armen nicht am wenigsten. Auch ich armes Ding – jedesmal, wenn sie hier vorbeikam, blieb sie bei mir stehen und fragte, ob es noch nicht besser werden wolle mit dem Husten bei Nacht und den Schmerzen bei Tage, und wenn sie in der Villa war, schickte sie mir oft aus ihrer Küche etwas Ausgesuchtes, oder auch ein Körbchen mit candirten Früchten und ein andermal ein Band ins Haar oder ein paar warme Schuhe für den Winter. Nun freute ich mich darauf, sie bald wiederzusehen. Und es war mir schon seltsam, daß sie gestern, als sie wirklich am Morgen hier vorüberging, mich gar nicht ansah, als ob sie auf einmal stolz geworden wäre, was ihr doch gar nicht ähnlich sah, und meine Mutter meinte, es sei nur die Trauer um ihren Gemahl. Und freilich trug sie einen dichten, schwarzen Schleier und sah weder rechts noch links, sondern immer auf den Weg, und wenn Jemand sie grüßte, dankte sie so mit der Hand, die sie ein wenig bewegte, aber ohne aufzuschauen, und immer geradeaus, ganz schnell, als ob sie etwas Eiliges abzumachen hätte. Sie stieg aber nur ins Kloster hinauf, – so heiß es war am Vormittage, und sie war doch schon ein wenig stark, obwohl es ihrer Schönheit nichts schadete, – und mit demselben raschen Schritt und immer unterm Schleier kam sie hier wieder vorbei und ging dann in ihre Villa hinaus, und kein Mensch bekam sie mehr zu sehen. Nun denken Sie, Herr, wie wir heute früh erschraken, als plötzlich die Nachricht durch die ganze Stadt lief: die Frau Marchesa sei todt in ihrem Bette gefunden worden, eine Kugel aus der alten Pistole des Gärtners Giannicco sei ihr gerade durchs Herz gegangen, kaum ein Blutstropfen habe das Leintuch gefärbt, und ganz ruhig wie eine Statue sei sie in ihrem Bette gelegen, das Gesicht wie schlafend. Der Mörder aber, der Einarmige, muß gleich in der Nacht auf einer Barke entflohen sein und sich auf irgend einem Schiff, das gerade vorbeikam, in Sicherheit gebracht haben. Denn weit und breit fand man keine Spur von ihm. Daß 
      er es aber gethan und kein Anderer, konnte man außer der Pistole auch daran sehen, daß ein kleines Bild von der Marchesa, für die er ja immer einen 
      trasporto gehabt hat, mit verschwunden ist. Und Einige sagen, er habe den Verstand verloren, weil er der Frau Marchesa Liebesanträge gemacht oder sie habe heirathen wollen, jetzt, da sie Wittwe geworden, und wie sie ihn abgewiesen, sei er in die Wuth gerathen. Andere meinen, er habe es auf ihren Schmuck abgesehen gehabt, und damit sie ihn nicht beim Rauben attrapiren sollte, habe er sie erst getödtet. Das aber glauben die Wenigsten, obwol er ein Seeräuber war, und es wird sich ja auch zeigen, sagt meine Mutter, wenn das Gericht den Nachlaß versiegelt. Und vielleicht kommt die Wahrheit nie an den Tag. Denn Niemand ist dabei gewesen, und so still, wie sie in ihrem Bette lag, scheint sie auch, ganz ohne sich zu rühren, ja, ohne Etwas zu merken, aus der Welt gegangen zu sein, und den Knall der Pistole hat Niemand gehört in der Nachbarschaft, nicht einmal die alte Mutter.
      Herrgott! die Mutter! – unterbrach ich sie. Das wird ihr Tod gewesen sein. Hoffentlich hat sie den Morgen, wo sie ihre Frau Tochter so finden sollte, nicht überlebt!
      Das blasse Mädchen schüttelte den Zeigefinger.
      Sie hat nur einen einzigen Schrei gethan, dann aber kein Wort mehr gesprochen. Die Leute glauben, daß es in ihrem alten Kopfe nicht mehr ganz richtig sei. Denn sie hat Alles geschehen lassen, als wäre sie gar nicht mehr auf der Welt, daß man der Frau Marchesa ein Todtenkleid angezogen und sie in den Sarg gelegt und vor einer Stunde in der Kirche beigesetzt hat, und auf alle Fragen, die man an sie gerichtet, ob es ihr so oder anders recht sei, hat sie nur immer mit dem Kopf genickt. O, es ist ein so schauderhaftes Unglück, wie kein Mensch in Sestri je erlebt hat, und wer daran Schuld ist, der wird am jüngsten Tage durch keinen Ablaß, den er sich vielleicht mit dem geraubten Gut erkauft, aus den ewigen Flammen loskommen; denn Sestri hat nie eine bessere und liebere Frau gesehen, und man wird von ihr reden, so lange die Pinien oben auf den Felsen stehen und ein Fischer sein Netz am Strande auswirft.
      Das Mädchen hatte sich so durch seine eigenen Worte aufgeregt, daß es jetzt in einen Strom von Thränen ausbrach, bis ein erstickender Hustenanfall ihrem Weinen ein Ende machte. Ich stand noch wie betäubt auf derselben Stelle, als ich auf der Straße von der Kirche her einen großen Menschenschwarm sich nähern sah, lauter heftig sprechende, bekümmerte, verstörte Gesichter, darunter meinen Wirth von der Europa mit seinem hohen, schwarzen Cylinder, wieder neben einem geistlichen Herrn, und Agostino mit einem breiten Strohhut, übrigens in Hemdärmeln und der Küferschürze, wie ihn die Kunde von dem Leichenconduct wahrscheinlich im Keller überrascht hatte.
      Ich weiß nicht, warum es mir unmöglich vorkam, mit diesen guten Bekannten, die doch vielleicht Näheres wußten, ein Wort über das entsetzliche Ereigniß zu wechseln. Unwillkürlich bog ich in eine Seitengasse ein und suchte mir einen Weg im Rücken der Stadt, erst nach der Bucht, in die das Kloster hinabsieht, dann durch allerlei Winkelgäßchen nach der Kirche zurück, die eben die Bevölkerung der ganzen Stadt in sich aufgenommen und jetzt nur noch die entseelte Hülle der edlen Frau zu bewahren hatte.
      Diese Stadtkirche von Sestri ist ein ziemlich schmuckloser Bau mit zwei niederen Thürmchen neben dem Porticus und einem gewölbten Dach, Alles blendend weiß angestrichen, und doch, am Fuße des Vorgebirges errichtet, nicht eben zur Unzierde für den übrigen, so unscheinbaren Häuserhaufen, den die Landzunge trägt. Als ich die wenigen Stufen hinaufgeschritten war und mich dem Eingang zur Rechten näherte, wo nur ein paar Bettler noch an ihren Krücken kauerten, war der Sacristan eben im Begriff, die Thüren zu schließen. Zum Glück hatte ich ihn bei einem früheren Besuch in der Kirche durch ein freigebiges Trinkgeld mir zum Freunde gemacht. Er warf zwar, als er meinen Wunsch begriffen hatte, einen bedenklichen Blick auf den Platz hinaus, wo noch einzelne Gruppen Andächtiger zurückgeblieben waren. Als ich ihm aber wieder ein großes Silberstück in die Hand schob, nickte er mir einverständlich zu und ließ mich eintreten, nicht ohne die Thüre hinter uns mit einem sicheren Riegel zu verwahren.
      So waren wir ganz allein in dem kühlen, dämmerigen Raum, wo das Auge zuerst, vom Licht draußen noch verblendet, nur undeutliche Massen unterschied. In der Mitte aber, um den schwarzen, schmucklosen Katafalk brannten auf hohen Messingleuchtern zwölf dicke, hohe Kerzen.
      Ich hatte dem Sacristan einen Wink gegeben, daß er sich ein wenig beiseit halten möchte. Er mochte glauben, ich sei ein Verwandter der Todten, der in der Stille für sie beten wolle. Also setzte er sich im Winkel auf einen Strohsessel, und ich konnte die schaurig feierliche Stimmung, in der ich der Todten gegenübertrat, ungestört in mir walten lassen.
      Sie lag im Sarge nicht so starr auf dem Rücken, wie man Todte sonst zu betten pflegt, sondern ein wenig auf die linke Seite geneigt, in einem schwarzen Seidenkleide, ich weiß nicht, ob ganz nach der Landessitte, oder weil man sie in ihrer frischen Wittwentrauer beigesetzt hatte. Die bleichen, kleinen Hände waren um ein Crucifix mit einem silbernen Christus gefaltet, das Haupt und Gesicht mit einem schwarzen Schleier zugedeckt.
      Ich widerstand der Versuchung nicht, den Schleier zurückzustreifen. Da sah ich das schönste Todtenantlitz, das ich je erblickt habe, und mußte an das Wort der alten Mutter denken: ihre Jugend sei stehen geblieben. Zug für Zug glich dies wie aus reinem Wachs gebildete Gesicht der Zeichnung, die mir noch so deutlich in der Erinnerung stand, nur die Wangen waren etwas voller geworden, und zwischen dem tiefschwarzen Haar, das nur leicht um die ganz faltenlose, schmale Stirn geordnet war, erkannte ich jenen grauen Streif, von dem ich wußte, wie er entstanden. Und ganz wie auf dem Mädchenbilde ging ein Zug von Scheu und Entsagung um die Lippen, die ein wenig geöffnet waren, daß die oberen Zähne vorschimmerten, und eine traurige Spannung war von den starken, schwarzen Brauen auch im Tode nicht gewichen. Nun sah ich auch, daß dieser jugendliche Kopf auf einem stattlichen, schon etwas zur Fülle geneigten Leibe geruht hatte. Keine Spur von einem letzten Ringen mit dem Tode, der die Seele in tiefster Bewußtlosigkeit des Schlafes überfallen zu haben schien.
      Ich hatte mich auf die oberste Stufe der Todtenbühne gesetzt, auf welcher der niedrige Sarg, noch ohne Blumenschmuck, so wie er aus der Villa hergetragen war, unter den zwölf Kerzen stand. Alles Grauen war verschwunden. Ich hätte ein Bildwerk, das diese Gestalt in schwarzem und weißem Marmor verewigt hätte, nicht mit ruhigerem Staunen betrachten können.
      Endlich hörte ich ein Klirren in meiner Nähe und schreckte auf wie aus einem langen, wundersamen Traum. Der Sacristan war herangetreten, und ich sah an feinem Gesicht, daß er mich gern zum Aufbruch gemahnt hätte, aber in der Meinung, ich hätte ein besonderes Recht darauf, hier zu verweilen, wagte er es nicht.
      Ich stand auf.
      Es ist wohl schon spät, guter Freund?
      Eccellenza ist schon eine Stunde hier.
      Ich sah nun, daß die übrige Kirche in tiefstem Dunkel lag. Noch einmal wandte ich mich nach der Todten um, zog den Schleier sacht wieder über die regungslosen Züge und stieg langsam die Stufen des Katafalks hinab.
      Der Sacristan begleitete mich bis an die Thüre, und da ich ihm abermals ein Geldstück in die Hand drückte, entließ er mich mit den ehrerbietigsten Verbeugungen.
      Uebermorgen ist die Bestattung, sagte er; man erwartet noch die junge Marchesina. Wenn Eccellenza morgen wiederkommen wollen, Sie haben jederzeit zu befehlen.
      Ich nickte stumm mit dem Kopf und trat in die laue Nacht hinaus.
      *
      Ich war noch so bewegt von Allem, was in dieser stillen Stunde mir durch den Sinn gegangen war, daß ich mich unfähig fühlte, zu Menschen zu gehen, die von dem erschütternden Ereigniß wie von jedem anderen Unglücksfall zu schwatzen geneigt waren. Langsam ging ich die Straße zurück, an den wohlbekannten Häusern vorbei, vor denen jetzt, wie jeden Abend, die Weiber mit ihren Kindern saßen, während die Männer theils vor dem Café, theils auf den Steinen der kleinen Werft, die weit in den Platz an der Kirche hineinragt, beisammenhockten, rauchend und mit einander discurrirend. Es kam mir vor, als gehe Alles stiller und zahmer zu, als sonst, gleichsam wie wenn die Stadt noch unter dem Eindruck des furchtbaren Erlebnisses den Athem anhielte.
      So kam ich, ohne einem Bekannten zu begegnen, am anderen Ende der Straße wieder hinaus und fand mich auf der Landstraße, die zu der Villa der Todten führt. Der Himmel war mit leichtem Dunst übersponnen, durch den nur schwache Sternfunken hie und da aufblitzten, und man hörte fern das bewegte Meer branden, in großen, schweren Wellenschlägen, wie vor einem Ungewitter. Aber die feuchtere Luft, die mir um die Stirne strich, that unsäglich wohl, und ich hätte, wenn ich landkundiger gewesen wäre, am liebsten meine Wanderung die halbe Nacht hindurch fortgesetzt, nur um mir die Rückkehr zu bekannten Menschen, in das dumpfe Hotel am Strande zu ersparen.
      Nicht von fern dachte ich daran, den Garten oder gar das Haus wieder zu betreten, das in der vorigen Nacht der Schauplatz jener geheimnißvollen Tragödie gewesen war. Als ich aber unvermuthet, auf der anderen Seite der Straße hinwandernd, das Gitterthor drüben erblickte und dahinter das Haus und die beiden Cypressen, die heute wie zwei Grabhüter neben dem Eingang standen, blieb ich unwillkürlich stehen und konnte die Blicke nicht davon abwenden.
      Das Thor stand weit offen, ja, wie mir schien, war auch die Hausthüre unverschlossen und oben alle Fenster und Jalousieen wie gestern geöffnet, nur daß heute nirgends ein Kerzenschimmer darauf deutete, daß man noch die Rückkehr der Herrin erwarte. Auch der Ziehbrunnen streckte jetzt seinen langen Arm, der damals kreischend auf und ab gegangen war, regungslos in den grauen Nachthimmel hinein. Doch an dem Fenster oben, wo ich gesessen, als mir die Mutter die lange Geschichte erzählt hatte, klapperte und rasselte eine Jalousie, die nicht mehr gehörig befestigt war, in der Zugluft, und durch die Bäume ging stoßweise ein Rauschen, als ob der Ausbruch des Sturmes nahe bevorstände.
      Ich konnte nicht widerstehen, ich kreuzte die Straße und trat in den Garten. Richtig, das Haus war offen, ich hätte ungehindert hineingehen und alle Räume durchwandern können. Nirgends die Spur einer lebendigen Seele, nur der schwüle Athem der Rosen und Orangenblüten, der durch die öden Gartenwege schwebte. Ich gestehe, daß mich ein gespenstiges Grauen anwandelte.
      Eben wollte ich den Rückzug antreten, als ich hinter einem Lorbeerbusche dicht neben dem einen Thorpfeiler eine dunkle Gestalt sitzen sah, wie es schien, auf der platten Erde, die Hände in den Schoß gelegt, das Haupt mit einem schwarzen Tuch umwickelt. Ob sie mich bemerkt hatte, ob sie schlief oder wachte, konnte ich nicht unterscheiden. Ich wußte aber im ersten Augenblick, wer da saß, und brachte es nicht übers Herz, stumm, wie ich gekommen war, an der Aermsten wieder vorbeizugehen.
      Gute Frau, sagte ich, Ihr habt Euch da kein bequemes Quartier für die Nacht ausgesucht. Ein Gewitter wird kommen, und dann werdet Ihr im Schlaf vom Platzregen überfallen. Wollt Ihr nicht lieber –
      Ins Hans gehen – wollte ich sagen, aber zur rechten Zeit fiel mir noch ein, daß man der Mutter nicht zumuthen konnte, in jenem unheimlichen Hause zu schlafen, wo solch ein Gräuel geschehen war.
      Ich verstummte daher und stand eine Weile verlegen vor ihr, die bei meiner Anrede ihre Haltung nicht verändert hatte, so daß ich noch immer nicht wußte, ob sie mich sah und hörte, oder mit offenen Augen nichts mehr um sich her vernahm.
      Schon überlegte ich, ob ich nicht in einem der Nachbarhäuser die Leute wecken und sie bitten sollte, sich der verlassenen alten Frau anzunehmen, als plötzlich aus der dunklen Ecke hinter dem Strauch die wohlbekannte Stimme, nur etwas heiserer und eintöniger, mich anredete:
      Ich weiß sehr gut, wer Sie sind und was Sie hier suchen, lieber Herr. Aber ich bedaure, daß Sie sich vergebens hier herausbemüht haben. Um mich machen Sie sich nur keine Sorge. Denn sehen Sie, die Jungen 
      können sterben und die Alten 
      müssen sterben, und der Herrgott wird wissen, warum. Es ist mir nur um meine Miranda. Wenn ich die Augen geschlossen habe, wer weiß, in welche Hände sie kommt. Nu, sie ist ein kluges Thierchen, sie wird sich wohl gut verstecken. Ja, ja, lieber Herr, so lange einer noch Zähne im Munde hat, weiß er nicht, was für Nüsse er zu knacken kriegt. Ich habe gedacht, mit mir sei's nun vorbei, da ich, Gottlob, den letzten Zahn mir vorigen Herbst ausgebissen habe an einer Pfirsich. Aber wie Gott will, wie Gott will!
      Ich wunderte mich, die Alte so viel und leidlich vernünftig sprechen zu hören, nach Allem, was mir heute von ihrem Zustande gesagt worden war. Um den Faden fortzuspinnen, fragte ich, ob sie irgend etwas wünsche oder bedürfe, was ich ihr besorgen könne? Es freue mich, daß sie mich wiedererkannt habe, und sie könne zuversichtlich glauben, ich nähme wie ein alter Freund an Allem Antheil, was sie inzwischen erlebt.
      Darauf antwortete sie nicht sogleich. Dann hörte ich sie nach einer Weile tief aufseufzen und mit den Nägeln auf der Schale ihrer Schildkröte klappern, wie wenn ein Fieberfrost ihre Finger convulsivisch schüttelte.
      Ich danke gar schön, lieber Herr, sagte sie endlich. Ich bedarf nichts, als vier Bretter, die decken Alles zu, und mein Trost ist: wenn man nicht mehr 
      kann, schickt Gott den Tod. Ja, ja, ja, Miranda, mein braves Thierchen, es hat nicht Jeder einen so schönen festen Panzer, wie du. Aber einmal werden wir Alle gleich, und dann thut uns kein Finger mehr weh, und dem Lamm ist es gleich, ob es der Wolf frißt, oder es muß zur Schlachtbank. Ninni nanna, mein Liebling! Schlafe du nur, es ist spät, und worauf sollen wir jetzt noch warten? Niemand kommt mehr, Nichts, was uns Freude macht, nichts Schönes, Liebes und –
      Sie stockte. Ich hörte, wie ihr auf einmal die Stimme brach; aber es kam nicht, wie ich gehofft hatte, zum Weinen. Es war, als wäre die alte Brust so ausgedörrt, daß sie eher noch Blut als Thränen hergegeben hätte.
      Und auf einmal fuhr sie mit ihrer früheren Stimme fort:
      Haben Sie auch gehört, lieber Herr, daß die alte Cesira den Verstand verloren hat? Das haben die dummen Menschen gesagt, dicht neben mir, und ich habe mich wohl gehütet, darüber zu lachen. Denn erstens, was nicht ist, kann ja noch werden mit Gottes Hülfe, und dann, wie hätte ich ihnen zeigen können, daß ich meine paar Gedanken noch besser beisammen habe, als sie alle, ohne mein Kind zu verrathen? Nein, nein, es ist gut so. Niemand braucht es zu wissen, als der liebe Gott und die alte Cesira, nicht einmal der Pater Francesco; der am wenigsten. Ist er nicht mit Schuld daran, weil er keinen besseren Rath gewußt hat? Und wenn meine letzte Stunde kommt, Niemand brauch' ich's zu beichten, Niemand. Denn wenn es eine Sünde war, meine war's nicht; wie hätte 
      mir so was einfallen können! Aber eine Mutter zieht sich Alles zu Gemüth, was ihr Kind thut, ganz wie eine eigene Sache. O, wenn Sie wüßten, lieber Herr! Aber ich und Miranda, wir sind stumm wie ein paar alte Schildkröten.
      Ich sah deutlich, daß ihr Geheimniß ihr das Herz abdrückte, und da ich selbst auf die Lösung des Räthsels im höchsten Grade gespannt war, wagte ich unbedenklich den Versuch, ihr das Herz auf die Zunge zu locken.
      Arme Mutter, sagte ich, Ihr wißt nicht, was ich darum gäbe, wenn ich Euch Euer bitteres Schicksal erleichtern könnte. Ihr habt mich hier vor drei Tagen wie einen alten Freund aufgenommen, und morgen gehe ich von hier fort, weit, weit weg, und kann nicht mehr herauskommen, in Eurer Einsamkeit Euch ein gutes Wort zu sagen und ein menschliches Herz zu zeigen. Aber die Erinnerung an Eure Tochter wird mir immer nachgehen, zumal seit ich sie in der Kirche gesehen habe, wie sie daliegt in all ihrer Schönheit, und stolz wie eine schlummernde Königin. Darum kann ich es auch nicht glauben, daß sie mit einer Sünde aus der Welt gegangen sei, und wenn ich auch nicht weiß, wie das Alles gekommen ist, ich werde nie aufhören, sie für das vollkommenste Wesen unter der Sonne zu halten.
      Die Alte machte plötzlich eine Bewegung, daß das Thierchen in ihrem Schoß ängstlich wurde und mit allen Gliedmaßen zu zappeln anfing. Aber gleich sank sie wieder in ihre kauernde Unbeweglichkeit zurück.
      Ihr reist morgen fort, lieber Herr? Nun, wenn Ihr einmal wieder kommt, dann findet Ihr uns Beide nicht mehr hier im Garten, und nur fremde Gesichter; denn die Tochter wird doch nicht glücklich sein können, wo ihre Mutter ihren letzten Hauch gethan hat, wenn sie auch nicht weiß, daß sie selber Schuld daran ist. Und das soll sie auch nie erfahren, und darum ist die alte Cesira stumm gegen Alle, die es verrathen könnten. O lieber Herr, reist Ihr denn in ganz fremde Länder, wo man andere Sprachen spricht? Nun, dann schadete es ja Nichts, wenn Ihr es wüßtet. Einer Menschenseele möcht' ich es doch aufzuheben geben. Es ist mir sonst, als wüßt' ich irgendwo einen Schatz vergraben und müßte noch einmal aus meinem Grab aufstehen, um die Stelle wieder zu suchen. Wenn sie es aber hier in der Stadt zu wissen bekamen, am Ende dachten sie, es sei eine große Sünde gewesen, und statt meine Frau Tochter ehrenvoll zu Grabe zu bringen, verweigerten ihr die Priester den Segen und das Weihwasser über ihre Gruft. Oder sie wüßten auch wohl nicht, ob sie es überhaupt glauben sollten, und meinten, die alte, verrückte Mutter habe sich's nur so zusammengeträumt.
      Und doch ist Alles wahr, wie das Wort Gottes. Wo hab' ich denn den Brief, in welchem er selbst es ihr geschrieben hat, der Lorenzino? Richtig, den haben wir ja nicht aufgehoben, den hat sie selbst noch verbrannt, nachdem sie ihn mir gezeigt hatte, wobei sie sagte: Mutter, nun ist Alles aus, und das ist der Lohn für meine lange Lieb' und Treue, und daß ich lieber eine brave Frau habe sein wollen, als eine glückliche. Und das Alles sagte sie ohne eine Thräne zu weinen, mit demselben stillen Gesicht, wie sie vorgestern Abend plötzlich bei mir eintrat und Guten Abend! sagte. Ich merkte aber auf den ersten Blick, daß was Schauderhaftes geschehen war, und wie ich ihre Hand faßte, war sie so kalt, wie meine Miranda. Kind, sagt' ich, setze dich hier zu deiner alten Mammina und laß dir was zu essen bringen. Du bist so elend und schwach, wie damals als du kamst und zuerst erfahren hattest, daß der Lorenzino dich liebt, sagt' ich. Laß nur, Mutter, sagte sie. Heut ist's schlimmer als damals, heut, sagte sie, werd' ich's wohl nicht wieder überstehen. Und da mußte ich Thür und Fenster zusperren, daß der Giannicco nicht etwa horchen könnte, und nun holte sie den Brief heraus, den hatte sie an demselbigen Morgen erst erhalten, ein paar Tage nach dem Begräbniß ihres Gemahls, und der Lorenzino hatte ihn geschrieben in irgend einer Hütte oben zwischen den Eisbergen, wo er mit der Cesira zusammengetroffen war. Es war ein schöner Brief, lieber Herr, so ehrerbietig und wohlgesetzt, daß man ihn gleich hätte können drucken lassen, aber jedes Wort ein Dolchstich in das blutende Herz meines armen Kindes. Er wußte ja noch nichts vom Tode des Herrn Marchese, die Anzeige war ihm nach Paris zugeschickt worden, als er schon weg war, um eine Reise durch das Gebirge zu machen, da oben in der Schweiz. Und da hatte er die Kleine getroffen, die er seit ein paar Jahren, seit sie in Genf war, nicht wiedergesehen hatte, und nun schrieb er: da sie – nämlich meine Lisa – ihm jede Hoffnung benommen habe, er aber ihr Bild immer noch im Herzen trage und nun ihrem Abbild begegnet sei, habe sich sein Herz ihrer Tochter zugewendet, die ihr so gliche, daß er manchmal glaubte, er sähe sie selbst; und da er das Mädchen befragt, ob sie ihm wohl gut sein könne, habe sie ihm unter Lachen und Weinen gestanden, daß sie ihn schon seit ihrer Kinderzeit im Herzen getragen habe. Er hoffe nun, daß auch sie und ihr Gemahl, obwohl er kein vornehmer Herr, sondern nur ein Künstler sei, ihm ihren Segen nicht versagen würden, und wolle die Antwort in Genf abholen, wohin er seiner jungen Geliebten, die mit ihren Kameradinnen dorthin zurückkehre, auf dem Fuße folgen werde.
      Ob ich starr war, lieber Herr, wie ich mir diesen Unheilsbrief hatte vorlesen lassen, ob ich etwas Anderes zu thun wußte, als meinen alten Kopf zwischen beide Hände nehmen und alle Heiligen anrufen, das fragen Sie mich wohl nicht. Diese ganze Nacht saßen wir beiden armen Seelen beisammen, unten in meinem Stübchen, und oben in den schönen Zimmern brannten die Kerzen und blühten die Blumen, ohne daß ein Mensch daran Freude hatte. Sie sprach nicht Viel, aber ich sah, daß es in ihr zuckte und brannte, wie ein Kohlenhaufen unter der Asche. Und einmal sagte sie: Kann das der Himmel verlangen, daß man sein Liebstes, um das man sich zehn Jahre gehärmt hat, hergiebt, sobald ein Andrer die Hand danach ausstreckt? Und wenn das die eigene Tochter thut, ist's darum anders? Hat sie nicht noch ein langes Leben vor sich und kann noch viel Glück finden? Muß sie ihrer Mutter gerade das Einzige nehmen, was der noch übrig geblieben ist? – Und dann stellte sie sich vor den kleinen Spiegel und nahm einen Leuchter in jede Hand und beschaute sich eine ganze Weile. Meinst du nicht auch, Mutter, sagte sie, daß ich's mit so einem jungen Lärvchen noch aufnehmen könnte, wenn ich nur wollte? Was hat sie ihm zu bieten, als ein ganz unerfahrenes Herz? O und ich, sagte sie, alle die aufgesparten Schätze – ich wollte ihn damit überschütten, ihn reich machen, wie kein König auf der weiten Welt! Meinst du nicht auch, Mutter? Wenn ich nur 
      wollte –! – Kind, sagt' ich, du hast das Vorrecht, du bist die Mutter, du mußt ihn wählen lassen, und wenn er Augen im Kopfe hat, sagt' ich –
      Aber sie ließ mich nicht ausreden. Das verstehst du nicht, Mutter, sagte sie, immer noch vor dem Spiegel. Eben weil ich die Mutter bin von so einem großen Kinde – und da ist auch die graue Strähne, sagte sie, an der ist Er freilich Schuld, aber was kümmert das die Männer, ob wir um sie alt und häßlich werden? O und mit meinem eigenen Fleisch und Blut mich zanken – um einen Mann – pfui! ich könnte mir selbst nie wieder in die Augen sehen!
      Zuletzt rieth ich ihr: frage den guten Pater Francesco! nur um sie zu beruhigen. Denn mir ahnte wohl, daß es zu Nichts helfen würde. Und sie nickte dazu, und so brachte ich sie endlich dahin, da schon die Hähne krähten, daß sie sich auf mein Bett streckte, und ich blieb im Lehnstuhl am Fenster sitzen, aber weder ich noch mein Kind fand nur eine Viertelstunde Schlaf.
      Am Morgen ging sie dann wirklich zum Kloster hinauf, aber wie sie wieder zurückkam, sah ich schon von Weitem an ihrer Geberde, daß es zu Nichts geholfen hatte. Geduld hatte er ihr angerathen und Ergebung, und sie möchte der Welt entsagen und den Schleier nehmen. O lieber Herr, diese Frati! Weil sie's selbst nicht besser haben, gönnen sie's jedem Menschenkinde, auch einmal zu fühlen, wie's ihnen in ihrer Haut zu Muth ist. Und das Kraut Geduld wächst nicht in jedem Garten, und wie sie davon sprach, daß sie es erleben sollte, die Cesira mit ihrem Lorenzino an das Sprachgitter ihres Klosters kommen zu sehen, – Mutter, sagte sie, ich wäre im Stande, wie eine gefangene Pantherin das Gitter zu zerbrechen und auf die beiden Glücklichen zu stürzen: gebt mir heraus, was ihr mir gestohlen habt, mein Herz, mein Leben, meine irdische Seligkeit!
      Damals sah ich sie zum ersten Male weinen, ob vor 
      rabbia oder vor Gram, weiß ich nicht, aber die Thränen erleichterten sie, und von da an war sie völlig ruhig, sprach aber von der ganzen Sache nicht mehr, wie von dem Donnerwetter vom vorigen Jahr. Sie aß ein wenig, und wir scherzten sogar zusammen, daß sie mehr Wein trank als gewöhnlich. Darin muß ich mich nun üben, sagte sie; die Klosterfrauen haben auch kein anderes Vergnügen, als ein Glas guten Wein. Und Nachmittags schrieb sie einen kurzen, aber sehr freundlichen Brief an Herrn Lorenzino nach Genf, worin sie ihm ihren Segen schickte und tausend Grüße an seine junge Braut auftrug, der sie selbst schreiben würde, wenn sie nicht dächte, die Nachricht vom Tode des Vaters sei jetzt schon in ihren Händen und sie selbst unterwegs nach Genua.
      Und diesen Brief las sie mir noch vor und fragte mich, ob sie sich auch mit keinem Wort darin verrathen hätte. Und dann küßte sie mich und ließ mich geloben, daß auch ich dem Lorenzino und meinem Enkelkind nie eine Silbe von alledem sagen wollte. Wie ich ihr das fest versprochen, schickte sie mich hinunter, ich sollte ein paar Stunden Siesta halten, sie selbst wolle schlafen.
      Ich ging aber erst in den Garten nach dem Ziehbrunnen, meine Miranda zu holen, denn die Hände brannten mir nicht wenig. Und nun weiß ich nicht, wie es kam, daß ich da hinter der großen Myrtenhecke mich hinsetzte und vor Kummer und Mattigkeit fest einschlief. Aber auf einmal weckt mich eine Stimme, das war die Stimme meiner Lisa, die ging mit ihrem schwarzen Sonnenschirm durch den Myrtenweg und sprach mit dem Giannicco, und Keines hatte eine Ahnung, daß ich hinter der Hecke saß. Was sie schon Alles geredet haben mochten, wüßt' ich nicht, ich hörte nur noch, wie meine Frau Tochter sagte: Ich weiß, Giannicco, wie lange und treu du mich geliebt hast, und daß ich keinen Menschen auf der Welt habe, der Mehr für mich zu thun Willens wäre. Wenn du mir nun diesen Liebesdienst versagst, den ich von keinem Anderen gefordert haben würde, werde ich glauben müssen, nun sei die letzte Liebe und Treue aus der Welt verschwunden, und selbst die himmlische Barmherzigkeit Gottes eine armselige Lüge. – Und dann entfernten sie sich wieder, und erst nach einer Weile, wie sie wieder den Gang herauf zu mir zurückkamen, mein Kind immer noch bemüht, ihn zu überreden zu Etwas, das ich damals nicht begriff, da hörte ich den Burschen, den Giannicco, plötzlich sagen: Nun denn, und wenn es mich die ewige Seligkeit kosten sollte, ich will es thun, Frau Lisa, aber Ihr müßt mir meinen Lohn vorauszahlen. Erlaubt mir, daß ich nur ein einziges Mal den einen Arm, den ich noch habe, um Euch schlingen und Euch ein einziges Mal auf den Mund küssen darf. Dann soll es mir gleich sein, was man auf Erden und im Himmel von mir denkt oder mit mir anfängt.
      Darauf sprach meine Tochter nichts, aber nach einer kleinen Weile hörte ich den Giannicco sagen: Ich danke Euch, Madonna. Nun ist Giannicco Nichts als ein Stück von Euch, und Ihr mögt mit ihm thun, wie Euch beliebt.
      Ich grübelte, wie sie nun wieder gegangen waren, meine Frau Tochter ins Haus und der Krüppel an seine Arbeit, noch eine Zeitlang über dieser wunderlichen Geschichte, kam aber dem Wahren nicht auf die Spur, und ich weiß nicht, warum ich mich schämte, mein Kind geradewegs zu befragen, was das zu bedeuten habe. Werden Sie's glauben, lieber Herr, daß ich nicht eine Ahnung hatte, was sie sich mit diesem einzigen Kuß erkaufen wollte? Erst am Morgen, wie ich sie in ihrem Bette fand, blaß wie eine Lilie, und der Giannicco war verschwunden, – und nun lief das Volk zusammen, und die dummen Menschen schrieen: Er hat sie aus Wuth wegen verschmähter Liebe umgebracht! – und Andere, die noch einfältiger waren: Er hat sie beraubt! – Der! Giannicco! O und ich, die ich mir auf die Lippen beißen mußte, daß sie zuletzt sich in die Ohren raunten: sie hat den Verstand verloren!
      Und ich hab' ihn auch verloren, lieber Herr! Ich kann unsern Herrgott nicht verstehen, und warum er das Alles zugelassen hat, und vielleicht finde ich meinen Verstand wieder, da oben, wo ich nun bald hinkommen werde. Glauben Sie, daß auch unvernünftige Geschöpfe in den Himmel kommen? Ich möchte die arme Miranda gern droben wiedersehen.
      *
      Ich mußte ihr die Antwort schuldig bleiben. Die ersten großen Tropfen des Ungewitters schossen in den Staub herab. Wenn ich nicht hier im Hause die Nacht zubringen wollte, mußte ich auf eilige Flucht bedacht sein. Nur die Hand konnte ich der Alten hastig drücken und ihr einschärfen, ein Obdach zu suchen. Dann stürmte mich der näher und näher heranbrausende Orkan die Straße hinab, wenig geschützt durch die Mauern der kleinen Gehöfte, so daß ich das Albergo d'Europa mitten im furchtbarsten Regenguß erreichte.
      Am andern Morgen, als ich bei ganz reinem Himmel auf der Bahn nach Genua fuhr, hielt in Chiavari der Zug, um einen entgegenkommenden vorbeizulassen. Ein paar Augenblicke standen die beiden Wagenreihen nebeneinander still. Ich musterte drüben die Gesichter hinter den kleinen Fenstern, an denen der Sonne wegen meist die Vorhänge herabgelassen waren. In einem Coupe der ersten Klasse schob eine kleine Hand die seidene Gardine beiseit, und ein schönes Mädchengesicht wurde einen Augenblick sichtbar, in Trauer, aber, wie es mir schien, ohne tieferen Schmerz in den Zügen. Ich erkannte sofort die Tochter, die zu ihrer Mutter eilte, nicht ahnend, wo sie sie finden sollte. Es war in der That ein Abbild, das dem Urbild gefährlich werden konnte. Und doch – für mich wenigstens, der ich eingeweiht war, stand es fest: die Mutter würde gesiegt haben, sobald sie nur gewollt hätte!

       

      *

       

      Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin.

    

