

      Paul Heyse
      In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten
       
      Berlin.
      Verlag von Wilhelm Hertz
       (Bessersche Buchhandlung).
      1894
       
      Alle Rechte vorbehalten.
      Pierer'sche Hofbuchdruckerei in Altenburg, S.-A.
       
      
        Meiner lieben Freundin
        
        Frau Emma Ribbeck
        zugeeignet.
      
       
    



      In der Geisterstunde
      (1892)
       
      I. Die schöne Abigail.
      Wir hatten nach dem Abendessen in einem befreundeten Hause bei Bowle und Cigarre bis in die späte Nacht hinein geplaudert, zuletzt über die Entlarvung eines spiritistischen Gauklers, die gerade vor wenigen Tagen gelungen war und bei Gläubigen und Spöttern großen Lärm gemacht hatte. An den Bericht über den Vorgang – Einer aus unserem Kreise war zugegen gewesen – hatte sich ein endloses Gespräch über das Für und Wider jener räthselhaften Erscheinungen geknüpft, die auf der helldunklen Grenze zwischen Seelen- und Nervenleben stehen und selbst von der hochmüthigsten Wissenschaft nicht länger mit Schweigen und Achselzucken abzufertigen sind. In das lebhafte Gewirre der widerstreitenden Meinungen hinein erklang plötzlich der tiefe Ton der alten Standuhr, die Mitternachtsstunde ankündigend. Als der letzte der zwölf harten, langsamen Schläge verhallt war und eine kleine Stille entstand, hörten wir aus dem Sophawinkel heraus die helle Stimme der jungen Schwester der Hausfrau, die in ihrer drollig trockenen Tonart ausrief: So! die Geisterstunde wäre nun glücklich angebrochen. Ich erlaube mir den Vorschlag zu machen, daß jetzt die Debatte über Suggestion, Telepathie, Autohypnose, und wie der confuse Spuk sonst noch heißen mag, geschlossen wird und wir uns endlich mit etwas Soliderem beschäftigen, ich meine, mit echten und rechten Gespenstergeschichten, wie sie zur Geisterstunde passen. Ich glaube zwar an die tanzenden Nonnen in »Robert der Teufel« so wenig wie an den fliegenden Holländer, trotzdem aber kann ich mich eines angenehmen Gruselns nicht erwehren, wenn sie gut gespielt und gesungen werden, und nichts hab' ich lieber, als wenn mir – in guter Gesellschaft – die Haut ein bischen schaudert und das Haar zu Berge steht. Gerade daß man weiß, es ist Alles Unsinn, und doch hat es diesen wunderlichen Effect, ist das Hübsche daran, wie man es ja auch bei allem Poetischen erfährt, das uns mit fortreißt, obwohl wir wissen, es ist ein Spuk der Phantasie. Verzeihen Sie, Herr Doctor, wandte sie sich lächelnd zu mir, ich schwatze da sehr unbescheiden über Dinge, die Sie besser verstehen. Aber warum sind Sie Alle, nachdem die Uhr Zwölf geschlagen, so wie auf Verabredung verstummt? Der Erste, der den Mund öffnet, wenn ein Engel durchs Zimmer geflogen ist, sagt bekanntlich immer etwas Dummes.
      Alle sieben Weisen könnten nichts Klügeres über die Wirkung der Poesie sagen, als was Sie eben geäußert haben, liebes Fräulein, erwiderte ich, mich gegen sie verneigend. Ich freue mich, eine so tapfere Idealistin in Ihnen zu begrüßen, welcher Schiller, wenn er sie hätte reden hören, seine Hochachtung bezeugen würde als einer werthen Gesinnungsgenossin. Denn in der That meinte er ja auch: was sich nie und nirgend hat begeben, das allein veraltet nie. Aber lassen wir diese ästhetischen Principienfragen und kommen zu unserer mitternächtigen Tagesordnung. Sie wollen Spukgeschichten hören? Wenn nun aber Niemand von uns eine recht ausbündige, die nicht gar zu kindisch und köhlergläubig wäre, in Bereitschaft hat?
      Nein, sagte das kluge Mädchen lachend, das versteht sich, es darf nicht etwa auf einen bloßen Bademantel hinauslaufen, der, zum Trocknen aufgehängt, vom Winde hin und her geweht wird und sich für ein Gespenst ausgiebt, wie ich selbst als kleines Mädchen einmal erlebt habe. Es muß Etwas sein, was einem vernünftigen Menschen, und der kein Hasenfuß ist, was aufzurathen giebt, und wofür auch nicht gleich eine prosaische Aufklärung bei der Hand ist. Wie wär's, wenn wir Umfrage hielten, und wer nichts derart aus eigener Erfahrung oder nach glaubwürdiger Mittheilung zu erzählen wüßte, müßte ein Pfand geben?
      Dann rücke du selbst nur gleich mit deinem Pfand heraus, sagte ihre Schwester lächelnd, denn schwerlich sind dir außer jenem Bademantel überirdische Gesichte zu Theil geworden.
      Wer weiß! versetzte die Muthwillige und bemühte sich, eine geheimnißvolle Miene zu machen. Aber ich komme zuletzt. Der Doctor hat jetzt das Wort. Wir bitten um ein recht hübsches Gespenst, Herr Doctor, Wahrheit oder Dichtung, in Prosa oder in Versen ist uns gleich, nur daß es uns recht eiskalt dabei über den Rücken läuft und zu gleicher Zeit eine sanfte ätherische Hand uns das Gesicht streichelt.
      Damit kann ich nun freilich nicht dienen, versetzte ich, wenn ich nicht etwas zusammenfabeln will, was ich doch aus dem Stegreif nicht wagen würde. Das Höchste in dieser Art hat schon ein Höherer geleistet, der Dichter der Braut von Korinth. Mir selbst ist nur ein unscheinbares Erlebniß in der Erinnerung, das für eine geheimnißvolle Wirkung in die Ferne, die längst durch tausend Thatsachen bestätigt ist, ein neues Zeugniß ablegt. Ich war als ein junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren in Rom und hatte in Berlin die beiden Menschen zurückgelassen, denen von all meinen Nächsten ich am meisten fehlte: meine Mutter und meine Braut. Im frühen Frühling des Jahres 1853 nun, an einem dunklen, stürmischen Abend, sitzt meine Liebste ruhig mit einer Handarbeit bei ihren Geschwistern, als sie heftig unten an der Hausthür klingeln hört und mit dem Rufe: das ist Paul! hinaus- und die Treppe hinuntereilt, um selbst das schon verschlossene Hausthor zu öffnen. Niemand stand draußen an der Schwelle, und sie mußte sich, da sie zurückkam, von den Brüdern mit ihrer »bräutlichen Phantasie« necken lassen. Am anderen Morgen besucht sie meine Mutter, die kommt ihr mit den Worten entgegen: Denke nur, was mir gestern Abend begegnet ist! – und erzählt genau denselben Hergang, wie sie plötzlich die Hausglocke gehört habe, mit dem lebhaften Ton, den ich anzuschlagen pflegte, zu meinem Vater hineingeeilt sei und ebenfalls ausgerufen habe, das müsse ich sein, der unten stehe, worauf sich auch hier das Ganze als eine Sinnestäuschung erwiesen habe. Oder doch als etwas Anderes? Denn acht Tage später kam ein Brief aus Rom mit der Nachricht, daß ich an einem Malariafieber bedenklich krank gelegen, und gerade an jenem Abend die Gefahr auf ihre Höhe gestiegen sei.
      Wieder ward eine kleine Stille in der Runde. Dann sagte das Fräulein ruhig: Eine nachdenkliche Geschichte, von der ich jedes Wort glaube. Denn von den Wirkungen der Seelen auf einander ohne die Vermittlung sinnlicher Zwischenträger haben wir ja heute Abend schon genug unwidersprechliche Beweise gehört. Und so sollen Sie ohne Pfand sich gelöst haben, obwohl es keine eigentliche Gespenstergeschichte ist, keine solche, die unglaublich ist und uns doch gruseln macht. Jetzt ist die Reihe an dem Herrn Obersten. Ich fürchte nur, der wird uns auch im Stich lassen. Denn so viel ich weiß, haben die Gespenster einen heiligen Respect vor Leuten, die Waffen tragen und schon aus Beruf Courage haben müssen.
      Sie wandte sich mit diesen Worten an meinen Nachbar, der sich während der letzten Stunde, so lange das Gespräch sich um die Geheimnisse des Zwischenreichs gedreht, auffallend schweigsam verhalten hatte. Ein stattlicher Mann, zu Anfang der Fünfziger, Haar und Bart vorzeitig ergraut; die wetterbraune Farbe des Gesichts stach mit einem gewissen coloristischen Reiz dagegen ab, und nur ein leises Zucken, das dann und wann den festen Mund umzog, verrieth ein geheimes Leiden. In der That hatte der treffliche Mann, der mit Leib und Seele Soldat war und im Kriege von 70 und 71 mit Auszeichnung gedient hatte, wegen tief eingenisteter rheumatischer Beschwerden in Folge seiner Feldstrapazen vor zwei Jahren den Abschied nehmen müssen, mit Oberstenrang und allen sonstigen Ehren, die ihn jedoch über seine gezwungene Unthätigkeit so wenig zu trösten vermochten, wie die kriegsgeschichtlichen Studien, mit denen er seine Muße ausfüllte.
      Wir Alle schätzten ihn sehr und freuten uns, daß er in unserm Kreise seiner schwermüthigen Stimmung Herr zu werden im Stande war und bei den witzigen Thorheiten, auf welche die Schwester der Hausfrau zuweilen verfiel, das dankbarste Publicum abgab.
      Desto bestürzter sahen wir nun, wie er auf die letzten Worte des Fräuleins erblaßte, den Blick zu Boden kehrte und eine Weile unschlüssig schien, was er erwidern sollte.
      Es war offenbar, daß irgend eine wunde Stelle in seinem Innern berührt worden war, und daß er nach seiner angeborenen Tapferkeit sich bemühte, den Schmerz zu verwinden und nichts davon zu Tage kommen zu lassen.
      Eben wollte das betroffene Mädchen, das bei all seinem Uebermuth einen feinen Herzenstact besaß, die unliebsame Uebereilung wieder gut machen und unter einem scherzhaften Vorwande den Oberst von der Pfänderpflicht freisprechen, als dieser die Augen mit ruhigem Entschluß wieder aufhob und sagte:
      Ich hätte allerdings etwas zu erzählen, was den Anforderungen, die Sie an eine richtige Spukgeschichte stellen, hinlänglich entsprechen möchte. Ich müßte aber, um verständlich zu machen, warum dies Erlebniß mir so nahe ging, ziemlich weit in meine Vergangenheit zurückgreifen und allerlei Herzensabenteuer berühren, die Ihnen nicht sehr interessant sein können. Zudem ist die Polizeistunde längst überschritten –
      Das Fräulein ließ ihn nicht ausreden. Ich bin nicht die Hausfrau, sagte sie mit einem lieblichen Erröthen, und habe wohl überhaupt schon zu dreist das Wort geführt. Aber wie ich meine Schwester kenne – von dem lieben Schwager gar nicht zu reden – so ist es ihr nie zu spät, eine merkwürdige Geschichte erzählen zu hören, zumal wenn es sich um Herzensabenteuer eines so verehrten Hausfreundes handelt. Ueberdies ist die Bowle noch nicht zur Hälfte ausgetrunken, was mich, die ich sie gebraut habe, kränken muß. Lassen Sie mich also Ihr Glas wieder füllen, dann will ich mäuschenstill sein und recht mit Wonne mich graulen.
      Sie merkte, daß sie doch nicht den rechten Ton gefunden hatte, denn auf seinem Gesicht erschien kein Lächeln, wie sonst bei ihrem schalkhaften Geplauder. Auch wir Andern geriethen in eine etwas beklommene Stimmung, da wir den Freund jetzt aufstehen und ein paar Mal das Zimmer durchschreiten sahen. Er stand endlich an dem längst erloschenen Ofen still, lehnte sich mit dem Rücken daran und begann seine Geschichte.
      *
      Was ich Ihnen erzählen will, liegt schon eine ziemliche Strecke Zeit hinter mir, über zehn Jahre. Doch bei der leisesten Erinnerung daran steht Alles wieder so leibhaft vor mir, als hätte sich's gestern zugetragen, und ich habe ganz dieselben Schauer von Glut und Frost in meinem Blute zu überstehen, wie in jener wundersamen Nacht.
      Ich schicke dies voraus, damit Sie mich nicht im Verdacht haben, Ihnen einen leeren Traum vorzutragen. Träume pflegen zu verschäumen. Was ich damals erlebte – doch ich will ohne weitere Vorrede zur Sache kommen.
      Es war also im Jahre 1880, im Hochsommer. Ich hatte mir vier Wochen Urlaub ausgewirkt, da mein rheumatisches Leiden eben damals anfing, mich unerträglich zu peinigen. Das Wildbad aber, auf das ich meine Hoffnung gesetzt hatte, that Wunder. Nach drei Wochen fühlte ich mich wie neu geschaffen, und da die Hitze in jenen Thalgründen mir im Uebrigen nicht wohlthat, sprach der Badearzt mich nach den üblichen einundzwanzig Bädern frei und rieth mir, den Rest meiner Ferien in einer kühleren Gegend zuzubringen, mit aller Vorsicht freilich, um nicht wieder einen Rückfall heraufzubeschwören.
      Nun hatte ich in B. einen Jugendfreund, mit dem ich seit dem Frieden nicht wieder zusammengekommen war. Nach dem Kriege, den er als Regimentsarzt gerade in meiner Compagnie mitgemacht, hatte er in dieser seiner Vaterstadt die Leitung des Krankenhauses übernommen, sich verheirathet und nur durch die Zusendung der Geburtsanzeigen seiner fünf oder sechs Kinder die Fäden unserer alten Freundschaft fortgesponnen.
      Um so wohlthuender war mir's, da ich ihn jetzt unvorbereitet überfiel, den guten Kameraden ganz so herzlich gesinnt wiederzufinden wie damals, als ich von ihm Abschied nahm, um nach meinem Wundbette in Mainz evacuirt zu werden. Ich mußte zu Tische bei ihm bleiben – die einzige Zeit des Tages, neckte ihn seine liebenswürdige Frau, wo er nicht dem Ersten Besten mehr gehörte als seinem eigenen Fleisch und Blut –, und da ihn in den nächsten Stunden seine Stadtpraxis wieder in Anspruch nahm, verabredeten wir, daß ich ihn Abends nach dem Theater in einem Weinhause, das er mir bezeichnete, erwarten sollte.
      Mein einsamer Nachmittag verging rasch genug. Ich kannte zwar, außer meinem Kriegskameraden, keine lebende Seele in der schönen alten Stadt, die ich als Fähnrich vor langen Jahren einmal flüchtig durchwandert hatte. Aber es gab an allen Ecken und Enden so viel Merkwürdiges zu schauen, so Manches reizte mich, ein paar Striche in meinem Skizzenbuch zu machen, und das Wetter war so lieblich durch ein Morgengewitter gekühlt worden, daß ich das Theater – eine sehr fragwürdige Sommerbühne – fahren ließ und die Zeit bis zu unserm Stelldichein lieber mit einem Spaziergang in der stillen Abendluft die baumreichen Flußufer entlang ausfüllte.
      Ich hatte mich dabei so in meine Gedanken eingesponnen, daß ich erst an den Rückweg dachte, als es völlig Nacht geworden war. Eine Nacht freilich, in der sich's so anmuthig lustwandelte wie am Tage: denn der Mond ging fast schon mit seinem vollen Schein über den Erlenwipfeln auf und erhellte die Gegend dergestalt, daß man an den flachen Uferstellen die Kiesel durch die Wellen wie kleine Silberkugeln schimmern sehen konnte.
      So auch erschien die Stadt von einem silbernen Duft umwoben, wie aus einem Märchen vor mich hingepflanzt, als ich mich ihr wieder näherte. Es schlug schon Neun von der alten Domkirche, ich war müde und durstig von meinem langen Streifzuge und hatte mir die Rast in dem Weinhause, zu dem ein gefälliger Bürgersmann mich hinwies, wohl verdient. Da ich meinen Freund noch nicht vorfand, ließ ich mir etwas zu essen geben und einen Schoppen leichten Weins, mit dem ich den ersten Heißdurst löschte. Noch immer ließ der Doctor auf sich warten. Er mußte nun aber jeden Augenblick kommen, und so bestellte ich im Voraus einen feurigen Rauenthaler, von dem er mir bei Tische gesprochen hatte, um ihm gleich in diesem edlen Tropfen Willkommen zuzutrinken, sobald er einträte. Es war wirklich ein »Trank voll süßer Labe«, würdig, die Blume alter Freundschaft damit zu begießen. Doch verfehlte er seinen Zweck. Statt meines guten Kameraden erschien, so gegen Zehn, ein Bote mit einer Karte, auf der der Freund sein Ausbleiben zu entschuldigen bat; er sei über Land gerufen worden zu einem schweren Patienten und könne nicht absehen, ob er in dieser Nacht überhaupt zurückkehren würde.
      So war ich auf mich selbst angewiesen und auf den Wein, der mich leider nicht heiter zu stimmen pflegte, wenn ich ihn nicht in freundlicher Gesellschaft trank. Seit ich meine Frau verloren habe, damals ging es ins dritte Jahr, überfiel mich bei der einsamen Flasche regelmäßig eine tiefe Melancholie, die geflissentlich zu nähren ich nicht mehr jung und sentimental genug war. Um ihr auch diesmal nicht zu verfallen, griff ich nach den Zeitungen, die mir fast alle zu Gebote standen, da die wenigen Stammgäste an ihren abgesonderten Tischen sich eifrig ihrer Scat- oder Schachpartie hingaben.
      Was mir zunächst – auf der letzten Seite des Localblattes – ins Auge fiel, war die Liste der städtischen Sehenswürdigkeiten. Da ich den ganzen morgigen Tag noch zu bleiben gedachte, war mir dieser Wegweiser ganz erwünscht, und ich notirte mir Einiges, was meine Neugierde reizte, in mein Taschenbuch. Da fiel mein Blick auf eine Anzeige, die meine Gedanken plötzlich in eine weit entlegene Zeit zurücklenkte: »Jeden Montag und Donnerstag ist die Windham'sche Gemäldesammlung im Erdgeschoß des Rathhauses unentgeltlich geöffnet.«
      Windham! Nein, ich irrte mich nicht; das war der Name gewesen. Ein Windham hatte im letzten Kapitel meines Jugendromans die Hauptrolle gespielt. Nun dämmerte es auch in mir auf, daß ich später einmal gehört hatte, dieser Windham habe sich mit seiner jungen Frau hier in B. niedergelassen. Seitdem war er mir verschollen geblieben. Und nun hier so unverhofft an ihn erinnert zu werden! –
      Aber Sie können ja nicht verstehen, was mich an der unscheinbaren Zeitungsnotiz so seltsam aufregte. Ich muß nun doch noch weiter ausholen.
      Sie wissen, daß ich als Sprößling einer unterfränkischen Soldatenfamilie im Cadettenhause zu München erzogen worden bin und es in dem Jahre vor Ausbruch des französischen Krieges zum Oberlieutenant gebracht hatte. Ich war neunundzwanzig Jahre alt und hatte außer meinem Beruf, dem ich mit Leib und Seele anhing, nicht viel erlebt. Eine sehr ideale Fähnrichsliebe, die ein albernes Ende nahm, hatte mich vor den mancherlei Verirrungen meiner Altersgenossen bewahrt, mir aber das weibliche Geschlecht nicht im besten Lichte gezeigt. Doch posirte ich nicht als Weiberfeind, und da ich ein leidenschaftlicher Tänzer war, selbst noch auf der Kriegsakademie, machte ich auch den Carneval des Jahres 70 als einer der Flottesten mit, ohne mir die Flügel zu verbrennen.
      Bis auch meine Stunde geschlagen hatte.
      Auf einem der öffentlichen Bälle erschien so um die Mitte des Februar eine auffallende junge Schönheit, die alle bisherigen Ballköniginnen verdunkelte.
      Sie war erst vor Kurzem mit ihrer Mutter, da der Vater vor Jahr und Tag gestorben war, aus Oesterreich herübergekommen, um, nachdem sie die Trauer abgelegt hatte, noch etwas Winterfreuden zu genießen. Ihre Gestalt, ihr Benehmen, ihre Art sich auszudrücken, all das hatte einen fremdartigen Reiz, der schon aus der seltsamen Mischung ihres Blutes zu erklären war. Denn ihre Mutter, eine hochgewachsene, röthlich blonde Schottin von strenger, puritanischer Haltung und langsam ungelenken Geberden, hatte einen steirischen Edelmann geheirathet, der sich auf einer Reise durch ihr heimathliches Hochland in das junge Mädchen verliebt hatte. Sie war ihm nach seinem Gut gefolgt, hatte sich aber dort nicht zu acclimatisiren verstanden. Trotzdem schien sie in einer glücklichen Ehe mit dem leichtblütigen katholischen Gatten gelebt zu haben und seinen Tod noch immer nicht verwinden zu können, als sie mit ihrer Tochter auf Reisen ging.
      Diese, damals schon in den ersten Zwanzig, hatte von der Welt bisher nichts gesehen, als was auf zehn Meilen in der Nachbarschaft ihres Landsitzes sich ihr dargeboten hatte. Der Vater, der im Punkt der ehelichen Treue vielleicht nicht der Gewissenhafteste gewesen war und alljährlich viele Monate in Wien zubrachte, hatte seine Frau den Versuchungen der großen Stadt sorgfältig fernzuhalten gewußt und die Tochter vollends vor allem Verkehr mit jungen Männern behütet. Beide hätten es wahrlich nicht bedurft, da ihr kühles Temperament sie hinlänglich schützte. Denn hierin war 
      Abigail – so war das Fräulein nach einem uralten Brauch der mütterlichen Familie getauft worden – das echte Kind ihrer Mutter, der sie äußerlich durchaus nicht ähnlich sah, nicht einmal durch die Farbe des Haars, die bei der Tochter durchaus keinen röthlichen Schimmer hatte.
      Ich will aber nicht den thörichten Versuch machen, Ihnen diese reizende junge Person zu beschreiben. Nur Zweierlei fiel mir gleich bei dem ersten Begegnen auf und verfolgte mich bis in meine Träume: der seltsam glanzlose Blick ihrer großen grauen Augen, die immer ernst blieben, auch wenn der Mund lächelte, und daß sie die schönsten Arme hatte, die ich je gesehen. Sie trug sie gegen die damalige Sitte ganz entblößt, an den Achseln nur durch einen schmalen Florstreifen von den herrlichen Schultern abgetrennt, was die Damen, zumal die Mütter, scandalös fanden, obwohl die Wiener Mode diese Tracht sanctionirte und das Fräulein im Uebrigen sich in Worten und Geberden aufs Züchtigste betrug. Aber die Arme waren zu schön, um nicht Aufsehen zu machen und so viel Neid wie Bewunderung zu erregen. Eine Farbe wie etwas vergilbter weißer Atlas, mit einem matten Glanz, und in der Biegung des Ellenbogens eine zarte blaue Ader. Selbst die kleinen, hellen Narben am linken Oberarm, die von der Nadel des Impfarztes herrührten, hatten einen eigenen Reiz, als wären sie mit absichtlicher Koketterie der glatten Haut eingeätzt worden, um deren edle Feinheit desto mehr bemerklich zu machen.
      Und so die Hände, als sie beim Souper die Handschuhe abstreifte, der schönste Fuß im weißseidenen Schuh, ein Ebenmaß und eine Schmiegsamkeit der Glieder, die sie dem österreichischen blauen Blut, nicht der schottischen Hochlandsrace verdankte.
      Ich war, so wie ich den ersten Blick auf das herrliche Geschöpf geworfen hatte, unter dem Zauber dieser fremden, kühlen Augen. So unbefangen ich sonst selbst den reizendsten Frauen gegenübertrat, das Herz schlug mir heftig, und meine Rede verwirrte sich, als ich ihr vorgestellt wurde und sie um einen Tanz bat.
      Auch fand ich meine Besinnung nicht so bald wieder, während ich mit ihr durch den weiten Saal mich umschwang, und war wüthend auf mich selbst, daß ich eine so unbeholfene Figur machte. Beständig mußte ich denken: Sie ist kein Weib wie alle anderen. Eine Göttin! Kein Wunder, daß ihre Blicke so kühl auf das armselige Menschengewühl herabsinken. Ist es zu denken, daß man einen solchen Mund küssen dürfte? Und der Sterbliche, um dessen Hals sich diese Arme schlängen, müßten dem nicht die Sinne vergehen und er in diesem übermenschlichen Glück zu einem Aschenhäufchen verlodern?
      Sie sehen, es war eine richtige Bezauberung. Was man vom Blitz und Schlag einer plötzlichen Verliebung redet, hatte ich an mir erleben sollen.
      Ich gewann aber bald so viel Herrschaft über mich, daß ich mich mit guter Manier in mein Schicksal ergeben und an diesem ersten Abend die Rolle eines ritterlichen Verehrers spielen konnte, ohne mich zu so überschwänglichen Huldigungen fortreißen zu lassen, wie die Meisten meiner Kameraden. Das kam mir mehr zu Statten, als wenn ich an Schönheit und Liebenswürdigkeit Alle überglänzt hätte. Denn das seltsame Mädchen, obwohl dies ihr erster Ballwinter war, nahm doch alle Auszeichnungen, die ihr zu Theil wurden, zumal die süßen Reden ihrer Tänzer, mit so kühler Miene entgegen, als ob es ihr beim Tanz einzig und allein auf die Bewegung ankäme und die eitlen jungen Herren, so schön geputzt und frisirt sie waren, ihr nur als Mittel zu diesem Zweck willkommen wären.
      Das gestand sie mir denn auch ganz harmlos, als wir beim Souper mit einander plauderten, und daß es ihr eher lästig und langweilig sei, wegen ihrer Schönheit beständig begafft und umschmeichelt zu werden. Keine Spur von Koketterie konnte ich an ihr bemerken, doch einen Hang zur Ironie und Menschenverachtung, der in einem minder reizenden Wesen sehr abstoßend gewirkt hätte, an Fräulein Abigail aber nur wie ein seltsames Schmuckstück, etwa ein blanker Stachelgürtel um den schmiegsamen Leib, sich ausnahm.
      Da ich ihr nicht ein einziges schmeichelndes Wort sagte, wurden wir gleich an diesem ersten Abend sehr gute Freunde, und ich erhielt sogar von der Mutter die Erlaubniß, sie in ihrem Hause aufzusuchen.
      Ich machte, wie Sie denken können, gleich am anderen Tage davon Gebrauch. Ich mußte doch fragen, wie der Ball ihnen bekommen sei, und fand die Damen in einer möblirten Wohnung so behaglich eingerichtet, daß mir klar wurde, sie lebten in den bequemsten Verhältnissen. Gleichwohl machte die Mutter kein Hehl daraus, daß sie nur gekommen sei, um für die Tochter einen Mann zu finden, wozu auf dem abgelegenen Landsitz keine Aussicht sei. Das Mädchen hörte jede Aeußerung, die in diesem Sinne fiel, mit dem äußersten Gleichmuth, wie wenn es sich durchaus nicht um sie selbst dabei handle, sondern um eine Laune der Mama, die hoffentlich auch wieder vergehen werde.
      Das Zutrauen, das sie so rasch zu mir gefaßt hatte, entzog sie mir auch nicht wieder, sondern gab mir immer neue Beweise, daß ihr meine Gesellschaft angenehm sei, meine Art, Welt und Menschen zu betrachten, ihr die richtige scheine. Sie erzählte mir ihr ganzes Leben, das freilich keinem Roman ähnlich sah. Verliebt war sie nie gewesen und konnte sich von dem Zustand eines leidenschaftlichen Herzens überhaupt keine Vorstellung machen. Geliebt hatte sie nur Einen Menschen, ihren Vater. Mit der Mutter verstand sie sich in keiner Sache und beobachtete alle kindlichen Pflichten fast mechanisch, ohne das Geringste dabei zu empfinden. Ja, sagte sie mir einmal, es ist vielleicht so, wie Sie sagen, ich habe kein richtiges Mädchenherz, und doch –
      Dabei drückte sie die Augen ein, lehnte den schönen blonden Kopf zurück, und ihre halb geöffneten Lippen hatten einen halb schmerzlichen, halb wilden Ausdruck von Dürsten und Verlangen.
      Gleich darauf lächelte sie und fing eine spöttische Rede an über gewisse junge Damen, die sie kennen gelernt und die ihren Freundinnen beständig Bulletins über die Zustände ihrer zärtlichen Herzen zu hören gaben.
      *
      All diese Vertraulichkeiten waren weit entfernt, mich eitel zu machen und kühne Hoffnungen in mir zu wecken.
      Ich verbrachte aber fast einen Abend wie den andern in der Gesellschaft der beiden Damen, theils, so lange der Carneval dauerte, bei öffentlichen Festen, wo ich nun bereits für den unzertrennlichen Cavalier und begünstigten Bewerber galt, theils an ihrem behaglichen Theetisch als einziger Hausfreund männlichen Geschlechts. Nur dann und wann fand sich eine ältere Dame, eine österreichische Bekannte der Mutter, dazu, und es wurde ein kleiner Tarok gespielt, bei dem Abigail die Zuschauerin machte. Sie verhehlte ihre Langeweile nicht, wie sie überhaupt mit keiner ihrer Empfindungen je zurückhielt. Und doch blieb ein räthselhafter dunkler Grund in ihrem Wesen, der zuweilen in unbewachten Stunden durchblickte und mich jedesmal mit einem leisen, unheimlichen Frösteln überschauerte.
      Ich war im Verlauf der Wochen und Monate so offenherzig gegen sie geworden, daß ich selbst dieses nicht gerade schmeichelhafte Gefühl dem verwöhnten Mädchen nicht verhehlte.
      Sie sah ruhig und mit unbeweglichen Augen über mich hinweg.
      Ich weiß, was Sie meinen, sagte sie. Es ist Etwas in mir, wovor ich mich selbst fürchte, und kann es doch nicht näher bezeichnen. Vielleicht die Ahnung, daß ich nie erfahren werde, was Glück ist, freilich auch Anderen kein Glück zu bringen bestimmt bin, ohne eigene Schuld, und daß mein innerstes Wesen sich dann empört und auf irgend Etwas sinnt, um sich für diese Zurücksetzung zu rächen. Wissen Sie, wie ich mir vorkomme? Wie ein Eiszapfen, der eine Flamme lustig flackern sieht und sich schämt, so starr und kalt zu bleiben, und nun näher heranrückt und dabei nichts weiter erreicht, als daß er langsam abschmilzt; wenn aber die letzte eisige Starrheit geschwunden ist, wird er selbst nicht mehr vorhanden sein. Das Gleichniß hinkt auf beiden Füßen, ich weiß es wohl; aber es ist doch Etwas daran, und Sie wissen vielleicht auch, was mit der Flamme gemeint ist.
      Es war das erste Mal, daß sie auf meine längst nicht mehr verborgene Neigung anspielte, freilich unbarmherzig genug, da sie mir jede Hoffnung abschnitt. Wer weiß aber, wohin das Gespräch noch geführt hätte, wenn die Mutter nicht dazugekommen wäre.
      Und freilich hinkte das Gleichniß. Denn auch die Flamme brannte nicht so lustig, wie ein rechtschaffenes Liebesfeuer soll, sondern hatte wunderliche Anfälle von Kühle und Versuchungen völligen Erlöschens.
      So recht ins Lodern gerieth sie nur, wenn ich mit dem wundersamen Mädchen unter vier Augen war oder im lichterhellen Saal ihre ganze Schönheit an mir vorüberschwebte. War sie meinen Augen entrückt, so kam sie mir durchaus nicht aus dem Sinn, ja ich mußte nun erst recht an sie denken, dann aber stets mit einer räthselhaften Abneigung, obwohl ich ihr nichts Bestimmtes vorwerfen konnte. War's eine Sünde, mich nicht zu lieben? oder von der Liebe überhaupt noch keinen Hauch gespürt zu haben? Und jener dunkle Grund, der ihr selbst unheimlich war, konnte er sich nicht eines Tages als ein ganz unschuldiger Hintergrund erweisen, auf welchem allerlei lichte Freuden sich desto farbiger und reizender ausnahmen?
      Und dennoch, die Thatsache stand fest: ich wünschte, ich hätte das schöne Mädchen nie kennen gelernt, das mich doch immer von Neuem zu sich hinzwang und, wenn ich in ihrer Nähe war, meine Sinne in einen magischen Aufruhr brachte.
      Nur Einmal meinen Mund auf diese durstigen Lippen zu drücken, nur Einmal von diesen weichen, schlanken Armen umfangen zu werden – ich bildete mir ein, damit würde der Zauber gebrochen und ich mir selbst zurückgegeben werden.
      Die Mutter sah mich kommen und gehen, ohne sich über mein Verhältnis zu ihrem Kinde besondere Gedanken zu machen. Daß ich verliebt war, fand sie nur in der Ordnung, aber ganz ungefährlich bei der Sinnesart des Mädchens, die sie nur zu gut kannte und nicht zu bekämpfen suchte, da sie ihrem bei aller äußerlichen Frömmigkeit weltlich speculirenden Geist sehr erwünscht war. Sie wollte höher hinaus mit ihrer gefeierten Tochter, als ein schlichter Oberlieutenant es ihr bieten konnte, und hoffte von mir vor Allem, daß ich durch meine Bekanntschaften ihr den Eintritt in die aristokratischen Kreise erleichtern würde. Dann würde es, calculirte sie, auf die Länge an einem gräflichen oder gar morganatischen Schwiegersohn nicht fehlen.
      Der Sommer machte zunächst einen Strich durch diese Rechnungen, da die »Gesellschaft« sich zerstreute und aufs Land hinauszog. Auch meine beiden Damen mietheten eine Villa in Tegernsee, zu meinem Leidwesen, da ich jetzt nur einmal alle sieben Tage sie besuchen konnte. Die Entbehrung schürte nun allerdings die Flamme dergestalt, daß ich von Samstag zu Samstag in einer fieberhaften Ungeduld hinlebte, zugleich in steter Angst, während meiner langen Entfernung möchte sich irgend Jemand an die einsamen Frauen herandrängen, der den Ansprüchen der Mama genügte und der Tochter nicht unwillkommner als irgend ein Anderer wäre.
      Diese Sorge war überflüssig. Dagegen verfinsterte sich plötzlich die Luft über der ganzen deutschen Welt so drohend, daß alle Einzelgeschicke davon überschattet wurden.
      Der französische Krieg brach aus. Ich begrüßte ihn freudig, auch weil er meiner eigenen unerträglichen Situation ein Ende machte. Nur mit genauer Noth, indem ich einen nächtlichen Ritt daran setzte, konnte ich die Zeit zu einem Abschiedsbesuch in Tegernsee erschwingen. Ich fand, am frühen Morgen, das schmerzlich geliebte Mädchen im Garten, da sie mein Kommen nicht erwartet hatte. Sie hatte ein Bad im See genommen, und die Morgenluft schauerte über ihre blasse Haut und das blonde Haar, das ihr wie ein weicher Mantel über den Rücken hinabhing. Als sie hörte, was mich zu so ungewohnter Zeit hinausgeführt, wechselte sie die Farbe keinen Augenblick, nur ihre Augenlider senkten sich, als ob sie einen Vorhang über das niederlassen wollte, was in ihr vorging.
      Nun, sagte sie, da wird ja Ihr sehnlichster Wunsch erfüllt. 
      Non più farfallon andrai amoroso – Sie werden Wunder der Tapferkeit verrichten und als ein berühmter Sieger zurückkehren. Ich wünsche Ihnen das beste Glück und werde Ihrer täglich gedenken.
      Werden Sie das wirklich? sagte ich. Und etwas herzlicher als jedes anderen Muttersohns, der seine Brust 
      pro patria den Kugeln der französischen Mitrailleusen aussetzt?
      Wie können Sie daran zweifeln! sagte sie und brach eine Blume ab, deren Duft sie wieder mit jenem sehnsüchtigen Ausdruck einsog. Sie wissen, daß ich Ihnen sehr gut bin. Habe ich Ihnen nicht auch mehr Vertrauen bewiesen, als noch je irgend einem jungen Mann? Sind Sie damit nicht zufrieden?
      Nein, Abigail, sagte ich, und Sie wissen ja auch sehr gut, warum. Und nun schüttete ich mein ganzes Herz zum ersten Mal – da ich dachte, es sei vielleicht das letzte Mal – in leidenschaftlicher Erregung vor ihr aus. Ich weiß, schloß ich, Sie empfinden gar nichts Aehnliches. Der Blitz, der in mein Herz eingeschlagen, hat Ihnen nicht ein einziges Haar Ihrer Stirnlöckchen versengt. Ich bin auch nicht so verblendet, zu glauben, Sie würden aus bloßem Mitleid, um mich nicht ganz hoffnungslos ins Feld ziehen zu lassen, ein wärmeres Gefühl heucheln. Es mußte mir aber einmal von den Lippen, zu meiner eigenen Erleichterung – und nun empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter, deren Morgentoilette ich nicht stören will, und bewahren Sie mir ein geneigtes Andenken.
      Da schlug sie die Augen auf und sah mir gerade ins Gesicht, sehr ernsthaft, während ihre sonst immer gleichmäßig gefärbten Wangen eine leichte Röthe überflog, die sie sehr verschönte.
      Nein, sagte sie, so dürfen Sie denn doch nicht von mir gehen, und Gott weiß, ob man sich je wieder sieht. Ich will Ihnen das Geständniß mit auf den Weg geben, daß ich fest überzeugt bin, wären Sie noch ein paar Wochen oder Monate wie bisher freundlich und gut gegen mich gewesen, so hätte sich der bewußte Eiszapfen in ein frisch grünendes Reis verwandelt und Blüten getrieben – wieder ein hinkendes Bild, aber Sie verstehen mich. Vielleicht denken Sie an dieses Frühlingsmärchen, wenn Sie im kalten Bivouac Nachts nicht einschlafen können, und erwärmen daran Ihr fröstelndes Herz.
      Ich kann nicht schildern, wie mir bei diesen Worten zu Muthe war.
      Was ich in dem ersten Schwindel und Taumel aller Gefühle gestammelt habe, mögen die Götter wissen. Nur so viel ist mir erinnerlich, daß ich unter Anderm die Zumuthung an sie stellte, nun sofort zur Mutter zu gehen, sie um ihren Segen zu bitten und dadurch unser Einverständniß zu einer regelrechten Verlobung zu stempeln.
      Wenn Sie mit meiner eigenen Erklärung nicht zufrieden sind, sagte sie kaltblütig, so thut mir's leid; zu mehr aber fühl' ich mich für jetzt nicht aufgelegt – wahrhaftig, 
      aufgelegt sagte sie, und sah dabei zum Verrücktwerden reizend und marmorkühl aus. Wenn wir uns in aller Form verlobten, würde ich keine ruhige Stunde haben, sondern mir immer wie Bürger's Lenore vorkommen. Nicht blos die ewige Unruhe: bist untreu, Wilhelm, oder todt? fürchte ich, sondern noch etwas viel Schlimmeres. Ich bin nämlich entsetzlich abergläubisch, oder vielmehr, ich glaube steif und fest, daß jene Ballade nicht eine bloße schaurige Fabel ist, sondern so oder anders, aber in der Hauptsache sich wirklich zugetragen hat. Wenn Ihnen etwas Menschliches begegnete, lieber Freund, und Sie hätten ein festes Anrecht auf mich, als auf Ihre feierlich Ihnen angelobte Braut – ich schliefe keine Nacht mehr und weiß bestimmt, daß irgend ein Spuk meinem armen Dasein ein Ende machen würde. Also lassen Sie uns das Weitere der Fügung des Himmels anheimstellen und ziehen Sie ins Feld, von meinen herzlichsten Gedanken überall begleitet.
      Das war nun danach angethan, meine hochgespannte Stimmung unsanft herabzudrücken. Umsonst versuchte ich, mit Ernst und Scherz sie zu rühren, daß sie mir etwas mehr einräumte. Doch nicht einmal das Versprechen, mir zu schreiben, konnte ich ihr abgewinnen und mußte mich endlich mit sehr getheilten Gefühlen von ihr losreißen. Nichts von wahrer, warmer Hingebung hatte ich gespürt in der Umarmung, die sie mehr duldete als erwiderte, und die so lang ersehnten Lippen, die ich flüchtig berühren durfte, waren von einer Kühle, als hätten sie nicht soeben ein freundliches, verheißungsvolles Wort gesprochen.
      Gleichviel: als hoffnungsloser Liebhaber war ich gekommen, und als glücklicher, wenn auch noch nicht erklärter Bräutigam ritt ich wieder davon.
      Das Glück war nun freilich nicht überschwänglich groß. Es bestand nur darin, daß ich in allen dienstfreien Augenblicken daran denken konnte, welch ein Siegespreis nach Beendigung des damals unabsehlichen Krieges meiner wartete, vorausgesetzt, daß man sich »dazu aufgelegt« fühlen würde, meine Liebe und Treue zu belohnen, und daß ich von Zeit zu Zeit die Versicherung eben dieser Lieb' und Treue nebst Berichten vom Kriegsschauplatz nach Tegernsee, später nach München schicken durfte.
      Eine Antwort kam nie.
      Anfangs hatte ich kein Arg dabei. War's nicht ganz correct, daß ein junges Mädchen einem jungen Manne, mit dem sie nicht in aller Form verlobt war, keine zärtlichen Briefe schrieb? Und andere als zärtliche hätten mich doch nicht glücklich gemacht.
      Wer weiß auch, ob nicht die puritanische Mama, die ohnehin das Verhältniß nicht billigen mochte, ein entschiedenes Verbot erlassen hatte.
      Aber alle Mütter der Welt, alle correcten Grundsätze hätten ein wahrhaft liebendes Herz nicht abhalten können, dem von Entbehrungen und Gefahren umringten Liebsten ein wenig Trost in die Ferne zukommen zu lassen. Wie beneidete ich meine Kameraden um gewisse Briefchen, mit denen sie sich in irgend einen stillen Winkel schlichen, um im Genuß einer solchen »Liebesgabe« nicht gestört zu werden. Ich ging immer leer aus, obwohl ich doch meinerseits der Post mehr als mancher Beglücktere zu thun gab. Und eines Tages schämte ich mich der allzu selbstlosen Rolle, die ich spielte. Ich beschloß, keine Zeile mehr zu schreiben, ehe eine Nachfrage nach mir geschehe. Mochte sie mich nun für »untreu oder todt« halten – es war an ihr, zu zeigen, ob mein Leben oder Sterben den geringsten Werth für sie habe.
      Wochen und Monate vergingen seit diesem Entschluß – und keine Zeile kam. Doch wenn Sie dächten, ich hätte unter diesem völligen Zusammenbruch meiner Hoffnungen schwer gelitten, so würden Sie sich irren. Ich empfand vielmehr eine Erleichterung und erkannte, daß ich all die Zeit in einer trügerischen Illusion von Glück und Liebe befangen gewesen war, da im Grunde nur meine Sinne mit im Spiel gewesen und vielleicht mehr noch ein geheimer Trotz, diesem unnahbaren Wesen doch endlich näher zu kommen und das Eis zu schmelzen.
      Was mir nun geschehen war, gab mir noch zeitig genug eine heilsame Lehre. Das war keine Frau, wie ich sie brauchte. Ein Glück, daß ich noch mit gutem Gewissen zurücktreten und stehen bleiben konnte, wo ich stand, ohne zu erleben, daß sie mir einen Schritt entgegenthat.
      *
      So ging das Jahr zu Ende; wir hatten weder einen Weihnachts- noch einen Neujahrsgruß ausgetauscht. Im Februar wurde ich verwundet und nach Mainz transportirt. Wie ich in dem Hause, in welchem ich wochenlang die liebevollste Pflege fand, Die kennen lernte, die im nächsten Jahr meine Frau wurde, gehört nicht hierher. Das Wort, das unser Schicksal entschied, war noch nicht zwischen uns gesprochen worden, wir wußten nur, daß wir einander fürs Leben gefunden hatten, da kam eines Tages ein Brief Abigail's, sie habe in der Zeitung von meiner Verwundung gelesen und frage bei mir an, ob sie und die Mutter kommen sollten, mich zu pflegen. Von bräutlichen Gefühlen keine Spur, ein Brief dessen Inhalt aus dem unpersönlichsten Gebot allgemeiner Nächstenliebe hervorgegangen sein konnte.
      Vielleicht hatte die Mama ihn dictirt. Aber mußte die Tochter so sklavisch nachschreiben?
      Ich bat Helene, der ich damals zuerst von meinem nun gelösten Verhältniß erzählte, in meinem Namen für das freundliche Anerbieten zu danken. Es fehle mir Nichts, und ich sei in der besten Pflege.
      Das war das letzte Lebenszeichen, das ich von meinem angebeteten »Bild ohne Gnade« erhielt. Ein allerletztes, das im Herbst 71 von mir ausging, die Verlobungsanzeige, kam als unbestellbar aus München zurück. Als ich kurz darauf selbst wieder nach Hause kam, erfuhr ich, die Damen seien schon vor dem Einmarsch der siegreichen Truppen fortgezogen, Niemand wisse, wohin, vielleicht nach Oesterreich zurück auf ihren Landsitz.
      Doch schon im nächsten Jahr drang das Gerücht zu uns, die schöne Abigail habe sich ebenfalls vermählt, mit einem hochbejahrten reichen Norddeutschen, der sie in einem Badeorte kennen gelernt. Uebrigens ein feiner und überall hochgeachteter Mann, großer Kunstfreund und Besitzer einer ausgewählten Gemäldesammlung neuerer Meister, der das schöne Fräulein wohl mehr als eine Zierde seiner Galerie, ein athmendes plastisches Kunstwerk sich angeeignet habe, da er fünfunddreißig Jahre älter sei und von schweren gichtischen Gebrechen geplagt.
      Daß der kalte Fisch, wie man Abigail nannte, sich nicht lange besonnen habe, eine solche Heirath einzugehen, schien Niemand zu verwundern.
      Seitdem hatte ich nie wieder ein Wort von ihr gehört; der Ort, wo sie lebte, war mir nicht im Gedächtniß geblieben, nur den Namen Windham hatte ich behalten. Und nun las ich ihn in dem Localblatt, das ich ahnungslos überflogen hatte, und konnte nicht zweifeln, es war ihr Gatte, von dessen Bildergalerie hier die Rede war.
      Ich rief den Kellner und fragte, ob er mir Näheres von dem Besitzer dieser Galerie und seiner Familie sagen könne. Er wußte nicht mehr, als daß Herr Windham vor etlichen Jahren gestorben sei und seine Sammlung der Stadt vermacht habe. Ob er eine Frau gehabt, könne er nicht sagen. Vielleicht wisse es der Wirth. Der sitze aber in seinem Privatzimmer mit ein paar Freunden beim Scat und liebe es nicht, dabei gestört zu werden.
      Ich verbat das auch und suchte mir vorzureden, daß ich durchaus kein Interesse daran hätte, ob eine Frau Abigail Windham als Wittwe in dieser Stadt lebe, oder etwa mit ihrer Mutter wieder auf dem steirischen Landgut. Was war mir diese alte Flamme? Ein Bild und ein Name. Und vielleicht war auch das Urbild in diesen elf Jahren stark verblichen oder nachgedunkelt, und ein Wiedersehen konnte Keinem von uns erwünscht sein.
      Lassen Sie mich gestehen, daß auch ein nie ganz unterdrücktes Gefühl eigener Verschuldung sich wieder in mir regte.
      Im Grunde, was hatte ich ihr vorzuwerfen? Sie hatte nur nicht gehalten, was sie nie versprochen hatte, was ihrer Natur nun einmal versagt war. Wer weiß, wenn ich mich auf ihr einfaches Wort verlassen und Alles der Zukunft anheimgestellt hätte, wäre der zarte Keim einer Neigung zu mir am Ende wirklich kräftig zur Blüte gediehen und ein so langsam erschlossenes Herz hätte doch wohl keinen geringeren Werth gehabt, als eines, das über Nacht sich entscheidet. Nein, es war ein schnöder Wankelmuth gewesen, mich plötzlich von ihr abzuwenden. Freilich, ob ich mit ihr so glücklich geworden wäre, wie mit meiner armen Helene –! Aber darauf kam es nicht an. Ich hatte ihr meine Treue gelobt, und war's eine Uebereilung gewesen, als Ehrenmann war ich verpflichtet, sie nicht im Stich zu lassen.
      Aehnliche Betrachtungen hatte ich im Lauf der letzten Jahre mehr als einmal angestellt und sie immer mit Sophismen zurückzudrängen gesucht. An jenem Abend gewannen sie eine solche Macht über mich, daß ich in sehr trübseliger Stimmung dasaß, einen bitteren Geschmack auf der Zunge, den selbst der edle Wein nicht wegspülen konnte.
      Darüber war es spät geworden. Die Spieler hatten das Local verlassen, nur eine einzige Schachpartie zog sich hartnäckig in die Länge. Ich brach endlich auf und merkte nun erst, daß schwerer Wein und schwere Gedanken nicht gut zusammen taugen. Denn der Kopf brannte mir, und am Herzen fühlte ich einen lästigen Druck. Das besserte sich aber, als ich in die linde Nachtluft hinaustrat und meinen wohlbekannten Weg nach dem Gasthof einschlug. Keiner Menschenseele begegnete ich, als einem Nachtwächter, der in dieser alterthümlichen Stadt noch mit Spieß und Laterne die Runde machte – damals wenigstens. Die Laterne war überflüssig, denn ein zauberhafter Mondschein lag auf Dächern und Gassen und ließ die krausen Ornamente der alten Erker und selbst die Inschriften über den Hausthüren taghell hervortreten. Die Nacht war so wundervoll, daß ich noch einen weiten Umweg machte, eh' ich mich entschloß, mein Zimmer aufzusuchen, das über Tag ziemlich schwül gewesen war. Hoffentlich hatte das Zimmermädchen die Fenster offen gelassen.
      So erreichte ich das Hôtel, fand die Thür noch angelehnt, den Portier aber in seiner Zelle in tiefen Schlaf gesunken. Ich gönnte ihm seine Ruhe, zumal ich den Zimmerschlüssel hatte stecken lassen. Den Weg zur Treppe hinauf konnte ich auch bei dem schläfrigen Gaslicht ohne Führer finden. Ich hoffte einen langen Schlaf zu thun, denn ich fühlte eine bleierne Müdigkeit in allen Gliedern. Als ich aber meine Thür öffnete, sah ich Etwas, das plötzlich alle träumerische Dumpfheit von mir nahm und mich mit einem jähen Ausruf der Ueberraschung an die Schwelle festbannte.
      Die beiden Fenster des Zimmers gingen nach einem freien Platz hinaus und ließen das grelle Mondlicht breit hereindringen. Desto dunkler war es in der hinteren Ecke, wo das Bett stand, und gegenüber an der anderen Wand bei dem Sopha. Und doch sah ich deutlich, daß Jemand auf dem Sopha saß, eine schwarzgekleidete Frauengestalt, nichts Helles an ihr, als das Gesicht. Das sah unbeweglich aus einem schwarzen Schleier hervor, der von der einen Hand unter dem Kinn zusammengehalten wurde, während die andere einen Blumenstrauß gegen das Gesicht hielt. Sie mußte ihn aus dem Glase genommen haben, das auf dem Tisch vor dem Sopha stand, ein paar Rosen und Jasminblüten, die mir die Frau meines Freundes nach Tische in ihrem Garten gepflückt hatte.
      Auch bei meinem Eintritt regte sich die verhüllte Gestalt nicht im Mindesten. Erst als ich mich ermannte und dicht an den Tisch trat – die Worte versagten mir, ich traute noch immer meinen Augen nicht – hob die Fremde den Kopf, den sie auf die Lehne des Sophas hatte zurücksinken lassen, und ich sah nun trotz der Dunkelheit ganz deutlich zwei große graue Augen auf mich gerichtet.
      Abigail!
      Die Gestalt blieb ruhig sitzen. Sie schien durchaus nicht verlegen, an diesem Ort, zu dieser mitternächtigen Stunde sich mir gegenüber zu befinden. Nur die Hand mit den Blumen ließ sie in den Schooß sinken. Dann, nach einer Weile, hörte ich sie sagen – die Stimme klang mir unheimlich fremd:
      Kennen Sie mich wirklich noch? War alle Mühe, die Sie sich gegeben haben, mich zu vergessen, umsonst? Nun, das macht Ihnen alle Ehre. Ich sehe, daß ich Sie doch richtig taxirt habe.
      Abigail! rief ich wieder. Ist es denn möglich? Sie hier? Wie kommen Sie in dieses Zimmer, zu so ungewohnter Zeit?
      Ich hatte mich jetzt an das Halbdunkel gewöhnt und sah deutlich, daß ein kalter, lauernder Zug ihren Mund entstellte. Uebrigens erschien sie mir schöner, als ich sie im Gedächtniß hatte, nur blasser, und die Brauen zogen sich zuweilen schmerzlich zusammen.
      Wie ich hieher gekommen bin? erwiderte sie langsam, mit einer etwas heiseren Stimme, wie Jemand, der einsam lebt und das Sprechen oft Tage lang nicht mehr übt. Das ist sehr einfach. Ich hörte, Sie seien hier, auf kurze Zeit. Daß Sie mich nicht aufsuchen würden, wußte ich. Da mußte ich mich wohl entschließen, zu Ihnen zu kommen. Den Weg hier herauf zeigte mir freilich Niemand. Der Portier schlief. Aber ich las Ihren Namen auf der schwarzen Tafel unten und dabei die Nummer Ihres Zimmers, Da war ich so frei, mich hier häuslich niederzulassen, um Sie zu erwarten. Ich möchte doch gern, da ich jetzt so einsam bin – mein Mann ist vor drei Jahren gestorben – einen alten Freund einmal wieder begrüßen. Sie wissen, 
      on revient toujours –! Freilich, so ein armer 
      revenant macht eine traurige Figur, aber wenn ich häßlich geworden bin, Sie dürfen mir's nicht vorwerfen, Sie sind ja Schuld daran – doch davon wollen wir jetzt nicht reden. Man muß sich das bischen hübsche Gegenwart nicht durch unliebsame Rückblicke verderben.
      Noch immer fand ich kein Wort. Was ich aus dem ganzen Abenteuer machen sollte, war mir räthselhaft. Abigail, die ich so stolz und zurückhaltend gekannt hatte, jetzt hier um Mitternacht auf meinem stillen Gasthofzimmer, nur um mich wieder zu begrüßen! –
      Es ist so dunkel hier, stammelte ich endlich. Erlauben Sie, daß ich Licht mache.
      Nein, lassen Sie! fiel sie mir ins Wort. Es ist hell genug, daß wir unsere Augen sehen können, und weiter bedarf es nichts. Ich bin eitel, müssen Sie wissen. Sie sollen nicht auf meinem Gesicht die Spuren der vielen Jahre sehen, die seit unserm letzten Begegnen verflossen sind. Ich habe die Zeit nicht gerade sehr lustig zugebracht. Wenn Sie mich nicht hätten sitzen lassen, wäre ich vielleicht vergnügt gewesen, und wer sich glücklich fühlt, altert nicht!
      Gnädige Frau –! rief ich und wollte ihr sagen, daß ich mich zwar nicht frei von Schuld wisse, sie aber, was geschehen, mitverschuldet habe. Sie ließ mich aber nicht zu Worte kommen.
      Nennen Sie mich mit meinem Mädchennamen, nicht »gnädige Frau«! sagte sie. So lange mein Mann lebte, mußte ich mir diese Anrede gefallen lassen, die mir doch nicht zukam. Ich war nur die barmherzige Schwester meines guten Mannes, nicht sein Weib. Und noch etwas freilich: sein Modell, daß er vergötterte, anbetete, dessen Schönheit zu preisen er nicht müde wurde. Anfangs machte mir das Vergnügen, bald aber langweilte mich's. Und daß er mich in hundert Stellungen und Lagen zeichnete, erschien mir vollends als eine unausstehliche Frohne. Aber was sollt' ich machen? Es war seine einzige Freude, und die durfte ich ihm nicht stören, er war ein so edler, lieber Mensch, weit besser als Sie. Und doch fühlt' ich mich wie erlöst, als er endlich seinen Leiden erlegen war.
      Abigail, sagte ich, es ist mir lieb, daß ich es einmal vom Herzen wälzen kann, was mich so lange bedrückt hat. – Und nun sagt' ich ihr Alles, meinen Kummer über ihre Kälte, die getäuschte Hoffnung, während des langen Feldzugs werde das Band von ihrem Herzen springen, und daß ich endlich verzweifelt sei, jemals das Eis um ihre Brust zu schmelzen.
      O, sagte sie, mit einem leisen Zittern in der Stimme, Sie stellen das sehr zu Ihrem Vortheil dar, mein schöner Herr. Wenn Sie mich wirklich geliebt hätten, wäre Ihnen die Geduld nicht ausgegangen, darauf zu warten, daß ich, da ich die Liebe erst mühsam buchstabiren mußte, endlich bis zum Z gelangte, nachdem ich doch einmal A gesagt hatte. Aber sobald Sie im Felde waren, hörte ich auf, für Sie zu existiren.
      Wie können Sie das sagen! Alle Briefe, die ich Ihnen schrieb –
      Ich habe nicht einen einzigen bekommen.
      Wir starrten einander an. Jedem von uns drängte sich derselbe Gedanke auf, daß die Mutter meine Briefe unterschlagen habe. Aber Keins brachte das über die Lippen.
      Je nun, sagte sie endlich, was hilft es, sich über verlorene Dinge den Kopf oder gar das Herz zu zerbrechen! Sie haben einen hinlänglichen Ersatz gefunden, und auch ich hätte es viel schlimmer haben können. Am Ende wären wir Zwei nicht einmal glücklich mit einander geworden. Ich gestehe Ihnen ehrlich, ich weiß immer noch nicht, ob ich im Grunde gut oder schlecht bin. Vielleicht bin ich keins von beiden. Vielleicht denkt die Natur, wenn sie einen Menschen besonders schön geschaffen hat, sie habe nun genug für ihn gethan und brauche ihm weiter Nichts ins Leben mitzugeben. Mein Mann, der ein Kunstenthusiast war, verlangte auch nicht mehr. Sie aber – ich glaube, es hätte Sie bald gelangweilt, meine schönen Schultern und Arme anzugaffen.
      Damit schlug sie den schwarzen Schleier zurück und lag hingegossen in der reizendsten Haltung, mit einem ernsten Blick an sich selbst hinunterschauend. Aber ohne Eitelkeit, nur wie man ein Bild betrachtet. Sie war in der That noch schöner geworden mit der größeren Reife, die blassen Arme ein wenig voller und auch jetzt nur oben an der Achsel mit einem schmalen Band umschlungen, das alle Augenblicke herabzurutschen drohte, worauf sie es ruhig wieder in die Höhe schob. Ich sah wieder die drei kleinen Narben am linken Oberarm, und wieder kam mir das Gelüst, meine Lippen darauf zu drücken und von den glatten weichen Schlangen ihrer Arme meinen Hals umstrickt zu fühlen.
      Endlich, als würde sie durch meine zudringlich prüfenden Blicke belästigt, nahm sie die Falten des Schleiers über ihrer Brust wieder zusammen und stand auf.
      Dieses Sträußchen nehm' ich zum Andenken mit, sagte sie. Ihr habt viel schönere Blumen, als wir, auch duften sie, was unsere nicht thun.
      Sie zog eine Hand voll Immortellen hervor, die sie im tiefen Ausschnitt ihres schwarzen Sammetkleides getragen hatte. Wollen Sie sie haben? Auch zum Andenken? Wozu soll ich mich auch sonst putzen, als für einen guten Freund? So gut wird mir's nicht alle Tage.
      Abigail! rief ich, jetzt vollends hingerissen, da sie in ihrer ganzen Schönheit am mondbeschienenen Fenster vor mir stand, das blonde Haar unter dem Schleier vorleuchtend, – soll dies unser letztes Begegnen gewesen sein? Sie sind wieder frei, und ich so einsam wie Sie, und daß wir nicht früher zusammenkommen konnten, – wir haben jetzt eingesehen, daß es nicht unsere Schuld war. Liebe Abigail – können Sie sich – kannst du dich jetzt noch entschließen, mein Weib zu werden?
      Ich stürzte auf sie zu und wollte sie in meine Arme ziehen. Sie trat aber einen großen Schritt zurück und streckte beide Hände abwehrend gegen mich aus.
      Nein, mein schöner Herr! sagte sie, und ein kühler, spöttischer Ausdruck des weißen Gesichts schlug meine Wallung nieder. Machen wir keine Dummheit. Sie haben mich darum gebracht, zu erfahren, wie das Leben an der Seite eines geliebten Menschen sein könnte. Das holt man nie wieder nach, Sie würden beständig Vergleiche anstellen zwischen mir und der guten kleinen Frau, die Sie so glücklich gemacht hat und so ganz anders war als ich – oder können Sie leugnen, daß Sie glauben, eine bessere Frau habe nie ein Mensch besessen? – Nun und ich, wenn ich auch gewünscht hätte, mein Mann möchte dreißig Jahre jünger gewesen sein, – wie er mich angebetet, wird mich Niemand mehr anbeten. Also einen Strich darunter und ohne Winseln und Wehklagen! Aber ich seh' es Ihnen an, Sie sind jetzt sehr verliebt in mich, nun, und warum sollte ich Sie verschmachten lassen? Ich bin ja jetzt ganz unabhängig und kann über meine Person nach Belieben verfügen. Wenn man's einmal verscherzt hat, sich am Glück satt zu trinken, warum soll man verschmähen, einmal davon zu nippen, um sich wenigstens eine kurze Illusion von Glück zu verschaffen, zumal in einer so schwülen Nacht, wo ein armes Menschenkind eine Erfrischung wohl brauchen kann?
      Ich kann nicht beschreiben, wie wunderlich diese Worte auf mich wirkten. Dies Gemisch von Schwermuth und Leichtfertigkeit, von Resignation und Genußsucht war mir so fremd an dem einst so spröden und kühlen Wesen, daß ich mich erst eine Weile fassen mußte, eh' ich etwas gewiß sehr Einfältiges erwidern konnte.
      Ich hörte sie auch leise lachen. Sie wundern sich, daß ich trotz meiner puritanischen Erziehung so wenig prüde bin. Nun, das vergeht einem mit den Jahren; der dunkle Grund dringt immer mehr herauf, vor Wuth und Gram über ein verlorenes Leben könnte selbst ein Engel von einem keuschen Weibe zu einer Teufelin werden. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben; ich dränge mich Ihnen nicht auf. Ich sagt' es ja schon, ein armer 
      revenant darf nicht große Ansprüche machen. Also leben Sie wohl und gute Nacht!
      Sie hatte das mit so eigenthümlich gedämpfter Stimme, wie ergeben in ein trauriges Schicksal, gesprochen, daß mein ganzes Herz ihr wieder entgegenschlug. Ich streckte den Arm aus, sie an meine Brust zu ziehen, aber wieder trat sie zurück.
      Nicht hier! flüsterte sie. Was würden die Leute im Hause von mir denken, wenn ich morgen früh die Treppe hinunterginge! Begleiten Sie mich in meine Wohnung, da sind wir ungestört, und kein Hahn kräht danach, wenn ich mir Gesellschaft einlade. Wollen Sie? Nun so kommen Sie und lassen Sie uns keine Zeit mehr verlieren. Die Stunden eilen, und das Glück enteilt mit ihnen.
      Sie wandte sich nach der Thüre, und ich sah wieder mit Entzücken ihren leichten, schwebenden Gang, der unhörbar über den Teppich glitt. All meine Sinne fieberten, als ich ihr folgte, die Treppe hinab, wo das Gas jetzt ausgelöscht war, zu dem unverschlossenen Hause hinaus. Draußen wollte ich mich ihres Armes bemächtigen, sie schüttelte aber stumm den Kopf und ging ruhig ihres Weges, doch so dicht neben mir, daß, wenn sie sich zu mir wandte, der kühle Hauch ihres Mundes mich berührte.
      Das geschah nicht oft. Meist sah ich nur ihr Profil, und wieder fiel mir der durstige, lechzende Ausdruck ihres Mundes auf, halbgeöffnet, daß die Zähne vorschimmerten, die Oberlippe ein wenig vorgestreckt. Sie hatte den Kopf in den Nacken geworfen, das Haar war aufgegangen und floß unter dem Schleier über ihren Rücken, die nackten Arme lagen übereinander geschlagen unter der entblößten Brust, die sie dem Nachtwind preisgab. Friert dich nicht? sagt' ich. Sie schüttelte nur wieder den Kopf. Dann warf sie mir plötzlich einen argwöhnisch lauernden Seitenblick zu.
      Du genirst dich, so mit mir über die Straße zu gehen, sagte sie. Aber sei unbesorgt, ich compromittire dich nicht. Auch wenn uns Jemand begegnete, er würde nicht denken, ich führte dich jetzt zu einer Schäferstunde, Ich habe einen sehr guten Ruf, Niemand würde wagen, ihn anzutasten. Man weiß, daß ich ganz ehrbar und abgeschieden wohne und keinen Mann über meine Schwelle lasse, außer dem alten Gärtner, der mir meine Blumen in Ordnung hält. Auch komm' ich gar nicht an die Luft, was hätte ich auch draußen zu suchen? Heute habe ich eine Ausnahme gemacht, um deinetwillen, 
      on revient toujours à ses premi è res amours; aber das hab' ich dir ja schon einmal gesagt. Ja siehst du, man wird eintönig, wenn man liebt, was liegt daran? Du wirst mich darum nicht verachten.
      In diesem Augenblick kam uns ein verspäteter Nachtschwärmer entgegen. Er ging aber an uns vorbei, als sähe er nur mich, nicht das schöne, seltsam gekleidete Weib an meiner Seite, dessen prachtvolle Schultern unter dem schwarzen Schleier sichtbar genug hervorschimmerten. Ich hörte sie leise lachen. Hab' ich dir's nicht gesagt? Der werthe Herr war nur so discret, um mich nicht verlegen zu machen. Meinetwegen könnte er dieses Zartgefühl sparen. Was kümmert mich mein Ruf? Wen geht es was an, wenn ich einem alten Freunde, obwohl er's nicht um mich verdient hat, etwas zu Liebe thun will?
      Während sie sprach, eilte sie so rasch vorwärts – immer so lautlos, als ginge sie auf nackten Füßen – daß ich kaum Schritt mit ihr halten konnte. So kamen wir vors Thor. Diese Gegend war mir unbekannt. Einige ärmliche Häuser, in denen Arbeiter wohnen mochten, standen rechts und links von der staubigen, mit Pappeln bepflanzten Chaussee, und endlich hörte jede Spur einer Ansiedlung auf. Der Mond war hinter eine helle Wolkenschicht gegangen, ein stärkerer Wind hatte sich aufgemacht und sauste durch die Wipfel über uns. Sind wir bald am Ziel? fragte ich, da ein unheimliches Gefühl mehr und mehr meine Brust beengte. Bald! flüsterte sie. Du siehst schon die Mauer meines Gartens, dort zur Linken. Meine Wohnung liegt mitten darin. Bist du aber müde? Willst du umkehren?
      Statt aller Antwort suchte ich sie an mich zu ziehen. Ich fühlte ein brennendes Verlangen, sie auf den weißen Hals zu küssen. Aber wieder entwand sie sich mir und sagte: Warte nur! Was du wünschest, wird dir früh genug. Und da sind wir schon. Du wirst dich wundern, wie hübsch ich wohne.
      Wir standen vor einem breiten eisernen Gitter, das den Eingang in einen weiten Garten verschloß. Von den Anlagen sah man Nichts als eine Allee, die geradeaus sich weit in den Hintergrund erstreckte, aus cypressenartigen Taxussträuchern und Tujabäumchen gebildet, zwischen denen hie und da ein Marmorbild vorleuchtete. Am äußersten Ende ragte ein einstöckiger Bau in die Höhe, mit einem halbrunden Dach; das mußte die Villa sein. Es lag aber ein so bleicher Nebelduft über Allem, daß man in solcher Entfernung Nichts genau unterscheiden konnte.
      Willst du nicht aufschließen? fragte ich. Die Nacht vergeht.
      O, sie ist noch lang genug, antwortete sie leise, mit einem höhnischen Ton. Und ich habe den Schlüssel vergessen. Was fangen wir nun an?
      Da ist eine Klingel neben der Pforte, sagt' ich. Sie wird den Gärtner wecken, wenn der schon schlafen sollte.
      Untersteh dich nicht, die Glocke zu ziehen! Niemand darf wissen, daß ich dich bei mir einlasse, der alte Mann am wenigsten. Er würde mich verachten und meine Blumen nicht mehr begießen. Aber wir brauchen auch Niemand. Wenn wir uns nur ein wenig schmiegen, geht es auch so.
      Indem sie das sagte, sah ich, wie sie durch den Zwischenraum zweier Eisenstäbe hindurchglitt, so leicht, als wäre statt der üppigen Frauengestalt eine Wolke hineingeschwebt.
      Nun stand sie drüben, jetzt wieder im hellen Mondschein, und nickte mir zu. Wer mich lieb hat, folge mir nach! rief sie, wieder mit ihrem schadenfrohen Lachen. Zugleich aber leuchtete mir nun ihre reife Schönheit voll entgegen, daß ich vor Sehnsucht und Ungeduld aus der Haut zu fahren dachte.
      Spiele nicht so grausam mit mir! rief ich. Du siehst wohl, auf diesem Wege kann ich nicht zu dir kommen. Hast du mich so weit gelockt, so vollende nun dein gutes Werk, hole den Schlüssel und laß mich ein!
      Das könnte dem Herrn wohl gefallen! höhnte sie durch das Gitter, und ihre Augen blitzten mich an. Und morgen früh, wenn die Hähne krähen, ginge er auf und davon und ließe mich einsame Wittwe ohne alle Gewissensbisse zurück. Denn ich bin nur schön bei Nacht. Wenn die Sonne scheint, darf ich mich nicht sehen lassen. Nein, schöner Herr, es war mir nur um ein sicheres Geleit zu thun, da eine tugendsame Frau um Mitternacht nicht gern allein auf der Straße betroffen wird. Und nun bedank' ich mich für den Ritterdienst und wünsche dem Herrn Major, oder was er sonst sein mag, eine glückliche Reise.
      Sie machte einen tiefen Knix, wobei sich die reizende Gestalt verführerischer als je darstellte, und wandte sich dann langsam ab, um die Allee hinaufzuschreiten.
      Abigail! rief ich außer mir, ist es möglich! So unmenschlich kannst du mich behandeln, mir erst alle Himmel offen zeigen und mich dann erbarmungslos in die schadenfrohe Hölle stürzen? Wenn ich es verscherzt habe, dich je die Meine zu nennen, stoß mich wenigstens nicht ohne jeden Trost von dir, gieb mir einen Tropfen Liebe zu kosten, daß ich meine durstige Seele damit beschwichtige, nur einen Kuß, Abigail, aber nicht wie damals, als dein Herz nicht auf deinen Lippen war, sondern wie man einen Freund küßt, dem man ein schweres Vergehen verziehen hat!
      Sie war stehn geblieben und drehte sich ruhig wieder nach mir um. Wenn dem Herrn mit so wenig gedient ist, – Abigail ist nicht grausam, obwohl das Leben ihr selbst grausam mitgespielt hat. Und überdies hätte ich auch wohl einmal Lust zu küssen, wozu ich mein Lebtag nicht recht gekommen bin.
      Sie kehrte um und trat wieder dicht an das Gitter heran. Mit den beiden glatten weißen Armen griff sie durch die Stäbe hindurch und zog meinen Kopf rasch an ihr Gesicht heran. Ganz nahe sah ich ihre großen grauen Augen, die auch jetzt ohne Liebe und ohne Haß in kaltem Glanze strahlten. Dann fühlte ich, wie ihr Mund sich auf den meinen preßte, und ein seltsamer Schauer, halb Angst halb Seligkeit, rann mir durch das Blut. Ihre Lippen waren kalt, aber ihr Athem glühte mich an, und mir war, als saugte sie mir die Seele aus dem Leibe. Vor meinen Augen wurde es schwarz, der Athem verging mir, ich suchte angstvoll mich loszumachen, aber ihr kühler, weicher Mund blieb fest auf meinen gedrückt – ich strebte danach, mich der Umstrickung ihrer Arme zu entwinden, – die weichen Schlangen umschnürten meinen Nacken wie stählerne Reifen, und wo war die Kraft meiner Arme geblieben? Wie wenn das Mark in ihnen durch jenen Kuß aufgezehrt würde, sanken sie kraftlos herab, der Todesschweiß trat mir auf die Stirn, wie ein halb ohnmächtiger armer Sünder, der die Folter erleidet, hing ich an dem Gitter, ich wollte schreien, und kein Ton durchbrach den so fest verschlossenen Mund, die Gedanken rasten mir durchs Hirn, wie bei einem ins tiefe Meer Versinkenden, noch zwei Augenblicke in dieser Qual, und es war um mich geschehen – da brach ein Schall wie das Klatschen einer Peitsche in die grauenhafte Stille hinein, sogleich löste sich der Mund drüben von dem meinigen, ein helles Gelächter erscholl zwischen den Stäben, ich verlor die Besinnung und brach zusammen.
      *
      Als ich wieder zu mir kam, sah ich meinen Freund, den Doctor, neben mir knieen, beschäftigt, mir mit irgend einer Essenz, die er aus seiner Handapotheke geholt, Stirn und Schläfe zu reiben. Sein Wagen stand dicht dabei in der Allee, ich begriff, daß ich seinem Kutscher die Erlösung von dem Gespenst zu verdanken hatte, da das Knallen der Peitsche es verscheuchte.
      Was Teufel, alter Freund, hast du hier draußen am Friedhof in der Geisterstunde zu suchen? rief der Arzt, als ich mich ein wenig ermuntert hatte und, von ihm unterstützt, dem Wagen zuwanken konnte. Du zitterst an allen Gliedern, deine Lippe blutet – wenn du geglaubt hast, daß es eine passende Nachkur nach Wildbad sein möchte, hier im Nachtthau auf der kalten Erde zu schlafen, so bist du in einem großen Irrthum.
      Nicht um die Welt hätte ich's übers Herz gebracht, ihm den wahren Zusammenhang mitzutheilen. Der feurige Wein habe mich noch so spät umgetrieben, sagte ich, und so sei ich zuletzt dort am Gitter, wo ich einen Augenblick hätte rasten wollen, von einem Schwindel überrascht und zu Boden geworfen worden.
      Das klang nicht unwahrscheinlich. Auch verfiel ich, nachdem mein hülfreicher Freund mich in meinem Gasthofsbette zur Ruhe gebracht, sofort in einen tiefen gesunden Schlaf, den Niemand ängstlich zu bewachen brauchte. Als ich am späten Morgen aufstand, durch den Besuch des Doctors ermuntert, schien jede Spur des unheimlichen Nachtbesuches verschwunden.
      Dennoch war ich durchaus nicht so tapfer, wie es einem Soldaten geziemte, und wie Sie, mein gnädiges Fräulein, es mir gütigst zugetraut haben. Als der Abend kam – den Tag hatte ich in beklommenem Brüten auf meinem Zimmer zugebracht – schrieb ich ein Billet an den Freund, ich müsse noch mit dem Nachtzuge abreisen. Auch jetzt gestand ich den wahren Grund nicht ein. Ein Arzt – ein Skeptiker von Beruf – wie hätte ich denken können, daß er meinem Bericht Glauben geschenkt hätte? Muß ich nicht fürchten, daß ich selbst Ihnen, verehrte Freunde, entweder als ein sonderbarer Schwärmer oder als ein fabulirender Phantast erscheine, der diese Geschichte sich aus den Fingern gesogen, um sein Pfand nicht hergeben zu müssen?
      Wir waren Alle verstummt. Auch das Fräulein schwieg eine Weile und sah nach der Zimmerdecke, an der der runde Lichtschein der Lampe spielte. Endlich sagte sie:
      Wenn ich ehrlich sein soll – aber ich darf Sie nicht dadurch verstimmen, lieber Herr Oberst – Ihre ganze Spukgeschichte halte ich nur für einen starken, ungewöhnlich hellen und zusammenhängenden Traum, den Sie geträumt haben. Der Portier des Hôtels kann Ihnen nicht als Zeuge dienen, da er geschlafen haben soll, als zuerst die Frau und dann Sie selbst die Treppe betraten. Uebrigens wenn wirklich der Wein dies ganze Abenteuer in Ihrem Kopfe gedichtet haben sollte, auch diesmal wäre im Weine Wahrheit gewesen – Ihr Gefühl für die verlassene Geliebte und die Nemesis, die sich Ihnen durch die entsetzliche Umarmung des Alps offenbart hätte.
      Ich war auf diese Erklärung gefaßt, sagte der Oberst und sah still vor sich hin. Aber was sagen Sie zu Träumen, die in der Wirklichkeit sichtbare Spuren zurücklassen? Als ich am Morgen an meinen Tisch trat, war der Strauß von Rosen und Jasmin aus dem Glase verschwunden. Auf dem Sopha aber lag ein dürres Sträußchen verblichener Immortellen.
       
      II. Mittagszauber.
      Die Geschichte von der schönen Abigail klang noch eine Weile geheimnißvoll wie eine eben verhallte Glocke in dem kleinen Kreise nach.
      Der Oberst blieb, nachdem er seinen letzten Trumpf ausgespielt hatte, noch immer am Ofen stehen, das Haupt zurückgebogen, den Blick unverwandt gegen die Zimmerdecke geheftet. Alle schwiegen. Auch das muntere Fräulein war verstummt und sah wie rathlos zu ihrem Schwager hinüber, der den ganzen Abend dem Geistergespräch mit überlegenem Lächeln zugehört und nur hin und wieder durch eine sarkastische Frage die Gläubigen zu neuen Expectorationen gereizt hatte.
      Jetzt wandte er sich an den Oberst und sagte: Sie werden es mir, dem hartgesottenen Naturforscher, wohl nicht übelnehmen, lieber Freund, wenn ich mich auch Ihrem merkwürdigen Abenteuer gegenüber skeptisch verhalte und, was Sie als ein reales Erlebniß ansehen, nur als eine visionäre Vorspiegelung Ihrer erregten Psyche betrachte. Wie sich's freilich mit der handgreiflichen Reliquie, jenem Immortellensträußchen, verhalten habe, kann ich nicht sicher verbürgen. Doch bezweifle ich keinen Augenblick, auch diese unheimliche »Thatsache« würde sich natürlich erklärt haben, wenn Sie in der Stimmung gewesen wären, genauere Nachforschungen anzustellen. Es ließe sich z. B. denken –
      Ich muß dich bitten, lieber Mann, was sich denken ließe, für dich zu behalten, unterbrach ihn seine Frau eifrig. Wir wollen Gespenstergeschichten hören, um, wie im Märchen, das Fürchten zu lernen; darin darfst du uns nicht stören. Ich glaube zwar nicht, daß Goethe mit seinem tiefsinnigen Wort »das Schaudern ist der Menschheit bestes Theil« eben dieses Gruseln gemeint habe. Doch hat ja auch er an allerlei Spuk, wie er in klassischen und romantischen Walpurgisnächten sein Wesen treibt, Gefallen gefunden, ohne mit naturwissenschaftlichen Protesten dazwischenzufahren. Also gieb, ohne zu murren, dein Pfand, und nun ist die Reihe an unserm verehrten Professor. Ich fürchte freilich, vor seiner historischen Methode wird das Zwischenreich keine Gnade finden.
      Da sind Sie nun doch im Irrthum, liebe Freundin, versetzte der Aufgerufene, ein heiterer, grauköpfiger Hausfreund, Verfasser sehr gelehrter Bücher über dunkle Gebiete des deutschen Mittelalters. Meine Studien haben mich zu manchen räthselhaften Erscheinungen im Menschen- und Völkerleben geführt, die aller nüchternen historisch-kritischen Erklärung spotten und ohne Hülfe einer erleuchteten Seelenkunde und pathologischen Analyse nicht zu begreifen sind. Ich will Ihnen aber nicht eines der zahllosen Spukgeschichtchen auftischen, von denen die Chroniken und Protokolle der Hexenprozesse wimmeln, sondern ein eigenstes Erlebniß, das Ihnen allerdings keinen kalten Schauer über den Rücken jagen wird, doch aber ohne das Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die unsere kaum zu erklären sein dürfte. Und zwar hat es sich ausnahmsweise nicht in der obligaten unheimlichen Gespensterstunde zugetragen, sondern am hellerlichten Tage.
      Ich schicke nur noch die Versicherung vorauf, daß ich Ihnen das kleine Abenteuer ohne jede Ausschmückung berichten werde, genau so, wie ich es die langen Jahre, seit ich es erlebt, im Gedächtniß bewahrt habe.
      Nicht nur das Jahr, sondern sogar den Tag, an dem sich's ereignet, weiß ich noch anzugeben: der 16te Juli war's des Jahres 1855. Am 10ten hatte ich in Leipzig meinen Doctor gemacht und war dann sofort zu zwei lieben alten Leuten, einem Onkel und einer Tante, gereist, um mich bei diesen Trefflichen, die nach dem frühen Tode meiner Eltern mich an Sohnes Statt angenommen hatten, von den Promotionsstrapazen zu erholen. Sie wohnten in Dresden, in einem kleinen Hause der Neustadt, und ich brauche nicht zu sagen, daß sie mich wie einen Triumphator mit allen Ehren empfingen. Ich blieb aber trotz der besten Pflege nervös, mager und blaß, so daß die Tante mir am fünften Morgen eröffnete, es müsse durchaus etwas Gründliches zur Hebung meiner gesunkenen Lebensgeister geschehen. Nichts sei ersprießlicher in solchen Fällen, als ein Aufenthalt in frischer Wald- und Bergluft, weßhalb sie mit dem Oheim übereingekommen sei, mich in die sächsische Schweiz zu schicken.
      Mit einer Erholung im Freien war ich einverstanden. Nur gegen das Wo? lehnte ich mich auf. Um diese Hochsommerszeit wurden dort alle Wege und Stege schon damals von Sommerfrischlern und Touristen dermaßen unsicher gemacht, daß auf ein behagliches Ausruhen in dem Gewimmel nicht zu hoffen war.
      Dagegen tauchte, sobald die Tante mit ihrem Plan herausrückte, ein näher gelegener stiller Ort in meiner Erinnerung auf, den ich als Student in früheren Dresdener Ferientagen öfters besucht hatte, ein Wirthshäuschen auf dem rechten Elbufer, etwas erhöht zwischen Gärten stehend, nicht über tausend Schritte von Loschwitz entfernt. Jetzt hat es längst einer schönen großen Villa weichen müssen, wie ich zu meinem Kummer wahrnahm, als ich unlängst einmal wieder des Weges kam. Damals aber führte ein junges Ehepaar die Wirtschaft, mit dem ich ein freundschaftliches Verhältniß hatte, da ich mich an dem wackeren Wesen des Mannes und der Anmuth seiner flinken kleinen Frau unverhohlen erfreute. Auch hatte ich ihren Wein trinkbar gefunden, vor Allem die Stille auf der über den Uferweg hinausgebauten Altane an sternhellen Nächten schätzen lernen.
      Es war noch ein Gasthöfchen alten Zuschnitts, nur von soliden Bürgerfamilien, die dort den berühmten Blümchenkaffee tranken, und von gelegentlichen Spaziergängern besucht. Denn das Ehepaar war wohlhabend genug, um eine Erweiterung des schlichten Geschäfsbetriebes in dem schon damals aufkommenden eleganteren Stil verschmähen zu können.
      Ob meine guten Freunde auf Logirgäste eingerichtet waren, wußte ich freilich nicht, zweifelte aber nicht, daß sie mir ein Bett in irgend einer Kammer ihres alten Hauses nicht abschlagen würden.
      So wanderte ich eines heißen Nachmittags mit meinem Ränzel die Uferstraße entlang. In den zwei Jahren, seitdem ich mich zuletzt hier umgesehen, hatte sich Nichts verändert. Kaum daß eines der Landhäuser, die mir alle so wohlbekannt waren, eine frische Tünche erhalten hatten oder einen neuen Pavillon zwischen den hohen Gebüschen, die über den Gartenzaun ihre blühenden Zweige ausbreiteten. Auch war der Weg am Flusse noch immer wenig begangen, da der eigentliche Verkehr sich oben auf der Landstraße hinter den Häusern hinzuziehen pflegt, und in der großen Stille ringsum begleitete mich nur das sanfte Plätschern der Wellen, die an das kiesige Ufer heranspülten.
      Auch in dem Hause, wo ich endlich anhielt, schien Alles beim Alten geblieben zu sein. Auf denselben verwitterten Steinstufen stieg ich zu dem Gitterthürchen hinan, das, wenn man den Vortheil wußte, auch von außen zu öffnen war. Der schmale Pfad, der durch den Wirthsgarten führte, war noch immer so verwildert und verwachsen, wie je. Nur die Hausgenossen und wenige Stammgäste kannten diesen Eingang. Das fremdere Publicum kam von oben herein. Da ich unter den Gästen, die dort saßen, doch auch einen Bekannten treffen konnte und mein Asyl nicht verrathen wollte, wandte ich mich vorsichtig nach der Hinterseite des Hauses. Da traf ich die alte Ursel, ein Inventarstück der Familie und meine besondere Gönnerin. Sie begrüßte mich freudig wie einen lange Vermißten, und da ich sagte, es sei mir zunächst nicht um Speise und Trank zu thun, sondern um ein paar Worte mit den Wirthen, führte sie mich in das Wohnzimmer im oberen Stock und lief dann eilig hinunter, den Herrn und die Frau herbeizurufen, die gerade in dem seitabgelegenen Oekonomiegebäude beschäftigt waren.
      Ich hatte indessen Zeit, mich in dem Gemach, in das ich noch nie den Fuß gesetzt, ein wenig umzusehen. Es war mit alten Möbeln ausgestattet, aber sehr sauber gehalten, Blumen in Töpfen an den Fenstern, schöne Rosen in einer Vase auf dem Tisch vor dem mit schwarzem Roßhaartuch überzogenen Sopha, ein schmetternder Kanarienvogel in großem Bauer an dem einen offenen Fenster, vor dem das dunkle Laub der Kastanien sich leise im Abendwind wiegte. An der Wand über dem Sopha hingen in verblichenen Goldrahmen drei lebensgroße Familienbilder, links ein stattlicher Mann in der Tracht der zwanziger Jahre, ihm gegenüber im großen Putz jener Zeit eine behäbige Frau mit einem in gestickte Windeln eingeschnürten Wickelkinde auf dem Arm, zwischen ihnen das Bild eines eben aufgeblühten Jungfräuleins in der Kleidung der Empirezeit, das mich mehr als die beiden anderen anzog. Nicht durch sonderliche Schönheit. Das Gesicht, das dem Beschauer voll zugekehrt war, erschien etwas zu rund, auch das Stumpfnäschen und der leicht aufgeworfene Mund entsprachen nicht ganz meinem Begriff von einem reizenden Mädchenkopf, Die Augen aber, groß und schwarz und langbewimpert, hatten einen so rührend unschuldigen und doch schon ahnungsvoll schwermüthigen Ausdruck, daß sie mich völlig bezauberten. Sie war in ein weißes, an den Säumen mit einer blauen Stickerei verziertes Gewand gekleidet, das dicht unter der jungen Brust gegürtet war. Der schöne schlanke Hals war frei, ebenso die reizenden Arme, um die sie nur einen schmalen rothen Shawl geschlungen hatte. Um den Kopf krausten sich kurze braune Löckchen – ein sogenannter Tituskopf; in der Hand hielt sie eine vollaufgeblühte weiße Rose, und an ihrem schlanken Goldfinger steckte ein goldner Reif mit einem herzförmigen blauen Stein.
      Ich hatte wohl zehn Minuten lang das liebe Wesen, das nun schon längst von der Welt entschwunden war, betrachtet, als die Thür sich öffnete und der Hausherr hereintrat, hinter ihm die kleine Frau, die ihre zierliche Figur inzwischen ansehnlich gerundet hatte und die Erklärung dieser Veränderung in Gestalt eines einjährigen Kindchens auf dem Arme trug.
      Beide begrüßten mich aufs Herzlichste, schalten mich wegen meines langen Ausbleibens und wiesen mir mit Stolz die artige Puppe, die der Himmel ihnen inzwischen zur Krönung ihres ehelichen Glückes beschert hatte. Es war ihnen auch sonst in den zwei Jahren Alles nach Wunsch gediehen; ein kleiner Weinhandel, den sie betrieben, hatte sich einträglich vergrößert, der Besuch der Wirtschaft dermaßen zugenommen, daß sie einen geräumigen Gartensaal hatten bauen müssen, in welchem auch Hochzeiten und andere Familienfeste gefeiert zu werden pflegten.
      So sehr ich dem wackeren Paar das Wachsthum seines irdischen Gutes gönnte, war mir's doch ein Querstrich durch meinen Plan, da ich die erhoffte Stille und Abgeschiedenheit hier nicht mehr vorfand. Und als ich trotzdem die Frage that, ob ich für einige Wochen ein ruhiges Zimmer unter ihrem Dache finden könne, erklärte die Wirthin, das sei nun leider nicht zu machen. In dem Mansardenstockwerk habe sie ihre Kinderstube eingerichtet, zwei andere Stuben bewohne ein Ehepaar aus der Stadt mit einem kränklichen Knaben, der in der Landluft sich erholen solle, aber oft in der Nacht durch Husten und Weinen auch ihren Schlaf verstöre, so daß ich in dem einzigen noch verfügbaren Zimmer bei Tag und Nacht keine Ruhe haben würde. Es sei ihr ungemein leid, und wenn sie mein Kommen geahnt hätte, würde sie die Fremden nicht aufgenommen haben. Der Mann bestätigte das Alles, schien aber nachzudenken, ob nicht doch eine Auskunft zu finden wäre, und sagte endlich, da ich schon mit einem stillen Seufzer Hut und Stock ergriff: Nein, Riekchen, wir dürfen den Herrn Doctor doch nicht wieder fortlassen, damit er es irgendwo in einem fremden Hause ungemüthlich findet. Da ist ja noch das Gartenhäuschen der Tante 
      Blandine. Es ist zwar seit vielen Jahren nicht mehr bewohnt worden; aber wenn man den Staub hinauskehrt und frische Vorhänge aufsteckt – dem Herrn Doctor ist's ja nur um einen recht ruhigen Winkel zu thun – das Essen könnte man ihm, wenn er nicht herüberkommen will, in dem Vorderzimmer drüben auftragen, in der Kammer dahinter würde er schlafen, und den ganzen Garten hätt' er für sich. Ich sollte meinen –
      Wo denkst du hin, Mann! unterbrach ihn die kleine Frau mit einer seltsamen Geberde des Vorwurfs, indem sie ihm mit den lebhaften Augen ein Zeichen machte. Das ist ja rein unmöglich! – Sie trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm ein paar Worte zu, den Kopf dabei schüttelnd, wie über eine unerhörte Zumuthung, Der Mann aber lachte gutmüthig, gab ihr einen kleinen Schlag auf die runde Schulter und wandte sich dann zu mir.
      So sind die Frauensleute alle! sagte er. Auch die vernünftigsten lassen sich von Jedwedem, der ihnen was vorfabelt, zum Narren halten. Nämlich, Herr Doctor, es soll nicht ganz geheuer sein in dem Häuschen drüben, behaupten alte Leute, und die jungen schwatzen's ihnen nach. Gesehen aber hat Keiner was, wie das immer so geht. Na, und wenn Tante Blandine spuken ginge, was wär's, Riekchen? Der Herr Doctor kann ja selbst urtheilen, ob's ihm unlieb wäre, wenn ein schmuckes Frauenzimmer ihm eine Visite machte. Da hängt sie ja überm Sopha. Sieht Die aus, als ob sie sich einen Spaß daraus machte, ruhigen Leuten einen Schrecken einzujagen? Die Tante Blandine, müssen Sie nämlich wissen, Herr Doctor –
      Hier unterbrach ihn die Ursel mit der Meldung, der Maurermeister verlange nach dem Wirth wegen des neuen Waschhauses. Das ging denn auch die Hausfrau an, und so ließ mich das Ehepaar mit der Alten allein, der der Wirth wegen meines Quartiers die nöthigen Weisungen gab.
      Ob sie von der Tante Blondine etwas wisse, fragte ich. Nein, sie wisse nichts, als daß die junge Mamsell in dem Häuschen drüben gewohnt habe, und die Leute behaupteten, sie zeige sich noch zuweilen. Einem aber, der sie selbst gesehen, sei sie nie begegnet, könne auch nicht wohl daran glauben; das Fräulein habe ja ein so gutes, frommes Gesicht und gewiß nichts verbrochen, was ihr die Grabesruhe stören müsse.
      Nun gingen wir Beide die Treppe hinunter und durch den Garten nach einem Seitenpförtchen, das auf eine schmale, vom Uferweg sacht ansteigende Gasse hinausführte und in der Regel verschlossen war. Drüben, gerade gegenüber, öffnete derselbe Schlüssel ein gleiches Pförtchen, durch das man in einen verwilderten Blumengarten gelangte. Ich hatte ihn früher nicht beachtet, da ich nie lange hier draußen verweilte. Von der unteren Straße aus konnte man auch nicht hineinblicken. Die Hecke, die ihn am Rande einsäumte, war zu hoch emporgeschossen und der untere Eingang, eine Gitterthür über einigen Stufen, von dichtem Fliedergebüsch dermaßen überwuchert, daß man achtlos daran vorüberging.
      Wie ich jetzt den stillen Bezirk betrat, der, etwa hundert Fuß im Geviert, sanft ansteigend sich zur Höhe der Landstraße emporzog, bot sich mir ein überraschender Anblick.
      Wie wenn seit zehn Jahren kein Mensch den Fuß hineingesetzt hätte, so blühte hier in unglaublicher Fülle ein wilder Flor der schönsten Rosen – fast lauter Centifolien –, daneben Nelken, Goldlack, Jasmin und Heliotrop durcheinander, und dazwischen, wie weiße Inseln aus dem Blütenmeer auftauchend, kleine Gruppen ungewöhnlich hochstengliger Lilien, deren starker Duft über alle anderen mir entgegenwehte. Dieser Blumenurwald war gerade von dem Schimmer der untergehenden Sonne überglüht, und da die Bäume und Büsche, die den Garten an allen vier Seiten einfaßten, so dicht verwachsen waren, daß von den Nachbarhäusern Nichts durchblicken konnte, hatte der Eindruck, den ich von dem Gärtchen empfing, etwas märchenhaft Berauschendes und zugleich Beklemmendes.
      Die Frau lasse hier Alles wachsen und wuchern, wie's Gott gefalle, berichtete die Alte, während sie die Ranken einiger hochstämmiger Rosenbäumchen bei Seite bog, um mir den Weg zu bahnen. Zu gehörigem Aufräumen und Inordnunghalten fehle es an Zeit; einen eigenen Gärtner deßhalb zu miethen, lohne sich nicht. Denn was das Grundstück so ungepflegt an Blumen aller Jahreszeiten trage, werde zweimal wöchentlich in die Stadt geschickt und dort vortheilhaft an Händler verkauft. Wüchsen die Wege gar zu dicht zu, so komme der Wirth und schaffe etwas Luft mit der Heckenscheere. Vor langen Jahren habe der Vater des jetzigen Besitzers an schönen Abenden manchmal da oben vor dem Häuschen seine Pfeife geraucht. Vielleicht sei ihm dort irgend ein Nachtspuk erschienen, der's ihm verleidet habe. Die Jungfer Blandine werd' es schwerlich gewesen sein.
      Nun sah ich auch das unscheinbare Gartenhaus, in das ich einquartiert werden sollte: ein kleiner, grauer, viereckiger Holzbau unter einem weit vorspringenden spitzen Schindeldach, an der Vorderseite die Thür und ein einziges Fenster, durch einen Laden verschlossen, der vor Zeiten grün angestrichen gewesen sein mochte. Auch an den Nebenseiten je ein viereckiges Fenster, durch einen festen Holzladen verwahrt, Alles verregnet und verwittert, unterm Dach etliche Spatzennester, deren Insassen in heller Entrüstung mit lautem Schreien und Zanken fortschwirrten, als die Alte die rostige Thürangel aufriß und mit mir über die Schwelle trat.
      Ein kühler Modergeruch schlug uns entgegen. Als wir aber alle drei Läden aufgestoßen hatten, sah es in dem niederen Raum gar nicht so unwohnlich aus. Eine Rococo-Kommode an der einen Wand, eine Gartenbank, etliche alte Stühle und ein Tisch, über den noch die verblichene buntgemusterte Decke lag, mitten im Zimmer zusammengestellt; ein zierliches Tischchen mit eingelegter Holzmosaik an dem einen Fenster, darauf noch ein Arbeitskörbchen mit einer angefangenen Straminstickerei, Das Hübscheste aber waren ein halb Dutzend großer, in flache braune Holzrahmen eingefaßter Blumenstücke, zumeist Rosen und Lilien, von einer mühsamen Hand etwas steif, aber mit ersichtlichem Formgefühl auf lichtgraues Papier gezeichnet und sorgfältig colorirt. Mitten unter diesem bescheidenen Bilderschmuck überraschte mich der Anblick einer großen Karte des mittleren Europas, auf welcher der Weg von Dresden nach Moskau durch einen blutrothen Strich bezeichnet war. Und unter diesem für ein Gartenhaus seltsamen Wandzierrath ein winziges Miniaturportrait in feinem Goldrähmchen, einen jungen Mann darstellend in einer verschollenen Uniform, das Gesicht aber so verblichen oder vielmehr verwaschen, daß außer den braunen Punkten, die an Stelle der Augen saßen, und einem feinen schwarzen Schnurrbärtchen Nichts von den Zügen zu erkennen war.
      Die Alte öffnete die niedere Seitenthür, und ich trat in eine dunkle Kammer, in die erst etwas Licht drang, als ich den Laden des einzigen Fensterchens aufgestoßen hatte. Nun sah ich eine schmale Bettstatt in der Ecke, dann noch ein hochbeiniges Waschtischchen mit Meißener Porzellangeräth, an der Wand darüber einen Kupferstich nach einem Eccehomo Carlo Dolce's.
      Hier wird der Herr Doctor schlafen müssen, sagte die Ursel, wenn's ihm nicht zu eng und unheimlich ist. Der Strohsack und die Matratze sind noch ganz brauchbar, das Uebrige schaffen wir hinauf, und was sonst noch vonnöthen ist, damit ein Christenmensch seine ordentliche Abwartung hat. Von Störungen wird der Herr Doctor hier nichts zu fürchten haben, wenn er spukfest ist, was ja auch ein dummer Aberglaube ist, obschon manch Einer, den ich kenne, nicht um alles Geld der Welt hier oben nächtigen möchte, weil das Fräulein in diesem Bett geschlafen haben soll. Aber das ist schon lange her, und unser Herrgott, zu dem sie gewiß jeden Abend gebetet hat, wird so eine arme Seele nicht auf die Wanderung schicken, um friedliche Menschen zu ängstigen, nee, das wird er gewiß nicht; denn was könnte er dabei für 'ne Absicht haben?
      Die aufgeklärte Alte verließ mich, um drüben im Wirthshaus weiter für mich zu sorgen, und nach einer halben Stunde war ich vollständig eingerichtet, das Bett frisch überzogen und mit Kissen und Decken versehen, Wasser aus einem kleinen Schöpfbrunnen geholt, der nahe dem Gartenhäuschen unter einem Fliederbusch versteckt stand, und auf dem Tisch im Vorderzimmer das frugale Nachtmahl aufgetragen, um das ich gebeten hatte. Denn es gefiel mir so wohl in meinem wunderlichen Quartier, daß ich an diesem ersten Abend mich nicht entschließen konnte, in den Wirthsgarten hinüberzugehen, der noch von Gästen belebt war, wie der herüberdringende Schein der Lichter und Laternen verrieth.
      Die Alte kam noch einmal, mir im Namen der Wirthsleute gute Nacht zu wünschen und sie zu entschuldigen, daß sie sich nicht in Person noch einstellten. Die Frau könne in der Küche nicht abkommen, der Herr müsse dem Kellner helfen, da so viel Zuspruch sei. Sie räumte Teller und Schüssel ab und ließ mich bei meiner Flasche Moselwein allein.
      Ich durchstreifte nun zuerst das ganze kleine Revier auf den verwachsenen schmalen Pfaden zwischen den Blumenbüschen und zog mich dann zu einer Laube zurück, die oben auf gleicher Höhe mit dem Häuschen in der Ecke des Gartens stand, dicht überwuchert von Jelängerjelieber-Ranken, die jetzt freilich abgeblüht hatten, so daß drinnen tiefe Finsterniß und eine schwüle Stickluft herrschte. Ich setzte daher einen der Stühle, die ich drinnen fand, vor den Eingang, zündete meine Pfeife an und saß nun – ich weiß nicht, wie lange – in seliger Beschaulichkeit unter dem prächtig aufglänzenden Sternenhimmel, während die Nachtblumen stärker zu duften anfingen und Leuchtkäfer hie und da im Grase erglommen. Wenn ich über mein kleines Reich hinwegblickte, sah ich hinter den hohen Büschen am unteren Saum den ruhigen breiten Fluß hinströmen, auf dem dann und wann ein Schiffchen oder ein schmaler Kahn vorüberglitt, daß die dunklen Wellen flüchtig vom Schimmer einer Laterne am Bord überblitzt wurden. Auch ein Dampfschiff mit Musik zog vorbei und verschwand wie ein phantastisches Traumgebild hinter den Weidenwipfeln nach der Stadt zu. Ganz spät erst schwebte die Sichel des abnehmenden Mondes über die weite Landschaft herauf. Die Ebene drüben mit den Häusern am anderen Ufer war von Nebelduft verschleiert, und nur einzelne Lichter, die herüberblinkten, deuteten auf lebende Wesen in dieser unabsehlichen Weite.
      Nun verkühlte sich auch langsam die Luft, und nach dem heißen Tage athmete ich sie mit solchem Wohlgefühl ein, daß es vom Loschwitzer Kirchthurm Elf, dann Zwölf schlug, eh' ich mich entschließen konnte, schlafen zu gehen. Von irgend welchem Schauer der Geisterstunde spürte ich aber nicht das Mindeste, und auch als ich mich auf mein jungfräuliches Bette gestreckt hatte, blieb mir jeder Gedanke an etwas Unheimliches fern. Ich hatte das Fensterchen offen gelassen, vor dem die Zweige der hohen Gebüsche leise im Nachtwind schwankten. In einem der Nachbargärten schlug eine Nachtigall, der hörte ich eine Weile zu, dann schlief ich ein. In der Nacht fuhr ich ein paarmal aus unruhigen Träumen auf, durch allerlei Geräusche geweckt, wie sie in Sommernächten im Freien sich rühren, Nachtvögel, die auf kleineres Gethier Jagd machen, über meinem Haupt das Schleichen und Huschen einer Katze oder eines Marders, der den Spatzen unterm Dach nachstellen mochte, im grauen Morgen das Knarren von Rädern und Knallen von Peitschen auf der nahen Landstraße – doch kein Laut aus einer überirdischen Welt.
      So kam es aber, daß ich erst spät am Morgen erwachte, als die Alte den Kopf in meine Kammer steckte, in Besorgniß, ob mir nicht doch über Nacht etwas Menschliches begegnet wäre. Ich versicherte sie lachend, das Fräulein habe mir keinen Besuch abgestattet, und sie könne auch die Frau Wirthin deßhalb beruhigen. Nach dem Frühstück lockte es mich freilich in den von Thau schimmernden Garten hinaus, zumal er noch im Schatten lag. Ich widerstand aber der Versuchung, um erst einige Briefe von der Seele zu wälzen, an Onkel und Tante in Dresden und ein paar Freunde in Leipzig, auch an die Druckerei, der ich meine Dissertation zum Druck übergeben hatte.
      Darüber verging die Morgenkühle, und über den Blumen, die jetzt in voller Sonne standen, lagerte sich eine so schwere Glut, daß es gerathen war, das Häuschen nicht zu verlassen, sondern hinter halbgeschlossenen Läden in goldenem Zwielicht die heißesten Stunden zu verdämmern.
      Ich griff nach einem Buche, das ich mitgebracht hatte, Hermann Lingg's Gedichte. Sie waren erst vor kurzer Zeit erschienen und im nördlichen Deutschland trotz der Einführung durch Geibel noch wenig bekannt. Ein süddeutscher Studienfreund hatte sie mir empfohlen und mir sein Exemplar zum Abschiede geschenkt. Als Historiker, meinte er, dürfe ich nicht versäumen, die neue Gattung der historischen Lyrik kennen zu lernen, die der treffliche Poet in ganz eigener Weise behandle. Ich hatte das schon bestätigt gefunden, nachdem ich nur die ersten Romanzen und einige Bruchstücke des Völkerwanderungsepos gelesen hatte. Hier war mehr als die übliche Versificirung historischer Anekdoten im Balladenstil: ein wundersames Miterleben weit abliegender Völkerschicksale, eine visionäre Kunst, die Stimmungen und Leidenschaften verschollener Menschen heraufzubeschwören, mit einer so magischen Gegenwärtigkeit der Figuren und Charaktere, als wäre der Dichter überall in Person dabei gewesen, und nun stiegen alte Zeiten im wachen Traum wieder vor ihm auf.
      Es stand mir fest, daß hier wieder einmal eines der großen lyrischen Genies erschienen sei, die nicht häufiger sind, als schwarze Diamanten, und unschätzbarer als diese.
      An jenem Vormittage jedoch schlug ich das Büchlein aufs Gerathewohl auf und fand eine Reihe der innigsten Bekenntnisse persönlicher Stimmungen und ein so intimes Mitempfinden des geheimnißvollen Naturlebens, wie es nur echten Lyrikern gegeben ist.
      Wieder und wieder las ich die in ihrer Einfachheit so unwiderstehlichen Lieder: »Immer leiser wird mein Schlummer« – »Kalt und schneidend weht der Wind« – »Lied der Schifferfrau« – »O Frühling, holder fahrender Schüler« – »Alte Träume kommen wieder« »An meine pompejanische Lampe« und wie diese rührend schönen und innigen Offenbarungen einer dichterisch bewegten Menschenseele sonst noch überschrieben sein mögen – und sie hafteten gleich so fest in mir, daß ich das halbe Büchlein noch heute auswendig weiß und oft auf einsamen Spaziergängen mir Lied um Lied hersage. In meiner damaligen Lage berührte mich mit besonderem Reiz das folgende Sonett, »Mittagszauber« überschrieben. Sie müssen mir erlauben, es zu recitiren, obwohl es auch Ihnen wohl bekannt ist, da es so ganz meine damalige Stimmung ausspricht:
      Vor Wonne zitternd hat die Mittagsschwüle
       Auf Thal und Höh' in Stille sich gebreitet.
       Man hört nur, wie der Specht im Tannicht scheitet,
       Und wie durchs Tobel rauscht die Sägemühle.
      Und schneller fließt der Bach, als such' er Kühle;
       Die Blume schaut ihm durstig nach und spreitet
       Die Blätter sehnend aus, und trunken gleitet
       Der Schmetterling vom seidnen Blütenpfühle.
      Am Ufer sucht der Fährmann sich im Nachen
       Aus Weidenlaub ein Sommerdach zu zimmern
       Und sieht ins Wasser, was die Wolken machen.
      Jetzt ist die Zeit, wo oft im Schilf ein Wimmern
       Den Fischer weckt, der Jäger hört ein Lachen,
       Und golden sieht der Hirt die Felsen schimmern.
      Als ich das gelesen hatte, schloß ich die Augen und überließ mich eine Weile dem süßen Gefühl einer Art lyrischer Bezauberung, die wie ein starker Wein mir alle Adern schwellte. Dann erhob ich mich und trat auf die Schwelle meines Häuschens. Da lag die Welt, meine eigene grünumfriedete Welt, vor mir in demselben vor Wonne zitternden schwülen Glanz, der in diesen Versen webt. Die Schmetterlinge, die wie trunken an den Rosen- und Lilienkelchen hingen, die leisen Vogelstimmen ringsum, unten im Fluß die hastig hineilenden Wellen, als ob sie aus dem Bereich der Sonnenstrahlen in den Schatten zu fliehen suchten – es war in der That zauberhaft. Zuletzt, als der Kopf mich zu schmerzen anfing, ging ich langsam, immer die Verse mir wiederholend, nach der Geißblattlaube.
      Ein Bänkchen stand darin, darauf ließ ich mich nieder, das Gedichtbuch noch in der Hand, doch ohne weiter darin zu lesen, was schon die Dunkelheit drinnen verwehrte.
      Nun entsinne ich mich noch ganz deutlich, wie wunderlich mir geschah, als ich aus meinem dunkelgrünen Versteck in den flimmernden Mittagsglanz hinaussah: als wäre der Aether über mir ein krystallklares Meer und ich säße tief im Grunde, so daß die leichtbewegten Wellen über mir wogten und wirbelten und in hellen Perlen über die Gewächse des Meergrundes niederrieselten; ich selbst aber wäre in einer tiefen Grotte gefangen, in der zu athmen so beschwerlich war wie in einer Taucherglocke. Und doch verursachte diese Gefangenschaft keine Qual, vielmehr durchdrang mich ein heimliches Wohlgefühl, wie ich es als Kind empfunden, wenn wir Versteckens spielten und ich hatte mich in irgend einen Winkel geduckt, wo ich sicher war, nicht so bald gefunden zu werden.
      Nur die Augen thaten mir weh, nachdem ich zu lange in das Gewoge der ätherischen Lichtatome hineingestarrt hatte. Ich mußte sie ein paar Minuten schließen und horchte nun in der purpurnen Finsterniß um mich her auf die summenden, schwirrenden Geräusche, die durch das Gerank der Laube an mein Ohr drangen, das Rispeln und Raunen der Blätter an den Heckensträuchern, das Knirren und Knistern der Insecten und die andern geheimnißvollen Stimmen, die nur vernehmbar werden, wenn alle Menschenlaute verstummen und der Tag auf seiner Höhe einen Augenblick still zu stehen und den Athem anzuhalten scheint.
      Als ich dann aber die Augen wieder öffnete, hatte ich einen seltsamen Anblick.
      Am anderen Ende des Gartens, als wäre sie eben aus dem unteren Pförtchen getreten, wandelte eine helle, schlanke Frauengestalt, langsam und ganz in sich vertieft, das Gesicht unter einem großen Strohhut von altmodischer Form verborgen. Sie mußte hier Bescheid wissen, denn sie fand die schmalen Pfade, obwohl sie von den dicht verschlungenen Blumenbüschen überwachsen waren, und durchschritt sie, leicht die Ranken zurückbiegend, ohne Müh und Eile. Zuweilen neigte sie sich nach rechts und links leise zu den Blüten hinab, als prüfe sie sorgfältig, wie es mit dem Gedeihen der verschiedenen Pflanzen stehe. War sie ans Ende eines Weges gelangt, so bog sie in den parallel laufenden nächsten ein, immer von mir abgewendet, so daß ich nur hin und wieder ein wenig von ihrem Profil sehen konnte und eine Locke ihres braunen Haars, die über den Rand des Strohhuts vorwehte. Das Bild dieser jugendlichen Gartenfreundin zwischen dem üppigen Rosen- und Lilienflor war so lieblich, daß ich mich ganz still verhielt, um nicht etwa durch mein plötzliches Hervortreten den reizenden Besuch zu verscheuchen.
      Vor einem Centifolienstrauch stand die Gestalt eine Weile still. Ich sah, wie sie sich bückte und das Gesicht in die vollen Blüten tauchte. Dann hob sie den Kopf wieder und brach eine halb aufgeblühte Knospe mit einer kleinen Hand, die zur Hälfte in einem schwarzen Filethandschuh steckte. Ich konnte, da dies schon in ziemlicher Nähe von meiner Laube geschah, jetzt auch ihren übrigen Anzug genauer betrachten. Nein, ich täuschte mich nicht, es war ein ganz ähnliches, hoch unter dem Busen gegürtetes Kleid, wie ich es auf dem Bilde des jungen Mädchens gestern im Wohnzimmer meiner Wirthe gesehen hatte, am Saum unter dem weit entblößten Halse die blaue Verzierung, der nämliche schmale rothe Shawl um die Schultern gelegt, die Arme nur bis zu den Ellenbogen von den luftigen weißen Aermeln bedeckt. Und jetzt, da sie sich wandte und nach dem Gartenhause hinaufblickte – ich gestehe, daß mich einen Augenblick ein leichter Schauer überlief – das war dasselbe etwas volle Gesicht unter der runden, von braunen Locken umhangenen Stirn, jene schwarzen großen Augen, die mit demselben schwermüthig gespannten Blick umherspähten.
      Die sonderbare Empfindung währte aber nicht lange. Ich weiß nicht, wie es kam, doch obwohl die Unbekannte in schönster Blüte gesunder Jugend erschien, regte sich doch in mir ein tiefes Mitleiden. Zugleich die Neugier, was es für eine Bewandtniß mit dem jungen Wesen haben möchte, das wie aus einer Maskerade weggelaufen im Kostüm der Großmütterzeit am lichten Tage herumspazierte. Und die Aehnlichkeit mit dem Bilde? Und wie war sie in den Garten eingedrungen durch die Uferpforte, zu der, wie mir die alte Ursel gesagt, der Schlüssel verloren war?
      Ich hatte nicht viel Zeit, diesen Räthseln nachzusinnen, denn schon war das schlanke Fräulein auf die Höhe des Gartens gelangt und kam, immer mit zögernden Schritten, den oberen Weg daher, gerade auf meine Laube zu. Nun dacht' ich, es wäre doch schicklich, hinauszutreten und mich als den zeitigen Herrn des kleinen Gebietes ihr vorzustellen. Als ich aber eben von meinem Bänkchen aufstand, sah ich, wie sie plötzlich zusammenfuhr, einen Augenblick ins Dunkel der Laube hineinstarrte und dann mit dem halberstickten Ausruf: Eduard! bist du endlich gekommen! – mir entgegenflog.
      Sie hatte die Arme ausgebreitet, ihre Locken wehten, ihre junge Brust wallte ungestüm – gleich darauf stand sie wie versteinert still, die Arme sanken herab, ein unsäglich trauriger Ausdruck erschien auf ihrem entfärbten Gesicht, und ein paar große Tropfen traten unter den langen Wimpern hervor.
      Verzeihen Sie, mein Herr! hauchte sie kaum vernehmbar – ich glaubte, ein Anderer habe hier gesessen, ich habe mich durch das ungewisse Licht täuschen lassen – nochmals, ich bitte um Entschuldigung und will nicht weiter stören.
      Ich war an den Eingang der Laube getreten, während sie unwillkürlich einen Schritt zurückthat.
      Nicht Sie, mein Fräulein, sondern ich habe um Entschuldigung zu bitten, sagte ich. Ich bin nur als Gast seit gestern hier einquartiert, Sie aber gehören ohne Zweifel zum Hause, und wenn Sie im Garten keine Gesellschaft zu haben wünschen, werde ich mich sofort entfernen.
      Sie sah mich, während ich sprach, unverwandt an. Ihre Züge waren wieder ruhig geworden, aber ein seltsam unstäter Blick ihrer Augen ließ den Verdacht in mir aufsteigen, das anmuthige Wesen möchte nicht bei vollem Verstande sein, was mir auch ihre wunderliche Verkleidung wahrscheinlich machte.
      Wie dürfte ich Sie verdrängen, erwiderte sie, jetzt mit einer sehr lieblichen, nur gar zu leisen Stimme. Ich habe kein Recht mehr auf diese Stätte, ich muß zufrieden sein, wenn man mir erlaubt, dann und wann wiederzukommen und nach den Blumen zu sehen, die ich so geliebt habe. Aber ich habe mir's selbst verscherzt, sie pflegen zu dürfen. Sie brauchen meine Pflege auch nicht. Sehen Sie nur, wie sie auch ohne mich alle so üppig blühen. Der Himmel sorgt schon für sie.
      Sie seufzte dabei und hielt die Rosenknospe dicht an ihr Stumpfnäschen. Dann, nach einer kleinen Pause:
      Sie also wohnen jetzt hier. Nicht wahr, es ist ein hübscher Ort? Auch ich habe gern hier gelebt, bis ich nicht mehr durfte. Aber davon wollen wir nicht sprechen. Jeder hat sein Schicksal, und Jedem kommt sein Schicksal aus dem eigenen Herzen.
      Wir verstummten dann ein wenig. Immer befremdlicher wurde mir der Besuch, und obwohl Alles Sinn und Verstand hatte, was sie sagte, fuhr mir's doch wieder durch den Kopf: es ist nicht richtig mit ihr.
      Wollen Sie nicht in die Laube treten, mein Fräulein? sagt' ich endlich. Aber mit einer hastigen Handbewegung wehrte sie sich dagegen. Nicht, nicht! flüsterte sie. Da drinnen hausen Erinnerungen – es ist nicht gut, sie aufzuwecken. Einmal wird das anders werden, wenn ich nicht mehr allein dort sitzen muß, da werde ich lachen und weinen in der schönen Dämmerung drinnen, und es kann nicht mehr lange dauern, es hat ja schon allzu lange gewährt, und manchmal meine ich, ich hätte umsonst gewartet. Aber nicht wahr, das meinen Sie doch auch: die Treue, sie ist kein leerer Wahn, der Mensch kann sie üben im Leben – und wenn ich sie geübt habe, warum soll ein Anderer ihrer müde geworden sein? Ach ja, müde, das bin ich freilich auch oft, das wird man vom langen Schlafen und traurigen Träumen – wenn Sie erlauben, so setz' ich mich hier einen Augenblick, ich muß dann gleich wieder fort.
      Der Stuhl, auf dem ich gestern Nacht vor der Laube gesessen, stand noch auf demselben Fleck. Auf dem ließ die junge Gestalt sich nieder, kreuzte die kleinen Füße, die in weißen Atlasschuhen unter dem gefältelten Saum des kurzen Batistkleides vorsahen, und athmete tief auf, als habe ihr Spaziergang sie erschöpft. Dabei schien sie meine Gegenwart völlig zu vergessen, denn sie machte sich mit ihrer Toilette zu schaffen, nahm den Hut ab, schob die Aermel bis an die Achsel zurück und roch dazwischen mit einem Ausdruck sehnsüchtigen Verlangens an ihrer Rose.
      Um nur etwas zu sagen, da mich die Stille beklemmte, fragte ich, ob die Blumenstücke in dem Gartenhäuschen von ihr herrührten. Sie nickte wie zerstreut, und plötzlich sah sie mich wieder an und fragte: Waren Sie jemals in Rußland?
      Ich verneinte.
      Schade! sagte sie. Ich wüßte gern, ob es dort so kalt ist, wie die Leute sagen. Oh, Wärme, Wärme! Nicht wahr, in die Wärme sehnt sich Jeder zurück? Und sich nun gar an ein warmes Herz zu schmiegen – aber das sind keine Gespräche für ein junges Mädchen, die soll immer eine kühle Temperatur in ihrem Betragen an den Tag legen. Nun, es kann mir gleich sein. Ich bin alt genug, um mich von Niemand hofmeistern zu lassen. Auch Sie, mein Herr, merk' ich wohl, finden diese meine Kleidung auffallend. Was liegt daran, wie der Mensch sich kleidet, wenn er nur seine heimlichsten Gedanken verhüllt? Nein, fragen Sie mich nicht! Wenn Jemand wiederkommt, der es mir fest versprochen hat, dann werde ich vor die neidischen und kleingläubigen Menschen hintreten und sie Alle beschämen. Und nun – 
      Dieu vous bénisse!
      Sie stand ruhig auf, grüßte mich mit einem leisen Neigen des Kopfes und wollte gehen.
      Darf ich Sie noch um eine Gunst bitten, mein Fräulein? rief ich. Schenken Sie mir die Blume, die Sie da in der Hand haben. Ich will sie zum Andenken an die liebenswürdige Bekanntschaft aufbewahren.
      Ein rascher, argwöhnischer Blick aus den schwarzen Augen traf mich. Ich bedaure, sagte sie, ich kann Ihnen das nicht gewähren. Es ist nicht ohne Bedeutung, eine Rose zu verschenken. Kennen Sie die Blumensprache? Gleichviel, man muß sich in Acht nehmen. Denn so fängt es an, und wer weiß, wohin es führt. Erst die Blume, dann den Kranz. Und auch wenn Sie Niemand davon sagten, Er würde es doch erfahren, denn ich könnte ihm nichts verschweigen, wenn er wiederkommt. Und Sie glauben doch auch, daß er kommen wird, wie weit der Weg auch sein mag?
      Gewiß, versicherte ich, nun völlig überzeugt, daß mein Verdacht das Richtige getroffen. Wieder überkam mich ein schmerzliches Mitgefühl mit dem armen jungen Geschöpf, in dessen Gesicht ich eine rührende Freude aufglühen sah, als ich meinen Glauben an die Wiederkehr eines entschwundenen Glücks so nachdrücklich betheuerte.
      Ich danke Ihnen, sagte sie herzlich. Sie haben mir sehr wohlgethan. Die Anderen weichen mir aus, sie meinen, es sei hinter meiner Stirn nicht ganz richtig. Aber das ist nur das Fieber der Sehnsucht, das mich zuweilen phantasieren macht. Ich muß meinen Kopf nur kühlen, dann bin ich ganz verständig. Leben Sie wohl!
      Nein! fügte sie rasch hinzu, als ich Miene machte, sie zu begleiten. Sie sollen nicht mit mir gehen. Wenn man uns beisammen sähe, möchte man Unrechtes von mir denken. Bleiben Sie noch eine Zeitlang hier? Vielleicht kann ich wiederkommen, dann wieder um diese Zeit, wenn es mir erlaubt wird. Oh, die Welt ist schön für die Glücklichen! Aber ich werd' es einmal wieder sein, darum ist mir nicht bange. Wer ausharret, wird gekrönt.
      Sie nickte mir freundlich zu, setzte dann den Hut wieder auf und ging sacht von mir hinweg, wieder die geschlängelten Pfade durch die hohen Blumenbeete. Ich sah ihren weißen Nacken über den Rosenbüschen vorglänzen, wollte ihr trotz des Verbotes folgen, aber eine unerklärliche Gewalt bannte mich an die Stelle fest. Einen Augenblick zog meine Aufmerksamkeit ein Geräusch ab, das nahe bei der Laube durch die hohle Gasse zwischen meinem Garten und dem Wirthshause heraufklang. Als ich dann die Augen wieder nach der Stelle lenkte, wo sich das seltsame Fräulein zwischen den Rosen durchgewunden hatte, war nichts mehr von ihrer hellen Gestalt zu sehen. Nur die hohen Lilien schwankten, als hätte ein vorbeihuschender Vogel sie mit den Flügeln gestreift.
      Ich kann nicht schildern, wie eigen mir zu Muthe war. Ich fühlte mich plötzlich so einsam, als hätte ich etwas sehr Theures verloren. Die leise Stimme klang mir noch immer im Ohr; wohin ich schaute, glaubte ich dem Blick der sanften schwarzen Augen zu begegnen, die sich schüchtern und zutraulich zugleich auf mich richteten. Ich setzte mich auf den Stuhl, auf dem sie ausgeruht hatte, und sah nach der Stelle hin, wo sie mir verschwunden war. Da vergingen mir nach und nach die Gedanken, und ich versank in einen traumhaften Zustand, der unbeschreiblich wonnevoll war. – –
      Ein fester männlicher Schritt auf dem Kies des Gartenweges riß mich aus meiner Versonnenheit auf. Mein guter Freund, der Wirth, stand vor mir.
      Guten Tag, Herr Doctor! rief er und streckte mir die Hand entgegen. Ich wollte nur einmal nachsehen, wie's Ihnen geht, wie Sie mit Wohnung, Kost und Bedienung zufrieden sind, ob Ihnen der viele Blumenduft nicht Kopfweh gemacht und keine Spukgeister Ihnen den Schlaf gestört haben. Meine Frau hätte Sie auch schon besucht, aber sie konnte noch nicht von der Wirtschaft und dem Kinde weg. Sie wird nach Tische sich erlauben, Ihnen ihre Aufwartung zu machen.
      Ich versicherte, daß es mir vortrefflich gegangen sei und ich mir nichts Besseres wünschen könnte, als in dieser blühenden Einsiedelei ein paar Wochen zu verträumen. Von dem eben Erlebten sagte ich kein Wort.
      Sehen Sie nun, daß ich Recht hatte? rief der treuherzige Mensch mit vergnügtem Lachen. Es ist Alles Altweibergewäsche, was von dem Gespenst erzählt wird. Ja, wie sie noch lebte, die arme Tante Blandine, da mochte sie schreckhaften Seelen wohl wie eine abgeschiedene Seele vorkommen, die noch eine Weile herumgeistert, ehe sie die ewige Ruhe findet. Sie hatte schon in ihren glücklichen Tagen so was Apartes, anders als wie frische junge Mädchen sonst auszusehen pflegen, obwohl sie nie krank war und auch lustig sein konnte und gern singen und tanzen mochte. Die Großmutter, die uralt geworden ist, die Frau mit dem Wickelkinde, die sie drüben gemalt gesehen haben, und die ihre rechte Tante war, ich aber bin Tante Blandinens Großcousin – nun, die hat mir oft von ihr erzählt. Sie war immer ein eigenes Kind gewesen, und als sie heranwuchs, hat sie nichts lieber gethan als gelesen oder Blumen gemalt oder zum Klavier gesungen. Und alle Menschen haben sie gern gehabt. Nun, da konnt's nicht fehlen, daß sie auch viele Bewerber hatte; aber erst als sie neunzehn Jahre alt geworden war, erhörte sie Einen von ihnen, einen jungen Offizier, und da er auch etwas Vermögen hatte und sie selbst aus einer wohlhabenden Familie war, stand nichts im Wege, daß sie sich heirathen konnten. Da kam der Krieg des Kaisers Napoleon gegen Rußland in die Quere. An einem Abend soll es gewesen sein, wo die junge Braut sich eben zu einem Ball geputzt hatte und ihren Verlobten erwartete, der sie zum Tanz führen sollte. Statt dessen kam er mit der Nachricht, morgen in aller Frühe müsse er fort mit seinem Regiment, das der französischen Armee sich anschließen sollte. Daß es nun mit Spiel und Tanz vorbei war, kann man sich denken. Das Liebespaar ist, statt auf den Ball, hier in den Garten hinübergegangen und hat da den letzten Abend vor der Trennung unter vier Augen zugebracht. Man hat sie bis an die Mitternacht, die Arme um einander geschlungen, zwischen den Beeten auf und ab spazieren sehen, und dort in der Laube hat der Bräutigam einen herzbrechenden Abschied genommen. Denn die Eltern, als sie endlich nach ihrer Tochter sahen, fanden das arme Ding wie in einer Ohnmacht auf der Bank zusammengesunken und hatten Mühe, sie wieder zu sich zu bringen.
      Am andern Tage aber verlangte sie mit Gewalt, wieder in den Garten gelassen zu werden, und da sie so eine Art hatte, daß man ihr nichts abschlagen konnte, haben die Alten es auch nicht hindern können, daß sie sich in dem Gartenhäuschen zum Wohnen einrichtete, und man mochte bitten oder befehlen, sie war nicht zu bewegen, wieder unter Menschen zu gehen. Hier oben wolle sie bleiben und die Rückkehr ihres Bräutigams erwarten.
      Hier hat sie auch dem Maler gesessen, zu dem Portrait, das Sie oben gesehen haben, in ihrem Ballstaat, den sie am Abend der Trennung getragen hatte. Eine Copie des Bildes in Miniatur hat er dann machen müssen; die schickte sie ihrem Liebsten nach, wie Der ihr schon vorher sein Bild verehrt hatte. Sie werden es in dem Häuschen an der Wand bemerkt haben. Und dann saß sie und las und malte und stickte und lebte nur von den wenigen Briefen, die er ihr vom Marsch aus zukommen lassen konnte. Man hatte ihr einen kleinen Ofen ins Zimmer setzen lassen, und das Essen trug man ihr hinauf; da war sie ganz still zufrieden und beklagte sich über nichts, lebte nur von einem Brief zum andern.
      Der letzte kam aus Moskau, und dann keiner mehr. Aber so hart es für das einsame Bräutchen war, man merkte ihr 's doch nicht an, wie sie Tag und Nacht in Angst und Pein lebte. Vielmehr tröstete sie die Eltern, die Wege seien so weit, die Posten wahrscheinlich eingeschneit, sie wisse, daß er ihr treu geblieben sei und wiederkommen werde, sobald der Krieg zu Ende, was ja nicht lange anstehen könne, da die Hauptstadt des Feindes von den Siegern eingenommen sei.
      Auch die Nachricht von dem schrecklichen Brande beunruhigte sie nicht. Sie hatte ja erfahren, daß die französische Armee mit allen Bundestruppen Moskau verlassen und den Rückmarsch angetreten habe. Und nun erwartete sie von Tag zu Tag die Heimkehr ihres Geliebten, und jeden Abend zog sie das weiße Kleid wieder an. In dem gleichen Anzug, wie er sie zuletzt gesehen, sollte er sie wiederfinden.
      Und dann kamen in den Zeitungen die entsetzlichen Berichte von dem Rückzug durch das verheerte eisige Land und dem schauerlichen Uebergang über die Beresina. Davon ließ man sie nichts erfahren, und da sie so ganz abgeschieden von den Andern lebte, konnte sie auch eine lange Zeit hingehalten und im Dunkel gelassen werden. Aber eines Tages, als die Mutter zu ihr herüberkam, was sie täglich ein paar Mal that, fand sie das unselige Kind lang ausgestreckt auf dem Fußboden neben ihrem Arbeitstischchen, ein Stück Zeitung in der Hand, in das irgend etwas eingewickelt gewesen war. Und gerade die Beschreibung stand darin, wie das sächsische Regiment, bei dem der Bräutigam stand, zum größten Theil in den reißenden Strom versunken und von den Eisschollen fortgerissen worden war. Es war mit so starken Farben ausgemalt, die Noth und Verzweiflung des Untergangs nach den furchtbaren Strapazen und Hungerqualen des Marsches, daß auch einen Andern als eine zärtliche Braut ein Todesgrausen anwandeln mußte.
      Sie ist hernach aus der schweren Krankheit, in die sie fiel, wieder zum Leben zurückgebracht worden, aber es war kein richtiges Leben mehr. Wie ein Schatten ist sie herumgegangen, hat kein Wort gesprochen, als Ja und Nein, und man hat sie nie mehr lachen hören. Daß ihr Liebster unter den Verunglückten war, hat man ihr natürlich verschwiegen; es scheint aber, sie hat es doch gewußt, oder nur gemuthmaßt, weil er nicht zu ihr zurückkehrte. Denn Nachts hörte die Mutter sie oft herzbrechend weinen und seinen Namen rufen. Uebrigens ließ man ihr, obwohl sie nicht ganz bei Verstande war, ihre Freiheit. Da konnte sie stundenlang hier im Garten auf und abgehen, die Blumen begießen, die welken Blüten abschneiden, oder in der Laube sitzen und auf den Fluß hinuntersehen.
      So ist der Sommer vergangen. Sie schien sich etwas zu beruhigen, und die Eltern hofften schon, mit der Zeit würde sie wieder ganz gesund werden und den schweren Schlag verwinden. Aber sie hatten sich getäuscht. Im nächsten November, als ein starker Frost eingefallen war und die Elbe mit Eis trieb, kam eine sonderbare Unruhe über das arme Mädchen. Sie wohnte jetzt natürlich wieder im Hause drüben. In einer Nacht aber hörte die Mutter, die einen leisen Schlaf hatte, die Hausthür gehen und stand eilig auf, zog nur das Nothdürftigste an und rannte die Treppe hinunter. Da kam sie nun noch gerade recht, um zu sehen, wie eine weiße Gestalt das Gitterthürchen unten öffnete und die Stufen hinunterhuschte. Blandine! schrie sie, vor Schrecken fast ohnmächtig, raffte sich aber doch auf und stürzte durch den Garten nach. Es war aber zu spät. Der Fluß, über dem ein gräuliches Unwetter tobte, hatte das arme Leben schon verschlungen. Erst am anderen Mittag wurde die Leiche, unter einer Eisscholle treibend, an der Brücke in Dresden hervorgezogen, in dem weißen Kleide und sonstigen Ballstaat, wie sie ihren Geliebten hatte empfangen wollen. Sein Bild hatte sie um den Hals gehängt. Es war vom Wasser fast weggewaschen worden.
      Sie können denken, Herr Doctor, wie ungeheures Aufsehen die jammervolle Geschichte machte. Und daß es seitdem nicht an abergläubischen Gemüthern gefehlt hat, die meinten, das gute Wesen hier oben herumgeistern zu sehen, ist auch kein Wunder. Verständige Menschen aber, wie wir Beide, zucken die Achseln über solche Einbildungen.
      Ich hütete mich wohl, ihm zu widersprechen. Nicht um die Welt hätte ich das wundersame Erlebniß entweiht durch ein profanes Hin- und Herreden. Im Stillen war ich der Hoffnung, der Besuch würde sich wiederholen. Am Abend dieses Tages aber ging ein starkes Gewitter nieder, auf das am nächsten Morgen ein grauer, öder Landregen folgte. Und auch als die Luft sich wieder aufhellte, blieb die Witterung rauh und unbehaglich. Während der vierzehn Tage, die ich noch in meinem Gartenhäuschen zubrachte, hat der Mittagszauber sich nicht wieder blicken lassen.
       
      III. 's Lisabethle.
      Nun bitt' ich mir's aber aus, rief das muntere Fräulein, nachdem der Professor seine Erzählung beendet hatte, daß an dieser schönen Geschichte nicht auch herumkritisirt wird, wie mein theurer Schwager gute Lust hatte mit Frau Abigail zu thun. Es macht mich ungefähr so wild, wie wenn wir aus dem Theater kommen, noch wie berauscht von allem Gehörten und Geschauten, und einer der klugen Herren gießt uns ein kritisches Sturzbad über den Kopf, daß wir eilig wieder nüchtern werden. So will ich mir auch mit dem nüchternen Gerede von »subjectiv« und »objectiv« die Freude an Fräulein Blandine nicht verderben lassen, daß du's nur weißt, Schwager! Und der Professor soll schönen Dank haben, gleichviel ob es Wahrheit oder Dichtung war, ich meine ein Gebilde des dichtenden Traumes, wofür man es sonst halten könnte. Denn wie sollte der Spuk – aber ich merke, ich selbst fange an, an dem Schleier des Geheimnisses zu zupfen. So wird man vom Aufklärungsfieber unseres klugen Jahrhunderts angesteckt, man mag sich noch so sehr dagegen wehren. Sputen wir uns, eh' die Geisterstunde vollends verstrichen ist. Nun ist Tante Julie an der Reihe.
      Die liebenswürdige alte Dame, der die Tantenwürde in diesem Hause nicht nach dem Recht der Geburt, sondern nach dem der Eroberung zu Theil geworden war, hatte sich trotz ihrer sonstigen Lebhaftigkeit während aller Debatten und Historien dieses Abends ziemlich schweigsam verhalten. Nur wenn ein Wort zu Gunsten des Hereinragens einer übersinnlichen Welt gefallen war, hatte sie durch Kopfnicken oder eine beifällige Geberde ihre Zustimmung zu erkennen gegeben.
      Jetzt sagte sie, da sie ausdrücklich aufgerufen wurde: Es ist mir ganz einerlei, ob man mich für schwachsinnig oder köhlergläubig halten wird, aber ich glaub' nun einmal steif und fest, daß ein abgeschiedener Geist wieder erscheinen kann, wenn er was Wichtiges auf der Erde zu thun oder zu bestellen vergessen hat. Das läßt ja auch einen lebendigen Menschen nicht ruhen, und wie oft bin ich mitten aus dem Schlaf aufgefahren, nicht bloß als ein junges Ding, sondern noch jetzt mit weißen Haaren, wenn ich über Tag irgend eine Pflicht versäumt hatte, die nachgeholt werden mußte, sollt' nicht Aerger oder Unheil daraus entstehen.
      Ich hab' aber auch was erlebt, was meinen Glauben bestätigt hat, und daß ich's nicht bloß geträumt, sondern mit meinen beiden weit offenen Augen gesehen hab', darauf lass ich mich kreuzigen.
      Sie wissen, ich bin eine Pfarrerstochter, aus dem Badischen, die sechste von vierzehn Geschwistern, Büble und Mädle bunt durcheinander. Obwohl ich aber im eigenen Haus an lebendigem Spielzeug genug hätt' haben können, hatte ich mir doch ein fremd Kind zu meiner liebsten Puppe erwählt, das Töchterle von unserm Küster, ein klein winzig Ding zwischen fünf und sechs Jahren – ich aber war schon dreizehn –, das weder sehr hübsch noch sehr gescheidt war, mir aber hatt's das Geschöpfle nun einmal angethan. Tagelang, wenn ich nichts Anderes zu thun gehabt hätte, hätt' ich mich mit ihm abgeben mögen, es spazieren führen, mit ihm spielen, Puppenkleider für es schneidern und ihm alle guten Bissen zustecken, die ich mir vom eignen Mund absparen konnt'. Viele waren's nicht, denn in einem so kinderreichen Pfarrhaus ist Schmalhans Küchenmeister. Aber es kommen doch Geburts- und hohe Feiertage, und was mir irgend Guts beschert wurde, 
      's Lisabethle – so hieß mein Herzblatt – mußt' die größere Hälfte davon haben.
      Es war freilich auch ein sonderbar Kind, anders als meine wilden Rangen von großen und kleinen Brüdern und die gutartigen, aber ruscheligen Schwestern, deren Arten und Unarten ich auswendig wußte.
      Drei Jahr' war's erst alt, als mein Vater nach dem Pfarrdorf versetzt wurde, wo dem Lisabethle sein Vater Küster war. Aber gleich fiel mir's auf, weil's so große braune Augen hatt' und gar nicht lachte, auch nicht weinte, sondern nur so still und nachdenklich um sich her schaute wie ein Großes. Dabei war's frisch und flink wie ein Wiesel, wenn's in seinem dürftigen kurzen Röckle mit bloßen Füßen durch die Wiesen lief, Schmetterlinge zu haschen; wenn's aber einen gefangen hatte, hielt es ihn behutsam in dem kleinen Händle und ließ ihn nach einer Weile wieder fliegen. Es konnt' auch stundenlang auf der Schwelle der Hausthür sitzen und den Hühnern zuschauen, die um es her wuselten und die Brodkrumen aufpickten, die es ihnen hinwarf, oder den Schwalben, die um das Kirchendach schossen, daß ihre Flügel in der Sonne blitzten. Geschwister hatt's nicht, mit denen es hätt' spielen können, und anderem als lebendigem Spielzeug fragt' es nicht nach. Ich hatt' gleich einen Narren an dem lieben Närrle gefressen, wie ich nur ein paar Tag' mit ihm bekannt geworden war, und es jammerte mich, die ich mit elf und zwölf Jahren noch nicht ohne Puppen leben konnte, daß es selbst keine hatte. Ich schenkte ihm also eine von den meinen, der ich ein neues Kleid gemacht und Gesicht und Hände sauber gewaschen hatte. Ich seh's noch, wie es die hübsche Docke verwundert betrachtete, mir zunickte und ein bisle roth wurde. Mein Präsent aber legte es neben sich und gab sich gar nicht damit ab. Das kränkte mich, da ich mir auf meine Großmuth und Gönnerschaft nicht wenig zu Gute that, aber ich dachte, es sei nur Verlegenheit. Vielleicht hab' ihr auch das Kleid nicht gefallen, das nicht gerade ein großer Staat war. Aber auch mit einem andern, an das ich eine alte Goldlitze genäht hatte, ging mir's nicht besser. Ich mußt' mich schon drein finden, daß 's Lisabethle keine Puppenfreundin war, und das verleidete mir auch meine eignen. Nun wurde das Kind meine Puppe, und ich war nicht glücklich, wenn ich's nicht auf den Arm nehmen, oder am Handle fassen und mit ihm herumspringen konnte.
      Es ließ sich das auch gutwillig gefallen, zumal sonst kein Mensch sich viel um es kümmerte. Seine Mutter hatte alle Hände voll zu thun, den ärmlichen Haushalt ohne Magd zu versehen, und der Vater, das Krautgärtle zu bestellen und die magere Kuh zu füttern und zu melken. Die war dem Kinde auch eine gute Freundin, aber viel wußte es nicht mit dem großen stummen Thier anzufangen und hielt sich lieber zu den kleineren im Hof und Garten und auf der Dorfgasse.
      Es war merkwürdig mitanzusehen, wie vertraut es mit Allem war, ordentlich als verständ' es ihre Sprache. Ich betraf es auch zuweilen dabei, wie es die verschiedenen Thierlaute nachahmte, ganz leise, das Gurren der Tauben, Gackeln der Hühner, Summen der Bienen und die mancherlei Vogelstimmen. Wenn es aber gewahr wurde, daß ich es belauschte, verstummt' es.
      Die Menschensprache lernte es später als andere Kinder und machte auch nur wenig Gebrauch davon, während meine kleinsten Schwestern den lieben langen Tag pappelten, was sie nur wußten und konnten. Keins von meinen Leuten begriff, warum ich mich mit Vorliebe zu dem Küsterskinde schlich, sobald ich ein wenig freie Zeit hatte. Aber ein kleines Anlachen des Lisabethle, wenn es mich kommen sah, oder gar einmal eine scheue Liebkosung war mir köstlicher als Zuckerwerk oder eine gute Censur in der Schule.
      Als die Intimität ein paar Jahre gedauert hatte und mein Liebling fünf Jahre alt geworden war, kaufte der Vater Küster ein Kaninchenpaar, für das er am Ende des Krautgartens einen kleinen Stall zimmerte. Zu seinem Kohl- und Rübengericht wollt' er auch gern einen wohlfeilen Braten haben, jeden zweiten Sonntag einmal, denn sonst kam wenig Fleisch auf ihren Tisch.
      Das war nun eine große Bescherung für das Lisabethle. Denn all die anderen Thiere erwiderten seine Zärtlichkeit ohne sonderliche Herzenswärme und suchten sich den kleinen Händen alsbald wieder zu entziehen, wenn kein Futter dabei zu erschnappen war. Katzen und Hunde, die gefräßige Kostgänger sind, dafür aber caressant und für Menschenumgang empfänglich, wurden in dem kleinen Haushalt nicht geduldet. Aber die kleinen glatten, seidenweichen Fresser, weil sie selbst einen Braten gaben und noch dazu an Kindersegen Ueberfluß hatten, erfreuten sich von Seiten der Küsterseheleute einer sorgsamen Pflege, und mit ihrer Fütterung wurde sogleich das Lisabethle betraut, das ja noch nicht in die Schule ging und sich nichts Besseres wünschen konnte. Davon zu essen aber, wenn als einmal ein Kaninchenbraten auf den Tisch kam, war's auf keine Weise zu bewegen.
      Denn bald war's auch mit diesen neuen Hausgenossen auf so vertrauten Fuß gekommen wie mit allem Andern, was da kreucht und fleugt. Nichts Artigeres konnte man sehen, als wenn die kleine Person das Gitter des Ställchens öffnete und die ganze flinke Schaar – denn es hatte sich bald ein halb Dutzend Junge dazu gefunden – sich drängend und überkugelnd ihr entgegenstürzte, an ihrem Röckle zerrend, über ihre kleinen nackten Füße stolpernd, mit jenen piependen, quiekenden Tönen, die diesen Geschöpfen, wenn es sie hungert, eigen sind. Ihre kleine Pflegemutter hielt dann eine Gerte in der Hand, mit der sie die Zudringlichen abwehrte, indem sie ihnen einen sanften Klaps auf die glatten Köpfe gab. Sie ging dann voran zu einem niederen Pferch zwischen Haus und Garten, wo allerlei Küchenabfall auf einen Haufen geworfen lag, Kohlstrünke, Salatblätter und was sie sonst aus den Bauernhäusern für ihre Häsle zusammengetragen hatte. Denn die Bäuerinnen gaben ihr willig, was sie an Ueberfluß solcher Futtersachen hatten, da sie Alle das artige Kind in seinem stillen Wesen gern hatten und seine dürftigen Eltern bemitleideten.
      Nun setzte sich das ernsthafte Persönchen auf einen Hauklotz, immer die Gerte in der Hand, und sah stundenlang zu, wie seine Pfleglinge sich nährten, und dann und wann, wenn eins verkürzt und von seinen keckeren Geschwistern weggedrängt wurde, stellte es durch einen leichten Schlag die Gerechtigkeit wieder her. Von diesem Geschäft war es durch nichts wegzulocken und vergaß als sein eigen Essen und Trinken darüber.
      Hatten sich die knuspernden Mäuler endlich für einmal gesättigt, so griff ihre kleine Nährmutter eines aus der Schaar bei den weichen Ohren heraus, den Papa oder das Nesthäkchen, setzt' es auf seinen Schooß und fuhr ihm mit streichelnder Hand über den Rücken, oder kraute es am Hinterhaupt, und so nach der Reihe auch die andern, daß keins zu kurz kommen sollte. Worauf es dann seine Heerde mit Lockruf und Gertenschlag zusammenholte und langsam in das vergitterte Ställchen zurücktrieb. Da hinein schob es noch etliche saftige Kohlblätter 
      pour la bonne bouche, und dann stand es und konnte sich noch eine gute Weile von dem Anblick der vergnüglich naschenden jungen Gesellschaft nicht trennen.
      Ja, es war ein goldig Kind, 's Lisabethle!
      Herzle, sagt' ich einmal zu ihm, was willst du denn anfangen, wenn du in die Schule mußt? Da wird man dir den Hannesle – so hieß ihr besonderer Liebling, ein schwarzes Kaninchen mit weißen Ohren – im Schultäschle mitgeben müssen, daß du ihn in den Zwischenstunden von deinem Wecken füttern kannst.
      Da sah mich das Kind mit großen, ernsthaften Augen an und sagte: Lieber will ich nichts lernen, als von ihnen weggehen!
      Armes Närrle! Als hätt's ihm geahnt, daß es auf keiner irdischen Schulbank was lernen sollte.
      Aber ich bitte um Entschuldigung, daß ich so weitläufig von meinen Kindererinnerungen erzähle. Es soll nun um so rascher zum Ende kommen.
      Eines Montags in der Früh bin ich mit dem Vater zu einem seiner Amtsbrüder gefahren, der ein Studienfreund von ihm war und eine Tochter hatte, ungefähr in meinem Alter. Mit der war ich früher gut Freund gewesen, hatt' sie aber ein paar Jahre lang nicht wiedergesehen. Da durft' ich nun wieder einmal einen ganzen Tag mit ihr zusammen sein, aber es machte mir nicht mehr so viel Vergnügen wie sonst. Meine Freundin hatte inzwischen allerlei gelesen und trug in Folge dessen das Backfischnäsle hoch, da sie sich einbildete, wunder wie gebildet zu sein, und ich selbst, mit meinem bisle Robinson und Lienhart und Gertrud, kam mir wie ein dummer Dorfteufel neben ihr vor. Auch lag mir immer das Lisabethle im Sinn, das ich zum ersten Mal einen ganzen Tag lang nicht sehen sollte; es war wie eine Ahnung und beklemmte mir das Herz, So war ich froh, als die Zeit zum Heimkutschieren kam und ich meiner gebildeten Freundin Adieu sagen durfte.
      Schon dunkle Nacht war's, als wir unser Dorf wieder erreichten, und gleich fiel mir's auf, daß im Küstershause, wo sie sonst mit den Hühnern zu Bett gingen, um das Oel zu sparen, noch Licht brannte. Bei uns war's auch noch lebendiger, als sonst; die Mutter kam uns mit einem ganz verstörten Gesicht entgegen, tuschelte mit dem Vater, wobei sie einen mitleidigen Blick auf mich warf, und schickte mich gleich zu Bett.
      Es half ihr aber nichts, daß sie mich schonen wollte, um mir die Nachtruhe nicht zu rauben; ich fragt' es von unsrer alten Kathrin' heraus, und da war's um den Schlaf geschehn.
      Denken Sie: am Vormittag, da so schön Wetter war, hatte das Lisabethle ihre kleine Heerde auf einen Anger nah bei ihrem Hause laufen lassen, wo allerlei saftige Unkräuter wuchsen. Da saß sie mit ihrer Gerte und sah zu, wie's ihnen schmeckte. Auf einmal kommt ein fremder Metzgergesell mit einem großen Hund des Weges daher, bleibt einen Augenblick stehn, sich das Gewusel zu betrachten, und da will's das Unglück, daß eins der dummen, tappigen jungen Thierle dem Hund zwischen die Beine springt. Der grobe Tölpel aber versteht keinen Spaß, schnappt wüthend zu und kriegt das Armsünderle beim Genick.
      Mein Lisabethle das sehen und hinzuspringen, schreiend und die Gerte schwingend, war Eins. Der Hund aber läßt das Kaninchen fahren, und wie er die Gerte fühlt, bellt er los und packt das Kind, beißt's in den Arm und hätt's gar todtgebissen, wenn sein Herr nicht noch zur rechten Zeit ihn am Halsband gepackt und zurückgerissen hätte.
      Das Blut sei dem Kind gleich über den Aermel seines Kleidchens gelaufen, es hab's aber nicht geachtet, sondern sich nach dem Thiere gebückt – grad der Hannesle mußt' es sein – und es aufgehoben und gestreichelt und in sein Schürzle gethan und damit nach dem Haus zurückgelaufen, die kleine Heerde hinterdrein. Drinnen hab' sich's auch nicht um seine Wunde bekümmert, sondern gleich an den Brunnen mit dem Thierle, das aber keinen Tropfen Bluts verloren habe, nur betäubt sei's gewesen von dem Schrecken. Erst als die Mutter dazu kam und laut zu jammern anfing, wie sie ihr Kind so zugerichtet sah, da habe auch das Lisabethle gesagt, der Arm thu' ihm weh, und sei gleich darauf ohnmächtig umgefallen.
      Dann hat man es zu Bett gebracht und den Bader gerufen; der hat die Wunde untersucht und ein bedenklich Gesicht gemacht, da man nicht wissen könne, ob der Hund nicht gar toll gewesen sei. Nein, das war er nicht, der Metzgergesell stand dafür ein. Aber der Biß war tief gegangen, und eine Ader war verletzt, und obwohl der Verband die Blutung stillte, war's doch ein schwerer Fall, hatte der Bader gesagt, und sie sollten fleißig kalte Umschläge machen, bis aus der nächsten kleinen Stadt Eis herbeigeschafft werden konnte.
      Ich wollt' gleich hinüber, selbst nachschauen und bei der Kleinen wachen, aber die Mutter erlaubt' es nicht. Erst am frühen Morgen durft' ich zu ihr, fand sie im Fieber in ihrem Bettchen aufsitzend, und den Hannesle hatte sie auf der wollenen Decke vor sich und streichelte ihn zuweilen mit dem heißen Händle, kannte aber Niemand außer ihm und mir. Es war ein herzbrechender Anblick, ich mußt' mich zusammennehmen, daß ich nicht laut in Weinen ausbrach, aber weder mit Bitten noch mit Befehlen war ich aus der Kammer wegzubringen, den ganzen Tag und die nächste Nacht. Nur gegen Morgen fielen mir die Augen eine Stunde lang zu. Als ich sie wieder aufschlug, hatte mein armer Liebling die seinen für immer geschlossen.
      Der Doctor, den mein Vater auf mein Bitten aus der nächsten Stadt hatte holen lassen, erklärte, der Verband sei nicht sorgsam und sauber genug angelegt gewesen, ein Fetzen von dem Rockärmel in der Wunde geblieben, das habe eine Blutvergiftung herbeigeführt.
      Das war der erste Schmerz meines jungen Lebens, und er machte mich starr und steinern, daß ich wie abwesenden Geistes war und an nichts Theil nahm. Ich weiß noch, wie ich am dritten Tage der kleinen Leiche nach dem Friedhof folgte; zwei meiner Schwestern führten mich; von der Grabrede des Vaters verstand ich kein Wort, und erst als das Särgle mit den Kränzen bedeckt und die Erdschollen draufgeworfen wurden, brach ich in Thränen aus und ließ mich willenlos von der Mutter wieder nach Haus und zu Bett bringen. Da überfiel mich nach dem langen Wachen und Trauern ein bleierner Schlaf. Ich hörte nichts davon, wie meine drei jüngeren Schwestern, die mit mir in dem Mansardenzimmer schliefen, sich auskleideten und zu Bette gingen.
      Nun war's mitten im Sommer, und die heiße Luft in der Stub', wo die vier Betten standen, wurde immer schwüler und dumpfer, daß sich mir endlich ein Alp centnerschwer auf die Brust legte und ich mit Stöhnen in die Höhe fuhr, ihn abzuschütteln. Da schien der Vollmond so taghell herein, daß ich die Gesichter meiner Schwestern deutlich erkennen konnte und sehn, wie auch sie schwer athmeten. Also stand ich auf und ging das Fenster zu öffnen. Wie ich mich aber umwende, thut sich die Thür, die dem Fenster gegenüber war, sacht auf, und herein tritt das Kind, das wir am Nachmittag begraben hatten, bleibt aber an der Schwelle stehn und sieht mich mit weit offenen Augen an. Es war in dem weißen Kleid, wie es im Sarg gelegen, das Kränzle ein wenig schief auf dem braunen Haar, ganz blaß, aber nicht todtenfarb, auch sonst nichts Unheimlichs an ihm. Und nur einen Augenblick erschrak ich, dann aber konnt' ich's furchtlos anschauen und nickte ihm zu und sagte: Bist du's wirklich, Lisabethle? Und wie kommst du her, und was willst du von mir?
      Das arme Kind aber gab keine Antwort, sondern hob nur den einen Arm gegen mich und winkte mir.
      Was meinst du? fragt' ich wieder. Willst du dich nicht wieder schlafen legen? Und soll ich dich etwa begleiten?
      Es redete auch jetzt nichts, sondern machte nur eine schmerzlich bittende Miene und winkte wieder.
      Nun denn, sagt' ich – denn ich hatt' ihm schon im Leben nichts abschlagen können – wart', ich komm' gleich. Und so schlupft' ich nur in mein Unterröckle und zog die Strümpf' an – die Schwestern schliefen ruhig fort –, und wie das Kind jetzt auf seinen kleinen bloßen Füßen sich umdrehte und mir voranging, seine Tritte waren unvernehmbar, schlich ich ihm nach und die Stiege hinunter, ohne daß eine Stufe knarrte. So glitten wir Zwei zur hinteren Thür hinaus, die nie verschlossen war, und durch den Pfarrgarten, wo im Mondschein jedes Laub wie Silber glänzte, und in das Sträßle hinein, das unsern Garten vom Friedhof trennte.
      Ich dacht' nicht anders, als nun würde mich das Kind nach seinem frischen Grabhügel führen, und so lieb ich's hatte und ihm noch an viel gräßlichere Stätten gefolgt wär', überlief mich's doch eisig kalt, und ich wollt' schon wieder fragen, was es denn vorhabe. Da aber bog's um die Mauer des Friedhofs außen herum und huschte, so schwebend wie eine kleine weiße Wolke, vor mir her nach dem Hause seiner Eltern, das auf der anderen Seite vom Friedhof lag. Was will es nur da? wundert' ich mich im Stillen. Ob es seine arme Mutter noch einmal sehen will? Nein, es ging nicht ins Haus. Am Zaun entlang, der den Küstersgarten einfaßte, wanderte es rascher und rascher und jetzt durch die Gitterthür und geradewegs nach dem kleinen Stall im Winkel, wo seine Lieblinge eingesperrt waren. Da stand es still und sah sich zum ersten Mal nach mir um und hob die beiden Händle, wie wenn es bitten wollte, und als ich ihm zunickte, nickte es wieder und trat zwischen die Kohlbeete zurück, wie um mich vorbeizulassen. Ich verstand nicht gleich, was es wollte, ging aber aufs Gerathewohl nach dem Ställchen und schob den Riegel der Gitterthür zurück. Da sah ich's freilich, um was das todte Kind mich hatte bitten wollen. Die größten unter dem kleinen Volk lagen halb verschmachtet herum und regten nur matt die Ohren, wie sie mich erblickten. Von den kleineren lebte nur noch eins, der Hannesle, der war aber so schwach, daß er nur mit den rothen Augen mir zublinzeln konnte. Kein noch so kleiner Rest von einem Futter in allen Winkeln, der Wassertrog leer – wer hatte auch in dem Jammer um den Tod des Kindes an seine Pfleglinge denken können! Da hatte es selbst keine Ruhe im Grabe gehabt, war aufgestanden, eh' Alle verhungert waren, und hatte seine beste Freundin zu Hülfe gerufen.
      Wie ich mich aber nach ihm umsah und ihm sagen wollte, es könne ruhig wieder schlafen gehen, ich würde jetzt schon sorgen, war der liebe Spuk verschwunden. Der Mond schien breit in die Beete herein, an jedem Kohlhäuptlein konnt' ich die Blätter zählen, vom Lisabethle aber war nichts mehr zu erblicken.
       
      IV. Das Waldlachen.
      Niemand sagte ein Wort, nachdem das Lisabethle – verschwunden war. Wir hatten bemerkt, daß Tante Juliens Augen feucht geworden waren, obwohl seit diesem Jugenderlebniß ein halbes Jahrhundert vergangen sein mochte. Der Oberst, der sich neben sie gesetzt hatte, reichte ihr still die Hand, der Professor blies tiefsinnig den Rauch seiner Cigarre in kleinen Ringen vor sich hin, der Hausherr lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl mit geschlossenen Augen. Ich hatte ihn im Verdacht, daß er sich, ungläubig wie er war, während der rührenden kleinen Geschichte in Schlaf geschaukelt habe und sich jetzt wieder ermunterte, wie der Müller, wenn die Mühle plötzlich still steht.
      Endlich aber erhob sich der Hausarzt der Familie, ein feiner, noch jugendlicher Mann, dessen Gattin mit der Hausfrau intim befreundet war, und sagte lächelnd: Die Stunde, wo die Geister erscheinen, ist längst verstrichen, es ist hohe Zeit, unsern freundlichen Wirthen gute Nacht zu sagen. Das letzte Wort über diese wundersamen Phänomene wird ohnehin wohl schwerlich, so lange die Welt steht, gesprochen werden.
      Wir Anderen schickten uns gleichfalls zum Aufbruch an. Die Hausfrau aber blieb sitzen und sagte? Wir lassen Sie noch nicht fort, lieber Sanitätsrath. Nach so wundersamen Geschichten ist ja doch noch nicht so bald an Schlaf zu denken, und Sie wollen uns auch nur entwischen, weil jetzt die Reihe an Ihnen wäre, uns gruseln zu machen. Da Sie aber wahrscheinlich so spukfest sind, wie mein Mann, und nie etwas mit dem Zwischenreich zu thun gehabt haben, möchten Sie nun um das Pfand herumkommen. Nein, erst Farbe bekannt, eh wir auseinandergehen!
      Sie verkennen mich durchaus, versetzte der Arzt gutmüthig lachend. Es war mir wirklich um Ihre Nachtruhe zu thun, für die ich als Ihr Leibarzt verantwortlich bin. Denn zu erzählen hätt' ich wohl Etwas, an dessen Wahrheit ich nicht im Geringsten zweifle, da meine Quelle die zuverlässigste ist. Nur müßte ich Ihre Geduld noch eine halbe Stunde in Anspruch nehmen, und da es schon lange Eins geschlagen hat –
      So mag es auch noch Zwei schlagen, fiel die junge Schwester der Hausfrau ein. Ich bin oft noch später von einem langweiligen Ball nach Hause gekommen, ohne Erbarmen mit meiner lieben Schwester, die die Ballmutter gespielt hatte. Erst aber will ich noch einmal die Gläser füllen, und dann hat der Herr Sanitätsrath das Wort.
      Vorausgesetzt, sagte dieser, daß die Frau Sanitätsräthin ihre Erlaubniß giebt; denn es ist eigentlich ihre Geschichte.
      Wir Beide gehen auf Ein Pfand, versetzte die anmuthige Frau mit einem leichten Erröthen. Wenn du nichts hinzuflunkerst, will ich dir gern das Wort lassen.
      Nun denn, fuhr ihr Mann fort, so will ich die Geschichte zum Besten geben, deren Wahrheit durch zweier Zeugen Mund bestätigt wird, 's ist eigentlich nur halb eine Gespenstergeschichte, zur anderen Hälfte eine Liebesgeschichte, mit der ich mich aber möglichst kurz fassen werde, da sie nicht in das Programm gehört.
      Also ich war ein eben absolvirter Doctor der Medicin, siebenundzwanzig Jahre alt, Assistent in der städtischen Klinik, nebenher unpraktischer Arzt, denn ich hatte es nur erst zu einem einzigen eigenen Patienten gebracht, einem alten Hypochonder, bei dessen eingebildeten Krankheiten es keiner meiner älteren Collegen lange ausgehalten hatte. Auch den war ich für eine Weile losgeworden, und da es ein heißer Sommer war und ich durch den anstrengenden Dienst im Krankenhause ziemlich erschöpft, drang mein guter Geheimrath selbst darauf, daß ich ein paar Tage ausspannen sollte.
      Nun hatte ich, als ich mein Jahr abdiente, Freundschaft geschlossen mit einem trefflichen Kameraden, einem jungen Gutsbesitzer, mit dem ich auch hernach, wenn ihn Geschäfte in die Stadt führten, immer zusammengekommen war, da uns Beiden daran lag, einander nicht fremd zu werden. Oft genug hatte er mich dringend zu einem Besuch auf seinem Gut eingeladen, das er nach dem Tode des Vaters selbständig bewirthschaftete, noch unvermählt, da ihm, wie er sagte, die Gesellschaft seiner Mama und einer kleinen Schwester vollauf genüge.
      An diesen Freund schrieb ich, ob er mich für ein paar Tage gebrauchen könne. Umgehend kam die herzlichste Einladung zurück, und an demselben Nachmittage saß ich auch schon auf der Eisenbahn, die mich bis nah ans Gebirge führte. Ein Wägelchen wartete auf mich an der Station, da ich noch eine kleine Stunde bis zu dem Gut meines Freundes zu fahren hatte.
      Als ich vor der Hausthür ausstieg, kam mir nur die Mama entgegen, entschuldigte den Sohn, daß er mich nicht selbst empfing, er sei plötzlich in ein entlegenes Vorwerk abgerufen worden. In einer Stunde aber spätestens werde er zurück sein. Einstweilen solle ich mir's auf meinem Zimmer bequem machen.
      Das Haus war ein ehemaliges herrschaftliches Landschlößchen und mit allen behaglichen Einrichtungen der neueren Zeit versehen, so daß ich mir schon überlegte, wie hübsch es wäre, hier einen ganzen Sommer zubringen zu dürfen. Da ich aber höchstens eine Woche Urlaub hatte, gedachte ich die Zeit bestens zu benützen und stieg, nachdem ich ein wenig Toilette gemacht, die breite Treppe hinunter, mich draußen umzusehen.
      Das Gut lag in einer lachenden Hügellandschaft, am Ende eines langgestreckten Dorfes, dessen Häuser und Gehöfte weit umher zerstreut waren. An der andern Seite, nach der die Fenster der Wohnzimmer gingen, schloß sich ein Blumengarten an, durch den man in einen kleinen umzäunten Park gelangte. Trat man dann aus dem Parkgitter wieder heraus, so öffnete sich der Blick auf ein von einzelnen Felsen überragtes Waldthal, das den Eingang in das höhere Bergland bildete.
      Nun überraschte mich, als ich den Weg dahin einschlug, schon aus der Ferne der Anblick zweier mächtiger Bäume, zwischen denen hindurch der Fußpfad in das Thal hineinführte. Sie standen wie riesige Wächter am Thor der geheimnißvollen Waldeinsamkeit, und da die Sonne sich schon zum Rande der gegenüberliegenden Hügel gesenkt hatte, waren nur ihre dichtbelaubten Wipfel röthlich angestrahlt.
      Das war so herrlich anzuschauen, daß ich stehen blieb und die Augen daran weidete. Auf einmal aber hörte ich einen seltsamen Schall, der nirgend anders als aus eben jenen abendrothen Wipfeln herkommen konnte: ein helles, melodisches Lachen, wie aus einer übermüthigen Menschenkehle, gleich darauf ein antwortendes Gelächter in etwas tieferer Tonart und dann – fern aus dem Thalgrunde zurückhallend – die beiden Stimmen von einem rein erklingenden Echo wiederholt. Man konnte bei der tiefen Stille, die über der weiten Landschaft lag, nichts Lieblicheres sich denken, und wenn die alten Fabelzeiten nicht längst vergangen gewesen wären, hätte ich schwören mögen, zwei Dryaden säßen in den Baumkronen versteckt und forderten den Widerhall zu einer kleinen Abendunterhaltung heraus.
      Nachdem das wunderliche Concert ein Weilchen mit allerlei Variationen fortgedauert hatte, ging ich endlich dicht an die beiden Bäume heran, in denen ich jetzt zwei Ahorne erkannte. Doch kurzsichtig, wie ich war, und da ich meine Brille zu Hause gelassen hatte, war mir's unmöglich, zu erspähen, ob etwa Dorfkinder droben säßen und sich auf diese Weise belustigten. Es blieb auch Alles mäuschenstill, als ich unten zwischen den Stämmen Posto gefaßt hatte. Kein Laub bewegte sich, kein Ast knickte; die Wipfel standen stumm und harmlos in der Abendsonne, und nur ein paar Vögel schwirrten durch die Zweige.
      Als ich dann aber von dieser verzauberten Stelle weg in die sich zusammenschließende Waldschlucht hineinwanderte, – noch nicht fünfzig Schritte war ich gegangen, da tönte mir wieder das Lachen nach, erst die eine, dann die andere Stimme, etwas leiser, aber sie schienen mir jetzt einen spottenden Klang zu haben, und auch das Echo antwortete wie ein schadenfrohes Kichern. Wo das herkam, erkannte ich deutlich. Aus den hohen Fichten ragte eine breite, glatte Felswand empor, auf deren oberem Rande ein Kapellchen stand. Von dieser schroffen Fläche mußte der Schall zurückspringen, so rein und articulirt, daß jeder halbe Ton deutlich zu vernehmen war.
      Eben sann ich darüber nach, wie ich es anstellen sollte, dem räthselhaften Spiel auf die Spur zu kommen, da fing in der Kapelle oben ein Glöckchen zu läuten an, und sofort verstummte das Lachen in den Ahornwipfeln, und auch ein Widerhall des Geläuts ließ sich nicht hören. Ich hatte mich auf einen Baumstumpf gesetzt und genoß in vollen Zügen die erquickliche Dämmerung und den frischen Waldgeruch um mich her. Als ich endlich aufbrach und den Rückweg nach dem Gutshause einschlug, war das Gold von den Gipfeln weggeschwunden; Nichts regte sich mehr als eine Waldtaube, die bei meiner Annäherung in die Zweige hinaufflog.
      Mein Freund kam mir schon am Eingang des Parks entgegen, wir freuten uns des Wiedersehens und hatten hunderterlei zu fragen und zu antworten. Er führte mich sogleich in den Gartensaal, wo der Abendtisch gedeckt war und die Mama uns erwartete. Doch eh wir uns setzten, that sich eine Seitenthür auf, und ein schlankes, blondhaariges Mädchen trat herein, lief auf die alte Dame zu, sie zu umarmen, nickte meinem Freunde zu und machte mir mit einem nicht gerade freundlichen Blick einen etwas linkischen Knix.
      Wie du wieder aussiehst, Fränzel! sagte ihr Bruder, Mußt du denn immer herumtollen? Ich habe nämlich die Ehre, wandte er sich zu mir, dir meine kleine Schwester Franziska, genannt Fränzel, vorzustellen, deren Erziehung hier in der Wildniß trotz der Bemühungen der Mama und des Herrn Schullehrers leider ziemlich vernachlässigt wird. Ein Fräulein, das im nächsten Monat Siebzehn wird, sollte wenigstens ein bischen Toilette machen, ehe es sich zu Tische setzt.
      Das Mädchen rümpfte den rothen Mund, fuhr sich mit den Händen über das volle Haar, aus dem sich allerdings ein paar Strähnchen verzettelt hatten, und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, auf den Stuhl neben der Mutter. Zur anderen Seite nahm ihr Bruder Platz, so daß ich ihr gerade gegenüber zu sitzen kam.
      Ich werde mich nicht unterstehen, dies junge Gesicht zu beschreiben. Meine Frau droht mir schon mit dem Finger. Sie kann es nicht leiden, daß ich diese Liebesgeschichte ausführlich berichte, aus einer seltsamen Eifersucht auf ein liebenswürdiges Mädchen, das damals Nichts vor ihr voraus hatte, als die Jugend. Also, um es kurz zu machen: obwohl das Fräulein während des Abendessens den Mund nur öffnete, um einen sehr gesunden ländlichen Appetit zu stillen, den fremden Gast keines Blickes würdigte, ja eher eine gewisse Abneigung gegen ihn zur Schau trug, erschien sie mir doch mit jeder Minute reizender, und als wir aufstanden, war ich nicht im Zweifel darüber, daß ich mich bis über die Ohren in das trutzige Kind verliebt hatte.
      Das alte, von fischblütigen Seelen bezweifelte Wunder von Blitz und Schlag hatte sich wieder einmal ereignet.
      Der frische Brand wurde nun vollends lichterloh angeschürt, als mein Freund sein Schwesterchen aufforderte, etwas zu singen, »damit unser Gast dich doch nicht für taubstumm hält.« Sie zuckte wieder mit einer unnachahmlich reizenden Trotzgeberde die Achseln, setzte sich aber gehorsam ans Klavier und sang mit einer klaren, noch etwas scharfen Stimme, die fast wie eine Knabenstimme klang, erst ein paar schöne schwermüthige Volkslieder, dann von Schubert und Schumann gerade meine Lieblingsstücke mit so echt musikalischem Verständniß, daß ich nun meinerseits vor Entzücken verstummte und kaum ein schales Compliment zu stammeln vermochte, als sie vom Flügel aufstand, die Mutter küßte, dem Bruder und mir Gute Nacht! zunickte und das Zimmer verließ.
      Wir haben das Glück, in dem hiesigen Schullehrer einen ungewöhnlich begabten und gebildeten Mann zu besitzen, sagte die Mama, als ich ihr nach Fränzel's Verschwinden meine Bewunderung ausdrückte. Hier auf dem Lande wäre ich sehr in Verlegenheit gewesen, dem Mädchen zu den nothdürftigsten Schulkenntnissen zu verhelfen, ohne diesen trefflichen Mann, der sie vom neunten Jahre an zugleich mit seinem zwei Jahre jüngeren Sohn unterrichtet hat. Zu allem Anderen ist er auch ein talentvoller Musikus und hätte längst eine bessere Stellung an einer städtischen Schule gefunden, wäre ihm und vor Allem seiner kränklichen Frau die Gegend hier nicht so lieb geworden, zumal er auch seinen einzigen Sohn, der ein armer Krüppel ist, in der Stadt nicht so gut aufgehoben und vor Kränkungen durch rohe Kameraden geschützt wüßte. Was Fränzel an neueren Sprachen und weiblichen Fertigkeiten sonst noch zu lernen hat, kann ich ihr beibringen und brauche das Kind doch nicht von mir zu lassen, um sie der oberflächlichen Abrichtung in einem Pensionat auszusetzen.
      Als auch die Mama sich zurückgezogen hatte und ich noch mit dem Freunde in der Nachtkühle auf der Terrasse am Hause rauchend auf und ab ging, war ich in meiner verworrenen Stimmung so einsilbig, daß es meinem Gefährten auffiel und er mich endlich fragte, ob mich ein plötzliches Unwohlsein angewandelt habe. Ein plötzliches Wohlsein! erwiderte ich und verhehlte nicht, welch tiefen Eindruck seine Schwester auf mich gemacht hatte.
      Die Fränzel? lachte er. Nun, das gesteh' ich! Ich hätte nicht geglaubt, daß irgend Jemand sie schon für voll nehmen könnte. Sie ist ja noch weder Fisch noch Fleisch, kein richtiger Backfisch mehr und noch lange kein Weib. So eine Dorf-Gassenbübin, die in Wald und Feld herumstreift, auf den Ackerpferden zum Heumachen hinausreitet und, wie du heute gesehen hast, nicht einmal so viel Eitelkeit besitzt, vor einem eleganten jungen Stadtherrn sich ihres verwahrlosten Anzugs zu schämen. Du wirst diese Anwandlung morgen früh ausgeschlafen haben, oder ich müßte geradezu an Hexerei glauben.
      An die glaube ich auch, sagt' ich, aber nicht an eine rasche Entzauberung. Es scheine überhaupt in dieser Gegend nicht ganz geheuer zu sein. Allerlei Geister spukten in der Luft, und hohe Bäume ließen menschliche Laute erschallen.
      Und nun erzählte ich, was ich am Abend bei den Ahornbäumen belauscht hatte.
      Da lachte mein Freund noch herzlicher und sagte endlich: Hast du's auch zu hören bekommen, gleich zur Bewillkommnung, unser famoses Waldlachen, das schon manchem arglosen Wanderer unheimlich gewesen ist? Ja, damit hat es eine eigene Bewandtniß, und ich glaube der Sache auf die Spur gekommen zu sein, hüte mich aber, es auszuplaudern. Mit solchen Waldgeistern ist nicht zu spaßen, sie spielen einem einen Schabernack, wenn man sie verräth. Nun, wenn du eine Zeitlang hier bleibst, kommst du vielleicht noch selbst dahinter, dann wirst du mitlachen können. Aber nicht wahr, so graulich es ist, es klingt ganz artig, wenn das Echo den beiden Geisterstimmen der Bäume antwortet? Nur sage mir Gotteswillen meiner Mama nichts davon, die würde sich am Ende doch fürchten und ließe wohl gar die schönen Bäume umhauen, um dem Unwesen ein Ende zu machen.
      Ich wurde nicht klug daraus, ob der Freund das Alles ernst meinte oder mich zum Besten hatte. Es lag mir auch Nichts daran. Eine ganz andere, noch weit zauberhaftere Stimme lag mir im Ohr. Selbst mitten in der Nacht, als ich einmal aufwachte, ließ sie mich lange nicht wieder einschlafen.
      Am andern Morgen bekam ich das Mädchen nicht, wie ich gehofft hatte, beim Frühstück zu Gesicht. Sie sei schon seit einer Stunde im Walde, sich Erdbeeren zu ihrer Milch zu suchen, sagte die Mama. Der Bruder nahm mich dann in Beschlag, mir seinen Hof zu zeigen, Scheunen und Ställe, Brennerei und Vorwerk, nichts wurde mir erlassen. Es interessirt dich nur mäßig, sagte er lächelnd, aber es ist eine gesunde Abwechselung und zumal gegen das Gespenstersehen und sentimentale Anwandlungen sehr wirksam.
      Der gute Junge täuschte sich gründlich. Hinter jeder Hecke, Scheunenthür oder Zaunplanke hoffte ich die Gestalt des Mädchens auftauchen zu sehen und wurde immer verdrossener, je eifriger ihr Bruder, den meine Versunkenheit belustigte, in mich hineinsprach.
      Als wir gegen Mittag unsere weitläufige Inspection beendet hatten, trennte ich mich von ihm. Ich wolle mir noch einmal das Dorf betrachten, sagt' ich, das ich gestern in raschem Trabe durchfahren hatte.
      Eigentlich lockte mich nur der Kirchthurm am anderen Ende. Neben dem, calculirt' ich, wird die Schule liegen, in der Schule wird der Lehrer wohnen, und bei dem Lehrer steckt am Ende seine Schülerin.
      Richtig! Ich hatte mich nicht verrechnet.
      Auf halbem Wege nach der Kirche kam mir die lange vergebens Gesuchte entgegen, aber nicht allein. Eine wunderliche Gestalt schleppte sich neben ihr hin, ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der ohne die Hülfe zweier Krücken auf seinen ungleichen, mißgestalteten Füßen sich nicht hätte forthelfen können. Sein Rücken war etwas gekrümmt, die Brust eingesunken, und auf den ersten Blick war's kläglich, wie er zwischen den hölzernen Stützen sich hin und her schwang. Wenn man aber sein Gesicht betrachtete, verlor sich der herzbeklemmende Eindruck. Es war ein sehr hübsches Gesicht mit regelmäßigen Zügen, sanften und doch feurigen Augen und einer hohen Stirn, über die das braune Haar – er trug keine Mütze – in einem dichten Büschel herabfiel. Auch lächelte er zu etwas, das seine Begleiterin zu ihm sagte; das stand ihm besonders gut, denn er hatte einen wohlgebildeten, bei aller Jugend schon energischen und charaktervollen Mund und doch wieder eine kindliche Harmlosigkeit des Ausdrucks, die sehr liebenswürdig erschien. Auch sah es nicht danach aus, als ob sein Gebrechen ihm besonders hinderlich sei. Auf seinen Krücken kam er so flink von der Stelle, daß er mit dem raschen Fräulein ohne Mühe Schritt hielt, nur daß der harte Klang der beiden hölzernen Stützen auf dem festen Steindamm der Dorfstraße beständig daran erinnerte, daß den kleinen Mann nicht zwei gesunde Füße trugen.
      Als ich mich dem ungleichen Paar näherte – denn das Mädchen schritt wie eine blonde junge Diana neben dem armen Krüppel her und überragte ihn um eine volle Kopflänge –, merkte ich, daß ich Beiden ungelegen kam. Fräulein Fränzel nahm eine ernste Miene an, der Knabe runzelte die Stirn und schoß mir einen feindseligen Blick zu, und Beide wollten mit einem unwirschen Gruß an mir vorbei.
      Ich ließ mich aber nicht abschrecken, schloß mich ihnen an und begann eine kleine Conversation, deren Kosten ich freilich fast allein zu tragen hatte. Von dem Mädchen, das mir heut beim hellen Sonnenschein noch weit besser gefiel, erfuhr ich nur, daß sie eben eine Klavierstunde gehabt und mit ihrem Begleiter vierhändig gespielt habe. Er spiele aber weit besser als sie, was er erröthend bestritt. Wo sie sonst seit dem frühen Morgen gesteckt hatten, konnte ich nicht erfahren, so gern ich's für ein andermal mir zu Nutz gemacht hätte.
      So langten wir bei der Gartenpforte an, wo sich der Knabe – Friedel war sein Name – verabschiedete, obwohl Fränzel ihn mit einzutreten bat. Ich erhielt noch einen unfreundlichen Blick von ihm, den ich mir nicht zu deuten wußte, da ich der Meinung war, mich sehr liebenswürdig gegen ihn betragen zu haben.
      Auch das Fräulein fuhr fort, mich mit schnöder Kälte zu behandeln. Vergebens zersann ich mich, wodurch ich mir ihre Ungnade zugezogen haben mochte. Fast sah es nach einer Verschwörung des jungen Paares aus, mir den Aufenthalt hier zu verleiden. Aber so leicht ist ein verliebter junger Geck, der sich einiger persönlicher Vorzüge bewußt ist, nicht einzuschüchtern.
      Ich kehrte also bei Tisch meine besten Seiten heraus, war witzig, gemüthvoll, tiefsinnig und, was schon mein Beruf mit sich brachte, von reinstem Mitgefühl für die leidende Menschheit erfüllt – kurz, ein solcher Mustermensch, daß es mir nicht schwer wurde, die gute Mama zu erobern. Bei dem Töchterchen blieb Alles verlorene Liebesmüh'.
      Gleich nach Tische verschwand sie wieder, Sie mache jetzt ihre Aufgabe für den Lehrer und übersetze dann ein Kapitel aus den 
      Promessi Sposi, da sie bei der Mutter auch Italienisch angefangen habe. Länger als zwei Stunden aber halte sie's im Zimmer nicht aus, dann müsse man sie ihrer Wege gehen lassen.
      Ich hätte mich gern zum Begleiter auf diesen Wegen angeboten. Als ich aber später nachfragte, wo das Fräulein geblieben, wußte es Niemand zu sagen.
      So blieb mir nichts übrig, als auf gut Glück ihr nachzugehen. Ich fand aber nirgend ihre Spur und lief mich umsonst müde. Aergerlich war ich auch. Kein Wunder also, daß mir in meiner aufgeregten Stimmung, als ich gegen Sonnenuntergang wieder zu den Ahornbäumen gelangte und das geisterhafte Lachduett gerade wie gestern aus ihren Wipfeln herabtönte, dieses Waldlachen wie ein persönlicher Hohn und Spott erklang, dem ich um jeden Preis ein Ende machen müsse.
      Diesmal hatte ich meine Brille nicht vergessen. Ich schritt dicht an die Stämme heran und spähte scharf zu den vielästigen Wipfeln hinauf. Da sah ich nun allerdings, daß in jedem eine menschliche Gestalt versteckt saß, aber die Zweige verschränkten sich so dicht, das Laubwerk war so üppig, an ein Erkennen der Spottvögel war nicht zu denken. Auch schwiegen sie mäuschenstill, sobald ich mich genähert hatte, natürlich um sich durch ihre Stimmen nicht zu verrathen. Ich wußte nun wenigstens, daß es bei dem Spuk mit rechten Dingen zuging. Was kümmerte mich's, welche Dorfbuben sich den Spaß machten, der ja in der That sehr lieblich klang. Als ich mich aber eben entfernen wollte, bemerkte ich etwas, das mich plötzlich über die Personen dieser Komödie aufklärte: im hohen Grase zu Füßen des einen Baumes lagen zwei Krücken, die keinem Andern als dem Lehrerssohn gehören konnten.
      War's zu glauben? Saß wirklich in dem Wipfel gegenüber die Gutsherrntochter, ein bald siebzehnjähriges Fräulein, das Schumann und Schubert mit der entzückendsten Empfindung sang und die 
      Promessi Sposi übersetzte?
      Ich konnte nach Allem, was ich gesehen, nicht daran zweifeln.
      Warum mir diese Entdeckung eine so fatale Empfindung erregte, darüber wurde ich mir nicht klar. Was war am Ende daran auszusetzen, daß ein sonst wohlerzogenes Fräulein die Passion hatte, auf hohe Bäume zu klettern und droben lachend den Widerhall herauszufordern? Keine Gouvernante war ja bei der Hand, ein Aergerniß daran zu nehmen, und auch die Intimität mit ihrem Schulkameraden, der die Knabenschuhe noch nicht ausgetreten hatte, konnte ihr nicht verdacht werden. Und doch, für den Humor, der darin lag, daß sich diese junge Dame wie eine wilde Katze in die Wipfel verstieg und dort ihr übermüthiges Lachduett anstimmte, fehlte mir der Sinn, vielleicht nur darum, weil ich meine Turnkünste verlernt hatte und darauf verzichten mußte, nachzusteigen und ihr droben meine Liebeserklärung zu machen.
      Ich nahm mir vor, beim Abendessen sie geradezu darauf anzureden. Dazu kam es aber nicht. Ein bittender Blick, den sie mir zuwarf, als ich von dem Waldthal und den beiden Baumriesen am Eingang anfing, erinnerte mich, daß die Mama nicht eingeweiht war. Auch hernach kam es zu keiner Erklärung. Gleich nach dem Essen, unter dem Vorwand, daß sie noch etwas zu arbeiten habe, sagte das Fräulein gute Nacht und ließ sich auch durch die Bitte des Bruders, noch etwas zu singen, nicht zurückhalten.
      Diesmal aber bekam ich wenigstens eine Hand und ein freundliches Kopfnicken.
      Als ich dann mit meinem Freunde wieder allein war, sagte ich ihm sogleich, ich wisse jetzt, was es mit dem mysteriösen Waldlachen für eine Bewandtniß habe. Ob er aber ganz damit einverstanden sei, seine Schwester, doch schon ein erwachsenes Fräulein, mit einem halbwüchsigen Burschen so herumzigeunern zu lassen?
      Der Bruder lachte. Ich glaube gar, du bist auf den armen Krüppel eifersüchtig, sagte er. Nein, sei ohne Sorge. Sie sind seit ihren Kinderjahren an einander gewöhnt, und da der Friedel auf ebener Erde mit keinem Altersgenossen in die Wette laufen kann, hat er sich früh im Klettern geübt und es bald so weit gebracht, daß er's mit jedem Eichkätzel aufnehmen kann. Das hat Fränzel's Ehrgeiz geweckt, Schleppkleider trägt sie auch jetzt noch nicht, und da es eine gesunde gymnastische Uebung ist, habe ich sie gern gewähren lassen. Die Mama aber ist ängstlich und würde es nie zugeben, daß ihre Tochter so halsbrecherische Künste treibt. Darum haben wir's vor ihr geheim gehalten. Du aber wirst wahrscheinlich jetzt begriffen haben, weßhalb ich gestern deine überschwänglichen Aeußerungen nicht ernst nahm. Ein Mädel, das noch so kindische Passionen hat, wirst du dir selbst nicht als Gegenstand einer ernstlichen Anbetung vorstellen können.
      O doch, versetzt' ich. Es ist ja dafür gesorgt, daß die Bäume, auf die junge Mädchen klettern, nicht in den Himmel wachsen. Ich getraute mir, es ihr auf ebener Erde so behaglich zu machen, obwohl ich keine glänzende Partie bin, daß sie auch in der Stadt das Lachen nicht verlernen sollte. Nur unter einer Bedingung, die freilich hier nicht zutrifft: daß sie sich nur halb so viel aus mir machte, wie ich aus ihr.
      Und warum wolltest du daran verzweifeln? sagte er dagegen.
      Ich erzählte ihm, wie abweisend sie mich behandelt habe; ich sei gründlich überzeugt, daß ich ihr unangenehm sei, daß sie mich je eher je lieber wieder abreisen sehen möchte.
      Das wollte er nicht Wort haben. Es sei eben ein wunderliches Mädel, aus dem er manchmal selbst nicht klug werden könne. Doch was mich betreffe, wolle er sie nächster Tage ausforschen. Sollte ich mit meinem Verdacht wirklich Recht haben, so sei mir freilich nicht zu helfen, wenigstens fürs Erste nicht, obwohl er für die Zukunft mir nicht alle Hoffnung nehmen wolle. Denn mich zum Schwager zu haben, sei ihm ein sehr freundlicher Gedanke.
      Nun, so vergingen ein paar Tage. In meinem äußeren Verhältniß zu dem Mädchen, das sich mehr und mehr all meiner Gedanken bemächtigte, änderte sich Nichts. Sie vermied es unverhohlen, mit mir allein zu sein, lehnte meine Begleitung auf ihren Morgenspaziergängen ab, begnügte sich, wenn ich sie sonst ins Gespräch ziehen wollte, mit so kurzen Antworten, als es die gesellige Artigkeit irgend zuließ, und war besonders unhold zu mir, wenn ich ihr in Gesellschaft mit ihrem lahmen Gespielen begegnete. Schon von Weitem sah ich, wie das offene Gesicht des armen Jungen sich verfinsterte, sobald er mich erblickte. Er kniff dann die Augen ein, wie um einen verhaßten Anblick zu vermeiden, und wenn ich ihn anredete, bekam ich kaum eine Antwort. Da ich nun merkte, daß ich mir die geringe Gunst des Fräuleins vollends verscherzen würde, wenn ich mich als Dritten im Bunde aufdrängte, schlug ich gleich einen Seitenweg ein, sobald ich den klappernden Ton der Krücken auf dem Pflaster nur von fern vernahm.
      Das Duett in den Ahornwipfeln war verstummt. Das Paar schien für sein Waldlachen sich eine entlegnere Stelle gesucht zu haben, selbst mit Verzicht auf das Echo, nur um mir auszuweichen. Daß ich daher statt meines früheren Mitleids zuletzt einen förmlichen Haß auf den Lehrerssohn warf, da ich meinen begünstigten Rivalen in ihm sehen mußte, war zwar nicht gerade christlich, aber gewiß sehr menschlich.
      Mein Freund, der ohnehin als eifriger Landwirth gerade in dieser Jahreszeit nur bei den Mahlzeiten zu Hause war, schien sich um den Zustand meines Herzens nicht eben Sorge zu machen. Ich dachte schon, er habe sein Versprechen, das wilde Schwesterchen um meinetwillen ins Gebet zu nehmen, völlig vergessen, und war zu stolz, ihn daran zu erinnern. Da nahm er mich eines Abends in unserer gewöhnlichen Rauch- und Plauderstunde unter den Arm und führte mich zu einer entfernten Bank im Garten.
      Hier fing er nun in einiger Verlegenheit an, mir über den Erfolg seiner diplomatischen Mission Bericht zu erstatten. Er habe doch leider Recht behalten, das Mädel sei noch so kindisch, daß es nicht vernünftig mit sich reden lasse. So viel zwar habe sie eingestanden: eine Abneigung gegen meine Person empfinde sie nicht; ich sei gewiß, was man sich gewöhnlich unter einem braven Menschen und angenehmen Gesellschafter vorstelle. Aber eben daß ich mich so geflissentlich um sie bemühe, sei ihr im höchsten Grade widerwärtig. Du mußt nicht denken, Hubert, habe sie gesagt, ich sei noch ein so dummes Kind, daß ich nicht gemerkt hätte, dein Freund habe Gefallen an mir, so wenig ich ihm entgegengekommen bin. Er soll sich aber nur all solche Gedanken aus dem Sinn schlagen. Denn zu einer Courmacherei, einer Flirtation, wie sie so unter müßigen Menschen auf dem Lande vorzukommen pflegt, habe ich nicht die geringste Lust, und an was Ernsthafteres ist erst recht nicht zu denken.
      Warum nicht? habe er gefragt, und da sie roth geworden und ihm eine Weile ausgewichen sei, habe er endlich seine ganze brüderliche Autorität eingesetzt. Aber so hart er sie angefahren, einschüchtern habe sie sich nicht lassen, vielmehr endlich rund heraus erklärt: sie werde das dem Friedel nie und nimmer anthun, einen Mann zu heirathen, der sie von hier fortnähme. Sie wisse, daß der arme Junge dann ganz verlassen dastehn und vor Kummer und Entbehrung zu Grunde gehen würde. Denn er habe auf der Welt keine andere Lebensfreude, als den Umgang mit ihr, und sie würde sich als die gottloseste Egoistin erscheinen, wenn sie ihn allein ließe, um für sich selbst irgend ein Glück zu gewinnen.
      Er habe diese Antwort Anfangs als eine überspannte Backfischlaune behandelt, dann aber, da er ihren Ernst gesehen, sie aufs Gewissen gefragt, ob sie am Ende in Friedel verliebt sei. Dann wäre es seine Pflicht, dem ärgerlichen Verhältniß ein Ende zu machen. – Nein, habe sie ganz ruhig erwidert, ein solcher Gedanke ist mir nie gekommen. Er ist mir immer wie ein jüngerer Bruder gewesen und wird es immer bleiben. Aber wenn du sein feines Gemüth kenntest, und was an schönen und klugen Gedanken in ihm lebt, würdest du begreifen, daß ich seine Gesellschaft nicht gegen die irgend eines anderen Menschen vertauschen möchte, und wäre es ein noch so verliebter und liebenswürdiger Ehemann, der einen geraden Rücken und – keine verkrüppelten Füße hätte. Und wenn dein Freund es wirklich gut mit mir meint, soll er sich weiter keine Mühe geben. Denn Friedel kann ihn nicht leiden und gönnt ihm nicht all das, was er an äußeren Gaben vor ihm voraus hat. Nun ja, er ist eifersüchtig, obwohl er keinen Grund dazu hat. Aber es steht auch zu viel für ihn auf dem Spiel.
      Das war nun Alles so unzweideutig – ich mußte einsehen, das Klügste sei, die Partie sofort verloren zu geben. Ich konnte mir's freilich nicht versagen, meinen Freund auf die Gefahr hinzuweisen, die ich auch ohne selbstische Nebengedanken in dem Verhältniß des jugendlichen Paars erblickte. Man wisse, daß gerade eine körperliche Mißbildung das Heranreifen eines jungen Menschen beschleunigt. Und daß seine Gefühle für das Mädchen, das sich ihm schwesterlich zuneigte, nicht lange die mittlere Temperatur brüderlicher Liebe behalten würden, wenn sie sich überhaupt noch darauf beschränkten, war mir klar. Auch Hubert mußte das zugeben und erklärte, Fränzel's wegen werde er darauf denken, in irgend einer nicht auffälligen Weise Wandel zu schaffen, ehe es zu spät sei.
      Für mich blieb freilich nichts Anderes übrig, als mich eilig zu entfernen und zu sehen, ob durch eine Luftveränderung das Fieber noch zu heilen wäre.
      Also schützte ich am andern Morgen einen dringenden Nothruf meiner Patienten vor, die mich nicht länger entbehren könnten, – eine dreistere Nothlüge habe ich nie über die Lippen gebracht. Denn selbst wenn mein einziger Patient in den letzten Zügen gelegen hätte, wäre ich nicht von hier gewichen, hätte mir das geliebte Mädchen nur einen Schimmer von Hoffnung gelassen.
      Die Art aber, wie sie mir mit sichtlicher Erleichterung in dankbarer Herzlichkeit beim Abschiede die Hand drückte, zerstörte die letzte Illusion, daß ich ihr je etwas Anderes sein könne, als ein Störenfried.
      So kehrte ich in die Stadt zu meinem anstrengenden Beruf zurück. Ich hatte gehofft, gegenüber der traurigen Wirklichkeit, mit der ich täglich zu thun hatte, würde sich die Erinnerung an das eben Erlebte wie ein Sommernachtstraum verflüchtigen.
      Die Hoffnung sollte nicht in Erfüllung gehen. Doch war dafür gesorgt, daß mir keine Zeit blieb, lyrische Allotria zu treiben. In der Klinik herrschten epidemische Krankheiten, die mir vollauf zu thun gaben, auch blieb mein Hypochonder nicht mein einziger Privatpatient. So kam ich nicht in Versuchung, den zerrissenen Faden wieder anzuknüpfen, und da auch Hubert keine Muße zu Briefen hatte, blieb es zwischen Stadt und Land den Winter über still.
      Da, zu Anfang Mai des folgenden Jahres, überraschte mich eine Epistel des Freundes, der mich wegen meines Verstummens ausschalt, Grüße der Mama bestellte, an die eine neue Einladung geknüpft war, und ungefähr so schloß: Denke dir, was sich vor einer Woche hier zugetragen hat. Das Waldlachen hat ein Ende mit Schrecken genommen. Fränzel's Spiel- und Studiengefährte hat eines Abends sich dazu aufgelegt gefühlt, wieder einmal seinen Baum zu erklettern, der mit seinen maigrünen Blättern ihn anlockte. Seine Glieder waren auch während der winterlichen Ruhe nicht ungelenk geworden, so daß er den Wipfel wie sonst erreichte. Meine Schwester sah ihm von unten zu und hörte noch, wie er oben ganz munter die bekannten Lachtöne anstimmte. Auf einmal gab's einen schrillen Mißton. Einer der Zweige, der dem lahmen Vogel zum Stützpunkt diente, muß in dem harten Winter abgestorben sein, knickte plötzlich ein, und der arme Bursch taumelte von seinem hohen Sitz so unglücklich kopfüber durch die lichten Aeste, daß er nirgends einen Halt fand und am Fuß des Baumes ächzend mit verzerrtem Gesicht hinstürzte.
      Er sei schon am nächsten Tage seinen innerlichen Verletzungen erlegen. Das klägliche Ereigniß aber habe auf das Gemüth seiner jungen Freundin einen so furchtbaren Eindruck gemacht, daß sie sich zuerst ganz fassungslos geberdet habe, darauf aber in einen starrsüchtigen Zustand versunken sei, der die Mutter aufs Höchste ängstige, da alles liebevolle Einwirken der Ihrigen nicht den geringsten Eindruck auf sie mache. Sie sitze halbe Tage lang wie an allen Sinnen gelähmt und raffe sich endlich nur auf, um im Felde Blumen zu pflücken und jeden Abend einen Kranz auf das Grab des unglücklichen Knaben niederzulegen.
      Die Nachricht ergriff mich ganz eigen. Ich gestehe ehrlich, daß im ersten Augenblick ein selbstisches Gefühl überwog. Das Hinderniß, das zwischen mir und meinen Herzenswünschen gestanden, war aus dem Wege geräumt. Bald aber stellte sich mir das Bild des armen Verunglückten und des so entsetzlich getroffenen Mädchens in seiner jammervollen Erstarrung so lebhaft vor die Seele, daß ich noch denselben Abend einen langen Brief an sie schrieb, in welchem ich alle hier so nahe liegenden Trostgründe bei Seite ließ und nur vorbrachte, was Beraubten einzig und allein wohlthut: wie groß ihr Verlust sei, und wie ich selbst, so fremd ich gewesen, die Liebenswürdigkeit ihres jungen Freundes vollauf zu schätzen gewußt hätte.
      In seinem nächsten Brief theilte mir der Bruder mit, seine Schwester sei über den Brief in Thränen ausgebrochen, da sie sonst mit heißen, trockenen Augen herumgehe. Vielleicht, wenn ich nun selbst käme –
      Aber ich hütete mich wohl, dem Wink zu folgen.
      Darüber schlief auch der Briefwechsel wieder ein. Der Sommer verging. Gegen den Herbst kam eine kurze Botschaft meines Freundes, die Mama habe sich entschlossen, mit Fränzel, die sich ein wenig beruhigt habe, doch immer noch allen Lebensfreuden unzugänglich sei, den nächsten Winter in der Stadt zuzubringen. Es sei für ein junges Mädchen unter allen Umständen, wie viel mehr unter diesen besonderen, nothwendig, sich in geselligen Kreisen bewegen zu lernen. In der Stadt wollten sie bei der uralten Großmutter, die zwar an ihren Lehnstuhl gebannt, aber noch völlig geistesfrisch war, ihre Wohnung nehmen und hofften, auch mich dort wiederzusehen.
      Ich will mich kurz fassen. Was nun folgte, ist ja auch bekannt und ging ohne Geisterintervention mit rechten Dingen zu.
      Meine heimlich Geliebte kam, eine Andere, als ich sie verlassen, ernster, schlanker, mit einer stillen, sanften Freundlichkeit gegen mich, die all meine Hoffnungen belebte. Nun, und am Ende des Winters, nachdem sie hinlänglich Gelegenheit gehabt, meine guten und schlechten Seiten gegen einander abzuwägen, entschloß sie sich denn doch, auf alle Gefahr es mit mir zu wagen, ein Entschluß, den zu bereuen sie nun zehn Jahre Zeit gehabt hat.
      *
      
      Fishing for compliments! sagte die hübsche, kluge Frau lächelnd. Aber ich werde meinem Herrn Gemahl nicht den Gefallen thun, aus der zehnjährigen Schule zu schwatzen und ihm ein Zeugniß auszustellen. Seine schlimmsten Fehler sind freilich mit seinem ärztlichen Beruf zu entschuldigen. Was hat so eine Doctorsfrau von ihrem Mann, der die ganze leidende Menschheit ans Herz drückt! Da bleibt dem einsamen Weibe Zeit genug zum Heimweh nach der glücklichen Jugend, deren Muthwillen sich in die höchsten Bäume verstieg.
      Nun, sagte der Hausherr, indem er dem Arzt zunickte, wir sind Ihnen jedenfalls dankbar, werther Freund, daß Sie das liebenswürdige Waldlachen uns in die Stadt geholt haben, wo es freilich gedämpfter klingt, doch immer noch sein dankbares Echo findet. Und ich insbesondere habe Ihnen zu danken, da Sie uns mit Ihrer Erzählung aus der unheimlichen Luft des Zwischenreichs in die nüchterne Morgenkühle des wirklichen Lebens hinausgeführt haben. Meines Erachtens würde sich all und jeder optische oder akustische Spuk genau so wie jener in Wohlgefallen auflösen, wenn die kurzsichtigen Beobachter ihre Brille nicht zu Hause gelassen hätten.
      Es thut mir leid, Verehrter, sagte der Arzt mit einem raschen Blick auf seine Frau, ich muß aber diese günstige Meinung von unserm unanfechtbaren Verhältniß zur Geisterwelt ablehnen. Denn die Geschichte hat noch ein gespenstiges Nachspiel, das in Kurzem folgendermaßen verlief.
      Wir hielten unsere Hochzeit in der Stadt. Die Großmama mußte doch dabei sein und war zu unbehülflich mit all ihren Gebrechen, um sich zu einer Reise nach dem Gut aufraffen zu können. Gleich nach dem stillen Fest im Familienkreise traten wir die übliche Hochzeitsreise an, zu der ich mir einen Urlaub von vier Wochen erwirkt hatte.
      Es litt uns aber, so schön die Welt ringsum war, nur vierzehn Tage in der Fremde. Meine liebe Frau verlangte zu ihrer Mutter zurück, nach den Tummelplätzen ihrer glücklichen Jugend, nach denen sie ja eben erst wieder ein Heimweh eingestanden hat.
      Auch mich zog es dorthin. Ich war damals wie nach einer verlorenen Schlacht aus dem traulichen Hause weggegangen; nun reizte es mich, als Sieger wieder einzuziehen.
      Wir kamen am Abend an, fanden die Mutter und den Schwager in bestem Wohlsein, hatten von unsern ersten zwei Flitterwochen nur das Hübscheste zu erzählen, und doch – zum ersten Mal, seit sie die Meine geworden, war das Gesicht meiner Frau Liebsten nicht so heiter wie sonst. Als wir wieder allein waren, befragte ich sie um den Grund. Sie gestand mir ehrlich, die Erinnerung an den armen Jugendgespielen habe sich ihr so übermächtig aufgedrängt, es sei ihr zu Muth, als könne sie ihres Glücks nicht mit gutem Gewissen froh werden, da er aus der Welt gegangen, ohne die besten Freuden eines gesunden Menschenkindes genossen zu haben.
      Ich suchte sie mit allerlei Weisheit über diese Stimmung hinwegzubringen. Es war umsonst. Sie blieb still und beklommen, stand lange am Fenster und betrachtete den Sternenhimmel, seufzte zuweilen und fing an, mir Sorge zu machen.
      Am andern Morgen aber war dies Wölkchen an unserm Ehehimmel verschwunden. Wir begleiteten Schwager Hubert durch seine Wirtschaft, an deren Wachsthum ja auch sein Landkind von Schwester lebhaftes Interesse hatte, bewunderten die neuen Kühe aus dem Algäu und die Rambouillet-Schafe, die inzwischen angeschafft worden waren, und brachten den erfreulichsten Appetit vom Vorwerk mit heim. Ein paar Flaschen Röderer, von denen auch die beiden Damen ihr bescheiden Theil in Anspruch nahmen, brachten uns in die fröhlichste Stimmung, und wir trennten uns endlich, um eine kleine Siesta zu halten.
      Franzisca, da sie die Nacht unruhig zugebracht hatte, fiel in einen tiefen Schlaf, in dem ich sie nicht störte, zumal ich endlich allerlei aufgeschobene Correspondenz zu erledigen wünschte. Als ich damit fertig war und nach ihr sah, war sie nicht mehr in ihrem Zimmer. Die Mamsell sagte, die Frau Doctorin sei vor einer halben Stunde fortgegangen, in der Richtung nach dem Waldthal. Es war mir nicht ganz recht, ich fürchtete, die alten Erinnerungen möchten sie dort wieder heimsuchen. Jedenfalls wollte ich sie nicht lange allein lassen und schlug den Weg nach den Ahornbäumen ein, deren Wipfel mir wie an jenem ersten Abend entgegenleuchteten.
      Aber wie erschrak ich, als ich noch nicht weit von dem Parkgitter entfernt meine Frau in athemlosem Lauf und doch wie in tiefer Erschöpfung daherkommen sah, so blaß und entgeistert, mit scheuen Augen irr um sich her spähend, daß es völlig den Anschein hatte, als flüchte sie vor irgend einem Verfolger, der ihr auf dem Fuße nachsetze. Ich rief ihren Namen und lief nun selbst so schnell ich konnte und hatte sie gerade erreicht, als ihre Kräfte sie verließen und sie in meinen Armen halb ohnmächtig zusammenbrach.
      Als sie sich wieder ein wenig gefaßt hatte und nun mit meiner Hülfe sich aufrichtete, ließ sie die ängstlichen Augen erst noch herumgehen, dann aber beruhigte sie sich soweit, daß sie mir erzählen konnte, was ihr begegnet war. Und nun trete ich das Wort an sie ab. Du selbst, liebe Frau, wirst ja am besten von deinem Abenteuer Rechenschaft geben können.
      Ich kann noch immer nicht ohne ein leises Grauen daran denken, sagte die Doctorin. Mein Mann hat mir ausreden wollen, daß es etwas Anderes gewesen sei, als eine innere Empfindung, die ich in meiner Erregung – wie sagtest du doch gleich? – nach außen projicirt hätte. Aber so sehr ich mir auch Mühe gab, zu beobachten, ob es von innen kam oder doch außer mir auf meine Sinne wirkte, es war zu deutlich ein Sinneseindruck wie alle andern, und mag es gewesen sein, was es wolle – der Eindruck auf mein Gemüth blieb sich gleich.
      Ich war freilich voll trauriger Gedanken, als ich meinen Gang nach dem Waldthal antrat. An die alten Zeiten dacht' ich, die ich dort verlebt hatte – kaum Jahr und Tag lagen sie hinter mir und schienen doch weit, weit vom heutigen Tage entfernt – und ich begriff nicht, seitdem ich eine ehrbare Gattin geworden war, wie ich es so wild hatte treiben können. Und dann dacht' ich an meinen armen guten Kameraden, ein wie prächtiger Junge er gewesen war, dessen Werth Niemand so gut kannte wie ich, und wie sein leidenschaftliches einsames Herz an mir gehangen hatte, und daß es bei allem Unglück ein Glück für ihn gewesen, so kläglich um sich zu kommen. Denn wenn er leben geblieben wäre und mich doch eines Tags an einen Andern hätte verlieren müssen, – ich bin fest überzeugt, er wäre dann zu Grunde gegangen. Ob ich aber trotzdem das mir selbst abgelegte Gelübde, ihn nie zu verlassen, standhaft gehalten hätte? – Schon in jenen ersten Tagen hatte ich gefühlt, daß es mir ein Opfer war, und wenn ich hätte glauben müssen, ich würde den Freund meines Bruders unglücklich machen, wenn ich dabei bliebe, überhaupt nicht zu heirathen – aber das waren ja nun sehr überflüssige Selbstquälereien.
      Genug, ich dachte jetzt mit ruhiger Wehmuth an meinen Spielgefährten, doch nicht im Mindesten mit irgend einer unheimlichen Ahnung. Und nun denken Sie: wie ich ziemlich nah an den Eingang des Thals herangekommen war und zu unsern zwei Bäumen hinaufsehe, höre ich auf einmal einen leisen, aber ganz deutlichen Klang aus dem Wipfel des seinigen, der der höhere war. Es war wirklich ein Lachen, wie er gelacht hatte, nur gedämpft, wie aus viel weiterer Ferne, auch nicht laut genug, um das Echo zu wecken, und nicht lange währte es, so wurde es noch leiser und klang nun wie ein Wimmern, oder richtiger, wie wenn Jemand Schmerzen hat und durch ein gezwungenes Lachen sich und Andere darüber täuschen will.
      Ich blieb wie von Schrecken gelähmt stehen, wollte gern fort, mußte aber immer hinaufhorchen, auch als der jämmerliche Ton wieder in einen helleren umschlug. Jetzt aber klang's wie ein scharfes, schneidendes Hohngelächter; nicht lange, dann verstummte es auf einmal ganz.
      Mir war eiskalt geworden, der Angstschweiß stand mir auf der Stirn, ich wagte nur einmal einen flüchtigen Blick hinaufzuwerfen, schon gefaßt darauf, droben die wohlbekannte Gestalt zu erblicken; es war aber nur die leere Luft, von der der Wipfel sacht hin und her schwankte. Da nahm ich mich zusammen und kehrte um; die Kniee zitterten mir, ich hatte nur Einen Gedanken: mich zu meinem Manne zu flüchten.
      Kaum aber hatte ich ein paar Schritte gethan, so hörte ich dicht neben mir etwas weit Grauslicheres, ein Klappern und Aufstampfen auf der harten Erde gerade wie vor Zeiten, wenn mein lahmer Kamerad auf seinen Krücken neben mir herstapfte. Ich fuhr mir mit den Händen übers Gesicht, ich dachte, es sei nur ein Traum und wollte mich selbst aufwecken, aber nein, ich wachte, ich hatte noch meine klaren fünf Sinne, und doch, doch hörte ich das schauerliche Geräusch, und je eiliger ich lief, je rascher klapperte es neben mir her, ein entsetzlicher Wettlauf begann, sogar wie ein leises Keuchen aus einer gepreßten Brust klang es neben mir – auch das war mir so bekannt! – und so taumelte ich mit gesträubtem Haar halb besinnungslos, die Augen zudrückend, obwohl nichts zu sehen war, auf der Straße dahin, bis ich meinen Mann erblickte und mit dem dunklen Gefühl, nun sei ich gerettet, völlig erschöpft zusammenbrach.
      Als ich wieder zu mir kam und durch den Nebel meines Bewußtseins seine Augen auf mich gerichtet sah und die vertraute Stimme hörte, war auch das gespenstige Geleit verschwunden. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder so viel Kraft hatte, den Weg nach Hause vollends zurückzulegen. Ich war aber so elend von dem Erlebten, daß ich gleich zu Bette mußte. Mein Bruder wollte mich necken mit meiner vermeintlichen Geisterseherei, brachte es aber doch nicht fertig, da er sah, wie ich noch litt. Bis ich einschlief, saß dann mein Mann und die Mutter an meinem Bette. Ich war so geängstigt, daß ich um keinen Preis allein geblieben wäre.
      Am andern Morgen, nach einem tiefen, gesunden Schlaf, kam ich mir selbst recht schwach und thöricht vor, daß ich gestern von einer Hallucination, wie mein Mann es nannte, mich so in Schrecken hatte versetzen lassen. Ich legte mir nun selbst das Erlebte aus, als ob es nur eine etwas ungestüme Mahnung meines Gewissens gewesen sei, das sich mit meinen aufgeregten Sinnen verschworen habe, mich wegen einer versäumten Liebespflicht zu strafen. In meinem jungen Glück hatte ich vergessen, das Grab des unglücklichen Jugendgefährten zu besuchen; das wollte ich nun eilig nachholen.
      Ich ging also, sobald ich angezogen war, in den Garten hinunter und band einen Kranz aus den schönsten Blumen. Im Stillen hegte ich die abergläubische Vorstellung, wenn der abgeschiedene Geist wirklich auf mich erzürnt sei, werde er sich durch das Todtenopfer versöhnen lassen. Ich sagte Niemand, auch meinem Manne kein Wort davon und stahl mich durch die Gartenthür ins Freie, schlug aber nicht den Weg nach dem Friedhof durchs Dorf ein, sondern umging in weitem Bogen an den Feldern entlang die Häuser und Hütten und erreichte mein Ziel unangefochten.
      Als ich den Kranz auf das Grab niedergelegt und eine Weile daneben gekniet hatte, in stillen herzlichen Gedanken und dem Wunsch, daß der Todte nun ruhig schlafen möge, erhob ich mich mit erleichtertem Herzen und trat aus der Kirchhofsthür, den Heimweg auf der Dorfstraße zu machen, wo ich allerlei gute Bekannte begrüßen wollte.
      Kaum aber hatte ich das Pflaster des breiten Weges betreten, so klang's wieder dicht neben mir, tok – tok – tok – tok, das Aufstampfen der Krücken, das hier so viel hundertmal sich hatte hören lassen, wenn der Knabe mich nach den Lehrstunden bei seinem Vater heimbegleitete.
      So war mein Todtenopfer umsonst gewesen, der arme Geist heftete sich unerbittlich an meine Fersen, auch die hellste Morgenstunde konnte ihn nicht verscheuchen.
      Entsetzt blieb ich stehen – sofort schwieg auch der Ton neben mir. Sobald ich den Fuß weitersetzte – tok – tok – tok – tok. Ich flüchtete zu einer Bank vor einem Bauernhause, die gute Frau, mit der ich immer freundlich gestanden hatte, kam heraus, mich zu bewillkommnen. Als sie mich todblaß und mit flackernden Augen dasitzen sah, erschrak sie und fragte, ob ich krank sei und womit sie mir helfen könne. Ich bat sie um ein Glas Wasser und stürzte es auf einen Zug hinunter. Es belebte mich sehr, ich faßte neuen Muth, und nachdem ich mich bezwungen hatte, eine Weile mit der guten Freundin zu plaudern, stand ich auf, meinen Weg fortzusetzen. Sogleich war auch das unsichtbare Geleit wieder bei der Hand. Nun bat ich die Bäuerin, mit mir zu gehen, daß ich mich auf ihren Arm stützen könnte. Aber ihre Gesellschaft bannte den Spuk nicht. Hört Ihr nichts, Mutter Weber? fragt' ich. Sie horchte mit verwundertem Gesicht. Was sie denn hören solle? Und dabei das schauerliche Accompagnement der Krücken so hart neben uns, daß es mir das Geplauder meiner Begleiterin übertönte!
      Als wir an der Thüre des Gartens ankamen, verstummte der Ton. Weiter hatte Friedel mich nie begleitet; er hatte es immer abgelehnt, zu uns ins Haus zu kommen; da gehöre er nicht hin, sagte er eigensinnig. Und so fiel der Schauder von mir, sobald ich die Grenze unseres Besitzthums erreicht hatte.
      Von dem Tag an war ich durch nichts zu bewegen, mich wieder hinauszuwagen. Auch die Begleitung meines Mannes konnte meine Furcht nicht verscheuchen, ja es schien mir erst recht gefährlich, mich gerade neben ihm draußen blicken zu lassen; ich hatte eine kindische Angst, als würde sich dann der Zorn des armen, eifersüchtigen irren Geistes gegen ihn wenden und ihm irgend ein Leids anthun. Lieber verurtheilte ich mich zu freiwilliger Gefangenschaft in Haus und Garten, so lange unser Besuch noch dauerte.
      Daß mir hernach auch die Erinnerung an mein Mutterhaus durch das wundersame Erlebniß getrübt war, werden Sie begreifen. Selbst mein Herr Gemahl versuchte nicht mehr, mit seiner wissenschaftlichen Erklärung mir wegzudemonstriren, was mir eine so schauerliche Wirklichkeit war. Ich hatte lange zu thun, bis ich den Eindruck verwand. Bald aber kam mir eine andere, freudigere Bangigkeit zu Hülfe und lenkte meine Gedanken von dieser Heimsuchung ab: im Februar wurde unser kleiner Hubert geboren.
      Damals begann unsere liebe Mutter an den Vorwehen der Krankheit zu leiden, die sie nach einem Jahr hinraffen sollte. Da sie nun das lebhafteste Verlangen äußerte, unser Kind zu sehen, überwand ich die Abneigung, die unheimlichen Stätten wieder aufzusuchen, und reiste sogar ohne meinen Mann mit dem Kleinen nach unserm Gut. Und nun denken Sie, wie seltsam: nachdem die Großmama das Bübchen, das für seine sechs Monate schon sehr kräftig entwickelt und aufgeweckt war, ein paar Tage hinlänglich bewundert hatte, konnte ich in meiner Muttereitelkeit den Wunsch nicht unterdrücken, mich auch bei den alten Bekannten im Dorf in meiner neuen Würde sehen zu lassen.
      Ich gestehe, daß ich doch einen Augenblick einen leisen Schauer der Furcht verspürte, als ich die Gartenthür öffnete und das Kinderwäglein vor mir her lenkend die Dorfstraße betrat. Ich war gefaßt darauf, sofort wieder das Geistergeleit zu erleben und das ruhelose tok – tok zu hören. Es blieb aber Alles still. Der Kleine lag im Wagen und sah mit hellwachen, großen Augen um sich her, aus den Häusern kamen Weiber und Kinder, ihn anzuschauen – nichts Unheimliches wagte sich in die Nähe des rosigen Gesichtchens; der arme irre Geist wollte das Kind nicht entgelten lassen, was die Mutter ihm angethan. Und als ich am Nachmittag mit dem Buben auf dem Arm mich sogar nach dem Waldthal wagte, blieb es ganz still in dem Ahornwipfel. Vor dem unschuldigen Lachen des Kindes war das Waldlachen für immer verstummt.
      *
      Wir hatten uns von unseren freundlichen Wirthen verabschiedet, in jener erregten und zugleich gedämpften Stimmung, die einzutreten pflegt, wenn man das Grübeln über unlösbare Probleme endlich aufgiebt.
      Ich war aber noch nicht die Treppe hinunter, als ich noch einmal umkehren mußte, um eine Abhandlung, die mir der Hausherr am Abend geschenkt, nicht zurückzulassen und dadurch den Verdacht zu erwecken, als ob ich auf diese Freundesgabe wenig Werth legte.
      Als ich in das Gesellschaftszimmer wieder eintrat, fand ich die Hausgenossen, trotz der vorgerückten Stunde, noch beisammen. Der Hausherr ging, seine Cigarre ausrauchend, auf und ab, seine Frau und Schwägerin standen am Tische, einander abgekehrt, mit aufgeregten Mienen, die auf ein lebhaftes Gespräch schließen ließen, das mein Eintritt unterbrochen hatte.
      Sie kommen gerade recht, lieber Freund, rief die Hausfrau mir entgegen. Sie müssen mir beistehen gegen diese beiden Verbündeten, die sich ein für allemal gegen alle Erscheinungen aus einer übersinnlichen Welt verstockt haben. Nun, von meinem Manne wundert es mich nicht. Der ist und bleibt ein Vertreter der exacten Forschung, und was sich der Natur mit Hebeln und mit Schrauben nicht abgewinnen läßt, negirt er frischweg, weil es ihm unbequem ist. Ich glaube fast, nachträglich schämt er sich sogar, daß er sich einmal in mich verliebt hat, weil es ihm schwer geworden wäre, für diese irrationale Thatsache eine wissenschaftliche Formel mit a² + b² zu finden. Aber Nelly, meine eigene leibliche Schwester, daß die so wenig Blutsverwandtschaft mit mir hat, um sich auf seine Seite zu stellen und alles Hereinragen einer höheren Welt für Sinnestäuschung zu erklären – es ist zu arg! Und du selbst, Nelly, ließest doch vorhin ein Wort fallen, als ob du auch eine Geistergeschichte erlebt hättest, und bist dann ganz still davon geworden.
      Eben darum, Schwester, sagte das Fräulein mit einer schalkhaft geheimnißvollen Miene, wobei ein leichter Seufzer ihre Brust bewegte. Ich mochte vor den Uebrigen nicht eingestehen, daß ich selbst einmal in einer Spukgeschichte mitgespielt habe, weil ich noch jetzt nicht ohne Reue daran denken kann. Es war noch in der Pension, meine Kameradinnen alle schrecklich abergläubisch, so daß sie mich ansteckten. Nun hatten wir eine Lehrerin, Mademoiselle Mercier, ein Fräulein aus Südfrankreich, trotzdem aber 
      un esprit fort. Sie lachte uns aus mit unsern sentimentalen Ahnungen, Orakelanrufungen und Aengsten an unheimlichen Orten. Das empörte uns. Wir fanden es so weiblich, so entzückend poetisch, mit allerlei idealen Wesen ätherische Beziehungen zu haben, und da verschworen wir uns, die Geisterleugnerin durch eine recht massive Gespensterkomödie an ihrer hochmüthigen Aufklärung irre zu machen. Ich werde mich hüten, diese kindische und zugleich frevelhafte Geschichte ausführlich zu erzählen. Genug, unser heimtückischer Plan glückte nur zu sehr, Mademoiselle mußte in Folge davon drei Tage lang das Bett hüten, mit Nervenkrämpfen, und nichts kam heraus. Wir aber waren auch gestraft; denn uns selbst war's dabei vor unserer Geisterschaft so bange geworden, daß wir Gefahr liefen, vor Gruseln aus der Rolle zu fallen. Seitdem habe ich keine Gespenstergeschichte hören oder lesen können, ohne zu denken, ob nicht ein Rudel übermüthiger Backfische oder anderer frecher Spaßvögel dahinter gesteckt habe, und mit meinem Respect vor einer höheren Welt ist es für immer vorbei, da ich kleines dummes Ding selbst einmal »hereingeragt« habe. –
      Du bist also der Meinung, sagte ihre Schwester, es stecke jedesmal ein Betrug dahinter? Halten Sie mich nicht für so leichtgläubig, lieber Doctor, daß ich den spiritistischen Geisterbannern von Profession blindlings trauen möchte, Sie leben davon, daß die Welt betrogen sein will und daß selbst die höher Gebildeten eine verzeihliche Neugier fühlen, den Schleier, mit welchem das Jenseits für uns verhüllt ist, wenigstens an einem Zipfelchen aufzuheben. Auch schäme ich mich immer, wenn ich höre, wie wohlfeil die Menschen sich abspeisen lassen mit Offenbarungen aus einer vermeintlichen Geisterwelt, die so geistlos sind, daß sie höchstens von ganz ungebildeten und einfältigen Seligen ausgehen könnten. Nein, mein lieber Mann würde es mit Recht als einen Scheidungsgrund betrachten können, wenn ich diese Sorte von Materialisationen ernst nähme. Aber was wir heut Abend gehört haben – unsern Oberst haben wir doch wohl nicht im Verdacht, daß er uns ein Märchen habe aufbinden wollen oder wie ein hysterisches Medium sich das Alles zusammenphantasirt habe, so wenig wie unsern Professor, der seinen Spuk sogar am hellen Mittag gesehen und gehört hat. Und doch will Ludwig diese beiden Zeugen nicht als unverdächtig gelten lassen, und Nelly rümpft ihre hochmüthige kleine Nase. Helfen Sie mir, lieber Freund, die Ungläubigen zur Vernunft zu bringen.
      Zur Vernunft, verehrte Freundin? erwiderte ich und konnte mich eines Lächelns nicht erwehren. Das wird schwer halten, da Ihre beiden Gegner ja gerade die Vernunft vertheidigen gegen die Anfechtungen irrationaler Vorstellungen. So viel muß ich Ihnen freilich zugeben: ich zweifle keinen Augenblick daran; daß die beiden Herren Alles; was sie von der schönen Abigail und Fräulein Blandine sahen und hörten, wirklich erlebt haben.
      Ich wußt' es ja, unterbrach mich die lebhafte Frau mit einem triumphirenden Blick auf Gemahl und Schwester, Sie sind ein Poet, Sie müssen auf meiner Seite sein. Sie selbst haben uns ja den merkwürdigen Fall erzählt von Ihrer Erkrankung in Rom und der räthselhaften Wirkung derselben bis nach Berlin. Ja, es giebt wirklich Dinge zwischen Himmel und Erde –
      Wer wird daran zweifeln, fuhr ich fort. Auch kein Naturforscher, der über sein Mikroskop und seine Retorten hinausdenkt. Aber man muß doch wohl unterscheiden. Fälle, wie der meinige, sind so unzählige Male vorgekommen, so über allen Zweifel hinaus festgestellt, daß es nicht mehr lange wenigstens an einer plausiblen Hypothese zu ihrer Erklärung wird fehlen können. Warum sollte man nicht z. B. einen Seelenäther annehmen, durch welchen von Individuum zu Individuum unter gewissen Voraussetzungen unsichtbare Verbindungsfäden hin und herlaufen, deren Schwingungen wie die des Lichts – aber Freund Ludwig lächelt ironisch. Ich höre schon auf, lieber Freund, in die Psychophysik hineinzupfuschen. Nur muß ich mich noch geschwind gegen das Mißverständniß verwahren, als hielte ich die Spukgeschichten des Obersten und des Professors für das, was man reale Thatsachen nennt. Erlebt haben die Herren ihre Abenteuer freilich, so gut wie das Lisabethle und der arme hinkende Knabe von den Damen erlebt worden sind, nur eben mit ihren inneren Sinnen, deren von Hirn oder Herz oder Nervencentrum ausgehende Eindrücke durch einen Selbstbetrug der Phantasie in äußere Wahrnehmungen verwandelt worden sind. Sie sehen, verehrte Frau, daß ich, so leid es mir thut, Ihre Bundesgenossenschaft nicht antreten kann. Wenn auch meine Ueberzeugung über die Fortdauer nach dem Tode nicht aus anderen Gründen feststünde, diese Visionen unserer Freunde würden sie nicht erschüttern.
      Die liebe Frau sah mich kopfschüttelnd und mißbilligend an. Dann machte sie gute Miene zum bösen Spiel und sagte lächelnd:
      Ich sehe, ich bin hier wie verrathen und verkauft. Dann erklären Sie mir wenigstens, wie zwei verständige, nüchterne Männer zu einem so groben Selbstbetrug kommen konnten.
      Nüchtern? fiel ihr Gatte achselzuckend ein. Hast du nicht gehört, daß unser Oberst erst eine Flasche leichten Weins, dann einen besonders schweren und feurigen getrunken hatte? Und war der junge Doctor in dem bezauberten Garten etwa nicht halb benebelt von Hochsommerglut, Rosen- und Liliendüften und lyrischer Poesie, und das Alles ihm so zu Kopf gestiegen, daß er am hellen Mittag in seiner Jelängerjelieber-Laube einnickte? Als ob man immer so viel Stimulantien brauchte, um die schönsten Visionen oder Hallucinationen zu haben!
      Mag sein, erwiderte die Frau. Aber wann ist es erhört, daß Träumende oder Visionäre so ausführliche, zusammenhängende Gesichte haben und sogar Dinge dabei erfahren, die sie von sich selbst nicht wissen konnten, und die sich hernach als wahr erweisen? Wie konnte unser Professor, wenn ihm auch das Gesicht und Costüm der Tante Blandine von dem Bilde her vorschweben mochte, aus ihrem Munde die Reden über ihr Schicksal vernehmen, die mit den ihm unbekannten Thatsachen übereinstimmten?
      Verzeihen Sie, sagte ich, das klingt sehr triftig. Aber wer bürgt uns dafür, daß der Träumer dies Alles nicht hinterher, nachdem er erst davon erfahren, in seinen Traum eingefügt hat, als er ihn Anderen erzählte? Wenn wir uns selbst streng beobachten, finden wir nicht, daß wir bei jeder Wiedererzählung eines Traumes die gewöhnlich dürftigen Züge vermehren und selbst daran glauben, all diese schmückenden Zuthaten unserer Phantasie seien von vornherein darin enthalten gewesen? Mit der Zeit wächst dann ein ganz unscheinbares, oft ziemlich albernes Nachtgesicht zu einer phantastischen Dichtung an, die der Träumer selbst als ein völlig objectives Erlebniß betrachtet. Ich bin überzeugt, der Oberst hat sich, nachdem er das letzte Glas geleert, mit etwas schwerem Kopf erhoben, um in sein Hôtel zurückzukehren. Er hat dann den Weg verfehlt und sich zur Stadt hinaus bis nach dem Friedhof verirrt, dort eine Weile durch das Gitter in den mondbeschienenen Garten gestarrt, bis er endlich in Folge eines Ohnmachts- oder Schwindelanfalls hinsank und sich im Fallen die Lippe an den Eisenstäben verletzte. Vielleicht hat er nicht länger als zehn Minuten dort gelegen, lange genug, um den Nachtbesuch der schönen einstigen Geliebten zu träumen, deren Bild vor seiner Seele wieder aufgetaucht war. Als er dann wieder zum Bewußtsein kam und sich auf seinen Traum besann, krystallisirten sich ganz ohne sein Zuthun die einzelnen Momente dieses leidenschaftlichen inneren Erlebnisses zu einem kleinen novellistischen Ganzen, von dem er jetzt jede Einzelheit unbedenklich beschwören würde. Ist diese Erklärung nicht einfacher und denkbarer, als daß eine Todte sich aus ihrem Grabe erhebt, um einem ungetreuen Liebhaber eine Lection zu geben, dessen zufälligen Aufenthalt in ihrer Nähe sie doch höchstens erfahren haben könnte, wenn die abgeschiedene Gesellschaft auf jenem Friedhof den Localanzeiger läse und daraus erfahren könnte, welche Fremden in der Stadt angekommen seien?
      Sie vergessen nur, sagte die Hausfrau, das Zeugniß des Immortellensträußchens, das auch die Zweifelsucht meiner vorwitzigen Schwester beschämte.
      Und du glaubst wirklich, ein körperloser Geist, der höchstens einen sogenannten Astralleib angelegt hat, könne mit zwei Astralfingern einen leibhaftigen Blumenstrauß halten? sagte das Fräulein achselzuckend. Hättest du Ludwig damals ausreden lassen – er war auf dem Wege, auch diesen Beweis zu entkräften.
      Das sollte ich billig unserm Doctor überlassen, sagte der Hausherr. Er muß ja wissen, wie man solche Lustspielverwicklungen auflöst. Na, ich bin nicht vom Métier. Aber ich denke mir, das Mädchen, das das Zimmer aufräumte, hat sich von den Rosen im Wasserglase zu einem kleinen Raube verführen lassen, die Immortellen aber sind von irgend Jemandem auf dem Sopha vergessen, von unserm Obersten schon vorher dort gesehen worden, ohne daß er gleich damals darauf geachtet hätte. Erst in seinem Traum tauchten sie wieder auf, nachdem sie früher unter der Schwelle des Bewußtseins, wie die heutige Psychologie es nennt, geruht hatten. Wie er nun nach Hause kam, die Rosen nicht mehr fand, dagegen das Strohblumensträußchen, combinirte seine Phantasie Beides mit unbewußter künstlerischer Folgerichtigkeit, und jetzt sollen wir daran glauben als an eine reale Thatsache! Ich wenigstens – selbst wenn einmal meine eigenen Sinne sich gegen mich verschwören sollten – ich werde Blumen, die mir angeblich aus dem Zwischenreich zum Präsent gemacht werden, nur dann für Geistergaben halten, wenn mich ein Botaniker versichert, ihresgleichen in keinem irdischen Herbarium angetroffen zu haben.
      Ich strecke die Waffen, sagte die Hausfrau heiter, indem sie ihrem Gatten mit der Hand über die erhitzte Stirne strich, aber nur, weil wir endlich zu Bett müssen, wenn du morgen – will sagen heute früh nicht ganz entgeistert in dein Colleg gehen sollst. Uebrigens hast du mich höchstens überredet, aber lange nicht überzeugt. Wir wollen uns das Wort geben, über hundert Jahre wieder zusammenzukommen, geistweis oder mittelst der Seelenwanderung. Dann wissen wir hoffentlich etwas mehr von diesen Dingen. Sind Sie auch von der Partie, lieber Freund?
      Ich versprach es lachend, und bin nun selbst begierig, ob ich im Stande sein werde, Wort zu halten.
    



      Martin der Streber
      (1892)
       
      Zu den Stammgästen, die sich zweimal wöchentlich am Honoratiorentische des Gasthofs »Zur blauen Traube« zu versammeln pflegten, war heut ein fremder Gast hinzugekommen, ein ernsthafter junger Herr, der, obwohl er die Mitte der Zwanziger noch nicht überschritten hatte, mit gereifter, auffallend selbstgewisser Würde auftrat und ohne Verlegenheit am Gespräch der älteren Herren Theil nahm. Der Stadtpfarrer, ein trefflicher, bei Alt und Jung beliebter Mann, hatte ihn eingeführt und als seinen Schwestersohn, den Candidaten N**, vorgestellt, der soeben seine Examina rühmlich bestanden habe und gekommen sei, um sich nun auch von dem alten Oheim auf den Zahn fühlen zu lassen. Dieser hatte schon früher mit einigem Familienstolz von dem Neffen gesprochen und des guten Rufes gedacht, den das hoffnungsvolle junge Kirchenlicht um sich verbreitet habe. Nun aber, da der so gut Empfohlene in Person sich eingestellt hatte, war dem jovialen alten Herrn, der sonst den vertrauten Kreis durch seine gute Laune belebte, eine gewisse Verlegenheit anzumerken, die ihn zerstreut und einsilbig machte.
      Der Grund blieb nicht lange verborgen. Das Städtchen, das sonst nicht zu den ansehnlichsten des Landes zählte, hatte das Glück, unter den Männern, die sein leibliches und geistiges Wohl behüteten, wohl ein Dutzend aufgeweckter Köpfe zu besitzen, Leute von klarem Blick und gesunder Lebenserfahrung, mit mancherlei Interessen, die in kleineren Verhältnissen sonst leicht verkümmern. So pflegte denn die Unterhaltung an diesem Stammtische sich nicht, wie anderwärts üblich, nur um Kirchthurmsfragen und kleinen Klatsch zu drehen, oder in öde Kannegießerei auszuarten. Fast alle Theilnehmer hatten ein Stück Welt durchfahren, ehe sie hier in bescheidenen Aemtern und Berufen vor Anker gingen, und einige witzige Köpfe, der Stadtrichter, der Rentamtmann, der Apotheker, nicht zuletzt der Herr Stadtpfarrer selbst sorgten dafür, daß den soliden Debatten auch die Würze des Humors nicht fehlte. Wer fremd in diese Gesellschaft eintrat, pflegte den ersten Abend genug mit Zuhören und Lachen zu thun zu haben, um mehr als ein gelegentliches Wort dazwischenzuwerfen.
      Der junge geistliche Herr aber schien es als seine Aufgabe zu betrachten, gleich am ersten Abend über seine Gaben und Tugenden und seinen Beruf zum Seelsorgeramt keinen Zweifel bestehen zu lassen.
      Der Apotheker hatte ein lustiges Geschichtchen zum Besten gegeben. Vor etlichen Tagen war eine Frau zu ihm gekommen mit der Frage, ob er ihr nicht ein Mittel gegen das Träumen zu geben wisse. Sie sei in eine andere Wohnung gezogen und habe gleich am ersten Abend geträumt, sie sei gestorben und in den Sarg gelegt worden, habe aber ihr Bewußtsein behalten. Da seien durchs offene Fenster Bienen hereingeflogen und hätten sich auf ihren Leib gesetzt, so daß sie überall schmerzhafte Stiche empfunden habe, doch ohne sich wehren zu können. Als sie dann aufgewacht, habe sie nur allzu deutlich die Spuren des Traums an ihrer Haut wahrnehmen können. Aehnlich in der nächsten Nacht. Da sei sie aber nicht nur lebend, sondern in solcher Jugend und Schönheit unter einer Schaar guter Freundinnen herumgewandelt, daß Alle sie voll Neid und Eifersucht angeblickt hätten. Auf einmal sei der ganze Schwarm auf sie eingedrungen, mit Nadeln bewaffnet, die sie ihr ins Fleisch bohrten, um sie aus der Welt zu schaffen. Darüber sei sie denn aufgewacht und habe wiederum die Stichmaale deutlich an sich vorgefunden. Ob er ihr nicht dagegen helfen könne.
      Ich blieb ganz ernsthaft, berichtete der Apotheker, ließ mir einige der im Traum erhaltenen Wunden zeigen und erklärte dann der guten Dame, dagegen gebe es allerdings ein Mittel, das ich ihr in einer Pulverschachtel vorwies. – Ob sie es in Wasser oder in Oblaten einzunehmen habe? – Es sei nur zu äußerlichem Gebrauch bestimmt. Sie müsse damit vor dem Schlafengehen ihr Bett bestreuen, dann werde sie vor Bienen- und Nadelstichen Ruhe haben.
      Vier Tage hörte ich nichts mehr von meiner Träumerin. Endlich erschien sie wieder und erschöpfte sich in Danksagungen. Das Mittel habe prächtig geholfen, nun sei aber leider die Schachtel leer, und sie bitte um eine neue Portion des kostbaren Arcanums.
      Ich war jetzt ehrlich genug, zu gestehen, daß die Schachtel nur persisches Insektenpulver enthalten habe, daß ich ihr aber für die Zukunft rathen möchte, die neue Wohnung gründlich reinigen und alle Möbel untersuchen zu lassen, um die bösen Traumgeister ein für allemal zu vertreiben.
      Man lachte über das Histörchen, und auch der junge Candidat ließ sich zu einem mitleidig überlegenen Lächeln herab, das mehr der Gesellschaft galt, die sich an einem so billigen Spaß ergötzte, als der Beschränktheit jener Frau. Als dann noch Einer und der Andere aus seiner Bekanntschaft mit dem geringeren Volke Beispiele von abergläubischem Träumen mittheilte und zuletzt die Bemerkung fiel, Träume kämen nicht immer, wie die gemeine Rede gehe, aus dem Bauch, sondern jeder Theil unseres Körpers könne den Anstoß dazu geben, fühlte sich der Gast gleichsam verpflichtet, dem Gespräch einen höheren Schwung zu verleihen, und äußerte in seiner milden und doch überaus sicheren Art, er habe eine höhere Ansicht von der Natur und dem Werth der Träume als jene materialistische. Für ihn seien sie eine der werthvollsten Bürgschaften für die Göttlichkeit und Unvergänglichkeit der Seele, die sich im Schlaf, von den Störungen der Zeitlichkeit befreit, ihres ewigen Ursprungs erinnere und in Ahnungen und Gesichten den Schleier lüfte, der dem irdischen Menschen das Jenseits verhülle.
      Auf diese feierliche Aeußerung blieb es in dem befreundeten Kreise stockstill. Nur der–Stadtpfarrer hüstelte, als sei ihm der Rauch seiner Cigarre auf die Brust gefallen, und rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Sein Neffe aber, der dies Verstummen zu seinen Gunsten auslegte, als ein Zeugniß für den tiefen Eindruck, den seine idealere Anschauung auf diese wackeren, aber etwas vulgären Weltmenschen gemacht, fühlte sich dadurch angeregt, in demselben Tone fortzufahren. Er erzählte, daß er schon als Knabe ein Streben nach höherer Erkenntniß gefühlt habe und, wenn er sich recht schmerzlich der Schranken seiner Menschlichkeit bewußt geworden, fast immer durch verheißungsvolle Träume getröstet worden sei. Nun erzählte er einige von diesen, mit solcher Geläufigkeit, daß der Verdacht nahe lag, es sei nicht das erste Mal, daß er mit solchen Offenbarungen eine andächtig lauschende Zuhörerschaft erbaute. Zumal vor schwärmerisch gläubigen Frauen und Jungfrauen mußte er damit Glück gemacht haben, da es in diesen fast mit dichterischer Kunst componirten Nachtgesichten von verklärten Gestalten, Engeln und Erzengeln wimmelte und zum Schluß fast immer der ganze Himmel in glänzender bengalischer Beleuchtung aufflammte. Besonders rührend und wirkungsvoll stellten sich die ehrwürdigen abgeschiedenen Seelen seiner Eltern dar. Er hatte sie nur als Kind gekannt, aber sie waren mit ihm geistig verbunden geblieben, und seine gute Mutter nahm die Gelegenheit wahr, dem einzigen Sohn allerhand weise Lehren und einen Vorgeschmack jener höheren Erkenntnisse zu geben, nach denen den jungen Theologen so begierig verlangte. Beim Erwachen freilich war dieser Theil der übersinnlichen Erlebnisse seinem Gedächtniß wieder entschwunden. Der irdische Geist faßt ja nicht, was höher ist als alle Vernunft. Nur ein Nachgefühl überschwänglicher Seligkeit verbürgte ihm, daß solche Träume mehr als Schäume waren.
      Er hatte sich bei der Schilderung jener himmlischen Erscheinungen so in Eifer geredet, daß sein hübsches, rosiges Gesicht glühte und seine Vergißmeinnicht-Augen leuchteten. Den weiblichen Mitgliedern seiner Gemeinde mußte er in solch erhöhter Stimmung unwiderstehlich erscheinen. Hier aber, am Tisch der Männer, begegnete er einem hartnäckigen Stillschweigen, das ihm selbst auf die Länge nicht ganz geheuer vorkam. Auch sah er um den Mund des Apothekers ein paar verdächtige ironische Blitze zucken und den Rentamtmann, der vorhin alle Träume aus dem Nachtessen hergeleitet hatte, die breiten Schultern in die Höhe ziehen und den Kopf hin und her wiegen, wobei er ein wunderliches Knurren hören ließ, wie eine große Dogge, der man ein ihr nicht zusagendes Futter in den Trog geschüttet hat.
      Um einer zweifelsüchtigen Kritik seiner erbaulichen Mittheilungen zuvorzukommen, was er bisher noch niemals nöthig gehabt hatte, wandte der sonderbare junge Schwärmer sich an seinen Nebenmann zur Linken und sagte: Haben Sie niemals ähnliche nächtliche Offenbarungen erlebt, Herr Stadtrichter? Mag auch mein Beruf mich besonders dafür begabt und empfänglich machen, ich sollte doch meinen, Niemand, selbst nicht dem Ungläubigsten könne die Gnade einer solchen Erleuchtung völlig versagt sein.
      Zu meinem Bedauern, werther Herr, versetzte der Angeredete, muß ich gestehen, daß ich überhaupt niemals träume. Oder vielmehr ohne Bedauern, zu meiner Beruhigung. Denn da nach Ihrer Vorstellung ein Jeder die Sorgen und Freuden seines Berufs auch in seinen nächtlichen Seelenzustand mit hinübernimmt – was würde für mich verstaubten Actenmenschen dabei herauskommen, als daß ich mich auch im Traum mit all den leidigen Dingen, Verbrechen und sonstigen Menschlichkeiten herumschlagen müßte, die mir über Tag in meinem richterlichen Geschäft zu schaffen machen. Mir würden höchstens abgeschiedene Spitzbuben, Brandstifter und Raubmörder begegnen, die mir schwerlich einen Blick in höhere Erkenntnisse öffneten, zumal sie, wie es heißt, nicht in die oberen Regionen übersiedeln, sondern an einem gewissen niederen Ort ihre irdische Strafzeit fortsetzen. Aber wenn Sie mich darum für einen Ungläubigen halten möchten, wären Sie sehr im Irrthum. Auch mir, mein werther Herr Kandidat, ist einmal eine – wie Sie es nannten – nächtliche Offenbarung zu Theil geworden, und ich habe lange darüber nachgegrübelt, was es damit für eine Bewandtniß gehabt haben möge. Wenn die Herren nichts dagegen haben, möchte ich das seltsame Abenteuer Ihnen mittheilen.
      Alle am Tisch gaben eifrig ihre Zustimmung zu erkennen, Einige stießen einander an und warfen sich heimlich vergnügte Blicke zu. Denn der Sprecher war wegen seines sarkastischen Humors und seiner Kunst zu erzählen bekannt, und man hoffte, er werde dem hochtönenden Neuling eine kleine Lection ertheilen und die Gesellschaft an ihm rächen für die Langeweile, die sie während seiner himmlischen Phantasieen erduldet hatte.
      Der Stadtrichter aber blickte mit sehr ernsthafter Miene vor sich hin, that ein paar kräftige Züge aus seiner Meerschaumpfeife und sagte:
      Disse Geschichte is lögenhaft to vertellen, aber wahr is se doch, denn wie künnt' man se sonst vertellen? Ich muß diese Einleitung zu der berühmten Geschichte vom Swinegel auch der meinigen vorausschicken, weil man sich vielleicht wundern möchte, dergleichen von mir zu hören, der ich schon von Amtswegen verpflichtet bin, allen räthselhaften Vorgängen auf den Grund zu gehen und selbst dem Augenschein nicht zu trauen, wenn die Sache sonstigen allgemeingültigen Naturgesetzen zu widersprechen scheint.
      Diesmal aber konnte ich leider kein Zeugenverhör anstellen. Denn der einzige Zeuge war ich selber.
      Was ich als solcher erlebte, war Folgendes.
      Sie müssen wissen, Herr Candidat, daß ich in einem sehr kleinen Landstädtchen geboren bin, in welchem mein Vater Bürgermeister war. Meine Freunde sagen mir nach, ich geriethe jedesmal in eine lyrische Aufregung, wenn auf meinen Geburtsort die Rede komme. Ich leugne diese Schwäche nicht, theile sie aber mit all meinen Landsleuten und bin überzeugt, wer je Gelegenheit hatte, das unscheinbare Nest, das aber in der malerischsten Wald- und Hügellandschaft liegt, von Angesicht kennen zu lernen, wird unserm hochgesteigerten Localpatriotismus wenigstens mildernde Umstände zuerkennen. Sind wir unter uns, so lassen wir unsern Gefühlen den Zügel schießen und sehen mitleidig auf die nächstgelegenen größeren Städte herab. Daß Einer aus unserer Mitte sich »draußen im Reich« auf die Länge wohl fühle, ohne wenigstens von Zeit zu Zeit einmal wieder nachzusehen, ob unsere Wälder noch so grün, unser Kirchthurm noch so grau ist, wie in seiner Jugendzeit, ist nicht denkbar. Auch heirathet selten ein Stadtkind eine »Fremde«, und wenn ich für meine Person eine Ausnahme gemacht habe – aber das gehört nicht hieher.
      Mein eigener Vater hatte »draußen« ein Jahr lang Jura studirt, war dann aber durch die Erinnerung an eine Schülerliebe wieder nach Hause gelockt worden und, um früher einen eigenen Herd zu gründen, in das Geschäft eines Oheims eingetreten. Mit der Zeit hatte er sich emporgebracht und endlich, da er doch einen Anflug von Rechtsgelehrsamkeit hatte, die Bürgermeisterstelle erlangt.
      Der Stolz unseres Städtchens war das Landgericht. Sonst besaßen wir von öffentlichen Institutionen nur noch eine treffliche Feuerwehr, eine musterhafte Armenanstalt und die Bürgerschule, die ihre Zöglinge bis zur Tertia des Gymnasiums heranbildete. Es verstand sich von selbst, daß ich sie erst absolviren sollte, um später mich anderswo für das Universitätsstudium vorzubereiten. Denn der Sohn meines Vaters sollte gleichfalls die juristische Laufbahn betreten, nur nicht, wie dieser, auf halbem Wege wieder umkehren.
      An diese spätere Zeit dachte ich mit stillem Grauen, weil sie mich von meiner lieben Heimath trennen würde. Desto begieriger genoß ich alle Freuden der Gegenwart, und da wir auf der Schule von der jetzt so viel beschrieenen Ueberbürdung noch nichts verspürten, hatte ich Muße genug, mit gleichgesinnten Schulkameraden in der Umgegend herumzustreifen, wo jeder Busch und Baum, jeder Bach und Wiesenfleck uns bekannt war.
      Einer war unter uns, der Sohn einer Kaufmannswittwe, der an diesen wilden Knabenlustbarkeiten fast nie sich betheiligte. Er hieß 
      Martin Röseler, wir nannten ihn aber 
      Martin den Streber, oder auch nur 
      Streber schlechtweg. Den Spitznamen hatte er sich zugezogen, da er, wenn wir ihn von seinen Büchern und Heften weglocken wollten, sich damit zu entschuldigen pflegte, er habe keine Zeit zum Spielen, das Streben nach dem Höheren gehe vor.
      Das klingt nun sehr pedantisch für einen zwölf- oder dreizehnjährigen Schulbuben. Auch wurde er unbarmherzig damit aufgezogen und für einen Philister und Duckmäuser erklärt. Wer ihn aber genauer betrachtete, wie seine sinnigen Augen bei irgend einer schönen Dichterstelle leuchteten, oder der hübsche rothe Mund sich zusammenpreßte, wenn es galt, eine schwere Frage zu beantworten, als habe er eine harte Nuß zu knacken, dem mußte er nicht als ein weibischer Stubenhocker erscheinen, sondern als ein nachdenklicher Träumer, in dem einmal ein geisteskräftiger Mann erwachen würde.
      Mich hatte er von früh an für sich gewonnen, und wir wurden die besten Freunde. Nur ihm hatte ich es zu danken, daß ich nicht ganz und gar verwilderte, sondern bei all meinem Leichtsinn auch in der Schule gut fortkam. Denn heimlich hatte ich einen ungeheuren Respect vor ihm, wie er an den schwersten und heikelsten Räthseln herumgrübelte und schon lange vor der Confirmation mit den Mysterien des Glaubens sich zu schaffen machte. Das Was stand ihm fest, über das Wie zerbrach er sich rastlos den Kopf. Am liebsten wäre er Theologe geworden, da er dachte, das Studium der Gottesgelahrtheit werde ihm all seine Zweifel lösen. Dazu aber reichten die Mittel seiner alten Mutter nicht aus. Alles, was sie für ihn thun konnte, war, ihn in ein Lehrerseminar zu schicken, wo eine Freistelle offen war. Und so trennten wir uns zu der gleichen Zeit von den Unsern und der Heimath. Ich kam hieher aufs Gymnasium, er in das näher gelegene L**, wo er seinen mehrjährigen Cursus durchmachen sollte, um dann – hoffentlich – in seiner Vaterstadt eine bescheidene Anstellung zu finden.
      Bei ein paar Ferienbesuchen, die ich zu Hause machte, traf ich den guten Streber, da ihm zum Reisen die Mittel fehlten, nicht an. Unser Briefwechsel, der in der ersten Zeit ziemlich lebhaft und von seiner Seite ausführlich gewesen war, schlief durch meine Schuld nach und nach ein, und während meiner Universitätsjahre hörte ich nur dann und wann von ihm, da er auch nach der Rückkehr aus dem Seminar sein eingezogenes Leben fortsetzte und sich bei meinen Eltern nicht blicken ließ.
      Ich aber, sobald ich das erste Examen hinter mir hatte und nun nach Hause kam, um eine Weile als Praktikant an dem heimathlichen Landgericht zu arbeiten, ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als den alten Schulfreund wieder aufzusuchen. Ueber die Beschämung, daß ich ihm so lange nicht geschrieben hatte, half mir sein herzlicher Empfang hinweg. Er begrüßte mich, als ob wir uns gestern erst getrennt hätten, und wirklich fand ich ihn auch ganz, wie er mir im Gedächtniß gestanden hatte, mit dem alten sinnigen Knabenblick und dem ernsten Zug um den Mund, äußerlich freilich herangereift, eine hübsche, schlanke Jünglingsfigur. Seit einem Jahre bekleidete er eine Hülfslehrerstelle an unserer Stadtschule, mit einem bettelhaften Gehalt, über das er sich aber nicht beklagte. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus. Die seinen bestanden in nichts Anderem, als in einem ansehnlichen Zuwachs feiner Kenntnisse, und – setzte er mit einem verschämten Lächeln hinzu – in letzter Zeit habe ich eine Bekanntschaft gemacht, eine Bekanntschaft, von der ich eine neue Epoche in meinem Leben datire.
      Ich war darauf gefaßt, von einer rührend bescheidenen Liebschaft zu hören. Da ich aber nach dem Namen des Mädchens fragte, schüttelte er lachend den Kopf – denn er konnte auf seine Manier auch ganz lustig sein – und gestand mir, daß es sich nur um die Bekanntschaft mit Schopenhauers Werken handle.
      Dann aber wurde er gleich wieder ernst, ja fast traurig. Siehst du, sagte er, es ist wirklich so Etwas, wie du vermuthet hast, ein Zustand, wie er bei Liebenden stattfinden soll, die bald himmelhoch jauchzen, bald zu Tode betrübt sind. Du weißt, daß ich immer nach höherer Erkenntniß gestrebt habe – aus dem Uebernamen, den ihr mir deßhalb gegeben, mache ich mir einen Ehrennamen, wie einstmals die Geusen – und nun dachte ich, als ich auf dieses Goldbergwerk tiefsinniger Gedanken stieß, das der merkwürdige Mann vor uns aufgedeckt hat, ich würde auf einmal reich werden und sorgenfrei leben können. Darin hatte ich mich sehr getäuscht. Wenn ich ihm eine Weile gefolgt bin und glaube, sicher in seinen Fußstapfen wandeln zu können, entschwindet er mir plötzlich, und ich weiß nicht aus noch ein. Ein Glück, daß auch er, wie unsere Kirche, eine Unsterblichkeit verheißt; da werden wir doch das Weltgeheimniß mit helleren Augen anschauen. Hier unten freilich komm' ich mir manchmal vor wie der große Condor, den ich in einer Menagerie gesehen habe. Er stierte in seinem Käfich gewöhnlich mit halb erstaunten, halb traurigen Augen vor sich hin. Plötzlich hob und schwang er seine starken Fänge, als wollte er aus dem niederen Kerker hinaus in die höchsten Lüfte steigen. Er stieß sich aber nur den Kopf an der hölzernen Decke und knickte wieder zusammen mit einem scharfen Wehlaut, der mir in die Seele schnitt. Nun, unser Käfich wird ja einmal geöffnet werden, und dann – dann 
      excelsior!
      Ich war damals in Betreff der Fortdauer nach dem Tode sehr skeptisch geworden und hielt mit meinen Zweifeln nicht zurück. Da aber kam ich nicht gegen ihn auf. Er hatte diese Materie nach allen Richtungen gründlich studirt, demonstrirte mir die Leibnitzische Lehre von der untheilbaren, unzerstörbaren Monade, die wir unsere Seele nennten, von der Verpflichtung der Gottheit, wenn wir uns auf Erden redlich fortentwickelt, nach diesem Leben uns einen Tummelplatz zu neuem Wirken und Lernen anzuweisen, was ja auch Goethe, der alte Heide, gegen Eckermann zuversichtlich ausgesprochen habe, und auch die Fäden der Liebe, die hienieden abgerissen, müßten einmal wieder angeknüpft und in einem höheren Lichte fortgesponnen werden.
      Nun, sagte ich, mir soll's recht sein. Nur verlange nicht, daß ich mir eine feste Hoffnung darauf mache. Ich muß immer an Jenen denken, der erklärte, er glaube nicht an Unsterblichkeit; denn wenn es hernach nichts damit wäre, würde er sich ärgern, so lange umsonst daran geglaubt zu haben.
      Er war so wenig Pedant, daß er selbst über diesen alten Scherz zu lachen vermochte. Ueberhaupt rührte sich in ihm, da er jetzt vierundzwanzig Jahre alt war, neben seinem geistigen Dichten und Trachten ein Trieb nach heiterem Lebensgenuß, den er nun freilich als ein armer Magister, der eine alte Mutter zu ernähren hatte, nicht befriedigen konnte. Neben seinem Schulamt gab er eine Menge Privatstunden, die aber auch nur kärglich honorirt wurden. Was er einnahm, brachte er der alten Frau. Sie war mit den Jahren geizig geworden und gönnte dem erwachsenen Sohn nur ein schmales Taschengeld. An den vielfachen Vergnügungen, die man im Städtchen veranstaltete, um die jungen Leute beiderlei Geschlechts zu einander zu bringen, nahm er nur selten Theil, hielt sich auch dann in schüchterner Entfernung, da er nicht tanzte. Doch sah ich es an den großen, glänzenden Augen, mit denen er diese oder jene junge Ballschönheit verfolgte, daß sein Blut so jung und feurig pulsirte, wie das der gedankenlosesten unserer Altersgenossen, denen das Streben nach höherer Erkenntniß nie eine schlaflose Stunde gekostet hatte.
      Drei Jahre blieb ich in seiner Nähe, drei sehr erquickliche Jahre, in denen wir uns täglich sahen und ich noch miterlebte, wie auch eine andere Bekanntschaft, als die des alten Frankfurter Philosophen, »in seinem Leben Epoche machte«. Das junge Wesen, um das sich's dabei handelte, war freilich der gerade Widerpart jenes großen Denkers, ein reines Stück Natur, aber der alten Mutter in einer ihrer glücklichsten Stunden vom Schooß geglitten. Blutjung war das Mädel, als mein Freund sein zuerst ansichtig wurde, nicht über sechzehn, natürlich ein Nachbarskind, das über Nacht die Kinderschuhe vertreten hatte und zum ersten Mal an einer großen Landpartie der ganzen Stadtjugend Theil nahm. Sehr geputzt war es eben nicht, die Eltern waren kleine Leute. Aber mit dem frisch gebügelten Sommerfähnchen, dem alten Strohhut mit blauem Bande und seinen wundervollen braunen Augen konnte sich's neben den stolzesten Honoratiorentöchtern sehen lassen. Freund Martin war zufällig von der Partie, da sie ohne große Kosten verlaufen sollte. Kaum erblickte er die junge Nachbarin, so war es um ihn geschehen, für diesen und alle folgenden Tage. Doch zu einer Annäherung kam es noch nicht. Nur am andern Morgen gestand er mir, es sei ihm völlig klar geworden, daß dieses 
      Thildchen, wie sie gerufen wurde, die ihm vom Himmel bestimmte Lebensgefährtin sei.
      Ich staunte ein wenig, woher ihm diese überirdische Erleuchtung gekommen, zumal er noch kein Wort mit seiner Erkorenen gesprochen hatte. Er war aber in einem Zustande so seliger Trunkenheit, daß ich ihn mit meiner nüchternen Vernunft nicht behelligen mochte.
      Bald darauf mußte ich ihn verlassen, mein Staatsexamen zu machen. Ich wurde dann gleich hier, wo ich, wenn es die Heimath nicht sein sollte, am liebsten blieb, am Stadtgericht beschäftigt, lernte meine künftige Frau kennen und bürgerte mich dadurch so fest ein, daß ich mehrere Jahre selbst zu flüchtigen Besuchen bei den Meinigen keine Zeit fand.
      Erst der Tod meines Vaters rief mich wieder nach Hause zurück. Ich war nicht in der Stimmung, mich viel mit alten Freunden und Bekannten abzugeben. Nur meinen guten Streber besuchte ich. Ich fand einen ganz verwandelten Menschen. Zwischen ihm und seiner ersten Liebe war es richtig geworden, Martin's alte Mutter inzwischen gestorben, er konnte nun daran denken, einen eigenen Hausstand zu gründen, und schon über sechs Wochen sollte gehochzeitet werden. Die dringende Einladung dazu mußte ich ablehnen. Ich sah aber das Brautpaar zusammen und gewann die Ueberzeugung, daß mein guter Martin gerade Die gefunden hatte, die ihm geben würde, was ihm während seiner dürftigen Jugend gefehlt hatte. Wie gefällt sie dir? fragte er mich mit einem glückseligen Gesicht, das die Antwort vorwegnahm. Nun, sagt' ich, zu einer Streberin wirst du dein Frauchen schwerlich erziehen, dafür wird sie dir zu gewissen anderen höheren Erkenntnissen verhelfen, die auch nicht zu verachten sind, und dir mit ihrer kleinen Hand die Stirne glätten, wenn die sich vor unfruchtbarem Spintisiren über das Weltgeheimniß in gar zu häßliche Falten legt.
      Er lachte. Zumal da ich ihm den Vers aus der Zauberflöte citirte:
      Mann und Weib und Weib und Mann
       Reichen an die Gottheit an.
      Dies 
      Eritis sicut Deus ist mir zwar etwas zweifelhaft, sagte er. Aber wenn ich auch nicht mit meinem Thildchen philosophiren werde, 
      neben ihr werd' ich's doch wohl nicht lassen können, und sie wird mich so wenig darin stören, wie meinen großen Namensvetter – er meinte den Doctor Martinus – seine Käthe im Weiterforschen nach den Geheimnissen des Glaubens.
      Dann schrieb er mir noch ein paar Mal als junger Ehemann, und wieder kam unsere Correspondenz, da ich ein fauler Antworter bin, ins Stocken. Mein Amt nahm mich zu sehr in Anspruch und in den Mußestunden meine eigenen Familienfreuden. Von den seinen erfuhr ich nur, daß ihm seine kleine Frau einen Knaben geboren hatte. Der glückstrahlende Brief, in welchem er mir das meldete, und meine Gratulation waren die letzten Lebenszeichen, die wir austauschten. Und da ich sonst in meiner Vaterstadt keine Verwandten mehr hatte und mit anderen Correspondenten nicht säuberlicher verfahren war, als mit meinem alten Special, hörte ich von dem, was sich bei mir zu Hause zutrug, so gut wie nichts mehr. Denn in die Weltgeschichte griff das gute alte Nest nicht ein, und sein Name wurde in den Zeitungen nie genannt.
      Das ertrug ich trotz meines lebhaften Heimathgefühls etliche Jahre, vier oder fünf, dann aber überfiel mich eines Tages die Nostalgie mit solcher Macht, daß ich mir mitten im Jahre, ohne die Gerichtsferien abzuwarten, eine Woche Urlaub nahm, um einmal wieder die Luft meiner Jugend zu athmen.
      Ich hatte mich nicht angemeldet und freute mich darauf, auch meinen guten Martin zu überraschen. Auf der letzten Station vor meinem Reiseziel verließ ich die Eisenbahn. Ich wollte die zwei kleinen Meilen, die mich noch von der geliebten Stätte, wo meine Wiege gestanden, trennten, in behaglichem Schlendern zurücklegen. Es war schönes Wanderwetter, die Hitze des Tages verging in dem sanften Abendwind, die Gegend, die ich so gut kannte, zeigte sich in all ihren Reizen unter der günstigsten Beleuchtung, erst des Abendroths, dann des halben Monds, über den leichte Streifwolken hinzogen. So übereilte ich mich gar nicht, rastete, je näher ich dem Städtchen kam, immer häufiger an dieser und jener Stelle, die mir lustige Erinnerungen weckte, verirrte mich sogar einige Male, da in den Ansiedelungen sich Manches geändert hatte, und brauchte reichlich vier Stunden zu einem Wege, den ich sonst in weniger als zweien zurückgelegt hatte.
      Als ich dann endlich aus dem letzten Wäldchen heraustrat und über Felder und Wiesen die Thürme und Dächer des kleinen Orts in die duftige Mondhelle hinaufragen sah, fühlte ich mich einigermaßen ermattet. Am Waldrande stand ein Bänkchen, mir wohlbekannt. Da ließ ich mich nieder, um einen Augenblick zu ruhen und das hübsche Bild wieder einmal in mich aufzunehmen. Es mag aber wohl nicht lange gedauert haben, da fielen mir die Augen zu und thaten sich erst wieder auf, als ich vom Thurm der Kirche die späte Stunde schlagen hörte – zehn – elf – oder gar zwölf Schläge, ich hatte nicht genau folgen können, jedenfalls war's hohe Zeit, das Nachtquartier aufzusuchen. Denn man pflegte auch in unserm ersten Gasthof früh zu Bette zu gehen.
      Wie ich mich nun aufrichte und meine Schritte beschleunige, seh' ich nicht weit vor mir, auf dem Wiesenwege, der neben der Fahrstraße dem Thore zuläuft, eine dunkle Gestalt, die sich in derselben Richtung fortbewegt: ein schlanker, schwarzgekleideter Mann, dessen lange Rockschöße zwischen den hohen Schafgarben und anderen Unkräutern wunderlich hin und her wehten, während der Kopf, der unbedeckt war, weit zurück im Nacken saß, als ob der Wanderer gespannt die Sterne observirte.
      Nicht zwei Minuten konnte ich im Zweifel bleiben, wen ich vor mir hatte, so sehr mich's wunderte, zu dieser nachtschlafenden Zeit ihn hier draußen anzutreffen. Zugleich überkam mich eine lebhafte Freude, wie schön der Zufall es gefügt hatte, daß ich den alten Freund heute noch und in so traulicher Nachtstille wiedersehen sollte.
      Martin! rief ich. Bist du's wirklich? Was in aller Welt hat ein zärtlicher Gatte und Vater um Mitternacht hier draußen zu suchen?
      Er war bei meinem ersten Worte stillgestanden und wandte sich nach mir um, als ob er seinen Ohren nicht traute. Du bist's? sagte er kaum hörbar. Guten Abend, Wilhelm! – Seine Stimme klang fremd und wie halb erloschen; über sein Antlitz flog nur einen Augenblick ein leiser Schimmer, dann wurde es wieder düster, und die Augen senkten sich zu Boden, als wär's ihm peinlich, mir offen ins Gesicht zu sehen. Auch wunderte mich's, daß er mir nicht wie sonst, wenn wir uns längere Zeit nicht gesehen hatten, beide Hände entgegenstreckte. Das machte auch mich befangen. Statt ihn zu umarmen, trat ich nur nahe zu ihm hin und betrachtete ihn mit bekümmerter Theilnahme.
      Wie siehst du denn aus, mein Alter? sagte ich. Es scheint dir seither nicht zum Besten gegangen zu sein, trotz deines häuslichen Glücks. Dein Gesicht ist schmal geworden, dein Näschen so dünn, daß man fast die Sterne durchschimmern sehen kann. Und nun läufst du ohne Hut in der Nachtluft herum und kannst dir unter dem starken Thau den schönsten Rheumatismus zuziehen. Laß uns nur geschwind zur Stadt zurückgehen, du erzählst mir im Gehen, wie das so mit dir gekommen ist.
      Ich wollte ihn unterfassen, aber er wich mir mit einer ängstlichen, nicht gerade unhöflichen, aber sonderbar fremden Geberde aus und wandelte mit seinen langen Schritten neben mir hin durch das Gras. Du hast ganz recht gesehen, sagte er, nachdem wir Beide ein wenig verstummt waren, es geht mir auch nicht zum besten. Obwohl es eigentlich undankbar ist, zu klagen. Sie haben's gewiß gut mit mir gemeint. Ich bin ja befördert worden.
      Befördert? rief ich. Aber davon höre ich ja das erste Wort. Bist du zum Rector avancirt und hast dich in deiner neuen Stellung überarbeitet, daß du so heruntergekommen aussiehst?
      Er schüttelte leise den Kopf, immer mit dem tiefsinnig wehmüthigen Ausdruck.
      Nein, Wilhelm, sagte er, so ist's nicht. Ich bin gar nicht mehr in unserer Schule. Sie haben wohl Rücksicht darauf genommen, daß ich mir immer an den Schranken meiner Erkenntniß die Stirne wund stieß, und mir einen Gefallen zu thun gedacht, wenn sie mich in eine höhere Bildungsanstalt versetzten. Da bin ich nun schon eine ganze Weile, habe nichts zu thun, als mich selbst in die Schule zu nehmen, auch sonst könnt' ich sorgenfrei leben, wenn nur nicht –
      Er brach plötzlich ab und sah wieder zu den Sternen hinauf. Der Mond stand hinter einer grauen Wolke.
      Ich verstehe kein Wort von dem, was du mir da erzählst, Martin, sagte ich. Was ist das für eine höhere Bildungsanstalt? Hat dir das Ministerium etwa ein paar Jahre Urlaub gegeben, um noch auf eine Universität zu gehen? Und was soll nun in Zukunft daraus werden?
      Wenn ich das selbst wüßte! erwiederte er mit einem Seufzer. Das ist es ja eben, daß Niemand mir das sagen kann, auch da nicht, wo ich mich jetzt befinde, und wo man sonst so Vieles weiß. Das Traurigste ist, daß ich eingesehen habe, mit dem guten Willen, zu begreifen, was einem offenbart wird, sei es nicht gethan. Das »Ding an sich« kann einem noch so dicht auf den Leib rücken, man hat nicht die Organe, es anzupacken und festzuhalten. Wie sollte man das auch können? So lange man sein bischen Persönlichkeit behält, ist man ein begrenztes Wesen. Wenn ein solches in den Abgrund des Unbegrenzten, des Absoluten blickt, gehen ihm höchstens die Augen über, doch nicht auf, und am Ende kann es noch blind darüber werden, so daß es selbst für die niederen Erkenntnisse nicht mehr taugt. Das ist traurig.
      Dann, nach einer Pause: Entsinnst du dich noch, Wilhelm, daß ich dir einmal von dem Condor erzählt habe, der sich in seinem Käfich den Kopf an der Holzdecke blutig stieß, so oft er seine Flügel dehnen wollte? Ein solcher Gefangener ist noch besser daran als Unsereins. Unser Käfich ist mit uns selber verwachsen. Auch wenn die Seele nicht mehr an der harten Schädeldecke des Gehirns sich Beulen stößt – sie selbst ist eingekerkert in ihre Untheilbarkeit und Unzerstörbarkeit, aus der sie nicht herauskann. So eine arme Strebermonade ist dann übler daran als genügsamere, die sich nichts Besseres wünschen, als sich die liebe Sonne wenigstens aufs Dach scheinen zu lassen, da Monaden bekanntlich keine Fenster haben.
      Ich hatte ihm mit immer wachsendem Erstaunen zugehört. Bist du nun auch dahintergekommen, alter Freund, rief ich, daß die Bäume der Erkenntniß nicht in den Himmel wachsen? Nun, wenigstens wird es deiner lieben Frau und dem Buben zu Gute kommen, wenn du auf das Speculiren hinfort verzichtest und die Methaphysik Denen überlassest, die Métier davon machen.
      Er blieb stehen und senkte den Kopf mit einer tiefschmerzlichen Geberde auf die Brust.
      Meine Frau? flüsterte er, und seine Stimme klang noch heiserer. Von der bin ich ja getrennt.
      Wie? rief ich. Sie haben dir nicht erlaubt, die süße kleine Person in deine höhere Bildungsanstalt mitzunehmen? Etwa bloß, weil sie keine metaphysischen Anlagen hatte? Oder seid ihr gar –
      Ich konnte den Satz nicht vollenden. Es schien mir zu ungeheuerlich, daß diese Ehe, die ich so recht im Himmel geschlossen glaubte, auf Erden nicht Bestand haben sollte, daß die junge Frau am Ende gar etwas verschuldet haben könnte, was diesen liebevollsten aller Gatten genöthigt hätte, von ihr zu gehen.
      Ja, fuhr er fort, es ist wirklich so, man hat uns geschieden. Warum es nöthig war? Ich weiß es nicht. Keins von uns hat etwas verschuldet, was eine so grausame Maßregel in meinen Augen rechtfertigen könnte. Aber gegen solche höheren Rathschlüsse giebt es keine Appellation. Es ist noch Anderen meiner jetzigen Collegen nicht besser ergangen, Viele aber ertragen es leichter, weil sie vorher nicht so glücklich waren. Ich dagegen – du kennst mich ja und kennst auch sie – nein, das doch nicht. Ich selbst habe erst in der Ehe erfahren, was für einen Schatz ich an ihr besaß. Und mein Junge, mein prächtiger, kleiner Junge –! O, es ist bitter, und darüber würden auch ganz andere geistige Freuden und ungeahnte Erleuchtungen nicht hinweghelfen. Drei Jahre hab' ich sie besessen, gerade lange genug, um zu erkennen, wie Recht du hattest, mich an den Vers zu erinnern: Mann und Weib und Weib und Mann! – Wenn eine irdische Monade überhaupt so vermessen sein kann, von Gottähnlichkeit zu reden, hier ist sie oder nirgends, und es wird ihr auch gar nicht bange davor. Was darüber ist, ist vom Uebel, wenn es nicht überhaupt der baare Unsinn ist.
      Ich konnte, da ich ihn mit fast wilder Desperation dies und noch Anderes in demselben Ton vor sich hin reden hörte, lange keine Worte finden, ihm mein schmerzliches Mitgefühl auszusprechen. Auch grübelte ich rathlos über den Sinn mancher seiner Aeußerungen und war doch zu discret, ihn geradezu zu befragen, da ich einen trübseligen Eheroman hinter der abgerissenen Beichte witterte.
      Endlich, als er erschöpft verstummte, kam ich mit der Frage heraus, was ihn denn bewogen habe, diese Gegend wieder aufzusuchen, wo er so Trauriges erlebt. Da nickte er mit dem Kopf und hauchte: Du hast sehr Recht, es ist auch eine Thorheit, aber es ist stärker als ich. Das Gescheidteste wäre, mich in das Unabänderliche zu ergeben. Mein Gott, man hat ja auch in meiner jetzigen Lage noch manche Freude und stille Genugthuung, wenn wieder ein dunkler Punkt sich lichtet und eifriges Streben eine kleine Strecke weiter hinaufführt. Die Meisten meiner Collegen sind auch ganz zufrieden damit, und Einige dünken sich wunder wie groß, wenn sie den Schleier, der das Weltgeheimniß deckt, wieder um einen halben Zoll gelüftet haben. Die haben eben nicht so viel zu Hause zurückgelassen wie ich. Und so kann ich mir nicht helfen: obwohl ich weiß, daß ich mir den Stachel nur tiefer ins Herz drücke, wenn ich wieder einmal das Verlorene mit Augen sehe, – es reißt mich wie mit Stricken zurück, ich frage gar nicht danach, was die Oberen dazu für Augen machen mögen, wenn ich ohne Urlaub fortrenne, aber her muß ich, und sollt' ich hernach zur Strafe in ein dunkles Loch gesperrt werden, wo ich Tage und Wochen lang vom Licht getrennt, hungern und dursten müßte nach dem Brode der Wahrheit und dem Quell der Erkenntniß.
      Indem er dies sagte, schlug er einen Seitenpfad ein, der vom Stadtthor ablenkte und auf ein schattiges Wäldchen zuführte. Dieses zog sich eine kleine Anhöhe hinan und war im Sommer ein beliebter Tummelplatz besserer Familien. Denn in dem Försterhause dort, das zwar keine eigentliche Gastwirthschaft ausübte, wurden Getränke verabreicht, an denen man im Schatten hoher Eichen und Linden sich erfrischen konnte.
      Wohin führst du mich? fragte ich höchlich erstaunt.
      Er gab aber keine Antwort, sondern wandelte mit immer hastigeren Schritten mir voran.
      Der Mond war aus den Streifwolken herausgetreten und warf seine Strahlen so kräftig durch die Baumwipfel, daß, wo sie hinfielen, jeder Kiesel und Grashalm deutlich zu erkennen war. Die Vorderseite des Hauses lag im Schatten. Der verstummte Freund aber eilte daran vorbei und machte erst an dem niedrigen Zaune Halt, der das Blumengärtchen an der Rückseite des Hauses von dem freien Waldrevier abgrenzte. Zwei große Hunde hatten dort geschlafen und fuhren mit wüthendem Gebell gegen die Latten des Zauns, als sie uns kommen hörten. Sie machten Anstalten, hinüberzusetzen und uns anzufallen. Martin aber trat dicht an sie heran und bewegte wie grüßend die rechte Hand gegen sie. Da wurden sie plötzlich kleinlaut. Ich sah, wie ihr Fell sich sträubte und beide mit eingezogenem Schweif, zitternd und winselnd nach dem Hause zurückkrochen. Da blieben sie zusammengeduckt liegen, auch als wir durch die nur angelehnte Gitterthür eintraten.
      Hier unter den Blumenbeeten war's taghell. Martin aber hielt sich nicht dabei auf, etwa aus Rosen, Levkoyen und Reseda ein Sträußchen zu pflücken zur Erinnerung. Er schritt geradewegs auf ein Fenster zu, dessen Flügel hinter den Gitterstäben halb offen standen, die Nachtkühle hereinzulassen. Ein dünner weißer Vorhang, der in der Mitte auseinanderging, ließ einen Theil des Zimmers überschauen. Mein Freund aber stellte sich so dicht davor, daß ich nur über seine Schulter hineinblicken konnte.
      Da sah ich in dem weißen Viereck, das der Mond ins Innere strahlte, das Fußende eines Bettes, daneben eine Wiege. Das Kind, das darin lag, mochte von dem Bellen der Hunde aufgeschreckt worden sein, es focht mit den Aermchen um sich her und fing an zu weinen. Sofort erhob sich in dem Bette neben ihm eine junge weibliche Gestalt, setzte sich aufrecht in die Kissen und langte sich das Würmchen herüber. Dann öffnete sie ihr Nachtjäckchen und legte das Kind an die volle Brust, über die der Mond hinspielte, während das Gesicht im Schatten blieb. Das Kind ließ aber, nachdem es ein Weilchen getrunken, den kleinen Kopf zurücksinken und setzte sein Schreien fort. Da schwang sich die Mutter mit ihm vom Lager herab und trug es nun mit halblautem Singsang das Zimmer auf und ab, bis es sich beruhigte. Nun trat auch ihr Gesicht zuweilen aus dem Schatten hervor, gar lieblich mit den halb verschlafenen, halb zärtlichen Augen unter dem weißen Nachthäubchen, während die bloßen Füße sacht über die blanken Dielen schritten. Herrgott! sagt' ich unwillkürlich vor mich hin, das ist ja –
      Ueber die Gestalt des Freundes vor mir lief es wie ein zuckender Schmerz. Er trat plötzlich zurück, da die Frau sich dem Fenster näherte, um es zu schließen. Ja wohl, flüsterte er, das ist sie, meine Thilde, nicht mehr meine! Ist sie nicht noch schöner geworden? Und sieht sie aus, als ob sie nicht glücklich wäre, als ob ihr irgend Etwas fehlte, ich zum Beispiel? Und das soll einem nicht das Herz abdrücken!
      Das junge Weib hatte das schlafende Kind in die Wiege gelegt und war selbst wieder unter die Decke geschlüpft. Es war mir räthselhaft, wie sie hier in das Forsthaus kam. Vielleicht zur Sommerfrische? Und der Säugling – Ich wußte nicht, daß du 
      noch ein Kind hattest! sagte ich, nur um das peinliche Schweigen zu brechen.
      Es ist 
      ihr Kind, antwortete er mit dumpfer Stimme, ihres und 
      seins. Hast du nicht da hinten neben ihrem Bett noch ein zweites gesehen? Darin schläft ihr jetziger Mann, der Förster, unser Schulkamerad Wenzel. Nur ein Jahr, nachdem wir getrennt wurden, hat sie ihn geheirathet. Kann ich es ihr verdenken, daß sie wieder versorgt sein wollte, da sie von mir nichts behielt als meine armselige Bibliothek und das bischen Hausrath und dazu meinen Buben? Und doch hat mir's weh gethan. Ich hatte sie mehr geliebt als ich sagen kann.
      Er wandte sich ab, ein seltsames Stöhnen erschütterte seine Brust.
      Erkläre mir nur, sagte ich, warum hat sie den Knaben behalten? Wenn du nicht schuld an der Scheidung warst –
      Er antwortete nicht und wandte sich wieder der Gitterthür zu. Laß uns fort! sagte er. Es thut mir nicht gut – ich wußt' es wohl – aber wie gesagt, es zog mich mit Gewalt –
      Wenn der Junge aber heranwächst, fuhr ich fort, da mich diese Ungerechtigkeit gegen den guten Menschen empörte, dann wird man ihn dir doch nicht vorenthalten, du wirst ihn wiedersehen und seine geistige Erziehung nicht dem Stiefvater überlassen.
      Er trat über die Schwelle des Gartenpförtchens, blieb aber stehen und wandte sich mit einer Geberde der Angst nach dem Hause um.
      Wiedersehen? rief er mit einem qualvollen Ton, der mühsam von seinen fahlen Lippen brach. Das ist es ja gerade, wovor mir graut. Meinen Jungen wiedersehen, wenn wir Beide einander fremd geworden sind, er seinen Vater, sein Vater ihn wie eine neue Bekanntschaft betrachten muß, vielleicht der Andere neben ihm, der mir sein Sohnesherz entwendet hat – und vollends sie, die indessen einem Andern Kinder geschenkt und unser erstes Glück vergessen hat wie einen Morgentraum – davor bewahre mich eine gütige Vorsehung – wenn es eine giebt! Hält' ich einen Mord auf dem Gewissen, ein solches Wiedersehen wäre doch eine zu harte Strafe dafür. Nein, versinken, vergessen, bis auf den letzten blassen Schatten der Erinnerung, und müßten in den schwarzen Abgrund auch alle die hohen und herrlichen Erleuchtungen mit hinuntertauchen, nach denen ich, der blöde Narr, der ich war, mich Zeitlebens gesehnt habe!
      Ich war tief erschüttert durch diesen Ausbruch einer fassungslosen Qual. Armer Freund, stammelte ich, dir ist grausam mitgespielt worden. Aber das Unrecht, das man dir angethan hat, ist gewiß zu einem Theil wenigstens wieder gut zu machen. Wenn dir auch die Frau jetzt verloren ist, den Knaben wenigstens muß man dir lassen, ich selbst will bei dem Gericht, das ihn dir abgesprochen, für dich appelliren – sage mir nur –
      Er schüttelte mit einem bitteren Auflachen den Kopf, In diesem Augenblick trat eine Wolke vor den Mond, die ihn völlig verhüllte, so daß wir unter den dichten Bäumen in schwarzer Finsterniß standen. Als der Himmel sich wieder lichtete und ich mich umsah, wo der Freund geblieben, war er nicht mehr an meiner Seite.
      Ich rief seinen Namen, ich suchte ihn, in hellem Aerger, daß er mich ohne Abschied verlassen, hinter allen Büschen und Bäumen – er blieb verschwunden.
      Unmuthig trat ich endlich aus dem Wäldchen heraus und schlug den Weg nach der Stadt wieder ein. Vom Kirchthurm drang ein einzelner dumpfer Schlag zu mir herüber – wahrhaftig, es war Ein Uhr nach Mitternacht. Keine Menschenseele weit und breit, auch in den Gassen, die ich nun betrat, nur der leichenhaft blasse Mondschein auf allen Dächern und Mauern. Ich hatte lange am Thor des Gasthofs zu schellen, bis mir ein schlaftrunkener Hausknecht öffnete. Zum Glück erkannte er mich, und ich gelangte ohne Schwierigkeiten in ein leeres Zimmer, das über Tag nicht gelüftet worden war, so daß ich vor dumpfer Schwüle und fieberhafter Aufregung lange nicht zum Schlafen kam.
      Als ich spät am andern Morgen im Gastzimmer unten frühstückte und mein alter Gönner, der Wirth, sich zu mir setzte, mich zu unterhalten, kam gleich die Rede darauf, wie die Zeit vergehe und Manchen mitnehme, der sich dessen nicht versehe. Von all meinen alten Kameraden, sagt' ich, die ich nicht wiederfinden soll, ist mir's am meisten leid um den guten Martin Röseler. Wie ist denn das zugegangen, daß er von seiner Frau geschieden worden ist und die Stelle an einer höheren Schule bekommen hat?
      Der Mann sah mich mit großen Augen an. An einer höheren Schule? sagte er. Nun, gewissermaßen freilich – Sie drücken sich sehr eigenthümlich aus, Herr Stadtgerichtsassessor – übrigens hat es all seine Bekannten gewundert – er war immer gesund gewesen, wenn auch von zarter Constitution – vielleicht aber das nächtliche Studieren – der Herr Oberlehrer hatte so viel Streben – kurz und gut, er bekam es auf der Brust, hustete, wollte sich nicht schonen – und nicht drei Monate, nachdem er sich gelegt hatte, mußten wir ihn begraben.
      Ich erschrak heftig über diese Mittheilung und hatte Mühe, meine Bewegung zu verbergen. Mein guter Martin nicht mehr unter den Lebenden, und doch – in der vergangenen Nacht –? Es war mir wohl Manches bei der Begegnung mit ihm befremdlich, ja unheimlich gewesen – aber auch sein plötzliches Verschwinden hatte mich noch nicht aufgeklärt, und nun blieb mir kein Zweifel: eine Offenbarung aus einer anderen Welt war mir zu Theil geworden, an die ich nur mit leisem Grauen zurückdenken konnte.
      Er soll sehr schwer gestorben sein, fuhr der Wirth fort, der sich meine Verstörung mit der Trauer um den alten Freund erklärte; mein Gott, er hatte ja auch das schönste Leben, die Frau war gut zu ihm und er immer noch so verliebt wie ein Bräutigam – das hat auch vielleicht zu allem Andern – und seinen kleinen Jungen vergötterte er förmlich. So was läßt Einer nicht gern im Stich. Na, die Frau hat sich ja wieder verheirathet, sie hat nicht zu klagen. Und ihrem ersten Mann hat ihr zweiter einen schönen Grabstein machen lassen, die Inschrift hat der Herr Oberlehrer noch selbst bestimmt in seiner Krankheit, bloß den Namen, das Geburts- und Todesjahr und darunter ein lateinisches Wort –
      
      Excelsior! ergänzte ich und dachte in meinem stillen Herzen: Armer Freund Streber! Wenn es wahr ist, was du mir heute Nacht vertraut hast, so ist dein letzter Wunsch, der auch dein Lebenswunsch war, nur mangelhaft in Erfüllung gegangen!
      *
      Keiner von den Zuhörern gab einen Laut von sich, als der Stadtrichter seine Erzählung geendet hatte.
      Erst nach einer ganzen Weile hörte man den Candidaten sich räuspern, wie wenn er sich zu einer längeren Rede anschicken wollte. Da stand aber der Stadtpfarrer auf und sagte: Die Herren müssen mich heut entschuldigen, ich habe noch in einer amtlichen Angelegenheit einen Bericht fertig zu machen, und morgen ist Samstag, wo ich auf die Predigt studieren muß. Lassen Sie sich nicht stören, und Ihnen, werther Freund, – wandte er sich an den Stadtrichter – sage ich besten Dank für die merkwürdige Geschichte, die Sie uns erzählt haben, indem ich mir vorbehalte, die Gedanken, die mir dabei gekommen sind, ein andermal unter vier Augen gegen Sie auszusprechen. Bleibst du noch hier, lieber Neffe, oder willst du mich nach Hause begleiten? Den Hausschlüssel könnte ich dir durch das Mädchen schicken.
      Der junge Mann erhob sich mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit. Ich will doch lieber mit dir gehen, Onkel, sagte er. Auch ich habe mir mancherlei Gedanken gemacht, die aber, wie ich glaube, in diesem Kreise wenig Anklang finden würden. So wünsche ich allerseits gute Nacht!
      Als Onkel und Neffe das Gastzimmer verlassen hatten, zwinkerte der Apotheker dem Stadtrichter zu und sagte, in sich hineinlachend: Der hochwürdige junge Herr fände wohl auch ohne die Begleitung des Herrn Onkels heute Nacht den Weg nach Hause. Dem habt Ihr gehörig heimgeleuchtet, Gevatter!
    



      Das Haus »Zum ungläubigen Thomas«
      oder
      Des Spirits Rache
      (1893.)
       
      In einer ansehnlichen Provinzstadt des nördlichen Deutschlands findet sich eine Gasse, deren uralte, hochgieblige Häuser sämmtlich ehrwürdige oder anmuthige Namen tragen, in gothischen Lettern in den Thürsturz oder kleine Sandsteinschilder eingegraben, als da sind »Zum guten Hirten«, »Zur Taube Noäh«, »Zur Friedenspalme«, »Zur Rose von Saron«, darunter die Jahreszahl der Erbauung.
      Vor Zeiten war diese Straße die Hauptader der Stadt gewesen, deren fromme, streng rechtgläubige Bürgerschaft weniger nach Licht und Luft, die von außen eindrangen, als nach innerer Erleuchtung begehrte. Seitdem aber neue Geschlechter heraufgekommen waren, vom Geist einer verwegenen Aufklärung entzündet, war das Ansehen der alten Familien, zu denen über die hohen Dächer weg nur verlorene Sonnenstrahlen drangen, beträchtlich gesunken, bis sie nach und nach hinter ihren Friedenspalmen und Saronrosen ausstarben und das Stadtregiment betriebsamen Kindern einer neuen Zeit überließen, deren helle Wohnungen rings um die düstere Gasse sich ausgebreitet hatten.
      Nach einem der ältesten Häuser, das durch gutes und böses Wetter dreier Jahrhunderte fast völlig geschwärzt worden war, hatte die Straße ihren Namen erhalten. Ueber der breiten Einfahrt stand in verwitterten, kaum mehr lesbaren Buchstaben auf einem schmalen Steinbalken: »Zum unglaubigen Thomas, 1534.« Hiernach war die Straße die Thomasgasse getauft worden, welchen Namen sie jedoch nur noch im amtlichen Verkehr, im Grundbuch und auf dem Stadtplan zu führen pflegte. Im Volksmunde hieß sie schon seit mehr als fünfzig Jahren die Spukgasse, wiederum nach jenem ältesten ihrer Häuser, dem sie vor Zeiten auch ihren ehrlichen Namen verdankt hatte.
      Denn Jedermann wußte, daß das Haus zum unglaubigen Thomas ein Spukhaus sei, und auch die kaltblütigsten Freidenker der Stadt konnten sich selbst am hellen Tage einer leichten Gänsehaut nicht erwehren, wenn sie genöthigt waren, eines Geschäftes wegen das verwahrloste Pflaster dieser Straße zu betreten.
      Wie das gekommen, warum die drei Stockwerke des immer noch festen alten Baues seit so langen Jahren nur noch von unerlösten armen Seelen bewohnt waren, wußte Niemand zu sagen. An der Thatsache aber konnte man nicht zweifeln. Einem, der doch einmal diese frevelhafte Keckheit gehabt und das Haus, über das dem Gericht die Verfügung zustand, käuflich an sich gebracht hatte, war's schlecht genug bekommen. Ein jüdischer Mann, dem die großen leeren Räume zu Waarenmagazinen wie geschaffen schienen, hatte nur etwa zwei Jahre seine Wohnung darin aufgeschlagen. Eines Tages fand man ihn an einem zum Strick gedrehten seidenen Tuch am Fensterkreuz des größten Zimmers aufgehängt, und es stellte sich heraus, daß dem einst so wohlstehenden Manne seit Jahr und Tag das Glück den Rücken gekehrt hatte, so daß er mit Hinterlassung einer großen Schuldenmasse sich aus der Welt hatte stehlen müssen.
      Nichts als das Haus selbst nebst seiner verstaubten Einrichtung war zur Befriedigung der Gläubiger vorhanden. Da sich aber kein neuer Käufer für den verrufenen Steinhaufen fand, mußten sie vorläufig sich begnügen, wenn sie je des Weges kamen, mit grimmigen Blicken das wettermorsche graue Schild über der Hausthür zu betrachten, auf welchem in großen, verwaschenen schwarzen Buchstaben die Firma stand: Commissions- und Speditionsgeschäft von Moritz Feigenbaum.
      Obwohl nun aber in allen drei Stockwerken nichts, was nicht niet- und nagelfest, zurückgeblieben war, so daß selbst Diebe, die über Gespensterfurcht erhaben gewesen wären, nichts daraus hätten forttragen können, wurde es vom Gericht dennoch für nöthig befunden, das Haus nicht ganz ohne Aufsicht zu lassen, damit nicht etwa lichtscheues Gesindel, Falschmünzer oder eine Dynamitardenbande sich dort einschliche. Es fügte sich auch glücklich genug, daß ein armer Teufel von Schuhflicker, dem sein Häuschen durch eine Wassersnoth zerstört worden war, sich zur Uebernahme der Hausmeisterstelle bereit erklärte, zu der selbst unter den ganz Armen und Obdachlosen der Zehnte nicht Lust gehabt hätte. Diesem wackeren Menschen, der 
      Wenzel Kospoth hieß und ein eingewanderter Deutsch-Böhme war, wurde die ehemalige Pförtnerkammer neben der Einfahrt angewiesen, ohne ein weiteres Gehalt, da er selbst die freie Wohnung als hinlängliche Entschädigung für seine Dienste ansah. Dieselben bestanden in nichts Anderem, als daß er das große schwarze Hausthor am Morgen öffnete und Abends wieder verschloß und hin und wieder in den drei Stockwerken nachschaute, ob keine der geborstenen Wände den gänzlichen Einsturz drohe. Den ganzen übrigen Tag hatte er für sich, eine kleine Kundschaft, die ihm selbst im Spukhause treu geblieben war, zu befriedigen, obwohl gewisse ängstliche Gemüther denn doch Bedenken trugen, sich bis in den Thorweg zu wagen, um ein paar defecte Stiefel in dieser unheimlichen Luft repariren zu lassen.
      Denn freilich erschien der ehrsame Wenzel Kospoth mit seinem knochigen grauen Gesicht und den tiefliegenden schwarzen Aeugelchen unter buschigen Brauen seinen neuen Nachbarn, obwohl sie gegen die Schauer der Gasse abgehärtet waren, selbst nicht recht geheuer. Da er wenig Schlaf hatte, sah man ihn durch das niedere Fenster des Erdgeschosses oft bis lange nach Mitternacht auf seinem Schemel hocken, ein großes altes Buch vor sich auf dem Schurzfell, in welchem er beim Schein eines Lämpchens, das die große Glaskugel durchstrahlte, emsig las, die mageren Arme in Hemdärmeln auf die Schenkel gestützt. Es war nur eine alte böhmische Bibel, die er kaum mehr recht verstand, da er schon als Knabe über die deutsche Grenze gewandert war. Die aber zu ihm hineinspähten, hielten den messingbeschlagenen Wälzer für ein Zauberbuch, und da ihnen auch der Name des Alten fremd war, glaubten sie nicht anders, als daß Kospoth eigentlich Gottesspott lauten sollte, und daß der wunderliche Fremdling nur darum die Pförtnerstelle im Spukhause angetreten habe, um hier ungestört seinen zauberhaften Verkehr mit bösen Geistern betreiben zu können. Wenzel Kospoth, als ihm ein furchtsamer Nachbar dieses Gerücht zutrug, lachte in seinen grauen Bart, den er nur mit der Schusterscheere zu stutzen pflegte, und murmelte etwas Böhmisches, das weder Ja noch Nein bedeutete. Er verachtete die dummen Deutschen in tiefster Seele, da er sich wegen seines confusen Bibelstudiums ihnen hoch überlegen dünkte, und weit entfernt, sich gegen jenen abergläubischen Verdacht zu verwahren, ergriff er eine zufällige Gelegenheit, denselben noch zu verstärken.
      Eine Bekannte aus früherer Zeit, als er noch zuweilen Sonntags einen Spaziergang auf ein nahes Dorf machte, war unverschuldet in große Noth und Bedrängniß gekommen. Ein Weibchen, noch nicht viel über vierzig, vormals ganz jung aus der Stadt aufs Land hinaus verheirathet an einen Bauernsohn, der ein Säufer und nichtsnutziger Faulpelz war, ihr kleines Ersparniß rasch durchgebracht und sie dann, als er eines jähes Todes verstarb, mit ihrem sechsjährigen Kinde zurückgelassen hatte. Die junge Wittwe hatte eingesehen, daß sie die Hände nicht in den Schooß legen dürfe, wenn sie sich und ihr Kind anständig durchschlagen wollte. Da sie nun im Nähen und Kleidermachen geschickt war, ergriff sie das Gewerbe einer Dorfschneiderin, womit sie sich auch einen schönen Groschen verdiente. Nur leider, da sie ein gutes Herz hatte, ließ sie sich verleiten, sich nicht nur des äußeren Menschen, sondern auch des inneren bei ihrer Kundschaft anzunehmen und einen kleinen Schatz von Recepten für alle möglichen Gebrechen gegen mäßige Vergütung nutzbar zu machen. Damit gewann sie bald einen großen Zulauf, bei etlichen der Beschränktesten der Dorfbewohner freilich auch den Ruf einer Meisterin verbotener Künste. Und als nun vollends ihre kleine Tochter zu einem überaus schmucken Jüngferchen heranblühte, dessen schwarze Augen und krause, rothblonde Zöpfe keiner der Dorfbuben ungestraft betrachten konnte, waren Mutter und Tochter, so regelmäßig sie Sonn- und Feiertags zur Kirche gingen, bald genug bei allen alten Weibern des Dorfs und bei den jungen, denen ihre Liebhaber abtrünnig wurden, als ein Paar ausgemachte Hexen in Verruf gekommen.
      Das ertrugen die beiden unschuldigen Seelen, da die Männer auf ihrer Seite waren, mit großem Gleichmuth, bis eines Tages ein gewaltthätiger Bauer, in dessen Stall mehrere Kühe verkalbt hatten, von seinem bösen Weibe aufgehetzt in das Haus der Frau 
      Cordula stürmte und unter einer Flut von Schmähungen sie als die Anstifterin des Unheils mißhandelte. Er versetzte ihr einen so groben Faustschlag, daß sie von Stund an contract wurde und sich nur mühsam auf wankenden Füßen zu bewegen vermochte.
      Der schnöde Missethäter ging triumphirend hinweg und rühmte sich in der Schenke, dem Hexenpack das Handwerk gelegt zu haben. Seine That aber war der Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Brutalisirungen, durch Haß und Neid weiblicher Unholde angezettelt, so daß die arme Frau zu der Einsicht kam, ihres Bleibens könne unter diesem abergläubischen Volk nicht länger sein, und sie müsse sich in die sicheren Mauern der Stadt flüchten, wenn sie nicht ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit gefährden wolle.
      Sie nahm ihre Zuflucht zu dem einzigen guten Bekannten, den sie noch in der Stadt besaß, Wenzel Kospoth, und fragte in einem Brief bei ihm an, ob er ihr nicht eine kleine Wohnung wisse, wo sie mit ihrer Tochter 
      Gundula leben und ihren Bissen Brod fernerhin mit der Nadel erwerben könne, vor bösartiger Neugier geborgen.
      Nun lag hinter dem Spukhause ein düsteres Höfchen, auf welchem ein niederes Stallgebäude stand, völlig verödet, seit die zwei ungeschlachten Pferde, mit denen Herr Moritz Feigenbaum sein Commissions- und Speditionsgeschäft betrieben hatte, kurz vor seinem unseligen Ende verkauft worden waren. Ueber dem Stall hatten der Kutscher und Packknecht in zwei großen, aber niedrigen Räumen gewohnt, neben einem fensterlosen Speicher, wo Heu und Hafer aufbewahrt wurden. Eine Remise nahm den Rest des Hofraumes ein, in der Mitte hob ein längst abgestorbener Kastanienbaum seine schwarzen, blätterlosen Aeste, auf denen ein tumultuarisches Spatzenvolk über Tag sich zu tummeln pflegte.
      Dies Quartier, auch wenn es sich nicht in einem übelbeleumdeten Hanse befunden hätte, war nicht dazu angethan, Miether, die an Luft und Licht gewöhnt waren, anzulocken, und da auch die Aermeren und Unbehausten durch das Gespenst des unselig verstorbenen Hausherrn abgeschreckt wurden, hatten hier die Mäuse seither ungestört ihre Tänze und Wettrennen gehalten und sich an den zerstreuten Haferkörnern im Speicher gütlich gethan.
      Der Schuhflicker aber, sobald er Frau Cordula's Botschaft erhalten hatte, dachte sofort daran, wie trefflich dies herrenlose Quartier gerade für die alte Freundin sich schicken würde. Zugleich war es ihm in seiner einsamen Zelle eben recht, ein paar weibliche Wesen in der Nähe zu haben, bei denen er gelegentlich eine Ansprache finden und die Schäden seiner Garderobe könnte ausbessern lassen.
      Also fragte er bei der Behörde an, ob sie ihm erlauben wolle, zwei unbescholtene Frauenzimmer, für deren ehrbaren Wandel er bürge, in jener Hofwohnung aufzunehmen, gegen einen sehr mäßigen Zins, der der Masse zufließen solle. Als dies gewährt worden war, schloß er eines Morgens das Hausthor und begab sich nach dem Dorf, um Mutter und Tochter beim Umzug behülflich zu sein.
      Die beiden armen Seelen waren durch die Verfolgungen der letzten Zeit dermaßen eingeschüchtert, daß sie die Zuflucht unter Wenzel Kospoth's Dach, obwohl sie wußten, daß es da nicht geheuer sein sollte, mit Freuden annahmen. Ein Leiterwagen wurde mit ihren dürftigen Betten und Möbeln bepackt, auf einen der Koffer Mutter Cordula gesetzt, Gundelchen schwang sich neben sie, und der finster um sich blickende Böhme, der selbst nebenher gehend die Pferde antrieb, schnalzte so gewaltig mit der Peitsche, daß die Dorfbevölkerung, die den Abzug der Hexe gern mit einer Katzenmusik begleitet hätte, außer ein paar Pfiffen keinen ehrenrührigen Laut von sich zu geben wagte.
      Eben so still wurde das Gefährt in der Thomasgasse empfangen, obwohl das Gerücht, in die Hofwohnung des Spukhauses werde eine Hexe vom Lande einziehen, sich bereits in den Nachbarhäusern verbreitet hatte. Die kleinen Leute, die jetzt in den ehemaligen Patrizierhäusern wohnten, hatten sich zahlreich vor der verschlossenen Einfahrt versammelt. Als aber der hochbepackte Wagen am Thore hielt, die Junge heruntersprang und die Alte mit Kospoth's Hülfe sorgsam von ihrem steilen Sitz herabhob, ging etwas wie Enttäuschung über die gaffenden Gesichter. Sie hatten sich eine Hexe doch älter und schauerlicher vorgestellt, und das Gundelchen zumal, mit seinen lachenden Augen und blanken Zöpfen unter dem bäuerlichen Kopftuch erregte fast ein Gefühl des Mitleids darüber, daß der friedliche Schlaf der beiden Frauenzimmer durch nächtlichen Spuk gestört werden sollte.
      Dem Mädchen jedoch verging das Lachen, als es die schmale Hühnerstiege hinauf den ersten Blick in die neue Wohnung that. Ihre Hütte draußen war wahrlich kein Feeenschlößchen gewesen, aber hinlänglich von Sonne umflossen und rings mit grünen Gärten und Wiesen eingefaßt. Da sie aber sah, daß ihr Mütterchen mit einem schweren Seufzer mitten auf dem staubigen Fußboden zusammenbrach, faßte sie sich rasch, umschlang die Alte mit ihren runden Armen und trug sie zu einer Bank am Fenster, wo man den Blick auf die Spatzen in dem Kastanienwipfel genoß. Da sprach sie ihr so munter zu, wie hübsch still es hier sei und wie gut sie hier schlafen würden, daß die Mutter sich endlich beruhigte und nur dann und wann einen leisen Seufzer ausstieß, während sie dem geschäftigen Kinde bei der Einrichtung der neuen Wohnung mit zärtlichen Augen zuschaute.
      Schon am andern Tage sah es ganz wohnlich in beiden Zimmern aus. Das Mädchen war in aller Frühe auf den Markt gelaufen und hatte ein paar billige Blumenstöcke erhandelt. Dann machte sie sich daran, die Fußböden zu scheuern, den Staub aus allen Winkeln zu fegen, die fadenscheinigen weißen Vorhänge über den viereckigen Fenstern zu befestigen. Sie war damit noch früh genug zu Stande gekommen, um auf dem Kochöfchen in der Ecke ihre Suppe zu kochen. Als Wenzel Kospoth um Mittag herüberkam, zu fragen, wie seine neuen Hausgenossen sich eingerichtet hätten, machte er große Augen, Alles schon so sauber und behaglich zu finden. Er mußte mithalten und fand das dürftige Mahl weit schmackhafter, als das Essen, das ihm eine Nachbarin aus einer kleinen Garküche in seine Pförtnerzelle brachte. So kamen sie überein, daß der Meister von nun an jeden Tag bei ihnen zu Tische kommen sollte, gegen eine billige Vergütung, durch die der Miethzins reichlich aufgewogen wurde.
      Daß sie nicht hoffen dürfe, in dieser Wohnung auch nur eine anspruchslose Kundschaft zu gewinnen, hatte die kluge Frau alsbald eingesehen. Zudem verstand sie sich nur auf Bauernmoden, und da auch für ihre ärztliche Praxis in diesem Spukhause keine Nachfrage zu erwarten war, so überfiel sie eine tiefe Muthlosigkeit, und sie bereute, den Vorschlag Meister Kospoth's so unbedenklich angenommen zu haben.
      Das Gundelchen aber half auch diesmal aus der Noth. Es hatte von der Mutter die Geschicklichkeit in weiblichen Handarbeiten geerbt und suchte nun nach einer Gelegenheit, sich nach städtischen Mustern weiter auszubilden. So verdang es sich bei einer Kleidermacherin als Näherin, bemühte sich, während ihrer Hülfsarbeit der Meisterin ihre höheren Künste im Zuschneiden und Anfertigen eleganter Anzüge abzugucken, und benahm sich so geschickt und anstellig, daß man sie schon nach wenigen Monaten in die Häuser der wohlhabenderen Familien mitnahm, die es vorzogen, ihren Putz unter ihren eigenen Augen herstellen zu lassen.
      Mit der Zeit wurde ihr auch manches Stück zum Fertigmachen anvertraut, das sie mit nach Hause nahm und der Mutter übergab. Nun erst fand sich die fleißige Frau, die sich nicht wohl fühlte, wenn sie die Hände in den Schooß legen mußte, mit ihrer Lage vollkommen ausgesöhnt, und da sie am Ende des Jahrs ein hübsches Sümmchen in ihrem Sparstrumpf überzählen konnte, verzieh sie den dummen Bauern von Herzen, daß sie ihr das Leben sauer gemacht und sie in die Stadt gejagt hatten.
      Auch hier freilich blieb der üble Ruf eines Einverständnisses mit bösen Geistern an ihr hängen, und naseweise Schulbuben, die wohl einmal von haarsträubender Neugier gestachelt sich durch den Thorweg bis an den Eingang des Hofes wagten, zeigten sich die vier kleinen Fenster über dem Stall mit kindischem Grauen und raunten sich allerlei Spukgeschichten vom Blocksberg und Teufelstänzen in die Ohren. Der Frechste faßte sich endlich ein Herz und schrie überlaut, aber mit zitternder Stimme: Hexe! in den stillen Hof hinein, warf auch wohl einen Stein gegen die Stallthür, worauf der ganze Schwarm in eiliger Flucht wieder von dannen stob, während auch die Spatzen, von dem ungewohnten Ruf erschreckt, mit hellem Lärm aus den dürren Aesten fortschwirrten.
      Daß die Hexe unsichtbar blieb, trug nicht wenig dazu bei, den abergläubischen Respect, in welchem sie stand, zu erhöhen. Ihr Kind aber, dessen liebliche Erscheinung keinerlei Grauen erregte, wurde von den Nachbarn mit einem aus Mitleid und Verwunderung gemischten Gefühl betrachtet. Man begriff nicht, daß sie ihre rothen Wangen und lachenden Augen behalten konnte, obwohl sie eine so unheimliche Herkunft hatte und sich sagen mußte, kein ehrlicher Mensch, der schon in der Taufe dem Bösen und seinen Werken abgesagt, werde es übers Herz bringen, ein Mädchen aus diesem Spukhause zu heirathen. Was freilich die jungen Leute auf der Straße nicht abhielt, stehen zu bleiben und dem zierlichen Gestältchen huldigend nachzublicken, so lange das Hutband der Kleinen im Winde wehte und die Falten des kurzen Röckchens um ihre feinen Knöchel schlugen.
      Somit schien der Beweis geführt, daß es in dem berüchtigten Hause »Zum unglaubigen Thomas« durchaus mit rechten Dingen zuging und der Ruf einer Gespensterherberge ihm mit Unrecht zukam. Und doch muß der Erzähler dieser wahrhaften Geschichte nun endlich mit dem Bekenntniß herausrücken, daß in nächster Nähe der ganz unschuldig verrufenen Frauen ein wirklicher rechter und richtiger Spuk sich eingenistet hatte, von dessen Anwesenheit weder die drei Bewohner des Hauses, noch irgend wer in der Gasse eine Ahnung hatte.
      *
      Bekanntlich gehen die Seelen der Verstorbenen, wenn sie ihren Körper verlassen, nicht sofort in den Himmel ein oder fahren in die Hölle, sondern, wenn sie zu Lebzeiten dem katholischen Glauben angehangen haben, zunächst ins Fegefeuer, um dort den Tag des jüngsten Gerichts und der Auferstehung des Fleisches zu erwarten. Haben sie sich aber zur protestantischen Konfession gehalten, so verfügen sie sich nach ihrem Ableben in das sogenannte Zwischenreich, wo sie sich in einem so ungemüthlichen, gelangweilten und nervös aufgeregten Zustand befinden, wie irdische Reisende in einem großen, schlecht ventilirten Wartesaal. Zumal es an jenem überirdischen Ort natürlich an allen Erfrischungen fehlt, mit denen ein Passagier in Fleisch und Bein, wenn ihn hungert und dürstet, sich die Zeit vertreiben mag. Auch die Ankunft neuer Reisegefährten bietet wenig Unterhaltung, da mit wenigen Ausnahmen alle dieselbe wehmüthige oder unzufriedene Miene machen, die noch von den Abschiedsstunden her in ihren blassen Zügen erstarrt ist.
      Höhere Geister freilich, die schon auf Erden über das kleine Elend des Daseins erhaben waren und alle Ereignisse im Lichte der Ewigkeit zu betrachten pflegten, finden sich bald auch in dem grauen, öden Zwielicht dieser luftigen Region zurecht, freuen sich, in dem lautlosen Getümmel abgeschiedener Seelen hin und wieder einem Geistesverwandten zu begegnen und mit Solchen, die sie um ihrer irdischen Thaten oder Werke willen verehrt hatten, einen kleinen Discurs zu halten, so daß auch hier oben, wo von Rechtswegen allgemeine Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollte, eine Scheidung zwischen Vornehmen und Geringen sich stillschweigend vollzieht, gegen die hier Niemand etwas einzuwenden hat. Denn da keine äußeren Vortheile mit dem höheren Respect verbunden sind, deren die edleren Geister genießen, beneidet sie Niemand der gemeineren um die weisen Gespräche, mit denen sie die unfruchtbare Muße ausfüllen, wahrend der große Haufe in stillem Grimm sich nach seinen irdischen Kegelbahnen, Trinkstuben und Spieltischen zurücksehnt.
      Nur von Einer Belästigung werden selbst in diesem leidlosen Zwischenreich vorzugsweise die Höherstehenden, Verdienten und Berühmten heimgesucht, da nämlich eine mehr und mehr um sich greifende Neugier der noch auf Erden Lebenden gerade die Erhabensten unter ihnen, die Geister großer Könige, Weisen und Künstler anzurufen und in ein zudringliches Verhör zu nehmen liebt. Ein solches frevelhaftes Spiel wurde hin und wieder schon in der grauen Vorzeit getrieben, wie ja auch der Geist des Hohenpriesters Samuel von der Hexe von Endor gezwungen wurde, vor König Saul zu erscheinen. In unseren Tagen aber hat sich, wie man weiß, der naseweise Trieb, den Vorhang vor den Geheimnissen des Jenseits zu lüften, der weitesten Kreise bemächtigt, und kein Name, der aus verflossenen Jahrhunderten herübertönt, dünkt den kleinen Heutigen zu ehrwürdig, um durch einen klopfenden Tisch oder ein hysterisches Fräulein seinen Träger mit Fragen zu bestürmen, oder wohl gar ihn selbst zum Erscheinen in seiner transparenten Hülle, dem sogenannten Astralleib, zu nöthigen.
      Die aristokratische Gesellschaft im Zwischenreich, nachdem sie sich diese Zumuthungen eine Weile widerwillig hatte gefallen lassen, verfiel endlich auf ein unschädliches Auskunftsmittel, sich ihre Ruhe zu sichern. Sie fragte unter dem Geisterpöbel an, ob nicht dieser oder jener freiwillig, da hier oben aller Zwang wegfällt, sich erbieten möchte, im Falle solcher Citationen als Stellvertreter zu dienen und auf alle vorwitzigen Fragen nach Gutdünken Antwort zu geben.
      Da nun die meisten Derer, die im Leben nur sinnliche Freuden gekannt haben, in ihrem eintönigen Geisterdasein am liebsten aus der Haut fahren möchten, wenn sie noch eine Haut besäßen, so konnte ihnen nichts erwünschter sein, als eine Gelegenheit, sich einmal wieder unten auf der Erde umzusehen und in Ermangelung von Karten und Würfeln sich mit dem in die Mode gekommenen Frage- und Antwortspiel ein paar Stunden lang zu unterhalten.
      Daß sie von den höheren Angelegenheiten ihrer berühmten Gefährten keine Wissenschaft hatten, kümmerte sie so wenig, wie Diejenigen, die sie vertreten mußten. Denn es hatte sich bald herausgestellt, daß die Frager an den klopfenden Tischen und in den dunklen spiritistischen Sitzungen selbst an den einfältigsten Antworten keinen Anstoß nahmen, sondern den offenbarsten Unsinn, der ihnen aus dem Jenseits zugeraunt wurde, gläubig als tiefe, überweltliche Weisheit hinnahmen, oder nach ihren Wünschen zu deuten wußten. Wer gern tanzt, dem ist leicht aufgespielt, und wer nach einer vertraulichen Mittheilung von Julius Cäsar, Plato oder Beethoven begierig ist, der hört auch in dem Gestammel eines verklärten Karrenschiebers, mit dem er sich auf geheimnißvollem Wege in Rapport gesetzt hat, Worte der sublimsten Weisheit.
      Seit einigen Jahren nun war auch die Stadt, in der sich diese wahrhafte Geschichte zutrug, vom Fieber der Spiritisterei ergriffen worden, gerade weil die Aufklärung auf religiösem Gebiet die beiden Stadtkirchen entvölkert hatte. Zuerst hatte man sich begnügt, Tische tanzen und klopfen zu lassen. Nach und nach aber war man nach höherem Geisterverkehr begierig geworden, und zwei Medien hatten nebst ihren Hypnotiseuren ihren Einzug in die Stadt gehalten, so daß keine Nacht verging ohne einigen spukhaften Unfug, und zwar vorzugsweise in den besten und gebildetsten Familien.
      Um den so gesteigerten Ansprüchen zu genügen und den Weg abzukürzen, hatte man im Zwischenreich endlich für gut befunden, zwei der robusteren Geister ein für alle Mal in dieser Stadt zu installiren, damit sie auf den leisesten Ruf gleich bei der Hand wären. Auch hatten sich sofort zwei Bewerber um diesen Posten gemeldet, der Geist eines Weinreisenden, dem die unthätige Ruhe nach seinem mobilen Erdenleben unerträglich fiel, und die abgeschiedene Seele eines Hausknechts, der zufällig beim Bürgermeister des betreffenden Ortes in Condition gestanden hatte und daher mit den Verhältnissen der Einwohner in besonderem Maße vertraut war.
      Dieses ziemlich ungleiche Paar schien sich für alles Erforderliche eben darum besonders zu qualificiren, da der Weinreisende mit seiner weiteren Weltkenntniß aushelfen konnte, wo der selige Hausknecht, der nur Ortskunde besaß, mit seinem Latein zu Ende sein würde.
      Die Beiden, die sich übrigens mit unfreundlichen Blicken maßen, waren also eines schönen Abends zusammen abgesegelt, und 
      Johann Gruber, der Hausknecht, hatte den Vorschlag gemacht, in dem Hause »Zum unglaubigen Thomas« sich einzuquartieren, da selbst die gröberen Geister, durch die Stille der Oberwelt verwöhnt, bei ihren irdischen Gastspielen lärmenden Gegenden gern ausweichen.
      Nun konnte es keine stillere Schlafstelle für zwei empfindliche Schattenwesen geben, als die Remise, die sich an das Stallgebäude im Hof des Spukhauses anschloß. Der hohe, dunkle Raum, dessen Thür nach dem Hofe zu immer angelehnt blieb, wurde von keinem Menschenfuß mehr betreten, so daß die Ratten und Mäuse freies Spiel hatten, das alte Lederzeug, das im Staube herum lag, zu zernagen. Eine uralte Kalesche im hintersten Winkel war auf diese Weise mit der Zeit zum Skelett eines Wagens herabgeschwunden, und an dem Pferdegeschirr, das über dem hölzernen Bock paradirt hatte, hingen die Beschläge nur noch durch dünne Fäden zusammen.
      Sobald 
      Heinrich Müller, der ehemalige Weinreisende, dies Ruinenwerk erblickte, erklärte er, dasselbe ausschließlich in Besitz nehmen zu wollen. Mit einem stillen Seufzer, der der Erinnerung an seine früheren flotten Musterreisen im eignen Gefährte galt, schwebte er in das Sparrwerk des Wagens hinein und dehnte seine luftige Figur behaglich auf dem Sitzkissen aus, an welchem Lederbezug und Roßhaare weggefressen waren, so daß einem Fahrgast in Fleisch und Bein die spitz hervorstarrenden Federn das Sitzen zur Qual gemacht hätten. Einem geistigen Wesen konnte das kein Hinderniß sein, sich hier äußerst wohl zu fühlen.
      Johann Gruber, der von seinen Hausknechtstagen her einem weltläufigen Herrn, wie sein Gefährte war, willig den Vorrang ließ, fand eine große Kiste in dem andern Winkel der Remise, dergleichen er so manche vollgepackt und vernagelt hatte, und machte sich's darin gleichfalls bequem, so daß beide blinde Passagiere in dieser ersten Nacht, wo zufällig keine spiritistische Sitzung gehalten wurde, sich des behaglichsten Schlummers erfreuen konnten.
      Doch schon am nächsten Tage mußten sie erfahren, daß ihr Posten nichts weniger als ein Ruheposten war. Jeder von ihnen bekam alle Hände und Füße voll zu thun, um allen Anforderungen zu genügen, hier in einen Tisch zu schlüpfen und auf die vertracktesten Fragen klopfend zu antworten, dort einem verschmitzten oder selbst betrogenen Medium Rede zu stehen, oder gar, wenn es gewünscht wurde, sich, wie der technische Ausdruck lautet, zu materialisiren, um bald als dieser, bald als jener abgeschiedene Wohlbekannte sich der pietätvollen Neugier seiner Hinterbliebenen darzustellen.
      Ihre nächtliche Arbeit war so anstrengend, daß Beide, wenn sie endlich sich in ihrem Quartier wieder einfanden, wie zwei Hunde, die tagelang auf Hasen gejagt, ohne sich gute Nacht zu sagen in ihre Schlummerwinkel schlüpften und das leidige Metier, zu dem sie sich hergeliehen, von Herzen verwünschten.
      Auch hätten sie nach etlichen Wochen wahrscheinlich ihren Auftraggebern den Dienst gekündigt, wenn der Einzug der Frau Cordula mit ihrer Tochter in die Kutscherwohnung nicht die Lage der Dinge verändert hätte. Wenigstens in den Augen des Weinreisenden. Denn dieser faßte vom ersten Tage an eine so heftige Neigung zu dem schönen schlanken Menschenkinde, daß er den Gedanken, fern von ihr in seinem liebeleeren Geisterreich zu verweilen, als völlig unfaßbar erkannte.
      Er war bei seinen Lebzeiten ein Frauenheld gewesen und hatte in jedem Städtchen einander Mädchen haben müssen. Nun war freilich, bei der überirdischen Natur, gegen die er seine leibliche vertauscht hatte, von einer Liebschaft mit einem Erdenkinde nicht viel Ersprießliches zu hoffen. Doch da zu Anbeginn der Welt auch die Engel sich herabgelassen haben, mit den Töchtern der Menschen zärtliche Verhältnisse einzugehen, mußte sich das Schmachten Heinrich Müller's nach der Tochter der Frau Cordula immerhin der Mühe verlohnen.
      Zufällig traf es sich, daß auch Johann Gruber's geistige Natur einen Rückfall in leibliche Gelüste erlitt. Eines Tages in seinem spiritistischen Beruf durch eine der entfernteren Gassen streifend, war er einer alten Flamme begegnet, die als Köchin im Hause seiner eigenen Herrschaft gedient hatte. Sie war seitdem freilich nicht jünger geworden, blühte aber in derber Gesundheit und jener behaglichen Rundung, die von jeher den Augen ihres Anbeters besonders wohlgefallen hatte.
      Da nun auch er solchermaßen sich an die irdische Sphäre von Neuem gebunden fühlte, wie bekanntlich alle armen Seelen den Ort umkreisen, wo sie bei Lebzeiten einen Schatz verscharrt haben, konnte Johann Gruber so wenig wie Heinrich Müller sich entschließen, den spiritistischen Dienst zu kündigen. Auch die Stichelreden, mit denen Jener den verliebten Collegen gehänselt hatte, verstummten. Er fühlte, daß sie Beide in demselben Spital krank lagen, und so hätte ein feines Ohr in mancher Nacht ein Duett zärtlicher Seufzer hören können, das, von dem Rascheln und Knuspern der kleinen Mäuse begleitet, an den Wänden der dunklen Remise zurückhallte.
      *
      Dieser Zustand hatte nun ungefähr ein Jahr gewährt, als in einer mondhellen Mitternacht der Geist Johann Gruber's von einem mühsamen Tagewerk heimkehrte. So schlaftrunken er war, da man ihm heute mit schwierigen Fragen und anderen Zumuthungen besonders hart zugesetzt hatte, so trieb ihn dennoch sein verliebtes Gemüth, den Umweg zu machen, an dem Hause vorbei, in dessen Erdgeschoß seine frühere Liebste eine kleine Bier- und Branntweinschenke etablirt hatte. Möglich auch, daß ihn der Duft der geistigen Getränke lockte, die schon während seines Erdenwallens eine große Macht über ihn ausgeübt hatten.
      Vorsichtig strich er im Schatten der Häuser dahin und schwang sich, vor der kleinen Schenke angelangt, zur Höhe des Fensters hinauf, dessen obere Flügel, um die Luft drinnen zu erfrischen, offen standen. Hier setzte er sich rittlings auf das Fensterkreuz und starrte in die Trinkstube hinein, wo seine dicke Flamme hinter dem Schenktisch saß, halb eingenickt über ihrem Strickzeug, aus dem sie zuweilen eine Nadel herauszog, um sich damit den nachlässig frisirten Kopf zu kratzen, wobei sie gähnte und die wässrigen kleinen Augen eindrückte.
      Auf einem Schemel am Ofen schlief ein kleines Mädchen. Einige Arbeiter in Hemdsärmeln saßen an dem einzigen Tische, rauchend und Karten spielend, und jedesmal, wenn sie mit den Knöcheln schallend ein As hintrumpften, zuckte das Kind im Schlaf zusammen.
      Der biedere abgeschiedene Geist oben am Fenster konnte sich eines schmerzlichen Seufzers nicht enthalten, als er erwog, wie hübsch es sein könnte, wenn er noch am Leben wäre, als Wirth und Gatte dieses rüstigen Weibes hier schaltete und das Lieschen früh zu Bett schickte, statt es im Dunst und Lärm der Trinkstube verkümmern zu lassen. Da es aber im Buch des Schicksals anders geschrieben stand, schwang er sich endlich von seinem hohen Sitz wieder herab und schwebte trübsinnig durch die menschenleeren Gassen dem Spukhause und seinem Nachtquartier zu.
      Vor dem Thorweg angelangt, sah er einen Augenblick durchs Fenster in die Pförtnerzelle. Da saß Wenzel Kospoth noch auf dem Schemel über seinen Folianten gebückt, der Lichtschein versilberte seinen grauen Haarschopf und die weißen Bartstoppeln, die kleinen Augen aber waren zugekniffen, so daß es ungewiß blieb, ob der Meister eingenickt war, oder in tiefes Nachdenken versunken. Johann Gruber zuckte verächtlich die Achseln. Er konnte den wackeren Alten nicht leiden, weil die Leute ihn für einen Zauberer hielten und er sich's ruhig gefallen ließ, da der verklärte Hausknecht doch wußte, daß nichts an der Sache war und die vermeintliche Macht über die Höllengeister der reine Schwindel. Auch sein College war dem Meister aufsässig und drohte zuweilen, ihm noch einmal einen Tort anzuthun, obwohl die beiden dunklen Gesellen dankbar hätten sein müssen, daß er sie in ihrem freien Quartier unbehelligt ließ.
      Der Nachtschwärmer nun suchte den Spalt in dem alten rissigen Hausthor, durch den er hineinzuschlüpfen pflegte, begegnete heute aber einem Hinderniß und merkte jetzt erst, daß er sich noch in dem materialisirten Zustand befand, in welchem er sich auf Befehl des Mediums hatte zeigen müssen. Flugs streifte er die lästige Hülle wie einen Paletot von den Schultern, sah, daß sie zerflatternd sich in leere Luft auflöste, und glitt dann unbehindert durch das Thor und über den Hof in die grabesdunkle Remise.
      'n Abend, Herr Müller! sagte er mit wispernder Stimme. Haben schon Nacht gemacht? Viel gearbeitet heute?
      Aus dem Winkel, wo die Kalesche stand, kam ein dünner Widerhall zurück, der aber wie von innerer Gereiztheit zitterte:
      Wie oft soll ich Euch sagen, unverständiger Mensch, daß Ihr stille zu Bette gehen und gebildete Leute nicht im ersten Schlaf stören sollt? Ihr stinkt auch wieder nach Fusel, daß es nicht zum Aushalten ist. Bleibt mir wenigstens vom Leibe und kriecht in Eure Kiste, oder der Henker soll Euch holen!
      Oho! knurrte der Andere, indem er sich nun erst recht dem hitzigen Collegen näherte und sich auf der Wagendeichsel niederließ. Duschemang, Herr Müller, immer mit Manier, bitt' ich mir aus! Sie sind jetzt auch nicht mehr als unsereins, Spiritus ist Spiritus, und wenn Sie mit Ihrem Schimpfen von wegen meinem Geruch darauf anspielen, daß ich in der Schenkstube einen genippt hätte, sind Sie sehr auf dem Holzweg, mein Lieber. Sie wissen, daß wir schon darum keinen mehr hinter die Binde gießen können, weil wir keine Binde mehr haben. Nee, Herr Müller, wonach wir jetzt riechen, is der reine Seelenduft, und Sie riechen auch nicht gerade nach Veilchen, von wegen weil Sie bei Lebzeiten all Ihre geschmierten Proben ohne Werth haben verkosten müssen, und Jeder nach seinem Hand- oder Mundwerk riecht, verstehen Sie? Also hier nicht aufbegehrt, denn wenn's zum Raufen kommt – ich habe mehr als Einen 'rausgeschmissen, als ich noch im Gasthof zu den drei Lilien diente, und mit so einem Kameraden wie Sie –
      Schweigt doch nur stille! bat die Stimme aus der Kutsche ganz kleinlaut. Ihr wißt ja, daß es nicht böse gemeint ist, nur weil mir so miserabel zu Muthe ist, einmal das Hundeleben als professionirter Geist, und dazu die verdammte Liebe, und dann nicht 'mal sein bischen Nachtruhe –
      Ja, ja, will's glauben! seufzte der Andere, der sogleich wieder versöhnt war. Sie sind noch schlimmer dran wie ich, Herr Müller, mit Ihrer Schmachtlapperei. Ich hab's doch wenigstens 'mal gehabt, Sie aber – nicht 'mal so viel wie 'n Schmatz kann bei Ihrem Verhältniß 'rauskommen. Thäten gut, Herr Müller, sich das Mädel aus dem Sinn zu schlagen. Is doch nur 'ne Dummheit und Seelenschinderei.
      Ein schwerer Seufzer kam aus der schwarzen Tiefe des Wagenschlags.
      Das versteht Ihr nicht, Johann! Wenn ich diese Jungfrau sehe, wie sie mit allen Himmelsreizen geschmückt mir vor der Nase herumkreuzt, – so wenig, wie sich 'ne arme Motte von der Lampenglocke fern halten kann, obwohl sie nicht 'mal dazu kommt, sich in der Flamme nach Herzenslust zu verbrennen, so wenig kann ich von dem Mädel lassen. Ich denke mir oft, da wir jetzt ja wissen, daß es nichts ist mit der Hölle, die bloß die Pfaffen erfunden haben, – das ist die wahre Hölle, in der wir für unsere irdischen Fleischessünden brennen und büßen müssen. Ich habe manches dumme Gänschen beschwatzt, und mehr als Eine hat mir blutige Thränen nachgeweint, ein verdammt hübscher Kerl war ich ja, und die Taschen immer voll Geld, und bei meinem Beruf – immer unterwegs und aus den Augen aus dem Sinn – aber jetzt sitz' ich dafür fest, und 's ist herzbrechend, was ich ausstehen muß. Denn da ich jetzt bloß Seele bin, probier' ich's einmal, wie 'ne Seelenliebschaft thut, die brennt weit elendiger, als die gewöhnliche, und man kann sich nicht 'mal um sein bischen Besinnung trinken, was für die andere ein probates Hausmittel ist.
      Er schwieg, von der leidenschaftlichen Expectoration erschöpft, und nur ein leises Wimmern zitterte aus dem Winkel hervor. Der mitleidige Kamerad hatte sich inzwischen in seine Kiste zurückgezogen. Erst nach einer Weile sagte er: Wie schön Sie das expliziren können, Herr Müller. Accurat so geht mir's mit meinem Riekchen. Ja, 's is 'ne verflüchtige Sache mit der Verschossenheit. Hab' bei Lebzeiten immer lachen müssen, wenn ich von ewiger Lieb' hab' reden hören. Is aber doch was dran. Na, wenn Ihr Gundelchen 'mal zu uns nach oben kommt und meine Rieke ebenfalls, da kann man das Sponsiren ja 'n bißchen fortsetzen, obwohl – 's Beste wird doch ewig fehlen. Vielleicht am jüngsten Tag, nach der Auferstehung des Fleisches – na, müssen's eben abwarten. Einstweilen gute Nacht, Herr Müller, und angenehme Träume!
      Aus der Wagenecke kam keine Antwort, nur ein leises geisterhaftes Schnarchen. Der Liebeskummer schien den armen Sünder endlich doch in Ruhe gelassen zu haben.
      *
      Doch sollte der Schlaf, der den beiden vielgeplagten Gespenstern wohl zu gönnen war, heute noch auf eine seltsame Weise gestört werden.
      In einem Weinstübchen am Markt hatten in dieser Nacht zwei gute Freunde, Beide Stadtkinder und Schulgefährten, bei etlichen Flaschen edlen Rheinweins ihr Wiedersehen gefeiert. Der Eine, ein stattlicher junger Mann von vierundzwanzig Jahren, war von der benachbarten Universität zurückgekehrt, wo er Medicin studirt und nun soeben sein Staatsexamen mit allen Ehren bestanden hatte. Bevor er dort die ihm angetragene Assistentenstelle bei einem der bedeutendsten Aerzte antrat, gedachte er, wie ein losgesprochener Geselle auf die Wanderschaft geht, ein Jahr lang zu reisen und die Hauptstätten seiner Wissenschaft zu besuchen. Erst aber zog es ihn in seine Vaterstadt zurück, wo ihm zwar weder Eltern noch nahe Verwandte mehr lebten, doch sein Herz den jungen Doctor mit geheimen Banden gefesselt hielt. Eine Jugendliebe, die von der ersten Tanzstunde der Gymnasiastenzeit bis in die Studentenjahre durch mancherlei kleine Entzweiungen und Versöhnungen fortbestanden hatte, sollte nun endlich, da es beiden Theilen nicht am Nöthigsten fehlte, zu einem öffentlich erklärten Abschluß gelangen. Bis jetzt war noch kein bindendes Wort gesprochen, ja, trotz der langen Vertraulichkeit, nach dem Machtspruch des strengen Vaters nicht einmal Briefe gewechselt worden. Auch hatte in dem ganzen letzten Jahr der junge Herr, durch die Arbeiten zum Examen vor seinem eignen Gewissen entschuldigt, seltener als früher an seine heimlich Erkorene gedacht. Sie erschien ihm als ein sicheres Gut, das er jeden Augenblick in Besitz nehmen könne, und das bis dahin ihm wohl aufgehoben sei.
      Von seinen männlichen Jugendgenossen waren die Meisten in alle Winde zerstreut, da in der kleineren Stadt für strebsame Kräfte kein weiter Spielraum vorhanden war. Nur einer, sein Vertrautester, ein junger Ingenieur, hatte sich in der Vaterstadt fest niedergelassen und bei allerlei städtischen Anlagen, Canalisirung und elektrischer Beleuchtung eine lohnende Arbeit gefunden. Dieser gute Kamerad, ein Jahr älter als der neugebackene Doctor, hatte darauf bestanden, den Freund während der kurzen Tage seines Besuchs in seiner Junggesellenwohnung zu beherbergen, ihn auch am Bahnhof, da er Abends anlangte, erwartet und sofort zum Nachtessen in jenes Weinstübchen geführt, wo sie nun bis Mitternacht im Austausch ihrer Erlebnisse seit Jahr und Tag kein Ende fanden.
      Jenes Herzensverhältnisses wurde nur flüchtig gedacht. Du wirst schon mit Ungeduld erwartet, 
      Philipp, sagte der Ingenieur, Papa Stadtrath, der mir gestern begegnete, fragte, ob du dich deiner Vaterstadt nicht im Glanz der neuen Würde zeigen würdest. Ich erwiderte ausweichend. Sie sollen dich nicht gleich in Beschlag nehmen, sondern erst ein paar Tage zur Ruhe kommen lassen. Denn höre, mein Junge, ich finde dich etwas nervös und stubenfarb.
      Wie richtig er den Zustand des Freundes beurtheilt hatte, zeigte sich, da sie nach Mitternacht das Weinstübchen verließen. Sie hatten weniger getrunken, als sie sich bei manchem studentischen Gelage ohne Schaden zumuthen durften. Gleichwohl gerieth der junge Doctor, sobald die freie Nachtluft seine heiße Stirn umwehte, in ein so bedenkliches Schwanken, führte so übermüthig laute Reden und schwang den Stock so herausfordernd gegen die Scheiben der Parterrefenster, daß der standfestere Freund große Mühe hatte, ihn von Ausschreitungen zurückzuhalten, die man einem approbirten jungen Heilkünstler übler genommen hätte, als einem noch ungeprüften Studiosen. Obwohl die Gefahr nicht groß war, zu dieser nachtschlafenden Zeit auf einen Bekannten zu treffen, der am andern Tage herumschwatzen konnte, wie wenig seiner Würde gemäß ein gewisser junger Doctor sich bei seiner Rückkehr in die Heimath aufgeführt habe, so schlug der Freund doch lieber den Umweg durch die verrufene Spukgasse ein, da eine unliebsame Begegnung dort keinenfalls zu befürchten war.
      Er bemächtigte sich des linken Arms seines schwankenden Gastfreundes und zog den Widerstrebenden, der die muntersten Reden an den Mond hielt und betheuerte, es sei kein Mann darin, sondern eine bleichsüchtige alte Jungfer, die er nach Franzensbad schicken würde, mit fester Beharrlichkeit in den Schatten der ehrwürdigen Häuser, vorbei an der Taube Noäh, dem guten Hirten und der Rose von Saron, in denen kein Laut sich regte, kein Lichtschein aus einem der vergitterten Fenster hervordrang.
      So hatten sie eben das Haus »Zum unglaubigen Thomas« erreicht, da blieb der schwärmende und laut declamirende junge Mann plötzlich stehen, machte sich von seinem Freunde gewaltsam los und erklärte, in dieser Gasse, die er jetzt erst wiedererkenne, alle Spukgeister herausfordern zu wollen. Er gedenke, ihnen mit den Waffen der Wissenschaft zu Leibe zu gehen und sie in das nebelhafte Nichts zurückzuscheuchen, aus dem nur der blöde Aberglauben sie habe hervorkriechen lassen. Diesen Dienst seiner geliebten Vaterstadt zu erweisen, solle seine erste That in der Heimat sein, der es zur Schande gereiche, ein solches Stück der ägyptischen Finsterniß oder vielmehr des dunklen Mittelalters am Ende des 19ten Jahrhunderts noch in ihrer Mitte zu dulden.
      Er hatte sich in Fechterstellung auf den Bürgersteig postirt, den Stock zum Ausfall gegen jeden gespenstischen Gegner vor sich hin gestreckt, und wehrte mit dem linken Arm den Freund eifrig ab, der ihn weiterziehen wollte. Dabei verlor er auf einmal das Gleichgewicht, taumelte gegen das Haus hin und schlug im Niederfallen mit dem Kopf so heftig gegen die scharfe Kante des steinernen Thorpfostens, daß sofort ein starker Blutquell aus der verwundeten Stirn hervorsprang.
      In großer Bestürzung versuchte der Freund ihn aufzurichten, die Wunde mit seinem Taschentuch zu verbinden, durch lautes Rufen eine Hülfe herbeizuziehen. Letzteres gelang endlich. Denn über ihren Häuptern öffnete sich das schmale Fensterchen der Pförtnerzelle, in welcher Wenzel Kospoth, wie wir erwähnt, noch so spät dem Studium des heiligen Buches obgelegen hatte.
      In zwei Worten hatte der Ingenieur ihm erklärt, um was es sich handelte. Als der biedere Böhme dann aber das Thor geöffnet hatte und den Schaden bei Licht besah, schüttelte er den Kopf. Es sei unmöglich, den Bewußtlosen, stark Blutenden nach Hause zu tragen, ohne ein großes Gerede zu verursachen. In seiner schmalen Schusterzelle sei ebenfalls kein Platz, auch müsse man an den Pech- und Ledergeruch gewöhnt sein, um es darin auszuhalten. Dagegen treffe sich's gut, daß im Hof eine gute Freundin von ihm wohne, die mit ärztlichen Sachen Bescheid wisse. Dahin wollten sie den jungen Herrn tragen und die Frau aus dem Schlaf pochen, was ohne Störung der Nachbarschaft zu bewerkstelligen sei.
      Gesagt, gethan. Als sie mit dem schwer Stöhnenden den Hof betraten, sahen sie aus den kleinen Fenstern der Kutscherwohnung Licht schimmern, und eines wurde, da der Meister Frau Cordula rief, alsbald geöffnet mit der Frage, was vorgefallen sei. Diese Frage kam aber aus einem jungen Munde. Denn auch das Gundelchen war noch wach und an seiner Nähmaschine eifrig beschäftigt, eine für den nächsten Tag versprochene Arbeit fertig zu machen. Sobald das Kind begriffen hatte, welchen Samariterdienst man verlangte, stellte es das Lämpchen auf den Fenstersims, verschwand darauf und erschien gleich wieder unten im Hof, wo es die Hände vor Entsetzen zusammenschlug, da es den jungen Mann mit blutüberströmtem Gesicht vor der Schwelle des Hinterhauses liegen sah.
      Auch die Alte droben, als die beiden Männer ihr den Verwundeten ins Zimmer trugen, wurde ein wenig bestürzt, verlor aber nicht den Kopf, sondern gab der Tochter einen Wink, den Kasten mit ihrer Hausapotheke herbeizuholen. Aus dieser nahm sie das Erforderliche, wusch die Wunde, die zum Glück nicht bis an den Stirnknochen ging, mit frischem Wasser, steckte sogar ganz kunstgerecht eine Nadel durch, die sie mit einem Zwirnsfaden fest umwickelte, daß die klaffenden Ränder zusammengepreßt wurden, und legte dann einen leichten Verband um die Stirn.
      Während dieser ganzen Procedur war der junge Mann nicht zum Bewußtsein gekommen. Er lag in dem Wohnstübchen auf einer hartgepolsterten Bank, einem alten Sopha, dem die Lehne abhanden gekommen war; ein paar Federkissen, aus den Betten in der Schlafkammer entlehnt, hatte man ihm in den Rücken gestopft, und aus einem großen Krug mit frischem Wasser machte ihm die gute Frau, die an zwei Stöcken sich beschwerlich hin und her schleppte, kühlende Umschläge um die erhitzte Stirn.
      Es sei keine Gefahr, versicherte sie. In drei, vier Tagen werde die Wunde geheilt sein. Sie könnten ruhig ihrer Wege gehen, sie selbst werde die Nacht bei ihm wachen, und auch das Kind habe noch ein Stündchen zu arbeiten.
      Der Freund sah ein, daß er in der That überflüssig sei, und da er die Sicherheit erkannte, mit der die gute Frau sich geberdete, verzichtete er darauf, sich in die nächtliche Pflege zu theilen, und zog sich unter herzlichen Danksagungen mit Meister Kospoth zurück.
      *
      So geräuschlos dies Alles von Statten gegangen war, so hatte doch das flüsternde Regen und Bewegen in der Kutscherwohnung das feine Geisterohr Herrn Heinrich Müller's aus dem ohnehin nicht gar festen Schlaf geweckt. Da er mit seinen Gedanken auch im Traum bei dem angebeteten Menschenkinde war, konnte er's in seiner Kalesche nicht aushalten, ohne sich nach ihr umzusehen, und wurde durchs Fenster ein ingrimmiger Zeuge der Beflissenheit, mit der auch das Gundelchen sich um den Verwundeten bemühte.
      Johann Gruber in seinem Kistenwinkel hätte von dem Abenteuer nichts gespürt, wenn nicht sein Spukkamerad, nachdem drüben wieder Alles still geworden war, in heller Wuth der Eifersucht in die Remise zurückgekehrt wäre und sein leidenschaftliches Gemüth in Verwünschungen gegen alles Lebendige ergossen hätte. Zumal dem verhaßten Schwindler, dem böhmischen Hexenmeister galt sein Toben, und er bezichtigte ihn geradezu der schnödesten kupplerischen Absichten, um der Tochter seiner guten Freundin zu einer anständigen Versorgung zu verhelfen. Ohne einen solchen verschlagenen Handstreich würde in diesem verwunschenen Hause kein Hahn nach ihr krähen. Nun habe er einem leichtfertigen jungen Menschen hier vor der Thür ein Bein gestellt, damit die kurpfuschende Hexe was an ihm zu kuriren hätte und er zum Dank dem Mädel die Cour schneiden müsse.
      Johann Gruber hörte das Alles in größter Gemüthsruhe mit an, gähnte so laut, daß er die Erbitterung des Collegen auch auf sich lenkte, und so schliefen sie, nachdem sie sich eine Weile gezankt und bittere Schimpfworte an den Kopf geworfen hatten, schachmatt erst gegen Morgen wieder ein.
      Viel später erwachte der Doctor Philipp auf seiner harten Ruhebank.
      Als er gegen elf Uhr die schweren Augenlider langsam aufschlug und sich in einem unbekannten Raum auf einem seltsamen Nothlager gebettet fand, glaubte er Anfangs sich noch in einem Traum zu befinden. Wie sollte er in dies große, niedere Gemach gekommen sein, das mit so ärmlichen Möbeln ausgestattet war: an der Wand zwei alte Oelfarbendrucke, ein Bild des alten Kaisers und eine spinatgrüne Landschaft mit einem Angler, auf dem Kleiderschrank in der Ecke ein Haubenkopf mit grellrothen Backen, daneben eine nach Bauernart blauangestrichene Truhe mit großen weißen Tulpen bemalt. Das konnte doch nicht das Junggesellenquartier seines Freundes sein. Und wo war dieser geblieben? Indem er darüber nachsann, fühlte er eine dumpfe Schwere in seinem Kopf und einen zuckenden Schmerz an der Stirn. Mechanisch erhob er die Hand, um die schmerzende Stelle zu befühlen, und begegnete zu seinem Erstaunen dem Leinwandstreifen, der sein schweres Haupt umzingelte. In demselben Augenblick vernahm er von dem Fenster her, dem er den Rücken zukehrte, einen schlurfenden Schritt und das Klopfen zweier Stöcke gegen den blankgescheuerten Fußboden und sah die kleine Frauengestalt vor sich, die, während er schlief, geräuschlos an ihrer Arbeit gesessen hatte. Nun riß er die Augen weit auf und kam zu seiner vollen Besinnung, während sie ihm in wenigen Worten berichtete, wie er dazu gekommen war, vergangene Nacht ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.
      Er hörte der guten Frau aufmerksam zu, ohne ein Wort zu erwidern, da noch immer ein leichter Nebel von der gestrigen Nacht seine Gedanken umschleierte, ließ sich geduldig den Verband abnehmen und die Wunde beschauen, deren Zustand die erfahrene Aerztin sehr befriedigend fand, und erklärte, ihm sei ganz wohl, bis auf ein wenig Schwindel und eine starke Leere im Magen, der mit einem zweckmäßigen Frühstück am besten abzuhelfen wäre. Mutter Cordula, die ihren Seligen oft genug am Morgen nach einem schweren Rausch behandelt hatte, erkannte sofort, daß der junge Mann in der That sehr unschuldig zu seinem Denkzettel an der Stirn gekommen war, brachte ihm ein Glas frisches Wasser und rutschte dann zu ihrem Kochherdchen hin, um ihm, so gut sie ihn hatte, einen Morgenkaffee zu kochen.
      Während dessen saß der Patient aufgerichtet in seinen Kissen und that allerlei neugierige Fragen, die seine Wirthin kurz und gut beantwortete. Ein großes Wohlgefühl überkam ihn in dieser armseligen Stille, hinter den vielgeflickten, aber schneeweißen Vorhängen an den beiden Fensterchen, in Gesellschaft dieser einfachen, gescheiten Frau, deren früh gealterte Züge von einem merkwürdigen sanften Ernst überhaucht waren.
      Und nun öffnete sich die kleine Thür, und ein junges Wesen trat rasch auf den Zehen herein, der alten Frau zunickend und mit einem flüchtigen Blick den jungen Fremden streifend.
      Meine Tochter, sagte die Alte. Der Herr ist eben aufgewacht, Gundelchen, und wird jetzt frühstücken. Es geht ihm Gott sei Dank sehr gut. Hast du Alles mitgebracht?
      Das Mädchen, noch ganz außer Athem, nickte nur und stellte einen Korb, den sie am Arm getragen, auf einen Stuhl neben dem Kochofen. Philipp sah, daß er allerlei Markteinkäufe enthielt, viel reichlicher, als die Beiden wohl sonst ihren Mittagstisch bestellten. Er dachte aber nicht lange darüber nach. Seine Aufmerksamkeit wurde völlig von dem jungen Kinde in Anspruch genommen, das ihm ungemein gefiel. Es trug ein ganz unscheinbares braunes Kleid, das schon lange gedient haben mochte und ohne Rücksicht auf die wandelbare Mode im Lauf der Jahre, da seine Besitzerin noch im Wachsen war, durch das Ansetzen neuer Zeugstreifen sich hatte müssen strecken lassen. Gleichwohl reichte es nur bis an die Knöchel, so daß die schlanken Füße in derben Stiefelchen darunter vorsahen. Einen runden schwarzen Strohhut, mit einer verknitterten rothen Schleife aufgeschmückt, hatte sie gleich beim Eintritt abgenommen. Das hübsche Gesicht wurde von einer dicken Fülle brauner Flechten eingerahmt, aus denen am Nacken ein kleines Wäldchen krauser Locken hervorwehte. Während sie sich ganz geräuschlos hin und her bewegte, der Mutter an die Hand zu gehen, vermied sie es beharrlich, den Blicken des jungen Fremden zu begegnen, stand manchmal einen Augenblick wie beklommen still und that einen tiefen Athemzug, der die Falten an ihrer aufblühenden jungen Brust straffer spannte, und antwortete leise, immer wie wenn ein Schwerkranker im Zimmer wäre, auf die Fragen der Alten nach der Arbeit, von der sie kam und zu der sie nach der Mittagspause zurückkehren sollte.
      Das Reizendste aber war die Art, wie sie zuweilen die immer ein wenig gesenkten schwarzen Augen rasch aufschlug, einen Blick umherwarf, der kleine blitzende Funken zu verstreuen schien, und dann die langen Wimpern wieder niederschlug.
      Nur ein paarmal, als Philipp ein scherzendes Wort direct an sie richtete, ging ein Lächeln über ihren rothen Mund, und ein Grübchen erschien in der linken Wange, das verrieth, hinter der bescheidenen, fast noch kinderhaften Stirn stecke doch auch ein schalkhafter Geist, der nur durch das Bewußtsein der niedrigen Stellung und die Rücksichten der Wohlerzogenheit zurückgedrängt werde.
      Als die Beiden, Mutter und Tochter, sich zu ihrem Mittagsmahl niedersetzten, nachdem sie ihren Gast dazu eingeladen hatten, erschien noch andere Gesellschaft. Zunächst ihr täglicher Tischgenosse, Meister Kospoth, dann der Freund Ingenieur, der von seinem Tagewerk nicht früher hatte abkommen können. Beide waren erfreut, den Patienten in so sichtbarer Besserung anzutreffen, und der Freund wollte gleich nach dem Essen einen Wagen holen, um Philipp in seine Wohnung zu befördern.
      Frau Cordula aber bestand darauf, wenigstens noch die nächste Nacht ihn unter ihrer Aufsicht zu behalten. Es sei zwar keine Gefahr, da die Wunde im besten Heilen begriffen sei, sie selbst aber müsse noch etliche mal den Verband erneuern und könne doch ihr Zimmer nicht verlassen, um einen Krankenbesuch zu machen.
      Niemand war dessen froher, als der Kranke selbst. Er behauptete, nie besser geschlafen zu haben, als auf seinem Wundbette, und nie einen besseren Kaffee getrunken zu haben.
      Als die Männer eben wieder gegangen waren und auch das Mädchen sich entfernt hatte, setzte er sich auf das Stühlchen am Fenster, wo Gundula's Nähmaschine stand, nahm ihre Scheere in die Hand, steckte ihr Fingerhütchen an und vertiefte sich in eine behagliche Plauderei mit der Mutter, die sich am andern Fenster mit ihrer Näharbeit hingekauert hatte. Er ließ sich ihr ganzes Leben erzählen, und die gelassene Art, wie sie von ihren trübseligen Schicksalen, der Einfalt und Bosheit ihrer Nachbarn, der Noth mit ihrem Manne sprach und das Glück, das ihr zum Entgelt für so viel Kummer in ihrem Kinde beschert sei, fast mit feierlichen Worten rühmte, ging ihrem jungen Zuhörer mehr und mehr ans Herz, so daß er der einfachen Frau mit einer Art Ehrfurcht gegenübersaß. Gleichwohl wurde ihm die Zeit lang bis zur Stunde des Feierabends, wo die Tochter zurückkehren sollte. Als sie dann endlich kam, war sie schon unbefangener und wagte sogar ihn selbst zu fragen, ob ihn die Wunde noch schmerze und ob sie etwas Eis holen solle, um die Umschläge mehr zu kühlen. Er verwehrte es ihr und sah sie so lange an, daß ihre etwas blassen Wangen eine leichte Röthe überflog. Sie wollte die Nähmaschine in die Schlafkammer nebenan tragen, um ihn durch das Schnurren des Rades nicht zu belästigen. Das litt er nicht, sondern rückte einen Stuhl zu ihr hin und sah ihr auf die flinken Fingerchen und auf den feinen Umriß von Nase und Mund, die sich auf die Arbeit senkten. Die Mutter aber bemerkte, daß er doch noch frühen Schlafs bedürftig sei, schickte ihr Kind hinaus und bereitete dem Patienten wieder sein Lager, Dann erneuerte sie noch einmal den Verband, nachdem sie aus ihrem Vorrath eine Wundsalbe hervorgesucht und ein Läppchen damit bestrichen hatte, und zog sich, eine gute Nacht wünschend, zu ihrer Tochter in die Kammer zurück.
      Draußen im Hof hatte während einer ganzen Stunde ein leichter Schatten sich herumgetrieben und durch die Fenster gespäht: die arme Seele des Herrn Heinrich Müller, die von den Qualen der Eifersucht geschüttelt wurde und nicht eher weichen wollte, als bis das junge Paar, das sich so vertraulicher Nähe erfreute, wieder getrennt war. Daß an diesem Abend eines der besten Medien ohne Erfolg sein Geschäft betrieb und die Geister nicht zum Erscheinen bewegen konnte, hatte seinen natürlichen Grund nur in dem verliebten Eigensinn, mit welchem der verklärte ehemalige Liebling der Frauen am Fenster einer kleinen Erdentochter Schildwache stand.
      *
      Das schwermüthige Gespenst fühlte sich daher nicht wenig erleichtert, als am anderen Nachmittage sein lebendiger Nebenbuhler von der trefflichen Aerztin und ihrer Tochter Abschied nahm und in die Wohnung seines Freundes übersiedelte. Doch war die Freude von kurzer Dauer. Denn am nächsten Abend, sobald die Dunkelheit es erlaubte, unerkannt den Weg nach der Spukgasse einzuschlagen, erschien der junge Doctor wiederum in der Wohnung der Frau Cordula, um nach seiner Wunde sehen und den Verband erneuern zu lassen. Diesmal konnte schon die Nadel entfernt und über dem Läppchen mit dem Wundbalsam ein Pflaster aufgeklebt werden. Der Patient saß dann noch ein Stündchen und sah den arbeitenden Frauen zu. Er hatte in einer großen Düte allerlei Früchte und Kuchenwerk mitgebracht, wovon das Gundelchen erst nach langem Zureden zu naschen sich entschloß. Sie war nun völlig aufgethaut, und Philipp meinte, nie ein hübscheres Lachen von jungen Mädchenlippen gehört zu haben, als wenn er hier von seinen tollen Studentenstreichen erzählte. Dazwischen wurden auch ernstere Reden geführt, an denen das Kind sich nur schüchtern mit allerlei sinnigen Fragen betheiligte.
      So nun auch die folgenden Abende. Manchmal gesellte sich auch der Ingenieur hinzu, und in dem niedrigen Gemach ging es dann so munter zu, daß Alle die Zeit vergaßen und sich erst durch Meister Kospoth daran erinnern lassen mußten, die Stunde des Thorschlusses nicht allzu weit zu überschreiten.
      Nicht nur die jungen Leute fanden diese Plauderabende ergötzlich, auch Mutter Cordula that es wohl, einmal wieder Leben um sich her zu sehen und ein verständiges Gespräch führen zu können. Nur konnte sie sich nicht verhehlen, daß mit ihrem Kinde eine seltsame Veränderung vorgegangen war, da dasselbe den ganzen Tag wie »hintersinnig« herumging, kaum hörte, was man ihm sagte, und nur am Abend seine frühere Heiterkeit wiedergewann, um sofort wieder in tiefe Träumerei zu verfallen, sobald sie mit der Mutter allein war.
      Die kluge Frau war daher froh, als sie eines Abends ihrem Pflegling erklären konnte, die Wunde sei nunmehr geheilt, und auch die Narbe werde sich rasch verwachsen, wenn er fortfahre die Salbe auszustreichen, von der sie ihm einen hinlänglichen Vorrath in einem Töpfchen einhändigte. Sie müsse nun aber Abschied von ihm nehmen, da es doch auf die Länge nicht verborgen bleiben könne, wenn er seine Besuche fortsetze, und sie alles Geschwätz übelwollender Nachbarn vermeiden wolle.
      Der junge Mann erschrak heftig, Gundelchen war todtenbleich geworden, die Mutter aber hatte eine so entschiedene Art, sich Respect zu verschaffen, daß es zu einem traurigen Scheiden kam, nachdem der Geheilte seiner Retterin wohl fünf Minuten lang unter immer neuen Dankesworten die Hand gedrückt hatte. Die Tochter leuchtete ihm an die steile Treppe hinaus, da stand er noch ein paar Minuten in tiefer Verwirrung still, wollte etwas sagen, schwieg aber wieder, sah sie flüchtig an, die in reizender Beklommenheit neben ihm stand, ergriff endlich ihre freie linke Hand und küßte sie, und da sie sie ihm tief erglühend entzog und: Aber Herr Doctor! flüsterte, schlang er hastig den Arm um ihre Schulter und drückte einen raschen Kuß auf ihre heiße Wange. Dann stürmte er die Hühnerstiege hinunter und trug sein lautpochendes Herz durch die schwüle Nacht nach Hause.
      Heinrich Müller war zum Glück bei einer 
      séance beschäftigt gewesen und hatte kein Zeuge dieser Scene sein können. Als er ein paar Stunden später an das Kammerfenster schwebte, sah er das Gundelchen im Bette liegen, mit weit offenen Augen und einem seligen Lächeln vor sich hin träumend, woran er aber kein Arg hatte.
      Am folgenden Tage trug ein Dienstmann einen großen, wohlverschlossenen Kasten die Treppe zu der Hofwohnung hinauf. Das Mädchen war gerade zu Tische gekommen, auch Wenzel Kospoth fand sich eben ein, da der Kasten geöffnet wurde. Darin befanden sich allerlei hübsche Putzsachen für ein junges Frauenzimmer, dann ein warmer Kleiderstoff für ein älteres, ein Briefchen dabei, worin die Bitte stand, diese Kleinigkeiten freundlich anzunehmen, um den Absender in etwas wenigstens von der großen Dankesschuld zu entlasten, die ihm das Herz bedrücke.
      In dem Couvert lag noch eine kleine sehr bescheidene Broche. Das Mädchen hatte sich einmal beklagt, daß es all seine Nadeln verliere. Nun wurde die Hoffnung ausgesprochen, diese kleine Spange werde fester halten und zugleich auch die Erinnerung an einen guten Freund befestigen.
      Wenzel Kospoth wiegte seinen grauen Haarschopf hin und her und brummte etwas von einem wackeren jungen Herrn, der sich nicht lumpen lassen wolle.
      Frau Cordula aber befahl ihrem Kinde, Feder und Papier zu holen und sofort die Antwort, die sie ihr vorsagte, niederzuschreiben, nämlich, daß sie dem Herrn Doctor vielmals danke für seine freundliche Absicht, ihnen eine Freude zu machen, diese kostbaren Geschenke aber durchaus nicht annehmen könne, da sie ihre ärztlichen Dienste ohne Entgelt ausüben müsse, wenn sie nicht wegen unerlaubter Praxis in Strafe kommen wolle. Weßhalb sie Alles sofort zurückschicke und verbleibe des wohlgebornen Herrn Doctors
      achtungsvoll ergebene
      Cordula Ehrenberg.
      *
      Als Philipp diese Botschaft empfing, die ihm ein Knabe aus der Spukgasse zugleich mit der gefüllten Kiste überbrachte, wurde er tief niedergeschlagen. Er hatte die einfache Frau hinlänglich kennen gelernt, um sich keiner Täuschung darüber hinzugeben, daß es ihr mit der Ablehnung alles ferneren Verkehrs vollkommen ernst sei. Und da er sich selbst gestehen mußte, daß er nicht wohl daran denken konnte, ihr Kind zu seiner Frau zu machen, noch weniger aber ein frevelhaftes Spiel mit ihr zu treiben, so beschloß er mit einem tiefen Seufzer, die Kammer seines Herzens, in der das Hexenkind spukte, fest zu verriegeln und über das ganze Abenteuer das Kreuz zu schlagen.
      Zugleich erinnerte er sich jetzt zum ersten Male wieder, daß er ja halb und halb schon gebunden sei, und gab sich Mühe, die Flamme seiner Jugendliebe, die in den letzten acht Tagen zu einem unscheinbaren Fünkchen herabgesunken war, von Neuem anzublasen.
      Das sicherste Mittel hierzu wäre nun freilich ein Besuch im Hause des Stadtraths gewesen. Doch obwohl er sich jetzt mit seiner Narbe, über der nur ein schmales Pflasterstreifchen saß, wieder als einen schmucken Freier sehen lassen konnte, verschob er doch den sonst so ersehnten Gang von Tag zu Tage, hielt sich still zu Hause und verbrachte die einsamen Stunden, während sein Gastfreund seinen Geschäften nachging, in unerquicklichem Müßiggang, in Büchern blätternd, rauchend oder in halbem Traum auf dem Sofa liegend, wobei er es nicht vermeiden konnte, daß eine schlanke junge Mädchengestalt vor seinem inneren Auge hin und her schwebte, zuweilen ein paar lange Wimpern aufschlug und kleine, rasche Blitze aus schwarzen Augensternen um sich her streute.
      Eines Abends aber wurde ihm dies Feuerwerk so unheimlich, daß er aufsprang, sich sorgfältig anzog und den Weg nach dem Hause seiner Jugendgeliebten einschlug.
      Er empfand unterwegs ein starkes Herzklopfen und mußte sich Gewalt anthun, um nicht in den Seitenweg nach der Spukgasse einzubiegen. Je näher er aber dem Ziele kam, desto ruhiger wurde er. Sein Schicksal lag ja noch in seiner Hand. Nichts verpflichtete ihn, heute schon ein entscheidendes Wort zu sprechen, zumal er ja noch die große Studienreise vor sich hatte. So betrat er kaltblütig das Haus und zog mit fester Hand oben an der wohlbekannten Klingel.
      Die Tochter des Hauses öffnete ihm selbst, begrüßte ihn aber mit einer kühlen, gut gespielten Ueberraschung, wie einen Besucher, den man hundert Meilen entfernt geglaubt hat, und führte ihn sofort in das Wohnzimmer, wo ein kleiner Kreis von Hausfreunden beisammen saß. Der Papa war noch in feinem Bureau, die Mutter aber, die den jungen Mann sonst als ein Vermächtniß ihrer verstorbenen Freundin gehätschelt hatte, trug heute ebenfalls eine steife, gemessene Haltung zur Schau, beglückwünschte ihn zu seinem bestandenen letzten Examen, fragte, wie lange er in der Stadt zu bleiben gedenke, und nannte ihn einmal über das andere Herr Doctor. Er merkte sofort, daß die Unterhaltung, die er unterbrochen, sich um ihn selbst gedreht hatte, blieb aber unbefangen und entschuldigte seinen verspäteten Besuch mit einem Unfall, der ihn betroffen, da er gestrauchelt und gegen einen Stein gestürzt sei, weßhalb er einige Tage sich in ärztliche Pflege begeben habe.
      Niemand sprach auch nur aus Höflichkeit ein Bedauern darüber aus, und das stockende Gespräch schleppte sich mühsam hin. Er hatte Zeit, die Tochter des Hauses zu betrachten, die mit etwas hoch getragenem Näschen und ironisch geschürzten Lippen neben ihm saß. Man hatte ihr so oft gesagt, daß sie das schönste Mädchen der Stadt sei, sie war so ohne Frage schon den dritten Winter die Ballkönigin gewesen, daß es ihr selbstverständlich erschien, ihrer jungen Hoheit von Jedermann huldigen zu lassen. Zumal von einem Jugendgespielen, der ihr vor Zeiten bei jedem Cotillon die meisten Sträußchen gebracht hatte. Auch gefiel er ihr trotz der übel zugerichteten Stirn besser, als all ihre übrigen Ballsklaven, und sie hatte sich zu dem geheimen Beschluß herabgelassen, ihn, wenn er sich dieser Gnade würdig zeigte, durch ihre Gunst überschwänglich glücklich zu machen. Daß er nun aber so unempfindlich wie ein Stock an ihrer Seite blieb, war unverzeihlich, und sie nahm sich in ihrem kleinen kalten Herzen vor, ihren gerechten Zorn an ihm auszulassen.
      Noch empfindlicher war das verwandelte Benehmen ihres zukünftigen Schwiegersohnes der hoffährtigen Frau Mama, die geglaubt hatte, gleich in der ersten Stunde werde es zu der längst erwarteten Verlobung kommen, wofür sie schon eine gerührte und feierliche Rede in Bereitschaft hielt. Die Anwesenheit der befreundeten Damen war ihr daher sehr unerwünscht, und da sie immer noch hoffte, Philipp's offenbare Verstimmung rühre davon her, daß er sie nicht allein getroffen, machte sie ungeschickte Versuche, die Gesellschaft loszuwerden. Da diese scheiterten, denn Alle waren neugierig, sich den jungen Erkorenen näher zu beschauen, nahm sie endlich das Wort und sagte: Sie werden nicht ahnen, lieber Doctor, daß wir in dem letzten Jahr, seit Sie von uns entfernt waren, große Fortschritte in allerlei Geheimwissenschaften gemacht und einen eifrigen Verkehr mit der Geisterwelt unterhalten haben. Statt des abendlichen Kartenspiels befragen wir diesen runden Tisch nach vielen Dingen, die wir zu wissen wünschen, und selbst ich, die Anfangs ganz ungläubig war, bin nach und nach bekehrt worden. Ich sehe, daß Sie die Achseln zucken. Die moderne Naturwissenschaft hält ja alle spiritistischen Experimente für Humbug, und da freilich auch viel Betrug mit unterläuft, lasse ich kein Medium und keinen Hypnotiseur über meine Schwelle. Ein hölzerner Tisch aber – was hätte der für ein Interesse dabei, uns hinters Licht zu führen, zumal wir seine Orakel ja auch controliren können.
      Und sind diese geisterhaften Offenbarungen immer als zuverlässig und richtig von Ihnen befunden worden? erwiderte Philipp, indem er sich bemühte, seine Worte nicht allzu spöttisch klingen zu lassen.
      Nicht immer, natürlich. Manchmal lauten die Antworten zweideutig, manchmal versagen sie ganz, dann wieder treffen sie so wunderbar zu, daß man ihren übernatürlichen Ursprung nicht bezweifeln kann. Mein Gott, allwissend kann ja so ein abgeschiedener Geist nicht sein, und man sagt ja, ein Narr – ich bitte um Verzeihung, meine Herrschaften, – ein Narr kann mehr fragen, als zehn der weisesten Tische beantworten können. Aber Sie sollen selbst urtheilen, lieber Doctor. Röschen hat sich schon darauf gefreut, was Sie für ein Gesicht machen würden, wenn Sie einmal einer solchen Sitzung beiwohnten.
      Ich bitte mich aber aus dem Spiel zu lassen, Frau Stadträthin, wehrte Philipp ab. Ich fürchte, in meinen Fingerspitzen fehlt das nöthige magische Fluidum, und ich würde den Erfolg nur vereiteln, wenn ich die Kette mit schließen wollte.
      Nein, nein, sagte die Tochter rasch. Sie müssen mitthun. Sie glauben sonst, es gehe nicht ehrlich dabei zu, und irgend Einer von uns mache sich den Spaß, die Andern zu betrügen. Kommen Sie nur und nehmen Sie sich recht ernstlich vor, die Sache zu hintertreiben. Sie werden sehen, der Tisch behält das letzte Wort.
      Gleich darauf hatte man das Theegeschirr und die Decke entfernt, und die sieben oder acht Personen, die um den runden Tisch saßen, schlossen mit ausgespreizten Händen die magische Kette, in aufgeregter Geduld der Dinge harrend, die da kommen sollten.
      Philipp's kleiner Finger berührte nur mit nachlässigem Druck den kleinen Finger seiner schönen Nachbarin. Denn wenn früher eine solche zärtliche Nähe ihm eine wonnige Wärme ins Blut geflößt hatte, heute blieb er völlig kühl, als wartete er einzig und allein darauf, ob jenes berühmte magische Fluidum von dem schlanken kleinen Händchen neben dem seinen ausströmen und das todte Holz beseelen würde.
      Nun traf es sich, daß an diesem Abend unser guter Bekannter, Heinrich Müller, den spiritistischen Dienst in diesem Hause übernommen hatte, obwohl er sich sonst für die höheren Aufgaben zu sparen pflegte. Sein gröberer College aber hatte am Abend zuvor eine so empfindliche Beschämung erlebt, daß er sich etwas Aehnlichem nicht so bald wieder aussetzen wollte. Ein Medium hatte auf Wunsch der Versammelten den Geist Napoleon's citirt und ihm allerlei historische Fragen vorgelegt. Da jedoch Johann Gruber in seiner früheren Hausknechtsstellung nichts von dem großen Corsen erfahren und seinen Namen nur gehört hatte, wenn von Napoleonspielern die Rede war, deren etliche er, als er noch im Dienst bei dem Gastwirth stand, hatte hinauswerfen müssen, so gab er so verblüffend verkehrte Antworten, daß der leitende Spiritist in große Verlegenheit gerieth und ihn endlich zum Teufel schickte, indem er den Fragestellern erklärte, der Geist habe sich einen höhnischen Scherz mit ihnen erlaubt, da er wüthend darüber gewesen, aus seiner himmlischen Hoheit wieder auf die Erde herabgezogen worden zu sein.
      Heinrich Müller dagegen, der gebildeter und bei schwierigen Fragen um eine zweideutige Ausflucht nie verlegen war, hatte dem Ruf in das Stadtrathshaus um so williger Folge geleistet, weil er seinen Rivalen hatte hineingehen sehen und darauf brannte, ihm einen Possen zu spielen.
      Hiezu ergab sich nur zu bald eine Gelegenheit.
      Denn nachdem er in den Tisch geschlüpft war und durch das Aufheben eines Fußes und ein sanftes Stampfen seine Anwesenheit zu erkennen gegeben hatte, fragte nach einigem unerheblichen Geplänkel Fräulein Rosa geradezu, ob er wisse, daß ein fremder Gast sich in die Kette eingereiht habe?
      Ja, antwortete der Tisch, zu großer Genugthuung der Gläubigen.
      Ob er seinen Namen kenne?
      Philipp, klopfte der Tischfuß.
      Ob er wisse, wo dieser Philipp sich aufgehalten, seit er in die Stadt gekommen?
      Spukgasse! buchstabirte der Tisch, ohne sich zu besinnen, was aber der Gesellschaft befremdlich war. Denn was hätte ein junger Arzt, der eben in die Heimath zurückkehrte, in jener verrufenen Straße zu suchen gehabt?
      Also fragte das Fräulein, da sie allein eine seltsame Röthe im Gesicht ihres Nachbarn aufsteigen sah, eifrig weiter, was ihn dort hingeführt habe? Und sogleich klopfte der Tischgeist, mit heftigen Rucken den Fuß aufstampfend: Liebschaft!
      Der Eindruck, den dieses Wort machte, war so stark, daß die Kette sich löste und Aller Augen sich auf den jungen Mann richteten, der seine Verlegenheit hinter einem mühsamen Lachen verbarg und bemerkte: so schlechte verläumderische Späße bewiesen ihm deutlich, daß es auf eine Neckerei abgesehen sei, zu der der unschuldige Tisch sich hergeben müsse.
      Fräulein Rosa aber, die ihn scharf im Auge behalten hatte, war gleichfalls dunkelroth geworden, doch nicht aus Beschämung, sondern aus gerechter Entrüstung, daß ihr bisher so gehorsamer leibeigener Zukünftiger sich auf so verrätherischen Wegen betreffen ließ. Sie befahl also, unverzüglich die Kette wieder zu schließen, wobei ihr zitternder kleiner Finger jetzt an dem ihres Tischnachbarn ihre innere Erregung ausließ, und stellte dann die entscheidende Frage: Mit wem hat Doctor Philipp in der Spukgasse ein zärtliches Verhältniß angesponnen?
      Sofort antwortete der Tisch: G–u–n–d–e–lchen!
      Gundelchen! sprach die Fragerin buchstabirend nach und zog ihre Hand mit einer Geberde zurück, als ob sie einen nassen Frosch berührt hätte. Nun, Herr Doctor, werden Sie noch ein weiteres Zeugniß bedürfen? Also wirklich die leichtfertige kleine Person, die Tochter jener berüchtigten Dorfschneiderin – du entsinnst dich, Mama, daß unsere Schneiderin das dreiste junge Ding einmal mit ins Haus gebracht hat, um beim Nähen zu helfen, ein ganz ungebildetes Geschöpf – und der haben Sie wirklich die Cour gemacht, Herr Doctor, und ihre Gesellschaft so interessant gefunden, daß Sie die ältesten Freunde darüber vernachlässigten?
      Sie hatte das in der besinnungslosen Erregung mit flammenden Blicken herausgesprudelt, ohne zu beachten, daß sie ihr geheimes schwerverletztes Herz damit entblößte. Auch gewahrten es die Anderen, und die Mutter winkte ihr mit den Augen zu, sich zu mäßigen. Nur Philipp war es gleichgültig, ob die Jugendfreundin, die ihm in diesem Augenblick durch die Leidenschaft verzerrt fast häßlich erschien, sich durch ihren eifersüchtigen Aerger bloßstellte. Ihm lag einzig daran, die ungerechten und bösartigen Verdächtigungen der guten Frauen in der Spukgasse zurückzuweisen.
      Er erklärte daher mit ruhiger Festigkeit, daß er auf Mutter und Tochter nichts kommen lasse; Jene sei sehr mit Unrecht »berüchtigt«, und wer das junge Mädchen »leichtfertig« nenne, kenne sie eben nicht. Und nun erzählte er mit treuherziger Unbefangenheit, wie er zu dieser Bekanntschaft gekommen und zum Dank gegen die gütigen Samariterinnen verpflichtet worden sei.
      Als er mit seinem Bericht zu Ende war, stand Fräulein Röschen auf und sagte mit bebender Stimme: Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. Ich begreife nun, daß Sie vierzehn Tage lang Ihre nächsten Freunde nicht aufsuchen mochten, da Sie in die Bewunderung dieser beiden Perlen versunken waren. Da Unsereins den Vergleich mit ihnen nicht aushalten kann, will ich mich lieber zurückziehen, damit Sie von Ihrem Abendbesuch in der Spukgasse nicht zu lange abgehalten werden.
      Damit verneigte sie sich mit hoheitsvoller Miene gegen den jungen Bösewicht, nickte den Uebrigen zu und verschwand in dem anstoßenden Zimmer.
      Die Zurückbleibenden verharrten eine Weile wie versteinert im tiefsten Stillschweigen. Dann sagte die sehr bestürzte Frau Stadträthin: Sie müssen ihr diese kleine trotzige Laune zu Gute halten, lieber Doctor. Sie hat nun einmal eine Antipathie gegen die verdächtige Nähmamsell und begreift nicht, daß einer ihrer liebsten Jugendfreunde ihr die Stange halten konnte. Auch haben Sie in Ihrer ritterlichen Art doch wohl zu viel Wärme in Ihre Vertheidigung gelegt. Wenn Sie unserm Röschen nachgehen und ihr sagen wollten, Sie hätten es nicht so ernst gemeint –
      Ich bedaure, gnädige Frau, unterbrach sie Philipp, indem er sich erhob, es ist mir unmöglich, irgend ein Wort, das ich zu Gunsten der beiden Verkannten gesagt, zurückzunehmen. Wenn Ihr Fräulein Tochter die Gesellschaft eines Mannes, der sich zweier unschuldig Angeklagter annimmt, nicht ertragen kann, so muß ich darauf verzichten, in diesem befreundeten Hause, wo ich früher so viel Güte erfahren, fernerhin zu verkehren. Ich habe die Ehre, den Herrschaften guten Abend zu wünschen!
      Damit nahm er seinen Hut, verbeugte sich und verließ das Zimmer.
      *
      Als er sich im Freien befand, überkam ihn ein solches Wohlgefühl, der beengenden Luft in diesem hochachtbaren Philisterhause entronnen zu sein, daß er, seiner jungen doctoralen Würde vergessend, den Hut schwenkte, einen Luftsprung that und ein Studentenlied vor sich hin summte. Ein paar Nachbarsleute, die ihn kannten und um sein Verhältniß zu der schönen Stadtrathstochter wußten, flüsterten sich, als er achtlos an ihnen vorüberging, lächelnd zu, es möge wohl eben zwischen dem jungen Paar richtig geworden und der junge Herr vom Verlobungsweine ein wenig angeheitert sein. Philipp aber strebte aus den dunklen Gassen hinaus ins Freie und athmete tief auf, als er die schattigen Anlagen erreichte, die am Flusse sich hinzogen und über Tag von sämmtlichen Kindern der Stadt mit ihren Wärterinnen bevölkert waren. Zu dieser späten Stunde aber wandelten hier nur einzelne Liebespaare, deren vorbeigleitende, zärtlich verschlungene Schatten den einsamen Wanderer zu schwermüthigen Betrachtungen anregten. Er setzte sich auf eine Bank und sah lange durch die leise schwankenden Wipfel zu den Sternen hinauf, von denen eine weiche Kühle zu ihm herabfloß. Mit verstohlenem Rauschen zog der Fluß zu seinen Füßen dahin. Philipp mußte denken, wie lieblich es wäre, in einem Nachen sich von der Strömung forttragen zu lassen, ein gewisses junges Wesen an seiner Seite, die ganze Nacht hindurch, um im ersten Frühroth bei irgend einem versteckten Häuschen zu landen und sich dort einen eigenen Herd zu gründen. Das Bild der kleinen Gundula trat so lebendig vor ihn hin und erschien mit all seinen Reizen und Tugenden in so hellem Licht, daß er die Sehnsucht, die leibhaftige holde Person in die Arme zu schließen, nicht bezwingen konnte, sondern aufsprang und schnurstracks den Weg nach der Stadt wieder einschlug, entschlossen, heute noch, es koste, was es wolle, in das Spukhaus einzudringen und mit Mama Cordula ein ernstes Wort über Gegenwart und Zukunft zu reden.
      Als er aber die äußeren Quartiere der Stadt durchschritten hatte und sich seinem Ziele näherte, fiel ihm eine ungewohnte Bewegung in den Straßen auf, ein Rennen und Rufen der Menschen, die sonst um diese zehnte Stunde in ihren Häusern oder beim Biere saßen. Er forschte nach und hörte mit heftigem Schrecken, daß ein Brand in der Spukgasse ausgebrochen sei. Nun stürmte er Allen voran und machte sich, da er die Straße erreicht hatte und den Feuerschein an den schwarzen Häusern hoch aufglühen sah, mit Drängen und Stoßen Bahn durch das dichte Gewühl, das den Eingang versperrte. Die Leute aber standen ganz müßig und gafften nach der Stelle, von wo die rothe Lohe aufstieg, so daß es Philipp nicht schwer wurde, sich bis zu der Unheilsstätte durchzukämpfen. Seine furchtbare Ahnung hatte ihn nicht betrogen, es brannte wirklich in dem Hause »Zum unglaubigen Thomas«, und zwar schlug die Flamme bis jetzt nur aus der Pförtnerzelle hervor und begann eben erst das alte Eingangsthor zu umzüngeln. Die Menschen aber, die im Halbkreis davorstanden, wiesen auf das feurige Schauspiel mit stumpfem Gleichmuth oder gar mit hämischem Grinsen. Einzelne Hohnreden wurden laut: es sei Zeit gewesen, daß den alten Hexenmeister endlich der Satan beim Kragen gepackt habe; er werde vielleicht Gold haben machen wollen, und aus dem Tiegel sei eine Höllenflamme aufgeschlagen, die ihm den Schopf versengt habe; es könne keinem Christenmenschen zugemuthet werden, einen solchen Brand zu löschen und dem Strafgericht des Himmels Einhalt zu thun.
      Sobald Philipp das Haus erreicht hatte und die Lage überschaute, rief er den Umstehenden zu, Aexte zu holen und das Thor einzubrechen, um Die zu retten, die in den Hofzimmern wohnten. Kein Fuß rührte sich, nur ein paar freche Mäuler ließen sich vernehmen, es werde kein Schade sein, wenn das Hexenpack verbrenne, es habe längst den Scheiterhaufen verdient – was mit einem allgemeinen Gelächter aufgenommen wurde. Mit knirschendem Ingrimm hörte es der Jüngling und spähte umher nach irgend einem Werkzeuge, das Thor zu sprengen. Eben ergriff er einen Balken, den die Pflasterer am Rande des Bürgersteiges zurückgelassen hatten, und schleppte mit übermenschlicher Anstrengung die Last heran, das glimmende Holzwerk des Thores damit zu zertrümmern, als das morsche Schloß wie durch ein Wunder von selbst aus den Haspen wich und das Thor langsam sich nach innen zu in seinen Angeln bewegte. In der dunklen Oeffnung aber erschien eine seltsame menschliche Gruppe, das Gundelchen, seine Mutter huckepack durch den funkensprühenden Qualm ins Freie tragend.
      Das Kind hatte sich heute früher als sonst zu Bett gelegt, von der Tagesarbeit ermüdet, und war durch den Schreckensruf der Alten, die sich nebenan noch keinen Schlaf gönnte, aufgeweckt worden. Als sie den Feuerschein gewahrte, hatte sie nur ein Röckchen um die Hüften gebunden, ein Tuch um ihre nackten Schultern geschlagen, sich aber nicht die Zeit genommen, Schuh und Strümpfe anzuziehen, sondern rasch entschlossen die schwerbewegliche Mutter sich auf den Rücken geladen und die theure Last das Treppchen hinab über den Hof getragen, dort ein paar qualvolle Augenblicke in den schwarzen Hausflur starrend, bis die hülfreiche Hand ihres Schutzengels das Hausthor öffnete.
      Wie sie nun draußen stehen blieb, gebückt unter der lebendigen Bürde, und sich im Kreise der zurückweichenden Menge umschauend den jungen Gastfreund erblickte, der mit einem Freudenschrei den Balken fallen ließ und auf sie zustürzte, überflog ein seliges Lächeln ihr hochgeröthetes Gesicht, und sie lispelte mit den frischen Lippen: Guten Abend, Herr Doctor! welche einfachen Worte diesem wie die süßeste Musik erklangen. Er konnte aber nichts hervorbringen als: Gott sei Dank! O, Gundelchen, daß du nur lebst! und hätte sie gern sammt der Mutter auf ihrem Rücken umfaßt und an sein Herz gedrückt, wenn nicht zu viele Augen auf sie gerichtet gewesen wären. Noch immer ließ sie ihre Last nicht zur Erde nieder, schien aber rathlos, wohin sie sich damit wenden solle. Vergebens redete Philipp in die Leute hinein, eine Tragbahre oder auch nur einen Schubkarren herbeizuschaffen. Sie drehten alle die Köpfe weg, zuckten die Achseln und murmelten Verwünschungen.
      So müssen wir's wohl allein besorgen, Gundelchen, wenn diese frommen Christen nicht so viel Nächstenliebe erschwingen können! rief der junge Mann, und indem er die Alte sanft auf die Erde setzte, verschränkte er die Hände mit denen des Mädchens und hob die Mutter auf diese schwebende Sänfte wieder hinauf, ihr zuredend, daß sie die Arme um seinen und ihres Kindes Nacken schlingen möchte. So trugen sie die willenlos Gehorchende, die leise vor sich hin seufzte, durch das auseinanderstiebende Gewühl der Gasse hinab bis auf den Marktplatz, und da dort zufällig eine leere Droschke schläfrig über das unebene Pflaster rasselte, rief Philipp sie an, hob die beiden Frauenzimmer hinein und schwang sich selbst auf den Rücksitz, dem Kutscher zurufend, daß er sie nach einem Wirthshäuschen fahren solle, das eine halbe Stunde von der Stadt entfernt am Flusse lag und für die besseren Familien als Ziel ihrer sommerabendlichen Spaziergänge diente.
      Aus der Spukgasse, die sich mehr und mehr vom Feuerschein röthete, klang ein dumpfes Summen und Brausen ihnen nach, jetzt hörte man auch das Rollen der Spritzenwagen, die endlich sich nach der Brandstätte hin bewegten, von allen Seiten strömte Groß und Klein der verrufenen Gasse zu, sie aber hatten bald die letzten Häuser im Rücken gelassen und fuhren in langsamem Trabe in die hellgestirnte Nacht hinaus.
      *
      Erst jetzt fand der junge Doctor die nöthige Gemüthsruhe, das gerettete Paar sich näher anzusehen.
      Die Mutter lag in sich zusammengeduckt in der Ecke des Wagens, mit geschlossenen Augen, wie wenn sie ihre Gedanken sammeln müsse, um das Wunder ihrer glücklichen Flucht aus der Todesgefahr dem Himmel recht von Herzen zu danken. Ihr Kind neben ihr saß, sich in seiner nothdürftigen Bekleidung ein wenig schämend und das Tuch fest um die Schultern ziehend, sprachlos dem jungen Mann gegenüber. Aber die schwarzen Augen wichen den seinen nicht immer aus, und nur wenn ihre nackten Füße unter dem Röckchen einmal zum Vorschein kamen, schlug sie die langen Wimpern hastig nieder.
      Er fragte, ob sie friere, sie schüttelte den Kopf, gleichwohl zog er sein Tuch aus der Tasche und wickelte es um ihre schlanken Knöchel, dann streckte er die Hand aus, und sie legte die ihre mit einem lieblich treuherzigen Blick hinein, und so hielten sie sich wie zu einem stummen Gelöbniß fest bei den Händen, zuweilen durch einen herzlichen Druck das Unausgesprochene bekräftigend, bis der Wagen bei dem Wirthshäuschen anhielt.
      Jetzt erst öffnete die Mutter die Augen, sprach aber noch immer kein Wort und ließ es geschehen, daß Philipp sie aus dem Wagen hob und ins Haus trug. Wirth und Wirthin waren nicht wenig erstaunt, als sie der wunderlichen späten Gäste ansichtig wurden, für welche der junge Mann eines der Zimmer im oberen Stock, in denen hin und wieder ein Sommerfrischling Herberge fand, in Beschlag nahm. Er gab dem Wirth ein Goldstück und sagte, es werde sein Schade nicht sein, wenn er die Damen, die bei einem Brande in der Stadt sich mit genauer Noth gerettet hätten, aufs Sorgsamste bediene, übrigens gegen Jedermann ihre Anwesenheit geheim halte. Die Frau Wirthin werde dem Fräulein wohl mit Schuhwerk und der nöthigen Garderobe aushelfen. Dann stieg er selbst nach dem oberen Zimmer hinauf, wo Frau Cordula vor sich hinträumend in einem Lehnstuhl saß, trat mit ernster Miene auf sie zu und sagte: Liebe Mutter, ich werde Sie jetzt verlassen, um in die Stadt zurückzukehren. Vorher aber möchte ich noch etwas Wichtiges ins Reine bringen. Ich und Ihre liebe Tochter, wir haben uns vorhin während der Fahrt stillschweigend mit einander verlobt. Ich bitte nun, liebe Mutter, daß Sie uns Ihren Segen geben möchten. Ich verspreche, Ihrem Kinde ein treuer Gatte und Ihnen ein liebevoller Sohn zu sein.
      Die Mutter hatte ihm zugehört, ohne eine Miene zu verziehen, als ob sie auf etwas Aehnliches gefaßt gewesen wäre. Jetzt sah sie ihn ruhig an, wiegte den klugen grauen Kopf leise hin und her und sagte: Lieber Herr Doctor, Sie sind sehr gut, und ich glaube auch, daß es Ihnen ein redlicher Ernst mit Ihrer Bitte ist. Doch muß ich alte Frau einen kühlen Kopf behalten, wenn die Feuersbrunst Ihren jungen erhitzt hat, daß er für recht und gut hält, was doch einmal eine Unmöglichkeit ist und bleibt. Sie sind ein gelehrter und reicher junger Herr, und wir sind arme Leute. Was wollen Sie Ihren Freunden antworten, wenn man Sie fragt, wie Sie nur an der Tochter der armen Schneidersfrau, die obenein als Hexe verschrieen ist, einen Narren fressen konnten?
      Dieses, liebe Frau Mutter, ist meine Sache, erwiderte Philipp mit Nachdruck, und ich werde mich hüten, mich jetzt klar und deutlich darüber auszusprechen, damit die kleine Hexe hier nicht gar zu eitel wird. Im Uebrigen ist es mir sehr gleichgültig, ob viele meiner guten Bekannten sich verwundern, den Kopf schütteln und die Nase rümpfen, ja ich freue mich auf das Gerede und Geraune in der Kirche, wenn der Doctor Philipp und die Jungfer Gundula als Verlobte von der Kanzel fallen. In drei Wochen nämlich soll, falls es Ihnen, liebe Mutter, recht ist, die Hochzeit sein. Ich gedenke alsdann die junge Frau Doctorin mit auf Reisen zu nehmen und ein ganzes Jahr lang mich mit ihr herumzutreiben. Da hat sie Zeit, ein bischen weltläufig zu werden und so viel Schliff zu erhalten, wie auch der kostbarste Edelstein haben muß, um nach seinem Werthe geschätzt zu werden. Einstweilen bleibt unsere liebe Mutter ruhig in der Wohnung, die wir hernach in meiner neuen Heimath beziehen werden, und ihre Tochter wird ihr hoffentlich fleißig in ihren Briefen vermelden, daß sie sich nicht betrogen hat, als sie für gut fand, an einem gewissen Dr. Philipp ihre Hexenkünste auszulassen.
      Er beugte sich zu der Alten herab und küßte sie herzlich auf beide Wangen, über die ein paar stille Thränen rannen. Darauf zog er das über und über glühende Mädchen an seine Brust, küßte sie auf Lippen und Augen und stürmte dann, ehe eins der Beiden zu Worte kommen konnte, die Treppe hinab, um sich eilig in den Wagen zu werfen und nach der Stadt zurückzufahren.
      *
      Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« war über Nacht vollständig ausgebrannt, so daß, da der Morgen heraufdämmerte, nur noch die beiden schwarzen Mauern wie die Wände eines tiefen Schachtes oder Brunnens aufragten, während der Kastanienbaum als ein Aschenberg auf dem Hofe lag und von dem Stallgebäude nur noch rauchende Trümmer den Boden bedeckten. In dem Pförtnerstübchen aber fand man ein Häuflein schwärzlicher Menschengebeine und in seiner Mitte vier Messingstückchen, die von der großen böhmischen Bibel herrührten und trotz der scharfen Glut nicht geschmolzen waren.
      Droben jedoch, auf dem spitzen First eines der Nachbarhäuser, saßen im ersten Morgengrauen die beiden früheren Inwohner der Remise, Beide in äußerst schlechter Laune.
      Heinrich Müller warf einen grimmigen Blick auf die nassen Trümmer der verkohlten Balken, von denen ein übelriechender Qualm aufstieg.
      Die Komödie ist nun zu Ende, sagte er, sich schüttelnd, 's ist mir ein Gaudium, daß Niemand ahnt, wer der Verfasser war.
      Sie doch nicht etwa gar, Herr Heinrich? fragte sein Kamerad, der über die Dächer weg in eine der Seitengassen spähte.
      Versteht sich, ich und kein Anderer, erwiderte der verklärte Weinreisende, Ihr müßt wissen, Johann, als ich dem niederträchtigen Burschen, dem Doctor, den Possen gespielt und ihn mit dem vornehmen Stadtfräulein auseinandergebracht hatte, bin ich nach Hause geflogen. Da sah ich den Andern, der mir immer wie Gift und Operment war, den Böhmen, wieder über seinem Zauberbuch hocken und huschte hinein, und da kam mir's, ihm die Suppe zu versalzen. Ich stieß die Lampe um, daß das Petroleum über seinen Tisch floß, da gab's einen Knall, und weil der alte Narr sich nicht gleich zu helfen wußte, ist die ganze Pastete in Rauch aufgegangen. So hab' ich an dem gottlosen Kuppler mein Müthchen gekühlt. Und jetzt segle ich geradeswegs wieder in unsere Oberwelt zurück. Die Hölle auf Erden hab' ich satt. Wenn's droben auch verdammt langweilig ist, der jüngste Tag wird doch nicht ewig auf sich warten lassen. Die verrückten Lebendigen treiben's ja so toll, daß der Herrgott es nicht lange mehr mitansehen kann.

      Er hob sich ein wenig, als ob er fortfliegen wollte. Nehmen Sie mich mit, Herr Heinrich, sagte die arme Seele Johann Gruber's. Auch mir ist's hier unten verleidet, ich kündige den Dienst. Denn wie ich gestern bei meiner Rieke wieder 'mal nachsehen wollte – nee, werde Ihnen nicht auf die Nase binden, in welcher Gesellschaft ich sie fand, und wie's da zuging. Is 'ne verflucht angreifende Beschäftigung, so'n Spiritus zu sein, hab' mir's pläsirlicher gedacht. Jetzt kann 'mal ein Anderer an die Reihe kommen, da das dumme Volk nu doch 'mal drauf versessen ist, sich was rapportiren zu lassen. Sehn Sie, Herr Heinrich, drüben blinzelt die Sonne über den Berg. Wir müssen uns sputen, abzufahren, eh's zu heiß wird. Ich habe auch immer vor Thau und Tage eingespannt, als ich noch bei meinem ersten Herrn diente, Hupla! – Und er wartete den Aufbruch seines Gefährten nicht ab, der sich langsamer ihm nachschwang, noch einen Blick befriedigter Schadenfreude auf die rauchenden Trümmer zurückwerfend, unter denen das arme Opfer seiner Rache begraben lag.

    

