

    5 Alte Liebe.
    Wirklich ein behagliches, ein allerliebstes Nest hatte sie sich geschaffen, in dem sie nun ihre »alten Tage« leben wollte. In einer Villenstraße Dresdens, erster Stock, Halbetage, fünf Zimmer und Gartengenuß. Außer ihr vorläufig nur die Familie des Wirtes im Hause, die andere Hälfte ihrer Etage war eben frei geworden. Das alte Fräulein, das dort wohnte, starb vor vierzehn Tagen, nachdem sie fünfundzwanzig Jahre dort gewohnt hatte. Bevor der Mietzettel ausgehängt wurde, mußte das Quartier erst neu hergerichtet werden. Der Wirt hatte versprochen, die Maler und Maurer erst kommen zu lassen, wenn sie, Helene Wilkens, in die Sommerfrische gereist sei. Wirklich rücksichtsvoll für einen Hauswirt! – Nein, sie ist durchaus glücklich, aus der kleinen Vaterstadt fortgezogen zu sein nach dem Tode ihres Vaters. Das alte Haus dort mit den trüben Erinnerungen, in dem ihre Seufzer und ihre Tränen lebendig geblieben waren, in dem jeder Raum ihr erzählte von aufgeopferten Wünschen und ungestillter Sehnsucht, von dem Verkümmern und Verblassen ihrer Jugend, das hätte sie beinah erdrückt, nun sie es allein bewohnen sollte mit diesen Erinnerungen.
    8 Sie war hier erst wieder aufgelebt, und hier erst würde sie vergessen lernen. Hier, wo sie nichts mehr erinnerte und mahnte an ihres Herzens einzige große Liebe.
    Es wurde aber auch Zeit, wenn sie noch etwas haben wollte vom Dasein. Sie war vierzig Jahr gewesen vor ein paar Wochen! Man sah es ihr nicht gerade an. Wenn sie angeregt war, bekamen ihre Wangen Farbe und ihre Augen wieder Glanz; aber mitunter, wenn die Erinnerung sie heimsuchte, dann hatte sie das Gesicht einer müden kranken Frau.
    Ein wenig voller war sie geworden in ihrem öden Dahinvegetieren zwischen der Krankenpflege des Vaters und den Kaffees, in denen das gesellige Leben ihrer Vaterstadt bestand. Im ganzen fühlte sie sich alt, recht alt, wenn sie sich auch noch freuen konnte am Schönen.
    Die Mittel, angenehm zu leben, waren ihr reichlich zu teil geworden. Das ganze Vermögen hatte sie bekommen als einzige Erbin. Alles gut angelegt in Staatspapieren, auf der Reichsbank deponiert. Sie freute sich, wenn sie mit der unterschriebenen Quittung in das elegante Banklokal wanderte, um die beträchtlichen Zinsen zu erheben. Das war auch ein Zeichen vom Alter! Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie dieses Geld gehaßt aus der tiefsten Tiese ihres jungen Herzens. Damals, als der Vater ihr sagte. »Ja, begreifst du denn nicht, Kind, daß der Wendenfels in erster Linie an dein Geld denkt?«
    Kein Beschwören, kein Beteuern der Tochter hatte geholfen, ihn von seiner Meinung zu bekehren. Der junge Leutnant ging eines Tages mit einem Korbe heim – ließ sich versetzen und – tröstete sich nach Jahr und Tag mit einer andern. Er war schon Hauptmann, als er heiratete, und er nahm ein ganz armes Mädchen. Mit mühsam unterdrückten Tränen erzählte Helene Wilkens ihrem Vater von der armen Heirat, die der Verschmähte gemacht hatte. Aber der alte Herr schwieg sich darüber aus.
    Ja, der Mann hatte sich getröstet über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen, – sie konnte es nicht. Sie schickte einen Freier nach dem andern fort. Es war, als habe der Frost, der über 9 ihr junges Liebesglück daherfuhr, mit den ersten Knospen auch alle Fähigkeit zu einem späteren Blühen vernichtet.
    Nun war sie endlich ruhig. Das machte das Alter und die veränderte Umgebung. Sie konnte manchmal lächeln, wenn sie daran dachte, was aus ihren Freundinnen geworden war, die ausnahmslos verheiratet waren, deren junges Glück sie bitter beneidet hatte, wenn sie ihnen auch mit möglichster Haltung den Brautkranz wand oder Patenstelle annahm bei dem kleinen Nachwuchs. Oh, sie lachte sie jetzt alle aus in ihrem sorglosen Dasein, – sie wurde von ihnen beneidet!
    Heute nachmittag war eine dieser Freundinnen zu Besuch bei Helene Wilkens; die war irgendwie nach Dresden verschlagen 10 worden mit ihrem Mann, der sich Professor nannte und junge Leute zum Fähnrichexamen vorbereitete. Die beiden Damen saßen im gemütlichen Erkerzimmer Helenens am Kaffeetisch, und die verärgerte und abgehetzte Professorin, die sich mit Mühe und Not ein Stündchen freigemacht hatte von den Pflichten ihres großen Haushaltes, ließ die musternden Augen umgehen über alle die traute Behaglichkeit und sagte mit einem Seufzer: »Du hast's gut, Lenchen! Ja, wenn ich heute noch einmal davorstände, ich heiratete nicht. Aber was weiß man denn als junges Mädchen, lieber Gott! Ich spreche so oft zu meinen Töchtern: Kinder, heiratet nicht, macht's wie Tante Lenchen Wilkens, – was geht der ab?«
    »Na, weißt du, Sophiechen, das glauben dir die jungen Dinger doch nicht, das laß man!« meinte Helene. »Ich hab's meinem Vater auch nicht geglaubt, wenn er sagte: Was geht dir ab? Du hast's doch gut bei mir!«
    »Ja, ja, freilich!« murmelte die Professorin und tunkte ein Stück Kuchen in den Kaffee.
    »Und dann,« fuhr Helene fort, »es war auch nicht leicht, alles stillschweigend aufzugeben. Das Schwere und Bittere liegt hinter mir. Du hast alles Süße und alles Glück zu rechter Zeit gehabt, und wenn du nun ein bissel Sorgen hast, so ist es doch nur gerecht. Ebenso, daß ich nun noch ein bißchen Behaglichkeit und Selbständigkeit erlebe.«
    »Nun,« meinte die andre neckend, »vielleicht heiratest du noch und kriegst dein Süßes nach.«
    Und als Helene Wilkens herzlich zu lachen begann, lachte sie mit, meinte aber doch: »Höre, Lenchen, du siehst stattlich genug noch aus, – es muß nur einer sein, der für deine Jahre paßt. – Übrigens sag mal, hast du je etwas von deinem ehemaligen Bräutigam gehört?«
    »Nichts, Sophiechen, als daß er geheiratet hatte und Witwer geworden ist. Das war das einzige. – Gott weiß, ob er noch lebt!«
    »Zu schade war's doch. Es war ein zu reizender Mensch,« meinte nachdenklich die Professorin.
    11 »Liebenswürdig und gut und hübsch fand ich ihn wenigstens!« bestätigte Helene leise. »Nun, jetzt denkt man ja ruhig über die Geschichte.«
    In diesem Augenblick ging die Entreeglocke, und gleich darauf kam ein allerliebstes Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren in das Zimmer, küßte Tante Wilkens die Hand und schlang die Arme um den Hals der Professorin. »Herzensmutti, bist du böse, daß ich dich abhole? Sieh mal, der Weg vom Seminar geht doch hier vorbei – –« und dabei unterbrach sie sich beständig, um das Mutti schallend auf Wangen, Stirn und Augen zu küssen. Und die Professorin lachte und verwies dem Töchterlein ernstlich solch unstatthaftes Benehmen, aber ihre Augen strahlten plötzlich, und sie strich zärtlich über die blühende Wange des Kindes.
    Als Tante Wilkens den jungen Gast noch mit Kuchen und Schlagsahne gefüttert hatte und die Damen sich verabschiedeten, sagte Helene plötzlich mit melancholischem Lächeln zu der Freundin: »Ich glaube, Sophiechen, du tauschest doch nicht mit mir!«
    Die Professorin antwortete nicht. Sie mochte wohl die Sehnsucht in den Augen des einsamen Mädchens lesen.
    »Adieu, Liebe!« sagte sie nur. »Wenn du von deiner Schweizerreise zurück bist, komme ich mal wieder. Ach, siehst du, eine Schweizerreise, das ist der unerfüllte Wunsch meines Lebens geblieben. Gelt, Mizzi, die Tante hat's gut, die kann reisen!«
    Als sie fort waren, stand Helene Wilkens eine ganze Zeitlang im Erker und schaute auf die im Abendsonnenlicht schimmernden Fenster der gegenüberliegenden Villa und auf die grünen 12 Rasenflächen des Vorgartens. Solange sie hier in Dresden wohnte, hatte sie sich noch nicht so einsam und trostlos gefühlt wie nach diesem kleinen Erlebnis. Und es war doch weiter nichts geschehen, als daß ein Kind mit seiner Mutter gekost hatte.
    Ihren Gedanken ließ sich nicht Vernunft predigen, sie wanderten mit den beiden, die sie eben verlassen hatten. Eng aneinander geschmiegt waren sie dahingegangen ihrem kargen Heim zu. Das alte bittere Weh, der alte herzzerreißende Neid, den Helene weit hinter sich wähnte, hatte sie ja nun auch hier gefunden.
    ***
    Es war später Oktober geworden, als Helene Wilkens von der Reise zurückkehrte. Sie hatte sich angesichts der Gotthardbahn in Luzern ganz rasch entschlossen und war an die italienischen Seen gegangen. Sie brauchte ja niemand zu fragen, hatte Freiheit, Zeit und Geld schrankenlos zu ihrer Verfügung.
    Ja, und das ist doch ein sonderbares Gefühl, so von niemand vermißt zu werden. So zu wissen: es wartet keiner auf dich, du kannst ausbleiben, sokange du willst. Ein Gefühl, das frieren macht und traurig stimmt.
    Auf der Rückreise freute sie sich aber doch ein wenig auf ihr trauliches »zu Hause«. Sie kam übrigens als echte Hausfrau unangemeldet, um zu sehen, wie's die Luise treibe, wenn sie nicht daheim war. – Der Zug lief an einem regnerischen kalten Abend gegen acht Uhr in die große Halle des Hauptbahnhofes ein. Helene Wilkens stieg aus, übergab ihr sämtliches Gepäck und den Schein über den großen Koffer einem Dienstmann, schlüpfte in eine Droschke und kam nach kurzer Fahrt durch Dunst und Nebel vor dem Hause an. Ihre Fensterreihe war natürlich dunkel, aber nebenan, – ach ja richtig, die andre Hälfte der Etage ist ja nun wohl bewohnt! Freilich, da war das Erkerzimmer erhellt. Hoffentlich angenehme Nachbarschaft, die da zugeflogen war.
    Wer mochte es sein? Droben stand sie im erleuchteten Treppenhause still. Hier links blinkte ihr an der Korridortür auf blankgeputztem Messingschild ihr Name entgegen, das heißt, 13 es stand da einfach nur »Wilkens«. Denn in der großen Stadt brauchte nicht jeder Bummler zu wissen, daß hier nur ein einzelnes Fräulein wohne.
    Auf der rechten Seite war ein einfaches Porzellanschildchen befestigt. Helene konnte den Namen nicht lesen auf dieser Entfernung. Sie war aber doch neugierig, und ehe sie den Knopf ihrer elektrischen Glocke drückte, ging sie leise hinüber und beugte sich zu dem Schildchen hinunter.
    »Oberstleutnant a. D. Wendenfels« las sie zurückfahrend. Sie fühlte, wie das Erschrecken zitternd durch ihren Körper rann und wie ihr die Füße schwer wurden, die sie doch rasch wieder auf die andre Seite tragen sollten. Aber ehe sie noch klar denken und sich entfernen konnte, wurde die Tür vor ihr geöffnet, und sie stand, gerade als habe sie direkt zu ihm hinein gewollt, vor einem großgewachsenen älteren Herrn in grauem Haar und militärisch gestutztem Schnurrbart, der sofort den Hut abnahm und höflich fragte: »Sie wünschen, gnädige Frau?«
    Es war dieselbe Stimme, die sie nie hatte hören können ohne Herzklopfen – klar, schneidig, bestimmt, – ein bißchen dunkler vielleicht, ein wenig müder als damals. Und dieselbe elegante Erscheinung war es noch, nur ein wenig fremd in der Zivilkleidung, ein wenig vornüber gebeugt, ein wenig voller vielleicht –
    Ihre zitternde Hand faßte den Schleier unter dem Kinn zusammen, und im Umwenden murmelte sie: »Verzeihung, ich verwechselte eben – ich wohne noch gar nicht lange hier.«
    Sie ging rasch zu ihrer Seite hinüber und läutete dort mit aller Macht. Aber als der schrille Ton verhallt war, scholl seine Stimme hinter ihr: »Fräulein Wilkens! Helene – Helene Wilkens!«
    Sie wendete den Kopf und sah ihn neben sich.
    »Nein, ist es denn möglich?« sprach er weiter. »Helene, Sie? Ich las wohl den Namen dort, aber wie konnte ich denn denken, daß der Zufall – Geben Sie mir doch Ihre Hand, daß ich sie küsse. Wenn Sie wüßten, wie mich das freut – glücklich macht!«
    Es lag eine so überzeugende Wahrheit in seinen Worten, daß auch ihr Gesicht sich erhellte. Sie sagte ebenso herzlich, aber 14 leise und mühsam: »Wirklich, ein sonderbarer Zufall, Herr Oberstleutnant! Auch ich freue mich sehr!« Und dabei drückte sie wieder mit aller Kraft auf den elektrischen Knopf, so daß drinnen ein schrilles, langgedehntes Klingeln anhob. Aber es blieb totenstill hinter der Türe.
    »Mein Mädchen ist offenbar nicht zu Hause,« fügte sie rasch und ängstlich hinzu und noch immer mit der tiefen Bewegung kämpfend, die sie jählings überfallen hatte bei diesem Erkennen.
    Die Treppe herauf kam eben das Stubenmädchen des Wirts, um einen Korb Wäsche in die Mansarde zu tragen. Wie es die Dame erkannte, erschrak es: »O Gott, gnä' Fräulein, Luise ist zur Kirmeß nach Oberndorf gefahren. Die wird nicht wiederkommen vor Zwölfen. Haben denn gnä' Fräulein keinen Drücker bei sich?«
    Nein, den hatte sie nicht nach der Schweiz und Italien mitgenommen.
    »Wollen das gnä' Fräulein in der Wohnung unten warten? Die Herrschaft ist freilich nicht daheim. Ich könnte aber rasch einen Schlosser holen!« schlug das Mädchen vor.
    »Ih bewahre!« sagte der Oberstleutnant, »das gnädige Fräulein wartet bei mir. Mein altes Hannchen bringt schon ein Abendessen und eine Tasse Tee noch zu stande. Bitte, Fräulein Wilkens!« Er war hinübergegangen, schloß die Flurtür auf und trat zur Seite, um sie vorausgehen zu lassen.
    Einen Augenblick zögerte Helene noch, dann lächelte sie. Sie hatte eben beinahe vergessen, daß sie eine alte Dame geworden war und jede Ziererei geschmacklos sein würde. So schritt sie ihm voran in die Wohnung.
    Die alte Dienerin, die herzukam, machte ein höchst verblüfftes Gesicht, als sie ihren Herrn, der eben in den Klub hatte gehen wollen, wiederkommen sah mit einer Dame, der er zart und rücksichtsvoll Mantel und Hut abnahm.
    »Hannchen, machen Sie Tee!« befahl er. »Und ein bissel kalten Aufschnitt besorgen Sie! Die Dame kommt von der Reise. – So, und nun bitte hier herein, Fräulein Wilkens!«
    Es war das Erkerzimmer, das drüben auch ihr Wohnzimmer 17 bildete. Ebenso traulich, nur in andrer Art. Dunkel die Möbel und Stoffe, tiefe plumpe Sessel, Waffen an den Wänden und hohe Büchergestelle. Das einzige Lichte, das durch die mit leichtem blauen Zigarrenrauch versetzte Luft schimmerte, war das lebensgroße Ölbild einer Frau in weißem Kleide. Es hatte seinen Platz über dem Schreibtisch.
    Helene Wilkens sah weg. Das Bild tat ihr weh. Sie wählte den Sessel, der mit dem Rücken nach dort stand.
    Er ging in der Stube auf und ab.
    »Das ist doch wie ein Traum!« sagte er endlich, vor ihr stehen bleibend. »Und wissen Sie, vorhin hatte ich noch gerade an Sie – an uns – gedacht. Wie das so kommt, – Kleinigkeiten machen das oft. Mich brachte das Nebelwetter darauf. So ein Tag war es, Helene, wissen Sie noch, als wir –«
    »Sollen wir überhaupt davon reden?« unterbrach sie ihn leise und ängstlich.
    Er schwieg einen Augenblick wie betroffen.
    »Nein,« sagte er dann, »wenn es Ihnen unangenehm ist, nicht.«
    »Unangenehm ist nicht das rechte Wort, – traurig ist es.«
    »Ja,« gab er zu, »traurig ist es, aber auch schön. Ehrlich gestanden, es ist das einzige Schöne, das einzige Poetische geblieben in meinem Leben. Ich habe die Erinnerung daran aufgehoben in meinem Herzen, sie wie eine Kostbarkeit bewahrt in festverschlossenem Schrein. Alles, was nachher kam, das war –«
    Wie sie ihn erstaunt, fast unwillig ansah, blieb er stehen. »Ich will Ihnen wahrlich keine Klagelieder vorsingen,« sagte er, »es wäre unrecht. Ich bin rechtschaffen glücklich gewesen in meiner Ehe. Aber sehen Sie, Sie waren für mich doch die erste Liebe, die Unerreichbare, das Rätsel. Meine Jugend selbst waren Sie. Ich hab's nie verwunden, daß ich scheiden mußte von ihr, ohne sie in mein Alter mit hinüber zu nehmen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen – Sie haben vielleicht das alles längst vergessen, – haben –«
    »Ich verstehe Sie schon, Wendenfels!« unterbrach sie ihn. »Aber« – sie lachte ein wenig wie verlegen. »Ich sage 18 nochmals: Wozu sollen wir darüber reden? Wir sind so alte einsame Menschen geworden –«
    »Die nichts weiter haben als die Erinnerung!« ergänzte er. »Und wenn so zwei der Zufall einmal zueinander bringt, dann sollen sie ein bißchen spazieren gehen in dem Paradies der Vergangenheit. Das Recht haben sie wahrlich, eben weil sie alt geworden sind und weil alles in dieser Erinnerung so rein und so wunderschön und traurig ist. – Und jetzt fangen wir an bei jenem Herbstabend, wo wir unter der Linde in Ihres Vaters Garten auf immer Abschied genommen haben bei Nebel und Regen und beide geweint haben um unser zerstörtes Glück. Sie, Helene, recht herzbrechend in Ihr weißes Tüchlein und ich über Ihrem blonden Köpfchen an meiner Brust. Sie werden's nicht gemerkt haben, aber ich gestehe es gern ein, es waren die letzten Tränen in meinem Leben, sie haben alles Weiche in mir mit fortgenommen. Und nun sagen Sie, Helene, was brachte das Leben Ihnen nach jener Stunde?«
    Sie legte den feinen Kopf gegen die Lehne des Sessels und sah an ihm vorüber aus blassem Gesicht. »Nichts!« sagte sie halblaut. Es schauerte sie selbst dabei, als sie in ein Wort faßte, was doch jahrelange Sehnsucht und Einsamkeit für sie bedeutete.
    Wie er schwieg, fuhr sie murmelnd fort: »Ich habe Vater gepflegt bis zu seinem Tode. Dann habe ich unser altes Haus zugeschlossen und bin hierher gezogen, – das ist alles.«
    Nun blieb es so still, daß man die Uhr auf dem Schreibtisch ticken hörte. Endlich fragte sie wieder und ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne her: »Ich weiß, Ihre Frau ist gestorben, Wendenfels. Aber ich weiß nicht, ob Sie allein geblieben sind oder ob Sie Kinder haben.«
    »Eine Tochter habe ich,« antwortete er mit leiser Stimme.
    »Kann ich sie sehen? Wo ist sie.«
    Er schüttelte den Kopf. »In einem Sanatorium ist sie, das arme Ding.«
    »Krank?« Helene richtete sich empor und sah dem Mann ins erblaßte Gesicht.
    »Unheilbar ist sie, – das heißt, die Lähmung ist unheilbar, 19 sagt der Arzt. Sie kann lange leben in ihrem Siechtum. Übrigens, sie soll bald zu mir kommen mit einer Pflegerin,« fuhr er fort. »Ich mietete diese Wohnung schon ihretwegen. Sie mag nicht mit dem Rollstuhl auf die Straße, – hier ist der Garten. Ich 20 warte immer auf die Nachricht, daß sie mir schreibt: Ich komme, Vater! – aber bis jetzt vergebens.«
    »Warum? Hält der Arzt für besser, wenn sie noch bleibt?«
    »Nein, sie selbst. Sie will nicht zu mir kommen,« antwortete er und fuhr dann rasch fort: »Wir haben einen Versuch gemacht, wir wollten beide gern. Aber sie wurde blässer und elender, als sie schon ist, bei mir. ›Es ist so kalt bei dir, Papa!‹ sagte sie. – In der Anstalt hat sie junge Gefährtinnen, hat sie weiblichen Zuspruch, – ich bin ein so stiller Mensch geworden, Helene. Alles, was mir das Leben gebracht hat an Enttäuschungen, Sorgen und Widerwärtigkeiten, das pflege ich auszuschweigen. Das hat mich finster gemacht. Und darunter leidet sie, das macht sie kränker. –. Und, bei Gott, ich hänge an dem armen Geschöpfchen, fühle mich so schwer verantwortlich für sie, möchte alles tun – und all mein Werben bei ihr ist umsonst.«
    Er saß jetzt ihr gegenüber in dem Sessel, und in seinem Gesicht zuckte und arbeitete es in mühsam verhaltenen tiefen Seelenschmerzen. Es war gut, daß die alte Dienerin meldete, der Tee sei serviert. Er richtete sich empor und bot mit einem schwachen Versuch zu lächeln Helene den Arm.
    Sie saßen sich dann gegenüber im Speisezimmer, der Schein der Hängelampe lag auf ihren mit Silberfäden durchzogenen Haaren und zeigte ihnen die ernsten Linien um Auge und Mund, die die Zeit hineingezeichnet hatte. Ja, sie waren alt geworden und das Leid war durch ihr Leben getreulich mit ihnen gegangen von jener Stunde an, da sie sich trennten!
    Helene aß und trank mechanisch ein wenig. Sie stieß auch mit ihm an, als er ihr ein Glas bot mit goldenem Rheinwein.
    »Auf unsere Jugend, Helene!« sagte er dabei.
    Ihr war zum Weinen bange und schwer in diesem Moment, und das durfte nicht sein, sie durfte nicht weich werden! In gezwungener Lustigkeit nahm sie nun ihr Glas.
    »Und auf gute Nachbarschaft!« sagte sie lachend, obgleich ihr das Wasser in den Augen stand.
    »Herr Gott, ja!«antwortete er. »Und darauf, daß unser Wiederfinden kein Traum gewesen ist morgen früh, wenn wir erwachen!«
    21 »Nein, nein! Sie werden oft genug an meine Existenz erinnert und gestört werden, denn mein Klavierspiel habe ich nicht aufgegeben!« rief sie munter.
    »Spielen Sie noch immer Beethoven, Helene?«
    »O freilich!« sagte sie.
    »Ja, der alte Herr war auch nicht unschuldig an unsrer Liebe. Meine Geige existiert ebenfalls noch. Da, sehen Sie –« er wies durch die offene Tür des Erkerzimmers nach einem Tischchen neben dem Violinpult. »Aber sie hat Ruhe, ich habe niemand, der mithält.«
    »Das wäre am Ende der Moment, wo wir unsre unterbrochene Übungsstunde wieder aufnehmen könnten,« sagte sie, und ihr noch immer hübscher Mund lächelte wehmütig. »Wissen Sie noch, wo wir stehen geblieben sind? Nicht? O, ich weiß es genau. Ein schwarzes Kreuzel habe ich gemacht an jener Stelle in mein Notenbuch, – es war ja auch etwas wie eine Sterbestunde damals. Ich wurde zu Vater gerufen, da war der Brief an ihn gekommen von Ihrer Mutter und die ganze Sache kam zur Sprache und – wir spielten nie wieder zusammen –,« schloß sie traurig und leise. Aber sie hob den Kopf wieder. »Wie sagt doch Storm: Wir wissen's doch, ein rechtes Herz ist gar nicht umzubringen! Wir leben noch und wir spielen wieder, just an jener Stelle wollen wir dem Schicksal zum Trotz wieder anfangen. Nicht?«
    »Ja, wenn wir das könnten!« sagte er leise, und seine dunklen Augen suchten die ihren. Da wurde sie plötzlich purpurrot.
    »Es ist Zeit, daß ich nachsehe, ob meine Luise daheim ist!« stammelte sie, sich rasch erhebend. Sie schritt schon dem Erkerzimmer wieder zu und suchte nach ihren Handschuhen, hastig, verlegen.
    »Luise ist natürlich noch längst nicht daheim!« sagte er. »Bleiben Sie, liebe Freundin, gehen Sie nicht in solcher Unruhe von mir. Zwei alte Freunde wie wir sollten geizig sein mit der Zeit. Kommen Sie, hier am Kaminofen die beiden Sessel, wir wollen weiter plaudern. Nicht von Vergangenem, nicht von Künftigem – von Ihren Reisen zum Beispiel –, und 22 ich, wenn ich darf, rauche eine Zigarre. Übrigens werde ich Hannchen auf Kundschaft schicken nach Ihrer Luise.«
    Natürlich war Luise noch nicht zurück, und Helene Wilkens setzte sich beklommen in den Stuhl am glimmenden Feuer. Mühsam kam ein Gespräch in Fluß, – aber was er auch anhub, immer führte es auf alte, liebe, nie vergessene Pfade.
    »Es hilft ja doch nicht!« sagte er. »Wir wollen nur ruhig von Ihrem Vaterstädtchen sprechen. Je mehr wir abstreben, desto bestimmter kommen wir hin, – da wohnte eben unsre Jugend.«
    Nun fragte er, und sie erzählte. Alle die Leute von damals und deren Geschick wurde durchgenommen, was aus den Gassen, den Häusern, den Läden und Lädchen geworden war, mußte sie berichten. Sie hatten beide rote Wangen wie die Jüngsten, als plötzlich Hannchen eintrat und meldete, die Luise sei heimgekommen und sei kreidebleich vor Schrecken geworden, als sie erfahren habe, ihre Dame sei wieder daheim. Helene erhob sich.
    »Ich danke Ihnen, lieber Freund, für Ihre Gastfreundschaft, geben Sie mir Gelegenheit, sie zu erwidern. Aber nicht morgen und übermorgen, – ich war lange abwesend und bin eine zu eitle Hausfrau, um Ihnen mein Heim in mangelhafter Ordnung zeigen zu wollen.«
    Ein paar Minuten später stand sie in ihren eigenen vier Pfählen. Wie schwindelig war ihr zu Mute! Sie tadelte das Mädchen nicht, sie antwortete kaum, nur allein wolle sie sein, sagte sie. –
    Ein paar Tage später kam der Herr Oberstleutnant in der Nachmittagstunde herüber zu ihr. Sie plauderten und tranken Tee miteinander, und dann sagte Helene: »Wendenfels, ich soll Sie grüßen.«
    »Von wem?«
    »Von Ihrem Töchterchen. Ich war oben auf dem ›Weißen Hirsch‹, habe sie besucht. Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, den wir beide, die Else und ich, uns ausgedacht haben: Geben Sie mir das Kind in Pension. Sie ist dann in weiblicher Pflege, und sie ist in Ihrer Nähe, und wenn es sie fröstelt 23 bei ihrem stummen Vater, den ich übrigens gar nicht so schweigsam finde, – so kommt sie wieder zu mir und wärmt sich.«
    Er hatte sich aufgerichtet und sah sie erstaunt und gerührt an. »Das haben Sie getan? Das wollten Sie?«
    »Ja! Herr Gott, was ist da Großes? Ich habe mich seit Vaters Tode schon längst wieder nach einer Pflicht gesehnt, nach einem Wesen, das ich hegen und pflegen kann. Sie tun mir etwas Gutes, wenn Sie Ja sagen.«
    Er reichte ihr die Hand ohne ein Wort und ging still hinüber in seine Wohnung. Ein paar Tage später kam das kranke Töchterchen zu Helene.
    Ein liebes, über seine achtzehn Jahre ernstes Geschöpf, das sich schwärmerisch Helenen anschloß.
    Jeden Nachmittag schob Helene den Fahrstuhl hinüber in die Wohnung des Vaters, und jeden Abend um Sieben rollte dieser sein Kind wieder zurück in ihr Heim. Zuweilen blieb er dann noch als Gast bei der Mahlzeit der beiden Damen. Gegen Weihnacht machten sie nach Tisch Arbeiten für die Kinderbescherung, die Helene halten wollte zu Elsens Freude. Und wenn die Hände des kranken Mädchens sich mühten, ein Püppchen anzuziehen oder Rosen aus Seidenpapier für den Christbaum zu formen mit vor Eifer glühenden Wangen, dann trafen sich die Blicke des Mannes mit denen Helenens verstohlen, und sie lächelten 24 sich zu, froh über das bescheidene Glück des armen Kindes. Und Helene Wilkens war wunschlos glücklich in dieser Zeit.
    Da platzte eines Abends die Freundin Sophie, die Professorin, in diese Idylle hinein. Sie hatte Wendenfels auch gekannt und ebenso die Liebe der beiden, aber keine Ahnung von ihrem Wiederfinden. Sie saß stumm vor Überraschung und schaute von einem zum andern. Mühsam kam ein Gespräch in Fluß, das sie von dem sonderbaren Zufall unterrichtete, der Helene mit ihrem Jugendfreund wieder zusammenführte, aber die Professorin antwortete nicht, und schon nach einem Weilchen erhob sie sich, um zu gehen. Helene begleitete sie auf den Korridor.
    »Lene, ich bitte dich,« begann dort die Freundin, indem sie energisch in ihre Paletotärmel fuhr, »nun frag mich nur nichts und erkläre mir nichts mehr und rede überhaupt nichts, – ich bin ganz benommen, ich könnte dir nicht antworten, nur eines muß ich fragen: Warum heiratet ihr euch nicht?«
    »Wer?« rief Lene erblaßt.
    »Nun, ihr! Du und der Wendenfels. Es wäre doch das einzig Richtige.«
    »Aber – aber –« Helene rang nach Luft. Es war ihr, als habe jemand plötzlich die bescheidene blasse Sonne abgesperrt, die über ihrem Leben aufgegangen war, seitdem sie mit Wendenfels verkehrte.
    »Aber warum denn?« stotterte sie endlich hervor.
    Doch die alte Freundin blieb hierauf die Antwort schuldig, weiter nichts sagte sie als: »Na, lebe wohl, Lene, beherzige das!« Dann war sie gegangen.
    Da stand die arme Helene und drängte nur mit Macht die Tränen zurück. Wie alt muß man denn werden, bis man tun und lassen kann, was man will, ohne albernen Verdächtigungen ausgesetzt zu sein?
    Und was denn nun? Jetzt, wo ihre Unbefangenheit dahin war, schien ihr die Situation selber unmöglich.
    Mit einem einzigen Wort hatte diese Sophie sie in Wirren und Sorgen gestürzt, die zu lösen ihr unmöglich dünkten. Ganz verstört trat sie in die Küche und sagte dem Mädchen, es möge 25 sie entschuldigen bei den Herrschaften drinnen, sie habe plötzlich Kopfweh bekommen und müsse sich niederlegen.
    Dann war sie allein in ihrer Schlafstube. Sie stand vor dem Spiegel und sah ihre weißen Haare an. Merkwürdig, hatte sie sich verjüngt, oder war es der Zorn? Sie hatte rote Wangen und blitzende Augen. Das vergrämte schlaffe Gesicht, das ihr sonst entgegenblickte, war verschwunden. Und ihr ehrliches Herz gestand es ihr zugleich ganz freimütig: Ich liebe ihn noch immer, und wenn der Verstand da oben unter den gebleichten Haaren auch darüber lächelt! Ich bin die alte geblieben, ich bin noch jung. – Und der Verstand antwortet darauf: Was nun? Dein Herz hat eben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Kind hast du geholt, hast ihm eine Heimat geboten, und der Mann sonnt sich in den Strahlen deiner Güte, und die Menschen machen Glossen über dich und verunglimpfen dein Leben. Ja, Lene, was tust du nun? Hättest du nach mir gefragt! –
    O, sie wußte weder aus noch ein!
    Du müßtest verreisen! sagte der Verstand wieder. Bitte das Kind, während der Zeit zu seinem Vater zu gehen. Kündige heimlich die Wohnung und bleibe lange fort, lange – komm gar nicht wieder, – sieh zu, wo du wieder ein Heim findest, ein ganz einsames, freudloses. Die Welt ist unduldsam und niemand verschont sie, nicht jung, nicht alt. –
    Sie saß fassungslos in dem tiefen Sessel an ihrem Bett und hörte, wie man den Rollstuhl der Kranken in das Schlafzimmer fuhr, wie die Pflegerin diese zu Bett brachte und 26 beruhigend zu ihr sprach. Das arme Kind schien sich über ihr Kranksein zu beunruhigen, denn sie hörte, wie man ihm sagte, die Tante würde morgen wieder ganz wohl sein.
    Die Korridortüre war längst ins Schloß gefallen, Wendenfels nach drüben gegangen. Er würde nie wieder sitzen in ihrem traulichen Zimmer, – nie. Das ertrüge sie nicht, daß man solches von ihr dächte – nein. –
    Schnell mußte sie nun einen Entschluß fassen, – schnell. – Aber welchen? –
    Am andern Morgen schrieb sie ihm ein paar Zeilen, sie müsse zu einer Verwandten reisen, die zufolge einer dringlichen Besprechung ihre Gegenwart wünsche. Ob Else so lange zu dem Vater übersiedeln könne mit der Pflegerin? Sie, Lene, sei überzeugt, daß das junge Mädchen jetzt so aufgetaut gegen ihn sei, daß es nicht mehr frieren werde bei ihm. Er möge nur verzeihen, daß sie ihm nicht einmal Adieu sagen könne, aber sie habe so entsetzliche Eile fortzukommen.
    Den Brief in der Tasche, wanderte sie den ganzen Tag umher zwischen dem halbgefüllten Koffer in ihrer Schlafstube und dem Fahrstuhl des Kindes, das blasser noch als gewöhnlich dasaß und mit großen vorwurfsvollen Augen das sonderbare Gehabe ihrer Tante betrachtete. Und diese schämte sich ihrer Lügen und ihrer Feigheit und meinte doch, nicht anders handeln zu können, als wie sie tat.
    Die Dunkelheit kam früher als sonst, es war kaum vier Uhr. Mit bangem Herzen stand Helene in ihrem Erkerzimmer. Sie hatte den Brief noch immer nicht hinübergeschickt. Nun mußte es bald geschehen. Die Koffer waren gepackt, um acht Uhr ging der Zug. Jetzt konnte sie auch dem Pflegetöchterchen Mitteilung machen, denn heute war Wendenfels im Klub und kam nicht vor neun Uhr zurück. Else mochte mit der Pflegerin heute noch hier schlafen, morgen früh würde der Vater ja bestimmen, was geschehen solle.
    Sie erinnerte sich, noch einige nötige Berechnungen am Schreibtisch erledigen zu müssen, da trat jemand in das Zimmer.
    In der Meinung, es sei das Mädchen, sagte Helene, die 29 noch am Fenster stand: »Bitte, zünden Sie die Lampe an und stellen Sie sie auf den Schreibtisch.«
    Aber statt der Antwort kam nur ein rascher energischer Schritt über den Teppich und eine besorgte Männerstimme fragte: »Verzeihen Sie mir, wenn ich störe. Die Unruhe treibt mich her. Ist es denn wirklich wahr, daß Sie reisen müssen; wie mir meine alte Hanne sagte.«
    Helene Wilkens wandte den Kopf herum.
    »O, über diesen Dienstbotenklatsch!« Sie lachte verlegen. Und so tief dämmerig es war, sah er doch die Verlegenheit über ihre Lüge auf ihren Wangen brennen.
    »Helene,« sagte er, »Sie wollen fort, aber das dulde ich nicht. Es ist meine Sache, zu gehen. – Aber ist es denn nötig?«
    Er hatte ihre Hand ergriffen und hielt sie fest in der seinen. »Haben wir uns gefunden, um uns wieder zu verlieren?« fragte er leise. »Gestern – vorgestern, alle Tage vordem schon habe ich Sie fragen wollen darum, – auch ohne durch die sonderbaren Blicke der Frau Sophie erinnert zu werden. Helene, willst du –« er stockte, sie hatte sich heftig von ihm gewandt und war in das Zimmer zurückgetreten.
    »Nein – nein – nicht weiter!« stotterte sie. »Sprechen Sie nicht weiter! Es war unüberlegt, was ich tat, – man soll nicht blindlings seinem Herzen folgen – aber nichts hat mir ferner gelegen, als mit meinem Tun für das arme Kind diese Frage heraufzubeschwören. Gewiß nicht – glauben Sie mir, ich wußte nicht, daß man selbst in weißem Haar nicht handeln kann wie man will, ohne mißverstanden zu werden.«
    Sie wollte an ihm vorüber, da vertrat er ihr den Weg.
    »Nein, zum zweiten Male lasse ich mich nicht in die Ecke stellen,« sagte er leise. »Was willst du denn, Helene: ich stände in diesem Augenblick hier, auch wenn das arme Kind dort drinnen gar nicht existierte, und mit der nämlichen Frage: Willst du mich noch, Lene?«
    Es war unheimlich still in der Stube. Nichts als das leise Schluchzen der Frau, die am Flügel lehnte und nicht fähig war zu antworten. Da trat er neben sie und zog sie an sich.
    30 »Helene, wollen wir nicht das alte Notenbuch wieder hervorsuchen und da wieder anfangen, wo du dein Kreuzel damals gemacht? Wollen wir aus deinem Kreuzel nicht einen Stern machen? Ein goldenes Glücksternchen, das über unsrer alten treuen Liebe scheinen soll? Ja? Du willst? Herz, ich danke dir, – und nun sei gut, sei ruhig!«
    »Ach, laß mich doch weinen,« bat sie, »ich war ja eben noch so unglücklich – und nun –«
    »Nun packe deinen Koffer wieder aus, ich packe den meinen. Und weißt du, wo ich hin will? In deine Vaterstadt will ich, das alte Haus in Stand setzen für uns, denn wenn du so denkst wie ich, können wir dort erst so recht glücklich sein, wo die Erinnerung an unsere Jugend wohnt in den traulichen getäfelten Stuben! Und in der alten Marienkirche, deren Turm in unsere Fenster sieht, da wollen wir uns trauen lassen. Nicht?«
    »Ja,« sagte sie, »von dem alten Superintendenten, der neckte mich schon damals immer mit dir. Ach du,« fuhr sie fort, »und der alte liebe Garten, wie wird ihn Else genießen.«
    »Und wir mit!« erwiderte er lachend. »Wir sind auch für uns da. Du weißt ja gar nicht, Lene, wie jung und schön du noch bist!«
    »Aber, Otto!« sagte sie ernstlich abweisend. Doch dann lachte sie, und es klang wirklich ganz jung und glücklich.
  


    31 Großmutters Kathrin.
    meiner frühesten Kindheit schon lernte ich sie kennen und hatte heillose Angst vor ihr. Sie war Großmutters Dienstmädchen zu jener Zeit, als sich dieselbe von dieser Sorte nur noch eine hielt, das heißt, als die Kinder schon alle dem heimatlichen Neste entflogen waren, der Großvater keine Forsteleven mehr drillte und die alte Dame ihren Haushalt bedeutend vereinfacht hatte. Sie erklärte, an einer sich gerade genug ärgern zu können, und die dicke Kathrin sorgte dann allerdings in diesem Punkte ausgiebig – für drei. Trotzdem aber blieb sie lange Jahre im Dienst der Großmutter, so lange, bis die alte Dame eines Tages zu ihr sagte: »Höre, Kathrin, wenn du nun aber wirklich noch heiraten willst, dann mach Ernst; übers Jahr wirst du vierzig und es könnte leicht keiner mehr kommen!«
    Das schrieb sich die Dicke hinter die Ohren, und drei Wochen nach dem vierzigsten Geburtstage trat sie mit ihrem Erwählten, einem zehn Jahre jüngeren klapperdürren Schuster, vor den Altar, zum sprachlosen Erstaunen ihrer Herrin, die von dieser Verlobung keine Ahnung gehabt. Hatte doch Kathrinchen noch vier Wochen vorher einem anderen erklärten Bräutigam im Garten ihre Stelldicheins gegeben; indessen, man war ja bei Kathrin an Überraschungen in dieser Hinsicht gewöhnt.
    Sie war ein Original, diese dicke Kathrin, wie es kein zweites gab, voll Fehler, sogar grober Fehler; aber eine Tugend besaß sie doch, die sie in vergangenen Zeiten zu einer Heiligen 34 gestempelt haben würde, das war eine beispiellose Treue und Aufopferungswilligkeit für ihre Herrschaft. Meine Großmutter hat noch auf dem Sterbebette der alten Dienerin gedankt für ihre hingebende treue Pflege, denn es muß leider hier gesagt sein: die dicke Kathrin hatte ihren spillerigen und tippligen Schuster binnen Jahresfrist wieder hergeben müssen. Er starb an der Schwindsucht; Großmutter aber behauptete, Kathrin habe ihn totgeärgert, denn die kurze Ehe war äußerst stürmisch gewesen; und daß der arme Mann der Unterdrückte war, das lag jedem klar zu Tage, der den Vorzug hatte, Kathrin zu kennen.
    Sie kam denn also eines Tages als junge Witwe wieder in Großmutters Haus. Die alte Dame hatte inzwischen einige recht schlimme Erfahrungen gemacht mit jungen Dienstmädchen und war froh, die alte erprobte Kraft wieder zu bekommen; an ihr Wesen hatte sie sich ja mählich gewöhnt, und zu Kathrins Lob sei es gesagt: ihr Hauptfehler kam seitdem in Wegfall. Von »die dämlichen Männer« mochte sie, seit ihrem Eheglück, nichts mehr wissen; ein Leben voller Arbeit und Schinderei könnte sie auch ohne solchen tippeligen Kerl haben, danach brauchte man wirklich nicht zu freien! So äußerte sie sich wenigstens unverhohlen, und fortan blieb sie männer- und ehefeindlich.
    Als die dicke Kathrin zum ersten Male in den Dienst der Großmutter trat, kam sie, wie man so sagt, frisch von der Weide; sie hatte ein wunderliches Kinderleben hinter sich, halb in zügelloser Freiheit, halb in knechtischer Arbeit und moralischem Elend. Ihre Mutter war die Witwe eines Unteroffiziers, der wegen Trunks entlassen werden mußte; es hatte sich zuletzt bei ihm das Delirium eingestellt und er prügelte in solchem Zustande Mutter und Kind halb tot.
    Ihren Wohnsitz hatte die Familie in der Kreisstadt, in dem jammervollen Hause einer erbärmlichen Gasse, in die weder Sonne noch Mond schien. Die Frau Zeugler erwarb den Lebensunterhalt für sich und die Ihrigen mittels eines ambulanten Kuchenhandels. Jeden Morgen, den Gott werden ließ, marschierte sie vor Tau und Tag, mit ihrer Tragkiepe auf dem Rücken, an jedem Arme einen mächtigen Henkelkorb, nach den 35 umliegenden Dörfern und Rittergütern, und neben ihr lief klein Kathrinchen, ebenfalls ein Tragkörbchen auf dem Rücken, manchmal noch taumelnd vor Müdigkeit. Abends zogen sie dann heim, schwer bepackt mit Eiern, Obst und sonstigen ländlichen Erzeugnissen, die der Konditor ihr abnahm, indem er so eine Art Tauschgeschäft mit ihr machte, das aber nur einen sehr winzigen Gewinn für die Händlerin abwarf.
    Natürlich suchte sie diese karge Einnahme dadurch zu verbessern, daß sie ihren Kunden mitunter altbackene Ware aufhängte, die ihr Herr Stelzer, der Konditor, billiger berechnete; aber allzu oft durfte sie das auch nicht riskieren, denn ihre Abnehmer ließen es sich nicht gefallen. Sie schwur dann immer hoch und teuer, das altbackene Stück sei nur aus Versehen »mit mang« gekommen.
    In der Schule war das Kathrinchen selten gewesen, nur dann, wann der Polizeidiener sie gewaltsam holte. Sie trottete mit ihrer Mutter im Lande umher, und als sie heranwuchs, balancierte gleich dieser auf ihrer Tragkiepe eine ebensolche Riesenschachtel von Holz mit dem leckeren Inhalt. Bei solcher Gelegenheit faßte Großmutter mal das hochaufgeschossene dralle junge Ding, das immer so feindselig und verdrossen aussah, ins Auge, meinte, das müsse großartig arbeiten können, und auf die Frage, ob es in ihren Dienst treten wolle, erhielt sie nach einigen Tagen das Jawort der Mutter und Tochter. Daß es kein leichtes 36 gewesen war, die in Freiheit dressierte Kathrin zu zähmen, läßt sich wohl denken, Großmutter nannte es ihr schwerstes Stück Arbeit im Leben. Aber allmählich schien sie ja einzuschlagen, wenngleich die Klagen der alten Dame nicht abrissen.
    Als Kathrin in den Kreis meiner Erinnerungen trat, mochte sie vierundzwanzig Jahre alt sein und ihr Aufenthalt in Großmutters Hause bald fünf Jahre währen; ihre Mutter näherte sich den Sechzigern. Diese bildete übrigens zu jener Zeit viel mehr den interessanteren Teil der Familie Zeugler für uns Kinder. Ich erinnere mich sehr wohl, wenn ich mit meinen Geschwistern auf Ferien bei den Großeltern weilte, des Jubels, so oft die Kuchenzeuglern kam. »Sterlettchen ist da!« schrieen wir wie unsinnig und rannten ihr schon unter den Linden entgegen. Je nach der Jahreszeit pries sie ihren Stachelbeer-, »Kersch-« oder Pflaumenkuchen an, und daß uns Kindern eine Stachelbeertorte – die alte Frau nannte diese kleinen runden Obstkuchen »Sterlettchen« – als das höchste erschien, was es von Delikatessen auf der Welt geben konnte, das mag jeder glauben.
    Wir, die wir gut erzogene Kinder waren, die sich stets gebührend freuten, wenn wir in den Ferien bei den Großeltern von Vater oder Mutter besucht wurden, wir rannten natürlich, sobald wir »Sterlettchen« begrüßt hatten, in die Küche zu Kathrin und schrieen: »Kathrin, deine Mutter kommt!« und waren jedesmal von neuem enttäuscht, wenn dieses Rabenkind, anstatt sich zu freuen und der Alten entgegen zu gehen, sagte: »Na, was is'n da weiter? Is mich ganz egal, braucht' gar nicht so oft die Frau Oberförstern zu ›inkommandieren‹.«
    Und wenn die Frau Oberförsterin die alte Frau in die Küche schickte mit der Weisung, sich von ihrer Tochter eine Tasse Kaffee geben zu lassen – wir gingen natürlich pflichtschuldigst mit und staunten das Wiedersehen an – dann blieb sehr häufig das »Guten Tag!« der Alten unbeantwortet und Kathrin knallte der Beschützerin ihrer Jugend so ärgerlich und stumm einen Blechtopf voll Kaffee auf den Tisch, daß wir uns darüber entrüsteten. Machte aber ihre Mutter nur den leisesten Versuch, eine Unterhaltung mit ihr zu beginnen, so wurde sie mit einem 37 unnachahmlich lässigen: »Um Gottes willen, holt's Mul, Olle, ick weit ja oll!« zum Schweigen gebracht.
    Mutter Zeuglern pflegte sich hierauf zusammenzuducken wie ein scheues Tier, mit den zahnlosen Kiefern ihre Schweinefettschnitte zu zermalmen und im übrigen mucksstill zu sein. Sie wagte selbst dann keinen Einwand, wenn Kathrin, der unsere Gegenwart anfing lästig zu werden, zu dem Korbe der Mutter ging und, trotz des ängstlichen Hin- und Herrutschens der alten Frau, die Bindfaden der Kuchenschachtel aufknüpfte, die Vorräte untersuchte und endlich ein paar leckere Stücke an uns verteilte mit den Worten: »Nu makt aber, dat ir ut mine Küche kamt,« was wir auch, ohne der flehentlichen vorwurfsvollen Blicke der Beraubten zu achten, glückselig taten. In solchen Augenblicken fühlten wir die größte Sympathie für Kathrin.
    Gewöhnlich entspann sich nach unserem Rückzug ein Zank zwischen den beiden, der bis zur Treppe schallte, auf der wir saßen und unsere Kuchen verzehrten; ein Zank, bei dem das Ungeheuer von Tochter ganz unbotmäßige Worte gebrauchte. 38 Aber wenn »Sterlettchen« nach solchem Sturm das Haus verließ, so hatte sie dennoch das freundlichste Lächeln auf dem alten, runzligen Gesicht und einen Dank an die Frau Oberförsterin für freundliche Aufnahme.
    Als wir Kinder einmal bei der dicken Kathrin vorstellig wurden wegen besserer Behandlung ihrer Mutter, stemmte sie die Arme in die breiten Hüften und schrie uns nicht schlecht an: ob wir denn jemals Haue statt Brot gekriegt hätten von unserer Frau Mutter? Und ob wir denn unseren Vater schon mal aus der Gosse aufgelesen hätten? Und ob das vielleicht unsere Mutter schon mal gesagt hätte: »Wenn man bloß die Last nicht wäre mit das Kind – aber reiche Leute ihre sterben, und unsereiner muß sich mit so was weiterplagen!« Ja, ob das unsere Mutter schon mal gesagt hätte? »Nee? Nich wahr?« Na, dann könnten wir auch nicht mitsprechen in solche Sachens und möchten gefälligst die Mäuler halten und uns freuen, daß wir keine Mutter hätten, die man immer was wollte, wenn sie käme, bloß zu Brannewin, zu weiter nichts als zu Brannewin, denn sie habe sich das – – – und hier machte Kathrin eine Bewegung, als setzte sie eine Flasche an den Mund und tränke – bei Vatern angewöhnt.
    Seit der Zeit sagten wir nichts mehr über ihr unkindliches Benehmen. Mehr herangewachsen, vermieden wir es sogar, ihr unser Beileid auszudrücken, als die »Olle« endlich vom Armenhause aus in einem sogenannten Nasenquetscher begraben wurde und die dicke Kathrin mit einer schwarzen Schürze und einem schwarzen Tuch über ihrem lila Sonntagskattunkleide (eigentlich ihr Ballstaat) zur Begräbnisfeier in die Stadt ging, sehr gefaßt und durchaus nicht mit einem Gesicht, wie Leidtragende es zu zeigen pflegen. Abends kam sie mit einem Bündel zurück, das enthielt ihre Erbschaft: ein bißchen Bettwäsche und Hemden und ein verbogenes silbernes Ringchen mit einem unechten Türkis, das vielleicht einmal im Leben der alten Kuchenfrau »das Glück« bedeutet hatte.
    Kathrins Augen waren rot gerändert, sie sagte aber gleich, das sei vom Winde, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen 39 zu lassen, sie habe etwa der alten Mutter, deren sie sich immer geschämt, eine Träne nachgeweint.
    Meine Großmutter hatte es wohl längst aufgegeben, zartere Gefühle in ihr zu wecken; sie war überhaupt auf die dicke Kathrin in letzter Zeit nicht gut zu sprechen, und an Schelte fehlte es wahrlich nicht, obgleich sie stets hinzusetzte: »In der Arbeit und Sauberkeit hat sie nicht ihresgleichen.«
    »Heiliges Kreuz – Donnerwetter, so schicke sie doch fort!« pflegte Großvater zu poltern, wenn seine Anita ihm das gar so oft vorklagte. Aber dazu kam es nie, denn Kathrin pflegte bei einer Kündigung so widerhaarig zu sein, so viele Einwände gegen ihr Fortgehen vorzubringen, so exemplarisch gut zu braten und zu kochen, daß sie trotz aller ihrer ungeheuren Fehler und Absonderlichkeiten nach wie vor im Hause blieb.
    Sie war zu jener Zeit ein stattliches Weibsbild mit braunem gewelltem Scheitel, blauen Augen und einer großen üppigen Gestalt, die ihr den Namen der »dicken Kathrin« eintrug. Der Teint, trotz des Herdfeuers, zart; die Arme, die aus den kurzen Ärmeln des bedruckten Spenzers guckten, rund und marmoriert wie die Schlackwürste. Das ganze Mädel leuchtete vor Sauberkeit, und zumeist dann, wenn gegen sechs Uhr Abends ihre Küche reingemacht war und sie irgendwelche Einkäufe im Dorfe zu besorgen hatte. Sie erfreute sich eines schier unglaublichen Erfolgs bei der Männerwelt, und »Poussieren«, wie sie sich ausdrückte, war ihr höchstes. Im Krug »Zum Würfel« tanzte sie jeden Sonntagnachmittag bis in die Nacht um drei Uhr früh, mit einer Unterbrechung von sieben bis neun Uhr, da sie um keinen Preis die Zubereitung des Abendessens für die Herrschaft versäumen mochte. Vormittags hatte sie bereits die Kirche 40 besucht, und trotzdem war in der Wirtschaft alles in tadellosester Ordnung. Sie stand eben immer vor Tau und Tag auf, ihrer Frömmigkeit und ihrer Vergnügungssucht zuliebe, und ihre Laune war grimmig, wenn die Erlaubnis zum Kirchgang oder zum Tanz einmal versagt wurde. Das Kirchengehen erlaubte die Großmutter ja immer sehr gern, aber die Leidenschaft für den Tanzboden, die, als Kathrin in die Zwanzig kam, immer stärker wurde, machte, daß sie ihrer Herrin mit der Zeit und trotz vorzüglicher Leistungen doch verleidet wurde. Und da Vorstellungen gegen ihren leichtsinnigen Wandel auf offenbare Verständnislosigkeit stießen, so wurde endlich beschlossen, Kathrin solle zum nächsten Quartal definitiv gekündigt werden.
    Es zögerte sich mit dieser Kündigung freilich noch ein wenig hin, bis sie eines schönen Abends unter heftiger Entladung eines häuslichen Gewitters dennoch erfolgte. Die Großeltern waren an jenem Sonntag ausgebeten, und als sie gegen Abend zurückkehrten, um einige Stunden früher, als Kathrin gedacht – weil Großvater sich nicht wohl fühlte –, fanden sie auf dem braunen Ripssofa der Wohnstube einen riesigen Kürassier der benachbarten Garnison, dessen mit Kreide eingestäubter weißer Koller bei seinem schleunigen Rückzug einen großen Fleck auf dem dunkeln Bezug hinterließ, den Großmutter ein paar Minuten lang anstarrte, ehe ihre Empörung Worte fand.
    Kathrin stand indes ahnungslos in der Küche und briet Schweinefleischklößchen für den Schatz, die sie ihm, im Verein mit Kartoffelsalat, vorsetzen wollte. Sie entschuldigte sich sehr demütig, indem sie hervorhob, daß ihr das Kochen gar so schlecht gelänge, wenn ihr einer dabei auf die Finger gucke, und darum habe sie ihn geheißen, sich derweilen im Vorzimmer die Jagdbilder anzusehen. Sie habe sich doch nicht denken können, daß der Affe – wie sie sich lieblos ausdrückte – gleich so frech sein würde, sich aufs Sofa zu setzen. Gnädige Frau möge doch um Gottes willen nicht böse sein! Er gefiele ihr so wie so nicht, und es solle nicht mehr vorkommen, und das Sofa wolle sie schon gründlich abbürsten.
    Aber so glatt ging's diesmal nicht ab. Die erzürnte Herrin 41 kündigte und beteuerte, daß es ihr überhaupt schon längst nicht mehr passe, sich über das Tanzbodenlaufen und Vordertürstehen der dicken Kathrin zu ärgern.
    »Ich versäume ja doch meine Arbeit nicht drum,« hatte diese hierauf verwundert entgegnet. »Es kann Sie doch ganz egal sein, gnä' Frau, ob ich die Nacht schlafe oder tanze, wenn ich sonst meine Sachen ordentlich mache?«
    Und mit dem Vorwurf, daß sie ja alle Wochen lang mit ihren Schätzen wechsle, kam die vorwurfsvolle Antwort: »Ja, was kann denn ich dafür, daß sie alle nichts taugen bei näherer Bekanntschaft?«
    »Aber ich dulde so etwas nicht! Ich will anständige Mädchen in meinem Hause haben!« hatte Großmutter erklärt.
    »Nun, dann kann ich ja abziehen,« war die Antwort gewesen. »Ich bin nicht schuld daran, daß mein Vater kein Oberjägermeister nich war, und daß die Freier nich in die gute Stube kommen dürfen, um mich kennen zu lernen, und ich sie. Und Leute, die sie in meinem Interesse auf'm Zahn fühlen, ob sie ordentlich sind oder nich, habe ich auch keine, das muß ich selbst besorgen, und anders als vor die Haustür oder auf dem Tanzboden habe ich keine Gelegenheit dazu. – Dann kann ich ja gehen zu Ostern.«
    Großmutter erzählte diese Antwort, halb belustigt, halb empört, bei Tische, und Großvater meinte seufzend: »Na, wenigstens ist sie nicht scheinheilig, und ihr Kartoffelsalat ist geradezu 42 großartig. Am letzten Ende – so unrecht hat sie nicht mit ihrer Lebensauffassung, sie untersteht anderen Sitten.«
    Aber da kam Großvater schön an bei der Großmutter. Durchaus nicht! Das sei durchaus nicht der Fall! Ob Dienstmädchen oder Fräulein, die Moral sei dieselbe, und sie dulde nicht dieses Gebaren. Ihres Wissens sei kein Knecht, kein Waldläufer und kein Bauernsohn in der ganzen Umgegend, der nicht schon auf der Heiratsliste der dicken Kathrin gestanden habe; es sei zu arg, und sie müsse gehen.
    »Schön! Sie muß gehen, Anita – es ist ja deine Angelegenheit!«
    »Gewiß! Und außerdem – ich fühle mich für die Moral meiner Mägde verantwortlich,« erklärte Großmutter. »Diese ist unverbesserlich, darum Schluß der Debatte und fort mit Schaden!«
    Die dicke Kathrin war wie gebrochen in der nun folgenden Zeit. Onkel Leo, der gerade zum Besuch kam, meinte, sie wäre wie eine geknickte Lilie, und unser altes Flickdorchen schüttelte den Kopf, halb tadelnd, halb mitleidig. Aber Großmutter blieb fest. Sie sprach nur das Nötigste mit der Sünderin und ließ sich weder durch ihre geradezu verführerischen Mehlspeisen und Braten, noch durch ihr de- und wehmütiges Wesen rühren.
    Um diese Zeit grassierte eine bösartige recht ansteckende Grippe in der Umgegend und kehrte auch im Lenkwitzer Forsthause ein. Zuerst legte sich Großvater und dann, als er halbwegs auf der Besserung war, die Großmutter; es wurde ein schweres Krankenlager. Bei mir daheim lagen Mutter und Schwestern, niemand von uns konnte die alten Leute pflegen, denn ich hatte alle Hände voll zu tun, und der Lenkwitzer Onkel, damals schon Witwer, vermochte auch nicht zu helfen, weil er ebenfalls die garstige Krankheit durchmachte. So sah ich denn stets mit Bangigkeit der Rückkehr meines Vaters entgegen, der täglich nach Lenkwitz fuhr, und atmete jedesmal auf, wenn er sagte: »Sie sind bestens verpflegt, die Kathrin opfert sich auf. Ich wollte, solcher Mädchen gäb's mehr! Keine Nacht Schlaf, und immer auf dem Posten, und von einer Zartheit und einer Sanftmut – man kennt das Ungetüm gar nicht wieder.«
    45 Als ich nach ein paar Wochen zum ersten Male wieder nach Lenkwitz kam, fand ich die lieben Alten schon nebeneinander im Sofa sitzend, die Füße sorglich in Decken gewickelt, vor sich auf appetitlich gedecktem Tischchen Bouillon mit Ei und gelbbraun gebratene Täubchen, alles schön zerteilt und zierlich hergerichtet, wie man es schwachen Kranken mundgerecht macht, und Großmutter Anita streckte mir lächelnd die Hand entgegen.
    Gottlob! Ich hatte sie im Geiste schon ganz vernachlässigt und in unbehaglicher, unordentlicher Umgebung gesehen. »Wie schön, Großmütterchen,« rief ich, »daß ich euch so treffe! Was kann ich für euch tun? Sag nur rasch, soll ich dir das Haar ausbürsten?«
    »Das tut Kathrin, liebes Kind.«
    »Soll ich deinen Wäschschrank revidieren, ob alles in Ordnung ist?«
    »Danke, Herz, Kathrin hat's schon besorgt.«
    »Du ißt Weingelee so gern, Großvater, darf ich dir ein Schüsselchen voll kochen?«
    »Kathrin hat gestern schon welchen zubereitet, sie nudelt uns wie die Gänse.«
    »Der Tausend, diese Kathrin!« staunte ich. »Und auch die andere Wirtschaft in Ordnung?«
    »Flickdorchen, die gestern revidierte, meinte, daß es so sei,« antwortete die alte Dame.
    »Das ist doch aller Ehren wert, Großmama.«
    »Ach ja, sie kann recht nett sein, wenn sie will,« gab diese zu, aber mit einer gewissen nichtachtenden Miene.
    Großvater räusperte sich und meinte dann: »Sie hat doch eigentlich mehr getan als ihre Pflicht, Anita.«
    Aber die alte Dame schwieg, der große Kürassier auf dem braunen Ripssofa war entschieden der Anerkennung von Kathrins Leistungen hinderlich.
    Ich suchte nachher die dicke Kathrin in der Küche auf und erschrak, als ich sie sah.
    »Ums Himmels willen, sind Sie auch krank, Kathrin?« rief ich.
    46 »Ich weiß nich – mich is nich ganz recht extra, aber das is woll, weil ich die letzten drei Wochen nich recht geschlafen habe. Ich habe mir ja zu sehr gesorgt um die ollen Herrschaftens.«
    Der Kutscher, der eben eintrat, um sich sein Mittagessen zu holen, mischte sich in das Gespräch und sagte: »Sie hat ja immer auf die blanken Dielen vor die Türe von der Herrschaft gelegen, wie 'n Hund hat sie dagelegen, gnä' Fräulein – da soll der Mensch nicht elend werden?«
    »Aber, warum denn das, Kathrin?« fragte ich, »Sie konnten doch Ihr Bett herunterbringen und auf dem Sofa schlafen!«
    Sie schüttelte den Kopf. »Ach nee, gnä' Fräulein, mit das olle Sofa da hab' ich ein Haar in gefunden – nee, seit die Geschichte kann ich das olle Ekel nich mehr leiden.«
    »Weiß denn meine Großmutter, daß Sie auf der bloßen Diele schliefen?«
    »Nee!« Und ganz ins Platt fallend: »Det brukt se ock nich to weten. Allens to weten, mackt man Kopppin. Es wird schon wieder werden mit min ollen Deetz – ich laß mich aus die 47 Apotheke for'n Silbergroschen Spitzbubenessig mitbringen, das wird ja woll helfen.«
    Sie hantierte dabei mit ganz ungewohnt matten Bewegungen in der Küche umher, und ihr Gesicht hatte den gequälten Ausdruck eines von heftigen Kopfschmerzen geplagten Menschen.
    »Kathrin, ich will das hier mal übernehmen, gehen Sie in Ihre Stube – ich brauche vor Abend nicht zurückzufahren.«
    »Ach Gott, nee, Fräulein, da regt sich die gnä' Frau über auf, und Aufregung bekommt sie jetzt nich. Jo nich, das geht nich!«
    »Aber, wenn Sie krank werden, Kathrin?«
    »Ich werd' nich krank. Und jetzt muß ich zu die Herrschaften und sehen, ob sie auch essen, denn essen müssen sie und zureden tut was dabei.«
    Sie schüttelte eben eine köstliche kleine Omelette aus der Pfanne auf ein Schüsselchen und trug sie, stolz vor mir hergehend, zu den alten Leuten ins Eßzimmer.
    »Von ganz frischen Eiern,« sagte sie, »und mit Himbeermarmelade drin aus'm Lenkwitzer Garten. Gnä' Frau ihr schwarzes Lieblingshuhn hat die Eier gelegt, und for gnä' Fräulein reicht's auch noch mit.«
    Und ein paar Augenblicke später saßen wir alle drei und speisten Kathrins Omelette und machten Pläne für das Osterfest, zu dem meine jüngere Schwester, zum ersten Male nach ihrer Verheiratung, aus weiter Ferne heimkehren wollte, um Großmütterchen ihre Kinder zu bringen.
    Kathrin ging immer ab und zu, schließlich deckte sie den Tisch ab und legte gerade das Tafeltuch zusammenen am Büfett, 48 als Großmutter zu mir sagte: »Vergiß nur nicht, zur Vermietsfrau zu gehen, Kind, und sieh zu, daß du womöglich eine bekommst, die acht oder vierzehn Tage früher anziehen kann. Kathrin mag sie noch anlernen, ich selbst werd' kaum dazu im stande sein, und außerdem fällt Ostern grad so um den ersten April, und da wär' mir eine Hilfe sehr lieb, wenn deine Schwester mit den Kindern hier ist.«
    Ich sah unwillkürlich zu Kathrin hinüber; das Gesicht des Mädchens war plötzlich wie verfallen, und sie blickte mit so traurigen vorwurfsvollen Augen ihre Herrin an, daß mir das Herz ordentlich weh tat; etwa wie ein treuer Hund blickt, wenn er mit einem Fußtritt hinausgejagt wird von seinem Herrn, dem er anhänglich ist mit all seiner rührenden Treue. Großmutter sah das nicht, wollte es wohl auch nicht sehen.
    Kathrin kam herüber und fragte mit heiserer Stimme, ob sie gnä' Frau zu dem Mittagsschläfchen ins andere Zimmer führen dürfe. Und dort hüllte sie die Genesende sorgfältig in Decken und Tücher, kam dann zurück und folgte auch Großvater mit den Decken ins Schlafzimmer, und als sie den alten Herrn dort ebenfalls versorgt hatte, trat sie abermals ein, öffnete die Fenster, legte frischen Torf in den Ofen und ergriff endlich mit zitternden Händen das gebrauchte Tafelgeschirr, um es in der Küche zu säubern.
    Sie tat mir furchtbar leid, ich muß es sagen, aber helfen konnte ich ihr nicht. Großmutter, die überhaupt leicht reizbar war, jetzt in der Rekonvaleszenz mit Bitten zu bestürmen, wäre vergeblich gewesen und hätte der Guten auch nur geschadet. Zudem hatte ich selbst die Geschichte mit dem Kürassier reichlich frech gefunden und – Großmutter mußte ja wissen, was sie zu tun hatte.
    Ich besuchte während des Mittagsschlafes der alten Leute den Lenkwitzer Onkel, den ich ebenfalls auf dem Wege der Besserung fand, und kehrte gegen vier Uhr in das Forsthaus zurück. Es war ein recht windiger Februartag, meine lieben Alten saßen bereits bei der Lampe auf ihren Sofaplätzen und tranken Kaffee und lasen die Zeitung. Großmutter erinnerte mich nochmals an 49 die Vermietsfrau und ich verabschiedete mich von beiden, als gegen sechs Uhr der Wagen gemeldet wurde.
    Im Flur redete Kathrin mich plötzlich an: »O gnä' Fräulein, nur ein Wort, gnä' Fräulein!« Sie stand in der Küchentür und winkte verstohlen. Ich ging ganz verwundert zu ihr und fragte, was sie wünsche.
    Der Schein der Lampe fiel auf ein ganz verweintes Gesicht; sie stand da mit niedergeschlagenen Augen, den Schürzensaum in der Hand, wie das schämige Mädchen aus dem Volkslied.
    »O gnä' Fräulein,« stieß sie endlich hervor, »es is man bloß wegen die Neue, man bloß daß Sie auch 'ne Ordentliche kriegen, weil for dies Haus nicht jede paßt. Die ollen Deerns sind ja jetzt alle rein tippelig, man bloß Staat machen und nichts tun, kaum noch daß eine bei's Scheuern hinknieen will; und gnä' Frau is das nich gewöhnt und ärgert sich darüber und nachher wird sie wieder elend – es is mich ein schrecklicher Gedanke.« Und dabei tropften ihr die schweren Tränen über die Backen, die so schmal geworden waren.
    »Ja, ja, Kathrin!« sagte ich gerührt, »ich werde darauf sehen, daß eine Ordentliche antritt. Es ist schade, Kathrin, daß die Sache so kam, aber –«
    »Ach nee! Nee! Ich sehe ja ein – ich zieh' – freilich, ich zieh'! Aber wenn man bloß eine kommt, die gnä' Frau zu nehmen versteht! Wenn's eine is, die leicht aufmuckt, daß sie sich man bloß nich krank ärgert, die gnä' Frau; und – 'ne Ehrliche, gnä' Fräulein. Die Ekels können ihr ja alles fortschleppen, weil doch gnä' Frau noch immer erbärmlich is und die Speisekammerschlüssel aus die Hände geben muß, wenn sie ihr Kopfweh hat. Wenn ich daran denk', daß so'n Balg sie bemopsen tät' – –«
    »Na, Kathrin, ängstigen Sie sich nur nicht vorher. Haben Sie denn schon einen Dienst in Aussicht?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab' noch keine Zeit gehabt – –«
    »Nun, dann kann ich Sie vielleicht empfehlen bei der Mietsfrau? Großmutter wird Ihnen ja doch sicher ein gutes Zeugnis geben.«
    50 Sie antwortete nicht, sie biß sich nur auf die Lippen, um einen erneuten Tränenerguß zu verhindern, und endlich sagte sie, sich umwendend und ihre Arbeit, das Messerputzen, wieder aufnehmend: »Ich danke schön, Fräulein, aber mich is alles egal, ich habe keine Lust mehr zu mich, nich ein bißchen.«
    Und nun sprach sie kein Wort weiter, obgleich ich sie mehreres fragte; sie begnügte sich, mit dem Kopf zu nicken oder zu schütteln, wobei sie wieder leise weinte; und wenn ihr eine Träne auf die fleißige rasche Hand fiel, dann wischte sie dieselbe mit einer ärgerlichen Bewegung an der blauen Schürze ab.
    Ich verließ sie endlich und stieg in den Wagen, mir im stillen vornehmend, für sie nach einer guten Stelle zu suchen. Die dicke Kathrin tat mir gar zu leid.
    In nächster Zeit fand ich denn wirklich eine Neue für Großmutter, die, den Zeugnissen nach, zu passen schien, und nach längerem Hin- und Herschreiben fuhr ich mit der Erkorenen nach Lenkwitz, um sie persönlich vorzustellen. Sie war, im Gegensatz zu Kathrin, dürr wie ein Zaunspfahl, sah älter aus als sie war, und sie näherte sich doch schon den Vierzigern. Großmutter brauchte dem Anschein nach nicht besorgt zu sein, daß ein Kürassier dieser Schönheit wegen den weiten Weg von der Stadt nach Lenkwitz unternehmen werde. Kathrin sah mit ihren vierunddreißig Lenzen neben jener ungefähr aus wie eine eben erblühte Rose neben einer Hagebutte.
    Kochen sollte die Neue gut, ebenso die Wäsche verstehen, auch etwas Kenntnisse der Geflügelzucht und des Gartenbaues besitzen, dazu sollte sie »etwas Behägliches« haben, wie im Atteste einer Witwe besonders hervorgehoben war, die sich »Amelia Nommel« unterschrieben hatte. Auf die Frage, warum Auguste – so hieß die Neue – denn diesen Dienst verlassen habe, erwiderte sie, daß die alte Frau Nommel zu ihrem Sohn nach Magdeburg gezogen sei, und daß sie, Auguste, dorthin nicht mitgewollt habe – eine durchaus befriedigende Antwort.
    Großmutter Anita war schließlich nur noch bedenklich wegen der kurzen Dienstzeit, die Auguste bei den verschiedenen Herrschaften zugebracht hatte; einmal waren es sogar drei neue Stellen 51 in demselben Jahre gewesen. »Man hat mitunter Unglück,« meinte Auguste, »und es kommt doch auch vor, daß man sich gegenseitig mal nicht zusagt, und zweimal kamen Todesfälle vor und einmal ließ sich eine scheiden von ihrem Mann, ich bin aber immer gut auseinander gegangen mit den Herrschaften.«
    Großvater saß in der Sofaecke, rauchte und räusperte sich ob dieser Antwort. Großmutter wiederholte nur fragend: »Gegenseitig nicht zusagt? Hm! Na, ich werd's mit dir versuchen, mein Kind, und sollten auch wir uns ›gegenseitig nicht zusagen‹, so – wir sind ja nicht verheiratet miteinander – so werde ich dir das unverhohlen mitteilen.«
    Auguste empfing acht Groschen Mietsgeld und empfahl sich mit Zurücklassung ihres Dienstbuches und der Versicherung, Frau Oberförsterin werde gewiß mit ihr zufrieden sein, und vierzehn Tage vor der bestimmten Zeit komme sie gern, weil sie grad stellenlos sei wegen Versetzung ihrer letzten Herrschaft. Als sie aber das Zimmer verlassen hatte, schickte Großmutter mich hinterher, ich sollte doch lieber noch fragen, ob sie etwa einen Schatz habe, denn man könne ja nicht wissen, ob – trotz ihrer Vierzig.
    Im Flur scheuerte Kathrin grad die Fliesen, sie lag auf den Knieen, und zwar dicht vor den Stufen, die zu dem Zimmer 52 emporführten, aus dem die Neue eben trat. Kathrins Gesicht in diesem Moment hätte ganz gut zu dem Modell einer Furie dienen können, nur die Schlangen fehlten, die um den Kopf züngeln; dafür hatte sie ein Tuch turbanartig umgeschlungen, wie immer Sonnabends beim Reinmachen, und darunter hervor blitzten ihre Augen die Nachfolgerin an voll tödlichsten Hasses, und just als diese ihren Fuß auf die Fliesen setzte, nahm Kathrin ihren Eimer und goß ihn platsch! nach der Richtung aus, wo Auguste stand, die sich mit einem Aufkreischen und im Sprunge zur Seite rettete, während Kathrin noch ein paar Hände voll Sand in die entstandene Pfütze pfefferte und dann wie wahnsinnig zu scheuern begann.
    Ich kam nicht mehr dazu, den delikaten Auftrag Großmutters auszuführen, denn Auguste war mit einem zweiten Sprung schon vor der Haustür und schrie durch diese zurück: »So 'ne flegelhafte olle Kröte!« worauf sie verschwand. Kathrin sandte ihr aber einen stummen Wutblick nach.
    »Liebe Kathrin, das wird ja allem Anschein nach recht erbaulich werden, wenn Sie mit der ›Neuen‹ noch vierzehn Tage zusammen sind!« sagte ich ärgerlich.
    »So'n Spatzenschüchter! So 'ne Schlumpe! Und das miet't sich gnä' Frau!« machte Kathrin jetzt ihrem Herzen Luft. »So 'ne Essigbutte, so 'ne giftgrüne Kreuzspinne, un daß die maust, das seh' ich ihr all an die Nase an.«
    »Kathrin, sie maust Ihnen ja nichts!«
    »Un ich seh' schon meine Küche, wie die aussieht nach vier Wochen, wie ein Sweinestall! Un lang' hält's Frau Oberförsterin auch nich aus mit die, un dann paßt das ja ganz gut, dann kann sie ja am ersten Mai wieder abziehen, direkt auf'm Besenstiel nach'm Blocksberg, wo sie hingehört, die Hexe infamige!«
    »Wenn Sie etwa glauben, Kathrin, durch so ein ungehöriges Betragen Ihr Abgangszeugnis zu verbessern, so irren Sie sich,« tadelte ich empört. »Nehmen Sie sich in acht, daß die Frau Oberförster Ihre Rede nicht hört; ich bitte recht dringend um anständige Aufführung, solange Sie noch hier sind.«
    Sie senkte den Kopf, schwieg und scheuerte weiter, aber ihr 55 Gesicht trug plötzlich wieder jenen gramvollen Zug um den Mund, der aus einem durch und durch erschütterten Herzen stammte.
    Ich wandte mich um und ging ins Zimmer zurück; hinter mir schollen leise demütige Worte: »Ach, Fräulein, sagen Sie doch man nichts zu Frau Oberförsterin.«
    Das verweinte Gesicht des Mädchens hatte mich sanfter gestimmt, und Nachmittags, ehe ich fort fuhr, fragte ich sie wiederum, ob sie schon einen Dienst habe.
    Sie schüttelte den Kopf. »Nee!«
    »Aber es ist doch schon in vier Wochen Ziehzeit, Kathrin!«
    »Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich umzutun, gnä' Fräulein.«
    »Hören Sie, Kathrin, die Frau Pastor Wernicke sucht ein tüchtiges Mädel. Stellen Sie sich dort vor; bitten Sie Großmama, vielleicht erlaubt sie es Ihnen, mit mir zu fahren, – zurück können Sie mit der Post –«
    »Nee! Ich hab' keine Zeit – Frau Oberförster ihre Hauben muß ich waschen, sie hat man noch zwei reine, und ich will sie doch alles ordentlich hinterlassen.«
    »Aber nachher stehen Sie da und wissen nicht wohin, Kathrin! Die Hauben können Sie ja morgen waschen.«
    »Nee! Da fang' ich an mit's große Reinemachen; die ›Neue‹ soll sonst wohl sagen, sie sei in Dreck und Speck gekommen, un überhaupt – zu Wernickens zieh' ich nich.«
    »Warum denn nicht? Kennen Sie die Herrschaften denn?«
    »Nee – hab' auch gar kein Verlangen nich –«
    »Na, dann helfen Sie sich allein,« erklärte ich ärgerlich und fuhr davon.
    56 So an die vierzehn Tage kam ich nun nicht wieder hinaus zu den Großeltern, erst als der Zeitpunkt nahte, zu dem meine Schwester erwartet wurde mit den Kindern, beorderte mich Großmutter zur Hilfe. Meine Schwester wollte nämlich, bevor sie zu uns in das Elternhaus kam, ihren Besuch mit den Urenkelchen bei den alten lieben Leuten abmachen, sie fand es praktischer als umgekehrt, aus Gründen, die mir heute nicht mehr gegenwärtig sind; besonders aber galt es Großvaters Geburtstag.
    Ich fand das Forsthaus im Zeichen der Unruhe, selbst Großmütterchen schaffte wieder fleißig umher, in ihrem unmittelbaren Gefolge die ›Neue‹, die schon im Hause war.
    »Kathrin hat erklärt, wenn ihr Auguste in die Küche komme, stehe sie nicht ein für ein ordentliches Essen,« berichtete Großmutter mir mit einem Seufzer, »und,« fügte sie hinzu, »ich fürchte, dieses Ungetüm läßt meuchlings den Braten anbrennen und die Mehlspeise zusammenfallen, wenn ich es erzwingen wollte, und schiebt dann alles auf die ›Neue‹. Ich lasse sie lieber in Ruhe, dann kommen wenigstens gut zubereitete Gerichte auf den Tisch. Die Zeit wird ja wohl vergehen bis zum ersten April.«
    So herrschte denn trotz der »Neuen« Friede im Hause – ob aber auch in Kathrinens Herzen, das war die Frage. Sie sah zum Gotteserbarmen aus, antwortete kaum Ja und Nein, und sobald sie nur die Stimme von der »ollen Kreuzspinne«, wie sie die andere nannte, hörte, wurde sie grünlichgelb im Gesicht und zitterte vor Aufregung. Kam meine Großmutter in Sicht, so hielt sie in ihrer momentanen Beschäftigung inne und starrte der hübschen alten Frau nach mit vorwurfsvollen, in Tränen schimmernden Augen, schüttelte den Kopf und murmelte irgend etwas vor sich hin. Eine Stelle hatte sie noch nicht, wie mir der Kutscher verriet, der bedauernd hinzusetzte: »Ik glöw, sei nimmt sek dat tau Kopp un makt dumm Tüg.«
    In den Zimmern und Schlafstuben waltete die »Neue« bereits ihres Amtes. Großmutter sei riesig eingenommen von ihr, vertraute mir Großoater, was aber ihn beträfe, so käme Auguste ihm vor wie ein Schaf mit Drehkrankheit; sie käme nämlich 57 immer wieder auf den nämlichen Punkt zurück trotz Belehrung eines Bessern. Er habe schon seine stillen Betrachtungen gemacht, und es solle ihn nur wundern, wie lange die Geduld seiner Anita vorhalte.
    Nach einem Weilchen hatte ich Gelegenheit, mich von der Wahrheit dieser Beobachtungen zu überzeugen. Auguste sollte den Tisch allein decken; es war ihr schon zweimal gezeigt. Großmutter saß strickend und sie dabei beobachtend auf dem Fenstertritt und verfolgte jede ihrer Bewegungen mit den Augen. Ich, ihr gegenüber, häkelte und tat, als ob ich weiter nichts im Auge hätte als den herrlichen Hyazinthenflor zwischen den Doppelfenstern.
    »Auguste,« begann Großmutter plötzlich sanft, »ich sagte dir gestern, daß die Suppenlöffel oben quer vor dem Teller, an dessen Seite nur Messer und Gabel liegen sollen.«
    Auguste hielt inne, wandte ihrer Herrin ihr geistreiches, sommersprossiges Antlitz zu und sagte nach einem Weilchen: »Bei Nommels Großmutter mußte ich die Löffeln immer neben die Gabeln legen.«
    »Das glaube ich dir gern, aber bei uns liegt der Löffel oben, ich bin Stettens Großmutter.«
    Auguste tat zögernd, wie ihr geheißen, und als die Suppe auf dem Tische stand und Großvater gerufen war, vermißte die alte Dame die kleinen silbernen Löffelchen zu den Salzfässern. Auf ihr Klingeln trat Auguste an.
    »Die silbernen Salzlöffelchen, Auguste!«
    »Ich – ich weiß nicht –« stotterte sie.
    »Suche auf dem Büfett.«
    Sie kramte umher, fand dieselben, legte sie auf den Tisch und sagte: »Nommels Großmutter nahm immer das Messer dazu – entschuldigen, Frau Oberförsterin.«
    Ich verbiß mir das Lachen, Großmutters Augen blitzten ärgerlich die »Neue« an, aber sie schwieg.
    »Wer, um Gottes willen, ist denn ›Nommels Großmutter‹?« fragte der Hausherr.
    »Nun fange du auch noch an von Nommels Großmutter!« 58 rief die alte Dame gereizt. »Wenn du nur ahntest, wie oft mir diese Person schon als Muster aufgestellt worden ist! Übrigens,« beruhigte sie sich selbst, »rührt mich diese Anhänglichkeit an die alte Frau.«
    Nach dem Vesper, so um vier Uhr, stiegen Großmutter und ich zu den Logierstuben hinauf, die den letzten Schliff erhalten sollten für unsere lieben Gäste. Auguste folgte uns mit einem Korb voll seiner lawendelduftiger Wäsche, mit Nadelkissen, Kerzen und Seife. Es gab nichts Trauteres als Großmutters Fremdenstuben im Giebelgeschoß, so reizend altmodisch, so behaglich, zumal jetzt, wo neben dem großen Bette zwei uralte kleine Gitterbettchen standen, in denen schon unsere Eltern und später wir geschlummert, und in denen nun die »herzigen Krabben«, wie die alte Dame ganz stolz ihre Urenkelein nannte, schlafen sollten.
    Bald war denn auch alles hergerichtet, blendend weiß bauschten sich die Betten, die Spitzeneinsätze der Bezüge ließen die grüne Seide der Kissen durchschimmern, überall zierliche Deckchen, und in einem Winkel des angrenzenden, zweiten Zimmers, das als Wohnstube gedacht war, damit der Lärm der kleinen Krabauter den alten Großpapa nicht störe, harrten Spielsachen auf dem Tischchen, die noch aus Großmutters Kinderzeit stammten, der künftigen kleinen Besitzer: ein Steckenpferd und ein Baukasten für den dreijährigen Buben und ein Gummipüppchen für das Kleinste.
    Auguste sah sich das alles schweigend an; einigemal verriet sie ihre Unkenntnis mit Gegenständen feinerer Haushaltungen, im übrigen ging's so leidlich.
    »Immer fragen, Auguste, wenn du etwas noch nicht kennst,« ermunterte Großmutter sie, »in jedem Haushalt ist's anders, also fragen!«
    Auguste erwiderte nichts, aber als sie endlich fertig war, tippte sie mit dem Zeigefinger auf einen gestickten Ofenschirm, der Goldschmieds Töchterlein mit dem Ritter darstellte, und sagte: »So'n Dings hatte Nommels Großmutter auch.«
    Die alte Dame zuckte ein wenig zusammen und meinte: 59 »Du kannst nun hinuntergehen und anfangen, das Silber zu putzen. Salmiak und Schlämmkreide laß dir von Kathrin geben, ebenso Lederlappen und Leinentücher.«
    »Bei Nommels Großmutter tat ich's immer mit Seife und Spiritus – –«
    Sie verstummte, so hastig hatte die alte Dame sich herumgewandt. Auguste verschwand schleunigst hinter der Tür und mein gutes Altchen fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen. »Gott steh' mir bei, diese Nommels Großmutter bringt mich noch um!« sagte sie halblaut. Erst auf mein herzliches Lachen ward ihr Gesicht wieder freundlich, und schon im nächsten Augenblick stand sie an dem größeren Bettchen und streichelte liebevoll die kleinen Kissen.
    »Wie ich mich freue auf den Jungen, wie ich mich freue, Kind, er soll ja Stetten so ähnlich sehen. Hab' acht, das kleine Kropzeug macht deine alte Großmutter noch einmal wieder jung. Nun wollte ich nur, es wäre schon morgen um diese Zeit und das Wetter schön, damit sich die Kleinen nicht erkälten bei der Herfahrt; und übermorgen, dann sind alle da, alle, die ich lieb habe, deine guten Eltern und die Geschwister, der Lenkwitzer Onkel und Flickdorchen – o lieber Gott, was gibt es für reine, schöne Freuden auf dieser Welt!« Und wieder streichelte sie die kleinen Kissen, als läge der Urenkel schon darinnen. »Weißt du, Liesel,« fuhr sie fort, »es ist gar hübsch, alt zu sein; früher habe ich mich gefürchtet vor dem Alter, jetzt finde ich es so 60 schön. Hab's gestern erst noch zu Stetten gesagt: weiter nichts wünschte ich mir, als noch ein paar friedliche Jahre hier auf Erden miteinander, und dann sterben – so Hand in Hand auf dem Sofa sitzend, in der Dämmerstunde eines Frühlingsabends. – Ja und ihr müßtet alle hier sein, eure Stimmen, euer Lachen müßte aus dem Garten zu uns herein schallen – so möchte ich sterben, Lieschen. Aber das wäre ja wie ein Märchen, das wäre zu schön!«
    Ich umfaßte die alte liebenswürdige Frau gerührt und strich ihr über die noch immer klare Stirn. »Das hat noch Zeit, Herzensaltchen, und erst mußt du dich noch freuen über die Urenkelchen. Ich denke mir den Nachkommen vom tollen Reinecke einfach reizend, und sollte er dessen Anlagen als Courmacher ererbt haben, so prügelt ihm Gretchen sicher beizeiten dieses gefährliche Talent aus, und wir, Großmütterchen, helfen ihr dabei; er darf nur in ein Paar Augen zu tief gucken, der Junge, und das sind deine.«
    »Schmeichelliese!« sagte die alte Frau.
    Und nun waren mehrere Tage vergangen und Schwester Gretchen war mit ihren Kindern eingetroffen. Sie hatte eine ungeheuerlich dicke alte Kinderfrau mitgebracht, die das drei viertel Jahr alte Jüngste kaum aus den Armen ließ und so tat, als ob kein anderer damit umzugehen verstehe. Wir durften es überhaupt nur besehen, aber ja nicht anfassen, selbst der eigenen Mutter gönnte sie es kaum. Den Jungen, den Schwerenöter, aber gab sie gern ab, den prachtvollen dreijährigen Bengel, dem der dicke blonde Lockenschopf so köstlich in das rosige Gesichtchen fiel und dessen blaue Schelmenaugen unsere sämtlichen Herzen im Sturm eroberten.
    Natürlich hieß er »Hans« wie sein Vater; Großmutter nannte ihn »Hänschen«, Großvater »Mordskerl«, »Teufelsjung« und dergleichen, und da er schrankenlos in der Stube der alten Leute toben und mit den Hunden sich am Boden wälzen durfte, so war er einfach in der Kinderstube droben nicht zu halten und wollte immer nur bei »Großma« sein. Er hatte die alte Dame beständig am Rockzipfel, sie mochte gehen wohin sie wollte; in 63 Küche und Keller, in alle Zimmer trippelte er neben ihr, und auf dem Gesicht der liebenswürdigen Frau lag ein glückseliges Leuchten. Nichts wurde ihr zuviel für das Kind, sie bewunderte jeden seiner Einfälle, auch wenn sie gar nicht zum Bewundern waren; sie wehrte dem Tadel seiner Mama, obgleich Schwester Gretchen händeringend klagte, daß er auf Lebenszeit in Grund und Boden verzogen werde. Aber Großmutter Stetten, die sonst so Gestrenge, war taub und blind für alles, ausgenommen den Liebreiz des kleinen Wichtes.
    Wenn die Sonne warm schien, ging sie mit ihm auch zuweilen in den Garten, und dabei erzählte sie ihm allerhand Geschichten und Schnurren. Ich traf die beiden Liebesleutchen eines Tages Hand in Hand an der niedrigen Gartenmauer spazierend, hinter welcher die Inne entlang schäumte. Sie erzählte dem kleinen Kerl gerade, daß nun bald der Osterhase kommen werde, um in dem Garten schöne bunte Eier zu legen für das artige Hänschen.
    »Wo kommt er her?« fragte das Kind.
    »Von den Bergen drüben, schnurstracks hier über die Mauer,« sagte Großmutter.
    »Durch das Wasser?«
    »Ei, der kann schwimmen, so ein Osterhase kann alles, Hänschen.«
    »Aber dann wird er ja naß, Großmama?«
    »Schadet nichts; die Ostersonne trocknet ihn wieder.«
    »Hm! Wie viel Eier legt er denn, Großma?«
    »Nun – wie viel möchtest du denn haben, Herzchen?«
    »Hundert!« sagte das Kind, und sein Gesichtchen wurde ganz rot vor Entzücken.
    »Das ist wohl zuviel,« meinte die alte Dame, »du mußt weniger fordern, sonst kommt er nicht; wie kann so'n armer Hase gleich hundert Eier legen?«
    »Nun, dann tausend!« sagte der Kleine, »dann bloß tausend!« und dabei streckte er die Ärmchen gegen mich aus und wollte hoch gehoben sein, um den Fluß fehen zu können, durch den der Osterhase schwimmen werde.
    64 Ich nahm ihn hoch und er machte große Augen, als er das schäumende gurgelnde Wasser sah, das mit rapider Schnelligkeit über das Wehr schoß. Auch Großmutter blickte hinüber.
    »Es hat zu rasch getaut in den Bergen, Liesel,« sagte sie, »hoffentlich steigt die Inne nicht noch mehr, es könnte mich sonst meine Hyazinthenrabatten kosten.«
    In diesem Augenblick, ich hielt den Kleinen noch auf dem Arm, kam die »Neue«, wie sie noch immer hieß, mit zwei gefüllten Eimern durch das Pförtchen in der niedrigen Mauer vom Fluß herauf und ging dem Hause zu. Sie dachte nicht daran, die Tür wieder zu schließen, von welcher einige Holzstufen zur Schöpfstelle hinunter führten, deren zweite bereits vom Wasser bespült wurde.
    Großmutter blieb stehen und rief ihr nach: »He – du – Auguste, schließe die Tür,« und einen besorgten Blick auf den Liebling werfend, der noch immer von meinem Arm herab das tosende Wasser anstaunte, setzte sie hinzu: »Noch dazu jetzt, wo Kinder im Hause sind. Vergiß es nicht wieder, hörst du?« Und in ihrer alten Schalkhaftigkeit, die sie immer so jung erscheinen ließ, rief sie: »Nommels Großmutter hat auch stets die Tür zugemacht.«
    Die »Neue« wurde dunkelrot, knallte die Pforte zu, ergriff ihre Eimer und ging stolz wie ein Spanier von dannen.
    Wir lachten beide, und das Kind, das dies bemerkte, schrie vor Vergnügen, nur weil es seine Urgroßmutter lachen sah. Es war auch so ansteckend, dieses Lachen der alten Frau, so herzensgut, so harmlos, fast kindlich. »Paß auf, Liesel,« meinte 65 sie schalkhaft, »nun habe ich bei Auguste ins Fettnäpfchen getreten.«
    Kathrin hatte indessen lediglich ihrer Küche gelebt. Über all unserem Jubel, den Familienbesuchen, dem Spielen mit den Kindern hatte ich es ganz vergessen, sie noch einmal zu fragen, ob sie nun eine Stelle habe oder nicht. Großmutter, die ich darum anging, wußte nichts und behauptete, Kathrin lege es darauf an, zu bleiben, denn sie habe mit ihrer Pfiffigkeit längst weg, daß die »Neue« hier nicht passe.
    »Findest du das wirklich, Großmama?« fragte ich, innerlich ein wenig lächelnd.
    »Ja, Kind, ach ja! Aber ich lasse es mir nicht merken – Stettens wegen nicht, der am liebsten Kathrin behielte. Aber, Kind, ich will sie nicht mehr, ich kann sie kaum noch sehen seit der Frechheit damals. Wäre unser Besuch nicht hier, ich zahlte ihr Lohn und Kostgeld aus und schickte sie lieber heute als morgen fort.«
    »Ach, Großchen,« bat ich, »sie hängt so an dir, sie hat dich so nett gepflegt, als du krank warst –«
    Aber die alte Dame machte plötzlich eine eiskalte Miene, und ich wußte nun, daß Kathrins sämtliche Intrigen, alle ihre 66 noch so fein oder grob gesponnenen Ränke, die darauf hinausliefen, ihr Bleiben zu bezwecken, aussichtslos waren; daß ihre Frikassees, ihre Schleie mit Dillsauce und ihre großartigen Puddings verlorene Liebesmüh bedeuteten.
    So kam Ostern heran. Die ganze Familie wurde ja erwartet, und es gab furchtbar viel im Hause zu tun, schon allein das Kuchenbacken! Der erste April fiel auf den dritten Feiertag, an diesem sollten nicht nur Schwester Gretchen, die Kinder und ich wieder fort, es war auch der Abschiedstag für Kathrin. Der Lenkwitzer Onkel hatte uns alle zum zweiten Feiertag gebeten; am ersten sollte sich, wie immer, die Tafelrunde bei den Großeltern zusammenfinden, eine Menge Menschen, denn allenthalben waren Kinder und Enkel zugereist, auf dem Gute und in der Stadt. Gretchen erwartete ihren Mann, den großen Hans, am Ostersonnabend, und Flickdorchen war bereits am Stillen Freitag angelangt.
    Sie und ich hatten das Färben der Eier übernommen und Kathrin hatte uns wortlos ihre blitzblanke Küche zur Verfügung gestellt.
    Es war am Ostersonnabend nach dem Mittagessen, Großmutter und Großvater schliefen, Gretchen war in die Stadt gefahren, um ihren Mann abzuholen, die mürrische dicke Kinderfrau weilte mit ihren Pflegebefohlenen im Garten, unter den Linden. Sie saß strickend auf der Bank, das Kind lag im Wagen und schlief; Hans galoppierte, angetan mit einem roten Jäckchen und einem Kürassierhelm mit seinem Steckenpferdchen auf dem Platze umher. Die »Neue« war irgendwo beschäftigt, ich ahnte nicht womit, glaubte aber, sie werde wohl im großen Zimmer die Tafel für das morgende Mahl decken. Dorchen und ich achteten gar nicht weiter auf Kathrin, sondern vertieften uns ganz in unsere roten, grünen und blauen Eier; sie schaffte umher am Fenster bei der Aufwaschbank, dann ging sie hinaus mit den schweren messingbeschlagenen Wassereimern aus Eichenholz, und Dorchen sagte ihr nachschauend: »Man kennt sie ja gar nicht mehr wieder, die dicke Kathrin! Sie ist ganz abgekommen, mager und sieht aus wie ein Gespenst mit den 69 großen Augen. Meiner Seel, Fräulein Liesel, wenn sie sich so grämt, ist's ja auch kein Wunder. – Dauern tut sie mich doch sehr –«
    In diesem Augenblick hörte ich vom Flur meiner Großmutter Stimme: »Frau Wabe! Frau Wabe!« Es lag etwas ungewohnt Schrilles darin, und mit zwei Sprüngen war ich aus der Küche und bei ihr. Sie stand in der geöffneten Haustür und rief noch immer: »Frau Wabe! Frau Wabe!« in den Garten hinaus, und die ganze zierliche Gestalt bebte vor Aufregung.
    Unter der Linde saß die dicke Kinderfrau und schlief den Schlaf des Gerechten, das Kleine im Wagen schlief auch noch immer, und sonst war niemand auf dem Platze, niemand – nichts als das verlassene Steckenpferdchen.
    »Hans!« sagte ich. »Wo ist Hans?«
    »Wo ist Hans?« stammelte die alte Frau mir mechanisch nach, und ihre Lippen zitterten.
    »Hans! Hänschen!« rief ich lauter und lief angstvoll hinunter und schüttelte die Schlafende an den Schultern und rief in einem fort: »Hans! Wo ist Hans?«
    Sie fuhr empor und sah sich erschreckt um, und just in diesem Augenblick ließ sich ein lauter Hilferuf von der Inne her vernehmen, der grell das Rauschen des Wassers übertönte: »Hilfe! Hilfe!«
    Ich stürzte den Gang hinunter der Mauer zu, und als meine Augen über die gelblich schimmernde Flut irrten, da erblickten sie mitten in den Wirbeln des stark angeschwollenen Flusses – Kathrin, die bis an den Hals drinnen watete und wankte und mit beiden hochgestreckten Armen etwas Rotes, Kleines, Lebloses, unser Hänschen, über den Wogen hielt, und ich sah, wie sie wankte unter dem Anprall des tosenden Wassers, und erkannte ihr in Todesangst verzerrtes Gesicht. Und wieder erscholl ihr verzweifeltes »Hilfe! Hilfe!«
    Ein einziger Fehltritt in eines der Löcher am Boden des Flußbettes, eine jener tiefen Stellen, wie sie das Wasser so häufig reißt, ein kurzes Nachlassen ihrer Kräfte – und sie trieb 70 auf den Wogen dahin, verloren, und mit ihr unser Liebling, unser Hans.
    Das alles ging mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch meinen Kopf, während ich ein paar Sekunden lang wie gelähmt stand. Erst als Großmutter mich an der Schulter rüttelte und, eine Stange vom Boden raffend, dem Mauerpförtchen zulief mit der Behendigkeit einer Zwanzigjährigen, sprang ich ihr nach und, bis über die Knie im Wasser stehend, hielten wir die Stange dem mit den Wellen kämpfenden Mädchen entgegen, die, immer das Kind über den Kopf haltend, mit fast übermenschlicher Kraft das Ufer zu gewinnen versuchte. Ein paarmal wankte sie, einmal stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und verschwand einen Augenblick unter Wasser, und dann tauchte sie doch wieder auf mit ihrer triefenden Last und schob sich langsam der Stange zu, und endlich, das Kind nur noch mit einer Hand tragend, hatte sie dieselbe erfaßt und so, mit dieser Hilfe gewann sie mühsam die Treppe, an der wir ihr die Hände entgegenstreckten, um das Kind zu nehmen.
    Großmutter riß das leblose Würmchen an sich und eilte dem Hause zu, Kathrin aber, das große starke Geschöpf, lag auf den umspülten Stufen, den Unterkörper noch im Wasser, wie bewußtlos. Ich bemühte mich, sie emporzuziehen, aber der kräftige Körper war mir viel zu schwer, und schon öffnete ich den Mund, um Hilfe herbeizurufen, da raffte sie sich auf, kroch die Stufen empor, ohne meine dargebotenen Hände zu beachten, stand plötzlich aufrecht und ging mit schwankenden Schritten, ohne nach rechts und links zu sehen, den Gang entlang.
    Ich stürzte an ihr vorüber; Kathrin lebte ja, was ging sie mich in diesem Augenblick noch an? Meiner ganzen Seele hatte sich Angst um das Kind bemächtigt – ist es tot? Wird es wieder leben? Ich sah den Kutscher aus dem Hause stürzen, der zum Arzt reiten sollte, ich sah die »Neue« mit rasenden Sprüngen den Weg zum Lenkwitzer Herrenhause nehmen, um den Onkel zu holen. – – Im Wohnzimmer waren sie um das Kind beschäftigt, die Großmutter und Flickdorchen; die Kinderfrau lag im Winkel der Stube vor einem leeren Rohrstuhl und wimmerte und schrie.
    71 »Hierher, Liesel,« kommandierte Großmutter, »hilf mir, wir müssen künstliche Atmungsversuche machen. Geh zur Seite, Stetten, setze dich, du kannst nichts helfen. – Siehst du, so – Liesel – und so –« Und die alte Frau führte mit leichter, aber fester Hand die vorschriftsmäßigen Hilfen aus, die sie als geübte und erfahrene Landbewohnerin kannte, und so gut es meine zitternden Hände verstanden, half ich ihr, während Dorchen wollene Decken und Wärmflaschen herbeitrug.
    Alle hatten wir denselben entsetzlichen Gedanken beim Anblick des kleinen, furchtbar bleichen Gesichtes, um das die nassen Haare klebten: was werden die Eltern sagen, wenn ihr Kind nicht mehr am Leben ist, die Eltern, die so ahnungslos hier ankommen werden heute abend, die ihr Kind von uns zu fordern das Recht haben?
    »O Gott im hohen Himmel,« jammerte die Kinderfrau, »straf mich nicht so hart für das bißchen Schlaf, laß das Kind nicht tot sein, ich muß mir ja sonst selbst das Leben nehmen!« Dorchen führte sie fast gewaltsam hinaus, und nun war es unheimlich still um uns fieberhaft beschäftigten Menschen. Großmutters Gesicht werde ich nie vergessen: wachsbleich mit perlenden Schweißtropfen auf der Stirn, so furchtbar ernst und starr die Augen.
    »Laß es, Anita,« flehte Großvater endlich, »es ist zu spät – komm, mein armes, armes Herz!«
    Aber sie stieß ihn zurück und, ihre müden Arme sinken lassend, beugte sie sich zu dem Liebling nieder und, Mund auf Mund legend, begann sie, ihm Atem einzublasen. – Minute auf Minute 72 verrann, nichts rührte sich in dem Zimmer, nur das tiefe laute Atemholen der alten Frau, die, ohne Aufhören, unermüdlich fortfuhr, dasselbe zu tun, unterbrach die Stille; mir schien es fast unheimlich, wie das Gebaren einer Wahnwitzigen.
    Und da auf einmal hob ein kurzer Atemzug die Brust des Kindes.
    »Großmutter!« schrie ich.
    Aber sie hörte nicht, sie fuhr unbeirrt fort – und wieder das kurze Atmen und endlich ein regelmäßiges leises Luftschöpfen. Und nun hielt sie inne, denn die bläulichen Lippen des Kleinen röteten sich wieder. »Warme Tücher,« sagte sie todmatt, »Bürsten – reibe ihn, bürste ihn, bis er schreit –« und sie sank wie ohnmächtig in die Arme Großvaters, der sie zum Sofa führte; und dort saß sie, den Kopf an seine Schulter gelehnt, wie gebrochen.
    Im Nu war der Befehl ausgeführt, das erstarrte Körperchen in wollene Decken gehüllt, und ein leises ärgerliches Weinen verkündete das zurückgekehrte Leben. Als der Doktor kam, fand er nichts mehr zu tun bei dem kleinen Patienten, nur bei Großmama, die fiebernd und weinend im Bette lag mit kalten Kompressen auf dem Herzen, und das ganze Zimmer roch nach Baldrian.
    Hänschen befand sich in seinem Bettchen oben und sollte möglichst schwitzen; die Eltern des Kindes waren noch nicht zurück, auch vor Abends zehn Uhr nicht zu erwarten, da Schwager Hans zunächst meine Eltern begrüßen wollte, und so herrschte nach den entsetzlichen paar Stunden eine große Stille im Hause. Nur Kathrin wirtschaftete in der Küche umher, als sei nichts geschehen. Ich war bei ihr gewesen, hatte ihr unter Tränen die Hand gedrückt und gedankt, war aber gar nicht angekommen damit.
    »Was ist denn da weiter?« sagte sie.
    »Kathrin, Sie konnten ja mit ertrinken!«
    »Wäre mir grad recht gewesen, dann hätt' ich's nu überstanden.«
    »Sprechen Sie nicht so, Kathrin! Sagen Sie, haben 73 Sie denn etwas Warmes getrunken? Spüren Sie auch keinen Frost?«
    »Ich, nee, Gott soll mich bewahren! – Haben Sie sich man nich, Fräulein, das schad't mich nichts.«
    »Wie ist's denn gekommen, Kathrin? Sagen Sie doch nur!«
    »Die alte Kreuzspinne hat natürlich die Schuld daran,« stieß sie endlich hervor, »hat bei's Badewasserschöpfen die Pforte aufgelassen – so 'n Döskopf wie sie is! Und das kleine Wurm hat mit seiner Gerte 'ne tote Katze ans Ufer bringen wollen, die im Weidengestrüpp hängen geblieben war. Und was der Döskopf is – erzählte ja unter Lachen dem Christian, daß das Jungchen schon ein paarmal mit ihr nach der Inne hinuntergelaufen sei, und wie er das tote Vieh gesehen, habe er geschrieen, der Osterhase sei ins Wasser gefallen, sie solle ihn herausholen. Na, dann hat sie nicht weiter auf das Kind gepaßt, die olle Waben hat geschlafen, und da wird er jawoll, wie er die Tür offen gesehen, den Osterhasen selber haben retten wollen, hat 's Übergewicht gekriegt und war weg wie nischt! Als ich hinkam, sah ich da was Rotes mitten im Wasser, da bin ich eben gleich hinein. – 's is ja weiter nichts, man bloß die ollen tiefen Löcher, wo einem der Boden unter den Füßen weg is mit einmal, und weil ich man einen Arm frei hatte und das Wasser so 'n arg Gefälle hat beim Wehr.«
    »Kurz und gut, Kathrin, Sie haben unsern kleinen Liebling gerettet mit eigener Lebensgefahr.«
    »Nu, was is da weiter? Das is doch all eins!« wiederholte sie bitter und ihre Stimme schwankte, »all eins!« Und sie schritt an mir vorüber mit zwei großen Schüsseln Hundefutter. »Die ollen Köters sollen doch, solange ich hier bin, wenigstens noch ihr Recht haben,« setzte sie hinzu, »hernach können sie sich man allmählich das Fressen abgewöhnen, die ›Neue‹ kann sie nich ansehen, die armen Kreaturen.«
    Sie dachte ans Geringste, selbst an diesem Tage und in dem Hause, das sie fortan meiden sollte. Draußen auf dem Hofe umwedelten sie die Hunde; sie liebte die Tiere; überhaupt alles Vieh, und das war immer so nach Großvaters Herzen gewesen. 74 Der »Neuen« traute er nicht in diesem Punkt, er hatte einmal gesehen, wie sie nach der alten halbblinden Juno getreten, und er klagte es mir damals; wahrscheinlich habe Nommels Großmutter die Hunde auch nicht leiden mögen, setzte er wie im Scherze hinzu, um seinen grimmen Ärger etwas zu verbergen.
    Ich blieb am Küchenfenster stehen und dachte, daß es doch unbegreiflich sei von meiner Großmutter, dem Mädchen nicht einmal zu danken, und daß ich, trotz des Kürassiers, so viel Treue, so viel Hingebung aus meinem Hause nimmer gehen lassen würde, zumal heutzutage nicht, wo echte Anhänglichkeit immer seltener wird. Ich will Gretchen bitten, sie mitzunehmen, gelobte ich mir, und ich war überzeugt, daß das warmherzige Frauchen alles tun werde, um der Retterin ihres Kindes dankbar zu sein.
    Aber würde Kathrin das wollen, Kathrin, deren ganze Welt sich in Großmutter und deren Wirtschaft verkörperte?
    Zum ersten Male fühlte ich, daß ich Großmutter nicht verstand, daß auch sie nicht ohne Fehler sei. Ich fand ihr Benehmen kleinlich, und das drückte mich tiefer zu Boden, als ich beschreiben kann. Ganz niedergeschlagen ging ich in mein Zimmer hinauf, nachdem ich vorher noch einmal in der Kinderstube nachgesehen hatte. Der Kleine lag in heilsamem Schweiß und schlief, die Kinderfrau saß, noch immer schluchzend, am Fenster und schrieb einen Brief. »Gnä' Frau wird mich ja nicht behalten,« erklärte sie, »o Gott! o Gott! und ich habe die Kinder doch so lieb!«
    An das Abendessen dachte heut niemand. Es wurde mählich finster, und ich saß noch immer an meinem Fenster; hinter den Bergen wurde der Mond sichtbar, eine schmale Sichel, halb verschleiert von Wolken. Ich konnte über den Garten hinweg den Fluß sehen, und es überkam mich ein Grauen ohnegleichen. Wie entsetzlich rasch kann ein trauriges Schicksal über uns ohnmächtige Menschen hereinbrechen! Die Sonne geht auf, und wir lachen dem neuen Tag entgegen, der uns Glück und Freude bringen soll, und wann er scheidet, haben wir Furchtbares erlebt, und Hoffen und Glück sind gebrochen, vielleicht auf ewig. – –
    Und doch, wie dankbar müssen wir alle heute sein, da uns das Schwerste gnädig erspart worden!
    75 Wenn nur die Aufregung ohne böse Folgen an der alten Frau vorübergehen möchte; sie war stark in Gefahr, und wenn die Spannung nachließ, würde nicht die zarte Gesundheit dafür büßen müssen? Mir schlug plötzlich das Gewissen: ich war ein wenig grollend von ihrem Bette fortgegangen und hatte mich während mehrerer Stunden nicht um sie bekümmert.
    Im nächsten Augenblick schon war ich auf dem Wege zu ihr. Als ich in das Wohnzimmer trat, brannte die Lampe noch nicht, aber ich sah schattenhaft die Gestalt der Großmutter inmitten des Raumes stehen.
    »Bist du aufgestanden?« fragte ich, »wie geht es dir denn?«
    »Gut!« antwortete sie kurz. »Wo steckt ihr nur alle?« schalt sie dann, »kein Mensch ist zu finden, einzig und allein die Kathrin war 'mal wieder auf dem Platze.«
    »Warst du in der Küche, Großmutter? Hat dir Kathrin – hast du mit ihr gesprochen?« stotterte ich. »Denke doch, ohne sie, Großmutter – liebe Großmutter –«
    »Was willst du denn eigentlich?« fragte sie laut, »was denkst du denn? Ich habe ihr gesagt: ›Kathrin,‹ habe ich gesagt, ›du wirst doch nicht fort wollen von mir? Gelt, Kathrin, wir zwei können uns doch gar nicht trennen?‹ und dann, als sie dagestanden hat wie Loths Weib, da bin ich –« Großmutter schluckte ein paarmal, als habe sie etwas in der Kehle – »da habe ich meine Arme um ihren Nacken gelegt und habe sie geküßt. – Kind, lache mich nicht aus, ich konnte nicht anders, wirklich nicht –« und ihre Stimme erstickte in Tränen.
    »Großmutter!« schrie ich entzückt, »du bist ein Engel – du bist – so etwas gibt's gar nicht mehr!« Und ich küßte sie so ungestüm, und dann stürzte ich hinunter in die Küche und tat, was Großmutter getan.
    »Kathrin, Sie bleiben bei uns, Sie bleiben!« jubelte ich, und Auguste stand dabei und machte ein saures Gesicht.
    »Fräulein,« begann sie, »ich wollte nur bitten, sagen Sie doch der gnädigen Frau, wenn ihr's recht ist, ziehe ich zum ersten Mai wieder ab; ich habe heute einen Brief gekriegt von – –«
    »Von Nommels Großmutter?« rief ich.
    »Nee, nich von Nommels Großmutter – von meinem Schatz, ich tu' heiraten,« erklärte sie empfindlich.
    »Schön, Auguste; ich bin überzeugt, daß Großmutter Ihrem Glück nicht im Wege stehen wird.«
    »Fahren Sie man ab mit gutem Winde,« erklärte Kathrin, deren Wut auf die »Neue« jetzt nicht mehr einzudämmen war, »for meinswegen heute abend noch.«
    »Sie haben hier gar nichts zu sagen! Spielen Sie sich man nich auf, als ob Sie Wunder was bei der Gnädigen gelten täten!« rief Auguste.
    Da stellte sich Kathrin in ihrer ganzen Massigkeit vor die »Neue« hin, die Arme in die Seite gestemmt. »Ob ich hier was gelten tue?« rief sie, »na, ich dächte doch! Hat Ihnen Ihre Herrschaft denn schon geküßt? Ich meine, eine von Ihren Madams? Das hat sicher nich 'mal Nommels Großmutter getan. Denn ihr halte ich for eine ganz vernünftige Frau, weil daß sie Sie nicht behalten hat im Dienst. Na also, und nun machen Sie man keine Fisimatenten und drücken Sie sich gefälligst aus meiner Küche. Und zur Hochzeit brauchen Sie mich auch nich einzuladen, weil, daß ich zu eine angehende Mörderin doch nich 77 komme; und Sie können man Gott danken, daß das Kind nich an Ihrer offen gelassenen Türe gestorben is – Sie – Sie –«
    »Kathrin!« rief ich entsetzt, »wenn Großmutter Sie hörte!«
    »Kann mich hören, Fräulein, gnä' Frau kann mich hören, sie weiß, wie ich's meine, denn jetzt kennt sie mir, und auf diese Welt kann uns nichts mehr trennen, ausgenommen, ich müßte heiraten. Nee, Fräulein, nu stecken Sie sich man lieber nich zwischen Ihre Großmutter und mir, wir beide sind einig for immer.«
    Und so war's auch. Kathrin hat der alten Frau in guten und bösen Tagen beigestanden; sie ist bei ihr gewesen, als Großvater so plötzlich starb, und hat ihr selbst die Augen zugedrückt, als sie uns im hohen Alter entrissen ward. Großvater hatte Kathrin die Rettungsmedaille verschafft; sie trug dieselbe an allen hohen Festtagen, auf ihrer eigenen Hochzeit, bei Begräbnissen und Taufen in unserer Familie und wenn sie zum heiligen Abendmahl ging. In ihren letzten Lebensjahren äußerte sie noch einen Wunsch, den sie immer wiederholte. Sie lebte in einem sogenannten Spittel, hatte dort ein nettes Stübchen und ruhte, Strümpfe strickend und Kaffee trinkend, aus von ihrem arbeitsvollen Leben, und wenn ich sie besuchte, dann sprach sie gern von ihrem Tode, und endlich kam auch der Wunsch: einen recht feinen Sarg und einen schönen Nachruf im Wochenblättchen! Wenn 78 sie das sicher wüßte, dann könnte sie sich doch noch auf etwas freuen auf dieser Welt. Ich versprach es ihr.
    Und als sie heimgegangen war, da stand im Wochenblatt zu lesen, daß Kathrin So und So, geborene Zeugler, Inhaberin der Rettungsmedaille, die treueste Seele gewesen, nicht nur als Dienerin, sondern auch als Freundin, die mit Gefahr ihres eigenen Lebens ihre Herrschaft vor großem Schmerz bewahrte. Unterschrieben: Die dankbaren Familien v. Stetten und v. Reinecke.
    Meine Schwester Gretchen stiftete den Sarg; ihr Sohn, der Leutnant v. Reinecke, einen herrlichen Kranz, und seine niedliche Braut am Arm wanderte er beim nächsten Urlaub hinaus auf den Friedhof zu Kathrins Grab.
    Ja, ja, wenn diese Kathrin nicht gewesen wäre, diese ungeschlachte, ungebildete Kathrin, die dennoch das Beste besaß, was es auf der Welt gibt: ein treues Herz!
  


    79 Korl Lorensen.
    Ich gehe schon den ganzen Tag in Gedanken an eine neue Geschichte umher; was soll ich diesmal meinen freundlichen Lesern erzählen? Es gäbe gewiß noch vieles zu berichten aus dem Lenkwitzer Forsthause, aber mir fällt just nichts ein. Eigentlich habe ich auch schon zu oft geplaudert von den alten Begebenheiten; es könnte wirklich einmal etwas anderes sein – aber was? Vielleicht Geschichten aus der Gegenwart? Aus dem Hause, dem großen Mietshause, in dem ich wohne? Oder von der Straße – Geschichten, deren Inhalt sich an Vorübergehende knüpft, so eine Art Chronik der W.-Straße? Oder Begebenheiten aus der Dorfgasse, in der das Haus meiner Eltern steht?
    Es gibt überall Interessantes, aber man muß es nur erst haben, sehen; lebendig werden müssen die Gestalten, die schattenhaft an meinen Augen vorübergleiten. Aber so viele ich auch heute festhalte und sie frage: »Nun sag, was könntest du wohl erlebt haben – und du und du?« sie bleiben stumm, schweben vorüber und zerfließen; sie lassen mich allein.
    Nichts!
    Ein Königreich für den Stoff zu einer neuen, fesselnden Geschichte! Und dabei ist's so friedlich in meiner Schreibstube, so recht zum Arbeiten geschaffen. Der Regen, der sich gegen Abend eingestellt hat, schlägt an die Fenster, der kleine Amerikanerofen steht und sieht mich mit feurigen Augen durch 82 die leichte Dämmerung an, die schon herabsinkt, und die Uhr tickt, die winzig kleine Schwarzwälderuhr, die ich mir einmal für fünf Mark in Rippoldsau erstand und die seit Jahren ihr Ticktack hören läßt, so traut und lieb, daß ich ihr immer wieder von neuem verzeihe, wenn sie so ganz und gar nicht richtig gehen will. Der Wind heult auch recht hübsch da draußen; aber das macht mein Zimmer noch behaglicher. Wenn nur ein Stoff da wäre für die Geschichte, dann müßte es ein reizender Abend werden. – Denken wir nach!
    Ich könnte ja vielleicht von meinen Reisen erzählen? Freilich, das geht – versuchen wir es! Da vor mir steht ein Briefbeschwerer, der geflügelte Löwe von San Marco. – Venezia! Ich sehe die Gondeln gleiten, ich höre den Schrei der Gondeliere. Der Mondschein flimmert auf dem Canale grande, weiß leuchten die Marmorpaläste, und eine weiche Männerstimme – ein erster Schmalztenor, wie man in Berlin sagt – klingt in mein Ohr.
    O du zaubervolles, göttliches Venedig, wenn nur nicht schon so über alle Maßen viel von dir erzählt wäre, das alles auf Mondschein, Meer und Gesang, auf Marmorpaläste und Gondeln herauskommt! Nein, Venedig gebe ich auf – aber was nun?
    Meine Gedanken fliegen von der stolzen Dogenstadt, hingelenkt durch einen Tannenbruch, der hinter dem Bilderrahmen über meinem Schreibtisch steckt und von dem schon die meisten Nadeln abgefallen sind, nach dem kleinen märkischen Städtchen, in dem mein Vater fünf Jahre lang in Garnison stand. Der Bruch stammt noch von einer Schnitzeljagd, welche die Ulanen ritten, bei der auch die Damen mit den Tannenzweiglein beschenkt wurden am Schluß. Ich sehe die Heide wieder, die Häuser eines Dorfes mit dem geschnitzten Gebälk am Giebel, ich sehe die blausilbernen Reiter, und weit dahinter einen Eichenwald. Das Gras wächst auf dem Marktplatz des Städtchens, die Laternen schwanken an Ketten über der Straße, und der einzige Kirchturm ist beinahe so schief wie der von Pisa. Aber Geschichten kann man da finden – o – man glaubt nicht, was alles die alten Giebelhäuser wissen in den engen Gassen. Gehen wir also in S . . . auf die Suche.
    83 Kling! Kling! Kling! Die Vorplatzklingel! – Lieber Himmel, da kommt Besuch, Besuch in meine schönste Arbeitsstimmung hinein! Ich höre meine Zofe parlamentieren im Korridor, eine Männerstimme sagt: »Nur einen einzigen Augenblick – melden Sie mich nur, ich gehe ja gleich wieder!«
    Donna Hedwig kommt lächelnd herein zu mir: »Herr Seeberg!«
    Albert Seeberg? Den kann man nicht abweisen, denn erstlich ist er ein alter Bekaunter, zweitens ist er ein sehr guter Gesellschafter und drittens ein liebenswürdiger Künstler, einer von denen, dessen Bildern man noch ansehen kann, was sie vorstellen sollen. Also, herein mit Herrn Albert Seeberg!
    »'n Abend, Fräulein Heimburg – störe ich?« fragt er gleich darauf.
    »Nein, nein!« sage ich höflich.
    »Doch nicht bei der Arbeit?«
    »So ganz noch nicht, ich suche nach –. Wissen Sie keinen Stoff für eine neue Geschichte?«
    Er schüttelt den Kopf. »Haben Sie denn nicht ein altes Tintenfaß aus Lenkwitz, das Sie diesmal ›verknacken‹ können?« sagt er und macht sich's bequem in einem Fauteuil.
    Ich verneine lachend. »Ich möchte 'mal etwas anderes erzählen als von alten Tintenfässern und dergleichen.«
    »Ja, wissen Sie, Verehrteste, auf Kommando erscheint die Muse nicht, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Warten Sie, bis Sie ungerufen kommt, und erzählen Sie sich lieber etwas mit mir.«
    »Schön, fangen Sie nur an!« erwidere ich.
    »Das Wetter war famos, warum gingen Sie nicht spazieren heute?« fragt er statt dessen.
    »Weil ich arbeiten wollte. Übrigens das Wetter ist ein vielversprechender Anfang zum Plaudern.«
    »Na ja, mit etwas muß man doch beginnen,« meint er.
    »Das ist sehr richtig! Sagen Sie, wie geht's daheim, in Holstein?«
    »O, ick dank veelmal – geiht so,« antwortet er auf Plattdeutsch, denn er ist ein A . . . er Kind und hält viel auf seine »ollen Öllern« un op sin Vaderstadt.
    84 Nun ist A . . . zwar nicht meine Vaterstadt, aber H . . . ist meines Vaters Geburtsstadt, beide stehen in sehr naher Beziehung zueinander, ich liebe sie sehr, die alte stolze Hansestadt, und folglich auch A . . . Im Umsehen befinden wir uns in einem Gespräch und vergleichen H . . .s und Dresdens Reize, und von da kommen wir auch auf das Künstlerleben beider Städte, und dann ist's wieder nur ein Schritt, daß wir auf Meister Alberts Kunst im besonderen kommen.
    »Wann haben Sie sich denn entschlossen, Maler zu werden?« erkundige ich mich. »Wollten Sie es von vornherein oder wünschten es Ihre Eltern?«
    »Wissen Sie denn das nicht?« fragt er zurück.
    »Nein! Sie waren grad nicht sehr mitteilsam bisher über diesen Punkt.«
    »O, eigentlich spreche ich nicht gern davon,« verteidigt er sich, »weil's mich immer so ein bißchen weich macht, so, so – –. Habe ich Ihnen davon wirklich noch nicht gesprochen?«
    »Tatsächlich nicht. Bitte, bitte, erzählen Sie doch, vielleicht –«
    »Ach so! Nun gedenken Sie möglicherweise mich zu ›verknacken‹ anstatt des Tintenfasses?«
    »Großer Gott, wieder der Ausdruck! Möglicherweise – ja! wenn's mir paßt.«
    »Also los!« sagt er. »Wenn manchmal ›en plattdütscher Snack‹ mit vörkommt, verzeihen Sie wohl?«
    »Natürlich! Ick verstah all.«
    »Also, in A . . . . . am Rathausmarkt bin ich geboren, und mein Vater war Kunsthandwerker, der höllisch arbeiten mußte für sin Fru un sine sös leewen Kinner. Sobald ich verständig genug war, mußte ich ihm helfen in meinen freien Stunden, denn he kost doch gar to veel Geld, so'n Sles. Aber darum war's doch eine schöne Kinderzeit, und Gelegenheit zum Spiel und zu dummen Streichen blieb immer mehr, als gut war. Und manche Tracht Schläge hat Mudder mi spendeert 85 wegen zerrissener Büxen un Kittels. Mein liebster Spielgefährte war Korl Lorensen. – – – – – – Herrje, Fräulein Heimburg, dieser Korl, der wär' am Ende einer, den Sie grad brauchen könnten für Ihre neue Geschichte, der wär' wirklich so ein Stück für eine Novelle; armer Kerl, dieser Korl Lorensen!
    Er wohnte bei seinem Onkel im Hinterhaus, seine Mutter hatte er nie gekannt, sie war gestorben, als er dreiviertel Jahr alt war. Auch sein Vater war ihm unbekannt geblieben, der befand sich, während Korl geboren wurde, als Schiffskoch auf dem »Glück von Dänemark« und ging mit verloren, als die Brigg verloren ging an der Küste von Schottland. Ein Onkel nahm Korl hin, oder vielmehr eine Tante tat es.
    Na, der Onkel, das war einer! Er hieß Eduard Heß und war ein verbummeltes Künstlergenie, war hinter dem Ladentisch fort zu den Schauspielern gelaufen, aber nie über die stummen Knappenrollen hinausgekommen. Dann hatte er sich der Malerei in die Arme geworfen, darin er auch liegen blieb, obgleich er nie einen Pinselstrich leistete, der einen Heller wert gewesen wäre, trotzdem er 'mal eine Zeitlang in Dresden »studeerte«. Dieses Studium hatte ihm indessen zu weiter nichts geholfen, als zu einem ganz niedlichen Größenwahn und einer ältlichen schwärmerischen Ehefrau mit kleinem Vermögen, die sich in das holsteinische Genie mit seinen Künstlerlocken, seinem Samtbarett und seinem »Wahnsinnsmantel« so blindlings verliebt hatte, daß sie ihm ohne weiteres, im Vertrauen auf sein Talent, von Dresden nach A . . . folgte und die einzige Seele blieb, die nie den Glauben an Eduards Künstlertum verlor – bis zuletzt, wo der nahende Tod sie hellsehend machte! Die alternde Frau hatte in Not und Entbehrungen gelebt mit ihrem Eduard, hatte ihn geschützt vor dem Verhungern mit ihrer Hände Arbeit und getreulich seinen Größenwahn ertragen, ohne je einen Vorwurf zu machen, obgleich er nie ein Bild fertig malte, nie eins verkaufte. Noch am Rande ihres Grabes nahm sie Korl Lorensen aus den starren Armen der eben gestorbenen Mutter, die ein Stück Verwandtschaft von Eduard Heß 86 war, zu sich in ihr armseliges Heim. Dann, nach kurzer Zeit ist auch sie gestorben, doch wohl aus Gram, daß von all ihrem erträumten Glück nicht weiter übriggeblieben war als die Künstlerlocken, das Samtbarett und der Wahnsinnsmantel ihres Eduard und Herr Eduard selber.
    Meine Mutter saß im Hinterhause bei dem armen Weibe, als es starb, und war zugegen, als sie ihren über alles geliebten Eduard ermahnte, doch seinen Stolz zu beugen und dem Bäcker op de anner Sid von Morkt das verlangte Aushängeschild mit den Rundstücken und Kringeln zu malen, denn er wolle doch essen und Korl Lorensen auch, und letzterer dürfe nie etwas anderes werden als ein braver Handwerker, das müsse Eduard ihr versprechen. Und Eduard hatte denn auch, heulend vor Jammer und Schmerz, gelobt, er wolle das Bäckerschild malen und Korl Lorensen solle Handwerker werden. Und Korl Lorensen hatte dabei in seinem hohen Stühlchen am Tische gesessen, mit den Beinchen gebaumelt, kreischend und lachend; er war eben fünfviertel Jahre alt.
    Meine Mutter nahm damals das kleine Unglückswurm mit zu sich ins Vorderhaus, für so lange wenigstens, bis der betrübte Witwer ein paar Tage später in seinem Wahnsinnsmantel, den er in düsteren Falten umgeschlagen hatte, und in seinem ganzen verdrehten Uptog vom Kirchhof zurückkehrte. Dann aber trug sie Korl Lorensen dem sogenannten Onkel wieder zu, der in malerischer Stellung in seinem Atelier saß vor einer leeren Leinwand, auf der er eben, unter rinnenden Tränen, die ersten Kohlenstriche machte zu dem Porträt seiner Entrissenen, die er aus dem Gedächtnis zu malen gesonnen war.
    Meine Mutter hat mir oft erzählt von diesem Anblick, und daß sie zu dem Eduardo gesagt habe: »So, min leew Herr Heß, da is nu de Jung – ick hew fif egene, de kosten uns naug. Nu hangen's man den ollen Mantel an Nagel un setten en ordentlich anständig Mütz op un malen Se Schiller. De Jung 89 will leewen – hest Se mi verstahn, min leewe Herr Eduard Heß?«
    Nun ja, daß der kleine Korl Lorensen essen wollte, das hatte er ja wohl verstanden, und er malte in verzweifelter Entsagung das Bäckerschild, und da es sehr schön ausfiel, so malte er auch fernerhin Schilder, durch welche Tätigkeit er sich und Korl Lorensen satt machte, ja er brachte es sogar so weit, daß oll Mudder Sörrensen die Aufwartung, die Pflege des Kleinen, die Reinlichkeit und das Kochen übernahm für wenige Schillinge den Monat. Aber der Wahnsinnsmantel, das Samtbarett und die ambrosischen Locken, die blieben, von denen trennte er sich nie, und nach wie vor liefen die Gassengören ihm hinterdrein und trieben ihren Spaß mit ihm, sobald er sich in den Straßen zeigte, um malerische Stimmungen zu erlauschen.
    Die Ausdrücke »malerisch« und »Stimmung« und ähnliche Schlagwörter klangen in meine kleinen Ohren hinein, als ich noch »en ganz dummer Jung« war, der weder lesen noch schreiben konnte, und blieben sitzen in meinem Kindergehirn, so fest, als seien sie eingeschroben. Ja, wenn ich recht bedenke, so ist Eduardo Heß schuld daran, daß ich Maler geworden bin.
    Korl Lorensen hatte von dem Tage an, wo er selbständig zum ersten Male auf noch unsicheren Beinchen, halb kriechend, den Weg in das Vorderhaus und in unsre Wohnung fand, ein für allemal den unbeschränkten Eintritt erworben. Meine gute Mutter trug das Herz auf dem richtigen Fleck. Der kleine Bursche, der da zwischen dem »verballerierten« Maler, wie sie Eduard Heß zu bezeichnen pflegte, womit sie wohl »verballhornisiert« meinen mochte, und der alten mürrischen Madam Sörrensen aufwuchs ohne jede Zärtlichkeit und liebevolle Pflege, jammerte sie, und sie litt es gern, daß wir Kameraden wurden, obgleich Korl Lorensen anderthalb Jahre jünger war als ich.
    Zuerst spielten wir noch unter ihren Augen; als wir größer und dreister wurden, auf der Treppe vor dem Hause oder im Hofe, und auch, als wir zur Schule gingen, blieb unsre Freundschaft unzertrennlich, trotzdem Korl in die Armenschule und ich in eine höhere Schule ging. Wir konnten kaum erwarten, uns in der 90 freien Zeit auf der Straße zu treffen, um dann gemeinschaftlich unsre Spiele zu treiben, entweder bei uns im Zimmer oder auf der Straße. Mein Höchstes und Schönstes aber war, wenn Korl Lorensen mich mit in seines Onkels Atelier nahm – »Atalihr« sprach Korl es aus, und ich ebenfalls –, während der Zeit, wo dieser seinen künstlerischen Entdeckungen und Stimmungen nachging. Dieses »Atalihr« hat als Tempel der Kunst mich seinerzeit mit den heiligsten Schauern erfüllt, obgleich es weiter nichts war als eine einstmals weiß getünchte schiefe Stube, deren Wände mit Skizzenblättern zweiselhaftester Güte behangen waren. In der einen Ecke stand eine Staffelei mit dem immer noch unfertigen Porträt der seligen Frau Heß, in der andern eine zweite Staffelei, auf welcher irgend ein Firma- oder Wirtshausschild prangte, in welchem Genre Herr Eduard Heß nachgerade einen bescheidenen Ruhm erlangt hatte. Sonst war da, außer schmierigen Pinseln, stark bekleckster nie gereinigter Palette, einem Farbekasten mit ausgequetschten und gefüllten Farbenblasen, Näpfen, Papierschnitzeln, Zigarrenasche und zerbrochenen Spachteln, die ein anmutiges Durcheinander bildeten, nichts Bemerkenswertes als das jeweilige Modell für den Künstler, das in Gemüse, in Obststillleben, in Bücklingen oder dergleichen bestand. Die Wirtshausschilder malte er nach seiner Phantasie, wovon mir das »Zum blauen Wasser« noch erinnerlich geblieben ist, weil die Wellen, die darauf abgebildet waren, wirklich ganz auffallend, ganz wunderbar blau erschienen. Im übrigen herrschte ein unglaublicher Schmutz in diesem geweihten Raum, der mich ebenso mit Staunen erfüllte wie alles andre, denn ich entstammte einem sehr reinlichen Haushalt. Meine gute Mutter hat ihr Lebtag Scheuern und Waschen für das A und O aller Gesittung und Kultur gehalten. –
    Eines Tages kam Herr Eduard Heß ungewohnt früh von seinem Spaziergang zurück und ertappte uns in seinem Allerheiligsten. Es mochte ihn mein andächtiges Gesicht, mit dem ich ihn und seine Leistungen anstaunte, erfreuen, denn er begann sehr leutselig ein Gespräch über Kunst mit mir dummem Jungen; es strotzte nur so von erhabenen Worten und Bildern, daß mir ganz schwindlig und benommen wurde und ich unwillkürlich die Hände 91 faltete und mit offenem Munde zuhörte. Was er alles sagte, weiß ich nicht mehr, aber der Schlußsatz ist mir in Erinnerung geblieben und hat vielleicht mein ganzes Schicksal bestimmt: »Dresden ist die wahrhafte Wallfahrtsstätte, zu der jeder kunstbegeisterte strebende Jüngling pilgern sollte, und wäre es nötigenfalls auf nackten Sohlen, wenn er keine Schuhe besitzt. Und dort möge er beten zu den Füßen der Sixtinischen Madonna, daß der Geist Raffaels über ihn komme.«
    Zu jener Zeit nun, wo uns Eduard Heß die Raupen in den Kopf setzte von Dresden und Raffael, war bereits stark die Rede 92 davon, daß Korl demnächst in die Lehre treten sollte bei Discher Maadsen nebenan. Und mit diesem Tage begann Korls Kampf um die Zukunft, begannen seine stillen Proteste gegen die Tischlerlehre und begannen seine heimlichen Malübungen, seine Versuche, malerische Stimmungen zu entdecken, von denen sein Pflegevater phantasierte und die er bisher vergebens herbeigesehnt hatte.
    Natürlich blieb ich nicht dahinten. Zunächst zwar verstand ich noch alles nicht recht, aber das Verlangen, mit Maleraugen sehen zu können, war übermächtig auch in mir vorhanden, und eines Tages war es da, das Wunder, so daß es mir durch die Seele fuhr wie ein elektrischer Funke: Herr Gott, wenn du malen könntest, so einfach festhalten – das – gerade das! Im Jahre 1864 war's, als mitten in der Nacht ein Zug dänischer Gefangener über den Rathausmarkt geführt wurde. Die Mondsichel droben am Himmel, haarscharf und silbern über dem Rathausdach, aus den Fenstern der Giebelhäuser am Markt das rötliche Licht der Anwohner, die, aus ihrer Ruhe geschreckt, an den Fenstern lauschten, auf dem Platz eine dicht gedrängte Menschheit und dazwischen der Zug marschierender Soldateska: hie und da blitzt ein Bajonett auf, leuchtet eine Pickelhaube vom Licht getroffen, das Ganze schattenhaft in einer gewissen bläulichen dämmerhaften Beleuchtung – Herr Gott, ist das schön, das muß es sein, was Eduard Heß »malerisch« nennt!
    »Mudder, ick much, ick künn dat malen,« flüsterte ich beklommen der Mutter zu.
    »Bist woll ganz ut de Tüüt?« fragte sie zurück, »malen? Wie kamst up malen? Willst woll ock so'n Snurrer warden as dat verballerierte Genie, de oll Eduord Heß? Malen – dat is för Lüd, de to nix anners good sünd.«
    O weh, mein Ideal! Aber mein Glaube war stärker. – Korl Lorensen teilte ich andern Tages mit, daß ich gestern meinen unzweifelhaftesten Beruf entdeckt habe und nunmehr fest entschlossen 93 sei, Maler zu werden und nach Dresden zu gehen, um den Geist Raffaels auf mich herabzuflehen.
    »Ja, Albert, dat must du,« gab er zu mit feierlichen sehnsüchtigen Augen, »un ick, ick gah mit un wenn ick utkniepen müst von Discher Maadsen. Un nahsten Sünndag gahn wi na H . . . un studeeren Malerisches un denn könnt wi dat alles noch besprecken.«
    Na, das geschah ja wohl, und auch des öfteren. Ich hatte für nichts mehr Sinn als für meine Zukunft, und als gar meine Schwester sich mit dem Zeichenlehrer einer Schule verlobte, da wuchs mir der Mut, denn meine Mutter konnte doch sehen, daß Leute, die zeichneten, schließlich nicht durchaus Tagediebe waren. Und so in diesem Beharren kamen die Jahre und verschwanden. Korl Lorensen und ich wurden konfirmiert an dem nämlichen Tage. Er war allerdings, wie gesagt, anderthalb Jahre jünger, aber für einen Tischler war frühes Eintreten in die Lehre erwünscht, und der vierzehnjährige rotblonde stämmige Junge mit den rotgefrorenen mächtigen Fäusten, der gedrungenen Figur, dem runden Apfelgesicht und den im Widerspruch mit all diesen Zeichen einer robusten bäuerlichen Natur stehenden sehnsüchtig verträumten blauen Augen schüttelte mir die Hand, als wir vor der Kirchtür auseinander gingen, und sagte: »Albert, ick mutt nu doch to Maadsen, aber Dresden gew ick nich op, un du blifst min Fründ, Albert, und du seggst mi dat woll, wenn du so wit bist, un denn komm ick mit. Min 94 Unkel Heß mutt un mutt dat för mi dohn, ick kann nich Discher blieben, ick will Maler warn.«
    »Och ja, Korl Lorensen, ick will di dat woll seggen, wann't so wit is, un Sünndags gahn wi, as sünst immer, spazeeren, dat wöllt wi fast hollen. Lat di god gahn, Korl! Ick sall ja nu woll bi minen Vadder in't Geschäft.«
    Ja, so war't ock. Ick kam denn nu to min allen goden Vadder un schufte da vör alle Gewalt. Und Abends machte ich Studien in meiner kleinen Kammer für meinen künftigen Malerberuf, und was mein Schwager war, der hatte schon ein paarmal zu meiner Mutter gesagt: »Er hat ein büschen Talent, ein ganz nüdliches Talent hat der Albert.« Aber keines der Eltern zeichnete darauf, keine Seele wollte auf meinen Herzenswunsch eingehen, nur einzig und allein Korl Lorensen verstand mich. So oft ich konnte, schlich ich durch das Nachbarhaus auf den Hof, natürlich Feierabends, und rief zu den Fenstern der Tischlerwerkstatt hinauf: »Korl, bist du bald fertig?«
    Manchmal kam er dann herunter, müde und matt, aber mit leuchtenden Sehnsuchtsaugen, die beständig in einer andern Welt zu sein schienen. Manchmal auch rief er: »Noch nich, Albert, hüt abend nich, min Beddstell is noch nich fertig.« Der arme Junge mußte nämlich jeden Tag eine Bettstelle fertigen von sehr primitiver Art, aber fertig mußte jeden Tag eine werden, da half ihm nix von. Discher Maadsen lieferte solche in Masse für Gott weiß welche Zwecke. Der Lehrjunge hatte eine zu machen, die Gesellen mehr als das. Aber wenn Korl Zeit hatte, standen wir flüsternd zusammen in irgend einem Winkel und schwärmten und schwiedeten einen Plan nach dem andern und stärkten unsre moralische Kraft für den Widerstand, dessen wir unsern Alten gegenüber so nötig bedurften. Eduard Heß hatte nämlich eine genau so schroffe Stellung gegen die Wünsche seines Pflegesohnes eingenommen wie meine Eltern gegen die meinen, nur daß Eduardo viel weniger zart verfuhr mit Korl Lorensen als die Meinen mit mir. Wie eine Beleidigung für seine Kunst sah er es an, daß so ein Slüngel, so'ne grobfadige Narur, so eine Knechtsseele – 95 wie er sich ausdrückte – sich unterstehen könne, auch nur die Falten des Gewandes ergreifen zu wollen, das die Muse der göttlichen Kunst umhüllt!
    Und der arme Junge zitterte und weinte nach solchen Szenen, und sein Kopf mit den rotblonden stacheligen Haaren bog sich in seine Hände und die Tränen flossen zwischen den plumpen Fingern hervor. Es war zum Jammern. Ich weinte zwar nicht, aber ich war trotzig, zum Verzweifeln trotzig, und wo ich konnte, brachte ich zu Hause mein Sprüchlein vor: »Ich will Maler werden! Vadder, lat mi doch! Mudder, ick bitt di, help mi doch!« Und als ich eines Tages nach Rücksprache mit meinem Schwager ein paar gar nicht üble Blätter vorlegte, die selbst meine ganz unkünstlerische Mutter verblüfften durch die Ähnlichkeit, mit der ich meine Schwester getroffen, und gar den »verballerierten« Eduard in seinem Wahnsinnsmantel, da ward Vater schwankend trotz des Jammerns und Abredens meiner Mutter und begann die Frage des Geldpunktes aufs Tapet zu bringen, die allerdings trostlose Resultate ergab.
    »Wo sall dat hen? Wo sölln wi dat Geld hernehmen tau'n Studeeren? Uns annere leewen Kinner sin doch ock noch dor? Un wo kein soll Vadder helpen Geld verdeinen, wenn Albert in Dresden is? Un wenn da nu nix ut ward als en büschen Klüterkram un ick erlewen müst, dat he so'n olles verballeriertes Genie ward as Eduard Heß – o, so'n Kummer, nee – so'n Kummer – ick wär' en unglücklich Froo!«
    96 Na, das Gejammer war schrecklich, und einzig nur mein Vater überlegte es sich und handelte, trotzdem er am meisten verlor durch mein Weggehen: meine Hilfe in seinem Geschäft. Er setzte sich den »Sündagshoot« auf, nahm meine beiden Zeichnungen in die Hand und ging mit mir den schweren Weg eines Bittenden, um reiche kunstliebende Leute für mich zu interessieren. Und nach manch abschlägigem Bescheid, vielleicht nach mancher Demütigung, um die ich dem alten Mann noch heute zuweilen verstohlen und dankbar sein »grises Hor« streichele, erlangte er, daß man mir ein Stipendium gab für drei Jahre des Studiums in Dresden, und da es bitterwenig war, so fanden sich noch ein paar mitleidige Seelen, die sich für mehrere Jahre zu einem kleinen bestimmten Zuschuß verpflichteten.
    Viel war's nicht, meine Gnädige. Herrgott, ich begreife jetzt manchmal nicht, wie ich damit durchgekommen bin, aber damals, in meinem Glückstaumel, schien mir die Summe unsagbar großartig und einen beseligteren Menschen mag es zu jener Zeit schwerlich in ganz A . . ., und H . . . dazu, gegeben haben wie mich. Ich schämte mich ordentlich, Korl Lorensen diesen Sieg mitzuteilen, jedenfalls tat ich es so schonend als möglich; es war auf dem Spaziergang am folgenden Tage.
    »Je, Korl, ick gah nu aber wirklich na Dresden,« begann ich.
    Er blieb stehen und sah mich mit seinen blauen Sehnsuchtsaugen an. »Du geihst na Dresden?« fragte er, »wiß un wohrhaftig, Albert?«
    »Ja! Na, en büschen benaut is mi ja nu doch woll,« log ich, um ihn nicht zu sehr zu betrüben.
    »O, ick gah mit, Albert, ick gah mit!«
    97 »Korl, min leewe gode Korl, dorto is 'n groten Geldbüdel nödig.«
    »Je, Albert, hest du em denn?«
    »Ja, Korl, min Oll, de hett jawoll wat opdrewen.«
    »Ick gah to min Patin, Albert, se mutt un – se mutt mi Maler studeeren laten.«
    »Je, hest du denn ne rike Patin, Korl?«
    »Ja, wat de Froo Senator Sonnebohm is in H . . . Vör de hett min Mudder wat snidert, un nahsten hett se bi mi Paten stahn.«
    »Denn gah man tau, vör wat sünd de Patens in de Welt,« ermunterte ich.
    »Glick – meenst du, Albert?«
    »Ja, Korl. Ick reis' in veertein Dag na Dresden, un wer weet, ob de oll Madam sick nich en büschen besinnt, eh se na ehrn Geldbüdel grippt.«
    »Denn man glick, Albert, kumm mit bit an de Dör, se wohnt am Börsenplatz.«
    Und so wanderten wir denn stumm, das Herz voll Hoffnung, nach H . . . und nach dem Börsenplatz. Am Hause verabschiedete sich Korl Lorensen von mir und zog die Klingel. Ich sollte doch hier ein büschen täuwen, meinte er. Ich wartete denn auch getreulich, aber es dauerte gar nicht lange, da kam er wieder mit ganz niedergeschlagener Miene.
    »So'n Unglück,« sagte er, »nu is de oll Madam grad gistern storben – je, nu weit ick nix mehr, Albert!« setzte er hoffnungslos hinzu.
    Still kamen wir zu Hause an, und still ging jeder von uns in seine Wohnung, Korl Lorensen, um zu weinen, ich, um mich zu freuen, allerdings nicht ohne mitleidig an den armen Jungen zu denken. Armer Korl Lorensen!
    Als Eduard Heß an demselben Abend noch hörte, daß ich nach Dresden ginge und sogar ein »büschen« Talent haben sollte, kam der gemiedene, verhöhnte, sonst so menschenscheue Geselle, 98 wie von einem Magnet angezogen, zu uns herüber und geradeswegs in die Wohnstube hinein, was bisher noch nie geschehen war. Meine Mutter erschrak so, daß sie den Schlucken bekam, als er da so plötzlich stand in seinem »verdreihten Uptog«, der mit den Jahren so unansehnlich und fadenscheinig geworden war und den er doch nicht ablegte in seinem Künstlerwahn. Sein langes Haar war gebleicht und stark gelichtet, der Henriquatre struppig und ungepflegt, und auf dem Gesicht des mächtig erregten, entschieden geisteskranken Mannes flackerte eine unnatürliche Röte.
    »Mein Sohn,« begann er feierlich mit seinem tiefen Organ, »ich höre, du gehst nach Dresden – ich will dich nicht ziehen lassen, ohne dich gewarnt zu haben vor den Klippen und Gefahren, die dir dort drohen, damit du nicht erlebst, was ich erleben mußte – verkannt, verhöhnt, verspottet, verstoßen zu werden! Ach, Madam Seeberg, ermahnen Sie Ihren Sohn –« und nun trat er auf meine Mutter zu mit ausgebreiteten Armen, wobei ihm der »Wahnsinnsmantel« entglitt und er in einer schier unmöglichen Toilette vor der sehr »schenierlichen« Frau stand, worüber sie, ganz »ut de Tüüt«, zu schreien anfing und zu entfliehen suchte, während mein Vater, in der Meinung, es sei Feuer, aus der Arbeitsstube nebenan mit allen Zeichen des Entsetzens gestürzt kam.
    Eduard Heß aber redete und schrie und gestikulierte und ließ sich durch nichts beruhigen. Es war unzusammenhängendes, wahnsinniges Zeug, was er hervorsprudelte, und es blieb meinem Vater nichts übrig, als einen Konstabler heraufzuwinken und mit dessen Hilfe den armen Menschen, nicht etwa in seine Wohnung, sondern nach dem Krankenhause zu schaffen.
    »Sie werden alle sagen, du seist ein Pfuscher, mein Sohn,« schrie er noch von unten herauf, »du habest keinen Funken von Talent – werden sie sagen! Neid ist's, Bosheit ist's! Glaub's nicht, es geht dir sonst wie dem Eduard Heß, dem großen, verkannten Eduard He– Heß– –!«
    Am Abend schlich ich hinüber zu Korl Lorensen. Er saß im »Atalihr« – jetzt schrieb er das Wort aber richtig, dank seiner 99 fortgesetzten Bemühungen sich zu bilden – und starrte die Skizzen an, die verstaubt und vergilbt an den Wänden hingen. Als er mich erblickte, stand er auf und gab mir die Hand: »Je, Albert, nu is dat so wid mit em – nu is he fort.«
    »I, Korl, dat kann noch allens good swarn.«
    »Nee, nee, Albert, de Doktor seggt, he is unheilbar, dat is Größenwahn, seggt he.«
    »Weerst du im Spittel, Korl?«
    »Ja, aber to seihen heff'k em nich krigt, un se bringen em morgen int Dullhaus. He meent je nu woll, he is Raffael sülben und hett de Sixtinische Madonna malt, so vertellte mi de Dokter. Ja, Albert, dat's doch ock man bloß so mit de Kunst, ick will man leewer bi Maadsen bliewen, dat's beter för mi, 's künnt sünst ook so'n End nehmen, mi is, als wär ick ock all dull.«
    »I nee, Korl, du mußt nich de Flint so gau in't Korn smiten. Hest nich noch ein Pat, Korl?«
    »Ja, Hinrich Berendsen, aber de hett sülber kein Schilling.«
    »Hinrich Berendsen, de Schlafbaas?«
    Korl nickte.
    »Ja, da hast du recht, de hett nix.«
    »Kein Sösling, Albert.«
    »Wenn ick man helpen künnt, Korl.«
    100 »Nee, du kannst nich, aber ich dank di veelmal, Albert: ick hew kein Glück.«
    Der arme Jung' ließ mich zu keiner rechten Freude kommen, und ich hätte mich doch wirklich freuen können, denn auch meine Mutter war, unter bitteren Tränen zwar und mit vielen »o Gott, o Gott, o Gott!« doch emsig bemüht, mir eine kleine Ausstattung für die Fremde zu beschaffen. Sie ließ nicht etwa den »Snider« kommen und mir großherrlich Maß nehmen zu einem »püken« Anzug – o leewe Gott, nee – sie saß da und trennte den abgelegten Bürgerwehrrock von meinem guten Vater auseinander und wendete ihn höchst eigenhändig »up de anner Sid«, wo er noch ganz »nüdlich utsah«. Die Ärmel waren freilich zu kurz, aber dafür wußte Mutter Rat, indem sie ein paar »Upschläg« daran setzte »ut Sannft« von einem Spenzer meiner seligen Großmutter: en bütten rostig war er schon, aber mit Hilfe von etwas sauber und vorsichtig aufgebürsteter Tinte bemerkte man das gar nicht. Eine Weste ward ebenfalls umgewandt, un Mudder spendeerte nije Knöpp' dran; aber als alles so weit fertig war, fing der Kummer eigentlich erst an.
    »Ja, de Büx, Vadder, de Jung mutt doch en nije Büx hewen.«
    Vadder kratzt sich achter de Ohren und Mudder geiht ünner Seufzer un Tränen an ehr Sekretär und holt ehr lütte Sparbüß un nimmt twee Hamborger Duppelmark rut un seggt: »Dat Tüch kann ick allenfalls köpen, aber ick mutt sülben snidern.«
    »Min leewe Deern,« sagt Vater benaut, »du kannst doch keen Büx snidern!«
    »Min leewe Mudder, du kannst doch als Froo keen Büx maken,« wende ich beängstigt ein und denke bei mir, wo dat woll utfallt?
    Aber de olle goode Froo let sick nich irren. Als annern Dags Madam Mackens kam mit ehr Packen op den Puckel, wo allerhand Tüch un Bänner in waren, köfft min Mudder die nödige Anzahl Ellen Buckskin und snackt dabi 'n Strehmel mit de 101 Olsch, wat dat woll haltbar wär, un denn smit se dat Tüg op den Disch und seggt: »So, Kinners, nu kann't ja woll losgohn; vörerst mutt ick aber 'n Munster hewen.«
    Un nu bringt min Swester Agnes en olle Büx von mi, un de b'reit Mudder op den Disch ut. Danach snid se erst 'n Munster in Poppier, man blot en büschen vülliger, denn ick war da längst rutwussen. Un denn snid se bannig forsch in dat Tüch, dat min ollem Vadder de Ogen övergahn ob ehrn Maud.
    »Mudder,« sagte er koppschüttelnd, »da achterwarts kümmt mi de Büx höllisch small vör.«
    »O Gott bewohr,« röpt Mudder, »ick kenn em doch, he hett ja gar kein Achtergestell, de dumme Jung.«
    Un nu word probeerenshalber tosamenneiht, un as ick se antreck, is dat Ding richtig veel to eng un ick kann mi man mit Mäuh un Nood dat Hulen unnerdrücken.
    »Süh, süh!« seggt Vadder un geiht so um mi herum mit grote Ogen, »ick hew dat all bi't Tosniden markt – süh, süh, wat nu?«
    102 Müdder aber, de ümmer ehr Kontenanz un ehr Plü wahrt hatt, ock in de slimmste Lebenslag, Mudder seggt: »Schadt em nich, dor sett ick en Kiel in.«
    »Mudder, ick bitt di, snid den Kiel man breed gnog,« barmt min Vadder.
    »Ja, mack du man, dat du ut de Stuv kümmst, ick will sacht allein de Büx farig kriegen.« Und dann nähte sie den Keil ein und probierte wieder. Gottverdori! De Kiel is noch ümmer to eng för dat Achtergestell! Nu word Vadder bannig dull un de Swester wunnerwerkt un jankt doröver un will em begöschen wegen de »mallörte Büx«, wie ich voll Ingrimm das Unglücksstück heimlich nenne. Abers Mudder seggt mit noch verstärkter Kontenanz: »Dann mut dor noch en Kiel insett warn.« Un so deed se, und als de Büx nu passend wor, sed min Mutter to Vadder: »Seeberg, plätten muttst du se, dat is for mi to swar, darto langt mine Kraft nich, abers vorher muttst du se insprengen.« Vadder nahm also den Mund vull Water und Swester Agnes hol em de Büx hen, einmal rechts un einmal links, un Vadder prustet se an mit sin Mund voll Water as en gelernten Tapzier, und danach wurden de Nähte ausgebügelt, und dann war das Wunderwerk fertig und zwar ein ganz apartes Stück geworden. Und wenn es Mode gewesen wäre, ein Paar Büxen zu benennen, dann hätten sie Eduardo heißen müssen, denn »verballeriert« waren sie jedenfalls. – –
    Na, am elften April sollt' ich reisen, und den Sonntag vorher hatte ich mich nochmal mit Korl Lorensen verabredet zum Spazierengehen. Der arme Jung sollte auch Mittag bei uns essen, hatte Mutter gesagt, denn erstens saß er da ganz allein mit der ollen fünschen Madam Sörrensen im Hinterhaus – sein Pflegevater war ja ins »Dullhaus« gebracht – und zweitens war er doch mein Freund, drittens endlich sollte dies in unserem Hause seine Henkersmahlzeit sein, denn meine Mutter war gewillt, die 103 Beziehungen zu Korl Lorensen nach meiner Abreise nicht weiter zu kultivieren, »wil dat er en ollen Dröhnbartel was, un se heel nich wüßt, wat se mit em snacken künn, wenn ick nich mehr bi was.«
    Korl Lorensen kam also richtig die Treppe herauf gepoltert, aber gar nicht zum Wiedererkennen. Strahlend vor innerer Seligkeit, zog er mich, nach flüchtiger Begrüßung meiner Eltern und Schwester, aus der Stube und, mich mit zitternden Händen am Ärmel packend, flüsterte er mir auf der halbdunklen Diele ins Ohr: »Du, Albert, ick gah mit di, ick hew nu dat Geld. – Albert, ick bin noch ganz beswiemt von all dat Gedraehn bi 'n Herrn Kurator.«
    »Wer gibt's dir denn, Korl?« frage ich atemlos und fasse ihn rundum vor Freude.
    »O Gott, o Gott, Albert, denk man, dee Froo Senator het mi in ehr Testament insett, mit dreihunnert Daler het se mi insett, und dat langt för drei Johr, un ick hew zu die Herrn Kurators seggt, wozu ich's will, und hab ihnen ein paar Zeichnungen von mir gewiesen, un da haben sie gelächelt un gemeint: ›Na, des Menschen Will is sin Himmelrik.‹ Un nu, Albert, könnt wir tausamen reisen, denn Eduard Heß darf nix mehr seggen, weil er seinen Verstand verloren hat und meint, daß er Raffael is.«
    Das war denn nun ein großes Freuen für uns beide, obgleich meine Mutter da gleich 'nen Eimer kalt Wasser drauf goß, indem sie sagte, er hätt's man lieber auf die Bank tragen sollen und Zins auf Zins legen, dann hett's später 'mal zum Anfang 104 von en nüdlichen kleinen Dischlerei gelangt. Und mein Vater meinte: »Was willst du denn machen mit hundert Taler fürs Jahr, Korl Lorensen? Du kannst dich ja nicht 'mal satt essen an Kantüffeln?« – Aber Korl meinte, es sei so viel, da könnte er noch sparen.
    Am Nachmittag gingen wir zusammen spazieren, er in seinem ausgewachsenen Konfirmationsrock, aus dem die roten Hände so groß und frech hervorsahen, mit seinem abgeschabten Hut über den jungen blauen Augen, die so begeistert in die Zukunft blickten, daß sie über seine sonstige Häßlichkeit einen fast verklärenden Schimmer gossen, und ich in meinem Anzug von Mutters Gnaden mit der »verballerierten« Büx, beide Arm in Arm, die Herzen voll stolzer Zukunftsgedanken, seliger Jugendschwärmerei. Die Leute, denen wir begegneten, lächelten, wir bemerkten es kaum. Wir gingen an dem Strom hin, nach der Vorstadt zu. In den Gärten der vornehmen reichen Leute sproßte das erste Grün, auf den Wellen des Flusses blitzten Sonnengoldfunken und die weißen Segel glitten darüber hin wie Riesenschwäne, die sich zum trunkenen Flug in die Lüfte schwingen wollten, um ein Jubellied zu singen. Wir wanderten bis da hinaus, wo die Villen aufhören und die Wege einsam sich hinziehen zwischen Wiesen und Wasser. Die Spreen lockten auf den Erlen, und von dem großen Restaurant herüber klang Musik. So festlich war die Welt, so wunderbar prächtig; und weit, weit da hinten, 105 stromaufwärts, da liegt eine große Stadt, in der die Kunst wohnt, in der Raffaels Madonna zu schauen ist.
    »Dahin gaht wi to allererst, Albert,« sagte Korl, »in de Billergalerie to de Madonna. Eduard Heß säd noch letzt –«
    »Lat mi mit din Unkel Eduard,« unterbrach ich ihn. »Ick will en wohrhaftiger Künstler warn un kein Schillerkleckser.«
    »Ja, natörlich, Albert,« stimmte Korl zu, »wi wöölt ernsthaftig studieren. Unkel hett am End doch nich so recht –«
    »Denn sin Kunst satt in sin Wahnsinnsmantel,« meinte ich verächtlich.
    »Ja, Albert, ick denk man, he hett öberstudeert, un hier baben is bi em wat nicht richtig, aber he kann da nix vör, Albert. Un sin Farbens un Pinsels nehm ick mit mi.«
    »Ja, wi kommt noch lang' nich an de Farbens, Korl. Min Swager seggt, bannig veel zeichnen müßten wi, ümmer bannig zeichnen in de Erst.«
    »Nu lick mal eins, Albert, wenn wi so wat erst malen künnten,« meinte Korl Lorensen, und er zeigte auf die glatte Flut vor uns, die vom Abendhimmel schwach rosig getönt war. Weiter vor spannte sich die prächtige Brücke darüber im leichten Dunst des Lenzabends, und dahinter, zart verschleiert, erschienen die Türme von St. Katharinen und St. Petri und die stolzen Paläste der reichen Kaufherren. Die bereits angezündeten Laternen ließen die bläuliche Färbung der Luft noch intensiver erscheinen, und wie goldene zitternde Brücken lag ihr Widerschein auf dem Wasser.
    »Ja, so wat much ick, min Vaderstadt much ick malen, Albert,« setzte er nach einer Pause hinzu.
    »Un denn da in aufgehängt worden, Korl – in die Kunsthalle,« ergänzte ich und wies hinüber zu dem im griechischen Stile erbauten Hause, das H . . . s Bilderschätze barg, »un wann min Mudder da 'mal in geiht, un 's hängt da so 'n recht schönes Bild un 's segt einer to ehr: ›Ja, Madam Seeberg, wat kann abers Ehr Albert schön malen‹, – ja, das möcht' ich erleben, Korl.«
    106 »Ick hew kein Ein, de sick freuen kann,« meinte Korl traurig.
    »Da kann sick abers immer noch Ein finden, Korl, ton Bispill dine tokünftige Brut?«
    »O Gott, o Gott!« sagte Korl, und seine Augen wurden noch weiter und strahlender, »ja, Albert, hest recht, wat kann mi noch alles för Glück passeeren. Ja, 'ne Brut, ja ick much woll ein – un süh, Albert, dat wär denn min alles, de lütte Deern; ick hew ja keen Minschen sünst, un – –«
    »Se kreg den ganzen Pack von Leew, de in din Hart opstapelt is, so mit eins,« vollendete ich, »so veel Leew, dat se gor nich weit, wohen dermit.«
    »Ja, so hew ick grad dacht. Ja, min Brut, Herr Gott, wo würd ick min Brut leew hewen!«
    »Korl, komme zu dir,« sagte ich, ihn aus seinen Zukunftsträumen weckend. »Wer weit, wo de Brut nu is, wat se ganz und gar schon op de Welt umher löppt. Spar man noch din Braß von Leew un lern erst wat, dat du se achters ernähren kannst.«
    »Ja abers, wenn ick ehr all kenn, oder se bald drapen ded, als ton Beispiel – –«
    »Schafskopp,« unterbrach ich ihn, »so, as du da bist, nimmt di kein; erst mußt en Künstler warn un en püken Keerl!«
    »Wenn se mi so nich will, denn mag ick ehr ock nacher nich, Albert. Un sühst du, du hest din Öllern un din Swestern, un ick hev mannigmal so'n Heimweh na 'nen Hart, dat mi hört.«
    Und da wir grad unter einer Gaslaterne angelangt waren, sah ich Korl Lorensen an und sah seine Augen noch einmal so weit und sehnsüchtig in die Ferne gerichtet und auf seinem breiten Gesicht, das einen leidenschaftlich schmerzlichen Ausdruck trug, ein paar große Tränen.
    »Herrje, Korl,« sagte ich erschreckt, »du hast woll gar all Een? Du schinst mi bannig verleewt!«
    Aber er antwortete nicht, und schweigend kamen wir zu Hause an und trennten uns mit stummem Händedruck.
    Ob he Ein hätt? Das ging mir während der letzten Tage unseres Aufenthalts daheim immer im Kopf herum. Aber, mein 107 Gott, welche kleine Deern denn? Ich kannte doch so ziemlich alle Personen, mit denen Korl verkehrte, und wußte, daß keine Frauensleute dabei waren, außer die oll Madam Sörrensen.
    Der Abend vor unsrer Abreise sollte mir aber Aufklärung bringen. Ich traf nämlich Korl Lorensen in einem neuen Hut, sehr pük, ganz unvermutet vor unserer Haustür; in der Hand hielt er einen kleinen Veilchenstrauß. Er wurde so rot wie ein »kakter Hummer« als er mich sah.
    »Wohen denn, Korl?« fragte ich.
    »O, man da schrög över, to Bäcker Dobbers – Adjüs to seggen.«
    »Kennst du denn de Madam Dobbers näher?« fragte ich.
    Ja; er hätte doch jeden Morgen, schon als kleines Gör, die Rundstücke und Tweebacks da köfft, und die Bäckerfroo wär' immer freundlich zu ihm gewesen.
    »Ja, komm Korl, ick gah mi di, kann da egentlich ock Adjüs seggen. 's is wohr, överall hew ick's dahin, bi Discher Maadsen un Madam Sörrensen, bi uns' Huuswarth un annere Nawers, warum nich bi Bäcker Dobbers?« –
    Korl sagte nichts, aber er sah ein wenig verstimmt aus, was ich mir erst gar nicht erklären konnte. Als wir in den Laden kamen, stand Madam Dobbers da, sehr stur und stattlich, mit einem witten Platen vor, wie eine von ihren schön aufgegangenen Paschsemmeln, hinter dem Verkaufstisch, und als wir erklärten, wir wären nur gekommen, um ihr Lebewohl zu sagen, antwortete sie, ohne eine Miene zu verziehen, das sei ja 'ne groote Ehr', und sie wünschte uns viel Glück zu unserm Vorhaben.
    In der Türe, die zur Wohnstube führte, erschien eben die schlanke Gestalt eines noch ganz kindlichen Mädchens, dessen brünettes reizendes Gesicht über und über lachte, daß die Zähne nur so blitzten und in den rosigen Wangen zwei tiefe Grübchen sich zeigten.
    108 »O, was süße Veilchen!« rief sie, als Korl ihr unbeholfen sein Sträußchen hinhielt, »viel Dank auch, Herr Lorensen. Und vergessen Sie man nich, daß Sie mich abmalen wollen, wenn Sie wiederkommen.«
    »Nein,« sagte Korl mit einer fast heiseren Stimme und verdächtig schimmernden Augen, »das vergesse ich nich, Fräulein Dobbers.«
    »O, wie werd' ich Sie vermissen, Herr Lorensen, wenn ich Morgens die Ladens nich aufkriege.«
    »Dummes Gör!« schalt Madame Dobbers, »als ob hier kein Ein wär, der dir die Ladens aufmacht.«
    Das Mädchen schwieg und lächelte Korl noch immer an; so ein rechtes übermütiges Lächeln war's, das die zwei tiefen Grübchen nur noch reizender machte. Und Korl sah so blaß aus und so ernst und schluckte ein paarmal ganz komisch, als wollte er etwas sagen, und konnte doch nicht.
    »Adieu, Pine Dobbers,« kam es endlich von seinen Lippen und seine große Hand streckte sich dem Mädchen entgegen.
    »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen, Herr Lorensen! Wie lange bleiben Sie denn aus?« fragte sie.
    Er hielt ihre Hand noch immer, und die Augen groß auf sie heftend, sagte er langsam, jedes Wort betonend: »Drei Johr bliew ick ut, Pine Dobbers.«
    Sie erschrak ein wenig vor diesem feierlichen Ernst seines Wesens. »Drei Jahre?« wiederholte sie.
    »Zeit genug, daß aus dummen Gören vornünftige Deerns werden,« erklärte Madam Dobbers trocken. »Adjüs, Herr 111 Seeberg, adjüs, Herr Lorensen, kamen's gesund na Huus, un wat Ehr leewe Mudder is, Herr Seeberg, an de bitt ick ock en Komplement von mi to bestellen.«
    Und damit hatte sie uns die Hand geschüttelt und wir standen plötzlich draußen auf der Straße, und ich starrte Korl Lorensen ganz vorbast an: »Nu segg mi mal, Korl – –«
    Aber er wandte den Kopf weg.
    »Du bist wohrhaftig dull verleewt, Korl?«
    Keine Antwort.
    Dann sagte ich nach einer Pause: »Je, ick hew se ja gar nich weddersehen, tid se ut de Flensborger Panschon torück keem; wat en söte lütte Deern is se worn! Wo old mog se denn sin, Korl?«
    »O, söstein,« sagte Korl.
    »Un du?«
    »Ick bin negentein un en half.«
    »Herrje ja! Un nu – wat sallt denn dat bedüden mit di un de lüttje Deern?«
    »Nix, Albert, gar nix. Ick hew ehr man in letzter Tid Morgens ümmer de Ladens opslagen, weil dat de Bäckergesell nich glick bi de Hand wär, und weil dat se ümmer, tid se ut de School is, ehr Mutter Posten verwalten mutt in Laden Klock sös, denn de is man swach un Pine mutt dat Finbrod vorköpen.«
    »Da täuwst du nu woll en lütten tidiger, eh de Gesell to helpen kümmt?«
    »Ja, da täuw ick en büschen op de Straat,« gab er zu.
    Süh! Süh! Korl Lorensen, dachte ich, ist's möglich, hast all so wat in Kopp? Un ick, de ick anderthalb Jahr öller bin as du, hew noch mit kein ein Gedanken an 'n lütte Deern dacht. »Ja, Korl, nu wat denkst du di nu dabi?«
    »Gor nix, Albert,« versicherte er noch einmal. »Good Nacht, ick mutt slapen, ick sall morgen fröh mit klaren Ogen in de Welt kieken.«
    »Na, Good Nacht, Korl, also op 'n Banhof um Klock achten.«
    »Op 'n Banhof um Klock achten,« wiederholte er, »Good Nacht!«
    112 Ob Korl geschlafen hat, weiß ich nicht: ich tat jedenfalls kein Auge zu, und als ich so zwischen fünf und sechs Uhr früh aufstand, müde und zerschlagen vom Abschiedsweh, Reisefieber und von unbestimmter freudiger Erwartung, da blieb mein Auge, das aus dem Fenster schweifte, zufällig an Bäcker Dobbers' Hause hängen, und richtig, da stand Korl Lorensen und half Pine Dobbers zum letzten Male die Läden aufschlagen, und als er damit fertig ist – sie hat derweil in der Ladentür gestanden und zugeschaut– winkt sie ihn ins Haus hinein, und dann sind alle beide auf der Diele verschwunden.
    »Verdori!« sage ich vor mich hin, »so 'n Slef, so 'n bannig dummer Jung und – so 'n Glück! Kiek de Pine Dobbers, un wat de lütte Deern nüdlich warn is! Wie kommt die Rose to 'n Liemputt?« Denn für mehr als einen guten, herzensguten Menschen und ganz brauchbaren Tischlergesellen hielt ich ihn trotz seiner Künstlerideen 113 damals nicht; ich dachte immer, er wäre man bloß anstecken von sin Onkel Eduard.
    Es dauerte ziemlich lange, bis er wieder herauskam aus dem Bäckerhause und über den Markt schlich, mit so 'n bißchen torkeligem Gang wie ein Betrunkener. Eine ganz lasterhafte Neugier plagte mich, zu erfahren, ob die söte Deern dem plumpen Gesellen wirklich ehr lütte Snut zum Abschiedskuß geboten habe. Na, ich habe alles erfahren, aber erst viel später.
    Damals fuhr er, verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln, neben mir in die Fremde, und während mir die Augen von den Abschiedstränen brannten, blieben die seinen trocken. Er starrte nur durch das Coupéfenster in die Heidelandschaft hinaus, und einmal, als er dachte, ich schliefe, zog er ein kleines unscheinbares Notizbuch aus der Tasche und nahm etwas heraus, das er eine ganze Weile hindurch liebevoll betrachtete, um es verstohlen an die Lippen zu drücken, wobei er stark errötete, und es dann wieder verbarg.
    Auch dieses Notizbuch und den kleinen Gegenstand habe ich später in Händen gehalten. Damals, als ich es zuerst erblickte, unterdrückte ich nur mit Mühe ein Lachen über die unbeholfene Art des Verliebten; als ich es später, zuletzt, in der Hand hielt, bedurfte ich aller meiner Kraft, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. –
    Nach beinahe zwölfstündiger Fahrt langten wir in Dresden an.
    Ja, nun könnte ich Ihnen da ein langes Lied vorsingen, meine Gnädige, von Künstlers Erdenwallen, von Entbehrungen, wie sie härter kaum ein paar junge Menschen, und doch auch vielleicht nie heiteren und besseren Mutes, getragen. Ich darf Ihnen ja nur unser erstes Logis beschreiben, um Ihnen einen Begriff zu geben von dem Komfort, der uns empfing, den wir uns gestatten konnten. Und dabei befand ich mich, dank meiner Stipendien, noch grad zweimal so gut wie Korl.
    Wir wohnten da bei einer Witwe, Frau Micheln, die in einer Vorstadtstraße zwei Stuben innehatte, eine für sich und ihre beiden kleinen Mädchen, die andere zum Vermieten. Die erstere Stube galt als Wohnraum, und dort wurde auch gespeist; 114 die Lagerstätten waren tagsüber verschwunden, Gott weiß, wohin. In unserer Kammer standen drei Betten; ein Schmiedegesell schlief da mit uns, den wir aber nie zu sehen bekamen, denn Abends, wenn wir uns zur Ruhe verfügten, schnarchte er bereits, und wenn er Morgens aufstand, schnarchten wir noch. Das Menü bestand unzweifelhaft aus auf verschiedene Art zubereitetem Pferdefleisch, denn Beefsteaks hätte uns Frau Micheln ja wohl für unsere Zahlung nicht liefern können. Nun, geschmeckt hat es uns ausgezeichnet, denn der beste Koch hatte es gewürzt, der Hunger.
    Unten im Hause war in der Woche ein paarmal Tanzmusik, die uns aber auch nicht störte im Schlaf und Behagen. Ein Tropfen Bier kam nie über unsere Lippen; der einzige Leckerbissen, den wir uns, aber nur Sonntags, gönnten, war ein Stück Käsekuchen für fünf Pfennige. Ich leistete mir zuweilen zwei Stück, aber Korl verzehrte höchstens eins, und das nur selten. Wollte ich dann großmütig sein und ihm ein Stück spendieren, so nahm er es übel. Der große, robuste Mensch hungerte mit einer Seelengröße, die eines antiken Helden würdig gewesen wäre. Mager wurde er dabei; aber das kleidete ihn gut, und ich dachte oft, Pine Dobbers würde sich freuen, wenn sie ihn so sähe, so gleichsam verfeinert und verschönert durch Hunger und Arbeit. –
    Ja, die Arbeit, unser Studeeren! Herr Gott, wie wir geschuftet haben in der Unterklasse der Akademie, und was Korl Lorensen für Zeichen eines ungeahnten entschiedenen Talents von sich gab bei seinem Gipszeichnen! Und dann die heimlichen Bummelgänge in der Umgegend mit den Skizzenbüchern, bei denen wir wahrlich nicht das Wenigste lernten, und das Schwärmen in der Galerie, das Seufzen: wie weit noch der Weg bis zum Können! Wie weit und mühsam! Und dann, wie wir beide plötzlich anbetend zu Ludwig Richters Füßen saßen! – Damals lernte ich meinen späteren Schwager kennen, einen tüchtigen Maler, der sich meiner wohlwollend annahm und mich freundlich mit hinüberzog in den Kreis seiner Familie. Für mich war en büschen Gemütlichkeit Winterabends unter der Lampe am runden Tisch 115 geradezu ein Lebensbedürfnis, bin ich doch dabei aufgewachsen; aber Korl Lorensen vermißte das nicht, er wies mich sogar schnöde und schroff ab, als ich ihm sagte, daß mein neugewonnener Freund auch ihn einführen wolle bei seiner Frau und seinen Schwiegereltern. Er saß bei der winzigen, schlecht brennenden Lampe und schrieb und zeichnete, wenn ich fortging, und saß noch ebenso da, wenn ich zurückkehrte, halb erfroren und jedenfalls nicht gesättigt, nur seine Augen, die strahlten immer.
    »Hest woll an Pine Dobbers schreeben?« neckte ich ihn zuweilen, aber er schüttelte dann jedesmal ernsthaft den Kopf: »Worüm sall ick ehr schrieben? Ick hew ehr nix to schrieben.«
    Als das zweite Weihnachtsfest näher kam, da packte mich eine große Sehnsucht nach der Heimat, nach mine ollen leewen Öllern, na mine Swestern, na uns' Wahnstuv und na de Vaderstadt. Ich meinte, ich würde es nicht aushalten, wenn ich nicht hätt' ein bißchen zum Dom gehen können nach H . . ., und Winachnabend Karpen essen und braune Kuchen mit den Meinen.
    »Verdoria, Korl, ick holt nit ut, ick fahr veerte Klaß, aber hen mutt ick un wenn min Oller düller ward as dull.«
    Korl sah nicht auf von seinem Blatte, an dem er zeichnete, und blieb stumm.
    »Kannst nich mitkommen, Korl?«
    »Nee, Albert.«
    »Schad! – Harrst bi uns wohnen un slaapen kunnt, un eeten ock bi uns, hier möötst du ock leeben.«
    »Ne, Albert, ick kann nich.«
    116 »Denn amüsier di hier so good as angeiht. Ick reis.«
    Und ich reiste wirtlich. Am Abend vorher, als wir schlafen gingen – der Schmiedegeselle schnarchte schon – legte Korl Lorensen mir plötzlich seine Hand auf die Schulter.
    »Albert, ick hew en Bitt. Wann du so ganz tofällig mal in Dobbers' Laden kummst un lütt Pine is dorinnen, gröt se von mi un segg ehr, mi ging dat good; un wenn oll Mudder Dobbers grad nich bi is, giv er dat.« Er hielt mir ein kleines Päckchen hin mit der zitternden Rechten und sah dabei dunkelrot aus. »Willst auch woll, Albert?«
    »Ja, Korl, wat en Frag! Natürlich will ick. Un nu segg doch man drist, se is din Leewste, wat deist du denn so heimlich dormit, wi sünd doch olle Frünn?«
    »Je, Albert, se hett mi ja verbaden, ick sall davon nich snacken, un nu swig man heil still, Albert, doo mi de Leew. Wenn allens in de Richt is, vortell ick di den ganzen Stremel.«
    »Na good, min olle Jung, dann giv man her den Leewsbreef, ick will em woll bestellen. Ob ick von din Leewsgeschichten weet oder nich – de Hauptsaak is, dat de Deern di good is un di treu bliwt.«
    Er sah mich an statt einer Antwort, und da lag so allerhand in seinen Augen – Zorn, weil ich zu zweifeln wagte an dem geliebten Mädchen, und zugleich ein stummes Zugeständnis, daß auch er sich verzehre in Zweifel und Bangen, und so eine heiße schweigende Sehnsucht.
    »Korl, Korl,« sagte ich mitleidig, »ick wull, de Deern wär' di erst in 'n paar Jahren för Ogen kamen; se zehrt an di un makt di elend, wo du doch die Kraft un Besinnung so nödig hest för din Studium.«
    »Nee, Albert,« erwiderte er, »ahn den Gedanken an ehr – nee, se allein helpt mi över dit Hungerleben.«
    Er brachte mich am anderen Morgen auf den Bahnhof, und ich meine noch immer seine Augen zu sehen, mit denen er mir nachschaute, so voll brennender Sehnsucht und Traurigkeit.
    119 Ja, Winachn to Huus! Ich brauch's nicht zu beschreiben. Wer jemals aus der Fremde heimgereist ist zu diesem Freudenfest, wer je ünnern Dannenboom seten hett mit Öllern un Geswistern un gestrakt un geküßt un verhätschelt worden is, wem Mudder de beßten Stück op den Toller legt hatt, den Karpenkopp un de Gauskülen, un em en ollen leewen Jungen nennt hatt – der weiß es, wie wunderschön es tut, aber ich bin ja nicht die Hauptperson, das ist vielmehr mein oll Korl Lorensen.
    Am Tag vor dem Fest ging ich in aller Morgenfrühe über den Markt und wartete, bis der Bäckerladen geöffnet wurde und Pine Dobbers ihr Feinbrot und Rosinenklöben und Winachskauken verkaufen würde. Es dauerte denn auch nicht lange, da kam ein Bäckergesell heraus, flötete irgend ein Lied in die kalte Luft hinaus und schlug die Läden zurück, und richtig – durch die Scheiben sah ich Pine Dobbers im erleuchteten Gewölbe stehen, propper as ne widde Duw, und auf ihre Kunden warten. Der große schlanke Mensch ging wieder ins Haus, und nun wollte ich rasch hinterher, um Pine zu sprechen, denn Käufer waren noch nicht da, – der Geselle mochte jetzt in der Backstube sein und ich hatte also Hoffnung, sie allein zu finden. Aber im Begriff einzutreten, sah ich den hübschen Kerl mit turnerischer Gewandtheit über den Ladentisch springen, die lütt Pine umfassen und küssen, ja küssen, aber so hartlich und nachdrücklich: und sie hielt so still bei und lächelte ebenso spitzbübisch und mit denselben Grübchen, wie sie meinen armen Korl damals angelächelt hatte.
    Mit einem Satz war ich drinnen, und auf den Tisch klopfend, jagte ich die beiden mit den Worten auseinander: »Gooden Morgen, Pine Dobbers, ick bitt veelmal um Entschuldigung, wenn ick stör, ober ick hew Il.«
    Wie ein Blitz war der weiße Junge verschwunden, und sie starrte mich aus leichenblassem Gesicht an, zitternd und schuldbewußt.
    120 »O Gott – o Gott, Herr Seeberg!« stammelte sie.
    »Ja, Se warn mi woll nich vermauden, Pine Dobbers? Na, da geben's mi förn Sösling Tweebackens, denn dat, wat ick hebben wull von Se, dat is jawoll nu all utverköft?«
    »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Herr Seeberg,« sagte sie noch immer fassungslos.
    »O, ick wollt' man bloß en Gruß för meinen Freund Korl Lorensen mitnehmen un wull Se wat tostellen. Aber ick meen, Ehr Gruß, Pine Dobbers, künnt licht en büschen Nachgesmack von Mehl und Sirup hebben, un ick meen, de Breif hier von Korl Lorensen un wat sünst is in den lütten Paket, dat kann Se nich mehr interessieren. So – un nu geben's mi de Tweebackens un denn Adjüs! Un ick denk, dat Korl, so Gott will, eines Dags över lachen kann, över Se, Pine Dobbers, un Ehr groote Treue un Toverläßlichkeit. Un gröten Se Ehrn Deegappen un seggen's em, Se künt dorüm so fin küssen, wil dat Se't all vördem gründlich probeert harrn. Villicht is he en ehrlichen Jung un bedankt sich for Ehr Leew, de so is as en heel falschen Schilling. Na, gooden Morgen, Pine Dobbers –!«
    Damit ging ich und hörte hinter mir nur eine heisere, mühsam den Zorn unterdrückende Männerstimme: »Deern, wat's dit? Hest mi to'n Narren hatt?«
    So, Pine, dachte ich, nu fret man ut, wat du di inbrockt hest! O, min arme Korl! min arme Korl!
    Das ganze Weihnachtsfest war mir verdorben, gänzlich verdorben. Ich dachte nur immer darüber nach: wie bringst du es ihm bei, daß er sein Herz an ein ganz leichtes, oberflächliches Mädchen gehängt hat? Wie bringst du es ihm bei? Er geht ja daran zu Grunde, er überlebt es nicht. Einmal nahm ich mir vor: du willst es ihm erzählen, ein andermal: du wirst ihm schreiben, dann brauchst du wenigstens seinen ersten Schmerz nicht mit anzusehen. Dann wieder schalt ich mich feige und räsonierte mir vor: Du lieber Gott, um so'ne Deern, so'n gräunes 121 Gör! Als wenn's in der großen Welt nicht noch tausend liebe süße kleine Deerns gäbe, bessere als dieser Racker mit dem Spitzbubenlächeln. Ja, wenn's nur Korl Lorensen nicht gewesen wäre, dem das passiert, Korl mit seiner vielen aufgestapelten Liebe, die alle nur für Pine Dobbers aufgehoben war – mit so viel Liebe, daß wenn sie geschmäht würde, sein eigen Herz darin ersticken mußte.
    O, Korl Lorensen! O, Korl Lorensen! – –
    Am Silvesterabend fuhr ich nach Dresden zurück, ungefähr mit dem Gefühl, als habe ich eine Todesnachricht zu überbringen; es war vielleicht noch Schlimmeres. –
    Korl Lorensen hatte während meiner Abwesenheit unseren kleinen Umzug besorgen wollen; wir waren nämlich der Frau Micheln und unseres Schlafkameraden überdrüssig geworden, auch wohl des ewig gleichen Menüs, und hatten – sowohl Korl wie ich verdienten durch Zeichnen auf Holzstöcke für Holzschneider, was wir halbe Nächte hindurch taten – also hatten uns eine kleine Stube in besserer Gegend gemietet, vier Treppen hoch, mit schrägen Wänden zwar, aber mit einem großen Fenster nach Norden hinaus. Hier hatten wir doch wenigstens allein das Recht.
    Ich ging also direkt in die A.-Straße und erkletterte die vier Treppen unseres neuen Tuskulums. Die Wirtin, eine nette alte Frau, stand auf dem Korridor an der Wasserleitung und bejahte meine Frage, ob Korl Lorensen zu Hause sei. Ich trat ein und fand alles so, wie ich mir gedacht hatte: Korl an der Arbeit bei der Lampe und das Ganze ungeheuer gemütlich. Sogar ein paar Tannenzweige steckten als Mahnung an Weihnacht und Neujahr hinter dem Spiegel über der Kommode.
    Korl stand auf und kam mir entgegen. »'n Abend, Albert, wie is di gahn?«
    »Good! Un di, Korl?«
    »O so – dank veelmal.«
    Ja, nun war der Moment da, wo ich sagen müßte: »Un se lett di veelmal gröten,« oder – leider: »Min olle leewe Korl, dat deiht mi weh, aber ick mutt di de Wahrheit vertellen 122 – de Deern is nich wert, dat du enen Gedanken an se riskeerst.« Aber ich bracht's nicht über die Lippen.
    Er ging zum Ofen, um ein Kännchen mit heißem Kaffee aus der Röhre zu nehmen, und ein Stückchen Wurst und Brot waren auch da.
    »Warm di, Albert; de lange Fahrt – –«
    »Dank, Korl. Hest du all eten?«
    »Jawoll! Jawoll!« Er setzt sich wieder an seine Arbeit; mir quillt der Bissen im Munde.
    »Mine Ollen laten di gröten, Korl.«
    »Dank ock; se sünd doch good to weg?«
    »Ja, ja, un min Swestern ock un sünst alle, man blot din Pflegvadder, Korl, den ward se woll bald – – na, em is to gönnen. Un sünst steiht dat oll Nest noch.«
    Er strichelte ruhig weiter, und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen.
    »Ja, min Korl,« – ich zog den Brief, den er mir mitgegeben hatte, aus der Tasche, »min oll leewe Jung – –«
    Da ließ er die Hand sinken, und, an mir vorübersehend, sagte er: »Lat man, Albert, ick weet all, ehr Mudder hett mi schreeben, un ick dank di ock.«
    123 Er sah so leidend aus, so um Jahre gealtert, dieser kaum Zwanzigjährige, zum Erbarmen. Die sonst so strahlenden Augen matt, überwacht – was mußte er gelitten haben in diesen Tage, da er allein war! Der arme Jung!
    »Korl,« stotterte ich, »nimm dir's doch nich so schwer zu Herzen – süh, dat is ja noch dat Slimmste nich.«
    Er schüttelte den Kopf. »O, ick segg ja nix, Albert.«
    »Wat hett se di denn schreeben, Korl?«
    »O, ehr Mudder hett schreeben an mi, un di bi mi verklagt, du harrst ehr unschüllig Kind in't Gered bracht, un ehr Brütigam was nu op den Punkt, ehr sitten to laten, un Pine will jawoll ut Desperatschon int Water gahn. Un ick sall doch glick schrieben, dat gar nich wahr wär', wat du seggt hest, dat se mi küßt harr, un ick ehr. Pine harr noch ni malen lagen, un se verswört sick bi alles, wat ehr heilig is, se hett so watt mit mi nich vörhatt.«
    »So, dat hett ehr Mudder schreeben?« frug ich, »nu wat hest du denn dahn bi düssen proppern Vörslag?«
    »Ick hew ehr schreeben, dat ick ehr Pine niemal küßt harr.«
    »Verdammi, Korl, dat sünd ja nüdliche Lägen! Hest du se nich küßt, as du dartomal Morgens Klock sös de Ladens optoslagen kamst, un se di in't Huus winken ded? Nee, Korl, dat is lagen!«
    Er schwieg eine Weile, eine tiefe Röte zog über sein Gesicht, und ein wehmütiges glückliches Lächeln legte sich einen Augenblick um seinen Mund, als empfände er noch einmal den Zauber jener Stunde. »Se ward dat jawoll vergeten hewen, Albert,« sagte er nach einer langen Pause. –
    »Korl,« bat ich, »doo mi den Gefallen, gräm di nich üm de Deern, üm de nich!«
    »O, Albert, lat uns von ehr swigen, ick bitt di hartlich.«
    Und ich schwieg davon, ich wunderte mich nur über Korls Ausdauer in der Arbeit, über seine Fortschritte und über sein Schweigen. Er sprach nur selten noch, war aber freundlich und 124 ging auf alles ein. Aber ein ganz anderer Kerl war er geworden, keine Frische, keine Straffheit, keine glänzenden Blicke mehr. Dann begann er zu klagen über Schmerzen in der linken Seite der Brust. Mitunter sprang er plötzlich auf, vor Angst wie er sagte, und hinterher lächelte er und meinte, das sei doch am Ende so übel nicht, wenn es 'mal so ganz rasch vorbei wär' mit ihm.
    Und dabei das fieberhafte Schaffen – etwas wollte er doch 'mal geleistet haben. –
    Es war so zu Ende des dritten Studienjahres, da stellte Korl Lorensen sein erstes Bild aus im Künstlerverein. Er kam früher dazu als ich. Zwei Tage darauf war es verkauft für vierhundert Mark. Gar nichts weiter als eine »Abendstimmung an der Elbe«, noch im letzten Schein der sinkenden Sonne, graue und rosig gemischte Töne; ein Dampfer, der weit da hinten dem Meere zufährt, flache Ufer und im Vordergrund eine einzelne Figur, ein Mann, der, vom Beschauer abgewandt, dem Schiffe nachsieht. Aber in der Haltung dieser Figur lag eine Traurigkeit, eine Sehnsucht ausgedrückt, die mir, weiß Gott, die Tränen in die Augen trieb.
    »Dat 's good, Korl, good, un nu man forsch to, nu is di de Weg wiesen.«
    Er nickte und drückte mir die Hand.
    Einmal, nicht lange danach, kam ein Brief von meiner Mutter; sie erzählte darin unter vielem anderen, daß Pine Dobbers nun endlich Hochzeit gehabt, nachdem ihr erster Bräutigam sie hatte sitzen lassen. Sie habe sehr pük ausgesehen. Mudder un Swester waren natürlich in de Kark gahn to düssen Ereignis; und unten stand noch als Nachschrift: »Und mit Eduard Heß geht's diesmal wirklich aufs letzt, und Korl kann sich man zum Begräbnis vorbereiten, und sag ihm, er könnte bei uns auf'm Sofa slafen.«
    Ich ließ den Brief offen liegen, wir hatten ja keine Geheimnisse vor einander. Zufällig kam Korl früher nach Hause als ich und las das Schreiben. Als ich eine Stunde später eintrat, saß er auf dem Sofa und klagte über Schmerz.
    125 »Un ick kann un kann nich na A . . . to'n Gräwnis, Albert, ick bin krank un – överhaupt nich.«
    Die Todesanzeige von Eduard Heß traf meinen Freund Korl im Krankenhause, und dann ist das alles so rasch gekommen. Die Ärzte sagten, er hätte einen Herzfehler gehabt.
    Na ja, mögen sie es sagen, ich aber weiß es besser, woran er gestorben ist, an sine övergrote verschmähte Leew. Möglich, dat se em opt Hart fallen is un't uteinanner sprengt hatt.
    Seine ersten selbsterworbenen vierhundert Mark haben grad für das Begräbnis gelangt; ich hätte auch nicht gewußt, wer das sonst hätte bezahlen sollen. Korl Lorensen hatt' ja kein Ein op de wide Welt as mi, un ick?, du leewe Gott! Min Stipendien wärn eben to Enn un ick hatt' noch kein Bild verköfft – – Ick gung achter sin Sarg her un rohrte as en lütten Jung. Wieder kunnt ick nix dohn för minen Fründ. –
    Nach Wochen, als ich seine paar Sachen durchsah, die seiner Bestimmung nach verschenkt werden sollten, fand ich auch das kleine Notizbuch und darin den Gegenstand, den er im Bahncoupé damals so innig geküßt hatte – eine Haarsträhne von Pine Dobbers' hübschem Kopf. Auf dem blauen Bändchen, das sie zusammenknüpfte, standen mit demselben Haar gestickt die Worte: »Aus Liebe.«
    Armer Korl Lorensen!
    126 Ja, meine Gnädige, und nun ist die Geschichte aus. Sie hat, entgegen jeder modernen Richtung, sogar einen Schluß, einen ganz gewöhnlichen Schluß; ich wüßte wenigstens nicht, daß heutzutage der Held einer Erzählung noch an gebrochenem Herzen stirbt. Na, Korl Lorensen ist daran gestorben, glauben Sie mir's, und nun sein Sie nicht böse ob dieser langen Störung.«
    »Gewiß nicht! Ich danke Ihnen sogar herzlich. Und Pine Dobbers?«
    »Ja, Pine Dobbers soll eine schrecklich dicke Madame geworden sein, aber von A . . . ist sie lange weg. Was sie hinaustrieb aus dem kleinen Lädchen? – – Sie lebt in Neuyork, soviel ich weiß; ihr Mann hat eine Kakesfabrik dort. Auch der Bäckerladen ist nicht mehr vorhanden, un mine Ollen wohnen in en annern Straat un überhaupt, s'iß dat all vergeten Kram, wo schon längst Gras übergewachsen ist, wie über Eduard Heß sein Grab und über Korl Lorensen seins.«
    »Schade, er hätte eines Tages malen können!«
  


    127 Originale.
    Im Jahre des Heils 1900!
    Wie komisch diese Neun! Die Acht, die liebe alte Acht, wir schreiben sie nie wieder hinter die Eins. Dieser heimgegangenen Acht möchte ich nachweinen. Sie war meine Jugend; was die Neun nun bringt, das ist Herbst und Winter, für mich und die mir Gleichaltrigen.
    Ob ich tauschen möchte mit denen, für welche die Neun »Jugend« bedeutet? Ich weiß nicht recht. Mir kommt es so vor, als müsse in der achtzehn die Jugend jünger, das heißt harmloser, rosiger gewesen sein, als habe es in der Achtzehn mehr Gemütlichkeit gegeben, mehr Originelles, wenn ich urteilen soll nach dem, wozu sich die brave Achtzehn als fin de siècle zugespitzt hat.
    Wo findet man denn heute noch ein richtiges Original, wie sie früher zu Dutzenden umherliefen zum Beispiel in meiner guten braven Vaterstadt – – – burg? Ich meine nicht die gelehrten Originale, die zerstreuten Professoren und dergleichen, ich meine die aus dem Volke, denen wir als Schulgören nachliefen, die wir bewunderten oder verlachten, je nachdem.
    So was gibt's nicht mehr. Die neue Zeit ist so nivellierend, so schablonierend; – einer ist wie der andere, und wollte sich eine ungewöhnliche Erscheinung aus der Menge heben – eins, zwei, drei hätte sie der Mann der Polizei beim Wickel und führte sie auf Nummer Sicher.
    Ich möchte ihnen ein paar Worte widmen, diesen Originalen meiner Jugendzeit; es wäre doch schade, wenn sie vergessen würden!
    Da taucht zuerst einer auf, den wir Kinder geradezu mit Staunen 130 und Ehrfurcht betrachteten. Das war »Trollpapa«. Woher er kam der Fahrt, und wie sein Nam' und Art? – das vermochte niemand zu ergründen. Im Frühjahr erschien er plötzlich und zog durch die Gassen, einen wunderlichen Anblick gewährend. Er trug auf dem Kopfe einen Reifen, an dem eine Menge abgestimmter Schellen befestigt war; auf dem Rücken eine große Trommel, die Schläger hatte er vermittelst einer Schnur mit seinen Füßen in Verbindung gesetzt. In den Händen hielt er eine Ziehharmonika, von der ein Triangel herabhing, und all diese Instrumente setzte er kopfschüttelnd, mit den Füßen tretend und mit den Händen spielend und den Triangel schlagend in Bewegung, so daß ein gewisser Rhythmus herauskam. Die Krönung erhielt das Konzert noch durch den krächzenden Gesang dieses kleinen vermückerten Männchens, das sich seit ungefähr dreißig Jahren nicht rasiert zu haben schien.
    Am begehrtesten war ein Lied, mit dem er die Städte des Harzes auf seine Art besang. Mir sind noch einige Strophen in Erinnerung:
    »Ein Amboß und ein Mühlenstein,
      Die schwammen bei Thale über den Rhein,
      Sie schwammen ganz sanft und leise.
      Ein Frosch verschlang sie alle beid'
      Zu Pfingsten aus dem Eise.
    In Blankenburg war ein gewaltig Getümmel,
      Dort flogen vier gebratene Ochsen gen Himmel,
      Die Leute sahen's von ferne.
      Sie glaubten ganz fest, sie glaubten ganz fest,
      Es wären Kometen und Sterne.
    Auf der Lauenburg stand ein großer Turm,
      Der trotzte Wind, Wetter und großem Sturm;
      Des Morgens da lag er im Grase.
      Den hatte der Kuhhirt in dasigem Ort
      Mit seinem Horn umgeblasen.
    In Halberstadt war ein großer Hahn,
      Der hatte schon vielen Schaden getan, 131
      Der zertrat eine eiserne Brücke.
      Eine Mücke flog im Schilderhaus um,
      War das nicht ein großes Unglücke?
    In Quedlinburg war ein großes Haus,
      Da flog eine Fledermaus heraus,
      Die flog in zehntausend Stücken.
      Da kamen zehntausend Schneider daher,
      Die wollten sie wieder flicken.«
    132 Oder das Lied von dem Lahmen, Tauben und Blinden:
    »Es wollten 'mal vier einen Hasen fangen,
      Die kamen auf Krücken und Stelzen gegangen.
      Der eine, der konnte nicht gehen,
      Der andre war taub, der dritte war stumm,
      Der vierte, der konnte nicht sehen.
      Nun weiß ich gar nicht wie es geschah,
      Daß der Blinde zuerst den Hasen sah
      In weiter Entfernung grasen.
      Der Stumme, der sagt' es dem Tauben laut an,
      Der Lahme, der haschte den Hasen.«
    Alles dies ward geleistet für einen Dreier; aber auch mit einem Pfennig war »Trollpapa« zufrieden. Für jedes Haus eine neue Vorstellung unter diesen doch gewiß kulanten Bedingungen. Natürlich zogen wir immer mit, schon um die Selbstgespräche des Alten zu belauschen, der, die ihm folgende Schar gar nicht beachtend, unaufhörlich vor sich hin redete.
    Die hochlöbliche Polizei grüßte er sehr respektvoll durch Neigen seines schellengeschmückten Hauptes, und der dicke Polizeiwachtweister nickte ihm freundlich zu, faltete die Hände über dem Bauch und lachte. »Trollpapa« war die Sanftmut, die Friedfertigkeit selbst; er ertrug es, wenn die Jungen ihn an seinen langen mürben Rockschößen zogen oder hinterlistig auf die Trommel schlugen; er sprach dann ein bißchen eifriger vor sich hin, aber er duldete es. Nur in einem Falle wurde er wütend, wenn ihn nämlich jemand »Trollpapa« anredete. Sofort flog es ihm rot um die Ohren, er hielt inne im Gesang und schimpfte wie ein Rohrspatz, sich immer noch steigernd in seinem Zorn, dabei furioso die Schellen schüttelnd, die Trommel schlagend und die Harmonika ziehend.
    »Lausejungens seid ihr! L–Lausejungens!«
    Es war ein Anblick, der die Menschen lachen machte bis zur Fassungslosigkeit. Ich habe es auch einmal mit angesehen, aber mir stockte das Lachen, denn aus den kleinen vertrockneten Augen liefen ein paar Tränen in den struppigen Bart. Ich schämte mich und ging nach Hause.
    133 Armer Trollpapa! Wenn man nur gewußt hätte, wie er eigentlich heißt, ich würde ihn gewiß »Herr« so und so angeredet haben bei Überreichung meines Dreiers.
    Einmal blieb »Trollpapa« aus. Bei dem Spielen mit den Nachbarskindern wurde eifrig davon gesprochen: merkwürdig, daß er nicht da war um die Zeit, wo der Osterhase legte und die Stare schrien. Wir beschlossen eines Tages, den dicken Polizeiwachtmeister zu fragen: »Kommt denn Trollpapa nicht in diesem Jahre?«
    »Nee, der kommt nich, der is ja vergangenen heiligen Abend zwischen Gersdorf und Stickelsberge verfroren, grad auf der Feldscheide hat er gesessen, den Rücken an dem Grenzstein. Keiner hat ihn begraben wollen, aber die Stickelsberger haben ihn nehmen müssen, weil daß die Trommel auf ihre Seite lag und sein Ranzen auch.«
    Armer Trollpapa!
    Original Nummer zwei! Das war erst einer! Von dem kannten wir wenigstens den Namen. Mechau hieß er, und seines Zeichens war er ein Töpfergeselle. Niemals in meinem Leben habe ich wieder einen so skelettartig mageren Menschen erblickt, und dabei so lang, so himmellang.
    Seine Kleidung war ganz wunderbar, und unbegreiflich ist es mir stets geblieben, wie er in die unbeschreiblich engen Ärmel seines Rockes mit den großen Händen hineingelangte. Ebenso eng war der auf Taille gearbeitete fettglänzende Tuchrock und das Beinkleid: er glich einer der Karikaturen in den »Fliegenden Blättern«, die aus lauter Strichen bestehen. Den Bart trug er, wie die alten Maler ihn dem Heiland malten, die Haare lang herabwallend, eine Art Barett auf dem Haupte. Ein Paar milde dunkle Augen, die freilich mitunter fanatisch erglühen konnten, begegneten dem Blick des Beschauers.
    Jeden Sonntag, Vor- und Nachmittag, erschien Mechau in der Kirche, die Worte des Predigers förmlich von den Lippen lesend. In der Gemeinde zu knien, war dort nicht Sitte, der lange Geselle aber warf sich mit einer Inbrunst auf die Knie, daß es mir rätselhaft blieb, wie seine Beinkleider diese 134 leidenschaftliche Andachtsbezeigung aushielten. Uns Kindern war er unheimlich, der lange Mensch, wir liefen vor ihm wie die Hasen vor dem Hunde.
    Eine Zeitlang blieb Mechau aus unserer Kirche fort und wurde dafür in der St. Nikolaikirche bemerkt bei jedem Gottesdienst. Der dortige Prediger war einer der liebenswürdigsten Menschen, wahrhaft christlich gesinnt, mitleidig, freigebig, und daher besonders vergöttert von den armen Leuten. Er besaß eine Reihe blühender Kinder, darunter zwei Töchter, wirklich reizende Mädchen. Eines Tages predigte der Herr Pastor gar beweglich über das Thema, daß wir alle vor Gottes Throne gleich seien, ob arm oder reich, ob vornehm oder gering: daß wir alle Brüder und Schwestern wären, daß es unsere heiligste Pflicht sei, allen Stolz abzutun und die Armen und Kleinen gleich zu achten den Großen dieser Welt. –
    Was geschah nun?
    Das holdselige Pastorstöchterlein hatte wie ein Madonnenbild im Pfarrstuhle gesessen, die großen schönen Augen auf den Vater gerichtet. In irgend einem Winkel der Kirche aber hatte Mechau gekniet, die Tochter gesehen und den Vater gehört, und beides verknüpfte sich in seiner gläubigen Seele zu einer himmlischen Offenbarung, die eitel Gnade und Glanz war. –
    Der Herr Pastor hatte in seiner Studierstube kaum Talar und Beffchen abgelegt und saß eben im Lehnstuhl am Fenster und schaute auf den alten Friedhof hinab, der gleich einem Garten sein Haus umgab. Der Duft des sonntäglichen Gänsebratens stieg bereits verführerisch in seine Nase, es war so unsäglich friedlich um ihn her, da stolperte das kichernde Mädchen über die Schwelle: »Herr Pastor, der verrückte Mechau will Sie sprechen!«
    »Lasse ihn eintreten, Kind,« befahl der geistliche Herr in der Meinung, Mechau wolle ein Almosen erbitten.
    Im Rahmen der Tür erschien gleich darauf der unheimliche Geselle und begann alsbald sein Begehren vorzutragen, das in weiter nichts bestand, als in einem Heiratsantrag seinerseits für das schöne Töchterlein des Herrn Pfarrers.
    135 »Mechau! Mechau!« warnte dieser mit erhobenem Finger, »du fällst in Hochmut und Dünkel – wie kannst du so etwas verlangen? Geh heim, mein Sohn, und schlage dir die Dummheit aus dem Kopfe, meine Tochter ist kein Weib für deinesgleichen.«
    Da ward der arme Mensch irre an Gottes- und Menschenwort. »Sie haben gesagt: wir sind alle gleich vor unserem Schöpfer!« schrie er, »und unser Herr Jesus hat solches auch gesagt, und nun wollen Sie ihn und sich Lügen strafen in derselben Stunde, wo Sie davon gepredigt haben?«
    »Mechau! Das habt Ihr falsch verstanden,« begann der Pfarrer sanft. Aber Mechau ließ sich nicht besänftigen: er wurde geradezu rasend, schimpfte, schalt und verfluchte die Stätte, auf der er stand.
    Der entsetzte Pfarrer mußte zum Fenster hinaus den Küster rufen zu seiner Hilfe, und dieser schaffte im Verein mit einigen anderen Männern den armen abgewiesenen Freier in das städtische Krankenhaus, wo er in der gepolsterten Zelle untergebracht wurde und zwei Tage lang die Zwangsjacke trug.
    Dann wurde er wieder ruhig und man ließ ihn laufen. Jahrelang noch durchschritt er würdevoll, mit schwärmerischem Augenaufschlag, die Straßen der Stadt.
    136 Dann blieb auch er plötzlich unsichtbar, verschwand für immer in die Landesirrenanstalt. Die Polizei fand eines Karfreitags, durch Kinder aufmerksam gemacht auf ein Stöhnen, das aus Mechaus Häuschen kam – er bewohnte dasselbe mit seiner Mutter, einer armen Näherin, die ihn so fanatisch liebte, daß sie ihn gänzlich ernährte, so gut und schlecht es von ihren paar Groschen möglich war – also, die Polizei fand Mechau am Boden seines Stübchens gekreuzigt vor, das heißt, er lag mit Stricken festgebunden auf einem großen plumpen Holzkreuz, und seine Mutter hockte weinend neben ihm, beide glaubten, Mechau sei der Erlöser und sie die schmerzensreiche Mutter. Der dicke Polizeiwachtmeister wurde als Kriegsknecht von ihr angesprochen. Mechau selbst hatte vor Schwäche und Mattigkeit die Besinnung verloren: er lag schon seit gestern so da. Man hatte Mühe, ihn wieder so weit zu kräftigen, um mit ihm die Reise nach Halle antreten zu können.
    Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Kunde durch die Stadt, und wir Kinder redeten noch lange von der grauenvollen Tat Mechaus mit leiser Stimme und furchtsamen Augen.
    Original Nummer drei gehörte dem weiblichen Geschlechte an; sie hieß schlechtweg Fräulein von Thadten. Eine einäugige große Person war sie mit glattem Madonnenscheitel, schlampigem dunklenWollkleid, einem bräunlichen dreizipfligen Umschlagetuch und einer Gitarre am verblichenen grünen Seidenband, die sie à la Troubadour handhabte. Die Ärmste trug über dem rechten Auge eine schwarze Lederbinde, und wenn diese sich verschob, sah man, daß das Auge ausgelaufen war. Jeden Monat mindestens einmal erschien sie in meinem elterlichen Hause; das einleitende Geklimper ihrer Gitarre lockte uns Kinder natürlich schnell in den Flur, und wir waren auch kaum die Treppe hinuntergestürzt, da sang sie schon ohrenzerreißend:
    »Fordre niemand mein Schicksal zu hören,
                zim zim zim zim zerim,
      Dem das Leben noch wonnevoll winkt,
                zim zim zim zerim – –«
    139 Sie hatte auch allen Grund, über ihr Schicksal zu schweigen, das arme Geschöpf. Tatsächlich war ihr von dem Leben weiter nichts geblieben als die Ehr' und das alternde Haupt.
    Wirklich, sie war eine kreuzbrave Person trotz ihres Umhervagabundierens, und sie hätte, falls sie doch ihr Schicksal beschreiben gewollt, mit den Anfangsstrophen von Tiedges »Urania« beginnen können:
    »Mir auch war ein Leben aufgegangen,
      Welches reichbekränzte Tage bot.« –
    Röschen von Thadten hatte in einer wappengeschmückten Wiege gelegen und ihre erste Jugend war eine wohlbehütete gewesen. Dann aber hatte sie, der sorgfältigsten Erziehung ein Schnippchen schlagend, das Verlangen gepackt, Künstlerin zu werden. Von der Familie abgewiesen, war sie einfach desertiert mit einer Wandertruppe unterster Ordnung. Der alte Herr von Thadten, ihr Vater, ließ sie laufen, und doch war es sein einzigster Sprößling! Die fassungslose Gattin rang sich die Hände wund um Erbarmen für ihr Töchterlein; er blieb bei seinem: »Lieber gar kein Kind als solches!«
    Röschen ließ nichts wieder von sich hören; die Mutter starb vor Gram, der Alte aber lebte noch jahrelang weiter, verlassen, hart, menschenscheu. Als er die Augen schloß in hohen Jahren, war kein Vermögen mehr da, er hatte es verschenkt bei Lebzeiten; nur ein paar Möbel und ein paar hundert Taler, die sich in seinem Schreibtisch fanden, blieben der verschollenen Tochter als Erbe. In den Zeitungen erschien ein Aufruf seitens der Gerichte an sie. Niemand glaubte an ihr Wiederkommen, aber siehe da, eines Tages stand auf dem Rathause vor dem erstaunten Bürgermeister unser Röschen, genau in dem Aufputz wie eben beschrieben, und erhob die Erbschaft. Sie erzählte, wie sie ihr Auge verloren habe bei Gelegenheit einer Feuersbrunst in irgend einer kleinen Stadt, wo die Gesellschaft ihre Bühne in einer leeren Scheuer etabliert hatte. Ein brennender, stürzender Balken habe sie getroffen, darauf sei sie untauglich geworden für die dramatische 140 Kunst und müsse nun leider auf diese Weise ihr Brot erwerben, das heißt, hausieren gehen und singen.
    Weshalb sie denn nicht bei Lebzeiten des Vaters gekommen sei, um seine Verzeihung zu erbitten? Dazu fühle sie sich zu stolz, hatte sie gesagt, denn sie habe nie etwas Unehrenhaftes getan.
    Schließlich bat sie die hohe Obrigkeit um das Armenrecht in der Stadt, das man ihr weder bestreiten wollte, noch konnte, denn der alte Herr war in aller Stille manches Stadtarmen Wohltäter gewesen, und so mietete sich Fräukein Rosa von Thadten ein Stübchen in irgend einer winkligen Gasse und unternahm jeden Tag, den Gott werden ließ, ihre Konzerttouren.
    Nie sah man sie mit jemand reden, sie war zu stolz dazu. Sie steckte ihre Kupferpfennige mit einer wahrhaft großartigen Gebärde in die Tasche, schlug den Zipfel ihres Umschlagtuches über die Schultern, machte eine Verbeugung, wo sie niemand eines Blickes würdigte, und ging ins nächste Haus.
    Trotz des fehlenden Auges war sie, anfänglich noch, kein übles Frauenzimmer, und manch einer mag gedacht haben, mit der armen Bettelsängerin einen Scherz wagen zu dürfen; aber dem Dreisten ward heimgeleuchtet. Dazumal sang noch die Kurrende auf den Straßen, und der Vorsänger war ein bildhübscher baumlanger Primaner. Dem hat das Fräulein von Thadten einmal eine Ohrfeige geschlagen, die er gewiß nie vergessen und die ihm den Glauben an die Ehrenhaftigkeit schutzloser Weibsleute, auch wenn sie bettelnd vor den Türen singen, hoffentlich recht eingebläut hat.
    Unsere alte Waschfrau kannte Röschen ein wenig und erzählte uns Kindern, es sei gar fein bei ihr, und über ihrem Bette hingen ein paar welke Lorbeerkränze, die einzigen, die sie pflückte während ihrer bescheidenen Bühnenlaufbahn. Auf der verblichenen Schleife des einen stehe: »Der unvergleichlichen Amalia«.
    Als sie in ihrem fünfzigsten Jahre an der Cholera starb, just an dem Tage, da die siegreichen Truppen von Sadowa und Königgrätz einzogen, begrub man sie ihrem letzten Willen gemäß neben dem Vater. Sie hatte das kleine von ihm ererbte Kapital hierzu 141 bestimmt, und die Lorbeerkränze legte man in den eilig beschafften, rasch geschlossenen Sarg. Auf ihrem Grabstein, der genau dem des alten Herrn gleicht, steht in leuchtender Goldschrift: »Rosa von Thadten«, und unter derselben hat der empfindsame Künstler eine Lyra eingegraben, einen Schmetterling und die Worte:
    »Mein Fuß hat gestrauchelt; aber deine Gnade, Herr, hielt mich.
                                                                    Psalm 94. 18.«
    Und nun zu Schinders Karlinchen! Wie eine Figur des düstersten Mittelalters steht sie vor uns da, dieses hübsche wilde Mädchen mit den schwarzen funkelnden Augen unter der rötlichen üppigen Haarmähne. Eine weißere Haut als Schinders Karline besaß, wird's schwerlich je gegeben haben, einen reizenderen Wuchs ebenfalls nicht.
    Ihr Vater war der Abdecker; er wohnte weit draußen vor der Stadt. Man erzählt, er sei in seiner Jugend Scharfrichter gewesen und habe bei einer Exekution so große Ungeschicklichkeit gezeigt, daß er sein schreckliches Amt niederlegen mußte. Die Verachtung, die von alters her dem Gewerbe des Henkers anhing, hatte sich in unserer Stadt noch nicht verflüchtigt; die Leute waren gemieden und galten für verdächtig, allerlei lichtscheue Dinge zu treiben, obwohl jenem Manne in seinem einsamen, stillen Gehöft etwas Nachteiliges durchaus nicht zu beweisen war. Das bildschöne Mädchen aber kam des öfteren durch die Straßen. Sie schritt einher wie eine Königin, das bleiche Gesicht von den roten Haaren umrahmt, einen verblichenen blauen Kattunmantel lose umgehängt. Ihre Augen forschten beständig nach rechts und links, ihr schöner Kopf drehte sich blitzgeschwind auf dem weißen Hals, sobald sie witterte, daß die Straßenkinder hinter ihr her waren.
    Ich habe so düstere leidenschaftlich unglückliche Augen selten gesehen, aber auch nie so aufleuchtende heiße Blicke. Letztere sah ich einmal, als sie mit in die Hüften gestemmten Armen einem jungen Reiteroffizier nachschaute, der gleichgültig und ohne sie eines Blickes zu würdigen an ihr vorüberschritt, sporenklirrend 142 und Reitpeitsche schwenkend. Wirklich verzehrend heiß waren Karlinchens Blicke.
    Nach einem Weilchen hörte man, sie sei seine Liebste. Er war ein unglücklicher Mensch, ein Spieler und Verschwender. Mit seinem Vater überworfen, von den Gläubigern hart bedrängt, griff er zur Pistole; man fand ihn eines Morgens tot in seinem Schaukelstuhl.
    Bei dieser Gelegenheit durchbrach das Temperament von Schinders Karline alle konventionellen Grenzen. Sie stürzte nach dem Sterbehause und war von der Leiche, über die sie sich geworfen hatte, nicht zu entfernen. Als man es schließlich mit Gewalt tat, hockte sie die ganze Nacht auf der Straße vor dem offenen Fenster. Bei dem Begräbnis fehlte sie, aber Abends, als der Kirchhof geschlossen werden sollte, fand der Totengräber sie neben dem Hügel, bitterlich schluchzend.
    Der einzige Mensch, der sie gut behandelte, sei er gewesen, nicht ein einziges Mal habe er sie geschlagen, hörte sie nicht auf zu beteuern, mit einer Betonung, als wollte sie dem alten Manne Bewunderung dafür abnötigen, daß es wirklich einmal einen Menschen gegeben habe, der nicht prügelt.
    Seit dem Abend war sie übrigens aus der Stadt verschwunden, wenigstens eine lange Zeit hindurch; niemand hörte von ihr.
    Dann kam sie plötzlich wieder, schreckhafter Erinnerung. Zu jener Zeit wurde auf dem Lande, in einsamen Gehöften, in Forsthäusern, dann aber auch in der Stadt erst recht, wiederholt eingebrochen, und zwar in größtem Maßstabe und mit verblüffender Frechheit. Man konnte erst nicht dahinter kommen, ob es ein Dieb oder eine ganze Bande war; die Türen und Fenster, die Truhen und Schränke schienen sich dem Räuber wie von selbst zu öffnen, die Hunde bellten nicht in solchen Nächten, die Hausbewohner schienen doppelt fest zu schlafen.
    Die Aufregung in der ganzen Umgegend war groß. In merkwürdigem Zickzack, wie auf dem Schachbrett, wurde heute hier, morgen an einer ganz anderen Ecke des Kreises gestohlen, und damit nicht genug: es bekamen auch diejenigen, die der freche Räuber für reich genug hielt zu einem Aderlaß, in 143 höflichster Weise die Nachricht: dann und dann werde ihnen der Gefürchtete einen Besuch machen. Die gesamte Polizei war natürlich auf den Beinen in solchen Nächten, aber, siehe da, trotz aller Vorsicht seitens der Behörden wurde in den meisten Fällen der Einbruch doch ausgeführt.
    Mit Recht vermutete man, daß der Verbrecher sein Versteck in den Harzwäldern habe, und man stellte durch Soldaten ein richtiges Kesseltreiben an. Aber es blieb resultatlos, nichts weiter brachte es ein als einen höhnischen Brief an die hochlöbliche 144 Behörde, in welchem derselben das Bedauern ob der vergeblichen Mühe ausgesprochen wurde, unterzeichnet: Hochachtungsvoll Karl Breidling.
    Breidling kannte man ja, er war, des Raubmordes verdächtig, aus der Untersuchungshaft durchgebrannt und jahrelang verschollen gewesen.
    Also der!
    Natürlich wurde umso eifriger auf ihn gefahndet, denn einen so schlimmen Gesellen, dem es auf ein Menschenleben nicht ankam, wollte man möglichst bald hinter Schloß und Riegel wissen. Wenn damals ein paar Frauen auf der Straße zusammenstanden, so redeten sie gewiß von Breidling; an den Stammtischen unterhielten sich die Männer von dem kecken Räuber, in den Kaffeegesellschaften machten sich die Damen grauen, und daß damals kein Kind der Stadt allein in ein dunkles Zimmer ging, das war so gewiß wie das Amen in der Kirche.
    Eines schönen Tages verbreitete sich die Kunde, daß auf der Münckenburg, einem einsam gelegenen Rittergut, abermals ein Einbruch ausgeführt sei, der alles Dagewesene an Frechheit übertreffe. Unter anderem waren außer Wertsachen und barem Gelde auch die Brillanten der Frau Gräfin Müncken gestohlen, alter kostbarer Familienschmuck.
    Der Graf setzte eine Belohnung auf auf die Wiedererlangung des Geschmeides – bare fünfhundert Taler.
    Nach etwa drei Wochen vergeblicher Bemühungen erschien eines Morgens sehr früh eine Frauensperson in der Privatwohnung des Polizeikommissars und verlangte den Herrn allein zu sprechen, um ihm eine wichtige Mitteilung im Vertrauen zu machen. Der Beamte, der in seinem Morgenschlaf gestört war, betrachtete verwundert das sonderbare Wesen, das ihn mit funkelnden schwarzen Augen ansah, indem ihm zugleich ein breiter blutiger Striemen auffiel, der sich vom linken Ohre bis zur Unterlippe herabzog. Die üppigen roten Haare bauschten sich um ein Gesicht, in dem alles bebte und zuckte, die Wangen, die roten, schön geschweiften Lippen. Der Anzug war sonderbar, halb Dame, halb Bauerndirne – ein blaues Samtkleid, und 145 darüber der Kattunmantel, den die Frauen des Volkes tragen, beides naß, mit Kot bespritzt, als ob die Trägerin die Nacht im Freien, im Regen verbracht habe.
    »Ich weiß, wo Breidling sticht, Herr Polizeikommissar.«
    »Wer sind Sie?« fragte der Beamte, der erst vor einiger Zeit aus Magdeburg herversetzt war und noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, diese populäre Persönlichkeit kennen zu lernen.
    »Das kann Sie ja gleich sein, Herr Kommissar – ich weiß, wo er die nächste Nacht zu fangen ist. Ich komme übrigens nicht wegen die Belohnung, auf die pfeife ich – ich will den Kerl nur hereinlegen, weil er mich gestern abend beinah totgeschlagen hat.« Sie deutete auf ihr Gesicht. »Wollen Sie nu wissen, wo er sticht?«
    »Allerdings möchte ich es wissen.«
    »Da schreiben Sie's uff, aber rasch. Ich muß heut abend noch ins Braunschweigische 'nüber, denn wenn Sie Malhör haben und ihn nicht fangen, schlägt mir der Kerl tot – wenn er mir erwischt. Also, weit zu gehen haben Sie nich, er will heut nacht die Lippertsche Tuchfabrik einen Besuch machen, so um Zwei 'rum. – Adje, Herr Kommissar – ich –«
    146 »Nee! Nee, Karlinchen,« erscholl da hinter ihr eine wohlbekannte fette Stimme, und der dicke Polizeiwachtmeister legte ihr die Hand zärtlich auf die Schulter. »Nee, Karlinchen, so 'ner einsamen Reise ins Braunschweigische setzen wir dein kostbares Leben nicht aus; komm man mit ins Kittchen, da bist du sicher vor all und jedes.«
    Sofort änderte Schinders Karline ihre Taktik, sagte, sie hätte sich man einen Spaß erlauben wollen, und wo Breidling sei, wisse sie gar nicht, hätte auch ihr Leben lang mit ihm nie nichts zu schaffen gehabt. Da diese Angaben aber keinen Glauben fanden, so schritt sie bald darauf mit höhnischem Gesichtsausdruck zwischen zwei Beamten der Numero Sicher entgegen durch die von Weibern und Kindern wimmelnden Straßen, und ihre Kopfhaltung war stolzer denn je, als der Titel »Räuberbraut« und der Name Rosa, womit auf Rinaldos Geliebte, die dem Liede nach Rosa hieß, angespielt wurde, an ihr Ohr schlug und die Kecksten das Lied anstimmten:
    »In des Waldes tiefsten Gründen«. –
    Wer natürlich an diesem Abend in der Lippertschen Tuchfabrik nicht gefangen wurde, das war Breidling. Am anderen Morgen erhielt der verehrliche Polizeikommissar ein Schreiben, und zwar durch die Post, in dem der achtungsvoll Unterzeichnete die Genialität der Detektivbeamten in höhnischer Weise pries. »Mit größter Hochachtung verbleibe einstweilen noch als Freiherr Karl Breidling,« war der Brief unterzeichnet.
    147 Der freche Gesell hat sich nämlich, wie man später erfuhr, bereits seit dem Morgengrauen in der Stadt aufgehalten, in der Kleidung eines Försters, hatte, mitten unter dem Volke stehend, sein Karlinchen abführen gesehen, hatte die Prügel, die er ihr verabfolgt, mit ihrem Temperament verrechnet und war sich sofort klar, daß sie geputscht hatte. Er blieb also lieber seinem Vorhaben diesmal fern.
    In einem Postskriptum war dem Schreiben noch hinzugefügt, man möge die Kanaille ja fest verwahren, denn sobald sie frei käme, drehe er ihr das Genick um.
    Eines Tages aber hatte auch die verhängnisvolle Stunde für diesen Rinaldo geschlagen: man erwischte ihn im Kontor einer Mühle, als er im Begriff war, den Kassenschrank zu öffnen. Diesem Arnheim neuester Konstruktion war er aber nicht gewachsen und die Hilfe seiner Karline fehlte ihm obenein, kurz, man überraschte ihn. Leider erschoß er bei dieser Gelegenheit den jungen Mühlenknappen.
    Durch endlose Zeugenverhandlungen schleppte sich der Prozeß monatelang hin. Karline, die mit ihm konfrontiert wurde, leugnete jede Beziehung zu ihm und blieb dabei, sie habe damals nur die Polizei necken wollen. Man konnte ihr nichts beweisen, sie wurde auf freien Fuß gesetzt, Breidling aber zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.
    Karlinchen konnte man, als heimatberechtigt, nicht aus der Stadt verweisen. Sie etablierte sich also als Wahrsagerin und hatte bald großen Zulauf. Sie wußte, wo gestohlene Sachen sich befanden, sie konnte behextes Vieh kurieren, sie besaß Wünschelruten und Diebesfinger, und vor allem in Liebesangelegenheiten war ihr Rat und ihre Prophezeiung unfehlbar; es kam fast immer so, wie sie verkündet hatte. Wenn Abends die Fledermäuse flogen, dann schlichen die jungen Mäochen zu ihr. Sie wohnte dort, wo die letzten Häuser stehen, am Wege nach dem großen Kirchhof, und trieb ihr Gewerbe jahrelang voll ungeschwächter Anziehungskraft.
    Uns Kindern schwand sie allmählich aus dem Gedächtnis, bis eines Winternachmittags, zwischen Weihnachten und Neujahr, 148 als draußen die Schneeflocken stiebten und der Sturm heulte, in unserem Mädchenkränzchen die Rede auf die Zukunft kam und wir mit einbrechender Dunkelheit beim Scheine einer Schiebelampe und zweier Stearinkerzen begannen, das Schicksal auf hergebrachte Art zu befragen – Wie? Was? Wen? Es wurden Apfelschalen geworfen und Buchstaben aus ihnen entziffert, wir ließen Schiffchen schwimmen und gossen Blei. Dann kamen die Karten dran. Das alte Stubenmädchen des Hauses – wir befanden uns bei Klärchen –, die eine Art Vertrauensposten innehatte (sie war bereits bei der Mutter des jetzigen Besitzers bedienstet gewesen), brachte uns grad die obligate Apfeltorte mit Schlagsahne, als wir uns um die Bedeutung eines krausen Stückchens Blei stritten, das die eine für einen Brautkranz, die zweite für einen Großvaterstuhl und die dritte gar für einen Reiter zu Pferde hielt.
    »Das is ja alles man Unsinn,« meinte die alte Lisette, »wenn Sie was Ordentliches wissen wollen, müssen Sie Schinders Karlinchen fragen, es ist geradezu großartig, was die kann. Mich hat sie neulich wahrgesagt, alles, was mich passiert is im Leben, die Haare sind mich zu Berge gestiegen, so graulte ich mir. Aber dann hat sie gesagt, das Schlechteste läge hinter mich, das letzte Enne wär gut und freundlich – was kann man mehr verlangen? Ich bin ordentlich ruhig seitdem, denn was die sagt, is wahr, und der alten Wollmer hat sie ja vorigtes Jahr auch den Tod prophezeit.«
    »Das war auch 'ne Kunst,« nahm eine von uns das Wort, »wenn die seit zwei Jahren an der Wassersucht lag!«
    »Nee! nee, Frailainchen,« meinte Lisette überlegen im Hinausgehen, »so is's nich! Den Tod prophezeien, das is freilich keine Kunst, sterben müssen wir alle; aber Tag und Stunde, so daß die Wollmer den ollen Keßler hat kommen lassen und zu ihm gesagt: ›Meister, morgen über vierzehn Tage muß mein Sarg fertig sein, und nehmen Sie man gleich Maß, und ein Zollner fünf können Sie zugeben aufs Strecken.‹ Und dann auch richtig so sterben, Punkt Schlag neun Uhr Abends, wie Schinders Karline vorkündigt hat, das is doch eine Kunst, das macht sie keiner nach.«
    151 Wir saßen da, sahen uns an und fürchteten uns ein bißchen. Es brannten dazumal noch keine elektrischen Lampen, und unheimlich schwarze Schatten lagen hinter jedem alten Möbel; es gab noch unbeleuchtete Korridore und dunkle knarrende Treppen und alte Öfen, in denen der Sturm das Buchenholz zur knatternden Glut blies, und unsere Großmütter und Mütter waren alle noch ein bißchen abergläubisch und glaubten an Ahnungen und Vorbedeutungen und manche gar an leibhaftige Gespenster. Die weiße Frau im königlichen Schlosse zu Berlin hatte noch niemand anzuzweifeln gewagt, und – na, kurz, es war noch höchst romantisch dazumal, romantischer als heute, wo man ganz einfach jedes Gespenst mit Röntgenstrahlen durchleuchten würde, um es auf seine Wesentlichkeit zu prüfen.
    »Glaubt ihr daran?« fragte eine schüchterne Stimme.
    »Nein!« sagten wir anderen sämtlich, denn die sogenannte Aufklärung war uns in der höheren Töchterschule eingetrichtert worden. Aber das »Nein!« war zögernd und kleinlaut.
    Das Haustöchterchen fand endlich den Mut, zu sagen: »Man soll ja nicht daran glauben, aber manches ist doch so sonderbar. – Meine Großmutter behauptet, es gibt so etwas zwischen Himmel und Erde, sie hat's selbst erlebt, wie einmal« –
    »Bei meiner Mutter ist auch 'mal eingetroffen,« unterbrach eine zweite, »sie hat's, was eine Wahrsagerin ihr prophezeite. Ganz genau hat sie meinen Vater beschrieben, und der lebte damals noch in Magdeburg und war mit keinem Fuß in hiesiger Gegend gewesen; und über den ›langen Weg‹ ist er zu Mutter gekommen, nämlich über England, wo er in einer Shoddyfabrik lernte, bevor er in Großvaters Fabrik kam.«
    »Ich möcht's auch wissen,« meinte eine andere. »Wenn eine von euch bloß Courage hätte, ich ginge gleich mit zu Schinders Karlinchen.«
    »Aber, wenn das unsere Eltern erfahren?«
    »Ach was, wir tun doch nichts Schlechtes!«
    »Lisette könnte ja mitgehen,« wisperte das schwarzlockige Haustöchterchen.
    Drei oder vier von uns streikten entschieden, zuletzt blieben 152 nur noch zwei übrig, Klärchen und ich. Sie schlich in die Küche und verhandelte mit der alten Lisette. Klärchens Eltern waren ausgebeten, die meinigen ebenfalls, es stand gar nichts im Wege als das böse Wetter, das Lisette noch als letztes Bedenken hinstellte; aber dieses wurde mit dem Hinweis auf Gummischuhe und Regenschirm aus dem Felde geschlagen. Und richtig, in gruseliger Stimmung und mit lautem Herzklopfen, vermummt bis an die Nasenspitze, arbeiteten wir uns in dem Schneesturm durch die Gassen, über den Schloßplatz und zum Tore hinaus.
    Der Weg führte am Wasser entlang, auf dem vereinzelte Eisschollen, wie wir beim Schneelicht deutlich erkennen konnten, langsam dahin schwammen; am jenseitigen Ufer auf der Wiese standen verkrüppelte Weiden, die sich in unheimlichen Gestalten von der Schneefläche abhoben. Die kleinen Häuser zur Rechten sahen wahrhaft tröstend aus mit ihren hellen Fensterchen, obgleich man wußte, daß dort Gesindel wohnt von der allerschlimmsten Sorte. Weiter vor uns hob sich terrassenförmig der Kirchhof empor, den Weg gleichsam sperrend; die Zedern und Zypressen lugten über die Mauer wie schwarze klumpige Gestalten, die ein weißes Tuch übergehängt hatten zum Schutz gegen die anstürmenden feinen Flocken. Ganz von fern klang das Bellen eines Hundes, sonst alles totenstill.
    Das Häuschen von Schinders Karlinchen lag dicht an eine alte unbenutzte Kirche geschmiegt; ehemals hatte der Totengräber in ihm gewohnt, jetzt war ihm besseres Asyl geworden nahe der Grabkapelle, dicht an der Friedhofsmauer. In dieser verfallenden Kirche bewahrte man allerhand Gerümpel auf, alte Kreuze und Grabsteine, auf denen die Inschriften unleserlich geworden waren, Knochen und Schädel und wer weiß, was noch Grausiges. Als 153 wir noch Kinder waren, hatten wir zuweilen durch die schadhafte Pforte geblinzelt bei Spaziergängen, aber nie ohne das gehörige Gruseln. –
    Hinter Karlinchens Fensterläden schimmerte Licht, das sah ordentlich anheimelnd aus. Der Weg vom Fußsteig bis zu ihrem Hause war sorgsam vom Schnee gereinigt, als erwartete sie Gäste.
    »Lisette, wenn nun schon jemand bei ihr ist?« flüsterte Klärchen ängstlich.
    »Leicht möglich! Na, wartet nur, ich werd' erst 'mal zugucken.« Lisette schob in ihrem weiten Mantel der Haustür zu und klopfte mächtig.
    Sofort erlosch das Licht im Hause: alles blieb muckstill.
    Nun nahm Lisette einen Stein, der, vermutlich zu diesem Zweck, auf der Türschwelle lag, und ballerte furchtbar an die Haustür. Darauf tat eine volltönende Frauenstimme die in meiner guten Stadt herkömmliche geistreiche Frage, sobald die Schelle der Haustür klingt: »Ist da wer?«
    »Jawohl! Machen Sie man 'mal auf!« antwortete Lisette, »man verklamt ja hier draußen.«
    »Was wollen Sie denn?«
    »Na, dhun Sie man nich so! Wir wollen wat wahrsagt hebben.«
    »Ach so! Na, ick komm glick.«
    Es dauerte nicht lange, da schob sich der Riegel der Türe zurück und wir konnten eintreten in den kleinen Flur, der zugleich Küche war und Stall, denn im Hintergrunde lag auf sauberer Streu eine Ziege und in einem abgegitterten Raume hockten einige Hühner auf Stangen. Rechts führte eine Treppe, die wie eine etwas verbesserte Leiter aussah, in das Giebelgeschoß. Auf dem Herd brodelte ein Wasserkessel, und der Duft von Zichorienkaffee, vermischt mit dem Geruch getrockneter Kräuter und des Ziegenstalles, schwebte über dem Ganzen, das notdürftig beleuchtet wurde von einer grün lackierten Öllampe. Schinders Karlinchen aber hielt diese Lampe und sah aus ihrem funkelnden Sehwerkzeug halb mißtrauisch, halb neugierig auf uns herab.
    Sie war eine volle mächtige Gestalt. Das rote Haar, unter 154 einem Kopftuch lose aufgesteckt, umrahmte ein blasses Gesicht, dessen rote Lippen über zwei Reihen blendender Zähne lächelten. Sie war sehr sauber und mit einer gewissen Koketterie angezogen, wenigstens erinnere ich mich, eine blitzende Kette über dem dunkeln Spenzer, sowie eine riesige Brosche, in die Korallen eingelegt waren, gesehen zu haben. Sie trug eine buntgestreifte Schürze, den Zipfel halb zurückgeschlagen, und darunter noch eine feinere, ganz helle über dem kurzen Beiderwandrock. Die Füße steckten in zierlichen Pantoffeln.
    »Ach so,« sagte sie zu Lisette, »das sind Sie? Sind lange nich hier gewesen.«
    »Ich mag nich genau wissen, wann ich sterbe, un das andere haben Sie mich doch all gesagt!« antwortete diese.
    »Nu, nu,« meinte Karline begütigend, »zum Sterben hat's jawoll noch gute Wege bei Ihnen. Bitte, meine Fräuleins, treten Sie man näher.« Sie öffnete die Tür zu einem Stübchen, in dem ihr Bett stand, ein Tisch zwischen den Fenstern, ein paar Stühle und ein Schrank. Ein altes Umschlagetuch 155 war über beide Fenster gehangen, im Bauer plusterte ein erschreckter kleiner Vogel, eine Wanduhr tickte. Karline stellte die Lampe auf den Tisch, zog den Tischkasten auf und holte zwei Spiele schmutziger Karten hervor. Dann jagte sie eine Katze aus dem schäbigen Großvaterstuhl am Ofen und bot mir den Platz an, während Klärchen an den Tisch geführt wurde, auf dem Karline die Karten auszulegen begann.
    Ich weiß nicht mehr, was für großartige Dinge sie gesagt hat, einiges ist ja wohl eingetroffen, weil es Dinge waren, die das allgemeine Menschenlos mit sich bringt. Es gibt Briefe und Ärger, Krankheiten, Veränderungen und kleine Reisen; daß Klärchen sich verheiraten würde und fortziehen aus der Heimat, das war am Ende auch nichts Unwahrscheinliches.
    Mitten im Prophezeien meiner Lebensschicksale wurde die Prophetin gestört, ich erfuhr also nichts Bemerkenswertes. Während sie nämlich im halblauten Gemurmel war, ertönte draußen vor dem Hause das klägliche Miauen einer Katze, das Karlinchen, wie mir schien, in alle Glieder fuhr. Sie hielt lauschend inne, eine graue Blässe überzog ihr Gesicht, und als sich gleich darauf der Katzenschrei wiederholte, sagte sie, sich offenbar zusammenraffend, zu mir: »Dat verdammte Viecher is 'mal wedder uthüsig west! Warten Se man einen Augenblick, ick will 'mal rutergucken.«
    Sie verließ das Zimmer: wir hörten sie die Haustür öffnen, und es war uns, als vernähmen wir leises, hastiges Geflüster. Lisette saß wie ein Wachsbild auf ihrem Stuhl, dem Gesichtsausdrucke nach fürchtete sie sich.
    »Woll'n wir doch man lieber gehen, Fräulein?« sagte sie halblaut, fast heiser.
    Uns war es auch nicht geheuer. Wir hatten uns an der Hand gefaßt und schlichen hinter Lisette her der Stubentür zu, aber wie der alte brave Hausdrache öffnen wollte, war die Türe verschlossen. Oben, über unseren Köpfen, hörten wir geheimnisvolles Rascheln, in das sich das Pfeifen und Brausen des Sturmes mischte, der mit verstärkter Gewalt losgebrochen war. Ganz entsetzt sahen wir uns an. Endlich erfaßte Lisette grimmig abermals 156 die Türklinke, um daran zu rütteln, da gab diese nach und Karlinchen stand vor uns. Noch lag die Blässe auf Wangen und Lippen, aber sie lächelte, und zwar so, daß sie unheimlich aussah, das Gesicht verzerrt.
    »Die oll Katz,« sagte sie zu Lisette, »lett kein Ruh, bis man upmakt. Wat hedd so 'n Vieh in Snee herum to ramenten. – So, darf ich bitten, Fräuleins?«
    Aber wir erklärten einstimmig, wir müßten nun gehen, kämen ein andermal wieder. Karlinchen redete zwar zu, aber vergeblich, wir opferten, unter Lisettens Versicherung, daß die Herren Papas keinen Spaß verständen, unsere zwei Gutegroschen und stapften in den Schnee hinaus, eng aneinander geschmiegt, den leise schimpfenden weiblichen Cerberus zur Seite.
    Vor der Schwelle zeigte der Schnee die Stapfen eines großen Männerfußes, aber so, als wäre hier jemand mit bloßen Füßen gegangen. Auch den ganzen Weg zurück kamen diese Spuren uns entgegen, aber unregelmäßig, als wäre der Mensch gesprungen, und als habe jemand mit den Füßen gescharrt, um die Spuren unkenntlich zu machen.
    »Hängen lass' ich mich,« erklärte Lisette, »wenn das eine Katze gewesen is, die da geschrieen hat! Herr Gott, Fräuleins, erzählen Sie doch man nichts, daß wir bei Schinders Karline gewesen sind! Der Papa wirft mich sonst morgen aus dem Hause.«
    Wir fühlten uns wie erlöst, als wir wieder in den Straßen der Stadt waren und helle Fenster sahen und freundliche Menschenstimmen hörten in unseren Stuben.
    Am folgenden Tage aber kam der größte Schrecken nach: in der Stadt verbreitete sich nämlich die Kunde, Breidling sei Abends zuvor ausgebrochen aus dem Gefängnis, auf schier verwunderliche Art, und daß er zunächst seinem alten Schatz einen Besuch gemacht habe, wie dies auch von Karlinchen bei der alsbald nach Entdeckung der Flucht unternommenen Haussuchung unverhohlen zugestanden sei.
    Man hatte sie selbstverständlich verhaftet, aber sie beharrte bei ihrer Aussage, daß sie dem Lumpen nur gerad so viel Rast bei sich gegönnt habe, um Strümpfe und Schuhe anzuziehen und 157 sich durch einen Schluck Kaffee zu stärken; nachher sei er in die Schneenacht hinausgewandert, und irgendwo werde man den Unglücksmenschen schon finden, verklamt oder erfroren, denn bei solchem Wetter bleibe ja nicht einmal ein Vieh lebendig.
    Man fand aber Breidling nicht, niemals hörte man wieder von ihm. Einige wollten wissen, er habe irgendwo in den Harzwäldern Geld versteckt gehabt und sei damit nach Amerika entkommen, aber verbürgt ist nichts darüber.
    Uns aber wurde es klar, daß der Katzenschrei das Zeichen des gefürchteten Räubers gewesen war, und wir standen am nächsten Nachmittag bei der alten zitternden Lisette in der Küche von Klärchens Mutter und klapperten nachträglich vor Angst mit den Zähnen. »Hätte uns der Kerl ja totschlagen können wie die Mäuse,« stöhnte die Alte. »O Gott! o Gott! Sagt doch man nichts, liebe Fräuleinchens!«
    In den Annalen unserer Stadt bildete die Flucht Breidlings ein berühmtes Ereignis. Er hatte sich mit nackten Füßen durch die Esse emporgearbeitet, zu einer Zeit, als noch alles auf den Beinen war im Gefangenenhause. Der rasende Schneesturm ward ihm zum Verbündeten bei seinem halsbrecherischen Wege über Dächer und Mauern.
    Wären wir etwas früher aus Karlinchens Hause fortgegangen, wir hätten dem schaurigen Helden unzähliger Einbrüche und einiger Mordtaten auf dem einsamen Wege begegnen müssen, ja vielleicht auf Karlinchens Schwelle – ein Gedanke, der noch lange nachher 158 unsere Nerven schüttelte. Erst viel später haben wir uns dieses Streiches gerühmt; Lisette lag schon im Altweiberstift auf dem Friedhof und konnte keine Schelte mehr bekommen.
    Schinders Karlinchens wurde nach gebührender Frist aus der Haft entlassen und bezog ihr Häuschen wieder. Sie »sagte wahr« und lebte still vor sich hin, die hochlöbliche Polizei fand keinen Anlaß, sich einzumischen. Da kam der Krieg 1870.
    Unser Regiment zog eines Morgens mit klingendem Spiel ins Feld. Die ganze Stadt war auf den Beinen, ein jeder wollte den braven Jungen seinen Abschiedsgruß gönnen. Man hörte nichts als den munteren Marsch der Regimentsmusik und das taktmäßige Schreiten der Soldaten; es war ein leicht verschleierter Morgen und die Leute auf den Gassen winkten mit stummen Grüßen. Keiner hatte das Herz, »Auf Wiedersehen« zu rufen.
    Da auf einmal ein lautes »Hurra!« von der Straßenecke her, wo das Ende der Kolonne soeben eingebogen ist, das Schreien und Rufen übertönt die schon ziemlich ferne Musik. Die ganze Straßenjugend kommt wie die wilde Jagd daher auf klappernden Holzpantoffeln: »Hurra! Schinners Karline! Nu hebben wi all wunnen, nu kann dat Vaderland ruhig sin, nu riten de Franzosen ut – Hurra – Schinners Karline!«
    Hinter dem letzten Wagen der Truppe fuhr der Kantinenwirt, der sein Regiment nicht verlassen wollte, in einem Planwägelchen; zwei muntere Pferdchen, die keine Ahnung haben von den Gefahren, denen sie entgegengehen, zügelt er vom Bocke aus, und neben Herrn August Neumann thront im drallen Kattunspenzer, das rote Haar sittsam unter einem blauen Kopftuch versteckt, das ihre Stirn beschattet, Schinders Karlinchen als Marketenderin. Ohne mit der Wimper zu zucken, sitzt sie neben August um »mitzumachen« und achtet des Spottens nicht.
    »Adjes, Karlinchen!« scholl es, »lat di nich dodtscheiten!«
    »Ach, wat hängen sall, versupt nich!« So tönte es ihr nach.
    Sie ist nicht wiedergekommen. Bei Sedan traf eine französische Kugel sie, als sie einen unserer Braven, einen Schwerverwundeten, aus dem Bereiche der Geschosse tragen wollte. Es fand sich ein Testament von ihr vor. Sie vermachte bare 161 dreihundert Taler und ihr Häuschen der uralten Mutter des Breidling, die im Armenhause lebte und die letzten drei Jahre ihres Lebens dazu benutzt hatte, Schinders Karlinchen täglich zu verfluchen als Ursache von ihres Sohnes Verderbnis.
    Hiernach wurde sie still und verzehrte einen Taler nach dem andern von ihrer Erbschaft, und als noch zehn davon übrig waren, starb sie.
    Schinders Karlinchen erwarb sich mit ihrem Heldentode noch die gute Meinung der Leute. »Courage hatt se doch,« sagten sie –
    Ein ungleich friedlicheres Original war Blandine. Ein dürres, kleines altes Weibchen mit einem Gesicht, das aus lauter Lächeln gemacht war und Hunderte von Fältchen um die gutmütigen Augen hatte. Sie trug gewöhnlich ein Kleid von blau und braun geblümtem Wollstoff, nach Großmutterart mit kurzer Taille und mächtigen Puffärmeln: auf dem Haupte eine braune Perücke mit glattem Scheitel, die über den Ohren in breite viersträhnige Flechten überging, welche am Hinterkopf mit einem riesigen Schildpattkamm zu kunstvollem Kauz aufgesteckt waren. Die Stirn schmückte ein schmales seidenes Band, das gerade über der Nase ein goldenes Schildchen hielt, auf dem das Wort »Mutterliebe« eingraviert stand. Eine Haube, wie sie sonst ältere Personen tragen, verschmähte dieses wunderliche sechsundsiebzigjährige Frauenzimmer. Dafür aber trug sie ein schwarzes Taffetschürzchen, weiße Strümpfe, kleine schwarze Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern und auf der Straße einen Hut aus grüner Seide und ein altmodisches faltiges Mäntelchen, das im Sommer einem Umschlagetuch wich.
    In einer abgelegenen Straße, dicht an der Stadtmauer, lag das »Weingartenspittel«, eine Heimstätte für alte Frauen, die im Kampfe des Lebens müde und mürbe geworden. Über dem Eingang des großen zweistöckigen Gebäudes war eine Weintraube in Stein gemeißelt. Im ehemaligen Wallgraben hinter dem Hause befand sich der wunderhübsche Garten mit köstlichen Johannis- und Stachelbeerbüschen und weißblühendem Flieder. Die alten Weiblein zogen ihre Küchenkräuter dort und saßen in altmodischen grün 162 umlaubten Gartenhäuschen während der heißen Sommernachmittage, strickend und nickend. Er hatte etwas Wehmütiges, dieser Garten, in dem die Zentifolien so üppig blühten und die Greisinnen durch ihren Anblick sinnen machten im Andenken an ihre Tage der Rosen, die so weit, weit lagen. Eine Stimmung schwebte über dem ganzen Anwesen wie Abendrot, dem die Schatten der Nacht bereits folgen, Feierabendstimmung, müder, wohliger Friede.
    Im Hause war es kühl zur Sommerszeit und warm im Winter. Die alten Frauen hatten es gar gemütlich in ihren kleinen Zimmerchen, deren jede zwei besaß, einen Wohn- und einen Schlafraum. Eine jede hatte ferner einen erhöhten Fensterplatz, auf dem sie strickend oder spinnend saß und zwischen den Asklepiablättern hindurch auf die Straße sehen konnte. Eine jede hatte ein paar verblichene Bilder an der Wand und im Schrank ein Kästchen mit 163 Erinnerungen, aber so viele Raritäten wie Blandine besaß keine.
    In meinen Backfischjahren war ich wie toll darauf, Mutter Schumann zu besuchen. Möglich, daß ich ihr lästig gefallen bin mit meiner Neugier, gezeigt hat sie es mir nie. Sie herzte und streichelte mich mit den welken Händen und war stets bereit, mir Auskunft zu geben, wenn ich, im Zimmer umhergehend, alles betrachtend, sie um etwas fragte, das mir just auffiel.
    Blandine, so romantisch hieß sie wirklich, trug den gewählten Namen mit Recht. Sie war die Tochter des Schloßkastellans von S., der Residenz eines unweit meiner Vaterstadt gelegenen kleinen Fürstenhauses, und in dem alten spukhaften Bergschloß, in welchem noch aller Überschwang, die ganze Sentimentalität der Sturm- und Drangperiode webte, wuchs sie auf. Die schöngeistige alte Fürstin, die ebenso schöngeistigen Hofdamen hatte Blandine zwar immer nur von fern erblickt, aber sie hatte, gleich ihnen, an den Liebestempeln und Freundschaftsurnen im Park geseufzt und sich mit hinsterbender Romantik förmlich vollgesogen. Als dann der Leihbibliothekar Schumann aus O–burg ihren Vater besuchte, der ein Vetter von diesem war, lernte er Blandine kennen und war angenehm überrascht, eine Demoiselle in ihr zu finden, welche die ganze Literatur jener Zeit kannte und eventuell auch zitieren konnte. Rasch entschlossen hielt er bei dem Vater um das junge Mädchen an, obgleich er zwanzig Jahre mehr zählte als sie und obenein Witwer war.
    Blandine hatte einen andern vom Schicksal erwartet. Ihre Fassungslosigkeit bewies wenigstens, daß er ihrem Ideal nicht entsprach, aber da das Schicksal ihr bis jetzt nicht einmal von ferne einen andern gezeigt hatte, dachte sie an die vielen schönen Bücher, in deren Mitte sie künftig leben sollte, schlug die Augen nieder und lispelte ein verschämtes »Ja!«, wie es dazumal comme il faut war.
    Glücklich war die Ehe nicht geworden. Der »selige Schumann«, trotzdem er mitten in der schönen Literatur saß, war entsetzlich materiell und geradezu gewesen und hatte absolut kein Verständnis für den himmelblauen Idealismus seiner jungen Frau. Blandine 164 litt klaglos, wie sie allen versicherte, stopfte seine zerrissenen Socken und ertrug schweigend die Zornausbrüche über angebrannte Saubohnen mit Speck, die, entsetzlich genug! sein Lieblingsgericht ausmachten. Die Nachbarn liefen mitunter zusammen, so blitzte und donnerte es bei Bibliothekars, und oftmals fanden sie die junge Frau vor der Haustüre stehend, die sie nicht wieder zu öffnen wagte, nachdem sie geflüchtet war, und lachten sich heimlich schief ob deren poetischer Klage über den »rauhen Gatten, der die Harmonie ihrer Seele trübe«, denn so sprach sie ungefähr.
    Es wurde erst friedlicher, als ein Sohn geboren ward. Gelegentlich der Taufe kam der letzte große Krach. Blandine wollte ihn Leontes nennen und der Vater bestand auf Christian, ausgesprochen: »Krischan«. Auch hier mußte sie der rohen Gewalt weichen.
    Der »selige Schumann« aber fand schließlich zum allgemeinen Besten und weil er es satt hatte, angebrannte Saubohnen zu essen, einen Ausweg: er nahm seine alte Schwester wieder ins Haus, welche die Wirtschaft führen mußte, und Blandine wurde lediglich für das Geschäft verwandt, allwo sie stets mit dem kleinen Krischan zu finden war, der Ehegemahl höchstselbst ergab sich dem Studium der heimischen Bierbrauereien.
    Hier im Laden pries sie mit gewählten Worten ihre Bücher an, und Fremdwörter waren ihre schwache Seite. Ihre Sentimentalität wirkte hochkomisch, so daß es an Lesekunden nicht fehlte. Zahllose Histörchen gab es von ihr: so hatte sie eines Sommerabends in den Flitterwochen mit ihrem Gatten vor der Haustür gesessen, als hinter den Giebeln des alten Schlosses der Mond aufstieg. und sollte sich an ihn lehnend schwärmerisch gehaucht haben: »Geliebter, sieh wie Luna droben lächelt!« Und er hatte gegähnt und die schnöden Worte gesprochen: »Ach, lat em lachen!« Sie sprach auch von »Joethens Ephijenige« und Scotts »Quentchen Dhorwart«. Die »Beinkleider« des Herrn von Bredow gab sie nur unter holdem Erröten, selbst noch als sie bereits eine ältere Frau war. Keine Macht der Erde hätte sie dahin gebracht, dieses Buch zu lesen; sie war überzeugt, es sei »uneßtheetisch«. Dagegen schwärmte sie für Werther, für die schwülstige Erzählungsart eines Miller, dessen »Siegwart« ihr 165 Tränen erpreßte, und diesen verwandte Erzeugnisse, besonders aber für Ritter- und Räubergeschichten. Je herzbrechender die Titel waren, desto dringender empfahl sie die Bücher dem Lesepublikum.
    Der Junge wuchs zwischen diesem Vater und dieser Mutter zu einem sonderbaren Kräutlein auf. Vollgepfropft von Empfindsamkeit einerseits und anderseits von Speck und Saubohnen, von dem einen »Leontes« angehaucht, von dem andern »Krischan« angebrüllt, wußte er bald selbst nicht mehr, was er vorstellte. Die Mutter wollte ihn mit wallendem blonden Haupthaar sehen, der Vater ließ ihn heimlich »ratzekahl« scheren. Auf dem Gymnasium rief man ihm die Bonmots seiner Mutter nach, über die er mit Fäusten quittierte, und schließlich kam ein Tag, wo man ihn vergeblich suchte. Erst nach einem Vierteljahr erfuhr man, daß er sich in Hamburg als Schiffsjunge auf einen Ostindienfahrer hatte anwerben lassen, was ja damals noch möglich war, jedenfalls um der Vielseitigkeit seiner elterlichen Erziehung zu entgehen. Er war fort, und ob er je wiederkehren würde, das konnte Gott allein wissen.
    Vater Schumann alterierte sich so, daß dieser Ärger, im Verein mit seinen Bierstudien, einen Schlagfluß zuwege brachte an demselben Tage, wo er erfuhr, welchen Weg sein Sohn eingeschlagen hatte. Blandine beklagte und beweinte ihr doppeltes Unglück und erzählte ihren Kunden in wohlgesetzten Worten von ihrer Verlassenheit und sagte, sie fühle, wie es im Gedichte heiße: 166
    »O bitteres Los! Wohl hab' ich nie beim Scheiden
      So tiefes Weh, so harten Zwang gewußt,
      Als selbst den Trost des letzten Worts zu meiden. –«
    Und anderen gegenüber nannte sie sich Noibe, womit sie wohl Niobe meinen mochte.
    Sie verlieh ihre Bücher weiter, begann eine Lebensgeschichte von sich zu schreiben, die leider der Nachwelt verloren gegangen ist, und bedauerte nur immer und immer wieder, daß ihr Leontes sich durch diese Flucht eine klassische Bildung verscherzt habe, da er ja doch so große Talente besaß und schließlich auch namhafte »Stupendien« für die »Uneversität« gehabt haben würde, denn ein einziger Fußfall bei Serenissima würde genügt haben, ihm besagte »Stupendien« zu verschaffen.
    Blandine Schumann begann nun mit allerhand schönen Künsten ihr leeres Dasein zu schmücken; sie zeichnete, dichtete und sang, und nach abgelaufener Trauerzeit spielte sie in dem Dilettantenverein »Thalia« Theater. Diese Zeit lag allerdings weit zurück; als ich Blandine kennen lernte, war sie eine alte Frau, wie ich sie oben beschrieb.
    Sie zeigte mir einmal ein Blatt, eine Bleistiftstudie, ein ganz wunderliches Krickel-Krackel, darunter hatte sie geschrieben: »Felsreformation aus dem Erlental«. Erst als sie die nähere Erklärung dazu gab, erfuhr man, daß sie »Formation« gemeint hatte.
    Blandine, die mit dem Alter immer redseliger geworden war, verkaufte, als beharrlich keine Kunde von dem Sohne zu ihr drang, schließlich die Bibliothek – der Geschmack des Publikums war ohnehin »volgär« geworden, und bezog ihre Stiftsstelle im Weingarten. Hier war es auch, wo ich sie näher kennen lernte und mich zu dem seltsamen Wesen hingezogen fühlte; vielleicht ihrer wunderbar kindlichen Augen, vielleicht auch des nimmermüden Quells ihrer Erzählungen halber. So manchen Nachmittag habe ich in dem Spittelstübchen der Alten gesessen und ihrem zittrigen Gesang zugehört, den sie auf dem Spinettchen begleitete, das so wunderlich dünne, klirrende Töne hatte: 167
    »Guter Mond, du gehst so stille
      Durch die Abendwolken hin,
      Gehst so ruhig, und ich fühle,
      Daß ich schrecklich einsam bin. –«
    Das sang sie am liebsten. Schrecklich einsam! Ja, das war sie, aber sie schmückte ihre Einsamkeit aus.
    Sie hatte sich in der Erinnerung ihren Seligen zurechtgestutzt zu einem Charakter, der dem Helden ihres Lieblingsromanes glich, augenrollend, wutschnaubend, aber unendlich ritterlich, gerecht, zartfühlend. Ihr Leontes wurde zu einem begeisterten Forscher fremder Weltteile, dessen frühes Grab sie sich in einem Urwald vorstellte, malerisch umrankt von Lianen und sonstigen Schlinggewächsen. Eine indische Fürstentochter in golddurchwirkten Musselingewändern naht bei Lunas keuschem Lichte und begießt diese Stätte mit ihren Tränen, sie hat ihn natürlich geliebt!
    Nein, diese Phantasie! Dazu duftete es aus der Porzellanvase, die sie ihren »Postpurry« nannte, so wunderlich süß nach welken Blättern, und zur Erfrischung gab es Holundermilch, die so mild und blumig schmeckte, alles ganz passend zueinander. Ich hätte mir Blandinens Bewirtung auch gar nicht anders vorstellen können, als aus so ungewöhnlichen Sachen. Sie buk kleine Kuchen, die sie »Seladons« nannte, und machte einen Likör aus Rosenblättern, der »Doppelte Liebe« hieß. Noch höre ich, wie sie ihren Sohn zu beschreiben pflegte, und jedesmal fügte sie hinzu: »Ich brauche ja nur den Leontes des Dichters zubeschreiben – so war er auch.« Und dann deklamierte sie: 168
    »Er blühte hold in seinen jungen Tagen,
      Sein Haar war blond, die Lippe sanft geschwellt.
      Ein kühnes Herz schien diese Brust zu tragen,
      Und Mild' und Kraft auf dieser Stirn gesellt.
      Wohl mochte man beim ersten Anblick fragen.
      Ist dies Apoll, der Hirt; ist's Mars, der Held?
      Doch sah man bald, daß solch ein lichtes Auge
      Zum Leuchten wohl, doch auch zum Blitzen tauge.«
    Natürlich mit ganz falschem Pathos. Aber wie staunte ich sie an, wie bedauerte ich, daß diese Blüte der Menschheit mir verloren gegangen war, obgleich meine Großmutter versicherte, Leontes-Christian sei ein dicker untersetzter Bengel mit Stülpnase und strohblond gewesen.
    »Er wäre so alt wie Ihr Herr Vater,« schloß Blandine seufzend, »ach – es stirbt als Knabe, wen die Götter lieben.«
    So malte, sang und seufzte sie ihr einsames Alter hin; das kleine Gesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen, ihr Kleid saß lose und schlotterig und war abgenutzt, aber noch immer blitzte hell das goldene Schildchen mit der »Mutterliebe« auf ihrer Stirn; sie hatte es von ihrer Mutter zur Feier der Konfirmation erhalten.
    Eines Tages besuchte uns ein Jugendfreund meines Vaters, ein Maler; beim Spazierengehen trafen wir Blandine, die, ein Gießkännchen in der Hand und in ihrer ganzen verschollenen Pracht, dem Kirchhofe zuwanderte, gefolgt und verhöhnt von so und so viel Straßenjungen. Wir nahmen uns ihrer an, wofür sie mit einem altmodischen Knicks tief untertauchte und »oblischiert« war. Der Maler aber ward ganz begeistert und schwur, uns nicht eher zu verlassen, als bis er das »kostbare alte Stück« gezeichnet habe.
    Ich führte ihn ein bei ihr. Sie saß ihm mit größtem Vergnügen, und er war so hingerissen von der »Echtheit dieses Modells«, daß er ihre ganzen Sonderbarkeiten, selbst die Holundermilch in Kauf nahm und die »Bezauberte Rose« von A bis Z anhörte, die sie aus dem Gedächtnis deklamierte.
    »Echt! echt! großartig!« murmelte er, und nicht gar lange 171 dauerte es, da prangte Blandine in einer weit verbreiteten illustrierten Zeitschrift.
    Es stand nur darunter: »Blandine«. Das Bild aber war wirklich köstlich. Der Künstler hatte das gute, wunderliche, runzelvolle Antlitz unter der braunen Perücke vollendet wiedergegeben, auch das Stirnband mit der »Mutterliebe« fehlte nicht.
    Der Zufall wehte diese Zeitung über das große wogende Meer in ein fernes Land und in das Haus eines Deutschen, der seine Heimat und Mutter heimlich verlassen hatte vor länger als vierzig Jahren, Krischan Schumann hieß der Deutsche. Da packte ihn ein wunderliches Gefühl: er nahm seines Sohnes zehnjähriges Töchterlein und reiste mit ihm in die alte Heimat. Ein in harter Arbeit erstarrter, schweigsamer Mensch war er drüben geworden im Kampfe ums Dasein. Die ganze Knorrigkeit des alten Bibliothekars hatte er geerbt, auch dessen Äußeres, aber das zierliche Enkelkind mit dem langen kastanienbraunen Haar und den blauen Augen, das mochte wohl an Blandine erinnern.
    So standen diese zwei Fremdlinge eines Tages vor dem Altweiberspittel in der stillen Straße, und Blandine Schumann lugte hinter den Asklepiablättern hervor und wunderte sich, wer das wohl sei. Niewand war da, der die alte Frau hätte vorbereiten können, und so trat plötzlich der breite knorrige Mann unvermittelt vor sie hin, sah die kleine wunderliche Gestalt an und sagte mit leiser Stimme und zuckenden Lippen: »Mutter!«
    Sie schüttelte den Kopf, sie kannte ihn nicht, verstand ihn nicht.
    Da schob er die Kleine vor: »Das ist deine Großmutter, Kind!«
    Mit angstvollen Augen starrte die alte Frau auf das zierliche Geschöpf, dann richtete sie sich auf in ihrem Stuhl und rief wie jammernd: »Zu spät! Zu spät!«
    Es waren ihre letzten Worte – Leontes-Krischan konnte seine alte Mutter nur noch begraben.
    Er kam vor seiner Abreise zu uns und brachte mir im Auftrage der Verewigten ein abgegriffenes Büchelchen. Es war »Die bezauberte Rose«.
    172 Das sind Gestalten aus der Zeit, da die Acht neben der Eins stand: kleine unscheinbare Tröpflein in der Flutwelle des Jahrhunderts.
    Nun ist die Neun neben die Eins getreten und nimmt uns auf in ihre heranrauschende Flut, in der wir vergehen werden. Noch aber leben wir und sehen staunend, was Menschengeist ersonnen und erreicht hat, und harren ehrfurchtsvoll erschauernd noch größerer Offenbarungen, die uns das neue Jahrhundert bringen wird.
    Eines aber bringt es nicht, solche eigenartig harmlose Menschen wie die, die ich eben geschildert habe, die es verstanden, auf ihre Art da zu sein.
    Die Originale, die sterben aus.
  


    173 Maiblumen.
    Heute früh bin ich ausgegangen, das herrliche Frühlingswetter verlockte mich dazu. Nach diesem Winter, der uns so viel Schnee und Eis brachte, war der laue Wind, der blaue Himmel, der goldene Sonnenschein ein wahrer Hochgenuß, der geradezu berauschend wirkte auf das Gemüt. Die Trottoire in den Straßen des freundlichen Elb-Florenz sind trocken und belebt, auf dem Bismarckplatz trippeln die Kinder durcheinander, schwatzen laut und lachend die Wärterinnen, und der Bäckerjunge, der, eine riesige Tortenschachtel tragend, sich durch das Gedränge schiebt, pfeift was er kann:
    »Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, für meine Hulda, Hulda!«
    Die Engländerinnen tragen zu ihren Pelzkragen bereits Waschblusen unter den Jaketten und vorjährige Strohhüte. Die Taxameter haben das Verdeck ihrer Wagen geöffnet, und vor dem Bahnhofportale werden große Koffer reisender Leute abgeladen. Glückliche Menschen!
    Die Reiselust, die mich plötzlich übermannt! Eine Sehnsucht, so tief und mächtig, nach dem Lande jenseit der Alpen, nach blühenden Mandeln und Mimosen, nach roten und weißen Kamelienblüten, nach dunkelblauen Seen und silberblinkenden 176 Bergspitzen, nach menschendurchfluteten Städten und weißen, in Palmen und Lorbeergestrüpp versteckten Villen.
    In diesen Gedanken bin ich die Pragerstraße hinaufgeschritten, ganz mechanisch, ohne zu sehen und zu hören: mitten durch die eiligen geschäftigen Menschen, an den prächtigen Schaufenstern vorüber, immer weiter, bis ich auf dem Markt stehe, vor dem Tischchen der alten Blumenfrau, bei der ich stets zu kaufen pflege. Und da sind sie alle, die lieben Bekannten aus dem Süden. Die goldgelben Mimosenzweige, die ihr leuchtendes Banner so üppig wehen lassen auf der Isola madre; die Narzissen und Anemonen, die man am Monte Rosso pflückt, die gelben Marguerites, und dann der Maiblumenduft, ach, der Maiblumenduft!
    Da steht mir wieder zaubergleich die kleine Station zwischen Laveno und Mailand vor Augen, wo barfüßige italienische Kinder Maiblumensträuße verkaufen, so groß, daß man sie kaum zu fassen vermag, und so duftend! Aller Staub, alle Hitze scheinen gewichen aus dem dumpfen Coupé, sobald diese holden Blumen 177 ihren Einzug halten. Und wie ich das letzte Mal dort reiste, brachten mir diese Maiblumen ein Erkennen, da war ich, ohne es zu wissen, mit Lene v. Brandenfeldt in demselben Coupé gefahren. Erst an dem sehnsüchtigen Ausdruck, mit dem ihre Augen an meinem Strauß hingen, erkannte ich sie, und da – doch davon später! – – – –
    Ich kaufe der Alten so viel Blumen ab, wie ich zu tragen vermag, und wandere heim, noch immer mit der großen brennenden Reisesehnsucht im Herzen. Es liegt so etwas Festliches heute über allem Treiben, die Leute sehen gesund und lächelnd aus, selbst die Droschkenpferde haben ordentlich einen vergnügten Gesichtsausdruck, und ebenso die armen geplagten Zughunde und die kleinen geduldigen Esel vor den Milchkarren. »Ja, nun kommt gute Zeit, nun wird es warm und lustig in der Welt!« scheint alles zu sprechen.
    Zu Hause angelangt, verteile ich die Blumen in die Zimmer: der Maiblumenstrauß findet seinen Platz auf meinem Schreibtisch, dicht neben dem Heft, auf dessen leeren Seiten leider noch keine Zeile geschrieben steht. Aber jetzt weiß ich, was ich schreiben soll, die Maiblumen haben es mir gesagt.
    Und sie duften und duften und zaubern alte, längst vergessene Bilder herauf, anknüpfend an jenes Wiedererkennen im schwülen Coupé, über ihre weißen Glöckchen hinweg.
    Von Lene v. Brandenfeldt will ich erzählen, von den Tagen, wo wir beide noch weiße und rosa Kleidchen trugen und an eine wundervolle Zukunft glaubten, von den Tagen der Jugend.
    »In die Maiblumen gehen« nannten wir es in Steinhagen, wenn wir in den Stadtwald zogen, ein ganzer Trupp junger Frauen, Mädchen und Offiziere; die Mütter folgten uns im Krümperwagen mit der »Fourage«, denn im Försterhause war höchstens heißes Wasser zum Kaffeekochen und frische Milch zu haben. An irgend einer schattigen Stelle wurden Decken ausgebreitet, und man lagerte sich in zwanglosen Gruppen, irgend eine hübsche Frau füllte die goldgeränderten Kaffeetassen der Frau Försterin, die jungen Mädchen präsentierten den 178 Kuchen, und hinter dem nächsten grünen Gebüsch spielte die Regimentsmusik das »Echo im Walde«. Blauer, leichter Zigarettenduft verscheuchte die Mücken, und in das Lachen und Plaudern hinein rief unermüdlich aus der Ferne der Kuckuck. Und über allem der blaue Maihimmel mit seinen weißen Wölkchen, und junges, zartes Buchenlaub und hüpfende Sonnenfleckchen.
    Das Offfzierkorps des Ulanenregiments bestand aus durchweg wohlsituierten Leuten. Die Damen entnahmen ihre Toiletten von Gerson in Berlin, die Herren ritten Vollblutpferde, die jüngeren beteiligten sich an den Rennen und hatten in ihrem Kasino wunderbares Tafelsilber und livrierte Diener. Der Kommandeur ließ seine Gesellschaftsdiners direkt von Borchardt kommen aus Berlin, die gemeine Not des Lebens kannte vielleicht keiner von ihnen. Man war natürlich sehr exklusiv, und außer mit dem Landrat und einigen Großgrundbesitzern, die in jeder Weise als ebenbürtig galten, verkehrte man nur noch mit Brandenfeldts.
    Herr v. Brandenfeldt, Leutnant a. D., bekleidete die Stelle eines Beamten bei der städtischen Steuer, eine sehr untergeordnete Stellung. Seine Aufnahme in den Regimentskreis verdankte er seinem alten Adel und dem seiner Gattin, einer Tochter aus dem gräflichen Hause Elben. Ein früherer Kommandeur dieses Regiments war ihr Vetter gewesen und hatte die Familie in den Kreis hineingezogen. So sah man sie denn bei den Bällen und in den Gesellschaften, besonders seitdem das Töchterchen erwachsen war. Sie bewohnten ein sehr bescheidenes Quartier, dem unsern gerade gegenüber in der Gertrudengasse, und erfüllten mit jährlich ein bis zwei Soupers ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen, bei denen es einfach, aber ganz anständig zuging.
    Man speiste dabei von Tellern, die mit einer Grafenkrone geziert waren, und auf altem wappengeschmücktem Damast, den mancher von uns nicht aufdecken konnte, weil er eben kein Wappen besaß. Die Möbel waren gut und solid, und an den Wänden hingen die Bilder einiger gepuderter Ahnen, 179 die sich seltsam genug von der billigen geblümten Tapete abhoben.
    Die beiden Damen kleideten sich einfach und geschmackvoll: Frau v. Brandenfeldt schneiderte alles selbst. Der Herr Leutnant a. D. spielte sein L'hombre mit dem Kommandeur, dem Landrat und irgend einem Rittmeister und verlor hin und wieder auch 'mal ein paar Taler mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Nach solchem Verlust erschien er dann eine Zeitlang nicht am Spieltisch, unter irgend einem ganz akzeptabeln Vorwand.
    Ein Mädchen hielten sie nicht, nur eine alte Aufwartefrau für die gröbsten Arbeiten. Besuch empfingen sie für gewöhnlich nicht, und wie es erst bekannt wurde, daß die Damen ihre eigenen Köchin und Stubenmädchen seien, belästigte man sie nicht mit müßigen Visiten, sondern begnügte sich, sie am dritten Orte zu sehen, wie man denn überhaupt tat, als wüßte man nichts von ihrer ungewöhnlich eingeschränkten Lebensweise.
    Lene v. Brandenfeldt war wirklich ein reizendes Mädel, schlank aufgeschossen wie eine Birke, mit duftigem aschblondem Haar, nußbraunen Augen und einer Hautfarbe wie Apfelblüte. Sehr sanft, eher ernst als heiter, und doch bereit, so recht von Herzen mitzulachen und mitzutun, und immer zufrieden mit ihrem kargen Dasein, an das man übrigens nie dachte, wenn man mit ihr zusammen war.
    Natürlich zwang die Stellung, die Herr v. Brandenfeldt innehatte, auch zum Verkehr in den Kreisen der Bürger. Lene und ihr Vater taten dies mit selbstverständlicher Liebenswürdigkeit, Frau v. Brandenfeldt aber wurde es sehr schwer. Sie saß mit ihrem feingeschnittenen blassen Gesicht, eine altmodische Moireemantille um die spitzen Schultern, wie fröstelnd auf dem Sofaplatz, welcher übrigens der geborenen Gräfin immer bereitwilligst reserviert wurde, und beteiligte sich mit keinem Worte an den Gesprächen der Frau Apotheker Salzmann, der Frau Oberlehrer Rindenbeißer oder der Frau Stadtrat, welche letztere ihre direkte »Vorgesetzte« war. Dies Schweigen wurde ihr natürlich als Hochmut ausgelegt und war doch nichts weiter, als die Scheu, 180 jene Leute in ihr ärmliches Leben blicken zu lassen. Aufschneiden aber verstand sie nicht, es wäre ihr auch unter aller Würde erschienen. Sie konnte nicht über die Dienstmädchen räsonieren, denn sie hielt keine, und die hohen Preise der Hammel- und Kalbskeulen lagen ihr auch zu fern – war es doch männiglich bekannt, daß Brandenfeldts tägliches Deputat aus einem halben Pfund Kochfleisch bestand, nicht mehr und nicht weniger. Von andern Dingen aber war selten die Rede, so schwieg sie denn.
    Lene hatte mir einmal erzählt, daß ihr Vater, als junger Offizier und Ehemann, mit dem Pferde gestürzt und dadurch dienstunfähig geworden sei auf Lebenszeit, Lene war, als erstes Kind, damals gerade geboren. Der Großpapa, der alte Graf, damals schon vom Schlage getroffen und in Pension lebend, konnte nichts tun für den Schwiegersohn, denn er hatte noch sieben unversorgte Komtessen zu Hause, arme, verbitterte Dinger, die mit Sorgen den Moment herankommen sahen, da der Vater die Augen schließen und die Präsidentenpension erlöschen würde. Und so hatte der Leutnant a. D. v. Brandenfeldt den kleinen Posten eines Kassenrendanten in Steinhagen annehmen müssen.
    Lene, unbekümmert ob dieser Verhältnisse, wuchs frisch und fröhlich auf, war in bürgerlichen wie in militärischen Kreisen gleich beliebt und bei Festlichkeiten beinahe die begehrteste Dame. Traf es sich aber, daß am gleichen Tage etwas »los war« in beiden Welten, so gab sie stets der Einladung derjenigen Folge, zu der ihr Vater seiner Stellung nach gehörte. Ich allein wußte, wie schwer ihr das wurde, weil ja ihr ganzes Herz bei uns weilte, seitdem der Eberhard v. Wülflingen in unserem Regiment stand.
    Wir waren da einmal wieder in die Maiblumen gegangen, lagerten im Walde, tranken Kaffee und waren heiter, wie immer. Ganz am linken Flügel, ein klein wenig abseits auf einer Baumwurzel, saß Lene v. Brandenfeldt und ihr zu Füßen natürlich Eberhard v. Wülflingen. Nun war Eberhard zufällig der einzige im ganzen Regiment, der eine knappe Zulage hatte und sich in manchen Dingen einschränken mußte. Der hübsche, schlanke 183 Junge war vor etwa anderthalb Jahren direkt von den Gardeulanen gekommen, sein Vater, der Rittergutsbesitzer v. Wülflingen, war nicht mehr im stande, ihm die dort nötige hohe Zulage zu gewähren, weil er sich in Börsenspekulationen eingelassen hatte und damit gründlich verkracht war. Der Sohn schien nicht allzuschwer unter diesem Glückswechsel zu leiden; er war immer vergnügt, riesig sparsam und solide und vom ersten Tage an, wo er sie gesehen, in Lene v. Brandenfeldt verliebt. Sie sah ihn auch gern, sehr gern, das glaubte ich bestimmt zu wissen und begriff es vollkommen. Es war eben einer von denen, dem jedes junge Herz zufliegen mußte – liebenswürdig, ritterlich und hübsch. Wirklich, ein prächtiger Mensch!
    Der dicke Etatsmäßige war wohl der einzige, der das Paar durch sein Monocle etwas nachdenklich anstarrte und dann, mit einer Grimasse sein Glas fallen lassend, zu seinem Nachbar, dem Rittmeister v. Ollendorf, sagte: »Er wird doch nicht etwa so torhaft sein – was Ollendorf? Ist ja vollkommen okkupiert, der Schwerenöter drüben. Übrigens – entschuldbar – reizender Käfer, die kleine Brandenfeldt.«
    Ich hörte es, ohne mir weiter etwas dabei zu denken, ich war eben noch in jenen Jahren, wo man nicht rechnet und berechnet, ja, wo ein Gedanke an prosaische Dinge bei Liebessachen wie eine Entweihung erscheint.
    Als der Kaffee getrunken war und wir in den Wald schwärmten, um Maiblumen zu suchen, hing sich Lene an meinen Arm. »Du, Marie, komm mit, ich weiß, wo der beste Maiblumenschlag ist, der Förster hat es mir verraten, als ich im April 'mal mit Vater hier war. – Rasch, daß uns die andern nicht sehen!«
    Wir entkamen unbemerkt, niemend folgte uns in die grüne Wirrnis außer einem – Eberhard Wülflingen natürlich. Ich entdeckte ihn, als ich mich umwandte, weil mein Kleid an einem Dornbusch hängen geblieben war.
    »Du, Lene, der Wülflingen!«
    »So? Laß ihn: tue nicht, als ob du ihn gesehen. Hoffentlich verliert er unsere Spur!«
    184 »Hoffentlich? Bist du jetzt ehrlich, Lene?«
    Sie wandte den Kopf, damit ich ihr erglühendes Gesicht nicht sähe, und floh förmlich, als wollte sie die Wahrheit ihrer Worte beweisen; ich natürlich in gleichem Tempo mit. Wir brachen wie die gehetzten Rehe durch die jungen Buchen und Haselnußsträucher und standen endlich stille unter hohen Eichen, durch deren frisches Laub die Sonne flimmerte.
    O, der Duft, der Duft! Und die massenhaften weißen Glöckchen, die im leisen Wind zitterten zu unseren Füßen. Ganz berauscht davon, begannen wir zu pflücken.
    »Die andern finden so viele nicht,« sagte Lene jetzt, noch immer die Röte der Verlegenheit auf dem lieben Gesicht, »aber ich brauche viel, ich habe Rindenbeißers krankem Röschen einen großen Strauß versprochen; das arme Ding, immer liegt sie da, mit ihren gelähmten Gliedern.«
    Es war das letzte, was ich für ein Weilchen von Lene hörte; wir entfernten uns, Blumen pslückend, voneinander. Es war so still, so einsam ringsum, halb verweht klangen die Töne eines Straußschen Walzers herüber: »O junger Mai, o schöner Mai, la la la la, la la la la« – und in weiter Ferne rief wieder der Kuckuck.
    185 Ob es nun der starke betäubende Duft war, der mich so müde, so zeitvergessen machte? Ich sammelte schon lange keine Blumen mehr, ich saß auf der Wurzel einer eben belaubten riesigen Eiche und ordnete langsam, sehr langsam die Blüten und dachte an allerlei, an das, was man denkt mit zwanzig Jahren. Und wie ich mit dem Strauß fertig war und ihn mit biegsamen Grashalmen umwunden hatte, da fiel mir ein, nach Lene zu suchen, aber ich sah sie nicht mehr. Suchend und rufend schritt ich über die kleine Lichtung bis dahin, wo eine Gruppe dunkler Tannen steht, und hinter dieser Tannenwand sah ich plötzlich Lenens weißes Kleid schimmern und neben demselben etwas Blaues, Großes, und zugleich hörte ich eine bewegte Männerstimme sagen: »Aber Helene – Lene – Lene – das kann Ihr Ernst nicht sein!«
    Und das mit einer Betonung – einer Betonung – da wußte ich genug. Leise wandte ich mich um, schritt über die Lichtung zurück und verfügte mich auf den Rendezvousplatz. Sie waren alle schon vollzählig versammelt um die Maibowle, bis auf die zwei, und die schien niemand zu vermissen. Noch ein Weilchen, als wir eben zum Fanchonlaufen auf der Wiese antreten wollten, kam Lene allein den Waldweg daher mit ihrer Blumenlast; Eberhard Wülflingen fehlte und Lene tat ganz unbefangen, man sah ihr aber doch an, daß sie etwas Großes, 186 Feierliches erlebt hatte, ihr sonst so blühendes Gesichtchen war sehr blaß.
    Am Abend, als wir heimgingen, hing Lene sich wieder an meinen Arm.
    »Du, warum bliebst du nicht neben mir beim Blumenpflücken?« fragte sie mit niedergeschlagenen Augen und vorwurfsvollem Klang ihrer Stimme.
    »Ich kam unversehens von dir ab,« stotterte ich, »warum aber machst du denn so eine Leichenbittermiene – weinst wohl gar?«
    Sie schüttelte den Kopf. »Es ist so traurig,« sagte sie nach einer Weile mit ihrer lieben, leisen Stimme, »wer hätte das auch gedacht: ich habe ihn immer für so vernünftig gehalten. Wir können doch nicht zusammenkommen, Marie, und wenn wir uns noch viel lieber hätten, was ja aber gar nicht möglich ist!«
    »Hat er denn gesprochen?« forschte ich atemlos.
    »Ja! Er sagte, wir wollten aufeinander warten bis zum Rittmeister, und das – das – siehst du, das ist ja Unsinn.«
    »Und daran denkst du in dem Augenblick, wo dir der Mann, den du liebst, endlich seine Neigung gesteht? Du scheinst eben nicht gerade romantisch veranlagt.« Die tiefste Empörung sprach aus mir.
    »Romantisch? Nein, romantisch bin ich nicht,« sagte sie. »Du denkst vielleicht, ich liebe ihn nicht? Wirkliche Liebe ist gar nicht romantisch! Weißt du, wenn ich mir vorstelle, daß er einmal so ein Leben führen solle wie mein armer Vater, dann fühle ich nichts mehr als das eine, daß ich es nicht ertragen könnte, es mit anzusehen: – nein, das könnte ich nicht. – Wir sind beide so schrecklich arm, Marie!«
    »Du denkst weit hinaus,« gab ich zur Antwort, aufs peinlichste berührt von ihrer praktischen Richtung. Ich hatte sie stets für eine ideal angelegte Natur gehalten, und nun entpuppte sie sich plötzlich nach meinem Dafürhalten als eine hausbackene Seele, die das künftige Wirtschaftsgeld überrechnet in dem Moment, 187 wo ihr, beim Duft der Maiglöckchen, beim Schlag der Finken im Frühlingswald, ihr Liebstes, längst Ersehntes – sein Herz zu Füßen legt!
    Sie schritt stumm neben mir, von Zeit zu Zeit preßte sie meinen Arm und ein tiefer Seufzer traf mein Ohr.
    »Und was soll denn nun eigentlich werden?« fragte ich strenge.
    »Ich weiß es nicht, habe keine Ahnung,« antwortete sie beinahe hastig, »frage mich doch nicht!«
    Wir gingen alle über einen schmalen Wiesenpfad, der nur paarweise zu beschreiten war, der Stadt zu. Es war fast dunkel; der Mond stand hinter einer schwarzen Wolkenwand, in der von Zeit zu Zeit ein bläulicher Wetterstrahl aufzuckte. Die Luft war warm und gewitterschwül, und die Frösche sangen ihre Liebeslieder im nahen Bruch. Wir beide waren die Letzten des Zuges, eines langen schmalen Zuges, der sich wie ein Grabgeleite ausgenommen haben würde, wenn nicht das Lachen und Plaudern aus ihm zurückgeschallt hätte. Die ganze Stimmung in der Natur war eine sehnsüchtige, erwartungsvolle, eine echte Frühlingsabendstimmung, und die Blumen in unsern Händen dufteten so süß und schwer.
    Ob nur Lene das nicht empfand? »Wo ist Eberhard Wülflingen?« fragte ich leise.
    »Voran! Vor einer halben Stunde schon, er muß längst zu Hause sein.«
    »Er wird sich deine Antwort anders vorgestellt haben!«
    »Er sagte, an der Ausführung würde mein Bedenken ihn nicht hindern. Er will morgen mit den Eltern sprechen – trotz meiner Bitten: es geht ja nicht, es geht wirklich nicht! Ach, du, hätte ich ihn nur nie gesehen!«
    Es klang etwas schrecklich Gequältes aus ihrer Stimme, ich ärgerte mich von neuem über die feigen Bedenken und ließ unmutig ihren Arm fahren. »Und das nennst du Liebe?« sagte ich großartig und verächtlich.
    Sie antwortete nicht, ich meinte nur, ihre Augen groß und traurig auf mich gerichtet zu sehen. Stumm gingen wir den Rest 188 des Weges miteinander bis zur Stadt. Die Straßen wimmelten noch von Kindern, vor den Haustüren saßen die Leute und genossen die Abendkühle, aus den Gärten leuchteten weiße Blütenbäume, und der Fliederduft kämpfte siegreich mit den Gerüchen, die der Straße eigen zu sein pflegen.
    Hinter Wülflingens Fenstern war Licht, und gerade hier stockte der Zug; man trennte sich unter fröhlichem Gute Nacht, um die verschiedenen Penaten aufzusuchen. Lene und ich gingen zusammen weiter, voran ihre und meine Mutter, bis in die Gertrudengasse, wo wir uns ja gegenüber wohnten.
    »Überleg' dir's noch!« bat ich leise, wie wir uns ihrem Hause näherten. »›Ein getreues Herz zu wissen‹ – du kennst das Verschen; und so schrecklich arm wird er ja nicht sein, das Kommißvermögen kann ihm sicher sein Vater geben.«
    Sie senkte schweigend den Kopf. »Das meinte er auch, aber dennoch – – mein Gott, was ist denn das, die paar Taler?« stotterte sie.
    »Na, ich meine! Zwölftausend Taler, was das ist?« fragte ich empört; »wie manche wäre selig damit und dankte Gott auf den Knien dafür.« Und – du bist doch das »Sparsamsein« gewöhnt, dachte ich dabei.
    Sie antwortete nicht, und im nächsten Augenblick war sie hinter ihrer Mutter in das Haus getreten.
    Am andern Mittag, es war eben zwölf Uhr und die Schulkinder lärmten durch die Gassen, sah ich mitten unter ihnen Eberhard Wülflingen daherkommen im Besuchsanzug mit Ulanka und Tschapka, 189 groß, schlank und stattlich, einen feierlichen, entschlossenen Ausdruck im Gesicht. Er steuerte direkt auf Brandenfeldts Wohnung los.
    Aha, er führt aus, was er versprach! – Armer Kerl, du hast gar keine Idee, wie schwankend und prosaisch die Liebe deiner Lene ist! Ich blieb wie festgebannt am Fenster sitzen hinter meinem Nähtischchen und wünschte, die Mauern des Hauses drüben mit meinen Augen durchdringen zu können. Was wird nun werden mit den beiden?
    Ein Weilchen später kehrte der Herr Kassenrendant vom Bureau heim, er ging gebückt und langsam – immer, als drückte eine schwere Last seine feine Gestalt hernieder; das Gesicht war blaß und hatte einen leidenden Ausdruck. Der Sommerüberzieher war auch schon recht unmodern, ebenso der Zylinder, trotzdem hatte er das Aussehen eines eleganten Mannes.
    Plötzlich fiel mir Lenens Ausspruch ein: »Wenn ich denken müßte, daß er einmal so ein Leben führen sollte wie mein armer Vater, ich ertrüge es nicht!« Ganz unbewußt habe ich wohl den Herrn v. Brandenfeldt darauf angesehen, ach, es mag vielleicht doch eine größere Misere sein, als man ahnen konnte! Lene hat bisher freilich nie geklagt, sie war immer zufrieden gewesen, nur gestern nicht, zum erstenMale. Ob aber der Herr v. Brandenfeldt wirklich unglücklich war? Jedenfalls schien er sehr friedlich mit seiner Frau zu leben. Ich bewunderte bei Gesellschaften immer wieder die altmodische ritterliche Höflichkeit, mit der er nach beendetem Souper beim 190 Gesegnete-Mahlzeit-Wünschen die Hand seiner Gattin küßte, nachdem er gefragt hatte: »Wie geht's dir, meine Liebe?«
    Nach einer halben Stunde etwa kam Eberhard Wülflingen wieder aus dem Hause, sehr rot, sehr hastig, wie jemand, der eine große unerwartete Täuschung erfahren hat. Den Kopf im Nacken, ging er rasch die Straße hinunter.
    Natürlich! Lene war bei ihrem »Nein!« geblieben. Wie sie das nur konnte! Es ist doch unerhört! Ich meine, wenn man liebt, dann müsse auch die innere, zwingende Notwendigkeit dasein, einander anzugehören, über alle Bedenken hinaus. Lenens »Es geht ja nicht!« schien mir das untrügliche Zeichen einer kleinen Seele zu sein.
    Unmutig entfernte ich mich von meinem Beobachterposten und ging nach dem Garten. Dort suchte mich nach einem Weilchen der kleine Nachbarsjunge auf, der von Lene zu Ausgängen und leichten Besorgungen benutzt wurde für das fürstliche Honorar von zehn Pfennig die Woche. Er brachte mir ein mit Bleiftift beschriebenes, eilig zusammengefaltetes Zettelchen:
    
      »Bitte, komm gegen halb zwei Uhr in unsern Garten, ich muß Dich sprechen.
      Lene.«
    
    Was sie nur will? Wieder feige jammern und lamentieren über materielle Hindernisse? Wenn sie das tut, nahm ich mir vor, dann bekommt sie von mir Dinge zu hören, die möglicherweise unsere Freundschaft für immer zu Schanden machen, ich kann dann nicht anders. – Zur festgesetzten Stunde ging ich über den Hof des Hauses drüben, in welchem Brandenfeldts das Halbparterre bewohnten: aus der Scheuer führte ein Pförtchen in den Garten, den wir als Kinder bei unsern Spielen benutzt hatten. Durch die Haustüre mochte ich nicht gehen, ich wußte, daß Lenes Eltern zu dieser Zeit Mittagsruhe hielten.
    Ich fand Lene meiner schon wartend an der Scheunentür. Sie sah ein bißchen bleich aus, trug ihr marineblaues Alltagskleid, ein weißes Schürzchen und hielt den zierlichen Pompadour mit der ewigen Stickerei in der Hand. Ich betrachtete letzteren ganz entsetzt – sie konnte Handarbeiten fertigen an solchem Tage?
    191 »Liebste Marie,« bat sie, »ich bin dir so dankbar, ich kann nicht allein bleiben mit meinen schweren Gedanken. Setze dich doch ein bißchen mit in die Laube, komm!« Sie zog mich hinein und nötigte mich zum Sitzen: aber ich blieb stehen.
    »Ich meinte, du wolltest mich nötig sprechen? Ich habe nicht viel Zeit!« sagte ich streng und ungeduldig.
    Sie blieb neben mir stehen und antwortete nicht gleich. Nun erst bemerkte ich, wie ihre Hand, die einen frisch gepflückten Fliederzweig, der auf dem Tische lag, beiseite schob, zitterte, und wie verändert ihr Gesicht war, gramvoll, um zehn Jahre gealtert.
    »Du warst gestern schon so unfreundlich,« warf sie mir zaghaft vor.
    »Allerdings! Und heute bist du mir ganz unverständlich – ich sah Eberhard Wülflingen von euch wieder herauskommen, und –«
    »Mein Gott, es geht nicht anders,« flüsterte sie, mit starren Augen an mir vorübersehend.
    Und da riß mir die Geduld, wie eine mühsam zurückgestaute Flut brach mir mein Unwille los. Erbärmlich feige sei sie, eine größere Enttäuschung habe ich noch nie erlebt als bei ihr. Berechnend, materiell sei sie, nicht Liebe sei es, und Eberhard Wülflingen könne froh sein, daß er ein so kleinliches Wesen nicht heimführe, er werde sich hoffentlich bald zu trösten wissen. Damit wandte ich mich um und ging den Weg wieder hinunter, um zur Scheunentür zu gelangen.
    Zunächst rührte sich nichts hinter mir, dann aber holte sie mich ein mit eilenden Schritten. »Mariechen,« rief sie halblaut, »du irrst dich, ich kann dir ja nicht alles sagen! Bleibe doch – ich –«
    Sie war plötzlich neben mir und hielt mich fest, ihre Augen glühten, sie atmete mühsam. »Du weißt ja gar nicht, was ich erlebe, täglich, stündlich, sonst würdest du nicht so hart urteilen! Ich bitte dich, daß du mir glaubst, ein bißchen glaubst,« flehte sie, »wenn ich dir sage: mein Lebensglück hängt ja an ihm, mein ganzes Glück, und doch – –«
    »Doch kann ich Handarbeit machen,« höhnte ich, »und den armen Jungen heimschicken! Weißt du, was ich getan hätte? Entweder wäre ich ihm um den Hals gefallen und hätte 192 gesagt: ›Meinetwegen hungern und dursten, nur bei dir bleiben und mit dir leben!‹ Oder – ich wäre in den Teich gesprungen.«
    In diesem Augenblick schmetterte eine hohe klanglose Frauenstimme durch die verträumte Stille des Gartens: »Ganz vernünftig ist sie, wenn sie in ein solches Elend nicht hinein will, ein Elend, wie du es mir bereitet hast, trotz der zwölftausend Taler, mit denen du so groß tatest, als mit deinem Vermögen.«
    Wir standen wie angewurzelt. Dicht bei uns befanden sich die geöffneten, nur leicht verhängten Fenster des Schlafzimmers von Lenes Eltern. Stumm, an der Unterlippe nagend, stand Lene da und hielt mich doch erbarmungslos fest an der Hand, wie ich mich auch bemühte, zu fliehen, um nicht hören zu müssen, was dort zwischen ihren Eltern gesprochen wurde.
    »Ich dir bereitet?« antwortete die Stimme des Herrn v. Brandenfeldt. »Darüber wollen wir nicht streiten, wer mehr Schuld hat an dem jetzigen Elend, du oder ich.«
    »Du! Du als Mann hättest das Leben besser kennen müssen! Was wußte ich denn davon, von dem Wert des Geldes, vom Offizierstand überhaupt? Mein Vater war Jurist in einer hohen Stellung, und Mangel kannte ich nicht bis dahin, im Gegenteil –«
    »Dann hätte dein Vater vernünftiger sein und mich mit meinem ehrlich gemeinten Antrag 'rauswerfen sollen! Aber der war ja froh, daß eine von euch unter die Haube kam.«
    »Bitte sehr! Papa gab nur nach, weil – weil –«
    »Weil du erklärtest, dir das Leben nehmen zu wollen, wenn wir uns nicht kriegten – jawohl!« bestätigte er.
    »Hätte ich es mir doch genommen,« schluchzte die Frauenstimme auf, »dann – dann wäre alles besser, dann brauchte ich es nicht mit anzusehen, daß Lene sich halbtot grämt und als altes Mädchen verkümmert und versauert. Ach Gott, mein Gott!«
    »Wenn sie das nicht will, muß sie sich eben trösten und den Ronnefahl nehmen, der kann sie ja ernähren.«
    Ein gelles Auflachen der Frau war die Antwort, ein wehes Lachen, das wie Messer in das Herz des Hörers schnitt. Dicht am Fenster erklang es, und zugleich bewegte sich der Vorhang. Wir aber flohen wie gejagt um die Ecke des Gebäudes der Scheune zu.
    193 Dort in dem dämmerigen Raum, mit dem gespreizten Balkenwerk unter dem Ziegeldache, dem undefinierbaren Geruch nach dumpfigem Stroh und zahlreichen Mäusekolonien, blieben wir stehen. Wie ein Platzregen hatte dieses Gespräch die Glut meiner moralischen Entrüstung abgekühlt; ich wußte nicht, sollt' ich Lene ansehen oder stumm hinausschreiten. Ich war völlig fassungslos, so groß, so hoch über mir stehend, dünkte sie mich mit meinen hergebrachten Ansichten über Liebe. Und sie stand vor mir und schob mit der Spitze ihres Fußes einige Strohhalme beiseite und sagte: »Und sie haben sich einmal so schrecklich lieb gehabt!«
    Ich wußte nicht, was ich darauf erwidern sollte. »Das ist eben die rechte Liebe nicht gewesen,« stotterte ich endlich, um nicht allzu schmählich zu unterliegen.
    »Doch, Marie! Sieh, ich habe Briefe, die Mutter an Vater schrieb zu ihrer Brautzeit, so würde ich auch an ihn geschrieben haben, nicht anders. Eine ganze Welt von Liebe und Herzlichkeit, von Opfermut und Treue weht daraus, und ich habe auch Briefe von Vater, freudige, glückselige Briefe, er selbst gab mir diese kleine, während einer Manöverkampagne entstandene Korrespondenz nach einer schrecklichen Szene, die sie beide miteinander hatten, bei welcher ich, wie leider so oft, Zeuge war. Ich sehe noch sein beschämtes, trauriges Gesicht, als er dazu sagte: ›Es war nicht immer so, Lene, wir haben uns einmal sehr, sehr lieb gehabt, und wir meinten es redlich damit.‹ Und nun – ach, Marie! –«
    Und plötzlich schlang sie die Arme um meinen Hals und begann zu schluchzen, wild, fassungslos.
    »Lene, Lene,« bat ich erschüttert. »Du würdest doch nicht so sein – wie deine Mutter!«
    »Weiß ich das heute?« rief sie, innehaltend mit Weinen, »weiß man denn, was die Not aus einem macht, die schreckliche Not?«
    Und dann blieb es still zwischen uns, lange, lange, und der schrille Schmerzensschrei zitterte in meiner Seele nach. Ich hielt ihr Köpfchen an meiner Brust und ließ sie schluchzen. Ach, aus wie anderen Augen schaute ihr Gebaren mich jetzt an! »Du mußt 194 ein wenig fortreisen,« begann ich nach langer Zeit, »du wirst es dann, fern von ihnen, leichter überwinden.«
    Sie lachte leise und bitter. »Ich – reisen? Wovon denn? Wohin denn? Ist auch gar nicht nötig – er tut's für mich. – Er ist zum Kommandeur gegangen und bittet ihn, mit einem Kameraden der anderen Garnison tauschen zu dürfen.« Und sie strich sich mit einer unendlich müden, trostlosen Gebärde das wirre Haar aus der Stirn und zuckte die Schultern.
    »Du willst doch nicht wirklich den Ronnesahl heiraten?« fragte ich endlich.
    »Ich will nicht, ach nein, aber ich werde wohl müssen; die Brüder brauchen eine Equipierung, und ich kann den Eltern nicht mehr eine Last sein.«
    Sie drückte mir nochmals die Hand und wandte sich in den Garten zurück.
    Und dann war sie wieder, wie immer, still, freundlich und heiter. Nur ich wußte, wie es um ihr Herz stand, was dieses gleichgültige Wesen sie kostete. Eberhard v. Wülflingen aber ward versetzt von Steinhagen und kam nie herüber, wenn in unserer Garnison die Kameraden sich zu Liebesmahlen oder Bällen vereinigten. Es war ihm doch wohl sehr, sehr nahe gegangen.
    Nach zwei Jahren wurde mein Vater in eine andere, weit 195 entfernte Garnison versetzt, wir mußten Steinhagen verlassen. Im Garten nahm ich Abschied von Lene am Vorabend unserer Reise; wir waren die guten Freundinnen von ehedem geblieben, allein Lene sprach von ihrem Seelenkampf nie wieder mit mir. Daß der Fabrikbesitzer Ronnefahl noch immer auf sie wartete, dachte ich mir wohl, denn er hätte mit seiner stattlichen Erscheinung und seiner gesicherten, behaglichen Lebensstellung längst um eine andere werben können, trotz seiner ziemlich erwachsenen Söhne, von denen der älteste schon Primaner war.
    Ich war daher auch nicht allzusehr überrascht, als Lene mir gestand, daß sie jetzt dem zum dritten Male Anfragenden ihr Jawort gegeben habe. Sie sagte das so nebenher, als sei es ganz unwichtig, zwischen allerhand Bitten an mich, ich solle sie da draußen nicht vergessen; aber ob sie viel zum Schreiben käme, das wisse sie ja nicht, glaube es auch kaum, besonders in nächster Zeit nicht, wo sie für ihre kleine Aussteuer zu tun habe, denn ihre Mama sei recht schlecht dran mit den Augen; sie, Lene, müsse wohl alles selbst machen.
    Ich wünschte ihr noch aus vollstem Herzen Glück und versprach alles mögliche. »Sind deine Eltern nun zufrieden?« fragte ich noch.
    »Ach, doch wohl – sie haben nun weniger schwere Sorgen,« antwortete sie. »Ronnefahl ist sehr gut und opferbereit.« Und dann fügte sie noch hinzu: »Sie saßen vorhin Hand in Hand auf dem Sofa, seit langer Zeit zum ersten Male, und sprachen von ihrem Brautstand.« – Ein kleines gerührtes Lächeln zuckte flüchtig um ihren Mund bei diesen Worten, dann sah sie ein Weilchen starr geradeaus, und wie ihre Gedanken wieder zurückkehrten, umarmte sie mich herzlich. »Lebe wohl, Marie, sei glücklich, recht glücklich!«
    Ein- bis zweimal hat sie mir dann noch geschrieben, so gewisse müde, zufriedene Briefe, wie eine Fünfzigjährige sie schreiben könnte; im letzten stand als Nachschrift: »Eberhard hat sich auch verlobt, die Braut heißt Lisette v. Lohmann und ist eine Tochter Friedrich v. Lohmanns, der vor ein paar Jahren geadelt wurde, eines großen Grundbesitzers in unserer Provinz. Sie soll 196 liebenswürdig sein, hübsch und gut – wie freue ich mich für ihn! Es gibt mir viel Frieden.«
    Auf meine Frage, wann ihre Hochzeit sei, schwieg sie, und unsere Korrespondenz stockte, ich hörte nichts wieder von ihr. – –
    Mich führten weite Reisen in der Welt umher; das kleine märkische Städtchen versank in Vergessenheit, und wenn ich flüchtig an Helene v. Brandenfeldt dachte, dann erschien sie mir als Frau Ronnefahl in dem hübschen Wohnhause nahe der Stärkefabrik als liebevolle Stiefmutter ihrer großen Söhne, wo möglich auch als eigene beglückte Mama. Ihre Eltern stellte ich mir vor, in alter, wiedererwachter Zuneigung auf dem Sofa sitzend, Hand in Hand, wie Lene mir beschrieb, sich erfreuend an der behaglichen Lage, die sie ihrem Kinde verdankten.
    Endlich aber kamen Zeiten, wo ich überhaupt nicht mehr an Lene dachte, so viel Neues, Reiches war in mein Leben getreten. – Da fuhr ich an einem herrlichen blauen Frühlingstage, von Laveno kommend, nach Mailand. Das Coupé teilte eine einzige fremde Dame mit uns. Ich beachtete sie kaum, sondern plauderte mit einer Freundin, die mich auf der Reise nach Venedig begleitete.
    »Kommt nicht bald die Station, wo es die herrlichen Maiblumen zu kaufen gibt?« fragte ich.
    »Ganz recht! Malnate, die nächste ist es.«
    Und wie wir dort einfuhren, standen richtig hinter der Barriere wieder die barfüßigen kleinen Italienerburschen mit den riesigen grünweißen Sträußen und schwenkten sie bittend gegen uns. Der Schaffner brachte auf unsern Wunsch zwei große Bukette herüber, und wie wir sie nun im heißen Coupé hatten, da war eine förmliche Woge von frischem süßem Duft um uns, daß aller Staub, alle Hitze wie hinweggeweht schien; es war, als seien wir wieder im deutschen duftenden Laubwald, wo die Finken schlagen.
    Und während wir weiterfuhren, sah ich, wie die Dame mir gegenüber mit großen traurigen Blicken auf die Blumen starrte, und von da wanderten diese Blicke empor zu meinen Augen, in 199 das von leicht grauem Haar umrahmte Gesicht trat eine feine Röte, und sie sagte lächelnd: »Hast du denn immer noch die Maiblumen so gern, Marie?«
    Zuerst staunte ich sie einen Moment an, dann aber streckte ich beide Hände ihr entgegen mitsamt dem Strauß: »Lene, Lene Brandenfeldt – ist es denn möglich?«
    Sie nickte und erwiderte meinen Kuß. »Ich habe oft an dich gedacht,« sprach sie, »ich hätte auch gern an dich geschrieben, aber ich wußte nicht, wo du geblieben warst.«
    »Ja, freilich! Aber ich hätte an dich schreiben sollen, Lene; die Adresse wußte ich ja – Frau Ronnefahl in Steinhagen; vergib mir, daß ich so –«
    Sie schüttelte den Kopf, und den Strauß, den ich ihr in den Schoß gelegt hatte, zu ihrem Gesicht führend, daß sich dasselbe 200 ganz in den Blüten verbarg, sagte sie, tief den Duft einziehend: »Ich bin Lene Brandenfeldt geblieben – ich – weißt du noch, wie wir einmal in die Maiblumen gingen, Marie?«
    Und als ich nickte, fügte sie hinzu: »Siehst du, das konnte ich doch nicht vergessen.«
    Dann wurde sie noch röter und sah zum Fenster hinaus.
    Ich wagte nicht mehr zu fragen, aber im Herzen bat ich ihr nochmals alles ab, was ich jemals gesagt hatte von Feigheit und Berechnung und vielem anderen. »Und deine Eltern?« fragte ich dann und faßte ihre Hand.
    »Ich danke dir! Ihre letzten Jahre waren sorgenloser; ich hatte eine ganz gute Stellung in Berlin – als Gesellschafterin, und die Jungens schlugen gut ein. Aber nun sind sie tot, die lieben alten Leutchen –«
    »Und du?«
    »Mir geht es gut. Ich habe ja – denke dir – ich habe von meiner Dame ein paar tausend Taler geerbt, ich kann sogar Reisen machen, wie du siehst, und ich wohne jetzt wieder in Steinhagen, in der Wohnung der Eltern. Du solltest mich einmal besuchen, Marie – im Frühjahr, zur Maiblumenzeit! Dann gehen wir beide alten Erinnerungen nach. – Willst du? Freilich, einfach ist's bei mir, grad' noch wie damals.«
    Ich reichte ihr schweigend und gerührt die Hand hinüber, und um uns dufteten die Maiblumen und zauberten die Jugend zurück.
  


    201 Hilgendorf.
    Einen Starrkopf hatte das hübsche Röschen immer gehabt, versicherte die Mutter: schon als Wickelkind setzte es seinen Willen durch, und es war ein doppelt schweres Unglück, daß der Herr Amtsrat bereits starb, als das kleine Ding noch im Kittelschürzchen umherlief. Die junge Witwe, die den Kopf so voll hatte, war dem bemerkenswerten Eigensinn des Töchterchens, ohne die väterliche Autorität, durchaus nicht gewachsen, es herrschte ein immerwährender Kriegszustand zwischen der jungen Mutter und dem winzigen Püppchen.
    Dann war da noch eine Tante, der reine Verderb des Kindes: sie bewohnte oben die zwei Giebelstuben des stattlichen Hauses. Eine stille, sanfte Person, die immer zum Guten redete, immer vermittelte und die Schuld trug, daß Röschen niemals die regelrecht verdienten Prügel voll ausbezahlt bekam, ohne welche nun einmal, nach Meinung der Frau Amtsrat, Kinder nicht groß werden. Immer fiel diese Tante der strafenden Mutter in die Arme und erinnerte sie an den Seligen, der gewiß nicht wollte, daß sein Einziges so hart gezüchtigt werde.
    Die resolute Frau Amtsrat haßte diese Tante geradezu, ohne daß äußerlich ein Grund dafür zu erkennen war. Sie hatte dieselbe einst in einem Anfall von Zorn »ein altes Hauchebild« genannt, es war damals, als um die schöne junge Witwe die Freier herumflatterten wie die Wespen um süße saftige Früchte. In keiner anderen Zeitperiode hatte Frau Amtsrat ihre sanfte Schwägerin so verabscheut. Das 204 alte Hauchebild bekommt mein Kind doch nicht, sagte sie sich innerlich zum Trost, und wenn ich darüber sterben sollte!
    Wer kennt denn heute wohl noch ein »Hauchebild«, das wir von Anno dazumal in Gesangbüchern und Bibeln als ein Heiligtum verwahrten? Ein kleines, kartengroßes, aus hellroter Gelatine bestehendes, durchsichtiges Blättchen war es, das mit goldgedrucktem, strahlendem Gottesauge und einer Taube oder einem Lamm und dazu passenden Bibelsprüchen geschmückt war. Hauchte man so ein Blättchen an oder legte es nur auf die warme Hand, so bog es sich zusammen wie eine Rolle.
    Mit solch einem Bild verglich nun die Frau Amtsrat ihres verstorbenen Mannes sanfte Schwester, obgleich dieselbe ihr kein Steinchen in den Weg legte. Und so unrecht hatte sie nicht, wenigstens nach einer Seite hin betrachtet. Sobald nämlich die Frau Amtsrat ihre blasse Schwägerin bei irgend einer Gelegenheit barsch anredete oder anhauchte, sank die zierliche Gestalt förmlich in sich zusammen und saß schweigend da in ihrem grünen Ruhesessel, der extra für sie in der tiefen Fensternische des Wohnzimmers stand, wenn sie nicht gar vorzog, »in ihr eigenes Revier hinaufzuwechseln«, wie ihr seliger Mann, der Oberförster Taube, derartige Rückzüge benannt hatte. Nun, ein Streit ist ja bekanntlich beendet, sobald der Gegner verschwindet. Und zum Streiten hätte es täglich kommen können zwischen den Schwägerinnen, immer lediglich über das Röschen, wenn Frau Oberförster nicht so friedfertig gewesen wäre.
    Das wilde Kind hing zärtlich an dieser Tante. Wenn irgendwo und wie etwas Mädchenhaftes in ihm zum Vorschein kam, dann war's oben in Tante Lottchens friedlichem Bereich: dort lernte es stillsitzen und sticken und stricken, und im Dämmern legte es den mit zwei prächtigen dunklen Zöpfen geschmückten Kopf in den Schoß der Tante und ließ sich erzählen von dem Vater, den es so wenig gekannt, und den Tante Lotte so lieb gehabt hatte. Das war besonders der Fall, wenn die Mutter eine Damengesellschaft besuchte. Seitdem nämlich Frau Amtsrat Wendenburg das stattliche Domänengut Hilgendorf hatte verlassen müssen, um hier in Neustadt an der Solau ein Leben der Untätigkeit zu führen, wie sie ihr 205 Dasein nannte, war in ihr eine Leidenschaft für Geselligkeit und besonders für Kaffees erwacht, und dies letztere hatte wiederum seinen eigenen Grund. Sie hoffte irgend etwas zu erfahren über Hilgendorf, ihr liebes prächtiges Hilgendorf, das ihr so sehr ans Herz gewachsen war, sie kam sich vor wie eine Königin im Exil. Die stille Hoffnung, daß der Oberamtmann Bartenstein mit seiner Familie einen Besuch bei ihr machen werde, wie sich dies für den Nachfolger ihres seligen Mannes doch geschickt haben würde, trog; die Leute kümmerten sich um Neustadt an der Solau im allgemeinen und um Frau Amtsrat im besonderen nicht für einen Pfifferling. Trotzdem drangen allerlei Gerüchte über den neuen Herrn auf Hilgendorf in die Stadt und bildeten einen nie versiegenden Unterhaltungsstoff für die zahllosen Kaffees der Honoratiorendamen. Aber weit entfernt war Frau Amtsrat von dem sogenannten »Klatsch«, sie wollte hören aus wirklichem Interesse für ihr unvergeßliches Hilgendorf.
    Seit langer Zeit hatten die Wendenburgs auf Hilgendorf gesessen, so fest und sicher wie auf eigener Scholle, immer wieder hatte das fürstliche Rentamt den Pachtvertrag mit einem Wendenburg erneuert, der Sohn war dem Vater gefolgt wie auf einem Fürstenthron, und nun hatte der Himmel dem seligen Amtsrat Wendenburg nicht nur den heiß ersehnten Sohn versagt, nein, er rief auch den frischen, kräftigen Mann in seinen besten Jahren von dieser Welt ab, und die Witwe sah die Pachtung in die Hände eines gänzlich Fremden übergehen, der eines Tages mit seiner blassen, stillen, ewig kranken Frau einzog.
    Das war eine schwere Zeit gewesen, und andre schwerere kamen nach; zum Beispiel als das Testament ihres guten seligen Mannes bekannt gegeben wurde.
    Ja, dieses Testament! –
    Tante Lotte mied alle Festlichkeiten: sie machte lieber einen Spaziergang mit Röschen oder spielte vierhändig mit dem Kinde; anfänglich leichte Sachen, später ernste klassische Stücke. Wenn aber unten die Haustür klingelte und die tiefe schöne Stimme der heimkehrenden Mutter erscholl, dann steckte Tante Lotte das »liebste Kind«, wie sie ihre junge Nichte nannte, ängstlich zur 206 Tür hinaus, denn unter anderen Vorwürfen, die Frau Amtsrat für das Hauchebild hatte, behauptete sie auch noch, es trachte danach, ihr des Kindes Herz abspenstig zu machen. Und das Hauchebild konnte doch genug haben an ihrem eigenen Kinde, dem unausstehlichen Bengel, dem Fritz, dem ganz und gar nichts Hauchebildartiges anhaftete, der vielmehr rechtschaffen frech war, wie Frau Amtsrat Wendenburg jeden versicherte, der es hören wollte, eine Eigenschaft, die er von seinem verstorbenen Vater, dem Oberförster Taube, geerbt haben sollte – nach ihrer Meinung.
    Gottlob! war dieser »Schlagtot« von einem Jungen immer nur während der Ferien zu seiner Mutter gekommen, aber da gab es schließlich auch gerade genug Ärger. Wenn Röschen wild war von Natur, so wurde sie es doppelt, wenn Fritz Taube erschien. Und obgleich besagter Fritze acht bis neun Jahre mehr zählte als seine Cousine Röschen, waren sie doch schier unzertrennlich, und der heranwachsende Jüngling ging mit dem Kinde um, als wäre er die beste Bonne der Welt. Das Hauchebild aber lebte auf in dieser Zeit und stiftete, nach Meinung der Mutter Röschens, die beiden Wilden zu immer größeren Torheiten an. In den Kinderjahren Röschens mochte es ja hingehen, daß diese Tante mit Sohn und Nichte tagelange Fußtouren in die Berge unternahm, als aber dann später der hübsche Forsteleve mit dem kecken blonden Bärtchen über den blitzenden Zähnen immer wieder kam und die Tante mit dem siebzehnjährigen Röschen und ihm sogar eines Augustabends eine regelrechte Mondscheinpartie unternahm, von der das Mädchen mit großen leuchtenden Augen und einem blassen andächtigen Gesichtchen heimkehrte, da wurde es der Frau Amtsrat zu bunt, und sie empfand wieder einmal tief gekränkt die Schmach, durch ihres seligen Mannes letzten Willen in so unlöslichen Beziehungen zu dieser Tante Lotte stehen zu müssen, gleich einem Galeerensklaven.
    Die Frau Amtsrat war an diesem Tage in einem Gartenkaffee bei der Frau Superintendent gewesen, und als sie heimkehrte, aufgeregt von der großen Neuigkeit, die sie gehört, und nach einer Aussprache förmlich lechzend, waren die drei in die Au nach der Buschmühle gewandert. In ihrer Unruhe ging sie in den 207 Gartenwegen auf und ab und schalt innerlich auf das Hauchebild mit seinen verschrobenen Ideen, und dabei stand der Mond so wunderbar klar am dunkelblauen Himmel und versilberte jedes Zweiglein, jedes Blättchen, und lag wie Schnee auf den Kieswegen: die Rosen dufteten so süß, und jenseit der Gartenmauer gingen Bursche und Mädchen dahin und sangen:
    »In einem kühlen Grunde
      Da geht ein Mühlenrad« –
    Der Frau Amtsrat wurde mit einemmal ganz eigen zu Mute, denn an solch einem Mondscheinabend hatte ihr Seliger sie gebeten, seine Frau zu werden – da war sie eben siebzehn geworden. Heute zählte sie sechsunddreißig, seit elf Jahren war sie Witwe. Und sie dachte an einen zweiten Mondscheinabend, an dem der alte Geselle droben am Himmel noch viel silberner gestrahlt hatte, die Rosen noch weit süßer dufteten als an ihrem Verlobungsabend, denn da lauschte sie mit den wachen Sinnen ihrer reifen blühenden achtundzwanzig Jahre den Liebesworten eines schönen ritterlichen Offfziers, dem sie – ach, so gern die Arme um den Hals geschlungen und dazu gesprochen hätte: Ja, ja, ich will dein sein, ich liebe dich, wie ich nie zuvor geliebt habe! Und sie mußte die Arme sinken lassen und sagen: »Ich werde mich nie wieder verheiraten, Herr Rittmeister, nie!« Gott weiß, wie schwer ihr das geworden war!
    Und nun hatte sie immer nur für das Kind gelebt und hatte die ewige Sehnsucht nach frischer, fröhlicher, gedeihlicher Arbeit, und mit dieser Sehnsucht war Hilgendorf identisch. Es war der Traum ihres Alters, denn Frau Amtsrat erschien sich sehr alt, die Aufregung über das heute Gehörte kam mit dieser Vorstellung wieder heftig über sie, und mit ihr die Erbitterung über die Tante, die das Kind einmal wieder ihr entfremdete. Und just in diesem Augenblick kehrten sie heim. Durch die Gartenpforte trat die Tante mit Röschen und Fritz, und Frau Amtsrat konnte deutlich das Gesicht ihrer Tochter erkennen, ein blasses, feierliches Mädchenangesicht mit großen seligen Augen. Mutter und Sohn hatten sich begnügt, höflich Gute Nacht zu sagen, und letzterer zu 208 gleicher Zeit Adieu! Denn seine Zeit war vorüber, und morgen früh mußte er wieder fort.
    Das »Lebewohl!« der Frau Amtsrat klang nicht allzu freundlich, und als Mutter und Sohn außer Hörweite waren, da ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. Ganz unpassend sei das, so ein Umherlaufen in der Nacht. »Gott sei Dank, daß er morgen reist, der Junker Leichtfuß!«
    Aber Röschen antwortete nicht. Sie blickte, ganz gegen ihre Gewohnheit, in den Himmel hinauf, nur der rote Mund lächelte ein wenig, als wüßte sie alles besser als ihre liebe Mutter.
    »Ich red' nicht zum Spaß, du!« bemerkte Frau Amtsrat scharf, »ich hoffe, daß deine Tante Lotte da nicht etwa ein verstecktes Spiel treibt. Es könnte ihr sicher passen, wenn sich der Fritz in so ein warmes Nestchen setzen möchte und sie ihren Willen doch bekäme somit. Aber daraus wird nichts, merk dir's und laß dir keinen Floh von ihr ins Ohr praktizieren – ich bitte mir's aus!«
    Wieder keine Antwort. Still und stumm gingen sie beide ins Haus. Frau Amtsrat aber tat kein Auge zu diese Nacht. Sie war eine ehrenwerte prächtige Frau, die ihr Kind liebte, aber beinahe ebenso stark wie dieses Kind liebte sie Hilgendorf, ihre alte Heimat. Ach, wenn es einmal sein könnte, diese beiden größten Erdenfreuden zu vereinigen, auf daß sie bis an ihr Lebensende beide genießen könnte, dann würde sie Gott Abends und Morgens ein Loblied singen, solange sich ein Ton in ihrer Kehle fände. Der Hilgendorfer ist Witwer – der Hilgendorfer, Witwer! so klang's unaufhörlich in ihrer Seele heut abend, denn im Kaffee bei der Frau Superintendent hatte sie die große Neuigkeit gehört, daß die kränkliche Frau aus Hilgendorf gestern abend sanft entschlafen sei.
    »Gott steh' mir bei, ich bin ja wohl ganz verrückt!« seufzte sie, »die Frau ist noch nicht einmal unter der Erde! Und nach dem Trauerjahre würde er schon wieder ein Jahr älter sein, und er ist so schon Anfang der Vierziger: – ein Unsinn, nur daran zu denken!«
    Aber da sprach wieder eine Stimme in ihr: »Wird er ein Jahr älter, so wird Röschen auch ein Jahr älter, und ein 211 stattlicher Mann ist er noch immer – à la bonheur! – Unsinn! – Dieses Kind, wie komme ich nur darauf?« ging's wieder durch ihre Seele. »Das macht aber die ewige Sehnsucht nach dem alten Nest, wo ich so glücklich gewesen bin, und die Angst vor Fritz!
    Herr Gott, wenn ich oben in der Hilgendorfer Giebelstube meine alten Tage verbringen könnte, von deren Fenster aus man das Dorf liegen sieht, und die kleine Kirche am Apfelberge, und die weiten Felder und Wiesen! Und dann der Park, und der Garten mit dem Spalierobst, das ich selbst angepflanzt habe, lauter feine Sorten, und der Kuhstall – solchen Kuhstall gibt's ja überhaupt nicht weiter! Da noch einmal durch die Gänge zu wandern zur Melkezeit – ach Gott – ach Gott!«
    Es kam ein förmlich schreiendes Heimwehfieber über die hübsche Frau. Ruhelos warf sie sich umher auf ihrem Lager, und mit heißem Kopf erhob sie sich in aller Herrgottsfrühe.
    Ich schnappe ja wohl noch reinweg über? sagte sie sich, dies Hilgendorf wird sicher noch 'mal mein Tod – gottlob, daß der helle Tag kommt!
    Sie badete den Kopf mit kaltem Wasser und ging im Morgenkleide nach dem Garten hinaus, einem sehr schönen Garten, aber natürlich mit dem Hilgendorfer nicht zu vergleichen. Die Morgensonne warf ihre schrägen Strahlen durch die Wipfel der alten Linden und Kastanien und blitzte in den Tautropfen des Rasens und der Beete: wunderbar kühl war die Luft. Sie ging mit federnden, elastischen Schritten an den Rosenstöcken vorüber, die gerade die zweite Blüte entfalteten, hob hie und da das herunterhängende Köpfchen einer Thea, roch daran und ertappte sich wieder bei dem Gedanken: in Hilgendorf sind sie doch noch schöner, das macht das regelmäßige Düngen mit Kuhmist.
    Dann, völlig ärgerlich über sich selbst, weil sie nicht loskommen konnte von Hilgendorf, lief sie dem Gemüsegarten zu, weiter nichts wünschend, als daß das Schicksal ihr irgend etwas in den Weg schicken möchte, über das sie mit vollem Rechte schelten und reden könnte, um Hilgendorf und den Witwer einen Augenblick zu vergessen. Und dieser Wunsch erfüllte sich auch im selben Augenblick, denn als sie eben um das dichte Boskett bog, das den Zaun des Küchengartens 212 verdeckte, sah sie zwischen den roten Rüben, dem Wirsingkohl und den Bohnenbeeten ein paar junge Menschen umherspazieren, zärtlich aneinander geschmiegt, denn er hatte den Arm um die Taille des schlanken Mädchens gelegt.
    Frau Amtsrat stand buchstäblich »angedonnert«, wie ein Lokalausdruck in Neustadt an der Solau verblüffte Menschen bezeichnet, und keines Wortes fähig. Auf ihrem frischen Gesicht wechselten Röte und Blässe, man sah, sie überlegte, was zu tun sei. Und plötzlich wandte sie sich um und kehrte im Geschwindschritt nach dem Hause zurück. Besser, nicht tun, als ob ich etwas weiß, denn der Sache eine zu große Bedeutung durch eine Szene beimessen, entschied sie: in der nächsten halben Stunde mußte ja der freche Junge abreisen! Daß er so bald nicht wiederkomme – der, der Mädchenjäger, dafür würde sie schon Sorgetragen! I, Gott bewahre! Hatte sie deshalb ihre Zukunft geopfert, um dem Hauchebild dennoch das Kind zu überlassen?
    Und Frau Amtsrat führte diesen Vorsatz durch mit bewundernswerter Taktik und Ruhe. Sie tat ihrem stillseligen, verträumten Töchterlein gegenüber, als wäre sie vollkommen ahnungslos, 213 aber sie zog einen unsichtbaren Kordon um Röschen und um die verhaßte Tante Lotte. Eigentlich war es nie stiller und friedlicher gewesen in dem schönen alten Hause der Spohngasse als gerade jetzt nach der Abreise des jungen Mannes.
    Die Monate vergingen, die Weihnachtszeit rückte heran, das Städtchen lag tief verschneit und der Hilgendorfer Witwer fuhr im Schlitten mit Schellenklang und Peitschenknall die Gasse entlang und zog respektvoll die Pelzmütze, als er vor dem Hause der Frau Amtsrat vorüber kam. Die blonde Frau saß am Doppelfenster voll blühender Hyazinthen und nähte, das Töchterlein ihr gegenüber. Letzteres tat, als wäre es blind und taub und zog gedankenlos die Nadel durch die feine Damastserviette, die es auf Befehl Mamas besäumen mußte.
    »Mein liebes Röschen, der Herr Oberamtmann hat eben gegrüßt,« erinnerte die Mutter wohlwollend.
    »So?« meinte Röschen gedehnt. »Ich glaube, Mama, er hat mich nicht gegrüßt, er sah dich nur an.«
    »I, Gott bewahre! Entschuldige dich nur nicht so töricht, Kind!«
    »Wahrhaftig, Mama!« beteuerte Röschen mit großen, unschuldigen Augen, »er sieht immer nur dich an, auch wenn wir ihn auf der Straße treffen, und schließlich verdenke ich es ihm gar nicht, du bist doch eine sehr hübsche Frau, Mama.«
    214 »Seit wann hast du denn das Schmeicheln erlernt?«
    »Das Schmeicheln? Ich?« antwortete das Töchterlein tief gekränkt. »Ich schmeichle nie! Sehe ich's doch mit meinen Augen alle Tage, und wenn ich nicht von selbst darauf gekommen wäre – so höre ich es ja alle Wochen ein paarmal von deinen Freundinnen und Freunden: Merkwürdig, daß die Töchter nie die Schönheit der Mutter erben! Oder: Die Mama war in Ihrem Alter doch ein gut Teil hübscher als Sie, kleines Fräulein! Oder: Wie zwei Schwestern, nur daß die ältere die bei weitem schönere ist.«
    Sie hatte das mit verschiedenen Tonarten gesagt, offenbar in Nachahmung der betreffenden Persönlichkeitem
    »Die Leute reden vieles, was sie nicht verantworten können,« antwortete Frau Wendenburg nicht gar zu böse: »es sind eben Redensarten, auf die man nichts gibt, aber hiermit hat das gar nichts zu tun, – wenn der Herr Oberamtmann Bartenstein zu unserem Fenster hinausgrüßt, hast du mit zu danken. Verstanden?«
    »Ja, Mama!«
    »Ich finde Herrn Oberamtmann Bartenstein sehr nett und höflich,« erklärte die Mutter eifrig, »ein ganz scharmanter Mann ist er. Auf Äußerlichkeiten achten doch nur sehr oberflächliche Menschen; mir ist er jedenfalls lieber als manch einer mit dem üppigsten Haarwuchs.«
    »Ich habe aber seinen Wert nicht im geringsten angezweifelt, Mama! Wie sollt' ich auch? Ich kenne ihn ja gar nicht!«
    »Und mokierst dich doch über seinen Kahlkopf? Weißt du auch, bei wem du das Mokieren gelernt hast? Bei Tante Lotte – red mir nicht dawider – bei Tante Lotte hast du es gelernt, basta!«
    »Wirklich nicht, Mama, Tante Lotte sagt keinem Menschen etwas Böses nach: immer hast du etwas auf die arme Tante.«
    Darauf eine lange Pause. Endlich fragte Röschen, um das gekränkte Gesicht ihrer Mutter wieder freundlich zu sehen: »Wir müssen nun wohl bald mit den Weihnachtsbäckereien anfangen, Mama? Die Zuckernüsse schmecken wirklich recht gut, wenn sie zwölf bis vierzehn Tage alt sind.«
    »Wir backen in diesem Jahre nicht,« war die Antwort.
    215 »Nicht? Und Fritz ißt doch so gern unser selbst bereitetes Konfekt!«
    »Dann mag nur seine Mutter backen, wir – es ist eigentlich dein Weihnachtsgeschenk, und du solltest es erst kurz vorher erfahren, aber es läßt sich schwer verheimlichen, bist ja auch kein Kind mehr – wir reisen nächsten Sonnabend nach Berlin zu Onkel Richard und bleiben – –«
    »Und bleiben –?« stotterte das junge Mädchen, das ganz blaß geworden war.
    »Wir bleiben bis Anfang des nächsten Jahres,« vollendete Frau Amtsrat gelassen.
    »Aber, Mama, dann – dann ist die arme Tante ja am Feste allein, und –«
    »Fritz kommt ja doch, denke ich?«
    »Ach ja, Fritz kommt!« Röschen legte ganz langsam ihre Näherei zusammen und stand auf, um das Zimmer zu verlassen.
    »Nun, und du freust dich gar nicht? Du bedankst dich nicht einmal?« rief Frau Amtsrat ihr nach.
    »O, ich freue mich ganz gräßlich, und ich danke dir sehr, Mama,« antwortete Röschen mit Aufbietung aller Kräfte, und dann war sie plötzlich aus der Tür und lief so eilig sie konnte über den großen Flur in ihr Stübchen, und wie sie dort die Türe zugeriegelt hatte, fing sie an zu weinen wie ein gestraftes Kind. Und danach wurde sie zornig und zerbiß ihren Taschentuchzipfel und trat mit dem Fuße auf, und endlich weinte sie wieder. Wie hatte sie die Tage gezählt bis zum heiligen Abend, an dem er kommen würde zum Christfest: wie hatte sie die Nächte hindurch bei der Arbeit gesessen, um die Brieftasche fertig zu sticken, die sie ihm heimlich, ganz heimlich schenken wollte! Und nun sollte sie fort, sollte das liebe Fest nicht hier verleben mit Tante Lotte und Fritz! Sollte da mit ganz gleichgültigen Leuten unter dem Weihnachtsbaum zusammen sein, in der fremden großen Stadt, weit fort von ihrem lieben Wald, der so herrliche Spaziergänge hat, ganz schmale Waldpfade, in denen man nur zu zweien, eng aneinander geschmiegt, wandern kann!
    O natürlich! Mama hat etwas gemerkt, Mama ist es nicht 216 recht, Mama hat – sie stockte in ihrem Selbstgespräch plötzlich und sah mit starren Blicken ins Leere. Vor ihren Augen türmten sich plötzlich ganze Berge von weißer Leinwand, die Mama aus allen Schränken und Truhen hervorgekramt hatte, um diese Pracht nähen und sticken zu lassen; in der Schrankkammer saß ja seit zwei Wochen schon Fiekchen Blomann und stichelte mit einer Gehilfin auf Tod und Leben: und dem Vollmond gleich stieg plötzlich die Glatze des Herrn Oberamtmann Bartenstein in Röschens verwirrter Phantasie auf, die ganze Situation beleuchtend und klärend.
    »Herr Gott, der Witwer! Und Mamas Leidenschaft für Hilgendorf! Und der Rüffel, weil ich nicht gedankt hatte auf seinen Gruß, und – – nun, da haben wir's ja!«
    Sie setzte sich, ganz benommen, auf ihr Bettchen und atmete rasch und ängstlich. Nach einer Weile sagte sie halblaut: »Na, ich danke!« Und nach einem Weilchen wieder kicherte sie, und in ihren braunen Augen saß der alte Schelm.
    Dafür ist ihr nicht bange, dazu gehören zwei! Wenn nur –. Und nun wurde es wieder trübe hinter der weißen hübschen Stirn – wenn nur das Weihnachtsfest ihr nicht so abscheulich verdorben werden sollte! Sie ist doch gräßlich dumm, diese Reise nach Berlin, gräßlich dumm! »Gräßlich« ist offenbar das Lieblingswort Röschens.
    Nach einer Viertelstunde angestrengten Nachdenkens ging sie endlich leise die Treppe hinauf zu ihrer Trösterin und Beraterin in allen Lebensfragen, zu Tante Lotte.
    Frau Oberförster saß am Fenster und stickte an einem Weihnachtsgeschenk für ihren Einzigen, einem Rückenkissen in Kreuzstich ausgeführt, einen Zwölfender darstellend, der seelenvergnügt aus einem Eichenkranz schaut.
    »Ich werde wohl nicht fertig werden, Röschen,« seufzt die alte Dame.
    »Ach, Tante, es wird überhaupt ein ganz klötriges Fest werden,« sagte Röschen kleinlaut. »Mama will es in Berlin feiern.«
    »So? In Berlin?« Die hübschen blauen Augen der alten Frau sahen forschend in das tränenumflorte Gesicht der jungen 217 Nichte. »Nun, Kind, das ist ja immerhin noch kein Unglück.«
    »Ich wäre Weihnacht lieber zu Hause: Onkel Richard kenne ich ja kaum, und die Tante, die kenne ich erst recht nicht, und – du hier so allein!«
    »Ich habe ja den Fritz,« lächelte das Hauchebild, und in ihrem guten müden Gesicht zuckte es bitter, als sie den niedergeschlagenen Ausdruck in Röschens Gesicht bemerkte.
    »Ja, du hast den Fritz!« nickte Röschen; dann schwieg sie und dachte: das ist doch kein Trost für mich. Plötzlich fiel ihr Blick auf einen ganzen Stapel feiner Taschentücher, die auf dem Nähtisch der Tante lagen. »Himmel! hat Mama dich auch mit Weißnähen begnadigt?« fragte sie.
    »Ach, ich tue es gern, Kindchen, hab' so nichts vor.«
    »Wozu nur auf einmal diese gräßliche Stichelei?«
    »Wohl zu deiner Ausstattung.«
    »Meiner Ausstattung, Tante? Aber, das hat ja noch gar keine Eile!«
    »Nun, du bist doch jetzt in den Jahren, wo man freit! Wenn der Bräutigam anklopft, ist alles bereit.«
    »Hat Mama das gesagt?«
    »Nein, Kind, ich denke nur so. Zerbrich dir den Kopf nicht darüber, kommt Zeit, kommt Rat!«
    »Ich will mich auch nicht ängstigen. Du hast recht, Tante: wenn der Freier erscheint, ist alles fertig.« Und dann setzte sie ganz laut hinzu: »Wie ich dies Hilgendorf nur hasse, Tante Lotte!«
    218 »Herrjemine! Und hat doch deine Wiege dort gestanden!«
    »Aber mein Sarg soll dort nicht stehen,« murmelte das junge Mädchen.
    »Dein Sarg? Das klingt ja schauderhaft!«
    Röschen schwieg. Vor ihren Augen stand der große Hilgendorfer Saal, und in ihm, am hellen Tage, brennende Kerzen und ernstes Grün, und viele, viele Menschen mit traurigen Gesichtern, genau so wie bei Papas Beerdigung; in der Mitte des Saales stand ein offener Sarg, in ihm lag die Gestalt einer jungen, bleichen Frau, der man ein Brautkleid angezogen hatte, und die Leute da umher flüsterten sich zu: »Sie starb an gebrochenem Herzen – sie hat den Mann nicht geliebt – er war ja auch so viel älter.« Auch ihre Mutter sah sie, und die war vor Reue rein außer sich, und Fritz stand, bleich wie der Tod, in einer Ecke und blickte auf den Sarg, und sie, Röschen, die da lag, hörte und verstand alles, und sie wußte auch, er würde ihren Tod nicht überleben, der Fritz würde ihr nachsterben, und die unbarmherzige Mutter würde ihn aus Reue an ihrer Seite begraben lassen. Aber dann – was hatten sie davon? Dann war ja das Leben vorbei, das so schön hätte sein können!
    Die Tränen schossen ihr aus den Augen und liefen auf ihren Wangen hinunter, und dann mußte sie sogleich wieder lachen, denn ihr fielen die Strophen einer Schauerballade ein, die Fritz sie einst gelehrt, als sie Kinder waren:
    »Es waren kaum drei Wochen
      Verflossen nach dieser Zeit,
      Da begrub man seine Knochen
      Bei Rosalindens Leib.«
    Die Tante sah auch dieses weinende Lachen, und ihre Züge erhellten sich. »Weißt du, was dein lieber Onkel immer sagte, wenn er nicht weiter wußte im Leben, Kind? ›Bange machen gilt nicht!‹ sagte er.«
    »Mir ist auch gar nicht bange, Tante, mir graut nur vor den Kämpfen mit Mama, denn – ach, Tante, du weißt ja doch, Fritz 219 kann dir nichts verschweigen, Herzenstante, er hat dir doch gewiß auch erzählt, daß wir –«
    »Nichts weiß ich – nichts weiß ich!« wehrte Tante Lotte ängstlich ab, »ich bitte dich, Kind, werde allein fertig! Du kennst doch die Ansichten deiner Mama über mich, und du weißt ja auch gar nicht, was alles zwischen uns steht.«
    Drunten klingelte jetzt die Schelle der Haustür und Röschen huschte hinunter. Irgend ein Besuch würde es ja doch sein, den sie mit empfangen mußte, und Mama würde böse werden, wenn sie erführe, daß das Kind wieder bei der Tante gesteckt hatte.
    Das war nun eine Prüfung, diese alte rätselhafte Abneigung zwischen Mutter und Tante! Heimlich schrieb Röschen an Fritz, welch schrecklicher Verdacht ihr in Betreff des Hilgendorfer Witwers aufgestiegen sei, und bat um Verhaltungsmaßregeln: sie teilte ihm auch mit, daß sie gezwungenermaßen Weihnacht nach Berlin reisen müsse mit Mama. »Ach Gott,« schloß der Brief, »am liebsten möchte ich sterben.«
    Tante Lotte überreichte nach einigen Tagen ihrer traurigen Nichte ein winziges Briefchen, das einem Schreiben von ihrem Fritz an sie beigelegen hatte, aber sie trug dabei ihre strenge Miene und sagte: »Einmal und nicht wieder; der nächste geht mit wendender Post an Fritz zurück. Als seine Mutter kann ich dir keinen Vorschub leisten bei den eigentümlichen Verhältnissen, in denen deine Mutter und ich zueinander stehen.«
    Schon wieder diese dunkle Andeutung!
    Röschen flüchtete mit dem Brief in ihr Zimmer und las:
    
      »Für den Hilgendorfer bist Du doch zu gut, süßer blonder Schatz. Wenn Mama durchaus wieder nach Hilgendorf will, so 220 soll sie den Witwer selber heiraten – das wäre doch eine Idee! Wetten wir? – Ich hatte mich sehr gefreut auf Weihnacht, aber wenn Mama es so will, reise Du nur getrost nach Berlin. Für die jetzige Entbehrung werden wir uns später entschädigen, wenn wir in irgend einer einsamen Oberförsterei im tiefsten Walde zusammensitzen und kein Mensch uns stören kann.
      Ewig Dein Fritz.«
    
    Herr Gott, was der Fritz klug ist! Röschen hätte am liebsten aufgeschrien vor Freude über diesen neuen Gesichtspunkt. Natürlich, das ist das Einfachste – die Mama heiratet den Witwer! Aber dann wurde sie bleich; nein, Mama heiratet nicht wieder, erst neulich hatte sie zur Frau Superintendent gesagt: »Ich bin nur einmal glücklich gewesen, und das war in Hilgendorf mit meinem guten Mann. Ich würde mich auch nie zu einer zweiten Ehe entschließen können, Röschens wegen nicht, und überdies –«
    Ach, überhaupt – die Mama als Frau eines anderen? Die Mama, die schon hie und da in dem schönen Blondhaar einzelne weiße Fädchen hat? Nein, das tut sie nicht, das tut sie nicht! Und wie kann man denn auch noch heiraten mit Sechsunddreißig!
    Sie seufzte tief und barg, nach vielen Küssen, den kleinen Brief in einem Kästchen, auf dem groß, in Holzbrand, zu lesen war: »Liebe Erinnerungen.«
    Und eines Tages fuhren sie denn ab, die beiden Damen, nach Berlin, und das stattliche Haus mit der einsamen alten Frau darin und dem ganzen lieben Neustadt an der Solau versanken am Horizont in Nebel und Schneewolken. Solange noch die Spitze des Katharinenkirchturms zu erkennen war, hatte Röschen hinausgeschaut, bis ihr die Augen wehtaten. Nun sah sie nichts mehr, und seufzend lehnte sie sich zurück.
    Ganz übel war die Zeit in Berlin ja nicht, wenn nur Mama nicht jeden freien Augenblick dazu benutzt hätte, um in Möbel- und Haushaltungsmagazine zu gehen, sich nach den Preisen zu erkundigen und Kataloge einzuheimsen. Ganz begeistert war sie von einer Dampfkochkesselanlage, die, nach Aussage des Geschäftsinhabers, sich für Volksküchen, Kasernen oder große 221 Güter, auf denen die Arbeiter gespeist wurden, besonders eigneten.
    »Ungemein rationell, gnädige Frau, ungemein rationell, schmackhaftes Essen, größte Sparsamkeit,« versicherte der Verkäufer, »Tausende von Anerkennungsschreiben –«
    Röschen ärgerte sich, daß ihre Mama gar nicht aufhören konnte, Fragen über diesen Riesenkochtopf zu stellen, wandte sich ab und liebäugelte mit einer kleinen Musterküche, ganz in Hellblau und Weiß, reizend und wie geschaffen für eine junge Frau, die nur für »ihn« und sich zu kochen hat.
    »Wenn ich diese Anlage damals in Hilgendorf gehabt hätte!« seufzte Frau Amtsrat, als sie wieder auf der Straße waren. »Jetzt hat man doch alles viel bequemer! Ihr Heutigen wißt gar nicht, wie mühselig es eure Eltern hatten. O, welche Lust, zu wirtschaften mit Hilfe der neuen Errungenschaften, der Dampfkocherei, der Maschinen beim Molkereiwesen. Siehst du, was letzteres anlangt, Röschen, das ist geradezu ideal, du hast es doch gelesen in dem Buche, das ich dir zu Weihnacht schenkte?«
    Sie gingen bereits wieder im dicksten Gedränge auf dem Bürgersteige, und Röschen sagte, der Wahrheit gemäß, kleinlaut: »Nein, ich habe es nicht gelesen.«
    »Was? Du hast so wenig Interesse für die Bücher, die ich dir auswähle, daß du nicht einmal einen Blick in ›Die Frau als Landwirtin‹ getan hast?«
    »Sei nicht böse, Mama, ich hatte bis jetzt gar keine Zeit, und die wenigen Minuten, die ich erübrigen konnte, die habe ich benutzt, um an Tante zu schreiben.«
    »An Tante? So?«
    »Ja, sie dauert mich so, sie ist so schrecklich allein.«
    »Ihr Sohn ist doch bei ihr!«
    »Das wird er wohl, Mama, aber – Fritz ist ein junger Mann und geht doch gewiß oft aus!«
    »Na, sonst saß er wie angepflöckt im Hause,« murmelte Frau Amtsrat.
    Als sie in der Wohnung des Onkels anlangten, war ein Brief da für Fräulein Röschen Wendenburg, die Adresse von 222 der Hand derTante: ein dicker Brief mit einer Zwanzigpfennigmarke. Das junge Mädchen barg ihn, wie einen kostbaren Schatz, sofort in ihrer Tasche.
    Schrecklich, so irgendwo zum Besuch zu sein, bei einem Onkel zum Beispiel, der seine Nichte gern neckt, einer Tante, die so durchdrungen ist von dem Vorzug, in Berlin zu leben, daß sie jeden Satz anfängt: »Da ihr nun einmal hier seid, so denke ich, heute nachmittag respektive heute abend sehen wir uns dies oder das, oder noch etwas an –«
    »Ins Königliche Schloß müßt ihr aber jedenfalls,« bemerkte sie heute, als die Damen wieder ein Haushaltungsgeschäft als das Ziel ihres heutigen Ausganges nannten, »das Palais des alten Kaisers habt ihr auch noch nicht gesehen, das Zeughaus, Hohenzollernmuseum ebensowenig, und das Mausoleum. Herr Gott, Kinder, womit vertrödelt ihr nur die Zeit, wenn ihr ausgeht? Ihr werdet nach Hause kommen und habt von Berlin keine Ahnung!«
    Die großstädtische, etwas ältliche Cousine lächelte säuerlich geheimnisvoll: »Ach Mama, laß doch Tante Wendenburg zufrieden, die hat nur Sinn für Küchen und Wäschegeschäfte, – guck 'mal, Mama, wie Röschen rot wird.«
    »Mich berührt das gar nicht, was Mama vorhat,« erklärte Röse ärgerlich, »ich für meinen Teil ginge lieber in das Kaiserschloß.«
    Die Frau Amtsrat machte ein pfiffiges, wohlwollendes Gesicht und hütete sich, etwas zuzugestehen: sie wollte den Neid der verblühten Geheimratstochter nicht noch schüren. Armes Ding! Sie war beinahe so alt wie sie und mußte noch immer die junge Dame spielen!
    Erst als Mama nach Tische auf der Chaiselongue im Fremdenzimmer ihren Mittagschlaf hielt und Röschen auf einem Lehnstuhl am Fenster dämmerte, zog sie ihren Brief hervor und öffnete mit Herzklopfen das Schreiben aus der lieben Heimat. Ganz vorsichtig ging sie zu Werke, damit das Papier nicht knistere und die Schlafende wecke. Beinah hätte sie aufgeschrien, als aus dem Bogen, der mit der zierlichen Schrift der Tante 223 bedeckt war, ein zweiter kleinerer, aber sehr eng beschriebener fiel, von »ihm«:
    
      »Mein gutes Mutterchen ahnt nicht, daß ich diese Zeilen noch mit einschmuggele. Ich bat sie, ihr Schreiben an Dich lesen zu dürfen, Du süßer blonder Schatz; wenn ich ihr den Brief wieder gebe, habe ich das Kuvert geschlossen, vulgo ›zugeleckt‹. Das gute Muttel – ich sehe schon, wie sie mich mißtrauisch anblickt, aber mein dummes Gesicht kann ihr nichts verraten, und die erforderliche zweite Briefmarke werde ich heimlich aufkleben, wenn ich den Brief zur Post bringe.
      Liebste, wie öde ist's ohne Dich hier! Aus purer Verzweiflung freundete ich mich vor ein paar Tagen mit dem Oberamtmann Bartenstein an, und er lud mich gestern zu einem kleinen Herrenessen nach Hilgendorf. Schatz, es ist ja famos dort! Daß Deine Mutter Sehnsucht nach diesem Paradiese hat, verdenke ich ihr nicht; und einen bösen Augenblick lang kam ich mir scheußlich vor, daß ich dich verhindern will, Dein Leben in diesem alten, behaglichen, vornehmen Hause zu verbringen; aber der Edelmut hielt nicht lange vor. –
      Ach, Du Schatz, wenn ich mir dächte, Du säßest da neben dem alten Manne als Hausfrau in dem dämmerigen Eßsaal, von dessen hundertjähriger dunkler Wandvertäfelung sich ein gewisser Mondenschein so effektvoll abhebt – gräßlich! um mit Dir zu reden, eine Geschmacklosigkeit zum Totschreien!
      Der Herr Oberamtmann tat zuerst sehr schwermütig, aber nach ein paar Gläsern Rotwein und der Gänseleberpastete wurde er schon lebhafter, und bei dem Rehrücken mit gefüllten Tomaten und vollends beim Champagner war er großartig aufgeräumt und pries überschwenglich das Glück, in die Hilgendorfer Pacht gekommen zu sein. Eine Musterwirtschaft habe er vorgefunden, eine Musterwirtschaft bis ins Kleinste!
      Und da setzte ich den Hebel an; ich sagte, es sei nicht am wenigsten das Verdienst meiner lieben Tante, der Frau Amtsrat Wendenburg; eine solch tüchtige Frau, die solle man erst noch suchen. Meine Worte fanden übrigens bei den versammelten Herren ein Echo, und ich sorgte, daß das Thema aufs 224 eingehendste variiert wurde. – Meiner lieben Schwiegermutter in spe Loblied erklang in allen Tonarten, süßer denn Harfen und Geigen. Der Herr Oberamtmann wußte nicht, wo er zuerst hinhören sollte, und ich setzte noch den letzten Trumpf darauf: ›Und wenn man bedenkt, wie jung die Frau noch war,‹ sagte ich, ›als sie hier wirtschaftete! Vor elf Jahren starb der Mann, und jetzt ist sie erst sechsunddreißig.‹
      ›Sechsunddreißig?‹ Der Hausherr wollte es nicht glauben.
      Ich hob die Finger: ›Kann's beschwören, Herr Oberamtmann!‹
      ›Dann hat sie wohl als Wickelkind geheiratet?‹ meinte er, gutmütig spottend.
      ›Sehr jung? Ja! Wickelkind? Nee! Aber mit achtzehn Jahren war sie Mama, das Töchterlein wird jetzt auch bald achtzehn.‹
      Der Landrat von Z., das alte Rauhbein, brummte auf einmal ganz deutlich: ›Die Mutter ist mir heute noch lieber als die Tochter, die Kleene hat 'nen Stich ins Wendenburgische, die Nase ganz wie der selige Papa. Aber, Deibel nich noch 'mal, die Mutter, das ist noch heute ein Kapitalweib!‹
      Eigentlich hätte ich ihn morden können, den alten Kerl, der keine Ahnung hat von dem Reiz Deines süßen kleinen Näschens: aber es paßte so gut in den Handel, so gut, daß ich – denke Dir, welch Scheusal ich bin – ganz laut bemerkte: ›Das stimmt; gar kein Vergleich die beiden, Herr Landrat!‹ – Schatz, kannst Du verzeihen? Ich bin zu jeder Buße bereit.
      Resultat: der Witwer wurde nachdenklich und trank sehr viel Sekt. Zum Schluß fragte er, wann Ihr wiederkehrtet? Ich sagte: bald, nur sei vorläufig Tante Wendenburg noch sehr beschäftigt, neue landwirtschaftliche Maschinen und Erfindungen anzusehen, denn, obgleich sie in das Privatleben zurückgetreten sei, habe sie noch immer ein unsagbares Interesse für alle Neuerungen dieser Branche, worauf der Wirt verständnisvoll vor sich hin nickte und wiederum trank.
      Diese Saat wird wohl aufgehen, denke ich.
      Lieber Schatz, vergiß mich nicht in dem großen Berlin, denke 225 an künftige Tage und an unser wahrscheinlich recht kleines Haus; denke an herrliche gemeinsame Spaziergänge zu zweien im einsamen Wald. Wir werden da wandern in lichten Frühlingstagen, wenn durch die jungen Buchenblätter die Sonne scheint, daß sie leuchten wie lauter Smaragde, an Sommervollmondnächten den Wiesenpfad entlang, wenn das Wild heraustritt, um zu äsen, und an Spätherbstabenden, wenn der Wald wie im Märchen leuchtet in Gold und Purpur und weiße Nebel brauen über den Wiesen, auf denen die Herbstzeitlose blüht, und der Hirsch schreit, daß mein Liebchen sich zitternd an mich drängt. O, Du wirst sehen, wie schön das ist. Leb wohl, bleib mir gut!
      Dein Fritz.«
    
    Röschen verbarg das Briefchen und las nun Tantens Schreiben. Es war nur ganz allgemein gehalten. Berichte über das Wetter, die Mägde, die Wäscheangelegenheiten: und ihr lieber Junge reise nun bald wieder ab, dann sei es ganz still im Hause. Ein recht ungewohntes Weihnachtsfest wäre es gewesen ohne ihr lustiges liebes Röschen.
    Röschen legte das letztere Schreiben auf den Tisch neben die schlummernde Mutter und betrachtete diese aufmerksam, so recht aus ihrem bösen Gewissen heraus. Sie, Röschen Wendenburg, einzige Tochter der süß schlafenden lieben Frau dort, war sie nicht eine häßliche, grundfalsche Person? Ihr einziger Trost blieb: Mama kann ja Nein! sagen, wenn sie den Witwer nicht will, falls dieser nämlich in der Tat um sie anhalten sollte. Ihm wäre dies freilich nicht zu verdenken, solche Frau wie Mama eine ist! –– Aber Mama würde bestimmt »Nein!« sagen, sie würde sich nicht wieder verheiraten, hatte sie so oft gesagt!
    Röschen blickte plötzlich mit krausgezogener Stirn ins Leere hinaus. Herr Gott, wie war das doch gleich? Sie hatte vor mehreren Jahren ein sehr lebhaftes Gespräch – um nicht zu sagen Meinungsverschiedenheiten – zwischen Tante und Mama mit angehört, da war von einer Klausel im Testament ihres verstorbenen Vaters die Rede gewesen, betreffend den Fall einer Wiederverheiratung seiner Witwe. »Eine grausame Bestimmung,« hatte Tante Lotte gemeint, für die aber sie doch nicht 226 verantwortlich zu machen sei. Aber die junge Witwe hatte verächtlich gelächelt und gemeint: »Mich ficht sie nicht an, ich heirate ohnehin nicht wieder.«
    Was mochte das nur sein? Ob Tante Lotte ihr das nicht sagen würde? Auf irgend eine Weise mußte sie es erfahren!
    Und der Zufall war ihr unerwartet günstig.
    Am Nachmittag, gleich nach dem Vesperkaffee, die Lampe brannte noch nicht, man wollte Abends ins Opernhaus und wartete auf die Friseuse, da war es, als die Dunkelheit rasch herniedersank und alle Ecken und Winkel füllte; Tante Geheimrat, die neben Frau Amtsrat im Sofa saß, hub nämlich plötzlich an: »Über eines wundere ich mich doch, Rosa, daß du nicht 227 wieder geheiratet hast; an Gelegenheit fehlte es dir sicher nicht. Ich weiß doch von meinem Mann – da war 'mal einer, der – der kreuzunglücklich gewesen sein soll, als du ›Nein!‹ sagtest. – Beichte mir 'mal, Rosa, warum hast du ihn nicht genommen?«
    Eine lange Pause entstand. Vor einem Weilchen war die geheimrätliche Tochter hinausgegangen, und Röschen saß am Ofen mäuschenstill in dem tiefen Ledersessel des Hausherrn und hielt den Atem an; die Mutter mochte wohl glauben, daß sie mit der Tante allein im Zimmer sei.
    Tief seufzend hob Frau Amtsrat an: »Ach Gott, Liebste, das sind ja überwundene Geschichten und es ist auch gut so; – damals wurde es mir allerdings ein bißchen schwer, den Rittmeister abzuweisen, aber – – – du weißt ja, mein seliger Mann hat eine so sonderbare Klausel in sein Testament gebracht, warum? das habe ich nie ergründen können, er wollte wohl seinem Kinde die Mutter ganz und ungeteilt erhalten. – Hat es dein Mann dir denn nie erzählt?«
    »Nein,« versicherte die Geheimrätin, »er sagt mir nie etwas, er gleicht einem Buch mit sieben Siegeln.«
    »Das ist wohl übertriebene Gewissenhaftigkeit von ihm,« entschuldigte Frau Amtsrat, »übrigens, er kennt das Testament ganz genau, das ja durchaus kein Geheimnis ist. Die Klausel lautet dahin, daß ich, sobald ich mich wieder verheiraten sollte, mich des Rechtes über meine Tochter zu begeben und ihre Erziehung in Tante Lottens Hände zu legen habe.«
    »Aber, so etwas!« erwiderte die Geheimrätin empört.
    »Ja, ja,« nickte die schöne Frau, »es war ein harter Schlag für mich.«
    »Dieser Othello! Das hat er aus Eifersucht getan! Nein, so ein raffiniertes Mittel auszudenken!« zürnte die Schwägerin.
    »Na, laß nur – er war doch ein guter Mann, eine Seele von einem Menschen und sichtlich von dem Gedanken ausgegangen, daß ich, bei meinen neuen Pflichten, möglicherweise sein über alles geliebtes Kind vernachlässigen könnte, und – kurz und gut, er kannte mich. Das Kind an Tante Lotte abzutreten? lieber 228 wäre ich gestorben! – So sprach ich damals denn mit schwerem Herzen das Nein! und blieb bei Röschen.«
    »So, so! Na, da hattest du freilich keine Wahl,« sagte die Geheimrätin. »Sie sind doch alle ein bißchen eigentümlich, die Wendenburgs, dein Mann und meiner, und auch diese Tante Lotte. Sie würde ja das Würmchen ganz gut erzogen haben, aber welche Mutter will denn auf ihr Kind verzichten? Die Tante Lotte ist so eine Art Heilige in der Familie, mein Mann liegt auch anbetend vor ihr auf den Knien. Es ist ja recht hübsch, wenn einer seine Schwester liebt, aber, weißt du, wenn man immerfort nur hört: ›Lotte würde hierin so denken, und Lotte würde das tun,‹ – zum Verzweifeln!«
    »Siehst du! Siehst du!« fiel Frau Amtsrat mit bebender Stimme ein, »das ist's, was mein Leben vergiftet hat. Du bist weit fort von ihr, aber mich hat der letzte Wille meines Mannes dazu verdammt, immer mit dieser Lotte des Kindes wegen zusammen zu sein. Sie tut einem ja nichts, im Gegenteil, sie ist fürchterlich bescheiden, aber ewig hat man sie vorgehalten bekommen als Muster aller Vorzüglichkeit, des Morgens zum Kaffee und des Abends aufs Butterbrot. Nein, dieser Kultus, er ist zu toll, ich wäre ja lieber gestorben, als daß ich ihr das Kind ausgeantwortet hätte! Und wenn sie etwa denkt, jetzt auf anderen Wegen zum Ziele zu kommen, so irrt sie sich, da kennt sie mich schlecht! Aber – ging da nicht jemand?« unterbrach sie sich erschrocken, denn eben fiel ein Lichtschimmer durch den Spalt der Tür, die nach dem Flur führte.
    »Wer ist da?« fragte nun auch die Geheimrätin, aber niemand antwortete.
    Und im Fremdenstübchen, da saß ein trauriges junges Mädchen und stützte sinnend den Kopf auf die Hand. Also, das war es! O weh, wie würde das enden? Nun verstand sie den Haß auf die Tante und Fritz, nun begriff sie, weshalb sie hierher gereist waren. –
    Der Winter verging, der Sommer zog ins Land. Am Todestage seiner Frau legte der Oberamtmann Bartenstein mit gefaßter Miene einen prächtigen Kranz auf ihr Grab, und am Abend 229 desselben Tages trennte er höchst eigenhändig den Trauerflor von dem Ärmel seines grauen Überziehers. Eine Woche später fuhr er, um Besuche zu machen, in die Stadt, obgleich man sich mitten in der Erntezeit befand. Der letzte Winter war doch zu ungemütlich gewesen in seiner Einsamkeit und Leere!
    Zuallererst fuhr sein schmucker Zweispänner bei Wendenburgs vor. Frau Amtsrat wollte eben in einen Kaffee gehen, es war zwischen vier und fünf Uhr. Sie legte aber eilig das Spitzencape wieder ab und empfing den Herrn Nachfolger auf dem Hilgendorfer Thron mit größter Liebenswürdigkeit in ihrem Salon, der ganz erfüllt war von Rosenduft, und in dem eine leichte rosige Dämmerung herrschte, die durch die roten Seidenstores der Fenster fiel. Die hübsche Frau, die ihm so freundlich entgegenkam, hätte man in dem rosa Lichte für achtzehnjährig halten können, wäre ihre Fülle nicht die der reifen Frau gewesen. Jedenfalls starrte der Witwer sie nachdenklich und lange genug an, als er ihr gegenübersaß und einige höfliche Phrasen mit ihr wechselte.
    Sie fragte unaufhörlich nach Hilgendorf, dem lieben, trauten Nest, so glücklich sei sie dort gewesen. Er konnte nicht umhin, die Frau Amtsrat dringend einzuladen, sich einige neue, wie er glaube, vorteilhafte Veränderungen dort anzuschauen. Sie versprach es eifrig und setzte hinzu, er werde hoffentlich gestatten, daß sie ihr Töchterchen mitbringe, die leider heute nicht daheim sei.
    »Aber selbstverständlich! Ich schätze mich glücklich, und falls Ihr Herr Neffe gerade anwesend sein sollte, gnädige Frau, so bitte ich ebenfalls um die Ehre, er ist mir ungewöhnlich sympathisch, der junge Mann.«
    230 »Sie kennen meinen Neffen?« Das hübsche Gesicht der Frau Amtsrat schaute ganz verblüfft drein.
    »Letzte Weihnacht lernte ich ihn kennen, und nicht zum wenigsten an ihm gefällt mir die Begeisterung, mit welcher er von seiner liebenswürdigen Frau Tante spricht.«
    »Von seiner liebens–wür – –« Frau Amtsrat war auf dem höchsten Grad der Verwunderung angelangt.
    »Von Ihnen, ja,« bestätigte Bartenstein. »Wundert Sie das so sehr?«
    Mit der Frau Tante war plötzlich eine Veränderung vorgegangen: die Grübchen in ihren Wangen verschwanden, und sie sagte in kühlem Ton: »O nein, nein, das wundert mich gar nicht, es ist sogar ganz natürlich –« dann brach sie ab. Aber es nutzt ihm nichts! Es nutzt ihm gar nichts, setzte sie im stillen hinzu und zwang sich zu einem frischen Lachen. Und der Herr Amtmann, der das Hütchen auf ihrem Kopfe doch wohl bemerkt hatte, griff nach seinem spiegelblanken Zylinderhut und meinte, die gnädige Frau wolle gewiß zu einem Damenkaffee.
    »Ach ja,« seufzte sie, »was soll man sonst tun in der Stadt? Wie ich noch in Hilgendorf war, da hatte ich niemals Langeweile. – Solch kleine Stadtwirtschaft, und dazu ein erwachsenes Töchterlein, da gibt's nicht viel Arbeit, und ewig lesen oder Handarbeit machen, oder gar malen, sehen Sie, ich kann's nun 'mal nicht: Sie glauben gar nicht, was für ein talentloses, hausbackenes Geschöpf ich bin.«
    Er sah sie plötzlich mit einem langen, leuchtenden Blick an, küßte ihr die Hand und empfahl sich. Die Frau aber blieb auf der nämlichen Stelle in dem rosig durchleuchteten Zimmer stehen und rieb sich die Augen, als ob sie aus dem Schlafe erwachte, dann ließ sie plötzlich die Arme sinken, wie hilflos. Seitdem damals der Rittmeister sie als junge fünfundzwanzigjährige Witwe umwarb, hatte keiner wieder sie mit solchem Blick angeschaut. Ganz eigentümlich war ihr zu Mute, schwer und dumpf lag es ihr plötzlich in den Gliedern, als ob etwas Lähmendes über sie hereingebrochen wäre.
    Sie schlich nach dem Spiegel und schaute, das Gesicht dicht 231 am Glase, aufmerksam hinein. Machte es die Rosenfarbe der Gardinen, daß ihr ein Antlitz von fast mädchenhafter Frische entgegenblickte? Und sie ward zornig über dieses vermeintliche Trugbild und riß die seidenen Vorhänge vor den Scheiben zurück, daß das kalte Tageslicht hineinflutete und alles Rosige vor ihm verschwand. Aber auch jetzt wollte der Spiegel ihr weder etwas Häßliches noch Altes zeigen. Gegen ihre Gewohnheit saß sie dann nachdenklich im Kreise ihrer Bekannten, von denen die meisten ihres Alters waren, die alle noch kleine Kinder daheim hatten und die junge Frau herauskehrten. Und eine, die am spätesten geheiratet 232 hatte, sagte gesprächsweise auch noch zu ihr: »Du, Rosa, du wirst ja viel zu früh alt, das kommt aber davon, wenn man die Zeit zum Heiraten nicht erwarten kann. Schau, ich bin nun noch eine junge Frau, und du gehst auf die Großmutter los.«
    Und eine andere meinte: »Ich wette, Frau Amtsrat, Sie haben's recht eilig, das Töchterchen unter die Haube zu bringen.«
    »Ja, ja,« kicherten die anderen, »man hat schon so etwas gehört – von einer baldigen Verlobung.«
    Wenn man ihr so etwas noch gestern gesagt hätte, sie wäre empört gewesen, aber heute? – Sie kannte sich selbst nicht mehr, sie lächelte nur matt. Ihr ganzes Leben zog Abends, als sie in dem großen Himmelbette lag, an ihr vorüber. Sie gedachte des guten Mannes, dem sie gefolgt war, der schönen Hilgendorfer Zeit, seines Scheidens von dieser Erde und ihres Scheidens von Hilgendorf: dann kam sie auf die Testamentseröffnung und auf ihre Entrüstung über die besagte Klausel, die ihr tausend bittere Tränen erpreßt hatte; endlich auf den Rittmeister. Der war wirklich ein liebenswürdiger Mensch, und sie damals noch so jung, aber für die Welt nicht hätte sie ihr Kind aus den Armen gelassen, um es Lotte anzuvertrauen.
    Heute drängte sich ihr mit einem Male unter dem bewundernden Blick des Mannes die furchtbare Überzeugung auf, daß die Zahl ihrer Jahre noch keine hohe sei, daß noch eine unendlich lange Strecke des Lebensweges vor ihr liege, die sie möglicherweise einsam durchwandern müsse, wenn sie sich zwar nicht vom Kinde, wohl aber das Kind sich von ihr trennen werde – hatte sie das nur gar nicht bedacht bis jetzt? Ach ja, ganz flüchtig hatte ihr dieser Zeitpunkt wohl vorgeschwebt, aber merkwürdigerweise sah sie sich dabei immer nur als alte wunschlose Frau. Nun wußte sie plötzlich, sie sei noch nicht alt, trotzdem ihr Kind alle Tage heiraten konnte, und würde selbst in fünf, sechs und zehn Jahren noch nicht alt und wunschlos sein. Wie kam es nur, daß sie seit langer Zeit bis zu dieser Minute nicht mehr an sich selbst, an Rosen, die für sie blühten, an ein eigenes Glück gedacht hatte? Daß sie nur noch davon träumte, ihre Tochter als Frau Bartenstein 233 zu sehen? Sich nur noch die milden blassen Freuden einer Großmama vorbehielt?
    Sie starrte mit weit offenen Augen in das stille von der Mondnacht dämmernd erhellte Zimmer.
    Wenn nun das Kind den alten Mann nicht wollte? Wenn es Treue zu halten verstand dem Sohne jener Frau da oben, der sie das Glück nicht gönnte, Tochter zu sagen zu ihrer eigenen Tochter? Dann war es da, das Leben der Einsamkeit, des langsamen Absterbens, des Alters in Nutzlosigkeit, in dem stagnierenden Wasser der Untätigkeit, zwischen Kaffeegesellschaften und Staubwischen, schwankend, öde, bleiern, fürchterlich in dieser kleinen Stadt.
    Es fröstelte sie plötzlich, sie war nahe am Weinen. Niemals gebe ich diese Heirat zu, niemals! gelobte sie sich. Nach Hilgendorf soll sie, der Mann ist trotz seines Kahlkopfes noch ein hübscher, annehmbarer Herr. Zehnmal mehr Aussicht hat sie, mit ihm glücklich zu werden als mit dem Leichtsinn, dem Windhund, dem Fritz.
    Ob sie wohl noch immer aneinander dachten, die beiden? Ob er wohl auf Urlaub kommen wird diesen Sommer? – Wenn sie ihn doch vergessen wollte, den Fritz: ihrer Mutter zuliebe die vernünftige Partie vorziehen – – ach Gott, sie hatte ja doch genug Opfer für das Kind gebracht!
    Bei dem Gedanken, daß das Töchterlein bei seiner Liebe beharren könnte, stieg ihr das Blut in den Kopf, und ihr bedrängtes Herz wußte sich keinen anderen Rat, als daß sie bitterlich zu weinen begann. O, dieser Trotzkopf, dieser Trotzkopf! Woher hat das Kind ihn nur?
    Einige Tage später fuhren die Damen nach Hilgendorf: es war ein köstlicher Sommertag. Mutter und Tochter, in lichten Kleidern, unter hellen Sonnenschirmen und Strohhütchen, erschienen wie Schwestern nebeneinander. Röschen fand im stillen, daß ihre Mama sich besonders schick und elegant gekleidet hatte, und Frau Amtsrat fragte ihr Töchterlein: »Hast du dich nicht angezogen wie zu einem Feste, kleine Eitelkeit?«
    »Ich, Mama? Das Kleid ist doch eigentlich schrecklich simpel!«
    234 »Na, na!« meinte die Mutter und streifte die blaßblaue Seide unter dem durchbrochenen Oberstoff von zart cremefarbenem Nessel. Röschen konnte aber trotz ihrer Bemühung den heiß erstrebten äußerlichen Ernst nur schlecht bewahren, sie hatte heute früh eine zu wundervolle Botschaft bekommen. Ganz direkt, ganz unverschämt dreist war ein Brief in das Haus geflogen, den die Mama, infolge einer verstellten Handschrift, für den einer Freundin gehalten haben mochte, denn er war unbeanstandet an Röschen gelangt. In diesem Briefe stand weiter nichts als:
    
      »Ich komme heute nachmittag an, unerwartet, da ich sonst fürchten muß, daß Deine Mama wieder mit Dir verreist. Sage auch meiner Mutter nichts.
      Dein Fritz.«
    
    Nein, zu klug war doch der Fritz! Wenn sie heute abend wieder heimkehrte, dann wußte sie ihn oben im Giebelstübchen seiner Mutter.
    Frau Amtsrat begriff ihr Kind nicht; noch gestern hatte es ein schiefes Mäulchen gezogen über diesen Besuch in Hilgendorf, und heute konnte sie offenbar nicht erwarten, hinzukommen. Mit einer beinahe unpassenden, kindlichen Zutraulichkeit lächelte sie den Witwer an, der sie am Fuße der Freitreppe empfing, es fehlte nicht viel, so hätte sie ihm bei dem Handgeben einen Knicks gemacht wie einem alten Onkel. Sie saßen dann auf der Veranda unter rotweiß gestreiftem Zelt am Kaffeetisch und schauten in den wohlgepflegten Garten hinunter.
    Auf Frau Amtsrat wirkte das Wiedersehen so vieler lieber Plätze, an die sich frohe und schmerzliche Erinnerungen knüpften, entschieden tief, und in ihren hübschen braunen Augen quoll es feucht empor.
    »Nicht wahr, Mama, als ob wir gar nicht fortgewesen wären?« fragte Röschen.
    Die Mutter nickte.
    »Nachher machen wir einen Rundgang durch Haus und Hof,« schlug der Oberamtmann vor, »ich möchte der gnädigen Frau gern meine neuen Einrichtungen zeigen. Daß ich eine Forellenzucht angelegt habe – –«
    237 »Eine Forellenzucht?« rief Frau Amtsrat. »Sehen Sie, das war ja mein Traum! Ich sagte schon immer zu meinem Mann – das köstliche Bergwasser und der Teich.« – – Sie war rot vor Freude und klatschte in die Hände wie ein Kind um Weihnacht.
    »Famos eingeschlagen ist es!«
    »Das freut mich! Das freut mich!« Die hübsche Frau war ganz selig über diese Neuigkeit, und lebhaft plauderte sie weiter. »Warum sind Sie eigentlich nie mit Ihrer Frau zu uns gekommen?« sagte sie dann auf einmal. »Sie glauben nicht, wie ich darauf gewartet habe, ich sehnte mich ja beinahe krank nach diesem Hilgendorf; aber Sie wollten ja von der ganzen Gesellschaft in Neustadt nichts wissen, und so blieb das Paradies mir verschlossen.«
    »Gnädige Frau,« sagte er langsam und traurig, »meine Frau war sehr krank, es war unmöglich, einen Verkehr zu unterhalten. – Sie litt mehr geistig als körperlich, ihr Zustand verdammte uns beide zur vollkommenen Einsamkeit.«
    »O, verzeihen Sie – ich wußte es nicht.«
    »Niemand wußte es, gnädige Frau.«
    »Und haben Sie nie Kinder gehabt?«
    Er schwieg ein Weilchen und sagte dann leise: »Drei. Alle tot, alle tot innerhalb einer Stunde – verunglückt, ertrunken, und seit diesem Augenblick war meine arme Frau – –« er deutete auf die Stirn und brach ab.
    Ganz entsetzt starrte Frau Amtsrat den Oberamtmann an, der bei diesen Worten förmlich zusammengesunken schien, wie ein alter Mann, die Stirn gefurcht, ein scharfer Zug von der Nase herab, der sich in den Vollbart verlor.
    Wie ein alter Mann! Wie ein alter Mann! Und von ihm irrte ihr Blick zu Röschen, aus deren blühendem Gesicht alle Farbe gewichen war bei den Worten des so schwer Geprüften. Und diesem Mann, dessen Herz durch ein grausames Schicksal zerrissen sein mußte, auf dem die ganze furchtbare Schwere des Lebens lastete, dem hatte sie die kleine sonnige Schmetterlingsseele ihres jungen Kindes zugesellen wollen? Sie kam sich plötzlich vor wie eine 238 Barbarin. »Röschen,« sagte sie, »hast du nicht Lust, deine alten Spielplätze aufzusuchen?«
    Das Mädchen sprang auf und huschte wie erlöst die Steintreppe hinunter, um in den grünen Wegen des Gartens zu verschwinden.
    Der Oberamtmann sah ihr nach. »Glückliche Jugend!« sagte er lächelnd. Und dann suchte er das Auge der Frau an seiner Seite, warm und fragend.
    »Nicht wahr, es ist schön hier in Hilgendorf?« sprach er weiter, »aber schrecklich einsam, um so schrecklicher, weil die Erinnerungen so schwere sind!«
    Sie nickte nur und blickte sinnend an ihm vorüber.
    »Über diese Treppe haben sie den Sarg meines Mannes getragen,« sagte sie dann leise. Und wie sie den Blick hob, traf sie wieder sein Auge, das noch nicht von ihr gelassen hatte: ein seltsam bittender Strahl grüßte sie daraus.
    »Wollen wir nun unsere Rundreise antreten?« fragte sie verwirrt.
    Er erhob sich, straff und aufrecht stand er vor ihr und bot ihr den Arm. Sie schritten durch den weiten Flur auf den Hof hinaus, und die Frau lachte und weinte beim Wiedersehen 239 der alten lieben Heimat, sie lobte und tadelte und gab Ratschläge und war so ganz hingenommen von der prächtigen Wirtschaft, daß sie die lächelnde, freudig gerührte Miene des stattlichen Witwers ganz übersah. Lebhaft miteinander redend, kamen sie endlich aus den Schweineställen, wo die kleinen weißrosigen Ferkelchen an die alten Säue geschmiegt, jedes Völkchen in seiner eigenen geräumigen Kinderstube, lagen, nach dem Gemüsegarten und schritten den Weg hinunter zwischen Bohnen und Gurken und duftenden Suppenkräutern. In den Rabatten standen Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche, die hatte sie noch gepflanzt, und die Brombeeranlagen waren prächtig gediehen.
    Sie wollten durch den Park nach der Forellenzucht wandern. »Versuchen Sie es nur«, sagte Frau Amtsrat im Anschluß an ein Gespräch über Erdbeerzucht, »mit ›König Albert‹ es ist die allerbeste Sorte, ich ziehe sie auch.«
    Wie sie aber um das sogenannte große Boskett bogen und sich der Pforte in der Parkmauer näherten, die nach dem Walde führt, stand diese weit offen, was einmütig von beiden als große Ungehörigkeit bezeichnet wurde.
    »Dort ist jemand hinaus, der den Kniff am Schlosse kennt,« meinte Frau Amtsrat, »sofern es nämlich noch dasselbe ist wie zu meiner Zeit.«
    »Ganz das nämliche, – das mit dem versteckten Riegel, gnädige Frau.«
    »Das müssen Sie ändern lassen, Herr Oberamtmann, mit der Zeit bleibt auch ein Vexierschloß nicht geheim. Übrigens wurde zu meiner Zeit vom Gärtner jeden Abend diese Pforte mit einem wirklichen Schlüssel abgeschlossen.«
    »Ja, ja, das soll geschehen, und heute noch,« gelobte er.
    Der Waldweg jenseit der Parkmauer war sehr schmal, sie mußten einer hinter dem andern gehen bis zu der kleinen Lichtung am Forellenteich. Sie sprachen nicht; der Oberamtmann schritt hinter Frau Rosa Wendenburg und ließ kein Auge von ihr.
    Plötzlich, am Ausgange des engen Pfades angelangt, blieb 240 sie stehen, und die Hand, mit der sie ihr Kleid gehalten hatte, ließ die seidenen Falten los und hing schlaff herunter: sie war einer Ohnmacht nahe. – Gar nicht weit entfernt saß ihr einziges Kind neben einem jungen Mann, von dessen Arm umfangen, und ließ sich küssen! Und so eifrig waren diese beiden wohlbekannten Schelme dabei, daß sie das Kommen der Mama völlig überhörten und zwischen den Küssen immer wechselseitig das Glück priesen, einander hier gefunden zu haben.
    Frau Amtsrat wandte sich ebenso plötzlich um, wie sie stehen geblieben war, und flüchtete förmlich zurück in den dämmerigen Waldpfad, leise lachend folgte ihr der Mann. Im Park blieb sie stehen, und die tränenden Augen zu dem Oberamtmann aufschlagend und die ineinander geschlungenen Hände gegen ihn erhebend, fragte sie: »Was soll man dabei nun machen, was soll man machen?« Es lag ein wehes Jammern in ihrer Stimme.
    Er nahm die beiden kräftigen schönen Frauenhände in die seinen und streichelte beruhigend mit der Rechten darüber. »Nichts, 243 meine liebe Frau Amtsrat,« flüsterte er, »das ist der Lauf der Dinge. Sagen Sie ja! Sagen Sie einfach ja!«
    »Ach Gott, ach, wenn Sie wüßten –« schluchzte sie.
    »Ich weiß, ich verstehe! Jede Mutter, die ihr Kind hergeben soll, fragt bange: Was soll ich nun beginnen? Noch dazu, wenn es das einzige ist, wenn sie denken muß, fortan ganz allein zu stehen – die Einsamkeit schreckt. Aber, müssen Sie denn einsam bleiben? Kommen Sie Ihrem Kinde zuvor.« Er zögerte ein wenig, ehe er fortfuhr: »Gott weiß es, liebe gnädige Frau, ohne diesen kleinen Zwischenfall hätte ich vielleicht noch lange nicht den Mut gefunden, Sie zu bitten! Kommen Sie zu mir, kommen Sie wieder hierher, Hilgendorf schreit ja förmlich nach Ihnen!«
    Einen Augenblick überkam es die Frau Amtsrat wie ein Schwindel, als ob sie den festen Boden unter den Füßen verlöre und wie eine Feder in der Luft umherwirbelte. Das Kind hatte sie verloren, das war Tatsache, aber Hilgendorf – Hilgendorf! Wie nach einem Halt suchend, umfaßte sie die Hand des Oberamtmanns fester.
    »Hilgendorf!« seufzte sie leise – –.
    Vor der Gitterpforte erschien einige Sekunden später ein junges Paar und blieb nun seinerseits sprachlos stehen, denn da drüben unter der mächtigen Kastanie küßte eben der Oberamtmann Bartenstein die gestrenge Mama! Es sah ganz ernsthaft und feierlich aus, wie der große Mann dann so ritterlich und zart sich auf die Hand der hübschen Frau hinunterbeugte.
    Im nächsten Augenblick waren die Schelme wieder verschwunden hinter der deckenden Mauer, und sie hielten sich übers Kreuz bei den Händen, und den Oberkörper zurückgebogen, wirbelten sie nach Art der Kinder, die dieses Spiel »Mühleziehen« nennen, in einer wirklich kindlichen Ausgelassenheit umher; sie hätten nicht anders gekonnt, sie wären sonst erstickt an ihrem stummen Jubel. Atemlos saßen sie dann nebeneinander, und der junge Mann zappelte noch immer mit den Beinen und focht mit den Armen und krümmte sich, als ob er die entsetzlichsten Schmerzen hätte, 244 alles ganz lautlos und mit dem lachendsten Gesicht der Welt.
    »Wer hat nun recht?« flüsterte er endlich dicht an ihrem Ohr und sah Röschen an, die vor unterdrücktem Kichern ganz rot geworden war, »wer hat nun recht?« wiederholte er, diesmal mit einem Kuß.
    Und sie brachte nun ebenfalls den Mund an sein Ohr: »Du mußt heute mit Mama sprechen, Fritz, heute noch, da kann sie nicht nein sagen, sie hat ja ihr Hilgendorf wieder. Und dann bleibe ich bei Tante Lotte, bis du mich holst, denn Mama darf mich jetzt nicht behalten,« meinte Röschen nachdenklich.
    »Bis ich dich hole? Und was meinst du denn, wann das ist? Denkst du, ich will den ganzen Winter hindurch in der einsamen Oberförsterei sitzen? Von hier aus trete ich ja mein Amt schon an.«
    »Ja, das dachte ich, Herr Oberförster,« flüsterte sie neckend.
    »Weißt du was? Wir schlagen Mama vor, mit uns am selben Tag Hochzeit zu machen, dann kann sie dich behalten, bis wir alle miteinander in die Kirche fahren: so umgeht sie die fatale Bestimmung im Testament, die ihr so vielen Kummer gemacht hat.«
    »Bist du gescheit!« lobte sie, »und deine gute Mutter kommt mit zu uns!«
    Er wurde auf einmal gar ernsthaft. »Du lieber Schatz,« sagte er gerührt.
    Am Abend desselben Tages saß Tante Lotte ganz allein in ihrer Giebelstube und wunderte sich, daß der Junge, der fast im nämlichen Augenblick, da er angekommen, nach Hilgendorf weiter gefahren war, und auch die Damen noch immer nicht zurückkehrten. Es ging schon auf elf Uhr.
    Sie war müde, hatte wohl gar ein bißchen geschlafen, da tat sich die Türe auf, und eine Gestalt kam herein. »Lotte,« fragte die Stimme der Frau Amtsrat in der Dunkelheit, »bist du hier?«
    »Ja, ja! Ich sitze am Fenster,« klang es zurück, ein bißchen verwundert über den späten Besuch der Schwägerin.
    245 Da kam diese herüber und faßte ihre Hand. »Du bekommst sie ja nun doch,« sagte sie mit gedämpfter Stimme, »sie wird ja nun doch dein Kind, Lotte, – habe sie lieb, den Fritz und sie, ordentlich lieb!«
    »Du gibst es zu?« Frau Lotte schrie es fast.
    »Ja, Lotte.«
    246 »Was, ums Himmels willen, ist denn geschehen, daß du so plötzlich deinen Sinn gewendet hast?«
    Frau Amtsrat drückte ihr nur stumm die Hand und ging der Türe zu, und dort blieb sie stehen und murmelte etwas, das klang wie »Hilgendorf«. Dann verschwand sie.
    Aber Tante Lotte hatte es doch verstanden. »Ach, so! Hilgendorf!« murmelte sie.
  


    247 In Erinnerung.
    Die Jüngste, die kleine launenhafte Blonde, war Braut. Im wunderschönen Monat Mai sollte Hochzeit sein, und eben befand sich die Mutter mit der achtzehnjährigen Braut und der älteren schlanken, recht still gewordenen Tochter Anne Dore in Berlin, um die Ausstattung zu besorgen. In dem kleinen Universitätsstädtchen war solches mit Schwierigkeiten aller Art verknüpft gewesen, fast unmöglich! So entschloß sich denn der Herr Professor Bodenstedt mit stiller Ergebung dazu, seine noch immer schöne stattliche Frau, die er für gewöhnlich nicht einen halben Tag zu entbehren im stande war, ohne sich todunglücklich zu fühlen, und seine beiden Lieblinge für acht bis zehn Tage zu beurlauben und ihnen obenein noch einen seinen Verhältnissen gemäß recht gut gespickten Geldbeutel mit auf den Weg zu geben.
    Anne Dore hatte zuerst durchaus bei dem Vater bleiben wollen, aber beide Eltern bestanden auf ihrer Mitreise. Sie bestanden immer gemeinsam auf etwas, wie denn die Kinder sich nicht erinnern konnten, daß Vater und Mutter je vor ihren Augen und Ohren verschiedener Meinung gewesen waren. Und somit reiste Anne Dore in stummer, gleichgültiger Folgsamkeit mit. Wenn die Frau Professor Bodenstedt gemeint hatte, ihre Anne Dore werde in Berlin aufleben oder teilnehmender werden, ihren Kummer ein wenig vergessen können, so wurde sie inne, daß sie sich geirrt hatte. Ihr Mutterherz wurde dadurch nicht froher. Anne Dore 250 hatte bald verstanden, sich von den Damen, die aus einem Laden in den anderen fuhren, loszumachen, und stieg nun in allen Museen umher – »Piksolo«, wie Lori, die junge Braut, sich ausdrückte – ohne Furcht vor Taschendieben und Bauernfängern, vor welch unbekannten Gefahren die Kleinstädter gewöhnlich zu zittern pflegen, und traf stets erst um fünf Uhr Nachmittags, um welche Zeit man das Mittagessen verabredet hatte, mit den Ihrigen im Hotel zusammen. Gewöhnlich waren dann alle drei Damen todmüde, und man verschob den Theaterbesuch auf die letzten Tage des Aufenthalts, wo man hoffentlich mit den Kommissionen fertig sein würde.
    Frau Professor aber konnte selbst nach solchen Strapazen den so notwendigen Schlaf nicht finden.
    Erstens rasselten die Wagen bis spät in die Nacht hinein unter den Fenstern vorüber. Nur ganz kurze Zeit in den ersten Morgenstunden erfreute sich die Königgrätzerstraße wirklicher Ruhe, während um drei Uhr schon wieder das geräuschvolle Berliner Leben begann, zu dem in dieser Straße massenhafte Milchwagen und zahllose Bahnhofsdroschken nicht das wenigste beitrugen. Zweitens und hauptsächlich hielt die Sorge um ihre beiden Mädel, die im Nebenzimmer schliefen oder doch zu schlafen schienen, den ersehnten Schlummer vom Bett der Frau Professor fern.
    Die Jüngste, die Braut, machte ihr Kummer wegen ihrer Prinzessinnenmanieren. Sie hatte mit geradezu unglaublicher Großartigkeit ihre Einrichtung ausgewählt, – mit viel Geschmack, o gewiß, und mit fabelhafter Sicherheit im Herausfinden des Reizendsten, Schicksten und Teuersten. Aber sie hatte auch immer erst, wenn sie endgültig gewählt hatte, nachlässig und beiläufig gefragt: »Was kostet das?« und schrak vor den enormsten Forderungen nicht zurück.
    »Aber man richtet sich ja nur einmal ein, Mutterchen!« war stets ihre Begründung gewesen, wenn die Professorin dazwischen kam mit einem entsetzten: »Nein, Lori, das geht nicht, das geht ganz gewiß nicht!« – Gewöhnlich hatte es ihr nichts genützt. Das reizende Kind siegte fast immer, unterstützt von dem gesamten Ladenpersonal, das den betreffenden Gegenstand als ungemein 251 praktisch, wie geschaffen, um eine Ewigkeit zu überdauern, hinstellte und obendrein noch schwur, daß jetzt eine derartige Sache in jeder halbwegs anständigen Einrichtung zu finden sein müsse. Dabei heiratete die kleine Prinzessin einen netten, aber blutarmen Infanterieleutnant, der von einem spartanisch einfachen Elternpaar aufgezogen war in einenr alten einsamen Forsthause, das bis auf den heutigen Tag getünchte Wände und weiß gescheuerte Dielen besaß, der also wahrlich nicht verwöhnt war durch echte Teppiche und seidene Gardinen. Die Mama Oberförsterin hatte in ihrem Wohnzimmer kaum eine Andeutung von letzteren. Und das war in der Ordnung so, denn der Oberförster saß in dem dicksten Tabaksqualm tagaus tagein gleich Jupiter in den Wolken.
    Wie nun Lori am heutigen Tage noch ihre Service gekauft hatte und eierschalendünnes Porzellan mit breitem Goldrand geziert wählte, in dessen Rokokorand das Wappen ihres künftigen Mannes ebenfalls in Gold angebracht werden sollte, und wie sie dann auf die ironische Bemerkung der Mutter, daß diese Teller für die Fäuste des jeweiligen Burschen, der sich ja doch wahrscheinlich in der Küche nützlich zu machen habe, ganz besonders geeignet sein würden, und sich Lori infolge dieser Warnung auch noch ein zweites Geschirr erbettelte »für alle Tage zu sechs Personen«, wie sie dann auch noch Kaffee-, Tee-, Bouillon- und Mokkatassen aussuchte, da wurde der armen Frau ganz ernstlich bange, und sie beschloß, Berlin zu fliehen, um doch etwas von dem Gelde, das ihr guter Mann so verschwenderisch ausgesetzt hatte für seinen Liebling, zu retten.
    Aber da fiel ihr erst noch die größte Sorge aufs Herz: ihre Anne Dore, ihr liebes, ernstes, schönes Herzenskind! Sie hatte sich in diesen Tagen wenig um das Mädchen kümmern können und hätte doch gewünscht, sie ein wenig froher wieder mit heim zu nehmen.
    Sie wußte ja aus eigener Erfahrung: so rasch kommt man nicht weg über eine erste Enttäuschung, über eine vernichtete erste Liebe. Und daß Anne Dorens Neigung nicht gebilligt werden konnte, daß Vater und Mutter beide mit ausgebreiteten Armen 252 sich ihr in den Weg stellen mußten, um zu sagen: Halt ein, du darfst nicht weiter schreiten, der Weg führt in dein Verderben, wir dürfen dich nicht ziehen lassen mit jenem, er ist deiner nicht wert – das hatte das junge Herz fast gebrochen. Seit drei Jahren trauerte sie um das verlorene Glück, seit zwei Jahren wies sie die Hand eines Ehrenmannes beharrlich zurück, der wohl geeignet war, eine Frau glücklich zu machen. Sie war in einer zu engen Gemeinschaft mit den Eltern aufgewachsen, um nicht blindlings deren Erfahrung zu trauen, deren Rat zu folgen, als sie damals ein Aufgeben ihrer Verlobung verlangten. Aber dennoch, es schien, als sollte sie in aller Ewigkeit umhergehen mit blassem ernstem Gesicht, in stets müder Gleichgültigkeit.
    Und sie, die Professorin, hatte doch auch einmal ihr Herz in beide Hände fassen müssen, und ein zwingendes Geschick hatte ihr keinerlei Zeit gelassen, ihrem entschwundenen Ideal nachzutrauern.
    Wenn das Anne Dore wüßte! Wenn sie ahnte, daß ihre Mutter auch nicht ihre erste Liebe hatte heiraten können! Und wie sie so lag und sann, sagte sie sich: Und warum sollte sie es nicht erfahren, die Anne Dore? Die Vergangenheit stieg in ihr auf, die erste schwere Zeit ihrer Ehe, die Kämpfe, die sie vor ihrer Hochzeit um ihre verlorene Liebe bestanden hatte, das liebe alte Dorf stand vor ihr, das väterliche Heim, das eigene kleine Doktorhaus. Könnte es nicht gut sein für beide Töchter, wenn sie den Anfang des elterlichen Glückes erführen? Da saß die Professorin auf einmal aufrecht in ihrem Bett und wußte es genau: hin will ich mit ihnen. Alles sollen sie sehen und wissen. Noch sind sie mein, – mit ihnen will ich die Wege meiner Jugend wieder gehen, mir zur Erinnerung, ihnen zur Lehre!
    Es ist keine weite Entfernung von Berlin bis zu dem Fleckchen im Harz, wo ihre Wiege gestanden hat. Morgen früh gleich soll es fortgehen!
    Sie stand zeitig auf, weckte die Mädchen und machte sie mit ihrem Plan bekannt. Anne Dore nickte ihr dankbar gleichgültig zu, Lori zog ein Gesicht. »Aber, Mama, den Flügel wollten wir doch noch kaufen!«
    253 »Wir kommen ja, bevor wir in unsere Heimat reisen, wieder nach Berlin zurück,« antwortete die Professorin ein wenig arglistig. »Wenn du dann noch meinst, ein neues Instrument nötig zu haben und dein liebes altes Piano für zu schlecht hältst, dann kannst du das ja noch immer tun.«
    »So, – na dann immerzu!« rief die Prinzessin, »ich weiß ja, Mutter, daß es dein Sehnsuchtsziel seit langen Jahren ist, uns dein Waldburg zu zeigen. Also vorwärts mit frischem Mut!«
    Ein paar Stunden später fuhren die drei Damen vom Potsdamer Bahnhof ab nach Waldburg. Es war ein Tag Ende April, 254 warm und dunstig, wo die Blüten der Obstbäume, die jungen Blätter der Kastanien sich öffneten in ganzen Mengen. Lori war in strahlender Laune, Anne Dore saß neben der Mutter, deren Hand haltend. Die marineblauen Tuchkostüme der Mädchen standen gut zu ihrem lichten Teint. Lori plapperte von der bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeit und versprach der Mutter und Anne Dore unzählige Ansichtspostkarten – von jedem Ort, den das junge Paar auf seiner Italienreise berühren werde, mindestens zwei Karten. Die Mutter blickte still in die immer bekannter werdende Gegend hinaus und gab sich der leisen Wehmut hin, die ihr die tausend lieben Erinnerungen an Jugendleid und -freude verursachten.
    Gegen Mittag war man an Ort und Stelle. Zunächst empfing sie ein ganz moderner Bahnhof, und gegen die Berge hin breitete sich ein Gewirr von Villen und Hotels und prächtigen Parkanlagen aus. Die Töchter machten angenehm enttäuschte Gesichter, aber die Mutter erklärte: »Das ist nicht mein Waldburg, dieses neue kenne ich nicht. Aber paßt nur auf, lange soll's nicht dauern, dann sind wir mitten drin in meiner Jugend!«
    Sie nahm einen Mietwagen, der am Bahnhof stand, und stieg mit den Töchtern ein. »Fahren Sie uns zur ›Grünen Tanne‹!« befahl sie dem Kutscher.
    Der lächelte und blieb mit über dem Scheitel gehaltenem Hute vor dem Schlage stehen. »Wie haben die gnädige Frau gesagt?«
    »Sie sollen uns nach dem Gasthof ›Zur grünen Tanne‹ fahren,« wiederholte sie.
    »Aber entschuldigen Sie, gnä' Frau, hier oben 'rum sind doch die feinen Hotels für Herrschaften, und die ›Grüne Tanne‹, – da kehren allerhöchstens Studenten ein, die mit dem Ränzel auf dem Rücken in die Berge gehen oder –«
    »Alter Freund,« unterbrach ihn gemütlich die hübsche Dame, »es hilft Ihnen alles nichts, ich will nun 'mal partout in die ›Grüne Tanne‹. Sehen Sie, da hat mein lieber Mann auch gewohnt, als er mit dem Ränzel auf dem Rücken vor langen 255 Jahren in den Harz zog. Ist da übrigens noch ein Weigel der Wirt?«
    »Jawohl, Madame, und der alte Weigel lebt auch noch.«
    »Na, der Alte wird wohl der Junge von damals sein, den ich kannte als Kind.«
    »Das glaube ich nicht, der Alte ist nun fünfundneunzig, den hat der liebe Gott ja wohl vergessen, gnä' Frau,« antwortete der Kutscher und lenkte seine Gäule auf die mit Obstbäumen bestandene Landstraße, die hart neben dem Flüßchen dahinführte, das um große Steinblöcke schäumte. Ein stumpfer Kirchturm, um den sich einzelne rotbedachte Häuser scharten, vom Grün der Obstbäume eingefaßt, so lag das Dorf vor den Augen der Reisenden, weitab von dem Villenort gleichen Namens.
    Am oberen Ende streckte sich ein großes schloßartiges, von weiten Gärten umgebenes Gebäude, das die Mutter als alten Edelsitz der Familie von Zweistetten bezeichnete. Endlich trennte nur noch das Wasser Landstraße und Dorf, und der Kutscher lenkte einer alten Holzbrücke zu, wo nach der Dorfseite hin der Brückenzolleinnehmer in einem winzigen Häuschen wohnte. Als der Wagen dort hielt, kam ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren heraus, ein paar 256 mächtige braune Zöpfe um den Kopf gewunden, und reichte den gedruckten Quittungszettel über zwanzig Pfennig Brückenzoll in den Wagen hinein.
    »Früher hieß der Einnehmer Gelbhaar,« sagte die Professorin zu dem hübschen Kinde, indem sie zahlte. »Wer hat die Stelle jetzt inne?«
    »Mein Großvater, der heißt Gelbhaar, aber weil er Gicht hat, versehen meine Mutter und ich das Amt.«
    »So? Da grüße deinen Großvater schön von Lene Wermann, sag nur von Rentmeisters Lenchen, dann weiß er gleich Bescheid. Wir haben uns gut gekannt.«
    Das Kind sah lächelnd und verwundert die stattliche fremde Dame an.
    »Und dein Vater, wie heißt der?«
    »Der hieß Wendholz.«
    »Fritze Wendholz? War der nicht Förster?«
    »Ja, beim Herrn Baron.«
    Die Professorin nickte, und ein freundliches Lächeln spielte einen Augenblick um ihren Mund. Indem der Wagen sich in Bewegung setzte, sagte sie noch einmal. »Vergiß nicht den Gruß an den Großvater!«
    257 Bald darauf hielten sie vor dem Gasthof »Zur grünen Tanne«, und die Augen der Mutter strahlten ganz eigen aus dem Gesicht, als sie die oberen Fenster des Hauses streiften.
    Der Wirt, der voller Verwunderung über die vornehmen Gäste herbeistürzte, versicherte, daß zwei schöne Zimmer frei wären, und die drei stiegen nun, nachdem sie einen mit roten Backsteinfliesen ausgelegten Flur durchschritten hatten, die sauber gescheuerte Treppe empor, die dick mit schneeweißem Sand bestreut war, und standen bald darauf in einem niedrigen Eckzimmer mit einfacher Ausstattung. Der Wirt schloß die Tür nach dem Nebenraum auf, fragte, ob die Damen essen wollten, es sei Schweinebraten da mit Erbsenbrei, aber auch ein Beefsteak oder ein Schnitzel könne bereitet werden. Frau Professor entschied sich für das erstere, bat zunächst um Waschwasser, und als sie den Reisestaub abgeschüttelt und das kräftige Gericht in der sauberen Stube der Wirtin gespeist hatten, fand die Professorin keine Ruhe mehr.
    »Nun kommt,« sagte sie, »nun geht mit mir auf den Wegen meiner Jugend.« Sie hatte sich zuvor erkundigt, ob der Baron Zweistetten anwesend sei, und erfuhr, daß er seit Jahren schon im Auslande weile. Es ziehe ihn ja nichts zurück zu Haus und Herd, da er ein lediger Herr sei, meinte der Wirt, der allerdings der Enkel des »uralten« Weigel war. Ein Jammer und ein Elend sei es, fügte er hinzu, daß der Herr nun wahrscheinlich so hinsterben werde ohne Erben und der herrliche Besitz an eine ganz entfernte Seitenlinie käme. Wenn übrigens die gnädige Frau das Schloß ansehen wolle, der alte Diener habe die Schlüssel und zeige gern Haus und Garten.
    »Wir wollen es freilich ansehen,« antwortete die Professorin. »Und ich weiß auch, wo der alte Diener haust, wenn's noch so ist wie früher. Ich kenne dort jeden Schritt und Tritt.«
    Der junge Wirt blickte der vornehmen Erscheinung verwundert nach. »Vielleicht Verwandtschaft vom Herrn Baron,« meinte er zu seiner hübschen Frau.
    Die Damen gingen indessen im Schlosse umher, durch verlassene Zimmer und Säle, in denen Möbel längst verflossener Zeit standen und die Luft roch wie das Potpourri der seligen 258 Großmutter, nach Staub und verwelkten Rosen. Alte Porträts schauten von den Wänden, und die schwere Seide der Fenstervorhänge war brüchig und verschossen.
    Die jungen Mädchen hielten sich an der Hand und folgten der vorausschreitenden Mutter, die hie und da einmal stehen blieb, irgend einem Mobelstück oder einem Bild schwermütig zunickte wie einem alten Bekannten. Einige wenige Zimmer zeigten die Spuren des Bewohntseins. Bequeme Fauteuils standen darin, moderne Teppiche lagen auf dem Boden, und über dem Sofa hingen die Bilder von Kaiser Wilhem I. und Bismarck.
    »Des Herrn Barons Zimmer!« sagte der Diener erklärend. Und hier weilte die Professorin ein wenig länger. Sie stand abgewendet von den Kindern am Schreibtisch, ihre Hand lag leicht und wie liebkosend auf der Platte des altertümlichen Möbels und in ihren Augen schimmerte es feucht. Das machte, sie hatte auf dem Tische zwischen einigen anderen Bildern ein winziges Daguerreotyp erblickt. Sie hatte die gekannt, die aus dem Rahmen 259 blickte, wie sich selber so gut. Ein Mädchenkopf mit hellen Haaren und schelmischen großen Augen – wie oft hatte er ihr lächelnd aus dem eigenen Spiegel entgegengeschaut – damals – ach damals! Und das Bildchen stand da noch immer! – Und »er« war unvermählt geblieben! – Wie anders hätte sich doch ihr Leben gestalten können, wenn – ja wenn –. Ob sie heute noch tauschen möchte? Nein, nein, tausendmal nein! Als sie sich ihren Töchtern wieder zuwandte, zuckte eine tiefe Bewegung über ihr Gesicht. Aber sie bezwang sich und schritt wieder voran aus den Zimmern hinaus in das Treppenhaus, hinunter in die Halle und blieb dort vor einer Thür stehen, die in einen Seitenflügel führte. »Hier schließen Sie einmal auf!« sagte sie bittend.
    »Da ist nichts zu sehen, Madame, da sind leere Räume, die hat früher 'mal der Rentmeister bewohnt,« berichtete der Diener.
    »Aber für mich ist darin noch allerlei zu sehen, lieber Mann,« antwortete sie. »Da drin bin ich geboren und groß gewachsen, und da habe ich mich verlobt, da ist meine Hochzeit gefeiert worden, meine Eltern haben dort gewohnt lange Jahre.«
    Der Mann nahm verlegen und eine Entschuldigung murmelnd einen Schlüssel aus einer kleinen Mauernische neben der Tür und öffnete mit einem verwunderten Blick auf die Frau. – Ein paar dämmerige Räume lagen vor ihnen, deren verbindende Türen geöffnet waren, sie waren vollkommen leer. Aber die Professorin eilte im ersten Zimmer gleich zu dem Fenster hinüber und stieß die Läden zurück. Die Sonne huschte durch das Laub der Lindenbäume in die weißgetünchten Räume, spielte in goldigen Flecken auf der Diele und blinkte so gut sie konnte aus dem braunen Kachelofen zurück. Die Mädchen blickten verwundert über die Schmucklosigkeit der kahlen Wände die Mutter an. Aber die stand lächelnd mitten im Zimmer, und dennoch liefen ihr die Tränen über die Wangen.
    »O lieber Gott,« sagte sie leise, »wie sonderbar ist es, daß ich noch einmal hier stehe! Seht, Kinder, da am Ofen hatte Vaters Lehnstuhl seinen Platz und die Hunde lagen daneben. Am Fenster dort hinter der Zitzgardine war Mutters Nähtisch, ein Asklepienstock blühte da mit dichten Blättern, aber trotzdem 260 sah die Mutter alles, was wir, die Brüder und ich, im Garten taten. Da drüben an der Wand stand das Sofa mit schwarzem Roßhaar bezogen, man glitt immer von demselben hinunter, wenn man sich noch so fest in sein Polster setzen wollte, der alte Sattler Hühnerbein hat es verbrochen, ein Verbrechen an der Bequemlichkeit war es entschieden. In die Ecke dort müßt ihr euch den Glasschrank denken. Da hatte Mutterchen ihre Teebüchse drin, in der stak stets eine Stange Vanille, damit das Getränk recht lieblich schmecken sollte, auch Vaters Frühstücksschnäpschen kam aus dem Schrank. Vor dem Fenstertritt von Mutters Fenster stand mein Kindertischchen mit dem winzigen Stuhl, da lehrte sie mich lesen und schreiben und Puppenkleiderchen nähen an den Winternachmittagen, wenn der Schnee draußen stiebte. Und da am Ofen war das Brettchen, an dem die vielen Schlüssel zu den Stuben im Schlosse hingen, und ich kannte jeden einzelnen und ging ohne Furcht des Abends durch die dämmerigen Zimmer, um nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien, wenn Mutter einmal unpaß war, obgleich es hier spuken sollte.
    »Und nun kommt und seht, in dem zweiten Zimmer da schliefen die Eltern, hinter dem war die Stube der Brüder. Wie ich dann größer wurde und die wilden Jungens aus dem Hause kamen, wurde mein Bettchen und meine Kommode da hinein gestellt. 261 Nicht wahr, dies Stübchen ist besonders freundlich und licht? Ach, Kinder, hier bin ich einmal sehr unglücklich gewesen!«
    Sie standen alle drei in dem einfenstrigen Raum, dem einzigen, der eine Tapete aufwies, rosengeblümt und verblichen. Die jungen Mädchen sahen sich fragend an. Ihre Mutter war einmal unglücklich gewesen? Und Anne Dora trat schließlich zum Fenster und sah still hinaus. »Mutter,« sagte sie nach einer Weile, als diese neben sie trat, »sieh, da ist ein Herzchen in das Fensterglas geritzt, da steht dein Name drin – Helene – und über ihm ein anderer, ich glaube Karl soll er heißen.«
    Aber die Mutter antwortete nicht, sie wandte sich rasch ab und ging aus der Tür in die hofseitigen Räume. Dort waren ein paar Kammern und die Küche. Und am aufgemauerten Herd blieb die Frau stehen und sagte: »Seht, hier hat meine liebe Mutter mich das Kochen gelehrt, und hier habe ich meine letzte Ohrfeige von ihr bekommen.«
    »Hast du denn als Kind schon kochen müssen?« fragte Lori.
    »Nein!« antwortete die Professorin. »Damals war ich sogar schon Braut, vier Wochen vor meiner Hochzeit war's, und Mutter sagte zur Strafe: ›So, Kind, nun wirst du wohl für alle Ewigkeit nicht wieder das Schwitzmehl verbrennen lassen, zum Butterverhunzen wird deinem Mann das Geldverdienen zu sauer.‹« Die stattliche Frau lächelte, und dabei vertieften sich die Grübchen in ihren Wangen wieder und sie sah jung und reizend aus einen Augenblick.
    »Das ist aber doch unerhört!« sagte Lori.
    »Andere Zeiten sind's gewesen!« erwiderte die Professorin, »ich habe der Mutter Hand geküßt und habe niemals das Schwitzmehl wieder verbrannt. Mutter hatte recht, wir hätten's zu solchen Dummheiten nicht gehabt. – Aber kommt, ich will euch das Haus zeigen, in das mich euer Vater gebracht hat, wie er mich als seine Frau hier hinausführte.«
    Der Diener, der im Nebenzimmer stand und gelangweilt aus dem Fenster auf den Hof schaute, wurde gerufen. Er erhielt sein Trinkgeld und die Damen verließen das Haus auf der Gartenseite.
    Es regnete ein wenig jetzt, es mochte ein Aprilschauer sein, 262 deshalb verschoben sie einen Rundgang durch den Garten auf den morgenden Tag, wanderten durch die Gassen des Dorfes an der Kirche vorüber und gelangten hinter dem Pfarrhause auf einen kleinen, von Häusern umgebenen Platz. Mitten darauf standen drei alte Lindenbäume, unter jedem eine Steinbank, und zwischen diesen drei Stämmen war das Denkmal derer aufgerichtet, die im letzten großen Krieg ihr Leben gelassen hatten.
    Auf eines der Häuser, das ein wenig stattlicher aussah als die übrigen, zu dessen Tür steinerne Treppen hinausführten, deutete jetzt die Professorin.
    »Da hinein bin ich gezogen mit eurem Vater. Am 7. März 1864 war es und ein furchtbares Wetter. Regen und Schnee sind in mein Gesicht geflogen bei den wenigen kurzen Schritten die Treppe dort hinauf, und euer Papa merkte nicht, daß auch Tränen zwischen den Tropfen waren, die er mir in dem kleinen Stübchen vom Gesicht wischte. ›Regen bringt Glück, Lenchen,‹ sagte er freundlich. Er hat recht gehabt.« Sie hatte dabei schon den Messingklopfer der Haustüre gehoben und ihn gegen die Platte fallen lassen. Gleich darauf kam eine alte Frau und öffnete.
    »Dürfen wir wohl eintreten?« fragte die Professorin, »ich möchte meinen Töchtern gern das Haus zeigen, in dem ich als junge Frau gewohnt habe.«
    Die Alte heftete ihre kleinen, noch immer hellen Augen auf die Eindringlinge, dann sagte sie: »So sind Sie Frau Doktor Bodenstedt, von deren Mann wir damals das Haus gekauft haben? Kommen Sie näher, Frau Doktorin, ich hätt's nicht geglaubt, daß Sie noch an das Häuschen denken, wo Sie nun vornehm geworden sind und der Herr Doktor so berühmt.«
    Sie öffnete linker Hand eine Tür und die Damen traten in ein winziges Stübchen, das die ›gute Stube‹ der Bewohnerin war. Sie wurden genötigt Platz zu nehmen, und die alte Frau blieb ehrerbietig vor ihnen stehen. Ihre Hände hielt sie unter der Schürze verborgen, und ihr runzliges Gesicht war unbeweglich, als sie sagte: »Mein Mann lebt ja nicht mehr, Frau Doktor. Im August 1875 ist er gestorben an einem Nervenfieber, und mein Sohn, der Maurermeister in der Stadt ist, der kann vom Hause 265 keinen Gebrauch machen. Aber man hängt nun einmal daran, da sitze ich denn allein drinnen, und manchmal kann ich es kaum aushalten vor Angst und Sehnsucht. Und dann kommen einem lauter alte Dinge wieder ins Gedächtnis. Auch an Ihnen habe ich manchmal gedacht, Frau Doktorn, und habe mich gefreut, wie es Sie und Herrn Doktor geglückt ist. Und wenn Sie sich noch besinnen können, ich hab's manchmal gesagt: ›Weinen Sie man nich, Frau Doktorn, wer im Leben einen schlechten Vormittag hat, der kriegt dafür einen schönen Nachmittag, denn es gibt eine Gerechtigkeit im Himmel.‹ Und das sind nun wohl Ihre lieben Töchter? Ja, ja, sie sehen Sie ja ähnlich, Frau Doktor, bloß daß Sie viel schöner waren, Frau Doktor, was man ja wohl den Kindern sagen darf, ohne sie zu kränken. Und nun will ich einen Kaffee besorgen, und Sie können indes meinswegen im ganzen Hause herumkramen, und wenn es 'mal eine Spinnwebe gibt, denken Sie nicht zu schlecht von mich, ich bin nun all an die Fünfundsechzig und die Augen wollen nicht mehr recht.« Sie nickte noch einmal und trippelte hinaus.
    Ein Weilchen blieb es mäuschenstill, dann fragte Lori beklommen: »Und hier hast du gewohnt mit Papa? Armes Muttchen!«
    »Hier, Kinder, habe ich mein Glück gefunden,« sagte die Professorin. »Denn ihr müßt wissen, es zog nicht gleich mit mir ein, oder wenn es das tat, so erkannte ich es doch nicht gleich, und es fiel mir auch zunächst nicht ein, mir viel Mühe zu geben, es zu entdecken. Ich habe das schwerste Jahr meines Lebens, aber dann auch die glücklichsten Stunden hier verlebt. Und seht ihr, dies war eures Vaters Zimmer, und hier nebenan da schliefen wir. Ja, nicht wahr, Lori, in dem Raum hätte weder deine Toilette noch der riesengroße Waschtisch Platz, den du gekauft hast für deine Einrichtung. Aber damals war man so bescheiden in dieser Beziehung!
    »Hier in Papas Doktorzimmerchen sah es sogar recht gemütlich aus. Er hatte schon den netten Bücherschrank, der auch heute noch in seiner Stube steht, und ein Zylinderbureau befand sich dort am Fenster. Das Roßhaarsofa von der Großmutter war uns 266 auch gefolgt, denn meine Mutter hatte in ihrem neuen Heim keinen Platz für das große Möbel und der Vater meinte, für uns junges Volk sei es auch weich und bequem genug. So kam es hier in Vaters Stube, und wir saßen darauf gleich am ersten Abend, und vor uns stand ein gedeckter Tisch mit einer nagelneuen Petroleumlampe, die damals eben Mode geworden war und zusammen mit dem hübschen, einfachen Teeservice, das mir meine Freundin Cäcilie geschenkt hatte, und dem derben Drillichgedeck, das mir von Mutter zur Ausstattung gegeben war, sehr hübsch aussah. – Selbstgesponnen war das Tuch, und meine gute Mutter hatte eine hausschlachtene Wurst, ein Stückchen Gutsbutter und ein großes Landbrot als erstes Abendessen darauf gestellt. Und wie ich bange zitternd die ersten Scheiben davon schnitt, da klingelte es und der Herr Doktor wurde zu einem Schwerkranken gerufen und kam erst im Morgengrauen zurück, blaß und traurig, denn der arme Mensch, dem das Getriebe der Mühle den Brustkorb eingedrückt hatte, den hatte er nicht retten können, und eine Witwe und sechs Kinder jammerten um ihren Ernährer! Ich saß derweile mutterseelenallein und weinte mich satt. Darüber fand mich mein junger Mann eingeschlafen und hat mir die Füße auf das Sofa gehoben und mich sorglich zugedeckt und schlafen lassen. Wie ich aufwachte, da war ich noch in meinem schwarzseidenen Hochzeitskleid, und draußen schien ein trüber Vorfrühlingsmorgen in die Fenster.«
    »Ein schwarzes Kleid hattest du?« fragte ganz entsetzt Lori.
    Die Professorin nickte. »Ja, und es hat recht hübsch ausgesehen zu meinen blonden Haaren, das haben alle gemeint. Und meine Mutter sagte, als sie es kaufte: ›Ihr habt's nicht zu einem extra Brautkleid und unnützem Firlefanz, aber ein Schwarzseidenes das muß sein für jede Frau‹.«
    »Hattet ihr denn nur so wenig?«
    »Gar nichts hatten wir, Lori!« lachte die hübsche Frau. »Papa war Arzt und hoffte auf Praxis, und um die zu kriegen, brauchte er eine Frau. Unverheiratete Doktoren genießen kein so großes Vertrauen wie die verheirateten. Da kam er und wollte mich.«
    »Wolltest du ihn denn nicht auch, Mutter?« Anne Dore hing mit großen traurigen Augen an den Lippen der Mutter.
    267 »Nein, ich wollte ihn eigentlich nicht, Anne Dore.«
    »Und du mußtest, Mutter?«
    »Auch das nicht, aber ich sah ein, daß – – Doch das würde jetzt zu weit führen, ich erzähle es dir ein andermal, Anne Dore. – Kommt nun hinüber, dort in das gegenüberliegende Zimmer! Das war mein Reich und zugleich die ›gute Stube‹. In dem daneben liegenden hofseitigen Zimmerchen hielten wir unsere Mahlzeiten. O, mein Putzstübchen war fein und niedlich, besonders wenn die Sonne hinein schien durch die hübschen weißen Gardinen, die ich selbst gestickt hatte. Über dem Sofa, das mit grünem Plüsch bezogen war, hing der Regulator und rechts und links die Photographien von den Eltern. Auf dem Vertikow stand der Christus von Thorwaldsen. Im Bücherbrett schimmerten alle meine Lieblinge in feinem Einband: Chamisso und Uhland, Storms ›Immensee‹, Geibels Gedichte und Heyses ›Arrabiata‹ – Goethe und Schiller nicht zu vergessen. Im Fenster neben dem Nähtischchen zwitscherte Hans, der gelbe Kanarienvogel, den hatte ich schon daheim in meinem Mädchenstübchen gepflegt. Er war so zahm, er saß fast immer auf meiner Schulter, ich hatte ihn sehr lieb, den kleinen Kerl!« Die stattliche Frau lächelte wieder ihr junges Lächeln, und ihre Augen streiften im Stübchen umher, als sähe sie es wieder wie damals. Und wie verloren setzte sie leise hinzu: »Ja, ja, und hier war es, wo ich mein Glück plötzlich erkannte.«
    ***
    Anne Dore und ihre Mutter saßen Abends allein in ihrem Logierstübchen der »Grünen Tanne«. Lori schlief schon, ihr regelmäßiges Atmen drang deutlich in das Ohr der Mutter. Frau Professor Bodenstedt hatte eine weiße Frisierjacke angezogen, und die Tochter flocht ihr das volle leicht ergraute Haar in zwei Zöpfe. Die Frisur gab ihr etwas Mädchenhaftes, Liebliches. Oder machte es die Erinnerung an ihre Jugend, die ihr die Wangen leicht rosig gefärbt hatte?
    Die Tochter empfand dies, und sie sagte herzlich: »Die alte Frau in dem Häuschen wird schon recht haben, Mutter, wir reichen 268 dir das Wasser nicht. Wie hübsch mußt du gewesen sein als junges Mädchen! Viel zu fein eigentlich für die Verhältnisse, in die du anfänglich kamst. Ich meine, du hättest viel eher in das Schloß gepaßt.«
    »Das habe ich auch einmal gemeint, Anne Dore, und das will ich dir jetzt erzählen, liebes Kind. Lori soll es später einmal erfahren, wenn sie reifer ist. Du, der das Leben schon einmal das ernste Gesicht zugewendet hat, du bist reif genug dafür, du wirst es richtig verstehen und gewiß sein, daß deine Mutter dabei einen Zweck im Auge hat. Sie möchte dich aussöhnen mit deinem Geschick, meine Anne Dore, dir sagen, daß mit einer gescheiterten Liebe nicht auch das Glück des Lebens untergeht. So – so – mein Herz, – gib mir die Nadel! Danke! Und nun komm, ich setze mich in den Lehnstuhl, und du legst deinen Kopf auf mein Knie und bist ein bißchen geduldig. Lange spreche ich nicht. Sitzest du auch gut auf deinem Fußbänkchen?«
    Und als die Tochter ihr zu Füßen genickt hatte, begann sie, indem sie behutsam und zärtlich über das dunkle Haar ihres Lieblings strich: »Du weißt, daß mein Vater einfacher Beamter war, Rentmeister bei dem Baron Zweistetten, und du hast heute gesehen, wo wir lebten. Du weißt aber nicht, daß meine Mutter eine Gräfin Illerode aus Ohlenfels war, die mein Vater gegen den Willen der Ihrigen geheiratet hatte. Vater war als Inspektor nach Ohlenfels gekommen, sie hatten sich beim Erntetanz 269 kennen gelernt, liebten sich dann, und nichts war im stande, sie zu trennen. Ich habe das alles aus den Briefen, die sich nach ihrem Tode sorgsam aufbewahrt vorfanden, erfahren. Meine Mutter war die älteste der Komtessen, sie war wohl die Klügste, aber auch die am wenigsten Hübsche unter ihnen. Nur ihre wunderschönen dunklen Augen fesselten, und mit diesen hat sie es ja wohl meinem Vater angetan, so daß er nichts weiter sah und hörte und wollte als die Besitzerin dieser treuen, traurigen Augen. Sie erwiderte seine Neigung von ganzer Seele. Immer übersehen, verschmäht und zurückgesetzt bis dahin, fühlte sie nun eine so tiefe und starke Liebe für den tüchtigen, von jedermann geachteten jungen Mann in ihrem Herzen, daß sie den väterlichen Zorn sowie alle Vorstellungen und Einwendungen ihrer Familie geduldig ertrug und an ihrer Liebe festhielt mit der ganzen Kraft ihrer Seele. Als man sie dann, damit sie vergessen sollte, auf die Güter der Familie nach Österreich geschickt hatte, rührte der Herzenskummer der Armen ihre dort zurückgezogen von der Welt lebende Tante, ein altes Freifräulein, welches ihr seine ganze Liebe und Teilnahme zuwandte und zu helfen versprach. Leicht scheint das nun allerdings nicht gegangen zu sein, denn der Herr Großpapa war ein stolzer Herr, und einen noch größeren Stolz scheint Mutters Bruder, der als Kavallerieoffizier diente und mit Verachtung auf die untergeordnete Stellung meines Vaters herabsah, gehabt zu haben. Aber zuletzt setzte es das alte Tantchen, welches einen merkwürdig stillen Einfluß gehabt haben muß, doch durch, daß der stolze Großvater sich der Heirat wenigstens nicht mehr widersetzte. Nur die eine unumstößliche Bedingung stellte er, daß keinerlei Beziehungen zwischen dem unerwünschten Eidam und ihm sowie der gesamten gräflichen Familie bestehen dürften. Auch mußte Mama auf jeden Vermögensanspruch verzichten. Wie sehr mag sie unter der gänzlichen Trennung von den Eltern gelitten haben und wie groß muß ihre Liebe zu Papa gewesen sein, daß sie ihn nie etwas davon merken ließ! Ein Trost war es für sie, daß ihre Mutter ihr doch, so oft es sich tun ließ, noch Beweise und Zeichen ihrer mütterlichen Liebe und Sorge gab. Die Hochzeit fand dann ganz in der Stille statt. Das freundliche Tantchen nahm als 270 einzige Verwandte der jungen Frau noch teil an derselben und starb kurz darauf ruhig und still, herzlich betrauert von dem jungen Paare. –
    »Da mein Vater ein kleines Vermögen besaß, trat zunächst die Not nicht an das junge Paar heran. Dann, als meine Brüder geboren waren, mußte mein Vater sich nach einer Brotstelle umsehen. Es war nicht leicht, das Nötige zu finden. Auf einem kleinen Gut konnte er eine Inspektorstelle nicht wohl annehmen, dort wollte man unverheiratete Leute als Beamte u. s. w. Administratorstellen gab's ausnahmslos nur auf adligen Gütern, und dort scheuten sich die Leute, einen Beamten anzustellen, der einer Gräfin Ehemann war. Wie sollten sie sich diesem gegenüber verhalten? Die Frau zu ignorieren, ging nicht wohl, und ihn in den Kreis ihrer Geselligkeit zu ziehen, das war auch solche Sache, – kurz überall, wo er sich hinwandte, ein abschlägiger Bescheid.
    »Da gab es schwere Sorgentage und für meine Mutter noch schwerere Trauer durch den rasch nacheinander erfolgten Tod ihrer Eltern. Die Großmutter hatte ihr noch ihren Segen gesandt, aber der stolze Großvater war unversöhnt gestorben und hatte seine Tochter wirklich völlig enterbt. Eines Tages, als mein Vater niedergeschlagener als je dasaß mit einem abermaligen Absagebrief, schlich sich meine Mutter in ihre Schlafstube und schrieb dort heimlich an einen alten bärbeißigen Oheim, der sie einmal, als sie noch ein junges Komteßchen war, das an Glück und Liebe glaubte wie jedes andere junge Herz, zur Frau begehrt hatte. Er, der alte wunderliche Mann, der mitunter wochenlang mit Gicht im Lehnstuhl saß, sie die Zwanzigjährige! Ganz empört hatte sie ihn mit einem großen Korbe heimgeschickt. Seitdem hatten sie nichts voneinander gehört. Gott mag es wissen, was dieser Bittbrief sie gekostet hat, aber belohnt wurde sie für ihre Demütigung. Erstlich sandte er ihr sofort eine größere Summe, und fürs zweite fragte er sie, ob ihr Gatte die Stelle eines Rentmeisters auf den Gütern seines Mündels anzunehmen gewillt sei. Der wäre noch ein Knabe und vater- und mutterlos, augenblicklich auf irgend einer vornehmen Schule, ich 271 glaube in Hannover. Er habe diese eben freigewordene Stellung als Vormund zu besetzen, mache aber darauf aufmerksam, daß sie sehr bescheiden sei. Was hätte Vater nicht angenommen? Und alles war ja doch so günstig wie möglich: Wohnung im Schloß, ein immerhin anständiges Gehalt, eine Menge Naturalverpflegung und im Grunde weiter nichts zu tun als Buchführung und Rechnungslegung ohne irgend welchen Vorgesetzten in der Nähe, denn der alte Herr war viel zu bequem, um von Westfalen nach hier zu reisen, und begnügte sich mit dem schriftlichen Bericht über die Gutsverwaltung seines Mündels, des Barons Zweistetten.
    »Hier lebten nun meine Eltern, und hier wurde ich geboren. Meine Kinderzeit war sehr glücklich. In unserm Familienkreise herrschte eine seltene Einigkeit, mir ist nie eine Meinungsverschiedenheit zwischen meinen Eltern aufgefallen. Mutter war es aber, die wir Kinder unwillkürlich bevorzugten. Sie war lebhaft, sie spielte mit uns, sie entschied in fast allen Fragen des täglichen Lebens. Mein Vater war ein schöner, großer, blonder Mann, das Urbild eines Germanen. Umso wunderlicher stach von dieser sieghaften Erscheinung sein müdes, stilles Wesen ab. Er sprach wenig und hatte seltsam schwermütige Augen, Augen, die sehnsüchtig nach irgend etwas zu suchen schienen.
    »Meistens saß er arbeitend in seinem Bureau, das unserer Wohnung gegenüber im herrschaftlichen Flügel hofseitig lag. Und auch in den Stunden, wo er in unserem Kreise weilte, wurde er selten gesprächig. Eines war mir schon als Kind als besonders hervorstechend aufgefallen: eine gewisse Empfindlichkeit im persönlichen oder brieflichen Verkehr mit Fremden. Er konnte förmlich grübeln darüber, ob ihm auch die gebührenden Titel und das Wohlgeboren und die nötige Artigkeit erwiesen wurden. Es wurde dies zu einer fixen Idee, die meine Mutter stets liebenswürdig mit Scherzen oder mit Zärtlichkeit abzuschwächen versuchte, was ihr nicht immer gelang. Zuweilen hörte ich ihn bei irgend welcher feierlichen Veranlassung, etwa bei Geburtstagen oder bei Neujahrsanfang, leise die Mutter fragen: Bereust du es, Ilse? Und sie pflegte dann die Arme um seinen Hals zu schlingen und 272 zu versichern: ›Ich bereue nichts. Und du, Heinrich?‹ – Dann gab er ihr einen Kuß und wiederholte: ›Ich bereue auch nichts und ich danke dir.‹
    »Mutter selbst unterrichtete mich, ich lernte spielend Französisch und Englisch, später lehrte sie mich ein wenig Wirtschaften und Kochen und so gut sie es vermochte, Nähen und Stricken. Man merkte wohl, daß sie zu solchen Dingen nicht aufgezogen war, aber ihr guter Wille dazu ließ doch alles gelingen. Als ich eben siebzehn Jahr alt gewesen, wurde eines Tages der Erbe, der junge Herr, der mittlerweile großjährig geworden war und alter Familiensitte gemäß einige Jahre auf Reisen verbracht hatte, zum ersten Male auf dem Stammsitz seiner Väter erwartet. Ich erinnere mich, daß mein Vater mit Eintreffen dieser Nachricht noch gedrückter und verstimmter wurde als sonst. Am Tage, an dem Baron Walter ankommen sollte, war er indessen wieder in gewohnter Stimmung und Mutter und ich wanden Kränze für das Portal des Hauses, damit das leere Nest, in das er kam, ein wenig freundlich zum Empfang gerüstet erscheinen sollte. Wir saßen im Garten unter der Linde und waren eifrig bei der Arbeit. Auf einmal fiel meiner Mutter ein, daß sie irgend eine Anordnung im Hause vergessen habe, und sie verließ mich mit den Worten: ›Ich bin gleich wieder hier, Helene, arbeite nur ruhig weiter!‹ Ich sehe sie noch, wie sie den Kiesweg hinausschritt in ihrem einsfchen dunklen Kleide, das gegen die herrschende Mode, welche die Krinoline erheischte, faltig und schlank von den Hüften 275 fiel und ihre feine Gestalt vorteilhaft zeigte. Auf dem dunklen Haar trug sie ein Häubchen aus schwarzer Spitze, dessen Barben zu beiden Seiten der Scheitel niederfielen. Das Schlüsselkörbchen hing ihr am Arm. Ich weiß noch, daß ich ihr nachsah und dann wieder ein Büschel Spargelkraut und eine Zentifolie ergriff und der Girlande einfügte. Es war gerade Johannistag und die ganze Luft durchduftet von Rosen. So wie in diesem Garten die Zentifolien blühten, habe ich sie nie wieder gesehen.
    »Es war Nachmittags gegen vier Uhr, um Sieben sollte der Baron, der schlechtweg hier ›der junge Herr‹ genannt wurde, eintreffen. Die Johannissonne schien heiß, und es war eine große Schwüle in der Luft, wie vor einem Gewitter, obgleich der Himmel herrlich blau durch die Zweige der mächtigen Rotbuche schien.
    »Kein Lüftchen rührte sich. Eine sonderbare Müdigkeit kam in dieser Stille über mich, ich schloß die Augen und verlor mich in eine Art Halbschlaf. Dann war es, als fiele ein Schatten über meine Augenlider, durch die ich das Licht purpurn gefühlt hatte. Ich sah unwillkürlich empor und erblickte einen Herrn in grauem Joppenanzuge, der vor dem Tische stand, die Hände leicht aufgestützt, und mich lächelnd betrachtete.
    »Er hatte den Hut abgenommen, und wir sahen uns beide eine Weile wortlos an. Ich konnte sein Gesicht kaum erkennen, denn die Sonne stand hinter ihm, so daß er wie eine dunkle Silhouette auf dem flimmernden Hintergrund erschien. Nur seine großen blauen Augen, die unter dunklen Brauen hervorflammten, die sah ich deutlich. Ich kann dir nicht genau sagen, Anne Dore, wie's weiter ging, ob ich dumm oder klug ausgesehen habe in diesem Augenblick, ich weiß auch nicht mehr, wer zuerst gesprochen hat von uns und was es für ein paar Verlegenheitsphrasen gewesen sind, die wir wechselten, aber das weiß ich, daß mein Herz sonderbar in schweren, vollen Schlägen ging und daß ich noch unbeweglich wie eine Statue dasaß, als meine Mutter zurückkam.
    »Ganz selbstverständlich und ruhig mit ihrer vornehmen Einfachheit hieß sie den Baron willkommen, da er ja nun verfrüht eingetroffen sei und sich um die feierliche Begrüßung der 276 Gutsleute und des Waldburger Gesangvereins gebracht habe. Der junge Mann lachte darauf herzlich und freimütig, ergriff die Hand meiner Mutter, küßte dieselbe und meinte, er habe so etwas geahnt, und deshalb, gerade deshalb sei er früher erschienen, und von allen Empfangsfeierlichkeiten wolle er nichts weiter als die Girlande dort, und wenn ihm überhaupt noch eine Bitte auszusprechen erlaubt sei, so sei es die, ihn um Gottes willen nicht allein zu Abend speisen zu lassen, sondern ihm freundlichst ein Plätzchen am Familientisch des Herrn und der Frau Rentmeister zu gönnen. – Wir gingen bald darauf ins Schloß zurück, er die halbfertige Girlande tragend, die er sich wie eine Boa um den Hals geschlungen hatte, und ich erinnere mich, daß mein Vater ein nahezu verblüfftes, keineswegs liebenswürdiges Gesicht machte, als er am offenen Fenster stehend uns drei so daherkommen sah.
    »Am Abend erschien mir unser Wohnzimmer wie ein Festsaal. Es fiel mir kaum auf, daß unser Gast der allein Redende war, daß er sich vielleicht aus Zufall nie in seiner Rede an den Vater wandte, daß dieser immer blasser und meine Mutter immer stiller wurde. Er erzählte und erzählte in froher Laune, welche die Heimat ihm geweckt haben mochte, von seinen Reisen. Er berichtete von interessanten Menschen, die er kennen gelernt hatte, und dabei hingen unsere Blicke aneinander wie gebannt. Ich hatte den Tisch mit Rosen geschmückt und ein weißes Kleid angelegt. Die letzte rote Abenddämmerung glühte durch die Fenster, vom Garten herein kamen ein paar Schmetterlinge, wie getragen von den Klängen der alten Volkslieder, welche die Mägde jenseit des Gartens sangen.
    »Als die Schale mit Erdbeeren, aus der unser Nachtisch bestand, mehrere Male herumgegangen war und niemand mehr zulangte, hob meine Mutter die Tafel auf. Man unterhielt sich noch eine Zeitlang, dann sagte der junge Baron Gute Nacht, küßte meiner Mutter die Hand, nickte ein wenig herablassend dem Vater zu, der ihn aus der Tür geleitete, und machte mir zuletzt eine Verbeugung, als wäre ich eine Königin.
    »Wir standen alle drei wie unter einem Bann, so, als hätten 277 wir uns noch etwas zu sagen, als müßten wir uns unsere Eindrücke mitteilen, aber keines fand ein Wort.
    »Nach einem Weilchen nahm ich ein Tuch vom Haken und wollte meiner alten lieben Gewohnheit nach in den Garten gehen, um frische Luft zu schöpfen, wie ich es jeden Abend bisher getan. Zumal heute war es mir geradezu ein Bedürfnis, allein zu sein. Ein ungewöhnlich strenger Ruf von Mutter: ›Bleib, hier, Helene!‹ hielt mich zurück. ›Das abendliche Herumstreifen im Garten hört von heute an auf, mein Herz,‹ fügte sie hinzu.
    »›Solange der Baron hier ist,‹ ergänzte mein Vater, ›das wirst du begreifen.‹ Und er trat zu mir und streichelte mir das Gesicht. Seine Augen hingen mit einem seltsamen Ausdruck an den meinen. Wieder war es, als wollte er sprechen, aber er sagte weiter nichts, als: ›Hilf Mutter ein wenig, Helene.‹
    »Als ich an diesem Abend zu Bett lag, konnte ich zum ersten Male nicht schlafen. Nebenan sprachen die Eltern noch, es klang fast, als hätten sie eine Meinungsverschiedenheit. Ich wußte nicht, was beginnen vor anstürmenden Gedanken. Immer sah ich seine Augen vor mir, schließlich fing ich an zu weinen, ohne einen rechten Grund dafür zu haben. Da kam meine Mutter, trat an mein Bett, und ich tat nun, als ob ich schliefe, denn ich hatte eine sonderbare 278 Scheu, mit ihr zu reden. Sie aber beugte sich über mich und sagte ganz dicht an meinem Ohr, als wüßte sie, daß ich mich verstellte: ›Habe nur immer Vertrauen zu mir, Kind, dann wird mit Gottes Hilfe alles gut!‹
    »Am anderen Morgen wußte ich nicht, ob ich das geträumt, oder ob sie wirklich jene Worte gesprochen hatte, aber ich mochte sie nicht fragen darum.
    »Es kam nun eine sonderbare Zeit im Hause. Mein Vater wurde oft zu dem Baron gerufen, von früh bis spät wünschte der lebhafte junge Herr ihn zu fragen und zum Begleiter zu haben.
    »Er nannte meinen Vater dabei ›lieber Rentmeister‹ oder nur bei seinem Namen, und da er eine andere Tageseinteilung gewöhnt war, ließ er ihn bisweilen vom Essen abrufen. Einmal ging Vater mit beleidigtem Gesicht, denn als der Diener wiederholt sozusagen in die Suppenschüssel fiel und Vater zu dem gnädigen Herrn entbot, fuhr er den verblüfften Menschen hart an: ›Sagen Sie dem Herrn Baron, ich sei bei Tische.‹ Er aß indessen nicht weiter, sondern warf hochrot vor Zorn den Löffel in den Teller und verließ das Zimmer. Mutter schüttelte den Kopf, seufzte und ging ihm nach. ›Karl, du mußt nicht so sein,‹ hörte ich sie im Hineingehen in die Schlafstube sprechen, ›er meint's nicht bös, er denkt nicht daran, dich zu kränken.‹ Dann fiel die Tür zu.
    »Gelegentlich einer anderen Szene aber, in der mein Vater in meinem Beisein seiner Empörung freien Lauf ließ, sich in harten Ausdrücken gegen den Baron erging, entdeckte ich, und die Entdeckung erschreckte mich förmlich, daß ich den Geschmähten liebte! Und diese Liebe wuchs, je stärker die Abneigung Vaters gegen ihn zu Tage trat! Ohne nach den Gründen zu forschen, die meinen Vater etwa leiten mochten, nahm ich nun in meinem Herzen aufs entschiedenste Partei für den, dem mein Herz gehörte. Er tat in meinen Augen nichts Verdammenswertes. Je mehr ich mich aber verlor in meiner Liebe, die den Eltern kaum verborgen bleiben konnte, da auch der Baron offenbar meine Gegenwart suchte, umso kummervoller wurden die Gesichter meiner Eltern. Ich fühlte mich stets beobachtet von beiden, ich wurde unermüdlich beschäftigt von Mutter. Von dem Baron sprach 279 man nie, es war, als wäre er nicht auf der Welt. Ich empfand das alles wie eine Ungerechtigkeit gegen mich, gegen ihn. So lebte ich ein aufregendes innerliches Leben damals, so still auch scheinbar alles zuging.
    »Eines Abends aber kam die Katastrophe.
    »Eine Freundin hatte mich besucht, oder vielmehr die Freundin, ich hatte nur eine. Meine Mutter pflegte mich von den anderen jungen Mädchen, den Töchtern des Hüttenbesitzers, des jungen Lehrers und des Försters, fern zu halten, einzig und allein mit Pastors Cäcilie durfte ich umgehen. Also die hatte mich besucht, war von mir mit Kuchen und Kaffee im Garten bewirtet worden, und ich begleitete sie nun bis zu der kleinen Pforte, die aus dem Obstgarten direkt in die sogenannte Kirchgasse führt, in welcher das Pfarrhaus lag. Cäcilie war ein blondes, schwärmerisches Mädchen, sie hatte an diesem Tage immerfort geredet, und mir war es recht gewesen. Ich konnte meine eigenen Gedanken dabei ungestört denken und wußte zum Schluß kaum noch, was sie alles berichtet hatte. Als wir abschiednehmend in dem Mauerpförtchen standen, kam ein Herr die Gasse daher und grüßte uns. Er war modisch aber einfach angezogen, trug einen Hut von weißem Stroh. Ein paar kluge graue Augen hinter Brillengläsern streiften uns bei seinem Gruß. Ich hatte nur ganz mechanisch acht auf ihn. ›Siehst du, das war ›Er‹, er kommt von Vater. Alle Tage besucht er Vater und läßt sich von ihm erzählen über die Dorfleute,‹ flüsterte Cäcilie hocherglüht.
    »›Wer ist er?‹ fragte ich verwundert.
    »Dem blonden Cäcilchen blieb der Mund offen. ›Bist du denn taub gewesen, Helene? Ich habe dir ja haarklein die ganze Geschichte erzählt vorhin. Der neue Arzt, der Doktor Bodenstedt, dem der Onkel Schröder seine Praxis abgegeben hat, der war es.‹
    »Ach so, richtig, Onkel Schröder, der alte langjährige Arzt von Waldburg, hatte sich zur Ruhe gesetzt, und sein Nachfolger war seit etwa drei Wochen hier, ich hatte auch seinen Namen schon gehört. Aber mich interessierte es nicht. Mein Herz hing an dem alten Herrn, der uns Kindern bunte Steinchen und Schneckenhäuser mitzubringen pflegte in die Krankenstube und so 280 herrliche Geschichten erzählen konnte, daß wir Kopf- und Halsschmerzen darüber zu vergessen pflegten.
    »Cäcilie begriff meine Teilnahmslosigkeit offenbar nicht und verabschiedete sich etwas steif von mir. Ich verschloß hinter ihr die Pforte wieder und kehrte, über die Grasnarbe des Obstgartens schreitend, zurück zum Park. Keine Ahnung sagte mir, daß ich da eben meinem Glück begegnet war, vielmehr glaubte ich es kommen zu sehen, als ich herzklopfend in der Kastanienallee des Parkes den jungen Gutsherrn mir entgegenkommensah.
    »Und doch bog ich rasch in einen Seitengang ein in heißer Scheu vor seinen Blicken, seinen Worten.
    »Einmal im Schutze des dichten Gebüsches,das diesen Weg fast dunkel machte, lief ich wie gehetzt und blieb an der Mündung des Weges in den einen Hauptgang betroffen stehen vor dem Baron, der, mein Ausweichen gewahrend, quer durch das Boskett gebrochen war, um mir nun lachend den schmalen Weg zu verstellen. ›Endlich!‹ sagte er und aus seinen Augen flog es über mich hin wie zwei Flammen. Niemals wieder habe ich solche Augen, habe ich überhaupt solch schönen Menschen gesehen, wie ihn in seiner durch jede ritterliche Übung entfalteten Jugendkraft.
    »Und, Kind, so kam es denn – ich wußte kaum wie –, ich hörte nur noch seine zärtliche, flehende Stimme, das Geständnis seiner Liebe und fühlte den heißen Druck seiner Hände, welche 281 die meinigen nicht mehr loslassen wollten. Sprechen konnte ich kein Wort, aber er spürte doch wohl, daß mein Herz ihm schon gehörte!
    »Die Glocke, die um halb acht Uhr geläutet wurde aus dem Gutshof drüben, schreckte uns nach wenigen Minuten auseinander. Mit dem ersten dieser Glockenschläge pflegten sich meine Eltern zu Tische zu setzen. So trennte ich mich denn, fast taumelnd unter der Last meines Glückes, von dem Baron und hörte nur noch sein: ›Schlaf süß! Morgen spreche ich mit Mama.‹
    »Ich erinnere mich, daß ich tiefatmend einen Augenblick vor der Wohnstubentür stehen blieb und bemüht war, mich zu fassen, eine gleichgültige Miene anzunehmen. Es war mir aber, als schwebte ich über der Erde, als müßte ich einen Jubelschrei ausstoßen, der bis zu den Bergen drüben klingen müßte.
    »Und wie ich dann mühsam beherrscht in unser altes, liebes Zimmer trat, fand ich es leer.
    »Wie einen Sturz kalten Wassers empfand ich diese Abwesenheit der Eltern – – das war noch nie dagewesen. Was sollte es bedeuten? Draußen verklang das Abendläuten. Auf dem Eßtisch dampfte die mit Milchsuppe gefüllte Terrine. Ein Teller, der meines Vaters, war halb gefüllt, neben ihm lag zusammengeknüllt die Serviette, die Stühle an dem Platz der Eltern waren schräg gerückt, so, als hätten sie hastig ihre Mahlzeit unterbrochen, als hätte sie jemand gestört dabei. Beunruhigt ging ich zu der Tür des Schlafzimmers hinüber, leise drückte ich gegen die Klinke – es war verschlossen. Doch hörte ich hinter der Tür ein heftiges Auf- und Abschreiten.
    »Zitternd von allem, was über mich gekommen war in den 282 letzten Minuten, sank ich auf den Stuhl, der hart neben der Tür stand, und legte wie erschöpft den Kopf an den weißlackierten Rahmen derselben, der Dinge harrend, die da kommen sollten.
    »Und da traf auf einmal Vaters Stimme mein Ohr, daß ich taumelnd auffuhr, so deutlich und hart schallte es heraus. Ein Ton war darin, wie ich ihn noch nie gehört von ihm, ein mühsam unterdrücktes Grollen, ein Warnen!
    »›Laß uns aufhören davon, Ilse, laß uns aufhören, bitte, werde mir einmal gerecht in diesem Einen, Ilse! Gib nach!‹ So hatte er gerufen. Eine kurze Pause entstand.
    »Dann hörte ich meine Mutter sagen: ›Und du meinst, bis jetzt wärest du stets der Nachgebende gewesen, Karl?‹ Es klang erstaunt und verletzt.
    »›Weißt du es anders?‹ fragte mein Vater dagegen. ›Sieh mich nicht so starr an, Ilse! Es ist so, und ich habe gern nachgegeben, bei Gott! Als wir vor dem Altar standen miteinander, da flocht der Prediger in seine Rede auch das Wort ein: Er soll dein Herr sein! Ich aber gelobte mir – ausgenommen in schweren, ernsten Lebensfragen, wo wir gemeinsam beschließen müßten, solltest du nie den ›Herrn‹ in mir sehen – und sieh, so ist's geworden. Alles gab ich in deine Hände, alles hat sich deinem Willen gefügt. Und so dünkte es mich recht! Für alles, was du mir geopfert hast, war es ja auch der mindeste Dank, daß ich dich in unserer kleinen Welt herrschen ließ. Und gut und klug hast du geherrscht bis jetzt. Jetzt aber, wo unseres Kindes Zukunft in Frage kommt, wo sein Wohl und Wehe auf der Wage liegt – heute zum ersten Male behaupte ich mein Recht als dein Herr, Ilse. Helene darf den Baron nicht mehr sehen, sie soll nicht das erdulden, was du und ich erduldet haben. Und da wir einmal nun doch bei einer Aussprache sind, laß sie uns auch zu Ende führen! Siehst du, ich habe dich ja tatsächlich zu mir heruntergezogen aus der Höhe deiner gesellschaftlichen Stellung. Und ich habe in deiner Seele mitgelebt, ich sah, wie du klaglos gelitten hast, wie fest die Fäden noch heute sind, die dich mit jener Sphäre verknüpfen. Du hast ja nie geklagt, Ilse, du bist eben eine starke Seele. Eine minder 283 starke wäre zu Grunde gegangen daran. Aber glücklich bist du nicht gewesen! Und wenn du es jetzt behauptest, so ist es Rücksicht auf mich, dem du dich gegeben hast. Widersprich nicht, Ilse, es ist so! Ich habe schwer unter dieser Erkenntnis gelitten neben dir, und doch bist du mir das Liebste auf der Welt! Den Stachel, den mir die Deinen in die Seele gedrückt haben, den konnte eben selbst deine Hingabe nicht entfernen! Was konnte ich dir auch bieten? Was bin ich in der Welt, was habe ich geleistet? Nichts! Ich bin der Rechnungsführer eines Fremden, und in dieser Stellung vegetierst du neben mir. Das ist nun einmal so. Wir können es nicht mehr ändern. Aber an unser Kind soll mir keiner rühren! Du meinst: wenn er sie heiratete? Nun, für ein Glück möchte ich auch das nicht erachten, sie würde ja auch dann unglücklich, weil man ihr in ihrem neuen Kreise nie vergeben würde, daß ihr Vater ein untergeordneter Mensch ist, den der hochgeborene Graf Illerode, dein Bruder, einst mit Schimpf aus seinem Hause jagte – – nein, laß mich ausreden, es muß sein, daß ich dich an diese fürchterlichste Stunde meines Lebens erinnere, Ilse, damit du meine Weigerung würdigst, – hochmütig wie dein Bruder – Gott hab' ihn selig – war, ist ja auch der junge Herr Baron, sind sie alle, diese hochgeborenen Herren. Eine Zeitlang mit solch hübschem kleinen Mädchen spielen und es dann sitzen lassen! Nein, da sei Gott vor! Dazu ist mir unsere Tochter zu gut! So, nun weißt du es! So sage du es deiner Tochter! Wendet sie sich trotzdem von uns, nun dann wäre es besser, ich erlebte den Tag nicht mehr. Aber sie wird nicht, Ilse, sie wird ja nicht –‹
    »Das bitterliche Weinen meiner Mutter unterbrach ihn, dazwischen stieß sie abgebrochen die Worte aus: ›Ich verstehe dich ja, sprich nicht mehr, ich will, was du willst, Karl. Du sollst nicht noch unglücklicher werden – ich will, wie du willst –.‹ Sie mochte wohl den Kopf an seine Schulter geschmiegt stehen, von seinen Armen umfangen, und ihr Schluchzen mochte zu gleichen Teilen dem Scheitern ihres stolzen Planes, die Tochter wieder in ihren Kreisen zu wissen, gelten, halb dem Glück, dem Manne ihrer Wahl zeigen zu können, wie sehr sie 284 ihn liebe, ihn verstehe, wie gern sie ihm ein zweites Opfer bringe.
    »Ich aber erhob mich von dem Stuhl, auf dem ich wie gelähmt gesessen hatte, und schlich hinaus durch die Küche, wo die alte Margarete am Tisch saß, in mein Stübchen, todunglücklich, irre geworden an der ganzen Welt. Da saß ich trostlos die halbe Nacht auf meinem Bett, bis ich endlich in dumpfem Schlaf meinen Kummer vergaß. Mein Vater fand mich so, als er mich wecken kam gegen Morgen. Mutter wäre krank geworden, sagte er mir. Ich fand sie fiebernd und offenbar große Schmerzen leidend; sie streckte mir die Hand entgegen, als hätte sie mir etwas abzubitten. So saß ich, ihre Rechte in der meinen haltend, neben ihr, bis der Arzt eintraf, nach dem man geschickt hatte. Als er gekommen war und die Untersuchung der Kranken beendet hatte, meinte er, er könnte noch nicht genau bestimmen, was für eine Krankheit im Anznge sei, aber nach allem scheine es ein Typhus werden zu wollen. Und so war es auch.
    »Ich pflegte meine Mutter und betete für sie. Aber in alle Angst und kindliche Liebe mischte sich die Hoffnung, daß mein Vater ihr, der Todkranken, zuliebe seinen Sinn ändern und nachgeben werde.
    »Ich sah, wie schwer er litt, aber auf ihre Fieberreden, in denen sie mich beklagte, sagte er kein Wort.
    »Zehnmal des Tages schlich ich von dem Krankenbett der Mutter fort und zum Fenster hinüber – umsonst, ich sah ihn nicht. Kein Mensch sprach von ihm, und Vater zu fragen, hielten mich Stolz und Trotz ab.
    »Einmal hörte ich, es war spät Abends, einen kurzen Wortwechsel im Garten. Es schien mir des Barons Stimme zu sein. Bald darauf trat mein Vater mit seltsam erregtem Gesicht in die Krankenstube, setzte sich still ans Bett und sah auf die Kranke mit trüben Augen.
    »Eine Stunde später fuhr ein Wagen vom Hof, man hörte es deutlich durch die halb geöffneten Fenster. Es war davon die Rede gewesen, daß noch der Arzt aus der Stadt zugezogen werden sollte auf unseres jungen Doktors Wunsch, falls der Zustand sich 285 verschlimmern würde. Erschrocken fragte ich Vater: ›Fährt der Wagen in die Stadt zum Arzt?‹
    »Da antwortete er zögernd und sah an mir vorüber: ›Nein, der Baron ist eben abgereist. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit – ich habe ihm gekündigt zum ersten April.‹
    »Ich starrte ihn an, als ob Tod und Leben abhingen für mich von dem, was er noch erläuternd hinzufügen werde. Aber er schwieg und starrte noch ein Weilchen auf die Kranke, dann faßte er meine Hand, drückte sie und ging schwerfällig in die Wohnstube. Und nun wußte ich es, es war keine Hoffnung mehr für meine Liebe, er würde nicht zurückkehren.
    »Wie unglücklich ich war, brauche ich dir nicht zu schildern, ich meine, du hast dasselbe durchgemacht, – ich habe es dir wohl angesehen und ich habe aufs neue mit dir gelitten, denn ob man seine Liebe auf diese oder jene Weise verliert, ist ja gleichgültig, der Schmerz bleibt derselbe, gutes Kind. –
    »Wie ich die folgenden Wochen überstand, weiß ich nicht mehr. In mir war alles tot, einzig und allein die Sorge um die Kranke hielt mich aufrecht.
    »Ein paar Nächte kamen, da mußten wir glauben, sie werde uns genommen. Doktor Bodenstedt saß unermüdlich in dieser Zeit am Bett meiner Mutter, ich zu Füßen, er zu Häupten, gemeinsam betteten und beruhigten wir die Kranke, wir flüsterten uns unsere Wahrnehmungen zu, und wenn die Kompressen gewechselt wurden, berührten sich unsere Hände. Ich hatte alles dessen nicht acht, ich sah nicht seine langen teilnehmenden Blicke, nicht, daß er viel mehr opferte an Zeit und Muße, als er nötig gehabt hätte, wenn er als Arzt, nur als Arzt bei uns gewesen wäre, ich sah nicht, wie er erregt wurde, als ich wie von Sinnen schluchzte, bis er dann endlich freudestrahlend meine Mutter für gerettet erklärte. Ich stürzte vielmehr vollkommen aus den Wolken, als gegen Weihnachten zu – ein verschneiter Dezembertag war es und Mutter ging zum ersten Male mit matten Schritten, das Schlüsselkörbchen am Arm, durch die Zimmer – mein Vater zu mir an den Nähtisch trat und mir sagte: ›Doktor Bodenstedt hat bei mir um deine Hand angehalten. Überlege es dir, du hast 286 Zeit bis morgen, liebes Kind. Zieh in Erwägung, wie viel Dank wir ihm schulden, und auch das, daß zum Frühjahr deine Eltern, wiederum dem Zufall preisgegeben, eine Stellung suchen müssen, und daß es ein Trost für uns sein würde, dich in den besten Händen und für dein ganzes Leben versorgt zu wissen.‹ Es hatte sehr bekümmert und bedrückt geklungen. Schon im Begriff, aus der Stube zu gehen, fügte er hinzu: ›Von Zwang ist natürlich keine Rede, du sollst selbst bestimmen.‹
    »Das wurden die schwersten Stunden, die ich je erlebt habe. Ich nahm ein Tuch um und wanderte in den schneetiefen Gartenwegen umher, um nur allein zu sein, um denken zu können. In mir schrie alles ›Nein‹. Ich hatte dem entsagen müssen, den ich liebte, und hatte mich gefügt. Aber einen Mann nur zu nehmen, damit ich eine Versorgung hätte – nein, das nicht! Ich wollte arbeiten und selbst für mich sorgen, und wie so vielen anderen, würde das gewiß auch mir gelingen.
    »Als wir wie sonst Abends bei der Lampe saßen, faßte ich mir ein Herz und sagte den Eltern, es sei mir unmöglich, den Doktor zu heiraten, da ich ihn wohl achten, aber nie lieben könnte.
    287 »Sie antworteten beide nicht, ich sah nur, wie ihre lieben Gesichter sich verfinsterten, die eben noch ein wenig hoffnungsfroh gewesen waren. Aber sie hatten kein Wort der Mißbilligung für mich. Mein Vater nahm anderen Morgens seine Mütze und ging aus. Er wollte, wie ich von unserer alten Margaret erfuhr, dem Doktor die Absage selber bringen.
    »Nun schlichen die Tage einförmig dahin.
    »Ich hörte die Eltern sprechen von diesem und jenem, sah, wie mein Vater sich besorgt über die Zeitung beugte oder die Briefe las, die er bekam, wie er den in der letzten Zeit so grau gewordenen Kopf schüttelte und meiner Mutter die Schreiben brachte, die sie nach Lesung ebenfalls traurig wieder hinlegte. Eines Tages hörte ich, wie sie sagte: ›Nein, das geht nicht mehr weiter so, wir ziehen in die Stadt und nehmen Pensionäre vom Gymnasium, damit hat sich schon mancher durchgebracht.‹ Da ich zufällig hinter Mutters Stuhl stand, fing ich einen Blick auf aus meines Vaters Augen und vernahm die tonlosen Worte: ›In die Stadt!‹
    »Was da alles drin lag für mich, die ich ihn kannte!
    »Als ob er es aushalten würde ohne freie Luft, ohne Garten, ohne seinen täglichen Gang durch den Buchenwald, der seine einzige Erholung war! Als er hinausgegangen war, fragte ich Mutter: ›Findet sich denn keine passende Stelle?‹
    »›Nein!‹ antwortete sie. ›Eine einzige war günstig, aber da soll der Administrator unverheiratet sein, oder wenigstens ohne Familie. Aber es ist ja noch immer Rat geworden, Helene, es wird auch diesmal wieder werden,‹ setzte sie leiser hinzu. ›Wenn der Vater sich nur nicht immer um dich so große Sorgen machte! Für die Jungens ist ja gesorgt. Die schlagen sich schon durch. Aber ein Mädchen! Das läßt ihm keine Ruhe!‹
    »Bald darauf fuhren die Eltern gemeinschaftlich nach der drei Stunden entfernten Stadt, um beim Direktor des Gymnasiums Erkundigungen einzuziehen über Pensionspreise und ihn zu bitten, ihnen einige Schüler zum April zuweisen zu wollen.
    »Ich blieb allein zu Haus an einem windigen, naßkalten Februartage, in trauriger, schwer gedrückter Stimmung.
    288 »Ich wollte den Eltern so gern helfen, ihre Sorgen vermindern, aber wie konnte ich das mit meinem guten Willen und meinen geringen Kräften? Dazu mußte etwas Entscheidendes geschehen, eine Radikalkur, ein Bollwerk gegen etwaige Rückfälle in meine Liebe, ein Abbrechen aller Brücken hinter mir. Plötzlich sprang ich auf und lief die Hände ineinandergewunden im Zimmer umher, beherrscht von einer Idee, die aufgetaucht war in meinem Kopf und mein Denken so gebannt hielt, daß ich unfähig wurde, sie näher zu erwägen, zu prüfen. Alles in mir drängte zu dem Bringen eines Opfers.
    »›Margarete,‹ sagte ich heiser zu der alten Dienerin, die eben eintrat, ›ich glaube, ich bin krank.‹
    »›Gott, erbarme dich!‹ schrie die Alte. ›Sie werden doch nicht auch den Typhus bekommen?‹
    »›Ich weiß nicht, mir ist schlecht.‹ Ich log nicht, ich zitterte und die Schweißtropfen standen mir auf der Stirn.
    »›Kommen Sie, legen Sie sich, ich schicke um den Doktor, Fräulein Helenchen.‹
    »›Ja, ja, tue es‹ stieß ich hervor. Dann setzte ich mich, unfähig, aufrecht zu bleiben, in Vaters Lehnstuhl am Ofen. Margarete lief hinaus, so schnell sie vermochte. Dann hörte ich sie in der Küche klappern mit ihren Pantoffeln und dort am Herd das Feuer schüren. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich dachte, ich lauschte nur hinaus.
    »Würde er kommen?
    »Was sollte ich ihm sagen?
    »Es war so schwer! Er hatte sich vielleicht schon getröstet, war schon auf neuem Freiersgang um eine andere. Herr Gott, es war doch auch unglaublich, was ich vorhatte! Aber ich sah keinen anderen Ausweg als diesen, um meinen Eltern zu helfen. Es blieb mir ja immer die Wahl: ich konnte schweigen, ihn nur als Arzt sehen. Die Phrase: Wenn Sie noch so denken wie vor wenigen Wochen und Ihnen der gute ehrliche Wille genügt, Sie lieben zu wollen, versuchen zu wollen, Ihnen eine gute treue Frau zu sein – brauchte ich ja nicht zu sagen, – ich brauchte ja nicht –
    291 »Ein rasches Klopfen an der Tür, dann ward sie geöffnet, Doktor Bodenstedt trat ein.
    »Er kam ruhig und freundlich näher, mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht. ›Sie sind die Patientin, Fräulein Helene?‹ Ich konnte nicht antworten, die Zähne klapperten mir leise aufeinander, er griff nach meinem Handgelenk, zog die Uhr heraus und zählte die Pulsschläge.
    »Kopfschüttelnd sah er mich an.
    »›Haben Sie eine Alteration gehabt?‹ fragte er.
    »Ich weiß nicht, mit welch jämmerlichem Blick ich ihn angesehen haben muß! Er zog einen Stuhl heran, setzte sich neben mich und sagte: ›Haben Sie doch Vertrauen zu mir, ich kann Ihnen sonst nicht helfen.‹
    »›Ich habe das größte Vertrauen,‹ stieß ich hervor, ›aber es wird mir schwer, zu sprechen.‹
    »›Sie müssen denken, ich wäre Ihr Bruder,‹ redete er einfach zu. ›Beichten Sie mir ganz vertrauensvoll. Ist's etwa um die Eltern? Hat der Baron Ihnen wieder das Herz schwer gemacht?‹
    »›Der Baron? O, Sie wissen –‹
    »›Alles. Ihr Vater hat es mir erzählt, als –‹
    »›Nein, nein, nicht der Baron!‹ fuhr ich auf, ›das ist vorüber –‹
    »›Vorüber – wirklich?‹
    »›Ja, ja‹
    »›Und nun wollen Sie mir etwas mitteilen?‹
    »›Ja, aber ich kann doch nicht –‹
    »›Soll ich fragen?‹
    »›Ja –‹
    »›Wollten Sie mir sagen: Ich habe mich übereilt, als ich den einfachen Doktor mir nichts dir nichts abwies?‹
    »›Nein, das nicht, ich konnte nicht anders – damals. Aber jetzt ist etwas geschehen, das heißt, ich habe etwas erfahren, das mich Vaters Weigerung verstehen läßt – und da wollte ich – ich wollte –‹
    »›Sie wollten mich fragen: Denken Sie noch an mich?‹ half er.
    292 »Ich nickte.
    »›Dann antworte ich Ihnen: Ja, Helene, ich habe Sie unaussprechlich lieb, und ich will geduldig werben um Ihre Neigung. Schenken Sie mir nur vorerst Ihr Vertrauen, Ihre Freundschaft!‹
    »›Aber wenn es mir nie gelingt, Sie zu lieben,‹ unterbrach ich ihn erschrocken über die Kürze des Verfahrens.
    »Er lächelte ein wenig traurig. ›Wir wollen es der Zukunft überlassen. Vielleicht gelingt es Ihnen doch, vielleicht steckt meine Seele die Ihrige ein wenig an, wenn es nämlich wahr ist, daß die Liebe eine Art Krankheit ist.Und ich glaube fast, ich bin unheilbar.‹
    »›Wollen Sie es daraufhin wagen? Auch wenn ich Ihnen sage, daß ich vorläufig über nichts verfüge als über einen ehrlichen guten Willen?‹
    »›Ja, Helene, geben Sie Ihre Hand! So, ich danke Ihnen. Und für Ihre Offenheit danke ich Ihnen ganz besonders, und nun –‹
    »›Und jetzt, bitte – gehen Sie fort, gehen Sie fort!‹ bat ich mutlos bis zum Äußersten, als die Würfel gefallen waren.
    »›Ja, jetzt gehe ich, und wenn die Eltern kommen, grüßen Sie sie. Morgen früh bin ich wieder da und hole mir ihre Einwilligung.‹ Und bei diesen Worten zog er mich herzhaft an sich und küßte mich auf den Mund.
    »Dann lief er wie ein Junge zur Tür hinüber, rannte 293 Margarete, die mit einer Tasse Lindenblütentee über die Schwelle kam, beinahe um, erklärte ihr in aller Eile, ich solle keinen Tee trinken, er habe schon Sympathie gebraucht, und fort war er.
    »Margarete sah ihm nach. ›Der ist wohl toll geworden?‹ murmelte sie, ›oder hat getrunken.‹ Sie hatte den ernsthaften Menschen kaum wieder erkannt. Und wie sie dann vor mir stand, fragte sie: ›Wie sehen Sie denn aus, Fräulein? Sie bebbern ja man so.‹
    »Da hielt ich mich nicht länger und begann zu weinen, wie ein kleines Kind, unbändig, trostlos. Und in diesem Augenblick kamen die Eltern wieder.
    »Sie umstanden mich mit ängstlichen Gesichtern, versorgt und vergrämt, denn ich merkte es ihnen an, sie hatten in der Stadt nichts ausgerichtet. Und nun mein unverständliches Wesen obenein! – Da hielt ich mich denn nicht länger und spielte meinen Trumpf aus: ›Ich habe mich mit Bodenstedt nun doch verlobt, Mutter, ich glaube, ich habe ihn doch recht gern – und –‹
    »Meine Mutter sah förmlich erschrocken aus, aber mein Vater – nie habe ich über eines Menschen bleiches Gesicht so die Freude aufgehen sehen. Und das allein hielt mich aufrecht in der schweren Zeit meiner Brautschaft. Die Vorbereitungen zur 294 Hochzeit flößten mir anfangs ein Grauen ein, später ließ ich alles beinahe apathisch geschehen. Die Eltern wünschten rasche Heirat, sie hatten sich ein bescheidenes Quartier am Ende des Dorfes gemietet mit der Aussicht auf die Berge und den Wald. Mein Bräutigam hatte das Haus gekauft inmitten des Ortes, in dem wir heute waren. Es war wünschenswert, daß die kleine Feier noch in den größeren Rentmeisterräumen stattfand, und so sollte Mitte März die Trauung sein. Es kam auch alles ganz programmmäßig, ich hatte sogar zwei Brautjungfern. Pastors Cäcilchen hatte mir großmütig vergeben, daß ich dem Doktor besser gefiel als sie, und dann meine junge Schwägerin, eure Tante Minna, die damals ein reizendes junges Mädchen war.
    »Der Herr Pastor hielt eine schöne Rede, in der von wahrer, tiefer Liebe die Rede war, so daß ich im Gefühl meines störrischen Herzens zu zittern begann, als sei ich ein ganz verworfenes Geschöpf. Ich sagte mir nur immer zum Troste, er weiß es ja, ich habe ihm nichts geheuchelt, ich will ihn ja lieben lernen, ich spreche also keine Lüge, wenn ich Ja sage und gelobe, daß uns nur der Tod scheiden solle, daß ich ihm treu sein werde.
    »Nun folgte das festliche Essen, das gar sehr einfach war, und dann führte mein junger Mann mich heim.
    »Ich erzählte euch schon, daß er fortgeholt wurde und erst am Morgen wiederkam, wo er mich mit verweinten Augen fand.
    »Ich bin auch nicht froher geworden in der nächsten Zeit, und nur die Wahrnehmung, daß meine lieben Eltern ruhiger geworden waren, hielt mich aufrecht. Ihre Sorgenlast war durch meine Verheiratung weniger schwer geworden, und mein Mann verschaffte ihnen auch in der zartesten Weise, ohne daß der Vater etwas davon merkte, alle möglichen Erleichterungen.
    »Als aber der Juni kam und ich eines Tages von Cäcilie erfuhr, der Baron sei wiedergekommen, da stand es schlimm mit mir.
    »Eine sonderbare Unruhe hielt mich in ihrem Bann. Ich irrte 295 in meinem kleinen Hause umher wie eine arme Seele, welche die rechte Bahn verlor und sich nicht heim finden kann.
    »Als ich dann zu meinem Schrecken noch bemerkte, daß der Baron zuweilen an unserem Hause vorbeischritt und das Fenster musterte, an dem ich hinter Blumenstöcken und Gardinen versteckt zu nähen und zu lesen pflegte, zog ich die Rouleaus nicht mehr auf in diesem Zimmer und hielt mich in der Stube meines Mannes auf.
    »Und doch geschah nichts von seiner Seite, keine auch noch so kleine Annäherung. Es war nur mein eigenes Herz, das ich fürchtete, das sich nicht abweisen ließ mit seiner Behauptung: Er liebt dich noch ebenso, er trauert um dich, er kann dich nie vergessen, so wenig wie du ihn.
    »Euer Vater fuhr damals fast jeden Nachmittag auf Praxis und kam erst Abends heim, oft sogar erst spät in der Nacht. Er wurde geholt bis in die höchsten Gebirgsdörfer.
    »Zuweilen bat ich die Mutter, mich während solchen langen Alleinseins zu besuchen, oder ging zu den Eltern. Mitunter lud ich auch Pastors Cäcilie ein, die ganz die alte war, seitdem sie ein neues Interesse hegte, das dem unverheirateten Nachfolger meines Vaters galt. Sie saß häkelnd und schwatzend neben mir, und ich war, ohne daß ich mich sehr beteiligte an dem Gespräch, schon beruhigt, daß ich einen Menschen neben mir hatte, der von meinen Seelenkämpfen nichts ahnte.
    »An einem entsetzlich schwülen Junitage, an dem mein Mann nach Priesenrode gefahren war, am zeitigen Nachmittag, schickte ich nach Tisch das Mädchen in die Pfarre und ließ Cäcilie zu mir bitten. Eine Unruhe, viel größer noch als sonst, war über mich gekommen.
    »Sie erschien denn auch bald in einem rosa Kleide und in strahlender Laune, eine Rose im Gürtel, bereit, sich über alles und nichts mit mir zu unterhalten. Da es unmöglich war, bei der sengenden Glut im Garten zu sitzen, zogen wir uns in mein Zimmer zurück, in dem ich es durch geschlossene Läden einigermaßen kühl gehalten hatte, und dort saßen wir uns gegenüger und tranken Kaffee und Cäcilie schwatzte von dem neuen 296 Rentmeister. Sie vertraute mir sogar an, daß sie mit ihm ein Stelldichein an dem Pförtchen in der Parkmauer gehabt habe und daß Robert, sie nannte ihn schon beim Vornamen, ihr erzählt habe, wie sehr ausgezeichnet er sich mit seinem Herrn, dem Baron, stehe. Der sage eigentlich zu allem, was er verlange, ja. Der Baron brüte so vor sich hin, säße bis in die Nacht im Garten oder gehe auf die Birsch, – augenscheinlich sei ihm die ganze Wirtschaft einerlei. ›Und siehst du, Helene,‹ schloß sie, ›das ist alles nur deshalb, weil er verliebt ist.‹
    »Bei diesen Worten fühlte ich, wie ich ein starkes Zittern kaum beherrschen konnte. Wenn sie doch ginge, wenn du doch endlich allein wärst, dachte ich, denn ich fürchtete, meine Aufregung zu verraten. Aber sie bemerkte nichts, sondern blieb ruhig da und fuhr fort, gemütlich zu schwatzen.
    »Endlich, gegen sechs Uhr Abends – es war ein Gewitter aufgezogen, das schon den ganzen Tag gedroht – sprang Cäcilie plötzlich auf. ›Um Gottes willen, das Wetter kommt!‹ schrie sie, griff nach ihrem Hut und stürzte aus der Tür, um das schützende elterliche Dach noch vor Ausbruch des Wetters zu erreichen.
    »Ein starker Windstoß warf plötzlich Tür und Fenster zugleich zu, daß es schütterte. Eine Schar weißer Tauben schoß 297 vor dem Fenster vorüber, vom Sturm seitwärts getrieben, grell sich abhebend von der einbrechenden Finsternis. Eine Wolke von Staub verhüllte dann die Straße, und während ich ängstlich umherstürzte, um nachzusehen, ob alle Türen und Fenster geschlossen seien im Hause, und das junge Dienstmädchen mit kreideweißem Gesicht mir nachschlich, brach ein Unwetter los, wie ich es nie wieder erlebt habe. Hagelkörner groß wie Taubeneier, Blitz auf Blitz, Donner auf Donner.
    »Auf einmal in einer Pause, die das tosende Wetter machte, als schöpfte es Atem zu erneutem Toben, drang eine zeternde Stimme durch das vom Hagel zertrümmerte Fenster, ein eilig laufendes Weib auf Holzpantoffeln hatte geschrien: ›Vom Blitze getroffen mitten auf der Landstraße!‹ Andere laufende Menschen folgten. Ich aber sank plötzlich nieder auf den nächsten Stuhl, ein furchtbares, unabweisliches Gefühl in mir sagte: Dein Mann – das ist dein Mann!
    »Wie eine Vision greifbar deutlich stand die einsame, regenüberschwemmte Landstraße vor meinen Augen mit den sturmgepeitschten Bäumen zur Seite und auf ihr das zertrümmerte Gefährt, das tote Pferd, der tote Mann. Und in diesem Augenblick ward mir bewußt, wie furchtbar das für mich sei, wie ich ja ohne ihn nicht mehr leben könnte, wie lieb, wie herzlich lieb ich diesen einfachen pflichttreuen Mann hatte, immer gehabt hatte – ohne zu wissen! Alles andere war plötzlich verblichen vor dem schrecklichen Gedanken, daß er mir genommen sei, bevor ich ihm gesagt, wie ich ohne ihn, ohne meinen treuesten Freund, mein Leben mir nicht weiter denken könnte.
    »Unwillkürlich falteten sich meine Hände zum Gebet. Lieber Gott, laß ihn mir, laß ihn mir! Aufstöhnend legte ich meinen Kopf auf den Tisch in meine verschränkten Arme, und in das Toben und Tosen des Gewitters scholl mein fassungsloses Schluchzen.
    »Ich hatte es überhört, daß ein Wagen kam, daß bald darauf meine Tür ging, ich fuhr erst empor, als seine Stimme mein Ohr traf: ›Aber Helene, ängstigst du dich denn so sehr?‹ Und da lag ich im nächsten Augenblick an seiner Brust, und meine 298 Arme klammerten sich um seinen Hals. ›Ja, ja!‹ schrie ich fassungslos ihm zu, ›um dich, um dich!‹
    »›Um mich?‹ Er fragte es ganz ungläubig staunend. ›Sag's noch einmal, Helene, um mich?‹
    »Ich konnte nicht mehr sprechen, ich nickte nur heftig.
    »›Helene, du hast mich also doch lieb?‹ fragte er leise. Und da nickte ich noch einmal.
    »Wie ich das alles hier so erzähle, das gibt kein Bild von dem, was in mir vorging. Als habe die Liebe für euren Vater schlafend gelegen in meinem Herzen, als habe die Angst um ihn sie plötzlich aufgerüttelt, daß sie dastand wie eine Streiterin, die rief: Platz für mich, ich bin da, nichts andres hat Raum neben mir! – so war es in mir.
    »Und dann drängte ich ihn in sein Zimmer, daß er sich trocken kleiden sollte, und lief in die Küche und bereitete Tee für ihn.
    »Wie wir dann ein Weilchen später an dem Tisch saßen, lächelte die Sonne am klaren Himmel. Arg hatte das Wetter getobt. Ein Mann, der sich vom Felde nach dem Dorf retten wollte, war auf der Straße vom Blitz getroffen worden. Die Obsternte war vernichtet, die lieben Blumen lagen alle zerschlagen auf der Erde, unser Gärtchen glich, wie alles rund umher, einer Wüste. Aber über den Bergen stand ein Regenbogen, 299 und wir sahen zu ihm hinüber Hand in Hand. Unser Glück war erblüht unter ihm und ist mir treu geblieben bis zu dieser Stunde! –
    »Wie es dann weiter kam, wie Vater das Dorf zu eng wurde für seine Tätigkeit, wie wir nach I. übersiedelten, wie er dort nach und nach zu der größten Berühmtheit der Universität wurde, das hast du ja eigentlich alles miterlebt. Du hast einen großen, seltenen Mann als Vater, Kind!
    »Glaube und vertraue ihm nun auch in der traurigen Sache, die wir leider nicht von dir abwenden konnten. Du bist noch jung, und das Glück macht zuweilen auch Umwege, wie Vater scherzend sagt. Man glaubt, es oft für immer verloren zu haben, und plötzlich zeigt es sich, wo man es nie vermutete. Man kann auch lieben lernen, kann von der starken Liebe eines anderen so ergriffen werden, daß man sie zuletzt teilt und glücklich dadurch wird. Aber behüte mich Gott davor, dir zureden zu wollen! Man muß das in sich selbst, im eigenen Herzen erfahren.«
    Und dann küßten sich Mutter und Tochter und suchten ihr Lager auf.
    Am anderen Tage wanderten sie noch einmal alle drei in das kleine Doktorhaus und die junge Braut meinte: »Gott sei Dank, Mama, daß man heute nicht mehr so entsetzlich primitiv zu wohnen braucht. Mir ist unser hübsches Quartier schon lieber. Es hat einen Erker und das Herrenzimmer ist mit Eiche getäfelt. Armes Muttel, du dauerst mich heute noch. Weiße Dielen! Es muß ja entsetzlich gewesen sein!«
    »Aber das Glück ist darüber geschritten mit leisen Füßen, das liebe einfache Glück von dazumal. Ich wollte, ein ähnliches zöge mit dir ein in deine feinen Stuben, Lori!«
    Die ernsten Augen von Anne Dore suchten die der Mutter.
    »Das liebe, einfache Glück!« wiederholte sie leise. Auch sie will es einladen in ihr Haus dereinst. Sie hofft, daß es noch kommen und wohnen wird mit ihr und einem, der sehnsüchtig an sie denkt und dem Anne Dore so gar keine Hoffnung gemacht hatte hisher.
    300 »Du lächelst ja, Anne Dore! Mutter, sieh doch, Anne Dore lächelt!« rief Lori verwundert.
    Und sie stand über und über erglühend, die schöne Anne Dore, und die Mutter rief: »Nun kommt, wir wollen auf den Kirchhof zu den Großeltern und dann auf den Bahnhof! Ich weiß, wir werden alle drei sehnsüchtig erwartet.«
  
