

      Felix Dahn
      Odhin's Trost
      Ein nordischer Roman aus dem elften Jahrhundert
      Leipzig
      Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel
      1901
      Zehnte Auflage.
      
        
      
    



       
      
      
      Motto:
      
        Wen'ge, ich weiß es,
         Wird er trösten, –
         Odhin's heldentapfrer Trost.
      
       
      
       
       
      
      
      Meinem lieben Vater
       Friedrich Dahn
       und
       meiner lieben Frau
       Therese.
       
      Begonnen: 1875. – Vollendet 1880.
    



       
      
       
       Schwer würde mich strafen, mit Bet-Zwang und Buß-Zwang Isleifr der Bischof, schärfer noch Gizurr, sein scharfer Sohn und scharfer Schürer, wüßten sie, was ich hier aufzeichne nächtlicher Weile. –
      Zauberlieder, Höllensprüche, würden sie schelten die alten Runen, die stolzen Lied-Stäbe der Väter, die ich hier rette vor der Söhne Vergessen.
      Heidenschaftspflege, Unholdendienst würden sie's nennen, daß ich meines alten Vaters, des hohen Mannes, Sagen-Weisheit verzeichne, so viel ich ihrer noch weiß und gedenke.
      Und doch will ich gern glauben nach des Bischofs Gebot an den Himmels-König, den Alt-Weisen, der geschaffen Land und Meer. 
      
      Und im Meere die Eilande. Auch dieses Eis- und Feuer-Eiland.
      Und will glauben an den Herren Christus, seinen Edel-Erben, der Helden Herrlichsten, der in den Tod ging für seine Gefolgschaft: – hätten doch die Jünger, die allzu sanften, Schwerter geschwungen, so kühn wie meine Gesippen: niemals hätten, so mein' ich, die Männer von Juda noch auch von Rumaburg die stärkeren Recken gebunden den Edling.
      Will auch glauben – obzwar unleicht – an den Geist, den heiligen, der daher fliegt in Tauben-Weise. Lieber wär' mir's, käm' er geflogen im Adler-Hemd, wie Odhin. – –
      Nun aber will ich leise hinaus gehen und schauen, ob nicht von Außen sichtbar sei der Lichtschein von meinem Kien-Spahn: denn schlau sind, allum spürend, des Herrn Bischofs eifrige Späher, die braunen Mönche.
      Auch wir freien Godhen, im Hausfrieden unserer Godhordhe, sind nicht sicher vor ihrer Spähe nach 
       Heidenschaftsthaten, obzwar solche Spähe das Landrecht verbietet.
      Nicht wäre mir lieb, Lügen zu lügen: aber auch nicht rathsam, das Wahre zu sagen, fragten sie mich, was so spät ich schaffe, wann lange schon schlafen die Andern unter allen den Dächern meiner Gehöfte.
      Auch hört ich den Eisbären brüllen am Geis-Stall –: den scheuch' ich mit Speer-Wurf. –
      *
      Gescheucht ist der Eisbär. Roth glühte sein Auge im Dunkel.
      War es ein Unhold, ein Wer-Bär? Hat ihn der Hölle übler König gesandt, mich zu schrecken, der leidige Loki, wohl wissend, wie ich zu schreiben gedenke von seinen Listen und seinem Erliegen?
      Dann: wenig gelang ihm's.
      Nicht fürcht ich der Heiden dunkle Hel noch der Christen hell flammende Hölle. 
      
      Denn mich schützt der Himmelsherr, an den ich ganz glaube.
      Und nicht auch versagt mir der Licht-Alfen Geschlecht, die uns seit Alters hausen am Herde, unserer Sippe ein altbefreundetes Völklein: noch auch in der Rechten der starke Speer. –
      Kein Lichtstrahl glomm durch den Laden – getrost mag ich schreiben: – still liegt das Haus und die beiden Klein-Höfe, still weithin die schneebegrabne Heide; der Ael-Krug reicht noch, bis die Sterne bleichen: – denn nur selten darf trinken, wen der Schlaf nicht beschleichen soll, bei nächtlichem Schriftwerk. Noch den knorrigen Wurzelstock der Före werfe ich auf die Herdstätte. Denn kalt wird die Nacht. –
      Also: ich glaube an des Bischofs Lehre.
      Aber das Eine will nimmer ich glauben, daß es Sünde sei, treu zu bewahren der Väter Alt-Sagen.
      Mögen Odhin, Thor und ihre Genossen nicht Gott gleich sein –: daß sie lebten und noch leben, sagt ja auch Isleifr, der Bischof. 
      
      Nur üble Wichte, Höllengeister, meint er, sind sie.
      Dem aber ist nicht so.
      »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« – sagt das heilige Buch. Ei nun wohlan!
      Unsere Ahnen, mein Vater zumal, haben aus diesen Alt-Sagen von den Walhall-Göttern höchsten Muth und tapfern Trost geschöpft. Und treffliche Thaten, nicht nur herrlichen Heldenthums, auch tiefer Weisheit und gütevollen Herzens, haben sie gethan, die Heidenleute, Männer und Weiber, nach der Walhall-Götter lichtem Vorbild, ihnen zu gefallen, ihnen zu gleichen, endlich zu ihnen aufzusteigen in Asgardhs goldene Säle.
      Alle Tugenden des Heldenthums, der Treue, der Zucht pflegten unsere Vorväter und Vormütter in der Walhallgötter Dienst. Zwar Seraphicus, der böse Mönch, las uns neulich in der Kirche aus einem lateinischen Buch eines heiligen Bischofs, Augustinus heißt er, ein Wort, das lautete: »die Tugenden der Heiden waren und sind nur glänzende Laster«. Aber das ist, 
       und wenn es auch ein heiliger Bischof, ein heißblütiger, im heißen Südland Africa geschrieben, ein so scheußliches Wort, daß ich sofort mich wandte, dem Altar und dem Priester den Rücken kehrte und mitten durch die Versammelten zur Thüre der Kirche hinaus schritt.
      Denn ich dachte meines Vaters, des hohen Mannes: und Zorn und Verachtung füllten mir das Hirn mit heißer Gluth.
      Und gar manche meiner Freunde und Nachbarn folgten meinem Schritt.
      Jenes giftböse Wort, das unsere todten Helden und edeln Frauen noch im Grabe schänden will, verzeihe ich dem Pfaffen nie.
      Und er mir wohl nicht, daß ich ihm den Rücken wandte!
      Loki aber und die schadenden Riesen, 
      das waren Unholde, »Daemones« wie der Bischof sagt; denn übel war ihr Werk und Beispiel.
      Dann aber ist es stark unsinnig, zu sagen, Odhin 
       und die Asen seien auch Teufel; denn gerade das Gegentheil von Loki und den Riesen thun sie und trachten.
      Wüßten der Bischof und sein Sohn von Odhin so viel Hohes als ich, – selbst müßten sie's einsehn.
      Aber in blindem Zorn – oder ist es Grauen? – läßt der Junge ja alle Bücher verbrennen und alle Skalden verbannen, welche da wissen und singen von den alten Göttern.
      So kann er's nicht einsehen.
      Mein Vater aber, Thormodhr, Thorgeirssohn, der Hohe, Herrliche, ein Held im Speer-Kampf, ein Weiser im Rath und ein Kind an weicher Güte des Herzens ist der letzte Skalde gewesen, der im vollen Glauben an die alten Götter gestorben, auch nachdem der neue Glaube Gesetz ward auf der Insel.
      Alle die alten Sagen von den Göttern, den Königen und den Helden wußte er zu singen und zu sagen, wie Keiner sonst.
      Oft und oft hörten wir ihm zu, die Mutter, die 
       Brüder und die Schwestern und ich, der jüngste (seinen Liebling nannte mich die Mutter), wenn er abends in der Halle vor uns und den Wintergästen sang und harfte von den Asen und Riesen.
      Und gar manchen Sommer zog ich mit ihm, die Harfe ihm tragend und stimmend, fort aus der Halle, über die Eilande hin und durch das ganze Nordland, gen Mittag bis Frisland und zu den Sachsmännern; und lauschte dabei seinem Gesang, wie er ihn einübte auf dem Schiff unter schweigenden Sternen oder ihn vortrug in der Könige Hallen.
      Aber einmal fuhren wir gar bis Rumaburg und bis zu einem Eiland mit einem Feuerberg, gleich dem auf unserer Eis-Insel.
      Vieles habe ich vergessen. Denn es sind manche Großzehnte von Jahren, daß sein Mund im Tod erschwieg. Aber Manches habe ich gemerkt; vor Allem die Sage von »
      Odhin's Trost«. Sie schien mir immer nicht gerade die Schönste; aber die Höchste.
      Freilich: der Vater wußte das Ganze in Liedstäben. 
      
      Ich aber habe die Liedstäbe meist vergessen; nur in schlichter Rede kann ich erzählen, wie Alles geschah. Ausgenommen die Stücke, welche der Vater in den Hallen – oder auch mir – am Häufigsten sagen mußte, weil sie den Andern – oder auch mir – am Meisten gefielen. Von solchen Stücken weiß ich auch noch meist die Liedstäbe.
      Und wenn ich nun anhebe, zu erzählen, so geschieht es schlecht und nicht gut, ohne jede Kunst.
      Denn Kunst erbt nicht.
      Und nicht als Skalde, die Hörer zu ergetzen, erzähle ich zur Freude und Kurzweil mir und den Andern. Sondern nur als ein Zeuge – muß es sein: mit meinem Blut – von der Herrlichkeit der Ahnen und ihrer Götter, welche sie jetzt zu Teufelsanbetern machen und zu Teufeln. In Volksrede bald und bald in Skaldenrede, wie ich mir solche gemerkt, spreche ich. Daher – ungefüg und ungleich.
      Und gar nicht habe ich gelernt, kunstvoll mit Faden und Einschlag die Sage zu weben oder Alles, 
       wie Eines auf das Andere folgte, hübsch an der Schnur aufzureihen, wie der Fischer die Winterfische zum Trocknen aufreiht an der Schnur.
      Sondern Mitten darin fange ich an und greife bald in den Anfang, bald in das Ende der Rede; wie die Möve bald vor dem Bugsprit eintaucht, bald unter dem Steuer: sie fängt den Fisch, wo sie ihn findet.
      So fange ich der Sage einzelne, verloren, wie Treibholz, schwimmende Trümmer zusammen, wie sie verstreut auftauchen in meinem Erinnern.
      Denn diese Hand hat manches Jahrzehnt nur Hammer und Ruder geführt. Schwer lernte ich die Finger zum Schreiben zu krümmen, als mich die Kniewunde zum Sitzen zwang in der Halle.
      Aber ich will ja nicht, wie ein Skalde, um Gunst singen mit Kunst.
      Gunst suche ich nicht, noch Lohn.
      Mein Lohn wird Aergerniß sein bei den Meisten, wie jetzt die Menschen sind im Nordland. 
      
      Aber der Eine oder Andere wird mit Ehrfurcht hören von den alten Göttern. Vor allem du, Thorbiörn, mein lieber Sohn, wenn du heimkehrst und dies Schreibwerk findest.
      Denn schon da du von mir und der Halle aus der Insel schiedest vor zwei Wintern, drüben in der alten Heimath, in Hördhaland, unsrem verwaisten noch waffenunreifen Vetter Thorwaldr als Muntwalt beizustehen gegen die Raubgier seiner bösen Nachbarjarle und deren Waffenangriffe abzuwehren, – schon damals war zu befahren, daß etwa meines Bleibens nicht mehr lang sein werde auf der Insel.
      Immer härter wird Isleifr, der gute alte Bischof, der selbst nichts Hartes will – gedrängt von einem Andern, hart zu werden gegen uns Alle, in deren Hallen, wie sie wissen, manchmal noch ein Lied von den alten Göttern tönt. Seither ist's übler geworden und übler. Denn der Andere gewinnt immer mehr Macht über den gutherzigen Isleifr, der immer mehr in Siechthum fällt. 
      
      Aber ärger und giftiger als der Bischofssohn – der ist nur heißblütig, wie mancher unter uns Nordleuten: aber streng geschult, denn er war in Rumaburg und saß dort zu des großen Bischofs Füßen – ist ein anderer, den Gizurr aus dem Südland mitbracht, das ist Seraphicus, der häßliche Mönch. Der habe, so sagt mir ein Häusling des Bischofs, dem er es räuschlings vorgeplaudert, daheim, bevor er Mönch geworden, sehr weltlich gelebt, habe in einem bösen, bösen Handel den Mann eines schönen Weibes erstochen, sei dann, sich der Strafe zu entziehen, in ein Kloster gelaufen und habe dort die Kutte genommen, diese aber nur unter dem Beding erhalten, daß er das Land räume und, Gizurr folgend auf dessen Heimfahrt, bei uns Nordländern das Kreuz predige.
      Und dürfe er in das schöne Südland nur zurückkehren mit dem Zeugniß unseres Bischofs, daß er dreihundert Heiden bekehrt oder zur Strafe gebracht und dreihundert Stück Heidengeräth eingeliefert habe.
      Nun friert ihn elend bei uns. 
      
      Und so eifert er aus Reue und Frömmigkeit und aus Heimweh gleich gierig, an uns armen Nordleuten seiner Selen Seligkeit und die Rückkehr nach Italia zusammen zu verdienen.
      Gizurr schürt Isleifr, den Vater: das wäre noch auszuhalten: aber Seraphicus schürt Gizurr; und das ist aber schon fast nicht mehr auszuhalten.
      Und hinter all' den Priestern und ihren Kreuzen steht, vom Festland herüberdrohend, das Schwert in der Faust, mit seinen sieben Fuß Länge sie Alle überragend, jener wilde König Harald Hardhradhi.
      Obzwar er in seinem Norge Bischof und Priester niederdrückt mit so harter Hand, daß Viele ihn für einen heimlichen Heiden halten: – mit unsern Priestern hier auf diesem noch freien Eiland thut er gar schön.
      Und rasch kämen, meine ich, seine Drachen-Segel geflogen, riefen ihn unsere Frommen, die Kirche zu schützen, das Heidenthum vollends nieder zu brechen.
      Lange schon lauert er listig; er käme gar eifrig, bräche das Heidenthum, bräche noch viel lieber unsere 
       alte Bauernfreiheit, der Gewalt-Herr, und behielte als Lohn für seine fromme Fahrt – das ganze Land!
      Soll er ja doch schon planen, die viel machtvollere Insel, das volkreiche England, dem wackren Sachsen-König Harold zu entreißen: – wer solchen Hunger hat für das Hauptmal, – uns fräße er vorher zum Frühstück.
      Darum hab' ich dir in sternenloser Nacht den Ort gezeigt, tief unter den Schritten der Menschen, wo ich Kunde vom Vater und seiner neugewählten Heimat bergen kann, sicher, daß sie keine Hand erhebt – oder die Deine.
      Wenn sie vielleicht die alte Halle niedergebrannt haben, bevor du heimkehrst und wenn du den Vater nicht mehr findest auf Island, so sollst du doch außer dem Wink, wo ich weile, auch 
      dies finden, was ich für dich aufgezeichnet.
      Denn wer weiß, ob wir uns dann jemals wiedersehen.
      Bald sechzig Winter habe ich getragen. 
      
      Und wenn diese Sage unter die Leute kommt, wird das Zeugniß davon sein, daß sie mein Sohn gefunden hat.
      Und daß sie ihm wohl gefiel.
      Denn nur er kann sie finden.
      Und gefällt sie dir nicht wohl, mein Sohn, so wirf sie in's Feuer.
      Gefällt sie dir aber, so überliefere sie deinen Kindern und Enkeln, wie ich sie dir überliefert habe.
      Hier hebt an die Sage von »
      Odhin's Trost«. 
      
    



      I.
      Viele Winter, ja unvordenklich viele, hatten sich Asen und Riesen bekämpft.
      Schaden konnten sie sich thun, manchfaltigen, aber ganz hinzwingen nicht.
      Denn weder konnten die von Asgardh die Riesen alle erschlagen, noch konnten die Riesen einbrechen in Walhall's Burgthor.
      Da hatten die Riesen den Göttern Botschaft gesandt, friedliche Zwiesprach zu halten, ob nicht der alte Streit beizulegen sei für immer und alle Tage. 
      
      Herausgeben wollten die Riesen, falls ein Vergleich vertragen würde, werthvollste Waffe und wonnigstes Weib, die sie beide den Göttern abgewonnen durch List eines Menschenmannes: – der hieß Argr.
      Und die Asen mißten Waffe und Weib wie Arm und Auge.
      Denn die Waffe war Miölnir, Thors Hammer, und das Weib war Freia.
      Argr hatte Thor in Rausch getrunken mit sehr, sehr vielen Hörnern Ael: nicht so gut, als Mancher meint, ist Ael den Erdensöhnen.
      Aber auch Asen, scheint es, ist es oft von Uebel.
      Argr hatte mit Thor in die Wette getrunken; jeder wettete ein Trinkhorn. Nach sehr vielen Hörnern sagte Argr, er könne nicht mehr. Thor konnte auch nicht mehr: aber er trank fort und gewann so großes Horn, aber größeren Rausch.
      Den von Ael und Ael-Sieg berauschten Gott hatte nun Argr zum Würfelspiel gereizt. 
      
      Thor verlor Alles, was er bei sich trug.
      Endlich setzte er auf den letzten Wurf seinen Hammer.
      Da warf Thor ein Auge und Argr acht.
      Da hatte Thor seinen Hammer verloren.
      Willig hatte der treue Gott den Hammer dem Menschen-Mann hingegeben, der eilig verschwand.
      Aber damit hatte Thor seine Freude hingegeben aus seinen Lebenstagen.
      Schwer seufzend, wortlos, lag er auf der Haut des großen Riesen in Eisbärengestalt, den er zuletzt mit dem Hammer erlegt, in Thrudhwang, seiner Halle.
      Und was das Aergste war: ungekostet stand neben ihm im Becher der Meth.
      Da sahen alle Götter, daß Thor sehr krank sein mußte. –
      Zu Freia aber war Argr gegangen in Gestalt von Skirnir, der ist Freirs Freund, und hatte ihr, in Skirnirs Gestalt, Botschaft gebracht von Freir, in 
       neun Nächten zu kommen in den Wald der stillen Wege, den beide kannten.
      Und Freia kam, denn Liebe zwang sie.
      *
      Nun hör' ich schon überkluge Skalden schelten: Freia sei nicht Freir's Braut, sondern Schwester.
      Aber die Schelter sollen nur glauben, daß mein lieber Vater der Götter Versippung so gut wußte wie sie.
      Es giebt aber verschiedene Kunde im Volk von der Götter Geschlecht und Sippezahl.
      So ist auch, was mein Vater sang, daß Frigg Thor's Mutter gewesen und Odhin Loki's Vater, in andern Geschlechter-Runen und noch manches derart – so, daß Baldur den Sonnenwagen führe – anders geritzt. 
      
      Bei den Heidenleuten durfte darin jeder sagen und glauben, wie er wollte.
      Anders ist das und scharf gefährlich geordnet bei den Christenleuten. –
      *
      Aber in dem Walde traf Freia nicht Freir, sondern sieben Riesen; die schleppten die Weinende fort.
      Und die Götter klagten, daß Thor gram-krank liege. Und klagten noch mehr, daß sie Freia nicht mehr hatten, sie anzuschauen. Denn sie welkten nun und wurden alt.
      Eifrig verlangten sie, Waffe und Weib wieder zu gewinnen und nahmen gern die Zwiesprach an mit den Riesen.
      Was aber diese als Tauschgabe heischten – das hatten sie noch nicht angesagt. 
      
      Als nun die Nacht heran gekommen war, nach deren Sinken bei klimmender Sonne die Zwiesprach beginnen sollte, da lagerten seit Abenddunkel in dem beredeten Thal die Riesen zur Mitternachtseite, die Götter aber auf der Mittagseite.
      Festadalr oder auch Festadalar hieß das Thal oder hießen die beiden Thalgründe. Denn ein dünner Bach zog sich zwischen beiden hin.
      Da schoß aus dem schon nächtigen Gewölk ein rother feuriger Streif hernieder in den Bachgrund zwischen beiden Lagern; er erlosch: aber gleich darauf sah man unablässig, bald zur rechten, bald zur linken des Rinnsals einen Irrwisch huschen, bald zu den Göttern, bald zu den Riesen gleitend.
      Auf der Mittag-Seite, fern ab von den andern Asen, die unter Laubhütten schliefen, saß auf einem alten Hünengrab, den Speer in der Hand, einsam, ein Gewaltiger.
      Der Nachtwind strich wie liebkosend durch seinen wirren Bart. Das hohe Haupt ruhte auf der um 
       den Schaft geballten Speer-Faust. Aber der Einsame schlief nicht. Nichts entging ihm in des dunkeln Himmels Rundung und in dem noch dunkleren Thal. Jetzt knurrte, leise den Kopf reckend, ein Thier, das dicht zu seinen Füßen, lang ausgestreckt, lag, und es warf einen warnenden Blick nach dem Gebieter empor: dieser aber, ohne sich zu rühren, flüsterte kaum hörbar: »Laß nur, Geri. Wohl seh' ich den Irrwisch. Scharf witterst du Loki. Schärfer doch ahnt ihn dein Herr.« 
      
    



      II.
      Als nun der Tag anbrach, und so auch Baldur, der wechselnd mit Freir den Sonnenwagen führt, über die Ostberge her bei den Asen eingetroffen war, da stiegen Götter und Riesen herab von den Höhen in das Thal zu der Zwiesprach; nur der schmale Bach trennte sie: darüber hin und her wie Pfeile flogen die Worte.
      Loki saß auf Steinen, welche trocken aus der Mitte des Wassers ragten.
      Da sprach Surtur, der Feuerriese, welcher das Wort führte für seine Gesippen: »Weit ist die Welt. Hoch ist der Himmel ob Thursenheims Thoren. Versöhnen könnten sich Götter und Riesen. Nur ein schlimmes Geschlecht reizt beide stets zum Streit: 
       die redenden Ratten: der maßlos muthige Meister Mensch.«
      Alle Riesen nickten und winkten und brüllten Beifall zu diesen Worten. Surtur aber fuhr fort, zornig und zorniger und seine Stimme scholl wie der prasselnde Athem der Flamme: »Seit die Götter, in übler Stunde, die Menschen gebildet aus stummen Bäumen, aus dem Eschenbaum den Mann, das Weib aus der Erle – anhoben jene alsbald, frech geworden, anzutasten die Erde, unser uraltes Erbe. Mit Stahl aus starrem Gestein klopfen die Klüglinge des freien Feuers freudige Funken, dem festen Felsen entführend sein heilig verhohlen Geheimniß; aus hartem Holz reiben sie ruchlos die flackernde Flamme. Sie zwingen, die zähen Zwerglein, den grollenden Geist zu niedrigem Werk, zu dumpfem Dienst unfreien Frohns! Sieden soll er den Sud zur Suppe, trocknen das triefend durchweichte Gewand und den Thon, daß er tauge zum Topfe. Edles Eisen, ächzend in Asche, klopfen sie kläglich, schmelzend und schmiedend, zu den 
       winzigen Waffen, zu Geräth und Gerümpel widrigen Werks. Ja, sie legen zuletzt noch die leidige Leiche, die ekle, entehrend den Athem der freudigen Flamme, ihr an's heilige Herz.
      Und in kleinlicher Knechtung schleppen die Schlauen von Hütte zu Hütte, von Herde zu Herd, durch das Dorf gedehnt, die gegliederte Gluth, entlehnend Einer vom Andern, wie Leibeigene man leiht und käufliche Knechte. –
      Zuweilen zwar zornig brech' ich die Bande der geknechteten Kinder: und in grimmiger Größe, in rasender Rache für langes Erleiden verzehren sie zündend Fahrniß und Vieh, Haus, Habe und Herd und Wiege und Weib.
      Aber die Argen, maßloß muthigen! Nicht verzagen die zähen, die frechen Frevler! Nein! Sie nehmen auf's Neue aus der Flamme des fallenden Balkens den Brand, erhöhen die Halle auf dem früheren Fleck, auf der Asche der Alten: und wieder erwärmt sie an verhaßtem Herde des Hauses die Flamme, die 
       frech noch aus glimmender Gluth des zerstörten sie zogen!«
      Da schwieg Surtur. Sofort aber begann Starkadhr der Wasserriese: und seine Stimme brauste wie Rauschen der Meerfluth: »Leidiger Leid noch legen die Listigen 
      uns auf, des Wassers einst wildfreien Gewalten.
      Brausend durch Berge, die Bahn sich bohrend, brach Bradhr, mein Bruder: uralt und immer war sein Weg so gewesen.
      Da kamen die Kleinen, die Klüglinge, die Menschen: und maßen und machten Gemäuer, aus starken Steinen fest es fügend, und wehrten den Weg der wogenden Welle. Zornig zischte Bradhr, mein Bruder; und sammelte sämmtlich die sausenden Söhne, die sieben, der Sippe, die breiten Bäche, die brausenden: auch die tanzenden Töchter, die quirlenden Quellen, die kleinen, die klaren, die wonnigen Wichtlein, rief er zum Reigen: und zur Rache Rausche-Regen von Oben, den uralten Ahn. 
      
      Hoch auf den Häuptern der Hügel sammelte er so heimlich in Höhlen ein Heer; und, nächtlich genaht, plötzlich, polternd und prasselnd, Felsen voran fortwälzend als Wurfwaffen, stürmten die Starken, gießend vom Gipfel, auf die Mauer der Menschen und brachen sie brausend in bröckelnde Brocken und verschlangen zerschlagend die gehaßten Gehöfte, die dahinter sich hielten, und schleppten Schlamm und kugelten Kies und streuten Gestein über alle die Aecker, die Getreide getragen dem Meister Mensch: und ersäuften der Siedler siebzig im Schlaf.
      Aber die acht, welche waren entwichen, nur nackt mit dem Leben, ließen, die Leidigen, nicht nach! Nein! Auf's Neue nahten sie!
      Gewitzigt wagten sie wieder – und weiser – das Werk.
      Sie erstiegen das steile Haupt der Höhe und banden den Bruder, oben ihn überraschend, gleich am Gipfel, wo er noch wenig wälzt der Gewässer. Und sie lenkten ihn listig gezwängt zwischen zwei mächtige 
       Mauern, enge, den Aechzenden: gruben im Grunde ihm oben ab die Bundesbrüder, zwangen den Zürnenden anders als ehdem in's Land zu laufen nach der Sumpfseite, südlich.
      Aber ach! Eine der thauigen Töchter, die ich Nifteln nenne, die niedliche Nixe. Quana, das Quellchen, fingen sie völlig aus des Vaters Gefolge: und zerrten die Zierliche, herab zu rinnen in's Thal, wo die Trotzigen wieder gewagt, an der alten Ecke zu erhöh'n die Gehöfte. Seht, sie selber mag melden, die Maid, wie weh ihr geworden. Bis hieher hört man die Holde klagen, die Kleine.«
      Und er hielt inne.
      Von fern her aber hörte man die helle Stimme der Quelle, wie sie vorbei glitt an den Hütten des fernen Dorfes: »Ach ich Arme, gefesselt gefangne! Schmählichen Schmutz soll ich säubern mit Seufzen, trüb' und traurig. Rußig Geräth, klebende Kleider waschen die Weiber in mir und die Mägde. Mit häßlichen Händen, mit heißen, haschen die Derben 
       durstig die thauigen Tropfen. O wär' ich doch wieder beim Bergbach da droben! Da nickten so neigend die bunten Blumen, die zieren, mir zu! Da strahlten mir still auf die Stirne die Sterne! Und es fiel nur ein Falter, der lang mich geliebt und mich schillernd umschaukelt, mein Liebling, zuletzt in mein reines Rinnsal; treu trug ich den Todten auf weicher Welle. O helft mir, ihr Helden, ihr reisigen Riesen, ihr freudigen Vettern, aus freudlosem Frohn!«
      Da trat vor Bläster, der Luftriese, und sprach: »Kann ich nicht blasen, muß ich sticken und sterben. Aber auch mich wollen meistern die Menschen. Trotzig thürmen sie mir mitten auf meinem Weg über Bergjoch und Heide Bretter entgegen und Gebälk, die ich nicht immer fortblasen kann. Was hat der Mensch so hoch zu bauen, daß das Gebäu sein Haupt so hoch überragt! Ja, wie den Knecht und das Rind sie über die Tenne treiben, zu treten die kleibigen Körner, daraus ihr Brod zu backen, zwingen sie mich zornigen, für sie mich zu mühn und Mehl zu mahlen. 
      
      Breite Bretter muß ich drehen mit ächzendem Athem; und je zorniger ich erzürne, je wilder ich wehe, desto rascher geräth, das sie wollen, das Werk; und sie lachen meines unfreiwilligen Eifers. Aber ich, Bläster, ich blase sie doch noch Alle wie welke Blätter im Herbst in's Meer, daß sie elend ersaufen.«
      Da sprang auf Gridh, die Erdriesin, ein gewaltig schönes Weib: mächtig hoben sich und wogten, wie sie zornig rasch athmete, ihre Brüste; braun war ihr weites Mantelgewand mit breiten grünen Randstreifen: und lichte Blumen, roth, gelb und weiß, waren verstreut darein gewirkt: Riesen und Riesinnen rückten ehrerbietig zur Seite, ihr Raum zu schaffen; und auch die Götter, welche bisher zu manchem Wort der Riesen leise spöttisch gelacht, beruhigten der Lippen höhnendes Spiel. Blitzenden Auges über alle Götter hinweg schaute die Riesin auf Odhin hinüber.
      Odhin aber zog den breitrandigen Schlapphut tiefer herab und furchte die Stirn, wie er pflegt, wann er Antwort sucht auf gewichtigen Einwurf. 
      
      »Kränkenden Kummer künd' ich wie keine«, sprach sie mit tiefer, verhaltner Stimme. »Und heiße doch heilig selbst meinen Hassern. Auch Odhin einst« – hier hob sich lauter ihr Ton – »der Uebel-Arge, ob er heute das Haupt vor mir hehlt, hat einst hehr und hold mich geheißen. – – Muß ich euch mahnen, wie einst ein Alter der Unschuld uns einte? Das ganze Gebiet der endlosen Erde, einst war es Riesenreich! Nur redliche Riesen, unsere Alt-Ahnen, füllten die Felder, die langen Länder, die breiten Gebirge.
      Da wuchset gewaltig – wer weiß es wie! – ihr argen Asen! Aus Ostland, acht' ich, aus hellerer Heimat, kamet ihr Kühnen. –
      Lang lebten wir leidlich, lau zwar in Liebe; doch hemmend den Haß. Ja, man raunt: mancher Mann aus den argen Asen gewann von wonnigem Weib in Riesenheim kosenden Kuß. – Ob er's oben in Asgardh der göttlichen Gattin wohl vertraute, der Treue?« –
      Sie schwieg eine Weile, strich mit der Linken über 
       die wogende Brust und fuhr fort: »Leidlos lebten wir redlichen Riesen. Rinder und Rosse hegten wir, herrliche, und schimmernder Schafe häufige Herden: wir molken die Milch und holten den Honig der braunen Bienen: starker Stein und hartes Holz nur Waffen und Wehr und rüstig Geräth zu ehrlicher Arbeit: Krieg nicht kannten wir, Schlachten nicht schlugen, Morde nicht mordeten: Wölfen nur wehrte und brummenden Bären der Stab und der Stein: Frieden und Freude füllten die Felder.
      Da schuf der gewaltig weise – und ihre Stimme zitterte leise – der schrecklich Schöne, der Asgardh-Odhin, die Menschen, die mächtig bald sich Midhgardhs bemeistert.
      Aus Eschenhärte und Erlenweiche schuf er – so sagt er – den Menschen-Mann und das Menschen-Weib. –
      Ganz und gar nicht glaub' ich's dem Gotte!
      Weiber wissen – so wähn' ich, – in Wonnen und Weh, wie er Weiber gewinnt! 
      
      Aus Esche und Erle nicht hat er geholt sie, die Zwillinge zart.
      Eine Bule gebar sie, die heimlich er hegte. Eine Elbin etwa: – Lichtelbinnen liebt er!
      Daher, denk' ich, die lange Liebe, die den Menschen er zumißt. Selten sieht man den argen Odhin lange lieben! Seine Söhne wohl sind sie und Enkel alle und zierlich zarte, traute Töchter! Doch das ist, denk' ich, Frigg's Frage! Der rauhen Riesin, – was ist ihr Odhin.«
      Sie schwieg, warf das lange schwarze Haar zornig in den Nacken und fuhr fort: »Als Menschen maßen mit schnellen Schritten die freien Gefilde, da endete Unschuld: Harm hub sich und Hader.
      Unten, im Urfels des innersten Erdkerns, liegt mein Lager: vom Vater gefestigt umfängt mich wuchtiger Wall stärksten Gesteins, von Wasser umwogt, von Feuer umflammt, von dräuender Drachen Häuptern gehütet.
      Und doch wagte ein Wandrer, zur Nacht zu 
       nahn, wo noch nie war genaht ein frevelnder Fuß. Das Wasser durchwatete, die Lohe durchlief, die Drachen verdrang der wundernde Wandrer: im Finstern mich fand er, die unmaklige Maid; und zaubernd bezwang er Sinn mir und Seele: und lockte mir listig heraus mein Geheimstes, daß schöne Schätze gelben Goldes, daß Erz und Eisen endlos ich eigne, daß schlummernd im Schose Wärme mir wohne, die wuchernd wieder läßt wachsen, was an Keim und an Korn in's Gewand man mir wirft. Wie im Finstern er mich fand – im Finstern entfloh er; wer der Wandrer gewesen, – nicht wag' ich's zu wähnen.«
      Tief schöpfte sie Athem und schwieg.
      Frigg schob den breiten goldnen Gürtel mit beiden Händen zornig hinab gegen die Hüften und warf einen funkelnden Blick auf die Riesin.
      Diese fuhr, nun hastig die Worte stoßend, fort: »Aber Odhin's Erkorne, die muthigen Menschen, brachen bald herab in mein Reich: Gold gruben sie, Erz und Eisen, Schwerter schmiedeten sie, schneidende 
       Pflugschar und ritzten, die Räuber, mit dem eigenen Eisen mir wehvolle Wunden und bohrten und brachen in mein heiliges Heim, zwangen es, zu zeitigen Körner und Keime.
      Und die Gier des Goldes vergiftete ganz wie die glänzenden Götter so die redlichen Riesen: Gold gebar den Männermord, Eisen erzeugte den Kriegeskampf, anhub alsbald alles Unheil.
      Muß ich noch mahnen? Malmet die Menschen, die maßlos Muthigen.«
      Sie schwieg und setzte sich und alle Riesen nickten und brummten ihr Beifall zu.
      Odhin aber, welcher das Haupt sinnend auf die Hand am Speer vorgebeugt hatte, hob nur ein klein wenig das Antlitz und sprach, einen kurzen Blick auf die Riesin werfend: »Wo immer ein Weib Argwohn hegt um Liebe, da wähnt es, Odhin, der Arge, schulde ihr Schuld. Aber ich eide bei meinem eigenen hohen Haupte: nicht ich habe die Menschen gezeugt. Soll ich nur lieben, wo mein eigen Blut mich zwingt? 
       Allvater bin ich geheißen: Alles lieb' ich, was mir hilft, die Welt zu erhalten. Und nicht ich habe der Erdjungfrau Geheimnisse geraubt. Ein Menschenmann, ein muthiger, mein' ich, war der Gewinner. Vielleicht, daß ein Gott den Weg ihm gewiesen.«
      Da glättete sich Frigg's Stirn, die sie finster gefurcht. Ein flammender Blick heißer Liebe flog zu dem Gatten hinüber, der, nur ihr sichtbar, mit der Wimper ihr winkte.
      Die Riesin aber fuhr schreiend empor. Blaß und kalt wie Eis waren ihre Wangen plötzlich geworden, während ihr Antlitz kurz vorher wie rother Mohn geglüht hatte: »Ein Menschenmann, rief sie schmerzlich, ein mühseliger Mensch, der Gridh gewann? Ich will es nicht wähnen! Dann wehe dem Gott, der den Speer ihm geliehen und den weitgerandeten Hut und den dunkelblauen Mantel!«
      Da lächelte Odhin durch all seinen Ernst: und herrlich schön stand das reife, verhaltene Lächeln dem bärtigen, dem feingeschnittnen Mund: »Finster war doch 
       die Höhle. Speer kann man greifen, auch breitrandigen Hut. Aber wie griffest du, daß der Mantel dunkelblau?«
      Verwirrt sprach die Riesin, Gluthen wieder im Antlitz: »Sagte ich das?«
      Loki aber richtete sich auf beiden Ellenbogen auf – er lag nun im trocknen Grase, fast ganz zugedeckt von den dürren Halmen, (denn Vorfrühling, fast Winter noch war es) – stützte das schmale Kinn auf beide Hände und lachte:
      »König Hicko von Hadaland war ihr Gast, von Odhin gesendet und gekleidet. Die Thörin hielt ihn für den Götterkönig. Als er entschlummert war, das Haupt auf ihrem Busen, schlug die Listige Stahl an Stein, fing den Funken und wollte dem Schlummerer in's Antlitz leuchten. Der aber erwachte, wandte sich und floh: seinen Mantel nur sah sie noch flattern. Mir hat es der Gast erzählt, all' das. Und noch mehr – .«
      »Schande dem Schwätzer!« rief Odhin laut mit jener breiten Stimme, welche nur aus seiner Brust bricht –: erschreckt durch den wohl bekannten Zornruf 
       griffen alle Riesen unwillkürlich nach ihren Waffen: die Midhgardhschlange aber, welche ihren Kamm aus dem nahen Meere gereckt hatte, zu lauschen, fuhr zitternd pfeilschnell in die Tiefe.
      Aber ruhig fuhr Odhin fort: »Und Schande dem Nachschwätzer.
      Schweig, lästernder Loki.«
      Und nur ganz leise hob er den Speer.
      Zwei Frauen blickten tief dankend auf Odhin. Die Riesin – aber auch Frigg: denn Frigg ist an aller Frauen Ehre und Geheimnissen gelegen.
      Gestärkt durch Odhin's Schutzwort fuhr Gridh fort: »Und war es ein Mensch, – so heisch' ich desto heißer der Menschen Verderben. Nicht ruh' ich mehr und raste, so lange freche Füße muthwilliger Menschen trotzig treten mein heiliges Haus. Brocken der Berge, Kronen der Kämme, hohe Hügel schleudr' ich den Schlimmen auf Häupter und Hütten: auf reiß ich den Abgrund in klaffende Spalten und schlinge die Schlauen in tödtliche Tiefe.« 
      
      Fornjotr aber, ihr Vater, der Riesen Aeltester, fuhr fort – eisgrau wallte sein breiter Bart ihm bis auf den Gürtel: »Friede und Freundschaft wird nur zwischen uns und euch, wenn nicht mehr die Menschen zwischen uns wandeln, gehaßt und geliebt, bedroht und beschirmt. Und so sprech ich als aller Riesen Fürsprech: Friede und Freundschaft bieten wir euch, geben heraus euch Freia und Miölnir, wenn ihr gelobt, mit uns auszutilgen die Menschen.«
      Da ging ein zorniges Murren durch die Reihen der Götter und Göttinnen.
      Selbst Freir, so heiß er nach Freia, und Thor, so ungestüm er nach Miölnir verlangte, wollten von solchem Vergleich nicht hören. Alle riefen und redeten durcheinander.
      Nur Odhin schwieg; er blickte spähend nach Süden, in die Ferne.
      Da sprach, als einige Stille geworden, Baldur: lebhaft hob er seinen kurzen ganz goldenen Wurfspeer empor: »Das sei fern von den Asen! Nichts, 
       was außer Asgardh ist, erfreut mich mehr als der Menschen Freude. Ja, ihre 
      Freude, noch 
      vor ihrem Dank: noch ehe sie sich besinnen, daß sie mir Dank schulden. Wann ich, nach langem Winter, zuerst wieder hinfahre auf helleren Wolken, verkündet von den vor mir zwitschernden Schwalben, wann ich den ersten gelben Falter vorausgeschickt, wann aus dem Walddicht das fahle Reh zuerst heraus lugt, am Saume zu äsen der jungen Birken saftiger schwellende Knospen –, wann in den wetterbraunen Gehöften die Menschen mein Nahen verspüren, – wann der Hofherr, tief einathmend den ersten Lenzwind, von der Hausthür das Winter-Vorbrett herab nimmt und dem Weibe zunickt: »Für dies Jahr ist's wieder gewonnen!« – wann der Hirt von der Halde zurück ruft mit lautem Horn: »der Waldquell hat das Eis abgeworfen!« – wann dann Knaben und Mädchen mit fröhlichem Lärmen sich an den Händen fangen und hinaus hüpfen aus den Höfen auf den Anger zum ersten Reigen auf dem noch feuchten, aber schon warm 
       beglänzten Rasen: – – dann zieht mir Wonne durch's Herz, noch bevor sie mir danken! Und nicht missen will ich, so lange ich den Frühling führe über die Erde, glücklicher Menschen frühlingsfreudiges Antlitz! Nicht tilg' ich sie aus, die geliebten Thoren, so lange ich athme.«
      »So lange du athmest!« sprach Odhin leise vor sich hin, seufzend: denn er hatte schwer geträumt. –
      Da nahm Fro das Wort, gestützt auf den langen Schaft der Sense, deren goldene Schneide kosend streichelnd: »Nicht freute der Herbst mich, sähe ich nicht mehr, von emsigen Menschen geschnitten, die dicht wogenden, goldgelben Halme, welche sie sorgsam gepflegt viel schwankende Monde. Gern fahr' ich dahin über die fluchenden Felder im Abendwind über die nickenden Aehren und segne sie leise. Gern schau' ich den letzten Aehrenbüschel auf dem Acker, mir dankbar geschont, von blauen Blumen gekränzt; gern sehe ich sie tanzen um den garbenbedeckten Feldaltar; gern hör' ich den Dank auch der fröhlichen 
       Schnitter und im Winter den Schlag der dröhnenden Drischel! Die fleißigen Schollendurchfurcher – nie tilg' ich sie aus!«
      »Nie tilg' ich sie aus!« wiederholte Frigg, die silberne Spindel schwingend und zurückschlagend den zarten Linnen-Schleier: »nie will ich vermissen die Freude im Busen, seh' ich der Jungfrau schämigen Blick, wie mit Zagen und süßem Grauen von den Aeltern hinweg und festlichen Bänken des Brautlaufs dem Gemale sie folgt, der ungeduldig an der Hand sie dahin zieht über des Brautgemachs blumenbestreute Schwelle. Und fast weniger noch will ich entbehren, stand ich der wehvoll Ringenden bei, den ersten Blick mit dem seligen Lächeln, den auf das Kind, das erstgeborene, das schmerzerkaufte, wirft die junge Mutter, aller Schmerzen vergessen. – Die Männer, die rauhen, die untreuen, – wohl könnt ich sie missen auf Erden: doch nimmer die Frauen, die zarten, die tiefen, treuen entbehr ich!«
      Da zog, trotz all' seines ernsten Sinnens und 
       scharfen Spähens, über Odhins bärtige Lippen ein leises Lächeln: schön stand der überlegene Scherz dem Hohen, als er, das Haupt leicht seitwärts neigend, langsam sagte:
      »Willst du der 
      Weiber, Frigg, dich freuen, fast all zu Strenge, wirst du auch 
      Männer müssen ertragen. Lange nicht, wähn' ich, werden die Weiblein blühen auf Erden, mißen sie Männer.«
      Und es lachten die Götter, die es vernommen, leise.
      Nur Thor, der lachte so lautschallend, daß Frigg fast zürnte.
      Doch ward sie ihm gleich wieder hold, dem starken Sohn, als er einfiel: »Wie die Mutter nicht die Weiber, so mag ich die Männer nicht missen! Lieb ist mir mein Hammer: wie lieb – das weiß keiner außer mir: lieber als dem Durstgen das Aelhorn, lieber als dem Manne das Brautweib. Und nicht weiß ich, weder wie ich froh werden noch wie Walhall sicher sein soll ohne Miölnir. Aber das weiß ich: Nichts zu leide thu' ich den Menschen! Ich meine: 
       den Guten! Denn manchem unter ihnen schon habe ich den Kopf zerschlagen, so weich wie Hirsebrei, der da hatte brechen wollen was Thors Hammer gefestigt. Thoren! Das Recht wollen sie brechen und brechen das eigene Leben, Thors Frieden wollen sie brechen und brechen nur den Frieden im eigenen Herzen! – Aber daß wir auch die Treuen austilgen sollten – bei meinem armen, herrenlosen Hammer! – das wäre Neidings-That. Haben sie uns nicht Opfer geblutet und Sud gesotten und Ael geweiht in großen Eimern? Sollten wir geschmaust haben Roß-Opfer und Eber-Opfer und das Opfer-Bier getrunken, wir Alle, – und nicht am Sparendsten Thor, Odhins Sohn, den erwarteten Schutz aber versagen, den verdienten, den Freigebigen und Wackeren, ja, sie verderben? Wahrlich, gleich dem Dreschknecht würd' ich mich achten, der voraus trinkt das Dresch-Bier, das dem Drescher gebührt, dann aber müßig davon geht, ja das Gehöfte verbrennt. –
      Und wie freut es mich doch in der breiten 
       Brust, wann ich krachend, mit rollenden Rädern des dröhnenden Wagens, dahin fuhr über die Dorfflur, wie die Leute nun heraus treten aus den Hausthüren und meiner letzten Regentropfen sich freuen, die goldglänzend unter Baldur's Blick wie eitel Segen fallen auf die Sat: würziger Brodem quillt aus den braunen Schollen und freudig rufen sie dankend mir nach: »Grimmiger Groller, schrecklich dein Schrei, doch Segen dein Sinn und Wonne dein Werk!«
      Und nimmer auch will ich es missen, zu schauen, wie ernst sie blicken, bedächtig und wacker, weihte ich ihnen neu gezimmertes Haus mit Hammer und Spruch. Noch auch, wie traurig und treu, weih' ich den Todten zuletzt auf dem Holzstoß. – Arme, sonnen-durstige Schlucker! Sie dauern mich! Ich habe sie lieb: sie mühen sich endlos und müssen so bald sterben und die Meisten versinken nach Hel, während wir ewig leben, wir Götter, die wir das weite Walhall bewohnen.« 
      
      Tief auf athmete schwer da Odhin und blickte mit einem Blick treuer Liebe auf den freudigen Sohn.
      »Genug, daß sie einzeln sterben! Nie tilg' ich aus das ganze Geschlecht,« so schloß Thor und er griff in den Gürtel, den Stärke-Gürtel, wo sein Hammer zu stecken pflag an der linken Hüfte. Leer war der Gürtel: – seufzend setzte sich der Gott. –
      Aber an seiner Seite sprang empor Tyr, der Kriegsgott, des Schwertes nackte Klinge, die er, ohne Scheide, rechts im Wehrgehänge trug, heraus reißend und drohend gegen die Riesen reckend: »Nicht will ich missen der Menschenmänner freudigen Kriegsruf, die schallenden Schilde, das hallende Horn, wann Keil trifft auf Keil in herrlicher Schlacht. Mit Jauchzen springen sie in die Speere und den Tod. Heil den Helden! Oft haben die Helden auch lange Lümmel, hoch ragende Riesen, mit Muth und mit Raschheit gefüllt, mir zur Freude! So sollen sie oft noch.«
      Und Heimdall warf im Unwillen sein Wächterhorn zurück, das er an langem Lederbande trug, sprang 
       auf und rief: »Den Regenbogen hüte ich den Göttern, die Brücke, ein mühereich freudenarm Werk. Tag und Nacht, wann sie kämpfen, spielen, schmausen, zechen, schlafen – Heimdall ist nicht dabei. Nur selten hab' ich Ablösung. Denn am Wachsten wacht Heimdall. Nicht will ich der Freuden entbehren, wie die Menschen staunend aufblicken zu mir. Erst gestern lief ein Kind auf mich zu, die Aermchen erhoben, die nackten, die runden: lachend vor Freude rief es: »nun will ich laufen, bis daß ich den Bogen finde, mit Händen ihn greife.« Und es lief, bis es lächelnd einschlief. Heim trug es die Mutter: und goldene Schüsseln warf ich dem Kind im Traume herab. Nie will ich es missen – das Staunen, das Lächeln der Kinder!«
      »Nie tilgen wir die Menschen!« riefen die Götter.
      Nur Odhin schwieg; er gedachte des Spruches, den er einst als schwer ersonnener Weisheit Frucht aus Runen gelesen: »So lang leben Asen in Asgardh, 
       als Menschen in Midhgardh an Götter glauben: die Götter vergehn mit den Menschen zumal.«
      So hatte Odhin nicht erst Zweifelfrage zu fragen, ob er die Menschen austilgen solle und annehmen der Riesin Vorschlag. Deßhalb schwieg er.
      Aber er sann.
      Denn noch nicht wußte er, wie er auf andrem Wege möge Freia und Miölnir wieder gewinnen von den Riesen. Er sann und fand nicht Rath. Verzögern wollte er die Entscheidung, bis daß ihm zurück geflogen wäre Hugin, sein Rabe: »Gedanke«; denn der andre Munin: – »Erinnern« – saß rathlos auf seiner Schulter. Hugin aber hatte er entsendet auf Spähe weithin über sieben Königreiche nach Süden. Und der Rasche war noch nicht zurück. Scharf sah Odhin aus in den Himmel. –
      Da nun aber die Riesen gehört hatten der Götter heftige Weigerung, da entbrannten sie in Riesenzorn, fuhren auf, brüllten, daß die Felsen wiederhallten, schlugen die Steinwaffen aneinander, daß große Splitter 
       davon sprangen und schrieen den Asen zu, daß sie wollten Freia und Miölnir in die See werfen, da sie am Tiefsten wäre.
      Und die Midhgardhschlange, die sich, da Odhin wieder schwieg, von ihrem Schrecken erholt und wieder herangewälzt hatte im nahen Fjordh, freute sich sehr, da sie hörte, daß sie Freia sollte verschlingen dürfen; und sie peitschte mit dem Schweif die Fluth, daß sie hoch auf spritzte.
      Und sprangen da auf von ihren Sitzen alle Riesen und alle Götter und drohten, in Waffen wider einander zu fahren.
      Nur Odhin blieb sitzen in hoher Ruhe, das Haupt vorgebeugt, den Speer über die Schulter gelehnt, nachsinnend und gelegentlich spähend, ob nicht Hugin komme geflogen.
      Und drunten am Bach blieb liegen in dem hohen, dürren Grase der lauernde Loki; er blickte bald in Odhin's zweifelndes Antlitz empor, bald auf den lärmenden Haufen der Streitenden. 
      
      Da er nun sah, daß diese bald würden handgemein werden, – schon hatte Thor, in Ermangelung seines Hammers, zwei Steinriesen gegriffen mit bloßen Händen und stieß ihre harten Schädel wider einander – sprang er plötzlich auf und stieß seinen spitzen Eisenstab vor sich in die Erde: da loderte hoch auf eine rothe Säule knisternden Feuers zwischen Asen und Riesen, die schon Kämpfenden scheidend: und Alle sahen erstaunt auf Loki und hielten inne.
      Das hatte er gewollt, sich Gehör zu schaffen.
      Lächelnd streichelte er nun mit der Hand liebkosend die Feuersäule: die versank sofort wieder in den Erdboden.
      Loki aber sprach: »War ich der Arge, den Viele mich schelten, der an Unheil sich freut – behaglich blieb' ich jetzt liegen, wo behaglich ich lag: und sah zu, wie ihr wieder einmal, ihr dummen Riesen und ihr tagblinden Götter, euch die Knochen zerschlagt.
      Aber ihr dauert mich, ihr, glänzend an Gliedern und wuchtig an Waffen, doch winzig an Witz. – Und 
       da der grübelnde Ase, der Weiseste Aller,« – er beugte das Haupt vor Odhin voll Ehrfurcht, wie es schien: aber Baldur glaubte doch einen Zug des Hohns um den feinen Mund des Feuergottes spielen zu sehn – »noch nicht seinen bessern Gedanken gefunden, so vernehmt einstweilen, was Loki euch räth: vielleicht ist es »doch schlauer als Schädelspalten.«
      »Loki lügt«, sprach mißtrauisch Hrim, der Reif-Riese. »Man weiß nie, mit wem er es hält, mit wem er es gut meint, mit Riesen oder Asen.«
      »Nur mit Einem«, fiel Baldur ein, »meint er es gut: aber gerade deßhalb meint er es mit diesem Einen am Allerschlimmsten: mit sich selber! Loki, mein armer Bruder: am elendesten ist in allen Welten, wer nur sich selbst liebt.«
      Und zärtlich legte er den Arm um Nanna's Nacken, seines Weibes: und voll liebender Ehrfurcht blickte er hinauf zu Odhin, seinem Vater.
      Loki warf nur einen geschwinden bösen Blick auf Baldur und fuhr fort: »Ein Narr nimmt vom Feind 
       nicht Gutes. Ist heute meine Rede gut – weßhalb sie verwerfen? Weil euch frühere mißfiel? Höret nur erst. Muß ich euch mahnen, ihr redlichen Riesen, wie übel ihr von jeher gefahren bei dem Kampf mit den Göttern? Weit verstreut bedecken die Gebeine eurer Erschlagenen die Erde. Mit Staunen graben und brechen sie die Menschen aus Urgestein. Viele von euch, mein' ich, würden noch fallen von Odhin's Speer und Tyrs Schwert und daß euch Thor auch ohne seinen Hammer Kopfpein schaffen mag, das habt ihr eben verspürt.
      Ihr aber, edle Asen, werdet doch nicht wieder froh, bis nicht Freia, die Freundliche, wieder unter euch wandelt, wie der Sonnenstrahl unter den Hochstämmen des Buchwalds. Und wenn Asathor nicht bald wieder seinen Hammer hat, wird er tiefsinnig, fürcht' ich. Und wegen der Erdwürmer, der Menschen, sollten so starke Helden wie ihr Riesen und so edelweise wie wir Götter uns nie versöhnen? Wahrlich, das sind sie nicht werth! Nun höret: die Riesen verlangen, 
       wir sollen die Menschen mit ihnen austilgen: die Götter wollen, wie bisher, sie schützen gegen der Riesen Angriff: ei, laßt doch Beides bleiben! Ihr den Angriff – ihr die Beschützung.«
      Und nun glitt er zu Surtr, dem mächtigsten der Riesen, und flüsterte ihm zu: »Theurer Groß-Ohm (denn Surtr war der Bruder von Loki's Großvater von der Spindelseite, Leiti), du weißt es: von jeher hab' ich heimlich zu euch Riesen gehalten, zu denen ich gehöre durch das halbe Blut und durch den ganzen Haß gegen die Götter –: zumal gegen Einen! – und wie grimmig ich die Menschen hasse, das wissen Riesen, Götter und Menschen! Auch heute nützt mein Rath nur euch. Ihr wißt, wie die elenden Lieblinge Odhin's durch eure Angriffe, durch Noth und eigne Zwietracht zusammen geschmolzen sind auf der ganzen Erde, auf drei kleine Gaue. Dürfen die Asen sie nicht mehr schirmen vor Noth und der eigenen Mordgier – bald sind auch diese letzten geschwunden. Und ich will schon heimlich dazu helfen.« 
      
      Und er patschte leise auf des Riesen Hüfte: denn höher hinauf konnte er nicht reichen.
      Surtr nickte brummend: er wolle es berathen mit den Andern. – Loki aber glitt so glatt und rasch und leise wie Schlange schleicht oder Flamme fliegt hinüber zu dem Rasenhügel, wo Odhin saß: eines todten Königs Asche ruhte drunten: – der König selbst aber, Odhins Wahl-Sohn, Halfdan, König Haralds von Hördhaland Vater, lebte herrlich unter den Einheriar in Walhall.
      Behend wie das Eichhorn kletterte Loki den Stamm der Föhre hinauf, welche am Fuß des Hügels stand, und wiegte sich schaukelnd in der Baumkrone, wo er gerade an des Götterkönigs Ohr reichte und leise zischelte er hinein: »Herrscher, Allwissender« – bei diesem Wort furchte Odhin finster die Stirne – »folge meinem Rath. Du weißt, wie stark und zäh und klug der Menschen Geschlecht: vor Allen König Harald, dein Liebling. Wahrlich, wenn nur nicht mehr die übergewaltigen Riesentölpel durch Eis, Sturm, 
       Erdfeuer, Deichbruch und Sturmfluth der See sie bekämpfen dürfen – mögen die muthigen Menschen auch ohne Asenhilfe sich selber erhalten. Denn viele Runenweisheit hast du ja schon deinen Schützlingen offenbart.«
      Während Loki sprach, schien Odhin gar nicht auf ihn zu achten.
      Hoch in Lüften im Mittag zeigte sich ein kleines dunkles Gewölk: Loki gewahrte es nicht: wohl aber Odhin. Pfeilschnell schoß das kleine dunkle Wölklein näher und näher.
      Und Odhin sprach, ohne auf den Flüstrer zu schauen, den Blick nach oben gerichtet: »Herber als Hel heg' ich dir Haß. All' meiner Uebel Aeußerstes acht' ich, dich Sohn nennen zu sollen. Böse bist du, urböse, wie die Stunde deines Werdens war. Schlimmes geschah, Schuld und Schade, Wahn und Weh, so oft ich horchte deinem wohlgewogenen, wohlgewinnenden Wort: denn lieblich und listig zu lügen weiß Loki: so oft ich dir folgte, fiel ich in Fallen. 
       Oft schon erwog ich, ob ich nicht tauglich thäte, tilgt' ich dich aus.«
      Und leise zuckte seine Hand am Speerschaft.
      Loki aber lächelte gar eigen und sprach: »Soll den Sohn fällen der Vater? Furchtbarer Frevel!«
      Aber Odhin antwortete finster: »Sinnt doch schon lange sehnlich der Sohn, wie den Vater er fälle! Scheint dir das, Schlimmer, schwächere Schuld? Rede nicht, Rothkopf! Leugne nicht, Loki! Allwissend, wie hämisch du höhntest, bin ich Armer nicht: viel doch fand ich, mehr als die Meisten. Auch durch deine Gedanken dring' ich, die dicht gedeckten. Nicht schelt' ich dich, Schlimmer! Nicht ich darf dich verdammen. Du wardst – wie du mußtest: – so werden wir Alle! Lüge drum und lästre noch länger, wie dir Lust. Später spürst du, spöttischer Späher, doch vielleicht noch dieses Speeres Spitze. – Auch jetzt räthst du nicht redlich – wohl weiß ich's –: sondern Schaden schürend. Vielleicht aber folg' ich dir, – hört' ich erst Hugin.« 
      
      Da schwirrte es sausend durch die Luft: und so gerade und sicher wie haarscharf gezielter Pfeil schoß Hugin der Rabe auf des Gottes rechte Schulter: mit frohem Flügelschlag, mit lautem Freudenruf begrüßte auf der linken Schulter sitzend Munin den Genossen.
      Odhin aber strich streichelnd, liebkosend über des Vogels Kopf und Rücken: »Nun, Hugin, mein hurtiger Held! Was bringst du für Botschaft? Sieh, hier den hellen Halsring von gleißendem Golde – du schätzest, was schimmert! – hab' ich dir geholt aus Walhalls Hort« – und er nahm aus dem Brustlatz einen glänzenden, geöffneten, aber schließbaren Goldreif: – »als leuchtenden Lohn für den besten der Boten, bringst du erwünschte Wahrheit.«
      Hugin's schwarze, runde Augen glitzerten in begehrlicher Freude, da sie den schimmernden Schmuck erschauten und er rief laut mit vorgebeugtem Kopf in Odhin's Ohr.
      Wohl vernahm Loki den Schall: aber nicht verstand 
       er den Sinn der Meldung: denn nur Allvater versteht seiner Raben Rede. –
      Als er geendet, sprang Odhin freudig auf und schloß den Ring um Hugins Hals: beide Vögel flogen in die Höhe und umflatterten mit frohem Rufen sein Haupt. »Heil dir, Hugin, hüpfender Herold« sprach Odhin: – und nun, da er stand, sah man erst, wie gewaltig und herrlich des breitbrüstigen Götterkönigs Gestalt war.
      Loki glitt mit leisem Grauen vor dem Geheimnißvoll-Mächtigen am Stamm der Föhre herab und blickte scheu empor zu dem manteltragenden Gott. Dieser hob den Speer befehlend und sprach:
      »Laufe, Loki, rasch zu den Riesen! Ich sah es schon an ihren Gesichtern: sie werden wählen nach deinem Wort: ich selbst will dasselbe.
      Doch nicht freue dich zu frühe tückischer Täuschung: was du Böses gebraut, soll zu Gutem gedeihn.
      Wir Götter schwören den schweren Schwur bei meinem heiligen Haupte: nicht nah'n wir geneigt den 
       mühseligen Menschen: – sie sollen vor Schaden selber sich schirmen: – so lang nicht die langen Leiber da drüben, die rauhen Riesen, sie kämpflich bekriegen.
      Gütlich nun geben soll uns Surtr Freia, die Freundliche, und den heiligen Hammer. Freundschaft und Friede sei fromm gefestigt Riesenreich und den edeln Asen«.
      »Und ein lustig Gelage, rief Thor der Tapfre, ein leidlich langes, soll trefflich mir taugen. Aller Uebel, die ich erfahren, acht' ich das Aergste doch den Durst! Fahrt die Fässer heran des unendlichen Aels! Breitet die Bänke, kränzet die Krüge. Heia, meinen Hammer bald halt' ich in Händen!«
      *
      Zorn, Schmerz und Scham überkommen mich, daß ich nächtlicher Weile, verstolen, wie wenn ich Uebelthat triebe, dies aufzeichnen muß, klopfenden Herzens auffahren, schallt Geräusch von dem Wege, der über die Hügel führt zum Bischofshof. 
      
      Sitze ich doch hier, der freie Mann, der Godhe, auf Hofgardhar, dem alten Freihof, den meine Vorfahren gebaut als der frühesten einen auf der Insel, seit die Nordleute hierher wanderten, die König Harald Harfagri's Ein-Herrschaft den freien Nacken nicht wollten beugen. Erhebe ich das Wort in dem Heradhs-Thing, ja auch im Allthing –: Alle hören gern auf meine Rede: man ehrt des alten Thorgeirs Urtheil auf der Insel und man scheut die starken, dicht gereihten Speere meiner Sippe.
      Und jetzt muß ich das hier nun heimlich schreiben, mit Furcht vor Strafe, wie wenn ich etwa Verrathbriefe schriebe und König Harald Hardhradhi und seine Söldner riefe in dies freie Eiland.
      Und schreibe doch nur von denselben Göttern, denen diese Halle zum Schutz empfohlen ward seit hier der erste Balken in die Erde getrieben, seit aus dem nahen Quell, der Odhin geweiht, der erste Wassertrunk geschöpft ward.
      Aber wie hat sich nun Alles gewendet! Wie hat, 
       seit man um des lieben Landfriedens willen den neuen Glauben hat gewähren lassen, der neue Glaube den Alten aufgezehrt wie ein fressendes Feuer altes Morschholz!
      Nun sind es zwei Menschenalter, daß mein Großvater Thorgeir, der Gesetzsprecher auf dem Allthing, von Christenleuten und Heidenleuten gemeinsam beauftragt ward, ihren Streit zu entscheiden in einem Spruch, dem sich beide sollten unterwerfen: denn es drohte zu furchtbarstem Kampf zu kommen auf der Dingstätte selbst – etwa, wie es zum Streite kam zwischen Asen und Riesen bei Harald Halfdansohns Hochzeit, wie ich bald sagen werde –: denn in eherner Schlachtordnung waren die Christen, geführt von den fremden Priestern, auf der Stätte des Friedens eingerückt, zwei Kreuze, sieben Geistliche voran: aber wild geschwungene Speere hinterdrein: Unterwerfung forderten sie, Annahme der neuen Lehre, weil der fremde König Olafr Tryggvason so geboten habe! 
      
      Grimm erfüllte die Heidenleute, denen man auf der Stätte des Rechts Gewalt drohte: die alten Götter und die alte Freiheit wollten sie nicht aufgeben: aber da sie die Taufe weigerten, sagten ihnen die Christen Recht und Frieden auf und beide Schaaren eilten hinweg von dem Gesetzesfelsen, zu rüsten zum Kampf auf Tod und Leben. Wer immer siegte – die Hälfte alles Inselvolks ward da sicher erschlagen.
      Da waren Männer unter den Christen, die waren klug und maßvoll genug, und Männer unter den Heiden, die liebten ihr Volk heiß genug, solchen Bruderkampf zu scheuen.
      Und traten zusammen und schickten Boten hin und her und endlich stellten Christen und Heiden, statt zu kämpfen, friedliche Entscheidung auf Thorgeir's, meines edlen Großvaters, Spruch.
      Dieser aber, obwohl selbst noch Heide, fällte um des Landfriedens willen einen Spruch, der den Christen den Sieg gab und den Heiden nur karge Rechte.
      Aber immer war es doch besser, als daß das 
       halbe Volk gefallen und die Uebrigbleibenden – Christen oder Heiden – unterworfen worden wären von König Olafr: denn gar bald hätten ihn dann seine Drachen an die Insel getragen.
      So ward denn Landrecht nach Volksschluß: daß alles Volk auf der Insel die Taufe nehmen mußte, alle Tempel und Götterbilder ungestraft von den Christenpriestern sollten zerstört, offene Opfer der Inselleute für die alten Götter sollten mit Landbann gebüßt werden, wenn durch Zeugen erwiesen: nur heimliches Opfer sollte verstattet und jede Nachspürung in Häusern und Höfen nach heimlichem Opfer und heimlichem Dienst der alten Götter verboten sein.
      So that mein Ahn Großes für sein Volk: für den Volksfrieden gab er den offnen Dienst der Götter hin, an die er glaubte: nur heimlich im Herzen und am Herde des Hauses wollte er sie hegen.
      Und ein Großes wahrlich und nicht ein Kleines hatten auf meines Ahnherrn Rath alle Heiden so dargebracht der Liebe zum Volk, zum Frieden, zur Heimat: 
       nur heimlich noch wollten sie alle dienen dürfen den geliebten Göttern der Väter: dem Christengott räumten sie den Stolz der offnen Herrschaft auf der Insel ein.
      Und nahmen die Meisten gleich auf der Thingstätte willig, obzwar oft weinend, die Taufe dem Volksgesetz getreu. Nur den Ost- und den Nordleuten verstattete man, statt in kaltes Wasser, in die warme Quelle zu Reykir zu steigen: denn sie scheuten das kalte Bad, in dem die ersten, die hineingestiegen, schüttelnder Frostschauer ergriff: und glaubten, es sei die Strafe der alten Götter.
      So war nun Friede auf der Insel: und hätte man glauben sollen, die Priester hätten genug erreicht.
      Aber die sind wie – ein Anderer, den man nicht nennen soll: Giebt man ihnen den Finger, so ruhen sie nicht, bis sie Hand und Arm und den ganzen Menschen haben mit Blut und Gedanken.
      Und sie müssen so thun: denn es ist ihre Pflicht, Seelen zu retten vor dem ewigen Feuer. 
      
      Und sie thun es aus heiligem Pflichteifer: und aus Herrschsucht zugleich.
      Und es gefällt ihnen, daß auch die Herrschsucht so aus Sünde zu Tugend wird.
      So dieser Gizurr, des Bischofs Sohn, von dem König Harald Hardhradhi mit Recht in offner Halle vor vielen Gästen gesagt hat, daß er zu drei Dingen gleich trefflich geartet sei: zu einem guten Bischof, einem herrschgewaltigen König und einem unbändigen Viking.
      Hat er doch schon erklärt, dieser Bischofssohn und Bischofs-Meisterer, er werde die Wahl als seines Vaters Nachfolger nur annehmen, wenn wir Alle vorher geloben, jedes und alles kirchliche Gebot blind zu befolgen, das er erlassen wird.
      Ich Thorgeir, Thorgeirs Enkel, wähle ihn nicht unter solchem Beding.
      Muß doch jetzt schon, obwohl er noch nicht Bischof, jedermann, Jung und Alt, Reich und Arm, Mann wie Weib sitzen und stehen wie er gebietet: 
       ist er doch jetzt schon zugleich Priester und fast König auf Island. –
      Seit jenem Volksschluß nun vom Jahre tausend nach Christi Menschenwerdung, haben die Priester sogleich – kaum war das Willwort im Winde verweht – begonnen, nicht nur das eingeräumte Recht zu üben bis zum allerletzten Rand: nein, darüber hinaus auch die scheue, verschüchterte Verehrung der alten Götter zu verfolgen bis in das Innerste der Höfe, bis an des Hauses geheiligten Herd.
      Rechtsstrafen setzen sie nicht leicht durch für stillen Dienst der Asen gegen das Landrecht: aber die Kirchenstrafen sind schwer genug und schädigen dem Getroffenen Ehre, Friede und Verkehr.
      Und da sie doch nicht durch die Holzwände der Höfe schauen können, gewinnen sie sich Augen im Hause: Magd gegen Frau, Frau gegen Mann, Kinder gegen Eltern verlocken sie, zu spüren, zu spähen, anzuzeigen.
      Und hat der Hausherr am Julfest das Bragihorn 
       geleert und sprang ein Par über das Sonnwendfeuer und sang ein Skalde von Walhall und ließ der Aerndter einen Aehrenbüschel stehen für Fro und streute die Hausfrau Mehl auf den Herd für den Hausgeist: – flugs erfährt es nicht der Bischof – der gute alte Isleifr! der will den Frieden, – aber Gizurr, sein Sohn, und allerlei vielquäliges Fragen und Büßen folgt, und Verweigerung nicht nur der Kirche – kein frommer Nachbar hilft mehr in Handel und Wandel dem Heiden: seine Taglöhner verlassen ihn: – er dürfte verderben und verhungern: die Frommen ließen es gerne geschehen und Seraphicus spräche von der Hand des Herrn.
      Mich ekelt.
      Und manchmal verdrängt mir der Heißzorn den kalten Ekel.
      Mich erbarmt der weise Christus, daß er so schlechte Diener hat.
      Wäre ich allmächtig wie er, ich schaffte sie ab. Und ich glaube, ich werd' es nicht lang mehr ertragen. 
      
      Ich klage bald am Allthing auf Bruch des Landrechts. Aber wehe, wenn ich obsiege.
      Nicht wehe um mich: gern fall' ich im Kampf für das Recht des Landes, der Heiden und der alten Götter.
      Aber ich fürchte Einen, der noch nicht auf der Insel ist und lange schon hier sein möchte: ihn rufen die Christen, wenn sie erliegen. Er trägt jetzt Krone in Norwegen.
      Dann wird er Krone tragen hier unter den freien Bauern.
      Das soll er nicht durch mein Zuthun.
      Eher räum' ich das Land – meines hohen Vaters Beispiel folgend.
      Denn der, schon ein reifer Mann als mein Großvater jenen Spruch gethan mit blutendem Herzen, fügte sich zwar dem Landrecht und des eigenen Vaters Vorgang: er nahm, widerstrebend, die Taufe und opferte niemehr offen den Göttern: aber im Hause hier ward treu der Opferbrand geschürt und seine Harfe tönte nicht zu der Heiligen, sondern zu Odhin's Preis. 
      
      Und war er schon früher viel als Skalde umhergefahren und hatte die Hallen heidnischer Könige gesucht, so that er jetzt erst recht so: und selten nur weilte er noch auf der Insel, sondern fuhr umher, die alten Götter singend, da wo man noch gern von ihnen hörte.
      Ich aber durfte ihn begleiten als sein Harfenknabe, das Saitenspiel ihm zu tragen und zu stimmen. Das waren schöne Tage. – 
      
    



      III.
      Und ward da alsbald sowie die Riesen Freia und den Hammer aus der Berghöhle, wo sie beide verwahrt gehalten, hervorgeholt und den Göttern übergeben, ein großes Doppelfest gehalten zu Freias Befreiung und Miölnirs Heimholung in Thrudhwang, Thors Halle: denn dorthin hatte dieser alle Asen und Asinnen geladen, der Wirthe freigebigster und freudigster.
      Aber schon nach dem ersten Meth-Horn stand Odhin auf von dem Ehrensitz und ging hinaus in die Nacht.
      Baldur, der zu seiner Rechten saß und selten den 
       Blick von dem Vater wandte, wann er nicht in Nanna's leuchtend Antlitz schaute, hatte wohl bemerkt, daß mitten im Lärm des Gelages und in der lauten Lust der Andern Allvaters Stirn jene leise Falte zusammenzog, welche immer sie furchte, wann er schwer dachte. Er dachte aber selten Leichtes seit die Mannesjahre über ihn gewachsen. Desto herzgewinnender aber war es, wenn dann, selten einmal, der reife gesättigte Gedanke die lange, reiche Erfahrung und überlegene Einsicht ein Lächeln zauberte über den Mund, dessen Schönheit der dichte Bart nicht völlig barg: und wenn ein Strahl von Siegesfreude, wie ein Sonnenblick aus dunklem schwerverhangnem Gewölk, leuchtete aus den meer-grauen Augen: denn damals hatte er noch nicht das rechte Auge eingebüßt: sagen werde ich am rechten Ort, für wen und um was er es später geopfert.
      Nicht fern von der Halle Thors ragte ein Hügel, einsam, von Föhren bestanden, mit Steintrümmern überstreut. 
      
      Dort sah Baldur, aus der Hausthür in's Freie tretend, – der Mond brach gerade durch zerrissen flatternd Gewölk – den Vater auf hochragendem Felsen sitzen, den Speer über die Schulter gelehnt: lang und gewaltig warf das bleiche Licht den großen Schatten auf den Hügel.
      Leicht war und leise des jungen Gottes Schritt, der von rückwärts nahte: aber Odhin errieth ihn, ahnender Seele.
      »Du bist es, mein Liebling unter meinen Söhnen und allen Göttern. Lieber theilst du als der Genossen laute Lust des Vaters einsame Sorge. Setze dich zu mir. Habe Dank, mein Sohn.«
      »Dank?« lächelte dieser und legte das schöne Haupt auf die Schulter des Vaters. »Meiner Liebe zu dir folge ich. Ich thue wie ich muß.«
      »So thun wir Alle. Auch Blume muß blühen und Natter schleichen und beißen. Aber wir loben und lieben die Blume und wir hassen und zertreten den Giftwurm, 
      weil ihn seine Art zu beißen 
       zwingt. Wir lieben was lieblich – wir hassen was häßlich.«
      Da sprach Baldur bedenklich: »du hast heute gethan, wie Loki rieth, mein Bruder«.
      »Nicht nenne ihn Bruder!«
      »Du bist sein Vater wie meiner.«
      »Ich gäbe meinen Schildarm darum, wäre er nicht.«
      »Wenig von dir ging auf ihn über.«
      »Nur die Wildheit, die in der Jugend in mir tobte.«
      »Wildheit? Das herrliche Brausen, das noch jetzt dich dahinreißt, wann du zur Wintersonnenwende dahinfährst an deines Geleites Spitze und die Holzfrauen jagst im Walde und vor dem Hauch deines Mundes die dicksten Stämme splittern! Oder wann du die Walküren anführst in die Mordschlacht der Männer! Von wem kam Loki der Haß und der Trotz?«
      »Von seiner Mutter! – Nicht immer, mein Liebling, war ich reif und weise wie heute. Reich fluthende Wogen brausten in mir, oft widerstreitende. Ein 
       mächtig Harfenspiel unzähliger Saiten war ausgespannt in meiner Brust – bald ließ ein Weib die silberne hell, bald ein andres die dunkle tief dröhnend erklingen – bald lockte Gunlödh, bald der Alfinnen eine mich an. Du freue dich, mein sanfter Sohn! Vom Knaben an hat nur das Eine Bild dir die Seele gefüllt.«
      »Nicht könnt' ich es anders denken. Ein einzger Klang ist meine Seele: – Nanna der Gegenklang. Aber in Allvaters Brust – ich kann es verstehen – liegt die Fülle der Töne schlummernd beschlossen: – du bist der Sturm und bist das Säuseln, du bist der Kampf und bist der Friede.«
      »Ich war nur Kampf in der Jugend Gluth. Die Söhne und Töchter, die ich damals gewann –«
      »Sie spiegeln die wechselnden Kräfte in dir« –
      »Ja, viel widerstreitend. Und 
      seine Mutter« –
      Tief auf athmete Odhin und schwieg.
      »Vergieb, bat Baldur, daß ich leidige Gedanken herauf dir beschwor.« 
      
      »Nicht du beschworst sie: aus der eigenen Brust tauchen sie immer wieder auf. Irrthum, Wahn und Schuld tilgst du nie völlig wieder aus deinem Leben. Du freilich, Schuld-Reiner, – weißt davon nicht.
      Ein dunkler Stein, in den klaren See gefallen, schwimmt wohl nicht oben auf der Glätte: aber unten bleibt er im Grunde, und tiefer Wellenschlag wälzt ihn dort, das Wasser trübend, hin und her. Und auch bei hellstem Sonnenschein wirft er von Unten schwarze Schatten nach dem hellen Spiegel. Glaubst du, umsonst ist diese Stirn so furchengespalten? Einst war sie glatt wie die deine. Kampf, Zorn, Haß, Schuld, Reue, Gram um eigne Thorheit und fremde und ach – um das Weh der ganzen Welt, der Götter, Alfen und Menschen – ja auch der Riesen! – haben diese Falten getieft und Haar mir und Bart vor der Zeit bereift. Denn alles Weh der Welt – ich empfind' es mit.«
      Und leise fingerte der tiefe Gott an der kleinen dreieckigen Harfe, welche neben ihm lehnte an dem Felsen. 
      
      »O mein großer Vater! – – Zwar Bragi, mein helltönender Bruder, hat die Skaldenkunst von dir geerbt oder gelernt: und gerne lausch' ich seinen freudigen Klängen, wann er von Liebe, Lenz und Siegen singt.«
      »Wenig gefällt mir, unterbrach Odhin kopfschüttelnd, Bragi's Gesang. Er singt ganz hübsch – wie's den Weibern gefällt – von Scherz und Liebe: – aber er meidet ängstlich, in jenes Dunkel hinab zu leuchten, welches in der Welt und in der Herzen Tiefen ahnungsvoll, erhaben, ja selbst schreckhaft schläft. Denn nur wer das Tiefste aufrührt in der Brust, daß das Herz verzweifle, stürme, jauchze, nur der ist ein echter Sänger: fortreißen muß er dich, schicksal-nothwendig, wie die Helden der Siegesrausch, in lohende Begeisterung! Bragi ist kein großer Held – nur ein kleiner: ein großer Sänger aber ist nur ein großer Held: ein Held des Schwertes oder des Gedankens. – Ein Speerschwinger wird einst der größte aller Sänger auf Erden.«
      »Darum bist du und bleibst aller Dichtung oberster Meister! Du bist der ganze Regenbogen aller Liedfarben – 
       Bragi nur das helle Roth daraus – du bist der Taghimmel voller Sonnenstrahlen: aber auch, schöner noch und ahnungsvoller, der dunkle Nachthimmel: bald mit mildem Mondglanz und bald mit schrecklich funkelndem Nordlicht: und alle ungezählten Gestirne gehn leuchtend in dir auf und nieder. – Neulich schon, als du einsam auf der Klippe saßest am Haugar-Fjordh, vernahm ich Stücke eines neuen Gesanges, den du ersonnen: traurig klang es, unsagbar traurig: und doch so herzbezwingend schön. Wenig verstand ich – verlorene Worte – Wind und Wellen vertrugen den Schall –: Vater, sing mir das traurige Lied!«
      »Noch ist's nicht vollendet. Ich singe es weiter, wie Thaten und Leiden und Weisheit mir wachsen. Doch vernimm das Gedicht, so weit es gedieh.
      Es seufzt meine Seele in unsäglichem Jammer
       Um des Schmerzengeschlechts, um der Menschen Geschick.
       Denn was in der Welt von wechselndem Wehe
       Brandend sich bricht in jeglicher Brust –
       Mitempfinden, mitdurchkämpfen,
       Mitdurchklagen muß ich es Alles. – 
      
       Alles, Alles – denn geheißen
       Bin ich Allvater:
       Bald des besiegten bessern Mannes,
       Den ein Böser bezwungen,
       Bitter beißenden Seelenbrand,
       Wie er grollend in Todesgram
       Flucht dem grausamen Schicksal –
       Bald des Liebenden tödtlich Leid,
       Der in leere Luft mit den Armen langt,
       Dem langsam das Leben verlodert
       An nie verlöschender Sehnsucht Licht: –
       Und der Wittwe Wehklage,
       Der Waisen Weinen
       Und der versinkenden Seele
       Letzten schrillen Verzweiflungsschrei –
       All dies Elend, öd und endlos,
       Es empfindet's mit Allvater.
       Und wie wenig wollen dawider
       Ach die winzigen
       Wonnen wiegen,
       Die wie verwehte Rosenblätter
       Wogen auf weiten, weiten Wellen,
       Auf des Wehs unendlichem Ocean. – 
      
      Heftig riß der Gott, abschließend, an der Harfe –
      Schrill zersprang eine Saite.
      Schweigend, schmerzvoll blickte er vor sich hin.
      Liebkosend schmeichelte Baldur mit leiser Hand zaghaft des Vaters Kinn.
      »Hohes, heiliges Herz, – wie tiefe Trauer trägst du!«
      Odhin aber sprach vor sich hin, mehr zu sich selber als zu dem ehrfurchtvoll lauschenden Sohn:
      »Unendliche Zeit schon sinn' ich und grüble und frage mich selbst und alle Wesen, die ich weise wähne: wie ward die Welt? wie erwuchsen die Asen? Was ist vor dem Anfang, was ist nach dem Ende? Weßhalb muß ich wollen, wie ich will? So oft ich Hugin ausgesandt um Antwort, – er flog bis an den Rand der Welt –: flugmatt kehrte er wieder und schweigend. Er schoß hoch empor in das unendliche Dunkel der Sternennacht – betäubt, wie gelähmt, fiel er jedesmal zurück in meinen Schos. Lange muß er ruhen nach solchem Flug, eh' er die Schwingen wieder regen kann.« 
      
      »O mein Vater – daß solches Grübeln nicht dein Haupt zersprengt!«
      »O mein Sohn, vorher noch könnte solches Weh mein Herz zersprengen! Mein Herz ist fest – ein Götterherz. Aber wehe den Menschen, den staubgeborenen, wenn solches Grübeln, solch antwortloses Fragen sie ergriffe: und so viel Weh in den wenigen Antworten! Arme Menschheit! Im tiefsten Seelengrund erbarmen sie mich. Jüngst wollte mich Loki gegen sie erbittern: »tilge sie aus, rieth er, die Undankbaren! Schon wagen die winzigen Wichte zu zweifeln, ob du seiest, ob Götter leben und herrschen. Ich hörte sogar einen König sagen, er glaube nicht an dich und Thor, er glaube nur an sich selbst und sein Schwert.« Ich aber sprach zu Loki: »Ich kann ihn nicht darum schelten. Gerecht war seine Sache; Reich hatte er mir um Sieg geopfert – ich wollte ihm den Sieg geben. Ich schüttelte die Runenlose in meinen Helm, das Schicksal erforschend – aber diese furchtbare Gewalt, die stumm bleibt auf alle 
       meine Fragen, stumm gegen meinen Zorn, taub gegen meinen Vorwurf, hatte seinem Feind, dem Neiding, den Sieg zugetheilt: mein Liebling, der edle König, verlor Sieg und Reich und ging landflüchtig in's Elend.
      Ich mache ja nicht das Schicksal, – so wenig ich die Welt gemacht: ich kann nur das Schicksal erforschen – und die Welt –: so weit sie erforschbar sein wollen.
      Mächtig bin ich, nicht allmächtig, weise, nicht allwissend, gut – ach, nicht allgütig! In den Schranken, die das Schicksal gesetzt, kann ich wohl allerlei schalten und walten, zaubern und wundern, aber nur gemäß dem Geschick, nicht trotz dem Geschick!
      Flehentlich bat mich jüngst Frigg, deine herrliche Mutter, das Kind des besten Jarls in Gautaland, das giftige Beeren im Walde genossen, vom Tode zu retten: vor mir auf den Knieen lag des Himmels hohe Königin: an ihres Kindes Lager kniete die edle Frau des Jarls und flehte in ihres Herzens qualvoller 
       Angst und schrie laut zu Frigg und zu mir und raufte ihr goldhelles Haar: – ich sprang vom Hochsitz ungestüm, riß die eherne Wage herab, die oberhalb unsers Herdes hängt, und wog des herrlichen Knaben Los –: Tod war sein Geschick. Und zornig schleuderte ich die grausamen Schalen von mir. Und da das arme Kind doch unrettbar Hel verfallen war, schloß ich, mit sanfter Hand über sein Haupt streichend, ihm rasch die Augen – und den Schmerz. Das durfte ich, ohnmächtiger Herrscher des Himmels!
      Frigg weinte helle Thränen um den Knaben, um das herrliche Aeltern-Par. Wenig war es wahrlich für die obersten der Götter, daß wir auf die verzweifelnde Mutter tiefen Schlaf der Betäubung senken konnten, bis der kleine Hügel gewölbt war: nicht viel, daß wir nach zehn Monden der Trauernden ein andres Kind an die Brust legen dürfen.
      Und jene jammervolle Frau – hat sie Frigg geflucht? Hat sie an Odhin's Dasein gezweifelt? Frommer ist der Frauen als der Männer hartes Herz! Den 
       Hügel des Lieblings kränzte sie mit Blumen und dankte den Göttern, daß sie das Kind nicht länger leiden ließen. Und dankt Frigg für den Trost, den sie unter dem Herzen fühlt. Und dankt Odhin, daß er ihr den Gatten siegreich aus der letzten Schlacht zurückgeführt hat.
      Ich verhüllte mein Haupt, als ich den Dank vernahm: – denn ich weiß es –: er muß fallen in dem nächsten Kampf.
      Nie wird das Kind, das wir ihr zum Trost geschenkt, des Vaters Antlitz schauen!
      Das ist unsre Macht, wir unseligen Götter! Was wir als Wohlthat erweisen wollen – wird zu neuem Weh!
      Und doch noch verehren uns dankbar die Herzen der armen Sterblichen. Wahrlich, hätte ich gewußt, als ich in warmer Wallung des Herzens aus Esche und Erle die Menschen schuf nach unserm, der Asen, Bild, auf daß Midhgardh nicht leer und öde stehe, sondern belebt sei von athmenden, jauchzenden Wesen, hätte ich 
       gewußt, zu welch' unabwendbarem Weh ich sie geschaffen: – die Esche und Erle ragten noch heute, wo ich sie gefunden am Meerstrand.
      Glücklich die Bäume und glücklich die Thiere!
      Sie müssen, wie die Menschen –: aber sie wähnen doch nicht, frei zu sein. Sie entbehren die Wonne, von sich selber zu wissen, diese stolzeste Ebenburt mit uns Göttern, welche ich – zu allerletzt erst – den Menschen verlieh. Aber der Wolf, der das Lamm zerreißt, kennt nicht die Reue! Der Mann aber, der im Jähzorn den Freund erschlug, verflucht sich selbst um die That, die er so wenig lassen konnte wie der Wolf des Lammes Zerfleischung. Der Mann zerfleischt sich selbst mit seinen ihn verklagenden Gedanken. Er haßt sich selbst! Wohl ihm, wenn Wahnsinn ihm der Schrecken Schrecklichsten verschleiert –: den Selbst-Haß. Er kann sich tödten, ja! Aber, streckt er sich als Leiche neben den geliebten Todten, – weckt er ihn dadurch wieder auf? Selbsthaß! Du bist schrecklicher als aller Riesen Wuth! Auch Odhin hat ihn gekannt. 
       Und hat er ihn ausgetreten in seiner Brust? Die Reue ist die Wurzel, welche immer wieder wächst, so oft Sühne sie heraus gerissen wähnte. Und doch ist sie des Wahnsinns Zwillingsschwester. Das ist des Schicksals grausamste Qual, die es in Götter und Menschen-Brust gelegt: die That ist nothwendig und die Reue nicht minder. Oder bezeugt die Reue, daß die That nicht nothwendig war? Es ist schon Wahnsinn, das zu denken. Kann geschehen, was auch nicht geschehen konnte? Konnte es 
      werden, – mußte es nicht schon 
      sein?
      Sieh dort unten, in dem Wipfel des Baumes, die Eule, welche den schlafenden Vogel ergreift: – ein 
      einziger Jammerschrei –: sie zerdrückt ihm das Köpfchen –: eine Nachtigal ist's – War es! –
      Bragi, dem sie geweiht, hat sie nicht geschützt: – hörst du, wie sein Lachen heraus tönt aus der Halle! – Nicht viel hat sie gelitten, die Nachtsängerin! Heute fand sie die Gattin. Morgen sollte der Nestbau beginnen. Sie träumte davon. 
       Sie kannte den Tod nicht – wie die Menschen ihn kennen.«
      Odhin schwieg: aber Baldur wagte nicht, zu sprechen. Ihm waren die Worte vergangen.
      Da hob Odhin wieder an. »Das war mein wohlthätigstes Werk, daß ich den armen Menschen in die Brust den sichern Trost gepflanzt habe: sie leben auch nach dem Tode.«
      »Ja, Vater! Und herrlich leben ja auch in Walhall deine Einherjar.«
      »Die den Bluttod gestorben. Aber die den Strohtod sterben? – auch ohne Schuld der Feigheit? Und alle Weiber? O Baldur – finster und freudlos ist Hel!«
      »Wer war schon in Hel?«
      Schaudernd, in leisem Frost sich schüttelnd sprach Odhin: »Niemand der lebt! Ausgenommen die Nornen. Jüngst träumte mir – ich müsse, die letzte Weisheit zu erfahren, hinab nach Hel, zu den Nornen. Ich schrie auf vor Grauen im Schlaf. Erschrocken 
       weckte mich Frigg. Grauenhaft! Wenn dieser Traum –!«
      Und abermals zog eisiges Frösteln durch des hohen Gottes innerstes Mark.
      »Herrlich in Walhall herrschest du, Vater!« rief, ängstlich seine Hand fassend, Baldur.
      »Wie lange, mein Liebling?«
      »Ewig, mein Vater!«
      »Ewig! Das Wort ist leer und dunkel wie die Nacht.«
      »Es ist unendlichen Lebens voll! Den Göttern nahet nie der Tod.«
      Da legte Odhin plötzlich wie beschützend beide Hände auf des Sohnes goldgelocktes Haupt: »O du mir theurer als mein Augenlicht!« –
      »Vater, was ist dir?«
      »Nichts! – Aber das wisse, daß ich meine Augen, beide, hingäbe nicht nur für dein Leben – nein: schon dafür, dir deine jauchzende Zuversicht zu erhalten.« 
      
      Und nun fuhr Odhin, den Speer fester ergreifend, fort: »Ewig! das ist der Runen Geheimnißvollste!
      Unerforscht: – aber unerforschbar? Laß uns doch weiter grübeln! Und weiter leben und –: kämpfen.
      Vielleicht findet sich doch noch das Wort, welches alle Räthsel löst, der Trost, der Odhin tröstet und alle Asen und Menschen für jeden Jammer, der jetzt untröstbar scheint, der goldene Klang, in welchen, friedlich versöhnt, all die widerstreitenden Mißtöne ausklingen des unendlichen Harfenspiels der Welt. Laß uns suchen, mein Sohn, tragen und kämpfen.
      Hold ist Hoffnung, aber höher als Hoffnung ist Heldenthum.«
      Odhin schwieg: – ehrfürchtig zu ihm auf blickend schwieg auch der Sohn. –
      In der Halle Thors schien das Fest zu Ende zu neigen.
      Man hörte, wie viele Gäste die Bänke zurück 
       schoben und sich erhoben, das Scheide-Horn, dem Wirth laut Dank rufend, zu leeren.
      Die Pforte öffnete sich: Loki trat heraus: er hob seinen rothen Mantel mit beiden Händen in Hauptes Höhe: da war seine Gestalt verschwunden: aber ein Feuerstern flog glühroth durch den Nachthimmel auf die Erde: dort auffallend verschwand er versinkend; niemand weiß, wo unter der Erde Loki's Wohnungen liegen.
      Leise lächelte Odhin ihm nachblickend: »Uebles rieth er, übel gesinnt. Aber mich lüstet, den Listgen zu überlisten. Wie oft schon auch diesmal wend' ich zum Guten, was zum Bösen er braute. Wie die Flamme frißt, läßt man ledig sie laufen, aber, mächtig und muthig gemeistert, wohlthätig wärmen muß und lieblich leuchten, ihrem Wunsch und Willen zuwider, –: so brauch' ich des Bösen Willen zur Wohlthat. Er wähnt, sich selbst überlassen müssen die Menschen bald sich selber verderben, auch ohne Angriff der Riesen: denn Wenige sind ihrer geworden und Feindschaft und Fehde 
       wüthet unter den Wenigen. Aber ich habe aus geheimen Runen gelesen einen Spruch von meinen Lieblingen unter den Menschen: ich weiß: es ist auch dein wie Friggs und Thors Lieblingspar:
      »Hat Harald der Held
       Sich Hilde die Holde
       Gewonnen zum Weibe: –
       Für fernste Frühlinge
       Zeugen und ziehen
       Sie treffliche Töchter
       Und siegende Söhne.«
      »Lieblich tönt, wohllautend, das Wort, o Vater. Doch wehe dem »
      Wenn«, das listig drin lauert! Taugt ein Trost, der in: »Wenn!« sich wiegt?«
      »Klug sprichst du, Klarer. Wagen muß wahrlich, wer auf Zukunftworte wölbt sein Werk. Aber diesmal wagte ich wenig. Die Riesen und Loki wähnen die Beiden für immer getrennt: von schwerster Gefahr umhüllt den Helden, Hilde die Holde seinem falschen Feinde verfallen. Aber nicht müssig war meine Macht gewesen. Geholfen heimlich hatt' ich – vor 
       dem Vertrag – dem Helden: und Hugi den Hurtigen hatte ich entsendet, Botschaft zu bringen, wie bis hieher, bis heute ihr Geschick sich gestaltet. Gerade recht rauschte der Rabe zurück und meldete mir die köstliche Kunde:
      »Harald der Held
       Hat gefangen den Feind,
       Hat ihm rettend entrissen
       Hilde die Holde,
       Zur Vermählung mag
       Er bereiten das Brautbett!«
      »Doch weh, wenn die Riesen es vorher zerreißen mit wilder Gewalt?«
      Da legte Odhin sieghaft lächelnd die Linke auf des Sohnes Schulter:
      »Darum hab' ich ja die Derben mit schweren Schwüren gehemmt und gehindert, Gewalt zu gebrauchen. Sie achten die Eide, die redlichen Riesen: überlistet ist Loki: nichts hemmt Harald von Hilde!
      Fröhlich bewegt sprang Baldur auf: 
      
      »Heil, herrlicher Herrscher! Sieh, es neigt sich die Nacht: schon schimmert im Osten das freudige Frühroth: es grüßen dich Großen, bevor sie erbleichen, mit Neigen dich nochmal alle Gestirne. »Siegvater!« so singt man dich rühmend mit Recht. Ewig wirst du der Weiseste sein.«
      Auch Odhin erhob sich: und zog, den dunkeln Mantel zurückschlagend, tief in die breite gewaltige Brust, den kühlen Hauch des beginnenden Morgens: »Gesiegt ist für diesmal, mein seliger Sohn. Aber ich träume traurige Träume.
      Was künftig kommt, – ist keinem verkündet. Mich zehrt die seufzende Sorge. Sie will nicht weichen! Nicht versprach der Spruch ewiges Alter. Vergeblich forsch' ich, vergeblich frag' ich: »Ist Weh oder Wonne als Ende von Allem den Göttern gegönnt? Was wird noch aus Walhall? Was wird aus der Welt?«
      *
      
       Schwer fällt mir nun auf das Herz die Sorge, ob ich dies Schreibwerk fort führen soll.
      Denn nun, da ich so weit geschrieben, erkenne ich erst: kunstloser Mann soll von Kunst lassen.
      Ungeschult und ungeschickt habe ich angefangen nicht am Anfang, sondern mit der Mitte.
      Jetzt muß ich erst erzählen Alles, was geschehen war 
      vor jener Zwiesprach zwischen Göttern und Riesen, mit der ich anhub.
      Und wohl ist das schlecht gefügt: und die Skalden würden mich schelten, wenn sie dieses verworrene Gewebe der Rede sähen. Aber ich bin ja kein Skalde: und ich schreibe, ohne Skalden Kunst, nur für dich, mein lieber Sohn.
      Du aber wirst nicht danach fragen, ob die Schale kunstvoll gegossen, sondern ob der Trank würzig sei, der die Schale füllt.
      Und ich hörte diese Sagen auch nicht der Reihe 
       nach, sondern bald dies, bald jenes Stück, wie es in den Hallen der Könige und Jarle verlangt wurde von meinem Vater.
      Und wie sie mir nun nach einander in die Gedanken treten, so schreib' ich sie nieder – Kunst ist nicht dabei.
      Auch schreib' ich gern, wo sie mir noch einfallen, die Liedstäbe: obzwar sie dann wieder gar nicht taugen zu der schlichten Rede.
      Denn noch klingt mir im Ohr und in der Seele des lieben Vaters Wohllaut volle Stimme, wie sie bei den Stäben erklang –: dann kann ich sie nicht auslöschen in schlichter Rede, nicht sie schweigen heißen.
      Als ich in Sachsland fuhr in jungen Jahren, kam ich in ein Kloster: da nahm uns der Abt in Sold für viele Monate, mich und meine Segelbrüder, obzwar wir Heiden waren, ihm zu helfen gegen seinen Nachbar, einen Markgrafen.
      Und blieben wir da Herbst und Winter; und las 
       uns da der Abt an den langen Abenden vor der Wintersonnenwende aus einem lateinischen Buch, übertragend in Sachsensprache, die wir meist verstanden, schöne Heldenthaten vor: von einem frommen Helden, der, landflüchtig aus verbrannter Königsburg entwichen, in fremden Landen umherfuhr mit seinem jungen Knaben, eine neue Stadt zu gründen. Das war Alles so kunstvoll aneinandergereiht wie eine Perlenschnur: und wunderhafter Reiz schwebte um jene Runen und holde lächelnde Schönheit.
      Und war da auch viel Rede von Heidengöttern und Heidengöttinnen, welche unter einander haderten und für und wider die Menschenhelden stritten.
      Aber dort ist Alles ganz anders als bei den Walhallgöttern.
      Das ist dort nur wie ein heitres Spiel: und wenn sie noch so laut gegeneinander schelten – man erräth doch, daß sie sich alle wieder versöhnen und in seliges Lachen löst sich hell der Himmlischen Hader, das klar erklingt durch die goldenen Säle. 
      
      Wenn ich nun hier schreibe von Odhin, muß ich immer denken wie dies so ganz anders ist.
      Nicht hold, nicht lächelnd: stolz und traurig: traurig, um des Edeln Untergang unten auf Erden und oben in Asgardh: unendlich traurig! Kein heitres Spiel: bitterer Ernst, grausamer, ist es hier, mit Tod und Schicksal und Verderben.
      Und nicht Lächeln, – eisiges Grauen überkommt mich, wie ich es schreibe.
      Aber mir ist dies Grauen lieber als jenes Lächeln: es ist das selige Grauen, das den Helden berauscht in seiner letzten Schlacht, bevor er stirbt –: im Siege. Schaurig: und doch schön, weil auch der Untergang so stark und stolz getragen wird. Jenes Wort von Odhin tönt mir immer durch die Seele: »hold ist die Hoffnung, höher das Heldenthum.«
      Wenn das Alles nicht so traurig wäre – und nicht so gefährlich dazu! – ich würde mir die Mühe des Schreibens erleichtern und deine holde Tochter, mein lieber Sohn, meinen Herzensliebling Gydha, 
       Gydha mit den leuchtenden, goldenen Augen, die Schreibkunst lehren – denn sie hat ja schon den zwölften Winter vollendet –: und dann könnte sie mit ihren kleinen, weißen, geschickten Fingern schreiben, was ich ihr vorspräche.
      Aber sie soll nicht – oder doch noch nicht – wissen von den alten Göttern.
      Ihre Mutter, die nun sieben Jahre unter dem Hügel liegt, blüht wieder auf in dem Kinde mit dem goldenen Haar und den goldenen Augen.
      Schweigen würde sie freilich: sie schwatzt nicht.
      Still und sinnig ist ihre Art.
      Aber ich will nicht das junge Herz mit so schweren Gedanken belasten und nicht sie verlocken zu den alten Göttern.
      Denn wahr ist es wohl, was der Bischof besorgt: es ruht ein starker Zauber, der zu den alten Göttern zwingend zieht, in diesen Sagen.
      Ich selber, während ich dies schreibe, denke immer weniger an die Heiligen, immer heißer an Walhall. 
      
      Das soll nicht kommen über das Kind: Zwiespalt und Zweifel nicht zerre die Zarte zwischen den Engeln und Odhin.
      Schwebet, ihr beschwingten Scharen, die der Himmelsgott ausschickt, seiner Lieblinge Leben zu leiten, schwebt, ihr Engel, den Lichtalfen ähnlich, schützend und schirmend um das holde Haupt!
      Kein Sperling, rühmt das breite Buch, fällt vom Dache, kein Haar von unserm Haupte ohne des Himmelgottes Willen.
      So schütze, Himmelsherr, dies unschuldige, schön Kind!
      Ich liebe es mehr als das Licht meiner Augen.
      Laß sie nicht entgelten – denn ein zorniger, eifersüchtiger Gott sollst du sein, der die Sünde der Väter rächt bis in's siebente Glied – laß sie nicht leiden, wenn dein Zorn gegen mich entzündet ist, weil mein Herz hangt an den alten Göttern. –
      Einen noch acht' ich treu und vertrausam, der 
       mich abzulösen in dem schweren Schreibwerk dürfte dienen: Knut, meines Vaters Knecht.
      Lang trotzte er der Taufe: ich mußte ihn zwingen.
      Er haßt die Mönche und ... Aber ehe ich dessen alte steife Knochen die Kunst lehrte, Runen zu ritzen, – ehe lehrte ich einen alten Eisbär Messe singen.
      Ich allein will's vollenden. –
      Und so will ich denn nun erzählen, was geschehen war 
      vor der Zwiesprach der Götter und der Riesen. 
      
    



      IV.
      Wirklich waren die Menschen auf Mithgardh furchtbar zusammengeschmolzen durch der Riesen Angriff in Winter und Weh, in Hunger und Hitze, in Seuchen und Siechthum, in Deichbruch und Dürrbrand, in Mangel und Mißwachs und durch eigne Befehdung.
      Es lebten nur etwa mehr drei tausend in drei Gauen, und unter zweien von diesen, nämlich König Harald von Hördhaland und König Skadhi von Skadhaland, wüthete altvererbter Haß in Blutrache, Krieg und Fehde: die Riesen und Loki hofften auch diese letzten bald ausgetilgt zu sehen durch eignen Eifer. 
       Auch halfen die Riesen redlich dazu, indem bald die Midhgardhsschlange über die Erdränder sich brausend wälzte, bald Thursen in Drachengestalt in die drei Gaue fuhren mit feuerschnaubenden Schlünden.
      Da hatten Odhin und Frigg beschlossen, wie alle Götter sich der Menschen annahmen gegen die Riesen, unter den Erdgeborenen Lieblinge zu wählen, denen sie besonders beistehen wollten als Beschirmer.
      Und war Odhins Blick gefallen auf Harald, den jungen König von Hördhaland, und Friggs auf Hilde, Frodhi's, des greisen Königs von Ljosland Tochter, welche sich von Kindheit kannten und lodernd liebten.
      Aber König Skadhi hatte um Hildes Hand geworben: er war König Frodhi's nächster Nachbar, der diesem viel Schaden thun, ihn zumal ganz von der See absperren und daher in Hungerjahren fast aushungern konnte.
      Und obwohl König Frodhi Harald liebte und König Skadhi beinahe haßte, schwankte er doch, um seines Volkes willen, lange, ob er den gefährlichen 
       Nachbar durch Abweisung seiner Werbung zum grimmigsten Feinde machen dürfe.
      Bevor aber Odhin und Frigg jene Beiden endgültig zu Wahlkindern koren, beschlossen sie, beide gründlich zu prüfen, ob sie vor Andern ihren Schutz verdienten. –
      Und einst, als König Harald einsam über die Heide schritt nach dem Walde zu, wo er bei einer mächtigen hohlen Eiche die Geliebte zu finden pflag zu geheim besprochenen Stunden, da stand vor dem Eilenden, den Liebessehnsucht vorwärts drängte, plötzlich in dem Waldesdunkel Odhin, nicht als vermummter Wanderer, sondern von Asgardhs Licht umleuchtet, in herrlicher Gestalt, von allem Glanz seiner Waffen umstrahlt, wie er einher reitet vor dem Keilhaufen der Einherjar: den adlerflügligen Schreckenshelm auf dem Haupte, die goldene Brünne über der mächtigen Brust, den Speer in der Rechten, den flammenden Runenschild am linken Arm.
      Sofort erkannte Harald den Götterkönig: geblendet, 
       aber nicht erschrocken, hielt er die Hand vor die Augen, trat einen Schritt zurück und sprach ehrerbietig, aber furchtlos: »Herrscher der Helden, was ist dein Begehr?«
      Odhin aber sprach: »Ich weiß, Harald liebt Hilde heißer als das eigne Herz, inniger als das eigne Auge. Ich weiß, wie das Herz dir hämmert in der Brust, wie es dich treibt, zu ihr zu eilen, ihre Hand zu halten, ihr in's Auge zu schauen. Aber ich sage dir, Harald: du sollst sie nur einmal noch sehn zu unseliger Begegnung.«
      Der Held erbleichte: aber Odhin fuhr fort: »Das Schicksal, das über uns Allen steht, Göttern und Menschen, hat beschlossen: »verloren ist König Haralds Heer und Volk, Unsieg sein Geselle in jeder Schlacht, elend erliegen sie vor dem Feind, gewinnt Harald Hilde.« Laß von ihr! Oder dein Volk vergeht!«
      Da schlug Harald beide Fäuste vor beide Augen und schwieg sieben Herzschläge lang.
      Dann nahm er die Hände von den Augen und 
       sprach – aber aus seiner Stimme war aller Klang gewichen: »Ich lasse von ihr. Aber, daß sie nicht irre werde an Haralds Herzen: – Allvater, sage ihr den Grund. Und sage ihr auch, daß ich sie lieben werde, so lang ich athme.
      Odhin aber hob aufs Neue an: »Einmal magst, einmal mußt du Hilde noch schauen. Ich sagte nicht das Letzte schon. Blutopfer nur rettet dein Volk: Hilde's Blut. Du mußt sie opfern, Volks-König: sonst vergeht dein Volk. Dort im hohlen Baume – sieh hin – ruht sie: schlafend. Schreite hin, zücke dein Schwert, tödte sie.«
      »Laß 
      mich sterben für mein Volk – mein ist dies Vorrecht – ich bin sein König!« schrie Harald auf.
      »Nicht ich bin das Schicksal. Das Schicksal fordert Hilde's Blut, durch deine Hand vergossen.«
      Da fiel Harald auf sein Antlitz nieder, ohne Wort, ohne Seufzer. Lange lag er so.
      Da sprach Odhin und wandte sich zu gehen: 
       »Ich sehe, du willst nicht. Oder du kannst nicht. Geh hin, kose mit Hilde. Aber fliehe mit ihr landeinwärts, rathe ich. Denn heute Nacht noch verschlingt, da das Opfer du weigerst, das Meer dein Land und Volk. Leb wohl, König ohne Volk, ohne Treue und ohne Ehre.«
      Da sprang Harald auf seine Füße und sprach: »Ich muß.
      Aber nicht im Schlaf ermord' ich die Geliebte. Ich wecke sie mit heißem Kuß: die Wahrheit sag' ich ihr und die Nothwendigkeit. Habe ich sie je gekannt, so will sie, was ich muß. Aber nicht als Fremde schlachte ich sie meinem Volk, wie eine Speer-Gefangene: nein: den Goldring stecke ich an ihren Finger, meines Volkes Königin soll sie werden und fallen als ihres Volkes Königin für dieses Volk von des Königs Hand.
      Ich aber – das kann kein Schicksal wehren – ich schreite von der schönen Todten hinweg dem Feuerdrachen entgegen, der, wie ich eben erst heute vernahm, 
       mein Land verheert: ich springe dem Riesen in den flammenden Rachen und tödte ihn sterbend. So rasch folge ich der Geliebten nach, daß ich sie noch einhole, bevor Hels Eisenthor auf ihre Ferse fiel.«
      Odhin aber sprach: »Fielst du für dein Volk im Kampf mit dem Riesenwurm: – offen steht dir Walhalls goldner Saal. Nicht nach Hel sollst dann du dich wenden, wo freudlos der Weiber Schatten gleiten! Furchtbar, sagt man, und finster ist Hel. Zu mir komm nach Walhall, dich der Waffen zu freuen und weißarmiger Wunsch-Maid.«
      Harald aber schüttelte das Haupt: »Mehr wirst du nicht fordern, furchtbarer Gott, wirst nicht schrecklicher sein als das seelenlose Schicksal. Nicht laß' ich von der Geopferten Schatten. Laß Andre jauchzen in Walhall –: ich wähle Hilde und Hel. Komm, laß sie mich wecken. Die That muß ich thun – doch ich kann sie nicht vorher thun – in Gedanken.«
      Da strich ihm Odhin kosend mit der Hand über die Wange, welcher der Flaumbart sproßte, und sprach: 
       »Heil dir, o Harald, leuchtender Liebling! Herrlich hast du die Versuchung besiegt, prächtig die Prüfung der Stärke bestanden. Grausam und grimm zwar schaltet das Schicksal: aber diese gräßliche Grauenthat fordert die furchtbare Noth von dir nicht!
      So lange noch leben den muthigen Menschen hohe Helden, die denken wie du, das Geliebteste gebend, Alles opfernd, für ihr Volk, pflegend der Pflicht für dies heiligste Heiligthum, treu bis zum Tod – so lang nicht laß' ich Furcht mich fassen! – So lange leben sicher und siegreich vor dem Rasen der Riesen Midhgardhs Meister, die markigen Männer. Ich hoffe, auch Hilde, die Holde, hat zur Stunde bestanden die prüfende Probe, der Frigg mit Fragen weihte das Weib!«
      Nur ein Trugbild war es gewesen, das der Gott dem König in Hildes Gestalt am Baume schlummernd gezeigt hatte: Hilde schlief nicht einstweilen, sondern litt wachend schwere Schmerzen.
      Während nämlich Odhin über Harald solche 
       Prüfung und Schmerzen gebracht, war Frigg Hilde genaht.
      Aber nicht in Gestalt der Himmelsherrin mit Schmuck und Geschmeide, sondern ärmlich, als alte Bettlerin, mit Lumpen belastet und böse eiternde Schwären im Antlitz, an Armen und Händen.
      In solcher Verwandlung, ein ekler Anblick, hatte sie sich reglos, wie todt, in dem Graben niedergestreckt an der Seite des Waldwegs, auf welchem die Königstochter wandeln mußte zur hohlen Eiche.
      Die Jungfrau erschrak, da sie, halb aus dem Graben ragend, die elende Gestalt liegen sah: sie hemmte den leichten Schritt: sie glaubte, das Weib sei todt.
      Aber alsbald bezwang sie das Grauen und trat näher: »Nicht lasse Leiche verwesen am Wege! Pflicht ist, zu pflegen der traurigen Todten!« so lehrte die liebe Mutter!« – so sprach sie zu ihrem Herzen leise – »komm, mein Herz, thu wie du sollst: überwinde den Abscheu.« 
      
      Und sie beugte sich über das Weib und sah, daß es noch athmete.
      Eilig lief sie zum nahen Waldquell, schöpfte daraus mit beiden lichten gehöhlten Händen und vorsichtig und sorgsam goß sie das erweckende Naß über Augen und Schläfe der Siechen.
      Die Alte öffnete leise die Lider und flüsterte: »Habe Dank, wer du auch seist. O hilf mir nun weiter. Hebe mich aus dem Graben und setze mich aufrecht: nicht vermag ich's allein.«
      Da beugte sich das Königskind und, obwohl ihm stark graute vor den offnen Wunden an den nackten Armen, hob sie die Greisin aus dem Graben auf den Rand des Weges.
      »Frigg wird dir lohnen!« sprach die Kranke. »Aber, ich bitte, streiche mir doch aus den Wangen den ätzenden Eiter – gelähmt sind meine Hände – und es frißt in das Fleisch der üble Saft der Wunden.«
      Ekel und Abscheu schüttelte vom Wirbel bis zur Sole das schöne Mädchen: es zitterte. 
      
      Aber nur einen Augenblick säumte sie.
      »Ehre die Alten, versorge die Siechen, so mahnte die Mutter. Maid soll sich mühen für graue Greisin, freundlich Frauen fördern die Frau!« Gehorche, mein Herz.«
      Und zärtlich faßte sie mit der Linken, stützend, das Kinn der Kranken: mit den lichten Fingern der Rechten und mit dem Saum ihres weißen Mantels strich sie den häßlichen Eiter ihr aus dem Gesicht: garstige Flecken blieben in dem hellen Mantelsaum.
      »Du erbarmst mir das Herz o Mütterlein! Ich will dich mit mir führen in unsere Halle und dort dich betten auf mein eigen Lager. Doch jetzt ruhe noch hier dein müdes Haupt!«
      Und sie legte das häßliche Gesicht der Siechen an ihren weißen Hals.
      Da sprang Frigg hurtig auf: verschwunden waren die Bettlergewande, Alter und Siechthum: und herrlich stand sie da, schimmernd in Asgardhs Schöne, das blitzende Halsgeschmeide auf der Brust, die hohe Königsjungfrau 
       noch gewaltig überragend: erschrocken sank Hilde auf die Kniee, beide Hände wie abwehrend gegen soviel Glanz vor sich ausstreckend: »Du bist es, hehre Himmels-Königin!
      Schone mein, mich blendet dein Blick.«
      Und sie wollte die Augen mit dem Saume des Mantels verhüllen –: da griff sie in lauter Perlen und Edelsteine – das waren die Flecken von den Wunden. –
      Frigg richtete sie auf! »Scheue mich nicht, du Schöne! Ich will dir wohl, du Weiße! Die prüfende Probe hast stark du bestanden. Nun lausche, mein Liebling, was zum Lohn ich dich lehre, weise warnend. – Heimlich im Herzen hegst du, ich weiß es, Harald den Helden.«
      Da schoß ein wunderschöner Schimmer über Stirn, Wangen und den weißen Busen des Mädchens, wie die Morgenröthe färbt jungfräuliches Eis.
      »Doch rath ich dir redlich: laß von dem Lieben! Denn nornen-nothwendig ist es genietet: wird Hilde 
       das Weib Haralds des Helden – fällt dein Vater, dein ganzes Geschlecht, die gesammte Sippe, so Speere wie Spindeln.«
      Da seufzte Hilde sehr stark aufstöhnend und fuhr mit beiden Händen in ihr herrliches Haar: »Frodhi, mein Vater!« schluchzte sie schmerzlich, in den Schleier sich hüllend.
      Aber die Göttin gewahrte durch den lichten Schleier, wie zwei Zähren ihr träuften, traurige Thränen, über die weichen Wangen.
      Da frug Frigg mütterlich ihr streichelnd das edel gewölbte Haupt: »Ich sehe, du Schöne: du weichst meinem Warn-Wort.
      Du läßt von dem Lieben, zu erhalten dein Haus, die freundlichen Vettern und Frodhi, den Vater?«
      Aber Hilde schlug den Schleier hastig zurück: es zuckte wie Zorn durch ihre Züge: groß geöffnet die stolzen Augen sah sie der Schützerin jetzt fast drohend in's Antlitz: »Was wähnst du? Des Himmels Herrscherin heißest du, des Herdes Hüterin, der Frauen 
       Befreunderin – und kennst nicht klarer das Leben der Liebe?
      Wisse, du Weise: nimmer und niemals läßt Herz von Herzen, läßt Hilde von Harald: – mag sinken die Sippe, so Speere wie Spindeln, selbst Frodhi, der Vater!
      Leicht ließ' ich das Leben, sein Haupt zu erhalten, fromm und freudig für ihn will ich fallen: mein Leben laß' ich für ihn, nicht meine Liebe. Mag vergehn mein Geschlecht –: ich halte an Harald! Das ist lodernde Liebe, – zum Tode getreu!«
      Da schloß die Himmelskönigin das schöne Mädchen in die Arme und küßte sie auf die weiße Stirn: »Heil dir, o Hilde, muthige Maid! Wenige wissen der wankenden Weiber, obwohl sie es wähnen, vom Leben der Liebe!
      Weibes-Liebe will ewig währen!
      Voll-Liebe nicht läßt vom Geliebten. Die Höchste halt' ich aller Walküren in Walhall jene Herrliche, die geheißen wie du: Hilde, die hehre: nichts hat sie 
       von Helgi, dem Helden, gehemmt, der den Vater gefällt und die Brüder der Braut, bis dann selber er sank: doch in Walhall erwachte er an dem Herzen Hildes. Alles opfern muß der Mann dem Volk, auch die Freude des Lebens, die Liebe: Alles opfern willig das Weib dem Gewählten: 
      ihr Heiligstes ist des – 
      Herzens Heldenthum.
      Schau, schimmernd dort schreitet uns Odhin entgegen: und Harald, den Helden, in Prüfung erprobt, hält an der Hand er: den Bräutigam bringt er dir, blühende Braut. Und horch! aus den hohen Himmeln hernieder hallet der Harfen Siegesgesang: es freu'n mit Frohlocken sich Asen und Alfen, daß Harald und Hilde der Gunst sich der Götter würdig bewährt.« 
      
    



      V.
      Und gönnten nun wirklich alle Götter und Göttinnen diesem Menschenpar vor Andern ihre Gunst. Asathor hatte solche Freude, daß er mit beiden Händen dreimal auf seine Brust schlagend rief: »ich muß dem Jungen was schenken!« Ging hin, erschlug den Drachen, der Haralds Gau verheert hatte und überzog zur Nacht des Königs Schild, der in der Halle hing, mit den Schuppen des Wurmes: da ward der Schild speer-fest.
      Aber das war wohl Odhin's Werk, daß König Frodhi, der, wie wir schon verzeichnet haben, lange geschwankt hatte, von solcher Liebe zu Harald ergriffen 
       ward, daß er König Skadhi's Werbung abwies und Harald seine Tochter verlobte.
      Und ward schon der Brautlauf angesetzt auf vierzig Nächte. König Skadhi aber, da er all dies erfuhr, sagte sogleich Harald Krieg an. Wenig fürchtete sich Harald, das könnt ihr glauben.
      Und wußte das auch Loki, daß Skadhi dem König von Hördhaland nicht viel werde schaden können.
      Loki aber haßte vor allen Menschen Harald und Hilde.
      Zwar wußte er nicht um die Weissagung, welche an diesen Ehebund reiche Menschensat für ferne Zukunft knüpfte.
      Aber er haßte sie, weil Odhin und Frigg und alle Götter und Göttinnen sie liebten.
      Und weil sie Baldur glichen und Nanna. –
      Um nun des Pares Hochzeit zu stören, vielleicht Harald zu verderben, schuf er eine neue große Landplage.
      Bitter zürnte er Thor, daß dieser den Drachen erschlagen. 
      
      Aber Loki wußte in Mörk-Land unter hohem Stein einen andern Lint-Wurm liegen, einen Alt-Drachen aus der Feuerriesen Geschlecht, der nicht nur Flammen, der Gifthauch schnaubte: Eitr-Ormr hieß er.
      Dieses Drachen Höhle suchte Loki, in Gestalt eines Finnen, in schwarzem Fell, wie es die finnischen Zaubrer tragen.
      Der Wurm, gelbbraun, lag unter gelbbraunen Blättern des Herbstes.
      Denn nach seinem letzten Fraß im Spätsommer hatte er sich wieder in sein Lager vor der Höhle gelegt und sich viele Wochen nicht geregt.
      Da war das Herbstlaub auf ihn gefallen.
      Und Loki that, als ob er, wie er des Weges ging, ihn nicht sehe: aber er sah ihn wohl und trat ihm heftig auf die Spitze des Schweifes.
      Auf schrie der Wurm vor Wuth und vor Weh und ebenso rasch hatte er auch schon den Wanderer umringelt mit dem langen Schweif, den dräuenden Rachen vor seinem Gesicht auf klappend. 
      
      Da sprach der Finne: »Schone mein, du schimmernd Schöner! Schluckest du mich, schuppiger Schlinger, werd' ich dir wenig Wonne gewähren im mächtigen Magen, ich magerer Mann. Laß mich lieber ledig – um Lösung.«
      Der Drache dröhnte: »Schmälich schmerzt mich mein Schweif. Das büßest du bitter, ob ein Bettelbissen du bist. Lumpige Lösung, wähn' ich, würdst du gewähren.«
      Da zog der Wanderer aus seinem Ranzen einen Zauberspiegel, wie aus glatten Steinen Finnen ihn schleifen, und bat: »An Schätzen scheinst du, Schlauer, froh dich zu freuen. Wo dein Leib lag, unter braunen Blättern versteckt und Steinen, seh' ich gesammelt Ringe und Reife von gelbem Gold. Aber ich werde dir willig weisen, läßt du mich ledig, siebenfach Solches.«
      Und blitzgeschwind hielt er dem Drachen vor des kleinen Auges blinzenden Blick blendend den Spiegel.
      Da grunzte vor Gelüste der gierige Giftwurm, 
       der Geifer gerann ihm im Rachen: »Sage, Geselle, wo wohnt auf Erden oder im Himmel dieser herrliche Hort? Wer wacht fein als Wächter, wer hütet als Herr?«
      »In Ljos-Land, in Frodhi's Friede, gethürmt ist der Tempel dem blühenden Baldur: dort auf dem Altar schlummert der Schatz. Sein wachet und waltet der graue Greis, Frodhi, der fromme, aber marklose Mann.«
      »Und ob Odhin der Arge und oben von Asgardh alle die Asen schirmten den Schatz – ich mache ihn mein! – Du, winziger Wicht, renne und rette dein lumpiges Leben.«
      Los ließ er den Umringelten.
      Und sah ihn gleich darauf nicht mehr.
      Nur ein brandrothes Eichhorn huschte, hochsträubend die buschige Ruthe, aufwärts die Eibe, pfauchend und pfauchend und seelenvergnügt. 
      
    



      VI.
      Eitr-Ormr aber, der Drache, suchte und fand König Frodhi's Land.
      Die Markwächter konnten nicht bestehen vor ihm: die Einen fraß er, die Andern flohen in des Königs Halle, den großen Landschaden kündend.
      Der König schickte eine Schar nach der andern dem Unhold entgegen – keiner kam wieder.
      Da sandte Frodhi Botschaft an Harald von Hördhaland und Skadhi von Skadhaland und entbot beide Könige zur Hilfe wider den Wurm, der alles Leben im ganzen Nordland mit Verderben bedrohe.
      Denn er fraß auf dem Felde die Hirten sammt 
       den Herden und verbrannte die Holzhäuser mit seinem Hauch.
      Und beide Könige eideten den Ringeid, so lang zu lassen von Feindschaft und Fehde, bis der Wurm überwunden.
      Hilde aber ward einstweilen in dem Baldurtempel geborgen: denn fest war der Tempel, aus Eichen gefügt, und am sichersten schien sie unter dem Schutz des Gottes und der starken Eich-Stämme.
      Die drei Könige sollten ausreiten jeder von seiner Halle und sich treffen mit ihren Kriegern in dem Mark-Walde, wo die drei Gaue grenzten.
      König Skadhi nun zog mit seinen Männern widerwillig des Weges.
      Denn er trug es mit Trauer, daß die holde Hilde ihm für immer sollte entrissen, Harald, dem gehaßten, gewonnen sein.
      Als er nun so dahinritt, finster auf die Mähne seines Rappen schauend oder durch die Ohren des Rosses hindurch, wie der Reiter soll – es dämmerte 
       schon und Dunkel zog herauf –: da merkten die Wegspürer, die vorausritten, und meldeten ihm Feuerschein links ab vom Wege.
      Sogleich sprengte der König mit den Seinigen darauf zu: da fanden sie ein Gehöft in der Föhrenlichtung, das war ausgebrannt: der schwarze Rauch stieg schwehlend aus den verkohlten, nach Innen eingesunkenen Balken: nur manchmal schlug noch eine schmale Flamme, züngelnd wie eine kleine rothe Schlange, aus dem Brandschutt.
      Da von Kampf und Hof-Sturm keine Spur, kein Erschlagener zu sehen war, glaubten sie, Thors Hammerwurf habe das verlaßne Gehöft entzündet und wollten die Rosse wenden.
      Da, als er schon wieder im Sattel saß und nur noch einen Blick rückwärts warf, sah der König eines Mannes Leiche, wie es schien, neben dem verrußten Herde liegen.
      Er sprang wieder ab, ging hinein und rüttelte ihn an der Schulter. 
      
      Da sprach der scheinbar Todte, ohne die Augen zu öffnen: »Wer du auch seist, laß mich hier liegen und sterben. Wende dich weit. Ich rief dich nicht.«
      Der König aber befahl, den Wunden aufzuheben: und aus dem noch fast glühenden Schutt zu tragen, – und schien das da Allen ein Wunder, daß der Mann nicht verbrannt war, der dicht neben heißester Gluth lag.
      Draußen erholte er sich erstaunlich rasch, schlug nun die Augen, – seltsam blitzende Augen – auf und sprach: »Gedenke: ich rief dich nicht herbei, wollte hinweg dich weisen. Unheil bring' ich den Menschen, die mir sich gesellen. Ich warnte dich: gedenke deß später.«
      Da antwortete finster der König, die schwarzen Brauen zusammenziehend: »Mich lehrte das leidige Leben: mein Unheil – und so aller Andern, acht' ich – bricht aus der eigenen Brust, nachdem es gedieh, vom Gelüste gebrütet. Nicht Andrer Rath noch Rede zeihe ich um das Leid, das ich lebe. Die 
       Götter schufen mein Schicksal. Sie gaben mir dies heiße, heftige, hastige Herz, mehr zu Haß als zu Liebe.«
      Da sprach der Brandwunde, den sie auf ein Handroß gehoben und der nun zur Linken des Königs ritt – und noch heller blitzten seine Augen und unlustig Lachen loderte um seine Lippen: »Weise war das Wort! Wahrlich, du wandelst den Weg zur Wohlfahrt: den Weg der Wahrheit. Dem Günstling der Götter geräth alles zum Glück: dem, den sie hassen, Alles zum Harm. Ja, aus Walhall wird alles Weh den Wesen!«
      Und er schlug sein Roß mit der Gerte, daß es hoch bäumte: aber zitternd fuhr es zusammen, da er ihm ein Wort in das Ohr raunte.
      König Skadhi aber erschrak über des Fremden Rede: »Das wollte ich nicht wagen, zu sagen.«
      Aber der lachte laut: »Du dachtest es doch! So wage das Wort! Er weiß es doch schon in Walhall, der Weise, wenn es auch nur durch dein Denken 
       drang: er droht auch dem Denken, das ungerufen, von Außen uns anfliegt. – So genieße den Genuß, dreist durch zu denken und stolz zu gestehen, was Er doch rächend anrechnet.«
      Skadhi schüttelte das Haupt: »mich lehrte die liebe Mutter: »ehre Odhin! Gerecht richtet der Runen-Gott.«
      »Gerecht!« rief da der Andre und warf das rothe Gelock in den Nacken. »Was war meine Schuld, daß der Wurm sich hierher wälzte, der Feuerfaucher?«
      »Der Drache drang hierher?« frug Skadhi und hemmte den Hengst: »der Wurm hat dich bewältigt? Sage, sahst du, wohin er sich wandte? Ich suche ihn sehnlich.«
      »Wir sind auf dem Wege! – Ja, mich Unschuldigen schlang beinahe das Scheusal. Ich lag in der Hütte am Herde und schlief: da hörte ich Hörner hallen und dazwischen Zischen und Schnauben. Ein schrecklicher Schatten schwebte an meiner offnen Thüre vorbei: der Wald stand in Flammen, in Flammen 
       mein Haus: ich sprang auf, aber ich stürzte, wo ich stand, von giftigem Qualm betäubt. Was hatte ich verschuldet! Warum schützte mich nicht mit dem schirmenden Schilde Odhin der Edle?«
      »Mich mahnte die Mutter,« sprach zweifelnd Skadhi: ›forsche und frage nicht nach der Nornen Schicksalentscheidung. Mit wagendem Wort nicht richte die Richter, die walten in Walhall.‹ – Du lehrst mich, – ein leidig, doch lockend Gelüst, – ins Gericht zu gehen mit den guten Göttern.«
      »
      Du denkst deine Gedanken, lachte der Andre, nicht ich. Was hat wohl Frodhi verbrochen, den den Frommen sie rühmten in allen Reichen? Opfer geopfert hat er, unzählige, Odhin und allen Asen. Und doch ich denke: nicht frommte es dem Frommen, als er dem Wurm in den Weg sich wagte.«
      Skadhi wollte erstaunt fragen, aber der Fremde fuhr fort: »Ja, König Frodhi's Hornruf war es, den ich hörte – ich kenne den Klang: – und gleich darauf scholl wimmernd Wehgeschrei. Siehe hier – 
       seitab vom Wege – im Schlamm – die breiten Tatzenspuren des Drachen – dorthin!«
      Und er sprengte dem Zuge voraus – Funken ohne Zahl stoben aus den Steinen unter den Hufen des Hengstes –: da fanden sie rechts auf der Heide vor dem Walde alle Halme versengt und angebrannt manche Bäume.
      Und auf seinem Schilde lag todt König Frodhi.
      Der Gifthauch hatte ihn getödtet, der Feuerhauch seinen schönen langen weißen Bart versengt.
      Und um ihn her lagen alle seine Mannen todt, todt auch die Rosse, vergiftet, verglüht, die Schwerter und Schilde geschmolzen, die Brünnen verbrannt.
      Skadhi erschrak: aber doch durchflog ihn freudig der Gedanke: »dahin ist die Hälfte von Hildes Helfern: nur noch Harald ist übrig allein.«
      Er befahl nun einigen seiner Leute, hier Halt zu machen und die Leichen vollends zu verbrennen.
      Er selbst aber wollte mit der Mehrzahl den Spuren des Drachen folgen.
      Der Fremde machte Miene, sich zu verabschieden: 
       aber Skadhi befahl ihm, zu bleiben: »lieb ward mir und lockend, nach wenigen Worten, dein Rath, deine Rede. Mich lüstet verlangend von solchen Sinnes kühner Klugheit fürder zu forschen. Matt und ohnmächtig muthet mich an die Meinung der Mutter. Es behagt mir hoch, daß Menschen mögen meistern und mäkeln an der Götter Gerechtigkeit. Heiß heischend wünsch' ich, weiter so weise Worte zu hören. Noch deinen Namen nanntest du nicht. Ich selber bin« –
      »König Skadhi von Skadhaland: ich weiß es, von dem Redliche reden, zu schmal sei beschieden dem hohen Helden von neidischen Nornen, von abgünstigen Göttern das Gebiet seines Gau's.
      Ich aber?
      Wild erwuchs ich, verwaist war ich, so lang ich lebe. Meine Mutter ward mir als »Kiesel« gekündet, »Stahl«, so erfrug ich, war mein Vater. – Wer weiß aber von allen Wesen den 
      Vater gewiß? Allvater ist Odhin« – so grinste er grimmig – »so ist er wohl auch Arga's des Armen Vater: niemand lebt, der mich liebt!« 
      
      »Ich will dir wohl, Argr – du Armer, sprach da Skodhi. Hier, halte meinen Heerschild: trag' mir ihn treulich, zum Waffenwart wähl' ich dich Weisen. Reite zur Rechten und raune mir Rath in das offene Ohr. Es behagt meinem Herzen, mit geheimem Grauen zu grübeln, ob die Götter gerecht?«
      Und Argr ergriff den Schild Skadhi's und lachte: »Besser geborgen ist kein König, als wer, Argr ergeben, den Göttern grollt!«
      Und so ritten und raunten die zwei zusammen, zankend und zweifelnd über Odhin und die Asen von Asgardh. 
      
    



      VII.
      Wir lassen sie nun reiten ihres Weges und wenden uns wieder zu Harald dem Helden.
      Denn kunstlos und kraus und wirr gewoben sind meine Worte – ich weiß es und kann's doch nicht wenden.
      Harald war ausgezogen mit den Seinen zu rechter Zeit und zu rechter Zeit eingetroffen an dem Grenzhag, die andern beiden Könige zu erwarten.
      Aber sie kamen nicht.
      Da ließ er Wachen an dem Grenzhag zurück mit dem Gebot, die etwa später noch Eintreffenden ihm 
       nach zu führen und machte sich auf, den Wurm allein zu suchen, fand ihn aber nicht.
      Als er nun eines Nachts auf dem Heerweg schlief, kam ein Reiter angesprengt aus König Frodhi's Gau, deß Roß fiel todt, nachdem er abgesprungen. Der Reiter aber rief: »Heil uns, Herr, daß ich endlich dich finde. Ich komme von Baldurs Tempel. Todt liegt König Frodhi und seine Schar, bewältigt vom Wurme. Skadhi aber, der die Todten gefunden, zog nur wenige Rasten mehr auf des Drachen Spur: auf eines Rothhaars Rath, den er am Weg aufgelesen, machte er plötzlich Halt, ließ Drache Drache sein, wandte sein Roß und seine Reiter und jagte zurück vor Baldurs Tempel: mit Gewalt will er Hilde gewinnen: er bestürmt mit Wuth das feste Gefüge, die heiligen Hallen. Held Harald zu Hilfe!«
      »Der Neiding!« rief Harald, sprang zu Pferd und wollte befehlen, rasch zu reiten nach Frodhi's Land nach Osten.
      Da kam aber ein zweiter Reiter angesprengt von 
       Süden, aus Haralds eigenem Gau, und meldete, der Drache sei in das Land gedrungen und alles Volk Haralds falle vor seinen Flammen und seinem Gifthauch.
      Da riß König Harald sein weißes Roß herum und rief: »Erst rett' ich das Reich! Erst befrei' ich mein Volk. So gebot mir der Gott, den vor Allen ich ehre: Odhin der Edle. Erst würg' ich den Wurm, dann helf' ich erst Hilde!«
      Und sausend schoß er den Seinen voran.
      Die folgten feurig und dachten dankbar: »Harald, unser Herr, heißt »Volks-König« mit Fug.«
      Und so ritten sie rasch die ganze Nacht hindurch.
      Bei Tagesanbruch erreichten sie schon den Heimatgau.
      Nebel umhüllte, obwohl die Sonne schon empor gefahren war, den Ausblick nach beiden Seiten. Da erhub sich von der Rechten ein Windhauch und blies den Nebel zur Seite: und Harald gewahrte, dicht neben dem Heerweg, zur Rechten, eine alte Waldschmiede, 
       welche er wohl kannte, die aber seit Jahren unbewohnt war.
      Er staunte, die Esse lohen zu sehen: er sah auch einen Schmidt am Amboß stehen: und mächtig dröhnten dessen Streiche.
      Da klirrte es plötzlich unter Haralds Roß wie Eisen auf Stein: das Pferd strauchelte und stand zitternd, von Schreck gelähmt.
      Harald sprang ab und sah, daß das Hufeisen des rechten Vorderfußes mitten entzwei geborsten war.
      Er war den Seinigen weit voraus gesprengt: so nahm er selbst das edle Thier am Zügel, führte es über den Weggraben an die Schmiede und winkte dem Schmidt.
      Dieser nickte, ohne ein Wort zu sagen, nahm ein Huf-Eisen, das er eben fertig geschmiedet, und drückte es, ohne Hammerschlag, mit der Hand auf den rechten Vorderhuf – da saß es wie nornen-genietet.
      Harald staunte und frug den geschickten Meister, von wannen er gekommen und wie er heiße. 
      
      Der sprach: »Weither von Wolkenheim kam ich gewandert. Namen nennen mich vielerlei, seit ich unter die Völker fuhr. 
      Eines Namens genügte mir nie, seit ich unter die Völker fuhr: Grimur hieß ich und Gangleri, Wandrer und Wundrer, Runenrather, aber Bölwerkr in Gunlödhs Gehege. Den Huf hat des Hengstes dir Völundr gefestigt!«
      »Den Meister, mein' ich, aller Schwert-Schmiede und Schwarzschmiede rühmt dich die Rede der Sänger und Skalden. Was verlangst du als Lohn?« Völundr lachte: »Als Lohn? Dein Leben! Doch heute noch nicht! Aber am Ende deiner Tage, du Tapfrer, schmückst du mir doch noch meine große Schmiede als Genoß und guter Gesell. Für heute höre, wie den Weg ich dir weise. An den Wurm willst du, weißt nicht, wo er sich wälze? Um die Braut bangst du, vor Raub sie zu retten? Es wälzt sich der Wurm neun Nachtritte nordwärts. Um zur Braut dich zu bringen erheischt dein Hengst nochmal neun Nächte.« 
      
      Laut klagte da Harald: »Ach, ich Armer! So muß ich die Maid verlieren für immer! Bis ich den Riesen erreiche, reißt mir der Räuber die bebende Braut aus den brennenden Balken! Doch ich reite zum Riesen!« –
      Da schlug ihm der Schmidt auf die Schulter – ganz leicht nur, aber Harald zuckte unter der Hand des Hohen: »Heil dir, Harald, Halfdans Sohn. Du wahrst dein Wort: mehr als die Maid liebst du dein Land. – Wagtest du wohl, statt des weiten Weges auf staubiger Straße, den raschen Ritt hoch durch die Himmel, durch Wolken und Wind?«
      Harald schüttelte das Haupt: »Hoch durch die Himmel, durch Wolken und Wind weiß nur Einer reisig zu reiten: Odhin der Edle. Ja, wollte der Weise leicht durch die Lüfte mich führen, – furchtlos folgt' ich und freudig: nicht sollte mich Sorge noch Schwindel beschweren.«
      Da faßte plötzlich der Schmidt den Helden um 
       die Hüfte, hob ihn auf den Hengst, schwang sich hinter ihm in den Sattel und sprach: »Gewährt ist dein Wunsch! Es beschlug dir als Schmidt dein rasches Roß Siegvater selbst! Und leicht durch die Lüfte hebt dich der Herrscher der Wolken und Winde. Siehst du, mein Sohn, dort oben den Adler? Wie sausend er segelt? Wahrlich, wir werden rascher doch reiten als eilende Adler!«
      Und einen Schlag gab Odhin dem Schimmel auf den Schenkel: da stieg laut wiehernd das edle Thier vorn hoch empor, stampfte nochmal mit dem Hufeisen des Gottes auf den Grund und mit schnaubenden Nüstern, mit flatternder Mähne, flog es brausend durch die Luft, wie gefiederter Pfeil von der Sehne geschnellt. Weithin nach wehte Odhins dunkler Mantel, wie eine Wolke, das Roß und die Reiter verbergend: der Ritt freute den König der Lüfte: er lachte und rief: »flink fliegt der Falk, rasch reist der Rabe, – rascher doch reitet durch Wolken und Wind Odhin von Asgardh.« 
      
      Harald verging Hören und Sehen: Blut brach ihm aus Ohren und Nase: aber er wankte nicht.
      Bald sahen die Luftreiter Feuer aufflammen, das kam aus einer Scheune: deren Thor und Dach waren ausgebrannt, hoch von oben sah Harald hinein: in der Scheune drinnen lag der Drache: er hatte den Bauer sammt beiden Stieren, welche die Aehren auf der Tenne austreten sollten, verbrannt: vergnügt fraß er an dem dreifachen Braten.
      Urplötzlich stand das Roß auf dem Boden vor der brennenden Scheune.
      Beide sprangen ab: Harald warf einen zornigen Blick auf den Wurm und riß sein Schwert heraus: »Könnt' ich meinen Bauern nicht retten – ich räche ihn rasch: Volkskönig heiß' ich.«
      Das gefiel dem Gott: er sprach: »Gut, bestreite den Riesen. Nicht helf' ich dir dabei. Doch zähme den Zorn: Wuth wüthet gegen den eignen Wirth.
      Nur Rath rath' ich: halte den Athem an dich. Und nur noch 
      ein Wort – das du selber schon 
       weißt: 
      links allem Lebenden hüpft das Herz. Nun hilf dir, Held, so wird Walhall dir helfen.«
      Harald lief nun rasch den Lindwurm an, durch das offne, noch brennende Scheunenthor springend.
      Aus weit geöffnetem Rachen blies der Riese ihm entgegen Geifer und Gift und fauchte Feuer.
      Harald hielt die linke Hand vor den Mund, sprang behend auf des Wurmes linke Seite und bevor das ungefüge Ungethüm sich wenden konnte, stieß er ihm, von unten ihn unterlaufend, das Schwert bis an's Heft in das Herz.
      Nur mit der äußersten Schwanzspitze traf noch der Drache des Helden Helm: da zersprang der starke Stahl in sieben Scherben.
      Der Wurm wälzte sich stark und stöhnte: »Einen Finnen nicht fing ich! Ich ahn' es, ich Armer! In dies Los hat mich listig Loki gelogen.« Und er streckte sich und starb.
      Finster furchte Odhin die Stirn, da er dies Wort hörte. 
      
      Harald eilte zu ihm zurück und sprang auf das Pferd: »Nun Hilde zu Hilfe!«
      Der Gott aber sprach: »Du hast nun den Luftritt gelernt. Nicht Noth ist dir mein mehr. Reite allein. Bist du am Ort, so löse mein Hufeisen ab und wirf es in die Luft.«
      Und wieder gab er dem Pferd einen Schlag auf den Schenkel mit holer Hand: und davon schoß es durch die Wolken.
      Odhin aber gedachte, daß es Zeit war, zu der Zwiesprach der Götter und Riesen zu eilen: er drückte den Windhut tief in die Stirn, spreitete den dunkeln Mantel mit beiden Armen wie ein Adler die Schwingen aus und augenblicks stand er auf jenem Hügel, wo wir ihn bei der Zwiesprach gesehen. – –
      Harald aber kam zur Erde innerhalb des hölzernen Ringwalls, welcher den Baldur-Tempel umhegte.
      Feuerschein, Rauch und Waffenschrei schlug ringsher an sein Ohr.
      Getreu dem Gebote des Gottes griff er, sowie 
       er abgesprungen war, nach dem frisch beschlagnen Fuß des Pferdes: das Eisen glitt ihm in die Hand: er warf es in die Höhe und wunderte sich, daß er es nicht wieder herab fallen sah oder hörte.
      Er stand mitten im dichten Rauchqualm: niemand sah ihn. Er aber nahm wahr, daß er gerade noch recht gekommen war.
      Skadhi führte seine Krieger zum Sturm auf das feste Tempelhaus.
      Unfroh folgten sie: denn sie scheuten den weißen Gott und der Treubruch ihres Königs war ihnen leid. Argr hatte ihm gerathen, während Harald den Wurm allein aufsuchte und vielleicht erlag, das heißbegehrte Weib zu gewinnen.
      Aber jetzt, beim Sturm, fehlte der Rothkopf: er hatte gesagt, er müsse eilen zu einer Versammlung seiner Sippe an diesem Tage. –
      Harald sah nun, wie Skadhi, den Seinigen weit voran, mit einer entzündeten dürren Tanne – Argr hatte ihm das noch scheidend gerathen – gegen das 
       Holzthor des Walles rannte, der schon an vielen Stellen brannte –: und er sah auf der obersten Stufe des Tempels Hilde stehen, welche die weißen Arme flehend gen Himmel hob. Die Priester aber und die wenigen Tempelwächter wichen entsetzt von der breiten Brüstung des Holzwalls: sie scheuten die Flammen und König Skadhi. Krachend barst das Hofthor entzwei und herein drang Skadhi durch den brennenden Bruch, die flammende Tanne in der Rechten schwingend.
      Da sprang aus der verhüllenden Rauchwolke Harald ihm entgegen: »So wahrst du dein Wort?« rief er und schlug ihm das Schwert durch den Helm in den Schädel.
      Jauchzend folgten ihm nun die Tempelvertheidiger, den Erretter erkennend, und leicht trieben sie die Leute Skadhis in die Flucht, welche ihren König hatten stürzen sehen und den gefürchteten Helden, welchen sie fern oder gefallen geglaubt, im Zorn der Rache aus dem Walle brechen schauten.
      Harald verfolgte nicht: er wandte sich eilig, den 
       Brand zu löschen, der schon den Tempel selbst bedrohte. Erst als das gelungen war, schloß er die bebende Braut in die Arme. Sie wollte ihm danken, daß er sie vor dem Räuber gerettet.
      Aber Harald sprach: »Holde, dir hat nicht Harald geholfen. Das hat der Hohe von Walhall gewirkt. Dem danke in Demuth.«
      Aber als es Abend geworden und die Menschen aufblickten zu den Sternen, da war ein neues Sternbild, ein nie geschautes, aufgegangen: in Hufeisengestalt strahlte es gerade über dem Baldur-Tempel: und alle Sterblichen staunten und sprachen darüber. Nur nicht König Harald: der schaute dankbar empor und schwieg. –
      Und als Harald Hilde nach gelöschtem Brande sicher in seine Arme geschlossen hatte in dem offnen Tempelhof – da hörte er über seinem Haupt ein schwirrendes Rauschen.
      Ein Rabe flog freudigen Flugschlags pfeilschnell nach Osten: er eilte zu Odhin.
      *
      
       Die Sage ist wie ein Wald.
      Wer die Wege weiß, durchwandert ihn rasch.
      Aber ich war wie Einer, der den Weg verloren hat: weit zurück und wie im Kreise mußte ich schreiten: nun sind wir erst wieder da, wo wir im Anfang waren.
      Jedoch von hier ab sehe ich klar und gerade den Pfad sich dehnen, der durch das Dickicht führt. So werden wir wohl unverwirrt an das Ziel kommen.
      Den ganzen Winter habe ich bis hierher gebraucht: das heißt die Winter
      nächte, wann ich keine Gäste im Gehöft hatte. Und nicht dringende Arbeit hatte, die morschen Bote flicken, die Gerste schroten, die Lachspfeile schärfen zu lassen.
      Denn auch im Winter hat der Baumann, der Waidmann, der Seemann Arbeit. Und jetzt beginnt die beste Zeit, den Lachs durch Eislöcher zu fangen. 
      
      Schon sind die Häuslinge wiederholt mit vielen Floßen Beute heimgekehrt.
      Aber neulich wäre Knut der Knecht bald nicht mehr heimgekehrt.
      Und loben muß ich, ob ich sie sonst nicht mag, die Mönche, Werinher, den Mönch aus Thüringland: das liegt noch hinter Sachsland mittagwärts.
      Niemand weiß, was den Deutsch-Mann so weit zu uns verschlagen hat.
      Aber der ist ein Christ – so lob' ich mir die Christen.
      Knut, im Aelrausch, hatte ihn vor wenigen Tagen hart geschlagen, als der Mönch Rauchfisch – Dorsch – Strandhafer bei uns kaufen kam. Gestern nun fischte Knut nach Lachs im Fjalla-Endi Wasser, stürzte durch das Loch und verschwand unter dem zackigen Eis.
      Einer, der des Weges kam, lief hinzu, brach mit ein, ließ aber nicht los, zog den Erstarrten heraus und trug ihn, der Schmächtige den Schwerknochigen, die weite Strecke bis an unser Knecht-Haus. 
      
      Werinher war es, der Mönch.
      Und nahm keinen Lohn von mir, nicht einmal, so todtmatt er war, Speise: denn es war Fasttag.
      »Werinher, sprach ich, hattest du gesehen, daß Knut es war?«
      »Ja«, sprach der Mönch.
      »Und noch muß dein Rücken braun sein von seinen Schlägen. Warum thatest du das?«
      Er aber sah mich mit großen Augen an und sprach: »Ich aber sage euch: liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen und verfolgen.«
      Und wandte sich und ging.
      Auch Heiden thäten wohl so.
      Aber nicht Viele.
      Zu Ende geht nun wohl bald das Wintereis. Von Mittag her, von Akreyristadir, kam gestern ein Walroß-Jäger, der sagte, das Eis bei ihnen sei schon so mürbe, daß sie es bald mit scharfgebognen Schiffen durchschneiden würden. 
      
      Die Schifffahrt wird in Bälde frei. Und das ist gut. Denn unser Strandhafer geht zu Ende: ich mußte den Gäulen das Essen schon kürzen. Nur deinem Lieblingsroße nicht: Hvitingr, dem treuen, klugen, kann ich nichts abbrechen. Und muß ich es doch, lege ich ihm zu von meinem eignen Mundbrod. Denn ich weiß – du liebst das edle Thier.
      Ob mir wohl die Frühlingswinde deine Segel in die Bucht treiben, lieber Sohn? – 
      
    



      VIII.
      Wir sind nun wieder angelangt an dem Tage, da Götter und Riesen Friede geschlossen und darauf Thor das Freudengelage gefeiert und darauf Odhin und Baldur bis zum Anbruch des neuen Morgens ernste Worte gewechselt hatten.
      König Harald gönnte der Braut noch Frist, den Tod des Vaters zu betrauern. Aber nach wenigen Nächten sollte der Brautlauf gehalten werden. Der verwaiste Gau König Frodhi's hatte Harald zum König gekoren. König Skadhi aber war nicht todt gefallen, nur wund, und ward gefangen gehalten. Harald berief die Männer der beiden nun von ihm 
       beherrschten Gaue zum Gemeinthing, über Skadhi zu richten.
      Und fanden sie da einstimmig Urtheil, daß Skadhi unsühnbare Neidingsthat gethan und daß er sterben müsse.
      Es sollte eine große Brautfeier gefeiert werden in dem Walde vor dem geretteten Baldurtempel: das Baldurfest stand nahe bevor: dieser Tag sollte der Hochzeittag sein: und an diesem Tage auch sollte Skadhi hingerichtet werden, Baldur zu sühnen, dessen Friede seine That am Schwersten gebrochen.
      Harald hielt ihn gefangen nahe dem Tempel in einem alten großen Grabhügel, welcher dereinst einem alten König war gethürmt worden: und fehlte es da nicht an Luft, nur an Licht.
      Die Krieger Skadhi's aber wagten nicht, den Kampf auf zu nehmen gegen Harald: sie erkannten auch, daß das Urtheil gerecht war. Nur baten sie, ihnen dereinst die Leiche zu übergeben, sie in der Heimat im Hügel zu bergen. Das versprach Harald. 
      
      Und viele von Skadhi's Thingmännern dachten daran, als dessen Nachfolger Harald zu wählen. –
      Und alle Götter und Göttinnen freuten sich, daß das Par nun sicher gesellt sei, dem sie alle sehr wohl wollten. Am meisten aber freute sich Odhin. –
      Loki, der seiner Gewohnheit nach durch die Länder der Erde fuhr, ward selten gesehen bei dem Male der Götter.
      Verdrießlich aber war Asa-Thor.
      Unmuthig lag er an seinem Herd in Thrudhwang auf dem Fell des Eisbär-Riesen, welchen er kurz vor dem Friedensschluß erlegt hatte, schlief viel und, wann er erwachte, trank er aus dem Meth-Horn, das ihm zu Häupten hing, und brummte.
      Loki huschte einmal an seiner allzeit offnen Hallenthür vorbei und hörte das. »Was grollst du, Großer?« rief er hinein, an der Schwelle haltend.
      »Soll ich nicht schelten?! – Ich habe nichts mehr zu thun! – Thors Arbeit ist ausgethan! Der 
       dumme Friede hat ja alle Fahrt gen Riesenheim gelegt! –
      Mein Hammer hat nur mehr Häuser zu weihen, nicht mehr Steinköpfe zu zerklopfen. Und auch Meth zuletzt nicht mehr mundet müssigem Mann!«
      Loki lehnte sich lächelnd an den Thürpfosten: »Viel hast du wohl davon getrunken und lang, bevor du diese Weisheit aus dem Horne gehoben! – Nun, wer weiß! Ich bin noch nicht alt und habe schon drei ewige Frieden zwischen uns und den Riesen überlebt.«
      »Dieser hält, scheint es! Odhin sei's geklagt! – Gut ist nur, daß ich nicht blos Holzhäuser weihe mit meinem Hammer –: auch Bräute. Gern faß' ich das Kinn der Verschämten, lege ich den Hammer auf ihr Haar. Nach wenigen Nächten kömmt schön Hilde daran. Ich freue mich drauf!«
      »Wer weiß?« meinte Loki, sich auf den andern Pfosten lehnend und spöttisch das Haupt seitwärts neigend. »Aber den Hammer nimm immerhin mit. 
       Du weihst ja auch den Scheiterhaufen der Todten. Schon mancher Hochzeitschmaus ward zum Leichentrunk.«
      »Hoho,« rief Thor und richtete sich halb auf, »winziger Wicht, was zischest du züngelnd? Hilde ist Haralds Braut – bald theilt sie sein Bett.«
      »Wohl möglich,« rief Loki und wandte sich, zu gehn. »Zweischläfrig gegraben ward schon manches Grab.«
      Und abermals in Gestalt eines feurigen Sterns mit loderndem Haarschweif schoß er zur Erde.
      Deshalb sagen die Leute mit Recht, der Schweifstern bedeute nahendes Unheil.
      Denn im Schweifstern fährt Loki zu den Menschen. – 
      
    



      IX.
      Am gleichen Tag, als Odhin aus seiner Schlafkammer trat – Frigg war, wie immer, schon vorher in den Hof gegangen, wo sie unter der hohen Eiche das Frühmal eigenhändig rüstete – stand Baldur auf der Schwelle, den Vater zu begrüßen. Oft that er so: denn er wußte: der Vater liebte es, wenn sein erster Blick im Freien auf seines Lieblings Antlitz fiel.
      Aber Baldur erbleichte, da er heute die gefurchte Stirn des grübelnden Gottes sah.
      Die beiden Raben – jede Nacht sitzen sie auf dem vorspringenden Sims der Thürpfosten – flogen auf und umflatterten ihren Herrn: da sie aber des 
       Gottes düsterer Blick traf, wagten sie nicht, wie sie sonst wohl thaten, auf seine Schultern zu fliegen und muthwillig in seinem wirren Bart zu zausen. Ehrfurchtvoll duckten sie auf die Erde nieder und blickten scheu mit ihren klugen Augen zu dem Gebieter auf.
      Odhin aber, als er Baldur erblickte, ward, ganz gegen seine Gewohnheit, noch ernster als zuvor: Wehmuth zuckte um seine bärtigen Lippen.
      »Was hast du, mein Vater?« fragte mit verhaltener Stimme der junge Gott und legte dicht herantretend die Hand ihm auf die Schulter.
      »Träume hatte ich, mein Sohn, im Schlaf: sie werden zu dunkeln Sorgen im Wachen«. Und er schlang, die Stufen herab steigend, den Arm um den Liebling.
      »Kann 
      ich sie dir nicht abnehmen?«
      »Du?! – Nein, du Herz von lautrem Golde! 
      Du – am Wenigsten.« Und er strich über Baldurs hell leuchtendes Gelock. – »Aber komm. – Laß uns eilen. Die Mutter hat wohl schon das Frühmal 
       bereit unter der Adler-Eiche im Gartengehege. Sie liebt nicht, zu warten.«
      »Und Heidhruns Milch mundet dir, Vater, nur frisch gemolken,« fiel eine liebliche Frauenstimme ein. »All Heil, Odhin, du Edelster aller, du Wächter der Welt! Dich grüßen die frühsten Kinder des Frühlings.«
      Es war Nanna, welche mit einem großen Strauß weißer Blumen in der Hand aus dem Gartengehege Beiden entgegen trat.
      »Nanna!« sprach Odhin, freundlich aber ernst lächelnd. »Wer hat je Nanna ohne Blumen gesehen?«
      Und er nahm dankend den Strauß.
      Beide Gatten faßten seine Hände und führten ihn in den Garten.
      »Nanna's Fingerlein nennen die Menschen,« lächelte Baldur, »diese Weißen, die zu allererst aus dem Schnee lugen und langen. Sie wissen nicht, wie viel weißer Nanna's Hände sind.«
      »Auf Midhgardh ist es fast noch ganz Winter!« sprach Nanna. »Sieh, wie einzelne Flocken abwärts wirbeln.« 
      
      »Nur in Breidhablik, Baldur's Gehege, lebt ewiger Lenz,« sagte Odhin. »Das hab ich dem Sohn als Zahngebinde geschenkt.«
      Die beiden Raben sahen das Düster in Odhin's Antlitz heller geworden: freudig krächzend flogen sie nun den Dreien voraus über die Häupter hinweg zu der großen Eiche im Garten: dort fanden sie andre geflügelte Gesellschaft.
      Die Eiche netzte die Wurzel in silberglänzendem Weiher: da schwammen Frigg's stolze Schwäne: aber von dem Giebelgebälk vor dem nahen Breidhablik, das nur durch einen schmalen Hof von Odhin's Halle getrennt ist, erblickten Nanna's schneeweiße Tauben die Herrin: und schwirrend kamen sie geflogen.
      Unter der Eiche war der Rundtisch gefestigt: von weißem Lindenholz die mächtige Platte und halbrunde Bänke rings herum.
      Zwischen dem Stamme der Eiche und dem Tisch aber stand Frigg im blauen Gewand, das schöne Haar von tief dunkel goldner Farbe wie eine Krone 
       in breiten Flechten um das Haupt geschlungen: ihre wunderschönen, vollen, weißen Arme waren unverhüllt: und schön war zu schauen, wie die herrliche Frauengestalt des Frühmals waltete: Fulla, ihre freundliche, immer heitere Magd reichte der weißen Ziege Heidhrun, welche sie eben gemolken, noch knieend Salz in der flachen Linken: mit der Rechten strich sie dem klugen Thier über die krause Stirn und die goldenen Hörner.
      Frigg trat nun Odhin entgegen mit dem Silberhorn voll schäumender Milch: er aber drückte, bevor er trank, sein wunderschönes Weib an die Brust und küßte sie herzlich auf den üppigen rothen Mund: »Freude dir, Frigg! Schimmernd Schöne! Heute noch herrlicher bist du zu schauen als alle Töchter, die du mir geboren!«
      Frigg aber sprach, – und ihre manchmal harten, stahlblauen Augen glänzten weich und feucht: – »Und herrlicher heute ist mir Odhin der Arge, da Reif ihm Haar und Bart weißgrau gesprenkelt, als da er vor dreißig Wintern die dunkelbraunen Locken geschüttelt.« 
      
      Sie ließen sich nun auf die teppichbehangnen Bänke nieder.
      Auf weißes, duftendes Brod, das sie selber gebacken, strich Frigg mit dem Messer aus Hirschhorn köstlichen Honig, der in reichen Waben aus der Rinde der Eiche troff.
      Die Schwäne waren nun, schwerfälligen, langsamen Trittes, aus dem Weiher heraufgeschwankt: ungestüm drängten sie gegen Frigg's Kniee, Brosamen aus ihrem Schos zu nehmen, während Nanna's weiße Tauben deren Haupt umflatterten und eine, auf dem Handgelenk sitzend, aus den Lippen der Herrin die Waizen-Körner pickte, aus welchen Fulla das köstliche Waizenmus bereitet hatte. Verständig und ruhig saßen Hugin und Munin auf des Gebieters Schultern und nahmen, ohne Gier, ganz bedächtig, die Brocken von lockerem Käse, welche der Herr ihnen langsam zureichte. Hoch oben aber im Wipfel der gewaltigen Eiche, unsichtbar im dicht von Aesten verhüllten Horst, saß Odhins Adler: er spürte scharf nach Süden: 
       denn nicht von Norden oder von Osten, wenig von Westen, von Süden einst segelt den Göttern Gefahr – so hatte Odhin aus Runen gerathen: seit dem sieht nach Süden sein Späher.
      Von Osten her fielen nun warme Strahlen auf den Tisch und Bänke. Odhin blickte hinüber: es war Freyr, der, in dem Sonnenwagen stehend, höher und höher hinauffuhr und eben mit seinem leuchtenden Schwert – denn noch hatte er es nicht zu seinem Verderben hingegeben! – blendend einen Gruß herabgewinkt hatte. Odhin nickte ihm zu. »Hätte nicht dich, Baldur, heute die Reihe getroffen, den Sonnenwagen zu führen?« fragte er den Sohn.
      »Ja, Vater. Aber ich bat Freyr, mir es heute abzunehmen. »Ich hätte ein Geschäft, einen Gang auf Erden – wenn du es verstattest. Denn – nicht wahr, Vater? – nicht brech' ich den Bund mit den Riesen, lege ich es darauf an, – ich scheue auch den Schein der Untreue – heute morgen Harald im Walde zu begegnen. Du weißt: – er soll heute freien und –« 
      
      »Und Skadhi soll sterben«, fuhr Odhin fort.
      »Ich werde ihm nichts zur Hochzeit schenken,« fiel Baldur hastig ein, »wie ich beschlossen hatte vor dem Vertrag mit den Riesen: meinen Bernsteinbecher hatte ich ihm zugedacht, der zerspringt, wenn er Gift zum Munde führen soll.«
      »Behalte den Becher!« gebot Odhin ernst.
      »Ich werde ihm nicht Geräth reichen noch Rath reden: – aber das ist doch keine Hilfe, wider das Eidwort, – daß ich ihm begegne?«
      »Begegne ihm,« sprach Odhin und drückte ihm die Hand.
      Frigg jedoch sprang auf und küßte den Sohn auf die Stirn: »Ich sehe, wie dein Vater, deine Gedanken schimmern durch deine weiße Stirn. – Ei, da erröthest du, wie, wann du sie küßest, stets noch erröthet deine Nanna – das Weib, das ewig Mädchen bleibt.«
      Da erröthete Nanna tief und über und über vom 
       zarten Halse bis hoch in die Stirn: sie bog das Antlitz zur Seite und hielt vor die gesenkten Wimpern, wie einen Schirm, eine Welle ihres frei flatternden Goldhaars.
      Baldur stand auf: »Ich wollte in diesem Jahr erst später den Lenz in Haralds Land tragen. Nun thu' ich es heute, an seinem Hochzeittag: da hat er 
      doch ein Hochzeitsgeschenk, – lächelte er – das können die Riesen nicht weigern und wehren.«
      Er nickte noch Nanna heimlich zu, grüßte ehrfurchtsvoll die Aeltern und sprang leichten Fußes durch die Thür des Gartengeheges, ein Liedchen trillernd, das also begann: »Flink nun die Flügel, Lerche, mein Liebling, hebe und hebe den süßen Gesang. Auf die Erde nun eilig! Frühling und Freude bringen wir beide!«
      Odhin sah ihm sinnend nach: »Nein«, sprach er dann zu sich selber; »nein, Sonnenblick der Welt und meiner Seele – sie sollen dich nicht morden. Ich verhüte es, wenn Kraft und Weisheit es können wehren. – Wenn!« seufzte er und stand auf. 
      
      Frigg trat zu ihm und reichte ihm Mantel, Hut und Speer, welche Fulla schon vorher aus der Halle geholt: »Wann?« frug er die Gattin leise, mit dem Blicke Nanna streifend.
      »In wenigen Wochen, antwortete Frigga. Sobald der Storch sein Nest gebaut, wird Baldurs Erbe geboren. – Du willst schon wieder hinweg von uns: – ewiger Wandrer? Wohin willst du diesmal?«
      »Nach Svartalfaheim.«
      »Zu den Dunkelalfen? Den Bergzwergen? Weit ist der Weg! Düster denk' ich mir Dunkelheim.«
      »Doch weisen Witz weiß ich dort wohnen!«
      »Unter der Erde ist's! Unheimlich! Ich sorge um dich.«
      »Nun, es ist ja nicht, als ob ich nach Hel führe.«
      Da schauderte Frigg – Grauen durchschüttelte sie –: sie umschlang den Gatten mit beiden Armen und barg das stolze, schöne Haupt an seinem Halse: »Nach Hel! Furchtbares Wort! Mich friert. Nach Hel dringt ja kein Leben!« 
      
      Nachdenklich, grübelnd sprach Odhin vor sich hin: »Man muß doch athmen können in Hel. Die 
      Nornen leben dort! – doch« – und er richtete sich hoch auf und hob den Speer: »Was frommt ewiges Fragen! Recht redest du, Frau: grübeln macht grau. Nach Dunkelheim diesmal nur führt mich die Fahrt, zu erzwingen von Zwergen, was nützlich und nöthig.«
      Und beiden Frauen mit dem Speer Abschied winkend, schritt er bedachtsam, langsam aus dem Gehege.
      Frigg ging ihm nach bis an die Thür: »Odhin, rief sie ihm nach, noch einmal dein Antlitz, noch einmal dein Auge!«
      Er blieb stehen, wandte sich, blickte sie an und nickte ihr zu. Dann schritt er langsam weiter.
      Frigg ging zu Nanna an den Tisch zurück und gab ihr das kurze Geleit nach Breidhablik hinüber. »Immer ernster, klagte sie dabei, wird mir Odhins Antlitz. Selten mehr spielt um den bösen Mund jenes übermüthige, sieghafte Lachen! Ach wie seh' ich 
       es gern! Auch wenn es meinen Fehlern gilt, die er trägt und bezwingt mit lachendem Spott. Aber Geduld! – In wenigen Wochen wird meine Nanna ihm Freude bescheren – legt sie ihm den Enkel in die offenen Arme.« 
      
    



      X.
      So rasch kommt kein Wanderer zielwärts als aller Wanderer Meister, obzwar er niemals hastet, nur steten Schrittes schreitet.
      Alsbald stand Odhin an Svardalfaheims Eingang, wo man in dunkel gähnender Bergeshöhle niedersteigt zu den Zwergen. Hier entließ er nach Hause Hugin und Munin, die ihm nachgeflogen und auf seinen Schultern gesessen waren. Allein stieg er abwärts.
      Zauberlichter, von den Zwergen hin und wieder entzündet, wiesen den Weg, zumal an den Pfadwendungen. Außerhalb des Bereiches dieser Lichter 
       war es freilich finster. Da tastete der Gott sich vorsichtig weiter an den nackten Felswänden, behutsam mit dem Speerschaft in der Rechten vor spürend, mit der Linken langend an die Steinwand, von der feuchtes Geriesel niederglitt: zur Rechten rauschten aus tiefem Abgrund die Gewässer, welche nach Hel fließen.
      Als er eine gute Strecke in dem Berg fortgeschritten war, fand er Runen geritzt in den Felsen, stets dicht neben den Lichtern, daß man sie sehen mußte: er las: »Wanderer, willst du weise werden, suche Zwotto den Zwerg.« – »Zwotto!« sprach da Odhin zu sich selber. »Dich eben such' ich! – Finnen, vermuth' ich, fanden den niedlichen Namen!« – Bald darauf, an einer Gabelung des Weges, las er schaudernd: »hier geht's nordwärts nach Hel.« Und daneben: »südwärts suche Zwotto den Zwerg: er wechselt dir Weisheit um gelbes Gold, er verwettet um Weisheit Leib und Leben!«
      Lächelnd strich Odhin den breiten Bart: »Warte, du witziger Wicht, du winziger! Weh' soll dir werden, du Wuchrer mit Weisheit.« 
      
      Nach wenigen Schritten stand er vor der Höhle des Alfen: die letzte Strecke hatte ihm blendendes Licht erleuchtet: denn herrlich war der Hort in Schichten Goldes in der Höhle gehäuft: und Fackeln funkelten, vom Zwerg entzündet, oben, unten, an allen Ecken, weithin des Goldes Widerschein werfend. Ein eintönig Gesummse, kaum ein Lied zu nennen, drang dem Lauscher entgegen und ein seltsam klirrend Geräusch: er machte Halt hinter einem Felsvorsprung und sah nun den Zwerg, der, in ekler Nacktheit, auf dem fußhoch mit Goldgeräth bestreuten Boden der Höhle bald bäuchlings, bald rücklings sich wälzte. Kaum schied sich sichtbar ein Schurzfell von den zottigen Haaren seines Leibes: mit allen zehn Fingern und allen zehn Zehen griff er wühlend in das Gold.
      Dazu sang er summend: »Gold! Gold! gelbes Gold! gutes Gold! Lieber als Leib und Leben! Ich wälze in Wonne, ich wühle in Wohllust, wälz' ich und wühl' ich und wieg' ich in dir! Mächt'ger als Muth, schöner als Schönheit, witz'ger als Weisheit! Unterthan 
       ist dir Alles auf Erden! Ja, ob nicht Asgardh gäbe um Gold der arge Odhin?«
      Da stieß der Wanderer den Schaft seines Speeres an den Felsgrund, daß die Höhle erdröhnte und rief vortretend: »Fragen frägst du, weiser Wirth? Ich wähnte, du wißest. Nicht frommt's, dich fragen. Ich wende die Wandrung!«
      Eilfertig wie die Spinne, welche die Fliege am Rande des Gewebes verspürt, war der Zwerg, sowie er des Wanderers gewahrte, an den Eingang der Höhle gehumpelt: er musterte ihn lauernd genau und winkte ihm, einzutreten: »Weisheit willst du werben? Da kamst du, Kluger, von Göttern gesendet, an den rechten Ort. Frage um Frage! Antwort um Antwort. Verstumm' ich, so sterb' ich. Dann frag' ich dich, Fremdling: so oft du mich frugst: verstummst du, so stirbst du. Doch: zahle zuvor! Alles, eracht' ich, werd' ich dir weisen! Nur nicht – hier verzog er verdrießlich die Miene – nur nicht, was die Nornen, die nächtigen, nennen ihr ewiges Eigen. Aber, 
       du Edler, wenig wähn' ich, ist darauf gerichtet dein suchender Sinn, vom ältesten Anfang und äußerstem Ende, vom Schicksal zu schwatzen. Eitel und unnütz! Nur Nützliches nenn' ich – Vortheil vertheil' ich, – Kluges verkauf' ich. Aber, du Edler –: zahle zuvor. –«
      Geringschätzig den hohen Wanderer messend von Sohle zu Wirbel fuhr er fort: »Nicht stattlich steht dir Gewand und Gewaffen! Dein Mantel, mein' ich, ist ziemlich zerschlissen: verwaschen, verwettert, häßlich dein Hut: Ranzen und Rucksack fehlen dir völlig! Von Gold seh' ich glänzen an dir ein armselig Etwas allein: recht geringen Ring! Wenig werd' ich, – so fürcht' ich, Freund, – dir 
      dafür weisen! Welch' Wetter etwa morgen auf Midhgard? – Den Bart, den breiten, den wirren, werd' ich schwerlich dir scheren für den Fingerring! Und doch brauchst du das, Bruder: wie struppig Gestrüpp umwogt er dich wallend. Mein Herz ist im Handel so gar gutmüthig. Schon schärf' ich die Schere –: gieb das Gold.«
      Der Wanderer aber lächelte durch den Bart: »Gemach, 
       gut Gemüth! Ich behalte den Bart! Schwere Verschwendung scheint es, Gold zu geben und – Haare vom Haupt noch dazu.«
      Diese Antwort gefiel dem Geizigen ganz aus der Maßen: Ehrfurcht erfaßte ihn gegen den Gast: er staunte, die Hände in die Hüften gestemmt, ihm in's Antlitz empor: »Bei'm Glanze des Goldes! Das war wirthsam, sparsam gesprochen! Ich wähnte, es werde Keiner mir kommen, der sparsamer sparte als ich. Aber –: Ehrfurcht! Dir weich' ich an Wirthschaft. Tritt, du Trauter, herein an den Herd. Freund werde mir, Fremdling! Schon schöpf' ich dir des trefflichsten Trankes in billigstem Becher.«
      Und er fing in seinen beiden schmutzigen Händen das Wasser, das in einer Rinne durch die Höhle floß, und bot es so in beiden Händen, dem Gaste dar.
      Dieser schüttelte das Haupt –: sofort trank der Zwerg selbst, obwohl ihn nicht durstete.
      Der Gast setzte sich auf den feuerlosen Herd: der Wirth kauerte auf der Erde ihm zu Füßen und sprach: 
       »Frage nun, Fremdling! Ich frage dann wieder: so viele Fragen als du gefragt. Du aber: zahle zuvor.«
      Da strich der Gast dreimal über den unscheinbaren Goldring, den er an der linken Hand trug, mit der Rechten: und siehe, drei gleich schwere träuften daraus klirrend zu Boden.
      Als der Zwerg das sah, sprang er auf. »Mensch! schrie er, das Spiel gefällt mir!«
      Und eilig strich auch er nun mit der Rechten über den Ring: aber nichts rührte sich.
      »Beim Glanz des Goldes! Wie geht das zu? Du streichst –: er strotzt! Ich streiche: – er sträubt sich!«
      »Dem 
      Eigner allein träuft er treffliche Tropfen.«
      Dem Lüsternen lief das Wasser im Munde zusammen; er griff mit beiden Händen nach dem Ring.
      »Ich reiche den Ring dir als Eigen, scheid' ich am Schlusse befriedigt in Fragen und –: Fordern, Doch: rett' ich den Ring, frag' ich Frage, auf die dir Antwort ermangelt?« 
      
      »Versteht sich, du Stolzer, nickte, schlau und vergnüglich schmunzelnd, der Elbe. Mit der Spitze des Speers darfst du mir dreist die Brust durchbohren, ermangl' ich der Antwort.«
      Der Gast hob an zu fragen: »Also zum Ersten: wo ist der Weise, der den trefflichen Trank, die Salbe, gesotten, die unverwundbar für Eisen und alle Waffen und Wehren macht den Mann, der sich salbt mit dem Sude?«
      Wohlgefällig wackelte der Wirth mit dem Kopf: »Der aus Kräutern ihn kochte, aus Wurzeln gewann? Zwotto, der zierliche, heißt der Herr des trefflichen Trankes; – hier sitzt er –: ich selber!«
      »Zum Zweiten, o Zwerg: wo birgt der Biedre die sichernde Salbe?«
      »Schwereres suche, o Freund, zu fragen: zu leicht sonst erlang ich den Lohn! In der Lade dort liegt sie, der treuen Truhe, vor deinen Füßen, in bräunlicher Büchse.«
      Da setzte Odhin den Fuß schwer auf den gewölbten 
       Deckel der Truhe: sie dröhnte: »Wenig weise, kleiner Klügling, hast du und hastig dies mir gedeutet! Wenig wirst du mir wehren, zertrümmre ich die Truhe und führte mit fort, ungezählt, unvergolten, die werthvolle Ware. Aber ich ehre den Gründer des Gastrechts: Odhin von Asgardh.«
      Da verzerrte der Zwerg heftig das Gesicht, als ob er auf bitterste Wurzel gebissen: »Ich beschwöre dich: schweige! Nenne nicht nochmal, den du genannt: leidig ist mir, nicht lieb, der da raunt mit den Raben.«
      »Sahst du ihn schon?«
      Der Elbe schüttelte lebhaft den dicken Kopf: »Nicht lüstet mich. Lieber! ... Weise wähnt er sich, weise wähnen ihn Viele, – mehr als mich –: und es laufen, leider! die Leute, Runen zu ritzen, Würfel zu werfen, Lose zu losen zu ihm, dem Wettbewerber in Weisheit. Ha, er verhunzt mir Handwerk und Handel! 
      Umsonst, der Unsinnige, ohne Entgelt, spendet er Sprüche, weiset er Weisheit: höchstens 
       heischt er von Helden, in der Schlacht erschlagen zu wallen nach Walhall! Ha, hätt' ich ihn hier in der Höhle! bald hielte den Herrischen in Fesseln gefangen durch Zauber der Zwerg.«
      Ruhig frug der Fremde fort: »Das deute mir drittens: für wie viel ist dir feil die sichernde Salbe?«
      »Für 
      gar nichts, du Guter!« lachte der Zwerg hämisch. »Selber die Salbe behalt ich, o Held.«
      »Viertens forsch' ich: so konntest du sie kochen nur Einmal, du Armer?«
      »Ich kann sie mir kochen so oft es mir einfällt,« war die stolze Antwort. »Bedauern nicht brauch' ich. Du verschwendest schwer dein fruchtlos Gefrage!«
      »Fünftens dann frag' ich: weßhalb weigerst du wohl den Verkauf, du Kluger? Reich macht der Ring. Und du selber doch sicher hast längst dich gesalbt, daß Waffen und Wehr nicht Schaden dir schaffen!«
      Da sprang der Elbe auf, öffnete die Truhe und stellte die schmale Bernsteinbüchse, mit Seehundfell sorgfältig 
       zugebunden, auf den Herd. »Thörig mein Trotz! Recht riechst du und redlich! Die Ware dir weis' ich – ich gebe sie gern um den prächtigen Preis.«
      Odhin zog den Ring ab und legte ihn neben die Büchse: »Sechstens such' ich: Waffen und Wehr verwunden dich nicht, nicht Spitze des Speeres –: 
      deßhalb darfst du so heiter dein Haupt wohl waglich verwetten?«
      Der Zwerg lachte schadenfroh und ward roth vor lauter Freude an sich selber: »Richtig errathen! Scharfsinniger scheinst du als alle Andern, die Fragen mich frugen.«
      »Siebentens sage: Doch, wenn wer dich würgte, ohne Waffen und Wehr, mit den Händen am Halse: – sichert die Salbe vor Sterben durch Sticken?«
      Und Odhin streckte die Hand aus, als wollte er ihn greifen.
      Der Zwerg aber rutschte auf allen Vieren zitternd in die hinterste Ecke der Höhle: »Furchtbarer Frager! 
       jammerte er. Du willst mich würgen! du thust mir den Tod!«
      Der Gast aber fuhr fort: »Antwort eracht' ich genug gegeben in solchem Entsetzen. Nicht würg' ich den Wirth, rechtlos und ruchlos. Hier liegt der Lohn für die Ware gewiesen.« Und er wies auf den Ring, ergriff die Salbenbüchse und steckte sie in den Brustlatz seines Wammses. »Nun frage 
      du Freund, wie ich, sieben Sachen. Dann frage 
      ich wieder: und ermangelt die Antwort, – dann, nicht mehr ruchlos und rechtlos, nein: nach deinem Recht, das in Runen du ritztest, listig ladend und lockend den Wandrer zur Wette – nach deinem Rechte dich richtend würg' ich dich wahrlich.«
      »Fluch und Verderben,« stöhnte der Kleine, »den ruhmredigen Runen, die den furchtbaren Fremdling hierher mir geholt und den Weg ihm gewiesen, mit meisternder Hand mich zu morden! – Doch – und sich ermuthigend, dem lang erprobten Witz vertrauend, warf er einen listigen Blick auf den Gast – sieben 
       Fragen habe ich nun frei –: verstummst du, so stirbst du! Vom Halse dir hau' ich das hohe Haupt, hier mit der Hacke.« Und er zog ein scharf geschliffen Beil hinter dem Herde hervor. »Eide mir aber, zu knien, daß ich Kurzer mein Recht kann erreichen.«
      »– Ich eide! sprach Odhin, die Schwurhand erhebend. Verstumm' ich, so halt' ich das Haupt dir hin – du hack' es herunter.«
      Da nahm das Gezwerg den schweren Kopf in beide Hände, wackelte damit eine Weile nachdenklich hin und her und frug endlich:
      »Müßige Weisheit muthet mich nicht an: nicht bin ich lüstern leerer Lehren. Ich frage, was frommt. Vor allem, was oben auf Erden ich gierig genoß, wenn ich mich wagte hinauf aus der Höhle – das Seligste fand ich –: Sonnenschein. Er glüht durch die Glieder, durchrieselt den Rücken wie flüssiges Feuer. Sage – was ist süßer als Sonnenschein?«
      »Harfenton.«
      »Ich muß es dir glauben,« klagte der Zwerg – 
       »ich hörte ihn nie! Ist nun Harfenton das Herrlichste? Oder ist Holderes als Harfenton?«
      »Weibeskuß.«
      »Ich muß es dir glauben, klagte der Kleine, heiß erregt, – ich fühlte ihn nie! Ein Vetter hatte einst ein Mägdlein geraubt –: der sagte – da hast du richtig geredet: – Kuß sei tausendmal süßer als – dessen Sonnenschein. Also das Weib ist die wohligste Wonne? Oder was ist wonniger als Weibeskuß?
      »Schlachtensieg.«
      »Ich muß es dir glauben, der ich Schlachten nie schlug! – Aber da hauen sie heftige Hiebe! Weite Wunden, traurigen Tod da holt man sich, hört' ich. Ich aber, ich ächze, wenn ich nur wenig den Leib mir verletzte. Todesfurcht traun, um das liebe Leben die sehnliche Sorge, schien mir von jeher die mächtigste Macht. Was ist stärker als Todesfurcht?«
      »Heldenthum!«
      »Ich muß es dir glauben – ich weiß nichts 
       davon. Aber was harret der herrlichen Helden, die dem Tode getrotzt? Was ist Heldentods leuchtender Lohn?«
      »Walhall. – Hüte dich: das war schon die fünfte Frage!«
      »Ich muß es dir glauben – ich weiß nichts von Walhall! – Aber ich hörte einen Gesippen – ein Haus-Alf war es – einst rühmen, der hatte auf Erden, versteckt unter dem Herde eines hohen Königs, Skalden singen von Walhall gehört. Goldene Hörner, gute Gelage, freudiges Festspiel, weißarmige Walküren hat man da oben. Aber« – und er grinste hämisch – »wohl, daß auf Walhall das Wort sich gewendet! Wenig, wähn' ich, weißt du von Walhall. So frag' ich dich, Fremdling, – und verfallen, fürcht' ich, liegt mir dein Leben – denn wer soll wissen, was ich wissen will?« – Frohlockend sprang der Unterirdische auf: »was ist Walhalls wohligste Wonne?«
      Auch der Wanderer stand nun auf –: gewaltig wuchs seine Gestalt, wie er sich streckte, bis an die 
       Wölbung der Höhle: sein Antlitz leuchtete, als er antwortete: »Frigg's Kuß.«
      Da stürzte der Nachtelb nieder vor ihm auf beide Knie: wie geblendet hielt er beide Hände abwehrend empor:
      »Wehe mir, Wanderer! Alles ahn' ich! Einer nur athmet, der Frigg küßt. Aber ich 
      muß es gewiß erwahren! Ich 
      muß fragen, was ich zitternd ahne: wer bist du, der all' dies weiß?«
      »Odhin von Asgardh.« –
      Der Zwerg fiel aufstöhnend nieder auf das Antlitz. Aber Odhin fuhr fort: »Versendet sind sieben fruchtlose Fragen, wie verpfuschte Pfeile, verschoßen vom schlechten Schützen. Jetzt frage 
      ich: 
      einmal – und Antwort ist nicht! Was denkt Odhin im Augenblick?«
      Der Zwerg richtete sich nur auf eine Hand empor, ohne den Blick zu erheben. »Unerforschlich ist,« so stammelte er, »der grübelnde Ase. Wer wagt zu wissen, was Odhin denkt? Aber ich wage, meinem 
       Leben zu Liebe, ich wage das Wort: du denkst: nun will ich würgen den Zwerg.«
      »Verwirkt wäre die Wette, verloren dein Leben: denn ich dachte: ich 
      lasse das Leben dir, zappelnder Zwerg.«
      Und der Wanderer wandte sich, schlug den Mantel um und, die gewonnene Salbe fest an die Brust drückend, schritt er langsam hinaus.
      Der Zwerg sprang auf: sein häßliches Gesicht überstrahlte Dank, Rührung, Freude: er war nicht so häßlich wie sonst, als er dem Hohen nachrief: »Odhin von Asgardh! größter der Großen! der Guten gütigster! – Allvater rühmen sie dich mit Recht!«
      *
      Schon sollte die Satarbeit zu Ende gethan sein: denn heute geht der Satmonat aus.
      Aber der Winter ist lang und hart. Noch ist 
       kaum auf der sonnigsten Halde die Erde besäbar geworden. –
      Mich aber mahnt mehr noch als andere Tage dieser Tag an meinen Vater.
      Denn heute, am letzten Tag des Satmonats, war es, vor vielen, vielen Wintern – ich weiß es kaum, vor wie vielen – daß mein hoher Vater fiel.
      Im Thorshöfn-Fjordh war's, bei Straumsey, in den Gewässern der Faereyer. Und diente er da dem großen Jarl Halfred Sigurdarsohn, dem Haupt der Heiden in Norge, als Skalde: aber als Schildträger zugleich – denn mein Vater dachte wie Odhin und ich: Keiner ist ein Sänger, der nicht ein Held.
      Ich aber trug dem Vater Schild und Harfe.
      Oft und oft war Ellida, das gute Drachenschiff, entgangen grimmig gähnender Gefahr, hart von ihres Rachens Zähnen gestreift.
      War es doch, als hielte Odhin den Schild oder den Tarnhelm über seines treusten Vorkämpfers Brust oder Haupt; und aus nächster Meernoth rettete uns 
       oft Thor, der absonderlich hilft in Seebedrang: einmal – es war ein furchtbar Gewitter im Hochsommer – war schon der Bugspriet senkrecht im Wasser: Ran, die Meerfrau, zog uns hinab in ihrem Netz.
      Da schlug ein kalter Blitz auf unser Steuer: und das gute Schiff, das vorne über schon gekentert, richtete sich wieder steuerwärts hoch.
      Da sah Jeder, daß Thor seine Hand auf die Steuerkante gelegt und das Schiff gestellt hatte.
      Und hätten sie uns auch an jenem Tage nicht gezwungen, schwamm das Schiff in blauem Wasser.
      Aber eingefroren lag es in der Bucht: den Winter über waren wir hier still und versteckt gelegen bei Freunden des alten Rechts und der alten Götter: jetzt, im Satmonat, wollten wir in See gehen: denn schon war einmal der Fjordh auf gegangen gewesen. Aber in neuer, grimmer Kälte hatte sich das Treibeis rings um die Insel wieder geschlossen. Vergebens hatten wir dem guten Schiff Kielraum gehauen mit Eis-Aexten: vor uns hieben wir auf, hinter uns fror das Aufgehauene 
       wieder zu: da lag es hilflos, ächzend, zappelnd, wie der sterbende Hai, der in's Seicht oder auf's Trockene gerathen. Da kamen sie über uns vom Lande her: und auch durch das kaum offene Wasser auf vielen kleinen Boten, König Olaf mit seinen Söldnern: und die Strandwächter und die Inselbauern.
      Und wehrten wir uns lange: vom Aufgang bis zum Niedergang der Frühjahrssonne.
      Aber es waren zu Viele: wohl vierhundert auf dreißig. Doch hätten wir noch länger ausgehalten: aber endlich weckten die Brandpfeile, welche wir Stunden lang gelöscht, Feuer an Bord. Und brannte der Mittelmast lichterloh: da waren nur drei noch lebendig auf Deck.
      Halfred Jarl war eisenfest und steinfest, so sagte man, durch Bund mit Odhin: er hatte Odhin den Bluttod zu sterben versprochen, Odhin aber ihn waffenfest gemacht und ihm gelobt, ihn erst zu »seiner Zeit« zu holen nach Walhall.
      Und wunderte mich schon den ganzen Tag, daß 
       ihn von all' den hundert Pfeilen, Speeren, Wurfhammern keiner niedergestreckt hatte.
      Aber jetzt stürzte der brennende Mast auf Deck: in den Flammen, im Rauch, unverwundet, starb Halfred Jarl. –
      So hielt Odhin in Allem sein Wort: denn der Sat-Monat heißt auch: »Odhin's Zeit.«
      Und sah ich über dem todten Jarl etwas Weißes schwebend sich erheben: die Christen sahen es auch, meinten, es sei der weiße Dampfqualm gewesen: ich aber glaube, es war die Walküre, die ihn emportrug.
      Nun sprang König Olaf an Bord, das Enterbeil in der Hand: »Gieb dich, Skalde Thormodhr! rief er meinem Vater zu. Ich höre dich gern Harfe schlagen. Lebe und sei mein Skalde.«
      »Nicht überleb' ich meinen Herrn!« rief mein Vater. »Und nicht stimme ich meine Harfe um: von Odhin auf die Heiligen!«
      Und warf die Harfe in das Meer und sprang gegen den König. Ich hielt den Schild über ihn. 
      
      Da fielen wir alle beide: mein lieber Vater todt, ich wund: er mit zwei Speeren in der Brust: mich aber hatte ein Pfeil in's Knie getroffen, daß ich gestürzt war und der Schild ihn nicht mehr deckte.
      Schon schwang König Olaf das Beil über meinem Haupt. Da fiel ihm ein Mönch in den Arm, der hinter ihm, Schwert in Faust, auf Deck gesprungen war: er sah an meinem offnen Halse blitzend ein klein Bernsteinstück hängen: »Thors Hammer«: das hatte mir die liebe Mutter umgehängt bei'm letzten Abschied: es ist gut im Kampf gegen Hammerhiebe.
      »Schone den Knaben!« rief der Mönch. »Er ist gechristnet.«
      Denn er hielt den Thorshammer für ein Kreuz.
      Und der König senkte das Beil.
      »Schlag zu, sprach ich, mich auf das heile Knie stützend, König Olaf.
      Getauft bin ich! Aber das ist kein Kreuz: das ist Thors Hammer.« 
      
      Der König aber sprach: »das gefällt mir, Junge, daß du nicht lügst, auch nicht um's Leben.«
      Und der Mönch fügte bei: »Gerettet hat dich nicht der Hammer des Götzen, sondern das Kreuz des Herrn, dem er gleicht. Trage das Zeichen fortan im Sinne des Heilands.«
      Und der Mönch, der bis dahin – wohl hatte ich es gesehen – grimmig gegen uns gefochten, schnitt mir den Pfeil aus dem Knie: – da vergingen mir die Sinne –: ich fühlte nur noch, daß mich der fromme und starke Mann auf seinen Armen aus dem Schiffe trug.
      Ich erwachte in König Olaf's Zelt: und Hluthart, der Mönch aus Franken, pflegte mich viele Wochen lang: und lehrte mich lesen und schreiben: und als ich halb genesen war, zahlte er dem König, der mich gern gefangen behalten hätte an seinem Hof, das Lösegeld für mich: das mußte er zuvor erbetteln bei den Bauern: denn er hatte nichts als Kutte, Schwert und Kreuz: und zahlte das Fahrgeld für mich auf 
       dem nächsten Kornschiff, das von Norge nach Island fuhr. Denn Mönch wollte ich nicht werden, wie er wünschte: und das Heimweh zehrte an mir nach der Mutter und nach dem alten Haus zu Hofgardhar: »ganz wird er nur genesen unter seiner 
      Mutter Hand,« hatte er zum König gesprochen.
      Aber solcher Mönche giebt es nicht Viele wie Hluthart war, mein Lehrer.
      Seither sind viele Winter verwichen. Aber kein Tag, an dem ich nicht meines Vaters gedacht hätte. Und seines Todes. So möchte ich auch sterben.
      Wo er wohl weilen mag?
      Nicht in der Hölle der Christen: da sind nur die Neidinge.
      Nicht in der Hel der Heiden: denn nicht den Strohtod starb er.
      Aber in den Christenhimmel haben ihn die Heiligen wohl auch nicht gelassen –: denn er hat nicht an sie geglaubt. 
      
      So ist er wohl in Walhall bei Odhin: dahin gehört er.
      Denn noch steht die Erde: also ist auch Odhin und Walhall noch nicht vergangen.
      Der Christengott hat wohl viele Jarle unter sich in vielen Himmel- und Erd-Reichen: und sein Jarl für Nordland ist, mein' ich, Odhin: nicht ein Dämon, wie der Bischof will.
      *
      Ich konnte in den letzten Tagen nicht viel schreiben.
      Es wird Zeit zu denken, daß die See bald wieder aufgeht.
      Der Isafjordh zwar soll noch ganz voll Eis sein. Aber die Frühmöwe kam schon in zwei Paren geflogen.
      Die Wurflanzen für den Walfang, den Walroß- und den Haifisch-Fang mußte ich fast alle neu schaften. 
       Die Netze für Dorsch und Häring sind arg zerrissen worden im letzten Herbststurm.
      Und wenn wir nicht Seebauern wären, so gut wie Landbauern, hätten wir nur karges Leben auf der Insel. Aber wehe freilich den Inselleuten, wenn sie je mehr Fische essen wollten als Korn: das beste Schiff der Insel heißt der Pflug: und der gedeihlichste Fisch hat zwei Hörner und giebt Kuhmilch. –
      Und viel Mühe machte es, den Silber-Fuchs zu erlegen, der sich durch Schnee und Kiesgeröll unter den Gänsestall hineingegraben hatte.
      Nur bei Nacht war er abzufassen.
      Knut fehlte ihn: ich traf ihn, als er zurückfuhr, mit der stumpfen Wurfkeule – unzerrissen blieb das Fell.
      Deinen zurückgelassenen Helm, lieber Sohn, laß ich damit umkleiden.
      Und Gullskeggi, der böse Nachbar droben auf unserer Hochweide, schickte Ansage, daß er unseren Ziegenhirten verklagen will auf dem nächsten Frühlingsthing, 
       weil er ihn Geita-skeggi, Geißbart – gescholten habe, als der Nachbar unsere Ziegen auf der Grenzhaide einfing. Es ist ihm wohl mehr um das Bußgeld als um die Ehre: denn er heißt so schon Geißdieb im ganzen Inselviertel. – Und auch wegen des Wales wollte er uns verklagen vor dem Dreigodhordhs-Thing, den, ehe die See fror, im letzten Erntemond meine Häuslinge angespült gefunden am Strande. Er behauptete zuerst, er habe ihn gesperrt gehabt. Aber kein Speer stak im Wal. Dann sagte er, er habe ihn vor uns gefunden. Ich wies ihm aber die Floße, in welche Knut unsere Hausmarke, Thors-Hammer, geritzt, und sprach: »Kennst du nicht die Marke von Hofgardhar? Strandrecht ist Landrecht.«
      Und deine Gydha machte mir Schmerz, ich meine: Sorge: – zum ersten Mal, seit sie lebt.
      Immer schöner blüht das Kind empor: wie Sonnenglanz gleitet sie durch das winterliche Haus – ihr Herz ist golden wie ihr Haar: immer sanft und gut und doch kernig. 
      
      Beim Eisschießen im Hof sah sie den Häuslingen zu: da flog ihr ein kleiner Holzsplitter in das Auge: sie klagte nicht.
      Und litt doch viel Schmerz.
      Aber ich noch viel mehr: bis ich das liebe, goldleuchtende Auge wieder geheilt hatte.
      Wie hängt an diesem Kind mein altes Herz! –
      Auch waren Gäste da, mit üblen Botschaften.
      Eine Eisbärin hat am Hunavatn zwei Seehundjäger zerrissen: und ein Bergrutsch hat den Hripihof verschüttet: und ein Steintrümmersturz hat dem Akrar-Godhi den einzigen Gersten-Acker, der fast jährlich Ernte gab, ganz versteint.
      Aber das eine ist ein wildes Thier, das andere sind wilde Berge.
      Schlimmer ist, was die Menschen anrichten.
      Denn auf der Insel geschieht jetzt Vieles, was nicht gut ist, gar nicht gut. Es geschieht im Namen des Christengottes, zu seiner Ehre. Ich mag aber nicht glauben, daß es ihn freut. 
      
      Nach dem Volksbeschluß sollen alle Heidentempel verbrannt, alle Opfersteine fortgeschleppt werden von den alten Stätten und in's Meer geworfen: die wenigen Götterbilder aber von Holz und die vielen Opfergeräthe von Gold, Silber, Erz, Kupfer dem Bischof eingeliefert werden, daß er sie zerschlage und einschmelze.
      Ein Götterbild hatten wir nie im Hof: häßlich sind sie meist: viel herrlicher denk' ich mir die Götter, viel schöner die Göttinnen, als unserer Schnitzer ungefüge Hand sie darstellt.
      Als ganz junger Mann bin ich einmal mit dem Vater auf eines Wikings Drachen nach dem Südmeer gefahren: da freilich, auf jenen Eilanden, ragten oder lagen auch wohl, umgestürzt, unter geborstenen Rundpfeilern, – die aber von Stein waren, nicht von Holz, wie unsere Rundpfeiler – wunderbare Bilder von weißem Stein: Götter und Göttinnen, Helden und Heldinnen der Heidenleute jener Lande.
      Oft lagen sie unter dunkelgrünem Gebüsch –: 
       und obwohl es Winterzeit war und Schnee glänzte auf den Bergen, auch auf einem hohen Feuerberg – waren die Büsche frisch und grün, was uns allen sehr wunderbar erschien.
      Und wie sie so unter den Buschlauben lagen, schienen die Götter nur zu schlafen, nicht todter Stein zu sein.
      Ich sah lange – auf einem Eiland war das – auf ein wunderbar schönes Weib, deren Gewand nur den Unterleib, vom linken Fuß getragen, verdeckte: sie schien mir zu athmen.
      Süßes Grauen beschlich meine Seele! Ich eilte scheu hinweg.
      Und stand da Einer aufrecht, den Donnerkeil in der Hand, den Adler zu Füßen: der schien Odhins Haupt auf Thors Schultern zu tragen.
      Solche Bilder der Asen würde auch ich gerne sehen. Aber die häßlichen Holzblöcke, die unten in einen Pfahl auslaufen, wie sie Nachbar Ansbrand hat, wollten mir nie gefallen. 
      
      Opfergeräth aber hatten wir sehr vieles und manches Stück darunter war sehr schön.
      Denn seit grauer Vorzeit waren meine Ahnen sehr opferfromm gewesen: und auf diesem Hofgut Hofgardhar war ein Tempel gebaut worden sehr bald, nachdem der Ahn sich hier angesiedelt: und war es der größten einer auf der Insel: achzig Fuß lang, vierzig Fuß breit: das kostete viel Mühe und Gut: denn große Stämme gedeihen nicht oft auf der Insel wegen des Windes: und das Treibholz ist zum Hausbau nicht gut und sehr theuer ist das Balkenholz, das die Schiffe aus Norge bringen. Und daher waren von jeher, seit der Tempel; ein »Haupthof«, zu Hofgardhar stand, meine Vorväter und Väter Hofgodhen gewesen des Godhordhs, hoch geehrt von allen Thingmännern des ganzen Riki's.
      Und manche Schale, manchen Kessel hatten die Ahnen von der Raubfahrt mitgebracht aus den warmen Meeren: derselbe von Greifen getragne Erzkessel, aus welchem hier Odhin war geopfert worden, 
       hat vielleicht dereinst dort in Grekaland jenem Marmor-Gott – so heißt der weiße Stein – die Opferspende dargereicht.
      Als der Bote des Bischofs kam, das Geräth ausgeliefert zu heischen, ward mir das Herz weh und zornig.
      Denn ich gedachte, wie oft ich meinem lieben Vater die Opferschalen nachgetragen hatte zur nahen Quelle, dem alten Opferort unsers Hofes. Und ich mochte nicht selbst die ehrwürdigen Geräthe mit meiner Hand ausliefern, damit sie zerschlagen und zerschmolzen würden – am Ende gar das alte Gold und Erz des Marmorgottes und Odhins zu einem Becher, darin der Priester das Blut des gekreuzigten Gottes trinkt.
      So gebot ich Knut dem Knecht, an meiner Statt die Gefäße zu sammeln und hinzugeben. Er fluchte, er weinte –: dreimal mußte ich's befehlen, bis er gehorchte.
      In andern Godhordhen folgte aber Herrschaft und 
       Gesinde dem Gebot des Bischofs nicht: sie vertrieben den Boten mit Schlägen.
      Und seit des Bischofs Sohn sieben Boten, mit Schwertern, auf einmal ausschickte, welche sich nicht vertreiben ließen, sondern mit Gewalt die Tempel verbrennen, die Gefäße nehmen sollten – da setzten sie zwar anfangs ihren Willen durch, wo der Hofmänner wenige waren und die Gehöfte weit auseinanderlagen. Aber in der letzten Sommersonnenwende kamen die sieben Boten in das Gehöft Blot-Godhi's, des Heiden: Und waren da viele Männer und Weiber aus der Nachbarschaft versammelt –: ich meine wohl, das Fest in alter Weise mit Feuersprung zu feiern. Und als die Boten so thörig waren, mit Gewalt den älgefüllten Kessel zu ergreifen, ergrimmten Wirth und Gäste und erschlugen von sieben Boten sechs: nur Einer entkam, mit Mühe und schwer wund, in den Bischofshof zurück. Und wunderte mich da sehr, daß nicht nur der alte Bischof, sondern der Bischofs-Sohn und der schlimmherzige Seraphicus sich ganz ruhig 
       hielten gegen solchen blutigen Trotz und ihre Häuslingen liegen ließen ungesühnt.
      Aber diese Priester sind klug wie die Schlangen: – dies Wort des Himmelserben befolgen sie nach Kräften: sein anderes aber – von der Milde der Tauben – nur, wenn sie gerade müssen.
      Die Tauben sind aber gar nicht milde, sondern sehr zornmüthig. Und da das der Himmelserbe, der sie so geschaffen hat, besser weiß und länger als ich, so wird er wohl einen andern Vogel gemeint haben.
      Und so hielten sie sich still aus Klugheit, weil sie zu schwach waren, gegen den neu entflammten Zorn der Heiden ihren Willen durchzusetzen.
      Aber siehe, nach einigen Monden, kurz bevor die Schifffahrt einfror, lief ein mächtiges Kriegsschiff König Hardhradhi's in den Fjordh vor dem Bischofshof: und alsbald holte der Bischofssohn auf seinen Fischerboten an's Land hundert Söldner: Norweger und Dänen, aber auch Friesen und Sachsen, starrend in 
       Waffen, in viel besseren Waffen als die Inselleute meist haben.
      Und schon Tags darauf erschien er mit dieser Schaar vor Blot-Godhi's Hof: und nicht eine Seele ließen die Söldner am Leben, ja nicht einmal den Hofhund, der an seiner Kette wüthend riß, den Mord seines Herrn zu rächen.
      Und von da zogen sie weiter zu all den Nachbarhöfen, aus welchen damals Gäste zum Sonnwendfest gekommen waren.
      Und machten es ihnen ähnlich. Und sind für die sechs Häuslinge wohl siebzig freie Männer und Frauen und Kinder geschlachtet worden, dazu noch Knechte und Mägde.
      Sehr schlimm ist auch, daß viele junge Söhne der mächtigsten Geschlechter an den Hof der fremden Könige gehn, dort zu dienen um Gold, Land und Ruhm. Diese Godhensöhne werden dort zu Adalingen, wenigstens dem Uebermuth nach. Und mehr achten sie auf des fremden Königs, ihres Brodherrn, Wink, 
       als auf das Recht und das Heil unsers Eilands. Zu Allem sind sie dem Fremdherrn zu willen. Leicht bauen sie ihm einmal die Brücke auf die Insel. Soll doch der Führer der Soldlanzen sein – ich habe ihn noch nicht gesehn – Vigulfr Vigbiörns Sohn, aus dem starken Inselgeschlecht der Sturlunge: der rieth dem König Hardhradhi in offner Halle, er solle uns, den »Speckfressern,« (– wie er die eignen Landsleute schalt: das ist sehr böse und hat mich gekränkt: denn gern äßen wir weniger Speck, hätten wir so viel Frischfleisch wie die in Norge, – zumal an König Hardhradhi's Hof) Körner, Schiffsbauholz, Eisen und Salz absperren mit seinen Drachen, bis wir in Allem seinen Willen thäten. Danach werde ich ihn fragen im nächsten Eiland-Viertel-Thing.
      Und wagt nun Niemand mehr, des Bischofs Boten zu trotzen.
      Sie setzen mit ihren Soldlanzen ihren Willen durch, nach dem Landrecht und gegen das Landrecht.
      Und scheint mir dies das allergrößte Uebel, das 
       über die Insel gekommen ist seit Menschengedenken; nicht nur den alten Göttern, der alten Freiheit droh'n die Soldlanzen König Hardhradhi's: wer weiß, ob sie jemals wieder das Eiland räumen, diese Knechte des fremden Herrn, welche er dem Bischof geliehen. Wer weiß, ob nicht bald diesen zehn mal zehn hundert mal zehn folgen und: – der König selbst. Sind deshalb unsere kühnen Väter, die stolzen Männer, aus Norge gewichen in diese letzte eisumgürtete Zuflucht der Freiheit?
      Auf dem nächsten Allthing, – wenn ich es noch auf der Insel erlebe – werde ich zwei Gesetze vorschlagen: daß kein Godhensohn fremden Königen dienen und niemand im Lande fremde Lanzen halten darf. 
      
    



      XI.
      Am Morgen dieses Tages – seines Hochzeitstages – war König Harald ganz früh aus dem Gehöfte getreten nahe dem Baldurtempel, wo er geschlafen.
      Er wollte in den Wald gehen nach dem Grabhügel, in welchem Skadhi gefangen saß, das Urtheil durch die Wächter vollstrecken zu lassen: denn um Mittag sollten die Mannen aus Skadhi's Land kommen, die Leiche in Empfang zu nehmen.
      Und war das in dem Monat, der »Eierzeit« heißt, weil da die Vögel brüten: das ist Spätwinter oder Vor-Frühling, da der Lenz zu kommen pflegt.
      Noch war er aber dies Jahr nicht gekommen: Schnee deckte noch Feld und Wald. 
      
      Nur hatte man in den letzten Tagen hellere, leichtere Wolken und weicheres Blau am Himmel gesehen.
      Und in der eben versunkenen Nacht hatten heftig streitende Winde mit einander gekämpft.
      Und endlich war der Wind ganz umgesprungen: – der Süd hatte gesiegt.
      Da hatte, noch in der Nacht, das Thauen begonnen: – das trauliche Tropfen vom Dachfirst auf die Anfangs noch feste, gefrorene Erde, die allmälig immer weicher, lockerer wird, so daß der Dachtropfen immer weicher auffällt: – ein Laut, der das Herz erfreut.
      Und Harald, geweckt in der Nacht durch Stöße des Südwinds, hatte das wohl gemerkt: und gern vernahm er das träufende Thauen.
      »Nun kam,« sprach er halb wachend, halb träumend, »der Lenz nah an's Land. Baldur, Odhins Sohn, bring' ihn doch mit dem Morgen ganz in den Gau: – unseren Hochzeittag gilt es zu feiern! – – Und noch ein ander Werk – ein ganz anderes – habe ich morgen zu verrichten – welches doch?« – 
      
      Aber er hatte nicht mehr vermocht, es zu sagen. Er war wieder eingeschlafen, bevor er's gefunden.
      Als aber Harald am Morgen aus dem Hofe trat – wohl wußte er nun das andere Werk, das zu vollenden war – da sah er, daß Eis und Schnee in dem Thalfeld völlig geschwunden: – die kleinen Eisflächen waren alle kleine Wasserspiegel geworden, die in der Morgensonne glänzten, vom Winde in winzige Wellen bewegt –: an dem feuchtblauen Himmel zogen hellrothe Wölklein hin: und hoch aus den Lüften grüßte ihn der Ruf des Wanderschwanes, der singend von Süden strich.
      Freudig blickte Harald auf: »noch heute, scheint es, kommt Baldur in den Gau!«
      Und weiter schritt er, dem Walde zu.
      Da stob das junge Reh – schon wich sein graues Winterkleid dem rothen Sommerhaar – tiefer in das Gehölz: es hatte, leckeren Mundes, geäst an den bitteren Knospen, den schon stark schwellenden, der rothen Weidenbüsche. 
      
      Und aus der hellgrünen Sat – trefflich hatte sie und treu die schirmende Schneedecke geschützt: fast zwei Hände hoch ragend wogte das Grün leise im Frühwind – stieg, hell aufjauchzend, Baldur's Freundin empor, die trillernde Lerche: langsam stieg sie, in gewundenen Schwingungen, vom hellsten Sonnenschein beglänzt, in die blaue Luft.
      Weit dehnte Harald die breite Brust, tief aufathmend: »Laue Luft und lindes Licht und liebes Leben! Heil wer euch noch hat! – Ich aber, – ich gehe, sie Einem zu nehmen, der sie nicht minder liebt als ich.«
      Kaum hatte er das Letzte seufzend vor sich hin gesprochen – er hatte den Wald nun schon durchschritten und trat im inneren Gehölz in eine Lichtung, – da stand plötzlich, aus dem Weißdornbusch auftauchend, neben ihm ein schlanker Jüngling –: der war sehr schön und weiß: und höher als der hochgewachsene Harald.
      Zugleich aber brach die Sonne, welche einige Schritte lang leichtduftig Gewölk und die Wipfel der 
       Bäume verdeckt hatten, mit vollem Guß wärmer als je zuvor auf die Waldwiese, aus welcher dampfend warmer Brodem stieg: ein schöner Falter flog gaukelnd über die Gräser, hellgelb, wie die Schlüsselblumen, die der Jüngling auf dem grünen Hirtenhute trug: in der Hand hielt er eine frisch geschnittene Gerte, an welcher bereits ein paar kleine krause Blättchen schwankten.
      »Heil dir, Held Harald, Halfdans Sohn,« rief der Hirt mit hellklingender Stimme – »und Heil all' deinen guten Gedanken!«
      »Wer bist du? Woher kennst du mich?«
      »Frühwach heiß' ich und hüte die Herden des Baldur-Tempels. Wer aber kennt nicht Harald, den Drachenschläger! – Du gehst in den Wald –: wohl zu frohem Werk?«
      Harald furchte schweigend die Stirne.
      »Zur Hochzeit gehst du mit Hilde?«
      »Vorher geh' ich, einen Mann zu tödten.«
      Da blieb der Jüngling, hart den Schritt hemmend, 
       stehen, als wolle er den Weg nicht mehr theilen.
      Harald sah ihn fragend an.
      »Ich übernehme heute neues Werk – eine neue Herde« –
      »Nun – und?«
      »Vergieb: da geh' ich nicht gern mit einem Manne blutiger Gedanken. Wir alle bedürfen der Gnade der Götter: – wenn auch 
      sie jede verwirkte Strafe vollzögen – wer lebte noch von uns Menschen? – – O der arme Zappler!« –
      In dem Graswege lag auf dem Rücken ein kleiner rother Käfer mit schwarzen Punkten – ein Steinchen war auf ihn gefallen und drückte ihn fast zu Tode. – Vergeblich trachtete das Thierlein mit allen sechs Füßen und mit den Flügeldecken, sich empor zu heben. – Ermattet, dem Tod sich ergebend, ruhte es nun.
      Der Jüngling hob die Gerte: »Sterben soll er!«
      »Was fällt dir ein,« rief Harald, »heut', am ersten Tage des Lenzes!« Rasch bückte er sich, hob den Käfer 
       unter dem Stein hervor, legte ihn auf die flache linke Hand und reckte diese in den wärmsten Sonnenschein.
      Alsbald regte sich das Thierlein, putzte sich mit dem vordersten Füßepar das Köpfchen, spreitete die Flügel aus und flog summend in die Sonne.
      »Grüße mir Nanna«, rief ihm der Hirt nach.
      »Ja,« sagte Harald nachdenklich, »er heißt Nanna's Bote.«
      »Du hast ihm das Leben gerettet, – wie etwa ein Gott verzweifelndem Manne.«
      »Dann wahrlich – selig sind die Götter!« rief Harald. »Ich sage dir, Knabe, wohlig warm ward mir im Herzen, daß ich das arme Kriecherlein retten konnte –: wie warm muß es erst den Göttern zu Herzen schießen, können sie Menschen das Leben schenken. – Nein! – und er stieß den Speerschaft auf die Erde – bei'm blühenden Baldur, der uns heute den Lenz gebracht –: nicht sterben soll Skadhi! Leben soll er, an Luft und Licht sich laben! Leben 
       soll er und das Leben danken Hilde's Hochzeitstag und Baldurs Frühlingstag.«
      »Aber am Höchsten – Harald's Herzen! Heil dir, o Harald. Schön hast du entschieden – und aus eigener Einsicht: nicht aus fremder Fügung.«
      So rufend bog der Hirt in den nächsten Weißdornbusch am Wege und war verschwunden.
      Erstaunt sah ihm Harald nach: aber er gewahrte nichts als einen breiten hellen Streifen von Sonnenlicht, der durch die blattlosen Zweige verschwand.
      »War es ein Gott oder nur ein Hirt? Nicht weiß ich's zu sagen! Aber beweglich traf sein Blick, sein schlichtes Wort sein Herz – – . Nein, Skadhi, du sollst nicht sterben.«
      Mit diesen Worten eilte er an das Hügelgrab, vor welchem zwei seiner Krieger Wache hielten.
      Er schritt in die Oeffnung. Lang weilte er in dem Hügel. – 
      
    



      XII.
      Als die Sonne im Mittag stand, kam von Süden, vom Baldurtempel her, der Brautzug, der Hilde geleitete und dem Bräutigam zuführte – ein junger Vetter der Braut führte den Zug –: der sollte auch die Brautwache halten vor dem Hochzeitzelt, das im Walde, nahe dem Hügelgrab, errichtet war.
      Aber in die lauten frohen Gesänge des Brautzuges mischte sich ein anderer Ton: von Norden her aus König Skadhi's Land kamen dessen Mannen gezogen mit dumpf klagendem Hörnerklang, ihres Fürsten Leiche zu holen. 
      
      Vor dem Hügelgrab trafen der Hochzeitzug und der Leichenzug zusammen.
      Da kam aus dem Gewölbe Harald geschritten, hellfreudiger Miene –: »er sieht aus, als ob ihn Baldur auf die Stirne geküßt,« sprach alles Volk.
      Er eilte auf Hilde zu, schlug ihren Schleier zurück und küßte sie auf den rothen Mund.
      Dann wandte er sich zu Skadhi's Mannen und sprach: »Euren König kommt ihr, den todten, zu holen? Da habt ihr den Helden: nicht traurig todt, – nein: lebenden Leibes!«
      Und er sprang an den Eingang des Grabhügels und führte Skadhi, an der Hand ihn haltend, den Seinigen zu.
      Da staunte alles Volk und lobte Harald.
      Hilde aber sank an seine Brust: feucht waren ihre Augen.
      Und der Aelteste von König Skadhi's Mannen trat vor, nachdem er mit den Anderen geflüstert hatte, und sprach: »Wie dünket euch, Herr König? Erblos 
       seid ihr. Vater fehlt euch und Vetter, Bruder und Bruderssohn. – Solltet ihr nicht noch Söhne gewinnen –«
      Finster fiel Skadhi ein: »Dort steht Hilde – des Andern Braut. Nie wähl' ich anderes Weib.«
      »So sollt ihr wissen, daß wir dem Gauthing vorschlagen werden – ihr selbst sollt dazu rathen – und die Männer werden thun wie ihr und wir empfehlen: – König Harald soll euer Erbe sein, – denn ihr zählt zehn Winter mehr. Nämlich ein Großes ist es und nicht ein Geringes, was König Harald heute hat an euch gethan. Und wir wüßten uns nach eurem Tode keinen lieberen König als König Harald.«
      »Ei und ihr hattet ihn wohl schon gekoren, als ihr hieher kamt, die Leiche zu holen!«
      So schlug, Alle überraschend, ein grelles Lachen aus dem nächsten Dornbusch.
      Ein schlanker Krieger trat daraus hervor, die rothen Locken in den Nacken schüttelnd. 
      
      »Du, Argr! Du kamst wohl auch, meine Leiche zu holen? Keiner hat ein näheres Recht. Dein Rath hat mich in diesen Hügel geführt.«
      »Mein Rath? Mußtest du ihm folgen? Habe ich ihn aufgedrängt? Wer hat von uns beiden sich aufgedrängt Einer dem Andern? – Uebrigens wußte ich, daß du lebst. – Einen jungen Hirten – einen guten Bekannten aus andrem Reich – sah ich durch das Jungholz streichen, wie ein Füchslein, das sich wohlgelungenen Streiches freut – . Ich stellte ihn: und in der Freude seines Herzens erzählte mir der Schwätzer Alles, was ich wissen wollte.«
      »Er freute sich, daß ich lebe?«
      »Mancher freute sich schon über Sat, die ihm Unfreude tragen sollte.«
      Skadhi seufzte: »mir wäre wohler, ich läge todt durch des Siegers Schwert, als daß ich lebe durch des Siegers Gnade.«
      »Noch wohler aber wäre dir, flüsterte Argr, er läge todt durch dein Schwert und du lebendig bei schön 
       Hilde. – Schau' nur, wie deiner Mannen Augen schon jetzt mehr an Harald hangen als an dir.«
      Da wandte sich Harald, der einstweilen dankend mit Skadhi's Kriegern gesprochen, zu diesem: »Lieber! Langes Leben wünsche ich dir. Oft überlebt der Aeltergeborene den Jüngeren. So vielleicht auch du mich.«
      »Ahnungen,« lächelte Argr, »soll man nicht Lügen strafen, sondern erfüllen helfen!«
      »So lang wir aber leben,« fuhr Harald fort, »wollen wir feste Freundschaft halten. Komm mit – sei mein Gast an der Hochzeittafel –: Blutsbrüderschaft wollen wir trinken – du solltest mein Brautführer sein, hätte nicht Hilde's junger Vetter, Hroar, das nähere Recht.«
      Als Argr diese Worte vernahm, glitt er unvermerkt in das Gebüsch und verschwand. –
      Skadhi hätte nun diese Gastladung lieber ausgeschlagen: denn heißer noch als Haß gegen Harald 
       verzehrte ihn Verlangen nach Hilde: sie hatte nie so reizvoll geblüht wie an diesem Tage.
      Ein süßer Schimmer seliger Scham lag auf ihrem Antlitz: die vollen, schwellenden Lippen öffneten sich manchmal, wie in Erwartung geheimnißvollen Glückes. Ihre üppigen, glänzend weißen Arme wurden von den breiten, goldenen Armringen noch schöner in ihrer Weiße und Fülle gezeigt. Unter dem feinen Schleier blieb der Hals sichtbar und die volle, wogende Brust. Sie seufzte manchmal tief athmend: aber es war nicht ein Seufzer der Trauer, nein: bangen Sehnens –: sie wußte nicht, was sie ersehnte.
      Wie alle Gäste folgte auch Skadhi dem Zuge nach der Brauthalle vor dem Walde, wo das Hochzeitmahl gehalten ward: er saß Hilde gegenüber: mit heißen Blicken sog er ihren Reiz. 
      
    



      XIII.
      Und währte der Hochzeitschmaus bis gegen Abend hin.
      Als aber der Tag sich zu Golde neigte, siehe, da begab sich das Unheil kündende Begebniß, daß auf den beiden Hügeln nordwärts und südwärts dicht neben der Brauthütte im Walde, in welcher Harald und Hilde schlafen sollten, alle Riesen von Riesenheim und alle Götter von Asgardh, in vollen Waffen geschaart, sich feindlich drohend lagerten.
      Das war aber also gekommen.
      Bald nach Sonnenaufgang und nach der Stunde etwa, da Argr den jungen Hirten im Walde getroffen, 
       aber noch bevor er sich unter Skadhi's Mannen gezeigt hatte, war ein schwarzköpfiger, rothschweifiger Vogel –: »Brandvogel« nennen ihn die Leute oder »Loki's Boten« und glauben, wo er sich auf einen Hausfirst niederlasse, lodere das Dach alsbald in Flammen auf – in Surtur's des Riesen Halle geflogen in dessen Schlafhaus.
      Surtur lag noch schlafend: der Vogel aber sang vom Simse des offenen Fensters herein in seinen Schlaf: »Säumiger Surtur, schlummerst du schläfrig? Was träumst du so träge? Surtur, du solltest das Reich der Riesen wacher bewahren! – Harald und Hilde halten heut' Hochzeit: ob nicht die Asen brechen den Bund, die Verträge trügen? Ob Er nicht da oben – der arge Odhin – und der biedere Baldur dem Liebling leihen günstige Gaben? und Frigg und Freia der freudigen Frau? Wahrlich, sie werden aus Walhall – so wähn' ich – Alle der Erde nah'n und dem Neste, das gebreitet der Braut! – Dir Riesen rath' ich, sonder Saumsal zu suchen, zu 
       sammeln die anderen Alle, die breitbrüstigen Brüder, und am Hochzeithause spürend zu spähen, ob nicht die Asen treulos Verträge brechen und Bündniß.«
      Fort flog schwirrend der Vogel.
      Surtur aber rieb sich mit beiden Fäusten den Schlaf aus den Augen und schickte Bläster, seinen Bruder, den Südsturm aus, alle Riesen zu sammeln. Denn Bläster ist der Rascheste unter den Thursen.
      Gleich darauf trat in Thrudhwangs Thüre, die immer offen steht, Loki.
      Thor stand im Hof und warf im Spiel der Uebung mit einem Hammer nach großen Steinen, die er nebeneinander, wie eine feindliche Schlachtreihe, aufgestellt hatte.
      Es freute ihn wenig: er wußte vorher, daß er traf.
      Und es kam nichts dabei heraus als zerschlagene Steine, die seinen Hof häßlich machten.
      Unbemerkt wiegte sich Loki eine Weile zwischen den 
       Thürpfosten, und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund: endlich rief er Thor an: »Ei, Ei! – Ein Glück, daß nur ich dich belausche, der treu schweigende Bruder. Säh' es ein spöttischer Ausschwätzer, bald lachten wohl alle Asen, der thurmhohe Thor sei kindisch geworden –: er spielt wie ein Knäblein. Bald wirft er wohl mit seinem Hammer nach Sperlingen!«
      »Hum! brummte Thor zornig, fing den zurückfliegenden Hammer und steckte ihn verdrießlich in den Gürtel. Was soll man denn anfangen den lieben langen Tag? Mehr als zwölf Stunden kann ich nicht schlafen und mehr als sieben nicht trinken – bei'm würdigsten Willen.«
      Loki aber erwiederte: »Wohl weiß ich, starker Bruder, wenig willst du mir wohl und wähnst, ich rathe Besseres den Riesen als Asgardh. Aber heute sollst du Loki's Liebe erleben.«
      Mißtrauisch sah der gewaltig hohe Donnerer auf den zierlich Schlanken herab. 
      
      »Lang ist dir lästig, fuhr dieser fort, die Muße, so mein' ich. Verlassen liegt dein herrlicher Hammer, die wonnige Waffe: oder sie zielt nach zwecklosen Zielen. Rasender Riesen Häupter zu hauen hast lang du gelassen.«
      Drohend hob Thor den Finger: »Nicht reize, das rath' ich, mit Reden mich, Rothkopf. Dich haß' ich, du Heuchler! Du riethest ja den Rath, den Frieden zu festigen mit Riesenreich! Was hilft's, daß den Hammer wieder ich halte? – Doch nicht denke, Duckmäuser, mich schlau zu beschwatzen, den Bund zu brechen, wie heiß ich sie hasse, die rüpligen Recken! Wer in der Welt noch traute Verträgen, trog die Treue Thor!«
      »Nicht rath' ich, ruchlos das Bündniß zu brechen! Doch, wie, wenn die wilden Riesen zerreißen, als die Ersten, den Eid? Tritt an die Thür! Siehst du da südlich unten auf Erden die Riesen gereiht? In hellen Haufen ziehen sie zahllos zu Hilde's Hochzeit, zu Harald's Halle: ungute Gäste, unlieb, ungeladen. 
       Weh' wenn sie würgen Harald den Helden! Was würde da wohl aus der Treue Thors? Oft dir zum Opfer Elch und Ochsen dir brachte er, Bruder: Lau lohnst du dem Liebling! Siehe, wie Surtur schon schwingt das Schwert.«
      Da stieß Thor zornig den Bartruf aus: er blies brüllend in den gewaltigen Rothbart, daß dieser, wie in zwei Flammen gespalten, von ihm flatterte: – durch die Himmel scholl der Ruf, dumpf dröhnend, wie fernhin grollendes Gewitter –: und den Hammer aus dem Gürtel reißend, flog der Donnergott sausend auf die Erde nieder: in nachtfinsterer Wetterwolke lagerte er sich auf dem Südhügel neben der Brauthütte, drohend den langen Zug der Riesen beobachtend, welche nun auf dem Nordhügel eintrafen.
      Einstweilen war Odhin von dem Besuch bei dem Nachtelben längst zurückgekehrt: er war sofort zu Baldur geeilt und hatte geheim mit ihm und Nanna geflüstert: denn auch Baldur war bereits von seiner Erdenfahrt wiedergekehrt. 
      
      Nun saßen sie selb viert mit Frigg vor der Thür von Breidhablik unter der ragenden Linde, welche dort Odhin bei des Sohnes Geburt gepflanzt hatte und blickten hinunter nach Midhgardh.
      Sorgenfreier als sonst war Odhin's Stirn: er strich Baldurs goldnes Gelock, der zu seinen Füßen saß, das Haupt an des Vaters Knie gelehnt: Sieh, wie arglistig kann Baldur sein! lächelte Odhin zu Frigg hinüber, welche eifrig weißes Linnen über eine goldene Wiege spannte. Ohne den Vertrag zu brechen, ohne zu Harald ein Mahnwort zu sprechen, hat er den König doch bewogen, Gnade zu üben: – nur dadurch, daß er ihm begegnete.«
      »Ja, wer kann ihm widerstehen! flüsterte Nanna, die silberne Spindel senkend und des jungen Gemals Hand ergreifend: muß man ihm doch Alles gewähren was man ihm absieht an seinen leuchtenden Augen.«
      »Baldurs Augen, fiel Frigg ein, warme, weiche Wolle ihrer schneeweißen Schafe in die Wiege füllend, soll der Knabe erben! Das wünscht ihm und wirkt ihm Frigg.« 
      
      »So weißt du so sicher, fragte leise lächelnd Odhin, daß ein Speer, keine Spindel uns wächst?
      Zuversichtlich hob Frigg das Haupt und lachte stolz: »Schlachtenrunen, Siegvater, verstehest 
      du –: 
      diese Weißagung ist Frigg's Geschäft.«
      Und Baldur zog die junge Frau zärtlich an sich. –
      Da fiel Odhins Blick auf das Waldthal in König Frodhi's Gau: er sah auf dem Nordberg die Riesen drohend gelagert und, finster wie Thor's Wettergewölk war – die Thursen vermochten nicht, hindurchzuschauen, – Odhin's Auge durchdrang es: er erblickte Thor, der den Hammer wurfbereit hielt: der Anblick der altverhaßten Feinde reizte den Donnerer, daß er kaum sich bezwang.
      Auf sprang Odhin, daß die drei Andern unter der Linde erschraken:
      »Heimdall,« rief er mit lauter Stimme zu der Regenbogenbrücke hinüber, »stoß in's Horn! Den Waffenschrei! Auf, alle Asen! Sausend hinunter! Thor und die Riesen! Wir müssen ihn hemmen, sonst 
       bricht er den Bund! Und wir müssen Harald's und Hildes gedenken: denn nicht, Brautgaben zu bringen, hat sich dort all Riesenreich gereiht.
      Und sofort erdröhnte Walhall von Heimdalls Horn.
      Odhin und alle Götter fuhren in die Waffen: der König der Asen, den Schreckenshelm auf dem Haupt mit den gewaltigen vorgesträubten Adlerflügeln, Speer und Schild in der Linken, flog sausend wie ein Windstoß voran: es folgten Baldur, Tyr, Fro, Hermodhur, Forseti, Bragi und noch Andere mehr, alle aus ihren Hallen und Wohnungen stürmend: aber auch manche der Göttinnen schlossen sich an, welche den Flug der Speere nicht scheuen: so Frigg und Freia, an der Walküren Spitze Hilde, Helgi's Braut, und manche der Lichtalfen, durch deren Reich der Weg vom Himmel auf die Erde führt.
      Wunderschön war der Anblick der durch die Wolken brausenden Götter: – einem starken Schwarm wilder Schwäne vergleichbar.
      Nur ganz leise blies Odhin: da zerstob Thors 
       Wettergewölk: und überrascht sah der Donnergott den Vater urplötzlich an seiner Seite stehen.
      Die Anderen hatten seinem sausenden Flug nicht ganz folgen können: sie kamen erst mehrere Herzschläge später an auf dem Berge.
      Und freundlich sprach Odhin, dem Sohn auf die Schulter schlagend: »Genaht sind die Götter, die Hand dir zu hemmen, vor Schuld dich zu schützen. – Doch kommt es zum Kampfe, – nicht sollst du sagen, mein schneller Sohn, allein ließ dich Odhin. Wir fechten und fallen zusammen, wir zwei.«
      Thor ließ den Hammer an dem Wurfriemen auf den Knöchel zurückgleiten und reichte dem Vater treuherzig die Hand, Dank leuchtete aus seinen großen hellgrauen Augen: »Ich weiß, du liebst auch mich, ob nicht so zärtlich, wie du Baldur liebst. Thor trägt nicht Neid. Und Baldur ist auch leichter lieben als Thor. Lieb' ich ihn doch selber mehr als ich Thor liebe. Aber dir schlägt das Herz auch für den rauheren Sohn.« 
      
      Odhin antwortete weicheren Tones als er sonst zu Thor sprach: »Nicht dünke dir, Donnerer, wen'ger mir werth! Einst, ahn' ich, erkennst du, wie theuer mir Thor. Auf der Wahlstatt, wähn' ich, der allerletzten, die den Göttern gegönnt ist, zeigen wir zwei uns die letzte Liebe.«
      Da kamen die anderen Asen niedersausend auf dem Hügel an.
      Während dessen war es Dämmerung geworden.
      Und schon kamen Harald, Hilde, Skadhi und wenige Mannen von der Hochzeittafel her nach der Brauthütte gezogen: den Bräutigam verlangte nach der Braut. –
      Als die Riesen den Zug heranschreiten sahen, sprach Surtur zu dem Fenriswolf: »Wie gerne doch gierig sengt' ich sie sämmtlich, den verhaßten Haufen, zu Zunder zusammen. Ein Athem – und Alle fräße die Flamme.«
      Aber als das Forniotr hörte, der älteste der Riesen, warnte er: »Surtur, nicht solltest Solches du sinnen! 
       Siehe, es sitzen drohend da drüben die Asen und –: Odhin! Und mehr, als ihre Macht scheu' ich den Schwur, ehr' ich den Eid! »Thursentreu, riesenredlich«: so soll man sagen immer und ewig.«
      Odhin aber schaute suchend rückwärts, musternd die Götter, die ihm gefolgt waren.
      Unbefriedigt suchte dann sein Auge unter den Riesen.
      Baldur entging selten ein Blick des Vaters.
      »Du suchst Loki, flüsterte er. Ich sehe ihn nirgend.
      Ich traf ihn heute früh im Walde: er sagte, er wolle von Midhgardh nach Alsheim fahren.«
      »So ist er in Midhgardh geblieben. Wo steckt er wieder?« –
      Einstweilen war der Brautzug vor der Brauthütte angelangt.
      Da sprach Harald zu Skadhi: Schicke deine Krieger, wie ich die Meinen, zurück zum Gelage. Noch mehr Meth mögen die Männer. Ich schreite 
       mit Hilde in die Hütte. Nach Volksrecht muß ein Freund bezeugen, daß wir Beide in die Hochzeithütte traten: und das ist des Brautführers Amt. Aber – du sahst es selbst – als Hilde's junger Vetter als der zweite im Brautlauf – du warst der dritte – an dir vorüberlief, schnellte eine rothe Natter aus dem Moos und biß Hroar in den Fuß, daß er mit Schmerzen auf das Lager getragen ward. So wardst du der Zweite im Brautlauf und griffest nach Hilde's linkem Arme. Aber ich hielt schon die Rechte und an die Brust riß ich die Braut. So bist du Brautführer an Hroars Stelle. Blutsbrüderschaft, unserer geritzten Arme methgemischtes Blut, haben wir getrunken: uns eint der Treue treustes Band, das Männer binden mag auf Erden. Hier, nimm mein Schwert und hüte unsern Schlaf.«
      Er zog es aus der Scheide und reichte es ihm.
      Schweigend nahm Skadhi die Waffe. –
      Mit Mühe hielt Odhin Thor zurück, der mit seinem Blitz die ganze Brauthütte in Brand aufflammen 
       lassen wollte, bevor Harald mit so blindem Vertrauen sie beschritte.
      Odhin sprach: »Hemme das Herz, die Hand und den Hammer! Wir dürfen nicht drohend noch warnend winken, nicht retten noch rächen, so lang nur Mensch den Menschen listig umlauert, selbst meuchelnd ihn mordet! Erst wenn die Wilden es wagen, die Riesen, zu rühren an Harald und Hilde – dann helfen wir hurtig.« –
      Harald aber, ohne Skadhi's Antwort abzuwarten, ergriff Hilde's Hand und schritt mit ihr durch die Vorhänge in das Zelt.
      Und war da nicht Thüre oder Riegel.
      Die Mannen aber riefen: »Heil Harald und Hilde!« und eilten lärmend zu Meth und Ael zurück.
      Da stand Skadhi allein vor der Brauthütte, das Schwert in der Hand. –
      Und möchte da wohl mancher meinen: im Methrausch habe Harald allzuviel gewagt.
      Aber das wäre falsch gemeint. 
      
      Harald hatte nur ein halbes Horn geleert und er konnte sehr viele Hörner leeren, unberauscht bleibend.
      War es ein Rausch – so war es ein Rausch des Glücks.
      Denn wenn hochherzige Helden sehr glücklich sind, wollen sie nicht glauben, daß Niedriges athme auf Erden.
      Und eine Lust ist es ihnen dann, von allen Menschen zu glauben, daß sie auch gut sind. –
      Es war jetzt ganz dunkel.
      Der Mond stand nicht am Himmel.
      Kein Stern leuchtete.
      Nur aus einer Ritze der Brauthütte drang mattes Licht.
      Skadhi warf einen Blick nach dem Lichtschein – dann stürzte er in dumpfem Weh zusammen, das Antlitz in dem Waldmoos vergrabend. –
      Lange lag er so, regungslos.
      Da war ihm, als höre und fühle er neben sich athmen. 
      
      Er sah, sich aufrichtend, zur Seite: neben ihm saß, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt, – Argr.
      »Du!« stöhnte Skadhi. »Was thust du hier?«
      »Ich warte.«
      »Du wartest? Auf was?«
      »Auf das, was du thun wirst. Hältst du doch ein nacktes Schwert in der Hand. Was wirst du thun mit diesem Schwert?«
      »Am liebsten stieße ich es in den Mund, der mir so Uebles gerathen. Oder – noch lieber – mir selbst in das Herz, daß es nicht mehr brenne und zucke.«
      »Thörig Beides! Wer selbst sich tödtet, den bannen die lieben Götter in ihrer Gerechtigkeit in den Strom der Schwerter, Schlangen und Leichen wälzt: – dieselben Götter die ihm mehr Weh geschickt, als er tragen konnte! – Ja, sie sind eigen, die Götter! – Und 
      mich tödten? – Nicht 
      mein Rath hat dir geschadet –: mein Rath war gut: nicht schlecht. Hätte nicht ein Zaubrer, den Viele einen Gott nennen, durch 
       die Lüfte jenen Flachskopf hergezaubert – längst lägst du in den weißen, den runden Armen der schlanken Hilde, – Hilde's – mit der hochwogenden Brust. Schwellend sah sie heute aus – wie die warm aufathmende Erde unter dem Frühlingsregen. Ich hatte die Zarte immer für so frostig gehalten – aber heute« – – .
      »Schweige von ihr – von ihrem Bild! – Du trägst mir Schuld an dieser Stunde – an der heißen Qual in meinem Herzen.«
      Argr lachte hell auf: »Ich trage Schuld? Bin 
      ich es, der jetzt den Kuß drückt auf ihre rothen Lippen? Bin 
      ich es, der sich nun anschickt, der schlanken –«
      Auf sprang Skadhi mit einem kurzen Schrei der Wuth, das Schwert zückend.
      Auch Argr erhob sich: »Harald heißt doch, fuhr er fort, nicht Argr, der Mann, der da hineinging, durch diesen Vorhang da. Und gut versteht es der Held, – das muß ich rühmen, – sich die Lust 
       der Liebe zu würzen mit der Wonne der Rache, mit der Qual des eifersüchtigen Nebenbuhlers! Ha, ha, ha! Da liegst du draußen auf kalter Waldheide und er – –! Und du mußt ihm Wache halten, daß ja keine Störung ihm komme im süßen Thun. Ei, das mag ihm wohl taugen! Sieh, durch jenen Ritz im Getäfel drängt gedämpftes Licht –: ein matt brennender Spahn. – Da mag er nun sattsam das schöne Antlitz betrachten. Mit schwelgenden Händen fährt er die edel gebildeten Wangen herab und –«
      »Schweig' oder ich tödte Hilde und mich!«
      »Hei – da würde ich doch lieber den Andern tödten! Das scheint mir klüger.«
      »Hört es nicht, ihr Götter! Und laßt es mich nicht hören!«
      »Die Götter? Ei, die sind ja deine Feinde ohnehin – siehst du das noch nicht? Sie lachen deiner Qual – und deiner Scheu! Sie haben ja Harald – so zu sagen – mit eignen Händen das Brautbett gebreitet. Ha, wäre 
      ich der Nebenbuhler, von 
       den Göttern und Harald wie ein Narr aus Hohn hier auf Posten gestellt, Harald die Brautnacht zu bewachen – ich wüßte wie ich den Göttern dankte und – Harald.«
      Skadhi zitterte vom Wirbel bis zur Sohle – es zitterte das Schwert in seiner Rechten. Aber die Linke drückte er grausam fest vor die Stirn.
      Argr hielt eine Weile inne, wie überlegend: zu sich selber flüsterte er: »Mag der Eine sterben oder der Andre – wer weiß es? Aber vielleicht durchbohrt Ein Schwertstoß der Asen Langmuth, der Riesen Geduld – und macht schuldig den »unschuldigen« Odhin. Laß' sehen, ob dieser Liebende statt Blutes nur Schneewasser in den Adern hat.«
      Und nun neigte er sich ganz an Skadhi's Ohr und zischelte: »Wonnig denk' ich mir's wahrlich, schön Hilde erbleichen zu machen und erglühen und erzittern vor Scheu und vor Lust. – Wohl liegt schon der Schleier vom Haupt ihr gezerrt, zerrissen der Gürtel. – Noch einmal schlägt sie, wie bittend, die langen 
       Wimpern empor: aber er küßt sie auf die brechenden Augen und schon, schon faßt –«
      »Schon faßt ihn der Tod!« schrie Skadhi und stürzte, das Schwert zückend, sinnlos vor aufgepeitschter Wuth des Hasses und des Verlangens, durch die Vorhänge in das Zelt; Argr folgte, ein spitzes Steinmesser in der Hand. – – –
      Jetzt geschahen aber bei den Riesen, bei den Asen und in dem Brautzelt viele Dinge zugleich, so daß es viel leichter wäre, es, wie die Bilder auf den Griechenteppichen gewirkt sind, im Bilde zu zeigen als in Worten zu sagen.
      Harald stand mit dem Rücken gegen den Eingang: mit leiser, zarter Hand löste er eben den weißen Schleier sorgfältig und sanft aus Hilde's Haar.
      Nicht ein Riß entstellte den Schleier.
      Und war da nichts Wildes, kein Reißen und Ringen, wie Argr gemeint, wie heiß auch Harald's Herz wallte. 
      
      Denn Harald war nicht von Argr's Art, sondern von Baldur's.
      Einstweilen hatten aber Riesen und Asen von ihren Hügeln herunter auch mit hochklopfendem Herzen zugesehn, zum Theil zugehört: denn Skadhi's Wehlaute verstand man wohl: und daß Argr hetzte, sah man an seinen Bewegungen.
      »Wehe den Bundbrüchigen, sagte Surtur zum Fenriswolf, wenn sie Harald jetzt warnen.«
      »Schwerlich erträgt es, erwiederte dieser, Thor, den Mord mit anzusehen. Sieh, wie sein Hammer-Arm zittert vor Wuth.«
      Odhin aber drückte mit überlegener Kraft Faust und Hammer des Sohnes herunter: »Du 
      mußt es tragen, treuer Thor. Aber, bricht ein Riese nur mit einem Athemzug den Frieden: – dann laß' deinen Hammer fliegen. Ich wollte, – fügte er, sich vorbeugend, schärfer zu spähen, bei – ich wollte, dieser Argr träte in einen Lichtstreif, daß ich 
      seinen Schatten sehen könnte. Mir ist« – – 
      
      In diesem Augenblick sprang hinter Skadhi Argr in das Zelt, das Messer gegen Harald's Rücken gezückt: er trat in das Licht des Spahns.
      »Er wirft 
      keinen Schatten! Es ist kein Mensch! Ein Riese in Menschengestalt! Gebrochen haben sie den Bund. Wirf, Thor.«
      Und ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, wie er in vielen Jahrhunderten kaum einmal gehört wird.
      Denn lange, lange hatte Groll sich aufgespeichert in Asathor und furchtbar zornig brach er jetzt endlich los. –
      Aber ich erzähle schlecht: denn schon vor dem Blitz und Donner war ein Anderes geschehen.
      Hilde, mit dem Antlitz dem Eingang zugekehrt, hatte Skadhi mit erhobenem Schwert hereinstürmen sehen, bevor Harald sein gewahren konnte: sie schrie auf, Schreck in den Zügen: Harald wandte sich, sah den Mörder, fiel ihm in den Arm, entriß ihm das Schwert und stieß es ihm bis an's Heft in das Herz: todt fiel Skadhi. 
      
      Ueber Skadhi's Leiche hinweg hatte Argr das Messer gegen Harald gezückt, als ihn der Hammer Thors, gerade auf den Helm, traf: und war da das allergrößte Wunder, daß zwar der Helm zerbarst, aber das Haupt unversehrt blieb als sei Miölnir eine Flaumfeder: eine Fülle rothen Gelocks, bisher unter dem Helme versteckt, fluthete über des Trotzigen Nacken. –
      »Loki!« rief Odhin.
      »Loki war Argr!« riefen alle Götter. Und gedachten, wie er Freia und Miölnir den Riesen in die Hände gespielt.
      »Ja, Loki!« lachte dieser aus den Flammen des lichterloh brennenden Zeltes, ( – aus welchem Harald gleich nach dem Blitz Hilde in's Freie gerissen – ) zu den Asen hinauf: »Gebrochen habt ihr den Bund, zertrümmert die Treu! Doch, dummer Donnerer, nicht schlägt mich dein Schlag – mich erlegt nur ein Andrer.« 
      
      Da stürzte das brennende Dach der leicht gezimmerten Hütte krachend nach Innen: die hochauflodernde Flamme schlug prasselnd in die Höhe: ein feuriger Springquell von Funken schoß in langer Säule, einer Mannesgestalt ähnlich, in die Luft: Loki war verschwunden.
      Die Flamme ergriff die nächsten Bäume: der Wald begann langsam zu brennen.
      Nun aber schrieen die Riesen brüllend durch die Luft, durch Flammen und Rauch zu den Göttern hinüber: »Treulos und trugvoll, Brecher des Bundes, sind Odhin und die Asen. Harald zu helfen hoben die Hände der treulose Thor und Odhin der Arge!«
      Und schon flogen, von den Riesen geschleudert, Felstrümmer gegen die Götter herüber.
      Harald und Hilde flohen aus dem brennenden Wald gegen die Halle zu: da sauste beiden ein Felsen nach, groß genug, nicht nur, Beide zu tödten, auch ausreichend, Beide als Grabhügel zu bedecken. 
      
      Aber Baldur hatte es scharf bemerkt: er blies –: und harmlos glitt der Stein neben Harald nieder.
      Frigg aber und Freia warfen, nachschwebend, ihre Schleier über das Par –: ein silberweißer Nebel entzog die Fliehenden den Blicken der Riesen. 
      
    



      XIV.
      Schon stürmten jetzt von beiden Hügeln Riesen und Asen herab zum Nahekampf.
      Da trat Odhin in die Mitte zwischen beide Reihen, erhob in der Linken den Schild hemmend gegen die Riesen, in der Rechten den Speer befehlend gegen die Götter und rief: »Friede!« mit so erhabenem Ernst der Stimme, daß die Asen ehrfurchtvoll die Waffen senkten und selbst die wüthigsten Riesen erschrocken inne hielten.
      Da sprach Odhin, als es ganz still geworden –: nur die Flammen prasselten der brennenden Bäume – »Unwahr beschuldigt ihr uns. Nur gegen 
       Menschen die Menschen nicht zu schirmen haben wir geeidet. Nicht wir haben Skadhi, den Mörder, getödtet: – das that König Harald selbst. Und nicht wir haben Harald gewarnt vor Argrs gezücktem Stahl –: das that Hilde. Der aber, dem Thor den Hammer auf das Haupt warf –: der war kein Menschenmann.
      »Das war Loki der Ase«, erwiederte Surtur.
      Finster furchte Odhin die Brauen: »Loki, der – »Ase!« Gut: haben wir geschworen, den Menschen nicht zu 
      schaden? Niemals! Loki wollte Harald tödten: er brach damit 
      nicht den Eid.«
      »Aber Thor hemmte ihn«, warf Thrymr, der Neif-Riese, ein.
      »Haben wir geeidet, den Menschen nicht beizustehen 
      gegen die Asen? Niemals!«
      »Aber Loki half Skadhi, dem Menschen!« heulte der Feuriswolf.
      »Ich könnte antworten,« sprach Odhin langsam, –: 
       nicht geholfen hat Loki dem Mörder, ihn in's Verderben geredet. Ich könnte noch stärker antworten: wer Skadhi half, der schadete den Menschen. –«
      »Arglistiger! Wortweiser!« fiel Forniotr zürnend ein. »Nie gebricht's dir an Gründen! Nie mangelt's dem Meister der Runen an Reden! Aber du sollst, was selber wir sahen, nicht löschen mit Listen. Erst half Loki, der Ase, Skadhi dem Menschen: dann half Thor, der Ase, Harald dem Menschen.
      Da sprach Odhin scharf: »Ihr Alle habt's gehört. Riesen und Asen,: zuerst hat Loki – nach der Riesen eigener Rede – gebrochen den Bund: Thor hob erst den Hammer, als Loki seinen Liebling Skadhi beschützte, als Loki gegen Harald gehoben hatte die Hand.«
      »So war es,« sprach Bläster, der Südsturm-Riese. »Aber das schützt euch nicht vor Schuld. Ihr Asen steht alle für Einen – wie wir Riesen! Ob Thor zuerst ob Loki den Bund brach, – immer brach ihn ein Ase.« 
      
      Da sprach Odhin laut mit furchtbar ernster Stimme: »
      Loki ist kein Ase.«
      Alle standen starr vor Staunen.
      »Er ist dein Sohn!« riefen endlich mehrere Riesen zugleich.
      »Von einer Riesin. Das Kind folgt der ärgeren Hand. Wie des Freien und der Unfreien Kind nicht frei, sondern unfrei, so ist Loki nicht Ase, sondern Riese.«
      Abermals zog ein Schweigen des Schauers durch Alle, die es hörten.
      Endlich sprach Forniotr: »Uns vergleicht er den Unfreien, der Hochmüthige! Uns, die alten Herren der Erde, die wir herrschten, bevor ein Ase athmete. Wohl ist es wahr: mehr von der Mutter hat Loki ererbt als von Odhin. Aber, ihr Listigen, ihr nennt, wie euch nutzt, Loki bald Asen, bald Riesen. Steht nicht in Asgardh seine prangende Halle?«
      Odhin gab Thor einen Wink: dieser schleuderte einen flammenden Blitz 
      nach Oben durch die Wolken, 
       wie er oft thut im Gebirge: Krachen und Prasseln dröhnte sogleich von oben herab aus den Himmeln.
      »Loki's Halle brennt: sie zerfällt in Asche. Loki, der 
      Riese, zerbrach den Bund, nicht die edeln Asen. Und wie ich hier zerbreche den dürren Zweig, den in Händen ich halte, so brech' ich das Band, das Loki, den Riesen, und uns verbunden. Und für immer und ewig und alle Tage lös' ich von Loki der Asen Adel, der Götter Gunst, die Wohnung in Walhall: aus Recht und Rath stoß' ich ihn strafend.«
      Grauen ergriff Alle, die es hörten.
      Da legte Baldur bittend die Hand an Odhin's Arm und fragte: »darf auch der Vater den Sohn verstoßen?«
      Aber Odhin richtete sich hoch auf und frug Forseti, den Gott des Rechts, der auf Heligoland waltet: »Forseti, weise mir das Recht!«
      Forseti aber hob feierlich den weißen Stab mit goldner Kugel und sprach: »Der Bastard nimmt kein Erbe. Der Bastard darbt des Vaters.« 
      
      »Wie euch lüstet mit Loki, so thut mit dem Treulosen, sprach Odhin zu den Riesen gewendet. Tödtet den Trüger, bindet den Bösen. Wir wehren's nicht weiter.«
      Aber Surtur sprach: »Und richtet das Recht so hart, daß es dem Bastard verbietet den Vater, so richtet es auch rührend: »Kein Kind ist seiner 
      Mutter Kebs-Kind.« Ausstießen die Asen den lodernden Loki, der Vater verfehmte ihn: wohlan, 
      wir wollen ihm Vetterschaft freundlich erfüllen. Lieblich war Laufeja, meine Niftel, leidig ihr Los, das das herrliche Herz der Maid mörderisch brach durch Odhin des Argen verderbliche Werbung. Ich räche die Riesin: ich nehme der Niftel mich an in ihrem Sohne: nicht sippelos sei er.«
      »Wahrlich, wir wären, fiel da Forniotr ein, noch dümmer als ihr immer in eurem Dünkel uns denkt, verfolgten als Feind wir den listigen Loki. Aus eurem Erbe stießt ihr den Stolzen: wohlan, wir wollen als Wahlsohn ihn wählen und ihn küren zum 
       König. Klügeren König, findigern Führer, helleres Haupt nähmen wir nirgend. Asenheim ächtet, Thursenheim tröstet, Riesenreich rettet ihn.«
      Da riefen laut alle Riesen zusammen: »Uns führe fortan der lodernde Loki. Nun weh' euch in Walhall!«
      »Nun wohl uns in Walhall,« rief Thor zurück. »Los sind wir und ledig des Lügenerlisters. Scharf ist geschieden, was zusammen nicht sein soll. Ich hasse das Halbe! Freut' euch des Frevlers, der fortan euer Fürst! – Aber das Eine ist allen nun offen – so hoff' ich im Herzen: Freundschaft und Friede von Asen und euch ist ewig unmöglich! Thörig dünkt manchen Thor: und er wähnt sich selber nicht weise: doch klarer erkannte der thörige Thor als die Weisesten Walhall's wahrlich die Wahrheit: Flammen und Fluthen können nicht künstlich treu sich vertragen! Und wollen sie's wirklich, – bald bricht brausend den Bund, gehäuft in den Herzen, der heilige Haß! So lasset uns leben, wie das Herz es 
       erheischt. He, holla, ihr Helden, wir künden euch Kampf!«
      »He holla, ihr Helden, wir künden euch Kampf!« scholl es wie Widerhall von den Riesen herüber.
      Odhin aber hatte erwogen, daß mit Loki als König der Riesen doch kein Friede zu festigen sei.
      Und auch ihn überkam jetzt jene fortreißende Freude am Kampf, welche er sonst Andern einzuhauchen pflegt.
      Schon flogen auch, von den Riesen geschleudert, Stangen und Steine herüber.
      Bläster, der Sturm-Riese, hatte eine mächtige Tanne mit der Wurzel ausgerissen und warf sie sausend gegen Baldur, der zur Rechten des Vaters stand: mit Erdklumpen und Gestein zwischen den knorrigen Wurzeln kam sie geflogen und traf Baldur's schildlose rechte Schulter – denn er hatte den Schild über den Vater gehalten: unschädlich fiel der Baum von dem getroffenen Arm zu Boden.
      »Gut gebraut ist die sichernde Salbe!« lächelte Odhin dem Liebling zu, holte mit dem Speer aus 
       und rief laut: »Wahr ist das Wort: wuchtger als Weisheit ist der heilige Haß. So wüthe denn wieder, so wüthe denn weiter das freudige Fechten. Kämpfen in Kühnheit ist göttlich, ihr Götter! Der Sieg ist versigelt! verschlossen das Schicksals-Ende der Asen: unsicher der Ausgang: doch sicher und selig des Heldenthums Hohheit! Auf denn, von Asgardh ihr schimmernden Schaaren. Folgt eurem Fürsten! Es kämpft an des Keiles Spitze sein Speer. Folgt ihm, ihr Freudigen, fahrt in den Feind!«
      Und vorspringend an die vorderste Stelle, rief er: jauchzend den Speer unter die Riesen werfend: »Odhin hat euch Alle!« Und dem Eisenriesen Isarngrimr, dessen ganze Rüstung von armdicken Eisenringen war (und man sagte: auch seine Knochen) durchbohrte der Speer Schild, Arm, Brünne, Rippen und Herz. Brüllend stürzte der Starke.
      Und nun hob an der furchtbare Machtkampf, nur von dem grellen Licht des brennenden Waldes, von 
       Thors Blitzen und Surturs Lohe in zuckendem Scheine erhellt.
      Lauter als das Geheul der Riesen scholl Thors Lachen, wie er Steinriesen auf Steinriesen die Häupter zerschlug: aber lauter noch als Thor's Donner und Lachen der Schlachtruf Odhin's, der den Sieg als sicher gewittert hatte und nun mit rasender Wuth jeden Widerstand vor sich nieder warf, wie der Sturmwind vergeblich trotzende Eichen.
      Um Mittnacht war die Wahlstatt im halbverbrannten Walde leer von Lebendigen: die Riesen flohen in Schaaren in die Nordberge.
      Und hinter ihnen her jagte die Verfolgung der Asen: Odhin voran auf dem Wolkenroß, weit vorgestreckt den bluttriefenden Speer. 
      
    



      XV.
      Loki aber war, seit er aus der eingestürzten Brauthütte in der Funkensäule aufgefahren, unsichtbar geworden.
      Aber er war ganz nahe geblieben und hatte Alles mit angehört und angesehen.
      In Flammengestalt war er, wie der Brand den Wald ergriff, dem Eichhorn vergleichbar, von Wipfel zu Wipfel gehüpft und hatte lauschend herniedergespäht aus gegabeltem Astwerk.
      Als er Odhin's Worte vernahm, wie dieser anhub, ihn zu schelten, hatte er anfangs nur bitter gelacht. 
      
      Auch der Brand seiner Halle machte ihm kaum Schmerz: wenig hatte er von je in Walhall geweilt: er liebte es viel mehr, tief unter Midhgardh in Erdhöhlen der Berge zu hausen, wo Niemand seine Schlafstätte wußte, bis er, erwachend, in Flammen aufstieg.
      Als aber Odhin aussprach, daß er, der Vater, den Sohn verstoße auf ewig, daß Loki kein Recht mehr haben solle an ihm, da hatte Loki leise aufgestöhnt: »Halt ein, Vater! Ich liebe dich – viel mehr als ich dich hasse – ich kann nicht sein ohne dich – wirf mich nicht aus deinem Leben zu den Riesen.«
      So wollte er rufen und sich dem Vater zu Füßen werfen: – so dachte er –: aber der Trotz, der Zorn zog ihm die Kehle zusammen: er konnte nicht rufen – er konnte nur stöhnen, unhörbar, in wildem Weh.
      Das Weh ward Jauchzen der Rachewuth, als er hörte, wie die Riesen ihn feierlich aufnahmen in ihre 
       Sippe: »Jetzt hab' ich keinen Vater mehr zu lieben, knirschte er, nur eine Mutter noch zu rächen.«
      Und als er vernahm, wie die Riesen ihn zum König koren, wollte er herabfahren von dem brennenden Tannenwipfel, auf dem er sich im Winde wiegte, und vor der Riesen Schlachtreihe kämpfen gegen die Götter: – denn Muth fehlt ihm nicht, ist er doch Odhin's Sohn –: aber er warf einen Blick auf die schweren ungefügen Waffen der Riesen und auf die herrlichen Siegeswaffen der Asen: »So geht es nicht,« zürnte er. »Wartet nur, freundliche Vettern, bald bessere Waffen liefert euch Loki.«
      Da sah er, wie Bläster's, des Sturm-Riesen, furchtbare Tanne harmlos an Baldur niederglitt: und grimmigster Neidzorn füllte sogleich seine ganze Seele: »Oho,« schäumte er, »wundenfest hast du ihn gezaubert, den leuchtenden Liebling, den ehelichen Sohn, Frigg's Erstling, des Himmelreiches Edelerben? Unverwundbar? Laß sehen, ob er nicht doch tödtlich zu treffen ist –: und durch ihn –: du selbst.« 
      
      Noch einen Blick warf er vom brennenden Wipfel herab auf die tobende Schlacht – dann fuhr er in einer Rauchwolke – nach Oben: nach Breidhablik flog das Gewölk. –
      Hier saß in der leeren Halle, am Herdfeuer, des Gatten gedenkend und harrend, Nanna.
      Scheuen Sinnes hatte sie niemals, wie andere Göttinnen, die Kriegsfahrt der Asen auf der Wagenburg begleitet: und nun, da sie Baldur's jungen Erben unter dem Herzen trug, hielt sie sich scheuer als je im Hause.
      Sie saß am Herde und wirkte in den Rand eines weichen, weißen Gewandes, darein zuerst des Kindes Glieder sollten geschlagen werden, zierliche, rothe, glückbringende Runen. Das schöne, sinnige Antlitz beugte sie emsig auf ihre Arbeit: an dem Eingang der Halle brannte in eiserner Oese ein mächtiger Kienspahn, der warf ein rothes Licht auf die zarten, edlen Züge.
      Plötzlich loderte der Spahn hell flackernd: Nanna 
       blickte erschrocken empor: vor der Schwelle der offenen Thüre stand Loki.
      »Was suchst du hier, Loki?« frug sie, gleich wieder das Schiffchen durch die Fäden werfend. »Der Herr ist nicht hier.«
      »Ich suche die Frau. Gastrecht hab' ich in Baldur's Halle.« Und er trat über die Schwelle und lehnte den Speer an einen Pfeiler.
      Erröthend, beschämt sprang die Wirthin auf.
      Sie hatte nur an den Gatten gedacht und an das junge Leben seines Kindes.
      Und viel Freundschaft war nicht unter den Halbbrüdern: das wußte sie doch, so wenig sie auf Alles achtete außer auf Baldur.
      Aber, ihrer Pflicht gemahnt, ging sie nun zu dem großen Milchfaß in der Ecke der Halle, schöpfte daraus in ein darüber hängendes Gasthorn und bot es Loki dar mit dem uralten Spruch: »Trinke traulich, guter Gast! Feuer flammt am heiligen Herde: ruhe 
       dort, redlich rastend. Wie dem Hause, das du heimsuchst, so heil deinem Haupt.«
      Und sie ging zurück an den Herd und zu ihrer Arbeit.
      »Heil meinem Haupt!« wiederholte der Gast.
      Sie sah es nicht, wie er das Horn, ehe er es wieder an den Pfeiler hing, statt zu trinken, leise in das Faß entleerte.
      Er warf von jener Ecke aus einen langen, betrachtsamen Blick auf die kindlichen Züge: langsam strich er seinen schönen, flaumigen Rothbart und sprach zu sich selber: »Sie muß jeden rühren und erbarmen, der nicht – erbarmungslos geächtet ist, ein ausgestoßener Bastard. Milch giebt sie Loki zu lecken! Statt Feuer oder Blut! Sie denkt nur an den jungen Wurm in ihrem Leibe!« –
      Und er ging jetzt an den Herd und setzte sich auf dessen vorspringenden Steilwand, manchmal spielend mit der Hand in die Flammen greifend, die dann hoch auf flackerten. 
      
      »Du mühst dich da mächtig,« sagte er in seiner helltönenden Stimme, »mit dem Strang rother Wollfäden – komm, ich will sie dir halten, ein lebendiger Haspel: – du wickelst die Wolle dann leichter zum Knäul –: und gute Runen raun' ich darüber: denn ich weiß es ja doch, wen das weiche Gewand bald umwickeln soll.«
      Nanna erröthete bis unter die Haare der weißen Stirn und beugte das Antlitz tief auf das Linnen.
      Loki aber, die Arme mit dem Strang der Fäden ausspannend, sprach leise, so oft sie einen Faden von seinen Händen lüpfte: nicht alles verstand sie: aber deutlich den Schluß: »nimmer in Nacht noch bei schimmerndem Sonnenschein soll sehn dieser Sohn traurige Thränen der edeln Aeltern: nie auch sollen die Aeltern Thränen trocknen dem kommenden Kinde.«
      »Das war ein guter Wunsch«, sagte Nanna erfreut. »Ich danke dir.«
      »Laß das! Wer weiß, wofür er dankt? – – – Aber sage, du Selige: ganz ruhig waltest du hier in 
       der wonnigen Wohnung, des Friedens dich freuend? Wahrlich: du weißt nicht? Der Bund ist gebrochen: kriegerisch kämpfen unten auf Erden Asen und Riesen.
      »Ich dachte es wohl,« meinte Nanna, ruhig weiter arbeitend. Dröhnte doch Donner bis herauf in den Himmel. Fernes Feuer schien mir zu schimmern von Brandsgardh, deiner Burg. Doch zu weit liegt Loki's Halle von hier: nicht könnt' ich's erkunden.«
      »Ja, es brannte in Brandsgardh: Von Surtur gesendet flogen Funken soweit von der Walstatt. Ich verließ, zu löschen, mit Urlaub von Odhin, im Gefechte die Götter. Nun brennt es nicht mehr. Durst drängte mich her – ich danke –: er stand auf – ich eile wieder zur Erde, zu helfen den Helden, – 
      meiner Sippe Gesellen. Horch! Horch! Bis hier herauf hört man das schreckliche Schreien, das Rasen der Riesen. Sorgst du nicht um den Süßen? nicht bangt dir um Baldur? Wagend wirft sich, du weißt es, sein Muth in die Mordschlacht: Weh 
       wenn ein wilder Riese ihm zerrisse durch die Brünne die Brust.«
      Da schlug Nanna die schönen, sanften Augen auf und ihr freudig dankbarer Blick traf voll den Feind.
      Hart wie er war – nicht trug er den Blick: – er senkte die Wimpern.
      »Loki, du lieber! Oft that ich dir Unrecht, vergieb mir, du Guter. Nun seh' ich es sicher: auch du liebst den Liebling aller Edeln, trägst treu ihn im Herzen. Wer könnte auch Baldur nicht lieben? Höre denn: seufzerlos schau' ich ihn scheiden, furchtlos und froh, in die Schrecken der Schlacht. Denn der Vater hat heute voll gefeit und gefestigt mit sichernder Salbe dem Liebling den Leib.«
      Loki nickte stumm – er hatte also recht gerathen!
      Nanna fuhr freudig fort: »Eisen und Erz nun werden nicht wunden, Horn und Holz nicht hauen den Helden, Steine nicht stoßen, nicht spitze Speere noch geschlungene Schleuder.« 
      
      Da frug Loki: »Fröhlich den Feinden nun beut er die Brust! Geschirmt auch schätz' ich dem Recken den Rücken?«
      »Nichts, was nöthig, versäumte Siegvater.«
      Wild beinahe rief der Gast: »Erproben prächtig will ich das Werk, den zähen Zauber! Schaden und schänden kann dir ja künftig keinerlei Kunst den göttlichen Gatten. Zum Ruhme gereicht es dem herrlichen Helden, daß stolz er besteht vor Würfen der Waffen. Wohlan denn: ich will ihn verherrlichen helfen! Glied um Glied will ich sämmtlich versuchen mit Waffen zu wunden. Deß lachst du ja leicht, schloß er zögernd, ist er all-unwundbar!«
      Er ergriff fast drohend den Speer und schien sich wenden zu wollen. Da erhob sich Nanna, schritt auf ihn zu und ergriff dankend seine Hand zum Abschied: er entzog sie leise: »Einen Ort nur scheue und schone – ja schirme ihn schützend in Fehde mit Feinden: ungefährlich aber eracht ich's: denn er zeigt zagend, fliehend, dem Feind doch nimmer den 
      Nacken!« 
      
      »Den 
      Nacken? frug Loki, das Haupt auf sie hernieder neigend: und er schloß die Augen, ihre gierige, heiße Freude zu verbergen.
      »Wo der Wirbel wendet zwischen Hals und Haupt, blieb eine Locke wohl liegen: denn bleicher blieb hier und Heller die Haut, die rings röther gerann von dem sämigen Saft. Sprich, wirst du genau die Stelle dir merken?«
      Loki aber schritt, den Speer hoch erhebend, über die Schwelle: »Scharf merk' ich sie mir. Deß wirst du gewiß.« 
      
    



      XVI.
      Mittnacht war lange vorüber, als die siegreichen Götter heimkehrten von der Verfolgung nach Asgardh.
      Wieder war es Thor, der Wirthe wirthlichster, welcher die Genossen nach Thrudhwang lud, die letzten Stunden der Nacht bei dem Siegesbecher zu verbringen.
      Baldur warf einen Blick nach Breidhablik hinüber: das Licht im Frauengemach war erloschen, lange schon schlief Nanna.
      Er trat nun mit den Andern in Thor's Halle ein.
      Rasch hatte Frau Sif, Thor's immer freundliche Frau, die auch gegen ungeladene späte Nachtgäste 
       den Mund nicht verzieht, die Bänke reihen lassen, die Tische gestellt, die Hörner gefüllt: und bald erhub sich lärmende Freude.
      Auch Odhin schien sie heute eher als sonst zu theilen.
      Er griff in die Saiten der Harfe, die Bragi vorher zu einem lustigen Spottlied auf die Flucht der Riesen gestimmt: (da hatte es geheißen: »wie hurtig hoben und flink die Füße, laufend zuletzt, die langen Lümmel, die trägen Thursen!«) und er sang:
      »Süß ist der Sieg den Asensöhnen
       wie der Menschen mühvollem Muth.
       Alles Erfreulichen Erstes acht' ich,
       singen die Sänger in sausende Saiten:
       »sei dir selig der Sieg, du Sonnensohn!« –
       Aber ich« –
      Hier brach er, verfinsterten Blickes, rasch ab und reichte das Saitenspiel Freir. Bald verließ er die Halle.
      Baldur folgte ihm nach kurzer Weile.
      Und wieder saßen Vater und Sohn allein miteinander auf dem Föhrenhügel vor Thrudhwang. 
      
      Und wieder scholl zu ihnen herüber der Lärm des Gelages, vor allen Thor's dröhnende, breite, tief aus der Brust steigende Stimme.
      »Hörst du, frug Baldur, den Bruder! Wie er Horn auf Horn erhebt und Heil und Minne trinkt Eines und Einer nach dem Andern? Und Gelübde gelobt künftiger Thaten!«
      »Selten sah ich ihn so froh. Furchtbar hat heut' sein Hammer gehaust unter den Thursen: und heiß ward in dem brennenden Wald, in dem Dunste, sein Durst. Und nun freut er sich beider: des Sieges seiner Kraft und seines unendlichen Durstes! – Harte Arbeit haben heute die vier Wunschmädchen, die das Horn ihm füllen. – Mir ist: seine Art ist die glücklichste von Allen: treu, arglos, harmlos – wie ein Kind: dabei der Held aller Helden, froh des Gefechts, glücklich im Genuß und – ganz wie ein Kind – aufgehend im Augenblick: so sorglos der Zukunft wie vergessen des Vergangenen. 
      Wie die Welt endet? – – ob sie endet? wie sie begann? – 
       ob sie begann? – warum das Geschehende geschieht? – wenig mühet es den Muthigen. Ich wollte: ich wäre wie er.«
      »Und wer wachte dann über die Welt: Wer herrschte im Himmel und über das All?«
      »Wer herrscht heute? Doch wahrlich nicht ich. doch wirklich nicht Odhin, den zu viel Vertrauen »Allvater« nennt. Mehr weiß ich als Andere – doch viel zu wenig! Mehr vermag ich als die Meisten: doch nicht alles Böse kann ich verbieten, nicht alles Gute gewähren. Wohl den Menschen, die nicht denken! Wohl den Göttern, die genießen. Wehe dem Geist, der grübeln 
      muß. – »Warum?« und »Wozu?« – so könnte ich meine beiden Raben nennen, die unablässig mit mir flüstern.« – –
      »Vater, wie ward die Welt?«
      »Niemand weiß es. Ich glaube, auch nicht die Nornen. Denn sie wissen nur was ward, was ist, was wird. Aber mir ist – oft kam mir schon unter Zweifeln und Grübeln ein hehres Ahnen – kaum 
       vermag ich's in Worte zu fassen: – mich schauert vor Ehrfurcht bei dem Wagniß, laut es zu sprechen: die Welt ist gar nicht geworden.
      Das ist wohl der Sinn der Rune: 
      Ewig.«
      »Ich kann es nicht denken.«
      »
      Denken ich auch nicht: aber 
      ahnen.
      Kannst du einen Augenblick denken, da das Nothwendige nicht nothwendig wäre? Nein: nun sieh: das Ewige – vielleicht – ist das Nothwendige, das niemals 
      nicht sein kann.«
      Und mehr zu sich selber als zu dem Sohne sprechend, fuhr er fort: »Aber ich zweifle immer auf's Neue! Denn: was ist das Nothwendige? Das Schicksal! flüstern wir scheu. Wer aber schickt es? Oder was schickt das Schicksal? Nur das Gute? Jede Stunde widerlegt das. Warum auch das Böse? Weil auch das Böse nothwendig? Die Nornen selber, die da thronen in den noch nie betretenen tiefsten Höhlungen Hel's. in furchtbaren Schauern ewig einsamer 
       Nacht –: die Nornen selber wählen so wenig wie Odhin, was sie weben. Auch sie 
      müssen! Sie drehen den Faden: nicht, wie sie mögen: nein: – wie sie müssen. Ja, was er webt, das weiß kein Weber! – Und was wird einst das Ende von Allem? – Und wie ungleich und ungerecht vertheilt ist einstweilen das Los der Wesen – der Menschen zumal! Die Weiber wandern in die freudlose Hel –: weßhalb wurden sie Weiber? Der muthige Mann, der den Strohtod stirbt, ohne es zu wollen, desgleichen: wie der Feigling. Und wer schuf den Feigen feig! Hat er sich selber das Herz gegeben, das da erbebt vor dem Halle des Heerhorns? – Wille? welch' unweiser Wahn! Baldur und Loki, gestellt vor die gleiche Wahl, 
      müssen jener Tag wählen, dieser Nacht. Gewiß, ich kann thun, was ich will. Aber ich kann nur wollen, was ich wollen muß. – Endlich aber: – auch die Einheriar, auch alle wir Asen – droht nicht auch uns der Tod?«
      »Der Tod droht uns Allen, wie thörigen Thieren? 
       Den Einheriar, die schon Einmal gestorben? Und uns, den unsterblichen Göttern?«
      »Ich fühl's an deiner Hand, du bebst, mein Sohn.«
      »Wahrlich nicht um mich –: nicht einmal um Nanna. – Walhall mag bestehen ohne uns beide.«
      »Walhall ohne Baldur! Nie mag ich es schauen.«
      »Aber das All' ohne Odhin! schrie Baldur auf. Vater – Vater – ich flehe – sage, daß 
      dir der Tod 
      nicht droht.«
      Odhin zuckte leise die Achseln. »Er 
      muß mir drohen. Das heißt: er muß mir möglich sein. Offene Antwort nie erfrug ich mit Fragen. Doch ich las einst in Runen einen Schicksalspruch, der sagte: »Loki lebte unsterblich, wäre nicht Odhin's Speer. Und Odhin's Leben – lebt in Loki.«
      »Dunkeldeutiges wirres Wort!« seufzte Baldur. »Und du hast Loki zu den Thursen getrieben, den Riesen gereiht!« 
      
      »Nicht ich! Er sich selbst! – Ist Loki sterblich und lebt Odhin's Leben in Loki« –
      »Das kann heißen: der Vater lebt im Sohn.«
      »Aber es 
      kann auch heißen: der Vater stirbt durch den Sohn.«
      »So sollst auch 
      du sterben können!« klagte Baldur und umschlang mit beiden Armen des Vaters breite Schultern.
      »Und an 
      mich hast du die Salbe vergeudet! O warum thatest du das!«
      »Weil ich dich liebe, mein Sohn! – Giebt es solche 
      Sohnes Liebe!« fuhr Odhin gerührt fort. »Ich hätte es nicht gedacht. Der von der Quelle gelöste Tropfe dünkt sich ein Urquell so gern, des Vaters vergessend. Zärtlicher sehe ich an den Müttern als an den Vätern hangen die Knaben. Und es ist wohl gerecht. Mehr Schmerzen und Liebe als der Vater giebt meist die Mutter dem Sohn. Und es ist auch des Knaben erste Liebe zum – Weibe. Und so hängt auch der Bruder, der den 
       Namen verdient, zärtlicher an der Schwester als sie an ihm. Und es ist wohl gerecht: denn es ist des Knaben zweite Liebe zum Weibe. Die Schwester aber – es drückt sie die Größe des Bruders. Denn dem künftigen Gatten steht er im Lichte« – –
      »Vater, wie grübelst du!«
      »Ich habe Gründe, zu grübeln.«
      »Es ergreift dich Gedanke nach Gedanke – in unabsehbar gezogenem Gewebe.«
      »Wie die Welt – ein unabsehbar gezogen Gewebe!«
      »Und Tod wäre der äußerste Saum?«
      »Nun, fasse dich, Sohn. Auch Menschen sterben muthvoll.«
      »Ja: weil sie wähnen, einst weiter zu leben in Walhall: oder selbst in Hel doch die liebe Lust des Athmens zu üben. Aber, wenn einst die Menschen erkennen, daß ewige Nacht droht – denn wenn Odhin endet, endet das All'«
      »Wer weiß das, mein Sohn?« –
      »Dann wehe den Armen!« 
      
      »Ja, Wenige werden, so sorg' ich sehr, solches sinnend den Muth sich erhalten. Wenige der Männer – und nun die Weiber, die weichen! Aber mein Sohn: noch wissen wir wenig von All' unsrem Ende! Loki mag erliegen – doch Baldur mag bleiben. Bist du nicht unverwundbar?«
      »Nicht ganz, mein Vater!« lächelte Baldur. Und wohl mir! Unleidlich wäre das Leben, – wenn« –
      »Odhin erlag! Nun laß' nur, mein Liebling! – Was verdüstere ich deine helle Jugend mit solchen Sorgen! Noch thront mir, gewaltig und voller Gedanken, das Haupt auf den Schultern: noch leben wir beide und wollen des Lebens weidlich uns wehren. Sah nicht heute die Sonne seligen Sieg?«
      Und summend sang er vor sich hin: »Süß ist der Sieg den Asensöhnen.«
      »Ich hörte dich heute mitten in der Mordschlacht singen zu deinen stolzen Streichen – du hast dies Lied unter der Speere Sausen ersonnen. Aber du brachst vorhin ab –« 
      
      Wieder ernster sprach Odhin: »ich sang das »Selige« darin, als ich sah, daß der Sieg unser sei – als die Wüthigen wichen. Aber als wir von der Verfolgung zurück langsam durch den Nachthimmel nach Asgardh zogen –: da kam zu dem blühenden Beginn ein ernstes Ende. Nicht den Andern wollte ich die Weise des Schlusses erschließen, verfinsternd ihnen des Festes Freude. Wenige werden der Asen ertragen das ganze Geheimniß, das Siegvater sucht, findet er's völlig: dir aber, denk' ich, deuten zu dürfen, was ich an Weisheit allmälig gewinne: das Letzte noch lang nicht glaub' ich ergründet! Ich suche und sinne noch weiter nach Wahrheit. Ein stolzes Stück nur höre mir heute: ergründ ich noch mit Grübeln ganz das Geheimniß, das ich suche – dem Sohn nicht sei es versagt: ob es schrill und mit Schrecken verzerrt uns zeige das Wesen der Welt, daß Entsetzen uns anfaßt, Verzweiflung uns zwingt, oder ob sich das Ende versöhnlich senkt in die Seelen. Höre nun – –: »Alles Erfreulichen Erstes eracht' ich, singen die Sänger 
       in sausende Saiten: »sei dir selig der Sieg, du Sonnensohn!« Aber ich ahn' es: am Endes Ende taugt nicht Thor der Trotz und die Treue, frommt nicht Freir das geschwungene Schwert, hütet nicht Heimdall den hohen Himmel: Bifrost birst und Baldur erbleicht und auch Odhin athmet dann aus. – –
      »Fürchterlich! Vater! Nur das nicht – nur du nicht!«
      »Aber ich acht' es All' ertragbar: Sieg ist und Unsieg des Schicksals Sendung: aber uns eigen, ewig uns eigen – nicht von Schicksal noch Scheusal zu schmähen, zu schänden – kenn' ich die Kraft, die kernig kühne, den tröstenden Trotz, der das Traurigste trügt: der Sieg ist des Schicksals – Edelsinn unser: und es trotzt dem Tode der Hochsinn des Helden! Rühmen sich Riesen des rohen Ruhmes: »einst athmen sie aus, die Asen von Asgardh« – – -: wie herrlich wir Hohen haben geherrscht, wie rühmlich wir rangen mit Riesen, wir Recken –: dies 
      war doch einmal unser Wesen und Walten: keine Gewalt wird das wieder 
       verwinden: kein Schicksal schafft Geschehenes ungeschehen. So ist 
      ewig das Edle, das einmal geworden: denn es 
      war: nie verneinen das neidische Nomen.«
      »So schließt mein Gesang. Kein Jubeln, kein Jauchzen: doch auch nicht zages Verzweifeln: ernst ist das Ende, doch nicht düster. Wen'ge, ich weiß es, tröstet der Trost: doch tröstet er Tapfre: und für Feige fehlt stets, was sie stärke. – Und wer weiß? – Wir ersinnen vielleicht noch Worte der Wahrheit, die noch triftiger trösten. – Siehe, schon sinkt müde der Morgenstern: schirre das schimmernde Roß vor den Wagen, allem Lebendigen lieblich zu leuchten.«
      Und Odhin, den Sohn ermuthigend auf die Schulter klopfend, schritt hinweg gen Gladsheim.
      »Ich fahre gleich, Vater!« rief Baldur ihm nach; er bat Skirnir, Freirs Boten, welcher, beiden Göttern behilflich, des Sonnenwagens wartet, und ihm gerade denselben heranfuhr, noch auf kurze Zeit das schnaubende, mit dem Vorderhuf pochende Sonnenroß zu halten: denn er eilte sehnsuchtbeschwingten Fußes nach 
       dem nahen Breidhablik –: ihn verlangte, Nanna zu sehen.
      Leise, auf den Zehen, trat der zartschreitende Gott auf die Schwelle des Schlafgemaches.
      Schon fielen von dem glänzenden Sonnenwagen einzelne Strahlen durch das offene Fenster: aber Nanna schlummerte noch.
      Nach traumverstörter Nacht war sie erst kurz vor der Dämmerung in festen Schlaf gesunken.
      Baldur sah, auf der Schwelle stehend, bei den tiefen vollen Athemzügen ihre Brust unter der Linnendecke sich gleichmäßig erheben und senken.
      Sie sah so friedlich, so schön in ihrem Schlaf: er wollte sie nicht wecken.
      Noch einen Blick und einen Gruß der Hand sandte er der schönen Schläferin: dann wandte er sich, eilte zu Skirnir zurück, sprang auf den hinten offenen Wagen, nahm jenem die Zügel dankend aus der Hand und, indem er das Roß antrieb und der leuchtende Wagen, überallhin Strahlen schießend, nun rasch 
       emporstieg, sprach Baldur über die Welt segnend: »Leben und Liebe und labendes Licht wünsch' ich und wirk' ich Allem, was athmet!«
      *
      Fast den ganzen Rest des Winters hab' ich verbracht bis ich soweit gedieh mit dieser Geschichte.
      Denn langsam geht mein Schreibwerk und schwer.
      Ja, wenn man die Rohrfeder halten könnte wie Speerschaft oder Ruderstange!
      Aber die Schmale in den Fingern halten macht auch handmüde.
      Und schon manche zerdrückt' ich.
      Nun ist das Eis offen, seit wenigen Nächten.
      Und gestern kam das erste Schiff in den Fjordh vor unserem Gehöft.
      Und siehe, Valgardhr von Halogaland ist es, der 
       Viking: und brachte mir Gruß von dir, mein lieber Sohn: und daß es dir gut gehe in den Hallen unseres jungen Vetters, wo er den Winter als Gast verbrachte.
      Und daß du mit sieghaftem Schwert alle seine bösen Nachbarn gebändigt hast.
      Und daß sie dich gewinnen wollten, indem sie dir sechs Siebentel von seinem Gut anboten, wenn du ihnen nur ein Siebentel ließest.
      Und daß du da ergrimmtest über den Antrag solcher Schmach und nun erst recht grimmig über sie herbrachst.
      Und daß der Skalde Sighvat ein schönes Lied gedichtet habe auf dich: das Lied vom treuen Muntwalt: und dies überall singe, wohin er komme, in der Könige Hallen.
      Und daß dein junger Mündel schon sehr viel Waffenwerk gelernt habe von dir und daß du ihn demnächst sich selber schützen lassen kannst: denn fast ganz waffenreif sei er. 
      
      Und so würdest du denn schon bald zurückkehren zu deinem alten Vater, von dem du so viel redetest und rühmtest zu deinen Freunden. –
      Aber ich weiß nicht, ob du mich noch hier findest, wenn du nicht sehr, sehr bald kömmst.
      Ich schlich mich allein und unvermerkt hinaus zu dem großen Stein, unter dem seit vielen Wintern meine Aslaug, deine Mutter, schläft: und ich habe ihr hinunter geflüstert: »Treue Aslaug, höre mich! Thorbiörn, unser wackrer Sohn, gedeiht! Skalden singen von ihm und Jarle und Könige ehren ihn hoch. Höre es, Mutter, und freue dich.«
      Und da ich mich erhob von der Erde und nach dem Gehöfte heim ging, da war mir, als hörte ich – in der Abenddämmerung konnte ich nicht klar sehen – als hörte ich hinter mir leise Tritte: war es deiner Mutter Seele, die dankend mir nachschwebte? –
      Aber das hab' ich gut gesehen, daß der Odhins-Quell, der neben deiner Mutter Hügelstein aus der Kieserde bricht und der den Winter über schläft, schon 
       ganz lebendig geworden ist: nur wenig Eis mehr duldet er am Rand.
      Und das Heidekraut wird heller und die Rauschbeerenbüsche werden grüner: auch die fünf Zwergweiden, die da trotz den Stürmen gewachsen sind, – denn wenig wächst gegen den Oststurm empor auf der Insel – zeigen schwellende Knospen. Nun wird es bald Voll-Frühling.
      Und das ist gut –: denn all' unser Bergheu ist bald zu Ende und niedrig wird der Haufe von Seetang. –
      Heute hat mir Valgardhr ein Anliegen vertraut.
      Er und alle seine Segelbrüder sind Heiden. Denn sie sind aus Halogaland: da sind noch viele Heiden, weil die Waffen der beiden Könige, Olaf Tryggvason und Olaf Haraldsson, nicht so leicht dort hinauf reichten.
      Und weil er Heide, treibt er auch noch Kriegsfahrt.
      Denn das ist Christenleuten nicht erlaubt. Ausgenommen: gegen Heiden.
      Das gefällt mir aber wieder gar nicht an dem 
       neuern Königs- und Bischofs-Christenrecht. Denn ist es Unrecht gegen Christen, wie ist es dann Recht gegen Heiden?
      Und thörig ist es auch geordnet: denn, taucht ein Segel auf im Fjordhnebel, so sieht man es ihm nicht an, ob es Heiden führt oder Christen. Soll nun der Viking, wenn er es mühsam erjagt, die Leute fahren lassen, wenn sie ein Kreuz schlagen?
      Da würden Manche das Kreuz schlagen lernen, nur gegen die Vikinge.
      Valgardhr also ist Heide und die alten Götter stehen ihm mächtig bei.
      Und erzählt der Viking, der nie im Leben log, harte Dinge, wie die Christen-Könige von Norwegen die Männer von Halogaland zwingen zum Kreuze.
      Und fiel mir dabei Alles wieder ein, wie es, nach des Großvaters Worten, auch auf unserer Insel hergegangen war, als die Fremden zuerst kamen, sie zu christnen.
      Der Erste, der kam, Thorvaldr der Weitgefahrne, 
       brachte einen Sachsenbischof Fridrekr mit: am offnen Allthing forderten sie das Volk auf, die Götter unserer Väter zu verlassen: mit Hohn sprachen da die weisesten Godhen: »wie sollten wir Odhin und Thor verlassen, die Gewaltigen, die uns so oft geholfen in Kampf-Noth und See-Noth und Treue schwören diesem Fremdling vom Jordanfluß, der nie ein Schwert geführt, wie ihr selber sagt, der sich nicht einmal helfen konnte vor dem Schmach-Holz? Da schlug Thorvaldr statt aller Antwort den Godhen todt, der so geredet. Aber da mußten beide bald die Insel räumen.
      Fünfzehn Winter später kam da Stefnir Thorgilsson, aus der Sippe der Kjalnesingar hier auf der Insel. Der hatte in Dane-marken Taufe genommen und war Dienstmann des ersten Olaf geworden. Der trug ihm auf, uns zu taufen, wie man etwa einem Dienstmann aufträgt, die Bären in einem Wald auszurotten. Kühn war der Heermann, verwildert in langer Raubfahrt: er sprach: »Blut kostet's Viel: – aber mein König will's: – ich thu's«. Und fuhr 
       herüber auf unser Eiland und wenn die Bauern sagten, sie wollten nicht nach seinem Willen thun, verbrannte er ihre Häuser und Götterbilder und Tempel und riefen die Leute Gewalt, so sprach er: »was Landrecht, was Herdfriede! mein König will's.«
      Da machte aber das Allthing ein Gesetz: wer die Götter lästert oder verletzt, räumt das Eiland. Und die Klage sollte der Sippe des Frevlers selbst zustehen, (ausgenommen nur Vater, Sohn und Bruder) weil das als die ärgste Schmach gegen die eigene Sippe gelten sollte, die alten Götter zu lästern, wie wenn einer seines Vaters Gebeine verunehrt. Und mußte der Wilde die Insel räumen, verklagt von seiner eigenen Sippe.
      Da wollte kein Inselmann mehr des Königs Willen thun und uns taufen.
      Nun war aber ein Priester Dankbrand, ein Sachsmann aus Bremen, unstät, fahrig, wegen Gewaltthat flüchtig: der war König Olaf's Hofpfaff geworden. Aber die Kirche zu Mostr in Hördhaland, welche der König 
       ihm gab, trug nicht so viel, als der üppige Südmann zu brauchen sich gewöhnt hatte auf langen, abenteuernden Fahrten: Wein wollte er trinken alle Tage zweimal: und einmal über den Durst. Und weil dazu die Kirchenäcker nicht genug lieferten, fiel er plündernd, raubend, sengend in die Güter seiner Nachbarn. Da ergrimmte König Olaf doch, soweit er sonst den Pfaffen nachsah: und wollte den Sachsen des Landes verweisen. Aber Dankbrand erbot sich unter vielen Bitten, er wolle Island taufen. Das gefiel dem König sehr und er verzieh ihm die Raubbrände unter solcher Bedingniß.
      Und kam nun Dankbrand zu uns mit einem Erz-Raufbold, Gudhleifr Arason, einem Inselmann aus reichem Hause.
      Erst beredeten sie Sidhu Hallr, einen mächtigen Godhen, die Taufe versuchen zu lassen an ein Par alten Weibern, an deren Leben und Gesundheit nicht viel gelegen war.
      Und da Sidhu gesehen, daß es den Alten nicht 
       geschadet und Odhin sie nicht gestraft hatte, sprang er nach in den Taufbrunnen. Wer aber sich nicht willig zeigte, den forderte der junge, starke Gudhleifr zum Zweikampf und erschlug so viele Heiden.
      Aber noch viel ärger trieb es Dankbrand: der griff nicht zum offenen Kampf-Schwert, sondern, ohne Weiteres, wo er Heidenleute ohne Waffen traf, die ihn früher einmal abgewiesen, hob er den Hammer und schlug sie todt.
      Da sprach das Allthing die Acht über ihn: er floh zu König Olaf zurück und sprach: »kaum jemals wird diese Insel Christenland.«
      Aber bald darauf ward sie dennoch Christenland: durch meines Großvaters Spruch, wie ich schon geschrieben habe, der aus Liebe zum Lande und zum Frieden gesprochen war.
      Und weil offenbar der Himmelsgott viel stärker ist als alle andern Gewalten – sonst wäre nicht ganz Nordland christlich geworden. 
      
      Ja, so stark ist der Herr Christus, daß ihm auch solche Diener das Werk nicht verderben können.
      Aber ich wollte das jetzt gar nicht schreiben: es ist sechzig Winter her: ich wollte schreiben, was der Viking aus unsern Tagen erzählt und von Halogaland.
      Da war ein Jarl Harekr, der wollte nicht die Taufe nehmen.
      König Olaf griff ihn endlich durch Verrath.
      Er konnte ihn nun tödten.
      Aber viel lieber war ihm, daß der Mann, auf dessen Wort Viele hörten, Christ würde.
      Er bot ihm zwei Fylkir, volkreiche, guten Gerstenboden. Der Jarl schwieg.
      Er bot ihm drei, vier – endlich fünf.
      Da ward Jarl Harekr Christ: und versprach obenein, seinen Nachbar und Schwager dem König in die Hände zu liefern.
      Das war Eyvindr Kinurifa: wohl hab' ich ihn gekannt: ein tapfrer, treuer, Mann: wortkarg, aber 
       voller Runen –: einen Zaubrer schalten ihn deßhalb die Christen.
      Den lud Harekr zu sich: sie wollten berathen, wie die Götter zu schirmen seien gegen Olaf.
      Und der Heide kam zu seinem Schwager voll Vertrauen.
      Da gab ihn Harekr gebunden dem König.
      Der redete ihm zu: erst in Güte, dann in Zorn: Eyvindr sagte nur ein Wort: »ich bleibe bei Odhin.«
      Da ließ der König ihn ausziehen.
      Und ließ ihm ein Becken voll glühender Kohlen auf den Bauch stellen: und bot ihm seine Tochter, falls er die Taufe nähme: aber Eyvindr schrie nicht, obwohl ihm die Gedärme brannten: er sprach nur nochmal: »ich bleibe bei Odhin.«
      Und starb.
      Darauf fing der König den Jarl Raudhr von Godhey, einen eifrigen Opferer: er fing ihn, weil Raudhr seinen speerwunden Freund nicht im Stiche 
       lassen wollte: denn Raudhr hätte sich leicht retten können, so rasch war er zu Fuß.
      Und bot auch ihm der König Wahl zwischen Taufe und Königstochter oder dem Tod und der Christenhölle: da sprach Raudhr, obwohl er vorher alle seine gefangenen Mannen und seinen Freund Thorir den Hirsch unter grausamen Qualen hatte sterben sehen, weil sie die Taufe geweigert: »ich will viel lieber mit meinen Freunden in die Hölle als mit dir in den Himmel.«
      Da zwang der König eine Natter, dem Jarl durch den Mund in den Leib zu kriechen und sich durch zu fressen bis zu dem harten Herzen des Heiden.
      Diesen König haben sie, kaum war er dreizehn Monate todt, heilig gesprochen. –
      So wird Halogaland bekehrt: soweit die Leute nicht als Vikinge ausfahren und entweichen.
      Die Christen reden viel von denen, die erschlagen werden, weil sie den Leuten, die es nicht wollen, durch fremde Waffen das Kreuz aufzwingen. 
      
      Aber von denen reden sie selten, welche unter scheußlichen Thaten der Christenkönige und Priester sterben, weil sie Treue halten den alten Göttern. –
      Aber ich wollte ja schreiben, was Valgardhrs Anliegen ist.
      Schon vor vielen Jahren, als noch fast unsere ganze Insel im Herzen heidnisch war, hat er Odhin an dem Quell hier oft geopfert: und jeden Wunsch hat ihm Odhin erfüllt, den er unter dem Quellopfer gewünscht.
      Vor zwölf Nächten nun waren sie mit ihrem Drachen in schweren Sturm gekommen.
      Und war das zwar nur wenig schlimm gewesen.
      Denn der Drache ist fest und Valgardhr ein guter Steurer.
      Und die Haffrau – ich weiß es – war ihm von jeher hold.
      Daß nämlich die Haffrau lebt, – das weiß ich gewiß.
      Und das wird auch der Bischof nicht bestreiten.
      Und daß sie nicht nur schadet, wie des Bischofs 
       Sohn sagt, sondern auch schützt, hab' ich selber oft erfahren: so oft wir ihr ein Böcklein opferten, ward die See stiller. –
      Aber die Haffrau gebeut nur den Wellen, nicht den Eisbergen.
      Und als die Wellen sich gelegt –: nach starkem Opfer für die Haffrau – siehe – da kamen von Norden in unabsehbarem Eistreiben Eisschollen, Eisscheiben, Eisberge geschwommen: und drückten das gute Schiff zusammen, daß es laut stöhnte und ächzte wie ein Mensch in den Pranken des Eisbären.
      Und war kein Hoffen mehr: denn schon war eine Planke am Steuer eingedrückt: und Eis und Wasser drang in den Raum mit sehr starker Gewalt.
      Balgardhr drückte mit letzter Kraft seinen breiten Schild in den klaffenden, sprudelnden Spalt und flehte, den Tod vor Augen, zu Odhin und gelobte, wenn er ihn rette aus der Eisumarmung, ein Haupt-Opfer am Odhin's-Quell meines Gehöftes, wo er ihm oft schon geopfert habe. Und siehe: – kaum 
       war das Gelübde gelobt – um sprang der Wind nach Ost, trieb die größte Eisbank zur Seite und, frei von Treibeis, in schönem blauen Fahrwasser schwamm alsbald das gute Schiff.
      Und eine weiße Möwe ließ sich nieder am Fockmast.
      Nun weiß jeder, daß Hvitmar, Odhins Windbotin, im Möwenhemde fährt.
      Nicht, wahrlich, will ich bezweifeln, daß gute Gewalten Wünsche gewähren: und oft haben sich Gelübde und Opfer, bei dem Quellbronn geleistet, bewährt.
      Und das ist ganz unwahr, was neulich der Bischofssohn sagte, daß es gleich sei, an welchen Stätten man Gebet, Gelübde, Opfer darbringe: dem sprach ich entgegen: »erachten nicht auch die Christen-Priester, daß zu Rumaburg oder gar zu Jorsala Gebet, Gelübde, Opfer mehr wirke als anderswo?«
      Da mußte er schweigen.
      Wie immer das sei: – erfüllen soll Valgardhr sein Gelübde. 
      
      Das Gesetz verbietet nur den Christen der Insel das Opfer, nicht fremden Heidengästen.
      Zwar nicht Isleifr der Bischof, aber der Bischofssohn wird arg schelten: doch bis er es erführt, ist das Opfer längst gebracht, Valgardhr wieder unter Segel und ich will doch sehen, ob sie mich strafen können für das, was Andere gethan.
      Denn ich halte mein Wort und das Landrecht: ich opfere nicht mit und gehe gar nicht zum Opfer. 
      
    



      XVII.
      Sowie Baldur hoch genug am Himmel empor gefahren war, um Haralds und Frodhi's Land überschauen zu können, blickte er treu besorgt dahin. Befriedigt sprach er dann: »Eben hat Scharfauge Großauge abgelöst. Scharfauge wacht, Großauge schläft jetzt: gute Wächter sind beide.«
      Die Götter hatten nämlich nicht vergessen, daß nunmehr, da der Vertrag gelöst war, die Riesen nichts mehr abhielt, die Menschen zu befehden.
      Und war da sehr zu besorgen, daß sie vor Allen gegen Harald und Hilde würden wüthen.
      Den Göttern aber war das Recht wieder erwachsen, 
       die Menschen zu schützen: und so hatte Odhin gleich nach der Schlacht mit den Riesen Adler und Eule Auftrag gegeben, jenem, bei Tag, dieser bei Nacht abwechselnd Wache zu halten über Harald's Halle in Frodhisland, horstend in einer hohen Eiche, welche neben dem Hause stand.
      Nahende Gefahr sollten sie melden mit schrillem Schrei, der bis zu Heimdall dringe an die Regenbogenbrücke und rasch die Götter zum Schutze herbeirufe.
      Die Eiche tränkte ihre knorrigen Wurzeln in einem klaren Quell, um deß willen wohl weiland ein Ahn – wie der unsere auf Island – gerade hier die Eckpfeiler der Halle in die Erde gesenkt hatte.
      Unter der Eiche aber, so früh es am Tag war, stand schon Harald und zimmerte mit eigner Hand, obwohl er ein König war, aus abgehaunen Aesten der Eiche an einer Wiege.
      Neben ihm saß Hilde auf der um den Stamm laufenden Bank, sah ihm zu und summte, abwechselnd 
       mit ihm, leisen Gesang: »Wölbe dich. Wiege, sprach Harald unter der Arbeit, werde, du weiche, aus heiligem Holze der uralten Eiche: Frodhi früher und Frodhi's Vätern gab dein gablig Geäst willig die Wiege. Und es klettre der kluge Knabe künftig geschickt in den schwankenden Aesten der Eiche.«
      Hilde fiel ein: »Weicher wohl wiegt als die wölbende Wiege den Knaben das Knie der Mutter, so mein' ich.« – Harald fuhr fort: »Schaukelnde Schiffe, rennende Rosse werden einst wiegen rauher den Recken.« – Da schlossen die beiden Gatten zusammen sprechend: »Sei dann so sicher von günstigen Göttern vor Harm behütet der Held, wie da den Säugling sicherten in geweihter Wiege ängstlich die Aeltern.«
      Da trieb Baldur das Roß durch das Goldgewölk, welches den Wagen umgab: der volle Strom des Sonnenlichts fiel grüßend auf das Par: »Gewährt wird der Wunsch, rief Harald freudig. Das Wort wird wahr, das die Sonne gesegnet!«
      Und wahr ward das Wort. 
      
      Viele starke Söhne, viele schöne Töchter sproßten von Harald und Hilde. Eine Sippe im Nordland, in Raumariki, führt noch heute den Ahnenbaum auf Harald Halfdanssohn zurück: die Reginhers: und deren Hauptstamm ist uns alt verschwägert, aber ausgewandert aus Nordland nach Mittag: zuerst zu den Sachsmännern und jetzt wohnen sie auf Borkum, der Frieseninsel. –
      Baldur aber gedachte weiter fahrend der düstern Gedanken Odhins: wie das Schicksal über dem Willen der Götter stehe, die Götter selbst vielleicht vergehen. – Und diese Menschenseelen, die so freudig der Hilfe der Götter vertrauen!
      Zumal aber mußte er immer wieder denken an den unlösbaren Zusammenhang, die Verknüpfung von Odhin's mit Loki's Leben.
      Dies dunkle Geheimniß lag ihm schwer auf der Seele.
      Und fand er bei allem Nachsinnen keinen andern Gedanken als den: häßlich der Haß, verderblich die Feindschaft, 
       die entbrannt zwischen beiden – verderblich vielleicht auch für Odhin.
      Denn Riesenreich war kaum zu vernichten, ohne der Riesen neu gekornen König mit zu treffen – und hing nicht Odhin's an Loki's Geschick, wie umgekehrt?
      »Aber – so schloß er sein Sinnen, – seh' ich auch nicht durch das Dunkel dieses Schicksalspruches –: Eins seh' ich klar: grauenvoll ist Groll zwischen Vater und Sohn: häßlich in sich selbst, hehlte er auch nicht andern Harm.
      Ich will seh'n, ob ich nicht sie versöhne.
      Herrlich ist das Herz Allvaters – das suche der Sohn mit aufrichtiger Reue – dann wird es erweichen. –
      Und es bringe der Bruder den Bruder dem Vater zurück!
      Wo mag Loki wohl lauern? Ob die Erde ihn aufsog in den innersten Abgrund? – 
      
      Man rühmt, lächelte er, über alle Reiche blitze mein Blick: so laß mich lugen nach Loki! –
      Ihr aber, schnellschwingige Schwalben, schwirrende Schwätzer, Baldurs behende Boten, die ihr freudig flattert vor meinem Gefährt – helft mir ihn holen.«
      Und nicht lange hatte Baldur zu suchen, Loki zu finden.
      Seit er Nanna gesprochen, dürstete dieser, Baldur zu treffen.
      In eines sausenden Schweifsterns Gestalt war er von Breidhabliks Schwelle hinab geschossen auf die Erde.
      Er kam an, als die verfolgten Riesen nordwärts über Meer geflohen auf dieses Eiland.
      Am Fuße des Feuerbergs lagerten sie nun.
      Das noch zum Theil gefrorene Meer hatten sie in Eisschollen zertreten und auf diesen ungefügen Fahrzeugen mit ihren langen Stangen stoßend den Meerarm durchsteuert: Bläster der Sturmriese, als der 
       Letzte fahrend, blies ihnen günstigen Süd-Ostwind in den Rücken.
      Hier trat Loki plötzlich unter sie und sprach:
      »Verzaget nicht, ob ihr auch jetzt auf das äußerste Ende, diese arme Ecke der Welt gewichen vor Uebergewalt.
      Ihr kort mich zum König: – mit Worten nicht will ich – mit Waffen euch danken.
      Nichts Beßres zu bieten hat der Führer den Freunden als würdigre Waffen, stärkere, als die Stangen und Steine, die bisher ihr hobet, die Feinde zu fällen.
      Schaut, was ich schimmernd schuf, was ich schenke: seit wechselnden Wintern wirk' ich Waffen und Wehr. Faßt sie, ihr Freunde – denn Euer ist Alles:
      Rüste dich, Riesenreich.«
      Und er bückte sich zur Erde und strich mit dem Finger über den Steinboden hin, der ganz bedeckt war von Trümmern, welche der Feuerberg seit Jahrhunderten ausgeworfen. 
      
      Dumpfes Grollen und Krachen scholl von Unten: die Erde spaltete sich plötzlich, wo der Feuergott den Strich mit dem Zeigefinger gezogen, und in der Höhle, die sich nun aufthat, sahen die Riesen mit freudigem Staunen Waffen, Waffen ohne Zahl, aus Erz und aus Eisen schimmernd geschmiedet: Helme und Harnische, Schuppen und Schilde, lange Lanzen, schwere Schwerter und hauende Hämmer.
      Sie vergaßen ihre Wunden, ihre Müde und stürzten mit wildem Jubel auf die Waffen, welche von den leise aus der Erde züngelnden Flammen funkelnd beleuchtet wurden.
      Stolz und befriedigt übersah Loki die nun neu Gewaffneten: »geht jetzt, ihr Guten, eurer Wunden zu warten, durch Schlaf euch zu stärken hier auf dem Eiland oder in der Heimat. Ich habe für mich noch eine Waffe zu vollenden: einen spitzen Speer, daß er würdig des Werfers werde – und des zu Wundenden.«
      Wohlmeinend warnte Surtur, der eine arge Wunde 
       von Odhin's Speer im Arme trug: »Kühn bist du, König, daß du allein hier ausharrst. Weh, wenn dich von Walhall die Sieger ersehen – Alles ist offen vor Baldurs Blick – und wenn alle die Asen auf dich Einen, Einsamen fallen, die vielen Feinde.«
      Lachend die Locken schüttelte Loki: »Laß sie kommen, die Klaren. Als Wohnung mir weiß ich, als edelstes Obdach, zündende Zuflucht: keiner noch kam in dieses Felsens Feuer gefahren: es athmet drinnen nur Einer: Laß sehn, ob die Sieger mich suchen in flammendem Feuer.
      Eilet, ihr Alle, schnell zu verschwinden. Schon ahn' ich im Osten duftiges Dämmern, ein leises Leuchten. Bald bringt Baldur den Tag.«
      Rasch zerstreuten sich die Riesen in Klüfte und Höhlen; die Wasserriesen tauchten in die See, Andere schifften wieder auf Eisschollen festlandwärts.
      Denn jetzt fuhr als der letzte, hinter ihnen, in ihre als Segel ausgespannten Mäntel blasend, Nordhanvedhr, der Nordsturmriese. 
      
      Loki aber eilte in wenigen Sprüngen über Sandgeschiebe und über den Grus des mürben Gletscherschnees von dem Fuße auf den Gipfel des Feuerbergs: hier, in dessen zweigipfliger Kuppe, wo unablässig Feuer aufstieg und wo die Einfahrt in die Tiefe mündete, hier hatte er seine Werkstätte eingerichtet: und brauchte er da das Feuer nie frisch zu schüren, nur vielmehr zu dämpfen, daß es nicht allzu wild empor prassele.
      Geheimnißvoll hatte er hier viele Jahre geschafft: die Rauchwolke, welche meist über dem Gipfel des Berges schwebt, hatte ihn verhüllt.
      Oben angelangt fuhr er lachend ein: so tief in den Schos der Erde, als sich über dieser der Berg erhebt: es freute ihn, durch züngelnde Flammen zu fahren, durch quirlenden Qualm: Kein Anderer außer ihm hatte je geathmet in dem glühenden Berg: aber ihm ward hier wohl. –
      So sagt ein Spruch: »Fluth liebt der Fisch, Lohe Loki, Einsamkeit Odhin.«
      Alsbald – eben war Baldurs Wagen voll sichtbar 
       geworden, empor tauchend über den Rändern von Midhgardh – fuhr Loki wieder zu Tage, in der Linken einen eschenen Speerschaft, an dem er eine scharfe dreieckige Spitze von Feuerstein befestigt hatte: in der Rechten trug er Hammer, Meißel und Feile.
      Er warf einen Blick auf den immer höher klimmenden Sonnenwagen.
      Baldur allein stand darin: die Asen hatten nichts gemerkt von der nächtigen Waffnung der Riesen.
      Rings war alles friedlich: nichts regte sich an Asgardhs Thoren.
      »Ja, ja, lächelte Loki in seinen rothen Bart, ihr 
      taget, ihr taghellen Tapfern: wir 
      nächtigen im Nebel, wir rohen Riesen. Laß sehn, wer sichrer, besser berathen. –
      Schon oft hat der geheime Beschluß der raschen Nacht des allzuvertrauenden Tages behäbige Weisheit überrascht.
      Der Tag schafft: – die Nacht vernichtet: – was geht rascher von der Hand? 
      
      Erz oder Eisen begehrst du? sprach er zu dem schlanken Wurfspeerschaft in seiner Hand, ihn streichelnd. Sei nicht so vornehm!
      Wer weiß, ob nicht Völundr, der Schmidt, alles Erz und Eisen vereidigt hat, nicht den Sohn zu versehren.
      Stärker ist Stein als Erz und als Eisen!
      Feuerstein fand ich furchtbar gefährlich: zackig zerreißt er wilder die Wunden als Eisen und Erz – mein alter Vetter und Freund.«
      Und er setzte sich oben auf dem Berg auf den einen der beiden Felsgipfel und hämmerte, meisselte und feilte auf das Emsigste, die schon sehr scharfe Spitze des Steines noch schärfer, spitzer, bohrender zu arbeiten, gleich scharf schneidend auf beiden Seiten. –
      Während er so feilte, kam die erste Schwalbe, von Baldur entsendet, geflogen, setzte sich auf eine Felsecke, Loki gegenüber und wollte anheben, ihre Botschaft zu zwitschern: aber sie hatte den Gifthauch des Feuerschlundes eingesogen –: todt fiel sie nieder. 
      
      Loki hob sie am Fittig auf und schleuderte sie in den lohenden Schlund hinab: »Schwebe, Schwalbe, geschwind in die Höhlungen Hels. Bestelle die Stätte! Flugs folgt dein Herr hinterher.«
      Da kam die zweite Schwalbe geflogen in hohem Bogen: zutraulich setzte sie sich auf Loki's Schulter – da war sie sicher – und sang: »Ich schwirrende Schwalbe, Baldurs Botin, bringe vom Bruder dir Grüße der Güte. Mit Loki verlangt ihn Worte zu wechseln.«
      Loki, rasch die Schulter empor schnellend, verscheuchte das Vögelein: er sprach, während es erschrocken, verschüchtert, sein Haupt umflatterte: »Verlangt ihn nach Loki, sage dem Sanften, so soll er ihn suchen.
      Meine Wohnung heißt Weh: Einöde mein Obdach, Schmach meine Schwelle.
      So richten gerechte, gütige Götter.
      Geächtet von Odhin mag jeder mich morden –: aber ich auch, der Aechter, mag wölfisch mich wehren. 
      
      Verlangt ihn nach Loki, so soll er ihn suchen – es suchte sich mancher schon selber Versehrung.«
      Und ohne aufzublicken hämmerte er weiter an der Spitze des Speers.
      Aengstlich, hastig flog die Schwalbe zurück zu dem Sonnenwagen, meldete die Antwort und fügte bei: »Geh nicht zu dem Grausen! Uebel ist sein Auge. Vöglein verstehen, auf Augen zu achten.«
      »Willst du mich warnen, winziger Wächter?« lächelte Baldur und stieß in sein goldenes Hifthorn.
      Alsbald kam Skirnir im Falkenhemde durch die Lüfte geflogen und stieg in den Wagen, der gerade für zwei Lenker Raum hat.
      Baldur übergab ihm die Zügel und schoß rasch wie ein Sonnenstrahl nach West-Nord-West – Skirnir blickte ihm nach und sah ihn landen auf Island.
      Bald stand Baldur neben Loki.
      Dieser, das Haupt niedergebeugt auf seine Arbeit, schien des Ankömmlings gar nicht zu achten: nur leise 
       zuckte er den Speer empor – aber gleich wieder schliff er an dem Stein.
      »Ich grüße dich, Bruder!« hob Baldur an. »Aus Walhall kann man dich weisen, nicht aus Baldurs Brust.«
      (Das war ein Bruder! Obzwar nur ein Stiefbruder!)
      »Denke nicht, daß ich dir danke.«
      »Am Ende der Erde, im Winkel der Welt weilest du, Wildling. Und doch wäre Walhall deine würdige Wohnung.«
      »Hier bin 
      ich der Erste. Lieber Herrscher in Hel als hörig im Himmel.«
      »Hörig! Du bist Odhin's Sohn wie ich.«
      »Das eben ist's! Du bist Baldur, ›der Beste!‹ Der Erste nach Odhin, sein Edel Erbe. Was war Loki in Walhall!«
      »Ein Gott unter Göttern.«
      »Ein Knecht unter Knechten!« rief Loki und schlug heftig mit dem Hammer einen Steinsplitter ab. »Mit Baldur beräth der breitstirnige Gott: zu Baldur beugt 
       er das hohe Haupt: mit ihm raunt er Runen! Fast wie ein Feind erfuhr Loki, zuletzt, was jenem launisch beliebte.«
      »Vertrugst du sein Vertrauen? Verdientest du seinen Dank? Oft ihm entgegen arbeitetest du.«
      Laut lachte da Loki: »Wie sollte ich wohl wissen, was sein weiser Wille? Nicht meiner Treue vertraute er ihn.«
      »Im Kreise krümmen sich Wort uns um Wort. Sprich, willst du wieder wohnen in Walhall? Aus Liebe zu Loki frag' ich das freundlich.«
      Da hielt der Geächtete inne in seiner Arbeit und warf den ersten Blick auf seinen Gast –: einen blitzenden Blick: »Laut lachen muß Loki!« – aber er lachte nicht – »Liebe zu Loki! Angst um Odhin, Sorge versehrt dich. Dir bangt nicht um den Bruder: – für den Vater fürchtest du.«
      »Ich bange um beide.«
      »Für den Vater fürchte! rief der Zornige drohend. Denn wisse und wahre das Wort: Loki erlegt nur 
       Odhin's Arm. Und Odhin stirbt in der Stunde, da Loki erlag.«
      Baldur erbleichte: »Odhin erliegen! stammelte er. Sterben – der Stärkste!«
      »Gelt, Goldkopf, dir graut? Ja, auch die Götter vergehen! Und neidlose Nornen legten dem Loki, sich erbarmend des Bastards, der alles entbehret, dies Wort in die Wiege.«
      Baldur erbebte – Grauen ergriff ihn.
      Er wankte.
      Gern hätte er das Wort als eitle Drohung verachtet –: aber unnennbare Angst, ahnungsvolle, zog ihm die Kehle zusammen.
      Denn er gedachte des zweifelhaften Runenräthsels, das ihm der Vater vertraut: – dies schien der schreckliche Schlüssel.
      Er schwieg lange.
      Man hörte nur Loki's Feile raspeln an dem Feuerstein. Funken stoben viele, feurige, schlug er mit dem Hammer darauf. 
      
      Sonst war Alles öde, einsam, todtenstill auf der ragenden Bergkuppe.
      Nur manchmal flog heißer Gischt oder ein glühender Stein aus dem Schlund und fiel zischend, verlöschend, auf die Eis- und Schneefelder ringsum.
      Sonst Alles still.
      Endlich begann Baldur: »Greulich den Guten ist Groll zwischen Vater und Sohn.
      Die Sterne verhüllen ihr leuchtendes Antlitz vor solchem Frevel. –
      Wieder nach Walhall Loki zu laden ist Baldur bemüht.
      Wenig, du weißt es, weigert Odhin meiner brünstigen Bitte«.
      »Ich weiß es!« antwortete Loki bitter.
      »Du müßtest den Schwur schwören, Treue zu tragen den Asen und Odhin.«
      Loki prüfte mit dem Auge, dann mit dem Finger der linken Hand die Spitze des Speers. Nicht gleich 
       floß Blut aus dem Finger – erst als er stärker die Spitze eindrückte.
      »Noch nicht!« sagte er, kopfschüttelnd, und griff wieder zur Feile.
      Baldur aber fuhr dringender fort: »Was forderst du dafür Frieden, unverbrüchlichen, Odhin zu eiden?«
      Da sprang Loki plötzlich auf: das Handwerkszeug fiel klirrend zur Erde, nur den Speer hielt er in der Hand: »Räume mir, rief er, das Reich!«
      »Was will dies Wort?«
      »Räume mir zuvörderst den Raum an der rechten Reihe, zu engst an Odhin, auf den blanken Bänken der gastenden Götter. Mir gebührt, nicht Baldur, auf der Bank die erste der Ehren –: ich bin der Aeltere.«
      Nachdenklich sprach Baldur vor sich hin, wie mit sich selber berathend:
      »Nicht leicht wird mich lassen Odhin vom altgewohnten Ort. Er neigt so gern nahe das hohe Haupt 
       uns beiden Brüdern, bald zu Thor, dem getreuen – doch noch öfter zu mir.« – –
      Loki's Hand zuckte am Speer: »Ruhmrede ist dir nicht rathsam!« drohte er leise. Und er riß sich ein Haar aus dem Bart und zog es, nur wenig angestrafft, an der Schneide des Speersteins –: glatt durchschnitten hielt er's in Händen.
      »Nun,« sprach er, liebkosend mit der Hand über das tödtliche Dreieck streichend, »nun nenn' ich dich niedlich und nütz, du Nadel der Nornen.«
      Baldur aber hatte weiter gesonnen: »Doch ich denke, fuhr er bedächtig fort, – viel um den Frieden opfert Odhin. – Und auf Thor, den Getreuen, noch lehnt seine Linke – – . Besser, o Bruder, fänd' ich es freilich, du trachtetest thätig nicht nach dem ersten Orte der Ehre, dem prangenden Platz der gastenden Götter, sondern es suchte mit Sehnen der Sohn den ersten Ort in dem heiligen Herzen des Vaters zu finden.«
      Warm, tief, treu war der Klang dieser Worte. 
      
      Da warf Loki überrascht einen Blick des Staunens, dann des Mißtrauens auf Baldur: als er aber dessen Auge warm und weich leuchten sah, da zuckte es seltsam durch Loki's Züge.
      Er zitterte leise: eine wunderbare Wandlung schien ihn anzukommen.
      »Wär' es noch möglich, Alles zu wenden?« hauchte er leise vor sich hin. – Dann stellte er, mit rasch entschlossener Bewegung, den Speer weit von sich weg an die Felswand, trat einen Schritt näher auf Baldur zu und flüsterte mit leiser, an innerem Weh erstickender Stimme: »Wenig Witz wohnt in dir. Weißer, weißt du noch nicht, daß mein Haß gegen den Hohen nur –: verlorene Liebe. – Ehrt mich Odhin, giebt er mir Gunst, hält er im Herzen mich hoch – so wird Loki ihn lieben, lodernder als der blasse Baldur, treuer als Thor – und ihm der Mutter Zähren verzeihen. Aber der Erste bin ich überall, wo immer ich bin –: nie, gezwungen, der zweite: – auch nicht im Herzen des Vaters.« 
      
      Mißbilligend, staunend sprach Baldur: »Loki, Liebe ist frei. Was zwänge Odhin mit Zwang?«
      Da trat Loki ganz dicht an ihn heran und, nachdem er sich scheu, auch dieser Einsamkeit mißtrauend, umgesehen, lispelte er leise in sein Ohr: »Zauber!«
      Empört trat Baldur einen Schritt zurück: aber Loki in dem heißen Drang seines Herzens verstand dies nicht – er folgte ihm eifrig nach und flüsterte weiter: – »Sieh her« – und hastig, mit zitternder Hand, holte er aus seinem Brustlatz ein kleines Büchschen von rothem gehöhltem Stein –: »Gewürz und Wurzeln kochte ich künstlich: – nein – nein! Bange nicht um sein Leben! – seine Liebe begehr' ich heißer als die Flamme die Luft. Seinen Tod nur, weil er Liebe versagt. – Wohlan, erwahre das Wort, daß du Loki liebest. – Alle Abend beutst du den Becher gefüllt dein Vater –: Wohlan – träufle ihm heut' Abend diese Tropfen in den Trank, lisple dazu »Loki« – und Loki ist sein Liebling!« 
      
      Aber unwillig riß Baldur ihm das Gefäß aus der Hand und schleuderte es auf den Fels-Boden, daß es zersprang: statt Tropfen sprühten Funken heraus.
      »Niemals, du Neiding! rief er entrüstet. Durch Zauber bezwingen das heiligste Herz! Liebe erlisten! Schändlich und scheußlich!« –
      Loki war vor Zorn blaß geworden – das ist das gefährlichste Zeichen im Zorn.
      »Hab' ich dich, Heuchler? schrie er. Dir bangt nicht um den Bruder – auch für den Vater nicht fürchtest du: – nur herrschen willst du in Herzen und Hallen!« –
      Und er trat weit zurück an den Fels.
      »Lästernder Lügner! erwiderte Baldur. Niedrigen Neid nur ahnst du in Andern, wie er selbst dich versehet. Thörig traute ich deinen Drohungen, falsche Furcht um den Vater befiel mich. Wie kann, was so klein, an so Ragendes reichen! Und ist's doch undenkbar, daß Götter vergehen! Ewig ist Odhin! Unsterblich sind wir Alle, wir Asen!«
      »Glück zu dem Glauben! – – – Wende dich 
       westlich –: dort winkt dir ein Weib. Ist's nicht Nanna, die naht?«
      Und Baldur wandte sich westwärts, Loki den Rücken kehrend.
      Wirklich sah er von dort auf einer Wolke Nanna in Eile heranfliegen, die Arme erhebend mit ängstlichster Gebärde.
      Es war sein letzter Blick – bis auf einen. –
      Denn ehe er sich wandte, warf ihm Loki den Speer so stark in den Nacken, daß die Spitze vorn an der Kehle heraus drang.
      Lautlos fiel er auf das Antlitz nieder.
      »Glaubst du's jetzt, daß auch Götter sterben? Da liegt der Erste.«
      Und blitzschnell fuhr er in den Feuerberg hinab.
      Hoch auf schlug flammend daraus die Lohe.
      Aber Baldur war noch nicht todt: nur auf den Tod getroffen.
      Nanna hatte den Speer fliegen, den Gatten fallen sehn. 
      
      Mit einem grellen Schrei warf sie sich nach vorwärts von der Wolke herab auf den Berg: – ihre Hände berührten noch Baldur's Haupt –: ihr fluchendes Haar flog ihm über den Nacken.
      Aber sie war todt.
      Und todt mit ihr war Baldurs Erbe. 
      
    



      XVIII.
      Hart hinter ihr war Heimdall auf einer zweiten Wolke herangeschwebt. Auch er hatte noch in der Luft Alles mit angesehn.
      Jetzt, da er neben den beiden Gatten zur Erde sprang, lähmte ihn Entsetzen einen Augenblick.
      Dann aber setzte er sein Horn an den Mund und blies dreimal den Mord-Ruf, so furchtbar stark, so grauenhaft, daß die Erde in ihren Grundfesten schlitterte und das Horn bei dem dritten Stoß gellend zersprang.
      Und alsbald kamen von allen Seiten die Götter 
       und die Göttinnen geflogen, voller Furcht und Schrecken.
      Zuerst hatten alle nach der Regenbogenbrücke geblickt, wähnend, sie sei von den Riesen überrascht und Heimdall, der sterbende Wächter, ermordet: aber sie sahen die Brücke ungefährdet und Fro an Heimdall's Stelle Wache haltend.
      Nur Odhin hatte gleich erkannt, von woher der Schall gedrungen war: er blies, auf der Schwelle seiner Halle Gladsheim stehend, – Zukunftsrunen hatte er eben auf ihr losend geworfen! – das Gewölk, welches, aus dem Feuerberg aufsteigend, unser Eiland verhüllt hatte, hinweg: und sofort sah er und bald sahen alle Andern Baldur und Nanna wie todt auf dem Gipfel des Berges liegen. –
      Schnell, wie nur Gedanken fliegen und Götter, waren sie Alle zur Stelle.
      Nur Fro blieb auf seiner Wacht.
      Und wird nun Mancher fragen, wie das gekommen war, daß Nanna gerade jetzt hierher eilte. 
      
      Das war aber so gekommen.
      Bald nachdem Loki sie verlassen, – sie hatte seinen Scheideblick gesehen – war ihr rasch, wie Gewölk vor dem Winde zieht, Zweifel in die Seele gezogen, ob sie wohlgethan, des Gatten Geheimniß zu verrathen.
      Freilich: sie waren Brüder.
      Und Nanna wußte von keiner Feindschaft zwischen Beiden.
      Aber doch kam ihr nochmal vor dem Einschlafen Zweifel, beinah Reue.
      Gerne hätte sie wenigstens Baldur Alles gesagt.
      Aber dieser war die Nacht nicht nach Hause gekommen aus der Verfolgung der Riesen.
      In der Nacht kamen ihr böse Träume: sie sah Baldur rücklings vom Speere durchbohrt: Loki stand dabei und lachte.
      Mit einem Weheschrei fuhr sie aus Traum und Schlaf empor: sie griff nach dem Lager an ihrer Seite: es war leer. Stunden lang lag sie nun wach. 
       Erst gegen Morgen sank die Erschöpfte in tiefsten Schlaf.
      So hatte sie Baldur gefunden: er hatte sie nicht wecken wollen.
      Als sie nach seinem Scheiden erwachte, fiel ihr die Angst des Traumes wieder schwer auf's Herz.
      Hastig sprang sie von dem Lager: es war heller Tag: sie wußte, Baldur war schon mit dem Sonnenwagen aufgebrochen.
      Von Angst gescheucht wie ein Reh eilte sie aus Breidhablik nach der Regenbogenbrücke.
      Heimdall führte sie auf ihr Bitten auf der Brücke schwindelhohe Wölbung, von wo man weithin Himmel und Erde übersieht.
      Bald erschaute sie in dem Sonnenwagen an ihres Gatten Stelle Skirnir.
      Angstvoll spähte sie umher.
      Da sah sie Baldur auf dem Feuerberg Islands mit Loki Zwiesprach tauschen. 
      
      Mit steigender Furcht riß sie Heimdall, diesem unterwegs ihre Sorge vertrauend, mit sich fort gen Island.
      Heiß erschrak der Götterwächter: wußte er doch, was Nanna 
      nicht wußte, daß Loki über Nacht, geächtet, der Riesen Haupt, der Götter Feind geworden war.
      Kaum konnte der rasche, starke Gott, nachdem er Fro, den er am Eingang der Brücke traf, gebeten, ihn abzulösen, dem Fluge des Weibes folgen, welches die Sorge der Seele dahin riß.
      So kamen sie beide gerade recht, den Speerwurf Loki's zu sehen, nicht mehr recht, ihn zu hemmen. –
      Als nun fast alle Götter und Göttinnen, von dem furchtbaren Rufen Heimdalls aufgeschreckt und herbeigeholt, um die todte Nanna und den tiefwunden Baldur versammelt standen, wollten sich alle zugleich herzudrängen, zu helfen.
      Odhin aber, alle zurück weisend, winkte Frigg: »Du hast ihn geboren – du hast das nächste Recht: hilf mir«. 
      
      Langsam, leise mit schonender Hand, wie man ein krankes Kind auf den Armen wendet, hob der mächtige Gott Baldur vom Boden empor und legte ihn, das Antlitz von Nanna abgewendet, mit dem blassen Haupt auf den Schos der Mutter, welche weinend, aber wortlos, auf den harten Felsen sich niederließ.
      Baldur vermochte nicht, die Augen zu öffnen: »Du bist es, Vater, hauchte er leise, ich hörte deine Stimme. Und das an meiner Wange, das ist deine Hand, liebe Mutter – ich kenne sie –: Nanna aber ist wohl todt – sonst hielte sie meine Hand. Der Schrei, den ich vernahm – es war ihr Todesruf um Baldur.«
      Alle Götter und Göttinnen weinten.
      Odhin stutzte sich mit aller Macht auf seinen Speer. Er bebte vor Schmerz, so daß auch der Speer bebte.
      »Er kann doch nicht 
      sterben? fragte leise Thor, ihn am Arme zupfend: kein Gott stirbt.«
      »Todt liegt Nanna die Göttin!« sprach Odhin. 
       »Und um Baldurs Augen lagern dieselben Schatten, wie auf Augen der Menschen, bevor sie sterben.«
      Und er beugte sich wieder über den Wunden, legte ihm die Hand aufs Herz – da stockte der Schmerz augenblicklich – und sah scharf nach der Wunde.
      »Wenn er sterben 
      kann, muß er sterben, sagte er leise zu Thor. Aber er wird wohl noch leben, solang der Speer in der Wunde steckt.«
      »Vater,« rief Thor, den Hammer erhebend, »wir müssen ihn rächen.«
      »Das wollen wir. Heimdall, kannst du beschwören, wer diesen Speer geworfen, der Loki's Hausmarke trägt?«
      »Bei deinem heiligen Haupte,« sprach Heimdall: »Loki warf den Speer.«
      »Wohin wich er?« frug Thor sich aufrichtend.
      »Hierhinab! In den Feuerschlund ist er gefahren.«
      »Dahin kann Niemand ihm folgen,« sprach Bragi. 
      
      »Kein Athmender trüge die Gluth,« sprach Tyr.
      »Und – schlimmer – den giftigen Qualm,« warnte Freir.
      Odhin warf einen Blick auf Thor: »ich fahre hinab, sprach er, Baldur zu rächen.«
      »Und ich folge dem Vater,« rief Thor.
      Entsetzen faßte alle Götter und Göttinnen: »Soll ich heute zwei Brüder und den Vater verlieren?« klagte Freia, die Zarte.
      Frigg aber sprach, das Blut, das langsam aus Baldurs Wunde sickerte, mit ihrem weichen goldnen Haar hemmend, »Laß sie, Tochter: besser verderben alle drei, als daß Baldur liege ungerächt.«
      »Komm denn, Thor, mein Sohn! hinunter! auf Leben und Tod!«
      *
      Ich dachte nicht, daß außer mir mein Gehöft noch Männer berge, die so treu der alten Götter gedenken! 
      
      Auf dem schmalen Vikingdrachen muß Raum gespart werden: wenig, fast gar kein Opfergeräth hat Valgardhr an Bord.
      Wir sorgten, wie er das Opfer ausrichten solle, ohne Blutkessel und Mischkrüge mit den Opfer-Runen.
      Da winkte mir Knut, mein Knecht, der uns berathen gehört, und flüsterte: »Lieber Herr, nicht sorge um das Opfergeräth!
      Als des Bischofs Gebot erging, alles Opferzeug auszuliefern, um es zu zerschlagen und einzuschmelzen, – da habe ich deinen Befehl nicht ganz erfüllt.
      Dir widerstrebte es, die Schalen, daraus dein Vater oft gespendet, selbst auszuhändigen.
      Mir trugst du es auf!
      Aber ich, obzwar nur Thor der Knechte Gott, nicht Odhin, habe doch wie Thor's so Odhin's und Frigg's Opfergeräth, das heißt: das beste, das dein Vater bei'm Großopfer brauchte, geborgen am Gestad in der Klippenhöhle, die nur du kennst, dein Sohn und ich. 
      
      Ich hole sie: mit jauchzendem Herzen, daß sie noch einmal dienen dürfen den alten Göttern.« –
      Ich hab' ihn gestraft, weil er ungehorsam gewesen war: ich verbot ihm Mittag den Speck.
      Aber ich hab' ihm gelohnt, daß er an den Göttern hing und an meinem Vater: ich gab ihm mein eignes Horn voll Ael zu trinken. –
      – Das Schneehuhn streicht immer höher die Gletscher hinauf.
      So wird es nun bald stärker und stärker thauen in der Niederung. – 
      
    



      XIX.
      Stark schirmte und wehrte sich der Feuerkönig in seiner Feuerburg.
      Sowie die beiden Rächer durch den trichtergleichen Eingang abwärts glitten, schlug ihnen entgegen gelber Dampf von eitel Schwefel, dessen Dunst sie fast betäubte.
      Sie hielten den Athem an – und drangen weiter.
      Nun umgab sie finsterste Nacht: jeder Schein von Licht aus der Oberwelt war hinter ihnen erloschen.
      Sie tasteten im Dunkeln, reglos, rathlos.
      Endlich griff Odhin in einen Spalt, eine schmale Felsritze, kaum breit genug, ihn seitlings durch zu lassen. 
      
      Als auch Thor – mit Mühe – sich hindurchgezwängt, zischte ihnen siedheißes Wasser von unten her entgegen, wie es der Berg oft auch aus seiner Gipfelhöhle wirft: hat doch solch Siedwasser und Erdfeuer zugleich vor wenigen Menschenaltern den Hof zu Dynskogar zerstört.
      Entgegen dem heißen Strahl stiegen sie abwärts, oft ausgleitend auf den glatten, nassen Felsplatten: abwärts, immer tiefer, dahin, wo ein dünner, aber heller Lichtstreif jetzt sie lockte.
      Sie schritten dein Glanz entgegen, der in der Ferne aussah wie ein einziger Stern von finstrem Nachtgewölk umrahmt.
      Schon besorgte Odhin, es sei das Tageslicht, der Berg hier durchbohrt und Loki in's Freie entwischt.
      Aber als sie näher kamen – dumpfes Rauschen unterirdischer Wasser brauste tief unter ihren Füßen, – erkannten sie: es war nicht das Tageslicht, sondern viel röther. 
      
      Es war aber eitel Feuer: es füllte den Grundkessel des Berges: Loki's letzte Zuflucht.
      In breiten Strömen wogend, bald in Garben sich hoch aufbäumend, bald in immer höher steigenden Zackenwellen empor lodernd, bald wie eine Brandung empor spritzend flüssige Gluth-Tropfen – denn viel Eisen schwamm da, weiß glühend geschmolzen, – fluthete das Feuer prasselnd, flackernd, sieben Mannslängen tief.
      Und wie der Lachs den Wasserfall hinab und hinauf schnalzend sich schnellt und sich im Sprung überschlägt in wohliger Lust am Wasser, wie die Lachmöve im kreisenden Fluge jauchzt vor wohliger Lust an der athmenden Luft – – so tummelte sich, springend und schwimmend, bald heraushüpfend, bald tauchend in den tiefsten Grund, mit wohliger Lust am Feuer Loki.
      So wie seiner Thor ansichtig ward, fuhr er auf ihn los, ihn zu greifen. 
      
      Aber Loki warf ihm mit der Hand eine Feuerwelle in's Gesicht, daß Thor's wallender Bart, ja die Wimpern ihm versengt wurden: geblendet wich der Donnerer zurück, aufschreiend vor Wuth und Weh.
      »Haha, lachte Loki, sich überschlagend im Feuer, wie mundet, Brüderlein, Loki's Willkommtrunk? In, Bruderliebe ist nicht so heiß als Feuer! Was ist heißer als Feuer?«
      »Vaterliebe und Vaterzorn!« rief Odhin mit furchtbarer Stimme, daß der hohle Berg erdröhnte. Er ließ den Speer fallen und sprang mitten in die Gluth: mit beiden Händen griff er Loki.
      Dieser wand sich wie ein Aal in seinen Fäusten: aber der Rächer ließ nicht los: er drückte ihm die Kehle zusammen, daß Loki der Athem stockte – da stockte auch sofort des Feuers Athem: – es erlosch plötzlich.
      Odhin aber schleppte, den Speer mit der Linken wieder aufraffend, den fast Erstickten an den nächsten Spalt, bis zu welchem Thor zurückgewichen war. 
      
      Hier ergriff der Donnergott den Gefangenen: »ich werde ihn halten,« sprach er: »durchbohre ihn mit dem Sperre.«
      »Nein,« erwiderte Odhin: »Gericht, nicht Mord! Er muß hinauf!«
      Und den kaum mehr Widerstrebenden zogen nun und trugen an Händen und Füßen gefaßt die beiden Starken aufwärts, den Weg, den sie gekommen.
      Nur einmal noch rüttelte Loki furchtbar an den vier Fäusten, die ihn hielten: als er, durch den Trichter des Eingangs auf die Oberwelt emporgehoben, Baldur liegen sah.
      Da hätte er fast sich losgerissen.
      Aber mit einem Schrei der Wuth stürzten nun alle Götter, da sie den Mörder erblickten, auf ihn zu: mit der Doppel-Eisenkette, welche Heimdall im Gürtel trug, Asgardh's Thüre von innen zu sperren, ward er an Händen und Füßen gefesselt, so daß er kaum einen Schritt schreiten konnte. 
      
      So zerrten die Asen ihn vor Baldur's bleiches Antlitz.
      Odhin war schon vorher von dem Gebundenen hinweg geeilt zu dem Todtwunden und hatte dessen Haupt sanft höher gelegt.
      Sowie Loki's Blick auf die Wunde fiel, schoß das Blut in Strömen heraus.
      »Das Blutgericht, das Bargericht!« riefen alle Götter und Göttinnen.
      »Nicht ist mehr mein Zeugniß noth,« sprach Heimdall: »das Mordblut selbst hat gezeugt.«
      »Es hat sich ganz umsonst bemüht,« lachte Loki. »Keinerlei Zeugniß bedarf's bei geständigem Mund. Ich hab's gethan, ich thät's nochmal: und reden wird man von dieser That so lang –«
      »So lang Frevel verflucht wird,« fiel Odhin ein. »Gereiht zum Gericht, zu tagen im Thing sind die Götter gesammt. Ihr habt gesehen und gehört: er ist schuldig: welch Urtheil findet ihr dem Mörder?«
      »Den Tod!« riefen alle Götter zugleich. 
      
      »Das Urtheil ist gefunden – er selber wird's nicht schelten. Wagst du's zu schelten?«
      Loki zuckte die Achseln. »Thut wie ihr müßt: wie ich gethan.«
      »Ich habe sie Beide gezeugt, den Mörder und den Gemordeten. Wer hat näheres Recht – so frag' ich die Urtheilfinder – den Spruch zu vollstrecken?«
      »
      Du sollst ihn tödten!« riefen Alle außer Thor.
      Baldur mühte sich vergeblich, zu sprechen.
      Und Odhin hob den Speer.
      Furchtlos, ohne Zucken der Wimper, sah ihm Loki in's Auge: »Stoß zu,« sprach er, »ungleich liebender Vater.«
      »Nein,« rief Thor und rührte an Odhin's Arm. »Wild war ich vor Wuth da unten im Berge –: hier verkühlte mein Zorn – nicht der Vater soll den Sohn tödten. – Auch ich mag es nicht thun, der Halbbruder. Laßt irgend einen ihm nicht verwandten meinen Hammer auf ihn werfen!« 
      
      »Haha,« höhnte Loki, »hast du schon wieder vergessen, daß dein Hammer mir nichts anthun kann?«
      »Laß sehn,« sprach Odhin, neu ergrimmend, »ob nicht dich tödtet auch der Speer, dem alles Leben erliegt –: solche Siegrunen haben die Nomen mir darauf geritzt.«
      »Runenweiser ist keiner als Odhin,« lächelte Loki. »Und die Runen, von Nomen geritzt, liest niemand als du. So lies denn, was hier über Loki's Herzen geritzt steht.«
      Im Ringen mit den Göttern war sein rothbraunes Wamms in der Mittelnath zerrissen – weit klaffte es auf der Brust auseinander.
      Sich vorbeugend sah Odhin über der Herzstätte in rothen Strichen Runen geritzt.
      Er las: »Loki, Laufeja's Sohn, in die Wiege dir werfen wir neidlose Nomen dem armen Enterbten: es taugt, dich zu tödten, mit Speeres Spitze, Odhin allein.«
      »Wohlan!« rief Odhin und hob wieder den Speer. 
      
      »Lies weiter,« lächelte, bedeutsam mahnend, Loki.
      »Odhin aber stirbt in der Stunde, da den Sohn er versehrt.«
      Da fiel Entsetzen auf Alle, die das hörten.
      Frigg vergaß des sterbenden Sohnes auf ihren Knieen: sie schrie laut vor Schreck: sie wollte aufspringen: aber gehemmt durch die theure Last sank sie wieder auf den Fels.
      »Sei's drum«, sprach Odhin, ernst und edeln Zornes voll: »ich räche Baldur.«
      Und er faßte fester den Schaft des Speers.
      Da klang, Alle erstaunend und erschreckend, eine herzerschütternde Stimme:
      »Vater, halt ein!«
      Es war Baldurs Stimme.
      Mit großer Anstrengung hatte er von dem Schos der Mutter das Haupt erhoben: flehend streckte er beide Hände aus: »Ich flehe dich an! Was wird aus der Welt, wenn Odhin endet? Und wir wissen's nun wohl: auch Götter vergehn.« 
      
      Und er sank zurück.
      »Wer weiß! Loki lügt, so lang er lebt,« zweifelte Hönir, der Meergott, der jenen bitter haßte.
      »Aber die Nornen lügen nicht,« antwortete Odhin. »Ich kenne die Runen, die keine Hand als ihre ritzt.
      Es 
      ist ihr Schicksal-Spruch.«
      »Und das erste Stück,« fiel Thor ein, erwies sich schon als wahr: mein Miölnir, der Alles zertrümmert, fiel wie eine Feder auf sein Haupt, den Helm nur zerhauend. Das zweite Stück: – – wahrlich wir wollen nicht wagen, zu prüfen, ob es unwahr.«
      Odhin sprach traurig sinnend: »Unlieb und lästig, leid ward mir das Leben, da Baldur erblaßt! Weh über die Welt! Ihr Licht ist erloschen, ihr Lenz ist verloren. Trauer und Trübsal dämmern nun dunkel, nahen nun nächtig all über das All. Am liebsten ließ ich das Leben, sühnend den Sohn.«
      »Und wer wacht über Walhall, wenn Odhin erlag?« frug Thor. »Wahrlich, ich wenig Weiser, nicht 
       wüßte die Welt ich zu wahren noch die guten Götter, mir sämmtlich gesellt. Was wiegen wir Alle gegen Odhin den Einen? Krieger sind wir, kühne, doch kunstlose Kämpfer – als Feldherr führt uns Alle der Eine. Arme sind wir Alle, hurtige Hände – aber Odhin das hohe Haupt!«
      »Starb der Starke, rief Heimdall, bald werden nach Walhall, brechend die Brücke, reiten die Riesen!«
      Aber Odhin schwieg noch immer, leise das Haupt schüttelnd.
      Da flüsterte Baldur, der ihn errieth: »Nicht taugt es, den Tod sich selber zu suchen: Odhin – Allvater.«
      »Starb der Starke, weh über die Welt!« riefen alle Götter und Göttinnen zumal.
      Schweigend auf den Speer gelehnt, mit geschlossenen Augen war Odhin für sich sinnend gestanden.
      Nun sprach er, aufblickend: »Ich will ihn nicht tödten – er ist mein Sohn! Und das Ende des Alls, – wohl wär' es nicht weit, wenn der Vater 
       des Sohnes Blut vergoß – schrecklich genug, daß Bruder den Bruder erschlug. Sage, Loki, warum thatest du diese That?«
      Da trat Loki, verstrickt in seinen Banden, mit Mühe einen Schritt gegen Odhin vor, hob die beiden, in ihren Ketten klirrenden Arme gegen ihn empor und sah ihm in's Auge: tiefes Weh durchzuckte sein schönes Antlitz, das Odhin so wundersam glich: »Warum ich das that? Ich will es dir sagen! Aus Liebe zu dir.«
      Ein Aufschrei entrang sich allen Göttern – Odhin trat einen Schritt zurück: – aber Loki folgte ihm in seinen Fesseln.
      »Nicht Hohn ist das, wie ihr Andern wähnt! – Seht, Odhin hat es verstanden – denn er erbleicht! – Ja, aus Liebe zu dir, aus lodernder Liebe! Oder, was dasselbe, im Wort nur gewechselt: aus Eifersucht auf den Blondkopf, der deinem Herzen am Nächsten, wie am Nächsten sein Goldgelock deiner Schulter beim Male war. – 
      
      Ich bat ihn, mir dein Herz gewinnen zu helfen –: er aber verschüttete mir den köstlichen Trank, daran ich gebraut Jahre lang: – er selbst, eifersüchtig, mißgönnte mir deine Liebe.«
      Finster sprach Odhin, die Augen halb schließend, wie er pflag in tiefer Erregung: »Grauen und Abscheu wecktest du stets mir! – Jetzt jäher als je! – Liebe erzwingen! Immer mahntest du mich und jetzt mehr denn je, mit diesem Wort, mit diesem Werk mahnst du mich an –«
      »An meine Mutter und an deine Schuld!« schrie Loki in wildestem Weh, wie ein gequältes Thier, mit gellendem Schrei, daß die Felsen des Berges widerhallten und alle Götter erschraken.
      Heißes Roth schoß da über Friggs Wangen.
      Baldur zuckte: »Loki – schone den Vater!« so bat er.
      Aber Loki fuhr fort, mit laut gellender Stimme: »Hat er meiner Mutter geschont? – Ha, sprach ich 
       endlich das Wort, das ich Jahre lang im Herzen verschlossen, ringend zwischen lodernder Liebe und heißestem Haß? – Bebt und erblaßt ihr, unfreie Asen, weil endlich Einer gewagt hat, eurem Götterkönig, eurem edeln Allvater, eurem weisen Walhal-Walter mit dem heiligen Herzen, die Wahrheit zu werfen in sein allzugewaltiges Antlitz? Ha, starke Wollust dieser Stunde! Sie vergütet jahrelanges Leid! Freier bin ich in meinen Fesseln als alle ihr Asen, die ihr euch rühmt, mich zu richten: freier bin ich: denn euch bindet Bangen vor Odhin, euch Alle: ich fürchte nicht die Furchen und Falten seiner stolzen Stirn, ich trotze ihm in meinen Ketten! Hört und schaudert und –«
      »Schweig, Lästerer!« rief Thor und wollte ihm mit dem Mantel den Mund verhalten.
      »Laß ihn reden, sprach Odhin dumpf. Er steht vor Gericht: so laß ihn sagen, was er für sich zu sagen hat.« –
      Und er trat abseit von Loki: leiser Schauer rüttelte 
       ihn wie ein böser Gedanke: er zog den Schlapphut tiefer in das Antlitz.
      »Es gefiel euch nicht, hob Loki an, was ich sagte: aus Liebe zu Odhin ermordete ich Baldur? So hört denn, ob euch mein andrer Grund besser gefällt: ich rächte meine Mutter, das einzige Herz, das den Loki geliebt. Den Anmaßer meines Erbes, den Räuber meines Rechts räumte ich aus meinem Reich: denn, waltete Recht im wonnigen Walhall – so war ich, nicht Baldur, der Edelerbe von Asgardh.«
      »Thor, mein starker Sohn, rief Frigg, stopf ihm den Mund!«
      Aber Baldur streichelte mit matt erhobener Hand besänftigend ihr Kinn.
      »Hört, fuhr Loki fort, ihr redlichen Richter, hört eine alte Geschichte.
      Dreißig Winter ist sie alt –: aber oft und oft hat die liebe Mutter, bis sie starb, dem Knaben davon erzählt – achte, Odhin, denn 
      du weißt sie am 
       besten! ob ich mir sie gemerkt – laß mich nicht lügen, red' ich nicht richtig. –
      Nicht von den andern Mädchen und Weibern will ich reden, die der Wandrer gewann zu seiner Lust in jungen Tagen.
      Schön war er immer, obzwar nie so schön wie jetzt: denn von Jahr zu Jahr mehr muß ich es lieben, in sein verhaßtes Antlitz zu schau'n.
      Schön war er: und wonnestark und geheimnißvoll: und seine Stimme konnte so weich bittend flüstern und werben, wie des Abendwinds schmeichelndes Weh'n.
      In ihm aber loderten wilde Gluthen: und gar nicht gefiel ihm, sie zu zähmen. –
      So zog er durch Himmel und Erde, durch alle neun Welten, von Asgardh und Alsheim durch Midhgardh nach Niflheim hin, ein wegfährtiger Wandrer.
      Nicht als der Götterkönig, dem Frigg verlobt war als Braut –: verkleidet zog er mit Schlapphut und Mantel: und wo er kam, da lächelten sie, wo er 
       schied – da fluchten die Frauen. Denn keine widerstand ihm, die er begehrte und versuchte mit der weichen, der herzbethörenden Rede. Man sagt, manche Männer tragen weibergewinnenden Zauberring: Odhin brauchte keinen: der Zauber lag in seinem Blick, in seinem Wort, in seiner all-fort reißenden Gluth.
      Ich schweige der Andern, ich schweige auch Gunlödhs – da zuckte Odhin leise, – von der er doch selber gesungen in seinem stolzen Liede: »Gunlödh schenkte mir in goldner Schale einen Trunk der theueren Tropfen. Uebel vergalt ich gleichwohl der Guten, ihres heiligen Herzens glühender Gunst. Schwerlich entrann ich des Riesen Rache, wenn die Holde nicht half. Den Riesen beraubte ich mit Ränken des Meths und ließ Gunlödh sich grämen.«
      Und von jeder trug er davon gesteigerten Stolz auf die eigene Siegesgewalt. Gut gedieh das ihm selbst und den seligen Göttern.«
      »Ja, fiel Bragi ein: nicht nur sich selber, den Göttern und Menschen zur Wonne gewann er die 
       Gabe Gunlödhs, der Dichtung Gedanken, den seligen Gesang.«
      »Aber Eine war,« fuhr Loki fort, »eine Riesenjungfrau, die hatte er nicht gewonnen, der glühende Werber.
      Schöner war sie als alle Weiber der Alfen und Menschen: – ja, ihrem Sohne schien spät noch die Sieche schöner als Freia und Frigg und alle die Asinnen Asgardhs!« –
      Eine Thräne trat in Loki's Auge: aber er knirschte mit den Zähnen und fuhr fort: »Oft hatte der Wanderer zugesprochen in der schlichten Felshöhle, wo Leiti der Riese, hauste und seine hochbrüstige Tochter mit dem dunkelrothen Haar, das wie ein Feuerstrom fluthete über ihre milchweißen Schultern. Fuhr sie mit den lichten Händen in dies Haar – so sprangen knisternde Funken heraus.
      Aber weislich kam er nur, wann er den Vater auswärts wußte auf der Jagd oder bei den goldengehörnten weißen Rindern. 
      
      Gleich den ersten Abend, da sie dem Wandrer, dem wegmüden, den Trank gereicht hatte frischer Milch der untadligen Kühe, hatte sie den durstig Trinkenden entzündet.
      Und nie vergeblich drang ja der Blick des suchenden grauen Auges in Frauenherz.
      Aber als sie am Abend dem heimgekehrten Vater ihren wunderbaren Gast beschrieben: seinen dunkelblauen Mantel, seinen grauschwarzen Schlapphut, seinen wirren Bart, das grübelnde, bohrende Auge, das gewaltig schöne, gedankendurchleuchtete Antlitz: und als das unschuldige Kind erzählte, wie er sie zum Abschied auf beide Augen geküßt und auf den üppig schwellenden Mund – aber viel anders denn der Vater: wild und wie zornig und als ob er ihr ein Leid anthun wolle, daß sie erbebte, daß ihr heißer Schreck durch Mark und Glieder schoß und die Sinne fast ihr vergingen –: da erkannte Leiti, der alte Riese, welch furchtbarer Gast in seiner Höhle gegastet! – 
      
      Und er warnte sie und sagte ihr, daß es Riesengeschlechts tödtlicher Erbfeind war, der Riesenmänner Durchspeerer, der Riesenjungfrauen Zerstörer, Odhin, Asgardhs arglistiger, falscher, treuloser König und der verhaßten Asen, dem sie den Gasttrunk gereicht hatte.
      Und er erzählte ihr Gunlödhs Geschichte und befahl drohend: nie wieder dürfe sie diesem Wandrer Zwiesprach gewähren.
      Und hing sein riesig großes Auerstier-Horn auf in der Höhle und gebot, in dies Horn solle eilig sie stoßen, wann je der Gefährliche wieder komme: auf des Hornes weithin dröhnenden Ruf werde, wo immer er weile, der Vater heranrauschen in Geiergestalt und sein Kind beschützen.
      Werde sie aber dem König der Wolken je wieder den Mund bieten, ja nur einen Finger der Hand, so werde er sie verfluchen mit furchtbarem Fluch und werde sie zertreten mit eigenem Fuß als Riesenreichs Verrätherin, als von fremdem Gift erfüllten Wurm. – 
      
      Erst weinte Laufeja bei diesen heftigen Worten: nie hatte der zärtlich liebende Vater so zu ihr gesprochen.
      Dann aber ward sie sehr zornig und sprach: »Vergißt du, Vater, mein Heldenthum? Wer wirft weiter den Speer, wer schleudert weiter den schweren Stein in all Riesenheim als deine Tochter? Habe ich nicht im Spiel des Ringkampfes alle Riesenjungfrauen hingerungen? Sechzehn Sommer zählte ich erst, als ich in der Schlacht zu Skaradal mich dreier Walküren erwehrte und den Asen Hermodhur ins Knie warf. Meinst du ich fürchte Odhin?«
      Aber der Riese schüttelte schweigend das Haupt.
      Und so oft er die Höhle verließ, zog er eine Kette vor den Eingang und sprach einen Bindezauber darüber: den konnte von Außen niemand lösen: nur die Jungfrau selbst, von innen, konnte die Kette sinken lassen. – –
      Und gut war das mit der Kette.
      Denn das mit dem Horn half nicht. 
      
      Wohl griff das Kind, als der Wanderer das erste Mal wieder um die Eckwand des schmalen Felsenganges bog, heiß erglühend vor Schreck, Zorn – und ach! vor geheimer Freude – hastig nach dem Horn, setzte es an den Mund und blies darein mit aller Kraft: – aber der Fremdling hatte nur den Zeigefinger verbietend erhoben: – und kein leisester Ton drang aus der Mündung: er lehnte sich auf den Speer und lächelte: »die Lüfte dienen nicht gegen ihren Herren!«
      Laufeja aber erbleichte, da sie den Mächtigen so vor sich stehen sah, mit dem Siegeslächeln auf dem bärtigen, übermüthigen Mund.
      Sie vergaß ihren Haß.
      Aber nicht ihren Stolz.
      Unzerrissen blieb die Kette, so stark und zornig der Glühende draußen dran zerrte – ungelöst, ungelockert von innen so schmeichelnd er warb und bat.
      Grimmig drohte er, mit dem Hauch seines Mundes die Felsen über ihr Haupt zusammen zu blasen: 
       sie aber sprach: »begraben kannst du mich: – nicht mich bezwingen, arger Gott.«
      So wenig nun Laufeja dem Werber nachgab, so wenig sagte sie doch dem Vater, daß der Wanderer wieder und wieder kam.
      Sie fürchtete, sonst werde der Vater immer zu Hause Wache halten.
      Und sie fühlte sich ja sicher hinter ihrer undurchbrechbaren Kette: und sicherer noch hinter dem Trotz ihres Herzens.
      Und ach! sie konnte schon der Lust nicht mehr entrathen, in dies unergründbare Auge zu schau'n und zu lauschen dem Wohllaut dieser weichen, herzerweichenden Stimme. –
      Und währte das Wochen und Monde so fort.
      Da ward Ansage getroffen für eine große Schlacht der Riesen und Asen auf der Hangar-Heide, hart vor dem Engpaß der Felsberge, in welche Leiti's Höhle gehauen war. 
      
      Alle Riesen und reisigen Riesinnen zogen entgegen den Göttern zur Feldschlacht.
      An ihres Vaters Seite ritt, auf weißem Roß, Laufeja die Jungfrau: aus der Sturmhaube mit den weißen Mövenflügeln wallte, wie ein Königsmantel, ihr dunkelrothes Haar auf den schimmernd weißen Nacken. In eherne Brünne hatte sie gepreßt die stolzen Brüste, die mächtig wogenden. Ein schmaler Goldschild hing an der linken Schulter: die Rechte schwang den schlanken Speer: Handbeil, Kurzschwert und noch ein ganz kleines Feuersteinmesser staken in dem jungfräulichen Gürtel.
      Alle ihre Vettern und Gesippen jauchzten, da sie die herrliche Jungfrau erschauten: der Riesenmädchen dreißig koren sie zur Führerin. –
      Furchtbar tobte die Schlacht auf der felstrümmerüberstreuten Heide: und furchtbar ward der Riesen Verderben.
      Bei Tagesgrauen waren sie hervorgebrochen aus dem nur mannsbreiten Felsenspalt, welcher Mitternachtseits 
       den Eingang Thursenheims bildet, Mittagseits mündet auf die Hangar-Heide.
      Und ging da jene Schlacht, wie fast alle Schlachten zwischen Riesen und Asen:
      Ungeheure Uebermacht erlag trotz trotzigster Tapferkeit zuletzt rascherem Muth, besseren Waffen, geistüberlegner Feldherrnschaft.
      Lange raste der Kampf sonder Entscheidung.
      Die Thursen starben, wo sie standen: sie wichen keinen Fußbreit und konnten keinen Fußbreit Raum gewinnen auf der steinigen Heide.
      Da brach plötzlich, wie aus den Wolken herabgestiegen, von dem Mitteltreffen der Asen her in das rechte Horn der Riesen eine frische Schaar Einherjar, in dicht gedrängtem Keil – der Ordnung, welche Siegvater die Seinen gelehrt. –
      Bis dahin stand die Schlacht –: jetzt ward die Schlacht ein Morden.
      Grauenhaft wüthete unter den zersprengten Jötunen der Führer jenes Stoßkeils, das Antlitz verhüllt vom 
       geschlossenen Schreckenshelm, auf dem zwei gewaltige Adlerschwingen sich vorwärts sträubten: auf seinem achtfüßigen Grauroß holte er die raschesten Flüchtigen ein und Steinriesen, Sturmriesen, Wasserriesen, Eisriesen, Reifriesen, Bergriesen, Feuerriesen durchbohrte der schreckliche Speer.
      Die Felsen hallten wider von dem Gebrüll der Wuth, der Scham, des Wehs der Fliehenden, Sterbenden.
      Es ging zu Ende. –
      Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht hatte der Kampf gewährt. –
      Schon lange sah der Mond aus zerfetzten, jagenden Wolken, welche der starke Wind vor sich her trieb.
      Nicht anders trieb die Thursen nun vor sich her, unersättlich in des Sieges Wollust, Sieg-König. –
      An Laufeja vorbei wankte, nach dem Felsenpaß zurück, ihr Vater, von Blut überströmt das Antlitz und den Leib: »Ich trotzte Tyr: vor Freir und Fro nicht floh ich: aber ach! Odhin's Speer hat mich 
       durchspeert. Ich sterbe zur Stunde. Dort durch den Engpaß führ' ich noch das flüchtige Volk. Dich seh ich noch heil: Du – decke die Deinen – die Wenigen. Wunden, die mit mir entweichen – rette der Deinigen müde Reste.
      Fluch über Odhin!«
      Und er verschwand hinter ihr im Finstern: ein Häuflein seiner Gesippen schleppte sich hinter ihm nach. –
      Laufeja blickte rund um sich her.
      Es war Nacht und nächtiges Dunkel: nur das Licht des Mondes fiel manchmal grell auf die Walstatt: aber immer verschwand es gleich wieder hinter fluchenden Wolken.
      Nach allen Seiten hörte sie das Siegjauchzen der Götter, der Walküren, der Lichtalfen, der Einherjar, das Wuthgeheul der fliehenden Riesen.
      Nur nicht nach ihrer Seite und dem Engpaß hin trieb die Verfolgung: denn von der Mitte nach Rechts hin hatte der Keilstoß Odhin's die Riesen getroffen: die 
       Jungfrau aber hatte auf dem äußersten linken Horn ihres Heeres gefochten: so war hier keine Verfolgung: nach rechts hin von ihr hinweg jagten Besiegte und Sieger.
      Laufeja suchte die Freundinnen zu erspähen, welche sie geführt: aber sie sah sich einsam: sie rief Viele mit Namen: keine gab Antwort: erschlagen waren sie alle oder geflohen.
      Sie schauderte: plötzliche Kälte zuckte durch ihr Mark: und oberhalb des Schildes, an der linken Schulter, spürte sie stechenden Schmerz: sie griff danach mit der rechten Hand – denn ihre Linke hielt den Zügel – und sie griff in Blut, ein Pfeil hatte sie gestreift schon vor geraumer Zeit: sie hatte es nicht gemerkt.
      Erschauernd wollte sie das Roß wenden: aber Fluga, die treue Stute, gehorchte nicht: weder dem Zügel noch dem Schenkeldruck (denn rittlings, nicht seitlings, wie Menschenweiber zumeist, ritt die Riesin) noch kosenden Zuruf: – unbeweglich stand das sonst so lenksame Thier: noch einmal zog sie den Zaum 
       an: da brach das Pferd sterbend unter ihr zusammen: mit Mühe machte sich die Reiterin los: ein Walküren-Wurfpfeil stak in seinen Weichen.
      Noch einmal strich sie dem edeln Roß über Haupt und Mähne, – oft hat sie mir's erzählt – raffte einen zweiten Speer vom Boden auf und eilte, den Engpaß zu gewinnen.
      Ueber Felstrümmer – über erschlagene Freunde, über Waffen und Rosse stolperte sie aus dem blutigen Weg, unter dem unsichern Mondlicht.
      Schmerz brannte sie, grimmiger Schmerz, um den verlorenen Sieg, um den Vater, um so viele Gesippen.
      »Ich rette den Rest – ich schütze die Schlucht!« sprach sie, Wehmuth und Grauen überwindend.
      Als sie die Felswand erreicht hatte, trat sie in die schmale Oeffnung der Schlucht: sie war müde: sie wollte sich auf einen breiten mosigen Felsblock niederlassen: aber sie tastete auf einen Todten, der dort auf der Flucht das letzte harte Kopfkissen gefunden: 
       sie konnte das Gesicht nicht sehen: denn schwarze Wolken standen wieder vor dem Mond: aber ehrfurchtvoll ließ sie den Gefallenen ruhen: und lehnte sich nur an den Felsenpfeiler. –
      Sie nahm den Helm ab und blickte in den tief dunkeln Himmel empor: nur einzelne Sterne lugten aus dem Gewölk: sie heftete das Auge fest auf die ewig Schweigenden und frug: »Warum? – Warum erliegen die Riesen, die redlichen, die Recht-umfriedeten, die alten Eigner der Erde? Aelter ist unser Recht als der Götter, treuer sind wir, stärker, besser: – warum erliegen wir? Warum? – Ach, weil Odhin der Arge, sagte der Vater, allüberall siegt über Männer und Weiber! – – Fluch über Odhin!« –
      Und Thränen traten in's Auge der Jungfrau – Thränen des Wehs und des Zorns.
      Da vernahm sie plötzlich, von rechts her, wohin Flucht und Verfolgung sich gewälzt, den Hufschlag von zwei Rossen, welche windschnell nahten.
      Zwei Flüchtlinge? Oder zwei Feinde? – 
      
      Sie faßte den Speer fester und bog das Haupt spähend aus dem Felsenspalt nach vorwärts.
      Hell trat der Mond aus den Wolken: sie sah über die ganze Haugarheide hin: und ganz deutlich auch sah sie, daß nicht zwei Rosse nahten, nur Ein Reiter: aber achtfach fiel seines Rosses Hufschlag.
      Auf sprang die Jungfrau, drückte den Helm in die Stirn, zückte den Speer:
      »Odhin!« flüsterte sie vor sich hin. »Es ist Sleipnir, sein achtfüßiger Hengst!«
      Sie zitterte: aber nicht vor Furcht: vor Zorn und Haß. –
      Und näher und näher, über die schweigende Heide, stob heran der furchtbare Reiter.
      Auf Felstrümmer trat, auf todte Feinde ohne Straucheln des Hengstes Huf.
      Im Wind flog sein dunkler Mantel weit hinter ihm her.
      Lautlos, gespenstisch wie ein Schatte, wie eine 
       Nebelgestalt drang er heran: denn Sleipnir's Hufe hallen nur wenig.
      Da, wo der schmale Bergpfad sich steiler gegen die Felsen hob, sprang er ab: reglos stand sofort das Roß wie fußgefesselt.
      Er aber raunte mit sich selber: so nahe der Mündung der Schlucht, daß die Lauscherin, die sich hinter dem Eingangspfeiler barg, jedes Wort vernahm. –
      »Schlechter Feldherr, schalt er sich selbst, der so schwer geschlagenem Feind nicht jeden Rückzug sperrte! – Schäme dich, Frigg's Bräutigam! – Nach jagtest du blind, in der Wollust der Siegverfolgung, den Flüchtigen über die Heide.
      Aber nicht Alle doch flohen, wie ich sie jagte, von Aufgang und Mittag gen Niedergang. Hier diesen Paß, der nach Mitternacht führt, mußte ich sperren!
      Schäme dich, Odhin, noch immer zu jung! – Viele wohl entkamen durch die Schlucht nach Leiti's Gehegen. Nicht fand ich ihn unter den Todten. Und doch, mein' ich, traf ihn, mein Wurf. Und was ward 
       aus Laufeja, der Feuergelockten? Fern, zu meiner Rechten, sah ich sie vordringen gegen der Lichtalfenschar und die Walküren. – Was ward wohl aus der Ueppigen? – – Ich muß durch den Paß, die hier Entflohenen verderben! – Wo ist wohl Laufeja?«
      »Hier ist Laufeja!« rief die Jungfrau in Heldenzorn.
      Und mit dem Ruf flog sausend ihr Speer.
      Und nicht fruchtlos flog er.
      Odhin's Schwertarm traf er, streifend, sehr stark: der goldne Armring, bei welchem der Gott schon so manchen Eid geschworen, barst: nicht schützte den Argen das Gold, durch so viele zweifelhafte Eide geschwächt: Haut, Fleisch und die mächtigen Sehnen zerriß die scharfe Steinspitze: reichlich sprang ihm sein eigen Blut in den Bart, und, durch das Helmgitter, in das Gesicht.
      »Laufeja!« rief er, berauscht von Sieg und Zorn, von Wunden-Schmerz und heißem Begehr. »Das sollst du büßen! Blut für Blut!« 
      
      Er stürmte vorwärts, ohne das Schwert zu ziehen: den Speerschaft hatte er neben Sleipnir in die Erde gestoßen: er würdigte das Mädchen nicht einmal so vieler Vorsicht, den Schild vom Rücken auf den Arm vor zu werfen.
      Da flog ihr zweiter Speer: nur unsicher hatte das wechselnde Mondlicht das Ziel ihr gezeigt: aber sie traf doch den hohen Adlerhelm gerade auf des Vogels Halsbug: der Helm klirrte zur Erde: frei sichtbar ward das gewaltige Antlitz –: und das ward ihr Verderben! – –
      Sie sah ihn: schön wie nie: berauscht von Sieg und Zorn, strotzend von verhaltner Kraft, von verhaltner wilder Gluth geschwellt: voll zeigte der Mond des nah Andringenden Züge.
      Die Jungfrau erschauerte vom Wirbel bis zur Sole: leises, süßes Grauen wollte ihr die erzitternden Glieder lösen: sie überwand es.
      Sie griff nach dem schweren mannsdicken Felsstein, der neben ihr lag: nicht leicht war er aufzurichten 
       aus der Erde, in welche er tief seine Zacken gebohrt, Kröten und Würmer bedeckend seit Menschenaltern: als drittes Geschoß, furchtbarer als die Speere, wollte sie ihn schleudern.
      Der Todte, der darauf lag, bedeckte ihn mit dem Haupte: sie schob ihn hinweg: hell fiel der Mondguß auf dies Haupt: »Mein Vater!« schrie sie und im nächsten Wimperzucken flog der wuchtige Felsblock, von beiden Händen geschleudert hoch im Bogen auf den bergan emporstürmenden Feind: rasch deckte nun dieser das Haupt mit dem Schild: aber der spitzzackige Stein, von der Wuth der Rache geworfen, schlug zertrümmernd durch das siebenfach gelegte Auerstierleder, schlug durch das erzbeschlagene Eichenholz der Schildwölbung und traf, einbohrend und quetschend, den Schildarm.
      »Meistert Maid den Mann oder Mann die Maid?« rief heißgrimmig der Blutende, schleuderte den Schild vom Arm zur Erde und sprang, wie der Luchs auf das Reh, auf die einsame Jungfrau. 
      
      Hell blitzte ihr kurzes Handbeil, das sie aus dem Gürtel gerissen, des Vaters Geschenk, mit der haarscharf gemeißelten Steinschneide über Odhin's Haupt: und beinahe – ein kleines nur fehlte – beinah hätte man damals schon erfahren, daß auch Götter sterben. – –
      Gerade mit Mühe noch haschte er am Knöchel ihre Hand: aber ein wenig hatte die Spitze ihn doch gestreift – du weißt fortab, treffliche Frigg, wo deines Gemals linkes Ohrläppchen verblieb. –
      Weit flog aus des Mädchens Faust vom zornigen Gott gerungen das Steinbeil: es fuhr gegen den Fels, wo es in hundert Splitter zersprang.
      Den Knöchel ihrer rechten Hand hielt er nun im unabschüttelbaren Griff: aber blitzschnell hatte ihre Linke das kurze Dolchschwert aus der zierlichen Scheide gerissen und sie zückte es hoch gegen sein Auge.
      Jedoch nun faßte das Gelenk ihrer Linken des Feindes furchtbar starke Rechte wie mit eherner Zange: und da prallte in engstem Ringkampf Leib gegen Leib. 
      
      Mit gellendem Schrei des Entsetzens – es war der erste heiße Schreck, der sie ergriff – erwehrte sich die Jungfrau des Ansturms des Mannes; alle Riesinnen hatte sie im Ringspiel niedergerungen, auch manchen der Lichtalfen und Einherjar: aber was ihr hier entgegendrang von Kraft und Ungestüm –, das überstieg all ihr Erwarten und Ahnen.
      Sie bebte vor leise rüttelndem Grauen.
      Einmal noch gelang ihr fast, ihre linke Hand frei zu machen.
      Furchtbar bedrängte sie der mächtig vorgestemmte Schenkel des Ringers, der sie nach rückwärts umzuwerfen drohte –: kaum noch hielt sie sich aufrecht: da, mit einer raschen Zuckung der Finger, die das Dolchschwert noch immer fest hielten, glückte es ihr, die nadelschmale Spitze des Steindolches durch die Schuppenringe des Wams-Schoses ihm in das nackte Fleisch des Schenkels vor dem Kniee zu stoßen: noch einmal spritzte des Gottes Blut empor: aber sofort schlug er ihr die geballte Hand so wild an die 
       Felswand, vor der sie rangen, daß sie laut aufschluchzte vor Schmerz: ihre Faust öffnete sich kraftlos: das Dolchschwert entfiel ihr.
      Bittere Thränen des Schmerzes und der Ohnmacht traten ihr in's Auge: da fühlte sie seinen Athem ganz dicht vor ihrem Mund: ein neues nie gekanntes Grauen verdrängte ihr Schmerz und Zorn: Rührung, süßes Weh überkam sie: »Oh warum muß ich ihm erliegen?« seufzte sie. –
      »Weil du mich liebst, Laufeja!« hauchte es ihr entgegen und ein markdurchdringender Kuß brannte auf ihrem zuckenden Munde. –
      »Halt ein, flüsterte sie, Gnade! Gnade!«
      Schlaff sanken ihre Arme herab, widerstandlos.
      Odhin ließ ihre beiden Knöchel los.
      Ihre goldene Brünne, geborsten unter dem Druck des Ringer's, fiel in zwei Stücken von ihrer Brust.
      Sie griff noch nach einem kleinen, nur fingerlangen Messer, das sie im Gürtel trug – ungewiß, 
       es gegen des Feindes oder gegen die eigene Brust zu richten.
      Aber Odhin, zuvorkommend, zog in wüthendem Zorn an dem Gürtel, daß er zerriß und sammt dem Messer an ihrem Gewand nieder glitt.
      Mit den beiden gewaltigen Armen umschloß er nun, das Ringen erneuend, die mächtig wogende Brust des Weibes und bog die schwer Athmende nieder.
      Die Füße versagten ihr: ihre Sinne taumelten, schwanden: sie schloß halb die Augen: wehrlos, widerstandlos sank sie zurück.
      Der Sieger aber rief, sie sanft niedergleiten lassend: »Mein bist du, holde Unholdin. Mein Weib sollst du werden zur Stunde!«
      »Odhin! Allüberwältiger! Dein Weib!« hauchte sie frohlockend.
      Und wußte nicht weiter von sich und der Welt. –
      *
      
       Sie erwachte, weil der scharfe Morgenwind sie biß, der der ausgehenden Sonne die Wolken vom Wege weht.
      Sie fror.
      Der Thau lag reichlich auf ihrem verwirrten Haar, trof von dem losen Brusttuch den Hals hinab.
      Sie fuhr empor, sich aufrichtend, sich schüttelnd.
      Doch blieb sie noch sitzen, die Linke auf die Felsplatte spreitend, darauf sie geruht hatte, mit der Rechten langsam das fluchende Haar zurück streichend.
      Sie besann sich.
      War das Alles ein Traum, ein schwerer, süßer?
      Der Blick auf das nahe Schlachtfeld, – denn es war hell genug – auf die umher liegenden Waffen, auf ihre zerbrochene Brünne, den zerrißnen Gürtel, ihr im wilden Ringen zerknittertes Gewand bezeugten: es war kein Traum.
      »Odhin!« rief sie in wildem Weh der Liebe: »Odhin – mein Geliebter – mein Gatte – wo bist du?« 
      
      Sie sprang nun auf vom Boden und sah weit umher.
      Sie war allein – ganz allein –: nichts regte sich auf der weiten Heide – nur die Geier stießen aus den Lüften auf die Todten herab: und in weiter Ferne flogen zwei Raben, verschwindend, von ihr hinweg nach Mittag.
      »Odhin's Gedanke! Odhin's Erinnerung! sie fliehen von mir!«
      Mit beiden Händen fuhr sie in ihr rothes Haar und das Haupt rückwärts beugend schloß sie die Augen.
      Sie konnte nicht weinen.
      Als sie den Blick wieder aufschlug, fiel er auf die Felsen zu ihren Füßen: mit weitgeöffneten Augen starrte sie furchtbar an, wie drohend, ihres Vaters Antlitz.
      Sie stürzte neben ihm in die Knie: »zertritt mich, schrie sie, lieber, todter Vater.« –
      Lang lag sie so. 
      
      Endlich erhob sie sich, trug mühsam Felssteine zusammen – und wölbte sie über die halb ausgerichtete Leiche.
      Lang währte das Werk: es ward ihr unsäglich schwer: denn all ihre Kraft war von ihr gewichen. –
      Die Sonne stand hoch, als sie fertig war: sie wollte die beiden Stücke ihrer Brünne aufheben: sie schienen ihr so schwer: – sie ließ sie wieder fallen.
      Nur den zerrissenen Gürtel las sie auf: und müde, todtmüde schlich sie davon, Mitternachtwärts: ihr mühreicher Weg ging über Felstrümmer, über todte Freunde, die auf der Flucht ihren Wunden erlegen: ein zerbrochener Speer war der Stab, auf den sich die Wankende stützte. –
      *
      Oft noch damals und oft noch später rief sie, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht: »Odhin! Odhin! komm, mein Geliebter! komm, mein Gemal! 
      
      Aber nur die harten Felsen ihrer Höhle – keine Kette war mehr davor gespannt – gaben ihr Antwort. –
      Denn hoch und herrlich in Walhall thront »Allvater!«: es dringt wohl nicht eines jammernden Weibes Schrei so hoch. –
      Oder dringt er auch durch die Wolken: – Odhin hört nur, was hören er will. –
      Eilfmal hatte der Mond gewechselt: da kam, von Mitternacht her, an den Fuß der Regenbogenbrücke, wo sie im Osten aufsteht, auf Erden, ein sehr bleiches Weib gewankt.
      Das trug auf dem Rücken ein kleines längliches Linnenbündel, sorgsam verwahrt, mit einem zerrissenen Gürtel zusammengeschnürt und über ihrer Brust vorn verknotet: auf einen gebrochenen Speer stützte sie den müden Schritt.
      »Führe mich vor Odhin,« sprach sie zu Heimdall, dem Wächter des Brückenwegs. 
      
      Aber dieser schüttelte das Haupt und sprach: »Odhin spricht heut niemand von Midhgardh. Denn ein großes Fest wird heute in Asgardh gefeiert. Hörst du sie jauchzen?«
      »Ein Fest. Welches Fest?«
      »Heute vor neun Monden hielt Odhin Hochzeit mit Frigg: und heute vor drei Stunden hat sie ihm den ersten Sohn geboren, Baldur: den Erben des Himmelreichs und seiner Krone.«
      Da fiel das Weib stöhnend auf ihr Gesicht, wie todt.
      Heimdall aber richtete sie auf und labte sie aus seinem Meth-Horn.
      So trank Laufeja von Frigg's Hochzeits-Meth.« – –
      »Hätte ich gewußt,« fiel hier Heimdall ein, »was Unheils in dem Bündel stak, ich hätte Bündel und Unheil zertreten. Dann lebte jetzt Nanna und Baldur wäre heil.«
      »Fast ebenso hätte beinahe Laufeja gethan freundlicher Vetter,« fuhr Loki fort. »Sie sagte mir, als sie sich aufgerafft hatte und zurück schlich nach ihrer Höhle, 
       ergriff sie das Kind und wollte ihm an dem nächsten Felsen den Kopf zerschmettern.
      Aber das Kind – oft hat sie mir's erzählt – schlug die Augen auf: es waren Odhin's graue Augen: sie küßte mich und ließ mich leben.
      Und zog mich groß und pflegte mich und liebte mich, wie nur vaterlos Kind von Mutter geliebt wird, mit tausend, tausend Thränen. –
      Und als mir der erste Zahn durchbrach, wiegte mich die Mutter wehmüthig in meiner Wiege, des todten Riesen altem Lindenschild, und sang dazu halb weinend:
      »Keinem Kinde auch ärmster Aeltern
       fehlt es völlig an zärtlicher Zahn-Gabe:
       es kommen dem Kleinen Vettern und Freunde
       und es müh'n sich die Muhmen, ihm Schönes zu schenke»:
       Spielzeug zum Spaße, kleidsame Kleider.
       Aber du, Armer, erdarbest des Allen.
       Dein Vater heißt Falschmann,
       heißt Wehewind, heißt Nirgend und Niemand: 
      
       Nicht Maid, nicht Mannsgemahl heißt deine Mutter,
       Mangel heißt sie und Harm,
       dein Bruder heißt Bastard,
       deine Schwester Schande,
       Noth deine Niftel, –
       und ach, nur Zähren dein Zahngebinde!«
      Und sie beugte das Haupt über die Schildwiege und weinte bitterlich.
      – Sie erhob sich, weil ihr plötzlich die Sonne verstellt war: schwarze Schatten fielen in die Höhle: sie blickte auf; drei hohe ernste Frauengestalten in langfaltigen Gewänden standen vor der Wiege.
      »Die furchtbaren Schwestern! schrie die Erschrockene und verdeckte die Augen mit der Hand. Was bringt ihr an diesen Ort des Wehs?«
      »Wiegengaben, Zahn-Gebinde deinem Knaben!« sprach die Aelteste der Nornen, eine Greisin von silberweißem Haar in grauschwarzem Gewände. »Nie fast entsteigen wir der ewigen Tiefe, wo unser Brunnen rauscht. Nur wenn übermäßig Weh geschieht auf 
       Erden, solche Ungleichheit des Loses, daß das Ebenmaß der ewigen Ordnungen wankt, dann tauchen wir auf aus der schweigenden Nacht. Wir können nicht wenden das Geschick, das wir nur schauen, nicht schaffen. – Wir können nicht wehren noch wenden, was da wird: aber wir können hinzulegen. Urdh ward ich in Urzeiten genannt: Alles Vergangene weiß ich: ich weiß, wie dies Kind gezeugt ward: darum stieg ich auf und kam.«
      Da schwieg die Greisin: und die zweite Schwester hob an, eine stattliche Frau im Sommer der Jahre: braun fielen ihr die Zöpfe auf das blaue Schulterkleid: »Verdandi bin ich geheißen: Alles was ist, alle Gegenwart schau' ich: heute schenken alle Götter und Göttinnen Baldur, dem der erste Zahn durchbricht, glänzende Gaben: acht Hallen in den acht Welten empfing er von den Asen: aber als neunte in Asgardh von Odhin Breidhablik, das herrliche Haus voll ewigen Frühlings: dieses Kind ist unbeschenkt: darum stehe ich hier.« 
      
      Da schwieg die Frau: und die dritte Schwester hob an, ein sproßendes Mädchen von erst keimender Fülle: fröhlich flatterten ihre goldnen Locken um das satgrüne Helle Frühlingsgewand: »Skuld werd' ich heißen, so lang Welten wachsen: alles Kommende kenn' ich«. Und sie warf auf die Wiege einen scharfen, hellen Blick, unter dem das Kind – weinend – erwachte: vergeblich suchte es die Mutter zu beschwichten. Mit erhobener Stimme fuhr das Mädchen fort: »ich sehe auch, wie zahlreiche Zähren dies Kind, das jetzt weinend in der Wiege sich wälzt, dereinst wird fließen machen: ich sehe die Thaten des Mannes werden: darum werde ich von hier nicht weichen, bis ich den Schwestern, die allzugütig walten werden, gewehrt; auch ich werde zu ihren Gaben zu legen: ein Damm ihres unmäßigen Erbarmens werde ich sein.«
      Da sprach die Erste und legte die Hand auf mein Haupt: »ich lege ihm. daß er vor Allen reiches Haar habe.« 
      
      Und die zweite sprach: »ich lege ihm, daß er herrlich gelocktes Haar habe.«
      Aber die Dritte wies befehlend mit dem Finger auf den Kopf des Kindes und sagte: »aber ich lege ihm, daß es brandroth wird.«
      Und sprach die Erste wieder und strich über des Kindes Antlitz: »ich lege dem Knaben in die Wiege, daß er schön sein soll vor Andern.«
      Und die zweite fuhr fort: »und ich lege ihm, daß er allen Frauen gefällt.«
      Aber die dritte fiel rasch ein: Aber ich lege ihm, daß er nie ehelich Weib gewinnen soll.
      (Und wohl weiß ich nun, daß nach andrer Skalden Singen Loki doch Eheweib gewann: und mein Vater selbst hat die schöne Sage von Sigün gesungen und ihrer Treue: aber, wie ich schon einmal hier schrieb, ungleich gehn unter den Heidenleuten diese Geschichten, bald so, bald so: ist doch auch Loki nach manchen Skalden nicht Odhin's Sohn, sondern sein Bruder, nach Andern gar nicht mit ihm versippt, sondern eines 
       Riesen und einer Riesin Ehesohn: und war das bei den Heidenleuten nicht Sünde, so oder so zu sagen.)
      »Ich lege ihm, daß er von allen Riesen am längsten lebe.«
      »Ich lege ihm, das er von allen Asen am längsten lebe.''
      »Ausgenommen Odhin!« zürnte die Dritte.
      »Ich lege ihm, daß ihn keines Menschen Waffe versehre.«
      »Ich lege ihm, daß ihn selbst nicht Thor's Hammer verfehle noch irgend eine Waffe der Götter.«
      »Ausgenommen Odhin's Speer. Und ich lege ihm, daß er stirbt von Odhin's Speer.«
      »Aber ich lege ihm, sprach die Zweite, daß er vorher lang lebe unter den Asen als ihres Gleichen.«
      »Und ich lege ihm, sprach Urdh, furchtbar ernst, daß Odhin stirbt mit ihm, in der gleichen Stunde.«
      Und ritzten mir mit goldner Haarnadel den Spruch auf die Brust und versanken in die Tiefe der Erde. – – 
      
      Und wahrlich, ob Baldur acht Hallen empfing und als neunte in Asgardh Breidhablik, das herrliche Haus – reicheres Zahngebinde, so rühm' ich, wurde dem Bastard, Loki, Laufeja's Sohn.
      Und so wißt ihr denn nun – denn ihr habt mich gefragt – warum Loki Baldur erschlagen.«
      Alle schwiegen: eine große Stille ward; Frigg's Wangen waren geröthet; sie senkte die Augen aus Baldurs bleiches Haupt.
      Da frug Odhin laut: »In einer Stunde konnten wir sterben – zugleich: kein Nornenspruch scheint das zu wehren: warum hast du nicht 
      mich zu ermorden getrachtet?«
      »Weil ich dich liebe, Vater! schrie Loki in Qual und Weh. Noch viel heißer als ich dich hasse. Ich aber, ob ich hier in Ketten vor dir stehe: – Ich bin 
      doch dein Erstgeborner!
      Mein ist des Himmels Erbe: Rache nahm ich für meine Mutter, die in Siechthum starb nach zehn Wintern voll Wehs, Rache an dem Allvater, der nur 
       für seinen Sohn Loki niemals Vater war: – nein, niemals!
      Denn auch als meine Mutter gestorben war – was geschah?
      Als sie fühlte, daß sie zu sterben kam, da schleppte sie sich noch aus unserer einsamen Felshöhle heraus unter den offnen Himmel: und, sich aufrichtend gegen Mittag hin, wo Asgardh ragt auf goldenen Balken, rief sie mit letzter Kraft: »Odhin! Odhin! nimm deinen Sohn! höre mich, Odhin!«
      Und sank zusammen und war todt.
      Dieser Schrei drang 
      doch durch den Himmel, drang durch Walhalls Wonnen bis an Odhin's Ohr: und urplötzlich ergriff mich sein Adler und trug mich rauschend durch die Wolken nach Asgardh.
      Und lange habe ich Frigg Dank getragen, daß sie, obzwar sehr zornig zuerst, mir aus ihrer Götterbrust drei volle Züge gönnte ihrer götterstarken Milch – Bragi säugte sie eben, – als Willkomm in Walhall. – 
      
      Dem zum Dank habe ich über zwanzig Jahre mich zurückgehalten, Baldur ein Leides zu thun, wie ich doch heiß verlangte. –
      Und der Götterkönig gab mir Gewalt über das Feuer in allen Welten, ausgenommen in Riesenheim, gab mir eine Halle in Asgardh und reichte mir rothe Ringe genug von gleißendem Golde. –
      Aber nicht gab er seine Liebe –: und nicht den ersten Platz neben ihm: vielmehr Baldur: mir, seinem Erstgebornen, nur den zweiten auf der Bank, in seinem Herzen aber und in seinem Rath: – gar keinen. Sein Herz – ich konnte es nicht erzwingen: – aber den Vordringling, der auf meinem Erbsitz saß, den legte ich nieder.
      Lieber hätte ich ihn gefällt in offnem Zweikampf, zum Holmgang ihn fordernd auf einsamer Insel.
      Aber Odhin zwang mich, ihn zu morden.
      Denn unverwundbar hat er ihn ja gesalbt.
      Ausgenommen an dem kleinen Fleck, der im Kampf unerreichbar. 
      
      Und wäre er im Kampf gefallen – unter den Einherjar wäre er ja wieder aufgelebt, wieder der zweite in Walhall.
      Er sollte mir aber hinunter: – nach Hel!
      Darum mußte er kampflos sterben.
      In Hel mag er der Erste sein: – ich weiß, 
      ich komme nie nach Hel.
      Nun thut an mir nach Macht und Haß: nur nennt es nicht Recht und Gericht. Schuldig ist nicht der Pfeil, sondern die Sehne, die ihn schnellt: Schuld ist nicht an Baldur's Blut meine heutige That auf dem Feuerberg: Schuld ist die That Odhin's, die er gethan vor dreißig Wintern auf der Haugar-Heide.«
      Und wieder ward große Stille: man hörte nur Baldur's tiefes Athmen.
      Endlich trat vor aus dein Kreise der urtheilenden Götter Tyr, der Kriegsgott: er stützte auf den Knauf seines nackten Schwertes, das er vor sich in die Erde stieß, seine beiden Hände: denn damals hatte er noch nicht die eine Hand verloren im Rachen des Fenriswolfs. 
      
      »Jene That auf der Hangar-Heide, sprach Tyr langsam, war Kriegsthat.
      Kriegsthat wird gerichtet nach Kriegsrecht.
      Kriegsrecht weiset der Kriegsgott allein.
      Wie sagt das Kriegsrecht?
      »Wehe dem Weibe! Nach geschlagener Schlacht soll sie dem Sieger blühen als Beute! Wehe dem Weibe! Es ist Beute des Besten. –
      Doch dreimal droht Wehe dem Weibe, das in Waffen sich wagte.
      Magd ist sie des Mannes, deß Mark sie bemeistert.« –
      Der Sieger, aus drei Wunden blutend, zwang in offnem Kampfe endlich die Riesin.
      Er durfte sie tödten: er durfte sie meistern, als speergefangne Magd mit sich schleifen an den Haaren in seine Halle: alles Aergste durft er ihr anthun, mit Zwang sie zwingen zu endloser Arbeit, mit Zwang sie zwingen, ihm Kinder zu bringen. – Frei jedes Frevels find' ich den Vater!« – 
      
      »Aber, schrie Loki, er rief der Sinkenden zu: mein Weib sollst du werden.«
      Da sprach Forseti, der Gott der auf der heiligen Insel, Heligo-land, waltet des Rechts, vortretend neben Tyr, den weißen Stab mit goldner Kugel erhebend: »Rausch des Sieges, Rausch des Wunden-Zorns, Rausch des Hasses und der Liebe riß den Herrscher dahin. Trunken war er und übertrunken: wie bei Gunlödh in Fialars Felsen. Wer will wägen das Wort, das der Berauschte wählt? Gewinnen wollte er die Riesin zum Weib – wie Mann Maid zum Weibe macht: zur Himmelskönigin nicht sie küren!«
      »Sollte eine Riesin in Asgardh herrschen?« rief Heimdall.
      »Warum ließ er dann nicht die Riesin in Ruhe?« frug Loki.
      »In Waffen kämpfte das Weib gegen ihn: – 
      sie griff an – nicht er!« erwiderte Freir.
      »Warum dann schlug er sie nicht todt? Daß er mein Vater ward – das ist sein Frevel!« 
      
      »Du dankst ihm das Leben, diesem Frevel!« mahnte Bragi.
      »Und daß ich lebe – dafür haß' ich ihn.«
      »Wer darf hier von Schuld des Hohen reden?« frug Thor.
      Thor ist treu.
      Ich rühme mich dessen nicht: so wenig als meiner Kraft und meines Muthes. Ich bin so gezeugt und geboren: schlicht, einfältig.
      Anders der Hohe: ringende Gewalten wogen widereinander streitend in seiner Brust: er will das Eine und das Gegentheil nicht minder: er ist der Hauch des Lebens und der Sturm des Verderbens.
      Als er die Riesin küßte und zwang – da liebte er sie: und haßte sie zugleich.
      Nicht log er ihr, daß er sie liebe.
      Hat er ihr gesagt, daß die Riesin Krone tragen solle in Asgardh? Das hat Loki selbst nicht zu rühmen gewagt.« 
      
      »Ei, wie spitzfindig spaltet der treue Thor, der schlichte, die Gedanken! War ihm die Riesin gut genug zum Kuß – so 
      mußte sie ihm gut genug sein zur Gemahlin.
      Andere Götter wollten kopfschüttelnd heftig erwidern: aber Alle verstummten, als endlich Odhin begann: leise zuerst, wie mit sich selber raunend, erst allmälig lauter und zu den Hörern gewendet: »Jeder thut wie er muß. – Das Wort ist wahr. – Aber nicht die ganze Wahrheit. – Denn nicht jede That erfreut, nachdem sie gethan, den Thäter. – Den Wolf freilich rührt Reue nicht an. – Aber auf der Götter und Menschen Brust lastet manche That mit schwerem Druck: obwohl der Weise auch das weiß, daß er sie thun mußte. – Verschieden ist der Thaten Nachgeschmack. – Mancher berühme ich mich stolz und still vor mir selbst. – Aber andrer rühm' ich nicht, wenn sie mir wie Schatten empor tauchen in schlummerloser Nacht. – Meint ihr, umsonst ward diese Stirn so früh gefurcht? Wähnt ihr, nur Sorge 
       um der Riesen Gewalt verdunkelt meine Träume? – Wahrlich: ich warne euch: nicht von Außen kommt über die Götter die Dämmerung: sie dunkeln von Innen! Trüb wird ihr Glanz, – wenn immer noch trüber ... –? dann Weh' über die Götter und über die Welt! –
      Wohlan, fuhr er, nun mit erhobener Stimme, fort: vor Allen hier sag' ich in offenem Thing: manche That, die aus meiner Brust gebrochen wie Feuer aus dem Berg, wie Quellsprung aus der Erde, blieb besser ungethan und lastet auf meinen Gedanken. Wohlan: glaubt ihr, daß ein Anderer, ein Schuldloser, glücklicher herrsche über Walhall: – hier werf ich ihn zur Erde, den keine Gewalt mir entrisse, meinen Königs-Speer: wählt einen andern König der Götter.«
      Und feierlich warf er den Speer von sich: – er rollte vor Frigg's Füße.
      Sie bückte sich rasch, hob ihn auf und hielt ihn fest in der Rechten: »Welch' furchtbar Wort! rief sie. 
       Wer kann Odhin ersetzen? – Und schützt Unschuld vor dem Untergang? Wer war so rein wie Baldur? Hier liegt er sterbend auf meinem Schos, gefällt von neidischer, tückischer Hand. – Wer ist wie Odhin in allen Welten? Wer wagt – außer ihm selbst – ihn zu schelten? Jener Mörder da drüben? – In meinen Armen starb Gunlödh – sie starb um Odhin's Liebe und: – sie segnete ihn! »Selig, hauchte sie mit letztem Athem, zu sterben um Odhin.« – Wohlan, Laufeja's Sohn, rede –: als deine Mutter starb, – was sprach sie von Odhin?«
      Finster, die Wimpern zuckend, sprach da Loki, in Zorn und Verwirrung: »Ja, das ist sein ärgster Zauber! – Sie hat ihn geliebt bis zum Ende. –
      Selig, sprach sie, sterben um Odhin. Heil ihm, daß er mir genaht. Heil ihm, daß er mich vernichtet hat. Ich war doch sein!«
      »Willst 
      du, frug Frigg weiter, Laufeja's Sohn, den Speer des Götterkönigs führen? Dein Recht, sagst du, ist gekränkt. Wohlan: nimm diesen Speer 
       zur Sühne. Willst 
      du herrschen, wo Odhin geherrscht? Willst 
      du an seiner Statt die Welt erhalten? Willst 
      du Odhin ersetzen?«
      Und sie hielt ihm den Speer hin.
      Aber knirschend und die Stirne furchend trat Loki einen Schritt zurück: »Odhin ersetzt niemand. Nicht ersetzen – verderben kann ich ihn und die Welt! Und besser ist es, brechen als bauen: zuviel Weh durchwühlt die Welt!«
      »Ihr habt's Alle gehört, rief Frigg, hoch den Speer erhebend. Vernichtung will Loki – nicht Erhaltung. Odhin, mein hoher Gemal: hier, nimm deinen Speer und erhalte dich selbst und die Welt.
      Ewig wirst du der Herrlichste sein!«
      »Ewig wirst du der Herrlichste sein!« wiederholten alle Götter und Göttinnen, bittend die Hände gegen Odhin ausstreckend.
      Und wunderschön tönte der Zusammenklang ihrer Stimmen auf der schweigenden Berghöhe – so wunderbar 
       schön, daß es in Loki, ob er gleich gar nicht wollte, brustdurchdringend wider klang.
      Tief widerstrebend sprach er es mit: »Ewig wirst du der Herrlichste sein!«
      Odhin aber hatte sich nun vertieft und versammelt in sich selbst.
      Er richtete sich stolz auf, nahm den Speer aus Frigg's Hand, und schwang ihn hohheitvoll über seinem Haupt.
      »Heil allem Hohen! rief er. Ja, ich halte die Welt, so lang Heldenschaft und Weisheit sie halten mögen.
      Furchtbar höre ich schon mit leisen, aber unaufhaltsamen Schritten gegen uns heranschreiten das Verderben –: dunkler ward die Welt, viel trüber, seit Nanna starb und Baldur das Auge geschlossen – Schatten seh ich aufsteigen, wo bisher Licht gestrahlt: aber wohlan: wir wollen uns wehren wie Männer. Hab' ich doch selbst einen edlen Skalden den Spruch gelehrt: »ist etwas gewalt'ger als Schicksals-Gewalt, 
       ist der Muth es des Mannes, der trotzig es trägt.« Der Sieg ist des Schicksals, doch Heldenschaft unser!«
      Jauchzend hob Thor den Hammer: »Ja, das sind die Worte, die der Hohe nur weiß, die die Herzen erheben aus tödlicher Trauer zu tödtlicher Lust. Heil dem Helden, der da fällt mit Frohlocken! Führ' uns, Siegvater, zur Schlacht! Laß uns das Weh um Baldur und Nanna vertoben an Schädeln der Riesen!«
      »Nicht also jetzt! mein starker Sohn. – Weisheit gewinnt mehr als Wuth. – Ergrübelt hab' ich an Weisheit, was dies Haupt zu ergründen vermochte: es ist nicht genug: lange nicht genug! Ich gehe einen schweren Gang, – Schicksalskunde zu erkunden.
      »Von wem willst 
      du noch Weisheit gewinnen?« frug Heimdall zweifelnd.
      »O Vater, rief Thor, wer ist weiser denn du?«
      »
      Die Nornen,« sprach Odhin.
      Da rang sich ein Schrei von aller Götter und 
       Göttinnen Mund –: Baldur zuckte –: selbst Loki fuhr aus finsterm Brüten empor.
      »Die Nornen? widerholte Frigg entsetzt. Die furchtbaren Schwestern!«
      »Im tiefsten Grunde Hels! warnte Tyr, der Kriegsgott. Ich bin vertraut mit allen Schrecken der Mordschlacht –: nach Nornenheim stieg' ich nicht nieder.«
      »Ach, mein Vater, hauchte Baldur, furchtbaren Preis, so sagt man, muß bezahlen, wer der Nornen Weisheit gewinnen will.«
      »Ich weiß es, mein Sohn. Wem die Nornen ihre Weisheit gewiesen, – auf immer und alle Tage verlernt er das Lächeln.«
      »Oh mein Gemal, flehte Frigg. Bleib' hier oben im Licht! Geh' nicht zu den Nornen. Soll der König der Götter der Freude entsagen?«
      »Weil ich euer König bin, muß ich für Euch Alle mich wagen.
      Auch ist das liebliche Lächeln nicht die höchste Freude. 
      
      Wahre Freude, oh Frigg, ist Begeisterung: des Heldenthums, der Liebe, des Gesangs.
      Mein Volk sind die Götter, mein Vaterland Asgardh – für sie darf ich sorgen, kämpfen und fallen, auch nachdem ich in Nornenheim war: so blieb mir auch nach verlornem Lächeln noch Wonne. –
      Ob Baldur zu retten –: noch athmet er ja –: nur die Weberin der Zukunft weiß es. Und muß er sterben – nur die schweigenden Schwestern wissen, was war, was ist, was werden wird. Laß sehen, ob ich es ihnen nicht abgewinne: eine Abwehr: oder doch – für Unabwehrbares – einen Trost.
      Ihr, Thor und Tyr, ihr haltet mir Loki gefangen, bis ich wiederkehre.
      Du aber, mein Liebling, nicht sollst du inzwischen mir leiden.«
      Und er strich leise mit der Hand über Baldur's Augen: da fiel dieser in tiefen, süßen Schlaf.
      Sanft nahm er den Schlummernden von Frigg's 
       Schos und legte ihn so, daß sein Haupt auf Nanna's Busen ruhte.
      »Bleibe mir blühend, theure Tochter, traurige Todte, raunte er, bei dem bleichen Baldur, bis ich wieder ihn wecke, sei es zum Leben oder zum Sterben.«
      Und Frigg die Hand zum Abschied reichend sprach er: »Hüte mir, Mutter, des Sohnes Schlaf. – Nicht doch, Thor! – du darfst mir nicht folgen. – Einsam muß sein, wer die Nornen befragt!« – 
      
    



      XX.
      Drei Nächte und drei Tage harrten die Götter auf Odhin's Wiederkehr.
      Denn tief liegt Hel: tiefer noch Nornenheim.
      Weit ist der Weg.
      Als am vierten Tag Skirnir den Sonnenwagen heraufführte, da sah vor allen Göttern zuerst Frigg den Feuerberg von Mitternacht her emporsteigen, langsam schreitend, auf seinen Speer sich stützend, einen müden Wandrer.
      »Odhin!« rief sie laut. Oh daß du nur lebst! Welche Botschaft auch du bringst!«
      Es war Odhin: ungebrochen, ungebeugt: aber er 
       schien viel, viel älter. – Als er schweigend heran trat, schweigend sich über den schlummernden Sohn beugte, da erschrak Frigg: »Weh, mein Gemal! klagte sie. Wie bist du verwandelt! Wie ist dein Haar ergraut! Und wie fest die Lippen geschlossen! Und diese Furche, die tiefste, war nie in deiner Stirn – und sie hob ihm den ganz über das rechte Auge gezogenen Schlapphut ab: da schrie sie auf: »Weh, dein Auge!
      Wo hast du dein rechtes Auge gelassen!«
      »Bei den Nornen – als Pfand!«
      Er warf einen langen liebevollen Blick auf die schöne, stolzprangende Frauengestalt. – »Auch du! – Auch dieser Reiz! Auch diese Fülle des Schönen. – Und der tod-verfallene Sohn! – Ob ich ihn nochmal erwecke? Ob ich nicht besser thue, dem Schlafenden leise, leise, daß er nicht darüber mehr aufwacht, den Speer aus der Wunde zu ziehen, auf daß er nichts mehr erfahre von meiner furchtbaren Weisheit? – – Nein! er ist mein Sohn: er ist 
       ein Held: er soll es wissen: Schwächlinge zermalmt es: Helden erhebt es.«
      Und mit einem Kuß auf den goldenen Scheitel weckte er den Schläfer.
      »Vater« sprach er, die Augen aufschlagend, gekräftigt durch den langen Schlummer: »gewaltig ernst ist dein Antlitz: aber friedvoll: nicht verzweifelt. Heil mir, daß ich noch diesen ernsten Sieg auf deiner Stirne thronen sehen darf. Nun sterbe ich gern: – denn ich sehe's dir an: – du hast Trost für dich, für uns Alle gefunden!«
      »Trost für die Tapfern, Verzweiflung den Feigen!«
      Da eilte Thor, den Vater begrüßend, herbei aus der nahen Felshöhle, wo sie Loki bewachten.
      »Winke die Asen alle herzu, gebot der König, mit donnerlosem Blitz: führe auch Loki herbei.
      Ich hasse ihn nicht mehr.
      Wer das Letzte erkannt hat – für den endet der Haß: Haß ward zu klein, die Brust mir zu füllen.« 
      
      Alsbald kamen alle Götter und Göttinnen heran geflogen aus ihren Hallen.
      Denn sie hatten Frigg allein lassen müssen – so wollte sie's – auf dem Berggipfel.
      Sie kamen aber, weil sie drei Blitze Thor's ohne Donner rasch sich folgend erschauten: – dreimal hatte der Gott, ohne ihn aus der Hand durch die Wolken zu werfen, den Hammer im Gelenk über sein Haupt geschwungen – das ist der Götter Aufgebot, wenn Heimdalls Horn nicht zur Hand. (Heimdall aber hütete die Regenbogenbrücke.) Wetterleuchten nennens die Christen – Thor's Hammerschwung die Heiden.
      Thor und Tyr führten den gefesselten Loki aus der Höhle herbei.
      »Lege mein Haupt so, bat Baldur die Mutter, daß ich des Vaters Auge suchen kann.«
      Sie stützte ihn gegen ihre Kniee und Odhin hob an:
      »Neun Nächte nördlich durch dunkle Thäler reitet man nach Hel. 
      
      Ich ritt nicht, ich schritt.
      Aber solche Sehnsucht trieb meinen Schritt, – nie war ich Vielwandrer auf solcher Wandrung gegangen – daß ich den Weg in Einer Nacht vollbrachte.
      Ich kam bald vorbei an des Zwergen Zwotto Höhle. Er bot mir das Horn besten Aels, sonst ein sparsamer Hauswirth. Aber schon wußte er, wie alle Wesen, daß Baldur schwerwund liege: und er errieth, daß um Rettung ich wandre. Ich trank keinen Tropfen: doch mich rührte des Zwerges Gastlichkeit. Er rief mir nach: »all mein gelbes, mein gutes Gold biete für Baldur der hungrigen Hel. Odhin zu erfreuen geb' ich es ganz.«
      Da sprach Loki zu sich selber: »so liebt ihn ein schnöder Zwerg, den er nichts angeht. Zürnst du, todte Mutter, daß sein Sohn ihn lieben muß?«
      »Aber ich wußte: Hel hält, was sie hat: nichts giebt sie um Gold.
      Ich schritt weiter. 
      
      Nicht will ich tapfre Männer ermüden noch zarte Göttinnen schrecken durch den Bericht der Kämpfe, die ich hatte zu kämpfen.
      Nur soviel sage ich: neunzig neun Thore führen von Svartalfaheim, stets mitternachtwärts, stets abwärts, nach Hel: vor jedem wacht ein Wächter in andrer Grauengestalt: ich zwang sie Alle und brach durch die Thore.
      Viel Blut trank mein Speer.
      Vor dem hundertsten Thor ist eine Brücke gewölbt.
      Hier hebt erst des Helwegs wahrer Schrecken an.
      Denn die Brücke ist nur ein schmaler Goldstab, nicht so breit, wie Daumfinger und Pfeilfinger zusammen: leicht schweben die Todten darüber hin, die keine Schwere haben.
      Aber der Brückenstab bog sich, wie des Wales Barten sich zusammenbiegen lassen, als ich darauf trat: er wölbte sich nach unten, wie der Mond, wenn er viertelvoll. 
      
      Und unter mir rauschten furchtbar, von Niflhel herauf, die neun Ströme Hels: Schwerter wälzen sie, Schlangen, Leichen und Meineidige: manches Antlitz erkannte ich darunter: so König Skadhi.
      Grauer Nebel dampfte empor – mir schwindelte sehr.
      Aber ich bezwang mich, schloß nun fest beide Augen, nicht niederwärts zu blicken, und schritt die Stab-brücke, nur mit meinem Speere tastend, zu Ende.
      Am Nordende der Brücke stand Modgudhr, die Hel-Riesin, schwang die Steinaxt und rief mich an:
      »Wer bist du, der den Helweg wagt zu gehen und lebst doch? Fünf Haufen Todter gingen jüngst über die Brücke: nicht tönte sie, nicht bog sie sich – und unter dir Einem ist schier sie geborsten. Weh, ich erkenne dich: ( – denn Gold leuchtete, wie flüssig Feuer, hier und da in den Felsen, in die das Thor gebrochen war –:) du bist Odhin von Asgardh! Unersättlicher –: hast du nicht genug Raum in Himmel 
       und Erde? Willst du auch Hel erobern? Was suchst du in Hel?«
      »Trost!«
      »Hel hat nur Tod, nicht Trost. Hel schweigt ewig.«
      »Aber die Nornen reden.«
      »Nach Nornenheim willst du, Entsetzlicher? Welch Weh' muß es sein, das dich dahin treibt!«
      »Das Weh der ganzen Welt: und Baldur's Tod-Wunde. Weiche, Weib, oder ich tödte dich.«
      Noch einen Blick warf sie in mein Antlitz.
      Sie sah wohl, daß es mir sehr Ernst war.
      Und es lag wohl Etwas darin, das mächtiger war als Riesen-Muth.
      Denn schweigend, scheu, wich sie, den Hammer senkend, zur Seite.
      Ungehindert erreichte ich das hohe, in die Felsen gefügte Eisengitterthor.
      Allerlei Zierrath von Eisen schmückte es seitlings und häuptlings: auf seiner Wölbung oben war mit 
       ausgespreiteten Schwingen ein eiserner Adler angebracht.
      Aber als ich die Hand nach der Thürklinke ausstreckte, schoß, lebendig geworden, jener Adler herab in mein Antlitz, mir die Augen auszuhacken: gerade haarscharf zuvor griff ich ihn noch: ich schleuderte ihn auf den Felsboden: klirrend schlug er hier auf: zu Eisen war er wieder geworden.
      Nun ergriff ich die Thürklinke, gearbeitet in Gestalt einer eisernen Schlange. –
      Da – ich leugne es nicht: Grauen und Ekel zugleich schüttelten mich – da ward die eiserne Natter weich anzufühlen: lebendig, züngelnd, zischend ringelte sie sich mir um Hand und Arm und drohte, mich in die Knöchelader zu beißen: schon wollte ich sie vor Abscheu los lassen – dann war ich verloren: – doch ich drückte sie, mich ermannend, furchtbar zusammen: da ward sie wieder zu Eisen: und auf sprang, krachend, das Thor.
      Ich schritt über die Schwelle. 
      
      Da rief mir die Riesin durch das Gitter nach: »Trost suchst du? – Verzweiflung wirst du finden!« –
      In der Ferne, in farblosem Nebel, der auf beiden Seiten des Felssteiges aus tiefen Thälern stieg, sah ich schweben die Seelen: die Schatten der Weiber und jener Männer, die den Strohtod gestorben.
      Ein zarter Schatte rief mich an: ich erkannte die weiche, die liebe Stimme: und mein Herz ward weh und wund: »Vater, klagte sie, lieber Vater! Einsam bin ich unter all den tausenden von wimmelnden Schatten! Ach, wie sehne ich mich nach Baldur! Aber rette ihn, rette sein Leben wenn du kannst! Traurig und trüb ist's in Hel.«
      »Nanna! rief ich ihr zu, geliebte Tochter! Schwebe herauf, daß ich dich an meine Brust drücke –: noch einmal.
      Und empor schwebte langsam ein weißes Gewölk: Nanna's Gestalt! Zärtlich wollte ich sie umfassen: aber ach! unter meinen Armen zerfloß das Gewölk: 
       nur leere Luft umschloß ich: mit leise wehklagendem Laut versank der Schatte wieder in die Tiefe.
      Traurig sah ich nach, – schweigend schritt ich weiter. –
      Immer noch abwärts führte der schmale Steig: doch nicht mehr lang.
      Bald bog der Weg um einen Felsvorsprung: da war zwischen zwei Steinpfeilern ein dunkler Vorhang gespannt: das Goldlicht in den Felswänden glänzte hier heller: in den Vorhang waren Runen eingewirkt in Silber: ich las: »das Lächeln läßt, wer Nornenheim naht.«
      Drei Herzschläge lang stand ich still: mir graute: dann schlug ich den Vorhang zurück und trat ein. –
      Im Halbrund einer Felshöhle saßen sie vor mir, die furchtbaren Schwestern: schweigend, webend lange Gewebe, die von der ersten über die Kniee der zweiten hin bis zu der dritten liefen.
      Grau war die erste, weiß die zweite, schwarz, doch mit leisem Goldglanz, die dritte gekleidet. 
      
      Von oben her, von Midhgardh, reichten die ungeheuern Wurzeln der Welt-Esche, durch die Felsen sich zwängend, bis in den schwarzerdigen Grund: armesdick waren die kleinsten, die ich sah.
      Kaum erblickten sie mich, da sprach die Erste – aber alle drei woben fort, so lang ich bei ihnen weilte: –
      »Das war noch nie.«
      »Ein Lebender steht vor uns,« sprach die Zweite.
      »Das wird nie wieder sein«, schloß die Dritte.
      »Ich weiß, was dich hertrieb.«
      »Ich weiß, was du suchst.«
      »Ich weiß, wie das Gesuchte du tragen wirst.«
      Ich schauerte.
      Aber ich wankte nicht: »Erkunden will ich, sprach ich, furchtbare Geschwister, von dem was war, was ist, was wird, so viel mir vergönnt ist.
      »Frage.«
      »Höre.«
      »Denke.« 
      
      »Doch was du erfahren« –
      »Zu verschweigen vor Andern« –
      »Mußt Pfand du verpfänden.«
      »Verschweigen? Ich suche Trost: nicht nur für mich, für den sterbenden Sohn, für alle Trostbedürftigen. Wehe über die Weisheit die geizig vergraben wird!«
      »Du kannst Alles den Andern enthüllen,« –
      »Wenn das Pfand du im Stich läßt –,«
      »Das du geben mußt: dein rechtes Auge.«
      Erschrocken griff ich mit beiden Händen nach meinen Augen.
      Sie schwiegen unerbittlich.
      »Muß das sein?«
      »Die Nornen feilschten noch nie.«
      »Du 
      bist schon entschlossen.«
      »Und 
      wirst sprechen und dein Auge verwirken.«
      Und die Dritte winkte mir heran.
      Ich hatte zu dieser gleich die größte Sehnsucht –: denn wunderschön, wie ewig jung, war sie zu schauen: – 
       und zugleich durchzog mich vor ihr das tiefste Grauen –: denn ein bleiches Steinbild, unaussprechlich streng, obzwar gar nicht böse, schien sie. –
      Ich trat dicht an sie heran.
      Zu ihren Füßen hörte ich, in Stein gefaßt, einen Brunnen gießen.
      Um Alles gern hätte ich hinein gespäht: aber eine mächtige Felsplatte deckte ihn zu.
      Sie fuhr über mein Antlitz mit der Rechten – die Linke wob weiter –: ich schauderte: kalt, wie Gletscher-Eis, war ihre schneeweiße Hand – aber bald nach der Berührung zitterte leise Wärme da, wo sie mich gestreift.
      Sie hielt mein Auge in der Hand –: schmerzlos war es ihr gefolgt –: und sie drückte es an den Rand der Felsplatte, wo diese an den Brunnenrand stieß, Platte und Brunnen verbindend. Da ward mein Auge ein Edelstein, so wunderbar leuchtend, wie ich solchen an Helm oder Spange nimmer gesehen. 
      
      »Das war Odhin's Auge,« sprach Urdh.
      Nun ist es Skulds Brunnensigel,« sagte Verdandi.
      »Und nur Skulds Hand wird es lösen,« schloß diese. –
      Und hätte mich nun am Meisten verlangt, gleich das Künftige zu erkunden: und fragend hob ich die Hand gegen die jüngste Norne.
      Aber streng, unerbittlich schüttelte diese das Haupt:
      »Wer will Weisheit gewinnen, beginne mit dem Beginn.
      Thoren wollen das Jetzt erjagen, das Kommende kennen, ohne des Ursprungs zu achten.
      Alles was wird, das wird aus Gewordnem.
      Wer Urdh nicht ehrt wird wenig wissen.« –
      Ich trat zu der grauen Greisin.
      Fortwebend mit der Rechten zog sie mit der Linken eine dunkelfarbige Hülle herab, die eine bis dahin kaum beachtete Rundung an ihrer linken Seite verbarg.
      Das Tuch fiel: ich sah in einen gewölbten Stahlschild. 
      
      Schwarz schien er zuerst, unterscheidungslos.
      Doch, je mehr ich mein Auge gewöhnte, im Dunkel zu suchen, desto klarer sah ich Bilder, welche in stätem Zeitmaß wechselten: Ringe waren es: größere, je näher sie der Gegenwart waren: so sah ich mich selbst lebensgroß, wie ich vor Kurzem durch den Vorhang geschritten: aber wie ich gegenwärtig vor dem Schilde stand – das sah ich nicht.
      In immer kleineren Ringen schaute ich die immer ferneren Zeiten gespiegelt.
      Da verlangte mich, überspringend die Jahrhunderte und Jahrtausende der Völkergeschichte alles Seienden Anfang zu schauen.
      Angestrengt spähte mein Blick.
      Ich sah zuerst mich selber, wie ich vor ungezählten Jahren die Menschen schuf aus Bäumen.
      Und ich sah dann mich selber und die ältesten Götter hervorwachsen aus gährendem Urstoff.
      Aber, so weit ich auch rückwärts spähte, immer, immer sah ich noch Etwas, das war. 
      
      Da frug ich die Greisin: »ich sehe ein Alter, da Alles noch nicht war, was jetzt ist: nicht Sand noch See noch salzige Meerfluth: nicht Erde ist unten, noch oben Himmel: Mond nicht mag ich, Sonne nicht sehn noch strahlende Sterne. Aber 
      Etwas seh ich noch immer: was ist es? Ein unendlicher Nebel scheint es: weiß wogend und wallend, woraus Dunst sich verdichtet: und gröbre Gebilde ballen sich unzählbar, rundlich, röthlich, Strahlen streuend und wabernde Wärme –: unermeßliche, unabsehbare Kreise in der gaffenden Gähnung unendlichen Raums.«
      »Das waren Welten: unendlich viele; lange gewesene, lange verweste.«
      »Warum sind sie verwest?«
      »Weil sie geworden.«
      »Weh, auch die Götter sind geworden! Werden auch sie verwesen?«
      – Da lauschten alle Götter und Göttinnen ängstlich auf. – 
      
      »Das frage nicht mich. Ich weiß nur, was war, nicht, was wird.
      »Aber es ist noch Alles verwest, was geworden.«
      »Entsetzlich! Und Alles was ist, ist erst geworden?«
      »Nein, du Thor! Was wahrhaft 
      ist, ist nie geworden.«
      »So weist du Eines, das 
      nicht geworden? Was ist dies Eine?«
      Das, was allein 
      ist: Alles andre ward, scheint und vergeht.«
      »Und was allein 
      ist?«
      »Was nie geworden und nie verwest.«
      »Was aber ist dies?«
      »Das Ewige.«
      »Was aber ist das Ewige?«
      »Was niemals ward! –
      Nicht Weiteres weist dir die Vergangenheit. Frage anderswo weiter.
      Und: – denke selbst.
      Kein Andrer kann es für dich erdenken. 
      
      Und sie zog die Hülle wieder über den Schild. –
      Schwersinnig schritt ich zu der zweiten Schwester.
      So ganz erfüllt war ich von dem Gehörten und auf die Zukunft so scharf gerichtet mit meinen Gedanken, daß ich insgeheim bei mir, ganz leise, dachte: »wenig verlangt mich, zu wissen, was 
      ist!«
      »Wenig verlangt dich, zu wissen, was 
      ist!« sprach, ungefragt, mir voll ins Antlitz schauend die Strenge zu mir.
      Ich erschrak: »Wie? Du weißt« –
      »Ich weiß, was ist: also weiß ich, was du denkst.
      Thörig denkst du.
      Denn jetzt denkst du wieder: »ich will nur wissen, wie es ist mit Baldur und Frigg in diesem Augenblick.« Und flüchtig daneben denkst du: »und wie es ist mit Harald und Hilde.« Und könntest doch von 
      jeder Norne die ganze Wahrheit erfahren, wenn du dächtest.
      Sie lag schon in Urdhs Worten. 
      
      Aber in deiner Gier nach Leben hast du nur immer weiter gefragt, statt aus zu denken, was in ihren Worten lag.
      Nach deinen Wünschen sollst du denn schauen, was ist.«
      Sie schlug mit der einen Hand an den Fels – mit der andern wob sie weiter: – da that sich in der Felswand neben ihr eine kleine Oeffnung auf: nur eben faustgroß: sie hielt die gehöhlte Hand davor und winkte mir, durch zu schauen.
      Mein Blick flog nach oben, nach Midhgardh.
      Dort war Nacht.
      Einen Augenblick nur sah ich und hörte wie Harald im Schlafgemach zu Hilde hinüberflüsterte: »Raginhar Haraldssohn soll unser Sohn heißen«.
      Aber da war schon Alles verschwunden: und ich sah hier, auf des Feuerberges Kuppe, Frigg sitzen, und eine Thräne trof auf Baldurs Stirn.
      Und im Augenblick war auch dies verschwunden. – 
      
      Denn Verdandi ballte die Faust: die Oeffnung im Fels war geschlossen.
      »Warum bist du so geizig?« frug ich erstaunt.
      »Warum bist du so thörig? Du frugst nur nach dem 
      Schein, der wird und jeden Augenblick wechselt.
      Was du verlangt, hast du gesehen: den Augenblick.
      Und konntest doch Alles sehn, was du suchtest.
      Denn: in ew'ger Gegenwart steht Alles Sein.
      Mehr kann dich alle Gegenwart nicht lehren.
      Fragtest du mich was wirklich 
      ist, so wußtest du: »Alles«.
      Frage anderswo weiter.«
      Bangen Herzens, zögernd, trat ich zu der dritten Norne hin.
      Zwei Pfeile aus meinem Köcher hatte ich ziellos verschossen: da saßen sie vor mir, von denen jede die ganze Wahrheit barg: und zwei hatten mich schon thörig gescholten, weil ich thörig gefragt und thörig gedacht. 
      
      All' mein Hoffen – aber auch all mein Grauen – war nun auf die letzte Norne gerichtet.
      Sie zog mich an, die Wunderbar-Schöne: sie erfüllte mich mit ahnungsvoller Ehrfurcht, die Furchtbar-Erhabene.
      Ohne Lächeln, ohne Mitleid, aber auch ohne Drohung schien mir dies räthselvolle Antlitz.
      Sie sprach kein Wort.
      Nur die Felsplatte, an welcher der Edelstein als Sigel haftete, schlug sie empor: ich sah gierig in den Brunnen.« – – –
      Alle Götter und Göttinnen hielten den Athem an.
      »Auf der tiefschwarzen Oberfläche spiegelte sich, in stäter Folge wechselnd, Bild auf Bild.
      Da sah ich zuerst – o Baldur, mein geliebter Sohn, – daß du – sterben wirst.«
      Laut scholl das Wehklagen aller Götter und Göttinnen an den Felsen wider.
      Nur Loki nickte schweigend mit dem Haupt. 
      
      »Ich ahnte es!« rief Frigg und drückte den Sohn heftig an die Brust.
      »Ich wußte es. Klage nicht Mutter, hauchte Baldur. Dir bleibt Odhin und Thor.«
      »Aber doch nicht sterben! wie ein staubgeborner Mensch! wie ein Weib, das nach dem Strohtod in Hels Schatten versinkt? rief Freia zitternd. Es ist doch unmöglich, daß Götter vergehen?«
      Einen langen Blick warf Odhin auf die Jammernde: und alle Götter und Göttinnen theilten ihr zagendes Entsetzen.
      Nur Frigg nicht: und Baldur nicht: und Thor auch nicht mehr, nachdem er leise zu sich gesprochen: »schäme dich, Odhin's Sohn.«
      Lange schwieg Odhin, Alle überschauend: »ich dachte es wohl, raunte er mit sich selber. Sie können es nicht ertragen!
      So kann ich ihnen nur die leichtre Hälfte künden. Wer wird wohl stark genug sein für das ... Ende? – 
      
      »Für Baldur, fuhr er nun laut fort, scheint ihr – glaubt ihr wohl selbst – zu zittern. Unselige, – ihr zittert für euch selbst!«
      »Ich zittre nicht mehr, Vater,« sprach Thor: und sah ihn mit ruhigen Augen an. Nie war Thor so edelschön gewesen: er glich jetzt sehr Odhin.
      Zufrieden nickte dieser dem tapfern Sohne zu, blickte erstaunt auf Baldur's gefaßtes Antlitz, auf Frigg's in tiefster, stolzer Liebe auf dem Gatten ruhende, feste Augen: und, mit einem leisen Zug verhaltner Ueberlegenheit die andern Asen und Asinnen überschauend, begann er:
      »Zittert nur eine Weile! – Es schadet euch nicht. Oft habt ihr der Menschen gespottet, wenn Todesfurcht sie schüttelte: selbst euch sicher fühlend in Asgardhs, wie ihr wähnt, ewigen Hallen.«
      Da aber bei diesen Worten Freir und Gerdha und Gefion und Idun und alle Göttinnen und auch manche Götter sichtbar erbleichten, fuhr er fort:
      »Nun, verzagt nur nicht! 
      
      Ich habe was 
      euch tröstet, gewiß! – Ohne die Salbe, die 
      Ihr braucht, um das Weh der Wunde zu tragen, würde ich, nach dem, was ich an euch sah, die Wunde 
      euch nicht schlagen.
      Also: zuerst sah ich Baldur sterben.
      Und von Stund an wird finstrer und böser die Welt.
      Es lösen sich langsam die Haften und Banden, welche den Bau der Welten zusammen halten.
      Aber – banget nur nicht! – noch viele Jahrtausende währt es!
      Dann aber wächst immer wilder unter den Menschen, Riesen, Alfen, Göttern das Verderben.
      Brüder befehden, Vettern fällen sich: Wuth-Alter, Wolfs-Alter, Beil-Alter, Blut-Alter. Freund schont da des Freundes nicht.
      Aus Habgier mordet den Vater der Sohn: 
      alle Wesen: Riesen, Zwerge, Menschen, Alfen, Asen sind schuldbefleckt geworden!
      Da sah ich Schnee stöbern von allen Seiten: der Frost wird groß, der Sonne versagt ihr Schein. 
       Drei Winter ohne Sommer! Los reißen sich dann – denn es brechen alle Bande – die wir vorher weise gefesselt: der Fenriswolf und – ein Andrer, ein Bruder-Mörder. Und jene Wölfe, welche Sonne und Mond von jeher verfolgen, seit diese am Himmel ziehn, holen sie nun ein und zerfleischen sie. Die Sterne fallen vor Schreck vom Himmel, wie wandermüde Schwalben in das Meer.
      Die Erde bebt und alle Berge, daß aller Bäume Wurzeln springen, daß die Felsen taumelnd übereinander fallen: daß alle Ketten und Fesseln reißen und brechen.
      Und die Midhgardhsschlange, die mein tapfrer Thor nach Baldur's Bestattung schwer verwunden wird, daß sie, verscheucht, in die unergründlichen Tiefen sich birgt, – sie fährt wieder in Riesen-Muth und steigt, landsuchend, von Westen her, aufwärts sich wälzend, die Brandung peitschend mit dem Schweif, über die Küsten und die Menschenhand-Deiche von Midhgardh. Sie speit Gift, daß Meer und Luft sich verpesten.« 
      
      »Sie komme! rief Thor, fortgerissen, den Hammer erhebend.
      »Aber von Osten segelt heran – ein Leichen-Riese steuert es – Naglfar, das Gespensterschiff, das ganz erbaut ist aus den Fingernägeln todter Menschen: denn so ruchlos sind in den Jahrhunderttausenden die Menschen geworden, daß sie die frömmste, die heiligste Pflicht: die Leichen zu schmücken und, wohl gewaschen und gereinigt, zu bestatten, nicht der Sohn mehr dem todten Vater, nicht die Tochter der Mutter mehr erfüllt.
      Da seufzte Baldur: »Oh das schmerzt bitterer als Loki's Speer.«
      »Der Fenriswolf fährt, die Eis- und Reif-Riesen führend, von Norden einher über die Erde; abgeschüttelt hat er, der Aechter, der Rechtsbrecher, das unsichtbare Netz, das Fäden hat feiner als Sommerfäden und das doch Jahrtausende ihn gehalten hat: das Netz, das Forseti über ihn warf, der Gott des 
      Rechts. Aus seinen Kiefern gespieen hat er das 
       Schwert, das Tyr, der Kriegsgott, seinen Arm dabei opfernd, ihm bändigend als Keil in den Rachen gezwängt: Feuer glüht ihm aus Augen und Nüstern, mit klaffendem, bluttriefendem Rachen fährt er einher, daß sein Oberkiefer den Himmel, der Unterkiefer die Erde streift: und wäre mehr Raum – er sperrte noch weiter ihn auf.
      Da kommen von Süden die Söhne des Feuers geritten: Loki und Surtur voran, vor ihnen und hinter ihnen eitel glühendes Feuer: und ihre Waffen schmelzen nicht: denn Loki hat sie ihnen geschmiedet.
      Da geräth die alte Weltesche, die morsch gewordene, in helle lichterlohe Flamme: vom Mittelstamm niederwärts brennt sie bis zu den Wurzeln nach Hel: hell wird's da zum erstenmal, taghell, in Hel, daß die Dunkelalfen alle erblinden und, blind in's Feuer stürzend, verbrennen.
      Und verbrennen da Niflhel und Niflheim.
      Aber auch aus Riesenheim fährt Alles, was athmet, 
       nach Oben, um nicht zu verbrennen und um Walhall zu stürmen.
      Und auch nach Oben hin lodert, von allen Sturmriesen angefaucht und angeblasen, furchtbar die Flamme.
      Da birst des Himmels eherne Wölbung entzwei: ich weiß nicht, ob geschmolzen von Gluth oder schon von dem dröhnenden Lärm gesprengt.
      Und wie die Feuersöhne über sie herauf reiten, – in Brand geräth die Regenbogenbrücke und bricht in zwei Stücke entzwei.«
      »Und ich?« rief Heimdall – denn er war jetzt, abgelöst von Hermodhur, zur Stelle, – warne ich, kämpfe ich nicht?«
      »Du, mein wachsamer Wächter, bis zum Tode getreu, du stößt schmetternd in's Horn zum aller letzten Mal, alle Götter und Walküren, Lichtalfen und Einherjar zusammen zu rufen.
      Auf Wigrid, der Ebne vor Walhall scharen wir uns; sie ist hundert Rasten breit nach allen Seiten. 
      
      In allen unseren Waffen stürmen wir auf die Feinde.
      Und sah ich nun einen Kampf entbrennen wie ich ihn nie gesehen: nur oft – geträumt: den letzten Kampf, den furchtbarsten von Allen.
      Nicht all die Hunderttausende zugleich konnte ich schauen, die da sich würgten.
      Nur wenige Kämpferpare konnte ich verfolgen. Zuerst fällst du, Tyr, gegen den Höllenhund Managarm.
      Aber gleich darauf durchbohrt das Scheusal Hilde, der Walküren herrliche Anführerin.
      Sie fällt auf ihren Schild, von Loki's Schwert durchstoßen.
      Heimdall, du willst die schöne Freundin rächen: – aber auch du fällst vor Loki.
      Freir, du würdest Surtur bezwingen; aber du hast dein Schwert Freia gegeben. So verbrennt dein Schild und dein Holzspeer und verbrennst du selbst vor Surturs Athem: und Freia stürzt – nutzlos ist 
       das Schwert in ihrer Hand! – schreiend über den Todten in die Flammen.
      Surtur fällt von meinem Speer.
      Da sinkt sterbend in meine Arme, vom Gifthauch der Midhgardhschlange getödtet, – Frigg, mein schönes Gemal.« –
      Er hielt inne: – vor Weh.
      »Heil mir, daß ich sterben darf an deiner Brust.«
      »Und räche ich die Mutter nicht?« schrie Thor.
      »Herrlich rächst du sie, treuer Sohn: du zerschlägst in sieben Trümmer dem Meerwurm den Schädel. – Und nun, Asathor – sind nur wir, die beiden Letzten, noch übrig auf Seite der Asen.
      Und auch auf Seite der Riesen leben nur noch zwei: alle andern Wesen, Götter, Walküren, Einherjar, Alfen, Riesen, Menschen hat der ungeheure Weltenbrand verzehrt.
      Dann, Asathor, wird der letzte Händedruck ausgetauscht zwischen zwei Männern: zwischen uns beiden. 
      
      Denn gegen uns heran fahren der Fenriswolf und – dieser Loki da.
      Du wirfst dich dem Wolf entgegen, den Vater zu schirmen –, aber nur neun Schritte weit kannst du noch gehen: da fällst du todt: allzuviel Gifthauch des Wurms hattest du in deine breite, treue Brust gesogen.«
      »Schöner ist kein Tod als: der Mutter zur Rache, dem Vater zum Schirm!« rief Thor mit leuchtenden Augen.
      »Ueber deine Leiche springt der Wolf gegen mich mit klaffendem Rachen: ich stoße ihm den Speer in den Schlund: er verröchelt.
      Da trifft mich, von hinten, in das Genick, ein Stein-Messer-Stoß –: nicht wagte in's Antlitz zu schauen der Sohn dem Vater: ich wende mich rasch: und durch seinen flammensprühenden Schild hindurch in Loki's Herz stoß' ich – mein letztes Lebenswerk – den Speer.«
      Da rief Loki laut und stolz: »Ich fälle den Höchsten: und falle durch ihn: den Zweit-höchsten rühme ich mich.« 
      
      »Dann sinke ich sterbend auf deine Brust, Frigg, mein Weib: und ich sehe nur noch, wie Alles verbrennt in flammender Lohe. –
      Und Odhin holte tief Athem und schwieg.
      »Und von Rechts wegen, sprach feierlich Forseti; denn du sagtest vorher: daß Alle schuldig geworden.«
      »Oh Vater, Vater, bei deinem eigenen Leben beschwöre ich dich, rief Freia die Hände ringend. Nur jetzt brich nicht ab: – – wir warten!« –
      »So? lächelte traurig der Gott. Wartet ihr? –: Könnt ihr's gar nicht erwarten? – –
      Als ich das Alles geschaut in dem Nornenbrunnen: – da sank ich erschüttert auf ein Knie und schloß mein mildes Auge und lehnte das Haupt an den Rand des Brunnens. Denn ich hatte untergehen sehn Alles: und Allvater bin ich geheißen.«
      »Was liegt an den Andern? scholl es da aus den Reihen der Götter. An den Menschen, den Alfen! Aber 
      wir: – 
      wir können doch nicht sterben für immer! 
      
      Odhin sah sie prüfend noch einmal an: »Und warum nicht?«
      »Was? schrie Freia, mit schrillem Schreckruf in ihre lichtrothen Haare fahrend mit beiden Händen, sterben, – wie elende Menschen?«
      Aber Loki lachte grell auf.
      »Wie, klagte Freir, der Geliebten zarte, alfenschlanke Gestalt umfassend, so viel Liebreiz soll vergehen? Das will ich nicht tragen!«
      »Wie wirst du's wohl wenden? fragte Loki aus seinen Ketten.
      Und da Odhin noch immer schwieg, – klang es von allen Seiten klagend, jammernd, vorwurfsvoll durcheinander:
      »Und das wäre das Ende? Und so wäre es aus? Unmöglich!«
      Nur Baldur schwieg: und Frigg: und Thor.
      Odhin aber sprach langsam: »Aber bedenkt doch! Noch ungezählte Jahrtausende lebt ihr ja fort. Bis Naglfar, das Schiff, aus Fingernägeln gebaut« – 
      
      »Das ist gleich! Das ist ganz gleich!«
      »Dann mundet nicht Horn mehr!« klagt Heimdall.
      »Noch ergetzt mehr die Jagd!« rief Fro.
      »Noch Gesang!«
      »Wie, Bragi, auch du? Und du solltest doch wissen, daß das Lied, das den Sänger entzückt hat, ob es Keiner gehört, in sich selber genug! Was liegt an dem Lobe der Andern? und wie lange man das Lied noch singt nach dem Tode des Sängers? Singst du um Lob? oder singst du, für dich, weil du mußt?«
      »Nein, rief Freia verzweifelt, Recht hat Bragi! Und Recht haben wir Alle. Das ist nicht zu tragen! Soll ich 
      einmal vergehen – 
      gleich such' ich den Tod! Was soll ich in endloser Furcht vor dem Tod noch Jahre schleppen! Dann ist nur 
      der Augenblick schmerzlos zu ertragen, in welchem Lust uns betäubt, – den Todesgedanken übertönt. Weh! um mich Arme! Ich bin so jung! So schön! Und ich lebe so gern!«
      Und sie raufte ihr Haar. 
      
      »Und wehe, rief sie nochmal, heftiger auffahrend, über deine fluchwürdige, unselige Weisheit! Oh hättest du uns den Wahn gelassen, der uns selig gemacht, daß ewig wir leben!«
      Und verzweifelt, in Thränen ausbrechend, warf sie sich in Freir's Arme.
      »Wehe! Wehe!« scholl es aus dem Kreis der Götter.
      Odhin verschränkte, in seinen dunkeln Mantel sich hüllend, die Arme über der mächtigen Brust: lang sah er stolz auf die Klagenden, Fassungslosen.
      Endlich sprach er: »schlecht habt ihr die Prüfung bestanden. Schämt euch! – So höret denn weiter.«
      »Ah,« ging es, aufathmend, durch die Hörer.
      Und Freia wandte das Köpfchen wieder von Freir's Brust gegen Odhin: noch liefen die hellen Zähren über ihre Wangen: aber ihr rosiger Mund lächelte schon wieder und voll Hoffnungsfreude leuchteten ihre hellbraunen Augen.
      »Wie ein Kind, wie Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein!« sprach Odhin. 
      
      Wohlan denn: hört weiter: die Norne, die indeß kein Wort zu mir gesprochen, rührte nur leise mein Haupt.
      Ich schlug das Auge wieder auf: und sieh, die ungeheure Brandstätte der Weltschlacht war verschwunden.
      Da sah ich auftauchen zum andern Male die Erde vom Abgrund und wieder grünen: schön war sie, Korn trug sie ungesät.
      Die Flammen, die fluchenden, waren gefallen: ein neuer Himmel hob sich über der Erde und wonniger wölbte sich: – ein andres Walhall.«
      »Oh Dank! Dank! Licht! Leben!« riefen die Göttinnen und Götter. Aber Loki zog höhnisch den Mund.
      Und Baldur, Frigg und Thor schwiegen.
      »Einen Sal sah ich, heller als Asgardh war. Die Sonne hatte vor ihrem Verscheiden eine Tochter geboren: glänzender als die Mutter fuhr nun die Maid auf den Wegen der Welten. Auch zwei 
       Menschen: ›Leben‹ und ›Lebensmuth‹, hatten sich gerettet. Morgenthau war all' ihr Mal, schuldlose Speise: von ihnen stammt ein neu Geschlecht.«
      »Ach schweige doch nur von den Menschen! Sahst du nicht mich, Väterchen, und Freir?« drängte Freia.
      »Ich sah dich, schönes Töchterchen! Und noch viel schöner warst du geworden: denke dir nur: verschwunden waren, die dich so viel verdrossen, kamen sie immer wieder zur Sommerzeit, auf deiner Stirn die bräunlichen Flecken.
      Und Freir hielt dich in den Armen. Und niemehr brauchte er dich zu verlassen: denn von selber lenkte sich der Sonnenwagen in der erneuten Welt.« –
      Hellaufjauchzend, mit silbernem Lachen, warf sich die Getröstete an des Geliebten Brust.
      »Sahest du nicht auch mich?« bat Fulla.
      »Und mich?« fragte Gerdha.
      »Und mich?« flüsterte Gefion. 
      
      »Mich doch gewiß? Nicht ohne meine Aepfel könnt ihr leben!« sprach zuversichtlich Idun.
      »Und mich? meinte Bragi. Ist doch unsterblich das Lied!«
      »Und mich?« »Und mich?« »Und mich?«
      »Ja wohl, ja wohl: ich sah euch Alle, Alle. Seid ihr nun zufrieden?«
      »Und du, Vater?« – frug Freia schüchtern: sie schämte sich ein wenig, daß ihr diese Frage erst jetzt kam.
      »Ich danke dir, Kätzchen, lächelte er, ohne Bitterkeit, daß du auch meiner gedenkst.«
      »Mich aber, frug Loki finster, mich hast du hoffentlich nicht mehr gesehen?«
      »Nein. Denn das Böse ist verschwunden in jener Welt. Baldur kehrt wieder, unverändert, und Nanna. Wir Andern, die Alle Schuld befleckt hatte, wir kehren wieder, die Gleichen – und doch Andere: denn die Flammen des Weltbrands haben die Flecken hinweg 
       getilgt. Aber Loki und die Riesen sind spurlos verbrannt.
      »Ida-feld:« das Feld der Erneuerung, ist an Asgardhs Stelle getreten.
      Da werden sich wieder die goldnen Kugeln finden im Grase, mit denen wir heiter spielten in Walhalls Hofe, bevor Schuld uns befleckt. Da werden wir oft, während die Hörner kreisen, von der letzten Schlacht sprechen, der Götterdämmerung, und wie wir aus Dämmerung uns wieder verjüngt.
      »Wußt' ich es doch, rief Freia und schlug klatschend die beiden lichten Hände zusammen. Es mußte doch zuletzt Alles noch gut werden.«
      »Ja, es wird alles noch gut –: zuletzt. – Jetzt aber geht, ihr Andern Alle, für Baldur den Scheiterhaufen zu rüsten unten am Gestade der See. Und soll er eine Brandstätte haben, herrlich wie keiner, der vor ihm und nach ihm verbrannt wird.
      Zuvor aber, du, Tyr, und du, Freir, führt mir den gefesselten Loki fort. 
      
      Die beiden Beauftragten warfen einen zögernden Blick auf Thor.
      »Thor bleibt bei uns, bis Baldur gestorben,« sprach Odhin.
      »Ihr werdet euch wohl nicht fürchten, zu Zweien, vor Einem, in Banden! höhnte Loki. Fürchtet euch nicht! Ruhig laß' ich mich binden: weiß ich es doch nun nornengewiß: einst werd ich frei –: ich und Euer Aller Verderben. Leb wohl, Vater – einmal noch, in Lieb' und Haß, darf ich dich wiedersehn.«
      »Doch auf daß dies nicht zu frühe geschehe, – bindet ihn fest: mit diesem meinem Gürtel. In der Schreckenshöhle bindet ihn an. Fest, aber nicht grausam. Du, Forseti, sendest täglich deinen Frohnboten, ihn zu speisen. Und »Grauen« und »Entsetzen«, meine beiden wildesten Wölfe, legt vor die Höhle, die Riesen hinweg zu scheuchen.
      Ihr Andern rüstet am Strande Baldur's gutes 
       Schiff, Hringhorn, den schönsten der Segler. Und füllt es vom Kiel bis zur Mastspitze mit Asgardhs köstlichstem Hortgut.
      Auch sein Hengst fehle nicht und sein weißer Falke.
      Und mit duftenden Hölzern füllt jede Lücke und mit wohlriechendem Bernstein.
      Und harret dann, bis wir, die Aeltern und der Bruder, Baldur und Nanna euch bringen. Eilet!«
      Als es nun still geworden war auf der Bergkuppe, da sprach Baldur: »Vater, sind sie fort?«
      »Alle, bis auf mich, die Mutter und Thor.«
      »Gut! Vater, bevor du den Speer heraus ziehst – sage uns dreien noch ...: das Ende.«
      »Mein Sohn, – was meinst du?«
      »Vater –, Thor und ich, wir sind dein Blut: die Mutter ist dein ebenbürtig Weib – 
      uns darfst du 
      Alles sagen: 
      wir können's tragen.«
      »Baldur, mein Held!«
      »Ja, Vater, sprach Frigg, er hat Recht. Und obwohl er sehr wund ist und zuerst stirbt von uns 
       Allen – er wird's tragen. Und ich – ich ward dein Weib: – das ist ewig! ist ewiges Heil! Auch ich kann alles hören.«
      »Dein Sohn bin ich, sprach Thor, dein letzter Kampfgenoß –: Fuß an Fuß neben dir darf ich fallen im schönsten Heldentod: was mag 
      mir schaden?«
      »Oh Vater, sprach Baldur. Du schontest die Andern. 
      Uns brauchst du nicht zu schonen. Wie sprach die erste Norne?: »Was da wird, das verwest.« Geworden sind auch – Idafeld und die erneuten Götter – sie 
      können nicht ewig sein – auch sie müssen wieder vergehen.«
      Da ließ Odhin den Speer zu Boden fallen, knieete neben seinen Sohn und rief: »Oh mein herrlicher Liebling! Und 
      du – dem Tode so nah – 
      du willst noch weiter hören? Du hast den Muth, hindurch zu schauen durch jenes heitere Trostbild?«
      »Vater, ich bin dein Sohn. Gieb mir die ganze Wahrheit, eh' ich sterbe. Ich kann sie tragen.«
      »Und ich.« 
      
      »Und ich.«
      Und Frigg und Thor faßten Odhin's beide Hände.
      »Heil euch und mir: ja – das ist Heldenart. Und wohl mir, – nicht mit Verzweiflung muß ich euch vergelten: ich 
      habe Trost, der 
      Helden tröstet. –
      Nicht trog ich die Andern. Was ich sagte –, das sah ich.«
      »Aber du sahst noch mehr,« sprach Baldur.
      »Jene wollten ja nicht mehr hören, als daß sie nur wieder lebten!
      Sie würden das Ende nicht tragen.
      Drum schwieg ich 
      ihnen vom Ende. – –
      Als ich lange in das neue Idafeld geblickt, – ich mußte, wie du, Baldur, stets, der Worte der ersten Norne denken – sieh, da verschwand, nachdem es lange, lange gewährt, auch dieses Bild.
      Der neue Himmel, die neue Sonne, die neue Erde, Alles verschwand, verfinstert, in Nebel gelöst.
      Und Alles, was darin gelebt – sie Alle – ihr, ich. – – 
      
      Nicht in Kampf und Brand diesmal.
      Aber in grauenvoller Nacht und: – Vereisung.
      Eis – furchtbare Kälte – Nacht, schimmerlose Nacht: und von Allem das Schrecklichste – Grauenvollste: Stille, Ruhe: keine, keine Regung mehr im weiten All.
      Mächtig hörte ich vor Schrecken mein Herz schlagen: aber es war das Einzige was ich noch hörte: Nacht, Eis, Schweigen, Todesruhe. –
      Entsetzen packte mich: ich strengte mein Auge an, bis es zu springen drohte: vergebens: ich sah – nichts! nichts als Nacht und Schweigen: den ewigen Tod! –
      Ich raffte mich empor auf beide Kniee: ich wandte das Auge ab von dem fürchterlichen Brunnen: zu der streng blickenden Norne hob ich flehend beide Arme: »Oh sprich, flehte ich, du furchtbar Schweigende! Sage – was ist das Ende? Oh nur 
      das nicht! Nur nicht 
      das! Wahnsinn faßt mich – was ist das Ende? Die Vernichtung? Das Nichts?« 
      
      Sie schwieg und wies befehlend mit der Hand in den Brunnen.
      Noch einmal raffte ich mich auf, bog mich über den Rand, schaute und schaute, daß mir das Auge schmerzhaft brannte: unverändert Alles!
      »Das Nichts! schrie ich. Das ist Verzweiflung! Niemehr erhebe ich mich von dieser Stelle! Niemals kehre ich nach Oben zurück, dies Scheusliche zu künden! Hier will ich liegen und vergehen!«
      Und wie ich über dem Brunnen gebeugt lag, vergingen mir die Sinne.
      »Du Thor!« war das letzte, was ich vernahm.
      Es klang aus dem Mund der drei Nornen zumal. –
      *
      Wie lang ich so lag – bewußtlos –: ich weiß es nicht.
      Aber lange war es. 
      
      Denn mein Arm, der schlaff herab hing, war ganz erstarrt.
      Endlich, endlich war mir, als wenn durch die Wimper meines geschlossenen Auges ein Lichtstrahl drang: nur aus der Tiefe konnte er kommen: auf flog mein Auge – und: – oh glorreich, glorreich, unaussprechlich glorreich! –
      Verschwunden war die Nacht, die Leere, die Ruhe: unabsehbares Licht, unermeßliche Fülle, unendliches Leben sah mein seliges, seligkeittrunknes Auge: ich sah in stets größeren, weiteren Ringen, unaussprechlich an Zahl, eine Unendlichkeit werdender Welten, ganz wie ich in Urdh's Schilde eine Unendlichkeit vergangener Welten erschaut.
      Keine Götter, keine Menschen, keine Alfen oder Riesen, keine Thiere und Bäume, wie 
      wir sind und wissen –: aber 
      andere Wesen, zahllos manchfaltig, anders als wir und Alles, was wir kennen und doch wieder ähnlich uns und dem, was wir kennen, belebten diese unendlichen Sonnen und Welten. 
      
      Und verlosch die Eine – flammten zehn andre herrlicher auf.
      Entzückt, begeistert sprang ich auf: »Heil, rief ich, dem Schicksal, heil dem Unaussprechlichen! Das Ende ist die – Unendlichkeit. – Es 
      ist kein Ende!
      Nur Eins ist ewig: das All.«
      Da erhoben die drei Nornen feierlich einen Gesang –: das war das Hehrste, was ich je vernommen.
      »Nie ist es geworden.«
       »Es ist.«
       »Nie wird es vergehn.«
       »Du wußtest es nicht«.
       »Du weißt es jetzt«.
       »Nie wirst du's zu Ende denken.«
       »
      Ich sagte es dir schon –: du verstandest es nicht.«
       »Es ist in 
      mir dir gegenwärtig«
       »Und unendlich 
      wird dir's in 
      mir.«
      Da ward es friedlich, feierlich, selig klar in mir.
      Verdandi hob die Hand: da ward das ganze Gewölbe, das auf Nornenheim lastet, durchsichtig wie ein Spiegel klaren Wassers: ich sah, daß es Nacht war oben auf Erden: aber schöner als je zuvor sah 
       ich ober der Erde am Himmel strahlen alle Gestirne.
      Und da, – mein Baldur, den Sang, den ich einst so traurig begonnen, mit kurzsichtiger, kranker, schmerz- und sorge-verstörter Weisheit, – zu Ende da sang ich selig den Sang:
      »Trauer und Trübsal hab ich getragen,
       Bebend bittere Leiden gelitten,
       Seit in das Los von uns sterblichen Allen
       Liebend die Seele tief ich versenkt. –
      Wir verlangen des Lichtes, ersehnen die Sonne
       Mit dem Andrang des Adlers: doch ach! unser Auge
       Blendet der Lichtblick, deß wir begehren
       Und weh! durch die Wolken dringen wir nie! –
       Ach! die Erhebung darbt des Genusses
       Und der Genuß entbehrt der Erhebung:
       Ewiges Ringen: nimmer Erreichung:
       Ewiges Fragen: nimmer Bescheid:
       Alles endlich und Alles – elend!
      Solches erwägend wollte vor Weh
       Die Seele mir sinken: und auf die Erde
       Warf ich mein Antlitz: hoffte die helle 
      
       Heitre des Himmels nie mehr zu schauen.
       Und durch die Seele gingen mir schmerzlich
       Seufzende, sehnende Wogen des Weh's. – – –
      Lange so lag ich.
      Aber horch: endlich drängte sich dämmernd
       Durch die wehvollen Wellen
       Zager Verzweiflung, leise und lieblich, anderer Laut:
       Was ich sah, was ich suchte
       Bei euch schweigsamen Schwestern, –
       Hat mich rieselnd durchrüttelt: doch es hat mich gerettet!
       Klangvoll die Klagen durchtönte ein tapferer, tröstender Ton
       Ich ahnte mit Andacht, ich hörte mit Ehrfurcht,
       Ja ich 
      schaute mit Schritten schreiten,
       Mit ehernen, ewigen Schritten,
       Das schrecklich-schöne, das 
      Schicksals-Gesetz. – –
       Und horch: mit Frohlocken erkannt ich den Klang
       Als alt gewohnten: denn es geht im Geheimen,
       In gleichem Gang mit des rollenden Rades großem Gesetz,
       Wann hoch es sich hebt: mein eigenes Herz! –
      Auf sprang ich errettet: auf sah mein Auge:
       Da streift es ein Strahl von wonnigen Wundern:
       Die Straße, die das Schicksal schreitet,
       Sah ich mit Staunen: denn die stillen Sterne,
       Die wechselnden Welten,
       Sie sind des Schicksals schimmernde Spuren. 
      
      Und ich hörte ein Hallen wie von heiligen Harfen
       Wieder gehaucht von den hohen Himmeln:
       »Auf Glück ist und Unglück die Welt nicht gerichtet:
       Das haben nur thörige Herzen erdacht!
       Es will sich ein ewiger Wille vollenden:
       Dem dient der Gehorsam, dem dient auch der Trotz.
       Glück ist nicht der Gelüste gleißender Glanz:
       Nur Begeistrung ist Glück: und der seligste Sieg
       Ist, stolz zu sterben, auf daß Andere athmen.«
      Ich schwieg.
      Da sprach Urdh: »Das war der erste Gesang, der je in Nornenheim getönt.«
      Und Verdandi: »Und er ist wahr.«
      Und Skuld: »Und kein Zweiter wird singen in Nornenheim. Und niemand wird diesen Gesang nieder singen in allen Welten.«
      Da rief ich frohlockend: »So gebt ihr mir Recht, ihr heiligen Schwestern? So habe ich richtig gerathen den Sinn der Gesichte, die ich schauernd geschaut?«
      Und sprach zu ihnen halb und halb zu mir selbst: 
      
      »Ewig ist einzig das All.
      Denn nur was Eins ist, ist ewig.
      Und Eins ist einzig das All,
      Anfanglos, endlos.
      Alles Einzle erlischt: auch einzelne Asen, Götter und Geister: denn ein Einzelnes ist auch der einzelne Gott.
      Erden vereisen, Sterne stürzen, Sonnen versinken.
      Spurlos versprüht, was darauf von Wesen erwuchs. –
      Aber unendlich, unablässig, unerschöpflich in wechselnden Wandlungen, wirkt und webt das All.
      Nicht das Nichts und die Nacht –: ewig ist einzig das Licht und das Leben und wonniges, warmes Bewegen.
      Aus zerstörten Stücken zerworfener Welten, auf's Neue aus dem Nebel versunkener Sonnen, bildet und 
       baut andere Erden des ewigen Alls gewaltig 
      Gesetz: »
      das wechselnde Werden«.
      Das Schicksal, wie wir scheu es nennen!
      Aber es hat es kein Schöpfer geschickt noch geschaffen.
      Aelter ist es als alle Alter, gewaltiger als alle Geister und Götter!
      Nicht zum Wohl oder Weh der wimmelnden Wesen, nur sich selber aus sich zu erschließen schaltet und schafft dies große Gesetz.
      Es ist eins mit dem All: denn es ist nur im All: und das All ist in ihm.
      Das All zerfiele, 
      hielte es nicht das Gesetz.
      Das Gesetz wäre todt, 
      lebte es nicht im All.
      Und ich selber, ich sinke, der größte der Götter, wie sterblicher Staub anbetend in Andacht vor dieser einzig ewigen Gottesgewalt.
      Andere Götter als Odhin ehret vielleicht auf anderen Erden, oder auf dieser Erden zu anderen Zeiten, Anderer Andacht.
      Die Götter vergehn: sie dämmern! 
      
      Aber unvergänglich ist der ewige Gott: das Allgesetz.
      Traurige Thoren, welche da wähnen, Gott zu entgehn!
      Nichts ist ohne Gott, niemand und nirgend!
      Alles athmet und ist in Gott.
      Und ich, aller Einzelgötter oberster Gott, ich ehre in Ehrfurcht 
      diesen Gott.
      Und mein Gott ist mein Trost.
      Ach! 
      Allvater nenn ich mich nie mehr: nur bescheiden, schauernd: den 
      Sohn des All's. –
      Träume niemand von anderem Trost!
      Ist's denn so entsetzlich?
      Verzagen, verzweifeln in elender Angst vor Tod und Vernichtung ist furchtsam, verächtlich.
      Wer sein Leben nicht kann opfern dem ewigen All, von dem er's empfangen – den dem Feigling vergleich' ich, welcher sich weigert, für sein Volk zu fallen bei hallendem Heerhorn.
      Wie für sein Volk fällt freudig der Held, für 
       Asen der Ase, so sind alle Wesen geweiht, für werdende Welten zu verwesen: wir welken und weichen, auf daß Andere erstehn: wie der Same versinket, daß die Blume erblühe: für Andere sterben – ist das so trostlos untragbar?
      Wen der Trost nicht tröstet, daß auf ewig das All wechselnde Wandlungen wirkt, daß Leben, Licht und Liebe unerlöschlich lodern in Unendlichkeit, daß Andere erndten, wo er gesät, daß Andere erben, wann er selber versank, die Lust des Lebens: – den tröstet kein Trost als – trügender Traum.
      Wehe dem Feigling, der Freude und Friede nicht findet im Siege der Seinen, im Fortleben der Freunde nicht volle Vergeltung für den eigenen Fall.
      Feigen freilich frommt nicht das Frohlocken, das Helden erhebt, seh'n sie den Sieg für ihr Volk erfochten durch den eigenen Fall.
      Unser Erbe ist das All, unsre wahre Erde: unsre Wohnung die Welt: unsre Heimat die Halle unermeßlich verstreuter Gestirne. 
      
      So laßt uns sterben, stark und stolz, auf daß Andere erben, die nach uns wachsen aus nahenden Nebeln noch ungewordner Welten, die liebe Lust des Lebens: auf daß sie können kommen, müssen wir gehen; ist's so unmöglich, das Leben zu lassen, auf daß Andre athmen?
      Wer aber einwirft, solches Sinnen tauge nicht zur Tugend, der ist ein Thor: – oder ein Verläumder.
      Mannhafter, mein' ich, ist es und schöner: für sein Volk zu leben, zu leiden, zu fallen, nur weil es Heldenpflicht verlangt, als fromme oder tapfere Thaten darum zu thun, um sich einzukaufen in ein ewig-seliges Ida-feld.
      Und versuchte mich Einer forschend mit Fragen: »da so reichlich rinnt der starke Strom der Schmerzen, da Uebles und Arges und Bitterböses und lästige Leiden, auch unverschuldet, mit Weh überwuchert die Welt – wär' es nicht weiser, wohliger, wonniger, wenn gar nichts wäre? Wenn die Wahl dir wäre zu wählen, durch deinen Wink, dein Wort, 
       zu bewirken, daß die Welt 
      nicht wäre und all' ihre wimmelnden Wesen oder aber, daß sie weiter wachse mit ihren Wonnen und ihrem Weh: – wie würdest du wählen?« – –: sonder Besinnen sagt' ich: 
      sie sei.
      Und wer anders sagt, – der ist siech an der Seele!
      Denn selbst wenn die Wonnen 
      nicht überwiegen das Weh –: und wer will das wägen? –: nicht um des Einzelnen willen ist die Welt, nicht für seine Wonne, sondern daß sieghaft das große Gesetz des Schicksals geschehe.
      Und Weh zu verwinden, – dazu ist Helden das Herz gegeben.
      Auch den Tod zu tragen, ohne Himmelshoffnung, in muthiger Mannheit, als Zoll ihn zu zahlen für die geliehene Lust des Lebens.
      Wen'ge, ich weiß es, wird er trösten, Odhin's helden-tapfrer Trost: Helden erhebt er, die des Trosts kaum bedürfen. Feige füllt er vollends mit Furcht. 
      
      Aber die Feigen sind immer verloren und Odhin ist nur den Helden hold.
      Und die Wahrheit 
      mußte ich ergründen, auch wenn sie Verzweiflung enthalten hätte: den »grübelnden« Gott nennen mich Feind und Freund.
      Aber die Wahrheit war –: der 
      Sieg!
      Süß ist der Sieg den Asensöhnen: und der öligste Sieg ist dem Geiste gegeben, der dem Tode trotzt und fromm dem All sich ergiebt.
      Als Haus und Heim gehört dem Helden das All: das ist die wahre, die ewige Walhall.«
      Als ich schwieg, da sprachen die drei Schwestern:
      »So war es. – Viele Namen gewannst du, seit du unter die Völker fuhrst:«
      »So ist es. – Neue Namen geben wir dir, stolzere, zu den alten:«
      »So wird es ewig sein. – Du aber wirst fortan »Nornengast« heißen und »Nornenweise.«
      Auch wir werden vergehen: klaglos, neidlos: nach uns kommen ewig andere Schicksalsschwestern. 
      
      Geh: die Nornen haben dir nichts mehr zu sagen.«
      Und rasch, beschwingten Schrittes, wie ein Sieger vom Schlachtfeld, wo er höchstes Heldenthum sieghaft gewonnen, eilte ich nach oben zum Licht, – zu Euch.« – –
      »Ja, Vater: das 
      ist Odhins Trost: und Baldurs Trost –: 
      Heldentrost.
      Küsse mich noch einmal: dann zieh' mir den Speer aus der Wunde: mein Vater Nornagest. Das Einzle stirbt: – das Ewige siegt und lebt. Glückauf zum Untergang!«
      *
      Und Odhin küßte den Liebling zum letzten Mal auf die weiße Stirn.
      Und zog dann den Speer aus der Wunde.
      Und Baldur starb, ein sieghaft Lächeln auf den Lippen.
      »So stirbt ein Held, sprach Thor. Vater, auch ich werde lächeln im Tod: – mich tröstet« –
      »Odhin's Trost! rief Frigg. Auch ich weine nicht, mein Gemahl, und bin doch nur ein Weib und hab' ihn doch geboren.« 
      
      »Weine nur, sprach Odhin, ihr Haupt an seine Brust drückend. Wenn Helden also sterben, dürfen Helden weinen: – aus Freude, nicht aus Jammer.«
      Aber sie weinte kaum: nur wenig ward ihr Auge feucht und ein sieghaft Lächeln strahlte dabei auf ihrem Antlitz:
      »Ich 
      ward dein Weib: – das ist unzerstörbar: das ist ewig, ist Seligkeit.
      Ach, dies Alles ist so groß – so überwältigend groß: das Lächeln faßt es nicht und nicht das Weinen: das ist eine Trauer, die das Herz zugleich mit Jauchzen erhebt.«
      »Ja, sprach Odhin, das ist des Heldenthums Begeisterung. Wen sie nicht trösten kann – der muß verzagen.«
      Und trugen nun die drei Starken Baldur und Nanna, die Todten, hinab an das Meergestade.
      Und halfen da alle Götter und Göttinnen das Par noch schmücken.
      Und legten die beiden schönen Todten neben einander unter dem Mast auf's Deck. 
      
      Und weihte sie Thor mit seinem Hammer, beiden den Todtenschlag leise, zärtlich, auf ihre Brust klopfend.
      Und Odhin blies in die Segel: da bläheten sie sich in stolzer Schwellung wie zwei weiße Schwingen eines Schwans.
      Und Thor zündete nun das Schiff mit hellem Blitzstrahl an.
      Und prachtvoll flog das brennende Fahrzeug mit allen Segeln vor dem Winde: lange, lange sahen sie vom Ufer aus dem rasch enteilenden herrlichen Schauspiel nach, bis es in fernstem Duft auf offnem Meer verschwand.
      »Kommt nun, sprach Odhin. Ihr Recht ward den Todten. Nun gebt den Lebenden ihr Recht: Kampf gegen das Böse, bis sich alle Geschicke erfüllen: Heldenkampf und Heldentod –: das ist Odhins Trost.« –
      *
      Hier endet die Sage von Odhin's Trost. –
      *
      
       Die Heiden sind hinaus zum Opfer.
      Streng hab' ich allen Hofgenossen verboten, mit hinaus zu ziehen zum Quell.
      
      Alle wollten hinaus –: viele den alten Göttern zu Liebe: manche wohl nur dem alten Meth zu Liebe, den Valgardhr nach dem Opfer den Opfergenossen spenden wird –: er führte eine große Tonne mit.
      Knut mußte ich drohn, ihn an die Hallpfosten zu binden, so eifrig strebte er hinaus.
      Und Gydha, mein goldlockig Enkelkind, – wie bat sie so flehentlich, ich solle sie mit gehn lassen.
      Denn es reizten das Kind die bunten Bänder 
       und die vielen Goldfäden, die durch Mähne und Schweif des weißen Rosses geflochten wurden, und, auf den Wagen gehäuft, all das blinkende Geräth, das Knut sorgsam gescheuert hat, daß es hell schimmerte.
      Doch ich verbot es und Gydha ist gehorsam.
      Nur auf den Pfostenzaun unsers Gehöftes verstattete ich ihr zu steigen: von da kann sie das Opfer gut ansehen.
      
      Ich will es 
      nicht mit ansehn.
      Mich schmerzt es in der Brust dabei: denn ich muß denken, wie mein Vater einstmals bei'm Odhin-Opfer herrliche Stäbe zur Harfe gefunden.
      Nicht hatte er sie vorher zusammengesucht: er hob das Antlitz gegen Himmel: frei floß sein weißes Haar über den Nacken: sein Auge leuchtete, die Lippe zuckte und tönend floß ihm der Strom des Gesangs.
      Wie begann doch sein letztes Lied zu Ehre Odhin's?
      »Aller Asen acht' ich
       Den edelsten Odhin!
       Weisheit sein Wort, Wunder sein Werk, 
      
       Wonnig sein Weh'n:
       Wann in weichem Weben
       Frühe Frühlings-
       Knospen er küßt, –
       Können die Kleinen die Kelche
       Nicht mehr schlummernd verschließen:
       Sie öffnen die Augen
       Und kosend küßt er
       Ihren ersten Athem.
      Aber Odhin auch
       Stürzt im Sturm die Stämme
       Uralter Eichen!
      Ich kann nicht ablassen von dem Lied: ich muß es weiter denken! Wie verlief es doch nun?:
      »Sein Hauch hetzt die Helden
       In tapfre Thaten und tapfren Tod:
       Jubelnd und jauchzend jagen sie jäh
       In spitzige Speere, in geschwungene Schwerter:
       Selig im Siege, getrost auch im Tode.
       Denn sie wissen: es werden die weißen Walküren
       Zu Walhalls Wonne tragen die Treuen,
       Die lachend erlegen, fechtend und fallend
       Für die heilige Heimat und des Hauses Herd. – 
      
      Auf Erden aber ehrt sie unendlich
       Der Sänger Gesang: sie leben im Liede!
       In den Hallen noch hört man Harfen von Helden,
       Die hoch der Hügel hat überhöht.
      Wer aber wies die Sänger, zu singen?
       Wer lehrte das Lied und die hallende Harfe?
       Wer anders als abermals Odhin der Edle!
       Der Schläger der Schlachten ist selber ihr Sänger:
       Sangvater ist Siegvater,
       Siegvater Sangvater zugleich!
      Und wer wies der Weisheit gewundene Wege
       Dem begierigen Geist, dem forschenden Frager
       Nach Anfang und Ende des unendlichen Alls?
      Was da gewonnen an Wissen und Wahrheit
       Der mühseligen Menschen grübelnder Geist –:
       Alles hat Odhin uns offenbart!
       Er hat das hohe, das heil'ge Geheimniß geritzter Runen
       Seine Lieblinge lösen gelehrt!
      Stumm, doch verständlich, mit schweigenden Schritten,
       Ein heiliger Herold, schreitet die Schrift:
       Ein beredter Bote von Volk zu Volk
       Trägt sie getreulich köstliche Kunde,
       Wachsende Weisheit pflegend und pflanzend 
      
       Von Geschlecht zu Geschlecht:
       Wie des Feuers Flamme
       Selbst nicht versiegt, ob es auch Andern oftmals
       Segen sprühend gespendet.
      Jetzt sind sie am Werk.
      Tief schallen die Hörner und feierlich. –
      Sie beginnen leisen Gesang –: ha bei'm Haupte meines Vaters! –: es ist 
      sein Lied, 
      sein Lob Odhin's –!
      Ich höre die Worte, die stolzen Stäbe! – Jetzt der Schluß: wie braust der Gesang! hell klingen und herrlich zwei Harfen dazu: ich muß mit einstimmen:
      »Retter und Rather
       Der mühvollen Menschheit
       Ist der Rabenumrauschte
       Runen-Vater:
       Alles ist Odhin, was hoch ist und herrlich,
       Was wonnig und weise, was stolz und was stark!
       Lobt ihn im Liede, ehrt ihn mit Andacht, solang ihr lebet:
       Und fallet einst herrlich, in Helmen, als Helden,
       Daß fröhlich ihr fahret nach Asgardh zu Odhin,
       Ewig in Walhalls Wonnen zu wohnen 
      
      Aber horch! was ist das? Waffenklirren! Wüstes Geschrei! – Den Nothruf schmettert Valgardhrs Horn: ha die Mönche, die Söldner sind über ihm! Mein Hammer! mein Hammer! Zu Hilfe!
      *
      Wahrlich: nicht hatte ich gewähnt, daß diese Blätter, die von Odhin soviel erzählen und von Odhins Weh und Trost, auch soviel Weh aufnehmen würden, das mich, das uns Menschen betraf.
      Mein Weh ist wild: – von Trost verspüre ich noch Nichts. –
      Ich muß das aufzeichnen, mein lieber Sohn, und mit der Sage vergraben, auf daß du es findest, wann du hierher kommst auf das Eiland und auf daß du Alles der Wahrheit gemäß, nicht wie es die Mönche erzählen werden, erfährst, was die Deinen: dein Kind, deinen Vater getroffen hat. 
      
      Denn nicht werd' ich auf dieser Insel in Frieden sterben.
      Schwer verlasse ich, muß es sein, das alte freie Gehöft, die guten Hofgardhar.
      Der Urahn Thorolfr, da er Norge des Drachen Rücken und den eignen kehrte, weil er König Harald Harfagri's Königthum sich nicht beugen wollte und die Freiheit der Heimat vorzog, nahm die Stirn-Säulen seines Gehöftes mit an Bord: und als sich sein Schiff der Eis-Insel näherte, warf er sie, die runengeritzten, in die See.
      Und wo die Welle sie ausspülte – hier an Göttergedeuteter Stätte, landete er und baute das neue Gehöft, gestützt auf die alten, aus der Fremde mitgeführten Säulen, frei von jeder Königs-Gewalt.
      Schwer werde ich sie verlassen.
      Aber was der Mann in seinen Gedanken baut, ist ihm doch noch theurer als was er stützt auf Holz.
      Vernimm nun, was geschehen, seit ich zuletzt geschrieben. 
      
      Wundersam hat sich diese Sage und unser Leben verstrickt und verflochten –: ich kann's nicht mehr scheiden! –
      Ich werde es kurz machen: denn es drängt die Zeit, wohl bald die Noth.
      Dies schreibe ich nicht in meiner großen Schlafstube, wo ich bisher geschrieben.
      Denn ach! in meiner Schlafstube, dem besten Gelaß, und in dem besten Bette des Hauses auf den Eiderdaunenkissen liegt Gydha, dein holdes Kind, schwer wund.
      Und ist alles dunkel in dem Gelaß: die Holzladen sind geschlossen, welche man schließt, wenn der Feind das Haus belagert.
      Und hinter den Holzläden, den Pfeil-Wehren, habe ich alle Teppiche und Decken des ganzen Hauses aufgehängt, sorgfältiger als Pfeile, die noch nicht fliegen, aber wohl bald fliegen werden, abzuwehren alle Strahlen der Sonne, die da dringen möchten durch die Ritzen. 
      
      Denn, – Jammer und Weh, daß ich, der Großvater, es schreiben muß von der Enkelin und dir, schreiben, dem Sohn und dem Vater! – dort in dem Bette liegt Gydha: sterbend, so fürcht' ich, oder, wenn sie am Leben bleibt, blind auf beiden Augen und das holdselige Antlitz entstellt.
      Ich schreibe das in der anstoßenden Waffenkammer, von wo ich auch den Angriff der Feinde am ehesten gewahre.
      Ich schreibe nur, wann sie schläft: sowie die tiefen Athemzüge der Schlummernden stocken, bin ich an ihrem Lager und halte die kleine Hand.
      Und daß das Kind niemals klagt, unter großen Schmerzen, macht es noch rührender.
      Oh wenn doch das Wenige ungefüger Heilkunst, das seit Geschlechtern in unserer Sippe vererbt wird, diesmal nur fruchten wollte –: aber freilich, handbreite Beilhiebe und fingertiefe Pfeilwunden bin ich zu heilen mehr geübt, als eines zarten Kindes zarte Augen. 
      
      Rettet sie, ihr Lichtalfen, unseres Hauses altvertraute, leisbeschwingte Geister!
      Schwebt um ihr Bett! Lindert ihre Pein! Verschönt ihren Schlaf durch heiter gaukelnde Träume, lichten Faltern vergleichbare.
      Ja, euch, liebe Lichtalfen, muß ich anrufen –: denn die Engel des Christengottes halten, scheint es, mit den Mönchen.
      Oder wo war des Kindes »Schutzengel« – wie die Christen die »Fylgja« nennen –, schützend den Schild zu halten vor diese goldenen Augen, als der Stein flog aus des tückischen Priesters Hand?
      Oder hat wirklich der Christengott, ohne dessen Willen ja kein Sperling vom Dache fällt, dies Gräßliche gewollt?
      Er ist ja ein starker eifriger Gott, der die Sünde der Väter heimsucht bis in das siebente Glied.
      Hat er wirklich es mir zur Sünde gerechnet, daß ich den Viking gewähren ließ, und hat er sich gerächt 
       an mir für diese Schuld an eines Kindes Augen?
      Höre, Christengott, wenn du das gethan, – dann sag' ich dir ab für immerdar!
      Sie erwacht. Ich eile, den Verband mit der Salbe zu erneuern –: dann schreibe ich weiter.
      Sie lächelte, als sie meine Stimme hörte, meine Hand fühlte.
      Sie dankte für das kühlende Eis, das ich auf die heiße Stirn drückte.
      Sie fragte: »Großvater, werd' ich niemals wieder dein liebes, altes Gesicht sehen können? und des Vaters blitzende Augen, wann er zurückkehrt? Und die goldene Sonne?«
      »Gewiß! Bald! Bald!« rief ich ihr zu –: dann aber eilte ich hinaus, auf daß sie nicht höre, wie ich weine.
      Ja, ich weine, ich alter, harter, sturmfester Mann. Und nicht schäme ich mich, zu weinen. Aber gar so 
       weh thun Thränen alten Augen, die des Weinens nicht gewohnt. – –
      Sie schläft wieder und ich schreibe weiter.
      Knut, der Knecht, sagte mir später, schon am Vorabend des Opfertages, als er an der Quelle, für das Opfer vorarbeitend, die Grube gegraben, in welche das Blut des Hengstes strömen sollte, und als er die Felstrümmer aus dem Wege geräumt hatte, welche seit so vielen Wintern auf den nicht mehr gebrauchten Opferplatz von dem Berge heruntergerutscht, habe er beim Fortgehen nach unserem Hofe bemerkt, wie Seraphicus, der Mönch, versteckt hinter den Felsen des Hügels, die unser Land vom Bischofsland scheiden, lauernd hinunter spähte auf sein Thun.
      Da aber der Schleicher oft – und seit des Vikings Ankunft emsiger als je – um unseren Landzaun spürte, achtete er nicht weiter darauf.
      Der Viking aber erzählte, als sie gerade mitten in dem Opferwerke waren und rings um den Quell und um die Opfergrube die Geräthe: der große Erzkessel 
       aus Grekaland, die kleinen Silberschalen und das spitze Opfermesser, bereit standen und lagen und als nun das edle Weißroß vorgeführt wurde, Mähne und Schweif mit rothen Wollbändern und mit goldnen Quasten durchflochten, und als Valgardhr, die Arme, dankbetend, zu Odhin emporhob – da stürzten plötzlich auf die zehn Männer von dem Hügel herab, hinter dessen Felsen sie sich versteckt gehalten, die Bischofsleute und die geworbenen Söldner, wohl ein halb Hundert an der Zahl, mit wildem Geheul Schwerter und Lanzen schwingend, voran Seraphicus, ein mächtiges Kreuz in der Rechten.
      »Nieder mit den Heiden! schrie er. Gott der Herr hat sie in unsere Hand gegeben wie die Heiden von Kanaan seinem auserwählten Volk! Nieder mit den Heiden!«
      Und schon hatte er den ihm nächsten der Segelbrüder, der, waffenlos, das Opferroß am Zügel hielt, erreicht und ihm mit dem schweren Kreuz den Schädel eingeschlagen; seine Gefolgen fielen mörderisch über 
       die neun Männer her, die sich der Uebermacht schwer erwehrten.
      Da stieß Balgardhr ins Horn: und das rettete sie.
      Denn hinter mir, den der erste Hornschall herbei rief – meinen Hammer riß ich von dem Balkenpflock, sowie ich durch die Dachlucke den Mordkampf gesehn: und ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinunter und durch die Hinterpforte des Hofzauns hinausgekommen bin: – dicht hinter mir folgten Knut, der Knecht, und zehn meiner Häuslinge mit den nächsten Waffen, die sie erraffen mochten, und bald – aber auch gerade noch zur rechten Zeit –! waren wir zur Stelle.
      Uns entgegen jagte das weiße Roß, das sich losgemacht hatte in dem Getümmel.
      Als ich die Kämpfenden erreicht, rief ich Scraphicus zu: »Genug des Mordbluts. Haltet den Landfrieden! Ich stelle mich vor dem Allthing und will des Bischofs Klage bestehn.« – Da wollten die meisten Bischöflichen ablassen. Seraphicus aber schrie: 
       »Drauf, ihr Werkzeuge des Herrn! Nieder mit den Heiden! Tilgt sie aus dem Lande! Ihr Blut ist Gott ein wohlgefällig Opfer. Fünfzig auf zwanzig! Fürchtet euch nicht!«
      Und wieder schlug er mit dem Kreuz auf uns los.
      »So hilf denn, Odhin, hilf deinen Söhnen! rief da der Viking. Das Roß ist entronnen –: trinke denn, Siegvater, Menschenblut statt Pferdeblut!«
      Und kam da Odhins Geist über den Viking, seine Segelbrüder, ja über uns Alle.
      Wüthend über den feigen, mörderischen Ueberfall, über den Mißbrauch der Uebermacht griffen nun wir die Bischöflichen an.
      Und obwohl sie fast Drei auf Einen von uns waren, sprengten wir sie doch nach kurzem, wildem Kampf auseinander, daß sie nach allen Seiten flohn. –
      Seraphicus wollte über die Hügel nach dem Bischofshof entkommen –: aber Knut, der Knecht, der ihn stark haßt, fing ihm den Weg ab und traf ihn 
       mit dem Wurfspeer in den rechten Arm, daß er schreiend das Kreuz fallen ließ und in der entgegengesetzten Richtung davon lief, den schmalen Wiesenweg entlang, der weit rechts an unserem Hof vorüberführt.
      Aber plötzlich – wir wußten nicht, weßhalb: bald sollten wir es mit Schrecken erkennen – machte er Halt und lief querfeldein und, über den Quell springend, gerade auf unsern Hof zu: ich und Knut folgten ihm von Weitem.
      Er bückte sich, schrie: »stirb, Heidenbrut!« – und gleich darnach hörten wir einen laut wimmernden Schmerzensschrei und sahen Gydha, die wir nun erst bemerkten, von dem Zaun unseres Hofes, von dem aus sie das Opfer hatte sehen wollen und statt dessen, von Schrecken gelähmt, den Mordkampf angesehen hatte, rücklings herabstürzen in unsern Hof.
      Seraphicus wollte nun wieder den früheren Weg gewinnen und lief rechts landeinwärts – aber Wuth und Schmerz gaben mir Flügel, ich holte ihn ein – 
       bei dem Vogelbeerbäumchen, dem Thor geweiht, du weißt: es ist das einzige auf dem ganzen Godhordh – und streckte ihn mit einem Faustschlag auf den Hinterkopf nieder.
      Er fiel in Friggs Wachholderbeerbusch.
      Nun waren auch Valgardhr und Knut zur Stelle.
      Ich überließ ihnen den Betäubten, lief nach unsrem Hof und suchte nach Gydha.
      Ich hatte nicht lange zu suchen: sie lag noch, wo sie gefallen war: das Antlitz mit Blut überströmt: ein wuchtiges, zackiges Felsstück neben ihr – und ach, wie es scheint, beide Augen durchbohrt.
      Sie athmete schwach.
      Ich fürchtete, während ich sie, so sanft ich konnte, auf beiden Armen in das Schlafgemach trug, die kleine Seele durch den halb geöffneten Mund entschweben zu sehen.
      Blutige Tropfen, aus ihrem schönen, goldenen Haar träufend, bezeichneten unsern Weg bis an das Bett. – – 
      
      Ich wich nicht von ihrer Seite, bis ich sah, daß sie sich erkräftigte nach eingeträuften Tropfen von dem dunkelrothen Griechenwein, den der Viking erbeutet und mir als Gastgeschenk gebracht hatte: ich verband die Wunde, die sich über beide Augenlider und die Nasenwurzel zog: sie entschlief.
      Ich hatte Alles vergessen über diesem Anblick, über dieser Pflege: die Abwehr und die Rache.
      Aber der Viking und Knut hatten beide nicht vergessen.
      Sie hatten den Kindermörder in den Hof geschleppt und, an Händen und Füßen gebunden, in das Badhaus geworfen: wohl hatte Valgardhr, sowie er ihn erreicht, sein Messer über ihm geschwungen: aber der Knecht war ihm in den Arm gefallen: »das ist des Großvaters Recht!«
      Und während ich nur des wunden Kindes gedachte, hatten der Viking und Knut des Hofes Sicherung bedacht. 
      
      Denn ohne Zweifel ist noch in der Nacht der Angriff der Bischofsleute zu erwarten. –
      Sofort holten die Beiden von der Opferstätte, die Kampfstätte geworden war, die dort zerstreut liegenden Waffen der Todten – es waren zwei Segelbrüder des Vikings und einer meiner Hausleute gefallen, von den Bischöflichen aber lagen siebzehn todt – und die weggeworfenen Waffen der Entflohenen –: alle Todten wurden auf dem Flecke verbrannt: »ein gutes Opfer nahm sich Odhin, sprach dabei Valgardhr: statt des einen Gaules, der ihm entging, zwanzig Männer!« – Dann verrammelten sie die Thore des Haupthofs und der beiden Nebenhäuser: des Stallhauses und des Badhauses, schleppten Balken und Steine, auch Wurflanzen auf die drei Dächer und Wassereimer gegen Feuerpfeile.
      Auf dem Felsen-Hügel oberhalb des Quells stellten sie Wachen meiner Häuslinge aus – nur von daher konnten zu Lande die Feinde kommen –: und auf dem Drachen und auf meinem Schiffe im Fjordh brannten 
       die ganze Nacht Feuer: die Segelbrüder Valgardhrs hielten hier die Einfahrt in die Bucht bewacht.
      Die alte Herborg, Knuts Weib, wollte mich die Nacht über ablösen an Gydha's Bett: aber ich wich nicht: ich wachte und sann.
      Kein Angriff auf den Hof geschah: zwar waren die Bischöflichen um die Zeit der Mitternachtwende durch das Birkengestrüpp – »Wald« nenne ich es nicht mehr, seit ich die Wälder auf dem Festlande gesehen – vorsichtig, (den Pferden hatten sie die Hufen mit Stroh umwunden,) auf dem Hügelweg herangeschlichen, zu versuchen, ob ein Ueberfall gelänge: als sie aber angerufen und mit Pfeilschüssen begrüßt wurden, waren sie eilig zurück gejagt. – So verlief die Nacht ruhig.
      Eins aber ist wahr.
      Thaten thun die Christen – die thäte kein Heide.
      Als die Bischöflichen ihren nächtlichen Ueberfall aufgegeben hatten und unsre Wachen das Gebüsch 
       durchspähten, wo jene gestanden, da drängte sich aus dem Graben, wo er sich versteckt gehalten, Kiartan hervor, der irische Mönch.
      Er bat unsre Wachen, ihn zu fangen, zu binden, zu schlagen und vor mich zu führen.
      Sie thaten ihm kein Leid, aber sie führten ihn vor mich.
      Seine linke Wange blutete.
      Ich erinnerte mich, daß er gestern in den wildesten Kampf sich gestürzt hatte, ohne Waffen: jeden, der wund nieder sank, Heiden wie Christen, fing er auf in seinen Armen und trug ihn aus dem Getümmel, ihn zu retten, wenn es noch möglich war.
      Und ich erinnerte mich auch, daß er dicht vor mir gestanden, als ich Vigulfr, Bigbjörns Sohn niederschlug, den Führer der Söldner, und daß er den Todwunden aufhob.
      »Was willst du, Ire?« frug ich nun heute den Mönch, wenig freundlich. 
      
      »Ich bitte dich um was, wie mir der Herr Christus befohlen hat.«
      Und er hielt mir das Antlitz hin.
      »Du hast gestern, als du den Kriegsmann, den Sturlung, erschlugst, meine linke Wange mit deinem Streitbeil gestreift: mir ist befohlen von meinem göttlichen Meister, dir nun die rechte Wange zum Schlagen dar zu bieten.«
      Valgardhr lachte.
      Aber ich lachte nicht, gab ihm einen leisen Schlag auf die heile Wange, verband seine Wunde und befahl, den Wackern gespeist und getränkt zurück zu geleiten bis über den Bischofs-Hügel.
      Das hätte kein Heidenmann gethan, den ich kenne: das ist noch mehr als Werinher, der Thüring, jüngst an Knut gethan.
      Aber kann man mit so sanften Leuten Feinde abwehren und ein Reich behaupten?
      Im Paradiese vielleicht, wo keine Feinde waren, aber auf dieser harten Erde? – 
      
      Aber ich sann nicht darüber viel.
      Sondern über das, was nun zu thun war, sann ich und sann.
      Und noch bevor der graue Tagesschein empor stieg und der Hofhahn krähte, noch vorher war ich mit meinen Sinnen zu Ende und mit meinem Entschluß.
      Ich ging, als es Tag geworden, zu Valgardhr, den ich eifrig beschäftigt fand, das Waffenschleifen seiner Segelbrüder in der großen Halle zu überwachen. »Odhins Auge glänze auf dich, rief er mir entgegen. Die Priesterknechte kommen nicht zu uns –: so gehen wir zu ihnen. Ich rüste nur noch etwa eine Stunde: dann segeln wir hinüber und brennen den Bischofshof und Alles, was darinnen athmet.«
      »Nach einer Stunde, sprach ich, springt der Nordwestwind ein. Dann sticht dein Drache in hohe See.
      »Oho! sollen meine Leute liegen ungerächt?«
      »Siebzehn gegen zwei – das ist Rache genug, denke ich.« 
      
      »Und das Blut Gydha's, des Kindes meines Freundes? Rächst du die Enkelin nicht?«
      »Ich werde sie rächen. Seraphicus ist ihr Mörder, nicht der Bischof und des Bischofs Leute. Du aber – räume das Eiland.«
      Ist das die Gastfreundschaft von Hofgardhar?«
      »Der Gast hat auch Pflichten, nicht nur Rechte.
      Höre mich an. Vielleicht war es Unrecht, daß ich dir das Opfer verstattete, unterstützte.
      Das hoff' ich aber am Allthing zu vertreten: jedesfalles viel schreienderes Unrecht war jener mörderische Ueberfall und die Abweisung meiner Erbietung zum Rechtsgang. Sie wollten uns morden in ihrer Uebermacht: daß wir uns wehrten, war unser Recht: die siebzehn liegen, ungebüßt, wo sie liegen. Für Gydha's Leben, für Gydha's Augen büßt mir der gebundene Mann. Schon sandte ich einen Boten zum Bischof. Ich fordere nur, daß er den Spruch des Allthings nicht hemme, spricht dies Tod oder Friedlosigkeit 
       über den Mönch. Dabei verbürgte ich mich, daß die Mittagsonne euch Heidenleute nicht mehr bescheinen solle auf dem Eiland. Das muß ich halten. Also mache den Drachen segelfertig.«
      Der Viking schüttelte den Kopf: »Allzufriedfertig hat dich schon der Christengott gemacht. Und thörig dazu. Uns, deine einzigen Helfer und Freunde, schickst du fort – vorher –: vor des Bischofs Entscheidung?
      Was thust du, wenn er deine zahme Forderung verwirft, den Mönch herausgegeben verlangt und mit Gewalt dich überzieht?«
      »Das wird er nicht. Er ist nicht ungerecht. Und – schließlich – der Mörder ist in meiner Gewalt. Er soll nicht entrinnen ohne Strafe.«
      »Freund, ich rathe dir besseren Rath. Viele sind noch auf der Insel den alten Göttern heimlich im Herzen treu: diese Neidingsthat des Mönches muß sie Alle empören: laß uns den Heerpfeil unter alles Volk 
       senden und aufbieten alle Freunde der alten Götter: in deinem Insel-Viertel stehen von den drei Thingverbänden ohne Zweifel zwei zu dir: das sind allein schon sechs Godhordhe von den neun und dreißig: leicht gewinnst du noch über ein Dutzend dazu: laß sehn, ob wir nicht dem Bischof gewachsen sind und ihm und seinen Heiligen die ganze Insel wieder nehmen.«
      »Das ist der Gedanke, mit dem ich gerungen habe die ganze Nacht. Ich habe ihn niedergerungen.«
      »So zweifelst du am Siege? hast du nicht gesehen, wie gestern Odhin uns Sieg gab, zwanzig über fünfzig?«
      »Ich zweifle kaum am Siege –: ich zweifle am Recht.
      Durch Volksbeschluß ist damals der Friede mit größter Mühe geschaffen –: ich breche den Frieden nicht.
      Ich würde ihn nie anerkannt haben, – ich hätte lieber das Eiland geräumt – glaubte ich noch fest an die alten Götter.« 
      
      Da rief Valgardhr zornig: »Undankbarer, hast du nicht gesehn, wie gestern Odhin uns und dich beschützt hat sichtbar gegen der Söldner und Mönche Uebergewalt?«
      »Freund, das kann ich dir jetzt nicht Alles deuten. Aber sieh, ich weiß von Odhin, daß er zuletzt selbst nicht mehr an sich glaubte –: wie sollte ich da an ihn glauben? Er mag wohl ein Gott sein, ein gewaltiger: aber er selber hat über seinem Haupt einen höheren Gott erkannt!«
      »Den Christengott?« frug unwirsch der Viking.
      »Vielleicht! Denn daß der Christengott stärker ist als Odhin, das sehen wir alle Tage.«
      »Nicht gestern!«
      »Vielleicht aber, – doch das wirst du nicht glauben! – vielleicht sind Odhin und der Judengott und der Christengott und die alten Götter der Süd-Heiden von Rumaburg und Grekaland zwar alle Götter, schwächer oder stärker, aber nur für Ein Land oder Ein Volk oder für gewisse Zeit, wechselnd entsendet 
       von dem ungenannten Gott, der hinter und über ihnen Allen steht, dem Allgott, den Odhin bei den Nornen erfrug.
      »Das verstehe ich nicht,« sagte Valgardhr unwillig.
      »Ist auch nicht nöthig! Wenige werden's verstehen! Aber das verstehst du klar: ohne voll an Odhin zu glauben, für Odhin den Krieg im Volk entzünden, – das darf ich nicht.
      Längst lauert der König drüben in Norge, wie er dies freie Eiland unterwerfe. Bezwangen wir die Bischöflichen –: gar bald kämen seine Drachen gefahren und machten wieder ein Ende mit Odhin und Thor –: und mit der alten Freiheit.
      Und deßhalb, siehst du, Freund Valgardhr, deßhalb mußt du fort. So lang du hier weilst, hat der Bischof, ja der König, stets einen Schein des Rechts. Süß ist die Rache: hoch halt' ich den Haß, den heißen Wunsch des Herzens – aber höher halt' ich mein Volk. Fahr' wohl.«
      Der Viking zögerte: treuherzig legte er mir die 
       gepanzerte Hand auf die Schulter: »Alter Freund, sprach er, wenn nur auch der Bischof so denkt. Aber ich fürchte: der denkt anders. Hat er doch den Himmel sicher – was liegt ihm an diesem Land! Ich sorge sehr, du bereust, daß du mich fortgeschickt. Aber ich gehe. Ist doch das Blut deiner Enkelin geflossen, weil ich dein Gast geworden. Ich brachte dir Unheil: ich gehe. Möge Odhin dich unter seinen Schild nehmen: ich fürchte nicht die Waffen der Christen, aber ihre Gedanken.«
      In einer Stunde ging der Drache mit vollen Segeln vor dem Westnordwest in See: – er geht nach den Orkneys, dort einen alten Rechtsstreit durch Siebenkampf zu entscheiden. – Ich befahl, den Hof wieder zu entwehren.
      Er fährt an der Bischofsbucht dicht vorbei: so müssen sie sehen, daß ich mein Wort gelöst.
      Gydha wird nicht sterben, hoff' ich. Auch das linke Auge wird besser. Ich denke es zu retten. Aber das rechte? 
      
      Sie spricht wieder; sie versucht zu lächeln. Es ist ein Anblick, der das Herz zerreißt.
      Sie will 
      mich trösten, aufheitern, das wunde Kind den heilen Mann.
      Sie ist so gut, wie die Christen sagen, als nur ein Christ sein kann.
      Und sie hat doch nichts vom Christenthum empfangen als die Wassertauche. Denn ich kann es nicht lehren. –
      Es ist Abend.
      Gegessen hat sie gar nichts, als zwei Möweneier, die ihr Knut aus dem nächsten Vogelberg geholt.
      *
      »Der Bote kommt vom Bischof zurück: er bringt geschriebene Antwort: ein langer Brief. Mit zitternden Händen reiß ich ihn auf: – es ist nicht des Alten, es ist des Jungen, Gizurrs, Handschrift. Das bedeutet Böses.
      »Im Namen des furchtbaren dreieinigen Gottes 
       Isleifr der Bischof an Thorgeir, Thormodhrs Sohn, den Godhen zu Hofgardhar, den Friedebrecher, den Mörder, den Teufelsanbeter, den Opferer, den Abtrünnigen.
      Für ewig verfluchen sollt' ich deine Seele in den untersten Pfuhl der Heiß-Hölle.
      Lang schon standest du im Verdacht, daß du noch den Teufelsgöttern dienest: nun hast du es durch offene That scheulos gezeigt: du hast den Taufbund und das Landrecht gebrochen.
      Verboten ist durch Landgesetz, nach deines eignen Ahnherrn Vorschlag, offnes Opfer. Du hast auf deinem Boden, an alter, verfluchter Opferstätte, Heidengäste offen opfern lassen, ihnen deine eignen Opfergeräthe geliehen, welche du, statt sie heraus zu geben, verheimlicht hattest.
      Du hast, als im heiligen Eifer des Herrn ein frommer Diener Gottes dein Greuel wehren wollte, mit würgenden Waffen unter den Unsrigen gewüthet: Blut von siebzehnfachem Mord klebt an deiner Hand. 
      
      Und statt solche Frevelthat zu bereuen, forderst du mit frechem Mund, einen Diener des Herrn, den du gefangen hältst, vor weltlich Gericht zu stellen!
      Wohl wissen wir, daß das bisher in diesem noch halb heidnischen Lande Recht war: aber wir sind gewillt, den heiligen Canones gehorchend, welchen die Könige der mächtigsten Reiche folgen, das auch auf diesem Eiland fortab nicht mehr zu dulden.
      Augenblicklich entlasse den Mönch, den du in frevelnden Fesseln gefangen hältst: unser geistlich Gericht wird dann prüfen, ob ihm wegen Verwundung deiner Enkelin etwa eine geistliche Buße aufzulegen sei: der Arme, gejagt von geschwungenen Schwertern wilder Heiden, wehrte sich wohl nur in Todesangst seines Lebens.
      Wir vielmehr werden Klage führen vor dem Allthing gegen dich wegen siebzehnfacher Blutthat.
      Wie aber auch das Allthing diese Mordschuld büße und Landrechtsbruch durch offnes Opfer – die geistliche Strafe schleudern wir schon jetzt auf dich: 
       verdient hättest du den großen Bann: die Ausstoßung aus der Kirche.
      Aber das wäre dir wohl gerade Recht: da wähntest du in deinem alten heidnischen Herzen: nun seiest du aller Christenbande ledig: und ganz würdest du wieder zufallen deinen Götzen –
      Wir geben dich aber nicht los: denn uns erbarmt deiner unsterblichen Seele.
      Wir behalten dich, durch Buße dich zu bessern.
      Und dies ist deine Buße: um das furchtbare Aergerniß zu sühnen, das du gegeben, wirst du nach drei Nächten vor uns erscheinen und, vor versammelten Priestern und Laien des ganzen Inselviertels, laut, feierlich, öffentlich, die alten Götter verfluchen, vorab Odhin, den Argen, den infernalischen Geist, der dich in diese Greuel getrieben. Absagen sollst du Odhin und Thor und Baldur und alle den Unholden, die ihre Genossen sind.
      Anspeien sollst du das Götzenbild Odhin's, das wir zu diesem Zweck allein nicht mit Feuer verbrannt 
       haben, da wir den Tempel Blotgodhi's zerstörten: »ich hasse dich, sollst du sagen, ich verachte dich, ich verwerfe dich, du Scheusal, das unsere Väter verehrt haben, die nun dafür auf ewig brennen in dem Höllenpfuhl.«
      Läßt du die dritte Nacht verstreichen, ohne reuig zu dem Bischofshof zu kommen, so kommt der Bischof vor deinen Hof und holt dich mit gewaffneter Hand.
      Und wir warnen dich, Widerstand zu wagen. In feiger Flucht – wir sahen sie fahren – sind deine Heidengäste schon gewichen –: die Hand des Herrn hat sie mit Furcht geschlagen.
      Solltest du aber wagen, die, wir wissen es wohl, zahlreichen heimlichen Heidenleute auf der Insel gegen uns anzurufen: so wisse: nur eine Tagfahrt weit liegt König Harald Hardradhi's, des eifrigen Helfers, Flotte vor Anker.
      Und schon fuhr unser schnellstes Botenschiff zu ihm ab: sieht er vom Dach unserer Kirche bei Tag 
       eine Rauchsäule, bei Nacht aber eine Feuersäule steigen: so landet er mit seinen Sold-Lanzen.
      Dann macht er, wie er lange plant, ein Ende dem Bauerntrotz hier auf der Insel: dann zwingt er die Enkel der Männer in's Joch, welche hieher geflüchtet vor König Harald Harfagri's Gewalt.
      Auf dein Haupt dann alles Blut, das vergossen wird, wenn das Inselvolk zwiespältig sich bekämpft. Dann hast 
      du den Fremdkönig zur Herrschaft über die freien Männer gerufen.«
      Diesen Brief lege ich zu der Sage von Odhin. – – –
      Kalte Wuth überkam mich, als ich die Lügenworte gelesen.
      Fest standen meine Beschlüsse: nie fluche ich den alten Göttern. Und den Mordmönch in meiner Gewalt erwürg' ich.
      Aber soll ich den Viking zurückrufen mit raschem Segler und rings auf der Insel die treuen Herzen zu den Waffen fordern? 
      
      Nicht nur, die noch an den Göttern heimlich hangen –: auch viele Christen unter meinen Nachbarn reißen, das weiß ich, die Waffen von der Wand, wenn sie erfahren, der Bischof weigert das Volksrecht gegen den Kindermörder.
      Heiß heischte mein Herz nach Rache.
      Ich stand in der Kammer, wo ich jetzt diese Blätter berge, vor dem Schlafgemach. Da fiel mein Auge, da ich das Bündel zusammenschlagen wollte in das Seehundsfell, darin ich sie verschnüre, auf die Stellen, wo Odhin und Harald Worte wechseln.
      Und ich las – »das höchste ist das Volk!« Und wie that Harald? Liebe und Haß ließ er fahren, für sein Volk zu sorgen. Und was lobte Odhin? Und was sang mein Vater stets mit begeisterter Gluth? »Volk und Vaterland acht' ich das Erste.«
      Ohne Zweifel zwing' ich den Bischof, ruf' ich zur Rache Vettern und Freunde, heimliche Heiden und Rächer des Unrechts. 
      
      Aber ohne Zweifel auch zwingt uns König Hardradhi. –
      Ich thue, was Odhin lobt und mein Vater –, ich erwürge die Wuth, ich zähme den Zorn, um meines Volkes Willen.
      So haben auch die edeln Männer gedacht und gehandelt, die weisen Heiden, vor Allen unser Ahn, als sie auf dem Allthing lieber die Christenlehre aufnahmen, als daß sie durch den Mordkampf, der zu entbrennen drohte zwischen Christen und Heiden auf der Insel, das Volk verderben sähen und das halb leere Land eine leichte Beute werden ließen des fremden Gewaltherrn.
      Ich will nicht schlechter sein als mein Ahn. Mag immerhin der Priester dann von mir sagen: solche Liebe zu Volk und Vaterland sei nur ein glänzendes Laster.
      Mag er auch rühmen, aus Furcht vor seinen Söldnern hätte ich die Rache aufgegeben –: das 
       glaubt doch kein Mensch auf der Insel von Thorgeir, Thormodhr's Sohn.
      Die Frist von drei Nächten aber läßt er mir nur, weil bis dahin erst des Königs Soldlanzen eingetroffen sein können, die er offenbar schon heimlich zu Hilfe gerufen.
      Nicht sollen sie den alten Godhen am langen weißen Bart aus dem Gehöft seiner Ahnen schleifen, des fremden Zwingherrn freche Knechte.
      Und nicht fluche ich den hohen Göttern meiner Väter.
      Schon ist das Lang-Schiff segelfertig: nur sollen die Häuslinge noch in den tiefen Truhen tragen an Bord des Hauses werthvollste Habe: vor Allem des Vaters Harfe und sein Opfergeräth, dann Ringe und Reife: und – alle Waffen.
      Denn leicht mag es kommen, daß wir uns mit Gewalt den Weg müssen bahnen durch die Bote des Bischofs. 
      
      Und nach langem Sinnen habe ich auch gefunden das Land, wo ich die neue Heimat suchen will – und das Grab.
      Ich dachte zuerst an Hvitramannaland, im fernsten, fernsten Westen: das soll, wie ein Walfischfänger sagte, der von dort her wieder kam, wie auf einer ganz andern Hälfte liegen der Erde.
      Und wären wir da wohl sicher, ich in Frieden sterben, Gydha und die Andern in Frieden leben zu dürfen, unverfolgt von Mönchen: und auch König Hardradhi's Hand, so weit sie greift, – bis dahin langt sie wohl nie.
      Aber ich mag nicht fliehen vor dem lauernden Feind meines Volkes. Er oder seiner Nachfahren einer wirft doch über unsere Freiheit das blutbefleckte Netz.
      So lang noch mein Wort im Rath, mein Hammer im Kampf meinem Volke nutzen mag, so lang versteck' ich mich nicht in feige Ruhe. 
      
      Bleibe ich hier im Lande, locke ich den Verderber herbei.
      Ich gehe dahin, wo den drohenden Feind meines Volkes das nächste Schlachtfeld erwartet: nach England, das seine Gier bereits bedroht: in des Sachsenkönigs Harold Heer –: wenig soll der Tapfre fragen, was seine Helden glauben, nur, wie sie Speere werfen – in König Harolds Heer schreit' ich dem Feind meines Volkes entgegen.
      Treff' ich ihn, stirbt einer von uns beiden. –
      Vorher aber stirbt der mördrische Mönch: ich gehe, ihn zu würgen.
      *
      Ich habe ihn 
      nicht getödtet.
      Ich habe ihn frei gegeben. In diesem Augenblick rennt er wohl über die Hügel, die Bischöflichen zum Gewalt-Brand meines Hauses zu holen. 
      
      Gydha's Stimme klang an mein Ohr, eben als ich zu der Strafthat in das Badhaus zu gehen mich erhoben hatte.
      »Großvater, rief sie, lieber, ich liege lange schon wach.
      So einsam, so öde!
      Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll, die Zeit zu vertreiben.
      Ich habe mir schon wiederholt alle Alfengeschichten vorgeführt, die du mir je erzählt.
      Komm, bitte, an mein Lager: erzähle mir eine Geschichte, wie nur du sie zu erzählen weißt.«
      Ich kam gar eilig an ihr Bett, setzte mich auf den Schemel, faßte die kleine, weiche Hand in meine beiden großen, vom Schwertgriff gehärteten.
      Und sann und sann: denn alle Geschichten, die ich wußte, hatte ich der Lauschenden schon erzählt.
      Ach! wie hingen sonst an mir, wann ich sie abends am Herde auf den Knieen wiegte und langsam, langsam zu ihr sprach, ihre goldenen, leuchtenden Augen! 
       Wie strahlte Freude aus ihnen über das Wiedererwachen der Königstochter, welche die böse Stiefmutter durch giftigen Kamm getödtet hatte! Wie feucht glänzten sie, wenn sich die Kinder im Walde verirrt hatten zum menschenfressenden Troll. Wie funkelten sie, wenn die Tauben geflogen kamen, dem armen Waisenkind die Körner lesen zu helfen, »die guten in's Töpfchen, die schlechten in's Kröpfchen!« Und jetzt –! Kein Licht dringt vielleicht mehr in ihr rechtes Auge: das linke hoff' ich gerettet!
      Und ich wußte nichts mehr zu erzählen: alle Geschichten hatte ich erschöpft.
      Da sprach sie: »in den vielen, vielen Blättern, die du diesen Winter über voll geschrieben, steht da gar nichts drin, was du deiner Gydha gönnen magst?
      Da gedachte ich, daß ich, losgelöst von all den Blättern, welche von Schicksal und Schwierigem reden, recht wohl dem Kinde erzählen könnte, wie König Harald Halfdanssohn den Mörder Skadhi frei gab, 
       weil ihm Baldur, der Frühlingsgott, begegnet war im Morgenschein am ersten Lenztag und sein Herz gerührt und weich gemacht hatte.
      Und sagte ich dem Mädchen nichts von der Brauthütte: nur, daß Skadhi den König schändlich morden wollte und dieser ihm doch verzieh.
      Und als ich nun Alles erzählt hatte – siehe, da beugte sich das holde Köpfchen vor und zwei heiße Thränen fielen auf meine alten Hände.
      »Großvater, war ich gut, seit der Stein mich getroffen?«
      »Wie ein Engel im Himmel, wie Nanna in Walhall so sanft.«
      »Darf ich eine Bitte thun als Vergelt für meine Schmerzen? Sie waren oft groß, – ob ich auch nicht klagte.«
      »Ich weiß es! – Jede Bitte ist dir gewährt.«
      »So bitte ich – wohl hörte ich, was du vorhin zu Knut, dem Knecht, gesagt, was deine letzte That 
       hier im Hause sein solle – so bitte ich – um des Mönches Leben.«
      Ich sprang auf: »hat dir das der Mönch abschmeicheln lassen durch der Mägde Eine?« frug ich sehr zornig.
      »Nein, Großvater. Niemand hat mit mir davon geredet.
      Aber als du die Worte lasest: »Du hast dem Käfer das Leben gerettet – wie etwa ein Gott verzweifelndem Manne«. – »Dann wahrlich, – selig sind die Götter! Ich sage dir, wohlig warm ward mir im Herzen, daß ich das arme Kriecherlein retten konnte: – wie warm muß es erst den Göttern zu Herzen schießen, können sie Menschen das Leben retten?« – da dachte ich – heiß schoß es nun mir in's Herz und es klopfte gar arg: – sollen wir härter sein als jener edle Held? Wie schön, wie herrlich ist es, daß der gute König den Mörder frei giebt! Laß uns thun wie König Harald that.« 
      
      Finster sprach ich: »Nicht verdient haben's die Christen um dich und mich, daß ich dem Christengott was zu Liebe thue.«
      Da drückte sie einen Kuß auf meine Hand und flüsterte:
      »Großvater, – ich weiß es längst, wie sehr du sie liebst, – so thu's zu Ehren der alten Götter. Thu' wie Harald that, um Baldurs willen, nach Odhins Sinn.«
      Ich sprang auf, riß mein Messer heraus und warf es vor des Kindes Bett zu Boden, auf daß mich der Stahl nicht reize, stand ich zum ersten mal vor dem Giftwurm.
      Ich eilte über den Hof nach dem Badhause, dem Knecht Schlüssel und Kienfackel abfordernd.
      »Herr, flüsterte mir der Kaltwüthige zu, stich ihn nicht gleich todt! – Denke an der jungen Herrin Augen – stich ihm zuerst die Augen aus.«
      Mir graute nun vor dem, was ich hatte thun wollen: – und ich hätte ihn doch nur rasch erstochen. 
      
      Als ich die Thüre aufriß und das rothe Licht des Kiens auf sein Antlitz fiel, ward dies erdfahl.
      »Würge mich, schrie er, alter heidnischer Bluthund. Ich wollte mir nur den Weg nach der schönen Italia zurückgewinnen: – nun gewinne ich den Weg in's schönere Himmelreich und die ewige Seligkeit des Martyrs dazu. Mit Psalmen und mit Palmen werden mich die Engel begrüßen.«
      Ich knüpfte ihm die Stricke an Füßen und Händen los: »Geh, sprach ich, du bist frei.«
      Er sprang auf, schüttelte sich, reckte sich, – denn lange war er gebunden gelegen, – streckte Füße und Hände so weit er konnte und rief: »Gelobt seien die Heiligen, welche mich gerettet aus der Hand der Wüthigen. So hat Jehovah seinen Diener Daniel aus der Löwengrube gerettet.«
      »Nicht doch: dich hat die Fürbitte des Kindes gerettet, das du morden wolltest.«
      »So haben die Heiligen ihr Herz gerührt!«
      »Nicht die Heiligen! Eine schöne Geschichte von 
       den alten Göttern. Den alten Göttern, heidnischem Hochsinn dankst du das Leben. Hebe dich hinweg!« fügte ich bei, denn ich spürte, daß mir der Zorn die Faust ballte.
      Er schritt langsam an mir vorbei über die Schwelle: da sah er, daß die Knechte die Truhen und das Schiffsgeräth aus dem Hause nach der Meeresbucht hin trugen durch das Seethor des Hofes. Er ging nun rasch über den Hof, bis er das offene entgegengesetzte Thor, das Landthor, gewonnen hatte: hier blieb er stehen und frug: »die Knechte, die nur die Speisung brachten, sagten fluchend, sie werde beide Augen verlieren – ist das wahr?«
      »Ein Auge wird ihr bleiben.«
      »Daran erkenne, rief er laut, du blinder Heide, den Finger des Herrn. Einäugig ist, dem das Opfer gebracht ward, der üble Odhin – da hast du die Strafe: so oft du sie anschaust, sage zu dir: das that mir der Herr, mich um Odhin zu strafen.« 
      
      Und fort schoß er in das Dunkel; über das Kiesgeröll, welches die Heide bedeckt, scholl laut sein eilig Laufen landeinwärts über die Steinwüste nach dem Bischofshofe zu.
      Hätt' ich meinen Wurfspeer in der Hand gehalten, – ich fürchte, ich hätte, trotz Gydha's Bitten, den Flüchtling durchbohrt, der jenes Wort geredet.
      Aber es war besser so. –
      Ich ging an Gydha's Bett: »er ist fort,« sagte ich ihr.
      Stumm drückte sie mir die Hand. »Großvater, sprach sie dann, ich glaube, ich kann dir was sagen, das dir eine Freude ist, eine große. Auch mein linkes Auge hat ganz aufgehört, zu schmerzen – sieh doch hin: hebe die Binde: ich meine, es ist viel besser.«
      Pochenden Herzens lüftete ich vorsichtig das Tuch, entfernte den Linnen-Fleck mit der Salbe, hob das Lid empor bei gedämpftem Licht der Kienfackel: und auf meine Knie sinkend rief ich – Thränen stickten mir die Stimme: – »Gydha, laß uns dankend beten zu 
       dem allgütigen Gott, wie immer er heiße: auch zu den Lichtalfen, den Schutzgeistern unsres Hauses: gerettet haben sie dir deine beiden Augen.«
      Das ist das letzte Wort, das ich schreibe auf diesem Blatt –: wohl mir, daß ich so schließen kann: – Dank weitet mir die Brust, daß ich dir, mein theurer Sohn, diese Botschaft noch verkünden darf.
      Ich eile nun mit dem ganzen Bündel von Blättern – viele sind es geworden – und berge sie unter dem nur dir bekannten Hohlstein, unter dem alten Wildschwan-Nest im Strandgeklipp.
      Es ist gekommen, wie ich geahnt: wann du wieder hier an's Land steigst, – den Vater findest du nicht mehr auf der Insel.
      Das Haus ist geleert, das Schiff ist geladen: auch Gydha, sorglich verhüllt, trug ich in meinem Langschild an Bord: günstiger Nordwind bläst in die Segel: der Knecht lichtet den Anker, sowie ich zurück bin von diesem meinem letzten Gang auf Island. 
      
      Heilige Heimaterde – eine Scholle von dir nehme ich mit.
      Vielleicht suchst du mich, mein Thorbiörn, in England auf in König Harolds des Sachsen Heer.
      Suche mich bald: ich möchte dich noch sehn, bevor ich sterbe.
      *
      
       Ich, Thorbiörn Thorgeirs Sohn, lasse dies schreiben – denn mir selber geräth das Schreibwerk nur langsam – durch Gydha, meine liebe Tochter, des edeln Herzogs Reginhar von Spoleto schöne Herzogin.
      Denn immerdar soll in ihrem Hause dauern und unter ihren Kindeskindern das ehrende Andenken an meinen hohen Vater, der diese Sage von Odhin's Trost und sein eignes Schicksal geschrieben.
      Und sollen Alle, die von seinem Leben gelesen, auch wissen um seinen herrlichen Tod.
      Bald nachdem das Schiff die Bucht verlassen und glücklich, im Schutz der Nacht, durch die bischöflichen 
       Bote sich windend, die offene See gewonnen hatte, sahen sie an Bord Feuerschein aufflammen vom Lande her – hoch in den Himmel stieg seine Lohe –: es war unser guter, alter Hof. Rasch war Gizurr gewesen, der Bischofssohn: sowie Seraphicus ihm gemeldet hatte, die Heiden rüsten das Schiff zur Flucht und Hilfe der Nachbarn sei nicht aufgeboten, stürmte der Heißherzige herüber mit den Söldnern, das Entkommen des Vaters zu hindern – so erfrug ich später auf der Insel. Und da sie das Haus leer fanden, ergrimmten sie und zündeten es an und die Lanzenträger plünderten das Wenige, was noch in den Trümmern lag. Denn die Rosse und das Vieh hatten sie vorher aus dem Stalle getrieben. Seraphicus aber, da er auf dem Firstbalken die Hausmarke eingeritzt sah und andere Runen- und Götterzeichen, ergriff ein Beil, stieg auf der Hausleiter gegen den Balken empor und wollte die Balkenstirne mit den Götter-Runen herunterhacken, sie als Siegeszeichen dem Bischof in Rom einzusenden, wie er mit allem Heidengeräthe 
       that, das er gewinnen konnte. Aber wie er an dem Gefüge zerrte, stürzte der schwere Balken nach vorn über und zerschmetterte den Mönch sammt der Leiter.
      Wenige Tage darauf segelte ich in die Bucht meiner Väter ein: ich hatte die Muntschaft niedergelegt, nachdem alle Feinde besiegt waren und Thorwaldr, der waffenreife Jüngling, keinen Kriegshelfer mehr braucht.
      Ich hatte gute Fahrt gehabt: nur fünf Wochen war ich unterwegs: – es war hellster Mittagsonnenschein –: da sah ich von Weitem die drei Häuser von Hofgardhar als schwarz verkohlte Trümmerhaufen liegen.
      Schmerz und Grimm ergriffen mich und Angst um den alten Vater und die junge Tochter.
      Vorsichtig ließ ich das Schiff am Eingang der Bucht vor Anker gehen und ruderte allein im kleinen Wasserbot an's Land.
      Nur langsam gewann ich Raum – der ganze Fjordh war noch voll lockeren Treibeises.
      Als ich gelandet war, siehe da grüßte mich vor Allem, überraschend, ein lautes Wiehern: Hvitingr war es, 
       mein gutes Roß, das ich auf der Insel zurückgelassen: es kam, freudig Haupt und Mähne schüttelnd, auf mich zugesprengt aus der Wildheide: es war den Mönchen entsprungen, da sie die anderen Thiere mit sich fortgetrieben aus dem Stallhaus, und hatte sich diese Tage über in Freiheit gehalten: mir ward weich um's Herz – und bang.
      Ich streichelte das kluge Thier und schwang mich auf seinen sattelfreien Rücken. So sprengte ich eilig das Gestade entlang an den Ort in dem Geklipp, den wir beredet hatten, hob den Stein und fand die Schrift und: – las und las! – Und mein Herz wogte hin und her in hohen Wellen. – Und ich ritt nun zu Vetter Thorketil, dem nächsten Nachbar, der doch drei Rasten weit von uns wohnt: ich wußte, er ist treu.
      Und der nahm mich gut auf und erzählte mir Alles, was seit des Vaters Abfahrt in unserem Hofe geschehen.
      Und lüstete mich sehr, mit meinen Segelbrüdern in die Bucht vor dem Bischofshofe einzulaufen und 
       dort zu thun, wie sie an unserm alten Hof gethan.
      Aber ich las noch einmal, was mein Vater über solche Rachethat geschrieben: und ich bezwang den Zorn.
      Vater und Tochter eilig zu suchen trieb mich das Herz.
      Und segelte – Hvitingr aber nahm ich mit – nach England, so rasch nur der Nordwind das Segel trieb.
      Und fand den Vater in König Harolds des Sachsen Heer und bei ihm Gydha, die liebe. Ihre goldenen Augen leuchteten klar und nicht eine Schramme entstellte das schöne Antlitz – ganz ihrer Mutter Antlitz –: so sorglich hatte sie des alten Vaters treue Hand geheilt.
      Wenige Tage darauf zogen wir mit König Harold dem König Hardradhi entgegen: denn der war in den Humber eingelaufen mit seinen dreihundert Drachen, war gelandet, ließ sein furchtbares Banner, den »Land-Oeder«, fliegen und wahrlich: er ödete das 
       Land weithin. Er ließ den Sachsen-König fragen, wie viel englischen Boden er ihm gütlich überlassen wolle?
      »Sechs Schuh, war König Harolds Antwort, und weil du länger bist als andere Männer –: sieben.«
      Bei Stamfordbridge, an des Deventer schilfigem Ufer, kam es zur Schlacht. Lang wogte der Kampf hin und her, sonder Entscheidung. Ja, die englischen Rosse spießten sich an den furchtbaren Lanzen der Nordleute, welche sie knieend gegen die Erde gestemmt hatten: und schrecklich wüthete König Hardradhi: denn – gieb auch dem Feinde, was ihm gebührt – ein gewaltiger Held war dieser Landräuber.
      Der Riese von sieben Schuh tummelte den mächtigen frisischen Rapphengst, umflattert vom hellblauen Mantel: auf seinem Haupte funkelte der Drachenhelm mit der Krone: blitzende Edelsteine waren des Drachen Augen und der Helmvogel schien belebt die zackigen Flügel zu schlagen. 
      
      Mit seiner scharfgeschliffenen Doppelaxt mähte der Riese, Helme und Harnische, Schilde und Knochen zerschneidend, Roß und Reiter, was sich ihm nahte. Schon wichen die sächsischen Thane.
      Da sprang mein Vater aus Hvitingrs Sattel ab, warf den Schild auf den Rücken, faßte den Speer in beide Hände und rannte den König an.
      Ich konnte ihn nicht hemmen: denn ich stand in scharfem Gefecht mit Graf Tostig, König Harold's reichsverrätherischem Bruder, welcher an des Norwegers Seite sich die Krone von England erfechten wollte.
      Nur Knut der Knecht sah, was mein Vater wollte, und warf sich noch vor dem Vater gegen Hardradhi's Roß, den Steinhammer schwingend.
      Ein einziger Hieb des Riesen spaltete den Treuen vom Helme bis zum Hals und traf auch noch meines Vaters Helm, daß er berstend zur Erde fiel und des lieben Vaters ehrwürdiges Antlitz, von weißem Silberhaar umwallt, voll sichtbar ward. Der König stutzte und hemmte den Hengst: »Geh' mir 
       aus dem Wege, Weißkopf, rief er ihm zu: ich mag dich nicht niederlegen, Thorgeir Thormodhrs Sohn. Dein Vater sang so schön wie kein Andrer in Norge's Hallen. Geh: du sollst mir für das geschonte Leben danken als meiner Knechte Erster, land' ich über's Jahr auf Island.«
      »Nie sollst du mir den Fuß auf Island setzen! rief mein Vater und zielte scharf mit dem Speere.
      Zugleich flog der Speer und zugleich blitzte des Königs Beil. Gespaltenen Hauptes fiel mein Vater; – aber auch der Riese stürzte rücklings klirrend vom Roß: zur Kehle hinein, zum Genick hinaus war ihm der Speer geflogen.
      Im selben Augenblick hatte ich dem Earl Tostig mein Schwert in das falsche Herz gestoßen: er fiel und starb: ich sprang nun zum Vater, kniete hin und hob sein Haupt auf meinen Schos: »ich sterbe schön, sprach er, mein lieber Sohn. Gefällt von meiner Hand ist der größte Feind meines Volkes: ich sterbe für Island: ich sterbe im Siege« – da mochten ihm die Sinne 
       vergehen: denn mit leuchtenden Augen, mit lächelndem Munde hauchte er noch: »offen sehe ich Walhalls goldnen Saal – ich fahre zu Odhin.«
      Im Siege wahrlich war er gestorben.
      Denn die Norweger, die ihren gewaltigen König hatten fallen sehen, entschaarte die Flucht, wie die führerlosen Leute Tostigs.
      Die Schlacht war aus – die Jagd begann.
      Das war der Sieg von Stamfordbridge.
      Aber König Harold hatte nicht viel Zeit, den Sieg zu feiern, noch ich, den Vater zu betrauern.
      Denn schon ereilte uns der Unheilsbote mit der Nachricht: zu Pevensey in Sussex ist Herzog Wilhelm der Normann gelandet mit zahllosen Rittern.
      Am achtzehnten Tage nach dem Sieg am Deventer tobte die Mordschlacht auf der Heide von Hastings.
      Gegen die Hügel, die wir hielten, stürmten in dreifacher Reihe die Feinde heran: ihr Rolandsgesang scholl brausend durch die Luft.
      Den ganzen Tag hielt sich der Keil, in welchen 
       der Sachsenkönig uns geschaart, Odhins alte Schlachtordnung.
      Wie sich die Wellen brechen an Englands weißen Felsen, brach sich, von klimmender Sonne bis der Abendstern durch die Wolken sah, die Brandung der Franzosen, Niederländer, Normannen an dem sächsischen Heldentrotz.
      Gefallen waren König Harolds herrliche Brüder alle: endlich auch Leofwin, der Junge, und Gurth, der Getreue, und Hako, der Kühne, vor dem Banner des Reichs und vor ihrem König.
      Da fuhr ein Pfeil in König Harolds Auge: er schrie vor Schmerz, sprang empor und fiel todt neben dem Banner.
      Als der Nächste fiel der Bannerträger unter einem Schwirrgewölk von Pfeilen. Denn scharf zielten die Schützen von Rouen: und Herzog Wilhelms neu erfundene Bogen trugen weit.
      Ich erhob aus des Gesunkenen Hand die vieldurchschossene Fahne. 
      
      Da spornte ein mächtiger Reiter sein schnaubendes Roß über den Steinring, der die Krone des Hügels umhegte: »mein ist dieser Hügel und mein ganz Engelland!« rief er.
      »Noch nicht, Herzog Wilhelm!« gab ich zur Antwort, sprang vor und stieß dem Brandfuchs die Fahnenspitze in die Brust, daß Roß und Reiter rückwärts den Hügel hinab sich überschlugen.
      Das war das Letzte, was ich sah auf lange Zeit.
      Denn ein Schwerthieb spaltete mir den Helm und drang ein gut Stück in den Kopf.
      Als ich erwachte, – Hvitingrs Wiehern weckte mich – lag ich in einem Fischerbot, auf Netzen, unter Netzen versteckt.
      Gydha saß neben mir: sie pflegte meine Wunde: wir segelten nach Frisland.
      Das Kind war mit Edith Schwanenhals, König Harolds gutem Geist, von London, wo ich sie im Marien-Kloster gelassen hatte, auf Hvitingrs Rücken auf das Schlachtfeld geeilt. 
      
      Edith hatte den Geliebten todt, Gydha mich noch lebend gefunden.
      Edith, die alle Sachsen wie einen Engel liebten, gewann die Fischer von Hastingvik, mich zu flüchten: denn meine Krieger lagen alle erschlagen um mich her: bis auf einen Tiefwunden, der wußte, daß ich im Emsland Vettern und Gesippen wohnen hatte.
      Dorthin rieth er noch Gydha, mit mir zu fliehen: und starb.
      Und nahm mich da mein Vetter Raginfrid Haraldssohn auf Borkum gut auf: und lag ich da in Gydha's treuer Pflege, bis meine Wunde geheilt war.
      Und da erfuhr ich denn von Sachsen, die nach mir aus England geflüchtet, daß zwar fünfzehntausend Normannen gefallen waren auf der Heide und auf den Hügeln von Hastings und daß vor dem Brandfuchs Herzog Wilhelm schon einen Scheck und einen Braunen unter dem Leibe verloren hatte: aber er sprang von dem todten Brandfuchs auf das vierte Roß – und gewann den Tag und das Reich.
      Und der Leutpriester zu Borkum predigte: der 
       Herzog habe gesiegt, weil ihm Pabst Alexander eine geweihte Standarte geschenkt und einen Ring mit einem Haar des Apostel Petrus: König Harold aber hatte er in Bann und Verdammniß verflucht.
      Ich aber glaube: der Herzog hat gesiegt, weil er sein Heer klüger führte: und weil die Klingen und Bogen der Normannen so viel besser waren denn das plumpe Gewaffen der Sachsen, als der Stahl von Brabant schärfer schneidet denn rostige Hünenschwerter.
      Aber der Pabst hat auch Alle verflucht und gebannt, welche dem Sachsenkönig Hilfe geleistet mit Wort oder Arm.
      Und als der Priester von Borkum erfuhr, daß ich bei Hastings gegen den Normannen gefochten, verbot er mir die Kirche: und gebot Gydha, meiner Tochter, mich zu meiden: und drohte dem Vetter mit dem Bann und des Erzbischofs von Hamburg Zorn, wenn er mich Verfluchten nicht austriebe.
      Raginfrid Haraldssohn antwortete, eher werde er den Priester aus der Kirche treiben als seinen Vetter und Gastfreund von seinem Herde.
      Aber ich wollte nicht auf meines Wirthes Dach 
       und Haupt das Verderben herab ziehen –: ich beschloß, zu weichen.
      Und ich erwog zornig in meinem Herzen was ich Alles den Priestern zu danken hatte: meines Erbhauses Brandschutt, meines Vaters Flucht und Tod in fremdem Land und mein Umherirren im Elend.
      Da trat Raginhar vor mich hin, Raginfrids Sohn, etwa zehn Jahre älter als Gydha, der sprach zu mir: »Ohm, du bist gebannt: wohlan: geh mit mir. Ich gehe zu einem anderen Gebannten, ihm zu helfen wider den neuen Pabst, der noch viel heißeifriger ist als Alexander war.
      Der Gebannte heißt König Heinrich und trägt die deutsche Krone, der neue Pabst aber heißt Gregor.
      Der König hat alles Wehrvolk aufgeboten, das zu ihm hält und nicht zu den Pfaffen: einen Scheinkönig gilt es zu schlagen, der mit meineidiger Hand nach der Krone gegriffen: und viele Fürsten sind ihm beigefallen, dem falschen Felon, und der Pabst hat dem Treubrecher eine Krone geschickt und hat ihn gesegnet.
      Haben wir aber den Pfaffenkönig niedergelegt, dann 
       ziehen wir über die Alpen, Ohm, und fragen den Pabst zu Rom, wie er dazu kommt, einen deutschen König abzusetzen.«
      Das gefiel mir: und ich sprang auf und rief: »Ich gehe mit. Ich hab' ein Herz voll Haß gegen die Priester: und jener Gregor, – genug hab' ich schon von ihm gehört, – ist leicht aller Priester Herrschgewaltigster.«
      »Ja, sagte Raginhar. Aber noch Eins. Gydha bleibt einstweilen hier. Ich aber sage dir: ich falle todt auf meinen Schild oder ich erkämpfe mir so viel Ruhm und Ehre und Gold, daß ich es wagen darf, um das schönste Weib zu freien, das Frau Sonne je beschien. Und sagt Gydha dann: ja« –
      »So sage ich nicht: nein!« rief ich und schloß ihn in die Arme. –
      Und so geschah's: in einer Schlacht an der Elster schlug Raginhar dem Pfaffenkönig Rudolf die Hand ab, mit der er seinem König falsche Treue geschworen.
      Und zugleich stieß ich ihm den Speer in die Weichen.
      In jener Schlacht machte Hvitingr seinen letzten Sprung. 
      
      Da erhob der König Heinrich uns beide zu Grafen und gab uns gute Lehen.
      Und Raginhar holte meine Gydha aus Borkum und ward sie sein Weib und seine Gräfin im schönen Lande Schwaben unter einem herrlichen Helden: der heißt Friedrich von Staufen. –
      Und sind wir dann mit dem König über die Berge gezogen gegen Rom und belagerten den Pabst in der Stadt: Gydha weicht nie von ihres Gatten Seite.
      Lange lagen wir vor den alten Mauern. Endlich erstieg sie als der erste ein sächsischer Ritter, mein Eidam als der zweite, ich als der dritte.
      Die Mauer war gebrochen: aber nicht Pabst Gregor.
      Zwar vergeblich rief er Wilhelms von England Hilfe an.
      Aber in der Engelsburg sitzt er unbezwingbar.
      Der König aber gab mir die Mark von Camerino und das erledigte Herzogthum von Spoleto meinem Eidam: – Ranieri nennen ihn seine welschen Vasallen und mich die meinigen Torbieno –: und ich spreche dies der schönsten Herzogin der Erde vor, 
       in ihrem herrlichen säulengetragenen Palatium zu Spoleto: ihr Knabe Thorgeir lehnt an ihrem Knie: – »Torgerino« rufen ihn kosend die Leute – auf dem Marmortisch funkelt im Goldpokal der edle Wein von Amalfi: Raginhar streicht mit der Hand seines Weibes goldene Flechten und die Sonne des Südens schaut herrlich in's Gemach.

      (Dies aber, was jetzt kommt, das schreibe ich, Gydha, aus eignen Gedanken hinzu, nicht vorgesprochen vom Vater: mein Raginhar ist der schönste, – der allerschönste aller Männer. Und ist das kein Wunder: denn er soll stammen von Harald und Hilde, Baldurs Lieblingen, denen der Gott die Wiege gesegnet mit seinem hellsten Sonnenblick. Nun fahre fort, Vater).

      Ich habe nichts mehr bei zu fügen.

      Diese Blätter aber, welche mein hoher Vater begann auf der Insel, welche sie Thule nennen, die Blätter, welche dort der hohle Stein im Felsgeklipp geborgen, unter dem Neste des Wildschwans, – zu Ende schreib' ich sie im schönsten Land der Erde. Weiße Götterbilder, wie sie der Vater gerühmt hat, stehn im Lorberhaine unseres Gartens. 

      

      Vollendet ist unser Glück und Glanz: nichts Schöneres auf Erden kann Mann oder Weib sich wünschen: oh daß mein lieber Vater das noch hätte geschaut! –

      Und im Urkundengelaß, wo wir die wichtigsten Lehenbriefe verwahren, da wollen wir auch wahren diese Blätter als unsres Geschlechts edelsten Adelsbrief.

      Und so, wie diese Blätter lehren, will ich leben und sterben: und so sollen thun, die nach mir kommen, meine Kinder und Enkel:

      Vollbringen, was Pflicht und Ehre gebeut, tapfer und treu bis in den Tod.

      Und dieser schönen Erde sich freuen und des süßen Lebens bei Schwertes-Schwang und Harfenklang und Weibes-Schöne und edelm Wein.

      Und, in Verzicht auf eitle Wünsche, fromm sich ergeben der ew'gen Macht, die unablässig neue Leben weckt.

      Und sich nicht fürchten vor Pfaff, Tod oder Teufel.

      Amen! –

    

