

      Georg Ebers
      Kleopatra
      Historischer Roman
      Zweite Auflage.
      Deutsche Verlags-Anstalt.
      Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien.
      1894.
       
       
      
        Wilhelm Jordan,
        dem Freunde und Dichter
        in herzlicher Verehrung
        gewidmet.
         
         
      
    



      Vorwort
      Wenn dem Verfasser vorgehalten wurde, die sentimentale Liebe unserer Zeit sei dem heidnischen Altertum fremd gewesen, so wies er nicht am letzten auf das Liebespaar Antonius und Kleopatra und das Testament des derben römischen Reitergenerals. Er hatte darin den Wunsch ausgesprochen, wo er auch stürbe, neben der ihm bis ans Ende teuern Frau begraben zu werden. Sein Verlangen wurde erfüllt, und das Liebesleben dieser beiden hervorragenden Menschen, das der Geschichte angehört, bot schon mehr als einmal der Kunst und Dichtung einen willkommenen Stoff.
      Was besonders die Kleopatra angeht, so ist ihr gesamtes Dasein von einer Romantik umwoben, die an das Märchenhafte streift. Auch ihre gehässigsten Feinde bewundern ihre Schönheit und die seltenen ihr eigenen Gaben des Geistes. Ihr Charakter dagegen gehört zu den schwierigsten Rätseln der Seelenkunde. Der knechtische Sinn römischer Dichter und Schriftsteller, denen es widerstrebte, das Licht, das von der Feindin des Staates und Kaisers so glänzend ausging, freimütig anzuerkennen, löste es zu ihren Ungunsten. Was ägyptisch hieß, war dem Römer verhaßt oder doch verdächtig, und dieser am Nil heimischen Frau ließ sich schwer vergeben, daß sie den Julius Cäsar zu ihren Füßen gesehen und den Marcus Antonius sich dienstbar gemacht hatte. Andere Berichterstatter, und an ihrer Spitze Plutarch, lösten das Rätsel gerechter und vielfach zu ihren Gunsten.
      Für den Verfasser war es eine erfreuliche Aufgabe, der Persönlichkeit der unglücklichen Königin näher zutreten und aus der Fülle der vorhandenen Nachrichten zunächst für sich selbst ein Menschenbild zu gestalten, woran er zu glauben vermochte. Jahre vergingen, bevor er dahin gelangte; jetzt aber, da er das fertige Gemälde betrachtet, meint er, es könnte mancher geneigt sein, einen Einwand gegen die Helligkeit seiner Farben zu erheben. Dennoch würde es dem Darsteller nicht schwer fallen, jeden Ton zu rechtfertigen, dessen er sich bediente. Wenn er während des Schaffens seine Heldin lieben lernte, so geschah es, weil er, je deutlicher er sich diese merkwürdige Frauengestalt vergegenwärtigte, immer lebhafter fühlte und immer sicherer erkannte, wie wert sie nicht nur des Mitleids und der Bewunderung sei, sondern auch, trotz aller ihr eigenen Schwächen und Fehler, jener hingebenden Neigung, die sie in so vielen erweckte.
      Kein Geringerer als Horaz war es außerdem, der Kleopatra »non humilis mulier« – ein keiner Niedrigkeit fähiges Weib nannte. Dies Wort aber gewinnt dadurch das schwerste Gewicht, daß es den Hymnus schmückt, den der Poet dem Octavian und seinem Siege über den Antonius und die Kleopatra widmete. Es war kühn von ihm, in solchem Gesange der Feindin des Triumphators rühmend zu gedenken. Er wagte es dennoch, und sein Wort, das einer That gleichkommt, gehört zu den schönsten Ruhmestiteln der viel verkannten Frau.
      Leider erwies es sich weniger wirksam als das Urteil des Dio, der, was Plutarch mitteilte, mehrfach entstellt, sich sonst aber wohl am nächsten an die Komödie oder an die volkstümlichen Erzählungen schließt, die es zu Rom nicht wagen durften, die Aegypterin in günstigem Lichte zu zeigen.
      Billiger denkend als die meisten römischen Berichterstatter zeigt sich der Grieche Plutarch, der unserer Heldin auch zeitlich näher stand als Dio. Sein Großvater hatte sogar noch mancherlei von seinem Landsmanne Philotas, der während der glänzenden Tage, die Kleopatra und Antonius in Alexandria verschwelgten, sich als Student dort aufhielt, über beide gehört. Von allen Schriftstellern, die der Königin gedenken, ist er der zuverlässigste; doch auch seine Darstellung will mit Vorsicht benutzt sein. Der anschaulichen und eingehenden Schilderung, die Plutarch den letzten Lebenstagen unserer Heldin widmet, sind wir auch im einzelnen gefolgt. Sie trägt den Stempel der Wahrheit, und weit von ihr abzuweichen wäre Willkür gewesen.
      Die ägyptischen Quellen enthalten leider nichts, was für die Würdigung des Charakters der Kleopatra ins Gewicht fällt, wenn wir auch Bildnisse besitzen, die die Königin allein oder mit ihrem Sohne Cäsarion darstellen. Erst in jüngster Zeit (1892) ward das Fragment einer kolossalen Doppelstatue zu Alexandria gefunden, die kaum etwas anderes zur Anschauung bringen kann als Kleopatra Hand in Hand mit Antonius. Der obere Teil der weiblichen Gestalt blieb ziemlich gut erhalten und zeigt ein anmutig gebildetes, jugendliches Frauengesicht. Dem Befehle des Octavian, die Bildsäulen des Antonius zu vernichten, ist die männliche Figur wohl zum Opfer gefallen. Herrn 
      Dr. Walther in Alexandria danken wir eine gute photographische Wiedergabe dieser merkwürdigen Bildsäule. Außer ihr blieben verhältnismäßig wenige Werke der bildenden Kunst, zu denen wir hier auch die Münzen zählen, erhalten, die uns mit dem Aussehen unserer Heldin vertraut machen könnten.
      Muß es auch dem Dichter vor allem am Herzen liegen, seine Arbeit zum Kunstwerke zu gestalten, ist es ihm dabei doch geboten, nach Treue zu streben. Wie das Bild der Heldin ihrer wahren Persönlichkeit, so soll das Leben, das hier dargestellt wird, in jedem Zuge der Kultur der geschilderten Zeit entsprechen. Zu diesem Zwecke stellten wir die Heldin in die Mitte eines größeren Menschenkreises, auf den sie einwirkt, und der es gestattet, ihre Persönlichkeit in den verschiedensten Lebensbeziehungen darzustellen.
      Wäre es dem Verfasser gelungen, das Bild der merkwürdigen Frau, die so verschieden beurteilt wurde, nicht weniger »lebig« und glaubhaft zur Anschauung zu bringen, als es sich ihm selbst in die Vorstellung prägte, so dürfte er zufrieden der Stunden gedenken, die er diesem Buche widmete.
      
      Tutzing am Starnberger See, Oktober 1893
      Georg Ebers.
    



      Erstes Kapitel
      Der Baumeister Gorgias von Alexandria hatte den Sonnenbrand des ägyptischen Mittags ertragen gelernt. Obgleich er die Dreißig noch nicht überschritten, war er erst als Gehilfe des nunmehr verstorbenen Vaters, dann aber als sein Nachfolger der Leiter der großen Bauten gewesen, die Kleopatra zu Alexandria errichtete.
      Gerade jetzt war er mit Aufträgen überhäuft, und doch hatte er sich schon vor Feierabend hieher begeben, um einem dem Knabenalter kaum entwachsenen Jünglinge gefällig zu sein.
      Derjenige, dem er dies Opfer brachte, war freilich kein Geringerer als Cäsarion, der Sohn, den die Königin Kleopatra dem Julius Cäsar geschenkt. Antonius hatte ihn mit dem stolzen Namen eines »Königs der Könige« geehrt, und doch war es ihm keineswegs zu befehlen oder gar zu herrschen gestattet; denn die Mutter hielt ihn fern von der Regierung, und ihn selbst verlangte nicht nach dem Scepter.
      Gorgias hätte seinen Wunsch um so eher unberücksichtigt lassen können, je deutlicher es auf der Hand lag, daß er ihn über seine Umgebung hinweg zu sprechen wünsche. Es war dem Baumeister auch nicht im entferntesten bewußt, was Cäsarion ihm anzuvertrauen wünsche, und lange konnte er ihm in keinem Falle das Ohr leihen; denn die Flotte, die die Königin mit Marcus Antonius nach Griechenland geführt hatte, mußte wohl jetzt schon mit der des Octavian zusammengestoßen und auch zu Lande eine Schlacht geschlagen und das Schicksal der Welt entschieden worden sein.
      Er, Gorgias, glaubte an den Sieg des Antonius und der Königin und wünschte ihn dem hohen Paare von Herzen. Er mußte sogar handeln, als sei der Kampf schon zu seinen Gunsten entschieden; denn in seiner Hand ruhten die baulichen Vorbereitungen für den Empfang der Sieger, und heute noch galt es zu bestimmen, wo die Statue aufgestellt werden sollte, die den Antonius in kolossaler Größe Hand in Hand mit der königlichen Geliebten darstellte.
      Der Epitrop Mardion, ein Eunuch, der Kleopatra als Regent vertrat, und der Siegelbewahrer Zeno, der selten Widerspruch gegen ihn erhob, wünschten sie an einem andern Platze wie er aufgestellt zu sehen. Dem Wunsche der mächtigen Leiter des Staates stellte sich besonders der Umstand entgegen, daß es zu seiner Ausführung nötig gewesen wäre, das Grundstück eines Privatmannes in Anspruch zu nehmen. Daraus konnten Schwierigkeiten erwachsen, und das widerstand dem Gorgias. Aber auch als Künstler pflichtete er dem Plane des Mardion nicht bei; denn auf dem Grundstücke des Didymus hätte die Statue wohl am Meere gestanden, worauf es dem Regenten und dem Siegelbewahrer anzukommen schien, doch es wäre dort kein Hintergrund für sie zu beschaffen gewesen.
      Jedenfalls konnte der Baumeister jetzt die Ladung des Cäsarion benützen, um von dem Orte des Stelldicheins, den hohen Stufen des Isistempels aus, das Bruchium zu überschauen und nach dem rechten Platze für die Bildsäule zu suchen. Es lag ihm am Herzen, den geeignetsten zu finden; denn der Meister, der dies Kunstwerk geschaffen, war sein Freund gewesen und hatte kurz nach seiner Vollendung die Augen geschlossen.
      Das Heiligtum, von dem aus Gorgias dies Beobachtungswerk begann, lag an einer der schönsten Stellen des Bruchium, dem Quartier Alexandrias, aus dem die Königspaläste mit ihren ausgedehnten Annexen, die prächtigsten Tempel, außer dem in einem andern Stadtviertel gelegenen Serapeum, und die größten Theater sich erhoben, das Forum den Rat der macedonischen Bürger zu Versammlungen einlud und das Museum den Gelehrten eine Heimstätte bot.
      Man nannte den kleinen Platz, der den Isistempel im Osten begrenzte, den »Musenwinkel«, wegen der marmornen Frauenstatuen vor dem Thore des Hauses, das mit seinem großen Garten den Platz nach Norden und dem Meere hin abschloß und dem alten, angesehenen Gelehrten und Museumsmitgliede Didymus gehörte.
      Der Tag war heiß gewesen, und der Pronaos des Isistempels bot dem Baumeister willkommenen Schatten. Dies Heiligtum ruhte auf einem hohen Unterbau, und eine vielstufige Treppe führte zu der Cella empor. Es war dem Gorgias von hier aus weithin zu schauen gestattet.
      Die meisten Bauwerke, die sein Auge erreichte, stammten aus der Zeit des Alexander und seiner Nachfolger aus dem Hause der Ptolemäer, einige aber, und nicht die schlechtesten, waren sein, des Gorgias, eigenes Werk oder das seines Vaters. Das hob ihm das Herz, und die Brust des Künstlers füllte sich beim Anblick dieses Teils seiner Vaterstadt mit enthusiastischer Freude.
      Er war in Rom gewesen, hatte manche andere Stadt, die man zu den volkreichsten und prächtigsten zählte, gesehen; doch in keiner drängte sich auf engem Raum eine gleiche Fülle von herrlichen Kunstwerken zusammen.
      »Und nähme es einer der Himmlischen selbst auf sich,« dachte er, »für die Bewohner des Olymp eine Wohnstätte zu erbauen, die ihrer Größe und Schönheit entspräche, viel reicher und das künstlerische Bedürfnis, das wir ja als ihr Geschenk besitzen, besser und würdiger befriedigend könnte er sie auch nicht gestalten. An dem Strand eines solchen Meeres hätte er sie sicher errichtet.«
      Dabei beschattete er die scharf blickenden Augen mit der Hand, und er, der sonst dem einzelnen, das ihn in Anspruch nahm, die ganze Aufmerksamkeit zuwandte, gönnte sich heute den Genuß, das Gesamtbild auf sich einwirken zu lassen, zu dessen letzter Vollendung auch er das Seine gethan. Und wie er an jedem Tempel und Säulengange die beabsichtigte und schön zur Vollendung gelangte Harmonie der Formen und weiter die glückliche Zusammenstellung der einzelnen Bauten und Bildsäulen mit dem Kennerauge erfaßte, sagte er sich tief atmend, seine Kunst sei doch die herrlichste und das Bauen von allen königlichen Vergnügen das höchste.
      Und die Fürsten, die hier seit dreihundert Jahren für eine Umgebung ihrer Paläste Sorge getragen, die der Größe ihrer Macht wie der Ueberfülle ihres Reichtums entsprechen und ihrer Ehrfurcht vor den Göttern und ihrer Freude am Schönen und an der Kunst greifbare Gestalt geben sollte, hatten sicherlich das Gleiche gedacht. Kein Königsgeschlecht auf Erden durfte sich einer herrlicheren Wohnstätte rühmen. Das sagte sich der Baumeister, während das tiefe Blau des Meeres und des Himmels sich mit dem Lichte der Sonne verband, um, was Kunst und Witz der Menschen hier mit unerschöpflichen Mitteln geschaffen, zur vollen Geltung zu bringen.
      Das Warten, das der Vielbeschäftigte sonst schwer ertrug, ward hier und zu dieser Stunde zum Vergnügen; denn die Strahlen, die dem Diadem des Königs Sonne nach allen Seiten hin verschwenderisch entströmten, übergossen die tausend weißen Marmorsäulen an den Tempeln und Wandelgängen immer noch mit leuchtendem Glanzlicht und spiegelten sich in den Flächen des polirten Granits der Obelisken und in den nicht minder glatten Wänden von weißem, gelbem und grünem Marmor, von Syenit und braunem gesprenkeltem Porphyr an Heiligtümern und Palästen. Sie schienen die bunten Mosaikbilder, die jeden Fuß breit des Bodens bedeckten, wo keine Fahrstraße ihn durchschnitt und kein Baum ihn beschattete, schmelzen zu wollen und prallten zurück von dem flimmernden Metall oder der glatten Glasur der bunten Ziegel an den Dächern der Tempel und Häuser. Hier glitten sie blitzschnell an dem metallenen Zierat hin, dort schienen sie mit dem Glanze der vergoldeten Kuppeln zu kämpfen, der den ihren überbot, dort wieder verliehen sie dem edlen Grün der mit Patina überzogenen Bronzeflächen den leuchtenden Glanz des Smaragdes. In Lasurstein und Korallen schienen sie die blau und rot gefärbten Glieder der weißen Marmortempel und in Topas ihren vergoldeten Schmuck zu verwandeln. Die Gemälde auf dem musivischen Boden der Plätze und an den Innenwänden der Säulengänge hoben sich jetzt doppelt wirkungsvoll ab von den hellen Marmormassen, die sie umgaben und die es den Malereien zu danken hatten, wenn sie dem Auge statt blendender Eintönigkeit anziehenden Wechsel boten.
      Und wie steigerte das Licht der Nachmittagssonne die Farbenpracht der Fahnen und Wimpel, die neben den Obelisken und ägyptischen Pylonen, über den Triumphbogen, den Tempeln und Palastpforten wehten! Doch auch das köstliche Purpurblau der Fahne über dem jetzt von den Kindern der Kleopatra bewohnten Palaste auf der Halbinsel Lochias ward von der Farbe des Meeres überboten, das am nahen Strande in dunklem Azur ruhte, während weiterhin ein tiefes und helleres Blau sich mit leis bewegten Streifen von sattem und weißlichem Grün mischte.
      Gorgias pflegte die Dinge ganz zu erfassen, denen er gestattete, auf sich einzuwirken, und wenn die Gewohnheit, jedes hervorragende Werk aus Menschen- oder Götterhand in Zusammenhang mit seiner Kunst zu bringen, ihm auch diesmal treu geblieben war, so hatte er doch, hingegeben dem Anblick des ihm so wohl bekannten Bildes, den Zweck seines Hierseins nicht vergessen.
      Nein, der Garten des Didymus war nicht der rechte Platz für das letzte Werk des Freundes!
      Als er die hohen Platanen, Sykomoren und Mimosen, die das alte Gelehrtenheim umgaben, noch einmal prüfend ins Auge faßte, ward es auf dem stillen Platze unter ihm laut; denn allerlei Volk strömte vor dem Hanse des Didymus zusammen, als gebe es dort etwas Besonderes zu sehen.
      Was mochten die Leute von dem zurückgezogenen Manne begehren?
      Aufmerksam spähte er hinüber, doch bald wandte er sich wieder um; denn von unten her klang ihm sein Name munter entgegen.
      Ein sonderbarer Aufzug hatte sich dem Tempel genähert. Einer kleinen Schar von Bewaffneten voran schritt ein kurz gewachsener, vierschrötiger Mann, dessen großes, von buschigem Gelock umwalltes Haupt ein doppelter Lorbeerkranz schmückte, und der lebhaft in einen jüngeren hineinsprach. Vor den Stufen des Heiligtums war er samt dem Gefolge stehen geblieben, um den Baumeister gleichfalls zu begrüßen. Dieser rief ihm einige freundliche Worte hinunter. Da machte der Bekränzte Miene, sich zu ihm hinauf zu begeben, sein Begleiter aber hielt ihn davon zurück, und nach einem kurzen Hinundher bot der ältere dem jungen Manne die Hand, warf das schwere Haupt zurück und zog, gespreizt wie ein Pfau, mit dem Gefolge weiter.
      Der andere schaute ihm achselzuckend nach und rief dann dem Gorgias die Frage zu, was er da oben von der Göttin begehre.
      »Deine Anwesenheit,« versetzte der Baumeister heiter.
      »So erweist Isis sich Dir gefällig,« lautete die Antwort, und gleich darauf schüttelten die jungen Männer einander herzlich die Hände.
      Sie waren beide gleich wohl und gleich hoch gewachsen; beider Gesicht und Antlitz zeugte für ihre rein griechische Herkunft, ja man hätte sie für Brüder halten können, wenn an dem Baumeister nicht alles derber und schlichter erschienen wäre als an dem andern, den er »Dion« und seinen Freund nannte.
      Als dieser die Stimme erhob, um den Bekränzten, der ihn eben verlassen, Anaxenor, den berühmten Zitherspieler, dem Antonius die Einkünfte von vier Städten geschenkt und gestattet hatte, sich eine Leibwache zu halten, mit lustigem Spotte zu überschütten, und Gorgias ihm dabei mit tieferer Stimme bald beipflichtete, bald ihn durch verständige Einwürfe zurückhielt, zeigte es sich deutlich, wie verschieden die gleich großen Alters- und Stammesgenossen waren.
      Wohl bekundeten beide eine für ihre Jahre ungewöhnliche Sicherheit; die des Baumeisters aber war die, die der Mann durch Arbeit und eigenes Verdienst erwirbt, die des Dion jene, die großer Besitz und eine bevorzugte Lebensstellung dem Unabhängigen schenken. Wer nicht wußte, daß Dion im Rate der Stadt durch das Schwergewicht seiner sorgfältig ausgearbeiteten Reden mehr als einmal, wo es ihm darauf angekommen war, den Ausschlag gegeben hatte, der wäre wohl geneigt gewesen, ihn für einen jener sorglosen Lebemänner zu halten, an denen es unter der goldenen Jugend Alexandrias nicht fehlte, während an dem Baumeister vom Blicke des Auges bis zu dem derberen Leder der Sandale alles für den Ernst der Gesinnung und die anspruchslose Tüchtigkeit des Wesens zeugte.
      Sie waren Freunde geworden, als Gorgias für den Dion an Stelle des alten Palastes seiner Familie einen neuen erbaut hatte. In langem geschäftlichem Verkehre kommt der eine dem andern nahe, wenn es sich nicht nur um Vorschrift und Ausführung handelt. Aber der Auftraggeber war in diesem Falle nur der Wünschende und zu Beratende, der Künstler aber der warmherzige Freund gewesen, dem es darauf ankommt, sein Bestes daran zu setzen, um zu verwirklichen, was dem andern als das höchste Erreichbare vorschwebt. So waren sie einander wert und endlich schwer entbehrlich geworden. Wie der Baumeister in dem reichen jungen Weltmanne vieles entdeckt hatte, was er nicht in ihm vermutet, so war jener freudig überrascht gewesen, in dem Künstler mit dem gediegenen Ernst einen guten Gesellen zu finden, dem es – das machte ihm den Freund erst recht lieb – keineswegs an Schwächen fehlte.
      Als der Palast zur Zufriedenheit des Dion und als vielgepriesene Zierde der Stadt vollendet war, gewann die Freundschaft der jungen Männer eine neue Gestalt, und es wäre schwer zu sagen gewesen, wem sie mehr geboten habe.
      Vorhin war Dion von dem Zitherspieler aufgehalten worden, dem es um die Bestätigung der Nachricht zu thun war, daß die vereinte Streitmacht des Antonius und der Kleopatra einen großen Sieg zu Wasser und zu Lande erfochten habe.
      In dem Speisehause zu Kanopus, wo er gefrühstückt, sei alles voll von der frohen Kunde gewesen, und man habe viel Wein auf das Wohl der Sieger und den Untergang ihres tückischen Feindes getrunken.
      »Mich,« rief Dion, »hält in dieser Zeit nicht nur ein Schwachkopf wie der Zitherspieler für allwissend, sondern auch mancher Verständige. Und weswegen? Weil ich der Neffe des Siegelbewahrers Zeno bin, der selbst verzweifeln möchte, weil er nichts weiß, auch nicht das Geringste.«
      »Doch er steht dem Regenten am nächsten,« bemerkte Gorgias, »und wenn einer, so muß er doch erfahren, wie es um die Flotte bestellt ist.«
      »Auch Du!« seufzte der andere. »Hätte ich so viel auf Gerüst und Mauer hoch über dem Boden zu stehen wie Du, der Architekt, – beim Hunde, es wäre mir nicht entgangen, woher der Wind weht. Von Süden bläst er nun schon volle vierzehn Tage und hält die von Norden kommenden Schiffe zurück. Nichts weiß der Regent, gar nichts, und der Oheim natürlich ebensowenig. Wenn sie aber dennoch etwas wissen, sind sie klug genug, meine Kenntnisse nicht damit zu bereichern.«
      »Es gehen freilich auch andere Gerüchte,« sagte der Baumeister bedenklich. »Wenn ich an der Stelle des Mardion wäre ...«
      »Danke den Olympiern, daß Du es nicht bist.« lachte der andere. »Er steckt in Sorgen wie der Fisch in den Schuppen. Und die eine, die größte ... Der Grünschnabel Antyllus verbrannte sich damit gestern bei der Barine die Lippen. Armer Schelm! Daheim bekam er es sicher mit dem Hofmeister zu thun.«
      »Du meinst die Bemerkung über die Anwesenheit der Königin bei der Flotte?«
      »Pst!« unterbrach ihn hier Dion und legte den Finger auf den Mund; denn viele Männer und Weiber erstiegen die Stufen des Tempels. Mehrere trugen Blumen und Kuchen in der Hand, und auf den Zügen der meisten sprach frohe Herzensbewegung. Auch ihnen war eine Siegesnachricht zu Ohren gekommen, und sie wünschten nun der Göttin zu opfern, die Kleopatra, »die neue Isis«, allen anderen vorzog.
      In dem ersten Vorraume des Heiligtums ging es lebendig her. Man hörte das Zusammenklingen der Ringe am Sistrum und den murmelnden Gesang priesterlicher Stimmen. Der stille Pronaos des kleinen Heiligtums der Göttin, das hier in dem griechischen Palästeviertel so wenig besucht wurde, wie der große Isistempel in der Rhakotis überfüllt zu sein pflegte, war jetzt ein möglichst ungünstiger Platz für ein Stelldichein von Männern geworden, die den Leitern des Staates so nahe standen. Was Antyllus, der neunzehnjährige Sohn des Antonius, bei der Barine, einer schönen jungen Frau, deren Haus alles anzog, was unter der Männerwelt Alexandrias etwas galt, gestern abend über die Königin gesagt, war um so unvorsichtiger gewesen, je mehr es der Meinung der Verständigen entsprach. Der leichtfertige Jüngling hing mit schwärmerischer Verehrung an dem Vater, Kleopatra aber, die Geliebte und in den Augen der Aegypter die Gemahlin des Antonius, war nicht seine Mutter. Fulvia, die erste Gattin seines Vaters, hatte ihm das Leben gegeben, er fühlte sich Römer und wäre tausendmal lieber am Tiber gewesen als hier. Dazu stand es fest, und die treuesten Freunde seines Vaters machten daraus kein Hehl, daß die Anwesenheit der Königin beim Heere den Antonius störe und den frischen Wagemut des kühnen Reitergenerals beeinträchtigen müsse. Das hatte Antyllus mit der ihm eigenen, vom Vater ererbten unvorsichtigen Offenheit vor allen Gästen der Barine ausgesprochen, und zwar in einer Form, die zu Alexandria, wo man dergleichen liebte, nur zu schnell Verbreitung finden konnte.
      Zu den bescheidenen Leuten, die die Siegesbotschaft in den Tempel zog, drang dergleichen langsam, doch mancher mochte den Namenskönig Cäsarion kennen, den der Baumeister hier erwartete. Es schien deswegen geraten, den Sohn der Königin am Fuße der Treppe zu empfangen. Beide stiegen darum auf den Platz hinab; doch das Aufundniederschreiten wurde ihnen von den Leuten, die hier den Tempel aufsuchten, dort vor dem Hause des Gelehrten immer zahlreicher zusammenströmten, erschwert.
      Es verlangte beide, zu wissen, ob sich das Gerücht, man wolle dem Didymus den Garten nehmen, um die Statue dort aufzustellen, schon verbreitet habe, und die ersten Fragen lehrten, daß es sich in der That so verhalte. Es hieß sogar, das Haus des Gelehrten solle abgerissen werden, und zwar schon in einigen Stunden. Dagegen erhob sich heftiger Widerspruch; doch ein lang aufgeschossener Mann schien es auf sich genommen zu haben, das gewaltthätige Vorgehen der Machthaber zu verteidigen.
      Die Freunde kannten ihn wohl. Es war der Syrer Philostratus, ein geschickter Stegreifredner und Volksaufwiegler, der die schlechtesten Ansprüche verteidigte und die gewandte Zunge demjenigen zur Verfügung stellte, der am besten bezahlte.
      »Jetzt,« sagte Dion.,»steht der Wicht wohl im Dienste meines Oheims. Der Gedanke, das Bildwerk da drüben aufzustellen, kommt ja von ihm, und ihn von dergleichen abzubringen hält schwer. Hier wird es sich dazu um verborgene Nebenzwecke handeln. Daß sie gerade den Philostratus kauften! Ob der Anschlag nicht gar mit der Barine zusammenhängt, deren Gatte der Sachwalter doch leider war, bevor er sie verstieß.«
      »Verstieß!« fiel ihm Gorgias ungehalten ins Wort. »Wie das klingt! Er that es freilich; doch um ihn dazu zu bewegen, opferte die Beklagenswerte die Hälfte des schönen Vermögens, das ihrem Vater der Pinsel eingebracht hatte und mehr. So gut wie ich weißt Du, daß ihr das Leben an der Seite dieses Elenden unerträglich wurde.«
      »Ganz recht,« versetzte Dion gelassen. »Da ganz Alexandria bei ihrem Gesange des Jalemos am Adonisfeste in Bewunderung zerschmolz, bedurfte sie des erbärmlichen Gefährten nicht länger.«
      »Wie kann es Dich nur freuen, auf die Frau, die Du gestern noch tadellos nanntest, anmutig, einzig, wo es nur angeht, solche Schatten zu werfen?«
      »Damit das helle Licht, das von ihr ausgeht, Dir die Augen nicht ganz und gar blende. Ich weiß, wie empfindlich sie sind.«
      »So schone sie, statt sie zu reizen. Uebrigens gibt Deine Vermutung zu denken. Barine ist die Enkelin des Mannes, dem sie an den Garten wollen, und der Sachwalter flickt beiden wohl gern etwas am Zeuge. Aber ich verderbe ihm das Spiel. An mir ist es, den Platz für die Statue zu bestimmen.«
      »An Dir?« unterbrach ihn der andere. »Wenn sich kein Mächtigerer vor Dich hinstellt. Ich wollte den Oheim schon gewinnen, aber auch vor ihm steht noch dieser und jener. Die Königin ist zwar fort; doch Iras, deren Befehle auch nicht in der Lust verhallen, sagte mir noch heute morgen, sie habe über die Ausstellung der Bildsäule eigene Gedanken.«
      »So bist Du es,« rief der Baumeister, »der den Philostratus hieher führt!«
      »Ich?« frug der andere erstaunt.
      »Ja, Du!« versicherte Gorgias. »Sagtest Du mir nicht selbst, daß Iras, mit der Du als Knabe spieltest, Dir jetzt unbequem werde, weil sie jeden Deiner Schritte belauere? Und dann ... Du bist ein fleißiger Besucher Barines, und sie zieht Dich uns allen so sichtlich vor, daß es Iras leicht zu Ohren gekommen sein könnte.«
      »Wie Argos hundert, so hat die Eifersucht tausend Augen im Kopfe,« unterbrach ihn der Freund, »und doch will ich nichts von Barine, als in dieser langweiligen Zeit des Wartens, wenn der Tag sich neigt, zwei angenehme Stunden. Gleichviel! Iras – das ist die Meinung – hörte, die gefeierte Frau sei mir gewogen. – Iras ist mir selbst ein wenig gut, und darum kaufte sich die nämliche Iras den Philostratus. Sie ließ es sich etwas kosten, um derjenigen, die sich zwischen sie und mich stellt, oder doch um dem alten Manne, der das Glück oder Unglück hat, der Großvater ihrer Nebenbuhlerin zu sein, etwas Uebles zuzufügen? Nein, nein. Das wäre zu niedrig! Und – glaube mir! – wenn Iras eine Barine zu Grunde richten wollte, sie brauchte dafür keinen so langen und häßlichen Umweg. Außerdem ist sie nicht gerade bös. Oder ist sie es dennoch? Ich weiß nur, daß sie, wo es etwas für die Königin zu erreichen gilt, auch bedenkliche Mittel nicht scheut, und ferner, daß einem bei ihr die Stunden besonders schnell verfliegen. Ja, Iras, Iras ... Ich spreche den Namen gern aus. Und ich liebe sie doch nicht, und sie – sie liebt nur sich selbst, und, das können wenige von sich sagen, eine zweite noch mehr. Was gilt ihr die Welt, was gelte ich ihr neben der Königin, dem Abgott ihres Herzens? Seit sie fort ist, kommt sie sich vor wie die verlassene Ariadne, – wie ein junges Reh, das sich von der Mutter verirrte. Aber warte einmal, sie hat da die Hand vielleicht doch mit im Spiele; die Königin vertraut ihr wie einer Schwester, wie der eigenen Tochter. Niemand weiß, was sie und die Charmion ihr sind. Kammerfrauen werden sie genannt, und Herzensfreundinnen sind sie der Herrin. Als Kleopatra Iras beim Aufbruch der Flotte hier lassen mußte, – sie lag damals im Fieber – befahl sie ihr, auf die Kinder zu achten. Auch auf die mit dem sprossenden Barte: den ›König der Könige‹, Cäsarion, dem der Hofmeister für jeden Ungehorsam eins mit dem Scepter versetzt, und den unbändigen Burschen Antyllus, der sich an den letzten Abenden zu unserer Freundin drängte.«
      »Antonius, der eigene Vater, führte ihn zu ihr.«
      »Ganz recht, und Antyllus brachte ihr den Cäsarion. Das geht der Iras gegen den Strich, wie alles, was der Königin Verdruß bereiten könnte. Barine ist ihr, um Kleopatras willen, der sie ein Aergernis sparen will, unbequem und vielleicht um meinetwegen ein wenig verhaßt. Nun läßt sie dem Alten, den Barine liebt, ihrem Großvater, etwas anthun, das die verwöhnte, unvorsichtige Frau kaum ruhig hinnehmen und das sie reizen wird, eine Thorheit zu begehen, die etwas gegen sie zu unternehmen gestattet. Ans Leben will Iras ihr kaum, doch sie denkt vielleicht an Verbannung oder dergleichen. Sie kennt die Menschen so gut wie ich sie, das Nachbarkind, kenne, das ich manches liebe Mal von dem Baume heben mußte, auf den das katzenflinke Ding sich damals verklettert.«
      »Ich brachte Dich ja selbst auf diese Vermutung, doch so unwürdige Ränke trau' ich ihr dennoch nicht zu,« fiel ihm Gorgias ungläubig ins Wort.
      »Was ich ihr zutraue?« fragte der andere lebhaft. »Ich versetze mich nur in Gedanken an den Hof und in die Seele des Weibes, das dort mithilft, Regen und Sonnenschein zu machen. Du läßt Säulen runden und Balken behauen, damit sie später das Dach tragen, auf das Du die Aufmerksamkeit richten wirst, wenn die Zeit dazu kommt. Sie und alle, die bei Hofe mitzusprechen haben, fassen das Dach zuerst ins Auge, und dann suchen sie gleichviel was zusammen, um es in die Höhe zu bringen und zu stützen. Es können auch Leichen dabei sein, vernichtete Existenzen und gebrochene Herzen. Worauf es ankommt, ist, daß das Dach so lange stehen bleibt, bis es der Bauherr – die Königin – sah und für gut erklärte. Das andere ... Aber der Wagen dort ... Er bringt wohl ... Du wolltest ...«
      Hier stockte er, legte die Hand auf den Arm des Freundes und raunte ihm hastig zu: »Die Iras steckt sicher dahinter, und es ist nicht der Antyllus, sondern nur der kopfhängerische Knabe dort, für den sie sich regt. Als sie vorhin von der Statue sprach, frug sie in gleichem Atem nach ihm und ob ich ihn vorgestern abend gesehen, und gerade vorgestern war auch er bei der Barine. Auf sie ist der Anschlag gemünzt, und Iras macht ganze Arbeit. Die Maus fängt sich nicht, wo die Falle verschlossen ist, und Iras erhebt schon die kleine Hand, um sie zu öffnen.«
      »Wenn sie keine Männerhand aushält,« versetzte der Baumeister unwillig und wandte sich dann dem Wagen und dem älteren Manne zu, der ihm eben entstiegen war und jetzt geradewegs auf die Freunde zuschritt.
    



      Zweites Kapitel
      Dion wollte sich bescheiden entfernen, als der Begleiter des Cäsarion auf ihn und den Freund zutrat und sie begrüßte. Er war mit beiden vertraut und bat auch jenen, zu bleiben. Es lag etwas Gemessenes und Abgeklärtes in der Stimme und den ruhigen Bewegungen dieses großen, breitschulterigen Mannes mit dem starken Körper und den mächtig entwickelten Gliedern. Zwar stand er erst in der Mitte der Vierziger, doch wies nicht nur sein ergrautes großes Haupt, sondern auch die ganze gelassene, Achtung gebietende Weise auf ein höheres Alter.
      »Der junge König dort,« begann er mit einer Stimme von tiefem, einnehmendem Klang, indem er auf den Wagen wies, »wünschte Dich, mein Gorgias, hier persönlich zu sprechen, doch auf meinen Rat unterläßt er es, sich unter der Menge zu zeigen. Ich führe ihn im geschlossenen Wagen hieher. – Ist es Dir genehm, so steige zu ihm ein und höre ihn an, während ich mich hier umschaue. Es scheinen merkwürdige Dinge vorzugehen – und da – oder täusche ich mich? Ist das Ungetüm, das da herangeschleppt wird, etwa schon die Statue der Königin und ihres Freundes? Warst Du es selbst, Gorgias, der diesen Platz für sie wählte?«
      »Nein,« entgegnete der Baumeister bestimmt. »Dieser Transport wurde sogar über mich hin und gegen meinen Willen befohlen.«
      »Das dachte ich,« erwiderte der andere. »Cäsarion wünscht Dich gerade wegen dieser Bildsäule zu sprechen. Kannst Du ihre Aufstellung auf dem Grund und Boden des Didymus verhindern, – um so besser. Was an mir liegt, thue ich gern, um Dir Beistand zu leisten; doch in Abwesenheit der Königin vermag ich nur wenig.«
      »Was soll ich dann über meinen Einfluß sagen?« frug der Baumeister. »Wer weiß denn in dieser Zeit auch nur, ob der Himmel morgen blau sein wird oder grau? Nur eins steht bei mir fest: Was an mir liegt, das soll geschehen, um diese Schädigung eines achtbaren Bürgers, diesen Eingriff in das Gesetz unserer Stadt und dazu eine Kränkung des guten Geschmackes zu verhindern.«
      »Sage das dem jungen Könige, doch auch das nur mit Vorsicht,« bat Archibius, während der Baumeister sich wandte, um dem Wagen entgegenzuschreiten.
      Sobald Dion und der ältere Mann allein waren, suchte sich jener über den Grund des wachsenden Aufruhrs zu unterrichten, und da er wie jeder wohlgesinnte Alexandriner den Archibius hochhielt und es ihm bekannt war, daß er mit dem Besitzer des gefährdeten Gartens und darum auch mit seiner Enkelin Barine bekannt sei, vertraute er ihm rückhaltlos, was er besorgte.
      »Iras,« sagte er in seiner offenen Weise, »ist ja Deine Nichte, doch weiß ich, daß Du sie kennst. Jetzt gefällt es ihr, einer, der sie übel gesinnt ist und die sie für unvorsichtig hält, einen goldenen Apfel in den Weg zu legen, damit sie ihn auflese und ihr Anlaß gebe, sie als Diebin zu verklagen.«
      Als ihn der fragende Blick des Archibius bei diesem Gleichnisse traf, änderte er den Ton und fuhr ernster fort: »Zeus ist groß, doch über ihm steht das Schicksal. Mein Oheim Zeno vermag viel, wenn aber Iras und Deine Schwester Charmion, die jetzt leider bei der Königin weilt, etwas durchzusetzen wünschen, so streicht er wie der Regent Mardion die Segel. Je liebenswerter Kleopatra ist, desto gewisser hält jeder den Platz in ihrer Nähe höher als alles andere, und besonders höher als solche Kleinigkeiten wie Recht und Gesetz.«
      »Das sind harte Worte,« unterbrach ihn der andere, »und sie scheinen mir um so bitterer, einen je größeren Kern von Wahrheit sie enthalten. Unser Hof teilt das Geschick jedes andern im Morgenlande, und wem Rom früher das Beispiel gab, Recht und Gesetz heilig zu halten ...«
      »Der,« fiel ihm Dion ins Wort, »mag jetzt dorthin gehen, um zu erfahren, wie roh man beide mit Füßen tritt. Die Machthaber hier und dort dürfen über einander lächeln wie die Auguren. Es sind gleiche Brüder ...«
      »Doch mit dem Unterschiede,« bemerkte Archibius, »daß an der Spitze unseres Gemeinwesens die Liebenswürdigkeit und Anmut in eigener Person stehen, während in Rom das Gegenteil davon: rauhe Härte und blutiger Uebermut oder auch widrige Kriecherei die Zügel führen.«
      Hier unterbrach Archibius sich selbst und wies auf eine Schar von schreienden Leuten, die auf sie zukam; Dion aber sagte: »Du hast recht. Verschieben wir dies auf ein Gespräch im Hause der anmutigen Barine. Aber ich treffe Dich dort nur selten, und doch standest Du ihrem Vater so nahe, und es gibt stets etwas Förderliches bei ihr zu hören. Ich bin ihr Freund. Das könnte in meinem Alter leicht so viel heißen wie ihr Geliebter. Doch in unserem Falle würde die Gleichung nicht stimmen. Vielleicht glaubst Du mir; denn Du hast ja selbst das Recht, Dich den Freund der verführerischsten aller Frauen zu nennen.«
      Da flog ein wehmütiges Lächeln über das ernste, derb geschnittene Antlitz des Vierzigers, und indem er die Hand wie zur Abwehr bewegte, entgegnete er leichthin:
      »Ich wuchs mit Kleopatra heran, aber der geringe Mann liebt eine Königin nur wie die Gottheit. An Deine Freundschaft mit Barine glaube ich gern, doch halte ich sie für gefährlich.«
      »Wenn Du damit meinst, sie könne der liebenswerten Frau schaden,« versetzte Dion und erhob das Haupt höher, wie um anzudeuten, daß er auch von ihm keiner Warnung bedürfe, »bist Du vielleicht im Rechte. Nur bitte ich Dich, mich nicht mißzuverstehen. Ich bin nicht eitel genug, um anzunehmen, ich könne ihrem Herzen etwas anthun; doch leider gibt es viele, die der jungen Frau die Anziehungskraft nicht verzeihen, die sie auf mich übt wie auf uns alle. So viele Männer das Haus der Barine gern besuchen, so viele Weiber muß es mit Notwendigkeit geben, denen es Freude machen würde, es zu schließen. Zu ihnen gehört natürlich auch Iras. Sie grollt meiner Freundin, ja ich fürchte, was Du dort drüben siehst, ist der Apfel, den sie hinwarf, um sie damit wenn nicht zu verderben, so doch aus der Stadt zu entfernen, bevor die Königin – mögen die Götter ihr Sieg verleihen! – bevor Kleopatra heimkehrt. Du kennst Iras, die ja Deine Nichte. Wie Deine Schwester Charmion scheut sie sich vor nichts, wenn es gilt, der Königin eine Sorge oder einen Verdruß aus dem Wege zu räumen, und es wird Kleopatra schwerlich erfreuen, wenn sie hört, daß die beiden Knaben, deren Wohl ihr am Herzen liegt, Antyllus wie Cäsarion, den Weg zu einer Barine – wie rein ihr Ruf auch sein mag – fanden.«
      »Ich erfuhr es vorhin,« entgegnete Archibius, »und auch mich macht es besorgt. Der Sohn des Antonius hat viel von der unersättlichen Genußlust des Vaters. Aber Cäsarion! Er wagte sich noch nicht aus dem Traumdasein, das ihn umfängt, hinaus in das Leben. Was andere kaum wahrnehmen, schlägt ihm eine Wunde. Für ihn spitzt Eros, fürcht' ich, tief ins Herz dringende Pfeile. Als er bei mir vorsprach, fand ich ihn seltsam verändert. Wie einem Trunkenen leuchteten ihm die Träumeraugen, als er von Barine erzählte. Ich fürchte, ich fürchte –«
      »Das wäre!« rief Dion überrascht, ja beinahe erschreckt. »Wenn es so steht, ist Iras nicht völlig im Unrecht, und wir haben die Sache anders zu wenden. Vor allen Dingen muß verschwiegen bleiben, daß Cäsarion sich in die Angelegenheit des alten Hausbesitzers da drüben einmischt. Daß man dem Greise zu erhalten sucht, was sein ist, versteht sich von selbst, und ich nehme es auf mich und will dem Stegreifredner – sieh nur, wie der Prahlhans im Dienste der Iras die Arme schwingt! – heimzuleuchten versuchen. Was die Barine angeht, wird es gut thun, sie zu bewegen, freiwillig die Stadt zu verlassen, wo man ihr den Boden so heiß macht. Du, würdiger Mann, suche sie dahin zu bringen. Wenn ich ihr mit solchem Ansinnen käme, ich, der ich erst gestern ... Nein, nein! Sie hörte ohnehin, daß Iras und ich ... Sie würde allerhand Thorheiten vermuten. Du kennst die Eifersucht. Auf Dich, den sie hochhält, hört sie gewiß, ich weiß es, und sie braucht sich ja nicht weit zu entfernen. Ist das Herz dieses schwärmerischen Knaben, dem es doch einmal einfallen könnte, nicht nur ›der König der Könige‹ heißen zu wollen, ernstlich für die Barine entbrannt, wie schweres Unheil kann daraus entstehen! Wir müssen sie vor ihm in Sicherheit bringen. Auf mein Landgut unter den Papyruspflanzungen bei Sebennytus darf sie nicht. Es käme den bösen Zungen gar zu gelegen. Aber Du ... Deine Villa bei Kanopus ist freilich zu nahe – aber Du hast ja, wenn ich nicht irre –«
      »Mein Gut im Seeland ist weit genug entfernt, und es steht ihr zur Verfügung,« versetzte der andere. »Das Haus ist immer zu meiner Aufnahme bereit; ich werde das Meine thun, um sie zu überreden; denn Dein Rat ist verständig. Aus den Augen muß sie dem Knaben!«
      »Ich aber,« fuhr Dion eifrig fort, »werde mich morgen von dem Erfolge Deiner Sendung unterrichten; – ja schon heute abend. Willigt sie ein, so erzähle ich der Iras wie von ungefähr, daß sie nach Oberägypten gehe, um frische Milch zu trinken. Sie ist klug, und es wird ihr lieb sein, wenn sie sich in dieser Zeit, die über das Geschick Kleopatras und der Welt entscheiden soll, dergleichen Kleinigkeiten fern halten kann.«
      »Auch meine Gedanken sind bei dem Heere immer und immer,« sagte Archibius. »Wie nichtig ist alles andere neben der Entscheidung, die uns in diesen Tagen bevorsteht! Aber das Leben setzt sich aus Kleinem zusammen. Das nährt und tränkt und erhält uns! Kehrt die Königin auch als Siegerin heim und findet den Cäsarion auf falschen Wegen ...«
      »Man muß sie ihm verschließen!« rief der andere.
      »Damit der Knabe der Barine nicht nachreist, meinst Du?« frug Archibius und schüttelte leise das Haupt. »Das, denk' ich, haben wir nicht zu besorgen. Er wird dergleichen wohl lebhaft genug begehren, doch zwischen dem Verlangen und dem Vollbringen fließt bei ihm ein breiter Strom. Der Antyllus ist anders geartet. – Er wäre im stande, sich das Pferd satteln oder an einem Boote die Segel ausspannen zu lassen, um ihr nachzueilen, – thut es not, bis über den Katarakt. Darum müssen wir auch aufs strengste verschweigen, wohin Barine sich freiwillig verbannt.«
      »Ich sehe sie noch nicht unterwegs,« fügte Dion mit einem leisen Seufzer hinzu. »Sie hängt an dieser Stadt wie mit Ketten und Banden.«
      »Ich weiß es,« bestätigte der ältere die Befürchtung des jüngeren Mannes; dieser aber wies auf den Wagen und sagte schnell und dringlich:
      »Gorgias winkt. Doch bevor wir scheiden: setze alles daran, Barine von hier zu entfernen. Sie ist ernstlich bedroht. Verschweige ihr nichts und sage ihr, allzu lange würden die Freunde sie nicht in der Einsamkeit lassen.«
      Da drohte Archibius dem Jünglinge mit der Hand und einem vielsagenden Blicke und trat mit ihm dem verschlossenen Wagen entgegen.
      Das wohlgeformte, doch blasse Gesicht des Cäsarion, das dem seines Vaters, des großen Cäsar, Zug für Zug gleich sah, schaute ihnen aus der Oeffnung über dem Schlage entgegen, und er begrüßte beide mit einer gemessenen Neigung des Hauptes und einem gönnerhaften Aufschlag der Augen. Sie hatten vorhin, als er den älteren Freund nach Wochen wieder sah, in knabenhafter Weise hell ausgeleuchtet, dem Fremden aber wünschte er sich als König zu zeigen. Er wollte ihm zu fühlen geben, wie hoch er über ihm stehe; denn er war ihm übel gesinnt. Hatte er ihn doch von der Frau bevorzugen sehen, die er zu lieben meinte und deren Besitz ihm die geheime Wissenschaft der Aegypter, an deren Macht, die Zukunft zu entschleiern, er glaubte, mit aller Bestimmtheit zugesagt hatte.
      Durch Antyllus, den Sohn des Antonius, war er bei Barine eingeführt worden, und sie hatte ihn mit der seinem Range gebührenden Berücksichtigung empfangen. Der von reifen und hervorragenden Männern umworbenen jungen Frau von seiner Liebe zu reden, hatte ihm indes trotz ihrer heiteren Anmut knabenhafte Schüchternheit bisher verboten. Nur seine feucht schimmernden, ausdrucksvollen Augen hatten ihr alles sagen sollen, was er für sie fühlte. Es war wohl auch nicht unbemerkt geblieben; denn vor wenigen Stunden war er vor dem Tempel des Cäsar, seines Vaters, wohin er sich bei der strengen, seinem Leben ausgelegten Ordnung jeden Tag zur nämlichen Stunde begab, um zu beten, zu opfern, den Stein des Altars zu salben oder die Bildsäule des Dahingegangenen zu bekränzen, von einer Aegypterin aufgehalten worden.
      Augenblicklich hatte er in ihr die Sklavin erkannt, die er im Atrium Barines gesehen, und dem Gefolge zurückzubleiben geboten.
      Zum Glück war sein Hofmeister Rhodon der Pflicht, ihn zu begleiten, nicht nachgekommen. Darum hatte er es wagen dürfen, ihr zu folgen und im Schatten der Mimosen des kleinen Haines neben dem Tempel die Sänfte Barines gefunden. Hochklopfenden Herzens und voll banger Erwartung war er ihrem Winke, näher zu treten, gefolgt. Doch sie hatte ihm nichts gewährt als die Gunst, ihr einen Wunsch zu erfüllen. Aber das Herz war ihm doch voll zum Zerspringen gewesen, als sie mit dem schönen weißen Arm aus der Thür der Sänfte ihm mitgeteilt hatte, es sei ungerechterweise im Werke, ihrem Großvater Didymus den Garten zu nehmen, und sie erwarte von ihm, daß er, der ja »der König der Könige« heiße, das Seine thun werde, um solchem Frevel zu wehren.
      Während sie sprach, hatte es ihn Mühe gekostet, den Sinn ihrer Rede zu erfassen; denn es hatte ihm vor den Ohren gebraust, als stehe er statt in dem stillsten der Tempelhaine an einem stürmischen Tage auf der von der Brandung umrauschten Spitze der Lochias. Die Augen zu ihr auszuschlagen und ihr ins Antlitz zu schauen, hatte er nicht gewagt. Erst als sie mit der Frage, ob sie auf seinen Beistand hoffen dürfe, zu Ende gekommen, hatte ihr Blick den seinen gezwungen, ihm standzuhalten, und was hatte er dabei aus ihren blauen, bittenden Augen nicht alles herauszulesen gemeint, wie unsagbar schön war sie ihm erschienen!
      Wie von Sinnen hatte er ihr gegenüber gestanden. Er wußte nur noch, daß er ihr mit der Hand auf dem Herzen versprochen, alles einzusetzen, um zu verhindern, was ihr Kummer zu bereiten drohe. Dann war ihm die kleine Hand mit den blitzenden Ringen wieder entgegengestreckt worden, und er war fest entschlossen gewesen, sie zu küssen, doch während er sich nach dem Gefolge umschaute, hatte sie schon den Sklaven und ihm gewinkt, und die Sänfte war fortgetragen worden.
      Da hatte er denn dagestanden wie der Mann auf einer alten Vase der Mutter, der verdutzt dem fortfliegenden Glücke nachschaut, das er so leicht an dem ihm lang nachwehenden Haar hätte festhalten können ... Er grollte der unseligen Unentschlossenheit, die ihn schon um so viel Gutes betrogen. Doch es war ja noch nichts verloren. Wenn es ihm gelang, ihren Wunsch zu erfüllen, dann mußte sie ihm dankbar sein, und dann ...
      Nun dachte er nach, an wen er sich wenden könnte. An Mardion, den Regenten, oder an den Siegelbewahrer? Nein! Sie hatten ja die Aufstellung der Statue im Garten des Philosophen angeordnet. An Iras, die Vertraute der Mutter? Das am letzten! Die Listige hatte ihn durchschaut und dem Regenten, was sie wahrgenommen, verraten. Ja, wenn Charmion, die andere Kammerfrau der Mutter, hier gewesen wäre; doch sie befand sich ja mit auf der Flotte, die vielleicht heute schon gegen die des Feindes kämpfte.
      In der Erinnerung daran schlug er die Augen nieder; denn es war ihm nicht gestattet worden, den ihm gebührenden Platz im Heere einzunehmen, während die Mutter und Charmion ... Doch er dachte diesen peinlichen Gedanken nicht aus; denn ein ernster Vorwurf hatte sich ihm aufgedrängt und ihm das Blut in die Wangen getrieben. Er, er wollte ein Mann sein, und in dieser großen Zeit, in diesen Tagen, die das Geschick der Mutter, seiner Vaterstadt, Aegyptens und jenes Rom entscheiden sollten, das man ihn, den einzigen Sohn des Cäsar, als sein Erbe zu betrachten lehrte, schlich er sich zu einer schönen Frau und dachte an sie und an nichts weiter! Mit haltlosen Anschlägen auf ihren Besitz verbrachte er die Tage und halben Nächte und vergaß darüber, was ihm allein hätte am Herzen liegen sollen.
      Iras hatte ihm noch gestern mit scharfen Worten vorgehalten, daß es in diesen Tagen für jeden Freund Kleopatras und jeden Feind ihrer Feinde Pflicht sei, wenigstens in Gedanken jederzeit beim Heere zu weilen.
      Daran hatte er sich wieder erinnert; statt aber der Mahnung des geisteskräftigen Mädchens zu achten, war er durch die Erinnerung an sie nur auf ihren Oheim Archibius geführt worden, der nicht nur wegen seines Reichtums, sondern auch weil jedermann wußte, wie viel er bei der Königin gelte, großen Einfluß besaß. Dazu hatte der kluge, wohlwollende Mann sich ihm von Kind an besonders freundlich erwiesen, und wie eine Erleuchtung war ihm der Gedanke erschienen, sich an ihn und zu gleicher Zeit an den Architekten Gorgias zu wenden, der in dieser Angelegenheit mitzusprechen und ihm, während er den ihm eingeräumten Palastflügel auf der Lochias neu ausgebaut, besonders wohl gefallen hatte.
      So war denn ein dienender Mann aus dem Gefolge sogleich mit dem Täfelchen ausgesandt worden, das den Gorgias zum Stelldichein beim Isistempel lud.
      Nach Mittag hatte Cäsarion sich dann heimlich in einem Boote zu dem bei Kanopus am Meeresufer gelegenen kleinen Palast des Archibius begeben, und nun dieser mit dem Freunde an seinem Wagen stand, erklärte er ihnen, daß er sich mit dem Architekten zu dem alten Didymus verfügen wolle, um ihn seines Beistandes zu versichern.
      Das war in jeder Hinsicht unstatthaft, und es bedurfte des ganzen Schwergewichts der Gründe des älteren Mannes, um ihn zum Nachgeben zu bewegen. Die Folgen, die es hätte nach sich ziehen können, wenn ihn das Volk, während er gegen den Regenten der Königin Partei nahm, erkannt hätte, wären unabsehbar gewesen. Aber das Sichfügen und Zurückweichen fiel dem jungen »König der Könige« diesmal besonders schwer. Er hätte sich dem Dion so gern als Mann gezeigt, und nun dies nicht anging, suchte er sich das Ansehen eines solchen zu geben, indem er versicherte, von seinem Vorhaben nur abzulassen, um den alten Gelehrten und seine Enkelin nicht in Schaden zu bringen. Dann bat er den Baumeister noch einmal, dem Didymus das Seine zu erhalten. Als er endlich mit dem Archibius abfuhr, dämmerte es bereits, und vor dem Tempel und dem kleinen Mausoleum, das sich an die Cella anschloß, wurden die Fackeln, auf dem Platze die Pechpfannen entzündet.
    



      Drittes Kapitel
      Es steht schlimm um den Knaben,« sagte der Architekt, während das Fuhrwerk über die Steinfliesen der Königsstraße hinrasselte, und schüttelte bedenklich den Kopf.
      »Und da drüben,« fügte Dion hinzu, »sieht es gleichfalls anders aus als erfreulich. Philostratus bringt die Leute um den Verstand. Aber der gekaufte Unheilstifter soll gleich wünschen, die Goldstücke der Iras weniger willig eingestrichen zu haben.«
      »Und zu denken,« rief der Baumeister, »daß Barine das Weib, die Hausfrau dieses Elenden war! Wie das geschehen konnte ...«
      »Sie war ein Kind, als man sie vermählte,« unterbrach ihn Dion. »Wer fragt hier die fünfzehnjährige Jungfrau, wenn man ihr den Mann wählt? Und Philostratus – auf Rhodus war er mein Studiengenosse – versprach damals das Beste. Seinem Bruder Alexas, dem bevorzugten Günstling des Antonius, wäre es ein Leichtes gewesen, ihn vorwärts zu bringen. Barines Vater war tot, die Mutter, gewöhnt, auf den Rat des Großvaters der Tochter zu hören, und dem alten Didymus hatte der gewandte Syrer Sand in die Augen gestreut. So überlang und schmal er auch ist, sieht er doch heute noch so übel nicht aus. Wie er als Rhetor auftrat, gefiel er. Das stieg ihm zu Kopf, und es steckt in ihm das Blut des Verschwenders. Um die schöne junge Braut in ein stattliches Haus zu führen, übernahm er die schlechte Sache des räuberischen Steuereinnehmers Pyrrhus und redete ihn frei.«
      »Er hatte ein Dutzend falscher Zeugen gekauft.«
      »Es waren sogar deren sechzehn. Später kamen so viele dazu, wie ihm dort drüben weit geöffnete Mäuler zuschreien. Es ist Zeit, sie zum Schweigen zu bringen. Begib Du Dich ins Haus und beruhige den Alten, und wenn Barine bei ihm ist, auch sie. Findest Du schon Boten des Regenten, so erhebe Widerspruch gegen den unerhörten Beschluß. Du kennst ja die Stellen des Gesetzes, die dem Alten zu gute kommen.«
      »Seit dem zweiten Euergetes ist der registrirte Grundbesitz unantastbar, und der seine wurde verzeichnet.«
      »Um so besser. Sage den Beamten auch vertraulich, Du wüßtest, daß den Regenten vielleicht neu aufgetauchte Bedenken umstimmen würden.«
      »Und allem voran, bestehe ich auf meinem Rechte, den Platz für die Statue zu bestimmen. Die Königin selbst schrieb den anderen vor, meine Meinung zu hören.«
      »Das wiegt am schwersten. Aus Wiedersehen nachher! Von der Barine bleibst Du heute abend lieber fern. Siehst Du sie, so sage ihr, der wackere Archibius habe fallen lassen, er werde sie besuchen; wozu – das erklär' ich Dir später. Ich gehe wohl nachher zu der Iras, um auch sie zur Vernunft zu bringen. Der Wunsch des Cäsarion bleibt besser unerwähnt.«
      »Ganz gewiß, und daß Du dem da drüben nichts schenkst!«
      »Im Gegenteil. Mir ist sehr freigebig zu Mute. Wenn Peitho mir beisteht, bekommt der Nimmersatt mehr von mir aufgeladen, als ihm lieb sein möchte.«
      Damit reichte Dion dem Baumeister die Hand und brach sich Bahn durch die Menge, die das auf Schlittenkufen ruhende hohe Gestell umstand, auf dem man die tief verhüllte Statue hieher gerollt hatte.
      Das Thor des Gelehrtenhauses stand offen; denn ein Beamter des Regenten hatte es in der That vor kurzem betreten, doch hielt die scythische Wache, die der Exeget Demetrius, das Stadthaupt, ein Freund Barines, hieher gesandt hatte, die vordringenden Neugierigen zurück.
      Der Baumeister war ihrem Führer bekannt, und bald stand er in dem Impluvium des Gelehrtenhauses, einem länglichen Raume mit offener Decke, in dessen Mitte ein kleiner Springbrunnen das runde Blumenbeet, das ihn umgab, mit zerstiebendem Wasser betaute. Der alte Haussklave hatte eben einige dreiarmige Lampen an hohen Ständern entzündet.
      Die Beamten, die der Regent hieher geschickt hatte, waren vor kurzem gekommen, um dem Didymus mitzuteilen, sein Garten solle in einen öffentlichen Platz umgewandelt werden.
      Als der Baumeister in das Haus trat, hatten die Beamten, ihre Schreiber und die sie begleitenden Zeugen, eine Schar von zwanzig Männern, an deren Spitze Apollonius, ein angesehener Intendant des königlichen Schatzes, stand, sich schon hineinbegeben.
      Der Sklave, der den Gorgias führte, teilte es ihm mit.
      Im Atrium wurde er von einer Jungfrau, die zur Familie des alten Gelehrten gehören mochte, aufgehalten. Er irrte sich nicht, wenn er in ihr Helena, die jüngere Enkelin des Didymus, vermutete, von der ihm Barine gesprochen. Freilich glich sie der Schwester weder an Gestalt noch am Angesicht; denn während das Haar der jungen Frau blond und wellig war, schlang sich um das Haupt des Mädchens ein voller, glatter, tiefschwarzer Zopf. Besonders fremd mutete der tiefe, ernste Ton ihrer Stimme ihn an, aus dem ihm starke innere Bewegung entgegenklang, als sie ihm mit der kurzen Frage, in der sich ein leiser Vorwurf verbarg, entgegentrat: »Noch eine Forderung?«
      Da vergewisserte er sich erst, ob er in der That mit Helena, der Schwester seiner Freundin, redete und eröffnete ihr dann schnell, wer er sei und daß er im Gegenteil komme, um ihren Großvater vor schwerem Unglück zu beschützen.
      Als sein erster Blick sie in dem spärlich beleuchteten Raume getroffen, war der Eindruck, den sie in ihm hervorrief, kein günstiger. Von der reinen weißen Stirn, die ihm für ein Frauenantlitz zu hoch erschienen war, hatte ihm eine leichte Falte unwillig entgegen geschaut, und war ihr Mund auch schön geschnitten, so verzog ihn doch mehrmals ein leidenschaftliches Zucken, wodurch ihr tadellos gebildetes Antlitz etwas Herbes, ja Bitteres gewann. Kaum aber hatte sie gehört, was ihn hieher führte, als sie die Hand auf die volle Brust drückte, tief ausatmete und ihm dann zurief:
      »O, thue, was Du kannst, um das Schreckliche zu verhindern! Es weiß ja keiner, wie der alte Mann an diesem Hause hängt. Und die Großmutter! Nimmt man es ihnen, sie gehen daran zu Grunde!«
      Dabei hatten ihre großen Augen warm und mit rührender Bitte in die seinen geschaut, und aus der abweisend strengen Stimme war ihm zärtliche Liebe für die Ihren entgegengeklungen.
      Er mußte hier helfen, und wie gern wollte er's thun. Das gab er ihr auch zu hören, und sie, der er als ein tüchtiger Mann dargestellt worden war, sah in ihm einen Helfer in der Not und bat ihn mit rührender Innigkeit, wenn sie den Großvater zu den Beamten führe, diesem zu zeigen, daß noch nicht alles verloren.
      Da frug der Baumeister erstaunt, ob Didymus denn noch nicht wisse, was ihm bevorstehe, und sie antwortete schnell:
      »Er ist drüben im Gartenhaus am Meere bei der Arbeit. Der Intendant Apollonius ist ein wohlgesinnter Mann und will warten, bis ich den Großvater vorbereitet habe. Ich muß mich darum beeilen. Wohl ein dutzendmal schickte er schon den Philotas, seinen Schüler, der ihm die Bücher heraussucht und ausrollt, um sich zu erkundigen, was der Lärm draußen bedeute; doch ich ließ ihm sagen, die Menge ströme wegen der Königin an den Hafen. Es gibt ja oft einen Auflauf mit lautem Geschrei; Großvater aber läßt sich durch nichts stören, wenn eine Arbeit ihn fesselt, und der Schüler – ein junger Student aus Amphissa – liebt ihn und thut gern, was ich ihn heiße. Die Großmutter weiß auch noch nichts. Sie ist taub, und die Sklavinnen dürfen ihr nichts sagen. Ein plötzlicher Schreck, sagt der Arzt, würde ihr schaden, seit der Schwindel sie neulich befiel. Wenn ich die rechten Worte nur finde, daß es den Großvater nicht allzu schmerzlich trifft!«
      »Soll ich Dich begleiten?« frug Gorgias freundlich.
      »Nein,« versetzte sie rasch. »Es bedarf bei ihm der Zeit, bis er Fremden vertraut. Nur wenn der Intendant ihm das Furchtbare eröffnet und der Schmerz ihn übermannen will, so tröste Du ihn und zeige ihm, daß wir noch Freunde haben, die bereit sind, uns vor solcher Unbill zu schützen.«
      Damit winkte sie ihm dankbar zu und eilte durch ein Seitenpförtchen in den Garten.
      Der Baumeister schaute ihr nach, und er that es tief atmend und mit leuchtenden Augen. Wie gut mußte dies Mädchen sein, wie umsichtig sorgte es für die Ihren! Wie thatkräftig handelte dies junge Geschöpf! Er hatte die neue Bekannte nur in dürftiger Beleuchtung gesehen, aber schön mußte sie doch sein. Die Augen, der Mund, das Haar waren es gewiß. Wie ihm aber das Herz dabei schneller schlug, und er sich frug, ob diese Jungfrau, die mit allen Gaben geschmückt war, die den wahren Wert des Weibes bedingen, nicht doch ihrer Schwester Barine, deren Wesen freilich bestechlicher wirkte, vorzuziehen sei, da flog es ihm durch den Sinn, daß er dem Barte dankbar zu sein habe, der ihm Kinn und Wangen bedeckte; denn er fühlte, daß er, der ernste, reife Mann, errötet sein müsse. Er wußte auch warum. Noch vor einer halben Stunde hatte er gedacht und dem Dion bekannt, daß er Barine für das begehrenswerteste der Weiber halte, und nun warf das Bild einer andern einen tiefen Schatten auf das ihre und erfüllte ihm das Herz mit neuen, vielleicht stärkeren Gefühlen.
      Es war ihm nur zu oft ähnlich ergangen, und die Freunde, und Dion an ihrer Spitze, hatten seine Schwäche bemerkt und ihm mit neckendem Spott manche gute Stunde verdorben. Die Reihe der großen und kleinen, blonden und braunen Schönen, für die er erglüht war, hatte freilich eine stattliche Länge, und jede, der er die schnell erwachte Neigung geschenkt hatte, war ihm als diejenige erschienen, die er zu der Seinen machen müsse, um ein glücklicher Mann zu werden. Doch bevor er zum Werben gekommen war, hatte sich schon die Frage in ihm erhoben, ob er nicht nach einer andern heißer begehre. Er hatte darum sich einzureden begonnen, daß sein Herz nach keiner einzelnen verlange, sondern für das ganze Geschlecht, so weit es jung war und schön, Liebe empfinde, und daß er darum kaum gut thun werde, sich mit einer fest zu verbinden. Zwar wußte er, daß er fähig sei, Treue zu halten; denn mit unwandelbarer Festigkeit hing er, zu jedem Opfer bereit, an den Freunden; den Frauen gegenüber verhielt es sich indes anders. Sollte es auch dem Bilde Helenas, das ihm jetzt als so liebenswert vorschwebte, beschieden sein, schnell zu verblassen? Das Gegenteil wäre wunderbar gewesen, und doch glaubte er fest und sicher, daß es Eros diesmal ernst mit ihm meinte. Die lachenden Eroten, die ihre Rosengewinde um ihn und ihre Vorgängerinnen gewunden, hatten mit dieser ernsten Jungfrau nichts zu schaffen.
      Das alles kreuzte ihm blitzschnell das Hirn und bewegte ihm das Herz, während man ihn in das Impluvium führte, wo die Beamten ungeduldig auf den Besitzer des Hauses warteten. Mit der ihm eigenen schwunghaften Wärme legte er ihnen dar, warum er hoffe, daß ihre Sendung vergebens sein werde, und der Intendant versicherte, niemand könne es mehr freuen als ihn, wenn der Regent ihn morgen ermächtige, seinen Auftrag zu widerrufen. Er warte hier gern noch eine Weile, wenn es der Enkelin des alten Gelehrten gelinge, diesem schonend beizubringen, was über ihn verhängt sei.
      Indes wurde die Geduld des wohlwollenden Mannes nicht zu lang auf die Probe gestellt; denn als Helena das Gartenhaus betreten hatte, war der Großvater schon von dem Mißgeschick unterrichtet gewesen, das ihn und das Seine bedrohte. Der Philosoph Euphranor, ein betagtes Mitglied des Museums, war durch die Gartenpforte zu ihm gedrungen und hatte ihm, trotz der abwinkenden Geberden seines Schülers Philotas, mitgeteilt, was im Werke sei. Aber Didymus kannte den andern, der, ebenso weltfremd wie er selbst, die ihm noch bleibende Zeit und Kraft der Wissenschaft weihte. Er hatte darum nur ungläubig den Kopf geschüttelt, nach der Strähne seines stark gelichteten grauen Haares gegriffen, die ihm über der Wange herabhing, und, während er die kahlste Stelle des Schädels damit bedeckte, in verweisendem Ton, doch als handle es sich um eine Angelegenheit von geringer Bedeutung, gerufen: »Was Du wieder gehört haben willst! Wir werden ja sehen!«
      Damit hatte er sich erhoben, und, doch zu jäh von der Ungeheuerlichkeit dieser Nachricht überrascht, um an die Sandalen auf der Matte und das Obergewand zu denken, das auf einer Bücherkiste im Hintergrunde des Zimmers lag, wollte er es schon verlassen, als der Freund, der ihn sprachlos hatte gewähren lassen, ihn zurückhielt und Helena das Gartenhaus betrat.
      Der greise Philosoph wandte sich an sie und ersuchte sie, verdrossen über den Zweifel des Freundes, dem Großvater zu beweisen, daß auch solche Dinge von Gewicht sein könnten, die unserer Neigung widersprechen. Sie that es schonend und gedachte dabei auch des Baumeisters und seiner Hoffnung.
      Da schüttelte Didymus, indem er schweigend zu Boden schaute, wieder und wieder das ergraute Haupt. Dann richtete er sich plötzlich höher auf und schoß, ohne des Obergewandes zu achten, das Helena schon in der Hand hielt, auf die Thüre zu und öffnete sie mit dem Rufe: »Und es wird und muß sich dennoch anders verhalten.«
      Euphranor und die Enkelin folgten ihm; er aber kreuzte schnell und rüstig, wenn auch in gebeugter Haltung, das Gärtchen und begab sich geradeswegs und ohne der Fragen und Mahnungen der Begleiter zu achten, in das Impluvium. Das hellere Licht blendete ihm die geschwächten Augen, und bei seiner Gewohnheit, gerade vor sich hin oder auf den Boden zu blicken, mußte er eine Zeit lang von einer Seite zur andern schauen, bis er sich unter den Anwesenden zurecht fand. Doch der Intendant war ihm entgegengetreten, begrüßte ihn achtungsvoll und versicherte höflich, er bedaure lebhaft, ihn in der Arbeit gestört zu haben, auf die die ganze Welt warte; doch sei er in einer wichtigen Angelegenheit gekommen.
      »Ich weiß, ich weiß schon,« unterbrach ihn der alte Gelehrte mit einem überlegenen Lächeln. »Was sind das nur wieder für Dinge?«
      Damit schaute er sich unter den Anwesenden um. Er kannte keinen, außer dem Intendanten, der mit dem Rechnungswesen des Museums zu thun hatte, und dem Baumeister, für den er die Inschrift auf dem von ihm erbauten neuen Odeum verfaßt hatte. Als aber sein Blick nur Befremdung in den Zügen der anderen begegnete, begann die Zuversicht, die er bis dahin bewahrt hatte, zu wanken. Doch immer noch überzeugt, eine Forderung wie die, von der der Philosoph geredet, könne unmöglich an ihn gestellt werden, fuhr er fort: »Es wird also behauptet, die Absicht liege vor, meinen Garten in einen öffentlichen Platz zu verwandeln. Und aus welchem Grunde? Um eine Bildsäule darauf hinzustellen, heißt es. Doch von dergleichen kann im Ernste die Rede nicht sein; denn mein Besitz steht im Grundbuche verzeichnet, und das Gesetz ...«
      »Verzeih,« fiel der Intendant ihm hier in die Rede, »wenn ich Dich unterbreche. Wir kennen die Verordnung, auf die Du hinweist, doch würde es sich hier um einen Ausnahmsfall handeln. Der Regent will Dir nichts nehmen. Er bietet Dir vielmehr im Namen der Königin eine Entschädigung, deren Höhe Du selbst bestimmen sollst für das Stück Erde, das durch die Statue der Höchsten in diesem Lande – sie stellt Kleopatra selbst Hand in Hand mit dem Antonius dar – geehrt werden soll. Sie wurde schon hieher gebracht. Als ein Werk des trefflichen, zu jung verstorbenen Lysander wird sie Deinem Hause sicher nicht zur Unzier gereichen. Das kleine Haus am Meere muß freilich morgen schon fallen; denn Du weißt, daß die gnädige Königin jeden Tag – als Siegerin, wenn die Unsterblichen gerecht sind – heimkehren kann. Diese Statue, die ihr Freude zu bereiten und sie zu ehren bestimmt ist, soll sie schon bei der Ankunft begrüßen, und darum sandte mich der Regent noch heute, damit ich Dir seinen Wunsch eröffne, der, da er zugleich der der Königin ist ...«
      »Indes,« unterbrach ihn der Baumeister, der die Enkelin des Greises soeben noch einmal seines Beistandes mit warmen Worten versichert hatte, »indes werden Deine Freunde dennoch versuchen, den Regenten zu bestimmen, einen andern Platz für die Bildsäule zu finden.«
      »Das steht ihnen frei,« bemerkte der Intendant. »Was später geschehen soll, fällt der Zukunft anheim. Mein Amt gebietet mir nur, den würdigen Besitzer dieses Hauses und Gartens schon heute zu bestimmen, sich dem Befehle der Königin zu unterwerfen, den der Regent und das eigene Herz mir in die Form eines Wunsches zu kleiden befehlen.«
      Der Greis war während dieses Gesprächs zuerst der Rede des Beamten schweigend gefolgt und hatte ihm gespannt ins Antlitz geschaut. Es war also richtig. Das Ansinnen, sich seines Gartens und sogar des Häuschens – seit einem halben Jahrhundert die Werkstätte seines Schaffens und Denkens – zu Gunsten einer Bildsäule zu entäußern, wurde wirklich an ihn gestellt. Seit ihm dies zur Gewißheit geworden, hatte er wie abwesend zu Boden geschaut. Ein großer Schmerz mußte ihm die Zunge lähmen, und Helena, die dies empfand, denn das ohnehin nach vorn geneigte alte Haupt schien ihm wie eine schwere Last den Hals zu beugen, war an seine Seite getreten.
      Von draußen her drang das Schreien und Johlen der Menge durch die offene Decke des Impluviums; der Greis aber schien es nicht zu hören und bemerkte die Enkelin auch nicht; kaum aber fühlte er ihre Berührung, als er sich ihr hastig entzog, das gesenkte Haupt zurückwarf und sich im Kreise der Eindringlinge umschaute.
      In dem eben noch matten, suchenden Auge des alten Kommentators und Vielschreibers brannte jetzt das heiße Feuer jugendlicher Leidenschaft, und wie ein Ringer, der nach dem rechten Griffe sucht, maß er tief atmend den Intendanten und seine Begleiter mit unwilligen Blicken. Aus dem gebrechlichen, weltfremden Greise schien ein kampfbereiter Streiter geworden zu sein. Dabei zuckten ihm die Lippen und die Flügel der fein geschnittenen Griechennase, und als der Intendant noch einmal die Stimme erhob, um zu bemerken, er werde gut thun, den Inhalt des Gartenhauses heute noch anderwärts unterzubringen, da es morgen früh abgetragen werden solle, erhob Didymus den Arm und rief ihm entgegen: »Das wird man unterlassen! Keine Rolle wird aus dem Gartenhause entfernt. Man findet mich morgen früh wie immer bei der Arbeit, und bleibt es bei eurem Vorsatze, mich meines Eigentums zu berauben, so werdet ihr Gewalt anwenden müssen, um ans Ziel zu gelangen.«
      »Beruhige Dich, würdiger Mann,« unterbrach ihn der Intendant. »Jeder unter dem Monde hat sich einem höheren Willen zu beugen: die Götter zwingt der des Schicksals, uns Sterbliche der der Könige. Du bist ein Weiser, ich stehe nur, bedacht der Pflicht gerecht zu werden, meinem Amte vor. Doch ich kenne das Leben, und wenn ich Dir raten darf, so läßt Du geschehen, was nicht abzuändern ist, und zehn gegen eins möcht' ich wetten, daß Du gut dabei fährst, daß die Königin Dir Mittel in die Hand gibt ...«
      »Die ausreichen werden,« fiel Didymus ihm bitter ins Wort, »einen Palast an Stelle des Häuschens zu errichten, das man mir fortnahm.« Dann brauste er von neuem auf: »Doch, was frage ich nach eurem Gelde! Mein Recht will ich, mein gutes, verbrieftes Recht. Darauf besteh' ich, und wer mir den Grund antastet, der mir von Vater und Großvater als mein Erbe zukam ...«
      Hier stockte er; denn draußen war das Volk in einen lärmenden Jubelruf ausgebrochen, und als er sich mäßigte und der Greis fortzufahren begann, trotzig auf seinem guten Rechte zu bestehen, wurde er von einer hellen Frauenstimme unterbrochen, die ihm den Griechengruß »Freue Dich!« entgegenrief, – und der klang so wohllautend und heiter, daß es war, als kläre er die dumpfe Stimmung, die wie grauer Nebel auf allen Anwesenden lastete.
      Während dieser auf das erregte Volk lauschte und jener auf den alten Mann blickte, dessen starrer Widerstand schwerlich mit Güte besiegt werden konnte, schauten die Jüngeren auf die schöne Frau, die sich zu ihnen gesellt. Die Eile hatte ihr die Wangen gerötet, und aus dem türkisblauen Tuche, das ihr den blonden Kopf verhüllte, winkte ein liebreizendes Antlitz froh und vertraulich der Schwester, dem Großvater, dem Baumeister entgegen.
      Dem Intendanten und manchem seiner Begleiter war es, als habe das Glück in eigener Person dies gefährdete Haus betreten, und mancher Blick erhellte sich, als der aufgebrachte Alte der Enkelin mit verändertem Ton: »Du hier, Barine?« zurief, und sie ihm, ohne der anderen zu achten, mit warmer Herzlichkeit die Wangen küßte.
      Helena, der Baumeister und der alte Philosoph Euphranor waren ihr näher getreten, und als dieser sie vorwurfsvoll und doch liebreich frug: »Aber, Unselige, wie bist Du durch die heulende Menge gekommen?« versetzte sie munter: »Das eine gelehrte Museumsmitglied fragt mich zum Empfange, ob ich hier sei, obgleich mich doch vor dem Uebersehenwerden von Kindheit an ein freundliches oder – was meinst Du, Großvater? – ein feindliches Schicksal bewahrte, und der andere verlangt mit so grimmigem Vorwurfe zu wissen, wie ich durch das schreiende Volk kam, als sei es ein Unrecht, durch das Wasser zu waten, um den Liebsten die Hand zu reichen, denen es bis an das Kinn geht. Aber dies Geheul ist zu widrig.«
      Damit legte sie die kleinen Hände auf die Stelle des Kopftuches, unter der sich die Ohren verbargen, und sprach erst wieder, als der Lärm sich legte, obgleich sie versicherte, Eile zu haben und nur gekommen zu sein, um nachzuschauen, wie es hier stehe. Dabei schien es, als sei es ihr, an der alles frisch und doch anmutig maßvoll war, unmöglich, auch nur einen Augenblick unbenutzt zu lassen, und sei es auch nur, um einen Blick des Wohlgefallens entgegen zu nehmen oder zu erwidern.
      Der Baumeister und ihre Schwester mußten rasche Antworten auf hastige Fragen erteilen, und sobald sie vernommen, was die fremden Männer hieher geführt hätte, dankte sie dem Intendanten und versicherte, alte Freunde würden das Ihre thun, dem Großvater solchen Schmerz zu ersparen.
      Aus die wiederholten Fragen der beiden Greise, wie sie hieher gekommen, antwortete sie: »Es wird mir zwar keiner glauben, weil ich in dieser Eile den Mund noch nicht still hielt; aber ich handelte doch wie ein stummer Fisch und kam zu Wasser.«
      Dann nahm sie den Großvater beiseite und flüsterte ihm zu, als sie am Hafen auf das Boot zugeschritten sei, habe Archibius sie auf seinem Wagen bemerkt und ihn anhalten lassen, um ihr auf diesen Abend seinen Besuch anzumelden. In einer wichtigen Angelegenheit wolle er kommen. Da gebe es zu sorgen, daß sie allein mit dem würdigen Manne bleibe, dem sie gut sei, und darum könne sie nicht bleiben. – Hierauf wandte sie sich wieder an die anderen und frug immer mit dem Kopftuch und zum Ausbruche bereit, was das Volk denn mit dem Schreien bezwecke.
      Der Baumeister antwortete, daß Philostratus bemüht sei, der Menge begreiflich zu machen, die Statue, von der sie gehört habe, könne nur im Garten ihres Großvaters Aufstellung finden, und er glaube auch zu wissen, in wessen Auftrag er handle.
      »Gewiß nicht in dem des Regenten,« versicherte der Intendant im Tone redlicher Ueberzeugung; Barine aber, der, als Gorgias den Namen des Volksredners ausgesprochen hatte, ein Schatten über das sonnige Antlitz geflogen war, pflichtete dem Beamten mit einem leichten Kopfnicken bei und flüsterte ihm dann eilig, doch dringend zu, sie bürge dafür, daß der Greis mit sich reden lassen werde, gönne man ihm nur einige Zeit, sich zu sammeln.
      Morgen, wenn der Markt sich fülle, möge der Beamte die Verhandlungen neu beginnen, falls es bei der Verordnung des Regenten bleibe. Sie werde inzwischen das Ihre thun, um den Großvater nachgiebiger zu stimmen, obgleich er nicht eben zu den leicht Lenkbaren gehöre. Er, der Intendant, möge den Regenten erinnern, daß es geraten sei, in dieser Zeit ein öffentliches Aergernis zu vermeiden und das Alter und gute Recht des Didymus im Gedächtnisse zu behalten.
      Während Apollonius sich darauf mit den Begleitern unterredete, winkte sie dem Baumeister und nahm schnell von den Ihren Abschied. Sie versicherte, daß ihr keinerlei Gefahr drohe, da sie sich zwar wiederum als Fisch entferne, diesmal aber die Sprache erst recht zu gebrauchen und damit denjenigen für die gute Sache des Didymus zu gewinnen hoffe, der das alles jetzt schon aus der Welt geschafft hätte, wenn die Königin nur hier wäre.
      Bis jetzt waren Auge und Ohr der Anwesenden auf sie gerichtet gewesen. Jeder hatte sich nichts Besseres gewünscht, als sie zu sehen und zu hören.
      Erst nachdem sie mit dem Baumeister gegangen war, kamen die Beamten zu einem Entschlusse, und bald darauf entfernte sich der Intendant mit seinen Begleitern, um noch einmal mit dem Regenten in dieser mißlichen Angelegenheit Rücksprache zu nehmen.
      Gorgias war der jungen Frau diesmal mit gemischten Empfindungen gefällig. Noch vor einer Stunde hätte es ihn beglückt, Barine begleiten und beschützen zu dürfen, jetzt wäre er gern bei ihrer Schwester geblieben, die seinen Abschiedsgruß so dankbar und doch so jungfräulich bescheiden erwidert hatte. Aber eine Neigung läßt sich auch von dem Wankelmütigsten nicht an Stelle der anderen setzen, wie ein weißer Brettspielstein an die des schwarzen, und er fand es noch immer reizvoll, Barine so nahe sein zu dürfen. Nur der Gedanke, Helena könne meinen, er stehe zu der Schwester in vertrauter Beziehung, war ihm störend durch den Sinn geflogen, als sie ihn aufgefordert hatte, sie zu begleiten.
      Im Garten bat Barine, bevor sie sich zu der Landungsstelle des Bootes begäben, ihr zu helfen, die schmale Stiege zu erklimmen, die auf das flache Dach des Thorhüterhäuschens führte.
      Von ihm aus war es gestattet, dem Treiben auf dem Platze zu folgen, und zwar ungesehen; denn es war rings mit dichten Lorbeersträuchern umrahmt. Vor den beiden Tempeln zur Seite des Musenwinkels schlugen aus Pechpfannen helle Flammen aus, und ihr Licht wurde durch die Fackeln in der Hand der Scythen wirksam verstärkt. Dennoch ließ sich in der Mitte des Platzes kein Kopf von dem andern unterscheiden. Wohl schimmerten die Marmorwände der Tempel, die Statuen am Thore des Didymus und die Hermen zur Seite der Königsstraße, die an dem gefährdeten Hause vorbeizog, und den Norden des Musenwinkels mit dem Meeresufer verband, vom Widerschein des Feuers bestrahlt, aus dem Dunkel hervor, doch der Qualm der Fackeln verfinsterte den Himmel und verhüllte das Licht der Sterne.
      Deutlich sichtbar war nur Dion, der sich auf das hohe Gerüst des Schlittens gestellt hatte, auf dem die verhüllte Bildsäule hieher gezogen worden war, und der Sachwalter Philostratus, der das Postament eines der Delphine inne hatte, die den Brunnen zwischen dem Isistempel und der Straße umgaben. Der ein Dutzend Schritte breite Raum, der sie trennte, gestattete den Streitenden, einander zu verstehen, und auf sie war die allgemeine Aufmerksamkeit gerichtet. Solcher Redeschlacht mit zuzuhören, gehörte zu den besten Vergnügen der Alexandriner, und sie begleiteten jede gelungene Redewendung mit Beifallsrufen, jedes ihnen mißfällige Wort mit Geschrei, Zischen und Pfeifen.
      Barine konnte sehen und hören, was unter ihr vorging. Sie hatte das Laub der Lorbeersträucher, das sie verbarg, zurückgebogen und lauschte mit der Hand am Ohre auf die Reden der streitenden Männer. Als der Elende, den sie ihren Gatten genannt und den sie jetzt zu tief verachtete, um ihn zu hassen, die Ihren, die sich von Geschlecht zu Geschlecht aus dem Futterkorbe des Museums gemästet hätten, höhnisch angriff, biß sie sich in die Lippe. Bald aber verzog sie den Mund, als widere sie an, was sie höre; denn der Sachwalter hatte sich nun gegen den Dion gewandt und beschuldigte ihn, er wolle den wohlgesinnten Regenten verhindern, den Ruhm der großen Königin zu erhöhen und ihrem edlen Herzen eine Freude zu bereiten.
      »Meine Zunge,« rief er, »ist das Handwerkszeug, das mich nährt. Warum rede ich sie hier müde und lahm? Kleopatra, unserer erhabenen Königin, und ihrem großmütigen Freunde zu Ehren, denen jeder von euch eine Wohlthat verdankt. Wer sie und den göttlichen Antonius, den neuen Herakles und Dionysus, liebt, – bald werden beide als Triumphatoren mit dem Siegeskranze bei uns einziehen – der lege mit dem Regenten und jedem Wohlgesinnten die Hand auf das elende Stück Land da drüben, das schnöder Geiz so engherzig festhält und dazu eine Gesinnung – eine Gesinnung – hört ihr? ... die ich nur nicht näher bezeichne, weil das Häßliche mir widerstrebt und weil ich hier nicht als Ankläger stehe. Wer es mit dem Silbenstecher hält, der Bücher von sich gibt wie der Delphin da neben mir das Wasser, der mag es thun, ich will's ihm nicht neiden. Aber erst sehe er sich den Bundesgenossen und Lobredner des Didymus an. Da steht er mir gegenüber. Es wäre besser um ihn bestellt, wäre er von Stein und der Delphin ihm zu Füßen ein lebendes Wesen. Man hätte ihn dann in dem Dunkel lassen können, in das er gehört. So aber muß ich ihn wohl oder übel daraus hervorziehen, und ich will euch den Dion zeigen, Mitbürger, obgleich ich euch lieber Dinge zu sehen gäbe, die die Galle weniger erregen. Das trübe Licht verbietet euch, die Farbe seines Gewandes zu unterscheiden; ich aber kenne sie, denn ich sah sie bei Tage. Hyacinthpurpur ist es! Ihr wißt, was solcher Umwurf kostet. Zehn Jahre lang nährt ein wackerer Mann aus eurer Mitte Weib und Kinder damit. ›Wie schwer muß der Beutel dessen sein, der solch einen Schatz der Sonne und dem Regen aussetzt!‹, denkt jeder, der ihn darin einher stolziren sieht wie einen Pfau. Und sein Beutel wiegt auch viele Talente. Nur schade, daß die meisten von euch Tag für Tag den Kindern ein Brot weniger reichen und sich selbst manchen Schluck Wein entziehen mußten, um ihn so stattlich zu spicken. Sein Vater Eumenes war Steuereinnehmer, und was euch und euren Kindern der Blutsauger abpreßte, das gebraucht jetzt der Sohn, um damit in Hyacinthpurpur auf dem Wagen mit vier Pferden zu prunken, der manchem von euch den Straßenkot ins Gesicht spritzte, wenn er an ihm vorbeifuhr. Beim Hunde! Der Herr wiegt nicht schwer, und doch braucht er das Viergespann, um sich vorwärts zu bringen. Und, Mitbürger, wißt ihr auch warum? Ich will es euch sagen. Er fürchtet sich, stecken zu bleiben, stecken zu bleiben überall, auch beim Reden.«
      Hier ließ Philostratus die Stimme sinken; denn die Wendung mit dem »Steckenbleiben« hatte einige Hörer zum Lachen veranlaßt. Dion aber, dessen Vater allerdings in der hohen Stellung eines Steuerempfängers das Familiengut stattlich vermehrte, blieb ihm die Antwort nicht schuldig.
      »Ja, ja,« versetzte er höhnisch, »der syrische Schwätzer da drüben traf diesmal das Rechte. Er steht mir gegenüber, und wer bliebe nicht leicht stecken, dem Sumpf und Schlamm so nahe sind? Was den Mantel von Hyacinthpurpur angeht, so trage ich ihn, weil er mir gefällt. Seinen krokusgelben finde ich weniger schön. Im Sonnenschein sieht er freilich recht stattlich darin aus. Er glänzt wie die Butterblume im Grase. Ihr kennt sie ja, diese Pflanze. Wenn sie verblüht, – und ich frage euch, ob Philostratus einer Knospe noch gleichsieht – wenn sie verblüht, wird sie zu einer hohlen, windigen Kugel, die der Odem eines Kindes zerbläst. Wie wär' es, wenn wir in Zukunft die runden Butterblumenhäupter ›Philostratusköpfe‹ nennten? Mein Vorschlag gefällt euch? Das freut mich, Mitbürger, und ich danke euch dafür. Es zeugt für euren guten Geschmack. Bleiben wir denn bei dem Gleichnis. In jeden Kopf gehört eine Zunge, und Philostratus sagt, die seine sei das Handwerkszeug, das ihn ernähre.«
      »Hört den Geldsack, den Volksverächter!« unterbrach ihn der andere wütend. »Die redliche Arbeit, durch die er das Dasein fristet, schändet in seinen Augen den Bürger.«
      »Von redlich, guter Freund,« nahm Dion wieder das Wort, »ist hier doch wohl kaum die Rede. Ich habe ja nur von 
      Deiner Zunge gesprochen. Ihr versteht mich, Mitbürger. Oder sollte einer von euch diesem würdigen Manne noch nicht begegnet sein, so will ich ihm zeigen, wer er ist; denn ich kenne ihn gut. Er ist ja mein Gegner, ich kann ihn aber doch manchem von euch aus voller Ueberzeugung empfehlen. Wer eine recht schlechte, schändlich faule Sache vor Gericht durchzubringen hat, dem rate ich dringend, sich an den Butterblumenmann dort auf dem Brunnen zu wenden. Er wird es mir danken. Schon weil dieser Anwalt sie so eifrig ansieht – glaubt es mir – ist die Sache des Didymus vortrefflich. Bereits vorhin gab ich euch zu hören, um was es sich handelt. Wer von euch, der einen Garten besitzt, kann in Zukunft noch sagen: Er ist mein, wenn es gestattet sein soll, ihn in Abwesenheit der Königin einfach fortzunehmen und zu irgend einem andern Zweck zu bestimmen? Dem des Didymus aber steht dies Schicksal bevor. Wird das hier die Regel, so hüte sich jeder, einen Rettich zu säen oder gar einen Strauch oder Baum zu pflanzen; denn bevor jener reift und diese Schatten spenden, kann er ihm schon fortgenommen worden sein, wenn es dem Weibe eines Großen lüstet, die Wäsche darin zu trocknen.«
      Lauter Beifall folgte diesem Satze; der Sachwalter aber rief mit weithin schallender Stimme: »Hört mich, Mitbürger, und laßt euch nicht täuschen! Niemand soll hier beraubt werden. Gegen hohe Entschädigung gilt es, den Platz zu erwerben, dessen die Stadt bedarf, um sich selbst zu schmücken und die Königin zu ehren und zu erfreuen. Sollen der Regent und die Bürgerschaft sich diese Gelegenheit entgehen lassen, langjähriger Dankbarkeit und der Freude über den größten der Siege, von dem wir bald vernehmen werden, Ausdruck zu geben, weil es einem Uebelgesinnten, einem – nun muß es gesagt sein – einem Vaterlandsfeinde anders gefällt?«
      »Jetzt kommt der Sumpf mir zu nahe,« fiel ihm hier der andere lebhaft ins Wort, »und das Steckenbleiben, wovor ich gewarnt wurde, zur Wahrheit könnte es werden; denn wem die Zunge nicht stockt, wenn die schamloseste Verleumdung ihr Gift vor ihm verspritzt, dem neide ich nicht die schnelle Gegenwart des Geistes. Ihr wißt ja alle, Mitbürger, seit wie vielen Geschlechtern die Sippe des Didymus dieser Stadt zur Ehre in dem Hause da drüben lebt und rühmliche Werke schafft, ihr wißt, daß der wackere Alte da drüben zu den Lehrern der Königskinder gehörte.«
      »Und doch,« rief der Sachwalter, »ging er noch vorgestern mit dem Arius, dem Freunde und Hofmeister des Octavian, der unser und der Königin verhaßter Todfeind, Arm in Arm im Paneumgarten spazieren. Vor mir selbst, und ich weiß nicht, vor wie vielen, bezeichnete Didymus eben diesen Arius als den liebsten seiner Schüler.«
      »Dich so zu nennen,« versetzte der andere, »würde freilich der letzte Schulmeister sich unwillig schämen, auch wenn Du ihm an Klugheit und Wissen über den Kopf gewachsen wärest. Ja, hätte man Dich statt zu den Rhetoren zu Heringshändlern in die Lehre gegeben, jedem Redlichen von ihnen würde es widerstreben, es einzugestehen; denn sie verkaufen nur gute Ware für gutes Geld, bei Dir aber ist für blankes Gold auch das Schlechteste zu haben. Diesmal trittst Du dafür den reinen Namen eines Ehrenmannes mit Füßen. Ich aber will das nicht dulden, und ihr hört es, Mitbürger: ich fordere den Syrer dort jetzt auf, zu beweisen, daß Didymus das Vaterland verriet, oder sich gefallen zu lassen, daß ich ihn vor euch wackeren Leuten einen bösen Verleumder und ruchlosen, käuflichen Ehrabschneider schelte.«
      »Ein Schimpf aus solchem Munde ist leicht zu ertragen,« erwiderte der Sachwalter im Tone verächtlicher Ueberlegenheit, doch bedurfte es einiger Zeit, bevor er sich wieder an die Zuhörer wandte und mit aller Wärme, die seiner Stimme zu Gebote stand, fortfuhr: »Was will ich denn, Mitbürger? Was ist der einzige Zweck meiner Rede? Um für die Königin einzutreten, stehe ich hier, mit reiner Hand, nur weil das Herz mich dazu antreibt. Damit dem, was der Kleopatra zur Ehre und zum Ruhme gereichen soll, die einzige rechte Stelle nicht vorenthalten bleibe, gehe ich ins Gericht mit ihrem Feinde, setze ich mich dem Schimpf aus, mit dem ihr dem prahlerischen Uebermute den Mut an mir zu kühlen gestattet. Aber es reut mich nicht, obgleich ich gegen das Gebot der Natur handle, indem ich es thue; denn der ruchlose Mann, gegen den ich die Stimme erhebe, er ist auch mein Lehrer gewesen, und bevor ihn, ich will hier verschweigen, wer und was von der Bahn des Rechten und der Tugend abwandte, hat er auch mich vor vielen Zeugen zu den besten seiner Schüler gezählt. Einer der dankbarsten war ich gewiß. Seine Enkelin – es muß gesagt sein – erkor ich zur Gattin. Durch ihren Besitz ...«
      »Besitz!?« unterbrach ihn Dion erregt und laut. »So darf der von der See ausgestoßene Leichnam sich rühmen, das Meer zu besitzen!«
      Der trübe Schein der Fackeln genügte, um den Umstehenden das Erblassen des Sachwalters zu zeigen. Einen Augenblick schien der Nieverlegene die Fassung zu verlieren, doch schnell genug rief er wieder: »Mitbürger, teure Freunde! Ich wollte euch zu Zeugen des Elends machen, das ein noch ruchloseres als schönes Weib über einen Unerfahrenen brachte ...«
      Aber er kam nicht weiter; denn die Anwesenden, von denen viele den glänzenden, freigebigen Dion und Barine, die schöne Sängerin vom letzten Adonisfeste, kannten, gaben dem Sachwalter um so schonungsloser ihren Unwillen zu erkennen, je mehr es die Menge freut, den Fachmann von einem, der seinem Berufe fern steht, überwunden zu sehen.
      Aber die Redeschlacht wäre sicherlich doch nicht so schnell zu Ende gekommen, hätte sich nicht eben jetzt Unruhe und Schrecken des Volkes bemächtigt. Der Ruf: »Zurück, auseinander!« pflanzte sich unter der Menge fort. Gleich daraus ließ sich Pferdegetrappel und der Kommandoruf des Führers einer Abteilung libyscher Reiter vernehmen. Der Anlaß war nicht bedeutend genug, als daß das zum Widerstand auch gegen die bewaffnete Macht geneigte Volk um seinetwillen sich einer ernsten Gefahr hätte aussetzen mögen. Dazu hatte das ungestüme Wortgefecht ein heiteres Ende genommen, und in die Angst- und Warnungsrufe mischte sich lautes Gelächter; denn die Wogen des Volksgedränges hatten sich unerwartet schnell auf den Brunnen zu gewälzt und den Sachwalter in das volle Becken gestürzt. Ob dies infolge des Mutwillens eines Gegners oder von ungefähr geschehen war, ließ sich nicht unterscheiden, die vergeblichen Bemühungen des Verunglückten, sich aus dem Wasser an dem glatten Marmor des Beckens auf seinen Rand hinaufzuarbeiten, nahmen sich aber so komisch aus und sein Gebaren, nachdem er unter dem Beistand hilfreicher Hände triefend auf das Pflaster des Platzes zurückgelangt war, weckte die Heiterkeit so unwiderstehlich, daß sich ringsum mehr lachende als unwillige Stimmen vernehmen ließen, zumal es hier rief: »Beim Anschwärzen des Didymus sind ihm die Hände schwarz geworden; so mag ihm die Wäsche denn gut thun!« Und ein anderer: »Ein kluger Arzt warf ihn in den Brunnen. Er brauchte nach den Hieben, die ihm Dion versetzte, den kalten Umschlag.«
      Dem Regenten, der die Reiterschar hieher gesandt hatte, um die Menge von dem Hause des Didymus zu entfernen, konnte es lieb sein, daß diese Gewaltmaßregel auf so geringen Widerstand stieß.
      Das Volk zerstreute sich schnell, und schon beim Theater des Dionysus wurde es durch etwas Neues angezogen; denn von seinen Stufen aus hatte der Zitherspieler Anaxenor vorhin verkündet, Kleopatra und Antonius hätten den schönsten der Siege erfochten, und darauf zum Klang seiner Laute einen Hymnus gesungen, von dem die Herzen tief ergriffen worden waren. Er hatte ihn schon lange vorbereitet, und die erste Gelegenheit – das Gerücht, das ihm beim Frühstück in Kanopus zu Ohren gekommen war – ergriffen, um seine Wirkung zu erproben.
      Sobald der Platz sich zu leeren begann, verließ auch Barine den Zuschauerposten.
      So hoch hatte ihr das Herz lange nicht geschlagen. Von den vielen, die sich um ihre Gunst bemühten, war ihr schon lange keiner so wert wie Dion; jetzt aber fühlte sie, daß sie ihn liebe. Was er da unten für sie und den Großvater gethan, das war wert jedes Dankes, das bewies, daß er sich nicht nur wie die meisten zu ihren Gästen geselle, um sich in müßigen Abendstunden die Zeit zu vertreiben!
      Es war nichts Kleines für den vornehmen jungen Mann gewesen, sich vor allem Volke in einen Kampf mit dem ruchlosen Gesellen einzulassen, dem sie einmal angehört hatte, und wie wohl war es ihm gelungen, den gefürchteten Stegreifredner zum Schweigen zu bringen. Dazu hatte er gegen den eigenen, mächtigen Oheim Partei für sie genommen und durch sein Vorgehen vielleicht die Feindschaft des Alexas, des Bruders seines Gegners, der unter den Günstlingen des Antonius den ersten Platz einnahm, auf sich gezogen. Das hob Barine vor sich selbst, das, durfte sie sich sagen, hätte er, der hinter keinem makedonischen Edlen der Stadt zurückstand, für keine andere gethan.
      Wie erlöst fühlte sie sich durch diese That.
      Nachdem sie die heitere Anmut des Geistes aus einem unglücklichen Eheleben und manchem finsteren Tage herausgerettet und ihr Haus zu einem der Mittelpunkte des geistigen Lebens der Stadt hatte werden sehen, war sie bemüht gewesen, jedem ihrer Gäste das gleiche Entgegenkommen zu schenken. Sie hatte eingesehen, daß sie sich nicht gestatten dürfe, einem einzelnen die Macht über sich einzuräumen, die dem Manne, der sich wieder geliebt sieht, von selbst zufällt. Auch dem Dion hatte sie wenig mehr gewährt als den anderen, jetzt aber fühlte sie deutlich, daß sie das Wohlgefühl, eine gefeierte Frau zu sein, deren bescheidenes Haus auch die hervorragenden Männer der Stadt anzog, willig preisgeben würde für das höhere Glück, von ihm geliebt zu sein und ihm anzugehören. Mit ihm und von seiner Liebe gehoben, meinte sie in der Einsamkeit ein höheres Glück finden zu können, als im lebensvollen Lauf ihres jetzigen Daseins.
      Sie wußte nun, was sie zu thun habe, wenn er ihrer begehrte, und der Baumeister fand in ihr zum erstenmal eine wortkarge Gefährtin. Er hatte sie gern in das Haus des Großvaters zurückbegleitet; war er doch dort ihrer Schwester Helena noch einmal begegnet, während sie es enttäuscht verlassen hatte, weil ihr mutiger Verteidiger nicht dahin zurückgekehrt war.
      Nach der unerwarteten Unterbrechung des Redekampfes hatte Dion sich wohlig gedehnt. Die frohe Empfindung, für eine gute Sache eingetreten zu sein, und das herzerhebende Gefühl des Erfolges waren ihm nichts Neues, doch so wie diesmal hatten sie ihm selten das Haupt erhoben. Aufs allerwärmste hatte er die nächste Begegnung mit ihr herangesehnt und sich vergegenwärtigt, wie er ihr das Geschehene schildern und den Dank für seinen guten Dienst in Anspruch nehmen werde.
      Wie das vor sich gehen werde, war ihm deutlich vor das innere Auge getreten, doch kaum hatte das lachende Zukunftsbild sich zurückgezogen, als auch der übermütig heitere Ausdruck seines mannhaften Gesichtes von einem besorglich ernsten verdrängt war.
      Wohl hatte ihn nächtiges, nur noch von dem Feuer der Pechpfannen gelichtetes Dunkel umfangen, und doch war es ihm gewesen, als stehe er im vollen Lichte des Mittags in dem blühenden Garten seines Palastes und als habe Barine, nachdem er den Lohn für sein rüstiges Eintreten von ihr gefordert, sich ihm tief bewegt an die Brust geschmiegt, und als habe er ihr in leidenschaftlicher Wallung die thränenfeuchten Augen geküßt.
      Das Gesicht war schnell verschwunden, doch so deutlich gewesen wie das lebhafteste Traumbild.
      Sollte Barine ihm doch mehr sein, als er glaubte? Hatte ihn in den letzten Monden nicht nur Wohlgefallen an ihrem biegsamen Geist und ihrer heiteren Schönheit so oft zu ihr hingezogen? War eine ernste, starke Leidenschaft in ihm erwacht? Stand er vor der Gefahr, den Willen, der ihm gebot, die Freiheit zu wahren, unterliegen zu sehen? Mußte er sich fürchten, eines Tages, von einer geheimnisvollen, unwiderstehlichen Uebermacht bezwungen, dem Widerspruche der erwägenden Vernunft zum Trotz, den Bund vielleicht für das Leben mit ihr zu schließen, mit ihr, der Barine, der Frau, die einst einem Philostratus angehört hatte und die jedem etwas gab, der Einlaß in ihr Haus fand und den es dort nach einer Augenweide, einem Ohrenschmaus, einer angenehmen Unterhaltung verlangte?
      Wenn ihre Ehre auch rein war wie die Brust eines Schwans, – und er hatte keinen Anlaß, daran zu zweifeln – so wurde sie doch mit der Aspasia und mancher andern zusammen genannt, bei der die Gäste mehr als Gesang und ein anregendes Gespräch suchten. Die Gaben, womit die Götter sie so reich gesegnet, hatten schon zu viele mitgenossen, als daß er, der letzte Sproß eines edlen makedonischen Hauses, hätte daran denken mögen, sie als Herrin in den Palast zu führen, dessen Bau er mit Hilfe des Gorgias so sorgfältig und glücklich zu Ende geführt hatte.
      Allerdings fehlte darin nichts als das freundliche Walten der Hausfrau.
      Und wenn sie nun einwilligte, ohne den Segen des Hymen die Seine zu werden?
      Nein!
      Die Enkelin des Didymus, des Mannes, der schon der verehrte Lehrer seines Vaters gewesen, die Frau, an der es ihn stets besonders gefreut, daß er sie hochschätzen durfte, trotz der heiteren Freiheit, mit der sie mit so vielen verkehrte, zu seiner Geliebten durfte er sie nicht machen! Er wollte es nicht thun, wenn auch die Freunde für solche Bedenken nichts als ein überlegenes Lächeln gehabt hätten. Was galt auch noch die Heiligkeit der Ehe in einer Stadt, wo die Königin zum zweitenmal in freier Liebe mit dem Gatten einer andern lebte? Er selbst hatte schon manches kurze Bündnis geschlossen, doch gerade darum widerstand es ihm, eine Barine auf die gleiche Stufe mit denen zu stellen, deren Liebe er damals vielleicht nur dank seinem Golde genossen.
      An Mut und besonnener Festigkeit hatte es ihm nie gefehlt; doch fühlte er, daß er diesmal einer Macht zu widerstehen haben werde, mit der er sich noch nicht gemessen.
      Das verwünschte Gesicht! Es zeigte sich ihm wieder und wieder, und es lachte und winkte so wonnig, daß der Tag erscheinen mußte, an dem der Drang, es zu verwirklichen, jeden Widerstand besiegte. Blieb er ihr nah, so that er gewiß, was ihn später reute, und er hätte darum der Peitho ein Opfer bringen mögen, damit sie die Überredungskunst des Archibius beflügele und Barine zu dem Entschlusse führe, Alexandria zu verlassen.
      Es würde ihm ja schwer fallen, sie zu missen, doch war schon viel gewonnen, wenn sie aufs Land ging. Zwischen der Gegenwart und der fernen Zeit des Wiedersehens lag der Aufschub der Gefahr und vielleicht die Möglichkeit eines Sieges.
      Er erkannte sich selbst nicht wieder.
      Haltlos wie ein schwankendes Rohr kam er sich vor, weil er den Wunsch, bei dem alten Didymus einzutreten und ihm zuzusprechen, zurückgedrängt hatte und an seinem Hause vorbeigegangen war. Aber er hätte Barine gerade jetzt doch wohl bei dem Großvater gefunden, und er wollte ihr nicht begegnen, obgleich alles, was in ihm war, sich nach ihrem Antlitz, ihrer Stimme und einem dankenden Worte aus ihrem lieben Munde sehnte. An Stelle der Freudigkeit hatte sich seiner das Mißgefühl bemächtigt, das den Mann am Kreuzwege ergreift, der mit drei Zielen vor Augen voraussieht, an keinem volle Befriedigung zu finden.
      Die Königsstraße, auf der er sich von der bewegten Menge mit fortdrängen ließ, folgte dem Meere und führte an dem Theater des Dionysos dahin, und bei seinem Anblick erinnerte er sich, daß sein Freund, der Baumeister, die unselige Statue des königlichen Liebespaares vor diesem stattlichen Bauwerke ausgestellt zu sehen wünschte. Die Prüfung der Stelle, die jener ins Auge gefaßt hatte, sollte ihn auf andere Gedanken bringen.
      Als er sich dem Theater näherte, hatte der Zitherspieler eben den Hymnus beendet, und die Menge begab sich auseinander. Alles war voll von der frohen Siegesbotschaft, und einer rief dem andern zu, was Anaxenor, der Günstling des großen Antonius, der es wissen müsse, in rauschenden Versen berichtet. Da erscholl denn manches frohe Io und laute Evoë auf Kleopatra, die neue Isis, und Antonius, den neuen Dionysus, und bärtige und glatte, feine griechische und übervolle ägyptische Lippen vereinten sich zu dem Rufe: »Nach dem Sebasteum!«
      Das war der königliche Palast, dem gegenüber sich das Regierungsgebäude mit der Wohnung des Regenten erhob. Man wollte die köstliche Botschaft bestätigt sehen und durch eine Kundgebung der dankbaren Freude Ausdruck verleihen, die die Herzen erfüllte.
      Auch den Dion drängte es, sich Gewißheit zu verschaffen, und er, dem es sonst zuwider war, unter dem Volke an solchen geräuschvollen Gemütsergüssen teilzunehmen, schickte sich schon an, den zum Sebasteum drängenden Scharen zu folgen, als ihm der Ruf der Vorläufer ans Ohr drang, die einer festverschlossenen Sänfte Bahn brachen.
      Es war die der Iras, der vertrauten Kammerfrau der Königin. Wenn eine, so konnte sie sichere Auskunft erteilen; doch ging es kaum an, in diesem Gedränge ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Sie aber mußte anderer Meinung sein; denn sie hatte ihn bemerkt und rief ihn zu sich heran. In ihre sonst so helle und reine Stimme mischten sich heisere Laute. Man hörte ihr auch an, aus einer wie tief erregten Brust sie kam, als sie den Dion mit einer Reihe von Fragen bestürmte. Ohne ihm den gewöhnlichen Gruß zu gönnen, wünschte sie hastig zu wissen, was die Menge errege, wer es sei, der ihr die Siegesbotschaft verkündet, und wohin das Volk sich begebe.
      Dion hatte es indes schwer, während er Antwort erteilte, sich nicht von der Sänfte abdrängen zu lassen. Sie nahm es wahr, und da sie eben an dem Mäander vorüberkamen, der Irrbahn, die nach Sonnenuntergang verschlossen wurde, ließ sie sich an den Eingang tragen, gab sich den Wächtern zu erkennen, ließ den Vorplatz öffnen, die Sänfte dort niedersetzen und befahl den Trägern und Vorläufern, draußen auf ihren Ruf, der bald erfolgen werde, zu warten.
      Den jungen Mann erfüllte die ungewöhnliche Erregung und Hast des Mädchens mit gerechter Besorgnis. Seine Aufforderung, auszusteigen und mit ihm auf und nieder zu wandeln, wies sie mit der Versicherung zurück, das Leben biete so viele Irrgänge, daß man sie nicht erst aufzusuchen brauche. Auch er scheine Wege zu gehen, die kaum zu den geraden gehörten. »Warum,« schloß sie und streckte dabei das Haupt weit aus der Oeffnung der Sänfte hervor, »erschwerst Du dem Regenten und dem eigenen Oheim durchzusetzen, was sie verordnen, und machst Dich wie ein bezahlter Volksaufwiegler mit der Menge gemein?«
      »Wie Philostratus, meinst Du, dem ich zu dem goldenen Lohne aus eurer Hand einige Rippenstöße versetzte?«
      »Meinetwegen wie er. Wahrscheinlich warst Du es auch, der ihn ins Wasser werfen ließ, nachdem Du den Mut an ihm kühltest? Du sollst Deine Sache gut gemacht haben. Was man mit Liebe vornimmt, gerät ja gewöhnlich. Gleichviel, wenn nur sein Bruder Alexas den Antonius nicht gegen Dich ausbringt. Was mich betrifft, will ich nur wissen, warum und für wen das alles geschah?«
      »Für wen anders als für den alten braven Mann, der schon der Lehrer meines Vaters war, und für sein gutes Recht,« versetzte Dion unbefangen. »Außerdem aber noch – denn es läßt sich gar kein ungünstigerer Platz für die Bildsäule finden als sein Garten – für den guten Geschmack.«
      Da lachte Iras scharf und kurz auf, und ihr schmales, höchst regelmäßig geschnittenes Antlitz, das man hätte schön nennen können, wenn der Rücken der zarten, geraden Nase nicht zu lang gestreckt und das Kinn nicht zu klein gewesen wäre, verzog sich ein wenig, als sie ausrief: »Das ist wenigstens offen.«
      »Daran solltest Du bei mir gewohnt sein,« entgegnete er gelassen. »In diesem Falle ist übrigens der sachverständige Baumeister Gorgias ganz meiner Ansicht.«
      »Auch das kam mir zu Ohren. – Ihr beide seid die fleißigsten Besucher der – wie heißt das Weib? – der bezaubernden Barine.«
      »Barine?« wiederholte Dion, als überrasche ihn die Erwähnung dieses Namens. »Du sorgst dafür, Freundin, daß unser Gespräch seinem Schauplatze, dem Irrgarten, Ehre macht. Ich rede von Werken der bildenden Kunst, und Du gibst Dir das Ansehen, es auf ein allerdings sehr wohlgelungenes lebendes Werk der schaffensfrohen Götterhände zu beziehen. Es lag mir himmelweit fern, bei dem allen an die Enkelin des alten Gelehrten zu denken, für den ich eintrat.«
      »Wie,« fügte sie höhnisch hinzu, »junge Herren in Deiner Stellung und mit Deinen Lebensgewohnheiten immer eher an die würdigen Lehrer ihres Vaters, als an jene Weiber denken, die, seit Pandora die Büchse öffnete, alles Unheil in die Welt brachten. Aber,« und dabei strich sie die schwarzen Locken von der hohen Stirn, die sie halb verdeckten, »ich verstehe mich selbst nicht, wie ich es jetzt und bei der Felsmasse, die mir die Seele belastet, über mich bringe, an diese Nichtigkeiten auch nur ein Wort zu verschwenden ... Und doch! Der alte Gelehrte kümmert mich so wenig wie die Unzahl seiner Kommentare und Schriften, obgleich sie mir nicht ganz fremd sind ... Er könnte auch meinetwegen so viel Enkel haben, wie es böse Zungen hier in Alexandria gibt, wenn es jetzt, gerade jetzt nicht gälte, alles fortzuräumen, was einen Schatten auf den Weg der Königin wirft. Ich komme soeben von der Lochias, aus dem Palaste der königlichen Kinder, und was ich da erfuhr ... Aber das ... Ich will und kann noch nicht daran glauben ... Es schnürt mir den Hals zu.«
      »Sind üble Nachrichten von der Flotte gekommen?« fiel ihr der andere aufrichtig besorgt in die Rede; sie aber blieb zwar die Antwort in Worten schuldig, doch neigte sie bejahend das Haupt und legte den Wedel von Straußenfedern, Verschwiegenheit fordernd, an die Lippen. Dabei schauerte sie so lebhaft zusammen, daß er es trotz des Halbdunkels wahrnahm. Man hörte ihr auch an, daß ihr das Reden sauer fiel, als sie mit verschleierter Stimme fortfuhr: »Es muß noch verschwiegen bleiben ... Rhodische Schiffer ... Ganz ungewiß ist es, den Göttern sei Dank! ... Es kann, es darf auch nicht wahr sein! ... Und doch ... Das Geschwätz des Zitherspielers, das die Menge mit Erwartung erfüllt, es ist schändlich ... Den Großen schaden diejenigen gewöhnlich am schwersten, die ihnen das meiste verdanken. Du kannst schweigen, Dion, ich weiß es. Schon als Knabe konntest Du es, wenn es etwas zu verbergen galt vor den Eltern. Ob Du noch, wie damals, für mich ins Wasser springen würdest? Wohl kaum! Aber vertrauen darf man Dir sicher, und selbst in diesem Irrgarten thu' ich's. Es drückt mir das Herz ab. Aber kein Wort von dem allen, an wen es auch sei! Ich brauche keinen Vertrauten und könnte auch Dir gegenüber schweigen, doch es liegt mir daran, daß Du mich verstehst, gerade Du, der Du vorhin so aufgetreten bist, wie Du's thatest. Bevor ich auf der Lochias in die Sänfte stieg, kam auch der Knabe nach Haus, und ich sprach ihn.«
      »Der junge Cäsarion,« unterbrach sie Dion nunmehr mit würdigem Ernst, »liebt die Barine.«
      »So blieb diese entsetzliche Thorheit nicht einmal verschwiegen?« frug sie erregt. »Eine Leidenschaft, so tief, wie ich sie dem Träumer nie zugetraut hätte, ergriff ihn. Und wenn die Königin nun heimkehrt, – weniger glücklich vielleicht, als wir wünschen – wenn sie die Häupter derer überschaut, von denen sie noch Freude, Gutes, Großes erwartet, und wenn sie erfährt, was mit dem Knaben vorging. – denn was erführe, was durchschaute sie nicht mit dem sonnenhellen Geiste? ... Er ist ihr lieb, – teurer, als ihr alle es ahnt. Wie wird das ihre Unruhe, vielleicht ihr Elend vermehren! Mit wie gutem Grunde wird sie denen zürnen, denen Pflicht und Liebe hätten gebieten sollen, über den Knaben zu wachen!«
      »Und darum,« fügte Dion hinzu, »gilt es, den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen. Mit dem Angriff auf den Didymus regtest Du für diesen Zweck zum erstenmal die Hände.«
      Er hatte richtig gesehen und erkannt, daß sie mit dem Vorgehen gegen den Gelehrten zunächst nur beabsichtigte, den Machthabern das Recht in die Hand zu spielen, gegen den alten Philosophen und die Seinen, zu denen Barine ja gehörte, einzuschreiten; denn das ägyptische Gesetz gestattete, die Angehörigen derer, die man eines Vergehens gegen den Herrscher oder die Regierung schuldig befand, mit in die Verbannung zu schicken. Dieser Angriff auf einen Unschuldigen war schändlich, und doch fühlte Dion aus jedem Worte der Iras heraus, lehrte ihn jeder Zug ihres Antlitzes, daß es nicht nur niedere Eifersucht, sondern etwas Edleres sei, was sie zu dem Angriff auf den unschuldigen Gelehrten veranlaßte: die Liebe zu ihrer Herrin, das ihr ganzes Wesen beherrschende Verlangen, sie vor Kummer und Sorge in schwerer Zeit zu behüten. Er kannte Iras, ihren eisernen Willen und die Rücksichtslosigkeit, mit der sie am Königshofe Ziel auf Ziel zu verfolgen gelernt hatte. Für ihn galt es jetzt zunächst, Barine vor der Gefahr zu schützen, die sie bedrohte; daneben aber trieb es ihn an, Iras, die Tochter des Krates, des Nachbarn seines väterlichen Hauses, mit der er als Knabe gespielt und für die er nicht aufgehört hatte, Teilnahme zu empfinden, wenigstens von der gerechten Sorge zu befreien, die sie heute bedrückte.
      Sein Ausspruch überraschte sie. Sie sah sich von dem Manne, der ihr mehr galt als jeder andere, durchschaut, und ein liebendes Weib freut es, die Ueberlegenheit des Geliebten zu empfinden. Dazu gehörte sie von Kind auf – und sie war nur zwei Jahre jünger als Dion – Lebenskreisen an, denen nichts höher galt als die Bethätigung geistiger Biegsamkeit und Schärfe. Ihr schwarzes Auge, das zuerst forschend und mißtrauisch geblitzt und dann in leidenschaftlicher Betrübnis düster geglüht hatte, gewann jetzt einen neuen Ausdruck. Warm und bittend suchte ihr Blick den des Freundes, als sie, auf seine Vermutung eingehend, begann: »Ja, Dion, die Enkelin des Philosophen darf hier nicht bleiben. Oder siehst Du ein anderes Mittel, um den unseligen Knaben vor unabsehbarem Unheil zu behüten? Du kennst mich lange genug, um zu wissen, daß es mir wie Dir widerstrebt, das gute Recht eines andern zu kränken, daß ich, wo es nicht sein muß, nicht eben sonderlich hart bin. Ich halte Dich wert. Wahrhaftiger als Du ist keiner, und gestern versichertest Du noch, daß Eros mit Deinen Besuchen bei der vielbesprochenen jungen Frau nichts zu thun habe, daß Du Dich nur zu ihren Gästen geselltest, weil der Geist bei ihr oft erfreuliche Anregung finde. Ich verlernte, an vieles zu glauben, nicht an Dich und Dein Wort, und wenn ich, als ich erfuhr, wie Du für den Großvater eintratest, Dich trotzdem im Geiste nach dem Dank und Lohn der Enkelin trachten sah, so ... von euch Männern stammt ja der verruchte Satz, daß Zeus die Schwüre der Liebenden nicht höre, – so erhob der Argwohn doch wieder das Haupt. Jetzt scheinst Du meine Meinung zu teilen ...«
      »Wie Du,« fiel er hier bestätigend ein, »glaube ich, daß Barine den Wünschen des Knaben, die Dir nicht ungenehmer sein können als ihr selbst, entzogen werden muß. Da Cäsarion nun Alexandria um so gewisser nicht verlassen kann und darf, je weniger günstig die Sachen dort drüben stehen, bleibt nichts übrig, als die junge Frau von hier zu entfernen; – doch natürlich in aller Güte.«
      »Wenn Du willst, auf einem goldenen Wagen und mit Rosen bekränzt!« rief Iras eifrig.
      »Auch das möchte Aufsehen erregen,« versetzte er lächelnd und erhob wie zur Mäßigung mahnend die Hand. »Nun ich die Beweggründe Deiner Handlungsweise kenne, gefällt sie mir zwar immer noch nicht, doch helfe ich Dir gern, was sie bezweckt, zu erreichen. Auch eure gewundenen Wege führen zum Ziele, und man stößt daraus weniger leicht mit dem Fuß an; – die geraden aber sagen mir mehr zu, und ich fand schon, denk' ich, den rechten. Ein Freund lädt die junge Frau auf sein Gut weit fort von hier, vielleicht in das Seeland.«
      »Du?« fuhr Iras aus, und die dünnen Augenbrauen zogen sich ihr jäh zusammen.
      »Glaubst Du, sie würde mir folgen?« frug er in leicht verweisendem Ton. »Nein. Wir haben zum Glück ältere Freunde, und an ihrer Spitze einen, der zufällig Dein Oheim und dazu auch Wachs in der Hand der Königin ist.«
      »Archibius?« rief Iras. »Ja, wenn er sie dazu bewegte.«
      »Er wird es versuchen. Auch er ist besorgt um den Knaben. Während wir hier reden, lädt er Barine ein, es sich auf seinem Gute gefallen zu lassen. Die Landlust dort wird ihr gut thun.«
      »Möge sie da draußen wie ein Schäfermädchen erblühen!«
      »Du thust gut, ihr das Beste zu wünschen; denn kehrt die Königin nicht als Siegerin heim, so verdoppelt sich die Reizbarkeit unserer Alexandriner. Als ihr Hand auf den Garten des Didymus legtet, beschäftigtet ihr euch schon so eifrig mit dem Bau der Triumphbögen, daß ihr darüber vergaßet ...«
      »Wer hätte auch an dem glücklichen Ausgang dieses Krieges gezweifelt?« rief Iras. »Und sie werden, werden ja siegen! Die Flotte, sagte der Rhodier, sei zersprengt. An der akarnanischen Küste sei es geschehen. Wie das so bestimmt klang! Er hörte es indes nur von einem zweiten und dritten, Und was sind Gerüchte? Es stellt sich später schon heraus, wie die falsche Nachricht entstand. Und ging die Seeschlacht auch wirklich verloren, bleibt doch immer noch das gewaltige Landheer. Dem des Octavian ist es weit überlegen. Und welcher Feldherr des Feindes wäre wohl dem Antonius zu Lande gewachsen? Wie wird er streiten, wo es sich um alles handelt: Ruhm, Ehre, Herrschaft, Haß und Liebe. Diese Angst auf ein bloßes Gerücht hin! Nach Dyrrhachium gab man die Sache des Cäsar verloren, und wie bald machte ihn Pharsalus zum Beherrscher der Welt! Ist es eines verständigen Menschen würdig, sich durch Schiffergerede um den guten Mut betrügen zu lassen? Und dennoch – dennoch! Schon als ich erkrankte, begann es! Und dann die Schwalben an der Antonias, dem Admiralschiffe! Wir sprachen ja schon darüber. Mardion und Dein Oheim Zeno sahen es mit eigenen Augen, wie fremde Schwalben kamen und die, die am Steuer der Antonias nisteten, aus dem Neste vertrieben und ihnen die Jungen mit den grausamen Schnäbeln zu Tode hackten. Ein häßliches Omen! Ich kann's nicht vergessen. Und was mir, als ich fern von der Herrin im Fieber darnieder lag, träumte! Doch ich hielt mich schon zu lange hier auf. Aber nein, Dion, nein! Ich bin für den Aufenthalt dankbar; denn ich darf nun beruhigt sein wegen des Knaben. Stellt die Bildsäule auf, wo ihr wollt. Das Volk soll sehen und hören, daß wir seinen Widerspruch achten, daß wir gerecht sind und seine Freunde. Hilf mir auch das zum Besten der Königin wenden ... Und wenn es dem Archibius gelingt, Barine fortzuschaffen und sie auf dem Lande festzuhalten, dann ... Ja, hätte ich nur etwas, das Dir begehrenswert erschiene – Du solltest es haben! Aber was fragt der gefeierte Dion nach der verblühenden Gespielin?«
      »Der verblühenden?« wiederholte er im Tone unwilligen Vorwurfs. »Sage der voll erblühten, die das Jungbleiben von der königlichen Freundin erlernte.«
      Da streckte sie ihm mit einer schnellen dankbaren Regung das Antlitz und ihm voran die weiße, schlanke Hand, die nach der Kleopatras für die schönste am Hofe galt, durch das Halbdunkel zum Kusse entgegen; als er aber nur die Spitzen ihrer Finger leis und fern von zärtlicher Wärme mit den Lippen berührte, entzog sie sie ihm schnell und rief wie von plötzlicher Reue ergriffen: »In solcher Zeit, mit solcher Angst im Herzen dies müßige, hohle Getändel! Unwürdig ist es und schmählich. Wenn Barine dem Archibius folgt, wird die Zeit ihr schwerlich lang auf seinen Gütern. Ich meine einen zu kennen, der ihr bald nachzieht, um ihr Gesellschaft zu leisten. – Hieher, Pasis! Die Träger! Fort! Zu der Warte des Nilus vor dem Thore der Sonne!«
      Dion schaute der verschwindenden Sänfte kurze Zeit nach, dann fuhr er mit der Hand durch das braune Lockenhaar, ging raschen Schrittes an den Strand und sprang dort, ohne lange zu wählen, in eines der Boote, die hier für Lustfahrten vermietet werden. Den Schiffern, die ihn begleiten wollten, gebot er, zurückzubleiben, spannte das Segel mit geübter Hand selbst aus und fuhr der Oeffnung des Hafens entgegen. Er brauchte eine starke Erregung und wollte selbst auf Kundschaft ausgehen.
    



      Viertes Kapitel
      Das Haus, das Barine an den Gärten des Paneum bewohnte, war das Eigentum ihrer Mutter, die es von den Eltern ererbt. Der Maler Leonax, der Vater der jungen Frau, der Sohn des alten Philosophen Didymus, war schon lange nicht mehr.
      Nachdem Barine die unglückliche Ehe mit dem Sachwalter Philostratus gelöst, war sie wieder zu der Mutter gezogen, die den Hausstand leitete. Auch sie stammte aus einem Gelehrtenhause und war mit einem Bruder herangewachsen, der sich als Philosoph einen geachteten Namen erworben und die Studien des jungen Octavian geleitet hatte. Es war dies lange vor dem Beginne der Gegnerschaft geschehen, die den Erben des Cäsar und Marcus Antonius entzweite. Aber auch nachdem dieser seine Gattin Octavia, die Schwester des Octavian, preisgegeben, um zu Kleopatra, der Geliebten seines Herzens, zurückzukehren, und nachdem es zwischen den Rivalen um die Herrschaft der Welt zum offenen Bruch gekommen war, hatte Antonius sich dem Arius freundlich erwiesen und ihm die nahen Beziehungen zu Octavian mit nichten nachgetragen. Der freigebige Römer hatte dem früheren Mentor des Feindes sogar ein stattliches Haus zum Geschenke gemacht, um ihm zu zeigen, daß es ihm angenehm sei, ihn in Alexandria und in seiner Nähe zu wissen.
      Die Witwe Berenike, die Mutter Barines, hing warm an dem einzigen Bruder, der sich oft zu den Gästen ihrer Tochter gesellte. Sie war eine ruhige, bescheidene Frau, die jene Zeit ihre glücklichste nannte, in der sie sich in stiller Zurückgezogenheit der Erziehung ihrer, heranwachsenden Kinder, des feurigen Hippias, der Barine, und der stillen Helena, gewidmet hatte, die nun schon seit etlichen Jahren bei den alten Großeltern wohnte und mit treuer Hingabe ihrer Pflege oblag. Sie war leichter zu leiten gewesen als ihre beiden älteren Geschwister; denn der hochfliegende Geist des Knaben hatte ihn oft der mütterlichen Führung entzogen, und dem schönen, lebhaften Mädchen war von früh an ein besonderer Zauber eigen gewesen, der es zu übersehen verbot.
      Erst in Alexandria, dann in Athen und Rhodos hatte Hippias sich zum Rhetor ausgebildet, und vor drei Jahren war er von dem Oheim Arius mit guten Empfehlungen nach Rom gesandt worden, um dort das Leben kennen zu lernen und zu versuchen, ob es ihm bei seiner glänzenden Rednergabe glücken werde, dort trotz seiner Herkunft vorwärts zu kommen.
      Zwei Unglücksjahre au der Seite eines ruchlosen, ungeliebten Mannes hatten den kindlichen Uebermut Barines zu der ihr jetzt eigenen sonnigen Heiterkeit abgeklärt. Die Mutter war sich bewußt, ihr Bestes gewollt zu haben, als sie die Sechzehnjährige mit dem Philostratus verbunden, in dem ihr Großvater Didymus damals einen vielversprechenden jungen Mann erkannt zu haben meinte, zu dessen Fortkommen außer der ihm eigenen rednerischen Begabung sein Bruder Alexas, der Günstling des Antonius, beizutragen verhieß, der diesen in den Krieg begleitet hatte. Sie war der Meinung gewesen, das lebhafte, schöne Geschöpf so am besten vor den Gefahren der sittenlosen Großstadt zu schützen; doch der unwürdige Gatte hatte viel Kummer und Sorge über Mutter und Tochter gebracht, und kaum weniger sein einflußreicher Bruder, der nicht müde geworden war, die junge Schwägerin mit unlauteren Anträgen zu verfolgen. – Jetzt schaute Frau Berenike oft mit stummem Erstaunen auf das Kind, das trotz so großer Schmerzen und Demütigungen jenen harmlosen Frohmut bewahrt hatte, der ihr das Ansehen verlieh, als habe ihr das Dasein nur dornenlose Rosen geboten.
      Ihr Vater Leonax war unter den alexandrinischen Malern seiner Zeit der bedeutendste gewesen, und von ihm hatte sie die elastische Künstlerseele geerbt, die auch nach dem schwersten Drucke so kräftig wieder aufschnellte. Ihm dankte sie auch die seltene Begabung für den Gesang, die sorgfältig ausgebildet worden war und ihr schon unter den Jungfrauenchören bei der Feier der hohen Göttinnen der Stadt die erste Stelle gesichert hatte. Das Lob ihrer Kunst war in aller Munde, und seit sie am Adonisfeste bei dem Wachsbilde des von dem Eber gemordeten Götterlieblings den Ialemos im Königspalaste gesungen, wurde ihr Name lebhaft gefeiert. Sie gehört zu haben galt für einen Vorzug, der um so größer erschien, als sie sich nur im eigenen Hause oder bei religiösen Feierlichkeiten »zu Ehren der Gottheit« vernehmen ließ.
      Auch die Königin hatte sie gehört, und nach jenem Adonisfeste war Antonius durch ihren Oheim Arius bei ihr eingeführt worden. Mit der ganzen Wärme seines feurig offenen Wesens hatte er ihr seine Bewunderung zu erkennen gegeben und sich später auch von seinem Sohne Antyllus begleiten lassen. Er wäre wohl öfter gekommen und hätte auch an ihr die ihm eigene Macht über Frauenherzen erprobt, wenn er nicht am Tage nach dem zweiten und letzten Besuche sich gezwungen gesehen hätte, die Stadt zu verlassen.
      Die Mutter hatte dem Bruder einen Vorwurf daraus gemacht, der Barine den Geliebten der Königin zugeführt zu haben, und ihre Besorgnis war durch den wiederholten Besuch des Sohnes des Antonius, und mehr noch durch den des Cäsarion, den Antyllus in ihr Haus geführt hatte, neu belebt worden.
      Diese Knaben gehörten nicht zu den Gästen, die sie gern sah und deren Gesprächen zu folgen auch ihr Freude bereitete. Es war ja schmeichelhaft, daß sie ihr schlichtes Haus mit ihrer Gegenwart beehrten, doch sie wußte, daß Cäsarion hinter dem Rücken seines Hofmeisters kam und sah dem Blicke seiner Augen an, was ihn zu der Tochter hinzog. Dazu hatte Frau Berenike bei der Erziehung der beiden Angstkinder, denen sie das Leben geschenkt, die frohe Zuversicht verloren, die ihr in jüngeren Jahren eigen gewesen. Von allem Neuen, was das Leben ihr brachte, sah sie zuerst die üblen Folgen. Stand ein brennendes Licht vor ihr, fiel ihr der Schatten des Leuchters und dann erst die Flamme in die Augen. Ihr ganzes inneres Leben war eine Kette von Befürchtungen geworden, aber die gutherzige Frau liebte ihre Kinder zu sehr, um es ihnen zu zeigen. Es erleichterte ihr nur das Herz, wenn ein Teil ihrer schlimmen Erwartungen eintraf, zu versichern, daß sie das alles vorher gewußt habe.
      In ihren immer noch hübschen, wohlwollenden und gleichmäßig ruhigen Zügen war nichts von dem allen zu lesen. Sie sprach nur wenig; doch was sie sagte, war verständig und bewies, wie aufmerksam sie zu hören wußte. Die Gäste Barines sahen darum ihre Gegenwart gern. Auch der Bedeutendste empfing etwas von ihr, weil er fühlte, daß die stille Frau ihn verstehe.
      Bevor Barine an diesem Abende heimgekehrt war, hatte sich etwas ereignet, das die Mutter den Unfall doppelt bedauern ließ, der ihren Bruder Arius vorgestern betroffen. Auf dem Heimwege von der Schwester war er im Dunkeln von einem in wilder Eile auf der Königsstraße dahinjagenden Wagen niedergerissen und schwer verletzt nach Hause getragen worden. Da lag er jetzt regungslos und im Fieber, und es machte sein Leiden nicht leichter, seine beiden Söhne, den Uebermütigen, der dem Vater dies zugefügt hatte, mit ihrer Rache bedrohen zu hören; denn er hatte Grund, den Antyllus für den Uebelthäter zu halten, und aus einer Reibung der Jünglinge mit dem Sohne des Antonius konnte für ihn und die Seinen nur neues Unglück erwachsen, zumal der junge Römer von der menschenfreundlichen Großmut des Vaters wenig ererbt zu haben schien. Wenn die Söhne das Verfahren des Unvorsichtigen mit den härtesten Worten brandmarkten, der, ohne des Ueberfahrenen zu achten, davongejagt war, konnte Arius es ihnen freilich nicht verargen. Die Schwester hatte er vor der jeder Rücksicht spottenden Zügellosigkeit des jungen Mannes gewarnt, dessen Vater von ihm selbst in ihr Haus geführt worden war. Und mit wie gutem Grund er die mahnende Stimme erhoben, hatte sich jetzt schon erwiesen. Beim Untergange der Sonne des heutigen Tages waren nämlich, wie gewöhnlich, einige Gäste und nach ihnen der neunzehnjährige Antyllus erschienen und vom Thorhüter abgewiesen worden. Daraus hatte er ungeberdig verlangt, Barine zu sehen, hatte den alten, besonnenen Pförtner, der ihn zurückhalten wollte, beiseite gestoßen und war trotz seines Einspruches in die Werkstätte des verstorbenen Hausherrn gedrungen, in dem die Frauen ihre Gäste zu empfangen pflegten. Erst als er sie leer fand, war er umgekehrt; zuvor aber hatte er den Blumenstrauß, den er mitgebracht, an eine Erosstatue von gebranntem Thon befestigt, die dort ausgestellt war. Der Thorhüter und die Zofe Barines behaupteten, er sei trunken gewesen. Das habe sich gezeigt, als er mit den Genossen, die draußen auf ihn gewartet, davongetaumelt sei.
      Dies unziemliche und beleidigende Betragen des Jünglings erfüllte Frau Berenike mit lebhafter Entrüstung. Es durfte auch nicht ungerügt bleiben, und während sie die Tochter erwartete, stellte sie sich vor, welche schlimmen Folgen es nach sich ziehen könnte, wenn man dem Antyllus das Haus verböte und ihn bei dem Hofmeister verklagte, und wie Unerträgliches er sich von der andern Seite herausnehmen könnte, wenn man dies unterließ.
      Sie war voll von trüben Ahnungen, und weil sie mit so gutem Grunde das Schlimmste erwartete, hoffte sie ganz leise, die Tochter könnte vielleicht dennoch etwas Erfreuliches mit nach Hause bringen; denn sie hatte die Erfahrung gemacht, daß sich gern zum Guten wende, was sie vor seinem Eintritt mit dem tiefsten Bangen erfüllt hatte.
      Endlich erschien Barine, und so glückselig heiter hatte die Mutter sie in der That schon lange nicht mehr in die Arme geschlossen.
      Das geängstigte Herz ging der Witwe auf. Es mußte der Tochter aber auch etwas besonders Erfreuliches begegnet sein; denn wie froh schaute sie drein. Obgleich sie sicher schon gehört hatte, was hier vorgefallen war; kam sie doch ohne Umwurf mit neu geordnetem Haar und war also bereits im Schlafgemach gewesen, wo sie von ihrer gesprächigen cyprischen Sklavin, die nichts Erwähnenswertes für sich behalten konnte, umgekleidet worden war. Das flinke Mädchen hatte seine Geschicklichkeit heute bewährt.
      »Für neunzehnjährig muß jeder Fremde sie halten,« dachte die Mutter. »Wie das weiße Gewand und der Peplos mit dem blauen Rande ihr stehen, wie weich sich das azurfarbene Bombyxband durch das volle, wellige Haar zieht! Und wer möchte glauben, daß kein Brenneisen die goldenen Löckchen kräuselte, die ihr die Stirn so anmutig umspielen, daß an dem Weiß und Rot auf diesen Wangen und dem Alabasterschimmer dieser Arme kein Pinselstrich teil hat? Solche Schönheit wird ja leicht zum Danaergeschenke; eine herrliche Göttergabe ist sie aber dennoch! Doch warum legte sie wohl das Armband an, das ihr Antonius nach dem letzten Besuche sandte? Für mich allein schwerlich. Den Dion kann sie kaum noch zu so später Stunde erwarten. Während ich mich ihres Anblickes freue, zieht vielleicht schon ein neues Unheil heran.«
      So dachte sie, während die Tochter ihr munter erzählte, was sie bei dem Großvater und vor seinem Hause erlebt. Sie hatte sich dabei wohlig in die Polster einer Ruhebank geschmiegt, und als sie des ungehörigen Benehmens des Antyllus gedachte, nannte sie es mit einer Sorglosigkeit, die Frau Berenike erschreckte, nur eine ärgerliche Unart, die nicht wieder vorfallen dürfte.
      »Aber wer soll es ihm wehren?« frug jene besorgt.
      »Wer anders als wir selbst,« lautete die Antwort. »Er wird nicht wieder empfangen.«
      »Und wenn er sich trotzdem hier eindrängt.«
      Da leuchteten die großen blauen Augen Barines hell auf, und es klang entschieden genug, als sie ausrief: »Er soll es versuchen!«
      »Ueber welche Macht hätten wir wohl zu gebieten?« frug Berenike, »die den Sohn des Antonius zurückhalten könnte? Ich kenne sie nicht.«
      »Aber ich,« versicherte die Tochter. »Höre mich, Mutter. Ich will kurz sein; denn wir erwarten Besuch.«
      »So spät?« rief jene besorgt.
      »Archibius wünscht uns in einer wichtigen Sache zu sprechen.«
      Da glätteten sich die Falten an der Stirn der alternden Frau, doch zogen sie sich wieder zusammen, als sie fragend ausrief: »Eine wichtige Sache zu so ungewöhnlicher Stunde! Schon von früh an ahnt mir nichts Gutes. Beim Gang zu meinem Bruder flog ein Rabe vor mir auf und flatterte nach links hin in den Garten.«
      »Mir aber,« berichtete Barine, nachdem sie Günstiges über das Befinden des Oheims gehört, »begegneten sieben, – ja, es waren nicht mehr und nicht weniger; denn die Sieben ist die beste der Zahlen – sieben schneeweiße Tauben, die allesamt mit raschem Flügelschlage zur Rechten hin flogen. Ihnen voran zog die schönste. Sie trug ein Körbchen im Schnabel, und darin lag die Macht, die den Sohn des Antonius von uns fern halten wird. Sieh mich nur nicht so erstaunt an, Du liebes Gefäß aller Aengste.«
      »Aber, Kind, Du sagtest doch, Archibius komme so spät, um etwas Wichtiges zu bringen,« unterbrach sie die Mutter.
      »Er muß bald hier sein.«
      »Laß darum die Rätsel; denn ich rate nicht schnell.«
      »Das thust Du dennoch,« versicherte Barine. »Aber wir haben in der That keine Zeit zu verlieren. Die schöne Taube war also ein guter, richtiger Gedanke, und was sie in dem Körbchen trug, das sollst Du gleich hören. Sieh, Mutter, wie viele es uns auch verdenken werden, und wenn es der eine oder andere vielleicht auch beklagt; es darf hier nicht so fortgehen! Mit jedem Tage, den ich älter werde, fühl' ich es sicherer, und es vergehen immer noch einige Jahre, bevor dies Bedenken ganz hinfällig wird. Ich bin zu jung, um jedermann, den mir dieser oder jener zuführt, als Gast willkommen zu heißen. Unser Empfangssaal war zwar die Werkstätte meines eigenen Vaters, und die Wirtin dieses Hauses bist Du, meine würdige, tadellose, leibliche Mutter; aber Du viel zu bescheidene Seele, an der alles besser ist als an mir, stelltest Dich so weit hinter die Tochter, daß sie Dich nur bemerken, wenn Du nicht da bist. Dadurch ist's denn gekommen, daß wer uns beide aussucht, nur sagt: ›Ich geh' zur Barine,‹ und es werden mir zu viele, die so reden. Ich kann nicht mehr wählen, – und dieser Gedanke ...«
      »Kind, Kind!« unterbrach sie die Mutter erfreut. »Welcher Gott ist Dir heute beim Ausgang begegnet!«
      »Du weißt es ja schon,« versetzte sie munter. »Sieben Tauben waren es, und als ich der vordersten, schönsten das Körbchen aus dem Schnabel nahm, da erzählte sie mir eine Geschichte. Willst Du sie hören?«
      »Gewiß, gewiß! Doch schnell, sonst werden wir unterbrochen.«
      Da lehnte sich Barine tiefer in das Polster zurück, senkte die langen Wimpern und begann: »Es war einmal eine Frau, die hatte einen Garten im vornehmsten Teile der Stadt, – wenn Du willst, hier in der Nähe des Paneums. Im Herbst, als die Früchte an den Obstbäumen reiften, ließ sie die Thür, die hineinführte, offen, obgleich alle Nachbarinnen das Gegenteil thaten. Um nun unberufene Liebhaber von ihren guten Feigen und Datteln fern zu halten, heftete sie eine Tafel an die Thür mit der Aufschrift: ›Man trete ungestraft ein und freue sich am Anblick des Gartens; wer aber eine Blume bricht, den Rasen zertritt oder sich an einer Frucht vergreift, den zerreißen die Hunde.‹
      Die Frau besaß aber nur einen Schoßhund, der ihr nicht einmal jederzeit gehorchte. Doch der Anschlag that seine Schuldigkeit; denn zuerst kamen nur die Nachbarn aus dem vornehmen Viertel. Sie lasen die Drohung und hätten wohl auch ohne sie das Eigentum der Frau, die ihnen die Thür so freundlich aufthat, geachtet. So ging es eine Weile fort, bis erst ein Bettler kam, und dann ein phönizischer Matrose und ein diebischer Aegypter aus der Rhakotis, die allesamt nicht zu lesen verstanden. Der Anschlag sagte ihnen darum nichts, und weil sie außerdem das Mein und Dein weniger fein unterschieden, zertrat dieser den Rasen, und jener riß eine Blume oder Frucht von den Zweigen. Es kam immer mehr von dem Gesindel, und wie es weiter ging, kannst Du Dir denken. Niemand strafte sie für den Frevel; denn das Kläffen des Schoßhunds erschreckte sie nicht, und das gab auch denen, die lesen konnten, Mut, sich nicht an die Warnung zu kehren. So kam der hübsche Garten der Frau sehr bald um den Reiz, der ihm eigen gewesen war, und dazu auch um die Früchte. Als der Regen endlich die Schrift von der Tafel wusch und übermütige Buben sie bekritzelten, schadete es nichts weiter; denn wer in den Garten schaute, dem bot er ohnehin nichts mehr, was ihn angezogen hätte, und man trat gar nicht mehr ein. Da verschloß die Besitzerin das Thor wie die Nachbarinnen, und im nächsten Jahre erfreute sie das Grün des Rasens und das Bunt der Blumen von neuem. Sie genoß selbst ihre Früchte, und der Schoßhund störte sie nicht mehr durch sein Kläffen.«
      »Das heißt,« sagte die Mutter, »wenn alle Leute wohlgesittet und geartet wären wie Gorgias, Lysias und die anderen, könnten wir gern fortfahren, ihnen das Haus offen zu halten. Da es aber rohe Gesellen gibt wie den Antyllus ...«
      »Recht verstanden!« fiel ihr die Tochter ins Wort. »Es steht uns ja frei, einzelnen, die unsere Schrift lesen lernten, zu uns zu laden. Morgen schon wird den Besuchern erklärt, wir könnten sie nicht mehr wie früher empfangen.«
      »Und,« ergänzte die Mutter, »das Betragen des Antyllus bietet dazu einen vortrefflichen Vorwand. Jeder Billigdenkende muß es verstehen ...«
      »Ganz gewiß,« fügte Barine hinzu, »und wenn Du, klügste der Frauen, das Deine dazu thust ...«
      »So wird es uns im eigenen Heim erst recht gefallen. Glaub' es mir, Kind, – wenn Du nur nicht ...«
      »Kein Wenn! Diesmal nicht!« rief die junge Frau und erhob bittend die Hände. »Ich denke so gern an das neue Leben, und kommt es, wie ich hoffe und wünsche, – dann ... Meinst Du nicht auch, Mutter, daß die Götter mir eine Entschädigung schulden?«
      »Wofür?« frug die tiefe Stimme des Archibius, der unangemeldet eintrat und jetzt erst von den Frauen bemerkt ward.
      Da erhob sich Barine schnell, streckte dem alten Freunde beide Hände entgegen und rief: »Da sie Dich zu uns führen, beginnen sie schon mit der Zahlung.«
    



      Fünftes Kapitel
      Ein Künstler, und besonders ein großer Maler, hat es leicht, das Aussehen seines Hauses anziehend zu gestalten. Er will sich wohl darin befinden, und nur das Schöne behagt ihm. Was die Harmonie stören würde, verletzt ihm das Auge, und um den edelsten Schmuck seines Heims herzustellen, braucht er keinen Fremden über die Schwelle zu lassen. Ungerufen gesellt sich ihm die Muse als vollkommenster der Gehilfen.
      Auch dem Leonax, dem Vater der Barine, hatte sie geholfen, das Innere seines Hauses zu einem höchst reizvollen Aufenthalte zu gestalten. In seiner Werkstatt hatte er auf die Wandflächen Begebenheiten aus dem Leben des großen Alexander, des Gründers seiner Vaterstadt, auf den Fries einen Kranz von tanzenden Liebesgöttern gemalt.
      Hier pflegte jetzt Barine die Gäste zu empfangen, und der Ruf dieser Gemälde war es nicht am letzten gewesen, der den Antonius veranlaßt hatte, die junge Frau zu besuchen und den Sohn, in dem er wenigstens ein flüchtiges Wohlgefallen an der Kunst zu erwecken wünschte, mit sich zu nehmen. Auch Barines Schönheit und ihren Gesang wußte er hoch zu schätzen; doch die heiße Leidenschaft, die ihn in reifen Jahren ergriffen, galt der Kleopatra allein. Ihn, den das leicht zu gewinnende Herz und die begehrlichen Sinne von einer Eintagsliebe in die andere getrieben, hatte die Königin mit Ketten von unzerreißbar übernatürlicher Kraft an sich gefesselt, und neben ihr erschien ihm eine Barine nur wie ein mit Leben und einer das Ohr anmutenden Stimme begabtes Kunstwerk. Immerhin schuldete er ihr einige freundliche Stunden, und wem er etwas Angenehmes dankte, den mußte er beschenken. Er ließ es sich gern gefallen, für den großmütigsten Verschwender auf Erden gehalten zu werden, und der glatte Armreifen mit der Gemme, in welche der die Leier schlagende Apoll geschnitten war, den die Musen lauschend umgeben, sah bescheiden genug aus, war aber in der That ein Stück von unschätzbarem Werte; denn der Künstler, der ihn herstellte, hatte für den größten Steinschneider Alexandrias in der Zeit des Philadelphus gegolten, und jede der kleinen Figuren in dem kaum drei Finger breiten Onyx war ein sorgsam ausgeführtes Meisterwerk von zauberhaftem Reize. Weil er ihn passend für die Frau fand, deren Gesang ihn erfreut hatte, war er von ihm gewählt worden. Nach dem Werte zu fragen, hatte ihm auch diesmal fern gelegen. Er war auch nur für den Kenner wahrnehmbar; und weil der Reifen nicht prunkte und dem schönen Oberarme wohl stand, trug Barine ihn gern.
      Hätte der Krieg den Antonius nicht fortgeführt, wäre der zweite Besuch kaum sein letzter gewesen. Außer dem Gesange, der ihn entzückt hatte, war das Gespräch lebhaft und bedeutend gewesen, und neben den Bildern des Leonax war er dort schönen Kunstwerken begegnet, die der Maler von manchen hervorragenden Genossen eingetauscht hatte.
      Auch an plastischen Schöpfungen fehlte es nicht in dem großen Raume, dem das Plätschern des Wassers, das ein kräftiger Mann aus dem Bockfellschlauche über der Schulter in eine Muschel goß, etwas besonders Heimliches verlieh.
      Der Meister, der diesen gebückten Nubier geschaffen, war derselbe, dem die viel umstrittene Statue des hohen Liebespaares die Herstellung verdankte. Auch der Eros von Thon, der mit geneigtem Knie nach einem nur ihm sichtbaren Opfer zielte, war sein Werk. Antonius hatte bei seinem zweiten Besuche den Kranz, mit dem er gekommen, scherzend vor dem »gewaltigsten der Menschenbesieger« niedergelegt, während sein Sohn Antyllus ihm vorhin mit roher Hand seinen Blumenstrauß in die Oeffnung des gebogenen rechten Armes, der die Sehne anzog, geschoben. Dabei war dem Thon eine Verletzung zugefügt worden ... Jetzt lagen die Blumen unbeachtet auf dem kleinen Opferaltar im Hintergrunde des weiten, nur noch von einer Lampe erhellten Raumes; denn die Frauen hatten ihn mit dem Gaste verlassen. Sie verweilten in dem kleinen Lieblingsgemache der Barine, wo einige Bilder des verstorbenen Vaters sie umgaben.
      Der Strauß des Antyllus und die Verletzung der thönernen Erosstatue hatten in dem Gespräche der drei eine große Rolle gespielt und dem Archibius seine Aufgabe erleichtert.
      Mit der Klage über das unziemliche Betragen und die Unvorsichtigkeit des jungen Römers war der späte Gast von Frau Berenike empfangen worden, und daran hatte Barine die Erklärung geknüpft, dem Zeus Xenios, der das Gastrecht schützt, nun genug geopfert zu haben. In Zukunft denke sie das Leben den bescheidenen Hausgöttern und dem Apollon zu weihen, dem sie die Gabe des Gesanges als kleines, aber köstliches Geschenk danke.
      Ueberrascht hatte Archibius sich erklären lassen, was sie meine, und selbst erst zu reden begonnen, nachdem sie sich völlig ausgesprochen und ihm geschildert hatte, wie sie sich das künftige Daheim ohne die von Gästen erfüllte Werkstätte des Vaters, allein mit der Mutter vorstelle.
      Die beflügelte Einbildungskraft der jungen Frau versetzte sie mitten in das neue, stillere Leben. So frisch und anschaulich sie aber auch zu schildern wußte, was sie davon erwarte, mußte es dem ergrauenden Zuhörer doch nicht ganz glaubhaft erscheinen; denn bisweilen flog ihm ein feines Lächeln über das derb geschnittene und doch von Schwermut leis überhauchte Antlitz. Es war das eines Mannes, der aufhörte, auf der Ringbahn des Lebens mitzukämpfen und nach hartem Streite jetzt vorzog, unter den Zuschauern mit anzusehen, wie andere den Kampfpreis gewannen oder unterlagen. Die Wunden, die er davongetragen, mochten immer noch wehthun; doch was er Trübes erfahren, hinderte ihn nicht, ein aufmerksamer Beobachter zu sein. Dem Blicke seines klaren Auges war es anzusehen, daß er, was seine Teilnahme erweckte, innerlich mit erlebte. Wer so zu hören verstand und dazu – dafür zeugte die Stirn mit dem kräftigen Vorsprung über der Nase – das Denken so geübt hatte, der mußte ein guter Ratgeber sein, und als solcher wurde er denn auch von manchem und allen voran von der Königin in Anspruch genommen.
      Auch heute trat die ihm eigene gelassene Besonnenheit zu Tage; denn obgleich er gekommen war, um Barine zu bestimmen, es mit einem Landaufenthalte zu versuchen, hielt er sich zurück, bis sie die eigenen Angelegenheiten gleichsam erschöpft und ihn nach dem wichtigen Beweggrunde seines Besuches gefragt hatte.
      In der Hauptsache war seine Forderung, noch ehe er sie gestellt, angenommen worden. Er konnte darum mit der Frage beginnen, ob Mutter und Tochter nicht meinten, daß sich der Uebergang in die neue Lebensweise besser bewerkstelligen lasse, wenn sie sich auf einige Zeit aus der Stadt entfernten. Es werde auffallen, wenn sie den Gästen morgen das Haus verschlössen und, da es nicht angehe, den wahren Grund zu bekennen, manchen verletzen. Entschlössen sie sich dagegen, der Stadt auf einige Wochen den Rücken zu kehren, werde zwar mancher ihren Entschluß beklagen; was aber alle gemeinsam treffe, das enthalte für den einzelnen keine Kränkung.
      Die Mutter stimmte ihm lebhaft bei, Barine aber hielt sich anfangs bedenklich zurück. Da bat Archibius sie, sich offen auszusprechen, und erst nachdem sie gefragt, wohin sie denn sollten, schlug er ihr vor, es sich auf seinem Landgute gefallen zu lassen.
      Sein prüfendes graues Auge hatte erkannt, daß sie etwas so kräftig an die Stadt fessele, daß es bei einem echten Weibe wie Barine mit dem Herzen zusammenhängen mußte. Er hatte sicherlich recht gesehen; denn bei seiner Voraussagung, an dem Besuche der liebsten Freunde dann und wann werde es auch da draußen nicht fehlen, hob sie das Haupt; immer heller wurde der Glanz der blauen Augen, und als Archibius schwieg, wandte sie sich an die Mutter mit dem heiteren Rufe: »Wir gehen!«
      Wieder zeigte die rege Einbildungskraft der Künstlerstochter, was sie von der Zukunft erwartete, als greifbar deutliches Gemälde. Sie allein wußte freilich, wen sie meinte, wenn sie von dem Besuche sprach, den sie draußen in Irenia, dem Gute des Archibius, erwarte. »Friedensstätte« bedeutete dieser Name, und er gefiel ihr.
      Archibius hörte ihr lächelnd zu; als sie aber begann, auch ihm eine Rolle beim Ausfahren mit den kleinen sardinischen Pferden und auf der Vogeljagd zuzuteilen, unterbrach er sie mit der Versicherung, ob er sich bald gönnen dürfe, was ihn glücklich machen würde: das Atemholen mit so werten Gästen aus dem Lande, sei abhängig von dem Geschick einer andern. Er habe, den Göttern sei Dank, erleichterten Herzens hierher kommen können, weil er kurz vor dem Ausbruche von einem herrlichen Siege der Königin gehört. Die Frauen möchten ihm gestatten, noch eine Weile zu bleiben, denn er erwarte hier die Bestätigung der Nachricht.
      Und man sah ihm an, daß er ihr mit Spannung entgegensah und daß ihm das Herz mit nichten frei war von Sorgen.
      Frau Berenike teilte sie, und ihr gutes Gesicht, das bis dahin die Freude über den verständigen Entschluß der Tochter widergespiegelt, gewann den Ausdruck schwerer Besorgnis zurück, als Archibius begann: »Und der Zweck meines Hierseins? Du machtest es mir leicht, ihn zu erreichen. Hielt ich es für redlich, könnt' ich jetzt ganz verschweigen, daß ich Dich aussuchte, um Dich aus der Stadt zu entfernen. Von dem Sohne des Antonius und seinem knabenhaften Uebermute seh' ich keine Gefahr. Es gilt nur, Kind, Dich für den Cäsarion unerreichbar zu machen.«
      »Könntest Du mich für ihn auf den Mond versetzen, mir wär' es das liebste,« versicherte Barine lebhaft. »Das ist es ja, was mich bestimmte, unser Leben zu ändern, daß es nicht angeht, dem Knaben, der noch in die Schule gehörte, der aber seinen Rang als Schlüssel benutzt, das Haus zu verschließen. Und denken, daß man ihn ›König‹ zu nennen hat, diesen müden Träumer mit den um Hilfe flehenden Augen!«
      »Doch welchen mächtigen Trieb gibt es,« fügte Archibius fragend hinzu, »der in der Brust des Sohnes eines Julius Cäsar und einer Kleopatra nicht schlummern könne? Und die Leidenschaft – ich weiß, daß Du, mein Kind, keine Schuld daran trägst, – sie ist jetzt in ihm lebendig geworden. Was auch immer daraus erwächst, es muß der Mutter das Herz mit Sorge belasten. Darum gilt es, die Abreise zu beschleunigen und geheim zu halten, wohin Du Dich begibst. Noch versuchte er nichts, was einer That gleichsah; jetzt aber darf man – denn er ist eben das Kind seiner Eltern – Unerhörtes von ihm erwarten.«
      »Du erschreckst mich,« rief hier Barine. »Aus der girrenden Taube, die mir ins Haus drang, machst Du einen Gefahr bringenden Greisen.«
      »Als solchen magst Du ihn ansehen,« warnte der andere. »Du bist mir als Gast willkommen, Barine, doch lud ich Dich, die mir lieb ist von Kind an, die Tochter des besten Freundes, nicht bloß um Dir einen Dienst zu erweisen nach Irenia, sondern mehr noch, um Schmerz oder auch nur Verdruß von derjenigen fern zu halten, der ich – wer wüßte es nicht! – der ich alles verdanke.«
      Den Frauen klang aus dieser Rede die Erklärung entgegen, daß, wenn sie dem Archibius auch lieb seien, er sie und mit ihnen vielleicht die ganze übrige Welt für die Ruhe und das Glück der Königin preisgeben würde.
      Barine hatte nichts anderes von ihm erwartet. Sie wußte, daß er, der Sohn eines Philosophen, von Kleopatra zum großen Grundbesitzer und reichen Manne gemacht worden sei; sie fühlte aber auch, daß seine treue Hingabe an die Königin, über die er wie ein zärtlicher Vater wachte, anderen Ursachen die Entstehung verdanke. Kleopatra schätzte auch ihn. Wäre er ehrgeizig gewesen, er hätte längst als Epitrop am Steuer des Staatsschiffes stehen können, doch hatte er sich – die ganze Stadt wußte es – mehr als einmal geweigert, ein festes Amt anzunehmen, weil er glaubte, als schlichter, unbemerkter Berater der Gebieterin besser zu nützen.
      Die Mutter hatte Barine erzählt, daß die Beziehungen, die den Archibius mit der Kleopatra verbanden, bis in die Kinderzeit zurückreichten. Näheres war ihr indes nicht zu Ohren gekommen. Wohl gingen mancherlei Gerüchte, die sich mit der Zeit reich ausgeschmückt und mit Anekdoten durchwoben, als glaubhafte Nachrichten geberdeten, von Mund zu Mund, und Barine glaubte natürlich besonders gern denen, die wissen wollten, in der frühesten Jugend habe die Prinzessin eine Kinderliebe mit dem Philosophensohne verbunden. Jetzt legte das Verhalten des Freundes es nahe, an dergleichen zu glauben.
      Als Archibius schwieg, versicherte die junge Frau, ihn zu verstehen, und da die Alabasterampel an der Decke und eine dreiarmige Lampe helles Licht auf das Bildnis warfen, das ihr Vater von der neunzehnjährigen Königin gemalt und für das eigene Haus wiederholt hatte, wies sie daraus hin und stellte, von dem Laufe der eigenen Gedanken veranlaßt, unvermittelt die Frage:
      »War sie zu jener Zeit nicht wunderbar schön?«
      »Wie das Werk Deines Vaters sie darstellt,« lautete die Antwort. »Leonax malte das Bildnis der Octavia dort drüben im nämlichen Jahre, und vielleicht hielt der Künstler die Römerin für schöner.«
      Dabei wies er auf ein Bildnis der Schwester des Octavian, die der Vater der Barine als junge Gemahlin des Marcellus, ihres ersten Gatten, gemalt.
      »Das nicht,« fiel ihm Frau Berenike berichtigend ins Wort. »Ich weiß noch recht wohl, wie Leonax damals zurückkam. Welche Frau wäre nicht eifersüchtig geworden bei seiner Begeisterung für die römische Hera. Ich hatte damals das Bildnis noch nicht gesehen, und als ich ihn frug, ob er Octavia auch für schöner als die Königin halte, für die ihn Eros, wie für die meisten schönen Frauen, die er malen durfte, entflammte, sprudelte er – Du kanntest ihn ja – in seiner stürmischen Weise hervor: ›Die Octavia steht in der Reihe voran, bei der man von 
      schön redet oder 
      weniger schön; – die andere – Kleopatra – steht für sich allein, und mit keiner ist sie vergleichbar.‹«
      Da neigte Archibius zustimmend das schwere Haupt und sagte dann entschieden: »Doch als Kind, wie sie mir zum erstenmale begegnete, wäre sie auch beim Tanz der jungen Liebesgötter die schönste gewesen.«
      »Und wie alt war sie damals?« frug Barine gespannt.
      »Acht Jahre.« lautete die Antwort. »Wie weit liegt das alles hinter uns, und ich vergaß doch keine Stunde.«
      Da unterbrach ihn Barine mit der dringenden Bitte, ihnen von jenen Tagen zu erzählen; – Archibius aber schaute kurze Zeit sinnend zu Boden, dann hob er das Haupt und versetzte: »Vielleicht ist es gut, wenn Du mehr von der Frau erfährst, für die ich ein Opfer von Dir verlange. Arius ist euer Bruder und Oheim. Er steht dem Octavian nahe; denn er war sein geistiger Leiter. Er verehrt Octavia, die Schwester des Römers wie eine Göttin, ich weiß es. Mit dem Octavian ringt Marc Anton jetzt um die Herrschaft der Welt; Octavia erlag schon im Kampfe gegen die Frau, von der ihr zu hören begehrt. Es steht mir nicht an, hier zu richten; doch berichtigen darf ich und warnen. Die Matronen in Rom spenden der Octavia Weihrauch, und wenn der Name Kleopatra ausgesprochen wird, verhüllen sie entrüstet das Haupt. Hier in Alexandria thut manche es ihnen nach. Wer sich auf die Seite des leuchtend Reinen stellt, darf hoffen von der Helligkeit, die von ihm ausgeht, etwas mitzugewinnen. Sie nennen Octavia die rechte Gemahlin und Kleopatra die Einbrecherin, die ihr das Herz des Eheherrn raubte.«
      »Ich nicht,« rief Barine eifrig. »Wie oft bekam es der Oheim zu hören. Antonius und Kleopatra waren für einander entflammt in der heißesten Liebe. Tiefer hatten die Pfeile des Eros zwei Herzen nimmer getroffen. Da galt es, den Staat vor Bürgerkrieg und Blutvergießen zu behüten. Antonius willigte ein, mit dem Rivalen ein Bündnis zu schließen, und gleichsam zum Unterpfande für den Ernst der Versöhnung reichte er der Schwester des Nebenbuhlers, der Octavia, die kaum den ersten Gemahl, den Marcellus begraben, zum ehelichen Bunde die Hand. Die Hand, sag' ich, nur die Hand; denn das Herz gehörte ja der Königin von Aegypten. Und wenn Antonius der Gemahlin, die die Staatskunst an ihn fesselte, die Treue brach, so hielt er sie damit der andern, die ein früheres, besseres Recht daran hatte. Wenn Kleopatra von dem Manne nicht ließ, mit dem sie Schwüre für die Ewigkeit wechselte, so war sie im Rechte, ja tausendmal war sie's. In meinen Augen ist und bleibt wie oft es mir auch die Mutter verwies – ist und bleibt vor den Himmlischen Kleopatra die wahre Gemahlin des Antonius, die andere, und ob auch am Hochzeitstage kein Gebrauch, kein Wort, kein Federzug, keine Geberde versäumt ward, der Eindringling in einen Liebesbund, dessen die Götter sich freuen, wie sehr es die Menschen und – verzeihe es mir, Mutter – die tugendhaften Matronen auch ärgert.«
      Frau Berenike hatte der lebhaften Tochter errötend zugehört; hier aber unterbrach sie sie mit ängstlicher Dringlichkeit: »Ich weiß ja, daß das die Lehren der neuen Zeit sind, daß Antonius in den Augen der Aegypter und wohl auch nach ihrer Sitte der rechte Gemahl der Königin ist, und ganz gewiß, daß ich euch beide gegen mich habe. Aber Kleopatra ist im Grunde doch eine Griechin, und darum ... Ewige Götter ... Ich kann sie ja herzlich beklagen; doch die Ehe ist nun einmal geheiligt, und auf die Octavia lasse ich nichts kommen. Wie die eigenen hegt und erzieht sie die Kinder des treulosen Gatten, die seine erste Frau ihm schenkte, die Fulvia, und die sie nichts angehen. Mehr als menschlich ist, wie sie dem Gemahle, obgleich er ihr zum Feinde wurde, die Steine aus dem Wege liest. Brünstiger als ich kann keine Frau in Alexandria für den Sieg der Kleopatra und ihres Freundes über den Octavianus beten. Sein kalter Sinn, wie hoch ihn der Bruder auch stellt, ist mir ohnehin zuwider. Aber seh' ich der Octavia dort in das wunderschöne, keusche, wahrhaft vornehme, edle Antlitz, das ein Spiegel echter weiblicher Reinheit ...«
      »So magst Du Dich daran freuen,« fuhr Archibius ergänzend fort und legte der eifrigen Frau die Rechte besänftigend auf den Arm, »nur wäre es rätlich. Du gäbest diesem Bild in dieser Zeit einen andern Platz und ließest es damit bewenden, Deine Meinung über die Octavia dem Bruder und einem so zuverlässigen Freunde wie mir anzuvertrauen. Wenn wir siegen, mag dergleichen hingehen – wenn nicht ... der Bote läßt lang auf sich warten ...«
      Da bat ihn Barine von neuem, die Zeit zu benutzen. Sie habe nur einmal, und zwar nach dem Gesange beim Adonisfeste, das Glück gehabt, von der Königin bemerkt zu werden. Da sei Kleopatra auf sie zugetreten, um ihr zu danken. Mit wenigen gütigen Worten nur, doch mit einer Stimme, die ihr mitten ins Herz gedrungen sei und sie zu ihr hingezogen habe wie mit unsichtbaren Fäden; dabei aber sei auch ihr Blick dem der Fürstin begegnet, und zuerst habe er den Wunsch in ihr erweckt, ihr die Lippen und sei es auch nur auf den Saum des Gewandes zu drücken; dann aber sei es ihr gewesen, als habe ihr aus der lieblichsten der Blumen eine feindliche Schlange entgegengezüngelt ...
      Da unterbrach sie Archibius mit der Bemerkung, er erinnere sich wohl, daß nach dem Gesange Antonius sie zugleich mit der Königin angeredet habe, und keine Schwäche des Weibes sei der Kleopatra fern.
      »Eifersucht?« frug Barine erstaunt. »Ich war nicht dünkelhaft genug, um mir das zuzugeben. Im stillen fürchtete ich freilich, Alexas, der Bruder des Philostratus, habe sie gegen mich aufgebracht. Er ist mir so übel gesinnt wie der andere, der mein Gemahl war, weil ich ... Aber was mit den beiden zusammenhängt, ist so niedrig und schmählich, daß ich ihm nicht gestatten will, mir diese trauliche Stunde zu trüben. – Doch ohne Grund war die Besorgnis, Alexas möge mich bei der Königin angeschwärzt haben, doch nicht. Er ist ja klug wie sein Bruder und durch den Antonius, in dessen Gunst er sich hineinstahl, mit Kleopatra in steter Verbindung. Er zog mit in den Krieg.«
      »Ich erfuhr es zu spät und bin dem Antonius gegenüber vollkommen machtlos,« versicherte der andere.
      »Aber lag es nicht nahe,« frug Barine, »daß ich besorgte, die Königin sei durch ihn gegen mich aufgebracht worden? Etwas Feindseliges meinte ich jedenfalls in ihrem Blicke zu finden, und darum stieß es mich von ihr ab, wie sehr es mich auch anfangs zu ihr hingezogen hatte.«
      »Und,« versicherte der Freund, »wäre das andere nicht zwischen euch getreten, Du könntest nicht mehr von ihr lassen! – Als ich sie zum erstenmale sah, war ich selbst noch ein Knabe und sie – ich sagte es wohl schon – ein achtjähriges Kind.«
      Da winkte Barine dem Archibius dankbar zu, brachte der Mutter die Spindel, goß Wasser zu dem Wein in den Mischkrug, und während sie sich anfänglich tief in das Polster zurückgelehnt hatte, stützte sie bald lauschend den Arm auf das Knie und weit vorgebeugt das Kinn mit der Hand. Die Mutter zog erst langsam, dann immer schneller den Flachs von der Spindel.
      »Ihr kennt mein Landhaus in Kanopus,« begann der Erzähler. »Es war ursprünglich ein kleiner Sommerpalast der königlichen Familie. Seit wir ihn bezogen, veränderte sich wenig darin. Auch der Garten ist noch ebenso wie damals. Er war voll von schattigen alten Bäumen. Olympus, der Leibarzt, hatte dies Anwesen ausgesucht, damit der Vater auf seinem Boden das Erziehungswerk vollende, das ihm anvertraut worden war. Ihr werdet ja hören. Es ging damals unruhig her in Alexandria; denn Rom hatte den König noch nicht anerkannt, und es waltete schon damals über uns wie das Schicksal, obgleich es das Testament, worin ihm der elende Alexander Aegypten wie einen Acker oder einen Sklaven als Eigentum vermachte, nicht anerkannt hatte.
      Der König von Aegypten, der sich selbst den ›neuen Dionysus‹ nannte, war ein schwacher Mann, dem die Geburt nicht einmal das volle Recht auf die Herrschaft gab. Ihr wißt, daß das Volk ihn den ›Flötenbläser‹ hieß. Er kannte auch wirklich keine größere Freude, als Musik zu hören und sich selbst auf mehr als einem Instrument, und zwar nichts weniger als schlecht, hören zu lassen. Dazu machte er als Trinker auch dem andern Namen Ehre. Wer am Feste des Dionysus, für dessen menschgewordenes anderes Ich er sich ansah, nüchtern blieb, dem ging es ans Leben.
      Die Gemahlin des Flötenbläsers, die Königin Tryphaena, und ihre älteste Tochter – sie trug Deinen Namen, Frau Berenike – verdarben ihm das Leben. Mit ihnen verglichen war der König ein aller Achtung würdiger tugendhafter Herr. Was war aus den Helden und weisen, hochgesinnten Fürsten des Ptolemäerhauses geworden? Jede Leidenschaft, jedes Laster hatte eine Heimstätte in ihren Palästen gefunden!
      Der Flötenbläser, der Vater Kleopatras, war lange nicht der schlechteste. Seinen Liebhabereien frönte er eifrig; die Leidenschaft zu zügeln, hatte ihn niemand gelehrt. Wo es seinen Zwecken diente, mußte auch der Tod ihm helfen; aber das gehörte zur Art der letzten Könige seines Geschlechts. Das eine hatte er sicher vor den meisten voraus, daß er noch die Fähigkeit besaß, Abscheu vor dem Gipfel des Lasters zu empfinden, an Tugend und Seelengröße und die Möglichkeit zu glauben, sie in junge Seelen zu pflanzen. Er hatte als Knabe den Einfluß eines wackern Lehrers erfahren. Das war ihm im Gedächtnisse geblieben, und es führte ihn zu dem Entschlusse, wenigstens die Lieblinge unter seinen Kindern, zwei Mädchen, dem Einflusse der Mutter zu entziehen, so weit es anging.
      Wie ich später erfuhr, hatte er gewünscht, die Mädchen meinen Eltern ganz anzuvertrauen. Dem stand aber etwas Uebermächtiges im Wege. Mochten auch Griechen die Königstöchter in der Wissenschaft unterrichten – ihre religiöse Erziehung gaben die Aegypter nicht aus der Hand. Der Arzt Olympus – ihr kennt ja den würdigen Weißbart – hatte darauf bestanden, die zarte Kleopatra müsse die rauhsten Wintermonate im oberen Aegypten verbringen, wo der Himmel sich niemals bewölkt, den Sommer aber in der Nähe des Meeres in einem schattigen Garten. Der stand bei dem kleinen Palast abseits von Kanopus zur Verfügung, und er wurde diesem Zwecke gewidmet.
      Als wir ihn mit den Eltern bezogen, stand er vollkommen leer, doch sollten uns die Königskinder bald zugeführt werden. Für den Winter schlug Olympus die Insel Philae an der nubischen Grenze vor; denn es gab dort den berühmten Tempel der Isis mit einer Priesterschaft, die es gern auf sich nahm, über die Prinzessinnen zu wachen.
      Die Königin wollte von dem allen nichts wissen; denn Alexandria zu verlassen und den Winter auf einem einsamen Eiland unter dem Wendekreise zu verleben, war ihr ein unfaßlicher Gedanke. So ließ sie denn den Vater walten, und es war ihr wohl genehm, der Sorge um die Kinder ledig zu sein; denn auch nach der Vertreibung des königlichen Gemahles aus Alexandria setzte sie keinen Fuß zu einem der Mädchen. Freilich ließ ihr der Tod nur noch kurze Zeit für dergleichen.
      Ihre älteste Tochter Berenike, die ihre Nachfolgerin wurde, that es ihr nach und kümmerte sich wenig um die Schwestern. Ich hörte später, es sei ihr lieb gewesen, sie in einer Hand zu wissen, die anderes in ihnen weckte als die Begier nach der Herrschaft.
      Ihre Brüder wurden auf der Lochias von unserem Landsmanne Theodotus unter den Augen des Vormunds Pothinus erzogen.
      Das Leben unserer Familie gewann natürlich durch die Aufnahme der Königskinder ein völlig verändertes Aussehen. Zuerst zogen wir aus unserem Hause am Museumsplatz in den kleinen Palast zu Kanopus, und es gefiel uns in dem großen, schattigen Garten. Als sei es gestern gewesen, erinnere ich mich des Morgens – ich war ein Knabe von fünfzehn Jahren – an dem der Vater uns mitteilte, zwei Töchter des Königs würden bald unsere Hausgenossen werden. Wir waren damals noch drei zu Hause, die Charmion, die mit der Königin in den Krieg zog, weil die jüngere Kammerfrau Iras, unsere Nichte, krank war beim Ausbruch, ich und der Straton, der nun schon lang nicht mehr ist.
      Man schärfte uns ein, uns gesittet und zurückhaltend gegen die Königstöchter zu verhalten. Wir nahmen auch wahr, daß ihre Aufnahme in der That Rücksichten erforderte; denn der Palast, den wir leer und verwahrlost gefunden hatten, wurde neu ausgestattet vom Keller bis zum Dache.
      Am Tage vor dem Einzuge der Mädchen kamen auch Pferde, Wagen und Sänften, und auf der See Boote und ein prächtiges Staatsschiff mit voller Bemannung. Dazu erschien eine Schaar von männlichen und weiblichen Sklaven, und unter ihnen auch zwei feiste Eunuchen.
      Ich sehe noch den verdrossenen Blick des Vaters, wie er das alles mit dem Auge maß, als es ankam. Er fuhr auch sogleich in die Stadt, und bei der Heimkehr schauten die hellen Augen des herrlichen Mannes so heiter drein wie je. Ein Hofbeamter war mit ihm gekommen, und von dem unnützen Ballast an Sachen und Menschen blieb nur zurück, was der Vater für wünschenswert erklärte.
      Am folgenden Morgen – es war am Ende des Februar – und im Rasen und an den Sträuchern blühten die Blumen, an den Bäumen mit wechselndem Laub glänzten die Blätter in frischem Saftgrün, sollten sie kommen. Ich saß auf einem starken Sykomorenaste dem Hausthore gegenüber und schaute nach ihnen aus. Sie ließen eine gute Weile auf sich warten, und wie ich dabei den Garten überblickte, dachte ich, es müsse ihnen hier schon gefallen; denn einen gleichen gab es an keinem Palast in der Stadt.
      Endlich kamen die Sänften, ohne Vorläufer und Gefolge, wie es der Vater sich erbeten, und als die Mädchen ausstiegen – beide auf einmal – wußte ich nicht, wohin den Blick zuerst wenden; denn was da aus der ersten Sänfte nicht hervortrat, sondern flatterte wie eine Libelle, das war kein Mädchen wie die anderen, – das erschien mir wie ein Wunsch, eine Hoffnung. Und als das zarte, wunderschöne Geschöpf das Köpfchen wandte und hierhin und dorthin und endlich dem Vater und der Mutter, die die Schwestern draußen empfingen, mit den großen, feuchten Augen fragend und wie um Hilfe bittend ins Antlitz schaute, da dachte ich, so müßte die Psyche ausgesehen haben, als sie sich dem Throne des Zeus um Gnade flehend nahte.
      Aber es lohnte sich auch nach der andern zu schauen. Ob das die Kleopatra war? Sie hätte schon die ältere sein können; denn sie war um nichts kleiner als die Schwester, doch wie so ganz anders! Von den Wellen des Haares bis zu jeder Bewegung des Körpers und der Hände hatte mir an der ersten – es war doch Kleopatra gewesen – alles geschienen, als ob es fließe. An der zweiten war nichts, das nicht fest gewesen wäre; ja es schien da zu sein, um zu widerstreben. Mit beiden Füßen zugleich sprang sie aus der Sänfte, hielt sich an der Thüre fest und warf den Kopf mit dem mächtigen dunklen Lockengewirr keck zurück. Das Antlitz war weiß und rot, und auch ihr leuchteten die blauen Augen hell genug; aber statt fragend blickten sie fordernd den Eltern entgegen, und wie sie sich umschaute, hob sich ihr an dem roten Kindermunde die Lippe, als erscheine ihr verächtlich und ihrer unwert, was sie gewahrte.
      Das verdroß mich an dem siebenjährigen Kinde, aber ich sagte mir auch, daß es wohl schön bei uns sei, jedoch – dank der Sorge des Vaters – recht schlicht und einfach, wenn sie es mit dem Marmor und Gold und Purpur des Königspalastes verglich, aus dem sie ja herkam.
      Auch sie hatte ein schön geschnittenes Gesicht und wäre aufgefallen unter vielen. Und als ich sie bald daraus herrisch befehlen und trotzig auf jedem Verlangen bestehen sah, dachte ich nur in meiner knabenhaften Weisheit, Arsinoë hätte die ältere sein sollen, denn sie wäre besser geeignet als die Schwester, ein Scepter zu führen. Das vertraute ich auch den Geschwistern; aber bald sahen wir alle, wem die echte Majestät eignete; denn Arsinoë konnte, wenn ihr nicht der Wille geschah, weinen und schluchzen und sich wie eine Rasende geberden, oder ging es nicht anders, betteln und quälen, während Kleopatra, wenn sie etwas begehrte, es auf anderem Wege erreichte. Sie kannte schon damals die Waffen, die ihr zum Siege verhalfen, und während sie sich ihrer bediente, blieb sie dennoch das Kind eines Königs.
      Wohl konnte keine Handwerkerstochter weiter entfernt sein von majestätischem Pathos als diese Verkörperung der lieblichsten kindlichen Anmut; wonach aber ihr warmes Gemüt am heißesten verlangte und was ihr am bestimmtesten abgeschlagen worden war, das wußte sie durch den Wohllaut der Stimme, durch den mächtigen Zauber der Augen und im äußersten Falle durch eine stumme Thräne zu erreichen. Wenn solche Zähre sich mit den erhobenen Händen und wenigen süßen Worten wie: ›Es würde mich glücklich machen‹ oder ›Siehst Du nicht, wie es mir weh thut?‹, verband, dann war kein Widerstand möglich, und auch später verhalf ihr die stumme Thräne und der unsagbare Wohllaut der Stimme in den entscheidenden Fragen des Lebens zum Siege.
      Wir junges Volk wurden bald Spielgenossen und gute Freunde; denn die Eltern ließen die Königskinder erst mit dem Lernen beginnen, nachdem sie heimisch bei uns geworden. Der Arsinoë war es lieb, obwohl auch sie schon zu lesen und zu schreiben verstand; Kleopatra aber verlangte mehr als einmal etwas von der Weisheit des Vaters zu hören, von der ihr erzählt worden war.
      Der König und ihre früheren Lehrer hatten die Erwartungen der Eltern auf den hellen Geist dieses außerordentlichen Kindes hoch gespannt, und der Arzt Olympus mir einmal in die Locken gegriffen und mir geraten, mich zusammenzunehmen, damit das Fürstenkind den Philosophensohn nicht überflügle. Ich hatte immer zu den besten gehört und mich ihm mit der Versicherung, damit habe es keine Not, lachend entwunden.
      Doch ich erfuhr bald, daß seine Warnung nicht grundlos gewesen. Ihr denkt, dem alten Narren spiele das Herz einen Streich, und im Zaubergarten der Kindheitserinnerung sei ihm das begabte Mädchen zu einer jungen Göttin geworden. Das war sie gewiß nicht; denn die Himmlischen sollen frei sein von den Fehlern und Schwächen der sterblichen Menschen ...«
      »Und was brachte Kleopatra um den Ruhm, den Göttern zu gleichen?« fiel Barine dem Erzähler neugierig ins Wort.
      Da antwortete Archibius mit einem feinen Lächeln, das nicht frei war von Vorwurf:
      »Hätte ich von ihren Tugenden geredet, es wäre Dir kaum eingefallen, mich um größere Ausführlichkeit zu bitten. Aber warum sollte ich zu verschleiern suchen, was sie in einem ganzen Leben aller Welt offen genug zu sehen gab? Lüge und Heuchelei waren ihr so fremd wie dem Wüstensohne der Fischfang. Was von Kindheit an bis heute als Grundzüge ihres Wesens und Lebens dies seltene Geschöpf beherrschte, sind zwei nie ruhende Wünsche: das Verlangen, es jedem auch im Schwersten zuvorzuthun, und das andere, zu lieben und sich geliebt zu sehen. Aus ihnen erwuchs, was sie hoch über die anderen Weiber hinaushebt. Ehrgeiz und Liebe werden sie auch auf der stolzen Höhe erhalten, zu der sie sie wie zwei mächtige Flügel aufschwangen, so lange sie sich in ihrer feurigen Seele einträchtig regen. Bisher gestattete ihnen dies eine seltene Gunst des Geschickes, – und so – mögen die Olympier es fügen – so soll es bleiben!«
      Hier stockte Archibius, trocknete die perlende Stirn, frug nach dem Boten und befahl, ihn, sobald er erscheine, zu melden. Dann fuhr er so gelassen wie im Anfange fort:
      »Die Königskinder waren unsere Hausgenossen, und mit der Zeit wurden sie uns zu Geschwistern. In den ersten Wintern gestattete ihnen der König nur während der rauhesten Wintermonate in Philae zu bleiben; denn er wollte sie nicht missen. Er sah sie freilich selten genug; denn oft vergingen lange Wochen, in denen er ihnen fern blieb; manchmal dagegen entstieg er Tag für Tag in schlichten Kleidern einer einfachen Sänfte mitten in unserem Garten, denn er hielt diese Besuche geheim vor aller Welt, außer vor dem Arzte Olympus.
      Da sah ich denn oft, wie der große, starke Mann mit dem roten, gedunsenen Gesichte mit den Kindern tändelte wie ein Handwerker, der von der Arbeit zurückkommt. Doch er blieb gewöhnlich nur kurze Zeit. Sie wiedergesehen zu haben, schien ihm zu genügen. Er wollte sich vielleicht auch nur vergewissern, wie es ihnen bei uns behage. Wenigstens mußte jedes der Ulmengruppe fern bleiben, wo er mit ihnen verkehrte.
      Aber in den dichten Kronen dieser Bäume versteckte sich's gut, und so weiß ich denn nicht nur von Hörensagen, daß er sie ausfrug.
      Der Kleopatra sagte es von Anfang an bei uns zu; die Arsinoë brauchte länger dazu, doch der König legte nur Gewicht auf die Meinung der älteren, seines Lieblings, an die er Auge und Ohr heftete wie ein Verliebter. Oft schüttelte er auch den schweren Kopf bei ihrem Anblick und lachte, wenn sie ihm eine ihrer treffenden Antworten erteilte, so laut, daß man seine tiefe, dröhnende Stimme bis zum Hause hin hörte.
      Aber einmal sah ich ihm auch Thräne auf Thräne über die hochgeröteten Wangen rinnen, und doch war der Besuch, bei dem das vorkam, noch kürzer als sonst. Von unserem Hause aus hatte ihn die verschlossene Harmamara, in der er gekommen war, geradeswegs auf das Schiff geführt, das ihn nach Cypern und Rom bringen sollte. Die Alexandriner, und an ihrer Spitze die Königin, hatten ihn gezwungen, die Stadt und das Land zu verlassen.
      Er war der Krone sicherlich unwert, doch die kleinen Töchter hatte er lieb wie ein rechter Vater. Furchtbar und gräßlich war es dagegen, wie er vor den zarten Kindern ihre Mutter und ältere Schwester verfluchte und ihnen in einem Atem befahl, sie zu hassen und zu verwünschen und ihn nicht zu vergessen und lieb zu behalten.
      Ich war damals sechzehn, Kleopatra zehn Jahre alt, und mir, der ich die Eltern höher hielt als das Leben, floß es eiskalt durch die Adern und dann wieder wie Balsam auf das Herz, als ich die kleine Arsinoë, nachdem der Vater gegangen, der Schwester zuraunen hörte: ›Wir wollen sie hassen! Die Götter sollen sie verderben!‹ und als Kleopatra daraus mit feuchten Augen versetzte: ›Laß uns lieber besser werden als sie, ganz gut, Arsinoë, damit die Himmlischen uns lieben und den Vater zurückführen.‹«
      ›Weil er Dich dann zur Königin macht,‹ versetzte die andere höhnisch und doch noch zitternd vor zorniger Erregung.
      Da schaute Kleopatra ihr befremdet ins Antlitz. Man sah es den gespannten Zügen an, daß sie die Bedeutung dieses Wortes erwog, und ich sehe sie vor mir, wie sie plötzlich die kleine Gestalt höher aufrichtete und selbstbewußt sagte: ›Ja, ich will Königin werden!‹
      Dann änderte sie den Ton, und mit den süßesten Lauten, die ihrer weichen Stimme zu Gebote standen, bat sie die Schwester: ›Nicht wahr, so häßliche Dinge sagst Du nicht wieder?‹
      Das war in der Zeit, wo die Lehren meines Vaters sich ihrer Seele zu bemächtigen begannen. Was Olympus vorausgesagt, erfüllte sich schon damals. Ich ging zwar in die Rhetorenschule; doch wenn der Vater den Mädchen Aufgaben stellte, wurde auch mir gestattet, über das nämliche Thema das Meine zu sagen, und manchmal mußte ich bekennen, daß es der Kleopatra besser gelungen sei als mir.
      Bald gab es auch Schweres zu bewältigen; denn der Geist dieses merkwürdigen Kindes verlangte nach kräftiger Speise, und man führte sie in die Philosophie ein. Der Vater selbst gehörte zur Schule des Epikur, und so gelang es ihm über alle Erwartung, Kleopatra für die Lehren des Meisters zu erwärmen. Sie hatte auch die der anderen großen Philosophen kennen gelernt, doch immer kam sie auf den Epikur zurück und veranlaßte uns andere, mit ihr als echte Jünger des edlen Samiers zu leben.
      Ihr seid wohl durch den Vater und Bruder mit den Lehren der Stoa vertrauter; doch hörtet ihr gewiß auch, daß Epikur den späteren Teil seines Lebens mit den Freunden und Schülern in seinem Garten zu Athen bei stillen Betrachtungen und förderlichen Gesprächen verbrachte. So – wünschte Kleopatra – sollten auch wir leben und uns die ›Epikurjünger‹ nennen.
      Außer der Arsinoë, die lebhafteren Zeitvertreib vorzog, zu denen sie auch meinen schon damals riesenstarken Bruder Straton mit fortzog, war das auch uns nach dem Sinne. Mich wählten sie zum Meister; ich sah ihr aber an, daß sie es gern gewesen wäre, und so trat sie an meine Stelle.
      Am nächsten Nachmittage, der uns zur Verfügung stand, gingen wir im Garten lustwandelnd auf und nieder, und die Unterhaltung über das höchste Gut wurde dabei so lebhaft geführt, sie leitete das Gespräch mit solchem Geschick und entschied in fraglichen Fällen so glücklich, daß wir dem geschlagenen Erz, das uns ins Haus rief, nur ungern folgten und uns am Abende schon auf den nächsten Nachmittag freuten.
      Am folgenden Morgen sah der Vater, daß sich einige Landleute vor dem entlegenen Garten versammelten; doch er behielt nicht Zeit, sich nach ihrem Begehr zu erkundigen; denn Timagenes, der den Geschichtsunterricht erteilte – ihr wißt, wie er später als kriegsgefangener Sklave nach Rom kam – eilte auf ihn zu und hielt ihm eine Tafel entgegen. Es war darauf die Inschrift zu lesen, die Epikur an das Thor seines Gartens geschrieben: ›Fremdling, hier wird es Dir wohl sein, hier ist das höchste Gut, die Lust.‹
      Kleopatra hatte diesen Anschlag vor Sonnenausgang mit großen Buchstaben auf die Platte eines kleinen Tisches geschrieben, und ein Sklave sie auf ihren Befehl heimlich an die Pforte befestigt.
      Dieser Streich hätte unserem schönen Zusammenleben leicht verhängnisvoll werden können; er war aber nur ins Werk gesetzt worden, um das nachahmende Spiel dem Vorbilde ähnlich zu machen.
      Der Vater hinderte uns auch nicht, uns weiter daran zu ergötzen; doch untersagte er streng, uns außerhalb des Gartens ›Epikuräer‹ zu nennen; denn dieser edle Name hatte längst eine ihm fremde Bedeutung unter den Leuten gewonnen. Epikur sagt, die wahre Wollust sei nur in der Ruhe der Seele und in der Schmerzlosigkeit zu finden.«
      »Doch alle Welt,« unterbrach ihn Barine, »hält Leugner der Gottheit, wie den Isidorus, dessen Lebenszweck ist, jeden Genuß auszukosten, den er sich mit seinem Gelde verschaffen kann, für die wahren Epikuräer. Die Mutter hätte mich nicht lange einem Erzieher anvertraut, in dessen Umgebung ›die Lust‹ für das höchste Gut gilt.«
      »Du, Tochter eines Philosophen.« erwiderte der andere und schüttelte dabei langsam den großen Kopf, »solltest verstehen, was die Lust im Sinne des Epikur bedeutet, und Du thust es wohl auch. Wer diesen Dingen ferner steht, kann freilich nicht wissen, daß der Meister verbietet, nach der einzelnen Lust zu trachten. Habt ihr eine Vorstellung von seiner Lehre? Keine rechte? Dann gestattet mir einige Worte zu ihrem Verständnis. Es geschieht nur zu oft, daß man den Epikur mit dem Aristipp verwechselt, der Sinnenlust über die geistige Lust stellt, wie er auch meint, der körperliche Schmerz sei schwerer zu ertragen als der der Seele. Epikur dagegen hält die geistige für die höhere Lust; denn die sinnliche, die zu kosten er übrigens jedem frei stellt, wird nur in der Gegenwart genossen, die geistige aber erstreckt sich auch auf Vergangenheit und Zukunft. Der Zweck des Daseins ist für den Epikuräer, wie gesagt, Seelenruhe und Schmerzlosigkeit zu erreichen, die höchsten der Güter. Auch die Tugend soll er nur üben, weil sie Lust bringt; denn wer könnte tugendhaft bleiben, ohne weise, edel und gerecht zu sein, und wer das ist, dem stört nichts die Ruhe der Seele, und er wird wahrhaft glücklich gerade im Sinne des Meisters sein. – Ich erkannte längst die Gefahr, die sich in dieser Lehre verbirgt, die von sittlicher Tüchtigkeit nichts weiß; damals aber erschien sie auch mir als das Höchste.
      Und wie das alles der jungen, von der Leidenschaft noch unberührten Seele des denkenden Kindes zusagte! Ihrem wunderbar kräftigen Geiste konnte schwer genug gethan werden, und sie empfand es wirklich als höchste Lust, ihn zu bereichern. Und die Schmerzlosigkeit, die der Meister als erste Bedingung für den Bestand jeder Lust erkannt hatte und das höchste Gut nannte. – für sie, die es schwer trug, wenn eine harte Hand sie anfaßte, wenn auch nur ein kleiner Fehlschlag oder eine leichte Enttäuschung nicht hatte von ihr fern gehalten werden können, war Schmerzlosigkeit allerdings die erste Bedingung für ein glückseliges Leben.
      Und dies Kind, das unser Vater einmal mit einer denkenden Blume verglich, trug sein herbes Geschick: die Entfernung des Vaters, den Tod der Mutter, die Ruchlosigkeit der Schwester Berenike, wie eine Heldin, ohne zu klagen. Auch zu mir, an dem sie einen zweiten Bruder gewann, und dem sie vertraute, sprach sie nur in verschleierten Andeutungen von diesen schmerzlichen Dingen. Ich weiß, daß sie voll und ganz verstand, was da vorging, und wie tief sie es fühlte. Der Schmerz stellte sich zwischen sie und ›das höchste Gut‹, aber sie überwand ihn. Und wenn sie bei der Arbeit saß, mit wie zäher Kraft rang dann das zarte Geschöpf, bis es auch das Schwerste bewältigt und Charmion und auch mich überflügelt hatte!
      Damals begriff ich, warum man unter den Göttern eine Jungfrau der Wissenschaften walten läßt, und warum man sie mit den Waffen des Krieges bewehrt. – Ihr hörtet ja, wie viele Sprachen Kleopatra redet. Ein Wort des Timagenes war ihr wie ein Saatkorn in die Seele gefallen. – ›Mit jeder Sprache, die Du erlernst,‹ hatte er gesagt, ›gewinnst Du Dir ein Volk.‹ Es gehörten aber viele Völker zum Reiche ihres Vaters, und war sie Königin, so sollten alle sie lieben. Freilich begann sie mit der der Herrschenden, nicht mit der der Beherrschten. Es geschah zunächst, um den Lucretius zu verstehen, der die Lehre des Epikur in Versen wiedergibt. Der Vater wurde unser Lehrer, und schon im zweiten Jahre las sie diese Dichtung wie ein griechisches Buch. Des Aegyptischen war sie auch nur halb kundig gewesen. Jetzt erlernte sie es schnell. Während unseres Aufenthalts auf der Isisinsel Philae fand sie einen Troglodyten, der sie mit seiner Sprache bekannt machen mußte. Hier in Alexandria gab es Juden genug, die sie in der ihren unterrichteten, und daneben erlernte sie auch das dieser verwandte Arabisch.
      Als sie viele Jahre später den Antonius zu Tarsus ausgesucht hatte, meinten die Krieger, es werde ihnen ein ägyptisches Zauberkunststück gezeigt; denn jeden Befehlshaber sprach sie in der Sprache seines Volkes an und stand ihm Rede wie einem Landesgenossen.
      So ging es bei allem, was sie als Lernende angriff. Auf jedem Gebiete des Wissens überflügelte sie uns. Das Zurückbleiben wäre ihrem brennenden Ehrgeize unerträglich gewesen.
      Der Römer Lucretius ward ihr zum Lieblingsdichter, obgleich sie seinem Volke so wenig hold war wie ich; aber die selbstbewußte Kraft des Feindes sagte ihr zu, und einmal hörte ich sie rufen: ›Ja, wenn die Aegypter Römer wären, dann gäbe ich unseren Garten her für den Thron der Berenike!‹
      Der Lucretius führte sie immer wieder auf den Epikur und erweckte einen schweren Widerstreit in ihrem nie ruhenden Geiste. Ihr wißt wohl, daß er lehrt, das Leben an sich sei kein so hohes Gut, daß man nicht zu leben für ein Mißgeschick halten müßte. Erst dadurch werde es verdorben, daß der Tod uns wie das schwerste Unglück erscheine. Nur die Seele gelange zur Ruhe, die aufhöre, an den Tod als an ein Unglück zu denken. Wer da wisse, daß mit dem Leben auch das Empfinden und Denken vorbei sei, der werde sich vor dem Ende nicht fürchten; denn wie viel Liebes und Kostbares der Verstorbene auch hienieden zurückzulassen habe, mit dem Leben gehe ihm auch das Verlangen danach auf immer verloren. Um die Leiche sich zu sorgen, erklärt er für die größte Thorheit, und gerade das Gegenteil von dem allen behauptete der Glaube der Aegypter, in dem Anubis Kleopatra zu befestigen suchte.
      Es gelang ihm auch bis zu einem gewissen Grade; denn seine Persönlichkeit wirkte mächtig auf sie ein, und dazu war ihr ein starkes Gefallen an mystischen, übersinnlichen Dingen angeboren, wie meinem Bruder Straton die Kraft des Armes und Dir, Barine, die Gabe des Gesanges.
      Ihr kennt den Anubis von Ansehen. Welcher Alexandriner hätte auch den merkwürdigen Mann nicht gesehen, und wem er einmal in die Augen schaute, der vergißt ihn nicht leicht. Er gebietet in der That über geheimnisvolle Kräfte, und er benutzte sie schon dem heranwachsenden Königskinde gegenüber. Sein Werk ist es, wenn sie an dem Götterglauben ihres Volkes festhält, wenn sie, die ja Hellenin ist in jedem Blutstropfen, ihr Aegypten liebt und bereit ist, für seine Selbständigkeit und Größe jedes Opfer zu bringen. Sie läßt sich die ›neue Isis‹ nennen; Isis aber steht den magischen Künsten der Aegypter vor, und Anubis war es, der Kleopatra in die geheime Wissenschaft einführte und sie sogar bewog, auf der Sternwarte und im Laboratorium ...
      Doch das alles nahm in unserem Epikuräergarten erst den Anfang, und mein Vater durfte ihm nicht wehren; denn der ihre hatte aus Rom sagen lassen, es freue ihn, daß Kleopatra Gefallen an ihrem Volke und seinem geheimen Wissen finde.
      Und der Flötenbläser hatte am Tiber das ägyptische Gold an die rechten Männer gebracht oder sie als Gläubiger an sein Interesse gebunden. Nachdem Pompejus, Cäsar und Crassus den Dreimännerbund geschlossen, willigten sie zu Lucca in die Wiedereinsetzung des Ptolemäers. Millionen über Millionen waren ihm dafür nicht zu teuer erschienen. Pompejus hätte ihn am liebsten selbst nach Aegypten zurückgeführt; – doch die Eifersucht der anderen ließ es nicht zu. Gabinius, der Statthalter Syriens, erhielt den Auftrag. Aber diejenigen, die den ägyptischen Thron inne hatten, waren nicht gewillt, ihn ohne Gegenwehr preiszugeben. Ihr wißt ja, daß die Königin Berenike, die ältere Schwester Kleopatras, sich inzwischen zweimal vermählt hatte. Den elenden ersten ließ sie erdrosseln, – in dem zweiten Gemahle war ihr von den Alexandrinern ein mannhafter Gefährte gewählt worden. Er setzte sich wacker zur Wehr und ließ auf dem Schlachtfelde das Leben.
      Der Senat erfuhr bald genug, Gabinius habe den Ptolemäer in sein Land zurückgeführt; zu uns kamen die Nachrichten nur langsam. Mit so leidenschaftlicher Spannung wie heute lauschten wir auf jedes Gerücht.
      Kleopatra stand damals im vierzehnten Jahre und war herrlich erblüht. Das Bild dort zeigt die erschlossene Blume. Die Knospe war aber doch wohl von noch köstlicherem Reize. Ihre Augen! Wie klar sie dreinschauten und ernst! Wenn sie aber heiter bewegt war, konnten sie wie Sterne leuchten, und dann gewann auch ihr kleiner roter Mund einen unbeschreiblich schelmischen Zauber, und in jeder Wange bildete sich eines jener Grübchen, die zwar an Tiefe einbüßten, aber doch heute noch jeden entzücken. Die Nase war zarter als jetzt, und die leichte Biegung noch kaum sichtbar, die das Bildnis zeigt und die auf den Münzen zu stark hervortritt. Das Haar ist erst später dunkel geworden. Meine Schwester Charmion kannte kein schöneres Vergnügen, als seine wellige Fülle zu ordnen. Es sei wie Seide, versicherte sie oft, und sie hatte recht. Ich weiß es; denn wenn Kleopatra beim Feste der Isis dem Götterbilde mit dem Sistrum folgte, mußte sie es aufgelöst tragen. Bei der Heimkehr schüttelte sie dann manchmal das Haupt zum Scherze. Dann floß das Haar wie ein Wasserfall auf sie nieder und verbarg das Antlitz und die Gestalt. Die war wie jetzt nur von mittlerer Größe, doch vom herrlichsten Ebenmaß, nur noch zarter und geschmeidiger als heute.
      Sie hatte es verstanden, alle Herzen zu gewinnen, doch wenn sie auch unsern Vater höher zu schätzen, mir freundlicher zu vertrauen, zu dem Anubis mit frömmerer Scheu aufzublicken und mit dem scharfsinnigen Timagenes lieber zu streiten schien als mit den anderen, sah es doch aus, als halte sie alle gleich wert, die sie umgaben, während Arsinoë mich stehen ließ, wenn der Straton da war und den schönen Menodor, einen Schüler des Vaters, so oft er zu uns kam, mit den Feueraugen verzehrte.
      Als es hieß, der König werde von den Römern zurückgeführt, kam die Königin Berenike zu uns, um die Mädchen in die Stadt zu holen. Als aber Kleopatra sie bat, sie unter der Obhut unserer Eltern bleiben zu lassen und sie nicht im Lernen zu stören, flog der Berenike ein höhnisches Lächeln über das Antlitz, und indem sie sich an ihren Gatten Archelaus wandte, warf sie kurz hin: ›Von den Büchern droht dieser da, mein' ich, die geringste Gefahr.‹
      Den Brüdern der Prinzessinnen hatte Pothinus, der Vormund, früher bisweilen gestattet, die Schwestern bei uns zu besuchen. Jetzt wurden sie nicht mehr auf der Lochias entlassen; doch weder Kleopatra noch Arsinoë frugen viel nach ihnen. Die kleinen Knaben hatten sich stets scheu vor ihren Liebkosungen zurückgezogen, und sie waren ihnen mit der ägyptischen Kinderlocke an der Schläfe und den ägyptischen Kleidern, die Pothinus sie tragen ließ, fremd erschienen.
      Als es hieß, die Römer rückten von Gaza her heran, bemächtigte sich beider Mädchen eine leidenschaftliche Erregung. Der Arsinoë leuchtete sie aus jedem Blicke; Kleopatra wußte sie zu verbergen, doch ihre jungen Züge wechselten oft die Farbe, und das Antlitz, das nicht weiß und rot war wie das der Schwester, sondern von einem – wie soll ich nur sagen ...«
      »Ich weiß, was Du meinst,« unterbrach ihn Barine. »Nichts schien mir, als ich sie sah, reizvoller als jener bleiche Hauch, durch den das Wangenrot nur leise hindurchscheint wie das Licht durch die Alabasterampel da drüben, wie das Rot der Pfirsiche durch den Flaum. Bei Genesenden sah ich ihn manchmal. Nur ihren Lieblingen haucht Aphrodite ihn über Antlitz und Körper, wie der Gott der Zeit die edle Patina über die Bronze. Nichts Schöneres, als wenn solche Frauen erröten!«
      »Du siehst scharf,« versetzte Archibius lächelnd. »Es war in der That, als färbe nicht Eos selbst, sondern ihr zarter Abglanz am westlichen Horizont den Himmel, wenn ihr Freude oder Scham das Blut in die Wangen trieb. Wenn aber der Zorn sie übermannte, und schon bevor der König heimkehrte, begegnete ihr das manchmal, konnte sie aussehen wie entseelt, wie ein Marmorbild, ja mit den erblaßten Lippen wie eine Leiche.
      Der Vater sagte, das Blut des Physkon und der anderen entarteten Ahnen, die verlernt hatten, die Leidenschaft zu zügeln, fordere auch bei ihr sein Recht. Doch weiter! Der Bote wird mich ohnehin zu früh unterbrechen.
      Gabinius führte den König also zurück. Doch seit er mit dem römischen Heere und der Hilfsschaar des Ethnarchen von Judäa heranrückte, war nicht mehr von ihm oder von dem Antipater, der die Streitmacht des Hyrkanus befehligte, sondern immer nur von dem römischen Reitergeneral Antonius die Rede. Er hatte die Truppen glücklich durch die Wüste zwischen Syrien und dem ägyptischen Delta geführt und keinen Mann auf dem gefahrvollen Wege verloren, der dort beim Sirbonischen See und den Barathra schon manche Heerschaar ins Verderben führte. Nicht ihrem Stammgenossen Antipater, sondern ihm hatte die jüdische Besatzung von Pelusium die Stadt ohne Schwertstreich übergeben. In zwei Schlachten hatte er gesiegt und mit der zweiten, bei der, wie ihr wißt, der Gemahl der Berenike nach tapferem Widerstand fiel, das Geschick des Landes entschieden.
      Seit sein Name zum erstenmal genannt worden war, konnten beide Mädchen nicht genug von ihm hören. Es hieß, daß er unter den vornehmen Römern der vornehmste, unter den tapferen der verwegenste, unter den ausgelassenen und schwelgerischen der tollste und unter den schönen der schönste sei.
      Die Zofe aus Mantua, mit der Kleopatra sich in der römischen Sprache übte, hatte ihn oft gesehen und noch mehr von ihm gehört, und sein Lebenswandel gab den Römern und Römerinnen zu reden! Sein Haus sollte in gerader Linie von Herkules abstammen, und seine Gestalt und sein herrlicher schwarzer Bart an den Ahnherrn erinnern, Ihr kennt ihn ja und wißt, was sich alles von ihm berichten läßt, das ein Mädchenohr nicht gleichgiltig mit anhört, und er war damals beinahe fünf Lustra jünger als heute.
      Wie horchte Arsinoë auf, wenn sein Name genannt wurde, wie schnell wechselte die Farbe auf den Wangen der Kleopatra, wenn Timagenes sich herausnahm, ihn einen sittenlosen Wüstling zu schelten. Marc Anton öffnete freilich ihrem Vater den Weg in die Heimat.
      Der Flötenbläser hatte seine Mädchen nicht vergessen. Er, der dem Kampfe fern geblieben war, drängte gleich nach der Entscheidung der Schlacht in die Stadt.
      Der Weg führte an unserem Garten vorüber.
      Es war dem Könige nur Zeit geblieben, den Töchtern eine Viertelstunde vor seiner Ankunft durch einen Läufer melden zu lassen, daß er sie zu begrüßen wünsche. In aller Eile wurden sie festlich geschmückt, und beide gewährten einen Anblick, der dem Herzen des Vaters wohlthun mußte.
      Kleopatra war der Arsinoë noch immer nicht voll nachgewachsen, doch glich sie trotz ihrer vierzehn Jahre ganz und gar einer erblühenden Jungfrau, während Antlitz und Gestalt der andern verrieten, daß sie den Jahren nach noch ein Kind sei. Im Herzen war sie es nicht mehr.
      So gut die Eile es zuließ, waren für den Heimkehrenden Sträuße gewunden worden. Jedes der Mädchen trug einen in der Hand, als der Reisezug nahte. Meine Eltern begleiteten sie an das Gartenthor. Ich konnte mit ansehen, was da vorging, doch nur, was die Männer sagten, deutlich verstehen.
      Der König entstieg dem Reisewagen, der mit acht medischen Schimmeln bespannt war. Der vornehme Kämmerer, der ihn begleitete, mußte ihn dabei unterstützen. Das rote Trinkergesicht strahlte ihm hell, als er die Mädchen begrüßte. Man sah ihm an, wie froh ihr Anblick und besonders der Kleopatras ihn überraschte. Wohl hatte er auch Arsinoë geküßt und in die Arme geschlossen, aber dann nur noch Augen und Ohren für Kleopatra gehabt.
      Doch auch die Jüngere hatte sich schön entfaltet. Ohne die Schwester wäre sie sicherlich jedem wert der Beachtung erschienen, aber Kleopatra war eben wie die einzige Sonne, neben der jedes andere Himmelslicht verblaßt. Doch nein! Sonnenhaft durfte man sie nicht nennen. Darin lag ja ein Teil ihres Zaubers, daß jeder sich gezwungen fühlte, den Blick auf ihr ruhen zu lassen; schon um zu erkunden; worin denn der Reiz bestände, der von ihr ausging.
      Und auch Antonius wurde von der Anziehungskraft ihres Wesens gefesselt, sobald er nur die ersten Worte von ihren Lippen vernommen. Er war auf den Wagen des Königs zugesprengt. Als er die Töchter an der Seite des Vaters bemerkte, begrüßte er sie mit flüchtiger Höflichkeit; wie aber Kleopatra ihm auf die Frage, ob er auf ihren Dank hoffen dürfe, ihr den Vater so schnell zurück geführt zu haben, antwortete, als Tochter mache es ihr Freude, ihm erkenntlich zu sein, als Aegypterin falle es ihr schwerer, faßte er sie schärfer ins Auge.
      Diese Erwiderung wurde mir erst später bekannt; doch sah ich, wie der Römer, als ihr letztes Wort kaum verhallt war, sich vom Rosse schwang und dem vornehmen Kämmerer Ammonius, der dem Könige aus dem Wagen geholfen, die Zügel zuwarf, als sei er sein Roßknecht. Dem Weiberfreunde war auf der Jagd nach den Schönsten ein seltenes Wild begegnet, und während er das Gespräch mit Kleopatra fortsetzte, mischte sich ihr Vater bisweilen hinein, und sein tiefes Gelächter ließ sich dabei oft genug vernehmen.
      Die ernste Schülerin des Epikur war nicht wieder zu erkennen. Treffende Worte und überraschende Gedanken hatten wir oft genug von ihr vernommen; die Scherze des Timagenes hatte sie aber nur selten mit anderen erwidert. Jetzt fand sie – man sah es den Redenden an – auf manches Wort des Antonius eine witzige Antwort. Es war, als habe sie den ersten gefunden, dem gegenüber sie es für der Mühe wert halte, jede Gabe des schnellen und tiefen Geistes außerhalb des Lehrsaales ins Feld zu führen. Und doch verlor sie nicht einen Augenblick die weibliche Würde, leuchteten ihr die Augen nicht heller als bei einem lebhaften Gespräche mit mir oder unserem Vater.
      Anders Arsinoë.
      Als Antonius sich vom Rosse geschwungen, war sie der Schwester näher getreten, doch als der Römer trotzdem fortfuhr, sie zu übersehen, rötete sich ihr das Antlitz. Sie biß sich in die rote Lippe; eine große Unruhe bemächtigte sich ihres gesamten Wesens, und ich, der sie kannte, sah ihren Augen und den zitternden Nasenflügeln an, daß sie den Thränen nur mühsam wehrte. So viel näher Kleopatra auch meinem Herzen stand, that jene mir doch leid, und ich hätte den stolzen Römer, der in der That wie der Kriegsgott selbst aussah, am Arme schütteln und ihm zuflüstern mögen, das arme Kind, das doch auch eine Tochter des Königs sei, nicht zu übersehen.
      Doch es war der Arsinoë noch Schwereres beschieden; denn als der König, der bis dahin die beiden Blumensträuße in der Hand gehalten hatte, zum Aufbruch mahnte, nahm Antonius ihm den einen ab, und ich hörte ihn mit der tiefen lauten Stimme sagen: ›Wer solche Blume seine Tochter nennt, bedarf nicht so vieler anderer.‹ Dann überreichte er der Kleopatra den Strauß, sprach dabei mit der Hand auf dem Herzen den Wunsch aus, sie in Alexandria wiederzusehen, und schwang sich auf das Roß, das der vor Ingrimm bleiche Kämmerer immer noch am Zaume hielt.
      Der Flötenbläser war entzückt von der ältesten Tochter und teilte dem Vater mit, daß er die Mädchen übermorgen in die Stadt führen lassen werde. Morgen habe er dort Dinge zu thun, von denen er sie fern halten möchte. Unser Vater solle den Sommerpalast samt dem Garten als Zeichen seiner Dankbarkeit für sich und seine Nachkommen behalten. Er werde Sorge tragen, daß die Aenderung des Besitzers in die Grundbücher eingetragen werde.
      Dies veranlaßte er in der That noch am nämlichen Tage. Es wäre sogar sein allererstes Geschäft gewesen, hätte er ihm nicht ein anderes vorausgehen lassen: die Hinrichtung seiner Tochter Berenike.
      Derselbe König, der allen, die mit zugesehen hatten, wie er seine Kinder begrüßte, wie ein warmherziger Mensch und zärtlicher Vater vorgekommen war, hätte damals halb Alexandria umbringen lassen, wäre Antonius nicht dazwischen getreten. Er verbot das Blutvergießen und ehrte den gefallenen Gemahl der Berenike durch ein prächtiges Begräbnis.
      Als ihn das Roß davontrug, wandte er sich noch mehrmals nach Kleopatra um, Arsinoë konnte er nicht mehr grüßen; denn sie war in den Garten zurückgeeilt. Ihrem geschwollenen Antlitze sah man an, daß sie heiße Thränen vergossen.
      Seit jenem Tage haßte sie Kleopatra mit bitterem Groll.
      Der König ließ beide zur bestimmten Zeit in die Stadt holen. Es geschah mit fürstlichem Gepränge. Die Alexandriner jubelten den Königstöchtern zu, als sie auf goldenen Thronsitzen, von Straußenfedern überweht, von Würdenträgern und Heerführern, den Leibwachen und dem Senat der Stadt umgeben, die Königsstraße hinunter getragen wurden. In stolzer Majestät, als sei sie schon Königin, nahm Kleopatra die Grüße des Volkes dankend entgegen. Wer sie gesehen hätte, wie sie mit überströmenden Augen von jedem von uns Abschied nahm und ihn ihres Dankes und treuen Gedenkens versicherte, wie sie mir, den der Bund der Epheben schon zum Haupte erwählt, so schwesterlich innig ...«
      Hier ward Archibius von einem Sklaven unterbrochen, der die Ankunft seines Boten meldete, und er erhob sich schnell, um ihn in der Werkstätte, wohin man ihn geführt, ohne Zeugen zu sprechen.
    



      Sechstes Kapitel
      Die Leute, die Archibius ausgesandt hatte, um Kundschaft einzuziehen, waren zu keinem sicheren Ergebnisse gelangt. Ein königlicher Läufer hatte aber vor kurzem ein Brieftäfelchen für ihn abgegeben, worauf Iras ihn einlud, sie morgen zu besuchen. Es seien beunruhigende, doch glücklicherweise noch unsichere Nachrichten eingetroffen. Der Regent biete alles auf, um sich Gewißheit zu verschaffen, doch er kenne das Mißtrauen der Seeleute und aller Welt am Hafen gegen die Regierung und was zu ihr gehöre. Ein unabhängiger Mann wie er bringe oft mehr in Erfahrung als der Hafenstrateg mit all seinen Schiffen und Leuten.
      Das Täfelchen wurde von einem zweiten begleitet, das dem Träger im Namen des Regenten gestattete, jederzeit die Hafenkette lüften zu lassen, in das offene Meer zu fahren und ungehindert zurückzukehren.
      Der Bote, der Vorsteher der Schiffersklaven des Archibius, war ein erfahrener Mann. – Er nahm es auf sich, den »Epikur«, einen vorzüglichen Schnellsegler, den Kleopatra dem Freunde geschenkt hatte, in zwei Stunden für eine Fahrt in die offene See bereit zu stellen. Der Wagen solle den Herrn abholen, damit keine Zeit verloren gehe.
      Als Archibius zu den Frauen zurückgekehrt war und sie frug, ob es ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen heiße, wenn er den Aufbruch jetzt – kurz vor Mitternacht – noch beträchtlich verzögere, zeigten sie sich aufrichtig erfreut und baten ihn um die Fortsetzung der Erzählung.
      »Ich muß mich beeilen,« begann er, nachdem er dem Imbiß schnell zugesprochen, den Frau Berenike schon während er mit dem Boten sprach, bereit gestellt hatte. »Von dem, was die nächsten Jahre brachten, ist nicht viel wert der Erwähnung. Ich hatte außerdem vollauf mit dem Studium im Museum zu thun.
      Was Kleopatra und Arsinoë anging, so standen sie wie Königinnen an der Spitze des Hofstaates. Der Tag, an dem sie unser Haus verließen, war der letzte ihrer Kindheit gewesen.
      Hatte die Wiedereinsetzung des Königs, ihres Vaters, hatte die Begegnung mit dem Antonius die große Veränderung bewirkt, die damals mit Kleopatra vorging, wer wagte wohl es zu entscheiden?
      Kurz vor dem Abschiede von uns hatte meine Mutter beklagt, daß sie die Kleopatra einem Vater wie dem Flötenbläser und nicht einer würdigen Mutter zurückzugeben habe; denn die allerbeste müsse sich wegen solcher Tochter glücklich schätzen. Später war ihr Sein und Wesen indes weit eher geeignet, Männer zu entzücken, als gerade eine Mutter. Mit dem Trachten nach dem Frieden der Seele schien es vorbei. Nur manchmal wurden ihr die rauschenden Feste, das Singen und Musiziren zu viel, woran es im Palast des Virtuosen auf dem Throne nie fehlte. Dann erschien sie in unserem Garten und blieb dort oft mehrere Tage. Arsinoë begleitete sie niemals; denn bald ließ sie sich von einem goldlockigen Offizier der großen germanischen Reiter fesseln, die Gabinius unter der Besatzung Alexandrias zurückgelassen hatte, bald von einem makedonischen Edlen unter den königlichen Jünglingen, die damals noch den Wachdienst im Palaste versahen.
      Kleopatra lebte getrennt von ihr, und Arsinoë trug die feindliche Gesinnung gegen sie offen zur Schau, seitdem sie ihr geboten, dem Aergernis ein Ende zu machen, das ihre Liebeshändel erregten.
      Von dergleichen hielt Kleopatra sich fern.
      Wenn sie sich auch bisweilen mit den magischen Künsten der Aegypter beschäftigte, hatte ihr klarer Geist sie doch in der Philosophie der Hellenen so heimisch gemacht, daß es ein Vergnügen war, sie im Museum – und sie that es nicht selten – mit den Führern der verschiedenen Schulen sich unterhalten oder in einen Streit einlassen zu hören. Ihr Selbstbewußtsein war mächtig gewachsen. Versicherte sie auch, so oft sie bei uns weilte, sie sehne sich nach der Zeit des friedvollen Epikuräergartens zurück, so beschäftigte sie sich doch eifrig genug mit den Händeln der Welt und der Staatskunst. Was in Rom vorging, was die Parteien wollten und erstrebten, war ihr so vertraut wie die Personen der leitenden Männer, ihre Eigenschaften, Aussichten und Ziele.
      Der Laufbahn des Marc Anton folgte sie mit der Teilnahme des Herzens. Er war es gewesen, dem sie ihre erste junge Neigung geschenkt. Sie hatte das Größte von ihm erwartet; aber sein späteres Verhalten schien diese hochgespannten Hoffnungen Lügen zu strafen. Ein Schimmer von Verachtung färbte damals, was sie auch über ihn äußerte; aber auch daran war das Herz mit beteiligt.
      Den Pompejus, dem ihr Vater die Rückkehr verdankte, hielt sie für glücklicher als groß und weise. Von Julius Cäsar sprach sie dagegen, lange bevor sie ihm persönlich begegnete, mit glühender Begeisterung, obgleich sie wußte, daß er Aegypten gern zur römischen Provinz gemacht hätte. Das größte, was sie von dem thatkräftigen Julier erwartete, war, daß er mit der Republik, die sie haßte, aufräumen und sich zum Tyrannen über die hochmütigen Beherrscher der Welt ausschwingen werde. Nur hätte sie gern den Antonius an seiner Stelle gesehen. Wie oft bediente sie sich damals der magischen Kunst, um sich über seine Zukunft zu vergewissern. Der Vater nahm teil an diesen Dingen, zumal er durch sie und die Macht der großen Isis Heilung von seinen vielen und schweren Leiden erwartete.
      Kleopatras Brüder waren immer noch unreife Knaben und durchaus abhängig von ihrem Vormund Pothinus, dem der König die Leitung des Staates überließ, und ihrem Erzieher Theodotus, einem klugen, doch gewissenlosen Rhetor. Diese beiden und Achillas, der Führer der Truppen, hätten gern dem Dionysus, dem ältesten männlichen Erben des Königs, zur Herrschaft verholfen, um ihn auch später zu leiten; der Flötenbläser aber machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Ihr wißt, daß er in seinem letzten Willen die Kleopatra, sein liebstes Kind, zur Nachfolgerin ernannte, doch sollte ihr Bruder Dionysus als ihr Gemahl den Thron mit ihr teilen. Das bereitete viel Aergernis in Rom, obgleich es ja einem alten Gebrauche des Ptolemäerhauses und der Aegypter entspricht.
      Der Flötenbläser starb. Kleopatra wurde Königin und zugleich die Gemahlin eines zehnjährigen Gatten, für den sie nicht einmal das natürliche Geschenk schwesterlicher Zärtlichkeit bereit hielt. Doch sie heiratete zugleich mit dem eigenwilligen Kinde, dem seine Berater eingeschärft hatten, ihm allein gebühre die Herrschaft, die früheren Regenten des Landes.
      So begann denn für sie eine bittere Zeit. Ihr Leben war ein fortgesetzter Kampf gegen die verruchten Ränke, von denen die schlimmsten ihrer Schwester den Ursprung verdankten. Arsinoë hatte sich mit einem eigenen Hofstaat umgeben, dem der Eunuch Ganymedes vorstand, ein erfahrener Feldhauptmann und zugleich ein kluger, ihr ganz ergebener Berater. Er wußte sie auch dem Pothinus und den anderen Lenkern des Staates nahe zu bringen, und so einigte endlich alles, was in den Königspalästen zu gebieten hatte, das eine Bestreben, Kleopatra vom Throne zu drängen. Pothinus, Theodotus und Achillas haßten sie, weil sie auch ihre Fehler durchschaute und sie die Ueberlegenheit ihres Geistes empfinden ließ. Es wäre auch ihren vereinten Anstrengungen früher gelungen, sich ihrer zu entledigen, wenn die Alexandriner und an ihrer Spitze die Epheben, auf die ich noch immer einigen Einfluß übte, nicht so fest zu ihr gestanden hätten. Was sich ›Jüngling‹ nannte, glühte für sie, und auch unter den makedonischen Edlen in der Leibwache wären die meisten für sie in den Tod gegangen, obgleich sie sie gezwungen hatte, hoffnungslos zu ihr aufzuschauen wie zu einer unnahbaren Göttin.
      Als ihr Vater die Augen schloß, war sie siebzehn Jahre alt; doch wie ein Mann wußte sie sich der Dränger und Feinde zu erwehren. Meine Schwester Charmion, die sie bestimmt hatte, in ihren Dienst zu treten, stand ihr dabei treu zur Seite. Das Mädchen war damals schön und liebenswert, und es fehlte ihr nicht an Bewerbern; doch der Zauber der Königin hielt sie fest wie mit Ketten und Banden. Freiwillig entsagte sie der Liebe zu einem edlen Manne – Du weißt ja, es war Dein späterer Gatte, Frau Berenike – um die königliche Freundin nicht in einer Zeit zu verlassen, in der sie ihrer bedurfte. Meine Schwester verschloß seitdem der Liebe das Herz. Es gehört der Kleopatra, Für sie allein lebt sie, denkt sie, sorgt sie bis heute. Dir, Barine, ist sie gut, weil ihr Leonax, Dein Vater, so wert war. Iras, die so oft neben ihr genannt wird, ist die Tochter meiner ältesten Schwester, die schon verheiratet war, als der König dem Vater die Prinzessinnen vertraute. Sie ist zwölf Jahre jünger als Kleopatra, doch auch ihr geht die Herrin über alles. Ihr Vater, der reiche Krates, bot alles auf, um sie abzuhalten, in den Dienst der Königin zu treten, aber vergebens. Eine einzige Unterredung mit der wunderbaren Frau hatte sie auf immer an sie gefesselt.
      Doch ich muß kurz sein! Ihr hörtet wohl, wie Kleopatra den Sohn des Pompejus bei seinem Besuche Alexandrias so warm für sich einnahm. Seit der Begegnung mit dem Antonius hatte sie sich keinem Manne so huldreich erwiesen, und es war nicht aus Neigung, sondern zum besten der Selbständigkeit des Vaterlandes geschehen, das sie liebte. Der Vater des Gnejus war damals der mächtigste Mann, und die Staatskunst gebot ihr, ihn durch den Sohn zu gewinnen. Der junge Römer nahm denn auch, ›voll von ihr‹, wie die Aegypter sagen, von ihr Abschied. Das freute sie; doch dieser Besuch kam ihren Feinden mächtig zu gute. Es gab keine Verleumdung, die nicht gegen sie ausgestreut worden wäre. Die Führer der Leibwachen, denen sie nur als stolze Königin begegnet war, hatten sie mit dem Sohne des Pompejus verkehren sehen wie mit einem ihr gleichstehenden Freunde; im Theater und bei manchem andern Anlaß wurden die Alexandriner Zeugen, wie sie sein Wohlgefallen mit der gleichen Münze bezahlte. Aber der Haß gegen Rom schlug damals hohe Wogen. Die Regenten streuten im Bunde mit der Arsinoë aus, Kleopatra wolle Aegypten dem Pompejus ausliefern, wenn der Senat ihr die alleinige Herrschaft über die neue Provinz zusichere und ihr freie Hand lasse, sich des königlichen Bruders und Gemahls zu entledigen.
      Sie mußte fliehen und begab sich zunächst an die syrische Grenze, um Freunde unter den asiatischen Fürsten für ihre Sache zu gewinnen. Mir und meinem Bruder Straton – Du, Berenike, kanntest ja den herrlichen Jüngling, der zu Olympia den Kranz beim Ringkampfe gewann – war der Auftrag geworden, ihr den Schatz nachzuführen. Wohl setzten wir uns einer großen Gefahr aus, doch wir thaten es freudig und verließen Alexandria mit einigen Kamelen, einem Ochsenwagen und mehreren vertrauten Sklaven. Bis nach Gaza sollte es gehen, wo sie schon ein Heer zu werben begann. Wir hatten uns beide als nabatäische Kaufleute verkleidet, und die Sprachen kamen mir jetzt zu gute, die ich, um nicht hinter der Kleopatra zurückzubleiben, erlernt.
      Es war eine bewegte Zeit. Die Namen Pompejus und Cäsar waren in aller Munde. Nach der Niederlage bei Dyrrhachium schien die Sache des Juliers verloren, aber die Pharsalische Schlacht gab ihm wieder das Heft in die Hand, wenn sich der Osten nicht für den Pompejus erhob. Beide schienen Lieblinge des Glückes. Wem es fester die Treue halten werde, war jetzt die Frage.
      Meine Schwester Charmion begleitete die Königin; doch durch eine ihr ergebene Frau der Arsinoë hatten wir aus dem Palast erfahren, das Geschick des Pompejus sei entschieden. Er kam als Flüchtling nach der Niederlage von Pharsalus und ersuchte den König von Aegypten – das heißt die für ihn regierenden Männer – um gastliche Aufnahme. Vor einer größeren Verlegenheit hatten Pothinus und seine Genossen selten gestanden. Truppen und Schiffe des siegreichen Cäsar standen in der Nähe; viele Vertreter des Gabinius dienten im ägyptischen Heere. Empfing man den geschlagenen Pompejus freundlich, so machte man sich den Sieger Cäsar zum Feinde. Ich sollte Zeuge der schrecklichen Lösung dieses Dilemmas werden. Das verruchte Wort des Theodotus: ›Tote Hunde beißen nicht mehr‹, hatte den Ausschlag gegeben.
      Mein Bruder und ich waren mit unserem kostbaren Frachtgute bis zum Berge Casius gelangt und hatten die Zelte aufgeschlagen, um dort einen Boten zu erwarten, als eine große Schar von bewaffneten Kriegern von der Stadt her herankam. Erst fürchteten wir, wir würden verfolgt; doch ein Späher berichtete, der König selbst befinde sich unter den Soldaten, und zu gleicher Zeit näherte sich von der Küste her ein großes römisches Admiralschiff. Es konnte nur das des Pompejus sein. So hatte man doch die Meinung geändert, und der König kam, um den Gast selbst zu empfangen. Die Truppen lagerten sich auf dem flachen Ufer, das der Tempel des casischen Amon überragte.
      Die Septembersonne schien hell und spiegelte sich in den Waffen. Von der hohen Wand des trockenen Flußbettes, in dem wir das Zelt aufgeschlagen hatten, sahen wir ein blutrotes Etwas sich auf und nieder bewegen. Es war der Purpurmantel des Königs. Die Wellen plätscherten leise, vom Herbstwind bewegt, blau wie Cyanen über den gelben Dünensand hin; der König aber blieb stehen. Mit der Hand über dem Auge schaute er nach dem Admiralschiffe hin. Achillas, der Heerführer, und mit ihm der Tribun Septimius, der zu den römischen Besatzungstruppen in Alexandria gehörte und von dem ich wußte, daß er unter dem Pompejus gedient und ihm mancherlei zu danken habe, waren indes in ein Boot gestiegen und fuhren auf das Schiff zu, dem das flache Meer die Landung untersagte.
      Nun begann die Verhandlung, und das Gastgebot des Achillas muß recht warm und Vertrauen erweckend geklungen haben; denn eine hohe Frau – es war Cornelia, die Gemahlin des Imperators – winkte ihm zu, um ihm zu danken.«
      Hier stockte der Erzähler, holte tief Atem und preßte die Hand an die Stirn, als er fortfuhr:
      »Was nun kommt ... Daß es mir bestimmt war, das Schreckliche als Zuschauer mit zu erleben! Wie oft ist es falsch dargestellt worden, und es ging doch so grausam einfach dabei her!
      Das Glück macht seine Lieblinge vertrauensvoll. Auch Pompejus war es. Der Fünfziger – es fehlten ihm bloß zwei Jahre zu sechzig – war schnell genug im Kahne. Nur ein Freigelassener half ihm ein wenig. Ein Matrose – es war ein Schwarzer – stieß den Nachen von dem großen Schiffskörper ab, so heftig, als sei die Stange, womit er es that, ein Speer und das Fahrzeug sein Feind. Er strauchelte, weil die Ruderschläge seiner Genossen den Kahn schon vorwärts trieben, und dabei fiel ihm die braune Kappe vom Wollhaar. Es ist mir, als sähe ich es wieder vor mir. Bevor ich recht ausgedacht, das sei kein freundliches Omen, hielt schon das Boot.
      Das Wasser war flach. Ich sah, wie Achillas aufs Land wies. Mit einem Sprunge war es zu erreichen. Pompejus schaute zu dem Könige hinüber. Der Freigelassene legte ihm die Hand unter den Arm, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Septimus erhob sich. Er wollte ihn wohl unterstützen. Aber nein! Was ist das? Neben dem silbergrauen Haare des Imperators blitzt es blendend auf im Sonnenlicht, als sei ein Funke vom Himmel gefallen. Will Pompejus ihm wehren, oder warum hebt er die Hand? Sie hat die Toga aufgehoben, und er bedeckt mit ihr lautlos das Antlitz. Der Tribun schwingt den Arm noch einmal hoch auf. Und dann – welcher Wirrwarr! Hier – da – dort – jäh auffahrende Hände, neues Flimmern in der hellen Luft. Achillas, der Feldherr, stößt so sicher zu mit dem Dolche, als sei er im Morden geübt. Der schwere Körper des Imperators bricht zusammen. Der Freigelassene stützt ihn.
      Und nun erhebt sich hier eine wütende, dort eine klagende Stimme, und, alle laut übertönend, der schmerzliche Jammerruf einer Frau. Er kommt vom Schiffe her, von den Lippen Cornelias, der Gemahlin des Gemordeten. Dann Beifallsrufe aus dem Lager des Königs, Trompetensignale: die Aegypter ziehen ab. Da zeigt sich wieder der mohnrote Mantel. Ihm entgegen tritt Septimius mit einem blutenden Haupte in der Hand. Er hebt es hoch. Der königliche Knabe schaut dem Opfer in die gebrochenen Augen, die so manche Feldschlacht, die Rom, die zwei Weltteile gelenkt. Dieser Anblick ist für das Kind auf dem Throne doch wohl zu gewaltig; denn es wendet sich ab. Das Schiff entfernt sich vom Ufer; die Aegypter ordnen sich und brechen auf. Achillas säubert die blutigen Hände im Wasser des Meeres. Neben ihm wäscht der Freigelassene die kopflose Leiche des Herrn. Der Feldherr zuckt die Achseln, als der treue Mann ihm ich weiß nicht was zuruft.«
      Hier stockte Archibius und holte tief Atem. Dann fuhr er gelassener fort:
      »Achillas führte das Heer nicht nach Alexandria zurück, sondern gen Osten, nach Pelusium, wie ich später erfuhr.
      Der Bruder und ich standen auf dem felsigen Schluchtrand. Es dauerte lange, bis einer das erste Wort fand. Eine Staubwolke entzog den König und die Leibwache den Blicken, das Segel des Admiralschiffes verschwand. Es wurde dunkel, und Straton zeigte nach Westen, nach Alexandria hin. Da ging die Sonne unter. Rot, rot! Es war, als ergieße sich ein Blutstrom über die Stadt.
      Die Nacht brach herein. Ein elendes Feuer brannte am Ufer. Woher kam das Holz in die Wüste? Wie war es entzündet worden? Dicht an der Stelle des Mordes hatte ein zerbrochener Nachen gelegen. Er war von dem Freigelassenen und seinem Gefährten zerschlagen worden. Mit dürrem Gestrüpp, den zerrissenen Kleidern des Gemordeten und trockenem Seetang speisten sie das Feuer. Jetzt schlugen Flammen auf. Ein Körper ward behutsam auf den elendesten der Scheiterhaufen gelegt. Es war der des großen Pompejus. Ein Veteran des Imperators half dem treuen Diener.«
      Hier ließ sich Archibius wieder in das Polster zurücksinken und fügte erklärend hinzu:
      »Cordus, Servius Cordus hieß der Mann. Es ist ihm später wohl ergangen. Die Königin sorgte dafür. Die anderen? Sie alle ereilte bald genug das Schicksal. Den Theodotus verurteilte Brutus später zu einem qualvollen Tode. Während seiner lauten Wehklagen rief ein Veteran des Pompejus ihm zu: ›Tote Hunde beißen nicht mehr, doch sie heulen beim Sterben.‹
      Es war des Cäsar würdig, daß er sich voller Abscheu von dem Haupte des Gegners abwandte, als Theodotus es ihm überbrachte. Auch Pothinus wartete vergeblich auf Lohn für die Schandthat.
      Julius Cäsar war bald nach der Heimkehr des Königs in Alexandria vor Anker gegangen. Erst in Aegypten erfuhr er, wie man dort den Pompejus empfangen. Ihr wißt, daß er neun Monate hier verweilte. Wie oft hörte ich sagen, Kleopatra habe es verstanden, ihn so lange hier zu fesseln. Wahr, und auch nicht wahr. Ein halbes Jahr lang war er zu bleiben gezwungen. Die folgenden drei Monate, sie freilich schenkte er der Geliebten.
      Ja, das Herz des vierundfünfzigjährigen Mannes hatte sich noch einmal einer großen Leidenschaft geöffnet. Wie alle Wunden, so sind auch die vom Pfeile des Eros schwerer heilbar, wenn die Jugend hinter dem Getroffenen liegt. Es waren auch nicht nur die Augen und Sinne, die dies an Alter so verschiedene Paar zu einander hinzogen, sondern weit mehr die innere Eigentümlichkeit beider. Zwei geflügelte Geister waren hier einander begegnet. Der Genius des einen hatte den des andern erkannt. Die höchste Mannheit war der vollendeten Weiblichkeit begegnet. Sie mußten einander anziehen. Ich sah es voraus; denn längst hatte Kleopatra atemlos gespannt den Flug dieses Adlers verfolgt, der die anderen und auch den, dem sie schon als Kind sehnsüchtig nachgeschaut hatte, so hoch überflog, und sie war stark genug, sich ihm zur Seite zu halten.
      Wir waren glücklich zu Kleopatra gestoßen und hörten, wie Cäsar im Palaste der Ptolemäer sich trotz der Feindseligkeit unserer Bürgerschaft niedergelassen und es in die Hand genommen habe, Ordnung in Aegypten zu schaffen.
      Wir wußten, in welchem Sinne Pothinus. Achillas, Arsinoë auf ihn einzuwirken suchen würden. Was Kleopatra angeht, so beunruhigte sie mit Recht die Besorgnis, ihre Feinde könnten Aegypten bedingungslos an Rom ausliefern, wenn Cäsar ihnen die Zügel der Regierung in der Hand ließ und sie von ihr ausschloß. Sie hatte Grund, dies zu befürchten, aber auch den Mut, für die eigene Sache die eigene Person einzusetzen.
      Es galt nun, sie in die Stadt, in den Palast, in Verbindung mit dem Diktator zu bringen. Mein Bruder Straton und ich leisteten ihr Beistand. Die Kinder erzählen sich ja das Abenteuer von dem starken Manne, der die Kleopatra in einem Sack durch die Palastpforte trug. Ein Sack war es freilich nicht, der sie den Blicken entzog, sondern ein syrischer Teppich. Der starke Mann ist mein Bruder Straton gewesen. Ich schritt voran und sorgte für freie Bahn.
      Julius Cäsar und sie sahen und fanden einander. Das Schicksal zog nur den Schluß, der sich aus den gegebenen Vordersätzen ergab. Glückseliger, höher gehoben an Geist und Herz sah ich Kleopatra niemals, und doch war sie rings von schweren Gefahren umdroht, bedurfte es des ganzen Feldherrngenies des Cäsar, um die wilde Gegnerschaft zu besiegen, die er hier fand. Sie, nicht der Zauber Kleopatras hielt ihn zunächst, ich wiederhole es, hier fest. Was hätte ihn gehindert, – wie er es später ja auch that – die Geliebte sich nachzuziehen nach Rom, wenn es ihm schon damals möglich gewesen wäre? Doch dies war mit nichten der Fall. Die Alexandriner sorgten dafür.
      Er hatte das Testament des Flötenbläsers anerkannt, ja dem ägyptischen Königshause mehr bewilligt, als es jenem möglich gewesen wäre. Kleopatra und ihr Bruder und Gemahl Dionysus sollten die Herrschaft teilen, der Arsinoë und dem jüngsten Bruder verlieh er dazu noch Cypern, das ihrem Oheim Ptolemäus von der Republik selbst geraubt worden war. Rom sollte natürlich der Vormund der Geschwister bleiben.
      Diese Verordnung enthielt Unerträgliches für Pothinus und die früheren Lenker des Staates. Kleopatra als Königin, und Rom, das hieß Cäsar, der Diktator, ihr Freund, der Vormund, darin lag ihre Entkleidung von der Macht, ihre Vernichtung, und sie wehrten sich kräftig.
      Die Aegypter und auch die Alexandriner standen auf ihrer Seite, der junge König trug nichts schwerer als das Joch der ihm überlegenen ungeliebten Schwester. Cäsar war mit einer Streitmacht gekommen, die der ihren bei weitem nicht gleichkam, und vielleicht war es möglich, den Gewaltigen hier zu Falle zu bringen. Und sie kämpften mit dem Aufgebot aller Kräfte, mit so leidenschaftlicher Hingabe, daß dem Diktator die Gefahr zu unterliegen nie näher gewesen war. Aber Kleopatra lähmte wahrlich nicht seine Kraft und besonnene Umsicht. Nein! Nie war er größer, nie bewährte sich die Macht seines Genius so herrlich! – Und gegen welche Uebermacht, welchen Haß hatte er zu kämpfen! Ich war Zeuge, wie der junge König, als er hörte, es sei der Kleopatra gelungen, in den Palast zu dringen und den Cäsar zu sehen, sich wie besessen vor Wut auf die Straße stürzte, sich das Diadem vom Haupte riß, es aufs Pflaster schleuderte und den Vorübergehenden zurief, er sei verraten, bis die Soldaten des Cäsar ihn in den Palast zurückdrängten und den Auflauf zersprengten.
      Arsinoë hatte mehr empfangen, als sie erwarten durfte; sie war aber wiederum die am tiefsten Gekränkte. Nach Cäsars Einzug in den Palast hatte sie ihn als Königin empfangen und alles von ihm gehofft. Da war die verhaßte Schwester gekommen, und wie schon so oft wurde sie um Kleopatras willen vergessen.
      Das war zu viel, und mit dem Eunuchen Ganymedes, ihrem Vertrauten, ich sagte es schon, einem tüchtigen Krieger, entwich sie aus dem Palaste und trat zu den Feinden des Diktators über.
      Da gab es harte Kämpfe zu Wasser und zu Lande, in den Straßen der Stadt, um das vom Feinde abgegrabene trinkbare Wasser, gegen die Feuersbrunst, die einen Teil des Bruchiums und auch die Bibliothek des Museums zerstörte. Aber halb verdurstend, mit genauer Not dem Ertrinken entkommen, auf allen Seiten von grimmem Hasse bedroht, stand er fest und blieb Sieger auch in offener Feldschlacht, nachdem der junge König sich an die Spitze der Aegypter gestellt und ein Heer gesammelt hatte.
      Ihr wißt, daß der Knabe auf der Flucht ertrank.
      In Kampf und Todesgefahr, unter Blut und Waffengeklirr verrann dem Cäsar und der Kleopatra ein halbes Jahr, bevor es ihnen vergönnt war, die Frucht der gemeinsamen Arbeit zu pflücken. Nun erhob der Diktator sie zur Königin von Aegypten und gab ihr den jüngsten Bruder, ein Knäblein, nicht halb so alt wie sie selbst, zum Mitregenten. Der Arsinoë schenkte er das verwirkte Leben, doch schickte er sie nach Italien.
      Dem Siege folgte der Friede. Jetzt allerdings hätten ernste Pflichten den Staatsmann nach Rom zurückführen müssen; doch er blieb noch drei volle Monde.
      Wer das Leben des ehrgeizigen Juliers kennt und weiß, was diese Versäumnis ihn hätte kosten können, der schlägt sich mit der Hand an die Stirn und fragt: Ist es wahr und möglich, daß er diese kostbare Zeit benutzte, um mit der Geliebten eine Nilfahrt zu unternehmen bis zu der Insel der Isis, die der Herrin so lieb ist, an der äußersten Südgrenze des Landes? Doch so ist es geschehen, und ich selbst gehörte in dem zweiten Schiffe zu ihren Begleitern und sah sie nicht nur beisammen, sondern teilte mehr als einmal ihr Mahl und ihre Unterhaltung.
      Das war ein Geben und Nehmen, ein Eindringen und sich Erheben, eine Reihe von Disharmonien, die man gern mit anhörte, weil die Erfahrung lehrte, daß sie in der schönsten Harmonie ausklingen würden. Da gab es eine Feiertagszeit für alle Sinne.«
      »Diese ganze Nilreise,« unterbrach ihn Barine, »ich denke sie mir wie die Märchenfahrt, als das seidene Purpursegel die Kleopatra dem Antonius auf dem Kydnosstrome entgegenführte.«
      »Nein, nein,« fiel ihr der andere mit einer abwehrenden Geberde ins Wort. »Das Erdenleben mit schnell verrauschenden Genüssen sättigen, das lernte sie erst für den Antonius. Cäsar verlangte mehr. Ihr Geist bot ihm das höchste Genügen.«
      Hier stockte er, bevor er fortfuhr:
      »Freilich fand sich auch das nicht von selbst zusammen, womit sie dem Antonius zu Gefallen jahrelang Tag für Tag mit neuem und immer neuem Reize alle Sinne sättigte.«
      »Und das,« rief die junge Frau, »das nahm dasselbe Wesen auf sich, das in der Ruhe der Seele das höchste Gut erkannt hatte!«
      »Dasselbe,« versetzte Archibius nachdenklich. »Doch es mußte so kommen. Die Lust war das Lebensziel des heranwachsenden Mädchens gewesen. Bevor die Leidenschaft in ihr erwachte, war die Ruhe der Seele das höchste Gut, das sie kannte. Als die Zeit kam, in der diese sich als unerreichbar für sie erwies, blieb doch das fest in ihr eingewurzelte Verlangen nach Glückseligkeit in ihr mächtig. Mein Vater hätte ihr, der künftigen Königin, das Gute als das Grundgesetz ihres Seins in die Seele prägen sollen. Er unterließ es, weil es ihm in seiner Zurückgezogenheit gelungen war, die Glückseligkeit zu finden, die der Meister den Jüngern verheißt. Von Athen nach Kyrene, von Epikur zu Aristipp ist nur ein kleiner Schritt, und sie that ihn, als sie vergaß, daß der Meister weit entfernt ist, im Genuß der einzelnen Lust das höchste Gut zu erkennen. Die Glückseligkeit des Epikur sollte der des Zeus nicht nachstehen, wenn er nur Gerstenbrot und Wasser hätte, um Hunger und Durst zu stillen.
      Dennoch hielt sie sich noch immer für seine Jüngerin, und als Antonius später im Partherkriege war und sie lange allein blieb, begann sie wieder nach Schmerzlosigkeit und Seelenruhe zu ringen; doch der Staat, die Kinder, die Ehe des Antonius, der längst der Ihre geworden war, mit der Octavia, die Not des eigenen Herzens, Anubis, die Magie und die ägyptischen Lehren von dem Leben nach dem Tode, und allem voran der brennende Ehrgeiz, der nie schlummernde Trieb, geliebt zu werden, wo sie selbst liebte, und die erste unter den ersten zu sein ...«
      Hier ward er von dem Boten unterbrochen, der ihm meldete, das Schiff stehe bereit.
    



      Siebentes Kapitel
      Archibius hatte sich so tief in die Vergangenheit versenkt, daß er einiger Augenblicke bedurfte, um sich in die Gegenwart zurück zu versetzen. Als es geschehen war, verabredete er schnell mit den Frauen, wann sie zum Aufbruche fertig sein sollten.
      Frau Berenike ward es schwer, den überfahrenen Bruder jetzt schon in der Stadt zurückzulassen; Barine hätte den Dion vor der Abreise so gern wiedergesehen. Beiden erschien es auch schwer, Alexandria zu verlassen, bevor entscheidende Nachrichten vom Heere und der Flotte eingetroffen seien. Sie erbaten sich darum einige Tage Aufschub; Archibius aber schnitt ihnen das Wort ab und forderte mit einer Entschiedenheit, die den liebenswürdigen Freund in einen strengen Gebieter verwandelte, sie hätten sich bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages zur Abfahrt bereit zu halten. Sein Nilboot werde sie am Agathodämonhafen im mareotischen See erwarten und sein Reisewagen sie mit so viel Gepäck und Sklavinnen, wie sie mitnehmen wollten, dahin führen.
      Dann gab er der Stimme eine mildere Färbung, erinnerte die Frauen kurz an die schweren Mißhelligkeiten, denen ein längeres Verweilen sie aussetzen werde, entschuldigte seine Härte mit der Eile, in der er sich befinde, drückte der Mutter und Tochter die Hand und entfernte sich, ohne Bannes zu achten, die ihn zurückrief und doch nichts im Sinne haben konnte, als ihn um längeren Aufschub zu bitten.
      Der Wagen führte ihn schnell an den großen Hafen.
      Der zunehmende Mond spiegelte sich als silberne Säule schwankend und zitternd in dem stark bewegten Gewässer und erhellte die laue Herbstnacht. Draußen mochte die See hochgehen. Man sah es an der Bewegung der Schiffe, die in dem Winkel vor Anker lagen, den das Ufer vor dem Prachtbau des Poseidontempels mit dem Choma bildete. Das war eine Landzunge, die sich wie ein Finger in die See hinaus streckte und an deren Spitze ein kleiner Palast stand, den Kleopatra, von einem hingeworfenen Worte des Antonius dazu angeregt, hatte erbauen lassen, um ihn damit zu überraschen.
      Ein anderer von weißem Marmor schimmerte von der Insel Antirrhodus aus im Mondscheine der Abfahrtsstelle entgegen, und in weiterer Ferne erhellte ihr gerade gegenüber ein hochloderndes Feuer die Nacht. Seine Flammen flackerten auf der Höhe des berühmten Leuchtturms auf der Insel Pharus am Eingange des Hafens vom Winde bewegt hin und her und sättigten den Horizont und den äußersten Saum des im nächtigen Dunkel ruhenden Hafenwassers mit bewegten Lichtmassen, die bald schwächer, bald stärker die finstere Ferne erhellten.
      Am Hafen war es lebendig, trotz der späten Stunde, und obgleich der Wind den Männern den Mantel oft genug über das Haupt wehte und die Frauen die Gewänder fest zu halten hatten. Der Verkehr ruhte zwar in dieser späten Stunde; doch es waren viele zum Hafen gegangen, um eine Nachricht zu erhaschen, oder gar vor allen anderen das erste heimkehrende Schiff der siegreichen Flotte zu begrüßen; denn daß Antonius den Octavian in einer großen Schlacht geschlagen habe, galt für gewiß.
      Sicherheitswächter beobachteten den Hafen, und soeben zog ein Vexill syrischer Reiter von der Kaserne im Süden der Lochias aus dem Poseidontempel entgegen.
      Hier, nicht in dem Hafen des Eunostus, der von dem andern durch den breiten brückenartigen Damm des Heptastadiums getrennt war, der das Festland mit der Insel Pharus verband, gingen die Königsschiffe vor Anker. In seiner Nähe standen die Königspaläste und Arsenale, und hierher mußte darum jede neue Nachricht zuerst gelangen.
      Der andere Hafen war dem Handel gewidmet; doch hatte man neu ankommenden Schiffen in ihn einzufahren verboten, um die Einschleppung falscher Gerüchte zu verhüten.
      Freilich durfte man jetzt auch beim großen Hafen kaum erwarten, eine neue Nachricht zu finden; denn eine Kette, die von der Spitze des Pharus bis zu einer ihm gegenüber liegenden Klippe am 
      Alveus steganus reichte, verschloß seine schmale Oeffnung. Doch sie konnte, wenn ein Staatsschiff mit wichtiger Botschaft eintraf, gelüstet werden, und das erwarteten die Nachtschwärmer am Ufer.
      Wohl kamen manche von Gastmählern, Garküchen, Schenken oder den nächtlichen Zusammenkünften magischer Sekten, doch schien ihnen der Druck einer bangen Erwartung die frohe Regsamkeit zu hemmen, und wohin Archibius schaute, gewahrte er gespannte, bang erregte Züge. Der Wind zwang auch viele das Haupt zu senken, und wohin man blickte, flatterten Fahnen und Staubwolken, die Unruhe steigernd, in der Luft.
      Als das Schiff abstieß und die Flöte die Rudersklaven zur Arbeit rief, fühlte sich sein Besitzer so beklommen, daß er nicht einmal zu hoffen wagte, einer guten Kunde entgegen zu fahren.
      Durch seine Erzählung waren längst entschwundene Tage gleichsam aus dem Grabe erweckt worden, und manche Scene aus der Vergangenheit zog ihm, während er von den Herrenpolstern auf dem Hinterdeck aus gen Himmel schaute, an dem dunkles, schnell dahinsegelndes Gewölk die Sterne bald verschleierte, bald den Blicken preisgab, vor dem inneren Auge vorüber.
      »Was man doch alles mit Worten verbergen kann, ohne sich einer Lüge schuldig zu machen,« dachte er, während er sich vergegenwärtigte, was er den Frauen zu hören gegeben.
      Ja, er war schon früh der Vertraute Kleopatras gewesen; aber wie hatte er sie geliebt, wie war er ihr schon als Knabe mit Leib und Seele unterthänig gewesen! Sie mußte es nicht nur ahnen; er hatte es ihr gezeigt und bekannt. Und sie ... Wie ein ihr zukommendes Recht war es von ihr hingenommen worden. Seinen einzigen Versuch, sie im Ueberschwang der Zärtlichkeit in die Arme zu schließen, mit unwilligem Stolz hatte sie ihn zurückgewiesen; aber ihr seine Liebe zu zeigen, ist ein Vergehen, das die Höchste dem Niedrigsten vergibt; und schon nach wenigen Stunden war Kleopatra ihm mit der alten warmen Vertraulichkeit entgegengekommen.
      Jetzt traten ihm die Qualen wieder in den Sinn, die er erduldet, als er mit ansehen mußte, wie sie sich der Leidenschaft gefangen gab, die sie zu dem Antonius hinzog. Der Römer war ja damals nur wie ein schnell kommendes und schwindendes Meteor durch ihr Leben gestrichen; doch mancherlei hatte verraten, daß sie ihn nicht vergaß, und während Archibius ihre Liebe zu dem großen Cäsar schmerzlos hatte keimen und auswachsen sehen, war die peinigende Eifersuchtsempfindung in seinem nicht mehr ganz jungen Herzen von neuem erwacht, als sie zu Tarsus am Kydnosstrome den Liebesbund mit dem Antonius geschlossen, der sie noch an ihn fesselte.
      Jetzt war ihm das Haar ergraut, und wenn nichts die Freundschaft hatte trüben können, die er für die Königin empfand, wenn er auch jederzeit bereit gewesen war, ihr zu dienen, dies thörichte Gefühl hatte sich nicht bannen lassen und bemächtigte sich wieder und wieder seines ganzen Wesens. Er verkannte die Vorzüge des Antonius mit nichten, aber wie hoch sah er die Schwächen sie überbieten! Alles in allem war es ihm, wenn er dieses Paares gedachte, wie dem Kunstfreunde, der das edelste Kleinod aus seiner Sammlung einem Reichen überläßt, der seinen wahren Wert nicht zu schätzen weiß und es am unrechten Platze ausstellt.
      Dennoch wünschte er dem Römer den glänzendsten der Siege; denn seine Niederlage wäre auch die der Kleopatra gewesen, und was aus einer solchen erwachsen mußte, würde sie es ertragen?
      Das Schiff näherte sich dem flackernden Lichtkreise am Fuße des Pharus, und eben holte Archibius das Zeichen hervor, das das Lüften der Kette bewirken sollte, als ihm sein Name durch die Stille der Nacht entgegenscholl.
      Es war Dion, der ihn von einem der Boote aus, die in der Nähe der Hafenöffnung von den eindringenden Wogen der bewegten See auf und nieder geschleudert wurden, anrief. Er hatte den Schnellsegler des Archibius an der Büste des Epikur erkannt, die von dem Lichte der Laterne am Schnabel bestrahlt wurde. Kleopatra hatte das Schiff mit ihr schmücken lassen, das nach ihrer Angabe für den Freund gebaut worden war.
      Dion wünschte sich jetzt mit ihm zu verbinden, und bald stand er neben ihm auf dem Decke.
      Er war auf der Insel Pharus gelandet und in eine Matrosenschenke getreten, um dort Umfrage zu halten. Niemand hatte indes etwas Sicheres zu berichten gewußt; denn der Wind kam immer noch vom Lande und gestattete größeren Fahrzeugen nur, sich mit Hilfe der Ruder der ägyptischen Küste zu nähern. Erst vor kurzem war die Brise von Süden nach Südosten umgesprungen, und ein erfahrener rhodischer Steuermann wollte »nie wieder einen Becher Wein zum Munde führen,« wenn es nicht morgen oder übermorgen von Norden her wehe. Dann könnten Schiffe und Nachrichten dutzendweise auf einmal nach Alexandria kommen; – das heißt, fügte der Graubart mit einem herausfordernden Blick auf den fein gekleideten Stadtherrn hinzu, wenn man sie an dem Pharus vorbei oder durch das Poseidonbecken in den Eunostus lasse. Bei Sonnenuntergang habe er schon Segel am Horizonte zu sehen gemeint, doch der schnellste Phokäer werde zum Igel, wenn der Wind ihm auf den Bauch blase und ihm sogar die Ruderfüße hemme.
      Auch andere wollten Segel gesehen haben, und Dion wäre gern in die offene See gefahren, um sie aufzusuchen, aber er war ganz allein auf einem gebrechlichen Mietsboote gewesen, und auch dies hätte man nicht aus dem Hafen gelassen.
      Die Vermutung, es werde dem Archibius jede Straße offen stehen, hatte ihn nicht betrogen, und bald wurde die Schutzkette für den Epikur beiseite gezogen. Mit vollen Segeln durchschnitt er, von der scharfen Südostbrise getrieben, die hochgehende Flut.
      Bald wurde ein mattes, schwankendes Licht im Norden sichtbar. Es konnte nur ein Schiff sein, und obwohl der Steuermann in der Schenke zu Pharus, der selbst ausgesehen hatte, als habe er nicht immer friedliche Handelsschiffe geführt, von Fahrzeugen geredet, die denjenigen, die sie einfingen, nichts schenkten, fürchteten sich doch die Männer auf dem wohl ausgerüsteten, stattlichen Epikur nicht vor Piraten, zumal der Morgen nahe war und er, eben an zwei schweren Kriegsschiffen, die der Regent ausgesandt hatte, vorbeigeschossen war.
      Der scharfe Wind schwellte jedes Segel; das Rudern wäre vergebliche Mühe gewesen, und das Licht vor ihm schien ihm entgegen zu kommen.
      Schon begann ein blasser Schimmer den fernsten Osten zu erhellen, als der Epikur dem Fahrzeuge mit dem Lichte nahe kam; dies aber schien dem Alexandriner ausweichen zu wollen und wendete sich plötzlich nach Nordosten.
      Archibius hielt nun Rat mit Dion, ob es sich lohne, den Flüchtling zu verfolgen. Es war ein kleines Fahrzeug, das sich, als sich die dunklen Wolkenmassen mit goldenen Rändern verbrämten, näher ins Auge fassen ließ und ein cilicisches Seeräuberschiff der kleinsten Art zu sein schien.
      Wie es auch um seine Besatzung bestellt war, die erprobte und vollständige Bemannung des viel größeren Epikur, auf dem es an keinem Verteidigungsmittel fehlte, hatte sich nicht vor ihm zu fürchten, zumal der Schiffsführer auf der Flotte des Sextus Pompejus gedient hatte und auf das Deck manches Seeräuberschiffes gestürmt war.
      Archibius fand es thöricht, den Kampf ohne Not vom Zaune zu brechen; Dion aber war in der Stimmung, einer Gefahr, wie sie auch heiße, zu trotzen.
      Ging es auf Leben und Tod – um so besser!
      Er hatte den Freund in die Befürchtungen der Iras eingeweiht.
      Es mußte schlimm stehen um die Flotte, und hätte der kleine Cilicier vor ihnen nichts zu verheimlichen gehabt, so wäre er dem Epikur nicht aus dem Wege gegangen.
      Es lohnte sich, zu erfahren, was ihn zum Umkehren dicht vor dem Hafen veranlaßt hatte.
      Auch der kampflustige Schiffsführer war für die Verfolgung, und Archibius gab nach; denn die Ungewißheit wurde ihm immer weniger erträglich. Auch dem Dion war die Seele belastet. Es wollte ihm nicht gelingen, das Bild der Barine zu bannen, und seit Archibius ihm erzählt hatte, daß er sie entschlossen gefunden habe, ihr Haus in Zukunft den Gästen zu verschließen, und wie willig sie seiner Einladung auf das Land gefolgt sei, erhob sich wieder und wieder in ihm die Frage, was ihn denn noch hindert, die zurückgezogene Tochter eines hervorragenden Künstlers, die er liebte, zu der Seinen zu machen.
      Archibius hatte geäußert, es werde Barine lieb sein, die nächsten Freunde und natürlich auch ihn in der ländlichen Stille zu begrüßen.
      Daran zweifelte Dion mit nichten, doch ebenso wenig, daß diese Begrüßung ihn an sie fesseln und ihn der Freiheit, vielleicht auf immer, berauben würde. Aber gab es denn noch für den Alexandriner das hohe Gut der Freiheit, wenn die Römer über seine Stadt geboten wie über Karthago oder Korinth? War Kleopatra geschlagen und Aegypten eine römische Provinz, dann bot die Teilnahme an den Geschäften des Rates, der heute noch »Makedonische Männer« angeredet wurde, und die ihm lieb war, nichts mehr als Demütigungen, dann konnte er von ihr keine Befriedigung mehr erwarten.
      Wenn die Lanze eines Seeräubers dem unfreien Leben unter römischem Joche und diesem unwürdigen Sehnen und Schwanken ein Ende machte – um so besser!
      An diesem Herbstmorgen, unter diesem grauen Himmel, von dem ein leichter Nebel, alles befeuchtend, herabsank, mit diesen Befürchtungen und Zweifeln im Herzen, gewahrte Dion an den gegenwärtigen und künftigen Dingen nichts als die Schatten.
      Der Epikur hatte den Flüchtling erreicht und sich seiner bemächtigt. Der schwache Widerstand, den er geleistet, war ausgegeben worden, nachdem der Schiffsführer des Archibius hinüber gerufen hatte, daß der Epikur nicht zu der königlichen Flotte gehöre und nur komme, um Nachrichten zu erhalten.
      Da zogen die Cilicier die Ruder ein, Archibius und Dion bestiegen das Schiff und nahmen den Befehlshaber in Verhör.
      Es war ein alter wettergebräunter Seemann, der das Schweigen erst brach, nachdem er sich überzeugt hatte, was die Verfolger begehrten.
      Anfänglich versicherte er, er sei an der peloponnesischen Küste Zeuge eines großen Sieges der ägyptischen über die Flotte des Octavian gewesen; dann aber verwickelten ihn die Fragen der Freunde in Widersprüche, und jetzt gab er vor, gar nichts zu wissen und nur von einem Siege geredet zu haben, um den alexandrinischen Herren gefällig zu sein.
      Nun durchsuchte Dion mit einigen Leuten des Epikur das Schiff, und in dem kleinen Kajütenraume fanden sie einen gefesselten und geknebelten Mann, den einer der Seeräuber bewachte.
      Es war ein Matrose vom Pontus, der nur die Sprache seiner Heimat redete. Aus ihm war nichts Verständliches herauszubringen. Wichtige Andeutungen enthielt dagegen eine Briefrolle, die man in der Kajüte neben Kleidern, Schmucksachen und anderen geraubten Gegenständen in einer Truhe gefunden.
      Dieser Brief war – Dion wollte den eigenen Augen nicht trauen – an seinen Freund, den Baumeister Gorgias, gerichtet. Der Pirat hatte, weil er des Schreibens unkundig war, ihn nicht eröffnet; Dion aber riß ungesäumt das Wachs des Siegels von der Schnur. Der griechische Rhetor Aristokrates, der dem Antonius in den Krieg gefolgt war, hatte ihm aus Taenarum im Süden des Peloponnes geschrieben und ersuchte darin den Architekten im Namen des Feldherrn, ungesäumt den kleinen Palast an der Spitze des Choma in stand zu setzen und ihn nach dem Hafen hin mit einer hohen Mauer abzuschließen.
      Eine Thür sei nicht nötig. Der Verkehr mit dem Hause könne zu Wasser bewerkstelligt werden. Er solle alles dransetzen, um diese Arbeit schnell zu vollenden.
      Erstaunt schauten die Freunde sich an, während sie diese Bestellung durchflogen.
      Was konnte den Antonius zu solchem seltsamen Befehle veranlassen? Woher kam er in die Hand des Piraten?
      Hier mußte Klarheit geschafft werden.
      Wenn Archibius, dessen mildes, vertrauenerweckendes Wesen schnell für ihn gewann, in leidenschaftlicher Erregung aufbrauste, verfehlte dieser unerwartete Umschlag um so seltener die Wirkung, ein je bedrohlicheres Ansehen dann seine hohe, schwere Gestalt und seine derben Züge gewannen.
      Auch der Schiffsführer sah mit befangener Scheu zu ihm hin, als der Alexandriner alles zurückzunehmen drohte, was er von Schonung und Gnade verheißen, wenn der Pirat auch nur das Kleinste verschweige, was mit diesem Briefe in Zusammenhang stehe. Der Seeräuber gewahrte auch bald, daß es vergebens sein werde, falsche Aussagen zu machen; denn der pontische Gefangene sprach zwar nicht griechisch, er verstand aber diese Sprache, und jede Aussage des andern bestätigte er entweder mit lebhaften Geberden oder bezeichnete sie in der nämlichen Weise als unwahr.
      Da kam denn zu Tage, daß die Barke des Piraten zusammen mit dem viel größeren Schiffe eines Genossen in der Nähe von Kreta auf Beute gelauert habe. Von den einander gegenüber stehenden Flotten hatten sie noch nichts gesehen oder gehört, als ihnen ein zierlicher Schnellsegler, »der schönste und flinkste, der je die See befahren« – es war wohl »die Schwalbe«, das Botenschiff des Antonius gewesen – in den Wurf gekommen sei. Ihn einzufangen war leicht gewesen. Die Seeräuberschiffe hatten die Beute geteilt, der Löwenanteil an Gut und Menschen aber war dem größeren Schiffe zu gute gekommen.
      Einem vornehmen Herrn – wohl dem Boten des Antonius – der eine schwere Wunde davongetragen hatte und seitdem gestorben und ins Meer geworfen worden war, hatte der Pirat eine Tasche mit Briefen und einigem Geld abgenommen. Jene waren benützt worden, um das Herdfeuer zu entzünden, und nur der an den Baumeister übrig geblieben.
      Die gefangenen Matrosen hatten ausgesagt, die Flotte des Octavian habe die der Kleopatra geschlagen, die Königin sei aus der Schlacht geflohen, doch das Landheer noch unberührt und werde vielleicht den Sieg für den Antonius entscheiden. Der Pirat versicherte, nicht zu wissen, wo es stehe – vielleicht bei Taenarum, woher das erbeutete Schiff kam. Es sei Jammer und Schade, doch habe seine eigene Bemannung es in Brand gesteckt, und vor seinen Augen sei es gesunken.
      Dieser Bericht schien wahr zu sein, doch die akarnanische Küste, wo die Schlacht geliefert worden sein sollte, lag so weit von der südlichen Spitze des Peloponnes entfernt, woher der Brief des Antonius kam, daß er schon auf der Flucht geschrieben worden sein mußte.
      Eines schien sicher. Die Flotte war am zweiten oder dritten September geschlagen und völlig auseinander getrieben worden.
      Wo mochte die Königin jetzt weilen? Wohin waren die großen, prächtigen Schiffe, die sie in den Kampf begleitet hatten, geraten?
      Auch der Gegenwind hätte sie so lange nicht zurückhalten können; denn sie waren ja reichlich mit Ruderern bemannt.
      Hatte Octavian sich ihrer bemächtigt? Waren sie verbrannt oder gesunken? Aber wie wäre Antonius dann nach Taenarum gekommen?
      Ueber diese Herz und Sinn erregenden Fragen wußte der Pirat keine Antwort zu erteilen. Warum hätte er verschweigen sollen, was ihm darüber zu Ohren gekommen?
      Archibius ließ endlich nur das auf dem Schiffe des Antonius geraubte Gut samt dem befreiten Matrosen auf den Epikur bringen; der Seeräuber aber mußte ihm schwören, das Wasser zwischen Kreta und Alexandria nie mehr zu beunruhigen. Dann ließ er ihn unbehelligt das Weite suchen.
      Dies Abenteuer hatte lange Stunden in Anspruch genommen, und die Rückfahrt gegen den Wind ging langsam; denn der Epikur war während der Verfolgung von der kräftigen Brise weit in die offene See hineingetrieben worden. Als ihn auf der Rückfahrt nur noch wenige Meilen von der Hafenöffnung am Pharus trennten, hatte es sich indessen ergeben, daß der rhodische Steuermann in der pharischen Schenke richtig geweissagt; denn mit ungewöhnlicher Schnelligkeit wechselte das Wetter, und der Wind kam jetzt von Norden. Die See wimmelte von Schiffen, die teils zu der königlichen Flotte gehörten, teils neugierigen Alexandrinern, die ausgesegelt waren, um Umschau zu halten.
      Archibius und Dion hatten die Nacht, den Morgen und Vormittag schlaflos verbracht. Die trübe, von einem dünnen Sprühregen durchnäßte Luft war kühl geworden. Nachdem sie sich durch ein Mahl gestärkt, wandelten sie auf dem Verdeck des Epikur auf und nieder.
      Sie sprachen nur wenig und zogen die Mäntel dichter an sich. Beide hatten dem feurigen Weine kräftig zugesprochen, an dem es auf dem Epikur nicht fehlte, aber er wollte sie nicht erwärmen. Das hätte auch das Feuer im Kamine mit den hell brennenden Scheiten in der reich ausgestatteten Kajüte schwerlich bewirkt.
      Die Gedanken des Archibius weilten bei der geliebten Königin, und die lebhafte Einbildungskraft führte ihm alles vor die Seele, was ihr widerfahren sein konnte. Nichts Mögliches, auch nicht das Schrecklichste wurde dabei vergessen, und wenn er sie mit dem Schiffe sinken und ihm, an den sie sich schon so lange in jeder schwierigen Lage wandte, die schönen Arme um Rettung flehend entgegenstrecken sah, wenn er sie als Gefangene vor dem ihr feindseligen, kaltherzigen Octavian erblickte, war es ihm, als erstarre ihm das Blut. Endlich ließ er den Filzmantel fahren und drückte, laut aufstöhnend, die Faust an die Schläfe. Er hatte vor dem inneren Auge erblickt, wie sie mit goldenen Ketten an den zarten Gelenken beim Triumphzuge des Siegers vor seinem Viergespanne dahingeschritten war, und dabei das Jubelgeschrei des römischen Pöbels vernommen.
      Das wäre das Furchtbarste von allem gewesen!
      Das auszudenken überstieg die Kraft des treuen Mannes, und Dion wandte sich betroffen um, als er ihn aufschluchzen hörte und die Thränen sah, die ihm das Antlitz benetzten.
      Ihm selbst war schwer genug ums Herz, doch er wußte, wie warm der ältere Freund an der Königin hing, und so legte er ihm den Arm um die Schulter und bat ihn, jene Ruhe der Seele und des Geistes zu bewahren, die er schon so oft an ihm bewundert. In den schwierigsten Lagen habe er ihn über allen stehen sehen wie den Feuerschürer auf der Spitze des Pharus dort über der wild bewegten See. Wenn er gelassen wie sonst das Geschehene mit ihm überschaue, werde er zugeben müssen, daß Antonius frei sein müsse und in der Lage, über seine Zukunft zu verfügen, da er den Palast auf dem Choma herzurichten befehle. Was die Mauer solle, verstehe er nicht, aber vielleicht führe er einen hochgestellten Gefangenen mit sich, den er an dem Verkehre mit der Stadt zu verhindern wünsche. Es könne ja sein, daß alles weit besser stehe, als sie fürchteten, und daß sie noch einmal über diese schweren Sorgen lächeln würden. – Auch ihm sei das Herz schwer, denn er gönne der Königin das Beste um ihrer selbst willen und weil mit ihr und ihrem glücklichen Widerstande gegen die Begehrlichkeit Roms die Freiheit Alexandrias stehe und falle.
      »Ihr,« schloß er, »gehörte bis jetzt meine Liebe und Sorge, wie die Deine der Beherrscherin dieses Landes. Die Welt wird mir verdunkelt, das Leben mir nicht mehr lebenswert scheinen, wenn der eherne Fuß Roms unsere Selbständigkeit und Freiheit zertritt.«
      Warm und treu gemeint hatte dies geklungen, und Archibius war ihm gern gefolgt. Der ruhig denkende Geist bestätigte ihm, daß noch nichts geschehen sei, was an das Schlimmste zu glauben zwang, und wie es auf den Trostbedürftigen oft tröstlich wirkt, einen andern zu trösten, so erleichterte es auch ihm das Herz, dem jüngeren Freunde vorzustellen, daß selbst, wenn Octavian Sieger bleibe und Aegypten die Selbständigkeit nehme, er kaum wagen werde, der Bürgerschaft Alexandrias die freie Verfügung über die eigenen Angelegenheiten zu schmälern. Dann stellte er dem Dion vor, wie er, der junge, entschlossene, unabhängige Mann, sich doppelt nützlich machen könne, wenn es über die gefährdete Freiheit der Stadt zu wachen gelte, und wie Schönes das Leben ihm noch vorbehalte.
      Aus seiner Stimme war dem jüngern Freunde sorgende Liebe entgegen geklungen. So hatte seit dem Tode des Vaters niemand zu ihm geredet.
      Bald sollte der Epikur die Hafenöffnung erreichen, und nach der Landung galt es, sich wieder von Archibius zu trennen.
      Es war für beide die entscheidende Stunde gekommen, die ernste Männer oft fester verbindet als eine Reihe von früheren Jahren. Sie hatten einander die Herzen geöffnet. – Nur das eine, das beim Anblick der ersten Häuser der Stadt dem Dion die Seele mit neuer Unruhe erfüllte, hatte er in sich verschlossen gehalten.
      Andere um Rat zu fragen war schon längst nicht mehr seine Sache. Von denen, die den seinen zu hören verlangten, waren viele dankend von ihm gegangen, um das Gegenteil von dem zu thun, was er ihnen geraten, obgleich es ihnen zum Besten gediehen wäre. Mehr als einmal hatte er es auch selbst ebenso gehalten; jetzt aber drängte es ihn mächtig, den Archibius zum Vertrauten zu machen. Er kannte Barine und wollte sein Bestes. Es that vielleicht auch gut, einem wohlmeinenden Zweiten zur Mitprüfung vorzulegen, was sein Herz so kräftig forderte und der erwägende Geist ihm auszuführen verbot.
      Mit einem schnellen Entschlusse wandte er sich darum noch einmal an den Freund und sagte:
      »Du hast Dich mir wie ein Vater erwiesen. Denke nun, ich sei wirklich Dein Sohn und ich würde als solcher Dir bekennen, ein Weib sei meinem Herzen teuer geworden, und Dich fragen, ob es Dich freuen würde, sie als Tochter zu begrüßen.«
      Da unterbrach ihn Archibius mit dem Rufe: »Ein Lichtblick in all diesem Dunkel! Hole, sobald es angeht, nach, was Du schon zu lange versäumtest! Es ziemt dem Bürger, ein Weib zu nehmen. Zum vollen Manne wird der Grieche erst in der Ehe als Hausherr und Vater. Wenn ich allein blieb, hatte das seine besonderen Gründe, und wie oft beneidete ich den Schuster, den ich mit dem Kinde auf dem Arme am Feierabend vor der Werkstätte stehen sah, oder den Steuermann, dem sich bei der Heimkehr große und kleine Hände entgegenstreckten. Wenn ich mein Haus betrete, freuen sich nur meine Hunde. Aber Du, dem der schöne Palast leer steht, Du, von dem sein stolzes Geschlecht erwarten darf, daß er für seine Fortdauer sorgt ...«
      »Das eben ist es,« unterbrach ihn Dion, »was mich in einen Zwiespalt führt, der meiner Weise sonst fremd ist. Du kennst mich und meine Stellung im Leben. – Auch der, die ich meine, stehst Du nahe von Kind an.«
      »Iras?« frug der andere zaudernd. Seine Schwester Charmion hatte ihm von der Neigung der jüngeren Genossin im Dienste der Königin gesprochen.
      Aber Dion verneinte dies lebhaft und fügte hinzu:
      »Barine, die Tochter Deines verstorbenen Freundes Leonax, ist's, von der ich rede. Ich liebe sie; doch mein Stolz ist empfindlich, und ich weiß, er überträgt sich mit auf meine künftige Gemahlin. Den scheelen Blick, den andere auf sie werfen könnten, würde ich verachten; denn ich kenne ihren Wert. Du erinnerst Dich gewiß meiner Mutter. Sie war anders als sie. Das Haus, ihr Kind, die Sklaven, der Webstuhl waren ihr alles. Auch von andern Frauen verlangte sie streng die keusche Zurückgezogenheit, die ihr eigen, – und doch war sie milden Herzens und liebte mich, den einzigen Sohn, über alles. Sie wäre der Barine mit offenen Armen entgegengekommen, wenn sie gewahrt hätte, daß ich ihrer zu meinem Glücke bedürfte. Aber wäre es der an den lebhaften Verkehr mit hervorragenden Männern gewöhnten jungen Frau gelungen, sich ihren Anforderungen zu fügen? Wenn ich denken müßte, die Gewohnheit, umringt und umworben zu sein, nähme sie mit in die Ehe, wenn ich mir vorstelle, die Unvorsichtigkeit des an Freiheit gewöhnten Weibes könnte die Zungen in Bewegung setzen und einen Schatten auf die blanke Reinheit meines Namens werfen, wenn ich gar« – und dabei erhob er die zur Faust geballte Rechte.
      Archibius aber fiel ihm besänftigend ins Wort: »Diese Besorgnis ist nichtig, wenn Barine Dir warm und freudig das ganze Herz schenkt. Es ist ein sonniges, liebenswertes, echtes Frauenherz, und darum einer großen Liebe auch fähig. Macht sie Dir die zum Geschenke, – und ich glaube, sie thut es – dann gehe hin und opfere und danke; denn die Himmlischen wollten Dein Glück, als sie Deine Wahl auf sie lenkten und nicht auf die Iras, das Kind meiner leiblichen Schwester. Wärest Du aber mein Sohn, dann riefe ich jetzt aus: Eine teurere Tochter könntest Du mir nicht bringen, wenn Du – ich wiederhole es – wenn Du ihrer Liebe gewiß bist.«
      Da schaute Dion kurze Zeit vor sich hin und rief dann entschieden:
      »Ich bin es.«
    



      Achtes Kapitel
      Der Epikur ging vor dem Tempel des Poseidon vor Anker. Der Mannschaft war Verschwiegenheit auferlegt worden. Sie hatte ohnehin nichts erfahren, als daß an Bord des Piraten ein Brief des Antonius gefunden worden sei, der eine Mauer auszurichten befehle. Das konnte als gutes Zeichen aufgefaßt werden; denn man denkt nur an Bauen, wenn man ruhigen Zeiten entgegenschaut.
      Der leichte Regen hatte aufgehört, der Wind aber wehte kräftiger von Norden her, und die Luft war kühl geworden. Dennoch bedeckte eine dichte auf und nieder wogende Menschenmenge den Quai vom südlichen Ende des Heptastadiums an bis zur Lochias. Am stärksten war das Gedränge zwischen der Landspitze des Choma und dem Sebasteum; denn von hier aus ließ die See sich gewahren, und in die mit dem Palaste verbundene Wohnung des Regenten mußten die ersten Nachrichten gelangen.
      Hundert einander widersprechende Gerüchte hatten sich schon am Morgen erhoben, und als der Epikur in der dritten Nachmittagsstunde landete, war er von dichten Menschenscharen umdrängt worden, die hören wollten, was er draußen erspäht. Andere Schiffe teilten dies Schicksal, doch keines brachte zuverlässige Kunde.
      Zwei Schnellsegler von der Kriegsflotte wollten auf eine samische Triere gestoßen sein, die von einem großen Siege des Antonius zu Lande und der Kleopatra zu Wasser erzählt habe, und da der Mensch am liebsten glaubt, was er wünscht, zogen Scharen von laut jubelnden Männern und Weibern am Ufer hin und her, und ihre Zuversicht stärkte auch manchem Bedenklichen die Hoffnung. Besonnene, die das lange Ausbleiben des ersten Schiffes von der Flotte mit Recht beunruhigte, hatten den üblen Nachrichten das Ohr geöffnet und sahen bang in die Zukunft. Aber sie scheuten sich, ihrer Besorgnis Ausdruck zu geben; denn der Vorsteher einer Goldstickerei, der es gewagt hatte, das Volk vor vorzeitigem Jubel zu warnen, war übel zerschlagen nach Hause gehinkt, und zwei andere Schwarzseher, die man in die See geworfen, hatte man eben triefend ans Land gezogen.
      Man konnte dem Volke auch die gute Zuversicht kaum verdenken; denn am Serapeum, am Theater des Dionysus, an den hohen Pylonen des Sebasteums, am Hauptthore des Museums, vor dem Eingange des Bruchium-Palastes und vor den burgartigen Schlössern auf der Lochias wurden Triumphbogen errichtet, mit schnell hergestellten Siegesgöttern und Trophäen von Gips und gegipsten Tüchern, glückwünschenden und den Göttern dankenden Inschriften, Laubwerk und Blumengewinden geschmückt. Die Bekränzung der ägyptischen Pylonen und Obelisken, der Haupttempel und der beliebtesten Bildsäulen in der Stadt hatte schon in der Nacht begonnen. Jetzt wurde die letzte Hand an diese Arbeit gelegt.
      Wie sein Freund Dion hatte der Architekt Gorgias seit dem gestrigen Abend kein Auge geschlossen; denn ihm hatte es obgelegen, für den gesamten Schmuck des Bruchium zu sorgen, wo sich ein Prachtbau an den andern reihte.
      Auch im Sebasteum, dem königlichen Palaste, den Iras während der Abwesenheit der Königin bewohnte, und in dem seiner Südfront gegenüberliegenden Prätorium mit der Amtswohnung des Regenten hatte der Schlaf die Lager geflohen.
      Als Archibius zu der Kammerfrau der Königin geführt wurde, erschreckte ihn ihr Aussehen. Sie war noch vorgestern sein Gast in Kanopus gewesen, und wie hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert! Ihr ohnehin längliches Antlitz schien sich gestreckt zu haben, die Züge schienen schärfer geworden zu sein, und die Siebenunddzwanzigjährige, die bis dahin den vollen Reiz der Jugend bewahrt hatte, schien plötzlich um ein Jahrzehnt gealtert. Es lag etwas fieberhaft Gespanntes in ihrem Wesen, als sie dem Oheim die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte und ihm ein hastiges: »Auch Du bringst nichts Gutes?« zurief.
      »Auch nichts eigentlich Schlimmes,« versetzte er ruhig. »Aber Dein Aussehen, Kind, die Schatten unter den klugen Augen gefallen mir nicht. Ihr habt Nachrichten erhalten, die Besorgnis erregen?«
      »Mehr als das,« entgegnete sie leise.
      »Nun?«
      »Lies!« stieß sie hervor, und um Mund und Nase zuckte es, während sie Archibius ein Täfelchen reichte.
      Mit einer ihm sonst fremden Hast nahm er es ihr aus der Hand, und während er die Schrift überflog, wich ihm das Blut aus Wangen und Lippen.
      Sie stammte von der eigenen Hand Kleopatras und enthielt die folgenden Sätze:
      »Die Seeschlacht ging verloren. Durch meine Schuld. Das Landheer könnte uns noch retten, aber nicht unter seiner Führung. Er ist bei mir, unverwundet, doch wie verblutet, ein anderer als er selbst, mutlos, thatenlos, wie gebrochen. Ich sehe den Anfang des Endes. Sobald dies zu Dir gelangt, sorge, daß uns jeden Abend von Sonnenuntergang an einige unscheinbare Sänften erwarten. Das Volk ist im Glauben zu erhalten, wir hätten gesiegt, bis es sich entschieden, wie sich Canidius und die Truppen auf dem Lande bewährten. Wenn Du die Kinder in meinem Namen küssest, so sei zärtlich. Wer weiß, wie bald sie verwaist sind. Jetzt schon haben sie eine unglückliche Mutter, einer mutlosen gedenken zu müssen, bleibt ihnen erspart. Außer denen, die ich mit Vollmachten zurückließ, und dem Archibius ziehe keinen ins Vertrauen, auch nicht den Cäsarion oder Antyllus. Trage Sorge, daß jeder, dessen Beistand mir schätzenswert scheint, erreichbar sei, wenn ich komme. Mit dem alten ›freue Dich‹ zu schließen geht nicht an, – das ›frischer Mut‹ 
      »Freue Dich« und »frischer Mut« ist auf vielen Leichensteinen zu lesen., das man ja auch auf die Leichensteine setzt, scheint mir besser am Platze. Du, die mich im Glücke nicht beneidete, wirst es nicht von Dir weisen, mir das Unglück tragen zu helfen. Epikur, der die Götter nur aus seliger Höhe thatenlos auf das Schicksal der Menschen niederschauen läßt, hat recht. Wäre es anders, wie könnte die Liebe und Treue, die an der unterlegenen Unglücklichen festhält, mit Herzweh und Thränen belohnt werden? Trotzdem! Fahret fort, sie zu lieben.«
      Bleich und wortlos ließ Archibius das Schreiben sinken. Es dauerte lange, bevor er heiser hervorstieß: »Ich sah es voraus, doch nun es da ist ...« Hier stockte ihm die Stimme und ein heftiges, thränenloses Schluchzen erschütterte ihm den gewaltigen Leib.
      Auf eine Ruhebank niedersinkend, verbarg er das Antlitz in das Polster.
      Iras sah zu dem großen Manne herab und schüttelte leise das Haupt.
      Auch sie liebte die Königin, auch ihr hatte diese Nachricht die Augen mit Thränen gefüllt, aber während sie noch weinte, war ihr eine Schar von Anschlägen, wie diesem Unheil zu begegnen sei, durch das rastlose Gehirn gejagt. Wenige Minuten nach dem Eintreffen der Unglückspost hatte sie schon mit den Stellvertretern der Königin Rats gepflogen und Maßregeln getroffen, um das Volk im Glauben an den Sieg der Flotte zu erhalten.
      Was war sie, das zarte, nicht einmal mutige Mädchen, gegen diesen eisenharten Mann, der – sie wußte es – im Dienste der Königin den schwersten Gefahren getrotzt hatte, – und da lag er und drückte immer noch wie gebrochen das Antlitz in die Kissen.
      Schnellte die Frauenseele rascher in die Höhe, wenn sie die Wucht des schwersten Leides niedergedrückt hatte, oder war die ihre von besonderer Art, und barg ihr schwacher Leib das Herz eines Helden?
      Sie hatte Grund, es zu glauben, wenn sie sich vergegenwärtigte, wie der Regent und der Siegelbewahrer die Schreckensbotschaft aufgenommen hatten. Verzweifelten gleich waren sie in dem großen Sitzungssaale auf und nieder gerannt; aber Mardion, der Halbmann, zählte nicht mit, und Zeno war ein charakterloser greiser Dichter, der der Königin nur so viel galt und die hohe Stellung, die er bekleidete, nur erreicht hatte, weil seine rege Einbildungskraft neue und immer neue Schaustellungen, Vergnügungen, Festspiele zu ersinnen und mit zauberhaftem Glanze durchzuführen verstand.
      Doch Archibius, der mutige, besonnene Ratgeber und Helfer?
      Da flogen ihm wieder die Schultern auf, als habe ein Hieb ihn getroffen, und plötzlich kam ihr in den Sinn, was sie ja lange wußte, doch sich nie recht vergegenwärtigt hatte: der ergraute Mann dort liebte Kleopatra, liebte sie, wie sie den Dion, und sie frug sich, ob sie stark genug gewesen wäre, die Ruhe zu bewahren, wenn sie gehört hätte, daß diesem ein grausames Geschick Leben, Freiheit und Ehre zu rauben drohte.
      Sie hatte Dion von Stunde zu Stunde vergeblich erwartet, und er war doch gestern Zeuge ihrer Unruhe gewesen.
      Hatte sie ihn gekränkt? Hielt die schöne Enkelin des Didymus ihn fest?
      Wie ein großes Unrecht erschien es ihr, daß sie bei dem unsäglich schweren Mißgeschick der Herrin seiner und immerfort seiner gedachte! So wie sein Bild ihr Herz, so beherrschte das der Kleopatra Geist und Seele ihres Oheims, und sie sagte sich, daß nicht allein bei Frauen die Liebe sich nicht um die Lebensjahre, das braune oder ergrauende Haar kümmere.
      Doch da richtete Archibius sich wieder auf, verließ die Ruhebank, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, und seine Stimme hatte den tiefen, gelassenen Ton zurückgewonnen, als er mit einem wehmütigen Lächeln anhob: »Wen ein Pfeil traf, der verläßt die Schlacht, bis man ihn verband. Mit mir ist der Wundarzt jetzt fertig. Immerhin hätte ich Dir dies klägliche Schauspiel ersparen sollen, Kind. Aber da stehe ich wieder zum Fortkämpfen bereit. Was der Brief Kleopatras über den Antonius berichtet, macht übrigens eine Nachricht verständlicher, die wir vorhin empfingen.«
      »Wir?« fiel ihm Iras ins Wort. »Wer war Dein Begleiter?«
      »Dion,« lautete die Antwort; doch als er beginnen wollte, die Erlebnisse dieser Nacht zu schildern, unterbrach sie ihn mit der Frage, ob Barine gestern eingewilligt habe, die Stadt zu verlassen.
      Er bestätigte dies mit einem kurzen »Ja«, sie aber gab sich das Ansehen, als habe sie es nicht anders erwartet, und ersuchte ihn, weiter zu erzählen.
      Nun teilte er ihr mit, was sie auf dem Piratenschiff erlebt und gefunden. Dion, schloß er, sei auf dem Wege, die Bestellung des Antonius seinem Freunde Gorgias zu überbringen.
      »Das,« bemerkte sie in gereiztem Tone, »hätte jeder Sklave mit dem gleichen Erfolge besorgt. Hier, dächte ich, dürfte er mit besserem Rechte zuverlässige Nachricht erwarten. Doch so sind nun einmal die Männer!«
      Hier stockte sie; als sie jedoch ein fragender Blick des Oheims traf, fuhr sie lebhaft fort: »Nichts, meine ich, bindet sie fester aneinander als das gemeinsame Vergnügen. Doch es soll ja jetzt damit vorbei sein. Sie werden nun andere Zerstreuungen suchen, ob bei der Heliodora oder der Thaïs, mir kann es gleich sein. Wäre das Weib nur eher gegangen! Als sie den jungen Cäsarion sich einfing ...«
      »Halt, Kind,« fiel ihr hier der Oheim abwehrend ins Wort. »Ich weiß, wie viel sie darum gäbe, wenn Antyllus ihr den Knaben nicht zugeführt hätte.«
      »Jetzt, – da die Raserei des armen Bethörten sie bang macht.«
      »Nein, von seinem ersten Besuch an. Unreife Knaben passen nicht zu den erlesenen Männern, die sie empfing.«
      »Wer die Thür stets aufhält, dem dringen auch Diebe ins Haus.«
      »Sie nahm nur bewährte Bekannte auf und die Freunde, die ihr von ihnen zugeführt wurden. Anderen blieb ihr Haus fest genug verschlossen. Es hatte darum keine Not mit den Dieben. Aber wer in Alexandria dürfte es wagen, einem Sohne der Königin das Gastrecht zu weigern?«
      »Zwischen einem ruhigen Empfang und dem Anfachen einer Leidenschaft bis zur Tollheit dehnt sich ein weiter Raum aus. Wo ein Scheiterhaufen brennt, hat ihn wenigstens ein Funke entzündet. Ihr Männer nehmt nicht wahr, wie solche Frauen es treiben. Ein Blick, ein Druck der Hand, eine Berührung nur mit dem Gewande, und die Flamme schlägt aus, wo so trockener Zündstoff bereit liegt.«
      »Beklagen wir die Heftigkeit des Brandes,« sagte Archibius ernst. »Du bist der Barine übel gesinnt.«
      »Ich fühle so wenig für sie wie die Ruhebank hier für die Herme dort auf der Straße!« rief Iras mit abweisendem Hochmut. »Es gibt nichts, was einander fremder wäre als wir. Ich und die Frau mit der offenen Thüre haben nichts miteinander gemein als das Geschlecht.«
      »Und,« fiel ihr Archibius verweisend ins Wort, »manche schöne Gabe, die ihr wie Dir die Götter verliehen. Was die offene Thür angeht, so ward sie schon gestern geschlossen. Die Diebe, von denen Du sprachst, hatten ihr die Freude an der Gastlichkeit verdorben. Antyllus war ihr mit frechem Ungestüm ins Haus gedrungen. Das ließ für die Zukunft noch Unerhörteres befürchten. In wenigen Stunden ist sie auf dem Wege nach Irenia. Das freut mich für den Cäsarion und mehr noch für seine Mutter, der wir unrecht thaten, da wir ihrer um einer andern willen so lange vergaßen.«
      »Daß wir es thun mußten!« rief Iras erregt. »Heute in dieser Stunde, in der der Königin jeder Tropfen dieses Blutes, jeder Gedanke dieses armen Kopfes gehören sollte! Und doch war es nicht zu umgehen. Mit einem Herzen, worin hundert Wunden bluten, kehrt Kleopatra zu uns zurück, und zu denken, daß es, sobald sie den heimischen Boden betritt, von einem neuen Pfeile getroffen werden soll, das ist gräßlich. Du weißt, wie sie an dem Knaben hängt, der das Ebenbild des großen Mannes ist, mit dem sie doch wohl die seligsten Wonnen der Liebe genoß. Und wenn sie nun hört, daß er, der Sohn des Cäsar, das junge Herz an die verstoßene Frau eines Stegreifredners hängte, an ein Weib, dessen Haus die Männer anlockt wie die reifen Datteln die Vögel, – wie Salz – ich weiß es – fällt es ihr in die frischen Wunden. O, und es wird bei dem einen Kummer nicht bleiben! Antonius, ihr Gemahl, fand auch den Weg zu der Barine. Mehr als einmal suchte er sie auf. Du kannst es nicht wissen wie ich; aber Charmion wird es Dir bestätigen, wie empfindlich ihr Herz ist, seit die Blüte ihres jugendlichen Zaubers – ihr freilich nehmt es nicht wahr! – ein Blatt nach dem andern verliert. Die Eifersucht wird sie quälen, und – ich kenne sie – vielleicht erwies niemand der Sirene einen größeren Dienst als ich, da ich sie nötigte, diese Stadt zu verlassen.«
      Die Augen der klugen Nichte des Archibius hatten bei dieser Versicherung so feindselig gefunkelt, daß Archibius mit gerechter Besorgnis der Tochter des verstorbenen Freundes gedachte. Was Barine noch nicht als ernste Gefahr drohte, in der Hand seiner Nichte lag es, es dazu zu machen.
      Dion hatte ihn um Verschwiegenheit gebeten; wäre ihm aber auch gestattet gewesen, zu reden, er hätte es jetzt doch unterlassen. Wie er Iras kannte, war von ihr anzunehmen, daß sie, wenn sie jetzt erfuhr, eine andere habe sich zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt, kein Mittel scheuen werde, um ihnen das Spiel zu verderben. Die edle makedonische Jungfrau kam ihm in den Sinn, die die Königin ihr vorzuziehen begonnen und die sie durch feindselige Ränke in den Tod getrieben hatte. Klüger und, wenn sie einmal liebte, treuer und hingebender, schmiegsamer und in guten Stunden fesselnder mochten wenige sein, doch schon als Kind war sie lieber den krummen als den geraden Weg gewandelt. Es war gewesen, als habe ihre Klugheit es verachtet, das Gewünschte mit den einfach zur Hand liegenden Mitteln zu erreichen. Wie gern hatte seine Mutter und zweite Schwester Charmion für die Sklaven gesorgt und sie, wenn sie krank gewesen waren, gepflegt; ja Charmion hatte in ihrer nubischen Zofe Anukis eine Freundin gewonnen, die für sie in den Tod gegangen wäre. Auch der Kleopatra war es als Kind eine Herzensfreude gewesen, der erkrankten greisen Schaffnerin seiner Eltern Blumen zu bringen und an ihrem Bette zu sitzen, um ihr durch ihr anmutiges Geplauder die Zeit zu verkürzen. Unaufgefordert war sie zu ihr gegangen, während Iras nicht selten hatte gestraft werden müssen, weil sie in ihrem auch an Sklaven reichen Elternhause diesen Unglücklichen das ohnehin schwere Leben durch unbillige Härte verbitterte. Das hatte den Oheim mit Besorgnis erfüllt, und auch später war es ihr Verhalten gegen Niedere gewesen, das es ihm unmöglich machte, sie zu den Guten ihres Geschlechtes zu zählen. Um so froher hatte ihn die treue, selbstlose Liebe überrascht, mit der sie sich dem Dienste der Königin widmete. Kleopatra hatte seiner Schwester Charmion den Wunsch erfüllt, ihr die Nichte zur Gehilfin zu geben, und Iras, die gegen die eigene treue Mutter nie eine liebreiche Tochter gewesen war, hatte sich der Herrin mit innigster Zärtlichkeit ergeben. Das rechnete Archibius ihr hoch an, aber er wußte, was dessen wartete, den ihr Haß sich zum Ziel erwählte, und die Befürchtung, Barine werde durch sie in schwere Gefahren gestürzt werden, gesellte sich zu der größeren Sorge um Kleopatra.
      Als er in der trüben Ueberzeugung, machtlos gegen den üblen Willen der Nichte zu sein, aufbrechen wollte, hielt ihn ihre Vorstellung zurück, daß jede neue Nachricht zuerst in das Sebasteum und zu ihr gelange. Es könne auch leicht etwas kommen, was zu entscheiden seinem besonnenen Geiste besser gelingen werde als dem ihren, der ihr ohnehin vorkomme wie ein durch Steinwürfe getrübtes flaches Gewässer.
      Die Wohnung seiner Schwester Charmion, die ein Gang mit der ihren verband, stand leer. Dort, bat sie ihn, möge er ein wenig rasten. Die Unruhe und Angst ihres Herzens drohe sie umzubringen. Ihn in der Nähe zu wissen, werde die größte aller Wohlthaten für sie sein.
      Als Archibius zauderte, weil es seine Pflicht sei, dem Cäsarion, auf den er einigen Einfluß habe, ans Herz zu legen, von seinen thörichten Wünschen schon aus Liebe zu der Mutter zu lassen, versicherte Iras, er werde ihn nicht finden. Mit dem Antyllus und einigen Freunden sei er auf der Jagd. Sie habe dies Vorhaben gebilligt; denn es entferne ihn von der Stadt und dem verhängnisvollen Hause der Barine.
      »Da die Königin ihn noch nicht von dem Schrecklichen unterrichtet wissen will,« schloß sie, »hätte uns seine Anwesenheit nur Verlegenheiten bereitet. Bleibe also, und wenn es dunkelt, fährst Du mit auf die Lochias. Ich denke, daß es der Unglücklichen lieb sein wird, beim Betreten des Landes Dein vertrautes Gesicht zu sehen, das sie an bessere Tage erinnert. Erweise mir die Wohlthat und bleibe!«
      Damit streckte sie ihm beide Hände entgegen, und er willigte ein.
      Das Mahl wartete, und er teilte es mit der Nichte; doch die auserlesenen Speisen wurden von ihr gar nicht, von ihm nur wenig berührt. Ohne den Nachtisch abzuwarten, erhob er sich, um sich in die Gemächer seiner Schwester zu begeben. Aber Iras nötigte ihn, auf dem Diwan im Nebenzimmer auszuruhen, und er that ihr den Willen. Doch wie weich auch die Polster waren und wie sehr ihn nach Schlaf verlangte, er konnte ihn nicht finden; denn die Unruhe der Seele hielt ihn wach, und durch den Vorhang, der das Zimmer, worin Iras sich aushielt, von dem seinen trennte, hörte er bald den leichten Schritt des ruhelos auf und ab wandelnden Mädchens, bald das Kommen und Gehen von Boten, die nach neuen Nachrichten frugen.
      Das ganze vergangene Leben zog ihm an dem inneren Auge vorüber. Kleopatra war seine Sonne gewesen, und jetzt stand das schwarze Gewölk am Himmel, das ihr Licht verfinstern sollte, vielleicht auf immer. Er, der Jünger des Epikur, der erst in späteren Jahren sich auch anderen Lehren angeschlossen hatte, faßte die Götter im Sinne des Meisters. Wie jenem, so waren sie auch ihm in seliger Ruhe sorglos sich selbst genügende, unsterbliche Wesen, zu denen man nur um ihrer vollkommenen Herrlichkeit willen aufzuschauen habe, die sich aber weder um die Leitung der Welt kümmerten, die von ewigen Gesetzen bestimmt wurde, noch um das Schicksal der einzelnen Menschen. Wäre er vom Gegenteil überzeugt gewesen, wie gern hätte er hingegeben, was er besaß, um die Himmlischen durch Opfer günstig für diejenige zu stimmen, der er das Leben und was in und an ihm war, weihte.
      Wie es Iras umhertrieb, so ließ es ihm keine Ruhe auf dem Lager, und als sie seinen Schritt vernahm, rief sie ihn an und frug, warum er nicht nachholte, was er an Schlaf versäumt habe. Man könnte nicht wissen, welche Anforderungen die nächsten Nächte an sie stellen würden.
      Da versetzte er gelassen: »Sie werden mich wach finden.«
      Dann trat er an das Fenster, das über dem Pylonenpaare vor der Hauptfront des Sebasteums gelegen war und auf das Bruchium und das Meer hinausschaute.
      Im Hafen wimmelte es jetzt von bekränzten, mit bunten Flaggen und Wimpeln geschmückten Fahrzeugen in jeder Größe. Das Gerücht von dem glücklichen Ende der ersten Seeschlacht wurde geglaubt, und viele verlangte es, die siegreiche Flotte zu begrüßen und ihrer Führerin bei der Einfahrt in den Hafen zuzujauchzen.
      Auf dem Lande zwischen den freistehenden hohen Pylonen und dem großen Thore, das Einlaß in das Sebasteum gewährte, hatten sich gleichfalls viele Menschen, Sänften und Fuhrwerke versammelt. Sie gehörten den vornehmen Kreisen der Stadt an; denn den meisten folgten reich gekleidete Sklaven. Viele waren köstlich bekränzt, und mancher Wagen und Tragstuhl mit goldenem und silbernem Zierat, Edelsteinen und glänzendem Glasfluß geschmückt. Ein lebhaftes Hinundher kam vor dem Palast nicht zur Ruhe, und Iras, die jetzt neben dem Oheime stand, wies darauf nieder und sagte: »Der Wind des Gerüchts! Gestern kam nur einer oder der andere, heute drängen sich alle, die zu der Gesellschaft der ›unnachahmlichen Lebenskünstler‹ gehörten, selbst hierher, um eine Nachricht zu erhaschen. Der Sieg ward verkündet auf dem Markte, im Theater, in den Gymnasien und Lagern. Was Kränze oder Waffen trägt, hörte von einer gewonnenen Schlacht. Gestern war unter Tausenden kaum einer, der an dem Siege gezweifelt hätte; – heute aber, wie kommt das? – ist selbst unter denen, die als ›Unnachahmliche‹ alle Freuden, Genüsse, Schaustellungen unseres hohen Paares teilten, der Glaube erschüttert; denn waren sie fest überzeugt von dem ›glänzenden Siege‹, der doch laut genug verkündigt wurde, sie kämen nicht selbst, um zu fragen, zu spähen, zu horchen. Sieh nur hinunter! Das ist die Sänfte des Diogenes – das die des Lysander. Der Wagen dort gehört dem Alexander. Die Sklaven in den roten Bombyxröcken dienen dem Hermias. Sie gehören sämtlich zu der Gesellschaft der Unnachahmlichen und hatten teil an unseren Festen. Derselbe Apollonius, der jetzt schon eine halbe Stunde die Dienerschaft im Palast auszuforschen sucht, ließ vorgestern dem Ares, der Nike und der großen Isis, als der Göttin der Königin, je fünfzig Ochsen schlachten, und als ich ihn im Tempel traf, rief er mir zu, diese That sei sein größter Verschwenderstreich; denn auch ohne das Rindvieh wären Kleopatra und Antonius des Sieges gewiß. Jetzt aber führte auch bei ihm der Wind des Gerüchtes die schöne Zuversicht mit sich fort. – Sie dürfen mich nicht sehen. Die Thorhüter sagen, ich sei auf dem Lande. Zu Grunde würde ich gehen bei dem Zwang, jedem ein siegesfrohes Gesicht zu zeigen. Da tritt Apollonius heraus. Wie das feiste Gesicht ihm leuchtet! Er glaubt an den Sieg, und vom Untergang der Sonne an wird von diesen dort sich keiner mehr hier zeigen; denn da erteilt er schon den Sklaven Befehle. Er lädt sie alle zum Gastmahl und wird seine köstlichsten Weine nicht sparen. Vortrefflich! Von ihnen wenigstens kann niemand uns stören! Dion ist sein Vetter, und auch er gehört zu den Gästen. Was diese Festfreunde uns wohl zu erfahren geben werden, wenn es sich mit der schrecklichen Wahrheit abzufinden gilt?«
      »Sie werden, denk' ich,« versetzte Archibius, »der Welt ein merkwürdiges Schauspiel bieten: Im Glück gewonnene Freunde, die festhalten im Unglück.«
      »Du meinst?« frug Iras und die Augen leuchteten ihr hell auf. »Wenn das sich bewährte, wie wollt' ich sie, von denen die meisten doch ohne ihren Reichtum ärmer wären als Bettler, schätzen und preisen! Aber sieh dort hin! Der in dem weißen Mantel neben dem linken Obelisken, – ist es nicht Dion? Da drängt ihn die Menge mit fort ... Ich glaube, er war es.«
      Sie hatte indes falsch gesehen; denn der Mann, dessen Erscheinen sie wahrgenommen zu haben meinte, weil ihr Herz es so dringend ersehnte, befand sich nicht in der Nähe des Sebasteums, und noch ferner von ihr weilten seine Gedanken.
      Zuerst hatte er sich aufgemacht, um dem Baumeister den für ihn bestimmten Brief zu übergeben. Bei den Triumphbogen, die am Strande des Bruchiums entstanden, mußte er ihn finden. Doch schon bei dem ersten erfuhr er, er sei gegangen, um die Statue der Kleopatra und des Antonius vom Hause des Didymus, wo sie stehen geblieben war, abzuholen und sie vor dem Theater des Dionysus aufzustellen. Der Regent Mardion habe es so befohlen, und Gorgias schon für die Herstellung des Unterbaues gesorgt.
      Die großen Quadern, deren er dazu bedurfte, wären von dem Nemesistempel, dessen Bau er leitete, genommen worden. So viel Staatssklaven er nur wolle, stünden ihm zur Verfügung, berichtete der oberste Werkführer des Gorgias und fügte stolz hinzu, der Baumeister werde, bevor die Sonne untergehe, den Alexandrinern das Wunder gezeigt haben, wie man an einem Tage eine Doppelstatue von einem Orte zum andern bewege und so fest aufstelle, wie die tausendjährigen Kolosse von Theben.
      Vor dem Garten des Didymus fand Dion die Bildsäule zum Aufbruche bereit; der Baumeister aber hatte die Sklaven, die schon die Rollen vor den Schlitten gelegt hatten, auf dem er fortbewegt werden sollte, eine gute Weile warten lassen.
      Er war jetzt zum drittenmal im Hause des alten Philosophen. Zuerst hatte er ihn und die Seinen benachrichtigen müssen, daß ihrem Besitz nichts mehr drohe, dann war er gekommen, um ihnen mitzuteilen, zu welcher Stunde er die Bildsäule fortschaffen werde, die immer noch viele Neugierige heranzog, und endlich hatte er sich wieder eingestellt, um zu melden, daß die Statue sogleich fortgeschafft werden sollte. Das alles hätte sein Bauführer oder ein Sklave sehr wohl ausrichten können, doch Helena, die Enkelin des Didymus, die Schwester Barines, zog ihn wieder und wieder in das Haus des Greises. Um ihretwegen wäre er gern noch öfter gekommen; denn bei jeder Begegnung hatte er neue Vorzüge an der schönen, stillen, umsichtigen, die alten Großeltern so zärtlich bedienenden Jungfrau entdeckt. Er glaubte, daß er sie liebt, und sie schien ihn gern kommen zu sehen. Aber das berechtigte ihn noch nicht, um sie zu werben, obgleich für sein leeres großes Haus eine Herrin so nötig gewesen wäre. Sein Herz hatte schon für zu viele geglüht! Er wollte erst sehen, ob es diesmal fester standhalten würde. Eine Gattin, die besser für ihn paßte, konnte er nicht finden. Gelang ihm das Treuehalten auch nur etliche Tage, dann wollte er sich gleichsam dafür belohnen und als Freier vor den Didymus treten.
      Sein häufiges Kommen entschuldigte er vor sich selbst mit der Notwendigkeit, die künftige Gemahlin kennen zu lernen, und Helena erleichterte ihm diese Aufgabe; denn das ihr sonst eigene zurückhaltende Wesen schwand mehr und mehr von ihr; ja das große Zutrauen, das er ihr von vornherein eingeflößt hatte, war infolge seines thatkräftigen Beistands gewachsen. Als er vorhin wieder kam, hatte sie ihm sogar die Hand aus freiem Antrieb entgegengestreckt und sich nach dem Fortgange der Arbeit erkundigt.
      Er war mit Geschäften überhäuft, doch die Unterhaltung mit ihr bereitete ihm solches Vergnügen, daß er ihr länger, als er es zu jeder andern Zeit unter den gleichen Umständen für recht gehalten hätte, Rede stand und es für eine unliebsame Störung ansah, als Barine, für die er gestern noch so warm empfunden hatte, das Tablinum betrat.
      Die junge Frau ließ es dazu keineswegs bei einer kurzen Begrüßung, sondern entzog ihm Helena ganz und gar. So stürmisch, wie er sie noch nie gesehen, umarmte und herzte sie die Schwester und teilte ihr in fliegenden Worten mit, daß sie gekommen sei, um von den Lieben im großelterlichen Hause Abschied zu nehmen.
      Frau Berenike war mit ihr erschienen, hatte sich aber zuerst zu dem alten Paare begeben.
      Während Barine der Helena sowie auch ihm eingehender mitteilte, wie das alles so rasch gekommen, verglich Gorgias schweigend die Schwestern. Er fand es begreiflich, daß er einmal gemeint hatte, Barine zu lieben; aber zu seiner Hausfrau hätte sie doch nicht getaugt. Das Leben an ihrer Seite wäre zu einer Kette von eifersüchtigen Regungen und Besorgnissen für ihn geworden und sie, deren anregende Bemerkungen und wißbegierige Fragen die ganze Aufmerksamkeit erforderten, hätte ihn, wenn er ermüdet von schwerer Arbeit heimkehrte, die Ruhe nicht finden lassen, nach der er sich dann sehnte. Als habe er den Abstand zweier neu aufgestellten Gäulen zu prüfen, wanderte sein Auge von ihr zu der Schwester, und die junge Frau, die sein sonderbares Verhalten wahrnahm, lachte plötzlich fröhlich auf und frug, ob es zu wissen gestattet sei, bei welchem Bau er im Geiste weile, während eine gute Freundin berichte, daß es nun mit den hübschen Stunden in ihrem Hause vorbei sei.
      Da fuhr er auf, und aus der Entschuldigung, die er hervorstammelte, ging so sicher hervor, wie unaufmerksam er ihr zugehört habe, daß Barine Grund gehabt hätte, es als Kränkung zu empfinden. Doch ein Blick auf die Schwester und ein neuer auf ihn ließ sie schnell das Rechte erraten. Es erfreute sie; denn sie schätzte den Gorgias, und im stillen hatte sie befürchtet, ihn, wenn er um sie werben werde, mit einer Ablehnung betrüben zu müssen. Für die Schwester schien er ihr wie geschaffen. Ihr Eintritt hatte die beiden doch wohl gestört, und so rief sie der Helena zu: »Ich suche die Mutter und die Großeltern auf. Unterhalte Du inzwischen den Freund hier. Wir kennen uns gut. Er gehört zu den wenigen, auf die Verlaß ist. Meine redliche Meinung, Baumeister! Und Du, Helena, laß Dir's gesagt sein!«
      Damit begrüßte sie beide, und Gorgias war wieder mit dem geliebten Mädchen allein. Ihm wie ihr fiel es schwer, das Gespräch neu zu beginnen, und als es trotz manchen Anlaufes keinen rechten Fortgang finden wollte, erschien ihm der Ruf des Vogtes, der ihm durch die offene Decke, zur Arbeit mahnend, ans Ohr drang, wie eine Erlösung. Indem er so lebhaft, als sei er darum gebeten worden, versprach, bald wieder zu kommen, verabschiedete er sich und öffnete die in das Nebenzimmer führende Thür.
      Aber schon auf der Schwelle prallte er zurück, und Helena, die ihm gefolgt war, that das Gleiche; denn da stand sein Freund Dion, und das schöne Haupt Barines lehnte an seiner Brust, und seine Hand ruhte wie zum Segen auf ihrem blonden Scheitel. Und – nein, Gorgias irrte nicht – der schlanke Körper der schönen Frau, von deren frischer Daseinslust er sich selbst und andere so oft hatte mit fortreißen sehen, zitterte wie von tiefer, schmerzlicher Bewegung erschüttert.
      Als Dion den Freund wahrnahm, sie aber das Haupt erhob und ihm das Antlitz zuwandte, war es wirklich von Thränen benetzt, doch ihr Quell konnte kein Leid sein; denn die blauen Augen leuchteten in glückseligem Glanze.
      Dennoch fand Gorgias etwas in ihren Zügen, das er mit keinem Worte zu benennen vermochte und das der Abglanz der heißen Dankbarkeit war, die ihr die Seele ergriffen hatte und sie bis zum Rande erfüllte.
      Dion war, während er den Baumeister suchte, der Barine begegnet, wie sie sich zu den Großeltern begab, und was er gestern gefürchtet hatte, traf ein.
      Der erste Blick ihres Auges, von dem das seine getroffen worden war, hatte ihm das entscheidende Wort auf die Lippen gezwungen.
      In kurzen, ernsten Worten gestand er ihr dann tief bewegt, daß er sie liebe und sie als den Stolz und die Zier seines Hauses zu der Seinen zu machen begehre.
      Da waren ihr im Uebermaß der Glückseligkeit die Augen übergeflossen, und als stehe sie unter dem Banne eines großen Wunders, das für sie geschehen, hatte sie kein Wort der Entgegnung gefunden; er aber war ihr nahe getreten, hatte ihre Rechte mit beiden Händen ergriffen und ihr aufrichtig gestanden, wie er mit dem Bilde der strengen Mutter vor Augen geschwankt und gezaudert, bis die Liebe übermächtig in ihm geworden. Jetzt frage er sie voll des wärmsten Zutrauens, ob sie einwillige, zur Ehre und zum Schmuck seines alten Hauses als seine Herrin darin zu walten. Er wisse, daß ihr Herz ihm gehöre, eins aber müsse er noch aus ihrem Munde vernehmen ...
      Da hatte sie ihn mit dem Rufe unterbrochen: »Das Eine: nur für Dich und Dich allein darf und will Dein Weib leben in Freud und Leid. Die ganze Welt kann für sie untergehen, nun Du sie zu Dir erhebst und sie Dein ist.«
      Ihm aber war es nach dieser Versicherung, die wie ein Eidschwur geklungen hatte, gewesen, als sei ihm eine Last von dem hochschlagenden Herzen gefallen, und indem er sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in die Arme schloß, hatte er wiederholt: »In Freud' und Leid!«
      So wurden sie von Gorgias und Helena gefunden, und der Baumeister erfuhr zum erstenmale und nicht ohne einiges Erstaunen, daß es keinen Unterschied gibt zwischen dem eigenen Glück und dem eines geliebten Menschen.
      Seine Freundin Helena schien das Gleiche zu empfinden, als sie sah, was dieser Tag der Schwester schenkte, und in dem von Unruhe und mancher Befürchtung und Sorge heimgesuchten Hause des alten Philosophen wurde es bald laut von frohen, glückwünschenden Stimmen.
      Der Baumeister fühlte sich nicht mehr am Platze in diesem von einer großen gemeinsamen Freude ergriffenen vertrauten Kreise, und nachdem Dion ihm eine kurze Erklärung gegeben hatte, hörte man bald von draußen her die laute Stimme des Gorgias den Arbeitern gebieten.
    



      Neuntes Kapitel
      Gorgias ging ungesäumt an die Arbeit. Als die Doppelstatue nur noch der Aufstellung vor dem Theater des Dionysus wartete, suchte Dion ihn auf. Es drängte ihn, bevor er die Stadt mit der Verlobten verließ, noch einmal mit dem Freunde zu reden. Seit sie von einander gegangen waren, hatte dieser das Unmögliche geleistet; denn der Bau der von Antonius bestellten Mauer auf dem Choma war begonnen, die Herstellung des kleinen Palastes an seiner Spitze und dazu noch manches andere, was die Ausschmückung der Triumphbogen und Ehrenpforten betraf, angeordnet worden. Sein tüchtiger und flinker Werkführer hatte Mühe, ihm zu folgen, während er ihm Befehl auf Befehl in die Schreibtafel diktirte.
      Die Unterredung mit dem Freunde dauerte indes nicht lange; denn Dion hatte den Frauen versprochen, sie aufs Land zu begleiten. Es sollte trotz des Verlöbnisses heute noch geschehen; denn Cäsarion war im Laufe des Tages zweimal bei Barine vorgefahren. Sie hatte ihn nicht empfangen, doch dies Verhalten des unseligen jungen Mannes veranlaßte sie, selbst auf die Beschleunigung der Abreise zu dringen.
      Um Aufsehen zu vermeiden, wollten sie sich des großen Reisewagens und des Nilbootes des Archibius bedienen, obgleich Dion über nicht minder bequeme verfügte.
      In »Friedensstätt« sollte die Hochzeit gefeiert werden. Das eigene Schiff des jungen Ratsherrn, das ihn später mit der Neuvermählten nach Alexandria zurückzuführen bestimmt war, trug den Namen der Peitho, der Göttin der Ueberredungskunst, weil Dion sich gern an seine rednerische Thätigkeit im Rate erinnern ließ. Von nun an sollte es 
      Barine heißen und manche Verschönerung erfahren.
      Dion vertraute dem Freunde auch an, was er über das Schicksal der Königin und der Flotte erfahren, und wie dringend Gorgias auch in Anspruch genommen war, stand er dem Freunde doch Rede, als er über das künftige Schicksal der Stadt und ihre bedrohte Selbständigkeit und Freiheit zu sprechen begann; denn diese Dinge lagen auch ihm vor allen anderen am Herzen.
      »Im Glücke,« rief Dion, »that ich, was mir gefällt; jetzt scheint mir jedem rechten Manne die Pflicht zu gebieten, das eigene Haus zu einer Pflanzstätte für die Gesinnung zu machen, die er von den Vätern ererbte und die nicht erlöschen darf, so lange es eine makedonische Bürgerschaft in Alexandria gibt. Wir müssen es uns gefallen lassen, wenn die Uebermacht Roms Aegypten zur Provinz der Republik macht; – unserer Stadt und ihrem Rate den Löwenpart ihrer Freiheit zu retten, das vermögen wir indes. – Wie sich die Dinge auch gestalten, sind und bleiben wir doch die Quelle, aus der jenem Rom der beste Teil des Wissens zufließt, das ihm den Geist bereichert.«
      »Und die Kunst,« fiel ihm Gorgias ins Wort, »die ihm das rauhe Leben verschönert. Steht es ihm auch frei, uns schonungslos zu vernichten, wird es ihm, denke ich, doch ergehen wie dem Mädchen, das schon den Fuß hebt, um eine schöne, seltene Blume zu zertreten, und das ihn doch zurückzieht, weil es frevelhaft wäre, ein so köstliches Götterwerk zu zerstören.«
      »Und was verdankt Dein Mädchen der Blume,« rief Dion, »was Rom unserer Stadt! Begegnen wir seinen Ansprüchen mit würdiger Standhaftigkeit, so haben wir, denk' ich, nicht allzu Schlimmes zu befürchten.«
      »Hoffen wir es! Aber Du, Freund, halte die Augen offen auch vor anderen als den römischen Feinden. Nun es Thatsache wurde, daß Du ihrer nicht begehrst – sieh Dich vor vor der Iras. Sie hat etwas an sich, das mich an den Schakal erinnert. Die Eifersucht! – Des Schlimmsten halt' ich sie fähig ...«
      »Doch,« unterbrach ihn Dion, »was Iras mir anzuthun versucht, wird Charmion mildern, und, zähl' ich auch nicht stark auf den Oheim, steht Archibius doch über jenen beiden und ist uns und unserem Bunde gewogen.«
      Da atmete Gorgias erleichtert auf und rief: »Dann frisch hinein in das Glück!«
      »Und Du,« fügte Dion warm hinzu, »beginne auch Du für das Deine zu sorgen. Verbiete dem Herzen das schweifende Nomadenleben! Die Zelte, die der Wind umbläst, können, denk' ich, dem Architekten nicht auf die Dauer genügen. Wie Du mir den Palast, so baue Dir selbst ein festes, den Stürmen trotzendes Haus. Ich gönne es Dir und sagte es ja schon: Die Zeit verlangt es.«
      »Ich werde des Rates gedenken.« entgegnete Gorgias. »Doch da treffen mich wieder sechs nach Auskunft begierige Augen. Es gibt so viel Ernstes zu thun, und nun verkümmert man sich die Zeit mit dem Bau von Triumphbogen für Geschlagene, von Trophäen für eine Niederlage! Aber Dein Oheim befahl noch vorhin, das Werk aufs prächtigste fertig zu stellen. Die Wege des Schicksals und der Großen sind dunkel; die euren soll der lichteste Sonnenglanz bescheinen! Eine schöne Fahrt! Wir hören natürlich, wann ihr die Hochzeit feiert, und geht es an, sing' ich mit bei den Hymenäen. Glücklicher, der Du bist! Nun werd' ich auch von dorther gerufen! Kastor und Pollux und die anderen den Reisenden freundlichen Götter, Aphrodite und alle Eroten sollen eure Fahrt ins Seeland und in das Reich des Eros und Hymen beschirmen!«
      Damit zog der warmherzige Mann den Freund zum erstenmal an die Brust, und Dion ließ es sich gern gefallen und schüttelte ihm endlich mit dem Rufe: »Auf Wiedersehen also in Irenia am Hochzeitstage, Du lieber, treuer Gesell!« die harte Rechte.
      Dann bestieg er den wartenden Wagen, und Gorgias schaute ihm gedankenvoll nach.
      Noch war der Mantel von Hyazinthpurpur, den Dion auch heute trug, ihm nicht aus den Augen geschwunden, als sich dicht hinter ihm ein lautes Krachen, Poltern und Dröhnen erhob. Ein flüchtig errichtetes Gerüst, das die Flaschenzüge für die Ausrichtung der Bildsäule tragen sollte, war zusammengestürzt. Der Schaden konnte leicht wieder hergestellt werden, doch erweckte dieser Unfall in dem Baumeister eine peinliche Empfindung. Er war ein Kind seiner Zeit, dem die Pflicht des besonnenen Mannes gebot, auf Vorzeichen zu achten. Die Erfahrung lehrte ihn auch, daß, wenn ihm bei seiner Thätigkeit dergleichen begegnete, ihm etwas Unerfreuliches im Kreise seiner Freunde zu folgen pflegte. Was dem teuren Paare bevorstand, verbarg der Schleier der Zukunft; er aber beschloß, die Augen für den Dion offen zu halten und den Archibius zu ersuchen, das Gleiche zu thun.
      Doch im Drange der Arbeit kam das Mißgefühl bald zum Schweigen. Der Schaden war schnell wieder hergestellt, und später erteilte Gorgias bald mit dieser, bald mit jener Tafel oder Rolle in der Hand die verschiedenartigsten Befehle.
      Allmälich verfinsterte sich das Licht des trüben Tages.
      Bevor die Nacht hereinbrach, die Sturm und Regen zu bringen drohte, ritt er auf seinem Maultiere noch einmal das Bruchium hinunter, um die Fortschritte an den einzelnen Bauten zu überschauen und neue Anordnungen zu treffen; denn die Arbeit sollte in der Nacht fortgesetzt werden.
      Von der See her wehte es jetzt so heftig aus Norden, daß es Mühe kostete, die Fackeln und Lampen in Brand zu erhalten. Der Wind peitschte ihm einzelne Regentropfen ins Antlitz, und ein Blick gen Mitternacht zeigte ihm schwarze Wolkenmassen jenseits des Hafens und des Pharus. Das verhieß eine schlimme Nacht, und wieder überkam ihn die peinliche Empfindung, als stehe ein Unheil bevor. Dennoch war er schnell und besonnen am Werke und griff auch selbst mit zu, wo es darauf ankam.
      Die Nacht folgte dem Abend. Kein Stern war am Himmel sichtbar, und die vom Nordwind durchwehte Luft wurde so kühl, daß Gorgias dem Leibsklaven endlich gestattete, ihm den Mantel umzulegen. Während er die Kapuze über den Kopf zog, schaute er einem Zuge von Sänften und Menschen nach, der auf die Lochias zuschritt.
      Vielleicht kamen die Kinder der Königin von einem Ausfluge nach Hause. Aber es waren doch wohl eher Privatleute, die sich zu einem Siegesfeste begaben; denn alle Welt glaubte jetzt an eine große Schlacht und einen glücklichen Ausgang des Krieges. Das Heil- und Hochrufen der Leute, die sich trotz des üblen Wetters immer noch am Hafen auf und nieder bewegten, bewies es.
      Eben war die letzte der den Zug begleitenden Fackeln an Gorgias vorübergetragen worden, und er hatte sich gesagt, daß sich eine der königlichen Familie angehörende Sänftenreihe nicht unter so dürftiger Beleuchtung durch die finstere Nacht fortbewegen würde, als ein einzelner Mann mit einer Laterne in der Hand, deren flackerndes Licht ihm in das faltige Gesicht schien, von der andern Seite raschen Schrittes daher kam. Es war der alte Phryx, der Haussklave des Didymus, den der Baumeister kennen gelernt hatte, während die Inschrift für das von ihm erbaute Odeum von dem alten Gelehrten hergestellt worden war. Der greise Diener hatte ihm damals mehrfach Aenderungen des ersten Entwurfes seines Herrn überbracht und den Gorgias gestern daran erinnert.
      Eben hatten die Arbeiter, von denen die Doppelstatue bei hellem Fackelschein und taktmäßigem Gesang auf das Postament erhoben worden war, die Taue, Winden und Hebel aus der Hand gelegt, als der Baumeister den Sklaven erkannte.
      Was wollte der alte Mann so spät in der finsteren Nacht?
      Das eingestürzte Gerüst kam ihm wieder in den Sinn.
      Suchte der Sklave Hilfe für ein Mitglied des Hauses? War Helena ihrer bedürftig?
      Da hielt er den Alten an, und dieser beantwortete seine Frage mit einem schweren Seufzer, dem das Sprichwort folgte: »Das Unglück kommt immer wie die Ochsen paarweis.« Dann fuhr er Bericht erstattend fort: »Gestern gab es große Angst. Als es dann heut so froh herging bei uns wegen der Barine, dacht' ich gleich: ›Auf Lust folgt Leid‹, und das zweite Unheil bleibt uns doch nicht erspart. So ist's denn auch gekommen!«
      Da gebot Gorgias besorgt, ihm zu vertrauen, was geschehen sei, und der Alte trat ihm näher und flüsterte ihm zu, der Schüler und Gehilfe des Didymus, der junge Philotas von Amphissa, ein Student und dazu ein artiger junger Mann aus gutem Hause, habe sich zu einem Schmause begeben, zu dem Antyllus, der Sohn des Antonius, einige junge Leute geladen, die mit ihm den Unterricht teilten. Es sei schon mehrmals vorgekommen, und er, Phryx, habe ihn gewarnt; denn wenn die Kleinen mit den Großen verkehrten, ging es für die Kleinen selten ab ohne Püffe und Stöße. Der junge Mensch, der sich sonst nicht schlimmer geführt habe als die anderen Epheben, sei von solchen Festen immer mit rotem Kopfe, auf unsicheren Füßen nach Hause gekommen; heute aber habe er nicht einmal sein Kämmerchen im oberen Stocke gefunden. Wie auf der Flucht, und von Häschern verfolgt, sei er in das Haus gedrungen, und während er die Treppe hinaneilen wollte – es sei eigentlich nur eine feststehende Leiter – habe er einen Fehltritt gethan und sei hinuntergefallen. Was ihn, den Phryx, angehe, glaube er nicht, daß er dabei Schaden erlitten; denn kein Glied thue ihm weh, auch nicht, wenn man es ziehe und dehne, und Dionysus behüte freundlich die Trunkenen; es müsse aber ein Dämon in ihn gefahren sein; denn er heule und stöhne fortwährend und bleibe auf Zureden und Fragen die Antwort schuldig. Nun wisse er zwar von dem Dionysusfeste her, daß der junge Mensch zu denen gehöre, die im Rausche weinen und jammern; diesmal aber müsse doch etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein; denn erstens sei sein hübsches Gesicht schwarz gefärbt und sehe gräßlich aus, seitdem die Thränen den Ruß von manchen Stellen abgewaschen hätten, dann aber rede er lauter wirres Zeug durcheinander. Es sei ein Jammer!
      Bei dem Versuche, ihn mit dem Gartensklaven in sein Zimmer zu tragen, habe er wie ein Besessener mit Händen und Füßen um sich geschlagen. Nun glaube auch Didymus, Dämonen hätten sich seiner bemächtigt, wie es bei solchen nicht selten geschehe, die beim Fall von einer Treppe mit dem Kopfe auf den Boden schlügen und damit bei den Dämonen in der Erde anklopften und sie weckten. Ei freilich! Dämonen könnten es schon sein, doch keine anderen als die des Weines. Der Student sei eben »voll und toll«, wie die Leute sagten. Aber der alte Herr halte große Stücke auf den Schüler, und habe ihm befohlen den Olympus zu holen, der schon, so lange er denken könne, der Arzt des Hauses.
      »Der alte Leibarzt der Königin?« frug Gorgias mißbilligend, und als der Sklave dies bestätigte, rief der Baumeister bestimmt: »Den ehrwürdigen Greis bei solchem Nordwind um dergleichen ins Freie zu zwingen, dünkt mich nicht billig. Das Alter ist eben gegen das Alter nicht sonderlich barmherzig. Ich kann, nun das Ding dort steht, auf eine halbe Stunde den Posten verlassen und will Dich begleiten. Um diese Dämonen auszutreiben, ist, denk' ich, kein Leibarzt nötig.«
      »Recht, Herr, recht,« rief der Sklave, »aber der Olympus ist unser Freund. Er besucht nur noch wenige Kranke; zu uns aber kommt er bei jedem Wetter. Er hat auch Sänften, Wagen und prächtige Maultiere. Die Königin schenkt ihm, was das Beste ist und das Bequemste. Er ist klug und hilft vielleicht schnell. Was man haben kann, das soll man benutzen.«
      »Nur wo es not thut,« versetzte der Baumeister. »Da stehen meine beiden Reittiere, folge Du auf dem zweiten. Werde ich mit den Dämonen nicht fertig, bleibt Dir immer noch Zeit, zu dem Leibarzte zu traben.«
      Dieser Vorschlag gefiel dem Alten, und um weniges später betrat Gorgias das Tablinum des alten Philosophen.
      Helena hieß ihn wie einen alten Freund willkommen. Wo er erscheine, dachte sie, sei es schon halb vorbei mit der Gefahr. Auch Didymus war froh über sein Kommen und führte ihn in das kleine Gemach, wo der von Dämonen besessene Jüngling auf einem Diwan lag.
      Er stöhnte und wimmerte noch immer. Helle Thränen rannen ihm über die Wangen, und sobald sich ihm eines der Mitglieder des Hauses nahte, stieß er es wehklagend von sich.
      Als Gorgias ihm die Hände festhielt und ihm streng befahl, zu bekennen, was er sich vorzuwerfen habe, schluchzte er, er sei der undankbarste Bösewicht auf Erden. Seine guten Eltern, sich selbst und die Freunde richte seine Schlechtigkeit zu Grunde.
      Dann klagte er sich an, daß durch seine Schuld die Enkelin des Didymus ins Verderben gerate. Er wäre sicher nicht wieder zu dem Antyllus gegangen, hätte ihn seine Großmut von neulich nicht an ihn gefesselt; aber nun müsse er es büßen, ja büßen ... Darauf lallte er, wie gebrochen, das Wort »büßen« immerfort vor sich hin, und fürs erste war weiter nichts von ihm zu erfragen.
      Für den letzten dunklen Satz besaß Didymus indes den Schlüssel. Vor etlichen Wochen war Philotas mit anderen Schülern des Rhetors, dessen Vorträgen im Museum er folgte, von Antyllus zum Frühstück eingeladen worden. Als der Student die schönen silbernen und goldenen Becher laut bewundert hatte, aus denen getrunken worden war, hatte der übermütige junge Wirt gerufen: »Sie gehören Dir; nimm sie mit Dir!« Beim Aufbruche hatte der Mundschenk den Philotas, der weit entfernt gewesen war, diese Schenkung für ernst zu halten, aufgefordert, sein Eigentum in Empfang zu nehmen. Antyllus habe ihm die Pokale verehrt; doch rate er dem jungen Manne, sich den Wert in Geld auszahlen zu lassen; denn es befänden sich einige alte, kunstvoll verfertigte Stücke darunter, die Antonius, der Vater des verschwenderischen jungen Mannes, vielleicht ungern missen würde.
      Darauf waren dem erstaunten Studenten mehrere Rollen goldener Solidi ausgezahlt worden, – und sie hatten ihm nicht eben zum Nutzen gereicht; denn durch sie war es ihm möglich geworden, sich zu den reichen und vornehmen Studiengenossen zu halten und manche ihrer Ausschweifungen mitzumachen. Dennoch hatte er nicht aufgehört, dem Didymus gegenüber seine Pflicht zu erfüllen.
      Machte er auch bisweilen die Nacht zum Tage, so gab er doch keinen ernsten Anlaß zum Tadel. Man verzieh ihm auch gern kleine Jugendvergehen; denn er war ein wohlgestalteter, heiterer junger Mann, der es verstanden hatte, sich jedem Mitgliede des Hauses, auch den Frauen, angenehm zu machen.
      Was war nur heute über den Beklagenswerten gekommen? Den Didymus erfüllte er mit dem größten Mitleid, und wenn er sich auch dem Gorgias für sein Erscheinen verpflichtet fühlte, so gab er ihm doch zu verstehen, daß ihn das Ausbleiben des Arztes verdrieße.
      Aber der Baumeister war in einem langen Junggesellenleben in dem den Gaben des Dionysos holden Alexandria mit Krankheiten wie die des Philotas und ihrer Behandlung vertraut geworden, und nachdem man ihm mehrere Krüge Wasser gebracht und ihn kurze Zeit mit dem Leidenden allein gelassen hatte, freute der Philosoph sich im stillen, den greisen Leibarzt nicht in die stürmische Nacht hinaus gerufen zu haben; denn Gorgias führte ihm den Schüler zwar mit nassem Haar, sonst aber im Zustande schnell fortschreitender Genesung entgegen.
      Das hübsche Gesicht des Jünglings war vom Ruße befreit, doch er schaute beschämt zu Boden, und dann und wann griff er nach der schmerzenden Stirn. Es bedurfte der vollen Ueberredungskunst des alten Philosophen, um ihn zum Reden zu bringen, auch bat Philotas das Mädchen, bevor er begann, ihn mit den Männern allein zu lassen.
      Er war willens, streng bei der Wahrheit zu bleiben, doch fürchtete er noch immer, der unsinnige Streich, zu dem er sich hatte fortreißen lassen, könnte verhängnisvoll für sein künftiges Leben werden.
      Besonders von dem Baumeister, dem er die schnelle Entnüchterung verdankte, und dessen freundlich ernstes Wesen ihm Zutrauen einflößte, hoffte er auf guten Rat; dem Greise aber war er zu so großem Danke verpflichtet, daß er ihm Aufrichtigkeit schuldete; – einen der Hauptbeweggründe seiner thörichten Handlungsweise wagte er aber doch nicht zu bekennen.
      Das Unternehmen, zu dem er mit herangezogen worden war, hatte sich gegen Barine gerichtet. Schon lange glaubte er sie mit der ganzen Glut des zwanzigjährigen Herzens zu lieben. Kurz bevor er sich zu dem verhängnisvollen Gastmahle begab, hatte er indes gehört, daß die junge Frau sich dem Dion versprochen. Das hatte ihn tief verletzt; denn in mancher stillen Stunde war es ihm möglich erschienen, sie für sich zu gewinnen und sie als Gattin in das Vaterhaus zu Amphissa zu führen. Er war ja nur um weniges jünger als sie, und hätten die Eltern sie nur erst gesehen, sie wären gewiß nicht im stande gewesen, seine Wahl zu mißbilligen. Und die in Amphissa! Wie eine Göttin hätten sie Barine anstaunen müssen!
      Doch nun war der vornehme Herr gekommen, um die schönste seiner Hoffnungen zu zertreten. Von Liebe war zwischen ihm und Barine freilich nie die Rede gewesen, doch wie freundlich hatte sie ihn immer angeschaut, wie willig sich kleine Dienste von ihm gefallen lassen! Nun war sie ihm dennoch verloren.
      Anfänglich hatte er dies nur betrübend gefunden; nachdem er aber dem Weine zugesprochen und Antyllus, der Sohn des Antonius, im Kreise der Zecher, denen Cäsarion als Symposiarch 
      Vorsteher und Leiter des Gastmahles. vorstand, Barine beschuldigt hatte, die Herzen mit magischen Mitteln zu verzaubern, war er zu der Ueberzeugung gelangt, auch er sei von ihr freventlich angelockt und verraten worden.
      Zum Spielzeuge, sagte er sich, habe er ihr gedient, wenn sie ihm nicht dennoch gut gewesen war und den Dion ihm nur wegen seines reichen Besitzes vorgezogen hatte. In jedem Falle fühlte er sich berechtigt, der Barine zu zürnen, und mit der Zahl der Becher, die er leerte, wuchs der eifersüchtige Groll.
      Als er dann aufgefordert wurde, sich an dem Streiche zu beteiligen, der ihm jetzt das Gewissen belastete, willigte er mit glühendem Haupte ein, um sie für das Unrecht zu bestrafen, das sie in seiner erhitzten Phantasie auch ihm angethan hatte.
      Das alles verschwieg er den älteren Männern und erzählte nur kurz von dem prächtigen Gastmahle, das Cäsarion, bleich und teilnahmlos wie immer, geleitet habe, und das besonders von Antyllus mit tollem Uebermut belebt worden sei.
      »Der, König der Könige« und der Sohn des Antonius hätten sich unter dem Vorwand, auf Jagd zu gehen, von den Hofmeistern befreit. Der Oberjägermeister habe ihnen dies Vergnügen gegönnt. Sie hätten ihm nur versprochen, sich in der Frühe des nächsten Morgens für den Aufbruch in die Wüste bereit zu halten.
      Als nach dem Schmause die Mischkrüge aufgestellt und die Becher schneller gefüllt worden seien, habe Antyllus mancherlei mit Cäsarion geflüstert und dann das Gespräch auf Barine, die Schönste der Schönen, geleitet, die die Himmlischen für den Größten und Höchsten bestimmten. Das sei der König der Könige, Cäsarion, und er nehme auch die Göttergunst für sich in Anspruch. Aber man wisse, daß Aphrodite sich selbst für größer halte als den höchsten der Könige, und Barine wage es darum, ihrem hohen Symposiarchen in einer Weise die Thür zu verschließen, die nicht nur ihm, sondern der ganzen Jugend Alexandrias unerträglich erscheinen müsse. Was sich Ephebe zu sein rühme, dem möge die Faust sich vor Empörung ballen, wenn er vernehme, daß die übermütige Schöne die Jugend von sich fern halte, weil sie nur ältere Männer für wert halte ihrer Beachtung. Das dürfe nicht so hingehen! Die Epheben von Alexandria müßten ihr vielmehr die Macht der Jugend zu fühlen geben. Um so dringender sei dies geboten, als Cäsarion dadurch dem Ziele seiner Wünsche entgegen geführt werde.
      Barine fahre heut abend aufs Land. Der beleidigte Eros selbst ebne ihnen dadurch die Wege. Er gebiete ihnen, den Wagen der übermütigen Schönen anzuhalten, und sie demjenigen zuzuführen, der sich im Namen der Jugend verpflichte, ihr zu zeigen, daß die Leidenschaft der Epheben, die sie schmählich von sich fern halte, heißer glühe, als die der alternden Herren, denen sich Barine gnädig erweise.
      Hier unterbrach Gorgias den Erzähler mit einem lauten Rufe des Unwillens, dem alten Didymus aber schienen die hervortretenden Augen aus den Höhlen quillen zu wollen, als er dem Schüler mit rauher Stimme ein ungeduldiges »Weiter!« zurief.
      Und Philotas, von dem der letzte Rest des Rausches gewichen war, schilderte nun mit wachsender Lebhaftigkeit, wie mit dem stillen Cäsarion, als habe ein Zauber auf ihn gewirkt, eine wunderbare Veränderung vorgegangen sei; denn kaum hätten die Zechgenossen dem Antyllus zugejubelt und sich bereit erklärt, die beleidigte Jugend an der Barine zu rächen, als der »König der Könige« plötzlich von dem Polster, auf dem er bis dahin müde und teilnahmlos gelegen, aufgeschnellt sei, um ihnen mit feurig blitzenden Augen zuzurufen, wer sich sein Freund nenne, müsse ihm bei dem Ueberfalle helfen.
      Hier wurde er von einem neuen ungeduldigen »Weiter!« des Meisters zu größerer Eile gedrängt, und schneller fuhr er zu berichten fort, wie sie sich das Antlitz geschwärzt und mit den Schwertern und Lanzen des Antyllus bewaffnet hätten. Bei Sonnenuntergang seien sie in einem verdeckten Boote durch den Agathodämonkanal an den mareotischen See gefahren. Es müßte alles wohl vorbereitet gewesen sein; denn genau zur rechten Zeit wären sie gelandet.
      Da sie auch auf der Wasserfahrt mit dem allerfeurigsten Weine sich den Mut gestärkt hätten, sei er schon mit Mühe ans Ufer getaumelt und dort von den anderen mit fortgerissen worden. Weiter wisse er nichts mehr, als daß er sich mit auf eine große Harmamaxa 
      Ein geschlossener asiatischer Reisewagen auf vier Rädern. gestürzt habe und dabei zu Boden gefallen sei. Als er sich wieder erhoben, sei schon alles vorüber gewesen.
      Wie im Traume habe er Scythen und andere Sicherheitswächter den Antyllus ergreifen und den Cäsarion mit einem andern auf dem Boden ringen sehen. Irre er nicht, so sei es Dion, der Verlobte der Barine, gewesen.
      Diese Mitteilungen waren von manchem Rufe der Ungeduld und Empörung unterbrochen worden, jetzt aber stieß Didymus wie außer sich die Frage hervor:
      »Und das Kind – und Barine?«
      Als aber Philotas auf diese Frage keine andere Antwort fand wie eine stumme Neigung des Hauptes, übermannte die Empörung den alten Philosophen, und indem er dem Schüler die Hände in die Brustfalten des Chiton schlug, schüttelte er ihn und rief ihm zornig entgegen:
      »Du weißt nicht, Bube? Statt sie, die Dir wert sein sollte, als Kind dieses Hauses zu schützen, gesellst Du Dich den ruchlosen Verächtern der Sitte und des Rechtes zu, als Spießgesell dieser schändlichen Wegelagerer im Purpur?«
      Hier hielt der Baumeister den empörten Greis mit besänftigenden Worten und der Erklärung zurück, alles müsse jetzt in den Schatten treten vor der Forderung, nach Barine und Dion zu schauen. Er wisse nicht, wo ihm der Kopf stehe bei der Ueberfülle der Arbeit, doch wolle er schnell mit dem Bauführer reden und den Freund aufzufinden versuchen.
      »Und ich,« rief der Alte, »muß sogleich zu dem unglückseligen Kinde. – Den Mantel, Phryx, die Sandalen!«
      Statt der Mahnung des Gorgias, seiner Jahre und des stürmischen Wetters zu gedenken, fuhr er auf:
      »Ich gehe, hab' ich gesagt. Und wenn der Sturm mich zu Boden reißen und der Blitz des Zeus mich treffen will, nur zu! Auf ein Unglück mehr oder weniger kommt es nicht an in einem Leben, das eine Kette war von schweren Schlägen des Schicksals. Drei Söhne hab' ich als blühende Männer begraben, und zwei davon nahm mir der Krieg. Barine, die Wonne meines Herzens, ich Thor kettete sie selbst an den Bösewicht, der ihr das sonnige Leben verdarb, und nun ich sie glücklich wähnte, vor Sorge und Mißdeutung gesichert, an der Seite eines trefflichen Mannes, nun verwunden, morden ihr vielleicht verruchte Buben, die ihre Geburt der Rache entzieht, den Verlobten. Ihren guten Namen treten sie in den Staub, und mein weißes Haar! Den Gartenhut, Phryx, und den Stab!«
      Schon lange hatte der Sturm das dem Meere benachbarte Haus umtobt, und das Segel, das über die offene Decke des Impluvium gespannt worden war, zerrte mit lautem Geräusch an den metallenen Ringen. Jetzt wehte ein Zugwind so heftig von Raum zu Raum, daß an der dreiarmigen Lampe zwei Flammen erloschen.
      Die Hausthür war geöffnet worden, und triefend von Regen, mit der Kapuze über dem braunen Kopfe, überschritt der nubische Pförtner der Frau Berenike die Schwelle.
      Er bot einen kläglichen Anblick und fand anfänglich keine Entgegnung auf die Begrüßung und Fragen der Männer, zu denen sich Helena, an deren Arm die Großmutter hing, gesellt hatte; denn der Atem stockte ihm nach dem raschen Gange dem Sturm entgegen.
      Er hatte nicht viel zu berichten. Barine ließ den Ihren nur sagen, was ihnen auch das Gerücht zutragen möge, sie und die Mutter seien unverletzt. Dion habe eine Wunde an der Schulter davongetragen, doch sei sie nicht schwer. Sie und die Mutter teilten sich in die Pflege. Die Großeltern dürften unbesorgt sein; der gegen sie geplante Angriff sei völlig mißlungen.
      Die taube Frau Doris hatte mit der Hand am Ohre diesem Berichte vergeblich gelauscht, und Didymus erzählte nun der Enkelin, so viel er für gut hielt, von dem Vorgefallenen, damit sie, deren Lippenbewegungen die Großmutter verstand, es auch ihr mitteile.
      Daß sein Liebling unbeschädigt aus einer so schweren Gefahr hervorgegangen war, that dem Didymus wohl, und doch blieb er von schwerer Besorgnis belastet. Auch der Baumeister befürchtete das Schlimmste.
      Durch die Versicherung, ungesäumt hieher zurückzukehren und eingehende Nachrichten zu bringen, wenn er sich selbst über das Ergehen des Freundes und seiner Braut überzeugt haben würde, bestimmte er den Greis, von dem nächtlichen Gange durch den Sturm abzusehen.
      Der Student Philotas bat feuchten Auges, ihn als Boten oder wozu auch immer zu benützen, doch Didymus befahl ihm, zur Ruhe zu gehen. Es werde sich schon eine Gelegenheit für ihn finden, gut zu machen, was er so leichtfertig verschuldet.
      Es war in dem stillen Gelehrtenheim um die Nachtruhe geschehen, und als Gorgias sich entfernt und Didymus den Wunsch Helenas, sich von dem alten Pförtner zu der Schwester führen zu lassen, abgeschlagen hatte, blieb der Greis mit der Gattin im Tablinum allein.
      Es war ihr nur mitgeteilt worden, daß Diebe ihre Enkelin Barine angefallen und ihren Verlobten leicht verwundet hätten, doch sagte ihr das Herz und das Verhalten des mit ihr ergrauten Gefährten, daß man ihr manches verheimliche. Sie hätte gern klar gesehen, doch dem Didymus wurde es schwer, ihr eine längere Mitteilung mit lauter Stimme zu machen, und sie brachte darum die Sehnsucht nach der vollen Wahrheit zum Schweigen. Um die Mitteilung des Baumeisters abzuwarten, legten sie sich noch nicht zur Ruhe.
      Didymus hatte sich auf einem Lehnstuhle niedergelassen, und Frau Doris saß in seiner Nähe an der Spindel, ohne die Fäden von der Kunkel zu ziehen. Wenn sie den Gatten seufzen und das Haupt in die Hände verbergen sah, trat sie ihm nur, so sauer es ihr auch fiel, auf den Stock gestützt näher und strich ihm mit der Hand über den halbkahlen Scheitel. Dabei fand sie Worte, die ihm gut thun mußten, und als der sorgenvolle und bekümmerte Ausdruck doch nicht aus seinem faltenreichen Gesichte weichen wollte, redete sie ihm mit der stockenden und doch warmen Stimme zu, indem sie ihn erinnerte, wie oft sie schon gedacht hätten, verzweifeln zu müssen, und wie es dann doch wieder gut geworden sei.
      »Sieh, Alter,« fuhr sie fort, »ich weiß ja, daß es wieder recht schwarze Wolken sind, die über uns hängen, und kann sie mir nicht einmal recht vorstellen, weil ihr sie mir nur von weitem zeigt. Aber daß sie uns mit Schwerem bedrohen, das fühl' ich. Und doch, doch. Was können sie uns anhaben, wenn wir nur fest zusammenhalten, wir beiden Alten und die Kinder der Kinder, die Hades uns raubte. Man wird doch nur alt beisammen, um zu erkennen, daß das Dasein ein Haupt hat mit vielen Gesichtern. Das garstige von heute kann es so wenig lange behalten wie Du diese tief gefurchte Stirn. Um meinetwillen brauchst Du Dir keinen Zwang anzuthun, Alter. Laß sie nur so. Ich brauche nichts als die Augen zu schließen, um zu sehen, wie faltenlos schön sie einst war in der Jugend und wie freundlich sie dreinschauen wird, wenn die besseren Tage erst sagen: ›Hier sind wir!‹«
      Da küßte er ihr mit einem wehmütigen Lächeln den ergrauten Scheitel und rief ihr in das weniger taube linke Ohr:
      »Wie jung Du doch immer noch bist, Alte!«
    



      Zehntes Kapitel
      Von Norden her heulte der Sturm über die Insel Pharus und die Untiefen der Diabathra in den großen Hafen von Alexandria herein.
      Das sonst so stille Wasser schlug Wellen, und das Fanal auf dem Leuchtturme des Sostratus sandte die zerrissene Fülle seiner Flammen mit feindlichem Ungestüm auf die Stadt zu. Die Feuer in den Pechpfannen und die Fackellichter am Ufer schienen bald erlöschen zu wollen, bald durchbrachen sie mit doppelt hellem Aufflammen den sie umhüllenden Qualm.
      Der königliche Hafen, ein stattliches Becken, das der südlichere Teil der Lochias und ein Stück des nördlichen Gestades des Bruchium als Halbkreis umgaben, war in jeder Nacht hell beleuchtet, heute aber schien in die Lichter an seinem westlichen Teile, wo die geheimen Ankerplätze der königlichen Flotte lagen, ein seltsames Leben gekommen.
      War es der Sturm, der sie bewegte?
      Aber nein! Wie hätte er die eine Fackel an die Stelle der andern setzen und Lichter oder Laternen der Richtung seines ungestümen Wehens entgegen in Bewegung setzen können? Doch nur wenige nahmen dies wahr; denn wie viele auch frohe Erwartung oder bange Sorge dazu antrieb, wer mochte sich in solcher Sturmnacht hinaus und an den Quai wagen? In den königlichen Hafen hätte ohnehin niemand Einlaß gefunden; denn er war von allen Seiten verschlossen. Auch die Mole, die dem Landbogen, der ihn umgab, gen Westen zur Sehne diente, besaß nur eine einzige Oeffnung, und sie war – das wußte jedermann – mit einer Kette in ähnlicher Weise verschlossen wie der große Hafeneingang zwischen dem Pharus und Alveus Steganus.
      Zwei Stunden vor Mitternacht gelangten trotz des wilderen Brausens des Sturmes die sonderbar bewegten Lichter zu größerer Ruhe. Aber denjenigen, für die sie brannten, hatte das Herz wohl selten so unruhig geschlagen. Es waren die der Königin am nächsten stehenden Würdenträger und Hofbeamten: einige zwanzig Männer, und unter ihnen Iras als einzige Frau. Der Regent Mardion und sie hatten sie hieher berufen, weil der Brief der Kleopatra die mit Vollmachten Betrauten zu ihrem stillen Empfange zuließ. Nach einer eingehenden Beratung hatten sie die Befehlshaber der kleinen zurückgebliebenen römischen Besatzung nicht mitgeladen. Es war ja fraglich, ob die Erwarteten schon in dieser Nacht heimkehrten, und die römischen Krieger, die dem Marcus Antonius etwas galten, waren mit ihm im Kriege.
      Die Halle in der Mitte der geheimen Rhede des königlichen Hafens, in der sie sich versammelten, war mit fürstlicher Pracht ausgestattet; denn sie wurde von der Königin gern benützt. Es fehlte in dem weiten Raume an keiner Bequemlichkeit, und die meisten Wartenden bedienten sich der wohlgepolsterten Ruhesitze, während andere, von innerer Unruhe getrieben, auf und nieder schritten.
      Da dieser Raum monatelang unbenutzt geblieben war, hatten sich Fledermäuse in ihm eingenistet, und nun er beleuchtet wurde, flatterten sie, von dem Glanze der Lampen und Kerzen geblendet, über den Häuptern der Versammelten dahin. Iras hatte den Befehlshaber der Mellakes oder Jünglinge, eines Leibwachencorps, das sich aus den Söhnen vornehmer makedonischer Familien zusammensetzte, gebeten, die lästigen Tiere zu vertreiben, und es zog nun den der Königin treu ergebenen Krieger von den eigenen Sorgen ab, mit dem Schwerte nach ihnen zu schlagen.
      Andere sahen diesem nichtigen Kampfe lieber zu, als daß sie sich der Bangigkeit hingegeben hätten, die sie erfüllte. Der Regent schaute stumm zu Boden, Iras hörte bleich und zerstreut den Darlegungen des Siegelbewahrers Zeno zu, und Archibius war ins Freie getreten und schaute, des Sturmes nicht achtend, über das hochbewegte Hafenwasser nach den erwarteten Schiffen aus.
      In einem hölzernen Schuppen, dessen Decke von buntbemalten Säulen getragen wurde, durch die der Wind pfiff, war die Dienerschaft, von den Fourieren an bis zu den Sänftenträgern, gruppenweise beim Scheine von Laternen, in denen das Licht hin und her flackerte, versammelt. Die Griechen hatten sich auf Holzsesseln, die Aegypter auf den Matten am Boden niedergelassen. Den weitesten Kreis bildeten die Fouriere, die für das Gepäck der Königin zu sorgen hatten, mit den höher gestellten Sklaven vom Hofstaate, zu denen auch mehrere Zofen gehörten.
      Es war ihnen gesagt worden, man erwarte die Königin schon in dieser Nacht, weil es möglich sei, daß der starke Nordwind ihr Schiff unerwartet schnell aus der gewonnenen Schlacht heimführe. Aber sie waren besser unterrichtet; denn es gibt Thürspalten und Vorhänge in den Palästen, und es wohnt dort ein Echo von eigener Art, das innerhalb ihrer Mauern selbst das Geflüster vernehmlich von Ohr zu Ohr trägt.
      Der freigelassene Leibsklave des Feldhauptmanns Seleukus führte das große Wort. Sein Gebieter war von der Grenzfestung Pelusium aus, die er befehligte, vor wenigen Stunden in Alexandria eingetroffen. Ein geheimnisvoller Befehl des Lucilius, des treuesten Freundes des Antonius, der ihm durch einen Schnellsegler von Taenarum aus überbracht worden war, hatte ihn hieher berufen.
      Der Freigelassene Beryllus, ein mundfertiger Sicilier, der als Schauspieler bessere Tage gesehen hatte, bevor er durch Seeräuber der Freiheit beraubt worden war, hatte manche Neuigkeit erlauscht und man lieh ihm gern das Ohr; denn zu Pelusium waren von Norden her kommende Schiffe gelandet, die die üblen Nachrichten, die in das Sebasteum gedrungen waren, bestätigten und ergänzten.
      Hätte man ihm glauben wollen, wäre er so gut unterrichtet gewesen, als hätte er der Seeschlacht selbst beigewohnt; denn er wollte dem Gespräch seines Herrn mit vielen Schiffsführern und Boten aus Griechenland beigewohnt haben. Auch gab er sich das Ansehen des treuen, streng verschwiegenen Dieners, der nur bestätigen und zurückweisen dürfe, was die Alexandriner schon in Erfahrung gebracht. Indes bestand sein Wissen nur aus einem krausen Gewirr von falschen und richtigen Thatsachen. Während die ägyptische Flotte bei Actium geschlagen worden war und Antonius sich mit der Kleopatra auf der Flucht zuerst nach Taenarum an der Spitze des Peloponnes begeben hatte, wollte er wissen, Landheer und Flotte wären an der peloponnesischen Küste zusammengestoßen und Octavian verfolge den Antonius, der sich nach Athen gewandt habe, indes Kleopatra sich auf dem Wege nach Alexandria befinde.
      Diese »sicheren Nachrichten« hatte er aus einzelnen Worten zusammengeflochten, die er bei Tisch und während der Feldhauptmann Boten empfing und abfertigte, ihm von den Lippen gefangen. Anderem gegenüber war es besser mit seiner Zuverlässigkeit bestellt.
      Während der Hafen von Alexandria schon seit mehreren Tagen gesperrt worden war, hatte in den von Pelusium einlaufen dürfen, was wollte, und alle Führer der neu angekommenen Schiffe und Karawanen waren verpflichtet gewesen, sich bei dem Herrn des Beryll, dem Kommandanten der wichtigen Grenzfestung, zu melden.
      Erst gestern nacht war er von Pelusium aufgebrochen. Der scharfe Wind hatte die Triere vor sich her gejagt. – den Möwen sei es schwer geworden, ihr zu folgen. Und es wurde den Zuhörern leicht, dies zu glauben; denn der Sturm heulte draußen lauter und lauter und pfiff durch den offenen Raum, in dem die Dienerschaft weilte. Die meisten Lampen und Fackeln verlöschte er, den Pechpfannen entströmte nur noch schwarzer, mit gelb und roten Flammen durchschossener Qualm, und bloß die fest verschlossenen Laternen fuhren fort, flackernde Helligkeit zu verbreiten. So herrschte nur ein trübes, immerfort wechselndes Licht in dem weiten mit Rauch erfüllten Raume.
      Einer der Fouriere hatte für Wein gesorgt, um das Warten zu verkürzen; doch er durfte nur heimlich getrunken werden, und es gab darum auch keinen Becher. Die Krüge wanderten deshalb von Mund zu Mund, und jeder Schluck war willkommen; denn der Sturm blies scharf herein, und dazu reizte der Rauch die Kehlen.
      Der Freigelassene Beryllus wurde auch oft von dem Husten, besonders der Frauen, unterbrochen, als er von den grauenvollen Vorzeichen erzählte, die man in Pelusium seinem Herrn hinterbracht. Jedes sei wohlverbürgt und übertreffe das andere an voraussagender Bedeutung.
      Da unterbrach ihn eine Zofe der Iras, um von den Schwalben an der »Antonias«, dem Admiralschiffe der Kleopatra, zu erzählen. Von einem schlimmeren Omen werde er auch aus Pelusium nicht zu berichten wissen.
      Aber Beryll schaute sie mit einem mitleidigen Lächeln an, das die Erwartung der anderen so hoch spannte, daß der oberste Fourier den Sänften- und Lastträgern, in deren Kreise es laut zu werden begann, ein barsches! »Still geschwiegen!« zurief.
      Darauf ließ sich denn auch bald in dem offenen Saale nichts mehr hören als das langgezogene Pfeifen des Windes, dann und wann ein Kommandoruf, der den Wachen vor dem königlichen Hafen galt, und die Stimme des Freigelassenen. Er dämpfte sie, um den Reiz des Geheimnisvollen, das er mitteilen wollte, zu steigern.
      Mit einer schwülstigen Lobpreisung der Kleopatra und des Marc Anton begann er und forderte die Anwesenden aus, sich zu erinnern, daß der Imperator ein Nachkomme des Herakles sei. Den Alexandrinern werde außerdem besonders wohl bekannt sein, daß ihre Königin »die neue Isis« und Antonius »der neue Dionysus« zu sein und zu heißen beanspruchten. Uebrigens müsse auch jeder, der ihm begegnet sei, bekennen, daß er an Gestalt und Antlitz weit eher einem Gotte gleiche als einem Menschen.
      Als Dionysus habe der Imperator sich besonders auch den Athenern vorgestellt. Dort sei am Proscenium des Theaters ein großes Reliefbild der Gigantenschlacht zu sehen, das berühmte Werk eines alten Bildhauers – er kenne es gut – und aus diesem an Figuren reichen Relief habe der Sturm nur eine Gestalt gerissen, und welche sei es gewesen? Die des Dionysus, des Gottes, als dessen sterbliches Abbild Antonius einmal vor den Athenern in einer Weinlaube gezecht. Der Sturm von heute sei höchstens wie der Atem eines Kindes im Vergleich mit dem Orkane, dem es glücken konnte, die Dionysusgestalt von dem harten Marmor, mit dem sie verbunden gewesen war, zu reißen. Aber die Natur nehme eben die ganze Kraft zusammen, wenn es gelte, welterschütternde Ereignisse den kurzsichtigen Menschen voraus zu verkünden.
      Die letzten Worte spreche er seinem Herrn nach, der in Athen studirt habe. Sie wären ihm aus der erschütterten Seele gedrungen, als er von dem andern Vorzeichen hörte, wovon ein Schiff aus Ostia die Kunde gebracht. Die blühende Stadt Pisaura ...
      Hier aber ward er unterbrochen; denn mehrere hatten schon vor Wochen gehört, daß dieser Ort im Meere versunken sei, doch dabei nur die unglücklichen Bewohner bedauert.
      Beryll gestattete ihnen gelassen, sich von dem Verdachte zu reinigen, man sei in Alexandria später von solchem merkwürdigen Ereignis unterrichtet gewesen als zu Pelusium, und nahm ihre Frage, was es mit dem Kriege zu thun habe, anfänglich nur mit stummem Achselzucken entgegen; als aber auch der Oberste der Fouriere dies zu wissen begehrte, fuhr er fort: »Dies Vorzeichen griff uns besonders tief in die Seele; denn wir wußten, was Pisaura ist oder besser, wie es entstand. Die unglückliche Stadt, die der finstere Hades verschlang, sie gehörte recht eigentlich dem Antonius; denn in den Tagen des Glückes hatte er sie gegründet.«
      Mit einem herausfordernden Blicke maß er die anderen, und es fehlte in ihrem Kreise auch nicht an Zeichen des Entsetzens, ja eine der Zofen kreischte laut auf; denn der Sturm hatte eben eine Fackel auf dem eisernen Ringe an der Wand gerissen und sie hart neben die Lauschenden zu Boden geschleudert.
      Die Spannung schien den Gipfel erreicht zu haben, und doch sah man dem Beryllus an, daß er den letzten Pfeil noch nicht dem Köcher entnommen.
      Die Zofe, durch deren Aufschrei auch die anderen erschreckt worden waren, hatte sich wieder erholt. Sie schien es am lebhaftesten nach etwas Neuem, Schrecklichem zu verlangen, und mit einem dringlich bittenden Blicke forderte sie den Freigelassenen auf, nicht zurück zu halten, was er noch wisse.
      Da wies er ihr auf die trotz des sausenden Zugwindes perlende Stirn und sagte: »Brauche nur das Tuch! Dir feuchtet das bloße Zuhören die Haut. Die Bildsäulen von Stein sind von härterem Stoff, aber auch ihnen wohnt eine Seele inne. Härteren oder weicheren Gemüts können sie sein, sie bringen Uebles über uns oder heilen schwere Leiden, je nachdem sie uns gesinnt sind. Jeder erfährt es, der die Hände bittend zu ihnen erhebt. Auch zu Alba steht eine solche Statue. Sie stellt den Marc Anton dar, dem zu Ehren die Stadt sie errichtete. Und sie, sie sah voraus, was demjenigen bevorstand, dessen steinerner Doppelgänger sie ist. Ja, öffnet nur die Ohren! Vier Tage mag es her sein, da wurde ein Schiffsführer bei dem Herrn gemeldet, und in meinem Beisein berichtete der Mann, – erdfahl wurde er euch bei der Erzählung – was er selbst mit angesehen hatte. Der Statue des Antonius in jenem Alba war heller Schweiß vom Antlitz geflossen. Da hatte die Bürgerschaft großes Entsetzen ergriffen; Mann und Weib kam und kam, um der Bildsäule Stirn und Wangen abzuwischen, aber sie hatte nicht aufhören wollen, von hellem Schweiß zu triefen, und so war es mehrere Tage und Nächte gegangen. Das steinerne Abbild hatte eben voraus gefühlt, was dem lebenden Marc Anton bevorstand. Entsetzlich sei es anzusehen gewesen, sagte der Mann.«
      Hier stockte der Erzähler, und mit ihm fuhr der Kreis der Zuhörer zusammen; denn von draußen her durchschrillte der Klang einer geschlagenen Erzscheibe die Luft, und im nächsten Augenblick stand alles auf den Füßen und eilte auf seinen Posten.
      Auch in der prunkenden Halle hatten die Wartenden sich erhoben. Hier war nur leise geflüstert oder geschwiegen worden. Hatte es schon vorher bange und ernste Gesichter gegeben, so war jetzt die Farbe von den meisten gewichen. Der scheue Blick des einen wich dem des andern aus.
      Archibius hatte den roten Schimmer am Feuer des Pharus zuerst gewahrt, der das Nahen des königlichen Schiffes den Harrenden meldete. So früh hatte man es nicht erwartet. Aber da fuhr es schon an dem Pharus vorüber in den großen Hafen ein. Es war wohl das Admiralschiff Antonias, dasselbe, an dem die alten Schwalben die jungen zu Tode gebissen hatten.
      So hoch die Wogen in dem geschützten Hafen auch gingen, brachten sie doch seinen gewaltigen Körper nur leise ins Schwanken. Ein erfahrener Pilot mußte es an den Untiefen und Klippen im östlichen Teile der Rhede vorbeisteuern; denn statt wie sonst die Insel Antirrhodus zu umfahren, hielt es sich zwischen diesem Eiland und der Lochias und näherte sich in gerader Richtung dem Eingang in den kleinen königlichen Hafen. Zu seinen beiden Seiten hatte man die Pechpfannen mit neuem Harz und Werg gespeist, um ihm den Weg zu erleuchten. Die am Ufer versammelten Wartenden konnten jetzt seine Umrisse deutlich erkennen.
      Es war die Antonias und war es doch nicht.
      Der Siegelbewahrer Zeno, der neben Iras stand, die den Mantel fester um die fröstelnden Glieder schlang, wies daraus hin und raunte ihr zu: »Wie ein Weib, das in reichem Brautschmuck das Elternhaus verließ und als verarmte Witwe dahin zurückkehrt.«
      Da richtete sich Iras höher auf und versetzte mit abweisender Herbheit: »Wie die Sonne, die Nebel verschleiern, die aber binnen kurzem wieder heller strahlen wird denn je.«
      »Mir aus der Seele gesprochen,« versicherte der alte Hofmann eifrig, »was die Königin angeht. Natürlich meinte ich nicht die Majestät, sondern das Schiff. Du warst ja krank, wie es in reichem Blumenschmucke mit purpurnen Segeln ausfuhr. Und jetzt! Selbst das flackernde Streiflicht zeigt die Schäden und Fetzen. Daß unsere Kleopatra-Sonne die alte Leuchtkraft bald wieder gewinnt, brauchst Du mir wohl am letzten zusagen; augenblicklich ist es aber hier am Wasser und in der Sturmluft dennoch recht frostig und kalt, und wenn ich an das erste Wiedersehen denke ...«
      »Wär' es vorüber!« murmelte Iras und wickelte sich fester in den Mantel. Dabei schauderte sie zusammen; denn das Rasseln der schweren Kette, die man von der Hafenöffnung zog, durchklirrte unheimlich die nächtige Stille. Den Wartenden legte es sich wie ein Alp auf die Brust; denn das hölzerne Ungetüm, das jetzt in den kleinen Hafen einzog, bewegte sich langsam und lautlos wie ein Gespensterschiff vorwärts. Es war, als sei das Leben aus dem riesigen, von Menschen wimmelnden Fahrzeuge erstorben, als gehe ein Schiff vor Anker, dessen Bemannung einer Seuche zum Opfer fiel. Nur einzelne Kommandorufe und die Signalpfiffe der Ruderflötisten ließen sich hie und da vom Bord her vernehmen. Wenige Laternen brannten mit unruhigem Licht auf dem unabsehbar langen Decke. Die glänzende Beleuchtung, in der es sonst bei Nacht strahlte, hätte die Blicke der Alexandriner auf sich gezogen.
      Jetzt war es der Landungsbrücke ganz nahe. Die Wartenden folgten jedem Zoll seiner majestätischen Fortbewegung mit atemloser Spannung; als aber schon das erste Tau den Sklaven am Ufer zugeworfen worden war, drängten sich einige Männer in griechischem Gewande hastig unter die Wartenden.
      Sie kamen mit einer unaufschiebbar wichtigen Botschaft zu dem Regenten Mardion, der vor dem Siegelbewahrer und Iras stand und mit gefurchter Stirn düster zu Boden schaute. Er hatte die Worte zu überdenken, mit denen er die Königin anreden wollte, und in wenigen Augenblicken konnte das Schiff die Landung vollendet haben und Kleopatra die Brücke betreten. Gerade jetzt ihn zu stören, war ein Unterfangen, das niemand leicht wagen mochte, der den empfindlichen und in seinen Launen unberechenbaren Eunuchen kannte. Aber der hochgewachsene Makedonier, der kurze Zeit die Blicke der meisten von dem Schiffe abzog, wagte es dennoch. Es war der Nachtstrateg, das vornehme Haupt des Sicherheitswesens der Stadt.
      »Nur auf ein Wort, Herr,« raunte er dem Regenten zu, »so ungelegen die Zeit auch sein mag.«
      »Sie ist es im höchsten Grade,« entgegnete der Eunuch mit abweisender Strenge.
      »Sagen wir so ungelegen, wie es Deiner Entscheidung in aller Eile bedarf. Der König Cäsarion und Antyllus überfielen eine Frau mit etlichen Genossen. Geschwärzte Gesichter! Kampf! Cäsarion und der Begleiter der Frau – vornehm, vom Rat – leicht verwundet. Vietoren schreiten zu rechter Zeit ein. Die jungen Herren werden festgenommen. Erst weigern sie sich, den Namen zu nennen ...«
      »Cäsarion leicht, wirklich ungefährlich verwundet?« frug der Eunuch mit dringlicher Eile.
      »Sicher und gewiß. Olympus wurde sogleich zu ihm gerufen. Ein Loch im Kopfe. Der Ueberfallene stieß ihn beim Kampf auf das Pflaster.«
      »Dion, der Sohn des Eumenes, der Mann,« unterbrach ihn Iras, deren seines Ohr der Mitteilung des Nachtstrategen gefolgt war. »Das Weib: Barine, die Tochter des Malers Leonax.«
      »So seid ihr schon unterrichtet?« frug der Nachtstrateg überrascht.
      »Es scheint so,« entgegnete der Eunuch und schaute dabei dem Mädchen mit einem vielsagenden Blicke ins Antlitz. Dann fuhr er, indem er sich mehr an sie als an den Makedonier wandte, fort: »Wir lassen, denk' ich, die jungen Uebelthäter frei und möglichst heimlich auf die Lochias bringen.«
      »In den Palast?« frug der Beamte.
      »Natürlich,« erwiderte Iras bestimmt. »Jeden in seine Gemächer. Da sollen sie bis auf weiteres bleiben.«
      »Alles andere nach dem Empfange,« fügte der Eunuch hinzu, und der Nachtstrateg entfernte sich mit einer selbstbewußten, kurzen Verbeugung.
      »Ein neues Unglück,« seufzte der Eunuch.
      »Knabenstreiche,« entgegnete sie schnell. »Aber auch noch schwereres Mißgeschick, ließe sich das denken, ist weniger als nichts, so lange es uns nicht in die Vorstellung tritt. Dies unangenehme Ereignis muß darum der Königin einstweilen verschwiegen bleiben. Bis jetzt ist es eine Widerwärtigkeit und nichts weiter; – dabei kann und soll es auch bleiben; denn es liegt in unserer Hand, den Giftbaum, von dem es ausgeht, an der Wurzel zu treffen.«
      »Du siehst aus, als könnte das niemand besser als Du besorgen,« unterbrach sie der Regent mit einem Seitenblick auf das Schiff, »und so sei Dir hiemit dieser Auftrag gegeben. Der letzte, den ich in Abwesenheit der Königin in ihrem Namen erteile.«
      »An mir soll es nicht fehlen,« entgegnete sie fest.
      Als sie dann nach der Landungsstelle hinschaute, gewahrte sie den Archibius, der allein und in sich versunken zu Boden schaute. Es drängte sie, den Oheim von dem Geschehenen zu unterrichten; doch schon nach dem ersten Schritt hemmte sie den Fuß, und von den schmalen Lippen klang ihr ein festes »Nein«.
      Der Freund war ihr zum Stein im Wege geworden. Mußte es sein, würde sie Mittel finden, auch ihn beiseite zu stoßen, trotz seiner Schwester Charmion und der alten Bande, die ihn mit Kleopatra verknüpften. Er war schwach geworden, Charmion es immer gewesen.
      Es wäre ihr Zeit genug geblieben, schon jetzt zu erwägen, was sie zunächst ins Werk zu setzen habe, hätte ihr das Herz nicht so weh gethan.
      Als das große Admiralschiff schon fest lag, vergingen noch lange Minuten, bevor erst zwei Pastophoren der Isis, die den dem Tempelschatze der Göttin entnommenen Becher des Nektanebus hüteten und in einer bemalten Lade trugen, und nach ihnen der erste Kämmerer der Kleopatra die Landungsbrücke betraten. Er meldete mit gedämpfter Stimme das Nahen der Königin und befahl den Wartenden, zur Seite zu treten. Von der Landungsstelle aus bis an das in das Bruchium führende Thor und an das andere nördliche, das sich den Palästen auf der Lochias entgegen öffnete, war je eine doppelte Reihe von Fackelträgern aufgestellt worden; denn man wußte nicht, wo Kleopatra abzusteigen wünsche. Der Kämmerer erklärte indes, sie werde auf der Lochias, wo die Kinder wohnten, die Nacht verbringen, und befahl, die flackernden und qualmenden Fackeln bis auf wenige zu verlöschen.
      Mardion, der Siegelbewahrer, Archibius und Iras standen den anderen Wartenden voran an der Brücke, als es auf dem Schiffe lauter wurde und hinter einigen Laternenträgern die Königin erschien, der eine lange Schar von Hofbeamten, Pagen, Zofen und Sklavinnen folgte.
      Sie schritt, mit der kleinen Hand auf dem Arm der Charmion, hoch erhobenen Hauptes dem Lande entgegen. Ein dichter Schleier verhüllte ihr Haupt und Antlitz, ein dunkler, faltiger Ueberwurf die zarte, mittelgroße Gestalt. Wie elastisch ihr Schritt noch immer war, wie stolz und doch anmutsvoll ihre Haltung, als sie dem Mardion und Zeno zuwinkte!
      Der Iras, die vor ihr niedergesunken war, reichte sie zum Zeichen, sich zu erheben, die Hand, und während sie ihr die Stirn küßte, flüsterte sie ihr die Frage zu: »Die Kinder?«
      »Alles gut,« lautete die leise Antwort des Mädchens.
      Dann begrüßte die Heimkehrende auch die anderen mit einer huldreichen Geste, doch gönnte sie keinem ein Wort, bis der Eunuch ihr entgegentrat, um die Anrede an sie zu richten. Da wies sie ihn mit einem kurzen »Auf später!« zur Seite, und als Zeno die Sänftenthür für sie offen hielt, sagte sie kurz und mit verschleierter Stimme: »Ich will zu Fuß gehen. Nach dem Hinundherschwanken des Schiffes bei diesem Wetter widersteht mir die Sänfte. Es gibt heute noch mancherlei zu erwägen. Unterwegs kam mir ein Gedanke. Der Hafenadmiral und seine ersten Räte, die Obersten des Kriegshauses, die Vorsteher der Wasser- und Landbauten; besonders den Aristarch und Gorgias – ich will sie sehen. Es hat Eile. In zwei – nein, in anderthalb Stunden – sollen sie hier sein. Was sie von Plänen und Karten der Ostgrenze besitzen, wünsche ich zu prüfen. Auf die Flußadern und Kanäle im Delta lege ich besonderen Wert.«
      Dann wandte sie sich dem Archibius zu, der an die Sänfte getreten war, legte ihm die Hand auf den Arm, und ob ihm auch der Schleier verbot, den Glanz ihrer Augen zu sehen, meinte er doch zu empfinden, daß er ihm tief ins Herz leuchte, wie sie ihm mit jener Stimme, deren wunderbar wohllautender Schmelz ihm schon so oft die Seele bestrickt hatte, zurief: »Nehmen wir es als ein günstiges Vorzeichen, daß Du es wieder bist, der mich in schwerer Zeit in diesen Palast führt.«
      Da drang es ihm warm aus der übervollen Brust: »Wann es auch sei, immer und immer, gehört Dir dieser Arm und dies Leben;« – sie aber versetzte im Tone fester Ueberzeugung: »Ich weiß es.«
      Dann schritt sie, indem sie die Hand auf seinem Arme ruhen ließ, vorwärts; als er aber zu fragen anhob, ob sie wirklich Grund habe, von schweren Tagen zu reden, schnitt sie ihm das Wort ab mit der Bitte: »Jetzt nicht. Laß uns schweigen. Es steht schlimmer als schlimm. – so übel, wie es nur angeht. Aber nein. Nur wenigen ist es vergönnt, sich im Unglück auf den Arm der Treue zu stützen.«
      Dabei fühlte er einen leisen Druck ihrer kleinen Hand, und es war ihm, als ob das alternde Herz sich ihm verjünge.
      Er durfte nicht reden, denn ihr Wunsch war Befehl; während er aber schweigend neben ihr hinschritt, erst am Ufer hin, dann durch das Hafenthor und endlich über die Marmorplatten, die auf das Portal des Palastes zuführten, war es ihm, als schaue er statt auf das verschleierte Haupt der unglücklichen Königin auf den von hellbraunem weichen Haar umflossenen Kopf eines glückseligen Kindes. Vor das innere Auge stellte sich ihm die kleine Herrin des Epikuräergartens. Er sah den Blick ihrer großen blauen Augen, der nicht aufhörte zu fragen, und der doch das Geheimnis der Welt zu umfassen schien. Er meinte wieder den silberhellen Klang ihrer Stimme und den bestrickenden Zauber ihres reinen Kinderlachens zu vernehmen, und es fiel ihm schwer, nicht zu vergessen, wozu sie geworden.
      Entrückt der Gegenwart und dennoch in dem Bewußtsein, daß ihm in schwerer Zeit eine große Schicksalsgunst widerfahre, schritt er neben ihr hin und führte sie durch das Hauptportal in den großen Innenhof des Palastes. In seinem Hintergrunde öffnete sich die hohe Pforte, die in die Wohn- und Festräume der Königin führte, und vor der sich der Regent, Iras und ihre Begleiter schon aufgestellt hatten. Links lag eine kleinere Thür, die Einlaß zu der Wohnung der Kinder gewährte.
      Archibius stand im Begriff, Kleopatra über den erleuchteten Hof zu geleiten, sie aber wies auf die Pforte des Prinzenflügels, und er verstand sie.
      An der Schwelle ließ sie die Hand von seinem Arme sinken, und als er sich verneigte, wie um sich zu entfernen, sagte sie gütig: »Da steht schon Charmion. Euch beiden kommt es zu, mich dahin zu begleiten, wo die Jugend träumt und Seelenruhe und Schmerzlosigkeit eine Heimstätte haben. Doch aus Rücksicht vor der Königin begrüßtet ihr Geschwister euch noch nicht nach so langer Trennung. Thut es! Dann folgt mir.«
      Damit eilte sie jugendlich raschen Schrittes in das Atrium und die Treppe hinan, die zu den Schlafgemächern der Prinzen und Prinzessinnen führte.
      Archibius und Charmion folgten ihrem Geheiß: der Bruder schloß die Schwester warm in die Arme, und sie bekannte schnell und mit überströmenden Augen, es scheine ihr alles verloren. Antonius habe in einer Weise gehandelt, für die kein Wort des Tadels oder der Klage genüge. Wahrscheinlich werde er der Kleopatra folgen; – die Flotte, vielleicht auch das Landheer seien vernichtet. In der Hand des Octavian ruhe ihr Schicksal.
      Darauf ging sie ihm voran der Treppe entgegen. Dort stand Iras an der Seite eines hochgewachsenen Syrers, der dem Philostratus, dem früheren Gatten der Barine, auffallend gleich sah. Es war sein Bruder Alexas, der vertraute Günstling des Marc Anton. Bei ihm wäre jetzt seine Stelle gewesen, und Archibius frug die Schwester mit einem schnellen Blicke, wie dieser Mann an die Seite der Königin komme.
      »Seine Kunst, die Sterne zu deuten,« lautete die Antwort. »Die schmeichelnde Zunge. Ein Parasit der schlimmsten Art ist er, doch er trägt ihr vielerlei zu, er zerstreut sie, und sie duldet ihn um sich.«
      Sobald Iras gesehen hatte, wohin Kleopatra den Schritt wendete, war sie ihr nachgeeilt, um sie zu den Kindern zu begleiten. Der Syrer Alexas hatte sie aufgehalten, um sie seiner Freude, sie wiederzusehen, zu versichern. Schon vor dem Ausbruche des Krieges war er eifrig um sie bemüht gewesen, und er gab ihr deutlich zu erkennen, daß während der langen Trennungszeit seine Gefühle mit nichten erkaltet. Wie bei dem Bruder war sein Kopf zu klein für den großen Leib, doch auf dem wohlgebildeten Gesichte glänzte ein helles Augenpaar mit begehrlicher und durchdringender Schärfe.
      Auch Iras schien sich des Wiedersehens mit dem Günstlinge zu freuen; bevor aber noch die Geschwister die Treppe erreichten, ließ sie ihn stehen, um Charmion, ihre Gefährtin und Tante, mit töchterlicher Zärtlichkeit in die Arme zu schließen.
      Im Vorsaal der prinzlichen Gemächer fanden sie die Königin. Euphronion, der Hofmeister der Kinder, hatte sie dort erwartet und erstattete schnell und mit schmeichlerischem Entzücken Bericht über sie und die wundervollen Gaben, die immer deutlicher bei jedem einzelnen, bald als mütterliches, bald auch als väterliches Erbteil zur Erscheinung kämen.
      Kleopatra hatte den Fluß seiner begeisterten Rede mit mancher Frage unterbrochen und war dabei bemüht gewesen, den Schleier zu lösen, der ihr das Haupt verhüllte, – doch es mißlang den kleinen, solcher Arbeit ungewohnten Händen. Iras hatte es von der Treppe aus gewahrt, war die letzten Stufen hinangeeilt und befreite sie mit den leichten, geschickten Fingern schnell und sicher von dem langen Spitzengewebe.
      Die Königin dankte ihr mit einem gnädigen Nicken, – als aber der Oberste der Eunuchen die in die Schlafzimmer der Kinder führende Thür öffnete, rief sie nur den Geschwistern ein freundliches »Kommt!« zu. Der Hofmeister, der die Schlafräume seiner Pflegebefohlenen ohnehin den Eunuchen und Wärterinnen überlassen mußte, zog sich zurück. Iras aber empfand es als schwere Kränkung, von diesem Besuche ausgeschlossen zu werden. Ihre Wangen wechselten die Farbe, und die schmalen Lippen schlossen sich fester. Dann blickte sie so scharf auf den Fruchtkorb von Mosaik zu ihren Füßen, als gelte es, die Kirschen, mit denen er gefüllt war, zu zählen. Plötzlich strich sie die Löckchen von der hohen Stirn, eilte schnellfüßig die Treppe hinunter, und als der neuangekommene Alexas eben das Atrium verlassen wollte, rief sie ihn an.
      Ungesäumt schritt der Syrer ihr entgegen und pries sich glücklich, daß seine Sonne ihm in dieser Nacht zum zweitenmal aufgehe; sie aber fiel ihm ins Wort: »Laß das thörichte Liebeln. Dienlicher wäre es jedenfalls für uns beide, in vollem, bitterem Ernst als Bundesgenossen zusammenzuhalten. Ich bin dazu bereit.«
      »Und ich!« rief der Syrer entzückt und preßte die Hand auf die Stelle des Herzens.
      Indes hatte Kleopatra den Raum betreten, in dem die Kinder schliefen. Tiefe Stille herrschte in dem hohen, mit farbigen Teppichen behangenen Saale, durch dessen weiten Raum drei Ampeln von rosenfarbigem Glasfluß sanftes Licht ergossen. Ein von Säulen getragener Bogen von buntem libyschen Marmor teilte ihn in zwei Teile. In dem ersten, dem hohen, fest mit Vorhängen verschlossenen Fenster benachbarten, standen zwei Betten von Elfenbein, die auf dem Rücken goldener Kindergestalten ruhten und über deren Hauptende sich mit Perlen und Türkisen besetzte Kronen von Gold und Silber erhoben. Um den Rand zogen sich, von der Hand eines großen Künstlers in den Elefantenzahn geschnitten, fröhliche Kindergenien hin, die zu dem Gesange munterer Vögel in blühendem Strauchwerk die tanzenden Füßchen hoben.
      Ein schwerer Vorhang trennte die Lager, doch die Eunuchen hatten ihn beim Nahen der Königin in die Höhe gezogen. Nun war es gestattet, sie mit einem Blicke zu umfassen, und es bot sich hier ein Bild von seltener Anmut; denn auf den schönen Ruhestätten schlummerte das zehnjährige Zwillingspaar, das Kleopatra dem Antonius geschenkt: Antonius Helios und Kleopatra Selene. Das Mädchen weiß und rot, blond und von holdseligem Liebreiz, der Knabe nicht minder schön, doch mit ebenholzschwarzem Haar wie der Vater. Das lockige Haupt beider war zur Seite geneigt und ruhte auf der in das seidene Kissen gedrückten Hand.
      Auf einem dritten Bett hinter dem Bogen schlief Alexander, der jüngste Prinz, ein holdseliger sechsjähriger Knabe, der Liebling der Königin.
      Nachdem sie sich eine gute Weile in den Anblick der Zwillinge versenkt und jedem einen leisen Kuß auf die im Schlafe glühenden Wangen gehaucht hatte, wandte sie sich dem Jüngsten zu und sank an seinem Lager nieder, als zwinge sie eine Erscheinung, mit der der Himmel sie beglückte, das Knie zu neigen. Die Augen flossen ihr über, während sie das Kind behutsam an sich zog, ihm Mund, Augen und Wangen küßte und es dann leise in die Kissen zurücksinken ließ. Doch der Knabe fand den unterbrochenen Schlaf nicht gleich wieder, sondern schlang die runden Aermchen um den Hals der Mutter und murmelte dazu unverständliche Worte. Glückselig ließ sie es geschehen, bis ihn der Schlummer wieder übermannte und ihm die Händchen auf das Bett zurücksanken.
      Dann drückte sie die Stirn kurze Zeit auf das Elfenbein des Lagers. Sie betete für dies Kind und seine Geschwister. Als sie sich wieder erhob, waren ihr die Wangen feucht von Thränen, und sie preßte die Hand auf die Brust. Dann winkte sie der Charmion und ihrem Bruder, wies sie erst auf den kleinen Alexander, dann auf die Zwillinge und sagte, als sie die Augen beider feucht erglänzen sah: »Dies Glück. – ihr beide entbehrt es um meinetwillen, ich weiß es. Für jedes von diesen da wäre mir ein großes Reich nicht zu teuer, für sie alle ... Was gibt es auf Erden, das ich nicht für sie preisgeben möchte? Aber was hab' ich denn noch, das ich mein nennen dürfte?«
      Bei dieser Frage hatten sich ihre lächelnden Züge verfinstert. Das Bild der verlorenen Schlacht stand ihr wieder vor dem inneren Auge. Verspielt, verloren war die eigene Macht, verwirkt die Selbständigkeit des Vaterlandes, das sie liebte. Rom streckte die Hand schon darnach aus, um es als neue Provinz an die anderen zu schließen. Doch das durfte nicht sein! Ihr Zwillingspaar, das dort unter Kronen ruhte, es sollte sie einmal tragen dürfen. Und der Knabe da auf den Kissen? Wie viele Reiche hatte Antonius verschenkt; aber was blieb ihr jetzt noch zu vergeben?
      Wiederum beugte sie sich zu dem Kinde nieder. Ein schöner Traum mußte zu ihm herabgeschwebt sein; denn es lächelte im Schlafe. Da ergoß sich ihr ein heißer Strom von Mutterliebe in das bewegte Herz, und als sie auch die Gefährten der Jugend bewegt und zärtlich zu dem kleinen Schläfer niederschauen sah, gedachte sie der eigenen Kindheit und des stillen Glückes, das sie in ihrem Epikuräergarten genossen.
      Jenseits seiner Grenzen hatte Macht und Herrlichkeit für sie begonnen; doch je höher beide gestiegen waren, in desto weitere Ferne, desto unwiederbringlicher war das Gefühl der Glückseligkeit, das sie einmal dankbar genossen und wonach sie nie aufgehört hatte sich zu sehnen, von ihr gewichen. Und wie sie jetzt dem schlummernden Kinde, von dem jeder Schmerz und jede Unruhe weltenfern zu liegen schien, wieder in das friedvoll lächelnde Antlitz schaute und es ihr war, als ströme ihm, was ihr Herz an Liebe umschloß, in vollen Wogen entgegen, da erhob sich in ihr die Frage, ob es vielleicht gerade diesem Knaben, für den sie keine Krone besaß, bestimmt sei, der einzige Glückselige von ihnen allen, glückselig im Sinne des Meisters, zu werden.
      Und tief ergriffen von diesem Gedanken wandte sie sich den Geschwistern zu und rief, um die Schläfer nicht zu wecken, mit gedämpfter Stimme: »Was auch über uns verhängt ist, dies Kind befehle ich eurer besonderen Liebe und Sorge. Wenn das Schicksal ihm den Glanz der Krone und das Hochgefühl der Macht versagt, lehrt es dann jener anderen Glückseligkeit genießen, die – wie lange ist's her! – euer Vater seiner Mutter erschloß.«
      Da küßte Archibius ihr das Gewand und Charmion die Hände; sie aber atmete tief auf und sagte: »Die Mutter nahm der Königin schon zu viel Zeit. Ich hatte verboten, den Cäsarion von meiner Ankunft zu unterrichten. Es war gut so. Vor dem Wiedersehen sei das Wichtigste erledigt. In einer Stunde muß alles, was in mir ist, dem Staate gehören ... Zuvor aber ... Außer Mutter und Königin bin ich noch etwas anderes. Auch das Weib verlangt sein Recht. Auf morgen, wenn ich Zeit für Dich finde! Erst in mein gemach, Charmion. Doch Du bist der Ruhe bedürftiger als ich. Geh mit dem Bruder! Schicke mir Iras. Es wird sie freuen, wieder einmal für die Herrin die Hände zu regen.«
    



      Elftes Kapitel
      Die Königin war dem Bade entstiegen. Iras hatte ihr das immer noch volle wellige, nunmehr dunkelbraune Haar neu geordnet und sie prächtig genug gekleidet, um die Beamten, die sie trotz der nächtlichen Stunde bald erwartete, zu empfangen.
      Wie wunderbar hatte sie sich erhalten! Die Zeit schien es nicht gewagt zu haben, die Hand an dies vollendete Musterbild weiblicher Anmut zu legen. Aber das scharfe Auge der Griechin erkannte doch hier und da ein Schwinden des Zaubers der Jugend. Sie liebte die Herrin, und doch war es ihr, als lache es in ihrer Seele, so oft sie an ihr den gleichen Rückgang wahrnahm, der sich bei ihr, der weit jüngeren, kaum siebenundzwanzigjährigen, schon leise zu zeigen begann. Sie hätte Kleopatra gern alles gegeben, worüber sie verfügte, doch es war ihr, als sollte sie die Natur für einen Akt der Gerechtigkeit preisen, wenn sie wahrnahm, daß sie auch diesem ihrem königlichen Günstling gegenüber das für alle giltige Gesetz nicht völlig aushob.
      »Laß das Schmeicheln,« bat Kleopatra die Vertraute mit einem wehmütigen Lächeln. »Sie sagen, die Werke der Pharaonen hier am Nil spotteten der Zeit. Von den Königinnen Aegyptens läßt sich die unerbittliche dies weniger willig gefallen. Das sind graue Haare, und sie stammen von diesem Haupte, wie eifrig Du es auch leugnest. – Wem aber gehören die Falten dort an den Augenwinkeln und hier auf der Stirn anders als mir? Und der Zahn, den die Lippe doch nicht so freundlich verdeckt, wie Du vorgibst? Am Abend vor der unglückseligen Schlacht erlitt er den Schaden. Mein lieber, treuer, geschickter Olympus, der Arzt der Aerzte, ist der einzige, der dergleichen unsichtbar macht. Doch den Greis mit in den Krieg zu nehmen, ging ja nicht an, und Glaucus ist von viel geringerem Geschick. Wie fehlte mir der Alte in jenen verhängnisvollen Stunden! Ich kam mir vor wie ein Unhold, und er ... Das Auge des Antonius ist nur zu scharf für dergleichen. Was ist die Liebe der Männer? Ein geschwärzter Zahn kann ihr verhängnisvoll werden. Ein ihrem Auge widerstrebender Anblick gießt Wasser in das heißeste Feuer. Welche Stunden, Iras, gab es da für mich zu durchleben! Wie eine Beleidigung ist mir mancher seiner Blicke erschienen, und dazu die marternde Ungewißheit im Herzen!
      Etwas war zwischen uns getreten, kein Zweifel! Ich fühlte es ihm an.
      Bald, nachdem er Alexandria verlassen hatte, begann es. Wie ein Wurm fraß es mir an der Seele, und nun ich wieder hier bin, muß ich klar sehen. Er folgt mir in wenigen Tagen – ich weiß es. In Parätonium, wohin er sich begab, steht Pinarius Scarpus mit unberührten Legionen. In Taenarum hatte er beschlossen, sich von der Welt zurückzuziehen, die er, dem sie so viel Großes schenkte, haßt, weil er ihr Grund gab, das Haupt über ihn zu schütteln ... Doch der alte Geist erwacht schon wieder, und thut das ihm sonst so treue Glück es ihm nach, so knüpft sich bald an das neue afrikanische Heer eine gewaltige Macht. Die asiatischen Fürsten ... Aber die Lenkerin des Staates hat jetzt zu schweigen. Mit dem Willen, dem Weibe sein Recht zu gönnen, trat ich in dies Gemach, und das Weib soll es haben! Bald wird er hier sein. Er kann nicht ohne mich leben. Es ist nicht allein der Becher des Nektanebus, der ihn mir nachzieht!«
      »Als der Größte der Großen, als Julius Cäsar in Alexandria um Deine Liebe warb und Antonius am Kydnos,« bemerkte Iras, »wußtest Du noch nichts von dem Pokale. Erst vor zwei Jahren gestattete Anubis Dir, das Wunderwerk dem Tempelschatze zu entlehnen, und in wenigen Tagen bist Du ja verpflichtet, ihn zurückzuerstatten. Daß von dem Becher eine geheimnisvolle Wirkung ausgeht, ist sicher, doch dem Zauber Deines Wesens wohnt eine mächtigere inne.«
      »Wäre das doch auch für heute noch giltig!« rief die Königin. »Jedenfalls ließ Antonius sich durch die Kraft des Bechers zu mancherlei bestimmen. Ich bin auch nicht eitel genug, um zu glauben, daß es die Liebe, daß es der Zauber meiner Persönlichkeit allein war, der ihn mir in jener unglückseligen Stunde nachzog. Diese Schlacht, die unbegreifliche, schmachvolle Schlacht! Du warst krank und konntest unsere Flotte bei der Ausfahrt nicht sehen; doch auch die Erfahrenen sagten, schönere und größere Schiffe habe es schwerlich jemals gegeben. Ich war im Rechte, als ich darauf bestand, ihr die Entscheidung zu überlassen. Mein eigen durfte ich sie nennen. Hätten wir gesiegt, welch ein Hochgefühl, sich zu sagen: Die Waffen, die Du ihm botest, trugen dem Geliebten die Herrschaft über die Welt ein! Dazu hatten mich die Sterne versichert, auf der See werde das Glück uns erblühen. Dem Anubis hier, dem Alexas auf dem Schiffe des Antonius hatten sie das Gleiche verkündet. Auch auf die Macht des Bechers hoffte ich, die den Antonius genötigt hatte, mancherlei zu thun, was ihm widerstrebte. So setzte ich es denn durch, der Flotte die Entscheidung zu überlassen; doch es war falsch, falsch, falsch! Wie sehr es falsch war, das sollte sich nur zu bald erweisen!
      Hätte man mir nur, als es noch Zeit war, mitgeteilt, was ich später erfuhr! Nach der Niederlage wurde man beredter. Das eine Wort eines Veteranen unter den Befehlshabern des Fußvolkes hätte wohl genügt, mir die Augen zu öffnen. Er hatte den Marc Anton gefragt, warum er seine Hoffnung auf elendes Holz setze, und ausgerufen: ›Laß Phönizier und Aegypter auf dem Wasser kämpfen, uns laß das Land, auf dem wir gewohnt sind, mit dem Fuße fest auf dem Boden zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben!‹ Das allein, ich weiß es, hätte mir zu guter Stunde den Sinn geändert. Doch es wurde mir verschwiegen.
      Die Schlacht begann. Die Unseren hatten die Geduld verloren. Der linke Flügel der Flotte rückte vor. Anfänglich sah ich dem Kampfe gespannt und klopfenden Herzens zu. Wie stolz die großen Schiffe sich vorwärts bewegten. Es ging alles vortrefflich. Antonius hatte eine Anrede gehalten und den Kämpfern versichert, unsere Fahrzeuge würden auch ohne Streiter durch ihre bloße Höhe und Größe dem Feinde verhängnisvoll werden. Nenne mir den Redner, der wie er die Hörer mit sich fortreißt! Auch ich war noch furchtlos. Wer ängstigt sich auch, wenn er den Sieg so sicher erwartet? Als er sich vorher auf sein Admiralschiffs begeben und mir weniger herzlich als sonst Lebewohl gesagt hatte, war mir viel banger gewesen. Deutlich meinte ich erkannt zu haben, seine Liebe erkalte. Was war auch aus mir geworden, seit wir Alexandria verließen und Olympus nicht mehr für mich sorgte! So konnte es nicht fortgehen. Ich wollte ihm das Kriegführen allein überlassen und ihm aus den Augen. Hatte er in den Becher des Nektanebus geschaut, that er ja, was ich verlangte, doch mit welchem Unwillen geschah es nicht selten. Die unverdeckten, dort durch nichts zu vertilgenden Falten und die Jahre, die grausamen Jahre!«
      »Welche Gedanken!« rief Iras. »Laß mich schwören, Herrin, daß Du, wie Du da vor mir stehst ...«
      »Dank diesem Putztisch und den neuen Werken des Olympus in diesen Büchsen! Damals, sag' ich Dir, konnt' ich vor mir selber erschrecken. Der Verdruß verschönert uns auch nicht, und was hatten mir die Römer zu hören gegeben über das Weib, das sich in den Krieg, die Arbeit der Männer, mische! Ich gab es ihnen wieder; doch ich wollt' es nicht länger ertragen. Von der Schlacht auf dem Lande mich fern zu halten, war ich von vornherein entschlossen, aber auch schon beim Beginn des Treffens trieb es mich, so gut es auch zu stehen schien, fort von Antonius und hieher zu den Kindern zurück. Die fragen nicht nach der Farbe des Haares und den Falten der Mutter, und er – wenn er vergeblich nach mir ausschaute und rief, würde er erst recht fühlen, was er an mir besaß, würde er mich vermissen, würde die Sehnsucht und mit ihr die alte Liebe mit neuer Glut in ihm erwachen. Sobald der Sieg für die Flotte entschieden war, wollte ich fort, das Schiff nach Süden wenden lassen und ohne Abschied, nur mit dem Rufe: ›Auf Wiedersehen in Alexandria!‹ fort nach Aegypten.
      Ich rief den Alexas, der bei mir geblieben war, und befahl ihm, mir ein Zeichen zu geben, sobald sich der Kampf zu unserem Vorteil entschiede. Ich blieb auf dem Decke. Da sah ich feindliche Schiffe einen weiten Bogen umschreiben. Der Nauarch sagte mir, es sei Agrippa, der uns zu umzingeln versuchte. Das erweckte ein mißliches Gefühl. Ich begann zu bereuen, mich in das Männerwerk zu mischen.
      Antonius schaute von dem Admiralschiffe zu mir hinüber. Ich winkte, um ihn auf die Gefahr hinzuweisen; doch statt wie einst eifrig und liebreich wieder zu grüßen, wandte er mir den Rücken, und um weniges später erhob sich um mich her das wildeste Getümmel. Ein Schiff verwickelte sich in das andere, Bretter und Stangen zerbrachen mit lautem Gekrach. Das Geschrei, das Schelten und Jammern der Streiter und Verwundeten mischte sich in das Dröhnen der Steine, die die Katapulte entsandte, und in den schmetternden Ton der Signale, die wie Hilferufe klangen. Hart neben mir sanken zwei Krieger zu Boden, von Pfeilschüssen getroffen. Es war entsetzlich. Doch mein Mut hielt stand, auch als ein Geschwader – es war das des Aruntius – auf die Flotte eindrang. Noch eine andere Reihe von Schiffen sah ich gerade auf uns zukommen und ein römisches Fahrzeug unter dem Ansturm eines der meinen – ich hatte ihm selbst den Namen Selene gegeben – sich zur Seite neigen und sinken. Das freute mich und erschien mir wie der erste Vorbote des Sieges. Da befahl ich dem Alexas noch einmal, sobald an der Entscheidung nicht mehr zu zweifeln, das Schiff wenden zu lassen. Während ich noch sprach, erschien der große Jason, der Aufwärter, Du kanntest ihn ja, mit einer Erfrischung. Ich griff nach dem Becher, doch noch hatte ich ihn nicht zum Munde geführt, als er mit zerschmettertem Schädel neben mir platt auf das Deck fiel und der vergossene Fruchtsaft sich mit seinem Blute vermischte. Da war es, als erstarre mir das Blut, und totenblaß und mit zitternder Stimme frug Alexas: ›Befiehlst Du, die Schlacht zu verlassen?‹
      Was in mir war, trieb mich an, es zu gebieten, doch ich raffte mich zusammen und frug erst den Nauarchen, der vor mir auf der Brücke stand: ›Sind wir im Vorteil?‹ Ein bestimmtes ›Ja‹ war die Antwort. Da meinte ich, die Zeit sei gekommen, und rief ihm zu, dann möge er das Schiff wenden und gen Süden steuern. Aber der Mann schien mich nicht zu verstehen. Der Lärm der Schlacht war auch lauter und lauter geworden. Ich sandte darum trotz der Charmion, die mich anflehte, nicht eigenmächtig in den Kampf einzugreifen, den Alexas zu dem Befehlshaber auf die Brücke, und während er mit dem graubärtigen Seemanne redete, der ihm, ich weiß nicht was, heftig entgegenpolterte, blickte ich auf die nächsten Schiffe – ich unterschied nicht mehr, ob es feindliche, ob freundliche seien – und wie sich die Reihen der rastlosen Ruder dicht vor meinen Augen in zahlloser Menge auf und nieder bewegten, da war es mir, als sei jedes Fahrzeug eine gewaltige Spinne geworden und die langen hölzernen Ruderstangen ihre Arme und Füße. Jedes dieser Untiere schien mir bedacht, mich in ein gräßliches Netz zu verstricken, und als der Nauarch auf mich zukam, um mich zu beschwören, auszuharren, herrschte ich ihn an, er habe meinem Befehle zu gehorchen.
      Da verneigte sich der Unselige und that, wie ihn seine Königin geheißen. Der Riese wurde gedreht und brach sich Bahn durch das Gewirr.
      Ich atmete freier.
      Was mich als Spinnenarme bedroht, ward wieder zum Ruder. Alexas führte mich unter ein Schutzdach, wo kein Geschoß mich erreichen konnte. Mein Verlangen ward erfüllt. Den Augen des Antonius ward ich entrückt, und wir fuhren Alexandria und den Kindern entgegen. Als ich endlich Umschau hielt, bemerkte ich, daß auch meine anderen Schiffe mir folgten. Das hatte ich nicht befohlen, und ich erschrak darüber nicht wenig. Als ich mich nach dem Alexas umschaute, war er verschwunden. Der Centurio, dem ich befahl, dem Nauarchen zu gebieten, Signale zu geben, die die anderen Fahrzeuge zur Rückkehr in die Schlacht aufforderten, meldete, eben hätten sie die Leiche des Schiffführers fortgetragen, doch dem Befehle müsse nachgekommen werden. Wie er erteilt wurde, kann ich nicht sagen; doch blieb er ohne Wirkung, und das angstvolle Wehen meines Tuches konnte niemand mehr bemerken.
      Wir hatten das Admiralschiff des Antonius, der immer noch auf der Kommandobrücke stand, hinter uns gelassen. Als wir dicht an ihm vorbeigesteuert waren, hatte ich ihm zugewinkt. Da war er hinuntergeeilt, um, an die Brüstung gelehnt, mir etwas herüber zu rufen. Ich sehe noch die zum Rohre geschlossenen Hände an seinen bärtigen Lippen. Aber ich verstand nicht, was er sagte, und wies nur nach Süden, hierher, dem Ziele meiner Fahrt, und im Geiste wünschte ich ihm Sieg und daß diese Trennung unserer Liebe zum Heile gedeihen möge; er aber schüttelte das Haupt, preßte die Hand an die Stirn wie in Verzweiflung und schwenkte die Arme, wie um mir ein Zeichen zu geben; doch die Antonias ließ sein Fahrzeug immer weiter hinter sich und steuerte geradeaus nach Süden.
      Im Wohlgefühl, einer doppelten Gefahr zu entrinnen, atmete ich leichter. Hätte Antonius mich lange so vor Augen gehabt, wie ich damals gewesen war, es wäre ... Elende Verirrung eines elenden Weibes sage ich jetzt ... Doch damals konnte ich noch nicht ahnen, welch ein furchtbares Verhängnis ich in jener Stunde über uns, die Kinder, vielleicht über die Welt heraufbeschworen hatte, und so blieb ich im Banne dieser kleinlichen Befürchtungen und Gedanken, bis Verwundete an mir vorbeigetragen wurden. Der Anblick that mir weh, und Du weißt ja, wie empfindlich ich bin und wie schlecht ich Schmerzen ertragen und mit ansehen kann.
      Charmion führte mich in die Kajüte. Dort erst trat mir voll ins Bewußtsein, was ich gethan. Den verhaßten Feind vernichten zu helfen, hatte ich gehofft, und nun war ich es vielleicht, der ihm die Brücke baute zum Siege, zur Herrschaft, zu unserer Vernichtung. Von solchen Gedanken wie von Erinnyen verfolgt, eilte ich in dem weiten Kajütensaale auf und nieder.
      Da wurde es plötzlich laut auf dem Deck. Ein krachender Stoß schien das mächtige Schiff zu erschüttern. Man verfolgt uns! Ein Römerschiff entert das meine! So dachte ich und faßte nach dem Dolche, den mir Antonius geschenkt.
      Aber da kam Charmion mit einer Kunde, die kaum erträglicher schien als die falsche Besorgnis. Ich hatte ihr zornig geboten, mich zu verlassen, weil sie mir unehrerbietig ans Herz gelegt hatte, den Befehl zur Umkehr zurückzunehmen. Jetzt meldete sie totenbleich. Antonius habe das Admiralschiffs verlassen, sei mir auf einem kleinen Fünfruderer gefolgt und soeben zu uns an Bord gestiegen.
      Da stockte mir das Blut.
      Er kommt, dachte ich, um mich zur Rückkehr in die Schlacht zu zwingen, und tief atmend drängte mich das trotzige Selbstgefühl, ihm zu zeigen, daß ich die Königin sei und nur dem eigenen Willen gehorche, während das Herz mich antrieb, ihm zu Füßen zu sinken und ihn anzuflehen, ohne meiner zu achten, jeden Befehl zu erteilen, der zum Siege zu führen verheiße.
      Aber er kam nicht.
      Da schickte ich Charmion wieder hinaus. Er hatte es nicht ertragen, getrennt von mir weiter zu kämpfen. Nun saß er vor dem Kajütenhause mit dem Haupt in den Händen und starrte wie ein Verwirrter auf die Planken des Deckes. Er ... Marcus Antonius! Der tapferste der Reiter, das Entsetzen der Feinde, – wie ein Schäferbube, dem die Wölfe die Schafe raubten, ließ er die Arme sinken, Marc Anton, der Held, der tausend Gefahren trotzte, das Schwert hatte er von sich geworfen! Warum, warum? Weil ein Weib nichtig eitlen Befürchtungen nachgegeben, weil es der Sehnsucht des Mutterherzens gefolgt war und sich davongemacht hatte? Von allen menschlichen Schwächen war ihm, den der Frevelmut in manches unerhörte Wagnis getrieben, keine fremder gewesen als Feigheit ... Und nun? ... Aber nein, tausendmal nein! ... Eher kommen Feuer und Wasser als Marc Anton mit der Feigheit zusammen! Unter der zwingenden Gewalt eines Dämon hatte er gestanden, eine geheimnisvolle Macht hatte ihn gezwungen ...«
      »Die gewaltigste der Mächte, die Liebe,« unterbrach sie Iras mit enthusiastischer Wärme. »Eine Liebe, wie sie größer und überwältigender noch keines Mannes Geist unterjochte.«
      »Ja, die Liebe,« wiederholte Kleopatra dumpf. Dann umzuckte leiser Spott ihr die Lippen, und bitterer Zweifel klang aus ihrer Stimme, als sie fortfuhr: »Wär' es nur allein jene Liebe gewesen, die aus zwei Menschen eins macht, die das Herz des einen in das des andern verpflanzt, die meine geängstigte Seele vielleicht in seine Heldenbrust übertrug! ... Aber nein ... Vor der Schlacht hatte es heftige Stürme gegeben. Da war es nicht immer möglich gewesen, sich ihm so zu zeigen, wie man wünscht, daß der Geliebte uns sehe. Und selbst jetzt, wo Deine geschickte Hand das ihre an mir that ... Da steht der Spiegel ... Das Bild auf seiner Fläche – wie artig erhaltene Ueberbleibsel will es mir scheinen ...«
      »Aber, Herrin,« rief Iras und erhob flehend die Hände, »soll ich noch einmal schwören, daß weder die ergrauten Haare, die längst wieder braun sind, noch die wenigen Falten, die Olympus bald wieder völlig unsichtbar macht, noch was Dich sonst vielleicht an dem Spiegelbild ängstigt, Deiner Schönheit auch nur den geringsten Abbruch thut. Ungetrübt und des Sieges gewiß darf der Zauber Deines göttergleichen Wesens ...«
      »Laß, laß!« fiel ihr Kleopatra ins Wort. »Ich weiß, was ich weiß. Es entzieht sich kein Sterblicher den großen, ewigen Gesetzen. So sicher wie die Geburt der Anfang des Lebens, schreitet, was da ist und blüht, der Vernichtung und dem Welken entgegen.«
      »Doch die Götter,« versicherte Iras, »geben ihren Werken verschiedenen Bestand. Du kennst die Wasserlilie, die nur einen Tag blüht. Aber wie kräftig grünt noch heute die tausendjährige Sykomore in dem Garten des Paneums. Noch welkte an Deiner Blüte kein Blatt, und ist es denn denkbar, daß die Liebe dessen auch nur um die leiseste Spur erkaltete, der alles, was dem Manne das Teuerste ist, hinter sich warf, weil es ihm unerträglich erschien, auch nur Tage oder Wochen der Geliebten zu entbehren?«
      »Hätte er es doch über sich gebracht!« rief Kleopatra schmerzlich. »Aber weißt Du so gewiß, daß es die Liebe war, die ihn mir nachzog? Ich bin anderer Meinung. Echte Liebe lähmt nicht, sie verdoppelt, was groß ist am Manne. Ich erfuhr es, als sie den Cäsar mit erdrückender Uebermacht in diesem Palaste umschlossen hielten, ihm die Schiffe verbrannten, das Wasser abgruben. Auch an ihm an Antonius, durfte ich dies herrliche Schauspiel zwanzig-, was sage ich, hundertmal bewundern, so lange er mich noch mit der ganzen Kraft seiner Feuerseele liebte. Doch was bei Actium geschah!? Diese schmähliche Flucht des girrenden Taubers der Taube nach, auf die noch ferne Geschlechter mit den Fingern weisen werden ... Dies unselige Vergessen der Pflicht, der Ehre, des Ruhmes, der Gegenwart und Zukunft, wer nicht tiefer sieht, der schreibt es freilich dem bethörenden Wahnsinn der Liebe zu, ich aber, Iras – und das ist es, was auf diesem Scheitel ein Haar nach dem andern bleicht, was die Reste der alten Schönheit Deiner Herrin nur zu bald vernichten wird in schlaflosen Nächten, – ich weiß es besser! Nicht die Liebe ist es, die den Antonius mir nachzog, nicht sie tritt sein glänzendes, in heldenhaftem Uebermut strotzendes Bild in den Staub, nicht sie zwang den Halbgott, den elenden Spuren eines fliehenden Weibes zu folgen.«
      Hier senkte sie die Stimme, erfaßte mit einem kräftigen Griffe das Handgelenk des Mädchens, zog es näher zu sich heran und raunte ihm ins Ohr: »Der Becher des Nektanebus ist mit dabei im Spiele. Erschrick nur! Die Kräfte, die von diesem blanken Wunderwerk ausströmen, sind in der That so furchtbar wie unnatürlich. Die magische Zaubergewalt, die von dem Pokale ausging, so oft ich ihn hineinschauen ließ, sie verwandelte den heldenhaften Enkel des Herakles, den Uebermenschen, in die wimmernde Memme, in das zusammengesunkene, gebrochene Nichts, als das ich ihn wieder fand auf dem Verdecke. Du schweigst? Die schnelle Zunge findet kein Wort der Erwiderung. Wie solltest Du es auch vergessen haben, daß Du mir die Wette gewinnen halfst, die den Antonius verpflichtete, in den Becher zu schauen, bevor ich ihn für ihn füllte. Wie dankbar war ich dem Anubis, als er endlich nachgab und mir das Wunderwerk aus dem Tempelschatze anvertraute, als die erste Probe gelang und Antonius auf mein Geheiß den herrlichen Kranz, den er trug, dem alten, säuerlichen Aristoteliker Diomedes, der ihm in der Seele zuwider ist, auf die kahle Stirn setzte, vor kaum einem Jahre war es, und Du weißt, wie selten ich anfangs die Kraft des furchtbaren Gerätes benutzte. Der Geliebte folgte ja ohnehin dem Winke meiner Augen. Aber später ... Vor der Schlacht ... Es war eine gräßliche Zeit ... Ich fühlte, wie gern er mich, die alles verderben konnte, heimgesandt hätte. Dazu empfand ich, – ich sagte es ja schon – daß etwas zwischen uns stände. Aber so nahe er auch oft daran war, mich den drängenden Römern zu opfern – ich brauchte ihn nur in den Becher schauen zu lassen und ihm mein: ›Du schickst mich nicht fort. Wir gehören zusammen. Wohin eins von uns sich begibt, dahin folgt ihm das andere!‹ zuzurufen, und er bat mich, ihn nicht zu verlassen. Noch am Morgen vor der Schlacht reichte ich ihm den Pokal und legte ihm ans Herz, was auch komme, nie und nie von mir zu lassen. Und er gehorchte auch diesmal, obgleich diejenige, an die der Zauber ihn band, ein fliehendes Weib war. Das ist entsetzlich! Und doch? Hab' ich das Recht, der Zauberkraft des Bechers zu fluchen? Kaum! Denn ohne das blinkende Gerät des Magiers – tausendmal rief es in der schlaflosen Nacht eine innere Stimme mir zu – hätte er statt meiner eine andere mit auf das Schiff genommen. Und ich glaube diese andere zu kennen. Das Weib meine ich, dessen Gesang auch mir vor dem Ausbruche beim Adonisfeste das Herz bestrickte. Denn ich nahm schon damals den Blick wahr, mit dem er den ihren suchte. Jetzt weiß ich, daß mich nicht nur mein alter betrügerischer Feind, die Eifersucht, vor ihr warnte. Alexas, der Treueste seiner Getreuen, bestätigte außerdem, was ich nur immer befürchten mochte, o, und er ließ mich auch noch anderes erfahren, das die Sterne ihn lehrten! Dazu kennt er die Sirene; denn sie war das Weib seines leiblichen Bruders. Um die Ehre zu wahren, verstieß er die gefallsüchtige Circe.«
      »Barine,« klang es fest und sicher von den Lippen der Iras.
      »So weißt Du?« frug Kleopatra gespannt.
      Da hob das Mädchen noch einmal die Hände bittend zu der Königin empor und rief:
      »Nur zu viel ist mir von diesem Weibe bekannt, und wie empört es mir das Herz! O Herrin, Herrin, daß auch ich dazu beitragen soll, Dir diese Stunde zu trüben! Aber es muß ja gesagt sein. Daß Antonius die Sängerin besuchte und auch den Sohn zu ihr führte, einmal und zweimal, – die ganze Stadt ruft es sich zu. Aber das ist es nicht. Eine Barine im Wettkampf mit Dir! Es wäre zum Lachen. Aber welche Schranken gäbe es wohl für die Begehrlichkeit dieser Weiber? Kein Rang, kein Alter ist ihnen heilig. Es war still in Abwesenheit des Hofes und Heeres. An Männern, die ihr des Fanges wert erschienen wären, gebrach es. Da warf sie das Netz nach den Knaben aus, und der sich am festesten darin, verstrickte, ist der König Cäsarion.«
      »Cäsarion!« rief Kleopatra und über die farblosen Wangen flog ihr ein rötlicher Schimmer. »Und sein Hofmeister Rhodon? Und mein strenger Befehl?«
      »Antyllus führte ihn heimlich zu ihr,« unterbrach sie das Mädchen. »Doch ich hielt die Augen offen. Mit sinnloser Leidenschaft hatte sich der Knabe an die Sängerin gehängt. Es blieb nichts übrig, als sie aus der Stadt zu entfernen. Archibius half mir.«
      »So bleibt es uns erspart, sie ins Weite zu senden.
      »Es muß dennoch geschehen; denn bei der Fahrt auf das Land überfiel sie Cäsarion mit einigen Genossen.«
      »Und diese Tollheit gelang?«
      »Nein, Herrin; doch ich wollte, sie wäre geglückt. Ein verliebter Narr, der sich an sie gehängt, setzte sich zur Wehre. Er erhob die Hand gegen den Sohn des Cäsar und verwundete ihn. Beruhige Dich, Herrin, ich bitte, ich beschwöre Dich ... Die Verletzung ist leicht. Weit besorgter macht mich die rasende Leidenschaft des Knaben.«
      Da schloß die Königin die roten, schwellenden Lippen so fest, daß der Mund die gewinnende Anmut verlor, die gerade ihm eigen, und sagte streng und entschieden: »Es ist an der Mutter, den Sohn vor der Verführerin zu beschützen! Alexas hat recht! Ihr Stern steht dem meinen im Wege. Ein Weib wie dies, das tiefe Schatten in die Bahn der Königin wirft! Man wird es ihm wehren! Sie ist es, die sich zwischen uns stellte, sie hat den Antonius ... Aber nein! Wozu sich verblenden? Die Zeit und was sie dem weiblichen Wesen an Reiz raubt, ist mächtiger als zwanzig solcher kleinen Verführerinnen. Und dazu die Umstände, die es verboten, die Schäden zu decken, die ein Auge wie das des Verwöhntesten unter den Verwöhnten verletzten. Das alles kam der Sängerin zu gute. Ich fühl' es! Ihr standen hier bei der Jagd auf Männer sämtliche Mittel zu Gebote, die uns Frauen unterstützen, das Unliebsame zu verdecken und hervorzuheben, was dem Liebenden teuer, – mir nicht, der Du fehltest, und die bewährte Kunst des Olympus. Das Götterbild, auf dem Schiffe, im Sturm hatte es sich dem Anbeter mehr als einmal unbekränzt, ohne Hauptschmuck und Weihrauch zu zeigen.«
      »Aber, Herrin!« rief Iras. »Und wenn sie alle Künste der Aphrodite und Isis zusammen genommen benutzte, sie könnte sich nicht mit Dir, der Unvergleichlichen, messen. Wie wenig gehört dazu, einem halben Kinde den Sinn zu verwirren!«
      »Armer Knabe!« seufzte die Königin und schüttelte leise das Haupt. »Wäre er nicht verwundet und thäte es nicht so weh, wo man liebt, zu entsagen, es könnte mich übrigens freuen, daß er auch zu wachen versteht und zu handeln. Vielleicht – o, wenn das wäre, Iras! – tritt, nun das Thor gesprengt ist, in diesem Ebenbilde des äußeren Cäsar auch der Geist und die Thatkraft des Großen noch einmal zu Tage. Wie die Aegypter den Horus den ›Rächer seines Vaters‹ nennen, erwächst er vielleicht zum Verteidiger und Rächer der Mutter. Dem Gleißner Octavian, dem Neffen, der ihm, dem leiblichen Sohne, das Erbe raubte, wird er es entwinden, wenn der Geist des Cäsar in ihm erwacht. Du schwörst, daß die Wunde nur leicht ist?«
      »Die Aerzte haben es versichert.«
      »Wohl denn, so wollen wir hoffen! In das Leben mag er treten. Wir geben ihm die Bahn frei, sich zu bewähren. Keine thörichte Leidenschaft soll den Genesenden hindern, dem Vater auswärts auf der Bahn des Ruhmes zu folgen. Das Weib aber, das ihn umgarnt, die Ueberkühne, deren Wünsche sich bis zu denen erheben, die mir die teuersten sind, laß sie kommen! Sehen wir zu, wie sie sich neben mir ausnimmt!«
      »Die Zeit ist schwer,« klagte Iras, die überrascht die großen Augen der Königin siegesgewiß aufleuchten sah. »Gönne Deinem Fuße, was sein Recht ist. Laß ihn sie zertreten! Es drängen sich Dir Ungeheuer genug in den Weg, gegen die Du mit der Sohle nicht ankommst. Was in solchen Kampftagen sich schnell beseitigen läßt, fort damit in den Hades!«
      »Mord?« frug Kleopatra, und die edle Stirn zog sich ihr zusammen.
      »Wenn es sein muß, ja,« versetzte Iras scharf. »Geht es an, Verbannung auf eine Insel, auf die Oase. Thut es not, in die Bergwerke mit der Sirene!«
      »Thut es not?« wiederholte die Königin. »Das soll, denk' ich, heißen: wenn sich herausstellt, daß sie die schwerste der Strafen verdiente.«
      »Die lud sie schon durch jede Stunde auf sich, die sie meiner Königin trübte. In den Bergwerken vergeht die Lust, Gatten und Knaben Netze zu stellen.«
      »Und man siecht dort unter gräßlichen Qualen dahin, bis der Tod den Jammer beendet,« fügte Kleopatra im Tone ernsten Vorwurfs hinzu. »Nein, Mädchen, dieser Sieg ist mir zu leicht. Bis dahin war jene im Vorteil, jetzt kommt die Reihe an mich. Aber auch den Feind schicke ich nicht in den Tod, ohne ihn zu hören, am wenigsten in dieser Zeit, die mich lehrt, was es heißt, das Urteil eines Mächtigeren erwarten. Dies Weib, das mich gleichsam selbst in den Kampf rief, – es soll ihm der Wille geschehen. Ich bin begierig, die Sängerin wieder zu sehen und die Mittel kennen zu lernen, womit es ihr glückte, so viele, vom Knaben auswärts bis zum anspruchsvollen Manne, an ihren Triumphwagen zu spannen.«
      »Herrin,« rief Iras entsetzt, »Du wolltest?«
      »Ich will,« fiel Kleopatra ihr gebieterisch ins Wort, »ich will die Tochter des Leonax, die Enkelin des Didymus, die mir beide wert waren, sprechen, bevor ich über ihr Schicksal entscheide. Ich will in das Herz und den Geist der Gegnerin schauen und wägen und richten, bevor ich verdamme. Aufnehmen will ich den Streit, zu dem sie das liebende Weib und die Mutter aufrief! Aber – und das ist mein Recht ... ich will sie zwingen, sich mir zu zeigen, wie Antonius mich in diesen letzten Wochen so oft sah, ungesteigert und unverfälscht durch die Kunst, über die wir beide gebieten.«
      Dabei trat sie, ohne des Mädchens weiter zu achten, an das Fenster und fuhr nach einem raschen Blick an den Himmel gelassen fort: »Die erste Stunde nach Mitternacht geht zu Ende. Gleich soll die Beratung beginnen. Es handelt sich um einen Versuch, der viel zu retten vermöchte. Zwei Stunden dauert die Sitzung, vielleicht auch nur eine. Die Sängerin kann warten. Wo wohnt sie?«
      »Im Hause ihres Vaters, des Malers Leonax, an den Gärten des Paneums,« erwiderte Iras mit heiserer Stimme. »Doch, Herrin, galt Dir meine Meinung je auch nur das Geringste ...«
      »Ich wünsche jetzt nicht Rat zu halten, sondern fordere die Ausführung meiner Befehle!« rief die Königin bestimmt. »Sobald die Erwarteten da sind ...«
      Hier wurde sie von einem Kämmerer unterbrochen, der das Erscheinen der Berufenen meldete, und Kleopatra ließ ihnen sagen, sie sei auf dem Wege, sich ihnen zu zeigen. Dann wandte sie sich wieder an Iras und gebot ihr in raschem Redeflusse, sich ungesäumt in Begleitung eines zuverlässigen Mannes von einem geschlossenen Wagen zu Barine führen zu lassen. Ohne den geringsten Aufenthalt – Iras werde sie verstehen – habe sie sie zu ihr zu führen, auch, wenn es nötig sei, sie aus dem Schlafe zu wecken. »Als habe sie der Sturm gezwungen, aufs Deck des Schiffes zu treten,« schloß sie, »will ich sie sehen!«
      Dann griff sie nach einem Täfelchen auf dem Putztische und ritzte mit fliegender Hand in das Wachs: »Kleopatra, die Königin, wünscht Barine, die Tochter des Leonax, ungesäumt zu sprechen. Es ist ihr kein Augenblick des Aufenthalts gestattet. Jeder Anordnung der Iras, der Abgesandten Kleopatras, und ihres Begleiters, hat sie Gehorsam zu leisten.«
      Damit schloß sie das Diptychon, reichte es dem Mädchen und frug:
      »Wen nimmst Du mit Dir?«
      Sie aber antwortete, ohne sich zu besinnen:
      »Alexas.«
      »Gut.« entgegnete Kleopatra. »Gönnt ihr keinen Augenblick zu Vorbereitungen, wie sie auch heißen. Vergeßt aber nicht, – ich befehl' es – daß sie ein Weib ist.«
      Damit wandte sie sich dem Kämmerer zu, um ihm zu folgen; doch Iras eilte ihr nach, um dem Diadem auf ihrem Haupte die rechte Stellung zu geben und einige Falten ihres Gewandes neu zu ordnen.
      Kleopatra ließ es geschehen und sagte dabei gütig:
      »Es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, ich seh' es.«
      »O, Herrin!« rief das Mädchen. »Nach diesen Erschütterungen der Seele, diesen aufreibenden Monden machst Du die Nacht zum Tage und nimmst neue Anstrengungen und Erregungen auf Dich. Wenn der Arzt, wenn Olympus ...«
      »Es muß sein,« fiel Kleopatra ihr gütig ins Wort. »Die letzten beiden Wochen waren eine einzige, lange, finstere Nacht. Nur auf Stunden verließ ich das Lager. Wem es obliegt, sein Liebstes aus dem Strome zu ziehen, der fragt nicht, wie das kalte Bad ihm bekommt. Wenn wir untergehen, ist es gleich, ob gesund oder krank; wenn es dagegen gelingt, eine neue Streitmacht zu sammeln und Aegypten zu retten, darf es Gesundheit kosten und Leben. Die Minuten, die ich dem Weibe zu gönnen gedenke, sie gehen mit in den Kauf. Was auch kommt, es findet mich bereit, ihm zu begegnen. Vor einen großen Wendepunkt des Lebens wurde ich gestellt. In solcher Zeit räumt man mit den Verpflichtungen und Forderungen auf, die man noch hat, den großen und kleinen.«
      Wenige Minuten später bestieg Kleopatra den Thronsessel und begrüßte die Männer, die ihr Ruf aus der Nachtruhe gestört hatte, um ihnen einen hochfliegend kühnen Gedanken zur Prüfung vorzulegen, auf den das Verlangen nach neuem Widerstande gegen den siegreichen Feind ihren kräftigen und rastlosen Geist mitten im tiefsten Unglück geführt.
      Als sie vor vielen Jahren der Knabe, mit dem sie nach dem väterlichen Willen den Thron teilte, und sein Vormund Pothinus gezwungen hatten, aus Alexandria zu entfliehen, war sie an der Ostgrenze des Delta, auf der Landenge, die Aegypten mit Asien verbindet, den Resten des Kanals begegnet, den thatkräftige Pharaonen in alter Zeit hergestellt hatten, um das mittelländische mit dem roten Meere zu verbinden.
      Schon damals war ihr dies verfallene Werk wert der Berücksichtigung erschienen. Wißbegierig hatte sie die Aeaniten, die dort wohnten, nach den Resten dieser Wasserstraße ausgefragt und einige auch in der müßigen Zeit des Wartens selbst ausgesucht.
      Darnach war es möglich erschienen, beim Aufgebot großer Kräfte den Kanal von neuem fahrbar zu machen, dessen sich die Pharaonen bedient hatten, um in den gleichen Schiffen in beide Meere zu gelangen und der von dem ersten Darius, dem Organisator des persischen Weltreichs, vor noch keinem halben Jahrtausend seiner Flotte zur Verfügung gestellt worden war.
      Ueber das alles hatte sie sich mit dem ihr eigenen, nimmer müden Verlangen nach Belehrung Aufschluß verschafft und sich in ruhigen Tagen mehr als einmal mit dem Plane beschäftigt, das griechische mit dem arabischen Meere neu zu verbinden.
      Klar, anschaulich, gründlich, in vielen Stücken besser unterrichtet als selbst die Wasserbaumeister, legte sie den um sie versammelten Fachmännern dar, was sie beabsichtigte. Erwies es sich als ausführbar, sollten die geretteten Schiffe der Flotte, nebst anderen, die auf der Rhede von Alexandria lagen, über die Landenge fort in das rote Meer geschafft und so für Aegypten gerettet und dem Feinde entzogen werden. Auf diese Streitmacht gestützt, ließ sich mancherlei unternehmen, war es möglich, den Widerstand beträchtlich zu verlängern und die Zeit zu benützen, um neue Hilfsmittel und Bundesgenossen zu sammeln.
      Ging es wieder an, zum Angriff zu schreiten, so stand ihr eine gewaltige Flotte zur Verfügung, für die zu Klysma nun auch kleinere Schiffe auf Grund der Erfahrungen erbaut werden sollten, die man bei Actium gemacht.
      Staunend hörten die um die Ruhe der Nacht betrogenen Männer dem wohllautenden Flusse der Rede dieser Frau zu, die im tiefsten Mißgeschick einen Rettungsplan von so abenteuerlicher Größe ersonnen hatte und ihn besser zu begründen verstand, als es einem von ihnen gelungen wäre. Scharf gespannt folgten sie ihr von Satz zu Satz. – Ihre Rede aber erhob sich zu immer höherem Schwunge und gewann an Kraft und Tiefe, je deutlicher sie die unverfälscht enthusiastische Bewunderung wahrnahm, die ihr die Zuhörer zollten.
      Völlig unmöglich und unausführbar erschien auch nicht dem ältesten und besonnensten der überraschende Vorschlag. Einige, und unter ihnen Gorgias, der dem Vater bei der Wiederherstellung des Serapeums an der Ostgrenze des Delta geholfen und dabei die Gegend von Heroonpolis kennen gelernt hatte, fürchteten die Schwierigkeiten, die eine Erderhebung in der Mitte der Landenge dem Unternehmen in den Weg stellen würde. Doch was zur Zeit des Sesostris gelungen war, warum sollte es jetzt unausführbar erscheinen?
      Noch größere Besorgnis erregte die Kürze der Zeit, die zur Verfügung stand, und die Nachricht, daß bei der Herstellung des Kanals, den der Pharao Necho schon .beinahe vollendet hatte, 120,000 Arbeiter zu Grunde gegangen seien. Die Wasserstraße war damals nicht fertig gestellt worden, weil ein Orakel behauptet hatte, sie werde nur den Fremden, den Phöniziern, zu gute kommen.
      Das alles wurde erwogen, konnte indes die Meinung nicht erschüttern, daß der Plan der Königin unter besonders günstigen Umständen ausführbar sei, wenn es auch, um ihn zu verwirklichen, berghohe Schwierigkeiten zu überwältigen galt. Was auf den Aeckern sonst die Hände regte und nicht für das Heer herangezogen werden mußte; sollte zur Arbeit aufgeboten werden.
      Keine Stunde des Aufschubs war gestattet. Wo es kein Wasser gab, um die Schiffe zu tragen; mußte der Versuch gemacht werden, sie zu Land fortzuziehen. An Hilfsmitteln fehlte es nicht. Die Mechaniker, die Obelisken und Kolosse vom Katarakt nach Alexandria zu befördern verstanden, konnten hier wieder den Geist und das alte Können bewähren.
      Lebhaftere, ja leidenschaftlichere Teilnahme hatte der zündende Geist der Kleopatra noch nie in einer um sie vereinigten Ratsversammlung erweckt als bei dieser nächtlichen Sitzung, und als sie endlich geschlossen wurde, umbrauste Kleopatra der laute Zuruf begeisterter Männer.
      Die Heimkehr der Königin und was man den Räten von der verlorenen Schlacht mitgeteilt hatte, sollten sie als Geheimnis bewahren.
      Zu den Leitern des Unternehmens war auch Gorgias gesellt worden, und der Geist, die Stimme, die herzgewinnende Anmut Kleopatras hatten ihn in solches Entzücken versetzt, daß er schon wahrzunehmen glaubte, neue Liebe beginne seiner Neigung für Helena verhängnisvoll zu werden.
      Es war ja thöricht, seine Wünsche so hoch zu erheben; er sagte sich aber dennoch, einem begehrenswerteren Weibe als der Kleopatra nie begegnet zu sein. Der Enkelin des Philosophen gedachte er trotzdem mit aller Wärme und es that ihm leid, daß er kaum Zeit finden würde, um Abschied von ihr zu nehmen.
      Der Siegelbewahrer Zeno, der Oheim des Dion, hatte ihn beim Eintritt in den Sitzungssaal in sonderbar geheimnisvoller Weise nach dem Neffen befragt, und die Antwort erhalten, die Wunde, die Cäsarion ihm mit einem kurzen römischen Schwerte in die Schulter beigebracht hatte, sei zwar nicht leicht, doch, wie die Aerzte versicherten, heilbar.
      Das schien dem Oheim zu genügen, und bevor der Baumeister ihm noch recht ans Herz legen konnte, die schützende Hand über den Neffen zu breiten, entschuldigte er sich und wandte ihm mit einem Gruße an den Verwundeten den Rücken.
      Der Hofmann hatte sich noch nicht überzeugt, wie die Majestät diese peinliche Angelegenheit aufnähme, und er war dazu in der That mit Geschäften überhäuft. Das neue Unternehmen erheischte die Ausstellung einer großen Zahl von Vollmachten, die sämtlich durch seine Hand gingen.
      Jedem der Fachmänner, die mit der Ausführung ihres Planes betraut worden waren, gab die Königin ein gütiges, ermunterndes Wort mit auf den Weg. Auch dem Gorgias gestattete sie, ihr das Gewand zu küssen, dabei geriet ihm das bewegliche Herzblut in neue Wallung. Am liebsten hätte er sich diesem wunderbaren Weibe zu Füßen geworfen und ihm mit seinen Diensten auch das Leben zur Verfügung gestellt. Und Kleopatra bemerkte die schwärmerische Glut seines Blickes.
      Unter den Verehrern der Barine war auch er ihr genannt worden. Es mußte doch etwas Besonderes um diese Frau sein! Aber ob es ihr gelungen wäre, eine Schar von ernsten Männern für eine große, halb unmögliche That so zu entflammen, sie zu so begeisterter Bewunderung fortzureißen, wie es ihr, der Besiegten, Bedrohten, eben geglückt war? Gewiß nicht!
      Sie fühlte sich in der Stimmung, der Barine als Richterin und überlegene Rivalin entgegenzutreten.
      Mitten im tiefsten Elend verlebte sie eine glückselige Stunde. Mit frohem Stolz hatte sie wieder empfunden, daß ihr Geist, frisch und ungebeugt, im stande sei, die Besten zu überflügeln, und wahrlich! noch bedurfte sie keines Zauberbechers, um Herzen zu gewinnen.
    



      Zwölftes Kapitel
      Seit einer Stunde befand sich Barine im Palaste. Das prächtig ausgestattete Gemach, in das sie geführt worden war, lag über dem Sitzungssaale, in dem Kleopatra Rat hielt, und bisweilen ließ sich durch die stille Nacht die Stimme der Königin oder der laute Zuruf der Versammlung vernehmen.
      Barine horchte darauf hin, ohne auch nur zu versuchen, den Sinn der Worte, die zu ihr drangen, zu erfassen. Es verlangte sie nur nach einer Ableitung für die tiefe und bittere Erregung, die sie erfüllte. Ja, tief, bitter, bis zur Wildheit heftig war sie, und dabei empfand Barine, wie sehr dieser stürmische Groll der Besonderheit ihres Wesens widersprach.
      Freilich hatte auch die Ruchlosigkeit des Philostratus während der Ehe mit ihm die Grundtiefen ihrer stillen, freundlichen Seele nicht selten erregt, und wenn dann sein Bruder Alexas gekommen war, um sie mit schändlichen Anträgen an den Rand der Verzweiflung zu drängen, hatte sich auch die Bitterkeit zu dem stürmischen Aufruhr der Seele gesellt, und des durfte sie sich jetzt freuen; denn ohne jenen mächtigen Groll in der Zeit des Kampfes wäre sie vielleicht müde und in sehnsüchtigem Verlangen nach Ruhe unterlegen.
      Endlich, endlich war es ihr und den Freunden mit großen Opfern gelungen, sie aus dieser Not zu erlösen. Dem Philostratus war die Einwilligung, sie freizugeben, abgekauft worden. Auch vor den Nachstellungen des Alexas hatte sie längst Ruhe gewonnen; denn er war von seinem Gönner Antonius erst als Gesandter ausgeschickt und dann genötigt worden, ihn in den Krieg zu begleiten.
      Wie hatte sie die friedvollen Tage, die dann kamen, im mütterlichen Hause genossen! Wie schnell war die heitere Ruhe, die sie schon verloren gegeben, ihr in die Seele zurückgekehrt, und heute hatte sie das Schicksal mit der höchsten Glückseligkeit gesegnet, die ihr das Leben bis dahin geboten. Freilich war es ihr nur kurze Stunden vergönnt gewesen, sich ihrer voll zu erfreuen; denn durch den Ueberfall des zügellosen Knaben und die Verwundung ihres Verlobten hatte es eine schwere Trübung erfahren.
      Und wieder war die Mutter im Rechte geblieben, als sie ein zweites Unglück, das dem ersten nur zu bald folgen würde, mit aller Bestimmtheit vorausgesehen hatte.
      Mitten in der Nacht war Barine aus dem Frieden des Hauses, von dem Lager des verwundeten Geliebten gerissen worden. Auf Befehl der Königin war es geschehen, und in bitterer Erregung sagte sie sich, daß die Männer im Rechte wären, die der Tyrannei fluchten, weil sie den freien Menschen in eine willenlose Sache verwandelten.
      Es konnte nichts Gutes sein, das ihr bevorstand, dafür bürgten die Boten, durch die Kleopatra sie zu dieser unerhörten Stunde zu sich beschieden hatte. Die schrecklichsten ihrer Feinde waren es gewesen: Iras, die ihres Verlobten selbst begehrte – Dion hatte es ihr nach dem Ueberfalle bekannt – und jener Alexas, dessen Werbung sie in einer Weise zurückgewiesen hatte, die ein Mann niemals vergibt.
      Wie Iras ihr gesinnt sei, hatte sie bereits erfahren. Das schlanke Mädchen mit dem schmalen Kopfe, der länglich zarten Nase, dem kleinen Kinn, den spitzen Fingern, kam ihr vor wie ein langer, scharfer Dorn. Dieser seltsame Vergleich war ihr schon, während sie ihr den Befehl der Königin, straff und hochmütig ausgerichtet, mit der schreiend hohen Stimme vorgelesen hatte, in den Sinn gekommen. Alles an diesem harten, kühlen, ihr feindseligen Geschöpfe schien ihr spitz wie ein Stachel und bereit, sie zu verderben.
      Schnell und einfach war es mit ihrer Versetzung aus dem Hause der Mutter in den Königspalast gegangen.
      Nach dem Ueberfalle, von dem sie wenig gesehen hatte, weil sie, von Furcht und Entsetzen überwältigt, die Augen geschlossen, war sie mit dem verwundeten Geliebten nach Hause gefahren.
      Dort hatte der Arzt ihn verbunden und Frau Berenike das eigene Schlafgemach schnell und umsichtig in ein Krankenzimmer für ihn verwandelt.
      Barine war nicht mehr von seiner Seite gewichen, nachdem sie sich umgekleidet hatte. Es war mit Sorgfalt geschehen; denn sie kannte sein Gefallen an äußerer Zier. Als sie von den Großeltern vor Sonnenuntergang nach Hause gekommen, war sie allein mit ihm gewesen. Da hatte er ihr den Arm geküßt und gesagt, daß es keinen schöneren gebe, so weit man griechisch rede. Die Gemme, die ihn schmücke, sei seiner wert. Darum hatte sie das Reisegepäck geöffnet, um ihm die Spange zu entnehmen, die ihr Antonius verehrt. Sie zierte ihr wieder den Oberarm, als sie das Krankenzimmer betrat.
      Weil er ihr gesagt, daß er sie am liebsten in dem einfachen weißen Gewande sehe, worin sie ihm vor wenigen Tagen, als er allein mit dem Gorgias bei ihr gewesen war, bis lange nach Mitternacht die ihm liebsten Lieder, als seien sie alle für ihn bestimmt, vorgesungen hatte, war ihre Wahl auf jenes Kleid gefallen. Und sie freute sich, es angelegt zu haben; denn wie glückselig und dankbar hatte der Verwundete die Augen auf ihr ruhen lassen, als sie sich ihm gegenüber niedergelassen hatte.
      Das Reden war ihm von dem Arzte verboten und ihm verordnet worden, wenn es anginge, zu schlafen. Darum hatte Barine ihm auch nur still die Hand gehalten und ihm bloß so oft er die Augen öffnete, ein warmes Wort der Liebe und Ermutigung zugeflüstert.
      So war sie stundenlang bei ihm geblieben und hatte den Posten an seiner Seite nur verlassen, um ihm Arznei zu reichen oder ihm mit Hilfe der Mutter neue Umschläge auf die Wunde zu legen.
      Wenn sich sein männliches Antlitz schmerzlich verzog, hatte es auch ihr wehe gethan; im ganzen aber war ein stilles und freundliches Wohlgefühl über sie gekommen. Sie hatte sich sicher und geborgen im Besitze des geliebten Mannes gefühlt, obgleich sie sich der Gefahren voll bewußt war, die ihn und vielleicht auch sie bedrohten. Aber die Sicherheit des Herzens erfüllte sie voll und ganz und drängte jede Besorgnis tief in den Schatten. Vor ihm waren ihr viele wert und angenehm, einzelne auch begehrenswert erschienen; die heiße Glut einer großen, wahren Liebe aber hatte Dion zum erstenmale in ihrer lebhaften, doch wenig leidenschaftlichen Seele erweckt. Als herrliches Wunder empfand sie, was in den letzten Tagen in ihr vorgegangen war. Wie hatte sie sich gesehnt und gebangt, bis ihr heißester Herzenswunsch erfüllt worden war! Jetzt hatte Dion ihr seine Liebe entgegengebracht, und nichts konnte sie ihr rauben.
      Gorgias und die Söhne ihres Oheims Arius hatten sie auf kurze Zeit aus der Ruhe gestört. Nachdem sie mit guter Kunde fortgegangen waren, hatte Frau Berenike die Tochter gebeten, sich niederzulegen und sie an ihre Stelle treten zu lassen. Aber Barine war nicht von dem Lager des Geliebten gewichen und hatte sich eben das Haar lösen, es neu flechten und die vollen blonden Zöpfe um das Haupt stecken lassen, als, zwei Stunden nach Mitternacht, mit rücksichtsloser Heftigkeit an die Fensterladen geklopft worden war. Frau Berenike hatte gerade den Umschlag von der Wunde genommen; – darum war Barine selbst in das Atrium geeilt, um den Thorhüter zu wecken.
      Doch der Alte hatte noch keine Ruhe gefunden und war ihr zuvorgekommen; sie aber hatte mit einem leisen Aufschrei in dem ersten, der den erleuchteten Vorsaal betrat, den Alexas erkannt. Ihm war Iras mit dicht verhülltem Haupte gefolgt; denn der Sturm brauste immer noch durch die Straßen. Als letzter hatte ein Laternenträger die Schwelle überschritten.
      Der Syrer war der erschrockenen jungen Frau mit einer förmlichen Verbeugung entgegengetreten; Iras aber hatte, ohne sie zu begrüßen oder ihr ein vorbereitendes Wort zu gönnen, den Befehl der Königin wiederholt, und ihr dann beim Licht der Laterne vorgelesen, was Kleopatra in das Wachs des Täfelchens geritzt.
      Als Barine darauf, bleich und ihrer selbst kaum mächtig, die späten Boten ersucht hatte, einzutreten und ihr Zeit zu gewähren, sich für die nächtliche Fahrt vorzubereiten und der Mutter Lebewohl zu sagen, hatte Iras sie keiner Antwort gewürdigt, sondern nur, als habe sie in diesem Hause zu gebieten, dem Thorhüter befohlen, ungesäumt den Mantel der Herrin zu holen.
      Während der Alte sich mit zitternden Knieen entfernte, hatte Iras zu wissen verlangt, ob der verwundete Dion sich hier befinde, und Barine, der diese Frage die Besinnung wieder gab, mit abweisendem Stolze erwidert, die Zuschrift der Königin befehle ihr nicht, sich im eigenen Hause einem Verhör zu unterwerfen.
      Da hatte die andere die Achseln gezuckt und in wegwerfendem Tone dem Alexas zugerufen
      »In der That, ich fragte zu viel. Wer so viele Männer jeden Alters zu sich heranzog, wie kann der mit dem Aufenthalt jedes einzelnen vertraut sein?«
      »Das Herz hat ein getreues Gedächtnis,« versetzte der Syrer in berichtigendem Tone; Iras aber rief verächtlich: »Das Herz?«
      Dann blieb es still, bis an Stelle des Thorhüters Frau Berenike selbst mit dem Mantel herbeigeeilt kam. Bleich und mit blutlosen Lippen legte sie ihn der Tochter um die Schultern und flüsterte ihr dabei mit überströmenden Augen und der Rede kaum mächtig zärtliche und beruhigende Worte zu; doch unterbrach Iras sie bald, indem sie Barine ersuchte, ihr in den Wagen zu folgen.
      Mutter und Tochter umarmten und küßten einander; dann führte der geschlossene Wagen die verfolgte Angeklagte durch den Sturm und das Dunkel auf die Lochias.
      Bis in das Gemach, wo Barine auf die Königin zu warten hatte, war kein Wort zwischen ihr und den Abgesandten der Königin gewechselt worden; hier aber versuchte Iras, sie wieder zum Reden zu bringen; doch schon auf die erste Frage erwiderte Barine, sie habe nichts mit ihr zu teilen.
      Das Gemach war tageshell, doch mit unruhig flackerndem Licht erleuchtet; denn die Luft fand Einlaß durch die undichten, die Fensteröffnungen schließenden Laden an zwei Seiten des Eckzimmers, das ein scharfer und kalter Zugwind durchwehte. Barine schlang den Mantel fester um sich zusammen, und der Sturm, der den vom Meer bespülten Palast umheulte, paßte zu der heftigen Erregung ihrer Seele. Ob sie in sich hinein oder um sich her schaute, – da war nichts, was sie beschwichtigt hätte als die Sicherheit, geliebt zu sein, die vorhin auch die Furcht von ihr fern gehalten hatte. Jetzt war es die Empörung, die der Angst wehrte, sich ihrer zu bemächtigen. Und doch mußte jeder ruhige Gedanke ihr sagen, daß sie von allen Seiten bedroht sei. Schon die Art und Weise, mit der Iras und Alexas mit einander flüsterten, ohne ihrer zu achten, deutete auf schwere Gefahr; denn so mißachtend erweisen sich Höflinge nur gegen die, von denen sie wissen, daß sie die Ungunst, ja der Groll des Herrschers bedroht.
      Barine hatte in der Ehe mit einem jeden Zartgefühls baren, so übel gesinnten wie zungenfertigen Manne manches schwer Erträgliche hinzunehmen gelernt; als sie aber den Alexas nach einer Bemerkung der Iras, die ihr gelten mußte, auflachen hörte, mußte sie sich Gewalt anthun, um der Feindin nicht ins Gesicht zu rufen, wie tief sie die feige Grausamkeit ihres Betragens verachte. Aber es gelang ihr, sich Schweigen aufzuerlegen. Irgendwie indes mußte sich der schmerzliche Zwang, den sie sich anthat, dennoch Lust machen, und während die Not ihrer gepeinigten Seele aufs höchste stieg, rannen ihr schwere Thränentropfen über die Wangen.
      Auch sie waren von der Gegnerin bemerkt und zur Zielscheibe ihres Witzes gemacht worden; doch diesmal hatte der Spott die Wirkung auf den Syrer verfehlt; denn statt zu lachen, war er ernster geworden und hatte dem Mädchen etwas zugeraunt, das Barine wie Tadel oder wie eine Warnung erschien. Die Antwort der Iras war nur ein verächtliches Achselzucken gewesen.
      Barine hatte längst bemerkt, daß die Mutter ihr in der Angst und Verwirrung den eigenen Mantel statt des ihren umgehängt hatte, und auch dieser Umstand schien der Feindin nicht zu gering, um eine Kränkung daran zu knüpfen.
      Aber der kindische Uebermut, der sich des sonst keineswegs würdelosen Mädchens bemächtigt zu haben schien, war nur die Maske, womit sie die eigene bittere Seelenpein verdeckte. Der Heiterkeit, in die sie der Mantel der Feindin zu versetzen schien, lag eine ernstere Erwägung zu Grunde. Das graue, schlecht passende Ding entstellte Barine, und sie wünschte der Königin das sichere Gefühl, die Nebenbuhlerin auch an äußerem Reiz weit zu überbieten. Niemand, auch nicht Kleopatra, konnte bei solchem kühlen Zugwind einer schützenden Hülle entbehren, und ihr stand nichts besser als der purpurne Umwurf mit den in den zarten Wollstoff gestickten schwarzen und goldenen Drachen und Greifen. Iras hatte gesorgt, daß er für sie bereit lag. Wie eine Bettlerin mußte Barine neben ihr erscheinen, wenn Alexas auch behauptete, das blaue Kopftuch stände ihr reizend.
      Er war ein niedrig gesinnter Lüstling, der, von reichen Gaben des Geistes und großem Wissen unterstützt, kein Mittel gescheut hatte, um sich die Gunst des Antonius, des freigebigsten der Gönner, zu erschleichen. – Die Abweisung, die der an bessere Erfolge gewöhnte Mann von seiten der Barine erfahren hatte, war schwer zu verwinden gewesen; doch er gab es noch nicht auf, sie zu gewinnen. Niemals war sie ihm begehrenswerter erschienen als in ihrer rührenden Ohnmacht. Selbst gemeineren Naturen widerstrebt es, Wehrlose martern zu sehen, und als Iras einen neuen Giftpfeil gegen sie versandt hatte, gestattete er sich, auf die Gefahr hin, die Bundesgenossin zu verstimmen, die leise Bemerkung:
      »Sonst reicht man den Verurteilten, bevor es zu Ende geht, ihr Lieblingsgericht. Ich habe keinen Grund, ihr Gutes zu wünschen; das aber würde ich ihr gönnen; Dich dagegen scheint es zu ergötzen, ihr Wermut auf die letzten Bissen zu gießen.«
      »Gewiß!« versetzte sie keck, und die Augen blitzten ihr hell aus. »Die Schadenfreude ist die reinste der Freuden; wenigstens für mich diesem Weibe gegenüber.«
      Da streckte ihr der Syrer mit einem seltsamen Lächeln die Hand hin und sagte:
      »Bleibe mir wohlgesinnt, Iras!«
      »Denn,« fiel sie ihm höhnisch ins Wort, »es kann üble Folgen nach sich ziehen, mich zur Feindin zu haben. Das glaube ich selbst. Für die eigene Person bin ich übrigens nicht sonderlich empfindlich. Wer es aber wagt,« – und hier erhob sie die Stimme – »der einen wehe zu thun, der ich ... Hör' nur den Jubel! Wie sie wieder die Herzen mit sich fortreißt! Und hätte das Schicksal sie zur Bettlerin gemacht, die erste der Frauen bliebe sie dennoch. Sie ist wie die Sonne. Die Wolke, die in ihre lichte Bahn tritt, wird verzehrt und verschwindet.«
      Bei dem letzten Satze hatte sie der jungen Frau das volle Antlitz zugewandt, und die scharfe Stimme der Iras drang Barine wieder wie ein Dorn ins Gehör, als jene ihr endlich gebot, sich für das Verhör bereit zu halten.
      Gleich daraus fiel die Thür, vom Zugwind erfaßt, krachend in das Schloß zurück. Sie hatte sich dem »Einführer« 
      Hofmarschall geöffnet, der nach einem raschen Umblick ausrief:
      »In diesem Stelldichein für alle vier Winde wird nicht empfangen. Die Majestät wünscht im Muschelsaale mit dem späten Gaste zu reden.«
      Dabei winkte er Barine mit einer höflichen Verneigung und führte sie und die anderen durch mehrere Gänge und Räume in ein wohl durchwärmtes Vorgemach.
      Hier waren auch die Fensteröffnungen gut vor dem Sturme geschützt. Einige Leibwächter und dienstthuende Pagen aus dem Corps der »königlichen Knaben« standen zu ihrem Empfange bereit.
      »Da ist es gut sein,« wandte sich Alexas der Iras zu. »Soll uns vielleicht der Winter von vorhin mit doppelter Dankbarkeit für die Wonnen des milden Frühlings in diesem gesegneten Raume erfüllen?«
      »Mag sein,« entgegnete sie verdrossen und fuhr dann leise fort: »Hier auf der Lochias halten übrigens die Jahreszeiten die übliche Folge nicht ein. Sie wechseln, wie es dem höchsten Willen gefällt. Statt unserer vier haben die Aegypter, wie Dir bekannt sein wird, nur deren drei; – in den Palästen am Nil sind sie dafür unzählbar. Worauf dieser schnelle Eintritt des Sommers wohl deutet? Der Winter hätte mir für diesmal besser gefallen.«
      Die Königin hatte – Iras wußte nicht warum –ihre Anordnungen für den Empfang Barines umgestoßen. Das verdroß sie, und ihre Züge gewannen ein bedrohlich düsteres Ansehen, als die junge Frau sich von Mantel und Kopftuch befreit hatte und in dem an Schnitt und Stoff edlen, doch einfachen weißen Gewande, der Königin harrend, dastand. Die vollen blonden Zöpfe, die ihr das wohlgeformte Haupt schlicht umgaben, verliehen ihr ein beinahe kindlich jugendliches Aussehen, und es war Iras bei diesem unerwarteten Anblick, als werde sie, und Kleopatra mit ihr, überlistet.
      In dem halbdunklen Atrium des Hauses am Paneum hatte sie nur bemerkt, daß Barine etwas Weißes trug. Wenn es nur das Nachtgewand gewesen wäre, um so besser! Doch, wie sie da ging und stand, hätte sie sich bei der Feier der Isis zeigen können. Mit der feinster Ueberlegung wäre es nicht möglich gewesen, etwas Passenderes und Kleidsameres zu finden! Und ging denn dies eitle Weib mit kostbarem Goldschmuck zur Ruhe? Oder wie kam ihr sonst die Spange an den Oberarm?
      Jeder der Reize Kleopatras war für Iras, die sie alle kannte, wie ein eigener köstlicher Besitz. Auch nur den kleinsten von einer andern überboten zu sehen, verdroß sie, und daß sie an dem Weibe dort Formen traf, die sie nicht weniger schön finden mußte, brachte sie auf, ja schnitt ihr ins Herz.
      Seit sie wußte, daß sie um der Barine willen nichts mehr von dem Manne hoffen dürfe, auf dessen Liebe sie ein Anrecht zu haben meinte von Kind an, haßte sie die junge Frau. Und zu dem vielen, das dazu kam, ihre feindselige Gesinnung zu steigern, gehörte auch die Mißempfindung, in den letzten Stunden sich unwürdig gegen sie verhalten zu haben. Wäre ihr nur früher zu Gesicht gekommen, was die Feindin unter dem Mantel verbarg, sie hätte schon Mittel und Wege gefunden, ihrer Erscheinung ein anderes Ansehen zu geben. Wie sie war, mußte sie indes jetzt bleiben; denn da trat Charmion schon ein. Aber dieser Stunde folgten noch andere, und wenn die nächsten nicht über das Schicksal der Verhaßten entschieden, sollten es doch spätere thun.
      Charmion, die Schwester ihres Oheims Archibius, die ihr bis vorhin eine liebe Genossin und mütterliche Freundin gewesen, war ihr dazu nicht nötig. Aber was hatte sie nur? Es wollte Iras scheinen, als mischte sich in ihre freundlichen Züge etwas Abweisendes, das sie bis dahin nie an ihr wahrgenommen hatte. Trug auch daran die Sängerin schuld? Und was war das?
      Dies Verhalten der älteren Genossin entschied die Frage, ob sie der Heimgekehrten noch wie früher die Liebe der dankbaren Nichte entgegenbringen solle. Nein! Sie würde es nicht mehr über sich gewinnen. Charmion sollte fühlen, daß sie, Iras, solche Bevorzugung ihrer Feindin als Kränkung empfand. Hinter ihrem Rücken gegen sie zu wirken, lag nicht in ihrer Art. Sie hatte den Mut, dem Gegner ihre Abneigung zu zeigen, und sie fürchtete Charmion nicht genug, um es ihr gegenüber anders zu halten. Sie wußte, daß der Maler Leonax, der Vater Barines, dem Herzen der Genossin nahe gestanden, aber damit ließ es sich nicht rechtfertigen, daß sie das Weib begünstigte, das ihr, ihrer Nichte, den Mann abwendig machte, den sie – jene wußte darum – von Kind an liebte.
      Was Charmion anging, so hatte sie eben lange mit dem Bruder geredet und im Palaste erfahren, daß Barine mitten in der Nacht zu der Königin beschieden worden wäre, und so hatte sie in der festen Ueberzeugung, daß Uebles mit der jungen Frau im Werke sei, der heute schon so viel Erschütterndes an Glück und Unglück begegnet war, das Wartezimmer betreten. Ihr gutes, nicht mehr junges Gesicht aber, das das graue, schlichte Haar so anspruchslos und gefällig umrahmte, war Barine vorgekommen wie winkendes Land dem verschlagenen Schiffer.
      Was ihr so stürmisch und bitter die Seele getrübt hatte, kam zur Ruhe, und wie ein geängstigtes Kind der Mutter war sie der Schwester des Freundes entgegengeeilt, und Charmion hatte ihr angesehen, was ihr die Seele bewegte.
      Es ging nicht an, sie im Palast und unter den gegenwärtigen Umständen zu küssen; aber sie zog, um der Iras zu zeigen, daß sie bereit sei, die schützende Hand über die Verfolgte zu breiten, die Tochter des Freundes an sich. Barine aber schaute mit flehenden, Rettung heischenden Blicken zu ihr auf und flüsterte ihr mit überströmenden Augen zu: »Hilf mir, Charmion! Mit Blicken und Worten hat sie mich gequält, beleidigt, erniedrigt, – so grausam, so hämisch! Hilf mir, ich ertrag' es nicht länger!«
      Da hatte Charmion das freundliche Haupt geschüttelt und ihr leise geboten, sich zu fassen. Sie habe der Iras den Geliebten genommen; das möge sie bedenken. Was es sie auch koste, sie dürfe keine Thräne mehr vergießen. Die Königin sei gnädig. Sie, Charmion, werde ihr beistehen. Alles komme darauf an, sich der Kleopatra so zu zeigen, wie sie sei, nicht wie die Verleumdung sie ihr dargestellt habe. Sie möge ihr antworten, als stelle sie selbst oder Archibius die Frage.
      Dabei strich sie ihr mit mütterlicher Freundlichkeit über Stirn und Augen, und der jungen Frau war es, als habe die Güte selbst den Sturm in ihrer Seele zur Ruhe gebracht. Wie aus einem schweren Traum erwacht, schaute sie sich um, und jetzt erst nahm sie wahr, in einem wie reich geschmückten Raume sie sich befand, wie beifällig die Knaben vom makedonischen Pagencorps auf sie schauten, wie heimelig das Feuer im Kamine brannte. Das Heulen des Sturmes steigerte jetzt das Wohlgefühl, unter einem festen Dache zu weilen, und Iras, die dem »Einführer« an der Thür etwas zuflüsterte, erschien ihr nicht mehr wie ein stechender Dorn oder ein tückischer Dämon, sondern wie ein keineswegs unschönes weibliches Wesen, das sie abstieß, dem sie aber selbst das Uebelste angethan hatte, das einem Frauenherzen nur immer zugefügt werden kann. Dabei dachte sie auch wieder an den wunden Geliebten daheim und daß, was auch käme, sein Herz nicht jener dort, sondern ihr allein gehörte. Endlich kam ihr in den Sinn, wie Archibius das Kind Kleopatra geschildert, und an diese Erinnerung schloß sich die Ueberzeugung, daß die allmächtige Frau ihr weder grausam noch ungerecht begegnen würde, und daß es mit in ihrer eigenen Hand läge, sie sich zu gewinnen. Auch Charmion war ja die Vertraute der Königin, und wenn das Verhalten der Iras und des Alexas geeignet gewesen war, sie zu ängstigen, so durfte das ihre sie mit Zuversicht erfüllen.
      Das alles flog ihr blitzschnell durch den Sinn. Es wurde ihr aber auch nur kurze Zeit zum Denken gelassen; denn schon während sie das Haupt an die Brust der Beschützerin geschmiegt hatte, war der Einführer mit dem Rufe: »In wenigen Minuten wird die erhabene Majestät die Vorgeladenen erwarten!« in das Zimmer getreten.
      Bald darauf erschien ein Kämmerer und winkte mit einem Wedel von Straußenfedern, und unter Vortritt der Hofbeamten ging es durch einige hell erleuchtete, prächtig ausgestattete Räume.
      Barine schritt wieder aufrecht und freier atmend dahin, und als die hohen und breiten Flügel des Ebenholzthores sich öffneten, von dessen tiefem Schwarz sich das Elfenbein der eingelegten Tritonen, Meerweiber, Muscheln, Fische und Seeungeheuer scharf abhob, bot sich ihr ein glänzender, überraschender Anblick; denn der Saal, den Kleopatra zu ihrem Empfange gewählt hatte, war über und über mit den verschiedenartigsten Gebilden des Meeres, von der Muschel bis zur Koralle und dem Seesterne, bedeckt.
      Ein hohes und breites Gebäu von Tropfsteingebilden und natürlichen Felsblöcken im Hintergrunde des Saales umschloß eine tiefe Grotte. Das riesengroße Haupt eines Ungeheuers schaute aus ihr hervor, und sein weit geöffneter Rachen bildete die Feuerstätte des Kamins. Es brannten darin, hell auflodernd, wohlriechende arabische Hölzer, und aus den Rubinglasaugen des Drachen strahlte ein rötlicher Glanz hell in den Saal hinein und vermischte sich mit dem Lichte der weißen und rosenfarbigen Lampen in Gestalt der Lotosblume, die zwischen goldenen und silbernen Ranken und Schilfgruppen an Wand und Decke befestigt waren. Sie erfüllten den weiten Raum mit jenem milden Lichte, dessen rosiger Schimmer die matte Hautfarbe Kleopatras besonders vorteilhaft hervorhob.
      Einige Truchseß und Mundschenken, der Oberjägermeister, Audienzerteiler, Kämmerer, zum Palastdienst gehörende Frauen, Eunuchen und andere Hofbeamte harrten hier der Königin, und Pagen aus dem makedonischen Kadettencorps der königlichen Knaben umstanden schlaftrunken und gesenkten Hauptes den kleinen Thronsessel von Gold, Korallen und Bernstein, dem Kamin gegenüber, der der Herrscherin wartete.
      Barine hatte diesen prächtigen Saal und andere noch glänzendere im Sebasteum schon gesehen, und dieser Prunk erregte oder beunruhigte sie darum mit nichten. Nur die vielen Höflinge hätte sie fortgewünscht. Konnte es denn die Absicht Kleopatras sein, sie vor den Augen all dieser Männer, Frauen und Knaben zu verhören?
      Sie fürchtete sich nicht mehr, das Herz schlug ihr aber dennoch schnell genug. So hatte es ihr als heranwachsendem Mädchen gepocht, wenn man sie aufgefordert hatte, vor Fremden zu singen.
      Endlich hörte sie Thüren gehen, und eine unsichtbare Hand öffnete den schweren Vorhang zu ihrer Rechten.
      Den Regenten, den Siegelbewahrer und die ganze glänzend geschmückte Heerschar, in deren Begleitung die Königin sich stets bei feierlichem Anlaß zeigte, hatte sie diesen Prunksaal betreten zu sehen erwartet. Warum hätte man ihn sonst zum Schauplatz des nächtlichen Verhörs gewählt?
      Aber was war das?
      Während sie noch der Schaustellung beim Adonisfeste gedachte, begann sich der Vorhang schon wieder zu schließen. Die Höflinge, die den Thronsitz umstanden, richteten sich auf, die Pagen hatten der Müdigkeit vergessen, und alle zusammen brachen in die griechischen Bewillkommnungszurufe und in das: »Leben, Heil, Gesundheit!« aus, womit die Aegypter den Herrscher begrüßten.
      Die mittelgroße Frau, die sie jetzt vor dem Vorhang gewahrte, und die ihr, während sie allein und losgelöst von jeder Umgebung den großen Raum durchschritt, kleiner vorkam als während des bunten Gedränges beim Adonisfeste, es mußte die Königin sein.
      Ja, sie war es!
      Da stand auch schon Iras an ihrer Seite, da trat Charmion mit dem »Einführer« ihr entgegen. Die Frauen machten sich mit ihr zu schaffen. Jetzt nahm Iras ihr den verbrämten Purpurmantel mit den schwarzen und goldenen Drachen von der Schulter. Welch ein köstliches Meisterwerk der Weberei mußte das sein!
      Alles, wogegen sie sich wohl verteidigen sollte, drängte sich in blitzschneller Folge dem Geiste Barines auf; daneben aber machte sich doch auch für einen Augenblick der thörichte Weiberwunsch in ihr geltend, den prächtigen Mantel zu sehen und zu befühlen.
      Aber schon legte Iras ihn einer der Frauen auf den Arm, und nun schaute Kleopatra sich um und schritt mit jugendlich elastischem Schritt auf den Thronsessel zu.
      Da bemächtigte sich Barines wieder das Angstgefühl, dessen sie sich vorhin aus früheren Jahren erinnert hatte; doch zugleich damit kam ihr die Geschichte vom Epikuräergarten und die Versicherung des Archibius in den Sinn, auch sie wäre von der Königin mit warmer Begeisterung geschieden, hätte sich nichts Störendes zwischen sie gedrängt.
      Und dies Störende, war es denn wirklich vorhanden?
      Nein! Die eifersüchtige Einbildungskraft der Kleopatra, sie allein hatte es geschaffen! Wollte sie ihr jetzt nur gestatten, sich auszusprechen, so sollte sie hören, daß Antonius so wenig nach ihr, wie sie nach dem Knaben Cäsarion fragte. Was hinderte sie, hier zu bekennen, daß ihr Herz einem andern gehörte? Auch seinen Namen brauchte sie nicht zu verschweigen. Iras hatte es selbst verschuldet, wenn sie ihn schonungslos vor ihr aussprach.
      Jetzt wandte Kleopatra sich an den »Einführer« und zeigte auf den Thron und seine Umgebung.
      Ja, sie war schön! Und wie wach und heiter blickte ihr großes, glänzendes Auge, trotz der verhängnisvollen Tage, die hinter ihr lagen und der durchwachten Sturmnacht.
      Die Aufnahme, die ihr kühner Rettungsgedanke gefunden hatte, hob Kleopatra noch immer das Herz, und mit milderen Gefühlen und Absichten ging sie Barine entgegen. Statt des von Iras für den Empfang bestimmten Raumes hatte sie einen freundlicheren gewählt. Für jede Stimmung brauchte sie eine passende Umgebung. Sobald sie den Höflingskreis bemerkte, der den Thron umgab, befahl sie, ihn zu entlassen. Der »Einführer« hatte ihn, um der üblichen Form zu genügen, aus freiem Antrieb in den Audienzsaal befohlen; doch seine Anwesenheit hätte dieser Begegnung eine Form gegeben, die der Königin jetzt widerstand.
      Sie wollte prüfen, nicht richten.
      In einer so guten Stunde war es ihr Bedürfnis, sich gnädig zu erweisen. Vielleicht hatte sie sich um dieses Weibes willen vergeblich beunruhigt. Dies wollte ihr sogar wahrscheinlich erscheinen; denn wer sie so liebte wie Antonius, konnte kaum nach der Gunst einer andern trachten. Das hatte ein kurzes Gespräch mit dem obersten Opferschauer, einem würdigen Greise, neu bestätigt; denn nachdem er vernommen, wie Antonius ihr bei Actium nachgeeilt war, hatte er Antlitz und Hände wie verzückt erhoben und ihr zugerufen: »Unglückliche Königin! Glückseligste der Frauen! So heiß geliebt ward noch keine, und wenn sie von dem edlen Troja erzählen, daß es um eines Weibes willen schwere Leiden willig erduldet, so werden ferne Geschlechter der Frau rühmend gedenken, deren unüberwindlicher Zauber den Größten seiner Zeit, den Helden der Helden zwang, Sieg und Ruhm und die Hoffnung auf die Herrschaft der Welt wie nichtigen Tand von sich zu werfen.«
      Die Nachwelt, vor deren Verdikt ihr gegraut – der alte, weise Künder der Zukunft hatte recht – als die am heißesten geliebte, die begehrenswerteste aller Frauen mußte sie sie preisen.
      Und Marcus Antonius? Hätte auch die magische Kraft des Nektanebus-Bechers ihn gezwungen, ihr zu folgen und die Schlacht zu verlassen, so blieb sein Testament doch bestehen, von dem Zeno, der Siegelbewahrer, ihr am Schlusse der Sitzung eine Abschrift gezeigt hatte, die ihm aus Rom zugekommen war. »Wo er auch sterben werde,« hieß es darin, »wünsche er neben der Kleopatra bestattet zu werden.« Octavian hatte es den vestalischen Jungfrauen entrissen, denen es zur Aufbewahrung übergeben worden war, um die Herzen der Römer und ihrer Matronen mit Empörung gegen seinen Feind zu erfüllen. Es war ihm gelungen, sie aber hatte dies Schriftstück erinnert, daß ihr Herz diesem Manne die Erstlinge seiner jungen Blüten geschenkt, daß die Liebe zu ihm der Sonnenschein ihres Lebens gewesen.
      So war sie denn erhobenen Hauptes über die Schwelle des Raumes getreten, in dem sie dem Weibe begegnen wollte, das sich vermessen hatte, Unkraut in ihren Garten zu säen. Nur kurze Zeit wünschte sie dieser Unterredung zu widmen, doch sie schaute ihr mit dem Wohlgefühl des Starken entgegen, der des Sieges gewiß ist.
      Als sie sich dem Throne näherte, verließ das Gefolge den Saal.
      Nur Charmion und Iras, der Siegelbewahrer Zeno und der »Einführer« waren geblieben.
      Kleopatra warf einen kurzen Blick auf den Sessel, und eine unterwürfige Handbewegung des Hofmannes lud sie ein, sich seiner zu bedienen; doch sie blieb stehen und faßte Barine ins Auge.
      War es der farbige Glanz auf den Rubinglasaugen des Drachen im Kamin, der nun den rosigen Schimmer über die Wangen Kleopatras hauchte? Sicherlich hob er die Schönheit ihres Angesichts, das jetzt nur zu oft, wenn die Schminke nicht nachhalf, fahl war und der Farbe entbehrte; Banne aber begriff die glühende Begeisterung des Archibius für diese seltene Frau, als Kleopatra sie mit einem leisen Lächeln näher zu treten ersuchte.
      Etwas Herzgewinnenderes ließ sich nicht denken, als die ungemachte, von stolzer Herablassung himmelweit entfernte Freundlichkeit dieser mächtigen Fürstin.
      Je weniger Barine solchen Empfang erwartet hatte, desto tiefer ward sie ergriffen, ja die Augen wurden ihr feucht von dankbarer Rührung, und sie gewannen dadurch einen so köstlichen Glanz, und daneben stand die frohe Ueberraschung ihr so gut, daß die Königin meinte, die Monde, die seit ihrer ersten Begegnung mit der Sängerin vergangen, hätten ihre Schönheit gesteigert.
      Und wie jung die Angeklagte war! Im Fluge überschlug Kleopatra die Jahre, die Barine als Gattin des Philostratus und dann als anziehendes Haupt eines gastlichen Hauses verlebt haben sollte, und es fiel ihr schwer, das Aussehen dieses jugendlich frischen Geschöpfes mit dem Ergebnis der Rechnung zu vereinbaren. Ueberraschend war auch das vornehme Etwas, das man der Erscheinung der Malerstochter nicht absprechen konnte. In ihrer Kleidung sogar machte es sich geltend, und Iras hatte sie doch mitten in der Nacht aus der Ruhe gestört und ihr sicher keine Zeit gelassen, für ihr Aeußeres zu sorgen.
      Etwas Unfeines, Herausforderndes erwartete sie an der Frau zu finden, von der es hieß, sie habe so viele Männer an sich gelockt, doch davon hätte selbst das bitterste Uebelwollen keine Spur an ihr entdeckt. Im Gegenteil. Die Befangenheit, deren sie noch nicht vollständig Herr geworden war, verlieh ihr ein jungfräulich zages Ansehen. Alles in allem war Barine ein reizendes Geschöpf, das die Männer gewiß durch Munterkeit, Anmut und schönen Gesang anzog, nicht durch Gefallsucht und Keckheit. Daß ihr hervorragende geistige Bedeutung eigen sei, glaubte Kleopatra nicht. Nur eins hatte Barine darum vor ihr voraus: die Jugend. Von ihrem Zauber hatte die Zeit jener noch nichts geraubt, ihr aber schon manches: wie viel, das wußte sie allein und ihre Vertrauten; doch in dieser Stunde vermißte sie es nicht.
      Mit einer tiefen, bescheidenen Verneigung trat Barine der Königin näher; sie aber begann das Gespräch, indem sie die späte Stunde liebenswürdig entschuldigte, in der sie sie zu sehen gewünscht. »Doch,« fuhr sie fort, »Du gehörst ja zu unseren Philomelen, die in der Nacht, was sie bewegt, am willigsten und schönsten uns anderen erschließen.«
      Da schaute Barine einen Augenblick schweigend zu Boden, und als sie den Blick wieder hob, versetzte sie immer noch leise und befangen: »Ich singe wohl, hohe Königin, doch mit dem Vogel habe ich nichts mehr gemein. Die Flügel, die mich als Kind forttrugen, wohin ich begehrte, sie verloren die Schwungkraft. Nicht, als versagten sie völlig den Dienst; um sich zu regen bedürfen sie aber jetzt guter Stunden.«
      »Das hätte ich von Deiner Jugend, Deinem schönsten Besitze, noch nicht erwartet,« entgegnete die Königin. »Doch es ist gut so. Auch ich – wie lange ist's her – war ein Kind, und meine Einbildungskraft überflog selbst den Adler. Straflos durfte sie es wagen. Jetzt ... Wer im Leben steht, thut wohl, die Schwingen ruhen zu lassen. Der Sterbliche, der sich des dennoch unterfängt, kommt leicht der Sonne zu nahe, und wie dem Ikarus schmilzt ihm das Wachs von den Schwingen. Laß Dir das sagen! Für das Kind ist die Einbildungskraft nährendes Brot. Später brauche man sie nur noch als Salz, als Würze, als anfeuernden Wein. Wohl weist sie uns auf viele Wege und zeigt uns ihr Ende, doch von hundert Wanderungen, zu denen sie ihn aufruft, bequemt der reife Mensch sich kaum zu einer. Kein lästiger Parasit wird beharrlicher und schärfer abgewiesen als sie. Wer mag es der Mißhandelten verdenken, stellt sie sich uns mit den Jahren weniger willig zu Diensten. Der Weise hält ihr das Ohr immer offen, doch die thätige Hand leiht er ihr nur selten. Sie aus dem Leben verbannen, das hieße freilich den Pflanzen das Blühen, der Rose den Duft, dem Himmel die Sterne entziehen.«
      »Aehnliches sagte ich mir oft in weniger klarer und schöner Form, wenn das Dasein sich mir trübte,« entgegnete Barine leicht errötend; denn sie fühlte, daß diese Darlegung doch wohl bestimmt sei, sie vor zu hochfliegenden Wünschen zu warnen. »Aber, hohe Frau, auch darin stellten Dich, die große Königin, die Götter über uns andere. Uns würde das Leben oft kläglich verarmen ohne die Phantasie, die uns mit eingebildeten Gütern beschenkt. Du hast die Macht, Dir tausend Dinge zu gewähren, die uns Kleinen nur die Einbildungskraft als erreichbar schildert.«
      »Du denkst,« entgegnete die Königin, »es gehe mit dem Glücke wie mit dem Reichtum, und am glückseligsten sei, wer die meisten Glücksgüter besitze. Das Gegenteil, glaub' ich, ließe sich leicht genug beweisen. Der Satz: je mehr jemand hat, desto weniger braucht er zu wünschen, ist ebenso falsch, obgleich sich ja hienieden nur eine bestimmte Anzahl von begehrenswerten Dingen findet. Wer von zehn Solidi, die zu verteilen sind, schon einen besitzt, sollte eigentlich nur noch nach neun Verlangen tragen und wäre dadurch um einen Wunsch ärmer als der andere, dem keiner gehört. Doch es verhält sich wohl anders. Daß mich die Gottheit mit etlichen vergänglichen Gaben mehr belastete oder beschenkte als Dich und viele andere, ist allerdings nicht zu leugnen. Du scheinst Dir einen hohen Begriff von ihnen zu machen. Eine oder die andere ist wohl auch darunter, die Du Dir nur mit Hilfe der Einbildungskraft zueignen könntest. Darf man fragen, welche Dir am begehrenswertesten erschiene?«
      »Diese Wahl,« erwiderte Barine befangen, »bitte ich Dich, mir zu erlassen. Aus Deinem Schatze bedarf ich nichts, und was die anderen Güter angeht ... Mir fehlt ja so vieles; wie aber das Edelste und Höchste aus dem Besitz des wunderbar begabten Lieblings der Götter zu dem Geringen und Kleinen passen würde, das ich mein eigen nenne, das steht dahin, und ich weiß nicht ...«
      »Ein berechtigter Zweifel!« fiel ihr die Königin ins Wort. »Der Lahme, der sich ein Roß wünschte, bekam es, und beim ersten Ritte brach er den Hals. Das einzige Gut, – es ist das höchste – das sicher zur Glückseligkeit führt, es läßt sich nicht verschenken und von dem einen auf den andern übertragen. Wer es erwarb, dem kann es schon der nächste Augenblick rauben.«
      Der letzte Satz war der Königin leise und nachdenklich von den Lippen geklungen; Barine aber erinnerte sich der Erzählung des Archibius und sagte bescheiden: »Du denkst an das höchste Gut des Epikur: die vollendete Ruhe der Seele.«
      Da leuchteten die Augen Kleopatras heller auf, und mit lebhafter Teilnahme frug sie: »Du, Enkelin eines Denkers, kennst die Lehre des Meisters?«
      »Nur oberflächlich, große Königin. Mein Geist ist von geringerer Art als der Deine. Es fällt ihm schwer, sich ein philosophisches Lehrgebäude bis in die Keller und die entlegenen Kammern und Gänge zu eigen zu machen.«
      »Doch Du hast es versucht?«
      »Andere gaben sich vielmehr Mühe, mich in die Stoa einzuführen. Das meiste vergaß ich, nur eins ist mir geblieben. Ich weiß auch warum. Es gefiel mir.«
      »Und dies Eine?«
      »Es ist das Gebot, vernünftig, das heißt so zu leben, wie die eigene Natur es uns vorschreibt. Der Befehl, alles zu meiden, was im Widerspruch steht zu der einfältigen, uns selbst ureigenen Weise, sagte mir zu, und wo ich Verkünsteltes, Gemachtes sah und Geziertes, da schreckte es mich zurück, und aus der Lehre des Großvaters zog ich mir das Gesetz, ich könnte für mich selbst und alle Verständigen nichts Besseres thun, als, soweit das Leben es gestattet, so zu bleiben, wie ich als Kind gewesen war, bevor ich noch das erste Wort von Philosophie gehört und den Zwang gefühlt hatte, den die Gesellschaft und ihre Formen uns auferlegen.«
      »Also auch dahin vermag die Stoa zuführen!« rief die Königin heiter, und indem sie sich an die Genossin der eigenen Studien wandte, fügte sie hinzu: »Hörtest Du, Charmion? Wenn es uns nur gelungen wäre, die Vernünftigkeit und ungetrübte, zweckmäßige Ordnung des Weltlebens zu erkennen, an die die Stoa, die so viel Verkehrtes, Krankes, zum Widerspruch Reizendes fordert, das meiste andere knüpft. Wie kann ich, um vernünftig zu leben, es der Natur nachthun, wenn mir in ihrem Werden, Sein und Walten so viel begegnet, was meiner menschlichen Vernunft, die ein Teil der göttlichen ist, so entschieden widerspricht?«
      Hier stockte sie, und plötzlich veränderte ihr Antlitz den Ausdruck.
      Sie war der jungen Frau ganz nahe getreten, und während sie ihr gegenüber stand, hatte sich ihr Blick an die Gemme geheftet, die ihr den Oberarm schmückte.
      War es ihr Anblick, der Kleopatra so heftig bewegte, daß ihre Stimme den bestrickenden Wohllaut verlor, als sie rauh und unwillig fortfuhr: »Das also ist der Urquell all dieses Unheils! Schon als Kind war mir diese zum Vernünftigen umgestempelte Willkür, die unter der Maske sittlicher Strenge einhergeht, zuwider. Da haben wir's ja! Hört ihr das Geheul des Sturmes? Wie draußen, so gibt es auch in der Menschennatur Unwetter und Zerstörung bringende Vulkane, und ist eines Sterblichen ureigenes Wesen voll von solchen verwüstenden Kräften wie die Gegend des Vesuvius oder Aetna; wohin es dann führt, ihr nachzuleben, das steht uns hier leibhaft vor Augen. Ja wohl! Dem Stoiker ist es untersagt, die Harmonie und schöne Ordnung der Dinge im Leben, auch die, die der Staat als besonderer Gott vorschreibt, zu stören. Aber unserer Natur zu folgen, wohin sie uns führt, dies Wagnis ist so gefährlich, daß wem die Macht eignet, ihm beizeiten ein Ziel zu setzen, verpflichtet ist, es zu thun. – Und mir eignet diese Macht, und ich werde sie brauchen!«
      Dann frug sie mit eiserner Strenge: »Wie es zu den Anforderungen Deiner Natur, Weib, zu gehören scheint, anzulocken und zu entflammen, was Mann heißt, und trüge es auch noch nicht das Gewand der Epheben, so scheint es sich auch mit dem Gefallen an eitlem Schmuck zu verhalten. Oder« – und dabei streckte sie die Hand gegen die Schulter der jungen Frau aus – »oder wie käme Dir sonst in der Zeit der nächtlichen Ruhe diese Spange an den Arm?«
      Barine war der großen Veränderung in der Haltung und Sprache der Königin mit wachsender Besorgnis gefolgt. Sie sah sich jetzt wiederholen, was ihr nach dem Adonisfeste begegnet war, und diesmal wußte sie, was die Eifersucht Kleopatras erregte. Sie, Barine, trug das Geschenk des Antonius am Arme. Tief erblaßt suchte sie nach einer passenden Antwort, doch bevor sie eine solche fand, trat Iras der eifernden Königin an die Seite und sagte: »Dies Armband ist das Gegenstück dessen, das Dein hoher Gemahl Dir verehrte. Auch das der Sängerin wird ein Geschenk des Marcus Antonius sein. Sie wie alle Welt schätzt den edlen Imperator als den größten Mann seiner Zeit. Wer möchte ihr darum verdenken, daß sie es hochhält und es auch in der Schlafenszeit nicht ablegt?«
      Da war es der Angeklagten abermals, als treffe sie der Stich eines Dornes, doch so heftig auch die Bitterkeit, die sie vorhin empfunden, wieder in ihr aufwallte, zwang sie sich doch, die schickliche Ruhe zu bewahren, und rang nach einem Worte der Entgegnung; doch sie fand nicht das rechte und schwieg.
      Die Wahrheit hatte sie geredet; denn von früh an war sie, ohne nach dem Urteile der Menschen zu fragen, wie die stoische Lehre es vorschrieb, der ihr eigenen Natur gefolgt, und sie hatte es wagen dürfen, weil diese Natur lauter war, wahrhaftig, dem Schönen zugewandt und dazu frei von jenen unzähmbaren, vulkanischen Trieben, deren die Königin gedacht. Die heitere Gelassenheit ihrer Seele hatte Genüge gefunden an der Pflege ihrer Kunst und dem geselligen Umgang mit Männern, die ihr an dem regen Leben ihres Geistes teilzuhaben gönnten. Erst heute hatte sie erfahren, daß die erste große Leidenschaft ihres Herzens Erwiderung gefunden. Jetzt war sie fest mit dem Geliebten verbunden und wußte sich, rein und frei von Schuld, besser berechtigt, Achtung auch von strengern Sittenrichtern zu fordern als die Frau, die sie verdammte, und das bösartige Weib dort, das nicht abgelassen hatte, dem Dion seine Liebe entgegenzutragen.
      Das schmerzliche Gefühl, mißverstanden und mit Unrecht verurteilt zu werden, verband sich mit der Furcht vor dem Schrecklichen, das die allmächtige Frau, deren klaren Geist niedrige Eifersucht und der Groll des verletzten Mutterherzens trübten, über sie verhängen konnte, um ihr die Sprache zu lähmen. Dazu verwirrte sie die feindselige Erregung, die der Anblick der Iras in ihr erweckte. Zwei- und dreimal faßte sie sich zusammen, um eine Erklärung, eine Verteidigung zu versuchen, doch die Zunge versagte ihr den Dienst.
      Als Charmion ihr endlich näher trat, um ihr zuzusprechen, war es zu spät; denn die aufgebrachte Königin hatte ihr den Rücken gewandt und der Iras zugerufen: »Man halte sie auf der Lochias zurück. Ihre Schuld ist erwiesen; – doch der Verletzten, der Anklägerin kommt es nicht zu, die Strafe zu verhängen. Das sei dem Richter überlassen, vor den wir sie stellen.«
      Da hatte Barine die Sprache wieder gefunden. Wie durfte Kleopatra behaupten, sie sei eines Vergehens überführt, ohne ihre Verteidigung zu hören? So sicher, wie sie sich unschuldig fühlte, mußte es ihr zu beweisen gelingen, daß sie es sei, und in dieser Ueberzeugung rief sie der Königin mit rührend dringlicher Bitte nach: »O möge Deine hohe Majestät nicht von mir gehen, ohne mich zu hören! So wahr ich an Deine Gerechtigkeit glaube, darf ich von Dir fordern, mir noch einmal das Ohr zu leihen. Gib mich nicht dieser da preis, die mich haßt, weil mich der Mann zu sich erhob, den sie ...«
      Hier wurde sie von der Königin unterbrochen. Die fürstliche Würde verbot ihr, den eifersüchtigen Anklagen des einen Weibes gegen das andere zuzuhören; mit dem feinen Gefühle, womit eine Frau die Gesinnung der andern durchschaut, hörte sie aber aus dem klagenden Rufe Barines heraus, daß sie aufrichtig glaube, zu streng beurteilt zu sein. Sie mochte wohl auch Grund haben, an den Haß der Iras zu glauben, und Kleopatra wußte, wie schonungslos die jüngere Vertraute ihr Mißliebige verfolgte. Ihren Rat, die Sängerin aus dem Wege zu räumen, hatte sie zurückweisen müssen, und sie schauderte noch immer davor zurück; denn was in ihr war, warnte sie, die Seele gerade jetzt mit einem neuen, ihre Ruhe trübenden Frevel zu belasten. Dazu hatte ihr anfänglich vieles an diesem eigenartigen, anmutigen Geschöpfe gefallen, doch der verletzende Gedanke, Antonius habe ihr und der Malertochter das nämliche Geschenk geboten, wirkte noch so mächtig in ihr nach, daß sie das äußerste Maß der Gnade und Selbstbeherrschung anzuwenden meinte, als sie, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden, in den Saal zurückrief: »Diesem Verhör wird ein anderes folgen. Ist die Zeit dazu gekommen, muß die Angeklagte dem Richter zur Verfügung stehen, und sie bleibt darum auf der Lochias und in Gewahrsam. Es ist mein Wille, daß ihr keine Unbill widerfahre. Du bist ihr wohlgesinnt, Charmion. Einstweilen vertraue ich sie Dir an. Nur« – und dabei erhob sie die Stimme – »meine Ungnade, wenn ihr die Möglichkeit geboten wird, den Palast auch nur auf einen Augenblick zu verlassen und außer mit Dir, mit wem es auch sei, zu verkehren.«
      Damit verließ sie den Saal und begab sich in ihre Gemächer. Sie hatte die Nacht zum Tage gemacht, nicht nur um schnell zu erledigen, was ihr keinen Aufschub zu dulden schien, sondern mehr noch, weil ihr seit Actium vor den ruhelosen Stunden auf dem einsamen Lager graute. Sie wollten kein Ende nehmen, und wenn sie früher sich gern der unerhört glänzenden Pracht und Ueppigkeit erinnert hatte, womit sie ihr Liebesleben mit dem Antonius umgeben, warf sie sich in diesen Stunden vor, das Gut ihres Volkes maßlos vergeudet zu haben. Die Gegenwart wollte ihr unerträglich erscheinen, und aus der Zukunft drang ein Heer von schwarzen Sorgen auf sie ein.
      Die nächsten Tage waren überfüllt mit Geschäften. Die Hälfte der Nächte brachte sie auf der Sternwarte zu. Nach Barine hatte sie nicht wieder gefragt. Am fünften Abend ließ sie sich von Alexas auf die kleine Sternwarte, die auf der Lochias bereits für ihren Vater hergerichtet worden war, führen, und der Günstling des Antonius wußte ihr zu beweisen, daß ein ihren Planeten schon lange bedrohender Stern der des Weibes sei, das sie so sorglos vergessen zu haben schien wie seine frühere Warnung vor der nämlichen Feindin.
      Die Königin ließ dies nicht gelten, er aber fuhr eifrig fort: »In der Nacht nach der Heimkehr bewährte Deine Güte sich wieder in ihrer unerschöpflichen, für uns weniger Edle unbegreiflichen Fülle. Tief bewegt folgten wir bei jenem merkwürdigen Verhöre dem ergreifenden Schauspiel, wie das größeste der Herzen sich der eigenen Maße bediente, um, was klein und verächtlich, zu messen. Bevor es aber zu einem zweiten Verhöre kommt, gebieten mir die der Zukunft kundigen Wanderer da oben, Dich noch einmal zu warnen; denn jede Miene jenes Weibes war wohlberechnet, jedes Wort verfolgte einen Zweck, jeder Laut ihrer Stimme sollte etwas bewirken. Was sie auch äußerte und äußern mag, es kann nichts beabsichtigen, als meine erhabene Gebieterin zu täuschen. Noch kam es ja zu keiner bestimmten Frage und Antwort. Doch Du wirst sie verhören lassen, und dann ... Was sie wohl aus der Geschichte vom Marc Anton, der Barine und den beiden Armspangen macht? Es kann ein Meisterstück werden!«
      »Du kennst ihren wahren Verlauf?« frug Kleopatra, und ihre Finger schlossen sich fester um den Stift in ihrer Hand.
      »Wär' es der Fall.« versetzte Alexas mit einem vielsagenden Lächeln, »dürfte der verschwiegene Hehler den Dieb nicht verraten.«
      »Auch nicht, wenn der Bestohlene – die Königin Dir den unredlichen Besitz herauszugeben befiehlt?«
      »Leider müßte ich auch dann den Gehorsam verweigern; denn sieh, hohe Gebieterin! nur zwei lichte Himmelskörper gibt es, um die mein dunkles Leben sich dreht. Soll ich den Mond verraten, wenn mir sicher bewußt ist, dadurch nichts zu bewirken, als der Sonne die warme Leuchtkraft zu trüben?«
      »Das heißt, Deine Mitteilung würde mir, der Sonne, zur Kränkung gereichen?«
      »Wenn Deine große Seele nicht zu hoch steht, um von jenen Schatten erreicht zu werden, die Frauen von geringerer Art mit unbegreiflich selbstquälerischer Lust zu sich heranziehen.«
      »Meinst Du Deine Rede durch die Schleier anziehend zu machen, die Du ihr vorhängst? Durchsichtig sind sie ja, und hindern das Auge nur wenig. Meine Seele, meinst Du, sollte frei sein von Eifersucht und anderen Schwächen meines Geschlechtes. Darin irrst Du! Ich bin ein Weib und will es sein und bleiben. Wie der Chremes des Terenz sagt, er sei ein Mensch und nichts Menschliches ihm fremd, so stehe ich nicht an, mich zu allem, was weiblich ist, zu bekennen. Anubis erzählte mir von einer Königin aus der alten Zeit, von der die Inschriften nicht sagen durften ›sie‹, sondern ›er kam‹, oder ›er, die Herrscherin, siegte‹. Närrin! Was mich angeht, so steht mir meine Weiblichkeit nicht weniger hoch als die Krone. Ich war Weib, bevor ich Königin wurde. Auch vor meiner leeren Sänfte werfen sie sich nieder; wenn ich aber in jüngeren Jahren mit dem Antonius in tollem Uebermut verkleidet die Straßen durchzog und einen Festplatz aufsuchte, und die Jünglinge sich die Augen nach mir aussahen, und es hinter uns hertönte: ›Ein schönes Paar!‹, dann durfte ich stolzen Mutes nach Haus gehen. Aber es gab noch Größeres für das Weib zu erfahren! Wenn das Herz in der Königinnenbrust Thron und Scepter vergaß und in den blühenden Stunden, die Eros weihte, von dem eigenen Ich nichts übrig blieb als das Weib, dann gab es Wonnen zu kosten, wie der Mann sie nicht kennt, der nur beglückt sein will, indes wir ... Doch was könnt ihr Männer, die ihr nur fordert und begehrt, von der Wonne des Gewährens und der Hingabe wissen? ... Ein Weib bin ich, und über keine Regung des weiblichen Wesens bin ich erhaben, noch möchte ich's sein, und was ich jetzt frage, nicht als Königin thu' ich's, sondern als Weib.«
      »Ist das der Fall,« unterbrach sie Alexas mit der Hand auf dem Herzen, »dann legst Du mir vollends Stillschweigen auf; denn wollte ich dem Weibe Kleopatra bekennen, was mir die Seele bewegt, so machte ich mich eines doppelten Verbrechens schuldig. Ich bräche die Verschwiegenheit und verriete den Freund, der die hohe Gemahlin auch meinem Schutze vertraute.«
      »Jetzt wird mir das Dunkel zu tief.« versetzte Kleopatra und hob das Haupt mit abweisendem Stolze. »Oder, gefiele es mir, den Schleier zu heben, so müßte ich Dich auf die Schranken verweisen ...«
      »Die die Königin umgeben,« fügte der Syrer mit einer unterwürfigen Verbeugung ergänzend hinzu. »Da siehst Du's! Es gehört eben zu den unmöglichen Dingen, das Weib von der Fürstin zu sondern. Was mich betrifft, so will ich jenes nicht aufbringen gegen den überkühnen Verehrer und dieser den schuldigen Gehorsam bewahren. Darum bitte ich Dich, von dem Armband und dem vielen Peinlichen, das sich damit verbindet, auf etwas anderes überzugehen. Vielleicht bekennt die schöne Barine Dir das alles noch selbst und fügt gar hinzu, wie sie den liebenswürdigen Sohn des größten der Männer und der bewunderungswürdigsten unter den Müttern, den jungen König Cäsarion, sich einfing.«
      Da flammten die Augen der Königin heller auf und unwillig rief sie: »Wie von Dämonen besessen fand ich den Knaben vorhin. Den Verband wollte er sich von der Wunde reißen, wenn man ihm das Weib, das er liebe, nicht gönnte. An einen Zaubertrank zu denken, läge nahe genug, und sein Hofmeister schiebt natürlich alles auf magische Künste. Charmion versichert dagegen, seine Besuche hätten die Verführerin verdrossen und dazu auch geängstigt. Durch ein strenges Verhör allein wird sich da Licht schaffen lassen. Wir wollen die Heimkehr des Imperators erwarten. Glaubst Du, daß er die Sängerin aufs neue aufsuchen wird, wenn er wieder hier ist? Du bist sein nächster Vertrauter. Willst Du sein Bestes und liegt Dir etwas an meiner Gunst, so läßt Du das Zaudern und beantwortest die Frage.«
      Da gab sich der Syrer das Ansehen, als sei er nach schwerem Ringen mit sich einig geworden, und versetzte bestimmt: »Sicher und gewiß besucht er Barine, wenn Du ihn nicht davon zurückhältst. Am einfachsten ließe das alles sich freilich schlichten, wenn man ...«
      »Nun?«
      »Wenn man ihm gleich bei der Landung eröffnete, sie sei nicht mehr zu finden. Diesen Auftrag ließe ich mir besonders gern von meiner königlichen Sonne erteilen.«
      »Und glaubst Du, es würde Deinem Monde das Licht ein wenig trüben, wenn er sie vergebens hier suchte?«
      »So sicher, wie das Gegenteil der Fall wäre, wenn er sich der unvergleichlichen Herrlichkeit seiner Sonne stets so dankbar bewußt bliebe, wie sie es verdient. Helios duldet, so lang er am Himmel prangt, kein anderes Gestirn. Sein Glanz verlöscht alle übrigen. Meine Sonne wünscht es, und das Sternlein Barine verschwindet.«
      »Genug! Ich weiß nun, worauf Du es absiehst. Doch ein Menschenleben ist nichts Kleines, und auch dies Weib ist das Kind einer Mutter. Da gilt es überlegen, ernst erwägen, ob es nicht ohne das Aeußerste angeht. Es muß mit allem Eifer und mit gutem Willen geschehen ... Aber ich ... Jetzt, da das Geschick dieses Landes, mein eigenes und das der Kinder auf dem Spiele steht, wo keine Viertelstunde mir selbst gehört und das Schreiben und Rathalten kein Ende nimmt, darf ich mir nicht mit dergleichen die Zeit verkümmern. Der überlegende Geist ...«
      »Unbeeinträchtigt,« rief der Syrer eifrig, »muß es ihm vergönnt sein, die mächtigen Schwingen zu regen. Die Lösung der kleineren Aufgaben überlasse getrost zuverlässigen Freunden.«
      Hier wurden sie von dem Einführer unterbrochen, der das Erscheinen des Regenten Mardion meldete. Er komme mit Angelegenheiten, die keinen Aufschub duldeten, trotz der späten Stunde.
      Alexas begleitete die Königin in das Tablinum. Dort fanden sie den Eunuchen. Ein Sklave trug ihm eine Tasche voller Briefrollen nach, die zwei Boten aus Syrien soeben gebracht hatten. Es fanden sich etliche darunter, die ungesäumt beantwortet werden mußten. Auch der Siegelbewahrer wartete und mit ihm der Exeget. Sie waren so spät erschienen, um wegen der Maßregeln Rücksprache zu nehmen, die man gegenüber der aufgeregten Bürgerschaft zu ergreifen habe. Was von der Flotte gerettet worden war, hatte gestern mit bekränzten Schiffen, als hätte man einen großen Sieg erfochten, den Einzug in den Hafen gehalten. Es war den Heimkehrenden laut genug zugejubelt worden, doch die Nachricht von der Niederlage bei Actium hatte sich dennoch windesschnell verbreitet. Jetzt rottete die Menge sich zusammen; vor dem Sebasteum war es zu bedrohlichen Kundgebungen gekommen, auf dem Serapeumsplatze hatten die Truppen eingreifen müssen, und es war Blut geflossen.
      Da lagen die Briefrollen. – Der Siegelbewahrer bemerkte, es wären auch wegen des Kanals neue Vollmachten nötig, und der Exeget bat dringend um ein entscheidendes Wort.
      »Viel, viel,« murmelte Kleopatra vor sich hin. Dann richtete sie sich höher auf und rief: »Wohl denn, an die Arbeit!«
      Doch Alexas ließ sie nicht sogleich dazu kommen; denn er hatte sich ihr demütig genähert, und während sie sich vor dem großen Schreibtische niederließ, raunte er ihr zu: »Und bei alledem soll meine hohe Gebieterin Zeit und Geist an die Ruhestörerin verschwenden? Deine göttliche Majestät gerade mit dieser Nichtigkeit zu stören, ist Verbrechen; es muß aber begangen werden; denn bleibt diese Angelegenheit noch länger unbeachtet liegen, so kann aus dem sickernden Bächlein ein Bergstrom werden ...«
      Hier wandte Kleopatra, deren Blick eben auf einen verhängnisvollen Brief des Königs Herodes gefallen war, dem Günstlinge des Gatten das halbe Antlitz zu und rief mit glühenden Wangen ein kurzes »Sogleich«.
      Dann durchflog sie das Schreiben, schob es heftig erregt von sich und entledigte sich des Wartenden mit dem ungeduldigen Rufe: »Besorge Du denn das Verhör und das andere. Keine Ungerechtigkeit, doch auch keine unzeitige Milde. Ich werfe selbst noch einen Blick auf diese widrige Sache, bevor der Imperator zurückkehrt.«
      »Und die Vollmacht?« frug der Syrer mit einer neuen tiefen Verbeugung.
      »Du hast sie. Brauchst Du Schriftliches, so wende Dich an Zeno. Auf eine ruhigere Stunde!«
      Der Syrer zog sich zurück; Kleopatra aber wandte sich dem Eunuchen zu und rief glühend vor Erregung, indem sie auf den Brief des Königs der Juden wies: »Sahst Du je einen schändlicheren Undank! Die Ratten denken, das Schiff sinke, und es sei Zeit, es zu verlassen. Gelingt es uns, es über Wasser zu halten, kehren sie scharenweise wieder, und es muß, muß, muß geschehen, um dieses teuren Landes und seiner Selbständigkeit willen ... Und die Kinder, die Kinder! – Alle Kräfte werden jetzt angespannt, jedes Mittel bedacht und benützt. Auf jede schwanke Hoffnung hämmern wir, bis sie zum festen Stahle der Gewißheit wird. Die Nächte verwandeln wir in Tage. Der Kanal erhält uns die Flotte, in Afrika findet Marc Anton den Pinarius Scarpus mit unberührten, treuen Legionen. Die Gladiatoren hängen uns an. Wir gewinnen sie leicht, und es wimmelt hier oben noch von anderen Gedanken. Aber erst zu den Alexandrinern. Keine Gewalt!«
      An diesen Ruf schloß sie Befehl auf Befehl und verhieß, thue es not, sich selbst dem Volke zu zeigen.
      Voller Bewunderung empfing der Exeget ihre klaren und klugen Verordnungen. Nachdem er sich mit den Begleitern entfernt hatte, wandte die Königin sich wieder dem Regenten zu und sagte: »Wir thaten doch wohl, sie zuerst mit der Siegesbotschaft zu beglücken. Die unerwartete Schreckenskunde hätte sie, ich weiß nicht zu welcher That des Wahnsinns fortgerissen. – Enttäuschung ist ein gemeinerer Schmerz, gegen den weniger starke Mittel helfen. Zudem ließ sich hier manches ordnen, bevor sie wußten, daß ich schon hier sei. Was brachten wir bereits alles zu stande, Mardion! Aber ich gönnte mir auch noch nicht einmal recht den Genuß der Kinder. Die ältesten Freunde, sogar den Archibius, mußte ich auf später vertrösten. Wenn er wieder kommt, wird er vorgelassen. Ich gab schon die Weisung. Er kennt Rom. Ich muß ihn wegen der einzuleitenden Verhandlungen hören.«
      Dabei schauerte sie zusammen, preßte die Hand an die Stirn und rief: »Octavian der Sieger, Kleopatra die Besiegte. Ich, die ich dem Cäsar alles war, Gnade erbettelnd von seinem Erben! Ich, ich als Bittstellerin vor dem Bruder der Octavia! Aber nein, nein ... Noch gibt es hundert Möglichkeiten, das Gräßliche zu verhüten. Doch wer das Feld zwingen will, Frucht zu tragen, der muß rüstig graben, den Schöpfeimer ziehen, pflügen und säen. An die Arbeit denn, an die Arbeit! ... Wenn Antonius heimkehrt, muß er alles vorbereitet finden. Gegenüber dem ersten Erfolg gewinnt er die verlorene Thatkraft zurück. Den Brief dort überflog ich schon, während ich mit dem Stadthaupte sprach ... Jetzt diktir' ich die Antwort.«
      Und so saß sie und las und schrieb und ließ schreiben, hörte zu, gab Antwort und erteilte Befehle, bis der Osten sich erhellte, der Morgenstern erblaßte und der Regent sie tief erschöpft bat, ihrer Kräfte und seiner Jahre zu gedenken und ihm auf einige Stunden Ruhe zu gönnen.
      Da ließ auch sie sich in das tief verdunkelte Schlafgemach führen, und diesmal schloß ihr ein gütiger, traumloser Schlummer die übermüdeten Augen und hielt sie geschlossen, bis das laute Geschrei der Menge, die erfahren, daß die Königin heimgekehrt sei und sich auf die Lochias gedrängt hatte, sie weckte.
    



      Dreizehntes Kapitel
      Während dieser Ruhestunden hatten Iras und Charmion sich abwechselnd in ihrer Nähe gehalten. Als sie sich erhob, leistete ihr die jüngere Vertraute die nötigen Dienste. Bis zum Abend durfte sie sich der Herrin widmen; denn die Gefährtin, die ihr jetzt im Wege stand, sollte erst am Abend zurückkehren. Bevor Charmion gegangen, hatte sie indes Sorge getragen, daß ihre Gemächer, in denen Barine, seit die Königin sie dahin gewiesen, als willkommener Gast weilte, gut bewacht wurden. Der Befehlshaber der makedonischen Jünglingsgarde, der sich vor vielen Jahren vergeblich um ihre Gunst bemüht hatte und endlich der treueste und ergebenste ihrer Freunde geworden war, hatte es auf sich genommen, sie sorgfältig zu überwachen.
      Dennoch wußte Iras den Schlaf der Gebieterin und die Abwesenheit der älteren Genossin zu benützen. Daß ihre Wohnung und darum auch Barine unzugänglich für sie sei, hatte sie erfahren. Bevor sich etwas gegen die Gefangene unternehmen ließ, mußte sie auch erst mit dem Alexas die nötigen Verabredungen treffen. Der Fehlschlag ihrer Erwartung, die Nebenbuhlerin in den Staub treten zu sehen, hatte ihren eifersüchtigen Groll in Haß verwandelt, und war sie auch ihre Nichte, übertrug sie doch ein Teil davon auf Charmion, die sich schützend zwischen sie und ihr Opfer stellte.
      Sie hatte den Syrer zu sich beschieden, doch auch er war spät zur Ruhe gekommen und ließ lange auf sich warten. Der Empfang, den das ungeduldige Mädchen ihm bereitete, war darum auch anfänglich nichts weniger als warm, doch gewann er bald eine freundlichere Gestalt.
      Zunächst rühmte Alexas sich, die Königin bewogen zu haben, ihm Barine auf Gnade und Ungnade in die Hand zu geben. Wenn er sie um Mittag verhöre und schuldig finde, hindere ihn nichts, sie gegen Abend den Giftbecher leeren oder erdrosseln zu lassen. Das Ding sei aber gefährlich, weil der Anhang der Sängerin groß und nicht ohne Macht sei. Im Grunde wünsche Kleopatra doch wohl nichts sehnlicher, als sich von der gefährlichen Nebenbuhlerin zu befreien; er kenne aber die Großen. Gehe er thatkräftig vor und mache ein schnelles Ende., so werde die Königin, um der guten Nachrede willen, ihn mit der eigenen That belasten. Antonius sei unberechenbar, und an seiner Gunst hänge sein Wohl und Wehe. Am gefährlichsten könne die Hinrichtung der Sängerin vom letzten Adonisfeste auf das Volk von Alexandria wirken. Es sei ohnehin tief aufgebracht, und sein Bruder, der es kenne, sage, es zerfließe hier vor Jammer und dort stehe es im Begriff, in unsinniger Wut einen blutigen Aufstand zu erheben. Von dieser Brut sei alles zu befürchten; doch Philostratus verstehe, es zu mancherlei zu bereden, und seines Beistandes habe er sich vorhin versichert.
      In der That war dem Alexas das Versöhnungswerk gelungen. Während der Stegreifredner mit Barine vermählt gewesen war, hatte sie den Schwager des Hauses verwiesen und ihr Gatte sich mit dem Bruder entzweit, der seines Weibes begehrte. Nachdem dieser aber in der Gunst des Antonius hoch gestiegen und von seiner offenen Hand mit Gold überschüttet worden war, hatte Philostratus sich ihm wieder genähert, um seinen Anteil an dem neuen Reichtum zu fordern. Und die Quelle, aus der Alexas schöpfte, floß mit so unerschöpflicher Fülle, daß das Geben dem Günstlinge nicht schwer fiel. Beide waren so gewissenlos wie verschwenderisch, und es bewährte sich an ihnen die Erfahrung, daß gemeinen Naturen immer ein Steg zur Verfügung steht, der den Zwiespalt überbrückt. Ist er von Gold, wird er am schnellsten betreten. So geschah es auch hier, und in den letzten Tagen hatte er eine besondere Festigkeit gewonnen; denn jeder war des Beistandes des andern bedürftig.
      Alexas begehrte der Barine, während Philostratus nicht mehr nach ihr fragte. Dafür haßte er den Dion mit einem so heißen Durste nach Rache, daß er für dessen Befriedigung selbst die Hoffnung auf neuen Gewinn preisgegeben hätte. Die Demütigung, die ihm der hochmütige makedonische Edle zugefügt hatte, und der Hohn, womit er durch seine Schuld überschüttet worden war, gingen ihm nach wie lästernde Verfolger, und er fühlte, daß er sich ihrer nur zugleich mit dem Urheber seiner Schmach entledigen könne. Ohne den Bruder hätte er sich begnügt, ihn mit der verleumderischen Zunge in Schaden zu bringen, – unter seinem mächtigen Beistand konnte er ihm Schwereres anthun, vielleicht sogar an Freiheit und Leben. Sie hatten darum vorhin eine Verabredung getroffen, nach der Philostratus sich verpflichtete, das Volk mit allem zu versöhnen, was der Barine auch zugefügt werden mochte, und nach der der andere es auf sich nahm, dem Bruder zu helfen, sich blutig an Dion zu rächen.
      Mit dem Tode Barines konnte dem Alexas nicht gedient sein. Ihr Anblick hatte ihn aufs neue entflammt. Er wollte sie endlich besitzen. Im Kerker, vielleicht auf der Folter sollte sie gezwungen werden, seine rettende Hand zu ergreifen. Das alles duldete indes keinen Aufschub. Es mußte vor der Rückkehr des Antonius erledigt sein, und diese stand in der nächsten Zeit zu erwarten. Der verschwenderische Gönner hatte ihn so reich gemacht, daß er es ertragen konnte, wenn er um dieser Angelegenheit willen mit ihm zerfiel. Auch ohne ihn hätte er jetzt mit Barine einen fürstlich üppigen Hausstand in einer Stadt seiner syrischen Heimat zu führen vermocht.
      Bei der Versicherung des Günstlings, er werde Barine schon morgen der schützenden Hand der Charmion entziehen, kam Iras ihm freundlicher entgegen. Gegen seine Versicherung, das neue Verhör könne zwar nicht zu einem Todesurteil führen, wohl aber zum Transport in die Bergwerke oder dergleichen, konnte sie keinen ernsten Einwand erheben.
      Vorsichtig unterrichtete Alexas sich dann, wie Iras über den Todfeind seines Bruders dachte. Sie war ihm übel gesinnt, doch als er andeutete, daß auch er der strafenden Gerechtigkeit zu übergeben wäre, zeigte sie sich so bedenklich, daß er davon abbrach und die Rede wieder auf die zu Verurteilende führte. Da stellte sie sich ihm wieder mit dem ihr eigenen feurigen Eifer zur Verfügung und es wurde beschlossen, morgen, während Charmion am Vormittage den Dienst bei der Königin hatte, die Verhaftung vornehmen zu lassen.
      Iras wußte guten Rat zu erteilen. Eines der Gefängnisse war ihr vertraut. Sie hatte seine Thore manchem Unglücklichen geöffnet, von dem sie glaubte, daß sie mit seinem Verschwinden der Königin einen Dienst leisten werde. Wie eine ihr zukommende Pflicht war es ihr erschienen, Hand in Hand mit dem Siegelbewahrer der Gebieterin zuvorzukommen, wo es ihrer Güte schwer gefallen wäre, ein strenges Urteil zu sprechen, und Kleopatra hatte sich dergleichen gefallen lassen, ohne es zu begünstigen oder zu loben. Was dort vorging, drang nicht, dank der Verschwiegenheit des Wächters, über die festen Mauern und Thore hinaus. Es mochte nicht schön sein in jenem Kerker. Wenn Barine dort das Leben verwünschte, erging es ihr indes immer noch besser als ihr, der Iras, die in den letzten Nächten, wenn sie des Mannes gedacht, der ihre Liebe verschmäht und sie für eine andere preisgegeben hatte, der Verzweiflung nahe gewesen war.
      Als der Syrer ihr schon die Hand zum Abschied entgegenstreckte, frug sie unvermittelt: »Und Dion?«
      »Er wird nicht frei ausgehen können,« lautete die Antwort; »denn Barine ist seine Geliebte, ja der Narr stand im Begriffe, sie als Hausfrau in seinen schönen Palast zu führen.«
      »Ist das wahr, unzweifelhaft wahr?« frug Iras, indem sie zwar die Fassung bewahrte, doch dem Blut nicht wehren konnte, ihr aus Wangen und Lippen zu weichen.
      »Er bekannte es gestern dem Siegelbewahrer, seinem Oheim, in einem Schreiben, worin er ihn beschwor, für die Erwählte, von der er nicht lassen werde, das Seine zu thun. Aber Zeno mag von dieser Nichte nichts wissen. Willst Du den Brief sehen?«
      »Dann freilich,« begann das Mädchen von neuem, und ihre hohe Stimme nahm dabei einen schrillen Klang an, »kann man ihn nicht frei ausgehen lassen. Für die Geliebte setzt er alles ein, und das ist viel, – weit mehr, als Du ahnst, der Du hier halb fremd bist. Die makedonischen Geschlechter halten zusammen. Er gehört zum Rate ... Die Ephebengenossenschaften stehen hinter ihm wie ein Mann ... Und das Volk ... Deinem Bruder, der in meinem Auftrage handelte, verdarb er neulich das Spiel in einer Weise ... Aus dem Brunnentrog zogen sie ihn schließlich heraus, triefend von Wasser und Schande ...«
      »Eben darum wird man ihm den Mund schließen müssen ...«
      Da nickte Iras ihm beipflichtend zu, doch nach einer kurzen Pause fuhr sie auf: »Ich helfe euch, ihn zum Schweigen zu bringen, doch nicht auf immer. Du hörst es! Das Wort des Theodotus von den toten Hunden, die nicht beißen, hat bei uns denen, die ihm folgten, keinen Segen gebracht. Es gibt andere Mittel, sich dieses Mannes zu entledigen.«
      »Ein Vogel sang mir zu, Du hättest ihn nicht ungern gesehen.«
      »Ein Vogel? Dann doch wohl nur eine Eule, die bei Tage nicht sieht. Sein schlimmster Feind, Dein Bruder, möchte wohl lieber als ich für sein Wohlergehen opfern.«
      »Dann beginne ich Teilnahme für diesen Dion zu fühlen.«
      »Ich sah Dich schon neulich mich an mitleidigem Sinn überbieten. Der Tod ist nicht die schwerste der Strafen.«
      »Darum der gnädige Aufschub?«
      »Vielleicht. Es gibt aber hier noch anderes zu erwägen. Zunächst die Zeit, in der alles schwankt, selbst die Königsmacht, die noch vor kurzem eine Mauer war, die so vieles verdeckte und vor jedem Angriffe beschützte. Dann die Person des Dion. Ich zählte ja schon auf, was alles für ihn eintritt ... Dem vielköpfigen Ungeheuer Volk kann die Königin seit Actium nicht mehr zurufen: ›Du mußt‹, sondern ›ich bitte‹. Das andere ...«
      »Die ersten Erwägungen genügen; darf ich aber wissen, was meine weise Freundin über den Beklagenswerten verhängte, dem sie die Gnade entzog?«
      »Zunächst Gefangenschaft hier auf der Lochias. Er befleckte die Hand mit dem Blute des Cäsarion, des ›Königs der Könige‹. Das ist Hochverrat auch in den Augen des Volkes. Suche Dir heute noch den Haftbefehl zu verschaffen.«
      »Wenn es angeht, die Königin mit dergleichen zu stören.«
      »Nicht zu 
      meinen Gunsten, – um 
      sie vor Schaden zu wahren, brauchen wir ihn. Aus dem Wege mit allem, das ihr in diesen Tagen der letzten Entscheidung den klaren Geist trübt! Erst fort mit der Barine, die ihr die Heimkehr verdarb, und ihr nach der Mann, der im stande wäre, um dieses Weibes willen einen Aufruhr in Alexandria zu entzünden. Ihr gehört die große Sorge um Staat und Thron; – die kleinen aus dem Putzzimmer und die das Herz angehen, die nehme ich auf mich.«
      Hier wurde sie von einer der dienenden Frauen Kleopatras unterbrochen.
      Die Königin war erwacht, und Iras eilte auf den Posten.
      Als sie an den Gemächern der Charmion vorbeikam und zwei schmucke Krieger von der makedonischen Jünglingsgarde vor ihnen wachthabend auf und nieder schreiten sah, verfinsterte sich ihr das Antlitz. Nur vor ihr ließ die Gefährtin Barine bewachen. Sie hatte sich von der älteren Frau, deren Nichte sie war, harten Tadel wegen des Weibes, von dem so viel ausging, das ihr weh that, gefallen lassen müssen und dabei bereut, ihr einmal anvertraut zu haben, was sie für den Dion empfinde. Mochte daraus entstehen, was da wollte, der Giftbaum, dem alle diese Qualen, diese Sorgen und Aergernisse entwuchsen, ausgerottet, – aus der Reihe der Lebenden gestrichen mußte er werden.
      Bevor sie das Vorzimmer der Königin betrat, hatte sie der Feindin im stillen das Todesurteil gesprochen. Ihrem findigen Kopfe lag es jetzt ob, den Syrer zu bestimmen, seine Vollstreckung auf sich zu nehmen. War dieser Stein des Anstoßes beseitigt, dann wurde es auch wieder möglich, in guter Eintracht mit Charmion zu leben, dann war Dion wieder frei, und dann ... Wie er sie auch gekränkt hatte, vor dem Hasse des Philostratus und seines Bruders wollte sie ihn beschützen.
      Erleichterten Herzens trat sie vor die Königin. Die Vernichtung des Lebens eines Verurteilten hatte in der Nähe der strafenden Majestät längst aufgehört, ihr tief in die Seele zu greifen. Während sie der vom Schlaf erquickten Herrin die ersten Dienste leistete, erhellte sich ihr das Antlitz mehr und mehr; denn die Königin bekannte ihr unaufgefordert, es freue sie, heute von ihr bedient und nicht immer mit derselben widrigen Angelegenheit, die übrigens bald im reinen sein solle, gestört zu werden.
      In der That war Charmion in dem Bewußtsein, daß kein anderer bei Hofe dies hätte wagen dürfen, mancher Abweisung zum Trotz nicht müde geworden, die Verteidigung Barines zu versuchen, bis Kleopatra ihr gestern jäh aufbrausend befohlen hatte, der Unheilstifterin nicht wieder vor ihr zu gedenken.
      Als Charmion sie bald darauf ersuchte, am nächsten Tage den Dienst der Iras überlassen zu dürfen, war der Königin die heftige Zurückweisung der Freundin schon leid geworden, und sie hatte Charmion, der sie den Urlaub willig erteilte, gebeten, ihr zorniges Ungestüm den Sorgen zu gute zu halten, die sie bedrückten. »Und wenn Du mir das gute, treue Gesicht wieder zeigst,« hatte sie geschlossen, »wirst Du eingesehen haben, daß eine rechte Freundin von einer Unglücklichen, die sie liebt, fern halten sollte, was ihr das ohnehin getrübte Lebenslicht noch tiefer verdunkelt. Der bloße Name dieses Weibes klingt mir wie ein Spottlied in die mühsam erkämpfte Ruhe. Ich will ihn nicht wieder hören.«
      Das hatte so lieb und herzgewinnend geklungen, daß die Kränkung der Charmion wie Eis in der Tonne geschmolzen war. Aber sie ging doch in angstvoller Erregung von ihr; denn Kleopatra hatte, bevor sie das Zimmer verließ, beiläufig bemerkt, sie habe die Sache der Sängerin in die Hand des Alexas gelegt. Es war ihr jetzt doppelt lieb, einen freien Tag vor sich zu haben: denn sie wußte, wie dieser gewissenlose Günstling der jungen Frau gesinnt war und mußte mit dem Archibius besprechen, wie man sie vor dem Schlimmsten behüte.
      Als sie sich spät zur Ruhe begab, half ihr die braune Zofe, die sie aus dem elterlichen Hause in den Hofdienst begleitet hatte. Sie stammte vom Katarakt, wo sie gekauft worden war, als die Familie des Alypius das Kind Kleopatra nach der Isisinsel Philae begleitet hatte. Anukis, so hieß die Nubierin, war dann der zur Jungfrau herangereiften Charmion als erste, ihr allein zugehörende Zofe geschenkt worden, und sie hatte sich so klug, geschickt, bildungsfähig und anhänglich erwiesen, daß die Herrin sie für ihre persönliche Dienstleistung mit in den Palast nahm.
      Wie Charmion an der Königin, so hing Anukis mit warmer, uneigennütziger Liebe an der etwas jüngeren Gebieterin, die sie längst freigegeben und sie so gütig zu sich herangezogen hatte, daß der Interessenkreis der Nubierin nicht weit hinter ihrem eigenen zurückstand. Ihr schlichter, doch scharfer Verstand und ihr natürlicher Witz hatten ihr auch einen gewissen Namen im Palast erworben, und wie Kleopatra sich manchmal herabließ, sie zu einer treffenden Antwort zu reizen, hatte es auch Antonius gethan und, da die leichte Krümmung des Rückens, die sie in der Jugend gehabt, zum Buckel herangewachsen war, ihr den Namen Aisopion, das ist der kleine weibliche Aesop, gegeben. So rief sie nun die gesamte Umgebung der Königin, und auch wenn andere niedriger Gestellte es thaten, ließ sie es sich gefallen, obgleich ihr schlagfertiger Geist der Zunge gestattet hätte, jedes ihr mißfällige Wort scharf genug zurückzuweisen. Aber sie kannte die Lebensgeschichte und die Fabeln des Aesop, der auch einmal ein Sklave gewesen war, und fand es ehrenvoll, mit ihm verglichen zu werden.
      Als Charmion Kleopatra verlassen hatte und sich zur Ruhe begeben wollte, fand sie Barine schon im festesten Schlafe; Anukis aber erwartete sie, und die Herrin vertraute ihr, mit wie schweren Sorgen um Barine sie die Königin verlassen habe. Sie wußte, daß die Nubierin der jungen Frau gut war, die sie als Kind auf den Armen gehalten und deren Vater Leonax oft mit ihr gescherzt hatte. Teilnahmsvoll hatte sie ihren Lebensgang beobachtet, und seit Barine als Gast bei ihrer Herrin weilte, war sie nicht müde geworden, für ihre Zerstreuung und Beruhigung zu thun, was sie vermochte.
      Jeden Morgen hatte sie die Mutter Barines aufgesucht, um sich nach dem Befinden des Dion zu erkundigen, und stets günstige Nachrichten gebracht. Sie kannte auch den Sachwalter Philostratus und seinen Bruder, und da sie den Antonius, der so gütig mit ihr scherzte, gern hatte, war es ihr beklagenswert erschienen, einen so gewissenlosen Menschen wie den Alexas an der Spitze seiner Vertrauten zu sehen. Sie wußte auch um die Nachstellungen, mit denen der Syrer Barine verfolgt hatte, und als Charmion ihr mitteilte, die Königin habe das Schicksal ihres Schützlings in die Hand dieses Mannes gelegt, gewann ihr braunes Antlitz ein erdfahles Ansehen, doch that sie sich Zwang an, um das Entsetzen zu verbergen, womit diese Nachricht sie erfüllte.
      Ihre Herrin wußte ja, was die Wahl dieses Richters für Barine bedeutete. Ihr die Nachtruhe durch das Zurschautragen der eigenen Seelenangst zu trüben, wäre ihr unrecht erschienen. Es war gut, daß Charmion morgen früh den Archibius, den sie für den weisesten aller Männer hielt, um Beistand bitten wollte; aber damit beruhigte sie sich mit nichten. Sie kannte die Fabel von dem Löwen und der Maus, die man lange vor der Zeit des Dichters, dem sie den Spitznamen verdankte, in ihrer Heimat erzählt hatte, und war schon mehr als einmal in der Lage gewesen, weit Größeren und Mächtigeren einen wichtigen Dienst zu leisten. Um Charmion das Einschlafen zu erleichtern und sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte sie ihr von Dion, den sie heute viel besser gefunden hatte, wie zärtlich er Barine zu lieben scheine und wie rührend geduldig und wert des Vaters sie heute wieder die Tochter des Leonax gefunden.
      Als die Herrin entschlummert war, begab sie sich dann in den Saal, wo sie, trotz der späten Stunde, einen Teil der Dienerschaft zu finden erwarten durfte, – sicher, dort als willkommenster der Gäste begrüßt zu werden. Als kurze Zeit nach ihr der Leibsklave des Alexas erschien, füllte sie ihm den Becher, ließ sich neben ihm nieder und suchte mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln sein Vertrauen zu gewinnen. Und es gelang der alternden Nubierin so gut, daß Marsyas, ein hübscher junger Ligurier, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, versicherte, die Aisopion verstehe mit ihren Späßen und Geschichten Tote lebendig zu machen, und mit dem braunen Unhold ganz ernsthaft zu plaudern, sei so vergnüglich, wie mit der blonden Liebsten zu schäkern.
      Als Charmion sich am nächsten Morgen auf den Weg gemacht hatte, wußte die Nubierin den Marsyas wieder zu finden und erfuhr von ihm, daß und zu welcher Stunde Iras den Alexas zu sich berufen. Sein Herr habe jetzt überhaupt viel mit der schmächtigen Makedonierin zu flüstern.
      Bei der Rückkehr der Anukis zeigte Barine sich bekümmert, weil jene diesmal keine Nachrichten von der Mutter und dem Dion brachte, die Nubierin aber bat sie, sich zu gedulden, und trug Bücher und eine Spindel herbei, damit sie sich die Zeit in der Einsamkeit vertreibe. Sie habe in die Küche zu gehen, weil sie gestern gehört, die Koche hätten Pilze gekauft, die giftig sein könnten; sie aber kenne die Schwämme und wolle sie in Augenschein nehmen.
      Damit ging sie in das Schlafgemach der Charmion, öffnete den Gang, der die Zimmerreihen der beiden Vertrauten der Königin verband und schlich sich in die Wohnung der Iras. Als Alexas bei ihr erschien, war sie hinter einem der Teppiche versteckt, die die Wände des Empfangszimmers bedeckten.
      Nachdem der Syrer sich entfernt hatte und Iras abgerufen worden war, kehrte sie zu Barine zurück und sagte, es hätte allerdings Giftpilze gegeben und noch dazu von den allerschlimmsten. Sie wären auch schon gekocht worden und sie müßte jetzt ausgehen, um das Gegengift zu besorgen. Da es sich vielleicht um mehr als ein kostbares Menschenleben handle, werde Barine sie nicht zurückhalten wollen.
      »Geh nur,« versetzte diese freundlich. »Aber bist Du noch die alte, gefällige Aisopion, so scheust Du nicht einen kleinen Umweg.«
      »Und sprichst in dem Hause am Paneumgarten vor,« unterbrach sie die andere. »Das war schon beschlossene Sache. Sehnsucht ist auch ein Gift für das liebende Herz und das Gegengift eine gute Nachricht.«
      Damit verließ sie den Liebling lachenden Mundes; sobald sie aber ins Freie getreten war, zog sie die braune Stirn in ernste Falten und blieb eine Zeit lang sinnend stehen. Dann begab sie sich auf das Bruchium, um einen Esel für den Ritt nach Kanopus zu mieten, wo sie den Archibius aufzusuchen wünschte. Es bot indes Schwierigkeiten, bis zum nächsten Stande vorzudringen; denn eine große Volksmasse hatte sich auf dem Quai zwischen der Lochias und dem Musenwinkel zusammengerottet, und andere Haufen von geringen Leuten, Matrosen und Sklaven strömten ihm immer noch zu. Doch sie gelangte dennoch bis zu dem Eselstande, und während der Treiber ihr half, das Tier, das sie gewählt, zu besteigen, frug sie ihn, was es da gäbe, und die Antwort lautete:
      »Sie reißen dem Didymus, dem alten Museumspilze, das Haus ein.«
      »Wie ist das möglich!« rief die Nubierin erschreckt. »Der alte, wackere Mann.«
      »Wacker?« wiederholte der Treiber höhnisch. »Ein Verräter ist er, der an all dem Unglück mit Schuld trägt. Philostratus, der Sachwalter, der Bruder des großen Alexas, ein Freund des Marcus Antonius, hat es versichert. Er wollte es auch beweisen, und so muß es wohl wahr sein. Das gibt ein Geschrei, und wie fliegen die Steine! Ach ja! Seine Enkelin und mit ihr ihr Liebster, sie lauerten dem Könige Cäsarion auf. Das Leben wollten sie ihm nehmen, doch die Wache kam dazu, und nun liegt er wund auf dem Lager. Wenn die hohe Isis nicht hilft, soll es aus und vorbei sein mit dem jungen königlichen Blute.«
      Dann wandte er sich an den Esel, versetzte ihm mit dem langen Stabe zwei derbe Schläge rechts und links auf die Schenkel und rief ihm zu: »Was, Grauer? Es thut doch gut, wenn man hört, daß es auch auf fürstlichen Rücken Platz gibt für Prügel.«
      Indessen kämpfte die Nubierin mit sich selbst, ob sie den Esel nicht wenden und zuerst bei dem Didymus zum Rechten sehen solle; doch der Barine drohte die schwerere Gefahr, und ihr Leben war mehr wert als das des alten Paares. Das entschied, und ohne Aufenthalt ritt sie weiter.
      Der Esel und sein Treiber thaten, was sie vermochten; sie kamen aber dennoch zu spät; denn in dem kleinen Palaste zu Kanopus hörte die Dienerin schon von dem Pförtner, Archibius habe einen alten Freund, den Geschichtsschreiber Timagenes, der jetzt in Rom lebe und als Gesandter gekommen zu sein scheine, in die Stadt begleitet.
      Auch Charmion war schon hier gewesen, hatte aber so wenig wie sie den Hausherrn gefunden und war ihm nachgefahren. Ueble Nachrichten, die durch den Zeitverlust, den sie in Aussicht stellten, verhängnisvoll werden konnten! – Wäre der Esel nur schneller gewesen! Archibius hatte freilich den Stall voller Rosse, aber wer war sie, daß sie es hätte wagen dürfen, sich ihrer zu bedienen? Doch sie hatte sich etwas erworben, das sie vielen frei und höher Geborenen gleichstellte: den Ruf der Zuverlässigkeit und Klugheit, und darauf bauend, vertraute sie dem alten, treuen Hausmeister, soweit es anging, um was es sich handle, und bald darauf führte er sie selbst mit zwei schnellen Maultieren in die Stadt und in die Gärten des Paneums.
      Er wählte den nächsten Weg dorthin durch das Thor der Sonne und die Kanopische Straße. Sonst wimmelte sie zu dieser Zeit von Menschen, jetzt aber war sie nicht sonderlich belebt. Was müßig ging, hatte sich in das Bruchium und an den Hafen gedrängt, um die heimgekehrten Schiffe der geschlagenen Flotte zu sehen, etwas Neues zu hören, sich an den Kundgebungen und Prozessionen, die bevorstanden, anzuschließen und – war das Glück gut – der Königin zu begegnen und durch einen Zuruf die volle Seele zu entlasten.
      Als der Wagen nach links eingebogen war und sich dem Paneum näherte, ward ihm zum erstenmal das Vordringen erschwert. Ein vielköpfiger Menschenhaufe hatte sich unter dem Hügel versammelt, auf dessen Spitze das Heiligtum des Pan den weiten Garten ringsum prächtig überragte. Die lange Gestalt des Sachwalters Philostratus fiel der Nubierin beim Vorüberfahren ins Auge. War dieser Unheilstifter denn überall? Diesmal schien er indes auf Widerstand zu stoßen; denn lautes Geschrei unterbrach seine Rede. Als das Fuhrwerk hart an ihm vorbeikam, wies er auf die Reihe der Häuser, zu welcher das der Witwe des Malers Leonax gehörte, doch heftiger Widerspruch folgte dieser Bewegung.
      Anukis erkannte auch, was die Menge zurückhielt; denn als der Wagen sich seinem Ziele näherte, kam ihm ein Zug von bewaffneten Jünglingen entgegen. Mit den in der Palästra gestählten, schön gewachsenen Leibern und den von schwarzen, braunen und blonden Locken umwallten Häuptern boten sie einen herrlichen Anblick. Es waren Mitglieder des Ephebenverbandes, an dessen Spitze Archibius einst gestanden hatte und zu dessen Haupt Dion später erwählt worden war. Die Jünglinge hatten gehört, was ihm begegnet war und daß ihm Gefangenschaft und vielleicht noch Schlimmeres drohte. In anderer Zeit wäre es kaum möglich gewesen, sich dem Vorgehen der Regierung zu widersetzen und über den gefährdeten Freund zu wachen, in diesen Unglückstagen aber mußten die Machthaber mit ihnen rechnen. Wenn sie auch treu an der Königin hingen und beschlossen hatten, trotz ihres Mißgeschicks für sie einzutreten, sobald sie ihrer bedürfte, wollten sie doch nicht dulden, daß Dion für ein Vergehen bestraft würde, das ihm in ihren Augen zur Ehre gereichte. Um so eifriger waren sie ihn zu beschützen entschlossen, mit je ärgerlicherem Zaudern der Rat der Stadt in dieser Angelegenheit, die doch einen der Seinen betraf, vorging. Er hatte sich noch nicht über die Frage geeinigt, ob für den Mann, der den »König der Könige«, den Sohn der Herrscherin verwundet, volle Freisprechung oder nur ein mildes Urteil gefordert werden sollte. Dazu hatte der stille, dem Hofmeister gehorsame Cäsarion es keineswegs verstanden, die Epheben für sich zu gewinnen. Der Weichling zeigte sich nie in der Palästra, die doch selbst der große Marcus Antonius nicht zu besuchen verschmähte. Er hatte den Jünglingen dort mehr als einmal Proben seiner Riesenkraft gegeben, und auch sein Sohn Antyllus nahm oft an ihren Uebungen teil. Dion hatte dem Cäsarion nicht viel mehr als einen jener Faustschläge zu kosten gegeben, denen sich auf der Ringbahn jeder aussetzen mußte.
      Philotas von Amphissa, der Schüler des Didymus, hatte sie zuerst von dem Ueberfalle unterrichtet und mit feurigem Eifer das Seine gethan, um wieder gut zu machen, was er an der Enkelin des Meisters verschuldet. Sein Aufruf hatte den lebhaftesten Anklang gefunden. Die Epheben fühlten sich auch stark genug, den Freund, vor wem es auch sei, zu beschützen, und hinter ihnen, das wußten sie, stand für den äußersten Fall der Rat, der Exeget, das Stadthaupt, ein wackerer makedonischer Mann, der einst eine Zierde ihres Bundes gewesen, und die zahlreiche Klientel des Dion und seines Hauses. Kein Schwächling befand sich in ihrer Mitte. Sie hatten auch schon Gelegenheit gefunden, sich zu bewähren; denn waren sie auch zu spät gekommen, um das Eigentum des Didymus vor Schaden zu bewahren, so hatten sie dem Wüten des von dem Sachwalter Philostratus aufgereizten Volkes doch Einhalt geboten und die Menge zurückgeschlagen, als der Syrer sie gegen die Heimstätte der Barine führte, um sie dem gleichen Schicksal zu weihen.
      Vor dem Hause der Frau Berenike stand schon ein anderes Fuhrwerk, und zwar eines der den Beamten der Königin zur Verfügung stehenden Gespanne, als Anukis dem Wagen entstieg. Hatten sich Kreaturen des Alexas hier eingestellt, oder war er selbst schon aus dem Wege, den Dion zu verhören oder gar sich seiner Person zu bemächtigen? Die Nubierin kannte den Rosselenker wie alle Bediensteten des Palastes und erfuhr von ihm, daß er den Baumeister Gorgias fahre.
      Anukis war dem Genannten nie begegnet, obgleich sie ihn beim Ausbau der Wohnung des Cäsarion oft gesehen und mancherlei über ihn gehört hatte, – auch daß der schöne Palast des Dion sein Werk sei. Er war ein Freund des Verwundeten, und sie brauchte sich also kaum vor ihm zu scheuen.
      Als sie in das Atrium trat, vernahm sie, Frau Berenike sei mit dem Archibius und seinem römischen Freunde ausgefahren. Der Arzt habe dem Verwundeten verboten, viele Besucher zu empfangen. Außer dem Baumeister sei aber noch ein Freigelassener des Dion vorgelassen worden.
      Doch die Zeit drängte; Leute gleichen Standes und von ähnlicher Gesinnung verstehen einander, der alte Pförtner und die Nubierin waren beide den Gebietern treu ergeben und dazu Landsleute, und so bedurfte es nur weniger Worte, um den Thorhüter zu veranlassen, sie sogleich an das Lager des Verwundeten zu führen.
      Vor dem Krankenzimmer wartete der Freigelassene, ein großer, stark gebräunter, schlicht gekleideter Graukopf, den sie für einen Steuermann hielt. Er hatte noch nicht Einlaß zu dem Leidenden gefunden, doch schien ihn das nicht zu verdrießen; denn er lehnte gelassen an der Wand neben der Thür des Krankenzimmers und blickte auf den breitkrämpigen Schifferhut, den er langsam drehte.
      Kaum war dem Dion ihr Name genannt worden, als durch die halb geöffnete Thür ein lebhaftes »Herein mit ihr!« tönte.
      Die Nubierin ließ es sich gesagt sein; doch es mußte ihr auf dem braunen Gesichte geschrieben stehen, daß etwas Ernstes und Dringliches sie herbeiführte; denn der Verwundete fügte an die erste Begrüßung die bange Bemerkung, sie brächte wohl nichts Gutes.
      Ein lebhaftes Nicken des Kopfes und ein fragender Seitenblick auf den Baumeister waren die Antwort, und Dion erklärte nun dem Gorgias kurz, wer sie wäre, und ihr, daß der Freund alles, auch das Geheimste, mit anhören dürfte.
      Da atmete sie auf und sprudelte dann mit perlender Stirn und im Tone dringender Warnung hervor, daß er schwer bedroht sei. Sie ließ sich auch nicht irre machen, als er auf die Epheben wies, die zu seinem Schutze bereit wären, und den Rat, der die Sache des Genossen zu der seinen machte, sondern beschwor ihn, sich, gleichviel wohin, in Sicherheit zu bringen; denn es streckten Mächte die Hand nach ihm aus, gegen die kein Widerstand helfe. Aber auch diese Versicherung erwies sich als vergebens; denn er war überzeugt, daß der Einfluß seines Oheims, des Siegelbewahrers, ihn vor jeder ernsten Gefahr schützte. Da entschloß sie sich, zu bekennen, was sie erlauscht, doch that sie es, ohne der Barine zu gedenken, und was auch ihr drohte. Endlich beschwor sie ihn mit der ganzen Innigkeit eines redlich besorgten Herzens, auf ihre Warnung zu hören.
      Während sie noch sprach, hatten die Freunde bedeutungsvolle Blicke gewechselt; kaum aber war das letzte Wort aus dem Munde der Dienerin verhallt, als durch die Thür, die offen geblieben war, die Riesengestalt des Freigelassenen trat.
      »Pyrrhus, Du hier!« rief ihm der Verwundete freundlich entgegen.
      »Ja, Herr, ich,« versetzte der andere und drehte den Schifferhut schneller. »Das Lauschen ist just nicht meine Sache, und ungerufen tret' ich sonst auch nicht vor den Herrn; was aber dort durch die Thür drang, das mußt' ich ja hören, und was die alte Unglückskrähe dort krächzte, zog mich herein.«
      »Ich wollte,« versetzte Dion. »Du hättest erfreulichere Dinge zu hören bekommen; die braune Unglückskrähe aber singt sonst freundliche Lieder, und sie kommen allesamt aus einem treuen Herzen. Wenn übrigens mein schweigsamer Pyrrhus den Mund so weit aufthut, dann kommt sicher etwas Wichtiges zum Vorschein, und vor dieser da darf es heraus.«
      Da räusperte sich der Schiffer, knickte den groben Filzhut mit den schwieligen Händen zusammen und sagte so bewegt und befangen, daß das schwere Kinn auf und nieder zuckte und die Stimme ihm bisweilen stockte: »Wenn auf die Braune Verlaß ist, mußt Du fort von hier, Herr, und in ein gutes Versteck. Ich kam ohnehin her, um es Dir zu bieten. Unterwegs hörte ich Deinen Namen. Sie sagten, Du hättest den Sohn der Königin wund geschlagen, und es gehe Dir an den Hals. Da dachte ich: ›Das nicht, das gewiß nicht, so lange der Pyrrhus noch lebt, der den jungen Herrn Dion lehrte, das Ruder zu führen und das erste Segel zu stellen, – der Pyrrhus und seine Leute.‹ Wozu wiederholen, was uns beiden bekannt genug ist? Von meiner ersten Barke und dem Land auf unserer Insel an bis zu der Freiheit, die ihr uns zurückgabt, danken wir alles Deinem Vater und Dir, und es ruhte Segen auf eurem Geschenk und unserer Arbeit, und was mein, das ist Dein. – Es bedarf keiner weiteren Worte. Unsere Klippe jenseit des 
      Alveus steganus im Norden des großen Hafens, – die Schlangeninsel – die kennst Du ja auch. Sie ist schnell erreicht für den, der das Wasser kennt, und für die anderen unzugänglich wie Mond und Sterne. Sie fürchten sich schon vor dem bloßen Namen, obgleich wir längst aufräumten mit dem Geziefer. Meine Jungen, der Dionysus, der Dionichus und Dionikus – etwas vom Dion hat jeder in den Namen bekommen – warten auf dem Fischmarkt, und wenn es dunkelt ...«
      Hier unterbrach ihn der Verwundete, indem er ihm die Hand entgegenstreckte, ihm für seine Treue und Güte mit warmen Worten dankte, dann aber die wohlgemeinte Ladung dennoch zurückwies. Er bekannte, daß er kein sichereres Versteck kenne als die von Möwen umflatterte Klippe, auf der Pyrrhus mit den Seinen hauste und sich durch Fischfang und Lotsendienste reichlich ernährte. Die Sorge um seine künftige Gattin halte ihn aber ab, die Stadt zu verlassen.
      Doch der Freigelassene ließ ihm keine Ruhe. Er stellte ihm vor, wie schnell sich von seiner Insel aus in den Hafen gelangen lasse, daß täglich von ihr aus Fische zu Markte gebracht würden und es ihm darum an Nachrichten nicht fehlen werde. Die Söhne wären wie er und sprächen kein unnützes Wort, ja das Reden sei ihnen zuwider; die Weiber kämen selten fort von der Insel. So lange sie die lieben Gäste beherberge, dürften sie sie mit keinem Schritte verlassen. Thäte es not, so könnte der Herr schnell genug wieder in Alexandria sein, um nach dem Rechten zu sehen.
      Dem Baumeister gefiel dieser Vorschlag, und er mischte sich darum in das Gespräch, um die Bitte des Freigelassenen zu unterstützen. Aber Dion hielt um der Geliebten willen den Widerstand aufrecht, bis Anukis, die es schon lange fort und dem Archibius nachdrängte, es an der Zeit fand, mit der eigenen Meinung hervorzutreten.
      »Folge dem Manne dort, Herr!« rief sie. »Ich weiß, was ich weiß. Von Deiner treuen Standhaftigkeit will ich unserer Barine erzählen; aber wie kann sie sich Dir dankbar erweisen, wenn Du ein toter Mann bist?«
      Dies Wort und die Mitteilungen, die ihm folgten, wirkten entscheidend, und sobald Dion eingewilligt hatte, dem Freigelassenen zu folgen, schickte die Nubierin sich an, den Botengang fortzusetzen; doch erst hielt der Verwundete sie noch zurück, um ihr mancherlei für Barine auszutragen, dann der Baumeister, der in ihr die rechte Gehilfin für mancherlei, das ihm im Sinne lag, gefunden zu haben meinte.
      In der Frühe war er aus Heroonpolis zurückgekehrt, wo er wegen der neu herzustellenden Wasserstraße mit anderen Berufsgenossen Umschau gehalten. Das Ergebnis der ersten Untersuchung war bis zur Entmutigung ungünstig ausgefallen, und er hatte sich im Auftrage der anderen zu der Königin begeben, um sie zu veranlassen, von dem viel verheißenden, doch in der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, unausführbaren Unternehmen zu lassen.
      Er hatte die Nacht zum Tage gemacht und war auch, sobald Kleopatra sich vom Lager erhoben hatte, empfangen worden. Auf dem Wagen, der ihm zur Verfügung gestellt worden war, weil er im Arsenal und auf verschiedenen Bauplätzen zu thun hatte, war er von der Lochias abgefahren, um die, für den Antonius auf dem Choma errichtete Mauer und den Isistempel am Musenwinkel zu besichtigen, dem Kleopatra ein neues Bauwerk anzufügen wünschte. Doch kaum hatte er die Halbinsel verlassen, als er auf dem Bruchium von der Menge aufgehalten worden war, die das Haus des Didymus mit Balken und Masten berannte und sich dabei der Epheben, die sie angriffen, erwehrte.
      Da hatte er sich durch die wütenden Volkshaufen gedrängt, um dem alten Ehepaare und seiner Enkelin Beistand zu leisten. Der Sklave Phryx war beschäftigt gewesen, die Boote zu rüsten, die im Hafen des vom Meer bespülten Grundstückes lagen; Gorgias aber hatte es schwer gehabt, den greisen Philosophen zu bewegen, den Seinen und ihm an das Ufer zu folgen; denn er war bereit gewesen, den wütenden Zerstörern entgegenzutreten und ihnen – mochte es auch das Leben kosten – ins Gesicht zu rufen, daß sie elende Verführte seien und sich mit einer schmählichen Schandthat befleckten. Erst die Bemerkung des Baumeisters, daß sein Vorhaben, der tierischen Roheit ein Leben preiszugeben, auf das die hilflosen Frauen und die ganze Welt, der seine Schriften Wegweiser in das Reich der Wahrheit seien, Anspruch besäßen, eines Didymus nicht würdig sei, hatte ihn zum Nachgeben bestimmt. Doch beinahe wäre der Greis und die Seinen dennoch der wütenden Menge in die Hände gefallen; denn Didymus wollte nicht aufbrechen, bevor er nicht dies und jenes und ein zwanzigstes und dreißigstes kostbares Buch in Sicherheit gebracht hätte. Dazu begriff seine alte taube Gefährtin, die sich sonst gern beschied, wenn das schwache Gehör ihr mancherlei zu verstehen versagte, nicht, was da vorging. Jedem, der ihr nahe kam, gebot sie, es ihr zu erklären und hielt dadurch ihre Enkelin Helena auf, die auf die Rettung der besten Kostbarkeiten des Hauses bedacht war. So verzögerte sich die Abfahrt, und sie hatten es nur dem wackern Einschreiten des jungen Philotas, des Gehilfen des Didymus, und einigen Epheben, die sich ihm anschlossen, zu danken, daß sie dennoch unbeschädigt entkamen.
      Die Scythenwache, die endlich dem unsinnigen Wüten des verführten Volkes ein Ende machte, war zu spät gekommen, um die Zerstörung des Hauses zu verhüten, doch rettete sie den Philotas und die anderen Epheben vor den Fäusten und Steinen der Menge.
      Erst als die Boote tiefer in den Hafen gelangt waren, hatte sich die Frage nach einer Unterkunft für den Philosophen und die Seinen erhoben. Das Haus der Berenike war gleichfalls bedroht, und die Gesetze des Museums verboten die Aufnahme von Frauen. Fünf dienende Leute waren dem Herrn gefolgt, und in den Häusern der gelehrten Freunde des Didymus fehlte es an Raum für so viele Gäste ... Als der Greis und Helena die Unterkunftstätten, an die sich noch denken ließ, aufzuzählen begonnen hatten, war ihnen Gorgias mit der Bitte ins Wort gefallen, es sich in seinem Hause genügen zu lassen.
      Er hatte es vom Vater ererbt. Es war sehr groß und geräumig, stand beinahe leer und ließ sich bald erreichen, da es nördlich vom Forum am Meere lag. Die Flüchtlinge konnten frei darin walten, weil Arbeiten für ihn in Aussicht standen, die ihm nur bei Nacht unter dem eigenen Dache zu weilen erlaubten. Die kleinen Bedenken seiner Schützlinge hatte er bald zerstreut, und eine Viertelstunde, nachdem sie den Musenwinkel verlassen, durfte er ihnen das Thor seines Hauses öffnen, und er that es mit wahrer Freude. Die alte Schaffnerin und der im Dienste seines Vaters ergraute Hausverwalter machten erstaunte Gesichter, doch rührten sie eifrig die Hände, nachdem Gorgias die Gäste ihrer Sorge anvertraut hatte. Der Drang der Geschäfte verbot ihm, die Pflichten des Wirtes selbst zu erfüllen.
      Didymus und die Seinen hatten Grund, ihn dankbar zu segnen, und als der alte Philosoph in der großen Bücherei, die ihm der Baumeister zum Aufenthalt angewiesen hatte, viele gute Schriften und darunter mehrere seiner eigenen fand, gewann er es über sich, das Aufundniedereilen aufzugeben und sich niederzulassen. Dabei kam ihm in den Sinn, daß er auf den Rat eines Freundes sein Vermögen einem zuverlässigen Bankvorsteher zur Aufbewahrung übergeben hatte, und das Leben erschien ihm zwar immer noch dunkelgrau, doch nicht mehr so schwarz wie vorher.
      In aller Kürze hatte Gorgias die Nubierin von alledem unterrichtet und Dion ihr dann mitgeteilt, daß sie den Archibius mit dem römischen Freunde bei dem Bruder der Frau Berenike, dem Philosophen Arius, finden werde. Wie er selbst, liege auch er infolge eines übermütigen Streiches des Antyllus wund darnieder. Die Mutter Barines werde sie gleichfalls bei dem Arius treffen. Sie möge sie von dem Schicksal des Didymus und der Seinen in Kenntnis setzen und ihnen mitteilen, daß er, Dion, eine Stunde nach Sonnenuntergang ihrem Hause und der Stadt den Rücken zu kehren gedenke.
      »Doch, wohin Du Dich begibst,« unterbrach ihn Gorgias, »soll keiner, auch nicht Frau Berenike und Arius, erfahren. Du, Weib, siehst aus, als könntest Du schweigen.«
      »Obgleich sie,« fiel ihm Dion ins Wort, »den Namen Aisopion der Behendigkeit ihrer Zunge verdankt.«
      »Diese Zunge aber,« versicherte die Nubierin, »ist doch nur wie die Silberfischlein mit den roten Punkten im Garten der Königskinder. Flink genug schießen sie dahin; sobald sie aber eine Gefahr wittern, stehen sie still im Wasser wie angenagelt. Und – bei der hohen Isis! – an Gefahr leiden wir in dieser grausamen Zeit keinen Mangel. Wünschest Du Frau Berenike und die anderen vor dem Aufbruche wiederzusehen?«
      »Die Mutter, ja; – die Söhne des Arius – es sind brave Bursche – bleiben heute diesem Hause besser fern.«
      »Ganz gewiß!« rief der Baumeister. »Auch ihr Vater wird gut thun, ein gutes Versteck zu suchen. Er steht dem Octavian immer noch nahe. Es kann freilich auch sein, daß die Königin ihn zu benützen wünscht. In diesem Falle vermag er, sich der Barine, die doch das Kind seiner Schwester ist, nützlich zu erweisen. Auch Timagenes, der als Vermittler aus Rom kommt, gewinnt vielleicht Einfluß.«
      »Auf den gleichen Gedanken,« sagte die Nubierin, »ist auch mein armer Kopf schon gekommen. Ich gehe jetzt, um den Herren die Gefahr zu zeigen, die der jungen Frau droht, und wenn es mir gelingt ... Aber was vermöchte wohl ein dienendes Weib mit meinem Aussehen? Und dennoch ... Mein Haus steht näher am Ufer des Stromes als das der meisten anderen, und werfe ich ein Blatt hinein, trägt er es vielleicht in die göttliche Meerflut.«
      »Die weise Aisopion!« rief Dion; die wackere Dienerin aber zuckte die hohen Schultern und sagte: »Man braucht nicht frei geboren zu sein, um Freude am Rechten zu finden, und wenn weise sein heißt, den Kopf zum Denken gebrauchen und es mit dem Willen zu thun, was gut und gerecht ist zu fördern, dann magst Du mich immerhin so nennen. Nach Sonnenuntergang kommt es also zum Ausbruch?«
      Damit wollte sie sich entfernen, der Baumeister aber, der jeder ihrer Mienen gefolgt war, hatte einen Entschluß gefaßt und bat sie, ihm zu folgen.
      Im Nebenzimmer verlangte er einen treuen Bericht über Barine und was sie bedrohte. Nachdem er dann wie mit einer Gleichgestellten Rat mit ihr gehalten, reichte er ihr die Hand zum Abschied und sagte: »Wird es angehen, sie unerkannt in den Isistempel zu führen, so kann dies Dunkel sich lichten. Von der ersten Stunde nach Sonnenuntergang an findet man mich im Heiligtume der Göttin. Ich habe dort Vermessungen zu machen. Wenn Du sagst, Du wüßtest, die Himmlischen würden sich der Unschuldigen, die sie bis an den Rand des Abgrundes führten, erbarmen, so behältst Du in diesem Falle vielleicht recht. Es will mir scheinen, als fügten sich hier die Dinge in einer Weise zusammen, die den Geschichtenerzähler um den Glauben des Zuhörers brächten.«
      Nachdem Aisopion gegangen war, kehrte Gorgias zu dem Freunde zurück und ersuchte den Freigelassenen, sich mit seiner Barke an einer Uferstelle, die er genau angab, bereit zu halten.
      Die Freunde waren wieder allein.
      Gorgias hatte alle Hände voll zu thun; er konnte aber doch nicht umhin, dem Dion sein Erstaunen über die Ruhe auszusprechen, die er bewahre. »Als ging' es zum Austernessen nach Kanopus,« schloß er und schüttelte wie vor etwas Unbegreiflichem den Kopf.
      »Was willst Du?« frug der andere. »Euch Künstlern zeigt die beflügelte Einbildungskraft die Zukunft, wie es eurer beweglichen Stimmung entspricht. Hofft ihr, so macht ihr aus einem freundlichen Garten die Elysäischen Gefilde, befürchtet ihr etwas, so seht ihr, wenn das Dach brennt, die Welt in Flammen aufgehen. Wir, von deren Wiege die Muse fernblieb, die wir nur den erwägenden Verstand benützen, um neben dem eigenen Besten für das des Hauses und des Staates zu sorgen, fassen die Umstände ins Auge, wie sie sind, und behandeln sie wie die Zahlen im Rechenexempel. Ich weiß, daß Barine bedroht ist. – Das könnte mich um den Verstand bringen; aber hinter ihr sehe ich mit zum Schutze ausgebreiteten Flügeln den Archibius und die Charmion stehen, sehe ich die Scheu vor meinem übrigen Anhang mit Einschluß des Museums, vor dem Rate, dem ich angehöre, vor meiner Klientel und den Zeitverhältnissen, die das Mißfallen der Bürgerschaft wachzurufen verbieten. – Das Resultat nun, das sich aus der richtigen Zusammenstellung all dieser bekannten Größen ergibt ...«
      »Wird so lange richtig sein,« unterbrach ihn der Freund, »als sich nicht der unberechenbarste aller Faktoren, die Leidenschaft, in sie hineinmischt, – die Leidenschaft einer Frau, und die Königin gehört zu dem auf dem Gebiet der Leidenschaft ganz gewiß stärkeren Geschlechte.«
      »Zugegeben! Doch sobald Marcus Antonius heimkehrt, wird sich ergeben, daß ihre Eifersucht fehl ging.«
      »Hoffen wir es. Die irregeleitete, betrogene, gemißbrauchte Kleopatra ist es auch nur, die ich fürchte; denn sie selbst hat nicht ihresgleichen an göttlicher Güte. Unbeschreiblich ist der Liebreiz, womit sie die Herzen gewinnt. Und die stählerne Kraft ihres Geistes! Ich sage Dir, Dion ...«
      »Freund, Freund!« fiel ihm dieser lächelnd ins Wort. »Wie hoch versteigen sich Deine Wünsche! Seit drei Jahren führe ich Rechnung über die Feuersbrünste in Deinem Herzen. Wir waren, denk' ich, bis zur siebzehnten gelangt; diese letzte aber zählt doppelt.«
      »Thorheit!« rief der Baumeister in abweisendem Tone. »Soll man nicht mehr anerkennen dürfen, was herrlich, wundervoll, einzig? Das ist sie! Vorhin – wie lange ist's her – trat sie mir in einem Schönheitsglanze entgegen ...«
      »Daß es diesmal gilt, beide Augen zu hüten. Und doch sprachst Du erst eben so warm von Deinem jungen Gaste, von der liebreichen Umsicht, der anmutigen Ruhe, die Helena mitten in der drohenden Gefahr ...«
      Da fiel ihm der Baumeister unwillig ins Wort: »Als ob ich eine Silbe davon zurücknehmen wollte! Helena hat nicht ihresgleichen unter den alexandrinischen Jungfrauen, – die andere, sie, Kleopatra aber ... sie ist eben in ihrer göttlichen Majestät über das Menschliche erhaben. Den höhnischen Zug am Munde könntest Du Dir und mir diesmal sparen! Hätte sie Dir mit den feuchten, tiefen, rührend traurigen Augen wie mir ins Antlitz geschaut und von ihrem Unglück gesprochen, Du gingest Hand in Hand mit mir für sie durch Wasser und Feuer. Zu den leicht zu rührenden Menschen gehöre ich eben nicht, und seit mir der Vater starb, sah ich Thränen nur bei anderen Leuten: als sie aber von dem Mausoleum sprach, das ich für sie erbauen sollte, weil das Schicksal sie, wer weiß wie bald, zwingen könnte, in den Armen des Todes Zuflucht zu suchen, da war es um die Fassung geschehen. Und wie sie mich dann zu den Freunden zählte, auf die Verlaß sei, und mir die Hand entgegenstreckte, – eine Hand, es gibt keine gleiche, da – lache nur hell heraus, wenn Du den Mut dazu findest. – da faßte es mich, ich weiß selbst nicht wie, und es zog mich zu ihr nieder, und während ich sie – die Hand meine ich – küßte, kann sie feucht geworden sein von meinen Thränen. Ich schäme mich nicht dieser Bewegung, und die Lippen hier scheinen mir wie geweiht, seit sie diese bleiche, kleine Götterhand berührten, die eine eigene Sprache redet und mir vor Augen steht, wohin ich schaue.«
      Dabei strich Gorgias sich das volle Haar aus der Stirn, schüttelte, wie unzufrieden mit sich selbst, das Haupt und fuhr in verändertem Ton eilfertig fort: »Aber die Zeit ist schlecht gewählt für solche Ergüsse. Ich sprach von dem Mausoleum, dessen Erbauung die Königin wünscht. Morgen will sie den ersten flüchtigen Entwurf sehen. Das Ding steht mir auch schon vor Augen. An den Tempel der Isis, ihrer Göttin, wünscht sie es zu schließen ... Ich schlug das große Heiligtum in der Rhakotis beim Serapeum vor. Das wies sie zurück ... Sie wollte es dicht bei dem Palaste auf der Lochias haben. Den Tempel am Musenwinkel hatte sie ins Auge gefaßt; aber das Haus des Didymus stand einem größeren Anbau im Wege. Dachte man dies fort, so ging es an, die Straße durch den Garten des Alten, vielleicht sogar dem Meeresufer entlang zu legen. – Wir hätten Raum für einen Riesenbau gewonnen, und es wäre immer noch ein stattlicher Garten übrig geblieben. Aber wir hatten ja erfahren, wie Didymus an dem alten Besitz hängt. Auch der Königin widerstrebt es, dem Greise Gewalt anzuthun ... Sie ist gerecht, und es leiten sie vielleicht auch mir unbekannte Gründe ... Ich versprach darum, nach einem andern Platze Umschau zu halten, obwohl ich sah, wie sehr es sie verlangte, die Grabstätte mit dem Heiligtum ihrer Göttin verbunden zu sehen ... Und da ... Ich sagte es schon der klugen braunen Hexe – da ließen die Himmlischen, ließ die Gottheit, das Schicksal, oder wie man sonst die die Welt und unser Dasein nach ewigen Gesetzen und dem eigenen geheimnisvollen, allmächtigen Willen lenkende Kraft nennt, ein Bubenstück geschehen, aus dem mir Rettung für euch und für die Königin in dieser schweren Zeit etwas ihr Wohlgefälliges zu erwachsen scheint.«
      »Mensch, Mensch!« unterbrach ihn hier Dion. »Wohin wird Dich noch diese neue Leidenschaft führen? Draußen stampfen die wartenden Rosse, die Pflicht ruft den pflichttreuesten der Menschen, und wie ein Seher ergeht er sich in dunklen Sprüchen!«
      »Deren Sinn und Inhalt Dir,« versetzte Gorgias, »trotz Deines gelassenen Rechnens mit den gegebenen Umständen sehr bald nicht weniger wunderbar erscheinen wird als mir, dem Deiner Meinung nach, das unbändige Künstlerblut einen Streich spielt. Jetzt nur dies zur Erklärung: Das Haus des Didymus wird sogleich von meinen Bauleuten besetzt, ich aber untersuche die unteren Räume des Isistempels. Die Vollmacht, dort nach Belieben zu schalten, habe ich bei mir. Kleopatra legte mir selbst die Baurisse vor, auch den geheimen mit dem Laufe der unterirdischen Räume. Es wird auch für Dich einiges Licht auf meine dunklen Sprüche werfen, wenn ich Dich nachher durch einen der verborgenen Gänge den Feinden entführe. Man verschwieg Dir mit Recht, an einem wie dünnen Faden, trotz der Macht Deines Rechenexempels, das Schwert über Deinem Haupte hängt. Nun ich die Möglichkeit sehe, es zu beseitigen, darf ich ihn Dir zeigen. Morgen wärest Du grausamen Feinden unrettbar in die Hände gefallen und von dem eigenen schwachen Oheim schmählich preisgegeben worden, wenn der unversöhnlichste von allen sich nicht die ruchlose Freude gegönnt hätte, Hand an das Haus eines Greises – Du weißt ja – zu legen, wenn nicht die Königin durch eine erschütternde Botschaft auf den Gedanken gekommen wäre, sich ein eigenes Mausoleum zu bauen. Der Gang,« und dabei senkte er die Stimme, »von dem ich sprach, mündet hart neben dem Grund und Boden des Didymus an der See, und durch ihn führe ich Dich, und, geht es an und wird es notwendig, auch Barine zum Meere. Auf dem gewöhnlichen Wege ließe sich das alles nur mit der größten Gefahr bewerkstelligen. Benützen wir den Gang, so gelangen wir ungesehen an einer dunklen Stelle an den Strand, und die Flucht bleibt, wenn uns kein besonderes Mißgeschick verfolgt, unbemerkt. Die Sänfte und Dein wankender Gang würden, wo wir auch sonst am großen Hafen das Boot besteigen wollten, alles verraten.«
      »Und wir Verständigen weigern uns, an Wunder zu glauben!« rief Dion und streckte dem Freunde die bleiche Hand entgegen. »Wie soll ich Dir danken, Du lieber, kluger, treuester Freund Deiner Freunde mit dem den Freundinnen treulosen Herzen. Schließe dies böse Wort mit in die früheren ein, um die ich Dich jetzt um Vergebung bitte. Was Du für mich und Barine thun willst, gibt Dir das Recht, mir zeitlebens alles Ueble anzuthun und zu hören zu geben, was Du nur magst. Die Sorge um sie hätte mich heute abend, wäre es ernst mit dem Fluchtversuche geworden, ganz gewiß an dies Haus und die Stadt gekettet; denn ohne sie ist mir das Leben jetzt wertlos. Wenn ich mir aber vorstelle, daß sie mir auf die Klippe des Pyrrhus nachfolgen könnte ...«
      »Wiege Dich nicht in dieser Hoffnung.« bat der Baumeister. »Es stellen sich ihr vielleicht ernste Hindernisse entgegen. – Nachher habe ich übrigens noch einmal mit der Nubierin zu reden. Ohne den anderen zu nahe zu treten – ihr Rat ist, glaub' ich, der beste. Sie weiß, wie es bei den Großen zugeht und gehört selbst zu den Kleinen. Außerdem steht ihr durch Charmion der Weg zu der Königin offen, und es entgeht ihr nichts, was sich am Hofe ereignet. Sie zeigte mir auch, daß wir die Auslieferung der Barine an den Alexas für ein Glück anzusehen haben. Wie leicht hätte die Eifersucht sie, deren Wunsch schon zur That wird, wenn sie den Uebereifer ihrer lebenden Werkzeuge nicht zügelt, zu einem verhängnisvollen Frevel hinreißen können! Wen das Schicksal mit so harten Schlägen trifft, der eilt sich selten, sie andern zu ersparen. Wollten die Sorgen, die sie berghoch belasten, sich doch zwischen die Königin und den eifersüchtigen Groll stellen, der für ihre große Seele ohnehin zu klein ist!«
      »Was ist groß, was ist klein, für das Herz eines liebenden Weibes?« frug Dion »In jedem Falle thust Du, was Du vermagst, um Barine aus dem Machtgebiet der aufgebrachten Fürstin zu entfernen – ich weiß es.«
      Da drückte Gorgias dem Freunde fest die Hand, küßte ihm, einer schnellen Eingebung folgend, die Stirn und eilte der Thüre zu.
      Auf der Schwelle hielt ihn ein leises Stöhnen des Verwundeten zurück. Würde er sich bis zum Abend stark genug fühlen, dem langen, zum Meere führenden Gange zu folgen?
      Dion versicherte, er hoffe es zuversichtlich, doch sein tief gerötetes Antlitz verriet auch, daß sich das geschwundene Fieber wieder eingestellt habe.
      Da ließ Gorgias den Blick nachdenklich sinken. Viele der Heilung bedürftige Kranke wurden in den Tempel der Göttin getragen; das Erscheinen des Dion daselbst konnte darum nichts Auffälliges haben. Fremde zu beauftragen, den Leidenden durch den Gang zu schaffen, schien dagegen gefährlich. Er selbst war kräftig genug, doch auch für den Stärksten wäre es unmöglich gewesen, den schweren Körper des hochgewachsenen Mannes in gebückter Haltung bis zum Meere zu tragen; denn der Stollen war niedrig und von beträchtlicher Länge. That es not, wollte er es aber dennoch versuchen. Mit dem tröstenden Rufe: »Reicht Deine Kraft nicht aus, findet sich anderer Rath,« nahm er Abschied, schrieb der Zofe Barines und dem Leibsklaven des Verwundeten das Nötige vor, gebot dem Thorhüter, jeden Besucher, wie er auch heiße, mit Ausnahme des Arztes, abzuweisen, und trat ins Freie.
      Vor dem Hause schritt eine kleine Schar von Epheben auf und nieder. Andere hatten sich auf einem freien, von Strauchwerk eingehegten Rundteil des Paneumgartens neben dem Hause niedergelassen und sprachen dem edlen Weine zu, den der Kellermeister des Dion, auf Befehl des Herrn, hierher geführt hatte und ausschenkte.
      Es war ein munteres Treiben; denn Klienten des Leidenden, die, nachdem sie sich der Versicherung ihrer Teilnahme entledigt, von dem Pförtner abgewiesen worden waren, und geputzte Mädchen hatten sich zu den Epheben gesellt. Es fehlte dabei nicht an Scherz und Gelächter, und wenn eine hübsche junge Mutter oder Sklavin mit den Kindern vorüberkam, deren bevorzugter Tummelplatz diese Gärten waren, flog manches muntere Wort hinüber und herüber.
      Gorgias winkte den Jünglingen, erfreut über die frische Daseinslust, mit der die wackeren Gesellen die Pflicht zum Feste verwandelten, heiter zu, und mancher Ephebe hob den Becher, um dem berühmten Künstler, der noch nicht vor gar langer Zeit einer der Ihren gewesen war, mit einem fröhlichen »Io« und »Evoë« zuzutrinken.
      Den anderen voran that es ein schlank gewachsener Jüngling, der Student Philotas von Amphissa, der Gehilfe des Didymus, dem der Baumeister vor wenigen Tagen beigestanden hatte, sich von den Dämonen des Weines zu befreien. Während Gorgias ihm schon aus dem zweirädrigen Wagen zuwinkte, kam ihm in den Sinn, daß der hübsche Junge dort, der sich so schwer gegen Barine und Dion vergangen, der rechte Mann sei, den Freund durch den niedrigen Gang zum Meere tragen zu helfen. Es mußte dem Philotas, wenn er derjenige war, für den Gorgias ihn hielt, wie ein Geschenk erscheinen, sein Vergehen an dem Geschädigten gut zu machen, und er hatte sich nicht getäuscht; denn nachdem der Jüngling einen feierlichen Eid geleistet, gegen wen es auch sei, reinen Mund zu halten, forderte der Baumeister ihn auf, ihm bei der Rettung des Dion zur Seite zu stehen. Ueberfließend von freudiger Dankbarkeit, zeigte Philotas sich dazu bereit und versprach, zu rechter Zeit im Isistempel an der bezeichneten Stelle zu warten.
    



      Vierzehntes Kapitel
      Während Gorgias im Isistempel die unterirdischen Räume untersuchte, kehrte Charmion früher, als sie selbst erwartet hatte, auf die Lochias zurück. Sie hatte den Bruder, den sie nicht mehr in Kanopus gefunden, bei Frau Berenike getroffen, und ihn dort, nachdem sie den Dion auf seinem Schmerzenslager begrüßt, zum Vertrauten ihrer Besorgnis gemacht. Ihm allein teilte sie mit, daß die Königin das Schicksal Barines in die Hand des Alexas gelegt habe; denn diese Nachricht hätte die Mutter der so schwer gefährdeten jungen Frau leicht zu verzweifelten Schritten fortreißen können, hielt doch selbst die schwer zu erschütternde Gelassenheit des Archibius nicht vor ihr stand. Am liebsten hätte er sich sogleich Einlaß zu der Königin, mußte es sein, zu erzwingen gesucht, aber der aus Rom angekommene Geschichtschreiber Timagenes erwartete ihn, und er war nicht als Privatmann in die Vaterstadt zurückgekehrt, sondern im Auftrage des Octavian, um als Vermittler dem Streite, der ja durch Actium zu seinen Gunsten entschieden war, ein Ende zu machen. Die Wahl dieses Mittelsmannes war glücklich; denn er hatte der jungen Kleopatra Unterricht erteilt und war derselbe schlagfertige Mann, der sie oft zum Widerspruche gereizt. Seine Teilnahme an einer Volkserhebung gegen die römischen Machthaber hatte ihn in die Sklaverei an den Tiber geführt. Dort war er bald losgekauft worden und zu solchem Ansehen gelangt, daß Octavian den in Alexandria wohlbekannten Mann mit jener wichtigen Botschaft betraut hatte. Bei dem Arius, der immer noch an den Verletzungen litt, die ihm durch die Räder des Antyllus zugefügt worden waren, wollte Archibius ihn treffen, und Frau Berenike begleitete den Timagenes zu ihrem Bruder.
      Dahin durfte Charmion ihm nicht folgen; denn ein Besuch beim früheren Mentor des Octavian wäre ihr übel gedeutet worden, und es widerstrebte ihrem eigenen Feingefühl, gerade jetzt mit dem Freunde des Feindes und Besiegers der Herrin zu verkehren.
      Sie ließ darum den Bruder allein mit Frau Berenike zu dem Verwundeten fahren, doch hatte Archibius ihr vor dem Ausbruche versprochen, im schlimmsten Falle das Aeußerste zu wagen, um der Königin, die ihr von der jungen Frau zu reden verbot, die Augen zu öffnen und dem Alexas die Wege zu kreuzen.
      Von dem Garten des Paneum aus, hatte sie sich dann in die Kanopische Straße und in das Judenviertel tragen lassen, wo sie mancherlei Wichtiges für Kleopatra einkaufen mußte. Die Mittagszeit war längst vorüber, als die Sänfte sie wieder in den Lochiaspalast führte.
      Schon unterwegs hatte sie die eigene Machtlosigkeit schwer empfunden. Ohne selbst das Geringste ausgerichtet zu haben, mußte sie abwarten, wie dies anderen gelinge, und kaum hatte sie die Schwelle des Palastes überschritten, als zu den Sorgen, die ihr die Seele ohnehin schwer genug belasteten, neue kamen.
      Sie wußte in den Gesichtern der Höflinge zu lesen, und schon das des Thorhüters hatte sie gelehrt, daß sich in ihrer Abwesenheit Verhängnisvolles ereignet.
      Von den Unfreien und niederen Bediensteten Neues zu erfragen, widerstand ihr, und sie unterließ es auch, obgleich das Innere des Palastes von Wachen. Beamten jeder Art, Aufwärtern und Sklaven wimmelte. Mancher, der ihrer ansichtig wurde, schaute mit jener Scheu auf sie hin, die diejenigen leicht einflößen, denen etwas Trauriges bevorsteht. Andere, denen sie näher stand, drängten sich zu ihr heran, um sich selbst das traurige Vergnügen zu gönnen, der erste Verkünder schlimmer Neuigkeiten zu sein. Schnell und mit einst zurückweisenden Winken und Worten schritt sie indes an ihnen vorüber, bis ihr vor der Thür des großen Wartesaales, der von ägyptischen und griechischen Bittstellern überfüllt war, der Siegelbewahrer Zeno begegnete. Ihn hielt sie an und verlangte zu wissen, was sich ereignet habe.
      »Seit wann?« frug der alte Höfling. »Jede Minute brachte Neues, und tief betrübend war alles. Welche Zeit, Charmion, welche Verderbnis!«
      »Als ich ausging,« erwiderte sie, »war noch kein Bote gekommen. Jetzt ist es, als stocke dem alten Ungeheuer von einem Palaste, das doch an manches Schrecknis gewöhnt ist, der Atem. Die Hauptsache wenigstens, bevor ich der Herrin begegne!«
      »Die Hauptsache? Pest oder Hungersnot, – was soll man das schlimmere nennen?«
      »Schnell, Zeno, ich werde erwartet.«
      »Auch ich bin in Eile, und wahrlich, es gibt nichts zu berichten, wobei die Zunge gern verweilte. Zuerst kam Canidius an. In eigener Person, geradeswegs von Actium. Kühn genug ist der Mann.«
      »Auch das Landheer geschlagen?«
      »Geschlagen, zerstreut, übergelaufen; den meisten voran König Herodes mit seinen Legionen.«
      Da schlug Charmion die Hände vor das Antlitz und stöhnte laut auf; Zeno aber fuhr fort:
      »Du warst ja mit auf der Flucht. Als Marcus Antonius sich von euch trennte, segelte er mit den Schiffen, die dann zu ihm gestoßen waren, auf Paraetonium zu. Dort stand noch unberührt eine schöne Streitmacht, auf die auch die Majestät und Mardion die beste Hoffnung setzten. An sie konnte sich leicht Zuzug auf Zuzug schließen, und wir hatten wieder ein stattliches Heer zur Verfügung.«
      »Pinarius Scarpus steht an ihrer Spitze, ein umsichtiger Krieger, und auch ich war der Meinung ...«
      »Je Besseres Du ihm zutrautest, um so größer der Irrtum! Der verruchte Schurke – was dankt er dem Antonius nicht alles! – hatte schon Kunde von Actium erhalten, ehe noch die Schiffe kamen, und sich bereits dem Octavian angetragen, als der Imperator sich zeigte. Die Veteranen, die sich dem Verrat widersetzten, hatte der Elende niedermachen lassen. Auch die wackere Besatzung der Stadt war nicht für die Unthat zu gewinnen gewesen. Ihr dankt es Marc Anton, daß er noch lebt und nicht ein schnödes Ende fand durch die eigenen Truppen. Heute abend – ein Reiter brachte die Nachricht – trifft der doppelt Geschlagene hier ein. Wunderlicherweise steigt er nicht auf der Lochias ab, sondern in dem kleinen Palast auf dem Choma.«
      »Arme, arme Königin!« rief Charmion, »wie trug sie das alles?«
      »Dem geschlagenen Canidius und dem Boten des Antonius gegenüber wie eine Heldin. Aber dann ... Das Toben dauerte freilich nicht lange; doch das stumme, verzweifelte Schweigen ... Bevor sie noch völlig sich selbst wiedergefunden, schickte sie uns alle fort, und ich sah sie nicht wieder. Doch was von Gedanken und Gefühlen hier drinnen lebt,« – und damit wies er sich auf Brust und Stirn – »das verließ seitdem seine Heimstätte und weilt bei ihr. Wie ein Entseelter wanke ich von einer Stelle zur andern. O Charmion, was ist über uns gekommen! Wo sind die Zeiten, an denen Kummer und Sorge bestattet lagen bei den anderen Toten, die Tage und Nächte, an denen mein Geist sich mit dem der Majestät vermählte, um diese arme Erde in die blühenden Gefilde der Glückseligen, den Alltag zum Feste, das Fest in olympische Lust zu verwandeln? Welche unerhörten Herrlichkeiten hatte ich nicht für die Siegesfeier, den Triumph, ja sogar für den Einzug in Rom geplant und gedichtet! Ganze Kästen füllen die Entwürfe, Programme, Zeichnungen und Verse. Was das Baulot führt, den Pinsel und Meißel, was dichtet und Musik macht, hätte mir beigestanden, und – Du darfst es glauben: es wäre etwas Einziges geworden, wovon ferne Geschlechter gesprochen, das sie gepriesen und besungen hätten. Und nun – und jetzt?«
      »Jetzt verdoppeln wir die Kräfte, um zu retten, was rettbar.«
      »Rettbar?« wiederholte der Höfling dumpf. »Die Majestät klammert sich freilich auch noch an dies schöne Wort. Als ich sie gestern nacht schaffen sah, war es mir fortwährend, als sähe ich sie Wasser mit dem bodenlosen Kruge der Danaiden schöpfen. Heute freilich, als ich sie verließ, waren ihr die Arme gesunken – und so – so steht sie mir jetzt vor den nassen Augen, so ... Und dazu will mir auch mein Neffe Dion nicht aus dem Sinne. Sorgen, nichts als Sorgen auch von seiner Seite! Und ich hatte es doch so gut mit ihm vor. Mein Testament schreibt ihm alles zu, was mein ist; jetzt aber will er in vollem Ernst mit der Sängerin, der Tochter des Malers Leonax, den Ehebund schließen. Du übernahmst ihren Schutz; – Deine leibliche Nichte, die Iras, steht Dir aber doch sicherlich näher, und darum billigst Du es gewiß, wenn ich das Testament, besteht Dion auf seinem Willen, zerreiße. Keinen Solidus meines Vermögens bekommt er, wenn er dem Weibe nicht entsagt, das der Majestät ein Dorn ist im Auge. Es paßt nun einmal nicht in unser altes, ehrbares Haus. Iras dagegen ist die Spielgefährtin des Dion, und ich bestimmte sie ihm schon lange. Eine klügere, der Königin genehmere Gefährtin läßt sich für ihn nicht denken. Er war ihr gut, bis die Sängerin ihn einfing. Bringe sie wieder zusammen, und wie die eigenen Kinder sollen sie mir sein. Widerstrebt der Narr dem Oheim, der nichts will wie sein Bestes, so ziehe ich die Hand von ihm ab. Was seine Feinde auch gegen ihn spinnen, ich kreuze die Arme und lass' es geschehen. An der Stelle seines Vaters, meines verstorbenen Bruders, stehe ich und verlange Gehorsam. Die Königin ist mir alles, und ihre Gnade gilt mir mehr als zwanzig widerspenstige Neffen.«
      »Die Gunst der Majestät bleibt Dir erhalten, auch wenn Du für den Bruderssohn eintrittst.«
      »Und Iras? Sieht sie sich von ihm betrogen – und sie thut es jetzt schon, – so ruht und rastet sie nicht ...«
      »Bis sie ihn ins Elend stürzte?« fiel ihm Charmion, als sähe sie das nahende Unheil vor Augen, mehr betrübt als vorwurfsvoll ins Wort. »Aber Iras steht der Königin nicht näher als ich, und wenn Du und ich Hand in Hand das Unsere thun, um den wackern jungen Mann, der Deines Blutes ist, zu schützen ...«
      »Dann freilich ... Du stehst sicherlich, schon der längeren Dienstzeit wegen, der Majestät näher als Iras, ... indessen ... Dergleichen will überlegt sein, und ich sagte ja schon:.. Mein Geist verließ die alte Wohnstätte, um der Majestät als ihr Schatten zu folgen. Nur was sie angeht, kümmert ihn noch. Das andere, mag es gehen, wie es will! Die Flotte so gut wie vernichtet. Canidius geschlagen, Herodes übergegangen, Verrat über Verrat, – die afrikanischen Legionen verloren. Wie heißt der Gott, der das den Berg hinabsausende Rad auf den Gipfel zurück rollt? Und dennoch! Laß uns Opfer bringen, Freundin, und bessere Tage erwarten!«
      Damit entfernte sich der Siegelbewahrer; Charmion aber schritt gesenkten Hauptes vorwärts, um sich bei Barine und ihrer treuen Anukis zu sammeln und auszuweinen, bevor sie der Pflicht nachkam, die teure Herrin zu trösten und aufzurichten. Und sie hätte doch selbst eines freundlichen Zuspruchs so sehr bedurft! Wohin sie den Blick wandte, Mißgeschick, Gefahr, Verrat und schmähliche Ränke. Es war ihr, als habe sie genug gelebt, und als sei ihre Zeit vorüber. Ihr mildes Wesen, ihr Geist, der sich zu vertiefen, zu bereichern und, was er gewann, mit einem andern auszutauschen liebte, hatte der Königin bis dahin viel zu bieten vermocht. Sie war der Kleopatra nicht nur eine Vertraute, sondern ihr notwendig gewesen, um mit ihr durchzusprechen, was ihr den rastlosen Geist an Fragen bewegte, die jenseits der Anforderungen des Tages lagen. Jetzt waren es Begebnisse, harte, grausame Thatsachen, die die Königin voll und ganz in Anspruch nahmen, denen sie Widerstand leisten, die sie zum Guten wenden mußte. Ihr Dasein war Kampf geworden, und Charmion fühlte sich nichts weniger als streitbar. – Der harte, biegsame, scharf geschliffene Geist der Iras kam jetzt zur Geltung, und das ergrauende Mädchen sagte sich, daß es ihr bevorstehe, hinter der jüngeren Genossin zurückzutreten. Ihr Amt niederzulegen, hätte ihr Ruhe gebracht, doch wies sie diesen Gedanken noch von sich. Gerade weil diese Zeit so voll war von Elend, und vielleicht dem Sturze und Ende entgegenführte, mußte sie ausharren, zunächst der Königin zu Liebe, dann aber auch, um über Barine zu wachen.
      Jetzt zog es sie zu Kleopatra zurück. Ihre bloße Nähe, wußte sie, würde ihrem wunden Herzen wohlthun.
      Vor der offenen Pforte des Gartens, der sie sich raschen Schrittes näherte, klang ihr das silberhelle Lachen eines Kindes entgegen. Der sechsjährige Alexander eilte mit weit geöffneten Armen auf sie zu, umschlang sie mit ihnen, schmiegte den Lockenkopf in ihren Schoß und schaute mit den großen hellen Augen zu ihr in die Höhe.
      Da ging das Herz ihr auf, und wie sie das Kind zu sich emporhob und es küßte, und ihr dabei in den Sinn kam, welchem traurigen Schicksal es erlesen, brach die gewaltsam behauptete Fassung in Stücke; die Augen flossen ihr über, und laut aufschluchzend drückte sie den Knaben fester an die Brust.
      Das Königskind aber, das nur an heitere Gesichter und freundliches Kosen gewöhnt war, rang sich erschrocken von ihr los, um zu den Geschwistern zurück zu eilen. Doch es hatte ein freundliches kleines Herz, und weil es wußte, daß niemand weint und schluchzt, dem nicht etwas weh thut, fühlte Alexander Mitleid mit der Charmion, der er gut war, und eilte zu ihr zurück.
      Was er ihr zu zeigen im Sinne trug, hatte auch der Mutter gefallen, und der Weinenden die Augen getrocknet. Darum faßte er Charmion bei der Hand, zog sie sich nach und sagte, er wolle ihr das Allerschönste und Niedlichste zeigen; sie aber ließ sich willig über die mit seinem rötlichem Sand bestreuten Wege des kleinen Gartens führen, den Antonius für ihn und seine Geschwister in der ihm eigenen verschwenderischen und prachtliebenden Weise hatte herstellen und mit schönen und seltenen Dingen überfüllen lassen.
      Da gab es einen Teich mit Gold- und Silberfischen, auf dem seltene Lotosblumen mit rosenroten Blüten aus dem Grün der glatten Blätter aussproßten, und ein anderer, auf dem wie für Kinder gebildete Zwergenten in allen Farben umherzogen. Ein Stück des Meeres, das ihn bespülte, war mit goldenem Gitterwerk eingehegt, und auf seinem Spiegel wiegten sich in dichtem Gedränge schneeweiße Schwäne und schwarze mit weinroten Schnäbeln. Heimische und indische Blumen in allen Farben schmückten die Beete. Laubgänge von Golddraht, die bunt blühende Schlinggewächse umrankten, beschatteten die schmalen Wege.
      Hinter einem dichtbelaubten indischen Baume lud hier eine Grotte von Tropfstein zur Rast, und ihm zur Seite erhob sich ein Häuschen, in dem die Kinder sich aushalten konnten. In seinem Innern fehlte es an nichts, was das Leben erfordert, selbst nicht das Geschirr in der Küche und im Tablinum die Bildnisse der Familie, die ein Künstler auf kleine Elfenbeinplatten zierlich gemalt. Das alles war der Größe der Kinder entsprechend, vom kostbarsten Stoffe und von sorgfältigster Arbeit.
      Hinter dem Hause erhob sich ein kleiner Stall, in dem vier winzige Pferdchen mit getigertem Fell, das Seltenste und Niedlichste, das sich denken ließ – ein Geschenk des Königs von Medien – den Boden stampften.
      An einer andern Stelle gab es ein Gehege mit Gazellen, Straußen, jungen Giraffen und anderen grasfressenden Tieren. Bunte Vögel und Affen belebten die Kronen der Bäume, und mit dem Wasserstrahle der Springbrunnen stiegen und senkten sich bunte Bälle. Kindergenien und Götterbilder aus Marmor und Bronze lugten aus dem Grün hervor, und diese ganze Zauberwelt drängte sich auf einem kleinen Raume zusammen und wirkte mit ihrem Farbenglanz und Formenreichtum, dem Duft, Gesang und Gezwitscher verwirrend auf die übertrumpfte Einbildungskraft nicht nur der Kinder.
      Der kleine Alexander zog Charmion zielbewußt vorwärts, ohne all dieser Herrlichkeiten auch nur mit einem Blicke zu achten. Erst am Ufer des Lotosteiches blieb er stehen, legte den Finger an den kleinen Mund und sagte: »Jetzt will ich Dir's zeigen. Schau hierher!«
      Damit hob er sich behutsam auf die Zehen und wies in die Höhlung des Stammes. Ein Finkenpaar hatte das Nest in ihr erbaut, und fünf Junge mit breiten gelben Schnäbeln streckten die häßlichen Köpfchen hungrig in die Höhe.
      »Das ist doch niedlich!« rief der Prinz. »Und Du mußt sehen, wie das ist, wenn die Alten kommen und sie füttern.«
      Das liebe Gesicht des schönen Knaben strahlte dabei vor Entzücken, und Charmion küßte ihn zärtlich. Während sie es aber that, kamen ihr die zu Tode gehackten jungen Schwalben am Admiralschiff seiner Mutter in den Sinn, und es lief ihr kalt durch die Adern.
      Da ließen sich von einer vernachlässigten Stelle hinter dem fein gearbeiteten Kinderhäuschen her helle Stimmen vernehmen, die den Alexander riefen, und nun besann sich der Knabe und rief verdrossen:
      »Da zeigte ich Dir nun das Nestchen, und darüber hab' ich's vergessen. Die Agathe schlief ein, und der Smerdis ging fort, und so waren wir allein. Da schickten sie mich zu dem Thorhüter Horus, um etwas von seinem groben Speltbrot zu holen. Mir schlägt er nichts ab, und es schmeckt uns so gut. Wir sind Bauern und haben das Beil und die Hacke tüchtig gebraucht und wollen nun essen. Hast Du unser Haus schon gesehen? Wir bauten es selbst! Die Selene, der Helios, die Iotape, die meine Braut ist, und ich ... Ja ich! Mithelfen ließen sie mich, und ganz, ganz allein brachten wir's fertig! Es fehlt nichts daran. Den Stall für die Kuh machen wir morgen! Die anderen sollen es nicht sehen, aber Dir darf ich's zeigen.«
      Damit zog er sie sich wiederum nach, und Charmion folgte ihm willig. Die Zwillinge und die kleine Iotape, die der sechsjährige Alexander seine Braut genannt hatte, ein hübsches, zartes, blondes Kind in seinem Alter, die Tochter des Mederkönigs, die nach dem Partherkriege mit dem Knaben verlobt worden war und sich jetzt als Geisel am Hofe der Kleopatra aufhielt, empfingen sie mit fröhlichem Zuruf. Außer der Mederin hatte Charmion sie sämtlich geboren werden sehen, und sie liebten sie alle.
      Mit frohem Stolz zeigten ihr die jungen fürstlichen Bauleute ihr Werk, und es war in der That wohl gelungen. Schon seit Wochen hatten sie daran gearbeitet und darüber den übrigen Garten mit all seinen köstlichen Seltenheiten vergessen. Besonders stolz wiesen sie auf die zwei Bretter, die Helios selbst mit Hilfe des Alexander nach dem letzten Sturme auf der See gefischt hatte, als sie einmal allein gelassen worden waren, und auf das Schloß an der Pforte, das ihnen heimlich von einem alten Thore loszulösen gelungen. Den Vorhang vor der Thür hatte Selene selbst gewoben. Jetzt wollten sie auch einen Herd bauen.
      Charmion lobte ihre Geschicklichkeit, während sie in frohem Durcheinander schilderten, wie sie die größten Schwierigkeiten überwunden. Die Lust an dem eigenen Werke strahlte jedem aus den hellen Augen; dabei erfüllte sie solcher Eifer, daß sie das Nahen des Mannes überhörten, der sie mit dem Rufe überraschte:
      »Genug nun, Hoheiten, mit dem müßigen Spiel! Es wird ohnehin zu viel Zeit darauf verwendet!«
      Dann wandte er sich im Tone der Entschuldigung an die Königin, die er hieher begleitete, und fuhr fort: »Dies Spiel könnte bedenklich erscheinen, doch läßt sich auch manches dafür vorbringen. Jedenfalls schien es den jungen Hoheiten so viel Freude zu bereiten, daß ich es auf kurze Zeit durchgehen ließ. Wenn Eure Majestät indessen befehlen ...«
      »Laß ihnen das Vergnügen,« unterbrach ihn die Königin freundlich; und sobald die Kinder die Mutter erblickten, stürzten sie auf sie zu, drängten sich zärtlich und ohne Scheu an sie, dankten ihr und versicherten lebhaft, daß ihnen im ganzen Garten nichts auch nur halb so lieb sei wie ihr Haus dort. Sie hätten auch vor, einen Stall daneben zu bauen.
      »Das möchte zu viel werden,« bemerkte der Hofmeister Euphronion, ein ergrauender Mann mit klugen und wohlwollenden Zügen, bedenklich. »Behalten wir im Sinne, wie viel noch zu lernen übrig bleibt, damit wir am Geburtstage Ihrer Majestät das vorgesteckte Ziel erreichen und die Probe bestehen.«
      Aber die Kinder vereinten sich nun zu der Bitte, auch den Stall bauen zu dürfen, und sie wurde gewährt.
      Als der Hofmeister sie endlich fortführte, hielt die königliche Mutter sie zurück und fragte:
      »Und wenn ich euch nun statt dieses Gartens ein Stück Land ohne jeden Schmuck, wie der Bauer es pflügt, anwiese, worin ihr nach dem Unterrichte graben und bauen dürftet, so viel ihr nur wollt?«
      Da scholl ihr lauter Jubel aus dem Mund der Kinder entgegen; nur die kleine medische Braut Iotape frug bedenklich: »Aber meine Puppe würde ich doch mitnehmen dürfen? Nur die älteste von allen, die Atossa. Es fehlt ihr ein Arm, doch sie ist mir die liebste.«
      »Uns nimm, was Du magst!« rief Helios und zog den kleinen Alexander zu sich heran, um zu zeigen, daß sie, die Männer, zusammenhielten, »nur gib uns den Platz und laß uns bauen!«
      »Sehen wir zu, ob es angeht,« entgegnete Kleopatra. »Und Du, Euphronion, vielleicht wärest Du der Rechte ... Doch davon in einer ruhigeren Stunde.«
      Der Hofmeister ging, und die Kinder, die ihm folgten, schauten sich noch lange grüßend und rufend nach der Mutter um.
      Als sie hinter dem Laubwerke des Gartens verschwanden, rief Charmion: »Wie rief sich auch der Himmel verfinstert, so lange Dir diese bleiben, kann es Dir nicht an Sonnenschein fehlen.«
      »Wenn,« versetzte die Königin und schaute nachdenklich zu Boden, »sich nicht in den Gedanken an sie ein anderer verflöchte, der die Nacht noch schwärzer macht. Du weißt, was dieser schreckliche Tag uns brachte?«
      »Alles!« versetzte die Gefragte mit einem schmerzlichen Seufzer.
      »Dann kennst Du den Abgrund, an dessen Rande wir wandeln, und sie, sie von der unseligen Mutter mit in den gähnenden Schlund reißen zu sehen, – das, Charmion. – das!«
      Dabei schluchzte sie auf, warf die Arme um den Hals der Freundin und Gespielin, und ließ das Haupt an ihrem Herzen ruhen wie ein des Trostes bedürftiges Kind.
      Da weinte sie sich minutenlang aus. Als sie das thränenfeuchte Antlitz wieder erhob, sagte sie leise:
      »Das that gut! O Charmion, ich bedarf der Liebe wie keine. An Deinem warmen Herzen ist es schon stiller hier drinnen geworden.«
      »Brauche es, schmiege Dich daran, so oft Du seiner bedarfst, bis ans Ende,« rief Charmion in tiefer Bewegung.
      »Bis ans Ende,« wiederholte Kleopatra und trocknete die Augen. »Erst mit dem heutigen Tage, mein' ich, begann es. Vorhin war ich eine Stunde lang allein. Vergehen zu sollen, hatt' ich vorher gemeint, und Du weißt ja, wie ungestüm die Leidenschaft mich fortreißt. Aber was war auch über mich gekommen! Das Landheer vernichtet, der Abfall des Herodes und Pinarius, das großmütig vertrauensvolle Herz des Antonius zerfleischt durch schnöden Verrat, seine Seele verdüstert, die Herstellung des Kanals, die letzte Hoffnung – Gorgias brachte die Kunde – so gut wie gescheitert ... Da kam der kleine Alexander, um mich zu seinem Vogelnestchen zu führen. Alles andere im Garten schien ihm nichtig dagegen ... Das erweckte neue Gedanken, und nun das Häuschen, das die Kinder mit eigener Kraft sich erbauten! Das alles, – mit geheimnisvoller Gewalt zwang es mich, zurück zu sehen auf die Bahn meines Lebens, bis hin zu den fernen Tagen im Haus Deines Vaters ... Ich ... Die Kinder ... Auf wie verschiedenen Grundlagen baut unser Leben sich auf! Wohin ich, als die Jugend hinter mir lag, gelangte, sie ließ ich damit beginnen. Mitten in den Verwirrungen des Staates, angesichts der Vertreibung des Vaters und des Todes der Mutter, am Rande eines Abgrundes begann meine Kindheit. Die der Zwillinge – zehn Jahre sind sie alt – bald kommt die ihre zum Abschluß, und jetzt werden sie die nämlichen Leiden durchzudulden haben, nachdem sie Genüsse gekostet, von denen man mir auch nicht einen geboten. Aber waren uns nicht bessere beschieden? Was ihnen tagtäglich zu teil ward, wir träumten nur davon in unserem einfachen Garten. Wie oft ließ ich Dich teilhaben an den glänzenden Gesichten, die sich damals meiner Seele zeigten. Du folgtest mir gern in die prächtige Märchenwelt meiner Träume. Und ich ... Was die Einbildungskraft mir in jenen Jahren der Ruhe und Sammlung zeigte, es begleitete mich in das spätere Leben. Auf dem Throne, reich und mächtig, sah ich sie wieder und wieder. Die Mittel, sie zu verwirklichen, waren zur Hand, und als ich ihm begegnete, dessen eigenes Leben der Verwirklichung eines Traumes glich, da rief ich die Kindheitsgesichte auf und machte sie zur Wahrheit. Die Wunder, mit denen ich das Dasein des Geliebten schmückte, Kindheitsträume waren es, denen ich greifbare Gestalt gab. Dieser Garten ist ein Abbild des Daseins, zu dem ich aufgestiegen zu sein meinte und in Wahrheit herabsank. Was die Sinne ergötzt, trugen wir auf dies Stück Erde zusammen, kein einziger kommt auf diesem engen Raume zur Ruhe, wo sich an der Ueberfülle des Zusammengehäuften stößt, wer es wagt, sich frei zu bewegen. Und doch hatte ich unter euch und an der Hand eures weisen Vaters mich mit so wenigem begnügen gelernt und mit dem Ringen nach Ruhe begonnen. Sie – die schmerzlose Ruhe, unser höchstes Gut – wohin kam es? Durch mich ging es auch euch beiden verloren ... Die Kinder aber ... Auf einem Sammelplatze jeder Unruhe ließ ich sie beginnen, und nun sehe ich, wie ihr eigener gesunder Sinn sich herauszuringen trachtet aus dem blendenden Farbenbunt, dem betäubenden Duft, dem verwirrenden Gesang und Gezwitscher. Zu dem schlichten Acker, auf dem das Leben des ringenden Menschen begann, sehnen sie sich zurück. Der Knabe wirft den Tand von sich, um die seinem Wesen eigene schaffende Kraft zu bewähren. Das Mädchen thut es ihm nach und hält nur fest an der Puppe, in der es das lebende Kind sieht, um dem mütterlichen Triebe, dem Wahrzeichen seiner Natur, gerecht zu werden. Was aber ihre Seele so kräftig begehrt, das ist das Rechte, und es sei ihnen gewährt. Als ich zehn Jahre zählte wie die Zwillinge, hatte mein Sein und Streben schon eine feste Richtung gewonnen. Sie folgen noch blind den Zielen, die ihnen vorgesteckt werden. Zurück darum mit ihnen an die Stelle, von der die Mutter ausging, – auf der sie alles empfing, was gut in ihr blieb! In den Epikuräergarten sollen sie, gleichviel, ob es der alte ist zu Kanopus oder ein anderer. Was bunte Träume der Mutter gezeigt, und was sie oft mit freventlicher Verschwendung zu verwirklichen trachtete, es umgab sie von Geburt an und ward ihnen zeitig verleidet. Sie werden, treten sie ins Leben heraus, was nur die Sinne reizt und berauscht, verachten. Festhalten werden sie an dem Trachten nach schmerzloser innerer Ruhe, wenn ein weiser Wegweiser sie leitet und sie von den Gefahren fern hält, die die Lehre des Epikur gerade für die Jugend umschließt. Ich fand diesen Führer, und auch Du wirst ihm vertrauen; denn Dein Bruder Archibius ist's, den ich meine.«
      »Er?« frug Charmion überrascht.
      »Ja, er, der im Epikuräergarten erwuchs und im Leben und in der Philosophie den Halt fand, der ihm mitten in allen Kämpfen des Daseins die Ruhe der Seele bewahrte, – er, der die Mutter liebt, und dem auch die Kinder teuer, – er, dem die Knaben und Mädchen anhängen mit herzlichem Vertrauen. Unter seinen Schutz wünsche ich die Kinder zu stellen, und wenn er einwilligt, der unglücklichsten der Frauen dies Verlangen zu erfüllen, dann seh' ich dem Ende gelassen entgegen. Es naht! – Ich fühle, ich weiß es. Gorgias arbeitet schon an dem Entwurf für mein Grabmal.«
      »O Königin!« rief Charmion schmerzlich. »Was auch kommt, gegen Dein erhabenes Leben kann es sich nicht richten! Ein großmütiges Herz wie in der Brust des Marcus Antonius schlägt nicht in der des Octavian, doch er ist nicht grausam, und gerade weil kühle Berechnung mäßigt, wozu der Ehrgeiz ihn antreibt, wird er Dich schonen. Er weiß, wie diese Stadt, dies Land Dich vergöttern, – und gelingt es ihm wirklich, an den ersten Erfolg neue Siege zu knüpfen, gestatten es die Himmlischen, daß Dein Thron und – mögen sie es verhüten! – auch Deine geheiligte Person in seine Gewalt fällt ...«
      »Dann,« rief Kleopatra, und ihr klares Auge leuchtete hell auf, »dann soll er erfahren, wer größer ist von uns beiden, – gerade dann werde ich mir das Recht zu wahren wissen, auf ihn herabzuschauen, mag das blinde Schicksal ihm, der meinem und dem Sohne des Cäsar das Erbe stahl, auch die gesamte Macht des Erdenrunds unterthänig machen.«
      Mit zornig funkelnden Augen hatte sie dies gerufen; dann aber senkte sie die zur Faust geballte kleine Hand und fuhr in verändertem Tone fort:
      »Es können Monde vergehen, bevor er stark genug ist, den Angriff zu wagen, und es billigten die Himmlischen selbst den Bau des Grabmals. Das einzige Hindernis, das im Wege stand, das Haus des alten Philosophen Didymus, es ward zerstört. Vorhin brachte ein Bote des Gorgias die Meldung. Es soll das zweite Grabmal in dieser Stadt werden, das der Beachtung wert ist. Das andere birgt die Leiche des großen Alexander, dem sie Entstehung und Namen dankt. Er, der die halbe Welt seiner Macht und dem Genius des griechischen Volkes unterwarf, er war jünger als ich, da er starb. Woher nehme ich, durch deren elende Schwäche Actium verloren ging, das Recht, länger unter der Sonne zu wandeln? In wenigen Stunden vielleicht haben wir den Marc Anton zu erwarten.«
      »Und in dieser Stimmung,« unterbrach sie Charmion, »trittst Du dem Niedergedrückten entgegen!«
      »Er will nicht empfangen sein,« versetzte Kleopatra herb. »Auch mir untersagte er, ihn zu begrüßen, und ich verstehe dies Verbot. Aber was mußte über ihn kommen, daß er, der Frohgemute, der Freund der Menschen, sich nach Einsamkeit sehnt und sich scheut, auch dem Liebsten und Nächsten zu begegnen. Auf der Choma, wohin er sich zurückzuziehen wünscht, sieht Iras jetzt nach, ob alles im Stand ist. Sie sorgt auch für Blumen, die er liebt. Schwer ist es, grausam schwer, ihm nicht wie sonst das Willkommen zu bieten. O, Charmion, wie das war, wenn er mit offenen Armen und weit geöffnetem Herzen wie ein Jüngling die mächtige Gestalt ans Land schwang und mir aus dem schönen Heroenantlitz ein Strom von heißer, heiterer Liebe entgegenwogte. Und wenn er dann – Du vergißt es auch nicht! – die tiefe Stimme zu dem ersten Gruße erhob, dann war es mir, als müßten die Fische im Wasser mit einstimmen und die Palmen am Ufer in glückseliger Mitfreude die Wedel schwingen. – Und hier! Die Träume der Kindheit, die ich für ihn verwirklichte, sie nahmen uns auf, und unser von Liebe und Rosen umwobenes Leben, es wurde ein Märchen! Seit dem ersten Tage, an dem er uns entgegenritt zu Kanopus, und mir den ersten Blumenstrauß und einen um Liebe werbenden sonnigen Blick bot, steht sein Bild mir vor der Seele wie die Verkörperung der alles besiegenden Manneskraft und der lichten, durch nichts zu trübenden, die Welt beglückenden Freude. Und jetzt, jetzt!? – Weißt Du noch, wie wir ihn als dumpfen Träumer, bevor er nach Paraetonium abfuhr, verließen? – Aber nein, nein, tausendmal nein, so darf er nicht bleiben! Nicht gesenkten Hauptes, aufrecht wie in den Tagen des Glückes, soll er Hand in Hand mit der, die er liebt, die Schwelle des Hades betreten. Und er liebt mich noch immer! Wäre er mir sonst wohl hierher gefolgt, obgleich ihn mir kein Zauberbecher mehr nachzieht? Und ich? Dies Herz, das in der Brust des Kindes ihm die ersten jungen Triebe schenkte, gehört ihm noch immer und bleibt auch sein eigen ... Ob ich mich nicht dennoch in den Hafen begebe und ihn erwarte? Schau mir ins Antlitz, Charmion, und antworte mir ohne Scheu wie der Spiegel: gelang es dem Olympus wirklich, die Falten zu tilgen?«
      »Sie waren schon vorher kaum bemerklich,« lautete die Antwort, »und auch das schärfste Auge könnte sie nicht mehr entdecken. Auch die Haarsalbe brachte ich mit, und was Olympus Dir für das ...«
      »Still, still.« unterbrach sie Kleopatra leise. »Es regt sich viel Lebendiges in diesem Garten, und den Vögeln sagt man ja nach, sie hörten am schärfsten.«
      Dabei vertiefte ihr ein schalkhaftes Lächeln die Grübchen in den Wangen, und die Freude an ihrer herzbestrickenden Anmut zwang Charmion den Ruf auf die Lippen: »Wenn Marcus Antonius Dich in diesem Augenblicke sähe!«
      »Schmeichlerin!« entgegnete die Königin mit einem dankbaren Lächeln; die andere aber fühlte, daß der Augenblick jetzt gekommen sei, noch einmal für Barine das Ihre zu thun, und sie begann darum eifrig:
      »Nein, ich schmeichle gewiß nicht! Keine in Alexandria, wie sie auch heiße, dürfte es wagen, sich auch nur von ferne mit Deinem Liebreiz zu messen. Laß darum doch von der Verfolgung des unglückseligen Weibes, das Du meiner Obhut anvertrautest. Sich selbst beleidigen heißt es, wenn man eine Kleopatra ist ...«
      Hier aber wurde sie mit einem unwilligen: »Schon wieder!« unterbrochen.
      Das Antlitz Kleopatras, das während dieser Unterredung alle Regungen der Frauenseele von der tiefen Todestrauer bis zur heiteren Schalkhaftigkeit widergespiegelt hatte, gewann den Ausdruck abweisender Härte, und mit der kurzen Bemerkung: »Du vergißt wiederum, was ich mir mit gutem Grunde verbat; – ich muß an die Arbeit,« wandte sie der Jugendgenossin den Rücken.
    



      Fünfzehntes Kapitel
      Charmion schritt ihrer Wohnung entgegen. Wie schon oft war es ihr jetzt eben wieder ergangen. Wenn sie die Tiefe des Gemütes, die männliche Geisteskraft, den rastlosen Fleiß, die wache Sorge Kleopatras für ihr Land, die standhafte Liebe, die mütterliche Hingebung dieser seltenen Frau aufs wärmste bewundert hatte, war sie in beklagenswerter Weise entnüchtert worden.
      Sie hatte dann sehen müssen, wie die Königin, um einen Märchentraum der Kindheit zu verwirklichen und den Geliebten damit zu überraschen, ungeheure Summen vergeudete, die den Wohlstand der Unterthanen schädigten, wie sie Großes und Wichtiges hinter die eitle und peinliche Pflege der eigenen Person zurückstellte, wie kleinliche Eifersucht sie der Gerechtigkeit und Güte vergessen ließ, die ihr sonst eigen, wie sie, die freundlichste und weiblichste der Gebieterinnen, sich in zornigem Aufwallen bis zur Gewaltthätigkeit gegen einen Untergebenen vergaß, dessen Handlungsweise sie mit tiefgehender Empörung erfüllte. Der ihr ureigene Ehrgeiz, der ihr die würdigsten und rühmlichsten ihrer Thaten eingab, war mehr als einmal zur Triebfeder von Handlungen geworden, die sie später bereute. Wie es ihr schon als Kind unerträglich erschienen war, sich bei der Lösung schwieriger Aufgaben übertroffen zu sehen, hatte sie das Bedürfnis bewahrt, wo sie sich zeigte, die erste zu sein und nicht ihresgleichen zu haben. Darum war auch vielleicht der unselige Umstand, daß Antonius der Barine das Gegenstück eines Armbandes verehrt hatte, das sie selbst als ein Geschenk des Geliebten trug, der Hauptgrund ihres bitteren Grolles gegen die unglückliche Frau.
      Charmion hatte Kleopatra manches Unrecht, ja manche ihr zugefügte Kränkung willig und großmütig vergeben sehen, doch sich selbst von dem Gemahl einer Barine, worin es auch sei, gleichgestellt zu sehen, konnte ihr leicht unerträglich erschienen sein, – und was dem Cäsarion infolge der thörichten Leidenschaft, die die junge Frau in ihm erweckt hatte, zugestoßen war, gab ihr das Recht, die Nebenbuhlerin zu strafen.
      Schwer besorgt um das Schicksal des Schützlings, tief innerlich erregt und dazu erschöpft an Leib und Seele näherte sich Charmion ihrer Wohnung.
      Dort erwartete sie, Erquickung durch die wohlthuende, gleichmäßig heitere Weise Barines zu finden, dort harrten ihrer die treu sorgenden Hände ihrer braunen Dienerin und Vertrauten.
      Die Sonne neigte sich dem Untergang entgegen, als sie in den Vorsaal gelangte. Die wachthabenden Leibwächter teilten ihr mit, es habe sich nichts Bemerkenswertes ereignet, und aufatmend betrat sie das Wohngemach.
      Während die Aethiopierin ihr aber sonst mit freundlichen Worten entgegenkam, um ihr den Schleier und Umwurf abzunehmen und ihr die Schuhe von den Füßen zu lösen, wurde sie heute von niemand empfangen. Erst in dem zweiten Gemache, das sie dem Gaste angewiesen hatte, fand sie Barine mit verweinten Augen.
      Während Charmions Abwesenheit war dieser ein Brief des Alexas überbracht worden, worin er ihr mitteilte, er werde sie morgen in aller Frühe im Auftrage der Königin einem Verhör unterziehen. Ihre Sache stehe schlecht, doch wenn sie ihm seine Pflicht nicht durch jene Härte, die ihm schon früher manchen Schmerz zugefügt habe, erschwere, werde er sein Aeußerstes thun, um sie vor Gefangenschaft, der Zwangsarbeit in den Bergwerken oder noch Schlimmerem zu behüten. Das unvorsichtige Spiel, das sie mit dem Könige Cäsarion getrieben, habe leider das Volk gegen sie aufgebracht. Wie sehr, das zeige die Wut, mit der es das Haus ihres Großvaters Didymus zerstörte. Den Dion, der sich freventlich an dem hohen Sohne der geliebten Königin vergriffen habe, werde nichts vor der Empörung der Menge zu retten vermögen. Er, Alexas, wisse, daß sie in jenem Dion einen Freund und Beschützer verliere; doch sei er geneigt, an seine Stelle zu treten, wenn ihr Verhalten es ihm nicht zur Unmöglichkeit mache, Gnade mit Gerechtigkeit zu verbinden.
      Dies ruchlose Schreiben, das Barine Milde um den Preis ihrer Gunst verhieß, ohne Alexas in seiner Eigenschaft als Richter bloßzustellen, erklärte Charmion die Erschütterung, in der sie die Tochter des Freundes fand.
      Wohl erleichterte es sie ein wenig, dem Abscheu und dem Groll gegen Alexas, so lebhaft wie ihre milde Natur es zuließ, Ausdruck zu geben, doch fuhren Angst, Kummer und Entrüstung fort, in ihrer schwer bedrückten Seele um die Herrschaft zu ringen.
      Es war zu erwarten gewesen, daß die geistig regsame Frau versuchen würde, sich mit lebhaften Fragen zu erkundigen, was Charmion bei der Königin und dem Archibius ausgerichtet hätte und was sich Neues für Kleopatra, den Staat und die Stadt begeben; doch mit wärmerer Teilnahme frug sie nur nach dem Ergehen des Geliebten, von dem sie viel zu hören verlangte, worüber ihr die Freundin keine Auskunft zu erteilen vermochte. Bei ihrem kurzen Besuche am Lager des Dion hatte sie nicht erfahren, wie er das eigene und das Mißgeschick Barines trüge, wie er in die Zukunft schaute, und was er von ihr erwartete.
      Das Nichtwissen und Schweigen Charmions gerade diesen Fragen gegenüber steigerte die Besorgnis der so schwer Bedrohten, die nicht nur sich selbst, sondern auch die ihrem Herzen am nächsten stehenden Lieben so ernstlich gefährdet sah. Sie drang darum in die Gastfreundin, sie von der Ungewißheit zu erlösen, die schwerer zu ertragen sei als die furchtbarste Gewißheit; aber jene konnte oder wollte ihr weder über die Absichten Kleopatras noch über das Schicksal und das Verbleiben der Großeltern und der Helena nähere Auskunft erteilen. Das steigerte ihre Angst; denn wenn die Mitteilung des Alexas wahr war, so mußten die Ihren obdachlos sein. Als Charmion endlich sogar bekannte, den Dion nur flüchtig gesehen zu haben, da brach der Gequälten die Kraft des stillen Duldens.
      Sie, die Hoffnungsreiche, die, wenn das Abendglühen erlosch, sich schon auf das Morgenrot des nächsten Tages freute, sah jetzt in der Hand Kleopatras die Rohrfeder, mit der sie ihr Todesurteil und das des Geliebten unterschrieb. Vor dem innern Auge erblickte sie die Ihren und wie das einstürzende Haus sie erschlug oder blutend von den Steinwürfen der rasenden Menge. Den Alexas hörte sie dem Henker befehlen, sie der Folter zu unterwerfen, und die Nubierin, wähnte sie, kehrt nicht heim, weil sie den Dion nicht gefunden. Die Trabanten der Königin hatten ihn wohl, mit Ketten belastet, ins Gefängnis geschleppt, wenn Philostratus nicht schon vorher das Volk verführt hatte, ihn durch die Straßen zu schleifen.
      Mit fieberhaftem Ungestüm, das Charmion um so mehr erschreckte, je fremder es ihr an der Tochter des Freundes war, gab Barine ihr alle Wahnbilder zu sehen, womit die von Todesangst, Sehnsucht, Liebe, Abscheu genährte Einbildungskraft sie erschreckte; jene aber bot alles auf, was ihr an Beredsamkeit eigen, schalt sie und überschüttete sie dann wieder mit Liebkosungen, um sie zu beruhigen und sie der Verzweiflung zu entreißen. Aber nichts wollte fruchten. Endlich gelang es ihr, die Unglückliche zu überreden, mit ihr ans Fenster zu treten, von dem aus sich ein herrliches Schauspiel darbot. Im Westen, hinter dem Heptastadium in dem Mastenwalde des Hafens des Eunostus, ging die Sonne unter, und Charmion, die an den Kindern der Königin erlernt, einem erschütterten jungen Herzen die Ruhe wiederzugeben, wies den Schützling, um seine Gedanken auf etwas Neues zu lenken, auf das glühende Purpurrot am abendlichen Horizonte und erzählte, wie ihr Vater, der Maler, sie auf die prächtige Leuchtkraft gewiesen, die die Farben in dieser Tageszeit gewännen, auch wenn der Westen nicht wie heute erglühte.
      Barine aber, die sich sonst an diesem Schauspiel kaum satt sehen konnte, dankte es ihr nicht; denn dieser Sonnenuntergang erinnerte sie an einen andern, den sie jüngst an der Seite des Dion bewunderte, und von neuem erschütterte ihr ein heftiges Schluchzen die Brust.
      Ratlos legte ihr Charmion den Arm um die Schulter, Da wurde die Thür schnell geöffnet, und die Nubierin Anukis trat ein.
      Ihre Herrin wußte, daß es nichts Ungehöriges sein könnte, was sie von ihrem Posten zur Seite Barines so lange fern gehalten hatte. Sicher war ihr sogar etwas Wichtiges begegnet, das starke Anforderungen an ihre Kraft gestellt hatte. Ihr Aussehen bewies es. Die glänzend braune Haut hatte einen aschgrauen Anstrich gewonnen, ihre hohe, von wirrem krausem Haar umgebene Stirn triefte, und die vollen Lippen waren erblaßt.
      Obgleich sie sich großen Anstrengungen unterzogen haben mußte, schien sie indes keineswegs der Ruhe bedürftig; denn nachdem sie die Frauen begrüßt und sich wegen ihres langen Ausbleibens entschuldigt und Barine mitgeteilt hatte, diesmal sei ihr Dion wie ein Halbgenesener erschienen, bat sie die Herrin mit einem raschen Seitenblick, ihr in das Nebenzimmer zu folgen.
      Aber dem Mißtrauen der geängstigten jungen Frau war die Augensprache der Nubierin nicht entgangen, und von neuer Besorgnis ergriffen, verlangte sie alles zu hören.
      Da gebot Charmion der Dienerin, zu reden; Anukis aber versicherte, bevor sie begann, die Nachrichten, die sie mit sich führe, gehörten zu den allerbesten, – nur stellten sie große Anforderungen an die Standhaftigkeit und den Mut der Barine, die sie freilich anders wiederzufinden gehofft. Es sei keine Zeit zu verlieren. Eine Stunde nach Sonnenuntergang werde sie an dem Orte des Stelldicheins erwartet.
      Hier unterbrach Charmion die Dienerin mit dem Rufe: »Unmöglich!« und erinnerte sie an die Wachen, die Alexas im Bunde mit der im Palaste heimischen Iras schon gestern in dem Vorsaale und an allen Ausgängen, ja sogar unter den Fenstern aufgestellt hatte.
      Doch die Nubierin erklärte, das sei alles schon erwogen; um Zeit zu gewinnen, müsse sie indes Barine ersuchen, sich Haut und Haar, während sie rede, färben und kräuseln zu lassen.
      Die Ueberraschung, die sich in dem verweinten Antlitz der jungen Frau malte, veranlaßte sie dann zu dem Ausrufe:
      »Nur vertrauensvoll die Hände gerührt. Gleich werdet ihr alles erfahren. Es gibt so viel zu berichten. Unterwegs hatte ich mir zurechtgelegt, wie ich das alles fein hintereinander erzählen wollte, aber so geht es jetzt doch nicht, Nein, nein! Wer die Schafherde aus dem brennenden Stalle schaffen will, der zieht zuerst den Leithammel ins Freie; – die Hauptsache mein' ich, – und mit ihr, die eigentlich an das Ende gehörte, muß ich denn auch beginnen. Die Erklärung, wie das alles mir zukam ...«
      Da unterbrach sie wie ein froher Aufschrei der Ruf Barines:
      »Ich soll fliehen, und Dion weiß darum, und er folgt mir nach! Ich sehe Dir's an.«
      In der That verriet jeder Zug in dem häßlichen Antlitz der braunen Dienerin, daß es etwas Erfreuliches sei, das sie bewegte. Kecke Unternehmungslust strahlte ihr aus den schwarzen Augen, und ein liebenswürdiges Lächeln verschönte ihr den großen Mund mit den übervollen Lippen, als sie versetzte:
      »Solch ein verliebtes Herz versteht sich auf das Wahrsagen besser als der erste Prophet des großen Serapis. Ja, junge Herrin, der, den Du meinst, soll aus dieser schlimmen Stadt, in der euch beiden so Uebles droht, verschwinden. Ihm glückt es gewiß und, stehen die Himmlischen uns bei und sind wir klug und mutig, auch Dir. – Wer weiß wie bald findet ihr euch wieder! Woher die Hilfe kommt, davon später. Jetzt gilt es zuerst, Dich zu verwandeln, und zwar – laß Dich's nicht reuen! – in das Allerhäßlichste: in die braune Anukis. In ihrer Gestalt sollst Du aus diesem Palast entweichen. Nun weißt Du's, und während ich aus meiner Kleiderlade das Nötige hole, bitte ich Dich, Herrin, zu bedenken, woher wir das Schwarz nehmen für die Färbung der Elfenbeinhaut hier und des goldenen Haares.«
      Damit verließ sie das Zimmer, Barine aber warf sich der Freundin an die Brust und rief halb weinend, halb lachend: »Und wenn ich immer braun und krumm bleiben sollte wie die treue Aisopion, und er entzöge mir nur nicht seine Liebe, und wenn es durch Feuer und Wasser ginge, – ich wollte ... O, Charmion, was wechselt wohl so schnell wie Lust und Leid in solch einem Herzen? Jedem, allen, selbst Deiner Königin, die doch all diese Aengste über mich brachte, möcht' ich etwas Gutes erweisen!«
      In eine Glückselige hatte die neu ergrünende Hoffnung die Verzweifelnde verwandelt, und Charmion nahm es mit dankbarer Freude wahr und wünschte im stillen, die Königin hätte ihren Ausruf vernommen.
      Während sie die von Kleopatra verworfenen Haarfärbemittel, an denen es in ihren Droguenkästen nicht fehlte, einer Musterung unterzog, sah sie im Hintergrunde des noch Unerklärten, das verwirrend auf sie einstürmte, neue schwere Gefahren, Barine dagegen schaute über sie hinweg auf die winkende Wiedervereinigung mit dem Geliebten und war voll des heitersten Eifers, bis die Dienerin zurückkam.
      Nun begann ungesäumt das Werk der Entstellung.
      Während Anukis die Hände rührte, kamen ihr auch die Lippen nicht zur Ruhe. In zeitlicher Folge begann sie zu berichten, was ihr an diesem ereignisvollen Tage begegnet.
      Barine lauschte ihr mit wachsender Spannung, und ihre Freudigkeit wuchs, als sie den Weg überschaute, den die Sorge und Klugheit der Freunde für sie geebnet. Charmion wurde dagegen um so stiller und ernster, je deutlicher sie die Gefahr erkannte, der ihr Schützling entgegen ging. Dennoch mußte sie sich sagen, daß es gegen die Sicherheit, vielleicht das Leben Barines freveln hieße, sie von diesem wohlüberlegten Fluchtversuche zurück zu halten.
      Daß er unternommen werden mußte, stand fest; nun aber der Augenblick immer näher kam, der das geliebte Kind in die nahe Gefahr führen sollte, – nun sie sich sagen mußte, daß sie ein Werk unterstützte, das dem ausgesprochenen Befehle der Königin widersprach und etwas durchzuführen bezweckte, dessen Gelingen den Unwillen, ja vielleicht den Zorn der Kleopatra wach zu rufen drohte, da erfaßte sie eine peinliche Bewegung. Für sich selbst fürchtete sie nichts. Keinen Augenblick dachte sie an die üblen Folgen, die die Flucht Barines für sie nach sich ziehen konnte. Was ihr die Seele bedrückte, war nur das Bewußtsein, zum erstenmale dem Willen derjenigen entgegen zu handeln, deren Wünsche zur Erfüllung zu bringen, deren Bestrebungen zu fördern die teure Pflicht ihres Lebens war. Wohl kam es ihr in den Sinn, daß sie, indem sie Barines Flucht beförderte, Kleopatra vor späterer Reue bewahrte; wohl stand in ihr fest, daß es ihr obliege, dies schöne, junge Leben, dessen Blüten Sturm und Reif heimgesucht hatten, und dem jetzt die reinste Glückseligkeit winkte, erretten zu helfen; diese an sich löbliche That brachte sie aber trotz alledem in scharfen Widerspruch mit den vornehmsten Bestrebungen und Zielen ihres Daseins. Und wie viel höher stand ihr die, die sie – sie scheute sich, das Wort auszudenken – die sie zu verraten im Begriff stand, als die andere, ein wie viel höheres Anrecht auf ihre Liebe und Treue hatte Kleopatra sich erworben!
      Hätte sie etwas anderes empfinden können als Dank, wenn das Rettungswerk glückte? Und doch hob sie nur widerstrebend die Hand, als es galt, die schöne, ebenmäßige Gestalt Barines der verwachsenen Nubierin ähnlich zu machen, als sie die Finger in die Salbe tauchte, die doch für Kleopatra bestimmt war. Auch wegen seiner vollen Schönheit, that es ihr weh, einen Teil des schweren, blonden Zopfes der jungen Frau abschneiden zu müssen.
      Das alles ließ sich freilich nicht vermeiden, wenn die Flucht gelingen sollte, und je weiter Anukis mit ihrer Erzählung kam, desto weniger Einwände gegen den Rettungsversuch fand ihre Herrin.
      Schon das von der Nubierin erlauschte Gespräch zwischen Iras und dem Alexas ließ es notwendig erscheinen, Barine und ihren Verlobten dem Machtgebiet solcher Feinde zu entziehen. Der treue Mann, den die Dienerin bei Dion gefunden hatte, dessen Namen sie nicht nannte, und von dessen Heim sie nur versicherte, einen sichereren Schlupfwinkel fände auch der Maulwurf nicht, der sich in die Erde vergrabe, schien in der That von der Schickung selbst mit dem Baumeister Gorgias am Lager des Dion zusammengeführt worden zu sein. Auch die freie Verfügung über die unterirdischen Räume des Isistempels, die dem Baumeister zugefallen war, glich einem Wunder.
      Auf einem Täfelchen, das die kluge Aisopion der Herrin geflissentlich erst jetzt, nachdem sie sie von der Hauptsache unterrichtet hatte, überreichte, stand zu lesen: »Archibius seiner Schwester Charmion einen Gruß zuvor. Kenn' ich Dich recht, so fällt es Dir so schwer wie mir, Dich an diesem Abenteuer zu beteiligen, doch es muß geschehen im Andenken an ihren Vater, und um das Glück und Leben seines Kindes vor Vernichtung zu bewahren. An Dir soll es darum sein, Barine in den Tempel der Isis am Musenwinkel zu führen. Sie wird daselbst den Geliebten finden und, geht es an, ihm dort angetraut werden. Für das hochzeitliche Opfer trage ich Sorge. Sobald die Vermählung vorüber, ist es Dir heimzukehren gestattet. Da das Heiligtum so schnell erreicht ist, brauchst Du den Dienst nur auf kurze Zeit zu verlassen. Vertraue der Barine noch nicht, was wir für sie planen. Die Enttäuschung wäre zu groß, wenn es sich als unausführbar erwiese.«
      Dieser Brief und die Handlung, die er in Aussicht stellte, verwandelten den guten, von schweren Bedenken getrübten Willen der Charmion in den frohen, ja in den begeisterten Wunsch, Beistand zu leisten. Die Hochzeit Barines mit dem Manne, dem ihr Herz gehörte, stand bevor, und sie war die Tochter des Leonax, der dem ihren einmal teuer gewesen. Wie vom Winde zerstreut waren Furcht und Zweifel, und als das Verkleidungswerk der Aisopion vollendet war und Barine ihr als hochschulterige Nubierin mit braunem, faltigem Gesichte gegenüberstand, mußte sie sich sagen, daß es ein leichtes sei, in dieser Gestalt aus dem Palaste zu entkommen.
      Jetzt eröffnete sie Barine auch, sie gedenke, sie selbst zu begleiten, und obgleich die junge Frau sich enthalten mußte, die Freundin mit dem gefärbten Antlitze zu küssen, gab sie ihr und der treuen Freigelassenen doch, überströmend von dankbarer Rührung, deutlich genug zu erkennen, was ihr die Seele bewegte.
      Die Nubierin blieb allein zurück. Nachdem sie die Spuren ihrer Thätigkeit, wie die Gewohnheit es ihr vorschrieb, mit aller Sorgfalt beseitigt, erhob sie betend die Arme und flehte zu den Göttern ihrer Heimat, die schöne Frau zu beschützen, der sie die eigene Mißgestalt, die nun doch zu etwas gut war, geliehen, und die so schweren Gefahren, aber auch einem Glück entgegenging, auf das zu hoffen ihr das Schicksal untersagte.
      Charmion hatte ihr befohlen, falls Iras nicht zeitig vom Choma heimkehrte und die Königin nach ihr verlange, sie mit einem Ausgange zu entschuldigen und an ihre Stelle zu treten. Während des Feldzugs hatte Kleopatra schon, als sie, Charmion, von einem Unwohlsein befallen gewesen war, der Aisopion die Sorge um ihre Person überlassen und ihre Geschicklichkeit gerühmt.
      Wie gewöhnlich, wenn die Vertraute der Königin auf Besorgungen ausging, folgte ihr ein braunes weibliches Wesen. Man hatte bereits in den Gängen des weitläufigen Palastbaues die Laternen und Lampen und auf den Höfen die Fackeln und Pechpfannen entzündet, aber so hell sie auch an manchen Stellen brannten, und an wie vielen Leibwächtern, Offizieren, Eunuchen, Beamten, Schreibern, Trabanten, Köchen, Aufwärtern und Sklaven, Thorhütern und Boten sie auch vorüberschritten, gönnte ihnen doch keiner mehr als einen flüchtigen Blick.
      So gelangten sie bis auf den letzten Hof, und dort kam ein Augenblick, an dem es beiden Frauen schien, als stocke ihnen der Herzschlag; denn es trat ihnen derjenige entgegen, von dem sie das Schlimmste zu besorgen hatten: der Syrer Alexas.
      Und er ging nicht an den Flüchtlingen vorüber, sondern hielt Charmion auf und teilte ihr höflich, ja unterwürfig mit, er wünsche der lästigen Angelegenheit ihres Schützlings, die ihm sehr gegen seinen Willen aufgebürdet worden sei, ledig zu werden und habe Barine deshalb morgen in aller Frühe zu verhören beschlossen.
      Der Leibdiener des Syrers folgte dem Herrn, und während dieser mit Charmion sprach, wandte jener sich an die vermeinte Nubierin, gab ihr einen leichten Stoß gegen die Schulter und raunte ihr zu: »Heute abend wie gestern. Du bist uns den Schluß der Geschichte vom Prinzen Setnau noch schuldig.«
      Der Fliehenden war es dabei, als sei sie stumm geworden und als könne sie die Macht der Rede nie wiedergewinnen. Dennoch brachte sie es über sich, mit dem Kopfe zu nicken, und gleich darauf verneigte sich der Günstling vor Charmion. Der Sklave mußte ihm folgen, sie aber schritt der Beschützerin durch die Pforte zwischen den letzten Pylonentürmen nach ins Freie.
      Dort wehte die Seeluft ihr wie ein Gruß aus dem Reiche der Freiheit und des Glückes erfrischend und belebend entgegen, und sie, die Furchtsame, gewann jetzt, mitten in der Gefahr, so viel Geistesgegenwart zurück, daß sie der Freundin mitteilen konnte, was ihr der Leibsklave des Alexas zugeraunt hatte, damit die Aisopion ihn heute abend daran erinnerte und ihn in dem Glauben bestärkte, nicht sie, sondern die Nubierin hätte die Vertraute der Königin begleitet.
      Der Weg bis zum Isistempel war kurz. Die Sterne lehrten, daß sie zu rechter Zeit am Ziele sein könnten; doch es trat ihnen unerwartet ein zweiter Aufenthalt in den Weg; denn von den Stufen, die zur Cella des Heiligtums führten, wallte ihnen eine Prozession entgegen, die kein Ende nehmen wollte. Dem Zuge voran wurde das Bild der Isis von acht Pastophoren getragen. Ihnen folgte die Korbträgerin der Göttin mit einigen anderen Priesterinnen, sowie der Vorleser mit dem geöffneten Buche. Hinter ihm erschien die Vierzahl der Propheten. Ihr Haupt, der Oberpriester, schritt unter einem Baldachin würdevoll daher. Die übrige Priesterschaft der Göttin hielt Schriften, heilige Geräte, Standarten und Kränze in den Händen. Die Priesterinnen, von denen einige mit gelöstem Haare und schön bekränzt das Sistrum oder Klapperblech der Isis schüttelten, mischten sich in den Zug der Geistlichen und verschmolzen die hohen Stimmen mit den tiefen der singenden Männer. Neokoren oder Tempeldiener und eine stattliche Anzahl von Anbetern und Anbeterinnen der Isis beschlossen den Zug, bekränzt und mit Blumen in der Hand. Fackel- und Laternenträger beleuchteten den Weg, und der Duft des Weihrauchs, der dem Kohlenpfännchen in der Hand eines bronzenen Armes entstieg, den Pastophoren hin und her schwenkten, umschwebte die Prozession und wallte ihr nach.
      Die wartenden Frauen sahen sie der Lochias entgegenschreiten, und die Gespräche der Umstehenden lehrten sie, daß sie »der neuen Isis«, der Königin, den Gruß der Göttin zu überbringen und ihr mitzuteilen bezwecke, wie treu sie auch in Not und Gefahr ihrer gedenke.
      Kleopatra konnte nicht umhin, diese freundliche Huldigung entgegenzunehmen, und es lag ihr ob, sich dabei mit den Kronen der beiden Aegypten auf dem Haupte und in vollem priesterlichen Ornate zu zeigen, den nur die beiden Vertrauten ihr mit allen Einzelheiten, wie der Gebrauch es vorschrieb, anzulegen verstanden. Niederen Zofen wie der Nubierin hatte sie dies nie überlassen. Kleopatra würde die Abwesende also dennoch vermissen.
      Das erfüllte Charmion mit neuer Unruhe, und als die Stufen endlich frei wurden, frug sie sich bang, wie das enden würde.
      Und dazu schien es, als sollte der Flüchtling und seine Begleiterin sich vergeblich einer so schweren Gefahr ausgesetzt haben; denn einige Tempeldiener drängten die Anwesenden, die das Heiligtum zu besuchen wünschten, zurück und riefen in die Menge hinein, es sei bis zur Heimkehr der Prozession verschlossen. – Besorgt und fragend schaute Barine der Beschützerin ins Antlitz; doch bevor diese ihrer Meinung noch Ausdruck geben konnte, war ihnen auf den Stufen des Tempels die hohe Gestalt eines Mannes entgegengetreten. – Es war Archibius, der ihnen mit ernster Gelassenheit gebot, ihm zu folgen. Schweigend führte er sie um das Heiligtum herum zu einer Seitenpforte, die vor kurzem einer Sänfte und ihren Begleitern Einlaß gewährt hatte.
      Auf einer Stufenreihe im Innern des lang hingestreckten Bauwerkes gelangten sie in die matt beleuchtete Cella.
      Wie im Osiristempel zu Abydos deren sieben, so leiteten hier drei Säulengänge in ebenso viele Kammern, das Sanctuarium des Heiligtums. Der Mittelraum war der Isis, der an seiner linken Seite ihrem Gemahle Osiris und der ihm zur Rechten dem Horus, dem Sohne der großen Göttin, gewidmet. Vor ihm erhoben sich, vom Dämmerlicht halb verborgen, die im Auftrage des Archibius mit Opferspenden überhäuften Altäre.
      Neben dem des Horus stand die Sänfte, die den Frauen voran in den Tempel getragen worden war, und ihr entstieg, von Freunden unterstützt, ein schlanker, jüngerer Mann.
      Jetzt erschütterte ein dumpfer Schall den Säulensaal. Das eherne Hauptthor des Heiligtums war zugeschlagen worden. Das schrille Geklirr, das ihm folgte, kam von den metallenen Riegeln her, die ein alter Neokore in die Lager gestoßen hatte.
      Barine schrak zusammen, doch frug sie weder nach der Ursache dieser Geräusche, noch nahm sie wahr, was sich hier sonst in reicher Fülle den Sinnen darbot; denn der Mann, der jetzt am Arm eines andern an den Altar trat, war Dion, war der um ihretwillen gefährdete Geliebte. An ihm hing ihr Blick, ihm strebte ihr ganzes Wesen entgegen, und ihrer selbst nicht mehr mächtig, rief sie ihm seinen Nomen entgegen.
      Besorgt schaute Charmion sich im Kreise der Anwesenden um, doch tief ausatmend ließ sie bald davon ab; denn der hochgewachsene Mann, der den Dion am Arm hielt, war der wackere Baumeister Gorgias, sein bester Freund, und der noch größere und stärkere ihr Bruder Archibius. Die Gestalt, die sich dort von der Vermummung befreite, war Frau Berenike, die Mutter Barines. Lauter zuverlässige Vertraute! Nur den jungen, hübschen Epheben neben ihrem Bruder kannte sie nicht.
      Barine, die sie immer noch am Arme hielt, war bestrebt, sich von ihr zu befreien, um der Mutter und dem Geliebten entgegen zu eilen; Archibius aber hatte sich ihr genähert und ermahnte sie leise, sich zu gedulden und sich jeder Begrüßung oder Frage zu enthalten, »vorausgesetzt,« schloß er, »daß es Deinem Willen entspricht, an dem Altare hier mit Dion, dem Sohne des Eumenes, vermählt zu werden.«
      Charmion fühlte bei dieser Verheißung den Arm Barines in dem ihren zittern, doch die junge Frau folgte der Weisung des Freundes. Sie wußte nicht, wie ihr geschah und ob sie in dem Zuviel der Glückseligkeit, die sich über sie ergoß, laut aufjubeln sollte vor Wonne oder still in Thränen zerfließen vor Dankbarkeit und Rührung.
      Ringsum hatte alles geschwiegen. Jetzt nahm Archibius dem Verlobten eine Rolle aus der Hand, stellte sich den Anwesenden als Kyrios oder Vormund der Braut vor und frug Barine, ob sie ihn als solchen anerkenne. Dann gab er dem Dion die Schrift, die den Ehekontrakt enthielt, schnell zurück, da er ihren Inhalt kannte und billigte. Hieraus teilte er den Anwesenden mit, daß sie ihn bei dieser schnell zu schließenden Vermählung auch als Paranymphos oder Brautführer und Frau Berenike als Brautführerin anzusehen hätten, und sie entzündeten sodann eine Fackel an dem Feuer auf einem der Altäre. Archibius legte als Kyrios nach ägyptischer, die Mutter der Verlobten als Brautführerin nach griechischer Sitte die Hände der Verlobten ineinander, und dabei reichte Dion der Geliebten einen schlichten eisernen Ring. Es war derselbe, den sein Vater bei der Vermählung der Verlobten gereicht, und er flüsterte ihr zu: »Meine Mutter hielt ihn hoch; jetzt ist es an Dir, das alte Kleinod zu ehren.«
      Nachdem Archibius erklärt hatte, der Isis und dem Serapis, dem Zeus, der Hera und Artemis seien die nötigen Opfer dargebracht worden und die Eheschließung zwischen dem Dion, dem Sohne des Eumenes, und der Barine, der Tochter des Leonax, sei vollzogen, schüttelte er beiden die Hände.
      Die Zeit schien zu drängen; denn er gestattete nur noch Frau Berenike und seiner Schwester, Barine kurz zu umarmen und dem Gorgias, ihr und Dion die Hand zu reichen. Dann winkte er, und die Mutter der Neuvermählten folgte ihm, in Thränen zerfließend, Charmion verwirrt und wie berauscht. Erst als ein alter Neokore sie mit den beiden anderen durch die Nebenpforte ins Freie geführt hatte, trat ihr voll ins Bewußtsein, welchem Ereignis sie eben als Zeugin beigewohnt hatte.
      Barine war es, als könnte jeder Augenblick sie aus einem beseligenden Traum erwecken, und doch sagte sie sich auch gern, daß sie wachte; denn der Mann, der dort am Arme des Freundes vor ihr hinschritt, war Dion. Freilich nahm sie auch im matten Lichte der spärlich beleuchteten Tempelhalle wahr, daß er litt. Das Gehen schien ihm so schwer zu fallen, daß es sie erfreute, als er der Bitte des Gorgias nachgab und die Sänfte wiederum bestieg.
      Aber wo waren die Träger?
      Bald sollte sie es erfahren; denn während sie noch nach ihnen ausschaute, hatten der Baumeister und der Ephebe, in dem sie längst den jungen Philotas, den Gehilfen ihres Großvaters, erkannt, die Stangen ergriffen.
      »Folge uns,« rief Gorgias ihr mit gedämpfter Stimme zu, und sie gehorchte und hielt sich hart hinter der Sänfte, während diese erst eine breite und dann eine schmalere Treppe hinunter und endlich durch einen Gang getragen wurde. Hier hielt eine Thür die Flüchtlinge auf; – doch der Baumeister öffnete sie und half dem Freunde der Sänfte entsteigen. Bevor es weiter ging, stellte er den Tragstuhl in eine mit Gerät angefüllte Kammer, die er bei der Untersuchung der unterirdischen Tempelräume entdeckt hatte.
      Bis dahin war kein Wort zwischen den Flüchtlingen gewechselt worden. Jetzt rief Gorgias Barine zu: »Der Gang ist niedrig. – Es gilt, sich zu bücken. Bedecke das Haupt und erschrick nicht, wenn Dir Fledermäuse begegnen; ihre Ruhe wurde lange nicht gestört. Wir hätten Dich aus dem Tempel an die See führen lassen und dort erwarten können, aber das wäre leicht aufgefallen und gefährlich geworden. Mut, junge Gattin des Dion! Der Gang ist nicht kurz; das Fortkommen darin beschwerlich, – aber gegen den Weg zu den Bergwerken ist er glatt und bequem wie die Königsstraße. Denkst Du an das Ziel, so erscheinen Dir die Fledermäuse wohl wie die Schwalben; die das Nahen des Frühlings verkünden.«
      Dankbar nickte sie ihm zu; dem Dion aber, der jetzt am Arme des Freundes mühsam vorwärts schritt, küßte sie die Hand. Das Licht der Fackel, die der treue Werkführer des Gorgias dem Zuge vorantrug, war ihr auf die gebräunten Arme gefallen, und als es vorwärts ging, hielt sie sich wieder hinter den anderen. Sie dachte, daß es dem Geliebten peinlich sein könne, sie so mißgestaltet wieder zu sehen, und ersparte es ihm, so gerne sie ihm auch näher geblieben wäre. Sobald der Gang niedriger wurde, nahmen die Freunde den Leidenden auf die Arme, und sie hatten eine schwierige Aufgabe zu lösen; denn es galt, tief gebückt mit der Last des großen Mannes vorwärts zu schreiten und sich dabei der Fledermäuse zu erwehren, die die Fackel des Bauführers scharenweise aufscheuchte.
      Das Haupt Barines war zwar verhüllt, zu anderer Zeit hätten sie aber die häßlichen Tiere, die ihr Kopf und Arme oft genug streiften, dennoch mit Entsetzen und Ekel erfüllt. Jetzt achtete sie ihrer kaum; denn ihr Blick hing an dem in liegender Stellung auf den Armen der Träger ruhenden Manne, dem sie angehörte mit Leib und Seele und dessen geduldiges Leiden ihr ins Herz schnitt. Sein Haupt schmiegte sich an die Brust des Gorgias, der dicht vor ihr herschritt. Sie konnte es nicht sehen, weil der Baumeister sich darüber hinbeugte; aber sie blickte dem Gatten auf die Füße, und wenn sie zusammenzuckten, glaubte sie zu fühlen, daß er Schmerzen erlitt. Dann hätte sie sich gern zu ihm hingedrängt, um ihm die Stirn in dem heißen, niedrigen Gange zu trocknen und ihm ein gutes ermunterndes Liebeswort zuzuflüstern.
      Das war ihr auch bisweilen vergönnt, wenn die Freunde die schwere Last niederließen. Freilich gönnten sie sich immer nur kurze Rast; aber sie war doch lang genug, um ihr zu zeigen, wie die Kräfte dem Leidenden sanken. Als sie endlich das Ziel erreicht hatten, mußte Philotas den erschöpften Mann mit aller Kraft stützen, während Gorgias die verschlossene Pforte behutsam öffnete. Sie führte auf eine vom Meere bespülte Stufenreihe hart neben dem Garten des Didymus, die sie als Kind oft genug mit dem Bruder benützt hatte, um einen kleinen Nachen auf dem Wasser schwimmen zu lassen.
      Der Baumeister hielt die Thür nur halb geöffnet, und er wurde erwartet; denn sehr bald hörte sie ihn flüstern, und plötzlich that die Pforte sich vollends auf. Ein großer Mann umfaßte den Dion und trug ihn ins Freie. Während Barine ihm aber noch mit stockendem Atem nachschaute, trat ihr schon ein anderer, nicht minder großer entgegen, bat sie hastig, es sich gefallen zu lassen, hob sie wie ein Kind auf die Arme, und während sie die kühlere Nachtluft atmete und das Wasser, das der Träger mit ihr durchwatete, zu ihr aufspritzte und ihr die Füße benetzte, suchte ihr Blick den Neuvermählten; – doch er fand ihn nicht, denn die Nacht war sehr finster, und die Lichter am Ufer erreichten nicht diese von dem Gemäuer des Quais hochüberragte Stelle.
      Da erschrak sie; aber wenige Augenblicke später hoben sich auf dem durch die Hafenlichter schwach erhellten Dunkel die Umrisse einer größeren Fischerbarke hervor, und gleich darauf ließ der starke Mann, der Barine trug, sie in das Schiff nieder und eine tiefe Stimme raunte ihr zu: »Alles gut. Gleich bring' ich stärkenden Wein.«
      Da sah sie den Neuvermählten, für den man an der Spitze der Barke ein Lager bereitet hatte, regungslos liegen, und sie beugte sich über ihn und bemerkte, daß ihm die Besinnung geschwunden, und während sie ihm die Stirn mit dem Weine rieb und ihm das Haupt in ihren Schoß bettete und ihm zusprach und später auch beim Schein einer kleinen Laterne den Verband an der Schulter sorgsam erneute, nahm sie nicht wahr, daß die Barke das Wasser durchschnitt. Erst als die Schiffer das dreieckige Segel wendeten, bemerkte sie es.
      Wohin die Fahrt sie führte, war ihr noch nicht anvertraut worden, doch sie fragte auch nicht danach. Ueberall war es gut, wo sie mit ihm vereint sein durfte. An eine je einsamere Stelle er sie führte, desto mehr durfte sie ihm sein. Wie war das Herz ihr so voll von Dank und Liebe! Und als sie sich über ihn neigte und ihm die Stirn küßte und ihre heiße Fieberglut fühlte, dachte sie: »Ich pflege Dich mir wieder gesund,« und wandte dann Auge und Seele aufwärts, um ihrem Lieblingsgotte, dem sie die Gabe des Gesangs verdankte und der allem vorstand, was rein und schön, um dem Phöbus Apollo zu danken und ihn anzuflehen, morgen in der Frühe einen Genesenden mit seinem hellen Lichte zu bescheinen. Während sie noch betete, stieß das Boot an das Land. Wieder trugen kräftige Arme sie und den Geliebten ans Ufer, und als ihr Fuß festen Grund unter sich fühlte, brach ihr Retter, der Freigelassene Pyrrhus, das Schweigen und sagte: »Sei mir willkommen, Gemahlin des Dion, als Gast auf unsrer Insel. Vorlieb gilt es freilich zu nehmen. Wenn es Dir aber bei uns so gut zusagt, wie es uns erfreut, Dir und Deinem Herrn zu dienen, der auch der unsere ist, dann läßt die Stunde des Abschieds lang auf sich warten.«
      Damit schritt er ihr in das Haus voran und zeigte ihr als künftige Wohnung zwei große, weißgetünchte Zimmer, die keinen andern Schmuck besaßen als die peinlichste Sauberkeit.
      Auf der Schwelle stand das schon ergrauende Weib des Pyrrhus, eine junge Frau und ein kaum der Kindheit entwachsenes Mädchen; die ältere aber hieß Barine bescheiden willkommen und bat sie gleichfalls, es sich als ihr Gast gefallen zu lassen. In der reinen Luft der Schlangeninsel gehe es schnell mit der Heilung. Sie selbst und – damit wies sie auf die anderen – das Weib ihres ältesten Sohnes und ihre eigene Tochter Dione wären ihres Rufes für jeden Dienst gewärtig.
    



      Sechzehntes Kapitel
      Geschwister zeigen sich selten gesprächig, wenn sie allein sind. Als Charmion sich mit dem Bruder auf die Lochias begab, fiel es ihr ohnehin schwer, Worte zu finden, so tief hatten sie die Ereignisse der letzten Stunde ergriffen. Auch dem Archibius gelang es nicht, den Geist auf etwas anderes zu richten, und doch beschäftigten ihn für viel weitere Kreise bedeutsame und darum wichtigere Dinge.
      Schweigsam schritten sie neben einander her. – Auf die Frage der Schwester, wo die Neuvermählten sich verbergen sollten, hatte er erwidert, dies müßte, trotz ihrer bewährten Verschwiegenheit, auch für sie ein Geheimnis bleiben. Die andere, wie es möglich geworden sei, das Innere des Isistempels so ungestört zu benutzen, hatte er gleichfalls nur mit Vorsicht beantworten dürfen.
      In Wirklichkeit war es die freie Verfügung über die unterirdischen Gänge dieses Heiligtums gewesen, die den Baumeister auf den Gedanken geführt hatte, den Dion durch sie auf das Boot des Pyrrhus zu bringen. Dazu war nur nötig, daß der Isistempel, der Tag und Nacht offen zu stehen pflegte, den Freunden der Flüchtlinge auf kurze Zeit überlassen blieb, und das hatte sich bewerkstelligen lassen.
      Der Geschichtschreiber Timagenes, der als Gesandter aus Rom gekommen war und die Gastfreundschaft seines früheren Schülers Archibius in Anspruch genommen hatte, war mit der Vollmacht ausgestattet, Kleopatra, seiner früheren Schülerin, die Anerkennung als Königin für sich und ihre Kinder und volle Begnadigung in Aussicht zu stellen, falls sie den Marcus Antonius dem Octavian ausliefern oder ihn aus der Welt schaffen würde.
      Der Alexandriner Timagenes fand diese Forderung so gerecht wie nützlich, weil sie seine Vaterstadt von demjenigen zu erlösen verhieß, dessen willkürlicher Uebermut ihre Freiheit bedrohte und dessen verschwenderische Großmut und maßlose Prachtliebe ihren Reichtum schädigten. Für den römischen Staat, als dessen Vertreter der Historiker erschien, bedeutete das bloße Dasein dieses Mannes Unruhe ohne Ende und Bürgerkrieg. Bei der Wiedereinführung des Flötenbläsers durch den Gabinius und Marc Anton war Timagenes in die Sklaverei geraten. Wenn es ihm zu Rom, wo der Sohn des Sulla den Historiker freigekauft hatte, auch geglückt war, großen Einfluß zu gewinnen, blieb er dem Antonius doch abgeneigt, und es war ihm darum eine willkommene Aufgabe, in der Vaterstadt gegen ihn zu wirken. Bei Archibius, dessen treue Anhänglichkeit an die Königin er kannte, hoffte er Verständnis zu finden. Aber auch Arius, der Oheim der Barine, der frühere Leiter der Studien des Octavian, sollte ihm beistehen. Den mächtigsten Vorschub konnte seiner Sendung indes der Einfluß des greisen Alexanderpriesters, des Oberhauptes der gesamten ägyptischen Hierarchie, leisten.
      Ihm hatte er bewiesen, daß Antonius in jedem Falle ein verlorener Mann wäre und Aegypten im Begriff stände, dem Octavian wie eine reife Frucht in den Schoß zu fallen. In seiner Hand werde es bald liegen, dem Lande so viel an Freiheit und Selbständigkeit zu lassen, wie es ihm anstehe. Auch über das Schicksal der Königin habe der Cäsar allein zu bestimmen, und wem es daran liege, sie den Thron bewahren zu sehen, der werde zunächst den guten Willen des Octavian zu gewinnen haben.
      Das alles hatte der weise Anubis sich selbst gesagt; dem Timagenes dankte er dagegen den Hinweis auf den Arius als denjenigen Alexandriner, dem Octavian am meisten vertraue. So war der hohe Prälat denn auch im geheimen mit dem Oheim Barines in Verbindung getreten. Doch die Ehrfurcht gebietende Würde und die Gebrechlichkeit des hohen Greisenalters verboten dem Anubis, den der Römerfreundschaft verdächtigen Arius persönlich auszusuchen. Er hatte darum seinen vertrauten Sekretär, den noch jungen Horoskopen Serapion, abgesandt, um an seiner Stelle mit dem Freunde des Octavian anzuknüpfen, dessen schwere Verletzung ihm verbot, das Haus zu verlassen und sich zu ihm zu begeben.
      Während der Verhandlungen des Timagenes mit dem Sekretär und dem Arius war Archibius gekommen, um den Oheim der Barine zu veranlassen, das Seine für die Rettung der Nichte zu thun, und da es allen, die es wohl mit der Königin meinten, lieb sein mußte, sie in dieser Zeit der Unruhe von einer That zurückzuhalten, die, da sie den Ratsherrn Dion mit betraf, einen großen Teil der Bürgerschaft gegen sie aufbringen mußte, zeigte auch der Vertreter des Alexanderpriesters, sobald man ihn ins Vertrauen gezogen, sich eifrig bereit, für die Errettung der Gefährdeten das Seine zu thun. Die Person der Barine wie des Dion kam für ihn nicht in Frage, – wohl aber wäre er bereit gewesen, ein noch größeres Opfer zu bringen, um den einflußreichen Archibius und ihm voran den Arius, der bei Octavian, dem neu aufgehenden Lichte, viel vermochte, zu gewinnen.
      Eben hatten die Rat haltenden Männer zu erwägen begonnen, was für die Rettung der Barine geschehen könnte, als die Nubierin erschienen war und dem Archibius anvertraut hatte, was am Krankenbette des Dion mit dem Freigelassenen und dem Gorgias verabredet worden war. Die Flucht der Verfolgten konnte freilich nur gelingen, wenn es ihnen ermöglicht wurde, das rettende Boot unbemerkt zu erreichen, und dies ließ sich am besten bewerkstelligen, wenn man den unterirdischen Gang benützte, den der Baumeister wieder eröffnet hatte.
      Archibius, dem der Vertreter des Oberpriesters seine Mitwirkung in Aussicht gestellt hatte, zog nun die versammelten Männer ins Vertrauen, und Arius machte den Vorschlag, seine Nichte Barine mit dem Dion im Tempel der Isis zu vermählen und sie dann durch den geheimen Gang an das Boot zu geleiten. – Dieser Anschlag wurde gebilligt, und der Horoskop Serapion versprach, das Heiligtum nach dem Aufbruche der Prozession, die nach Sonnenuntergang stattfinden sollte, auf kurze Zeit für die Flüchtlinge und ihre Vermählung frei zu halten. Für diesen Dienst ließ sich von dem Freunde des Octavian, der seine Zusage mit dankbarer Wärme begrüßte, vielleicht schon sehr bald ein anderer verlangen.
      Die Priesterschaft, sagte der Horoskop, nehme sich aller ungerecht Verfolgten an, und diesen wende sie ihre Teilnahme um so williger zu, je wohler es ihr thue, die Königin vor einer schwer zu billigenden That zu bewahren. Was die Flüchtlinge angehe, stünden, so viel er sehe, nur zwei Möglichkeiten für sie offen: Kleopatra halte fest an Marc Anton und gehe – die Himmlischen möchten es verhüten – zu Grunde, oder sie opfere ihn und behalte Thron und Leben. In beiden Fällen würden in nicht zu langer Zeit die Geretteten ungefährdet zurückkehren können; denn das Herz der Königin sei gnädig und, wo keine Schuld bestehe, nie lange zu zürnen geneigt.
      Das einzelne war dann zwischen dem Archibius, der Nubierin und Frau Berenike, die sich bei der Familie des Arius befand, verabredet und dem Baumeister mitgeteilt worden.
      So wenig wie der Schwester hatte Archibius den Rat haltenden Männern und der Mutter Barines anvertraut, wohin die Flucht der Neuvermählten sich wendete. Auch über die Sendung des Timagenes und die politischen Fragen, die ihn so ernstlich beschäftigten, teilte er Charmion nur so viel mit, wie es für die Erklärung des Abenteuers, das sie so liebevoll gefördert, notwendig erschien; sie aber begehrte nicht mehr zu erfahren; denn so lange sie unterwegs waren, ließ sie die Furcht, daß Kleopatra sie entbehrt habe und die Flucht der Barine entdeckt sei, nicht zur Ruhe kommen. Wohl erwähnte sie des Wunsches der Königin, dem Archibius die Erziehung ihrer Kinder anzuvertrauen, doch erst in ihrer Wohnung wurde es ihr möglich, ihn näher davon zu unterrichten.
      Ihre Abwesenheit war unbemerkt geblieben. Der Regent Mardion hatte die Prozession im Namen der Königin empfangen; denn Kleopatra war in die Stadt gefahren, niemand wußte wohin.
      Erleichterten Herzens betrat Charmion mit dem Bruder ihre Gemächer. Anukis öffnete ihnen die Thür. Sie war ungestört geblieben, und dem Archibius bereitete es Freude, der klugen und treuen Freigelassenen mit eigenem Munde Bericht zu erstatten. Reicher aber als mit dieser geringen Mühewaltung hätte er die bescheidene Dienerin, die seiner Rede wie einer Offenbarung folgte, nicht belohnen können. Wenn sie den Dank, mit dem er schloß, zurückwies und versicherte, an ihr sei es, erkenntlich zu sein, so war das ihre redliche Meinung. Ihr feiner Geist unterschied genau, wie der Vornehme mit ihm Gleichgestellten oder Geringeren redet, und er, hinter dem für sie alles, was Mann hieß, weit zurückstand, hatte ihr den Gang der Begebenheiten geschildert, als sei sie seinesgleichen. Die Königin selbst hätte mit solcher Berichterstattung zufrieden sein müssen.
      Als sie hinausging, um sich unter den anderen Bediensteten zu zeigen, sagte sie sich, daß sie doch ein vor vielen bevorzugtes Geschöpf sei, und als ein junger Koch sie mit dem in den Schultern steckenden Kopfe neckte, entgegnete sie lachend: »Die Achseln sind mir hoch stehen geblieben, weil ich sie so oft über die Narren zuckte, die mich verlachen und doch nicht halb so glücklich und dankbar sind wie ich.«
      Charmion hatte sich schwer ermüdet auf einen Lehnsessel geworfen, und Archibius ihr gegenüber Platz genommen. Sie befanden sich wohl zusammen, auch wenn sie schwiegen, heute aber war ihnen beiden das Herz so voll, daß es ihnen erging, wie den schwer Ermatteten, die vor Uebermüdung den Schlaf nicht finden. Was hatten sie einander nicht alles zu sagen, und doch dauerte es eine gute Weile, bevor Charmion das Schweigen brach und auf den Wunsch der Königin zurückkam. Sie erzählte dem Bruder, wie Kleopatra gegenüber dem von den Kindern selbst erbauten Hause dazu gekommen, wie warm und freundlich sie gewesen sei und sie dennoch um weniges später, aufgebracht von der bloßen Erwähnung Barines, höchst ungnädig entlassen habe.
      »Was Du beabsichtigst, weiß ich nicht,« schloß sie. »aber so sehr ich sie auch liebe, muß ich mich vielleicht dennoch für das Schwerste entscheiden; denn, sieh! Wenn sie erfährt, daß ich es war, die die Tochter des Leonax ihr und dem schändlichen Alexas entzog, welche Begegnung habe ich dann von ihr zu erwarten, zumal auch Iras mir nicht mehr so nahe steht wie früher und mir ihrerseits schon zeigte, daß sie vergaß, was sie von mir an Liebe und Sorge empfing. – Das wird sich steigern, und das Schlimmste ist, daß, wenn die Königin sie mir vorzuziehen beginnt, ich es ihr – will ich gerecht sein – nicht zum Vorwurf machen darf; denn sie ist scharfsinniger als ich und beweglicheren Geistes. Die Staatskunst, mir war sie von je zuwider; – Iras dagegen gibt das Beste hin für die Erlaubnis, mitzusprechen, wo es sich um die Regierung des Landes und besonders um das nie rastende ernste Spiel mit Rom und seinen leitenden Männern handelt.«
      »Dies Spiel ging verloren,« unterbrach sie der Bruder mit so tiefem Ernst, daß Charmion auffuhr und leise und ängstlich wiederholte: »Verloren?«
      »Auf immer,« versicherte Archibius, »wenn nicht ...«
      »Dank den Olympiern, – doch noch ein ›Wenn‹.«
      »Wenn Kleopatra sich nicht zu einer That entschließt, die sie zwingt, sich selbst untreu zu werden und ihr edles Bildnis für alle Zukunft zu schänden.«
      »Wodurch?«
      »Wann Du es auch erfährst, wird es immer noch zu früh sein.«
      »Und wenn sie es thäte, Archibius? Du bist der, dem sie am meisten vertraut. In Deine Hut will sie geben, was sie mehr liebt als sich selbst.«
      »Mehr liebt? Du denkst, versteh' ich Dich recht, an die Kinder.«
      »Die Kinder! Ja und hundertmal ja, – sie liebt sie über alles! Für sie – glaub' es mir – in den Tod für sie zu gehen, wäre sie bereit.«
      »Laß es uns hoffen.«
      »Und Du, – wenn sie das Entsetzliche beginge ... Ich kann ja nur ahnen, um was es sich handelt ... Stiege sie aber herab von der Höhe, auf der sie sich bis dahin immer noch hielt, – wärest Du auch dann noch bereit ...«
      »Für mich,« unterbrach er sie gelassen, »kommt nicht mehr in Frage, was sie thut oder läßt. Sie ist unglücklich und wird noch tiefer, viel tiefer ins Elend geraten. Das weiß ich, und gerade das zwingt mich, ihr mit dem Aufgebot aller Kräfte zu dienen. Ich gehöre ihr wie der dem Serapis geweihte Klausner dem Gotte. Jeder seiner Gedanken soll ihm geweiht sein. Ihm, der ihn schuf, widmet er Leib und Seele bis in den Tod, den er über ihn verhängt. Die Bande, die mich an diese Frau fesseln – Du kennst ihren Ursprung, – sind nicht weniger unzerreißbar. Was sie wünscht und was mich, wenn ich es erfülle, nicht zwingt, mich selbst zu verachten, das ist im voraus gewährt.«
      »Dergleichen,« rief Charmion, »verlangt sie nimmer vom Freunde ihrer Kindheit.« Dann trat sie ihm näher und fuhr, indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte, froh bewegt fort: »So mußtest Du empfinden und reden, und darin liegt auch die Antwort auf die Frage, die mir die Seele seit gestern bewegt. Barines Flucht, die Gunst und Ungunst der Herrin, Iras, mein armer Kopf, der vor der Politik zurückschreckt, während Kleopatra gerade in dieser Zeit scharfsichtiger Vertrauter bedürfte ...«
      »Mit nichten,« unterbrach sie der Bruder. »An den Männern allein ist es, ihr in diesen Dingen Rat zu erteilen. Verwünscht sei das Weibergeflüster am Putztisch! Schon manchen wohl erwogenen Rat der Klügsten blies es fort in den Wind, und verhängnisvoller könnte die Staatskunst einer Iras nimmer werden als eben jetzt, hätte das Verhängnis nicht schon das letzte Wort gesprochen.«
      »Fort also auch mit diesem Bedenken,« rief Charmion lebhaft, »und so wär' ich denn mit mir im reinen! Wie immer, so zeigst Du mir auch diesmal den rechten Weg. Schön hatt' ich es mir freilich gedacht, auf dem Landgute, das wir Irenia – Friedensstätte– nannten, oder zu Kanopus in dem lieben kleinen Palast die Jahre, die mir noch vergönnt sind, still zu verleben und dort zurückzukehren zu allem, was uns die Kindheit verschönte. Die Philosophen, die Blumen im Garten, die Dichter, – auch die neuen römischen, von denen Timagenes so erfreuliche Proben sandte, sollten die Einsamkeit würzen. Das Kind, die Tochter des Mannes, dessen Liebe ich entsagte, und später vielleicht auch ihre Knaben und Mädchen sollten mir die eigenen ersetzen. Wie sie dem Leonax teuer gewesen wären, hätte auch ich sie geliebt. – So ist mir die Zukunft in mancher stillen Stunde erschienen. Doch die Charmion, die, als das Herz ihr noch wärmer schlug und ihr das Leben offen stand, seine ersten heißen Triebe für die fürstliche Gespielin auf den Opferaltar legte, sie sollte Kleopatra im Unglück verlassen aus eigensüchtigen Bedenken? Nein, nein! – Wie Du, so gehöre auch ich – komme, was da wolle – der Königin an.«
      Sicher seines Beifalls, schaute sie dem Bruder ins Antlitz, er aber schwenkte die erhobene Hand und entgegnete ernst: »Nein, Charmion! Was ich, der Mann, auf mich nehme, für Dich, das Weib, kann es verhängnisvoll werden ... Die Gegenwart ist nicht süß genug, um sie mit Wermut aus der Zukunft zu verbittern. Und doch! ... Einen Blick in ihr finsteres Reich mußt Du thun, um mich zu verstehen. Du bist verschwiegen, und was Du jetzt erfährst, ein Geheimnis bleibt es zwischen uns beiden. Nur eins,« und hier dämpfte er den lauten Ton der tiefen Stimme, »nur eins kann sie retten: der Mord des Antonius oder ein schändlicher Verrat, der ihn in die Hand des Octavianus liefert. Das ist es, was Timagenes brachte.«
      »Das?« frug sie dumpf und senkte das ergrauende Haupt.
      »Das,« wiederholte er fest. »Und unterliegt sie der Versuchung, wird sie untreu der Liebe, die ihr ganzes Leben durchströmte wie der Nil das Land ihrer Väter, dann, Charmion, bleibe, bleibe unter jeder Bedingung, dann halte treuer an ihr fest als je; denn dann, dann, Schwester, wird sie unglücklicher sein, zehn-, hundertfach unglücklicher, als wenn Octavian ihr alles nimmt, vielleicht auch das Leben.«
      »Und so lasse ich nicht von ihr, und was auch komme, ich halte stand bei ihr bis ans Ende,« rief die andere lebhaft. Archibius aber achtete nicht der dem ruhigen Wesen der Schwester sonst fremden, begeisterten Wärme und fuhr gelassen fort: »Auch Dich gewann sie, und Dich von ihr loszulösen, scheint Dir unmöglich. Vielen ist es wie uns ergangen, und es gereicht keinem zur Schande. Das Unglück ist ein Eisen, das gemeine Naturen wie ein Schwert trennt und als Hammer edle nur fester an einander schmiedet. Dir erscheint es darum gerade jetzt doppelt schwer, sie zu verlassen; aber Du bedarfst der Liebe. Das Recht zu leben und Dich vor dem kläglichsten Rückgang zu schützen, kommt Dir so gut zu wie der seltenen Frau auf dem Throne. So lange Du ihrer Liebe gewiß bist, halte aus bei ihr, bleibe ihr ergeben in jeder Lage und bis ans Ende. Aber die Gründe, die Dich von ihr fortziehen wollten zu den Büchern, Blumen und Kindern, sie wiegen schwer, und fehlt Dir der Tau ihrer Gnade und Liebe, so seh' ich Dich kläglich verkommen. Der Frost, der von der Kleopatra ausgeht, deren Herz für Dich erkaltete, die Nadelstiche, womit Iras Dich, die Wehrlose, anfällt, sie richten Dich zu Grunde. Das darf nicht sein, Schwester, das wollen wir verhüten ... Unterbrich mich noch nicht! Ernst erwogen ward der Rat, den ich Dir zu befolgen empfehle. Nimmst Du wahr, daß die Königin Dich immer noch liebt wie in früheren Tagen, so halte aus bei ihr; solltest Du aber das Gegenteil erfahren, dann sage ihr morgen schon Lebewohl. Mein Irenia gehört Dir ...«
      »Aber sie liebt mich, und thäte sie's nicht mehr ...«
      »Der Prüfstein liegt zur Hand. Wir überlassen ihr selbst die Entscheidung. Du bekennst, daß Du es warst, die der Barine half, sich ihrer strafenden Gewalt zu entziehen.«
      »Archibius!«
      »Thätest Du es nicht, eine Kette von Lügen wäre die Folge. Sieh zu, ob das Kleine in ihr, das sie antrieb, das Schicksal der Tochter des Leonax in die Hand eines Unwürdigen zu legen, mächtiger ist als das Große! Prüfe, ob sie der entsagenden Treue wert ist, die Du ihr ein Leben lang weihtest. Bleibt sie Dir, was sie Dir war, trotz dieses Bekenntnisses ...«
      Hier wurde er von der Nubierin unterbrochen, die anfragte, ob die Herrin trotz der späten Stunde der Iras vorzusprechen gestatte.
      »Laß sie ein,« erwiderte Archibius, nachdem er einen kurzen Blick mit der Schwester getauscht, deren Wangen seit der Forderung, die er an sie gestellt, bleich geblieben waren. Er bemerkte es, und während die Dienerin sich entfernte, ergriff er die Hand der Schwester und sagte mit vertrauensvoller Wärme: »Ich gab Dir meine Meinung zu hören; in unserem Alter aber soll man sich selber beraten, und Du findest wohl auch diesmal das Rechte.«
      »Ich hab' es gefunden,« versetzte sie leise und mit niedergeschlagenen Augen. »Dieser Besuch führte schnell zur Entscheidung. Mich vor Iras schämen zu müssen, dahin soll es nicht kommen!«
      Noch war dies Wort nicht verklungen, als die jüngere Vertraute der Königin das Zimmer betrat. Sie war erregt, und indem sie sich in dem ihr wohlbekannten Raume prüfend umschaute, frug sie nach einer kurzen Begrüßung: »Niemand weiß, wohin die Königin fuhr. Mardion fertigte schon an ihrer Stelle die Prozession ab. Zog sie Dich ins Vertrauen?«
      Charmion verneinte diese Frage und erkundigte sich, ob Antonius angekommen sei und wie sie ihn gefunden.
      »Jammervoll,« lautete die Antwort. »Um die Königin abzuhalten, ihn doch vielleicht zu besuchen, beeilte ich mich, wie es nur anging. Sie hätte eine Abweisung erfahren. Es ist entsetzlich.«
      »Die Enttäuschung von Paraetonium kommt zu den übrigen Lasten,« bemerkte Archibius.
      »Eine Feder im Vergleich zu dem andern,« fügte Iras unwillig hinzu. »Welch ein Schauspiel! Eine zusammengeschrumpfte Seele, die nie übergroß war, im Leib eines gewaltigen Riesen. Das Mißgeschick bricht dem Enkel des Herakles die Kniee. Den herrlichen Mut der Königin zieht der Schwächling noch mit in den Staub.«
      »Thun wir das Unsere, um es zu verhindern,« entgegnete Archibius fest, »Dich und Charmion stellen die Himmlischen ihr zur Seite, um sie zu stützen, wenn die Kraft ihr erlahmt. Die Zeit ist da, euch zu bewähren.«
      »Ich kenne meine Pflicht,« versetzte Iras mit abweisender Herbheit.
      »Beweise es!« forderte Archibius ernst. »Du meinst Grund zu haben, der Charmion zu zürnen.«
      »Wer meine Feinde so zärtlich ans Herz zieht, der entbehrt wohl gern meiner Freundschaft. Wo ist euer Schützling?«
      »Das sollst Du später erfahren,« erwiderte Charmion und trat ihr näher. »Wenn es Dir aber bekannt ist, wirst Du meinen, mit noch besserem Recht an meiner Liebe zweifeln zu dürfen; doch nur um ein teures Wesen vor Unglück zu behüten, gewiß nicht, um Dich zu kränken, trat ich zwischen Dich und Barine. Und nun laß Dir sagen: Wenn Du mich verletzt hättest bis ins Mark des Lebens, und alles, was dem Griechenherzen teuer, riefe mich auf, mich dafür zu rächen, – ich legte mir jetzt, gerade jetzt den Zwang auf, diesem Triebe zu entsagen, weil es eine Liebe in dieser Brust gibt, die stärker und mächtiger ist als der grimmigste Haß. Und diese Liebe, wir teilen sie mit einander. Grolle mir, suche mir, die Dir bisher zur Seite stand wie der eigenen Tochter, wehe zu thun und zu schaden, doch hüte Dich dabei, mir die Kraft und Freiheit zu rauben, deren ich bedarf, um der Herrin zu sein und zu bieten, was ich vermag. Eben beriet ich mit dem Bruder, ob es nicht geraten für mich sei, Kleopatra zu verlassen.«
      »Jetzt?« fiel ihr Iras auffahrend ins Wort. »Nein, nein. Das nicht! Es darf nicht sein! Sie kann Dich nicht entbehren, jetzt ganz gewiß nicht.«
      »Leichter vielleicht als Dich,« versicherte Charmion, »doch für mancherlei wären meine Dienste in der That schwer zu ersetzen.«
      »Durch nichts unter der Sonne,« rief Iras eifrig. »Wenn sie auch Dich in diesen Tagen verlöre ...«
      »Es kommen noch finsterere,« unterbrach sie Archibius, wie gewiß seiner Sache. »Vielleicht morgen schon wirst Du's erfahren. Ob Charmion dem Wunsche nach Ruhe nachgeben oder ausharren soll bei der Königin, hängt mit ab von Deinem Verhalten. Du willst, daß sie bleibt, und sollst ihr darum das Ausharren nicht allzu sehr erschweren. Wir drei, mein Kind, sind vielleicht die einzigen an diesem Hofe, denen das Glück der Königin mehr als das eigene gilt, und darum sollten wir keinem Zwischenfall, wie er auch heiße, gestatten, unsere Eintracht zu trüben.«
      Da warf Iras das Haupt zurück und rief in heftiger Wallung: »War ich es etwa, die sich gegen euch verging? Ich wüßte nicht wodurch. Aber Charmion und Du, – wie lange war es euch bekannt, daß dies Herz sich auch einer andern Liebe erschlossen; doch ihr – gerade ihr stelltet euch zwischen mich und denjenigen, nach dem mein Herz verlangte von Kind auf, und ihr, ihr schluget die Brücke, die den Dion mit der Barine verband. Ich hielt die Verhaßte in der Hand, um sie ihm zu entreißen, und dankte den Himmlischen dafür, – aber ihr beide – es ist nicht schwer zu erraten, was ihr mir noch zu verschweigen begehrt – ihr helft ihr oder standet ihr wohl gar schon bei, mir zu entrinnen. Ihr stahlt mir die Rache, ihr stelltet die Sängerin wieder auf den Weg, wo der sie finden muß, auf den ich ein besseres und älteres Recht habe, und der sich vielleicht doch noch besinnt, wer von uns als Hausfrau besser für ihn taugt, wenn Alexas und sein würdiger Bruder nicht dafür sorgen, daß ich und sie uns begnügen müssen, eines toten Mannes zärtlich zu gedenken. Darum, daß ihr's wißt, mein' ich euch nichts mehr zu schulden, glaub' ich, daß sich Charmion bezahlt machte für alles Gute, das sie mir jemals erwies.«
      Damit eilte sie der Thüre zu; auf der Schwelle aber blieb sie stehen und rief in das Zimmer zurück: »So steht es; aber darum bin ich doch bereit, Hand in Hand mit Dir, ja wie mit einer Freundin nach wie vor der Königin zu dienen; denn auch Du – ich sagte es ja schon – bist zu ihrem Wohlsein notwendig. Im übrigen geh' ich ohne euch die eigenen Wege.«
    



      Siebenzehntes Kapitel
      Kleopatra hatte den greisen Anubis aufgesucht, der jetzt in der Hauptstadt als Priester des Alexander der gesamten Hierarchie des Landes vorstand. Es fiel dem achtzigjährigen Oberpriester schwer, den Lehnstuhl zu verlassen, doch hatte er sich auf die Warte tragen lassen, um das traurige Ergebnis der Beobachtung nachzuprüfen, die die Königin selbst angestellt hatte. Doch die Stellung der Gestirne war eine so ungünstige gewesen, daß es ihm um so weniger gelingen wollte, an den mildernden Einwirkungen fernerstehender Planeten festzuhalten, auf die er sie anfänglich gewiesen, je tiefer Kleopatra auch in diesen Dingen bewandert war.
      In seinem Empfangssaale hatte der Oberpriester trotzdem versichert, die Rettung ihrer eigenen Person und der Selbständigkeit Aegyptens ruhe in ihrer Hand; nur lege sie ihr – darauf wiesen die Planeten – ein furchtbares Opfer auf, wovon seine Würde, seine achtzig Jahre und seine Liebe zu ihr ihm indes zu reden verböten. Sie war dunkle Reden dieser Art aus seinem Munde zu vernehmen gewöhnt, und deutete sie in ihrer Weise. Es hatte sie mancherlei in so später Stunde zu dem Greise gedrängt. In schwierigen Lagen war er ihr oft mit gutem Rate zur Seite gestanden; diesmal aber führte sie nicht am letzten der magische Becher des Nektanebus zu ihm, der ihm durch die Pastophoren, die ihn begleitet hatten, heute zurückgegeben worden war; denn dies Gefäß hatte seit Actium nicht aufgehört, eine Quelle steter Beunruhigung für sie zu sein.
      Jetzt war von Kleopatra dem Lehrer ihrer Kindheit die bestimmte Frage vorgelegt worden, ob der Pokal, eine Schale mit spiegelblankem Grunde, den Antonius in der That veranlaßt haben könnte, die noch unentschiedene Schlacht zu verlassen und ihr zu folgen. Sie hatte sich seiner vor dem Zusammenstoße der Flotten bedient, und dieser Umstand den Anubis veranlaßt, ihre Frage zu bejahen.
      Vor langer Zeit war ihr das wunderbare Gerät im Tempelschatze gezeigt und ihr mitgeteilt worden, daß es jedem, der einen andern veranlasse, sich auf seinem blanken Grunde zu spiegeln, gegeben sei, ihn seinem Willen gehorsam zu machen. Ihr Verlangen nach seinem Besitze war indes unbefriedigt geblieben, und sie hatte nicht wieder nach ihm begehrt, bis die rückhaltlose Hingebung und heiße Liebe des Antonius ihr in der letzten Zeit lauer geworden zu sein schien. Von da an war sie nicht müde geworden, in den greisen Freund zu dringen, ihr das wundervolle Gerät zu überlassen. – Anfänglich hatte er sich mit großer Entschiedenheit geweigert und vorausgesagt, daß der Gebrauch des magischen Bechers ihr zum Unheil ausschlagen werde; als aber ihrem Wunsche ein strenger Befehl gefolgt und ihr der Pokal anvertraut worden war, hatte Anubis selbst geglaubt, daß nur dies eine Gefäß die Zaubermacht besitze, die man ihm zuschrieb. Er fand in dem Pokal auch den sichersten Beweis für die das menschliche Vermögen weit überbietenden magischen Künste der hohen Göttin, unter deren Beistand der König Nektanebus, den die Sage zum Vater des großen Alexander machte, dieses Gerät auf der Isisinsel Philae geschmiedet haben sollte.
      Anubis hatte beabsichtigt, Kleopatra seine Weigerung ins Gedächtnis zurückzurufen und ihr vor Augen zu führen, wie große Gefahr es dem Sterblichen bringe, über Kräfte zu gebieten, die jenseits seines Machtkreises lägen. Sie an den Phaëton zu erinnern, der auf dem Wagen seines Vaters Phoebus Apollon einen Weltbrand entzündet, als er die Sonnenrosse selbst zu lenken gewagt, war seine Absicht gewesen; doch es sollte nicht dazu kommen; denn kaum hatte er ihre Frage bejaht, als sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit befahl, das Unheil bringende Gefäß vor ihren Augen zu vernichten.
      Und der Priester gab sich das Ansehen, als komme ihr Verlangen einem Entschlusse entgegen, den er aus freiem Antriebe gefaßt.
      Wirklich war auch in ihm schon vor ihrem Erscheinen die Besorgnis lebendig geworden, der Pokal könne in verhängnisvoller Weise mißbraucht werden, wenn Octavian Stadt und Land in Besitz nehmen und das wunderthätige Gefäß ihm mit ihnen in die Hand fallen würde. Für Aegypter hatte Nektanebus den Becher geschmiedet. Ihn dem fremden Machthaber zu entziehen, hieß im Sinne des letzten Königs handeln, in dessen Adern das Blut der Pharaonen geflossen war und der für seine Nation, ihre Selbständigkeit und Freiheit mit begeisterter Hingabe gerungen. Das Wunderwerk dieses Mannes lieber zu zerstören als es dem römischen Eroberer zu überlassen, erschien dem Oberpriester, nachdem es die Königin geboten, als heilige Pflicht, und als solche stellte er es auch dar, als er das Schmelzfeuer anschüren und den Becher vor den Augen der Kleopatra sich in eine unförmige Masse verwandeln ließ.
      Während das Metall auseinanderfloß, zeigte er der Königin mit lebhaften Worten, wie leicht sie des Gefäßes entraten könne, das seine magische Kraft der hohen Isis verdankte.
      Der Zauber anmutiger Weiblichkeit sei auch ein Geschenk der Göttin. Er genüge, um das Herz des Antonius biegsam und gefügig zu machen wie das Feuer das Gold. Vielleicht aber habe der Imperator zugleich mit der Achtung die Liebe der Königin, das kostbarste aller Güter, verscherzt. Er, Anubis, würde dies als eine große Gunst der Gottheit betrachten; »denn,« so schloß er, »Marc Anton allein ist die Klippe, an der jeder Versuch scheitern wird, meiner göttlichen Herrin ungeschmälert zu erhalten, was ihr und ihren Kindern als Erbe der Väter zukommt, und diesem teuren Lande die Selbständigkeit und Wohlfahrt zu sichern. Dieser Becher war ein kostbarer Schatz. Der Thron und das Glück Aegyptens sind größerer Opfer wert. Für das Weib gibt es freilich kein schwereres, als das seiner Liebe, ich weiß es.«
      Was der Greis mit diesen Andeutungen meinte, sollte Kleopatra schon am nächsten Morgen erfahren, an dem sie Timagenes, dem Abgesandten des Octavian, die erste Unterredung bewilligte.
      Der scharfsinnige, lebhafte Mann, der zu den bedeutendsten ihrer Lehrer gehört, und mit dem sie als Schülerin manchen Meinungsstreit ausgefochten hatte, war gut aufgenommen worden und hatte sich seiner Aufgabe mit glänzendem Geschick entledigt. Die Königin war seinen Darlegungen aufmerksam gefolgt, hatte ihm gezeigt, daß ihr eigener Geist an Biegsamkeit nichts eingebüßt, wohl aber an Kraft gewonnen habe, und als sie ihn beschenkt und mit gnädigen Worten verabschiedete, wußte sie, daß es in ihrer Hand liege, dem geliebten Vaterlande die Selbständigkeit und für sich und ihre Kinder den Thron zu erhalten, wenn sie den Antonius dem Sieger überantwortete oder ihn, wie auch immer, »als handelnde Person« – dies waren des Timagenes eigene Worte – für immer aus dem Schauspiele entferne, dessen Schluß glänzend oder verhängnisvoll für sich zu gestalten in ihrer Hand liege.
      Als sie wieder allein war, schlug das Herz ihr so heftig und hatte sich solcher Aufruhr ihrer Seele bemächtigt, daß sie sich unfähig fühlte, der anberaumten Sitzung des Rates der Krone beizuwohnen. Sie verschob sie auf morgen und beschloß, ins Meer hinaus zu fahren, um sich zu sammeln.
      Antonius hatte es abgelehnt, ihren Besuch zu empfangen. Das that weh. Mit der Vernichtung des Bechers, zu dem sie durch einen jener Ausbrüche der Leidenschaft getrieben worden war, deren sie in dieser Zeit des Unglücks öfter als sonst unterlag, hatte der Gedanke an den Pokal und seine verhängnisvolle Wirkung keineswegs ein Ende genommen. Im Gegentheil! Sie mußte allein sein, sich sammeln und die getrübte Seele zu klären versuchen.
      Der Becher hatte zum Schatze der Isis gehört, und wahrend sie sich seiner erinnerte, kamen ihr die Stunden in den Sinn, in denen sie früher oft genug Sammlung in der Stille des Tempels der Göttin gefunden. Unerkannt wollte sie das Heiligtum besuchen, und tief verschleiert begab sie sich, nur von Iras und dem ersten der Einführer 
      Hofmarschall begleitet, in den nahen Tempel am Musenwinkel.
      Aber sie fand dort nicht, was sie suchte. Die Menge der Betenden und Opfernden, die ihn erfüllte, und die Furcht, erkannt zu werden, störten ihr die Ruhe.
      Als sie schon im Begriff stand, sich zu entfernen, trat ihr der Baumeister Gorgias, dem ein Gehilfe mit Meßinstrumenten folgte, entgegen. Sogleich rief sie ihn zu sich heran, und er eröffnete ihr, in wie wunderbarer Weise die Schickung selbst ihr bauliches Vorhaben zu fördern scheine. Das Volk habe, wie sie wisse, das Haus des alten Philosophen Didymus zerstört, und der Greis, den er als einen Obdachlosen in sein Heim geladen, sei jetzt bereit, ihr das Erbe seiner Väter abzutreten, wenn die Majestät ihn und die Seinen ihres Schutzes versichere.
      Aus ihrer Frage, was denn das angesehene Museumsmitglied von ihr, der Freundin gelehrten Fleißes, befürchte, ersah er, daß sie von der Flucht der Barine noch nicht unterrichtet sei, und wies darum auf die Ungnade der Majestät, die die Enkelin des Philosophen auf sich gezogen. Da versicherte sie, daß, was die Sängerin auch verschuldet habe, es ihren Angehörigen nicht zur Last fallen sollte.
      Dann ließ sie sich zeigen, wie sich der Baumeister den Anschluß des Museums an das Heiligtum denke, und versenkte sich in den ersten Entwurf, dem Gorgias einen Teil der Nacht und den Morgen gewidmet. Er sagte ihr zu, und mit lebhafter Dringlichkeit befahl sie, sobald es angehe, mit dem Bau zu beginnen und auch die Nacht zum Tage zu machen. Was sonst in Monden hergestellt werde, sei in Wochen zu vollenden.
      Iras und der »Einführer« hatten ihrer in schlichten Bürgerkleidern im Pronaos gewartet. Mit dem Baumeister begleiteten sie sie zu der schmucklosen Sänfte, die an einer der Nebenpforten wartete; doch sie stieg nicht ein, sondern befahl dem Gorgias, sie zuerst in den Garten zu führen.
      Bei seiner Besichtigung ergab es sich, daß der Baumeister recht gesehen hatte und er doppelt so groß als der am Palaste auf der Lochias bleiben werde, auch wenn das Mausoleum einen Teil davon einnahm und man die Straße, die ihn vom Isistempel trennte, an das Meer verlegte.
      Aus der genauen Prüfung, der Kleopatra ihn unterwarf, ersah Gorgias, daß sie etwas Bestimmtes mit ihm im Sinne trug. Ihre Frage, ob es angehe, ihn mit der Lochias zu verbinden, deutete an, woran sie dachte, und der Architekt konnte sie bejahen. Es galt nur, einige Bauwerke, die der Krone gehörten, und ein kleines Heiligtum der Berenike im Süden des königlichen Hafens niederzureißen. Der Arm des Agathodämonkanals, der hier mündete, war längst überbrückt.
      Wunderbar schnell hatte sich das neue Bild, das sich aus dieser Veränderung ergab, der Königin vor das innere Auge gestellt, und sie beschrieb es dem Baumeister kurz und anschaulich. Der Garten sollte bleiben, doch nach der Lochias hin bis zu der Brücke vergrößert werden. Von ihr aus war ein bedeckter Säulengang in den Palast zu führen. Nach der Versicherung des Gorgias, daß sich das alles sehr wohl herstellen lasse, schaute sie kurze Zeit sinnend zu Boden. Dann befahl sie, auch mit dieser Arbeit sofort zu beginnen, und ersuchte den Baumeister, weder Mittel noch Arbeiter zu sparen.
      Gorgias sah eine Zeit fieberhafter Thätigkeit vor sich, doch sie erschreckte ihn nicht. Mit solchem Bauherrn wollte er sich unterfangen, die ganze Stadt zu bedachen. Dazu erfreute ihn dieser Auftrag, weil er bewies, daß die Frau, deren Grabmal so schnell aus dem Boden wachsen sollte, auch noch daran dachte, die Annehmlichkeiten des Lebens zu steigern; denn zwar wünschte sie den Garten einfach zu lassen, wie er war, die Säulengänge und das übrige aber wollte sie aus edlem Material in schöner Form hergestellt sehen.
      Als sie ihm Lebewohl sagte, küßte Gorgias ihr mit feuriger Hingabe das Gewand.
      Welch ein Weib! Sie hatte zwar den Schleier nicht gelüftet und trug einfache, dunkle Kleider, doch jede ihrer Bewegungen war von edelster Schönheit. Der Arm und die Hand, womit sie bald hierhin, bald dorthin wies, schienen ihm wieder wie beseelt, und ihm, dem die vollendete Form so viel galt, fiel es schwer, von ihrer wundervollen Bildung den Blick zu lösen. Und das ganze Weib! Das waren Linien, das war echte, vornehme Eigenart und warm pulsirendes Leben! Er hatte heute morgen, da ihn Helena, jetzt seine Hausgenossin, begrüßt hatte, sie im Geiste mit der Kleopatra zu vergleichen versucht, aber schnell davon abgelassen. Wem Hebe Nektar reicht, der fragt nicht nach dem edelsten Byblusweine. Ein schwer zu beschreibendes, dankbares und heiteres Wohlgefühl überkam ihn, wenn Helena, die Zurückhaltende, Gelassene, ihn so warmherzig und zutraulich begrüßte; aber das Bild Kleopatras stellte sich fortwährend zwischen ihn und sie, und es fiel ihm schwer, sich selbst zu verstehen. Er hatte viele hinter einander geliebt, und jetzt schlug ihm gar das Herz für zwei Frauen auf einmal, und die Königin war der hellere unter den beiden Sternen, deren Licht ihn entzückte. In seiner redlichen Seele hätte er es darum für einen Verrat angesehen, jetzt um Helena zu werben.
      Kleopatra fühlte, einen wie feurigen Bewunderer sie in dem tüchtigen Künstler gewonnen, und es erfreute sie. Ihm gegenüber hatte sie sich keines Bechers bedient! Schon morgen begann er wohl mit dem Bau ihres Grabmals. Die Gruft mußte Raum für mehrere Särge bieten. Antonius hatte mehr als einmal den Wunsch ausgesprochen, wo er auch sterbe, neben ihr bestattet zu werden, und auch das war geschehen, bevor sie über den Pokal verfügt. Sie mußte ihm in jedem Falle die gleiche Gunst gewähren, wo und durch wen er auch den Tod fand, und dem getrübten Lichte seines Daseins stand das Erlöschen sicher nur zu bald bevor. Wenn sie seiner schonte, würde Octavian ihn dennoch aus der Reihe der Lebenden streichen, und sie ... Wieder bemächtigte sich ihrer die furchtbare, fieberhafte Unruhe, die sie zu dem Befehle veranlaßt, den Becher zu vernichten und sie in den Tempel geführt hatte. So konnte sie den Palast nicht wieder betreten, nicht Rat halten, Besucher empfangen und die Kinder begrüßen. Es war heute der Geburtstag der Zwillinge. Charmion hatte sie daraus aufmerksam gemacht und es übernommen, für Geschenke zu sorgen. Wie hätte sie Zeit und Sinn für dergleichen gefunden?
      Spät in der Nacht war sie vom Oberpriester heimgekehrt, doch hatte sie sich genau berichten lassen, wie sie den Marcus Antonius gefunden. Die Schilderung der Iras entsprach dem Zustande, in dem sie ihn während und nach der Schlacht gesehen hatte. Ja, sein düsteres Brüten schien sich seitdem verschlimmert zu haben. Am Morgen hatte Charmion ihr beim Ankleiden geholfen. Sie war auch im Begriff gewesen, das schwere Bekenntnis zu machen, und einzugestehen, daß sie der Barine geholfen, sich der strafenden königlichen Hand zu entziehen; doch bevor sie damit beginnen konnte, war Timagenes gemeldet worden; denn Kleopatra hatte sich spät vom Lager erhoben.
      Was die Königin durch den Gang in den Tempel erwartet, war ihr versagt geblieben, doch die Beratung mit dem Gorgias hatte sie auf etwas Neues geführt; die Gemütsklänge aber, welche die Beschäftigung mit der letzten Ruhestätte in ihr erweckt, übertönten jetzt alles andere, wie das Brausen der Brandung das Gezwitscher der Seeschwalben am felsigen Ufer.
      Ja sie bedurfte der Sammlung! In aller Stille mußte sie vieles erwägen und bedenken. Aus der Lochias konnte sie nicht dazu kommen. Da fiel ihr das kleine Heiligtum der Berenike ins Auge, das sie einzureißen befohlen, um den Kindern einen für ihre Schaffenslust geeigneten Garten in ihrer Nähe zu schaffen. Es war leer. Dort brauchte sie keine Störung zu fürchten. Einen einzigen, stillen, traulichen Raum mit der Bildsäule der Berenike enthielt sein Inneres. Der Einführer befahl dem Wächter, jeden andern Besucher fern zu halten, und bald umfing sie das kleine überwölbte Rundteil von weißem Marmor. Auf einer der bronzenen Bänke gegenüber der Statue ließ sie sich nieder. Hier war es still, in diesem kühlen Schweigen konnte es ihrem des Denkens gewohnten Geiste gelingen, das zu finden, wonach er lechzte. Klarheit, Klarheit über sich selbst und ihre Lage im Angesicht der Entscheidung, vor der sie stand.
      Anfänglich irrte er hierhin und dorthin, wie die Taube, bevor sie die Richtung des Fluges erwählt, aber schon nach der Frage, warum sie sich so eilig ein Grabmal erbauen lasse, wenn es ihr gestattet sei, zu leben, führte ihn auf die rechte Bahn. – Unter den Scythen aus der Wache, den Mauretaniern und Blemmyern im Heere gab es wilde Gesellen genug, die ein Wort aus ihrem Munde und eine Handvoll Gold auf den geschlagenen Antonius gehetzt hätte, wie das »Pack an!« des Jägers die Dogge. Ein Wink, und unter den armseligen Zauberern und Magiern in der Rhakotis, dem ägyptischen Viertel der Stadt, hätten sich zwanzig werben lassen, ihn durch Gift oder listige Fallen meuchlerisch zu morden, ein Befehl an die Makedonier in der Garde der Mellakes oder Jünglinge, und er war noch heute gefangen und, befahl sie es, morgen auf dem Wege nach Asien, wohin sich Octavian wieder, wie Timagenes versicherte, gewandt.
      Und was hinderte sie, zu dem Golde zu greifen, den Wink zu geben, den Befehl zu erteilen?
      Wohl dachte sie des nunmehr zerschmolzenen Zauberbechers, der ihn gezwungen hatte, Ruhm, Ehre und Macht hinter sich zu werfen wie eitlen Tand, um ihrem Gebote, sich nicht von ihr zu trennen. Gehorsam zu leisten; aber diese Erwägung belastete ihr zwar die Seele, doch hatte sie keine entscheidende Kraft. Es war überhaupt nichts einzelnes, was ihr die Hand und den Mund schloß, es war jeder Nerv ihres Wesens, jeder Pulsschlag ihres Blutes, jeder Blick des in die Vergangenheit bis an die Grenze der Kindheit zurückschauenden Geistes, der es verbot.
      Aber sie gab auch anderen Gedanken Gehör. Sie wiesen sie auf die Kinder, das Hochgefühl der Macht, die Liebe für das Land ihrer Väter und was ihm ohne sie drohte, die Wonne, das Licht zu schauen und das Dunkel, das Schweigen, die dahinstreckende Starrheit des Todes, auf die Vernichtung des so sorgsam gepflegten und so mühevoll ausgebildeten Körpers und Geistes, auf die gräßliche Qual, die sich vielleicht mit dem Uebergang aus dem Leben in den Tod, dem Sterben verband. Und was stand ihr in jenem Dasein bevor, das die Dauer der Ewigkeit hatte? Einmal war es doch aus mit dem Atmen unter der Sonne, und wenn sie die Frist hinausschob und nicht Epikur, der mit dem Tode alles vorbei sein ließ, sondern die alten Lehren der Aegypter das Rechte trafen, was wartete ihrer dann im Jenseits, wenn sie wenige neue Lebensjahre mit dem Morde oder dem Verrate des Geliebten, des Gatten erkaufte?
      Aber die Strafen der Verdammten waren vielleicht nur Schreckmittel, von der die Ordnung des Staates hütenden Priesterschaft erdacht, um die wilden Triebe der Menge im Zaum zu halten und die zügellosen Uebertreter des Gesetzes zu schrecken. Und, raunte der kecke Griechengeist ihr zu, an der Stätte der Verdammten, nicht im Aalu-Garten, den elysäischen Gefilden der Aegypter, würde sie Vater und Mutter und die gesamte Schar ihrer verbrecherischen Ahnen wiederfinden bis zum ersten Euergetes, dem schon der schändliche Philopator gefolgt war. Mochte der Gedanke an das Jenseits also als unsicherer Vordersatz, der keinen zutreffenden Schluß zu ziehen gestattete, aus dem Spiele bleiben. Wie würden – so mußte die Frage gestellt werden – die durch den Mord, den Verrat eines geliebten Menschen erkauften Lebensjahre sich für sie gestalten?
      In den Nächten würde das Bild des Gemordeten ihr sicher den Schlaf von dem Lager scheuchen, und die Erinnyen, die Dirae, wie der Römer Antonius sie nannte, die den Mörder mit der Schlangengeißel verfolgen, sie waren keine eitlen Ausgeburten der dichterischen Phantasie, sondern versinnbildlichten treffend die Unruhe des von Gewissensqualen hin und her getriebenen Verbrechers. Das höchste Gut, die schmerzlose Glückseligkeit der Epikuräer, für denjenigen, den solche Schuld belastete, war sie auf ewig verloren.
      Und bei Tage und am Abend?
      Ja, da stand es ihr frei. Genuß auf Genuß zu häufen, aber für wen sollte das Fest gefeiert werden; seine Lust, – mit wem konnte sie sie teilen? Ohne den Marc Anton gab es schon längst kein Gastmahl, keine Schaustellung, die sie erfreute. Für wen schmückte sie sich oder half sie dem schwindenden Anmutszauber nach, als für ihn? – Und dieser Zauber, der schon langsam, langsam, doch stetig dahinschwand, wie schnell würde die nagende Seelenangst ihn völlig vernichten, und wenn der Spiegel ihr Runzeln zeigte, die die Kunst keines Olympus zu tilgen vermochte, wenn sie ... Nein, sie war nicht zum Altwerden geschaffen! Die wenigen erkauften Lebensjahre, in die sich so großes Elend mischen sollte, besaßen sie wirklich einen Wert, groß genug, um das Recht dafür preiszugeben, bei den Mitlebenden und Folgegeschlechtern die bezaubernde Kleopatra, die unwiderstehlichste der Frauen zu heißen? Und die Kinder?
      O ja, es wäre herrlich gewesen, sie heranwachsen und auf dem Throne zu sehen, aber auch in diese an herzerwärmenden Einzelheiten reiche Vorstellung mischten sich bald schwere, entscheidende Bedenken.
      Wie köstlich, den Cäsarion an der Stelle des Octavian als Beherrscher der Welt zu begrüßen! Aber wie sollte der Träumer, den die ersten Triebe des Herzens zu der unsinnigsten Preisgabe der Würde und dem Bruche des Gesetzes fortgerissen hatten und der nun wieder in den alten Halbschlaf zurückgefallen zu sein schien, dahin gelangen?
      Die anderen Kinder erweckten freundliche Hoffnungen, und wie schön erschien es dem Mutterherzen, den Antonius Helios als König von Aegypten, die Kleopatra Selene mit dem ersten Kinde an der Brust, den kleinen Alexander als herrlichen, an Tugenden und Vorzügen reichen Staatsmann und Helden mit lebenden Augen zu sehen. – Doch was mußten gerade sie, die Kinder des Antonius, deren Erziehung sich Archibius hoffentlich zu leiten entschloß, für die Mutter empfinden, die ihnen den Vater gemordet?
      Dabei schauerte sie zusammen, und sie gedachte der Stunden, in denen ihr Kindesherz blutige Thränen vergossen hatte, wenn es der verruchten Mutter gedacht, der der Vater geflucht. Und die Königin Tryphaena, deren die Geschichte wie eines Ungeheuers gedachte, hatte den Gemahl nicht ermordet, sondern ihn nur vom Throne gestoßen.
      Die Verwünschungen der Arsinoë gegen die Mutter und Schwester kamen ihr wieder in den Sinn, und zu denken, daß sich die roten Lippen der Zwillinge und ihres Herzblattes Alexander auch einmal öffnen könnten, um ihr zu fluchen, sich vorzustellen, daß sich die lieben Hände der Kinder erhöben, um auf sie, die verruchte Mörderin ihres Vaters, mit Groll und Verachtung zu weisen ... Nein, nein und abermals nein!.. Um den Preis dieser Qualen, dieser Demütigung und Schande wollte sie nicht wenige Jahre eines ohnehin entwerteten Lebens erkaufen!
      Erkaufen von wem?
      Von demselben Octavian, der ihrem Sohne das Erbe seines Vaters Cäsar geraubt, dessen Einsetzung in das Testament einem Zweifel an ihrer Treue gleichkam. Von dem kaltherzigen, kühl berechnenden Glückspilz, dessen Wesen ihr, seit sie ihm in Rom zum erstenmal begegnet war, widerstrebt, abgestoßen, angefröstelt hatte. Von ihm, durch dessen Ueberredung und zwingende Gewalt ihr Gemahl – denn das war Antonius in ihren eigenen Augen und in denen aller Aegypter – dahin gebracht worden war, seine Schwester Octavia zu heiraten und sie, Kleopatra, damit zur bloßen Geliebten zu stempeln, die eheliche Geburt ihrer Kinder in Frage zu stellen, von dem falschen Freunde des vertrauensvollen Antonius, der vor Actium ihn und sie aufs tiefste herabgesetzt und beleidigt.
      Dem Ansinnen eines solchen Mannes, die verruchteste aller Thaten zu begehen, Gehorsam zu leisten, dagegen bäumte ihr königlicher Stolz sich hoch auf, und dieser Stolz hatte ihr von Kind an das Haupt gehoben und gehörte zu ihrer Natur wie das Atmen und der Schlag des Herzens. Und doch! Um der Kinder willen hätte sie vielleicht auch diese Schmach auf sich genommen, wäre sie nicht zugleich das Grab des Besten und Schönsten gewesen, was sie von der jungen Seele der Zwillinge und des Alexander begehrte.
      Schon während ihr der Fluch der Kinder vor die Seele getreten war, hatte sie sich von dem Sitze erhoben. Was brauchte sie noch länger zu denken und zu wägen? Die Klarheit, nach der sie gesucht, sie hatte sie gefunden. Mochte Gorgias sich mit dem Bau der Gruft beeilen! Forderte das Schicksal ihr Leben, sie wollte ihm nicht widerstreben, wenn es ihr nur gestattete, es um den Preis eines Mordes oder schnöden Verrates zu bewahren. Das des Geliebten, es war schon verwirkt. Seite an Seite mit ihm hatte sie einer blühenden, rauschenden, blendenden Glückseligkeit ohnegleichen genossen, von der die Welt mit neidischem Staunen heute noch sprach. Seite an Seite mit ihm wollte sie, wenn alles vorbei war, im Grabe ruhen und die Welt zwingen, sich des Liebespaares Antonius und Kleopatra mit achtungsvollem Mitleid zu erinnern. Die Kinder sollten, wenn sie ihrer gedachten, das Herz erheben können, und auch nicht der Schatten einer bitteren Empfindung, einer abmahnenden Erwägung sie hindern, den Sarg der Eltern mit Blumen zu schmücken, an seinen Füßen zu weinen, ihrem Genius zu liberiren und ihm zu opfern.
      Dann warf sie einen Blick auf die Statue der Berenike, die einst gleichfalls die Doppelkrone Aegyptens auf dem Haupte getragen. Auch sie war zu früh eines gewaltsamen Todes gestorben, auch sie hatte zu lieben verstanden. Das Gelübde, ihr schönes Haar der Aphrodite zu opfern, wenn der Gatte ungeschädigt aus dem Kriege gegen Syrien heimkehrte, war dem Ruhme ihres Namens zu gute gekommen. »Das Haar der Berenike« war immer noch als Sternbild am nächtlichen Himmel zu schauen.
      Obgleich diese Frau viel und schwer gefehlt, hatte eine That treuer Liebe sie zu einer gefeierten, angebeteten Fürstin gemacht. Sie, Kleopatra, wollte eine größere vollbringen. Das Opfer, das sie sich aufzuerlegen gedachte, sollte schwerer wiegen als eine Handvoll schöner Haare, und Herrschaft und Leben umschließen.
      Gehobenen Hauptes und mit stolzem Selbstgefühl schaute sie zu dem edlen Marmorantlitz der Kyrenäerin empor.
      Bevor sie in das Heiligtum getreten war, hatte sie die Empfindung gehabt, jetzt zu wissen, wie es den Verbrechern zu Mute gewesen sei, die sie zum Tode verurteilt. Nun sie sich selbst das Leben abgesprochen hatte, fühlte sie sich wie befreit von einer drückenden Last, und doch that das Herz ihr weh, und besonders, wenn sie der Kinder gedachte, ergriff sie von allen Arten des Mitleids das schmerzlichste, das mit sich selbst.
    



      Achtzehntes Kapitel
      Als Kleopatra ins Freie trat, erstaunte Iras über ihr verändertes Aussehen. Die scharfe Spannung, die vorhin ihrem schönen Antlitz etwas Herbes verliehen, war dem Ausdruck einer leisen Trauer gewichen, die ihm wohl stand; doch es erheiterte sich schnell, als die Vertraute sie auf den Zug wies, der eben den ersten Hof des Palastes betrat.
      In Alexandria und ganz Aegypten wurde der Geburtstag, so hoch es nur anging, gefeiert. Den Zwillingen zu Ehren waren darum die Kinder der Stadt ausgesandt worden, um ihnen Glück zu wünschen und zugleich ihre königliche Mutter der Ergebenheit und Liebe der Bürgerschaft zu versichern.
      Der Rückweg in den Palast nahm nur wenige Minuten in Anspruch, und als Kleopatra, während sie sich schnell ein Festgewand anthun ließ, auf die Kinderschar herunterschaute, war es ihr, als gebe ihr das Schicksal durch diesen freundlichen Anblick ein Zeichen, daß es ihren schweren Entschluß mit Beifall begrüße.
      Bald stand sie Hand in Hand mit den Zwillingen auf dem Altane, vor dem sich der Zug aufgestellt hatte, Hunderte von Knaben und Mädchen im Alter der Prinzen und der Prinzessin waren gekommen. Jene trugen Sträuße, diese kleine Körbchen mit Veilchen und Rosen in der Hand. Alle Häupter waren bekränzt, viele Mädchen mit einem Blumengewinde umschlungen. Ein Chor von Jünglingen und Jungfrauen sang einen festlichen, die Götter um Glück für die hohe Mutter und die Kinder anflehenden Hymnus, die Führerin des Mädchenchores hielt eine kurze Ansprache im Namen der Stadt, und während sie redete, hatten sich die Kinder in Reihen geordnet. Die kleinsten standen vor den etwas größeren und diese vor den größten. Einem lebendigen Garten, in dem frische Gesichter die schönen Blumen, glich das Ganze.
      Kleopatra dankte für den anmutigen Gruß der Bürgerschaft, die ihr durch ihr Liebstes sagen ließ, daß sie ihre Liebe erwidere, und die Augen wurden ihr feucht, als sie mit ihrem Dreiblatt zu den Glückwünschenden getreten war und ein kleines, besonders anmutiges Mädchen, das sie küßte, ihr die Arme so zärtlich um den Hals schlang, als sei sie seine eigene Mutter. Einen wie freundlichen Anblick gewährte es auch, als die Mädchen den Inhalt ihrer Körbchen vor sie hin auf den Boden streuten und die Knaben die Sträuße ihr und den Zwillingen und dem kleinen Alexander mit manchem hellen Ruf und warmen Wunsch überreichten.
      Charmion hatte die Geschenke nicht vergessen, und als Kämmerer und dienende Frauen die Kinder in eine Festhalle führten, um ihnen dort Erfrischungen zu reichen, ging ein so heiteres Licht von den Augen der Königin aus, daß ihre Jugendgenossin mit dem schweren Geständnis hervorzutreten wagte.
      Und wie so häufig gerade das, wovor uns am tiefsten bangt, wenn es zum Ereignis wird, uns ein freundliches oder gleichgiltiges Antlitz zeigt, so geschah es auch hier. Es gibt nichts Großes und Kleines im Leben. Das eine kann zum andern werden, je nach den Dingen, mit denen wir es in Verhältnis setzen. Der größte der Menschen wird zum Zwerge neben den felsigen Riesen des Gebirges, der kleinste ist ein Gigant im Vergleich zu den wimmelnden Ameisen im Walde. Der Bettler hält für einen köstlichen Schatz, worüber der Reiche verächtlich hinwegsieht. Was Kleopatra noch vorgestern unerträglich erschienen war, was sie in Unruhe versetzt, was ihr einen Teil des Nachtschlafes geraubt und sie veranlaßt hatte, ernstliche Maßregeln dagegen in Bewegung zu setzen, erschien ihr jetzt nichtig und kaum wert der Beachtung.
      Der gestrige und heutige Tag hatten Dinge gebracht und sie vor Fragen gestellt, die das Verschwinden einer Barine ins Reich des Unbedeutenden drängten.
      Dem Bekenntnis Charmions war die Versicherung vorangegangen, sie sehne sich nach Ruhe, und doch sei sie bereit, bei der königlichen Freundin auszuharren in jeder Lage, bis sie ihrer selbst nicht mehr begehre und sie aus ihrer Nähe verweise. Dieser Augenblick aber, fürchte sie, sei gekommen.
      Da unterbrach sie Kleopatra mit der Versicherung, daß sie von etwas Unmöglichem rede, und als Charmion dann gestand, Barine sei entkommen, und sie sei es gewesen, die der unschuldigen und schwer bedrohten Enkelin des Didymus zur Flucht verholfen habe, war die Königin aufgefahren und hatte die Stirn kraus gezogen, doch nur auf einen kurzen Augenblick.
      Dann hatte sie der Freundin lächelnd mit dem Finger gedroht, sie zu sich herangezogen und ernst, aber gütig versichert, von allen Untugenden liege die Undankbarkeit ihr am fernsten. Die Kindheitsgenossin habe so viel schwerwiegende Beweise der Treue und Liebe, der Opferwilligkeit und mühevollen Leistungen bei ihr zu gute, daß sie von einer That des eigenmächtigen Ungehorsams lange nicht ausgewogen würden. Es bleibe noch ein stattlicher Rest übrig, auf den hin sie nur zu sündigen fortfahren möge, ohne zu befürchten, Kleopatra werde sich von ihrer Charmion trennen.
      Da wußte diese wieder, daß nichts auf Erden feindselig und scharf genug sein könne, um das Band zu zerschneiden, das sie mit dieser Frau verknüpfte. Als ihre Lippen dann von dem Danke überflossen, der ihr das Herz bis an den Rand erfüllte, bekannte Kleopatra, es scheine ihr, als sei ihr mit der Flucht Barines ein Dienst geleistet worden. Die Vorsicht, mit der Charmion verschwiegen habe, wo die junge Frau sich verberge, sei ihr nicht entgangen, und es verlange sie auch nicht, es zu erfahren. Ihr genüge, daß die gefährliche Schöne dem Cäsarion unerreichbar geworden. – Was den Antonius angehe, so trenne ihn jetzt eine Mauer von der übrigen Welt und also auch von der Frau, die seinem Herzen doch kaum näher gestanden habe, trotz der Anklagen des Alexas.
      Da bemühte sich Charmion mit allem Eifer, der Königin zu zeigen, was den Syrer veranlasse, Barine mit so scharfem Groll zu verfolgen. Es liege auch auf der Hand und bedürfe kaum eines Beweises, daß der ganze Verkehr des Marc Anton mit der Enkelin des Didymus weit entfernt gewesen sei, zu einem zärtlichen Verhältnis zu führen. Aber nur mit halbem Ohre hörte Kleopatra ihr zu. Aus dem Geliebten, dem jeder Schlag ihres Herzens gegolten hatte, schien ihr eine teure Erinnerung geworden zu sein. Sie vergaß nicht, was sie mit ihm und durch ihn an Glückseligkeit genossen und was sie ihm durch den Zauberbecher zugefügt hatte, doch mit der Mauer vor der Landzunge Choma, die ihn von ihr und der übrigen Welt trennte, und ihrem Befehl, das Grabmal für sie beide zu bauen, wäre, meinte sie, die Zeit der Liebe zum Abschluß gelangt. Was sich noch Neues an dieses Hauptstück ihres Herzenslebens schließen konnte, war nur das Ende. Selbst der Eifersucht, die ihr Liebesglück als flüchtiger, schnell wechselnder Schatten getrübt hatte, meinte sie auf immer abgesagt zu haben.
      Während Charmion versicherte, keiner, außer dem Dion, dürfe sich rühmen, von der Barine erhört worden zu sein, und mancherlei aus ihrem früheren Leben erzählte, weilte Kleopatra in Gedanken bei dem Geliebten. Wie das Bild eines teuren Verstorbenen stand ihr die alles überragende Heldengestalt des Antonius vor dem inneren Auge. Dabei trat ihr nur ins Gedächtnis, was er ihr vor Actium gewesen war. Sie verlangte und hoffte nichts mehr von ihm, an dem sie es vielleicht verschuldet hatte, daß er ein gebrochener Mann war. Aber diese Schuld zu sühnen war sie ja entschlossen. Mit Leben und Thron wollte sie es thun. Das brachte die Rechnung zum Abschluß. Was die ihr bleibende Lebensfrist etwa noch zu dem Ergebnisse fügte oder davon abzog, kam mit in den Kauf.
      Das Erscheinen des Alexas unterbrach sie. Mit glühendem Eifer beklagte sich der Syrer, das ihm bewilligte Recht, über eine Schuldige das Urteil zu sprechen, sei ihm durch schmähliche Ränke geschmälert worden. Er ertrage das besonders schwer, weil ihm die Möglichkeit abgeschnitten werde, für die Verfolgung der Entwichenen zu sorgen. Antonius habe ihn mit dem Auftrage beehrt, den Herodes für seine Sache zurückzugewinnen. Noch heute nacht werde er Alexandria verlassen. Da von dem menschenscheuen Imperator in dieser Angelegenheit nichts zu erwarten sei, hoffe er von der Königin, daß sie einen solchen Eingriff in ihre verletzte Würde ahnden und gegen die Sängerin wie gegen ihren letzten Geliebten, den Dion, der den Sohn des Cäsar mit tempelschänderischer Hand mißhandelt habe, strenge Maßregeln ergreifen werde.
      Doch Kleopatra wies ihn mit fürstlicher Hoheit in seine Schranken zurück, gebot ihm, dieser Angelegenheit nicht mehr vor ihr zu gedenken, und wünschte ihm dann mit einem wehmütigen Lächeln guten Erfolg bei dem Herodes, an dessen Rückkehr zu der verlorenen Sache des Antonius sie freilich, so hoch sie auch das Geschick des Vermittlers stelle, nicht glaube.
      Als er sich entfernt hatte, rief sie der Charmion zu: »War ich denn blind? Dieser Mann, er ist ein Verräter! Wir werden es erfahren. Wohin Dion sein junges Weib auch führte, laß sie sich gut verbergen, nicht vor mir, sondern vor diesem Syrer. Es ist leichter, sich vor dem Löwen zu schützen als vor dem Skorpion. Du, Freundin, sorge dafür, daß Archibius mich heute noch aufsucht. Ich muß mit ihm reden, und, nicht wahr, von einer Trennung zwischen uns beiden ist nicht mehr die Rede? Ein anderer kommt bald genug, der diesen Lippen auf immer verbietet. Dein treues Antlitz zu küssen.«
      Damit schloß sie die Jugendgenossin noch einmal in die Arme, und als Iras hinzutrat, um für den Lucilius, den zuverlässigsten Freund des Antonius, um Gehör zu bitten, sagte Kleopatra, die den neidischen Blick wahrgenommen hatte, womit sie dieser Umarmung zusah: »Sah ich falsch, wenn ich zu bemerken meinte, Du fühltest Dich zurückgesetzt hinter Charmion, die doch meine ältere Freundin? Das wäre nicht recht; denn ich liebe und brauche euch beide. Du bist ihre Nichte und schuldest ihr viel Gutes von Kind an. Vergiß darum das Geschehene, wie ich es that, wenn es Dich auch um die Herzerquickung bringt, Dich an einer Verhaßten zu rächen, und haltet die alte freundliche Genossenschaft aufrecht. Mit dem einzigen dank' ich es Dir, was die Tochter des reichen Krates sich nicht kaufen kann und das sie doch wohl nicht gering schätzt: die Liebe ihrer königlichen Freundin.«
      Damit schloß sie auch Iras in die Arme, und als diese ging, um den Lucilius zu rufen, dachte sie: »So viel Liebe wie diese Frau hat keine gewonnen, darum besitzt sie vielleicht einen so reichen Schatz davon und kann so unsäglich glücklich machen durch Liebe. Oder wurde sie so viel geliebt, weil sie ganz voll von Liebe zur Welt kam und sie gleichsam ausstrahlt wie die Sonne das Licht? So verhält es sich gewiß. Gerade ich habe Grund, das zu glauben; denn wen liebte ich wohl außer ihr? Keinen, nicht einmal mich selbst, und wie ich auch sinne, ich wüßte niemand, von dem ich glauben dürfte, daß er mich liebe ... Aber warum verschmähte mich Dion, den ich so innig ...? Närrin! Warum zog Marc Anton die Kleopatra der Octavia vor, die nicht weniger schön war, deren Herz ihm gehörte, – in deren Hand die Herrschaft über die halbe Welt lag?«
      Damit ging sie und führte bald darauf den Römer Lucilius der Königin zu. Eine wackere That hatte diesen Mann mit dem Antonius verbunden. Nach der Schlacht bei Philippi, als das Heer der Republikaner schon floh, war Brutus nahe daran gewesen, von feindlichen Reitern aufgehoben zu werden; Lucilius aber hatte, auf die Gefahr hin, niedergemacht zu werden, sich für ihn ausgegeben und dadurch, wenn auch nur auf kurze Zeit, ihn gerettet. Das war dem Antonius ungewöhnlich und edel erschienen, und in seiner großmütigen Weise hatte er ihm nicht nur vergeben, sondern ihn seiner Freundschaft gewürdigt. Lucilius dankte es ihm und hielt mit derselben Treue wie an dem Brutus auch an ihm fest. Bei Actium hatte er die Gunst des Antonius aufs Spiel gesetzt, um ihn abzuhalten, der Kleopatra nach die Schlacht zu verlassen, und ihn dann auf der Flucht begleitet. Jetzt leistete er ihm in seiner Zurückgezogenheit auf dem Choma Gesellschaft.
      Gebeugt und niedergeschlagen trat der noch vor kurzem jugendfrische ergrauende Mann der Königin entgegen. Sein wohlgebildetes Antlitz hatte in den letzten Wochen eine starke Veränderung erfahren. Die Wangen waren eingefallen, die Züge schärfer geworden. Die guten Augen hatten einen wehmütigen Ausdruck gewonnen, und als er der Kleopatra über das Ergehen des Freundes Auskunft erteilte, gewannen sie einen feuchten Schimmer.
      Vor der unglücklichen Schlacht war er einer ihrer begeistertsten Bewunderer gewesen; seit er aber hatte mit ansehen müssen, wie der Freund und Wohlthäter Ruhm, Glück und Ehre preisgab, um der Kleopatra zu folgen, grollte er ihr. Diesen Gang hätte er sich sicher erspart, wäre er nicht überzeugt gewesen, daß sie, die den Geliebten zu Grunde richtete, die einzige sei, die ihn aus der mutlosen Erschlaffung zu neuer Thatkraft und Daseinslust erwecken könne.
      Aus Freundschaft, von keinem entsandt, kam er ungerufen, um der Frau, die er früher so aufrichtig bewundert hatte, ans Herz zu legen, den in sich selbst zusammengesunkenen Unglücklichen aufzurichten und ihn an seine Mannespflicht zu erinnern. Viel Neues hatte er ihr nicht zu berichten; denn auf der Seefahrt war sie selbst lange genug Zeuge des traurigen Zustandes ihres Gatten gewesen. Jetzt begann sich Antonius in ihm zu gefallen, – und das war es, was den treuen Mann am schwersten beunruhigte.
      Der Imperator hatte den kleinen Palast, den er auf dem Choma bewohnte, sein Timonium genannt, weil er sich mit dem berühmten Menschenhasser aus Athen verglich und auch er von manchem früheren Freunde verraten worden war, nachdem das Glück ihn verlassen. Schon bei Taenarum war ihm eingefallen, sich auf das Choma zurückzuziehen und es durch eine Mauer, die es vom Festlande abschnitt, so unzugänglich zu machen, wie es das Grab des Timon bei Halae in der Nähe von Athen gewesen sein sollte. Gorgias hatte sie hergestellt, und wer den Weltflüchtigen besuchen wollte, mußte zu Schiffe kommen und um Zulaß bitten, der übrigens nur wenigen gewährt ward.
      Kleopatra hörte dem Lucilius teilnahmsvoll zu und frug dann, ob es denn nichts gebe, wodurch man den Trübsinnigen erfreuen oder aufmuntern könne.
      »Nein, Herrin,« versetzte jener. »Am liebsten vergegenwärtigt er sich, was er einmal besaß, aber nur, um zu beweisen, wie wenig es die Mühe lohne, sich seiner zu erinnern. ›Welche Genüsse hätte mir das Leben nicht geboten?‹ fragt er und fügt dann hinzu: ›Aber sie kehrten wieder und wieder, und hatte man sich zehnmal an ihnen erfreut, waren sie eintönig geworden und hatten die Anziehungskraft verloren. Was sie später nach sich zogen, war Ueberdruß bis zum Ekel.‹ Nur das Notwendige, wie Wasser und Brot, läßt er gelten, aber nach beidem verlangt ihn nicht, weil er noch weniger Geschmack daran finde als an dem anderen, womit man sich den nächsten Morgen verdirbt. Gestern in einer besonders düsteren Stunde kam er auf das Gold zu reden. Es sei vielleicht noch am ehesten wert, seiner zu begehren. Sein bloßer Anblick erwecke freundliche Hoffnungen, weil so viele Genüsse darin verborgen lägen. Aber dann lachte er auf und rief, diese Genüsse seien es ja eben, die die häßliche Uebersättigung erzeugten. Auch das Gold sei nicht wert, die Hand dafür zu rühren.
      »Solche Gedanken spinnt er gern aus und findet Bilder, um deutlich zu machen, was er damit meine.
      ›Im Schnee auf der höchsten Höhe‹, sagte er, ›erstarren die Füße. Im Schlamme haben sie's warm; aber der dunkle Schmutz ist häßlich und bleibt an ihnen hängen.‹
      Da bemerkte ich, zwischen dem Morast und dem Schnee der Berge gebe es die sonnigen Thäler, in denen es sich wohl sein lasse; er aber fuhr auf und wies es weit von sich, sich je mit der kläglichen Mittelstraße des Horaz zu begnügen. Dann fuhr er auf: ›Ja, ich bin unterlegen. Octavian mit seinem Agrippa, sie sind die Sieger, aber wenn ein Stein mich zermalmt oder die plumpe Tatze des Elefanten mich zerquetscht, bin ich doch höher geartet als beide.‹«
      »Das war wieder der alte Marc Anton!« rief Kleopatra; in dem treuen Manne aber regte sich von neuem der Groll gegen die Frau, die den Uebermut genährt, der seinen gewaltigen Freund zu Falle gebracht, und er fuhr darum fort: »Aber oft sieht er sich auch in anderem Lichte. ›Mein Leben,‹ rief er neulich aus, ›kein Dichter könnte sich ein unwürdigeres erdenken. Ein Satyrspiel mit der Tragödie am Ende.‹«
      Lucilius hätte noch viel Kränkenderes hinzufügen können; doch dem wehen Blick der feuchten Augen des so schwer heimgesuchten Weibes gegenüber brachte er es nicht über die Lippen.
      In das meiste, was der gebrochene Mann sprach, wußte er Kleopatra irgendwie zu verflechten. Zuweilen that er es mit maßlos ingrimmigen Vorwürfen, doch öfter noch mit noch maßloserem Entzücken und wilden Ausbrüchen der heißesten Sehnsucht, und gerade sie waren es, die den Lucilius in der Hoffnung bestärkten, der Einfluß der Königin werde sich wirksam auf den Freund erweisen. Darum hinterbrachte er ihr einige besonders warme Worte, die Antonius ihrem Andenken gewidmet, und mit dankbarer Freude hörte sie ihm zu.
      Als Lucilius schloß, bemerkte sie indes, der Menschenfeind habe gewiß auch in anderem Sinne von ihr und wohl auch von der Octavia geredet. Auch auf das Schlimmste sei sie gefaßt; gehöre sie doch sicher zu den Klippen, an denen seine Größe gescheitert.
      Da hatte Lucilius sich des Wortes erinnert, das Antonius den drei Frauen gewidmet, deren Gemahl er gewesen, und zaudernd erwidert: »Die Fulvia, das Weib seiner Jugend – ich kannte die heißblütig verwegene Frau, die frühere Gattin des Clodius, – er nannte sie den Sturmwind, der ihm die Segel geschwellt.«
      »Gut, gut,« rief Kleopatra. »Das that sie. Er dankt ihr viel; aber auch ich bin der Verstorbenen verpflichtet. Sie lehrte ihn, die Macht des Weibes erkennen und sich ihr fügen.«
      »Nicht immer zu seinem Besten,« versetzte Lucilius, in dem der letzte Satz die geschwundene Mißempfindung neu erweckte, und ohne des leisen Errötens der Königin zu achten, fuhr er fort: »Von der Octavia sagte er, sie sei jener gerade Weg gewesen, der zur Zufriedenheit führt und diejenigen, die es sich auf ihm genügen lassen, den Göttern und Menschen genehm macht.«
      »Warum ließ er sich's dann nicht auf ihm genügen?« fuhr die Königin auf.
      »In der Schule der Fulvia,« versetzte der Römer, »ward die Genügsamkeit wohl am letzten gelehrt, die seiner Natur – Du kennst sie – so fremd ist. Was er über die stillen Thäler und die gute Mitte denkt, hörtest Du ja eben.«
      »Ich aber, was bin ich ihm gewesen?« verlangte die Königin zu wissen.
      Da schaute Lucilius kurze Zeit sinnend zu Boden; – dann entgegnete er zögernd:
      »Du verlangst es zu hören, und der Befehl der Königin fordert Gehorsam! Dich, Herrin, nannte er ein köstliches Siegesmahl, bei dem die bekränzten Gäste vor der Schlacht schwelgen.«
      »Die verloren geht,« fügte die Königin mit gedämpfter Stimme rasch hinzu. »Der Vergleich ist gut. Jetzt, nach der Niederlage, wäre es widersinnig, ein neues Festmahl zu rüsten. Die Tragödie nähert sich dem Ende; da das Satyrspiel – so sagte er ja wohl – ihm schon voranging, würde seine Ausführung in der nächsten Zeit nur zu einer lästigen Wiederholung führen. Eins freilich scheint mir erwünscht: ein versöhnlicher Schlußakt. Glaubst Du, es liege in meiner Hand, den Gatten dem Leben zurückzugeben, so zähle auf mich. Das Siegesmahl, wovon er sprach, nahm lange Jahre in Anspruch. Der Nachtisch wird kurz sein; doch bin ich bereit, ihn aufzutragen. Als ich ihn zu besuchen wünschte, wies er mich ab. In welcher Weise stellst Du Dir die Annäherung vor?«
      »Das glaube ich,« entgegnete Lucilius, »Deinem weiblichen Feingefühl überlassen zu sollen. Doch ich komme auch mit einer Bitte, und ihre Erfüllung schließt vielleicht die Antwort in sich. Eros, der treue Leibsklave des Marc Anton, stellt das demütige Gesuch an Deine Majestät, ihm einige Augenblicke zu schenken. Du kennst den wackern Burschen. Er läßt das Leben für Dich wie für den Herrn, und er ... Von Dir selbst hörte ich früher einmal das Wort des Königs Antiochus, daß niemand vor seinem Leibsklaven groß sei ... So sieht auch Eros die Schwächen und Vorzüge des Herrn aus größerer Nähe als wir andern, und er ist klug. Antonius gab ihn längst frei, und wenn es Deiner Majestät nicht widerstrebt den geringen Mann zu empfangen ...«
      »Laß ihn kommen.« entgegnete Kleopatra. »Das Verlangen, das Du an mich stellst, ist berechtigt. Was ich an dem Freunde gut zu machen habe, ist mir leider selbst nur zu wohl bewußt. Schon bevor Du kamst, war ich bedacht, Vorbereitungen für die Erfüllung eines seiner wärmsten Wünsche zu treffen.«
      Damit entließ sie den Römer. Mit geteilten Empfindungen sah sie ihn gehen; denn die Sehnsucht nach dem Langentbehrten war neu in ihr erwacht, und doch klangen die kränkenden Worte, die er ihrem Andenken gewidmet, noch in ihr nach. Kaum aber hatte sich die Thür hinter dem Lucilius geschlossen, als der Einführer eine Deputation der Mitglieder des Museums meldete.
      Die gelehrten Herren kamen, um sich über das ihrem Genossen Didymus zugefügte Unrecht zu beklagen und ihrer treuen Gesinnung auch in dieser schweren Zeit Ausdruck zu geben. Kleopatra versicherte sie dagegen ihrer Huld und erklärte, daß sie dem alten Philosophen schon angeboten habe, ihm volle Genugthuung zu gewähren. Sie sei ja gewissermaßen eine der Ihren. Jeder von ihnen wisse, daß sie ihre Bestrebungen von jung an ehre und teile. Zum Beweise dafür verehre sie der Bibliothek des Museums die aus Pergamus stammenden zweimalhunderttausend Bände, eines der schönsten Geschenke, womit Marc Anton sie je erfreut und die sie ihrer Bücherei bis dahin nur als geliehenes Gut überlassen habe. Dadurch hoffe sie den dem Didymus zu ihrer Betrübnis zugefügten Schaden gut zu machen und den Verlust wenigstens teilweise auszugleichen, der der berühmten Bibliothek des Museums durch den Brand im Bruchium erwachsen.
      Mit lebhaften Versicherungen des Dankes und der treuen Ergebenheit entfernten sich die Gelehrten. Die meisten waren ihr persönlich bekannt, und mit den hervorragendsten hatte sie den Geist zur Freude und zum Nutzen beider Teile gemessen.
      Die Sonne war bereits untergegangen, als ein schon gestern angekündigter Auszug der Priester, des Serapis, des höchsten Gottes der Stadt, sich auf der Lochias zeigte. Von Fackeln- und Laternenträgern begleitet, wallte er lang, ernst, in feierlicher Großartigkeit dahin. Dem Wesen des Serapis gemäß, erinnerte dabei vieles an den Tod.
      Die Bedeutung jeder Bildsäule, jeder Standarte, jeden Schreines, jeder Besonderheit der Musik und des Gesanges war der Königin vertraut. Selbst die wechselnden Farben des Lichtes hatten eine auf den Kreislauf des Werdens und Vergehens im Weltall und im Menschenleben bezügliche Bedeutung, und der großartige Schluß der Huldigung, der die Aufnahme der königlichen Seele in das Wesen der Gottheit, die Apotheose der Herrscherseele, darstellte, war wohl geeignet, das Herz zu ergreifen; denn unerwartet umfloß ein Meer von Licht den gesamten Zug, und während in seinem Glanze die gewaltigen Massen des Palastes aufleuchteten und die See mit den Schiffen und Masten, die sie bedeckten, und das Ufer mit seinen Tempeln, Pylonen, Obelisken und Prachtbauten erstrahlten, vereinten sich sämtliche Chöre, umtönt von den Klängen der Posaunen. Cymbeln und Lauten zu einem gewaltigen Hymnus, dessen Wellen den gestirnten Himmel und das offene Meer jenseits des Pharus erreichten.
      An den Tod und die Auferstehung, die Niederlage und einen ihr folgenden Sieg unter dem Beistande des großen Serapis sollte manche sinnbildliche Vorführung erinnern, und als die Fackeln sich entfernten und zugleich mit dem priesterlichen Gesang im Dunkel der Nacht verschwanden, hob Kleopatra das Haupt, und es war ihr, als habe das Gelübde, das sie sich während des dumpfen Greisengesanges und des Verlöschens der Fackeln geleistet, die Billigung des Gottes erhalten, den ihre Väter nach Alexandria gebracht und dort auf den Thron gesetzt hatten, damit er das Wesen der griechischen und ägyptischen Götter in sich vereine.
      Ihr Grabmal, es sollte erbaut werden, und wenn das Verhängnis sich erfüllte, den Geliebten und sie selbst mit ihm ausnehmen. Aus den bitteren Worten des Antonius wie aus dem Blicke und dem Tone der Stimme des Lucilius hatte sie gelesen, daß er wie der Mann, an dem ihr Herz auch jetzt noch mit unlösbaren Banden hing, sie für Actium und den Fall seiner Größe verantwortlich machten. Die Welt, sie wußte es, würde es ihnen nachthun, doch sie sollte erfahren, daß wenn es die Liebe gewesen, die den ersten Mann seiner Zeit um Ruhm und Herrschaft betrogen, diese Liebe des allerhöchsten Preises wert gewesen war.
      Was man ihr eben sinnbildlich vorgeführt hatte: daß es dem erlöschenden Lichte beschieden sei, sich in neuem, strahlenden Glanze zu erheben, sie wollte es sich gegenwärtig erhalten, wenn auch das beste Gelingen kaum weiter führen konnte, als die noch glimmenden Funken anzublasen und ihr Verlöschen hinauszuschieben.
      Für ihre Person gab es keinen großen Sieg mehr zu erstreiten, der des Kampfes wert gewesen wäre. Dennoch sollten die Waffen nicht ruhen bis ans Ende, sollte auch Antonius nicht als neuer Timon murrend und wie ein in der Schlinge gefangenes Wild unterliegen. Das Feuer seiner Heldennatur, das die blinde Liebe zu ihr und die Macht der magischen Kunst, womit sie ihm den Willen gebunden, mit erstickender Asche bedeckt hatte, sie wollte es wieder zu neuem Brande – wenn es auch nur ein letztes Aufflackern war – zwingen.
      Während sie dem Erstehungshymnus der Serapispriester lauschte, hatte sie sich die Frage gestellt, ob es nicht angehen werde, dem zu neuer Thatkraft erwachten Antonius den Sohn des Julius Cäsar zum Mitkämpfer zu geben.
      Anders als sie gehofft, hatte sie den Knaben freilich wiedergefunden. War er einmal zu einem kühnen Streiche fortgerissen worden, schien er schon an ihm die Thatkraft erschöpft zu haben; denn dem kläglichsten Liebesgram ergeben, brütete er vor sich hin. Doch er war ja noch leidend. Als Genesener mußte er zu reger Teilnahme an den Ereignissen erwachen, die so tief in sein Dasein einzuschneiden drohten und, wie es der geringste Sklave that, die Niederlage von Actium beklagen. Bis jetzt war er den Berichten über die Schlacht, die man ihm aufgedrängt hatte, mit einer Gleichgiltigkeit gefolgt, die nur, wenn man sie auf seine Verwundung schob, erklärlich und verzeihlich erschien.
      Sein Hofmeister Rhodon hatte vorhin um Urlaub gebeten und dazu bemerkt, daß es dem Cäsarion in seiner Abwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen werde, da er den Antyllus und einige andere Altersgenossen erwarte.
      Aus den Fenstern des Empfangssaales des »Königs der Könige« strahlte heller Lichtglanz. Es war noch Zeit, ihn auszusuchen und ihm begreiflich zu machen, um was es sich auch für ihn handle. O, wenn es ihr gelänge, den Geist des Vaters in ihm zu erwecken! Wäre doch jener strafbare Ueberfall ein Vorbote künftiger Mannesthaten gewesen!
      Noch hatte keine Begegnung mit ihm diese Erwartung begründet, doch für das Mutterherz wird selbst die Enttäuschung leicht zu der Stufe, die einer neuen Hoffnung entgegenführt. Als Charmion eintrat, um den Leibsklaven des Antonius zu melden, befahl sie, ihn warten zu lassen, und ersuchte die Freundin, sie zu dem Sohne zu begleiten.
      Als beide sich den Gemächern näherten, die Cäsarion bewohnte, tönte ihnen die laute Stimme des Antyllus durch die breite offene Thür, deren Vorhang nur halb verschlossen war, entgegen. Das erste Wort, das die Königin unterschied, war ihr eigener Name, und so winkte sie der Begleiterin und blieb mit ihr stehen.
      Barine war wieder der Gegenstand des Gesprächs.
      Der Sohn des Antonius erzählte, was ihm von Alexas berichtet worden war. Kleopatra, hatte der Syrer versichert, habe beabsichtigt, die junge Frau in die Bergwerke oder in die Verbannung zu schicken und den Dion schwer zu bestrafen; nun aber wären beide entwischt. Die Epheben hätten sich wie Verräter benommen, indem sie für ihren Feind eingetreten wären. Aber das komme davon, daß man sie noch nicht mit ihrem Gewande bekleidet. Dazu hoffe er den Vater auch zu bewegen, wenn er erst wieder von der beklagenswerten Menschenscheu lasse. Dann müsse man ihn auch überreden, sich selbst um die Verfolgung der Flüchtlinge zu bekümmern. »Und das wird nicht schwer halten.« rief er übermütig, »denn der Alte weiß, was schön ist, und hat selbst ein Auge auf die Sängerin geworfen. Fangen sie sie ein, so stehe ich Dir übrigens für nichts, Du ›König der Könige‹; – denn trotz des grauen Bartes sticht er uns noch allesamt aus bei den Weibern, und für die Barine – wir erfuhren es ja – fängt der Mann erst an, etwas zu gelten, wenn das Haar sich ihm lichtet. Ich gab dem Trabanten Derketäus den Auftrag, all seine Leute auf die Suche zu schicken, und er ist schlau wie ein Fuchs, und die Häscher haben ihm zu gehorchen.«
      »Müßte ich hier nur nicht liegen wie ein toter Esel,« seufzte Cäsarion, »ich wollte sie schon finden. Bei Nacht wie bei Tage kommt sie mir nicht aus dem Sinne. Was ich an Geld hatte, gab ich schon hin für ihre Verfolgung. Gestern ließ ich auch den Verwalter Seleukus kommen. Wozu bin ich der Sohn meiner Mutter? Der kleine Dicke aber ist der Sauberste nicht. Noch will er freilich nicht daran, und es muß doch Geld genug da sein. Im Delta an der syrischen Grenze steckte die Königin Millionen in den Sand. Man soll dort ein viereckiges Loch graben oder etwas dergleichen, um die Flotte darin zu verstecken. Ich verstand den unsinnigen Anschlag nur halb. Hunderte von Spürhunden hätten sich für das Geld anwerben lassen. So wirft man die Talente hinaus, und dem Sohne verschließt man die Kasse. Aber ich finde schon einen, der sie mir öffnet! Haben muß ich sie, und gilt es die Krone. Wie ein Hohn klingt es ohnehin immer, wenn sie mich den ›König der Könige‹ nennen. Ich tauge nicht für die Herrschaft! Bevor ich den Thron wirklich besteige, wird man ihn mir ohnehin nehmen. Wir unterlagen, und glückt es uns, einen Frieden zu schließen, der uns das Leben läßt und einiges andere, müssen wir uns eben bescheiden. Ich für mein Teil bin zufrieden mit einem Landgut am Wasser, Geld genug und zu dem allem Barine. Was gilt mir dies Aegypten? Als Sohn des Cäsar hätt' ich über Rom zu gebieten, – doch die Himmlischen wußten, was sie thaten, als sie dem Vater eingaben, mich zu enterben. Um die Welt zu regieren, muß man ein weniger starkes Schlafbedürfnis haben. Eigentlich – ihr wißt es ja – fühl' ich mich immer müde, auch wenn ich sonst gesund bin. In Frieden soll man mich lassen! Dein Vater, Antyllus, streckt ja auch die Waffen und läßt die Dinge gehen, wie sie wollen.«
      »Daß er es thut!« rief der Sohn des Antonius mit unwilligem Eifer. »Aber wartet nur! Der schlummernde Löwe wird wieder erwachen, und wenn er die Zähne braucht und die Pranken ...«
      »Dann läuft meine Mutter davon und Dein Vater ihr nach,« versetzte Cäsarion mit einem tief wehmütigen, nichts weniger als höhnischen Lächeln, »'s ist eben alles verloren. Aber Rom läßt die besiegten Könige und Königinnen am Leben. Im Triumphzug wird man den Sohn des Cäsar den Quinten nicht zeigen. Dazu seh' ich dem Vater zu ähnlich. Es gäbe einen Aufstand, sagt Rhodon, wenn ich mich auf dem Forum zeigte. Komm' ich noch einmal dahin – beim Triumphzug des Octavian geschieht es gewiß nicht; denn für diese Art der Schande bin ich nicht gemacht. Sie würde mich erwürgen, und eh' ich einem andern die Freude gönnte, den Sohn des Cäsar hinter sich her zu ziehen, um den eigenen Ruhm zu steigern, machte ich dem ohnehin nicht sonderlich reizvollen Leben nach guter Römerart zehn-, nein, hundertmal ein Ende. Was ist denn süßer als fester Schlaf, und wer stört mich und weckt mich, wenn der Tod die Fackel vor mir senkte? Aber jetzt wenigstens bleibt mir, denk' ich, das Aeußerste erspart. Was man mir sonst zufügen könnte, wird meine Kraft kaum übersteigen. Wenn einer, so lernte ich, mich zu bescheiden. Zur Genügsamkeit ward der ›König der Könige‹ und Mitregent der Großkönigin beharrlich erzogen. Was müßte ich sein, und was bin ich? Doch ich klage nicht und will auch niemand verklagen. Wir brauchen den Octavian nicht zu rufen, und ist er da, mag er nehmen, was er will, wenn er nur die Mutter am Leben läßt, die Zwillinge und den kleinen Alexander, denen ich allesamt gut bin, und mir das Gut, wovon ich sprach. – volle Fischteiche sind die Hauptbedingung – als mein Eigentum zuweist. Dem Privatmanne Cäsarion, der sich mit Angeln und den Büchern, die er gern liest, die Zeit vertreibt, wird man willig gestatten, sich ein Weib nach seinem Geschmacke zu wählen. Von je geringerer Herkunft sie ist, desto sicherer gewinn' ich die Zusage des römischen Vormunds.«
      »Weißt Du, Cäsarion,« unterbrach ihn hier der unbändige Sohn des Antonius und streckte, tief in das Polster zurückgelehnt, die Füße weiter von sich, »wenn Du nicht der ›König der Könige‹ wärst, hätte ich Lust, Dich einen nichtswürdig niedrig denkenden Burschen zu nennen. Wer das Glück hat, der Sohn des Julius Cäsar zu sein, sollte es doch nicht so schmählich vergessen. Die Galle lief mir über bei Deinem Gewinsel. Beim Hunde! Einer meiner dümmsten Streiche war es, Dich mit der Sängerin zusammenzubringen! Für den ›König der Könige‹ gäb' es jetzt, dächt' ich, an anderes zu denken! Dazu giltst Du der Barine so viel wie der letzte Wels, den Du fingst. Sie zeigte es deutlich genug. Uebrigens, laß es Dir noch einmal gesagt sein: Glückt es dem Derketäus, die Schöne zu fangen, die Dich um den Verstand bringt, so folgt sie Dir darum noch lange nicht auf Dein elendes Gut, um Dir die Fische, die Du angelst, zu kochen; denn haben wir sie wieder, und mein Vater streckt nur die Hand nach ihr aus, so war all Deine Mühe vergebens. Er sah die blonde Herzensbrecherin ja nur zweimal, und es fehlte ihm an Zeit, ihr näher zu kommen, doch sie gefiel ihm, und erinnere ich ihn an sie, wer weiß, was geschieht?«
      Hier winkte Kleopatra der Vertrauten und kehrte gesenkten Hauptes in ihre Gemächer zurück. Dort erst brach sie das Schweigen und sagte: »Das Horchen, Charmion, ist gewiß der Königin nicht würdig, bekämen aber alle Lauscher so Schmerzliches zu hören, brauchte man nicht mehr auf die Thürspalten und Schlüssellöcher zu achten. Bevor ich den Eros empfange, muß ich mich sammeln. Und eins noch! Ist das Versteck der Barine auch sicher?«
      »Ich kenne es nicht, doch Archibius sagt es.«
      »Gut. Man sucht sie eifrig genug, wie Du hörtest, und man soll sie nicht finden. Daß sie es nicht war, die dem Knaben nachstellte, freut mich. Wozu kann uns das eifersüchtige Herz nicht verleiten? Wäre sie zur Stelle, ich sänne darauf, ihr, ich weiß nicht was, zu gewähren wegen des Antonius und des falschen Verdachtes. Und zu denken, Alexas hätte sie – und ohne Deine Dazwischenkunft wär' es geschehen! – in die Bergwerke geschickt! Es ist eine furchtbare Mahnung, auf der Hut zu sein. Vor wem? Immer zuerst vor der eigenen Schwäche. Dieser Tag ist der der Erkenntnis. Ein edles Ziel; doch auf dem Wege werden die Füße blutig gerissen und das Herz, – ja, Charmion, das arme, schwache, enttäuschte Herz!«
      Dabei seufzte sie tief auf und stützte das Haupt mit dem auf dem Tische neben ihr ruhenden Arm. Die glänzende, schön gemaserte Platte von Thyaholz hatte den Preis eines großen Landgutes, die Edelsteine an den Ringen und Spangen, die ihr von Hand und Arm entgegenblitzten, den eines Fürstentums gekostet. Das kam ihr in den Sinn, und von zornigem Widerwillen ergriffen, hätte sie all den kostbaren Tand am liebsten weit von sich in das Meer oder in die zerstörende Flamme geschlendert.
      Als Bettlerin, sagte sie sich, würde sie sich gern mit dem Gerstenbrot des Epikur begnügen, hätte sie dafür dem Sohne auch nur die Gesinnung des leichtfertigen Sausewinds Antyllus einzuflößen vermocht. Für so ohnmächtig, so gering hatten ihre schlimmsten Befürchtungen den Cäsarion nicht gehalten. Es duldete sie nicht mehr auf dem Polster, und während sie gesenkten Hauptes rückwärts in die Vergangenheit schaute, rief der Ankläger in der eigenen Brust ihr zu, daß sie jetzt ernte, was sie gesät. Zurückgedrängt, niedergehalten hatte sie die erwachende Willenskraft des Knaben, um ihn im Gehorsam zu halten. Jede Betätigung seines Könnens oder Strebens in weiteren Kreisen hatte sie zu verhindern gewußt. Mit manchem inneren Vorwande war es freilich geschehen. Warum sollte der Sohn das stille Glück nicht zu kosten bekommen, dessen sie im Epikuräergarten zu Kanopus genossen? Und war die Forderung, daß, wer einst zu befehlen habe, erst gehorchen lernen müsse, nicht aus alten Erfahrungen begründet?
      Aber dieser Tag gehörte der Abrechnung und Klärung, und zum erstenmale fand sie den Mut, sich selbst zu bekennen, daß ihr der eigene brennende Ehrgeiz bei der Erziehung des Cäsarion die Bahn vorgezeichnet. Mit kühler Berechnung hatte sie seine Gaben nicht niedergehalten. Nur angenehm war es ihr gewesen, ihn so wunschlos heranwachsen zu sehen. Ruhe gegönnt hatte sie dem Träumer, ohne ihn zu erwecken. Wie oft war ihr die Gewißheit erfreulich erschienen, daß dieser Sohn, dem Antonius bei dem Triumph über die Parther den Titel ihres Mitregenten verliehen hatte, sich nie gegen die mütterliche Vormundschaft auflehnen werde. Das Wohl des Staates war doch in ihrer bewährten Hand besser geborgen als in der eines unerfahrenen Knaben. Und das Hochgefühl der Macht! Ihr hob es das Herz. So lange sie lebte, wollte sie Königin bleiben. Die Herrschaft auf einen andern, wie er auch heiße, zu übertragen, war ihr unmöglich erschienen. Jetzt wußte sie, wie wenig der Sohn nach so hohen Dingen trachtete. Das Herz zog sich ihr zusammen. Der Satz: Du erntest, was Du gesät, ließ ihr keine Ruhe, und wohin sie auch in das vergangene Leben schaute, überall erkannte sie die Frucht des Samens, den sie selbst in den Boden gesenkt. Unter der Last der Unheilsähren senkte sich das Feld. Es war reif für den Schnitter. Doch bevor er die Sense hob, galt es, das Recht des Besitzers wahren. Gorgias sollte den Bau der Gruft beschleunigen; denn lange ließ das Ende nicht auf sich warten. Wie sie dies, wenn der Sieger ihr keine andere Wahl ließ, würdig zu gestalten habe, war ihr soeben von dem Sohne, dessen sie sich schämte, vorgeschrieben worden. Die tiefste Schmach mit der Geduld zu tragen, die die Mutter ihm anerzogen, wenigstens das verbot ihm das edle väterliche Blut.
      Es war spät geworden, als sie den Leibsklaven des Antonius vorließ. Doch für sie sollte die Thätigkeit der Nacht erst beginnen. War er gegangen, galt es noch stundenlang mit den Befehlshabern des Heeres, der Flotte, der Befestigungswerke arbeiten. Das Werben um Bundesgenossen mußte in herzbewegenden Briefen fortgesetzt werden.
      Eros, der Leibsklave des Antonius, erschien. Die guten Augen füllten sich ihm bei diesem Wiedersehen mit Thränen. Der Fülle seines runden, hübschen Gesichts hatte auch der Kummer keinen Eintrag gethan, doch der Ausdruck des schalkhaften, oft übermütigen Frohmutes war einem wehmütigen Zuge am Munde gewichen, und sein blondes Haar hatte zu ergrauen begonnen.
      Die Mitteilung des Lucilius, Kleopatra willige ein, sich dem Herrn wieder zu nähern, war ihm wie der Anfang einer neuen Sonne nach langer Dunkelheit erschienen. In seinen Augen mußte sich alles, nicht nur sein Herr, der Macht der Königin beugen. Er hatte mit angehört, wie Antonius zu Tarsus über die ägyptische Schlange gewettert, die er für die fragliche Gesinnung gegen ihn, einen alten Freund, und gegen die Sache des Cäsar zahlen lassen werde, zahlen, daß die Schatzhäuser am Nil mager werden sollten wie ein ausgetrunkener Weinschlauch. – und schon wenige Stunden später war er ihr mit Leib und Seele verfallen gewesen. So war es fortgegangen bis zum Tage von Actium. Jetzt gab es nichts mehr zu verlieren; aber was konnte Kleopatra dem Herrn nicht alles gewähren und geben? Er dachte dabei nur nebenher an die köstlichen Jahre, in denen sich sein Antlitz so rundlich gefüllt und jeder Tag Augen und Ohren, Gaumen und Nase, und daneben auch die Neugier mit Genüssen und Schaustellungen gesättigt hatte, wie sie die Welt nie wieder sehen würde. Wollten sie sich – wenn auch nur in bescheidener Form – wiederholen, – um so besser! Worauf es ihm hauptsächlich, ja beinahe allein ankam, das war, den Herrn aus dieser elenden Einsamkeit, diesem garstigen Weltverächterwesen zu befreien, das ihm so schlecht stand.
      An zwei Stunden hatte Kleopatra ihn warten lassen, doch er hätte gern noch dreimal so lange im Vorzimmer Fliegen gefangen, wenn sie sich seinem Rate zu folgen entschloß. Er war wert der Beachtung, und Eros hielt nicht mit ihm zurück. Wie Antonius das Erscheinen der Kleopatra selbst aufnehmen würde, konnte man nicht wissen. Er schlug darum vor, sie möge Charmion schicken, und zwar nicht allein, sondern mit ihrer klugen, krummen Zofe, der der Imperator selbst den Namen ›Aisopion‹ gegeben. Der Charmion sei er gut, und die braune Dienerin könne er nicht ansehen, ohne mit ihr zu scherzen. Wenn der Herr aber nur einmal wieder auch anderen als ihm, dem Eros, ein heiteres Gesicht gezeigt und gekostet habe, wie viel wohler das Lachen thut als das mürrische Vorsichhinbrüten und Grollen, dann sei viel gewonnen, und das andere werde Charmion schon machen, wenn sie ihm nur freundliche Worte von ihr überbringe.
      Bis dahin hatte Kleopatra ihn nicht unterbrochen; als sie aber der Vermutung Worte lieh, die schnelle Zunge einer Sklavin werde an der ernsten Schwermut eines vom furchtbarsten Mißgeschick geschlagenen Mannes nur wenig ändern, schwenkte Eros die breite, kurze Hand und sagte: »Möge die göttliche Majestät einem geringen Manne die offene Rede verzeihen, aber unsereinem geben die Vornehmen mancherlei sorglos zu sehen, was sie vor einander verbergen. Nur dem Allerhöchsten und Geringsten, der Gottheit und dem Sklaven, zeigen sich die Großen unverstellt wie sie sind. Die Ohren soll man mir stutzen, wenn es dem Imperator so gar tief geht mit dem Menschenhaß und der Schwermut. Eine Verkleidung ist das alles, in der er sich eben gefällt. Du weißt doch, wie gern er sich in besseren Tagen als Dionysos zeigte und die Rolle des Gottes mit so hinreißend heiterem Uebermut spielte. Jetzt verbirgt er das wahre, frohe Gesicht unter der Maske des menschenscheuen Tiefsinns, weil es ihm schlecht zu passen scheint für diese Zeit des traurigen Elends. Manchmal gibt er einem freilich Dinge zu hören, die die Haut schaudern machen, und in sich selbst versunken, brütet er auch oft vor sich hin. Aber das dauert nie lange, wenn wir allein sind. Komm' ich mit einer recht lustigen Geschichte, und er bringt mich nicht von vornherein zum Schweigen, so kannst Du darauf rechnen, daß er sie mit einer noch tolleren übertrumpft. Neulich erinnerte ich ihn an den Fischfang, bei dem Deine Majestät einen gesalzenen Hering von dem Taucher an seinen Angelhaken hatte stecken lassen. Da hättest Du ihn lachen und ausrufen hören sollen, was für köstliche Zeiten das damals gewesen! Die edle Charmion soll ihn nur daran erinnern und die Aisopion es mit etwas Heiterem würzen. Auch die Nase – sie ist nur klein, doch auf sie hält jeder am meisten – geb' ich her, wenn sie ihn nicht dazu bringen, das gräßliche Krähennest mitten im Meer zu verlassen. Auch der Zwillinge und des kleinen Alexander sollen sie gedenken; denn wenn er mir von ihnen zu reden erlaubt, glättet sich ihm am schnellsten die Stirn. Von seinem großen Vorhaben, ein mächtiges Reich des Ostens mit Alexandria als Hauptstadt zu gründen, spricht er noch oft genug mit dem Lucilius und den anderen Freunden. Das Kriegerblut kommt auch nicht zur Ruhe. Neulich mußte ich den krummen persischen Säbel, den er hier ja gern führt, sogar schärfen. Man könnte nicht wissen, sagte er, wozu er noch gut sei. Dabei schwang er ihn mit dem gewaltigen Arme. Beim Hunde! Die Kraft von drei Jünglingen steckt noch in dem ergrauenden Riesen. Ist er nur erst wieder bei Dir, unter Kriegern und Rossen, so wird alles noch gut.«
      »Laß es uns hoffen.« versetzte sie freundlich und verhieß ihm, seinem Rate zu folgen.
      Als Iras, die der Charmion im Dienste gefolgt war, sie nach mehrstündiger Arbeit zur Ruhe geleitete, fand sie die Königin still und traurig. Gedankenvoll ließ sie sich die Handreichungen der Vertrauten gefallen. Nachdem sie das Lager schon bestiegen hatte, brach sie das Schweigen und sagte: »Das war ein schwerer Tag, Mädchen, und er brachte doch nichts als die Bestätigung einer alten, vielleicht der ältesten Lehre. Jeder erntet nur, was er säte. Der Keim, der dem Korn entsprießt, das Du in die Erde senktest, zertreten läßt er sich wohl, doch keine Macht der Welt zwingt den Samen, sich anders zu entfalten und andere Frucht zu bringen, als die Natur es ihm vorschrieb. Mein Saatkorn war schlecht. Jetzt in der Erntezeit zeigt sich's. Eine Handvoll guter Weizenkörner bringen wir aber doch auf den Speicher. Für sie gilt es, so lang es noch Zeit ist, zu sorgen.
      Morgen früh will ich mit dem Gorgias reden. Wenn wir zu bauen hatten, zeigtest Du guten Geschmack und brachtest uns auch wohl auf neue Gedanken. Legt Gorgias uns die Pläne für das Grabmal vor, so unterziehst Du sie mit mir der Prüfung. Du hast ein Recht darauf; denn irre ich nicht, werden wenige das vollendete Bauwerk häufiger besuchen als meine Iras.«
      Da fuhr das Mädchen auf, und indem es die Hand wie zum Schwure in die Höhe schwang, rief es: »Auf meinen Besuch wartet Dein Grabmal vergebens; – Dein Ende ist auch das meine.«
      »Davor mögen die Götter Deine Jugend bewahren,« fiel ihr die Königin im Tone ernster Abwehr ins Wort; »noch leben wir und wollen kämpfen.«
    



      Neunzehntes Kapitel
      Die Nacht brachte Kleopatra wenig Schlaf. Eine Rückerinnerung hatte sich an die andere, Erwägung an Erwägung geknüpft. Was sie gestern beschlossen, war das Rechte. Heute schon sollte die Ausführung beginnen. Was nun auch kommen mochte, sie war für jeden Fall gerüstet.
      Bevor sie an die Arbeit ging, gestattete sie dem Vermittler aus Rom, sie noch einmal zu begrüßen. Was dem Timagenes an Beredsamkeit und Verführungskunst, an Witz und Scharfsinn innewohnte, bot er auf. Er verhieß auch wiederum der Kleopatra Leben und Freiheit und ihren Kindern den Thron; da er aber auf der Auslieferung oder dem Tode des Marcus Antonius als Vorbedingung für jede weitere Verhandlung bestand, blieb sie fest, und enttäuscht und ohne jede Zusage begab sich der Unterhändler auf den Heimweg.
      Nachdem er gegangen war, sah sie mit Iras die Pläne für das Grabmal durch, die Gorgias gebracht hatte, doch die tiefe Erregung ihrer Seele trübte ihr die Aufmerksamkeit, und sie ersuchte ihn, später wieder zu erscheinen. Als sie allein war, suchte sie die Briefe hervor, die ihr Cäsar und Antonius geschrieben. Wie fein, wie klug und liebevoll waren jene, wie glühend, wie überschwenglich und doch wahr empfunden die des überstarken Reitergenerals und feurigen, die Masse mit sich fortreißenden Redners, den ihre zarte Frauenhand sich nachgezogen hatte, wohin sie begehrte.
      Das Herz schlug ihr schnell, wenn sie des Wiedersehens mit ihm gedachte, das ihr wohl bald bevorstand; denn Charmion hatte sich mit der Nubierin zu ihm begeben, um ihn einzuladen, sich wieder mit ihr zu vereinen. Schon vor mehreren Stunden waren sie gegangen, und mit wachsender Ungeduld erwartete sie ihre Rückkehr. Für den letzten gemeinsamen Kampf hatte sie ihn zu sich berufen. Daß er kommen würde, bezweifelte sie nicht. Wollte es ihm dann doch gelingen, sich noch einmal zu ermannen! Was so eng wie sie beide zusammengehörte, das sollte auch in fester Vereinigung im letzten Kampfe, war der Sieg versagt, unterliegen und sterben.
      Jetzt wurde Archibius gemeldet.
      Es gereichte ihr zur Beruhigung, ihm in das treue Antlitz zu schauen, das so viele der besten Erinnerungen in ihr wachrief.
      Rückhaltslos erschloß sie ihm die Seele, und als er sich wie verjüngt aufrichtete, während sie ihm eröffnete, daß sie sich nie und nimmer durch den Verrat des Geliebten und Gatten beflecken werde und entschlossen sei, würdig ihres Namens zu sterben, da lehrte sie der Blick seines Auges, daß sie das Rechte beschlossen.
      Bevor sie ihm noch die Bitte vorgetragen, sich der Leitung und Erziehung der Kinder anzunehmen, schlug er ihr ans eigenem Antriebe vor, ihnen seine beste Kraft zu widmen. Der Gedanke, den Garten des Didymus mit der Lochias zu verbinden und ihn den Kleinen zu überlassen, fand seinen Beifall. Daß sie beschlossen habe, sich ein Grabmal zu bauen, wußte er schon von der Schwester. Es lasse sich ja hoffen, sagte er, daß es ihr erst in späten Jahren die Thore öffnen werde.
      Da schüttelte sie wehmütig das Haupt und rief: »Verstände ich doch in jedem Gesichte zu lesen wie in dem Deinen! Wenn einer, so wünscht mein Archibius mir ein langes Leben; doch er ist so weise wie treu und denkt darum, das Erdendasein sei mit nichten in jedem Falle ein Glücksgut. Dazu sagt er sich: Dieser Königin und Frau, meiner Freundin, stehen Dinge bevor, die es vielleicht rätlich erscheinen lassen, von dem großen Vorrechte Gebrauch zu machen, das die Himmlischen den Sterblichen bewilligen, wann es ihnen genehm ist, abzutreten von der Schaubühne des Lebens. Mag sie darum das Grabmal erbauen! – Las ich recht in dem alten, vertrauten Buche?«
      »Im ganzen, ja,« versetzte er ernst. »Nur steht auch auf seinen Seiten geschrieben, daß es einer großen Fürstin und treuen Mutter nur dann erlaubt ist, die letzte Wanderung anzutreten, von der es keine Wiederkehr gibt ...«
      »Wenn,« fiel sie ihm ins Wort, »wenn ein schmachvolles Ende, wie ein widriger Heuschreckenschwarm die Luft verdunkelnd, das Feld zernagend und vernichtend, auf ihren freundlichen Anfang, die glänzende Mitte, den unglückseligen Abschluß zu fallen droht, ich weiß es und will danach handeln.«
      »Und,« fügte Archibius hinzu, »auch diesen Schluß wirst Du, treu Deiner Art, wahrhaft königlich gestalten. Unterwegs, in der Nähe des Choma, traf ich die Schwester. Du sandtest sie zu Deinem Gatten. Die dargebotene Hand, er wird sie ergreifen. Nun es alles einzusetzen gilt oder zu unterliegen, wird der Enkel des Herakles die alte Heldenkraft neu bewähren. Vielleicht zwingt er sogar, angefeuert von dem Zuruf und Beispiel der Geliebten, das feindliche Schicksal, ihm neue Gunst zu erweisen.«
      »Das geht seinen Lauf,« unterbrach Kleopatra ihn fest. »Doch Antonius soll mir helfen, ihm Hindernisse in den Weg zu türmen, und welche Felsmassen vermag sein gewaltiger Arm zu schleudern, wenn es ihm gefällt, die Riesenkraft zu gebrauchen.«
      »Und ebnet Dein hoher Geist ihm die Pfade, dann, Herrin ...«
      »Auch dann ist der Ausgang der Tragödie der Tod und der jeder Scene der Fehlschlag. Der Gedanke, die Flotte über die Landenge in das arabische Meer zu bringen, war er nicht kühn und viel verheißend? Auch die Fachmänner begrüßten ihn mit Beifall, und doch erwies er sich als unausführbar. Das Schicksal selbst grub ihm das Grab. Und dazu die schrecklichen Vorzeichen vor und nach Actium, und die Sterne, die Sterne! Alles weist auf den nahen Untergang, alles! Jede Stunde bringt die Nachricht vom Abfall eines Fürsten oder Befehlshabers. Wie von einer Warte überschaue ich jetzt, was der Saat entwuchs, die ich säte. Taube Aehren oder Giftkorn, wohin ich blicke. Und doch! Du, der mein Leben kennt von Anfang an, – muß ich das Haupt verhüllen, wenn sich die Frage erhebt, was Kleopatra an Geist und Gaben, an Fleiß und an Willen zum Guten bewährte?«
      »Nein, Herrin, tausendmal nein.«
      »Und dennoch entarteten und verdarben die Früchte an jedem Baume, den ich pflanzte. Cäsarion welkt schon in der Blüte dahin, – durch wessen Schuld, ich weiß es leider nur zu gut. Die anderen Kinder zu erziehen, nimmst Du jetzt auf Dich. An Dir ist es darum, zu bedenken, was mich dahin führte, wo ich jetzt stehe, und wie man ihr Schiff vor Irrfahrt und Scheitern bewahre.«
      »Laß sie mich zu Menschen erziehen,« versetzte Archibius ernst, »und sie vor dem Verlangen bewahren, mit den Göttern in die Schranken zu treten. Aus der schlichten Kleopatra im Epikuräergarten, die den Guten und Weisen eine Wonne, wurdest Du die ›neue Isis‹, zu der die Menge berauscht und geblendet Herz, Augen und Hände erhob. Die Zwillinge Helios und Selene, Sonne und Mond, wir wollen sie von dem Himmel auf die Erde versetzen; Menschen, Griechen sollen sie werden. Nicht in den Garten des Epikur, in einen andern will ich sie verpflanzen, wo eine strengere Luft weht. An seiner Pforte soll nicht zu lesen stehen: ›Hier ist das höchste Gut die Lust,‹ sondern: ›Dies ist eine Ringschule für den Charakter.‹ Wer diesen Garten verläßt, soll ihm nicht das Trachten nach Glück und Wohlsein danken, sondern eine unerschütterlich feste sittliche Gesinnung. Wie Du, so sind auch Deine Kinder im Morgenlande geboren, das das Ungeheure liebt, das Uebermenschliche, die Uebertreibung. Vertraust Du sie mir an, so sollen sie lernen, sich selbst zu beschränken. Am Steuer stehe der sittliche Ernst, der die heitere Daseinslust unseres Volkes nicht ausschließt, die Segel stelle das Maßhalten, der edelste Vorzug des griechischen Wesens.«
      »Ich verstehe,« unterbrach ihn Kleopatra und senkte das Haupt. »Mit dem, was den Kindern zum Heile gedeihen soll, führst Du der Mutter vor Augen, was ihr gebrach. Eben weil es ihr fehlte, meinst Du, scheiterte ihr Fahrzeug, und vielleicht hast Du recht. Schon längst, ich weiß es, brachst Du mit den Lehren des Epikur wie mit denen der Stoa und suchst, mit einem ernsten Ziele vor Augen, eigene Wege. Mich rissen die Stürme des Lebens meilenweit fort von der Stille des Gartens, wo wir nach der reinsten Lust strebten. Jetzt lernte ich die Gefahren kennen, die demjenigen drohen, der in der Glückseligkeit das höchste Gut sieht. Sie steht zu hoch für den Sterblichen; denn im bunten Treiben des Lebens bleibt sie ihm unerreichbar, und dennoch ist sie ein zu niedriges Ziel für sein Ringen; denn es gibt dafür würdigere Ziele. Aber ein Wort des Epikur ließen wir uns beide gesagt sein, und es kam uns zu gute bis heute: ›Die Weisheit‹, heißt es, ›kann keinen köstlicheren Beitrag für die Glückseligkeit des gesamten Lebens erwerben als den Besitz der Freundschaft.‹«
      Damit reichte sie ihm die Hand, und während er sie bewegt an die Lippen zog, fuhr sie fort: »Dem letzten Verzweiflungskampfe, Du weißt es, geh' ich entgegen, – fügen es die Götter, Schulter an Schulter mit dem Antonius. Deinem Erziehungswerke aufmerksam zu folgen, bleibt mir darum versagt, aber fördern will ich es dennoch. Wenn die Kinder Dich nach der Mutter fragen, wirst Du Dir Zwang anthun müssen, um ihnen nicht zu sagen: ›Statt nach der schmerzlosen Seelenruhe, der edlen Lust des Epikur, die ihr einst als das Höchste erschien, zu streben, jagte sie unersättlich nach schnell verrauschten Genüssen; maßlos vergeudete die Morgenländerin die schönen Gaben ihres Geistes und das Gut ihres Volkes, unterthan den raschen Trieben ihrer leidenschaftlichen Seele.‹ Aber Du sollst ihnen auch antworten dürfen: ›Eurer Mutter Herz war voll von heißer Liebe, sie verachtete das Geringe, sie rang nach dem Höchsten, und als sie fiel, zog sie dem Verrat und der Schande den Tod vor.‹«
      Hier stockte sie, denn sie meinte nahende Schritte zu vernehmen und rief dann besorgt: »Ich warte und warte. Vielleicht kann Antonius sich doch nicht den Armen der lähmenden Verzweiflung entwinden. Den letzten Kampf ohne ihn und doch unter seinen düster grollenden, einst so sonnigen Augen durchzufechten, das, Archibius, wäre der größte Schmerz meines Lebens. Dem Freunde, Dir, der in der Brust des Kindes die Liebe zu diesem Manne keimen sah, Dir darf ich bekennen ... Doch was ist das? ... Ein Aufruhr ... Hat das Volk sich erhoben? Gestern noch versicherten die Vertreter der Priesterschaft, die Herren vom Museum, die Führer des Heeres mich ihrer unwandelbaren Ergebenheit und Liebe. Dion gehörte zu den makedonischen Männern des Rates ... Doch ich erklärte ja schon der Wahrheit gemäß, ich hätte nie an seine Verfolgung gedacht wegen des Cäsarion. Ich weiß nicht einmal, wo er sich mit der Neuvermählten befindet, und will es nicht wissen. Oder sollte die neue Steuererhebung, das Gebot, an die Schätze der Tempel zu rühren, sie zum Aeußersten treiben? Was willst Du! Wir brauchen Gold, um dem Feinde die Stirn zu bieten, um dem Throne, dem Land und Volk die Selbständigkeit zu bewahren. Oder hätte man etwa von Rom aus? ... Es wird ernst – und der Lärm, er kommt näher.«
      »Laß mich sehen, was sie begehren,« fiel ihr Archibius besorgt ins Wort und eilte auf die Thür zu, aber der Anführer öffnete sie eben und rief in das Gemach: »Marcus Antonius nähert sich der Lochias, und halb Alexandria folgt ihm!«
      »Der hohe Imperator kommt zurück,« klang es, bevor der Höfling noch ausgeredet hatte, dem Obersten der Trabanten eilfertig von den bärtigen Lippen, und während er noch sprach, drängte Iras sich an ihm vorüber und kreischte wie außer sich der Gebieterin zu: »Er kommt! Er ist da! Ich wußte ja, daß er komme. Wie sie schreien und jubeln! Heraus mit euch, ihr Männer! Ist es Dir genehm, Herrin, so treten wir ihm von dem Altan der Berenike aus entgegen. Hätten wir nur ...«
      »Die Zwillinge, der kleine Alexander,« fiel ihr Kleopatra totenbleich und mit stockender Stimme ins Wort. »Die Festgewänder ihnen anthun!«
      »Schnell fort zu den Kindern, Zoë!« ergänzte Iras diesen Befehl und klatschte dazu in die Hände. Dann wandte sie sich der Königin zu mit der Bitte: »Ruhe, Herrin, ich beschwöre Dich, Ruhe! Es bleibt uns genügende Zeit. Da ist schon die Geierkrone der Isis und hier das andere. Sein Sklave Eros kam eben atemlos herein. Der Imperator, sagt er, erscheine als neuer Dionysus. Es würde den Herrn gewiß freuen, – aufgetragen habe er es ihm nicht – wenn Du ihn als neue Isis begrüßtest. Hilf mir, Hathor ... Du, Nephoris, trägst dem Einführer auf, Sorge zu tragen, daß die Wedelträger und der übrige Hofstaat, Frauen und Männer, am Platz sind. Hier die Perlen- und Diamantenketten für Hals und Brust. Vorsicht mit dem Gewande! Zart wie ein Spinngewebe ist der durchsichtige Bombyx, und wenn ihr ihn zerreißt ... Nein, Du darfst Dich nicht weigern! Wissen wir doch alle, wie es ihn freut, seine Göttin in göttlicher Pracht und Schönheit zu sehen!«
      Ohne weiter zu widerstreben, mit neu erglühten Wangen und hochklopfenden Herzens ließ Kleopatra sich das mit glänzenden Perlen und funkelnden Edelsteinen übersäte Festgewand anthun. Angemessener ihrem Gefühle und lieber wäre es ihr gewesen, dem Wiederkehrenden in dem schlichten dunklen Gewand entgegenzutreten, das sie seit der Heimkehr nur bei feierlichen Anlässen mit einem reicheren vertauscht hatte; Antonius aber kam als neuer Dionysus, und Eros wußte, womit dem Herrn ein Gefallen geschah.
      Acht hurtige Frauenhände, zu denen sich die geschickten Finger der Iras oft gesellten, tummelten sich, und bald konnte das Mädchen ihr den Spiegel vorhalten und ihr ein aus tiefstem Herzensgrunde kommendes: »Wie die schaumgeborene Aphrodite und die goldene Hathor!« zurufen.
      Dann öffnete Iras, die, während sie den Schmuck der geliebten Herrin leitete, Liebeskummer, Haß und Neid vergessen und mitten in der stürmischen Thätigkeit Zeit zu einem kurzen, heißen Gebet um einen glücklichen Ausgang dieser Begegnung gefunden hatte, die breiten Flügel der Thür so weit, als gelte es, den Andächtigen im Tempel das aus dem Allerheiligsten hervortretende Götterbild zu zeigen.
      Ein lange forthallender Ruf der Ueberraschung und des Entzückens tönte ihr entgegen; denn draußen wartete ihrer schon das schnell zusammengerufene Gefolge, vom ergrauten Epistolographen bis zum jüngsten Pagen. Festlich geschmückte Frauen im Palastdienste hoben die langhinwallende Schleppe des Mantels auf, andere in priesterlicher Kleidung prüften die Beweglichkeit der Ringe an den Stäben des Sistrums, die Männer und Knaben traten reihenweise nach dem Rang eines jeden zusammen, und der oberste Wedelträger gab das Zeichen zum Aufbruch. Nach einer kurzen Wanderung durch einige Säle und Gänge gelangte der Zug in den ersten Palasthof und erstieg dort auf wenigen Stufen den breiten Altan am Eingangsthore, von dem aus sich das gesamte Bruchium und die Königsstraße übersehen ließ, auf der der Erwartete daherkam.
      Aus der Ferne hatte das Geschrei der Menge bedrohlich geklungen, jetzt aber ließ sich aus dem ohrenbetäubenden Lärm jeder Ruf des Willkomms, jeder frohe Gruß, jeder Ausdruck des Jubels, der Ueberraschung, des Beifalls, der Bewunderung, der Huldigung, den die Sprache der Hellenen und Aegypter kennt, heraus vernehmen.
      Nur die Mitte und der Schluß des Zuges war sichtbar. Die Spitze wurde beim Musenwinkel, wo er sich zwischen dem Isistempel und dem Grundstücke des Didymus fortbewegte, von den alten Bäumen des Gartens den Blicken entzogen. Das Ende reichte immer noch bis an das Choma, von dem er ausgegangen war.
      Ganz Alexandria schien sich ihm angeschlossen zu haben. Groß und Klein, Hoch und Niedrig, Alt und Jung, Krüppel und Lahme mischten sich unter das Gedränge und wurden mit Wagen und Pferden, Lasttieren und Karren wie von einem wild zu Thale jagenden Bergstrome mit fortgerissen. Hier kreischte es laut auf aus einer umgestürzten Sänfte, deren Träger zusammengebrochen waren, dort schrie ein zu Boden gerissenes Kind, da heulte ein unter die Füße der Menge geratenes Hündchen kläglich auf. So groß und stark war das Jubelgeschrei, daß es die Flöten und Tambourine, die Cymbeln und Lauten der Musikbanden laut übertönte, die dem herannahenden Menschen im Göttergewande folgten.
      Jetzt ließ die Spitze des Zuges den Musenwinkel hinter sich und wurde von dem Altan aus sichtbar.
      Keine Frage, wem er galt, denn der Heimkehrende wallte ihm, alles hoch überragend, voran. Von dem goldenen Thronsitze aus, den zwölf schwarze Sklaven auf den Schultern trugen, begrüßte er, mit dem langen Thyrsusstabe winkend, die jubelnde Menge. Vor dem bacchischen Aufzuge, der ihn begleitete, und hinter den Musikchören her, die ihm folgten, schritten zwei Elefanten dahin, zwischen denen als leichte Last ein unkenntliches, mit einem purpurroten Tuche bedecktes Etwas schwebte. Jetzt hatte der Zug die hohe Pforte, das Pylonenpaar, durchschritten, das den Palast von der Königsstraße trennte, und nun hielt er gegenüber dem Altane.
      Während Trabanten, Skythen und Leibwächter von jeder Hautfarbe zu Fuß und zu Roß die drängende Volksmasse, wo freundliche Mahnungen nicht ausreichten, mit Gewalt zurückhielten, sah Kleopatra den Freund dem Throne entsteigen und dem indischen Sklaven, der die Elefanten führte, ein Zeichen geben. Das Tuch flog zur Seite, und den erstaunten Blicken zeigte sich ein Blumenstrauß, wie er noch keinem Auge eines Alexandriners begegnet war. Aus ganzen über und über blühenden Rosensträuchern bestand er. Die roten Blumen bildeten das Kreisrund der Mitte, die weißen umgaben dies als breiter, hellerer Kranz. Das ganze Riesenwerk ruhte wie ein Ei im Becher in einem Behälter von Palmenwedeln, die es in anmutiger Biegung gleichsam umrahmten. Mehr als tausend Blüten vereinten sich zu diesem Strauß ohnegleichen, und dies seltsame Riesengeschenk entsprach dem Geber.
      Zu Fuß schritt er auf den Altan zu, und seine Gestalt überragte die braunen, hellfarbigen und schwarzen Freien und Sklaven, die ihm folgten, wie auf den Denkmälern der Pharaonen das Bild des Herrschers das der Unterthanen und Feinde.
      Auch auf den größten schaute er herab, und so gewaltig wie die Höhe seines Leibes war die Breite der kraftvoll entwickelten Schultern. Ein langes, safranfarbiges, golddurchwirktes Purpurgewand, das ihm bis auf die Fußknöchel niederwallte, steigerte den Eindruck seiner Größe. Kraftvolle Arme mit hoch aufgewölbten Athletenmuskeln streckten sich aus dem ärmellosen Kleide der geliebten Königin entgegen.
      Der mächtigen Gestalt dieses Mannes entsprach das wohlgebildete Haupt mit dem starken dunklen Haar und dem prächtigen Vollbart. Mit dem bläulichen Schwarz des Rabengefieders hatte es einst das Haupt des Jünglings geziert; jetzt war es der Farbe gelungen, das reichliche Grau, das sich mit ihm vermischte, den Blicken zu entziehen. Ein voller Kranz von Weinlaub umwallte dem Heimkehrenden die Stirn, und blätterreiche Rebstockranken, an denen einzelne dunkle Trauben trugen, fielen ihm auf die breiten Schultern und auf den Rücken nieder, den nicht das Fell eines Leoparden, sondern das eines indischen Königstigers von seltener Größe – er hatte ihn in der Arena selbst erlegt – wie ein Mantel bedeckte. Der Kopf und die Pranken des Tierfelles waren von Gold, die Augen zwei weithin funkelnde, prächtige Saphirsteine. Das Schloß der Kette, an der das Fett hing, wie die handgroße Agraffe an dem goldenen Gürtel, der dem Imperator über den Hüften den Leib umfing, war mit Rubinen und Smaragden bedeckt. Von den breiten Spangen an seinem Oberarme, von dem Geschmeide auf der hochgewölbten Brust, ja sogar von den roten Saffianstiefeln blitzte und glänzte funkelndes Edelgestein.
      Blendend, wie einst sein Glück, erschien die Pracht der Kleidung dieses gefallenen mächtigen Helden, der sich gestern noch scheu und bedrückt den Augen der Mitmenschen entzog. Groß, edel und schön geschnitten war auch sein Antlitz; doch obgleich die fahlen Wangen im erborgten Rot der Jugend prangten, hatte ein halbes Jahrhundert der wildesten Jagd nach Genüssen und die qualvolle Erregung der letzten Wochen nur zu wohl erkennbare Spuren darauf zurückgelassen; denn unter den großen Augen hingen die Thränensäcke schlaff hernieder. Wellige Falten durchfurchten ihm die Stirn und bestrahlten von den Augenwinkeln aus in schrägen Linien die Schläfen.
      Und doch kam es keinem, der diesem geputzten Fünfziger näher trat, in den Sinn, einen alten, aufgeputzten Narren in ihm zu sehen; war es doch seiner Natur ureigen, sich mit Pracht und Glanz zu umgeben, und dazu lag etwas so Gewaltiges in seiner Erscheinung, daß Spott und Hohn sich scheu vor ihm zurückzogen.
      Wie offen, gut und liebenswürdig war das Gesicht dieses Mannes, wie aufrichtig die Rührung des Herzens, die aus seinen immer noch jugendlich hellen Augen der lang entbehrten Geliebten entgegenschaute. Aus jedem seiner Züge blickte der hohen Frau, auf die er zutrat, eine solche Fülle der wärmsten Zärtlichkeit entgegen, und an dem Munde dieses alles überragenden Mannes wechselte so schnell der Ausdruck demutsvoller, weher Seelennot mit dem des Dankes und der Wonne, daß sein Anblick auch Feinden das Herz bewegte. Wie er aber die Hand auf die breite Brust preßte und in so tief gebeugter Stellung der Königin nahte, als sei er willens, ihr die Füße zu küssen, als er in der That die Riesengestalt vor ihr in die Kniee sinken ließ und die gewaltigen Arme mit brünstiger Hingabe wie ein um Hilfe flehendes Kind ihr entgegenöffnete, da überkam die Frau, die ihn ein Leben lang mit der ganzen Glut einer leidenschaftlichen Frauenseele geliebt, die Empfindung, als sei in das Nichts versunken, was sich zwischen sie gestellt und was sie an einander verschuldet; er aber gewahrte das sonnige Lächeln, das sich über ihr teures, immer noch so schönes Antlitz breitete, und dann, dann klang ihm auch sein eigener Name entgegen, und er kam von den Lippen, denen er die wonnigste Lust verdankte, die ihm die Liebe geboten. Und als er dann, wie berauscht von dem Ton ihrer Stimme, die ihm wohllautender dünkte als der Gesang der Musen, halb heiter lächelnd über den Scherz, von dem er auch im schwersten Ernste nicht hatte lassen können, halb aufs tiefste ergriffen von dem Uebermaß der neu erwachenden Glückseligkeit nach so schwerer Kümmernis, auf den Riesenstrauß wies, den drei Sklaven den Elefanten abgenommen hatten und der Königin entgegentrugen, da erfaßte auch Kleopatra eine große innere Bewegung.
      Diese Blumengabe ahmte in mächtiger Vergrößerung den kleinen Strauß nach, den der gefeierte junge Reitergeneral vor der Thür des Epikuräergartens ihrem Vater aus der Hand genommen hatte, um ihn ihr als erstes Geschenk zu überreichen. Auch er hatte rote Rosen enthalten, die weiße rings umgaben. Statt von Palmenwedeln war er freilich nur von Farnkrautblättern umrahmt gewesen. Zu den schönen Gaben gehörte er, die sein freundliches Gemüt so wohl zu wählen verstand. Ein Sinnbild der unerhörten Großmut, die ihm, dem Uebermenschen, eigen, war dieser Strauß. Ihr so und mit solcher Huldigung zu nahen, hatte ihn kein wunderthätiger Becher mit magischer Gewalt, dazu hatte ihn allein das volle Herz, die immergrüne, unverwelkliche Liebe gezwungen.
      Wie verjüngt, wie durch einen Zauber zurückversetzt in die glücklichen Tage der knospenden Jugend, vergaß sie der königlichen Würde und der Hunderte von Augenpaaren, die wie gebannt an ihm hingen, und einem unwiderstehlichen Herzensdrange gehorsam, sank sie dem Knieenden an die breite, tief atmende Brust. Er aber lachte mit einem silberhellen Lachen, wie es sonst die Jugend nur kennt, glückselig auf, umfaßte sie mit den Riesenarmen, schwang ihre zarte Gestalt samt dem purpurnen, weithin wallenden Fürstenmantel vom Boden auf, küßte ihr Lippen und Augen, hielt sie lange in der schwebenden Stellung der Siegesgöttin, wie um den Anwesenden sein Glück vor Augen zu führen, in die Höhe und ließ sie endlich behutsam wie ein wohl zu hütendes Kleinod nieder.
      Dann wandte er sich den Kindern zu, die neben der Mutter seiner harrten, und hob erst den kleinen Alexander, dann die Zwillinge auf, um sie zu küssen, und während er die beiden Zehnjährigen, von denen die Freude des Wiedersehens das Gewicht des Körpers abgelöst zu haben schien, auf den mächtigen Armen hielt, brauste der Jubelruf fort, der sich schon erhoben hatte, als die Königin ihm an die Brust gesunken war.
      Die alten Mauern des Lochiaspalastes hatten noch keinen gleichen vernommen. Und er pflanzte sich fort von Haupt zu Haupt, von Hunderten zu Hunderten, und ob die Entfernten auch nicht wußten, was er bedeute, stimmten sie doch mit ein. Auf der ganzen weiten Strecke zwischen der Lochias bis zum Choma erhob er sich als ein einziges, herzerschütterndes, untrennbares Ganze und hallte über den Hafen, die ankernden Schiffe und ragenden Maste fort bis hin zu der Klippe im Meer, auf der Barine den Neuvermählten pflegte.
    



      Zwanzigstes Kapitel
      Eine Felsenplatte im Norden des Hafens, nicht viel größer als der Garten des Didymus am Musenwinkel, ein ödes Stück Erde, auf dem kein Baum und kein Strauch wuchs, war das Eigentum des Freigelassenen Pyrrhus. Die Schlangeninsel hieß es, obwohl die Bewohner es längst von diesen gefährlichen Gästen befreit hatten, die dagegen noch auf den benachbarten Klippen in großer Menge hausten. Der dem Leben feindliche Boden dieser Insel brachte kein ärmliches Saatkorn zum Keimen, und diejenigen, die sie zur Heimstätte erwählten, waren genötigt, das Trinkwasser vom Festlande zu holen.
      Diese von Möwen, Meerschwalben und Seeadlern umflatterte Wüstenei war nun schon seit Wochen die Aufenthaltsstätte des flüchtigen jungen Paares.
      Die beiden Zimmer, die sie bei der Ankunft aufgenommen hatten, waren ihre Wohnung und Schlafstätte geblieben. Bei Tage brannte im Freien die Sonne auf das gelbe kalkige Gestein. Schatten war nirgends zu finden als am Hause und an dem Fuß eines hoch aufsteigenden Felsenpfeilers im Süden der Insel, dem Luginsland der Fischer.
      Von Werken der Menschenhand gab es nichts als ein kleines Heiligtum des Poseidon, einen Altar der Isis, das große, von alexandrinischen Maurern fest und zweckmäßig erbaute Haus des Pyrrhus und ein kleineres für die verheirateten Söhne des Freigelassenen und ihre Familien. Ein langer Holzrahmen mit trocknenden Netzen erhob sich am Strande. In seiner Nähe und im Norden am offenen Meere lagen die Ankerplätze mit dem größeren Seeschiffe und den verschiedenen Barken und Kähnen der Fischer. Auf einer Werft baute Dionikos, der jüngste, unverehelichte Sohn des Pyrrhus, neue Fahrzeuge und besserte die Schäden der alten.
      Seine beiden starken, schweigsamen Brüder mit Weib und Kind, der Vater Pyrrhus, seine Hausfrau und ihre jüngste, sechzehnjährige Tochter Dione, einige Hunde, Katzen und Hühner machten die Bevölkerung der Schlangeninsel aus.
      Das war die Umgebung des neuvermählten, in der Großstadt erwachsenen Paares. Anfänglich hatte es sich an mancherlei gewöhnen müssen; doch es war mit gutem Willen geschehen, und beide hatten einander längst bekannt, das Leben sei ihnen nie vorher so gleichmäßig friedvoll erschienen.
      In der ersten Woche hatte es noch mit der Wunde und dem Fieber des Dion zu kämpfen gegeben, doch die Weissagung des Pyrrhus, die reine, erfrischende Seeluft werde dem Leidenden zu gute kommen, hatte sich erfüllt, und der jungen Gattin waren bei seiner Pflege die einförmigen Tage schnell genug verflogen.
      Das Weib des Pyrrhus, »die Mutter«, wie alle sie nannten, hatte sich dazu als geschickte Heilkünstlerin bewährt, die Schwiegertöchter und die junge Dione waren treue und flinke Gehilfinnen gewesen. In der Zeit der Sorge und Pflege hatte Barine Freundschaft mit ihnen geschlossen: Wenn die mundfaulen Männer sich jedes überflüssige Wort ersparten, waren sie um so williger zu plaudern bereit, und es gewährte Vergnügen, der hübschen, auf der Insel erwachsenen wißbegierigen Dione Rede zu stehen.
      Lange schon hatte Dion Lager und Haus verlassen, und immer noch sah er aus wie ein glückseliger, mit sich selbst und seinem Aufenthaltsorte zufriedener Mann.
      Während der ersten Tage hatten ihm Fieberphantasien wieder und wieder seine verstorbene Mutter gezeigt, wie sie besorgt und als wünsche sie ihn vor der Neuvermählten zu warnen, auf sie hinwies. Dieser Wahnbilder erinnerte sich auch der Genesende, und sie allein legten ihm zuweilen die Frage vor, ob Barine die Einsamkeit auf dieser öden Klippe ertragen, ob sie nicht hier die Heiterkeit der Seele, die ihn immer von neuem entzückte, einbüßen werde. War es ein Wunder, wenn sie sich in dieser Vereinsamung in Sehnsucht verzehren und auch körperlich unter so großen Entbehrungen zu leiden haben würde?
      Die Wahrnehmung, daß die Liebe ihr jetzt noch alles ersetzte, was sie hinter sich ließ, that ihm wohl, doch verbot er sich selbst, der Erwartung Raum zu geben, dies könne lange so bleiben. Darauf zu hoffen, durfte nur ein überspanntes Selbstbewußtsein sich gestatten. Aber er mußte die eigene Anziehungskraft oder die Liebe Barines doch unterschätzt haben; denn mit jeder neuen Woche gewann die heitere Zufriedenheit ihres Wesens an Stetigkeit und Anmut. Und ihm selbst erging es kaum anders; denn frischer, unbefangener, sorgloser hatte er sich lange nicht gefühlt. Nur die Unmöglichkeit, in dieser schweren Zeit an dem politischen Leben der Stadt teilzunehmen, wollte ihm bedauernswert erscheinen, und bisweilen beunruhigte ihn die Sorge um das Schicksal und die Verwaltung seines Besitzes, obgleich ein genügender Teil seines Vermögens, das er einem zuverlässigen Wechsler anvertraut hatte, wenn man auch seine Güter einzog, ihm erhalten bleiben mußte. An allem, was ihn anging, auch an solchen Stimmungen, nahm sie teil, und gerade diese veranlaßten ihn, sie über die Angelegenheiten der Stadt und des Staates, nach denen sie früher wenig gefragt hatte, über sein Eigentum in Alexandria und in der Provinz zu unterrichten, und wie gern und verständnisvoll hörte sie ihm zu, wenn sie bei Tage von dem nördlichen Ankerplatze aus mit ihm in die offene See hinausfuhr oder an langen Winterabenden Netze strickte, eine Kunst, die sie der Lehre Diones verdankte.
      Ihre Laute war ihr aus der Stadt zugeführt worden, und welchen Genuß bereitete ihr Gesang dem Gemahl und ihr selbst, wie dankbar folgten ihm die Gastfreunde groß und klein!
      Auch einige Buchrollen waren gekommen, und es machte Dion Freude über ihren Inhalt mit Barine zu reden. Er selbst las nur wenig; denn bei Tage sah man ihn selten im Hause. Schon in der vierten Woche konnte er den Männern beim Fischen und dem Dionikos beim Schiffsbau, mit den in der Palästra gestählten Armen zur Hand sein.
      Bei dem nahen, ununterbrochenen und durch nichts gestörten Verkehre der Neuvermählten stieß jedes bei dem andern auf neue unerwartete Schätze, die ihm im Leben der Stadt vielleicht auf immer verborgen geblieben wären. Hier war eins dem andern alles, und bei diesem durch nichts beeinträchtigten In- und Miteinanderleben, kam bald das Wohlgefühl jenes untrennbaren Einsseins über sie, das sonst erst nach Jahren als schönste Frucht eines auf Liebe begründeten Ehebundes den Vermählten zu teil wird.
      Wohl gab es Stunden, in denen Barine die Mutter und die anderen Lieben, die ihr so nahe waren, o wie gern wiedergesehen hätte, doch die Briefe, die von Zeit zu Zeit anlangten, ließen es nicht zu schmerzlicher Sehnsucht kommen.
      Die Vorsicht gebot, den Verkehr mit der Stadt zu beschränken. Doch so oft Pyrrhus zu Markte fuhr, kamen auch Schreiben auf das Eiland, die Anukis, die nubische Dienerin der Charmion, dem alten Freigelassenen, der ihr nach und nach zum guten Freunde wurde, bei der Fischversteigerung am Hafen übergab.
      So kam denn die Zeit, in der Dion sich ohne Selbstbetrug sagen durfte, daß Barine sich in dieser Einöde zufrieden fühle und daß seine Liebe und der Verkehr mit ihm ihr das anregende und wechselvolle Leben in der Hauptstadt ersetze. Mochte der Brief von ihrer Mutter, der Schwester oder Charmion, von dem Großvater, Archibius oder Gorgias kommen, keiner verwandelte den Wunsch, ihren öden Versteck zu verlassen, in brennendes Heimweh, wohl aber brachte jeder neuen Gesprächsstoff und darunter mancherlei, was, indem es die Teilnahme beider erweckte, sie nur fester verband.
      Im zweiten Monat nach der Flucht kam ein Schreiben des Archibius, worin er berichtete, sie dürften jetzt bald an die Rückkehr denken; denn der Syrer Alexas habe sich als tückischer Verräter erwiesen. Die Aufgabe, die ihm gestellt worden war, den Herodes für die Sache des Antonius zu gewinnen, hatte er ungelöst gelassen und war von dem Gönner verräterisch abgefallen und bei dem Könige der Juden verblieben. Als er den Octavian selbst mit unerhörter Frechheit aufgesucht hatte, um die Geheimnisse seiner ägyptischen Wohlthäter an ihn zu verkaufen, war er festgenommen und in seiner Heimat Laodicaea hingerichtet worden.
      Jetzt, fuhr der Freund fort, wären der Kleopatra wie ihrem Gatten die Augen über den schwersten Ankläger der Barine geöffnet. Natürlich sei infolge der Schandthat des Bruders auch das Ansehen des Philostratus vernichtet. Dennoch gelte es, sich noch ein wenig zu gedulden; denn Cäsarion sei den Epheben beigesellt und Antyllus mit der 
      Toga virilis bekleidet worden. Sie könnten jetzt mancherlei auf eigene Hand unternehmen, und daß Cäsarion nicht ablassen werde, der Barine nachzustellen, das gehe aus mancher seiner Aeußerungen hervor.
      Für die eigene Person fürchtete Dion nichts von dem königlichen Knaben, um der Gattin willen durfte er aber die Warnung des Freundes nicht ungehört lassen. Das war hart; denn zwar fühlte er sich noch glücklich auf der Insel, doch sehnte er sich, die Geliebte in das eigene Heim zu führen, und alles, was in ihm war, drängte ihn in dieser verhängnisvollen Zeit zu den Sitzungen des Rates. Mehr als gern hätte er darum die Rückkehr in die Stadt gewagt, aber Barine bat so dringend, das sichere Glück, das sie hier genössen, nicht leichtfertig für ein größeres, hinter dem vielleicht das schwerste Unheil laure, preiszugeben, daß er nachgab. Ein neuer Brief der Charmion bewies auch bald, wie notwendig es immer noch sei, Vorsicht zu üben.
      Daß in Alexandria alles, was festliche Lust heißt, entfesselt sei und mit ausschweifender Wildheit den Hof und die Bürgerschaft mit sich fortreiße, war sogar von der Insel aus bemerkbar gewesen. Wenn der Wind von Süden her wehte, trug er die vereinzelten Töne einer rauschenden Musik oder unverständliche Laute des wildesten Volksjubels bis zu ihnen herüber.
      Die Fischerstochter Dione rief sie auch manchmal an das Ufer, um die mit märchenhafter Pracht geschmückten, mit Blumen umwundenen und von Lautenschlag und Liederklang umtönten Gondeln, auf denen der Hof Lustfahrten unternahm, zu bewundern. Segel von gestickter Purpurseide trieben die Nachen über die glatte Flut. Einmal erkannten die Spähenden sogar in der Bedienung eines mit reichem vergoldeten Bildwerk geschmückten Fahrzeuges junge Sklavinnen, die mit wallendem Haar und durchsichtigen meergrünen Gewändern als Nereiden die leichten Sandelholzruder mit goldenen Schaufeln regierten. Mehrmals wehte der Wind den Wohlgeruch, der die Gondeln umwallte, bis zu ihnen hin, und in stillen Nächten glitten die Festschiffe, von dem zauberhaften Lichte vielfarbiger Lampen umflossen, über den Spiegel der Flut. In den Fahrgästen ließen sich Götter, Göttinnen und Heroen erkennen, die, zu schönen Gruppen gesellt, stehend und lagernd Scenen aus der Mythe und Geschichte zur Anschauung brachten. Auf dem Deck des Prachtschiffes der Königin sah man die bekränzten Gäste auf purpurnen Lagerstätten unter Blumenguirlanden schmausen und goldene Becher leeren.
      In anderen Nächten war das Ufer des Bruchiums tageshell beleuchtet. Die gewaltige Kuppel des Serapeums in der Rhakotis überragte dann, mit Lampen bedeckt, wie das zur Erde gesunkene gestirnte Himmelsgewölbe einer kleineren Welt, die flachen Dächer der Stadt. Jeder Tempel und Palast hatte sich in einen Riesenkandelaber verwandelt, und die Reihen der Lampen am Quai zogen sich wie bunte Lichtranken vom blendend hell erleuchteten Marmortempel des Poseidon bis zum Palast auf der Lochias hin, den helle Lichtmassen umwogten.
      Wenn Pyrrhus oder einer seiner Söhne vom Markte heimkehrte, erzählten sie von den Festen und Schaustellungen, Gelagen, Wettrennen und Lustfahrten ohne Ende, die der Hof veranstaltete und die gesamte Bürgerschaft in Atem erhielten. Es war eine gute Zeit für die Fischer; denn was sie fingen, nahmen die Köche der Königin in Beschlag und bezahlten es reichlich.
      Der Januar war erschienen, als jener neue Brief der Charmion ankam.
      Dion und Barine hatten am Geburtstag der Kleopatra vergeblich auf ungewöhnliche Hergänge gewartet, an dem des Antonius aber, der wenige Tage später fiel, hatte es Musik und Geschrei genug und am Abend eine besonders prächtige Beleuchtung gegeben.
      Zwei Tage darauf war dem Pyrrhus dies Schreiben von seiner braunen Freundin Anukis anvertraut worden.
      Ihre Frage, ob er es nun endlich für thunlich halte, seinen Schutzbefohlenen den einen oder anderen Besuch zuzuführen, hatte er verneint; denn seitdem Octavian in Asien weilte, wimmelte der Hafen von spähenden Sicherheitswächtern, und eine Unvorsichtigkeit konnte alles verderben.
      Der Brief der Charmion war indes noch besser geeignet als die Warnung des Fischers, das wachsende Verlangen des Dion nach der Heimkehr zu zügeln.
      Der Anfang enthielt zwar gute Nachrichten über die Angehörigen der Barine; dann aber teilte er dem Dion mit, sein Oheim, der Siegelbewahrer, schwimme in Wonne. Was er an Erfindungsgabe besitze, werde stärker denn je in Anspruch genommen. Jeder Tag bringe ein Fest, jede Nacht üppige Gelage. Eine Schaustellung, eine Ausfahrt, ein Jagdvergnügen reihe sich an das andere. In den Theatern, im Odeum, im Hippodrom habe es auch vor Actium keine glänzenderen Vorstellungen. Wettrennen, Naumachien, Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen gegeben. Dion selbst habe früher den Vergnügungen des dem Hofe befreundeten Kreises, der Gesellschaft der »unnachahmlichen Lebenskünstler« beigewohnt. Sie sei wieder ins Leben gerufen worden, Antonius aber habe sie die der »Todesgenossen« genannt.
      Das sei bezeichnend.
      Jeder wisse, es gehe dem Ende entgegen, und ahme jenem Pharao nach, dem das Orakel noch sechs Lebensjahre verheißen hatte, und der es Lügen strafte und zwölf daraus machte, indem er auch die Nächte durchschwärmte.
      Das Wiedersehen der Königin mit dem Gemahl, wovon sie früher berichtet, sei herrlich gewesen.
      »Damals,« schrieb sie, »hofften wir, eine würdige Zeit werde beginnen, und Marc Anton, hingerissen und erhoben durch die neu erwachte Liebe, die alte Heldenkraft wieder finden; doch wir hatten uns geirrt. Kleopatra freilich ruhte und rastete nicht; er aber gab mit dem ungeheuren Rosenstrauße das Zeichen, was die erhitzte Phantasie eines Genußmenschen nur immer erdenken mag, auf die Spitze zu treiben. Die Leistungen der unnachahmlichen Lebenskünstler, von den Todesgenossen wurden sie weit überboten.
      Antonius steht an ihrer Spitze, und ihm, dessen Riesenleib auch den unerhörtesten Zumutungen widersteht, gelingt es, sich zu betäuben und des nahen Zusammensturzes zu vergessen. Tritt er uns nach einer wild durchschwärmten Nacht entgegen, strahlen ihm die Augen so hell, tönt seine tiefe Stimme so metallisch frisch wie beim Beginn des Gastmahls. Die Königin ist seine Göttin, und wer könnte unbewegt bleiben, wenn der Riese sich dem Winke der zarten Gebieterin gehorsam beugt und Unerhörtes ersinnt und ihr darbringt, um ein Lächeln von ihren Lippen zu ernten. Hinter ihm liegt ja längst das bewegliche ungestüme Werben der Jugend; bei seinen Huldigungen, die die Epheben von heute vielleicht veraltet nennen würden, ist es mir aber immer, als neige sich ein Berg vor einem Sterne.
      Der Fremde, der sie in seiner Gesellschaft sieht, hält sie für glücklich.
      Im märchenhaften Glanze des festlichen Schmuckes, wenn sie anbetet, ihr huldigt und Blumen streut, was sie umgibt, möchte man sogar glauben, die alten, sonnigen Tage wären wiedergekehrt; wenn wir aber allein sind, wie selten seh' ich sie lächeln!
      Dann sorgt sie für das Grabmal, das unter der Leitung des Gorgias rasch aufwächst, dann erwägt sie mit ihm, wie man es am besten zu einem unzugänglichen Rückzugsorte gestaltet.
      Alles, bis hin zu dem Bildwerk auf den Steinsarkophagen, bestimmt sie selbst.
      Dazu werden Gemächer und Kammern in den Kellerräumen und über der Erde für die Aufnahme ihrer Schätze angelegt. Unter ihnen läßt sie Gänge für das Pech und Stroh herstellen, das, kommt es zum Aeußersten, angezündet werden soll. Das Gold und Silber, die Edelsteine und Gemmen, das Ebenholz und Elfenbein, die köstlichen Gewürze, kurz, was ihr an Kleinodien gehört, will sie dann dem Feuer preisgeben.
      Allein die Perlen sind viele Königreiche wert. Wer mag es ihr verdenken, wenn sie sie lieber der Vernichtung weiht, als sie dem Feinde überläßt.
      Der Garten, Barine, in dem Du heranwuchst, ist jetzt für die Zwillinge und den Alexander der Schauplatz ihres fröhlichen und thätigen Lebens. Da tummeln sie sich, bauen und graben unter Leitung meines Bruders. Es ist ein liebenswertes, schön begabtes Dreiblatt. Zu ihm zieht sie sich zurück, wenn sie auf der Jagd nach Genüssen, die für sie keine mehr sind, nach Ruhe lechzt.
      Wie Antonius vorgestern als neuer Dionysus mit Epheu bekränzt auf dem mit gezähmten Löwen bespannten goldenen Wagen auf der Königsstraße dahinzog, um sie, die neue Isis, zur Fahrt auf einer Lotusblume von Silber und weißem Glasfluß, die vier fleckenlose Schimmel zogen, von der Lochias abzuholen, da wies sie auf den glänzenden Aufzug und sagte: ›Zwischen der Stille des Philosophengartens, wo ich begann und mich immer noch am wohlsten fühle, und dem Grabe, wo nichts die verlorene Ruhe mehr stört, zieht sich mit diesem betäubenden Lärm, diesem nichtigen Gepränge die Königsstraße hin. Es ist die meine.‹
      O, Kind, einst war es anders! Sie liebte den Marcus Antonius mit leidenschaftlicher Glut. Er war der erste Mann auf Erden, und doch beugte er sich vor der Uebermacht ihres Willens. Die Sehnsucht des erwachenden Herzens, der brennende Ehrgeiz, der schon die Seele des Kindes entflammte, sie hatten beide Befriedigung gefunden, und die Welt schaute zu, wie das sterbliche Weib Kleopatra das arme Leben hienieden für den Geliebten und sich selbst mit der Lust der Himmlischen sättigte. Dankbar gab er sich dieser Lust hin, und der Großmütigste aller Großmütigen legte ihr, der ›Großkönigin des Ostens‹, sich selbst, die Macht Roms und der Könige zweier Weltteile zu Füßen.
      Wie im Rausche verflogen beiden jene Jahre. Seine Ehe mit Octavia brachte das erste Erwachen. Es war schwer und schmerzlich. Doch nicht wegen eines Weibes hatte er Kleopatra verlassen, sondern um der bedrohten Macht und Herrschaft willen. Aber die ungeliebte Octavia zwang ihn, mit achtungsvoller Bewunderung zu ihr aufzuschauen; ja, sie wurde ihm teuer.
      Ein harter Kampf um ihn und sein Herz entspann sich zwischen den beiden. Mit sehr verschiedenen Waffen wurde er geführt, und Kleopatra siegte. Der Rausch, der Traum begann von neuem. Da kam Actium, die Entnüchterung, das Erwachen, der Fall, die Weltflucht. Jetzt galt es, ihn nicht wieder in Trunkenheit zurücksinken zu lassen, den Mut und die Kraft des Helden aus dem Schlafe zu wecken, ihn aus Liebe zum Mitstreiter für die gemeinsame Sache zu machen.
      Er aber hatte sich gewöhnt, die Spenderin des Rausches in ihr zu sehen. Das einzige, was er noch begehrte, war, im Bunde mit ihr den Becher des Genusses zu leeren, bis alles vorbei sei. Das sieht sie, das schmerzt sie. Nichts läßt sie unversucht, um ihn zu neuer Thatkraft zu erwecken; doch wie selten rafft er sich zu ernster Thätigkeit auf.
      Während sie aber die Nilmündungen und die Grenzen des Landes befestigt, Schiff auf Schiff für die neue Flotte erbaut, rüstet und verhandelt, kann sie ihm doch nicht widerstehen, wenn er sie zu neuen Genüssen aufruft.
      So viel auch von den Vorzügen verloren ging, die ihn groß und liebenswert machten, sie vermag von der alten Liebe nicht zu lassen, und hält bei ihm stand, weil – weil ... Ich weiß nicht warum. Ein liebendes Frauenherz handelt eben nicht nach Gründen und Gesetzen. Er ist ja auch der Vater ihrer Kinder, und im Spiele mit ihnen findet er den alten, herzgewinnenden Frohmut wieder.
      Seit Archibius sich ihrer annimmt, ist ihnen Euphronion, ihr Hofmeister, entbehrlich. Der kluge Mann kennt Rom, den Octavian und seine Umgebung. Ihn wählten sie darum zum Gesandten. Er sollte den Sieger bewegen, die Herrschaft über Aegypten auf die Knaben: den Antonius Helios und Alexander, zu übertragen; doch der Cäsar würdigte den Vermittler in der Angelegenheit des Antonius keiner Antwort, ja er ließ ihn nicht einmal vor.
      Der Kleopatra verhieß Octavian eine freundliche Behandlung und die Erfüllung des die Knaben betreffenden Wunsches, wenn sie – und nun wiederholte sich die alte Forderung – den Freund aus dem Weg räumen oder an ihn ausliefern wollte.
      Dies Ansinnen, das schnöden Verrat in sich schließt war unerfüllbar für ihre edle Seele. Seit sie das Grabmal zu bauen beschloß, gehört seine Gewähr zu den unmöglichen Dingen. Dennoch setzte Octavian alles daran, sie zu der schnöden That zu verführen. Der Tod des einen Mannes hätte freilich viel Blutvergießen erspart. Der Cäsar weiß seine Leute zu wählen. Hierher sandte er als Unterhändler einen gewandten jungen Mann mit reichen Vorzügen des Körpers und Geistes. Was gäbe es wohl, das er unversucht gelassen hätte, um die Königin gegen den Gatten einzunehmen und sie zu dem Verrat zu überreden. Er ging so weit, Kleopatra zu versichern, schon in früheren Jahren habe sie dem Neffen des Cäsar das Herz geraubt, und er liebe sie noch immer. Sie nahm diese Versicherungen für was sie waren und blieb standhaft.
      Antonius ließ den Ränkschmied anfänglich gewähren. Als er aber vernahm, welcher Mittel er sich bediente und wie er namentlich die Auslieferung eines der Mörder des Cäsar, die er selbst längst bereute, ausbeutete, um ihn als undankbaren Verräter zu brandmarken, da wäre er nicht er selbst gewesen, wenn er es gelassen hingenommen hätte. Er war auch ganz der alte Antonius, als er den glatten Gesellen, der aber immerhin als Gesandter des mächtigen Siegers gekommen war, kurzweg auspeitschen ließ, ihn nach Rom zurücksandte und dem Octavian einen Brief schrieb, in dem er sich über die Frechheit und Anmaßung dieses Menschen beklagte und hinzufügte – wie schwer mir das Herz auch ist, muß ich doch lächeln, wenn ich daran denke – das Mißgeschick habe ihn außerordentlich reizbar gemacht; wenn aber seine Handlungsweise dem Cäsar vielleicht dennoch mißfalle, möge er es mit seinem Freigelassenen Hipparchus, den er in seiner Gewalt habe, machen, wie er es mit dem Thyrsus gehalten.
      Ihr seht, daß ihn der frische Uebermut noch immer nicht verließ. Das Leid fließt wieder von ihm ab wie der Regen von dem groben Soldatenmantel, den er im Partherkriege trug, und es vermag an ihm darum die läuternde Kraft nicht zu bewähren.
      Wenn man bedenkt, daß dieser Mann noch vor wenigen Jahren sich selbst gleichsam verdoppelte, so oft die Gefahr am höchsten stieg, ist sein Verhalten jetzt vor der letzten Entscheidung nur denen begreiflich, die ihn kennen wie wir. Wenn er kämpft, so thut er es nicht mehr, um sich zu retten, oder gar um zu siegen, sondern um in Ehren zu enden. Wenn er noch genießt, was es zu genießen gibt, glaubt er damit die Schwere der Niederlage für sich selbst zu verringern und dem Sieger die Größe des Erfolges zu schmälern. Vor den Augen der Welt wenigstens ist nur halb überwunden, wer noch zu jubiliren vermag wie Antonius. Bei alledem kam die Hoheit seiner Gesinnung dennoch zu Schaden. Die Auslieferung jenes Mörders des Cäsar – er heißt Turullius – beweist es.
      Und das, Barine – sage es auch Deinem Gatten – das ist es, was mich mit Besorgnis erfüllt und mich zwingt, euch zu bitten, noch nicht an die Heimkehr zu denken.
      Antonius ist jetzt der gute Kumpan seines Sohnes geworden. Was er selbst genießt, den Antyllus läßt er es teilen. Natürlich erfuhr er von der Leidenschaft des Cäsarion und ist geneigt, dem armen Burschen zu helfen. Nichts sei besser geeignet als Deine anmutige Heiterkeit, behauptete er mehrfach, um den Träumer aus dem Schlafe zu wecken. Da Dich die Erde schwerlich verschlungen habe, werde man Dich finden; denn auch ihn selbst gelüste es, Dich noch einmal singen zu hören.
      Daß er Dich suchen läßt, weiß ich.
      Wie gebieterisch dies euch auferlegt, Vorsicht zu üben, bedarf keiner Erklärung. Zu eurer Beruhigung möge dagegen die Nachricht dienen, daß Kleopatra daran denkt, den Cäsarion mit seinem Hofmeister Rhodon über die Insel Philae hinaus nach Aethiopien zu schicken.
      Archibius hörte nämlich durch den Timagenes, Octavian sehe den Sohn des Cäsar, dessen Antlitz dem des Vaters so wunderbar gleicht, für gefährlich an, und in dieser Meinung ist das Todesurteil des Knaben enthalten. Auch Antyllus geht auf Reisen. Er soll nach Asien, um den Octavian gnädiger zu stimmen und ihm neue Anerbietungen zu machen. Er war ja, wie ihr wißt, mit seiner Tochter Julia versprochen.
      Die Königin hörte längst auf, den Sieg für möglich zu halten, und doch arbeitet sie, trotz aller Anforderungen der »Todesgenossen« und ihres Treibens, mit unermüdlichem Eifer an der Verteidigung des Landes. Von jener Gesellschaft ist sie übrigens wohl das einzige Mitglied, das es ernst nimmt mit dem nahen Ende.
      Nun das Grabmal höher wächst, beschäftigt sie sich viel mit dem Sterben. Sie, die schon Epikur lehrte, nach Schmerzlosigkeit zu streben, und die so empfindlich ist auch gegen das kleinste körperliche Leid, sucht nach einem Wege, der, ohne wehe zu thun, in die ewige Ruhe führt, nach der sie sich sehnt. Iras und jüngere Schüler des Olympus sind ihr dabei behilflich. Der Alte liefert die verschiedensten Gifte. An allerlei Tieren, ja neulich sogar an einigen zum Tode verurteilten Verbrechern machten sie Versuche. Es scheint nach alledem, als führe der Biß der Uräusschlange, deren Gestalt an der ägyptischen Krone die schnelle Macht des Herrschers über Leben und Tod versinnbildlicht, am schnellsten und am wenigsten qualvoll zum Stillstande des Herzens.
      Wie ist das alles so schrecklich! Wie thut es weh, das geliebteste der Wesen, die Mutter der holdesten Kinder, sich den Abschied so grausam erschweren, sich den Tod mitten unter rauschenden Vergnügungen gleichsam zum Wandergenossen erwählen zu sehen. Jedem seiner Schrecken schaut sie täglich ins Antlitz und wendet der Brücke, die ihr gestatten würde, dem Unhold vielleicht noch auf lange Zeit zu entrinnen, dennoch mit stolzer Verachtung den Rücken. Das ist groß, ist ihrer würdig, und niemals war ich ihr mit zärtlicherer Liebe ergeben.
      Auch ihr sollt ihrer freundlich gedenken. Sie ist dessen wert. Ein edles Herz, das sich gezwungen sieht, den Feind zu beklagen, verzeiht ihm leicht; und war sie denn je eure Feindin?
      Lange, lange, schreib' ich an diesem Briefe, um Dir die Abgeschiedenheit von der Welt und mir das Herz zu erleichtern. Geduldet euch noch ein Weilchen. Die Zeit ist nicht fern, in der das Schicksal selbst euch aus der Verbannung befreit. Wie oft drängt es die Deinen, den Archibius und Gorgias, den ich jetzt viel in der Nähe der Königin sehe, euch aufzusuchen; doch sie glauben euch noch damit zu gefährden.«
      Was dieser Brief Bedrohliches enthielt, wurde von einem andern des Archibius bestätigt, und bald darauf hörten sie, Cäsarion segle wirklich mit dem Hofmeister Rhodon den Nil hinaus nach Aethiopien und Antyllus sei nach Asien zu Octavian gesandt worden. Dieser habe ihn zwar empfangen, doch ihn heimgesandt, ohne sich zu was es auch sei zu verpflichten.
      Diese Nachricht brachte ihnen kein Brief, sondern Gorgias selbst, dessen Besuch sie an einem späten Märzabend überraschte.
      Mit wärmerer Freude wurde wohl selten ein Gast empfangen. Bei seinem Eintritt in das schlichte Zimmer strickte Barine eben ein Netz und erzählte der Fischerstochter Dione von den Irrfahrten des Odysseus. Auch Dion lauschte ihr mit heiterer Aufmerksamkeit und fiel ihr dann und wann verbessernd oder erläuternd in die Rede, während er an einem Poseidonkopfe für den Schnabel eines neu erbauten Bootes schnitzte.
      Als Gorgias unerwartet die Schwelle übertrat, schien sich das trübe Licht der Kikiöllampe, die das Gemach spärlich erhellte, in Sonnenschein zu verwandeln. Wie froh erglänzten die Augen, wie hell ertönten die Rufe des Willkommens und der Ueberraschung. – Das gab ein Fragen, Antworten und Berichten! Die Abendmahlzeit der Familie, die nur der Heimkehr des Vaters gewartet, der den Gast mitgebracht hatte, mußte Gorgias teilen. Und die frischen Austern und Langusten und was sonst aufgetragen wurde, mundeten dem Städter besser als die üppigsten Festschmäuse der Todesgenossen, zu denen er jetzt durch die Königin öfter herangezogen wurde.
      Was Pyrrhus sprach und von den Söhnen erfragte, war dazu so verständig und betraf Dinge, die dem Gorgias, weil sie ihm fremd waren, so fesselnd erschienen, daß er, als der gute Wein des Dion aufgetragen wurde, versicherte, wenn Pyrrhus ihn aufnehmen wolle, werde auch er sich nach Verfolgern umsehen und sich hierher verbannen lassen.
      Als die drei dann wieder allein vor dem schlichten thönernen Mischkruge saßen, war es dem vereinsamten jungen Paare, als habe der beste Teil des städtischen Lebens, das sie hinter sich ließen, den Weg zu ihm gefunden, und was hatten sie einander nicht alles zu berichten! Dion und Barine von ihrem Einsiedlerleben. Gorgias von der Königin und dem Grabmal, das zugleich eine Schatzkammer war. Dauerhaft, als sei es bestimmt, Jahrtausende zu überdauern und einem kräftigen Angriff zu trotzen, waren die schrägen Mauern gefügt. Den Kern des unteren Stockwerks bildete eine hohe Halle von gewaltigen Dimensionen. In ihrer Mitte sollten die großen Marmorsarkophage aufgestellt werden. An den Reliefdarstellungen, die die Seiten und Deckel zu schmücken bestimmt waren, wurde emsig gearbeitet. Wie ein Wohnraum sollte dieser Saal, dessen leicht gewölbte Decke von drei starken Säulenpaaren getragen wurde, ausgestattet werden. Auch die Ruhebänke, Kandelaber und Opfertische waren schon in Arbeit gegeben. Charmion hatte die Flüchtlinge wohl unterrichtet. In den Kellerräumen, zur Seite der Halle und im oberen Stockwerk, dessen Bau erst nach der Vollendung der Decke begonnen werden konnte, sollten in der That Kammern und unter und neben ihnen Gänge für den Luftzug und die Aufnahme von Brennmaterial angelegt werden.
      Gorgias beklagte, daß er den Freunden die Halle nicht zeigen könne, die vielleicht das Beste und Reichste sei, was er geschaffen. Das edelste Material: brauner Porphyr, schwarzgrüner Serpentin und dunkle Marmorarten wären zur Verwendung gekommen, und die Mosaiken und ehernen Thüren, die der Vollendung entgegengingen, Meisterwerke der alexandrinischen Kunst.
      Das alles vernichtet zu sehen, sei ein furchtbarer Gedanke, unerträglicher aber noch der an seine Bestimmung, die Leiche der Königin bald aufzunehmen.
      Und wieder riß das Entzücken über diese größte und herrlichste der Frauen Gorgias zu enthusiastischen Ergüssen hin, bis Dion auch diesmal das Amt des Entnüchterers übte und Barine von der Mutter, den Großeltern und der Schwester zu hören begehrte.
      Da gab es nur Gutes zu berichten. – Zwar hatte der Baumeister Tag für Tag einen Kampf mit dem greisen Philosophen zu bestehen, der es die Gastfreundschaft mißbrauchen hieß, so lange mit seinem ganzen Volke bei dem jungen Freunde zu wohnen, doch war Gorgias bisher Sieger geblieben, auch gegen Frau Berenike, die ihn und die Seinen in ihr Haus ziehen wollte.
      Kleopatra, erzählte der Architekt weiter, habe dem Didymus Haus und Garten abgekauft und den dreifachen Wert dafür gezahlt. Er sei jetzt ein reicher Mann und habe ihn beauftragt, ihm ein neues Haus zu bauen. Das Grundstück am Meere und in der Nähe der Bibliothek sei gefunden, doch werde das stattliche Bauwerk erst im Sommer beziehbar. Es wäre in der trockenen ägyptischen Luft eher unter Dach zu bringen gewesen, doch hätte es die vielen, meist sehr verständigen Wünsche der Helena zu berücksichtigen gegolten.
      Da schauten sich Barine und Dion bedeutungsvoll an, der Baumeister aber nahm es wahr und rief: »Eure stumme Sprache ist verständlich genug, und daß ich's gestehe, fünf Monate schon scheint Helena mir die begehrenswerteste der Jungfrauen. Ich sehe auch, daß ich ihr etwas gelte. Sobald ich indes 
      ihr, der Königin meine ich, gegenüberstehe und ihre Stimme vernehme, ist es, als verwische ein Sturmwind jeden Gedanken an Helena, und es liegt nicht in meiner Art, wen es auch sei, zu betrügen. Wie kann ich um eine Jungfrau werben, dir ich so hoch halte wie sie, und deren Schwester Du bist, Barine, wenn das Bild einer andern mir die Seele beherrscht?!«
      Da erinnerte Dion ihn an sein eigenes Wort, man liebe die Königin nur wie eine Göttin, und führte, ohne seine Antwort abzuwarten, das Gespräch auf andere Dinge.
      Drei Stunden nach Mitternacht waren vergangen, als Pyrrhus zum Aufbruche mahnte. – Während das schnellste Boot des Fischers den Baumeister endlich in die Stadt zurückführte, frug er sich, ob wohl die Mädchen, die vor der Ehe in störungsloser Zurückgezogenheit lebten, wie Helena, bessere und mit jedem Los gleich zufriedene Hausfrauen würden wie die vielumworbene Barine, die Dion mitten aus dem lebendigsten Treiben der Großstadt in die ödeste Einsamkeit geführt.
      Diesem köstlichen Abend folgte ein Tag der Erregung und schweren Besorgnis; denn das junge Paar hatte vor Beamten des Steuereinnehmers versteckt werden müssen, die dem Pyrrhus einen Teil seines im letzten Jahre Ersparten und die große neue Barke abnahmen, die ihn auf die hohe See führte.
      Die Rüstungen erforderten große Summen, für die Flotte wurde an Fahrzeugen in Anspruch genommen, was sich tauglich erwies, und wie dem Fischer, so erging es der gesamten Bürgerschaft in Stadt und Land.
      Selbst die Tempelschätze wurden eingezogen, und doch konnte jeder sich sagen, daß die großen Summen, die durch diese schonungslosen Erpressungen in den Staatsschatz flossen, der Vergnügungsjagd des Hofes ebenso gut dienten wie der Rüstung des Heeres und der Flotte.
      Dennoch erhob sich kein Aufstand. So groß war die Liebe zu der Königin, so hoch hielt man die Selbständigkeit Aegyptens, so bitter war der Haß gegen die Römer.
      Wie ernst es Kleopatra unter all den ausschweifenden Vergnügungen, von denen sie sich nicht allzu oft ausschließen konnte, mit den Rüstungen nahm, das war auch für die Verbannten von ihrer Klippe aus erkennbar; denn auf allen Werften herrschte Tag und Nacht eine fieberhafte Thätigkeit, und der Hafen füllte sich mit Schiffen. Das Gehen und Kommen von Kriegsfahrzeugen hörte nicht auf. Von der Schlangeninsel aus gab es fortwährend, und oft auch beim Lichte der Sterne, Hebungen der Ruderer und ganzer Geschwader auf der offenen See zuzuschauen.
      Jetzt zeigte sich auch bisweilen ein prächtiges Staatsschiff mit dem Antonius an Bord, der die rasch entstandene Flotte besichtigte, um eine jener zündenden Ansprachen an die neu ausgehobenen Seeleute zu richten, in denen er immer noch ein schwer zu übertreffender Meister. Zu der Bemannung der jüngst fertig gestellten Kriegsschiffe gehörten nunmehr auch zwei Söhne des Pyrrhus, Im April waren sie zum Dienste herangezogen worden, und obgleich Dion dem Vater eine große Summe für ihren Loskauf zur Verfügung gestellt hatte, ließ man sie nicht frei.
      Da gab es in dem zufriedenen Menschenkreise auf der einsamen Klippe Kummer und Thränen genug, und wenn Dionysos und Dionichos einen freien Tag hatten und die Ihren besuchten, ergingen sie sich in Klagen über die grausame Hast, in der die junge Mannschaft eingeübt und bis zur Erschöpfung angestrengt wurde. Sie erzählten von den Bürgers- und Bauerssöhnen, die man ihrem Dorfe, den Eltern und dem Geschäft gewaltsam entrissen habe, um sie als Seeleute auszubilden. Die Empörung sei groß in ihren Reihen, und man leihe den Aufwieglern nur zu gern das Ohr, die erzählten, wie viel besser es die Leute auf den Schiffen des Octavian hatten.
      Pyrrhus beschwor die Söhne, sich vor der Teilnahme an meuterischen Versuchen zu hüten; die Frauen dagegen hätten alles gebilligt, was die Jünglinge von dem harten Dienste zu befreien verhieß, und ihre heitere Frische verwandelte sich in sorgenvolle Betrübnis.
      Auch Barine war nicht mehr wie früher. Sie hatte die frohe und rüstige Beweglichkeit verloren, die Augen schwammen ihr oft in Thränen, und wenn sie geneigten Hauptes dahinschritt, war es, als ob eine schwere Sorge sie bedrücke.
      War es die Glut des April mit seinen Wüstenwinden, die solche Veränderung hervorrief? Hatte sich endlich die Sehnsucht nach der abwechslungsreichen und anregenden Lebensweise von früher ihrer bemächtigt? Begann die Einsamkeit ihr unerträglich zu werden? Genügte die Liebe des Gatten nicht mehr, um ihr so viele preisgegebene Güter zu ersetzen? – Nein! Das konnte es nicht sein; denn mit hingebenderer Zärtlichkeit hatte sie dem Geliebten nie in das Antlitz geschaut, wenn sie an schattigen Stellen in voller Ruhe mit ihm allein war. Unglücklich oder krank war sie, die in solchen Stunden einer Verkörperung des Glücks und Wohlseins glich, gewiß nicht.
      Dion dagegen trug früh und spät das Haupt so hoch und blickte so stolz und selbstbewußt drein, als zeige das Leben ihm sein freundlichstes Gesicht, und doch hatte er vernommen, daß seine Güter mit Beschlag belegt worden seien und daß er es nur dem Archibius und dem Einfluß des Oheims verdanke, daß sein Vermögen noch nicht wie das vieler anderen, dem königlichen Schatz einverleibt worden war. Aber welches Mißgeschick hätte er in dieser Zeit nicht leicht verwunden?
      Ein großes Glück, das allergrößte, das die Himmlischen dem Menschen bescheren, knospte für ihn und sein junges Weib heran, und die Frauen auf dem Eilande nahmen im Mai teil an der sie beseligenden Hoffnung.
      Pyrrhus brachte einen Opferaltar und ein marmornes Bild der Ilythyia, der Geburtsgöttin, die die Römer Lucina nannten, mit aus der Stadt, das seine Freundin Anukis ihm im Namen der Charmion für die junge Frau übergeben hatte. Sie war dabei wieder auf die Schlangen zu reden gekommen, von denen es auf der Nachbarinsel so viele geben sollte, und ihre Frage, ob es schwer sei, sich einzelner lebendig zu bemächtigen, hatte der Freigelassene verneint.
      Das Götterbild und der Altar fanden Aufstellung neben den anderen Heiligtümern, und wie oft salbte Barine und jede der anderen Frauen den Stein!
      Dion gelobte der Göttin, die den hoffenden Frauen beistand, ein schönes Heiligtum auf der Klippe und in der Stadt, wenn sie seines geliebten jungen Weibes gnädig walte.
      Als im Juni die Sonne um Mittag am heißesten brannte, führte der Fischer eines Abends Helena, die jüngere Enkelin des Didymus und Chloris, die Amme des Dion, die schon seiner Mutter eine treue Gehilfin gewesen und später die Sklavinnen seines Hauses beaufsichtigt hatte, auf die Klippe.
      Wie froh und dankbar streckte Barine der Schwester die Arme entgegen. Ihre Mutter hatte sich nur durch die Versicherung, daß ihr Verschwinden die Späher aufmerksam machen würde, zurückhalten lassen. Und die Häscher waren in der That wachsam; denn Marcus Antonius ließ immer noch nach der Sängerin fahnden, der Sachwalter Philostratus hatte das Ausschreiben, das auf die Ergreifung des Dion zwei Talente Belohnung setzte, nicht zurückgenommen, und die Häscher hielten den Palast des Entflohenen wie das Haus der Berenike fortwährend aufmerksam im Auge.
      Der stillen Helena schien es schwerer zu werden, sich in der Einsamkeit zurechtzufinden als der lebhafteren Schwester. Wie deutlich sie auch die Liebe zu erkennen gab, die sie für Barine empfand, versank sie doch oft nachdenklich in sich selbst, und allabendlich ging sie, wenn die Schatten länger wurden, an das südliche Ufer der Klippe und sah nach der Stadt hin, wo die Großeltern, so gut sie auch im Hause des Gorgias aufgehoben waren, ihrer doch wohl entbehrten.
      Acht Tage waren seit ihrer Ankunft vergangen, und das Leben in der Einsamkeit schien ihrem Wesen noch stärker als am ersten und zweiten zu widerstreben; auch mußte die Sehnsucht nach den Großeltern wachsen; denn sie war heute sogar im Brande der Mittagssonne an den Strand gegangen, um einen Blick auf die Stadt zu werfen.
      Wie lieb sie die alten Leute doch hatte!
      Aber Dions Vermutung, die feuchten Augen, womit Helena heute in der Dämmerzeit zu ihnen eingetreten war, hätten einem jüngeren Bewohner der Großstadt gegolten, schien doch, trotz des unwilligen Widerspruchs seiner Gattin, das Rechte getroffen zu haben; denn um weniges später ließen sich vor dem Hause helle Stimmen vernehmen, und als ein tiefes, herzliches Lachen laut wurde, sprang Dion auf und rief der Gattin zu: »So lacht nur Gorgias, wenn ihm etwas ganz Besonderes begegnet.«
      Damit eilte er hinaus und hielt Umschau, doch es gab trotz des hellen Mondenscheins nichts mehr zu sehen als den Vater Pyrrhus, der zu dem Ankerplatze zurückging.
      Aber das Ohr des Dion war scharf, und von der andern Seite des Hauses her meinte er gedämpfte Stimmen zu hören. Ungesäumt folgte er ihnen, und als er die Ecke des Bauwerks umgangen hatte, blieb er überrascht stehen und rief, als dicht vor ihm ein leiser Aufschrei erscholl: »Guten Abend, Gorgias. Auf später! Ich will nicht stören.«
      Wenige rasche Schritte führten ihn zu Barine zurück, und während er ihr ins Ohr raunte: »Draußen im Mondenschein sah ich Helena an der Brust des Gorgias die Sehnsucht nach den Großeltern stillen,« klatschte sie in die Hände und sagte lächelnd: »So geht in dieser Einöde die gute Lebensart verloren. Ein liebendes Paar bei der ersten Begegnung stören! Doch Gorgias hat es mit uns beiden mitten in Alexandria ebenso gehalten, und das ist ihm nun heimgezahlt worden.«
      Mit der Verlobten am Arme betrat der Baumeister bald darauf das Gemach. Von Stunde zu Stunde hatte er Helena schwerer entbehrt und es am achten Tage unmöglich gefunden, des Lebens Last ohne sie weiter zu tragen. Jetzt versicherte er, mit gutem Gewissen als Werber vor die Mutter und die Großeltern getreten zu sein; denn schon am dritten Tage nach der Abreise der Helena habe sich das Verhältnis zwischen ihm und der Königin geändert. In Gegenwart der Kleopatra sei ihm nämlich das Bild der Enkelin des Didymus noch lebhafter vor die Seele getreten als früher angesichts der Helena das der trotz alledem unvergleichlichen Majestät. Eine Sehnsucht wie diejenige, die ihn in den letzten Tagen gequält, habe er dazu bis dahin nur aus der Dichtung gekannt.
    



      Einundzwanzigstes Kapitel
      Diesmal war es dem Baumeister nur vergönnt, wenige Stunden auf der Schlangeninsel zu verleben; denn in der Stadt begann es sehr ernst auszusehen, und auch bei Nacht wurde der Bau des Grabmals gefördert. Das Innere des ersten Stockwerks ging der Vollendung entgegen, und der Rohbau des zweiten schritt vorwärts. Aber auch das Erdgeschoß erforderte noch Arbeit in Fülle. Wie dies, sollte das Ganze ein vollendetes Kunstwerk werden. Die Mosaicisten, die den Fußboden der großen Halle herstellten, hatten sich selbst übertroffen. Auf die Bildhauerarbeiten für die Wände konnte nicht mehr gewartet werden. Wohin eigentlich Reliefs in Bronzeguß gehörten, sollten einstweilen Platten von polirtem schwarzem Marmor kommen; denn die größte Eile that not.
      Octavian hatte sich bereits Pelusium genähert, und wenn Seleukus, der Befehlshaber der Besatzung, die starke Festung auch lange hielt, konnte doch schon in der nächsten Woche ein Teil des feindlichen Heeres vor Alexandria erscheinen.
      Uebrigens stand eine Achtung gebietende Streitmacht zu seinem Empfange bereit. Die Flotte schien der des Feindes gewachsen, die Reiterei, die Antonius gestern an der Königin vorüber geführt hatte, mußte auch das Auge des Kenners erfreuen, und der Imperator hoffte viel von den Kriegern, die in früheren Tagen unter ihm gedient, die seine Großmut und offene Hand im Glücke kennen gelernt und die ereignisreichen Tage schwerlich vergessen hatten, in denen er Gefahr und Entbehrung willig und heiter mit ihnen geteilt.
      Helena blieb auf der Klippe zurück, und ihre Sehnsucht nach dem alten Paare hatte sich beträchtlich gemildert. Wach und hilfsbereit rührte sie die Hände, und ihr heiterer Blick bewies, daß das einsame Inselleben ihr seine Reize zu erschließen beginne.
      Ueber den jungen Gatten war dagegen große Unruhe gekommen. Er verbarg sie vor den Frauen; der alte Pyrrhus aber hatte oft Mühe, ihn von einer Fahrt in die Stadt zurückzuhalten, die so nahe vor der letzten Entscheidung die Frucht langer Ausdauer und Entbehrung in Frage stellen konnte. Oft schon hatte Dion mit der Geliebten ein Schiff besteigen wollen, um eine große Stadt in Syrien oder Griechenland auszusuchen, doch immer neue, schwerwiegende Bedenken hatten ihn davon zurückgehalten. Besonders bedrohlich erschien, daß jedes Fahrzeug aufs gründlichste untersucht wurde, bevor es den Hafen verließ, – und es war unmöglich, ihm den Rücken zu wenden, ohne die schmale Straße im Osten des Pharus oder den Durchgang im Heptastadium zu passiren, die beide leicht zu bewachen waren. Aus der reifen Gelassenheit, die den jungen Ratsherrn sonst auszeichnete, war fieberhafte Unruhe geworden, und auch das Herz des treuen alten Warners hatte das Gleichgewicht verloren; denn der Zusammenstoß der Flotte, auf der seine Söhne dienten, mit der des Octavian war bald zu erwarten.
      Tief erregt kam er eines Tages aus der Stadt zurück. Pelusium sollte gefallen sein.
      Als er die Klippe bestieg, fand er dort alles still. Niemand, auch nicht Dione, empfing ihn.
      Was war hier vorgegangen?
      Hatte man die Verborgenen entdeckt und sie und die Seinen in die Stadt, ins Gefängnis, vielleicht in die Steinbrüche geschleppt?
      Totenbleich, doch gefaßt und aufrecht schritt er dem Hause entgegen. Er verdankte dem Dion und seinem Vater das höchste Lebensgut, die Freiheit, und die Grundlage zu allem, was er sonst noch besaß. Aber hatten seine Befürchtungen wirklich das Rechte getroffen, war er ein beraubter Mann, so durfte er doch, selbst als vereinsamter Bettler, fortfahren, der Freiheit zu genießen. Wenn er für denjenigen, durch den er sein Bestes besaß, das übrige preisgeben mußte, lag es ihm ob, es geduldig zu tragen.
      Es war noch hell.
      Auch als er dem Hause ganz nahe gekommen war, traf kein Laut sein Ohr, außer dem Freudengeheul seines großen Wolfspackers Argus, der an ihm aufsprang.
      Jetzt legte er die Hand auf das Schloß der Thüre; – doch von innen her ward sie aufgestoßen.
      Dion hatte ihn kommen sehen, und hingerissen von der neuen Glückseligkeit, mit der dieser Tag ihn gesegnet, fiel er dem treuen Manne stürmisch an die Brust und rief: »Ein Knabe, ein herrlicher Knabe! – Wir nennen ihn Pyrrhus.«
      Da rannen dem Freigelassenen helle Thränen in den grauen Bart, und als seine alternde Gefährtin ihm mit dem Finger auf dem Munde entgegenkam, raunte er ihr mit zitternder Stimme zu: »Als ich sie brachte, da fürchtetest Du, die Städter zögen uns mit ins Verderben; – aber Du empfingst sie trotzdem, wie sich's gebührt, und – Pyrrhus soll er heißen – und nun! – Was that ich geringer Mann, daß mir so Großes, so Schönes zu teil wird?«
      »Und ich, ich!« schluchzte die Fischersfrau auf. »Und das Kind, das herzige Würmchen!«
      Diesem Tage der sonnenhellen Glückseligkeit folgten andere der stillen Herzensfreude, der reinsten Lust und zugleich der schwersten Besorgnis. Sie brachten auch manche Stunde, in der Helena Gelegenheit fand, ihre Umsicht zu bewähren, und die alte Chloris und die Fischersfrau standen ihr dabei mit ihrer Erfahrung zur Seite.
      Eine lieblichere junge Mutter als Barine, ein schöneres Kind als den kleinen Pyrrhus meinten alle bis hin zu dem Graubart, dessen Namen er trug, nicht gesehen zu haben; den Dion aber hielt es nicht mehr auf der Klippe.
      Tausend Dinge, die ihm bis dahin unbedeutend vorgekommen waren und die er hatte gehen lassen, erschienen ihm jetzt wichtig und seines persönlichen Eingreifens bedürftig. Er war Vater, und aus jeder Versäumnis konnte seinem Sohne Schaden erwachsen.
      Braun gebrannt, wie er jetzt war, und mit dem lang gewachsenen Haare und Barte, bedurfte es nur geringer Nachhilfe, um ihn auch für Freunde unkenntlich zu machen. In den Kleidern, die er schon lange trug, mußte ihn, dessen feine Hände zudem auf der Werft schwielig geworden waren, wohl jeder für einen wirklichen Fischer halten.
      Es war vielleicht thöricht, doch der Drang, sich der Mutter Barines, den Großeltern, dem Gorgias als Vater zu zeigen, erschien ihm für sich wert, einer geringen Gefahr zu trotzen, und so fuhr er, ohne Barine, die schon wieder im Zimmer umherging, von seiner Absicht zu unterrichten, nach Untergang der Sonne des letzten Julitages in die Stadt.
      Daß Octavian östlich von Alexandria beim Hippodrom lagere, war ihm bekannt. In den weißen Erhebungen, die dort entstanden waren, hatte man auch von der Schlangeninsel aus Zelte erkannt. Am Nachmittage war Pyrrhus mit der Nachricht heimgekehrt, Antonius habe die Reiterei des Octavian mit der seinen geschlagen. Und diesmal durfte man der Siegesbotschaft trauen; denn der Palast auf der Lochias war festlich beleuchtet, und als Dion landete, ging es lebhaft her auf dem Quai. Einer rief dem andern zu, es stehe alles zum besten. Marcus Antonius sei wieder der Alte geworden. Wie ein Held habe er sich geschlagen.
      Viele, die ihm gestern noch geflucht, mischten heute ihre Stimmen in die Evoërufe, die für den neuen Dionysus erklangen, der seine Gottheit wieder bewähre.
      Im Hause des Gorgias fand der späte Gast die Großeltern allein. Sie waren schon längst von dem neuen Glücke der Enkelin unterrichtet. Jetzt freuten sie sich mit Dion und wollten sogleich ihren Gastfreund und künftigen Sohn rufen lassen, der sich an einer Versammlung der Epheben der Stadt beteiligte, obgleich er ja längst nicht mehr zu ihnen gehörte. Aber Dion wünschte ihn unter den Jünglingen zu begrüßen, die den Baumeister eingeladen hatten, um ihnen bei der Entscheidung der Frage, wie sie sich während dieses Kampfes zu verhalten hätten, ratend zur Seite zu stehen.
      Doch er brach nicht gleich von dem alten Paare auf; denn er erwartete noch zwei Besuche: die Mutter Barines und die nubische Dienerin der Charmion, die seit der Geburt des kleinen Pyrrhus jeden Abend bei dem Philosophen vorsprachen. Jene, um sich zu erkundigen, ob der Tag nichts Neues über Mutter und Kind gebracht habe, diese, um Briefe abzuholen, die sie, die Vermittlerin, am nächsten Morgen auf dem Fischmarkt ihrem Freunde Pyrrhus oder seinem Sohne übergab.
      Zuerst erschien Anukis. Durch einen kurzen Glückwunsch erleichterte sie das teilnehmende Herz; so gern sie aber auch aus dem Munde des Dion selbst Näheres über die ihr teure junge Mutter gehört hätte, unterdrückte sie doch auch diesmal den eigenen Wunsch, um im Sinne der Herrin zu handeln. So schnell es anging, begab sie sich darum zu Charmion zurück und meldete ihr die Ankunft des unerwarteten Gastes.
      Frau Berenike genoß die neue großmütterliche Würde mit dankbarer Freude, doch kam sie diesmal gebeugt von einer schweren Besorgnis, die nicht nur ihrer getrübten Einbildungskraft den Ursprung verdankte.
      Ihr Bruder Arius verbarg sich mit seinen Söhnen im Haus eines Freundes; denn sie schienen ernstlich bedroht. Bisher hatte Antonius dem Philosophen großmütig die nahen Beziehungen nicht verübelt, in denen er zu Octavian stand; nun aber Octavian vor der Stadt lagerte, wurde das Haus des Mannes, der dem Feinde während seiner Studienzeit der Mentor, der Berater und später ein hochgeschätzter Freund gewesen war, auf Befehl des Mardion von Scythen bewacht. Ihm und den Seinen war untersagt worden, die Stadt zu betreten, und die Flucht zu dem Freunde hatte in der Nacht und unter schwerer Gefahr bewerkstelligt werden müssen.
      Die ängstliche Frau befürchtete das Schlimmste für den Bruder, wenn Marc Anton die Oberhand behielt, und doch wünschte sie der Königin von ganzem Herzen den Sieg. Sie, die stets das Ungünstigste erwartete, sah im Geiste das Kriegsglück sich wenden, – und es fehlte dafür nicht an Grund; denn der kühne Reitergeneral, der so viele Siege erfochten und den das Mißgeschick von Actium nur schwer niedergebeugt hatte, sollte die alte Spannkraft zurückgewonnen haben. Heldenmütig wie in früheren Tagen, ja mit verwegenem Ungestüm war er an der Spitze seiner Reiter dem Feinde entgegengesprengt. Von seinem mächtigen Rappen aus sollte er das große Schwert mit so furchtbaren Streichen geschwungen haben wie vor fünfundzwanzig Jahren, als er den Archelaus unweit der nämlichen Stelle aufs Haupt geschlagen. Daß er in der goldenen Rüstung mit dem Helm auf dem bärtigen Haupte seinem Ahnherrn Herakles geglichen habe, wurde auch von Charmion bestätigt, die von einem Gespanne der Königin schnell hieher geführt worden war. Kleopatra konnte ihrer bald bedürfen, und doch hatte sie sich von der Lochias losgemacht, um von dem Vater selbst mancherlei, was ihr am Herzen lag, über die junge Mutter und den Knaben zu erfragen, der ihr schon als der erste Enkel des Mannes teuer war, dessen Werbung sie zwar zurückgewiesen hatte, dem sie aber das köstliche Bewußtsein verdankte, in der Blütenzeit des Lebens geliebt zu haben und geliebt worden zu sein.
      Dion fand sie verändert. Die schweren Monde, die sie in dem Briefe an Barine geschildert, hatten ihr das ergrauende Haar vollends gebleicht, die Wangen waren ihr eingefallen, und eine tiefe Falte zwischen Mund und Nase verlieh ihrem freundlichen Antlitz einen schmerzlichen Ausdruck. Dabei schien sie vor kurzem geweint zu haben, und in der That lagen herzerschütternde Vorgänge dicht hinter ihr.
      Während es auf der Lochias hoch hergegangen war, hatte sie sich von dort weggestohlen ...
      Der Sieg des Antonius wurde gefeiert.
      Er selbst leitete das Gelage. Wieder war er an Haupt und Brust mit einer Fülle von frischem Laub und prächtigen Blumen bekränzt. Neben ihm ruhte Kleopatra in lichtblauen, mit Lotosblumen geschmückten Gewändern, die wie die kleine Krone auf ihrem Haupte von Saphiren und Perlen strotzten. Charmion versicherte, sie selten schöner gesehen zu haben. Doch – das verschwieg sie – die blutlos fahlen Wangen der Kleopatra hatten künstlich gerötet werden müssen.
      Es war rührend mit anzusehen gewesen, wie Antonius sie nach der Rückkehr aus der Schlacht, noch in der Rüstung, so freudig ans Herz geschlossen hatte, als habe er sie sich zurückerkämpft und zugleich mit der geschwundenen Heldenkraft auch sie und ihre Liebe wiedergefunden.
      Und auch ihr hatte das Glück sonnenhell aus den Augen gestrahlt. Den Reiter, der wegen seiner besonderen Tapferkeit ihr vorgeführt worden war, hatte sie in der Bewegung ihres Herzens mit einem Helme und Panzer von lauterem Golde beschenkt.
      Doch bevor noch das Festmahl begann, war sie gezwungen worden, sich selbst zu bekennen, daß der Anfang des Endes dennoch beginne; denn wenige Stunden nachdem sie diesen Reiter so großmütig beschenkt, war er zum Feinde übergelaufen. Dann hatte Antonius den Octavian zum Zweikampfe herausfordern lassen und die kühle Antwort erhalten, es stünden ihm viele Wege in den Tod offen.
      Das war die Sprache des kaltherzigen, der Uebermacht sicheren Feindes. Wie traurig hatte sie auch die Hoffnung betrogen, die alten Streiter, die unter dem Antonius gedient, würden auf seinen ersten Ruf den neuen Kriegsherrn verlassen und ihm scharenweise entgegeneilen; denn alle Versuche ihres Gatten, die dahin zielten, waren trotz der hinreißenden Macht seiner Beredsamkeit gescheitert, während jede Stunde die Nachricht vom verräterischen Abfall einzelner Krieger und ganzer Manipeln seines Heeres brachte. So gewiß schien der Feind seiner Sache, daß er den Versuchen des Marc Anton, die Soldaten durch Versprechungen für sich zu gewinnen, nicht einmal wehrte.
      Nach alledem sah Kleopatra jetzt mit voller Sicherheit in dem Siege des Geliebten nur noch das letzte Aufflackern des verlöschenden Feuers; aber so lange es brannte, sollte er sie seinem Lichte folgen sehen. So hatte sie denn die Festhalle mit dem Sieger von heute betreten. Sie war Zeuge eines seltsamen Gastmahls geworden. Mit Thränen hatte es begonnen und Kleopatra an das Wort erinnert, sie selbst gleiche einem Siegesfeste vor der gewonnenen Schlacht.
      Die Mundschenken waren kaum mit den goldenen Krügen den Gästen näher getreten, als Antonius sich ihnen mit dem Rufe zugewandt hatte: »Wacker eingegossen, ihr Leute, morgen dient ihr vielleicht schon einem andern Herrn!«
      Dann war er, ganz entgegen seiner Art, nachdenklich geworden und hatte vor sich hin gemurmelt: »Ich liege dann wohl draußen als ein Leichnam, ein elendes Nichts!«
      Lautes Schluchzen der Schenken und Diener war diesen Worten gefolgt; er aber hatte ihnen gelassen zugeredet und verheißen, sie nicht mit in einen Kampf zu nehmen, von dem er weit mehr für sich einen ruhmvollen Tod erwarte als Rettung und Sieg.
      Da waren auch der Königin die Augen übergeflossen. Hatte dieser zügellose Genußmensch, der ruchlose Verschwender und Unruhestifter mit den begehrlichen, unersättlichen Sinnen auch bittere Feindschaft erweckt, so warme Liebe von so vielen war doch wenigen zu teil geworden. Und ein Blick auf seine Heroengestalt, ein Gedanke an die Zeit, in der auch die Feinde ihm nachsagten, daß er nie größer sei als angesichts der schwersten Gefahr, nie fähiger, die Hoffnung auf bessere Zeit auch in anderen froh zu erwecken, als mitten unter den schwersten Entbehrungen, ein Hinhören auf die tiefen Laute der metallenen Stimme des Redners, die so oft aus dem Herzen kam und darum die Herzen mit so unwiderstehlicher Macht gewann, eine Reihe von Erinnerungen an die heitere Offenheit seines Gemütes und seine grenzenlose Großmut erklärten zur Genüge die Klagen, die bei jenem Mahle erschollen, die Thränen, die dabei flossen, und die allesamt echt waren. Auch der schönen königlichen Frau hatten sie gegolten, die dem Gemahle, ohne der Anwesenden zu achten, die edle Stirn mit der Perlenkrone an die gewaltige Schulter schmiegte.
      Aber die Trauer hatte nicht lange gedauert, und als Marc Anton mit dem Rufe: »Fort jetzt mit dem Harm! Wir brauchen die Larva nicht 
      Bei den Gastmählern der Aegypter wurde eine kleine Figur in Gestalt einer Mumie herumgereicht, die die Gäste erinnern sollte, daß sie bald wie diese sein und keine Zeit mehr haben würden, sich des Lebens und seiner Genüsse zu freuen. Die Römer ahmten dies nach, indem sie die Larva, eine Statuette, gewöhnlich in Gestalt eines Gerippes, beim Schmause unter den Zechgenossen die Runde machen ließen. Der Schönheitssinn der Griechen machte aus diesem häßlichen Schreckbilde einen geflügelten Genius.. Auch ohne sie wissen wir, daß es bald aus sein wird mit der Lust! Ein frohes Festlied, Xuthus! Und Du, Metrodor, den Tänzern voran! Der erste Becher der Schönsten, der Besten, der Klügsten, der Liebenswertesten, der am heißesten Geliebten!«
      Damit hatte er den Pokal hoch aufgeschwungen, der Flötenspieler Xuthus dem Chore gewinkt, der sein Lied begleitete, und der Tänzer Metrodor sich als Schmetterling einer Schar von lieblichen Mädchen vorangeschwungen, die mit dem Gewölk der weiten Gewänder von durchsichtigem farbigem Bombyx, die sie bauschig umflossen, das anmutigste Spiel trieben und, bald wie von Nebeln umwallt, bald wie von Flügeln fortgetragen, dem entzückten Auge die köstlichste Abwechslung boten.
      Die Todesgenossen waren wieder Freudengefährten geworden, und als Charmion, die die Gebieterin nicht aus den Augen verloren und das schmerzliche Zucken, das ihr das Antlitz bewegte, wahrgenommen, sich aus dem Kreis der Gäste fortgeschlichen hatte, war die treue Nubierin ihr entgegengekommen; um die Ankunft des Dion zu melden.
      Da war sie – doch das verschwieg sie den Freunden – in ihre Wohnung geeilt, um sich zum Ausgange zu rüsten, und da Iras eben die Thür geöffnet hatte, um sich in ihre Gemächer zu begeben; war sie ihr nachgefolgt, um wegen des Nachtdienstes bei der Königin mit ihr zu reden. Aber die Nichte hatte ihr Kommen nicht bemerkt; denn von krampfhaftem Schluchzen erschüttert, hatte sie eben das Antlitz in das Polster einer Ruhebank gedrückt und dort dem wilden Schmerze, der ihr die Seele erschütterte, gestattet, mit der vollen Heftigkeit ihrer leidenschaftlichen Natur sich auszutoben. Da hatte Charmion sie angerufen und, selbst weinend, ihr die Arme geöffnet, und seit ihrer Heimkehr von Actium war die Tochter ihrer Schwester ihr zum erstenmal wieder an die Brust gesunken, und sie hatten sich lange umschlungen gehalten, bis dem Rufe der Charmion: »Mit ihr, für sie bis in den Tod!« die Antwort der Iras nachgeklungen war: »Bis in das Grab!«
      Das war ein Wort gewesen, das der Jugendgespielin der Frau, die da unten blutenden Herzens an dem rauschenden Gelage übermütiger Zecher teilnahm, schon in mancher stillen Nachtstunde die Seele bewegt und die Frage nach sich gezogen hatte: »Ist Dein Geschick nicht an das ihre gekettet? Was kann Dir das Leben noch ohne sie bieten?«
      Jetzt war dies Wort ihr vernehmbar aus dem Munde einer andern entgegengetönt, und wie ein Echo des Rufes der Iras hatte die Versicherung Charmions sich angehört: »Bis in den Tod wie Du, wenn sie uns vorangeht. Was dem Sterben auch folgt, des Herzens und der Hände der Charmion soll sie nirgends entbehren.«
      »Und der Liebe und der Dienste der Iras gewiß nicht,« hatte die Gegenversicherung gelautet.
      So waren sie geschieden, und die Erregung dieses bedeutungsvollen Augenblicks malte sich noch in den Zügen des alternden Mädchens, das einst der königlichen Jugendgefährtin seine Liebe geopfert und ihr nun auch das Leben verschrieb.
      Als sie im Hause des Gorgias Abschied nahm von den Freunden, drückte sie dem Dion mit warmer Innigkeit die Hand und teilte ihm, während er sie an den Wagen begleitete, mit, Archibius habe vor dem ersten Zusammenstoße der Truppen die königlichen Kinder von hier fort auf sein Gut Irenia geführt. Da wären sie jetzt bei ihm.
      »Eine schwerere Stunde,« schloß sie, »als da ich die Königin zerrissenen Herzens Abschied von ihnen nehmen sah, war ich selten zu durchleben verdammt. Was steht den teuren Wesen bevor, die des reichsten Glückes so würdig wären? Die Zwillinge und den kleinen Alexander anerkannt und gesichert vor Tod und Unbill und Deinen Knaben auf dem Arme der Barine zu sehen, das ist das letzte, was ich mir noch wünsche.«
      Auf der Lochias hatte Charmion noch lange zu warten, bevor die Königin sich zur Ruhe begab. Sie fürchtete sich vor der Stimmung, in der sie das Gastmahl verlassen würde; denn schon seit Monden kam Kleopatra niedergeschlagen, bis zu Thränen bewegt oder in heller Entrüstung von den Gelagen der Todesgenossen zurück. Wie mußte dies, das letzte, das so traurig begonnen hatte und einem so übermütigen Fortgang entgegeneilte, auf sie wirken?
      Endlich in der zweiten Stunde nach Mitternacht erschien Kleopatra.
      Charmion meinte, sie sei von einer Täuschung befangen; denn die Augen der Königin, die, als sie sie verlassen hatte, von Thränen übergeflossen waren, leuchteten jetzt in glückselig heiterem Glanze, und als die Freundin ihr die Krone vom Haupte löste, rief sie: »Warum verschwandest Du so früh von dem Feste? Vielleicht war es das letzte; aber eines schönern erinnere ich mich nicht! Wie in den Frühlingstagen unserer Liebe ist es gewesen. Einem steinernen Bildnis hätte Marc Anton das Herz bewegt mit jenem Gemisch von männlicher Kühnheit und demütiger Hingabe, dem kein Weib widersteht. Wie damals schrumpften die Stunden zu Augenblicken zusammen. Wir waren wieder jung, wieder eins. Hier auf der Lochias in der heutigen Nacht weilten wir bei einander und doch in fernen Zeiten und an anderen Stätten. Was die Sänger sangen, die Musiker spielten, die Tänzer dem Blicke boten, für uns war es verloren. In eine sonnige Zauberwelt schwangen wir uns Hand in Hand zurück, und das Märchenspiel im Reiche der Glückseligen, das sich da vor uns in blendender Pracht und wonniger Lust abspielte, es war der Traum, den ich als Kind am liebsten träumte, und zugleich der wonnigste Teil des Lebens der Königin von Aegypten.
      Vor der Thür des Epikuräergartens begann es. Aus dem Kydnosstrome nahm es den Fortgang. Ich sah mich wieder auf dem goldenen Schiffe von Blumenketten umstrickt, auf dem purpurnen Lager mit Rosen rings um mich her und unter den im Edelsteinschmuck blitzenden Füßen. Ein sanfter Windhauch blähte das seidene Segel, die Gefährtinnen ließen rings um mich her die hellen Stimmen zum Saitenspiele erschallen, den süßen Wohlgeruch, der uns umwehte, trug der Zephyr an das Ufer und hauchte ihm die Botschaft zu, daß ihm die hohe Seligkeit jetzt nahe, von der er gewähnt, ihr Genuß sei den Himmlischen allein vorbehalten. Und wie mir sein Herz entgegenschlug und seine berauschten Sinne zitternd nach mir verlangten, so – er bekannte es – so geschah es auch seinem Geiste, sobald er dem meinen begegnete. Glückselig fühlten wir uns beide von Banden umschlungen, die nichts, auch nicht das Mißgeschick, zu lösen vermochte. Er, der Beherrscher des Erdrunds, war überwunden, und es bereitete ihm Wonne, den Winken der Siegerin zu folgen, weil er empfand, daß sie, vor der er sich beugte, seine gehorsame Sklavin. Und das alles, kein Zauberbecher hatte es bewirkt! Wie befreit von dem beängstigenden Wahnbilde, das – hatte es auch das Feuer zerschmolzen – mir die Seele bis vor wenigen Stunden am schwersten bedrückte, atmete ich wieder auf. Keine magische Kunst, nur die Gaben des Leibes und der Seele, die die besiegte Siegerin, die das Weib Kleopatra der Gunst der Himmlischen verdankte, hatten seine hohe Mannheit gezwungen, sich ihr zu ergeben.
      Vom Kydnos führte er mich hieher und in die seligen Tage, die es uns auf dem Boden meines Alexandria zu verschwelgen vergönnt war. Tausend sonnenhelle Stunden, singende und klingende Wogen, die längst mit dem Strome der Zeit von dannen rauschten, weckte er zu neuem Leben, und ich, ich that das Gleiche, und unsere Erinnerungen schmolzen ineinander. Was wir an unvergeßlichen Stunden durchlebt, wenn wir in tollem Uebermut uns unerkannt unter das fröhliche Volk mischten, was uns in olympischer Lust das Herz hoch aufschwang, wenn uns der Jubel von Tausenden umjauchzte, was uns im einsamen Gemache Geist und Sinne mit den Wonnen der Seligen gesättigt, was uns von den Kindern aus zufloß an beglückendem, reinem Nektar der Seele, das alles zeigten und schenkten wir einander wieder, und keins wußte, wer der Gebende sei oder der Empfänger. Wie ausgelöscht erschien das Dunkle, das Schmerzliche, – und der Kindertraum, das von der Einbildungskraft gewobene Märchen, als Wirklichkeit stand es mir vor der Seele, als die nämliche Wirklichkeit, – ich wiederhole es – die ich mein vergangenes Leben nenne.
      Und, Charmion, wenn morgen der Tod kommt, brauche ich dann zu sagen, daß er zu früh kam, daß er mich abrief, bevor er dem Dasein gewährte, mir die höchsten seiner Gaben zu schenken? Nein, nein und abermals nein! Wer in der letzten Stunde sich sagen darf, der schönste seiner Kinderträume sei überboten worden durch einen langen Abschnitt des eigenen Lebens, der preise sich glücklich, sei es auch in der tiefsten Not und am Rande des Grabes!
      Das Verlangen, die erste und höchste unter den Frauen ihrer Zeit zu werden, das schon das Herz der jungen Schülerin bewegt hatte, es wurde erfüllt. Die heiße Sehnsucht nach Liebe, die mir schon damals das ganze Wesen durchglühte, das liebende Weib, die Mutter, die Königin sah sie befriedigt, und damit auch die Freundschaft mir gewähre, was sie nur immer vermag, dafür ließ die Gunst des Schicksals meinen Archibius, Deinen Bruder sorgen, meine Charmion und Iras.
      So mag nun kommen, was will. Dieser Abend lehrt mich, daß das Leben mir hielt, was es versprach. Aber auch anderen soll gestattet sein, der glänzendsten der Königinnen, der am heißesten geliebten aller Frauen gern zu gedenken. Ich sorge dafür; denn das Grabmal, das Gorgias mir erbaut, wie eine unzerstörbare Mauer stellt es sich zwischen die Kleopatra, die heute noch mit stolzem Selbstgefühl diese Krone trägt, und die drohende Demütigung und Schande.
      Jetzt will ich schlafen gehen. Bringt das Erwachen Niederlage, Jammer und Tod, ich habe keinen Grund, mein Geschick zu beklagen. Nur eins wollte es mir nicht gönnen: die schmerzlose Ruhe, die das Kind und die werdende Jungfrau als höchstes Gut erkannten; doch auch sie soll der Kleopatra werden. Das Reich des Todes, das, wie die Aegypter sagen, das Schweigen liebt, es öffnet mir die Thore. Die stillste Ruhe, auf seiner Schwelle beginnt sie, und wo sie aufhört, wer weiß es? Der Blick des Geistes reicht nicht weit genug, um die Grenze zu erspähen, bei der sie am Ende der Ewigkeit, die ja endlos ist, von etwas anderem verdrängt wird.«
      Damit hatte die Königin der Freundin gewinkt, sie in das Schlafgemach zu begleiten.
      Von ihm aus führte eine Thür in das der Kinder, und ein unwiderstehlicher Trieb zwang sie, sie zu öffnen und in den leeren, dunklen Raum zu schauen.
      Da fühlte sie, wie es ihr kalt durch die Adern rieselte. Einer der Zofen, die ihr folgten, nahm sie die Leuchte aus der Hand und trat auf die Lagerstätte des kleinen Alexander zu. Sie war leer und verlassen wie die anderen. Das erhobene Haupt sank ihr auf die Brust; die mutige Fassung, die dem Rückblick auf das vergangene Leben gefolgt war, hielt nicht mehr stand, und wie das üppige Schwelgen des Himmels in den lichtesten Farben, wie das Abendglühen plötzlich der Nacht weicht, so begab sich in der Seele Kleopatras nach dem hohen Aufschwung der letzten Stunden eine jähe Wandlung, und von tiefer, schmerzlicher Niedergeschlagenheit ergriffen, warf sie sich vor dem Bette der Zwillinge nieder. Dort blieb sie lange leise weinend liegen, bis Charmion sie, als der Tag zu dämmern begann, ermahnte, zur Ruhe zu gehen. Da erhob Kleopatra sich langsam, trocknete die Augen und sagte: »Vorhin schien mir das Leben, das hinter mir liegt, wie ein prächtiger Garten. Aber wie viele Schlangen streckten mir eben die platten Köpfe mit den blitzenden Augen und gespaltenen Zungen entgegen! Wer riß die Blumen zur Seite, unter denen sie verborgen gelegen? Ich meine, Charmion, es war die geheimnisvolle Macht, die ja hier bei den Kindern sich noch der kleinsten wie der stärksten Regung gegenüber so gewaltig bethätigt, – es war – wann hörte ich dies unheimliche Wort zum letztenmal nennen? – es war das Gewissen. Hier, an dieser Heimstätte der Unschuld und Reinheit fällt scharf ins Auge, was einem Flecken gleich sieht. – Hier ... O Charmion ... Wären die Kinder doch hier! – Dürfte ich doch ... Aber nein, nein! Es ist gut, ist sehr gut, daß sie fort sind! Stark muß ich bleiben, und ihre holde Anmut bräche mir die Kraft. Aber es wird heller und heller. Kleidet mich an für den Tag. Eher fänd' ich wohl Schlaf in einem zusammenstürzenden Hause, als mit solchem Aufruhr im Herzen.«
      Während man ihr darauf die dunklen Gewänder, die sie bezeichnet hatte, anthat, erscholl im königlichen Hafen unter ihr laut und vielfach der Ruf der Tuba und der Signale, die die Flotte und das Landheer, von dem ein großer Teil schon in der Nacht auf die dem Meere benachbarten Hügel geführt worden war, zur Aufstellung riefen.
      Das klang kriegerisch und kühn. Die wohlbewehrten Schiffe da unten boten einen stattlichen Anblick. Wie oft hatte Kleopatra Unerwartetes eintreten, scheinbar Unmögliches möglich werden sehen. Der Sieg des Octavian bei Actium, war er nicht auch wie ein Wunder gewesen? Wenn das Schicksal nun wie ein launischer Herrscher Ungunst mit Gunst vertauschte? Wenn Antonius sich heute als Held bewährte wie gestern und als Feldherr wie so oft in früheren Tagen?
      Sie hatte es abgelehnt, ihn vor dem Beginn der Schlacht wiederzusehen, um ihn nicht von der großen Aufgabe abzuleiten, deren Lösung ihm bevorstand. Als sie ihn jetzt aber auf dem feurigen Berberhengst in glänzender Rüstung, dem Kriegsgotte selbst ähnlich, an den Truppen vorbeireiten und sie mit jenen großen, heiteren Winken begrüßen sah, deren warme Freundlichkeit aus dem Herzen kam, und die die Krieger schon so oft zu heller Begeisterung entflammt hatten, mußte sie sich Gewalt anthun, um ihn nicht zu sich zu berufen und ihm zu sagen, daß ihre Gedanken ihm folgten.
      Aber sie unterließ es, und als sein Purpurmantel ihr aus den Augen schwand, senkte sie wieder das Haupt. – Wie ganz anders hatte in früheren Tagen der Zuruf der Krieger geklungen, wenn er sich ihnen zeigte! Diese laue Antwort auf seinen frohgemuten, warmherzigen Gruß war kein Vorzeichen des Sieges.
    



      Zweiundzwanzigstes Kapitel
      Auch Dion wurde Zeuge des Ausmarsches der Truppen. Gorgias, den er unter den Epheben gefunden hatte, begleitete ihn, und wie die Königin, so sahen auch sie in der zurückhaltenden Weise, mit der das Heer den Feldherrn begrüßte, ein übles Vorzeichen für den Ausgang der Schlacht.
      Den Jünglingen hatte der Baumeister den Dion als den Genius eines Verstorbenen vorgestellt, der, sobald man ihn nach dem Woher und Wohin fragte, gezwungen sei, in Gestalt einer Fliege das Weite zu suchen. Er hatte dies wagen dürfen; denn er kannte die Epheben, und in ihrer Mitte gab es keinen Verräter.
      Wie ein geliebter, vom Tode erstandener Bruder war Dion, das frühere Haupt des Vereins, willkommen geheißen worden; ihm aber hatte es Genuß bereitet, nach so langer Zeit bei einer Beratung als Redner den Ausschlag zu geben. Freilich war er nur auf geringen Widerspruch gestoßen; denn der Beschluß, sich von dem Kampfe gegen die Römer fern zu halten, war den Epheben von der Königin selbst durch den Antyllus nahe gelegt worden, der indes die Versammlung schon verlassen hatte, als Dion sich zu ihr gesellte. War es doch der Kleopatra wie ein Frevel erschienen, das Blut der edelsten Söhne der Stadt für eine Sache in Anspruch zu nehmen, die sie selbst für verloren hielt. Sie kannte die Mütter und Väter von vielen und fürchtete, daß Octavian sie, die nicht zum Heere gehörten, furchtbar bestrafen würde, wenn sie, mit den Waffen in der Hand, in seine Gewalt fielen.
      Schon gingen die Sterne dem Untergang entgegen, als die Epheben dem Freunde das Geleit gaben. Unterwegs stimmten sie in wechselnden Chören die Hymenäen an, die sie am Tage seiner Hochzeit zu singen verhindert gewesen waren. Lautenschlag begleitete die Lieder, und diese nächtliche Musik in den Straßen der Stadt gab der Mythe den Ursprung, der Gott Dionysus, dem Marc Anton sich besonders verwandt gefühlt und in dessen Gestalt er sich dem Volke so oft gezeigt hatte, sei damals unter Gesang und Musik von ihm gewichen.
      Vor dem Isistempel verließen die Jünglinge den Dion.
      Nur Gorgias blieb bei ihm zurück.
      Er führte ihn zu dem dem Heiligtum benachbarten Grabmale der Königin, an dem bei Fackellicht emsig gearbeitet wurde. Ein leichtes Gerüst umgab es noch immer; das hohe untere Stockwerk mit der eigentlichen Gruft war aber vollendet, und Dion bewunderte die Kunst, mit der das Aeußere dieses Bauwerks seine innere Bestimmung zum Ausdruck brachte. Große Quadern von dunkelgrauem Granit bildeten das Gemäuer. Ernst, beinahe abweisend, erhob sich die breite, leicht geböschte Vorderseite mit dem gewaltig hohen Thore, das eine Hohlkehle mit der geflügelten Sonnenscheibe krönte. An ihrer Seite standen in überwölbten Nischen die aus dunkler Bronze gegossenen Bildsäulen des Antonius und der Kleopatra, und über dem Karnies erhoben sich die ehernen Gestalten der Liebe und des Todes, des Ruhmes und des Schweigens und adelten die ägyptischen Formen mit edlen Werken der hellenischen Kunst.
      Das massive, mit Figuren in erhabener Arbeit geschmückte Thor von gegossenem Erz hätte einem Sturmbocke widerstanden. Aus den Wangen der zu ihm hinausführenden Stufen lagen Sphinxe von dunkelgrünem Diorit. Alles an diesem dem Tode gewidmeten Bauwerke erschien groß, ernst, durch seine Unzerstörbarkeit an die Ewigkeit mahnend.
      Das obere Stockwerk war noch in keinem seiner Teile vollendet. Maurer und Steinmetzen arbeiteten an der Bekleidung der starken Wände mit dunklem Serpentin und schwarzem Marmor. Die große Winde stand bereit, die ein Meisterwerk der alexandrinischen Plastik in die Höhe ziehen sollte. Es war für den Giebel bestimmt und stellte die siegreiche Venus mit Helm, Schild und Lanze dar, wie sie als Führerin einer Schar von geflügelten Liebesgöttern, kleinen Bogenschützen, an deren Spitze Eros selbst Pfeile versandte, den schon aus vielen Wunden blutenden dreiköpfigen Cerberus, den Tod, siegreich bekämpfte.
      Für die Besichtigung des inneren Bauwerks fehlte es an Zeit; denn Pyrrhus erwartete seinen Schutzbefohlenen bei Sonnenaufgang am Hafen, und im Osten begann sich schon der Himmel zu lichten.
      Als die Freunde sich dem Landungsplatze näherten, funkelte die alles überragende eherne Kuppel des Serapeums mit blendendem Glanze. Die Wimpel und Maste der zum Ausbruch bereiten Flotte im Hafen schienen sich in einem Meer von goldenem Lichte zu baden. In der schillernden, leicht gekräuselten Fläche der See spiegelten sich zitternd die ehernen und vergoldeten Figuren an den Schiffsschnäbeln, und wie ein Netzwerk mit dunklen Maschenstreifen verbanden auf der Wasserfläche die langen Schatten der Ruderreihen Schiff auf Schiff.
      Hier nahmen die Freunde Abschied, und Dion folgte allein dem Quai, um zu dem Freigelassenen zu stoßen, der es schwer haben mußte, aus diesem Gewirr von Fahrzeugen mit seiner Barke den Ausgang zu finden. Die Besichtigung des Mausoleums hatte den jungen Vater zu lange aufgehalten, und so unkenntlich er sich auch wußte, warf er sich dennoch vor, sich unbesonnen einer Gefahr auszusetzen, deren Folgen – das fühlte er heute zum erstenmale, – ihn nicht allein zu schädigen drohten.
      Die gesamte Kriegsflotte erwartete das Zeichen zum Aufbruch. Was an Fahrzeugen nicht zu ihr gehörte, hatte sich vor dem Tempel des Poseidon zusammendrängen müssen, und es war jedem einzelnen streng untersagt worden, den Ankerplatz zu verlassen.
      Die Barke des Pyrrhus lag mitten unter ihnen, und an die Rückkehr auf die Schlangeninsel war fürs erste nicht zu denken.
      Wie peinlich! Barine wußte ja nichts von seiner Fahrt in die Stadt, und daß er sie allein lassen mußte, während dicht vor ihren Augen eine Seeschlacht geschlagen wurde, beunruhigte ihn selbst so sehr, wie es sie ängstigen mußte.
      In der That wartete die junge Mutter von früh an mit steigender Besorgnis auf den Gatten. Als die Sonne höher stieg und sich rings um die Insel her der Schlag der Ruder, die zweihundert Schiffe vorwärts bewegten, der schrille Pfiff der Flöten, die sie im Takt hielten, der tiefe Kommandoruf der Befehlshaber und die die Luft durchschmetternden Trompetensignale aus der Nähe und Ferne vernehmen ließen, ergriff sie solche Unruhe, daß sie darauf bestand, sich an das Ufer zu begeben, während es ihr bis jetzt nur gestattet gewesen war, unter dem Zeltdache, das an der Schattenseite des Hauses für diesen Zweck ausgespannt worden war, Luft zu schöpfen.
      Vergebens drangen die Frauen in sie, die Angst nicht Herr über sich werden zu lassen und sich zu gedulden. Doch sie hätte auch einem gewaltsamen Widerstande getrotzt, um nach dem Geliebten auszuschauen, der mit ihrem Kinde für sie jetzt die ganze Welt war.
      Als sie am Arme Helenas das Ufer erreichte, ließ kein Boot sich sehen. Nur Kriegsfahrzeuge bedeckten die Meeresfläche vor ihr, schwimmende Festungen, die sich wie tausendbeinige Drachen vorwärts bewegten. Als Füße dienten ihnen die zahllosen in drei oder in fünf Reihen geordneten Ruder. Jedes der größeren Schiffe war von kleineren umgeben, und von den meisten zuckten blendende Blitze aus; denn sie starrten von Bewaffneten, und an den Schnäbeln der starken Enterfahrzeuge spiegelten sich die Sonnenstrahlen in den großen, blanken Metallstacheln, mit denen es galt, sich in den hölzernen Leib des Gegners zu bohren. Die goldenen Bildsäulen an den Schnäbeln der großen Schiffe gleißten und funkelten im hellen Lichte des Tagesgestirns, und auch von den flachen Hügeln am Lande aus flammte es auf. Dort stand das Fußvolk des Marc Anton, und von den Helmen, Panzern und Lanzenspitzen der Fußgänger und den Rüstungen der Reiter prallten die Sonnenstrahlen ab und durchzuckten mit blendendem Glanze das heiße Licht des ersten ägyptischen Augusttages.
      Unter dies Aufleuchten und Flammen und Blitzen in der von Glut und Helligkeit gesättigten Vormittagslust mischte sich vom Lande und der Flotte her immer häufiger und lauter kriegerischer Lärm. – Eben aber hatte die erschöpfte Frau sich auf einen Sessel niedergelassen, den die Fischerstochter Dione für sie in den Schatten des höchsten Felsenzahnes am nordwestlichen Ufer der flachen Insel gestellt, als von allen Schiffen der ägyptischen Flotte her plötzlich ein weithin schmetterndes Tubasignal auf sie einscholl und die ganze Schar der Fahrzeuge durch die Hafenöffnung am Pharus in die offene See einlief.
      Dort begaben sich die schmalen Glieder der hölzernen Riesenlegion auseinander und ruderten in weniger breiten Reihen vorwärts. Es geschah ruhig und in der nämlichen tadellosen Ordnung wie vor einigen Tagen, als sie unter den Augen des Marcus Antonius eine ähnliche Bewegung ausgeführt hatte.
      Die Kampflust schien sie unaufhaltsam vorwärts zu treiben.
      Regungslos erwartete sie die feindliche Flotte. Aber die ägyptischen Angreifer hatten sich kaum einige Schiffslängen in majestätischer Ruhe dem römischen Gegner entgegenbewegt, als ein neues Signal die Lust erschütterte. Wie ein Jammergeschrei habe es geklungen, meinten die Frauen, deren Gehör die Schallwellen trafen, in späteren Tagen; hatte es doch das Zeichen zu einem Verrat sondergleichen gegeben. Die Sklaven, die Verbrecher und elendesten der Söldner auf den Ruderbänken im Raume des Schiffes, sie erwarteten es wohl schon lange gespannten Ohres, und als es endlich erscholl, hoben die Männer auf den obersten Bänken die langen Ruder und hielten sie in der Schwebe, die in den unteren Reihen stellten die Arbeit ein, und jedes Schiff stand still und wies mit den hölzernen, weit von sich gestreckten Ruderfingern, wie von Abscheu ergriffen, auf das andere. Einem ehrlichen Schiffsführer hätte die Schnelligkeit und tadellose Ordnung, mit der das Heben der Riemen bewerkstelligt und Fahrzeug neben Fahrzeug zum Stillstand gebracht wurde, zur Ehre gereicht, doch es leitete eine der nichtswürdigsten Schandthaten ein, von denen die Geschichte berichtet, und die Frauen, die mancher Naumachie zugeschaut hatten und seine Bedeutung erfaßten, riefen wie aus einem Munde: »Verrat! Sie übergeben sich dem Feinde!«
      Die Flotte des Marcus Antonius, die Kleopatra für ihn geschaffen, bis auf die letzte Barke war sie zu dem Erben des Cäsar, dem Sieger von Actium, übergegangen, und derjenige, dem sie Treue geschworen, der sie eingeübt und gestern noch zu wackerem Standhalten angefeuert hatte, sah von einem Dünenhügel am Ufer zu, wie die starke Waffe, auf die er die beste Hoffnung gesetzt, nicht zerbrach, sondern sich selbst dem Feinde in die Hand gab.
      Die Auslieferung der Flotte an den Feind besiegelte – er wußte es – sein Verderben, und die Frauen am Ufer der Schlangeninsel, die den Großen, die dies Unglück zunächst betraf, so fern standen, ahnten das Gleiche. Beiden griff es ans Herz, ja das Auge ward ihnen feucht vor Empörung und Trauer. Sie waren Alexandrinerinnen und wollten nicht römisch werden.
      Der Kleopatra, der Tochter des ihnen stammverwandten makedonischen Hauses der Ptolemäer, ihr allein gebührte die Herrschaft über die Vaterstadt, die der große Makedonier gegründet. Zum Unbedeutenden verringerte sich in ihrer Vorstellung das Leid, das sie durch sie erfahren hatten, vor dem ungeheuren Schicksalsschlage, mit dem diese Stunde die Königin traf.
      Als ein einziges großes, demselben Befehlshaber folgendes Geschwader kehrte die römische und ägyptische Flotte in den Hafen und an die Rhede der Stadt zurück, die ihr jetzt als kostbare Beute gehörte.
      Barine hatte genug gesehen und ging gesenkten Hauptes in das Haus zurück. Das Herz war ihr schwer, und die Angst um den Geliebten wuchs von Stunde zu Stunde.
      Es war, als scheue sich das Tagesgestirn, eine so verruchte That mit freundlichem Lichte zu bescheinen; denn die blendende und stechende Sonne des ersten Augusttages verschleierte das strahlende Antlitz mit weißlich grauem Dunst, und das entweihte Meer zog die Stirne kraus, vertauschte das reine Blau mit gelblichem Grau und schwärzlichem Grün, und weißer Schaum umgischtete das Haupt der empörten Wogen.
      Als es zu dämmern begann, steigerte sich die Unruhe der verlassenen Frau bis zur Unerträglichkeit. Nicht nur der besonnene Zuspruch Helenas, auch der Anblick des Kindes verfehlte diesmal die Wirkung, und schon hatte Barine den daheim gebliebenen Sohn des Pyrrhus zu sich berufen, um ihn zu bewegen, sie auf seinem Boot in die Stadt zu führen, als Dione einen Kahn wahrnahm, der sich von der Seeseite her der Schlangeninsel näherte.
      Um weniges später sprang Dion ans Land und küßte dem jungen Weibe den Vorwurf, womit sie ihn empfing, von den Lippen.
      Er hatte schon von dem Verrate der Flotte vernommen, während er mit dem Freigelassenen im Hafen des Eunostus ein gemietetes Boot bestieg, weil das des Pyrrhus mit den anderen Nachen am Tempel des Poseidon festgehalten wurde.
      In weitem Bogen hatte der erfahrene Lotse die Barke dem Winde entgegen durch die offene See steuern müssen und war von dem Gedränge eines Teiles der Kriegsflotte lange aufgehalten worden.
      Nun Gefahr und Trennung hinter ihnen lagen, beglückte sie wohl das Bewußtsein, sich wieder zu haben, doch zu rechter Freude konnten sie nicht gelangen. Das Schicksal der Königin und der Vaterstadt lag ihnen zu schwer auf der Seele.
      Beim Einbruch der Nacht schlugen die Hunde heftig an, und am Strande wurde es laut. Mit dem sicheren Vorgefühl, ihm und den Seinen stehe ein Unheil bevor, folgte Dion den rufenden Stimmen.
      Kein Stern erleuchtete die Finsternis. Nur das wandernde Licht einer Laterne am Strande und ein linderes bei dem der Schlangeninsel am nächsten benachbarten Eilande leuchtete in der verdunkelten Nähe, während die Lichter der Stadt so hell wie je im Süden erglänzten.
      Pyrrhus war eben mit dem jüngsten Sohne beschäftigt, ein Boot in die See zu ziehen. Es galt ein anderes aus dem Sande zu befreien, das sich in einer Untiefe bei der Nachbarinsel festgefahren hatte.
      Dion sprang mit in den Nachen, und bald erkannte er in der rufenden Stimme die des Baumeisters Gorgias.
      Der fröhliche Ruf des jungen Vaters klang dem Freunde entgegen, doch die Antwort blieb aus.
      Bald darauf setzte Pyrrhus den späten Gast ans Land. Er war – der Fischer wies ihn darauf hin – einer großen Gefahr entronnen; denn wäre er auf der andern Insel, die von Giftschlangen wimmelte, gelandet, hätte er dort leicht dem Biß eines dieser Tiere zum Opfer fallen können.
      Wohl ergriff Gorgias die Hand des Dion, seine heitere Aufforderung, ihm sogleich in das Haus zu folgen, wies er indes mit der Bitte zurück, ihn anzuhören, bevor er sich zu den Frauen begebe.
      Dion erschrak. Er kannte den Freund. Wenn ihm so finstere Betrübnis aus der tiefen Stimme klang und er dazu das Haupt so kummervoll senkte, war ihm sicher etwas Schreckliches begegnet.
      Er hatte recht gesehen; schon die erste Kunde griff auch ihm tief in die Seele.
      Daß die Römer als Herren in Alexandria walteten, überraschte ihn nicht, doch eine kleine Schar der Sieger, denen übrigens befohlen worden war, sich wie in Freundesland zu betragen, war in das große Haus des Baumeisters gedrungen, um das ihnen dort angewiesene Quartier zu beziehen. Die taube Großmutter der Helena und Barine, die, was der Bürgerschaft bevorstand, nur halb verstanden hatte, war, entsetzt durch den stürmischen Eintritt der Krieger, von einem neuen Schlaganfalle betroffen worden, und vor der Abfahrt des Gorgias auf die Insel hatte sie die Augen geschlossen.
      Aber dieser Trauerfall, der den Schwestern auf dem Eiland ins Herz schneiden mußte, war es nicht allein gewesen, was den Baumeister so spät und in einem fremden Nachen auf die Schlangeninsel geführt hatte. Seine von den gräßlichen Erlebnissen dieses Tages überreizte Seele hatte das Bedürfnis empfunden, nach Beruhigung im Kreise derer zu suchen, bei denen er Verständnis zu finden gewiß war.
      Doch nicht allein das Furchtbare, das mitzuerleben ihm beschieden gewesen, hatte ihn zu der unvorsichtigen Seefahrt genötigt, sondern mehr noch das Verlangen, den Flüchtlingen die beglückende Botschaft zu bringen, daß sie ungefährdet in die Vaterstadt zurückkehren dürften.
      Tief erregt, ja verwirrt und überwältigt von dem Erlebten und Geschauten begann der sonst so klare und bei aller inneren Lebendigkeit besonnene Erzähler.
      Doch ein mahnendes Wort des Dion veranlaßte ihn, sich zu sammeln und die Ereignisse in der Folge, wie sie ihm selbst begegnet waren, zu schildern.
    



      Dreiundzwanzigstes Kapitel
      Nachdem der Baumeister den Dion an den Hafen begleitet, hatte es ihn auf das Forum gezogen, um sich mit Männern zu unterreden und zu hören, was man für das künftige Schicksal der Stadt fürchte und erwarte.
      Dorthin kamen auch die Nachrichten zuerst, und er fand daselbst einen großen Teil der makedonischen Bürger, die es, wie ihn, nach einer Aussprache in diesen Stunden der Entscheidung verlangte.
      Es ging dort lebhaft her; denn die verschiedensten Botschaften vom Heere und den Schiffen jagten einander.
      Erst lauteten sie günstig; dann wurde der Verrat der Flotte und bald darauf der Uebergang der Reiterei und des Fußvolkes gemeldet.
      Ein angesehener Bürger hatte den Marc Anton, von einigen Freunden begleitet, den Quai entlang sprengen sehen. Der kleine Palast auf dem Choma war das Ziel dieser Flucht gewesen.
      Ernste Männer, deren Meinung nur geringem Widerspruche begegnete, hielten den Imperator für verpflichtet, sich dort wie Brutus und so viele andere edle Römer, da das Schicksal sich gegen ihn erklärt hatte und ihm nichts mehr bevorstand als ein von Schande beflecktes Leben, mit eigener Hand den Tod zu geben. Bald wurde auch berichtet, er habe zu vollbringen versucht, was die Besten von ihm erwartet.
      Da hatte es den Gorgias nicht länger auf dem Forum geduldet. Nach dem Choma war er geeilt, wenn es ihm auch schwer gemacht wurde, zu der Mauer vorzudringen, in die man schon eine Bresche gerissen. Dicht von Menschen erfüllt, hatte er das Uferstück, von dem die Landzunge ausging, gefunden. Auf allen Seiten wurde sie von Booten umschwärmt, durch die er erfuhr, Antonius befinde sich nicht mehr in dem Palaste.
      Eben trug man einen verdeckten Leichnam aus dem kleinen Schlosse auf die Königsstraße, und unter denen, die ihm folgten, befand sich ein Sklave des Antonius, den Gorgias kannte. Die Augen des Mannes waren von Thränen gerötet. Willig folgte er dem Winke des Baumeisters und erzählte ihm schluchzend, der beklagenswerte Feldherr sei, nachdem ihn seine ganze Streitmacht verraten, hierher zurückgeflohen. Als er dann im Palaste vernommen, Kleopatra sei ihm in den Tod vorangegangen, habe er seinem Leibdiener Eros befohlen, auch seinem Leben ein Ende zu machen. Da sei der wackere Mann zurückgetreten und habe mit abgewandtem Antlitz sich selbst mit dem Stahle durchbohrt. Vor den Füßen des Herrn sei er sterbend zusammengesunken; Antonius aber habe dem Eros zugerufen, sein Beispiel lehre ihn, was ihm selbst zu vollbringen obliege, und dabei habe er sich das kurze Schwert mit eigener Hand in den Leib gestoßen. Doch die gewaltige Lebenskraft des riesenhaften Mannes sei durch die eine Wunde, so tief und schwer sie auch gewesen, nicht vernichtet worden. Mit rührenden Bitten habe er die Umstehenden angefleht, seinem Leben ein Ende zu machen, doch keiner hätte es über sich gebracht, diese That zu vollbringen. Dazwischen wäre dem Imperator fortwährend der Name der Kleopatra und der Wunsch, ihr zu folgen, von den Lippen geklungen.
      Endlich sei Diomedes, der Geheimschreiber der Königin, erschienen, um ihn auf ihren Befehl in das Grabmonument bringen zu lassen, wohin sie sich zurückgezogen hatte.
      Wie neu belebt habe Antonius seine Zustimmung gegeben, und während er schon fortgetragen worden sei, hätte er noch den Auftrag erteilt, für die würdige Bestattung des Eros zu sorgen. Auch noch sterbend wäre es diesem großmütigsten der Herren unmöglich gewesen, unbelohnt zu lassen, was man ihm Gutes erwiesen.
      Damit hatte der Sklave von neuem laut aufgeweint, Gorgias aber war ungesäumt zu dem Grabmale geeilt.
      Der nächste Weg dahin, die Königstraße, hatte sich indes so dicht mit Menschen gefüllt, die von römischen Soldaten zwischen dem Theater des Dionysos und dem Musenwinkel zurückgehalten worden waren, daß er sich gezwungen gesehen hätte, durch Nebengassen zu dem Bau zu gelangen.
      Schon der Quai wäre nicht wieder zu erkennen gewesen, und auch in den anderen Straßen habe die Bevölkerung ein fremdartiges Ansehen gezeigt; denn statt friedliche Bürger der Stadt wären einem überall römische Soldaten in voller Rüstung begegnet. Statt der griechischen, ägyptischen und syrischen hätte es weiße und bräunliche Gesichter von fremdartigem Schnitte zu sehen gegeben.
      In ein Feldlager schien die Stadt sich verwandelt zu haben. Hier sei ihm eine Cohorte blondlockiger Germanen, dort eine andere mit rotem Haupthaare begegnet, deren Heimat er nicht kenne, und dann wieder ein Vexill numidischer oder pannonischer Reiter.
      Beim Heiligtum der Dioskuren sei er aufgehalten worden. Eine hispanische Manipel hatte dort eben den Sohn des Antonius, den Antyllus, ergriffen und nach einem schnellen Kriegsgerichte getötet. Sein Hofmeister Theodotus war es gewesen, der ihn an die Krieger verraten, doch wurde der Nichtswürdige mit gebundenen Händen dem Leichnam des unglücklichen Jünglings nachgeführt, weil man ihn ertappt hatte, wie er einen kostbaren Edelstein, den er ihm vom Halse genommen, in den Gürtel versteckte. Vor dem Aufbruche nach der Insel war dem Erzähler zu Ohren gekommen, man habe den Elenden zum Tod am Kreuze verurteilt.
      Endlich war es dem Gorgias gelungen, zu dem Grabmale vorzudringen. Auf allen Seiten hatte er es von römischen Vietoren und Scythen der Stadt abgesperrt gefunden, doch ihm, dem Baumeister, war das Vordringen gestattet worden.
      Die furchtbarsten Scenen des Trauerspiels, das hier soeben zum Abschluß gelangt war, mit eigenen Augen zu schauen, hatten die vielen Hindernisse, durch die er aufgehalten worden war, ihm erspart; doch durch den Geheimschreiber der Königin, der den verwundeten Antonius begleitet hatte, einen wohlgesinnten Makedonier, der dem Gorgias während des Baues freundschaftlich nahe gekommen, waren sie ihm mit aller Ausführlichkeit geschildert worden.
      Kleopatra hatte sich, sobald sich das Kriegsglück für den Octavian entschieden, in das Grabmal geflüchtet. Nur der Charmion und Iras war es gestattet worden, sie zu begleiten, und sie hatten ihr geholfen, die schwere eherne Thür des festen Bauwerkes zu verschließen. Das falsche Gerücht von ihrem Tode, das den Antonius veranlaßt hatte, auch seinem Leben ein Ende zu machen, war vielleicht daraus entstanden, daß die Königin sich thatsächlich im Grabe befand.
      Als er auf den Armen treuer Diener todeswund bei dem Mausoleum angelangt war, hatten die Frauen sich vergeblich bemüht, die schwere eherne Thür wieder zu öffnen. Aber mit heißer Sehnsucht verlangte es Kleopatra nach dem sterbenden Freunde. Sie mußte ihn in ihrer Nähe haben, um ihm die letzten Dienste zu erweisen, ihn noch einmal ihrer Liebe zu versichern, um ihm die Augen zuzudrücken und, war es geboten, mit ihm zu sterben.
      So hatte sie denn mit den Frauen Umschau gehalten, und da Iras der Winde gedachte, die auf dem Gerüste stand, um die schwere Erzplatte mit dem Reliefbilde der den Tod besiegenden Liebe in das erste Stockwerk zu schaffen, eilte die Königin mit den Freundinnen die Treppe hinan, die Träger befestigten unten den Verwundeten an die Seile, und Kleopatra stellte sich selbst an die Winde, um ihn mit Hilfe der treuen Gefährtinnen zu sich hinauf zu ziehen.
      Diomedes hatte versichert, sich keines kläglicheren Anblicks zu erinnern, als den des riesigen Mannes, während er zwischen Himmel und Erde schwebte und mit dem Tode ringend und unter grausamen Qualen die Hände sehnsuchtsvoll nach der Geliebten ausstreckte. Kaum der Stimme mächtig vor Schmerz und doch zärtlich rief er ihr ihren Namen entgegen, sie aber blieb ihm die Antwort schuldig; denn sie bot an der Winde mit der gleichen leidenschaftlichen Anstrengung wie Iras und Charmion die ganze schwache Kraft auf, um ihn in die Höhe zu ziehen. Das über eine Rolle laufende Seil schnitt ihr dabei in die zarten Hände, furchtbar verzerrte sich ihr das schöne Gesicht, doch sie ließ nicht nach, bis es ihr und den Gehilfinnen in der That gelungen war, die schwere Last des Sterbenden höher und höher und endlich bis an die Bretter des Gerüstes zu befördern. Die wahnsinnige Anstrengung, mit der es den drei Frauen gelungen war, eine That zu vollbringen, die auch für ihre durch die Macht des ernstesten Willens und heißesten Verlangens verdoppelte Kraft zu schwer war, hätte aber dennoch nicht zum Ziele geführt, wäre Diomedes ihnen nicht im letzten Augenblicke zu Hilfe gekommen. Er war ein starker Mann, und unter seinem Beistande gelang es, den Sterbenden zu ergreifen, ihn auf das Gerüst zu ziehen und die schon vollendete Treppe hinunter auf die Grabstätte im unteren Stockwerke zu tragen.
      Als sie den Verwundeten dort auf einer der Ruhebänke, mit denen die große Halle bereits ausgestattet war, niedergelegt hatten, war der Geheimschreiber wieder gegangen; von der Treppe aus hatte er aber den unbemerkten Zuschauer gespielt, um zur Hand zu sein, falls die Königin noch einmal seines Beistandes bedurfte.
      Glühend von der furchtbaren Anstrengung, die kaum hinter ihr lag, mit wirrem, aufgelöstem Haar, röchelnd und stöhnend, hatte Kleopatra sich wie außer sich das Kleid aufgerissen, die Brust zerschlagen und mit den Nägeln zerrissen.
      Das eigene schöne Antlitz hatte sie dann auf die Wunde des Geliebten gepreßt, um das strömende Blut zu hemmen, und dabei waren ihr all die süßen Kosenamen von den Lippen geklungen, mit denen sie den Verscheidenden in der Frühlingszeit ihrer Liebe gerufen.
      Sein furchtbares Leiden ließ sie das eigene schwere Geschick vergessen. Thränen des Mitleids fielen wie ein erfrischender Gewitterregen auf die noch unverwelkte Blume ihrer Liebe und brachten sie, die schon diese Nacht neu aufgerichtet hatte, zur letzten prächtigen Entfaltung.
      Maßlos, grenzenlos, wie einst die Leidenschaft für diesen Mann, war jetzt der Jammer, mit dem sie sein qualvolles Scheiden erfüllte. Was Marcus Antonius ihr in der Glanzzeit des Lebens gewesen, was sie einander gewährt, und was das eine vom andern empfangen, war ihr während des Festmahles, das erst vor wenigen Stunden den Abschluß gefunden, wieder frisch und hell vor die Seele getreten. Jetzt zog ihr das alles in knapp zusammenfassenden Bildern noch einmal vor dem inneren Auge vorüber, doch nur, um ihr die Tiefe des Elendes dieser Stunde um so deutlicher zu zeigen. Endlich drängte der Schmerz auch die hellste Erinnerung in das Dunkel, sah sie nichts mehr als die Marter des Geliebten an ihrer Seite, zeigte ihr der stets lebendige Geist nur noch den Abgrund ihr zu Füßen und das Grab, das nicht nur für den Antonius offen stand, sondern auch für sie selbst.
      Unfähig, an vergangenes Glück zu denken oder auf künftiges zu hoffen, ergab sie sich fassungslos der Verzweiflung, und kein Weib aus dem Volke hätte sich ungestümer dem brennenden Weh, das ihr das Herz zerreißt, hingeben und ihm wilder und rückhaltloser Ausdruck geben können als diese große Königin, diese Frau, die schon als Kind so empfindlich gegen den kleinsten Schmerz gewesen war, und die das spätere Leben wahrlich nicht gelehrt hatte, Leid zu ertragen und sich zu gedulden.
      Nachdem Charmion dem Sterbenden auf seinen Wunsch Wein gereicht hatte, fand er Kraft, statt nur zu wimmern und zu klagen, zusammenhängend zu reden.
      Liebreich forderte er Kleopatra auf, an ihre Rettung zu denken, wenn es angehe, ohne die Ehre zu schädigen, und wies sie auf den Proculejus als denjenigen unter den Freunden des Octavian, der ihres Vertrauens am meisten würdig. Dann bat er sie, ihn nicht zu beklagen, sondern ihn glücklich zu preisen; denn er habe die allerreichste Gunst des Schicksals genossen. Ihrer Liebe danke er das Schönste; doch auch der erste und mächtigste Mann auf Erden sei er gewesen. Jetzt sterbe er im Arme der Liebe, ehrenvoll als Römer, der dem Römer unterliege.
      In diesem Bewußtsein war er nach einem kurzen Kampfe verschieden.
      Kleopatra hatte seine letzten Atemzüge belauscht, ihm die Augen geschlossen und sich dann thränenlos über den Geliebten geworfen. Endlich war sie in Ohnmacht gesunken und mit dem Haupte auf seiner hohen, erkaltenden Brust ruhen geblieben.
      Der Geheimschreiber hatte dem allem zugeschaut und sich dann mit nassen Augen in das erste Stockwerk zurückbegeben.
      Dort war er dem Gorgias entgegengetreten, der das Gerüst erklommen, und hatte ihm mitgeteilt, was er von der Treppe aus gehört und gesehen. Kaum aber war er mit der Erzählung zu Ende gekommen, als ein Wagen auf dem Musenwinkel hielt und ein vornehmer Römer ihm entstieg.
      Es war der nämliche Proculejus, den der sterbende Antonius der Geliebten als würdig ihres Vertrauens empfohlen hatte.
      »In der That.« fuhr Gorgias fort, »schien er an Gestalt und Antlitz zu den edelsten seines stolzen Volkes zu gehören. Er kam im Auftrage des Octavian. Dem Cäsar warm ergeben und dazu ein wohlgesinnter Mann soll er ja sein. Auch als Dichter und als Schwager des Mäcen hörten wir ihn nennen. Der reiche, vornehme Herr ist ein großmütiger Gönner der Poeten, und auch Kunst und Wissenschaft schätzt er. Timagenes rühmte seine Bildung und hohe Gesinnung. Vielleicht war der Geschichtsschreiber im Rechte; wo es sich aber um den Staat handelt und sein Bestes, scheint es in der Umgebung des Octavian übel um das andere bestellt zu sein, was wir hier für würdig eines freien Mannes halten. Der Herr, dem er seine Dienste weiht, betraute ihn mit einer schwierigen Aufgabe, und alles einzusetzen, um sie gut zu lösen, hält Proculejus gewiß für seine Pflicht; – und dennoch ... Sehe ich recht, so kommt für ihn der Tag, an dem er den heutigen verwünscht und dem Gehorsam flucht, mit dem er, der freie Mann, dem Cäsar half ... Aber höre nur weiter!
      Stolz, aufrecht, in stattlichem Waffenschmuck pochte er an die Thüre des Grabmals. Kleopatra hatte die Besinnung zurückgewonnen und frug – sie mußte ihn kennen, gewiß von Rom her – was er begehre.
      Er komme, entgegnete er höflich, im Auftrage des Octavian, um mit ihr zu verhandeln, und die Königin zeigte sich bereit, ihn anzuhören, nur weigerte sie sich, ihn in das Grabmal zu lassen.
      So besprachen sie sich denn durch die Thür. Mit würdiger Ruhe verlangte sie, die Söhne, die sie dem Antonius geschenkt – nicht den Cäsarion – als Könige von Aegypten bestätigt zu sehen.
      Eifrig versprach Proculejus sogleich, ihre Wünsche vor den Cäsar zu bringen, und machte ihr auch Hoffnung auf ihre Erfüllung.
      Während sie auf die Kinder und ihre Ansprüche zu reden kam, – ihrer eigenen Zukunft erwähnte sie gar nicht – verlangte jener, Näheres über das Ende des Marc Anton zu hören, und erzählte ihr dann, wie es mit der Vernichtung der Streitmacht des Verstorbenen gegangen, und auch anderes von geringer Bedeutung. Der Mann sah nicht aus wie ein Schwätzer, und der Verdacht beschlich mich schon damals, daß er die Königin geflissentlich hinzuhalten suche. Das war auch die Absicht; denn er hatte nur auf den Cornelius Gallus, den Befehlshaber der Flotte, gewartet, von dem Du ja hörtest. Auch er zählt zu den Vornehmsten in Rom, und dennoch machte er sich zum Spießgesellen des Proculejus!
      Der entfernte sich, sobald er die unglückliche Frau mit dem anderen bekannt gemacht hatte.
      Ich blieb auf dem Posten und hörte nun dem Gallus zu, wie er Kleopatra des Beileids seines Gebieters versicherte. Mit schwülstiger Uebertreibung berichtete er, wie bitter Octavian in dem Marcus Antonius den Freund, den Schwager, den Mitherrscher und Teilhaber an so vielen wichtigen Unternehmungen beklage. Bei der Nachricht von seinem Tode habe er heiße Thränen vergossen. Niemals wären aufrichtigere einem Manne über die Wangen geronnen.
      Auch Gallus schien mir das Gespräch geflissentlich in die Länge zu ziehen.
      Da, während ich noch mit aller Spannung lauschte, um auch die kurzen Gegenreden der Kleopatra zu verstehen, eilte mein Bauführer, der, als die Arbeiter von den Römern vertrieben worden waren, sich zwischen zwei Granitquadern verborgen gehalten hatte, auf mich zu und teilte mir mit, Proculejus habe eben an der hinteren Seite des Grabmals das Gerüst auf einer Leiter erklettert. Zwei Diener wären ihm gefolgt, und sie hätten sich hinunter in die Halle geschlichen.
      Da schnellte ich rasch in die Höhe; denn ich hatte am Boden gelegen, um mit vorgestrecktem Kopfe zu lauschen.
      Jetzt galt es, koste es, was es wolle, die Königin zu warnen; denn ein Verrat war hier sicher im Werke.
      Doch ich kam zu spät.
      O Dion! Wäre ich nur wenige Augenblicke früher benachrichtigt worden, vielleicht hätte sich etwas noch Furchtbareres ereignet; – ihr, der Königin, aber wäre erspart geblieben, was ihr jetzt droht. – Denn was darf sie von dem Sieger erwarten, der sich bis zur schnöden Ueberlistung einer edlen, wehrlosen, der Uebermacht unterlegenen Frau erniedrigt, um sich lebend, nur lebend ihrer zu bemächtigen?
      Der Tod, von schwerem Kummer und gräßlicher Schande hätte er die Unselige befreit! Und sie, sie hatte den Dolch schon gegen sich erhoben! Vor diesen Augen schwang sie den schönen Arm mit dem blitzenden Stahle, der im Glanze der Kerzen aus den vielarmigen Leuchtern neben den Sarkophagen hell aufblitzte ... Doch ich will versuchen, ruhig zu bleiben! Hinter einander, wie eins dem andern folgte, sollst Du es hören. Es verwirren sich mir ohnehin die Gedanken, nun mir das Schreckliche ins Gedächtnis zurückkehrt.
      Um es so zu schildern, wie ich es sah, müßte ich ein Dichter sein, ein Maler mit Worten; denn was sich da vor mir begab, auf einem Schauplatze trug es sich zu ... Du weißt ja, es war ein Grabmal. Die Wände von dunklem Stein, dunkel auch Säulen und Decke, alles von glänzendem Dunkel ... Glatt polirter Stein an den meisten Stellen, und darum blank wie ein Spiegel. Bei den Sarkophagen und im Umkreis der Kandelaber bis in die Nähe der Thür, wo das Bubenstück vor sich ging, helles Licht, – das eines Festsaals. Jeder Blutflecken an der Hand, jede Schramme, jede Wunde deutlich sichtbar, die der verzweifelnden Frau die eigenen Nägel in den Busen gerissen, der schneeweiß aus den zerrissenen schwarzen Gewändern hervorstrahlte. Weiterhin rechts und links schwankes Dämmerlicht, und im Hintergrunde und in der Nähe der Seitenwände tiefe Finsternis wie in einem echten und rechten Grabe. Aber an dem glatten Runde der Porphyrsäulen, an dem blanken schwarzen Marmor und Serpentin, hier, dort, überall das schwanke Spiegelbild des Kerzenlichtes. Der Zugwind hielt es in steter Bewegung, und so trieb es sein Spiel in der Halle wie die ruhelosen Seelen der Verdammten. Wohin das Auge schaute, war Finsternis sein Endziel. Im Hintergrunde der Halle erschien sie schwarz, schwarz wie die Vorhalle des Hades, doch auch sie durchbrach ein glänzender, bewegter Streifen: Sonnenstrahlen, die von der Treppe her in das Grabmal fielen und in denen Stäubchen sich wiegten. Wie das war und auf das Auge wirkte! Die Heimat der finstern Hekate! Und die Königin, und was mit ihr vorging! Ein von Licht umflossenes Gemälde, das sich strahlend von dem Dunkel im weiten Kreise der schweren majestätischen Formen rings umher abhob. Die Heerscharen der Dämonen, die der Magier beschwört, wenn sie einem Könige gehorchen, dies Grabmal in diesem Lichte wäre ein passender Palast für ihn und sein finsteres Walten. – Doch wohin gerate ich? ›Der Künstler!‹ hör' ich Dich wieder rufen, der Künstler! Statt zuzuspringen und einzuschreiten, läßt er das Licht und wie es in der königlichen Grabstätte sich ausnimmt, auf sich wirken. – Ja wohl: zu spät, zu spät, viel zu spät war ich gekommen! Schon auf der Treppe, die in den unteren Gräberraum führt, nahm ich es wahr; doch es trifft mich keine Schuld an der Versäumnis, gewiß nicht!
      Von den Männern hatte ich anfänglich nichts zu erspähen vermocht, – auch keinen Schatten; wohl aber gewahrte ich im hellsten Lichte die auf dem Ruhebette hingestreckte Leiche des Antonius, und im Dämmerscheine weiter nach rechts hin Iras und Charmion, die sich vergeblich anstrengten, eine Fallthür zu heben. Es war die, die den Gang abschloß, der zu dem Brennstoff in dem Kellerraume führte. Sie hatten ihn auf ein Zeichen der Königin anzünden sollen.
      Schon lagen die ersten Stufen der Treppe, auf der ich hinuntereilte, hinter mir, – da, – da bricht Proculejus mit zwei Männern von der andern Seite her plötzlich aus der tiefen Finsternis hervor. Meiner selbst kaum mächtig, eile ich die Stufen vollends hinunter, und während mir noch der schrille Ruf der Iras ins Ohr gellt: ›Arme Kleopatra, sie nehmen Dich gefangen!‹ sehe ich, wie die Verratene sich von der Thür abwendet, durch die sie, zum Tode entschlossen, dem Gallus ich weiß nicht was zu hören gibt, wie sie den Proculejus dicht hinter sich wahrnimmt, wie sie in den Gürtel greift und blitzschnell – Du hörtest es ja schon – den Arm mit dem kleinen Dolche in die Höhe wirft, um sich die spitze Klinge in die Brust zu stoßen. Welch ein Bild! Von tageshellem Lichte umflossen, glich sie dem triumphirenden Siege, dem edlen Stolze, der große Thaten vollbringt, und dann, dann, nur um weniges später ... Aber was sollte ihr auch angethan werden!
      Wie ein Räuber, ein Meuchelmörder stürzte Proculejus sich auf sie, hielt ihr den Arm fest und entwand ihm die Waffe. Seine hohe Gestalt entzog sie dabei meinen Blicken. Als sie aber, während sie sich der Gewalt des Schändlichen zu entwinden suchte, das Antlitz wieder der Halle zuwandte, was war aus ihr geworden! Ihre Augen – Du kennst sie ja, – ihre Größe hatte sich verdoppelt, und Verachtung, Feindschaft, Haß, flammten dem Verräter aus ihnen entgegen. Das wärmende Licht, zerstörendes Feuer war daraus geworden. So denke ich mir die Rache, den Fluch, der das Verderben auf das Haupt des Feindes herabfleht. Und Proculejus, der große Herr, der Poet, dessen edlen Sinn die Dichter am Tiber preisen, von hinten her hielt er das wehrlose Weib, die würdige Tochter eines glänzenden Königsgeschlechtes, noch immer umklammert, als bedürfe es des Aufgebotes seiner ganzen Manneskraft, um dies zarte Musterbild anmutiger Weiblichkeit zu bändigen. Freilich zwang das stolze Blut die überlistete Löwin, sich dieser Entwürdigung zu erwehren, und Proculejus – eine beneidenswerte Ehre! – ließ sie die überlegene Kraft seiner Arme fühlen. Ich bin kein Prophet, aber ich wiederhole es, Dion: dieses schmählichen Kampfes und der Blicke, die ihn dabei trafen, bis zur letzten Stunde wird er ihrer nicht vergessen! Hätten sie mir gegolten, das Leben müßt' ich verfluchen.
      Auch dem Römer trieben sie das Blut aus den Wangen. Leichenfahl vollbrachte er weiter, was er für seine Pflicht hielt. Die eigenen vornehmen Hände erniedrigte er durch die Zollwächterarbeit, die Gewänder eines Weibes, der Königin, nach verbotenen Waren: Gift oder Waffen, zu durchsuchen. Dabei half ihm ein Freigelassener des Cäsar, jener Epaphroditus, der dem Octavian so nahe stehen soll.
      Auch Iras und Charmion untersuchte der Wicht, und bei alledem hörten beide Römer nicht auf, mit süßen Worten von der Gnade des Cäsar und seinem Wunsche zu reden, der Kleopatra alles zu gewähren, was einer Königin gebühre.
      Endlich führte man sie auf die Lochias zurück; ich aber war wie von Sinnen; denn das Bild der unglücklichen Frau verfolgte mich wie mein Schatten. Es war nicht mehr das des bezaubernden Weibes; einer Verkörperung der Verzweiflung, des thränenlosen Jammers, der Rache heischenden Empörung glich es. Ich will es nicht schildern; aber die Augen, die drohend flammenden Augen und das verwirrte Haar, an dem das Blut des Antonius gerann ... furchtbar, entsetzlich! Das Herz erstarrte mir, als hätt' ich der Medusa mit dem Schlangenhaar im Schilde der Athene ins Antlitz geschaut.
      Unmöglich war es mir gewesen, sie rechtzeitig zu warnen oder gar dem Verräter in den Arm zu fallen – ich sagte es ja schon – und doch, doch schaute ihr leuchtendes Bild mich vorwurfsvoll an wegen der feigen Versäumnis. Noch immer verfolgt mich ihr Blick und raubt mir Sammlung und Frieden. Erst wenn ich der Helena in das reine, stille Auge schaue, weicht wohl das furchtbare, vom Licht umflossene Gesicht aus dem Grabe von mir, gelingt es mir vielleicht, die Ruhe wieder zu finden.«
      Da legte der Freund ihm die Hand auf den Arm und sprach ihm besänftigend zu und erinnerte ihn an das Gute, das dieser verruchte Tag – er habe es selbst gesagt – doch auch mit sich bringe.
      Mit dieser Mahnung traf Dion das Rechte; denn die Haltung und der Ton der Stimme des Gorgias nahmen eine neue Gestalt an, und lebhaft versicherte er, dem Entsetzlichen sei mehr als Erfreuliches gefolgt für die Stadt, für den Freund und Barine.
      Dann fuhr er aufatmend fort zu berichten: »Wie ein Trunkener begab ich mich auf den Heimweg. Der Versuch, mich der Königin oder ihren Vertrauten zu nähern, war leider gescheitert. Von der klugen Nubierin der Charmion hörte ich aber, es sei der Kleopatra im Namen des Cäsar gestattet worden, den Palast selbst zu bestimmen, in dem sie zu wohnen wünsche, und sie habe den auf der Lochias gewählt.
      Bei dem Gang nach Hause kam ich nicht weit; denn schon vor dem großen Gymnasium hielt die Menge mich auf. Octavian war in die Stadt eingezogen, und das Volk, hörte ich, habe ihm zugejauchzt und sich vor ihm auf die Kniee geworfen. Unsere steifnackigen Alexandriner im Staub vor dem Sieger! Das empörte mich tief. – doch mein Groll sollte sich mildern.
      Die vom Gymnasium kennen mich ja alle. Man machte mir Platz, und bevor ich mich noch zum Eintritt entschlossen, lag das Hauptthor schon hinter mir. Der lange Phryxus hatte meinen Arm durch den seinen gezogen. Der reiche Ueberall und Nirgends sieht und erfährt ja alles, und die besten Plätze gehören ihm schon im voraus. Diesmal war es ihm wieder gelungen; denn als er mich losließ, standen wir gegenüber einer neu errichteten Rednerbühne.
      Sie erwarteten den Octavian, der noch im Hypostyl des Euergetes von dem Epitropen, den Herren vom Rat, dem Gymnasiarchen und ich weiß nicht von wem Huldigungen und dergleichen entgegennahm.
      Phryxus erzählte, schon beim Einzuge habe er seinem früheren Hofmeister die Hand gereicht, sich von ihm begleiten und sich sogar seine Söhne vorführen lassen. Wie kein anderer sei der Philosoph von ihm ausgezeichnet worden, und das kommt jetzt Dir und den Deinen zu gute; denn er ist ja der Bruder Frau Berenikes, und darum der leibliche Oheim Deiner Gattin. Was er wünscht, ist im voraus gewährt. Du wirst gleich hören, wie geflissentlich der Cäsar ihn hervorzieht und auszuzeichnen trachtet. Ich gönne es dem Manne; denn damals trat er wacker ein für Barine; sie rühmen ihn als tüchtigen Gelehrten, und an Mut fehlt es ihm auch nicht. Trotz Actium und der einzigen schändlichen That, die man meines Wissens dem Marc Anton vorwerfen könnte – die Auslieferung des Turullius mein' ich – hielt Arius hier aus. So gut er den Mörder des Julius Cäsar preisgab, hätte der Imperator den Freund seines Neffen als Geisel festnehmen können.
      Seit Octavian vor der Stadt liegt, war euer Oheim ernstlich bedroht, und mit ihm waren es auch seine Söhne – Du mußt die schönen, kraftvollen jungen Epheben, wie sie sein sollen, ja kennen.
      Im Gymnasium hatten wir nicht lange zu warten, bis der Cäsar die Bühne betrat, und nun – wenn sich die Faust Dir ballt, thut sie nur, was ich von ihr erwarte – nun fiel alles ringsum auf die Kniee. Unser wüstes, aufrührerisches Gesindel erhob wie flehende Bettler die Hände, und ernste, würdige Männer thaten es ihm nach. Wer mich sah und den Langen, der wird auch uns beide zu den knieenden Speichelleckern zählen; denn wären wir stehen geblieben, hätten sie uns sicher zu Boden gerissen. So heulten wir denn mit den Wölfen und thaten es den anderen nach.«
      »Und Octavian?« frug Dion gespannt.
      »Eine königliche Erscheinung von jugendlichem Ansehen. Das bartlose Gesicht vom feinsten Schnitte, das Profil schön, wie für den Münzschneider geschaffen. Scharfe und doch ansprechende Linien. Vornehm in jedem Zoll; aber der Spiegel einer kalten, keines höheren Aufschwunges, keines wärmeren Gefühls, keiner weicheren Regung fähigen Seele. Alles in allem ein schöner, stolzer, klug rechnender Mann, den zum Freunde zu haben dem Herzen schwerlich zu gute kommt, vor dessen Feindschaft aber die Himmlischen jeden bewahren mögen, den wir lieben.
      Wieder führte er den Arius an der Hand. Die Söhne des Philosophen folgten den beiden. Als er auf der Bühne stand und auf die Tausende niederblickte, die vor ihm auf den Knieen lagen, zeigte keine Muskel seines edlen Gesichtes – ja, das ist es – auch nur die leiseste Regung. Wie ein Landwirt, der die Herde überschaut, blickte er auf uns hin, und nach langem Schweigen erklärte er kurz und in vortrefflichem Griechisch, er spreche das alexandrinische Volk von jeder Schuld gegen ihn frei, erstens – er zählte das her, als rufe er einzelne Veteranen auf, um sie zu belohnen – aus Hochachtung vor dem herrlichen Gründer unserer Stadt, dem Welteroberer Alexander; zweitens, weil die Größe und Schönheit Alexandrias ihn mit Bewunderung erfülle, und drittens – dabei wandte er sich dem Arius zu – um diesem, seinem trefflichen und geliebten Freunde, sich gefällig zu erweisen.
      Da brach denn ein großer Jubel los.
      Jedem, vom Kleinsten bis zum Größesten war eine schwere Last von der Seele genommen, und als das Volk das Gymnasium kaum verlassen hatte, lachte es wieder übermütig genug, und es fehlte nicht an boshaften und harmlosen Witzen. Dicht neben mir rief der dicke Zimmermeister Memnon, der ja auch für Deinen Palast das Holzwerk lieferte, – früher habe ein Delphin den Arius vor den Piraten gerettet, jetzt rette Arius das Seetier Alexandria vor anderen Räubern. So ging es fort. Den besten Anlaß, den Witz an ihm zu üben, bot freilich Philostratus, der erste Mann der Barine. Der Aufwiegler hatte guten Grund, das Schlimmste zu befürchten, und nun lief er in schwarzen Trauerkleidern hinter dem Arius her, den er noch vor wenig Monden mit dem grimmigsten Hasse verfolgt hatte, und rief ihm fortwährend den nämlichen schalen Vers zu:
      ›Ist er ein weislicher Mann, so helfe der Weise dem Weisen.‹
      Ob ihm die elende Bettelei half, werden wir ja hören.
      Das Nachhausekommen war nicht leicht. Die Straßen wimmelten auch von römischen Soldaten. Es erging ihnen gut genug; denn in der Freude ihres Herzens führte mancher wohlhabende Bürger, der das Seine gerettet sah, einzelne Krieger oder wohl gar eine ganze Manipel in die Schenke oder zum Garkoch, und in dieser Nacht wird sich der Weinvorrat der Alexandriner beträchtlich vermindern.
      Mit dem Befehle, das Eigentum der Bürger zu schonen – ich sagte es ja schon – waren viele in den Häusern einquartiert worden, und dabei betraf die Großmutter der traurige Unfall, mit dem ich begann. Bevor ich aufbrach, hatte man ihr schon die Augen geschlossen.
      Alle Thore der Stadt stehen Dir jetzt offen, und die Nichte des Arius samt ihrem Gatten wird man mit Kränzen empfangen. Der Barine gönn' ich's; denn wie Deine herrliche Gattin, die es ja auch mir angethan hatte, was der gefeierten Städterin nur immer teuer sein mag, hinter sich warf und auf dem einsamsten aller Eilande in der Liebe eine neue Welt fand, das ist jeden Lobes und Lohnes würdig. Für Deine Person fürchte ich mich vor neuem Glück und neuen Ehren; denn kommen sie zu dem andern, das Dir die Schickung mit solcher Gemahlin und Deinem Pyrrhussohne schenkte, wären die Götter nicht mehr sie selbst, wenn sie Dich nicht mit ihrem Neide verfolgten. Ich habe geringeren Grund, sie zu fürchten.«
      »Undankbarer!« unterbrach ihn der Freund. »Auch unter den Sterblichen findet sich wohl mancher, der Dir die Helena mißgönnte. Was mich angeht, so beschlich mich allerdings bereits manchmal ein leises Bangen; doch wir zahlten ja den Himmlischen schon einen nicht zu ärmlichen Tribut. Im Wohnraume brennt noch die Lampe. Bereite die Frauen auf das Ende der Großmutter vor und entledige Dich des Erfreulichen, das Du uns bringst. Ueber das Schreckliche, dem Du beiwohntest, sprich lieber erst morgen. Wir wollen ihnen den Schlaf nicht verderben. Gib acht! Helenas stille Trauer und ihre Freude über unsere Erlösung entlasten Dir schon heute die Seele.«
      Und so geschah es. Wohl durchlebte Gorgias im Traume noch einmal das furchtbare Schauspiel von gestern, als aber die Sonne des zweiten August mit hellem Lichtglanz über Alexandria aufging und schon am frühen Morgen Boot auf Boot bei der Schlangeninsel landete und erst Frau Berenike mit ihren Neffen, den beiden Söhnen des gefeierten Philosophen Arius, dann aber auch Klienten, Beamte und Freunde des Dion und bevorzugte frühere Gäste der Barine ans Land stiegen, um das junge Paar zu begrüßen und es aus dem Verstecke, das es so lange behütet, in die Stadt und in ihre Mitte zurückzuführen, nahmen neue freundliche Eindrücke dem beängstigenden Gemälde einen guten Teil seiner Schrecken.
      Mit großer Schnelligkeit hatte sich durch den »langen Phryxus« verbreitet, wohin Dion und Barine verschwunden und daß sie längst ein glückliches Paar wären.
      Die Helden eines so seltenen Abenteuers zu sehen und sie zuerst zu begrüßen, erschien vielen wert einer kleinen Seefahrt. Wer Barine und ihren Gemahl kannte, war außerdem auch begierig, wie diese beiden an das Leben der Großstadt gewöhnten Menschen eine so vollkommene Vereinsamung während langer Monate ertragen hätten. Mancher fürchtete oder vermutete, sie abgezehrt und verhärmt, verwildert oder gar in Schwermut versunken wieder zu finden, und es gab darum unter denen, deren Boot der Freigelassene Pyrrhus als Lotse durch die Untiefen geführt, die seine Insel schützend umgaben, viel erstaunte Gesichter.
      Die Einholung des seltenen Paares hätte gute Gelegenheit zu einer heiteren festlichen Veranstaltung geboten. Man war froh über die gnädige Behandlung der Stadt, so aufrichtig auch die meisten das Schicksal der Königin beklagten und Ernstere sich über die Zukunft der Freiheiten Alexandrias unter römischer Herrschaft beunruhigten. Leben und Besitz waren ja gerettet, und das Feiern von Festen war Groß und Klein zur Lebensgewohnheit geworden. Aber die Nachricht vom Tode der Gemahlin des Didymus und von der Erkrankung des Greises, der sich in den Verlust der treuen Gefährtin nicht zu finden vermochte, gab dem Dion das Recht, jede heitere Bewillkommnung im eigenen Hause zurückzuweisen.
      Der Kummer Barines war auch der seine, und Didymus starb schon in den nächsten Tagen der Frau nach, mit der er länger als ein halbes Jahrhundert in Liebe verbunden gewesen; die Leute sagten: »gebrochenen Herzens«.
      So hielt denn Dion mit der jungen Gemahlin ohne lärmende Festlichkeiten den Einzug in seinen schönen Palast. Statt der jubelnden Hymenäen klang ihm auf der Schwelle die Stimme des eigenen Kindes entgegen.
      Die Trauerkleider, in denen Barine ihn in den Frauengemächern begrüßte, erinnerten ihn an den Neid der Götter, vor dem der Freund sich für ihn gefürchtet. Es war ihm aber oft, als schaue die Bildsäule seiner Mutter im Tablinum mit besonderer Befriedigung drein, wenn seine junge Hausfrau es betrat. Auch Barine fühlte, daß ihr Glück als Gattin und Mutter in dem herrlichen eigenen Heim überwältigend groß gewesen wäre, wenn eine weise Schickung ihr nicht gerade jetzt den Schmerz um geliebte Menschen auferlegt hätte.
      Dion widmete sich sogleich wieder den Angelegenheiten der Stadt und des eigenen Besitzes. Er und die Geliebte, die eine schwere Zeit der Entbehrung ihm erst recht zu eigen gegeben, waren in den Hafen eingelaufen und sahen gelassen den Stürmen des Lebens entgegen. Der Anker der Liebe, der ihr Schiff an den sicheren Grund fesselte, hatte in der Einsamkeit der Schlangeninsel die Probe bestanden.
    



      Vierundzwanzigstes Kapitel
      Die Fischerfamilie hatte die lieben Gäste bekümmerten Herzens scheiden sehen und die Frauen ihnen manche Thräne nachgeweint, obwohl die Söhne des Pyrrhus von der Flotte entlassen worden waren und daheim dem Vater wieder Beistand leisteten wie in früheren Tagen.
      Dion hatte außerdem den treuen Freigelassenen zum wohlhabenden Manne gemacht und seiner Tochter Dione ein Heiratsgut ausgesetzt. Sie wurde auch bald das Weib des Schiffsführers, der den Epikur, den Schnellsegler des Archibius, befehligte. Sie hatte ihn kennen gelernt, als die braune Dienerin der Charmion mehrmals von diesem Schiffe auf die Schlangeninsel geführt worden war. Anukis hatte mit diesen Besuchen nicht nur bezweckt, den Freund zu begrüßen, sondern vielmehr auch ihn zu bestimmen, eine der Giftschlangen auf den Nachbarinseln zu fangen und sie für die Königin bereit zu halten.
      Seit Kleopatra zu der Ueberzeugung gelangt war, kein Gift habe einen weniger schmerzlichen Tod zur Folge als das vom Zahne der Aspis, hatte sie den Entschluß gefaßt, es dem Biß eines dieser Tiere zu überlassen, sie von der Last des Daseins zu befreien. Die kluge Aethiopierin war auf den Einfall gekommen, ihren Freund Pyrrhus mit der Herbeischaffung der Natter zu betrauen; doch hatte es der ganzen Ueberredungskunst der Aisopion und der rührenden Weise bedurft, mit der sie die entsetzliche Lage der Königin und ihr schweres Unglück zu schildern verstand, um den Widerstand des geradsinnigen Mannes zu besiegen. Endlich hatte sie ihn dennoch zu der Ueberzeugung gebracht, eine Königin sei mit anderem Maß zu messen als ein Weib aus dem Volke, und ihn bestimmt, mit ihr, der Anukis, zu verabreden, wie und wann die Schlange in den wohlbewachten Palast einzuführen sei. War die entscheidende Stunde gekommen, sollte ein Zeichen es ihm melden. Von da an hatte er sich jeden Tag mit der Natter auf dem Fischmarkte bereit zu halten. Wahrscheinlich würde sein Dienst in nicht zu ferner Zeit beansprucht werden; denn das Zaudern des Octavian war schwer zu Gunsten einer milden Entscheidung über das Geschick der Kleopatra zu deuten.
      Zwar ließ man sie auf der Lochias in königlicher Weise fortleben und hatte ihr sogar mit dem Versprechen, den Zwillingen und dem kleinen Alexander Leben und Freiheit zu lassen, gestattet, die Kinder zurück zu berufen; aber Cäsarion, den sein verräterischer Hofmeister Rhodon mit allerlei Vorspiegelungen, zu denen auch die Rückkehr Barines gehörte, von der Reise gen Süden nach Alexandria zurückgelockt hatte, war im Heiligtume seines Vaters, in dem er Schutz gesucht, festgenommen worden. Dies und daß Octavian den dem Cäsar so ähnlichen Jüngling zum Tode verurteilt habe, blieb der unglücklichen Mutter nicht verborgen. Man hinterbrachte ihr auch das Wort, mit dem der Philosoph Arius den Wunsch des Cäsar, sich des Sohnes seines großen Oheims zu entledigen, gebilligt hatte. Es wies auf den homerischen Vers von der Vielherrschaft, die nicht gut sei.
      Ueberhaupt kam der Kleopatra alles zu Ohren, was sie über die Vorgänge in der Stadt zu erfahren wünschte; denn man ließ ihr manche Freiheit, – nur war sie Tag und Nacht aufs schärfste bewacht, und wie die Diener und Beamten wurde jeder, den sie zu empfangen einwilligte, bevor er mit ihr in Berührung kam, sorgfältig untersucht, um jedes Mittel, sich den Tod zu geben, von ihr fern zu halten.
      Daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe, war freilich nicht zu bezweifeln. Ihr Versuch, sich aller Speisen zu enthalten und Hungers zu sterben, hatte bemerkt werden müssen. Ernste Drohungen, die sich gegen die Kinder richteten, in denen man die Macht erkannt, durch die sich am besten auf sie einwirken ließ, bestimmten sie endlich, sich wieder ausreichend zu nähren. Von alle dem war auch Octavian unterrichtet, und sein Verhalten bewies, wie viel ihm daran lag, sie von einem Selbstmord zurück zu halten.
      Mehrere asiatische Fürsten wetteiferten in dem Wunsche, das Andenken des Marc Anton durch eine prächtige Bestattung zu ehren; Octavian aber hatte der Kleopatra gestattet, sie mit allem Glanz zu besorgen. In der Zeit der schwersten Seelennot gewährte es ihr Trost und Befriedigung, alles selbst anzuordnen und sogar teilweise mit eigener Hand herzurichten, was dazu gehörte. Das Begräbnis hatte sich denn auch so glänzend gestaltet, wie es der Natur des Verstorbenen entsprach.
      Iras und Charmion begriffen oft nicht, wie sie, die seit dem Tode des Geliebten nicht nur an den Wunden, die sie sich selbst in der Verzweiflung beigebracht hatte, litt, sondern auch seit dem gescheiterten Vorhaben, sich verhungern zu lassen, von einem schleichenden Fieber heimgesucht wurde, den schweren Anstrengungen und Gemütserregungen hatte widerstehen können, die ihr durch die Bestattung des Antonius auferlegt worden waren.
      Die Rückkehr des Archibius mit den Kindern hatte indes ihren gesunkenen Lebensmut sichtlich gehoben.
      Sie ging oft in den Garten des Didymus, der jetzt mit dem Palast auf der Lochias verbunden war, um ihren Arbeiten zuzuschauen und mit ihnen zu teilen, was ihnen das junge Herz bewegte.
      Aber aus der heitersten der Mütter, die sich so freundlich in das Kinderherz zu versetzen gewußt hatte, war eine bekümmerte, lehrhaft ernste Warnerin geworden. So schön und wohldurchdacht auch oft war, was sie ihnen ans Herz legte, eignete es sich doch wenig für das Alter der Schüler des Archibius; denn es bezog sich gewöhnlich auf den Tod und auf philosophische Fragen, die den Kleinen unverständlich waren.
      Daß sie den rechten Ton nicht mehr treffe, fühlte sie selbst; – so oft sie aber versuchte, ihn zu ändern und mit den Zwillingen oder dem kleinen Alexander wie sonst zu scherzen, ertrug sie die erzwungene Heiterkeit nur kurze Zeit, ein schmerzlicher, oft mit Thränen verbundener Umschlag erfolgte, und sie mußte die Lieblinge verlassen.
      Das Leben, das ihr der Feind ließ, erschien ihr selbst wie ein aufgedrungenes Geschenk, wie eine drückende Schuld, die man dem lästigen Gläubiger je eher desto lieber zurückzahlt.
      Ruhiger und scheinbar zufrieden erschien sie nur, wenn es ihr vergönnt war, mit den Jugendgenossen über längst vergangene Zeiten oder mit ihnen und Iras über den Tod zu reden, und wie es zu bewerkstelligen sei, dem unholden Dasein ein Ende zu bereiten.
      Iras und Charmion gingen nach solchen Gesprächen blutenden Herzens von ihr. Sie hatten längst den Vorsatz gefaßt, das Schicksal der Herrin, wie es sich auch gestalte, zu teilen. Das gemeinsame Leid war das Band, das sie jetzt wieder freundlich vereinte. Iras hatte für vergiftete Nadeln gesorgt, die den Tieren, an denen sie versucht worden waren, einen schnellen Tod gegeben hatten. Kleopatra wußte von ihnen, für sich selbst hielt sie aber fest an dem schmerzlosen Tode durch den Biß der Schlange, und die Freundinnen hatten die geliebten Augen der unglücklichen Frau lange nicht so hell aufleuchten sehen wie bei der Nachricht der Charmion, die Möglichkeit habe sich gefunden, die Uräusschlange herbeizuschaffen, sobald man ihrer bedurft. Aber noch sei es ja nicht geboten, nach dem letzten Mittel zu greifen. Octavian wünsche für milde gehalten zu werden und lasse sich vielleicht doch noch bestimmen, die Zukunft der Königin und der Kinder würdig zu gestalten.
      Ein ungläubiges Lächeln Kleopatras war die Antwort, und doch hatte auch in ihrer Seele der leise Hoffnungskeim zu grünen begonnen, der sie vor Verzweiflung bewahrte.
      Dolabella, ein vornehmer junger Römer aus dem edlen Hause der Cornelier, gehörte zu dem Gefolge des Cäsar und hatte sich bei ihr einführen lassen. Sein Vater war in früheren Jahren ein Freund der Kleopatra gewesen; ja, sie hatte sich ihn verpflichtet, da sie ihm nach der Ermordung des Julius Cäsar die Streitmacht, über die sie verfügte, gesandt, um sie gegen den Cassius zu verwenden. Ihre Legionen waren zwar durch den Abgesandten des Dolabella selbst einer andern Bestimmung zugeführt worden; Kleopatra hatte sich aber dem Vater des Jünglings darum dennoch um nichts weniger gefällig erwiesen. Dieser war schon vor dem Tode des Cäsar zu Rom mit ihr zusammengetroffen und hatte dem Sohne den zauberhaften Liebreiz der Aegypterin mit Begeisterung geschildert. Fand der Jüngling sie nun auch nur noch als trauernde Witwe, krank an Leib und Seele, wieder, war er doch von der immer noch schönen Frau, ihrem hellen Geiste, der Anmut ihres Wesens, ihrem Unglück und Leiden so stark gefesselt und tief gerührt worden, daß er ihr manche Stunde widmete und es als ein Glück empfunden hätte, ihr größere Dienste zu leisten, als es die Verhältnisse gestatteten. Oft begleitete er sie auch zu den Kindern, deren Herz ihm sein offenes und heiteres Wesen gewonnen hatte, und so kam es, daß er auf der Lochias bald zu den willkommensten Gästen gehörte. Rückhaltlos vertraute er der viel älteren warmherzigen Frau, was ihm die Seele bewegte, sie aber brachte durch ihn mancherlei, was den Octavian und seine Umgebung anging, in Erfahrung. Ohne sich als Werkzeug benützen zu lassen, wurde er bei der Person des Cäsar zum Fürsprecher für die unglückliche, ihm so werte Frau.
      Ihr selbst gegenüber setzte er alles daran, um sie mit Vertrauen gegen den Octavian zu erfüllen, der ihn gern hatte, viel mit ihm verkehrte, und an dessen Edelmut der Jüngling glaubte.
      Von einer Unterredung der Königin mit dem Cäsar hoffte er das Beste; denn er hielt es für unmöglich, daß der glückliche Sieger ungerührt und ohne den Wunsch, ihr trauriges Schicksal zu erleichtern, von dieser Frau scheiden könnte, die seinem Vater in früheren Jahren so bezaubernd erschienen war und der er selbst, wenn sie auch beinahe seine Mutter hätte sein können, an fesselnder und anmutiger Liebenswürdigkeit keine andere zur Seite zu stellen wußte.
      Kleopatra scheute sich dagegen vor dem Zusammentreffen mit dem Manne, der so viel Uebles über sie und den Geliebten gebracht und ihr Dinge zugefügt hatte, die sie nur zu wohl berechtigten, an seiner Milde und Offenheit zu zweifeln. Andererseits konnte sie der Behauptung des Dolabella nicht unrecht geben, daß Octavian die Wünsche, die sie besonders für die Zukunft der Kinder hegte, ihr persönlich weit weniger leicht abschlagen könnte als den Vermittlern. Proculejus hatte erfahren, Antonius habe der Kleopatra gerade ihn als denjenigen bezeichnet, der ihres Vertrauens am meisten wert sei, und empfand nun schwer, was er als Werkzeug und gehorsamer Freund des Octavian der beklagenswerten Frau angethan hatte. Die Erinnerung an diese seiner unwerte Handlung, deren die Geschichte gedenken würde, hatte dem feinsinnigen Manne, dem Dichter und Förderer der aufblühenden römischen Poesie manche Nachtstunde verdorben, und so bemühte auch er sich jetzt eifrig, der Königin gefällig zu sein und ihr schweres Geschick zu erleichtern.
      Er wie der Freigelassene Epaphroditus, die im Auftrage des Cäsar ihr Leben rücksichtsvoll überwachten, schienen viel von solcher Unterredung zu hoffen und bemühten sich, sie zu bestimmen, den Cäsar um eine Begegnung zu ersuchen.
      Archibius sagte, eine solche würde im schlimmsten Falle die Lage der Dinge nicht übler gestalten. Die Erfahrung lehre, bemerkte er Charmion gegenüber, daß kein Mann von einigem Gefühl sich dem Zauber ihres Wesens völlig entziehen könne, und ihm wenigstens sei sie nie gewinnender erschienen als jetzt. Wer hätte ihr ungerührt in das still duldende schöne Antlitz zu schauen vermocht, wem wäre der schmerzliche Klang, der ihr die weiche Stimme durchzitterte, nicht in die Seele gedrungen? Dazu paßten die schwarzen Trauergewänder so gut zu dem Leidenshauche, der ihr ganzes Wesen umwob. Wenn das Fieber ihr die Wangen rötete, meinte Archibius sie trotz der verwüstenden Gewalt, die Schmerz Kummer und Angst auf manchen ihrer Reize geübt, nie schöner gesehen zu haben. Er kannte sie und wußte, daß es ihr ernst sei mit dem Wunsche, dem Geliebten nachzusterben, ja daß er ihr ganzes Wesen beherrsche. – Sie hing nur noch am Dasein, um, sobald es anginge zu sterben. Was sie nach dem Beschlusse, das Grabmal zu bauen, im Heiligtum der Berenike als das Rechte erkannt hatte, war zur Richtschnur ihres Lebens geworden. Jeder Gedanke, jedes Gespräch führte sie in die Vergangenheit zurück. Eine Zukunft schien es für sie nicht mehr zu geben. Gelang es dem Archibius einmal, ihren Geist auf künftige Tage zu lenken, so beschäftigte sie nur das Schicksal der Kinder. Für sich selbst hoffte sie nichts, fühlte sie sich von jeder Pflicht entbunden, außer der einen, sich und ihren Namen vor Schande und Erniedrigung zu schützen.
      Daß Octavian, als er den Cäsarion dem Tode zu weihen beschloß, den anderen Kindern, mit der Versicherung, es werde ihnen kein Leid widerfahren, zu ihr zurückzukehren gestattet, bewies, daß er zwischen ihnen und dem Sohne seines Oheims einen Unterschied macht und von jenen nichts für die eigene Sicherheit besorgt. Zu ihren Gunsten durfte sie in der That von einer Unterredung mit dem Octavian Wichtiges erwarten, und so beauftragte sie endlich den Proculejus, ihn um Gehör zu bitten.
      Noch am nämlichen Tage erfolgte die Antwort. An ihm, ließ der Cäsar sagen, sei es, sie auszusuchen.
      Diese Zusammenkunft mußte ihr Schicksal entscheiden.
      Sie war sich des bewußt und bat Charmion, an die Natter zu denken.
      Man hatte ihren Frauen verboten, die Lochias zu verlassen, Epaphroditus aber gestattete ihnen, Besuche zu empfangen. Die lebhaft muntere Weise der Nubierin hatte ihr auch die römischen Wächter gewonnen. Ungehindert ließ man sie aus- und eingehen. Bei der Heimkehr wurde sie freilich wie jeder andere, der die Lochias betrat, mit peinlicher Sorgfalt durchsucht.
      Die Entscheidung stand vor der Thüre. Charmion wußte, was ihr, wie sie auch ausfallen mochte, zu thun oblag, doch es gab noch einen Wunsch, nach dessen Erfüllung sie sich sehnte. Es verlangte sie, Barine zu begrüßen und ihren Knaben zu sehen.
      Um Iras zu schonen, hatte sie es bis jetzt unterlassen, die Gemahlin des Dion zu sich zu bescheiden. Der Anblick der Mutter und des Kindes hätten ihr die noch unvernarbten Wunden aufgerissen, und sie wollte der Nichte, die längst wieder treu und fest zu ihr hielt, diesen Schmerz ersparen.
      Der Cäsar beeilte sich nicht mit der Erfüllung seines Versprechens; doch etwa eine Woche nachdem Proculejus die Zusage gebracht, konnte er am Morgen den Besuch des Cäsar für den Nachmittag verheißen. Eine tiefe Erregung bemächtigte sich der Königin bei dieser Nachricht. Sie verlangte, vor der Unterredung das Grabmal zu besuchen. Iras übernahm es, sie zu begleiten, und da Kleopatra stundenlang dort zu verweilen pflegte, erschien Charmion diese Zeit günstig, um Barine und ihren Knaben zu begrüßen.
      Die Gattin des Dion war längst von diesem Wunsche durch Freunde unterrichtet, und Anukis, die sie auf die Lochias führen sollte, hatte nicht lange auf Mutter und Kind zu warten.
      Der frühere Garten des Didymus – jetzt das Eigentum der königlichen Kinder – wurde der Schauplatz dieser Begegnung. Im Schatten der ihr wohlbekannten Bäume sank die junge Mutter an die Brust der bewährten Freundin, und das alternde Mädchen konnte sich nicht satt an dem Knaben sehen und fand in ihm das Ebenbild seines Großvaters Leonax.
      Wie viel hatten die beiden Frauen, deren Leben das Schicksal so verschieden gestaltete, einander zu berichten und zu vertrauen! Die ältere fühlte sich zurückversetzt in vergangene Tage, für die jüngere schien es nur eine blühende Gegenwart und hoffnungsgrüne Zukunft zu geben. Auch von ihrer Schwester konnte sie Günstiges berichten. Sie war schon längst die glückliche Gattin des Baumeisters Gorgias, der indes trotz der Liebe, mit der er die junge Hausfrau umfing, die Stunden zu den köstlichsten zählte, die ihn beim Bau des Grabmals, der fortgesetzt wurde, mit Kleopatra zusammenführten.
      Im Fluge verrann den beiden Frauen die Zeit, und es überraschte sie schmerzlich, als einer der wachthabenden Eunuchen meldete, die Königin sei aus dem Grabmale zurückgekehrt.
      Noch einmal herzte Charmion den Enkel des Geliebten, segnete ihn und die junge Mutter, trug ihr Grüße an den Gemahl auf und bat sie dann, ihrer, wenn sie nicht mehr sei, freundlich zu gedenken und, treibe das Herz sie dazu an, ihr, der kein Kind und Freund solchen Dienst erweisen würde, den Grabstein zu salben, ihn mit einer Binde oder Blume zu schmücken.
      Tief erschüttert von der Sicherheit, mit der Charmion dem nahen Tode entgegensah, hörte Barine ihr sprachlos zu; plötzlich aber schrak sie zusammen; denn eine ihr wohlbekannte scharfe Stimme hatte den Namen der Freundin gerufen, und als sie sich umwandte, stand Iras vor ihr. Bleich und abgezehrt glich sie in dem lang hinwallenden schwarzen Trauerkleide einer Verkörperung des Seelenwehs und der Sorge.
      Der glücklichen Gattin und Mutter schnitt ihr Anblick ins Herz. Es war ihr, als sei viel, was jener an Glück gebühre, auf sie übergegangen und alles, was sie je an Kummer und Leid erfahren, auf Iras. Am liebsten hätte sie sich ihr demütig genähert und ihr etwas recht Liebes, Freundliches gesagt; als sie aber das hagere, verhärmte Weib auf ihr Kind schauen sah und jenen mißgünstigen Zug an ihrem Munde wahrnahm, der sie einst veranlaßt hatte, sie mit einem stechenden Dorne zu vergleichen, erfaßte ihr Mutterherz eine große Angst vor dem »bösen Blick« dieser Frau, der ihrem Kleinod verderblich werden konnte, und von einem übermächtigen inneren Triebe genötigt, bedeckte sie das Antlitz des Knaben mit dem eigenen Schleier.
      Iras gewahrte es, und nachdem Barine ihre Frage: »Das Kind des Dion?« mit einem um Schonung bittenden Blicke bejaht hatte, richtete das Mädchen die schlanke Gestalt höher auf und sagte mit stolzer Kälte: »Was geht mich dies Kind an? Uns liegen größere Dinge am Herzen.«
      Dann wandte sie sich an Charmion, um ihr im Ton einer dienstlichen Meldung mitzuteilen, die Königin wünsche auch sie bei der bevorstehenden Unterredung an ihrer Seite zu haben.
      Octavian hatte den Besuch um Sonnenuntergang angesagt, und es fehlten an dieser Zeit noch mehrere Stunden. Jetzt fühlte die leidende Königin sich noch ermattet von dem Besuche des Grabes, bei dem sie den Genius des Antonius angefleht hatte, wenn er Macht über das Herz des Siegers habe, ihn zu bestimmen, die marternde Ungewißheit von ihr zu nehmen und den Kindern ein freundliches Los zu verheißen.
      Dem Dolabella, der sie aus dem Mausoleum in den Palast begleitete, hatte sie bekannt, daß sie nur eins von dieser Unterredung erwarte, und ihn dann zu einer Zusage veranlaßt, die ihr den Mut stärkte und ihr wie das kostbarste Geschenk erschien, das ihr in dieser Zeit geboten werden konnte.
      Sie hatte der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß Octavian sie auch diesmal im Ungewissen lassen werde. Da war der Jüngling aufgefahren, um den Cäsar zu verteidigen, und hatte mit dem Ausrufe geschlossen: »Hielte er Dich auch jetzt noch hin, dann wäre er nicht nur kühl und besonnen ...«
      »Dann,« hatte Kleopatra ihn unterbrochen, »sei Du größer, sei Du weniger hart und befreie die Freundin des Vaters von diesen Qualen. Wenn er mir nicht eröffnet, was meiner wartet, und Du erfährst es, dann – Du sagst nicht nein, Du kannst es mir nicht verweigern! – dann läßt Du, ja Du, es mich wissen.«
      Da hatte der Jüngling schnell und bestimmt erwidert: »Was konnte ich bisher für Dich thun? Doch aus 
      dieser Marter erlös' ich Dich, wenn es angeht.« Damit hatte er, um nicht mit ansehen zu brauchen, wie die dazu angestellten Eunuchen der edlen Frau am Thore des Palastes die Kleider untersuchten, ihr schnell den Rücken gewandt.
      Seine Zusage hielt den sinkenden Mut der ermatteten, sorgenvollen Königin aufrecht, während sie sich auf die Polster einer Ruhebank ausstreckte, um sich von dem angreifenden Gange zu erholen; kaum aber hatte sie die Augen geschlossen, als das Pflaster vom Hufschlag des Viergespanns widerhallte, das den Cäsar auf die Lochias führte. So früh hatte Kleopatra den Besuch nicht erwartet.
      Vorhin war sie mit den Vertrauten zu Rate gegangen, wie sie ihn zu empfangen habe. Erst war sie gewillt gewesen, es auf dem Thron im festlichen Ornat als Königin zu thun; dann hatte sie sich aber gesagt, daß sie zu schwach und krank sei, um den schweren königlichen Schmuck zu tragen. Gegen das leidende Weib würde der Mann und glückliche Sieger sich ohnehin eher nachgiebig und gnädig erweisen als gegen die Fürstin.
      Es gab viel, womit ihr Verhalten in früherer Zeit sich entschuldigen ließ, und sie hatte die Verteidigung sorgsam durchdacht, mit der sie seinen kühlen, doch nicht ungerechten Sinn zu gewinnen hoffte. Manches, was zu ihren Gunsten sprach, war in den Briefen des Cäsar und Antonius enthalten, die sie nach dem Tode des Gemahls in so vielen Nachtstunden wieder und wieder durchgelesen hatte, und eben waren sie ihr gebracht worden.
      Ihn ganz allein zu empfangen, hatte Archibius wie der Römer Proculejus widerraten. Dieser sprach es nicht aus, doch er wußte, daß Octavian sich eher zu etwas Edlem und Mildem bestimmen ließ, wenn es nicht an Zeugen fehlte, die es in die Welt bringen konnten. Dem geschicktesten Schauspieler seiner Zeit gegenüber war es geraten, für Zuschauer zu sorgen.
      Die Königin hatte darum Iras, Charmion und außer ihnen einige der ihr am nächsten stehenden Beamten bei sich behalten, unter ihnen auch den Verwalter Seleukus, der, wenn die Rede auf die Uebergabe der Schätze kam, Auskunft erteilen konnte.
      Sie war auch willens gewesen, sich, nachdem sie sich von dem Besuche des Grabes ein wenig erholt, frisch ankleiden zu lassen. Daran hinderte sie das verfrühte Erscheinen des Cäsar. Jetzt wäre sie, auch wenn die Zeit es gestattet hätte, nicht einmal im stande gewesen, sich auch nur das Haar neu ordnen zu lassen, so schwach und dabei so fieberhaft erregt fühlte sie sich.
      Das Blut jagte ihr durch die Adern und glühte ihr in den Wangen. Als es hieß, der Cäsar nahe, behielt sie nur Zeit, sich höher in den Polstern aufzurichten, das Haar aus dem Gesichte zu streichen und Iras zu gestatten, ihr mit einigen raschen Griffen die Falten des Trauergewandes zu ordnen.
      Hätte sie den Versuch gewagt, ihm entgegen zu schreiten, die Kniee wären ihr gebrochen.
      Als der Cäsar endlich eintrat, fand sie auch nur die Kraft, ihn mit einem stummen Winke der Hand zu begrüßen; Octavian aber, der ihr schon von der Schwelle aus den gewöhnlichen Gruß zugerufen hatte, brach schnell das peinliche Schweigen und sagte mit einer höflichen Verneigung: »Du riefst, ich kam. Der Schönheit ist jeder unterthan, – auch der Sieger.«
      Da neigte sie wie beschämt das Haupt zur Seite und versetzte erkenntlich und doch im Tone bescheidener Abwehr: »Ich bat Dich nur um die Gunst, mich anzuhören, ich 
      rief nicht. Meinen Dank, daß Du die Bitte gewährtest. Wenn eine Gefahr für den Mann darin liegt, sich vor der Anmut des Weibes zu beugen, – Dir droht sie hier gewiß nicht. Qualen wie denen, die mir auferlegt wurden, hält die Schönheit nicht stand, kaum das Leben. Doch Du verhindertest mich, es von mir zu werfen. Denkst Du nun billig, so wirst Du der Frau, der Du zu sterben untersagtest, ein Dasein bewilligen, dessen Last zu tragen ihre Kraft nicht übersteigt.«
      Da verneigte sich der Cäsar zum andernmale und entgegnete verbindlich: »Ich gedenke es Deiner wert zu gestalten.«
      »Dann,« fuhr Kleopatra auf, »nimm zuerst die peinigende Ungewißheit von mir! Zu den Männern, die nicht über das Heute und Morgen hinaussehen, gehörst Du am letzten.«
      »Du denkst an den,« bemerkte Octavian herb, »der vielleicht noch unter uns weilte, wenn er mit weiserem Bedacht ...«
      Da flammten die Augen Kleopatras, die bisher dem kühlen Blicke des Siegers bescheiden und bittend begegnet waren, unwillig auf und ein majestätisches: »Das Vergangene bleibe ruhen!« schnitt ihm das Wort ab.
      Doch es gelang ihr schnell, die Empörung, die ihr das leidenschaftliche Blut erregte, zu bemeistern, und in völlig verändertem Tone, der nicht frei war von schmeichlerischer Weichheit, fuhr sie fort: »Der sorgende Geist des Mannes, dessen Winken der Erdball gehorcht, faßt die künftigen wie die gegenwärtigen Dinge ins Auge. Sollte er nicht auch über das Schicksal der Kinder entschieden haben, bevor er einwilligte, die Mutter zu sehen? Der einzige, der Dir im Wege stehen konnte, der Sohn Deines großen Oheims ...«
      »Sie mußten ihm das Urteil sprechen,« unterbrach sie der Herrscher im Tone aufrichtigen Bedauerns. »Wie ich den Antonius beweinte, so beklage ich auch den unglücklichen Knaben.«
      »Thust Du das,« entgegnete Kleopatra eifrig, »so ehrt das die Güte Deines Herzens. Als Proculejus mir den Dolch entwand, tadelte er mich, weil ich den mildesten aller Feldherren in den Ruf der Härte und Unversöhnlichkeit bringe.«
      »Zwei Eigenschaften,« versicherte der Cäsar, »die meiner Natur völlig fremd sind.«
      »Und die Du – wären sie Dir eigen – nicht anwenden könntest und dürftest,« rief Kleopatra eifrig, »wenn anders es Dir ernst ist mit dem schönen Vorsatze, dem Du so oft Worte liehst, als Neffe und Erbe des großen Juliers in seinen Fußstapfen zu wandeln. Cäsarion – sieh dort seine Büste! – in jedem Zuge war er sein Vater. Dein erhabenes Vorbild. Mir, der Unglücklichen, die jetzt ihr Urteil aus dem Munde des Neffen erwartet, gewährten die Götter als kostbarstes aller Geschenke die Liebe Deines göttlichen Oheims. Und welche Liebe! Was ich seinem großen Herzen war, der Welt blieb es verborgen; doch Dir, seinem Erben, es zu zeigen, gebietet mir der Wunsch, mich vor Verkennung zu schützen. Aus Deinem Munde erwarte ich das Urteil. Du bist der Richter. Diese Schreiben, meine gewichtigsten Verteidigungsmittel sind sie. Ihnen trag' ich auf, Dir zu zeigen, wie ich war und bin, nicht wie Neid und Verleumdung mich schildern. Das Elfenbeinkästchen, meine Iras! Es enthält die teuren Zeugen der Liebe des Cäsar, die Briefe, die er mir schrieb.«
      Mit zitternden Händen hob sie den Deckel, und als versetzten diese Andenken sie in vergangene Zeiten zurück, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Unter all meinen Schätzen ist mir dieser schlichte kleine Schrein ein halbes Leben lang das teuerste Kleinod gewesen. Er schenkte ihn mir. Mitten während des heißen Kampfes hier auf dem Bruchium war es.«
      Während sie dann die erste Rolle entfaltete, wies sie den Octavian auf sie und den übrigen Inhalt des Kästchens und rief: »Stumme Blätter, und doch wie beredt! Jedes ein Gemälde sondergleichen: der starke Denker, der Mann der That, der den rastlos erwägenden Geist zur Ruhe setzt und dem Herzen überzufließen gestattet von der Liebe des Jünglings. Wär' ich eitel, Octavian, jeden dieser Briefe könnt' ich ein Siegeszeichen nennen, einen olympischen Kranz. Die Frau, der Julius Cäsar seine Unterwerfung bekannte, einst stand es ihr zu, das Haupt höher zu tragen als die Unglückliche hier, die für sich selbst außer der Erlaubnis zu sterben ...«
      »Laß diese Briefe,« unterbrach sie Octavian gütig. »Wer mag bezweifeln, daß sie Dir ein teurer Schatz sind ...«
      »Der teuerste sind sie und dazu der Sachwalter der Angeklagten,« versicherte sie lebhaft. »Aus ihnen – Du hörtest es ja schon – fußt die Rechtfertigung, zu der ich bereit bin. Von ihnen aus nahm ich mir vor, sie zu beginnen. Wie furchtbar, was uns heilig war und bestimmt, nur das eigene Herz zu erheben, einem Zwecke dienstbar zu machen, – ihm aufzutragen, was uns ein Leben lang widrig erschien! Doch ich bedarf des Anwalts und, Octavian, der elenden, kranken Bettlerin geben diese Briefe die Würde und Gestalt der Königin zurück. Nur zwei Mächte kennt die Welt, vor denen Julius Cäsar sich beugte: die Wünsche der jammernden Frau hier auf dem Lager und der alles bezwingende Tod. Eine häßliche Brüderschaft! – Doch ich scheue sie nicht; denn der Tod raubte ihm das Leben, und aus meiner Hand ... Nur um einen kurzen Augenblick bitt' ich ... Wie gern ersparte ich mir das eigene Lob und Dir, ihm zu folgen! Doch, da steht es ja schon: ›Durch Dich – Du Unwiderstehliche,‹ schreibt er, ›erfuhr ich zum erstenmal, als die Jugend schon hinter mir lag, wie schön das Leben doch sein kann.‹«
      Damit überreichte Kleopatra dem Cäsar das Schreiben. Während sie aber noch mit fliegenden Händen noch einem andern Briefe suchte, gab er ihr schon den ersten zurück und sagte: »Nur zu gut versteh' ich, daß es Dir widerstrebt, solche vertraulichen Ergüsse den Verteidiger spielen zu lassen. Ihren Inhalt kann ich mir denken, und er soll auf mich wirken, als hätt' ich sie sämtlich gelesen. So gesprächig sie auch sein mögen, sind sie dazu doch unnötige Zeugen. Bedarf es denn der schriftlichen Bestätigung für einen Anmutszauber, der sich immer noch wirksam erweist?«
      Da flog über das Antlitz Kleopatras wie eine Bestätigung 
      Das Original hat hier ›Bethätigung‹. - 
      D. Hrsg. des schmeichlerischen Wortes aus dem Munde des stolzen jungen Weltbeherrschers ein liebenswürdiges Lächeln.
      Octavian bemerkte es. Es besaß in der That bestrickenden Liebreiz, und er fühlte, wie das matte Rot seiner Wangen zunahm.
      Dies unglückliche Weib, diese leidende Bittstellerin konnte auch jetzt noch einen Mann in ihr Netz ziehen, nur durfte er nicht über die kühle Behutsamkeit verfügen, die ihm die Seele panzerte. War es der wunderbare Wohllaut der Stimme, war es der wechselnde Glanz in den feucht schimmernden Augen, war es die vornehme Biegsamkeit der edlen Gestalt, vereint mit den vollendet schönen Formen der Hände und Füße, war es die Schwäche der unterworfenen Leidenden, die sich eigenartig mit königlicher Majestät vermischte, oder auch der Gedanke, daß die Liebe dieses Weibes die Größten und Höchsten mit unzerreißbaren Banden an sich gefesselt, was dieser hinsiechenden Frau, die die Grenze der Jugend schon längst überschritten, eine so mächtige Anziehungskraft verlieh?
      Jedenfalls galt es auch für ihn, so gewiß er seiner selbst auch sein mochte, sich vor ihr zu hüten. Die Leidenschaft zu zügeln verstand er besser als der so viel größere Oheim.
      Aber es lag ihm vor allem daran, um Kleopatra am Leben zu erhalten, sie im Glauben an seine Bewunderung zu bestärken. Der »Großkönigin des Ostens«, die sich eben noch gerühmt hatte, unwiderstehlich wie der Tod auch die Gewaltigsten zu besiegen, ihr und der Welt wollte er seine Uebermacht als Mensch und als Herrscher beweisen. Doch er mußte auch milde sein, um nicht unvorsichtig selbst zu gefährden, wozu er ihrer bedurfte. Nach Rom sollte sie ihm folgen. Sie mit ihren Kindern verhieß seinen Triumph zu dem glänzendsten und merkwürdigsten zu machen, den je ein Sieger dem Senat und Volke gezeigt.
      In leichtem Ton, aus dem aber dennoch die Bewegung seiner Seele leise herausklang, entgegnete er darum: »Mein herrlicher Oheim war ja als Freund schöner Frauen bekannt. Von mancher ließ er sich das ernste Leben mit Blumen bekränzen und bezeugte es ihr mündlich, – vielleicht wohl auch wie Dir in diesen Briefen – mit dem Schreibrohr. Sein Genius war größer, jedenfalls vielseitiger und beweglicher als der meine. Es gelang ihm auch, verschiedenes in der nämlichen Zeit mit gleicher Hingabe zu betreiben. Was mich angeht, mich nimmt der Staat, die Verwaltung, der Krieg völlig in Anspruch. Dankbar fühl' ich mich schon, wenn ich unseren Dichtern gestatten kann, mir die Ruhe auf kurze Zeit zu verschönern. Sich, wie der Oheim es in diesen Räumen that, der anmutigsten der Frauen gefangen zu geben, fehlt es dem Ueberbürdeten an Muße. Könnte ich, wie ich wollte, Du wärst die erste, von der ich die Gaben des Eros ... Doch es darf nicht sein! Wir Römer lernen auch den glühendsten Wunsch bezähmen, wenn es die Pflicht gebietet, die Sitte. Keine Stadt gibt es auf Erden, in der auch nur halb so viele Götter Verehrung fänden wie hier, und was für welche gibt es darunter! Um ihr Wesen auch nur obenhin zu begreifen, bedarf es eines besonderen Aufgebotes des Geistes ... Aber die einfachen Götter des häuslichen Herdes! Sie sind zu schlicht für euch Alexandriner, denen man Philosophie schon mit in die Muttermilch mischt ... Was Wunder, wenn ich mich vergebens nach ihnen umsah. Freilich würden sie – unsere Hausgötter, mein' ich – auch geringe Befriedigung hier finden, wo vor den heißen Wünschen des Eros die strengen Forderungen des Hymen schweigen. Die Ehe, sie gehört hier kaum zu den geheiligten Dingen. – Diese Meinung, scheint es, verdrießt Dich.«
      »Weil sie falsch ist,« stieß Kleopatra hervor, indem sie mühsam einen neuen Ausbruch des Unwillens zurückhielt. »Doch, sehe ich recht, so bezweckt Dein Vorwurf doch nur, auf das Band zu weisen, das mich mit dem Manne vereinte, den man den Gemahl Deiner Schwester hieß. Ihr Römer nennt die Ehe eines euerer Großen mit einer Fremden verächtlich ... Ich aber will mich ... Gern hielt' ich es zurück, doch Du zwingst mich, zu reden, und ich thu' es, obgleich Dein eigener Freund, obgleich Proculejus mir zuwinkt, Vorsicht zu üben ... Ich, ich, Kleopatra, war die rechte Gattin des Marcus Antonius nach der Sitte dieses Landes, als Du ihn mit der Witwe des Marcellus, der kaum die Augen geschlossen hatte, vermähltest. Nicht Deine Schwester Octavia, ich war die Verlassene, ich, der sein Herz gehörte bis an sein Ende, ich, die eine Reihe von großen Königen ihre Ahnen nennt und an Geburt doch wohl kaum hinter der vornehmsten Tochter eueres edelsten Geschlechtes zurücksteht, nicht die ungeliebte, ihm angetraute Gemahlin ...«
      Hier senkte sie die Stimme. Sie hatte dem leidenschaftlichen Triebe, der ihr gebot, sich in dieser Angelegenheit zu äußern, Genüge gethan und fuhr nun in mild erläuterndem Tone fort: »Ich weiß ja, daß Du diese Verbindung nur vorschlugst, um den Frieden und die Wohlfahrt des Staates ...«
      »Um beide zu wahren und um das Blut von Zehntausenden zu sparen, geschah es,« fügte Octavian mit stolzer Bestimmtheit hinzu. »Dein heller Geist erkannte es richtig. Und wenn Du, trotz des schweren Gewichtes dieser Gründe ... Aber welche Stimme würde bei euch Frauen nicht von der des Herzens zum Schweigen gebracht? Dem Manne, dem Römer, gelingt es, dem Sirenengesange das Ohr zu verschließen. Ständ' es anders – nie und nimmer hätt' ich der Schwester einen Gemahl erwählt, bei dem ich ihr Wohlsein so schlecht behütet wußte, – würde ich – ich sagte es schon – dem eigenen Verlangen nach der liebenswertesten der Frauen nicht zu gebieten vermögen ... Doch ich darf mich des wohl kaum rühmen. Dem bescheidenen Octavian öffnet sich, fürchte ich, ein Frauenherz wie das Deine weniger schnell als einem Julius Cäsar oder dem glänzenden Marc Anton. Aber es ist, mir zu bekennen gestattet, daß ich es vielleicht vermieden hätte, diesem unseligen Kriege gegen den Freund unter eigener Führung ein Ende zu machen und persönlich in Aegypten zu erscheinen, obgleich jeder tüchtige Legat im stande gewesen wäre, das gleiche Ziel zu erreichen, wenn mich nicht das Verlangen hieher getrieben hätte, die Frau wiederzusehen, deren eigenartige Schönheit schon dem Knaben die Augen geblendet. Jetzt fühlt sich der reife Mann von dem Wunsche beherrscht, jene wunderbaren Gaben des Geistes kennen zu lernen, jene unvergleichliche Klugheit ...«
      »Die Klugheit!« fiel ihm die Königin ins Wort und zuckte wehmütig die Achseln. »Was man gemeinhin so nennt, wurde Dir in zehnfach reicherem Maße zu teil. Mein Schicksal beweist es. Die Biegsamkeit des Geistes, die mir die Himmlischen etwa gewährten, in dieser Schmerzenszeit würde sie die Probe nur übel bestehen. Liegt es Dir aber wirklich daran, kennen zu lernen, wie es mit dem Geiste der Kleopatra einst bestellt war, so nimm diese furchtbare Ungewißheit von mir und gewähre mir eine Lage des Lebens, die der gelähmten Seele wieder gestattet, sich frei zu bewegen.«
      »Es liegt allein an Dir,« unterbrach Octavian sie lebhaft, »die kommende Zeit für Dich und die Deinen nicht nur sorgenfrei, sondern schön zu gestalten.«
      »An mir?« frug Kleopatra erstaunt. »In Deiner Hand, ganz allein in ihr, liegt unser Wohl und Wehe. Ich bin ja bescheiden und verlange nichts, als zu wissen, was Du für unsere Zukunft bestimmst, was Du unter dem Lose verstehst, das Du schön nennst.«
      »Nichts Geringeres,« versetzte der Cäsar gelassen, »als was Dir vorzüglich am Herzen zu liegen scheint: ein Leben mit jener freien Bewegung der Seele, die Du erstrebst.«
      Da begann die Brust der tief erregten Frau sich schneller zu regen, und nicht mehr völlig Herr der Ungeduld, die sie ergriff, rief sie: »Mit der Versicherung Deiner Huld auf den Lippen versagst Du mir das Eingehen auf die Frage, die mich vor allen anderen bewegt, auf die Du, wenn überhaupt auf eine, gefaßt sein mußtest, da Du hier eintratst ...«
      »Vorwürfe?« fragte Octavian mit gut gespieltem Erstaunen. »Aber wäre es nicht eher an mir, mich zu beklagen? Gerade weil ich es ernst nehme mit der freundlichen Gesinnung, die Du aus meinen Worten richtig herauslasest, mußten mich einige Deiner Maßregeln betrüben. Deine Schätze sollte das Feuer zerstören. Unbillig wäre es, Freundschaftsbeweise von dem Besiegten zu erwarten; doch kannst Du leugnen, daß es auch dem bittersten Haß kaum gelänge, etwas Feindseligeres zu ersinnen?«
      »Laß das Vergangene ruhen! Wer suchte im Kriege dem Gegner nicht die Beute zu schmälern?« bat die Königin in beschwichtigendem Tone.
      Als aber Octavian mit der Antwort zauderte, fuhr sie lebhafter fort: »Der Steinbock in den Ostbergen, sagen sie, stürzte sich in der Todesnot auf den Jäger und risse ihn mit in den Abgrund. Der nämliche Trieb ist auch den Menschen eigen, und rühmlich, denk' ich, ist er für beide. – Vergiß das Vergangene, wie ich es zu thun versuche, wiederhole ich mit erhobenen Händen. Sage, daß Du den Knaben, die ich dem Antonius schenkte, den Thron Aegyptens unter der Vormundschaft nicht der Mutter, sondern Roms zu besteigen gestattest, und bewillige mir selbst, wo es auch sei, in Freiheit zu leben, und ich, was ich an Gütern und Schätzen besitze, bis auf das letzte, ich überlass' es Dir willig.«
      Dabei ballte ihr die Ungeduld die kleine Hand unter den Falten des Gewandes zur Faust; Octavian aber senkte den Blick und sagte leichthin: »Ueber den Besitz des Besiegten verfügt im Kriege der Sieger, doch das Herz hält mich ab, allgemeingiltige Gesetze gegen Dich, die das Gewöhnliche so hoch überragt, in Anwendung zu bringen. Dein Reichtum soll groß sein, obgleich der unsinnige Krieg, den Antonius unter Deinem Beistande in die Länge zog, ungeheure Summen verschlang. In diesem Lande scheint das verschleuderte Gold wie das Gras, das man mähte, wieder zu wachsen.«
      »Du sprichst,« entgegnete Kleopatra, immer tiefer gereizt, mit stolzem Selbstgefühl, »von den Schätzen, die meine Väter, die großen Könige eines reichen Landes, für ihr edles Haus und den Schmuck ihrer Frauen drei Jahrhunderte lang sammelten und erwarben. Der Großmut und dem vornehmen Sinn eines Antonius stand das Sparen nicht an, doch der Habsucht selbst wird, was übrig bleibt, nicht unbedeutend erscheinen. Bis auf das letzte Stück ward es verzeichnet.«
      Damit nahm sie dem Verwalter Seleukus eine Rolle aus der Hand und reichte sie dem Octavian, der sie mit einer leichten Verbeugung schweigend in Empfang nahm. Kaum aber hatte er sie zu lesen begonnen, als der Verwalter, ein kleiner, wohlbeleibter Mann, mit blinzelnden Augen, die in den übervollen Wangen halb verschwanden, den kurzen Zeigefinger hob, frech auf die Königin wies und ihr ins Gesicht behauptete, sie versuche einiges zu unterschlagen und habe ihm darum verboten, es auf das Verzeichnis zu setzen.
      Da wich der tieferregten, leidenschaftlichen, von fieberhafter Ungeduld gemarterten Frau das Blut aus Wangen und Lippen, und ihrer selbst nicht mehr mächtig, erhob sie sich und schlug den Angeber, den sie aus Armut und Niedrigkeit zu seiner hohen Stellung erhoben, wieder und wieder mit der zarten Hand ins Gesicht, bis Octavian ihr mit einem überlegenen Lächeln zurief, wie recht auch dem Manne geschehe, es genug sein zu lassen.
      Nun warf sich die aus dem Gleichgewicht gerissene Unglückliche auf das Lager zurück, und mit überströmenden Augen klagte sie sich röchelnd selbst an, dem Unerträglichen und solchem Uebermaß der Gemeinheit gegenüber zum Abscheu vor sich selbst geworden zu sein.
      Dann preßte sie die Faust an die Schläfe und rief: »Vor den Augen des Feindes fällt die Würde der Königin, die mir ein Leben lang treu blieb, von mir ab wie ein geborgter Mantel. Doch was bin ich denn noch? Was werde ich morgen sein, was später? Aber wer unter der Sonne, dem warmes Blut durch die Adern rinnt, kann die Ruhe bewahren, wenn man ihm, dem Verschmachtenden, saftige Trauben hinhält, um sie ihm, wie dem Tantalus, bevor er die Lippen damit netzte, grausam zu entziehen? Mit der Versicherung Deiner Gnade tratest Du hier ein; doch die schmeichelhaften, Gutes verheißenden Worte, die Du mir Unseligen gönntest, sind wohl nur die Mohntropfen gewesen, mit denen man tobende Fieberkranke beruhigt. War die Gnade, die Du mich sehen und für die Zukunft ahnen ließest, nur bestimmt, eine Unglückliche zu täuschen ...«
      Doch sie kam nicht weiter; denn Octavian fiel ihr mit erhobener Stimme würdevoll ins Wort: »Wer da meint, der Erbe des Cäsar sei fähig, eine edle Frau, eine Königin, die Freundin seines großen Vorbildes, schmählich zu hintergehen, der beleidigt und kränkt ihn; doch der gerechte Zorn, der Dich hinriß, mag Dir zur Entschuldigung dienen. Ja,« fügte er in völlig verändertem Tone hinzu, »ich hätte sogar Grund, diesem Zorne dankbar zu sein und zu wünschen, noch einmal dem Ausbruch einer Leidenschaft, die selbst in der ungezügelten Wildheit schön bleibt, zuschauen zu dürfen; – weiß die königliche Löwin doch kaum selbst, wie schön sie ist, wenn der Sturm der Empörung sie mit sich fortreißt. Und welchen Anblick muß sie nun erst gewähren, wenn die Liebe es ist, die ihre heiße Seele zwingt, aufzulohen in lichten Flammen.«
      »Die heiße Seele!« wiederholte sie lebhaft, und plötzlich erwachte in ihr das gefallsüchtige Verlangen, auch diesen Mann, der sich so siegesgewiß seiner Festigkeit rühmte, sich zu Füßen zu zwingen. Mochte er stärker sein als andere, unbezwinglich war er gewiß nicht! Und im Bewußtsein ihrer noch ungebrochenen Macht über die Herzen der Männer folgte sie dem übermächtigen weiblichen Triebe, die Herzen zu beherrschen. Auch das des Feindes sollte ihr unterthan werden, und bevor dies Verlangen noch feste Formen gewonnen, glühte ihm schon aus ihren Augen ein verheißungsvoller Liebesblick, winkte ihm aus ihrem Antlitz ein bezauberndes Lächeln entgegen
      Da begann das wohlgehütete Herz des jungen Herrschers schneller zu schlagen und die Zügel zu zerreißen. Die Wangen erglühten ihm, entfärbten sich und röteten sich wieder. Wie sie ihn angeschaut hatte! Liebte sie den Neffen, wie sie einst den Oheim geliebt, der durch sie erfahren, welche Wonne das Leben zu spenden vermag? Ja, es mußte köstlich sein, diesen feinen Mund zu küssen, sich von diesen herrlich gebildeten Armen umfangen zu lassen, von dem silberhellen Wohllaute dieser Stimme den eigenen Namen sich zärtlich entgegentönen zu hören. Schöner fließende Linien hatte auch das vollendetste Marmorbild der wachend ruhenden Ariadne, das er in Athen gesehen, dem Auge nicht geboten, als das da vor ihm in den Kissen ausgerichtete Weib. Wer durfte wagen, ihr gegenüber von geschwundenen Reizen zu reden? O nein! Der Zauber, der den Julius Cäsar ihr dienstbar gemacht, er war lebendig, war so wirksam geblieben denn je. Er fühlte selbst seine Macht, Er, der Dreiunddreißigjährige, war jung, und nach so schweren Anstrengungen stand es auch ihm zu, sich mit dem Nektar des edelsten Genusses zu berauschen, Leib und Seele auf einmal mit Freuden zu sättigen, die nicht ihresgleichen besaßen.
      So trat er denn mit einem raschen Schritte, entschlossen, ihre Hände zu ergreifen und sie an die Lippen zu ziehen, ihrem Lager näher. Sein heiß verlangender Blick gab dem ihren Antwort; sie aber nahm, erstaunt über die Macht, die ihr, der an Leib und Seele so schwer Gequälten, in der That noch immer selbst über den stärksten und kältesten der Männer innewohnte, mit aller Sicherheit wahr, was in ihm vorging, und ein siegesfrohes Lächeln, in das bitterer Hohn sich mischte, umspielte ihr den schönen Mund. Sollte sie ihm ablisten, was sie von ihm begehrte, indem sie zum erstenmale mit der Liebe ein falsches Spiel trieb? Sollte sie sich demjenigen preisgeben, der sie zurückstieß, um für die Kinder durch ihn zu erlangen, was ihnen gebührte? Sollte sie, dem Feinde des Geliebten zu Gefallen, dem heiligen Schmerze absagen, der sie ihm nachzog, und der Nachwelt und den Kindern das Recht geben, sie statt der Treusten der Getreuen ein ehrloses Weib zu nennen, das für jeden Mächtigsten in seiner Zeit käuflich?
      An all diese Fragen knüpfte sich wie von selbst die Verneinung. Der Schritt, den Octavian mit einem Liebe heischenden Blicke ihr entgegengethan hatte, er gab ihr das Recht, sich als Besiegerin des Siegers zu fühlen, und die stolze Freude des Triumphes spiegelte sich in ihren beweglichen Zügen zu deutlich wider, als daß der scharfsichtige und mißtrauische Unterliegende es nicht hätte bemerken sollen. Kaum aber hatte er wahrgenommen, was ihn bedrohte, und sich ihres Wortes von der Ueberwältigung seines großen Oheims durch sie und den Tod erinnert, als es ihm auch schon gelang, die rasch entflammten Sinne zu bemeistern. Errötend über die eigene Schwäche wandte er den Blick von der Königin ab, und, als er dem Proculejus und den anderen Zeugen begegnete, erkannte er, vor welchem Abgrund er gestanden. Der Gefahr, durch einen Augenblick der Schwäche die Frucht ernster Entsagung und schwerer Bemühungen einzubüßen, war er schon halb verfallen gewesen.
      Sein ausdrucksvolles Auge, das eben noch verlangend nach einer schönen Frau geschaut hatte, maß jetzt mit einem strengen Herrscherblicke seine Umgebung, und scheinbar beflissen, ein Zuviel der schmeichelhaften Anerkennung, das mißdeutet werden konnte, zu mäßigen, sagte er in beinahe lehrhaft ernstem Tone:
      »Und doch möchten wir die edle Löwin noch lieber in jener majestätischen Ruhe sehen, die alles, was König heißt, am besten kleidet. Einem kühl erwägenden Sinne wie dem meinen fällt es schwer, sich in ein leicht und heiß erglühendes Herz zu versetzen.«
      Mehr erstaunt als enttäuscht war Kleopatra dieser schnellen Wandlung gefolgt. Er war ihr halb unterlegen, hatte es beizeiten erkannt, und ein Mann von seiner Art begab sich nicht leicht zum zweitenmal in eine Gefahr, der er mit genauer Not entronnen. Und es war gut so! Er sollte erfahren, daß er den Blick, der ihm das Herz entflammt hatte, falsch gedeutet, und sie entgegnete darum ablehnend und mit majestätischer Würde:
      »Ein Elend wie meines tötet jede Glut. Und die Liebe? Das Herz des Weibes bleibt ihr immer geöffnet, nur nicht, wenn es die Lust und Kraft zu wünschen verlor. Du bist jung und glücklich, und Deine Seele verlangt darum auch heute noch nach Liebe, – ich weiß es; – wenn auch in keinem Fall nach der meinen. Mir dagegen ist nur noch ein Werber willkommen: der mit der gesenkten Fackel, den Du von mir fern hältst. Bei ihm allein ist zu finden, wonach diese Seele von Kind an strebte: Schmerzlose Ruhe! Du lächelst. Mein vergangenes Leben gibt Dir das Recht, es zu thun. Ich will es nicht schmälern. Jedes lebt sein Leben für sich. Wenige verstehen die Wendungen des eigenen und weniger noch die eines fremden Daseins. Die Welt war ja Zeuge, wie die Ruhe aus meinem Wege floh oder ich aus dem ihren, und dennoch seh' ich die Möglichkeit offen, sie wiederzufinden. Vor dem einzigen, das mir ihren Genuß verbieten würde: Erniedrigung und Schande, davor bin ich gesichert.«
      Hier stockte sie und fuhr mit den weichsten Lauten, über die sie gebot, wie zur Erklärung fort: »Deine Großmut, meine ich, schützt die Frau davor, die Du eben noch – ich übersah es nicht – wert hieltest eines mehr als gnädigen Blickes. Zu den unvergeßlichen Erinnerungen will ich ihn schreiben. Jetzt aber, erhabener Herr, laß mich wissen: Wie lautet Dein Beschluß über mich und die Kinder? Was dürfen wir von Deiner Gnade hoffen?«
      »Daß den Octavian der Wunsch, Dir und den Deinen ein würdiges Los zu bereiten, um so wärmer beseelen wird, mit je festerem Zutrauen Du von ihm erwartest, er werde seine Großmut voll und ganz an euch bewähren.«
      »Und wenn ich dies Verlangen erfülle und alles, was groß und edel ist, von Dir erwarte, – es fällt mir nicht schwer – welche Beweise Deiner Gunst stehen uns dann bevor?«
      Da versetzte der Cäsar schnell: »Male es Dir aus mit der ganzen Glut jener gewaltigen Einbildungskraft, die selbst meine Blicke so lebhaft zu Deinen Gunsten deutet und die die Wunder ersann, durch die Du den größten und glänzendsten Mann Roms zum Glücklichsten der Sterblichen machtest. Daß er der Unglücklichste wurde, fällt, denk' ich, nicht Dir, sondern ihm allein zur Last. Aber – beim Zeus! – die vierte Stunde nach Mittag!«
      Ein Blick aus dem Fenster hatte ihn zu diesem Rufe veranlaßt. Dann fuhr er im Ton des aufrichtigsten Bedauerns mit der Hand auf dem Herzen fort: »Wie gern genöss' ich noch länger dieses fesselnden Gesprächs, doch mich rufen wichtige, leider unaufschiebbare Geschäfte ...«
      »Und die Antwort?« rief Kleopatra und schaute ihm tief atmend erwartungsvoll entgegen.
      »Soll ich sie wiederholen?« frug er mit ungeduldiger Eile. »Sei es darum! Gegen volles Zutrauen von Deiner Seite Gnade, Vergebung, Entgegenkommen, jede Rücksicht, die Du billigerweise verlangst. Dein Herz ist so reich an warmem Gefühl! Gönne mir davon nur einen kleinen Teil, und als Gegengabe fordere greifbare Geschenke. Sie sind Dir im voraus bewilligt.« Dabei begrüßte er sie wie ein Freund, der ungern von dem andern scheidet, und verließ raschen Schrittes das Gemach.
      »Fort, fort!« rief Iras, als die Thür sich hinter ihm schloß. »Ein Aal, der der Hand entschlüpft, die ihn festhält.«
      »Das Eis im Norden,« fügte Kleopatra dumpf hinzu, während Charmion ihr half, eine bequemere Lage zu finden, »So glatt, wie es kalt ist. Es bleibt nichts weiter zu hoffen.«
      »Doch, Herrin, doch!« versicherte Iras eifrig. »Dolabella erwartet ihn im Philadelphushofe. Durch ihn – er versprach es – erfahren wir, was Octavian mit Dir vorhat.«
      In der That fand der Cäsar den Jüngling am ersten Thore des Palastes, wie er sein schönes kyrenäisches Viergespann musterte.
      »Treffliche Tiere!« rief er dem Cornelier zu. »Ein Geschenk dieser Stadt. Fährst Du mit mir? Eine merkwürdige, höchst merkwürdige Frau!«
      »Nicht wahr?« frug Dolabella eifrig.
      »Zweifellos,« versetzte der Cäsar. »Doch obgleich sie beinahe Deine Mutter sein könnte, für Jünglinge Deines Alters und von Deinem Schlag außerordentlich gefährlich. Welch ein Schmelz in der Stimme, welche Beweglichkeit, welch ein Feuer! Und dabei doch vornehm in jeder Bewegung. Aber ich will den Funken, der Dir vielleicht schon ins Herz fiel, nicht anfachen, sondern ersticken. Und das Schauspiel, die Komödienscene, die sie mir mitten im schwersten Ernste zu sehen gab!«
      Dabei lachte er kurz und leise auf. Dolabella aber rief erwartungsvoll: »Du lachst nur selten; doch dies Gespräch, scheint es, stimmte Dich heiter. – Es führte also zu einem erfreulichen Ausgang?«
      »Laß es uns hoffen! Ich erwies mich ihr so gnädig, wie es nur anging.«
      »Das ist schön! Darf man auch wissen, in welcher Weise Deine Güte und Weisheit ihre Zukunft gestaltet? Oder besser: Was versprachst Du der beklagenswerten Besiegten?«
      »Meine Gnade, wenn sie mir vertraut.«
      »Proculejus und ich fahren fort, sie darin zu bestärken. Und wenn es gelingt?«
      »So wird ihr, wie gesagt, Gnade zu teil, eine Fülle von Gnade!«
      »Doch ihr künftiges Schicksal? Wie gestaltest Du ihre Zukunft und die der Kinder?«
      »So, wie sie es durch den Grad ihres Zutrauens verdienen.«
      Hier stockte er; denn er war einem Blicke des Dolabella begegnet, in dessen bekümmerten Ernst sich ein leiser Vorwurf mischte.
      Es lag ihm daran, die begeisterte Bewunderung dieses vielleicht zu großen Dingen berufenen edlen Jünglings sich zu bewahren, und so fuhr er vertraulich fort: »Vor Dir, junger Freund, darf ich offener sein. Die kühnsten Hoffnungen erfüll' ich gern dem immer noch fesselnden, ich wiederhole es, höchst merkwürdigen Weibe; erst aber brauche ich sie für den Triumph. Die Römer hätten recht, mich zu schelten, wenn ich ihnen den Anblick dieser Königin, dieses Weibes sondergleichen, dieser in mancher Hinsicht ersten Frau ihrer Zeit entzöge. Wir brechen bald nach Syrien auf, und zwar zu Lande. Die Königin schicke ich samt ihren Kindern in drei Tagen nach Rom. Wenn sie dort im Triumphzuge als großes, der Bewunderung wahrhaft würdiges Schaustück die Wirkung übten, die ich davon erwarte, soll sie erfahren, wie ich denen lohne, die sich mir gefällig erweisen.«
      Schweigend hatte Dolabella ihm zugehört. Als der Cäsar den Wagen bestieg, ersuchte ihn jener, ihn zurückbleiben zu lassen.
      Octavian fuhr allein gen Osten dem Lager entgegen, wo man in der Nähe des Hippodrom den Boden vermaß, auf dem die Vorstadt Nikopolis, das ist Siegesstadt, angelegt werden sollte, um die Folgegeschlechter an den Sieg des ersten Kaisers über den Antonius und die Kleopatra zu erinnern. Sie erwuchs, ohne je eine hervorragende Bedeutung zu erlangen.
      Der edle Cornelier schaute dem dahinbrausenden Viergespanne des Herrschers unwillig nach. Dann richtete er die vornehme Gestalt höher auf und ging festen Schrittes in den Palast. Es konnte ihm das Leben kosten, und doch wollte er thun, was er für seine Pflicht hielt gegen die edle Frau, die ihn ihrer Freundschaft gewürdigt. Dies seltene Weib war zu gut, um dem Pöbel zur Augenweide zu dienen.
      Um weniges später wußte Kleopatra, welche Schmach ihr bevorstand.
    



      Fünfundzwanzigstes Kapitel
      Am nächsten Morgen hatte die Königin mit Charmion und diese mit der Nubierin Anukis mancherlei zu flüstern. Gestern war der Gärtner des Archibius gekommen und hatte der Schwester seines Herrn besonders schöne Feigen angeboten, die in dem alten Epikuräergarten reiften. Auch von diesen Früchten wurde gesprochen, und Anukis begab sich nach Kanopus und von dort aus im Wagen des Verwalters mit einem Korbe voll der köstlichsten Feigen auf den Fischmarkt. Da hatte sie mancherlei mit dem Pyrrhus zu reden, und der Freigelassene begab sich mit den Früchten auf sein Boot.
      Bald nach der Heimkehr der Nubierin kam die Königin aus dem Grabmale zurück. Ihre Züge trugen den Stempel einer ihnen sonst fremden Entschlossenheit, ja die fest zusammengedrückten Lippen verliehen ihnen den Ausdruck entschiedener Strenge. Sie wußte, was ihr zu thun oblag, und sah dem nahenden Ende als einer unabweisbaren Notwendigkeit entgegen. Der Tod erschien ihr wie eine Reise, die sie antreten mußte, um der grausamsten Schmach zu entgehen. Das Leben nach dem Tode des Antonius war ohnehin kein rechtes Leben mehr, es war nur ein häßliches Zaudern und Abwarten zu Gunsten der Kinder gewesen.
      Der Besuch im Grabe hatte dem vorangegangenen Gatten ihr Nahen gleichsam ansagen sollen. Sie war lange in der stillen Halle geblieben. Dort hatte sie den Sarg des Geliebten mit Blumen bekränzt und ihn geküßt, zu dem Verstorbenen wie zu einem Lebenden geredet und ihm zugerufen, daß der Tag gekommen sei, an dem sich, was er als wärmsten Herzenswunsch in seinem Testamente bezeichnet: im gleichen Grabmal neben ihr zu ruhen, nun erfüllen solle. Unter dem tausendfachen Jammer, der sie betroffen, sei ihr nichts so schwer erträglich erschienen, als seiner Nähe und Liebe zu entbehren.
      Dann war sie in den Garten gegangen, hatte die Kinder geherzt und geküßt und sie gebeten, liebevoll ihrer zu gedenken. Dem Archibius war nicht verborgen geblieben, was sie im Sinne trug, doch hatte Charmion ihm mitgeteilt, womit die Zukunft sie bedrohte, – und er billigte ihren Entschluß. Mit dem Aufgebot der ganzen ihm innewohnenden Willenskraft wußte er den Schmerz, der ihm das treue Herz zerriß, zu verbergen. Sie mußte sterben. Der Gedanke, sie den Triumphzug des Octavian zieren zu sehen, erschien auch ihm unerträglich. Ihren Dank und ihre Bitten, den Kindern auch ferner ein liebevoller Leiter zu sein, nahm er mit einer äußeren Gelassenheit hin, die ihm später unfaßbar erschien.
      Als sie von dem Wiedersehen mit dem Geliebten sprach, dem sie entgegengehe, frug er, ob sie der Lehre des Epikur, die mit dem Tode das Sein des Verstorbenen auslöscht, völlig abgesagt habe.
      Das bejahte sie lebhaft und sagte: »Auch die Schmerzlosigkeit hörte auf, mir als höchstes Lebensgut zu erscheinen, seit ich weiß, daß Liebe nicht nur Lust bringt, seit ich erfuhr, daß der Schmerz untrennbar ist von der Liebe. Von ihr lasse ich nicht, und ebenso wenig von dem Geliebten. Wer das erfuhr, was über mich verhängt ward, der lernte andere Götter kennen als die in thatenloser Ruhe selig rastenden des Meisters. Lieber zu ewiger Qual in einer andern Welt vereint mit dem Geliebten, als ein schmerz- und freudloses Nichts in einem öden, unfaßbaren Nirgends. – Du am letzten lehrst die Kinder nach Schmerzlosigkeit trachten ...«
      »Denn wie Du,« rief Archibius. »erfuhr auch ich, ein wie hohes Lebensgut die Liebe, und daß Liebe auch Schmerz ist.«
      Dabei neigte er sich über ihre Hand, um sie zu küssen, sie aber hielt sein Haupt an den Schläfen fest und drückte ihm die Lippen schnell und flüchtig auf die breite Stirn.
      Da war es um seine Fassung geschehen, und aufschluchzend eilte er zu den Kindern zurück.
      Wehmütig lächelnd schaute sie ihm nach und trat am Arme der Charmion in den Palast.
      Dort begab sie sich in das Bad und ließ sich sodann in kostbaren Trauergewändern auf das Polster nieder, um, wie gewöhnlich zu dieser Stunde, das Frühstück einzunehmen.
      Iras und Charmion teilten es.
      Während der Nachtisch aufgetragen wurde, brachte die Nubierin einen Korb mit köstlichen Feigen. Ein Bauer, erklärte sie dem Epaphroditus, der dem Mahle zuschaute, habe sie als etwas Besonderes gebracht. Von den Wächtern seien schon einige weggenascht worden.
      Die Speisenden genossen einige der Früchte, und Proculejus, der gekommen war, um die Königin zu begrüßen, ließ sich gleichfalls bewegen, eine der schönsten zu kosten.
      Nach Beendigung des Mahles wünschte Kleopatra zu ruhen.
      Die römischen Herren und die Aufwärter entfernten sich.
      Endlich waren die Frauen allein und blickten einander schweigend an.
      Charmion entfernte mit zagender Hand die obersten Früchte, die Königin aber sagte dumpf vor sich hin:
      »Die Gemahlin des Antonius hinter dem Wagen des Siegers im Triumph durch die Straßen Roms geschleppt, eine Augenweide dem Volke und den neidischen Matronen.« Dann fuhr sie auf und rief: »Welch ein Gedanke! War er zu groß für den Octavianus oder zu klein? Er, der sich so laut rühmt, die Menschen zu kennen, erwartet dies Unmögliche von der Frau, die ihm doch ihr Inneres so frei erschloß, wie er das seine vor ihr verbarg. Wir wollen ihm zeigen, wie schlecht es mit seiner Menschenkenntnis bestellt ist und ihn Bescheidenheit lehren.«
      Dabei flog ihr ein verächtliches Lächeln um die schönen Lippen, und mit schnellen Griffen warf sie die Feigen händevoll auf den Tisch, bis sie plötzlich wahrnahm, wie es sich unter den Früchten regte. Da atmete sie tief auf, von ihren Lippen klang der leise Ruf: »Da wäre es ja!« und mit einem raschen Entschlusse streckte sie der Natter, die ihr entgegen züngelte, den Arm hin.
      Während sie dann den Blick fest auf die Bewegungen des Tieres heftete, das sich zu scheuen schien, sein furchtbares Amt zu erfüllen, rief sie den Frauen zu:
      »Dank, Dank für alles! Seid ruhig. Du weißt ja, Iras, daß es nicht weh thut. Es soll sein, als ob man entschliefe.« Dann schauerte sie leis zusammen und sagte: »Ein ernstes Ding ist es doch um das Sterben. Gleichviel, – es muß geschehen. – Warum zögert die Schlange? Da, da ... Ich halte stand. Ehrgeiz und Liebe waren die bewegenden Kräfte in meinem Leben ... Sie sollen rühmend meiner gedenken ... Ich folge Dir, Marcus Antonius!«
      Da beugte sich Charmion über den linken Arm der Herrin, der frei herabhing, und bedeckte ihn laut ausweinend mit Küssen, und Kleopatra ließ es geschehen und sagte, während sie den Bewegungen der Natter mit neuer Aufmerksamkeit folgte:
      »Die Ruhe aus unserem Epikuräergarten, heute beginnt sie, meine Mädchen. Ob sie schmerzlos sein wird, wer weiß es; doch – auch darin wurde ich einig mit dem Archibius – zu der höchsten Lust des Lebens, der Liebe, gehört der Schmerz. Ihr beide, denk' ich, habt es gleichfalls erfahren. Auch dies Land, auch mein Aegypten, ist mir teuer gewesen. Lieber ewig blind, als es unter römischem Joche sehen. Die Zwillinge und mein kleines Herzblatt ... Wenn sie der Mutter und ihres Endes gedenken, nicht wahr? dann werden die Kinder ...«
      Hier fuhr sie mit einem leisen Aufschrei zusammen. Die Schlange war ihr wie ein kalter Blitz am Arme in die Höhe geschossen, und um weniges später sank Kleopatra entseelt in das Polster zurück.
      Bleich und doch gefaßt wies Iras auf sie hin und sagte:
      »Wie ein schlummerndes Kind. Bezaubernd auch noch im Tode. Selbst das Schicksal muß ihr zu Willen sein, muß der großen Königin, dem siegreichen Weibe, dem ein Herz widerstand, den letzten Wunsch noch erfüllen. Den hochfliegenden Anschlag des Octavian, ihn schlägt sein Walten in Stücke. Der Triumphator wird sich ohne Dich den Römern zeigen, Du Teure!«
      Damit beugte sie sich heftig aufschluchzend über die Entschlafene, schloß ihr die Augen, küßte ihr Mund und Stirn, und Charmion that es ihr weinend nach.
      Da ließen sich Männerschritte im Nebenzimmer hören, und Iras, die sie zuerst vernahm, rief dringlich:
      »Der Augenblick naht. Gut, daß er da ist. Scheint es Dir nicht auch, als habe sich die Sonne am Himmel verfinstert?«
      Charmion nickte ihr beistimmend zu und fragte leise: »Das Gift?«
      »Hier!« versetzte Iras gelassen und reichte ihr eine unscheinbare Nadel. »Ein leichter Stich, und es soll Methan sein ... Sieh her! Aber nein! Einmal thatest Du mir den größten Schmerz an. Du weißt – mein Kindheitsgespiele, der Dion ... Es ist vergeben. Aber jetzt. Du erweist mir die Wohlthat! – Du ersparst mir, mich selbst mit der Nadel zu stechen. – Willst Tu? Ich vergelte es Dir! Wenn Du es wünschst, soll diese Hand Dir den Gegendienst leisten.«
      Da schloß Charmion die Nichte ans Herz, küßte sie, stach ihr leicht in den Arm, reichte ihr dann die andere Nadel und sagte:
      »Jetzt ist die Reihe an Dir. – Unser Herz war voll von der großen Liebe zu einer, die wie keine zu lieben verstand, und unsere Liebe, sie wurde erwidert. Was bedeutet dagegen die andere, der wir entsagten? Wem die Sonne glänzt, der braucht kein Licht zu entzünden. ›Liebe ist Schmerz!‹ sagte sie beim Scheiden; doch dieser Schmerz – vor allem wohl der des Entsagens aus Liebe – er trägt eine Lust im Schoße, eine köstliche Lust, die es leicht macht, zu sterben. Mir ist es, als gelte es nur, der Königin zu folgen, um sie ... O, das that weh!«
      Die Nadel der Iras hatte sie getroffen.
      Das Gift wirkte schnell. Iras ward von einem Schwindel ergriffen und hielt sich nur noch mühsam aufrecht. Eben war Charmion in die Kniee gesunken, als es draußen laut an die verschlossene Thür pochte, und die Stimmen des Epaphroditus und Proculejus mit gebieterischer Heftigkeit zu öffnen befahlen.
      Als keine Antwort erfolgte, wurde das Schloß an der Thür mit hastigem Ungestüm gesprengt.
      Da fand man Charmion bleich und entstellt zu Füßen der Herrin, Iras aber rückte ihr, schwankend und schon halb betäubt von dem Gifte, das Diadem zurecht. Es hatte sich verschoben. Von der geliebten Herrin fern zu halten, was die Schönheit ihres Anblicks zu beeinträchtigen drohte, war ihre letzte Sorge gewesen.
      Empört, außer sich vor Zorn eilten die Römer auf die Frauen zu. Epaphroditus hatte Iras noch mit dem Schmuck der Kleopatra beschäftigt gesehen. Jetzt suchte er ihre Gefährtin aufzurichten und rief ihr vorwurfsvoll zu: »Das sind mir schöne Dinge, Charmion!« – sie aber nahm die letzte Kraft zusammen und versetzte mit brechender Stimme: »Ja, ganz wunderschöne, wie sie sich für die Enkelin so vieler Herrscher gebühren.« 
      Der Ruf des Römers und die Antwort der sterbenden treuen Charmion wörtlich nach dem Berichte des Plutarch.
      Damit schloß sie die Augen; Proculejus aber, der Dichter, der der Frau, gegen die er sich schwer vergangen, lange und tief bewegt in das stolze, schöne Antlitz geschaut hatte, sagte: »Wie kein anderes Weib auf Erden wurde sie von den Größten gefeiert, von den Allerhöchsten geliebt. Ihr Ruhm hallte wider von Volk zu Volk durch die ganze Welt. Fort wird er klingen von Geschlecht zu Geschlecht; so laut er aber auch ihre zauberhafte Anmut preist, die den Tod überdauernde Glut ihrer Liebe, ihren Geist, ihr Wissen, den Heldenmut, mit dem sie, das Weib, den Tod der Schande vorzog, – das Lob dieser beiden sollte er auch nicht zu verkünden vergessen. Ihre Treue verdient es. – Unbewußt setzten sie durch ihr wunderbares Ende der Gebieterin das schönste Denkmal; denn wie wahrhaft gut und liebenswert muß die Frau gewesen sein, die nach dem tiefsten Sturze es denjenigen, die ihr am nächsten gestanden hatten, süßer erscheinen ließ, zu sterben, als ohne sie zu leben.«
      Die Nachricht vom Tode der geliebten, gefeierten Fürstin verwandelte Alexandria in ein Trauerhaus. Ein Leichenbegängnis von unerhörter Pracht und Feierlichkeit, bei dem viel aufrichtige Thränen flossen, ehrte ihr Andenken.
      Einer der glänzendsten Anschläge war dem Octavian durch ihren Tod vereitelt worden, und ingrimmig hatte er den Brief gelesen, in dem Kleopatra ihm mit eigener Hand mitteilte, daß sie zu sterben gedenke. Dennoch war er es dem Rufe seiner Großmut schuldig gewesen, ihr eine ihres Ranges würdige Bestattung zu gewähren. Verstorbenen, die ihm gefährlich zu sein aufgehört hatten, war er bereit, Gnade im Uebermaß zu erweisen.

      Auch durch die Behandlung, die er ihren Kindern angedeihen ließ, veranlaßte er die Welt, die Milde seiner Gesinnung zu bewundern. Octavia, seine Schwester, nahm sie in das eigene Haus auf und überließ dem Archibius ihre Leitung.

      Als der Befehl ergangen war, die Statuen des Antonius und der Kleopatra umzustürzen, auch da gab Octavian den Zeitgenossen eine Probe seiner zum Vergeben geneigten Gesinnung; denn er verordnete, daß die Bildsäulen der Königin, die sich zahlreich in Alexandria und in ganz Aegypten erhoben, stehen bleiben und erhalten werden sollten. Er war freilich dazu durch die hohe Summe von zweitausend Talenten veranlaßt worden, die ein Alexandriner, um diese That der Großmut zu erwirken, in seine Kasse hatte fließen lassen. Archibius hieß der seltene Freund, der sich zum armen Manne gemacht hatte, um dem Andenken der teuern Verstorbenen diesen Dienst zu erweisen.

      Unangetastet schmückten die Bildsäulen der unglücklichen Fürstin auch später die Stellen, an denen sie sich erhoben.

      Die Sarkophage der Kleopatra und des Marcus Antonius, neben denen Iras und Charmion ruhten, waren stets mit Blumen und Totengaben überhäuft. Das Grabmal der viel geliebten Königin zog wie ein Wallfahrtsort besonders die Frauen Alexandrias an; aber es kamen auch aus der Ferne und noch in späterer Zeit treue Leidtragende, die es besuchten, und unter ihnen die Kinder des berühmten Liebespaares, das hier der Tod vereinte: Kleopatra Selene, nunmehr die Gattin des gelehrten numidischen Königssohnes Juba, Antonius Helios und der zum Manne herangereifte Alexander. Archibius, ihr Lehrer und Freund, begleitete sie. Er hatte Sorge getragen, daß das Andenken der Mutter von ihnen hochgehalten wurde, und sie zu Menschen erzogen, die er erhobenen Hauptes an den Sarkophag der Freundin, die sie ihm anvertraut hatte, führen durfte.

       

      Ende

    

