

      Felix Dahn
      Die Kreuzfahrer.
      Erster Band
      Erzählung aus dem dreizehnten Jahrhundert
      Leipzig
      Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel
      1888
      Fünfte Auflage.
      
       
       
      
       
       
      Frau Katharina Boscarolli
       auf Schloß Rametz bei Meran
       zu eigen.
       
       
      
       
      
    



      Erstes Buch.
       Am Saum der Wüste.
      
       
      
      Erstes Capitel.
      Das Kreuzheer, welches Kaiser Friedrich der Zweite, der Enkel des Rothbarts, in das gelobte Land führte, war, von Cypern aus überfahrend, am siebenten September des Jahres zwölfhundertachtundzwanzig in Akkon gelandet und von hier die Küste hinabgezogen gen Süden bis nach Joppe.
      In dieser Stadt machte man Halt, alsbald wurden Verhandlungen eröffnet: Sultan Alkamil von Ägypten hatte vor Kurzem seinem Neffen, dem Emir Annasir Daud von Damaskus, die heilige Stadt Jerusalem und ein Stück von Syrien entrissen und schickte sich an, das ganze Emirat Damaskus zu erobern.
      Diesen in Krieg auflodernden Erbstreit unter den beiden Häuptern der Ungläubigen hoffte Friedrich, der 
       Statskunst nicht minder als der Feldherrnschaft ein Meister, verwerthen zu können: Verträge sollten dem Kreuzheer das Waffenwerk wesentlich erleichtern.
      Aber Vorsicht war geboten.
      Ob die Verhandlungen glücken, ob sie scheitern würden, – Niemand vermochte das vorher zu sagen. Und im Heere wußte man gar nicht, welcher der beiden Parteien der undurchschaubare Sohn Heinrichs des Sechsten, der den Geist überlegener Statskunst von seinem Vater geerbt hatte, sich schließlich zuneigen werde, mit wem er die geheimnißvollen Botschaften austausche, welche seine bis in den Tod ihm ergebnen und tief verschwiegnen sicilianischen Araber aus dem Lager vor Joppe in die Wüste hinein trugen, in unbekannter Richtung verschwindend ...
      Einstweilen aber – das war allbekannt – rückten die Heere der beiden Fürsten, das ägyptische von Süden, das damascenische von Nordosten drohend gegen Joppe heran. Kam es nicht zur Verständigung, so konnten der Oheim oder der Neffe – oder vielleicht, 
       nach einem der in diesem Lande so häufigen Umschläge der Interessen oder der Stimmungen, beide – plötzlich über die kleine Streitmacht des Kaisers herfallen, ihren bisherigen Hader in den gemeinsamen Haß gegen die »Franken« versenkend. Deßhalb hatte der kriegskundige Staufer nach den beiden bedrohten Seiten hin Vorposten ausgeschickt, welche, ein par Tagmärsche vor Joppe, in günstiger Stellung jede Annäherung der Feinde beobachten und rechtzeitig melden sollten nach rückwärts.
      Gegen Nordosten, wider Anuasir Daud, hatte man nur ein par schwache Fähnlein ausgesendet: deutsche Kreuzfahrer waren es: Ritter aus dem Allgäu, aus Vorarlberg, aus den Thälern von Inn und Etsch: – meist königliche Dienstmannen, Ministerialen des Reichs, mit ihren berittenen Knechten.
      Sie hatten Stellung genommen auf dem letzten sanften Höhenzug, der dicht vor dem Saum der großen Wüste hin lief.
      Ein dünnes Rinnsal salzigen, kaum trinkbaren 
       Wassers sickerte hier durch Sand und Steine zu Thal.
      Auf der Hügelkrone wiegten drei Palmen ihre stolzem Federn gleichenden Äste leise, wie träumerisch, im Abendwinde. –
      Im Westen, im Rücken des deutschen Lagers, sank rasch die Sonne: ein dunkelrother, matt glühender Ball, ohne Strahlen: Dunst und Qualm, aufsteigend aus dem Hitze brütenden Boden, umschlossen bleigrau die glanzlose Scheibe.
      Ein Aasgeier, den langen, nackten Hals weit vorgestreckt, flog mit trägem Flügelschlag, hin und wieder heiser kreischend, langsam der Wüste zu.
      Unter den Palmen hatte man auf dem heißen Sande, den kein »Franke« hätte unbeschuht beschreiten können, mittelst eines alten Segels und einiger gekreuzt eingerammter Speere ein höchst einfaches Zelt aufgeschlagen: es war ein dürftig Obdach: – fast nur ein Schattenwinkel.
      Außer den an Stamm und Blättern vom Wüstenstaub 
       gelbbraun überkrusteten Palmen: – ringsum, so weit das Auge sah, keine Pflanze.
      Nur an dem salzbrakigen schmalen Geriesel reckten hie und da spärliche Halme des Wüstenhafers ihre stachligen Rispen starr empor.
      Von dort her schritt eine hohe, schlanke Gestalt langsam gegen das Zelt hin: es war der Ritter, der hier befehligte.
      Er führte am Zügel ein Roß, das, müde zum Sterben, den Kopf hängte.
      Den schweren Sattel trug er, an dem Speer befestigt, sammt dem langen schmalen Schild auf dem Rücken; oft bückte er sich, brach wählerisch einzelne saftigere Halme, rieb sorgfältig die scharfen Randspitzen an der Scheide seines breiten Schwertes ab und reichte dann auf der flachen Hand das magre Kraut dem edeln Thier, das mit dankbarem Blick sein Auge suchte.
      Vor dem Zelt angelangt, übergab er Schild, Speer, Sattel und Zügel einem jungen Burschen in 
       grünem, nur bis an die Kniee reichenden Woll-Wamms, der eilig aufgesprungen war von dem braunen Lodenmantel, darauf er geruht. Lichtblonde, fast weiße Haare umstanden ihm das runde Haupt, ganz kurz- und kraus-gelockt, fast einem Vließe vergleichbar, kaum niedergehalten von dem niedrigen Barett, von dem der Busch des Silberreihers nickte: seine lachenden Blau-Augen waren das einzige Heitere, was hier zu sehen war weit und breit.
      »Herr«, rief er zu dem Hochragenden hinauf, »der Abendtrunk steht längst bereit. Der Wein wird schal –, das kostbare Wasser wird lauwarm! Wie würde Frau Wulfheid schelten, ließet Ihr Euch 
      daheim so lang erwarten! – Wo wart Ihr?«
      »Vorn.«
      »Was? Abermals bei der Außen-Wache? Das sind fast zwei Stunden Weges: Wüstenweges! Und – ich seh's an dem Sand auf den Fuß-Schuppen bis an die Kniee hinauf – um den Braunen zu schonen: – zu Fuß!« 
      
      »Hast du den Abendtrunk schon gemischt, Hezilo? Nein? So theile den Rest von Kyperwein: bringe die eine Hälfte, daß wir dem Gaul die Nüstern reiben. Morgen muß er ruhen, sattle morgen das Reisepferd.«
      Der Knabe holte aus dem Zelt in silbernem Becher eine arme Neige starkduftenden Weines.
      »Hier. – Und die andere Hälfte?«
      »Die bring' ich dem kranken Herrn Heinrich von Eppan hinaus, wann ich ihn ablöse.«
      Beide waren nun eifrig beschäftigt, dem matten Streitroß Nüstern und Bug fest mit dem edeln Naß zu reiben.
      »Wie? Ihr wollt heute Nacht wieder die Lagerwache halten? Das ist die vierte Reihe, die Ihr für Andere übernehmt.«
      »Sie waren krank, – alle drei.«
      »Ihr habt das Fieber selbst!«
      »Nicht stark.«
      »Laßt mich heute Nacht für Euch –«
      Da schlang der Ritter den Arm um den Krauskopf 
       und drückte ihn an den beketteten Panzer: »Nein, Hezilo! Du mußt mir lebfrisch bleiben! Soll ich auch deine Schelmen-Augen vom Fieber verglast sehen? Das wäre mir zu viel! Und hab' ich's doch dem Trinelein in die Hand versprochen, für dich zu sorgen.«
      »Ich werd' es ihr erzählen,« sprach der Jüngling mit Dank-leuchtenden Augen, »was Ihr für mich gethan. – Aber – was nehmt Ihr nun zum Nachtmahl, Herr Friedmuth?« –
      »Das Beste, was es giebt an Speise: heimbacken Brod!«
      Der Ritter griff in eine dem schweren Sattel eingefügte Tasche und holte ein Stück steinharter Brodrinde hervor.
      »Deine Katharina reichte mir bei'm Abschied einen runden Laib Roggenbrod. ›Nehmt, mahnte das Kind. Nichts heilt auf der Heerfahrt Hunger und Heimweh wie heimbacken, herdbacken Brod. So lehrte mich der Großvater: 's ist ein alter Spruch‹ – Und ein wahrer«, schloß er und biß hinein. 
      
      »Dann sind Hunger und Heimweh bei Euch schwächer als bei mir«, lachte der Knabe. »Freilich, mein Heimweh gilt dem Trinele. – Man kann wohl nicht ebenso stark Heimweh haben nach – Frau Wulfheid.«
      Herr Friedmuth furchte die Brauen.
      »Hüt' die Zung', sonst schüppl' ich dir die krause Wolle. – Sie ist unter der Sonne die wackerste Frau.«
      »Und die Herbste! – Wie schad', daß sie kein Mann geworden!«
      »Sie hat im Wolfsbühler Walde den Eber gesperrt, der dich schon angehauen hatte. Du dankst ihr's Leben.«
      »Ich dankte es lieber jedem andern Menschen-Kind. Sagt selbst: weßhalb keine Seele sie lieb hat auf der ganzen Welt? – Ausgenommen natürlich: – Ihr!« fügte er langsam bei.
      Der Ritter sah nachdenksam vor sich hin; der Blick der großen, offnen Augen von schönem, dunklem 
       Blau war in das Leere gerichtet. Dann sprach er bedächtig: »Weßhalb? – Weil sonst keine Seele ihren Kern erkennt.«
      Und er beugte das hohe Haupt, um durch den Vorhangspalt in das niedre Zelt zu gelangen.
      »Ja, die Schale braucht Beißen!« lachte der Junge ihm nach, während er das Pferd völlig in den Schatten des Zeltes führte und die Zügel um die Schnüre und Pflöcke der Stangen knüpfte; den dreispitzigen Schild und den langen Eschen-Speer des Herrn lehnte er an die Seitenwand.
      Als er eintrat, fand er den Ritter hingestreckt auf dem dunkelblauen Mantel, der den Sandboden statt eines Teppichs bedeckte.
      Er hatte den schweren glockenförmigen Helm neben sich gesetzt; das blonde goldfarbige Haar hing ihm schlicht, ungelockt herab: über der Stirne war es wagrecht geschnitten: die streng regelmäßigen, schönen, ob zwar nicht gerade fein geschnittenen Züge waren so von dem Haupthaar auf drei Seiten geradlinig umrahmt. 
       Auch der etwas heller blonde Bart war eine Hand breit unter dem starken Kinne quer abgeschnitten: so sahen Haupt und Antlitz strenggebunden, fest bemessen aus; der gerade, offne, redliche Blick verstärkte den Eindruck schlichter Kraft und stäter Treue. Er stützte das Haupt auf die Hand und reckte die starken Glieder.
      »Der Panzer, die Kettenringe drücken,« meinte Hezilo, der neben ihm kauerte. »Laßt mich nur die heißen, staubigen Fußringe lösen.«
      »Auf der Vorhut?« schalt der Ritter und schlug die geschäftige Hand mit sanftem Streich zur Seite.
      »Auch den Bart solltet Ihr scheeren – oder scheeren lassen,« begann der Jüngling. »Kein Ritter läuft doch heut zu Tage mit solch breitem starkem Bart unter die Leute: ›Lange Locken, glattes Kinn heischt jetzt zarter Frauen Sinn‹.«
      »Ja wohl,« lachte Friedmuth. »Weil wir hier so viele zarte Frauen haben! Für die heidnischen berittenen 
       Pfeilschützen bei Tag und für die Schakale bei Nacht bin ich zier genug zu schauen.«
      Eine kleine Weile vertrug Hezilo das Schweigen. Aber nicht lang. Dann hob er, das Federbarett zurechtrückend, an: »Herr! –: Ich weiß was.«
      »Nicht eben viel!« lachte der. »Falken kirren und Herrn Walthers Lieder singen: aber falsch!«
      »Wohl, wohl! Und das Trinelein küssen, bis es nimmer weiß, ist es ein Mädel oder ein glühend Eisen. Das Alles zusammen ist auch schon was. Aber – ich weiß noch was.«
      Herr Friedmuth schien nicht gespannt auf des Falkners weitere Wissenschaft.
      »Ich weiß,« fuhr dieser lauter fort – denn es verdroß ihn, nicht gefragt zu werden – »weßhalb der graue und braune Mönch schon zweimal nach Euch gefragt hat, nicht scheuend den weiten Weg, den teufelgesegneten, von Joppe bis zu uns. Beide Male traf er Euch nicht: – Ihr wart gegen die arabischen Reiter ausgezogen. Wißt Ihr, was der von Euch will?« 
      
      »Ich will's gar nicht wissen,« lachte der Ritter.
      Hezilo schwieg, beleidigt. Er sog an einer Citrone, welche er im Gürtel trug. Ein braunes, halbnacktes Heidenkind auf der letzten Karawanenstation hatte die Frucht dem schönen Franken-Knaben, wie er vorüber trabte, an den Kopf geworfen: halb als Geschoß, halb als Geschenk der Gunst.
      »Herr,« hub er nach einer Weile wieder an, »aber was Andres weiß ich 
      nicht, was ich gern wissen möchte. Und das wißt Ihr, glaub' ich, auch nicht. Und nicht der weise Herr Hermann, des Kaisers und Euer Busenfreund, und – verzeih' mir's der heilige Albuin von Brixen! – ich meine, der großmächtige Kaiser Friedrich weiß es auch nicht!«
      Herr Friedmuth mußte lachen, so drollig sah der Schalk darein. »Nun: was wissen wir denn Alle nicht«.
      »Warum wir 
      hier sind! In diesem vielgepriesenen heiligen Land, in dem wahrlich nichts zu holen als heiße Hiebe und kaltes Fieber. Zwar, warum 
       
      ich gerade hier bin, – das 
      weiß ich! Und in dem Stück ist Hezilo wieder einmal klüger als der römische Kaiser und all sein Heer. Ich hole mir von Goyen das Trinele – Frau Sälde küsse ihre lichte Stirn! – nicht zwischen der Etsch und Passer, – zwischen Jordan und dem Meer. Aber der Herr Kaiser – und Ihr – und gar Viele im Heere haben's nicht nöthig, sich ein Weib zu holen: – hat Mancher an der Seinigen mehr als genug, und ist einsam unter die Heiden gefahren behufs einer Erleichterung! – Und ein Trinelein gewinnt doch Keiner. Denn es giebt nur Eines. Und das gehört mir!« – Er zog aus dem Brustlatz des grünen Wammses eine mehrere Finger breite Zopf-Flechte hellblonden Haares, hielt sie vor seine leuchtenden Augen, küßte sie herzhaft – zweimal – und barg sie wieder mit Sorgfalt. – »Aber 
      Ihr, Herr,« fuhr er fort, – »was thut Ihr hier zu Lande?«
      »Ei, meine Pflicht.«
      »Wie überall und immer! – Kein Mensch hat 
       je von Euch was Andres gesehn! Nun ja – Ihr seid des Kaisers Dienstmann. Aber warum ruft er Euch gerade hieher.«
      »Ist des Kaisers Sache, nicht die meine.«
      Bevor der Jüngling eine Erwiderung fand, schlug ein Reisiger die Zeltvorhänge auseinander und meldete:
      »Bruder Sebastian. Zum dritten Male kommt er von Joppe.« Friedmuth machte eine unwillige, abweisende Handbewegung. Aber der Reisige fuhr fort: »Er sagt, er bringt ein Schreiben Herrn Hermanns.« –
      Da flog ein Strahl heller Freude über Friedmuths offne Züge: er winkte rasch Gewährung.
      Hezilo rückte einen niedern Fuß-Schemel zurecht und verließ das Zelt. 
      
    



      Zweites Capitel.
      Es war eine verwundersame Gestalt, die sich nun langsam durch die Vorhänge des Eingangs hereinschob.
      Kaum mittelgroß, behäbig, nicht gerade fett, aber auch wahrlich nicht mager: ein recht wacker gepflegtes, doch nicht unmäßiges Bäuchlein wiegte sich auf etwas zu kurz gerathnen und nicht sehr geraden Beinen. Das vollwangige, beinahe feiste Gesicht strahlte vom Glanz der Gesundheit: die kleinen runden Äugelein blitzten recht lustig, ja verschmitzt in das Leben hinaus; die Nase war von so alteingewurzeltem Roth, daß die kurze Kreuzfahrt auch unter der Sonne der Levante die Farbe unmöglich so tief gesättigt haben konnte. Seltsamen Gegensatz zu dem weltlustigen, pfiffigen Gesicht bildete die frisch geschorene Tonsur in dem 
       dickzottigen und bereits mit Weiß gesprenkelten Braunhaare – die Kapuze und, darüber gebunden, den flachen, breitkrämpigen Sonnenhut trug er auf dem Rücken: – und das halb graue, halb braune Mönchsgewand, das viel zu eng schien für des Trägers gedeihlichen Leib, und der lange Pilgerstab mit den daran klappernden Jordan-Muscheln in den fleischigen dicken Fingern des kreuzfahrenden Bruders.
      Mit halb staunenden, halb unwilligen Augen maß ihn der Ritter, ohne die Ehrfurcht, die er sonst Trägern dieses Gewandes, dieser Gelübdezeichen nie verweigerte: »Ihr bringt einen Brief des Herrn Hermann«. rief er ihm kurz entgegen – »Gebt!«
      Der Mönch schnaufte. »Verstattet, daß ich mich auf den Schemel niederlasse, den Ihr mir soeben anzubieten – vergaßet. Uff! Der Weg ist weit – und heiß – und es ist ein durstig Land, wo der Herr gewandelt.«
      Er blinzte hinüber nach dem Becher, der zu Friedmuths Häupten stand: da er sah, daß derselbe 
       leer war, fuhr er fort: »aber auch dies Dürsten wird uns als ein erheblich Marter-Leiden angerechnet werden am jüngsten Tage.«
      »Den Brief!«
      »Ja,« schmunzelte der Mönch. Mit dem Ärmel über die heiße Stirne fahrend, »freilich der Brief! – Je nun, so recht im Sinne der Schreiber – einen schriftlichen Brief, was man so gewöhnlich einen Brief nennt, habe ich nicht. Aber –«
      »Was?« rief der Ritter, zornig auffahrend. »Als Bringer eines Briefs ließt Ihr Euch doch melden? –«
      »Seid klug wie die lieben kleinen glatten Beißwürmer, heißt es in den zehn Geboten. Nicht da? Wirklich nicht? Nun – dann wo anders! Das ist gleich.«
      »Ihr seid mir eine sonderbare Art von Mönch!«
      »Und ohne solchen Glauben hättet Ihr mich wahrscheinlich abgewiesen.«
      »Sehr wahrscheinlich! Und ich sehe: – ich hätte Recht daran gethan! Ihr lügt ja, frommer Bruder.« 
      
      »Selten. Und wirklich niemals ohne etlichen Grund. – So auch jetzt! Hört mich an. Ihr wißt – ich bin der Beichtvater der Fürstin von –«
      »Weiß ich 
      nicht! Was gehn mich die Sünden fremder Weiber an!«
      »Mehr als Ihr ahnt. – Aber ich bin auch bei des Kaisers gewaltiger Person sehr wohl gelitten. Wiederholt traft Ihr mich in seinem Zelte.
      »Hat mich jedesmal sehr gewundert.«
      Der Mönch lachte. Dann sagte er: »Hört einmal, Schloßherr von der Fragsburg, grob seid Ihr aber schon wie –
      »Wie ein Etschthaler,« brummte Friedmuth.
      »Ja, zwischen Etschthalern und Isarthalern that dem Teufel einmal die Wahl weh, als sie um den Weltpreis der Unhöflichkeit vor ihm wettschimpften.«
      »Welches Stammes seid denn Ihr?« forschte der Ritter. »Ihr sprecht auch mit oberdeutscher Zunge! Ich mein', Ihr seid ein –«
      »Gesalbter des Herrn,« fiel der Mönch rasch ein. 
       »Also ich komme im stillen Auftrag des Kaisers und einer gar vielschönen Fraue.«
      »Wird wohl wieder gelogen sein,« meinte Friedmuth ganz gutmüthig.
      »Diesmal nicht, wie Ihr einräumen werdet, sobald Ihr Fürst von Paluzzo und Gemahl des prachtvollsten, süßesten, minniglichsten, allerwunderholdesten Weibes seid, das je Frau Sonne grüßte.«
      So begeistert, so lebhaft sprudelte er die letzten Worte heraus, daß ihm der Schweiß wieder ausbrach. Er wischte sich die triefende Stirn.
      »Seid Ihr toll? Was bedeutet das?«
      »Das bedeutet, daß Gioconda von Paluzzo zwanzig Jahr alt ist.« Er schwieg.
      »Nun und?«
      »Und seit zwei Jahren Wittwe.« – Er schwieg wieder.
      »Und?«
      »Nun und? Das ist schon viel, recht viel für sich allein! – Da Ihr aber für ein ausgewachsenes 
       Mannsbild erstaunlich fischblütig von Natur und in Folge dessen recht langsam von Ahnung seid, füge ich bei: Wittwe des alten Fürsten von Paluzzo, dem man das Kind »vermählt« hatte. Ihr Urgroßvater konnte er sein, der Treffliche. Frau Berahta verzeihe mir die Sünde, daß ich solchen Gräuel Vermählung nenne.«
      »Frau Berahta? Ei, frommer Bruder – was geht Euch die an? Soll ja eine Königin oder Göttin der Heiden gewesen sein! Stünd' Euch besser an, der Jungfrau Maria zu gedenken.«
      Und mit einem schönen Blick in die Höhe fügte der Ritter bei: »Gesegnet sei ihr Name für und für.« –
      Der Mönch war roth geworden; ungeduldig riß er an dem abgegriffenen Rosenkranz, der von seinem Gürtelstrick herabhing und rief: »Ach, was versteht die von der Minne! Rein gar nichts! Wie wollte sie auch? Ihr aber, Herr Ritter, seid lediglich Laie und habt einen geweihten Priester, einen Geschornen des Herrn, nicht zu meistern, sondern mit ehrdienigem 
       Gehorsam zu ihm auf zu schauen – Also die liebe junge Frau Fürstin! – Ach ist sie schön! Ist sie's etwa nicht?« schrie er zornig. »Habt Ihr je ein so schönes Geschöpf gesehn?«
      Nach einigem Nachdenken sagte der Ritter, der Alles sehr streng und genau nahm: »Nein. Ich glaube nicht. Aber es ist mir gleichgiltig.«
      Der Mönch sah ihn mit leisem Kopfschütteln von der Seite an: »Erstaunlich!« – sagte er zu sich selbst. »Kurzum,« fuhr er dann laut fort, »ich bleibe nicht mehr Beichtiger der süßen Frau. Ich kann es nicht mehr aushalten. Mein letztes gutes Werk in ihrem Dienst aber ist, daß ich Euch sage, was sie Euch nie sagen würde – eher spränge sie in einen brennenden Kohlenmeiler – und was zu merken Euch der Himmelsherr den Verstand, will sagen die Gnade verweigert hat: sie liebt Euch!« Und befehlend, drohend, fuhr er fort, »und Ihr werdet sie heirathen. Es ist beschlossen, sagen die Moslim, die gar nicht so übel sind.« 
      
      »Hoho«, lachte der Ritter laut auf, »dazu gehören zwei: – Dank Gott und den Heiligen!«
      »Ja gewiß: Ihr und sie. Sie will. Und Ihr müßt. Bald werdet Ihr sehr wollen, ach wie sehr. – Sagt, Fragsburger, seid Ihr denn wirklich so –, nun ich will's nicht nennen! Habt Ihr denn nichts gespürt unter Euren Rippen, als neulich das Wonneweib, diese Frau Venus – aber dabei jungfräulich wie der Alpenschnee des hohen Ortlers – sich nach der Reiher-Beize von Euch vom Zelter heben ließ und gar den Weg nicht mehr fand aus Euren Armen herab auf die Erde? Und sie will ja nicht, wie so viele schöne, üppige und vornehme Frauen, die das Hoflager des Kaisers füllen –«
      »Ja, leider!« zürnte Friedmuth und seine keuschen Augen leuchteten.
      »Kurze Lust von Eurem Kuß genießen! – Sie stürbe vor Scham, wüßte sie, was ich Euch verrathe.«
      »Also das ist ihr stiller Auftrag durch Euch an mich, Lügenmönch?« 
      
      Allein dieser fuhr zornig fort: »Haltet das – Schweigen. Es gilt das Glück des schönsten Erdenweibes. Tausend Lügen lög' ich darum! Aber der Kaiser selbst – macht Eure tauben Ohren auf – hört Ihr?« und er schrie jetzt so, daß über das Gehörtwerden kein Zweifel möglich war – »des römischen Kaisers Majestät, der der schönen Jungfrau wohl näher als durch bloße Vormundschaft verbunden ist – ja, Jungfrau sag' ich! – Denkt nur nicht Übles von Eurem Kaiser, rath' ich! – – und Eures großmächtigen Freundes, Herrn Hermanns, Weisheit – wollen, daß Ihr sie heirathet.«
      Der Mönch schnaufte nun gewaltig. Aber er sah nicht widrig, nicht häßlich aus, sondern von ehrlicher Überzeugung fortgerissen; ganz jugendlich machte den wohl bald fünfzigjährigen der Eifer.
      »Wieder gelogen,« sagte Friedmuth ruhig, »was Herrn Hermann betrifft. Und dem Kaiser sagt, was er nicht weiß, aber was ich Euch hier zeige« – und nicht gerade sehr sanft stieß er ihm den Rücken der 
       rechten Hand gegen die Nase – »kennt Ihr das? Ein Ehering! Ich habe schon ein Weib. Das scheint mir entscheidend.«
      Und unmuthig warf er sich auf die andere Seite, Sebastian den Rücken kehrend.
      »Meint Ihr?« fragte der Mönch unverzagt weiter. »Da sieht man Eure laienhafte Unwissenheit. Für uns: das heißt für mich, den Kaiser und die Kirche: ist das gar nichts. Ich will diese Ehe, weil – ich an der schönen Fraue was gut zu machen ... – weil ich es nicht aushalte, daß sie liebt, ohne geliebt zu werden. Der Kaiser, weil er – alle Ursache hat, seine herrliche Mündel glücklich zu wünschen. Er wollte sie schon dem Herzog von Österreich vermählen, bis er durch mich der schönen Wittwe Wunsch erfuhr.«
      »Das nennt Ihr Beichtgeheimniß?«
      »Sie hat mir's nie gebeichtet! Denn so wie sie Euch liebt, darf sie Euch lieben sonder Sünde.«
      »Ich 
      habe schon eine Frau!« rief Friedmuth sehr ungeduldig. 
      
      »Das ist gerade, was wir bestreiten! – Das heißt: – Ihr habt eine, so lang Ihr wollt. Nur von Euch hängt es ab: – ein Wort, ein Wink, und Frau Wulfheid wird sehr klar gemacht, daß sie keinerlei Recht an Euch, über Euch, gegen Euch hat. – Bitte, laßt mich ausreden und werft mich erst dann aus diesem Zelt. – Es ist ja ganz richtig: Ihr seid vor fünf Jahren in der Capelle des heiligen Albuin zu Brixen mit der Erbtochter der Fragsburg bei Markt Meran im Etschthal getraut worden. Und Ihr heißet seither Ritter von Fragsburg, statt wie ehedem von Schänna. Ich will nun hinunterschlucken, daß die herbe Frau ihre guten sieben Neujahrskerzen mehr geopfert hat – wenn sie nicht zu geizig war! – oder doch opfern konnte, als Ihr. Ich will auch die Kinder hinunterwürgen, die sie Euch nicht geboren hat –«
      »Was geht das Euch an!«
      »Allerdings, mich weniger als Euch. – Aber man hat, Fleisch und Blut und Menschenart betrachtet, 
       alle Ursache anzunehmen – ›der Most riecht stark nach seinen Trauben‹ – sagen wir Weinschänken.«
      »Was?«
      »Ich war nämlich,« fuhr Sebastian hastig fort, »im Zustand meiner sündhaften Weltlichkeit jenem feuchten und allerlei Lastern zugänglichen, aber nicht langweiligen Gewerk zugezünftet. – Also, man hat Ursach', anzunehmen, daß –! Nun, Euere nächsten Freunde, Herr Hermann und Herr Walther, haben es dem Kaiser, der Einem Alles aus der Seele Grunde fragen kann, wenn er es mit seinem Adlerblick darauf anlegt, einbekannt, daß recht leichtlich eine andere Frau gefunden werden möchte, die besser zu Euch paßte als des gestrengen Herrn Wulfgang gestrengere Frau Tochter. Ja, man flüstert: noch niemals haben Leute, die euch beide beisammen gesehn, gefunden, Ihr seiet gut gepart. – Nun wohlan: es kostet Euch nur ein Wort – nein, nicht ein Wort, wenn Ihr es nicht gern aussprecht – nur einen Wink – nur ein Blinzeln mit dem einen Auge – mit dem rechten – so! – 
       oder mit dem linken – sehet so! – und sie wird von der Kirche für nichtig erklärt, diese Scheinehe.«
      »Scheinehe?«
      »Ja, Un-Ehe. Denn Ihr beiden seid vor Eurer Verlobung Pathen des Kindes des Grafen von Tirol gewesen. So ist Eure sogenannte Ehe, sobald Ihr wollt –«
      Er konnte nicht vollenden.
      Der lang angesammelte Zorn des Ritters brach jetzt los: er schien ihm in die Fäuste gefahren zu sein: wenigstens entlud er sich hier: mit einem kräftigen und wenig ehrerbietigen Stoß schleuderte er den erstaunten Redner an die Eingangslücke des Zeltes; hier blieb der niedere Schemel liegen: sein bisheriger Besitzer flog noch etwas weiter; er ward im Zelt nicht mehr gesehen.
      Ein ziemlich ungeistlicher Fluch ward draußen vernehmbar. 
      
      Friedmuth warf sich mürrisch auf die andere Seite.
      »Alle sagen sie's: wir passen nicht zusammen. Aber wirklich, Alle. – Ach was! Ich habe noch Keine gesehen, die besser zu mir paßte.« – 
      
    



      Drittes Capitel.
      Da scholl von ferne her Trompetenschall: und Hezilo meldete, eine kleine Schar Reiter, Boten des Kaisers, reite soeben in das Lager ein. Friedmuth eilte ihnen entgegen. Es war nun ganz dunkel.
      Aber der Führer der Reiter, von weißem Mantel umflattert, hatte ihn, da er in den Bereich eines Wachtfeuers trat, wohl erkannt: er hielt das edle Roß an und stieg ab. »Friedmuth!« rief er mit tieftöniger Stimme, ihm die gepanzerte Rechte hinstreckend.
      »Herr Hermann!« antwortete dieser mit lautem Freudenruf, umarmte den Ankömmling und küßte ihn auf die Wange. »Welche Freude! Viele Wochen – ja Monde! – haben wir uns nicht mehr gesehn!«
      »Ja, mein Freund. Seit wir auf Cypern wieder 
       unter Segel gingen, haben uns Kriegsdienst und Gesandtschaften weit auseinander geführt.«
      »Wohl, wohl,« lachte Friedmuth. »Auf Gesandtschaft verschickt man keinen plumpen Etschthaler. Aber du freilich! Du mußt alle feinsten Knoten bald schürzen, bald lösen: wie im Abendland, in Rom oder in Mailand, so im Morgenland: zu Byzanz, zu Jerusalem, bei den abgefeimten Templern, bei den stolzen Hospital-Herrn, bei Christen und bei Heiden. Du, des Kaisers vertrautester und weisester Rath.«
      »Wenigstens sein redlichster,« seufzte der Andre.
      Langsam gingen unter diesen Worten die Freunde zu Friedmuths Zelt. Die Reiter hatten aus den kaiserlichen Vorräthen Wein und, in Schläuchen von Kamelhaut, Wasser, auch süßes Brod und geräucherte Fische mitgebracht. Dankbar nahmen die karg verpflegten Vorposten die seltnen Bissen entgegen.
      Im Zelte hatte Hezilo einstweilen für Erleuchtung gesorgt: mit Öl gefüllt hingen zwei schlankhalsige Gefäße von schwarzem Thon – uralt ägyptischen 
       Stils, die die Töpfer zu Akkon und zu Joppe immer noch genau in derselben Form bildeten, wie man sie in den Pyramiden findet – an Schnüren von der Spitze der niedern Stange herab, welche das Zelt im Innern stützte: eine Art Cederfaser glimmte an der Mündung als Docht: süßer Duft stieg aus dem Öl und zog durch den engen Raum.
      Der Gast legte den Glocken-Helm, das aus Maschen genietete Panzerkleid, das er nun »abschüttete«, auch den weißen Mantel mit dem schwarzen Kreuz und das Schwert ab: beflissen half ihm dabei Friedmuth, ihm den Wappenrock von schwarzem Sammet zurechtstreichend, während er das edle, ernste Antlitz des bedeutend älteren Freundes mit Liebe, mit ernster Ehrerbietung betrachtete.
      »Lieber, ich meine,« sprach er dann mit innigem Empfinden, – »dein dunkles Haar ist gar grau geworden in diesen Monaten. Und so tief waren früher die Falten nicht auf deiner Stirn.«
      »Kein Wunder, mein Friedilo!« und die gewaltigen, 
       meergrauen, durchdringenden Augen trübte tiefe Sorge. »Die beiden Häupter der Christenheit: der Papst und unser großer, herrlicher, vielgequälter Herr liegen im grimmigsten Streit. Und dieser Templer Wuth gegen meinen Orden! – Aber du bist wenig neugierig. Du fragst gar nicht, weßhalb ich komme. – So recht. Dein Mantel genügt für uns beide.« Damit ließ er sich nieder. – »Haben wir doch schon auf manch blutigem Feld, von meinem weißen Ordensmantel zugedeckt, geruht.«
      Da lachte Friedmuth, strich den lichtblauen Waffenrock, der unter der Brünne vortrat, bei Seite und schmiegte die schlanke, geschmeidige Gestalt auf den äußersten Streifen seines Mantels, der den Sandboden deckte, den breiten, mächtigen Gliedern des Freundes vollsten Raum überlassend.
      »Ei, wenn ich dich seh' und hab', vergess' ich vor Freude alles Fragen.«
      »Rathe, was ich dir bringe.«
      »Dich selbst: das ist das Beste.« 
      
      »Doch nicht! Ich bringe dir des Kaisers Gruß und wärmsten Dank.«
      »Mir?« fragte Friedmuth in hellem Staunen. »Ja, wofür?«
      »Für deine tapfre und überaus kluge Wacht im Norden, auf unsrem linken Flügel: – für deine trefflichen, grundgescheuten Warnungen. Schlief deine Wachsamkeit, nein, leistetest du nicht viel mehr als von dir verlangt war, – eines Feldherrn statt eines Vortrabführers Pflicht! – so war vielleicht das ganze Heer verloren. Diese falschen Morgenländer sind manchmal selbst für Kaiser Friedrich zu fein. Er glaubte ihren Friedensgelöbnissen, während sie die ganze Masse ihrer ungezählter Reiterhorden immer näher heranzogen. Und seit der Neffe, Annasir Daud von Damaskus, merkte, daß wir zugleich mit ihm und seinem Oheim und Feind, Alkamil von Ägypten, verhandeln –«
      »Ei, ei! Das versteh' ich nicht. Das ist ja« –
      »Statskunst, Friedilo, von der du wirklich nichts 
       verstehst. – Seitdem hat der Emir, offenbar für den Fall, daß wir mit seinem Oheim handelseinig würden, beschlossen, uns zu überfallen mitten im Waffenstillstand.«
      »Waffenstillstand!« lachte der Fragsburger. »Ei, alle Tage giebt's Gefechte!«
      »Aber deine Wachsamkeit hat uns gerettet.«
      »Nun, das freut mich tief in's Herz hinein, daß ich doch einmal zu etwas nütze war. Mein Kaiser und 
      mir danken!«
      Und er erröthete über und über. Es stand ihm schön.
      »Und das, meinst du nun, sei Alles? Wie jung du noch bist mit deinen fünfundzwanzig Jahren! Ich bin ein Greis im Vergleich mit deiner kindlichen Seele. Der Kaiser wollte dir sofort als Lohn das nächste heimfallende Grafenlehn in deiner Heimat geben. Aber ich habe ihn gebeten, es zu unterlassen. Ich will dich nicht noch festere Wurzeln schlagen lassen in jenem friedlich behaglichen Etschthal, wo nichts zu schaffen ist mit 
       Schwert und Rath. Ich habe ganz andre Dinge, – höhere – mit dir vor, mein allzubescheidener Friedilo.
      Und ganz wo anders als zwischen Etsch und Passer. Daher ersuchte ich den Kaiser, seine Lehen zu behalten und dir – oder lieber noch mir für dich: denn ich kenne dein wahres Heil viel besser als du selbst! – einen Wunsch, eine Bitte an ihn frei zu geben, die er zu erfüllen habe, was sie auch fordre. Er lächelte: sein edles, gewaltiges und doch so fein gebildetes Antlitz leuchtete von Geist und Güte, da er, als Pfand solcher Gewährung, diesen Ring von seinem eignen Finger zog und, den schönen rothbraunen Bart streichend, wie er gerne thut, sprach: ›So gut möchte ich es wohl auch einmal haben, daß Kaiser Friedrich mir gewähren müßte, was 
      mein Herz begehrt! Mir schlägt der Gestrenge alles ab, was mein Herz am liebsten hätte‹. Hier ist der Ring – ein schöner Amethyst! – bewahr' ihn wohl. Wer weiß, was er noch für dich bedeutet.«
      Friedmuth steckte den Ring ehrerbietig an: »Den 
       Stein hat meines großen Kaisers Hand geehrt –: ich werd' ihn treulich und als ein hohes Kleinod wahren. Einen Wunsch aber? – Ich werde nie etwas zu wünschen haben.«
      »Das sage nicht, mein Freund!« sprach der Ältere und hoher Ernst blickte aus seinen Augen, die tief unter hochgeschwungenen Brauen lagen. »Das Leben, – das Schicksal, – wie du's nennen willst! – sind unergründlich reich an allerlei – wie soll ich sagen? – Heimsuchungen, ja an unlösbarem Widerstreit.«
      Aber Friedmuth schüttelte das goldig blonde Haupt. »Für Kaiser und Könige: ja! Und für die Vertrauten ihrer Geheimnisse, welche der Völker Geschicke lenken – wohl nicht innrer, wie du, nur mit ehrlichen, schuldlosen Mitteln. Aber mir – dem schlichten, allzeit geraden Mann! Ich wüßte nicht, was es 
      mir Schweres auflegen könnte, das »Schicksal«, wie du's nennst. Ich aber sage lieber: der gute Himmelsherr da oben in seiner Weisheit und 
       Gnade lastet einem schlichten Herzen nicht mehr auf, als es tragen kann –: nur von Schuld halte die Seele frei und das Gewissen rein, so mahnte die liebe, frommselige Mutter. Und das, – ich rühme mich ja dessen nicht: denn mir ist nie eine Versuchung gekommen! – das hab' ich gethan von Kindheit an. So daß ich oft nicht wußte, was von Sünden ich dem guten weißbärtigen Thomas, dem Einsiedler zu Kains, vorjammern sollte, wann die vierwöchige Beicht wieder herankam. Ja, ich habe manchmal am Fasttag nur deßhalb ein Stück Fleisch gegessen, damit ich doch was zu beichten hätte! Es freute ihn immer so, den Alten, wenn er mir was zu verzeihen hatte und ein par Vaterunser als Buße auflegen konnte. Wenn ich aber sagen mußte: ›Ja Vater, ich weiß nicht, was ich beichten soll. Ich habe nicht einen unrechten Gedanken gehabt, nicht einmal ein weniges geflucht‹: da konnte der Liebe so wild werden, so zornig, daß ich mich schier fürchtete vor seinem Schelten.« Und er lachte hell auf in der Erinnerung. 
      
      Draußen war es nun tiefe Nacht und sehr still geworden. Zwar hatten die Krieger Feuer angezündet, die Raubthiere zu verscheuchen. Aber doch drang, vom Südost hergetragen, ganz deutlich in das Zelt das häßliche Geheul und Gewinsel der Schakale, das dem Schreien kleiner Kinder gleicht.
      Hermann horchte auf. »Üble Schlummerlieder singt ihren Gästen die Wüste.«
      »Man gewöhnt es,« meinte Friedmuth. »Anders freilich klingt es, wenn der Geisbub die Ziegen heimtreibt vom Hochsulfen, nachdem die Sonne zu Golde gegangen hinter dem Marlinger Berg.«
      »Hast du nie Heimweh?«
      »Nach meinen Bergen? Ja, manchmal!«
      »Nicht nach deinem Weib?«
      »Frau Wulfheid braucht mich nicht! – Ihre Gedanken und Hände haben genug zu thun, den weiten Besitz zu verwalten: – ›das Sach‹, wie sie gern sagt, – zu wahren und zu mehren. Ihre bösen 
       Vettern, Herr Griffo von Greifenstein und Herr Rapoto von Naturns – Griff und Raff hab' ich sie umgetauft – werden ihr Arbeit genug machen.«
      »Greifenstein? Ah, bei Terlau, mittäglich von Euch. Aber Naturns?«
      »Oder Maturnes, wie man früher sagte und noch schreibt: – aber es sprechen die Leute jetzt Naturns.«
      »Ja: Maturnes! So kenn' ich's aus der Urkunde des Königs Heinrich: im Vintschgau, oberhalb des Markts Meran und oberhalb der alten Töll?«
      »Ja wohl: von unten und von oben drängen sie auf die Fragsburg.«
      »Aber wie das? Mit welchem Recht?«
      »Mit wenig Recht, aber vieler Gier. Du weißt ja: die Fragsburg ist ein Spindel-Lehn.«
      »Ich erinnere mich: die Fragsburg ist ein bedingtes Weiberlehen. Doch: 
      wie bedingt?«
      »Die Fragsburg ist ein altes Dienstmannenlehn 
       des Reichs, zunächst im Mannesstamm erblich; erlosch der Mannesstamm, folgt die Erbtochter: doch nur unter der Bedingung, daß sie einen rittermäßigen Gemahl auf die Burg heirathet, der als Stellvertreter den Lehnsdienst versieht. Des letzten Fragsburgers, Herr Wulf, einzig Kind ist Wulfheid. Zwischen den Fragsburgern, unsern Nachbarn, und unserem Geschlecht, den Burgherrn auf Schänna, tobte alter Streit: zumal um das Jagdrecht und das Recht auf den Hau im Bannwald an der Naif und über viele Almen auf dem Iffinger. Um den langen Zwist durch Vergleich zu schlichten, vertrugen Herr Wulf von Täufers auf Fragsburg und mein Vater, Herr Friedbert zu Schänna, sich dahin, daß ihre einzigen Kinder sich heiratheten. Ich aber und meine Söhne sollten fortab den Namen von der Fragsburg führen, da wir Schänna verkauften.«
      »An wen?«
      »An den Grafen Albert von Tirol.«
      »An den! Ein gewaltiger Herr! Und mächtig greift 
       der um sich, wird bald über alles Land dort in dem Thal gebieten! Er ist gut staufisch. Der Kaiser will ihn zum Burggrafen machen und seine Rechte mehren.«
      »Leider blieben uns aber Kinder versagt, – ich habe sie so gern, die kleinen Krausköpflein! – Sterbe ich nun, so verliert Frau Wulfheid alle Rechte an dem Lehen: es sei denn, sie heirathet wieder einen Ritter auf die Burg.«
      »Und thut sie's nicht?«
      »So folgen in das Lehen ihre beiden nächsten Vettern, der Naturner und der Greifensteiner. So lautet der Vergleich, der am Laurentiustage vom Grafen Albert auf seiner Burg Tirol zwischen uns vertragen ward. Aber ihre Vettern haben den Vertrag – ohne Rechts-Grund! – bestritten und gleich von Anfang die gierigen Hände nach Frau Wulfheids Gut gestreckt. Heiße Fehde hatte ich gegen beide zu führen, sobald ich das Lehen erheirathete. Wie werden sie jetzt die Alleinstehende bedrängen! Aber mir ist nicht bang um sie. Sie hat männlichen 
       Muth. Wird sich waidlich wehren. Ich erhalte, denk' ich, bald Nachricht. Es war verabredet, daß sie unsern Burgwart, den alten Oswald, mir nachsenden solle in des Kaisers Lager. Und neulich hörte ich: eine Galeere mit deutschen Pilgern, überholt von einer raschsegelnden Salandria, sei von dieser in Joppe als demnächst zu erwarten angemeldet worden. Gewiß ist Oswald auf der Galeere! Dann werd' ich auch hören, ob wieder so viele Bären von Hoch-Rhätien herüber gekommen sind wie im vorigen Herbst. Es wär' mir so leid, daß ich fern bin! Denn ich jage von allem wehrhaften Wild am liebsten Meister Brun! Davon verlangt mich am meisten, etwas zu erfahren.«
      Hermann sah prüfend in das offene Antlitz des jungen Freundes. Dann sprach er kopfschüttelnd:
      »Lebte meine liebe, schöne, süße Hausfrau noch, – wie heiß, wie inbrünstig würde ich mich nach ihr sehnen, nach ihrem Kuß, ja nach dem Blick ihres Auges! Sehne ich mich doch, seit sie gestorben, 
       ihr in's Grab zu folgen. Statt in das Grab, trat ich in meinen Orden. Liebst du denn Frau Wulfheid nicht? –«
      Friedmuth sah einen Augenblick schweigend vor sich hin.
      »Doch! Gewiß, ja, ja! Sie ist das tüchtigste Weib, das ich kenne. Ich glaube nicht, daß man noch solche Hausfrau und Burgherrin findet zwischen Etsch und Elbe.«
      »Und das ist Alles? Und das nennst du lieben?«
      »Ich weiß von keiner andern Liebe! Wie sollte ich auch! Kaum zwanzig Winter zählte ich, da beschlossen mein Vater und Frau Wulfheids Vater, uns zu vermählen. Ich wurde nicht viel gefragt; ich fragte mich selber nicht: ich kannte sie vorher nicht. Es gefiel mir nicht, als ich sie nun sah, daß sie so viel älter war als ich und nicht ihrer Stimme herrischer Klang: aber ihre wackere Kraft sagte mir zu. Und, wie gesagt, mein Vater – Gott letze seine Seele in der 
       Ewigkeit! er starb mir, wie die fromme Mutter, allzufrüh! – hat mich gar nicht lang gefragt. Wenige Tage nach der Verlobung war die Hochzeit: ich zog auf ihr Lehnschloß und hatte gleich so viel Kriegsarbeit mit ihren Vettern, daß ich gar nicht Zeit fand, über Liebe und Ehe nachzudenken, – und ob mir etwas fehle. – Zwar: wissen möcht' ich's schon: ist nun das, was Frau Wulfheid und ich aneinander haben, Alles, was es zwischen Mann und Weibe giebt? Ist das die Minne, von der mein Walther singt – und noch viel heißer der Meister Gottfried? Dann muß ich wirklich sagen: es ist nicht der Mühe werth, so wild und süß immer wieder davon zu singen. Und gar so viel! – Auch muß ich dir gestehen, daß meinem schlichten, wohl allzuderben Sinne gar Vieles arg mißhaget, was der Minnedienst erheischt. Herr Ulrich von Lichtenstein zum Beispiel scheint mir – verzeih's mir der heilige Udalrich! – ein Narr. Und wenn ich, – wie Herr Gahmuret seiner Herzeloide, – meiner Frauen Hemd auf meinem Ringpanzer tragen und, 
       nachdem es recht zerhauen, ihr wieder anziehen wollte: – wie würde Frau Wulfheid über Vergeudung schelten! – ich schämte mich ob solcher Thorheit zu Tode. Ich diene und fechte für den Herrn Christus und den Herrn Kaiser, für meiner Seele Heil und für des Reiches Recht und Ehre: – aber nicht für meiner Ehefrau – oder gar für andrer Männer Ehefrauen! – Minnedank.«
      »Hast recht, Friedilo. Es muß entweder für Gott oder für das Reich was heraus kommen bei jedem Dienst: – sonst ist es Thorendienst.«
      »Oder 
      weiß ich es nur nicht?« fuhr Friedmuth. laut denkend, fort, »daß mir etwas fehlt? Auch gut! Dann 
      fehlt mir's ja nicht!
      »Aber horch! Was ist das?« fragte der Deutschritter. »das klingt anders als der Wüstenwölfe Geheul.«
      Von der Ferne her, immer näher dringend, ward, manchmal durch das Wiehern eines Rosses, durch den Erzklang auf einander schlagender Waffen unterbrochen, 
       durch die Stille der Wüstennacht von gar melodischer Stimme gesungen:
      »Unter der Linden,
       Auf der Heiden.
       Wo ich mit meinem Trauten saß.
       Da mögt ihr finden,
       Wie wir beiden
       Blumen brachen und das Gras.
       Vor dem Wald mit hellem Schall,
       Tandaradei,
       Sang ihr Lied die Nachtigall.« 
      
    



      Viertes Capitel.
      »Beim reichen Gott im Himmel,« rief Friedmuth, »das ist Herrn Walthers Stimme!« Er sprang hastig auf und eilte aus dem Zelte, dem Ankömmling entgegen; langsamer folgte Herr Hermann.
      Bald schritten ihm jene Beiden Hand in Hand entgegen.
      Der neue Gast zählte gut über fünfzig Jahre. Aus der offenen Kesselhaube, welche über dem Stirndach zwei fliegende Lerchen im blauen Felde wies, quoll das lange Haar, das noch in Fülle das edle Haupt, das freundliche und heitere Antlitz umrahmte. Das Gelock war schön kastanienbraun, aber schon stark mit Grau gemischt: noch mehr der krause Bart, der auf dieser Fahrt gar lang und breit gewachsen war. Der kluge, herzgescheute und herzgewinnende 
       Blick des goldbraunen Auges war aber noch so jugendlich und noch so warm! Um den fein geschnittenen Mund spielte Güte und heitere, schalkhafte Laune: reichtönig und weichtönig erklang die schöne, die vielgeübte Stimme.
      »Gott willkommen, edler Herr Walther! Welch guter Wind hat Euch gerade hierher geblasen?«
      »Das Herz, mein hoher Herr von Salza, hat mich hergezogen. Friedilo und ich, wir sind alte gute Gesellen und Herzensfreunde, ob ich gleich sein Vater sein könnte, und Nachbarn seit vielen Jahren.«
      »Nun: nähere Freunde als Nachbarn,« fiel dieser ein. »Aber zum Freund ist's niemals weit und gar oft hab' ich frohe Rast gehalten und reiche Weide gefunden, als wär' ich selbst ein Falke und vom Kaiser Herrn Walther zur Pflege überwiesen, im guten Haus zur Vogelweide.«
      »Leider ist's arm, das Häuselein, und gar karg sind seine Zinse. Hab' ich nur einmal, um das ich 
       schon gar manchen Fürsten und drei römische Kaiser angesungen, hab' ich nur erst ein Lehen, – dann sollt Ihr den Walther als milden Wirth erkennen. – Als ich nun in Eurer holden, buchengrünen Heimat, Herr Hermann, im Thüringlande, fahrend, vernahm, der Herr Kaiser habe die Reichsministerialen des Etschlandes zur Kreuzfahrt aufgemahnt, – befehlen kann er's ja nicht! – da wußte ich, daß der Fragsburger nicht säumen werde. Und so schloß ich mich, die lang von mir gelobte Fahrt nun endlich anzutreten, der kleinen Schar an, welche der junge Landgraf, Herr Ludwig – frohe Tage hab' ich gelebt auf seiner waldumrauschten Wartburg! – durch Vaterland über die Alpen und durch mein Eisackthal führte. Mein Dienstherr, der von Gufidaun, sah mich zwar ungern ziehen: aber zuletzt gab er mir doch Urlaub und schenkte mir zur Fahrt diesen grünen Waffenrock von Flander-Zeug: – und dies wackere Hemd von Eisen-Schuppen und Maschen, in dem ich stecke vom Scheitel bis zur großen Zehe. Auch die Etschthaler Dienstmannen zogen Herrn 
       Ludwig zu und wie warm empfing mich zu Bozen dieser Friedilo! So ritten wir denn zusammen die Etsch entlang nach Wälschland hinein, nur kurze Zeit getrennt bei Genua, wo hin mich der Kaiser entbot und wo ich damals Euch, Herr Hermann, traf. – Bei Perugia traf ich mit Friedmuth wieder zusammen und wir blieben bei einander bis zur Lagerung vor Joppe. Von da aus ward der junge Held hierher geschickt, zur äußersten Vorhut an der Wüsten-Mark. Mich Alten behielt der Herr Kaiser bei sich zurück.«
      »Er wußte wohl warum,« lachte Friedmuth. »Er liebt die edle, die frohe Kunst: und wer in seinen weiten Reichen, wer singt, seit die Nachtigall von Hagenau, Herr Reinmar der Alte, verstummt ist, so süß wie dieser Liedermund?«
      »Ja wohl,« bestätigte der von Salza, »hat doch selbst Gottfried von Straßburg –«
      »Den hat Frau Minne selbst gelehrt!« unterbrach Walther. 
      
      »Nach Reimars Tod gesungen:
      »Wer leitet nun der Sänger Schar
       Im süßen Minnesang?
       Ich finde die, ich bin nicht bang.
       Die würdig unser Banner trag':
       Die Meisterin, die wohl das mag.
       Die von der Vogelweide.«
      Da fuhr Friedemuth fort:
      »Wie schallt ihr Lied so wundervoll
       Hin über Flur und Heide!
       Wie reich sie wandelieret,
       Wie sein sie modulieret.«
      »Und wie sie jetzt sich schämet.
      Zu reich mit Lob verbrämet!« lachte Walther. »Als ich nun aber erfuhr, daß zu den Scharen links von dir Verstärkungen geschickt werden sollten, erbat und erhielt ich die Erlaubniß, mit zu reiten. Ich bog nach rechts ab, als ich von ferne dein Lagerfeuer sah: ich wollte dir doch wieder einmal in die stäten Augen blicken. Morgen früh reit' ich hinüber auf meinen Posten.« 
      
      »Und ich mit Euch,« fügte Herr Hermann bei; »ich hab' einen Auftrag an den Führer.«
      »Was sind's für Ritter und wer ist der Führer?« fragte Friedmuth.
      »Schwaben vom Lech und Allgäuer von der Iller; und es führt sie der Freyberger.«
      »Wie? Der Freyberger? Der vieledle Herr von Eisenberg?«
      »Ja wohl, Herr Julius.«
      »Den segne der lichte Himmelsherr!« rief Friedmuth.
      »Er hat ihn schon gesegnet,« sprach feierlich der Herr von Salza. »Denn er hat ihm das reinste Herz gegeben.« –
      »Mir aber hat heute der milde Gott hellste Freude gegönnt,« rief Friedmuth. »Er schickt mir die zwei liebsten Menschen, die mir auf Erden leben.«
      »Gut, daß dich nicht Frau Wulfheid hört, die vielgestrenge,« lachte Walther. »Sie trägt mir ohnehin wenig Gunst! Ein Sänger däucht ihr ein Tagedieb 
       in Gottes Welt und die Harfe gar unnützer Hausrath.«
      »Ach ja,« meinte Friedmuth gutmüthig. »Darüber gab es wohl oft Streit. Aber darüber auch allein. – Sie mag nichts von der Dichtung hören: Und mir – mir ist sie so theuer! Mir selber ist ja Lied und Sang gänzlich versagt, – aber ich hör' es gar so gern! Ein edles Lied, zumal dieses Vogelweiders da, könnte mich fortziehen, fortreißen, berauschen wie edler starker Wein: aber nur zu guten Werken.«
      »Und das,« lachte Walther, »war Euer einziger Streit? Höre, Friedilo, du bist gar zu vergeßlich! Oder gar zu gut! Eifersucht ist ja Frau Wulfheid so unentbehrlich zum Leben – so nothwendig ihrer Art, – wie – ja wie Athemholen! Da ihr nun der getreueste aller Ehemänner nie auch nur die Möglichkeit des Argwohnes wegen eines Schürzleins giebt, wirft sich ihr unbeschäftigter Zorn auf seine Freunde.«
      »Ja,« meinte Herr Hermann lächelnd, »in Eifersucht 
       um ein Weib möchte ich die tapfre Tochter Herrn Wulfs nicht gerne sehen. War sie doch einmal ziemlich unwirthlich gegen mich, nur weil ich ihr zu viel von ihres Mannes Gunst und Gedanken für mich zu nehmen schien.«
      »Ja wohl! Ist sie doch sogar auf Thiere eifersüchtig! Schenke ich dem guten Friedmuth da, weil ich weiß: er hat die Vöglein gar lieb – wie jedes sinnige Menschenkind muß: wer Vöglein nicht mag, der ist dumm oder bös oder beides zumal! – schenk' ich ihm einen Steinröthel: ich sag' Euch, Herr Hermann, einen Vogel – ich hatt' ihn selbst gezogen – viel gescheuter als die meisten Menschen, einen Vogel wie ein liebes Engelein! So zahm, so zutraulich! Und gesungen hat er – schöner als die Chorknaben im Dom. Hat denn auch Friedmuth große Freude an dem klugen Thier gehabt und hat ihm das Futter selbst aus Hand und Mund gereicht und hat es gestreichelt – so! über die Flügeldecken hin! – und hat oft gar lange seinem herrlichen Gesang gelauscht. – 
       Nun kurz: wie ich wieder auf die Fragsburg komme, ist der Vogel fort und Frau Wulfheid sagt mir: – im Glauben, ganz recht gethan zu haben: sie hat nämlich immer Recht! – das dumme Vieh habe ich fliegen lassen, weil sich Friedmuth mehr mit ihm abgegeben hat, als mit mir!«
      »Das ist nun einmal ihre Art, zu lieben!« entschuldigte Friedmuth.
      »Die lohne ihr der üble Höllenwirth,« lachte Walther.
      Hermann sah, daß des Freundes offnes, heiteres Antlitz sich leise umwölkt hatte: er lenkte ab.
      »Wo habt Ihr Streitroß und Reiseroß gelassen?« fragte er Walther.
      »Bei den Knechten. Die letzte Strecke ging ich zu Fuße neben dem Reisegaul. Ich hatte unterwegs ein Lied eingefangen – oder das Lied mich! – das in der Nachtluft flog. So die erste, die Grundgestalt eines Stückleins sinniret sich ganz gut im Sattel: aber Reim und Gegenreim findet man besser zu Fuß. 
       So ließ ich mir denn die kleine Harfe vom Kamel – denn auch ein solches gab uns der Kaiser mit – herunter reichen: – die hat's auch nicht geahnt, da sie der Meister zu Wien baute, daß sie einmal auf eines solch ungefügen Thieres Rücken liegen werde! – und hob an, zu greifen. Die Handschuh' an dem Schuppenhemd des Gufidauners habe ich mir längst abgehackt: nun trag' ich sie über den Sattel gehängt: denn sonst mußt' ich mich immer erst bis auf's Wamms ausziehen, wenn mir was einfiel und ich es auf den Saiten fingern wollte. So ging ich denn zu Fuß im tiefen Sand und sang dazu, als ob ich mit der Herrin auf grüner kühler Heide zöge.«
      »Weißt du's noch, Walther, wie du, so zu Fuße wandernd und »steile Stiege stapfend«, – da wir über den Jausen stiegen, auf der Bärenjagd im Waltenthal, aus dem Stegreif ein Lied sangst? Wie war es doch:
      Deutsche Männer sind wohlgezogen,
       Recht wie Engel sind die Frau'n von Art.« 
      
      »Ja! Das war dazumal!«
      »Ja! Und Herr Leutold von Saeven war der Dritte! Weißt du noch, wie der dich damals ansang?«
      »Höre, Walther, wie's mir steh,
       Mein Trautgeselle von der Vogelweide!«
      »Wohl, wohl! Aber wer war doch der Vierte?«
      »Das war dein Schüler, der eifrigste von allen, die dir nachstreben: der junge Herr von Rubein.«
      »Freilich! Der ist so eifrig, daß er manchmal, ohne es zu merken, meine Reime in die seinen mengt! Nun! Schadet nichts! Ich mach' halt neue!«
      »Der träumt von dir am hellen Tage. Weißt du noch – wir andern schliefen nach dem Jagd-Schmaus – da hatte er ein langes Loblied auf dich ersonnen und trug's uns vor. Ich glaub', ich kann's noch, so oft mußt' er mir's später wiederholen.«
      »Wann ich nicht dabei war!«
      »Nun einmal,« meinte der Herr von Salza, »könnt Ihr's mir zu Liebe wohl aushalten. Sag mir's, Friedilo, wenn du's noch weißt.« 
      
      Und Friedmuth hob an:
      Kein liebes Vöglein kommt zu Leide,
       Das Dir in Garn und Schlaghaus geht!
      Im Winter, wann durch Wald und Heide
       Der Eiswind und der Hunger weht,
      Da trifft in Deiner Halle Weide,
       Was zierlich Schopf und Fittich dreht:
       Frei, sonder Käfig, hüpfen sie
       Auf Harfe dir, auf Buch und Knie.
      Dann ruhst Du, deckend Bein mit Beine,
       Das Kinn geneigt zur Hand geschmiegt,
      Bei mattem Wintersonnwendscheine
       Durch Hänflingsang in Lenz gewiegt,
      Indeß nach Donau, Mur und Rheine
       Gedenken frührer Zeit Dir fliegt,
       Gedenken, wie Du rangst und strittst
       Und wie Du minntest, sangst und littst.
      Doch, wann der Frühling kaum vom Weiten
       Den scheuen Gruß der Halde beut,
      Wann in dem rothen, eisbefreiten
       Geknosp der Saft sich schwellend neut,
      Wann schüchtern um die Dämmerzeiten
       Zuerst die Amsel lockt – wie heut'! –:
       Dann schließt Du aus die Winter-Veste
       Und hui! entschwirren Deine Gäste. – 
      
      Und Undank ist nicht Vöglein Weise!
       Sie kennt Dich gut, die luft'ge Schar:
      Ziehst du im Mai auf grüne Reise,
       Wirst Du geleitet wunderbar.
      Das singt und flattert laut und leise
       Zu Häupten dicht Dir um das Har
       Und grüßt: »Herr Wirth der Winterrast,
       Im Wald bist Du nun unser Gast.«
      Und nun hebt's an. In Äther-Reine
       Trillirt der Lerchen Morgen-Chor,
      Schwarzköpflein singt im Busch, das Feine,
       Herr Fink schlägt schmetternd Dir in's Ohr,
      Bachstelzlein wippt auf feuchtem Steine
       Und aus dem Eichstumpf lugt hervor,
       Mit silbertönigem Gepiep,
       Zaunköniglein, der kleine Dieb.
      Ja, rings im Buchhag schwankt kein Reislein,
       Von dem kein: Waldwillkomm! dir hallt:
      Im Klopfen rasten Specht und Meislein,
       Pirol, der flötet, daß es schallt,
      Durch's nied're Weidicht schreit das Zeislein:
       »Herr Walther kam zum grünen Wald.«
       Und Nachtigall seht sich zu ruh'n:
       »Du kamst und singst: – so schweig' ich nun.« 
      
    



      Fünftes Capitel.
      »Ja,« meinte Walther, »damals ist's gar schön gewesen. Und so viel Jahre weniger grau war ich auch! Und dort weht ein besser Lüftlein als in diesem Land: sie heißen's das Gelobte! Das Verfluchte sollten sie's nennen!« schalt der Sänger.
      »Was? Wie!« riefen da Herr Hermann und Friedmuth zugleich.
      »Ei, Herr Walther,« neckte der Erstere. »Widersprechen sich die Sänger so leicht, so bald?«
      »Ja, ja, Freund! Wie hast du doch schon zu Schiff, und gleich nach der Landung dies Land gerühmt! Wie lautete das doch anders! Gieb Acht, ob ich's noch weiß:
      »Von allen Landen, allen Reichen,
       Die je ich schaute, schön und hehr –« 
      
      Da fiel Herr Hermann ein:
      »Kann keines sich mit dir vergleichen.
       Du Land vor allen reich an Ehr'.«
      Aber Walther selber fuhr fort:
      Wo eine Jungfrau einst gebar,
       Hoch über aller Engel Schar.«
      Und Friedmuth schloß tief feierlich:
      »Solch Wunder sah man nimmerdar!«
      »Nun und? Ihr zeiht mich ohne Grund des Widerrufs,« sprach Walther. »Was hab' ich denn an diesem Land gepriesen? Doch wahrlich nur, was jeder Christenmensch mit Schauern der Ehrfurcht preisen muß! »Solch Wunder sah man nimmerdar.« Ist das etwa nicht wahr? Und hab' ich etwa gesagt, daß hier ein gesunder Ruch und Wind wehe? Daß hier gut wohnen sei und daß wir Deutschen hier bleiben sollten? Sanct Georg soll uns davor bewahren! Unser Herrgott hat es auch nur gewählt, darin gemartert zu werden – dafür ist es freilich gut! – und darin zu sterben, nicht um so recht vergnügt darin zu leben. 
       Was wir hier sollen, weiß nur der Teufel: und unser Kaiser, der ja des Teufels Wahlsohn ist, wie von allen Kanzeln die Pfaffen predigen. Ich aber stehe doch zu ihm: »mir ist nicht bang um meine Seele, steh' ich zum Kaiser und zum Reich.«
      Aber nun nahm Herr Hermann das Wort: »Ihr wißt, der Papst hat ihn vor Jahr und Tag gebannt, weil er, erkrankt, nicht binnen vorgesteckter Frist den früher, in jungen Jahren, versprochenen Kreuzzug ausführte!«
      »Nicht ausführen 
      konnte!« unterbrach Walter. »Ich war dabei! Ich könnte dem heiligen Vater als Augenzeuge eiden, wie der Herr Kaiser, der schon das Schiff bestiegen hatte, gleich dem lieben Herrn Landgrafen Ludwig von Thüringen von der bösen Lagerseuche befallen wurde: beide mußten wieder landen bei Otrantum. Der fromme Landgraf – der jugendschöne Herr, noch nicht achtundzwanzig Jahre war er alt! – starb gleich darauf. Gott lohnt ihm jetzt seine Milde im Himmel: aber auf der Wartburg geht 
       gar traurig unter Wittwen-Schleier die reine Frau Elisabeth! – Und der Kaiser war recht nahe daran, ihm nachzufolgen. Wie wankte, vom Fieber gerüttelt, die herrliche, die hohe Staufer-Gestalt! Wenn das der »Grimmige Gregor« nicht glaubt, – ich kann's betheuren.«
      »Euch würde er auch nicht gerade sehr viel glauben,« lächelte der Hochmeister. »Eure Sprüche wider Rom sind so unsanft –«
      »Wie seine Briefe! Ist der Mann doch über achtzig Jahre. Er sollte Friede halten.«
      »Er ist versippt dem großen Innocenz und will dessen Werk vollenden. Sich aus dem Bann zu lösen, hat nun – zumal auf 
      meinen dringenden Rath! – unser Herr dies Jahr die Meerfahrt angetreten. Denn aus dem Bann 
      muß er sich lösen: sonst sprechen ihm die unbotmäßigen Fürsten daheim die Krone ab: und obenan mit Schein des Rechtes! Nun hat der heilige Vater aber den Bann 
      erneut, weil ein Gebannter das Kreuz nicht tragen dürfe.« 
      
      »Ja, ja,« zürnte Walther. »Er hat uns nachgerufen, der Kaiser sei ein Diener Mahommeds! Und nicht als Pilger, als Seeräuber – 
      
        piratae
       nennt man das! – zögen wir über die See. Du weißt es, – reicher Gott! – was ich bisher dabei geraubt habe!«
      »Und nur allzuviele im Lager,« fiel der Deutschmeister bei, »sind froh, ihren Ungehorsam wider den Kaiser durch des Papstes Gebot gerechtfertigt zu finden. Außer seinen Haustruppen, vor allen seinen Arabern, sind ihm fast nur noch die Pisaner und die Genuesen treu: – deren Gonfaloniere half mir wacker – .«
      »Und die Deutschen,« meinte Walther.
      »Das versteht sich von selbst,« sagte Friedmuth.
      »Leider nicht, mein Sohn,« seufzte der Hochmeister. »Er hat der Feinde genug daheim im Reich. Aber die Deutschen im Lager halten noch aus: hatte doch der Papst mir zugemuthet, an Stelle des gebannten und jedes Rechts entkleideten Kaisers die Deutschen und die Lombarden zu befehligen; 
       meine scharfe Weigerung hat denn auch manche Lombarden dem Kaiser treu erhalten.«
      »Und hohe Zeit war es dazu,« rief Walther. »Denn der heilige Vater hat zwei Mönche von den Franciscanern – des Papstes Jagdhunde nennen sie sich mit Stolz! – uns nachgeschickt nach Syria. Die haben – ich sah sie selbst in Akkon: recht lieblich waren sie! Der eine glich einer alten Nebelkrähe, der andere einem jungen Wiedehopf! – die haben überall den Bann verkündet und dem Patriarchen, den Ordensrittern, den Deutschen, ja allen Christen verboten, des Kaisers Kriegsbefehl oder Gerichtsbann zu gehorsamen. Und haben ferner ausgerufen: allen Kreuzfahrern, welche gegen die Heiden und für Christi Grab das Gelübde gethan, ist das Gelübde gelöst, wenn sie nach dem Abendland umkehren und des Kaisers Erblande in Italia verwüsten helfen im Heere der päpstlichen Krieger. In den Bannern führen die Sanct Petri Schlüssel. Sehr überflüssig! Denn alle Kistenschlösser öffnen sie, alle Truhen leeren sie, – 
       ohne Schlüssel! Alle Frauen verunehren sie! Ich wollte sehr, – verzeih' mir's der milde Gott! – der Herr Kaiser kehrte diesen päpstlichen Wurfspeer um und spräche: wenn die Päpstlichen ärger sind, als die Heiden, führ' ich das Kreuzheer gegen die Schlüssel-Schelme. Trotz meines grauen Bartes, – auf diese Dietrich-Ritter möchte ich noch einmal waidlich schlagen.«
      »Der Herr Papst hat noch viel schwerere Schuld als die Schrecken dieses Krieges auf seine Seele geladen.« sprach der Hochmeister sehr ernst: »er hat unseres großen Kaisers Herz abgewendet vom Herrn Christus selber, in dessen Dienst und Namen der Papst solche Thaten thut. Kaiser Friedrich glaubt schon lang nicht mehr an Rom: er glaubt auch herzlich wenig mehr an den Heiland.«
      Da schlug Friedmuth mit tiefer Bewegung ein Kreuz: »Gott, gnadenreicher Herr, erleuchte ihn und rette seine Seele!«
      »So glaubt er wirklich an den Propheten seiner arabischen Leibwachen?« fragte Walther, fast ängstlich. 
      
      »Nein, an den glaubt er auch nicht: er glaubt nur an sich selbst und seinen Stern, wie er es nennt,« seufzte der Ritter.
      »Ist wenig!« meinte der Sänger. »Der Himmelsherr mag jeden Christen davor wahren!«
      »Nicht aus Muthwillen, Lieber, zweifelt jener edle Geist. Aus bittrer Noth, aus Nothwendigkeit – der Gedanken. Ich aber halte mir meinen Christenglauben immer wieder tüchtig sturmfrei, wie eine feste, kriegsbedrohte Burg. Aber der heilige Vater macht das oft zu saurer Arbeit. Und mein Kaiser, wie straft er meinen frommen Glauben oft mit Spott! Wenn der hohe Herr – er hat mehr Gedanken in seinem schönen, strahlenden Haupt als alle andern Könige der Christenheit zusammen! – wenn er sich arabische Schriftgelehrte, jüdische Lehrer und unsere weisesten Äbte und Bischöfe nach Palermo kommen und sie in seiner Gegenwart Religionsgespräche halten läßt, indeß unter seinen Augen im Zwinger Leopard, Panther und Gepard vor ihm sich balgen, während er den Falken 
       streichelt oder Frau Giocondas wunderbar schönes Haupt, und dann und wann den Perser-Apfel taucht in den Wein von Chios und ihn mit feinem Schmunzeln in den hochmüthig spöttischen Mund schiebt und wenn er dann, nachdem sie sich alle gegenseitig widerlegt haben und mit rothheißen Köpfen wider einander dräuen: – wenn er dann so vergnüglich seinen schönen rothbraunen Bart streicht und sie entläßt mit den Worten: ›Ihr habt alle gleich Recht, weise Herrn‹ – und die drei bösen Katzen unten sich niedergebalgt haben: – sie können einander nichts Ernstliches anthun! – dann graut mir leise vor diesem Mann, deßgleichen nie den deutschen Kaiserthron geschmückt.«
      Da sprach Friedmuth traurig: »Ich kenne ihn so viel weniger als ihr: und doch: ich liebe ihn so heiß – und muß ihn tief beklagen! – O weh! O weh um ihn! Er glaubt nicht mehr an Christus den Herrn? Wie kann er leben dann? Wie glücklich sein? Vor wem mag er sich demüthigen um 
       Sünden-Schuld? Und, trifft ihn Unheil, unverschuldetes, wie mag er sich getrosten, daß es doch zum Guten führt? Wahrlich, ein niedriger und unkluger Mann bin ich gegen den Herrn Kaiser. Aber ich tausche nicht mit ihm! Denn mir meinen Christenglauben aus dem Herzen reißen, wo ihn gar tief die liebe Mutter eingewurzelt hat, – das kann kein Mensch und kein Geschick auf Erden. Eher möchte der Herr Kaiser mit seiner ausgestreckten Hand den schönen Abendstern vom Himmel pflücken.«
      »Auch mir hat er,« sprach der Deutschmeister, »nur ein Par Borschanzen verbrannt: an die Hochburg meines Glaubens reichen seine Feuerpfeile nicht. Dürft' ich sonst noch dieses schwarze Kreuz hier tragen? Ja, sogar mit Rom muß ich ihn wieder aussöhnen trotz alledem, und trieben es der Bischof dort und andere übereifrige Pfaffen noch zehnmal ärger.« –
      »Kann mir das nicht recht vorstellen!« meinte Herr Walther. »Aber Euch, Herr Hochmeister, hat der Himmelsherr 
       seine weiseste Gabe verliehen: das Maß; und mir ein heißes Herz, das noch im Alter haftet.«
      »Unablässig arbeite ich an der Versöhnung. Um des Reiches willen! Das ganz anderes dringend verlangt, als daß die beiden Häupter der Christenheit einander so viel Böses anthun, als sie nur können. Auch helfen mir dabei gar manche wackere Bischöfe in Wälschland und im Reiche. So all' die eurigen an Etsch und Eisack: sind alle gut kaiserlich.«
      »Ja,« bestätigte Friedmuth, »auch Frau Wulfheids Ohm: Herr Heinrich von Taufers, der seit kurzem den Bischofstuhl von Brixen bestiegen, ist dem Kaiser treu ergeben.«
      »Und er ist ein gewaltiger Mann, der Herr Heinrich!« sprach der Hochmeister. »Ich kenne ihn genau: er hat ja viele Jahre fern eurer Heimat in Wälschland gelebt als Abt, aber auch als Vermittler zwischen Rom und Friedrich. Ein strenger Mann! Unerbittlich gegen das Unrecht, scharf in kanonischem Eifer! Darum hat ihm der Papst anbefohlen, um 
       die gesunkene Zucht der Mönche und Nonnen in euren Bergen zu heben, auch in jenen Klöstern Visitation zu halten, die nicht unter Brixen, sondern unter Trient stehen oder Chur.«
      »Es gefällt mir nur nicht an ihm,« meinte Walther, »daß er so gerne Hexen brennt. Es giebt ja Hexen, gewiß: die Bibel sagt es, die Kanones und die Reichsgesetze. Aber nicht jedes alte arme Weib, das rothe Augen hat und mit sich selber redet, auch wohl ihren Nachbarn mal was Böses anwünscht – das thun wir alle manchmal! – ist des Teufels Buhlin. Der Teufel hat auch gar keinen so schlechten Geschmack, daß er sich so oft die ältesten aussuchte! – Herr Heinrich aber stößt auf Hexen, wie die Krähe auf den Uhu. Der verbrennt seine eigne Nichte, Frau Wulfheid, gilt sie ihm als Hexe, so ruhig, wie jede Bettlerin.«
      »Ja, gerade auch zur Ausbrennung der Hexen – ein traurig Geschäft! – hat ihm der Papst für euer Land besondere Einschärfung und Vollmacht gegeben,« 
       fuhr der Herr von Salza fort. »Aber er ist von unbeugsamen Rechtssinn: fest und hart und klar, freilich auch unerweichbar, wie Diamant. Ich darf ihn fast meinen Freund rühmen.«
      »Ich kenne ihn beinah' gar nicht,« sagte Friedmuth. »Er kam erst ganz kurz vor dieser Kreuzfahrt aus Wälschland in die Heimat zurück. Und vor meiner Verheirathung trennte ja bitt're Fehde uns Schännaer von den Herren von Fragsburg und von Taufers.«
      »Aber zur Zeit,« seufzte Herr Hermann, »kann ich nichts ausrichten in Versöhnung und Vermittlung. Der Kaiser hat, einmal hier in Asia gelandet, seines großen Vaters Pläne wieder aufgegriffen. Gleich unterwegs, im Vorüberfahren, hat er das schöne Eiland Cypria als kaiserliches Lehen in gute Verwaltung genommen.«
      »Heißt er doch jetzt schon König von Jerusalem,« fiel Walther ein.
      »An diese Krone – ja vielleicht auch an die 
       von Byzanz! – denkt er viel mehr, der herrschgewalt'ge Mann, als an das Grab Christi.«
      »Dies Grab ist – leer,« sprach Friedmuth ernst. »Der Herr Christus aber thront über den Wolken zur Rechten Gottvaters, des starken Himmelskönigs. Der reiche Christ da oben kann, wenn er es will, sein ehemaliges Grab selbst schützen und die frommen Pilger.«
      »Die frommen Pilger sind leider oft sehr unfromm,« grollte Herr Hermann. »Da streiten sie mit Worten und Waffen um den rechten Glauben oder um ihre Privilegien, in der heiligen Grabeskirche selbst, so daß – zur Schande der Christenheit! – die Heiden den Frieden des Ortes schützen müssen gegen die Frevel der Templer, Turcopulen und Pullanen.«
      »Ich bin ein schlichter Mann,« sprach Friedmuth, »und verstehe nichts von den Plänen unseres Herrn. Aber nach meinem Unverstand ist Zeit und Kraft und Gut und Alles verloren, was unser Kaiser auf dies Land wendet: – es ist, wie wenn er edelsten Saatweizen nähme und in die Wüste würfe: der Wind 
       verweht's, der Sand verschüttet's: – ohne Spur und ohne Frucht vergeht's.«
      »Dein Unverstand ist klarste Einsicht,« sagte Hermann. »Täglich warne ich den Herrn in gleichem Sinne. – Buchstäblich hast du Recht mit deinen Worten! Vor zehn Jahren haben wir deutschen Herren am Nordeingang der Wüste eine Siedelung gegründet: Colonie nennen wir's gar vornehm. Mit unsäglicher Mühe ward eine Straße gebaut, eine Umschanzung aufgeworfen, ein Brunnen erbohrt. – Jetzt, bei dieser Heerfahrt, führt mich eine Gesandtschaftsreise wieder über den Ort: – Alles spurlos verschwunden! Die Menschen am Wüstenfieber, am Durst, an der Sonne verschmachtet oder geflüchtet: Straße, Schanzen, Brunnen so haushoch vom Sande verschüttet, daß wir mit größter Mühe an ein par Ziegelsteinen die Stätte wiedererkannten. Ich habe den Kaiser und seine vertrautesten Räthe dorthin geführt, aber auch noch Andere:« – er hielt inne: und noch ernster ward sein Antlitz. 
      
      »Wen?« fragte Walther.
      »Wenn es kein Geheimniß ist,« meinte Friedmuth bescheiden.
      »Für Euch schon jetzt nicht mehr: – bald, hoff' ich, für niemand mehr. Schweigt noch einstweilen: die Anderen waren die Comthure meiner deutschen Herren!« 
      
    



      Sechstes Capitel.
      »Alles Heil euch tapfern Männern mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Mantel!« rief Friedmuth begeistert. »Groß ist euer Ruhm bei Christen und bei Heiden. Ich habe euch oft an der Arbeit gesehen: am Bette der Pestkranken in euerem Hause zu Akkon oder auf glühendem Wüstenweg als Begleiter der Pilger, im Kampf mit zehnfacher Überzahl!« –
      »Aber doch erst, seit Herr Hermann sie leitet, kommen die deutschen Herren zum längst verdienten Ansehen: hat sie doch der Papst erst seit Kurzem gleichgestellt den Templern und den Hospitalitern.«
      »Ja, seit wann? und warum?« rühmte der Fragsburger mit blitzenden Augen, auf des Hochmeisters 
       Schild deutend, der an der Zeltstange lehnte. »Weil vor Damiette dieser weise Mann des Rathes, dieser vorbedächtige Herr Hermann, so gewaltige Schwert-Streiche geschwungen hat, den neidischen Templern zur Seite, daß Papst und Kaiser ihm in das schwarze Kreuz seines Hochmeisterschildes – hier! – das Goldkreuz von Jerusalem gesetzt haben. Das darf kein Andrer führen.«
      »Und damals war es doch, – jetzt sind's neun Jahre,« – fragte Herr Walther, »daß der hochmüthige Franzose – wie hieß er? Héron?«
      »Es war,« antwortete Friedmuth rasch und stolz, »der Connétable Héron de Taillefer-Bréholle.«
      »Nicht wahr, der ritt an Euch heran, senkte seine Lanze und sprach: Beim Glanze Gottes, nun will ich an der Loire melden, daß die Deutschen fast so viel besser das Schwert als wir die Lanze führen.«
      »Ja,« sagte der Herr von Salza ruhig. »Ich lud ihn darauf gar sehr höflich zum Lanzenrennen in dem 
       eroberten Damiette und stach ihn beim dritten Anrennen vom Gaul.«
      »Und Gott hat euch wunderbar gesegnet von Anbeginn,« sprach Friedmuth. »Was ist doch der Orden gewachsen seit, vor einem Menschenalter, ein par wackere Bürger von Lübeck und Bremen im Lager vor Akkon aus einem alten zerschlissenen Segel ein Zelt errichteten – das war das erste ›deutsche Haus‹: ohne Balken und Dach! – für kranke deutsche Pilger. Denn Templer und Hospitaliter wollten nur Franzosen und Wälsche pflegen und schützen.«
      »Ja, die Templer! Meine Ritter haben ein Sprichwort: »Dem wahren Kreuz hat das rothe mehr denn der Halbmond geschadet.« Wie mußte ich doch streiten wider die Herren vom Tempel, des Papst Innocenz Schos-Söhne! Nicht einmal den weißen Mantel wollten sie uns tragen lassen! Der Papst entschied zuletzt: mindestens aus schlechterem Stoff als der Templer muß unser Mantel sein.«
      »Das bringt euch keine Schande!« sprach Friedmuth. 
       »Freuden und Prunk versagt euch euer Gelübde: ihr dürft ja gar, ihr Brüder vom deutschen Hause Sanct Marien, an Sattel und Zaum, an Helm und Schild, nicht Gold, Silber oder weltliche Farbe führen.«
      »Papst Innocenz war uns wenig hold,« fuhr der Hochmeister fort. »Aber Honorius und jetzt Gregor hab' ich allerlei Privilegien abgerungen. Die Staufer jedoch haben uns von jeher hoch geehrt: Herr Heinrich, Herr Philipp, und nun gar der gewaltige Friedrich. Ich schlug sogar ein Vorrecht aus, das er uns bot,« lächelte Hermann.
      »Welches?«
      »Daß jeder, der bei uns eintrat, seiner Geldschulden sollte ledig sein. Ich scheute den großen Zulauf.«
      »Dagegen gebot er aber,« – meinte Friedmuth, – »so sehr liebt er dich! – daß der Deutschmeister, so oft er zu Hofe kommt, er mit sechs Berittnen, des Kaisers Ehrengast sein solle.« 
      
      »Gewaltiges habt ihr hier in Krieg und Frieden geleistet« bestätigte Walther. »Und doch ist all das, fürcht' auch ich, wie Ihr gesagt, Weizen in der Wüste. Heimat schafft ihr den Deutschen nie in diesem Land. Und je mehr Zeit und Kraft und Blut wir hier vergeuden« –
      »Desto mehr,« fiel Hermann von Salza ein, »entziehen wir unsern Nord- und Ost-Marken daheim, wo der Wenden und andrer Slaven von mancherlei Namen wegen unsre Bauern, bis zur Elbe hin, nicht mehr anders pflügen können, als im Brustharnisch und den Speer angeriemt. Ich meine, wir hätten an der Elbe, ja über die Elbe hin, bis an den Wysselstrom, viel dringendere Arbeit als hier, zwischen Jordan und Meer.«
      »Wie meinst du das?« fragte Friedmuth, ernst und eifrig. »Über die Elbe hin – an die Wyssula? Von diesem Lande möcht' ich wohl mehr erkunden! Ein Pilger von dorther, auf dem Weg nach Rom, kehrte einst bei uns ein. Er trug einen weißen Rock von Schaffellen, die Wolle nach innen, Schuhe 
       von Holz und, bis über die nackten Knie' empor, Riemenwerk; vier kurze Holzkeulen staken in seinem Gurt. Sein Bischof hatte ihm eine Romfahrt als Buße auferlegt, weil er viele Christen erschlagen hatte: ein heidnischer Pruzze, ein Häuptling, war er gewesen: jetzt war er getauft. Aber zufällig donnerte es gerade, als er bei uns war: da rief er immerfort, »Perkud, Perkun!« und schlug dann ein Kreuz und weinte sehr, daß er den alten Donnergott nicht vergessen könne. Eine Kröte, die des Weges sprang, fing er: fast weinend, küßte er sie dreimal und ließ sie dann frei. Auf meine Frage sprach er, »um Verzeihung bat Warputus die Göttin, daß der Philipp ihr nicht mehr Schnecken opfern darf und sie anbeten: Vater Christian«: – wer mag das sein?«
      »Das ist Herr Christian, einst Mönch von Oliva, jetzt Bischof von Pruzzenland,« nickte der Hochmeister
      »Christian hat es Philipp verboten,« fuhr er fort, »aber Warputus hat die Krötengöttin heute noch viel lieber, als den Vater Christian.« Ich verstand das 
       nicht: da sprach er: »Warputus hieß ich, da ich froh war und der Hölle eigen: jetzt heiß' ich Philipp, bin des Himmels eigen und sehr traurig.« Dann schenkte er uns gelbe, undurchsichtige Glaskugeln: die warf er auf den Herd, das gab einen Rauch, köstlicher als der Weihrauch in dem Dom zu Brixen. Denn gar gutmüthig war er: nur ein wenig einfältig! So konnte er die Tage nur zählen, indem er jeden Abend einen Knoten in seinen Gürtelstrick knüpfte. Was war das wohl für Glas?«
      »Bernstein,« sprach Herr Walther. »Ein wundersam Gewächs: Goldstein der See. Wo das die Wogen ausspülen, da soll die Welt zu Ende gehn.«
      »Noch nicht ganz,« lächelte Herr Hermann.
      »Denkt euch nur,« fuhr Friedmuth fort, »er wollte uns glauben machen, in seiner Heimat gebe es Berge, die, wandernd, in Jahrzehnten Hütten und Wälder bedecken und nach langer, langer Zeit anderswohin wandern.«
      »Das ist doch gewiß nicht wahr?« meinte Walther. 
      
      »Ja, es ist wahr,« sprach der Hochmeister. »Aber sie sind von lauter Sand, diese Berge oder Hügel. Dünen heißen sie.«
      »Recht elend mag's dort wohl zu leben sein. Denn –«
      »Da können gar keine Menschen leben!« sprach Herr Walther sehr ernsthaft. »Höchstens Pruzzen und Samaiten: die sind's gewohnt.«
      »Denn,« fuhr Friedmuth fort, »der beste Wein mundete ihm wenig, den wir ihm boten. Aber als er an dem Roßstall vorbeikam, blieb er plötzlich stehen, schnupperte in die Luft, stieß einen wilden Schrei aus, rannte hinein, schob das Fohlen weg, das an der Stute trank, und sog, vor Wonne schnalzend, deren Milch. Er fragte – zu Frau Wulfheids großem Zorn – nach meinen andern Weibern: ich sei ja ein reicher Fürst im Vergleich mit ihm: aber er habe doch daheim sieben Frauen gehabt und auch nach der Taufe nur vier verkauft: – die mehr ältlichen. Mit Frau Wulfheid verdarb er's gleich zu Anfang, weil sie ihm 
       nicht die schmutzigen Füße waschen wollte: er meinte, das komme der Wirthin zu. Er wunderte sich sehr, als wir vom Tisch aufstanden: bei uns daheim, sprach er, trinken Gast und Wirth bei jedem Gelag den Honigmeth, bis beide auf der Schilfstreu liegen. Und da wir einmal an die Etsch hinunterstiegen, zu fischen, – er fragte immer nach Fischen, obwohl nicht Fastenzeit war, und aß sie fast lieber roh, noch zappelnd, als in Frau Wulfheids bester Brühe – da flog eine Krähe vor uns auf. Der Gast griff einen Stein, und traf die Krähe im Fluge: sie fiel, er sprang hinzu und – sie war noch nicht todt! – biß ihr den Kopf mit den Zähnen ein. Ich staunte. Er aber sprach: O fremder Vater: in unserem Land sind viele Krähen und wenige Messer. Man muß der Messer schonen. Unsere stolzen Nachbarn, die Polaben, nennen uns wohl die Krähenbeißer: – aber die haben viele Messer und essen Brot, nicht wie wir, Krähen und Fische. Und er bat gar flehentlich, daß ihm Frau Wulfheid die Krähe zum Abendimbiß 
       braten ließ, schob das Haselhuhn zurück, aß die Krähe und weinte darüber vor Heimweh. Denn, sagte er, schön ist's nur bei uns. Diese Berge verdrücken mir den Athem.«
      »Ja!« meinte der Herr von Salza, sehr langsam sprechend, »dort ist's wohl noch gar wild und öd und arm. »Aber gerade dies Bernsteinland, dies Dünenland, – das sollten wir haben.«
      »Doch nicht wegen der Krähen?« lachte Herr Walther.
      »Nein! Aber seht, es ist keine Ruhe mit diesen Wenden und andern Heiden, bis wir sie nicht nur von vorn abwehren, bis wir sie auch vom Rücken fassen können. Wie die Grenzen jetzt dort laufen, ist gar nicht auszusorgen! Seht,« und er schob den Mantel zurück, auf dem sie lagen, und zeichnete mit der Spitze der Scheide seines mächtigen Schwertes, die er ergriff, in den Sand der Wüste vor sich hin: »so lang gestreckt und offen läuft unsere Ostmark von Mittag gen Mitternacht. Nun liegt aber jenes Heidenland 
       der Preußen den Polaben im Nordosten. Seht ihr, so!«
      »Das leuchtet mir ein!« fiel Friedmuth sehr eifrig ein. »Und all' die Tausende und Zehntausende, welche Jahr für Jahr ein wirrer Drang nach heiligen oder unheiligen Abenteuern aus unsern Marken über See führt und die, – sie blühen nun oder sie verdorren, – für's Reich verloren sind, die blieben uns erhalten. Und man könnte sie schön langsam zurückdrängen gen Aufgang, diese dumpfen Wenden. Sie starren von Schmutz. Ich kenne sie! In Kärnthen hab' ich gegen sie gefochten.«
      »Da würd' es wohl noch langer Arbeit brauchen mit Pflug und Schwert,« meinte Walther.
      »Aber es wäre doch Arbeit, die haftete, nicht, wie hier, verwehte,« erwiderte Hermann. »Noch anderes kommt hinzu, – ein Großes! – was ich jetzt noch nicht enthüllen darf. Doch ist's im Werk. Und ihr beiden sollt davon vernehmen: – vor Anderen.«
      »Und ob unser Einer auch wohl nur schwer dort 
       leben kann in so rauhem Norden, – ich meine, es athmet sich doch noch gesünder, als in diesem giftigen Wüstenschmack!« rief Friedmuth.
      »Und wenn die Zeit dazu gereift, dann, Freund Walther, – ich werd' Euch mahnen zu rechter Stunde! – dann sollt ihr mir durch eure Weisen eure Deutschen ebenso zur Kreuzfahrt nach Pruzzenland begeistern, wie Ihr sie nach Palästina gerufen habt.« 
      
    



      Siebentes Capitel.
      »Wohl, wohl,« meinte Herr Walther. »Wohin die Pflicht ruft und das Reich, dahin muß man gehen, sei's an den Jordan, sei's an die Wyssula. Ich geh' auch selbst hin, muß es sein. Aber lieber wär' mir's schon, ich dürfte meine Pflicht für's Reich thun in einem Lande, wo –«
      »Recht guter Wein wächst,« fiel da eine helle Stimme ein, »nicht wahr, Herr Walther?« Hezilo guckte, den leeren Becher wieder füllend, ihm über die Schulter.
      »Büble, Büble,« drohte Friedmuth, »deiner Keckheit wird fast allzuviel. Herr Walther sollte dich walken.«
      »Laß das Garzünlein,« lachte dieser. »Kinder und Narren sprechen wahr. Und da dieser Fratz ein Kind und ein Narr zugleich, so spricht er doppelt 
       wahr. Das Trinken ist nicht meine schlechteste Kunst. »Denn durstig sind die Sänger«: es ist ein alt gut Wort.«
      »Ein Kind?« zürnte Hezilo. »Bald neunzehn Winter zähl' ich! Und ein verlobter Bräutigam! Über's Jahr hoffe ich, die drei Herren zu meiner Hochzeit zu laden im äußern Hof zu Goyen. Ein Narr? – Das will ich nicht bestreiten! Besser ein fröhlicher Narr denn ein trübseliger Weiser! – Mit dem Walken aber hat es gute Weile. In der Wüste wachsen keine Haselstecken, wie sie der Herr Minne-Sänger gerne schneidet – gegen seine Garzünlein, die Singerknaben. – Allein, Herr Walther, ich hätte eine Bitte – Ihr ahnt sie wohl? – Es ist wieder dieselbe – wie daheim und auf dem Schiff – es ist wieder –«
      »Die Pfeife! Die verfluchte Schwegelpfeife?« rief Herr Walther. »Bub! Unglücksbub! Lieber lauf ich in die Wüste und höre die Wüstenfüchse bellen als nochmal deine Singerkunst.« 
      
      »Lauter Brodneid!« rief Hezilo, und zog aus dem Wamms eine kurze Rohr-Pfeife: sieben Schilfrohre mit Wachs an einander geklebt, immer kürzer geschnitten von rechts nach links zu, wie sie die Hirtenbuben schneiden aus dem Schilf der Etsch. »Ich hab' eine neue Weise gefunden zu einem Eurer Taglieder: – die sollt Ihr hören, Herr Walther! – Nur ein einziges Mal – in Eurem ganzen Leben! – ich bitt' Euch, sie ist wirklich wunderschön!« Und sofort setzte er die Pfeife an und hub an, laut zu blasen. Bei den ersten Tönen begannen alle die zottigen Hunde, welche das Lager bewachten, bitterlich zu heulen: Herr Walther aber sprang auf, den Spielmann zu greifen: dieser entwich aus dem Zelt in das Dunkel.
      »Wenn nur der Teufel käme und dir die verfluchten Quiek-Röhren vom Schnabel risse! – Ich wollte ihm zum Dank den Schweif vergolden!« rief der Sänger dem Fliehenden nach. »Ist ein grundgescheuter Bub und keine Verdrehniß sonst an ihm. Aber er glaubt, er blase wunderbarlich und doch sind 
       alle seine Töne falsch. Nur sein Schatz findet alles schön.«
      »Ja, ja, es ist grausam, wie er bläst,« lachte Friedmuth. »Seine Töne sind falsch. Aber das ist auch das einzige Falsch an ihm. Er ist getreu: treu mir und seinem Trinelein.«
      »Wäre schad' um das Büble, wenn ihn hier Fieber oder Pfeil wegraffte. Bildsauber ist er auch: fast wie Herr Tristan oder gar Herr Parzival: noch beinahe bartlos, mit rosenrothem Mündlein, lieblich und licht von Haut – so recht der Frauen Wunschesart. Aber was hat ihn hergeführt? Er ist nicht dein Dienstmann.«
      »Nein! Er sitzt als freier Mann auf dem äußern Hof zu Goyen: aber der Hof, wie der Innere, auf dem Katharinas Vater baut, gehört dem Bischof von Chur. Der hat die Vogtei über diese Höfe mir, das heißt: der Fragsburg verliehen. Schon als Kinder haben Hezilo und seines Nachbars Töchterlein sich, wie im Spiel, verlobt: das Spiel ward Ernst, als sie keine 
       Kinder mehr waren. Doch können sie als Vögtlinge ohne Zustimmung des Bischofs von Chur nicht heirathen: und der Bischof, Herr Berchtold, der Helfensteiner, hat, schon seit Damiette in Heidenhand gefallen, zumal aber seit die Kreuzpfaffen, welche Papst Gregor aussendet, wieder so eifrig predigen, kaum was Anderes mehr in Gedanken als das gelobte Land. Bevor ich dem Kaiser hierher folgte, wollte ich die Kinder verheirathen. Aber da ich nun mit ihnen des Bischofs Einwilligung erbat, schrieb der: »Ja, aber nur unter dem Beding, daß die Braut jährlich sechs Pfund Wachs von ihrem Muttergut zu Schänna der Capelle zu Kains als Martinizins aufläßt.« Das sagten die Braut und ihr Vater gerne zu. »Und,« schrieb der Bischof weiter, »wenn der Bräutigam das Kreuz nimmt und Jahr und Tag im heiligen Lande dient.« Da, als ich ihm das vorlas, machte er ein lang Gesicht und das Kathrinelein weinte bittre Thränen. Es sah ihn schon gespießt an eines grimmen Heiden Speere! Ich tröstete die Kleine und versprach 
       ihr in die Hand, den Knaben selbst mit mir zu nehmen und besser als auf mich auf ihn zu achten.«
      »Und wie hast du dein Wort gehalten! Gleich bei der Landung hier im Hafen von Akkon! Der gute Hezilo zog – aus purer Neugier – den Vorhang von einer reichen Sänfte, die vorüber getragen ward, zurück: – er ahnte nicht, daß eine Saracenin, eines ägyptischen Gesandten Tochter, darin saß. Im Augenblick blinkten zwanzig Dolche wüthiger Heiden gegen den Niedergeworfenen: – wie standest du da plötzlich in der Mitte, fingst den schlimmsten Stoß mit dem Arm und wehrtest der Überzahl, wie ein Bär die Meute abschüttelt, bis euch Hilfe beisprang.«
      »Das sieht ihm gleich,« sprach der Herr von Salza. »Er lebt nicht sich – er lebt, mehr als gar mancher Ordensritter – für Andre.«
      »Und stirbt für sie! Schon auf der Überfahrt – für ein fremdes Kind – sprang er – –«
      »Schweig still, Walther. Trinke lieber noch eins.« Und Friedmuth füllte ihm den Becher auf's Neue. 
      
      »Wenn ich so viel Wasser hätte schlucken müssen, wie du damals, zumal Salz-Wasser! – Aber da fällt mir ein: – beim Trinken – kennt ihr den Böppele von Boblingen?« 
      
    



      Achtes Capitel.
      Friedmuth verneinte. Aber Herr Hermann sprach nachsinnend: – »Böppele? Ich meine: ja: den »Böppele« nannten sie ihn. – Ja, den hab' ich wohl gekannt – bei Genua – nicht? Was ist mit dem drolligen Kauz?«
      »Und was ist Boblingen?« fragte Friedmuth.
      »Hei, Boblingen ist ein kleines Nest in Alamannien: ein Haufe von Hütten, der aber eine Mauer um sich gezogen und vom Kaiser eine »Marktfreiheit« erbettelt hat. Durstig müssen sie sein, die Boblinger. Denn ob zwar nur ein par hundert Männlein und Weiblein dort leben, haben sie einen eigenen zünftigen Weinschank von Rathswegen eingesetzt und verpachtet und ein lustiger Kumpan, der früher als Schuster eingegildet war – das ist ein durstig Handwerk! – 
       der hat es gepachtet. Er war von den ehrsamen Schemelhockern ausgestoßen wegen Innungsschulden und loser, nicht schlechter Streiche, – mein Freund Böppele ist ein arger Schalk, aber kein allzuarger Schelm! – Und ist seit Jahren viel herumgezogen, billigen Wein einzukaufen, ihn, verdünnt und theuer, daheim seinen Boblingern zu verzapfen. So traf ich ihn früher auch manchmal im Eisackland. Aber gar viele Jahre war er ausgeblieben. Als ich nun auf der Fahrt hieher nach der reichen Hafenstadt Genua kam, war da in der Stadt auch ein Herr Egino vom Hohenbühl aus Schwabenland, ein Nachbar der Böblinger Burgensen. Der hatte nicht das Kreuz genommen, sondern nur einen Auftrag des Pfalzgrafen von Tübingen bei dem Kaiser und bei dem Rath von Genua auszurichten. Mit dem Hohenbühler ritt ich einmal an einem heißen, durstigen Sommertag zu den Thoren von Genua heraus und wir kamen an ein Fischerdorf, heißt Sestris. Da winkt an einer Schänke, nach deutscher Sitte, ein grüner 
       Rebenzweig oben von der Thür, zum Zeichen, daß hier Wein geschänkt wird.
      Wir treten beide in den kühlen Steinflur, wo es ganz erstaunlich sauber aussieht – gar nicht wälsch! – und rufen nach dem Schankwirth: »Gleich, gleich!« tönt es ganz gut schwäbisch, und aus dem Keller taucht empor – mein Böppele: – der Alte, nur viel runder an dem Bauch und röther an der Nase. Jedoch kaum erschaut er den Hohenbühler, als er hurtig entweichen will. Der aber schreit. »Was, der Böppele? So büßt der meine Sünden ab?« hascht ihn am Wamms und schlägt mit der Faust gar eilig und kräftig auf ihn los. »Du arger Unnütz, du Lügengauch! Da! das ist für das heilige Grab! und das für Bethlehem!«
      »O weh, und immer mehr o weh!« schreit der. »Lasset, schonet! Schenkt mir die andern heiligen Örter! Ich will ja alles bekennen und das Geld herausgeben, sofern ich's noch haben sollte,« sagte er dann vorsichtig, als der Zornige losließ, und er 
       sich, den Rücken reibend, erhob. Und nun – ich mach' es kurz – nun kam's heraus. Der vom hohen Bühl hatte mal im Heißzorn einen Pfaffen, der ihn öfter zu allerlei unbequemen Tugenden recht störend vermahnte, heftig verhauen: da das leider während eines Gottesfriedens geschehen, den der Bischof von Augsburg, die Reichsstadt Ulm und der Pfalzgraf von Tübingen mit einander beschworen hatten, konnte der Geschlagene – der Hohenbühler meint, es war gar nicht arg gewesen: kaum wie man einen zuchtlosen Braken haut – auch noch beim Bischof klagen vor geistlichem Gericht, nachdem der arme Herr Egino die weltliche Buße und Wette schon hatte bezahlen müssen. Der Augsburger Bischof, Herr Siboto, ist nun gerade so versessen auf die Kreuzfahrten, wie sein Amtsbruder zu Chur und legte dem wackern Ritter eine Kreuzfahrt auf, von Jahr und Tag, zwischen Jerusalem und Damiette zu verleben. Das taugte nun dem jungen Herrn Egino wenig: er konnte wirklich nicht fort damals: denn er warb um Jungfrau Zisa, des 
       zweiten Bürgermeisters von Augsburg junge Tochter. Und die war nicht nur sehr schön, – auch sehr reich, und das alte, morsche Mauerwerk des Hohenbühls schrie aus vielen Mauerlöchern nach baldiger, gründlicher Flickung, sollte es nicht für Krähen und Eulen allein bewohnbar werden, die jetzt schon besser als Menschen darin Hausung fanden. Nun kurz: Herr Egino ritt, wohin? Rathet –: wohin?«
      »Wie soll ich das wissen!« lachte Friedmuth. »Hm,« überlegte der Hochmeister, »da – am Neckar? – Wenn er gut berathen war, ritt er zu dem Burgpfaffen von Tübingen. Der ist im Lande der Schwaben in Kreuzfahrt-Gelübden einer der Allergelehrtesten.«
      »Richtig! Zu dem ritt er, zu dem »weisen Bruder« von Tübingen und versprach ihm gleich bei der Begrüßung – denn das ist das Hauptstück der Weisheit des Bruders, daß er nichts umsonst thut! – die Eichelmast für seine Schweine im Hag von Hohenbühl, wenn er ihm einen gottgefälligen kanonischen Ausweg finde. Der Weise von Tübingen besann sich 
       nicht lang und sprach: »Erst setzt, ehe wir weiter reden, Euer Kreuz unter diese Eichelmast-Urkunde«. Und als das der Hohenbühler gethan, sagte der Mann Gottes bloß das eine Wort: »Kreuzfahrt durch Stellvertretung.« Dumm ist Herr Egino nun auch nicht: er verstand sofort, daß die Kirche Stellvertretung zuläßt. Der Burgpfaff machte auch den Böppele ausfindig: der war ganz willig für eine geringe – auffallend geringe! – Summe den Wein-Schank in der Winkelgaß zu Böblingen zu sperren und für des Hohenbühlers Seelenheil auf Jahr und Tag in's gelobte Land zu ziehen und am heiligen Grab zu beten, dabei auch mit einem leichten Fuchs-Sperlein, einer Armbrust und zwölf Pfeilen wider die Heiden zu streiten, falls ihn solche 
      angriffen. Heiden 
      aufzusuchen, um sie anzurennen, sollte er nicht gebunden sein, wenn er es nicht freiwillig aus Kampfgier thun wolle, was wenig wahrscheinlich. – Auch mußte der Ritter ihm die Trutz-Waffen liefern, eine mittelgute Mähre stellen und einen armslangen Reiterschild 
       als Schutzgewaffen. All das empfing er von Herrn Egino und auch die Pfennige im voraus.
      Freilich mußte der Ritter leider um die Letzteren erst einen Augsburger Juden werfen, der zur Jacobi-Messe nach Ulm zog; da es nicht im Gottesfrieden geschah, – auf Rath des Tübinger Gottesgelehrten hatte der Hohenbühler diesmal weislich gewartet, bis des Friedens Frist abgelaufen war! – nur im Augsburger Weichbildfrieden, war es nicht besonders sündhaft. Und da der Jude ihn in der Finsterniß nicht erkannte, hat es dem wackern Herrn auch weltlich nicht geschadet. Nur der Jude verlor drei Vorderzähne darüber, da er zuletzt, während ihm der Ritter beide Hände hielt, seinen Geldgurt mit dem Munde festhalten wollte in seinem schmutzigen und echt jüdisch-verstockten Geiz und Eigensinn und ihm daher – durch 
      seine Schuld! – der Mund mit dem Schwertgriff ein wenig locker gemacht werden mußte.
      Also war nun Alles gut: der Jude verlor seine Zähne und Pfennige, der Böppele erhielt Pfennige, 
       Gewaffen und Gaul. Der arme Herr Egino konnte im Lande bleiben und die schöne Zisa von Augsburg auf den Hohenbühl führen. Der Bischof selber traute sie im Dom: und die guten Burgensen von Augsburg verehrten ihr einen schönen Smaragd für ihren dritten Finger: nicht ahnend, daß der andere Smaragd, an ihrem vierten Finger, den ihr kürzlich Herr Egino geschenkt hatte, aus dem Schmuckladen des reichsten Juden von Augsburg, Jochai, gekauft, diesem Jochai mit seinem eigenen Golde war bezahlt worden und daß derselbe noch unwissentlich ein par Zähne als Zuwage gegeben hatte. So wäre also Alles ganz schön vertheilt gewesen.
      Den Ritter hatte es nur gewundert, daß der Böppele, der gar nicht geldblöde ist, für so wenige Pfennige die weite, gefährliche Fahrt wagen wollte. Jedoch der hatte gesagt, er habe selbst ganz unaufhaltsame Sehnsucht nach dem gelobten Land: seine Nachbarn aber meinten, Frau Zahme – »Zahm-Muthe« war sie getauft, allein die Bürger von Boblingen 
       und die Gauleute auf ein par Meilen im Umkreis hatten sie lange »Frau Zankmuthe« oder auch »Frau Zanke« umgetauft –, seine Ehehälfte, sei so bösartig, daß er lieber in der Heiden Hände fallen wolle – das seien doch noch unbekannte Schrecknisse – als die altbekannten Schrecknisse unter den Händen Frau Zahmes länger tragen.
      Auch kamen bald, gelegentlich von heimkehrenden Pilgern mitgebracht, Briefe: – denn der kluge Böppele war als Gärtnerbursche in dem Kloster zu Maulbronn erzogen worden und hatte lesen und ein wenig schreiben gelernt, – wie er die Alpen überschritten, dann in Venedig sich eingeschifft habe. Dann folgten, stets in den angemessenen Zwischenräumen von Monaten, Schilderungen eines grauslichen Meersturmes bei dem Eiland Cypern, viele Durstbeschwer in der Wüste, ein Gefecht mit Saracenen, wobei er einen Pfeilschuß in den linken Fuß erhalten, – wofür er nochmals achtzig Pfennige berechnete, weil er die Heiden, über seinen Vertrag hinaus, bei einer Cisterne aufgesucht und angegriffen 
       habe. – Dann, wie er am heiligen Grabe gebetet habe, sei er eingeschlafen und im Traum sei ihm der heilige Sebastian erschienen und habe ausdrücklich erklärt, dem Ritter vom hohen Bühl seien alle Sünden verziehen und es sei dem Heiligen sogar viel lieber gewesen, daß ein so frommer Pilger statt des leider etwas weltlichen Ritters gekommen sei. Er habe so bei dem lieben Gott den Sündenerlaß mit zweihundert Vaterunsern durchgesetzt, während er sonst leicht nochmal soviel gebraucht hätte. Und der Jordan und Bethlehem, Gethsemane und der Ölberg und Alles war ganz genau beschrieben. Und zuletzt kam gar die Nachricht, sie möchten Frau Zahme nur sagen, sie werde ihn nie mehr mit leiblichen Augen schauen, bis sie ein liebes Engelein geworden: denn er habe der Welt mit allen Freuden der Ehe entsagt und werde seine Tage als Mönch in einem stillen Thale bei Jerusalem beschließen, wo er täglich gegen ihr Gallenleiden bete, das sich oft so heftig geäußert. Er fragte zuletzt, ob sie nicht schon große Linderung 
       verspüre, seit er so für sie bete. Ihm gehe es viel heiterer als daheim: ein süßer Friede, so rechte Fröhlichkeit im Herrn, wohne in ihm, seit er zwischen Jerusalem lebe und dem Jordan.«
      Da hielt Herr Walther inne: Friedmuth schob ihm den Becher hin. 
      
    



      Neuntes Capitel.
      Der Sänger that einen tiefen Zug, wischte sich den schönen Bart, der gar zierlich kraus, obzwar schon gar merklich grau, den schön geschnittenen Mund umzog und fuhr fort: »Diese letzte Botschaft machte sogar – so schien es – auf Frau Zahmmuthes harten Sinn etlichen Eindruck. Denn sie strich sich mit der umgekehrten Hand über die Augen. Als ihr aber der Nachbar, in der Meinung, nun sei etwas mit ihr in Güte zu richten, vorhielt, sie sei es wohl gewesen, die durch ihre Unsänfte den braven Böppele bis an den Jordan zu den Heiden und in die Mönchskutte gescheucht habe, und deßhalb weine sie jetzt wohl in Reue, – da warf sie dem Nachbar den ganzen Nudelteig, den sie gerade knetete, an den Bart und schrie, sie weine nur vor Zorn, daß sie den feigen Ausreißer, 
       den Böppele, der sich seinen heiligsten Pflichten entzogen, nun nicht vor sich habe, ihm mit dem Besenstiel den Mönch wieder auszuklopfen.
      Und alle Boblinger und ihre Nachbarvölker, Herr Egino und auch ich, der es von diesem erfuhr, waren ganz gerührt und erschüttert durch die Bekehrung des Böppele, der in seiner Weltlichkeit, wie vorhin schon beklagt, ein arger Schalk gewesen war.
      Desto heftiger war nun aber des Hohenbühlers Zorn, als er den Böppele, den er am Jordan büßend gewähnt und fast bedauert hatte, hier, in einer wunderlieblichen Küsten-Bucht am wunderschönen blauen Mittelmeer, im warmen Ligurien, ganz behäbig und viel feister, denn ihn je daheim Frau Zanke genährt hatte, als Weinschänken recht gedeihlich niedergelassen antraf. Und ich meine fast, er hätte den Rundlichen mit der Schwertscheide zu Tode geschlagen, wär' ich nicht dazwischengesprungen und hätte den armen Gauch freigemacht. Nun mußte er aber Alles beichten, und nachdem ich ihm vor weiteren 
       Schlägen Sicherheit erwirkt, erzählte er denn auch bereitwillig Alles: und kam das so drollig unverschämt heraus, daß zuerst ich laut und fröhlich auflachte« – und er lachte jetzt noch in der Erinnerung.
      »Der frohe Himmelswirth segne dein Lachen, mein Walther! Es thut der Seele gut, so recht warm gut, dich Lachen zu hören.«
      »Und es steckt an,« meinte der ernste Hochmeister lächelnd.
      »Muß wohl was dran sein. Denn gar bald fiel der Ritter, so zornig er noch kurz vorher gewesen, ein: und sogar der Böppele, der sich freilich dazwischendurch immer wieder den Buckel rieb und ängstlich auf den Gestrengen blickte, mußte zuletzt über seine eigene Frechheit schmunzeln und endlich hell auflachen: so lachten wir denn zuletzt alle drei. Der köstliche Ligurer-Wein trug wohl dazu bei. Auch die leckeren, frisch gefangenen Fische, die der Böppele trefflich zu braten gelernt hatte. 
      
      Und so, von vielen Querfragen unterbrochen, erzählte denn unser Wirth: »Ja, meine frommen Herren,
      das sind Schicksale, 
      das sind Prüfungen der Heiligen! Ihr fragt, – nicht wahr? – um mit dem Anfang anzufangen, Herr Walther, woher ich das Geld bekommen, diese Wirthschaft mir zu kaufen? Denn sehr, sehr mit Recht denkt Ihr: von den par Pfennigen, die mir Herr Egino gab, mich dafür an seiner Statt von den Heiden, so oft diese wollten und konnten, spießen zu lassen, hätt' ich es nicht bestreiten können, auch wenn ich den Gaul – er lahmte! – und die Waffen dazu verkaufte. – Wo sie sind? – Ja, was sollte ich hier mit dem Kriegszeug? Nur den Schild, den hab' ich behalten! – Seht hier!« und er sprang auf, hob den Tafernschild von der Thür herab, kehrte ihn um und wies dem erstaunten Ritter dessen stolzes Wappen, den steigenden gekrönten rothen Löwen im weißen Feld. – Diesmal mußte ich wieder mit Gewalt die Faust des Zornigen festhalten. Eilfertig hing der Wirth den Tafernschild wieder auf: 
       »Könnte mir sonst leicht Einer vorbeiwandern statt einzukehren: der Schild lockt gar stark: hab' ich doch selbst die schöne Wurst darauf gemalt und den rothen Wein in der durchsichtigen Kristallflasche. – Ja also! Um die par Pfennige hätt' ich freilich mich von meinem ehelichen Herd und Bett nicht losreißen können. Und da lag ich denn, nachdem ich Euer Geld empfangen und sorglich vor Frau Zahme vergraben hatte, in diesem meinem Ehe-Bette und sann nach, wie ich das mir zukommende Reugeld mehren könne. Aber da gab mir der heilige Sebastian, den ich von Kind auf besonders verehre, in der Nacht einen Traum, der half. Denn »den Schwaben giebt's der Herr im Schlaf«, schreibt der Apostel Paulus an die Deutschen. Nicht? Nun, das ist gleich. Dann schreibt er was anderes: wahr ist's einmal.«
      »Jetzt mein' ich fast,« sagte Friedmuth, ganz bedächtig, »ich kenne diesen Menschen.«
      »Also,« fuhr der Dicke fort, »der Heilige erschien mir, von vielen Pfeilen durchbohrt, und er zählte mir 
       die Pfeile und die Wunden vor: es waren zehn: und sprach: »Böppele, dummer Schützling, zehn mal eins sind zehn!« Und so dreimal hinter einander in drei Nächten: und immer waren es der Pfeile mehr und jedesmal sagte der Heilige: »Böppele, dummer Kerl! zehn mal drei sind dreißig«, und das dritte Mal: »Böppele, ganz dummer Kerl, drei mal dreißig sind neunzig«. Sprach's, gab mir einen Rippenstoß und verschwand. Ich aber erwachte und wußte, was er meinte. Ihr habt's noch nicht verstanden? Dann braucht euer Geist mehr als einen Rippenstoß des Heiligen. Nun: ich machte mich auf von Boblingen und fragte entlang dem Neckar, entlang dem Rhein bis Köln und dann, umbiegend, den Rhein wieder hinauf über den Main und die Donau in's Baierland, in's Tirol und in's Wälschland pilgernd, überall an, ob – nun ob nicht noch mehr tapfere Ritter oder auch Bürger und bäuerliche Freisassen wären, welche ein Pfäfflein geschlagen hätten, oder sonst gemäß auferlegter Kirchenbuße oder nach einem Vergleich in Beilegung einer 
       Fehde, verpflichtet worden seien zur Kreuzfahrt, aber viel lieber zu Hause blieben. Gar viele hatte es auch wieder gereut, welche vorschnell, nachdem sie so einen heißen Kreuzprediger gehört und einen Becher Weines dabei getrunken, sich das Kreuz auf die Schulter geheftet hatten. Und so gab es denn wirklich solcher Kreuzfahrer recht viele, die lieber einen Andern an ihrer Statt kreuzfahren lassen wollten. Und gar vielen, vielen that ich es zu Liebe, daß ich für eine kleine Summe auch an 
      ihrer Statt auszog und mein armes Leben einsetzte. So waren es im Ganzen, mit Gottes und des heiligen Sebastians Hilfe, noch sieben und sechzig geworden.«
      »Ja aber,« fiel ich ein, »wenn du für jeden auch nur ein Jahr im heiligen Lande fechten mußt, – so kannst du's ja nicht mehr erleben? Denn vierzig bist du gut, Böppele: müßtest ja über ein hundert und sieben Jahre –«
      Jedoch da schaute mich unser Wirth gar mitleidig lächelnd an, schänkte mir den Becher voll und sprach: 
       »Da sieht man's, Herr Walther, daß man die feinsten Weisen erfinden und doch in anderen, zumal in geistlichen Dingen nicht sehr klug sein kann. Was schadet das denn z. B. dem edeln Ritter Egino hier, wenn ich das Jahr, das ich für ihn im heiligen Land verbringe, zugleich in meinen Gedanken auch für einen Ritter in Franken ausstehe? Es weiß ja Keiner vom Andern! Und wenn auch. Die heilige Kirche »verstattet den Loskauf vom Gelübde: jeder, der zahlt, wird frei, ob nun die achtundsechzig an achtundsechzig Verschiedene zahlen oder an Einen: – das kann der Kirche und dem Zahlenden doch wahrlich gleich sein: und für den, der sein Herzblut und sein bischen Leben einsetzt – was geht's die achtundsechzig an, daß es so für den leichter in Einem hingeht? – Für den ist's auch Eins, ob er für achtundsechzig stirbt oder für Einen: er kann doch nur einmal büßen, leiden, kämpfen, fallen und sterben.«
      Und er schänkte mir wieder ein: ich kam mir ganz einfältig vor, daß ich es nicht gleich eingesehen hatte. 
      
      Aber der Ritter war noch zu gereizt. Er fuhr den Böppele mit einem wüthigen Blick an und schlug auf den Tisch, daß der Wein aus den Bechern spritzte: »Aber, du Gauch du elendiger, du Lügenschelm, du frecher Schwab! Du bist ja wohl 
      gar nicht – so ahnt mir! – in's gelobte Land gegangen? Sowie du in dies sonnige Land gekommen, bist du hier geblieben, für die acht und sechzig mal zweihundert Pfennige! – hast dich hier gemästet – gefaulenzt – denn den Wirth machen ist dir liebste Werkarbeit! – bist deinen maulraschen Hausdrachen losgeworden und hast hier gezecht und geschmaust all diese Zeit. Gesteh's oder –«
      »Was hülfe das Leugnen,« schmunzelte der Wirth und wischte sich das Fett von den Lippen – denn er aß wacker mit von den gebackenen Fischen. »Euer Scharfsinn hat mich hier herausgefunden: – er würde auch wohl herausbringen: – das Andere. Nun ja: – ich bin alleweile hier gewesen.«
      »Das sagst du selbst?« rief nun auch ich. Ich 
       hatte nicht hindern können, daß ihm Egino den leeren Becher an den Kopf warf.
      Der Wirth bückte sich, hob ihn auf, schänkte ihn wieder voll und schob ihn vor den Zornigen, der nun mit noch mehr Staunen als Grimm sprach: »Und all deine Briefe – wie du von Jerusalem an den Jordan gepilgert – darin gebadet – wie du Bethlehem – Gethsemane – gesehen – wiederholt besucht und daselbst gebetet hast: alles erlogen?«
      »Alles wahr! Seht: dort das Bächlein, das zwischen den Weinbergsmauern hindurch in das Meer hastet, Hab' ich ›Jordan‹ getauft und gar oft darin mir die Füße gewaschen. – Da droben rechts der Olivenberg: – das ist der Ölberg: – dort links der Stall mit der Krippe, – für Ochs und Eselein – jetzt stehen eure Rosse drin, – den hab' ich Bethlehem genannt: und an all diesen Orten hab' ich gebetet für euch alle achtundsechzig.«
      »Aber ein Gebet in Ligurien, – was kann das helfen?« schalt der Ritter. 
      
      »Und die Gefahr der Heidenkämpfe, die du übernehmen solltest?« mahnte ich.«
      Jetzt aber wandte sich das Spiel.
      Aufsprang der Böppele: ganz zorn-roth, das soll sagen: noch 
      mehr roth, färbte sich seine Nase und er rief: »Nein, mit so schlechten Christen theile ich nicht Wein und Fisch! Ihr Kleingläubigen, ihr Unchristen! Wisset ihr nicht, daß Gott, der liebe Himmelsherr, allgegenwärtig? Ist er nicht in dieser Schänke wie am heiligen Grab? Haltet ihr ihn für so – wie soll ich sagen? für so unverständig, daß er ein Gebet nach dem Loch einschätzet, aus dem es zu ihm empor steigt in die Wolken?«
      Ich hatte ähnliche Ketzerei schon manchmal still bei mir gedacht und schwieg daher ganz verdutzt, und halb einverstanden. »Aber die Heiden-Kämpfe?« wiederholte ich schüchtern.
      Da fuhr mich der Böppele an: »Was? Ein deutscher Rittersmann wollt Ihr sein, Herr Walther, und ein frommer Sänger? Und wisset Ihr nicht das 
       fünfte Gebot: du sollst Gott nicht versuchen? (Nicht? – Nun dann halt ein anderes.) Will mich der Himmelsherr am Leben erhalten, kann er es nicht, und ob dort tausend Saracenen-Pfeile auf mich flögen? Und will er meinen Tod, kann er mich nicht hier durch diese Fischgräte ersticken lassen? Wozu soll ich ihn in Versuchung führen.«
      Da verstummte ich: selbst das Lachen verging mir vor lauter eitel Staunen.
      Der vom Hohenbühl aber war noch nicht ganz versöhnt: nicht das Geld und Gut schmerzte ihn, aber der Verdruß des Geprelltseins. »Warte nur,« drohte er, »ich werde dich schon noch zwingen, in's gelobte Land zu fahren. Und müßte ich dich aus unsrem Vertrage beim Kaiser verklagen.«
      Aber der Schwabe lachte. »Der Kaiser? Der wird mir nicht viel thun. Der ist seinem Böppele gar wohl gewogen!«
      »Was weiß der Kaiser von dir?« meinte ich.
      »Kaiser Friedrich liebt einen guten Trunk, einen 
       frischen Fisch, einen freien Sang und einen lust'gen Schwank. Die fand er alle bei mir. Und deßhalb ward er mir wohl geneigt.«
      »Ach ja,« fiel Herr Hermann ein, »ich gedenke. Daher hatte ich den Namen Böppele gehört.«
      Unser Wirth aber fuhr fort: »Vor wenigen Wochen erfuhren wir hier in Sestris: der Kaiser werde von Genua aus, wo er die Befrachtung von ein par Userien mit Kriegsmaschinen leitete, einen Jagdausflug machen längs der Riviera und dabei durch unser Dorf kommen. Ich putzte den Tafernschild blank –«
      »
      Meinen Schild!« grollte der Ritter.
      »Nur die Rückseite und die Wurst, nicht den Leuen! sorgte für frische Sardinen und Meeraale, setzte die dreisaitige Harfe in Stand, die Herr Rudolf von dem Baumbach, ein fahrender Sänger, ein trefflicher, aber durstiger Thüring, bei mir zu Pfand gelassen – für vielen, ach sehr vielen Weintrunk! – Und wie der Kaiser angeritten kam, und als die Wälschen ihr viva, 
       viva! schrieen, grüßte ihn von meiner Schwelle aus, zur Harfe gesungen, mein neuestes Lied.«
      »Was, ein Sänger bist du auch?« fragte ich erstaunt.
      »Ha, meint Ihr, Ihr könnt's allein? Höret, ob Euch meine Weise nicht gefällt.«
      Und er fing an zu singen:
      »Bischöf, Ihr seid mißleitet! Du edle Priesterschaft,
       Dich führt in Teufelsschlingen der Papst: drum aufgerafft!
       Nie schlimmer war's bestellt noch um's Heil der Christenheit,
       Der Papst, der uns sollt' lehren, der ist – – –«
      »Mann!« rief ich und griff nach seinem Barte. »Das sind ja 
      meine Weisen, falsch zusammengestellt.«
      »So?« fragte der Andere kühl. »Nun, das ist gleich. Sie lagen mir so im Munde. Wißt Ihr's gewiß? Ich meinte wirklich, sie wären mein. – Aber gleichviel: – dem Kaiser gefiel das deutsche Lied unter all' dem wälschen Klingklang; er rief: ›Hier rasten wir!‹ sprang vom Roß und trat über meine Schwelle. Er trank und speiste: und trefflich mundete ihm, was 
       ich bot, und als er davon ritt und sein Kämmerer – oder wer es war – den Geldsack zog, da sprach ich: nein, Herr Kämmerer! Heute war der deutsche Kaiser zu Gast bei'm Böppele: und das ist reich bezahlt.«
      »Und wahr ist's auch, merkwürdigerweise!« bestätigte Herr Hermann. »Denn der Reisemarschall für diese Jagdfahrt war ich selbst. Und dem hohen Herrn hatte der Schwab' und sein Wesen und sein Wein so sehr gefallen, daß er, als wir nach einer Woche zurückkehrten, sich im Voraus ansagen ließ bei dem Wurst-Böppele, wie er ihn nannte, und sich ein Gericht frischer Fische ausbedang: aber lebend wolle er sie noch sehen und einer, ein Meeraal, müsse groß, armslang, sein. Der Wirth versprach's und wir kamen. Jedoch inzwischen hatte heftiger Nordost geherrscht: kein Fischer an der Riviera hatte eine Flosse gefangen und unser Herr sprach: »Will sehen, wie sich der Schwab' herauslügt.« Der Kaiser sprang ab und rief dem Böppele zu: Herr Wirth, wo sind die Fische? Und leben sie noch? Und ist der eine, der Aal, auch recht groß? 
      
      Der machte einen Kratzfuß und sprach: »Alles wie befohlen!«
      »Ich will sie sehen,« meinte unser Herr. »Dort ist der Fischbehälter. Ich weiß es noch von neulich« ging hin und hob den schweren Eichendeckel ab: da lagen im Wasser oben ein par elende fingerlange Sardinen, ganz steif und todt: »Ei, Böppele,« fragte der Kaiser, »was ist das? Sie sind ja todt!«
      »Wirklich?« sagte der ganz erstaunt. »Ja, todt! Nun, das ist gleich! Sie sind's halt nicht gewöhnt, daß der Kaiser den Topfgucker macht: und da sind sie gestorben vor eitel Ehrfurcht.«
      »Gut!« lachte Friedrich. »Aber wo ist denn der Aal, der große, der armslange?«
      »Ja,« meinte der Böppele, »das ist gespaßig. Aber seht, o Herr: es war nur Ein großer König und Lehnsherr und sehr viele Kleine, Vasallen: da haben allmählig die vielen Kleinen den einen Großen ganz aufgefressen.«
      »Wie im deutschen Reich,« lachte der Kaiser. 
       »Du bist ein kluger Schwab!« und beschenkte ihn reich und ritt davon.«
      »Nun, es freut mich, daß der Böppele also einmal 
      nicht gelogen hat,« meinte Herr Walther. »Ich konnte ihm nicht zürnen! Aber den vom Hohenbühl wurmte es doch, daß er so schmählich betrogen. Als wir nun aufbrachen, sprach er zu dem Wirth: »Was macht die Zeche?«
      »Ist schon bezahlt: – voraus bezahlt!« erwiderte der eifrig und rieb sich den Rücken.
      »Nicht doch,« fuhr der Ritter mit beängstender Freundlichkeit fort – er lachte so süßsau'r dabei! »Du mußt deinen Lohn haben. Nimmst du kein Geld – wohlan! Ich zahl' dir's dennoch heim. – Komm, laß uns zu Pferd, Walther«, und damit stand er auf und ging nach »Bethlehem«: zu dem Stalle, wo unsere Gäule standen.
      »Herr; was meint Ihr mir Böses zu thun?« forschte der Wirth, ängstlich hinter ihm herlaufend; und auch ich war gespannt. 
      
      Aber der Andere lachte noch giftiger und schwieg: gar bang hielt ihm der Böppele den Steigbügel und überließ mir's allein, in den Sattel zu kommen.
      »Was wollt Ihr mir anthun, Herr?« wiederholte der Ahnungsvolle.
      »Anthun? Ha, einen Gefallen thu' ich dir! Eine Boten-Sendung erspar' ich dir. Mein Geschäft mit den reichen Herren von Genua ist zu Ende. Morgen brech' ich auf und zieh' nach Hause gen Tübingen, dem Herrn Pfalzgrafen zu berichten. Der Umweg über Boblingen soll mich nicht verdrießen! Man thut gern was Übriges für seine Freunde. Ich trage dir Botschaft dorthin. – Hui, Rößlein!« Und er gab dem Rappen den Sporn.
      »An wen?« schrie der Wirth und hielt den Gaul fest, der mächtig stieg.
      »Ei, an Frau Zahme! Ich lade sie hierher: – ich mal' ihr aus, wie herrlich sich's hier lebt in ihres Ehegatten Weinschank zu Sestris. Dann kommt sie 
       gar eilfertig.« Und noch ein Sporenstoß und hinweg sauste das Roß.
      »Nein! Nein! Lieber Herre! Nein! Thut's nicht! Nur das thut nicht!«
      Aber der Ritter hörte ihn schon nicht mehr.
      Da sprach der Böppele ganz traurig zu mir: – aschfahl war sein Antlitz: – »Herr Walther, glaubt Ihr: – er thut's?«
      »Ich fürchte: ja!« rief ich und setzte das Pferd in Trab.
      »Morgen fahr' ich in's gelobte Land!« sprach der Arme ganz feierlich.« 
      
    



      Zehntes Capitel.
      »Bald hatte ich des schalkhaften Schwaben vergessen: oder vielmehr in all diesen vielen Monden dacht' ich seiner nicht. Aber vor wenigen Stunden – da ich, in Gedanken versunken, an der neuen Weise dichtete, wohlfeile Reime abwehrte, die, wie zudringliche Mücken, stets zuerst sich aufdrängen – kurz bevor ich deine Zelte erreichte – es war schon ziemlich dunkel, – da kam an mir vorüber getrabt, auf einem Maulthier, mir entgegen, von deinen Zelten her, ein kleines, dickes Männlein. Gerade noch ein wenig sah ich von seinem Gesicht. Aber ich meine: ich kannte die rothe Nase. Rasch war er entschwunden. War er bei deinen Zelten?«
      »Nein,« sagte Friedmuth. »Bei mir war Niemand. Nur ein Mönch! Ei, vielleicht ist der Schalk 
       doch noch fromm geworden! – Aber horch! Die Lagerwächter blasen zur Ablösung. Macht es euch so bequem, als es das enge Zelt verstattet.«
      »Und du?« fragte Walther.
      »Ich muß hinaus, auf Wache.« Damit setzte er den Helm mit den drei Goldsternen im blauen Stirnfeld auf das hohe Haupt, ergriff den Speer und schritt hinaus.
      Walther blickte ihm nach mit leuchtenden Augen. »Das ist ein Mann! Gott gebe dem Reiche Viele solche! Treu und schlicht: und in der Pflicht so tief gewurzelt wie ein Baum im harten Porphyr seiner Heimatberge.«
      »Ja,« bekräftigte der Herr von Salza. »Und es ist Alles kernheil an ihm. Kein Splitter, kein Bruch, kein wurmkranker Fleck. Und kein Widerspruch wider Gott und Gottes Welt.«
      »He Bub',« rief der Sänger, »noch einen Krug Weines. Vor dem Einschlafen möcht' ich noch die Weise zu Ende sinnen. Dazu taugt Wein. Trinkt Ihr nicht mit?« 
      
      »Nein: zu dem was ich noch sinne, taugt der Wein nicht. Ich will den Brief zu Ende denken, in welchem ich dem Kaiser allerlei Rathschlag geben will. Vor Allem: wenn er fortfährt, in eigenem Namen zu befehlen, läuft ihm bald Alles aus dem Lager: bis auf seine Saracenen und die Deutschen. Er muß fortan gebieten – in eines Andern Namen.«
      »Das muß aber ein hoher Name sein! Sonst weicht ihm der Staufer nicht.«
      »Gewiß. Aber dem Namen, den ich meine, wird er doch wohl weichen, hoff' ich. Und sobald nur ein leidlicher Friede erreicht und das heilige Grab den Christen gesichert ist, dann muß ich ihn so rasch als möglich von hier fortschaffen: – vielleicht hilft mir dazu der heilige Vater mit seinen Schlüsselsoldaten selbst am kräftigsten! – aus dem gelobten in das so viel gescholtene deutsche Land. Aber hab' ich ihn nur einmal abgelenkt von seinem Drei-Kronen-Traum, hoff' ich bestimmt, ihn dahin zu bringen, daß er meine Gedanken über die neue Preußen-Mark 
       genau erwägt. Und erwägt er sie, – so 
      muß er sie billigen.«
      »Da bringt der Bub den Wein. Thut – einmal nur! – Bescheid: Heilo für Euren Brief und heilo meiner Weise! Mögen sie uns beiden nach Wunsch gerathen.«
      »Habt Ihr nicht ein par Zeilen weiter fertig.«
      »Ja!«
      »O, dann sagt sie mir vor – mir allein!«
      »Ja, ja,« nickte Walther. »Friedmuth versteht davon doch nichts. Aber Ihr wäret ja kein Thüring, wäret Ihr nicht liederfroh: – und nicht umsonst heißt Ihr der ›minnesame‹ Hermann.« –
      »Das ist lang her! Als ich noch in braunen Locken ging! Nun – fangt an, ich höre.« Und der Sänger hob an:
      »Als ich kam gegangen.
       Hat mich auf der Au
      Schon mein Freund empfangen.
       Hehre Himmelsfrau, 
      
      Da er mich an's Herz geschlossen.
       Ist mir ewiges Glück ersprossen!
      Ob er mir geküßt den Mund?
       Tandaradei!
      Seht, er ist noch roth zur Stund'!
      »Eia, Herr Walther,« sprach der von Salza. »Das ist der Ton von eitel Gold, der Keinem fast wie Euch geräth. Wird nur mein Brief so gut wie Eure Weise!«
      Und noch einmal klangen die kleinen Becher, die Freunde tranken aus und dann legte sich jeder in eine andere Ecke des schmalen Zelts.
      Eine Stunde und noch eine zweite hatten sie gewacht – nach dem Maß des Sternengangs, den die Lagerwachen abriefen.
      Dann entschlummerten beide.
      *
      
       Aber draußen, unter den äußersten Vorposten der Christen, schritt Friedmuth wachsam neben seinem Roß auf und nieder.
      Kaum scheuchte das Wachtfeuer die Raubthiere der Wüste, welche die Witterung der Pferde heranlockte auf ihrem nächtlichen Pürschgang.
      Er stemmte den Speerschaft auf den Boden der Wüste, lehnte sich an den Bug des klugen Thieres. diesem die Zügel überwerfend, und blickte getrosten Muthes in die einsame Nacht hinaus.
      Ganz nahe hörte der Einsame einmal ein furchtbares Brüllen. Der Wüstenboden erdröhnte davon. Sein Roß fuhr zusammen, witterte scharf, sich gegen den Schall hin wendend, die Nüstern weit aufblasend, und zitterte an allen Gliedern.
      Aber Friedmuth beruhigte es: er klopfte ihm den Hals, legte den starken Arm darüber und sprach: »Schäme dich, Falka! Der Schreier darf dir nichts thun, so lang ich dich hüte. Und mich hütet der liebe Himmelsherr: – siehst du nicht, wie hell und freundlich 
       seine Sterne niedergrüßen? Sind's auch andere Sterne als die sich in Etsch und Passer spiegeln: – auch sie hat der treue Gott angezündet. Und wie sang die liebe Mutter nach dem Gebetläuten jeden Abend, wann die ersten Sterne entglommen und sie mich lehrte, die gefalteten Hände empor zu heben?
      »Wer Unrecht nimmer thut,
       Der steht in Gottes Hut:
       Den darf an Leib und Ehren
       Nicht Leid noch Übel sehren.« 
      
    



      Elftes Capitel.
      Bald nachdem am folgenden Tage die beiden Gäste sich von Friedmuth verabschiedet und nach dessen linker Flanke hin auf den Weg gemacht hatten, traf bei diesem ein Bote des Kaisers ein, mit der Weisung, der Ritter solle ihm – rechts hin – sogleich auf das wenige Stunden entfernte, in den Bergen gelegene Schloß Klein-Kerak folgen, welches die Christen vor einigen Wochen bei ihrem Vorrücken verlassen gefunden und besetzt hatten; er habe dort kaiserliche Befehle entgegen zu nehmen.
      Friedmuth wußte, daß der Kaiser die Burg wiederholt besucht hatte, hier, unbelauscht von päpstlichen Spähern, zumal den Tempelherrn, mit Gesandten der feindlichen Fürsten über Waffenstillstand oder Frieden zu verhandeln: er selbst hatte ihn zweimal 
       dahin begleitet. Auch war jeder Argwohn ausgeschlossen. Der Bote hatte zwar nur mündlichen Auftrag: aber der Ritter kannte ihn genau: es war Hamid, einer aus der arabischen Leibwache des Kaisers, deren Treue und blinde Ergebenheit sprichwörtlich war im Heere.
      Nur Hezilo, mißtrauisch, wo es seinem Vogte galt, fragte vorsichtig: »Muß der Herr dir unbegleitet folgen? Wie viele von uns darf er mitnehmen?«
      »So viele er will.«
      Da beruhigte sich der Knabe, und ließ, mit Friedmuths Erlaubniß, zwölf Knechte aufsitzen, welche er selbst führte.
      »Treff' ich den Kaiser in Klein-Kerak?« fragte Friedmuth, als sie aus dem Lager ritten.
      »Nein; aber in dem großen Waffensal, unter dem Fuße des achteckigen Steintisches, findest du – versigelt – seinen Befehl.«
      Friedmuth nickte, er kannte den Sal und kannte 
       auch den schönen Tisch, dessen Platte von manchfaltig gefärbten Steinen ihm ausgefallen war.
      Schweigend ritt der Saracene neben ihm her. –
      Als man das blendend weiße Gemäuer des Thurmes aus den steil aufragenden gelben Felsen aufsteigen sah, hielt Hamid an: – der Pfad gabelte sich hier.
      »Dort hinan!« und er wies nach rechts mit der Schlachtgeißel, der Keule, an deren Spitze, an einer kurzen Kette, eine eiserne Kugel voll spitzer Stacheln hing. »Ich habe noch andern Auftrag. – Christus und die Heiligen mögen deinen Weg segnen.«
      Damit wandte er das Roß und sprengte davon: – pfeilschnell führte ihn der edle Berberhengst dahin: – sein weißer Burnus flatterte wehend im Winde.
      Erstaunt sah ihm Friedmuth nach. »Wie? Christus und die Heiligen ruft er an?« sprach der Ritter zu Hezilo, der an seiner Seite ritt. »Ein Leibwächter – getauft? Ein seltener Fall!« 
      
      »Ich sah ihn noch vor wenigen Wochen mit den Andern die Gebetspulen drehen und hörte ihn zu seinem Götzen Mahom beten. – Horch, der Thürmer meldet uns: – die Zugbrücke senkt sich: – das sind des Kaisers Apulier oben auf den Zinnen. Ich kenne die bunten Waffenröcke, die »Mi-Parti«: halb Gold, halb blau.«
      »Ja, und die spitzen, vorn übergebogenen Helme mit der Nasenschildstange.«
      Bald ritten die Ankömmlinge in den Hof des Schlosses ein. Friedmuth überließ sein Gefolge den Apuliern und Sicilianern, welche ihn hier begrüßten, und stieg allein die steinerne Wendeltreppe hinauf, die in den Waffensal führte.
      Alles war still auf diesen inneren Gängen.
      Er hielt, unwillkürlich lauschend, inne auf dem letzten Absatz der Stiege vor einem offnen Bogen in Hufeisenform, der in einen kleinen Hofraum blickte. Ein gleichmäßiges sanftes Geräusch zog seinen Blick nach jener Richtung: es war der Springbrunnen, der, nach 
       der Sitte des Landes, nicht fehlen durfte, wenn nur irgend ein Strahl Wassers in der Nähe zu finden, oder auch aus der Ferne mit großer Kunst und Mühe heranzuziehen war. So stieg denn auch hier ein dünner Faden Wassers aus einem muschelgeschmückten Becken ein par Schuh in die Höhe, um bald, wie ermüdet von der Anstrengung, zurückzufallen.
      Ein Pfau sonnte, auf dem weißen Sande gelagert, oder vielmehr in denselben hineingegraben, seine steif zur Seite gestreckten schillernden Schwingen in der heißen Mittagsgluth; ein großer, breitflügliger Tagfalter flog mit langsamem Schweben über eine brennend rothe Kelchblüthe hin, von der betäubender Duft aufstieg.
      Vogel, Falter und Blume hatte der Deutsche nie gesehen: er starrte darauf wie in Traum versunken: er lauschte dem eintönigen Geriesel des Springbrunnens: – sonst war Alles still. Eine seltsame Spannung regte ihn auf: – er blickte auf die halbangelehnte Pforte des Waffensals. 
      
      »Welcher Befehl erwartet mich hinter jener dunkelfarbigen Thür? Warum so seltsam, so geheimnißvoll? Ach was, Friedel, schäme dich! – Geh hinein! – Lies den Brief und du weißt es: – wenn du hier draußen stehen bleibst und auf das dumme Wasser achtest, erfährst du's nie!«
      Und mit rascher Bewegung – seine Waffen erklirrten dabei – riß er die Halbthüre auf und trat über die Schwelle auf den hoch mit Teppichen belegten Marmor-Estrich.
      Das geräumige achteckige Gemach schien leer zu sein. Der bezeichnete Steintisch stand in der Mitte: Alles still: aber dem Eingang gerade gegenüber, hinter dem Vorhang, der den Austritt auf einen Balcon verhüllte, rauschte es: – offenbar war darin jemand verborgen. – Rasch trat Friedmuth darauf zu, die gepanzerte Hand ausstreckend: aber rascher noch fuhr er zurück: er wäre am liebsten wieder über die Schwelle entwichen: denn heraus trat nun, sich entdeckt findend, – ein Weib. 
      
      »Gioconda! Frau Fürstin: Ihr hier!«
      Aus den schweren Falten des Vorhangs schwebte hervor eine herrliche, eine königliche Frau.
      Sie war nur wenig kleiner als der hochgewachsene Ritter: auf breiten, stolz getragenen Schultern ruhte ein majestätischer Hals: dunkelbraunes Haar, auf der Mitte der Stirn mit schmalem, weißem Scheitel getheilt, durch die plötzliche Bewegung des Erschreckens los gegangen, fluthete in großgeschwungenen Lockenwellen, aus einem goldgegitterten Netzgeflecht, das diese Fülle zusammenzuhalten kaum vermochte, auf den blendend weißen Nacken. Die vollschwellenden, fast üppigen Formen drangen, trotz keuschester Verhüllung, aus dem dunkelveilchenfarbigen sammtähnlichen Stoff des reichen, ebenfalls mit Goldfäden durchwirkten Gewandes.
      Den Mantel wie den über dem Haarnetz getragenen Reisehut hatte sie wohl abgelegt, da sie aus dem Sattel gehoben ward. Das Hemd, von glänzend weißer arabischer Seide, bedeckte nur bis unterhalb 
       der Schultern die schönen vollen Arme: das »heimelich«, das heißt eng um Busen und Hüften angeschmiegte Oberkleid war ärmellos; ein handbreiter Gürtel von feinem weichen Leder, mit nur fünf aber höchst kostbaren Edelsteinen geschmückt, umschloß die schlanken Hüften und fiel in einem langen Streifen vorn auf das Unterkleid von schwerer tiefdunkelgelber Seide, welches in faltiger Weite bis auf die Knöchel wallte und kaum die zierliche Spitze des kleinen weißseidenen Schuhes zeigte.
      Marmorweiß, mit leise bräunlichem Anhauch, war die Farbe des vollendet edel geschnittenen länglichen Antlitzes wie des nackten, wohl gerundeten rechten Armes, der sich wie abwehrend gegen den Eindringling erhob: auf diesen vornehmen Zügen thronte vollberechtigter Stolz. »Königlich«: dies Wort mußte sich Friedmuth immer wiederholen, und dabei nach einer Ähnlichkeit suchen, die er fühlte, aber nicht auszusprechen vermochte.
      Das schöne Weib ward in diesem Augenblick 
       noch viel schöner durch einen Hauch von Verwirrung, von holder Scham auf den jungfräulichen Zügen, der ihren Reiz erhöhte: in reizender Bestürzung war sie vorgetreten, das Oberkleid mit der Linken ein wenig in die Höhe lüpfend. – Ihr Schweigen, ihre Verwirrung gaben ihm Zeit.
      »Ihr hier?« wiederholte er im höchsten Erstaunen.
      Aber nun wechselte der Ausdruck in Antlitz und Haltung des schönen Weibes: hoch richtete sich die prachtvolle Gestalt auf: sie warf mit heftiger Handbewegung die über den herrlich gewölbten Busen fluthende Haarwelle hinter die Schulter: – flammende Röche schoß ihr in die Wangen und aus den leuchtenden hellbraunen Augen flog ein Blick verhaltenen Vorwurfs:
      »Ihr fragt? – Ihr seid überrascht, fast bestürzt? – Ihr, der mich hieher gerufen – geheim vor Allen? – Wahrlich,« fügte sie sanfter bei und in raschem Wechsel der Stimmung verschleierten sich die 
       feucht schimmernden Augen: »keines andern Mannes Ruf wär' ich gefolgt.«
      Aber der Ritter hörte nicht: er achtete nicht des so zärtlichen Klanges dieser melodischen Stimme, welche das ihr fremde Deutsch mit italischem Wohllaut sprach: er sah nicht den ernsten Vorwurf in diesen nun sich senkenden Augen: – ungehalten über das »Weiber-Spiel«, das ihn hieher gelockt, trat er, zorngemuth, einen Schritt näher und rief – ziemlich laut –:
      »Welch' kecke List! – Gleitet von wälscher Frauen Mund so leicht – die Lüge?«
      »Ah,« stöhnte das schöne Weib auf. »Welch' Wort! 
      Ihr zeiht mich der – Lüge! Das ist nicht zu tragen! Nehmt sogleich, – um Euretwillen! – das Wort zurück, das 
      Euch beschimpft, nicht mich!«
      »Mich?«
      »Ja! Denn ich bin schuldlos und ich bin unfähig jeder Lüge. Glaubt Ihr, – schaut mir in's Auge, – glaubt Ihr, 
      ich kann lügen?« 
      
      Hoheitvoll trat sie dicht vor ihn und schlug die wundervollen Augen groß auf, sie fest und tief in seine Seele senkend.
      »Nein, bei Sanct Georg,« sprach er rasch, bestürzt. »Ich – ich that Euch Unrecht! – Aber – ich begriff nicht –«
      »Oh, Herr Friedmuth,« klagte sie nun in lautem Wehruf. »Wie bitter weh thut Ihr mir! Nicht durch jenes Schmähwort: – es haftete nicht an meiner kristallenen Seele: – Aber Ihr habt es erreicht, was keine Macht der Welt bei mir vermocht hätte: Euch selbst, das schöne Bild, das ich von Euch im Herzen trug, habt Ihr herabgezogen! – Wie unritterlich, – wie grausam hart habt Ihr ein Weib gewürdigt, das – – gleichviel! Also weil Ihr durch irgend einen Zufall oder wohl durch eines Dritten Anstiftung mich auf Euerem Wege findet, glaubt Ihr sofort, ich muß mich Euch in den Weg geworfen haben? – Und sei es, – wenn ich es gethan hätte: – glaubt Ihr, ich würd' es 
      leugnen? Ich – Euch – belügen? 
       O Herr Friedmuth von Fragsburg, ist das deutsche Art?« – Es klang mehr wie Schmerz denn wie Vorwurf.
      »Vielleicht, Frau Fürstin –« stammelte er tief beschämt, und nun stand 
      ihm dies sehr anmuthig, – »oder doch Etschthaler Art. Verzeiht: wir sind ein wenig ungefüg in Gedanken – oder doch in Worten: plump, schwerdenkig; und zumal – ich! Ich bin ganz ungeübt, mit Frauen nach höfischer Sitte zu verkehren, – denn Frau Wulfheid –! Ich bitt' Euch herzlich, edle Frau – verzeiht!«
      »Es steht Euch so herzgewinnend an, wenn Ihr bittet, daß man Euch öfter im Unrecht sehen möchte,« lächelte sie. »Laßt es vergangen sein – oder – besser – nie geschehen! – Es soll Euch nicht schaden an meiner Gunst. Doch laßt uns nun beide unsern Scharfsinn anstrengen,« – sie schmunzelte ein wenig, – »herauszuklügeln, von wem, – warum – uns beiden dieser Streich gespielt ward?« 
      
      »Ja, von wem?« drohte der Ritter, zornig den Schwertknauf drückend. »Der freche Bube soll –«
      »Ihr könnt es ihm, scheint es,« lächelte die Anmuthvolle, »immer noch nicht verzeihen, daß er Euch gezwungen hat, Gioconda wieder zu sehen.«
      »Wohl, wohl! Das ist just nicht so schlimm,« meinte der Fragsburger ehrlich.
      »Wirklich? Die Höfischkeit hat Euch nicht verdorben,« lachte sie nun heiter.
      Friedmuth ward verlegen, unwirsch: er fühlte, daß er hier keine günstige Rolle spielte vor dieser überlegenen Frau. Aber er 
      wollte gar keine Rolle spielen! Keine gute und keine schlechte: hinaus wollte er!
      So sprach er wieder in fast feindlichem Ton:
      »Nicht zu Narrenritten: zu Christi, zu Kaisers Dienst bin ich in dieses Land gezogen. Das ist kein Boden für Fastnachtspäße. Wer ist der Freche? Kennt Ihr ihn?«
      Sie schüttelte das schöne Haupt. »Des Kaisers 
       Leibwächter brachte mir den Auftrag seines Herrn, Euer heute hier zu harren. Ihr hättet geheime Zwiesprach mit mir verlangt. Ich hatte guten Grund, – hieran zu zweifeln –«, fügte sie mit leisem Vorwurf bei: – »denn Ihr habt mich immer mehr gemieden als gesucht. Doch der Kaiser befahl und – ich – – ich gehorchte: – gern« klang es schüchtern nach.
      »Und 
      mir ließ der Kaiser sagen – aber halt! Der Brief unter dem Marmeltisch! – Laßt sehen, ob das auch eitel Lüge!«
      Eilfertig schritt er auf den Marmortisch zu, bückte sich, hob das schwere Fußgestelle mit der Linken sacht vom Boden auf und zog mit der Rechten ein zusammengefaltetes Pergamentblatt darunter vor.
      »Ich bitt' Euch, lest: – mir wird es immer schwer – auch in der Ruhe: – und jetzt vollends schwimmen mir die Schrifthaken vor den Augen.«
      Sie nahm, warf einen Blick hinein und rief: – »Ich kenne diese Schriftzüge.« 
      
      »Des Kaisers?«
      »O nein, des Bruders Sebastian.«
      »Der Tropf! Er wagt es!«
      Aber Gioconda las:
      »Einen Tropf wahrscheinlich werdet Ihr mich schelten, gestrenger Ritter, oder sonst was Ungutes, kommt Ihr hinter den Schlich. Aber ich hielt es nicht mehr aus. Ich mußte mir helfen. Ich habe Hamid getauft, und ihm gesagt, sein neuer Schutzpatron, Sanct Sebastian, sei mir im Traum erschienen und lege ihm die Doppelbestellung an euch beide im Namen des Kaisers auf. Ihr müßt euch sehen – euch sprechen.«
      Hier ließ sie mit einem Aufschrei das Blatt fallen: Friedmuth hob es auf und las mit seiner zorngrimmigsten Stimme: »Der Kaiser will wirklich, daß ihr euch heirathet. Die Ehe des Herrn Friedmuth – das wisse Frau Gioconda – fällt wie ein welkes Blatt, sobald er will. Sie ist sogar sehr sündhaft. Ihr thut ein gutes Werk, 
       wenn Ihr ihn heirathet. So bringt denn des Kaisers Willen und seinem Seelenheil dies schwere Opfer. Herr Friedmuth, Ihr denkt jetzt in Eurem Sinn: »Wenn ich den Pfaffen greife, walk' ich ihn weidlich.« Aber Ihr werdet ihn nicht greifen. Mir ist das Christenlager verleidet. Ich gehe anderswohin. Ihr, schöne Fürstin, sucht Euch einen andern Beichtvater: ich bin noch zu jung dazu. Und viel zu weltlich. – Scham und Zorn gegen mich glühen jetzt in euch beiden: – aber Frau Minne wird euch noch lehren, wie gut der es mit euch gemeint hat, der Bruder Sebastian hieß. Ich hab' Euch an der schönen Nase herumgeführt, Frau Herzogin, aber ich kann es nicht länger thun. Ich bin nicht ganz nichtsnutzig, nur so viel ich's nicht bessern kann. Ich wollte gut machen, was ich an Euch gefehlt.«
      Da erröthete die stolze Frau, zog ihm das Blatt aus der Hand, zerriß es und warf die Stücke zum Bogenfenster hinaus. »Ha, welche Schmach!« rief sie. Der Zorn wich tiefer Scham. Sie schluchzte 
       laut auf, barg das Antlitz in die Hände und sank auf den niedern, mit Tiger- und Pardel-Fellen bedeckten Divan, der sich rings um die Wände des Gemaches zog. 
      
    



      Zwölftes Capitel.
      Der Ritter aber achtete nicht ihres Wehs. Unzufrieden schalt er: »Was thut Ihr! Zerreißt das Blatt, das allein die Rache auf seine Spur leiten konnte! Gewiß stand noch mehr darauf. – Aber ich sehe – meine Gegenwart – mein Anblick schmerzt Euch: – ich bin wahrlich nicht schuldig und befreie Euch davon sofort. Fahrt wohl.« Er wandte sich kurz und ziemlich unfreundlicher Miene: ohne die edle, von tiefem Schmerz in sich selbst gebeugte Gestalt auch nur noch mit einem Blicke zu messen, schritt er waffenklirrend zur Thür.
      Da sprang sie auf und sich hoch emporrichtend gebot sie mit beherrschender Stimme: »Halt! Noch nicht! Nicht also werdet Ihr mich verlassen. Nicht 
       mit einem schrillen Mißklang, wie von zerrissnen Saiten einer Laute, soll enden, was mir so theuer, was mir heilig war. Ihr müßt mich hören.«
      Wenig willig blieb er stehen, hart an der Thüre. Er wäre so gern gegangen. – Dieses ganze krause, unklare Verhältniß widerstrebte von Grund aus seiner einfachen hellen Seele. Aber in dem Tone jener ringenden Frau lag etwas Hohes, das er nicht ungewürdigt lassen konnte. So hob er unmuthig das behelmte Haupt und sprach kurz: »So sprecht. Ich kann mir zwar nicht denken, was Ihr mir mögt zu sagen haben. Oder« – besserte er, ziemlich ungeschickt, nach, denn nun reute ihn doch diese Barschheit – »was dadurch anders werden soll.«
      Mit langem, vornehmem Blicke maß ihn die schöne Frau.
      »Ja, Ihr habt Recht. Ihr seid nicht fein –! Oder besser: – so groß und stark Ihr seid und so mannesstark Ihr ohne Zweifel dreinschlagt, Ihr seid – verzeiht mir – mit Euren Mannesjahren noch ein 
       Knabe, der Welt und Leben und Menschenherzen und vielleicht sich selbst nicht kennt.«
      »Das wäre,« lachte der Wackere und stützte sich schwer auf sein langes Schwert. »An mir ist nicht viel. So ist auch nicht viel an mir zu kennen!«
      »Vielleicht doch: nur schläft es etwa noch in Euch. Oh,« – und nun leuchtete ihr edles Auge – »wer das schlummernde Leben in Euch wecken dürfte, das wäre ein selig, selig Weib,« flüsterte sie, unhörbar für ihn. »Aber von mir, nicht von Euch muß ich nun reden. Meine Ehre, mein Stolz, mein Frauenrecht fordern das und – Ihr seid ein Ritter – Ihr 
      müßt mich hören. Ihr habt mir die Schmach angethan, mich der Lüge fähig zu halten, der Aufdringlichkeit in rohem Trug.«
      »Ich dachte, das wär' abgethan,« meinte er, unbehaglich.
      »Es ist's: – es zeigt nur, wie klein Ihr von Gioconda denken könnt. Das aber trag' ich nicht. Hasset mich.« 
      
      »Hab's nicht Ursach',« meinte er gutmüthig.
      »Vergeßt mich! Aber klein sollt Ihr nicht von mir denken. Hört mich an! – Ich bin gerade zwanzig Jahre alt: und was hab' ich erlebt! Meine Mutter hab' ich nie gekannt: sie starb, nachdem sie mir das Leben gegeben. Mein Vater« – sie erröthete: – »Kaiser Friedrich hatte von frühesten Tagen für mich Sorge getragen. Er hat das Kind auf den Knieen gewiegt und geküßt und mir ein Bild gezeigt, auf Goldgrund gemalt, und mir gesagt: Das war deine Mutter und sie war das schönste Weib Italiens und der Erde und das edelste Herz. – Und als ich heranwuchs und nach meinem Vater fragte, verschloß er mir den Mund mit einem Kuß und gebot: Frage nie! Ich, Kaiser Friedrich, will, so lange ich lebe, mit solcher Vaterliebe dich umhegen, daß du mich als deinen Vater ansehn sollst. Und er hat Wort gehalten bis heute.«
      Hoch auf horchte Friedmuth.
      Sein schlichter Sinn hatte sich nie Gedanken gemacht über allerlei Dinge, die Anderen auffallen 
       mochten. Aber jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! Er fand jetzt plötzlich die gesuchte Ähnlichkeit der edelschönen Züge mit einem anderen Antlitz.
      »Ein Bastard! Mir – einen Bastard zum Weibe bestimmen wollen, zu christlicher Ehegemeinschaft!« Mit Mühe unterdrückte er diesen Ausruf: zornig rückte er an der Schwertfessel.
      Aber sie fuhr fort: »Mit acht Jahren schon ward ich verlobt – mit zwölf Jahren, ja mit zwölf! ... ward ich vermählt: – mein Gemahl, einer der edelsten, der reichsten Vasallen der drei Reiche des Kaisers, – war der Fürst von Paluzzo.«
      »Ja,« sagte Friedmuth ganz erstaunt, »wirklich, ja das ist wahr. Er war ein sehr edler Herr. Und 
      sonst sehr stolz,« dachte er bei sich. »Aber – bei Sanct Georg!« rief er unwillkürlich – »er war ja tief in die achtzig, als er starb?«
      »Und neunundsiebzig, als wir die Ringe tauschten im Dome zu Palermo.«
      Sie schwieg. 
      
      Friedmuth ließ einen milderen, fast mitleidigen Blick auf sie gleiten.
      »Ich pflegte ihn gut: – das darf ich von mir rühmen. Kein Ritter, kein Troubadour, der nicht der jungen Fürstin Minnedienst gesucht hätte – der Kaiser lächelte dazu: – aber ich hieß bald »die Fürstin von Eis«. Wohl fühlte ich mein Herz öde, eine brennend heiße Sehnsucht zog durch meine Seele! – Aber, bei der heiligen Jungfrau, es war kein Verdienst, daß ich die Treue wahrte, auch im Wunsch, im Gedanken nie verletzte: denn von den Hunderten, ja Tausenden, die sich mir nahe drängten: – nicht Einer hat mir einen Pulsschlag lang den Sinn beschäftigt. Der Fürst starb vor zwei Jahren. – Auf der Überfahrt von Cypern nach Akkon rief mich der Kaiser in sein Schiffszelt und sprach – »Mein Töchterlein,« – er nennt mich gerne so, »diesem Ritter vertrau' ich deinen Schutz auf der Fahrt.« Ich sah Euch an – und ich vertraute Euch: ein Mann wie einer der deutschen Buchenstämme, die ich nordwärts der Alpen bewundern 
       lernte: stark und doch mild. Auf der Überfahrt trugt Ihr wenig Sorge um mich –«
      »Ihr, Frau Fürstin, bedurftet deren nicht.«
      »Aber die armen Pilger, die, auf dem überfüllten Schiff zusammengedrängt, erkrankten, die hatten keinen treueren Pfleger als Euch; obzwar Euch kein Gelübde zwang.«
      »Ich bin ein Mensch: – ein Christ dazu. Was redet Ihr von Dingen, die man nicht anders thun 
      kann.«
      »Das gewann Euch meine Verehrung, mein warmes stilles Lob. Und als bei dem heftigen Südsturm das kranke Knäblein des armen Schifferknechts vom Decke der hochbordigen Dromone herab geschwemmt ward von der wilden Sturzwoge und alle die Schiffsleute, die meervertrauten, unthätig in den schlingenden Wasserschwall schauten, – Ihr aber, der Sohn der Berge, in voller Rüstung ohne Besinnen hinabstürztet in das fast sichere Verderben: – da schrie ich laut auf vor Schreck und ach! vor Wonne, vor Stolz – 
       auf den Mann, den allein unter Allen – ich gelernt hatte, – sehr hoch zu schätzen! Der jähe Schreck, dann die heiße, in's Herz mir einschießende Freude lehrte mich: – Viel! – Und als man Euch, den halb Bewußtlosen, Erstarrten, – aber das Kind hattet Ihr nicht aus dem linken Arm, nicht von Eurer Brust gelassen! – an dem Seil heraufhob, das Ihr mit der Rechten gerade noch vor dem Versinken erhascht hattet –«
      »Da vergingen mir die Sinne. Ich wußte nur, der Bub' war in Sicherheit. Im Fieber sah ich dann wohl oft einen wunderschönen Engel über mich gebeugt, der Tag und Nacht nicht von meinem Lager wich, – mich pflegte, – mir den Heiltrank bot. Ich ahne jetzt,« –
      Gioconda wandte erröthend das herrliche Haupt; eifrig fiel sie ein: »Nach der Landung drängte es mich, meine wogende, ringende Seele zu entlasten: ich hatte den Ring an Eurer Hand bemerkt! Ich mußte beichten.
      Den Kaiser hatte wegen des Bannes sein Beichtiger, 
       der auch der meinige gewesen, verlassen. Da sandte mir der Gebieter den Bruder Sebastian. – halb im Scherz ließ er mir sagen, ich möge mit diesem Zugelaufenen einstweilen vorlieb nehmen: er habe gerade keinen bessern Pfaffen. Klug war der, auch gutmüthig und mir sehr zugethan: aber allzu weltlich, zu unwissend. oft roh. Ich konnte ihm unmöglich beichten, nicht ihm sagen, daß ich Euch schon auf der Überfahrt kennen gelernt: mein Herz sträubte sich dawider. Er glaubte, damals, auf der Reiherjagd, hätte ich Euch zuerst gesehn: er lachte oft gutmüthig spöttisch. Was lag mir daran? Aber ihm konnte ich nicht beichten! Nur Einer lebte, dem ich mein Herz ausschütten, es rechtfertigen konnte: der wäret Ihr selbst! Und da ich nun wähnte, Ihr selbst hättet mich hieher beschieden, Ihr ließet mir sagen – oh wie jubelte da meine Seele auf! Grausam war die Enttäuschung! Aber ich danke dem Mönche doch dafür. Ich konnte Euch nun sagen, wie Alles kam. Verwerft mich, wenn Ihr das nicht begreifen könnt.« – 
      
      Erwartungsvoll sah sie zu ihm auf. Ruhig, unbewegt stand er vor ihr. mit klarem Blick sie betrachtend.
      »Verwerfen? Nein! Aber begreifen? Auch nicht! Ich versteh' all das nicht! Es ist, wie wenn Ihr arabisch zu mir sprächt. Ich weiß nicht,« fuhr er leise, nachdenksam den Kopf schüttelnd fort. »Ja ja! So muß es sein: es muß wohl etwas geben, was die Andern Minne nennen, hohe Minne, volle Minne: und das mir völlig fremd und unlernbar! Ihr seid schön, sehr schön! das seh' ich wohl: das schönste Weib, das ich bisher erschaut. Und Ihr habt auch, das fühl' ich dunkel, eine Seele, groß und tief und weit. Und es scheint ja – Ihr seid mir nicht abgeneigt. Aber – straf' mich der heilige Georg! – wäre Frau Wulfheid todt und begraben und ich wirklich frei: nie, niemals würde mir beifallen – ich kann mir das so wenig vorstellen, wie, daß mir auf einmal Flügel wüchsen und ich durch die Wolken segelte! – nie würde mir einfallen, je ein ander Weib zu nehmen. Und gäbe mir 
       der Kaiser Cypern und Sicilia zur Mitgift, – ich spräche: Nein, ich will nicht.«
      »So mächtig, so treu über das Grab hinaus liebt Ihr Euer Ehgemahl! O die Beneidenswerthe!«
      »Nein! Das ist es nicht. Ich halte sie recht werth: aber das ist es nicht! Ich habe nicht nach ihr verlangt und würde, wäre sie todt, wahrlich nach keiner Andern verlangen. Ich habe wohl kein Herz, d. h. kein minnegehrend Herz.«
      Da trat die schöne Frau dicht vor ihn und sprach, alle Kraft zusammennehmend, um ruhig zu scheinen:
      »Lebt wohl. Segen über Euch! – Ihr seht mich niemals wieder.«
      »O doch! Im Laufe des Kreuzzugs – –«
      »Ich kehre morgen – heute noch zurück in's Abendland.«
      »Wohin?«
      »In – ein Kloster.«
      »Ah! – Wie schade!« meinte er gutmüthig. »Bei 
       Leibe nicht! So jung, so klug, so edel, so schön! Ihr schlagt Euch bald aus dem holden Kopf, was jetzt darinnen: – »lange Haar' und kurzen Sinn«, sagt man, haben schöne Frauen.«
      Aber da richtete sich die Hoheitvolle stolz auf: »Schweig, Friedmuth! Lästre nicht, was du nicht kennst. Du Armer! Wahres Glück – bleibt dir versagt. Ich – ich habe nur das Weh, das Sehnen kennen gelernt echter Liebe: und doch! dieser Schmerz ist mir – höchste Seligkeit! – Denn ich darf ihn tragen: um dich! Und ich vertauscht' ihn nicht, diesen Schmerz, um aller andrer Frauen Liebesglück! Du aber wisse: wahre Liebe kennt keinen Wechsel! Lieben: – das ist Ewigkeit! – Friedmuth, mein Friedmuth, der nie der Meine war und doch ewig, unentreißbar mein ist: o du mein armer Friedmuth: – lebe wohl! –«
      So schön war dieses Antlitz nie gewesen: tiefstes Weh der Seele, innigste, entsagungsstarke Liebe verklärte die edlen Züge mit heiligem Schimmer. Betroffen 
       trat der Ritter einen Schritt zur Seite: der Vorhang des Eingangs rauschte: sie war verschwunden. –
      Friedmuth vermochte nicht, ihr zu folgen.
      Wie träumend strich er mit der gepanzerten Hand über die kühle Stirn.
      »Das also war die Minne? Ja, ja! Das war sie wohl! War etwas Hohes – Edles! – Aber fast Unheimliches! – Lieber Himmelsherr und du, Sanct Georg, haltet mir das fern! –
      Laßt mich meine Lehnspflicht thun für Kaiser und Reich und meine Christenpflicht gegen Jedermann. Andres brauch' ich nicht – will ich nicht! – Horch! Die Apulier stoßen in's Horn! – Sie reiten ab! – So reit' auch ich zurück auf meinen Posten. Ich wollte, es setzte heute noch ein frisch Gefecht. Denn mir ist schwül. –« 
      
    



      Dreizehntes Capitel.
      Als der Ritter sich mit seiner kleinen Schar dem Lager näherte, fiel ihm auf, daß auf der die Straße beherrschenden Sand-Höhe mehr als die drei von ihm hier aufgestellten Reiter Wache hielten: er sah wohl ein halbes Dutzend Helme sich scharf von dem tief blauen Horizont der Wüste abheben. Und während er noch über die Ursache nachsann, sprengte einer davon eilfertig ihm entgegen. Staub- und Sandwolken des Wüstenbodens verhüllten ihn, sobald sein Pferd aussprengte: so konnte ihn Friedmuth nicht erkennen, bis der Reiter dicht vor ihm hielt. Der sprang ab und umklammerte des Ritters Knie: erst jetzt erkannte dieser den heftig Bewegten.
      »Oswald!« rief er und richtete das graue Haupt 
       empor, das sich, wie von Schmerz niedergebeugt, an den Bug des Hengstes gedrückt hatte. »Oswald!« Was hast du?«
      »Ach theurer Herr!«
      »Ist Übles geschehen? Wie ließest du mein Haus, die gute Fragsburg?«
      »Sie steht unversehrt.«
      »So ist der Berg gerutscht? Ist die Etsch ausgetreten?«
      »Nein. Aber – Frau Wulfheid –«
      »Was ist mit meiner Hausfrau?«
      »Todt ist sie, Herr, gestorben und begraben!«
      Mit einem Sprung war Friedmuth aus den Bügeln und stand neben dem Alten.
      »Todt? Frau Wulfheid? Unmöglich!«
      »Doch, lieber Herr.«
      »Die Lebensstarke! Sie 
      wollte leben und starb doch? Was konnte sie bezwingen?«
      »Der stärkre Tod! Auf einer Eberjagd –«
      »Wie? Ich hatte ihr scharf verboten, je wieder 
       dies männische Werk zu üben, seit sie schon einmal der Eber gehauen.«
      »Ich wagte, sie Eures Verbotes zu mahnen. Und sie liebte ja gar nicht die Jagd. ›Schweig, Knecht,‹ herrschte sie mich an. ›Die Weizenfelder da unten an der Etsch sind mein: mein vorbehalten Frauengut. Und wenn Herr Friedmuth auch – leider! – allzu gering das Gut achtet‹ – ›das Sach,‹ sagte sie: es war ihr Lieblingswort –«
      »Ja, das war es.«
      ›
      Ich sehe streng auch auf die Pfennige. Denn aus den Pfennigen wachsen Schillinge. Es ist nicht mehr zu tragen, daß die Wildsauen, aus den Etschsümpfen einbrechend, unsern besten Weizengrund zerwühlen! Die Knechte beschaffen nichts ohne das Auge der Herrin. Ich muß zum Rechten sehen.‹ Und sie befahl: – Ihr wißt: es gab nicht Widerspruch gegen ihr Wort. – So zogen wir, ich und Oswin, mein Sohn, mit den vier Knechten, und mit den Suchhunden und den Stell-Rüden am andern Mittag 
       hinaus, die Herrin uns allen voran, den Schweinsspeer in der Faust.
      »Wenn das Herr Friedmuth wüßte,« sagte ich vorwurfsvoll, ich ritt zunächst hinter ihr. »Er hat's so streng verboten!«
      Da wandte sie sich und rief mir zu: ›Ich thu's ja doch – für ihn! Daß er stolz und reich erscheine unter den Landesrittern. Nicht für mich spar' ich, haus' ich und wahr' ich, nur für ihn mehr ich das Sach‹ –: das war ihr letztes Wort auf Erden.«
      »Mach's kurz! Der Eber traf sie zu Tode?«
      »O nein, Herr! Kein Hauer kam ihr nah! Es war ganz wundersam. Nicht ein wildes Thier, auch kein Sturz vom Pferd, – ein Schlagfluß wohl hat sie getödtet. Sie gab dem Roß« –
      »Welches ritt sie?«
      »Die Schwalbe. – Sie gab den Sporn und sauste den Knechten voran, nachdem der Suchhund Sauen aus dem Sumpfland der Etsch aufgestört, wo sie während der heißen Mittagszeit bis an den Rüssel 
       tief in Wasser-Löchern liegen. Ein mächtig Thier stand hoch und nahm nach kurzem Gang die Stellrüden. Die Frau sprengt hinzu: auf Speerwurfsweite von dem umstellten Wild holt sie aus, schwingt den kurzen Schaft und – sinkt mit einem gellenden Schrei rückwärts vom Gaul: sie war wieder – gegen Euer Verbot! – rittlings auf dem Sattel gesessen. Ich fing sie auf: leblos! – Die Augen waren halb geöffnet: – sie hat kein Wort mehr gesprochen, – bis sie in's Grab getragen ward.«
      »Also ein Blutschlag? Oder was war es?«
      Der Burgwart schüttelte den grauen Kopf: »Ich kann's nicht sagen. Wir haben gar nichts wahrgenommen an der Leiche.«
      »Die Leiche! Ich kann's nicht denken!«
      »Mühsam trugen wir sie auf unseren Speeren den Felsensteig hinan. Wir riefen alsbald den altweisen Priester Markulf aus dem Cistercienser Hause zu Meran: der hat ja lang in Wälschland gelebt und zu Salern die Heilkunde gelernt: denn wir wollten 
       doch wissen, wodurch die Herrin so plötzlich gestorben. Aber der war eben hinauf geholt nach der Burg Tirol, wo das Söhnlein Herrn Albrechts in schwerem Fieber lag: so kam an seiner Statt einstweilen nur sein Schüler, der junge Mönch Alderich. Wir waren aber froh auch um den, auf daß er, ein Mann Gottes, wache bei der Leiche: denn wir Knechte, wir fürchteten die Todte, wie wir die Lebende gescheut. Er meinte, wie er kam und Alles vernahm und auch das hörte, daß Ihr der Frau die Eberjagd verboten und das männische Reiten, der Himmelsherr habe das gesendet, als strenge, aber gerechte Strafe, weil sie, wie so oft, ihres Eheherrn Willen nicht befolgte.«
      »Dummer Pfaff!«
      »Ja, ja, er meinte, bei dem jähen Tod, ohne Vorbereitung, ohne Sacramente – sie hatte seit zwei Monden nicht mehr gebeichtet – werde sie wohl ein par Jahrzehnte in die Fegeflammen –«
      Da zuckte Friedmuth schmerzlich auf.
      »Zumal sie doch auch Euch, ihren gütigen, milden 
       Eheherrn recht, recht viel durch Jähzorn gequält habe und heftig wildes Wesen und durch Trotz.«
      »Was geht das den frechen Priester an? Ich verzeihe ihr von ganzen Herzen! Und wenn das nicht hilft, – Seelenmessen will ich für sie lesen lassen – so viele, daß – von Jahrzehnten sprach er?«
      »Ja wohl,« nickte der Alte. »Nun, lieber Herr, vielleicht ist's nicht ganz so schlimm. Ihr wißt ja, die Verstorbene war ein wenig scharf und hart mit allen Leuten: Neigung und gute Meinung der Menschen hat sie nicht viel gehabt. Auch den Alberich hat sie manchmal unsanft fortgewiesen, kam er bettelnd für sich oder für seine Kranken. Vielleicht kommt Frau Wulfheid doch gelinder ab.«
      Aber Friedmuth sann einstweilen schon über ganz Andres. »Soll ich den Kaiser angehn um das Geld? Den Ring verwerthen? – Nein! Ich verpfände das Geleitrecht nach Bozen. Es trägt wohl siebzig Schillinge. Ich stifte ein ewig Licht in's Kloster zu Sonnenburg. Die frommen grauen Schwestern dort 
       sollen sie mir aus dem Fegefeuer beten Tag und Nacht. – Und sie hat wirklich gar nicht mehr gesprochen?«
      »Nicht mehr geschnauft hat sie! Ich habe immer wieder das Ohr an ihren Mund, an ihr Herz gelegt, – denn wir wollten's nicht glauben, die Stattliche sei todt. Und sie sah noch den zweiten Tag ganz unverändert aus, als wolle sie gleich aufspringen und wieder ihr laut Befehlwort rufen durch die Burg. Aber am Abend des zweiten Tages gebot der Mönch, sie hinab zu bringen in die Gruft. Denn die übeln Wichte von – nun von dort her, wo – wo die Engel Hörner tragen – fahren leicht in eine Leiche, die noch in der zweiten Nacht uneingesegnet liegt. So trugen wir denn die strenge Frau hinab in die Burgcapelle. Da ward sie aufgebahrt auf schwarzbehangenem Gerüst. Stolz, drohend, zorngemuth sah sie noch im Tod auf uns. Den traurigen Zug machte ich noch mit. Aber von der Bahre weg eilte ich – gerade sank die Sonne – in den Hof, sprang auf mein 
       vorher gesattelt Roß, eilte gegen Bozen und dann nach Trient und Venedig, Euch sobald als möglich aufzufinden. Wußte ich doch, daß Ihr auf Nachricht von der Heimat harrtet. Und nun muß ich Euch 
      solche Nachricht bringen!«
      »Und wann war das? Wann starb sie?«
      »Am zweiten Tage vor Sanct Johannes des Täufers Tag: wir hatten schon das Holz für das Sunwendfeuer aufgeschichtet.«
      »O Gott, so viele Monate schon, da ich noch an die Lebende dachte! Nun hat die Frau doch all' dies so arg geliebte, so scharf gewahrte Gut hergeben müssen. Nicht mir! Ihren Vettern! Die werden wohl nicht gesäumt haben, zuzugreifen! – O hätte sie doch, auch wenn ich fern war, dem fahrenden Spielmann manchmal einen Krug Wein gegönnt.«
      »Zumal aber das Burggesinde minder knapp gehalten,« brummte der Alte vor sich hin.
      »Arme Frau!« Und er schüttelte den Kopf. »Wie schade um so viel Trefflichkeit!« 
      
      Unter solchen Reden stiegen sie langsam die Anhöhe hinan: Friedmuth hatte dem klugen Hengst, der von selbst folgte, die Zügel über den Hals geworfen.
      Oswald führte den eigenen Klepper am Zaum, hin und wieder seinem Herrn Antwort gebend auf kurze Fragen über einzelne Umstände, welche dieser, aus seinem Nachsinnen aufschauend, an ihn richtete.
      Weiter rückwärts ritt Hezilo langsam nach.
      »Hm,« meinte der, »er trägt es ruhiger, als ich gemeint. Wie wenn er im Gefecht einen recht tapfern Waffengenossen verloren hätte: – aber nicht Herrn Hermann oder Herrn Walther. – O Trinelein, wenn du mir gestorben wärst!« 
      
    



      Vierzehntes Capitel.
      Der Wittwer behielt nicht Zeit, seinen Gedanken lange nachzuhängen: sein Wunsch nach einem frischen Gefecht sollte sich rascher erfüllen, als er hatte hoffen können.
      Kaum war er im Lager angelangt, da jagte von den Vorposten her ein Bote mit der Meldung, zahlreiche arabische Reiter umkreisten und bedrängten hart das kleine Häuflein der Vorhut.
      Es waren berittene Bogenschützen, deren Pfeile, gefiedert mit den Federn des Kranichs, aus großer Ferne trafen und oft durch Schild und Brünne drangen. Die Abendländer scheuten gerade diese unfaßbaren Feinde: die Mitte hielten diese stets zurück, nur beide Flügel schwärmten vor, ihre Geschosse entsendend: sprengten nun die vollgerüsteten Franken auf 
       ihren schweren Hengsten gegen die Plagegeister an, so waren diese weißen Flattermäntel im Nu zerstoben, gleich vom Sturmwind entführten Federn.
      Friedmuth hatte den Ritt nach dem Schlosse, das ja hinter den deutschen Linien lag, in ganz leichter Rüstung unternommen. Nun gebot er Hezilo, ihm behilflich zu sein, sich rasch zu waffnen.
      Er fuhr zuerst in den ärmellosen Unter-Waffenrock. ihn über Haupt, Brust und Arme streifend, denn im Morgenlande trugen die Ritter, der Hitze wegen, nicht Unterkleid, Rüstung und hierüber Waffenrock, sondern diesen am Leib und auf diesem den Panzer. Darüber zog er dann den Panzer, mit Schuppen für die Arme und mit Schuppenhandschuhen, auf der Brust geschützt durch Kettenringe, die bis zum Gürtel reichten. Daran schlossen sich Ringschuppen in Maschen von den Hüften bis an die Knöchel. Hieran wurden geschnürt die starken Lederschuhe mit den langen Stachelsporen; das mächtige Hiebschwert ward mit der Schwertfessel locker um die Lenden gegürtet. 
       Über das Harsenier, die Schuppenhaube, welche Kopf und Hals, Schultern und Nacken schleierartig umzog, stülpte er den schweren Glockenhelm: die Gupfe oder Hirnhaube, welche man zunächst über dem Haupt trug, hatte Friedmuth im heißen Morgenland abgelegt.
      Nun führte Oswald das Streitroß vor: – zum Ritte nach dem Schlosse hatte das Reiseroß gedient – »Falka« war ganz verdeckt von der »Cuvertiure«, einem Pferdkleid, das, mit eisernen Ringen verstärkt, an dem ledernen, im Rücken hoch erhöhten Sattel festgeschnürt, hinten viel länger als vorn, die Brust ganz frei lassend, das Thier zu beiden Seiten umwogte.
      Friedmuth schwang sich in voller Rüstung in den Sattel und ließ sich nun den langen Schmalschild reichen, der, wie sein Helmdach, die drei goldnen Sterne im blauen Felde zeigte: er warf ihn vorläufig an der Schildfessel auf den Rücken. Dann ergriff er die mächtige Lanze, diese zehn Fuß lange Stoßwaffe mit der blattförmigen, zweischneidigen, halb Fuß langen Spitze. 
      
      »Vorwärts!« befahl er. – –
      Die Sonne war nun gesunken: es ward sehr rasch dunkel.
      Während Friedmuth, gefolgt von Hezilo, an der Spitze seiner Inn- und Etschthaler aus dem Lager sprengte, tummelten, die Lanzen schief über den Rücken geschnürt, zwei Führer der Wüstenreiter die windschnellen Rosse wie im Spiele hinter der Reihe der Ihrigen hin und her.
      »Du hast,« fragte der Ältere, »doch selbst nachgesehen? Es ist doch tief genug gegraben?«
      »Du weißt, Oheim Emid, wir fangen in unserer Heimat in solchen Gruben den Löwen. Nicht der König der Wüste vermöchte von der Sohle des Trichters im Sprung den Rand zu erreichen.«
      »Und das Gestrüpp?«
      »Nicht meinen leichtfüßigen Berber würde es tragen, geschweige das plumpe, gepanzerte Roß des gepanzerten Franken.«
      »Gut! Bei Allah – wir müssen ihn haben: – 
       er allein hat uns den ganzen Plan des Überfalls verdorben. Er ist wohl einer der Allervornehmsten der Franken. Für ihn wird der Kaiser willig meinen Bruder, deinen Vater, frei geben. Habt Acht! Da ist er schon.«
      Friedmuth hatte nun seine weichenden Vorposten erreicht.
      So wie diese den geliebten Führer gewahrten und die Verstärkung, welche er ihnen zuführte, hielten sie Stand und sprengten unter dem Kriegsruf: »Christus der Herr!« muthig wieder gegen die Feinde vor.
      Sofort prallten diese, ihre leichten Rosse herumreißend, zurück, im Fliehen nochmals ihre Bogen abschießend.
      Neben Friedmuth stürzte, einen Pfeil in der Stirn, einer seiner Etschthaler Vögtlinge, der Zeidler von Hafling. –
      »Wartet! Steht doch, ihr feigen Heiden!« rief der Ritter in der Lingua franca. Es trieb ihn das Herz, den Schmerz um Frau Wulfheid und allerlei Gedanken in grimmen Stößen loszuwerden. 
      
      Heftig spornte er das Roß: schon jagte er durch die Reihe der Vorposten hindurch, weit den Seinigen voran.
      »Halt, lieber Herr, halt! Nicht allein so weit vor,« warnte eine Stimme. Es war Hezilo, der Einzige, dessen Roß zu folgen vermochte.
      Aber Friedmuth war zornig: er hörte nicht den Ruf des Treuen: er sah zwei feindliche Führer – die reich in Gold strahlenden Waffen, die hohen weißen Straußenfedern über dem beturbanten Schuppen-Helm machten sie kenntlich, – welche, ungleich ihren fliehenden Scharen, ihn ruhig erwarteten. Sie hoben die Wurfspeere und ritten im tänzelnden Trabe langsam gegen ihn vor. Friedmuth deckte sich mit dem schmalen Schild, ihn zum Halse hinauf zuckend, legte den Speer ein, nicht in der Höhe der Hüften ihn fällend, sondern zu besonders gefährlichem Stoße, bis dicht unter die Achselhöhe ihn hebend, um den Feind recht hoch oben zu treffen und so desto leichter aus dem Sattel zu stürzen; er hob sich in 
       den Bügeln und sprengte mit der vollen Wucht des starken Rosses gegen jene an, froh des Zusammenstoßes.
      Aber pfeilschnell wandten beide die Pferde herum und flohen: nach rechts ausbiegend, nicht ihrem links enteilenden Häuflein folgend.
      Grimmig setzte der Ritter nach. Er sah gerade vor sich, zwischen den Ohren des Pferdes durch blickend: auf der Erde lag ein Haufen dürrer Palmzweige oder anderen Gestrüppes, die Dunkelheit ließ den Erdboden kaum mehr erkennen: die beiden Flüchtlinge bogen links und rechts um die kreisähnliche Anschwellung, jenseits derselben wieder zusammentreffend.
      Friedmuth trieb den keuchenden Hengst gradaus: da, sowie dessen Vorderhuf auf die Palmzweige schlug, stürzte das Thier kopfüber nach vorn in eine tiefe Grube: – krachend flogen Splitter und wirbelnd dürre Halme empor. –
      Hezilo sah seinen Herrn plötzlich verschwinden.
      Mit bangem Angstschrei jagte er gegen die Grube heran. 
      
      Plötzlich war er von sechs Reitern umringt: die beiden Führer hatten mit laut gellendem Ruf die verstellte Flucht der Ihrigen gehemmt: eine Schnur flog um seinen Hals, eine Bleikugel schlug an seine Schläfe, unterhalb der Schuppenhaube: er fühlte noch, wie er vom Pferd gerissen und quer über einen Sattel geworfen ward. Dann schwanden ihm die Sinne.
      Sofort stoben die Saracenen wieder davon, in die Wüste hinein.
      Als die Deutschen die Stelle erreichten, wo sie Friedmuth und Hezilo hatten verschwinden sehen, trafen sie nur Hezilo's Pferd, dessen Sattelgurt zerschnitten war; die Sturmhaube und der Sattel lagen neben dem Thier auf dem Sand: es schnupperte mit weit geöffneten Nüstern nach Südosten.
      Sie eilten weiter vor, nach rechts: der alte Oswald zuerst entdeckte eine tiefe trichterförmige Grube, über welche Palmzweige und Gesträuch gebreitet lagen. Ohne Besinnen stieg er ab und sprang hinein: da lag der treue Hengst mit gebrochenem 
       Genick, den ganzen Boden der nach unten schmaler werdenden Grube füllend: darüber der zerbrochene Speer des Ritters und sein aus dem Mundloch der Scheide geglittenes, langes Schwert: die Spitze fehlte: – der Rest der Klinge war ganz blutig.
      Von dem Rande der Grube nach Südosten zog sich eine sehr starke Blutspur zwischen den Huftritten zweier arabischer Rosse hin: Oswald und die Reiter folgten der Spur, bis die volle Dunkelheit der Nacht sie nicht mehr erkennen ließ. Dann kehrten sie in das des Führers verwaiste Lager zurück, tief traurig bis in's Herz hinein. Denn Friedmuth hatten Alle lieb gehabt.
      
       
      
    



      Zweites Buch.
       Hezilo's und Böppele's Abenteuer.
      
       
      
      Erstes Capitel.
      Zwei Jahre waren in's Land gegangen, seit Herr Friedmuth und sein getreuer Hezilo verschwunden waren aus den Augen der Ihrigen.
      Längst waren der Kaiser und sein Heer aus dem Morgenlande zurückgekehrt.
      Da ging an einem wunderschönen Sommerabend in dem wunderschönen Thal, »das Etsch und Passer, zwei Silbergürteln gleich, umhegen«, im Thale von Meran, die Sonne so herrlich zu Golde, wie es vor andern jener gesegneten Landschaft lieblich Eigen ist.
      Zauberhafte Farben-Töne hatten von der sinkenden Glanzscheibe aus oder um sie her den Himmel, die Berge, die üppigen Mittel-Höhen der Hügel-Gelände, die beiden Flüsse und deren Thalgrund erfüllt: 
       vom wärmsten Gold, durch glühendes Roth bis in's immer noch stark roth durchwärmte Violett.
      Der Widerschein im Osten, zumal im Südosten, wo die Mendola, wie von Sehnsucht gezogen, gen Italien hinab neigt, erfüllte den ganzen Himmel mit prachtvoll leuchtender, lodernder Gluth.
      Auf der Höhe im Osten von Meran, wo dermalen Schloß und Gehöft Goyen zwischen Schänna im Norden und der Fragsburg im Süden ragen, standen damals ein par niedrige, strohgedeckte Bauerhütten. Sie waren sammt dem zugehörigen Wein-, Acker- und Wiesenland dem Bisthum Chur zu eigen und an Hintersässige ausgeliehen, welche zwar persönlich frei, – nicht leibeigne Knechte und Mägde – aber doch »Vögtlinge« des Bisthums und von dem Bischof und besten Vogt streng abhängige Leute waren. »Ze Goyen« hieß damals die Siedelung: – nicht viel anders schon in den Tagen, da Ostgothen auf dem nahen Iffingerberg lebten: denn bereits zur Römerzeit krönte jenen wunderbar schönen Hügel eine 
       »
      villa Gajana«: und die Winzer, welche dem Rebgarten Halt und Stütze aufbauten aus allerlei zerbröckeltem Gestein und Mauerwerk, das in großen Mengen den Boden auf der Krone der Höhe bedeckte, ahnten nicht, daß sie die Ziegel altrömischer Grundmauern und Hypokausten übereinander schichteten.
      Vor der kleineren dieser Bauerhütten stand oder lehnte an einer solchen niedrigen Weinbergmauer, welche ihr nur bis unter die Brust reichte, ein junges Mädchen von fast noch kindlicher Gestalt.
      Den Rücken dem Hause zugekehrt, schaute die Kleine, über die Mauer gebeugt, eifrig der sinkenden Sonne nach: sie hatte die beiden Ellenbogen, die nackt aus den Kurzärmeln des dunkelbraunen Wollhemdes ragten, auf die obersten Steinplatten des Gemäuers gestützt und das Kinn auf die beiden umschließenden Hände gelehnt: zwei dicke, breitgeflochtene gelbe Zöpfe fielen über den zierlichen Nacken, das grüne, rothgeränderte Mieder und das Hemd, welches 
       unterhalb des Mieders wieder hervor kam und bis auf die Knöchel der bloßen Füße reichte.
      So tief versunken war die Jungfrau in ihr Sinnen und Ausschauen, daß sie es gar nicht merkte, wie die zutraulichen kleinen Eidechsen, welche alles Gestein jener sonnigen Gehänge beleben, auf der breiten noch ganz sonnenwarmen Mauerbrüstung dicht an ihren Armen vorüberhuschten.
      Lange, lange blickte sie so regungslos, sprachlos vor sich hin – in die rothgoldene Pracht des Abendgewölks.
      Endlich seufzte sie tief auf: »Oh Frau Sonne, liebe Herrin! Bring ihn mir wieder! Dir hab' ich ihn befohlen, dir, der heiligen Katharina und zumal der heiligen Gertraud. Denn an deren Tag und unter deren Geleit zog er dereinst davon – da hinab – – gerade dorthin! Noch seh' ich ihn, wie er da um die Ecke des Weinbergs bog! Noch einmal sah er um und winkte grüßend mit der Hand: – und verschwunden blieb er von Stund an für so viele, 
       viele Tage! Und habe doch jeden Morgen und jeden Abend gebetet auf den Knieen zu Sanct Gertraud, die ganz besonders in Schlacht und Kampf den Männern beispringt; und habe das Steinbild der heiligen Jungfrau mit Kränzen geschmückt und mit Sträußen, so lang es Blumen gab. Und wenn es keine mehr gab, mit den schönsten Schnüren von rothen Vogelbeeren. Und Alles umsonst! Und Andere, sogar solche, die viel später fortgezogen sind als Herr Friedmuth und Hezilo, sind schon lange wieder zurück: der Ferge von Lana und der Hübner von der Töll! Ach und von Herrn Friedmuth und von Hezilo keine Spur, keine Kunde!«
      Die Kleine sah nun die hellsten Sonnengluthen wie gedämpft: denn Thränen traten ihr in die blauen Augen und liefen langsam, langsam über die runden blühenden Wangen des Kindergesichts. 
      
    



      Zweites Capitel.
      »Trinele!« rief da eine Männerstimme von der Thüre des Hüttleins her.
      »Gleich, Vater!« antwortete sie, wischte sich rasch die Augen und sprang zurück an das Haus.
      Da stand auf der Schwelle ein alter Mann, hoch gewachsen, mit den edeln Zügen, dem langgestreckten Antlitz, dem tief ernsten Ausdruck, der so vielen Bauern des Burggrafenamtes Tirol, in scharfem Gegensatz zu der bajuvarischen Bevölkerung der Nachbarthäler, eignet: vielleicht ein Erbtheil der Ostgothen, welche, nach dem Fall des Heldenkönigs Teja in der Mordschlacht am Vesuv, gemäß Vertrag mit Narses freien Abzug über die Alpen »zu andern Barbaren«, sich ausbedungen und ausgeführt haben.
      Wie er so da stand, von der Abendsonne beleuchtet, 
       die hoch ragende Gestalt vom Alter nicht gebeugt, barköpfig, das edel geformte Haupt umrahmt von glänzend weißem Haare, das er in schlichten Strähnen herabfallen ließ, als seiner Freiheit Zeichen, ungeschoren, nur über der halben Stirn wagrecht geschnitten, die Brust nicht ganz verdeckt von dem groben braunen Wollrock, der die Kniee nicht erreichte und durch einen schmalen Gurt von Bocksleder um die Hüften zusammengehalten ward, während enge Hosen von gleichem Stoff ihm bis an die Kniee reichten, schien er, die blitzende Sense, einem Speere vergleichbar, über die linke Schulter gelehnt, die Rechte nach seinem Kinde ausgestreckt, wie aus alter Recken-Zeit übrig geblieben.
      »Da! Setze dich zu mir,« sprach er nun, die Sense ablegend; und mit der mächtigen, von schwerer Arbeit gehärteten Handfläche ihr Haupt und Haar streichelnd, zog er sie zu sich nieder auf die Holz-Bank, welche, wie um die Süd- und Ostwand, auch um die Westseite des Häusleins gezimmert war. »Ich habe dir die Abendmilch 
       und das Speltbrot mit heraus genommen – sieh hier, auf dem Steine –, da du wieder nicht auf das Meierglöcklein achtetest, das die Knechte und Mägde von der Arbeit zu dem Rundtisch rief. Du hast wieder einmal deinem Buben nachgesehen – nachgesonnen – nachgeweint! Nein? Ja, die 
      Augen sind jetzt wohl trocken! Aber da – das Hemd links und rechts vom Kinn, – das ist ja noch naß.«
      »O Vater!« rief die Kleine, stellte hastig den Napf Milch nieder, den sie hatte zum Munde führen wollen, und warf sich, laut aufschluchzend, an des Alten Brust.
      »Nun, nun, er wird wohl noch leben, dein weißköpfiger Bub.«
      »Oh ich glaub's kaum mehr! Denk' doch nur, was da Alles auf solcher Fahrt einen braven Christen-Menschen treffen kann. Es ist ja grausam, was die Männer erzählen, die drüben gewesen über dem großen, großen Wasser.«
      »Und – trotz Allem – glücklich heimgekommen 
       sind, dank den Heiligen. Wird wohl leicht auch ein weniges Gelogenes darunter sein,« meinte der Alte, gutmüthig tröstend.
      »O Vater, nein! So schlecht ist doch kein Christenmensch, daß er das achte Gebot verletzt, gerade wenn er vom heiligen Land erzählt.«
      »Weiß nicht! Ich kenne Einen, der könnte wohl auch darüber aufschneiden, daß die Bänke krachen.«
      »Den von Böblingen, den Böppele, meinst du,« und sie mußte ein wenig lächeln mitten unter ihren Thränen. »Ja der! Aber so einen Schwänkemacher läßt der liebe Gott nicht zweimal herum laufen auf dem Erdboden. Und weißt du denn nicht mehr, wie der Ferg von Lana erzählt hat, daß schon in Wälschland drüben, wo sie sich einschiffen, oft so giftige Fieberluft weht, daß gar Viele erkranken und sterben, bevor sie nur das Schiff besteigen? Dann die Stürme auf der Meerfahrt – Wellen, hoch wie Kirchenmauern! – und in den Wassern, den abgrundtiefen, Haifische, welche den Schiffen, fraßgierig, folgen. 
       Und verborgene Klippen! Und Seeräuber! Und sind die frommen Pilger dem allem entgangen, dann drüben die furchtbare, lange, lange Wüste, wo es nichts giebt als Sand und einen bösen Wind, der den Sand haushoch aufschüttet, Roß und Reiter und Lagerzelt begrabend. Und die grimmen Heiden auf ihren pfeilschnellen Rossen mit vergifteten Pfeilen! Und Schlangen giebt es auch! Und –«
      »Schöne Weiber, Trinelein, viel schönere als eine Bauerstochter an der Etsch.«
      »Nun, die thun aber nichts!« sagte die Kleine ganz unbefangen. »Die fechten doch nicht mit? Wie die Bergriesinnen thun werden, nach der alten Weissagung, wann der Antichrist gegen Elias streiten wird im Rosengarten König Laurin's zu Algund und wann die Welt in Feuer aufgeht an dem jüngsten Tage. Was schaden die Heidinnen dem Hezilo?«
      »Dem Hezilo nicht: – aber vielleicht dir, Trinelein.«
      Mit großen Augen sah ihn das Kind an: »Mir – 
       hier? – In Goyen? Der Zauber müßte weit fliegen! Und wie wissen denn die Heidinnen, daß ich lebe? Und was hätt' ich ihnen zu Leide gethan, daß sie mich verzaubern möchten?«
      Da sprach der Alte wehmüthig: »Du könntest Einem das Herz springen machen vor Harm! – Wenn es wahr wäre! –«
      Und er senkte das Haupt auf die Brust.
      »Wenn was wahr wäre?« forschte die Kleine, hastig aufspringend. »Vater, was soll wahr sein? Du weißt etwas – o Jungfrau Maria! – du weißt was von ihm und willst mir's nicht sagen! Er ist todt? Er ist gefallen? – Oh, ich bitte dich, sag's mir! Sag's – mit aufgehobnen Händen bitt' ich dich!«
      Und sie warf sich vor ihm nieder auf die Kniee und hob die beiden Hände mit fest ineinander geschlungenen Fingern zu ihm empor.
      »
      Nicht todt! 
      Nicht gefallen,« beschwichtigte der Alte und hob sie sanft vom Boden auf. »Bei Sanct Johannes dem Täufer, meinem Schutzpatron im 
       Leben und bei dem Gerichte Gottes.« – Da beruhigte sich, bei solcher Betheuerung, das Mädchen.
      »O weil er nur lebt! Nun, was aber denn sonst? Verwundet? – Krank! – Im Haus der frommen Ritter?«
      Der Alte schüttelte den Kopf.
      »Ganz gesund und frisch ist er!«
      »Warum kommt er dann nicht heim? Wie die Andern alle: – der Kaiser soll doch schon lange wieder zurück sein.«
      »Aber Herr Friedmuth fehlt. Und niemand glaubt, daß der noch lebe, – sagt der Böppele.«
      »Hast du den Böppele gesprochen? – Der war ja auch in des Kaisers Heer! Hat der meinen Buben gesehen?«
      »So rasch kann ich nicht hören, – geschweige antworten – wie du fragen kannst! Also: Alles der Reihe nach. Ja, der Böppele ist zurück. Ich hab' ihn nicht gesehen: – aber der Gevatter, der Thorwart von Meran.« 
      
      »Der Zingilo? Wo? Wann, Vater?«
      »Gestern Abend. Da ist der Böppele mit einem Geleitsbrief des Rathes von Bozen und vier Saumrossen mit Wein durch Meran gekommen –«
      »Und der hat meinen Hezilo gesehen? Gesund und unverwundet?«
      »Ganz frisch und gesund: aber –«
      »Nun, aber?«
      »So halb und halb – gefangen!«
      »O barmherziger Heiland,« schrie das Mädchen und fuhr mit beiden Händen in ihr Haar. »Gefangen von den Heiden! Ach und sie sollen die Gefangnen lebendig begraben, oder von ihren Rossen zerreißen lassen, oder – o ihr Heiligen! Mein armer Bub!«
      »Schrei nicht so wüst! Deinem Buben geht es ganz gut. Viel besser, viel lustiger als dir: – und mir,« fügte er seufzend, leiser, bei, »der ich ihr das beibringen soll. – Er ist nicht so recht gefangen wie Andre – kriegsgefangen. Er, – er kann nur nicht fort.« 
      
      »Warum? wer hält ihn, wenn nicht Zwang? –«
      »Die stärkste Zwingerin, wie Herr Walther sagt: die Minne.«
      »Die Minne? Die Liebe – unsern Hezilo – 
      meinen Hezilo? Die Liebe 
      hält ihn? Nein, 
      herführen wird sie ihn, auf Flügeln, rasch wie die Schwalbe, zu mir.
      »Ja, – wenn er aber – eine Andre liebt?«
      Da richtete sich das junge Mädchen hoch empor, sah ihrem Vater, leuchtenden Blickes, in die Augen und rief: »Das ist nicht wahr!«
      »Ich glaub's auch nicht von dem Buben.«
      »Es ist nicht 
      möglich, sag' ich dir!« wiederholte fast drohend die Tochter: – das Kindliche ihres Wesens war nun ganz gewichen. »Wer hat's gesagt?«
      »Der Böppele!«
      »Der Böppele lügt!«
      »Ja, ja! Oft lügt er schon. Aber manchmal sagt er doch auch die Wahrheit. Und diesmal –«
      »Wem hat er es gesagt?« 
      
      »Dem Thorwart, dem Gevatter. Und den hab' ich jetzt gerade gesprochen. Er kam herauf, nach seinem Rebgarten zu sehen an der Naif. – Ich traf ihn dort: ich mähte unsern Grummet an dem Naifenbühl.«
      »O Vater – Vater – erzähl' es – o jedes Wort! – aber genau: so wie man das Vaterunser sagen muß.« –
      »Der Böppele ist über Nacht geblieben in Meran, hat bei dem Thorwart selbst seine Weinrosse eingestellt. – Er ist nämlich wieder, wie vor Jahren, Weinschänkwirth zu Boblingen im Schwabenland geworden. – Und hat dem Gevatter viel erzählt von Allem, was er gesehen, erlebt, und ausgestanden. Das Meiste, meint der Zingilo, war gelogen und übertrieben. Aber als der Wackere ihn fragte, ob er nichts von Hezilo und vom Fragsburger erfahren habe, oder von Herrn Walther, da sagte er: Herrn Walther habe er vor Kurzem in Brixen gesprochen.«
      »Dank den Heiligen! So lebt er, der brave, liebe, kluge, frohe Herr? Aber Hezilo –« 
      
      »Vom Fragsburger hab' er nichts sagen 
      wollen, trotz allem Drängen des Gevatters.«
      »Ja, ja: wegen der Geißelung, die Einem auf der Fragsburg droht, wenn Einer von dem Vogt berichtet, was man dort nicht gerne hört: – das ist ja weit und breit bekannt geworden. – Aber mein Hezilo?«
      »Hezilo hat er im Morgenland gesehen, gesprochen: aber zuletzt als Sclaven – nein, Freigelassnen einer Heidenprinzessin.«
      »Freigelassen? – Dann käme er zu mir.«
      »Ja: – sie haben ihn freigelassen – nur unter einer Bedingung.«
      »Welcher Bedingung?«
      »Daß er sie heirathet.«
      Da erbleichte das Mädchen: – tief holte sie Athem: »Woher weiß das der üble Landfahrer?« forschte sie dann nach langem Schweigen.
      »Auch er ward von Heiden aufgegriffen und in die gleiche Felsen-Burg gebracht, wo Hezilo – allein, 
       ohne Herrn Friedmuth – festgehalten war. Auf Hezilo's Fürsprache ward der Böppele freigegeben.«
      »So viel gilt der gefangene Knabe bei der Heidin?« fragte Katharina und tiefe Trauer zog über ihr holdes Antlitz. »So viel!«
      »Ja, sehr viel. Der Böppele durfte nicht viel mit ihm reden, – aus Argwohn der Heiden, er möchte mit Hezilo die Flucht planen. Denn die junge Fürstin hatte gedroht, alle Wächter zu kreuzigen, falls sie ihren Liebling entspringen ließen.«
      »Ihren – Liebling!«
      »Ja. Und Hezilo trug die allerschönsten, reichsten Kleider der Heiden: Kopftücher von Seide und weite Hosen, fast wie Weiberröcke, und spitze weiche goldgestickte Schuhe. Und er aß von goldnen Schalen. Und sechs Mohrenknaben dienten ihm. Und die Prinzessin hatte ihm erbeuteten Wein bringen lassen, – theuren Wein! – er gab Böppele davon – und die Heidin schenkte selbst den Becher ein und kredenzte ihn dem Buben.« 
      
      »Ist sie schön, diese Prinzessin?« fragte Katharina. Gluth schoß ihr in die Wangen.
      »Ja, danach hab' ich wirklich nicht gefragt! Und so weit wäre ja Alles ganz gut bestellt für den Buben: und wir, die wir ihn lieb haben, wir müssen uns freuen über all das!«
      »
      Freuen? Müssen uns 
      freuen?«
      »Nun freilich. Er lebt, er ist gesund, er ist heil! – Was hättest du vor einer kleinen Weile darum gegeben, hättest du das von ihm gewußt?«
      »O Vater, du hast Recht! – Ich bin – ich war so undankbar! – Ich war – ich dachte nur an mich, nicht an ihn. O das war schlecht von mir!«
      »Ja, das heißt: damals – vor vielen, vielen Monaten – lebte er gesund und frisch. Jedoch –«
      »Nun – was später?«
      »Als der Böppele entlassen ward, da sagte ihm einer der Wächter, ein zum Heidenthum übergetretener Wälscher –«
      »Giebt's das auch?« 
      
      »Oh ja, das giebt's. Der sagte, unser Hezilo –«
      »Nun?«
      »Der Vater der Prinzessin, der in Allem seines Kindes Willen thue, habe gar nichts gegen die Heirath. Aber da sei von dem obersten Kaiser der Heiden ein harter Befehl ergangen, – gegen alle Gefangenen – weil die Tempelritter einen Waffenfrieden sehr schnöde gebrochen.«
      »Heilige Katharina! Welch' ein Befehl?«
      »Der Fürst habe Botschaft an seine Tochter geschickt, – denn er war nicht mehr in der Burg – wenn Hezilo nicht in drei Tagen sein Eidam sei – bis dahin hatte sich der Wackere immer standhaft geweigert –«
      »Siehst du, Vater, – ich hab' es gewußt!« rief sie mit lachenden Augen. – »Dann?«
      »Dann muss' er ihn eben, wie alle Gefangenen, – köpfen lassen.«
      Da stürzte das Mädchen laut aufschreiend auf den Vater und rief: »Ach um Gott! – Aber er hat 
       sie doch ohne Zweifel geheirathet? Oh ja? Ja? Doch gewiß? Ich bitte dich: sag' doch ja. Er hat's doch gethan?«
      »Kind,« klagte der Alte, »wie soll ich's wissen? Der Böppele ward aus der Burg geführt, ohne unsern Buben vorher noch einmal sprechen zu können. Das war das Letzte, war Alles, was er wußte.«
      »O Vater, Vater, sage, sage du mir! Du bist so alt, so erfahren, – du kennst den Hezilo, – meinst du nicht, er hat's doch gethan? O sage ja. Er mußte ja! Er 
      mußte doch sein Leben retten! Gerade, wenn er mich lieb hat, hat er's doch gethan? Und ach Gott! Ich hab' ihn ja in alle diese Noth, in die Gefangenschaft geführt! Nur weil er mich lieb hat, weil er mich thörig Ding zum Weibe haben wollte, nur deßhalb hat er ja das Kreuz genommen, das der Bischof zur Bedingung seiner Erlaubniß gemacht hat. Ich bin Schuld, seine Liebe zu mir! O ich hoffe doch – ich bitte Gott – Gott! laß ihn nur sein Leben retten! Und müßt' er hundert Andere freien. Oh nur er nicht sterben! –« 
      
      Da brach sie vor dem Alten zusammen, das Haupt in strömenden Thränen gegen seine Kniee drückend; er richtete die halb Ohnmächtige auf und barg ihr Köpfchen an der Brust.
      »O mein Kind! Mein gutes Kind! Ja, du liebst ihn, den Buben. Aber auch er hat die wahre Liebe und Treue zu dir – und ich fürchte sehr –«
      »Was fürchtet Ihr? Wenn ich komm', weicht die Furcht,« fragte da von der Hausthür her eine tiefe Stimme fröhlich.
      Der Alte wandte sich.
      »Oh! Ihr, Böppele! Ihr war't ja, sagte der Gevatter, schon bei Sonnenaufgang fort aus Meran gegen das Innthal zu hinauf. Aber –«
      »Ja, bin aber nicht gar weit gekommen. Schon bei Glurns kehrte ich um.«
      »Weßhalb?«
      »Ich – ich hatte was vergessen.«
      »Hei, was?« 
      
      »Einen Botenlohn.«
      »Wo habt Ihr den zu zahlen: oder eher wohl – zu holen?«
      »Wo? Ei, hier auf Goyen: – bei Euch. –«
      »Wofür? Für jene böse, böse Nachricht? Ihr seht, was sie angerichtet hat in meinem Kind.«
      »Ach so! – Nun, was fürchtet Ihr denn?«
      »Ich fürchte, der wackre Bub, er hat – wie ich ihn kenne – die Heidin nicht genommen.«
      »Da kennt Ihr ihn recht. Er hat sie nicht genommen.«
      »So ist er todt?« schrie Katharina, sich aufrichtend.
      »Bewahre Gott und Sanct Sebastian! Er ist ganz hechtlebendig.«
      »Habt Ihr ihn gesehen?«
      »Ja wohl.«
      »Wann? Wann?«
      »Heute.«
      »Wo? Wo ist er? Um Gott?« 
      
      »Da ist er, Trinele! in deinen Armen!« So rief eine jubelnde Stimme, und aus der Thüre, an den beiden Männern vorbei, sprang ein schlanker Bursch auf die Kleine zu.
      »Hezilo!« rief diese und fiel an seine Brust. 
      
    



      Drittes Capitel.
      In der »Stuben«, dem Raum, welcher, neben ein par kleinen Verschlägen und dem Stall, das ganze Erdgeschoß des Bauernhauses in Anspruch nahm, war der Kienspan in eiserner Öse über dem Herd aufgesteckt, schon mehr als einmal erneut worden und immer noch mußte Hezilo erzählen.
      Der breite Herd war eingerahmt von schönem weißem Marmor: vor vielen Menschenaltern hatte man ihn ausgehoben aus dem Schutt und Steingerölle der alten Villa Gajana und mit seinen Bruchstücken umrandete man die Herdplatte von rothem Porphyr, der hier überall zu Tage steht.
      Auf der einen Seite des Herdes, auf der Herdbank, saß, den Rücken an die Wand gelehnt, Iffo, der Innerhofer von Goyen: auf der andern Seite, Hand in Hand 
       geschmiegt, das junge Par auf einer breiten Eichentruhe, und dem Herd gegenüber auf einem niedern Schemel mit Rückenlehne der, den sie den Böppele nannten.
      Katharina ließ kein Auge von dem Geliebten und strich ihm manchmal mit der Hand über Haar und Wange, wie um zu prüfen, ob er auch wirklich leibhaft sei und nicht ein Traumgebild.
      »Und so habt ihr denn Alles gehört,« schloß Hezilo und holte Athem, »bis zu dem Tage, da ich meinen armen Herren mitsammt dem Roß plötzlich verschwinden sah vor meinen Augen, als habe sich die Erde aufgethan und ihn verschlungen.
      »Aber jetzt,« und er hob die irdene Schale, die vor ihm stand auf dem Marmor, – »jetzt noch einen Weidling Milch! – Das viele Reden macht trocken: – mir wird's in der Kehle wie in der Wüste.«
      Voll innigsten Mitleids sprang die Kleine auf, – sie meinte, er könnte ihr plötzlich sterben! – und wollte nach der Milchkammer eilen.
      Aber der Böppele haschte sie flugs am Zopfe, 
       da sie an ihm vorbei wollte, und zog sie sanft zurück: »Halt, junge Braut! Des weißen Geschlapps ist's nun genug. Seit ich ein Säugling war, hab' ich nicht so viel Milch getrunken, wie heute Abend! – Was der Bub bisher erzählt hat, das hab' ich Alles schon gewußt. Oder mir denken können. Denn es ist doch fast immer dasselbe. Der Eine kriegt das Fieber schon bei Rom, der Andere in Neapel, der Eine kriegt die Seekrankheit gleich, der Andere kriegt sie bei Cypern, der Eine frißt in der Wüste vor Hunger Heuschrecken: – giebt gar nicht viele, schmecken so übel nicht: nur Hüpfen und fliegen sie viel gewaltiger als die um Böblingen und sind schwerer zu fangen, zumal in langen Mönchskutten –«
      »Habt Ihr die je getragen?« fragte das Mädchen ehrerbietig.
      Der Andere nickte sehr ernsthaft.
      »Dann müßtet Ihr sie immer tragen,« mahnte der Alte. »Das Gelübde bindet bis in den Tod.« 
      
      Hezilo schwieg. Er lachte nur in seinen schönen blonden Flaumbart, der ihm in diesen Jahren stattlich gewachsen war. Viel größer sah er aus, als da wir ihn kennen lernten. Das dunkle Braun des Antlitzes stand ihm gut.
      »Schon recht, schon recht!« beschwichtigte der Böppele. Wenn Ihr es so 
      meint beim Anlegen: – wenn Ihr es nicht für ewig meint: – dann eben nicht. Aber was Mönchsgelübde! – Das ist abgethan! Dank dem heiligen Urban, dem Besten aller Heiligen.«
      »Ausgenommen Sanct Johann der Täufer,« sprach der Bauer ernsthaft.
      »Der taufte mit Wasser, – Sanct Urban tauft mit Wein. Hujado, meint Ihr, man ist umsonst Weinwirth in Böblingen? Als ich den da plötzlich auf der Straße traf oberhalb Glurns, diesen Buben, der uns wiedergekehrt ist, wie Daniel aus der Bärengrube,« – Katharina zog Hezilo an sich, – »oder wie die sieben Männer aus dem feurigen Backofen. –« 
      
      »Es waren nur drei,« meinte Hezilo.
      Aber Katharina war noch mehr gerührt und lehnte das Köpfchen an seine Schulter.
      »Oder vielmehr wie der, der mit Zurücklassung seines Mantels der Frau Potiphar entsprang: der heilige Joseph, Christi Nährvater.«
      »Hör' auf!« lachte der Bauer, »das war ja ein ganz anderer Joseph.«
      »So?« fragte der aus Böblingen gedehnt. – »Nun das ist gleich. Dann war es ein Anderer!«
      »Und das muß ich dir wehren, bei Drohung harter Schläge, daß du die Jungfrau, die viel reine, edle, hochgemuthe, die mich gerettet hat, mit jenem Buhlweib vergleichst!« und heftig schlug der Jüngling die Faust auf den Marmor-Sims.
      Da schaute ihm das Trinele tief, scharf, sorglich fragend in's Gesicht. Aber er merkte es nicht.
      »Nun, bei Sanct Sebastian! Ich will sie nicht schmähen, die Heidenfürstin. Sie ist – –« 
      
      »Sagt, ist sie schön?« forschte da rasch eine Frage. So scharf war der Ton, daß Hezilo rasch umsah.
      Gespannt waren des Mädchens Augen auf Böppele gerichtet.
      »O – ja, – recht – angenehm so zum Anschauen. Ein wenig – bräunlich, wie dunkles Bocksleder –«
      »Aber Augen – wie – wie ein Reh!« rief Hezilo.
      »Und wie alt war sie? Sag's, braver Böppele!«
      »Nun, recht schön jung, – so wie Ihr! Aber jetzt hab' ich g'nug, des Geredes und des Gefragtwerdens. Durst hab' ich! Nein, nicht Milch! Als ich den Heimgekehrten auf einmal traf bei Glurns – um die Felsecke bog er: – auf einmal hielt er da vor mir auf seinem Rößlein.«
      »Und wie geschah das? Wo kamst du her des Weges?« fragte der Bauer. »Boblingen ist doch weit von der Etsch?«
      »Ja wohl, aber ich fahre immer gern zu 
       Weinkäufen in die Rebgärten zu Trient und Bozen, um die Zeit, wann sie dort billig verkaufen. Und warum? Nur aus Liebe zu meinen Boblingern. Denn je billiger ich einkaufe, – desto weniger brauche ich draufzuschlagen. Und es reist sich auch sicherer in Gesellschaft, zumal der Kirchenleute, welche ihre Schutzheiligen und die Furcht vor dem geistlichen Recht beschirmen, wie Vogelscheuchen. So weiß ich es immer so zu richten, daß ich mit den zehn Fudern Wein von Bozen, drei Säumen Öl und hundert Ochsen und Schweinen zusammen von Trient und Bozen eine Strecke weit reise, welche das Bisthum Trient als Vogtherrschaft jährlich der Muttergottes zu Kloster Sonnenburg auf den Schos – wollte sagen auf den Altar – legt, schon seit mehr als zweihundert Jahren. Bischof Hartwich hat's gestiftet. So that ich auch diesmal und zog mit ihnen von Trient bis Bozen: erst nordwärts von Bozen wandten sich jene gen Aufgang, ich gen Niedergang, und traf so auf diesen Buben, der vom Wormser Joch daher 
       kam. Bub, sagte ich, ich kehr' mit dir um, – doch that ich's nicht um Botenlohn, wie ich dem Goyenbauer vormachte; nein, um mich mit euch, mit ihm und ihr zu freuen. Dank' ich ihm doch 's Leben. Und hab' ich auch die Weinrosse eingestellt in Glurns – ein wacker Lägel vom allerbesten Bozner hab' ich mit zurückgebracht. – Das ist mein Hochzeitsdank! Aber antrinken können wir's schon heut!«
      Damit ergriff er den großen, thönernen Wasserkrug, der auf der Erde stand, goß sorgfältig, sehr sorgfältig die Neige, die darin stand, aus, eilte in den Stall und kam bald wieder, den Krug, rothen Weines voll, Hezilo darreichend. »Nun trinke und gieb den Andern und erzähle weiter.«
      Als die Männer herzhaft getrunken hatten und die Kleine genippt, hob Hezilo, sich den Bart wischend, an:
      »Uf! Um diesen Trunk, Böppele, verzeiht dir unser Herrgott siebzig Lügen. – Also! – Da ich, nachdem ich vom Gaul gerissen worden, meiner Sinne 
       wieder mächtig ward, merkte ich, daß ich vor einem Heiden quer über dem Sattel lag, der mich mit einer Schlinge an seines Rosses Hals gebunden hatte. Wir meinen, wir »reiten« im Abendland. Meintwegen: – aber was ich jetzt mitmachte, das war nicht Reiten – das war Fliegen! Mir schwanden auf's Neue die Sinne – ich glaube: vor Schwindel. Auf einmal erwachte ich: – von dem jähen Aufhören der sausenden Bewegung. Ich sah um mich: Fackeln glänzten durch die Nacht, andere Heiden – zu Fuß – nahmen uns in Empfang: – wir hielten am Fuß eines steilen Felsens. Die Reiter sprangen ab, man band mich von dem Gaul los und schob mich, – nicht ohne einiges Puffen und Knuffen –«
      »Diese Unmenschen!« seufzte Katharina.
      »Einen schmalen, in den Fels gehauenen Steig hinauf – hoch – sehr hoch. Plötzlich klaffte auf, was ich für eine Spalte im schmalen Fels gehalten hatte: es war ein Burgthor: – noch ein Puff von hinten und ich war drinnen. Der Führer der Reiter – 
       ich erfuhr später: es war der Burgherr und Esma's Vater – winkte einen der Burgwächter heran – er war ein »Renegat«, wie sie's nennen, ein Wälscher aus Amalfi, der bei einem früheren Kreuzzug den Hunger bei den Christen nicht mehr ausgehalten hatte und zu den Heiden übergelaufen war. Constantino hieß er. Der sprach arabisch und sprach Frankistan, wälsch und auch ein wenig deutsch und der diente uns als Dolmetsch. Er erklärte mir die Befehle des Burgherrn: man werde mich hier gefangen halten, um mich gegen gefangene Heiden auszutauschen; ich sei auf seinen, des Burgherrn, Beutetheil gefallen. Auf mein ängstliches Fragen nach meinem Herrn erfuhr ich, gegen ihn sei, weil er der Heiden besten Plan vereitelt, der Anschlag gezielt gewesen. Aber was aus ihm geworden, wußten meine Gefangennehmer nicht, – sie seien auf der Flucht, verfolgt von den Unseren, sogleich von den Anderen getrennt worden. Vielleicht auch wußten sie's, wollten's aber nicht sagen: doch meinten sie, selten 
       komme Einer bei dem Sturz in solche Trichtergrube oder Löwenfalle gut davon. Da grämte ich mich denn um den lieben, treuen, mildgütigen Vogt und um mein eigen Los. Und am bittersten um dich. Kleine! Und wie dir's das Herz abdrücken werde, wenn ich gar, gar nie mehr wiederkäme.«
      Katharina griff rasch nach seiner Hand und strich ein parmal darüber.
      »Und obwohl sie mir nichts zu Leide thaten, die Heiden, auch zu essen gaben sie mir – meine Lust am Essen war nicht groß, – war mir doch recht öd und weh zu Muthe. Sprechen konnte ich nur mit dem Constantino, der nicht oft in der Burg war. Und so saß ich denn den ganzen langen, langen Tag auf dem Sande des viereckigen schmalen innern Hofes des kleinen Felscastells und schäftete Pfeile, – das war die Arbeit, welche sie mir zugetheilt hatten: gewaltige, fast armslange Geschosse: denn, ließ mir der Burgwart höhnisch verdeutschen, der kurzen Frankenpfeile schlucke er drei mit einem Becher Wasser. 
       Weil ich aber den Sonnenbrand des Mittags nicht vertrug wie die Heiden – die ihre glatt geschornen Scheitel ohne jeden Schutz den sengenden Strahlen aussetzen – und den Wechsel der dann manchmal empfindlichen Kühle der Nacht, zimmerten sie mir in einer Ecke des Hofes einen Verschlag aus ein par Brettern mit einem Schutzdach.«
      »Das haben dir die Heiden gethan? – Wohl nur die Eine, – die: – deine Prinzessin?«
      »Nein. Die wußte damals noch gar nichts von mir: so wenig wie ich von ihr – oder daß überhaupt ein Weib in der Felsenburg athmete. Die Heidenmänner haben's gethan – einfach aus Güte des Herzens, – weil sie sahen, wie ich litt, – einmal einen Sonnenstich hatte –«
      »So gut können Heiden sein?« forschte der Bauer ganz erstaunt.
      »Ja, so gut! Und daß ich das gelernt habe, daß es auch recht wackere Leute giebt unter den Ungläubigen, 
       das ist nicht das Schlechteste, was ich herübergetragen habe über das große Wasser.
      Da saß ich denn gar trübselig und von Heimweh verzehrt in meinem Verschlag. Das Essen, ich ließ es stehen, – der Kummer würgte mir den Hals. Ich ward krank.«
      »O du armer Bub, und Alles um mich.« 
      
    



      Viertes Capitel.
      »Und ich wäre wohl bald gestorben vor Fieber und vor Verelendung. Da hat mich Eins gerettet – Eins allein! Das Leben zuerst und die Befreiung zuletzt: – Einem Ding – unter Gottes Hilfe – verdank' ich Alles – rathet: was ist es?«
      Alle schwiegen. Böppele meinte zuletzt schüchtern: »Hast sie recht angelogen, die guten Heiden?«
      Aber Hezilo schüttelte den Kopf: »Kann gar nicht lügen! – Nun? Ihr rathet's nicht! Auch du nicht, Kleine? Sollte mich fast kränken. Nun – wem sonst als meiner Singkunst: – meinem Pfeifenspiel!«
      Da sprang der Weinschänk von Boblingen auf und rief: »Hujo ho!« und abermals »Hujo ho! Du kannst es noch besser als – Andere: das Schwänke ersinnen und das – nun halt, das freie Lügen.« 
      
      Und auch der alte Iffo schaute mit seinen ernsthaften Augen fast ungläubig auf den Erzähler: nur Katharina, das anmuthvolle Köpflein mit dem schwellenden Kinn auf beide geöffnete Hände ruhend und die beiden Ellenbogen auf den Steintisch gestützt, sah ihm voll freudigen Vertrauens gläubig in die Augen.
      Der zuckte die Achseln und zog den Böppele wieder auf den Sitz zurück. »Lügen? Hab's immer noch nicht gelernt, sag' ich, obwohl ich von Glurns bis Meran mit dir gewandert bin. – Ich seh' schon, es wird eben kein Sänger in der eignen Heimat geehrt; zu den Heiden muß er gehen, in die Wüste, gerecht Gericht zu finden! Und es ist 
      doch wahr!« rief er, gereizt auf den Tisch schlagend.
      »Verzürn' dich nicht, mein Hezilo – mein Herz,« sprach das Mädchen, ihm die geballte Faust leise lösend, »
      ich hab' es immer gesagt: du singst und pfeifst so arg schön.« Etwas besänftigt fuhr der Sänger fort: »Wenn 
       nur 
      Einer dabei gewesen wäre! Und hätt' es mit erlebt, nur der Eine!«
      »Wer, Hezilo! Da trink',« bat das Trinele, »und sei gut? Wer?«
      »Er, Herr Walther,« rief der noch immer erbost. »Der mich gar nichts gelten lassen will.«
      Er trank zornig einen großen Schluck und setzte den Becher heftig auf den Tisch, daß ein par Tropfen übersprangen, – sorglich wischte sie das Trinele weg.
      »'s ist wohl der Neid!« beschwichtigte die Liebende.
      »Nun also – wie war's aber?« ermahnte der Alte.
      »Da saß ich denn eines heißen Mittags in meinem Verschlag und dachte an euch beide, zum Sterben traurig. Das Herz that mir weh im Leibe. Und ich drückte die Hand darauf. Da griff ich auf etwas Hartes: meine Schwegelpfeife war's, die ich immer innerhalb des Wammses trug. Ich hatte ihrer ganz vergessen. Es war mir nicht um's Pfeifen und Singen gewesen. Aber jetzt – die Sehnsucht nach 
       der Braut, nach der Heimat kam mir übermächtig, – jetzt zog ich das alte Ding hervor – und küßte es und die Augen wurden mir feucht –«
      Katharina's Augen wurden da mehr als feucht.
      »Und setzte sie an den Mund und blies meine eigene – selbstgefundene – Weise darauf. Und die alten Töne schallten, die ich so oft hier, an dieser Stelle sitzend, geblasen.«
      »Ja, leider!« dachte der Alte; aber er sagte es nicht.
      »Da mußte ich laut aufschluchzen. Und das that mir wohl! Und darauf sang ich:
      »O weh, wie ist so ferne
       Mein Lieb mir und mein Land!
      O weh, wie stürb' ich gerne:
       Dann war' mein Leid gewandt.«
      Und darauf blies ich wieder, so stark ich konnte. Es ging nicht ganz so schön, wie sonst. Denn ein Rohr war zerknickt, das andere war ganz weggebrochen. Aber doch: diese meine Kunst hat mich gerettet!« 
      
      »Wie das?« fragte Böppele, immer noch staunend.
      »Aufgerissen ward plötzlich die angelehnte Thür meines Verschlags und vor mir stand: – sie!«
      »Die Heidin?« fragte Katharina, ward sehr blaß und hob sich von der vorgebeugten Stellung ganz zurück auf ihren Sitz.
      »Ja, Esma war es. Und neben ihr stand Constantino, der rundliche, und winkte mir.«
      »Wie sah sie aus?« fragte das Trinelein gespannten Blickes.
      »Das hab' ich damals noch nicht wahrnehmen können. Denn dicht verschleiert stand sie vor mir, – ein par Sclavinnen dabei, – das Haupt und das ganze Gesicht verhüllt in ein gar feines weißes Tuch: – nur ein Auge war sichtbar –«
      »Und das war? Wie war es?«
      »Recht schön, Liebste! Groß und dunkel, aber doch unheimlich, so wie ein Gespuk, blickte es damals aus der weißen Wolke. Nun, Constantino winkte mir also, der Herrin und den Sclavinnen zu folgen 
       in das Innere der Burg; und erzählte mir unterwegs, die Jungfrau habe zu ihrem Gemach mein Spiel und meinen Gesang hinaufklingen hören und – nun kurz und ohne mich in Worten zu loben: – die Werke haben's ja bewiesen – sie war entzückt! Sie erklärte, nie, bei allen Festen der Heiden – und sie hatte doch schon manches mitgemacht, seit sie erwachsen –«
      »Wie alt war sie?« forschte Katharina.
      »– Sechzehn, sagte der Wälsche, – habe sie je so was Wunderliebliches gehört wie meine Pfeife und meinen Gesang. Das sei schöner als Cymbalon, Flöte und Laute. Und von diesem Tag ab mußte ich jeden Mittag zu ihr in ihr Gemach kommen. Da waren immer viele Sclavinnen; und ein Springbrunnen war mitten im Marmorboden; und glänzende fremde Vögel flogen kreischend auf Wipfeln von Palmen, die in hohen Erdkübeln standen, – ja und in dem Wasserbecken des Springbrunnens schwammen goldne und silberne Fischlein – ich dachte anfangs, 
       sie seien wirklich von Metall gemacht. Aber da lachten mich Esma und die Mädchen aus und patschten vor lauter Freude über meine Thorheit in die kleinen braunen Hände.«
      »Also braun! – Auch die Gesichter?« Und Katharina schlug ein Kreuz. »Die heilige Jungfrau bewahre jedes fromme Mädchen vor solcher Mißfarbe!«
      »Nun, nun. Es ist nicht so übel, – man gewöhnt es. Daß mir das Weiße lieber ist,« beschwichtigte er rasch, »das ...«
      »Geht daraus hervor,« fiel der Böppele ein, »daß er jetzt da sitzt und nicht ein Heidenprinz geworden ist.«
      »Nun kurz: die Herrin faßte recht warme Freundschaft zu mir.«
      »Blos auf's Pfeifen hin?« meinte die Kleine. »Reden konntet ihr ja nicht mit einander!«
      »O doch! Man spricht da drüben das Franken-Latein: das ist halb wälsch, halb-französisch: – jeder 
       faßt es leicht, – schon auf der langen Seefahrt lernt' ich es – und Esma hatte es gelernt von einer Tochter des Fürsten Vormund von Antiochien, welche die Heiden auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem gefangen und über ein Jahr auf dem Bergschloß festgehalten hatten, bis ihr Vater sie löste, mit schwerem Gelde. Also – wir verstanden uns schon! Und von meinem Siechthum war ich geheilt: war ich doch nun nicht mehr, gott- und weltverlassen, einsam unter den Heiden! Gar freundlich und gütig sorgte die Jungfrau für mich, gab mir schöne Kleider, redete mir zu und tröstete mich anfangs auch der Hoffnung auf Heimkehr. Und eine Zeit lang mußte ich ihr nur immer vorpfeifen und vorsingen.«
      »Wie einen Papegan hat dich das Kind gehalten!« lachte der Böppele.
      »Allein obwohl ich in den ersten Wochen stolze Freude an meiner Kunst hatte, die nun einmal zu vollen Ehren kam, – allmälig ward es mir doch langweilig, so immerfort das Gleiche. Aber Esma 
       konnte nicht genug davon kriegen. Sie sah mich dabei so selig an, mit ihren schwimmenden großen Augen! Freilich, manchmal merkte sie es gar nicht, wenn ich nicht mehr blies – weil mir der Schnaufer ausgegangen war – und ich mir das Schwegelrohr nur hin und her schob an den Lippen: – sie sah mich immer gleich ergriffen an. So ging es viele, viele Tage.
      Damals nun war es, daß dieser wackere Weinschänk und Herbergvater gefangen eingebracht ward von ein par Reitern.«
      »Aber Böppele!« fragte der Bauer. »Zwar, – ein Floh und ein Schwab kommt überall hinein, sagt ein Sprichwort.«
      »Ein Wahrwort!« bekräftigte der von Boblingen mit Stolz.
      »Aber wie, in Sanct Johannis Namen, bist du denn in jenes Felsennest im tiefsten Morgenland gerathen?«
      »Ach Vater,« bat Katharina, »das soll er uns 
       nachher erzählen. Jetzt müssen wir doch wissen, wie's mit der Heidin weiter ging.«
      »Gleich, Kleine,« lachte Hezilo. »Nur das will ich vom Böppele hier schon rühmen, daß er sich ganz unverschreckt gehalten hat, als ihm der Tod schon ziemlich nahe war. Er sagte nichts und machte ein ganz stolz Gesicht.«
      »Das ist mir schwer genug geworden!« meinte der Gepriesene. »Ich lebe recht gern – ich thu' eigentlich gar nichts lieber als eben – leben! Aber diese lederfarbigen Heidenteufel sollten nicht singen und sagen, daß sich ein Boblinger Bürger, ein freier Schwab, vor ihnen gefürchtet habe.«
      »Aber warum wollten sie gerade dem an's Leben und dir nicht?« warf der Alte dazwischen.
      »Weil sie ihn, nachdem sie ihn griffen, sogleich als Ordenspriester erkannten. Die Mönche hassen sie aber mehr als die Wehrmänner der Franken, weil jene viel als Späher dienen und oft recht falsch und tückisch sind. Da mir aber der Gefangene betheuerte, er sei 
       gar kein Mönch, – als welchen er sich früher freilich ausgegeben! – vielmehr ein Wein-Mischer, und weil ich mich bei der Herrin hierfür verbürgte, gelang es mir, ihr sein Leben und bald auch seine Freigebung abzubetteln. Sie schlug mir nicht leicht was ab, die Kleine! Nur als ich einmal 
      meine eigene Freilassung verlangte, – von der sie doch früher selbst zuerst gesprochen hatte, – da sprang sie auf von ihrem Pardelfellen-Lager und stopfte mir den Mund.«
      »Mit was?« fragte die Hörerin blitzschnell.
      »Mit einem süßen Gebäck, das sehr stark nach Rosen roch: so echt heidnisch! Aber schmecken that es gut. Und die Ober-Sclavin ließ mir durch den Constantino sagen, die Herrin verbiete mir, je wieder von meiner Freiheit mit ihr zu sprechen. »Was geht ihm hier denn ab?« habe die Herrin gefragt. Und dazu geseufzt: »Ach, er ist freier denn ich.«
      Dabei machte ihr ein Ding viel Vergnügen, mir aber – anfangs – manche Schwierigkeit des Verstehens. Sie bestand darauf, mich bald »Arslan«, 
       bald »mein Assad« zu rufen. Ich wußte lange nicht, wen sie damit meinte.«
      »Arslan? Und gar mein Assad!« fragte das Trinelein etwas mißtrauisch. »Warum? Was heißt das?«
      »Beides heißt: – Löwe,« erwiderte der Heimgekehrte, ganz verschämt.
      »Nun,« lachte der Schwabe, »wie ein Löwenthier siehst du nicht her! Habe zwar nur einmal eines gesehen: und das lag glücklicherweise hinter starken Eisenstäben auf dem Deck des Schiffes, – der Emir von Damaskus schickte es dem Kaiser zum Geschenk für dessen großen Thiergarten zu Palermo. Wär' ich der Kaiser gewesen, – ich hätte mir was Liebres gewußt als so ein Unthier, das täglich ein paar Pfund Fleisch kostet. Und mußt noch froh sein auch, wenn's recht viel frißt! – denn dann ist's gesund! – Nein, einem Leuen siehst du nicht ähnlich, Bub.«
      »Mag wohl sein. Aber das ist dort zu Land ein Schmeichelwort, wie wenn ich hier zu Land das Trinelein mein Täubchen nenne. Und dann machte 
       sie einen Spruch auf mich, auf arabisch – oft, gar oft hat sie ihn mir vorgesagt: – leider verstand ich ihn nicht! – bis der Wälsche mir ihn deutete: da hieß es: mein Liebling hat das Herz des Leuen und hat des Leuen Mähnenhaar: aber hell, wie ein weißes Roß.«
      »Was? Wie ein Schimmel?« zürnte die Kleine.
      »Nun, das sollte ein feines Lob sein. – Und endlich, endlich kam's zu Tage: – nach Monaten. – Der Renegat theilte mir's mit im Namen des Burgherrn, was ihr ja wohl schon merkt! Nämlich eines Tages ward ich nicht mehr herauf befohlen in den Gang mit den hufeisenförmigen Bogen: man ließ mich wieder ruhig Pfeile schäften in meinem Verschlag. Esma sei erkrankt, schwer erkrankt, sagte mir der dicke Constantino. Und ihr Vater sei benachrichtigt worden und der habe nach einem großen, fast wie ein Prophet verehrten Arzt in der nächsten Heidenstadt gesendet. Und alsbald brachte der es heraus: die Kleine sei krank aus lauter Liebe zu mir. Und der Arzt that den Ausspruch: 
       man müsse ihr entweder diese Phantasia durch Lachen austreiben, oder, falls dies mißlinge, sie mit mir vermählen: sonst werde sie nicht wieder gesunden.
      Und sie machten ihr nun allerlei Kurzweil vor, ließen einen drolligen Zwerg kommen und Gaukler, auch Affenthiere, alles an meiner Statt! Aber die Jungfrau, statt zu lachen, weinte und wandte das Antlitz von den Affen ab und gegen die Wand.
      Da sprach der Arzt: »Nun hilft nur noch die andere Arzenei.«
      Und der Burgherr, der sein Töchterlein über Alles liebte, sagte ja und ließ mir durch den Wälschen künden, ich möge mich nur bereit halten, nächstens sei die Hochzeit: das Christenthum brauche ich nicht abzuschwören. Danach fragt man dort zu Lande wenig. Es heirathen ja auch viele Franken Heidinnen, ohne diese zu taufen. Da waren sie nun sehr erstaunt, der Dicke und die Sclavinnen und die Anderen, als ich rundweg nein sagte. Die Prinzessin bestand darauf, das von mir selbst zu hören. Gar schämig erröthete 
       sie, als ich an ihr Lager geführt ward, und sie zog den Schleier wieder vor, den sie lange nicht mehr getragen in meiner Gegenwart. Ich aber sprach: »O Esma! Ihr seid gar gütig und mild gegen mich armen Gefangenen gewesen: und Ihr seid auch sehr schön und hold – denn das war die reine Wahrheit, Kleine, und nicht geschmeichelt! – aber ich kann Euch nicht heirathen: denn ich liebe schon eine Andere und bin ihr anverlobt für Leben und Tod.«
      Da hob sie den Schleier ein ganz klein wenig und sprach mit trauriger Stimme: »Edler Franke, mein Löwe, das sagst du nur aus Schonung für mich: die Verschmähung minder hart zu machen.«
      Ich aber rief: »Nein, o nein, Esma! Und hier das Wahrzeichen, daß ich nicht lüge! Hier, seht: – diese blonde Flechte,« – und ich holte sie mit dem viel geküßten und von vielen Thränen beträuften blauen Bande hervor aus meinem Brustlatz, – »das ist das Haar meiner lieben Braut.«
      Da nahm sie mir das Haar aus der Hand, 
       hielt es in den Sonnenschein, daß es golden leuchtete, blickte es lange schweigend an, und seufzte: »Selig das Haar und selig das Haupt, zu dem es gehört. Es ist wunderschön: es gleicht dem deinen. Sprich: ist auch ihr Antlitz schön wie deines?« »O nein,« rief ich. »Viel tausendmal, viel tausendmal schöner, denn ich bin ja gar nicht hübsch. Sie aber ist –«
      Da gab sie mir die Flechte, winkte mir mit der Hand, zu gehen, und sank auf die Polster zurück, das Antlitz ganz in den Schleier hüllend. Ich glaube, sie weinte. Aber Trinele, was hast du? Du weinst ja?«
      Zwei große Thränen glitten langsam über die Wangen des Mädchens, das sich nun wieder vorgebeugt und mit athemloser Spannung, gelauscht hatte.
      »Arme Prinzessin! Arme, gute Heidin!« sagte sie schluchzend, während ihr Hezilo die Zähren weg küßte. »Aber du sahst sie wieder?«
      »Nur einmal noch: – als sie mir zur Rettung verhalf. 
      
      Der Kampf war wieder heiß entbrannt. Ich merkte das schon daran, daß starke Scharen zu Fuß und zu Pferd nun fast täglich in der Burg eintrafen, auch Kamele und allerlei Kriegsgeräth: nach kurzer Rast, ausgerüstet, gewaffnet, auch mit den Pfeilen, die ich geschäftet hatte, zogen sie weiter. Und die alte Besatzung der Burg, die Krieger, die mich nie unfreundlich behandelt, warfen mir jetzt wilde Blicke zu. Auch ein Wurfmesser fuhr einmal dicht an meinem Kopfe, vorbei in die Thür meines Verschlages –«
      »O Jesus!« schrie das Mädchen auf.
      »Und bald, nachdem ich die Herrin verlassen, theilte mir der Wälsche mit, was ihr schon wißt, daß wegen eines frevlen Treuebruchs der Templer vom Heidenkaiser Befehl ergangen sei, alle gefangenen Christen hinzurichten. Der Burgherr wollte nun das seinem Töchterlein gern ersparen: aber er sagte, er müsse seinen Treue-Eid halten: seinen Eidam freilich brauche er nicht zu tödten. Da sah ich wohl, daß mein letztes Stündlein bald herankam.« 
      
      »Aber, Bub, hast du denn wirklich sterben wollen? Mir das anthun? Um meinetwillen sterben! O Hezilo – wie böse von dir! – – Hast mich denn gar so lieb?« rief sie, laut weinend, aber dazwischen doch selig lachend, sprang auf, warf beide Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Augen.
      »Ha,« lachte der und machte sich leise los. »Daß du jetzt so fragen kannst! Und wär's dir denn lieber gewesen, – wenn ich die Heidin? –«
      »Ja,« fiel der Alte nachdrucksam ein. »Ja! So hat sie gewählt, bevor sie wußte, daß du gleichwohl gerettet warst.«
      »Ja, das ist wahr! Jetzt wär' es freilich keine Kunst, so reden,« meinte der Böppele, fein lächelnd. »Aber ich hab' es selbst heimlich mit angehört: – bevor sie wußte, wie es dir ergangen, hat sie gesagt: »Lieber tausend Heidinnen soll er heirathen und mich vergessen, als daß er stirbt, der gute Bub.« 's ist wacker von der Dirn. Obzwar Frau Zahme eine wundergute Wandlung des Gemüthes in sich erfahren hat – 
       Dank dem heiligen Sebastian! – das thäte sie doch auch jetzt vielleicht dem Trinelein nicht nach.«
      »Das thäte jede, die liebt,« meinte die Kleine. Und setzte sich, mit glühenden Wangen, wieder von dem Geliebten weit hinweg.
      Jetzt kam an den die Reihe, die Wimpern zu wischen. Aber er that's mit rascher Bewegung und fuhr gleich wieder fort, zu erzählen. 
      
    



      Fünftes Kapitel.
      »So saß ich denn Nachts in meinem Verschlag auf den dürren Palmenblättern, die man mir als Lager aufgeschüttet hatte. Schlaf kam nicht über meine Augen. Ich stützte den Kopf auf beide Hände, und dachte, daß ich nun wohl nur noch zwei Nächte zu leben hätte. Und holte meine treue Schwegelpfeife hervor und blies, mir selber zu Trost und Herzensausschüttung, gar kläglich meine Weise – ohne zu singen – ich konnte nicht singen, vor lauter Weh.«
      »Mein armer, treuer Bub!«
      »Da auf einmal hörte ich ein mißtönig gellend Geschrei: ein Gebrüll, wie ich's auf Erden nie vernommen. – Ich erschrack bis in's tiefste Herz hinein: – ich leugne es nicht! Ich glaubte, der Höllenkönig gelle so: – denn es war nichts Geheures!« – 
      
      Vater und Tochter öffneten weit die Augen voll Grauen. Aber der Böppele lachte vor sich hin.
      »O Bub, – wie war's denn?« forschte die Kleine. Es graute ihr gar arg: aber sie wollte doch noch mehr von diesem Gruseln kosten.
      »Ja, ich kann dir's auch nicht weiter schildern. Stelle dir vor, du hörest ein Schwein grunzen: – aber nicht ein gewöhnliches, sondern ein Schwein, – zehn, zwanzig Mal so groß und stark wie ein Etsch-Eber ist – und demgemäß das Geschrei. Mir verging, das Blasen: – da hörte das Gebrüll gleich auf. Nun dachte ich mir: oft hab' ich sagen gehört, daß die bösen Geister die edle Tonkunst nicht vertragen können: wie vor Davids Harfenspiel der Unhold wich aus König Saul. Und da kam mir der Muth wieder: – ein gut Gewissen hatt' ich: weder Christum noch das Trinele abzuschwören oder zu verleugnen hatte ich je auch nur den scheuesten Gedanken gehabt: – Neugier oder eine Art Trotz kam dazu – kurz, ich blies nochmal. Aber da fuhr ich auf mit Entsetzen. 
       Denn nicht nur ergellte das zornige Wehegeschrei des Ungethüms aufs Neue, schrecklicher als zuvor – auch schwere, schwere Tritte dröhnten auf dem Steinpflaster des Hofes! Näher, immer näher kam es meinem Verschlag: – Trott, Trott –«
      »Hezilo, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen, mach's kurz: – ich halt's nicht mehr aus!«
      »Aber, Kleine, da sitzt er ja – du siehst es: der Teufel hat ihn damals noch nicht geholt!«
      »Plötzlich packte von oben her eine furchtbare Gewalt, wie mit einer Riesenzange, das Brett, das meinem Verschlag als Dach diente, riß es mit einem Ruck aus Nägeln und Fugen, daß es nur so krachte, schleuderte es zur Erde – und im hellen Mondlicht erschien über mir das Haupt einer thurmhohen Gestalt: zwei kleine Äuglein blinzelten auf mich nieder; – zwei armlange weiße Hauer, wie von Ebern, aber viel, viel länger, blitzten im Mondenscheine: – zwischen diesen schwankte und baumelte etwas wie ein gewaltiger Arm und das schien nach mir zu greifen.« 
      
      »Gott beschütze uns in Gnaden,« sprach der Alte: die Kleine konnte nicht mehr sprechen, sie stöhnte leise.
      »Ja, Vater, auch mir vergingen die Sinne. Ich wollte um Hilfe schreien: – die Stimme versagte mir. Da, um die Wächter herbeizurufen, setzte ich in Verzweiflung die Pfeife an den Mund und pfiff und blies aus Leibeskräften, wie ich noch nie geblasen im Leben.
      Jetzt schrie das Ungeheuer laut auf – seltsam, wie in bittrer Qual –: auf that sich unter dem, was ich für einen Arm gehalten, ein furchtbar großer, weit klaffender Schlund.«
      »Hat es dich gebissen?« schrie das Mädchen. »Wo?«
      »Nein! Der Arm faßte die Pfeife wie mit einem Finger, riß sie mir mit Riesenkraft vom Munde und – – schleuderte sie in den klaffenden Rachen. Sofort, wie beschwichtigt, wandte sich nun das Scheusal, drehte mir seinen berghohen Rücken zu, von dem ein ziemlich kurzes Schweiflein herabschwänzelte, und trabte, wie 
       vergnügt, wie nunmehr so recht befriedigt, brummend davon im Mondlicht.«
      »Und hat dir nichts zu Leid gethan?«
      »Gar nichts. Nur die Pfeife – –«
      »Wahrlich,« sprach der fromme Bauer, »du darfst dem starken Himmelsherrn danken, der dir den Fürst der Hölle selbst hat abgewehrt.«
      Aber Hezilo lachte.
      Und der Böppele lachte noch mehr. »Ach was Höllenfürst! Ein Thier war es: heißt Holifant oder auch Elephas, hat einen langen Rüssel und ist so hoch wie ein junger Weinberg.«
      Jedoch das Mädchen sah ungläubig den Erretteten an und sprach: »Ist nicht wahr! gelt Hezilo? Der Ungläubige spottet unser. Es war wohl – der Garböse. Wie käme so ein Thier in jene Burg?«
      »Es wird von den Heiden im Kriege verwendet,« antwortete Hezilo. »Und war am Abend mit den Kamelen ohne mein Wissen hereingekommen. Ich hatte nie im Leben eines gesehen. Und so komme 
       ich doch nicht gar zu feig und dumm dabei heraus. Übrigens gilt der Elephas als das weiseste der Thiere.«
      »Ja, bekräftigte der Boblinger. »In Sonderheit liebt und versteht es die edle Musica: es tanzt danach: man lockt es und zähmt es mit Cymbelklang. Es lernt selber gar meisterlich die Flöte blasen, – bläst niemals falsch! – und leidet bitter, viel bittrer als ein Menschengemüth, gleich manchem Jagdhund, unter falschen Tönen. Und das hat sich in diesem Fall erwahrt: – denn, deine edle Heidenprinzessin in allen Ehren! Aber das Holifantenthier hat einen feineren Sinn für Musica gezeigt als sie.«
      Hezilo hob lachend die Faust: »So sprach – aus gutgemeinter List –! auch ein gar weiser Heide, wie ihr vernehmen werdet. Aber höre, Böppele: ich habe nie was dafür verlangt, daß ich dir die Freiheit verschafft habe. Doch jetzt bitt' ich mir eine Gegengabe von dir dafür aus.«
      »Alles, mein Bub, was du willst. Denn Frau Zahme wirst du mir doch kaum abfordern!« 
      
      »Nein! Aber ein Gelöbniß: schwöre mir hier vor diesen beiden Zeugen, die Geschichte von dem Elephas Einem Menschen nie zu erzählen.«
      »Ich schwöre. Wem?«
      »Allen meinetwegen: nur nicht Herrn Walther von der Vogelweide. – Aber höret weiter. Wie mich meine Sing- und Pfeifenkunst das erstemal aus meiner hinsiechenden Trübsal erlöst und in die Gunst der feinen Jungfrau erhoben hat, so gedieh mir mein Blasespiel – sogar noch im Bauche des Thieres Elephas! – zur Befreiung.
      Esma hatte von der Gefahr, die mich bedrohte, wohl vernommen, aber umsonst sich bemüht, mich zu retten. Die Wächter am Thor hatten strengen Befehl, mich nicht entrinnen zu lassen. Auch ihr Versuch, sie durch Gold zu gewinnen, schlug fehl. Da erfuhr der Arzt, der zu ihrer Pflege in der Burg geblieben, den seltsamen Vorfall mit der Pfeife. Und der hatte längst gesagt, wenn er die Herrin nur einmal zum Lachen bringen könne, dann hoffe er sie aus ihrer 
       Liebeskrankheit – denn so was war es wohl – in's gesunde Leben wieder hinüber zu retten. Und da der Weise die Geschichte erfuhr von dem Wälschen, dem ich sie erzählt, da lächelte er: »Vielleicht hilft das.« Und ging zu der Kranken und sprach: »Der Segen des Propheten sei mit dir! Siehe, was dich zuerst berückte, das hat nun der Elephas gefressen. Vielleicht ist damit der Zauber gelöst. Und zürne nicht, o Herrin. Aber« – und so redete er nicht etwa aus Überzeugung, sondern, wie ein kluger Heilrath manchmal thut, in Verstellung seiner wahren Meinung – »das kluge Thier hat mehr Urtheil über die klingende Kunst, denn du, o Gebietigerin des Scharfsinns. Denn wahrlich, wahrlich, ich sage dir: greulich war, was dein Liebling da vor sich hin blies.« Und er schilderte ihr, wahrscheinlich mit wenig Schonung meiner, meinen Schrecken und wie ich das dicke Thier für ein Luft-Gespenst gehalten.
      Da lachte die Kleine hell auf.« 
      
      Und da alle seine Hörer jetzt auch lachten, lachte der Erzähler gutmüthig mit.
      »Sie patschte in die zierlichen Hände und rief – natürlich auf arabisch –: »Aus ist's! Aus ist's mit der Thorheit: 's war, will mir dünken, doch nur ein Wahn, so eine Phantasie. Und wenn der hübsche Rohrpfeifer einmal nicht mein werden 
      will, – ei, so mag er's lassen! Aber sterben soll er nicht, wenn Esma das wenden mag! Heim soll er kehren, zu seinem sonnenhaarigen Lieb in Frankistan, und mir soll er die Rettung danken.« – Und nun steckte sie, auf einen Schlag genesen, mit dem weisen Arzt das kluge Köpflein zusammen zu langer Berathung. Und das Ende davon war, daß der Befehlshaber der Thorwachen – er war just nicht mein Freund und das Messer, das neben meinem Ohr vorbeigeflogen, paßte verdächtig gut in seine seitdem leere Dolch-Scheide – vor mich hintrat, den Arzt an der Seite, und sprach: »Die Herrin hat unstillbares Sehnen nach deinem Gepfeife. Der weise Malik sagt, 
       die Herrin müsse sterben, hört sie es nicht mehr. Also pfeife.«
      »Ich kann nicht,« sprach ich. »Denn meine Pfeife fraß das dumme Thier.«
      »Das Thier,« erwiderte der zornig, »ist viel klüger als du bist, du Sohn eines Hundes und Enkel eines Schweines. Du aber mache dir ein andres Pfeifgeräth. Hier liegen ja allerlei Halme im Hof.«
      Ich zuckte die Achseln und sprach: »Auf eurem einfältigen Palmenstroh kann man nicht blasen. Schilf muß es sein.«
      Da sprach Malik, der weise Arzt: »In dem Teiche nahe vor der Burg wächst hohes Schilf. Laß ihn, in sicherstem Geleit, hinreiten und sich schneiden, was ihm taugsam ist zu seinem scheußlichen Blasen. Nur er kann das auswählen. Wir Frommen wissen nichts von solchem Mundwerkzeug. Die Herrin reitet mit. Sie hat's befohlen.«
      Und so geschah's.
      Und wunderte mich, daß die Herrin nicht, wie 
       sie sonst gethan, wann sie zuweilen ausritt, ihren kleinen Zelter zu satteln befahl, sondern das feurigste, rascheste Thier der ganzen Burg: einen unvergleichlichen, arabischen Rapphengst, den sonst nur ihr Vater bestieg.
      Mich aber machten sie recht schwach beritten. Der Führer der Thorwächter wollte mich zuerst gar nicht aus der Burg lassen, – er selbst durfte sie nicht verlassen, – und schob mir endlich mit Hohn einen alten Maulesel vor, der auf einem Vorder- und einem Hinterfuß lahmte und nur gebraucht wurde, Wasser aus der Cisterne in die Hochburg zu tragen; und er sprach: »Flieht der Frankenpfeifer auf diesem Thier, will ich's mit Bart und Kopf bezahlen.« Und mit der Herrin, zehn Reitern, und vielen Sclavinnen ritten wir aus der schmalen Pforte der Felsenburg.
      Mir war, ich kehrte aus der Gruft in's Leben zurück, da ich nicht mehr die verhaßten Mauern des engen Burghofs um mich sah: an Rettung aber dachte ich nicht. Da hielt die Herrin, die weit den Andern vorausgesprengt war, bis ich ihre Sattelseite 
       erreichen konnte, und sprach zu mir: »Siehst du, Franke, da oben die Wolke, die im Dreieck zieht? Schwarzreiher sind's. Gen Westen ziehn sie. Im Westen steht die nächste Schar der Franken.«
      Dann schnalzte sie nur ein klein wenig mit dem Zünglein und vorwärts flog wieder das edle Roß, unerreichbar für mich und für alle Andern.
      Bald kamen wir in die Nähe des Teiches. Schilf, brauchbar für die Pfeife, wuchs da in Menge. Der Teich war tief, nur schmal, aber sehr, sehr lang.
      Die Herrin befahl, etwa drei Bogenschüsse weit von dem Teich, allen Andern, zu halten, und mir allein, ihr an des Teiches Rand zu folgen. »Ich will sehen,« sagte sie dann dem Führer der Bedeckung, »welche Art von Röhren er braucht: – damit ich sie selbst mir schneiden und mir selber was vorblasen kann – nach seinem Tode.«
      »Es hat nicht Gefahr!« meinte dieser. »Auf seinem Eselkrüppel holt ihn die Schildkröte ein.« 
      
      Wir ritten nun selbzweit an den Rand des schilfigen Teiches: auf einem Sandhügel blieben die berittnen Pfeilschützen und die Sclavinnen zurück und stiegen ab.
      Angelangt sprang ich, dann glitt Esma herab: sie ließ sich nicht von mir berühren, oder irgend helfen.
      Mein Jammeresel legte sich müd in den Sand. Mich wunderte, daß sie den Hengst am Zügel mit sich führte.
      »Schneide!« gebot sie mit gebieterischer Bewegung und reichte mir, es plötzlich aus ihren Satteltüchern herausziehend, ein trefflich Schwert.
      Aber mir war's nicht um's Pfeifenschneiden. – Ich hatte keine Aussicht, lange mehr zu pfeifen; und ihre Andeutung, daß sie nach meiner Hinrichtung selber munter weiter blasen wolle, – ich gesteh' es – verdroß mich ein wenig.
      »Ich mag nicht,« sagte ich.
      Da hob sie – die Bogen-Schützen von dem Sandhügel blickten scharf auf uns – die mit Gold 
       und Edelsteinen bedeckte Reitgerte von Krokodilhaut und schlug mich über den Rücken.«
      »Die Abscheuliche,« zürnte Katharina.
      »Lautes Lachen schallte vom fernen Hügel her.
      »Schneide, sag' ich,« wiederholte sie, »wate in den Teich! – So wahr du deine – die – mit den blonden Flechten – wiedersehen willst.«
      Nun ahnte ich was; zwar noch nicht Alles.
      Aber während ich langsam hinein watete und mit dem scharfen, krummen Säbel Schilfhalme schnitt, erzählte sie mir, wie Malik sie geheilt. »Mein Pfeiferlein,« schloß sie, »denket beide Esma's in Frankistan. Siehst du die Reiher? Ihnen folge quer durch den Teich – und sei frei.«
      »Ach, Herrin, nicht schwimmen noch laufen kann dies elende Maulthier.«
      »Nein, aber dieser Edel-Hengst! Schwinge dich drauf – schwimme, flieh! – und sei glücklich. Du warst Esma's Thorheit: – mit dir flieht auch ihr Wahn. Drum, Wahn – lieber Wahn! – fliehe rasch.« 
      
      »Aber, du, o Herrin?« fragte ich, »was wird dein Los? Was wirst du thun? –«
      »Heirathen werd' ich, bevor der Mond sich neut. Der weise Malik hat es in den Sternen gelesen, daß des Sultans Neffe, mein Vetter, mein Schicksal ist. Und mein Schicksal hat auch schon um mich geworben. Er ist viel bräunlicher und gewaltiger wie du. Und hat einen wunderschönen, schwarzwallenden Bart – bis hieher – bis an den Gurt. Mach, daß du in den Sattel kommst! Warst du auch nur eine Laune, eine Krankheit Esma's, – du warst mir lieb und sollst nicht sterben; kann ich's hindern. Du raubst mir das Roß mit Gewalt: – hörst du? rasch! – Wirf mich in den Sand.«
      Das vermocht' ich nicht. Ich sprang nur auf das ungeduldig scharrende Thier.
      Aber sie selbst, da sie mich sicher im Sattel sah, warf sich nun, laut um Hilfe schreiend, nieder.
      Schon schlug das schmutzige salzige Wasser mir hoch über das Haupt: – erst da sah ich um, rief: 
       »Grazia!« – das heißt »Dank« – sie winkte mit dem weißen Schleier: – und weiter trieb ich den schnaubenden Hengst zur Eile.
      Wohl hatten die Bogenschützen, als sie die Herrin fallen sahen und schreien hörten, sich rasch auf ihre Gäule geworfen, und schon jagten sie vom Sandhügel herab mir nach mit wildem, gellendem Schrei – vergebens! Keiner holte das Prachtroß ein! Die Schwimmenden blieben weit zurück, die den langgestreckten Teich umreiten wollten, kamen viel zu spät. – Von den auf den Pferden Schwimmenden zielte einer scharf, mitten im Wasser: – sein langer Pfeil – ich hatte ihn wohl selbst geschäftet – flog mir durch den weiten Ärmel meines erhobenen, das Roß treibenden Armes: – aber so wie das Thier den schmalen Teich durchschwommen hatte, war ich gerettet. Windschnell, sausend, trug es mich davon. Ein Blick auf die Reiherwolke gab mir die Richtung – ich trieb und hetzte den herrlichen Renner den Reihern nach – und bevor die Nacht hernieder sank, erreichte ich die Vorhut der Franken: – 
       deutsche Herren waren's, – nördlich von Joppe, bei Darum. Danach schlief ich lang und schwer, anderthalb Tag lang. Den kostbaren Hengst, der mich gerettet, Esma's letztes Gunstgeschenk, verkaufte ich zu Gaza an die Templer. Der Erlös war so hoch, daß er nicht nur die Küstenfahrt von Joppe nach Akkon und von dort nach Amalfi bestritt, sondern noch so viel Überschuß gewährte, daß ich ohne Noth über Perugia und Mailand und das Wormser Joch bis hieher gelangen konnte.
      Und hier ist das Messer, das der Thorwart nach mir geworfen hat,« – er zog es aus dem Wamms und legte es auf den Herdsims: schaudernd befühlte die Kleine die haarscharfe Spitze – »und in meinem Rucksack steckt, sorgfältig verhüllt, der krumme Säbel, dessen Griff und vergoldete Scheide reich besetzt sind mit gar manchem bunten Stein.«
      »Die schenken wir der heiligen Jungfrau, der heiligen Katharina und der heiligen Gertrud,« sprach das Mädchen mit gefalteten Händen. 
      
      »Ja: jeder Einen!« nickte der Schwabe. »Aber die andern schenken wir der andern Katharina; die ist zwar nicht so heilig, wie die im Himmel, aber sie kann's besser brauchen: – als Schmuck zuerst, als Nothpfennig auch vielleicht einmal.«
      »So warst du nicht in Jerusalem und nicht in Rom?« fragte Iffo.
      Hezilo schüttelte den Kopf: »Nach Jerusalem war noch der Weg nicht frei. Der große Kaiser stand gerade in Verhandlungen mit dem Sultan, friedlichen Besuch der heiligen Stätten den Pilgern zu erwirken. Nach Rom aber! Ja wohl! Weit ausweichen mußte ich, um des Papstes Gebiet zu meiden. Der heilige Vater führt ja scharfen Krieg mit dem Kaiser, sengt und brennt in dessen wälschen Landen, und seine Legaten haben gedroht, jeden Deutschen, den sie greifen, wenn er nicht dem gebannten Kaiser absagt und dem Papste Gehorsam schwört, als Feind gefangen zu setzen.
      Und es zog mich zu Euch, nach Hause, nach 
       meinem ›Außenhof‹ und mehr noch nach dem ›Innern‹. Und ich habe dem Herrn Bischof nicht gelobt, Christi Grab zu Jerusalem zu besuchen, oder den Papst in Rom, sondern nur, ein Jahr im heiligen Land zu leben. – Das hab' ich erfüllt, – sogar zweimal gerechnet.«
      »Könntest zwei Trinelein heirathen,« meinte der Schwabe.
      »Es giebt aber nur die Eine,« jubelte der Frohe, »und die wird nun bald Bäuerin im Außenhof.«
      Da stand Katharina auf, faßte des Geliebten Hand und sprach: »Gern, so gern! Aber nun ein Wort, das mir recht aus tiefster Seele kommt. Nicht kann ich zwar verstehen, wie ein Mädchen sein Herz umstülpen mag gleich einem Ärmel und heute den Blondkopf lieben bis zum Krankwerden, morgen aber den Schwarzbart heirathen. Allein das mag wohl im Heidenblut anders sein als an der Etsch und bei Christen. Geht mich auch weiter nichts an –« 
      
      »Sei doch froh, Mädel,« fiel der Böppele ein. »Sonst hätte sie ihn am Ende dir doch nicht gegönnt und lieber ihn sterben lassen!«
      »Nein! So schlimm ist kein Weib, auch eine Heidin nicht. Und 
      die schon gar nicht! Und ich wollte vielmehr sagen: keinen Abend will ich einschlafen, ohne die gute Heidin in mein Nachtgebet einzuschließen. Möge es ihr gut ergehen mit ihrem Sultanssohn und möge sie nicht allzulang im Fegefeuer büßen. Amen!«
      »Leider bete ich nicht alle Abende,« meinte Hezilo. »Aber auch ich denke ihrer oft dabei! So dankbar, wie ich Herrn Friedmuths denke: sei's daß er noch lebe, sei's daß er schon seiner gestrengen Frau Wulfheid nachgefolgt ist in das Jenseits –«
      »Wie, was?« riefen da die Anderen wie aus Einem Munde. »Frau Wulfheid? Die lebt frisch und gesund drüben auf der Fragsburg.« 
      
    



      Sechstes Capitel.
      »Aber nein doch! Der alte Oswald sah sie ja gestorben und aufgebahrt. Der log noch nie.«
      »Auch diesmal nicht,« sprach der Bauer. »Sie 
      war aufgebahrt – sie lag so gar manche Stunde – und ist doch wieder lebendig geworden.«
      Hezilo schlug ein Kreuz. »Ein Wunder Gottes?«
      »Ja und nein, wie du's nehmen willst!«
      »Und davon sagt ihr mir erst jetzt? Wußtest du's denn nicht. Böppele?«
      »Ha, dummer Bub,« meinte der, »hättest du mich 
      gefragt. Du hast mich aber soviel nach den Leuten vom Innerhof gefragt, daß ich das ganze Maul nur dazu brauchen konnte, immer zu wiederholen, daß beide leben und wohlauf sind und daß das Trinele einstweilen noch schöner worden ist.« 
      
      »Wie sollt' ich denken, daß die Todten auferstehen! So redet doch!«
      »Ja, das war so,« begann Iffo. »Aufgebahrt lag die strenge Frau auf schwarzem Gerüst: gar feierlich war's in der düster verhangenen Gruftcapelle, wo ihr Vater, Herr Wulfgang, und alle die alten Fragsburger neben einander unter dem Marmorestrich ruhen, Schild und Helm eines jeden an der Wand aufgekreuzt. Und der süße, starke Weihrauch-Duft, der wie eine Wolke durch's Gewölbe zog – und die tiefe, tiefe Stille, obwohl so viele Menschen um die Bahre standen, – nur der junge Mönch murmelte halblaut die Fürbitte für die Fegeseelen, – und die vielen Wachslichter! Wir Vögtlinge alle, die wir davon erfahren hatten, waren hinüber geeilt.«
      »Ja wohl,« nickte Hezilo. »Auch der Außenhof schuldet dann sechs Pfund Wachs zu Kerzen in die Burgcapelle und zwei Krüge rothen Weines zu dem Leichenschmaus. Ist doch geleistet worden?« fragte er eifrig.
      »Ich hab's selbst hinübergetragen,« betheuerte das Mädchen. 
      
      »Nun, das laßt ihr euch aber herauszahlen,« meinte der Böppele. »Es war ja kein wahrer Sterbefall! – Oder einfacher: – ihr zieht's ihr ab, wann sie das nächste Mal 
      wirklich stirbt. Ist auch klüger so: und leichter. Denn die giebt, so lang sie lebt, nichts wieder her, was sie einmal erhielt, »die üble Vögtin«: so heißt sie doch, nicht?«
      »Schweig, frecher Schwab!« lachte der Bauer. »Sie ist schon recht, die schlimme Vögtin, wie sie freilich heißt im ganzen Gau: – gerade gegen so lockre Landfahrer wie du,« drohte er mit dem Finger, – »ist sie recht.«
      »Und,« fiel das Mädchen ein, »wenn sie im Leben zwar gewiß nicht garstig ist: – behüte! – eher hübsch: nur nicht gerade so, daß man sonderlich drauf achtet – damals, im Todesschlaf, sah sie fast schön aus: so stolz, so geruhig, zwar immer noch arg streng, – zum Fürchten fast! – aber doch so vornehm, wie im Leben nie.
      Und so kniete auch ich an der Bahre und weinte 
       recht bitterlich. Nicht grad' um sie: denn sie hat mir nie ein gutes Wort, nicht einmal einen guten Blick gegönnt. Und als ich ihr einmal den ersten Speik in einem schönen großen Strauß brachte, – ich hatte lang daran gebrockt, in der heißen Sonne oben auf den Steinen herumkletternd – ich traf sie im Kuhstall, nach dem Melken der Kühe sehend, da hat sie gar unwirsch gezankt: »Vergeudete Zeit! Schaff' was! Ist gescheuter für so ein bettelarm Ding!« Und hat meinen schönen Blüthenstrauß der dicksten Melkkuh in die Raufe geworfen. Ja, und den Vater hat sie gar einmal – wie der Vogt fort war – in den Block sperren lassen wollen, weil unter den fünf Schock, die der Innerhof zum Eier-Weihtag schuldet – zwei Stück nicht ganz frische waren. Aber doch hat's mich so erbarmt, ihr Los. So jung noch, – kaum ein par dreißig Jahre – so reich – so machtgewaltig – so gescheut – und schon sterben! Und ich dachte, wie arg es Herrn Friedmuth treffen würde im fernen Land, oder wenn er heim komme, und 
       sie nicht mehr finde. Und wie ich dachte, daß auch Hezilo kommen könne und mich etwa nicht mehr finden –«
      »Da kamen dir erst die Thränen, gelt. Kleine?« meinte der Jüngling und küßte sie.
      »Nun,« fragte der Bauer, »du weißt doch wie vorher Alles gegangen war?«
      »Ja wohl,« sagte Hezilo. »Alles! Bis der junge Mönch Alderich bei ihrer Bahre betete und Oswald das Pferd bestieg und davon ritt.«
      »Die Männer,« – fuhr nun der Innerhofer fort, »welche die Fallende vom Rosse gehoben und auf die Burg getragen, hatten gar nichts an der Leiche bemerkt.
      Nachdem aber nun die Vögtin viele Stunden aufgebahrt gelegen und wir schon daran dachten, den Deckel des Sarges zu schließen und sie in das Grabgewölbe hinabzusenken, an die Seite ihres Vaters, Herrn Wulfs, da kam, von Burg Tirol, wo er des Grafen Sohn geheilt, entlassen, der alte Markulf, 
       seinen jungen Genossen abzurufen. Er ließ sich an die Bahre führen und Alles genau erzählen von Oswin, Oswalds Sohn, der, nach seinem Vater, der nächste gewesen war hinter dem Rosse der Herrin, wie sie den Wurfspeer schwang und plötzlich starb. Markulf schüttelte das graue Haupt, betrachtete genau die Ruhende, befragte auch Jutta, ihre alte Amme, welche die Herrin ganz entkleidet, gewaschen und für die Bahre geschmückt hatte. Die sagte ihm nun, sie habe gar nichts, gar keine Wunde an ihr gefunden: nur unter dem Nagel des dritten Fingers der rechten Hand einen eingetriebenen Splitter: sie habe ihn herausziehen wollen, da sei er abgebrochen: und das darin verbliebene Stück habe sie nicht zu fassen vermocht. Sie habe es nicht weiter beachtet, es habe ja gar nicht geblutet. Eilig besah der kundige Mann den Finger, ließ sich den Jagdspeer bringen und zeigte uns, wie an dem Schaft – es war Hartriegelholz – ein Splitter abgesplissen war. Als die Vögtin nun ausholte und mit aller Kraft den Speer abschleuderte, 
       stieß sie sich den Splitter tief unter den Nagel. Und das, sprach er, ward wohl ihr Tod. Denn ein solcher Splitter kann den Menschen tödten, falls er den Lebensnerven trifft, der von dem Hirn durch's Herz zieht, dann in den Armen gabelt, und in den Fingerspitzen ausläuft. Deßhalb habe der gütige Herr des Lebens über die zehn Finger die zehn Nägel als Schilde gelegt. Aber, sagte er, manchmal ist der zähe Nerv nicht zum Tode getroffen: dann liegt der Mensch nur starr, ganz wie todt. Und nun, mahnte er, werft euch alle auf die Kniee und betet zu den Heiligen, und gebt mir eine kleine Scheere, wie sie die Frauen führen zu feinster Arbeit: ich will versuchen, den Splitter zu fassen und heraus zu ziehen, wenn Gott mir beisteht: vielleicht, daß sie wieder auflebt. Und so geschah's. Heraus zog er den langen, langen Splitter, und sog an dem kleinen Löchlein. Da floß Blut – nur ein karges Tröpflein – und die Vögtin schlug die Wimpern halb in die Höhe und seufzte tief. 
      
      Und bald darauf richtete sie sich auf, sah sich rings im Gewölk um und begriff Alles: nur einmal erschauerte sie vor Grauen – denn sie sah, fast wäre sie lebendig eingesargt worden: – dann versuchte sie zu sprechen. »Geht an die Arbeit,« brachte sie mit Mühe hervor; es war ihr erstes Wort! »Ich brauche keine Hilfe: – Herr Friedmuth noch nicht heimgekehrt?« fragte sie noch. – Da fiel sie aber wieder zurück, und erst nachdem ihr Markulf die Schläfe mit Würzwein gerieben, erholte sie sich soweit, daß sie hinauf getragen werden konnte auf ihr Lager.«
      »Das ist wie Lazarus, den der Herr erweckt hat von den Todten,« sprach Hezilo mit frommer Scheu, »Aber wie ging es nun weiter auf der Vogtburg?«
      »Kaum war die Frau erwacht und von großer Schwächung und Ohnmacht des Leibes ein wenig erholt, als sie sehr bald scharfe Kriegsarbeit zu thun bekam. Ihre beiden Vettern, Herr Griffo von Greifenstein und Herr Rapoto von Naturns« – 
      
      »Ah ja, sind liebe Gesippen! Dreimal schon hat Herr Friedmuth sie gezwungen, Friede zu machen!«
      »Der Greifensteiner, der ja nur ein par Stunden Etsch abwärts haust, war flugs, sowie er von dem Tode seiner Niftel erfuhr, herbei geeilt, Besitz von der guten alten Burg zu nehmen. Wenig erfreut war er von der Herrin Auferstehung, hätte wohl dem weisen Mönch am liebsten das Genick gebrochen. Zum Glück hatte er nur drei Knappen mitgebracht: und in der Burg waren noch mehr als ein Dutzend Vögtlinge und Hintersassen versammelt, Herrn Friedmuth treu ergebene Männer, die zu der Todtenfeier gekommen, und noch nicht alle wieder fortgezogen waren. So mußte er wohl nachgeben, und die Burg wieder räumen, so trotzig und zögernd er's that. Hatte er doch, gleich nachdem er eingeritten war, sein Greifenbanner schon auf dem Hauptthurm aufgesteckt, und die Fahne der Fragsburger in der Gruft aufhängen lassen, zu Helm und Schild Herrn Wulfgangs. Er wollte's gar nicht glauben, daß nun doch Frau 
       Wulfheid wieder für ihren fernen Gemahl Herrin sei in dem alten Hause: er weigerte sich, sein Banner wieder abzunehmen: er drang in die Vögtin, da Herr Friedmuth zweifellos gestorben oder doch verschollen sei, endlich seinem Werben nachzugeben und ihm zum Traualtar zu folgen.«
      »Der Kecke,« zürnte Hezilo.
      »Er wirbt schon lang um sie! Bevor sie den Vogt heirathete, wollte Griffo – er mag sie wohl wirklich lieben – das kluge Mädchen – und ihr Erbgut dazu – gewinnen. – Aber nun nahm, statt aller Antwort, die tapfre Frau die Wolfsfahne ihres Vaters wieder von der Wand, stieg auf den Rundthurm, riß das Greifenbanner aus der Öse, warf es in den Burggarten und mit Herrn Friedmuths Schwert in der Hand wies sie dem Freier die Burgthür. Knirschend ging er. Aber bald kam er wieder, mit dem andren, »dem Stier von Naturns«; und sie bedrängten die Fragsburg mit harter Fehde wochenlang, bis Frau Wulfheid Nachts einen Ausfall 
       that und ihre Lagerhallen verbrannte: – sie selbst warf den ersten Kienbrand in das vorderste Zelt: hei, loderte das trockne Schilf der Etsch empor! Zwei Knechte wurden ihnen erschlagen, fünf gefangen und mehrere verwundet.
      Da zogen sie ab für jedesmal. Jedoch nach einem halben Jahre forderten sie wieder Übergabe der Burg, – mit oder ohne Heirath, wie sie wähle – und schickten ihr einen »Todeszeugen,« wie sie's nannten. Das war ein Krämer aus Trient. Der war im heiligen Land gewesen und war bereit zu beschwören, er sei dabei gestanden, als Herr Walther von der Vogelweide sehr traurig und herzbetrübt, im Lager zu Joppe vor vielen Fürsten und Rittern dem Kaiser Bericht erstattet habe, daß Herrn Friedmuths Leute den »Falken« mit gebrochenem Genick, dabei das Schwert und den Speer Herrn Friedmuths und daneben eine arg große Blutlache gesunden hätten. Und niemand im Kreuzheer zweifle, der Fragsburger sei gefallen; und habe das der Kaiser selbst gesagt. 
      
      Frau Wulfheid ließ ihn ruhig ausreden. Nur ein wenig erbleichte sie, – ich sah's mit an', denn es traf mich gerade die Reihe des Wachtfrohns in dem Vogthaus –, und biß die Lippe, wie sie pflegt, wenn sie verbergen will, was in ihr tobt. Nachdem er zu Ende war, fragte sie, wie viel ihm die Vettern für die Lügen bezahlt, gab ihm zwei harte Streiche auf die Ohren, ließ ihn gar unsänftlich aus der Burg werfen und durch Oswin im ganzen Gau verkünden, wer sich unterfange, von Herrn Friedmuth auszusagen, er sei todt oder verschollen, der werde von der Vögtin zu Fragsburg, wo immer sie ihn greifen könne, gegriffen, gegeißelt in das Burgverließ im Mauerthurm geworfen, und dort so lange gefangen gehalten, bis Herr Friedmuth selbst ihn wieder herausführe.«
      »Ja, ja,« nickte der Böppele. »Das hört' ich den Oswin laut ausschreien – er hatte einen Heroldsrock mit dem Brustwappen angethan: auf der Heerstraße, die Terlan durchzieht, – kaufte da gerade 
       ein Fäßlein Weißen: dort wächst nämlich was Feines!« Er schnalzte mit der Zunge. – »Und seither hütete ich mich wohl, auf Fragen nach Herrn Friedmuth Bescheid zu geben, oder gar, ungefragt von ihm zu reden, zwischen Passer, Etsch und Inn. Oh, der wackre Herr! Der säße jetzt herrlich und in Freuden, hätte er nach meinem wiederholten Rathe gehandelt.«
      »So, so?« meinte der alte Bauer. »Ja, wenn Ihr ihm so gut gerathen habt: – geht hin zur Vögtin und theilt ihr das mit. – Sie wird's Euch lohnen.«
      »Huio, will lieber nit,« schmunzelte der Schwabe.
      »Und nachdem der Bischof von Brixen, Herr Heinrich,« fuhr nun Iffo fort, »– ist der Ohm der Vögtin, – der Rath von Meran und der Graf von Tirol – oder »Burggraf« muß man nun, seit ein par Wochen, sagen! – selbdritt sich in's Mittel gelegt, – denn das ganze Etsch-Thal leidet unter der Fehde, so wüst führen sie die Vettern! – haben diese damals noch eine Frist von sechs Monaten gewährt. 
       Wann diese abgelaufen, ohne daß der Vogt zurückgekehrt, oder glaubhafte Nachricht von seinem Leben eingegangen, dann wollten sie die Vögtin auf's Neue befehden und davon nicht ablassen – sie sollen's einander geeidet haben auf den Heiligen in der Kirche zu Bozen, – bis die Frau ihnen das Haus räume; wolle sie Herrn Griffo – Herr Rapoto, der Stier, ist der ältere, der wildere! – zum Manne nehmen, so solle sie die Hälfte von allem Gut als Witthum zugesichert erhalten. Am nächsten Freitag, dem Tag von Sanct Peter und Paul, läuft diese Frist zu Ende. Frau Wulfheid hat alle ihre Knechte und die Hintersassen aus dem Passeier, aus dem Ultenthal und wo sonst die Zubehörden und Pflegen der Fragsburg verstreut liegen, schon auf vier Tage vorher zusammen laden lassen. Dann sollen diese, bevor sie die Burg vertheidigen, in dem Markt bei'm Abt der Cistercienser beichten und sich zum heiligen Martinus mit Mantel und Speer von Untermais verloben, – der besonders gut anzurufen ist für kampfgewärtige 
       Männer. Denn diesmal wird es scharf, so meint Frau Wulfheid selbst. Und wohl wisset ihr: – die kennt keine Furcht.«
      »Nein, wahrlich nicht,« rief Hezilo. »Dann wollen wir mit den drei Knechten von meinem Hof, und mit den beiden vom Innerhof zu rechter Zeit uns in der guten alten Veste einfinden: die Kleine aber bergen wir am sichersten in dem Markt hinter dem Wall bei dem Gevatter, dem Thorwart.« 
      
    



      Siebentes Capitel.
      »Da mach' ich mich davon, gute Zeit bevor der Tanz losgeht,« meinte der Weinschänk. »Am Hauen und Stechen – zumal am Gestochen
      werden! – hab' ich nie viel Freud' gehabt.«
      »Und doch,« meinte der Bauer, »hast du dich so weit von Boblingen hinweg in's wilde Heidenland gewagt?«
      »Ja, Heiden und sonderlich Mohren stech' und hau' ich halt doch für mein Leben gern!« verbesserte der Kreuzfahrer.
      »Und recht tief hinein,« ergänzte Hezilo, »immer weiter und weiter bist du in die Heiden gedrungen.«
      »Ja,« – er rieb sich das Kinn, – »das war nicht ganz freiwillig –« 
      
      »Wie das?«
      »Nun, das waren wundersam ineinander greifende Fügungen Gottes. Die darf ich gar nicht alle enthüllen.«
      »Aber so sage wenigstens, wie du, ein recht weltlicher Weinschwelg, in den heiligen Orden der Franciscaner gekommen bist?« forschte der Bauer.
      »Nein, der Cistercienser hat er mir gesagt!« rief Hezilo.
      »In welchem warst du,« fragte das Mädchen ehrfurchtsvoll.
      »In – in allen – beiden, Kleine.«
      »Das giebt es nicht,« lachte Hezilo.
      »Doch, du Gelbschnabel! So, wie ich ihnen angehörte, giebt es das wohl: – hätte noch mehreren zugethan sein können. – Nämlich blos mit meinem äußeren Menschen: – den Kleidern nach. Ich ward gar nicht Mönch!«
      »Da sieht man's, daß die Kappe nicht den Mönch macht,« meinte Hezilo. 
      
      »Hätte ja gar nicht gekonnt. War ja – und bin! – glücklich verheirathet: ohne Zustimmung der Ehefrau darf niemand Gelübde thun: und Frau Zahme und auf ihre ehelichen Rechte verzichten! Die nicht! – Nun also paßt auf: was für euch zu wissen frommt, das mögt ihr hören: und daraus lernen, daß der milde Himmelsherr gar nicht so gestreng dareinfährt, wie die Pfaffen uns fürchten machen wollen, wenn Einer nur im Grund ein guter Kerl ist. – Also! – Aus einem Dörflein bei Genua, wo ich auf der Fahrt nach dem gelobten Lande, die ich für einen Anderen – für dessen Seelenheil auf mich genommen hatte –«
      »Wie gut von Euch!« – sagte Katharina gerührt.
      »Nun, nun, Kind, du mußt auch nichts übertreiben! – Ich – ich hatt' auch eigene Gründe, die Heimat zu meiden: und ganz ohne Vergelt konnt' ich's doch auch nicht thun: – schon wegen der Kinder –« 
      
      »Wie viele habt Ihr?« fragte der Bauer
      »Bisher nicht viele. Eigentlich noch gar keines. Aber: konnten doch noch nachkommen! – Also: Zuerst kam ich nur bis Genua – und – weilte dort längere Zeit.«
      »Ja, ja,« meinte Hezilo, nachdenksam. »Davon, glaub' ich, hört' ich einmal Herrn Walther erzählen, als ich Wein zutrug in des Vogtes Zelt in der Wüste. Ich meine immer –«
      »Gieb dir keine Mühe, dir das zurückzurufen.«
      »Nun, sehr weit seid Ihr da auf den ersten Anlauf gerade nicht gekommen auf Eurer Kreuzfahrt,« sprach Iffo.
      »Was?« zürnte der Entrüstete. »Doch immer noch zehnmal soweit als sogar ein frommer Bischof, Herr Megingauz von Eichstädt. Wenn ich nur damals schon, als mir Herr Walther und noch ein Anderer – eben der, für den ich unter die Heiden fuhr – so hart redeten über jenes kurze Verweilen, diese Geschichte gewußt hätte! Aber ich habe sie erst 
       später erfahren, von Herrn Sigismund dem Riezeläre, dem Buchwart zu Eschingen an der Donau. Jener Bischof hatte auch das Kreuz genommen, – aber nur 
      für sich, das kann ein jeder! – Jedoch der kam nie über den Brennerberg – vor lauter Fluchen.«
      »Wie das?« staunte das Mädchen.
      »Ei nun, der wackre Mann hatte nur das eine Seelengebrechen, daß er in Einem fort gotteslästerlich fluchte: fluchte, daß die lieben Engelein die Füße hinaufzogen, wann er anhob. Nun war ihm von seinem Beichtvater, der ihm oft deßhalb die Absolution hatte weigern müssen – und ein nicht Absolvirter soll nicht die Kreuzreise wagen, sonst reiset er sich selber zum Gericht, sagt die Bibel im fünften Buche Mosis. Nicht? Nun, das ist gleich: dann sagt sie 's wo anders. – Also sein Beichtiger, in Erwägung seiner fluchenden Natur, gab ihm in Voraus Absolution für eine Zahl von Flüchen, welche der Bischof bis nach Rom verbrauchen würde: dort solle er sich die Freisprechung für 
       weitere Flüche wieder frisch vorschuhen lassen. Und es war nicht schlecht gemessen. Allein, o weh! Nach wenigen Tagen kam Herr Megingauz ganz betrübt nach Eichstädt zurück. Er wollte über Schwäbisch Wörth an der Donau, und über Füßen allmählig den Brennerberg gewinnen. Allein, bis er an der Fähre am Donau-Wörth angelangt war, hatte er den ganzen Reisevorrath, der bis zu dem heiligen Vater hätte reichen sollen, schon aufgezehrt, aufgebraucht, aufgeflucht. Und mußte umkehren! Und war durch kein Zureden zu der Hoffnung zu verlocken, daß es ein andermal besser gehen werde: denn, meinte er, er habe schon diesmal gar so hart gespart. Da hatte denn der heilige Vater ein Einsehen und nahm die Kreuzfahrt für gefahren, weil keine Katze das Mausen läßt, sagte der Apostel Paulus auf der Hochzeit zu Kanaan. Nicht? Nun das ist gleich. Er hätt's sagen können, weil es wahr ist. Und vielleicht hat er's auch gesagt. Denn sie haben wohl damals nicht Alles aufgeschrieben.
      Also nach längerer Rast bei Genua brach ich 
       auf: hatte mir dort ein kleines Sümmchen verdient – erspart wollt' ich sagen: – so konnt' ich einem Rheder jenes Hafens das Schiffsgeld zahlen bis Neapolis. Von da wollte ich zu Lande nach Brindisium, wo, wie ich erfuhr, mehrere Schiffe, vom Kaiser ausgerüstet, bereit lagen, arme Pilger um Gottes Lohn nach der Insel Cypern und von da nach Akkon zu führen. Aber ach, mein sauer erspartes Geld verlor ich bald nach der Ankunft in Neapolis. Denn in dieser sehr schön gelegenen Stadt leben sehr böse Menschen. In der Herberge ›zum heiligen Crispinus‹, wo ich nächtigte, stahlen mir drei Gauner mein Geld – ich sah's mit Augen – und konnte 's nicht wehren.«
      »Wie das?« zweifelte der Bauer.
      »Ja, es waren drei Schächer mit zusammen vierundzwanzig Augen: sie haben keine Füße und tanzen, keine Hände und plündern alle Taschen aus: – Würfel nennt man sie. Zwei andre fromme Pilger, – beide trugen gleich mir das rothe Kreuz, – 
       die den gespickten Geldgurt unter meinem Wamms entdeckt hatten, – sie umarmten mich so zärtlich, wie ich eintrat in das Weihthum zum heiligen Crispinus, und tasteten dabei an meinem Leibe so beängstigend herum! – beredeten mich am Abend, den Wein auszuwürfeln. Ich gewann zuerst: und wir Boblinger lassen uns nicht lumpen – nun kurz: – alsbald verlor ich, verlor sehr viel, fast Alles, und da ich nicht mehr spielen wollte, – es war Mitternacht geworden, – da machten sie's einfach, schlugen mich nieder, nahmen mir den Rest der Schillinge – sechs andre fromme Pilger standen lachend dabei – und warfen mich auf die Gasse. – Der Bettelvogt ließ mich aufgreifen, und auf meine Klage erwiderte er, ein Kreuzfahrer dürfe nicht Würfel spielen, das sei die Strafe Sanct Crispins. Und für seine Mühwaltung pfändete er mir den Mantel vom Leib und aus dem Ränzlein das bessre Wamms: ich glaube, er war auch ein Gauner, dieser edle Neapolitaner! – Am andern Tag ging ich sehr betrübt zur Porta Nuceriana 
       hinaus, die Halbinsel zu Fuße zu durchwandern, und zu durchbetteln.
      Doch muß ich sie loben, die Wälschen. Sie sind mitleidig. Das heißt, gegen die Menschen – die Thiere schinden sie elend! – und gabenmild und spenden gern dem frommen armen Pilger. Auch wachsen in dem wunderreichen Land, – es ist wie ein Garten! – an Bäumen und Sträuchern gar mancherlei Früchte, an denen ich mich labte: denn es war Spätsommer. Hinter einer Stadt, heißt Potenza, stieß ich auf zwei Mönche, einen Franciscaner und einen Cistercienser, der letztere war ein Franzose aus der Picardie, der andere ein Halbwälscher aus Bergamo.
      Wir wanderten nun selbdritt fürbaß. Die beiden armen Geschornen litten, da ich sie traf, schon schwer am Sumpffieber. Der Bergamaske sagte gleich, – sein Wälsch verstand ich ganz gut, – er heiße Sebastian. Ich erwiderte ganz vergnügt, dann hätten wir denselben Schutzpatron: denn da es einen heiligen Boppo nicht giebt. –« 
      
      »Bis jetzt wenigstens noch nicht,« unterbrach Hezilo. »Vielleicht giebt es aber einen: hundert Jahr nach deinem Tode. –«
      »So hab' ich mir von Jugend an den heiligen Sebastian zum Schutzherrn gekoren, der in der Pfarrkirche zu Boblingen, gar schön aus Holz geschnitten, steht, mit Pfeilen so reich gespickt, wie ein Hase in des Abtes Küche zu Maulbronn mit Speck. Und ich fragte ihn, wie denn der nackte Knabe zu so vielen Pfeilen gekommen sei? Denn der Pfaff von Boblingen wußt' es selber nicht. Da erzählte er mir denn die Lebensgeschichte des Heiligen. Eigentlich war's eine Predigt über sein grausam Martyrium.
      Und wo wir auf Leute stießen, in Dörfern oder im Staub der Heerstraßen, auf Krieger oder auf Kreuzfahrer, Pilger oder Kaufleute, da predigten die Mönche, der Bergamaske auf wälsch: auch oft der Picarde auf französisch: denn sehr viele Normannen, aber auch andere Franzosen, nehmen das Kreuz. Und während der Eine predigte, gingen der Andre und 
       ich herum und bettelten die Predigtheller ein. Es warf nicht viel ab, das fromme Gewerk. Denn mancher hörte erst voller Andacht die Predigt, gab uns aber dann statt des Hellers einen Puff und sagte, es sei nur schwach gepredigt gewesen.
      Da trafen wir einmal auf Deutsche. Das Geld war uns gerade wieder ganz vergangen.
      Diese Deutschen verlangten durchaus eine Predigt: waren gar fromme Leut': von Westfalenland, und hatten lange keinen Gottesdienst mehr gehört. Aber sie verstanden den Franzosen nicht und auch nicht den Bergamasken. Und wurden gar grob in ihrer starken Frömmigkeit, und schrieen: »Eine Predigt, oder es geht euch schlecht,« und drehten ihre Speere um und hoben sie. Da rief ich, – auf deutsch –: »Halt! Haut uns nicht, ihr Gotteseifrigen aus Münsterland! Ich werd' euch was predigen, zum Beispiel: vom heiligen Sebastian? Wollt ihr von dem was hören?« Ich hatte nämlich den Bergamasken schon siebzehnmal von diesem armen Jüngling predigen hören: – ich glaube, recht 
       viel Andres wußte er selbst nicht. Zum größten Glück sagten sie: ja, auf diesen hielten sie ein gut Stück; und ich predigte ihnen vom heiligen Sebastian.
      Ich muß wohl sehr schön gepredigt haben: denn sie gaben mir jeder einen Hälbling; waren aber ihrer gegen dreißig. 
      
    



      Achtes Capitel.
      Jedoch am Tage darauf legte sich der Franzose, der Franciscaner, – nein! Das war ja der Cistercienser! Sie kommen mir immer durcheinander, weil ich später beider – nun, Ihr werdet's schon noch hören. Also der legte sich auf die heiße, staubweiße, wälsche Heerstraße nieder und sagte, er könne nicht mehr weiter: denn er müsse jetzt sterben. Und richtig, er hielt sein Wort: gleich darauf war er todt. Wir beide konnten ihn – mit den bloßen Händen – nicht begraben. So bestreuten wir ihn mit Staub, Sand und Erde, beteten ein Vaterunser neben ihm und, da mein Gewand ganz zerschlissen, nahm ich des Todten grauen Kappenmantel. Der war mir aber viel zu kurz: denn der Picarde war gar zierlich klein gewesen. Und zwei Tage darauf, – wir stiegen eben im wüsten 
       Gebirg – da fiel der Cistercienser – nein, der Franciscaner! – um und rührte sich nicht mehr. Ich blieb lange bei ihm und rieb ihm die Hände: – aber er lag steif und unbeweglich. Da zog ich ihm das braune Untergewand ab, – ich brauchte es dringend, des Anstands wegen, wann ich durch Dörfer kam, um der Weiber willen, – und er, – er brauchte es ja nicht mehr. Auch noch seinen Pilgerstab nahm ich, den der Bischof von Mailand selbst geweiht hatte, sein Scapulier und seinen Dachsfell-Ranzen. Und griff hinein und fand ein Par Briefe, die den Bruder Sebastian aus Bergamo an ein Par andere Franciscaner-Klöster in Wälschland empfahlen.
      Und wie ich nun so einsam weiter zog, fiel mir ein, daß alle Leute, die wir getroffen, Eingeborne und Pilger und Reisende, die beiden Mönche viel ehrerbietiger angesehen und besser behandelt hatten als mich, den Laien. Und da sagte ich zu dem Böppele: ich könnte recht wohl auch ein Mönch sein! Gepredigt hatte ich ja schon! Die drei Gelübde: 
       Armuth, Keuschheit und Gehorsam hatt' ich alle diese Tage zu erfüllen nur allzuviel Gelegenheit gehabt. Also! Warum soll der Böppele nicht ein Mönch sein? In dem Ranzen stak auch eine Haarscheere, mit der der arme Sebastian seine Tonsur in Stand zu halten gepflegt hatte. An einem klaren Bache, der mir als Spiegel diente, schnitt ich mir eine recht zierliche Tonsur, und wirklich – viel leichter als bisher, zumal mit besserer Beköstigung durch die Weiblein, fuhr ich nun durch den Rest von Wälschland und kam glücklich nach Brindisium: von dort aus, meinte ich, sei nun Alles gewonnen.
      Denn nicht nur die Kreuzpfaffen, die ungethüm tobenden Bettel-Mönche, welche zu der heiligen Reise im Namen des heiligen Vaters treiben – sie selber aber bleiben klüglich im Abendlande, diese Elenden! und fressen des Bauers Käse: »Käseritter« nennt man sie deßhalb oder »Käsefahrer«! – auch der Cardinal Konrad, von den Uracher Grafen entstammt, ja, ich meine alleweil: in des Kaisers 
       Namen, auch der Herr Hochmeister Hermann, – kurz, die Alle hatten uns frommen Wallern kaiserliche Überfahrt und kaiserliche Verpflegung von Brindisium aus verheißen. O du blutiger Sebastian! Die Überfahrt war freilich »kaiserlich«. »Abundantia,« zu deutsch: Überfluß, hieß das schwere mächtige Meerschiff. Aber nur der Name daran war »abundant«: freilich: reiner Überfluß, denn die Leibeszehrung war gar nicht »kaiserlich«! – Möchte dem schönen, hohen Herrn Kaiser – ich lasse mich todtschlagen für ihn, wenn's gerade ganz nothwendig so sein muß! – möcht' ihm nicht wünschen, daß er nur einen halben Tag so »kaiserlich« leben müßte, wie wir Befreier Christi viele Wochen lang: wir, die der Herr Kaiser selbst zu seiner Tafel geladen. Die Wälschen – Savoyarden waren es, arge Hungerleider! – zehrten den ganzen Tag von zwei steinhart getrockneten Fischlein und einer fingernageldicken Rinde Ziegenkäse – und meinten, das müsse für einen »Suabo« auch reichen: diese Thoren! Wir waren zusammengepfercht auf dieser »Usseria«, – so 
       heißt eine solche Arche Noah! – wohl fünfhundert Stück, lauter künftige Heilige, so eng, wie die Räucherfische im Fäßlein von Buchhorn am Bodensee. – Und Getränk! Die Deutschen und die Engelländer wurden so durstig, daß meine Frommheit darunter litt. Denn, wenn sie mitten im Psalliren – es ward recht viel psalliret auf der Usseria! – fluchend oder betend sagten: »Jetzt gäb' ich alle meine Reisepfennige um einen Trunk schlechtesten Weins,« – dann mußte ich immer, zwischen dem Singen und Beten durch, rechnen, wie viele Irnen »schlechtesten Weins« in meinem Vorderkeller zu Boblingen lagen, in dem schimmligen Faß, vorn links: und wie viel mir das hier auf Deck eintragen würde.
      Endlich fand auch diese fromme Kasteiung ihren Schluß. Wir landeten bei Akkon und zogen in das Lager des Kaisers vor Joppe.
      Da hätten mir nun aber die Mönchsgewande bald – zum erstenmale! – geschadet. Wie ich an die Vorstadt des Lagers komme, wo die Handwerker 
       und Händler in Buden und Baracken lagerten, und ihre Wagen zusammengeschoben hatten, und an die Wachen der äußersten Contubernien – es waren des Kaisers Saracenen: aber auch Deutsche darunter, – schreit sofort Einer: »Was? Ein Mönch? Ein Pfaff! Verprügelt ihn!« Und wie geschrieen, so gethan. Ich hatte ein par Püffe und Hiebe, ehe ich nur fragen konnte: warum. »Warum?« fragte ich nun aber doch, nachträglich.
      »Wie? Du fragst noch?« hieß es da. »Bist du nicht ein Mönch? Trägst gewiß auch des Papstes Bannfluch gegen unsern Herrn in dem Ranzen und willst in seinem eigenen Lager gegen den Herrn Kaiser predigen?«
      Über das Predigen konnte ich sie nun beruhigen. Und da ich ihnen sagte, daß der Kaiser gebannt sei, das sei mir sowohl unbekannt als gleichgiltig, und den heiligen Vater möge meinetwegen der üble Höllenwirth holen, und mein Herr Kaiser kenne mich und ich meinen lieben Herrn Kaiser, und da 
       ich schrie: »Heilo unserm verfluchten Kaiser!«, da wurden sie gar freundlich. Die Deutschen gaben mir gleich was zu trinken. Und später auch zu essen und drängten sich, mir zu beichten, Einer nach dem Andern. Was ich da alles für Geschichten zu hören bekam, – das ist gar nicht zu glauben! – Damals hab' ich von Sünden und Lastern erfahren, von denen man im Reich und sogar in Wälschland nichts weiß. Ich war aber nicht hartherzig: denn wie heißt es in den Sprüchen Salomonis: »Du sollst leben und leben lassen!«
      »Den Text hab' ich aber nie in der Kirche gehört,« sprach das Trinelein ernsthaft.
      »Nicht? Nun dann heißt es daselbst: Allzuscharf macht schartig. Auch nicht? Nun, dann ist es auch gleich. Kurz, ich absolvirte sie alle miteinander.«
      »Ihr seid ja aber gar nicht zum Priester geweiht gewesen!« wandte der Bauer ein.
      »Ei, ich hatte aber die beiden geweihten Priester beerbt. Und mit ihren Röcken auch wohl ihre Weihe überkommen. Und die Deutschen führten mich vor den 
       Kaiser in dessen großen runden Pavilun – von weitem kannte ich es, an dem Adler, der vorn auf die Zelthaube gemalt war – und sagten, es sei doch recht gut, wieder einmal einen Priester im Lager zu haben: – denn meine Amtsbrüder, die echten Pfaffen, hatten alle die Zelte verlassen, seit der Bann des Papstes ruchbar geworden: – der da vor der Schlacht predigen, die Todten bestatten und auch Trauungen schließen könne. Denn gar viele Weiber waren im frommen Heer, welche manchmal plötzlich darauf bestanden, daß Einer sie heirathe. Der Herr Kaiser nun, – Frau Sonne segne sein schönes Haupt! – der lachte ein wenig, da er mich sah, drohte mit dem Finger und sprach: »Ei, ei, Böppele!« – denkt euch, meinen Namen hatte er behalten seit Genua! – wo er einmal bei mir – mit mir – in einer Capelle – zusammentraf, – »bist du geistlich worden?«
      »Sehet selbst,« gab ich unverzagt zur Antwort, »und saget, ob das nicht eine Tonsur ist, weiser Herr Kaiser,« und – wies ihm mein Haupt. 
      
      »Nun,« fuhr er fort, »von dem besten Jahrgang Geistlicher bist du wohl nicht. Aber –«
      »Aber,« fiel ich ein, »wann der Teufel hungert, frißt er Sandflöh': und ein gebannter Kaiser muß seine Lagerpfaffen nehmen, wie er sie findet.«
      Da lachte der liebe Herr und sprach: »Der heilige Vater muß auch das verantworten. Mir aber macht es Scherz: geh hin und weide deine Lämmer.«
      »Jawohl, Lämmer! Sind rechte Böcke,« erwiderte ich, »Eure frommen Streiter. Die geistliche Zucht meiner Vorgänger hat ihnen nicht viel gefrommt. Ist eine rechte Heidenwirthschaft in Eurem Heer!« und hüpfte rasch zur Zeltthür hinaus. 
      
    



      Neuntes Capitel.
      Und einige Zeit lang ging Alles sehr glatt und lieblich.
      Ich absolvirte, begrub, traute, daß es nur so eine Lust war. Auch schickte mich der Kaiser manchmal als Boten aus – zu Herrn Friedmuth auch! – Und eine gar vielschöne Frau hätt' ich geistlich berathen sollen. Aber zuweilen lachte die mich aus: und meist schüttelte sie das herrliche Haupt und hieß mich schweigen und gehen. Und ich meinte es doch wirklich so gut mit ihr! Aber das war die schwerste Arbeit. Lieber eine Herde Heuschrecken über die Finstermünz treiben als einer so edeln, so reinen und dabei so schönen Frau Seelsorger sein. – Nun so weit, so gut. – Aber eines Tages,« – er räusperte sich, schenkte sich den Holzbecher voll und fuhr fort, – »eines Tages 
       mußte ich wieder predigen. – Zufällig war der Gegenstand der heilige Sebastian. – Nicht lachen! – Er reichte aus! Er hielt vor! Denn die Krieger und Pilger im Lager wechselten gar oft: und mehr als einmal alle par Wochen hatte keiner das Bedürfniß, mich predigen zu hören. Manche haben freilich dieselbe Predigt zweimal gehört. Aber das waren sie meist schon von ihren Pfarrern im Abendlande gewöhnt. – Und ich machte es doch immer wieder ein wenig anders, erfand ein par neue Wunderthaten des Heiligen, wär' mir selbst sonst zu öd geworden!
      Denn freilich,« schmunzelte er, wohlgefällig seinen rundlichen Bauch streichend, »ein Geistlicher muß gar viele Eigenschaften haben, deren ihr Laien nicht benöthigt seid. Zumal mit so argem, verwildertem Volk, wie meine Gemeinde war – Männlein und Weiblein. Denn es sind nicht gerade immer die Frömmsten, die das rothe Kreuz tragen! Der liebe Herrgott läßt sein Grab zum Theil von rechtem Gesindel erobern! – Und sie wollten mir nicht immer glauben, was ich 
       ihnen aus der Bibel an Sprüchen anführte. Sie schüttelten mißtrauisch die Köpfe, – oft gerade bei den kräftigsten Sprüchen! – und die Unverschämtesten, das heißt die, welche ein wenig lesen konnten, verlangten gar ein parmal, ich solle ihnen diese Worte geschrieben weisen: – glücklicherweise war in dem ganzen gebannten Lager keine Bibel aufzutreiben.
      Da war Einer, ein dicker Baier aus der Holledau, – die aus der Landschaft sind sogar den andern Baiern zu grob! – ein guter Kerl, der hatte sich aber so oft betrunken und raufte dann so wild und stach mit einem spitzen Messer um sich, daß ich ihm die Absolution nur ertheilte gegen das Versprechen, zu keinem Zechgelag im Lager mehr zu gehn! Tags darauf war wieder einmal eine Hochzeit in den Zelten – das heißt: eine üppige und dabei zornmüthige Provençalin aus Grasse verlangte von einem ihrer vielen Freunde, – er war aus dem Lande der Guasconen – daß er sie ganz geschwind heirathe: sonst, drohte sie, werde sie dem Lager-Vogt alles sagen, was sie 
       von ihm wisse. Das muß nun wohl allerlei Unliebes gewesen sein. Denn der Guascone, – es hatte ihm früher mit dem Ehesegen gar nicht geeilt! – trieb mich nun mit fliegender Geißel zur Trauung.«
      »Aber Ihr waret ja doch gar kein Priester?« fragte Katharina ganz entsetzt.
      »Richtig, mein Kind! Das hat dein weiser Vater schon vor dir ausgefunden! Aber für die Art Menschen, und für die Art Ehe, welche sie vorhatten, – dauerte selten länger als fünf Monate! – war ich immer noch gut genug. Übrigens, hätte ich es so recht heiß gewollt, – ich wäre längst geweiht. Kaum war ich ein par Tage im Lager und kaum hatte man gesehen, daß der Kaiser mich gar oft um sich hatte als geistlichen Rath oder auch –«
      »Als lustigen Rath: – ob auch ohne Schellen-Gugel,« meinte Hezilo.
      »Oder auch, wann er mit seinen vertrauten Räthen tafelte oder zur Jagd ritt, – als ein Tempelritter mir ein Goldstück schenkte – ich bettelte aber gar 
       nicht! – und meinte: ich sei wohl nur sehr unvollkommen geweiht? Er aber wolle mir ein ›Dimissoriale‹ erwirken, – wonach man, unerachtet alle kanonischen Erfordernisse fehlen, geweiht werden mag: die Päpste haben den Tempelrittern, ihren tugendsamen Lieblingen, auch dies Vorrecht geschenkt, – Er verlange von mir dafür nur, ich solle horchen, was der Kaiser und Herr Hermann von Salza reden und ihm das berichten. Ich ließ ihn stehen und blieb Laie und redlich: – wenigstens ziemlich! Und gegen meinen freundlichen Herrn Kaiser: ganz redlich, – Also blieb ich so eine Art Wild-Pfaff oder Winkelmönch und traute den Gascogner Pierre und die hitzige Provençalin Flammelette. Ein mächtiges Schmausen und Trinken folgte. Denn der Gascogner hatte immer bar Geld: nur wollten es vorsichtige Handelsleute nicht gern nehmen. – Und siehe da, mein Holledauer ist mitten darunter. ›Hab' ich dir's nicht verboten?‹ schrie ich ihn geistlich an.
      ›Aber eine Hochzeit!‹ sagte der ganz unverzagt. 
       ›Ich ahme nur das Beispiel unseres Herrn nach: – das habt Ihr uns oft genug vorgehalten. Der Herr war auch auf einer Hochzeit, also darf ich es auch.‹
      ›Ja, ja,‹ schrieen Alle durcheinander. ›Recht hat der Baier. Schäm dich, Pfaff, du bist geschlagen und mußt schweigen.‹
      Das durfte nun aber nicht sein! Ein Pfaff, der schweigt auf eines Laien Einwand, – das wäre ein sehr unwahrscheinlicher Pfaff. Es galt mein Ansehn: – ja vielleicht noch mehr!
      Nun? Was hättet ihr da gethan oder gesagt? Ihr schweigt? Nichts hättet ihr gethan und gesagt! Denn es wär' euch dort und damals, in der Angst, noch weniger was eingefallen als hier und jetzt, in aller Ruhe, bei meinem Wein. Zumal, wenn euch die glückliche Braut vor Übermuth und Spott ihren zerfetzten Gürtel in das Gesicht geworfen hätte. Ich aber steckte den Gürtel ein, – denn es waren bunte Steine daran. – Natürlich waren sie falsch: denn der Bräutigam hatte ihr das Geschmeide geschenkt. Aber ich wußte das 
       ja noch nicht! – Ich erhob warnend meinen Zeigefinger und laut rufend meine Hirtenstimme und sprach: »Haltet das – Schweigen! Wenn ihr den Herrn nachahmen wollt, – in Gottes Namen! Werdet's nicht lang aushalten! Aber dann fangt mit seinen 
      schweren Tugenden an – und nicht mit seinen 
      leichten. Erst laßt euch einmal kreuzigen und 
      dann geht auf Hochzeiten.«
      Diese Gegenwart des Geistes erschreckte sie Alle merklich. Sie schwiegen und ich hatte das Ansehen der Kirche und geistlicher Überlegenheit gar gewaltig aufgerichtet. Sie hatten von da ab eine Meinung von mir gewonnen, die – die ich selber kaum theilte.
      Aber leider sollte es mit meinem geistlichen Amt nicht mehr lange währen. Leider, sag' ich! Denn ich wurde dabei selber ein besserer Kerl. Man kann nicht alle Tage Andre zur Tugend mahnen und selbst alle Schelmenstreiche treiben. Das heißt: – 
      Andre können's vielleicht. Aber der Böppele kann es nicht: und so war, in Vermahnung der Andern, 
       ich selbst auf den Wege, ganz brav und ernstsinnig zu werden. Jedoch der heilige Sebastian hat es nicht weiter gedeihen lassen: – vielleicht aus Eifersucht auf meine beginnende Heiligkeit. 
      
    



      Zehntes Capitel.
      Nämlich eines Morgens war wieder ein ganzer Schwarm von Kriegern und andern Pilgern ausgeschifft worden in Joppe; und nachdem sie sich von der Seefahrt erholt, verlangten sie eine Predigt. Waren viele Deutsche darunter. Da mußte eben der Böppele wieder dran! Und zwischen der Stadt und dem Lager stand ein Palmbaum: unter den hatten sie mir ein hoch Faß Wein geschoben – leider war es so leer und dürr und durstig wie die Wüste! – und ein altes Steuerruder quer drüber gelegt. Und war das schon oft meine Kanzel gewesen. Diesmal hatte ich eine besonders fromme Hörerschaft: denn Wirzburger waren's und Rothenburger von der Tauber. Und auch viele Weiber waren darunter, aber meistens recht reife. Denn die jungen sind minder fromm: an Main und Tauber 
       wie anderwärts. Und sehr bald, nachdem ich angefangen, zu lehren und zu mahnen und nur ein Weniges über die Schlechtigkeit der Welt gescholten hatte – gar nicht arg: nur wie's sich halt gut macht, von der Kanzel her – da fing ein altes Weiblein aus dem Dorfe Hedingsfeld bei Wirzburg, das dicht vor mir saß, zu weinen an. Das hatte ich bisher nie erzielt! Gar nie noch! Es gefiel mir. Nein: es rührte mich selber. Und nun fing ich an, die Farben greller zu mischen, und dicker aufzutragen als sonst – sowie etwa auf den Kreuzwegen an den Bildstöcken die Höllenflammen aufgemalt sind: – bald weinte die zweite, dritte! Es freute mich, es machte mich stolz! Ich ward immer eifriger. – Da sah ich auch einen alten 
      Mann, einen Pilger, mit weißen Haaren, der sich die Augen wischte. Und scharf schaute ich nun dessen Nachbar an. Das war ein junger Bursch, ein Pfeilschütz, mit langem Bogen und Köcher; der wollte noch durchaus nicht weinen, sah vielmehr ganz munter drein. Da ärgerte ich mich. Und nun 
       schilderte ich das unschuldige Leiden und Sterben des edeln Jünglings Sebastianus so ergreifend – und wie er auch so schlank und so viel schön gewesen: da weinten auch die jüngeren Frauen! – und wie ihn die grausamen Heiden mit ihren Pfeilen langsam zu Tode schossen, bald auf die Schulter, bald auf die Rippen, bald auf die Beine zielend – noch nie hatt' ich's so arg schön gemacht! Da auf einmal weinte und schluchzte und heulte die ganze Versammlung: – auch der hartnäckige Pfeilschütz, auf den ich es besonders abgesehen, wischte sich die Augen und faßte seinen Bogen fester – und eine Frau warf sich an der andern Brust, und den Männern liefen die Zähren langsam, langsam über die bärtigen Wangen. So was hatte ich nie, nie erlebt!
      Nun bin ich aber eine gute Seele. Und kann die Menschen nicht weinen sehen noch hören, absonderlich nicht die Weiber. Und sie jammerten mich, die weichen Herzen, die wackern Kerle und braven Frauen: und ich erschrak über all den Erfolg, den ich da angerichtet. 
      
      Und heiß fiel mir ein, daß ich, da ich doch nicht geweiht war, gar nicht das Recht hatte, sie überhaupt weinen zu machen!
      Und endlich: ich wußte ja die ganze Geschichte nur vom Hörensagen! Der Bergamaske hatte mir das halt so erzählt! Und wie's der alten würdigen Frau vor mir fast das Herz abstoßen will vor Schluchzen, da halt' ich's nicht mehr aus und rufe recht laut: »Amen! – Aber weint doch nicht so, Leuteln. Wer weiß, ob 's wahr ist.« –
      Da entstand zunächst ein großes Schweigen! –
      Das Weinen hörte auf, wie mit Einem Schlage. – Die Leute dachten offenbar über diese Warnung nach. – Aber nicht lang! – Denn auf einmal ging es durch die Reihen wie ein brausendes Gemurre. Und die Alte aus Hedingsfeld, die am wüstesten geweint hatte, sprang auf, ballte eine Hand voll Sand, schrie: »Was? Du willst uns hier weinen machen und ist vielleicht gar nicht wahr?« Und warf den Sand 
       wider meinen Mund. Und viele lärmten wider mich. Aber doch hätte ich's wohl noch wieder gewendet: denn des Kaisers Saracenen, die kein Wort Deutsch verstanden, aber aus Faulheit dalagen und sich sonnten, und wußten, daß mich der Kaiser gern leiden mochte, die hätten mich geschützt. Aber, aber! Da trat aus der schreienden Menge Einer vor – ich hatte ihn früher nicht bemerkt: – und wie ich den sah, da erbleichte ich.
      Denn es war der Bergamaske, der Sebastian.
      Aber nicht todt, sondern ganz lebendig war er, und der schwang sich neben mich auf das breite Ruderbrett und sprach zuerst zu 
      mir: »Daß du mich für todt verlassen, – ich bin aber gar nicht gestorben, – verzeihe ich dir. Daß du dich für einen Priester des Herrn ausgiebst, – das geht den Herrn an – nicht mich; daß du meine Predigt hältst, meine beste, fast meine einzige, – verzeih' ich dir auch: – denn der Mensch ist schwach. Daß du aber von 
      meiner Predigt sagst, sie sei vielleicht nicht wahr, – 
       siehst du, Schwab, das verzeih' ich dir nicht! Denn das ist zu stark! Leute,« schrie er nun, »der ist gar kein Pfaff. Alle, die er begraben, getraut und absolvirt, sind nicht begraben und nicht absolvirt und nicht getraut!« – Arg ertobten da viele Weiber. – »Denn er ist gar kein Mönch und kein Priester: er ist ja der Weinschänk von Boblingen!« –
      Da war es aus! Ganz aus! Ich hüpfe über Einiges hinüber, was mir nun widerfuhr.
      Ich schrieb noch ein par Briefe – einen ließ ich durch einen Saracenen des Kaisers bestellen, den meine Beredsamkeit dem Heidenthum entrissen und dem rechten Glauben zugeführt hatte, – und schied rasch, – recht rasch!«
      »Aber, wo wolltet Ihr Euch hinwenden?« forschte der Bauer.
      »Nun,« fuhr der Schwabe, nach einigem Zögern, fort, – »bei den Christen war meines Bleibens nicht mehr! – Ich wollt' es nun einmal mit den Heiden versuchen.« 
      
      »Aber Böppele!« rief Katharina und ruckte weiter von ihm ab.
      »Versteht mich recht! Nachdem ich Einen bekehrt, – konnt' ich ja vielleicht noch mehr Heiden bekehren.
      Und dann hatte ich erfahren, daß es bei den Heiden allerlei gute, gemächliche Posten gebe, die ihren Mann nähren, ohne ihn allzu vielen Gefahren auszusetzen. So ritt ich auf meinem Boten-Eselein – es gehörte freilich dem Kaiser, aber der hatte mehr als das Eine! – in die Wüste, den Heiden entgegen, gar nicht böse, falls sie mich griffen. Und sehr bald griffen sie mich! Wohl trug ich weltliche Kleider – der gute Baier aus der Holledau hatte mir sein altes Wamms geschenkt für die letzte Absolution. Er hatte, übrigens aus reinem Versehen, in ganz kleinem Geräufte, einen Tuchhändler aus Arras erschlagen und, nachdem der Arme doch einmal todt war, dessen fein brabantisch Wamms ausgezogen, bevor der unnütz damit begraben würde.
      Im Rucksack hatte ich freilich – für alle Fälle, 
       wenn ich nämlich wieder zu den Christen umkehren müßte, – des Franciscaners und des Cisterciensers Gewand. Aber die hätten mich nicht verrathen: ich schwor bei Muhamed und bei Christus, daß beide mir gar nicht gehörten, – die reine Wahrheit! – ich sie nur einmal auf der Straße aufgelesen hätte! Aber die Tonsur! Die verfluchte heilige Scheerung – die gab Zeugniß gegen mich ab, – falsches Zeugniß obenein! O wie verfluchte ich des Bergamasken Scheere, und jenen Spiegel-Bach!
      Denn eilfertig rissen sie mir, sobald sie mich gefaßt hatten, den Pilgerhut vom Kopf – sahen die Tonsur – schlugen mich derb darauf, – erklärten, ich sei ein Priester und schleppten mich in die Felsenburg, wo mir aber der heilige Sebastian diesen tugendsamen Jüngling zum Retter vorbestimmt hatte.
      Als ich nun – nach recht mühsam verborgner Angst! – auf seine Fürbitte des Lebens gesichert war, sagte ich dem dicken Wälschen Constantino, ich sei ganz gern bereit, zu bleiben. Denn abgesehen 
       von dem Pfählen, und dem lebendig den Geiern geben, von dem sie immer zu mir gesprochen, hatte mir, nachdem ich begnadigt war, Alles, – zumal auch die Verköstigung, – sehr wohl gefallen. Ich sagte ihm also, ich sei eigentlich mit Vorbedacht unter die Heiden gefallen, indem daß ich Aufseher und Wächter des Frauengemaches der Burg werden wolle. Denn dies war mir stets als ein nahrhafter und wenig kämpfereicher Posten geschildert worden. Auch waren zwei Haremswächter, die ich gesehen bei Gesandtschaften, ganz auffallend feist gewesen.
      Aber da erfuhr ich, daß der Eintritt in dies Vertrauensamt gar nicht ohne Weiteres Jedermann freistehe, sondern – kurz: sofort brach ich alle Verhandlung ab und ritt sehr rasch aus der Burg. Denn der Renegat meinte lachend, am Ende könnten mich die Heiden beim Wort nehmen und mich zum Wächter machen, ohne mich viel zu fragen, ob mir die Ceremonien dabei gefielen oder nicht. Ich eilte. –
      Sie führten mich, auf der Herrin Befehl, zu 
       der Vorhut der Christen. Es waren Ritter vom deutschen Hause; und bei ihnen traf ich auch den milden, den sangesfrohen Mann: Herrn Walther von der Vogelweide.«
      »Den segne Gott, – wie ihn die Vöglein segnen,« rief das Trinelein. 
      
    



      Elftes Capitel.
      »Und mußte ihm all' meine Abenteuer erzählen. Und lachte der so hell. –«
      »Ja, es ist eine Freude, den lieben Herrn lachen zu hören: das Herz im Leibe muß Einem dabei hüpfen,« bekräftigte der Bauer. »Manche Jagd hab' ich mit dem Vogt und ihm begangen.«
      »Und schenkte mir vor lauter Lust an meinen Geschichten, – zwar unter scharfer Anspornung zur Besserung des Wandels! – Fahrtgeld und Zehrgeld bis nach Schwabenland. Aber ich kehrte nicht heim, ohne eine Waffenthat wider die Heiden mitgestritten zu haben.«
      »Hoho! Davon erzähle!« mahnte Hezilo. »Als Helden möcht' ich den Böppele sehen.«
      »Vielleicht nachher. Nun höret erst das Andere! 
       Zu Sestris bei Genua – ich wollte doch nachsehen! – saß richtig Frau Zahme, meine liebe Frau, und wartete auf mich, die Wirtschaft dort in einer Schänke führend, in der ich mich auch einmal – kürzere Zeit – zufällig aufgehalten hatte. Ein gemeinschaftlicher Freund von uns, der Herr vom Hohenbühl, hatte ihr mit eigenem Mund – wie er es mir versprochen: fast noch, bevor ich ihn darum gebeten, der treue Mann! – ausgerichtet, dort werde sie mich am sichersten erreichen. Und sie erreichte mich.« –
      »Nun, Böppele,« forschte Iffo, »ihr seid aber beide nicht in Wälschland geblieben? Ihr wirtschaftet schon lange wieder daheim. Und wie hauset ihr denn nun zusammen? Eure Weinknechte, die früher hier Most aufkauften, erzählten ehedem oft, sie sei ein wenig scharf, – die Frau Zanke.«
      Da aber schlug der Schwabe mit der Faust dröhnend auf den Tisch, daß die Becher hüpften und sprach: »Frau Zanke ist todt und begraben! Und wer meine sanfte Hausehre anders nennt, als Frau Zahme, – 
       wie sie ahnungsvoll getauft ward, – der hat's mit mir zu thun. Denn denkt Euch, – das ist des heiligen Sebastians Fügung, deß Lob ich so häufig gepredigt, keines Andern öfter! – sie ist wirklich eine gute gehorsame Frau geworden, weil sie gesehen hat, daß ich wahrhaftig in's gelobte Land gegangen war. Das hatte sie nämlich eine Zeitlang – mit Unrecht! – bezweifelt. – Und Sehnsucht und Angst hatte sie ausgestanden um mich. Und das Gewissen sagte ihr doch, daß ich auch ein wenig deßhalb, um leichter mit ihr in Frieden leben zu können, von Boblingen bis Genua und dann bis in die Wüste gewandert sei. Und kurz: jetzt sie ist so sanft und lieblich wie ein Regenwurm. Und auf Mariä Lichtmeß lad' ich euch all' zur Taufe: – wir hoffen jetzt auf einen Erben. Herr Walther von der Vogelweide, den ich in Brixen traf, hat schon zugesagt, mir einen Gevatterschilling zu schicken.« –
      »Herr Walther!« meinte Hezilo. »Wenn der doch her zu rufen wäre, zu der neu entbrennenden Fehde. 
       Er und die Vögtin tauschten zwar nie viel Liebe. Aber ich zweifle nicht: seinem todten Freund zu Ehren würde er die Fragsburg schirmen helfen. Und er ist zwar am besten hinter der Harfe, aber auch hinter dem Schild ein gar tüchtiger Mann.«
      »Gewiß,« betheuerte der Schwabe. »Ich hab's gesehn mit Augen. Aber ich meine, er wird schon aufgebrochen sein, nach seiner neuen Heimat.«
      »Wie? Verläßt der liebe Herr nun für immer die Vogelweide dort an der Waidbruck?« fragte Katharina.
      »Ja wohl! Er zieht in sein Lehen, das ihm der Kaiser gab. Es ist ihm so recht von Herzen zu gönnen. Denn das kleine Gütlein dort im Tannenwald reichte zwar, die Vögelein zu weiden, aber nicht einen ausgewachsenen Mann. Ihr wißt, es war früher Allod. Doch von den par Hufen hätte niemand leben können. So hatten es schon seine Ahnen den Herrn von Gufidaun aufgelassen gegen eine schmale Jahresrente und es als Precarie zurück 
       empfangen mit der Belastung, sechs Falken jährlich abrichten zu lassen durch einen Falconier für den Gufidauner.«
      »Jawohl, drei Wanderfalken und drei isländische. Ich half manchmal dabei,« bestätigte Hezilo, »seit ich Herrn Friedmuths Falkner geworden.«
      »Aber auch die Vögelein im Walde hatte er davon zu »weiden«: das will sagen: Futterplätze im Winter für sie zu bestellen.
      Auch mußte er einen großen, korbgeflochtenen Käfig stets gefüllt halten mit Galander, Lerche, Blutfink, Distelfink, Hänfling und Zeisig: all das zur Verfügung von des Gufidauners Lehnsherrn, des Bischofs von Brixen. Der verschenkt sie viel an Priester und an Nonnen, die ja nicht freien dürfen, die armen Narren, und dann sich in der Einsamkeit und Ödheit der liebeleeren Zelle gern so ein hüpfend, klingend Leben halten.«
      »Und nun hat er gar vom Kaiser ein Reichslehn empfangen?« fragte Hezilo. 
      
      »Ja! Und was mich aber fast am meisten freut, an dieser ganzen Aventiure, das ist, daß Herr Walther das Lehn, um das er schon so lange singt, nun endlich verdankt – wem? Seinem Lied? Nein! – Seinem Schwert? Auch nicht! Sondern seiner Liebe zu den Vögelein, mit der ihn die Fürsten und die Ritter oft neckten und hänselten: und zumal neidische Sänger! Denn ach! Wenig Neidlose giebt es unter diesen! sagt Herr Walther.«
      »Freilich! Das sind nur die wenigen, die selber was können: die haben Neides nicht Ursach',« meinte Hezilo. »Ich trug Herrn Walther niemals Neid.«
      »Der Kaiser freilich nahm sich immer seiner an,« fuhr der Böppele fort.
      »Weil er selber die Vöglein liebt,« sprach Hezilo.
      »Aber die Spötter nannten Herrn Walther wohl das arme Galanderlein, den mauserigen Zeisig, die Moosschnepf von der Waidbrücken, oder gar den einsamen 
       Spatz vom Eisack. Nun, Herr Walther blieb ihnen die Widerrede nicht schuldig. Aber leise wurmte es ihn doch. Weil er nämlich das Eine an dem Spott leider als wahr verspürte, daß er so arm war wie ein Zaunkönig im Winter.
      Da ward, bald nachdem ich bei der Vorhut der Christen wieder eingetroffen war, die nun der Freyberger befehligte, und wo ich die Ritter vom deutschen Hause und Herrn Walther gefunden, der Kaiser bei uns angesagt zu einer großen Jagd.«
      »Was für Jagd?« fragte Hezilo.
      »Falkenjagd! Denn der gewaltige Herr liebt das edle Federspiel und versteht es viel besser als sein eigener Groß-Falconier. Und hat ein Buch darüber geschrieben, aus dem graubärtige Jäger lernen. Am Eingang der Wüste, hart unter dem heidnischen Felsennest ›Jung-Areymeh‹, wie's die Franken nannten, weil's einem alten, vielgehaßten Areymeh ähnlich sah, liegt ein mooriger See, der zahllos Sumpfgevögel birgt, auch Purpur-Reiher. Und es war abermals Waffenstillstand 
       geschlossen. Und die Fürsten tauschten wieder fürstliche Geschenke. Der Herr Kaiser sandte dem Emir von Damaskus Rosse, gegossenes Erzgeräth, und Kleiderstoffe aus Lüttich, Friesland und der Lombardie, ferner Falken seiner eigenen Zucht aus der prachtvollen Vogelweide zu Palermo, aber auch isländische und Sperber aus dem Samland.«
      »Von jener Eis-Insel weiß ich; aber Samland? Wo liegt das?« forschte Hezilo.
      »Ja, ich weiß auch nicht recht. Da, ganz weit hinten, gen Mitternacht und gen Aufgang! Im Land der wilden Pruzzen, wo die Welt aufhört, wo das Leber-Meer stockt, das halb Eis, halb Sumpf, halb Wasser sein soll.«
      »Im Pruzzenland?« sprach der Bauer, langsam, nachsinnend. »Da sind Heiden. Und Wölfe. Und sonst gar nichts. Als Wind und Sumpf und Schnee. Ein getaufter Häuptling, der von seinem Bischof nach Rom gesendet ward, hat's mir drüben aus der Fragsburg einmal erzählt. Dort ist Alles aus.« 
      
      »Ja: aber kostbare Falken und Sperber giebt's in jenen ureinsamen Waldsümpfen: die erhandeln Polaven und Wenden und verkaufen sie an die deutschen Handelsschiffe. Dafür erhielt der Herr Kaiser Spezereien aus India, Räucherwerk aus Arabia, Waffen aus Persia: weiter siebzehn Affen, einen Elephanten – ich sah ihn selbst! vielleicht war es der deine, Hezilo? Dann hatte ihm deine Pfeife im Magen weniger Harm gethan als in den Ohren: er war ganz frisch, als ob du ihm niemals was vorgeblasen hättest.
      Nun, der Herr der Burg, ein mächtiger Scheik, hatte den Kaiser mit den ersten fränkischen Fürsten eingeladen, die heidnischen Habichte zu erproben: die seien viel klüger und schärfer als Kaiser Friedrichs selbsterzogene samländische Sperber. Diese Berühmung konnte unser Herr nicht vertragen – das wußte jeder, der ihn kannte! – und eifrig sagte er zu.
      Am Tage vor seinem Eintreffen wandelten wir, Herr Walther und ich, aus unsern Zelten, den Wandervögeln nachzuspüren, ganz fremdartigen, welche in 
       dichten Scharen, manchfaltig gemischt, rasteten, wohl von der Meerfahrt müde, zwischen der Küste und unserm Lager. Das war so geschehen. Er sah mich müßig im Schatten meiner ehemaligen Kanzel liegen, rief mich an und sagte: »Böppele, geh mit! Du hast auch Freud' an den Vögelein, die des reichen Herrgotts Lieblingsthierlein sind: denen nur hat er verstattet, näher als anderes Gethier an seinen Himmelsthron empor zu schweben.« Sein Wohlgefallen für's Leben hab' ich einmal dadurch, glaub' ich, gewonnen, daß ich ihm erzählte, wie ich, so lang ich in Wälschland bei Genua weilte, den verfluchten Vogelstellern überall die armen gefangenen Vögelein –, die Meisen, Drosseln, Grasmücken und die Rothkehlchen – diese hält Herr Walther werth vor allen! – aus Schling' und Netz nahm zu vielen Hunderten, und fliegen ließ in Freiheit und Fröhlichkeit. Denn, wenn man die Wälschen loben mag in vielen Stücken: – das schreit zum Himmel gegen sie, daß sie die lieben Singvögel, wenn sie hungrig über die hohen Jöcher geflogen sind 
       und nun, wandermüde, niederfallen in das reiche Land, zu vielen Tausenden und Zehntausenden jährlich fangen und nicht pflegen – sondern fressen, obwohl sie nur ein Schluck und ein Druck im Munde sind. Wir essen doch nur die größeren: aber die! Nicht Zaunkönig noch Goldhähnchen verschonen sie. Mich wundert lang, daß sie nicht auch die Bienen braten! Nie hab' ich Herrn Walther so wild gesehen, als wie, da wir von dieser 
      bestialitas redeten.«
      »Was heißt das?« fragte Katharina.
      »Nun – ist schwer verdeutschen –: etwa Viechheit. – Also, er will mir wohl, der frohe Herr, und so sagte er zu mir: »Geh mit, Böppele, trag mir Bogen und Köcher: und erzähle mir von deinen Schwänken.« Denn er hört sie gern; und weil er eben ein Mann ist, dem auch allerlei einfällt, fragt er nicht alle sieben Worte lang, ob es auch alles wahr ist, oder so in der Schrift steht? Wir gingen also selbander, gegen die großen Sammelherberge der Wandervögel zu. Auf einmal hören wir einen Geier kreischen, hoch über uns – 
       sind gar große häßliche Thiere, dort zu Lande, mit nacktem Hals. Wir schauen auf und sehen, wie der sausend einem mittelgroßen Vogel nachjagt, der freilich blitzschnell flüchtet, aber doch nicht entkommen kann. »Eine Taube ist's!« rief Herr Walther. »Wart, ich helf dir, Ruckurulein!« riß mir den Bogen aus der Hand und legte den Pfeil auf. Es war die höchste Zeit: eben hatte der Stößer im Flug die Arme erhascht und wollte mit ihr auf und davon. Da schwirrte die Sehne und der Geier stürzte. Aber die Beute hatte er nicht losgelassen aus den Fängen. Wir sprangen zu und lösten die blutende Taube aus des Verendenden Gewaffen. »Ei sieh,« sprach da Herr Walther, der sie sorgfältig besah, um sie, wo's thunlich war, zu heilen.«
      »Und ist doch auch wirklich geheilt worden?« fragte das Trinelein ängstlich. »Sag's ganz geschwind, ehe du weiter erzählst.«
      »Ja, du gutes Mädele! Dem Täubelein ist's dann noch gar gut ergangen! Der Kaiser hat befohlen, das geheilte in seinen großen Vogelgarten nach Palermo 
       zu senden: dort soll's das kaiserliche Gnadenbrod essen. Denn das war keine Taube wie andre Tauben sind. – Herr Walther rief, wie er sie befreit hatte: »Schau, die Arme trug, unter dem Flügel festgebunden, einen ganz klein zusammengefalteten Pergamentstreifen! Sieh, er ist beschrieben.«
      »Ja, ja,« sagte ich, »die Heiden pflegen solcher Taubenpost. Was wohl darauf geschrieben steht? Ist wohl arabisch?«
      Aber Herr Walther fuhr zusammen und erbleichte: »Lateinisch ist's! Und höllischer Verrath! O heilige Jungfrau! Unser Herr! Rasch zurück in's Lager!«
      Er eilte, ich folgte. Er verdeutschte mir: »Der Kaiser-Löwe geht richtig in die Falle. Ich sende sein Haupt, sowie der Vertraute das bedungene Gold bringt nach Jung-Areymeh.«
      Herr Walther sprengte dem Kaiser entgegen und gab ihm das Blatt. Der verfärbte sich: nicht aus Furcht, aus Schmerz: »So verderben mir diese Pfaffen sogar die Heiden,« rief er, kehrte spornstreichs um 
       in sein Lager und ließ – mit sichrem, wahrhaft löwenhaftem Griff – sofort verhaften Herrn Josselin Vras de Fer Roland de la Rolande. Das war nämlich der Vertreter der Templerherrn bei uns'rem Heer. Sein Zelt durchsuchte man und fand Briefe, freilich in Geheimschrift: aber der Kaiser selbst und Herr Hermann von Salza fanden den Schlüssel zu den Zeichen. Und da ergab sich's denn: der Patriarch Gerold von Jerusalem, der Erzbischof von Cäsarea, ferner die beiden Stellvertreter, welche der heilige Vater an des abgesetzten Kaisers Statt zu Anführern der syrischen und der kyprischen Ritter ernannt hatte, Herr Richard Filangieri und Herr Otto von Montbeillard, vor Allem aber die Templer, hatten den Burgherrn von Areymeh gewonnen, den großen Ketzer und Gebannten: das heißt, den gerechten Richter, welcher die Frevel der über alle Christengedanken hinaus verwilderten Herrn vom Tempel aufdeckte und bestrafte, in seine Burg zu locken und dort zu ermorden. Wir zogen nun mit starker Heeresmacht vor Areymeh. Die 
       Krieger, denen der Kaiser selbst in zornigen Worten den Mordplan verkündet hatte, stürmten wie die Wüthigen: das Nest ward erstiegen!
      Der Kaiser war der Erste auf dem Wall: – zwei Wurflanzen zugleich flogen ihm entgegen. Die eine schlug er selbst zur Seite, die andere fing, just vor seinem Antlitz, mit treuem Schild Herr Julius von Freyberg, der ihm auf dem Fuß gefolgt war. – Unser Herr war sehr wild: zumal deßhalb, weil er immer die Treue der Heiden der Tücke der Christen entgegenzuhalten liebte: ›und jetzt, so schalt er, könnte Einem die Wahl wehe thun zwischen Heiden, Pfaffen und Templern.‹ Herr Hermann von Salza war der Dritte, Herr Walther der Vierte auf der Mauer. – – Ich kam etwas später.«
      Hezilo lachte.
      »Da ist gar nichts zu lachen. Denn damals geschah es,« fuhr der Schwabe fort, etwas langsamer, – »daß auch ich meinen Heiden fing. Noch dazu einen Mohren –« 
      
      »Wo hast du ihn?« fragte Hezilo ungläubig. »Zeig ihn her!«
      »Ich wollte ihn Frau Zahme mitbringen, der ich ein Andenken an das gelobte Land versprochen hatte. Aber – er starb mir leider, bevor er ganz bis nach Boblingen kam.«
      »Wo? Wie starb er?« forschte der Zweifelmüthige. »Wie weit brachtest du ihn denn mit dir?«
      »Nun, nicht recht weit. Die Wahrheit ist: er hatte meine Hände so fest gepackt, daß ich ihn nicht gleich binden konnte. Auch kam er mir – durch Hinterlist! – zuvor. Denn als ich eben auf den Mauerkranz gelange – ich sag' euch: auf so einer Sturmleiter ist's ein unbehaglicheres Steigen als im Brachmond in den Schwarzkirschen! – springt auf einmal hinter einer Thurmecke etwas Schwarzes hervor, und packt mich: so bestimmt und so ganz ohne Bedenken, als ob es all' diese Jahre nur auf den Boppo von Boblingen gewartet hätte! Ich leugne nicht: ich erschrak anfangs, denn das Anspringende war ganz schwarz 
       im Gesicht und fletschte die weißesten Zähne, die ich je gesehen, als ob es mich anbeißen wollte.
      Wir rangen nun und fielen beide und, Brust an Brust, – ich meistens oder doch recht oft oben: – rollten wir auf der breiten Mauerzinne hin und her; das sah ein Ritter aus Frankenland, »der rasche Roßbach« hieß er im Lager, und der erstach mir, zuspringend, mit dem Speere leider meinen Mohren, bevor ich ihn hatte so recht eigentlich anbinden können.
      Nun: der Scheik ward gefangen: – die Briefe der Anstifter wurden gefunden: und Burg und Scheik und Briefe und der mitgeführte Templer, Herr Roland de la Rolande, gingen in Einem Brand in Flammen auf. – Der Kaiser aber sprach vor versammelten Fürsten und Rittern: »Herrn Walther dank' ich's Leben! Er hat, milden Sinns, ein Täublein retten wollen und hat seinen Kaiser gerettet. Niemand spotte mehr des Vogelfreundes! Es ist ein Lehen frei geworden: wie gewöhnlich, durch Felonie: – der Felon ist, wie gewöhnlich, ein Pfaff: der Abt des Schotten-Klosters zu 
       Wirziburg am Main. Er hatte ein Reichslehen im Mittag vor der Stadt: da wächst gar edler Wein; der Hügel ist sanft geschwungen – einer Harfe gleich: der soll – ich kenn' ihn gut – fortan ›
      die Harfe‹ heißen; und Herrn Walthers Harfe soll dort gar lieblich tönen, wann zur Sonnwendzeit der Duft der Rebenblust im schönen Thal von Wirzburg wonnig durch die Nachtluft zieht: die Harfe zu Wirzburg, sie sei Herrn Walthers Lehen.«
      Da riefen alle Fürsten und Ritter lauten Beifall. Herr Walther aber neigte sich vor dem Herrn und sang in hellem Ton:
      »Ich hab' mein Lehn erhalten! All' die Welt! Ich hab' mein Lehen!
       Nun brauch' ich nicht mehr fürchten den Eisfrost an den Zehen,
       Und nicht um kleine Gabe bei geiz'gen Fürsten flehen.
       Der edle König milde, er lieh mir reiche Gabe:
       Nun will ich froher singen als ich je gesungen habe!«
      So ungefähr – auf einen halben Bauernschuh kommt's mir in der Dichtung nicht an! – nur noch 
       viel schöner war es! Und Herr Walther erzählte dem Kaiser alle meine Leiden, Abenteuer und Gefahren, die ich bestanden, als ich damals sein Lager verlassen, so rasch, daß ich gar nicht mehr hatte Urlaub als Lagerpfaff erbitten können. Und der Kaiser lachte und verzieh mir, was er mir etwa zu verzeihen haben mochte: – war nicht viel: ich hatte ihn nicht belogen, nur ihm meinen Kopf gewiesen: und der war wirklich geschoren! – Und er schenkte mir dazu so viel Geld, – weil ich doch auch dabei gewesen, als wir das Täubele mit dem Briefe fingen, und weil ich auf dem Walle den wilden Mohren bezwungen – daß ich im Lager so eine kleine hübsche Weinwirthschaft aufrichten konnte. Und gar viele, die ich früher in der Seelsorge gehabt, wurden jetzt meine besten Kunden: zumal der dicke Baier aus der Holledau: da ich ihm jetzt das Trinken nicht mehr wehrte – hatte ja kein Recht mehr dazu! – vielmehr ihm dazu noch weidlich zusprach, liebte er mich weit mehr denn ehedem. Und der Bergamaske hat mir auch vergeben; und 
       der hat mit einem Slavenen, (der war sehr dumm!) getraut, – nun rathet einmal, wen? – keine Andere als die Provençalin. Diese war fröhliche Wittwe. Denn den Gascogner hatte der Herr Kaiser inzwischen leider hängen lassen müssen, weil er gar zu viel Geld ausgab, welches er sich alles mit unablassendem Fleiße ganz selber und allein gefertigt hatte.
      So! Nun weiß ich aber wirklich nichts mehr zu erzählen.« 
      
    



      Zwölftes Capitel.
      »Ja, von 
      dir und 
      deinen Fahrten! Aber,« forschte der Bauer, »was ist denn nun bei all der Müh' des Kaisers und seines Heers herausgekommen für die Christenheit? – Kam neulich ein Bettel-Mönch durch den Markt Meran, bettelte und predigte dabei und verfluchte den Kaiser: denn der habe Freundschaft mit dem Heidensultan geschlossen.«
      »Das ist wahr.«
      »Er sei sogar – ganz im Geheimen – selbst zu dem Abgott Mohamed übergetreten.«
      »Das ist gelogen,« riefen Hezilo und Böppele zusammen.
      »Wenn's im Geheimen war, woher weiß es denn der Pfaff?« fragte der Schwabe pfiffig.
      »Und,« fuhr der Bauer fort, »die Franciscaner haben nicht nur auf den Kanzeln, sie haben auf der 
       Landstraße, in den Herbergen, wo irgend nur ihnen die Gaffer zuhören mochten, den Herrn Kaiser so arg verlästert, als sei er schlimmer als mein böser Fuchshengst. Ich hab' es nicht viel geachtet. Aber ist es denn wirklich wahr, daß der Kaiser alles Recht der Christen im heiligen Lande schimpflich aufgegeben hat?«
      »Das ist aber einmal so arg gelogen,« rief Böppele giftig, »daß ich mich schäme, je Pfaffenkleid getragen zu haben.«
      »Hat dir nicht viel geschadet, noch genützt,« meinte Hezilo.
      »Vielmehr ist unsere Kreuzfahrt mit Ruhm also zu Ende gegangen. Bald nachdem ich dem Kaiser die Heiden-Burg hatte stürmen helfen, kam der lang verhandelte Friede mit dem Sultan Kamil von Ägypten zu Stande. Und dieser Friede ist eine wahre Victoria für die ganze Christenheit! So sagten mir Herr Hermann von Salza und Herr Walther und der Herr von Freyberg. Oder vielmehr: sie redeten darüber mit einander, während ich ihnen Wein zutrug; 
       denn sie waren oft bei mir zu Gast im Lager. Nie vorher hat eine Kreuzfahrt mit den mächtigsten Heeren so viel erreicht wie unser kluger Kaiser durch seines Geistes Kraft allein: denn wir zählten nicht elftausend Helme in Allem! Und diese zehntausend achthundert hatten ihm bis auf Wenige den Gehorsam versagt, nachdem des Papstes Verbot verkündet war. Eine Zeit lang sah's aus, als verließen ihn Alle, außer den Deutschen. Da aber hielt er eines Abends eine lange Zwiesprach mit Herrn Hermann, der ihm einen großen Brief geschrieben hatte. Und am Morgen darauf verkündeten die Lagerherolde, der Herr Kaiser habe, dem Gebot des heiligen Vaters folgend, den Heerbefehl gehorsam abgegeben, aber nicht an die vom Papst ernannten zwei Stellvertreter, sondern an unsern Herrgott droben im Himmel: der sei doch noch mehr als der Papst und alle Stellvertreter des Papstes. Und richtig: von da ab erließ er alle Befehle nicht mehr im eignen Namen, sondern im Namen Gottes, und der Christenheit: – und nun gehorchten wieder 
       Alle: die Templer scheinbar auch. Der Sultan aber erschrak, als der Kaiser nun gegen ihn aufzubrechen drohte, schloß Frieden und überließ dem Kaiser Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Rama und alles Land zwischen Jerusalem, Sidon, Tyrus und Akkon, das ganze alte Reich Jerusalem, wie es einst bestanden hatte, aber längst an die Heiden verloren war. Und nun zog der Kaiser alsbald feierlich ein in Jerusalem.
      Da er immer noch gebannt war, wohnte er dem Gottesdienst nicht bei. Herr Hermann von Salza war's, der ihn mit weiser Rede hiervon abbrachte. Aber Tags darauf nahm der Herr Kaiser die Krone des Königreichs Jerusalem, das er erst wieder geschaffen hatte, mit eigner Hand vom Altar und setzte sie sich feierlich auf's Haupt. Und der Hochmeister verlas vor allem Volk eine gar herrliche Vertheidigung des Herrn Kaisers wider alle Angriffe des Papstes. Aber siehe da! Am folgenden Morgen erschien der Herr Erzbischof von Cäsarea und belegte gar lieblich im Namen des Patriarchen Gerold von Jerusalem –« 
      
      »Ja, hat man denn diese beiden Mordverräther nicht gestraft?« fragte Hezilo ganz zornig.
      »O nein! Denn sie gestanden, was sie nicht leugnen konnten: sie hätten den Kaiser auf jener Burg gefangen nehmen, nicht jedoch ihn morden lassen wollen. Ihn gefangen zu nehmen, – wenn sie nämlich konnten! – seien sie aber sogar verpflichtet, da er mit dem heiligen Vater in offenem Kriegszustand lebe. Nun also, der von Cäsarea belegte das heilige Grab und alle heiligen Örter und die ganze Stadt mit dem Interdict, verwarf den Frieden mit dem Sultan im Namen des Papstes, und erklärte, besser verbleibe das gelobte Land den Heiden, als diesem Hohenstaufen. Sofort weigerten abermals die Templer den Gehorsam: ja sie schrieben dem Sultan von Ägypten, der Kaiser werde demnächst zur Taufstätte Christi an den Jordan wallfahren mit ganz geringer Schar: dort könne man ihn greifen oder tödten. Der Sultan – er und der Kaiser halten fest am Vertrag – schickte das Schreiben dem Kaiser, auf daß er sich 
       vor falschen Freunden hüte. Da gebot unser Herr, daß fortab kein Templer ohne kaiserliche Erlaubniß die heilige Stadt betreten oder verlassen dürfe, baute die Mauern von Jerusalem wieder auf, bestellte der Veste einen tapfern Marschalk und schiffte sich schleunig ein. Denn die Schlüsselhelden des Papstes richteten ihm einstweilen sein ganz apulisch Reich zu Schanden. Und ich war einer der Allerersten an Bord: denn ich hatte genug an dem heiligen Land und übergenug. Und trug große Sehnsucht nach Frau Zahme und nach dem Lindenbaum im Haus-Garten bei meinem Weinschank zu Boblingen.«
      »Heilige Jungfrau,« seufzte das Mädchen, »wie schwer ist es doch für alle Christen, wenn Papst und Kaiser widereinander toben! Weißt du, wie ich mir helfe. Hezilo? Ich bete für alle Beide.«
      »Daran thust du recht.« sagte dieser. »Aber bete ein Vaterunser mehr für den Papst.«
      »Warum? Hältst du's nicht eher mit dem Kaiser?«
      »Ebendeßwegen! Bete, daß der Herr den Papst erleuchte und zum Frieden neige sein hartes Herz.« 
      
      »Ja, und was ein schlicht Gewissen ganz beruhigt,« sprach der Bauer, »alle Bischöfe und Äbte hier im ganzen Bergland geben dem Herrn Kaiser Recht und dem Herrn Papst Unrecht. Zumal auch unser Oberhirt, Herr Heinrich von Taufers. Seit der zu Brixen waltet, – s'ist noch nicht lang, – wehrt er den Bettelmönchen streng, die wider den Herrn Kaiser predigen wollen: er sperrt sie ein oder überweist sie dem Grafen Albert von Tirol, oder den Andechsern zu Eppan: die sind scharf kaiserlich.«
      »Ja, die Bettelmönche!« zürnte der Schwabe. »Wie viele, viele Tausende haben die doch in den heiligen Krieg gehetzt, die meist besser zu Hause geblieben wären. Aber jetzt will's ihnen nicht mehr stark gelingen. Der rechte Hitzeifer für die Fahrt in's Morgenland, auch für die Gaben für's heilige Grab ist den Leuten vergangen: zumal sie oft merken, in welch' unheilige Hände ihre Spenden gelangen. Einer – ein deutscher Ritter aus Frankenland, ein Herr von Aufseß – ist umgekehrt, just in Rom. Seine 
       fromme Frau Mutter hatte das kostbarste Erbstück des Geschlechtes,, einen goldenen Becher, dem Dominicaner gegeben, der gar so kläglich bettelte, zum Einschmelzen. Ungern sah's der heranreifende Sohn. Als er wehrfähig geworden, ruhte die Mutter nicht, bis er das Kreuz nahm. Der junge Ritter kommt nach Rom. Da hört er in einem Reb-Garten vor dem Thore, der dem Cardinal Castus von Albano gehört, Becherklang, Lautenspiel und kicherndes Lachen übermüthiger Weiber. Neugierig guckt der junge Herr über die Steinwand. Da sieht er den Cardinal in einer Rosenlaube sitzen, inmitten von drei Hübschinnen: eine hockt auf des Hochwürd'gen Schos und trinkt ihm zu aus goldenem Becher. Mit einem Satz war der Deutsche über der Mauer, riß der Kreischenden den Erbbecher seiner Ahnen aus der Hand, stieß ihn dem Pfaffen in das rothe Gesicht und sprach: »Ich bin der Kurt von Aufseß! Und ich zieh' hinweg mit diesem Becher. Aber nicht nach Jerusalem, sondern heim, nach Frankenland. Dort mag der heilige Vater mich und den Becher holen, wenn er will.« 

      

      »Ich halte mich an meinen Bischof,« sprach der Bauer ernsthaft.

      »Und ich mich an Herrn Walther,« rief der Böppele, »der hat ein Lied gemacht, das –«

      »Ja wohl,« fiel Hezilo ein, »ich hab's auf den heißen Straßen im Morgenland und in Wälschland gar oft von den deutschen Rittern und Reisigen singen hören. Von Joppe, wo ich die ersten, bis Mailand, wo ich die letzten Verse hörte.«

      »Wie lautet's wohl?« fragte das Trinele. »Ich höre gar gern Alles, was Herr Walther singt: – wenn ich's auch manchmal nicht verstehe, es klingt immer so fein.«

      »Wurde bald viel gesungen, und abgeschrieben von den guten Pfaffen, von denen, die zum Kaiser stehen, und heißt also.«

      Und der Böppele hob an:

      »Herr Herzog, nein! Nie werd' ich eigen!

       Was Fürstendienst und Hofesruhm! 

      

      Frei muß ich singen oder schweigen:

       Das Lied kennt nicht Vasallenthum.

      In meinem Herzen mahnt ein Klingen:

       Freund Walther, bleib' dir selber gleich:

      Laß andre Preis den Fürsten singen,

       Du sing den Kaiser und das Reich!«

      Und Hezilo fiel ein:

      »Spart, Cardinal, die fromme Rede:

       Die Treu' ist mir die frömm're Pflicht!

      Des Staufers Fehd' ist meine Fehde,

       Ich fürchte Papst und Hölle nicht.

      Wer zagt, daß er des Himmels fehle,

       Der beuge sich des Bannes Streich,

      Mir ist nicht bang um meine Seele,

       Steh' ich zum Kaiser und zum Reich.«

      »Das gefällt mir,« sagte der Alte bedächtig.

      »Das will ich hoffen,« rief der Schwabe. »Jedoch – die ganze Zeit überleg' ich's – ich meine alleweil' –, ich sollte, – ich denke, – ich könnte doch auch das Meinige thun, Herr Friedmuths Burg zu schützen. Er war zwar ziemlich unsanft gegen mich: er gab mir, da ich ihn zuletzt aufsuchte, gar raschen 

       Abschied. – Aber um Herrn Walthers, seines Freundes willen –«

      »Willst du vielleicht an unserer Seite fechten und wieder einen Heiden fangen?« lachte Hezilo. »Die bösen Vettern haben keine Mohren.«

      »Nein – aber ich will doch sehen, ob ich nicht, – doch still, ich muß mir's überlegen! Jetzt aber bin ich müde, sehr müde: – der Wein ist auch ausgetrunken: – so weise mir irgendwo eine Lagerstatt auf gutem Stroh, Hezilo! Ich geh' mit dir in deinen Außenhof hinüber. Heb' dich! Nimm Abschied von der Kleinen!« – Und er rückte das knie-kurze Wamms zurecht, schnallte den Gürtel, den er gelockert hatte, fester, und griff nach dem spitzen Filzhut mit der breiten Krämpe, den er auf den Boden geworfen hatte.

      »So gehen wir,« rief Hezilo aufspringend. »Zum ersten Mal seit Jahren schlaf ich wieder unter dem eignen Dach! – Gute Nacht, du viel Liebe! Gute Nacht, Vater.« – Und er umarmte die Braut, drückte dem Bauer die Hand und führte den Gast in seinen Hof. –

    

