

      Felix Dahn
      Die Kreuzfahrer.
      Zweiter Band
      Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhundert
      Leipzig
      Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel
      1888.
      Fünfte Auflage
      
       
       
      
    



      Drittes Buch.
       Friedmuth.
      
       
      
      Erstes Capitel.
      Noch war der Tag nach Peter und Paul, für welchen der Wiederanfang der Fehde angesagt war, nicht gekommen: und doch erfüllte schon wilder Kampflärm das linke Etschufer und tobte auf dem steilen und hohen Berghang, den die Fragsburg krönt.
      Das war so ergangen.
      Vier Tage vor Peter und Paul bereits hatte vorsorglich der Bauer vom Innerhofe zu Goyen sein Kind bei dem Thorwart hinter den sichern Mauern von Meran geborgen und war mit seinen beiden Knechten und den Kühen und Ziegen, wie Hezilo mit drei Grundzinsleuten und seinen etwas zahlreicheren Herdenthieren in die Burg des Vogtes eingezogen, sie vertheidigen zu helfen, und das Vieh, wie die werthvollste Habe, bestehend in ein par Schmuck- und 
       Gewand- und sehr wenigen Geldstücken, dort zu bergen.
      Am Tage darauf waren die sämmtlichen von der Vögtin aufgebotenen wehrfähigen Hintersassen und Dienstpflichtigen aus allen Zubehörde-Hufen der Fragsburg eingetroffen: – anhängliche Dankbarkeit gegen Friedmuth und Furcht vor Frau Wulfheids strenger Handhabung des Hofrechts hatte sie alle herangezogen. Und am Abend des folgenden Tages, also zwei Tage vor Peter und Paul, hatte dieselben Oswin, der Sohn des alten Oswald, der nun an Stelle seines Vaters des Burgwarts Amt versah, in den Markt Meran geführt, wo sie in der Sanct Martins-Kapelle gebetet, die Messe gehört und – die es vermochten, – Gelübde an Wachs oder Linnen für die Kirche geleistet hatten. Es waren etwa zwanzig Männer; die Leute aus den beiden Höfen von Goyen waren nicht darunter: die hatten schon vorher, als sie Katharina in die Stadt gebracht, dort ihre Andacht verrichtet, und waren nun auf der Fragsburg geblieben. 
      
      Nur unbewaffnet hatten die Männer den Markt und die Kirche – zu geistlichem Zweck – betreten dürfen.
      Spät am Abend kehrten sie aus Meran nach der Burg zurück. Es dunkelte bereits, und fern im Westen zog ein Wetter auf, schon grollte leise der Donner. Der Weg zog sich auch damals nahe der Etsch entlang. – In kleinen Gruppen von drei, vier Mann, schlenderten sie einher. Da brachen plötzlich, ohne jeden kämpflichen Anruf, von rechts aus dem Schilfgebüsch der Flußsümpfe, von links aus dem dichten Buschwald, der den ganzen Berg bedeckte, Gewaffnete auf sie ein, wohl über dreißig. An Widerstand der Wehrlosen war nicht zu denken. Nur ein par Leute entkamen aus dem Getümmel nach rückwärts und in die Thore des Marktes: – alle Übrigen wurden gefangen, mit Stricken gebunden und in eine große Scheune gesperrt, welche am Fuße des Berges erbaut war, das Schilf und das Heu der Fragsburgerin darin zu bergen. Während vier Gewaffnete vor der 
       von außen fest versperrten Scheune die Gefangenen bewachten, eilten die Übrigen so leise wie möglich den Berghang hinauf, auf welchem die Burg ragte. Wohlweislich war der Ort des Überfalles so gewählt worden, daß von der Burg aus auch bei hellem Tage nichts davon wäre zu sehen gewesen: eine Einbuchtung des Weges zwischen zwei bewaldeten Vorsprüngen entzog die Stelle völlig dem Blicke des Thürmers. Einiger Lärm war freilich nicht zu vermeiden gewesen: – die Überfallenen hatten zuerst laut vor Schrecken, dann um Hilfe, bald aber um Gnade geschrieen: – aber es war doch sehr hoch hinauf bis zur Fragsburg da droben.
      Einstweilen war auf den Flügeln des Westwinds, vom Vintschgau her, das rasche, auch nur rasch-lebige Gewitter herangeflogen: die Wetterwolken verfinsterten plötzlich den Nachglanz der gesunkenen Sonne: der Wind sauste heulend durch die Buchen und Edelkastanien des Fragsburger Bühls und schlug klatschend deren Äste zusammen; heftige Donnerschläge 
       in schneller Folge übertönten gewaltig die Menschen-Stimmen.
      So günstig das Wettergetöse für den Überfall war, sofern es der Burg wohl fast unmöglich machte, wahrzunehmen, was nahe dem Flusse geschah, – den Knechten der Angreifer gefiel es übel, dass ganz gleichzeitig mit ihrem Vorbrechen auch der Zorn des Himmels losbrach. Zwar sie selbst hatten nichts gelobt oder geschworen: aber sie wußten wohl – wenigstens manche von ihnen –, daß ihre beiden Führer diesen Handstreich thaten gegen eidlich gefestigten Vertrag. Wäre der Überfall mißglückt, sie hätten zuversichtlich das gleichzeitige Grollen des Donners als die Sprache des zürnenden Himmels verstanden.
      Da jedoch Alles über Erwarten günstig ablief, beschwichtigten sich die aufgestörten Gewissen zunächst wieder.
      Und daß nicht etwa einer der Entsprungenen den Berg hinan sich retten und die Burg warnen könne, dafür war trefflich gesorgt: alle irgend gangbaren 
       Stege waren von Wachen besetzt: und diese griffen alsbald Oswin, der es versuchte, auf halsbrechendem Felsengezack empor zu klettern. So stiegen denn – auf zwei Wegen – die Angreifer schweigend, jedes Waffenklirren und andere Geräusch meidend, den damals noch ganz von Wald bedeckten Berg hinan. Ungefähr dreihundert Schritte vor der Burg begann die Waldblöße, welche zum Zwecke der Vertheidigung angelegt worden war, dem Feinde gedeckte Annäherung innerhalb des Schutzes der Bäume unmöglich zu machen. Hier trafen die beiden Haufen, jeder von etwa fünfzehn Mann, zusammen.
      Es war jetzt ganz dunkel, obwohl das geschwinde Gewitter schon rasch das Etschthal abwärts gezogen war: nur zerrissen Gewölk sprühte hie und da noch Regen nieder, während im Westen der Himmel, schon wieder wolkenlos, einzelne Sterne zeigte. Der Aufstieg hatte geraume Zeit gedauert: denn die Reisigen schleppten schwer an Sturmleitern, Rammpfählen und allerlei Schanzzeug: die beiden Wege waren schmal 
       und steil und während des regenschüttenden Gewitters in Gießbäche verwandelt.
      »Nun, Griffo, wie steht es?« flüsterte der Führer der einen Schar. »Gleich drauf und dran!«
      »Noch ein wenig verschnaufen.«
      »Gut, zwei Vaterunser lang: fang an: – bet': – und dann los. Die Burgleute haben nichts gemerkt. Wir überrumpeln sie!«
      Aber kaum hatte er ausgeredet, als auf der ihnen zugekehrten Seite der äußern Umwallung eine Fackel sichtbar ward und gleich darauf ein lauter Hornstoß erscholl.
      »Waffenâ! Waffenâ! Burgleute! Hierher alle zuhauf!« rief eine starke, tiefe und doch offenbar weibliche Stimme.
      »Der üble Waland soll sie verschlagen, Griffo! Es ist die Base selbst! Deine spröde Braut! Überall hat sie die spitze Nase.« So raunte der ältere der beiden Führer, eine kraftgedrungne, stämmige Gestalt: er mochte etwa fünfzig Jahre zählen, die er aber so 
       leicht trug wie die schwere Ringrüstung. Man nannte ihn den Stier von Naturns, wohl nicht blos um des stoßenden Stieres willen, den er im Wappen trug.
      »Vielleicht gelingt es doch – mit List,« erwiederte der Andere, der schlanke, geschmeidige. Ganz in einen Mantel gehüllt, dessen Kapuze die Sturmhaube und zum Theil sein gelbbräunlich Antlitz, der wälschen Mutter Erbtheil, bedeckte, trat er etwas aus dem Walde hervor und sprach mit verstellter Stimme: »Aber, Frau Vögtin, ich bin's ja, der Hukbert vom Lenkhof! Kennt Ihr mich nicht? Laßt doch öffnen. Gleich hinter mir kommen die Andern aus dem Markt zurück.«
      »Du bist der Greifensteiner und ein ehrbrüchiger Schelm! Allzulange blieben mir meine Kirchgänger aus. Ich horchte vom Thurm herab: mir war, ich hörte durch Donner und Sturm fernes Hilfeschrei'n. Wo sind meine Knechte?«
      »Gut aufgehoben, Frau Base, wie die Mäuslein in der Falle,« erwiederte nun Herr Rapoto, trotzig vortretend. 
      
      »Da Ihr uns nun doch erkannt habt,« sprach Herr Griffo, den Mantel zurückschlagend, den Schild zum Zeichen friedlicher Zwiesprache gesenkt an den Fuß setzend, und sich darauf lehnend, »laßt uns als nächste Vettern gütlich ein.«
      »Ich schäme mich der Vetterschaft! So haltet ihr vertragnes Wort? Ihr habt geschworen!«
      »Was haben wir geschworen?« fragte der Naturner. »Die Herrin der Fragsburg nicht zu befehden vor Peter und Paul. Wohlan, seid Ihr die Herrin der Fragsburg? Beim Strahle, nein! Die Fragsburg 
      hat keine Herrin: Herr Friedmuth ist todt. Euer Recht ist mit ihm gestorben: die Lehensfolger sind wir beide und wir sind unbeweibt: eine Herrin hat die Fragsburg erst wieder, wann Ihr mit Herrn Griffo Hochzeit macht.«
      »So haben wir nicht die Fragsburgerin befehdet, wenn wir Euch befehden,« fiel Herr Griffo ein, »und unser Eidwort nicht gebrochen.«
      »Macht's kurz, Frau Base. Eure Leute, welche 
       die Burg vertheidigen sollten, sind gefangen. Wir stehen hier mit mehr als dreißig Lanzen: Ihr habt keine zwanzig hinter Euch und könnt die Burg nicht halten.«
      Unter diesen Reden waren die beiden Ritter allmälig immer näher gegen die Mauer vorgegangen, auf der jetzt bei dem Scheine von Fackeln einige Männer neben einer Frauengestalt sichtbar wurden.
      »Zurück!« rief diese drohend und hob den Arm.
      »Vor einem Weiberrock?« lachte Rapoto. »beim Hammer, nein!« und sprang, den Ovalschild zu Halse nehmend, vor: aber klirrend stürzte er rücklings um: mit solcher Wucht hatte ihn von der Mauer herab, durch Schildgestell und Waffenrock hindurch, an die Brust ein Wurfspeer getroffen, erst an der starken Ring-Kettenbrünne abprallend.
      Besorgt rannten ein par Knechte hinzu und hoben ihn auf.
      »Heia!« rief die Frauenstimme von der Mauer herab. »Das traf! So stärkte Gott den Arm des 
       Weibes. Jetzt sollt ihr's erleben, wie Wulfheid von Fragsburg streitet für ihr Recht und für ihren Eheherrn!«
      Mit einem wilden Fluch hatte sich Herr Rapoto wieder fest auf die Füße gestellt: »Der Höll-Fürst fresse meine Seele,« rief er, »zahl' ich's dem Weib nicht heim. Diesmal nehm' ich das Nest, oder falle vor dem Thor. Drauf, Vetter Griffo! Bei'm Hammer und bei'm Strahl! Du über die Mauer, ich durch das Thor.«
      Und jetzt hob er denn grimmig an, der Rennsturm auf die Burg.
      
      
    



      Zweites Capitel.
      Wohl seit alter Zeit war die Krone dieses Berghanges befestigt gewesen. Bot die Lage auch nicht gerade das Ideal für Burgenbau – einen nur von Einer Seite ersteigbaren Kegel, – so war doch der Aufstieg von der Etsch her, von Westen – denn die Etsch fließt hier beinahe gerade von Nord nach Süd – unmöglich: senkrecht fiel dort der Fels zu Thal und in den Felskern selbst war der Unterbau der Burg gehauen. Auch von Süden war die Schlucht nicht zu ersteigen, welche der damals noch ganz ungebändigte Absturz des Sinach-Bachs in den Stein gegraben hatte. Freilich, im Nordosten vor der Burg lag ein geräumiger Platz: aber der steile Zugang zu diesem, der nur von Norden, von Meran, herführte, 
       war leicht zu vertheidigen. Steinkugeln schleudernde Geschütze, Sturmdächer und Sturmböcke konnte man den schmalen Burgsteig nicht herauf schaffen, wenn die Abwehrer oben ihre Schuldigkeit thaten. Denn dieser Weg, »die Burgstraße« war so schmal, daß nur je ein Reiter Raum fand; an der Stelle, wo er, vom Thal aufsteigend, die Krone des Berges erreichte, sperrte ihn ein hölzern Quer-Verhack – ein »hâmît« – und auf der rechten, der schildlosen Seite war er durch eine »Letze,« das heißt: durch spitze, hohe Palissaden flankirt.
      Der Burgbrunnen innerhalb des Hofes gewährte gutes Wasser, das die Belagerer nicht abzugraben vermochten in dem Felsengrund des Baues.
      Aber die Lage des Ortes war unbedeutend: – zu hoch oberhalb der Etsch und des Landweges längs des linken Ufers derselben, um die Wasser- oder die Wagenstraße sperren zu können. So erreichte die Befestigung niemals die Ausdehnung auch nur einer »Mittel-Burg«: sie war immer nur ein Kleinbau gewesen, 
       obzwar nicht von den geringfügigsten dieser Gattung.
      Es fehlten daher alle Vertheidigungsmittel, welche die damalige Baukunst, nun schon bald anderthalb Jahrhunderte – seit dem ersten Kreuzzug – auch durch die weit überlegene des Orients geschult, für wichtige Burgen, für Festungsstädte anzuwenden gelernt hatte.
      Da gab es weder eine Mehrzahl von Mauern hintereinander noch einen »Barbican«: das heißt eine kleine Festung für sich allein, in Gestalt eines kreisrunden, von Gräben umzogenen Vorthurms, mit Zugbrücke, Zinnen und einem zu der Zugbrücke des eigentlichen Mauerthors führenden gedeckten Gang. Auch fehlte die Hauptzugbrücke, über welche allein, bei starken Vesten, das Mauerthor zu erreichen war. Ebenso wenig waren Erdwälle oder tiefe Wasser-Gräben vorhanden: kein »Slegethor,« das heißt Fallgitter, konnten die Belagerten, war das Mauerthor durchbrochen, hinter diesem als eine zweite »Feinde-Wehr« niederlassen. 
      
      Auch ein eigentlicher »Bergfried,« ein »Donjon« fehlte: ein solcher mußte, sollte er seinem Zweck, – einer letzten Vertheidigung nach Eroberung aller Vorwerke und des Burghofes selbst – erfolgreich dienen, ganz isolirt, von den andern Gebäuden aus unerreichbar, aufgeführt sein.
      Eines solchen Einzelbaues Stelle ersetzte hier nur sehr ungenügend der viereckige Thurm, welcher sich in der Mitte des Hauptgebäudes gerade über dem »Burgthor« zwei Stockwerke hoch erhob und dessen im Inneren des Hauses aufsteigende Holztreppe, war die Besatzung darüber hinauf geflüchtet, von oben leicht aus zwei eisernen Haften gelöst und herabgeworfen werden konnte.
      Vielmehr bestand die ganze Burgwehr im Norden, Osten und Süden in einer einfachen, höchstens vier Fuß dicken und etwa zwölf Fuß hohen »Cingel,« das heißt Umfassungsmauer, Ringmauer. Aber hier bildete sie nicht einen Ring, sondern ein Viereck: meist aus Felsstücken, welche, ohne Mörtel ineinandergefügt, selten durch eiserne Klammern zusammengehalten 
       wurden. Nur hie und da war eine Strecke aus Ziegelbau eingeschaltet. Ein Graben vor der Mauer fehlte: er würde, in Ermanglung von Wasser, ihn zu füllen, nicht viel genützt haben.
      Die Mauerkrone oben, »die Plateforme,« sprang, erheblich breiter als die Mauer, vor: mehrere schmale Freitreppen von Holz führten von der Innen-Seite des Hofes hinauf.
      Die Front- oder Quer-Mauer im Osten, von Nord nach Süd, parallel dem Hauptgebäude der Burg im Westen, enthielt in ihrer Mitte den einzigen Zugang zu dem gesammten Bau, – das starke »Mauerthor«. Gerade über diesem waren die zackigen breiten Zinnen nach außen weit überragend, auf vorstehenden Kragsteinen oder Consolen – Mouch-Arabi, – gebaut, sodaß die Vertheidiger, hinter diesen Vorzinnen gedeckt, auch denjenigen Angreifer, der schon bis an das Thor gelangt war, mit senkrechtem Wurf treffen, oder aus Gießlöchern, »Pech-Nasen«, mit siedendem Wasser und Pech beschütten konnten. 
      
      Die beiden Längsmauern, die, von West nach Ost laufend, im rechten Winkel auf das Hauptgebäude im Westen und auf die Quermauer im Osten stießen, waren an den beiden Ecken, wo sie die letztgenannte, die Quermauer mit dem Mauerthor, erreichten, je durch einen kleinen zweistöckigen Mauerthurm abgeschlossen. Diese Thürme, je einen halben Pfeilschuß von dem Mauerthor, verstärkten die Vertheidigung der Quermauer und je einer Langmauer. In beide Thürme führte, wie von dem Burghof, so auch von der Plateforme der Mauer aus je eine Pforte. Von diesen Thürmen aus konnte man die gegen die Querfront Stürmenden von beiden Seiten bestrichen. Und war auch die Quermauer oder eine der Langmauern erstiegen, ja sogar der Hof von den Belagerern gewonnen, so konnten die Belagerten, in die beiden Thürme geflüchtet, immer noch die Eingedrungenen auf der Mauer, ja im Hofe vom Rücken beschießen, wenn diese das dem Mauerthor gerade gegenüber liegende »Burgthor«, das heißt den 
       Eingang des Hauptgebäudes, und dessen Vertheidiger angriffen.
      Allerdings war die kleine Fragsburg mit all' diesen Einrichtungen doch recht weit hinter den Fortschritten der Wehrkunst zurück geblieben.
      In die beiden Mauerthürme, die nur ein, nicht zwei Stockwerke, das heißt Reihen von Schießscharten, zählten, hätten Fallbrücken führen müssen: und die in den Hof steigenden Treppen hätten nicht frei von der Mauer hinab gehen sollen, sondern innerhalb je eines Thurmes, »des Wic-huses«, Kampf-hauses, angebracht sein müssen, so daß der Feind, ohne möglichen Sprung von der Mauer, erst dann in den Hof gelangen konnte, nachdem er mindestens einen der Thürme erobert.
      Doch waren die Steildächer beider Thürme mit Bleiplatten gegen die sehr gefürchteten Brandpfeile gedeckt. Und das Erdgeschoß der Thürme, das vor die Mauer ragte, war halbrund, convex, angelegt und aus den mächtigsten Porphyrquadern geschichtet. 
      
      Das Hauptgebäude, mit der Rückseite der Etsch zugewendet, mit der Stirnseite gegen Osten blickend, bestand in Wahrheit aus mehreren im Laufe der Geschlechter allmälig aneinander geklebten, und, – da der schmale Raum wenig Ausbreitung verstattete, – übereinander gethürmten Gebäuden.
      
      
    



      Drittes Capitel.
      Herr Rapoto hatte Recht: die Burg war immerhin so ausgedehnt, daß sie mit den wenigen Vertheidigern gegen mehr als dreifache Überzahl nicht zu halten war. Denn außer den sieben Männern aus den Goyenerhöfen waren, neben einigen Mägden, nur noch drei Reisige in dem Schloß geblieben: die anderen waren mit den Kirchgängern gefangen. Die Nacht, die Dunkelheit begünstigte daher die Vertheidigung, indem sie den Stürmenden die winzige Zahl der Helme auf den Zinnen verbarg.
      »Ha sieh,« hatte gleich bei Beginn des Angriffs der Greifensteiner seinen Genossen gefragt, »was geschieht da oberhalb des Thores, zwischen den Vorzinnen?« 
      
      »Einen Schild hängt man heraus.«
      »Und noch einen – schau, der Fackelschein fällt roth darauf: Herrn Friedmuths drei Sterne sind's – von Schänna her – und der rennende Wolf der Täufers von Fragsburg.«
      »Eia, das Weib entbietet uns zum Schildkampf! Wann Thurm und Thor genommen, – noch hinter dem letzten Schild will sie sich wehren! – Nun – wir wollen ihr die Schilde schon abreißen, haben wir nur erst das Thor. Entwischen kann sie nicht: – das Haus hat keine andre als diese Thür.«
      »Doch! Es soll ein Hehl-Thürlein in einen geheimen Erdgang führen. Aber es liegt nicht in Frau Wulfheids Art, den Kampf zu fliehen.«
      Und wahrlich, so schien es.
      Die Burgfrau hatte sich selbst den Wehrbefehl vorbehalten. Nach ihren Weisungen gebot Hezilo den Männern und den Mägden, welche ebenfalls mithelfen mußten, Kessel voll siedenden Wassers und Körbe mit Steinen auf die Mauerkrone tragen, auch 
       wohl das dampfende Wasser aus den Küchen-Eimern auf die Angreifer herab schütten sollten.
      Die beiden Ritter hatten die Zahl der Vertheidiger von Anfang überschätzt: und der heftige, erfolgreiche Widerstand, den sie fanden, bekräftigte sie in dem Irrthum, daß wohl über zwanzig Männer da oben kämpften.
      Diese Annahme hielt denn auch die Reisigen ab, so dreist an's Werk zu gehen, wie sie's bei richtiger Schätzung der Burgbesatzung gethan haben würden. In manchem regte sich nun auch wieder, bei stockendem Erfolge, das Gewissen: der Angriff, gegen die bei den Heiligen geschwornen Eide gewagt, schien von den Heiligen nicht begünstigt.
      So zog sich der Kampf von der späten Abendstunde, in der er begonnen, bis über die Mitternacht hinaus: – der Mond drang nicht völlig durch das ziehende Gewölk: – ja, bis fern im Ost das fahlgraue Dämmerlicht der Frühe, der ersten Morgen-Stunde heraufstieg. 
      
      Vergeblich hatten sich die beiden Führer Stunden lang bemüht. Alle Sturmleitern, welche Griffo im Osten und im Norden hatte anlegen lassen, waren immer wieder umgestürzt worden von der Mauer her. Oder die Hinaufkletternden waren durch heißes Wasser, durch schwere Steine, durch Speerwürfe und durch Schwert- und Beilhiebe abgewehrt worden: zwei Leute waren an Gesicht und Hals verbrüht. Einer lag mit verstauchtem Fuß unter zertrümmerter Leiter.
      Herr Griffo, der einmal schon den Fuß auf die Mauerkrone gesetzt, war von Hezilo durch einen wuchtigen Schlag mit dem Morgenstern auf den zerspringenden Topf-Helm von Mauer und Leiter hinabgeschlagen worden. Nur die geschuppte Sturmhaube, unter dem Helm, hatte den Schädel gerettet.
      Ebensowenig hatte der grimme Rapoto dem festgefügten, durch Eisenstangen vor und hinter dem dicken Eichenholz geschützten Burgthor anzuhaben vermocht.
      Einem seiner Reisigen ward mit der alten fürchterlichen Bauernwaffe, dem »Flegelkolben«, dem mit 
       Eisenstacheln gespickten Dreschflegel, von der Thorzinne herunter Holzschild und Schulter zerschlagen, schwer wund ward er zurück getragen. Herrn Rapoto selbst hatten vor einem gleichen Schlage der sausenden Stachelwalze des Innerhofers nur die starken Schulterflügel, dicke Eisenplatten, die auf dem Schuppenpanzer lagen, geschützt.
      Es ward nun hell: über sechs Stunden hatten sich die Angreifer ohne Erfolg gemüht. Die Verteidiger schienen allgegenwärtig: wo immer das Erklettern der Mauer versucht ward, da rief die mächtige Stimme der Burgfrau die Männer herbei.
      Von selbst, ohne Gebot oder Verstattung der beiden Führer, erlahmte nun der Ansturm; müde des fruchtlosen Ringens wichen ihre Leute außer Speerwurfsweite zurück: widerwillig thaten die beiden Ritter das Gleiche.
      »Dies Weib hat sieben Unholde im Leibe,« grollte der Naturner, sich auf den Schaft des langen Schlachtbeils stützend. 
      
      »Ich sah sie, – beim übeln Feind! – zugleich rechts und links vom Thor meine Leitern umwerfen,« meinte der Greifensteiner, warf die Schuppenhaube in den Nacken und strich sich das schwarze, seidenweiche Haar hinter das Ohr.
      »Viermal hab' ich Feuer an das Thor gelegt, und viermal hat sie selber mit heißen, dampfenden Wassergüssen gelöscht, – mit eigner Hand die Eimer herabschüttend: – ich erkannte sie im Gluthschein der Flamme.«
      »Wissen möcht' ich nur, woher sie diese Menge von Knechten aufgetrieben hat? Zwanzig haben wir ihr abgefangen: – und ich schätzte, viel mehr habe sie nicht auf allen ihren Hufen. – Nun sind wohl nochmal zwanzig auf den Wällen! Sollte die Sparsame Söldner geworben haben?«
      »Gleichviel! Wir 
      müssen hinein. Gieb Acht! Nun wird es hell! Man kann die Leute schärfer sehen. – Jetzt soll uns Bogen und Pfeil die Zinnen säubern. Zwölf Mann, die besten Bogenschützen, 
       stellen sich nah, – nur außer Speerwurfsweite – von der Mauer: sie haben keine Bogenschützen, scheint es: ich merkte nichts von Pfeilen! –«
      »Ich auch nicht.«
      »Seltsam genug, wenn wirklich so viele Helme da drinnen sind. Diese zwölf schießen unablässig auf die Vertheidiger, indeß wir stürmen. Siehst du! die Sonne steigt! Schon leuchtet's hell her über's Vöraner Joch. Nun werden wir sie bald zwingen.«
      Und wirklich ward's nun bittrer Ernst.
      Mit lautem Staunensruf zählten Führer und Reisige, während die Sonne ihre ersten, rothgoldigen Strahlen auf die Burg warf, die geringe Zahl der Leute auf der Mauerkrone, welche so lange dem Angriff getrotzt hatten.
      »Sie brauchen jeden Arm! Stehen doch vier Mägde neben der Vögtin! Jetzt zielt scharf, ihr Schützen!«
      »Aber nicht auf die Frau,« mahnte Griffo.
      »Bah,« gebot der Naturner, »man sieht's jetzt 
       deutlich: sie trägt, wie ein Mann, Brünne, Helm und Schild, sie wirft Sperre wie ein Mann: – sie mag sich nicht beklagen, nimmt Eibenbogen und Lindenpfeil sie für das, als was sie sich giebt. Nun – drauf!«
      Und abermals eilten die beiden Ritter gegen die Mauer mit dem Rest der Leute, während die Schützen die Langbogen spannten: es waren nur zwei Armbrustbogen darunter: die waren aus dem gelobten Lande von Kreuzfahrern mitgebracht.
      Der Greifensteiner kletterte wieder als der Erste, eine Sturmleiter links vom Thor hinan. Hezilo erwartete ihn mit hocherhobenem Arm, den Morgenstern zum Streich gezückt: nun schien die geschuppte Sturmhaube des Empordringenden erreichbar. Hezilo holte aus, aber mit lautem Schrei ließ er die Waffe fallen: ein Pfeil hatte seinen Schwertarm hart neben dem Schulterloch des ringgegitterten Brust- und Arm-Geflechts getroffen. Im Nu war der Ritter oben und rannte den Jüngling mit dem Schildstachel über den 
       Haufen: der Innerhofer zog ihn nach rechts, – von der Burg aus – gegen den südlichen Mauerthurm hin, aus dem Gefecht.
      Im gleichen Augenblick fiel unten der eine Thorflügel krachend nach innen, nachgebend den erneuten Stößen des spitzen, eisenbeschlagenen »Sturmpfahls«, welchen der Naturner und zwei Reisige wider die Mitte des Mauerthors rannten. Die Vertheidiger hatten schon vorher das Holz, bedenklich splitternd, dröhnen gehört: mit wildem Siegesgeschrei sprangen Herr Rapoto und seine Leute jetzt in die klaffende Lücke des Thores.
      Einmal noch wurden sie gehemmt.
      »Hab' Acht!« schrie der Naturner dem ersten Reisigen zu, der den Sturm-Balken vorn gefaßt hatte. Denn aufblickend hatte der Ritter gesehen, wie Frau Wulfheid, einen mächtigen Porphyrblock hoch mit beiden Händen über ihr Haupt hebend, zielte. Die Warnung kam zu spät: der Mann stürzte: – keinen Laut gab er mehr, – mit zerschmettertem Helmdach und Schädel. 
      
      Zornig sprang der Ritter vor und warf den schweren Balken gegen eines Knechtes Schild im Hof: der fiel nach hinten: drei, vier, – schon waren es fünf – Reisige drangen hinter dem Naturner durch das Thor. Der Greifensteiner mit zwei Knechten eilte bereits die schmale Walltreppe von der Mauer in den Hof herab.
      »Siego!« rief Herr Rapoto.
      »Heilo!« antwortete Herr Griffo.
      »Unser ist die Fragsburg!« frohlockten beide.
      
      
    



      Viertes Capitel.
      »Noch nicht!« schallte es von der linken Seite der Umwallung herab: und empor blickend sahen die beiden gerade noch Frau Wulfheid in der Pforte des Mauerthurmes verschwinden, welcher sich auf der Nordseite der Umwallung, von der Burg aus links vom Thor, erhob.
      Hezilo war mit seinen drei Knechten und mit dem Innerhofer in den Eckthurm zur Rechten der Burg gewichen. Die Burgherrin hatte mit ihren drei Reisigen und zwei Mägden noch in den linken Thurm flüchten können. Nur die beiden Knechte des Innerhofers und zwei Mägde waren auf der Mauer oder im Hof eingeholt und von der großen Übermacht gefangen worden, bevor sie sich hatten retten können. 
       Sie wurden gebunden und, in einer Ecke des Hofes zusammengedrängt, von zwei Speerträgern bewacht, während die Ritter, verstärkt durch die zwölf Bogenschützen, die nun zu den Schwertern griffen, sogleich den Kampf fortsetzten.
      Rapoto begann, vom Hof aus mit Balkenstößen das Thor des Hauptgebäudes in gleicher Weise zu berennen, wie er das Mauer-Thor eingerannt hatte. Da der Mittel-Thurm, zur Vertheidigung des Thores bestimmt, nicht besetzt war, konnte er das fast ganz ungefährdet betreiben: nur von rückwärts, aus den Scharten von Hezilos Mauerthurm, flogen Wurfspeere und Steine.
      Dieser Thurm, dessen schmale, auf die Mauerkrone mündende Pforte von starkem Eisen war, blieb unbestürmt: blos zwei Reisige wurden vor demselben aufgestellt, einen etwaigen Ausfall sofort mit dem Waffenruf oder mit dem Hifthorn zu melden.
      Dagegen donnerte des Greifensteiners Axt gewaltig gegen die Holzthüre, welche, ebenfalls von der 
       Mauerkrone aus, zu Frau Wulfheids Eckthurm zur Linken des Thores führte. Bald flogen Splitter und Späne: und schon griffen zwei, drei der geschweiften Beile durch die eingehauene Spalte, das Holzwerk von innen zu packen und nach außen zu reißen: schon scholl wildes Lachen und Siegesgeschrei von den Knechten.
      Da flog mit jähem Stoß die zertrümmerte Schmalthüre nach außen auf, Herrn Griffo, der daran arbeitete, unsanft zurückschleudernd: und in der Öffnung erschien eine hochragende, hagre Gestalt, so grimmig drohend, daß die Angreifer, wie gebannt durch den Anblick, innehielten und verstummten.
      Frau Wulfheid war's. Das lange, gelbe, von einem leisen Roth durchfunkelte Haar war losgegangen und fluthete aus der Sturmhaube, die Herrn Friedmuths Helmzeichen, drei goldene Sterne auf blauem Grunde, trug, auf ihre breiten, in eine Schuppenbrünne gehüllten Schultern. Der weiße Wollrock war vom Feuer Herrn Rapotos an mehr als einer Stelle 
       des Saumes angesengt. Von ihrer einen Wange sickerte das Blut aus der Wunde, die ihr ein Streifpfeil gerissen. Die Linke stützte sich auf Herrn Wulfgangs, ihres Vaters, längstes Schwert, welches bis zum Griff in einen ihr bis an die Brust reichenden Haufen von Werg, Flachs und Stroh gestoßen war. Aber drohend hielt die Rechte eine brennende Pechfackel empor. Die Züge, allzu scharf, zu starkknochig und zu derb, um, an einem Weibe, schön zu sein, waren in diesem Augenblick der Prosa ihres gewöhnlichen Ausdrucks durch eine nicht unedle Leidenschaft entrückt und das hellgraue Auge, das, tief unter buschigen, selbst für einen Mann allzu starken Brauen, geborgen, sonst in seiner rechthaberischen Härte des Reizes darbte, warf jetzt, von wildem Muth und von gerechtem Zorne verschönt, leuchtende Blitze auf die staunenden Männer.
      »Zurück,« rief sie, »meineidige Räuber! Oder – bei Herrn Friedmuths Treu' und Ehre! – ich stoße meine Fackel in dies Werg und Stroh: und einen 
       Brandschutthaufen, nicht eine Burg, sollt ihr erobert haben.«
      »Um Gott, Frau Base, haltet ein,« rief Griffo, erschrocken. »Ihr zuerst würdet verbrennen.«
      »Das will ich, so wahr der gerechte Herrgott im Himmel mein Recht beschützt! Nicht einen Stein von meines Eh'herrn Gut sollt ihr haben, so lang ich athme.«
      »Was giebt's da droben?« rief Herr Rapoto, einhaltend mit seiner Stoßarbeit am Thor, sich wendend und hinaufblickend. »Ha, die Base selbst! – Greif sie doch, Griffo! Nicht lange verhandelt! Spring hinein! Du zögerst? Wart', so will ich dir's zeigen, wie man trotzige Weiber zwingt.«
      Und er ließ den Rennbalken fallen, blies in seinen brandrothen Bart, riß das Schlachtbeil aus dem Wehrgurt und eilte von dem Burgthor hinweg, auf die Mauer zu, um die schmale, leiterähnliche Treppe zu ersteigen, welche zu deren Plateforme führte.
      Aber er kam nicht weit. 
      
      Die zwei Reisigen, welche, vor dem Thurme Hezilos aufgestellt, nichts zu thun hatten, als weitaus umher zu schauen, sprangen plötzlich mit lautem Schreckensschrei jene Treppe herab in den Hof.
      »Flieht!« rief der Eine. »Flieht! Herr Friedmuth kommt!«
      »Die Todten stehen auf,« schrie der Zweite, »den Eidbruch zu rächen! Seht: – Herrn Friedmuths Geist! Er kommt – mit ihm ein Heer! Und unsere Gefangnen! Erbarmen! Gnade!«
      Er warf die Lanze weg, fiel in die Kniee und streckte beide Hände flehend gegen das eingeschlagene Mauerthor aus. –
      Einen Augenblick nur hemmte Herr Rapoto seinen eiligen Schritt: er blieb stehn und blickte durch das weit klaffende Thor hinaus.
      »Beim Hammer und Strahl! Herrn Friedmuths Gespenst! So scheint's! Ist er aber kein Geist, – so soll er's hurtig werden!« Bei diesen Worten stürmte er mit erhobener Streitaxt aus dem Thor. 
      
      Aus dem Wald, ihm entgegen, drangen wohl vierzig Helme: darunter die gefangen gewesenen Leute.
      Aber Allen voran schritt, – in voller Waffenrüstung, den Helm mit den drei Sternen auf dem Haupte, das Visier aufgeschlagen, – der Schloßherr der Fragsburg. –
      »Treubrüchiger!« rief er: und Rapoto erbleichte bei dem Klange der wohlbekannten Stimme. »Wehrloser Weiber Bedränger! Warte! –«
      Grimm sprangen Beide gegen einander: aber gleich darauf, noch bevor sein Schlachtbeil niedergesaust war, stürzte der Naturner. Herr Friedmuth hatte seinen ganzen Zorn in einem Schwertstreich entladen, der dem Feinde den hohen Kegel-Helm, die Schuppenhaube darunter, dann die lederne Hirnhaube und endlich das Haupt bis in die Zähne spaltete.
      
      
    



      Fünftes Capitel.
      »Vorwärts, Frau Wulfheid zum Entsatz!« rief der Sieger und eilte in den Burghof. Seine Begleiter, – darunter ein Ritter mit geschlossenem Helm, Helmzier und Schildzeichen mit der ledernen Mouve verhüllt, – folgten ihm nach.
      Aber der Kampf war zu Ende.
      Denn aus ihrem Thurme waren Hezilo und der Innerhofer, den Herrn und seine starke Schar gewahrend, ausgebrochen und hatten die Bedränger des Nord-Thurmes im Rücken gefaßt. Die Meisten – alle, welche den nahenden Entsatz erschaut hatten, – warfen die Waffen weg und gaben sich gefangen. Dem Greifensteiner, der sich tapfer mit der Streitaxt wehrte, fiel Hezilo mit seiner heilen Linken in den 
       Arm: der Ritter ward von der Überzahl bewältigt und gebunden.
      All das war gleichzeitig mit Herrn Rapotos Fall geschehen.
      Herr Friedmuth, jetzt im Burghof stehend, sah wie auf der Mauer so auch im Hofe den Kampf beendet, steckte das Schwert ein und gab kurz ein par Befehle über Verwahrung der Gefangenen.
      Er gebot, die Schwerverwundeten zu pflegen – es war sein erstes Wort nach dem Sieg, – und Herrn Griffo in das Verließ des südlichen Mauerthurms zu führen.
      Die unverwundeten Gefangenen wurden, getrennt von dem Ritter, in dem Kellergewölbe unter der Burg eingesperrt, die Leichtverwundeten, welche gehen konnten, mit dem Befehl entlassen, Herrn Rapotos Leiche und den von Frau Wulfheid zerschmetterten Reisigen nach Naturn zu geleiten, zur Bestattung; – das waren die beiden einzigen Todten: die Belagerten hatten nur Verwundete.
      Einstweilen war Frau Wulfheid auf die Mauerkrone 
       hervorgetreten; sie hatte die Fackel weggeworfen und das Schwert eingesteckt.
      »Seht ihr's? Ich hatte Recht, wie immer! Er lebt! Ich hab' es stets gesagt!« rief sie, erhob beide Arme triumphirend gen Himmel und – blickte starr auf Herrn Friedmuth, der nun erst vom Hof aus die Walltreppe hinauf stieg: gar langsam und sehr zögernd, so däuchte ihr. Ein Strahl warmer Freude, ja beinahe der Liebe war in den kalten herben Augen aufgelodert. Aber nun sofort wandelte sich deren Ausdruck: ihre Züge versteinten. Sie konnte nun deutlich sein Antlitz sehen: das war nicht froh der Heimkehr und des Sieges. Eine schwere, schwere Wolke tiefen Wehs, qualvollen Kummers lag auf seiner offnen Stirn.
      Ihn mit scharfem Blicke messend, zog sie die Hand, welche sie ihm schon halb entgegen gestreckt hatte, plötzlich argwöhnisch zurück: »Friedmuth!« hatte sie rufen wollen: aber sein Auge suchte sie nicht, – es mied sie eher. 
      
      »Fragsburger,« sprach sie nun, heiseren Tones, und trat dräuend einen Schritt vor, »was ist mit dir? Was –?«
      Er aber schüttelte ernst das Haupt – er schloß halb die Augen: – »Nicht hier. Nicht vor allen Ohren! Geh voraus, in die Burghalle! Dort erwarte mich! Ich komme gleich nach. Dort sollst du Alles hören.«
      Dem Ritter im geschlossnen Helm aber, der, vor der Mauertreppe stehend, zu ihm empor blickte, rief er zu: »In der Burghalle! Ihr kommt, wann ich rufe.«
      Der Ritter ging aus dem Hof und schritt zurück nach dem Wald, unter dessen vordersten Bäumen nun auch mehrere Pferde: Streitrosse und Reiserosse, sichtbar wurden.
      Friedmuth wandte sich, die Mauertreppe hinunter eilend, Hezilo, dem Innerhofer und den andern, zur Fragsburg gehörigen Leuten zu, welche ihn jubelnd umringten und begrüßten.
      An diesem dichten Ringe vorbei schritt Frau 
       Wulfheid, mit finster drohendem Blick ihres Gatten alle überragende Gestalt messend.
      Vor dem Thore des Hauptgebäudes angelangt, griff sie, vom Halse her, in ihr Schuppenhemd und zog daraus den mächtigen Thorschlüssel hervor. Sie drückte an der Eisenplatte, welche das Schlüsselloch bedeckte, steckte den Schlüssel hinein, schloß auf, stieß die Thür nach Innen und schritt zögernd über die Schwelle, noch einmal das hoch erhobene Haupt wendend und mit herbem Mißtrauen auf Herrn Friedmuth zurückblickend.
      Bald darauf schritt der Burgherr, nachdem er die dringendsten Anordnungen getroffen und im Erdgeschoße die Schußwaffen abgelegt hatte, die Haustreppe hinauf und aus dem lichten Pfeilergang in die große Halle, welche den größten Theil des ersten Stockwerks ausmachte.
      Überall, an den Wänden, auf dem Estrich, auf den an den Wänden sich hinziehenden Bänken, auf großen Truhen und langen Tischen waren Schutz- und Trutz-Waffen jeder Art verstreut: – die Vögtin hatte 
       hier die Mannschaften waffnen wollen für die erst in zwei Tagen erwartete Fehde.
      Als sie nun hier den Gemahl eintreten sah, mit dem gleichen Ausdruck tiefster Schwermuth, die Augen auf den Boden gerichtet, furchte sie finster die dunkelbraunen, starken Brauen und trat, so weit es der Raum verstattete, von ihm zurück an einen der Waffen-Tische, die geballte Linke darauf stützend, die Rechte in die Hüfte gestemmt.
      Sie hatte sich nicht Zeit genommen oder nicht Ruhe gefunden, die kriegerische Gewandung abzuthun: nur die Sturmhaube hatte sie klirrend zu den andern Waffen auf den Eichentisch geworfen: – wirr und wild wogte jetzt das gelbe, ins Röthliche schimmernde Haar in Strähnen, die vom Schweiße des Kampfes, auch vom Blut der Wangenwunde, zusammengeleimt waren, über Gesicht und Schultern. Sie war, bis der ungeduldig und unmuthig Erwartete eintrat, unablässig im raschesten Schritt auf und niedergegangen in der großen leeren Halle, manchmal stehen bleibend, 
       den Kopf schüttelnd: – einmal laut auflachend: »Ha, gewiß! gewiß!« –
      Aber nun stand sie mit eisiger Ruhe, ganz in sich zusammen gefaßt, an dem Waffentisch und heftete die großen, runden, graublauen Augen starr auf das tief bewölkte Antlitz ihres Gatten, der nahe der Schwelle, fern von ihrer Seite des Gemaches, stehen blieb. –
      Früher als er fand die Frau das Wort.
      »Vorerst,« fragte sie mit kühlem Ton, – ziemlich leise, aber unheimlich verhalten sprechend, während ihre Stimme sonst herrisch laut erklang, – »Vorerst das Nächste. Wie kam es, daß du, daß Ihr –«
      Friedmuth sah rasch auf, senkte aber die Wimpern sofort wieder.
      »So gerade noch zu rechter Zeit kamt? Wie durch Gottes Engel herbeigetragen! Oder etwa« – zweifelte sie mißtrauisch – »durch den übeln Waland der Lüfte, wie Herr Heinrich der Löwe durch die Lüfte aus dem Morgenland nach Braunschweig geführt ward? – Und woher die vielen Reisigen? Und wie, einem 
       Wunder ähnlich, befreitet Ihr meine gefangenen Leute?«
      Der Ritter war offenbar froh, von Anderem schweigen zu dürfen und zunächst reden zu können von Dingen, welche nur die Fragerin und die rechtzeitige Errettung betrafen.
      »In Regium gelandet, eilten wir – eilte ich der Länge nach durch ganz Wälschland nach Hause. Der große Kaiser – er ist mir sehr huldvoll gesinnt – hat mir, als er zu Anagni, wo ich auf ihn traf, meine Geschicke – das heißt: die im 
      Morgenland! – erfahren, reiche, sehr reiche Gaben gespendet. Wir – ich wollte an deiner Gruft beten: denn Oswald hatte mir berichtet: – aber davon gleich! In Trient stieß ich – zufällig – auf Herrn Walther von der Vogelweide.«
      »Ha,« grollte sie, »vor mir hast du den Landfahrer, den Fiedler aufgesucht!«
      »Zufällig, sag' ich ja, war's. – Von ihm erfuhren wir,« – er erbleichte, – »daß du lebest, – daß du vom Tod auferstanden!« – 
      
      Er schwieg. Ein langer, bohrender Blick ruhte auf ihm.
      »Bald darauf,« fuhr er, nun rascher sprechend, fort, »kam ein Mann aus Schwaben, der auch im heiligen Land gewesen war, des Wegs – bei Bozen war's. – Er wollte Herrn Walther aufsuchen, ihn zu deiner Hilfe herbeizurufen: denn am Tage nach Peter und Paul, meldete er, drohe dir härteste Fehde durch die Vettern. Rasch entschlossen besendete Herr Walther seine nächsten Freunde: den von Säven, den von Gufidaun und den von Rubein, bat sie um ihre Reisigen und Knechte, um Waffen und Rosse. Ich warb mit des Kaisers mir geschenktem, reichem Gold und – mit arabischem Perlenschmuck« – er erröthete und fuhr schnell fort, – »noch dazu ein Dutzend dienstloser Leute und kaufte Waffen, auch ein par Rosse mehr. Und wir zogen nun die Etsch herauf, sicher, mehrere Tage vor Wiederbeginn der Fehde hier einzutreffen.
      Als wir aber heut', nachdem wir in aller Morgenfrühe von Vilpian aufgebrochen, an dem 
       großen Etschweg gegen deine Thalscheune heranritten, fiel mir auf, daß ein par gewaffnete Knechte, die in der Nähe hielten, entsprangen, da sie mein gewahrten. Und als ich nun langsam an der Scheune vorbeiritt, sah ich zwei andre Reisige hinter derselben wegschlüpfen. Zugleich schrie eine Stimme, hoch aus dem Giebelloch des Scheunendaches, flehend, dringend meinen Namen. Ich sah auf und erkannte Oswin, der uns zurief, sie seien, treulos überfallen und gefangen, hier eingesperrt: wir sollten eilen, sie zu befreien und die Burg wieder zu nehmen, die gewiß einstweilen überrumpelt worden sei. Wir brachen ein par Seitenbretter der Scheune los, befreiten die Gefangenen. theilten die Waffen mit ihnen, eilten den Berg herauf und – kamen gerade noch zu rechter Zeit.«
      Er schwieg: die lebhafte, fast freudige Bewegung, mit welcher er diese Begebnisse erzählt hatte, wich wieder ganz von ihm: schwermuthvoll sah er vor sich nieder.
      Frau Wulfheid hatte ihm ein Wort des Dankes sagen wollen für die Rettung aus höchster Noth. 
      
      Aber nun konnte sie es nicht. Finstern, argwöhnischen Blickes maß sie das edel schöne, so tief traurige Antlitz.
      »Ihr habt nur Eure Pflicht gethan,« brachte sie rauhen Tones hervor, »und für Euch selbst, für Euren Vortheil gesorgt, da Ihr mein Haus zu retten eiltet. Eiltet! sag' ich,« – sie lachte. »Spät, recht spät seid Ihr gekommen! Noch ein par Augenblicke, und Ihr hättet Euer Ehegemahl todt – verbrannt – gefunden. Diesmal wär' ich nicht wieder »auferstanden«, wie Ihr, wenig erfreut, vorhin das nanntet. Vielleicht, hättet Ihr es geahnt, – Ihr hättet unten am Berg noch kurze Frist verweilt.«
      Herrn Friedmuth schoß das Blut in die Wangen in hellem Zorn: doch er bezwang sich und schwieg.
      Sie aber trat hastig einen halben Schritt näher und, das Haupt leise senkend und vorstreckend, forschte sie: »Längst ist der Kaiser, längst auch sind alle Ritter der Nachbarthäler zurück, die am Leben geblieben. – Der Bub von Goyen drüben, der unnütze Liebling 
       Eurer Gunst, kam noch früher wieder als Ihr: – Ihr seid der Allerletzte! – Hezilo erzählte mir, er sah Euch fallen: – Ihr seiet wohl lange todt: – Ihr gältet im Heer als verschollen. – Ich weiß nicht, ob ihm zu glauben ist? Er hielt von jeher gegen mich zu Euch – wie von jeher: Alle! – Warum kamt Ihr so spät zurück zu Eurem Weibe?«
      »Weil ich gefangen war.«
      »Wie der Goyener? Wart ihr beide,« fragte sie lauernd, »beisammen in der Gefangenschaft?«
      »Er wird wohl gesagt haben, daß wir nicht beisammen waren!«
      »Ha,« lachte sie bitter, »gesagt hat er's wohl: – aber das konnte – das kann ja so beredet sein.«
      »Frau Wulfheid!« fuhr der Ritter auf. Aber er beherrschte sich sofort wieder und fuhr in traurigem Tone fort: »Sobald ich frei ward, eilte ich hierher, – so rasch es anging.«
      »Aus Sehnsucht nach – nach mir?« fragte sie 
       jetzt ängstlich, hastig, mit weicherem Klang, und ihr Auge ward feucht.
      »Euch glaubt' ich ja todt.«
      »Also!« lachte sie bitter auf. »Also dem Besitz, dem Sach galt die Eile. Ja ja: man sieht es!« fuhr sie herbe fort. »Fünf Jahre fast ist er fern, der Ehegemahl: endlich kommt er zurück – trifft sein Weib im heißesten Kampfe für sein Recht – und –« sie schüttelte sich, lachend vor Zorn, – »noch nicht einen Händedruck – noch nicht –« Sie brach schroff ab. »Fragsburger, was soll das bedeuten?«
      
      
    



      Sechstes Capitel.
      Da schlug er die schönen, offnen, blauen Augen mit dem warmen Blick, die er bisher gesenkt gehalten, auf, sah ihr fest in's Antlitz und sprach:
      »Das bedeutet: daß etwas zwischen uns steht.«
      »Was? Wer!« fragte sie und wankte gegen den Waffentisch zurück, sich daran haltend. »Oh, ich wußte es!« knirschte sie, bevor er antworten konnte.
      »Was? Meine unverschuldete Schuld. Ein Geschöpf, das mich vor grausamstem Qualentod gerettet hat.«
      »Ein Mann?« Sie bebte vor Grimm, als sie das höhnisch fragte.
      »Nein – ein Weib! – Meine mir anvermählte Ehefrau. Sobeide!« rief er laut.
      Da trat aus dem Gang über die Schwelle durch 
       den Vorhang, der den Eingang füllte, jener Ritter mit geschlossnem Helm, an der Hand ein tief verschleiert Weib in halb europäischer, halb morgenländischer Tracht.
      »Ein Weib! – Dir vermählt? – So lang ich noch lebe?« schrie Frau Wulfheid. »Haha!« lachte sie gellend auf: und bevor die beiden Männer, die mehrere Schritte weit von ihr entfernt standen, sie hemmen mochten, hatte sie blitzschnell ein langes, scharf geschliffenes Jagdmesser, das ohne Scheide vor ihr auf dem Tische lag, beim Griffe gefaßt und sausend gegen das verhüllte Frauenhaupt geschleudert.
      Gerade bevor es das Antlitz erreichte, fing es der fremde Ritter in der mit ehernem Handschuh bewehrten Faust. Er schlug nun das Visier empor: »War scharf gezielt, Frau Wulfheid.«
      »Herr Walther!« rief die Wüthende. »Ihr! – Ja, ich hätt' es errathen müssen. Aber nicht athmen soll die Heidendirne länger.« Und sie wollte nach einer andern Waffe greifen. 
      
      Jedoch Herr Friedmuth trat nun rasch zwischen den Waffentisch und die Rasende, die hochaufgerichtet, unverwandt, nur auf die Verschleierte blickte, – ihre Nüstern zuckten, ihre Unterlippe bebte.
      Sie strich langsam, langsam die langen gelben, blutbefleckten Haarflechten von der linken Wange hinter das Ohr zurück: da überwältigte die Leidenschaft die Körperkraft der Frau. »Ich hab's voraus geahnt – all' diese Jahre! – Ja, schon am Tag der Hochzeit. Jetzt ist's gekommen – wie ich's stets gewußt.«
      Mit diesen Worten, die sie halblaut, mehr zu sich als zu Friedmuth, sprach, ließ sie sich auf eine Truhe gleiten, die hinter ihr an der Wand der Halle vor einem Vorhang stand: sie hatte nun die Augen von der Verhaßten gelöst und kopfnickend vor sich hin gesehn. –
      »Hört mich in Güte, Wulfheid,« sprach jener, tief erschüttert, »meine volle Unschuld –«
      Da schnellte sie wieder empor, sie wollte aufspringen: aber die Füße versagten ihr. So blieb sie 
       an die mit wallenden Decken behangne Wand gelehnt; wild das Haupt in den Nacken werfend schrie sie: »Hör' es, heiliger Herrgott da droben! Seine Unschuld! Und da drüben steht, – vor meinen Augen, – seine Buhle.«
      Unwillig trat Herr Walther vor, und rief: »Freund, laß mich dies Kind fortführen.«
      »Sie bleibt,« sprach Friedmuth, »Denn nichts, was unschön ist, mag an ihr haften. – Und nun muß Alles, – unter uns dreien Alles, – gesagt sein. – Unschuldig bin ich,« fuhr er fort, »unschuldig ist Sobeide: ich schwör's bei Allem, Frau Wulfheid, was Christenmenschen heilig. – Hört mich an.« –
      Herr Walther drückte die Tiefverschleierte sanft auf eine der Bänke nieder, welche die Halle umgaben. Hier saß die schlanke, schmale, noch kindliche Gestalt unbeweglich, nur manchmal leis erzitternd, wann Herr Friedmuth von den Gefahren sprach, die ihn bedroht hatten. Neben ihr blieb der Sänger stehen, auf den Griff des langen Schwertes, das er, gelöst aus dem 
       Wehrgehäng, in der Scheide trug, gestützt: gar wachsam: denn nur um eines Fingers Breite hatte er soeben den sichern Tod abgewehrt von diesem jungen Haupte.
      »Daß der alte Oswald Euch aufgebahrt liegen gesehen und Euch für todt verlassen, wißt Ihr selbst. Er brachte mir die Nachricht Eures Todes in die Wüste.«
      »Wo ist Oswald,« fragte sie mißtrauisch.
      »Todt.«
      »Das ist bequem,« lachte sie.
      »Frau Wulfheid,« fiel Herr Walther ein: »ich hab' ihn selbst begraben helfen. Er kam zum Herrn von Salza und zu mir, Friedmuths Verschwinden, seinen Tod wohl, zu melden. Er erkrankte am Fieber und starb in unsern Zelten: ich habe den Sand der Wüste mit dieser Hand auf seine Grube gestreut.«
      »Und keiner der vielen Boten,« grübelte die Argwöhnische weiter, »die ich ihm nachgesandt mit der Nachricht meiner Genesung, hatte ihn eingeholt?« 
      
      »Ja, sind sie denn nicht mit der Meldung wieder zurückgekehrt, daß sie ihn nicht gefunden?«
      »Bis auf Einen. Der kam nicht wieder. Der könnte doch, mit oder ohne Oswald, bis zu dir – bis zu Euch gedrungen sein, mit der Nachricht, daß ich lebe.«
      »Hezilo wird bezeugen, was Oswald mir gemeldet.«
      »Es ist wahr,« raunte die Ungläubige mit sich selber. »Er hat es so berichtet, 
      bevor er wissen konnte, daß sein Herr wiederkehre. Aber doch –«
      »Glaubt Ihr Herrn Hermann von Salza?« fragte Walther, »glaubt Ihr mir?«
      »Dem Salza? Er ist mein Feind – wie alle 
      seine Freunde! Doch – ja: ich glaub' ihm. – Auch Euch glaub' ich: – viele Fehler habt Ihr, Eurem müßiggängerischen Berufe nach, – aber Ihr lügt nur, wann Ihr dichtet.«
      »Wohlan: ich eide, daß der alte Oswald Herrn Hermann und mir Euren Tod berichtet hat, und wie Friedmuth ganz erschüttert davon gewesen sei.« 
      
      »Ist's wahr?« fragte sie, und ihre Stimme bebte leise.
      Aber Walther fuhr fort: »Herr Hermann wollte in den nächsten Tagen auf dem Wege nach dem Norden hier einsprechen: er hat ein Geschäft mit dem Burggrafen von Tirol. Ich traf ihn, eh' ich Friedel fand, in Roveredo, in dem dortigen Hause der deutschen Herren. Er erfuhr von mir, daß Ihr lebtet. Da sagte er: »Ich will Freund Friedmuths Wittwe aufsuchen: sie soll erfahren, wie sehr ihr vermeinter Tod ihm nahe ging. Das wird ihr wohlthun und sie sänftigen.«
      Aber die Grimmige wollte von ihrem Grimm nicht lassen. Sie liebte diesen Zorn: er that ihr tödlich weh: aber es war ihr doch eine Art Wollust, ihren Argwohn, ihre jahrelang gegen eine unbestimmte Nebenbuhlerin gepflegte Eifersucht nun so voll gerechtfertigt zu sehen. Trotzig wandte sie sich gegen Friedmuth:
      »Wohl, ich will es glauben. Ihr wähntet mich todt. Schon das zeigt, – wie anders Ihr, wie anders 
       ich unsern Ehebund erfaßt: 
      Ihr glaubt sofort, was Euch ein alter Schwachkopf vorredet.«
      »Aber Wulfheid! Er sah Euch auf der Bahre.«
      »
      Ich aber: – obwohl Alle, Alle, nah und fern, Feind und Freund, mich verhöhnen, mich auslachen wegen meiner Herzenstreue. – obwohl mich die Vettern mit Fehde drängen unablässig, Jahr um Jahr, – obwohl ich Jahre lang nichts mehr von Euch höre, – obwohl der Goyener schwört, er sah Euch stürzen und Heiden und Christen hätten um die Wette Euren Tod versichert: – ich bring' es nicht über dies thörige, dumme, dies, wie der Sänger dort es schilt, so harte Herz, an Euren Tod zu glauben! – Ich beharre dabei: mein Friedmuth lebt – mein Friedmuth kehrt mir wieder! – Er aber! – Heute hört er meinen Tod, und morgen freit er, wohl Gott und alle Heiligen und seinen Christenglauben verleugnend, ein Heidenweib: – vermutlich ist sie jünger als die Tochter Herrn Wulfgangs und hat sanfte, verliebte Augen!« 
      
      Und mit grimmiger Neugier, voll tödlichen Neides, maß sie die feine, die rührende Gestalt in jenem weißen Schleier.
      »Aus eitel Sinnenrausch und Üppigkeit – am andern Tage schon,« fuhr sie laut, fast schreiend, fort, »greift er nach der Sünde.«
      »Mit nichten!« sprach Herr Friedmuth, ruhig das Haupt schüttelnd. »Nun 
      höret endlich. Bei'm Sturz in eine Fallgrube, – Hezilo hat Euch das erzählt? – blieb Falka todt: – ich fiel in mein eigen Schwert, das, aus der Scheide gefahren, die Spitze gegen mich reckte: tief war die Wunde! Hart unterhalb der Brünne, unter der letzten Rippe links, viele Zoll lang. Die Spitze, die abgebrochne, stak darin: ich litt recht lang und schwer.«
      Leise bebte da der weiße Schleier des Turbans: das verhüllte Köpflein sank gegen den Busen herab.
      »Als ich wieder zu Gedanken kam, lag ich gefangen in Djibrin, dem Bergschloß des Emirs Emid, der mich gefangen genommen. Er hatte seinem eignen 
       heilkundigen Arzt geboten, alle Kunst aufzuwenden, mein Leben zu erhalten.«
      »Warum? Für wen?« fragte Frau Wulfheid funkelnden Auges.
      »Er glaubte,« – Friedmuth stockte, – »er überschätzte sehr seinen Gefangnen.«
      »Weil Friedmuths Wachsamkeit unser ganzes Lager vor den Heiden gerettet hatte,« ergänzte Herr Walther mit einem Blick liebevollen Stolzes auf seinen Freund.
      »So hielt er mich denn für weit werthvoller, als ich war: für einen Fürsten unter den ›Franken‹, und hoffte, seinen von den Unsern gefangenen Bruder gegen mich ausgewechselt zu erhalten.
      Aber als der weise Ägypter meine Wunde sah, da – so ward mir später berichtet, – sprach er: »Es braucht ein kleines Wunder für den Arzt, ein größres für die Pflege. Wer soll ihn pflegen?«
      Da trat des Burgherrn Tochter vor: sie hatte mich, den Sterbenden, in den Burghof tragen, mich 
       unter der Palme Schatten liegen sehen. Erbarmen mit dem Fremden, dem Gefangenen rührte ihr junges Herz. –«
      Frau Wulfheid nickte grimmig und sprach leise vor sich hin: »Und schön war er auch, der Gefangene! Sehr schön!«
      »Sie pflegte mich viele Wochen, Monate –! Ich wußte lange, lange nichts, – als daß eine milde, weiche Hand mich labte, – als daß ein Auge, –« Er brach ab. »Endlich war ich genesen: ich erfuhr vom Arzte: nicht er, – 
      sie habe mich gerettet. Ich dankte ihr: – wir schlossen Freundschaft.«
      Da schlug Frau Wulfheid eine grelle Lache auf: »In welcher Sprache? Auf Heidnisch oder auf Deutsch? Ihr verstandet euch ja gar nicht. Ha, die Seelen hatten wohl wenig zu thun mit dieser Freundschaft? –«
      Aber ruhig fuhr der Erzähler fort: »Sobeidens Mutter war eine Abendländerin, eine Christin, eine Deutsche: Elisabeth, Tochter des Grafen von Wied, 
       die der Emir auf ihres Vaters Pilgerfahrt gefangen und sich vermählt hatte. – Sobeide ward im Glauben des Vaters, aber von der Mutter in deren Sprache, deren Sitte auferzogen, bis sie durch den Tod dem Kind entrissen ward. – Ich mach' es kurz. Der Emir verließ die Burg mit einem Auftrag des obersten Sultans der Heiden an den Kaiser. An seiner Stelle übernahm den Befehl Scheik Dschabir: ein wilder Heide, voll von Haß gegen Christen und Abendländer. Ich fühlte, er hätte mich am liebsten beim ersten Anblick ermordet. Nur der strenge Befehl, mich gut zu halten, schützte mich. Aber in einer Nacht –«
      Sobeide bebte leise.
      »In einer Nacht kam der Befehl des obersten Sultans, alle gefangnen Christen zu tödten.« Er hielt inne.
      Mit Spannung blickte Frau Wulfheid auf ihn.
      Herr Walther fiel ein: »Die Templer nämlich, diese ruchlosen, obzwar tapfern Frevler, hatten, vielleicht aus bloßer tempel-ritterlicher Gier, vielleicht aber auch 
       um den vom Kaiser gerade dem Abschluß nahe gebrachten Friedensvertrag zu zerreißen, – eine große Karawane der Heiden, welche mit Gold, mit edeln Rossen und zumal mit schönen Frauen von Bostra nach Jerusalem zog, mitten im Schutz der Waffenruhe mit niederträcht'gem Treubruch überfallen. Die Schätze, siebzig Kamele, wurden geraubt, zweihundert Männer, darunter des Sultans Lieblingssohn, Achmed, wurden erschlagen, die edeln Frauen und die Mädchen geraubt. – »Gieb,« sagt ein Sprichwort im Morgenland, »ein schönes Weib lieber in des Teufels als in des Templers Gewalt!« –
      »Da befahl,« fuhr Friedmuth fort, »der Sultan blutige Vergeltung. Die Art der Tödtung war nicht vorgeschrieben. Aber Dschabir – er hatte eine Tochter bei jener Karawane gehabt – gebot –«
      »O schweige!« flüsterte Sobeide leise.
      Jedoch Friedmuth hatte sie nicht gehört und fuhr fort:
      »Er hatte befohlen, mich den Geiern zu geben.«
      
      
    



      Siebentes Capitel.
      »Was ist das?« fragte Frau Wulfheid, gleichgiltig, kurz.
      »Das will ich Euch gründlich sagen.« ergänzte wieder Herr Walther. »Sie binden einen Menschen, nackt, im glühenden Wüstensand, mit Händen und Füßen an einen Balken, einen nassen Schwamm im Mund, damit er nicht allzu rasch verschmachtet, und lassen ihn liegen in tiefster Einsamkeit. Die Geier kommen angeflogen aus weitester Ferne. Sie wittern scharf: – sie rücken immer näher: – nur den Blick des Auges scheuen sie eine Zeit lang. Senken sich die müden Lider – hui! hauen die ersten beiden Schnabelhiebe die gefürchteten Augen aus, daß sie sich nie mehr aufthun und dann –«
      »Haltet ein!« bat Sobeide. 
      
      »Und dann?« fragte Frau Wulfheid. »Dann ist er eben todt.«
      »O nein, wißbegierige Frau. Es währt oft viele Tage. Denn die Geier kämpfen untereinander um den leckern Fraß. Und dann kommen erst die langsameren Schakale.«
      Frau Wulfheid biß die Unterlippe und runzelte die Stirn. Dann lachte sie laut: »Nun! 
      Ihm ist nichts von Alledem geschehen.«
      »Und daß ihm nichts geschah, das dankt er – das danket hoffentlich auch Ihr – nur diesem Kind: dieser Heldin von achtzehn Jahren.«
      »Ja,« fuhr Friedmuth fort, »der Befehl war gegeben, und mir verkündet. Umsonst hatte Sobeide auf den Knieen um Gnade für mich gefleht. Aus dem luftigen Gemach, in dem ich bisher geweilt, führte mich Dschabir selbst in einen Thurmkeller tief unter dem Burgfelsen. Mancher der Burgleute hatte mich in diesen vielen Monaten liebgewonnen: Dschabir sah Mitleid, Unmuth in ihren Zügen. Da 
       sprach er: »Beim Barte des Propheten: wer es wagt, ihm zur Flucht zu verhelfen, oder seine Qualen in der Wüste abzukürzen, sei es, wer es sei, – und wär's mein eignes Kind, – wird lebendig verbrannt.« Er schloß die Eisenthüre hinter mir.«
      »Und das soll Alles wahr sein? Und Ihr lebt doch?«
      »Ich lebe doch! Weil dieses Mädchen –«
      »Und merkt es wohl, Frau Wulfheid,« fiel Walther ein, »
      ohne mitentfliehen zu wollen.«
      »Sobeide schlich sich in der Nacht in das Schlafgemach des Scheik: sie nahm, zwischen seinem Dolch und seinem Krummschwert heraus, den Schlüssel meines Thurmes. Sie glitt hinein zu mir, – sie führte mich an eine niedere Stelle der Mauer. Ihr Vater hatte ihr einst, da die Burg von den Templern belagert ward, eine seidene Strickleiter gegeben, sich, falls die Feinde eindrängen, hinabzulassen, in einer Schlucht des Schloßberges zu verbergen, und dann auf geheimen Felsen-Pfaden zu entrinnen. Sie schlang die Leiter um eine Zinnenzacke und ließ mich 
       hinab. Aber nie hätte ich, in der Nacht, den bei Tag kaum sichtbaren senkrechten Schwindelsteig, die Felsen herab, gefunden, – Sie führte mich. – Wir liefen die ganze Nacht. Beim Morgengrauen kamen wir an einen Nebenfluß des Jordan.
      Eine morsche Fähre mit einem halbzerbrochenen Ruder lag im Schilf.
      »Steig ein,« rief sie, »und drüben: stets nach West, der eben aufgehenden Sonne stets den Rücken wendend. Dort stehen die Christen. Fliehe rasch.«
      »Und du?« sprach ich, das Ruder fassend. »Du kannst doch nicht zurück in's Schloß!«
      »Nein,« sprach sie ruhig.
      »Was willst du thun?« fragte ich.
      »Hier warten, so lang ich dich noch sehen kann.«
      »Und dann?«
      »Dann sterben. In diesem Ring ist Gift.«
      Da sprang ich aus dem Kahn zurück, faßte die sanft Widerstrebende, trug sie hinein und stieß ab.
      Sie sank betäubt auf den Boden des Nachens. 
      
      Bald war ich drüben. Ich hob sie empor. Sie schlug die Augen auf: »Du liebst mich!« rief ich vor ihr knieend. Sie senkte das Köpflein: »Ich glaube: ja!« sprach sie.
      »Elender,« rief da die Fragsburgerin und sprang auf, »erspare mir die Schilderung eures Glückes – eurer Sünde! Und sie stahl den Schlüssel dem Schlummernden! Und sie verrieth ihr Volk! Und sie ließ den Feind ihres Glaubens entwischen! Nein, sie lief ihm voran! Und ward seine Buhle, wissend, daß er einer Andern gehört!«
      »Nein. Ich hatte ihr längst deinen Tod geklagt. Und meine Buhle ward sie nicht in jener Wüsteneinsamkeit. Sondern meine Braut. Wir knieten nieder und wir schlossen ein Verlöbniß vor dem allgegenwärtigen Gott, daß nur der Tod uns solle scheiden.«
      »Oder ich!« drohte Frau Wulfheid finster und hob die geballte Rechte.
      »Und nach vielen, recht vielen Leiden und Gefahren erreichten wir eine christliche Schar: wackre Hospitaliter 
       waren es: o wie das weiße Kreuz auf ihren schwarzen Mänteln mir gleich dem Sterne der Errettung blinkte! Die nahmen uns, die halb Verschmachteten, auf und labten uns und liehen mir Geld zur Überfahrt. Und auf dem Schiffe ward Sobeide von dem Bischof Eberhard von Salzburg in unserem Glauben unterwiesen, getauft auf den Namen ›
      Demuth‹ und gefirmt. Und in Anagni traf ich auf den Kaiser, der – der mir sehr huldvoll ist – und erzählte ihm meine Geschicke und zeigte ihm – diese da.« – Sein Auge strahlte vor Liebe: aber er faßte sich rasch. – »Sie gefiel ihm – gar sehr.«
      »Glaub's von dem heimlichen Heiden! Dem Verfluchten! Dem Verkühlten! Dem Freund der lüsternen Minnesänger!« nickte die Burgfrau grimmig.
      »Er richtete selber unsere Hochzeit aus; der Patriarch von Aquileja traute uns. Der Kaiser vergab die Braut und beschenkte uns reich. Und nun zog ich mit meinem jungen Weibe, – mit Demuth,« verbesserte er rasch, »über Florentia nach Verona, von 
       da über Trient hieher. Bei Trient stießen wir auf Walther und erfuhren, daß – daß du lebest.«
      Da ging ein tiefer, tiefer Seufzer aus von der verschleierten Gestalt, und sie wankte. Herr Walther sprang hinzu, und barg mitleidig ihr Haupt an seiner breiten Brust.
      »Und – gesetzt, ich glaube das Alles, – da hast du sie nicht von dir gestoßen, wie einen gift'gen, eklen Wurm, der dich angekrochen hat im Schlafe? – Du wagst es, – du hast die schamlos freche Stirn der Sünde, – dies Geschöpf hierher, in 
      meine Burg, – an 
      meinen Herd zu führen? Willst du vielleicht zwei Weiber haben? Hast du das ihren heidnischen Gesippen abgelernt? Oder soll ich etwa als Magd dem Püppchen die Schuh' anziehen und euch das Lager rüsten?«
      Traurig schüttelte der Gescholtene das Haupt:
      »Nichts dergleichen! Wir wollen nur, nachdem dies schwere Geschick über unsere drei unschuldigen Häupter hereingebrochen ist. –« 
      
      »Du wagst es, mich mit euch, mit eurer Befleckung in Eine Reihe zu stellen?«
      »Wir wollen nun, alle drei, mit Wohlwollen und mit Güte des Herzens, so lange suchen, bis wir finden, was in diesem argen Widerstreit der Dinge zu thun ist.«
      »Was zu thun ist? Und du kannst zweifeln? Kannst schwanken zwischen deinem rechtmäßigen Eheweib und dieser hergelaufnen, – nein: schlimmer! – mitgelaufnen Buhle? Hinaus mit ihr, aus meiner Burg! Laß sie zurückgehen, dahin, woher sie – von Niemandem, auch von dir, wie du sagst, nicht gerufen, – kam.«
      »Zu den Heiden die Christin? Zu meinen Todfeinden meine Retterin? – Ihr droht der Feuertod!«
      Aber Frau Wulfheid hörte den Einwurf gar nicht: sie hatte einen andern Gedanken aufgegriffen. »Allein auch, nachdem sie entschwunden, dahin, wohin sie gehört, – in Schmach und Dunkel und Todesstrafe, – mein Herz bleibt 
      doch für immerdar vergiftet. 
       Er hat, verwittwet, ein ander Weib gewählt! Ich, – bei Gottes Rache! – ich hätte nie! nie mehr nach seinem Tode mich vermählt.«
      »Das glaub ich' Euch auf's Wort,« sprach Herr Walther ernst. »Aber das kommt daher: Ihr, Ihr habt Friedmuth wirklich geliebt. – Das heißt, was Euere Gemüthsart Liebe nennt und, – so viel oder wenig, so weich oder hart es nun 'mal ist, – an Liebe vermag: das habt Ihr ihm gegeben! Und – in dieser Euren Art – liebt Ihr ihn noch.«
      »Ich! Ihn noch lieben!? Ich hass' ihn! Nein, ich verachte den Verruchten.«
      »Er aber, – Friedmuth, – hat Euch nie geliebt.«
      »So hat er mir denn stets gelogen!«
      »Ihr wißt recht gut: er 
      kann gar nicht lügen.«
      »Ja, er 
      konnte es nicht! – Er war so wacker, so aufrecht –! Er war mein Glanz und meine Liebe,« – und jetzt klang die unschöne Stimme beinah schön, – »wenn ich auch nicht wie eine girrende Waldtaube davon plappern konnte: ja, er 
       war meines Herzens Stolz und Freude. Jetzt aber, – wer solche Sünde that, – der lernt auch lügen. – Jedoch, eh' er schied, wann er mir da von Liebe sprach, da log er nicht!«
      »Gewiß nicht. Er wußte es nicht besser.«
      »Nun aber hat er es wohl erst gelernt, was Liebe sei? O hätte doch dieser Schlange bei ihrer Geburt ein Fußtritt den Kopf zertreten.«
      »Unholde Frau!« rief da der Sänger heftig. »Ohne ihre todesmuthige Liebesthat wäre Euer Mann in den furchtbarsten Qualen viele Tage lang auf's elendeste verendet, – wär' Euch das lieber?«
      »Ja, bei Gottes Zorn, viel! viel, lieber!«
      Beide Männer erbleichten, – das junge Weib schauerte zusammen.
      »Laß dir nicht grauen, Demuth: 's ist nicht ihr Ernst,« sprach Friedmuth entschuldigend.
      »Ha,« fuhr sie auf, »Ihr meint, ich sprach's im Unbedacht? So hört's 
      nochmal in aller kalten Ruhe. Ich schwör's bei diesem Ringe, – meinem 
       Ehering: lieber hätte ich ihn von Geiern und Wölfen der Wüste, Zoll für Zoll, langsam zerreißen gesehen, als einen Gedanken, einen Herzschlag von ihm, als 
      mein Recht an ihm, einem andern Weibe gegönnt.«
      »Schweiget, Frau Wulfheid!« mahnte Herr Walther. »Das ist nicht anzuhören!«
      Friedmuth trat schaudernd einen Schritt von ihr hinweg: »Sie raset,« sprach er.
      »Nein, ich rase nicht. Ihr aber, ihr 
      beiden Männer, ihr scheint ja ganz verzückt von dieser Heuchlerin! – Und,« fuhr sie fort, »wozu die Mummerei? Weßhalb, zuerst, blieb der Sänger im geschlossenen Helm – auch nach dem Kampfe?«
      »Ich weiß, wie wenig Gunst Ihr mir tragt,« erwiderte dieser gutmüthig. »Ich sagte Friedmuth: wir wollen die Frau nicht gleich schon durch 
      meinen Anblick reizen, bevor –«
      Die Burgfrau machte eine verächtliche Bewegung, trat in die Mitte der Halle und fuhr fort: »Und 
       weßhalb jener Schleier? Ha, sie scheut in ihrer Schmach den Blick der Rächerin!«
      »Nicht doch,« sprach Friedmuth. »Aber wir – Walther rieth es, – wir hofften – als ein letztes Mittel gegen Euren Grimm, – so furchtbar hab' ich ihn freilich selber nicht geahnt und nun wird's wenig fruchten! – Wir meinten, wenn Ihr sie, der Ihr mein Leben dankt –«
      »Ich dank' ihr's 
      nicht, nachdem's besudelt ist.«
      »Wenn Ihr dies Antlitz sähet, – glaubten wir, – es ist gar wundersam – es könnt' Euch milder stimmen.«
      Und er schritt rasch hinzu und schlug Sobeide's Schleier zurück.
      Da stieß Frau Wulfheid einen gellenden, gellenden, markdurchdringenden Schrei aus, fuhr mit beiden Händen in ihr Haar hinter den Schläfen, und taumelte ein par Schritte zurück: »Zauber! Zauberei! Hilf, strenger Gott!«
      Ängstlich wollte sich die tief Erröthende wieder 
       verhüllen. Aber Herr Walther wehrte ihr: »Seht, Frau Wulfheid,« sprach er weich, »sogar Euch ergreift dies rührende –«
      »Nein,« fiel jene, sich wieder aufrichtend ein, »sie rührt mich nicht! Aber nun seh' ich's: das ist Zauberei! Kein Weib auf Erden ist, – ohne schön zu sein, – so hold, so zum Mitleid verlockend, ohne Grund, – wider Recht. So herzgewinnend! Sogar mich wollte der Spuk beschleichen! Das ist der Hölle Werk! Sieht aus, wie ein Kind – ja Kinderaugen hat sie! – Und dieser sanfte Schmerz! Von Lust und Sinnengluth nichts: – ja, das ist Hexerei! Und Hexen –« schloß sie grimmig, frohlockend, – »Hexen muß man verbrennen!«
      Da glitt das junge Geschöpf, das kaum vom Kinde zum Mädchen erblüht schien, – nicht einer Ehefrau wahrlich sah sie gleich – leis auf die Kniee nieder, kreuzte beide Arme auf der Brust und hauchte kaum vernehmbar:
      »O Herrin! Zürnet nicht so schwer! Ich hab' 
       nur Eine Schuld: daß ich ihn liebe. Ihn retten wollt' ich. Ich will sonst nichts. Ich habe nie auf ihn gehofft. Ich will gehen, wohin Ihr wollt. Am liebsten aber sterben.«
      »Und sterben 
      sollst du,« erwiderte jene tonlos, langsam, drohend den Zeigefinger der rechten Hand erhebend. »Die Hexe brennt. – Das ist das Recht im Lande. Und dein Buhle soll dich nicht davor beschützen!«
      Da hob Friedmuth die Knieende sanft vom Boden auf: »Steh auf!« sprach er, »kniee nicht vor ihr, Geliebte.«
      »Ha, Rache Gottes, vor meinen Augen kost er sie!« rief bei diesem Wort Herrn Wulfgangs Tochter, und abermals faßte sie ein nacktes Schwert und stürmte damit gegen die Feindin vor.
      Aber Friedmuth hielt sie gleich auf: – fest griff er ihren Arm. Mit Unmuth ließ sie die Waffe fallen.
      »Genug,« rief er, »und lang schon allzuviel! Erschöpft ist unerschöpflichste Geduld. – Ich bin dein 
       Herr, Weib, und Herr dieser Burg, und ich befehle dir: – du gehst sofort in deine Kemenate oben im Söller. Gehorche! oder ich führe dich selbst! – Und du, Sobeide, trittst hier zur Linken in dies Gemach. So harret ihr beide – beide Frauen – bis mein Entschluß gefaßt. – Ich sehe vorher – ich schwör's bei meiner Ehre! – keine von euch wieder.«
      Zögernd, trotzig, mit zurückgeworfenem Haupte schritt Frau Wulfheid zorngrimm aus dem Sal. – Sie gehorchte ungern. Aber in Herrn Friedmuths Blick lag etwas, das sie nie gesehn: – die fest entschlossene, ihr weit überlegene Hoheit des Schmerzes: – das brach ihren Widerstand. Sie ging. Drohend hob sie, die Schwelle überschreitend, die geballte Faust gegen die Araberin.
      Diese sah es nicht. Nach einem langen, langen, tief wehevollen Blick auf Friedmuth glitt Sobeide, gesenkten Hauptes, in das nur durch einen Vorhang: von der Halle getrennte Gemach. Herr Walther folgte ihr dahin, sie stützend: denn sie wankte.
      
      
    



      Achtes Capitel.
      Es war ein kleines, gar feierlich ernstes Gelaß, das die Beiden betraten: es hatte früher als Kapelle gedient, bis bei einem Umbau der Burg eine geräumigere Schloß- und Gruftkapelle im Erdgeschoß eingerichtet worden war.
      Von jener ursprünglichen Bestimmung war aber noch Manches übriggeblieben in dem engen Raum: Kreuze und allerlei einfache Symbole, in Stein gehauen an den Wänden, auch fromme Sprüche aus der Bibel oder aus weltlicher Dichtung, aufgemalt mit weißer und rother Schrift auf blau getünchten Kalkbewurf. – Ein Rundbogen mit ein par roh gemeißelten Heiligen an dem Mittel-Säulchen diente als Fenster, – Marienglas fehlte, – ein dunkelrother Vorhang konnte vor die Öffnung gezogen werden. 
      
      In einer flachen Nische, die einst der Altar ausgefüllt hatte, stand ein niedrig Gestell mit einigen Kissen und Polstern, darüber lagen ein par Decken gespreitet. An dem Fenster war ein Klappstuhl, in die Wand eingelassen, angebracht: der Blick über den Burgberg hinab, die Etsch aufwärts und abwärts war wunderschön.
      Anmuthvoll dankend löste sich die Fremde von Herrn Walthers Arm, der ihr den langen lichtblauen Reisemantel von der Schulter nahm. Sie hob den Turban ab und den langen dichten Schleier, der darum gewunden war, und ließ sich unhörbar, – alle ihre Bewegungen waren so leicht, so klein, so leise, – auf das Lager niedergleiten, das schöne Haupt, nun ganz unverhüllt, zurücklehnend an die harte Stein-Wand, die großen Augen weit aufschlagend, und nach oben blickend, den Himmel suchend durch das schmale Fenster, aus welchem das Licht, ohne zu blenden, voll auf ihr Antlitz strömte.
      Herr Walther setzte sich an dies Fenster auf 
       den »Mauer-Stuhl«, ihr gegenüber und sah sie lange schweigend an.
      »Sie ist wunderbar. Nein: sie ist selbst ein Wunder,« sprach er leise zu sich selber. »Nicht gar so arg schön: Frau Gioconda, – wo mag sie jetzt wohl sein? – war ein viel schöner Weib. – Aber sie ist so rührend! – An Antlitz und Gestalt. Da möchte wohl Herr Wolfram singen: »Ihr wisset, wie Ameisen pflegen um die Mitte schmal zu sein? Noch schlanker ist dies Frauelein!« So jung und so unheilbar elend! So hold und so sterbenstraurig! So gut und so unrettbar! So kindlich: – und so todesmuthig kühn in ihrer Liebe! Mädchen-Ehre, Glaube, Vater, Vaterland, Volk, Leben: Alles opfernd! Und nicht um des Geliebten Besitz: – das thäten Viele! – nur um seine Rettung. – Wie eines Kindes, nochmal muß ich's denken, ist all' ihre Art! Diese kleinen Händchen, diese Gelenke, diese Füßlein in den Seidenschuhen, – daß diese sie nur tragen? – Und wie das dunkelbraune Haar, des Vaters 
       Erbe, durchsonnet ist von einem wie verirrten hellen Strahl: 's ist wohl der Mutter lichteres Gelock. Und wie die weiße Haut der Abendländerin von einem Pfirsichduft leicht überflogen ist! Und wie das langgezogene, schmale Antlitz so ergreifend edel ist! Und solch ein feingeschnitten Näslein, – gebogen, doch wie zart! Und solche sanfte rothe Lippen hab' ich nie gesehn! Und ihre Augen! – Ich sah einmal im Morgenland ein köstlich Thierlein – unserm Reh vergleichbar: – aber doch wieder nicht: nur wie einer, der's gar nicht versteht, die Nachtigall, so edelfein, dem guten, aber plumpen Hänfling vergleichen könnte. – Ein solches Thierlein starb, vom Pfeile wund, in meinem Schos: – die Augen waren so groß, so rund, so durchsichtig braun, in einem leisen Blau, statt in Weiß, sanft schwimmend: eine ganze Welt von stummer, vorwurfsvoller Trauer. Solche Augen hat das ›kindjunge‹ Weib! – Geh, schäm' dich, Walther! Schaust sie an, wie ein Träumer, der sie auf Goldgrund malen wollte, – und siehst nicht, welch' 
       hoffnungsloses Weh, welch abgrundtiefer Schmerz in diesen thränenleeren Augen liegt und redest ihr nicht tröstend zu! – Ei, Walther!« schalt er sich.
      »Mein armes Kind,« begann er nun mit seinem weichsten Ton, – und herzgewinnend konnte diese Stimme tönen. »Frau Demuth,« besserte er – »Nein: laßt mich lieber Euch »Kind« nennen, – könnte ich doch Euer Vater, ja Euer Großvater fast sein! – Und Ihr 
      seid ein Kind: aus goldner Sternenwelt herabgefallen, hilflos und vertrauensselig, in eine Welt, die hartes Erz und – Schlimmres ist! – Mein liebes Kind!« – Und er legte ein Bein über das andre und griff zutraulich, beschwichtend, nach ihrer schmalen, langfingrigen Hand. »Banget nicht, es droht Euch nicht Gefahr.«
      »Ich bange nicht und traure nicht um 
      mich! – Seht,« sprach sie schlicht und sanft, »Herr Walther, ich habe nur drei Menschen wahrhaft gekannt. Und diese drei – hab' ich lieb gehabt, so ganz von Herzen lieb: meine Mutter, – ihn – und Euch. Mein 
       Vater war fast nie auf der Burg. Die Araber und das Gesinde, die mich umgaben, blieben mir immer innen im Herzen fremd, fern. Meine Mutter, – o, sie sprach so viel vom Land der Franken, – von ihrer deutschen Heimat! – Sie wußte gar viele Lieder der Minnesänger: auch eigene erfand sie und lehrte sie mich. Und ich behielt die Lieder rascher, fester, als Alles, was ich sonst lernen sollte. Und oft dachte ich dazwischen eigene Gedanken und war ganz erstaunt, – ich schämte mich und erröthete, – daß sie sich manchmal reimten. Und dann kam – er. Und das war Alles: das war mein ganzes Leben. – Aber als ich nun Euch fand, und sah, wie gut Ihr seid: auch gegen Fremde, Arme, zumal Kinder, und gegen alle Thiere, – und wie wir nun alle diese langen Tage zusammen waren, immer nur wir drei – und wie ich Euch erkannte in Worten und Werken: da ging mir etwas auf, was ich nicht gekannt: – Freundschaft und recht herzinnige Verehrung. Und ich konnte nach der Mutter und 
       nach ihm auch Euch tief, tief in meine Seele nehmen; und so sag' ich Euch wahrhaftig: ich traure nicht um mich!«
      »Ich weiß!« sprach er. »Denn an Euch selbst habt Ihr von je zuletzt gedacht, Kind Demuth! – Aber um Eins möcht' ich bitten: glaubt mir: nicht alle deutschen Frauen sind – gleich der. Sonst müßt' ich eines meiner liebsten Lieder umdichten!«
      »Ihr thut ihr schweres Unrecht! Sie ist im vollen Recht. Laßt sie es brauchen.«
      »O wüßtet Ihr doch nur,« – er sprang heftig auf, – »daß sie, – sobald nur Friedel will, – in vollstem Unrecht ist: wenn sich's um Recht und Unrecht wirklich handeln soll, wie's der Richter, der Schöffe und die Fürsprecher verstehen. Aber was hilft's, 
      Euch das sagen! – 
      Ihr müßte man's sagen. Und das hat er verboten!« schloß er grollend.
      »Es zieht sich, wie ein glühend Eisen, unablässig dieser Ring von Gedanken um mein Hirn: Friedmuth, – Wulfheid, – Demuth: von diesen drei Menschen 
       kann Einer nicht mehr leben! Das will sagen,« – fuhr sie fort, sich langsam über die Stirne streichend: »diese drei können nicht zusammen das Licht der Sonne schauen. Da Er nun leben 
      muß, – um jeden Preis! – so lang' der Gott der Himmel es vergönnt – und da die strenge Frau in vollem Recht, –«
      »So wollt 
      Ihr vielleicht sterben?« lächelte Walther. »Das wäre das Wahre! Nein, – nein! Ihr sollt mir fein leben und Gott den Herrn erfreun, wann er auf Erden schaut. – Ist ihm zu gönnen, dem Milden: muß so viel Unholdes sehn! – Muß man denn gleich 
      sterben?«
      »Ich gehe nicht in's Kloster,« sprach sie ruhig. »Das ist lebendig begraben sein.«
      »Ihr – in ein Kloster? Die duftende Rose unter eine Grabplatte!«
      »Es bleibt kein Ausweg. – Friedmuth, – Wulfheid, – Demuth: o der eherne Ring, der glühende Ring! – Weh, ich allein hab' alles Unglück über ihn gebracht.« 
      
      »Ihr allein habt ihn gerettet.«
      »Ja. Aber als wir an jenem Flusse standen, – als er mich fragte: »Was willst du nun beginnen?« – da hätt' ich nicht 
      sagen sollen: »Sterben!« – nein: 
      es thun! – Lautlos, nachdem sein Kahn drüben angelandet, – unter das grüne hohe Schilf gleiten, – 
      das war das Rechte! Und, o Gott der Christen und der Heiden! das ist meine 
      Schuld. Denn wißt, edler Harfenschläger: – wie einem Priester, lieber als einem Priester, beicht' ich Euch: – ich hab's geahnt, – Alles!«
      »Wie? Ihr konntet doch nicht ahnen, sein Weib lebe?«
      »Gewiß nicht! Aber als er mich so fragend ansah, mit seinen hellen Augen, – da zuckte es durch mein Haupt: ›Folg' ihm 
      nicht! Folg' ihm 
      nicht in seine Heimat. Du bringst ihm Unheil dort – du taugst nicht dorthin – laß ihn allein entrinnen: – schweige und stirb!‹ – Ach! Das war das Wahre, Rechte, das von Gott Gewollte! – Ich 
       schloß damals die Augen: aber ach! (Er hat's verschwiegen – verschweigen müssen, wie er vor 
      ihr sprach): da sprang er auf mich zu: »Sobeide!« rief er. – Und da wußt' ich's – aus diesem Ruf erst lernte ich's: – er 
      liebte mich! So sehr – so sehr! – Und da – leider! – that ich die Augen wieder auf und sah 
      sein Auge – und statt zu fliehen – o Gott im Sternenhimmel! – ich konnt' es nicht. Mir verging die Kraft – ich wankte – ich sank zu Boden. Und als ich erwachte, waren wir drüben: und er lag vor mir auf den Knieen und stammelte Worte süßen Entzückens, holder Verzückung: »O Minne,« rief er, »jetzt erkenn' ich dich!« und küßte mir Füße und Gürtel und Hände. Ach und ich war selig! Und ich folgte ihm. Und doch zuckte mir's auch später noch manchmal durch die Stirne: du bist sein Unheil! – Aber,« und nun ward ihr Lächeln zauberschön, – »er schien – er war so glücklich! Ach so sehr! Er, der ernste Mann, der Held, er lachte, scherzte, spielte wie ein Kind, – 
       er war so wunderhold in seinem Glück. Ich sah's: ich war dies Glück! – Und allmälig vergaß ich jenen jähen Schatten, der mich am Fluß umwölkt hatte, jenen ahnungstiefen Schrecken. Und da der große, der strahlende, der herrliche Kaiser –«
      »Ja, Kaiser Friedrich! Ihm gleicht nichts auf Erden!«
      »Da der mir die Hand auf das Haupt legte und sprach: »Töchterlein, ich hatt' es anders mit ihm vor. Aber du, Heldenkönigin der Liebe, du hast ein heilig Recht auf ihn: nun soll der arme Mann, der all' sein jung Leben nur Frohn der Pflicht und Arbeitszwang gekostet hat, nun soll er die Minne lernen und das Glück:« da – ich gesteh's – da wich von mir der letzte Schatte: und ach, wie Kinder selig, lachend selig wurden wir. Aber eines Abends« – sie erbleichte – »kam Friedmuth in Trient zurück von der Herberge, wo er Euch, edler Herr, getroffen. Ich erschrak, so war sein Antlitz verwandelt: denn er sah aus, wie wenn sein Herz zu Eis 
       geworden. »Sie lebt,« – sprach er, – »
      Wulfheid lebt! – Wir beide, Demuth, sind jetzt viel unerreichbarer geschieden, als wärst du auf dem Mond, ich auf der Erde: – es ist unmöglich! Es giebt keine Hilfe für uns in Reich und Kirche, nicht bei Kaiser, nicht bei Papst! Wir sind alle drei so elend, wie nie Menschen waren!« Da weinte ich nicht. Denn er litt und ich mußte ihn trösten. Aber da kam der Schatte von des Flusses Rand wieder über mich, und ich sprach zu mir: du bist sein Fluch! Und alle Lebenshoffnung losch mir aus! – Deine Milde, deine kluge Güte hat in jenen Tagen an mir gethan, – Freund Waltharius, was sonst kein Mensch an mir vermocht: sie richtete mich wieder auf! – Ich war auf jedes Maß von Elend gefaßt: nun aber doch, als ich sie sah, dies mitleidlose, graue Auge sah, und diese Stimme hörte, die, ach sanfter Gott! aus einem Grab zu kommen schien, – da krallte mir das alte Weh das Herz zusammen und ich sprach abermals zu mir: du bist sein Fluch, Sobeide.« 
      
      »Armes Kind! Es ist kein Wunder, daß Euch Wahngedanken verwirren. Ihr sein Fluch? Sein Segen seid Ihr und sein einziges, sein erstes Glück. Wahr sprach der Kaiser! Und was Menschenwitz und guter Wille vermag, ihm sein Glück zu erhalten, – das soll geschehn. Wir müssen suchen!«
      »Hier ist nichts zu finden! O wie hab' ich, seit ich das Schreckliche erfuhr, mein armes Gehirn zermartert! Es giebt keinen Ausweg! Helfen könnt Ihr nicht, Freund Waltharius! Aber Eines könnt Ihr wunderbar: schon in diesen Tagen – wann nichts mich tröstete und ihn, – dann grifft Ihr wohl zur Harfe und sangt oder auch, vom Roß herunter, spracht Ihr uns ein Lied. Meine Seele ist so durstig des Schönen. O sprecht mir eines Eurer Lieder vor: – so ein trauriges: – das thut dem wunden Herzen wohl.«
      
      
    



      Neuntes Capitel.
      »Gern, Liebtraute. – Wohl, wohl: ein trauriges! Aber doch nicht so traurig, daß man verzweifeln müßte. Nicht ein schriller Ton, der am Schlusse die Saiten wie das Ohr und das Herz zerreißt. Trauer und Wehmuth und doch – entsagungsvoller Friede! Ich habe so ein Lied – vor Jahren schon – gemacht! Ach nein, ich hab's 
      gelebt. Denn das Ergreifendste – das kann man nicht erfinden – nur erleben. – Auch 
      mein Leben hat ein großer Schmerz durchzogen und geweiht: – auch 
      ich hab's gelernt, ›daß Liebe doch mit Leide stets endlich lohnen muß.‹ Auch 
      mir ward des Herzens Wunsch nicht gewährt. Nein, Holde, laßt nur das abwinkende Händchen ruhn. Es thut mir nicht mehr weh: – oder thut doch zugleich wohl im Wehethun! – Auch werd' ich's Euch nicht 
       erzählen: – ein Lied – und Ihr errathet's selbst. – Es ist nur ein Ritt durch den Wald, den ich vor Jahren einmal von meinem Vogel-Hof aus nach einem Nachbar-Schlosse machte – zu einem erkrankten Kind. – Nach Mitternacht ritt ich zurück und sann und sang:
      Gemach, mein Roß, und tritt bedächtig!
       Der Glühwurm nur erhellt den Steg:
      Schwer reitet sich's im Buschwald nächtig,
       Knorrwurzeln laufen über'n Weg.
      Tag's trägst du mich: – nun führ' ich dich.
       Dir Schritt und Bahn zu zeigen
       Mit Schweigen.
      Du bebst? Du schnaubst? Ja! Waldnacht-Grausen
       Streift eisig auch des Waidmann's Brust:
      Die Mächte, die im Nacht-Tann hausen,
       Sie schrecken gern mit Schade-Lust.
      Schon Mancher zog zu Wald zur Nacht, –
       Kam nicht mit heilen Sinnen
       Von hinnen.
      Gluthaugig faucht und klappt die Eule,
       Im Eichstamm ächzt der Waldschrat heiser, 
      
      Das Morschholz leuchtet roth in Fäule,
       Und raschelnd schlüpft durch dürre Reiser,
      Indeß der Schuhu gellend lacht,
       Das Wichtelvolk der braunen
       Alraunen.
      Doch horch! Was johlt dort hoch in Lüften?
       Was hallt und tutet wie ein Horn?
      Entstiegen aus des Abgrunds Klüften
       Hetzt seinen Hengst mit blut'gem Sporn
      Der Heidengötter König da
       Hoch über Baum und Boden –:
       Herr Woden.
      Den Schuld'gen wird das Nachtheer hetzen,
       Bis er den letzten Hauch gethan.
      Uns, Rößlein, darf es nicht verletzen:
       Wir ziehn auf guten Werkes Bahn,
      Und über uns wacht Gott der Herr,
       Der aller Übeln Geister
       Bleibt Meister. –
      Wer Vöglein pflegt, muß Kräutlein pflegen:
       Heilkräft'ger Wurzeln weiß ich viel.
      Dem todeskranken Kind zum Segen
       Ausritt ich, als der Frühthau fiel 
      
      Gerettet konnt' ich noch vor Nacht
       Der Mutter und dem Leben
       Es geben.
      O Mutterauge, wie Du strahltest
       In Freudenthränen wundersam!
      Mit Deinem Scheideblick Du zahltest,
       Was einst von Dir an Weh mir kam.
      Als ich vor zwanzig Jahren sah
       Zum Brautaltar Dich schreiten – –
       Vom Weiten! –
      Er hatte bald das Auge von der Hörerin abgewendet und, wie in Traum versunken, als ob er Alles jetzt erlebe, zu dem Fenster hinausgeblickt, in das Etschthal, das nun prachtvoll im Abendgolde glühte: wie dunkler Wein, so purpurfarbig schimmerte der Porphyr der Bergfelsen. Erst gegen das Ende hatte er vorsichtig den Blick auf das junge Weib zurückgelenkt: das saß vorgebeugt und hielt den weißen Schleier vor das Antlitz: aber über die schmalen Finger glitten Thränen: sie weinte: ganz leise, – aber recht von Herzen. – 
      
      Er stand unhörbar auf, trat dicht an sie heran und strich ihr mit der Hand über das edel gewölbte Haupt. –
      »So, mein Töchterlein! Weine – weine du nur! Das thut dir besser in der Seele als das Grübeln. Ich wußte wohl, – daß du dies Lied verstehst, daß du empfindest, was es lehrt. Nicht der Besitz ist der Minne höchstes Glück: die Liebe selber ist's. Und, mag der Tod, mag, oft viel grausamer noch, des Lebens Fügung uns den Geliebten nehmen: – er bleibt doch unser unentreißbar – – Siehe da, den schönen Abendstern.« Er hielt, nachsinnend, einen Augenblick inne; dann wies er mit der Hand nach dem Westgewölk und sprach:
      »Siehst du den Abendstern am Himmel?
       Nimm ihn herunter, wenn du kannst!
      So wenig nimmt man dir die Seele,
       Die du in Liebe dir gewannst!«
      »Ich kenne dich genug,« fuhr er fort, »du tiefes, edles, reines Herz: – du fühlst das so mächtig, ja 
       fühlst es reiner als ich selbst. Drum zage nicht – du kannst ihn nie verlieren: denn ihr liebt euch: das ist ewig.«
      »O edler Sänger Waltharius,« sprach das holde Kind, »wie dank' ich Euch! Gewiß, Entsagung ist Trost und Friede. – Aber ach! Ich habe ja niemals um 
      mein Los geklagt! Ich sah ihn, fand ihn, durfte ihn lieben und – o Wonne sonder Ende – er liebt mich! Gern wollt' ich ja spurlos verschwinden – wo es sei, auf oder unter der Erde, – klaglos, voll befriedet. Aber 
      er –«
      Sie schwieg, – sie scheute sich, weiter zu sprechen.
      »Ja freilich,« seufzte Walther. »Hier ist's was Andres als in meinem Lied. Meine Geliebte hat mich nie geliebt: – sie liebt ihren Gemahl, sie liebt das Kind, das ich ihr rettete. Friedmuth aber –! Und wenn Euch in dieser Stunde der liebe Herrgott empor riefe in seiner holdesten Engelein Reigen, – so lang sie athmet, verzeiht ihm Frau Wulfheid nicht, daß er Euch liebte. Drum ist's auch 
       nichts mit einem Kloster für Euch. Ihr wärt umsonst geopfert! Nicht eine gute Stunde hat der Arme mehr, so lang sie lebt. Nur ihr Tod würde Alles lösen.«
      Erschrocken rief Sobeide: »Weh, Herr Walther! Was Ihr denkt, ist schwere Sünde! Leben, langes Leben wünsch' ich ihr. Sie ist im Recht – ich bin die Räuberin! – Mir, nicht ihr, muß man den Tod ersehnen.«
      Lebhaft, fast unwillig rief aber jetzt der Sänger: »Ach ja freilich! Und ein gar lieblich Leben wird dann Herr Friedmuth auf der Fragsburg führen mit –! Doch horch: – er ruft mich! – Lieb' Kind, strecket Euch auf's Lager. – Die Sonne ist schon hinabgesunken. – Ich schick' Euch Wein und Obst. Ich habe ja gesehn in diesen Tagen: wie ein kleines Vöglein lebet Ihr: – nur an einer Frucht pickt Ihr zuweilen mit den weißen Zähnchen. Er klopft an den Pfeiler? – Ach ja! – Er schwur, Euch so wenig wie die Burgfrau wieder zu sehen bis –.« 
      
      Er trat aus der Thüröffnung durch den Vorhang in die Halle, kam aber gleich zurück, einen frischen Strauß der schönsten Rosen in der Hand: »Von ihm,« sagte er, und bot ihr, nochmal auf sie blickend, die Blumen. Dann schritt er wieder hinaus, traurig das Haupt schüttelnd, eine Thräne in den Augen zerdrückend: »Sie küßt jedes Blatt das er berührt hat! – Arme Demuth!«
      
      
    



      Zehntes Capitel.
      Friedmuth hatte inzwischen nicht gleich die Ruhe gefunden, die er suchte.
      An den Burgherrn, der nach so langer Zeit, unter solchen Umständen, plötzlich zurückgekehrt war, drängten sich allerlei Aufgaben. Sowie die Burgfrau die Halle verlassen, hatte dieselbe Oswin betreten. Er meldete sich mit vielen unabweislichen Geschäften, mit Fragen, die nur Friedmuth entscheiden konnte.
      Vor Allem erzählte der gutherzige Herr dem Sohn Alles, was er von Oswalds Ende wußte und verwies ihn an Herrn Walther, – der sich aber nicht sehen ließ, – als Augenzeugen des Todes und der Bestattung.
      Darauf eilte Hezilo herzu und hing an des geliebten, todt geglaubten Herrn Halse; der Innerhofer 
       schüttelte ihm die Hand. Rasch erzählten sich die beiden gefangen gewesenen Männer die Geschichte ihrer Befreiung. Dann mußte Friedmuth eine Urkunde unterschreiben, die sich Hezilo vom Marktschreiber zu Meran hatte ausstellen lassen, in der bestätigt ward, daß Hezilo über Jahr und Tag im heil'gen Land gelebt habe. »Grüße mir die Kleine, die glückliche Braut!« sprach der Ritter, nicht ohne Wehmuth, als er den Sigelknauf des Dolches auf das Wachs drückte. »Seid glücklich!« –
      Hienach entließ er, reich beschenkt, die Reisigen und Söldner, welche er mit Walther zum Entsatz Frau Wulfheids herangeführt hatte.
      Die beiden Vögtlinge von Goyen erbaten und erhielten Erlaubniß, die Burg mit ihren Knechten zu verlassen, und Katharina aus Meran abzuholen, mit der Kunde, die Fehde um die Fragsburg sei zu Ende für immerdar.
      Denn Herr Rapoto, der Grimme, lag mit gespaltener Stirn auf seinem Schild im Burghof. Friedmuth 
       verstattete, ja gebot wiederholt acht der Gefangenen, die Leiche und die des im Mauerthor von Frau Wulfheid getödteten Reisigen fortzutragen zur Bestattung in der Burg zu »Naturnes«.
      Die andern gefangenen Reisigen und Knechte, etwa dreißig an der Zahl, waren nach Friedmuths früherem Befehl in dem festen Keller unterhalb des Hauptgebäudes der Burg eingesperrt worden, während der Greifensteiner allein in dem schmalen »Verließe« d. h. in dem Erdgeschoße des südlichen Mauerthurmes saß. Der Fragsburger wollte nicht selbst an ihm Rache nehmen, sondern vor dem Kaiser, dem gemeinsamen Lehnsherrn, wegen des argen Friedebruches klagen, bis dahin aber den bösen Nachbar und wenigstens die Mehrzahl der bei dem Überfall gefangenen Knechte als Pfänder zugleich und als lebende Beweismittel in der Hand behalten.
      Friedmuth versicherte sich, daß man den Gefangenen Nahrung, den Verwundeten Pflege gereicht hatte, – er selber hatte noch die Lippe nicht genetzt, – 
       wie er gleich nach dem Sieg geboten hatte. Auch überzeugte er sich, daß die festen Eisenthüren beider Gelasse: des Burgkellers und des südlichen Mauerthurmes, wohlverschlossen waren.
      Dann ging er mit Oswin in dem ganzen Bau umher, fand, wie ausgezeichnet die Burgfrau all' diese Jahre geschaltet hatte, untersuchte die Schäden, welche die Berennung in der letzten Nacht herbeigeführt, und besprach kurz die Maßregeln, welche zunächst zur Wiederherstellung des zertrümmerten Thores zu treffen waren.
      Endlich hatte er den Burgwart entlassen und war durch den Burggarten geschritten, unter schmerzlich ringenden Gedanken die Rosen für Sobeide brechend. –
      Vor deren Gemach saßen nun die beiden Freunde in der Burghalle vor ihrem Abend-Wein lange schweigsam.
      »Was hast du denn all' die Zeit zu schaffen gehabt?« fragte Walther. – 
      
      Friedmuth gab genauen Bericht.
      Anfangs achtete der Frager wenig darauf, – er hatte nur den Freund ablenken wollen von den schwermüthigen Gedanken. Aber im Verlauf von Friedmuths Angaben ward er aufmerksamer. Er legte, wie er gerne that, ein Bein über das andere, und schmiegte die wohlgebildete Wange in eine Hand.
      »Also die mitgebrachten Reisigen und die Leute von Goyen sind fort. – Und die aus den anderen Höfen, die von der Vögtin Aufgebotenen?«
      »Die hab' ich noch vor den Goyenern entlassen: sie wohnen ja zum Theil sehr weit von hier.«
      »Wohl, wohl! – Ich weiß. Und wieviel Gesinde hauset immer – ständig – in der Burg?«
      »Außer den Mägden nur Oswin und drei Knechte. Warum?«
      »Warum? – Nun,« fuhr Walther zögernd fort, »dann muß man erst recht sagen: Frau Wulfheid hat sich gegen die Übermacht tapfer gewehrt.«
      Jetzt stockte das Gespräch. Beider Gedanken 
       kehrten zu dem schweren Geschicke Friedmuths zurück: nur wenige traurige Worte wechselten die Freunde.
      »Wir kommen auf nichts Neues,« seufzte Friedmuth, müde an Gedanken und an Gliedern, den Becher zurückschiebend. »Es giebt kein Mittel.«
      »Ja, ja. Eher läßt der üble Höllenwirth eine arme Seele aus dem Abgrund, als dich Frau Wulfheid freigiebt.«
      »Sie kann's ja gar nicht, selbst wenn sie wollte! 's ist fruchtlos, daran zu denken. Nein, 's ist keine Rettung.« Dabei seufzte er und stützte das Haupt auf beide Hände.
      »Armer Friedilo!« rief Walther und strich ihm tröstend über die Rechte. Da streifte er den Ring an des Freundes Hand: »Des Kaisers Ring! Er schuldet dir noch Erfüllung einer Bitte! Rufe den Kaiser an!«
      »Was soll mir da der Kaiser helfen?«
      »Er steht, – so hört man, – wieder besser mit dem heiligen Vater: – und der –« 
      
      »Der Papst kann mir so wenig helfen wie der Kaiser. Kann er ein Sacrament aufheben?«
      »Nein! Aber – es fällt mir da eine Geschichte ein, von der man singt und sagt, – ich weiß nicht, ob sie wirklich sich begeben, – im Thüringerland –«
      »Ah, den Grafen von Gleichen meinst du? Der zwei Weiber haben durfte nach des Papstes Machtspruch? Weiß nicht, ob's mehr als eine Fabelmär'. Aber das weiß ich, – wenn's auch dem Papst und jenem Grafen möglich war, – mir ist's nicht möglich!«
      »Recht hast du, 's ist unmöglich für einen Christen-Menschen.«
      »Für jeden Mann.«
      »Nun, die Heiden befinden sich recht wohl dabei,« meinte der Sänger.
      »Dafür sind's Heiden. Pfui über solchen Gräuel! Ich bin ein christlicher Rittersmann und hoffe auf Vergebung meiner Sünden: auch dieser meiner ungewollten 
       Schuld. Ich will sie nicht noch mehren! Und der Heiden Weiber sind doch mehr wie schöne Thiere, denn gleichstehende Geschöpfe: Genossinnen des Lagers, nicht der Gedanken.«
      »Ja, wenn Sobeide nicht das Frankenblut in den Adern, von ihrer Mutter her die deutsche Art und Sitte in der Seele trüge, du hättest die Minne, die du im Abendlande nie gekannt, auch nicht bei ihr gelernt.«
      »Unmöglich ist vor Allem,« fuhr Friedmuth fort, »daß wir drei Menschen unter Einem Dache leben.«
      »Gewiß! – Aber wohin soll Sobeide?«
      »Weißt du, ich kenne Eine, – die würde ihrer schwesterlich pflegen!«
      »Gioconda!«
      Friedmuth nickte.
      »Ei, mich freut es, daß du von dieser edeln, großen Frau nun auch denkst wie ich von je gethan.«
      »Ich hab's gelernt: seit ich die Minne kenne. Ja, diese Herrliche: sie würde –! Aber niemand weiß, wohin sie entschwunden ist.« 
      
      »Gleichviel! Sobald als möglich – morgen schon muß –«
      »Ja, sicher!« fiel Friedmuth. ein. »Ich habe ja mein Weib – ich habe ja Demuth nur hieher gebracht, weil unter uns drei Menschen einmal im Leben Alles wahr und klar gesprochen werden mußte. Dann, weil ich wirklich, wie du, gehofft hatte« – er seufzte und hielt inne.
      »Durch ihren Anblick, der jedes Auge rührt, auch Herrn Wulfos Tochter zu erweichen? Ich darf dich nicht drum schelten: – ich rieth es zuerst. Aber es war doch sehr thörig! Was wir als Arznei geben wollten, ward das tödlichste Gift.«
      »Und doch! – Selbst Wulfheid ward ergriffen.«
      »Ja: und gerade das hat sie erst recht erbost. Meinst du, es ist ihr Ernst mit ihrer Hexenklage?«
      »Gewiß!«
      »Du: dann gieb Acht! Dann hören wir bald mehr hiervon. Ihr Oheim, der Bischof, ist gar ein 
       scharfer Hexenwitterer: und unser Landrecht, unsere Weisthümer –! Sei nicht zu sorglos! Ein rachewüthig Weib und ein Pfaff, der gerne Feuer sieht! – Kind Demuth auf dem Scheiterhaufen!«
      »Sie sollen kommen und sie holen!« sprach Friedmuth ruhig, aber sehr grimmig.
      »Freund, schließlich ist das heil'ge römisch-deutsche Reich doch stärker als dein tapfres Schwert. Aber sage doch der zorntobenden Frau, – was du mir mitgetheilt. Denn ich weiß zwar: du wirst niemals dich darauf berufen –«
      »Schweig, Walther! Ehrlos wär's und niederträchtig,« brauste der Ritter auf.
      »Willst du mich nicht zu Ende hören?« grollte der. »Du sollst es ja nicht 
      thun, aber –«
      »Genug davon! – Ach laß uns enden! – Meine Gedanken drehen sich im Ring. Ich muß in Einem fort wiederholen: Demuth – Wulfheid – Friedmuth. Der Ring ist unzerbrechbar.«
      »Just wie die Kleine,« sagte Walther und erhob 
       sich von der Bank. »Sie reden wirr – Beide, die Armen! – Nun laß uns die Lager suchen: – vielleicht den Schlaf.«
      »Ich werde schlafen,« sprach Friedmuth. »Ich schlief nun so viele Nächte nicht. Und dieser Tag hat mir auch den Leib gemüdet.«
      »Wo wirst du schlafen?« fragte Walther.
      »Hier, in der Halle.«
      »So? Hier,« sprach Walther langsam. »Aber wo denn?«
      »Dort drüben, vor dem großen Wandvorhang. Ich habe mir dort auf jener Wandbank Decken spreiten lassen.«
      »Gut! Und wo schlaf' ich?«
      »Auf diesem Gange, links, schräg gegenüber, habe ich dir die Kammer bereiten lassen. – Ich führe dich –«
      »Nein, bleibe hier, bleibe. Ich seh's ja!« Und Beide schritten nun auf die Schwelle und schlugen den Vorhang zurück, der allein den Zutritt von dem 
       Gang in die Halle schloß. »Da drüben: – nicht? Wo der Schlüssel in der Eichenthüre steckt?«
      »Ja: dort, – ich will –«
      »Nicht doch! Du bleibst! Und – diese Thüre – da, rechts, am andern Ende des langen Ganges, – wohin führt die? Nicht auf die Kellertreppe?«
      »Jawohl! – Hast du noch Durst?« fragte Friedmuth.
      »Nein! Ich mein', ich höre Hezilo,« lächelte der Sänger. »Ich wollte nur sehn, ob mein Ortsgedächtniß mir noch treu geblieben. Gute Nacht! Schlafe ruhig!«
      Friedmuth verschwand hinter dem Vorhang. Walther trat nun auf den Gang hinaus. Nach allen Seiten sah er sich um: links, neben dem ihm angewiesenen Gemach, führte eine schmale Holztreppe in den obern Stock. Er blieb stehen und lauschte: Alles war still. In der ganzen Burg rührte und regte sich kein Laut, obzwar es noch nicht spät war.
      »Die Fragsburg schläft schon,« sagte Walther 
       laut. »Ei ja, sie hat die vorige Nacht gefochten, statt zu schlafen.«
      Er ging an die ihm bezeichnte Thür, öffnete sie, ließ sie laut klirrend in das Schloß fallen und trat ein. Das vergitterte, schmale, glaslose Fenster blickte in jähen Abgrund.
      Vor seinem Lager brannte an eisernem, rechtwinkligem Hakenarm eine niedrige Öl-Ampel vor einem kleinen, auf Gold gemalten Heiligenbild, das in die Wand eingefügt war: andächtig sprach er, mit lauter Stimme, sein Nachtgebet. – Es scholl durch das enge Gemach und hallte draußen in dem Gange weithin wieder. Dann schlug er ein Kreuz, blies die Ampel aus und warf sich auf das Lager.
      
      
    



      Elftes Capitel.
      Wunderbaren Zaubers voll ist eine Sommernacht in jenem gesegneten Thal der Schönheit. –
      Der Mond stieg langsam empor über den Ostbergen und goß sein sanftes, silbernes, Alles verklärendes Licht, beschwichtend, jeden schroffen Umriß mildernd, über Höhen und Niederung. Nur sehr wenig war die warme Luft gekühlt: die Porphyr-Steine und der körnige Sand strahlten noch die Gluth aus, welche sie den langen Junitag über eingesogen.
      Ein süßer, fast allzustarker Duft durchhauchte die Luft: – die Rebenblüthe war's, die dort um die Sonnwendzeit bereits stark zu Ende geht.
      In den Rosen des Burggärtleins unter Sobeidens 
       Fenster schlug schmetternd die ganze Nacht in heißen Tönen die Nachtigall.
      Großflügelige Schmetterlinge schwebten geräuschlos über Blumen, welche ihre Kelche nicht mit dem Sinken des Sonnenlichtes schließen, vielmehr Nachts wohl stärker als am Tage duften. Eintönig, aber melodisch goß der Brunnen im Burghof, mit stets gleich sprudelndem Geräusch: – so friedlich, so verträumt.
      Sonst Alles still – ringsum.
      Die beiden Mauerthürme warfen; vom Mond im Osten bestrahlt, weithin ihre langen schwarzen Schatten; der des südlichen Thurmes fiel in ganzer Länge auf den hellglänzenden Grund des Burghofs. –
      Da ward das Burgthor geräuschlos von innen geöffnet. Eine hohe schwarze Gestalt erschien auf der Schwelle, zögerte hier eine Weile, lauschend, und glitt dann durch das schweigende Dunkel der Nacht, die Stille nicht, störend, leise, leise, über die drei Stufen der Freitreppe hinab, und weiter über die 
       Stein-Quadern, mit denen der Hof gepflastert war. Sie suchte den Schatten des südlichen Mauerthurmes, eilte in dessen dunkelm Streifen an das Thor des Verließes, zog einen Schlüssel hervor und rasch und sehr leise erschloß sie das starke Eisenthor.
      Gleich darauf ward die zweite, die Eichenthüre, welche das Thurmgelaß im Erdgeschoß von dem gewölbten äußern Thurmgang schied, klirrend aufgesperrt.
      Herr Griffo lag auf einer Schilfmatte, welche ihm in einer Ecke des Steinbodens gebreitet worden war.
      Er hatte nicht geschlafen. Er grollte grimmig über den mißlungenen Streich, er betrauerte tief den erschlagenen Freund, er bangte schwer vor dem drohenden Urtheil des Reichsgerichtes. – Denn er wußte wohl: auf Bruch eines gelobten Handfriedens stand Verlust der Ehre und der Lehen, vielleicht sogar der Schwurhand.
      So sprang er denn auf schon bei dem ersten Geräusch an der Eichenthür und horchte gespannt. Es war ganz finster in dem Gelaß wie auf dem Gange 
       vor demselben. Er fühlte daher nur an dem eindringenden Luftzug, daß die zweite Pforte geöffnet war: »Wer kommt da noch so spät?« rief er laut mit pochendem Herzen.
      »Still!« antwortete es von der Thüre her.
      »In tiefer Nacht? – Herr Friedmuth läßt nicht morden!« sprach er, sich selbst beruhigend. »Wer bist du?«
      »Wulfheid.«
      »Was bringst du mir?
      »Die Freiheit! Die Rache!«
      »Was hör' ich? Was soll ich thun?«
      »Mir zu meinem Rechte verhelfen – und dich rächen. Schweig! – Hör mich an. Mein Gatte ist von Zauber berückt. Er hat eine Heiden-Hexe in die Burg gebracht, – nennt sie sein Weib. Damit hat er alles Recht aus unserer Ehe verwirkt! Mein – mein allein ist nun dies Haus. Sie aber – sie muß sterben! – Nur ihr Tod kann ihn heilen. Hier ist ein Schwert.« 
      
      »Wo ist sie?«
      »In der obern Kapelle.«
      »Soll ich sie erschlagen?«
      »Nein! Binden! Mein Oheim soll sie richten. Sie muß brennen. – Aber Friedmuth schläft in der Burghalle: vor ihrer Thür. Er muß vorher gebunden sein – im Schlaf –, eh' er erwacht. Hier sind zwei feste, starke Stricke! Nimm! Komm.«
      »Aber die Burgleute?«
      »Nur vier Männer sind in der Burg. Sie schlafen ganz weit ab, im Gesinde-Bau. Und von 
      Euren Reisigen liegen gegen dreißig im Burgkeller.«
      Rasch erfaßte Griffo das nackte Schwert. »
      Sie befreien wir zuerst.«
      »Nein! Es geht nicht. – Erst muß Friedmuth bewältigt sein.« –
      »Warum? Hast du keinen Schlüssel zu –?«
      Wulfheid lachte schrill: »Ha, eine kluge Hausfrau hat gute Schlüssel zu allen Schlössern ihres Hauses. 
       Die Schlüsselgewalt, – Jahre lang hab' ich sie, – treu wie ein dummer Hund, – zu 
      seinem Nutzen geübt! Jetzt üb' ich sie für mich! Wohl hat er den Einen Schlüssel zu diesen beiden Thurmthüren und den andern zu dem Keller abgezogen und zu sich gesteckt. Er weiß nicht,« höhnte sie, »daß ich, vom Anfang unsrer Ehe an, heimlich, zu allen Thüren einen zweiten Schlüssel hatte.«
      »So auch zu dem Burgkeller?«
      »Gewiß.«
      »Nun also –«
      »Zu dem Keller führt aber vom Burghallengang eine Thüre die Treppe hinab, – nur diese einzige! – Diese Thür' ist immer unverschlossen. Weil sie, so lang ich denken konnte, nie versperrt war, hab' ich zu ihr 
      keinen Doppelschlüssel: – ihr Schlüssel stak immer im Schlosse. So stand sie offen auch noch vor wenigen Stunden. Aber jetzt eben, – als ich nachsah, – war diese Thür' geschlossen, der Schlüssel abgezogen. Friedmuth muß das gethan haben, nachdem ich ihn 
       längst eingeschlafen glaubte, – nachdem der Gast ihn verlassen. –«
      »Welcher Gast?«
      »Der Minnesänger: der von der Vogelweide.«
      »So war er's, der im geschlossnen Helm? Mir schien's so, vom Wall herab! Also zwei gegen Einen? – Gleichviel,« sprach der Greifensteiner, das schwarze Gelock in den Nacken werfend, – »komm!« und er hob das Schwert.
      »Nicht zwei. Den Harfenklimprer,« – sie lachte höhnisch, – »hab' ich eingesperrt. Ich drehte von außen den Schlüssel um im Schlosse seiner Thür. Er hat es nicht gemerkt. Alles blieb still. Hier ist der Schlüssel!« – Sie schlug auf ihre Gürteltasche. – »Aber Friedmuth hat offenbar den Schlüssel zum Treppenthor zu sich gesteckt. Darum muß er bewältigt sein, eh' wir deine Knechte befreien können. Und das muß leise geschehen, – sonst entreißen ihn und die Hexe Oswin mit den drei Knechten unsern Händen. Du zögerst? Fürchtest du dich auch vor dem 
       schlafenden Friedmuth? Fürchte dich nicht: ich bin sehr stark: – ich helfe dir.« –
      Aber nicht Furcht hatte den Greifensteiner gehemmt: – »Ist's eine Falle?« dachte er. »Dieses Weib, – plötzlich, – so entschlossen gegen den Gatten, an dem sie so zähe hing? – Doch was kann sie, – was könnte er, im Einverständnis mit ihr – noch dabei gewinnen, mich so zu locken? Bin ich doch schon ganz in ihrer Gewalt.« –
      Da fiel durch die Mauer-Pfeilscharte hoch oben ein heller Streif des Mondlichts in das Gelaß: er sah nun Wulfheids Antlitz. Er erschrak: so verändert, so furchtbar grimm erschienen diese Züge: erst verzerrt und dann, in der Verzerrung, versteinert. Sie hatte die Brünne abgelegt: ein dunkler Mantel verhüllte mit seiner Kapuze das Haupt und mit seinen langen Falten die ganze Gestalt von den Schultern bis an die Knöchel; die Schuhe hatte sie ausgezogen.
      Er trat dicht an sie heran:
      »Base,« sprach er, »und wenn er nun fest hält 
       an seiner Hexe? – Wollt Ihr dann diese Hand, die so oft nach Euch sich ausgestreckt hat, die Euch gerächt hat, nehmen?«
      Sie lachte. »Meinst du, ich bin ein 
      Mann, der viele Herzen hat – oder doch zwei, wie Herr Friedmuth von Schlimm? Nein! Ich bin ein 
      Weib: – ich hab' nur 
      Ein Herz, nur Einen Leib, nur Eine Liebe. – Nie werd' ich eines Andern! –«
      »Ihr liebt ihn noch? Und dennoch wollt Ihr –?«
      »Mein 
      Recht will ich, 's ist meine 
      Pflicht. – Ich muß ihn retten – gegen seinen Willen. Nur an meiner Seite ist sein Gedeihen, seine Ehre! Das Heidenweib ist sein Verderben. Darum merke: – falls er zu früh erwacht, falls es zweifelhaft wird, ob wir ihn zwingen, dann halt ihn auf: nur so lang, – bis ich 
      sie erreicht habe in der Kapelle. Dann komm' ich meinem Oheim rasch zuvor! Ein drittes Mal soll nichts sie vor mir retten.«
      »Komm nur,« drängte er jetzt, und schwang die Klinge. 
      
      Da sah sie im Mondlicht den Ausdruck wild frohlockenden Hasses auf seinen Zügen: »Halt!« rief sie. »Noch Eins! Du bindest ihn, – du wundest ihm den Schwertarm, muß es sein, um ihn zu binden. Aber tödtest du ihn –: sieh her, – dieses lange, wälsche Jagdmesser ist scharf vergiftet: – ein Ritz in der Haut von dieser Spitze tödtet, – und bei meinem Ehering schwör' ich's, – ich ersteche dich auf dem Fleck.«
      »Ha, komm nur!« mahnte der Gefangene, und sprang mit einem Satz über die Schwelle seines Kerkers in den Gang, mit einem zweiten durch die Außenthüre auf den mondhellen Hof.
      
      
    



      Zwölftes Capitel.
      Er eilte so sehr, daß die Frau Mühe hatte, ihm zu folgen.
      »Leise, leise!« mahnte sie rasch, – unhörbar.
      Er warf einen Blick auf die Fenster im obern Stock: – die drei Bogenfenster der Burghalle lagen im Dunkel. –
      Und nun glitten beide über die Steine des Hofes, – vorbei an des Hofbrunnens mit dem Porphyrgrand friedlichem Gießen, – über die Stufen der Freitreppe, – in das große Burgthor, – durch die Halle des Erdgeschosses, – die innere Burgtreppe hinauf: – erst hier holte Wulfheid den Eilenden ein. Auf der obersten Stufe machten beide athemholend Halt; sie lauschten: – Alles still.
      »Jetzt! – Hier hinein!« hauchte Wulfheid, und schob den Vorhang bei Seite. 
      
      Das Mondlicht fiel in vollem Strom herein und zeigte deutlich Friedmuth, der auf der südlichen, der Kapelle entgegengesetzten Seite der Halle, vor dem Wandvorhang, auf der Holzbank lag, er schlief: – seine tiefen Athemzüge waren hörbar in dem todten Schweigen.
      Auf dem Eichen-Tisch mitten im Zimmer lagen bei seinem Schwert und seinem Dolch zwei Schlüssel. – »Nur zwei?« dachte Frau Wulfheid. »Der Thurmschlüssel und der Kellerschlüssel! Wo ist der dritte, der zur Kellertreppenthür? Den trägt er also im Wamms!«
      Die Frau wies auf seine beiden über der Bank-Decke übereinander gelegten Hände.
      Sie hielt rasch ihrem Genossen im hellen Mondlicht einen Strick vor die Augen, den sie zu einer Schlinge geschürzt hatte: – »Ich schiebe das sacht unter seine Hände,« flüsterte sie, – »du ziehst's zusammen: – da: – oberhalb der beiden Knöchel.«
      Aber Griffo hatte einstweilen Andres erwogen 
       und den Abstand wohl gemessen: – einen Schritt schlich er noch vor: – dann, Frau Wulfheid stehen lassend, wo sie stand, holte er plötzlich gewaltig mit dem Schwert aus zu einem mörderischen Streich auf des Schlafenden Haupt. –
      Da rauschte der dunkle Vorhang, der hinter Friedmuths Bank die über mannshohen Waffen-Trophäen bedeckte. »Mörder!« schrie eine dröhnende Stimme, und ein Mann, aus dem Vorhang springend, schmetterte einen sausenden Hieb dem Nahenden über das Haupt, daß er stürzte: das Schwert entfiel ihm.
      Friedmuth war bei dem Schrei aufgesprungen. Er starrte, aus tiefstem Schlaf verstört, einen Augenblick vor sich hin. Da erkannte er am Boden den Greifensteiner. Aber er sah auch Walther dicht vor dem Kapellenvorhang stehen, mit vorgestrecktem Schwert den Eingang wehrend einer zweiten Gestalt. Friedmuth griff nach der nächsten erreichbaren Waffe: es war sein Dolch, der auf dem Tische lag. Er faßte ihn, 
       er sprang hinzu: o Gott, es war sein Weib, die klirrend eine Klinge mit der Herrn Walthers kreuzte! –
      Aber schon fiel ihre Waffe auf den Estrich: und ihre beiden Arme und Hände schienen plötzlich wie gelähmt. Friedmuth stand nun vor ihr: er sah sie sich verzweifelt gegen eine Schlinge sträuben, die Herr Walther eisern fest hielt.
      Keiner der Drei beachtete es, daß jetzt der Vorhang der Kapelle gelüftet ward und eine weiße, schlanke Gestalt, ein entsetztes Antlitz aus den Falten spähte.
      »Mein Weib!« rief Friedmuth, den Dolch in den Gürtel steckend. »Gebunden! Womit?«
      »Mit der Schlinge, welche sie für 
      deine Hände geschürzt hatte.« –
      »Gieb sie los! Sogleich!«
      »Ja! – Sogleich!« sprach Walther, das der Rasenden aus der Hand geschlagene lange Messer aufhebend und sorgfältig in seinem Gürtel bergend. Dann streifte er die fest zugezogene Schlinge, sie lockernd, über 
       die beiden Knöchel der gefangenen Frau herab. Sie stand in der Mitte des Sales: – hochaufgerichtet ungebeugt, aber sie athmete stark. Walther stellte sich, ohne umzusehn, gerade vor dem Eingang zur Kapelle auf.
      »Was ist geschehen?« fragte Friedmuth.
      »Frau Wulfheid hat den Greifensteiner herein geführt, dich zu ermorden.«
      »Das ist nicht wahr,« sprach Friedmuth.
      »Nein! Es ist nicht wahr!« wiederholte der Schwergetroffene, sich, auf den rechten Arm gestützt, aufrichtend. »Nicht morden – nur binden, zwingen sollte ich Euch, und Eure Hexe ihr einhändigen. – Sie hat nicht Euren Tod gewollt: – ich wollte's gegen ihren Willen.« – Er sank zurück und starb.
      Da sprach Frau Wulfheid ganz ruhig: »Ich wollte es nicht! – Mich reut's, daß ich's nicht wollte! – Denn tausendmal hattest du's um mich verdient. Ich wollt' es nicht, weil ich dich stets noch liebe. So sei verflucht vom Wirbel bis zur Sohle, dafür, daß 
       ich dich je geliebt und lieben muß. Hab Acht: – bald sollst du von mir hören.«
      »Was willst du thun?«
      »Bei Papst und Reich klagen! Die Hexe verbrannt, – der Mann zweier Weiber verbannt, – als Bettler aus dieser meiner Burg gejagt: – rechtlos, friedlos, ehrlos, in ein Kloster gesperrt, bis der Zauber ihm durch Bußen ausgetrieben.«
      Da stöhnte ein tiefer, tiefer Seufzer aus dem Vorhang der Kapelle. – Niemand hatte ihn gehört: – die weiße Gestalt verschwand.
      »Aus 
      Eurer Burg?« fragte Walther zornig.
      »Ja: aus meinem Eigen. 
      Mein ist dies Haus. – Dieser da ist irrsinnig, ist von bösen Geistern besessen: – es ist das Gelindeste, das man von ihm sagen mag! Wahnsinnige, Verhexte haben keinen Willen. Ich übte nur mein Recht, als ich ihn zwingen wollte.«
      »Dich reut nicht dieser That?« fragte Friedmuth, jetzt erbleichend. 
      
      »Bei'm Himmel, nein! Mich schmerzt nur, daß sie mißlang.«
      »Dafür, Frau Wulfheid, war gesorgt. Ich traut' Euch nicht und Eurem wölfischen Blick auf das Kind. Und Friedmuth entblößt die ganze Burg, zwei Thür-Schlössern trauend und Eurer – Ehrlichkeit! Ihn warnen – half nichts! So schlüpfte ich denn wieder aus meinem Kämmerlein, versperrte die Thür, die jene Dreißig sicher einschloß, – da, nimm den Schlüssel, Friedmuth! – und trat hier ein. Wohl hört' ich Euch dann bald darauf meine Kammer verschließen: aber der Vogel, den Ihr fangen wolltet, war draußen, nicht mehr darin! Nun wußt' ich wohl: – Ihr würdet hierher kommen: – diesen Einen Eingang nur hat ja die Kapelle.«
      »Wulfheid,« sprach Friedmuth, »wie konntest du das wollen? Ich bitte dich, um deiner Seelen Heil: bereue.«
      »Niemals.«
      Da barg Friedmuth das Antlitz in den Händen. 
      
      »Ja, weine nur! Ich halte dich gebunden an einer Kette, die nur der Tod zerbrechen soll.«
      »Ihr irrt,« rief Walther in aufloderndem Zorn. »Er ist frei, sobald er will. Nur seine Gnade, seine unsinnig zarte Ehre hindert ihn. Nein, Friedmuth, wissen 
      soll sie's, die Unerträgliche: – du brauchst ja nichts zu thun, was dir mißfällt. – Aber wissen soll sie's –! Ein Wort von Friedmuth und Eure Ehe – Ihr seid gar nicht sein Eheweib! – ist nichtig. Ihr beiden seid Pathen desselben Kindes: – Ihr konntet gar keine Ehe schließen. Nur von seinem Willen hängt es ab – und er ist frei. Nur Frau Demuth ist, nach Recht, sein Ehgemahl.«
      Bei diesen Worten war eine furchtbare Veränderung in Frau Wulfheids starren Zügen vorgegangen. – Sie erbleichte: – dann schoß glühend Roth in ihre Wangen: – sie zitterte heftig an allen Gliedern.
      »Was?« – stammelte sie, – »Mein Recht?«
      »Ihr habt gar kein Recht: Ihr heißt sein Weib aus seiner Gnade. Vor Jahren schon – im Morgenland, 
       sollte er – der Kaiser wollte es – sein Recht gebrauchen, Euch abstreifen, herzböse Frau, und ein Weib gewinnen, das viel schöner ist als Alle und auch als das Kind da drinnen.«
      »Herr Friedmuth, – ist das wahr? – Das von der Ehe?« Sie brachte die Frage kaum hervor und hielt sich mühsam an dem Tischrand aufrecht.
      »Bei Gottes Treue, ja!« sprach dieser ernst.
      »Und Ihr habt's nicht gethan? Warum nicht?«
      »Ich liebte jene schöne Fürstin nicht. Was wußte ich von Liebe!«
      Sie erbleichte und stöhnte!
      »Und 
      hätt' ich sie geliebt, so heiß, so ewig, so unaussprechlich, wie ich Sobeide liebe, – ich hätt' es nicht gethan. Ich thu's auch jetzt nicht! – Niemals! – Es wäre feig und ehrlos. Ihr braucht das nie zu fürchten.«
      »Aus Gnade?« – stammelte sie langsam. »Aus seiner Gnade? Nicht kraft meines Rechts? – Nein! Nein –!« 
      
      Sie wandte sich blitzschnell und eilte zum Vorhang hinaus: man hörte ihren unstäten Gang die Treppe hinauf eilen.
      Friedmuth wollte ihr folgen: – in einem ungewissen Bangen vor ihren raschen, wilden Entschlüssen.
      Aber da scholl schmetternd – es war nun Tagesanbruch – das Thürmerhorn vom Hauptthurm den Gruß: »Gäste nahen!«
      Gleich darauf erschien Oswin, rief von außen, vom Gange, herein und meldete: eine Schar von Reitern sei den Berg hinauf im Anritt.
      Friedmuth befahl ihm, einzutreten: der Mann erschrak, wie er den Todten liegen sah.
      Der Burgherr erklärte kurz, der Greifensteiner sei aus dem Thurm entwischt. – Oswin schüttelte den Kopf. –
      »Der Thurm, beide Thüren, sind fest. Dann haben böse Geister ihn befreit.«
      »Mag wohl sein!« fiel Walther ein. »Ruft die 
       anderen Reisigen: tragt den Todten hinaus, zurück in jenen Thurm.«
      Da kam schon der zweite Knecht und meldete. »Auf, Herr Friedmuth! Eurem Gast entgegen! Es muß der Kaiser selber sein, der kommt.«
      »Unmöglich! Er weilt tief in Wälschland. Weßhalb meinst du?«
      »Der kaiserliche schwarze, einköpfige Adler fliegt in der Fahne.«
      »Nein!« meldete noch ein dritter Knecht, eintretend. »Zwar der Führer zeigt auch auf seinem Schild den kaiserlichen Adler: aber es ist nicht der Kaiser: Herr Hermann ist's von Salza.«
      »Eile, Friedel!« mahnte Walther.
      »Gehst du nicht mit?«
      »Nein! Ich bleibe hier: – vor der Kapellenthür.«
      Während Friedmuth auf den Gang hinausschritt, flüsterte Walther, den grauen Kopf dicht an den Vorhang schmiegend – ohne hinein zu blicken –: »Beruhige dich, lieb Töchterlein! – Das Schlimmste, 
       mein' ich, ist jetzt überstanden: finsterer konnte es nicht mehr werden. Nun wird es lichter, Kind.«
      Ein tiefer schmerzlicher Seufzer blieb die einzige Antwort, die ihm ward.
      
      
    



      Dreizehntes Capitel.
      Friedmuth erkannte, als er aus dem zertrümmerten Mauerthor in das Freie trat, alsbald seinen edlen Freund. Der sprengte hoch zu Roß heran, umwogt von seinem langen weißen Mantel, mit dem schwarzen Kreuz der deutschen Herren.
      »O Hermann,« rief jener ihm entgegen. »Dich sendet Gott! Du trittst in das Haus des Unheils!«
      »Mein armer Friedilo! Deßhalb kam ich. Vieles weiß ich, – Andres ahn' ich. Du mußt mir nun berichten.«
      Damit sprang der Hochmeister vom Reiseroß ab und befahl seinen Leuten – Reisigen und Halbbrüdern des Ordens, die nur das halbe Kreuz führen durften, – abzusteigen. 
      
      Der Burgherr forderte sie auf, die Pferde in die Ställe zu führen, und gebot Oswin, der ihm gefolgt war, für die Bewirthung zu sorgen. Auf dem Weg in die Burghalle fragte Friedmuth: »Du kommst vom Grafen von Tirol, nicht wahr? Walther – siehst du ihn? Da grüßt er aus dem Fenster! – sagte mir, du wollest, nach einem Geschäft mit dem Grafen dort, Frau Wulfheid aufsuchen.«
      »So war mein Wille. Aber nun bin ich, alles Andere aufschiebend, hieher geeilt – 
      dich aufzusuchen.«
      »So erfuhrst du, daß ich zurückgekehrt, und daß – –? Von wem?«
      »Höre nur. Einige Tage, nachdem ich von Walther vernommen, Frau Wulfheid lebe, und nachdem dieser seines Weges gezogen war, ließ sich in dem Ordenshause zu Roveredo bei mir ein Mann melden, der sich Bruder Sebastian nannte.
      »Sagt nur, der Herr Hochmeister kenne mich 
       von Genua her,« – so sagte er zu dem Pförtner, der den Bruder in weltlichem Gewand ungläubig betrachtete.
      Alsbald stand der drollige Weinschänk aus Schwabenland vor mir und sprach: »O Herr von Salza: nicht wahr, Ihr seid doch des Fragsburgers bester Freund auf Erden?«
      »Friedmuth,« antwortete ich, »ist im Himmelreich.«
      »Nein, auf der Fragsburg ist er! Seine Frau lebt! Das wißt Ihr? Gut! Aber Er lebt auch: – ich hab' ihn jüngst auf der Heerstraße mit Herrn Walther getroffen und ihn zur Eile gemahnt, denn die Fragsburg wird demnächst berannt. – Aber er hatte bei sich eine wunderholde Heidin. Und die ist ihm anvermählt. Größres Unheil kann keinen Christenmenschen treffen, und wäre sein erst Gemahl so sanft, – wie meine liebe Frau geworden ist. Und nun die Tochter Herrn Wulfgangs! Er jammert mich, der brave, wackre Herr. Und als ich erfuhr, durch Trient ziehend mit meinen Wein-Karren, daß Ihr 
       hier in Roveredo weilt, sagte ich zu mir: »Wenn Einer dem armen Herrn Friedmuth rathen und helfen kann, so ist's der Herr von Salza«. Und der thut's, wenn er es kann. Ich aber habe mir vorgenommen, weil ich früher manchmal lose Schwänke getrieben, nun mir der liebe Himmelsherr durch ein Wunder die Heimkehr aus Heiden-Ketten nach Boblingen geschenkt und durch noch viel stärkre Wunderkraft meine Ehefrau gesänftigt hat, – so will ich in meinen noch übrigen Jahren so viele gute Werke thun, als ich vermag. Deßhalb wollte ich schon, zu Goyen umkehrend auf meinem Wege, Herrn Walther Frau Wulfheid zu Hilfe rufen. Und deßhalb komme ich nun zu Euch: denn Euch jetzt zu Herrn Friedmuth senden, – das mein' ich, ist ein gutes Werk.«
      »Das ist es wahrlich!« sprach dieser gerührt, »Dank dem Schwaben.«
      Und nun, nachdem sie in der Burghalle angelangt waren, wollte Friedmuth dem Ankömmling berichten, was geschehen. 
      
      Allein da eilte eine Magd mit verstörten Zügen in die Halle, warf einen scheuen Blick auf die beiden Gäste und bat dann ihren Herren, ihr rasch zu folgen.
      »Erzähle du ihm, Walther, was er wissen muß,« bat Friedmuth, »aber,« flüsterte er ihm beim Herausgehen zu, »schone Frau Wulfheid.«
      Kaum hatte der Erzähler, ohne diesen Auftrag allzu genau zu befolgen, seinen Bericht beendet, als Friedmuth in die Halle stürmte, einen Streifen Pergament in der Hand; er war sehr bleich.
      »Lest!« rief er. »Lest! Frau Wulfheid ist verschwunden, ist entflohen. Die Mägde suchten nach ihr, wie täglich am frühesten Morgen die Tagesarbeit zugetheilt zu empfangen. – Ihre Kemenate war leer. – Sie war nirgends in der Burg zu finden: – ihre Schatztruhe aber war geöffnet. – Der Deckel lehnte aufgeschlagen an der Wand: – ihr Erb-Schmuck, auch die wichtigsten Pergamente über die Rechte der Burg und der Vogtei sind herausgenommen, – 
       in der Truhe fand ich diesen Zettel: »Ich wollte nur mein Recht. Ich will nichts von Eurer Gnade. Versuchet nicht, meine Spur zu finden. Zehnmal zurückgebracht, würde ich zehnmal entfliehen.«
      »Sie kann noch nicht weit sein,« meinte Walther, »zum Burgthor hinaus – dann durch das Mauerthor!« –
      »Nein! Sie floh durch den geheimen Gang, der nur ihr und mir bekannt. Ich eilte sofort hin: die Eisenpforte war gesperrt, der Schlüssel steckte von außen im Schloß. Der Gang mündet unten an der Straße neben der Etsch. Ich werde mit den Knechten zu Roß auf diese Straße eilen und sie flußaufwärts und flußabwärts suchen und suchen lassen.«
      Er wandte sich gegen die Thür.
      Aber da legte sich eine feste Hand auf seine Schulter: – er blieb stehen und wandte sich: es war Herr Hermann, der ihn hielt.
      »Das wirst du nicht thun, Friedmuth! Ihr wildes Herz hat dieses Mal das Richtige gefühlt. – 
       Laß sie! Wie immer sonst das Los von euch drei Schwerverstrickten sich wende: – ihr beide könnt – nach dieser Nacht – nicht mehr beisammen bleiben: – jetzt nicht zum mindesten! Und ruhiger mögen wir, von jener Zorngemuthen nicht verstört, erwägen, was – das kleinste Übel! Denn sonder Übel geht es hier nicht ab,« seufzte er. – »Nun aber will ich die arme, edle Fremde sehn. – Führt mich zu ihr. Ich will ihr danken, daß sie mir den Freund, daß sie dem Kaiser und dem Reich der Allerbesten Einen gerettet hat.«
      »Sobeide!« rief Friedmuth mit sanfter, mit kosender Stimme. »Meine holde Demuth: – mein Freund, ein Freund des Kaisers kommt, dich zu begrüßen.«
      »Laßt sie ruhn! Sie schläft wohl!« meinte der Hochmeister.
      »Schwerlich,« erwiderte Walther kopfschüttelnd und schob den Vorhang etwas zur Seite: da stieß Friedmuth einen gellenden Schrei aus und sprang, 
       beide Hände vorstreckend, durch den Vorhang in die Kapelle: die Gäste folgten hastig.
      »Todt ist sie,« klagte ihnen Friedmuth laut rufend entgegen. »Todt! – Für mich – um mich – durch meine Schuld gestorben!«
      Und in heißem Schmerz warf er sich über die schweigend ruhende Gestalt.
      
      
    



      Vierzehntes Capitel.
      Sie lag ausgestreckt auf dem Pfühl, von dem reichen Haare, das Schultern und Busen bedeckte, umfluthet, die Arme über der Brust gekreuzt. Die Rosen – Friedmuths letzte Gabe – waren hie und da vom Haupt bis zu den Füßen über sie hin zerstreut: die schönste, eine weiße, hielt die geschlossene rechte Hand. Mit dem hellblauen faltigen Mantel hatte sie wie mit einer Decke die Füße verhüllt. Das weiße, goldgestickte Oberkleid hatte sie abgelegt: so war nur das Seidenhemd sichtbar, das die schlanke Gestalt wie die eines schlummernden Kindes erscheinen ließ. Auf dem linnenbedeckten Schemel neben ihrem Haupte lag ein Ring mit einer kleinen Kapsel: – der Kapseldeckel war geöffnet: ein zäher, brauner Tropfe war herausgesickert – auf das 
       weiße Tuch. Neben dem Ring lag ein schmales Schiefertäfelchen, in Silber gefaßt, der Griffel war im Schreiben gebrochen: aber deutlich lesbar waren in ruhigen, festen Zügen die Worte: »Nicht leben, aber sterben durfte ich für dich. Fluch und Schmach find nun von dir gewandt. Ich segne dein geliebtes Haupt.«
      Walther las es laut mit zitternder Stimme. Er sank auf's Knie, dem Pfühl zu Häupten: langsam, langsam rannen ihm zwei große Thränen in den grauen Bart.
      Herr Hermann beugte sacht das hohe Haupt über die Todte, deren holdes Antlitz noch edler, weihevoller schön war als im Leben. Kein Schmerz, keine Spur des Ringens mit dem Tode verzerrte diese Züge; die Augen waren halb geschlossen: um den lieblichen, leise geöffneten Mund schwebte ein Lächeln der Erlösung, des Friedens.
      »Gnäd'ger Gott im hohen Himmel,« betete der Hochmeister, »ich bitte dich für dieses Kind. Ich bin 
       ein sünd'ger Mensch: ich wage nicht, sie schuldig zu nennen. Ist sie aber dennoch durch diese That schuldig geworden vor dir, du Ewigheiliger. – so bitt' ich dich: vergieb ihr ihre Schuld: – denn sie that's aus Liebe.«
      »Sie – schuldig?« rief Friedmuth. und richtete sich auf. – Er hatte mit beiden Armen die rührende Gestalt umfaßt gehalten und sein Haupt auf ihre Brust gedrückt: – nun schaute er auf das wunderholde Antlitz nieder. – »O Hermann! Schau hierher auf diese Züge, diese Engels-Reine. Engels-Güte, und schilt sie schuldig, wenn du kannst! O Sobeide, – Demuth, – mein Kind! – Mein Weib Sobeide! –« rief er laut, in wilder Leidenschaft des Weh's, – »o höre mich! – O nur noch einmal schlage sie auf, – diese sanften Augen! O du mein Glück. – mein Alles, – du meiner Seele Seele. – o wach auf! Wir wollen fliehen. – weit, – weit hinweg, – wo uns niemand kennt, in's Elend, – in der höchsten Berge Einsamkeit, – o lebe 
       nur, – lebe! O, es stößt mir das Herz ab! O Sobeide!«
      Und abermals warf er sich, laut aufschreiend vor heißem Schmerz, auf beide Kniee und umschlang die zarte Gestalt und küßte ihre Hände und weinte, weinte, der feste ruhige Mann, laut schluchzend, und schüttelte das Haupt in wildem Jammer hin und her.
      Walther erhob sich nun: er warf einen besorgten Blick, fragend, auf den Hochmeister.
      »Laß ihn,« flüsterte dieser, – »laß ihn gewähren! Das thut ihm gut. Das rettet ihn.«
      »O meine Freunde,« rief der Klagende und sprang wieder auf. »Ihr – die Fremden! – ihr 
      selber weint um sie! Auch du, Hermann, – der du sie nie gesehn, – hast eine Zähre in dem Auge. O, was wißt ihr, – was weißt auch du, Freund Walther, – von ihrer Seele! Sie war ja so scheu, so herzverschämt! Kaum mir konnte die Zarte voll sich offenbaren. Sie erzitterte oft plötzlich: – mitten in dem Hauchen süßer Worte brach sie ab und erschrak 
       im tiefsten Grund der Seele und barg das Köpflein scheu vor mir und vor sich selbst an meinem Halse.
      O sie war ein Kind, – ein hilflos, rathlos, ahnungsloses Kind, und zugleich ein muthig Heldenweib der Liebe. Als ich in der Burg ihres Vaters allmälig die holde Wärme in der Brust empfand, diesen heiß aufsteigenden, süßen, aber fast schmerzenden Schreck im Herzen, wann sie eintrat, als ich empfand, was ich nie, ach nie gefühlt, – da hab' ich viele Monde lang nicht ahnen können, so undurchdringbar schloß sich diese Knospe in sich zusammen, – daß mehr als Mitleid für mich in ihr lebe. Und doch, – nach der Flucht gestand sie mir: gleich zuerst schon, da sie mich als einen Sterbenden unter jener Palme liegen sah, hat sie mich geliebt. Erst, als sie mich zu retten Alles geopfert, erst da errieth ich ihr Herz. O du mein Glück! – O du mein Augenlicht! Wie soll ich leben ohne dich? – Und um mich bist du gestorben!« –
      Verstummend vor Weh sank er auf das Lager 
       nieder, nur noch das Eine hauchte er: »O hättest du mich nie gesehn.« Die Thränen versiegten ihm nun.
      »Nein, Friedmuth,« sprach Herr Walther fest. »Das ist nicht gewünscht im Sinne dieser Todten. Ich weiß es, – und du weißt es auch: ihr gab echte Liebe so hohes Glück, – sie tauschte nicht ihr Los mit hellerem! Ja, Kind Demuth, hättest du auf's neue zu wählen: du wähltest abermals, statt jedes andern Schicksals: Friedmuth und den Tod.«
      »O Dank, mein Walther, für dies Wort!« rief er, und wieder quollen wohlthätig ihm die Thränen. »Ja, – du sprachst wahr: – so war ihr Sinn, dieser holden Heiligen der Minne. O, sie war so gut! so herzrührend gut!« und laut aufschluchzte er wieder, tief erleichtert durch die Thränen.
      »Nun, kommt. Jetzt lassen wir ihn allein mit ihr,« flüsterte Walther dem Hochmeister zu.
      Herr Hermann wandte sich zum Gehen: – da bemerkte er in Friedmuths Gürtel dessen Dolch: er 
       hielt inne: schweigend wies er Walther mit dem Finger darauf hin und sah ihn fragend an.
      Einen Augenblick stutzte auch dieser zweifelnd, sah dann auf den Trauernden, der nun, still weinend, das Haupt auf die Schulter der Todten gelegt hatte: da schüttelte Walther das Haupt.
      Der Hochmeister nickte beipflichtend, und beide glitten geräuschlos aus der Kapelle.
      
      
    



      Fünfzehntes Capitel.
      Lange, lange, mehrere Stunden weilte Friedmuth ungestört in dem Gemache bei der Todten.
      Die beiden Freunde ließen durch die voll gewaffneten Reisigen des Hochmeisters, geleitet durch die Knechte der Fragsburg, die waffenlosen Gefangenen einzeln aus dem Burgkeller heraufholen und geboten ihnen, abzuziehen und die Leiche des Greifensteiners mit fort zu tragen, nachdem Walther vor allen Männern in der Burg den Vorgang erzählt, der zu dessen Tödtung geführt hatte.
      Alsdann machten sie, nachdem sie die Ausführung ihrer Befehle überwacht, gar manchen Rundgang durch Hof und Garten und beriechen in vertrautem Gespräch, wie sie am zartesten dem schwer 
       leidenden Freund über die nächsten Stunden und Tage hinweghelfen möchten.
      Walther wies dabei in dem wunderbar schön gelegenen Schloßgarten eine stille, ganz von Rosen überhüllte Ecke seinem Begleiter, dieser nickte.
      Aber auch an die Zukunft, an die Gestaltung des ganzen Lebens des Vereinsamten dachten beide – ohne davon zu sprechen.
      Als, nach längerem Schweigen, Walther endlich anhob: »Hier, auf Frau Wulfheids Erbe, kann er nicht bleiben,« erwiderte rasch einfallend der Herr von Salza: »Und soll es nicht! Kommt mit in die Burghalle, Walther! Dort sollt Ihr erfahren, was ich jetzt als das einzig Richtige für ihn, als das des tapfern, reinen Mannes Würdigste gefunden habe. Es ist sehr ernst: – das Ernsteste und Schwerste. – Und gerade deshalb ist's das Rechte für ihn. Denn unser Freund Friedmuth, der da oben um ein junges Weib so schluchzend weinte, wie sonst nur ein Knabe weinen kann, dieser unser Friedmuth ist –« 
      
      »Ein Held! Ein Held von Gottesgnaden.«
      »Und ein Christ,« sprach Hermann. »Er siegt: er überwindet. Drum hab' ich auch von seinem Dolche nichts besorgt.«
      »Gewiß! Man müßte ihm nur etwas zeigen können, ein Ziel, einen Siegespreis, groß, edel, hoch genug, dafür zu leben, zu kämpfen und zu sterben.«
      »Ja: eine große Pflicht! Kommt mit hinauf. Ich spreche dort zu Euch: – und spreche so, daß er es hören kann: und hören soll.«
      Da leuchteten Walthers Augen auf: »Ich ahne. – Ach, es ist aber sehr hart! – Fast allzu hart! – Doch nein! – Ihr habt Recht: – es ist die schönste Lösung.« –
      »Nach solchem Geschicke giebt's nur Einen Trost: das Heldenthum der Entsagung!« –
      Aber plötzlich blieb Walther stehen. »Jedoch: wir haben noch von Frau Wulfheid das Letzte, fürcht' ich, nicht gehört.«
      »Gewiß nicht. Sie klagt bei ihrem Ohm, dem 
       Bischof. Ich weiß, wo dieser jetzt weilt. Doch laßt nur erst hier – in Friedmuths Seele – die Entscheidung abgeschlossen sein: – diese wird uns – sorget nicht! – auch gegen jene grimme Frau ein fester Schild. Kommt hinauf! – Aber sagt: Eines wäre gut: – Ihr wißt, wie mächtig auf unsern Freund das Lied – Euer Lied vor Allem! – wirkt. Habt Ihr wohl das Gedicht fertig, um das ich Euch – einen alten Wunsch erneuend: gedenkt Ihr noch unserer Unterredung in dem Zelte Friedilo's, dort in der Wüste? – neulich in Venedig bat?«
      »Ich habe mich gleich daran gemacht: es ließ mich nicht mehr los. Es ist lange fertig.«
      »Kennt er es?«
      »O nein! Wir hatten beide in diesen Tagen nur den Einen Gedanken, den uns jeder Blick auf jenes holde Geschöpf immer wieder aufzwang. Er weiß nichts davon.«
      »Das ist gut! Er soll erst – ganz nüchtern – ohne Zauber und Berückung des Gesanges – hören, 
       was gewaltig Großes sich ihm darbietet: hat er dann, mit ruhiger Erwägung, die Entscheidung allmälig gefunden, – dann soll das Lied die reife Frucht geschwind vom Aste rütteln!«
      
      
    



      Sechszehntes Capitel.
      Unter solchen Gesprächen schritten die Freunde aus dem Schloßgarten hinauf in die Burghalle. Es war nun Mittag geworden. Heiß brannte die Sommersonne aus dunkelblauem Himmel auf die schmalen Wege des Gartens, welche mit dunkelbraunem, fast violettem, grobkörnigem Sande bestreut waren, – dem zermürbten Porphyr- und Jaspis-Gestein dieser Berge.
      Um die Rosen und die Lilien, zumal aber um die nun stark duftenden Geißblatt-Blüthen flogen nicht nur die heiteren, hellfarbigen Tagfalter, – der schöne atlasweiße Bergschmetterling mit den rothen Augen, der Apollo heißt, der Segelvogel und der Schillerfalter, – auch die dunkelfarbigen Schwärmer und der 
       Taubenhals und der Wespenvogel schwebten über den Kelchen der Lilien und den Glocken des Agelei, und saugten den Honig mit ihrem langen gewundenen Rüssel. Die Eidechsen sonnten sich auf dem breiten Mauergesimse: – es war hier Alles voll hellen, heißen, üppig strotzenden, heiter strahlenden Lebens.
      Den beiden Männern war es, sie beträten eine Gruft, als sie in das in ernster Trauer schweigende leere und kühle Haus zurückkehrten. Alles war still. Die Mägde huschten, verstört, ohne zu reden, ohne zu fragen, was nun werden solle, durch Gänge und Kammern. Und Aller Gedanken waren oben in der Kapelle, bei dem Manne, welcher, ein verödetes Leben vor sich, neben dem stummen, jungen Weibe saß. -
      Doch mußte er einmal das Gemach verlassen haben: Oswin öffnete den Gästen den Vorhang der Burghalle und wies auf einen Tisch, von welchem die Waffen hinweggeräumt waren, und der auf weißem Linnen mit buntgestickten Rändern einen 
       hohen Kristallkrug voll rothen Weines, zwei Becher und einen einfachen Imbiß von kalten Speisen trug. »Befehl des Herrn,« flüsterte der Burgwart, und schloß, sie allein lassend, den Vorhang.
      »Keine Pflicht, – auch die geringste nicht! – vergißt er,« sprach der Hochmeister.
      »Mitten in solchem Weh,« fügte Walther bei.
      Er ging mit leisen Schritten bis an den Vorhang der Kapelle und sprach: »Friedmuth, – Lieber: – stört es dich, wenn wir hier weilen und sprechen? Herr Hermann will mir etwas Wichtiges berichten. Sollen wir in ein ander Gemach gehen?«
      »Nein! Sprecht nur!« erscholl die ruhige Antwort. »Der Klang eurer Stimmen thut mir wohl.«
      Da schoben sie den Tisch und die beiden daran gestellten Stühle näher an den Vorhang der Kapelle und ließen sich nieder; doch blieben Speis und Trank unberührt.
      »Wie lang ist's her,« fragte nun mit lauter Stimme Walther, »daß es im Gang ist, dieses große Werk?« 
      
      »Die Vorerwägung, die Vorbereitungen gehen viele Jahre zurück. Schon im gelobten Lande, – vielleicht gedenkt Ihr noch, wie wir in unsres armen Freundes Zelt davon sprachen?« –
      »Ja wohl gedenk' ich's! Und wie eifrig er Eure Gedanken aufnahm. Was Ihr mit dem Orteisen der Schwertscheide in den Sand der Wüste zeichnetet, – er ließ sich's deutlich weisen.«
      »Schon damals hatte ich den Plan gefaßt, durfte ihn aber niemandem mittheilen, – auch euch nicht, – bis Kaiser und Papst ihn gut geheißen: und beide mußten erst versöhnt sein.«
      »Ihr habt sie versöhnt?
      »Ja, mit schwerer Mühe! Schon zwischen Hammer und Amboß ist schwer Friede machen, – zwischen zwei hauenden Hämmern noch schwerer.
      Walther blickte mit Staunen auf den Hochmeister.
      »Herr Hermann,« sprach er, »viel, wahrlich, trau' ich Euch zu. Eures Willens Kraft und Eures Geistes 
       Tiefe. Wie Ihr aber das zuwege schafft, daß Ihr diesen Staufer, diesen gewaltigen, feuerherzigen, immer wieder zum Frieden leitet mit der Kirche, mit dem Herrn Papst, der ihm doch so oft und so bitter Weh und Unrecht angethan, – das kann ich nicht begreifen.«
      »Will's Euch sagen, Freund Walther, wie ich's mache: ich sag' ihm die Wahrheit. Ja, ja, staunt nur. Seht, wir Alle, die wir den Herrlichen kennen und lieben, – wir begehen den großen Fehler, immer nur seiner glänzenden, ja blendenden Gaben und all' gewinnenden, begeisternden Vorzüge zu gedenken; auch ich im stillen Herzensgrunde, aber die Andern gar laut – und nicht am wenigsten laut 
      Ihr, wackrer Walther! – Wenn wir 
      von ihm reden, lobpreisen wir ihn: wenn wir dann 
      zu ihm reden, machen wir's auch nicht viel anders. Er hat aber doch wahrlich nicht blos Vorzüge: – er hat auch, untrennbar von ihnen, recht viele und recht arge Fehler.«
      »Ist wahr,« sagte Walther kleinlaut und betrübt, und schmiegte die Wange in die Hand, wie er pflegte, 
       wann er über etwas bedächtig »sinnirte«. »Aber verzeih mir's der milde Gott: – mir sind meines Kaisers Fehler viel lieber als des Herrn Papstes beste Tugenden.«
      Der ernste Hochmeister lächelte ein wenig: »Das ist des warmen Herzens holde Thorheit; und Keinen geht es an, ob ich's im Stillen nicht ebenso halte. Pflicht aber ist, in Worten und Urtheil gerecht, ja streng zu sein gegen den so heiß geliebten Herrn. Und so groß geartet ist dieser wahrhaft kaiserliche Geist, daß er das gern erträgt, ja selbst verlangt. Manchmal wird ihm des Lobes allzuviel, das nicht aus Schmeichelei, – denn die durchschaut er und verachtet er sofort, – aus wahrer Abgötterei alle Männer und, noch heißer fast, alle Frauen um ihn her ihm spenden. – Er ist ja auch –« und des weisen Mannes Auge leuchtete.
      »Er ist ein Wunder, ist des Wunsches Sohn!« rief der Sänger mit nicht mehr zu verhaltender Begeisterung. 
      
      »Wird's ihm manchmal zu schwül, vor lauter Ruhm und Lob, dann – ruft er mich zur Zwiesprach. »Komm, mein Gewissen,« schrieb er mir einmal, »schilt mich, spiegle mich, mein Spiegel.« Und wenn ich ihm dann sage, wie an seinem Hof oft eine wahre Heidenwirthschaft übermüthiger Frauen und Troubadoure wuchert, – ohne ein Wort der Abwehr, schweigend, mit mächtigen Schritten, wie ein Löwe, schreitet er dann durch's Gemach auf und nieder. – Zuerst zuckte er lächelnd die Achseln und meinte, die alten Heiden waren gar nicht dumm! – Allein es ergriff ihn zuletzt doch die Scham! – Wenn ich ihm dann vorhalte, wie seine ungestüme Hitze, seine Leidenschaft in Stolz und Zorn und loderndem Hass ihm oft seine weisesten Pläne verdirbt, wie er, in Worten und Werken, das Maß unzähligemal verletzt, wie er durch hastige That, auch wohl durch arge List, die seinem Heißblut nicht immer glückt, sich mindestens eben so oft in's volle Unrecht setzt, gegen die Fürsten, die Lombarden, die Pfaffen, den Papst selbst, – 
       ja, ja, Herr Walther: schüttelt nicht das Haupt! als diese fehlen wider ihn, – dann bleibt er plötzlich vor mir stehen, schaut mir adlerscharf in's Auge und sagt wohl: ›Ja, bei meinem Stern, 's ist Alles so, 's ist wahr. Sage nun, Hermann, wie mach' ich's gut, wie sühn' ich's? – Leg mir was Schweres, was recht Schweres auf – weißt du? – was mich am meisten Selbstbezwingung kostet‹, – dann – dann, Freund Walther, – ist der Augenblick, da dies unbiegsame, unbrechbare, dies herrliche staufische Metall in der Gluth edelster Begeisterung so weich geschmolzen ist, daß er mir freiwillig gelobt, was ihm sonst die Hölle, was ihm – leider! – auch der Himmel nicht abringen könnte. Dann leit' ich ihn, so weit ich es verstehe, zum Guten, zur Versöhnung.«
      Walther strich sich rasch mit der Hand über die Augen: »Gott erhalte Euch, Herr Hermann, dem Kaiser und dem Reich, – Ihr seid des großen Staufers guter Geist.«
      
      
    



      Siebzehntes Capitel.
      »Euch beiden,« fuhr der Hochmeister fort, »bestätigte ich damals nur, was ihr euch beide schon selbst gesagt: daß in dem Morgenland, in der Wüste Alles vergeudet und verloren ist, – für's Reich und Volk, – was von deutschem Blut, von deutscher Arbeit dort aufgewendet wird.«
      Walther nickte und summte vor sich hin:
      »Nicht fürder mehr im Wüstensande ...«
      »Franzosen, Italiener sind – aus gar manchen Gründen – dort in der Vorhand. Ihre Mutterländer liegen viel näher, wir Deutschen werden niemals das Mittelmeer mit unsern Schiffen beherrschen. Schon Luft und Leben in der Levante ertragen wir Nordländer viel schlechter. 
      
      Unser deutscher Orden kann da drüben auf die Dauer nicht das Feld behaupten wider die Templer. Nicht, weil sie uns an Reichthum, an Gold, Land und Menschen und durch zahllose Privilegien der Päpste überlegen, – sind sie doch stärker, als gar manches Königreich! – sondern weil wir es an Ruchlosigkeit mit ihnen nicht aufnehmen können: – und sollen. Aber diese Frevel stecken an. Mir bangt oft um meine Ritter: sie verwildern und verderben dort leicht: die deutschen Tugenden verlieren sie, die Laster der Pullanen, – der entarteten Mischlinge. – nehmen sie an.
      Deßhalb suchte ich schon lange unsere Burgen und Casalien im Morgenlande zu verkaufen und für den Erlös im deutschen Reich Gebiete zu erwerben.«
      »Also deßhalb! Mit Staunen fand ich auf meinen Fahrten im Reich, wie ihr nicht nur an Donau und Etsch und Rhein und Main und Lahn, auch an Pegnitz, Saale und Elbe wachsend Land und Leute gewonnen habt in diesen Jahren.« 
      
      »Und damals schon hatt' ich erkannt, daß ganz wo anders als am Jordan für uns ein weites Land liegt, in welchem wir Dauerndes schaffen können. Damals aber dachte ich nur daran, durch eine deutsche Mark in jenen Landen die Wenden in später Zukunft einmal zu verdrängen. Jetzt aber ruft uns ein dringender Hilfeschrei zur Abwehr – sofort, soll dort nicht alles verloren sein. –«
      »Wie das?« fragte Walther erstaunt.
      »Jene Pruzzen und Samaiten, ehedem gar friedlich und ungefährlich, haben jetzt, gereizt durch blut'ge Thaten der Christen, das heißt der Polaben und der Pommern, Thaten, die ich – bei Gott! – nicht loben will, furchtbare Vergeltung geübt, und drohen nun, angreifend, in wilder Wuth Alles zu zerstören, was von Christenthum, von mildrer Sitte, von deutschem Fleiß in ihren Nachbarlanden mühsam empor gebaut wurde seit Jahrhunderten.
      Erhoben haben sich die Heidenstämme in allen Landschaften des Preußenlandes – Nicht alle Namen 
       hab' ich im Gedächtniß: – Nadrauen und Schalauen, Galinden und Barten, Samland, Warmien, Pogesanien. – Vernichtet haben sie alles Christenthum im Culmer- und Dobrinerland, in Lubovien und Lansanien, Masovien und Cujavien sind verheert. Der wildeste Haufe, geführt von einem Rückfälligen, Warputus, –«
      »Den Namen,« meinte Walther nachsinnend, »hab' ich schon einmal im Leben gehört, – aber wann und wo?«
      »Ist über die Wyssel gedrungen, weit über das geplünderte Danzig hinaus, und hat den Bischof des christlich gewordenen Preußenlandes, Herrn Christian, und viele Mönche gefangen fortgeschleppt. Der Cistercienser waldumrauschten Sitz, Kloster Oliva, haben sie verbrannt, ja das deutsche Reichsland Pommern furchtbar heimgesucht. Deutsche Mädchen haben sie, zum Hohne mit Blüthen bekränzt, in den Schauern ihrer Eichwälder zu Romowe im fernsten Nadrauen, unter den Schlägen des weißen Zauberstabes ihres 
       Oberpriesters, des Kriwe, in den Opferbränden ihrer Holz-Götzen, zu Tode gequält.
      Verzweiflungsvoll strecken Herzog Konrad von Masovien, Bischof Günther von Ploczk, die schwerbedrängten Ritterbrüder von Dobrin. –«
      »Ah, die mit dem rothen Schwert und Stern auf weißem Mantel?« rief Walther.
      »Sie sind nur noch Ein einziger Convict.«
      »Was? Nur zwölf Ritter noch und ein Comthur!«
      »Von der Heidenfluth ringsher umbrandet, darin gar bald ihr Stern versinken kann: – sie alle strecken am Rande des Unterganges die Arme flehend nach uns aus.
      Da hab' ich ihn denn endlich durchgesetzt bei Kaiser und Papst, meinen Plan, den ich lange vergebens bei beiden betrieben: – erst die Noth hat sie zu meinem Willen gezwungen. Denn des Papstes, wie des Kaisers Aufruf an alle Christenheit, den Bedrängten zu helfen, – sie verhallten fast ungehört. 
      
      Geduld genug hat es gekostet: Klugheit, ja, wenn ich mich selbst so rühmen darf, Weisheit! bis ich alle die vielen Häupter, die da das Recht hatten, nein zu sagen, oder doch die Macht, mich schwer zu stören, bis ich sie alle, die unter einander Hadernden, unter den Einen Zwang meines starken Willens gebracht hatte. Jetzt aber stelle ich nicht nur meine Kraft – das wäre wenig! – stelle ich die ganze Heldenschaft der Meinen in den Dienst dieses großen Werkes. Schon hab' ich Herrn Hermann Balka, den tapfern Niedersachsen, vorausgesandt: der Orden der deutschen Herrn, – er siedelt über nach Preußenland. Der Kaiser hat uns alles Land, das wir dort erobern, als ein Fürstenthum, als Reichslehen verliehen. Gerade von hier, von der Fragsburg aus, zieh' ich gen Preußen.«
      Da rauschte es ganz leise in dem Vorhang der Kapelle.
      Die beiden bemerkten es wohl, und Hermann fuhr fort: »Aber nicht wie die Hetzpfaffen meine 
       ich diesen Krieg! Nicht, um alle Heiden mit Gewalt zu taufen. Wir haben's erfahren im Morgenland: es giebt gar wackre Herzen unter den Heiden. Wahrlich – was brauchen wir weiter Zeugniß? da drinnen – jenseit des Vorhanges – liegt eine stumme Zeugin: – eine unvergleichliche! Sobeide schon, nicht erst Frau Demuth, hat viel mehr als ihr Leben daran gesetzt, den Unschuldigen vom Qualentod zu retten.«
      Da zuckte tiefste Rührung über des Lauschenden Antlitz; die Falten des Vorhangs fielen zu.
      »Wohl predigen wir auch das Kreuz und die Erlösung: aber nicht um deßwillen vertausche ich den Jordan mit der Wyssel.
      Wir schützen mit den Waffen deutschen Besitz und Christenglauben: und wir erobern soviel jenes Landes, als nöthig ist, für immerdar jenen Besitz zu wahren. Nicht Mörder und glaubenstolle Pfaffen, – Ritter und Helden führ' ich in jenes Land zu einem Kampf, der wahrlich ein heil'ger ist. Denn es gilt, 
       wie Christus dem Herrn, so der deutschen Macht, es gilt dem Reich, und seiner Hut und Ehre.«
      Er hielt inne. Schweigen entstand: – ein tiefer, starker Athemzug aus voller Brust drang aus der Kapelle.
      »Aber,« wandte Walther nach einer Weile ein, »ihr werdet auch mit der bisherigen Macht eures Ordens nicht viel ausrichten.«
      »Leider,« seufzte der Hochmeister. »Auch die Schwertbrüder an der Düna, in Livland. Esthland und Curland, fühlen es, daß sie viel zu schwach. Auch sie rufen um Hilfe. Als Wahrzeichen bitterster, blutigster Drangsal sandten Herr Albert von Buxhövden, der Hochmeister, und Herr Volkwin, der Landmeister jenes Ordens, mir ihre beiden weißen, zerhackten und zerschossenen Mäntel: o heilige Jungfrau! Sie waren so getränkt von Blute, daß das rothe Schwert und das rothe Kreuz auf beiden nicht mehr kenntlich waren! Beredter als laute Zeugen sprachen diese stummen Boten! Deßhalb drängt mich harte Noth, neue, frische Kräfte zu werben! Wird es aber erst 
       ruchtbar, welche Gefahren, welche Entbehrungen, – welche Schrecknisse jenes Land birgt, – so kommt uns vollends niemand mehr. In's märchenhafte, reiche Morgenland, über's blaue Mittelmeer, zieht es die Abenteurer immer noch: aber nach Preußenland!«
      »Ja, ja,« meinte Walther, seufzend und unwillkürlich einen schmerzlichen Blick nach der Kapelle werfend. »Ein Jugendgenoß von mir – dorthin verschlagen – Herr Ralf vom Rhein – der hat es schon gesagt: ›Wer still, wer einsam sterben will, der zieht gen Preußenland.‹«
      
      
    



      Achtzehntes Capitel.
      »Ja, wahrlich,« fuhr der von Salza fort, »wen nicht ein tief heiliger Drang, ein zwingender Ernst der Seele dahin lädt – der folge mir nicht. – Das Land ist heute noch das ärmste, elendeste, ödeste, das man im Abendlande kennt. Undurchdringbare Wälder, mit Bär und Wolf und reißendem Gethier und dem gewaltigen Elch, dem Roßhirsch mit den Schaufelhörnern, und alle Schrecknisse des Urwaldes drohen. – Noch trostloser ist der unermeßliche Sumpf, das tückische Moor, das meilenweit sich dehnt, oft unter dünner Schicht von Heide-Sand versteckt, und unerbittlich Roß und Mann verschlingt. Ja, dort giebt es Strecken, die, wechselnd, bald Meer, bald Moor, bald Sand, bald Sumpfland und bald Heide sind. Durch Mark und Bein bohrt der grimmige Ostnordost, der aus den 
       eisbedeckten Wüsteneien eines unerforschten Steppenlands der Sarmaten braust. Furchtbar kracht es durch die stille Nacht des öden Landes, meilenweit vernehmbar, wann das manchen Fuß dicke Eis der Wyssel oder der Nogat sich im mächtigen Eisgang über einander thürmt und splitternd bricht. Acht Monde Eis und Schnee, oder – schlimmer als beide – schneekaltes Wasser, das Alles überzieht: eine flüssige Decke von Eis-Mus, zu dünn, den Schlitten oder auch nur den Menschentritt zu tragen, zu dick, vom Schiff durchfurcht zu werden!
      Und vertheidigt wird diese Wüste des Sumpfes und des Waldgestrüpps von einem tapfern, aber unaussprechlich rohen Volk, das in dem Deutschen seinen Todfeind sieht und so stumpf ist, – ärger als das Vieh. Sie bringen alle Töchter in jedem Hause um bis auf Eine. Der Christen Zahl aber ist so kläglich schwach, daß je ein Ritter mit ein par Knechten, in einem schmalen, nur von Holz gebauten Thurm hausend, oft viele hundert Stunden keinen befreundeten Speer 
       nahe hat und gegen Hunderte, ja Tausende von Feinden ausdauern muß, viele Tage lang, Wochen lang – wie der einsame Wanderer im winterlichen Föhrenforst, umheult von Rudeln hungertoller Wölfe, – bis – vielleicht! – Entsatz ihn rettet: oder bis er, preisgegeben, vergessen von allen Glücklichen, den wüthenden Wölfen verfällt.
      Die »Reisen« aber, wie sie's nennen, die Kriegszüge in das Innere, sind nur möglich in der allerstrengsten Winterzeit. Denn nur dann gefrieren die unzähligen Seen und Sümpfe, in denen die Eingebornen sich verstecken, zu jeder andern Jahreszeit so unerreichbar für den fremden Feind, als das Sumpfhuhn, das nur außer Pfeilschußweite im Schilf des Moores nistet. Man sagt, dort zu Lande kann man den Krieg suchen, ohne ihn zu finden, weil er in den Sumpf entschlüpft.
      Nur wenige schmale Furten, die blos der Sohn des Landes kennt, sind zwischen Seen, Teichen und Sümpfen zu beschreiten. Ein Schritt daneben ist der sichere Tod. Und wer bei solcher Fahrt auf dem 
       Heimweg ermattet zurückbleibt, von allbezwingender Müdigkeit herabgezogen in den weichen Schnee: – ein Glück für ihn, wenn ihn die Wölfe vor den Preußen finden.«
      »Und Ihr glaubt, – all' diese Opfer sind nicht umsonst gebracht?«
      »Wahrlich nein! Sonst wär' es Frevel, sie zu fordern. Nicht aus meine Weisheit hin würd' ich's wagen: aber der gewaltige Kaiser Friedrich ist ein Mann, der denkt auf viele Geschlechter der Menschen hinaus über das Wohl und Wehe der Staten. Und mein großer Kaiser war es, der, nachdem er sich lange gesträubt, endlich mir auf die Schulter schlug und rief: ›Ich hatte Unrecht! Eigensucht, Eitelkeit hatte meine Blicke geblendet: – ich wollte euch im Morgenlande festhalten für mein zweites Kaiserreich, – du, Hermann, hast ein großes Werk erdacht! Wer mit dir geht, der baut da, wo's am schwersten – und zugleich am nöthigsten, – am Reich.‹«
      Da trat Friedmuth ganz in den Eingang des 
       Gemaches, kaum hielt er sich noch zurück: – sein Antlitz war ruhig, fest, von edelstem Entschlusse verklärt.
      »In Anagni nahm ich Urlaub vom Kaiser, nachdem ich ihn mit dem Papst ausgesöhnt: – ich allein ward von beiden zu ihrer Unterredung und dann zur Tafel gezogen. Schon hatte ich Verona erreicht, da traf mich ein Bote, der mir dies Schwert als Geschenk des Kaisers zum Angedenken an sein Abschiedswort überreichte.«
      Der Hochmeister erhob sich und holte aus dem Waffengestell an der Wand die edle Waffe, sammt der Scheide und der darüber gewundenen Schwertfessel sie auf den Tisch legend.
      »Eia, welch' reiche Scheide! Und erst die breite, schöne Klinge: bester Stahl von Biscaya und Arbeit von Toledo. Und wie lautet hier das Schwert-Mal?«
      »Mit diesem Grabscheit scharf und stark
       Stich ab dem Reich die neue Mark.
       Mit diesem Hammer sollst du hau'n,
       Da, wo's am schwersten ist, zu bau'n.« 
      
      »Darum,« fuhr der Hochmeister fort, »soll mir nur folgen, wer jeder Lust des Lebens, jedem Genuß der heitern Stunde entsagt, wer auf Weib und Kind und Heimat und Besitz und Alles sonst verzichtet, was beglückt. Wer mein Genosse werden will, der darf nur der Pflicht, der allerschwersten Pflicht des Ritters, des Deutschen, des Christen leben. Nur wer ganz entsagt, für Andere lebend, nicht für sich, getreu' bis in den Tod, nur solche Männer kann ich brauchen.«
      Friedmuth trat unhörbar über die Schwelle.
      »O Hochmeister,« rief Walther, »wie ist das schön! Gerne zög' ich selber mit.«
      »Bleibt Ihr in Euren grauen Haaren in wohlverdienter Ruh', Ihr habt dem Reich genug gedient.«
      »Wie ist das heldenhaft! Viel schöner als mein armes Lied.«
      »Sagt mir dies Lied, ich bitte, Herr Walther.«
      Und der Sänger sprach mit starker, lauter Stimme: 
      
      »Nicht fürder fern im Palmenlande
       Verschwendet edle, deutsche Kraft,
      Wo in der Wüste Wirbel-Sande
       Nicht Schwert, nicht Pflug sich Heimat schafft.
      Lang hielten Wacht wir träumend weiland
       Am heil'gen Grab mit treuem Speer: –
      Wir fanden's endlich aus: der Heiland
       Braucht keinen Schutz: sein Grab ist leer! –
      Nein, wer begehrt nach Heiden-Streichen,
       Wer nach des Pfluges edlerm Streit:
      Ein Schlacht- und Brach-Feld ohne Gleichen
       Liegt nah' der Heimat ihm bereit.
      Wo jetzt die Nogat und der Pregel
       Durch herrenlose Sümpfe schleicht.
      Wo kaum im Haff, vor selt'nem Segel,
       Der Möven zahllos Volk entweicht,
      Wo des Perkunos Steine ragen,
       Von Urwald-Fichten schwarz umsäumt,
      Wo wilde Steppenhengste jagen
       Und im Gestrüpp der Rohr-Wolf heult, – 
      
      Dort, statt am Jordan zu vergeuden
       Des Ritters Muth, des Bauers Kraft,
      Dort sollt ihr fechten, bau'n und reuden
       Mit Axt und Grabscheit, Schwert und Schaft.
      Auf! rasche Franken, zähe Sachsen,
       Ihr Schwaben klug, ihr Baiern stark:
      Gen Preußenland! – Aus Sumpf erwachsen
       Soll Deutschland eine neue Mark.
      Gen Preußenland! – Brecht, stät im Siegen,
       Mit Schwert und Pflug die Wege klar
      Und hoch ob euren Häuptern fliegen,
       Weissagend, soll des Reiches Aar.«
      Da, mit dem letzten Worte des Sängers, trat Friedmuth dicht an Herrn Hermann heran, bog das Knie, drückte die Linke, welche eine weiße Rose gefaßt hielt, auf die Brust, streckte die Rechte gegen den Freund empor und sprach feierlich, mit weicher Stimme:
      »Hochmeister Hermann. – nimm mich auf in deine heilige Schar: – gieb mir das schwarze Kreuz. – Ich ziehe mit dir gen Preußenland. Darf ich?« 
      
      Die beiden Männer sprangen auf: Herr Hermann öffnete die Arme und zog den Knieenden an seine Brust: »Mein Friedmuth – ja! – Gewiß, ich hab's ja gewollt! – Du darfst: – du sollst.«
      
      
    



      Neunzehntes Capitel.
      Als sich der Tiefbewegte aus des Freundes Armen gelöst hatte, wankte er auf den Füßen und griff nach dem Tische, sich zu stützen.
      Flugs schob ihm Walther seinen Stuhl zurecht, und drückte ihn mit sanfter Gewalt darauf nieder. Besorgt füllte der Hochmeister einen der beiden Becher mit Wein, hielt ihn Friedmuth hin und sprach: »Trink! Trink und lebe! Du darfst mir nicht erliegen – vor der Zeit! Jetzt bist du 
      mein!« Friedmuth trank durstig den Becher leer.
      »Thut feierlich Bescheid, Herr Hochmeister!« rief Walther, beide Becher wieder füllend, »Der jüngste Deutsch-Ritter!«
      Walther holte einen dritten Stuhl herbei und 
       Friedmuth begann: »Habt Dank, ihr Vielgetreuen. Ich hab' es bald erkannt: 
      mir galt euer Gespräch. Habt Dank auch dafür, daß ihr das so gerichtet und gefügt. Ich hätte Trost, – wie man's wohl nennt – auch Rathschlag nicht ertragen. Ich mußte es selber finden, wenn auch ihr mir's in den Weg gelegt. Es ist das Rechte: ich fühl' es an dem Frieden, der mir die Brust erfüllt, seit ich's erwählt.
      Diese Lösung, ihr botet sie mir dar.
      Aber daß ich mich aus tiefstem Jammer wieder heben mochte, daß ich sie fassen konnte, die rettende Hand, das dank' ich – nach des lieben Himmelsgottes Fügung! – meiner seligen Mutter und einem frommen Spruch, den sie mich als Kind gelehrt, den ich treulich im Herzen behalten und mir vorgesprochen habe in mancher Fährlichkeit im Abend- und im Morgen-Land.
      Heute hatt' ich ihn vergessen! Ach, lange fand ich die Kraft nicht wieder. Immer wieder sagt' ich mir: öd' ist dein Leben, da liegt dein Glück, todt und 
       verstummt! – Und immer fester klammerte ich die Hand um diesen Dolch. Und siedheiß, bitter schmerzend, schoß mir durch mein arm Gehirn, das solcher Fragen ungewohnt: 
      Warum? Warum das Alles? Warum muß Frau Wulfheid, völlig schuldlos, dies erleben? Und warum müssen wir beiden uns ahnungslos so unrettbar verstricken, daß es diese holde Heilige in den Tod treibt, und jene Heißherzige in die Flucht und mich in's Elend des Herzens? Warum hat dies der Himmelsherr verhängt? Oder ist vielleicht gar keiner, wie in Akkon einmal ein gar witziger Templer uns beweisen wollte? Und alles ist blinder Zufall?«
      Da schlugen die beiden Hörer voll Entsetzen ein Kreuz: Friedmuth that deßgleichen und fuhr rasch fort:
      »Erschrecket nicht vor mir. Verabscheuet mich nicht! – Denn kaum hatte ich das gedacht, da erschrak mein Herz und ich brach in die Kniee und gedachte, wie die liebe Mutter so oft gerade zu dieser Stunde, wann die Abendglocken von Meran heraufklangen 
       nach Schänna, mit mir geknieet und gebetet, und wie sie mir einmal den ersten aufsteigenden Stern im Westen wies und sprach: ›Das ist das Auge Gottes.‹ Und ich erbebte über den Frevel, den ich gedacht, und schaute unwillkürlich empor in den Himmel, den ich gelästert hatte. Da fiel mein Auge auf den Spruch, den ich vergessen: aber die Mutter hatte ihn, als ich diese Burg bezog, mit rother Farbe anmalen lassen, dort, über dem Fensterbogen der Kapelle, und ich las:
      Wer Unrecht nimmer thut,
       Der steht in Gottes Hut:
       Den darf an Leib und Ehren
       Nicht Leid noch Übel sehren.
      Doch trag Du in Geduld,
       Auch Leiden ohne Schuld:
       Auch sie schickt Gottes Huld,
       Im Himmel sie zu lohnen
       Mit sel'gen Martyr-Kronen.
      Das rührte mich tief in der Seele: mir war, ich hörte der Mutter liebe Stimme diese Worte leise zu mir sprechen. Und ich betete ein Vaterunser. Und 
       wie ich an die Bitte kam: »vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern« – da fügt' ich bei: ›Strenger Himmelskönig – ich weiß zwar nicht, was Demuth und was ich verschuldet haben. Wir wollten nichts Böses. Strafst du aber auch schuldlose Schuld, – o vergieb sie uns jetzt, und vergieb ihr auch, daß sie aus allzugroßer Liebe für mich starb. Und hör' es: aus tiefstem Herzensgrund verzeih' ich, was Frau Wulfheid etwa gegen sie und mich in dieser Nacht gefehlt.‹ Und da ich dieses Wort gesprochen hatte, da kam ein großer stiller Friede über mich; und ohne Groll konnt' ich der harten Frau gedenken, deren wilde Drohung Kind Demuth in den Tod getrieben hat. Und nun sprach ich zu meinem Herzen: ›Dies holde Geschöpf ist in den Tod gegangen, auf daß ich ohne Schmach und Vorwurf leben kann: – wohlan, ich 
      will leben. Aber wofür? Das Glück ist todt – da liegt's! Was soll ich thun? Wo soll ich leben? Hier, in Wulfheids Haus, in Müßiggang? Niemals! Ein Kloster-Mönch? Ich bin so jung, ach 
       gar so jung. Mein Arm ist stark, – ich bin zum Kampf geboren: – nicht für mich mehr will ich kämpfen, aber wofür soll ich leben?‹
      Rathlos saß ich an der Leiche.
      Da kamet ihr und euer Gespräch hob an und der Meister sprach: ›Wer mir nachfolgt und unter mir kämpft, der lebt und kämpft nicht mehr für sich – nur für Andre: für Christus und das Reich.‹ – Da sprang ich auf, als sei ein Erzengel vom Himmel mir herab geflogen und habe mit dem Flammenschwert gewinkt: ›Friedmuth, gen Preußenland!‹'
      So hat mich Gott der Herr gerettet: durch der Mutter Spruch und durch dich, mein Hochmeister.«
      
      
    



      Zwanzigstes Capitel.
      Den Rest des Tages verbrachten die drei Freunde in der Berathung wichtiger Beschlüsse.
      Besorgt hatte Walther eingewandt: »nur Einer könnte diesen Entschluß hemmen: – der Reichsministerial darf das schwarze Kreuz nicht nehmen ohne des deutschen Königs, des Kaisers Verstattung«.
      Da streifte Friedmuth einen Ring vom Finger, mit einem schönen Amethyst, und sprach: »O Hochmeister, ich bitte, schreibe dem Kaiser und schick' ihm seinen Ring zurück. Er ward mir dereinst gegeben, allerlei Güter und Ehren von ihm damit zu erbitten: – jetzt erbitt' ich kraft des Ringes nur die eine Gunst, – allen irdischen Gütern und Ehren entsagen zu dürfen.«
      »Er wird sich nicht weigern,« sprach Herr Hermann, 
       und nahm den Ring an sich. »Ich stehe dafür ein.«
      Der Hochmeister schrieb nun Briefe – zwei – in der Bücherei des Schlosses. Am Abend noch sandte er gut berittene Boten mit dem einen Schreiben aus. Am andern Morgen schickte er das zweite, einen Bericht der Vorgänge, in welchen die beiden Ritter den Tod gefunden, und des ganzen Schicksals Friedmuths an den Kaiser.
      Während er so ämsig arbeitete, schritten Walther und Friedmuth, Arm in Arm verschränkt, durch den Schloßgarten.
      »Freund Walther,« sprach der Fragsburger, »schilt nicht den Deutsch-Herrn-Ritter, daß mich noch eine Sorge, eine bange Frage hier festhält.«
      »Du bist's noch nicht: erst morgen sollst du das Gelübde leisten und den Mantel anthun.«
      »Ja morgen! Dann – ich habe mir's schon so ausgedacht! – Aber die holde Demuth da oben kann ich nicht in der Burggruft bergen.« 
      
      »Nein, nicht neben Frau Wulfheids Gesippen wahrlich.«
      »Dank dir, daß du das einsiehst, gleich mir. – Glaubst du, Walther, – du bist so viel älter, weiser, als ich, – es schadet ihrem Seelenheil, – wenn sie nicht in geweihter Erde ruht?«
      Da blieb der Sänger stehn, legte dem Freunde beide Hände auf die Schultern und sprach: »Die Erde, darin 
      sie ruht, ist geweiht! Sie starb als eine Siegesheldin der Liebe. Wie Viele liegen auf dem Schlachtfeld eingescharrt, auf dem sie fielen, und nur die Treue hat ihnen das blut'ge Feld geweiht! – Ich hab' es schon bedacht,« fuhr er fort, den Freund leise weiter ziehend, – »als ich mit dem Hochmeister im Garten wandelte. – Sieh dort in jener Ecke – unter den Rosen: – sie waren deine letzten Grüße. Dort ist's so schön, wie nirgends sonst im Garten! Ein Vögelein sang heute früh noch in dem blühenden Busch: – wohl ist die Sommersonnwende schon vorbei: aber sie nehmen's nicht so streng mit dem 
       Ablauf der Zeit, in der der liebe Gott sie zu singen verpflichtet hat: – sie singen ihm gern darüber hinaus was vor. – Ein Rothkehlchen war's: – die sind die sinnigsten von allen, sind eigentlich gar keine Vögel: gute Holdchen sind's. – Und da stehen dicht daneben, weiße Lilien: – hier, Friedmuth. wollen wir das Kind begraben.«
      Und so geschah's.
      Noch am Abend dieses Tages waren Hezilo, der Innerhofer und seine Tochter auf die Burg gerufen worden, das Geschehene und den Beschluß des Vogtes zu vernehmen.
      Wohl zuckte der treue Hezilo zusammen: »Nach Preußenland!« stammelte er. »Das ist der Tod! Das ist das Grab. Sie sagen, Keiner kehrt von daher zurück.«
      »Ich gewiß nicht, mein lieber Bub',« sprach Friedmuth. »Nein – Katharina, erschrick nicht! Er darf nicht mit: – ich nähm' ihn nicht, – auch wenn er wollte. Auch Oswin nehme ich nicht mit 
       der darum bat. Ich geh' allein. – Für euch ist gut gesorgt.«
      »Wer wird nun Vogt?« fragte der Innerhofer bekümmert.
      »Sei ohne Bangen: der Größte, Herrlichste im Reich. Du Katharina, komm: dir hab' ich ein hoch Geschäft bestimmt! Du sollst mit deiner kundigen Hand mir das Leichentuch fertigen, in dem wir Frau Demuth zum Grabe tragen.«
      »O, wie gerne,« rief das Mädchen mit feuchten Augen. »Hezilo hat mir von ihr erzählt: – wie schön sie war, – wie sie Euch gerettet hat, – wie gut sie war.«
      »Ja, sie war gut,« sprach Friedmuth. »Du aber sollst ihr die letzten Ehren von Frauenhand erweisen; du bist es werth: dein Hezilo hat mir berichtet, wie du gern entsagt hättest, gern ihn einer Andern gegönnt, um ihn zu retten. Wie du aber das Leichentuch fertigen sollst, – das sag' ich dir. Ich gebe dir auch den Stoff dazu: – in solchem ward noch nie ein Weib zu Grab getragen.« 
      
      Die Nacht über brannte eine Ampel, mildes Licht verbreitend, in der kleinen Kapelle.
      An der Leiche wachte und betete still Friedmuth. Manchmal richtete er das Auge von dem edeln bleichen Antlitz hinweg durch das Fenster in den nächtigen Himmel, der voll von Sternen stand: er suchte mit seinen Gedanken, mit seinem Sehnen auf einem dieser Sterne ihre Seele.
      Einmal kam, von dem Lichte gelockt, wohl auch vom Duft der vielen Blumen, mit denen Katharina das ganze Todtenlager überschüttet hatte, durch das offene Bogenfenster ein großer, dunkelfarbiger Nachtschmetterling geflogen. Er schwebte über der weißen Stirn, die von Rosen dicht umrankt war, ließ sich, nur einen Augenblick, darauf nieder, und flog leise, leise wieder hinaus: träumerisch schaute der Trauernde seinem Fluge nach, bis der im Dunkel verschwand.
      Am frühen Morgen aber – hell glitzerte der Thau auf dem Gras und den Büschen des Gartens – 
       trugen sie die holde Todte hinab aus dem Schlosse, das sie nur betreten hatte, darin zu sterben. Der Reiz des Lieblichen auf diesen sanften Zügen war nicht gewichen: aber der feierliche Ernst und die Marmorblässe des Todes hatten sie wunderbar geweiht, veredelt und verklärt: sie glich einer todten Königin, einer Märtyrin, die im Siege starb.
      Weiß war das seltsam lange, breite und schwere Grab-Tuch, in welchem, statt auf einer Tragbahre, die leichte Last geführt wurde. Friedmuth hatte das Haupt und die Schultern gefaßt, seine beiden Freunde die Füße. So schritten sie langsam die Treppe der Burg hinab in den Hof. Hier schlossen sich die Leute von Goyen, die Knechte und die Mägde des Hauses, die Reisigen des Hochmeisters an: aber blos bis zu der schmalen Thüre des Schloßgartens. Durch diese traten nur die drei Träger, gefolgt von Hezilo, Katharina und deren Vater. Bald standen sie an dem Grabe, das Friedmuth ganz allein am Abend des vorigen Tages aus dem Moosrasen ausgehoben und 
       geschaufelt hatte. Keine Glocke klang: aber die Lerchen stiegen, ihre hellen Lieder schmetternd, vom Thalgrund bis zu der Höhe der Burg hinauf und sangen ganz nah' über dem Grabe.
      Neben dem offnen Grabe stand der schlichte Sarg, welchen die Burgleute auf Walthers Anordnung schon am Nachmittag vorher gezimmert hatten.
      Vorsichtig ward die schmale Gestalt in den Sarg gelegt, indem Friedmuth das lange weiße Wolltuch, auf welchem die Todte getragen worden war, nun unter ihr hervorzog: er breitete es über den nächsten Strauch. Von diesem überhangenden Rosenstrauch streifte der Frühwind einzelne Blätter ab und streute sie über die Leiche, welche Katharina ganz in weiße Leinentücher geschlagen hatte: noch einmal küßte er die edle Stirn. Nun führte ihn der Hochmeister sacht einen Schritt zur Seite. Er sollte nicht sehen, wie Walther und die Männer von Goyen den gewölbten Deckel mit den vier hölzernen Zapfen über der Gestalt schlossen. 
      
      Als dies geschehen war, senkten sie leise, schauernd, das leichte Gezimmer in die schwarze Tiefe. Nur noch einmal, als der Sarg dumpf aufstieß auf den Boden der schwarzen Höhlung, und ein par gelöste Erdschollen dumpfen Tones darauf nieder rollten, schrie Friedmuth laut auf in wildem, heißem Weh und warf sich leidenschaftlich auf die Kniee, mit beiden Händen in die Tiefe langend.
      Aber sofort faßte er sich wieder.
      Er sprang auf und schritt zu dem Strauch, über welchen er das weiße Leichentuch gespreitet hatte: mit rascher Bewegung warf er es um die Schultern: – da zeigte sich ein schwarzes Kreuz auf der linken Seite: das Leichentuch war ein Mantel.
      Er wickelte den ganzen Leib fest in die starken Falten, bog das Knie vor Herrn Hermann und sprach: »An diesem Grab sag' ich der Welt für immer ab. In diesem Mantel will ich einst begraben sein: mein Meister, nimm mich hin.«
      Und Herr Hermann legte ihm beide Hände auf 
       die Schultern, beugte sich über ihn, küßte ihn auf die Stirn und sprach:
      »Friedmuth von Fragsburg, ich nehme dich als Bruder auf. – Nun schwöre mir zu: willst du dem Orden treu sein?«
      »Ich schwör's. Bis in den Tod!« sprach Friedmuth.
      
      
    



      Einundzwanzigstes Capitel.
      Friedlich sank die Abendsonne in dem Vigil-Thal, das den Eingang in das Enneberger Thal bildet, südwestlich von Brunneck, und grüßte mit warmem Lichte die ernsten Mauern des Klosters Sonnenburg.
      Heute liegen sie zerfallen; nur ein halb zerbrochener, muschelförmiger Weihkessel von schöner Steinarbeit im Vorhof und ein zierliches romanisches Fenster-Säulchen im ersten Stock erinnern jetzt noch an die alte Bestimmung und die alte Pracht dieser Stätte.
      Damals aber ragten die stolzen Mauern stattlich, beherrschend empor.
      Vom fernen Hintergrunde des Thales her schauten die hohen Häupter der dunkel bewaldeten Berge feierlich herüber: die Rienz und der von Süden her 
       eilende Gaderbach schienen Blut und Feuer dahin zu wälzen; bald flammend, bald tief dunkelroth färbte beide Gewässer die Spiegelung des erglühenden Himmels.
      Das Gastgemach für Fürstinnen, andere hohe weibliche Gäste, und für den Bischof, den einzigen Mann, welcher, außer dem Beichtvater, das Innere des Klosters betreten durfte, war ein mit düsterer, feierlicher Pracht ausgestattetes, hochgewölbtes Gelaß.
      Den Mittelgrund des Gemaches krönte ein thronähnlicher Stuhl, auf zwei Stufen, ähnlich dem »Dais«, von welchem herab die Lehen vergeben wurden, in starkgezogenen, geradlinigen Formen. Eine in Wälschland erworbene eherne Taube mit versilberten Flügeln, einem Schnabel von Gold, und mit Augen von Rubinen, schwebte an dünner, goldgeflochtener Kette hoch vom Gebälk über dem Stuhl, und drehte sich manchmal leise, bei dem Schalle lauter Stimmen, – wie beschwichtend, mahnend. Die steil aufragende gepolsterte Rückwand des Thrones war von schmalen 
       Säulen aus geschwärztem Eschenholz eingerahmt welche die Gestalten der Apostel Petrus und Paulus trugen: zwei wagrechte, ebenfalls schwarze Rund-Hölzer bildeten die Armlehnen.
      In dem Stuhle saß in dunkelveilchenfarbenem Gewand ein hoher Greis; ein gleichfarbig Seidenkäpplein bedeckte das Haupt, von schneeweißem, dünnem Haar wie von einem Kranz umsäumt: weiß waren sogar die Brauen, unter welchen mächtige Augen hervorschauten, Augen, gewohnt seit mehr als vier Jahrzehnten Seelen zu durchdringen und zu beherrschen.
      Auf dem großen viereckigen Eichentisch in der Mitte des Sales lag verstreut allerlei kostbarer Frauenschmuck und daneben eine starke Rolle von Goldblech, von der Art derer, in welchen man Urkunden aufzubewahren pflegte. Neben dem Tisch aber, die Rechte darauf gestemmt, und zu den gewaltigen Greis empor blickend, stand Frau Wulfheid, mächtig erregt.
      Denn sie hatte soeben ihren Bericht, ihre Erzählung geschlossen. Ihre Wangen brannten, ihr 
       graues Auge loderte und lebhaft wogte ihre Brust: ungeduldig erwartete sie des Bischofs Antwort.
      Dieser aber, mit halbgeschlossenen Augen das Haupt zurücklegend an die Lehne des Stuhles fragte:
      »Ist das Alles?«
      »Ja, und ich denke es ist genug.«
      »Hast du nichts verschwiegen, nichts übertrieben?«
      »Ihr solltet wissen, daß ich niemals lüge gegen meine Feinde. Ich bin viel zu stolz dazu.«
      »Ich meine: nichts, was zu 
      deinen Gunsten spricht, Tochter?«
      Hoch erstaunt sah Frau Wulfheid auf: »Noch 
      mehr zu meinen Gunsten?«
      Sie schwieg.
      Nach einer Weile sprach der Greis, mit leisem Kopfschütteln:
      »Ich muß Herrn Friedmuth schelten.«
      Befriedigter nickte sie mit dem Haupt: er aber fuhr fort: 
      
      »Denn er hat dich schlecht gezogen. Gehorsam, Ehrfurcht hast du nicht gelernt vor deinen Obern; nach weltlichem Recht: vor deinem Eheherrn, und nach geistlichem: vor deinem Bischof.«
      »Ich werde Zeit genug haben, die zweite Tugend zu lernen – im Nonnenschleier. Aber vorher will ich Antwort. Ist es wirklich so, wie er und der Vogelweider sprachen? Können wirklich Mitpathen nicht heirathen nach Gottes Willen?«
      »So ist es. Die großen Päpste Alexander und Innocenz haben diese Satzung festgestellt.«
      »Warum hast du – mein Ohm – mich nicht dessen gemahnt?«
      »Wie thörig! Ich war Jahrzehnte fern in Wälschland. Wie sollte ich wissen, daß ihr einmal vor Jahren mit einander Pathen gewesen, bei irgend einer Taufe?«
      »Wohlan, so bleibt es dabei. Von seiner Gnade leb' ich nicht. Wie qualvoll hat mich's umgetrieben all' diese Tage – auf dem Wege von meinem Hause 
       nach Brixen, und dann hieher, bis ich Euch endlich fand, – ob es eitel Lüge und Erfindung sei. Nun kehre ich nie zu ihm zurück.«
      »Gewiß nicht. Als dein Bischof würde ich es, nachdem ich um jenes Hinderniß weiß, nicht dulden dürfen, wenn du es noch so heiß verlangtest! und ob du zehnmal darum sterben müßtest.«
      »Aber Ihr werdet auch nicht dulden, daß er – auf 
      meiner Burg! – mit jener Hexe lebt: Ihr werdet solches Ärgerniß nicht verstatten! Denn ich klage sie an auf Zauberei! – Hört Ihr?«
      »Verlaß dich darauf: die Kirche duldet kein Ärgerniß und straft die Zauberei. Und ganz besonders mich hat der heilige Vater auserkoren, die in diesen Bergen leider nicht seltnen Werke der Magier und mit den Dämonen buhlenden Weiber auszutilgen: – muß es sein: auszubrennen.«
      Sie athmete hoch auf: »Ich will mein Recht! Hört Ihr's?« 
      
      »Zweifle nicht, dein Recht, – dein volles, – soll dir werden.«
      »So will ich denn in dieses Kloster treten, wie Ihr mir wiederholt in diesem Jahr angeboten,«
      »Als du Wittwe schienst und schwer bedrängt warst.«
      »Und zwar – wie Ihr das angedeutet – als Äbtissin. Der Platz ist ja frei, Ihr schriebt es. Denn zu dienen hab' ich nicht gelernt. Wo ich lebe, da will ich, nein: da muß ich gebieten. Ihr zögert! Wie? Nicht nur meinen Erbschmuck dort, – nicht nur mein vorbehalten Frauengut, – die ganze Fragsburg selbst mit allen Zubehörden von Wunn und Weide, von Vogteiherren-Rechten und von andern – so lang ich lebe wenigstens – bring' ich dem Kloster zu. Ich denke, ich kaufe mich mit all' dem Sach nicht billig ein in jene Würde. – Ihr überlegt? – Es wird darüber vielleicht zum Rechtsstreit kommen, aber wir werden, wir müssen obsiegen! Denn meine beiden Vettern liegen todt und der Herr von Schänna hat Anrecht auf die Fragsburg nur, so lang' ich seine Gattin.« 
      
      »Es kommt nicht zum Streit darüber.«
      »Nun! Was bedenkt Ihr dann noch?«
      »Ich überlegte, ob ich dir ohne Zustimmung Herrn Friedmuths den Schleier geben darf. Ich darf es: er ist nicht dein Eheherr, wie nun zu voller Kenntniß der Kirche gelangt ist. Und da er nicht dein ehelicher Muntwalt ist, bin ich, dein nächster Schwertmag, deines Vaters Bruder, selbst dein Muntwalt. – Ich glaube selbst, – ja, ich bin ernst davon durchdrungen, – 's ist für dein Seelenheil das Beste.«
      »Jedoch« – und sie furchte finster die buschigen Brauen, – »noch Eins! Ich kann nicht Nonne werden, wenn Vorbedingung ist, daß ich Herrn Friedmuth und – ihr – seiner Zauberin vergebe: ich 
      kann nicht verzeihen, – ich werde nicht vergeben.«
      »Das? – Das ist kein Hinderniß. – Jedoch, bedenk' es wohl: unwiderruflich ist das Gelübde. Von den Fristen, von der Überlegungszeit kann der Bischof entbinden: – soll ich's thun?«
      »Ich bitt' Euch drum, ich will, ich fordere es. 
       Meine Entschlüsse sind von Eisen: ich nehme sie nie zurück.«
      »Wohlan! So lege hier in meine Hand das Gelübde ab, – der Armuth, der Keuschheit und des Gehorsams für immerdar.«
      Frau Wulfheid warf noch einen kurzen Blick auf die Urkundenrolle. – »Ja, ich will's,« sprach sie dann herb.
      »So kniee nieder! – Nein, auf 
      beide Kniee. Ich nehme vorläufig nur dein Handgelübde, aber es gilt an Eidesstatt: – die feierliche Form folgt bei der Einkleidung.«
      Sie gehorchte und sprach ihm die Formel nach. Dann erhob sie sich rasch.
      »Hier,« sprach sie, auf den Schmuck weisend, »schon jenes Halsband würde genügen, den Mantel der Äbtissin reich zu bezahlen.«
      »Äbtissin,« sprach der Alte ruhig, »wirst du nicht.«
      
      
    



      Zweiundzwanzigstes Capitel.
      »Wie?« rief sie heftig, zornerglühend, »Ihr habt mir's selber angetragen!«
      »Ich hatte dich lange Jahre nicht mehr gesehen. Und vor Allem – du hattest noch nicht gethan, was du mir jetzt berichtet hast.«
      »Was soll das? Was hab' ich gethan?«
      »Schweres, sehr schweres Unrecht.«
      »Ich? Ha, jene beiden –«
      »Thaten dir kein Unrecht. Du selbst bezweifelst nicht: sie handelten in gutem Glauben. Ob Gott dadurch gekränkt ist und sein heilig Sacrament, das muß der Ewige selbst entscheiden, – der dies so gefügt oder doch so zugelassen hat. Du aber konntest, was du jetzt bist, Nonne werden, ohne zu vergeben. 
       Denn du, Schwester, du 
      hast nichts zu vergeben. Du hast vielmehr an jenem Tag, in jener Nacht –«
      »Mein Recht hab' ich gefordert! – Und da es mir nicht in Güte ward, hab' ich's erzwingen wollen: ist das Unrecht?«
      »Du hast nicht nur dein Recht, – Rache, wilde heiße Rache hast du gesucht mit Mordgedanken. Nein! Nicht blos mit Mordgedanken: – mit versuchter That des Mordes! Du hast – mehr als einmal – die Waffe gezückt gegen die Fremde.«
      »Gottes Fluch schlage den Klimprer, der diese Waffe zweimal von ihr gewehrt!«
      »Mit solchen Flüchen wird man nicht Äbtissin. Bereue deine Sünden, Schwester!«
      »Ich thät's nochmal!« sprach sie heiser.
      »So bleibst du so lang' in harter Klosterzucht, als dienende Schwester, bis du bereuest. Und zwar theil' ich dich zu besonderm Dienst einer Schwester zu, von der du jede Tugend lernen magst: zumal die, welche dir zumeist gebricht: die Demuth.« 
      
      Wulfheid zuckte bei diesem Wort: »Und wer ist diese tugendreiche Schwester?«
      »Eine Frau, welche, seit zwei Jahren hier im Kloster lebend, Alle, Alle in jedem Vorzug der Nonne nicht nur, nein des Weibes, überstrahlt. Und blos deßhalb hab' ich so rasch dich, obzwar du noch so völlig unvorbereitet, aufgenommen als dieses Hauses unwürdige Genossin. Denn die Einzige, der ich es zutraue, daß sie vielleicht – im Lauf der zermürbenden Jahre – dein hartes Herz erweichen und Christi würdig machen kann, lebt unter diesem Dach. Ein Weib, das vor vielen Tausenden gesegnet war durch Alles, was in der Welt draußen ein Frauenleben schmücken, beseligen und krönen mag. – Ich kenne jede Falte ihres Herzens – und jeden Schmerz ihres schmerzenreichen Lebens! Sie hat sich bisher beharrlich geweigert, die Würde der Äbtissin anzunehmen. Jetzt werd' ich ihr 
      befehlen, zu gehorchen. Ihr wirst du dienen: – ihr eifre nach.«
      »Wer ist die Hochgepriesene?« 
      
      »Schwester Irene hab' ich sie hier genannt: in der Welt hieß sie Gioconda von Paluzzo.« – Er griff nach einer rothen Schnur, die von der Decke herab hing, und zog leise.
      Hell klang draußen vor der Thür eine Glocke. Herein trat eine hohe Frauengestalt, in der Tracht der grauen Schwestern von Sonnenburg, tief das schöne Haupt vor dem Bischof beugend.
      »Schwester Irene,« sprach dieser, »Ihr seid Äbtissin. – Still: – ich gebiet' es. Und ich übergeb' Euch diese neue Schwester. ›Submissa‹ soll ihr Klostername sein. Sie bittet Euch demüthig, ihre Dienste anzunehmen. Sie ist es, von der ich gestern mit Euch sprach.«
      Da richtete Schwester Irene die ernsten, traurigen, wunderschönen Augen auf Frau Wulfheid: sie schwieg: niemand hörte den leisen Seufzer ihrer kaum geöffneten Lippen.
      »Wie? Gestern schon, bevor ich kam?« fragte Wulfheid, erstaunt sich zu dem Bischof wendend. 
      
      »Ja, denn schon vorgestern erhielt ich Botschaft von dem Geschehenen.«
      »Durch – ihn?«
      »Nein! Durch den ruhmeswürdigen Hochmeister der deutschen Herrn, Hermann von Salza.«
      »Seinen Freund!« rief Wulfheid stirnrunzelnd. »Er ist mein Feind.«
      »Nein, wahrlich nicht! Er kam gleich nach deiner Flucht auf die Fragsburg. Er schrieb mir Alles, was gescheh'n. In Einem Stück muß ich dich loben, Schwester Submissa: du hast nichts verschwiegen, du hast dich nicht beschönigt. Viel günstiger für dich, als du selbst, hat er, der maßvollste der Männer, über dich berichtet.«
      Heftig auffahrend wollte Wulfheid erwidern: aber da legte Schwester Irene mahnend einen Finger an den Mund und sah sie mit großen Augen tief ernst, doch gütig an: da schwieg Frau Wulfheid. Ehrfurcht faßte sie vor dieser Frau.
      »Die Frau Äbtissin weiß von Allem. Du aber 
       höre nun: du kaufst dich nicht durch Simonie in's Kloster ein. Die Fragsburg fällt als erledigt Lehen an das Reich. Kaiser Friedrich selber wird dort Vogt. Denn der Herr von Fragsburg ward Bruder der deutschen Herren und zieht gen Preußenland.«
      Wulfheid wankte. »Und?« – Sie konnte nicht sprechen.
      »Und seine Ehefrau ›Demuth‹ ist plötzlich gestorben.«
      »Ha! Sie hat sich selbst gemordet!« brach es nun heiß aus ihr hervor. »Sie ist in Ewigkeit verdammt,« jubelte sie.
      »Nein! Denn sie that's in äußerster Verwirrung des Herzens. Ich bin gewiß, daß ihr der Herr verzeiht. – Weh aber jenem sündhaften Sinn, der sie mit wilder Wuth in die Verzweiflung trieb! – – Ihr seid entlassen, beide: doch noch Eins. Der heilige Vater hat geboten, daß in allen Klöstern das letzte laute Gebet nach der Abend-Cena gesprochen werde für den deutschen Orden, der bald schwer bedrängt im 
       Preußenlande ringen wird: ein Jahr lang vorläufig. Sorgt, Frau Äbtissin, daß dies streng befolgt wird. Und außerdem betet – so gebiet' ich – dies Kloster – einen Monat lang – für jene arme Seele, die in Verzweiflung starb. Morgen, Frau Äbtissin, haltet Euch bereit, den Mantel fürstlicher Würde zu empfangen, und feierlich Schwester Submissa einzukleiden. Dies ist mein letzt' Geschäft im Kloster. Von hier geh' ich auf die Fragsburg und weihe ein einsam Grab.«
      
      
    



      Dreiundzwanzigstes Capitel.
      Im alten Preußenlande, hinter dem kurischen Haff, im Osten, und dem frischen Haff und der Danziger Bucht, im Westen, »wandert« die Düne: heute noch wie vor sechs Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden.
      Der uralte Sand der See bildet die Grundlage des Festlandes viele, viele Meilen weit nach innen. Wohl ist diese thurmhohe Sandschicht vielfach überkrustet von einer dünnen Heide-Narbe. Aber auch diese reißt gar oft die rasende, bohrende Gewalt des Sturmes auf und sie wühlt dann tiefe Furchen in den Sand, so daß man hier von Sand-Schluchten, wie in den Alpen von Felsen-Schluchten, sprechen mag.
      Andere Striche sind Sumpf, sumpfige Wiesen, mit einzelnen Eichenbeständen, während aus dem 
       Heidesand die magere Föhre, die verkrüppelte Kiefer zäh empor ringt: freudlos, traurig, in schwerem, hoffnungsarmem Kampfe mit den erbarmungslosen Stürmen. Bei Elbing stehen die letzten Buchen; nur Menschenhand kann sie bewegen, weiter östlich sich zu wagen.
      Mag es Sand-Heide sein oder Moor-Erde, – »Unland« bleibt es immer: so nennt treffend es der Ackersmann, welcher der einförmigen, unfruchtbaren Öde nichts abzuringen vermag.
      Das Gras ist so sauer, daß selbst die Ziegen es verschmähen. Das dürre Heidekraut dient nur zum Verbrennen. In dem Wachholder-Gestrüpp, dem »Kaddig«, singt die Drossel nicht. Alles ist hier todtenstill, unbelebt. Nur nach dem Wasser hin streicht mit trägem Flügelschlag eine Schar der immer hungrigen Kormorane – oder die heiser krächzende Nebelkrähe mit grauem Leib, schwarzen Flügeln und schwarzem Kopf. Die schmalen Rinnsale gelbbrauner Quellen gelangen selten in die See: sie 
       versickern in den versumpfenden Teichen, voll gelben, giftiggrauen Schlammes und schwarzgrüner Binsen; oder sie verschwinden, aufgesogen in dem vertorften Moor.
      Nun fehlt es ja heutzutage – nachdem deutscher Arbeitsfleiß seit sechs Jahrhunderten daran geschafft – nicht an fruchtbarstem, herrlichsten Lande, das reichlich Getreide trägt. Aber sehr vieler Boden ist doch auch heute noch: »Unland«.
      So niedrig liegt meist das Land, daß das Haff oder die See, stiegen sie nur um wenige Fuß, die ganze Ebne überfluthen würden.
      Und über all' dies eintönige, zum Sterben traurige Ödland hin »wandert« weit, weit in das Innere hinein die Düne.
      Alles überfluthet, Alles begräbt sie, vom Winde fortgetragen, in ihrem grobkörnigen Sande. Das raschelnde, trockne Dünengras vermag sie nicht zu binden. Sie steigt über Mauern, über Kirchen und Kirchthürme: leise, langsam, kaum merklich, aber 
       unablässig, unaufhaltbar, Alles unter sich bergend, ganze Dörfer, ja sogar Wälder. Auf der frischen Nehrung standen die Dörfer Narmel und Narmedien: wo sind sie hingeschwunden?
      Auf der kurischen Nehrung verschüttet bei Sturm in einer Stunde der Triebsand, der Flugsand Reiter, Roß und Wagen. Thurmhoch steigen die Dünen auf, achtzig Fuß hoch, weiß oder gelbweiß im blendenden Sonnenschein, dunkelveilchenblau, drohend, im Schatten der Wolken: – streift dann ein Mövenschwarm darüber hin und geräth er in den Bereich des Lichtes, so glitzert die Luft wie blitzender Schnee.
      Die meisten Dünen haben keinen Namen, – denn sie wechseln und wandern.
      Am zähesten leisten noch die Wälder Widerstand: aber der glasharte Quarzsand zerfrißt die Rinde, den Splint: – Alles vertrocknet, auch die Zweige, auch die Wipfel, welche noch nicht verschüttet sind.
      Nach Jahrhunderten weicht die Düne weiter: 
       dann ragen die todten Bäume aus dem Boden: Fuß tief im Innern voll von Moder.
      Dann stehen auch, nach Jahrhunderten, die begraben gelegenen Dörfer und Einzelhöfe wieder auf, – der Dünenwall ist weiter und weiter gezogen.
      Der Wind spielt nun mit den Trümmern, mit dem Wenigen, was die Menschen bei ihrem flüchtenden Davonziehen vor dem Alles bewältigenden Sande zurückgelassen hatten in den niedern, stets nur einstöckigen Hütten.
      Aber der Wind, der nun freien Zugang hat, deckt jetzt auch auf dem Kirchhof die Gräber auf. Er wühlt die deckende Sandschicht hinweg und rollt die Schädel, die verstreuten Knochen der Todten vor sich her, bis sie der Regen, der Schnee, das Eis, der Wind selber zerfressen, verschneit, verblasen hat.
      Nur schwere Grabsteine schützen die ihnen anvertrauten Todten vor solchem Geschick.
      Inschriften auf solchem Gestein werden vortrefflich erhalten unter dem Schutze des trockenen Sandes, 
       der Wasser und Luft und jeden Ansatz verwitternden Anwuchses viele, viele Fuß hoch fern von ihnen hält.
      Was im Großen von den ungeheuren Dünen-Wällen gilt, die Kirchthürme und hohe Föhren übersanden, das zeigt sich auch sonst in diesem Küstenlande manchmal im Kleinen, wenn mäßige Sandhügel, flacheren Dünen vergleichbar, niedrige Bauten der Vorzeit lange vergraben halten und allmählig wieder freigeben.
      So ist vor Kurzem westlich von Elbing eine wenig beträchtliche Sanddecke verschwunden.
      In jener Gegend lag, nach allen Berichten der Vorzeit, nie eine Siedelung der Menschen. Vielmehr wird dorthin durch die Sage verlegt die Stätte einer alten, viel umstrittnen, kaum mannsbreiten Furt, welche in der Zeit der deutschen Herren allein hier durch all' umgebende, Roß und Mann verschlingende Sümpfe führte.
      Da fand man, nachdem Menschenhand den Rest 
       der Sandwelle völlig hinweg geschaufelt, ein seltsam Bauwerk.
      Eine kleine, niedrige Betkapelle schien es, deren altargleichen Mittelpunkt eine mächtige Steinplatte über einer Gruft bildete. Im Osten der Elbe kommen solche Bauten sonst fast nirgends vor. Im Süden Deutschlands, soweit der Strom italienischer Kultur drang, begegnen sie häufiger: denn die Heimat dieser Todten-Kapellen, Todten-Oratorien ist Italien.
      Das Dach fehlte: der Sturm mochte es fortgerissen, die mannshohen Schneelasten des endlosen preußischen Winters mochten es eingedrückt oder benachbarte Bauern die Steine und Balken davongetragen haben, schon lange bevor der Sand es begrub. Ebenso war das Gemäuer der Vorderseite, welche die einzige schmale Eingangspforte enthalten hatte, verschwunden. Aufrecht stand die Hinterwand: nur war sie an beiden Ecken, wo die Seitenwände in rechtem Winkel anstießen, zertrümmert.
      Gut erhalten aber war der mächtige, Manneswuchs 
       weit überragende Grabstein, welcher fast die ganze Länge der nur vier Schritte in der Tiefe, zwei Schritte in der Breite messenden Grab-Kapelle bedeckte.
      Wer hatte diesen Stein hierher bringen lassen?
      So weit her!
      Denn rother Porphyr war es: wie er in den Alpen, am schönsten in dem Etschthal, vorkommt. Nur wenig war der harte und edle Stein an den Kanten verwittert, abgebröckelt. So an dem obern Ende das Wappenschild: es waren wohl drei Sterne gewesen.
      Die lange lateinische Inschrift aber, die ihm eingegraben, war zum größten Theil noch lesbar: die Reste besagten – in deutscher Übertragung – etwa Folgendes:
      »... nach des Herrn Geburt im Jahre eintausendzweihundertsiebenunddreißig, nachdem die junge Burg Elbing von den Heiden überfallen und verbrannt ... den Rückzug des hart 
       bedrängten Ordensheeres, zumal das heilige Sacrament, zu retten vor der grimmen Heiden Überzahl, erbot sich freiwillig, allein hier auszuhalten, die schmale Furt des Moors vertheidigend, der ehrenreiche und edle Comthur der Werderburg von Sanct Marien, Ritter Friedimuth ... ihm danken das Leben der Landmeister selbst, mehr als zwanzig Ritter und zweihundert Knappen ... sogar die Heiden ehrten den Todten durch Bestattung seiner Leiche, in seinem Panzer und seinem Mantel, den fünf Pfeile durchbohrt, an diesem Orte seines Heldentodes ... Jahre später haben zu seinem Andenken hier dies Bethaus erbaut drei Männer und zwei fromme Frauen: der Hochmeister Herr Hermann von ..., der dankbare Landmeister Herr Hermann Balka, Herr Waltharius ..., die Äbtissin Irene und deren Freundin, die Priorin Submissa, beide des Klosters ... Diese beiden Frauen haben den Stein, aus des Ritters Heimat an der Athesis, gestiftet. Die 

       Äbtissin hat ihn selbst hieher gebracht. Erkrankt von der Mühsal der weiten Reise, starb Frau Irene, einsam im Gebet an diesem Steine knieend. –

      Herr Friedimuth war Allen im Orden sehr theuer gewesen: nun lohnt der reiche Gott im Himmel ihm ewig seine Treue.«

    

