

    
    Felix Dahn
    Die schlimmen Nonnen von Poitiers
    Historischer Roman aus der Völkerwanderung
    (a. 589 n. Chr.)
    
      Motto:
        – – ridentem dicere verum
        quid vetat?
                Horatius, Sat. I, 1, 24.
    
    
    
      Dem Andenken
        meines lieben Freundes und Landsmannes
        Karl Stieler.
    
  
  



    Erstes Kapitel
    Es war – nach urkundlicher Überlieferung – am Frühmorgen des ersten Märztages im Jahre fünfhundertneunundachtzig.
    Heftiger Wind warf Regen und Schnee, durcheinandergemischt, an die Holzläden, mit welchen, in Ermangelung von Glas, das Rundbogenfenster des Schlafzimmers im Bischofshause zu Tours geschlossen war. Die Ampel, die, von der Decke herabhängend, in schöner Bronze-Umschalung ruhend, die Nacht über gebrannt hatte, war dem Erlöschen nahe. Daran merkte der hochehrwürdige Herr Bischof von Tours, daß der Tag angebrochen sein mußte. Er wachte schon lange. Sowie der Schlummer von ihm gewichen war, hatte er, fromm und tiefgläubig, mit warmer Inbrunst sein Morgengebet gesprochen. Daran reihte er das Vaterunser. Als er an die schweren Worte kam: »Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern,« erhob er die Stimme lauter. Und nach dem Amen sagte er: »Ja, ich vergebe ihnen – allen. Unter den Verstorbenen dem argen, argen Grafen Leudast. (Ob der wohl im Fegefeuer vom Ränkeschmieden lassen kann?) Und unter den Lebenden der bösen Königin Fredigundis, Und sogar – ja, ich will ihm vergeben: es muß sein! – Ihm! Du weißt schon, heiliger Martinus, und du, lieber Gott, weißt es wohl auch, wen ich meine. Den Namen spreche ich nicht gern aus. Denn  der Name reizt mich und ärgert mich und erschwert mir das Vergeben.
    Es ist aber wohl keine Sünde, wenn ich bei dem: ›Erlöse uns von dem Übel‹ auch bete und wünsche, daß er von allen seinen Übeln erlöst werden möge: von seiner Hoffart nämlich und von seinem Dünkel, von seiner aufgeblasenen Überhebung, mit der er auf Amtsbrüder herabblickt, die ... – ich behaupte ja nicht, daß mein Latein so zierlich sei wie das seinige: aber macht denn das allein den Bischof, den Priester aus? Mag er ein besserer Grammatiker sein, ich bin ein besserer Christ. Wer weiß, ob er heute in aller Frühe schon für mich gebetet hat, so liebevoll wie ich für ihn! –
    Was ist denn heute alles zu thun? – Nach der Messe kommt Dodo, mein Ökonom, mit den Rechnungen des abgelaufenen Monats. Und dann die Antwort auf des Herrn Königs Brief! Das will erwogen sein! Und dann – ei, was ist das für ein Lärm im Hofe? Welch Geschnatter! Wie eine Herde Gänse! Sollten die aus dem Verschlag entwischt sein? Heiliger Martinus, fang dein Geflügel wieder ein!«
    Da ward die Thüre des Schlafgemaches heftig aufgestoßen: – der Bischof durfte nicht bei geschlossenen Thüren die Nacht verbringen und zwei Priester mußten, wenn nicht in seinem Schlafgemach, wenigstens in dem Vorzimmer schlafen: – herein stürmte Dodo, der Ökonom, das heißt der Vorsteher und Verwalter des bischöflichen Hausvermögens, mit ganz verstörten Mienen und rief: »Herr Bischof! Helft! hochwürdiger Herr Bischof! Der Teufel ist los! Der Teufel hat sie losgelassen! Der Teufel hat sie zu uns hergeführt. Sie stehen im Hofe! Ich weiß mir nicht zu helfen.«
    Bischof Gregor, so rundlich und so behäbig-langsam  er sonst war in Gedanken und Bewegung, fuhr ganz geschwind aus den Decken, schlug, entsetzt über die wiederholte Erwähnung des Erzfeindes, ein Kreuz, stand, nur vom langen Nachthemd bedeckt, vor seinem Diakon und rief: »Wer ist los? Wer steht im Hofe? Wirklich – Er?« – er ward ganz rot im Gesicht, als er zögernd beifügte – »Bischof Felix von Nantes?« – »Ach, was viel ärgeres!« »Das giebt es nicht,« sagte Gregor überzeugt. »Doch! Schaut nur selbst!« – Er zog den Riegel am Fenster zur Seite und stieß den Laden hinaus.
    Gregor trat an die Öffnung, steckte den Kopf ein wenig vor, fuhr aber gleich, wie vom Blitz getroffen, zurück: »Barmherziger Heiland!« rief er. »Was ist das? Weiber? Lauter junge Weiber! Eine ganze Herde! Hilf, Sankte Martine.« Aber so flüchtig er sich gezeigt hatte an dem Fenster, er mußte erkannt worden sein: denn sofort rief vom Hofe aus eine helle Frauenstimme: »Guten Morgen, lieber Oheim! Wie hast du geschlafen?« Und eine noch lieblichere fügte bei: »Ei, der Herr Pate! Gleich, gleich! Wir kommen schon.« – »Gerechter Gott! Sie sind es im stande! Dodo, schließe die Thüre zu!« – »Aber Ihr wißt ja, sie ist nicht verschließbar.« – »Da hör' ich sie schon auf dem Gang! Dodo! Wirf dich ihnen entgegen.« Aber zu spät: – schon standen auf der Schwelle zwei sehr schöne, ganz auffallend schöne junge Mädchen.
    Mit gewaltigem Satze sprang der Rundliche auf sein Lager und zog sich die Decke bis unter das Kinn.
    »Aber Mädchen! Unglückskinder!« rief der Bischof. »Wo kommt ihr her?« »Geradeswegs von Poitiers,« antwortete die Größere der beiden. »Ist das Kloster der heiligen Radegundis abgebrannt?« »Nein! Aber wir sind durchgebrannt!« erwiderte die Kleinere lustig. »Ist  der Feind im Kloster, Chrodieldis?« – »Nur der böse Feind!« – »Um Gott! Wen meinst du?« »Die Frau Äbtissin,« riefen beide zugleich. »Sie reden irre, Dodo,« rief Herr Gregorius und fuhr sich durch die spärlichen grauen Haare. »Und allein? – Sprich du, Basina! Du warst immer artiger.« – »O nein, wir haben noch neununddreißig mitgenommen!« »Ich dachte, es sind viel mehr,« sprach Dodo zum Fenster hinausblickend, »solchen Lärm vollführen sie.«
    »Und in weltlicher Tracht,« klagte Gregor. »O Chrodieldis!« »Leider nur von außen,« lachte die Größere und schlug den braunen Mantel auseinander, »damit man uns nicht so leicht kennt und aufgreift. Unten trag ich es noch, das verhaßte weiß und graue Nonnenkleid ... –« »Das Pfeffer- und Salzgewand,« fügte die Jüngere bei, »Aber nicht mehr lang, beim Schwerte Chlodovechs, meines Ahnherrn.«
    Einstweilen hatte sich der Bischof soweit besonnen, daß er begriff, was geschehen war. Das war ein Fortschritt, Das Geschehene war unerhört, war entsetzlich. Aber es war ein Fortschritt, es zu verstehen. Er richtete sich ein wenig auf, stützte sich auf den linken Ellbogen und sprach: »Vor allem hebet euch hinweg aus meinem Schlafgemach, damit ich aufstehen kann. Dann werd' ich über euch richten. Dodo, – du sperrst sie ein.«
    »Nein, Oheim,« sprach Chrodieldis ruhig, »das geschieht nicht.« »Da hätten wir zu Poitiers bleiben können,« lachte Basina, »Eingesperrt waren wir lang genug.« – »Gieb uns lieber was zu essen, Dodo.« »Ja, guter Dodo, lieber Dodo, Herzens-Dodo,« schmeichelte die Jüngere, aus braunen Schelmenaugen zu ihm aufblickend, »Wir sind so hungrig!« Jede hing sich an einen Arm des Alten und lachend zogen sie ihn gegen die Thüre hin.  »Hungrig seid ihr? Arme Kinder! Das soll nicht sein im Hause des heiligen Martinus. Kommt nur mit mir.« »Aber die anderen auch,« bat Basina. »In Gottes Namen.« »Dodo, werd' nicht schwach!« mahnte der Bischof, aus dem Bette warnend. »Laß sie doch hungern, die Ausreißerinnen.« »Was?« rief Chrodieldis, drehte sich blitzschnell um, daß die Mantelkapuze herabfiel und ihre prachtvollen schwarzen Haare in breitem Strom herabrieselten: stolz und zornig leuchteten ihre dunkeln Augen. »Was?« wiederholte sie, »Königinnen sind wir.« »Oder doch Fürstinnen,« sprach Basina. »Nein, Königinnen: Reginae! So dürfen wir uns nennen: das ist unser Recht. Und als Königinnen wollen wir behandelt sein. Das merkt Euch nur gleich für diesen ganzen Handel und ... –« – »Und ins Kloster gehen wir nie mehr zurück!« – »Und wollt Ihr uns nicht zu unserm Recht verhelfen ... –« »So gehen wir zu unsern Vettern, den Königen ... –« – »Ich gehe zu dem alten König, zu Oheim Guntchramn nach Orléans.« – »Und ich zu dem jungen! Zu Vetter Childibert! Da soll es noch viel lustiger sein, am Hof zu Metz.« »Und find' ich kein Recht in diesem Reich der Franken,« fuhr Chrodieldis fort, »darin mein Oheim und mein Vetter Könige sind, so schüttle ich den gallischen Staub von meinen Schuhen und geh hinüber nach Britannien, wo meine Schwester Aldeberga unter Krone geht zu Kent, des tapfern Königs Üthelbert Königin: dort find ich Zuflucht, Schutz und – Rache.« »Lebte nur mein Vater noch, König Chilperich,« rief Basina. »Ich war sein Liebling! Ich wollte auf seinem Schose sitzen und seine Wange streicheln so lange, bis er das verrottete Klosternest säuberte.« Angstvoll sah Gregor auf die beiden: dann rief er: »Wißt ihr, was ihr seid? Besessen seid ihr.« 
    »Nein!« zürnte Chrodieldis, »Königinnen sind wir.«
    »Aber sehr hungrige,« lachte Basina, Und damit zog sie Dodo über die Schwelle hinaus.
  



    Zweites Kapitel
    Das sollte ein schlimmer Tag werden für den guten Bischof Gregorius und noch gar vieler schlimmer Tage Beginn!
    Nachdem er die heilige Messe gelesen, ging er in das kleinere Refektorium, das Speisegemach des Bischofhauses, das unmittelbar an die Basilika des heiligen Martinus angebaut war. Er fand hier Dodo und die beiden Rädelsführerinnen; dieselben lagen, lang ausgestreckt, auf den Holzbänken, die der Bischof – ganz gegen die Regel – mit weichen Decken belegt fand; sorgfältig hatte der freundliche Alte warme Teppiche auch über ihre Füße gespreitet; vor jeder der beiden Bänke stand auf niedrigem Tischlein ein Becher, aus welchem würziger Duft aufstieg.
    Große Augen machte Gregor als er eintrat; er witterte gegen die Becher hin, »Was ist das für ein Getränk?« fragte er neugierig, »Warmer Würzwein, lieber Pate,« rief Basina. – »Verstehst du, Dodo, diesen zu bereiten? Ich wußte das nicht,« – »Nein, o Herr. Aber die Kleine da, die Braunäugige! Sie froren alle so sehr, die armen Mägdelein, wie Schwalben oder andere feine Zugvögelein, die zu früh zurückgekommen sind. Denkt doch nur! Von Poitiers bis Tours, – von Sankta Radegundis bis zu Sankt Martinus! – sind die armen Kinder, ohne Rast zu machen, gelaufen, Tag und Nacht, auf der von Schnee  und Schmutz hoch bedeckten Heerstraße, bei diesem Unwetter von Wind und Wasser. Kein Mensch hat sie auf Wagen oder Pferd genommen. Kein Mensch hat ihnen einen Bissen Brot gereicht, weil ... –« »Weil wir nicht betteln,« sagte Chrodieldis stolz.
    »Weil mit davongelaufenen Nönnlein kein Mensch was zu thun haben will,« lachte Basina. »Und weil wir nicht lassen von einander,« fuhr Chrodieldis fort und ihre schwarzen Augen blitzten. »Wir hätten wohl hin und wieder einen Karren oder ein Pferd haben können für die eine oder andere; aber nicht für einundvierzig. Und wir stehen alle für eine und jede für alle. Wir haben's geeidet. Und ...« – »Und ein Mädchen – ein Wort!« schloß Basina.
    »Aber ganz schwach und elend,« klagte Dodo, »waren die armen Dingerlein geworden.« »Wo sind sie denn, – die andern?« fragte Gregor, sich scheu umsehend. »Ich habe sie einstweilen alle untergebracht in dem alten großen Oratorium, das leer steht: da hab' ich ihnen Feuer anschüren lassen auf den Steinquadern. Sie liegen und sitzen jämmerlich umher auf den Kirchenbänken, Ich habe schon den Bruder Zacharias, den Klosterarzt, kommen lassen; denn gar manche ist krank oder doch unbaß. Und wunde Füßlein haben gar die meisten. Nun, ich gab ihnen ein gutes warmes Frühstück: Eier und Süpplein und dann süßes Geschleck: – wie leckten so eifrig danach die zierlichen Zünglein, wie von jungen Kätzlein, ganz rosenfarben! Und dann brachte ich Wein. Aber die Kleine da, die Braunäugige, Braunhaarige, – schau nur die lockigen Haare ... –« »Ja,« sagte diese, mit den Fingern durch die Locken fahrend »jetzt – da sie trocken sind, – kräuseln sie sich gleich wieder: sind liebe, gute Seelchen, meine Haare.« – »Die nahm mir den Krug gleich  aus der Hand, lief in die Küche – die hatte sie mit dem Näslein längst erraten! – und vertrieb den dicken Koch vom Herd: sie schickte ihn in die Würzkammer (– denkt nur, den brummigen, der keinen von uns in seine Küche treten läßt! ganz gutwillig diente er ihr, der Kleinen –) mit vielerlei Aufträgen und da er ihr alles Verlangte gebracht, Honig und allerlei Gewürz, da kochte sie den Wein damit auf, alles so geschickt und nett und rasch und säuberlich, daß der Koch sagte ... –« Er stockte. »Ich tauge,« fuhr Basina eifrig fort, »viel besser zur Hausfrau als zur Nonne. – Er hat recht, glaub' ich,« seufzte sie. »Mein Koch und mein Ökonom sind behext, fürcht' ich,« sprach Gregor staunend. »So viele Worte hintereinander hab' ich von Dodo nie gehört. Bei der Litanei leidest du an schwerer Sprache. Übrigens: – riechen thut das Zeug nicht schlecht ...–« – »O kost' es, Pate!« Schon war die Kleine aufgesprungen und hielt ihm den duftenden Becher vor die Nase. »Die liebe Mutter lehrte mich's zu mischen.«
    »Audovera,« sprach Gregor bewegt, »die arme, gute, Frühverstorbene! Nun, ihr zum Gedächtnis! Der Freundin meiner jungen Tage! Näher stand sie mir als Chrodieldens Mutter, meine leibliche Base Ingoberga; denn die war gerade so wildtrotzig wie du, Chrodieldis. – Ah, das mundet besser als des Kochs Gebräu. Danke dir, liebes Kind!«
    Er wollte ihr über das krause Köpflein streichen: – aber sie stak schon wieder unter den Decken: sie hatte im Eifer vergessen, daß sie barfuß und nur vom Unterkleide bedeckt war. Gregor hatte das gar nicht gesehen. Er setzte sich nun zwischen beide Bänke auf einen Faltstuhl: den Becher hatte er in der Hand behalten. »Das that wohl; ich war erschöpft: ich faste natürlich bis nach der  Messe. – Du hast doch keine von den Ausreißerinnen, Dodo, zugelassen zu dem heiligen Sakrament? Wer weiß, ob sie nicht – thatsächlich – schon exkommuniziert sind.« »Es hat keine danach verlangt,« warf Chrodieldis ein. »Wir brauchten dringender Speise als Gebet,« meinte Basina. »Ausgenommen eine: – sie weinte, da ich sie zurückwies.« – »Wer war das?« – »Constantina.«
    »Wie? Welche? Doch nicht die Tochter des Herzogs Burgolen?« – »Jawohl.« – »Was? Die ist auch dabei! Das sanfte, brave, liebe Kind!« »Sind wir das nicht?« fragte Basina. – »Die ist verführt. Verführt – von jener Chrodieldis da.« »Ich hab' sie nicht gezwungen, mitzugehen,« erwiderte diese achselzuckend. »O Dodo: – da muß es doch nicht ganz ohne Grund sein, dieses Davonlaufen,« flüsterte Gregor seinem Vertrauten in das Ohr. Aber Chrodieldis hatte feine Ohren: »Ohne Grund? Gerechter Gott! Die Äbtissin Leubovera – ist das kein Grund?« »Davonzulaufen?« ergänzte Basina. »Ehe das Verhör beginnt, – das Gericht!« sagte Gregor, sich räuspernd, mit möglichst strengem Ton: er trank den Becher leer und gab ihn Dodo, der ihn geräuschlos wieder füllte aus einem großen Krug. »Eine Frage noch. Wie ist es möglich – daß ihr, – vierzig Stück! – daß eure Flucht nicht entdeckt ward, daß man euch nicht verfolgte, einholte?« »Man hat uns verfolgt, man hat uns eingeholt,« rief Chrodieldis laut. – »Nun: aber? –« »Ich schlug die Angreifer sieghaft zurück! Einer blieb liegen: – der greift nach keiner Königstochter mehr.«
    »Heiliger Martinus!« schrie Gregor auffahrend von seinem Stuhl und auch Dodo erschrak. »Totschlag, Homicidium! Friedbruch, Blut ... –« »Ja, Blut der Merowingen rinnt auch in meinen Adern,« rief Chrodieldis, das schwarze Haar in den Nacken werfend. »Vier  berittene Knechte holten uns ein und wollten uns greifen. Den ersten, der die Hand nach mir ausstreckte, rannte ich vom Gaul mit dem Speer.« – »Einen Speer! Wo hast du die Mordwaffe herbekommen?« – »Ich nahm ihn mit aus der Halle – auf alle Fälle. Es ist der Eberspeer des Jägermeisters: er lehrte mich immer gern die Waffen führen.« – »Eine Nonne!« – »Ich bin noch keine! Und werde nie nicht keine werden.« »Wo ist der Speer?« rief Gregor ängstlich und setzte sich vor Schreck nieder. »In der Waschküche,« antwortete Basina. »Nahe dem Feuer, von Wand zu Wand gespreizt: unsere beiden Mäntel hängen daran zum Trocknen. Sieh doch mal nach, guter Dodo! Sie müssen bald trocken sein. Wir möchten doch in Ehrbarkeit aufstehen können.« »Und vergiß nicht, frische Sandalen mitzubringen,« rief ihm Chrodieldis nach. »Die unsrigen sind wie Siebe.« »Und einen Metallspiegel, Herzensdodolein!« bat Basina, »meine Locken sind ganz unverständig kraus und wild.« »Du hast den Mann schwer getroffen?« fragte Gregor. »Ei bewahre,« tröstete Basina. »Der humpelte gar hurtig davon. Aber zwei andere! Tüchtige Kopfschmerzen müssen sie haben. Die Feldsteine waren groß. Und ich hätte der viel fastenden Castula gar nicht so kräftigen Schwung des Armes zugetraut.« »Was?« forschte Gregor ganz verblüfft. »Castula? Die fromme Klausnerin ist auch dabei?« – »Gewiß! Die und Chrodieldis haben ja das Ganze gemacht.« »Ich habe keine Freude,« sagte diese, die Lippen aufwerfend, »an solcher Zusammenstellung. Sie ist eines Handwerkers Tochter.« – »Nun, immerhin war es gut, daß sie neben dir stand, als die Reiter ansprengten; sie warf ihnen zwei Steine an die Schädel, daß zwei die Sättel räumten.« »Der vierte aber,« fuhr Chrodieldis fort, »wollte nicht ablassen von uns: sein Roß rannte die  Klausnerin in den Graben, schon streckte er den Arm nach mir aus. Da schlug ich die Kapuze zurück und rief ihn an: »Wag' es, elender Knecht, König Chariberts Tochter anzurühren! Glied für Glied lassen dir abhacken meine Gesippen, die Könige.« »Und so stolz und grimmig sah die Base aus,« fiel Basina ein, »daß der Mann den Gaul herumriß und davonjagte querfeldein.« Gregor schüttelte den Kopf, »So was war doch früher nicht!« sagte er langsam. »Die Welt wird alt und arg. Was mag solches Geschehnis bedeuten? Denn merket: die Heiligen verkünden in allem, was geschieht, warnend, strafend, lohnend ihren Willen. Ist nur meist schwer zu erraten, was ein Ding bedeutet.« »Jawohl! Was bedeutet zum Beispiel diese deine Rede?« fragte Basina, das etwas zu kurze Näschen emporreckend. Aber Gregor fuhr fort: »Jetzt soll ich also über euch richten. Über einundvierzig Mädchen.« Er wischte sich die Stirn. »Dodo: – das wird eine harte Arbeit. Womit fang ich nur an?«
    Der kleine Ökonom, dessen Bäuchlein bewies, daß er selbst nicht zu kurz kam bei seiner Hausverwaltung, hatte einstweilen die Oberkleider, die Mäntel, die Sandalenschuhe mitgebracht und auch den gewünschten kleinen runden Metallspiegel nicht vergessen. Rasch bekleideten und beschuhten sich die Mädchen; Basina holte aus dem Gürteltäschlein ein zierliches Kämmlein von Silber hervor und suchte vor dem Spiegel ihr lustig widerstrebend Haar zu bändigen.
    »Herr,« antwortete der Gefragte, »es ist gar nicht so schlimm. – Ich habe mich schon ganz gut darein gefunden. Und war doch zuerst sehr, sehr erschrocken! Der Pförtner hört den Klopfhammer ganz leise pochen, wie sonst nur Bettler klopfen ... –« »Das hatte ich geraten,« kicherte Basina vergnügt. »Chrodieldis wollte mit  ihrem Speer an die Notglocke schlagen, die neben der Pforte in dem Türmchen hängt. Beileibe! warnte ich. Sehen sie uns, lassen sie uns am Ende gar nicht ein. Ist doch ein Mönchskloster dicht daneben! So pochte ich gar demütig an.« »Der Pförtner, noch halb im Schlaf,« fuhr Dodo fort, »schiebt den Riegel zurück und will die frühen Ruhestörer schelten: – da war er schon hinweggespült, hinweggeschwemmt, hinweggetragen weit vom Eingang von einer ganzen Flut von jungen Geschöpfen; und fliehend, mit Angstgeschrei, weckte er mich.« »Und da sind wir nun,« sprach Chrodieldis, die hohe schlanke Gestalt voll aufrichtend, sie hatte ihren Anzug vollendet – »und fordern unser Recht.« »Und kleinere Schuhe, liebster Dodo,« sprach Basina, das Füßlein diesem hinstreckend: »du siehst –: einer von diesen würde für vier meiner Füße ausreichen.« »Euer Recht?« wiederholte Gregor. »Ja, ihr seid ja die Schuldigen!« »Mitnichten!« riefen beide Mädchen. »Leubovera und Leuba sind's.«
    »Das golddurchwirkte Kleid,« sprach Basina sehr zornig, »war hundert Solidi wert.« »Und Ball gespielt hat die Äbtissin auch,« rief Chrodieldis. »Und die Kopfbinde mit den Goldplättlein, die für die heilige Genoveva bestimmt war, ihrer Nichte aufzusetzen!« – »Und der unleidliche Kalkgeruch in den Bädern.« – »Und einen sündhaften Mummenschanz hat sie abgehalten im Klostergarten.« – »Und uns hat sie dabei ausgeschlossen!« – »Ja! bei dem zweiten!« – »Natürlich! Waren wir wieder dabei, war Leuba, ihre Nichte, wieder nicht mehr die Schönste.« – »Wie das erste Mal.« – »Und wochenlang – auch wann kein Fastentag ihren Geiz beschönigte – keinen Bissen Fleisch!« – »Im Juni noch gelbe Erbsen!« – »Weil sie kein Fleisch verträgt, sollte es uns ungesund sein!« – »Aber das Stärkste ist doch das mit dem Goldgewand.« –  »Und mit der Stirnbinde!« – »Nein, das Ärgste war: um Leubas Putzsucht willen, die arme kranke Julia und Constantina, die gewiß kein Unrecht thut, so schwer zu strafen!« – »Mit dem Stachelgürtel!« – »Und weil wir sagen, daß das sündhaft und blinde Gunst für Leuba sei, uns, die Königstöchter, auf drei Wochen bei Wasser und Brot in die Zellen sperren!« – »Und uns, als ob wir Mägde wären, eigenhändig den Speisesaal reinigen lassen wollen!« – »Zur Beugung unserer Hoffart!« – »Zur Beförderung unserer Demut!« »Aber ich habe ihr meine Demut gewiesen,« lachte Chrodieldis auf. »Wohl nahm ich endlich den aufgedrängten Kehrbesen: – aber kreischend flohen sie beide, Leuba und Leubovera, als ich ihn gegen ihre Köpfe schwang.« Hell auf lachten beide Mädchen.
    »Das im vollen Ernst Allerschlimmste aber,« sprach Chrodieldis ernst, »das sag' ich nur den Königen, meinen Gesippen, oder dem versammelten Gericht der Bischöfe. Die Zunge sträubt sich, es zweimal auszusprechen.«
    Gregor stand seufzend auf. »So geht es nicht! So geht es, glaub' ich, nicht mit dem Verhör. Es sollte alles der Reihe nach ... –! Aber womit fang' ich an?« »Wenn wir sie einmal zählten?« meinte Dodo. »Wir sind jetzt gewissermaßen für sie verantwortlich. Denkt, wenn uns die eine oder andere auskäme? Ins Kloster liefe sie wohl nicht zurück! – Laßt einmal alle hereinkommen ... –« – »Nein! Nein! Nicht noch mehr! Ich habe ganz genug an diesen beiden.« – »Ei, es sind auch unter den andern einige blitzsaubere.« – »Aber Dodo!«
    »Keine Gefahr, Herr Bischof. Bin bald sechzig. Allein wenn man sich einmal an das Gewusele und das Gezapple gewöhnt hat: – sie sind wie vierzig Grundeln in engem Wasserkessel! – es ist ganz hübsch.« »Ja, zählen oder  – zeichnen müßte man sie allerdings,« nickte Gregor, »daß sie, wenn entsprungen oder gestohlen, nicht so leicht unterschlagen, verwechselt oder abgeleugnet werden können.« »Mit roter Kreide, wie die Klosterschafe,« lachte Basina. »Euer Ökonom hat recht, Herr Oheim,« sagte Chrodieldis streng. »Es ist notwendig, unsere Zahl, unsere Namen festzustellen: – nicht aus jenen Gründen! Sondern damit wir alle, alle die Anklageschrift gegen die Äbtissin unterschreiben und insgesamt die Erklärung, daß wir uns nicht zufrieden geben und beruhigen, bis diese Äbtissin abgesetzt ist ... –« »Wehe, wehe, das ist offene Rebellion!« seufzte Gregor.
    »Oder doch eingesteht,« fügte Basina bei, »daß sie bezüglich ihrer Nichte Leuba in schwerem Irrtum und gegen uns im Unrecht war.« »Diese Anklageschrift und Erklärung werde ich jetzt aufsetzen,« schloß Chrodieldis. »Hilf mir, Kleine! Ich gehe besser mit dem Jagdspeer um, als mit dem Schreibrohr. Ich diktiere, du schreibst.« »Wie Jungfrau Königin befiehlt,« spottete Basina. »Vergiß nur nicht, daß ich auch Königin bin.« – »Und unsere Mitanklägerinnen werden alle die Urkunde unterschreiben. Dann habt ihr auch gleich unsere Namen alle beisammen.« – »Und jede von uns erhebt drohend Hand und Stimme bei dir.« – »Und bei dem Bischof von Poitiers!« – »Und bei dem Oberbischof zu Bordeaux!« – »Und bei den Königen, unseren Gesippen!« – »Und, muß es sein, bei dem heiligen Vater in Rom!« – »Und bei dem ganzen Volk und Heer der tapferen Franken!« – »Wir wollen doch sehen, wenn Bischöfe und Könige, wenn die Alten uns im Stiche lassen, – ob es in diesem Reiche keine jungen Helden mehr giebt, welche sich armer, verlassener, hübscher, junger Mädchen annehmen!«
    Gregor schlug die Hände über dem Kopf zusammen;  auch Dodo erschrak. »Welch weltliche Gedanken!« stotterte der Bischof.
    »Ja, das wollen wir doch sehen!« schloß Chrodieldis und rauschte majestätisch hinaus; Basina hüpfte ihr nach.
    »Dodo,« sagte Gregor, ihnen nachblickend. »Das war kein Verhör. Nicht einmal ein Anfang dazu.« – »Nein! Aber die Namen wenigstens stellen wir fest auf diese Weise. Und erfahren, hübsch hintereinander fort, was denn geschehen ist in dem Kloster. Wer weiß, ob die Mädchen nicht im Rechte sind. Frau Leubovera ist ein wenig ... –«
    »Beschränkt, willst du sagen? Das ist nicht ganz zutreffend. Der Eine Gedanke, den sie überhaupt nur hat: – nämlich das unsinnig viele Geld ihrer Nichte dem Kloster zu sichern ... –« – »Ja, der ist an sich nicht dumm. Aber Ihr werdet zugeben, Herr Bischof, Ein Gedanke ist – für zweiundsechzig lange Jahre – wenig. Was nun die Leitung des Verfahrens betrifft ... –« »O das wird schwer,« klagte Gregor. »Zwar der Fall ist klar: der Stiftungsbrief der heiligen Radegundis bedroht solche Flucht mit Exkommunikation ... –« – »Herr, Herr, treibt die Mädchen nicht immer weiter! Baut ihnen eine Brücke zur Rückkehr.« »Wie wär' es,« meinte Gregor listig, »wenn ich mich für unzuständig erklärte? Des Königs Gericht anriefe?« – »Geht nicht! Ist ja doch ein kanonischer Fall. Geistlicher Gerichtsbarkeit darf nichts vergeben werden.« »Nein! Gewiß nicht, gewiß nicht!« rief Gregor erschrocken. »Aber ... –« »Herr,« riet Dodo, »ich wüßte schon einen, der Euch den rechten Rat erteilte. Er ist gar scharfen und feinen Geistes, auch in Rechtsgelahrtheit gut beschlagen. Zufällig erfuhr ich, daß er auf der Reise nach Orléans zu König Guntchramn ganz in der Nähe weilt: – im Kloster des heiligen Anianus  drüben über der Loire ... –« »Mensch,« fragte Gregor zornig und ward ganz rot im Gesicht – »wen wagst du zu meinen? Wen? –« – »Nun, den gescheitesten Bischof im ganzen Reich ... –« »So! So!« schrie Gregor außer sich. »Auch du, mein Dodo, bist also eine Viper – und eine recht dicke Viper bist du! – die ich an meinem Busen genährt? – Herrn Felix? Den Grammatikus? Den Stilkünstler von Nantes? Eh' ich den zu Rat und Hilfe bitte, – eher sollen mir schon alle einundvierzig Nonnen einundvierzig Eheweiber werden!« – »Herr Bischof, hütet Euch, daß Euch nicht der böse Feind beim Worte nimmt.«
  



    Drittes Kapitel
    In dem Palatium des vortrefflichen alten Königs Guntchramn zu Orléans drängten sich Gesandte fremder Fürsten, geistliche und weltliche Große, Prozeßparteien, Beschwerdeführer, Bittsteller aller Art.
    Das war draußen, in den Vorhallen. Die zunächst zu dem Gehör Zugelassenen wurden, einzeln oder paarweise, von den Wache haltenden Höflingen in das kleine Gemach geführt, das vor dem Schlafzimmer des Königs lag, Flavianus, der Domesticus, das heißt der Groß-Haus- und Hofmeister des Reiches von Orléans, nahm sie hier zunächst in Empfang.
    Der war von Geburt ein gallischer Romane: ein sehr geschäftserfahrener, gewandter, und auch durchaus wohlwollender Mann, der nur das Unglück hatte, von armen Eltern zu stammen und ehrlich zu sein. Er hatte sich durch Verdienst und Tüchtigkeit zu jenem hohen Amt  emporgearbeitet; aber da er unbestechlich war, hatte er nicht ein Vermögen erworben, wie es seine Stellung und noch mehr die kostspieligen Neigungen seines Herrn Sohnes, Macco, erheischten. Das machte ihm oft schwere, schwere Sorge.
    So auch an dem schönen Aprilmorgen, da wir ihn in dem Vorzimmer des Königs treffen, das kahle Haupt auf beide Hände gestützt, die Ellbogen gelehnt auf einen mit Schriften und Rechnungen bedeckten Marmortisch. »Es langt nicht! Es langt wieder einmal nicht!« seufzte er. »Dieser Junge braucht mehr für seine Jagdfalken, seine Eberhunde und seine Rosse als ich für mich, für seine Mutter und für seine fünf Schwestern. Eben hatte ich für zwei der braven Mädchen von dem gütigen König in dem Kloster der heiligen Radegundis zwei erledigte Stellen erbeten: – da bricht diese lächerliche Empörung aus, der »Nonnenkrieg von Poitiers«, wie der dumme Handel schon in ganz Gallien heißt. Wer kann seine Töchter in diesen Hexenkessel tauchen? Nun sind diese zwei auch wieder nicht versorgt. Und es langt nicht! Und ich finde keinen Rat!« »Dann ist keiner zu finden!« sagte eine angenehme Stimme und eine Hand legte sich leicht auf des Niedergebeugten Schulter. »Verzeiht, Herr Domesticus! Ich ward hereingeführt: ich rief Euch wiederholt an: – Ihr hörtet nicht. Nicht länger durfte ich Euer Selbstgespräch belauschen.« »Ihr seid von feinsten Sitten, hochwürdiger Herr Bischof,« sprach der Domesticus aufstehend. »Vergebt,« und er reichte dem andern die Hand; der trug die bischöfliche Tracht, sehr geschmackvoll, aber durchaus nicht überladen, mit Gold gestickt. Es war eine schlanke, zartgliederige Gestalt von kleinen, leichten, leisen Bewegungen; ein wohlgebildetes ovales Antlitz von klugem, gereiftem, geistüberlegenem Ausdruck: die kleinen, grauen Augen blickten scharf, aber nie bösartig: dieser feine Mund liebte den  zierlichen Witz und das Lächeln. »Ich hörte Euch seufzen. Vermutlich der alte, Eures hohen Wesens unwürdige Verdruß?« – »Gewiß! Mein Sohn verschwendet maßlos.« – »Das ist ein zu unbarmherziger Ausdruck. Freilich: ich kann leicht barmherzig sein, ich zahle seine Schulden nicht. Aber ich kenne seine Gewohnheiten. Ich lade ihn gern zu mir, den fröhlichen Schalk. Ich habe gern die Jugend um mich.« – »Drum bleibt Ihr selber jung.« »Ich weiß die Zeit noch recht wohl,« lächelte der Bischof, »da ich erheblich jünger war. Herr Macco braucht viel, nicht allzuviel. Ihr allein seid schuld.« »Das wäre!« sagte ärgerlich der Vater. »Ich spare an mir selbst, damit ... –« – »Nicht so. Ihr habt jetzt nur zu zahlen für Euren – Ehrgeiz. Warum ruhtet Ihr nicht, bis Ihr der erste Mann waret in diesem Reich? Der Sohn des burgundischen Domesticus kann nicht sparen.«
    Angenehm berührt sprach Flavianus: »Ja, ja, er soll ja nicht geizen der Junge.« – »Und er ist sonst so tüchtig, so brauchbar, so waffenfreudig. – Ich möchte Euch, ihm und dem Staat einen Gefallen erweisen. Der Graf von Poitiers ist plötzlich gestorben. Ihr wißt, der Bischof der Stadt hat – thatsächlich – eine Art Vorschlagsrecht. Ich habe Bischof Marovech, meinen Freund, bewogen, beim König Euren Sohn sich als Grafen zu erbitten.«
    »Dank, tausend Dank, Herr Bischof. Ja, so handelt ein Freund. Aber,« fuhr der Staatsmann sogleich fort, »was kann ich ... –?« – »Ihr meint: als Gegenleistung geben? Ich sehe, ich atme die Luft des Hofes. Hier ist kaum der Tod umsonst! – Nun, ich will nicht heucheln. Ich hatte wohl eine kleine Bitte.« »Alles, was Ihr wollt! – Denn,« fügte der Politiker, sich rasch verbessernd, bei: »Ihr verlangt von mir nichts Unmögliches.  – Namentlich kein Geld ... –« schloß er ganz zaghaft.
    »Im Gegenteil. Ich möchte Euch Geld anbieten: – natürlich nicht geschenkt: denn Ihr seid mein Vorgesetzter! Und auch nicht geliehen: – denn ich möchte, daß wir Freunde bleiben. Aber abkaufen möchte ich Euch etwas. Mein Freund Venantius Fortunatus –« – »Ah, der große Dichter!« »Nun, nun, die Verslein könnten manchmal sauberer sein,« meinte der Feinschmecker, mit den Fingern leicht skandierend. »Ebendeshalb möchte ich eine Handschrift des Ovidius für ihn erwerben. Es ist nur Selbstsucht,« lächelte der feine Mund. »Ich habe so empfindliche Ohren. Und er liest mir, unerbittlich, alle seine Verse vor –: vielleicht schult er sich an dem unvergleichlichen Naso.« – »Ja, aber wer hat einen Ovidius!« – »Ihr, o Herr Domesticus!« – »Ich? Nicht daß ich wüßte! – Wo?« »In Eurer Speisekammer,« schmunzelte der andere. »Eure fleißigen, vortrefflich wirtlichen Töchter haben ihn zerschnitten und die Töpfe voll eingemachter Früchte damit zugebunden. Mein Schreiber, der schon früher einmal eine halbe Dekade des Livius aus Eurem Hühnerstall hervorgezogen – er wittert alles aus, dieser gescheite, fürwitzige und freche kleine Wascone! – fing nur deshalb eine – Freundschaft an mit Eurer dicken Kameraria. Sie ließ ihn von gar mancher ihrer Süßigkeiten naschen: aber ihm war es mehr um die Küche als um die Köchin darin und mehr um die Deckel der Töpfe als um die Pfirsiche darin zu thun! – Man kann noch alles zusammenkleben, es ist fast der ganze Ovid. Manchmal fehlen freilich die Hexameterausgänge: – aber das ist gerade heilsam für Freund Fortunatus. Er mag sich üben, sie zu ergänzen: just den fünften Fuß behandelt er nachlässig;« er lachte und rieb die kleinen Hände, – »Mit  Freuden schenk' ich sie ...« – »Nicht doch! Toccho, der Librarius des Hofes, soll den Wert der Handschrift schätzen. Ich zahle ihn bar! – Und außerdem den Wert der Pfirsiche, die deshalb – vielleicht! – verderben.« – »Und das ist – wirklich – alles, was Ihr von mir zu erlangen wünscht?« Der Prälat hob verweisend den Finger: »Ei, ei! So ein Staatsmann glaubt nicht an Uneigennützigkeit von anderen, nicht einmal von Bischöfen. – Gut denn, ich habe noch eine Bitte.« »Dacht' ich's doch,« brummte Flavianus. – »Verwendet Euch beim König für einen wackern Amtsbruder von mir, der ein wenig in den Schatten der Ungnade gesunken ist.« – »Für wen?« – »Für Gregorius, den braven Herrn zu Tours.«
    Hoch erstaunt fuhr Flavianus auf: »Wie? Ihr –: Herr Felix? Er hält Euch für seinen schlimmsten Feind!« »Sehr mit Unrecht,« sprach der Bischof von Nantes und ließ sich auf dem Ruhebett nieder, das neben dem Tische stand. »Seht, das kam so.« Und nun zog ein gutmütiges, behagliches Lächeln über die feinen Züge, das sie angenehm belebte, »Wir waren Schulkameraden, schon in der Klosterschule zu Arverna, die der gelehrte Avitus leitete. Leider war ich immer der Erste. Und der gute, fleißige, pflichttreue Gregor, – der war, nun, sagen wir: nie der Erste. Er hat ganz hübsche Geistesgaben, aber – er ist ein wenig – langsam und schwerfällig. Die andern neckten und verspotteten ihn viel: ich leider auch! – Zumal wegen seines unglaublichen Latein.« »Ja, daß Gott erbarm!« seufzte der Domesticus. »Das ist es ja eben! Der Herr König Guntchramn, der kann zwar viele falsche Casus vertragen. Er selbst ist ja ... –« Felix lächelte: »als König oberhalb der Grammatik.« – »Aber mein gestrenger Amtsbruder, der Referendarius Marcus! Ein starker Lateiner ...–« – »Es ist das Einzige,  worin er stark ist.« – »Der ist ganz wütig auf den alten Herrn zu Tours. Er hat beim König sich beschwert über Gregors gewaltthätige Deklinationen. Er hat erklärt, er lege sein Amt nieder, wenn er noch mehr gregorianisches Latein lesen müsse. Es sei eine Schande für einen Bischof.« – »So? Seltsam! Wenn aber der Herr König Guntchramn – für Geld! Simonie nennt man das ... –« – »Still! Um Gott! Der König ist ja da drinnen.« Aber Felix fuhr mit noch lauterer Stimme fort: »für Geld irgend einen alten Schildspalter und Helmbrecher, einen krassen Laien, gegen die Kanones flugsweg zum Bischof macht, da fragt Herr Marcus nicht nach dessen Latein. – Natürlich! Die tapferen Herzoge und Grafen, die den Bischofstuhl als Faulbett, – wollte sagen: als – Ruhesitz suchen für das Ende ihrer sehr weltlich verbrachten Tage, die schreiben gar kein Latein, weder schlechtes noch gutes: aus triftigem Grund! – Nun will ich freilich gern zugeben, daß gar kein Latein immer noch viel, sehr viel besser ist als das meines armen Gregor. – Und aus seinem Latein rührt ja sein Wahn, ich sei sein Feind. Ich habe ihm allerdings einen Spitznamen aufgebracht, den er mir nie vergab. Wir waren schon junge Diakone. Da wettete ich mit den andern bösen geistlichen Buben von Arverna, Gregor werde in dem Niederschreiben des Glaubensbekenntnisses mehr als dreißig Fehler machen. Wir ließen den Nichtsahnenden es schreiben: – er machte vierundsechzig! Und ich nannte ihn den ›Wunderhirsch Sankt Martins‹, den ›Vierundsechzig-Ender‹. Das haftete an ihm. Und er hat mir nicht verziehen bis heute. Ich wollte neulich gern einen Hof seiner Kirche kaufen, der meine Güter im Gebiet von Tours gut abrunden würde. Da schrieb er mir ganz wutentbrannt: – anstatt einfach ›nein‹ zu sagen, falls er nicht wollte. Hier hab ich das Brieflein.  ›Wehe denen, die da ein Haus an das andere ziehen und einen Acker bringen zum andern, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das Land besitzen! Dich, o Felix von Nantes, oder vielmehr von Habsucht und Großsprecherei – (diese Wendung hat ihm offenbar sehr gefallen! er hat sie unterstrichen!) hat der Prophet Jesaias V, 8 mit diesen Worten gemeint. O – fährt Gregor fort – daß du doch Bischof von Marseille geworden wärst! Dann würden dir die großen Seeschiffe nicht Öl oder andere Waren bringen müssen, sondern immer nur Papier, Papier, Papier:‹ (du weißt Flavianus: der meiste Papyrus aus Ägyptenland wird nach Marseille eingeführt!), damit du noch mehr Raum hättest, durch deine spitze Feder brave Männer zu verunglimpfen. Aber so setzt der Mangel an Papier deiner bösen Zunge ein Ziel!« – Ich bitte, Herr Domesticus, als ob ich für meine Zunge des Papiers bedürfte! – Ganz falsches Bild! – Ich habe die Schnitzer in diesen fünfzehn Zeilen wieder gezählt: es sind sechsundzwanzig Fehler darin.« – »Ihr könnt aber auch das Zählen nicht lassen!«
    »Gregorius hat ein Latein von Blei, aber ein Herz von Gold. Wie hat er sein eigenes Vermögen hingegeben, um die blutige Fehde zu schlichten, die kürzlich im Bistum Tours ausbrach: aus eigenen Mitteln hat er das hohe Wergeld bezahlt. Ehre solchem Hirten der Seinen! Und wie unerschrocken hat er dem Tode getrotzt in dem Prozeß des Bischofs Prätextatus von Rouen, getrotzt der fürchterlichen Königin Fredigundis ... –« »Gott schütze uns vor ihr,« sprach, leicht erschaudernd, der Domesticus. »Schon pochten nachts ihre Mordboten an seine Pforte: – er gab nicht nach. Er blieb bei seinem Wort und seiner Pflicht. Einem solchen Mann und Christen muß man mehr als vierundsechzig Schnitzer im  Glaubensbekenntnis nachsehen. Ich bitt' Euch, sprecht zu seinen Gunsten.« – »Gern! Aber es wird schwer sein, – Freilich: daß er so gern an Mirakel glaubt, das empfiehlt ihn unserm königlichen Heiligen.«
    »Ja, ja,« lächelte der Bischof. »Fällt ein Böser, der nicht schwimmen kann, ins Wasser und ertrinkt, so ist's Gregor ein Strafwunder. Fällt ein Guter ins Wasser und schwimmt ans Land, so ist's ein Gnadenwunder. Bleibt ein schönes, braves, aber armes Mädchen sitzen, so ist's ein Strafwunder: – für eine freilich sehr verborgene Schuld! –« »Die Schuld ist, daß ihr Vater kein Geld hat,« seufzte Flavianus, – »Während es doch ein viel größeres Wunder wäre, wenn sie einen Mann bekäme, wie jetzt unsere jungen Herren sind.« Flavianus lachte. »Ei, Herr Bischof, glaubt Ihr nicht an Wunder?« Da sah ihm Herr Felix ernst in die Augen und sprach: »Die ganze Welt ist ein herrlich Wunder, das Gottes Weisheit preiset. Aber ich glaube nicht, daß der liebe Gott so viele Wunder thut, daß sich kein Mensch mehr darüber wundern kann. Ein Wunder aber ist, daß Ihr Domesticus geworden und doch arm geblieben seid. Übrigens! jetzt thut ja sogar der Leib des frommen Königs Guntchramn Wunder! Seltsam ist es schon! Der Ahn ist ein heidnischer Meerwicht: – und durch des Enkels Leib, durch seine Berührung thun unsere Heiligen die schönsten Wunder! Zum Beispiel: ist dem König Guntchramn im Schlaf schon lange kein Geist mehr aus dem offenen Mund gefahren, wie damals, in Gestalt des kleinen Tierleins? Nicht? – Nun, an jenes Wunder glaub' ich. Weil es ihm nämlich im Schlafe geschah.« – »Wie meint Ihr das?« – »Im Wachen hab' ich noch nichts von Geist aus seinem Munde gehen hören.« – »Ei, ei, Herr Felix! Ihr habt wirklich ... –« – »Eine böse Zunge? Nein! Ich mein'  es niemals böse. Aber ich sehe so leicht das Lächerliche an den Menschen und an den Dingen: – zumal jedoch auch an mir selbst! – und, hab' ich es gesehen, dann muß ich es sagen und kostet's den Hals.«
    »Es ist vererbt auf Euch, Herr Bischof. Stammt Ihr doch von jenem Apollinaris Sidonius ab, den man mit Recht den witzigsten Geist der Gallier genannt hat. Aber still: da kommt der König. So rasch? – So lebhaft? – Gegen seine Art! Was mag er haben?«
  



    Viertes Kapitel.
    Aus dem Seitengemach eilte, so geschwind die kurzen und dicken Beinchen ihn tragen wollten, der gute König Guntchramn in den Saal. Einen weiten Purpurmantel hatte er um die Schultern geschlagen; das Untergewand, das den Gürtel verloren oder heute noch nicht getragen hatte, hielt er über dem Bauch mit der Linken zusammen; in der Rechten trug er einen zerknitterten Brief. So wenig würdevoll die Haltung des alten Fürsten war, – immerhin lag auf den weichen Zügen, in den heiteren himmelblauen Augen soviel freundliche Herzensgüte, daß man dies Antlitz gern schaute. Und das schneeweiße Haar, das er, nach der Sitte der merowingischen Könige, in langen, langen Lockenringen auf die Schultern wallen ließ, gewährte eine bedeutsame Umrahmung des an sich nicht sehr bedeutenden Kopfes. »Oh, ah,« rief er beim Eintreten. »Uh, ah! Das ist arg, das ist arg, sag' ich. Das ist, – das ist des Teufels Unkraut unter den Lilien!«
    Staatsmann und Bischof verneigten sich ehrerbietig. 
    »Ah! Flavianus! Und Ihr, hochwürdiger Herr Bischof! Euren Segen! – Nachher! – Heilge Chrotehildis, was ist denn da unten so kalt? – Ach so! Ich vergaß – in der Eile! – Gleich, gleich bin ich wieder hier,« Und er humpelte in das Schlafgemach zurück.
    »Was ist ihm denn?« fragte der Bischof erstaunt.
    »Er hat,« lachte Flavianus, »nur Eine Sandale angebunden. In dem Schlafzimmer, auf den Teppichen, hat er es nicht gemerkt: aber hier auf dem kalten Stein-Estrich!« »Wie eine Krähe!« und der Prälat lachte, bis er vor Vergnügen über seinen eigenen Einfall die Augen zusammendrückte. – »Eine Krähe sah ich jüngst so hüpfen – in dem Schnee!«
    »Krähe im Schnee? Ja, ja« – der König stand schon wieder vor ihm; er hatte die andere Sandale angebunden und sich einstweilen den Goldreif, der die Krone ersetzte, auf das runde Haupt gesetzt; nun mühte er sich, den Gürtel um die Hüften zu befestigen. – »Ja, die Krähe! Das ist das jüngste Wunderzeichen. Hast auch schon davon gehört, Bischof. Ja, ja, die Zeichen mehren sich. Weißt noch nicht? Zu Bourges war's. Der Graf Doniko hat eine schöne Tochter – gehabt. So schöne rote Haare: – hast sie nicht gekannt? Schade! – In dem Hof vor ihrem Schlafzimmer sah man tagelang mit erstaunsamer Beharrlichkeit eine Krähe hüpfen in dem frisch gefallenen Schnee. Anfangs waren's lauter Krähentritte, Aber eines nachts hatte die Krähe Spuren hinterlassen – von was? Rate! Aber das rätst du nie! Wie von einem Manne: ganz täuschend ähnlich, sag' ich dir, Bischof. Habe sie selbst gesehen und ausgemessen. Am anderen Morgen – whit, whit!« – der König pfiff unheimlich, »Tochter war fort: Schlafzimmer leer! Die Krähe hat sie entführt. Natürlich: der Üble, der schwarze Wicht, der in  Krähengestalt im Hof umhergehoppt hatte. Du zweifelst? Ich sage dir aber: vor dem Hof war – du weißt: Er hat einen Pferdehuf! – deutlich eine Pferdespur: – sogar von vier Hufen! Grauenhaft, nicht? – Hast du schon gehört? Neulich ging wieder von mir eine große Wunderkraft aus. Ich sage mir's nicht zum Lobe! Gott behüte! Wundert mich sogar, daß die Heiligen sich meiner bedienen. Ging da in Prozession psallierend durch die Straßen von Marseille, wo die arge Pest wütete. Viele Dämonen waren in den letzten Tagen ausgefahren aus Besessenen bei meinem Anblick. War da eine arme Frau, deren Sohn litt am viertägigen Wechselfieber. Die Mutter schleicht mir nach, schneidet mir im Gedräng eine goldene Quaste vom Mantel, trägt sie nach Hause, kocht sie in Wasser, giebt ihm den Sud zu trinken und – der Mensch ist geheilt. Nun bitt' ich dich! Eine bloße Quaste von mir! Ich spürte nichts davon! Rein gar nichts! Und er – er war geheilt. Da ist die andere Quaste. Ich schenke sie dir: – ich widme sie auf den Altar deiner Basilika zu Nantes. Schneide ab, Flaviane! Ach so, es ist verboten mit Waffen mir zu nahen, seit ... – Elf Mörder hat Schwägerin Fredigundis schon gegen mich ausgesandt. He, Bischof, die Hartnäckigkeit von dem Weib? Aber ich fürchte mich nicht. Mich schützen die Heiligen.« »Und du verdienst es, Herr König,« sprach Felix, der jetzt zu Worte kam, weil der König nicht mehr Atem fand, »Denn du bist gut. – Allein was hat dich vorhin so aufgebracht? Ich glaube, es war der Brief da in deiner Hand.« Rasch warf ihn König Guntchramn auf den Tisch, als ob das Pergament ihm die Finger brenne. »Ja freilich! – Der Brief! Die Anklageschrift, wie sie's nennen, diese kecken Maikäfer von Mädchen! Der Inhalt selbst: – dummer Schnack! Gar nicht zu verstehen. – Aber die  Unterschriften! Das ist was Arges! Was ganz Arges, sag' ich! Vierzig Mädchen! Aus den ersten Häusern! Ich rede nicht von den Hauptspitzbübinnen, meinen lieben Nichten! Aber die andern! Constantina! Und Klara, die Sanfte! Und Helena, die da die Gute heißt! Patricier – Herzoge – Grafen – Oberärzte – Richter sind die Väter. Wie ist das nur möglich, Bischof? Was denkst du davon?« – »Ich habe davon gehört. Ich denke, daß Äbtissin Leubovera schwerlich allein recht hat und vierzig bis dahin brave Mädchen schwerlich allein unrecht haben.« – »Oho! Oho! Brave Mädchen! Oho! Chrodieldis, die Wilde! Und Basina, der Schalk! Und Hukberta aus Westfalaland, der Heidensturm! Und die ungestüme Anna, die Tochter des Forestarius Wepfo! – Und die Herzogstochter, die hochfärtige Anstrudis! Brave Mädchen? Whit!« er Pfiff wieder leise vor sich hin. – »Aber – lies – lies sie einmal herunter, Flaviane! Alle nacheinander! Nicht den Text! – Nur die Unterschriften. Die Zusätze, zur Erklärung, hat wohl meist Basina beigefügt: sie sind oft so mutwillig. Oder Bischof Gregorius und sein dicker Dodo: sie sind oft so einfältig.«
    Und der Domesticus nahm den langen Pergamentstreifen vom Tisch auf und las:
    »Chrodieldis, Tochter weiland Königs Charibert, Königin. Basina, Tochter weiland Königs Chilverich, Königin. Constantina, Tochter des Herzogs Burgolen. Aldgundis, Tochter des Patricius Eunodius. Genoveva, Tochter des Senators Desiderius zu Amboise. Amanda, Tochter des Grafen Sechellus zu Bruochsala. Anstrudis, Tochter des Herzogs Siggo. Anna, Tochter des Forestarius Wepfo, der schon lange starb. Emma, deren Schwester. Christiana, Tochter des Dosso, der weiland Richter war. Austriberta, Tochter des Domesticus Leonardus, Eugenia, Tochter des  Richarius, der weiland Arzt war. Johanna, vor der Taufe Miriam genannt, Tochter des Argentarius Angelus, aus den Tiefen kananitischer Verdammnis zum Lichte des Glaubens emporgeführt. Regina, genannt das Blondköpfchen, Tochter des Villanus, des Kaufherrn. Anna die Jüngere, Tochter des Frimund, der so schön dichtete. Helena, genannt die Gute, Tochter des Benko. Lilia, die Tochter des Karolus, der da ein Vogt ist zu Genf. Hukberta, die Heidin aus Westfalaland, die in der Taufe Tarasia genannt ward, aber nicht auf diesen Namen hört. Machtildis, die Schwägerin des Bezzo, der aus dem Land der Chatten kam. Frida, genannt die Lange, Tochter des Torno, der da unter den Räten des Königs für weise gilt. Lindis und Stephania, die Enkelinnen des Witto. Katharina, die Tochter des Villicus der Villa Gajana an der Athesis bei Mansio Majae. Balthildis, Tochter des Majordomus Mummolus. Richauda, Tochter des Charigisil, des Thesaurarius. Waldrada, Tochter Willachars, des Grafen der Santonen. Ulfia, Tochter des Grafen Faisto zu Patavia an der Donau, genannt die Siebenschläferin: es wird festgestellt, daß sie ganz wach war, als sie unterschrieb. Elisabeth, Tochter des Grafen Wido von den Rheinfranken. Waltpurgis, Tochter des Strako, der bei den Nordmannen war. Emma, Tochter des Brollius, der aus dem Land der Langobarden kam. Klara, Tochter des Grafen Rutto, genannt die Sanfte. Paula, deren Schwester, genannt die Mindersanfte. Johanna, Tochter des Tszarnicho, des Wenden, der, wider Willen, getauft ward und nun im Land der Thüringe, im Auftrag des Herzogs Radulf, alle Wissenschaften in der rechten Ordnung hält. Allberahta, Tochter des Rotho, des Notarius, genannt Rotundula. Gertrudis mit den weizenblonden Zöpfen, Tochter des Alskarius, des Tabellio. Julia, Tochter des  Grafen Volkhard, die von allen als die beste gilt, aber sehr krank ist. Arminia, Tochter des Hilarius, der Richter war im Land der Alamannen. Antonia, Tochter des Trollo, des Archiaters, der die Ohren des Königs Guntchramn merklich gebessert hat.« »Das ist die Wahrheit,« unterbrach der Fürst, »ich muß ihn loben.« »Berahta, die Tochter des Fritzo. + Margareta, Tochter des Asparius, des Arztes, hat dieses Kreuz gemacht. Sie kann noch nicht schreiben, weil sie noch nicht sechzehn Jahre alt ist. Sie lernt es aber. Und sie ist von allen die Jüngste. Was ihr beides auf ihren Wunsch bezeugen Chrodieldis und Basina, die Königinnen. X • Castula, die Klausnerin, die nicht schreiben kann, hat dieses gemacht, was ein Kreuz bedeuten soll.«
  



    Fünftes Kapitel.
    »Nun? Was sagst du zu der Liste, Bischof? Eine saubere Gesellschaft! Ein hübscher Schwarm Vögelein.« »Ich kenne manche von ihnen,« lächelte Herr Felix, »die nicht übel ist. Man muß sie vor dem Vogelsteller hüten. Das hat nun Herr Gregorius zu Tours bisher getreulich gethan. Er ist durchaus wacker,« schloß Felix, »und unsträflich ... –« »Bis auf sein Latein,« lachte der König. »Das heißt, so klagt der gestrenge Marcus, mein Referendar. Für mich war's gut genug. Und ich, – ich mag ihn sonst gut leiden, den alten Gregorius. – He, he, da fällt mir ein,« rief er plötzlich drohend, »du – Herr Felix – (deinen Segen! Ich vergaß vorhin –!) du sollst ja gesagt haben, es sei große Ähnlichkeit zwischen  uns, zwischen mir und Gregor! Wie meinst du das? He?« Flavianus erschrak. Aber der Bischof segnete erst den König und sagte dann ruhig: »Und so ist es, mein königlicher Sohn! Ihr seid beide gleich stark in Wundern. Gregor glaubt viele Wunder mit seinem Geist, wachend und schlafend. Und du thust viele Wunder mit deinem Leibe: schlafend und wachend.«
    Flavianus atmete auf.
    »Gut gesagt! Gewiß, ja, ihr Kelten dort drüben jenseit der Loire seid gar witzig. Also weißt du schon das Wunder, das ich neulich im Schlafe gethan? Wie mir aus dem offenen Mund – im Schlaf – ein kleines Tierlein lief? Über eine Quelle, auf meinem Schwerte, das mein Gefolgsmann staunend darüberlegte, weil das Tierlein nicht hinüberkam ohne Brücke! Und verschwand das Tierlein in dem Berge drüben. Und als ich erwachte, erzählte ich ...« –
    »Du hattest geträumt, deine Seele sei auf einer Eisenbrücke über einen Strom gegangen und habe drüben in einem Berge Schätze von Silber und Gold gesehen.« – »Sollte ich das wirklich schon einmal erzählt haben?« Beide, Staatsmann und Bischof, schwiegen. »Das Schlimme war aber: der Traum war falsch! Ließ nachgraben, kostete viel Geld! Fand nichts im Berg als Muscheln –: was thu' ich mit Muscheln!«
    »Wer weiß!« lächelte Felix. »Man müßte Herrn Gregor fragen, was Muscheln bedeuten.« »Leider kein Geld,« seufzte Flavianus. – »Ja, richtig, Gregor! – Also, er that einmal was Gescheites.« – »Dann hat es ihm nicht sein Kopf eingegeben, sondern sein Herz.« – »Gut, Bischof. Gut! Das heißt: er behielt die tollen Mädchen bei sich. Sie wollten geradeaus zu mir laufen! Nun denkt Euch! Zu mir! An meinen Hof! Was thue ich mit  einundvierzig meist recht hübschen Nonnen? Nonnen, die es nicht sein wollen! Und da sie um keinen Preis freiwillig umkehren wollten, so hat er sie behalten, herausgefüttert und gepflegt: – und hat sie diesen Brief an mich verfassen lassen. Und ihn geschickt und mich gefragt, was nun weiter werden solle?« »Sehr scharfsinnig,« bestätigte Felix. – »Und vorsichtig! – Aber was nun mit ihnen allen anfangen?« »Es wäre ja nicht schwer,« meinte Felix. »Schließlich ist der Heerbann von Burgundia doch stärker als einundvierzig noch so übermütige Mädchen. Man bietet das Reichsheer auf mit der großen Königsfahne, bringt dem belagerten Bischof von Tours Entsatz, wirft so viele Jungfrauen, als den Andrang überleben, auf Leiterwagen und führt sie mit gezückten Schwertern der heiligen Radegundis wieder in den Schos: – was dabei bricht, – das bricht.«
    Der König lachte. »Feiner Kopf, der Bischof, eh, Flaviane? Redet immer auf Umwegen! Rede immer geradeaus, ich. – So deutet er jetzt durch scheinbaren Rat einer dicken Dummheit an, wie wir es – nicht machen dürfen. Nein! Nur kein Aufsehen! Kein Ärgernis!« – »Euer Scharfsinn hat mich durchschaut, Herr König. Der Name von Jungfrauen soll nicht viel genannt werden: – jede Nennung trübt ihn: wie häufiger Hauch des Mundes einen Goldspiegel.« »Ich fürchte,« wandte der Domesticus ein, »die beiden jungen Fürstinnen. Basina ist ein Schelm.« »Aber so anmutig!« schmunzelte der alte König. »Ich streichle ihr so gern den krausen Kopf.« – »Und Chrodieldis ist ... –«
    »Sage mir nichts gegen sie! Der Merowingen Heldenblut ist lebhaft in ihren Adern! – Mehr fast als in den meinen,« lachte er gutmütig. »Wenn es nur gelänge, die beiden Führerinnen zu bändigen,« fuhr der Staatsmann  fort, »um das Gerede der Leute vom Königshaus nicht weiterplappern zu lassen. Die andern wären dann wohl bald zu Vernunft gebracht.«
    »O Bischof,« sagte der König, »der Domesticus da will neununddreißig Weiber zur Vernunft bringen – und ist doch ein alter Ehemann! Ich habe viele Frauen gehabt! Im ganzen, gering gezählt, so vier bis fünf durch Gottes Gnade, der mir sie alle rasch nahm –. Aber zur Vernunft bringen! Heiliger Martinus! Sie hätten mich bald um mein bischen Vernunft gebracht. – Ja, was thut man nur mit den beiden Rädelsführerinnen? Einfangen? Einsperren? Fortschicken? Was thu ich nur, was thu ich mit den beiden? Das Beste wäre wohl, sie zu ... –«
    »Verheiraten,« sprach da eine tiefe, ganz tiefe Baßstimme. Und aus dem Vorhang des Eingangs trat, ehrfurchtvoll vor dem König sich verneigend, eine mächtige, hochragende, breitschultrige Gestalt, die in dem weiten, wallenden Bischofsmantel, der bis auf die Knöchel reichte, noch größer und umfangreicher erschien; der schwere Gang ward noch wuchtiger durch seinen Speer, der über den Kopf des fast sieben Schuh langen Mannes hinausragte.
    »So? Truchtigisel! Bist du wieder einmal da, alter Bajuvarenheld?« rief ihm der König sehr freundlich entgegen, zu ihm hinaufsehend. »Aber Truchtigisel!« schalt der Domesticus. »Wißt Ihr denn nicht, daß man nicht mit Waffen in des Königs Gemach tritt?« Der Riese atmete schwer und warf hilflos einen Blick auf den König. »Laß ihn nur, Domestice, laß ihn! Truchtigisel spießt mich nicht. Ist es noch der alte Speer, der aus der Avarenschlacht?« – »Derselbe.« Der zierliche kleine Bischof von Nantes trat nun auch auf den Amtsbruder zu und vergrub seine schmale Hand in der ungeheuren Rechten des  Bajuvaren. »Gott zum Gruß, ehrwürdiger Bruder. Freut mich, euch wieder hergestellt zu sehn von – von Eurem hartnäckigen rückfallreichen Leiden. – Au, Wehe! Laßt mir doch noch Einen Finger ungebrochen.« Der Große verzog den großen Mund zu einem breiten Lachen. »Sag, du alter Hüne, was führt dich zu mir? Was willst du?« forschte der König. – »Danken!« – »Ach ja! Weil ich deine Bußezeit abgekürzt habe.«
    Der Starke ward rot bis in die braunen Haare hinein, die ihm noch reichlich und gar nicht ergraut das mächtige Haupt schmückten; nur an den Schläfen waren sie spärlich, abgerieben vom langjährigen Drucke des Helmes. »Ein recht liebliches Kirchenrecht handhabst du, Herr König,« lächelte Felix. »Kürzet jetzt der weltliche Arm auch bereits die Kirchenbußen ab?« – »Ach was! Ich hab's nur kurz ausgedrückt! Ich habe mich für ihn verwendet bei seinen Mitbischöfen.« »Und weswegen hat wohl,« fragte Herr Felix mit der harmlosesten Miene, »diesmal unser unsträflicher Bruder eine kleine Pönitenz erhalten? Kann mir's gar nicht vorstellen! Wegen welchen Fehlers?« Der König lachte laut und der Domesticus lächelte, bis der Bajuvare, abermals errötend, sehr ernsthaft antwortete: »Von wegen – des alten ... –« »Kleiner, laß mir den Großen in Ruhe,« warnte Guntchramn, den Zeigefinger hebend. »Es ist sein Einziger Fehler. Andere Leute haben feinere, aber viele. Truchtigisel spricht von keinem Menschen was Böses.« »Keine Kunst,« meinte Herr Felix. »Er spricht ja überhaupt nicht.« – »Desto besser kann er dreinschlagen. Wahrlich, du feiner Kelte, stand an des tapfern Riesen Stelle damals in der furchtbaren Avarenschlacht ein Bücherwurm wie du, – ich wäre nicht lebendig vom Fleck gekommen. Und auch nicht – was viel größerer Schade gewesen wäre! – mein armer Bruder, Held Sigibert, der  jetzt im Himmel ist, Dank Frau Fredigundens blutigen Mordmessern,« schloß er grollend. »Wie war das in jener Schlacht, Herr König?« fragte Felix. »Einfach war's. Die Avaren, diese heidnischen Unholde, hatten uns in Thüringland von allen Seiten eingeschlossen. Wir wurden hart geschlagen. Auf der Flucht holten den Bruder Sigibert und mich etwa zwanzig solche Söhne der Steppendämonen ein. Unsere Pferde stürzten, von Pfeilen gespickt. Unsere wenigen Gefolgen fielen, Mann für Mann, um uns her. Zuletzt standen wir beide noch allein, wir Brüder, Rücken an Rücken. Wir waren verloren. Da jagte auf einem mächtigen Rapphengst der treue Graf aus Bayerland, Herr Truchtigisel vom Chiemgau, herzu – mit diesem Speere! – du siehst, er ist nicht klein! Und stach so ungefüg um sich, daß die Heiden flohen, soviel noch übrig waren. Er bekam aber dabei durch die zerschmetterte Sturmhaube einen avarischen Keulenschlag auf den Kopf. – Seitdem kann er – für einen Grafen – nicht mehr genug oder schnell genug denken. So macht' ich ihn denn alsbald zum Bischof – zum Dank.« »Ich danke auch,« lächelte Felix sich verneigend. »Jetzt weiß ich doch, wie man schnellstens Bischof wird. – Man sagt, der Held setzt oft die Frommen zu Soissons in Erstaunen: durch seinen Durst.« Truchtigisel sprach langsam: »Früher – mehr!« »Jawohl,« bestätigte Flavianus. »Er hat sich gebessert. Und zu dem Trinken, zu dem Laster kam er ganz unschuldig. Eigentlich ist der Herr König schuld, der einen Kriegshelden auf einmal zum Kirchenlichte macht. Der Arme sollte nun – nach bald fünfzig Jahren der Schwertkunst – die Schreibekunst lernen.« »Und das Lesen auch!« seufzte der Große. »Da mußte er soviel sitzen, der früher nie gesessen.« »Außer beim Trinken,« ergänzte Truchtigisel, den Finger erhebend.
     »Richtig, ich verstehe,« sagte Felix. »Sitzen ohne Trinken hatte er nie gelernt. Und da er nun fast immer sitzen mußte, mußte er auch fast immer trinken.« »Dazu kam die Verzweiflung über die Buchstaben,« fuhr der König fort. »Kurz, er trank zuletzt – aus Tiefsinn. Eine Zeit lang trieb er's schon arg, der Truchtel da. Und nichts wollte helfen! Nicht einmal mein Gebet für ihn bei den Heiligen.« »Herr,« meinte Felix, »an Eurer Stelle hätte ich ein Wunder an ihm gethan.« »Jawohl,« fuhr ihn der König ganz zornig an, »du meinst, das geht mit dem Wunderthun immer nur so dahin? Wie mit Ballwerfen? Das zehnte Mal geht es nicht! – Ich kann überhaupt mit meinem Willen und Geist gar nichts Wunderbares wirken.« – »Ich glaub's Euch, o Herr.« – »Es geht ohne meinen Willen! Von meinem Leibe strahlt das – manchmal – aus, wenn es die Heiligen wollen. Und dann: dieses Bajuvaren Trinken stillen ... –«
    »Ja, dazu mag mehr als mittelschlächtige Wunderkraft gehören.« »Überhaupt!« schalt der König und kraute sich verdrießlich hinter dem rechten Ohre. »Überhaupt! Mit den Heiligen ist es ein eigen Ding. Bin manchmal schlecht mit ihnen zufrieden, sag' ich dir, Bischof. Herzlich schlecht.« – »Wird wohl auf Gegenseitigkeit beruhen, o Herr.« – »Zum Beispiel erkläre mir doch, du, der du gar so gescheit bist: warum werden meine Heere ganz regelmäßig – eines nach dem andern! – jetzt ist's das fünfte Mal! – geschlagen von diesen gottverdammten Ketzern, den arianischen Westgoten? Längst such' ich dem Herrn Christus – und für ihn: mir! – das schöne Südgallien zu erobern, das sie immer noch haben, diese Verfluchten. Warum werd' ich immer geschlagen? Sag's, Bischof! Ich habe doch den rechten Glauben!« – »Du hast den rechten Glauben: – aber sie haben die rechten Feldherren!«
     »Nun, zurück zu unserem Truchto. – Als es am schlimmsten war, da haben die Bischöfe einen Beschluß gefaßt auf einer Synode, er sei vom Amt zu suspendieren – ich weiß den Wortlaut nicht mehr. Herr Gregorius zu Tours hat es abgefaßt: es klang so drollig. – Weißt es nicht mehr, Truchtolein? Geh, sei gut: sag' es uns auf.«
  



    Sechstes Kapitel.
    Der schlug die Augen nieder und sagte ganz beschämt: »Fünftens ward beschlossen, daß Bischof Truchtigisel von Soissons wegen allzuheftigen Trinkens seinen Verstand verloren habe, jetzt schon im vierten Jahre. – Es fing aber schon an – ich bitte, daß ich es sagen darf –« unterbrach er sich, »mit jenem Keulenschlag ... –« »Ja, ja,« nickte der gute König, »da hast du ganz recht.« »Es behaupten nämlich viele der Einwohner,« fuhr der Riese im Aufsagen fort, »daß ihn dies befallen habe durch Zauberei – auf Anstiften seines« – da zitterte die Stimme des starken Mannes vor Weh und Zorn – »seines Archidiakons, den er seiner Würde entsetzt hatte.« »Jawohl,« zürnte der Domesticus, »weil der Schuft viele Tausend Solidi an Steuern unterschlagen hatte. Der gutmütige Bajuvare zahlte sie aus eigener Tasche, vertuschte lange Zeit das Verbrechen, aber entsetzte natürlich den Betrüger!« »Durch Zauberei« – wiederholte der Bischof. »Aber – ich bitte, daß ich es sagen darf – es war weniger der Zauber ... –« »Der half wohl nur nach,«  meinte Felix. »Nein! Er weckte mich immer nachts um zwei Uhr, mir Vokabeln abzufragen. Und – Und –« er hob dräuend den Speer und ballte die Faust darum – »er wollte – das war das Ärgste! Verschlage mich der Donnerhammer, wenn ich ihm je verzeihe!« »Was?« fragten alle drei Hörer besorgt. »Griechisch wollte er mich lehren, der Elende!«
    »Ja, das ist grausam,« sagte Felix. »Ich kann es selber kaum.« »Truchtigisel hatte,« fuhr der Große fort, als ob er von einem Wildfremden erzählte, »das Leiden in der Art, daß es ihm besser ging, wann er die Stadt verließ, schlimmer in den Mauern. Das kam aber daher: – nicht von Zauber, wie die Amtsbrüder annahmen: in der Stadt war der Archidiakon, auf dem Land aber war – Sie.« »Wer?« fragte Felix neugierig. »Meine liebe Ehefrau,« sprach der Starke und seine Augen wurden feucht. »Es war so arg mit ihm geworden,« fügte der König, »daß, als ich in seine Stadt kam, die Synode ihm – dem Bischof! – verbot, mich in seiner eigenen Stadt zu begrüßen.« »Obwohl Truchtigisel,« fuhr dieser in seinem Aufsagen fort, »ziemlich – speisegefräßig war und ein Weinzecher ... –« »Jetzt gebt acht, Herr Felix,« schmunzelte der König – »das sind des Bischofs Gregor eigene Worte. –« – »Weinzecher über das Maß hinaus, welches bischöflicher Fürsichtigkeit zukommt ... –« Der Bischof von Nantes lächelte: »O Gregorius! Du bist ein großer Meister des Stils.« – »Hat ihm doch niemand je was Übles nachsagen können, was keusche Zucht betrifft. – Nun ist's aus. – Das letzte – Gregorius hat's gut gemeint, – aber das letzte allein hat mich gekränkt.« »Ei, wie, Herr Bruder?« staunte Felix. »Weil's sich von selbst versteht. Und weiß doch Gregor, daß ich eine Ehefrau habe. Freilich nicht, wie gut sie ist.  Niemand weiß das als ich. Und – vielleicht – der liebe Gott.« – Und die tiefe Baßstimme ward ganz leise – vor Rührung. »Und sie suspendierten ihn auf ein Jahr,« fuhr der Domesticus fort. »Aber ich,« fiel der König ein, »überzeugte mich alsbald, daß er gebessert, geheilt war. Und schon nach einem halben Jahr erlangte ich, daß ihm die Synode zu Sauricy den Rest erließ. Und ich gab ihm das Privileg – weil er doch noch manchmal wankt im Gange, so was wirkt nach! – daß er allein aus allen Bischöfen meines Reichs beim Gehen sich statt des Bischofstabes ... –« »Alle zu dünn,« sagte Truchtigisel, »und zu kurz.« – »Des Speeres bedienen darf, dankbar gedenkend der Avarenschlacht, wo er sein Leben für mich eingesetzt.« Herr Felix versuchte, dem Bajuvaren freundlich auf die Schulter zu schlagen, kam aber nur wenig über den Ellbogen empor: »Herr Bruder,« sagte er herzlich, »ich gäbe gern mein bischen Verstand, hätte ich jenen Keulenschlag empfangen dürfen, der Euch den Eurigen ein wenig durcheinander geschüttelt.« »O nein! Wäre nichts für Euch gewesen!« sagte der Riese. »Euer kleines Köpfelein! Eure glasdünnen Knöchlein! O weh! Ich sag' Euch, Herr Bruder: noch heute brummt mir der Schädel, denk' ich dran.« »Aber,« forschte der Kelte, »ein solches Leiden – wie das Eure war – ich meine: das – das Feuchte! – wenn einmal eingewurzelt, ist schwer, ist erst nach Jahren auszutreiben. Ein großes Wunder sah wohl darin Gregorius?« »Ist auch eins! Ist's auch!« eiferte der König. »Ich habe selbst sein Gewicht in Wachs – er wiegt Unglaubliches! – der Heilgen Chrothilde, meiner Ahnfrau, gelobt und wir haben in Prozessionen mit lautem Psallieren in den Straßen von Soissons neunundsechzig Tage lang – alle Bürger und Weiber und Kinder – den heiligen Geist gebeten, daß er doch ihrem Bischof den Trunk abgewöhne.  Und so ...–« – »Nein, Herr König. Mit Vergunst. Nicht so! Ganz anders. Alle Verehrung für die heilige Chrothilde, Eure Ahnfrau, und auch für den heiligen Geist. Aber geheilt haben mich nicht die beiden. Sondern ganz wer anders.« »Und wer?« fragte der König.
    »Meine liebe Ehefrau, Irmintrudis. Gott segne ihre treuen Augen! – Ich konnt's nicht lassen. Lange nicht! Sah ich den Archidiakon, fielen mir seine Vokabeln ein – oder auch nicht ein! – und seine je zwei gottverfluchten griechischen Haken für e und für o – dann ward ich erst wütig. Und dann trauersinnig. Und dann – dann trank ich. – Aber wie ich draußen in unserer Villa einmal aufwachte in der Nacht von einem Rauschschlaf: da sah ich auf dem Estrich im Mondlicht knieen meine Frau, meine liebe Irmtraut; und große, große Thränen flossen ihr langsam über die lieben, alten, runzlichen Wangen – o wie waren sie so schön glatt gewesen vor dreißig Jahren! – Und ich hörte, wie sie bitterlich schluchzend betete: ›o treuer Himmelsherr! Nimm doch dieses große Leid von mir, daß mein lieber Mann, ein so wackerer, ehrenreiner Held, verlacht wird und geschändet von den Leuten, die alle lange nicht so gut sind wie er. Und da er – scheint es – nicht davon lassen kann, so oft ich ihn darum gebeten‹ (– »und o, das ist wahr gewesen,« stöhnte der Riese –) ›so nimm mich aus dieser Welt, daß ich es nicht mehr ansehen muß.‹ – Begreift Ihr das? Sie – sie hatte sich den Tod gewünscht! Wegen meiner Ehrenschmach! Ich kniete neben sie und hob die Schwurhand zu Gott dem Herrn empor und küßte ihr die Thränen von den Wangen. Und seitdem – nie mehr! Die heilige Chrothildis und der heilige Geist haben mich im Stich gelassen: – gerettet hat mich meine Frau, – sie ganz allein! – Und Heil dem Mann, Bischof oder König, der ein wacker Weib hat. Heil dem  lieben Herrgott, der das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt! Heil ihm und Preis in Ewigkeit. Amen!«
    Eine Pause entstand: die Hörer waren ergriffen.
    »Ich werde nie mehr sagen, daß Ihr nicht sprechen könnt, hochehrwürdiger Bruder mit dem Speere,« sagte Felix nach einer Pause. – »Übrigens habt Ihr wohl nun in der Ehe das Allheilmittel und den helfenden Zauber für alle schlimmen Dinge gefunden,« lächelte er. »›Verheiraten,‹ das war Euer erstes Wort beim Eintritt.« »Ja, und Ihr wußtet noch gar nicht, von welchem Übelstand die Rede war,« lachte der König. – »Doch.« – »Nun wovon?« – »Von den schlimmen Nonnen von Poitiers. Ganz Gallien spricht von ihnen.« – »Von meinen Nichten! Angenehm! Kann mir's denken, wie die Leute reden. – Übrigens Truchtigisel hat ganz recht! – Es wäre gar nicht so übel! – Dann wäre Friede! – Mir wäre geholfen, – der Äbtissin, – den beiden Mädchen, – kurz allen.«
    »Ausgenommen vielleicht den beiden Ehemännern,« meinte Felix. Da hörte man plötzlich draußen vor dem Vorhang laute Stimmen: »Gleich muß ich ihn sprechen – gleich! Es ist Gefahr im Verzug.« Und halb eigenmächtig eindringend, halb von dem Velarius eingeführt, erschien, staubbedeckt, ein Bote, neigte sich tief vor dem König und sprach: »Herr König Guntchramn! Also meldet dir, sehr bestürzt, dein treuer Bischof Herr Gregorius von Tours: ›o Herr König,‹ spricht er. ›Laß es mich nicht entgelten. Sie sind mir ausgekommen: alle einundvierzig. Sie ziehen hierher zu Euch, sie ziehn auf Orléans. Noch heute können sie hier sein‹« sprach's, verneigte sich wieder und verschwand.
    Da hob König Guntchramn seinen weiten Purpurmantel und sein wallendes Untergewand, die ihn beide  sehr in der Bewegung hemmten, mit beiden Händen an den Seiten auf und rief: »Alle einundvierzig? Ich verreise! Zur Stunde! Laßt satteln! Rasch.« »Aber,« rief der Domesticus, »was soll geschehen mit den Mädchen?« – »Wofür bist du Domesticus des Reiches? Das hast du zu entscheiden. Und die beiden Bischöfe da mögen dir dabei helfen.« »Aber, Herr König? Wohin begebt Ihr Euch?« rief Flavianus dem Enteilenden nach. »Jawohl,« rief der sich wendend und pfiffig lächelnd, »jawohl! Daß sie mir nachkämen? Ich schicke dir schon Botschaft, bin ich weit genug – in Sicherheit.«
  



    Siebentes Kapitel.
    Wenige Tage darauf bewegte sich auf der alten, gut erhaltenen Römerstraße von Orléans nach Paris ein kleiner Zug von Reitern und von Reiterinnen; auch ein paar Sänften, von je zwei voreinander gespannten Maultieren getragen, waren sichtbar.
    Es war wunderschönes Frühlingswetter in diesen Apriltagen: die Obstbäume in den wohlgepflegten Gärten der Villen standen in vollster Blüte, lichte rosige Wölklein zogen, von sanftem Wind langsam getrieben, am heiter blauen Himmel hin: und die Vögelein hatten es überall in Busch und Baum gar geschäftig mit Singen, Werben und Nesterbauen.
    Ein paar Lanzenreiter eröffneten den Zug, dann folgten die Reiterinnen, hierauf die Sänften, ein Dutzend Reiter folgte diesen und schloß ab. An der Spitze dieser Nachhut tummelten zwei schöne Jünglinge in vollen Waffen  lustig die feurigen Rosse; sie waren Brüder: die große Ähnlichkeit bezeugte das.
    »Eigentlich, Sigvalt,« lachte der Jüngere, dem dichte rote Haare aus der Sturmhaube quollen, »wäre wohl, wann wir nicht an ihren Seiten traben dürfen, unser Platz da vorn –: an Stelle der beiden Reiter – als Führer. Aber da müßten wir doch thöricht sein! – Den Herzliebchen den Rücken zu kehren!« – »Hast recht, Bruder Sigbert! Welche Lust ist's, kann ich Chrodielden nicht in das dunkle Auge sehen, wenigstens ihre herrliche Gestalt mit den Blicken zu verschlingen! Und das schöne Rund des Hauptes! Und das prachtvolle Haar! Sieh, wie's im leichten Wind um ihre Schultern fliegt.« – »O und erst Basinas anmutvolles Bild! Schau nur, wie sie eben so zierlich die Reitgerte hob. Und da! Sie hat umgeschaut! Zwar nur ganz scheu! Ein klein wenig nur! Aber doch! – Komm! Laß uns vorsprengen! Wir dürfen wohl wieder neben ihnen reiten.« – »O Bruder, wie ist mir's so selig im Herzen!« – »Und mir! Ein solcher Frühling war noch nie.« – »Wenn doch der Weg nach Paris so weit wäre wie der Weg nach dem Monde.« Beide gaben den Pferden die Sporen und ritten an die Seite der beiden Mädchen.
    »Seid Ihr schon wieder da, ihr unnützes Wegekraut?« lächelte Basina dem Rotlockigen zu. »Überall steht Ihr zwischen uns und dem Graben! Wir fallen nicht hinunter! Der Weg ist breit.« – »Ich meine nur, weil Ihr vorhin umsaht, holde Basina! –« – »Ich? Daß ich nicht wüßte! Oder ja – ich sah dem Vöglein zu, das dort Halme zu Neste trug.« – »Ja, jetzt ist die Zeit dazu! Wer jetzt nicht Nestlein baut, – wann sollte der's? Sogar der alte Bischof Truchtigisel sprach solch ein Wort zu mir.« »O der Gute, der Liebe!« rief Basina. »Der hat mir  am besten gefallen vom ganzen Hof des unsichtbaren Herrn Ohms.« – »Ja, und wer weiß, ob die andern Herren gerade den Bruder und mich zu euern Begleitern auserkoren hätten. Es gab daselbst noch viele junge Leute, die gar gern die armen, schönen Nonnen beschützt hätten ... –« – »Als ob man sich so ohne weiteres von jedem begleiten und beschützen ließe!« – »Der Bajuvare führte mich an der Hand in den Schloßgarten, tief ins Gebüsch: und wies auf zwei Nester: ›Was für ein Vogel?‹ – ›Ammerling,‹ sagte ich. – ›Was für eine Farbe?‹ – ›Gelb.‹ – ›Ja, wie dein Bruder. – Da drüben: was für ein Vogel?‹ – ›Rotköpfchen, Rotzeisig.‹ – ›Ja, locker und rotköpfig – wie du. Was thun die Vögelein?‹ – ›Sie bauen Nester.‹ Da drückte er mir die beiden mächtigen Hände auf beide Schultern und sprach: ›Gehet hin und thuet desgleichen! Und kommt ihr von Paris zurück, wie ihr hingehet, so seid ihr die beiden dümmsten Alamannen, die der Allmächtige zu schaffen vermochte. Das sind wir aber nicht! Und so reiten wir mit Euch und den andern wackern Mägdelein schon viele Tage lang nach Paris. – Sagt aber an: habt Ihr keinen Freund, keinen Berater dort am Hofe König Childiberts?«
    »Keine Seele. Wenn nicht noch Theutar lebt, der alte, bucklige, kleine Mönch, der meiner Mutter Freund und Beichtvater war und später an König Childiberts Hof das Gnadenbrot erhielt: – halb Pfaff, halb Lustigmacher.« – »Wie das?« – »Ei, er steckt voller schlauer Einfälle und ist grundgescheit; aber er stellt sich ein wenig blöd und täppisch an, weil ihm früher seine Schlauheit allerlei Mißtrauen der Mächtigen, Hochverratsprozeß und Folter zugezogen hatte. Aber der müßte jetzt schon sehr, sehr alt sein.« – »Und sonst kennt Ihr niemand an jenem Hof?« – »Freilich, des Königs Braut, Faileuba, – die  kenn' ich gut. Sie ist mir eine herzvertraute Freundin, und hat mir viel von ihm, von ihrem Bräutigam, den sie so zärtlich liebt, erzählt. Allein das hilft uns nichts; – das schadet uns eher dort: diese Braut wird ja von dem Bräutigam durch dessen Räte sorglich ferngehalten: – sie ist nie an dem Hof: sie klagte sehr darüber.« – »Ja! Wenn Ihr des Königs Braut befreundet seid, – das verschweigt nur sorgfältig den Machthabern dort! Es könnte Euch schlecht bekommen. O weh, o weh – da läuft uns ein Wiesel über den Weg! Das bedeutet übeln Empfang.« Und er zog den Braunen an und sprach andächtig den Wegsegen:
    »Hurtiges Heermännlein,
      Wiesel, weiche vom Wege!
      Weiche vom Wege weit,
      Du scheues, du schönes Schlüpferlein!
      Schlepp alles Schlimme schlappab!
      Alles Schlimme verschleppe!«
    »Das ist so ein Spruch aus der Heidenzeit,« meinte Basina, als sie wieder weiter ritten. »Es ist gar geheimnisvoll mit denen: man meint, man hat's all' schon mal gehört – und möchte stets noch mehr davon vernehmen. So glaubt Ihr also an den Angang?« – »Ich glaub', daß Ihr mein allerbester Angang seid, den ich je auf meines jungen Lebens Reise fand!« »Bangt Euch nicht dabei um den Ausgang?« neckte Basina. 
  



    Achtes Kapitel.
    Einstweilen hatte Chrodieldis, wie sie Sigvalt an ihrer Seite sah, das schwarze spanische Rößlein mit einem leichten Gertenschlag rasch vorangetrieben, wie ihr Schatte folgte ihr der Jüngling. »Ich hatte Euch gebeten,« sprach sie, »nicht so viel neben mir zu reiten. – Es ist – wegen der andern. Es sind doch noch über ein Dutzend Mädchen.« – »Was liegt an den andern, an der ganzen Welt, wenn du mich nur an deiner Seite dulden willst! Dein Wunsch, deine Huld ist alles! –« Ein warmer, erfreuter Blick aus den dunklen Augen traf ihn. »Ah,« rief sie, sich hoch im Sattel aufrichtend und noch rascher dahinjagend, »das ist was anderes als Litaneien plappern in dumpfer Weihrauchluft. Wie der Wind mir um die Schläfe streicht! Wie das die Brust weitet und die Seele!« – »O jetzt an deiner Seite, herrliche Königin, in den Feind jagen, in die starrenden Speere! Und nach freudigem Kampf ein heißer, ein seliger Sieg – oder ein rascher Tod.« – »Freut es Euch nicht, zu leben?« Eine rasch fertige Antwort fing der Jüngling gerade noch auf. »Jetzt, heute,« sprach er dann gefaßter, »ist's viel seliger auf Erden leben, als im Himmel. Aber – auf Lenz folgt Winter. Wer weiß, wie bald wir Abschied nehmen müssen am Hofe zu Paris. Wie selig waren diese Tage! Welch glücklicher Zufall, daß uns der Herr Vater, Sigfrid der hohe Herr, aus dem fernen Breisgau mit den Ostergaben an König Guntchramn gesandt hatte, noch bevor Ihr ankamt! Und welch Glück, daß der gute Herr vor Euch davonlief und sich verbarg! Und daß der Domesticus und die beiden Bischöfe gerade uns auserkoren, Euch nach Paris zu begleiten zu König Childibert, Euerm Vetter! Doch werdet  Ihr in seinem Glanz uns arme Herzogssöhne gar nicht mehr sehen. König Childibert ist ... –« »Achtzehn Jahre. Ein Junge!« sagte Chrodieldis stolz. »Ich bin drei Jahre älter.«
    Sigvalts Augen leuchteten auf. »Aber hütet Euch, vielschöne Königin. An diesem Hof geht es nicht so ehrlich, so ungeschlacht gutmütig zu wie in Orléans. Nicht umsonst erreicht Ihr von Childibert irgend etwas.« Chrodieldis lachte: »Arme weggelaufene Nönnlein haben kein Geld, das weiß man.« Sigvalt seufzte. Er lenkte ab. »Wie ist es Euch nur gelungen, ebenso dem heiligen Martinus wie der heiligen Radegundis zu entwischen?« – »Einundvierzig Mädchen werden doch zuletzt mit einem alten Bischof fertig werden? Eine Zeit lang war's ja ganz gut, daß er uns pflegte, der wackere Gregorius und sein dicker Dodo. Denn wir – das heißt viele von uns, ich nicht! – waren doch recht erschöpft nach dem Eillauf von vielen, vielen Meilen. Und die Wege, das Wetter im März waren – den andern, mir nicht! – gar zu schlecht und rauh. Als aber der heitere Aprilwind und die Aprilsonne die nassen Straßen getrocknet hatten, als es draußen in der Welt viel schöner war – das heißt: so ahnten wir! – denn in dem Bischofshause zu Tours, und als wir merkten, daß die listige Gutmütigkeit Gregors uns nur immer hinhielt, gar nicht uns in die Welt hinaus und zu den Königen, unseren Gesippen, lassen wollte, da riß mir die Geduld. Er bildete sich ein, durch unablässiges Wiederholen seiner Bußpredigten und Vorlesen des Stiftungsbriefes der heiligen Radegundis mich umzustimmen, zur Unterwerfung zu bewegen! Er kennt Chrodieldis schlecht, die Tochter Chariberts! – Da stiegen wir in dunkler Nacht im Garten eine auf der andern Schulter und so immer hübsch über die Mauer: die letzte, die lange Frida, zogen wir herauf! Das  Bischofshaus steht außer der Stadtumwallung: so waren wir nun frei. Auf der Heerstraße nach Orléans hätte man uns bald eingeholt: wir teilten uns daher in kleine Häuflein und an vorbestimmtem Ort, weit hinter Tours erst, trafen wir wieder zusammen. Zwar« – und hier verfinsterte zornige Trauer ihr Antlitz – »lange, lange nicht mehr alle! Gar viele, viele von den Mädchen ergriffen die erste Gelegenheit, da sie nicht mehr unter meines Auges Herrschgewalt sich fühlten, zu ihren Eltern oder zu Freunden, Verwandten in der Nähe zu eilen, vergessend das Wort der Treue, das eidliche Wort, mit welchem sie alle vierzig sich mir verpflichtet hatten, bei mir auszuharren und diesen Handel nicht schmählich im Sande verlaufen zu lassen, sondern unser gutes Recht durchzukämpfen bis an das Ende, muß es sein: – bis in den Tod.« – »O Königin!« – »Das mußt du nachfühlen können, Herzogssohn! Oder du bist nicht der, – der mir Vertrauen erweckte. Mädchen, – halbe Nonnen – die solches begonnen, gegen die Sitte, müssen es durchkämpfen für ihre Ehre: sonst ist es – gemein. Und vor Gemeinem ekelt meiner Seele.« Sie hob das hohe Haupt: ihre Augen leuchteten: sie war sehr schön in dieser Erregung. Entzückt labte sich an ihrem Anblick der Jüngling. »Viele, viele sind von mir abgefallen, den Spott, die üble Nachrede der Menschen, den Zorn, auch Wohl den Gram der Eltern scheuend. Ich will nicht mit ihnen rechten! Sind schwache Kinder. Aber in das Kloster ist doch keine zurückgekehrt,« fuhr sie freudiger fort. »Constantina, die Sanfte, hab' ich zu heiligem Zweck auf ihren Wunsch beurlaubt und ihr Julia, des Volkhard Tochter, beigegeben. Die Reclausa – ich verstehe sie nicht recht – ist zwar zurück nach Poitiers, aber, beteuerte sie, nicht ins Kloster: sondern ins Asyl: in die Basilika des heiligen Hilarius. Sehr bestürzt war ich,  als ich, in Orléans eintreffend, den guten Oheim nicht fand – seinen Versteck hat er noch nicht verraten! – der rasch mir zu meinem Recht verholfen hätte. Denn je länger – ich fühl' es wohl – wir jungen Mädchen so in der Welt umher irrfahren, desto übler wird die Sache. Ich beschloß daher sofort, nach Paris aufzubrechen, wo Vetter Childibert aus Metz zur Zeit verweilt. Ich hoffe nun alles von ihm.« – »Hofft nicht zu viel. Ihr sagtet selbst: er ist noch ein Knabe ... –« – »Aber sein Hof! Seine Räte –« – »Ihr habt einen großen Fehler an Euch für diesen Hof: Ihr seid zu schön. Das wird Euch schaden.« – »Das versteh' ich nicht. Ich führe meine Sache durch bis an das Ende. Schmach überleb' ich nicht. Und Beugung wäre Schmach.« – »O Chrodieldis! Fast freu' ich mich, dunkel Gewölk gegen Euch aufsteigen zu sehen. Und viele, viele Feinde, die Euch bedrohen,« – »Warum freut Euch das?« – »Warum? Fühlt Ihr's denn nicht? Ich will Euer Schild sein! Kein Streich erreicht Euch, der nicht mich zuerst durchbohrt.« Chrodieldis hielt den Rappen und sah ihrem Begleiter fest in die Augen: »Das war ein Manneswort, Herr Sigisvalt aus Alamannenland. Ich danke Euch dafür. Ihr seid von meiner Art, ich fühl's. Doch nein,« fuhr sie errötend fort, das erglühende Antlitz tief gegen die Mähne des Rosses beugend, und holdselige Weichheit verschönte jetzt die sonst so stolzen, strengen Züge. »Das war in Hoffart geredet. Ihr seid ein junger Held: hoch rühmten der Domesticus und der Bajuvare Euren Sieg über die Slavenen: ich bin ein Mädchen nur. Verzeiht! Ich will mich niemals wieder Euch vergleichen. – – Ist der Silbergürtel dort die Seine? Und jene hohen Türme ... –?« – »Es sind die Türme von Paris: hinter jenen Thoren wird die Entscheidung Eures, meines Schicksals fallen. –« 
  



    Neuntes Kapitel.
    Nahe bei Tours, in dem lieblichen Gelände der Loire, lag, in Büschen und Gärten versteckt, eine schöne römische Villa, von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten vererbt in der reichen Senatorenfamilie der Gratiani. An dem Abend des gleichen Tages, da die jungen Königinnen Paris erreichten, ergoß die Frühlingssonne im Scheiden ihren roten und goldenen Glanz durch den breiten, von Platanen umsäumten Mittelweg des wohlgepflegten Hauptgartens, der das von Marmorsäulen getragene Wohngebäude umhegte. Einige Stufen führten von dem Garten empor zu dem Eingang, an dessen Mittelsäulen ein gelber Vorhang segelartig ausgespannt war, die Sonnenstrahlen aufzufangen über einem Krankenlager, das hier auf der obersten Stufe sorgsam, pfleglich und kostbar aufgerichtet war. Auf den weichen Kissen, mit seidenen Hüllen bedeckt, lag ein blasser Jüngling, dessen reiches schwarzes Gelock die bleiche Gesichtsfarbe noch greller hervortreten ließ; zu seinen Füßen saß eine alte Frau in dem würdevollen Gewand römischer Matronen; sie hatte das Antlitz auf die Decken gepreßt; ihre Thränen flossen reichlich; aber der Kranke wußte es nicht: er schlief.
    Alles umher war ganz still und friedlich, wie feierlich, unter dem Glanz der sinkenden Sonne; nur leise scholl vom Wipfel einer Platane ferne her der Amsel melodisches Abendlied; die Mücken tanzten in den letzten Sonnenstrahlen; eintönig, leise goß der Brunnen in dem Marmor-Atrium der Villa.
    Es war wunderschön ringsumher: Reichtum, Geschmack, edler Kunstsinn hatten all' dies Besitztum seit Jahrhunderten geschaffen, gemehrt, gepflegt, geschmückt. 
    Und der junge Erbe all' dieser Schönheit und Herrlichkeit, da lag er, schwer atmend, manchmal jäh aufzuckend, in fiebernder Betäubung.
    »Mutter,« rief er nun und schlug die großen, runden, schwarzen Augen auf, die tief eingesunken lagen, aber ein seltsam Feuer sprühten, »jetzt ist sie aber da.« Die alte Frau richtete sich auf, die Spuren der Thränen mit zitternder Hand hinwegzutilgen trachtend: sie schüttelte leise das Haupt. »Du hast wieder geweint, Mütterlein! Wie unnütz quälst du dich doch! Ich sagte dir schon oft: mir fehlt nichts als – sie. Sie wird kommen: – sie muß kommen. Dann spring ich auf – und aller Schmerz ist – fort!« Er drückte ächzend beide Hände auf die linke Brust: wie waren diese Hände so abgemagert, so durchscheinend! »Mein Sohn, nimm, o nimm den Trank, den dir der gute Jude, der weise Jaffa, verordnet hat. Und selbst gemischt. Da ... –« Ungeduldig stieß er die Schale von sich. »Constantina heilt mich: – kein Trank der Welt! Sie wäre längst gekommen, hättet ihr von meinem Leiden ihr gemeldet.« – »Es ist geschehen. Aber –« – »Dann wäre sie schon hier. Kloster? Äbtissin? Sie liebt mich, sag' ich dir. Weigerte wirklich die Oberin – auch zu solchem Zweck! – ihr Urlaub, – nicht Mauern, nicht Riegel hielten sie fern von mir. Allein – es hilft euch nichts, daß ihr's meiner süßen Heiligen verbergen wollt. Sie weiß es doch! Den Heiligen zeigt Christus auch das Ferne, das Verborgene. Heute Nacht sah ich sie: – traurig und doch unsagbar trostlieblich sah sie aus. Sie winkte mir und sprach: »Ich weiß, Gratianus, du kannst der Schmerzen nicht genesen, bevor ich dir die Hand aufs Herz gelegt. Siehe, ich komme!« Und hier, den Platanengang schwebte sie heran: auf weißen Flügeln – oder auf den Strahlen der sinkenden Sonne? Ich  weiß nicht! Lautlos war sie auf einmal da! Hier, zu meinen Häupten stand sie, unter dem Vorhang, und legte mir die kühle Hand aufs Herz. O that das wohl. Und sie kommt, ich fühl's – ...« Er schwieg, erschöpft. Er schloß die Augen.
    Die Mutter ließ nun wieder den Thränen freien Lauf. Doch der Schmerz drohte, sie zu lautem Schluchzen fortzureißen; geräuschlos stand sie auf: noch einen Blick auf die festgeschlossenen Augen des Kranken – sie verschwand im Hause. – Sie wollte sich ausweinen, ausbeten im Oratorium vor dem geweihten Kreuz, das dereinst ein Pilger mitgebracht von dem Grabe der Apostelfürsten.
    Die Sonne sank tiefer; leiser sang die Amsel; der Brunnen schien lauter, stärker zu gießen; ein sanftes Lispeln ging durch die breiten Blätter der Platanen. – –
    Geräuschlos öffnete sich da zwischen der Flora- und der Pomonastatue des Garteneingangs das stolze vergoldete Gitterthor; in mächtigen Sätzen sprang aus dem Taxusgang zur Seite ein gewaltiger braungelber molossischer Hund herzu, dem Eindringling zu wehren: aber plötzlich kauerte er, schweifwedelnd, nieder: eine schlanke, weiße Gestalt legte die linke Hand ihm auf das breite Haupt, mit erhobenem rechten Zeigefinger Stille gebietend; und so glitten nun beide unhörbar den Mittelweg hinan, die weiße Jungfrau, die Hand ruhend auf des treuen Tieres Haupt, das langsam, traurig, jeden ihrer Schritte begleitete; nur einmal sah der Hund zurück: eine ganz schwarze Mädchengestalt folgte, unhörbar wie ihr Schatte, der Weißen: ein Wink der Führerin genügte, auch der Begleiterin bei dem Hunde Friede zu erwirken.
    So waren sie zu dritt die Stufen hinaufgelangt. Der Hund legte sich zu Füßen des Lagers, die weiße Jungfrau trat an des Kranken Haupt zu seiner Linken: hinter  ihr, vom Schatten des Vorhangs verdeckt, stand die dunkle Gestalt. Unsäglich traurig sah die lichte Jungfrau auf den Jüngling herab. – Nun trat – ihr Gebet war beendet, ihr Schluchzen gehemmt – die Mutter aus dem Innern des Hauses wieder auf die Schwelle. Tonlos, wie vor einer Erscheinung blieb sie stehen. Da schlug der Sohn die dunkeln Augen auf, griff, ohne sich umzusehen, nach der Hand der weißen Jungfrau und sprach: »Siehst du, Mutter? da ist sie. Ich hab' es wohl gewußt. Nun bin ich genesen.« Erst jetzt richtete er die Augen zu dem Mädchen auf: ein selig Lächeln zog um seinen Mund.
    »Constantina, Engelkind!« rief die Alte. »Wie ward es möglich ... –?« – »Durch die Liebe, Mutter,« erwiderte die Jungfrau mit heller, aber starker Stimme, »Als – vor vielen Wochen – deine Meldung kam und deine Bitte, weigerte die Frau Äbtissin jeden Urlaub. Ich bat, ich flehte, ich weinte sehr, – umsonst. Umsonst schrieb mein Vater, er verlange, daß man mich an meines Verlobten Krankenlager entlasse. Sie blieb starr. Da erachtete ich es nicht für Sünde, als eine Anzahl der Genossinnen – aus sehr gerechten Gründen – das Kloster heimlich verließ, sie zu begleiten, nur, um hierher zu eilen. Die Führerin der Flucht, der wir alle uns eidlich verpflichtet, erlaubte mir's, – hier bin ich.« – »Aber« – der Kranke fuhr jäh empor, richtete sich gewaltsam auf, warf den schwarzumlockten Kopf zur Seite – »aber nicht allein! Von dieser Schwarzen da – mich schauert's kalt! sie steht mir in der Sonne – von dieser träumt' ich nicht!« – »Dank' ihr, Gratianus, es ist Julia, meine edle Freundin. Sie, sie allein erbot sich, mir hierher zu folgen, obgleich sie selbst recht krank. Sie ist die treueste von allen.« Die Begleiterin, den schwarzen Schleier dicht um Haupt und Schultern ziehend, verschwand leise hinter  den Säulen. »Sie hat mich erschreckt. Mich fröstelt. Constantina, deine Hand. Hierher – so! Dicht ans Herz. Der Schmerz läßt nach – er ist fort. Fort! Zum erstenmal! Nach Monaten. Siehst du, Mutter? Wer hatte recht? Nun ist dein Sohn – genesen.« Er schloß, sehr müde, die Augen.
    So sah er nicht, wie die arme alte Frau, die Hände über der Stirne ringend, zu seinen Füßen niedersank, neben den treuen Hund. Verzweiflungsvoll sah sie auf zu Constantina, ihr Mund öffnete sich zu wildem Weheschrei. Aber die Jungfrau, hoch aufgerichtet, hielt ihr, während sie die Linke auf des Geliebten Herz drückte, warnend, mahnend die offene Rechte entgegen: zwei große Thränen liefen langsam, langsam über des Mädchens ernste, feste Züge.
  



    Zehntes Kapitel
    Und an demselben Abend, da die Königinnen Paris erreichten, waren Castula die Klausnerin und ein paar der Mädchen schon wieder in Poitiers, im Asyl des heiligen Hilarius. Castula hatte Chrodieldis zwar darin die Wahrheit gesagt, daß sie sich dorthin begeben wolle mit so vielen Genossinnen als ihr folgen würden. Aber nicht hatte sie der Fürstin anvertraut, was sie von jenem Asyl aus weiter ins Werk setzen wollte. Nur sehr wenige folgten ihr, und diese aus ganz besonderen Gründen.
    Die erste, die Castula für den Gedanken des ruhigen Abwartens gewonnen hatte, war die arme Ulfia von Passau.
    Arm war »das dicke Kind« zu nennen, nicht wegen Mangels an weltlichem Gut oder an leiblicher Gedeihlichkeit  – im Gegenteil: Ulfia hatte des ersteren genug und des letzteren fast zu viel: – sondern weil es unaufhörlich die Zielscheibe der Neckereien aller Genossinnen war vermöge unbeschreiblichen Schlafbedarfs. Sie war immer so furchtbar müde, die kurzgewachsene, vollblütige Kleine! Kaum der Kindheit entknospt, hatte sie noch ganz Kindergewohnheiten; und die Anstrengung, die es sie gekostet hatte, sich fortab als Jungfrau zu begreifen und zu benehmen, lag ihr noch schwer in allen ihren nudelrundlichen, rosa behauchten Gliedern. Nicht mit Unrecht hatte die muntere Allberahta, das schöne Haupt in den üppigen Nacken werfend, gemeint, wenn man sie schon »Rotundula« schelte, müsse man die Passauerin »die Kugel« nennen.
    Sie schlief immer. Die Äbtissin mußte Monat für Monat die Strafwachstunden, Halbe-, Viertel-, Achtelstunden fallen lassen, die das unglückliche Bajuvarenkind verwirkt hatte, weil es zu spät kam zur Hora, zu spät zur Matutina, zur Messe, zum Frühstück, zur Morgenarbeit, zum Hauptmahl, ja auch zum Nachmittagsschlaf: – denn sie war, den letzten Bissen im Munde, regelmäßig schon an der Tafel eingeschlafen und konnte weder durch Zuruf noch durch Hukbertas Rippenstöße noch durch Basinas Kitzelversuche mit ihres eigenen Haarzopfs Spitzen unter der Nase zum Erwachen aufgeschmeichelt werden, wann es aufstehen hieß, das Nachtischgebet zu sprechen. Beim Abendessen sank sie mit dem stumpfen Näslein oft vornüber in die gemeinsame klösterliche Abendmilch; und in ihre Zelle und in ihr Bett gelangte sie ohnehin nie anders als im Halbschlaf wankend, geführt von gutmütigen Freundinnen, an denen es ihr bei ihrer großen Herzensgüte und – sofern sie nicht gerade schlief – liebenswürdigen Fröhlichkeit nie fehlte.
    Einmal hatte sie den ersten Preis im Goldsticken erhalten, Basina den zweiten (Chrodieldis war auf Wasser  und Brot gesetzt worden, weil sie den kostbaren Stoff über die Scheibe für ihre Lanzenwürfe gespannt hatte). Beide durften sich ihren Lohn erbitten: Basina bat, sie so lange im Klostergarten Kirschen von den Bäumen pflücken und essen zu lassen, – mit der sonst streng verpönten Aufbeißung der Kerne, – bis sie genug haben werde: dies Ziel ward spät, aber doch erreicht; der Garten war noch nicht ganz leer: aber alle Sperlinge zogen laut scheltend davon. Ulfia hatte gebeten, sie einmal im Leben ausschlafen zu lassen. Doch sie kam um ihren Lohn! Nachdem sie achtundzwanzig Stunden ohne Unterbrechung geschlafen, weckte sie die Äbtissin angsterfüllt: »Aber doch auch nicht die Augen lassen sie einen Menschen zumachen in diesem Hause,« brummte sie, legte sich auf die andere Seite und – schlief fort.
    Da waren denn dem Grafenkind von Passau die letzten Abenteuer wenig erwünscht gewesen. So fand Castula günstig Gehör, als sie gleich nach der Flucht von Tours sich an die Bajuvarin wandte. An einer langen Latte, die sie aus einem Weinberg gerissen, schwang sie sich über den Graben der Heerstraße und ging auf einen Haufen frisch geschnittenen Frühheues zu, auf welchem sich Ulfia hingestreckt hatte, während die anderen aus den mitgeflüchteten letzten Gaben des guten Dodo ein hastig Frühstück bereiteten und einnahmen.
    Die Klausnerin war eine mittelgroße Gestalt; ihr starkes braunes Haar zeigte nur hier und da durchlaufende weißgraue Streifen, die dunkle Farbe des Gesichts, die feurig unter starken Brauen hervorblitzenden schwarzen Augen bezeugten ihre südgallische Herkunft; der Mund, jetzt herb und trotzig aufgeworfen, mußte früher sehr reizvoll gewesen sein und die ganze Erscheinung trug die Spuren ehemaliger hervorragender Schönheit; das immer  noch anziehende Gesicht war nur zerrissen und entstellt durch seltsame, unregelmäßige Narben.
    Sie stand lange betrachtend vor der Schläferin, deren tiefe volle Atemzüge so gleichmäßig den jungen Busen hoben und senkten. Das rosige Gesicht blühte in Unschuld und Gesundheit: ein kleiner blauer Schmetterling mit vielen Äugelein auf den Unterflügeln, der gern an allerlei Süßem nascht, war lang hin und hergeflogen über ihrer Stirn: er ließ sich nun am Ansatz der Haare nieder und sog den Duft dieses jungen Lebens ein. Rührung oder Mitleid – mit sich selbst oder mit dem holden Kinde? – oder Wehmut lag in den Zügen der Reclausa. Endlich beugte sie sich – der Falter flog davon – und sprach laut, ganz nahe der Schlummernden zierlichem Ohr: »Herzulfia, schläfst du?« – »Zum erstenmal seit vielen, vielen Wochen!« – »Lagst du gut?« – »Sehr gut.« Und das rosige Gesicht sank schon wieder auf den weichen, nackten Arm. Aber Castula träufte ihr aus ihrem Kürbiskrug einen Tropfen kalten Wassers in den Busen und rief ihr ins Ohr: »Sollst noch besser liegen: – auf dem Heuboden des Bischofshofes zu Poitiers, wenn du mit mir umkehrst! Willst du?« – »Kann nicht.« – »Warum nicht?« – »Chrodieldis – versprochen! – Gute – Nacht!« Aber die Klausnerin zupfte sie am Ohrläppchen: »Chrodieldis hat's erlaubt.« – »Aber wie? – Zu Fuß? – Bin zu müde.« – »Zu Esel.« – »Zu Esel! Das wäre was! Die gehn gleichmäßig!« – »Wie eine Schlafwiege. Und ich gelobe dir: du sollst schlafen, schlafen – bis alle Könige und alle Bischöfe und die Äbtissin und Chrodieldis einig sind.« »Das wird lange! Ich folge dir!« hauchte sie noch und sank aufs Heu zurück. »Ein Grafenkind, auch im Schlaf, ist immer etwas wert,« raunte die Klausnerin, »Der werden sie nicht viel thun. –  Nun zu der Herzogstochter.« – Und sie humpelte – denn der eine Fuß lahmte ihr ein wenig – über die Heerstraße zurück und einen kleinen Hügel hinan, auf dem, hochaufgerichtet, stand Anstrudis, des Herzogs Siggo stolzes Kind; sie lehnte den Rücken an einen Baum und spähte scharf nach Westen; unwirsch zupfte sie an den Flechten ihres braunen Haares, die sie nach vorn über die Brust geworfen hatte. »Was thust du hier, o Herrin?« – »Du meinst wohl Chrodieldis. Sie ist hier Herrin: – wie allerwärts.« – »Was thust du hier?« – »Ich stehe Wache: ich spähe, ob wir verfolgt werden, von Tours her.« – »Freiwillig?« – »Auf ihr Geheiß.« – »Ha, es behagt ihr wohl, Herzogstöchter umher befehlen, auf Wache schicken zu können.« – »Sie versteht zu befehlen, das muß man ihr lassen.« – »Ist nicht schwer, findet man sogar Siggos, des Langobardenbesiegers Kind, bereit, zu gehorchen. Mach ein Ende! Geh mit mir nach Poitiers ...« – »In das Kloster? Niemals!« – »Gegen das Kloster!« Anstrudis horchte hoch auf. »Laß der Hochfärtigen den billigen Ruhm, von Ort zu Ort heimlich zu entwischen. Ich gehe nach Poitiers, das Kloster zu stürmen. Du staunst? Entschlossene Männer stehen bereit, mir zu helfen. Willst du uns führen? Willst du vollenden mit der Faust, was jene erbitten will?«
    »Gern! Wie gern! Aber mein Eid ... –« – »Sie läßt jede ziehen, die will: – und dich am liebsten, die ihr an Rang, an Ansehen nächste.« – »Ich gehe mit! Komm, ohne Abschied von – ihr.« – »Recht! Ich hole dich hier ab. Noch ein paar andere bring' ich mit.«
    Und sie schlich wieder hinab auf die staubige Straße; da saß am Rande des Grabens, unter hochaufgeschossenem Unkraut, Richauda, des reichen Thesaurarius Charigisel hübsche, viel verwöhnte, verzärtelte Tochter und flickte mit  langen Stichen, weit ausziehend, mit grauem Bindfaden den Saum eines wenig klösterlichen Mantels, der, von köstlich gewebtem Stoff, einst veilchenblau von Farbe und reich gestickt gewesen war: allein von Regen und Schnee jener ersten Märznacht hatten Farbe, Gewebe, Stickerei kläglich gelitten.
    Castula setzte sich zu ihr in den Graben, zog eine Schere aus dem Gürtel und half ihr. »Risch – rasch! Fort damit. Lauter Fetzen! Schade drum! Welch herrliches Zeug! Das ist nicht hier im Frankenreich gewebt worden!« »Dank für die Hilfe!« seufzte Richauda. »Das kommt aus Byzantion. Mein Herr Vater hat dort, als Gesandter unsrer Könige, vom Kaiser kostbare Ehrengeschenke erhalten. Das ist ein »holosericon himation«, ein ganz seidener Mantel.«
    »O heilige Radegundis,« seufzte Castula. »Daß ein Edelkind wie Ihr hier, an dem Graben auf der Heerstraße, an solchen Prachtgewanden flickt! – Und seht nur, wie Eure Haare staubig sind! Schaut einmal hierher, schöne Herrin!« – »Einen Spiegel? Ei Castula! So eitel?« Die Klausnerin, die heute noch viel schöner war als das eitle junge Kind, lächelte: »Nur für Euch hab' ich das Spiegelein beigesteckt. Behaltet es nur. Gott, o Gott! Wenn ich denke, wie viele Truhen voll solch' köstlicher Kleider Ihr im Kloster liegen habt, die Euch der Herr Vater schickte. Und Ihr durftet sie nicht tragen! Warum? Weil dann vollends Leuba, die Äbtissin-Nichte ... –« »Äbtissin-Nichte, das ist gut!« lachte Richauda. – »Nicht mehr anzuschauen war neben Euch. Und all diese Truhen, – sie verbrennen demnächst. Oder andere teilen sich darein.« »Wie das?« rief die Kleine erschrocken und sprang auf. »O Gott! Meine Schmucksachen! Nicht wieder sobald geht mein Vater nach Byzanz. Warum soll ich  sie verlieren?« – »Weil Anstrudis und tapfere Männer das Kloster stürmen! Geht mit und rettet, was Ihr könnt von Eurem Eigen.«
  



    Elftes Kapitel.
    Ohne die Antwort abzuwarten, eilte sie, so rasch die Füße sie trugen, quer in die blumige Wiese hinein. Hier saß, an eines klaren Bächleins Rand, die blonde Genoveva, das Haupt träumerisch an einen moosumwachsenen alten Markstein gelehnt. Sie zerpflückte bald Sternblumen, deren Weissagung befragend, bald flocht sie weiter an einem halbfertigen Kränzlein, das sie aus den bunt und üppig hier sprießenden Frühlingsblumen zu winden angefangen hatte. Sie summte dazu, träumerisch, gedankenvoll, ein Liedchen:
    »Weit vom Weibe –
      Nicht müht es den Mann!
      Nach andern äugt er, der Arge,
      Aber des armen
      Mädchens Gemüt, –
      Ferne vom Freunde
      Sehnsucht fehlt es und Sorge! –
      Blumen und Blätter,
      Kleine Kränze,
      Will ich den Wogen
      Vertrauen und Träume der Trauer!
      Führt sie zum Freunde,
      Ihr willigen Wellen,
      Und sagt ihm, wie selig ... –«
    »Du bist es, Castula? Was bringst du mir?«
    »Bessern Rat, als diesen Kranz in den Bach zu werfen!  Bringt ihn dem Freund – mit eigenen Händen.« – »O weh! Du hast gelauscht –!« – »Heute, hier war nichts Besonderes zu erlauschen, Täubchen. Aber im Klostergarten, in der Werkzeughütte ... –« – »Heilige Genoveva!« – »Ohne Sorge! Die Klausnerin war auch einmal jung. – Herr Frontinus, des Senators Sohn zu Poitiers ist ein bildschöner Herr! Und weder des Januarius Schnee zur Mitternacht noch des Juli Sonnenbrand um Mittag konnten ihn fernhalten von der Zeughütte! Nun war er verreist, mondelang. Aber er ist zurück – seit acht Tagen.« – »Woher weißt du ... –?« – »Sein Freigelassener ist ein Freund eines meiner Freunde im Kloster ... –« – »Du? – Du, die Reclausa, die seit Jahren ihre Zelle nicht verließ vor lauter Frömmigkeit, vor lauter ... –« – »Sagt es nur: vor lauter Reuebuße für eine frühere Flucht! Ja, die arme verachtete Reclausa hat doch Freunde im Kloster! Und sein Freigelassener erkundete von meinem Freunde, wohin Ihr geflüchtet. Und kam, im Auftrag seines Patrons, auf Eurer Spur, nach Tours zu den Mönchen. Und warf mir dies Brieflein für Euch über die Mauer: hier, es sieht recht zärtlich aus, das Wachstäfelchen.« Selig las das blonde Kind: »O komm zurück – mich verzehrt das Verlangen.« Sie errötete bis an die Stirn, barg das süße Geheimnis im Busen und lächelte: »Gut, daß du nicht lesen kannst.« Castula lächelte gutmütig: »Ja, es ist immer gut, wenn man dumm ist: – gut für die andern.« – »Denke nur: er schreibt, ich solle zurückkommen ... –« – »Ah, das hätt' ich nie erraten! – So kommt zurück.« – »Unmöglich.« – »Sehr leicht. Ich gehe heute noch mit drei Edelfräulein –: Chrodieldis hat's erlaubt.« – »Im Kloster werden sie jetzt scharf Wache halten.« – »Nicht ins Kloster sollt Ihr! In die Stadt, zu ihm, dicht neben  sein Haus, in die Basilika!« – »O süße Wonne, die mich durchrieselt! Ich will's noch überlegen, aber ich kann kaum anders. Er ruft: – Castula, wie dank' ich dir.« – »Habt mir nichts zu danken. Seht, andre – die führ' ich gern, an ihren stolzen Nasen sie gängelnd, ohne daß sie's merken, zu meinen Zielen. Aber du, – du thust mir weh und wohl zugleich im Herzen! Schau, Genoveva, ich war auch einmal wie du: gut und rein und blind vertrauend, bis ... –! Doch das ist nichts für dich! – Dich aber täusch' ich nicht. Denn du gleichst ihr, der Armen, die um fremde, – weh, um meine – Schuld! gelitten hat: der Süßen gleichst du, der Unschuldigen, die sie zertreten haben. Du staunst? Ja doch: ich habe eine Wut gegen das Kloster und gegen die Äbtissin und gegen – ha,« lachte sie, »fast gegen alles, was geistlich ist oder vornehm, gegen diese ganze Heuchelei und Sünde und Gewalt, die man zusammen Kirche und Reich der Franken nennt. Ah, das ist all' ein ungeheuerer, von Schätzen vollgestopfter Scheiterhaufe: – darauf liegt gebahrt die tote Treue. Hei, welche Hand darf die erste sein, die zündend die Fackel darein wirft? – Was ich will? Nur der Äbtissin Eine Frage vorlegen: – aber so, daß sie antworten muß, nicht wieder ihre Wolfshunde rufen kann gegen mich. Du schüttelst die blonden, die goldnen Ringelein, holdes Kind? Du meinst, die Klausnerin ist wahnsinnig? Mag sein! Dir aber thut sie nichts zuleide. Du darfst mir trauen!« – Und wieder ohne Antwort abzuwarten, lief sie fort; sie war diesmal der Entscheidung noch sicherer als bei den andern.
    
    Und mit den vier Genossinnen war Castula zurückgewandert nach Poitiers. Sie hatte in der Nähe der  Basilika des heiligen Hilarius, in einer Seitengasse versteckt, abgewartet, bis am frühen Morgen das Gitter des Nebenhauses, des Oratoriums, geöffnet ward, die Frommen zu den Horen zuzulassen: und sofort hatten die Fünf mit dem Ruf »Asyl! Asyl! Hilf, Sankt Hilarius!« sich über die Schwelle hinein in das Innere der Kirche geflüchtet. Gerade dieser Teil des Gebäudes war für die Asylsuchenden bestimmt: deren Zahl war das ganze Jahr hindurch nicht klein, wenn sie auch niemals die Menge der Schützlinge erreichte, die Sankt Martin zu Tours, der größte Heilige des Frankenreichs, unter seinem Frieden barg.
    Deshalb hatte man hier, wie in den meisten stark als Freistätten gebrauchten und mißbrauchten Kirchen, eine besondere Abteilung den Flüchtlingen angewiesen: Asyl gewährte freilich jeder Raum innerhalb der geweihten Umfriedung. So ward die Verwendung des übrigen Baues für die Kirchenzwecke nicht beeinträchtigt durch das Leben der Schützlinge in dem Oratorium und deren häufige Verhandlungen mit den Abgesandten der Staatsgewalt; um dieser sehr nötigen Vorsicht willen hatte man den den weiblichen und den den männlichen Schützlingen zugeteilten Raum durch eine dicke und hohe Zwischenmauer geschieden.
    Der den Frauen gewährte Raum war leer, so schien es. Verschüchtert, unbehaglich sahen sich die Edelfräulein in dem halbdunkeln, kahlen, schmalen Viereck um: ein Kreuz, ein verblaßtes Mosaik: die Lämmer, die der gute Hirt schützend um sich schart, darstellend, ein Betschemel, ein paar Decken auf den Steinstufen, die als Lagerstätte dienten, das war alles; ein Krug Wasser und ein paar Brote waren frisch hineingetragen worden von einer unfreien Magd der Kirche, die, mit einem verwunderten Blick auf so vornehmen Besuch, auf so feine Gestalten, schweigend wieder ging. 
    Castula durchmusterte den Raum; sie maß vor allem fünf Schritte vom Eingangsgitter ab, die Zwischenmauer entlang, nach hinten, machte plötzlich Halt und klopfte mit der geballten Faust an die Mauer: Mörtelbewurf bröckelte ab: – es klang wie Holz. Sie nickte und schritt weiter in die finstere hinterste Ecke, bückte sich und hob ein grobes Segeltuch auf, unter dem ein drohendes Brummen hervordrang: »Dacht' ich's doch! – Wieder hier, Struzza?« Da richtete sich unter der Decke ein gewaltig Weib auf: braunrote Haare strich sie sich aus dem breiten Gesicht: »Du bist's? Die Arleserin? Nun wird's lustiger!« rief sie aus rauher Kehle. – Weindunst ging von ihrem Atem aus. »Wer ist das, o all' ihr Heiligen?« rief Genoveva erschrocken und flüchtete hinter Anstrudis, während Richauda bis an die Thüre zurückwich. – Nur Ulfia blieb von dem Eindruck verschont: sie lag auf der untersten Stufe und schlief sanft.
    »Das ist eine – Freundin von mir! Struzza, aus dem Bajuvarenland hierher verschlagen, das heißt: Herrn Truchtigisel zu Soissons entlaufen und seiner gestrengen Ehefrau. Auch eine Klausnerin, – aber eine wilde.« – »O,« flüsterte Genoveva, hinter Anstrudis scheu hervorlugend, »die in den Steinbrüchen hauset, draußen vor der Stadt?« – »Was hast du da für feine Püppchen mitgebracht?« grinste, wenig freundlich, die Rothaarige. »Sie soll manchmal einen Dämon haben, ist das wahr?« fragte Richauda. »Oder der Dämon mich,« lachte das Weib. »Sie ist gar so groß,« meinte furchtsam selbst Anstrudis. »Und sie frißt kleine Kinder,« fügte die Vorgestellte bei, die Furcht und den Abscheu der Mädchen bemerkend.
    »Sie beißt nicht!« beruhigte Castula. »Wenn sie nüchtern ist,« grinste die Riesin. – »Was hat dich diesmal hergeführt?« – »Bah, eine geringe Sache! Nicht jede  heilige Klausnerin hat einen Klosterkeller neben ihrer Zelle.« – »Still! Schweige doch!« – »So hab' ich denn eine Amphora Rhonewein gestohlen. Und den Hund von einem Hehler, der mir heimlich die Hälfte weggesoffen hatte, mit der Faust niedergeschlagen: – war halb tot. Wer sind die vier jungen Katzen?« – »Edle fränkische Fräulein.« – »Haben die auch gestohlen? Haben sich wohl eher stehlen lassen, eh? – Höre, schaff mir bald die nasenrümpfenden Puppen aus den Augen oder ich erdroßle sie wie vier Schnepfen auf vier Griffe.« – »Geduld! Freilich müssen sie fort, bevor wir die Männer hereinlassen. Mein Freund, der Kellermeister, der früher einmal hier Asyl gesucht, hat mir das Geheimnis der Zwischenthür verraten. Wie viele mögen drüben sein?« – »Nach dem Lärm, den sie heute Nacht machten, wohl dreißig.« – »Das genügt.« – »Wofür?« – »Für mein Werk: ein großes! Bücke dich.« Sie raunte ihr ins Ohr. »Heia! Gevatterin! Das lob' ich mir! Dir fällt doch immer was ein! – Mir – mir hat der viele Wein – und die Wut über die viele Geißelung – das Denken verstört. Die Äbtissin! Die bitt' ich mir aus.« – »Nein! Die gehört mir! Ich muß sie etwas fragen! – Aber still! Erst muß alles mit den Männern drüben beredet sein.« – Angstvoll drängten sich während dieser geflüsterten Unterredung die drei Mädchen zusammen um die schlafende Ulfia, mit scheuen Blicken die beiden unheimlichen Weiber betrachtend. 
  



    Zwölftes Kapitel.
    Das Palatium der Merowingenkönige zu Paris – das wichtigste, in dem sie am häufigsten weilten – war derselbe alte Kaiserpalast, in welchem weiland Julian dem Apostaten von seinen Legionen die Kaiserkrone aufgezwungen ward. Es sind die Räume, die heute die Namen: »Museum der Thermen« und »Hotel von Clugny« tragen. Die etwa achtzehn Mädchen waren in den Frauengemächern des weitläufigen Gebäudes untergebracht worden: diese standen leer. Denn die Königin-Mutter, die hohe Brunichildis, war vom Hofe vertrieben worden von der herrschenden Bischofs- und Adelspartei, die den jungen König Childibert, Brunichildens und des allzufrüh ermordeten vortrefflichen König Sigiberts Sohn, zu seinem und des Reiches schweren Schaden, damals noch völlig beherrschten. König Guntchramn, den Oheim, hielten sie nach Kräften fern von ihm. Mutter und Oheim hatten dem Jüngling eine Braut, die schöne und sanfte Faileuba, ausgewählt, um durch die Segnungen der Ehe die erwachenden sehr lebhaften Neigungen des jungen Merowingen zu bekämpfen. Aber die »Erzieher« des Königs hatten keine Freude an dieser Verlobung. Sie ließen die Braut sowenig wie die Mutter in die Nähe des königlichen Jünglings kommen, schoben die Vermählung immer wieder hinaus – ins Unbestimmte – und versicherten sich ihrer festen Herrschaft über den Heißblütigen, indem sie immer für lustige, wechselnde Zerstreuungen sorgten.
    In dem Vorsaal vor des Königs Gemach saßen beim Brettspiel an einem Marmortisch zwei Männer; der Bischofsmantel des einen und der reiche Waffenschmuck des andern deuteten den hohen Rang der beiden Freunde an. Nur  dieser Vorsaal führte zu dem königlichen Cubiculum: wer hier Stellung nahm, hielt den jungen Herrn in Belagerung; nie – bei Tag und bei Nacht – fehlte einer der beiden Männer in diesem Saal.
    »Lieber Schwager und Herzog,« sagte der Bischof nach langem Schweigen – und um die vornehmen bedeutenden Züge spielte ein feines Lächeln: »du bist auf dem Schlachtfeld, Dank dem heiligen Martinus, ein besserer Feldherr als auf diesen Marmorfeldern: – du giebst nicht acht! – Denk an deinen König!«
    Der andere, eine gewaltige Kriegergestalt, warf das mächtige Langschwert, das er zwischen den Knien trug, quer über den Schos und schob eine reichgestickte Scheitelhaube zurecht, die er unter dem stolzen Drachenhelm zu tragen pflegte, den er nun neben sich auf einen niedern Schemel gestellt hatte.
    »Weil ich an meinen König denke, Schwager Egidius,« lächelte der Kriegsheld, »an den von heißem Merowingenblut – nicht an den toten hier von Elfenbein – geb' ich auf das Brettspiel nicht acht. – Ich hoffe, wir gewinnen das andre Spiel.« – »Gewiß! Diese beiden Mädchen kamen zu rechter Zeit.« »Sollten sie deine Heiligen uns zu Hilfe gesandt haben?« höhnte der Herzog. »Frau Venus nannten eure römischen Ahnen diese Heilige, denk' ich.«
    »Du reibst dich gern an der Geistlichkeit!« lächelte der Bischof. »Und doch wo wärest du ohne ... –« – »Die Beichte! – Gewiß! Mittags Wein, Abends schöne Freundinnen, Morgens die Beichte. Wer damit keinen merowingischen Königsknaben beherrschen kann, ist ein Tropf, kein austrasischer Palatin.« »Beherrschen und –« flüsterte der Bischof – »verderben. Das Bürschlein wird nicht alt bei diesem Leben.« – »Schadet nichts! – Das  Merowingenhaus steht nur noch auf sechs Augen. Es hat lang genug geherrscht. Auch andre Frankengeschlechter ...–«
    Da wurde die Vorhausthüre, die nach dem äußern Gang führte, aufgeschlagen und, geführt von vier reichgekleideten Höflingen, traten Chrodieldis und Basina in den Saal, gefolgt von den beiden Alamannen, die, sich tief vor dem Bischof und vor dem Herzog verneigend, an der Thüre stehen blieben; die beiden Gewaltigen schienen die Eintretenden nicht zu achten, sie waren ganz in ihr Spiel vertieft.
    Zwei Höflinge gingen in des Königs Gemach, die Mädchen zu melden. »Sehr willkommen, sehr!« klang es vernehmlich heraus. Die Höflinge erschienen wieder und winkten den Mädchen, zu dem König einzutreten. Sie mußten an dem Spieltisch vorüber; beide Männer warfen einen raschen Blick auf sie und spielten weiter. Da blieb Chrodieldis stehen, hart an dem Tisch. »Ihr wurdet beide gestern,« sagte sie laut, »der Ehre gewürdigt, uns zu begrüßen und unsere Namen zu erfahren. Ihr, Herr Egidius, seid ein Bischof des Herrn: Ihr habt eure besondre Hoheit – Du aber, Herzog Rauching, lerne nun und merke dir's, wie man eine Königin der Franken zu begrüßen hat.« Und heftig schlug sie ihm mit der Hand die Stirnhaube vom Kopf, daß sie weit weg auf den Estrich flog.
    Wütend fuhr der Herzog auf, erbleichend vor Zorn, – der Spieltisch stürzte um, die elfenbeinernen Figuren klirrten über den Mosaikestrich hin – Rauching rang nach einem Wort: aber schon war Chrodieldis rauschenden Gewandes im Gemach des Königs verschwunden. Glutrot vor Schreck folgte ihr Basina.
    Die Scene war von furchtbarer Wirkung auf alle Zeugen: die beiden Alamannen eilten unwillkürlich ein paar Schritte vor, wie um dem verwegenen Mädchen beizuspringen: die vier Höflinge zitterten am ganzen Leibe:  dann fiel ihnen ein, daß sie die Spielfiguren auflesen konnten. Welches Glück! Welche Ablenkung! Welche Beschäftigung! Der Bischof, der ebenfalls aufgesprungen war, blickte, die Finger der Rechten ausstreckend, gespannt zu dem gewaltigen Herzog hinauf. Dieser aber holte tief Atem und die geballte gepanzerte Faust drohend gegen das Königsgemach hin erhebend, stöhnte er heiser hervor: »Warte!«
  



    Dreizehntes Kapitel.
    Kaum hatten die beiden Mädchen die Schwelle des kleinen, mit Mosaiken und Wandteppichen reich geschmückten Gemaches überschritten, als sich jede an der Rechten gefaßt und lebhaft nach vorn gezogen fühlte.
    Ein schlanker Knabe, in reichem golddurchwirktem Gewand riß sie ungestüm von der Thüre hinweg, – er hatte der Merowingen meerblaues Auge, das lange Goldgelock, die kurze, feingeschnittene Nase mit den nervös beweglichen Nüstern, die üppigen, verlangenden, genußgierigen Lippen und eine blendend weiße, mädchenzarte Hautfarbe: lieblicher Flaumbart träufelte sich ihm auf der Lippe und auf den wohlgebildeten Wangen: er war sehr schön; es war König Childibert. Er strahlte vor Vergnügen.
    »Weg von der Thüre!« flüsterte er. »Da hören sie uns! Und dann, weh uns! – O dunkelschöne Base! Was hast du gethan! Kein Mann auf Erden wagte das: – er wäre des Todes! Den Großgewaltigen, Rauching, den Herzog des Stolzes! Du hast ihn – vor Zeugen – geschlagen. Habe alles gesehen!« kicherte er, kindlich vergnügt. »Konnte es nicht aushalten vor Neugierde – nach  euch. Habe durch die Vorhänge geguckt! Thu's oft. – Du bist gewiß Chrodieldis! – Ich erschrak vor Entsetzen! Aber tief, tief hat mich's gefreut. Ich muß dich belohnen.« Und er mühte sich, sie zu küssen. Aber es genügte, daß die schlanke Jungfrau sich zu ihrer vollen Höhe aufrichtete, um ihm diese Hoffnung vollständigst zu entrücken.
    »Hui, ist die stolz, die Große! – Du, liebes kleines Bäschen, du bist gewiß nicht so ... –« »Lang«, sagte Basina, »aber noch viel hurtiger.« Und schon war sie unter seinem umschlingenden Arm durchgeschlüpft und stand wieder dicht am Eingang. »Schwöre Frieden, – Kußfrieden, jung Vetterlein, du zuchtlos Königsbüblein. Sonst schlag' ich hier die Vorhänge zurück und du stehst recht kläglich da vor deinem Hofgesind.« – »Um Gott!« – »Schwöre, Königlein! Schwöre! Oder –« sie griff in die Falten. – »Laß zu, laß zu! Ich schwör's bei allen Teufeln.« – »Und – auch bei deiner lieben Braut?« – »Die ist dabei schon eingezählt! – Ei, seid ihr dornige Röselein! Vettern und Basen küssen sich doch.« »Bei den Bauern, ja, und den Schneidern,« zürnte Chrodieldis, »nicht in Königshäusern. – Herr König von Austrasien! Wir fordern von dir unser Recht. Und wären wir arme Bettlerinnen ... –« – »Ihr seid aber viel was Schlimmeres, ihr seid entsprungene Nönnlein!«
    »Da liegt – ich seh's – unsere Klageschrift auf deinem Tische. Hast du sie gelesen?« – »Behüte. Ist viel zu lang! Aber es versteht sich: alles geschieht, was ihr haben wollt.« – »Wirklich?« – »O Dank!« – »Nun das versteht sich doch! Die Äbtissin – ich hasse Äbtissinnen! – ist eine alte langweilige, saure Holzbirne. Und ihr – weiß Gott – ihr seid die schönsten Mädchen, die ich ... –« »Je geküßt,« spottete Basina. »Du, Kleine! Wäre nur der Saal da draußen nicht! – Und  noch neununddreißig andere! Sind auch noch recht hübsche darunter?« fragte er neugierig. »Also unsere Forderung ist gewährt?« fragte Chrodieldis ungeduldig. »Gewiß! Vorausgesetzt, – daß« – fügte er mit schüchternem Blick auf den Vorhang bei – »daß Herzog Rauching und Bischof Egidius ... –«
    »Bist du König oder ist es Herzog Rauching?« rief Chrodieldis. – »Still, still! Um Gott! Er hört so scharf. – Er hat, nach meinem königlichen Willen, ja gesagt.« – »Also!« »Aber auch ich habe meinen Willen,« prahlte der Knabe. »Und ich bedang dabei, daß ihr nur dann des Königs Gnade finden sollt, wenn,« flüsterte er und griff – umsonst – nach Basinas vollem Arm, »auch ihr für den König nicht ungnädig seid. – Wie kommt es doch, daß ich euch noch nie gesehen?« »Weil man uns, nach unsrer Väter Tod, ohne uns, ohne unsere Mütter zu fragen,« zürnte Chrodieldis, »ins Kloster steckte.« – »Und vorher?« »Vorher? Ei du lieber Gott,« lachte Basina. »Da ging der Herr König ja noch in Kinderhöslein.« – »Kleiner Krauskopf, ich werde dir zeigen, daß ich ein Mann bin! ich werde dir Respekt beibringen.« Er griff nach ihrem Gürtel. Patschend schlug sie ihn auf die Hand. »Das müßtet Ihr aber beides ganz anders versuchen als bisher.«
    Da zuckte ein unheilverheißender Blitz aus den lodernden Merowingeraugen und der erboste Knabe rief sehr laut: »Ihr seid entlassen! Nicht in Gnaden! Euer Gesuch kann nicht so rasch entschieden werden. Wir werden euch Bescheid zufertigen lassen – in drei, vier Monaten.« Beide Mädchen erbleichten. »Ja, was meint ihr denn? Gottlose Nonnen! Kirche und Staat, die Ehre des Königshauses stehen auf dem Spiel. – Auch der Ruf unseres Hofes! –« 
    Leise lachte er dazwischen durch: »Hier seid ihr in meiner Gewalt! Das sollt ihr fühlen. Von hier entwischt ihr nicht wie zu Poitiers und Tours. Ihr sollt mir diese Stunde, diese Sprödheit büßen!« Laut fuhr er wieder fort: »Durch Herzog Rauching werdet ihr näheres erfahren.« Er schlug mit der Faust zornig auf ein Metallbecken. Die Vorhänge rauschten auf: zwei Höflinge erschienen.
    »Meine Basen sind scharf zu überwachen! Natürlich nur,« schloß er höhnisch, »daß sie nicht Übles erleiden. So tugendreiche Mägdlein thun nichts Böses.«
    Die Mädchen schritten schweigend durch den Vorsaal. Die jungen Alamannen wollten ihnen aus demselben in den Gang folgen. »Halt!« gebot Herzog Rauching. »Des Herzogs Sigfrid Söhne sind meine Gäste. Sie bleiben. Sie folgen mir in mein Haus.« Da traten die Jünglinge vor, verbeugten sich und Sigvalt sprach: »Ihr habt hier zu befehlen, Herzog: – aber nicht uns.« »König Guntchramn hat uns durch seinen Domesticus eingeschärft,« fuhr Sigbert fort, »soweit die Schicklichkeit verstattet, Tag und Nacht in der Nahe der jungen Königinnen zu bleiben.« »Er wird euch wohl nicht schwer, dieser Dienst?« grollte der Herzog.
    »Wir werden also,« fiel Sigvalt ein, »mit unsern Schwertern vor der Jungfrauen Schwelle liegen und bürgen, daß niemand von ihnen herausgeht ... –« »Und niemand zu ihnen hinein,« schloß Sigbert.
    »Kecke Schwaben!« brauste der Gewaltige auf. »Ein Wink, und –« Aber Egidius zog ihn am Mantel: »Gieb ihn nicht, diesen Wink. König Guntchramn – er haßt uns lange – lauert nur auf die Gelegenheit, uns zu stürzen, Krieg anzufangen, brauchst du Gewalt gegen seine Sendlinge. Laß mich gewähren! Ich setze sie bis morgen  früh ins hellste Unrecht, Dann – Gewalt, blutige, wenn es sein muß, – Geht, meine Söhne! Gehet nur mit diesen Lämmlein, sie zu hüten, – Der König ruft mich zum Vortrag. Ich komme!«
  



    Vierzehntes Kapitel.
    Die Gefahr, daß die Königinnen und ihre Gefährtinnen entrinnen könnten, auch nur aus dem Palatium, war in der That ausgeschlossen.
    Die Frauengemächer, in welchen die Flüchtlinge untergebracht waren, lagen zwar im Erdgeschoß – davor ein kühler grüner Garten im römischen Stil: ein Viereck, ein Springbrunnen in der Mitte, ein paar Lorbeeren und Cypressen darum her – aber das Ganze war von turmhohen Mauern umgürtet. – Vor der einzigen Pforte schritten zwei Speerträger. Herzog Rauching hatte sie geschickt: als Ehrenwache!
    Die beiden Herzogssöhne hatten zu ihrem Nachtquartier bestimmt einen kleinen kreisrunden Raum im Garten neben dem Springbrunnen; es war ein Tempel der Flora gewesen unter Julian: jetzt war's ein Oratorium der heiligen Genoveva, der Schutzpatronin von Paris.
    Im silbernen Mondlicht lag der Garten still, einsam; der Lärm des Hoflebens drang nicht hierher, Chrodieldis und Sigvalt, Basina und Sigbert wandelten, jedes Paar vom andern getrennt durch die ganze Weite des Gartens, nebeneinander hin.
    Hinter den dunkelschattigen Platanen blieb Chrodieldis plötzlich stehen: »Du hattest Recht, geliebter Mann! Ich  wußte nicht, was ich that, als ich diesen Hof, diesen lüsternen Königsknaben, diese gewaltthätigen Palatine, diese gewissenlosen Bischöfe aufsuchte. Nun ist's geschehen. Und ohne deine, deines Bruders mutige Treue, – wer weiß, ob wir nicht schon gefangen wären. Wir sind's! – Aber ihr seid bei uns! Dank dir! – Die Zukunft ist verhüllt. Drum solltest du jetzt heute Nacht schon wissen, was ich – sonst wohl noch lange verhehlt hätte. Denn sie sagten einst,« lächelte sie, zu ihm aufblickend,»Chrodieldis hat ein trotzig Herz. Aber nicht gegen dich, Geliebter! – Nein! Küsse mich nicht, mein Held! Ich hab' es ernster vor in dieser Stunde. Ich will dir meine ganze Seele zeigen. – Sieh, du hast dich wohl gewundert, weshalb ich so eisern bestehe auf dem Wort, das ich den Mädchen gegeben habe, die meist – ich seh' es wohl! – recht schwach und thöricht sind. Und weshalb ich es halte, so eisern, obgleich viele, ja die meisten mich verlassen, ihr Wort gebrochen und so auch mich des meinigen entbunden haben. – Sieh, dir will ich's sagen, Geliebter, – neige dein Ohr – vor den schweigenden Sternen. – Groß wie keines auf Erden ist unser, ist der Merowingen Haus und der Franken Macht. Kein Königshaus, seit die Amalungen dahin gesunken, kann sich uns vergleichen. Kaum dem Kaiser stehen wir nach an Macht. Durch alle Völker geht der Ruf der Franken und der Merowingen: unserer Kraft, Kühnheit, unserer Siege –: ach und unserer – Falschheit!« Sie schlug die Hand vor die Stirn.
    »Liebchen, beruhige dich!« – »Nein, bei Schmach beruhige ich mich nicht! ›Falsch wie ein Merowing‹, ›ein Merowingeneid das heißt ein Meineid‹, ›ein Merowingenwort das heißt die Lüge‹: so sprechen sie in Toledo und Pavia, bei den heidnischen Sachsen, drüben bei den Angeln in Kent, beim Papst zu Rom, sogar zu Byzanz, wo doch alle  Lügen ihren Ursumpf haben. Das ist unleidlich zu hören: – denn ach: es ist wahr! Die Geschichte unseres Hauses ist: Sieg – Mord – Verrat – Meineid – Falschwort.« – »Die Speere machen die Geschichte der Häuser, nicht die Spindeln,« – »Ja, aber ich hab' mir's geschworen; ich will's den Menschen zeigen: auch Merowingenblut kann Treue halten, eisern, zäh, trutzig, nenn' es eigensinnig, – aber Treue bis zum Tode. Was ich gelobt, ich muß es erfüllen, das siehst du nun wohl ein, nachdem ich dir des Herzens tiefsten Kern enthüllt – oder drüber sterben! Verstehst du's nun?«
    »Du bist ein herrlich Weib!« – »War das nicht weihevoller als ein Kuß? – Hab nur Geduld! Überleb' ich's und giebt mich Oheim Guntchramn dir, dann holt Chrodieldis die versagten Küsse treulich nach. Doch jetzt – statt eines Kusses – nimm mein Blut,« Sie riß einen kleinen scharfen Dolch aus dem Gürtel, ritzte sich ganz leicht die Haut des nackten linken Armes, daß ein einzig, ein winzig Tröpflein Blut hervortrat: sie hielt ihm den Arm hin. »Trink: Merowingenblut! – Wenn dir nicht graut.« Er beugte das Knie, umschlang ihre schlanken Hüften und sog gierig das Tröpflein heißen, roten Bluts. »Nun bist du mir verfallen« – sprach sie lächelnd und strich ihm zärtlich kosend über die schöne offene Stirn. »Von Meerdämonen, geht die alte Sage, sind wir entstammt: – dämonisch ist unsere Art: – graut dir vor mir, Geliebter?« – »O süßes, seliges, heißes Grauen der Liebe!«
    »Steh auf. Und sei getrost: dieser kleine Dolch ist viel stärker als König Childibert. Der Bube überlebt es nicht, wenn er mich küßt, –« Das Paar verschwand im tiefen Schatten der Platanen. – – –
    Basina zog Sigbert hinter sich her in das helle Mondlicht. »Es ist besser hier,« lächelte sie verschämt. »Zwar  auch hier sieht uns nur der Mond: aber es ist doch – anständiger als so ganz im Düstern.« »Ja, es ist besser so,« erwiderte er, »denn Einen Zeugen wenigstens will ich haben bei unserer Verlobung. Herr Mond, du hast darin wohl alte Übung. Und sieh – da schaut auch noch ein Sternlein zu! – 's ist Frau Berahtas, der holden, Gestirn: – vor diesen zweien Zeugen, süße Braut, küß ich dich. Mein sollst du sein.« – »Genug! Genug! Der Mond hat's schon gesehen!« – »Er hat aber zwei Augen. Und, dieser Kuß, der war für den Stern. – Und der für mich!« – »Und der, und der, und der – und die, die waren alle für mich!« rief die Kleine und ließ erst jetzt die roten Locken los: sie hatte ihn so kräftig festgehalten, als ob er ihr mit Heldenkraft sich entringen wolle, was ihm doch fern zu liegen schien. »Pfui, Basina,« schalt sie sich nun. »Wie kann man so zudringlich sein! Wenn das Chrodieldis wüßte, die gestrenge! Ich könnt' ihr nicht mehr in die Augen sehen – Horch, das Thürlein knarrt. Wer kommt?«
    Wie zwei mächtige, treue und tapfre Wachthunde fuhren die beiden Brüder auf den Eintretenden los. »Halt!« schrieen sie, daß die Mauern widerdröhnten. »Steh! Oder du bist des Todes.« Der Angeschrieene schien in der That bereits des Todes. Denn ohne sich zu rühren, sank er um, den Brüdern in die Arme. Die Gruppe stand im hellen Mondschein.
    »Ei, das ist ja Theutar, meiner armen Mutter Beichtiger,« rief Basina, schöpfte in beide Hände Wasser aus dem Römerspringbrunnen und fuhr dem Ohnmächtigen über das Antlitz. Der schlug die Augen gleich wieder auf: »Leb' ich noch?« fragte er. »Noch lange,« sagte Basina, »wenn du immer nur so stirbst.« Chrodieldis trat heran: »Du bist es. Theutar? Du bist kein Verräter.« – »Nein,  Chrodieldchen, ich bin im Gegenteil – nun, Theutar bin ich.« »Ist der blödsinnig?« fragte Sigbert ganz leise sein Liebchen. – »Der klügste, treueste Pfaff der Welt! – Stellt sich nur gern ein wenig blöde, da ihn schon so viele Könige köpfen lassen wollten, weil er so klug war.«
    »Du bringst uns wohl was Wichtiges?« forschte Chrodieldis, – »Gewiß! Wie früher, da ihr auf meinem Schose saßet und schaukeltet. Aber Chrodieldis wollte immer höher, immer höher fliegen. Ihr bracht' ich immer Pfeffernüsse und dir, Basinelein, Honigkuchen: Honigküsse, heißen sie. So habe ich solche auch jetzt mitgebracht. Da, Schwarze, hast du deine Pfeffernuß! Und da – du ein Honigküßlein, solltest du noch eines brauchen.« Basina ward rot wie Mohn! aber sie stand im Schatten. Chrodieldis warf das Gebäck zur Seite; Basina teilte das ihrige mit Sigbert. »Und deshalb bist du noch so spät zu uns gekommen?« – »Nur deshalb! Seht: wie hell der Mond auf eurer Ehrenwachen Helmen glänzt. – Und um euch den Kerkersegen zu sprechen. Denn morgen früh ...–« »Kerkersegen?« – »Nun ja freilich! Den Reisesegen läßt mich Chrodieldis ja doch nicht sprechen –: obwohl's besser wäre.«
    »Gewiß! ich will reisen. Nur fort von hier! Gleichviel wohin!« – »Gleichviel wohin! Das war ein weises Wort.« – »Warum so weise?« – »Weil nur Gott weiß, wohin wir reisen. – Ich hatt' einen Traum ... –«
    »Jetzt gebt acht,« flüsterte Basina: »jetzt kommt's.«
    »Ich hatte euch gestern Abend gesehen bei eurem Einzug in das Gefängnis – wollte sagen: in das Palatium. Schnapp, klang mir's im Ohr, wie wenn Vöglein in das Schlaghaus springen. Ich hörte dann heute – von den Höflingen, es schauderte ihnen noch die Haut! – wie das sanfte Chrödchen da dem stolzesten Palatin im ganzen Frankenreich die Kappe zurechtgerückt habe. Ei ei, dacht' ich, das wird lustig. Da legt' ich mich auf die Holzbank in dem Vorsaal und schlief. Der König hatte mich befohlen, ihm Rätsel aufzugeben. Denn er meint, ich sei sein Narr. Aber oft hält einer einen Narren, der ihn zum Narren hat. Also ich schlief.« »Der ist nämlich das Gegenteil von Ulfia: – er kann gar nicht schlafen,« lachte Basina. »Bis der Bischof wieder von dem König herauskam, schnarchte ich schon. Und der Herzog wollte mich hinauswerfen lassen ... –« Er hielt inne. – »So träumte mir nämlich. Aber der Bischof sprach: ›Sieh‹ – er meinte: mit den Ohren! – ›er schnarcht.‹ Und da sagte der Bischof – träumte mir – der König solle am andern Morgen befehlen, daß die Mädchen sofort nach Poitiers zurückkehrten.« »Nimmermehr!« rief Chrodieldis. »›Nimmermehr!‹ werde dann Chrodieldis rufen. – Wie doch der Bischof diese Heldin kennt! Und wie scharfsinnig ich träumen kann! – Und ihr würdet euch trotzig weigern, die Herzogssöhne desgleichen. Dann würdet ihr – in offnem Trotz – den Königsbann, den Palastfrieden gebrochen haben. Man könne dann mit bestem Recht, ohne König Guntchramn zu verletzen, Gewalt brauchen, die jungen Schwabenhündlein mit Gewalt von den Lämmlein reißen ...« – »O weh!« klagte Basina. ›Fielen sie dabei, desto besser: so sei's gerechte Strafe.‹ Auch, – denkt nur, wie so dumm, im Traum, ein Bischof reden kann! – stünden sie, wie es scheine, vor der Mägdlein Herzen, sagte er dem König – wie vor ihrem Schlafgemach Schildwacht, solang sie nämlich lebten: – aber tote Schwaben seien Mädchen nicht mehr so lieb wie lebende! – Dann könne man die Mädchen, getrennt, in verschiedene Kerker bringen. Und dort beliebig lang behalten. Hunger kirre die wildesten Falken. Und das gefiel  dem Herrn König sehr! – Und da nun Chrodieldis ganz gewiß nicht nach Poitiers geht, ist alles dies so gut wie schon geschehen.« – »Ins Kloster geh' ich nicht zurück;« sie griff in den Gürtel. »Wer sprach denn vom Kloster? Kannst ja gar nicht ins Kloster,« flüsterte Theutar, sich vorsichtig umschauend: »Das heißt: – so träumte mir.« – »Warum nicht?« – »Weil die Äbtissin Leubovera geschworen hat, – so träumte mir, – sie nimmt dich nicht mehr auf.« – »Gott hat ihren Verstand erleuchtet,« rief Basina begeistert. »Das wissen der König und die andern nicht aber ich weiß es – durch Truchtigisel, meinen Freund. – Du aber weißt es auch nicht. Also weigerst du dich, nach Poitiers zu gehen, weil du dabei nur an das Kloster denkst. Und es kommt hier zur Gewalt. Und alles ist verloren. Amen, Amen, Amen. – Darum empfangt den Kerkersegen, liebe Töchter. Ihr beiden Schwaben: ihr seid schon so gut wie begraben; ihr braucht gar keinen Segen mehr; höchstens den Grabsegen.« »Aber – wenn wir nun doch nach Poitiers gingen?« fragte Basina. – »Mir träumte: wenn ich eine schöne Jungfrau wäre, – ich ginge ins Fegefeuer, um nur aus diesem Königshof zu Paris loszukommen.« »Ja! In die Hölle,« rief Chrodieldis. »Nur fort aus Paris!«
    »Du träumst viel gescheiter, Theutar, als andere denken!« rief Basina. »Aber, wenn nicht ins Kloster, wohin dann zu Poitiers?« forschte Sigvalt. »Mir träumte: da steht zu Poitiers ein großes Haus, das gehört dem heiligen Hilarius ... –« »Asyl! Ins Asyl!« riefen beide Paare. »Heil uns! Wir gehen willig nach Poitiers, aber ins Asyl. Wir sind gerettet.« »Ja, ja,« sagte der gute Mönch und ging, »Den Seinen giebt's der Herr im Schlaf. Aber aufpassen müssen sie dabei ein wenig!« 
  



    Fünfzehntes Kapitel.
    Groß war am andern Morgen König Childiberts Erstaunen, als auf seine höchst ungnädige Botschaft hin, die Herzog Rauching noch ungnädiger ausrichtete, Chrodieldis sofort ihre Unterwerfung unter des Königs Gebot erklärte.
    Sein Wort brechen? Er hätte es gern gethan! Weniger das Gewissen, – die Furcht vor König Guntchramm, seinem Oheim, hielt ihn ab. Doch gedachte er, wenigstens die beiden Alamannen zu deren Vater heimzuschicken. Eifersucht hatte ihn erfaßt. Entgingen ihm, dem König, die schönen Bäslein, so sollten andere gewiß nicht ... Bald nachdem er dies zu wissen gethan, kam der Priester Theutar in sein Gemach mit einem Gesicht, das war noch viel verlegener, furchtsamer und blöder als sein gewöhnliches. »Was willst du?« fuhr ihn der König an. »Eines bisher braven Mägdleins Schwäche beklagen! Ich, ein Priester des Herrn, ich sollte nicht solche Botschaft tragen. Es ist,« seufzte er, »wie Kuppelei.« Hoch horchte der Königsknabe auf. »Welches Mädchen?« »Basina ist es – leider!« fuhr der stöhnend fort. »Ei, bei Frau Abundia! Die ist noch viel lieblicher als ... Was will das süße Kind?« – »Sie bereut, daß sie so unartig gegen ihren lieben Vetter und König war. Tief hat sich sein Bild ihr eingeprägt. Und sie bittet, Abschied nehmend von diesem Bild, ihm den versagten Kuß geben zu dürfen.«
    »O der Engel! Wo ist sie?« – »Schon draußen!« – »Führ sie herein! Rasch! Und geh.« – »Gleich! Aber ... –« – »Was noch!« – »Dafür bittet sie, daß die beiden Schwaben die Reise nach Poitiers begleiten dürfen.« Der Knabe verzog den Mund! »Das ist mir nicht lieb.« – »Sehr wohl!« Er rief durch den Vorhang.  »Geh' nur, Kind. Der brave Herr König will nichts von dir wissen. Behalte, was du bringen wolltest.« – »Ah, so laß dir doch Zeit! Und mir! – Meinetwegen! – Sei's um die Schwaben.« Basina stand schon im Gemach: »Ihr gebt Euer Königswort?«
    »Ich gab es schon, reizendes Bäslein.« – »Bitte: nochmal! Aber recht deutlich. – Vor dem Priester und mir!« – »Beim roten Donner: ja! – Hinaus mit dir, Mönch.« »Kind, halt' dich tapfer,« flüsterte der und verschwand.
    Der König eilte auf das Mädchen zu, das hart an dem Vorhang stehen blieb, und streckte beide Arme nach der reizvollen Gestalt aus.
    »Gemach,« bat sie leise. »Draußen stehen vierzig Menschen. Hübsch säuberlich! – Sehet nun, Herr König, wie Euch, weil Ihr sündhafter Lust blind gefolgt seid, ein kleines Mädchen überlistet hat.« – »Ah, was ist das?« »Ich rat' Euch, nicht zu schreien,« fuhr sie ganz leise fort, »um Eurer Ehre willen! Nicht um der meinen Willen, die ist mir sicher. – Was wollt Ihr denn nun thun, großmächtiger Herr König von Austrasien, wenn ich diesen Vorhang zurückschlage und vor all' den Priestern und Palatinen dort ausrufe: ich sagte, Euer Bild habe sich tief mir eingeprägt, ich versprach, zum Abschied dies Euer Bild zu küssen. Nichts andres that ich dir zu wissen. Sieh diese Münze, König Childibert, sie trägt dein Bild: – tief eingeprägt hab' ich's – du siehst es hier – in meinem nackten Arm: ich küsse hier dein Bild: und hab' mein Wort gelöst und hab' mein Spiel gewonnen! – Und allgemeines Gelächter wird dein Los.« »Das wäre ... –:« er errötete vor Scham. – »Mädchenlist gegen Königslist, die du tückisch gegen uns arme schutzlose Kinder geschmiedet hattest. Aber, Vetter Childibert – ich  will's nicht thun. Ich hoffe, wir kommen besser auseinander. Daß sich dein Bild meinem Herzen in Liebe eingeprägt, das hab' ich nie gesagt. Aber – gefallen hast du mir doch.« Geschmeichelt, doch mißtrauisch blickte er auf. »Wirklich? Dir soll ich noch trauen?« – »Ja, denn ich sage dir die Wahrheit. Du bist sehr schön.« Er errötete über und über. »Ich habe viel über dich nachgedacht, seit ich dich verlassen, obwohl ich sonst mich nicht viel abgebe mit Denken, auch über mich selbst genug zu denken hatte. Allein ich dachte wirklich viel an dich und sagte mir: Wie schade! Ein echter Königsjüngling von Ansehn und Gestalt, des edeln Sigbert, der herrlichen Brunichildis Sohn!«
    Der König trat betroffen einen Schritt zurück.
    »Schön, gescheit, witzig, liebenswürdig! Und verdirbt sein junges, edles Leben mit eitel Liebelei. Nein, nicht er verdirbt's.« – Sie sprach ganz leise nun: »zwei herrschsüchtige Männer, die er nicht lieben kann ... –« Er schüttelte heftig die langen Locken. »Die er durchschaut mit seinem Königsblick.« Er nickte drohend. »Sie verderben ihm das Leben, um ihn desto sicherer zu beherrschen. O König Childibert, ich bin kein Mann, verstehe nichts vom Staat! Aber glaubst du nicht, dein guter Oheim Guntchramn meint es besser mit dir, mit Eurem Hause, als dieser hochfahrende Rauching? – Mit deiner Ehre! – Denn wär's nun nach deinem – nein, nach seinem Willen gegangen – hättest du wirklich zwei junge Mädchen, die, um Recht und Schutz flehend, zu dir eilten, in Eitelkeit der Jugend – denn auch wir sind jung und eitel und schwach, lieber Vetter! – dazu gebracht, deine – das garstige Wort, es muß heraus! – deine Buhlinnen zu werden ...« – sie stammte auf vor Scham und Zorn und stampfte mit dem Füßlein – »die  nächsten Lilien deines Hauses! – dann wärst du heute noch viel, viel ehrloser als wir!« »Laß ab, Basina,« bat er. »Du hast recht – schone mich. Ich bin ein ... –« – »Du warst ein Knabe, Vetter. Sei fortab ein Mann, wirf diese Liebeleien weit von dir und mit ihnen: das Netz der Schande.« – »So hat nie Mann, nie Weib zu mir gesprochen.« »Doch, deine Mutter. – Aber du hörst lieber,« lächelte sie, »auf jüngere Lippen ... –« – »O Basina! Wenn du meine Königin ... –« – »Das geht nicht an, lieb Vetterlein! Du hast schon eine Braut: ein schönes, kluges, sanftes Mädchen – viel schöner und viel klüger und viel sanfter als Basina. Ich kenne sie so gut! Laß sie kommen, sofort! Sie liebt dich warm; sie hat es mir, der Freundin gestanden; du hast ihr nur noch das Herz nicht aufgethan.« – »Sie lassen sie mir ja nie! Ich habe ja nur eine gemalte Braut. Auch ist sie kalt.« – »Das ist sie nicht! Aber keusch. Und das ist zweierlei. Laß sie kommen – heute noch. Lerne, welchen Schatz du an ihr hast: sie wird dein Glück und deine Ehre sein.« »Du hast gesiegt, Basina!« rief der Jüngling. »Heute noch reit' ich zu Faileuba. Meine Mutter muß an den Hof zurück! Mein Oheim Guntchramn soll fortan mich leiten. Und du meinst, die beiden Vornehmen da draußen haben absichtlich mich durch meine – Eitelkeit beherrscht? Haben euch mir deshalb zugeführt und mir geraten, euch ... –« – »So ist es!« »Ich verbanne sie, beide,« rief er zornig. – »Das heißt: sowie König Guntchramn hier ist,« fügte er schüchtern bei. – »Werde nur nicht rückfällig, Vetterlein!« – »Nein! Ich schwör's, ich will mich bessern! Ich schwör's bei König Sigberts, meines edeln Vaters Blut!« – »Dank dir, Vetter, das war ein Manneswort. Nun, bitte, reich' mir deine Hand, nimm diesen Kuß darauf, junger König. Und willst du schwanken:  – schau auf deine Hand, die meine reinen Lippen jetzt berühren, und denke dran, was du Basina gelobt hast. –« Sie war verschwunden.
    Und tief im Innersten erschüttert sah ihr der Jüngling nach.
  



    Sechzehntes Kapitel.
    Eine Woche etwa nach dem Aufbruch der Mädchen von Paris hatte die Klausnerin zu Poitiers ihre Vorbereitungen beendet.
    Der lästigen Gesellschaft der Edelfräulein war sie bald nach dem Eindringen in das Asyl entledigt; am Tage darauf war ein Geistlicher am Altar von einem Trunkenen verwundet worden: die Kirche war mit Blut befleckt und mußte neu geweiht werden. Die zahlreichen Kleriker, die das ganze umfangreiche Gebäude sonst erfüllten, waren in andern Kirchen untergebracht worden. Bischof Marovech war fern auf Visitationsreisen in seinem ausgedehnten Sprengel. Die zurückgebliebenen untersten Kirchendiener ließen gern die Mädchen auf deren Bitten aus dem Frauengemach des Asyls im Oratorium in das einstweilen unbenutzte Hauptschiff der Basilika übertreten.
    Kaum war das geschehen, als Castula und Struzza den im Männerasyl nebenan gescharten Räubern, Dieben und Verbrechern jeder Art durch Klopfen und Rufen die in der Mauer befindliche Holzthüre bezeichneten. Die Spitzbuben, die, gegen das Asylrecht, die Geräte ihres Einbruchsgewerbes verborgen mit in das Weihtum geschmuggelt hatten, waren bald der Thüre Meister geworden: sie hatten sie aus den Angeln gehoben. Bei Nacht kamen sie  zusammen mit den beiden Weibern, die auch noch Zulauf aus der Stadt erhielten. Bei Tage wurden die Backsteine, welche die Holzthür verkleideten, sorgfältig wieder aufgeschichtet und dann hing die Thüre geziemend in ihren Angeln.
    Es war immer schwer, oft unmöglich, Mißbrauch des Asyls zu verhüten in größeren Kirchen. Jetzt, hier, da der Bischof fehlte, die Kirche entweiht und verlassen war von fast allen Klerikern, gebrach es vollends an Aufsicht. Die unfreien Knechte und Mägde des heiligen Hilarius, welche die Flüchtlinge bedienten, ihnen die – allerdings magre – Asylkost darreichten, waren leicht gewonnen oder eingeschüchtert. Eines Morgens fehlte Castula; und aus dem Männerraum waren vier Bursche entwichen.
    Die Edelfräulein verbrachten eine bange Zeit. Jede Nachricht von der Außenwelt, von Chrodieldens Erfolgen bei den Königen blieb aus; Genoveva litt am meisten; aber auch Ulfia klagte, sogar im Wachen habe sie keine Ruhe vor bösen Träumen.
    Zwei Tage vergingen. Am Abend des dritten kam Castula zurück; bei einbrechender Dunkelheit fanden sich auch die vier Männer wieder ein; sobald der Ostiarius die äußere Thüre des Asylbaus verschlossen hatte, wurden die Backsteine weggeräumt und die Zwischenpforte ausgehoben. Beim matten Schein eines ewigen Lichtes, das in dem Frauenraum in einer Ampel glimmte, kamen Weiber und Männer zusammen: sie sprachen heute noch leiser als sonst. »Habt ihr die Waffen, Gisbrand?« war Castulas erste Frage. »Wir haben sie,« antwortete ein riesiger Schmied, ein mächtig Beil erhebend; »der Waffenhändler auf dem Forum der heiligen Radegunde findet heute Morgen leere Truhen in seinem Keller. Hast du den Wein, schöne Arleserin?« fragte er dawider, »Hier  ist er,« antwortete Castula, einen langen Schlauch, den sie unter dem Mantel eingeschleppt, aus der Ecke ziehend; »mein Freund hat mich nicht im Stich gelassen. Ich wußt' es wohl. – Halt, Struzza, Geduld! Nicht aufbeißen den Schlauch! Der ist doch stärker als dein Gebiß. Du sollst ja trinken, aber – erst muß alles besprochen sein. Also! Ich habe mit meinem Freund im Kloster alles verabredet. Er nimmt dem Pförtner die Schlüssel ab, sowie er ihn berauscht hat. Du, Gisbrand, du klopfst ans Hauptthor im Osten, sowie der Mond hinter den Glockenturm tritt: Doppelschlag: so! Dann wird dir aufgethan: und du dringst ein mit fünfzehn Männern, mit Struzza und allen Weibern. – Du, Waroch, geschmeidiger Britanne, – da hast du eine Strickleiter, sie paßt genau! – du kletterst mit dem Rest der Männer von Norden, vom Bach aus, wo die alte Weide steht, hinauf: ein Eisenhaken ragt dort aus der Zinne, der hält die Leiter, er ist stark; ihr besetzt das Pförtlein dort im Norden, durch das werden sie fliehen wollen, sehen sie das Hauptthor von Gisbrand besetzt. Laß alle laufen – nur die Äbtissin halte mir fest – hörst du? – falls ich sie nicht vor dir erreiche! Es sind nur zwölf Knechte im Kloster.«
    »Aber die großen Hunde?« fragte Struzza. »Sie beißen furchtbar.« »Das weiß ich leider am besten. Aber sie beißen nur, solang sie leben,« erwiderte grimmig die Klausnerin. »Sie werden ihr Mittagsmahl heut' nicht gut verdauen, mein' ich! Von den zwölf Männern sind fünf gewonnen! Sieben ... –« »Ducken unter, wenn sie sich rühren,« grinste Gisbrand, das Beil lupfend. – »Jedoch die Hauptsache ist: die Äbtissin darf mir nicht entkommen.« – »Und uns nicht der Klosterschatz! Wo ist er?« – »Unten, in der Krypta, unter der kleinen Basilika  der heiligen Agnes: – neben dem Sarkophag der heiligen Radegundis.«
    »Da?« rief einer der Männer entsetzt, ganz weiß war schon sein Bart. »Da rühr' ich nicht dran! Die Heilige hat mir – als Äbtissin – wohlgethan.« »Glaubst du, es thut ihr wehe, nimmt man ihre Knochen aus dem Silberschrein?« lachte Struzza. »Da ist auch,« meinte Waroch, »das Stück vom heiligen Kreuz aus dem Morgenland. Wenn der Herr Christus nur nicht ... –« »Thor! Meinst du, der Herr Christus hat eine Freude an dem Holz, dran er so blutig litt?« meinte Gisbrand. »Gerade das Kreuzstücklein müssen wir haben.«
    »Ja,« raunte der eine. »Es macht unsichtbar.« »Nein,« verbesserte der andere, »aber stichfest.« »Da ist mir eine Büffelbrünne sicherer,« höhnte Gisbrand. »Aber mit Rubinen und mit Perlen ist seine Kapsel ganz bedeckt,« schloß Waroch.
    Sehr nachdenklich hatte Castula zugehört. Sie wollte etwas einwenden, aber sie besann sich anders. »Merkt auf,« mahnte sie nun; »die Pechkränze für das Johannisfeuer hangen in der Kelterstube, zwanzig Stück ... –« – »Die müssen alle brennen!« »Das ganze Nest soll diesmal in Flammen aufgehen,« drohte Gisbrand. – »Ich werfe den ersten, sobald ihr an das Hauptthor klopft, in die Schlafstube der Pröpstin.« – »Ei, wie kommst du hinein, Castula? – vor uns – ohne uns?« – »Meine Sorge.« – »Nein, unsere Sorge! Wenn du uns vorher das Beste wegnimmst ...–« – »Haltet sie hier fest! Bindet sie hier an! Wir wissen nun, was wir wissen müssen. Sie soll nichts Besonderes haben,« ging es durcheinander. – »Ich will nichts Besonderes! Gar nichts will ich als mein Recht. Das heißt: eine Frage an die Äbtissin! Euch der Wein und das Gold und die Perlen; – mir  nur: diese Frage!« »Nun wartet,« drohte Waroch, »ihr Priester und Gewaltigen dieser Welt, die ihr uns zertretet.« »Das ist doch nicht wahr,« sagte der Weißbart. »Die Edeln, ja! Aber wer allein nimmt sich der Elenden an auf Erden als die Kirche?« »O ja! Man füttert uns vom Überfluß, aber,« sprach Castula bitter, »stoßen wir irgendwo an das Netz, das unsichtbare, ihrer tausend Lehrsätze oder Zwecke – dann wehe uns! Viele hundert, viele zehnhundert Herzen brechen sie, ehe sie Einen Faden jenes Netzes zerreißen lassen. Doch das versteht nur, wer's erfahren hat.« »Aber, die Flammen! Werden sie uns nicht gar geschwind den Grafen aus der Stadt auf den Nacken locken?« fragte der Alte. »Es giebt gar keinen Grafen von Poitiers zur Zeit,« lachte Struzza. »Das ist der Spaß,« frohlockte Gisbrand. »Der alte ist tot, der neue noch nicht ernannt. Und alle Krieger in der Stadt hat der Bischof mitgenommen, ihn zu begleiten, weil die Straßen wenig sicher waren, solang ich und Waroch draußen in dem Flachland walteten! Nicht zwanzig Bewaffnete sind zur Zeit in der Stadt. Drum ist jetzt der rechte Augenblick! – Die Bürger? Bah! Diese Feiglinge, wagen sie sich wirklich in die Nähe des Klosters und auf die große Straße, – da weiß ich einen Fleck, der ist vom lieben Gott zum Hinterhalt eingerichtet, so trefflich wie eine Kirche zum Beten!« »Still!« mahnte Castula, »bohrt den Schlauch jetzt an. Trinkt euch Mut; aber nicht Sinnlosigkeit. – Ich habe noch andere Geschäfte.« Und sie verschwand in dem Gang, der in die Hauptkirche führte, tastete nach der Pforte und klopfte – in verabredeter Weise. Anstrudis ließ sie ein und schob rasch den Riegel wieder vor. »Nun gebt acht, ihr vier. Ja so, Ulfia schläft. Laßt sie nur. – In zwei Stunden wird das Kloster gestürmt.« 
    Entsetzt standen die drei Mädchen.
    »Unmöglich! Wer ...–« – »Tapfre Freunde! Die Äbtissin soll Abbitte thun.« »Ich glaub' es nicht,« rief Anstrudis. – »So wart' es ab! Doch, brennt in einer Stunde das Kloster, willst du dann, Anstrudis, zeigen, daß du Chrodieldis ersetzen, vertreten kannst? Soll die Äbtissin dann nicht vor dich geführt werden, dir Abbitte zu thun?« – »Ja, das soll sie!«
    »Gut! So eile an das Kloster, sobald die Lohe steigt. – Und deine Kleider, Richauda, deine Kleinodien, sollen sie verbrennen? Sollen andre sich drein teilen?« – »Nein, o nein! Eh' sie verbrennt, rett' ich meine Habe.« »So folge Anstrudis. Du, Genoveva – du bleibe nur hier und hüte Ulfias Schlaf.« – Mit Erbarmen ruhte ihr Blick auf dem schönen, blonden Mädchen. »Sie ist ihr so ähnlich! Und ich habe der Geiseln, der Mitschuldigen an zweien genug,« raunte sie mit sich selbst. »Genoveva,« flüsterte sie ihr nun ins Ohr: »sei wachsam! Bleibe hier! Es wird vielleicht recht ernst da draußen. – Er – Er ist drüben: in seiner Eltern Haus! Er suchte dich Tag für Tag – im Klostergarten – auch diese Nacht will er dorthin kommen.« – »O Gott!« – »Still, ich werd' ihn warnen. Er soll dich finden, holen: – hier! Und wann alles zu Ende, und wann sie alle lästern werden, die Klausnerin habe Stein und Feuer in der Brust, aber kein Herz: – dann denke du dieser Stunde! – O Desiderata! – Nein, nein! ich weiß es! Du trägst nur ihre Züge, nicht ihren Namen! – Still! – Schweige! – Ich muß fort. – Jetzt will ich die Äbtissin fragen! Und diesmal – diesmal: soll sie mir Rede stehen!« 
  



    Siebzehntes Kapitel
    Nur allzugut gelang der Überfall des Klosters, das eine kleine halbe Stunde von der Basilika entfernt in einer Vorstadt lag, im Norden der Stadt, nahe der großen Straße, die nach Tours, Orléans und Paris führte: außerhalb der eigentlichen Umwallung der Stadt, die, damals sehr enge zusammengebaut, auf felsigem Vorsprung die beiden tief eingeschnittenen Thäler des Clain und der Boivre beherrschte.
    Alles ging nach Verabredung. Auf das gegebene Zeichen – kein Anschlagen der bösen scharfen Hunde hatte die Heranschleichenden gemeldet – schloß ein Knecht des Klosters, ein sehr angesehener, – kein geringerer als der Kellermeister war es – das Hauptthor auf: dasselbe ward von Gisbrand und den Seinen besetzt. Gleichzeitig schlug Feuerschein aus den Fenstern des Schlafgemachs der Pröpstin und der ihr zugeteilten Nonnen. Die wenigen Knechte, die Widerstand versuchten, waren rasch überwältigt.
    Der Lärm drang jetzt in das Schlafgemach der Äbtissin. Justina, die treue Pröpstin, ihr an Alter und an Aussehen ähnlich, weckte sie vollends. »Das Kloster brennt! Räuber! Rettet die Reliquien der Heiligen,« rief Justina. »Ach was Reliquien! Wo ist Leuba, mein Täubchen? Rettet Leuba!« – »Ihr vergeßt, eure Nichte ist ja fort, ist zu Besuch in Quincy.« – »Und ihr neues goldseidiges Gewand! Und ihr Saphirenschmuck! Ach! Und das Wichtigste: ihr Testament!« – »Das liegt ja sicher aufgehoben in der Stadt! In den Akten der Kurie. Frau Äbtissin, gedenkt doch nur des heiligen Kreuzes!« – »Ja, tragt mich hinab. Ich kann nicht gehn! Die Gicht!«
    Und sechs Nonnen, der eignen Rettung nicht gedenkend,  trugen die alte Frau die vielen, vielen Steinstufen hinab in das Erdgeschoß, in die Basilika, die Treppe der Krypta hinunter an den schmalen Schrein von halb durchsichtigem Marienglas, in welchem der Holzsplitter des heiligen Kreuzes geborgen war. Hier legten sie die Zitternde nieder; es war fast ganz dunkel, das Licht einer ewigen Ampel gab nur matten Schein. Gleich darauf polterten drei der Räuber die Steintreppe herunter, einer trug eine brennende Pechfackel: »Hier muß es sein!«
    Ängstlich kauerten die Nonnen, ungesehen hinter dem einzigen mächtigen Pfeiler, der das Gewölbe trug.
    »Richtig! Da gegenüber steht der Sarg der heiligen Radegundis. Hei, was schweres Silber! Im Sarge soll sie auf lauter Edelsteinen liegen.« Und der zweite hob eine schwere Eisenstange, den Holzdeckel einzuschlagen.
    »Laß die heilige Radegundis schlafen in ihren Ehren!« rief der dritte im weißen Bart: »Ihren Sarg zu schützen eilt' ich her! Sie hat mich mit den eigenen königlichen Händen gepflegt und geheilt, als ich ... –« – »Weg mit dir!« – »Nein, du sollst nicht!«
    Der mit der Eisenstange holte aus zum Streich. Aber plötzlich schrie er auf und stürzte: er war im Dunkel in seines Gegners kurzes Schwert gerannt.
    Justina stöhnte vor Entsetzen: sie lag hinter dem Sarkophag der Heiligen. »Weh, die Heilige steht auf!« schrie der mit der Fackel, ließ sie fallen, daß sie erlosch, und eilte die Stufen hinauf. »Die Toten stehen auf!« rief der dritte, der Alte. »Hilf, heilige Radegundis!« und er verschwand ebenfalls.
    Nun ward's eine Zeitlang ruhig in der Krypta: nur von der Oberwelt her drang hier und da ein schwerer Fall oder Schlag, ein wilder Schrei.
    Aber plötzlich schlug rote Lohe aus der Basilika von  oben herab: die Räuber hatten ihre brennenden Fackeln in die frisch gepichten Kufen gestoßen, die im Hofe aufgereiht standen: lichterloh flackerte das trockene Holz, das Pech empor. »Hier muß sie sein! hier unten!« hörte man Castulas Stimme. »Hier hinab. Sucht nur nach ihr.«
    Da stand Justina die Pröpstin rasch auf, warf der Äbtissin goldgestickten weißen Mantel, den diese von sich gestreift hatte, über Haupt und Schultern und ging ruhig den Herabpolternden entgegen!
    Ein Keulenschlag auf die Schulter streckte sie nieder. Sie stand mühsam wieder auf und sprach: »Ich vergebe dir, mein Sohn, um Christi willen.« Der Räuber sah ihr ins Antlitz: »Weh mir!« schrie er. »Sie sieht aus wie meine alte langverstorbene Mutter!« warf die Keule weg und floh. Aber drei andere packten sie und zerrten sie herauf, rissen ihr den Mantel herab und schrieen: »Hier, Castula, hier hast du die Äbtissin.«
    »Diese? Laßt sie los! Sie ist es nicht! Thut ihr nichts zuleide. Es ist Justina, die gute Proposita! – – Ich finde besser!« – Und eine Pechfackel schwingend, rannte sie in die Krypta hinab: »Hier ist, die ich suche. Hebt euch weg, ihr Nönnlein! Ihr wollt nicht? Fort, sag ich!« Und sie schwang die Fackel gegen die Nonnen, die ihre Äbtissin mit dem Leibe decken wollten. Der weiße Schleier der nächsten fing Feuer und flatterte auf: – da flohen sie kreischend die Stufen hinauf.
    Die Klausnerin und die Äbtissin waren nun allein, letztere, von der Gicht gelähmt, konnte sich nicht regen. Castula beugte sich über sie, die Fackel in der Linken; die Rechte nestelte an ihrem Gürtel, sie suchte nach dem Griff eines breiten Küchenmessers. Leubovera sah's mit Todesangst: »Erbarmen,« flehte sie. »Erbarmen!« – »Ah, hast du jemals meiner dich erbarmt? All diese Jahre,  diese zwei Jahrzehnte? Da ich Tag und Nacht vor dir kroch und winselte und deine Füße küßte, bis du mich hinwegtratest wie einen Hund, und als ich flehte tausend, tausend Male: ›Erbarme dich! Gieb mir mein Kind, gieb mir mein Kind zurück, auf daß ich doch wisse, warum ich noch lebe! Gieb mir mein Kind wieder, das ihr mir gestohlen habt, sein Kind: – aber ich lieb' es doch! Das einzige, was ich auf der Welt zu lieben habe! Gieb mir mein Kind zurück und ich will alle Stunden meines Lebens alles thun, was eure Bücher, eure Priester sagen.‹ Weißt du, was du da sprachst? ›Du sollst, du darfst dies Kind nicht lieben. Gott sollst du lieben. Nie wirst du dies Kind wiedersehen. Die Kirche kann diesen Schandfleck eines Priesters nicht ruchbar werden lassen. Ich weiß nicht, wo dein Kind ist.‹ Und da ich das nicht glaubte, sagtest du: ›und wenn ich's wüßte, würde ich dir's nie sagen.‹ Oh, mein Haar hab' ich gerauft, mein Antlitz auf den harten Kirchensteinboden gestoßen und gewinselt: ›mein Kind! mein Kind, gieb mir mein Kind heraus.‹ – Und jetzt, in dieser Stunde, nach zwanzig Jahren schreienden Herzbegehrs, – ich kann dich von den Sohlen an Zoll für Zoll verbrennen hier unten! – auch jetzt bitte ich, hörst du? ich bitte dich, ich flehe dich demütig an: sag mir's! Wo ist mein Kind? Sag's! Und ich schütze dich und schütze jenes heilige Stück Holz und jene morschen Knochen, die dir mehr, viel mehr wert sein müssen als dein Leben: – aber sage mir, ich flehe dich an: wo ist mein Kind?« – »Ich weiß es nicht.« – »Äbtissin, hüte dich!« sie hob die Fackel. – »Ich weiß es nicht! Ich schwöre dir's, hier bei dem Leib der Heiligen dieses Klosters.« »Oh, und morgen erläßt dir der Pfaff den Meineid als erzwungen. Und du bist vielleicht schon lange durch Eid gebunden, zu schweigen. – Wie? All das  hätt' ich herbeigeführt, Brand und Raub und Kirchenschändung und« – sie entdeckte jetzt den Toten – »Mord! Und doch umsonst? Nein!« Und mit der Eisenstange des getöteten Räubers zerschlug sie den Glasschrein; laut auf schrie die Äbtissin. »Tage-, wochen-, mondenlang will ich dich fragen: wo ist mein Kind? Und sagst du's nicht – wehe, wehe dann dieser eurer heiligsten Reliquie!« Sie griff hinein und riß die Kapsel mit dem Kreuzsplitter heraus. »Hierher!« schrie sie nun die Stufen hinauf. »Hierher, Gesellen, tragt die Äbtissin hinauf. Sie ist meine Gefangene. Dich und das Kreuz,« – raunte sie ihr zu – »nur gegen mein Kind kriegt euch die heilige Kirche wieder.«
  



    Achtzehntes Kapitel.
    Als die Klausnerin mit der Äbtissin, die auf ein Maultier gebunden worden war, den von Qualm und Rauch erfüllten Klosterhof verlassen – das ganze Gebäude stand, gründlich ausgeplündert, in Flammen – und die große Heerstraße erreicht hatte, drang Waffenlärm an ihr Ohr. »Aha,« lachte sie, »jetzt holen sich die Krämer und Schneider von Poitiers ihre Hiebe.«
    Und so schien's werden zu sollen.
    Sobald man in der Stadt das Feuer im Kloster bemerkt hatte, waren zuerst einzelne Neugierige, dann viele Hilfbereite hinausgelaufen: – und nicht wiedergekehrt. Nur einer kam, nach geraumer Zeit, verwundet, zurück, der nun schreiend meldete, Räuber plünderten das Gotteshaus und fingen alles ab, was löschen wollte.
    »Wo ist der Graf?« hieß es nun. Er fehlte. Sein  Vertreter, der Vicarius, ein dicker, alter Herr, stellte sich endlich an die Spitze von einigen Fronboten, ein paar Kriegern und einem Schwarm von Bürgern, die zu den nächsten besten Waffen gegriffen. Sie eilten auf die Brandstätte zu. Auf der Straße trafen sie Anstrudis und Richauda, die sehr bald erkannt hatten, was Art von Leuten die Klosterstürmer waren: angesichts der Waffen, der Flammen hatten sie Hochmut und Kleiderlust gar rasch verloren und waren zurückgeeilt, nach der Stadt zu. Hier wurden sie aber von dem Vicarius angehalten und, da sie in der Angst auf die Frage wohin? thörichterweise antworteten »ins Asyl«, sofort festgenommen.
    »Hier, auf der Landstraße, ist kein Asyl, meine Täubchen,« meinte der Vicarius. Jedoch dies blieb der Bürger einziger Erfolg; wenige Schritte weiter wurden sie auseinandergesprengt von Gisbrand, der sich mit einem Teil der Seinen in Hinterhalt gelegt hatte, gerade da, wo in einem kleinen dichten Wäldchen die nach Norden, nach Paris führende Straße abbog. Kaum hatten die flüchtenden Bürger die beiden gefangenen Mädchen noch mit sich gegen die Stadt hin zurückführen können.
    »Nach, Brüder!« jauchzte Gisbrand. »Ja,« schrie Waroch, »jetzt geht's an die Stadt, an die Kaufherrn! Castula, hast du deine Alte? Gut, schaff sie fort wohin du willst. Halt, horch! Was ist das?« – Ihm blieb nicht Zeit, nochmal zu fragen: denn von der Straße von Paris her sprengten plötzlich – taghell leuchtete der Brand des Klosters – mehrere Rosse, Waffen klirrten. Chrodieldis, Sigvalt, Sigbert und etwa zwanzig wohlbewehrte Reiter drangen auf sie ein. »Mordbrenner und Räuber!« rief Chrodieldis, nun den Rappen anhaltend, der zwei Gegner über den Haufen gerannt hatte. »Euer Blut komme über euch! – Schau, Sigvalt, die Greisin auf dem  Maultier dort! Die Äbtissin! Frei muß sie werden. Drauf!«
    Und noch ein Anprall der Reiter – ein paar Klingen kreuzten sich – mehrere der Strolche, darunter Waroch, jetzt, mit wildem Fluch, auch Gisbrand, fielen: da stob der Haufe auseinander, der dem Angriff mutiger Krieger entfernt nicht gewachsen war.
    Chrodieldis ritt dicht an die Äbtissin heran und zerschnitt ihr mit dem Dolch die Stricke. »Chrodieldis! Dir dank' ich Freiheit, Leben?« Aber diese hielt bereits vor dem Vicarius: »Euch übergeb' ich diese befreite Frau.« Recht jämmerlich klangen da, recht flehend zwei Mädchenstimmen an ihr Ohr: »O Chrodieldis, befrei' auch uns! Wir sind gefangen.« – »Was seh' ich? Anstrudis – Richauda! Wie kommt ihr hierher?« »Hilf, Chrodieldis, nie mehr will ich dir trotzen,« bat jene. »Wir sind unschuldig,« beteuerte Richauda, »ganz unschuldig; hilf uns!« – »Das versteht sich! Ihr seid meine Genossinnen. Vicarius, gieb diese Mädchen frei. Ich bürge für sie.«
    Allein unwillig erwiderte, sie mit finstern Blicken messend, der Alte: »Bürg du für dich! Du bist also die schlimme Chrodieldis, die diesen ganzen Handel angefangen hat? Mit dir, mit deiner Schar entwich die Klausnerin, die man als Führerin der Räuber sah. Du wirst den Herrn Königen Rede stehen. – Ihr Leute, gebt die Mädchen nicht heraus! Es sind Asylflüchtige, außer Asyl gegriffen.« – Und noch mehr Bewaffnete drängten sich um die gefangenen Mädchen.
    »Laß sie, Chrodieldis,« warnte Sigvalt leise. »Es geschieht ihnen nichts Böses in des Richters Obhut. Und wir wollen doch nicht den Königsfrieden brechen auf des Königs Heerstraße mit gewaffneter Hand ... –«
    Die Jungfrau überlegte; schon zog sie sacht den Zügel  an. Da schrie Anstrudis: »Wehe, wehe! Wir werden fortgeschleppt! Und Chrodieldis schaut zu! Ist das deine Treue und das geeidete Wort?« Da gab Chrodieldis dem Rappen die Sporen, daß er in hohem Satz über die vorgehaltenen Speere hinweg in den Knäuel der Bürger und Fronboten sprang: »Gebt sie heraus, die Mädchen,« rief sie und schwang die Reitgerte. Zwei Bürger fielen ihr in die Zügel: ein Fronbote griff nach ihrer Hüfte, sie herabzuziehen aus dem Sattel. Im Augenblick waren die beiden Alamannen neben ihr, ihre Kurzschwerter blitzten. Der Fronbote, der ihr Gewand nicht loslassen wollte, stürzte mit blutendem Gesicht: – schreiend stoben die Gegner von den gefangenen Mädchen hinweg und auseinander. »Friedbruch! Waffen! Blutwunden! Friedbruch!« hörte man noch den Vicarius rufen: dann ward alles still.
    »Die Mädchen sind gerettet,« sagte Sigbert, das Schwert einsteckend, leise zu seinem Bruder. »Ja, und wir sind verloren,« erwiderte dieser ebenso. »Aber es ging nicht anders. Jetzt hol' ich Basina und die andern schüchternen Täublein.« – »Aber wohin mit ihnen?« meinte Sigbert.
    »Ja, wohin?« fragte Chrodieldis, die beiden Mädchen abwehrend, die ihr dankend die Hände drückten. Richauda küßte den Saum ihres Gewandes. »Wohin?« wiederholte sie, in Sinnen verloren.
    Der schwere Ernst ihrer Lage stieg drohend vor ihr auf. Sie hatte kühn das Außerordentliche gewagt, jede Schranke scheuen Mädchentums stolz übersprungen. Diese Schranken, das erkannte sie nun recht klar, recht bitter, hemmten nicht nur, – sie schützten auch sehr wohlthätig. Und andre treue Herzen hatte sie mit hineingerissen in ihr wildes Geschick, hatte sie, tiefer als sich selbst, mit Schuld befleckt. Nun stand sie nachts auf offener Heerstraße –  friedbrüchig. »Wohin?« Sie dachte an ihre Schwester – an England – an Kent –. Aber bis sie die Küste erreichten, waren sie längst eingeholt von der empfindlich verletzten, keck herausgeforderten Gewalt des Staates. »Wohin?« seufzte sie ratlos.
    »Je nun,« antwortete ihr aus dem Halbdunkel heraus – denn der Feuerschein des Klosters nahm nun rasch ab – eine frische, resolute Summe, »ins Kloster können wir doch nicht – beim allerbesten Willen. Das hieße bei lebendigem Leib ins brennende Fegefeuer reiten.« – »O Basina! Auch dich hab ich in diese Not gebracht.« – »Ei was! Freundinnen gehören zusammen. Ein Glück aber war's für Frau Leubovera, daß wir gerade im rechten Augenblick den Brand wahrnahmen, bevor wir in die Stadt einbogen von der Straße weg! Ich wollte kaum glauben, daß es das Kloster sei, so nahe schien die Flamme der Stadt. Und lustig war's auch zu schauen – vom sichern Hügel aus! – wie ihr auf schnaubenden Rossen die Räuber auseinander sprengtet. Ich hätte gar zu gern mitgethan: wenn ich nur ein ganz klein bißchen mehr Mut hätte zusammenbringen können! – Nun, auf der Landstraße können wir nicht bleiben! Ins Kloster gehen wir nicht: aus Grundsatz und weil's brennt. Also: In die Stadt, ins Asyl!«
    »Schwerlich lassen sie uns, die Bürger, jetzt ungestört Asyl gewinnen. – Ihr, treue Freunde, habt euer Wort gelöst und König Guntchramns Auftrag erfüllt. Ihr habt uns nach Paris und von Paris zurück nach Poitiers sicher geleitet. Habt Dank: – Dank fürs Leben! Verlaßt uns jetzt. Trennt euer Geschick von dem meinigen, dem schwer verstrickten. – Kommt, ihr Mädchen, wir suchen Asyl in der Basilika. Gelingt es nicht, so geben wir uns den Bürgern gefangen.« 
    »Nie! Nimmermehr!« riefen da Sigbert und Sigvalt. »Wir ziehen mit euch. Euer Los ist auch das unsere.« »Ich will doch sehen,« lachte Sigbert, »wer mir den Weg zur Kirche sperrt, wenn ich mit Basina zum Altar schreiten will.«
    »O Sigvalt,« flüsterte Chrodieldis. »Laß mich! Und rette dich.« – »Hast du vergessen mein Treuwort, Geliebte? Ich bin dein Schild: im Leben und im Tode deck' ich dich. – Frisch, Genossen, bindet die Helme auf! Nehmt die Mädchen in die Mitte, senkt die Speere, schließt die Schilde fest an den Leib und vorwärts.« »Jawohl,« fiel Sigbert ein. »Der heilige Hilarius muß uns schützen, ob es ihn viel freut oder wenig. Und wer sich zwischen uns und unsern unfreiwilligen Schutzherrn drängt, – drauf mit Alamannenhieben!« »Das gefällt mir sehr,« rief Basina. »Komm, Chrodieldis! Königinnen sind wir!«
  



    Neunzehntes Kapitel
    So scharf entschlossen sprengte der kleine waffenklirrende Reiterzug heran, daß die wenigen Bürger und Wächter, die der Vicarius allerdings vor der Basilika aufgestellt, keinen Widerstand wagten: – er selbst hatte sich weislich in sein Bett begeben. Denn er konnte, so sagte er, die Nachtluft schlecht vertragen.
    Die Flüchtlinge waren so zahlreich, daß sie sofort das Hauptgebäude der Basilika für sich in das Auge gefaßt hatten, nicht das gewöhnlich als Asyl dienende Oratorium. Anstrudis und Richauda berichteten, daß wegen der Entweihung  der Kirche der ganze, fast ein Stadtviertel einnehmende Bau geräumt war. Die Gefolgen brachten die Rosse in den zu dem Bischofshause gehörigen Stallungen unter, in welchen sowie in Speisekammer und Keller sie Vorräte für Menschen und Tiere genug fanden. Hier, in dem »Bischofshause,« welches hinter dem Schutzgitter der Kirche gelegen und deshalb ebenfalls Freistatt war, nahmen die Brüder mit ihren Gefolgen Quartier, nachdem sie zuerst die Mädchen in das Schiff der Hauptkirche begleitet und dort sicher untergebracht gesehen hatten.
    »Genoveva! Genoveva! wo bist du?« riefen Anstrudis und Richauda. Keine Antwort. »Was ist aus ihr geworden?« – »Wo ist sie hingeraten?« – »Ulfia! Ulfia muß es wissen. Wo ist Ulfia?« – »Hier! Neben dem Taufkessel! Unter der ewigen Ampel.« – »Seht, wie rosig, wie vollwangig!« – »Weiß Gott! Sie schläft.« – »Bei all' dem Lärm!« – »Sturm, Waffen und Mord haben die Bürger geschrien!« – »Und auf der großen Glocke im Glockenturm nebenan unablässig den Feuerschlag gehämmert!« »Ulfia!« rief Chrodieldis. »Ulfia! Murmeltier von einer Jungfrau! Erwache! Es regnet! Die Sündflut!« lachte Basina, griff mit beiden Händen in den tiefen gemauerten Marmor-Taufkessel, in welchen erwachsene Täuflinge bis an den Gürtel stiegen, und spritzte ihr einen ausgiebigen Guß in das Gesicht.
    Sehr ungnädig richtete sich das dicke Kind auf und reckte beide Arme: »Weißt du, Basina, jetzt sag' ich's aber der Äbtissin! Das ist nun in einer Viertelstunde das fünfte Mal, daß ihr mich weckt. Man kann doch in diesem Kloster nicht einen Augenblick ... –« Und sie legte sich auf die mehr trocken gebliebene Seite. »Halt! Halt! Halt!« rief aber da Basina. »Du thust mir Unrecht mit dem Vorwurf. Wir haben uns ja volle vier Wochen nicht mehr  gesehen, du rosenrotes Schlafmäuslein!« »Wo ist Genoveva?« fragte Chrodieldis streng. – »Fort!« – »Wohin?« – »Auf ihre Hochzeit.« »Was? Hochzeit?« riefen da fünfzehn helle Mädchenstimmen. »Ja, Hochzeit!« sagte Ulfia, sich aufrecht setzend. »Aber erst gebt mir was zu essen. Was meint ihr denn? Das ewige Nachtwachen, hier in der öden Kirche. – Und dann – dann muß ich mich auch waschen ... –« »Nachher!« beschwor Basina. »Hier! Hier ist Brot! Lauf eines von euch! Du, Frida, du hast die längsten Beine. Ich hörte Kühe brüllen neben den Pferdeställen. Aber sprich, kannst du melken, o hochgestellte Frida?« – »Ich hab's noch nie versucht – aber ... –«
    »Nicht wahr, tanzen wenn es hieße? Das geht ungelernt! Aber dein Vater ist ein weiser Rat. Wirst's schon können! Versuch's nur! Rühr' dich! Da, nimm vom Altare dort die goldne Schüssel. – Geh du mit, wackre Anna, Försterskind, du bist stets zu allen guten Dingen nütz, und hilf ihr. Ich – ich kann wohl melken – aber ich bin zu neugierig! Hochzeit? Da, dickes Kind! Weißbrot. – Nein, mehr kriegst du erst nach der Hochzeit – das heißt: nach der Geschichte davon!« »Nun ja,« sagte Ulfia herzhaft abbeißend und dazwischen durch erzählend, »da Genoveva« – sie schaute sich rings um – »da sie wirklich fort ist, war es wohl kein Traum. Ich erwachte plötzlich ... –« »Von selbst? Ulfchen, das ist unwahrscheinlich! Hübsch bei der Wahrheit bleiben,« mahnte Basina, ihr das reizende Doppelkinn mit dem Zeigefinger in die Höhe hebend. »Weiß ich nicht. Kurz: ich sah Genoveva und einen jungen – sehr! ach sehr schönen! jungen Mann.«
    »Wie sah er aus?« – Das waren sechzehn Stimmen gewesen. »Gott, verschreckt mich nur nicht so! Braucht  nicht so zu schreien. Bin ganz wach! – Leider! – Nun: schlank und so schöne kastanienbraune, gelockte Haare.« »Ach! Auch einen Bart?« fragte Emma, die Langobardin. »Zu dienen: sehr schönen krausen Bart.« »Ganz mein Josefus daheim,« dachte Emma. Aber sie sagte es nicht. »Und sie saß auf seinem Schos ... –« »Empörend! Abscheulich!« scholl es, durch die Kirche hallend. – »Nur nicht immer zwölf auf einmal! – Und er drückte sie so an sich! – So eng! – Ich glaubte, sie würde ersticken.« »Wie schrecklich!« rief mit leisem, aber süßem Gruseln die junge Margareta. »Das muß ja was Fürchterliches sein! – Und sie ließ sich's gefallen?«
    »Mäuschenstill hielt sie. Und erstickt ist sie auch nicht. Und geküßt hat er sie ... –« – »Wie oft? wie oft?« – »Ja, das konnte niemand zählen. In einem fort! Und wenn er aufhörte, dann fing sie an.« – »Nein! Das glaub' ich nicht. Das will ich von meiner Genoveva nicht glauben!« rief entrüstet, aber im Zustand der höchsten Neugier, Antonia, die Tochter des Trollo. »Jawohl, auf den Mund! Und sogar auf die Hand!« Einen Mann! auf die Hand?« rief Hukberta, die Westfalin, und ihre goldgelben Augen wurden so groß, daß sie ganz verglasten. »Und ich hab' ihr die heilge Jungfrau auf ihren Nähkasten gemalt! Die kratz' ich ab. Ich künd' ihr die Freundschaft.« – »Auf beide Hände sogar.« »Und das ließ Er sich gefallen?« fragte entrüstet die lange Frida. »Milch? Ich habe keine. Ich oder die Kuh – wir haben das Gefäß umgestoßen. Anna hat nun gemolken und schleppt schwer daher.« – »Und was sie sich alles für schöne Dinge sagten! Es ist gar nicht zu glauben! Mir ward siedheiß dabei: ich schämte mich zwar ein bißchen! – Und ich war sehr schläfrig, glaubt es mir –« »Wir glauben es dir!« riefen alle. »Nur weiter!« – »Aber meint ihr, ich hätte wieder  einschlafen können? Nicht ums Sterben. Es ließ mich nicht! Ganz leise wie ein Mäuslein kroch ich unter der langen Altardecke dicht heran, damit mir ja nichts entginge, und hörte zu. – Ich sag' euch: Sachen giebt's unter zwei Verliebten! Ich habe viel gelernt! Mehr in einer Viertelstunde als im Kloster im ganzen Jahr! – Es war arg, sehr arg. Auch auf die Nase hat er sie geküßt.« »Das ist eine Verschimpfung aller christlichen Jungfrauenschaft!« sprach die strenge Antonia. »Aber bitte, was hat er ihr denn für Namen gegeben. Recht zärtliche?« fragte die blondgezopfte Gertrudis. »Das meiste war nur so geflüstert zwischen dem Küssen durch! Hab leider nicht alles verstanden.« »Nicht eine Silbe wäre mir entgangen,« klagte Christiana, die Tochter des Dosso, die großen, schönen, neugierigen Augen weit öffnend. – »Sogar ihre Zehen hat er gestreichelt und geküßt.« »Was? Hatte sie denn keine Schuhe an?« fragte entrüstet Paula. – »Er streifte ihr den einen ab.« »Das hätt' ich mir nie, nie, nie gefallen lassen,« eiferte Richauda. »Schrei' nur nicht so, wir glauben dir's,« lachte Basina und zischelte der mutwilligen Stephania ins Ohr. »Natürlich,« lachte diese, »Richauda, die arme, hat, wie der Pfau, gar schöne Kleider, aber sehr garstge Füße.«
    »Halt, Ulfchen! Dornröslein! Noch nicht einnicken,« mahnte Basina, mit einem gelinden Schütteln. »Erzähle ... –« »Laßt sie erst tüchtig Milch trinken,« sprach die gute Anna, und hielt ihr die tiefe Schale nochmal hin. »Schlucke nur, Kätzchen, ich halte. Stark sind meine Arme.« »Und treu und fleißig allezeit,« sprach Hukberta und schlang den Arm um sie. »Aber das Merkwürdigste ist,« fuhr Ulfia, nachdem sie getrunken, mit einem dankbaren Blick für Anna fort, »daß sich die beiden – denkt euch nur! im Kloster! – Winter und Sommer  hindurch fast täglich getroffen hatten.« »Ei du Gott, – das war möglich?« rief Allberahta. »Und mein langer Karolus hat's nicht versucht?« dachte sie im stillen. – »Ja, durch das Kellerloch schlüpfte er. Der Cellerarius war bestochen. Und wißt ihr, wo sie sich trafen?«
    »Wo? Wo? Wo? Wo?« fragten alle. – »In der Werkzeughütte im Garten.« »Nein, diese Verschmitztheit! Die Hütte mieden wir alle,« rief Stephania. »Weil angeblich ein Geist dort umgehe und seufze,« meinte Paula. »Nicht angeblich!« beteuerte Basina. »Ich hab' es selbst gehört – einmal in einer Sommernacht.« »Jawohl,« nickte Ulfia. »Und gar fröhlich lachten beide, als er ihr's vormachte, wie er die Kecke – so sagte er – die Kurznasige, das Wirbelköpfchen, weggestöhnt habe, die Neugierigste von allen: ja, so sagte er, Basinchen! Und zuletzt gebot er ihr, sie möge nur gleich mitkommen: er sei gemahnt durch ein paar Zeilen – wohl von Castula, ... –« – »Die kann ja nicht schreiben.« – »Scheint doch wohl! – sie rasch her zu holen. Er habe einstweilen – deshalb sei er verreist gewesen – ihrer Eltern und der Seinen Zustimmung gewonnen; und drüben, im schönen Senatorenhaus, sei seine Mutter bereit, die Schwiegertochter zu empfangen: schon morgen könne die Hochzeit sein.«
    »Oh! Ah! Das ist stark! Diese Unverschämtheit! Die Glückliche!« – so scholl es in der Runde. »Wahrscheinlich zur Belohnung ihrer Tugend,« lachte Basina, »geht es der viel besser als uns allen.« – »Aber ich muß Genoveva loben. Sie sträubte sich. Sie sagte, sie hab' es Chrodieldis gelobt, bei ihr auszuharren.« »Heirat geht vor,« sagte da Chrodieldis, hinwegtretend. »Habt ihr's gehört! Heirat geht vor!« jubelten die Mädchen. »Jawohl,« lachte Chrodieldis, »schafft euch nur Männer: dann braucht ihr gewiß weder bei mir zu bleiben, noch Nonnen  zu werden.« – »Als er ihr aber gelobte, treulich zu Chrodieldis stehn, ihr durch seinen Vater heraushelfen zu wollen, – da gab sie nach. Und ... – aber jetzt – kann ich wirklich nicht – mehr.« »Ja, laßt sie schlafen! Sie hat sich's redlich verdient,« lachte Basina.
  



    Zwanzigstes Kapitel
    Die nächsten Tage hätten sich für die Flüchtlinge, zumal für die beiden Liebespaare, recht hübsch und heiter gestalten mögen. Sie schalteten und walteten unbeschränkt in dem ganzen weiten Quartier, das außer den dem Gottesdienst geweihten Stätten Wohnräume, einen großen, schönen, quellendurchrieselten Garten, Wirtschaftsgebäude und reichlichste Vorräte enthielt. Die wenigen Geistlichen, die zur Überwachung des verlassenen »Bischofshauses«, wie der ganze Komplex von Häusern hieß, noch verblieben waren, räumten das Feld, da ihnen die beiden Herzogssöhne in einer Urkunde Bürgschaft für jeden Schaden leisteten und da sie das Bischofsgut in der That durch deren Krieger viel wirksamer als durch sich selbst gehütet sahen.
    Basina, Anna und einige andere der Mädchen nahmen sich eifrig, fleißig der Wirtschaft an, kochten und buken, brieten und schmorten in der gewaltigen Bischofsküche nach Herzenslust. Die jungen Gemüse im Garten, die Enten und Hühner im Geflügelhof, Butter, Eier, Milch, Honig in der Speisekammer, der vortreffliche spanische Wein im Bischofskeller wurden weidlich in Anspruch genommen. Und wenn Chrodieldis Bedenken äußerte, strich sich Basina resolut das weiße Fürtuch zurecht, das sie, in der Küche  hantierend, vorn übergebunden hatte, und lachte: »Ah bah: muß dem Herrn Bischof eine Ehre sein! Solche Gäste kriegt er nicht wieder in sein langweilig Junggesellenhaus. Sein Schade, nicht unsre Schuld, daß er nicht dabei ist! Du hast es oft gesagt: ›Königinnen sind wir.‹ Und nicht wie Mägde wahrlich wollen wir leben.«
    Jedoch Chrodieldis seufzte. Nicht bebte sie vor den Folgen ihres Thuns zurück: aber sie täuschte sich nicht mehr über deren Ernst.
    Und ihr bangte um den Geliebten: sein Schwert, sie hatte es wohl gesehen, hatte den Fronboten getroffen. Dazu kam eine recht unliebsame Entdeckung, welche sie gleich am nächsten Morgen machten.
    Ihr Ansprengen gegen die vor der Basilika aufgestellten Wachen hatte diese verscheucht, aber nicht nur zu Chrodieldens Gunsten. Auch der Zugang zu dem Oratorium war frei geworden: und alsbald hatten sich Castula, Struzza und ein großer Teil der Räuber darin eingeschlichen und, nach der heillosen Logik des Asylrechts, in ihrer nächsten Nachbarschaft – nur eine Mauer schied sie – den gleichen Schutz wie die Königinnen gewonnen. Mit diesen Verbrechern zusammen im Munde der Leute, wohl bald in der Klage und Anklage von Kirche und Staat genannt zu werden, war nicht fein.
    Und endlich fingen denn doch nachgerade Kirche und Staat im Frankenreich an, sich zu rühren: lange genug wahrlich hatte es damit gewährt.
    Eilende Boten des Vicarius hatten den Bischof der Stadt zu raschester Rückkehr von der Visitation gemahnt, andere hatten König Guntchramn gedrängt, endlich den tief erregten Bürgern den lang erwarteten Grafen zu schicken mit ausreichender Waffenmacht, um mit beiden Gruppen der Übelthäter fertig zu werden. Beim geistlichen und beim  weltlichen Gericht hatte die Äbtissin dringendste Klage erhoben, nachdem sie in das halbverbrannte und ganz ausgeplünderte Kloster war zurückgebracht und dort begrüßt worden war von ihren Nonnen, die sich übrigens alle unversehrt wieder eingefunden hatten; der von ungefähr erstochene Räuber war der einzige Tote im Kloster gewesen.
    Durch die Händler und Händlerinnen, die, wie immer, Lebensmittel in den Bischofshof brachten, erfuhren die hier Eingeschlossenen, daß auf allen Straßen Bischöfe, Äbte, Archidiakone, Herzoge, Grafen, Domestici beider Könige heranreisten und heranzogen von allen Seiten auf Poitiers; aber zunächst würden die Geistlichen eintreffen. Und so geschah's.
    Eines Morgens erschien vor dem Gitter des Oratoriums ein Aufzug von hohen Prälaten: Bischof Gundigisel von Bordeaux, zu dessen Kirche Poitiers als Tochter gehörte, dann Marovech von Poitiers, Nicasius von Angoulême, Saffarius von Périgueux mit sehr vielen Priestern und Diakonen. Sie forderten die dort Geborgenen auf, ihr Asyl freiwillig aufzugeben, und da diese sich natürlich weigerten, verlangte man für die Bischöfe und ihr unbewaffnetes Gefolge sicheres Geleit in das Innere, um hier mit den Räubern zu verhandeln. Das ward gewährt.
    In dem Oratorium angelangt, sprach der Bischof von Bordeaux, eine hochragende, mehr kriegerische als priesterliche Gestalt – er war früher ein gewaltiger Heerführer gewesen –: »Nicht ich will hier das Wort führen, sondern an meiner Statt und an der des Herrn Königs Guntchramn, der es so gewollt, sprich du, mein Sohn, Desiderius, Archidiakon von Autun, da dir der Herr einen scharfen, heiligen, mitleidlosen Geist und eine Zunge wie ein schneidend Schwert gegeben hat.«
    Und aus dem Kreise der Bischöfe und der Priester,  die, den Rücken gegen die Thüre des Oratoriums gewendet, dessen Vorderraum füllten (während die Flüchtlinge sich um den Altar, die heiligste, also sicherste Freistatt, zusammendrängten), trat hervor ein hagerer Priester von wachsgelber Gesichtsfarbe, aus dessen schwarzen Augen ein unheimlich Feuer loderte, und mit grausam herber Stimme hob er an: »Ich kann es kurz machen. Dem Schwert des Scharfrichters seid ihr verfallen alle miteinander wegen schwerster weltlicher Verbrechen. Und vorher dem Bann, dem großen Anathem der Kirche, wegen noch schwerer wiegender Frevel gegen das geistliche Recht. Mit euch Männern ist's damit genug. Aber ich höre: unter euch sind auch Frauen, die sollen nicht so leicht davonkommen. –« Und seltsamer, wilder Haß loderte jetzt aus der fanatischen Erregung des Mannes.
    Schon gleich, als er vortrat, bei dem ersten Ton seiner Stimme war Castula, die bis dahin mit großer Ruhe das geistliche Gericht gemustert hatte – wußte sie doch, daß diese Freistatt unantastbar war – hinter eine Säule geglitten, hinter der sie nun mit weit geöffnetem Munde, mit stierem Blick auf den Redner schaute. »Denn von jeher,« fuhr dieser fort mit greller Stimme, »ist durch das Weib alles Übel, alle Sünde, alle Verführung, alle Untreue in die Welt kommen. Ein gelehrter Kollege hat erst jüngst wieder gezweifelt, ob die Weiber überhaupt zu den Menschen zählen. Aber jedenfalls soll, bevor ihr Weiber getötet werdet, die Folter eure üppigen Glieder zerfleischen. Auf dem Marterholz werde ich selbst sie euch abfragen, eure geheimen Zauberkünste. Denn ohne Zweifel habt ihr, wie Eva ihren Genossen, die Männer verführt. Daher sag' ich euch, Verführerinnen, Ungetreue ... – O weh,« schrie er plötzlich, Glut stieg in seine fahlen Wangen. »Die Toten stehen auf. Theophano! Ihr Geist.« 
    »Nicht ihr Geist! Sie selbst,« schrie nun die Klausnerin, die bei seinen letzten Worten hinter ihrer Säule hervor langsam auf ihn zugeschritten war. »Verführer! Ungetreuer! Wo ist mein Kind? Wo ist unser Kind?« »Sie – sie raset –« stotterte der Priester, entsetzt zurückweichend – »ich kenne dich nicht, Weib – so wahr mir – Gott ... –« Aber er konnte nicht vollenden: mit dem letzten Wort stürzte er hintenüber, Schaum trat ihm vor den Mund.
    »Ein Gottesurteil! Das Gericht Gottes!« schrieen die Räuber und viele der Priester. »Er ist tot.« »Nein, er ist nicht tot,« rief der mutige Bischof von Bordeaux, dessen entschlossener Mut weiland manche wankende Schlacht gestellt und gewendet hatte. Er riß den Priester vom Boden auf, der schwer atmete. »Ihr seht's! Er lebt: aber das Weib ist eine Hexe. Sie hat den bösen Blick. Sie hat's ihm angethan! Ergreift die Unholdin.« Und er faßte sie am Arm.
    Castula wand sich in seiner starken Faust. »Asylbruch! Helft, ihr Genossen! Asylbruch! Gewalt! Schützt mich, ihr Freunde.« »Laß sie los!« – schrieen die Räuber. Und da der alte Krieger in seinem Trotz nicht gleich den schweren Fehler, den er begangen, einsehen und bessern wollte, sondern sie gegen den Ausgang hin zog, fielen über ihn und die Priester, die ihn schützen wollten, die wilden Gesellen her, mit den Fäusten, mit Knütteln und Stangen, mit Dolchen und Beilen. Blut spritzte auf. Die vordersten der Kleriker wurden auf den Marmorestrich geschleudert, daß sie sich kaum wieder erheben konnten.
    Mit Mühe retteten die Seinen den Bischof von Bordeaux aus dem Getümmel ins Freie. Ein so blinder Schreck hatte die andern Bischöfe und die meisten Geistlichen befallen, daß sie, draußen vor dem Oratorium angelangt,  sich nicht einmal mehr Lebewohl sagten, sondern auseinanderstoben, zur Stadt hinaus, und sich, jeder auf dem nächsten Wege, in ihre Heimat davonmachten. Vergebens rief der tapfere Gundigisel, aus einer Kopfwunde blutend, rief auch Marovech von Poitiers den Entsetzten nach. Sie hörten nicht: – sie rannten davon, obwohl kein Mensch sie verfolgte.
    Aber am wildesten rannte Desiderius, der Archidiakon von Autun. Er ward verfolgt. Sowie er sich erholt hatte, war er zur Thür hinausgesprungen, die Stufen hinab: – aber an seinem Mantel hing die Klausnerin, unabschüttelbar, wie sein Schatte, wie ein Fluch, wie sein Gewissen.
    Er rannte über den Platz: sie hing an seinem Mantel. »Wo ist mein Kind?« scholl ihre gellende Frage laut, weithin über den Markt und die gaffende Menge. Er riß sich den Mantel vom Halse: das Weib flog mit dem Mantel zu Boden.
    Aber schon war es wieder auf, schon war es ihm wieder auf der Ferse. »Wo ist Desiderata?« schrie sie. »Wo ist meine Tochter?« Da, vor einer offenen Stallthüre, stand ein ungesattelt Pferd. Im Augenblick saß er auf des Tieres Rücken, stieß ihm die Fersen in die Weichen, schlug es unbarmherzig mit der Faust zwischen die Augen: – das Roß jagte davon wie ein Pfeil.
    Aber wehe! Eingekrallt in die Mähne mit der Rechten hing an dem Roß das halb wahnsinnige Weib, die Linke hatte es in des Priesters Soutanengürtel geschlagen. Ihr schwarzes Auge bohrte sich in das seine, und durch das Schnauben des Rosses, durch den Donner der Hufe über die steinige Straße drang ihm grell in das Ohr der Schrei – »Verführer! Wo ist mein Kind?«
    So ging der rasende Ritt durch das nächste offene  Stadtthor hinaus – bis an den nahen Fluß, den Clain. Das Tier, sinnlos vor Angst, rannte gerade darauf zu, mitten hinein. Da ließ das Weib, wie es das Wasser spürte, von seinem Halt und sank am Ufer zu Boden. Das Pferd sprang mit gewaltigem Satz in die Flut: – der Reiter hielt sich über Wasser, – aber er schwankte, er taumelte, und noch auf dem andern Ufer scholl ihm nach der verzweifelte Schrei: »Mein Kind! Fluch dir! Gieb mir mein Kind!«
  



    Einundzwanzigstes Kapitel
    Der Vorgang in dem Oratorium warf sehr dunkle Schatten auf die schlimmen Nonnen. Bischöfe und Priester waren an geweihter Stätte geschlagen, am Leben gefährdet worden, zwar nicht von den Schützlingen der Hauptgebäude, aber von einer Fluchtgenossin und Eidgenossin Chrodieldens.
    Tags darauf erschien Frontinus, Genovevas junger glückstrahlender Gatte – ein Gegenstand unglaublichen Interesses für die jungen Mädchen! – in der Kirche. Nach sorgfältigster Beaugenscheinigung von allen Seiten, an welcher sich auch Ulfia, ohne einmal zu gähnen, beteiligte, ward einstimmig der Beschluß gefaßt, er sei wirklich ein bildhübscher junger Mann. Und wenn auch seine Aufführung in Werkhütte und Basilika die schärfste sittliche Brandmarkung verdiene und kein braves junges Mädchen ihn ohne Entrüstung und Erröten betrachten könne, so habe doch die sanfte, duckmäuserische Genoveva ein höchst beneidenswertes  Los getroffen, ihm zum Opfer gefallen zu sein.
    Er erklärte, in aufrichtiger Bestürzung, den beiden Alamannen, sie möchten sich und Chrodieldis auf das Äußerste gefaßt machen. Er habe seinen Vater, einen sehr einflußreichen Mann, gewonnen gehabt, bei den Bischöfen und bei dem Domesticus Flavianus alles zu Gunsten der Genossinnen seiner holden Genoveva zu thun. Derselbe habe auch den besten Willen. Aber die im Oratorium geprügelten Priester seien ein himmelschreiender Casus. Mit dem gutmütigen König Guntchramn sei am Ende noch fertig zu werden, – aber die Äbtissin Leubovera!
    Sie habe den Klag- und Strafantrag gestellt vor geistlichem und weltlichem Gericht: ihr Antrag gehe – so weit er überhaupt gehen könne. Das Allerärgste jedoch sei, daß bei dem Klosterraub das heilige Kreuz verschwunden, vielleicht entweiht worden. Man glaube, Chrodieldis sei mit Castulas, ihrer Eidgenossin, Plänen von Anfang einverstanden gewesen. Daher auch das höchst verdächtige Zusammentreffen Chrodieldens mit den Räubern auf der Straße. Die scheinbare Befreiung der Äbtissin habe lediglich bezweckt, diese den Räubern abzujagen, um sie in die eigene Gewalt zu bringen, was dann nur zum Glück mißlungen sei durch des tapferen Vicarius Verdienst.
    »Es ist aber nicht wahr,« riefen die Brüder mit Einem Mund.
    »Ich glaub' euch, tapfere Herren, aber nicht eure Feinde. Das größte Glück ist, daß die Klausnerin wenigstens nicht eure Gemeinschaft teilt und ihr nicht die ihrige.« »Theophano ist hier, bei mir,« sagte Chrodieldis ruhig. »Um Gott,« rief Frontinus erschrocken. »Seit wann?« – »Seit heute Nacht. – Halb tot schleppte sie sich vom Fluß zurück. Sie ist ganz anders, ganz verwandelt.  Die Gesellschaft der Räuber widerstrebte ihr, sie bat mich ... –« »Und Ihr ließet sie ein?« fragte Frontinus. – »Gewiß. Ich halte immer mein Wort. Mein Widerwille hat sich in warmes Mitleid verwandelt, seit ich – ihr – ihr Geschick erfuhr. Und sie, wie gesagt, ist ganz umgewandelt. Sie erblickt in der Begegnung mit dem Priester ein Gnadenwunder Gottes. Und sie hofft jetzt auf Gerechtigkeit bei Gott und Menschen: sie hofft ihre Tochter wiederzufinden. Sie bereut, daß sie diese durch Gewalt wiedergewinnen wollte. Sie betet viel und ist ganz gottergeben.« – »Und weiß man, daß sie hier ist?« – »Jawohl. Sie entkam mit knapper Not ihren Verfolgern, den Wächtern, noch in das Gitter, das ich gerade zu rechter Zeit aufriß.« »Das ist schlimm! Wird immer schlimmer,« meinte kopfschüttelnd Frontinus. Als er sich verabschiedete, flüsterte er den Jünglingen zu: »Macht euch gefaßt auf scharfe Stöße. Der neu ernannte Graf der Stadt ... –«
    »Wer ist's?« – »Macco, der Sohn des Domesticus.« – »Ei, das ist ja unser lustiger, wackerer Genoß vom Knabendienst her am Hof des Königs. Ein guter, ein trefflicher Kumpan!« – »Und unser treuer tapferer Waffenbruder im Slavenenkrieg!« – »Nun so wißt ihr: er führt ein rasches Schwert. Ehrgeizig ist er auch, hat Schulden wie der Jagdhund Flöhe, will vorwärts kommen, des Königs Gunst gewinnen ... –« »Er soll nur kommen,« lachte Sigvalt. »Er ficht sehr gut: aber ich fechte besser. Hab' ihn jedesmal überwunden in der Waffenschule. »Das ist der furor alamannicus,« sagte der gallische Römer. »Immer mit dem Kopf durch alle Wände! Mich wundert, daß in der Welt noch Eine Wand steht und noch ein Germanenkopf ohne Sprung! Das Reich der Franken, ihr jungen Helden, ist zuletzt doch  stärker als ihr beiden. – Ich wollte,« rief er ärgerlich, »alle achtzehn Mädchen hier wären verheiratet.« »Das wollten wir schon lang,« sagte Basina vorbeischlüpfend. »Fahrt wohl, ihr edeln Fräulein und ihr tapfern Männer: mir bangt schwer um euch.« – Und er ging.
    In der Nacht war in der Stadt viel Reiten und Sänftentragen, auch Waffenklirren zu vernehmen. –
    Am andern Morgen erscholl Drommetenruf vor dem großen Gitter des Haupteingangs. Die kriegskundigen Brüder hatten die wenigen Zugänge des von hohen Steinmauern rings umfriedeten Bischofshofes nach Kräften in Verteidigungszustand gebracht, verrammelt und mit ihren etwa zwanzig treuen Gefolgen besetzt. Chrodieldis und die beiden Brüder eilten nach vorn. Die Schar der Mädchen drängte sich, angsterfüllt und doch von brennender Neugierde verzehrt, an die Bogenfenster: kaum vermochte Basina, sie in Ordnung zu halten. Da, in vollen Waffen, von zwei Drommetenbläsern begleitet, erschien auf der untersten Stufe der Kirchentreppe ein sehr stattlicher, junger Mann, dessen Erscheinung sofort von sämtlichen Mädchen auf das gewissenhafteste mit Frontinus verglichen ward. Die Wahl schien schwer: daß er noch unverheiratet schien – er trug keinen Ehering –, sprach stark zu seinen Gunsten, bis die bildhübsche, sehr lebhafte und noch sehr junge Stephanie voller Entrüstung ausrief: »Nein! Es ist aber doch nicht auszuhalten! Jetzt trägt der auch schon einen Verliebungsreif! Den mit den roten Steinen, am linken Arm! 's ist die jüngste Sitte am Hof,« – worauf seine Wertschätzung merklich abnahm. Ulfia, die merkwürdigerweise die Drommete geweckt hatte, legte sich nach obiger Wahrnehmung sofort wieder auf das zierliche Ohr.
    Der junge Mann musterte seinerseits mit lebhaftestem  Eifer die vielen hübschen Gesichter, die sich in den Vorhängen und hinter dem Gitterwerk für »versteckt« zu halten schienen: – was, wenn wirklich ihre Meinung, nur geringen Sinn für das Wahrscheinliche bekundete. Als er aber damit fertig war, nahm er eine sehr böse Miene an, verneigte sich feierlich vor Chrodieldis und hob an: »Ich, Macco, durch des Herrn Königs Guntchramn Gnade Graf von Poitiers, fordre euch Freistattgäste des heiligen Hilarius auf, freiwillig diesen Zufluchtort zu räumen und euch euren geistlichen und weltlichen Richtern zu stellen.« Als hierauf, wie er erwartet, keine Antwort folgte, fuhr er fort: »Zu euch geflüchtet ist in dieser Nacht die Klausnerin Theophano oder Castula, die gestern das Asyl des heiligen Hilarius gebrochen und daher jeden Schutz verwirkt hat. Gebt sie also heraus.«
    »Niemals,« sprach Chrodieldis. »Sie steht in meinem Schutz und Treueeid.«
    »O schöne Königin Chrodieldis,« fuhr der Graf fort, »wisse, daß du durch diese Weigerung mir das Recht giebst, deine eigene Freistatt nicht mehr zu achten und die Verbrecherin mit Gewalt zu holen.« »Hole sie,« sprach Chrodieldis, langte ein nacktes Schwert aus dem Mantel und hob es in die Höhe. »Ihr alle seht es,« fuhr der Graf fort, »eine Waffe blitzt in der Freistatt.« »Nicht Eine nur, glücklicherweise, Freund Macco,« rief da Sigvalt und zeigte sein langes Schwert. »Wir haben's nach der Auswahl,« lachte Sigbert und riß die Streitaxt aus dem Gürtel. »Komm nur.«
    »Weißt du noch, in der Waffenschule zu Châlons?« lachte Sigvalt. »Fünfmal besiegt' ich dich im Waffenspiel.« »Liebe Knaben und Schwaben,« sagte Macco gutmütig, hinaufflüsternd, »diesmal ist's leider bitterböser Ernst. Manchen frohen Schelmenstreich, manchen guten Trunk  haben wir geteilt: – aber diesmal lacht keiner von uns, wann der Spaß zu Ende. Solang ich kann, will ich gern der bildschönen Mädchen und euer schonen; andernfalls wäre ich schon lang da droben, wie der Wolf unter den Lämmlein.« »Denk an die Schäferhunde,« warnte Sigbert. »Eure lieben Nachbarn, die Herren Räuber – verzeiht, nur wegen der Nachbarschaft vergleich ich euch! – haben bereits klein beigegeben. Sie sahen, daß wir sie bald ausgehungert haben würden. Denn, wenn kein Priester mehr im Asyl ist, hört auch die Asylspeisung von selbst auf: ihnen von außen Speise ins Asyl zu tragen, dazu ist Sankt Hilarius nicht verpflichtet. Ihr könnt es eine Woche weiter treiben: – länger nicht. Also ergebt euch gleich – ihr müßt es doch.« – Laut fuhr er nun fort: »Aus großer Langmut und weil Königinnen unter euch sind, deren edles Blut auch in Thorheit und Unrecht wir scheuen, solang es angeht, wollen die ehrwürdigen Bischöfe und der Domesticus des Königs Guntchramn, die heute Nacht hier eingetroffen sind, noch eine letzte Vergleichsverhandlung mit euch halten, obwohl eure Schuld gestanden und sonnenklar erwiesen. Sie wollen sich zu euch hinein begeben: die Söhne des Herzogs Sigfrid sind mir Bürgschaft genug, daß den Ehrwürdigen diesmal kein Haar gekrümmt wird. Scheiden sie von euch ohne Erfolg, so werdet ihr bald lernen, tapfre Freunde, daß vierhundert Speere bedeutend mehr sind als zwanzig.«
    Er trat zurück, da Chrodieldis Zustimmung genickt hatte, die Bischöfe herbeizuholen.
    »Laß mich, du Schelm,« hatte Basina gesagt und sich Sigbert entwunden, der ein Küßlein stehlen wollte in dem dunkeln Gang zwischen Bischofshaus und Basilika. »Ich hab's gar geschäftig. Wir bekommen hohen Besuch. Bischof Marovech kömmt bei uns zu Gast: noch dazu in seinem  eignen Hause! – Er muß doch sehn, daß saubre Mädchen darin schalten. Sonst meinen die Herren, wir verständen uns nicht genug auf die Wirtschaft, und lassen uns am Ende noch lange nicht heiraten.«
    Und sie befehligte die Mädchen wacker hin und her, fleißig selbst mit Hand anlegend. Und als später die Bischöfe, in feierlichem Aufzug, die Vorhalle der Basilika betraten, fanden sie bequeme Stühle und Bänke mit den schönsten Decken und reinlichsten Tüchern belegt; der Boden war mit frischgeschnittenem Schilf bestreut, wie es im Bischofsgarten reichlich wuchs: das roch gar gut. Und Basina hatte sich's nicht nehmen lassen, auch einen Kredenztisch mit kaltem Fleisch und allerlei süßem Gebäck, das sie vortrefflich zu bereiten verstand, und mit silbernen Schalen und Bechern und einem mächtigen Weinkrug zu versehen.
    »So vergnüglich wird das hier nicht werden, holdes Bäslein,« meinte Sigvalt. »Nicht für uns, aber vielleicht für sie! Und der Mensch ist immer weniger bösartig, wenn er angenehm gefrühstückt hat.«
  



    Zweiundzwanzigstes Kapitel.
    Die Geistlichen versammelten sich einstweilen unter Leitung des Domesticus in dem bescheidenen königlichen Palatiolum der Stadt. Hier begrüßte Flavianus auch zuerst seinen Sohn. »Wie gewöhnlich, Herr Sohn,« sagte er, den Zeigefinger hebend, »muß ich mit einem Verweis beginnen. Der Graf von Poitiers konnte schon einen halben Tag früher hier sein.« »Zugestanden, Herr  Vater, lächelte der Schalk. »Er wäre auch rechtzeitig eingetroffen. Aber er fand auf dem Wege hierher bei Quincy eine Sänfte: in dieser Sänfte saß ... –«
    »Ein Mädchen! Wie gewöhnlich!« fuhr der Vater fort. »Und in dem Mädchen saß, wie gewöhnlich, der Teufel.« – »Letzteres thäte mir leid. Denn dann säße der Teufel in einer – Nonne.« »Was?« rief der Vater, »Nonnen und kein Ende! Mensch! Du wirst dich doch diesmal nicht in eine der Verbrecherinnen vergafft haben, die wir richten sollen?« – »Nein! Von denen ist sie nicht. – Aber diesmal, Vater, ist es Ernst. – Nein, lache nicht. Das ist die wahre Liebe.« – »So? O ja! Warum nicht? Das ist nun deine zweiundzwanzigste falsche und deine neunzehnte wahre Liebe.« – »Sie heißt ... –« »Ist mir sehr gleichgültig. – Ei, du trägst ja wieder den Verliebungsring? Er ist schon etwas schadhaft, abgetragen! Aber die roten Steine darin sind neu! Ach,« seufzte er, »was mögen sie wohl kosten? Das ist mir viel wichtiger zu wissen als jener Name.«
    »Nichts! Sie hat sie mir geschenkt – samt ihrem Gürtel, daran sie ehemals saßen. Aber ... –« »Die muß viel Geld haben,« sprach der Vater erstaunt. »Nun, diese Abwechslung hat ihr Gutes.«
    »Da die Wege unsicher sind durch die versprengten Räuber ... –«
    »Hat der Graf von Poitiers die übrige Grafschaft von Sankt Hilarius bewachen lassen und selbst nur das hübsche Lärvchen bewacht. Sohn, Sohn, es ist höchste Zeit, daß du vernünftig wirst und heiratest.« – »Ich weiß zwar nicht, Herr Vater, ob dies dasselbe ist: – man kriegt dann oft so unvernünftige Töchter! – aber ich bin so bereit dazu wie noch nie.« – »Still, die Heiligen ordnen sich paarweise. Da schreitet Herr Felix  von Nantes auf den guten Gregorius zu: – was wird das geben?«
    »Herr Bruder,« sprach der zierliche Kelte, »grollst du mir wirklich noch immer? Wenig christlich! Daß von den vielen Wundern, die du fast wöchentlich erlebst, sich noch keines auf Erweichung deines Grolles geworfen hat! Gieb mir die Hand.« Gregor, eine breite, behäbige Gestalt, blies sich auf wie ein zürnender Hahn und bot dem feinen Herrlein die Linke: »Die Rechte, die Schreibhand, könnte Euch anstecken, Herr Felix, und Euch den schönen Stil verderben.« – »Sage mir nur, Dodo,« fragte der Bischof von Nantes den dicken Ökonom, der seinen Herrn begleitet hatte, »warum ist dein Herr, abgesehen von seiner herkömmlichen Erbosung gegen mich, heute so ganz besonders bedrückt, so sorgenschwer?« – »Hat seine guten Gründe.« – »Vertraue sie mir, guter Dodo. Vielleicht kann ich ihm helfen.« Dodo sah den Kelten groß an: »Ja, Ihr! Ihr könntet ihm freilich helfen! Gerade Ihr! – Aber doch auch wieder nicht. Das ist es ja eben, daß ihm kein Mensch dabei helfen soll.« – »Helfen? Wobei?«
    »Ich weiß, Ihr meint es gut, – oft hab ich's ihm gesagt, – mit meinem lieben Herrn. Der Mensch müßte auch gar kein Mensch sein, der Herrn Gregorius, dem Mann ohne Falsch, gram sein könnte.«
    »Nun also?« – »Nun also! Ihr wißt: der junge König Childibert hat sich völlig gebessert, hat plötzlich seine bösen Ratgeber, Herzog Rauching und Bischof Egidius von Reims, entlassen, seine Mutter, die edle Frau Brunichildis, und seine Braut an den Hof nach Metz berufen, sich mit dieser gar fröhlich vermählt und unserm Herrn König Guntchramn einen recht warmen Brief geschrieben, in welchem er diesen um Aussöhnung, um seinen Rat und seine Hilfe in der Regierung von Austrasien bittet.« –  »Gewiß Das kann doch aber Herrn Gregorius nicht grämen, der von jeher am meisten an Aussöhnung von Oheim und Neffe gearbeitet hat.« – »Freilich! Und deshalb hat ihm der Herr König Guntchramn das hohe Vertrauensamt übertragen: die Vermittelung zu übernehmen, einen Erbverbrüderungsvertragsentwurf – ein furchtbar Wort und Werk! – aufzusetzen.« – »Das ist ja alles sehr schön und ehrenvoll für ihn.« – »Jawohl! Aber –! Der König hat einen kleinen Zorn auf uns, weil wir uns die einundvierzig haben auskommen lassen.« – »War auch schlimm! Dadurch ward das Skandalon so arg. Ihr beiden, Gregor und du, ihr seid an allem schuld.« – Dodo wurde rot im Gesicht: »Herr Bischof, Ihr habt leicht reden. Und der Herr König erst! Der ist gleich gar vor ihnen davongelaufen! Habt Ihr schon einmal einundvierzig Heuschrecken, Maikäfer oder andere Hupf- und Fliegetierlein gehütet?« – »Die Sorge um meine Seele und um mein bißchen Latein, o trefflicher Dodo, hat bisher solche ergötzliche Nebenbeschäftigung mir noch nicht verstattet. Aber, wenn du meinst, will ich's einmal versuchen.«
    »Bis dahin – redet nicht. Hüten! Mädchen hüten! Entlaufene Nonnen! Darunter zwei Königinnen! – Übrigens habe ich doch, soviel sie mich plagten und ängstigten, die Fratzen, eine solche Herzensfreude an ihnen gehabt, daß ich den Herrn ganz besonders bat, mich mitzunehmen, damit ich sie, zumal das braungelockte Basinelein, wieder sähe. – Nun also, der König hat noch einen kleinen Groll auf unsere Mädchenhütung. Und der Referendarius Marcus hat einen großen Zorn auf unser Latein.« – »Letzteres nicht ganz mit Unrecht, Dodo.« – »Und so hat der König – auf des Marcus Anstiftung! – Herrn Gregor anbefohlen, den Erbverbrüderungsvertragsentwurf ganz allein, ohne irgend eines Menschen, auch eines Schreibers, Hilfe  aufzusetzen.« – »Kein Wunder! Höchstes Staatsgeheimnis. Immer ehrenvoller für Gregor; ich gönn' es ihm aber.« – »Ja, und das gönnt Ihr ihm aber wohl auch, daß der Referendarius mit Erlaubnis des Königs erklärt hat, es dürfe, bei Meidung königlicher Ungnade, kein einziger – nun, kein Böcklein wider die Grammatik darin enthalten sein, und der Referendarius werde es so lang und so oft zurückgeben, bis das Latein fehlerfrei. Bei den sieben Wunden Christi, es sind vierzehn langmächtige Seiten! Und der König drängt. Es eilt.« »Armer Gregor,« lachte der Herr von Nantes. »Da könnte er eines seiner kleinen Mirakelchen brauchen.«
    »O Herr, nein, da brauchte er schon eines von den stärkeren!« –
    »Ei sieh da,« sprach Felix, »gegrüßt, Bruder Truchtigisel mit dem Speere. Auch hier an dem Clain?« – »Leider.« – »Warum kamst du dann?« – »Königs Befehl.« – »Er hat groß Vertrauen in dich.« – »Ja. Aber ist mein letztes bischöfliches Geschäft.« – »Warum?«
    »Bin's müde.« – »Ja, was willst du beginnen?« – »Gehen.« – »Wohin?« – »Heim. Stracks von hier nach Haus, ins Land der Bajuvaren, in den Chiemgau.« – »Allein?« – »Behüte! Mit meiner lieben Frau.« – »Was willst du fortan thun?« – »Ausruhn. – Und fischen.« – »Was?« – »Asch.« – »Was ist das? Asch?« – »Asch? Aschen, – nun eben: Asch! Seid Ihr so gelehrt, und wißt nicht einmal, was Asch sind! Ein feines Tier von einem Fisch, sag ich Euch, Herr Felix. – Wann abends im Erntemond die Sonne in den Chiemsee sinkt und die Mücken tanzen auf der Alz, wo sie, an ein paar Fischerhäusern vorbei, ausfließt, dann mit der Angel die Alz hinabgehen an dem Uferschilf und sehn, wie die Asch aufspringen und, eifrig schnappend, anbeißen und  sie flugs herausschnellen weit auf die Wiese: – natürlich muß Frau Irmentraut danebenstehn und die Fische in das Lägel stecken – und dann im Abenddämmerschein nach Truchtilinga heimwandern, wo meines Hauses uralter Stammhof steht unter hohen Linden, und an dem Herde stehn und Frau Irmentraut zuschauen, wie sie die Mägde die Fischlein braten lehrt, – das, hochweiser Herr Bruder, das ist die höchste Glückseligkeit auf Erden, viel schöner als zu Soissons; und auch als zu Rom, wo ich aber nicht gewesen bin. – Und so mein Leben beschließen zu dürfen, das hab' ich mir von meinem gnädigen König als letzte Ehrengunst erbeten.« – »Bruder Gregorius,« sagte Felix, »hier ist ein Mirakel, größer als das Pfingstwunder.« – »Was meint Ihr?« fragte der Bischof von Tours mißtrauisch. »Truchtigisel mit dem Speere hat eine Rede geredet. – Aber es ist nicht das erste Mal. Ich erlebte es schon einmal. Damals galt es nur seiner Frau. Jetzt sind noch hinzugekommen die A–As– Ask–? wie sagt man? Um diese Fische auszusprechen, muß man entweder einen bajuvarischen Mund oder ein doppelflüglich Scheunenthor zur Aufsperrung zur Verfügung haben. – Und nun, da er von der Heimat redet, und ihren Fischen, kommt gar niemand mehr zu Wort neben dem zungengewaltigen Bayern. Hör' einmal, Bruder Truchtigisel,« sprach Herr Felix, schmunzelnd mit den feinen Lippen, »eine Frage an dich als Sohn des Bajuvarenstammes. Da ist mir heute in dem Verhör mit den Räubern, das mir der Domesticus übertrug, eine merkwürdige Antwort geworden von Struzza. Das ist nämlich eine Landsmännin von dir.« »Kann nichts dafür,« sagte Truchtigisel, ziemlich grob. »Wird wohl auch in Nantes Spitzbübinnen geben.« – »Viele!« – »Meine liebe Gattin, Frau Irmentraut, hat gleich gesagt, sie tauge nichts. Aber sie that so fromm. Als ich dann  merkte, sie trinke, da wollt' ich sie bessern: – mit der Rute. Aber sie lief davon und ward lieber eine Heilige, eine Klausnerin.« – »Nun, also: ich frage die Bayerin um ihren Status. ›Ehefrau?‹« frag' ich. Denn sie sah so aus. ›Jungfrau‹, sagt sie. Da springt mein Schreiber auf, der Armenpfleger Bischof Marovechs, und ruft: ›Das ist aber stark! Glaubt's nicht, Herr Bischof. Wir füttern schon drei Jahre ihr Kind.‹ ›Das ist nur ein Mädchen‹, sprach die Bajuvarin unerschüttert. Dieses machte mir großen Eindruck! Sprich, o Truchtigisel, habt Ihr daheim bei Euch diese Begriffsbestimmung, diese subtile Unterscheidung?« Truchtigisel zuckte etwas verlegen die breiten Achseln: »Manche halten es so bei uns. Was freilich die Strengeren sind, die nehmen's wieder anders. Ich kann nicht viel Latein, aber ich meine: man nennt das eine: benigna interpretatio, eine milde Auslegung.« »So? Es ist nur, bis man's weiß,« sagte Herr Felix. »Ländlich, schändlich. – Aber horch! Das Psallieren beginnt schon unten auf der Straße. Gehen wir.« »Arme Mädchen,« sprach Truchtigisel und erhob schwer stapfend den Speer.
  



    Dreiundzwanzigstes Kapitel
    Und nun begaben sich der Domesticus und die Bischöfe Gundigisel von Bordeaux, Marovech von Poitiers, Gregor von Tours, Felix von Nantes und Truchtigisel von Soissons in feierlichem Aufzug, unter lautem Psallieren von mehr als hundert Priestern, mit starkem Schwingen von Weihrauchfässern der Chorknaben, in die Basilika und nahmen Platz in den von den Mädchen bereiteten Sitzen,  nicht ohne Wohlgefallen die säuberlichen Veranstaltungen wahrnehmend.
    Der Vorsitz und die Leitung der Verhandlung war durch den König, unter Zustimmung des Metropoliten Gundigisel, dem geschäftserfahrenen Domesticus überwiesen worden. Ihnen gegenüber standen die Mädchen, die Klausnerin und die beiden Herzogssöhne. Gar manches Herzlein klopfte ängstlich; aber Chrodieldis blieb ruhig, trotzig, und Basina blieb heiter; sie würdigte nicht die drohende Gefahr.
    Die Verhandlung begann, indem der Domesticus aus der Anklageschrift die Namen der unterschriebenen Mädchen ablas. Es antworteten dem Aufruf: Chrodieldis, Basina, Anna die ältere, Christiana, Hukberta, Richauda, Anstrudis, Paula, Emma die Langobardin, Allberahta, Gertrudis, Frieda, Paula, Antonia, Stephania, Margareta die Kleine, Theophano die Klausnerin und, beim zweiten Aufruf, auch Ulfia. Von den übrigen dreiundzwanzig ward festgestellt, daß, abgesehen von Constantina und Julia, welche aus der nahen Villa der Gratiani herbeigeholt werden sollten, und von Genoveva, deren Hochzeitsfest nach dem fröhlichen, aus dem nächsten Haus herüberschallenden Flötenklang noch immer nicht zu Ende schien, weitaus die meisten die ihnen gegönnte kurze Zeit von zwei Monaten fleißig dazu verwendet hatten, sich zu verloben oder gleich gar zu verheiraten: nur etwa vier von jenen einundzwanzig waren unverlobt und unverheiratet bei ihren Eltern.
    Gregor von Tours und Felix von Nantes erhielten den Auftrag, in angemessener Frist dem König genauesten Bescheid über den Verbleib von allen vorzulegen.
    Hierauf begann der Domesticus das Verhör der Anwesenden. »Einundvierzig pflichtvergessene Nonnen ...« – hob er an. 
    »Verzeiht,« fiel ihm Chrodieldis in die Rede, »daß ich gleich zu Anfang unterbrechen muß. Es ist nicht meine Schuld. Ich weise in unser aller Namen das Wort ›Nonne‹ weit von uns zurück. Wir sind nicht Nonnen. Wohl nennt man uns so oder Religiosen oder Sanctimoniales: und, weil es der allgemeine Brauch, haben wir uns wohl auch selber so genannt. Aber wir sind lediglich Schülerinnen, die man, meist ohne uns zu fragen, in das Kloster gesteckt hat, darin den heiligen Glauben und allerlei anderes zu lernen. Und es ist – leider! – auch wahr, daß unsere Eltern oder Muntwalte von den meisten von uns wollen und erwarten, daß wir dereinst Nonnen werden sollen. Aber, abgesehen von Theophano, von uns andern vierzig hat auch noch nicht Eine das Gelübde abgelegt. Wir sind nicht Nonnen. Hätten sonst so viele von uns, wie ihr verlesen, sich verloben und verheiraten können? Nun fahrt fort.«
    »Spricht gut, das Kind,« sagte Truchtigisel leise zu Gregor, der neben ihm saß, »Ganz glatt! Ganz flüssig!« »Ist auch sehr stark in der Grammatik,« seufzte dieser.
    »Was nun eure lächerliche, sogenannte Anklageschrift angeht,« fuhr Flavianus fort, »so werdet ihr wohl nicht verlangen, daß ernsthafte Männer sich dabei aufhalten, während wider euch die schwersten Anschuldigungen vorliegen. Kindereien! Mädchengezänk gegen andere Mädchen! Es scheint,« – er blickte in die Anklageschrift, – »am meisten hat böses Blut gemacht, daß die Äbtissin ihre Nichte, eine gewisse Leuba ... –«
    Da fuhr einer in der Versammlung lebhaft zusammen. Das war der junge Graf von Poitiers, der, das gezogene Schwert in der Hand, hinter seines Vaters hohem Stuhle stand: höchst neugierig spähte er jetzt über dessen Schulter in das Pergament. »Und wäre auch alles wahr, was  hier für Schnickschnack gegen die Äbtissin gesagt ist: – da sollt ihr in dem Badhaus haben baden müssen, während es noch ein wenig nach Kalk roch ... –« »Bitte sehr! Bin umgefallen darüber,« rief Basina dazwischen.
    »Da soll die Äbtissin mit ihrem Beichtvater des Brettspiels gepflogen haben ... –« »Sieben Stunden! Am Pfingstsonntag! Das Essen ward eiskalt!« rief Christiana.
    »Da hat sie im Februar einen großen Mummenschanz im Kloster abgehalten, wobei Nonnen und Gäste aus der Stadt in Tierlarven, auch als Sylvane und Faune, mitgewirkt haben ... –« »Jawohl,« rief Richauda. »Mir hat sie meine schönen aus Byzanz von meinem Herrn Vater mitgebrachten Gewande – ich durfte sie niemals tragen! – abgeschmeichelt und eines nach dem andern ihrer Nichte angehängt. Siebzehnmal trat diese auf! Und mir hat sie einen Wolfspelz umgestülpt, aus dem die Motten stoben, gewölkweise. Ich sollte eine Wölfin darstellen – wozu ich gar nicht passe – und Leuba sollte mich mit goldenem Speer erstechen. Sie hat mich – mit Fleiß – mit dem Speer viermal heftig in die Rippen gestoßen.« »Jawohl!« warf Basina ein, »und wir andern sollten alle Larven und Lemuren sein, das heißt: uns die Gesichter mit Mehl anstreichen, daß wir aussahen wie übel gebackene Semmeln.« »Und nur weiße und graue Tücher sollten wir tragen!« rief Stephania, »die uns sehr schlecht stehen.«
    »Ja, und erst noch flicken, weil sie meist zerrissen waren,« klagte Frieda, die Lange. »Sogar nachts; um siebeneinhalb Uhr noch!« rief Ulfia sehr entrüstet. – »Stille! – Ferner: und das scheint euer Hauptseelenschmerz gewesen zu sein: soll die Äbtissin von einem kostbaren Goldstoff, den eine fromme Seele, Donna Didimia, für den Hauptaltar gestiftet hatte, einen Fetzen –« »Hoho,  es war ein wunderschönes, großes Stück!« rief Richauda. »Abgeschnitten und samt den ›Goldplättlein‹ – diese ›Goldplättlein‹ ziehen sich durch die Anklageschrift viele Seiten lang hindurch. Ich weiß gar nicht,« schloß er ungeduldig blätternd, »was das sind ›Goldplättlein?‹«
    Richauda stieß die strenge Antonia an und sagte sehr verächtlich: »Jetzt will der alte Herr Domesticus des Reiches sein und weiß nicht einmal, was Goldplättlein sind. Da sieht man's, wie wenig oft dazu gehört!« – »Also aus dem Zeug hat sie ihrer Nichte eine Brustbinde gemacht?« »Ach, was nicht gar!« rief Richauda, nun ernstlich entrüstet über solche Unwissenheit. »Eine Stirnbinde.«
    »Endlich soll das Essen manchmal weniger schmackhaft gewesen sein, als die verwöhnten jungen Mäulchen wünschten.« Da trat aber Christiana vor, stemmte beide Fäuste in die Hüften und sprach: »Halt! Jetzt red' ich. Ich war immer sehr hungrig. Denn ich war im Wachsen; und bin's glücklicherweise noch. Sie sagten alle, ich sei die hungrigste gewesen. Aber nicht einmal ich konnte es hinunterwürgen! Wißt ihr noch, Schwestern – zumal du, Margaretlein, denn du wuchsest auch so rasch! – die alten getrockneten Erbsen im Juni? Während im Garten schon das schönste Junggemüse stand? Sie und die Nichte freilich! Von Anfang April nichts als Spargel! Und ihre Nichte durfte von den eingemachten Früchten stets den Sanft schlürfen, was das Beste ist. Und wir –? Heilige Radegundis! Verwöhnt? Erst, seit wir in diesem Bischofshause leben, wissen wir, wie diese Herren zu speisen pflegen! Von unseren Erbsen wäre keiner unserer Richter so rundlich geworden unterhalb der Rippen, wie wir sie – mit Freuden – hier bewundern.« »Die schreib' ich mir auf,« sagte erbost Marovech von Poitiers. »Die mag schön gehaust haben in meiner Vorratskammer! Die soll mir  einmal fasten lernen! Ich sehe nicht so weit. Wie heißt sie, die Hungrige, Bruder Felix?« »Martina,« sprach der sehr ernsthaft und schmunzelte.
  



    Vierundzwanzigstes Kapitel
    Aber der Domesticus rief: »Das sind alles ... –« »Kindereien,« sprach Chrodieldis vortretend, »Ihr habt recht, Herr. Und gegen meinen Willen haben die Mädchen all' das hineingeschrieben. Aber keine Kinderei ist meine Klage. Die Äbtissin Leubovera ist eine ganz unglaublich beschränkte Frau.« »Die nimmt kein Blatt vor den Mund,« meinte Gregor, ganz erschrocken. »Was? Beschränkt?« fiel da eine kraftvolle Mädchenstimme ein. »Dumm ist sie! Wenn sie so lang wäre, wie sie dumm ist, könnte sie den Mond küssen. In meiner Heimat, an der Lippe, steht eine tausendjährige Eiche Donars: – mit Leubovera könnte man sie umrennen.«
    »Was ist denn das für eine?« fragte Truchtigisel. »Die gefällt mir,« »O die? Das ist eine aus Westfalenland: – noch eine halbe Heidin,« erklärte Marovech. »Auf den Namen ›Tarasia‹ folgt sie gar nicht, und auf ›Hukberta‹ wenig! Sie wäre froh, glaub' ich, wenn sie wieder drüben wäre überm Rhein unter ihren Donars-Eichen. Aber ich – ich wäre noch froher; denn das ist die ärgste.«
    »Frau Leubovera,« fuhr Chrodieldis fort, »hat nur Eine Sorge: ihrer Nichte unermeßlich Vermögen dem Kloster zu sichern.« »Herr Graf von Poitiers, was stöhnt Ihr? Seid Ihr plötzlich erkrankt?« rief dessen Vater, sich  sehr ungnädig wendend. »Nein! Verzeihung! Es ist nur ein Hexenschuß gewesen! Aber ein scharfer!«
    »Darauf ganz allein geht all das bißchen Denken, das sie hat,« sprach Chrodieldis. »Mein Gott, sie kann auch nicht dafür, daß es nicht mehr ist,« meinte Gregor beschaulich zu Truchtigisel. »Und seit sie nun glücklich ein solches Testament herausgeschmeichelt hat von Leuba ... –«
    Der Graf von Poitiers fuhr sich unruhig, hastig durch das krause Haar und blies Luft vor sich hin, aber so leise, daß es nicht störte.
    »ist vollends nicht mehr mit ihr auszukommen. Sie ist maßlos parteiisch für die in der That recht hübsche Kleine (die übrigens unsere um ihretwillen verhängten Bestrafungen herzlich bedauert hat). Das sagte ich der Äbtissin ins Gesicht, als sie – nicht etwa mich ... –« »Oder mich,« rief Basina. »Ich weiß mich schon zu wehren.« »Als sie die sanfte Constantina und die arme kranke, brave Julia, weil sie nicht rechtzeitig mit einem Putzschleier für Leuba fertig geworden waren, zum Osterfest mit zwei Wochen Fasten und beide, – wirklich auch die Kranke! – mit dem Stachelgürtel strafte. Ich sagte ihr, das sei Sünde und sei schwere Ungerechtigkeit und ich würde es den Königen klagen, meinen Gesippen: die würden dem wehren und steuern. ›Was‹ schrie da die Äbtissin. ›Mir wehren? Und ich habe doch Leubas Testament herbeigeführt.‹ Und wollte mich schlagen ins Antlitz. Mich!« Chrodieldens dunkle Augen loderten, »Aber man schlägt nicht König Chariberts Tochter und die Schwester der Königin von Kent. Ich begnügte mich ihre Hand zu fangen – so!« »Ja,« rief Basina. »Wie eine eherne Zange war Chrodieldens Faust. Es war beim Mittagsmahl. Vierzig Mädchen sprangen auf und riefen: ›Recht hat Chrodieldis.‹ Darauf verurteilte sie uns alle vierzig  auf vier Wochen zu härtestem Fasten und zur Einsperrung in der Zelle, mich aber und Chrodieldis obenein dazu, ihr und ihrer Nichte zur Beugung unserer Hoffart den rechten Fuß zu küssen.« »Auch der Alten?« fragte der Graf von Poitiers Herrn Felix von hinten her. »Ich würde lieber der Jungen auch den linken geküßt haben.«
    »Das that ich nicht,« sprach Chrodieldis. »Erklärte, es nie zu thun. Und deshalb brachen wir nachts aus.« Das Gesicht des Domesticus nahm einen ganz andern Ausdruck an, ernster, aber doch gleichsam befriedigt. »Aber das steht ja alles gar nicht in der Anklage!« – »Nein! Constantina und Julia baten um Schweigen von dem ihnen Auferlegten, solang es angehe. Und ich schämte mich, die mir gedrohte Schmach hinzuschreiben. Nur mündlich wollt' ich es, im Notfall, sagen!« – »Wie ward euch das Ausbrechen möglich?« »Oho,« rief Basina, »brave Mädchen plaudern nicht aus.« – »Ich muß es wissen.« Alle schwiegen. »Hütet euch: ihr verschlimmert eure Sache durch solchen Trotz.« Aber keine rührte sich.
    Da trat ganz ruhig und bescheiden die Klausnerin vor und sprach: »Ich verhalf ihnen dazu. Der Kellermeister, ein widerwilliger Schuldknecht des Klosters, neulich glücklich entsprungen, war mein Freund: er ließ sie durch den Keller in einen geheimen Gang, der jenseit der Klostermauer mündet. Es ist derselbe, durch den ich neulich mich einschlich.«
    Chrodieldis aber fuhr fort: »Und deshalb unterwerf' ich mich weder irgend welcher Strafe, noch hör' ich auf, zu klagen gegen die Äbtissin, bis diese erklärt hat, daß sie bezüglich ihrer Nichte im Irrtum und gegen uns im Unrecht war.« »Und wir alle,« riefen die Mädchen, »stehen zu Chrodieldis.«
    »An dem Überfall des Klosters,« sprach jene weiter.  »sind wir unschuldig. Daß ich die gefangene Äbtissin befreit habe, zähl' ich mir nicht zum Verdienst an ... –«
    »Aber wir zählen dir's so an, tapferes Mädchen,« sprach Gundigisel von Bordeaux. – »Meine beiden Genossinnen mußte ich retten. Ich hatte es geschworen, sie nicht zu verlassen.«
    »Der Vicarius würde sie nicht gefressen haben,« sprach Flavianus.
    »Daß ich die beiden Söhne des Alamannenherzogs Sigfrid in diese Schuld hineingezogen habe, schmerzt mich tief. Ich bitte – für sie – um Gnade. Sie glaubten, mir helfen zu müssen.«
    »Das ist nicht so schlimm ausgefallen,« sprach der Domesticus. »Der Fronbote hat nur Blut und ein Ohrläppchen verloren. Ich bin von König Guntchramn ermächtigt, Gnade auszusprechen für alle in diesem ganzen Handel von euch begangenen weltlichen Vergehen und ich bin sehr hierzu geneigt. Der Brand des Klosters kommt auf anderer Rechnung, nicht auf eure. Über euch Mädchen werden wir ein mildes Urteil finden. Jetzt aber gebt uns gutwillig Theophano oder Castula heraus, die Führerin der Räuber. Denn alle ihre Mitschuldigen haben, auf Sicherung gegen Tod und Verstümmelung, das Asyl verlassen und sich ergeben, nur sie fehlt uns noch.«
    »Niemals,« rief Chrodieldis. »Mein Wort, mein Eid schützt sie wie jede von uns.« Die Klausnerin drängte sich eifrig vor, kniete nieder und sprach: »Um meinetwillen soll euch der Zorn der Richter nicht treffen. Hier bin ich: – ich folge, freiwillig.« – »Mitnichten! Das verbiet' ich!« rief Chrodieldis. »Nach allem, was ich jetzt von dir erfahren, bist du ein Opfer nicht minder als eine Schuldige. Der Strafe kann ich dich nicht entziehen: aber auch dein Recht soll dir werden. Und bevor dir's  wird, sollst du diese Zuflucht nicht verlieren. Ich befehl' es dir. Jetzt, nach vielen Jahren, kam die Stunde, da Kirche und Reich dich endlich hören, dich hören müssen. Erhebe deine Klage, erzähle die Geschichte deines Wehs – wie du sie mir erzählt hast – und dann, nachdem du Recht genommen, sollst du auch Recht geben.«
  



    Fünfundzwanzigstes Kapitel
    Da stand die Klausnerin auf, trat vor und sprach, das Haar aus dem immer noch reizvollen Antlitz streichend: »In Arles bin ich geboren, von Griechen stamme ich, Theophano heiß' ich. Steinmetz, Bildhauer war mein Vater und des Bischofs Freigelassener. Sie sagten, ich sei das schönste Kind in jener an altvererbter Schöne reichen Stadt. O ich sag's nicht aus Eitelkeit: schwer hab' ich gebüßt für diese Gabe. Noch nicht fünfzehn Jahre war ich. Mein Beichtiger war Desiderius, des Bischofs Neffe. Ich war ein Kind, ich liebte ihn nicht, gar nicht, gar nicht ein wenig: ich fürchtete ihn nur so sehr, weil er immer von der Hölle sprach. Die habe mir meine Schönheit gegeben, um ihn zu quälen. Und ich müsse dafür Buße thun und in allem seinen Willen, sonst sei ich verdammt und er gebe mir nicht die Absolution. Und die Absolution mußte ich doch nach Hause bringen, sonst schlug mich der Vater, der so fromm war; tot war lange schon die Mutter. – Und als ich nun mein Elend sah und meine Schmach Desiderius klagte, da riet der, ich solle sagen, ein böser Geist habe mich bewältigt im Walde, Und ich sagte das dem Vater; der schlug mich halb tot und warf mich auf  die Straße. Und ich stand auf und lief zum Bischof, aber an dessen Stuhl stand Er. Und wie ich das vom bösen Geiste sagte, da lachte er. Der Bischof aber lachte nicht, sondern ließ mich ergreifen und geißeln und dann mich fortführen von Arles, weit, weit gen Norden auf einen Hof der Kirche. Und da mußte ich zwar schwer arbeiten, recht schwer. Aber der Villicus der Villa und sein Weib waren mitleidig. Und wie mein Kind heranwuchs, da – ach da liebt' ich es so sehr! Und es war alles, was ich hatte auf Erden. Desiderata hatt' ich es genannt.«
    Da fuhr Herr Truchtigisel auf mit einem ungefügen Staunensruf.
    »Und ich lebte nur für Desiderata. Sie hatte blaue Augen und goldene Locken – wie sie Frau Genoveva drüben hat. Und zehn Jahre lebte ich nur für dies Kind, das süße Kind. Und mein Geheimnis – sein Geheimnis – keiner Seele hatt' ich es verraten. Da kam er auf den nächsten Hof, nicht auf den unsern. Und unser Villicus erstaunte, da er ihn sah und sagte, bei ihm lebe ein Kind, das sei ihm so ähnlich. Und am dritten Tag, da ich von der Erntearbeit nach Hause kam, da – o Gott! o Gott! – da war die Hütte leer! Und der Villicus sagte, zwei Mönche seien gekommen und hätten das Kind geholt und hätten gesagt, ich sei eine schlechte Mutter, – ich! – und das Kind dürfe nicht bei mir bleiben. Das arme Kind hatte sich an mein Bett geklammert und geschrieen: ›Mutter! Mutter!‹ Aber sie rissen die kleinen Finger los vom Bett und trugen das schreiende Kind davon. Ich lief zum Grafen; der lachte und sagte, ›dein Kind sieht des Bischofs Neffen viel zu ähnlich, der selber Bischof werden will.‹ Ich lief zum Archidiakon, erzählte ihm alles. Der war ein guter Mann. Er weinte. Dann  aber sagte er: ›Es darf nicht ruchbar werden, daß ein Priester im Beichtamt solch Scheußliches begehen kann. Du mußt dein Kind der Kirche opfern. Es wird Nonne werden.‹ Aber ich ruhte nicht. Ich lief zum Herzog. Der wies mich an den König: das war der gute Herr Guntchramn. Der wies mich an den – Bischof von Arles. Und der Bischof sagte, ich hätte ja selbst gestanden, daß ich mich einem Dämon im Wald ergeben; und ließ mich abermals schwer geißeln. Und ließ mich foltern, ich solle mehr von dem Dämon gestehen, und ich gestand alles, was sie haben wollten: denn das Fleisch hing in Fetzen von mir! Und die Urkunde über mein Geständnis schickte der Bischof dem guten König Guntchramn. Und der entsetzte sich sehr, aber er schenkte mir das Leben, falls ich als Reclausa in das Kloster treten wolle zu Poitiers. Ich that's und zehn Jahre lebte ich hier. Jedoch ich fand nicht Ruhe, Tag und Nacht: ich mußte unablässig fragen: ›wo ist mein Kind?‹ Haben sie es wirklich in solch ein Kloster gesteckt, das lustige, fröhliche Ding? Und muß es da werden wie – wie so viele? Und da kam einmal die Verzweiflung über mich und ich stieg nachts über die Mauer und lief davon, in die Welt hinaus, in die weite Welt: ich wußte nicht wohin, ich wollte die Welt aussuchen, bis ich die Kleine gefunden. Aber die Frau Äbtissin hetzte die Klosterhunde auf meine Spur und die hatten mich bald. Und da ich mich wehrte, zerbissen sie mir das Gesicht und eine Sehne des Fußes, daß ich lahme von Stund an. Und die Knechte trugen mich zurück an die Klostermauer und entkleideten mich und, öffentlich, vor der gaffenden Menge, geißelten sie mich schwer, und an derselben Stelle, wo ich über die Mauer herabgesprungen – der Strick hing noch oben an der Zinne –, wanden sie mich langsam, langsam vor aller  Augen in die Höhe, ›damit ich mir die Stelle merke‹, hieß es. Es that sehr weh. Und auf der andern Seite der Mauer stand die Äbtissin, hob den Finger und sprach: ›Mit Recht ist dir dein Kind genommen worden; du wirst es nie wieder sehen im Leben; die Kirche, die allbarmherzige Mutter, hat es in Verwahrung – ich weiß davon – und lehrt es, seiner sündigen Mutter Sünde fluchen!‹ Und da lag ich in meinem Blut und fluchte der Äbtissin und ihm und allen Klöstern und mir selber und Gott. Und da kam des Wegs ein mitleidiger Mensch, des Klosters gezwungener Knecht, der Kellermeister: der erbarmte sich meiner und wusch meine Wunden und gab mir Wein. Aber meines geraubten Kindes dacht' ich nicht minder Nacht und Tag. Und ich wollte die Äbtissin zwingen, mir zu sagen, wo mein Kind versteckt gehalten wird. Deshalb mußte ich sie in meine Gewalt bringen, deshalb ließ ich die Räuber in das Kloster. Und jetzt verlange ich Gerechtigkeit. Straft mich, tötet mich: aber straft auch den Verführer und den Räuber meines Kindes.«
    Da brach sie zusammen und fiel nieder auf ihr Angesicht. Chrodieldis und Anna sprangen hinzu und trugen sie hinaus.
    Und es ward ein großes Schweigen. – –
    Endlich stand Herr Felix von Nantes auf und sprach feierlich: »Ich verlange, daß das Gericht zurücktritt, über das Neue zu beraten, was wir gegen die Äbtissin von Chrodieldis und zumal, was wir gegen den Archidiakon Desiderius von Autun gehört. – Ihr Mädchen aber, die ihr durch solche Dinge Ärgernis nehmen möchtet an der heiligen Kirche und an dem Glauben selbst, euch sag' ich ein Wort, darüber denkt nach euer Leben lang. Wahrlich Christi Wort und Christi Kirche muß in Gott gegründet  stehn, daß all' die Frevel, welche seine unwürdigen Diener nun schon ein halb Jahrtausend lang begangen haben, nicht im stande sind, an seinem Werke zu rütteln.«
  



    Sechsundzwanzigstes Kapitel
    Eine Stunde, nachdem die Richter die Basilika verlassen, erschien, durch Trompetenstoß verkündet, vor dem Gitter der Graf von Poitiers an der Spitze einer sehr starken Schar von Kriegern in vollen Waffen und mit sehr ernstem Angesicht. Und nachdem die Flüchtlinge hinter dem Gitter erschienen waren, verbeugte er sich vor den Königinnen und sprach:
    »Im Namen König Guntchramns von Burgund! So lautet das Urteil des Domesticus und der Bischöfe: die Friedbruch-Sache ist in Gnaden niedergeschlagen, zumal sich ergeben hat, daß Gisbrand und Waroch, die beiden gefährlichen Führer der Räuber, nicht durch des Herrn Vicarius Schwert, wie dieser sich berühmte, sondern durch die beiden Herzogssöhne gefallen sind.
    Die Klage Theophanos um ihre Tochter ist als voll begründet erkannt. Die Bischöfe werden der Mutter zu ihrem Rechte verhelfen: man ist dem Kind auf der Spur. Die Klage der Klausnerin gegen den Archidiakon aber hat Gott der Herr bereits gerichtet: jenseit des Clain, auf einer Wiese, ward er tot gefunden. Der Schlag hat ihn gerührt; daneben stand, die Leiche beschnuppernd, ein ledig Pferd.
    Den vierzig Nonnen ist jede Strafe durch die Gnade der Kirche erlassen, sofern sie bekennen, daß sie gefehlt  durch ihre Flucht. Die Frau Äbtissin aber hat, obwohl die Richter sie dazu dringend aufgefordert, abgelehnt, zu erklären, daß sie bezüglich ihrer Nichte im Irrtum und gegen euch im Unrecht war.
    Die übrigen Räuber haben ihr Strafurteil bereits empfangen. Ihr aber habt die Klausnerin herauszugeben, auf daß auch sie für den Klosterbrand und Klosterraub bestraft werde. Endlich hat das Gericht erkannt, daß ihr alle Asylrecht gar nie gewonnen hattet, da ihr, offenkundig – da seh' ich sie vor meinen Augen blitzen! – mit vielen Waffen in das Gotteshaus gedrungen seid.
    So gebt denn augenblicklich die Waffen ab, und die Klausnerin heraus. Sonst sollt ihr wissen, daß der Graf dieser Stadt, so schwer es ihm fällt, liebe Freunde zu bekämpfen, dies Gotteshaus stürmen wird, das euch keine Freistatt mehr bietet, und daß die Bischöfe morgen früh den großen Kirchenbann über alle verhängen werden, die nicht bis dahin freiwillig aus diesem Gitter getreten sind.
    Endlich, – Trompeter, blase! blas in die Gassen, daß das Volk es hört: – verschwunden ist, geraubt und wahrscheinlich verkauft um der Juwelen der Fassung willen das kostbarste Kleinod des Klosters, das Stück vom heiligen Kreuz. Kund und zu wissen, daß, wer immer es den Bischöfen wieder einliefert, frei sein soll von jeder Strafe, die er wegen irgend welcher Schuld verwirkt hat und verdient.«
    Kaum war der Trompetenruf verhallt, als Chrodieldis, die Klausnerin an der Hand, vortrat und sprach: »So ist Theophano von jeder Strafe frei.«
    »Ja,« sprach diese, dicht an das Gitter tretend, »hier ist das Kreuz. Ich hab's in jener Nacht genommen als Pfand für mein Recht gegen den Verführer, gegen die Äbtissin, für mein Kind. Mein Recht ist mir geworden  und soll mir noch werden: ich gebe das Pfand zurück. Es fehlt auch kein Stein an der Fassung.« Und sie reichte es durch das Gitter dem Grafen, der niederkniete, gebeugten Hauptes es in Empfang nahm und andächtig küßte.
    Gleich darauf erhob er sich aber in einem fröhlichen Sprung: »Vortrefflich! So ist der letzte Anstand gehoben! Denn ich bangte sehr, ob Königin Chrodieldis die Genossin ausliefern werde. Kommt nun alle heraus aus eurer geistlichen Festung, die euch aber nicht mehr schützt, ihr holden Mädchen und ihr tapfern Freunde. Die Waffen könnt ihr getrost nun ablegen auf der glückstrahlenden Frau Genoveva Hochzeitfest, zu dem wir allesamt geladen sind: auch die schöne Leuba, die dort gar fröhlich tanzt und euch durch mich recht herzlich bitten läßt, ihr nicht zu zürnen um ihrer Muhme Dummheit willen. Also heraus mit euch und alles nimmt ein fröhlich Ende.«
    Allein hoheitvoll blickend trat Chrodieldis vor und sprach: »Mitnichten, Herr Graf Macco von Poitiers! Erkennt nicht die Äbtissin an, daß sie bezüglich ihrer Nichte im Irrtum und gegen uns im Unrecht war, geb' ich nicht nach und wank' und weiche nicht, mag kommen, was da mag, Bann und Waffengewalt.« – »Aber Königin,« rief der Jüngling ungeduldig, »Ihr hört doch, daß die Alte nun einmal nicht will. Die Bischöfe haben sie aus dem Kloster geholt und haben ihr sehr scharf zugeredet und die liebe, holde Leuba hat sich ihr zu Füßen geworfen. Sie giebt nicht nach. Sie thut's nun einmal nicht. Also ... –«
    Chrodieldis wandte ihm schweigend den Rücken.
    »Aber so hört doch!« schrie er ihr nach. »Soll daran das ganze Versöhnungswerk scheitern, bei dem Ihr so glimpflich fortkommt, daß es eine Freude ist? Soll deshalb das Blut dieser wackern Knaben fließen ... –?« Chrodieldis zuckte zusammen: »Ich halte keine – und  keinen! Geht, ihr Mädchen, ich erlaß euch allen euer Wort! Geht auch ihr, tapfere, treue Freunde: – der Weg ist frei.« Sie stieß die Gitterthür weit auf. Aber Basina rief: »Alle für eine, eine für alle. Recht hat Chrodieldis und wir stehen zu ihr.« »Recht hat Chrodieldis und wir stehen zu ihr!« wiederholte der Chor.
    »Komm nur, Freund Macco,« rief Sigvalt, »und hole dir ... –« »Nicht unsere Waffen, aber unsere Hiebe,« schloß Sigbert. »Verrückte, kampftolle Schwaben!« schalt Macco. »Und ich müßte so notwendig auf Genovevas Hochzeit!« brummte er. »Bah, in einer halben Stunde sitz' ich doch neben der schönen Leuba. Schickt die Mädchen in Sicherheit! Wir machen's hier rasch aus.«
    Auf Chrodieldens Befehl – sie brauchte ihn nicht zu wiederholen! – wichen die Mädchen in das Innere des Bischofshofes zurück; sie geleitete sie bis an die Thüre. Nur Hukberta war nicht vom Fleck zu bringen. »Geh hinein,« mahnte Chrodieldis, ein Schwert aus dem Mantel ziehend, »Hier werden gleich Speere fliegen.« »Jawohl,« sprach das Sachsenkind. »Herein. Und hinaus!« Damit nahm sie einem der Gefolgen den Wurfspeer aus der Hand und hob ihn drohend.
    Macco wartete nicht länger: es eilte ihm zu sehr, an Leubas Seite zu kommen. Er zog das Schwert, ordnete seine Schar und stürmte mit lautem Waffenschrei den Seinigen voran die Stufen hinauf. Der Schlag einer Streitaxt sprengte sofort das Gitterthor. Schon stand er auf der Schwelle. Sigvalt sprang ihm entgegen, den ganzen Eingang sperrend. Sie kreuzten die Klingen, einmal – zweimal –: helle Funken stoben – hui, da flog des Grafen Schwert zur Erde und hellauf spritzte gleich darauf sein Blut aus seinem rechten Arm. Er wankte zurück; die Seinen stockten. »Siehst du, Maccolein! Ich sagte dir's ja immer, du kannst meinem Doppelhieb noch  immer nicht begegnen,« rief Sigvalt, »Und die Herausschlagung des Schwertgriffs aus der Hand nicht hindern,« fügte Sigbert hinzu,
    Macco rieb sich einen Augenblick den Arm. Die Wunde war nur ganz geringfügig; er überlegte, daß er leichter mit seiner Übermacht die Ummauerung des Bischofshofes an verschiedenen Seiten zugleich überklettern lassen als hier den Eingang stürmen könne.
    Aus dem Hochzeitshaus klangen so süß die Flöten, so lockend! Aber er blieb fest. »Zurück!« gebot er seiner Schar. »Zurück: hier! Schwenkt links und rechts um das Haus! – Wartet nur, Freundchen, wir haben euch doch gar bald. Zum Nachtisch komme ich doch noch recht.«
    Aber er sollte sogar noch zum ersten Gange recht kommen. Zu seinem lebhaften Erstaunen sandte in diesem Augenblick sein Vater einen Boten, der den Eingeschlossenen Waffenruhe bis zum nächsten Mittag verkündete und Macco zu sich beschied. Der Vater befahl dem immer mehr staunenden Sohne die Waffen abzulegen, die leichte Hautwunde zu verbinden, seine schönsten Festkleider anzuthun und sich sofort zu dem Hochzeitsfest des Frontinus zu begeben, wo er seine ganze Liebenswürdigkeit zu entfalten habe. »Die ganze?« fragte der Jüngling ernsthaft. »Väterchen, dann hast du morgen eine Schwiegertochter.«
  



    Siebenundzwanzigstes Kapitel
    Wunderschön war's in dem stillen Bischofsgarten. Ein warmer feuchter Maiabend: die Blumen dufteten gar stark; der Mond warf sein bleiches Licht auf die Büsche. Die erste Nachtigall versuchte ihren Schlag. 
    Die beiden Liebespaare wandelten in den breiten Laubgängen. Lustwandeln konnte man es aber nicht nennen; was der folgende Tag brachte, konnte der Tod, konnte Trennung fürs Leben sein.
    Schon ging es gegen Mitternacht, da ward ein Besuch, ein Freund, wie er sich nannte, gemeldet, der nach den beiden Paaren und nach der Klausnerin fragte. In einer kleinen Kapelle erwarteten die Fünf den späten Gast; er kam mit wuchtigem Gang, bei jedem Schritt einen Speer klirrend aufstoßend. »Ihr, Bischof Truchtigisel?« rief Basina erfreut, ihm entgegenhüpfend und ihm beide Hände küssend. »Ihr seid der Beste von allen! Ihr bringt nichts Schlimmes.« »Nein, was Gutes, braunes Schmeichelkätzlein. Aber für mich wird's hart! – Arg hart! – Muß viel, viel reden! Erschwert mir's nicht durch Dummheit.« Er setzte sich mit Gedröhn in einen Stuhl, den ihm die Jünglinge eilfertig bereitschoben.
    »Erst höre du, Klausnerin. Klausnerin bist lang genug gewesen. Und nicht gerade besser dadurch geworden. Jetzt paß auf! Dein Kind, deine Desiderata, – die lebt.« – »O Gott! Dank, Herr Bischof. Dank! Aber wohl als Nonne?« – »Im Gegenteil. Als Mutter! Als Ehefrau – hätt' ich wohl zuerst sagen sollen. Seelenvergnügt. Bist Großmutter. Dreimal.« – »Wo? Wo lebt sie?« »Bei mir daheim. In Bajuvarien. Am Chiemsee. Zu Truchtilinga. In meinem Haus. Backt vortrefflich Asch': – aber das verstehst du nicht. Ihr Mann ist mein Falkner. Ein Wunder? Nein. Oder ja! Wie du willst. Vor zwanzig Jahren etwa – noch nicht ganz – ritt ich mit meiner lieben Frau – Irmentraut heißt die! – auf der Straße bei Soissons. Da kamen zwei Mönche daher. Hatten ein etwa zehnjährig Kind auf einem Maultier. Das weinte und schrie in einem fort:  ›Mutter! Mutter!‹ Das konnte ich nicht mit anhören. Und Frau Irmentraut noch viel weniger. Kurz: wir hielten die Mönche an. Die sagten, sie sollten das Kind, das ein Kind der Sünde sei, – Desiderata nannte sich die Kleine, – in ein Frauenkloster bringen. Frau Irmentraut mag die Kloster wenig. Und ich gar nicht. Warum? Weil die Menschen heiraten sollen. Das ist des Herrgotts Wille. Sonst hätte er lauter Männer geschaffen. Oder lauter Weiber. Frau Irmentraut sagte, das holde Kind könne nichts für die Sünde seiner Eltern, und befahl mir, – heißt das: sie bat mich! – den Mönchen das Kind abzuhandeln. Die gaben es gar billig! Und wir nahmen das Kind mit uns nach dem Chiemgau. Und Frau Irmentraut hat es erzogen zu einem trefflichen Mädel. Und bildsauber ist sie auch geworden, die Siderie. Und so hat sie mein schmucker Falkonier geheiratet. Drei Kinder. Ah, ich sagte es schon. Und ich ziehe morgen aus Gallien hinweg in den Chiemgau, dort meine Tage zu beschließen. Und du – du gehst mit. Ist's recht so?«
    Da sank die Klausnerin dem Bischof zu Füßen und umklammerte seine Kniee und weinte. – –
    Eine Zeitlang ließ er sich das gefallen. Dann sagte er: »So! Jetzt ist's genug. Steh' auf. Jetzt kommen die andern. – Ihr zwei Schwaben: ihr seid recht. Bei euch hilft Zureden. Der Goldammer und der Rotkopf – eh? Die Schwarze und die Braune – eh? – Recht, recht. Aber jetzt gebt acht. Jetzt kommt's. Ihr habt ein Scandalum Magnatum angefangen gehabt, ihr Mädchen – einen Scandalus oder ein Scandalum Scandalarum oder Scandalorum? (Dies Latein ist eine boshaftige Sprache. Sowie ich überm Rhein bin, geb' ich ihm einen Schlag in den Nacken für immerdar!) Es war arg. Schlecht hat's ausgesehen, eine Zeitlang. Ganz schlecht!  Und obwohl zwei Könige und der Domesticus von Burgund und sein Schlingel von einem Herrn Sohn und der Senator Frontinus und sein Herr Schlingel von einem Sohn und alle Bischöfe, von dem klugen Herrn Felix angefangen bis auf mich herunter (– Bruder Gundigisel von Bordeaux, der ein wenig brummte, – noch brennt ihn die Kopfwunde! – den hatte ich euch gewonnen: ich habe ihn einmal herausgehauen aus den Slavenen im Pusterthal –) und obwohl also alle Leute euch gut waren – ich weiß wirklich nicht warum? denn ihr seid schon recht schlimme Dinger! – und euch heraushelfen wollten mit bestem Willen – immer, immer wieder habt ihr euch aufs neue hineingerannt, wie die Gäul' immer wieder hineinlaufen ins Feuer und ob man sie am Schweif herauszerrt! Und zwischen dieser schwarzhaarigen Chrodieldis da, die von Eisen ist, und der weißhaarigen Leubovera dort, die von Stein ist, hättet ihr alle miteinander ganz sinnlos zu Grunde gehen müssen. – Denn es ist wahr: die Alte ist so dumm, wie eine taube Rohrdommel. – Aber ich – oder vielmehr: meine liebe Frau – Irmentraut heißt sie – hat euch gerettet. Ja, sag' ich! Beim Hammer des Donners, ihr seid's, sag' ich. Nicht einmal du, schwarze Mauerschwalbe, kann das mehr verderben. Also wie ich nach Hause komme – ich wohne nie mit den andern Bischöfen, weil – da stets getrunken wird: ich wohne stets in besonderem Gelaß mit meiner Frau, – erzähl' ich ihr die ganze Geschichte. Amtsgeheimnis? Meine Frau ist viel mehr Bischof als ich! Und wie ich fertig bin, sag' ich: ›ich hab' all meine Gedanken erschöpft und alle meine Heilmittel überlegt. Aber ich weiß in diesem Falle keines als: – Verheiraten‹. Sagt meine Trautel: ›Aber Truchtel!‹ sagt sie, ›du weißt aber schon gar nichts als den Einen Spruch. Wen willst du denn jetzt wieder  verheiraten?‹ ›Wen?‹ sag' ich. ›Die Nichte,‹ sag' ich. ›Die mit dem Testament. Wenn die der alten Habergeiß, der bockbeinigen, den Tort anthut, und nicht ins Kloster geht, vielmehr im Gegenteil heiratet und dann all' ihr reiches Sach natürlich ihrem Mann und ihren Kindern zuwendet, dann muß sogar diese Erzbischöfin des Eigensinnes einsehen, daß sie in schwerem Irrtum und Unrecht war über ihre Nichte, um deren und um deren Geldes willen sie vierzig arme Jungfräulein in die arge Welt hinausgetrieben hat.‹ ›Mann,‹ sagt da die Meinige, ›du hast zwar nur Ein Heilmittel, aber es hilft. – Es hilft vielleicht auch diesmal. Jedoch,‹ sagt sie, ›du bist nicht pfiffig genug für diese Sach,‹ sagt sie, die Trautel. ›Und woher so geschwind einen Mann für die Leuba finden? Sprich mit dem Herrn Felix. Das ist ein feiner.‹
    Ich gehe also zu Herrn Felix. Der ist aber bei dem Herrn Domesticus. Ich geh also zu dem Herrn Domesticus. Und wie ich vor diesen beiden Hauptgescheiten anfange von dem Verheiraten und daß ich damit das Scandalum Magnatorum in Burgundia lösen will, da werden sie beinah schon ein wenig grob. – Wenigstens der Domesticus. Der war ohnehin sehr, sehr übler Laune, weil nämlich sein Herr Sohn wieder soviel Schulden hat als Haare und weil kein Jude mehr die Sieblocher stopfen will. – Wie ich aber Leuba nenne und ihr unsinnig vieles Geld, da springt der Herr Domesticus auf und umarmt mich und läßt Trompeten blasen. Daß nämlich das Fechten aus sein soll. Und ruft seinen Sohn. Und der geht auf die Hochzeit zur Frau Genoveva. Und verlobt sich sofort mit Leuba: – die Äbtissin hat zum allergrößten Glück nichts darein zu sagen. Leubas Vormund ist Bischof Gundigisel, mein alter Zeltgenoß, und den hatte ich gleich herum! – Und Leuba sagte, natürlich nehme sie nun sofort ihr Testament zurück.  Und noch spät am Abend – der Herr Domesticus war gar eifrig dahinter her! – mußte es die Stadtbehörde herausgeben aus ihren Akten. Und das junge Paar ging – von uns allen begleitet – zu der Äbtissin, die noch die Stadt nicht wieder verlassen hatte. Und vor ihren Augen warf Leuba das Testament ins Herdfeuer, daß es gar lustig brannte. Da fiel die Äbtissin um. Sie hatte geglaubt, dumme Dommel, ein Testament sei ein Vertrag und unwiderruflich. Aber ein Testament ist –. Wißt ihr, was das ist? Nein? Nun: so merkt's euch! – ein Testament ist das Gegenteil von einem Vertrag. – Und wir meinten, sie sei tot. Vor Giftzorn. War aber nicht tot. Sprang bald wieder auf und schalt Leuba eine Rabennichte hin und eine undankbare Beißviper her um die andere. Der aber machte das wenig Eindruck. Sie lachte und küßte ihren Bräutigam in einem fort. Und je mehr sie ihn küßte, desto giftiger schalt die Alte. Und als sie auf dem Schaumgipfel des Zornes war, da fragte sie auf einmal Herr Felix, gar betrübt und teilnehmend: ›Seht Ihr jetzt ein, arme Frau Äbtissin, daß Ihr bezüglich Eurer Nichte im Irrtum waret? Und daß Ihr um ihretwillen vierzig andern Mädchen unrecht gethan habt?‹ ›Ja, ja,‹ schrie die Äbtissin. ›Ich war mit Blindheit geschlagen! Ich überschätze sie maßlos, die Undankbare. Ich war über sie in schwerem Irrtum! O wehe, daß ich um ihretwillen den andern unrecht gethan! Das wissen alle Heiligen und alle Menschen sollen's hören.‹ Da verneigte sich Herr Felix vor ihr gar zierlich, lächelte und sprach: ›Alle Menschen brauchen's nicht zu hören! Es ist genug, daß wir's gehört haben.‹ Und er erzählte ihr, daß sie mit diesem Ausspruch bereits gethan, was Chrodieldis von ihr verlange. Und da wir ihr sagten, jetzt würdet wohl auch ihr erklären, daß ihr mit eurem Ausbrechen aus dem Kloster unrecht gethan ... –«  »Aber bereuen können wir's nicht,« lachte Basina und strich leise über Sigberts rote Locken hin. »Da nahm sie die Anklage beim König und bei den Bischöfen zurück. Aber auf einmal fing es an, sie zu reuen, so schien es. Denn sie fragte plötzlich, wie viele von euch zu ihr ins Kloster zurückkehren würden? Und da wir ihr sagten, nicht Eine, soviel wir wüßten: – da ward sie rückfällig. Nämlich sie ist offenbar nicht gutartig, diese sehr unwürdige Nachfolgerin der heiligen Radegundis und der heiligen Agnes! – Und sprach: Eine wenigstens muß zurück ins Kloster. Das verlangt die Ehre der Heiligen. Ein Sühnopfer muß fallen. Sonst streite ich weiter.‹ Da standen wir denn wieder aufs neue in großer Hilflosigkeit. – Sogar mir versagte jeder Rat: denn hier galt es ja das Gegenteil von meinem sonstigen Mittel! – Und je mehr wir in sie drangen, desto eigensinniger wurde sie.
    Da that sich plötzlich der Vorhang der Halle auf, herein trat ein schlankes, blasses Kind, sank in die Knie vor der Äbtissin und sprach: ›Ich kehre zurück ins Kloster. Verzeihe nur, daß ich ohne deine Erlaubnis den Verlobten gepflegt habe, bis er starb. Mit ihm starb mein Leben. Ich, Constantina, gehöre fortan nur der heiligen Radegundis. Und auch der andern verzeihe, die meine Flucht geteilt, Julia. Sie kann dir nicht wiederkommen. Neben dem Geliebten hab' ich unter Cypressen sie bestattet. Sie trug den Stachelgürtel, den du ihr angelegt, bis in das Grab, Und ich, – ich trag' ihn noch zu dieser Stunde.‹ Da wurden aber Herr Gundigisel von Bordeaux und Herr Marovech von Poitiers, des Klosters Vorgesetzte, sehr gerührt und sehr zornig! Und sie befahlen Constantina, augenblicklich den Gürtel abzulegen. Und Herr Gundigisel ballte die Faust, gleichsam wie um den  Griff des Schwertes, und schrie die Äbtissin an: ›Ich werde dem Herrn König was berichten.‹ Und ich glaube, bald wird eine andere als Frau Leubovera die Binde der Äbtissin tragen in jenem Kloster.
    Und so werden morgen früh zwar wir Bischöfe wieder hier vor euch erscheinen. Aber nicht, um den Kirchenbann über euch auszusprechen, sondern um ganz was anderes laut und fröhlich zu verkünden.
    Ich habe nämlich schon lange gehört, wie's mit euch Vieren steht. Ihr habt es auf dem Wege nach Paris, an jenem Hof und seither derart getrieben, daß es ohne sonderlichen Scharfsinn zu entdecken war: ihr habt meine Wünsche, – natürlich nur mir zu Lieb! – erfüllt. Und der gute König Guntchramn, dieser schlimmen Mädchen Muntwalt, hat mich (schon lang!) ermächtigt, an seiner Statt euch euren Schwaben zu verloben. Das soll morgen geschehen, auf den Stufen der Basilika, vor allem Volk, gar feierlich und unter großem Psallieren.
    So! – Jetzt geh' ich aber heim zu Frau Irmentraut. Sie hat mir einen tiefen, tiefen Becher Weins versprochen zum Lohn für meinen klugen, mannigfaltigen Rat und für meinen Eifer. Und vor allem: für das viele Reden, Denn dieses war das schwerste.«
  



    Achtundzwanzigstes Kapitel.
    Am ersten August des Jahres fünfhunderteinundneunzig schrieb Gregorius, der gute Bischof von Tours, einen Brief an den guten König Guntchramn von Burgund, der lautete: »Du hast, ruhmreicher Herr König, uns beiden,  nämlich meinem lieben Bruder, Herrn Felix von Nantes, und meiner Geringheit, als der Handel mit den schlimmen Nonnen von Poitiers zu Ende ging, den Auftrag erteilt, dir, nach angemessener Frist, Bericht zu erstatten, über das Geschick dieser Mädchen und wie sich jeder einzelnen Lebenslauf gewendet habe. Das war nun, o frommer König, ungleich leichter aufzutragen als auszuführen. Weil nämlich diese Mädchen, auch die, welche bis zuletzt beisammen geblieben waren unter dem Schutz des heiligen Hilarius, sich sobald das Scandalorum (so wird es doch wohl heißen?) beigelegt war, mit überraschender Geschwindheit nach allen Richtungen zerstreuten. Und nicht ohne müheschwere Anstrengung unseres Scharfsinnes (wovon aber der ungleich größere Teil Herrn Felix zufiel) haben wir endlich, nach vielem Schreiben und Botenverschicken – länger als zwei Jahre hat es gedauert – über alle die Kinder Nachricht eingeholt. Und stelle ich dir das Ganze nun zusammen.
    Daß Julia gestorben war, ist dir bekannt. Von deiner Nichten Chrodieldis und Basina und von Genovevas Vermählung weißt du schon lange. Und wohl auch, daß jede von ihnen ein Kind hat. Basina aber sogar drei: nämlich Zwillinge, ein Pärchen, und noch einen lustigen Knaben besonders. Chrodieldis hat einen Sohn. Dieser junge Held hat mehrere Zähne mit auf die Welt gebracht. Was, nach meiner Auslegung, bedeutet – denn bedeuten muß es etwas! – den mutigen, fast allzu kriegsmutigen Sinn der Mutter. Der besondere Knabe Basinas heißt Truchtigisel, der andere heißt Gregorius! den dritten, wann er eintrifft, will König Childibert aus der Taufe heben. Du darfst aber, o König Guntchramn, vertrauen, daß auch du noch als Pate an die Reihe kommst. Die Klausnerin Theophano wiegt ihre Enkel auf den Knieen  im Hof des guten Truchtigisel an der Alz. Constantina trägt den Schleier der Äbtissin im Kloster zu Poitiers: denn Frau Leubovera hat, auf lebhaftes Zureden aller Bischöfe, diese Würde niedergelegt; sie hat übrigens der Frau Gräfin von Poitiers verziehen und stickt gar fleißig an einem goldplättleingeschmückten Röcklein für deren erstes Mädchen.
    Zu ihren Eltern sind (– vorläufig! –) zurückgekehrt Lindis und Stephania, Arminia, Antonia, Machtildis, die aus dem Land der Chatten kam, und das Nesthäklein Margareta: (diese hat nun schreiben gelernt).
    Verheiratet oder verlobt haben sich: Aldgundis mit dem Grafen Waddo, Amanda mit Karolus, dem Bibliothekarius des Königs Childibert, Anstrudis mit Adovakar dem Patricius, Anna mit Adam dem Richter, Emma, deren Schwester, mit einem Salbenmischer, Richauda mit dem reichen Herzog Baudegisil, den du als Gesandten nach Byzanz schicken willst, Christiana und Helena die Gütige mit je einem Argentarius, Johanna-Miriam und Berahta mit je einem Baumeister, Eugenia mit einem Wasserleitungskünstler, Regina und Walpurgis mit je einem Grammatikus, Anna die Jüngere und Emma die Langobardin mit je einem Oberarzt der Herren Könige, Lilia mit einem Magister, der die Geheimnisse der Natur erforscht, Hukberta aus Westfalaland ist mit einer sächsischen Gesandtschaft heimgekehrt an den Lippefluß zu ihren heidnischen Eichen und eines Wodanpriesters Weib geworden, Austriberta ist verlobt mit Kanao, des Keltengrafen Neffen, die lange Frieda mit einem fast noch längern jungen Menschen, der einst des Königs Childibert Richter werden soll, Balthildis mit Dacco, dem Domesticus, Waldrada mit Erpo, dem Comes stabuli, Katharina ist vermählt mit dem Nachbarn ihres Vaters, einem klugen Langobarden,  der die wilden Etschthaler ihre Reben besser ziehen lehrt (aber sie lernen's nicht!), Elisabeth ist gar eines Fürsten an der Donau Weib geworden, Klara, die Sanfte, hat sich einen Archidiakon gezähmt und ihre Schwester Paula wird auch nicht lange mehr bei dem Vater bleiben, Johanna, die Wendin, ist eines Librarius Weib geworden in einer fernen großen Seestadt, Allberahta, genannt Rotundula, hat sich den Cancellarius erobert im Land der Chattuvaren bei dem Herzog dort, Gertrudis mit den weizenblonden Zöpfen ist einem Mercator transmarinus aus König Äthelberts Land nach Kent gefolgt. Ulfia endlich, das dicke Kind, hat den Hauptmann geheiratet von König Childiberts Palastwächtern, der nur bei Tage schlafen kann, weil er zur Nacht im Königshaus die Wache hat; wenn sie wollte, könnte sie also ungestört die ganze Woche schlafen; aber schon seit sie sich verlobt hat, ist ihr der Schlaf vergangen. Und sie läßt ihren Gatten, wann er zu Hause, nicht von der Seite; sie nennt Genoveva ihre Lehrerin, es weiß kein Mensch: warum?
    Wir haben ausgerechnet, daß die fünfundzwanzig Vermählten dermalen zusammen siebenundzwanzig Kindlein haben, woraus erhellt, daß, wie die Herren Könige und wir Bischöfe auf Erden, so die Heiligen im Himmel die schlimmen Streiche verziehen und ihren Segen ihnen reichlich zugewendet haben.
    Damit wäre der Bericht zu Ende und ich könnte füglich schließen.
    Allein weil ich weiß, o König und Herr, daß du ein gar gütevolles Herz in der Brust trägst und dir alles Freude macht, was gut ist und friedesam in deinem Reiche, so schreibe ich dir noch eines.
    Daß nämlich Herr Felix von Nantes und ich die besten Freunde geworden sind. Auch daß ich erkannt und  eingesehen habe, wie unrecht ich ihm jahrelang mit meinem Groll gethan und mit meinem Wahne, daß er bösartig sei von Gemütsart. Er hat eine rasche, scharfe, spitze Zunge, das ist wahr. Und es fällt ihm unaufhörlich etwas ein! Und was da etwa zum Lachen ist an den Menschen und an den Dingen, das sieht er und holt es heraus, wie der Specht die Würmer aus den Rinden. Und dann muß er es belachen, ob es auch seinen besten Freund angeht. Aber er meint es nicht böse. Und über sich selbst lacht er am lautesten. Und er trägt nicht nach in seinem leichten Blut, wie leider! ich es mit meinem schweren Geblüt ihm solange gethan.
    Sein gütewarmes Herz aber und seinen edeln Sinn hab' ich entdeckt in folgender Weise. Du gedenkst noch, o Herr, des Vermittelungsvorschlags- und Erbverbrüderungsvertrags-Entwurfs, den ich dir aufsetzen mußte – fehlerfrei. Dieser Auftrag war das Unchristlichste, was du je gethan. Zuletzt schickte ich dir verzweiflungsvoll das Geschreibsel ein. Und es ward ja auch daraufhin mit deinem Neffen, Herrn König Childibert, der nun ein so wackrer junger Fürst geworden ist, der Erbvertrag zu Andelot geschlossen zum Segen eurer beiden Reiche.
    Ich hatte der Rücksendung des Pergaments mit den nur zu wohl bekannten giftigen Randnoten deines Herrn Referendarius bestimmt entgegengesehen. Als nun aber deine Belobigung eintraf des ›fehlerfreien Latein‹, da, – lieber Gott, vergieb mir noch nachträglich den sündigen Hochmut und die Eitelkeit! – da war ich fest überzeugt, Sankt Martinus habe ein Wunder für mich gethan und in dem Schreiben unterwegs alle Schnitzer herausgekorrigiert. Denn ich hatte ihn heiß angerufen in meinen grammatischen Nöten. Habe auch dreimal gepredigt über dies Miraculum: natürlich bescheidentlich, ohne Nennung des Namens des so begnadeten Schreibers.
     Nun komm' ich neulich von ungefähr, an diesem Berichte für dich mit Herrn Felix zu Nantes arbeitend, in dessen Schreibgemach, auf ihn zu warten. Ich krame umher in seinen Bücherrollen, die viele, viele Truhen füllen, und sehe plötzlich – meine plumpe Handschrift. Was ist's? Mein Vertragsentwurf. Mein Pergament: vierzehn Seiten! Und mit roter Farbe – sehr grell! – angestrichen alle Fehler und darunter geschrieben mit seiner zierlichen Kritzelschrift: ›Einhundertvierundsiebzig. O Gregorius, alter Vierundsechzig-Ender, du setzest stets noch neue Zacken an!‹ – Er, Herr Felix, hatte, mit des verschwiegenen Dodo Beistand, meine Schrift beseitigt und sie fehlerfrei mit seiner Hand – er kann jede Schrift so täuschend nachmachen! – an Euch geschickt und hat mir damals so aus schwerer Not geholfen, ohne daß ich's ahnte.
    Wie er nun, als ich die Schrift betrachtete, dazu kam, da erschrak er heftig. Ich aber fiel ihm um den Hals und – ich schäme mich nicht, es zu sagen – und weinte sehr. –
    Später hat es mich zwar dann ein wenig gewurmt, daß es nun nichts war mit dem Korrigierwunder des heiligen Martinus. Und daß auch meine Predigt hierüber falsch. Aber bald sagte ich mir: ei, der Wunder giebt es so viele alle Wochen und der guten edeln Menschenherzen so wenige! Besser ein Mirakel minder und zwei ausgesöhnte Männer mehr!
    Denn, o Herr König von Burgund: – aber glaube nicht, daß ich so rede, weil mir allerdings die Heiligen mehr Herz als Hirn gegeben, sondern ganz von mir hinweggesehen: – das Wichtigste am Menschen ist nicht der Verstand, sondern das gute, warme Herz. Das hat sich auch gezeigt bei den Scandalibus der Nonnen von Poitiers.
    Nicht der kluge Herr Domesticus und auch Freund  Felix nicht, der feine, haben da das Richtige gefunden: – was wäre aus dem schlimmen Handel geworden ohne Truchtigisel, den Wackern, und seine einfältige Gutherzigkeit? Nun ist es ja gewiß das höchste Lob, wenn einer so klug und so gut dabei ist, wie du, Herr König, bist und Freund Felix ist: – aber das ist nicht vielen gegeben, mein' ich. Und wir andern wollen beten: ›Herr, Herr, gieb uns ein einfältig Herz und ein Herz voll Liebe und Güte gegen alle Menschen, auf daß Ehre sei dir, Gott in der Höhe, und Friede auf Erden und unter den Menschen ein Wohlgefallen. Amen‹«
  

