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      Drüben in dem hohen, schmalen Hause, hinter den Fenstern mit den weißen Filetgardinen und den vielen Geraniumtöpfen, da wohnte sie, von der ich hier erzählen will. Freilich war sie jetzt kein schönes, junges Mädchen mehr, auch kommen keine spannenden Szenen, keine romantischen Handlungen in der Erzählung vor. Es ist eben eine einfache Geschichte, die ich hier niederschreibe, sehr einfach, aber wahr, denn sie hat sie mir selbst anvertraut, und meine Heldin ist eine alte Jungfer.
    Erschreckt nicht, meine freundlichen Leserinnen, ihr glaubt nicht, welch eine Fülle von Poesie ich drüben in dem kleinen Stübchen fand.
    Wie manchen langen Nachmittag habe ich an meinem Fenster gesessen und, scheinbar mit einer Arbeit oder mit Lektüre beschäftigt, mein einsames Visavis beobachtet. Und wenn die noch immer zierliche Gestalt im einfachen grauen Lüsterkleide, das schneeweiße Häubchen auf dem glatt gescheitelten Haar, am Fenster saß und die Zeitung las, indem sie strickte, so überkam mich immer ein unendliches Mitleid mit der Einsamen. Nie sah ich eine Freundin bei ihr, nie überhaupt einen Besuch. Nur die kleinen Kinder ihres Hauswirts erblickte ich manchmal an ihrem Fenster, eifrig beschäftigt, Äpfel zu schmausen. Die alte Dame, die gütige Spenderin dieser Leckereien, stand hinter ihnen und sah mit strahlendem Lächeln, wie es den kleinen Wesen schmeckte. Leise hauchte sie dann wohl einen Kuß auf so ein blondes Köpfchen, als wollte sie es segnen. Jeden Nachmittag zur bestimmten Zeit sah ich sie aus ihrer Haustür treten, um spazierenzugehen. Ein paar Stunden später saß sie schon wieder strickend oder nähend in ihrem Lehnstuhl 
am Fenster.  Zuweilen, an warmen Sommerabenden, wenn sie die Fenster geöffnet hatte, dann konnte ich sie an ihrem altmodischen Spinett sitzen sehen, und alte, längst vergessene Melodien klangen zu mir herüber. Oh, stundenlang hätte ich zuhören mögen, während meine Phantasie sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigte.
    Wie kommt es nur, daß sie so gänzlich einsam ist? dachte ich dann. Die Nachbarn nannten sie »das alte Fräulein Siegismund«, aber weiter konnte ich trotz meines Forschens nichts erfahren. »Sie geht mit keinem Menschen um – sie lebt ganz für sich – sie ist vollständig unzugänglich« – das waren die Antworten auf meine Fragen.
    Je mehr und je länger ich das alte Fräulein verstohlen beobachtete, je reger wurde mein Interesse, je größer mein Mitleid, je lebhafter der Wunsch, etwas von ihr zu erfahren.
    Da ging ich einmal, es war gegen Abend, und zwar an einem wunderschönen Sommerabend, nach dem Garnisonkirchhof, um einen Kranz auf das Grab einer früh verstorbenen Freundin zu legen. Auf dem wohlgepflegten Friedhofe war es still und einsam, die Rosen standen in vollster Blüte und gossen ihre Wohlgerüche verschwenderisch aus über die stillen Hügel. Es hatte am Nachmittage gewittert, die Luft war so rein, die Bäume und der Rasen so grün und frisch, daß man an den Tod nicht glauben mochte. Die Sonne blitzte noch einmal durch die zerrissenen Wolken und spiegelte sich in den Tautropfen der Gräser und Blumen, die wie zahllose Tränen erschienen an diesem Orte.
    Mein Rosenkranz war bald um das einfache Marmorkreuz geschlungen. Ich setzte mich einen Augenblick auf die kleine Bank unter die Trauerweide und dachte an die, die nun schon seit einem Jahre unter dem grünen Hügel lag. Sie hatte Rosen so sehr geliebt, sie war auch noch so jung gewesen und so plötzlich aus dem strahlenden Glücke gerissen worden. Trostlose Eltern, ein vor Schmerz beinahe verzweifelnder Bräutigam hatten an dem Sarge des lieblichen Mädchens gestanden. Mich hatte es damals sehr ergriffen, den ersten Schatten auf mein Leben geworfen, als ich die heitere Gefährtin der schönen Mädchenzeit so rasch sterben sah – wie glücklich hätte sie  noch werden können, wie lange noch leben – ja wie lange!
    Ob das Leben nur so ein Glück ist? Doch nicht immer, wenn man so lebt, wie das alte, einsame Mädchen drüben. Ob es nicht besser ist, man stirbt jung, geliebt, heiß beweint, als einsam sein alle Tage? So lange!
    Da hörte ich Tritte hinter mir, mich umschauend, gewahrte ich die, an die ich eben gedacht hatte. Sie trug ihr graues Kleid, das schwarze Tuch, den altmodischen Hut und Sonnenschirm und in der Hand einen Kranz von Geraniumblüten. Sie ging mit zur Erde gesenkten Blicken dem älteren Teile des Kirchhofes zu und verschwand bald hinter den Gebüschen meinen Augen.
    Meine Neugierde war auf einmal wieder mächtig rege geworden. Wessen Grab mag sie hier bekränzen? fragte ich mich. Ihre Eltern waren nicht hier gestorben – das wußte ich. Ich setzte mich wieder und wollte warten, bis sie zurückkäme. Dann aber stand ich auf und ging vorsichtig nach derselben Richtung, die sie eingeschlagen hatte. Auf einmal hemmte ich meine Schritte, nicht weit von mir, den Rücken mir zugewendet, lag die alte Dame auf den Knien vor einem ganz mit Efeu bewachsenen Hügel, das Gesicht in die dunklen Blätter gedrückt. Ich trat hinter ein altes, verwittertes Denkmal und sah zu ihr hinüber – regungslos verharrte sie in dieser Stellung. Es wurde mir förmlich unheimlich in dieser Stille, die dunkle Gestalt vor mir. Dann erhob sie sich plötzlich und ging wieder davon mit ebenso gesenkten Blicken, nur bemerkte ich Spuren von vergossenen Tränen auf ihrem Gesicht. Der Geraniumkranz lag auf den dunklen Blättern des Efeu.
    Als ich sie nicht mehr sah, trat ich zu dem Grabe. Mein Fuß stieß an einen Gegenstand, und als ich ihn fortschieben wollte, erkannte ich ein kleines, vergriffenes, in Leder gebundenes Buch. Ich hob es auf, es war wahrscheinlich einmal rot gewesen, einige nur noch schwach vergoldete Lettern zeigten die Chiffre W.v.E. Ich steckte das Buch in die Tasche und bückte mich zu dem Grabe. Eine verwitterte Sandsteintafel fand ich, fast ganz unter dem Efeu verborgen, und darauf die Worte: 
    Wilhelm v. Eberhardt,
    Leutnant im ...ten Infanterieregiment,
    geb. den 1.Juli 1805,
    gest. den 20. November 1834.
    Ich zog das kleine Buch hervor – W.v.E., Wilhelm v. Eberhardt, wie sonderbar! Und heute war ja der 1. Juli, also der Geburtstag des Verstorbenen. In welchen Beziehungen mochte das alte, einsame Mädchen zu diesem Toten gestanden haben? Er war noch jung gewesen, als er starb, eben dreißig Jahre nach den Daten auf dem Leichenstein, und nun, nach so vielen Jahren, noch dieser heiße Schmerz? Sie mußte ihn sehr geliebt haben. – Ob es ein Verwandter von ihr war? Doch nein, man trauert nach vierzig Jahren nicht mehr so heiß um irgendeinen Vetter. Vielleicht war er ihr Bräutigam? Das konnte möglich sein. Armes, altes Mädchen, wer weiß, was du für ein trauriges Leben hinter dir hast!
    So in Gedanken vertieft, war ich zu Hause angelangt. Vor unserer Tür warf ich einen Blick nach ihren Fenstern hinauf. Sie saß im Lehnstuhl, wie alle Tage, doch heute müßig, sie hatte den Kopf in die Hand gestützt, welche ein weißes Tuch hielt. Ihre Augen sahen wie verloren unverwandt auf einen Fleck. Da fiel mir das kleine Buch wieder ein, – ob ich es hintrage, oder ob ich es eingewickelt durch den Diener hinüberschicke?
    Doch es war ja die beste Gelegenheit, mich ihr zu nähern. Rasch drehte ich um, schritt über die Straße und befand mich schon im nächsten Moment auf dem etwas finsteren Vorsaal im zweiten Stock.
    »Wohnt hier Fräulein Siegismund?« fragte ich eines der blonden Kinder, welches eben mit einem großen Butterbrot die obere Treppe herabkam.
    »Ja«, war die Antwort, »du kannst nur da klopfen, dann kommt sie gleich heraus.«
    »Danke dir, meine Kleine«, sagte ich und pochte entschlossen, obgleich mit Herzklopfen, an die alte, braune Tür. Ich hörte drinnen einen leisen Schritt, es wurde geöffnet, und erstaunt trat die alte Dame ein wenig zurück, dann aber sagte sie: »Bitte, gnädige Frau, treten Sie näher.«  Ich war sehr verwirrt und verlegen, weil mir jetzt erst einfiel, daß ich mit dem Finden des Buches zugleich meine Neugierde eingestehen mußte. Sie wies mir einen Sofaplatz an und erwartete nun den Grund meines Kommens zu erfahren. Ihre großen Augen hingen mit einem Ausdruck von Verwunderung an den meinen.
    »Verzeihen Sie, liebes Fräulein«, begann ich endlich, »daß ich Sie störe. Ich war so glücklich, etwas zu finden, was vermutlich Ihnen gehört, da wir beide uns, wie es mir schien, allein auf dem Kirchhof befanden?«
    Die alte Dame hatte plötzlich in die Tasche gefaßt, dann war sie bleich geworden, und griff nun mit beiden Händen nach dem kleinen Buche, welches ich ihr hinhielt. »Oh, tausend Dank«, sagte sie, »es wäre ein unersetzlicher Verlust für mich gewesen.« Hierauf schwieg sie wieder, als hätte sie schon zuviel gesagt.
    »Sie kennen mich gewiß, liebes Fräulein«, nahm ich das Gespräch wieder auf, »wir sind so nahe Nachbarn, daß ich mich wohl kaum vorzustellen brauche.«
    »O gewiß, gnädige Frau, ich kenne Sie und ihren Herrn Gemahl. Es ist meine ganze Freude, Ihr glückliches Leben zu sehen. Sie sind so heiter, so vergnügt, das herzliche Lachen ihres Herrn Gemahls schallt oft bis zu mir herüber, Sie sind auch beide noch so jung! Gott erhalte Ihnen Ihr Glück.«
    Es klang so wehmütig, wie sie diese Worte sagte, daß ich, von einem plötzlichen Impuls getrieben, ihre Hände ergriff, und sie bat: »Liebes Fräulein, auch wir nehmen den herzlichsten Anteil an Ihnen. Sie sind so einsam, so allein! Kommen Sie doch auch einmal zu mir herüber, ich will Sie aufheitern, mit Ihnen plaudern und –«
    »Ich danke Ihnen, liebe Frau Hauptmann«, sagte sie, und in ihren Augen schimmerte es feucht, »danke Ihnen herzlich für diese Worte, aber lassen Sie mich in meiner stillen Stube, ich passe nicht in die fröhliche Gesellschaft. Ich habe mich so hineingelebt in diese Einsamkeit, daß es mir schwer wird, unendlich schwer, sie zu verlassen. Kommen Sie lieber zu mir, kommen Sie, sooft Sie wollen, ich werde mich  sehr freuen und werde mich dadurch an die Zeit erinnern, wo ich noch so jung, so glücklich war wie Sie.«
    »Oh, gern«, antwortete ich lebhaft, »gern, wenn Sie es erlauben. Ich habe so manchen langen Nachmittag für mich, wenn mein Mann im Dienst ist. Ich komme sehr bald, nächstens«, fügte ich hinzu, indem ich mich erhob. »Für heute darf ich Sie nicht länger stören, aber ich danke dem Zufall, der mich den Weg zu Ihnen finden ließ, denn ich interessiere mich schon solange ich drüben wohne für Sie, liebes Fräulein.«
    Ich reichte ihr die Hand, die sie mit Wärme drückte: »Halten Sie auch Wort, ich freue mich schon sehr auf Ihren Besuch.« Ein heller Freudenstrahl brach aus den alten Augen, als sie mich nickend und grüßend entließ.
    Droben am Fenster stand mein Mann und sah ganz verwundert aus.
    »Wo kommst du denn her, du Ausreißerin«, lachte er, als ich, noch ganz aufgeregt von meinem Besuche, in sein Zimmer trat. »Du siehst ja aus, als hättest du deine Lieblingsidee ausgeführt und einen Besuch bei deiner alten Jungfer gemacht!«
    »Habe ich auch!« rief ich triumphierend, »und es war wundervoll drüben. Sie ist in der Nähe noch weit interessanter als vom Fenster aus, und dann ist es bei ihr so himmlisch altmodisch, weißt du: alte Pastellbilder an den Wänden, alte gradlehnige Möbel, eingelegte Schränke mit großen, spiegelblanken Messingschlössern, unter dem Spiegel mit dem geschliffenen Rahmen alte, uralte Porzellantassen auf der geschweiften Kommode – es ist so gemütlich, so anheimelnd drüben, ich werde oft, sehr oft hinübergehen.«
    »Hat sie dich denn eingeladen?«
    »Gewiß, sonst würde ich doch nicht hinüber wollen. Das heißt«, setzte ich unsicher hinzu, »ich habe sie zuerst eingeladen, und das hat sie abgelehnt, sie geht nicht gern mehr aus. Aber ich darf kommen, sooft ich will, und es werden gewiß interessante Stunden werden.«
    Mein Mann lachte. »Kleine Schwärmerin, ich fürchte, du langweilst dich noch recht herzlich drüben – inwiefern soll es interessant sein?«  »Sie wird Zutrauen zu mir gewinnen und mir von ihrer Jugend erzählen. Gewiß, das wird sie tun, sie ist –«
    »Sie ist jung gewesen und einsam und unbegehrt alt geworden, das wird ihre Geschichte sein, wie so vieler alter Mädchen«, schaltete mein Mann ein. »Was doch die Frauen zuweilen für eine lebhafte Phantasie haben. Aber ich denke, nun speisen wir zu Abend, und dann kannst du mir erzählen, wie du es angefangen hast, den Eingang zu der alten Burg da drüben zu erzwingen.«
    Ich erzählte ihm nun, während er mit dem besten Appetit der Welt aß, von meinem Gange nach dem Kirchhof, von dem Fund des Buches und von dem alten Grabe, das den Namen »Wilhelm v. Eberhardt« trug.
    »Wilhelm v. Eberhardt?« fragte mein Mann. »Ich war im Korps mit einem Eberhardt zusammen, merkwürdig – er hieß auch Wilhelm mit Vornamen.«
    »Oh, dieser ist schon lange tot, schon beinahe vierzig Jahre«, erwiderte ich. »Du sollst einmal sehen, diese alte Jungfer hat eine traurige Episode in ihrer Jugend verlebt, und Wilhelm v. Eberhardt war gewiß ihr Geliebter.«
    »Natürlich!« neckte mein Mann. »Bei euch Frauen geht es nicht ab ohne Liebe. Es kann ja ein Vetter von ihr gewesen sein, oder –«
    »Nein, nein«, fiel ich ein, »um einen Vetter trauert man nicht Jahre hindurch so tief. Du wirst es noch erleben, ich habe recht.«
    Und ich hatte recht.
    Schon in den nächsten Tagen klopfte ich wieder an Fräulein Siegismunds Tür, wurde herzlich empfangen und fand mich bald so behaglich, als wäre ich daheim bei meinem Großmütterchen. Und sie verstand auch, es gemütlich zu machen. Die Kaffeemaschine summte auf dem mit schneeweißer Serviette belegten Tische, die altmodischen Tassen mit den kleinen Füßchen standen neben der altertümlich geformten Zuckerschale, durch die Geraniumstöcke drang grünes Licht in das kühle Zimmer, und auf dem Sofa neben meiner alten Jungfer saß ich mit meiner Arbeit. Sie selbst in ihrer feinen Weise machte die Wirtin mit aller Etikette früherer Zeiten.  »Ich bin ganz ans der Übung, mein kleines Frauchen«, sagte sie wie entschuldigend. »Es ist lange, lange her, seit ich Besuch hatte. Sie müssen so vorliebnehmen.«
    Ich hatte nun eine wahre Freude daran, die alte, hübsche Dame so schalten und walten zu sehen. Nie sah ich so schlanke, feine Hände. Die Gestalt war noch ungebeugt. Das feine, ovale Gesicht zeigte Spuren von früherer großer Schönheit, die großen Augen hatten etwas Schwärmerisches, Sanftes, man hätte immerfort hineinsehen mögen. Ihr ganzes Wesen atmete eine Milde, eine Herzensgüte aus, die man wohl selten vereint findet mit einem so freudenlosen, einförmigen Dasein.
    Sehr bald hatte ich ihr ganzes Vertrauen gewonnen. An allen meinen kleinen Sorgen nahm sie teil, nie ging ich ohne einen guten Rat von ihr, nie ohne irgend etwas gelernt zu haben. Sie half mir Strümpfe für meinen Mann stricken, gab mir alte, bewährte Rezepte für mein Kochbuch, und bald verging kein Tag, an dem ich nicht hinüberhuschte, ihr eine Probe eines selbst gekochten Gerichtes zu bringen, ein Buch zu leihen, oder überhaupt, um sie zu sehen, und immer wurde ich liebevoll empfangen und, wie mein Mann behauptet, gründlich verzogen.
    So war sie mir wirklich eine Freundin geworden, sie vertrat beinahe die Stelle der fernen Mutter bei mir, und noch immer hatte ich nichts von ihrer Vergangenheit erfahren. Da war ich einmal an einem häßlichen, regnerischen Novembertage bei ihr in dem traulichen Stübchen, draußen heulte der Wind und jagte prasselnd den Regen an die Fenster. Im Zimmer war es so dunkel, daß ich meine Stickerei aus der Hand legen mußte, ich konnte nicht sehen zu der feinen Arbeit. Die alte Dame war heute auffallend still und einsilbig, sie strickte emsig, und das Klappern der Nadeln war das einzige, was die Stille unterbrach. Dann ließ sie die Hände in den Schoß sinken und seufzte.
    »Fehlt Ihnen etwas, liebes Fräulein?« fragte ich.
    »O nein«, entgegnete sie, »aber ich bin heute traurig. Es gibt Tage, an denen ein Zufall fernliegende Zeiten mächtig wieder in Erinnerung bringt. Ein solcher traf mich heute  früh und stimmte mich trübe. Und da fällt mir ein, Sie haben mir Ihre Freundschaft geschenkt und Ihr Vertrauen, ohne daß Sie das geringste von mir, von meinem Leben wußten. Das ist selten und edel, und wenn Sie es hören wollen, so will ich Ihnen erzählen, wie es kam, daß ich so einsam im Leben dastehe. Ich habe lange, sehr lange nicht davon gesprochen. Es lebt nur noch einer, der mich in meiner Jugend gekannt hat. Aber Sie sollen es wissen, die Sie mir meine alten Tage noch so verschönern.«
    Sie faßte meine Hand und drückte sie fest. »Wie alt sind Sie, mein liebes Kind? Dreiundzwanzig Jahre? Da war für mich die Sonne schon untergegangen – doch ich will ja erzählen –, wollen Sie es auch gern hören? Ich glaube, es ist gut für mich, ich spreche wieder einmal davon.«
    Ich brauche wohl kaum zu versichern, wie sehr ich darum bat, und wie gespannt ich ihren Worten lauschte, als das alte Fräulein erzählte: »Über meine Kinderzeit will ich rasch hinweggehen. Mein Vater war Prediger in dem lieblichen Weltzendorf, zwei Stunden von hier, das Sie ja auch kennen werden. Meine Mutter starb, als ich eben mein fünftes Jahr zurückgelegt hatte. Mein Vater war trostlos, er hat sich auch nicht wieder verheiratet. Das dunkle Bild, welches noch in meiner Erinnerung von der Verstorbenen lebt, zeigt mir eine große, hellblonde junge Frau, die mir immer sehr hübsch erschien und die mich oft auf ihren Schoß nahm und mich küßte. Dann, als sie gestorben, kam eine traurige Zeit für mich. Mein Vater war kein junger Mann mehr und etwas Sonderling, er hatte sich nie viel um mich gekümmert, und der Schmerz um die Dahingeschiedene machte ihn nur noch teilnahmloser. Ich lief wild umher, und die alte Kathrin, die schon meine Mutter auf den Armen getragen, glaubte ihre Pflicht vollkommen zu erfüllen, 
wenn sie mich kämmte und wusch und mir die gehörigen Portionen Butterbrot und Äpfel zukommen ließ. Ich trieb mich tagsüber im Garten und im Felde umher und kam nur zu den Mahlzeiten unter die Augen meines Vaters, der meine beschmutzten Kleider gar nicht bemerkte. Kathrin war herzensgut, aber sie konnte nicht so viel waschen und flicken, wie ich gebrauchte,  und so kam es, daß ich manchmal schmutziger aussah wie die ärmsten Kinder des Dorfes, mit denen ich übrigens durchaus keine Gemeinschaft hielt.
    Im Winter hockte ich in einem Winkel hinter dem großen Kachelofen und konnte stundenlang auf das summende Spinnrad Kathrinens schauen, das sie den ganzen Nachmittag über emsig in Bewegung erhielt. Zuweilen regte sich aber doch der Drang zum Lernen, zu irgendeiner Beschäftigung in mir. Dann schlich ich mich in meines Vaters Stube und bat ihn schüchtern um ein Bilderbuch. »Ich habe keins, meine Kleine«, pflegte er zu sagen, »aber ich will dir aus der Stadt eins mitbringen, wenn ich einmal hinfahre. Für jetzt störe mich nicht länger.« Damit senkte er den Blick wieder auf seine Bücher, und ich schlich mich betrübt hinaus.
    O wie jubelte ich, als der Frühling kam. Nun vermißte ich auch kein Bilderbuch mehr, das ich natürlich nie bekommen hatte. Ich lief in Wald und Feld umher mit Peter, meiner Katze, und war glücklich.
    Fünf Minuten von Weltzendorf entfernt liegt das Rittergut Bendeleben, ein alter Herrensitz, der sich schon seit undenklichen Zeiten in der Familie derer v. Bendeleben befand. Jetzt gehört er einem reichgewordenen Leinenfabrikanten – ja, wie sich doch alles ändern kann, wer hätte das damals gedacht!
    Eines Tages war ich wieder mit Peter in den Wald gelaufen, es war sehr warm und ich achtete nicht darauf, daß sich der Himmel mit düsterem Gewölk umzog. Ich lag müde auf dem grünen Moose und schaute in die Wipfel der Eichen und Buchen über mir. Da hörte ich in der Ferne ein dumpfes Rollen und war im Nu auf den Füßen, denn Kathrin hatte mir eine abergläubische Furcht vor Gewittern beigebracht und mir hoch und teuer versichert, wenn man während eines Gewitters im Walde sei, so würde man unfehlbar vom Blitz erschlagen. Ich lief, das Kätzchen auf dem Arme, wie von etwas Schrecklichem verfolgt, den Weg zurück, den ich gekommen war. Schon nach wenigen Minuten leuchtete einen Moment ein gelber Schein durch das dunkle Blätterdach und ein furchtbarer Donnerschlag folgte, die Bäume bogen sich und  rauschten im Sturm. Ich preßte das Kätzchen fest an mich und flog noch rascher dahin. Plötzlich gewahrte ich, daß ich nicht auf dem rechten Wege sei, ich war eben über eine kleine, aus Baumstämmen gefügte Brücke gelaufen 
und befand mich in einer großen Allee, dahinter schimmerte das alte dunkle Schloß durch die Bäume – ich war im Bendelebener Park.
    An Umkehr war nicht zu denken, zumal jetzt wieder ein greller Blitz und heftiger Donner erfolgte, und so lief ich in atemloser Hast die Allee entlang, direkt auf das Schloß zu. Und ehe ich selbst wußte, wie es kam, stand ich oben auf der Terrasse vor dem Portal und sah mich um mit gewiß angsterfüllten Blicken. Da trat eine Dame aus der Tür, offenbar in der Absicht, nach dem Wetter auszuschauen, denn sie bemerkte mich nicht. In meiner Angst vergaß ich alle Schüchternheit, lief zu ihr hin, erfaßte ihr Kleid und schluchzte: »Ach, nimm mich und Peter mit hinein, wir fürchten uns so sehr.«
    Die Dame sah ganz überrascht zu mir herunter, dann lächelte sie, und indem sie mich an der Hand faßte und in den Gartensaal führte, fragte sie: »Mein Gott, wie kommst du hierher? Bist du nicht Pastors kleines Gretchen?« Ich nickte. »Bekümmert sich denn niemand um dich«, fragte sie weiter, »daß du so wild umherlaufen kannst, wo du willst?« Damit streifte ein Blick meinen reduzierten Anzug. »Kathrin weiß, daß ich im Walde bin«, sagte ich leise. Es folgten nun noch viele Fragen, die von mir entweder mit Kopfschütteln oder mit Nicken beantwortet wurden, während draußen das Unwetter tobte – »ob ich oft so allein herumstreife?«, »ob ich gar nichts lernen müsse?«, »ob ich keine Lust dazu habe?« und endlich, »wie alt ich sei?« »Sechs Jahre? Nun, da ist es aber doch die höchste Zeit, daß etwas geschieht. Hör zu, mein Kind, wenn du jetzt nach Hause kommst, so bestelle deinem Vater, die Frau v. Bendeleben würde ihn morgen früh besuchen, um mit ihm eine Sache von Wichtigkeit zu besprechen. Kannst du das behalten?«
    Ich bejahte und wurde, nachdem das Gewitter vorüber war und der Regen aufgehört hatte, sofort nach Hause geschickt, wo man mich wohl kaum vermißt hatte. Mein Vater machte ganz verwunderte Augen ob meiner Bestellung, und Kathrin  schüttelte mit dem Kopfe, hatten sich doch die Bendelebens nie um ihre Herrschaft bekümmert, und hatte sie doch manchmal ein Wörtchen von Hochmut fallen lassen. In ihren Augen war der geistliche Stand der erste von der Welt, und daß die Frau Baronin nicht manchmal auf ein gemütliches Kaffeestündchen zur Frau Pastorin selig in die Pfarre gekommen war, konnte Kathrin noch immer nicht verschmerzen. Was mochte sie nur jetzt hier wollen, wo die hübsche, junge Hausfrau nun schon seit einem Jahre in der kalten Erde lag? Da war das Kopfschütteln Kathrinens wohl sehr gerechtfertigt, und auch ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Immer dachte ich an die schöne, vornehme Frau und an den prächtigen Saal, und was sie wohl mit meinem Vater zu besprechen habe am folgenden Tage.
    Und der Tag kam, und mit ihm Frau v. Bendeleben. Sie ging direkt in meines Vaters Zimmer und blieb lange darin. Dann wurde ich gerufen, und als ich eintrat, sah ich, daß mein Vater die Hand der Dame in der seinigen hielt. Er sah freudig und doch ergriffen aus.
    »Nun sehen Sie selbst, bester Pastor, wie verwahrlost das kleine Ding ist!« rief Frau v. Bendeleben, indem sie auf mich zeigte, die ich verlegen an der Tür stehengeblieben war.
    »Sie haben recht, Frau Baronin«, sagte mein Vater, »und ich bin in der Tat ganz beschämt, daß – ich weiß nicht, wie ich danken –«
    »Schon gut, Herr Pastor, schon gut«, unterbrach sie ihn. »Wir haben beide Vorteil davon, meine Kinder erhalten eine Gefährtin beim Unterricht und beim Spielen, und die Kleine lernt etwas. Und nun, Gretchen, nicht wahr, du hast auch Lust dazu? Willst du mit mir gehen und recht fleißig sein? Willst du Lesen, schreiben, Stricken und Nähen lernen?«
    »O ja«, versicherte ich lebhaft, »ich komme mit, es ist so hübsch bei dir – wenn Papa es haben will«, setzte ich leise hinzu und sah scheu zu ihm hinüber.
    »Ja, mein Kind, und sei dankbar, indem du fleißig bist. Dir wird ein großes Glück zuteil.«
    Doch das, was er noch sagte, hörte ich kaum. In hellem Jubel stürzte ich hinunter in die Küche, wo Kathrin mit unserem  einfachen Mittagsmahl beschäftigt war. »Kathrin, Kathrin! Ich gehe mit aufs Schloß, ich werde Lesen und Schreiben und –«
    »Was ist das für ein Unsinn«, unterbrach mich die Alte, indem sie mich zurückstieß. »Was willst du denn auf dem Schlosse?«
    Ich stammelte ganz kleinlaut, was zwischen meinem Vater und Frau v. Bendeleben verabredet worden war.
    Kathrin schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Daß sich Gott erbarm', deshalb kam sie hierher?« Dann rückte die Alte ihre Haube zurecht und stieg entschlossen die Treppe zu meines Vaters Studierstube hinauf. Ich folgte ihr, aus Angst, sie könne mir die schöne Aussicht wieder zerstören.
    Mein Vater saß schon wieder über seinen Büchern, Frau v. Bendeleben war fort. »Herr Pastor«, fing Kathrin an, »das Gretel wollen Sie forttun aufs Schloß?«
    »Jawohl«, erwiderte mein Vater, etwas ungeduldig über die zweite Störung, »heute gegen Abend wirst du sie hinbringen, aber sauber angekleidet.«
    »Daß Gott erbarm', Herr Pastor, Sie werden doch nicht das einzige aus dem Hause tun, woran man noch seine Freude hat?« Die Stimme der Alten schwankte, als sie dies sagte. – »Wenn das die Selige wüßte, sie hätt's nimmer gelitten!«
    Mein Vater stand auf. »Höre, Kathrin«, begann er, »nun will ich dir einmal etwas sagen: das Mädel ist jetzt sechs Jahre alt und ist aufgewachsen wie eine Wilde. Sie kann nichts, sie weiß nichts und sie lernt nichts. Du bist eine gute Seele, aber du kannst kein junges Mädchen erziehen. Ich verstehe es auch nicht. Frau v. Bendeleben tut es leid, das Kind so verwildern zu sehen, sie hat mir angeboten, Gretchen mit ihren Töchtern zusammen zu erziehen, das ist ein Vorschlag, den ich mit größter Dankbarkeit annehmen muß um des Kindes willen. Du kannst es sehen, sooft du willst. Sie wird uns besuchen, recht oft, nicht wahr, Gretchen, recht oft? Und du, Kathrin, wirst noch deine Freude an ihr haben, und nun laß das Schluchzen und störe mich nicht länger.«
    Kathrin hatte die Schürze vor das Gesicht genommen, und  dahinter tönte es weinend hervor: »Das nimmt kein gutes Ende, das weiß ich, es wird ihr nie mehr hier gefallen.« Dann nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir hinunter. Dort zog sie mich auf ihren Schoß und weinte, als ob ich sterben müßte.
    Abends wusch und kämmte sie mich unter strömenden Tränen und brachte mich dann, nachdem ich, vor Ungeduld zappelnd, meinem Vater Adieu gesagt, auf das Schloß.
    »Gretchen«, sagte sie unterwegs, »wenn sie auch alle schön mit dir tun da droben, vergiß nicht, daß du in unser kleines Pastorhaus gehörst, und daß du einmal dorthin zurückkehren mußt. Werde nur nicht hochmütig, Kind. Ach, Gott erbarm's, wenn's nur kein Unglück gibt!«
    Damals dachte ich wohl kaum, daß sich etwas von der Alten düsteren Prophezeiungen bewahrheiten könne. Ich wurde liebevoll dort aufgenommen und wuchs mit den beiden Töchtern des Hauses, Ruth und Hanna, heran. Unsere Erziehung war eine sehr sorgfältige, und mein Vater, der nach wie vor sein einsiedlerisches Leben fortsetzte und nur dann und wann sich einmal nach meinem Fleiß und meinen Fortschritten erkundigte, wurde ordentlich stolz auf sein Töchterchen.
    Kathrin forschte immer ängstlich nach Hochmutsspuren in meinem Gesicht. Als ich aber unverändert zärtlich und freundlich zu ihr blieb und mir stundenlang, wenn ich zu Hause war, von ihr erzählen ließ, wie gut und lieb mein Mütterchen, ihr ganzer Stolz, gewesen war, und mit unvermindertem Interesse die schon oft gehörte Erzählung anhörte, beruhigte sie sich allmählich etwas, doch bekam ich immer irgendeine Ermahnung mit auf den Weg.
    Nun muß ich Sie aber, liebes Kind, mit den Personen und Verhältnissen auf Schloß Bendeleben etwas bekannt machen.
    Der Hausherr war ein großer, stattlicher Mann, der richtige Typus eines deutschen Landedelmannes, mit blondem Haar und Bart und blauen Augen, die ziemlich unbedeutend, aber voll Herzensgüte in die Welt blickten. Ein großer Geist war er eben nicht, und seine Frau überragte ihn in dieser Beziehung  um ein bedeutendes. Nur eines hatten die Gatten gemein, sie sahen beide mit souveräner Herablassung auf alles, was nicht adlig war, hernieder.
    Sonst eine kühle, ruhige Natur, konnte der Baron außer sich geraten, wenn er zum Beispiel in der Zeitung las, daß ein altes, adliges Rittergut in die Hände eines Bürgerlichen übergegangen war. Die Heirat eines Adligen mit einem bürgerlichen Mädchen vermochte ihn zu langen Reden aufzureizen, die gewöhnlich damit schlossen: »Gott weiß, was aus der Welt noch werden soll, wenn dieser Standesunterschied aufhört. Es wird noch alles drüber und drunter gehen, ich mag es gar nicht erleben.«
    Frau v. Bendeleben war taktvoller und sprach ihre Ansichten nicht so unumwunden aus wie der Baron. Daß sie aber ebenso dachte, bewiesen verschiedene kleine Züge, die ich in unserem Zusammenleben zu beobachten Gelegenheit hatte. Freilich war ich dort so wohlgelitten, wurde beinahe als Tochter behandelt. Ich machte aber doch später die bitterste Erfahrung in dieser Beziehung, und der Standesunterschied wurde mir gerade zu einer Zeit in Erinnerung gebracht, wo ich unglücklich, recht unglücklich war und Schutz und Schonung sehr nötig hatte. Doch davon schweige ich noch.
    Im übrigen war Frau v. Bendeleben eine edle, gutdenkende Dame, und wenn sie mir einmal ein Unrecht zufügte, so geschah es infolge ihres angeborenen Stolzes und der großen Liebe zu ihren Kindern. Sie war eine vortreffliche Mutter, eine gute Hausfrau, und eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen.
    Die älteste Tochter Ruth sah ihr ähnlich, nur übertraf sie wohl die Mutter noch. Ein blendend schönes Geschöpf war sie, von elfenhaft zierlicher Gestalt. Das ovale Gesichtchen mit den großen, dunkelbraunen Augen, die schmachtend und feurig zugleich unter den langen Wimpern hervorblickten, war von einer Fülle schwarzer Locken umrahmt. Die feine Nase, der kleine Mund, der so süß zu lächeln verstand, alles bewirkte, daß man sich kaum von dem Anblick dieses reizenden Geschöpfes losreißen konnte. Gewiß haben Sie, liebes Kind, schon einmal das Porträt der schönen Gräfin Potocka gesehen, das jetzt in allen  Schaufenstern hängt – nun wohl, so sah sie aus, es bestand eine merkwürdige Ähnlichkeit mit diesem Bilde.
    Sie besaß den Stolz der beiden Eltern in doppeltem Maße und sie war die einzige im Schlosse, die mir von jeher nicht wohlwollte. Mit einer Feinheit zeigte sie mir, daß ich nicht ihresgleichen sei, die bei einem Kinde in Erstaunen setzen mußte. Überhaupt war sie kein guter Charakter. Die Anbetung und die Schmeicheleien, die schon in früher Jugend ihrer schönen kleinen Persönlichkeit gezollt wurden, machten sie vor der Zeit kokett und herausfordernd. Männern gegenüber entwickelte sie von jeher eine bezaubernde Liebenswürdigkeit. Zuerst waren es der Vater, der Hauslehrer oder etwaige Vettern, welche die Ferien auf Schloß Bendeleben verlebten, an denen sie ihre Macht übte. Sie wickelte sie alle um den Finger. Dann – doch davon später.
    Hanna, die jüngere Tochter, mit mir in einem Alter, war ein schüchternes, liebliches, blondes Kind. Wir waren und blieben Herzensfreundinnen bis zu ihrem frühen Tode. Uns stand Ruth stets feindlich gegenüber, und tausend kleine Zänkereien kamen vor, tausend kleine Demütigungen wurden mir zuteil, ohne daß ich mich zu beklagen wagte. So vergesse ich eine Szene nie: es war eines Tages ein Hausierer ins Schloß gekommen, der allerlei zu verhandeln hatte: Garn, Zwirn, Nadeln und bunte Tüchelchen und Bänder. Nur wer lange auf dem Lande gelebt hat, kann sich vorstellen, welch einen Zauber so ein häßlicher, alter Jude auf sämtliche weibliche Gemüter im Hause ausübt. Es ist ein ordentlicher Jubel, sieht man ihn, den Kasten am verschossenen grünen Bande tragend, von weitem kommen. Man erinnert sich, daß dieses oder jenes fehlt, und man kauft und handelt, daß es eine wahre Lust ist. Auch Frau v. Bendeleben stand in der großen Halle des Schlosses mit dem Hausierer, und wir natürlich erwartungsvoll daneben. Die 
weibliche Dienerschaft hatte dem Alten schon verstohlen Winke gegeben, worauf er ernsthaft versicherte: »Wenn wird gekauft haben die gnädige Frau Baronin und die gnädigen Fräulein Töchter, werde ich auch kommen zu den Mägden.«
    Als Frau v. Bendeleben mit ihrem Handel fertig war, erteilte  sie uns zu unserer größten Freude die Erlaubnis: »Jede von uns dürfe sich ein Band aussuchen, das sie uns schenken wolle.« Ruth griff mit ihren kleinen Händen sofort nach einem blauen Bande, das mir auch sehr gut gefiel. Sie hielt es sich an ihre dunklen Locken und fragte, ob es ihr gut stehe? Hanna wählte irgendeine andere Farbe, nur ich stand noch unentschlossen da. Nachdem für Ruth von dem blauen Bande abgeschnitten worden war und auch Hanna das ihrige bereits in den Händen hielt, fragte sie: »Nun, und du, Gretchen?« – »Ich möchte auch von dem blauen Bande«, sagte ich, »bitte schneiden Sie ab.«
    Ruth, die sich ihr Band, wie um es zu probieren, um den Hals geschlungen hatte, riß es bei diesen Worten plötzlich ab. Sie warf den kleinen Kopf zurück, unter den langen Wimpern hervor traf mich ein unendlich geringschätziger Blick. Dann wandte sie sich um, und das Band der Kammerjungfer ihrer Mutter zuwerfend, sagte sie zu dem erstaunten Mädchen: »Da, Lisette, ich schenke es dir.«
    Im ersten Moment begriff ich nicht, was dies bedeuten solle, dann aber stieg mir das Blut siedendheiß in die Wangen. Hanna hielt mich schnell umfaßt, als wolle sie die Unart von mir abwehren. Der alte Jude aber schaute mit klugen, lächelnden Mienen bald mich, bald Ruth an, wahrend er das unglückliche blaue Band vor mich auf den Tisch legte.
    Es lag eine so furchtbare Demütigung in diesem Auftritt, daß ich mich wie Hilfe suchend nach Frau v. Bendeleben umwandte. Doch die besichtigte mit so viel Interesse die kleinen Sachen in dem Kasten des Hausierers, daß es schien, als habe sie nichts von dem bemerkt, was soeben vorgegangen. Freilich war es ja auch vermessen von mir, mit der Tochter des alten adligen Hauses gleiche Bänder tragen zu wollen, als ob ich die Schwester sei. Sie hatte mir gezeigt, mit wem ich d'accord sein konnte, die Kammerjungfer und ich – das paßte besser, und doch noch nicht vier Jahre später, da streckte sie die Hand nach dem aus, was mir gehörte, da trat es ihrer Ehre nicht zu nahe, etwas für sich in Anspruch zu nehmen, was der kleinen bürgerlichen Pfarrerstochter zu eigen war! Oh,  ich habe sie einmal glühend gehaßt, dieses stolze, eitle Geschöpf. Sie hat mein ganzes Lebensglück zerstört.«
    Die Augen der alten Dame blitzten zornig auf, und noch jetzt, nach so vielen Jahren, war die Röte der Beschämung auf ihrem Gesichte emporgeflammt.
    »Sie hätten sich an diese Szene gar nicht erinnern sollen, liebes Fräulein«, sagte ich.
    »Doch, mein liebes Kind, Sie müssen ihren Charakter verstehen lernen. Sehen Sie, solche Szenen kamen öfter vor, und wäre nicht Hanna gewesen und hätte mir nicht die ungemütliche Häuslichkeit in dem kleinen Pfarrhause so entsetzlich mißfallen, ich wäre damals so gern dorthin zurückgekehrt. Aber mein Vater, der den ganzen Tag über sich seinen archäologischen Studien widmete (er hatte sich einen großen Namen erworben in diesem Fache), die alte Kathrin mit dem verdrießlichen Gesicht, ewig spinnend in der unheimlich öden und ungemütlichen Wohnstube, wo jede Spur von Zierlichkeit geschwunden war, keine Blumen, kein Teppich vor dem verschossenen Sofa, keine Decke auf dem Tische – selbst die Gardinen hatte die Alte kassiert –, alles machte mir den Aufenthalt so unerträglich dort unten, daß ich glaubte, die Wände müßten auf mich herabfallen. Ich sehnte mich nach den hohen, eleganten Zimmern, nach den weichen Teppichen, auf die mein Fuß trat. Ich hatte mich so rasch in diese Umgebung hineingewöhnt, daß sie mir zum 
Leben, zum Atmen unentbehrlich schien. Es beleidigte meinen Schönheitssinn, wenn ich das Pfarrhaus besuchte, und Kathrin in einer braunen irdenen Kanne den Kaffee servierte und mit der Schürze über den Tisch fuhr. Ich konnte dann gewöhnlich nichts hinunterbringen und fragte mich immer: wie es möglich sei, daß mein Vater, ein so gebildeter und gelehrter Mann, einen gewissen Luxus in dieser Beziehung entbehren möchte?
    Kathrin merkte es wohl, daß es mir zu Hause nicht mehr gefiel, doch war sie ruhig und hielt keine längeren Reden mehr. »Ich hab's vorher gewußt«, das war alles, was sie darüber äußerte.
    So schwebte ich gleichsam zwischen Himmel und Erde, und nur meine Hanna, das beste Herz, das es je auf der Welt  gab, entschädigte mich für alles, was mir schmerzlich war. Inzwischen wurde Ruth eingesegnet und ging auf ein Jahr nach B. in eine Erziehungsanstalt. Nun kam für Hanna und mich eine glückliche Periode. Wir verlebten die Backfischzeit in ungetrübter Seligkeit und wurden zusammen eingesegnet durch meinen Vater. Heimlich bangte uns vor dem Augenblick, da Ruth wiederkommen mußte. Ich konnte ja nicht immer auf dem Schlosse bleiben und dachte mit Schauder und unter Tränen an die Rückkehr in das Pfarrhaus und an das Leben dort unten. Indessen wir ängstigten uns grundlos. Eine Schwester der Frau v. Bendeleben, die in Wien lebte, erbot sich, die junge, schöne Tochter in die große Welt einzuführen und mit ihr den Winter in der fröhlichen Kaiserstadt zuzubringen. Den Eltern war der Vorschlag recht, denn ein einsames Gut ist nicht der Ort, eine solche Schönheit zur Geltung zu bringen, und außerdem war der 
Baron zu bequem, um sich nicht herzlich zu freuen, daß ein anderer diese strapaziöse Pflicht übernehmen wollte. Infolgedessen traf Frau v. Bendeleben mit meinem Vater die Verabredung, daß ich noch länger im Schlosse bleiben solle, damit Hanna nicht allein sei.
    Niemand war froher als ich, ich fühlte mich so glücklich, wurde so liebevoll behandelt, daß man äußerlich keinen Unterschied mit der eigenen Tochter wahrnehmen konnte. Zuweilen wurde ich geradezu verzogen, besonders von dem Baron. Ich hatte eine sehr gute Stimme, und da mir Herr v. Bendeleben, der Gesang über alles liebte, einen ausgezeichneten Unterricht geben ließ, so machte ich bedeutende Fortschritte und konnte ihn durch nichts mehr erfreuen, als wenn ich abends im Dämmern seine Lieblingslieder sang. Er tat mir dafür alles mögliche zuliebe und beschenkte mich oft mit Sachen, die vielleicht für meine Lage nicht passend waren. Mit kindischer Freude nahm ich die schönen, oft kostbaren Geschenke hin und bildete mir wohl ein, das müßte so sein, wenigstens dachte ich nicht darüber nach. Einmal, als ich ihm sein Lieblingsstück, die wundervolle Arie des Pagen aus »Figaros Hochzeit«: »Neue Freuden, neue Schmerzen«, ganz besonders gut vorgesungen hatte, schenkte er mir ein wunderhübsches Pferd und einen 
Reitanzug. Kurz vorher hatte ich beim Betrachten eines schönen  Bildes, das eine schlanke Amazone auf mutigem Pferde darstellt, geäußert: »Wie wundervoll muß es sein, auf solch prächtigem Tiere durch Wald und Feld zu fliegen. Ach, wer doch reiten könnte!« Da bekam ich das Pferd und das Kleid. Hanna war schon von jeher geritten.
    Herr v. Bendeleben gab mir selbst Unterricht, und ich saß in einer Seligkeit auf dem hübschen, schwarzen Tierchen, die, glaubte ich, rührend war. Es wurde mein größtes Vergnügen, zu Pferde mit Hanna die liebliche Gegend zu durchstreifen. Ich hätte aufjauchzen mögen vor Wonne, flog ich so auf schattigen Waldwegen dahin. Zuweilen begleitete uns der Baron, und im Walde, wenn die Tiere auf weichem Moose so leise dahinschritten und die Sonne nur verstohlen durch die Wipfel der alten Eichen blitzte, dann bat er wohl: »Nun, Gretel, singe mir ein Lied!« Und dann sang ich aus dem vollen jungen Herzen heraus: »O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald!« Die Pferde spitzten dann die Ohren, und Hanna sang leise die zweite Stimme mit, während der Baron, aufmerksam zuhörend, im Sattel saß. Oh, es waren glückliche Stunden, die ich so verlebte, und meine Liebe und meine Dankbarkeit für die Familie, die mir all dieses Schöne verschaffte, wuchs stündlich in meinem Herzen.
    Zuweilen, wenn wir oben in unserem Mädchenstübchen saßen, das in einem der großen runden Türme lag und von dem kleinen Balkon, der wie ein Schwalbennest daran hing, die schönste Aussicht auf die bewaldeten Hügel bot, schlang ich den Arm um Hanna und sagte: »Hanna, es ist doch zu schön in der Welt, und was wird nun erst noch alles kommen!« Im Winter, wenn der Sturm um das alte Schloß tobte und an den Fenstern rüttelte, als wollte er sie zerschmettern, dann saßen wir am Kamin im Turmstübchen, das Feuer flackerte und knisterte, die blauen Vorhänge vor den Fenstern waren fest zugezogen, die Lampe brannte, und mit vor Eifer glühenden Wangen fertigten wir Weihnachtsarbeiten, oder eines las vor aus Büchern, welche die Frau Baronin immer sorgfältig auswählte. Manchmal kam sie dann herauf, um sich zu überzeugen, was wir trieben, oder es war ein Brief von Ruth angelangt, den sie uns vorlas. Das zierliche Billettchen  enthielt gewöhnlich nur eine Beschreibung der letzten großen Festlichkeiten, eine Andeutung, wie 
sehr man gefeiert sei, und die Versicherung, daß sich die Schreiberin sehr glücklich fühle und den lieben Papa, die angebetete Mama und die süße Hanna grüßen lasse. An mich wurde nie ein Gruß bestellt. Hanna nahm dies mehr übel als ich, und wenn sie an Ruth schrieb, so stand gewöhnlich in dem Brief: »Gretchen ist mir wie eine Schwester, Gretchen habe ich mit jedem Tage lieber, wir leben sehr glücklich zusammen und sie läßt Dich grüßen.« Letzteres war dick unterstrichen, doch wurde nie Notiz davon genommen.
    Trotzdem lebte ich ein glückliches Leben, und wenn nicht der spitze Giebel meines väterlichen Hauses hinter den Wipfeln der alten Linden mahnend zu mir herübergeschaut hätte, ich würde geglaubt haben, Schloß Bendeleben sei meine angestammte Heimat.
    So war ein Jahr nach unserer Einsegnung vergangen, und da keine gütige Tante kam, um auch Hanna die Freuden der großen Stadt kosten zu lassen, so machte man nun Anstalt, ihr das zu bieten, was sich eben bieten ließ. Das Elternpaar Bendeleben fuhr mit uns zu Besuch bei der adligen Nachbarschaft, und man sprach allen Ernstes davon, im nächsten Winter die Kasinobälle unserer Stadt mitzumachen. Ruth war noch nicht wieder im Elternhause gewesen, sie wurde aber im kommenden Sommer erwartet, und man wollte dann die schöne Jahreszeit sehr vergnügt zubringen. Das Herbstmanöver sollte in unserer Gegend sein; man machte sich auf viel Einquartierung gefaßt, und so war die Gelegenheit zu einigen Festen gegeben, die Hannas Eintritt in die Welt feiern sollten.
    Mir bangte vor dem Wiederkommen Ruths. Sie hatte sich stets als meine Gegnerin gezeigt, und jetzt, da sie erwachsen war, würde sie noch weniger ihre Abneigung gegen mich verbergen. Doch es kam anders.
    Es war ein wunderbar warmer Tag gegen Ende März, als wir, Hanna und ich, von einem Spazierritt heimkehrten. Der Himmel war mit leichten, grauen Wolken verhangen, die Bäume hatten schon dunkelbraune, dicke Knospen. Unser Weg  führte an dem kleinen Fluß hinauf, der, bis zum Rande angeschwollen, sein lehmfarbenes, trübes Wasser glucksend und plätschernd an uns vorbeirauschen ließ. Die Weiden am Ufer hingen ihre gelben Blütenkätzchen beinahe hinein in die Wellen; es war so milde Luft, daß man unwillkürlich den Blick zur Erde senkte, um nach blauen Veilchen zu spähen. Unsere Pferde gingen langsam nebeneinander. Wir sprachen nicht, Frühlingsluft macht müde. Der kleine Jockei hinter uns hatte schon ein paarmal recht vernehmlich gegähnt. Ich sah auf Hanna; ihre hellblonden Haare quollen unter dem schwarzen Hütchen hervor und fielen in langen Locken auf das dunkle Reitkleid, der blaue Schleier umspielte liebkosend das rosige Gesichtchen, die kleinen Hände hielten nachlässig Zügel und Reitpeitsche, und die Augen 
schauten träumerisch in das Wasser.
    Auf einmal kam mir wieder der Gedanke, wie wird es sein, wenn Ruth zurückkehrt? Ein banges Vorgefühl überfiel mich, es müsse hier auf einmal alles anders werden, man könne mir eines Tages andeuten, daß man mich nicht mehr gebrauche, daß die beiden Schwestern sich selbst genug seien. Ich sah mich schon im Geiste in der ungemütlichen Wohnstube in meines Vaters Hause, Kathrin mit ihrem Spinnrade am Fenster, auf den weißen Dielen knirschte der Sand unter meinen Füßen, die braune Kaffeekanne steht auf dem Tische – unwillkürlich faßte ich die Zügel straffer, mein Pferd tat einen kleinen Seitensprung. »Was machst du denn, Gretel?« fragte mich Hanna, ganz erschreckt aus ihren Träumereien auffahrend. »Du siehst ja ganz blaß aus?« »Oh, nichts, Hanna«, sagte ich. »Ich dachte nur eben daran, wie ich es möglich machen werde, ohne dich unten im Pfarrhause zu leben. Ich fürchte mich vor Ruth«, setzte ich hinzu, als mich Hanna verwundert anschaute. Sie beruhigte mich mit tausend Schmeicheleien, hielt mir vor, wie lieb 
sie mich, wie lieb mich ihre Eltern hätten, wie sie ohne mich nicht leben könne, und daß Ruth gewiß nicht lange in dieser Stille und Einsamkeit aushalten würde. »Du weißt gar nicht«, sagte sie, »wie lieb dich zum Beispiel Papa hat. Erst gestern, als du mit den Schneeglöckchen durch den  Garten kamst, sagte er: »Wie hübsch die kleine Hexe geworden ist, die sticht mir wahrhaftig noch meine Töchter aus.«
    Ich mußte laut lachen und war beruhigt. Lange über etwas zu grübeln, war überhaupt nie mein Fall. Ich war das sorgloseste, leichtblütigste Geschöpf der Welt, und solche Anwandlungen, die mich traurig machten, hatte ich äußerst selten. Ich bog mich also zu Hanna hinüber, gab ihr lachend einen Kuß auf die Wange, setzte mein Pferd in Galopp und rief lachend zurück: »Mir nach! Wer zuerst an der großen Freitreppe ist, soll König sein!« Ich flog durch die breite Allee, mein Pferd, ein kleiner, schöner Rappe, brauchte nicht erst durch Zuruf ermuntert zu werden, er hörte hinter sich die Tritte von Hannas Pferd, in kürzester Zeit parierte ich an der Treppe. Der Baron stand unten auf der letzten Stufe, neben ihm ein fremder Herr, fast größer noch als der Baron, mit dunklen, blitzenden Augen, die mich ganz verwundert betrachteten, während er höflich, den Hut in der Hand, hinzutrat, um mir beim Absteigen behilflich zu sein.
    »Wildfang!« schalt lachend der Baron. »Wer wird denn so verrückt reiten! Das Mädel ist rein toll, und die andere macht's ihr nach – sag' ich's nicht?« setzte er hinzu, indem er auf Hanna zeigte, die jetzt angebraust kam. »Wer ist hier wieder der Anstifter gewesen? Heraus damit!« rief er, augenscheinlich sehr guter Laune. Wir waren indessen von den Pferden gesprungen, und unsere Augen musterten neugierig den eleganten jungen Mann; der Baron betrachtete uns ein Weilchen, dann sagte er: »Geh hin, liebe Hanna, und gib deinem Schwager die Hand. Der Graf Satewski ist der Verlobte deiner Schwester.«
    Hanna wurde leichenblaß und blieb unbeweglich stehen. Der Graf, den Hut noch immer in der Hand haltend, sah bald mich, bald Hanna an, bis der Baron seine Tochter an der Hand nahm und sie ihm zuführte; scheu legte sie die Hand in die seine. »Und dieser Wildfang hier«, erklärte der Baron, auf mich deutend, »ist die Freundin meiner Tochter und unsere liebe Hausgenossin, Fräulein Margaret Siegismund.«
    Ich stand noch wie betäubt, dann aber fiel ich laut jubelnd Hanna um den Hals. »Hanna!« rief ich, »du weißt schon,  weshalb ich mich so freue. Denke daran, was wir eben sprachen. Nun ist alles gut!« Und dann ließ ich die Erstaunten stehen und lief, das lange Reitkleid über den Arm nehmend, durch den Park nach meines Vaters Hause. Ich sprang die ausgetretenen Stufen vor der Haustür hinauf, rannte Kathrin, die eben aus der Küche trat, beinahe um, ohne mich bei ihr zu entschuldigen, die Treppe hinan und riß die Tür zu meines Vaters Studierstube auf. Der bekannte dicke, blaue Tabakdampf quoll mir entgegen. Aber heute störte er mich nicht, ich warf die Reitpeitsche auf den nächsten Stuhl und schlang beide Arme um den Hals meines Vaters.
    »Ich muß dir etwas erzählen, liebster Papa. Denke dir – was sagst du nur dazu – Ruth –«
    Ich wollte eben weiter fortfahren, als vom Sofa sich eine Gestalt erhob – erstaunt sah ich auf, ein Besuch war so etwas Ungewöhnliches, daß ich beinahe glaubte, einen Spuk zu erblicken –, ein schlanker junger Mann stand vor mir, sein Anzug ließ den Geistlichen erkennen.
    »Dies ist meine Tochter, Herr Amtsbruder«, sagte mein Vater, ohne mich anzusehen.
    Die Augen des jungen Mannes maßen mich mit völligem Erstaunen, und ich glaube, ich schien ihm als Pfarrerstöchterchen sehr wenig zu imponieren. Es war etwas Ironisches in seinem Blick, mit dem er meine Persönlichkeit betrachtete – das dunkelgrüne, schleppende Reitkleid, der Filzhut mit dem grünen Schleier, vom eiligen Laufe etwas schief gerückt, die Stulphandschuhe an den Händen mochten ihn wohl eher an alles andere erinnern, als an das züchtige Töchterlein eines geistlichen Hauses. Ich fühlte etwas wie Beschämung unter seinen Blicken und bemühte mich, eine von dem tollen Ritt gelöste Flechte wieder anzustecken.
    »Erschrecken Sie nicht, Fräulein«, sagte er ganz einfach, »Sie werden mich hier öfter sehen, da ich die Pfarrstelle von Weltzendorf erhalten habe.«
    »Die Pfarrstelle?« stammelte ich und sah erschrocken auf meinen Vater.
    »»Ja, Gretel«, sagte er, »ich habe mich emeritieren lassen, es wurde mir zu schwer, das Amt ferner zu versehen. Ich  darf jetzt meinen Studien leben, und ich werde auch reisen, was ich bis jetzt nicht konnte. Übrigens bleibt alles beim alten. Das eigentliche Pfarrhaus drüben ist unbewohnt, und da dies Haus mein Eigentum ist, so stehen keinerlei Veränderungen bevor. Aber, was wolltest du mir erzählen? Du kamst ja in hellem Jubel an?«
    Ich war so überrascht, daß ich ganz kleinlaut sagte: »Oh, es ist weiter nichts, Ruth hat sich verlobt, der Bräutigam ist hier, und da meinte ich nur, weil Hanna nachher allein ist, so kann ich nun im Schloß bleiben, und –« ich wollte sagen: »darüber freue ich mich so sehr«, stockte aber, als wieder der Blick des jungen Pfarrers ganz verwundert an mir hing. Es fiel mir mit einem Male ein, daß meine Freude beleidigend für meinen Vater sein könne, und ich verschluckte das übrige.
    Mein Vater nickte mit dem Kopfe. »Ja so, ja so«, sagte er in seiner zerstreuten Art. »Möchtest du nicht der Kathrin sagen, daß sie eine Flasche Wein heraufbringt–?« Ich ging, aber nicht ohne ein Gefühl, daß ich dem jungen Pfarrer doch sonderbar vorkommen mußte. Die zierliche Reitpeitsche versteckte ich so viel wie möglich in den Falten meines Kleides. Als ich die Tür schloß, sah ich noch einmal die verwunderten Augen des jungen Mannes auf mich gerichtet, dann stieg ich die Stufen hinab und richtete Kathrin meinen Auftrag aus.
    Die Alte war offenbar schlechter Laune. »Wie siehst du nun wieder aus?« fing sie an, nachdem sie mich eine Zeitlang betrachtet hatte. »Wie eine Komödiantin, aber nicht wie ein vernünftiges bürgerliches Mädchen. Was soll der junge Herr Pfarrer von dir denken? Die Haare hängen um den Kopf, als hättest du sie seit acht Tagen nicht gekämmt, eine Peitsche hast du in der Hand, wie ein Mannsbild – gewiß wieder auf dem Klepper gesessen! Möchte nur wissen, was aus dir werden soll. Eine Sünd' und eine Schand' ist's von den Menschen auf dem Schlosse, dich wie eine Prinzessin aufzuziehen, und dein Vater kann's auch nicht verantworten, daß er dich dort läßt. Hab acht, was die alte Kathrin gesagt hat, stolz sind sie doch auf dem Schlosse, und wenn sie dich eines schönen Tages nicht mehr als Gesellschafterin für das gnädige Fräulein  gebrauchen können, weil die mit einem Edelmann davonzieht, dann kommst du wieder in unser Haus hier, und dann wird's dem verwöhnten Fräulein nirgends passen, hier nicht und da nicht. Es 
wird ein Unglück, ich hab's immer gesagt.«
    Sie war ganz rot vor Ärger, und ich schämte mich beinahe wirklich, die dicken Tränen standen mir m den Augen – ich hätte der Alten um den Hals fallen mögen, sie bitten mögen: »Hilf mir den Aufenthalt hier erträglich machen, ich kann doch nichts dafür, daß ich so erzogen bin, ich bin doch noch so jung, gönne mir doch den bunten Frühling. Was soll ich hier mit meinem frohen Herzen –.« Da trat ein Diener vom Schlosse ein: »Fräulein Gretchen möge gleich kommen, man ginge zum Souper.«
    Ich wollte zu Kathrin und ihr die Hand geben. Da warf sie die schwere eichene Tür der Küche so fest hinter sich ins Schloß, daß ich ganz ärgerlich umdrehte und das Haus verließ. Ich summte ein Liedchen, als ich, mein Reitkleid hochnehmend, auf dem feuchten Wege dahinschritt, und hieb mit der kleinen Peitsche durch die Luft, so recht aus Opposition. Dann schaute ich mich noch einmal um und glaubte am Fenster die Gestalt des jungen Pfarrers zu erkennen.
    Als ich später im Schlosse an der kostbar servierten Tafel saß, erfuhr ich die ganze Verlobungsgeschichte. Der junge Graf hatte sich sterblich in das schöne Fräulein v. Bendeleben verliebt und war nun gekommen, das Jawort der Eltern zu holen. Er schwärmte von seiner schönen Braut und hatte bereits die Einwilligung der Eltern, die Hochzeit in sechs Wochen zu feiern. Ruth kehrte nicht zurück, um aus dem Vaterhause dem Gatten zu folgen; des Grafen Mutter war kränklich, eine so weite Reise konnte sie nicht vertragen, und so sollte die Hochzeit im Palaste des Bräutigams gefeiert werden. Dann wollte das junge Paar nach Ungarn, wo die Familiengüter der Satewskis liegen.
    Auch unsere Angelegenheit, das heißt die Emeritierung meines Vaters kam zur Sprache. Der Baron lobte den Entschluß: »Er kann sich nun noch mehr seinen archäologischen Studien widmen«, sagte er, »und hat mehr Zeit zum Schriftstellern. Seine Arbeiten sind unendlich interessant. Der Herr  Pastor in unserer Gemeinde –«, wendete er sich an den Grafen. »Ich empfehle Ihnen das Studium seiner Schriften.«
    Während die Herren dieses Thema weiter behandelten, erzählte ich der Frau v. Bendeleben, daß ich den jungen Geistlichen gesehen habe, und daß er ein hübscher Mann sei.
    »Gretel! Gretel!« rief der Baron, indem er durch sein Champagnerglas sah. »Da halten Sie Ihr Herz fest. Was meinen Sie, wenn Sie hier Frau Pastorin würden?«
    Ein herzhaftes Lachen des Grafen unterbrach ihn: »Die schöne, kühne Amazone eine Pastorenfrau? Heiliger Florian, das wäre schad' drum!« rief er in seinem süddeutschen Dialekt. »In die Kirch' kann sie nit zu Roß kommen, das ist halt nit Mod'; nein, es wäre schad' drum. Heiraten S' einen feschen Offizier, Fräulein Gretel, das paßt halt besser!«
    Man lachte allgemein, und der Baron bedauerte, daß die Kirche so nahe liege, sonst könnte ich am Ende doch noch als Frau Pfarrerin Sonntags früh mit dem Gesangbuch unter dem Arm hinreiten.
    Sonderbar, ich, die ich mich so gern necken ließ, wurde peinlich davon berührt. Ich fühlte, daß ich errötete, und schwieg.
    »Nun, Gretel?« fragte Frau v. Bendeleben, »du bist doch sonst nicht so empfindlich. Hast du den kleinen Scherz übel genommen?«
    Ich versuchte zu lächeln, aber die verwunderten Augen des jungen Pfarrers und Kathrinens Scheltrede standen in merkwürdigem Zusammenhange mit dieser harmlosen, gut gemeinten Neckerei. Ich kam mir plötzlich vor, als sei ich hier nicht mehr an meinem richtigen Platze, und dies verstimmte mich noch tiefer.
    Hanna brachte durch eine Frage nach Ruth das Gespräch auf eine andere Spur, und der glückliche Bräutigam erzählte in all seiner süddeutschen Gemütlichkeit, wie lange ihn die schöne Bendeleben habe schmachten lassen.
    »Schaun S', ich hab' beinah ein paar Rosse vor ihren Fenstern kaputtgeritten und war selbst daran, mir den Hals zu brechen. Aber sie tat noch gar nicht, als ob sie mich bemerkte. Da hab' ich ihr eines Tages die Pistole auf die Brust gesetzt und hab' sie gefragt, es war auf einem Balle bei dem  italienischen Gesandten, und ein ganzer Schwarm von Courmachern umstand sie wie die Wolken den Mond: »Gnädigste, ich liebe Sie, wollen S' mein Weib werden? Sagen S' ja oder nein – sagen S' ja, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt – sagen S' nein, dann schieß' ich mir in der nächsten halben Stund' eine Kugel vor den Kopf.« Da hat sie mich erst recht hochmütig angeschaut, dann hat sie gelacht und gesagt: »Kommen Sie morgen zu meiner Tante und holen Sie sich das Jawort, aber ohne Schußwaffe, Herr Graf.« Und dann hat sie mich noch einmal angesehen, daß ich beinah übergeschnappt bin, und ist mit der Frau Tante heimgefahren, und am andern Mittag, da bin ich halt der glücklichste Bräutigam geworden, wie Sie mich 
hier sehen.«
    Er lachte laut und froh bei dieser Erzählung und zeigte dabei ein Paar Reihen prachtvoller weißer Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart.
    Der Baron lachte mit, und auch Frau v. Bendeleben lächelte dazu: »Jedenfalls ist die Art Ihrer Werbung neu und originell«, bemerkte sie, »und ich glaube, daß Sie meiner exzentrischen kleinen Tochter damit imponiert haben, Herr Graf. Sie liebt es, alles möglichst anders wie andere Leute zu betreiben. Wären Sie ihr schmachtend zu Füßen gefallen, oder hätten Sie ihr in ruhiger, überlegter Weise gesagt, daß Sie sie lieben, oder ihr einen wohlstilisierten vernünftigen Brief geschrieben – wer weiß, ob Sie schon am andern Tage der glückliche Bräutigam gewesen wären.«
    Der Baron stimmte ein, und der Graf schien sehr erfreut, sofort das Richtige getroffen zu haben.
    Sobald ich konnte, zog ich mich zurück unter dem Vorwande, Kopfschmerzen zu haben. Ich glaube, es war auch ganz recht, es gab ja noch so viel zu besprechen in der Familie, wobei ich nur störend gewesen wäre. Der junge Bräutigam wollte am folgenden Tage schon wieder abreisen, und so war die Zeit nur knapp bemessen.
    Oben in unserem traulichen Stübchen dachte ich über den heutigen Tag nach, ach, und es waren recht trübe, dumme Gedanken. Zuerst kam es mir vor, als wäre es recht lieblos von meinem Vater, daß er mir erst heute, nach gemachter  Sache, seinen Entschluß, das Amt niederzulegen, mitgeteilt hatte. Dann sah ich wieder das höhnische Lächeln um den Mund des jungen Pastors und hörte endlich Kathrins derbe Strafpredigt. Mein Gott, wenn sie recht hätte, wenn Hanna sich auch bald verlobte, und ich müßte in die öde Heimat zurück! Der Gedanke drängte sich mir heute zum zweiten Male mit aller Gewalt auf. Ich drückte meinen Kopf in die Kissen und weinte, als ob mir das Herz brechen müßte. Ich weinte mich schließlich in den Schlaf und träumte die wunderlichsten Geschichten, so daß Hanna, die ich nicht kommen gehört hatte, mich ganz ängstlich fragte, ob ich krank sei, ich spreche so sonderbares Zeug zusammen.
    In den nächsten Tagen hatte ich kaum Zeit, mich flüchtig an dies alles zu erinnern. Es gab nach der Abreise des Grafen Satewski sehr viel zu tun. Die Aussteuer für Ruth wurde von Frau v. Bendeleben mit dem ganzen Stolze einer glücklichen Mutter in Angriff genommen, auch wir durften nicht müßig sein. Die großen Truhen in der Wäschestube waren geöffnet und ganze Ballen der köstlichsten Leinwand wurden zerschnitten. In einer großen Stube arbeiteten sechs Näherinnen, und wir mußten helfen und wurden fleißig ermahnt: »Ihr könnt dabei etwas lernen.« Eine Zeitlang fuhren wir jeden Tag in die Stadt, gingen von Laden zu Laden und kehrten stets mit ungeheuren Paketen wieder heim. In unserem Stübchen im Turme lagen große Haufen feiner Zeuge, und Hanna und ich saßen mittendrin, unsere Arbeit an der Nähsäule festgesteckt, und bemühten uns, die feinsten Stiche zu machen. Draußen entfaltete sich der Frühling immer herrlicher, unsere Augen sahen über den Park hin, der im hellsten Grün schimmerte. Seitwärts lag das Dorf, 
und die Häuser leuchteten aus den blühenden Obstbäumen wie aus einem Meere von Schnee. Ich trällerte und sang bei meiner Arbeit mit den Vögeln um die Wette. Wenn aber das Wetter gar zu schön war, schlüpften wir in unsere Reitkleider, und dahin flogen wir durch die frühlingsduftigen Fluren.
    So kam die Zeit heran, wo Hochzeit sein sollte. Die mächtigen Kisten und Kasten waren bereits abgeschickt. Hanna hatte zu meinem Entzücken ihr Hochzeitskleid anprobiert und  reizend ausgesehen, und an einem schönen Maimorgen stand ich auf der Terrasse und winkte mit dem weißen Tuche, und aus dem Reisewagen, der, mit vier Pferden bespannt, auf der Chaussee so rasch dahinrollte, wehten auch weiße Tücher. Ich sah ihm nach, bis die Bäume ihn meinen Blicken entzogen. Dann trocknete ich meine Tränen, die mir der Abschied von Hanna entlockt hatte, und ging ganz traurig in unser Zimmer. Es war mir ordentlich sonderbar, so allein zu sein, niemand zu haben, mit dem ich plaudern konnte. Und als alle Trostgründe, die ich mir selbst vorsagte, daß vierzehn Tage eine so kurze Zeit seien, daß Hanna ja versprochen hatte, immerfort an mich zu denken, nichts halfen und die Tränen sich mir immer von neuem wieder in die Augen drängten, nahm ich meinen Strohhut und ging nach meines Vaters Hause.
    Ich war selten in der letzten Zeit dort gewesen. Der Gedanke, den jungen Pfarrer anzutreffen, war mir peinlich. Ich hatte sogar an dem Sonntage, wo er feierlich als Pfarrer eingeführt worden, nicht die Kirche besucht, womit ich Kathrinens ernstlichen Zorn weckte. Ich hatte Mühe gehabt, sie wieder zu besänftigen.
    Das eigentliche Pfarrhaus lag dem Hause meines Vaters gegenüber. Ich war ganz erstaunt, als ich es heute sah, kaum wiederzuerkennen war es: sauber mit Ölfarbe angestrichen, blitzten die neuen, klaren Fenster so hell und freundlich, dahinter schimmerten schneeweiße Gardinen und ein hübscher Blumenflor. Unter dem alten Lindenbaum im kleinen Vorgarten stand ein weiß angestrichener Tisch nebst Bank, das Schloß an der alten Haustür blitzte und funkelte in der Sonne. Alles sah anheimelnd aus, daß ich unwillkürlich stehenblieb und hinüberschaute. Da bog sich der Kopf einer alten Frau hinter den Blumen hervor, und ein paar gutmütige blaue Augen begegneten den meinen einen Augenblick, dann senkte sich der Kopf wieder, und ich sah nur noch die Spitzen der weißen Haube.
    Als ich mich unserem Hause zuwandte, kam es mir doppelt häßlich vor. Die Fenster so trübe und ohne Vorhänge, der Kalk der Mauer abgebröckelt, die morsche Haustür mit tiefen  Spalten. Ich trat in den Hausflur, die Tür zur Wohnstube stand offen, und Kathrin lag auf der Erde und scheuerte die Dielen.
    »Komm mir hier nicht herein, du machst es sonst wieder schmutzig«, sagte sie nicht eben allzu freundlich. »Ich will es ein bißchen ordentlich haben, es könnte doch sein, daß die Mutter des jungen Herrn Pastors einmal herüberkäme, und da will ich nicht, daß man sagen soll: Die alte Kathrin ist eine unsaubere Wirtin.«
    »Seine Mutter ist die alte Frau drüben am Fenster?« erkundigte ich mich.
    »Ja, Gretel, und eine Prachtfrau ist sie, das kannst du glauben. Auch nach dir hat sie gefragt, und ich soll dir bestellen, daß du sie einmal besuchen möchtest. Ich konnte es nicht ausrichten, du bist ja seit beinahe zwölf Tagen nicht hier gewesen, und aufs Schloß gehe ich nimmer.«
    »Ist's wahr«, fing sie nach einer kleinen Pause wieder an, als ich ihr keine Antwort gegeben hatte, »ist's wahr, daß die Herrschaft in diesen Tagen nach Wien zur Hochzeit reist?« Ich erwiderte, daß sie vor zwei Stunden abgereist sei. »Dann kommst du wohl so lange zu uns, Gretel?« fragte die Alte, und in ihren Augen blitzte es freudig auf.
    »Nein, Kathrin«, sagte ich so freundlich wie möglich, »das kann ich nicht, ich muß haushalten im Schlosse, Frau v. Bendeleben hat mir alle ihre Schlüssel übergeben.«
    Statt einer Antwort fing Kathrin so heftig an zu scheuern, daß sie mir mit dem schmutzigen Wasser das hellblaue Kleid bespritzte. Ich zog mich zurück und stieg die steile Treppe hinauf zu meines Vaters Stube.
    »Es ist gut, daß du kommst«, sagte er, als ich ihn begrüßt hatte. »Geh einmal hinüber und bitte meinen Amtsbruder, er möchte sich einen Augenblick zu mir bemühen. Es ist um etwas Geschäftliches.«
    »Kann ich Kathrin nicht schicken?« fragte ich.
    »Ja, das ist mir gleich«, meinte mein Vater.
    Kathrin schlug mir meine Bitte rund ab. »Soll ich mich erst wieder anziehen, um den kleinen Weg zu machen? Du siehst, daß ich so nicht gehen kann«, fügte sie hinzu und zeigte  auf ihre schmutzige Schürze. »Also, flink, lauf hinüber, du hast noch junge Beine.«
    Ich hatte die größte Lust zu opponieren, ging aber schließlich, um nicht zu ungefällig zu erscheinen. Zögernd schritt ich über die Straße und blieb einen kleinen Augenblick vor der Tür der Pfarrwohnung stehen.
    »Doch, mein liebes Frauchen«, unterbrach sich die alte Dame, »es ist zwar nicht höflich von mir, daß ich Sie so vor der Haustür des jungen Pastors stehen lasse für heute, aber ich habe seit langem nicht so viel gesprochen und bin angegriffen. Ich habe etwas ausführlich erzählt, es ist mir ja alles noch so deutlich in der Erinnerung, und heute werde ich doch nicht zu Ende kommen mit meiner Erzählung – ich denke, ich kann in den nächsten Tagen fortfahren, wenn Sie es hören wollen.«
    Ich war so vertieft im Zuhören gewesen, daß ich ein ganz bedauerndes Gesicht machte, als sie auf einmal abbrach. »Aber bitte, bitte, dann recht bald die Fortsetzung«, bat ich. »Es interessiert mich so sehr, und Sie erzählen wunderschön. Nur eines vermisse ich: ich weiß nicht, wie Sie ausgesehen haben; besitzen Sie kein Bild von sich?«
    »O ja, und Sie sollen es haben«, sagte Fräulein Siegismund, indem sie sich erhob und Licht anzündete. Es war nämlich ganz dunkel geworden. Sie schloß einen alten Schrank auf, der viele Fächer und Schubladen enthielt, und nahm ein kleines Etui heraus.
    »Hier, liebes Kind, betrachten Sie es zu Hause, ich bin recht müde und bedarf der Ruhe.« Sie küßte mich zärtlich auf die Stirn, und als ich ihr die Erlaubnis abgeschmeichelt hatte, übermorgen wiederkommen zu dürfen, um weiter zu hören, eilte ich nach Hause, meinen Mann des langen Alleinseins wegen um Verzeihung zu bitten.
    »Herr Hauptmann ist nicht zu Hause, er bekam vor einer halben Stunde einen Brief und ist gleich wieder fortgegangen  im Helm«, sagte das Mädchen auf meine verwunderte Frage, warum denn alles finster und wo der Herr sei?
    Doch da kam er schon die Treppe herauf.
    »Ich wollte dich drüben abholen, Elli«, sagte er, »du warst aber schon fort. Komm mit, ich muß dir etwas erzählen.« Er zog mich in die Stube und faßte mich um. »Ich bekam heute abend einen Brief von deinem Vater. Die Mama ist etwas unwohl, wohl nicht bedeutend, glaub' ich. Aber es ist besser, wir reisen gleich hin, damit du sie pflegst. Ich holte mir eben Urlaub, und ich denke, mit dem Nachtzuge um zwölf Uhr können wir abreisen, meine umsichtige kleine Frau wird bis dahin reisefertig sein.«
    Seine Stimme klang so leise, so traurig, daß ich die ganze Wahrheit erriet. Meine Mutter krank, schwerkrank, und ich so weit von ihr! Mir kam vor Angst keine Träne in die Augen, in fieberhafter Eile rüstete ich alles zur Reise, und erst als wir in der Bahn saßen und ich den Kopf an meines Mannes Schulter legte, konnte ich weinen. Oh, solche Fahrt, so rasch sie geht, wie langsam kommt sie uns vor. »Wirst du sie noch lebend antreffen? Vielleicht kommst du nur gerade zurecht, ihr die lieben Augen zuzudrücken. O Gott, laß sie noch leben, laß sie noch leben, hilf nur!« dachte ich, indem ich ruhelos im Abteil hin und her schritt, ohne auf die beruhigenden Worte meines Mannes zu achten.
    Endlich, am andern Mittag, nach zwölfstündiger, ununterbrochener, langer Fahrt kamen wir an. Der Kutscher trat mit betrübter Miene an den Wagen. Auf die hastige Frage: »Wie geht es, Börner?« sagte er: »Schlecht, gnädiges Fräulein – wollte sagen, gnädige Frau. Der Herr Bruder sind auch eben gekommen.«
    Zu Hause trat uns mein Vater mit Tränen in den Augen entgegen. Ich eilte an das Krankenbett: da lag sie, die arme, liebe Mutter, mit glühenden Wangen, und sprach unverständliche Worte und Sätze; eine Diakonissin erhob sich von dem Stuhl am Bette.
    »Gottlob, sie lebt noch!« stammelte ich, als ich vor ihrem Lager niedersank. »O Gott, ich danke dir!« Es waren bange Stunden, die ich nun verlebte, und die Stunden reihten sich  zu Tagen und die Tage zu Wochen. Das Fieber ließ wohl endlich nach, aber eine Mattigkeit trat ein, die das Schlimmste befürchten ließ. Mein Mann war wieder in seine Garnison zurückgekehrt, ebenso mein Bruder, und Briefe und Telegramme brachten ihnen die Nachrichten über das Befinden der teuren Kranken. An Fräulein Siegismund hatte ich manchmal gedacht, während ich die langen Nächte am Krankenbett durchwachte. Ich wiederholte mir in Gedanken ihre einfache Erzählung und erinnerte mich plötzlich, daß ich das kleine Etui, das sie mir gegeben und das ich in der Hand hielt, als wir die Schreckenskunde aus der Heimat empfingen, irgendwo auf einen Tisch oder Schrank des Wohnzimmers gestellt hatte, konnte mich aber nicht besinnen, wo. Nun bat ich meinen Mann, danach zu suchen.
    Endlich, endlich nach unsäglich langer Zeit, gab der Arzt mir die Versicherung, daß meine gute Mama, wenn auch noch sehr matt, doch außer Gefahr sei. Oh, wie dankte ich dem lieben Gott dafür. Dann schrieb ich an meinen Mann und an meinen Bruder und hatte die Freude, meinen Mann bald darauf hier zu sehen. Er brachte mir auch das kleine Etui und einen Brief von Fräulein Siegismund, den ich hier mitteilen will:
    »Meine liebe, kleine Frau!
    Mit inniger Teilnahme hat Ihre alte Freundin stets an Sie gedacht und mit Ihnen für die Genesung Ihrer teuren Mutter gebetet. Wie unaussprechlich freue ich mich, daß sie Ihnen erhalten blieb und daß ihre Gesundheit wiederkehren wird. Hoffentlich kommen Sie in einiger Zeit wieder zurück; ich habe Sie sehr, sehr vermißt. Als ich am Tage, nachdem ich die Erzählung meiner Schicksale begonnen, an das Fenster trat, nickte mir kein freundliches Köpfchen meinen Morgengruß herüber. Ich erkundigte mich gleich, da ich glaubte, Sie seien krank, und erfuhr nun erst das Traurige. Ich habe Ihnen, mein liebes Kind, die Fortsetzung meiner Geschichte aufgeschrieben, das Erzählen hatte mich doch recht aufgeregt. Wenn ich so jeden Tag in aller Ruhe ein Stündchen schreibe, brauche ich keine schlaflosen Nächte zu befürchten, und für Sie  ist es auch besser so, als wenn Sie meine alte Stimme, die manchmal ganz heiser wird, so lange anhören sollen. Bald bin ich fertig, und dann, hoffe ich, find Sie wieder hier, und ich kann 
Ihnen meine beschriebenen Bogen überreichen. Wissen Sie noch, wo wir waren? Ich ließ Sie vor der Tür des jungen Pfarrers stehen. Es dauert lange, ehe Sie hineinkommen. Ihr lieber Mann will diesen Brief mitnehmen. Wie gern käme ich selbst, wäre gleich gekommen, um Sie bei der Pflege zu unterstützen! Doch was sollten Sie wohl mit einer alten, gebrechlichen Jungfer anfangen?
    Tausend herzliche Grüße, mein liebes Kind, von Ihrer
    alten Nachbarin.
    N.S. Ihre Blumen habe ich mir herüberbringen lassen und pflege sie nach Kräften.«
    Nun öffnete ich auch das kleine Etui, und ein Ausbruch des Entzückens entschlüpfte meinen Lippen. Ein Miniaturbild lag darin, auf Elfenbein gemalt. Ein reizendes Mädchenköpfchen hob sich von dem hellen Grunde ab. Es war kaum möglich, etwas Süßeres zu sehen, als dies rosige Gesichtchen mit den großen, blauen Augen unter den schwarzen Bogen der Brauen. Es lag ein solch neckischer und doch wieder schwärmerischer Ausdruck auf diesem länglichen, von dunklen Locken umrahmten Antlitz, daß das Original des reizenden Bildes unendlich anziehend gewesen sein mußte.
    »Das alte Fräulein war ja einmal sehr schön«, meinte mein Mann. – »Ja, sehr schön«, pflichtete ich bei. »Gott sei Dank, daß sie alt ist, sonst möchte mir die Nachbarschaft doch gefährlich werden, um so mehr, da ich noch keine Aussicht habe, zurückzukehren«, setzte ich in leichter Neckerei hinzu.
    Es war allerdings noch keine Aussicht zu meiner Rückkehr vorhanden. Der Arzt hatte dringend gewünscht, daß meine Mutter dem kalten Winter unserer Gegend aus dem Wege und nach dem Süden gehe. Sie sollte nach Italien, und da sie selbstverständlich der weiblichen Pflege sehr bedurfte, so konnte ich als einzige Tochter, so schwer es mir auch wurde, mich so lange von meinem Manne zu trennen, mir es doch nicht nehmen lassen, sie zu begleiten, und zwar um so weniger,  da noch die größte Schonung und Vorsicht anempfohlen war.
  


    So reisten wir denn am 1. Dezember ab; ich, nicht ohne die herzlichsten Grüße an Fräulein Siegismund zu senden, nachdem ich ihr schon vorher geschrieben hatte, wie unendlich ich mich freue, die Geschichte ihres Lebens lesen zu können, und daß ich sie bitte, wenn es ihr nicht zu viel Mühe mache, dann und wann einmal an mich zu schreiben.
    Wir lebten sehr still in Rom, unsere Briefe flogen häufig hin und her zwischen der ewigen Stadt und der kleinen preußischen Festung, und eines Tages hielt ich ein ziemlich dickes Paket in den Händen: die Geschichte meiner alten Freundin.
    Meiner Mutter erzählte ich den Anfang und konnte, da sie sich lebhaft für das Schicksal der alten Dame interessierte, das Manuskript vorlesen. Ein Zettelchen lag darin. Sie schrieb:
    »Anbei, meine liebe, junge Freundin, die Fortsetzung meiner Erzählung. Der Schluß soll erst noch kommen – wer weiß, wie bald. Ich fühle mich mitunter gar nicht wohl, ach, und Sie fehlen mir recht. Es ist, als ob der letzte Sonnenstrahl, der meinen einsamen Abend verschönte, mir nicht mehr leuchten sollte. Bleiben Sie nur nicht zu lange mehr! Meine Grüße bekommen Sie wohl durch Ihren Herrn Gemahl? Verzeihen Sie, wenn ich manchmal undeutlich schrieb, und erinnern Sie sich bei Lesung dieser Zeilen freundlichst
    Ihrer alten M. Siegismund.«
    Es lag etwas so Trauriges in diesen schlichten Worten, ich bekam ordentlich Sehnsucht nach dem alten, lieben Gesicht, ich hätte wer weiß was gegeben, hätte ich von unserem Hause aus über die kleine, enge Straße huschen und bei ihr anklopfen können, um sie zu trösten. Ich faltete die Bogen auseinander, sie waren eng beschrieben. Auf dem einen bemerkte ich Tränenspuren.
    »Soll ich vorlesen, Mama?«
    »Ach ja, lies«, bat sie, »aber gib mir erst ihr Bild, ich will das reizende Gesichtchen ansehen, während ich ihre Geschichte höre.« Sie hielt das Bild in der Hand und ich begann:
    »Also, vor der Tür des Pfarrhauses stand ich mit einem  peinlichen Gefühle im Herzen. Ich strich mir unwillkürlich nochmals über das Haar und zupfte an dem weißen Mulltuche, welches ich über den Schultern trug. »Heut seh' ich nicht so verwildert aus«, sagte ich mir nach einer kurzen Musterung meines Anzuges, dann trat ich ein.
    Hinter dem Glasfenster der Stubentür wurde der weiße Vorhang zurückgeschoben. Der alte Frauenkopf sah einen Augenblick hindurch, die Tür wurde geöffnet und ein Paar alte Hände streckten sich mir entgegen, indem eine freundliche Stimme sagte: »Das ist brav, mein Kind, daß Sie mich besuchen, ich habe schon lange darauf gewartet. Nun, treten Sie näher.« Ich faßte die dargebotene Hand und folgte beklommenen Herzens der Einladung.
    Himmel, wie gemütlich war es hier. Ein ordentlich anheimelndes Gefühl überkam mich, als ich mich in einen Stuhl am Fenster niederlassen mußte, wo auch der Lehnstuhl der alten Frau stand.
    Zuerst richtete ich ihr meinen Auftrag aus. Sie ging durch die Stube, öffnete eine Tür und rief hinein: »Heinrich, du sollst einmal herüberkommen zum Herrn Pastor, aber sofort, er hat mit dir zu sprechen.«
    »Gleich, liebe Mutter«, hörte ich die tiefe Stimme des jungen Mannes sagen. Dann kam sie wieder.
    »Nun sehen Sie mich mal ordentlich um. Wie lieb sehen Sie aus. Gar nicht so, wie mein Sohn Sie beschrieb.«
    »Hat er mich beschrieben?«, rief ich aus, halb peinlich berührt, halb belustigt. »Oh, ich war eben von einem Spazierritt zurückgekommen. Wir hatten einen kleinen Wettritt gemacht und da –«
    »Das ist ja ganz gleich. Ich sehe Sie so nett vor mir, daß ich es gar nicht anders wünschen mag. Sie leben auf dem Schlosse, wie Kathrin mir sagt. Wie lange wollen Sie dort noch bleiben?«
    Wie lange? Ja, darauf wußte ich nicht zu antworten. »Ich denke, bis – ich weiß wirklich nicht –« stotterte ich.
    Der Eintritt des jungen Pfarrers unterbrach meine Antwort. Heute sah er mich nicht so eigentümlich, eher flüchtig an. Er grüßte nur, fragte nach der Dauer der Abwesenheit  der Familie Bendeleben, entschuldigte sich sozusagen bei mir, daß er außer einem flüchtigen Besuche noch nicht im Schlosse gewesen sei, er habe jetzt so viele Amtsgeschäfte. Dann empfahl er sich, und gleich darauf sah ich ihn mit elastischen Schritten über die Straße gehen und in unserem Hause verschwinden. Die Mutter blickte ihm mit leuchtenden Augen nach.
    »Wie hübsch ist das alte Haus geworden«, sagte ich, mich ganz entzückt in dem sauberen, gemütlichen Stübchen umschauend. »Drüben bei uns ist es so schrecklich verfallen und öde.«
    »Oh, hier sah es noch schlimmer aus«, erwiderte die alte Frau. »Da habe ich keine Mühe gescheut, von außen haben's die Maurer und Zimmerleute instand gesetzt und hier drinnen war ich es. Sie glauben nicht, liebes Kind, was ein Paar weibliche Hände für Wunder tun können, wenn sie von einem bißchen Sinn für Ordnung und Nettigkeit regiert werden.
    Sehen Sie, ein paar weiße Vorhänge vor den Fenstern, ein paar Blumenstöcke drin, ein paar schlichte Bilder an den Wänden und ein sauberer Fußboden, das macht das ganze Zimmer nett.«
    »Ach ja«, sagte ich, »aber Kathrin versteht das nicht.«
    »Nein, Kathrin versteht das nicht und kann das nicht verstehen. Sie hat zu wenig Bildung, um Zierlichkeit zu verlangen von ihrer Umgebung. Die Hausfrau oder die Tochter des Hauses soll für diese Dinge sorgen, aber nicht die Magd. Kathrin tut ihre Arbeit, mehr kann man nicht verlangen. Das Haus und der Anzug müssen den Geist einer Frau widerspiegeln. – Doch da komme ich ganz ins Schwatzen und biete Ihnen nicht mal eine kleine Erfrischung«, setzte sie hinzu, als sie merkte, daß ich verlegen wurde.
    Sie wollte nach dem Eckschrank gehen, ich erhob mich jedoch und dankte, ich müsse nach Hause und dort nach der Ordnung sehen. Frau v. Bendeleben habe mir die Oberaufsicht anvertraut.
    »Wollen Sie schon fort? Oh, das tut mir leid«, sagte sie herzlich; »ich hoffe, Sie kommen bald wieder, so einmal mit dem Strickstrumpf zu einem Täßchen Kaffee. Ich würde mich  sehr freuen, und dann holen wir später den Vater herüber und verleben einen gemütlichen Abend zusammen – wollen Sie?«
    Ich verspürte eigentlich keine Lust, sagte aber natürlich ja und empfahl mich ziemlich eilig, von der redseligen, kleinen Frau bis zur Gartentür begleitet.
    Einen Augenblick überlegte ich, ob ich noch einmal zu meinem Vater hinaufgehen sollte. Doch da ich wußte, der junge Pfarrer war bei ihm, entschied ich mich, direkt nach dem Schlosse zu wandern, und rief nur noch zur Haustür hinein: »Guten Abend, Kathrin, sei auch nicht zu fleißig!« Dann ging ich. Ich war verstimmt, wie immer, wenn ich von dort zurückkehrte, aber gewöhnlich verflog die kleine Wolke bald unter der Anregung, die ich im Schlosse fand. Heute fehlte mir Hannas freundliches Wesen, die mir alles Trübe so leicht hinwegschmeichelte. Ich sehnte mich danach, ihre hübschen, grauen Augen zu sehen und zu hören, wie sie sagte: »Meine schöne Gretel« – so nannte sie mich immer – »hat heute wieder die Schmollfalte zwischen den Augenbrauen«, dann strich sie mit den weichen Fingern über meine Stirn, und ich wurde wieder vergnügt.
    Heute saß ich allein und kam mir so einsam vor, so verlassen! »Oh, wer doch eine Mutter hätte!« rief ich, und eine Art Neid überkam mich, als ich an den jungen Pastor dachte. Dann fand ich, daß ich wohl Ursache hätte, zu weinen. Es wäre wohl ganz anders geworden, wenn sie noch lebte, und ich weinte die Beschämung hinweg, die mir die einfachen Worte der alten Frau unten im Dorfe verursacht hatten. Die Nacht träumte ich, in unserem kleinen Hause sähe es ebenso schmuck aus wie drüben, und Frau Renner stand da und lobte die weißen Vorhänge, und ich saß eben mit verwildertem Haar im Reitkleide auf dem Sofa, und der junge Pastor stand vor mir und sagte: »Jetzt sind die Pferde gesattelt, wir wollen zur Kirche reiten.«
    Als ich am andern Morgen erwachte, mußte ich lachen über den Unsinn und blieb, da ich mancherlei zu tun hatte, vergnügt und heiter. Die einsamen Tage schwanden schneller dahin, als ich glaubte, und wieder war eine Woche vergangen,  in der ich das Dorf nicht besucht hatte. Dies fiel mir schwer aufs Herz, als ich, im Begriff, nach Hause zu reiten, aus dem Walde herauskam und das Dorf im Scheine der untergehenden Sonne vor mir liegen sah. Ich hatte mir die Zeit so angenehm vertändelt mit Lektüre, Gesang und dem wichtigen Amt der Hausfrau, die ich vertrat, daß ich auf einmal ganz erschrocken die Tage nachrechnete und fand, daß beinahe zehn Tage vergangen waren, seit ich meinen Vater zum letztenmal gesehen hatte. Kurz entschlossen, lenkte ich das Pferd auf die Dorfstraße und hielt bald vor unserer Haustür. Ich klopfte mit dem Stiel meiner Reitpeitsche an das Fenster. Da erschien Kathrinens Kopf. Aber mit dem Ausdruck des Entsetzens fuhr sie zurück, als sie mich auf dem Pferde sah, daß ich laut auflachen mußte.
    »Komm heraus, Kathrin«, bat ich, noch immer lachend, »und halte mir das Pferd; ich will einmal nachsehen, wie es dem Vater geht.«
    »Nun und nimmer!« rief sie. »Das fehlt auch noch, daß du hier vorgeritten kommst. Herr Gott, wie schäme ich mich vor der Frau Gerichtsschreiberin drüben – reite, wo du willst, wenn du das gottlose Treiben nicht lassen kannst, aber komme mir nicht wieder hierher.«
    Während dieser Predigt mußte ich immer noch lachen; mein kleiner Rappe wurde ganz unruhig und machte ein paar Sätze. »Jesus!« schrie Kathrin. »Das Tier wird noch mit dir durchgehen und du brichst den Hals – komm herunter!«
    »Wenn du meine hübsche Zuleika halten willst – gern«, sagte ich, »sie ist lammfromm und beißt nicht.«
    Kathrin erwiderte nichts, sie sah stier nach den gegenüberliegenden Fenstern des Pastors Renner, wurde plötzlich dunkelrot und machte eine Handbewegung, indem sie mit den Schultern zuckte, als wolle sie sagen: »Ich bin unschuldig daran, daß sie so verdreht ist«, dann verschwand sie. Ich wandte mein Pferd – da stand am offenen Fenster die Frau Gerichtsschreiberin mit ängstlichem Gesicht, und der junge Pfarrer trat eben auch hinzu und lächelte sehr ironisch, ganz wie damals. Ich war aber heute zu übermütig, um mich davon einschüchtern zu lassen, winkte ziemlich herablassend mit der Reitpeitsche  und sagte: »Kathrin erklärt, sie fürchtet sich vor dem Tier, und ich habe niemand, der es mir halten kann – ich wollte gern zu meinem Vater hinaufgehen«, setzte ich erläuternd hinzu. Es lag eine leise Aufforderung an die Galanterie des jungen Geistlichen darin, aber er rührte sich nicht. Er erwiderte nur meinen Gruß und meinte: »Ich glaube, es ist besser, Sie reiten nach dem Schlosse und kommen zu Fuß hierher 
zurück. Mir geht es wie Kathrin, ich fürchte mich auch vor – Damenpferden.« Dann machte er eine Verbeugung und verschwand vom Fenster.
    Eine unangenehme Zugabe, dachte ich, dieser junge Pastor mit seiner beißenden Ironie. Dann fiel mir etwas ein: ich warf mein Pferd herum, ritt nach dem Schlosse und ließ den kleinen Jockei aufsitzen, der uns sonst immer begleiten mußte, und kam nun, von diesem gefolgt, bald wieder vor meines Vaters Hause an, sprang, von dem Diener unterstützt, leicht vom Pferde, warf ihm die Zügel zu und befahl ihm, die Tiere langsam auf und ab zu führen. Dann ging ich hinauf zu meinem Vater.
    »Guten Tag, Gretchen! Kommst du auch einmal, nach mir zu sehen? Wie geht es dir, und was war vorhin unten für ein Wortwechsel? Die Kathrin warf wieder einmal alle Türen zu, daß das Haus dröhnte. Gott weiß, was die Alte wieder hat«, sagte mein Vater. »Du kommst jetzt so selten, Kind; ich habe dir etwas mitzuteilen, und es ist gut, daß du heute endlich da bist. Komm, setze dich.« Er winkte nach dem Sofa, drehte sich halb in seinem Sessel herum, schob die Brille auf die Stirn, und nach ein paar langen Zügen aus der Pfeife, fuhr er fort: »Nicht wahr, Kind, du kannst doch noch einige Zeit auf dem Schlosse bleiben?«
    »Ja, lieber Vater, ich denke wohl, man behält mich dort noch gern.«
    »So, und wenn das nicht wäre, so hat mir Frau Gerichtsschreiberin Renner drüben angeboten, dich bei sich aufzunehmen, und –«
    »Warum?« rief ich hastig. »Wie kommst du darauf?«
    »Ich will reisen, mein Kind, ich will, da ich noch so wenig gesehen habe, die Museen der größeren Städte besuchen. Ich  werde längere Zeit abwesend sein und möchte dich natürlich unter bestem Schutz wissen.«
    »Du kannst ruhig reisen, lieber Vater«, versicherte ich, »ich bleibe selbstverständlich auf Bendeleben. Ich weiß nicht, wie dir der Gedanke kommt, daß ich von dort fort müsse.«
    »Du hast recht, Kind, es ist auch ein komischer Gedanke, aber wie so etwas manchmal plötzlich kommt! Man will doch für alle Fälle gesorgt haben, wenn man eine so lange Reise vor sich hat. Es könnte ja sein, die Hanna bliebe nun in Wien bei der Tante, oder die ganze Familie ginge längere Zeit auf Reisen – für diesen Fall findest du drüben jederzeit freundliche Aufnahme.«
    »Nie gehe ich dorthin, lieber hause ich hier ganz allein mit Kathrin!« rief ich, und die Tränen schossen mir in die Augen. »Der junge Pastor drüben kann mich nicht leiden und seine Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, weil ich reite. Ist es denn überhaupt eine Sünde, auf dem Pferde zu sitzen? Kathrin schilt und sagt, ich solle nicht hierherreiten, sie schämt sich meiner. Mein Gott, tue ich denn etwas Böses?« Ich brach in Tränen aus.
    Mein Vater wollte mich trösten, war aber dabei so ungeschickt, daß er gar nicht wußte, wie er es anfangen sollte. Er stellte, offenbar peinlich berührt, seine Pfeife in die Ecke und kam zu mir.
    »Weine nicht, Kind, die Kathrin ist wunderlich. Etwas Böses ist es ja gerade nicht, sie meint nur, du seiest keine vornehme Dame, und deshalb schicke es sich nicht für dich. Du darfst ihr das nicht übelnehmen, sie meint es schließlich doch nur gut. Sieh, verbittere mir den Abschied nicht, ich möchte dich gern heiter hier zurücklassen.« Er streichelte mir dabei liebkosend die Wangen, so daß ich, von dieser ungewohnten Zärtlichkeit gerührt, meinen Arm um seinen Hals schlang und unter Schluchzen fragte: »Willst du denn schon so bald fort? Warum sagst du mir es heute erst?«
    »Weil ich nicht gern lange vorher von etwas spreche. Übermorgen denke ich zu reisen, mein Kind. Nicht wahr, du kommst morgen noch einmal zu mir, es gibt doch mancherlei zu besprechen! Wenn so ein alter Mann auf Reisen geht,  kann man nie wissen, ob er wiederkommt. Nun weine nicht so, mein Kind, ich bringe dir auch etwas Schönes mit.«
    So hatte mein Vater noch nie zu mir gesprochen. Ein unsäglich wohltuendes Gefühl überkam mich. War es der Abschied, der ihn so weich machte? Er hielt mich noch immer umfaßt, als ich bat: »O geh nicht fort, bleibe hier. Ich will ja auch zu dir kommen und dir alles so behaglich machen, wie nur möglich. Ach, bleibe jetzt hier.«
    »Nein, mein Kind, wenn ich wiederkomme, sollst du bei mir bleiben. Sieh, ich muß reisen meiner wissenschaftlichen Werke halber. Für jetzt lebe bei Bendelebens weiter und sei vergnügt, wie es deinen Jahren zukommt. Ich will dir auch schreiben. Zu oft wird's freilich nicht werden, und du antwortest dann, nicht wahr? Und komm morgen nachmittag noch einmal her, ich habe jetzt noch so viel zu schreiben. Willst du?«
    Er schloß mich noch einmal in seine Arme, und ich ging. Als ich auf der Treppe war, kam er mir nach. »Du bist ja wohl hergeritten, Gretchen? Da muß ich dich doch auch einmal zu Pferde sehen. Ich komme mit.«
    »Du guter, lieber Vater!« rief ich, und allen Kathrinen zum Trotz stieg ich glückstrahlend auf mein Pferd, während mein Vater in der Haustür stand.
    Da hörte ich Kathrinens Stimme: »Na, wenn der Herr Pastor es selbst bewundern, dann kann unsereins natürlich nichts mehr dazu sagen. Ach, mein Gott, da wird nichts Gutes, ich hab's ja gleich gewußt.« Jetzt rührten mich die Worte gar nicht, ich ritt von dem kleinen Hause fort nach dem Schlosse, so selig wie noch nie. Hatte ich doch zum ersten Male das Glück empfunden, mich von meinem Vater geliebt zu wissen. Dort fand ich einen Brief von Hanna. Sie würde in acht Tagen wieder bei ihrem Gretchen sein, schrieb sie. Von dem wunderschönen Wien und wie prachtvoll die Braut ausgesehen, werde sie dann erzählen.
    Es war ein glücklicher Abend, den ich verlebte. Ich malte mir aus, wie hübsch ich das kleine Haus einrichten werde, ehe mein Vater zurückkehrte, wie gut ich mit Kathrin sein wollte. Mein Pferd müßte ich natürlich mitnehmen, ohne  dieses dachte ich mir eine Existenz gar nicht möglich. Die Vorhänge vor den Fenstern sollten noch weißer sein als bei dem jungen Pastor. Ich würde dann morgens mit dem Schlüsselkörbchen im Hause umhergehen, mittags zierlich den Tisch decken, nachmittags einen Spazierritt machen und abends mit meiner Arbeit oben im Studierstübchen sitzen, trotz des blauen Tabakdampfes – oh, wenn's doch erst so weit wäre! Ich konnte die Nacht kaum schlafen, so viele Pläne kreuzten sich in meinem wunderlichen, kleinen Kopfe. – Ach, es kam alles anders!
    Mein Vater reiste ab, ich nahm Abschied von ihm mit heißen Tränen. Bendelebens kamen wieder. Jubelnd flogen Hanna und ich uns in die Arme. Da gab es zu erzählen, zu fragen – und wie reich wurde ich beschenkt!
    Die erste Nacht war vom Schlafen kaum die Rede. Hanna berichtete von Ruth. Die junge Gräfin war so schön gewesen, daß man es gar nicht sagen konnte; hatte so reizend ausgesehen in dem langen, weißen Brautkleide neben dem hohen, schlanken Gemahl. Das Palais der Satewskis war so prächtig. »Ach, weißt du, Gretel, da ist unser Schloß wie ein Bauernhaus dagegen, unmenschlich reich muß der Graf sein. Ruth tut aber noch, als erweist sie ihm eine große Gnade, daß sie ihn geheiratet hat. Du glaubst nicht, wie kalt sie all dieser Glanz läßt. Vielleicht tut sie auch nur so, den Blick von oben herab hat sie immer noch. Tante sagt, sie hätte einen Fürsten bekommen können, wenn sie gewollt hätte. Sie ist aber auch wunderschön.«
    Ich erzählte nun meine Erlebnisse. Als Hanna hörte, daß mein Vater fort sei, sagte sie: »Und wenn er nimmer wiederkommt, du bleibst bei mir.« Ich lächelte, ich hatte ja andere Pläne.
    Der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Das Getreide war von den Feldern geholt, die Manöverzeit begann, und in unserem Schlosse wurde Einquartierung angesagt: ein Oberst, dessen Adjutant, ein Hauptmann und zwei Leutnants. Die  Fremdenzimmer standen offen, Frau v. Bendeleben ging noch einmal durch sie, um sich von der Ordnung der Dinge zu überzeugen. Aus der Küche im Souterrain stiegen die verführerischen Düfte eines guten Diners. Die Tafel im Speisesaal blitzte in allem Glanz des alten Familiensilbers, Diener liefen geschäftig hin und her, und oben in unserem Turmstübchen waren wir mit der Toilette beschäftigt.
    »Es ist halb vier Uhr«, sagte Hanna, »nun müssen sie kommen. Was das wohl für Menschen sind, Gretel!« Sie steckte sich eben noch eine hellblaue Schleife an ihre blonden Locken. Reizend sah sie aus in dem weißen Kleide.
    Ich hatte wieder einmal einen meiner übermütigen Tage und stand vor dem Spiegel, um eine weiße späte Rose in meinen dunklen Haaren zu befestigen, die gar hübsch zu dem hellblauen Kleide aussah, welches die Schattierung meiner Augen hatte – ein bißchen eitel ist eben ein jedes Mädchen.
    »Bitte, nun höre nächstens auf, dich zu putzen«, sagte Hanna ärgerlich. »Du willst mich um jeden Preis ausstechen, und das gelingt dir so schon leicht genug. Laß mich auch einmal hin.« Sie trat vor den Spiegel. »Weiß Gott, Gretchen, du bist einen ganzen Kopf größer«, rief sie verwundert. »Ach, die armen Leutnants – Gretel, Gretel.«
    »Komm einmal her, Kleine«, sagte ich. »Du warst schon öfter mit jungen Herren zusammen; wie tief ist denn ein Knicks, den man so einem Leutnant machen muß?«
    »Sieh mich an«, lachte Hanna. »Den vor dem Obersten so tief, den vor dem Hauptmann so, vor dem Adjutanten so, und die Leutnants – nun, die sieht man schon gar nicht mehr. Laß uns einmal üben«; und nun knicksten wir Oberst- und Leutnants-Knickse, so daß wir schließlich herzhaft lachen mußten.
    Auf einmal hörte ich Musik. »Hanna, sie kommen!« Im Nu standen wir draußen auf dem Balkon. Von der Chaussee her war eine große Staubwolke sichtbar, aus welcher hin und wieder das Blitzen der Gewehre leuchtete; die Klänge der Musik hallten deutlich herüber.
    »Nun rasch, Gretchen, komm hinunter, von der Terrasse können wir sie am besten sehen.« Dort standen schon der  Baron nebst seiner Frau, und am Fuße der Treppe einige Diener. Frau v. Bendeleben schickte uns wieder hinauf. »Es ist noch früh genug, wenn ihr euch zum Diner zeigt, ich bleibe auch nicht hier. Es geniert die Herren, von Damen empfangen zu werden, und ist überhaupt nicht passend.« So gingen wir denn.
    Eine Viertelstunde verfloß unter Plaudern und Mutmaßungen über die fremden Gäste. Dann trat ein Diener ein und rief uns zur Frau Baronin in den kleinen Salon. Eben wollten wir, nachdem wir noch einmal vor dem Spiegel gestanden hatten, hinuntergehen, da kam das Stubenmädchen mir entgegen. »Fräulein Gretchen, ein Brief für Sie«, rief sie von weitem und hielt ein ziemlich großes Schreiben empor. Ganz glücklich griff ich mit beiden Händen danach, und da ich wußte, daß ich unten keine Zeit zum Lesen finden würde, bat ich Hanna, allein zu gehen und ihrer Mutter zu sagen, weshalb ich zurückbliebe, und daß ich mich sehr beeilen würde.
    Ich setzte mich an das Fenster und las. Mein Vater schrieb mir, daß er augenblicklich in München sei, daß er aber wahrscheinlich noch nach Italien gehen werde, und daß ich daher noch ein ganzes Weilchen ohne ihn bleiben müsse. Im ganzen fühle er sich recht kräftig, obgleich er manchmal bis in die Nacht hinein arbeite. Seinen bequemen Lehnstuhl zu Hause vermisse er sehr. Der Brief schloß mit einer Versicherung, daß er sich freuen werde, wenn ich ihm schreiben könne, ich sei heiter und vergnügt, und mit vielen Grüßen an Bendelebens, an Pastor Renner und dessen Mutter und an Kathrin.
    Enttäuscht ließ ich das Blatt sinken, da waren alle meine schönen Träume wieder so weit in die Ferne gerückt. Ich hatte gehofft, schon im Spätherbst meinen Vater empfangen zu können, und nun sollten noch Monate vergehen – er mußte doch gar keine Sehnsucht nach mir haben. Ich begriff das nicht. Und den Pastor sollte ich grüßen? Nimmermehr! Ich war nie wieder zu seiner Mutter gegangen, hatte, wenn er einen Besuch auf dem Schlosse machte, stets gewußt, ihm auszuweichen. Nur ein einziges Mal war er mir entgegengetreten, als ich der jungen Frau des Schloßgärtners das schwerkranke Kind pflegen half. Die arme Frau wachte die  ganzen Nächte, da hatte ich sie öfters am Tage abgelöst, damit sie ein Stündchen schlafen könne. Nun war er plötzlich in das Krankenzimmer getreten, hatte mich freundlich gegrüßt, ohne scheinbar verwundert zu sein, mich dort zu treffen, und sich dann über das kleine Bettchen gebeugt und die Hand auf das heiße Köpfchen des Kindes gelegt. Ich war verlegen geworden, und mir fiel ein, wie 
dieser Mann, der jetzt so liebreich schmeichelnde Worte zu dem kleinen Kerl sprach, mir damals einen so harten Verweis in ironischem Tone erteilt hatte. Das Blut war mir wieder in das Gesicht gestiegen, und als die Mutter des Kindes gleich darauf eintrat, erhob ich mich und sagte: »Jetzt, Anne Marie, kannst du wohl deinen Posten wieder übernehmen, es ist gleich vier Uhr, die Stunde, wo wir immer unseren Spazierritt machen, und der Baron wartet.« Da richtete er sich rasch hoch auf, kein ironischer Zug lag um den Mund wie sonst, er sah ganz traurig aus, als er sagte: »Warum verwischen Sie mit so rauher Hand das schöne Bild wieder, das ich soeben sah?«
    Ich blickte ihn einen Moment groß an, ich wußte nicht, was ich hierauf erwidern sollte. Dann ging ich, ohne mich von ihm zu verabschieden – ich war ganz verwirrt gewesen von den einfachen Worten, und hatte ihn dann nur noch mehr zu meiden gesucht.
    Nein, wie gesagt, die Grüße bestelle ich nimmermehr. Zur Kathrin wollte ich einmal wieder gehen, wenn ich Zeit hätte, in den nächsten Tagen, und damit fiel mir ein, daß ich schon viel zu lange meinen Brief gelesen habe und nun rasch hinunter müsse.
    Als ich die Hand auf das Türschloß des kleinen Salons legte, hörte ich drinnen die tiefe Stimme des Barons, welcher sagte: »Nein, mein lieber Junge, das ist eine kapitale Überraschung.«
    »Junge«, dachte ich, »mein Gott, wer kann das sein?« und trat ein.
    Ich sehe sie noch alle deutlich vor mir stehen: der Baron, wie es seine Gewohnheit auch im heißesten Sommer war, vor dem Ofen, die Hände auf dem Rücken, Hanna neben ihm. Auf dem Sofa saß Frau v. Bendeleben, sie hatte ein grauseidenes  Kleid und ein Häubchen mit rosa Bändern an. Vor ihr stand ein schlanker, junger Offizier, der hielt lachend ihre beiden Hände in den seinen – Wilhelm v. Eberhardt.
    Bei meinem Eintritt wandte er sich um: wir standen uns gegenüber und sahen uns an. Später, nach langen Jahren, noch jetzt frage ich mich manchmal, warum Menschen, die verhängnisvoll füreinander werden sollen, dies nicht beim ersten Begegnen empfinden? Oh, hätte ich eine Ahnung davon gehabt, welch einen Einfluß er auf mein Leben bekommen sollte, ich wäre in mein ödes Vaterhaus geflohen und wäre dann vielleicht glücklicher geworden.
    »Sieh da, unser Wildfang!« rief der Baron. »Liebes Gretchen, sehen Sie sich einmal diesen jungen Mann an. Er gibt vor, Wilhelm v. Eberhardt zu heißen, und macht infolgedessen Vetterrechte hier geltend. Ich glaube es aber nicht eher, bis ich eine Bescheinigung vom Regimentskommandeur habe. In ein paar Jahren kann aus einem kleinen, exemplarisch mageren, ewig hungrigen Kadetten nicht ein so strammer Leutnant geworden sein.«
    Er schien nicht recht zu wissen, was er zu dieser Vorstellung sagen sollte, da er keine Ahnung hatte, wer ich sei. Aber Frau v. Bendeleben kam ihm zu Hilfe: »Die junge Dame, lieber Wilhelm, ist Fräulein Margaret Siegismund und Hannas Freundin.«
    Der Eintritt der anderen Offiziere machte dieser Szene ein Ende. Ich trat zu Hanna. Es erfolgten nun die langweiligen Vorstellungen und Entschuldigungen bei der Hausfrau über die unfreiwillige Störung im Hause.
    Leutnant v. Eberhardt lehnte am Flügel und sah zu mir herüber. Ein kleiner blonder Offizier, der Adjutant, stand vor uns und versicherte Hanna, daß er in seinem ganzen Leben noch kein solch reizendes Quartier gehabt habe. Er sprach sehr viel und sehr lebhaft und beneidete den Leutnant v. Eberhardt, daß er hier gleich Onkel, Tante und Cousinen vorgefunden hätte.
    Der Hauptmann und Premierleutnant waren ältere Herren. Der Hauptmann, dick wie eine Kugel, sah aus, als liebte er sehr die geistigen Getränke, den Premierleutnant habe ich während  der ganzen Zeit seines Aufenthaltes keine drei heiteren Worte sprechen hören. Er sah finster und mürrisch aus und schimpfte auf das schlechte Avancement. »Ich sage Ihnen, mit einer Garnitur Knochen kommt man heutzutage nicht mehr aus«, das war seine stete Redeweise. Die Namen der beiden Herren weiß ich nicht mehr. Der Oberst, ein feiner, liebenswürdiger Mann mit vollendet hofmännischen Manieren, war ein Baron Rosenberg.
    Unsere Tafel war sehr heiter und amüsant. Der kleine blonde Adjutant, ein Herr v. Bergen, Leutnant v. Eberhardt, Hanna und ich bildeten die untere Ecke, und wir waren bald im lebhaftesten Geplauder. Wir stießen auf vergnügte Stunden an, sprachen von Partien, Tanzen und von allem möglichen. Dann ertönte plötzlich die Regimentsmusik: der aufmerksame Oberst ließ den Damen ein Ständchen bringen. Ach, solche Kapelle hatte ich noch nie gehört, sie elektrisierte mich vollständig – Musik und Blumen sind das Schönste, was es auf der Erde gibt, solange man jung ist!
    »Gretchen«, erklang die Stimme des Barons, »geh, sing uns ein Lied, aber ein Volkslied, bitte.«
    Es war Dämmerung geworden, und die Diener wollten eben die Kerzen auf den silbernen Leuchtern anzünden, da sagte der Oberst: »Oh, nicht doch! Volkslieder hören sich am schönsten im Dämmern an.«
    Leutnant v. Eberhardt war aufgestanden und hatte mir den Arm geboten: »Darf ich Sie zum Flügel führen?« Wir gingen in das Nebenzimmer. Hanna war uns gefolgt und schickte sich an, meinen Gesang zu begleiten. Ich fühlte, daß ich zitterte. Vergebens besann ich mich auf ein Lied. Ich weiß nicht, wie gerade dieses Lied mir in den Sinn kam. Ich sang:
    Mondschein am Himmel,
      Unter Bäumen ein Platz,
      Dort suchte mich abends
      Mein schwarzäugiger Schatz.
    So schwarz seine Augen,
      So rot sein Mund,
      So golden der Mondschein,
      O selige Stund'! 
    So selig, so wonnig,
      So wunderbar lieb,
      Oh, ihr Steine am Himmel,
      Wenn's immer so blieb'!
    Mond ist gegangen,
      Erloschen die Stern'.
      So blaß meine Wangen
      Und er, ach so fern! –
    Ich hatte anders gesungen als sonst. Machten es die schwarzen Augen, die mich während des Singens unverwandt anschauten?
    »Bravo, Gretchen!« rief der Baron, zu dessen Lieblingen die einfachen, schwermütigen Melodien gehörten. »Aber wie kommst du auf dies traurige Lied? Bitte, verwandle dich in den Pagen und singe mir Cherubins Klage.«
    »Neue Freuden, neue Schmerzen«, hob ich an, meine ganze Sicherheit war wiedergekommen. Ich sang mit wahrer Begeisterung und fühlte, daß ich ganz besonders gut sang. Ein stürmisches Bravo belohnte mich, die Herren traten alle an mich heran, der Oberst versicherte einmal über das andere, ich müsse zur Bühne gehen, ich würde Furore machen. Der dicke Hauptmann kam mit dem gefüllten Glase: »Das trinke ich auf Ihre wunderschöne Stimme!« rief er. Der blonde Adjutant begeisterte sich zu einer längeren Rede, die damit schloß, daß er Hanna ein Kompliment über ihr ausgezeichnetes Klavierspiel machte; »denn«, setzte er hinzu, »wenn Gesang nicht gut begleitet wird, so kommt er natürlich nicht zur Geltung.« Aber wo war der Leutnant v. Eberhardt? Dort stand er noch immer am Kamin und sah zu mir herüber. Es tat mir beinahe weh, daß er mir kein Wort sagte. Es hatte ihm gewiß nicht gefallen.
    Im Speisesaal waren indes die Lichter angezündet, wir kehrten an die Tafel zurück, und das Gespräch kam auf die Musik. Eberhardt saß mir schweigend gegenüber. Später, als wir in dem warmen Augustabend auf der Terrasse auf und ab gingen, und die Bäume im Park nur leise rauschten,  trat er an meine Seite. Eine Weile ging er schweigend neben mir, dann summte er leise vor sich hin:
    Der Mond ist gegangen.
      Erloschen die Stern',
      So blaß meine –
    »Lieben Sie die Volkslieder, Herr v. Eberhardt?« fragte ich.
    »Wenn sie so gesungen werden, wie ich es vorhin gehört, über alles«, entgegnete er warm.
    Ich schwieg. Es war gut, daß es dunkelte, so konnte er nicht bemerken, wie mir das Blut heiß in die Wangen stieg.
    Nach einer Weile fing er an, mir von den Volksliedern am Rhein zu erzählen. Manchmal sang er mit heller Stimme eine Melodie. »Wenn Sie einige der Lieder singen wollen, werde ich sie Ihnen gern aufschreiben«, fügte er hinzu.
    Ich dankte ihm und sagte, daß ich mich sehr darauf freue, diese Lieder kennenzulernen.
    Hanna ging vor uns her, der blonde Adjutant sprach lebhaft auf sie ein. Wenn wir an der geöffneten Tür des Gartensaales vorbeikamen, sah ich in dem hellen Schein ihr gesenktes Köpfchen. Sie schien eifrig zuzuhören, und nur dann und wann vernahm ich ihre klare Stimme, die ein paar Worte sagte. Die älteren Herren saßen drinnen und spielten Whist, Frau v. Bendeleben sah ich nicht. Sie hatte wahrscheinlich noch Hausfrauenpflichten zu erfüllen.
    Wie im Traume schritt ich neben ihm, wie im Traume sah ich empor zum Himmel mit seinen unzähligen Sternen. Endlich blieb ich stehen und lehnte mich über das zierliche Bronzegitter. Keiner von uns sprach ein Wort. Da hörte ich auf einmal die Stimme des kleinen Leutnants. »Eberhardt«, rief er, »das ist ja famos! Da sagt mir eben das gnädige Fräulein, daß die Damen passionierte Reiterinnen sind. Nun können wir ja zusammen die ganze Umgegend durchstreifen.«
    »O ja«, rief ich, ganz hingerissen von der Aussicht, möglichst viel auf dem Pferde zu sitzen, »hier gibt es die herrlichsten Waldwege, nicht, Hanna? Zuerst reiten wir in den Eichenwald. Oh, das wird reizend!«  Wir verabredeten für den nächsten Nachmittag einen Spazierritt, und Hanna sprang auf Frau v. Bendeleben zu, die eben in die geöffnete Tür trat.
    »Mama, wir reiten morgen nach dem Eichwald, das wird wundervoll. Du kommst zu Wagen nach und wir kochen dort Kaffee. Nicht wahr?«
    »Gewiß, das ist eine hübsche Idee. Wann soll diese Partie stattfinden? Hoffentlich wird es morgen nicht wieder so spät werden mit unserem Diner? Doch, Gretel, ich wollte dir etwas sagen. Denk dir, die alte Kathrin ist da und will dich absolut sprechen. Ich suchte zu erfahren, was sie eigentlich hat. Sie erklärt aber, sie müsse es dir selbst sagen, sie wartet draußen in der Halle.«
    Ich war ganz bestürzt. Kathrin im Schlosse! Da mußte Unerhörtes passiert sein. Eilig ging ich hinaus. Vor einem der breiten Eichentische saß sie, den Kopf in die Hand gestützt. Sie hörte mein Kommen nicht, sondern sah düster vor sich hin.
    »Kathrin, ist ein Unglück passiert?« fragte ich.
    »Nein, aber ich will eins verhüten«, entgegnete sie, »deshalb bin ich hier. Du mußt mit nach Hause kommen, Gretchen – du kannst jetzt nicht hier bleiben. Deine Nachtkleider habe ich schon und ein Bett habe ich auch zurechtgemacht zu Hause. Komm!«
    Dann verstummte sie, ein Blick auf mein erstauntes Gesicht mochte ihr doch ihr willkürliches Benehmen deutlich machen.
    »Was fällt dir ein, Kathrin?« rief ich heftig. »Denkst du, du hast noch das fünfjährige Kind vor dir, das du zu Bett bringen kannst, wo und wann du Lust hast. Was sind es für Gründe, um dein törichtes Verlangen zu rechtfertigen?«
    Ich bebte vor Zorn, auch Kathrins Augen blitzten.
    »Du gehst doch mit mir!« rief sie. »Lange genug habe ich es mit angesehen, wie du hier als Prinzessin im Schlosse wohnst und doch nichts weiter bist als die Gesellschafterin des adligen Fräuleins. Jetzt lasse ich dich nimmer hier. Denkst du, ich weiß nicht, daß das ganze Schloß voll von Offizieren steckt? Und was das für leichtsinniges Gesindel ist, das erzählen  sich ja die Sperlinge auf dem Dache! Laß sie immerhin der gnädigen Baronesse ihre Schmeicheleien ins Ohr sagen, für die paßt es, dir könnte es nur den Kopf noch mehr verdrehen. Komm, ich –«
    Das war mir zu arg, ich wurde heftig, sehr heftig, und befahl ihr, augenblicklich das Schloß zu verlassen. »Ich werde an den Vater schreiben«, setzte ich hinzu, »welch eigenmächtiges Wesen du gegen mich annimmst. Jetzt sage ich dir: geh, augenblicklich! Und wenn du nicht willst, daß ich nie wieder das Haus im Dorfe betrete, so hüte deine Zunge und spare deine Ratschläge.«
    Die Alte war kreideweiß geworden während meiner Rede. Auf einmal sank sie auf den Stuhl, schlug ihre Schürze vor das Gesicht, und das Beben ihrer ganzen Gestalt verriet, daß sie heftig weinte.
    »Kathrin«, sagte ich voll Reue über meine Heftigkeit, »weine nicht, du hast mich erst zur Heftigkeit getrieben; ich bin ja fest überzeugt, daß du es nur gut mit mir meinst, aber du kannst wirklich die Verhältnisse nicht beurteilen.«
    »Gretchen«, schluchzte sie, »ich sorge mich Tag und Nacht um dich und sehe alles voraus, wie es kommen muß. Ich habe dich ja auf den Armen getragen, als du noch klein und hilflos warst, und habe deiner Mutter die Augen zugedrückt – erfülle mir nur die einzige Bitte, die ich je an dich gerichtet habe, und komme zu mir, solange die Offiziere hier im Schlosse find.« Sie sah auf, und die alten Augen blickten mich bittend und verweint an.
    »Sieh«, fuhr sie fort, »in den Tod legte ich mich, wenn du unglücklich würdest. Ich bin auch einmal jung gewesen und weiß, wie leicht es kommen kann, daß einer das Herz eines jungen Mädchens gewinnt – und heiraten, Kind, tut dich keiner von ihnen! Komm mit, Gretchen, erspare dir und mir viel Kummer. Du hast ja niemand auf der ganzen Welt, der es so gut mit dir meint als die alte, mürrische Kathrin. Folge mir, nur für kurze Zeit, nur so lange, bis –«
    »Kathrin«, rief ich, halb gerührt, halb peinlich gestimmt, »ich danke dir wirklich. Du meinst es gut mit mir, das weiß  ich, aber du ängstigst dich unnütz. Wer sollte sich wohl in mich verlieben und – nein, ich kann nicht fort von hier, jetzt wäre es lächerlich. Du weißt, sowie der Vater zurückkehrt, komme ich für immer – jetzt kann ich nicht. Sei vernünftig, Kathrin«, bat ich, als sie, ohne sich zu rühren, mich starr ansah, »geh nach Hause, ich komme bald.«
    »Gute Nacht«, sagte sie und schritt, ohne mich noch einmal anzusehen, an mir vorüber. »Ich habe alles versucht, nun komme, was –«
    Das Weitere verstand ich nicht mehr. Dröhnend fiel die schwere Eichentür ins Schloß – sie war gegangen.
    Ich nahm meine Kleider, die die Alte sich aus unserer Stube zu verschaffen gewußt hatte, und ging hinauf. In mir wogten die widersprechendsten Gefühle. Kathrinens schroffes Auftreten hatte einen schwarzen Schatten auf meine sonnige Stimmung geworfen. Wie war ich eben so selig gewesen, und nun stand auf einmal die nüchternste Prosa vor mir! Ich trat hinaus auf den kleinen Balkon, da funkelten die Millionen Sterne droben am Himmel. Oh, sollte denn der allmächtige Gott, der diese Welten alle in ihren Bahnen lenkt, nicht auch ein klein wenig Glück für so ein junges, einsames Menschenherz haben? Aber weg mit allen trüben Gedanken, ich war ja noch so jung und der ganze ahnungsvolle Zauber einer ersten beginnenden Liebe stieg in mir auf. Ich sah seine dunklen Augen auf mich gerichtet und hätte aufjauchzen mögen vor Wonne und Glück. Lange stand ich so und sah in die schweigende Nacht hinaus, wie lange – ich weiß es nicht mehr.
    »Gretchen«, flüsterte Hannas Stimme, und ihre Arme schlangen sich um meinen Hals. »Du schwärmst hier oben und Vetter Wilhelm schwärmt unten. Weshalb kamst du nicht wieder?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu: »Wie wird es morgen schön werden – du hast doch nicht vergessen, daß wir nach dem Eichwald reiten wollen?«
    »Nein, bewahre, ich habe gar nichts vergessen, nicht das geringste«, erwiderte ich, »und freue mich sehr auf den Spazierritt.« Wir plauderten noch lange, ehe der Schlaf seine Rechte geltend machte.  Am andern Morgen – die Herren waren zum Exerzieren – ging ich gleich nach dem Frühstück noch im Morgenkleide zu Kathrin. Es trieb mich, ihr ein gutes Wort zu sagen. Als ich in den Hausflur trat, kam sie mir nicht wie sonst entgegen. Ich ging in die Küche – sie war nicht da. Nun trat ich in die Wohnstube, und überrascht blieb ich stehen. Vor die Fenster waren duftige weiße Vorhänge gesteckt, der alte Nähtisch meiner Mutter stand an dem einen Fenster, darauf ein Blumenstrauß, vor dem anderen ein paar blühende Topfgewächse, und auf dem Tische vor dem Sofa ein Kaffeebrett mit einer kleinen weißen Kanne und einer Tasse und auf ihr mit blauen Buchstaben »Margarete«.
    Die Tränen traten mir in die Augen. Ich preßte die Hände gegen mein klopfendes Herz. »Alte, gute Kathrin, das alles hast du getan, um es mir im Vaterhause heimisch und traut zu machen, und ich lohnte es dir mit harten Worten!«
    »Kathrin!« rief ich mit vor Tränen halberstickter Stimme. »Kathrin!« Niemand antwortete. Da sah ich sie aus dem Hause des jungen Pastors treten. Ich ging ihr bis in den Hausflur entgegen und fiel ihr um den Hals und weinte: »Verzeih mir, Kathrin, ich war recht häßlich mit dir, und du hast alles getan, um mir eine Freude zu machen. Sei mir nicht mehr böse.«
    »Nein, Gretel, gewiß nicht«, sagte sie, »ich habe es auch nicht recht gemacht. Du bist immerhin das Kind meines Herrn, und ich habe dir nichts zu befehlen, das vergaß ich bisher. Ich werd' es nie wieder tun. Ich hab' dich gewarnt, mehr kommt mir nicht zu. Wenn dir aber das Herz einmal recht weh tun sollte, dann komm zu mir, dann sollst du sehen, daß die alte Kathrin dich so liebhat, wie eine Mutter.«
    »Ach, Kathrin, sprich nicht so, das tut mir weh«, klagte ich, »sage, was du willst, ich tue alles.«
    Einen Augenblick schwieg sie. »Nein«, sagte sie dann, »du bist kein Kind mehr und hast ein gutes Herz. Du mußt jetzt allein wissen, was du zu tun hast, nie mehr will ich dir Vorschriften machen.«
    »Und womit soll ich dir danken für alle deine Freundlichkeit?«  fragte ich, indem ich mir ein paar rasch niederrollende Tränen abwischte.
    »Ach, Kind, das ist ja gar nicht der Rede wert. Ich wollte dir eine kleine Überraschung machen, es bleibt nun für später. Und kommst du heute oder nach langer Zeit, die Blumen sollen immer frisch sein und die Tasse hebe ich dir auf.«
    Ich gab ihr den Brief meines Vaters. Ich tat es sonst nie, sondern teilte ihr nur mit, was sie zu wissen brauchte. »Behalte ihn und lies ihn, Kathrin«, sagte ich, »ich komme morgen wieder, dann will ich ihn von hier aus beantworten, und du kannst mir dann auch sagen, was ich ihm von dir schreiben soll.«
    Sie nickte und legte den Brief bedächtig in ihr Gesangbuch im Fenster und die große Hornbrille darauf, damit er nicht herunterfliegen sollte. »Warte noch einen Augenblick, ehe du gehst«, sagte sie und schritt aus der Stube. Nach einem Weilchen trat sie wieder ein, in der Hand ein paar schöne weiße Rosen. »Da, nimm sie mit, ich habe sie erst gestern morgen entdeckt, und nun geh mit Gott und fasse dein Herz fest, damit keine törichten Gedanken hineinkommen. Du stehst auf einem glatten Fußboden und kannst leicht ausgleiten, – sieh manchmal nach unserem Dache herüber, du weißt schon, was ich meine.«
    Dann drängte sie mich zur Tür: »Adieu, du wirst Eile haben.«
    Ja, ich wußte, was sie meinte, und dachte darüber nach auf dem Rückwege. Es war im Grunde recht sonderbar von Kathrin, derartige Gedanken zu hegen, und ich war auch gestern abend durch die Musik und das Sprechen erregt gewesen. Heute begriff ich kaum, wie ich gestern so schwärmerisch in die Sterne hatte schauen können, und doch, wenn ich an die schwarzen Augen dachte, fing mein Herz rascher an zu klopfen. Oh, Kathrin, sei unbesorgt, ich werde auf meiner Hut sein, mein Herz halte ich fest. Sprechen und plaudern mit ihm – davon wird man ja nicht gleich unglücklich werden. Nein, gewiß, Kathrin war übertrieben ängstlich, und sie sah es auch schon halb ein.
    Freilich, als ich ihn bei Tische wiedersah, und als er später  neben mir zu Pferde saß, da dachte ich kaum mehr daran, daß es eine Kathrin in der Welt gab, und ihre guten Lehren hatte ich längst vergessen. Es war so köstlich, in dem grünen Walde langsam dahinzureiten. Und wenn ich aufblickte, sah ich seine Augen auf mich gerichtet, daß ich die meinigen verwirrt senken mußte. Was wir sprachen, das weiß ich nicht mehr, gewiß gleichgültige Dinge, und doch, ich glaube, ich habe mich niemals so gut unterhalten. Ach, Kathrin, Kathrin, wenn du uns so gesehen hättest, und eine deiner weißen Rosen an seiner Uniform – deine Sanftmut wäre dahin gewesen.
    Ich erzählte auch von meinem Vater, und wie einsam ich sein würde, hätte ich nicht die Zufluchtsstätte im Schlosse gefunden.
    »Ich habe auch keine Eltern mehr, schon seit vielen Jahren«, sagte er, und ein trauriger Zug legte sich um seinen Mund. »Aber ein Mann empfindet es nicht in der herben Weise, wie ein Mädchen, deren Platz doch eigentlich das Vaterhaus ist, bis sie ihrem Gatten folgt.«
    »Ich will auch zu meinem Vater«, bemerkte ich leise, »sobald er wieder von seiner Reise zurückgekehrt ist. Ich freue mich schon jetzt darauf, aber sagen Sie es Hanna nicht, sie hat noch keine Ahnung davon.«
    »Wer weiß, wie lange Hanna noch im Vaterhause weilt«, lächelte er. »Sehen Sie einmal den kleinen Bergen an, wie gefällt er Ihnen?«
    Ich war ganz erschrocken über den Zusammenhang dieser beiden Fragen, die eigentlich ganz zufällig sein konnten.
    »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht«, erwiderte ich und blickte dem Paar mit großen Augen nach, das angelegentlich miteinander plauderte. Dann sah ich zu Leutnant v. Eberhardt hinüber, doch er mochte längst vergessen haben, was er eben gesagt hatte, seine Augen schweiften über die Lichtung, in der wir uns befanden. In vollen Zügen sog er den harzigen Duft der Tannen ein. ``Wollen wir ein wenig rascher reiten?« fragte er. Ich war gleich dabei, und so flogen wir bald an Hanna und ihrem Begleiter vorüber.
    Ach ja, es waren schöne, himmlische Tage, wie sie wohl einem jeden einmal beschieden sind auf dieser Welt, und diese  Zeit taucht aus dem sonst so trüben Meere meines Lebens wie eine grüne, sonnenklare Insel auf. Ich will sie nicht beschreiben, diese schöne Zeit der erwachenden Liebe, beruht doch der ganze Zauber manchmal nur in einem Blick aus jenen lieben Augen – ein paar kurze, für andere bedeutungslose Worte lassen unser Herz höher schlagen, man vergißt Zeit und Umgebung und sieht nur allein die teure Gestalt, und Lächeln und Tränen wechseln miteinander ab.
    Aber ich war es nicht allein, deren Herz in dem Aprilwetter der Liebe bebte, auch Hannas Wesen war verändert. Der kleine, blonde Herr v. Bergen wich kaum von ihrer Seite, und ihre zuzeiten ungewöhnliche Heiterkeit, der bald in unserem stillen Zimmer ein Tränenerguß folgte, zeigte mir nur zu deutlich, daß auch sie im Begriff war, ihr Herz zu verlieren, oder es bereits verloren hatte. Gleichwohl sprachen wir uns gegenseitig nie aus. Jede wußte wohl der anderen Geheimnis, hütete sich aber, daran zu rühren.
    Ob Frau v. Bendeleben nichts merkte oder nichts merken wollte, ist mir stets rätselhaft geblieben. Da wir auf alle in Aussicht gestellten größeren Festlichkeiten einer entfernten Trauer wegen verzichten mußten, und die Herren, um in unserer Gesellschaft zu weilen, ebenfalls vorzogen, auf Schloß Bendeleben zu bleiben, und auf die Manöverbälle zu verzichten, so hatte sie beständig Gelegenheit, uns zu beobachten, was ihr in größerer Gesellschaft schwer geworden wäre. Anscheinend war sie aber stets in die Unterhaltung mit dem Obersten oder Hauptmann so vertieft, daß sie für uns junge Leute kaum ein Auge zu haben schien, nur dann und wann streifte ein Blick unsere Gruppe. Im übrigen konnten wir plaudern, musizieren und in Begleitung des Barons in dem Park reiten, soviel wir wollten.
    Vierzehn Tage gehen rasch vorüber, und wenn man von dem nun so nahen Abschied sprach, sah ich Hannas rosiges Gesichtchen erbleichen. Ob es mir besser erging? Ich weiß es nicht.
    Am Tage vor dem Abmarsch, es war am 2. September, hatten wir ungewöhnlich lange bei Tische gesessen, und die Sonne senkte sich bereits, als wir uns erhoben. Unsere Pferde  standen schon, ungeduldig scharrend, vor der großen Freitreppe, wir wollten zum letztenmal einen Spazierritt machen. Hanna und ich stiegen zu unseren Stübchen hinauf, um die Reitkleider anzuziehen. »Wie einsam wird es morgen hier wieder sein, Gretel«, sagte sie leise und sah mich an. Sie wollte lächeln, und doch standen Tränen in den großen Augen.
    Ich konnte nichts erwidern. Die letzte Nacht war mir schon schlaflos vergangen, und Kathrinens Worte: »In den Tod legte ich mich, Gretchen, wenn du unglücklich würdest«, klangen mir immer vor den Ohren. Ich hatte beinahe gar nicht, höchstens flüchtig an sie gedacht in diesen seeligen Tagen, und erst bei der Mahnung an den bevorstehenden Abschied war es mir zentnerschwer auf die Seele gefallen: Wenn Kathrin recht behalten sollte! Wenn er nur sein Spiel mit mir getrieben hätte, wenn jene halb geflüsterten und doch so vielsagenden Worte, jene glänzenden Blicke mich getäuscht hätten, wenn er mich nicht liebte?
    Heftig strich ich meine Locken zurück und drückte den Hut mit dem blauen Schleier darauf, während ich hoch aufatmete, als müßte ich vor Angst ersticken, aber nein – es war ja nicht möglich, sein ganzes Wesen bürgte mir für seine Ehrenhaftigkeit. Wie teilnehmend hatte er sich nach meinem Vater erkundigt, wie bedauert, daß mir keine liebende Mutter zur Seite stand. Alles, was er sagte, hatte so wahr, so echt geklungen. Nein, und tausendmal nein, er liebte mich, das hatte ich in seinen Augen gelesen, und wenn sein Mund es auch nicht aussprach, ich wußte es doch – und war glücklich.
    Als wir in unseren Reitanzügen hinunter kamen, und er mir beim Aufsteigen die Hand bot, traf mich ein so glücklicher Strahl der dunklen Augen, daß ich erschrak. Nebeneinander ritten wir in den würzigen Herbstabend hinein. Die scheidende Sonne warf purpurrote Strahlen auf die Wipfel der Eichen und Buchen am Waldwege, die Luft war klar und mild, und klar und mild klang seine Stimme zu mir herüber. Hinter uns kam Hanna mit Herrn v. Bergen, und ihnen folgte der Baron mit dem Obersten, der sich zum Abschied der kleinen Kavalkade angeschlossen hatte.  »Wir reiten nach dem Forsthause!« rief der Baron uns zu, und bald befanden wir uns in der grünen Dämmerung. Die Vögel hatten schon ihre Nester aufgesucht, es war eine heilige Abendstille in der Natur. Nur von fern klang die Glocke der kleinen Kirche von Weltzendorf und läutete den Feierabend ein. Und die Stunde war gekommen, wo mir das Leben den vollen Rosenkranz in die Locken drückte, wo mir der geliebte Mann sagte, daß er mich liebe, wo er mich fragte, ob ich 
sein werden wolle für alle Zeit.
    Die Dunkelheit war hereingebrochen, aber in meinem Herzen war eine strahlende Sonne aufgegangen. Zitternd lag meine Hand in der seinen, und eine namenlose Seligkeit stieg in meinem Herzen auf. Oh, die Welt, das Leben, wie lag es rosig vor mir, und wie schön war es?
    Längst befanden wir uns auf dem Rückwege. Ich hatte kaum bemerkt, daß wir umkehrten, ich konnte es nicht fassen, daß er mich liebte, und meinte, ich müsse erwachen aus einem schönen Traum zur traurigen Wirklichkeit. Als wir aus dem Walde kamen, stieg hinter den Wipfeln der alten Linden im Park der Mond empor und warf sein weißes Licht auf die Wege und Felder. Es kam mir vor, als hätte er noch nie so schön geleuchtet. Da rief der Baron: »Gretel, singe uns ein Volkslied, das ist die richtige Stunde dazu: ein Dorf unter Lindenbäumen und Mondschein darüber ausgegossen. Bitte, singe.«
    »Gretchen, mein Gretchen, sing mir das Lied noch einmal, das ich zuerst von dir hörte«, flüsterte er mir zu, und ich sang, und der ganze Jubel meines Herzens tönte aus mir heraus:
    Mondschein am Himmel.
      Unter Bäumen ein Platz.
      Dort suchte mich abends
      Mein schwarzäugiger Schatz.
    So schwarz seine Augen.
      So rot sein Mund,
      So golden der Sonnenschein,
      O selige Stund'! 
    So selig, so wonnig.
      So wunderbar lieb,
      Oh, ihr Sterne am Himmel,
      Wenn's immer so blieb'.
    Mond ist gegangen –
    »Oh, nicht den letzten Vers«, sagte er rasch, »nie den letzten, er ist so traurig und paßt nicht für uns.«
    Erschrocken hielt ich inne. Ja, morgen war er schon fern, aber nur für eine Zeit, es kam ja ein Tag, an dem ich ihm für immer gehören sollte.
    »Gretchen, unsere Liebe muß vorläufig ein Geheimnis bleiben«, flüsterte er, indem er meine Hand ergriff und sich zu mir herüber beugte.
    »Niemand darf etwas ahnen, mein Lieb, selbst gegen Hanna schweige. Die Gründe kann und will ich dir jetzt nicht sagen, die schöne Stunde soll nicht getrübt werden. Ich werde oft nach Bendeleben kommen, sehr oft, und es wird und muß sich Gelegenheit finden, dich zu sehen! Und nun laß mich noch einmal in dein liebes Auge schauen; wir sind gleich am Schloß.«
    Da hielten wir an der Treppe. Er hob mich aus dem Sattel und drückte mich an seine Brust. »Oh, ihr Sterne am Himmel, wenn's immer so blieb'«, jubelte er mir leise zu, dann drückte er mir noch einmal die Hand und sagte: »Sei vorsichtig, mein Lieb, und verbirg unser Glück.«
    »Darf auch mein Vater nichts wissen?« fragte ich leise.
    »Nein, Gretchen, sobald es geht, sage ich es ihm selbst.«
    Hannas Herantreten machte unserem Gespräch ein Ende, und ich fand mich erst wieder, als ich oben in unserem Stübchen war, vor meinem Bette niederkniete und den Kopf in die Kissen gedrückt, dem lieben Gott für das große, unverdiente Glück gedankt hatte. Ich kam mir so stolz vor, so sicher; oh, was würde mein Vater sagen und Kathrin! Kathrin, wie schlecht hast du von den Menschen gedacht, wie unrecht hattest du. Oh, über dieses namenlose Glück!
    Dann lief ich vor den Spiegel und lachte mich an. Es kam mir so wunderbar vor, daß er in meine Augen gesehen, meinen Mund geküßt hatte. Wer doch diese Zärtlichkeit  erzählen dürfte! Was würde Kathrin für Augen machen, wenn ich ihr sagen könnte: »Kathrin, hast du schon einmal eine Braut gesehen? Sieh mich an, ich bin eine, und die glücklichste auf der ganzen Welt!«
    Wer es war auch schön, daß es niemand wußte! Ich wollte ganz fremd tun, nur hin und wieder einen Blick. – Und nun mußte ich hinunter – wo blieb nur Hanna?
    Ich bemühte mich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. Ob es mir gelungen ist, ich weiß es nicht. Es achtete aber auch niemand auf mich, denn als ich in den kleinen Salon trat, fand ich alles in größter Aufregung. Einen Augenblick herrschte Schweigen, als ich erschien. Der Baron ging mit heftigen Schlitten auf und ab, Frau v. Bendeleben saß am Kamin und sah bleich aus und zupfte in nervöser Hast an den Fransen ihres Kleides, und dort auf dem niedrigen Sessel saß Hanna, das Gesicht in ihr Taschentuch verborgen, die ganze Gestalt wie gebrochen. Er war nicht da.
    »Sei vernünftig, Hanna«, ertönte des Barons Stimme wieder, »und überlege. Wie kannst du von mir verlangen, daß ich sofort zu allem ja und Amen sage? Es ist ein törichtes Ansinnen, daß ich es nur deiner Jugend anrechnen mag. Du kennst ihn kaum vierzehn Tage. Wie kann ich dein Geschick in die Hand eines Mannes legen, der uns allen noch so fremd ist? Was habe ich für eine Bürgschaft für dein Glück?«
    »Ach, Bernhard«, unterbrach ihn Frau v. Bendeleben, »verschwende deine Worte nicht weiter. Hanna muß und wird sich zusammennehmen und diese eigentümlichen Ideen fallen lassen. Ich begreife nicht, daß ich nichts bemerkt habe von dieser angehenden Schwärmerei. Mir machte über Herr v. Bergen einen so durch und durch vernünftigen Eindruck –«
    »Oh, Mama«, schluchzte Hanna, »rede nicht so, wir haben uns wirklich lieb.«
    »Kind, bitte, verschone uns mit deinen Beteuerungen. Du solltest etwas mehr Stolz zeigen, und nicht um den ersten besten Leutnant, der vorgibt, dich zu lieben, so viel Tränen vergießen, daß man meinen kann, es sei ein Unglück passiert.«
    Ich war indessen zu Hanna getreten und wollte schützend meinen Arm um sie legen. Da richtete sie sich auf, und mit  einer Energie, die ich diesem zarten, schmiegsamen Wesen nie zugetraut hätte, sagte sie, so daß selbst Wilhelm v. Eberhardt, der jetzt eintrat, erstaunt an der Tür stehenblieb: »Ja, Mama, ich werde dich verschonen mit meinen Klagen. Aber das sage ich dir, und auch dir, Papa: nie werde ich von meiner Liebe zu Bergen lassen, nie, und ich habe jetzt nicht nur den Schmerz einer unglücklichen Liebe im Herzen, sondern sehe wieder aufs neue, wie Ruth stets bevorzugt wurde. Dem Grafen Satewski gab man das Jawort, als er, kaum eine Stunde in unserem Hause, seine Bewerbung angebracht hatte. Da war es nicht nötig, ihn erst zu prüfen. Er ist ja Graf, das bürgte für ihn. Leutnant v. Bergen wurde abgewiesen, weil er eben ein armer Leutnant ist. Aber ich schwöre es euch, niemals lasse ich von ihm, nie!« Sie schritt mit erhobenem Haupte und blitzenden Augen aus der Tür.
    Sprachlos sahen sich Herr und Frau v. Bendeleben an. War das wirklich Hanna, die zarte, fügsame Hanna gewesen, die diese leidenschaftlichen Worte gesprochen?
    Mein Blick lenkte sich auf Eberhardt. Er sah mich an, als wollte er sagen: Siehst du, wie gut es ist, daß man unser Geheimnis nicht kennt?
    Dann sagte er: »Verzeih mein Eindringen, lieber Onkel. Ich kam, um ein gutes Wort für Bergen einzulegen, sehe aber, daß es wohl jetzt nicht die richtige Zeit ist. Aber bitte, liebe Tante, verwirf ihn nicht ganz. Überlegt es! Ich kenne ihn zwar noch nicht lange, bin aber überzeugt, daß er ein ehrenfester Charakter ist – fragt den Obersten, er wird ihm das günstigste Zeugnis geben.«
    »O bitte, liebste gnädige Frau!« bat ich. »Hanna wird am Ende krank. Sagen Sie ja, sie lieben sich doch so sehr.«
    »Es ist unrecht von dir, Gretchen«, sagte die Baronin schroff, indem sie aufstand, »sehr unrecht, mir nichts von dieser plötzlichen Leidenschaft Hannas mitgeteilt zu haben. Wieviel Unangenehmes hätte sich verhüten lassen.«
    »Ich habe nichts gewußt«, erklärte ich fest. »Soeben erfahre ich erst von der unglücklichen Geschichte, und wenn mich Hanna wirklich zur Vertrauten ihres Geheimnisses gemacht hätte, so würde ich nimmermehr etwas verraten haben. Sie, Frau Baronin,  sind stets zugegen gewesen, wenn wir beisammen waren, und haben dasselbe gesehen wie ich.«
    »Eine fatale Geschichte, eine ganz fatale Geschichte«, murmelte der Baron vor sich hin. »Was soll man nun eigentlich tun? – « Wo ist Bergen hingegangen, und was sagt er zu den Gründen meiner Weigerung?« fragte er Eberhardt.
    »Er war sehr blaß, Onkel, als er zu mir aufs Zimmer kam und fragte, was er tun sollte, und ob hier im Dorfe eine Schenke sei, wo er übernachten könne. Ich redete ihm zu, aber ich fürchte, er ist doch fortgegangen.« »Fatal, fatal«, eiferte der Baron. »Aber so sind die jungen Herren heutzutage: Biegen oder Brechen. Vernünftig und mit Überlegung handeln – das haben sie nicht gelernt. Ich bin auch einmal jung gewesen, aber der Teufel hätte mich holen sollen, wenn ich gleich jedem hübschen Frauenzimmer, mit dem ich ein paarmal zusammen war, einen Heiratsantrag gemacht hätte. Es ist gar kein Anstand mehr in der heutigen Jugend. Sonst fragte man erst den Vater, und dann, wenn er damit einverstanden war, wurde dem Mädchen eine Erklärung gemacht, aber jetzt? Da ist man natürlich zuerst unter sich einig, und wenn der Herr Vater sich nachher weigert, dann gibt's Weibertränen und ein Hallo, daß man vor Ärger den Schlagfluß haben könnte. Hol der Teufel solche verfluchten Geschichten!«
    »Ich gehe zu Hanna«, sagte ich und näherte mich der Tür. Der Baron, der sich in die Wut geredet hatte, polterte schon wieder los: »Aber freilich, so ein Herr Leutnant, der nichts hat, dem ist's angenehm, sich von dem Gelde seiner hübschen Frau ein Nest zu bauen, und der glückliche Schwiegervater kann sehen, wie er –«
    Weiter vernahm ich nichts mehr; ich stand draußen auf dem Korridor. Oh, allmächtiger Gott, welch ein Rückschlag, ganz wirr war mir zumute. – da hörte ich leise Schritte hinter mir. Ich wandte mich um und stand Herrn v. Bergen gegenüber. Er sah blaß aus, doch leuchtete sein Blick freudig auf, als er mich bemerkte. »Fräulein Gretchen«, bat er, »wollen Sie an Hanna eine kleine Bestellung übernehmen?«
    »Oh, herzensgern!« sagte ich.  »Dann sagen Sie ihr, sie solle ruhig sein, es müsse sich noch alles zum Guten wenden, und ich bliebe ihr treu.« Er drückte mir die Hand und ging, fest in seinen Mantel gehüllt, leisen Schrittes die Treppe hinunter durch die Halle. Ich hörte die Tür, die ins Freie führte, sich wieder schließen – er war fort.
    Hanna lag oben in Tränen aufgelöst auf dem Sofa. Sie wollte von keinem Troste wissen, selbst die Bestellung Bergens nötigte ihr nur ein trauriges Kopfschütteln ab. »Es ist doch alles vergebens«, sagte sie, und die Tränen flossen wieder in großen Tropfen über die bleichen Wangen. »Alles vergebens, oh, könnte ich doch sterben!«
    Ganz erschöpft lehnte sie sich endlich in die Kissen zurück und preßte das feuchtgeweinte Tuch an ihre schmerzenden Schläfen. Da pochte es leise an unsere Tür. Hanna hatte es nicht vernommen; ich ging hinaus – Wilhelm v. Eberhardt stand im Dunkel des kleinen Vorzimmers.
    »Ich wollte mich erkundigen, wie es Hanna geht?« fragte er halblaut, dann aber zog er mich heftig an sich, und indem er seinen Mund auf meine Lippen preßte, sagte er: »Gretchen, ich fürchte, wir werden viel zu kämpfen haben um unsere Liebe. Verliere nicht den Mut, und vor allen Dingen: sei verschwiegen. In einem Jahre bin ich majorenn, ich kann dann tun und lassen, was ich will. Bis dahin darf niemand etwas ahnen. Dein Aufenthalt hier im Schlosse wäre mit dem Bekanntwerden unseres Geheimnisses ein schrecklicher, oder gar für immer vorüber, und Hanna bedarf deiner noch sehr. Weißt du keine gute, zuverlässige Person, der ich Briefe für dich anvertrauen kann und die deine Antworten vermittelt? Hören muß ich von dir, sonst könnte ich es nicht ertragen.«
    Mein erster Gedanke war Kathrin. Aber nein, die hätte nimmer einen heimlichen Briefwechsel vermittelt. »Schicke deine Briefe an die Frau des Schloßgärtners«, flüsterte ich. »Anne Marie ist mir ergeben, ich habe ihr krankes Kind gepflegt. Ach, Wilhelm, wie schrecklich ist diese Heimlichkeit!«
    »Willst du, daß man mir hier das Haus verbietet«, fragte er, »und somit die einzige Gelegenheit raubt, dich zu sehen? Habe Geduld, in einem Jahre komme ich, und dann soll die  ganze Welt erfahren, daß du meine Braut bist. Und nun sei noch die paar letzten Augenblicke gut und lieb und sage mir, daß du mich liebst. Ich bin morgen früh schon über Berg und Tal und kann nicht mehr dein süßes Gesicht sehen. Adieu, mein liebes, liebes Mädchen!«
    Ich schluchzte und weinte, die Aufregung dieser Tage war zu groß gewesen. Ich hatte ihm ja kaum richtig in die Augen gesehen, da ging er schon wieder fort. Ach, doppelt einsam kam ich mir vor, als ich wieder neben der leise weinenden Hanna in unserem Stübchen saß. Ich hatte vorher die Sonne nicht gekannt, die mir so strahlend aufgegangen war, nun war sie verschwunden, und es war erst recht dunkel geworden.
    Am andern Tage war es still im Schlosse und eine gedrückte Stimmung lag auf allen Bewohnern. Hanna blieb im Bett, sie fieberte etwas. Der Baron war verdrießlich, nur Frau v. Bendeleben merkte man nicht an, daß etwas vorgefallen war. Sie saß liebevoll eine Weile an Hannas Bett und tat überhaupt, als ob nie eine Einquartierung bei uns gewesen wäre, nie eine heftige Szene stattgefunden hätte.
    Ich ging nach Tische zu Anne Marie. Mir fiel es schwer, ihr mein Vertrauen zu schenken und um ihre Verschwiegenheit zu bitten. Aber ich überwand es aus Liebe zu ihm, und Anne Marie versprach mit Freuden alles, was ich verlangte. Von dort ging ich zu Kathrin, die mich freundlich empfing und mir Kaffee aus meiner blauen Tasse aufnötigte. Ich bedurfte meiner ganzen Beherrschung, ihr nicht um den Hals zu fallen und meine Seligkeit zu verkünden, aber ich unterdrückte das Gefühl. Nur einmal sagte sie: »Gretel, was ist dir denn passiert? Du siehst aus, als hättest du geweint, und doch machst du so glückliche Augen? Ist die Einquartierung fort?« fragte sie rasch hinterher. Eine dunkle Röte stieg mir ins Gesicht. »Ja, heute früh sind sie abgerückt«, sagte ich möglichst unbefangen.
    »Na, Gott sei Dank!« rief sie aus vollem Herzen.
    Es folgten nun stille Wochen. Hanna war leidend; zwar konnte man nicht sagen, daß sie eigentlich krank sei, aber sie magerte auffallend ab, das kleine Gesichtchen war fast durchsichtig weiß geworden, die Hände waren immer heiß und um  ihren Mund lag ein schmerzlicher Zug. Trotzdem bemühte sie sich, an allem Anteil zu nehmen, und es war ihr beinahe anzusehen, wie sie sich Muhe gab, in Gegenwart ihrer Eltern ihr Unwohlsein zu verbergen. Mir tat sie leid, die arme, süße Hanna. Wie glücklich war ich dagegen. Wie zitterte ich vor Freude, wenn mir Anne Mariens grobe Hand einen zierlichen Brief übergab! »Da muß etwas Schönes drin stehen«, lächelte sie, »Fräulein Gretchen sind ja ganz voll Freude.« Ich nickte nur und eilte weg, um an einer einsamen Stelle des Parkes all das zu lesen, was die sehnsüchtige und zärtlichste Liebe schrieb. Ich merkte kaum, daß schon ein kalter Herbstwind wehte. Mir glühten die Wangen vor Freude und Glück, und nur ungern, und nachdem ich beinahe alles, was drin stand, auswendig wußte, 
ging ich ins Schloß, um meinen Schatz zu verbergen.
    Die Antworten machten soviel Schwierigkeiten. Wie oft, wenn ich eben angefangen hatte zu schreiben und mich unbemerkt glaubte, hörte ich Hannas jetzt so müden, schwachen Tritt im Vorzimmer, und schnell verschwand Feder und Papier in meiner Kommode. Einmal hätte mich sogar Frau v. Bendeleben beinahe überrascht. Mein Gott, wie erschrak ich. Zum Glück war es kurz vor ihrem Geburtstage, und sie tat, als ob sie nichts bemerkte, daß ich so eilig etwas vor ihr verbarg. Doch trotz aller Störungen und Hindernisse war ich imstande, ziemlich regelmäßig meine Briefe der Anne Marie zu bringen. Zweimal in der Woche kam Wilhelms Bursche, der treueste Mensch auf der Welt, und wie ein Bauer gekleidet holte und brachte er Briefe.
    Mein Vater schrieb aus Italien ganz begeistert über alles Schöne, was er dort sah. Von seinem Zurückkommen war poch keine Rede. Die Briefe kamen auch nicht oft, aber sie machten mir doch allemal eine große Freude, und ich brachte sie immer gleich der Kathrin. Die gute Seele schmiedete Pläne, wie schön es sein würde, wenn der Herr Pastor erst wieder da wäre und Gretchen hier unten in der Wohnstube am Fenster säße. Ich stand dabei und lächelte. Es war mir beinahe wehmütig, aber ich wollte ja mit ihm ziehen! Armer Vater! Dein Gretchen kommt nun doch nicht wieder in dein  Haus, oder nur für kurze Zeit, um dann für immer zu gehen. Aber ich wußte, es machte ihn sehr glücklich, daß er sein Kind so wohl geborgen sah. Oh, wenn doch die Zeit Flügel hätte!
    Der Oktober war herangekommen und hatte das Laub in Park und Wald bunt gefärbt. Die Ranken des wilden Weines hingen dunkelrot von dem Gitter der Veranda herunter, ein feiner Nebel hüllte die ganze Gegend ein. Welke Blätter bedeckten die große Allee, und die Dorfkinder suchten sich verstohlen die braunen, blanken Kastanien auf. Hanna und ich waren spazieren gewesen am Nachmittage, nur im Park, denn sie fühlte sich immer so müde und hatte sich heute ganz besonders fest auf mich gestützt. Das arme Ding hatte Tränen in den Augen.
    »Mich macht der Herbst diesmal so traurig, Gretel«, sagte sie, als ich, um ihr eine Freude zu machen, einen Ebereschenzweig mit purpurroten Beeren abpflückte. »Es ist in mir ebenso trübe, wie hier in der Natur.«
    »Mein liebes Herz«, bat ich, »hoffe doch! Auf Regen folgt Sonnenschein. Du wirst ganz gewiß noch einmal wieder lachen und froh sein.«
    Sie schüttelte traurig das Köpfchen. »Ach, Gretchen, wenn ich noch daran denke, wie ich diesen Weg zuletzt an seiner Seite heraufritt, wie malte ich mir die kommende Zeit aus, und –«
    Dann verstummte sie und blickte mit immer größer werdenden Augen den Weg entlang. Ich folgte ihrem Blicke und sah einen Reiter rasch herankommen. Ach, er war es; ich erkannte den dunkelroten Kragen. Beinahe hätte ich vor Entzücken alle seine Warnungen vergessen und wäre ihm entgegengelaufen – da gab mir Hannas schmerzlicher Ausruf: »Es ist nur Vetter Wilhelm!« meine Besinnung zurück. Er hatte uns schon erblickt, und im nächsten Moment hielt er neben uns, sprang vom Pferde und bot seiner Cousine die Hand, wahrend mich ein leuchtender Blick streifte.
    »Komme ich auch nicht ungelegen, Hanna? Es ist mitunter  so langweilig bei uns und überhaupt wohl Zeit, einmal zu sehen, wie es euch ergeht.«
    Hanna antwortete nicht. Sie hätte, glaube ich, nichts sagen können, ohne in Tränen auszubrechen.
    Traurig sah Wilhelm seine Cousine an, schweigend schritten wir dem Schlosse zu, weder er noch ich wagten durch ein verstohlenes Zeichen unsere Freude des Wiedersehens auszudrücken. Wir ehrten den Schmerz des lieben Mädchens.
    Der Baron freute sich augenscheinlich, den Neffen zu sehen. Frau v. Bendeleben begrüßte ihn mit ihrem verbindlichsten Lächeln, das sie für alle mit ihr auf einer Stufe stehenden Menschen bereit hielt. Hanna hatte sich bei der Begrüßungsszene, die in der Halle stattfand, gar nicht aufgehalten, sondern war die Treppe hinauf geschritten. Ich folgte ihr und hörte nur noch, wie Wilhelm sagte: »Aber um Gottes willen, Onkel, was ist aus Hanna geworden?«
    Oben in unserem Zimmer legte das arme Kind ihren Kopf an meine Schulter und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. »Ach, ich habe mich so erschrocken, als ich die Uniform sah«, sagte sie. »An Wilhelm dachte ich gar nicht.«
    Ich blieb den Rest des Nachmittags oben bei ihr, wie alle Tage. Es wurde mir schwer, aber erstens wollte ich sie nicht allein lassen, und dann wäre es doch aufgefallen, wenn ich heute hinunterging. Mit kaum zu bemeisternder Ungeduld wartete ich auf den Diener, der uns zum Abendessen rufen sollte. Hanna hatte endlich aufgehört zu weinen, meinem Zureden und tausend kleinen Aufmerksamkeiten war es gelungen, sie zu überreden mit hinunterzukommen. Sie kühlte sich die roten Augen mit kaltem Wasser, und endlich, endlich tönte die Stimme Johanns: »Es ist serviert!«
    Man befand sich schon im Speisesaal, als wir eintraten. Meine Augen suchten ihn. Da stand er im eifrigen Gespräch mit dem Hausherrn, das Lampenlicht glänzte auf seinem braunen, krausen Haar und spiegelte sich in den Knöpfen seiner Uniform. Ein Aufleuchten der geliebten dunklen Augen sagte mir, daß auch ihm die Zeit lang geworden sei, als mir plötzlich eine andere bekannte Stimme ins Ohr klang. Überrascht wendete ich mich, da lehnte die hohe Gestalt des jungen Pastors  am Kamin, in dem ein leichtes Feuer loderte. Frau v. Bendeleben saß ihm gegenüber im Sessel und schien ihm gespannt zuzuhören.
    Mein Gott, wie kam er und gerade heute hierher? Ich erwiderte seinen Gruß, als die Stimme des Barons: »Nun denke ich aber, wir nehmen Platz am Tische«, meine Bewunderung unterbrach, mit der ich den seltenen Besuch betrachtete.
    Frau v. Bendeleben schritt an ihren Platz. »Lieber Wilhelm, bitte, hier«, sagte sie und wies mit einer Handbewegung auf einen Stuhl zwischen sich und Hanna. »Gretchen, du dort unten. Herr Pastor, wollen Sie sich zu Fräulein Siegismund setzen? Du, lieber Bernhard«, bemerkte sie scherzend zu ihrem Manne, »läßt dir doch wohl den Platz neben Gretchen nicht rauben.«
    Ich gestehe, ich war ganz niedergeschlagen, als ich dieses Arrangement vernahm und gar entdeckte, daß ich ihn nicht einmal sehen konnte, denn er saß auf einer Seite mit mir. Meine herabgestimmte Laune war, glaube ich, ziemlich deutlich auf meinem Gesichte zu lesen, und Mühe gab ich mir gar nicht, meinen Nachbarn dies zu verbergen.
    »Nun, Gretchen, du läßt dein Lieblingsgericht so ganz unbeachtet vorübergehen?« fragte der Baron, als ich dem Diener eine abwehrende Handbewegung machte, der mir die große Schussel mit den Krammetsvögeln präsentierte.
    »Ich danke, ich bin nicht imstande zu essen«, erklärte ich. Dann betrachtete ich die Decke des Zimmers, die ich schon hundertmal gesehen, und die mir anfänglich große Bewunderung eingeflößt hatte. Die Malerei stellte eine Menge Götter und Göttinnen, à la Watteau gekleidet, dar. Sie feierten nun schon seit undenklichen Zeiten eine Art Weinlese, wenigstens fehlte es nicht an Trauben und Ranken sowie an Gläsern, gefüllt mit schäumendem Wein. Der Baron hatte dieses Kunstwerk immer sorgfältig zu konservieren gesucht, das irgendein leichtsinniger Bendeleben der Rokokozeit einst verfertigen ließ. An jeder Ecke des Plafonds war eine Art Wappenschild angebracht, und darauf stand, jene frivole Zeit charakterisierend: »Vive la joie!«  Ich dachte, auf was alles wohl die gepuderten alten Götter dort oben herabgeschaut haben mögen – gewiß aber noch nicht auf ein so unpassendes Arrangement der Tafel. Vor ein paar Wochen war es noch anders, da sahen sie noch blitzende Augen und lächelnde Mienen, und heute? – verweinte 
Gesichter und verdrießliche Falten auf der Stirn. Mein Gott, wie mache ich es nur möglich, ihn zu sprechen?
    »Der Kleine des Schloßgärtners ist doch nicht wieder krank, Fräulein?« sagte auf einmal der junge Pastor neben mir. »Ich sah Sie vorgestern in das Haus treten, hatte aber leider keine Zeit, um mich zu erkundigen.«
    Erschrocken fuhr ich zusammen und fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, aber unfähig, eine Lüge zu erfinden, stammelte ich irgend etwas von: »Einmal nachsehen, wie es dem Kinde jetzt ergehe«, oder dergleichen.
    Oh, Wilhelm, Wilhelm, wäre doch das Jahr erst vorüber! dachte ich. Mit großer Mühe bezwang ich mich, noch einige Fragen, die der Herr Pastor an mich richtete, freundlich und verständlich zu beantworten. Dann wurde allgemein über Jagd und Ernte gesprochen, als plötzlich Hanna aufstand. Sie sah leichenblaß aus, und nachdem sie ein paar Schritte nach der Tür getan hatte, brach sie besinnungslos zusammen. Mit einem Ausruf des Schreckens war ich bei ihr, wir trugen sie aufs Sofa. Eine lange Ohnmacht hielt sie umfangen, und als sie endlich, nachdem wir alles mögliche angewandt hatten, was gerade bei der Hand war, die Augen öffnete, war sie offenbar nicht bei sich und sprach allerlei unzusammenhängende Worte.
    »Siehst du, Gretchen?« rief sie. »Da durch die große Allee kommt er, mitten im Nebel ist er jetzt; ich sehe den roten Streifen an der Mütze!« Dann schluchzte sie wieder herzzerreißend: »Mama, Papa! nehmt ihn mir doch nicht. Zieh nicht fort, Heinrich, so im Dunkeln!«
    Frau v. Bendeleben sah blaß, sehr blaß aus, und in des Barons Gesicht zuckte es seltsam, als er Wilhelm bat, einen reitenden Boten nach dem Arzt zu schicken.
    Die Kranke wurde zu Bett gebracht – ein paar bange Stunden vergingen. Frau v. Bendeleben saß am Lager Hannas  und hielt die Händchen des unaufhörlich plaudernden Mädchens, das ihr unbewußt in ihren Phantasien die bittersten Vorwürfe machte.
    Endlich kam der Arzt und erklärte die Krankheit für ein heftiges Nervenfieber. Ich nahm nun meinen Platz am Bette ein, und nur flüchtig konnte ich an jenem Abend Eberhard sprechen, als ich hinuntergeschickt wurde, um irgend etwas zu holen. Ich versprach ihm, fleißig zu schreiben. Bald nachher hörte ich die Tritte seines Pferdes auf dem Schloßhofe – er ritt fort. Was sollte er auch hier unter diesen Verhältnissen?
    Beinahe zwei Wochen schwebte Hanna in Lebensgefahr. Es war eine schreckliche Zeit. Frau v. Bendeleben wich keinen Augenblick von dem Bette ihres Kindes, und sooft ich sie auch bat, sich Ruhe zu gönnen, sie tat es nicht. Es war, als fühlte sie, daß sie einen Teil der Schuld an diesem Leiden trage, und wollte es hundertfältig wieder gutmachen. Sie war vor Erschöpfung mitunter kaum imstande zu essen, und doch hielt sie aus. »Ich kann ja nicht ruhen, Gretchen! Denke doch, wenn Hanna stürbe, und ihr letzter Blick hätte mich gesucht und nicht gefunden.«
    Der Baron, der von Natur schon weichmütig war, wandelte wie ein Schatten umher. Hundertmal am Tage kam er in das kleine Vorzimmer und suchte aus unseren Mienen Hoffnung und Trost zu lesen, und wenn er statt dessen Angst und Sorge fand, so konnte er in Tränen ausbrechen wie ein Kind.
    »Mein Gott, mein Gott«, murmelte er, »laß sie mir, ich will ja alles tun, damit sie wieder froh und heiter wird.« Und Gott erhörte die Gebete der verzweifelten Eltern: Hanna überwand die Krankheit. Sie genas, aber langsam. Sehr matt und schwach blieb sie noch lange und war kaum noch ein Schatten von dem, was sie einst gewesen.
    Rührend erschien die Freude des Barons. Ich sehe ihn noch, wie seine riesige Gestalt sich vorsichtig auf den Zehen nach dem Bett bewegte und in die kleinen, mageren Händchen einen Blumenstrauß aus dem Gewächshause oder eine Orange legte. So behutsam nahm er mit den großen Händen die Vorhänge zur Seite, um seinem Kinde einen Kuß  auf die Stirn zu drücken, so leise war die Stimme, wenn er nach ihrem Befinden fragte.
    Bei ihr war jeder kleine Groll geschwunden. Die Angst, die Sorge der Eltern rührten das zarte, feinfühlende Wesen, und sie vergaß, daß man sie eigentlich krank gemacht hatte. ,Wie hab' ich euch doch alle so lieb«, sagte sie, wenn man ihr eine kleine Freude bereitete, und strich mit den schwachen Händchen liebkosend über die Wangen ihrer Mutter und nickte mir freundlich zu: »Habt tausend Dank für alle Liebe!«
    Von Bergen sprach sie gar nicht – desto öfter der Baron. Schon ein paarmal hatte er geheimnisvoll den Doktor gefragt, ob Hanna wohl stark genug wäre, eine große Freude zu ertragen. Ein paarmal war ihm gesagt: »Noch nicht!« Als aber dann Hanna schon den ganzen Tag außer Bett sein konnte und einige Male mit uns diniert hatte, da hieß es endlich: »Freude schadet nichts mehr, im Gegenteil. Aber nicht zu stürmisch.«
    Da ließ der Baron eines Tages zu Ende des Novembers, als die ersten Schneeflocken in der Luft wirbelten, seine zwei besten Renner, die Schwarzen, anspannen und fuhr zur Stadt, und Frau v. Bendeleben sagte zu mir: »Nicht wahr, Gretchen, du bist auch der Meinung, daß Hanna Bergen noch immer liebt?«
    »Ja, das glaube ich ganz bestimmt«, entgegnete ich. Unruhig und mit einem schmerzlichen Zug um den Mund ging sie im Zimmer hin und her.
    »Du ahnst gewiß, um was es sich handelt, Gretchen«, sagte sie dann. »Mein Mann ist zu Bergen, und wir werden wahrscheinlich heut noch eine Braut im Hause haben. Hanna hat sich um ihre Liebe krank gegrämt und soll für allen Kummer entschädigt werden. Gott gebe seinen Segen.« Sie seufzte.
    Mir klopfte das Herz vor Freude. »Aber Hanna, weiß sie schon?«
    »Nichts; sie hat keine Ahnung. Du weißt, der Baron liebt nun einmal Überraschungen. Wenn es ihr nur nicht schadet! Wollte Gott, dieser Tag wäre erst vorbei!«
    Man sah es dem feinen Gesicht unter dem Spitzenhäubchen an, daß sie sich in ungemütlicher Stimmung befand.  Die Augen blickten verschleiert, und um die Lippen zuckte es nervös. Ich merkte, wie es stand, sie hatte nachgeben müssen in dieser Angelegenheit, der Baron hatte keinem »sanften, klugen Worte« Gehör geschenkt. Die Freude, das Leben des geliebten Kindes gerettet zu sehen, überwog alle anderen Bedenken bei ihm, nur glücklich wollte er sie wissen, während die Mutter, alle Angst und Sorge der jüngsten Zeit bereits vergessend, in dem zukünftigen Schwiegersohn nur den armen Edelmann sah mit dem untersten militärischen Range. Es war ihr schrecklich, die blonde Hanna nicht auch als Gräfin präsentieren zu können, und dies hätte nach ihrer Ansicht keinem Zweifel unterlegen, wenn Hanna nur vernünftig gewesen wäre. Indessen, es ging nun nicht anders. Sie fuhr mit dem Taschentuch über die Augen, seufzte noch einmal und schickte mich dann mit der Weisung hinauf, wenn Hanna nach dem Baron frage, sollte ich sagen,
 er sei nach Wiesenau, einem benachbarten Gute, gefahren.
    Mir klopfte das Herz vor Aufregung, als ich die zarte Gestalt im Sessel am Fenster sah, wie sie teilnahmslos in das Treiben der Schneeflocken schaute. Auf dem Schoße hielt sie ein geöffnetes Kästchen, sie legte einen vertrockneten Eichenzweig hinein, den sie in der Hand gehalten hatte, und gleichsam um meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, sagte sie: »Der erste Schnee! Weißt du, Gretchen, als wir noch Kinder waren, prasselten immer die ersten Bratäpfel in der Röhre an diesem Tage?«
    »Ja, Hanna, und nicht wahr, wir wollen heute wieder Kinder werden. Ich hole Äpfel und lege sie auf den Rost.«
    Bald zischten und schmorten die rotbäckigen Früchte im heißen Ofen. Hanna und ich rückten uns die Sessel hinzu, ich nahm eine Arbeit und zog Stich um Stich mit der bunten Wolle. Das Feuer warf gelbe und rote Lichter auf den Teppich, die Hanna träumerisch mit den Augen verfolgte.
    »Ich wollte, wir wären noch Kinder, Gretchen«, sagte sie. »Es ist ja alles so wie sonst, und doch so anders.«
    »Ja, anders ist es, und viel schöner«, erklärte ich und strich heimlich mit der Hand über meine Kleidertasche, daß der  letzte Brief Wilhelms leise knisterte; »viel schöner, Hanna, du kannst es glauben.«
    Sie schüttelte das Köpfchen und sah mich an, als könne sie nicht recht begreifen, was jetzt so viel schöner sei. Dann meinte sie: »Ja, du hast keinen Kummer –. Aber das wohlbekannte Trappeln der Pferde und das Rollen des Wagens unterbrach sie. Ich sprang auf und wollte hinauseilen.
    »Wo willst du hin, Gretchen? Es wird Besuch sein, oder war Papa ausgefahren?«
    Ich besann mich. »Ja, er war in Wiesenau, es ist richtig, und er wird zurückgekommen sein.« Nähen konnte ich nicht. Mich regte es gewaltig auf, Hanna so am Vorabende der Erfüllung ihrer Wünsche zu wissen. Meine Hände zitterten und waren nicht imstande, die Nadel zu halten. Eine Weile blieb alles still, dann hörte ich die Schritte des Barons auf der Treppe. »Guter Vater«, sagte Hanna, »sein erster Gang ist zu mir herauf.«
    »Guten Tag, mein Herz!« tönte bald darauf seine sonore Stimme. »Wie geht es dir heute?« Er küßte sie auf die Stirn. »Schaust ordentlich frisch aus, das ist schön. Nun mußt du aber mal hinunterkommen, ich habe dir etwas mitgebracht, und dieses ›Etwas‹ hat große Sehnsucht nach dir. Komm, gib mir deinen Arm und rate unterwegs, was es wohl sein könnte.«
    Hanna sah mit den großen Augen verwundert auf ihren Vater und schickte sich eben an, mit ihm zu gehen; da flüsterte ich ihr zu: »Denk an deinen höchsten, größten Wunsch, du gehst seiner Erfüllung entgegen.«
    Sie zuckte zusammen und wurde dunkelrot, dann warf sie mir einen flehenden, vorwurfsvollen Blick zu, als wollte sie sagen: warum regst du solche Gedanken in meiner Seele an? Der Baron aber hob sie wie ein Kind empor und trug sie hinunter. Sie hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und den blonden Kopf an den seinen geschmiegt, die Augen halb geschlossen, als träumte sie.
  


    Ich blieb zurück mit Angst um sie im Herzen. Man ging nicht eben zart mit ihr um, Schmerz und Freude wurden ihr  ohne viel Federlesens entgegengebracht. Diesmal aber war es die Fülle der Liebe, die den Baron so handeln ließ, und der große, starke Mann mochte wohl kaum begreifen, daß auch zu viel Freude solch starke Konstitution angreifen könnte, es lag so in seinem Charakter.
    Eine halbe Stunde verging. Da flogen leichte Schritte den Korridor entlang, die Tür öffnete sich, und mit geröteten Wangen und freudeverklärten Augen stand Hanna vor mir. »Gretchen, mein Gretchen, wie glücklich bin ich, du mußt kommen, du mußt ihn sehen. Ach, sag mir doch, ist es denn möglich?« Sie zog mich mit sich fort. »Wußtest du denn darum und sagtest mir nichts, du Böse?«
    »Ja, ich kann ja nicht sprechen, du erstickst mich, Hanna. Aber sprich, hast du dich nicht sehr erschreckt?«
    »Nein, bewahre, als du mir zuflüstertest, ich solle an meinen heißesten Wunsch denken, da – da wußte ich es, und als mich Papa vor seiner Stube auf die Erde setzte und sagte: »Nun geh hinein und sieh dir dein Geschenk an«, da rief ich schon auf der Schwelle »Heinrich!« und er war es wirklich.
    Ja, er war es wirklich und sah strahlend aus, als er, den Arm um seine Braut geschlungen, zu mir sagte: »Nun hat sich alles doch so gut gefügt.«
    Der Baron ging im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände. »Nur eins ist mir unbegreiflich«, meinte er, »Hanna war gar nicht verwundert.«
    »Nein, Papa«, lächelte sie, »es mußte ja so kommen, ich wäre sonst gestorben.«
    »Nun, wie Sterben siehst du heute nicht aus! Was doch so ein bißchen Freude tut«, bemerkte er.
    Frau v. Bendeleben war die einzige, die an diesem Tage kein glückliches Gesicht machte. Zwar zwang sie sich zum Lächeln, aber man sah, es kam ihr nicht aus dem Herzen, und als später die Rede auf die Hochzeit gebracht wurde, schlug sie einen ganz ungewöhnlich frühen Termin vor, als wollte sie alles so bald wie möglich abgetan haben und los sein.
    Heute abend sahen die alten bezopften Götter im Speisesaal auf glückliche Gesichter, denn auch ich saß neben Wilhelm  v. Eberhardt und konnte heimlich meine Hand in die seine legen. Er war noch geritten gekommen, um sich mit eigenen Augen von dem Stande der Dinge zu überzeugen.
    Beinahe wäre ich neidisch geworden, als ich sah, wie Hanna und Bergen so glücklich miteinander verkehrten. Sie hatte tausend kleine Aufmerksamkeiten für ihn, die er wieder mit ebensoviel feurigen Blicken und Worten lohnte, und ich mußte jede Handlung und jedes Wort abwägen und durfte nur scheu und versteckt einmal den Druck der lieben Hand erwidern. Ich glaube, ich sagte auch Eberhardt so etwas, als er mich später ins Nebenzimmer zum Flügel führte.
    »Gretchen«, bat er vorwurfsvoll, »singe nur, du sollst nachher von mir auch ein Lied hören, das präge dir fest ein.«
    Als ich Hannas Lieblingslied gesungen, es lautete:
    Sie saßen im duftenden Garten
      Unter dem Fliederbaum,
      Die scheidende Sonne färbte
      Golden der Wolke Saum.
    Sie hatte ihr blondes Köpfchen
      An seine Brust geschmiegt.
      Es hatten sich ihre Hände
      Fest ineinander gefügt.
    Sie waren beide so glücklich
      Und beide so still zugleich
      Ist doch die Sprache der Liebe
      So arm – und dennoch so reich!
    und nun wieder in den Speisesaal zurückgekehrt war, setzte er sich an den Flügel, und von seiner schönen Stimme klang mir das reizende Bachsche Lied entgegen:
    Willst du dein Herz mir schenken.
      So fang es heimlich an.
      Daß unsrer beider Denken
      Niemand erraten kann.
    Behutsam sei und schweige
      Und traue keiner Wand,
      Lieb' innerlich und zeige
      Dich außen unbekannt. 
    Die Liebe muß bei beiden
      Allzeit verschwiegen sein.
      Drum schließ die größten Freuden
      In deinem Herzen ein.
    Es war gut, daß Frau v. Bendeleben sich nicht im Saale befand, daß das Brautpaar sich nur mit sich beschäftigte und dem Baron das Verständnis für solche Dinge abging. Ich glaube, man hätte es mir ansehen können, daß dies Lied mir galt. Von dem Moment an nahm ich mich aber sehr zusammen, und niemand war imstande, etwas zu merken.
    Durch diese glückliche Wendung der Dinge auf Schloß Bendeleben hatte ich Gelegenheit, meinen heimlich Verlobten öfter zu sehen. Bergen kam häufig herüber und jeden Sonnabend regelmäßig, und Eberhardt verfehlte natürlich nie, ihn zu begleiten. Hanna blühte wie ein Röschen auf. Sie lachte und scherzte beinahe den ganzen Tag. Wir trieben tausend Heimlichkeiten zum Weihnachtsfeste, schlossen uns stundenlang in unserer Stube ein, und selbst Frau v. Bendelebens keineswegs befriedigtes Aussehen vermochte nicht unsere glückliche Stimmung zu stören.
    Um diese Zeit wurde Hanna gemalt. Der Künstler, ein alter Mann, der beinahe ganz gebückt ging, kam dazu von der Stadt herüber. Er sah mich öfter und bat schließlich, auch ich möchte ihm sitzen. Der Baron, der gerade zugegen war, stimmte lebhaft bei, und so kam das kleine Miniaturbild zustande, das ich auf Wunsch des Barons meinem Vater schicken sollte. Zum ersten Male sagte ich eine Unwahrheit, indem ich dies versprach. Ich schenkte es Wilhelm v. Eberhardt als Christgabe.
    Es war eine wunderschöne Zeit, die Hanna und ich jetzt durchlebten. Der Jubel, wenn Sonnabends gegen Abend die Hunde auf dem Schloßhofe anschlugen und Hanna mit dem Rufe: »Gretchen, sie kommen!« die Treppe hinunter und dem kleinen Bergen entgegenflog, der zuweilen wie ein Schneemann aussah und dem das blonde Schnurrbärtchen erst auftauen mußte. Und hinter ihm stand die hohe Gestalt Eberhardts und die lieben Augen suchten beim Schein der Laterne, bis sie an mir hängen blieben. Und dann die Abende im  warmen Zimmer vor dem Kamin. Der Baron braute bedächtig einen Punsch, um die erfrorenen Reiter aufzutauen. Es wurde gesungen und gelacht, und es wäre noch schöner gewesen, wenn nicht zu oft die schlanke, schwarze Gestalt des jungen Pastors in unserem Kreise erschienen wäre. Es verging kaum eine Woche, ohne daß er ein paar Abende im Schlosse zugebracht hätte, und Frau v. Bendeleben protegierte ihn sichtlich.
    Da gab es wegen der Christbescherung für arme Kinder lange Konferenzen. Bald waren Neuerungen in betreff des Schulunterrichts nötig, kurz, er hatte immer irgendeinen Grund, im Schlosse zu verkehren. Ich beachtete ihn wenig, und das, was er mit mir sprach, betraf unbedeutende Dinge. Oft war von meinem Vater die Rede, und ich beantwortete ihm freundlich seine Fragen nach dessen Ergehen. Um so unangenehmer berührte es mich, daß Frau v. Bendeleben zuweilen ein neckendes Wort hinwarf, das darauf deutete, der junge Pfarrer interessiere sich für mich. Ich mied seine Nähe, soviel ich konnte. Zu seiner Mutter war ich nie wieder gegangen, und wenn ich Kathrin besuchte, sah ich nie zu den Fenstern des schmucken Häuschens hinüber, um nicht genötigt zu sein zu grüßen.
    Kathrin hatte die Nachricht von Hannas Verlobung und baldiger Hochzeit freudig aufgenommen. Sie sah mit Beruhigung die letzte Schranke fallen, die zwischen mir und dem Vaterhause gestanden hatte. Sie dachte ganz richtig: was soll Gretchen noch auf dem Schlosse, wenn die Freundin nicht mehr dort ist, und sie wunderte sich, daß ich Hannas bevorstehenden Verlust mit solch heiterer Ruh« zu tragen schien.
    Das Weihnachtsfest kam allmählich heran. Frau v. Bendeleben kehrte öfter aus der Stadt mit hochbepacktem Wagen zurück, und prachtvolle Geschenke für die Gräfin Satewski in Wien wurden abgesandt, die übrigens auf die Anzeige von Hannas Verlobung einen sehr kühlen Glückwunsch schrieb, der zwar ganz nach Frau v. Bendelebens Geschmack zu sein schien, die glückliche Braut aber nicht im mindesten aus der Fassung bracht«.  Am Tage vor dem Heiligen Abend kamen Bergen und Eberhardt gerade noch recht zur Bescherung der Dorfkinder, die im großen Saal, die Augen erwartungsvoll auf die Tafeln und den brennenden Weihnachtsbaum gerichtet, mit ihren hohen Stimmchen – wobei ich noch den ganzen Gesang halten mußte –
    »Vom Himmel hoch da komm' ich her«
    ertönen ließen. Pastor Renner sprach einige hübsche Worte, und dann krabbelten die Kleinen durcheinander und suchten ihre Plätze an den Tafeln. Hanna und ich waren mitten zwischen ihnen, indem wir hier einem kleinen Mädchen die Puppe und den Stollen einpackten, dort einem stämmigen Jungen mit Flachshaaren, der sich Übergriffe in seines Nachbars Nüsse erlaubte, einen Schlag auf die Finger gaben und ihm drohten: »Na wart, du Bösewicht, im nächsten Jahre gibt's nichts!« Eberhardt half getreulich mit, sein Lachen über die drolligen Danksagungen der Kinder tönt mir noch in den Ohren. Endlich verließ uns die jubelnde Schar, und es wurde wieder Ruhe.
    »Das war eine Arbeit!« stöhnte der Baron. »Gut, daß es vorbei ist.« Frau v. Bendeleben hatte schon wieder die Schlüssel in der Hand, und heute mußte selbst Hanna ihren Heinrich auf ein »Wiedersehen bei Tische« vertrösten. Es ging hinunter in die große, gewölbte Speisekammer. Dort wurden die Stollen für die Dienerschaft mit Namen versehen, Äpfel und Nüsse abgezählt, eine Tonne Bier für die Feiertage mit einem großen Kreidestrich bezeichnet, Kisten mit feinem Gebäck und Konfitüren für den Weihnachtstisch ausgepackt und große Portionen Schweinefleisch und Sauerkraut für das morgige Festessen in der Gesindestube ausgegeben.
    Dann wurde bestimmt, wer die Postsachen morgen zu holen habe, wer Weihnachtsabend und Weihnachtsmorgen zur Kirche gehen solle, und die Leute tummelten sich noch einmal so flink wie sonst. Endlich war alles geordnet, und der Heilige Abend, das wunderschöne Fest für groß und klein, kam im blendendweißen Gewande. Es war kalt und der Schnee glitzerte und blitzte in der Sonne auf den Dächern und Wegen. Die liebe Jugend mit ihren rohgezimmerten Schlitten machte  Weg und Steg so glatt, wie ein Parkett im Schlosse, und die warmen, neuen Pelzhandschuhe, die sie gestern abend bekommen, leisteten die vortrefflichsten Dienste beim Aufbau des großen Schneemannes.
    Im Saale wirtschaftete Frau v. Bendeleben bei verschlossenen Türen. Hanna und ich hatten unsere Geschenke in zierliche Körbe gepackt, um sie noch rasch auf den Weihnachtstisch legen zu können. Dann waren wir im Stalle gewesen und hatten unsere Pferde mit Zucker gefüttert, und nach dem Kaffee sagte Frau v. Bendeleben: »So, nun habt ihr nur noch die Gaben an die alte Werner und den alten Thomas und Lange zu tragen. Ich denke, das laßt ihr euch auch in diesem Jahre nicht nehmen. Johann trägt die Körbe, und du, Gretchen, gehst wohl auch einen Augenblick zur Kathrin, und wenn ihr dann noch die Kirche besucht, so kommt ihr hier gerade recht zur Einbescherung. Heinrich und Wilhelm, ihr braucht wohl nicht erst darum gebeten zu werden, die Mädchen zu begleiten«, wendete sie sich an die beiden jungen Offiziere, die nur zu gern bereit waren.
    Es dunkelte bereits, als wir durch die große Kastanienallee hinschritten, der Schnee knarrte unter unseren Füßen, und die Sterne am Himmel blitzten durch die kalte, klare Winterluft. Hanna ging plaudernd am Arm ihres Bräutigams voran. Im Dorfe war schon hier und da ein Fenster hell, und jubelnde Kinderstimmen begrüßten den Weihnachtsbaum. Unsere warmen Kleidungsstücke, Äpfel und Stollen hatten wir bald an die alte Frau und die beiden alten Männer ausgeteilt, und »Gottes reichster Segen vergelt's!« tönte uns aus der niedrigen Haustür nach. Johann trug den Korb mit den Geschenken für Kathrin. »Geh nur immer hinein, Gretchen«, sagte Hanna zu mir, »in einer Viertelstunde läutet es zur Christmesse, wir spazieren hier so lange auf und ab.« Der Diener hatte auf meinen Wink den Korb auf die Stufen unseres Hauses gestellt. Ich wollte ihn eben ergreifen:
    »Darf ich den Korb hineintragen?« fragte Eberhardt leise. Er bückte sich und setzte flüsternd hinzu: »Bitte, laß mich mit hineingehen in deines Vaters Haus, Gretchen, bitte!«
    Dann öffnete er die Tür, und ich trat, ohne eigentlich  zu wissen, was ich machen sollte, hinein, gefolgt von ihm. »Bleib wenigstens hier«, flüsterte ich ihm auf dem Flur zu. Ich hatte Angst vor Kathrin.
    Ich ließ die Tür der Wohnstube trotz der Kälte offen und ging hinein. Kathrin saß am Tische und las im Gesangbuch, ein Päckchen schneeweißer Leinwand, mit rotem Bande gebunden, lag daneben. Die kleine Öllampe warf einen hellen Schein auf das alte, runzelige Gesicht und die gefalteten Hände.
    »Guten Abend, Kathrin, ich bringe dir meinen Heiligen Christ«, sagte ich. Sie blickte über ihre Brille hinweg und stand auf. »Guten Abend, Kind! Na, da bist du ja. Aber schließ die Tür, es wird ja kalt hier.«
    Sie wollte hin und die Tür zumachen, da trat Wilhelm über die Schwelle der niedrigen Stube. Er hatte den großen Mantel im Flur gelassen und die Mütze unter den Arm genommen, als machte er der vornehmsten Dame seine Aufwartung.
    Kathrin trat zurück und knickste unwillkürlich, als sie die hohe, imponierende Gestalt im dunklen Rahmen der Tür erscheinen sah. Dann heftete sie einen fragenden, mißtrauischen Blick auf mich, die ich wirklich verlegen dastand und meine Nachgiebigkeit bereute.
    »Guten Abend«, sagte er und bot der Alten die Hand, indem er den schweren Korb auf den Tisch stellte. »Ich trug dem Fräulein den Korb hier herein, er ist ein bißchen zu schwer für sie.« Freundlich lächelnd sah er auf Kathrin herab, die offenbar peinlich berührt war von diesem unerwarteten Besuch. Wie er so dastand, kam mir unabweislich der Gedanke, daß dies« hohe Gestalt nicht in das ärmliche Zimmer passe. Ein beklommenes, ängstliches Gefühl und Kathrins Schweigen machten die Szene noch peinlicher. Ich nahm mich zusammen und sagte in möglichst unbefangenem Tone: »Der Herr ist der Neffe der Frau Baronin. Und nun komm und sieh dir deine Sachen an, gute Kathrin.« Und mit größter Eile fing ich an auszupacken.
    Die Alte sprach gar nicht. Sie strich wohl mit der Hand über das warme Kleid und die nette Haube, aber die Verlegenheit ließ sie nicht recht Worte finden. »Ich danke schön!  Ach, es ist alles zu gut.« Dann nahm sie die Leinwand. »Kind, ich habe sie selbst gesponnen und gebleicht, sie ist für deine Aussteuer.«
    Ich ergriff ihre Hand: »Du gute Kathrin«, und ich drückte einen Kuß auf den alten Mund.
    »Ich werde das Päckchen aufheben«, sagte sie dann. »Wenn du erst hier bist, wollen wir nähen davon.«
    Eberhardt hatte unterdessen die ärmliche Umgebung gemustert. Ein weiches Lächeln legte sich um seinen Mund. Da klangen durch den stillen Winterabend die Glocken der Kirche und mahnten zur Andacht.
    »Leb wohl, Kathrin«, sagte ich, »feiere fröhliche Weihnacht. In den Festtagen komme ich einmal zu dir.«
    »Behüt dich Gott«, erwiderte sie leise, und ihr Auge war schon wieder auf sein Gesicht gerichtet, als wollte sie die Züge enträtseln und sich für immer einprägen.
    »Adieu, Kathrin«, sagte auch er und bot ihr die Hand. »Adieu«, murmelte sie und blickte ihm starr ins Gesicht. Die dargebotene Hand wollte sie nicht sehen oder hatte sie nicht bemerkt, und er zog sie wieder zurück.
    Stumm gingen wir nebeneinander zur Kirche. Hanna und Bergen waren schon voran, wir sahen sie nicht mehr. Die Fenster des kleinen Gotteshauses schienen hell in den Winterabend hinein. Es war so still, so feierlich, keinen Tritt hörte man auf der weichen Schneedecke, und
    »Euch ist ein Kindlein heut geboren«
    tönte es uns entgegen, als wir über den kleinen Kirchhof schritten. Dort hinten ragte auch das weiße Kreuz empor von dem Grabhügel meiner Mutter. Ich deutete mit der Hand hinüber: »Meine Mutter!«
    »Wir wollen hingehen«, sagte er. Bald standen wir an dem stillen Grabe. Die Tränen drängten sich mir in die Augen: »Meine Mutter tot, mein Vater so weit!« – Da faßte er meine Hand: »Sieh, Gretchen, das ist die richtige Stunde, um dir mein Weihnachtsgeschenk zu geben.« Ein kleiner, funkelnder Goldreif blinkte mir entgegen. »Der soll dir Vater und Mutter ersetzen«, fügte er leise hinzu. Und an dem kalten Grabsteine meiner Mutter reichten wir uns die  Hände zu einem Bunde, der, wie ich wähnte, ewig sein sollte. Der Abendstern blinkte über uns, und aus dem kleinen, erleuchteten Kirchlein tönte ein jubelnder Weihnachtsgesang. Ich aber preßte den Ring an meinen Mund und trat, ein Dankgebet auf den Lippen, zu Hanna und Bergen in den Kirchstuhl.
    Was sollte mir auch noch Übles begegnen? Er stand ja hinter mir, der schlanke Mann, der mich an sein Herz genommen, um mich vor allem Sturm zu schützen. Ich war so sicher, so ruhig, als wäre ich schon im Hafen angelangt. Ich dachte an meinen Vater im fernen Rom, ich dachte an eine glückliche, sonnige Zukunft, und dazwischen tönte die klare, weiche Stimme des jungen Pastors: »Und es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde. – Siehe, ich verkündige euch große Freude.«
    Im Schlosse war alles erleuchtet, nicht lange brauchten wir mehr im dunklen Zimmer zu warten. Ich hatte kaum Zeit, Eberhard das kleine Päckchen mit meinem Bilde in die Hand zu legen, da öffneten sich die Flügeltüren, und der helle Glanz des Christbaumes strahlte uns entgegen, und unter ihm lagen reiche Geschenke für jeden. Hanna schlug die Hände zusammen vor Freude über die Menge schöner Dinge, mit denen sie ihr eigenes Heim schmücken sollte. Auf meinem Platz lag neben einem schwarzseidenen Kleide eine prachtvolle Bilderbibel.
    »Ich denke«, flüsterte mir Frau v. Bendeleben zu, »eine Bibel ist ein schöner Schmuck für jedes Haus und für ein Pastorenhaus das allerschönste!«
    Ich sah sie erschrocken an, aber aus diesen unbewegten Zügen konnte ich nicht herauslesen, ob sie das Haus meines Vaters meinte, oder ob es ein neuer Hinweis auf seinen jungen Nachfolger sei. Unruhig dachte ich darüber nach, da fiel mir der kleine Ring ein, den ich seit einer Stunde an einer Schnur auf der Brust trug, und die ängstlichen Gedanken schwanden. – Warum sollte nicht die schöne Bibel auch eine Zierde für jeden andern Haushalt bilden?
    Nein, ich wollte nicht grübeln, es war ja zu wunderschön heute abend. Die vielen Kerzen des Baumes strahlten zurück aus glücklichen, dankerfüllten Augen, sie vergoldeten mit ihrem  Schein Gegenwart und Zukunft – dieser eine köstliche Weihnachtsabend steht in meiner Erinnerung als der Gipfelpunkt des süßesten Glückes, das mir je zuteil geworden, dieser kurzen, und doch so unvergeßlichen Zeit!
    Wie rasch verfliegt sie aber, wenn man glücklich ist! Der schöne Abend war dahingegangen in der fröhlichsten Stimmung. Frau v. Bendeleben allein hatte keine ganz ungetrübte Freude gehabt, sie hatte vergeblich auf ein Lebenszeichen aus Wien gewartet. Nun tröstete sie sich mit der Hoffnung auf morgen – es konnten verschneite Wege an dem glücklichen Eintreffen der Post hinderlich gewesen sein. Es war ja undenkbar, daß ihr Lieblingskind die Eltern am Weihnachtsabend vergaß. So tröstete sie sich, und so trösteten sich der Baron und Hanna. Endlich ging man zur Ruhe, nachdem nochmals Dankesworte nach allen Richtungen hin und her geflogen waren.
    Der andere Tag verfloß in Stille und Gemütlichkeit. Morgens gingen wir zur Kirche, und nachher gab es allerlei zu besorgen für den zweiten Festtag, wo man zum ersten Male nach langer Zeit große Gesellschaft auf Schloß Bendeleben empfangen wollte. Die zahlreichen Einladungen waren sämtlich zustimmend beantwortet worden.
    Wir freuten uns wohl, aber doch nicht so, wie es früher der Fall gewesen. Fast glaubte ich, Hanna teilte meinen Geschmack und wäre lieber mit ihrem Bergen en famille geblieben. Meinen Vorsatz, heute Kathrin zu besuchen, brachte ich nicht zur Ausführung – die Wahrheit zu gestehen: ich hatte Angst, sie würde mich wegen des unvermuteten Erscheinens Eberhardts aufs Gewissen fragen. Sie hatte ihn zu durchdringend angesehen, auch heute wieder in der Kirche, und ich war ihr nach dem Gottesdienst sozusagen unter den Fingern entschlüpft, obgleich ich ihr ansah, daß sie mich gern gesprochen hätte. Ich nahm mir vor, sie morgen vor dem Beginn des Festes zu besuchen. Wie gern verschiebt man Unangenehmes.
    Als ob Kathrin Ruhe gehabt hätte! Sie wartete den ganzen Tag, und als ich nicht gekommen war, da machte sie sich den folgenden Tag auf den Weg und kam zu mir aufs  Schloß, zum zweiten Male aus Angst um mich! Das alte, treue Herz trieb sie zu dem geliebten Pflegekinde.
    Es dunkelte bereits, die Vorbereitungen zu dem am Abend stattfindenden Feste waren beendet. Der Gärtner, der den Tanzsaal mit Orangenbäumen geschmückt hatte, war belobt worden. Das Silber auf dem Büfett blitzte in tadellosem Glanz, die Tafel im Speisesaal schimmerte im reichsten Schmuck, und nur die Diener gingen noch leise ab und zu. Es war endlich Ruhe eingetreten und man konnte noch ein paar Stunden ungestört verplaudern. Als ich die Treppe hinaufging, um in unser Turmstübchen zu gelangen, und eben überlegte, ob ich bei dem schlechten Wetter, das sich seit Mittag eingestellt hatte, es wagen dürfte, in das Dorf hinabzugehen – da stand in einer Fensternische Eberhardt, als hatte er mich erwartet.
    »Ich bitte um den ersten Tanz heute abend«, sagte er leise, nachdem er sich vorsichtig nach allen Seiten umgesehen hatte, und hielt mir ein Paar frischer, wunderschöner Rosen hin. »Aber nicht vergessen, mein Lieb« – dann schritt er rasch weiter, mir im Umwenden noch einen Kuß zuwerfend.
    Ich nickte ihm freundlich zu, da fühlte ich mich plötzlich am Arme ergriffen: »Gretchen, ich dachte mir's doch!« Ich wandte mich um und starrte in Kathrins schmerzlich verzogenes Gesicht.
    »Es ist zu spät«, fuhr sie fort, »es hilft nichts mehr, ich kann nur wieder gehen.« Sie drehte sich um und schritt zurück.
    »Kathrin, so hör mich doch, geh nicht fort, du sollst ja alles wissen!« rief ich, hinterher eilend und sie am Tuche haltend.
    »Ich brauche nichts mehr zu wissen«, schalt sie und zog heftig ihr Tuch aus meinen Händen. »Vorgestern abend mit dir in unserem Hause – jetzt die Rosen und der Kuß, den er dir zurückwarf, ob das noch nicht klar genug ist! – Ach, meine Ahnung, meine Angst! Warum hast du nicht geglaubt, was ich dir sagte?« fragte sie schmerzlich bewegt und ging die Treppe hinunter. »Armes Kind!« hörte ich sie  noch murmeln. Unwillkürlich blieb ich stehen, ein Schauer durchzuckte mich und ließ mich fröstelnd zusammenfahren, dann trat ich ans Fenster, wo vorhin Eberhardt gestanden. Da ging sie eben die Allee entlang: der Sturm peitschte ihre Kleider, sie hatte Mühe vorwärts zu kommen. Ein gelblicher Schein beleuchtete die ganze Gegend, schwere, schwarze Wolken jagten dahin. Der Anhang war von den Bäumen verschwunden, der Sturm hatte ihn herabgeweht. Heulend und pfeifend fuhr er durch den Wald und schlug die kahlen Äste zusammen, und ich konnte mich eines bangen, unheimlichen Gefühls nicht erwehren, wenn ich an die alte, 
treue Kathrin dachte.
    »Schrecklicher Sturm heute!« sagte Hannas Kammerjungfer, ein freundliches, stilles Mädchen. »Da kommen gewiß manche von den Gästen gar nicht. Hören Sie nur, Fräulein Gretchen, wie es heult in der Luft! Gestern so schön und heute dieses Unwetter.«
    Ich nickte ihr zerstreut zu und ging in unser Zimmer. Der letzte falbe Abendschein fiel auf die weißen Kleider, die dort ausgebreitet lagen für unsere Balltoilette – wie häßlich sahen sie aus! Die Rosen in meiner Hand zeigten ein gelbliches Rot – es war in diesem fahlen Zwielicht alles so unglaublich unheimlich. Kathrins Worte »armes Kind« kamen mir nicht aus den Ohren: ich hätte hinlaufen mögen und ihr sagen: »Kathrin, er liebt mich ja wirklich, sieh hier den Ring und schilt nicht mehr, freue dich mit mir!« – »Ob ich es tue?« fragte ich mich nach einer Weile, während es völlig dunkel geworden war. Schon erhob ich mich, um mein Tuch überzuwerfen, da fuhr ein Windstoß mit furchtbarer Heftigkeit an die alte Mauer, dem ein Krachen und Prasseln vom Dache folgte.
    »Herr Gott, Gretel, was ist das für ein Unwetter!« rief Hanna, die eben zur Tür hereintrat. »Wir werden wohl heute abend unser Souper allein verzehren können, bei dem Sturm traut sich ja kein Mensch aus dem Hause. Mama ist in verdrießlicher Stimmung, weißt du, von Ruth noch kein Brief, und dann die Ungewißheit, ob bei dem Wetter die Gäste kommen. Na, die Nächsten werden schon erscheinen,  aber Nordhelms und Belaus und die G...er Offiziere schwerlich, wenn sie nicht schon unterwegs sind.«
    »Um halb sieben müssen wir aber doch auf alle Fälle angezogen sein«, plauderte sie weiter, während ich Licht anzündete, »damit wir Mama beim Empfang helfen können, und dann möcht' ich mich auch noch ein wenig von Heinrich bewundern lassen. Aber was ist dir denn? Du siehst ja ganz blaß aus, bist du krank?« fragte sie.
    »Nein, o nein, ich war nur ein bißchen in Gedanken. Ja, du hast recht, wir »vollen uns anziehen. Sieh, wie hübsch die weißen Kleider bei Licht aussehen, aber vorhin – hör nur, Hanna, als ob unser alter Turm hier umgerissen werden soll, das ist zum Fürchten unheimlich, dies Heulen und Pfeifen in der Luft –«
    »Ich mach', daß ich fertig werde und hinunter komme«, sagte Hanna, mit größter Eile an ihre Toilette gehend. Sie löste ihre langen blonden Locken auf, und sie mutwillig schüttelnd, summte sie neckisch vor sich hin:
    Wenn's regnet, wenn's schneit,
      Wenn's donnert, wenn's blitzt.
      So fürcht' i mi nit,
      Wenn mei Schatz bei mir ist.
    »Denk doch, Gretel, ich hab' ja noch nicht mit ihm getanzt.« Dann trällerte sie wieder eine Tanzmelodie. »Auf meiner Hochzeit soll auch getanzt werden, unsere Leute sollen tanzen. – Gelt, Liesel?« wendete sie sich an die Kammerjungfer, die eben eintrat, um zu helfen. »Das wird eine Lust!«
    Warum konnt' ich nur nicht mit einstimmen in den vergnügten Ton? Kathrin war schuld, die mein Geheimnis entdeckt hatte. Sie würde es ja doch erfahren haben, und ich werde ihr morgen alles gestehen. Eberhardt muß es erlauben, wenn ich ihm mitteile, daß sie uns auf dem Korridor belauschte, sie ist ja treu und verschwiegen. – Mit Gewalt versuchte ich, das bange Gefühl zurückzudrängen, es ging nicht.
    Hanna schalt auf meine schlechte Laune: »Ich glaube, du hast Gesellschaftsfieber, meine schöne Grete. Pfui, Hasenherz, das ist bei dir nicht nötig. Wenn ich's noch wär', aber ich  brauch's auch nicht. Ich lasse Heinrich nicht los, und da bin ich geborgen.«
    Ich war fertig angezogen und steckte die beiden Rosen in den Gürtel. Da brach die eine ab und fiel zur Erde. Traurig hob ich sie auf – auch das noch!
    Als wir in unseren duftigen weißen Kleidern in den bekannten kleinen Salon traten, empfing uns der Baron mit lauter Bewunderung. Bergen fand seine Braut über alle Beschreibung lieblich und Eberhardts Augen sahen flammend in die meinen. Frau v. Bendeleben, in schwerer, seidener Robe, zupfte hier und da noch etwas zurecht an unseren Anzügen. Sie war offenbar sehr verstimmt. Das Unwetter draußen hatte sich verschlimmert, und sie sagte in ärgerlichem Tone: »Es ist merkwürdig, was wir für Unglück haben mit unseren Einladungen! Einmal kommt Trauer, wie diesen Sommer, als wir das Fest im Park zu geben beabsichtigten, und jetzt erlebe ich wirklich, daß außer dem jungen Pastor kein Mensch erscheint.«
    »Na, zu verdenken wäre es niemandem, Klothilde«, erwiderte der Baron. »Ich überlegte mir die Sache auch noch, wenn ich ausgebeten wäre. Man riskiert ja, daß der Sturm den Wagen zerbricht. Es ist übrigens kein Unglück. Wer kommt, ist doppelt angenehm, und wenn niemand kommt, so tanzen wir allein, nicht wahr, Gretchen? Wir geben ein stattliches Paar.«
    Hanna lachte glücklich auf und meinte, der Vater müsse Wort halten und tanzen heute abend, ganz gleich, ob jemand gekommen sei oder nicht. Frau v. Bendeleben fand die Scherze nicht nach ihrem Geschmack. Sie schritt durch die Zimmerreihe. Die Diener fingen an, die Kerzen anzuzünden, der Baron folgte ihr, und da das Brautpaar eifrig flüsternd und lachend am Kamin stand, so näherte sich mir Eberhardt, und ich konnte ihm erzählen von Kathrin und sagen, daß ich so bange sei, als müsse mir etwas Schreckliches passieren.
    »Gretel, du bist wohl abergläubisch?« neckte er. »Wenn du dich sehen könntest – du siehst aus wie eine Fee, die alle Menschen glücklich machen, der aber nichts Böses ankommen kann. Kathrin – die Alte – hat eine rührende Liebe zu dir,  erzähle ihr alles, sie ist wert, dein Vertrauen zu besitzen, und sie wird dann beruhigt sein. Nun blicke wieder fröhlich, Gretel, du mußt nicht trüb aussehen – zwar bist du auch so wunderhübsch, aber am allerschönsten doch, wenn deine Augen so heiter und neckisch mich anschauen. Nimm dir ein Beispiel an Hanna. Die Kleine ist wie ausgewechselt, seit sie ihren blonden Bergen zur Seite hat. Sie trällert und singt den ganzen Tag. Sei auch so und laß dir nicht die Fröhlichkeit durch Ahnungssorgen verkümmern. Das ›Heute‹ ist unser und kein Grund vorhanden, um nicht fröhlich zu sein.«
    Ich lächelte ihm dankbar zu: »Ich will es versuchen.«
    Die Reihe der Zimmer strahlte im hellsten Glanze der Kronleuchter und Lampen, und draußen rollte, trotz Sturm und Regen, ein Wagen nach dem andern vor. Die Säle füllten sich. Mit verbindlichstem Lächeln ging Frau v. Bendeleben den Gästen entgegen und versicherte, wie sie es doppelt hoch aufnehme, daß man bei diesem Unwetter das sichere Heim verlassen habe, um ihr ein paar Stunden zu schenken.
    »Es war aber wirklich eine tolle Fahrt, die wir gemacht haben, meine Gnädige«, sagte ein kleiner, dicker Herr im dunkelblauen Frack mit Goldknöpfen. »Ich versichere Sie, die Pferde konnten kaum weiter, als wir die Hälfte des Weges hatten. Ich beruhigte aber meine Frau und schrie dem Kutscher zu: ›Hau drauf! Hin müssen wir, bis morgen früh wird sich der Sturm gelegt haben!‹ Bei Wieblitz mußten wir aber erst eine Zeit halten und Leute holen, weil uns eine umgestürzte Pappel den Weg versperrte.«
    »Um so glücklicher bin ich, Sie unversehrt hier zu sehen, Herr v. Nordheim«, entgegnete Frau v. Bendeleben und winkte dem Diener mit dem Präsentierteller voll heißer Getränke. Sie sagte den jungen Damen Komplimente über ihr frisches Aussehen und stellte Bergen als Schwiegersohn vor.
    Die G...er Offiziere, der Oberst v. Rosenberg und seine Frau sowie der dicke Hauptmann und der morose Oberleutnant unter ihnen, waren ebenfalls eingetroffen, und Eberhardt stellte mir die Herren vor. Ich fing an, mich wieder behaglicher zu fühlen. In dieser Fülle von Licht und dem heiteren, bunten Treiben wichen die trüben Gedanken. Ich konnte  scherzen und lachen und hatte sogar ein freundliches Wort für Pastor Renner, der nun auch zu mir trat, um mich zu begrüßen. Ich unterstützte nach Möglichkeit die Frau v. Bendeleben bei den anstrengenden Pflichten der Wirtin. Sie hatte mich darum gebeten, da Hanna nach ihrer Meinung doch nicht dazu zu gebrauchen sei. Und sie hatte recht. Hanna ließ keinen Augenblick Bergens Arm los, und mir blieb die Aufgabe, die jungen Damen ins Nebenzimmer zu führen, zu erzählen, daß getanzt würde, und die Artigkeiten der jüngeren und älteren Herren anzuhören.
    Beim Souper hatte ich glücklicherweise meinen Platz neben Eberhard, allerdings saß auf der andern Seite Pastor Renner, der gar seltsam gegen die ausgelassene lustige Jugend abstach. Um den ernsten, feinen Mund zuckte selbst bei dem gelungensten Scherz kein Lächeln, er sprach wenig und schien sich nicht gerade wohl zu befinden an seinem Platze, den er Frau v. Bendeleben verdankte.
    Man saß lange bei Tische, die Stimmung wurde immer angeregter, und zuletzt flogen Neckereien und Wortspiele wie Raketen durch die Luft. Es wurden Toaste ausgebracht und Gesundheiten getrunken. Ein alter Edelmann der Nachbarschaft, der die Jugend und den Scherz liebte, klopfte an sein Glas und sprach, als alles schwieg:
    »Wo sprühende Augen und rosige Wangen,
      Wo Jugendkraft, Mut und feurig Verlangen,
      Wo in den Kehlen glüht purpurner Wein,
      Dort an der Seite der schönsten Frauen
      Laßt uns der Freude Tempel erbauen.
      Vive la joie! stimmt alle mit ein:
      Vive la joie! und nimmer soll schweigen
      In diesem Hause der Freude Reigen!«
    »Hoch! Es lebe die Freude!« klang es von allen Lippen, und die Freude legte ihre berauschende Fessel um Alter und Jugend, sie legte sich als glückliche Erinnerung auf die Stirne der Alten und glänzte aus den Augen der Jungen, flüsterte ihre wunderbaren Rätsel in das Ohr der hübschen Mädchen und der stattlichen Männer, sie perlte im Champagner und  strich mit leiser Hand alle trüben Gedanken aus dem Herzen. Vive la joie! – › Und nun zum Tanze!
    Wer tanzte nicht gern mit achtzehn Jahren? Die ernsten Augen des Geistlichen sahen mich an, als ich so lebhaft meine Freude äußerte. Was kümmerte es mich, ich sollte ja mit ihm tanzen!
    Wir wollten in den Saal gehen. Die alte Gotthardten, die, ihre Tänze spielend, von Ort zu Ort zog, stimmte bereits ihre Harfe, und der lahme Werner, ihr steter Begleiter, strich den Bogen mit Kolophonium – da fiel mir ein, ich hatte meinen Fächer oben im Turmstübchen liegen lassen, den ich für unentbehrlich hielt. So nahm ich ein leichtes Tuch um, lief hinauf, fand ihn glücklich im Dunkeln und kam, ein Liedchen vor mich hinsummend, die hellerleuchtete Treppe wieder hinabgesprungen. Mir glühten die Wangen vor Aufregung und Lust. Rasch wollte ich durch die Halle eilen, schon klangen die ersten Töne der Musik mir entgegen – oh, wie schön ist doch das Leben! – da war es mir, als hörte ich einen Wagen auf dem Steinpflaster vor das Portal rollen und anhalten. Erstaunt blieb ich stehen – wer konnte noch in so später Stunde kommen?
    Ich glaubte, ich hätte mich getäuscht. Von den Dienern sah ich keinen, sie waren alle in den Zimmern beschäftigt. Eben wollte ich weiterschreiten, da flog die schwere eichene Tür auf, ein Windstoß fuhr herein, daß die Hängelampen des Hausflurs an ihren Ketten schwankten – eine schwarze Frauengestalt trat in die Halle. Der Wind hob den Schleier von ihrem Gesicht, ein Paar großer, dunkler Augen schauten mich an. Ein namenloser Schreck durchfuhr mich, und mit dem Aufschrei »Ruth!« blieb ich regungslos stehen und starrte sie an.
    Ich glaubte bestimmt, ich sähe eine Erscheinung, und war keines klaren Gedankens fähig, da fiel die Tür dröhnend hinter ihr ins Schloß. Sie schritt wankend auf mich zu, ihre Lippen bewegten sich, als wollte sie sprechen, die Augen irrten scheu in der Halle umher, und die Lampen warfen ein unruhiges Licht auf das bleiche Gesicht. Dann faßte sie mich am Arm: »Meine Mutter, wo ist meine Mutter?«  Ich stürzte davon wie gejagt. Zitternd und leichenblaß stand ich plötzlich im Saal, es war mir, als hätte ich die Sprache verloren. Ich suchte nach Worten und fand sie nicht, ich vermochte zuerst nur mit der Hand nach draußen zu zeigen, dann stammelte ich zu Frau v. Bendeleben, die besorgt zu mir trat: »Ruth ist draußen in der Halle!« Sie sah mich an, als ob ich irrsinnig geworden sei. Die Musik verstummte, und die gespannte Aufmerksamkeit der Gesellschaft konzentrierte sich auf mich, die ich, am ganzen Körper zitternd, vergeblich versuchte, Herr meines Schreckens zu werden.
    Da flog die nach dem Korridor führende Flügeltür auf, und über die Schwelle schritt Ruth. Ich sehe sie noch vor mir, unheimlich schön sah sie aus, als sie mit beinahe geistesabwesenden Augen ihre Mutter suchte. Ein langes, schwarzes Trauerkleid umhüllte die zierliche Gestalt, die dunklen Haare waren unter der Witwenhaube versteckt, von der ein langer, schwarzer Kreppschleier herniederhing. Das wunderbar schöne Gesicht zeigte keine Spur von Leben. »Mutter!« rief sie mit erlöschender Stimme. »Mutter!«
    Einen Augenblick stand alles starr und still, dann kam Leben in die Mutter, und mit dem Ausruf: »Ruth! Allmächtiger Gott, was ist geschehen?« zog sie die Tochter in ihre Arme.
    »Er ist tot, Mutter!« sagte sie leise und tonlos und legte den Kopf an ihre Schulter.
    Kaum vermag ich diese Szene zu beschreiben. Vorhin und Jetzt erschien wie ein Traum. Die Gäste zogen sich in die Nebenzimmer zurück, der Baron stand wie betäubt, und Hanna hatte die Hand ihrer Schwester ergriffen. »Ruth, liebste Ruth, sprich doch, sei nicht so starr – bringt sie doch auf ein Sofa, hilf doch, Heinrich, Vater! O Gott, was ist nur geschehen?« Totenstill war es im Zimmer geworden, die Kerzen gossen ihr Licht auf die bleiche Frau in der prachtvollen Seidenrobe und auf die schlanke, schwarze Gestalt in ihren Armen. Die Blumen dufteten süß, und draußen raste der Sturm und pochte an die Fensterscheiben, und wieder klang es tonlos von ihren Lippen: »Er ist tot, Mutter!«
    Still gingen Bergen und Eberhardt hinaus und schlossen  die Türen, man hörte nur leises Sprechen nebenan, und endlich ertönte die Stimme der Frau v. Bendeleben: »Ruth, armes, armes Kind!«
    Auch ich zog mich zurück und trat in den Speisesaal. Oh, meine Ahnung! – Bergen und Eberhardt begleiteten eben die letzten Gäste zu den Wagen. Das Unwetter tobte wie am Nachmittage. – Hier standen noch die Tafeln, wie wir sie verlassen, die Stühle abgerückt, Blumen und Orangenschalen auf dem Fußboden verstreut. Hier hatte die Hausfrau gesessen und mit frohen Blicken über die heitere Gesellschaft geschaut, während ihr Kind in Nacht und Sturm zu ihr flüchtete, und von dort oben lächelten die Götter unbekümmert ihr Vive 1a joie herab. – Wo war sie geblieben, die Freude? Scheu hatte sie sich geflüchtet, als die schwarze Frauengestalt in ihrem Bereiche erschien. Wie flatterhaft ist das Glück!
    »Was kann nur passiert sein?« fragte Bergen. »Warum wurde der Tod nicht sofort brieflich angezeigt? Es ist seltsam und unheimlich, nicht wahr, Fräulein Gretchen?«
    »Ich weiß nichts«, sagte ich. »Aber ich fürchte mich. Ich hatte eine Ahnung, daß etwas Schreckliches passieren müsse. Herr v. Eberhardt hat mich zwar ausgelacht –«
    »Ja, ich lächle auch jetzt noch über Ahnungen, ich bin nicht abergläubisch«, erklärte er.
    Da kam Hanna zu uns und warf sich, in Tränen ausbrechend, in die Arme ihres Bräutigams. »Sie ist wie abwesend«, klagte sie. »Das einzige, was wir von ihr erfahren haben, ist, daß er im Duell gefallen, und daß sie von der Leiche fort in den Reisewagen gestiegen und abgereist ist. Sie hat kaum etwas genossen, während der ganzen Fahrt nicht geschlafen. Oh, was für ein schrecklicher Tag ist dies!«
    Ein schrecklicher Tag, ja, in Wahrheit schrecklich! Eberhardts liebevollste Worte konnten mich nicht beruhigen. Ich bebte im Fieber, und erst gegen Morgen schloß ich die Augen neben Hanna, die sich in den Schlaf geweint hatte. Unheimliche Träume verfolgten mich, in denen Kathrin und Ruth seltsame Gespräche führten, und dann hörte ich wieder Eberhardts Stimme: »Wie hübsch siehst du heute aus, mein geliebtes Mädchen.«
     Genau habe ich nie erfahren, was dort in Wien vorgefallen war. Nur aus unzusammenhängenden Brocken konnte ich das Folgende zusammensetzen. Die schöne Gräfin war eines Morgens aufgewacht von ungewohntem Laufen und Tumult in dem Palaste. Sie war aufgestanden, hatte ein leichtes Gewand übergeworfen und nach ihrer Zofe geschellt. Da war diese schreckensbleich hereingestürzt, und durch die geöffnete Tür hatte Ruth die Bahre mit ihres Gatten totem, starrem Körper erblickt. Sie hatte sich verzweifelt über ihn geworfen. Ihr wurde mitgeteilt, daß er im Duell mit Herrn v.T. gefallen sei. Über die Ursache dieses blutigen Ereignisses weiß ich nichts, nie wurde in Bendeleben eine Andeutung darüber gemacht. Nur das erfuhr ich nachher, daß, als die junge Witwe am späten Nachmittage desselben Tages in die Gemächer ihrer Schwiegermutter kam, um bei dieser Trost zu suchen, die Kammerfrau ihr sagte, die gnädige Gräfin wolle die Frau ihres verstorbenen Sohnes nicht sehen. Da hatte sich die junge Witwe sofort in ihren 
Reisewagen geworfen und war zu ihren Eltern geflohen.
    Weshalb die alte Gräfin die einst so vergötterte Schwiegertochter nicht hatte empfangen wollen, ob sie glaubte, daß sie schuld an dem Zweikampfe gewesen, oder ob überhaupt schon in der letzten Zeit das Verhältnis erschüttert war, wer mag es wissen? Die Zeitungen brachten nur einen kurzen Bericht über die unglückliche Geschichte. Der Grund des Duells zwischen diesen sonst so befreundeten Herren sei vollständig unbekannt, hieß es darin.
    Der Baron reiste nicht nach Wien zur Beisetzung. Es wurden viele Briefe gewechselt und Ruth blieb bei ihren Eltern. Frau v. Bendeleben sah unendlich niedergeschlagen aus, und ihre Augen richteten sich zuweilen mit einem Ausdruck von Bitterkeit auf das Antlitz der jungen Witwe. Des Barons heitere Laune war gewichen, er sah meist ärgerlich und verstimmt aus. Ein großer Kummer ist ja auch der Verlust eines Schwiegersohnes und wohl imstande, den Frohsinn für lange Zeit aus dem Hause zu bannen. Es war, als ob mit dem plötzlichen Einzuge der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause lag. Kein frohes Wort  wurde mehr gehört, kein Gesang von mir verlangt. Ruhig und scheinbar in alter Weise bewegte sich alles, und doch ohne Lust und Leben. Selbst die Dienerschaft sprach nur flüsternd miteinander, und Frau v. Bendeleben schien ihre ganze Elastizität eingebüßt zu haben.
    Ruth selbst, nachdem sie während der ersten acht Tage kaum für einen von uns sichtbar geworden war, hatte sich ziemlich gefaßt gezeigt. Sie war viel auf ihrem Zimmer, und Hanna erzählte mir, daß sie meistens mit einem Buche auf dem Sofa liege, später erschien sie mittags und abends zu Tische. Der unheimlich starre Ausdruck ihres Gesichts, mit dem sie an jenem Gesellschaftsabend in den glänzenden Saal getreten, war gewichen, und um den reizenden kleinen Mund lag wieder wie früher ein Zug, halb kokett und halb gelangweilt. Aber schön war sie, wunderschön. Das Witwenhäubchen auf dem dunklen Haar lieh dem Gesichte mit dem durchsichtigen Teint einen lebenswarmen Ausdruck, noch gehoben durch den dunklen Grund des Kreppschleiers, mit dessen Schwärze die großen Augen wetteiferten. Ich schaute ihr oft bewundernd nach, wenn sie in ihrem langen schwarzen Schleppkleide durchs Zimmer schritt. Wie eine Göttin der Trauer sah das reizende Geschöpf aus.
    Hannas Hochzeit, die vor dem Beginn der Fasten sein sollte, hatte man anfänglich aufgeschoben. Später hatte man auf Ruths Bitten sich entschlossen, den Termin beizubehalten. Die Aussteuer wurde besorgt, freilich nicht so in freudiger Hast wie für die schöne Frau dort. Aber Hannas stillseliges Gesicht hauchte einen Schimmer von Glück über die Vorbereitungen. Wir saßen viel allein, Hanna und ich. Ruth beachtete mich möglichst wenig, nur hatte sie einmal wider Willen geäußert, daß sie nicht gedacht habe, ich würde so hübsch werden. Es war so ziemlich dasselbe Verhältnis zwischen uns beiden wie früher, und ich dachte ernstlich daran, in meine Heimat überzusiedeln, sobald Hanna ihrem Manne gefolgt sei; um so lieber, da mein Vater zu Ostern wieder in unser Dorf zurückkehren wollte.
    Bei Kathrin war ich schon in den ersten Tagen nach Ruths plötzlichem Eintreffen gewesen. Ich hatte ihr so viel zu erzählen,  aber sie wollte nichts hören. Die Sanftmut, mit der sie mich in letzter Zeit behandelt hatte, war geschwunden, die Entdeckung auf dem Korridor im Schlosse hatte sie wieder vollständig gegen mich eingenommen. »Ich will nichts wissen«, erklärte sie barsch. »Mach, was du willst, komm her oder bleib dort, meinetwegen. Du undankbares, ehrvergessenes Mädchen, schämen solltest du dich!«
    »Schämen soll ich mich?« hatte ich gerufen; mein ganzes Ehrgefühl war bei den harten Worten aufgestachelt. »Warum soll ich mich schämen? Wilhelm v. Eberhardt liebt mich, ich werde sein Weib – und darum soll ich erröten!«
    »Warum schreibt er nicht an deinen Vater? Warum nimmt er dich nicht an der Hand und sagt: ›Seht, Leute, dies ist meine Braut!‹« fragte Kathrin. »In was für ein Licht bringt er dich durch diese Heimlichtuerei? Aber die Angst läßt ihn nicht dazu kommen, das Rechte zu tun. Die Tante würde ihm auch bald klarmachen, was für eines Vergehens er sich schuldig macht, wenn er die Gretel Siegismund da unten aus dem Dorfe in seine Familie bringt.«
    »Kathrin, er liebt mich!«
    »Dann laß es ihn beweisen, indem er es öffentlich sagt.«
    »Er kann es jetzt nicht.«
    »Weil er sich fürchtet vor seiner adligen Sippschaft! Wahre Liebe hat nicht Angst vor Feuer und Wasser. Des Mädchens Ehre geht einem Manne, der es ehrlich meint, über alles«, erklärte die Alte mit überlegener Miene.
    »Kathrin, du bringst mich zur Verzweiflung. Ich weiß es, daß er mich liebt, die Zeit wird es lehren. Kein Wort mehr davon, du hast kein Recht, eine solche Sprache gegen mich zu führen.« Und dann war ich gegangen, tief gekränkt in meinem Mädchenstolze.
    Eberhardt tröstete mich zwar in seinen Briefen, die nach wie vor pünktlich durch Anne Maries Hand gingen, und wenn er kam, so sagte er: »Die längste Zeit ist ja nun schon überstanden! Denk doch, wie bald wird es Frühling, und im Sommer schon weiß es alle Welt, daß du mein bist.«
    »Was wird aber alle Welt sagen?« fragte ich. »Was deine  Tante und die Gräfin Satewski, wenn Mamsell Siegismund auf einmal in ihre Familie tritt?«
    »Ängstige dich nicht, wir heiraten so rasch wie möglich, und ich will sehen, wer der Frau v. Eberhardt den schuldigen Respekt verweigert.« Seine dunklen Augen blitzten zornig auf. »Ich bitte dich, denke jetzt nicht daran und gräme dich nicht, sondern vertraue auf mich«, setzte er hinzu und fuhr mit der Hand über die Augen, als wollte er die unangenehmen Bilder, die sich ihm aufdrängten, verscheuchen.
    Ruth hatte sich die ersten Male, als Bergen und Eberhardt nach jenem ereignisvollen Abend wieder hier waren, nicht gezeigt. Die Herren hatten sie nur damals gesehen, als sie bleich, verstört und von dem blutigen Drama ergriffen in das elterliche Haus zurückkehrte. Was dieses Sichzurückziehen, sobald ihr Vetter und ihr Schwager erschienen, eigentlich bedeuten sollte, konnte sich weder Hanna noch ich erklären. Hanna nahm es förmlich übel, daß die Schwester gar kein Verlangen trug, ihren Bräutigam kennenzulernen.
    An einem Sonnabendabend waren die Herren wieder gekommen, um den Sonntag hier zu verleben. Wir saßen glücklich und heiter vor dem Kamin in dem kleinen Salon, sprachen von Hannas nahe bevorstehender Hochzeit, und ich fühlte mich für eine bange Zeit voll ahnungsvoller Sorgen durch die Nähe des geliebten Mannes entschädigt. Da tat sich die Tür auf, und Ruth schritt herein. Es war ziemlich finster im Zimmer, wir hatten uns in die Dämmerung hineingeplaudert. Nur der Schein des Feuers im Kamin warf ein schwaches, rötliches Licht auf die nächsten Gegenstände. Man konnte das Gesicht der jungen Frau nicht sehen, aber die unvergleichlich klare, süße Stimme, die sich unwillkürlich in Ohr und Herz schmeichelte, so daß Eberhardt, lebhaft aufhorchend, den Kopf nach ihr wandte, sagte: »Oh, wie dunkel, und ich wollte doch so gern meinen Herrn Schwager und den alten, guten Vetter Wilhelm sehen.« Es klang so naiv, so kindlich, als hätte es ein Kind gesprochen.
    »Ruth!« rief Eberhardt und faßte, aufspringend, ihre Hand, »so müssen wir uns wiedersehen!« Er hatte in warmem Tone gesprochen, und Bergen fügte einige Worte  der Teilnahme hinzu. Man sah einen Augenblick das weiße Tuch vor ihren Augen; dann sagte sie leise: »Bitte, sprecht nicht mehr davon, ich kann es nicht ertragen«, und ließ sich m den herbeigeschobenen Sessel fallen. Nach einer Pause wendete sie sich zu Eberhardt: »Ja, es waren schöne Zeiten, Wilhelm, als wir noch in Bonn unsere ersparten Schätze beim Konditor anlegten. Weißt du noch, die Ladenmamsell kannte uns zuletzt schon, wenn wir kamen, und einmal fragte sie uns: ›Ihr seid wohl am Ende gar Braut und Bräutigam?‹«
    Sie lachte glockenrein, und eben noch waren Tränen um den verlorenen Gatten in ihren Augen gewesen.
    Eberhardt mußte unwillkürlich mitlachen. »Ja, ja, das weiß ich noch. Mein Gott, wie die Zeiten sich ändern! –«
    Da brachte ein Diener Licht. Der Schein der hohen Bronzelampe fiel voll und hell auf Ruth, die uns gegenübersaß. Sie sah wunderschön aus, die dunklen Locken quollen unter den Spitzen der schwarzen Haube hervor. Die großen, selten schönen Augen schimmerten in feuchtem Glanze unter den langen Wimpern, der kleine, rote Mund zeigte, noch vom Lachen halb geöffnet, die Reihe blendend weißer Zähnchen, das lange tiefschwarze Gewand umschloß die reizendste Figur, und sie lag in dem Sessel, als habe sie keine Ahnung von dem entzückenden Bild, das sie darbot. Ich war selbst in ihren Anblick versunken, und erst Eberhardts plötzliches Verstummen ließ mich zu ihm hinschauen. Er sah seine Cousine mit unverhohlener Bewunderung an, und auch Bergen schaute ganz frappiert zu ihr hinüber.
    Ruth ihrerseits hatte nur einen vorübergleitenden Blick für die beiden Herren gehabt und spielte gleichgültig weiter mit dem Ende ihres langen, schwarzen Kreppschleiers, den sie, etwas phantastisch arrangiert, von ihrem Winterhäubchen herabwallen ließ. Sie hatte sich in den Salons in Wien den elegantesten Weltton angeeignet, und würde selbst ihren Vetter nicht mit einem neugierigen Blick belästigt haben. Ebensowenig schien sie die Bewunderung zu bemerken, die man ihrem Anblick zollte.
    Es gab mir einen kleinen Stich ins Herz, als ich den  Eindruck gewahrte, den die Schönheit meiner heimlichen Feindin auf Eberhardt machte. Doch es war nicht anders möglich, man mußte überrascht sein, wenn man sie zum ersten Male oder nach langer Zeit wiedersah. Bergen war ja wie geblendet gewesen, und ich hörte nachher, wie er zu seiner Braut sagte: »Deine Schwester ist eine Schönheit ersten Ranges, ich möchte sagen, eine vollendete Schönheit, wie ich noch nie etwas Ähnliches sah.«
    »Nein aber, du angehender Don Juan«, scherzte Hanna.
    »Aber du gefällst mir doch noch besser, mein Herz, aus deinem Gesichtchen sieht die Herzensgüte heraus, die die Frau, die sie besitzt, zur schönsten auf Erden macht«, setzte er hinzu und küßte die Stirn seiner Braut.
    Das tröstete mich, die Herzensgüte mußte Eberhardt bei Ruth auch vermissen, und er liebte mich ja. Mochte er sie ansehen, soviel er wollte, sein Herz war unwiderruflich mein. Dies Gefühl ließ es mich auch neidlos mit ansehen, wie Ruth, als man zu Tische ging, mit ihrem süßesten Lächeln zu Eberhardt sagte: »Deinen Arm, Vetter.« Ich folgte allein und unbeachtet hinterher, leise drückte ich meinen Ring an das Herz, während die hohe Gestalt Eberhardts mit ritterlicher Aufmerksamkeit die schöne Frau am Arme führte. In der Tür des Speisesaales sah sie sich um. »Ach, Gretchen, so allein? Ich werde dafür sorgen, daß morgen auch ein Kavalier für Sie da ist. Mama mag Pastor Renner einladen, er soll ja wohl ein netter Mann sein!« Dabei blitzten mich die schönen Augen an.
    Eberhardt hatte sich gleichfalls rasch umgewendet und schien auf das, was ich entgegnen würde, gespannt zu sein. Ich überhörte den »Kavalier für morgen« und sagte ganz ruhig: »Ihre Frau Mutter schätzt den Herrn Pastor sehr hoch, Gräfin, ein sicherer Beweis, daß er ein netter Mann ist.«
    Ich redete Ruth stets »Frau Gräfin« an, sie hatte es mir deutlich zu verstehen gegeben und mich sofort »Sie« genannt. Wenn Frau v. Bendeleben zu mir von Ruth sprach, so sagte sie stets: »Die Gräfin Satewski ist nicht wohl«, oder: »Die Gräfin sagte mir« usw.
    Die Gräfin wandte sich ob meiner herben Antwort mit  einem Aufzucken ihres kleinen Mundes ab und bemerkte zu Eberhardt: »Elle sait bien déguiser ses pensées.«
    Ja, ich wußte meine Gedanken zu verbergen, aber andere Gedanken, als sie meinte. Warum wurde mir doch immer dieser junge Nachfolger meines Vaters entgegengestellt! Bei Tische war die Unterhaltung so lebhaft, wie wohl selten in unserem kleinen Kreise. Die junge Gräfin war nicht allein schön, sie war auch geistreich, und hatte jene leichte Unterhaltung gelernt an den Teetischen der schönen Welt Wiens. Man sprach über die Hochzeit Hannas und kam von da auf Hochzeiten und Ehen im allgemeinen.
    »Eine glückliche Ehe kann nur die sein«, erklärte Ruth zu Hanna gewendet, »wo die Frau es versteht, ihrem Manne nie langweilig zu werden, wo sie immer Neues entfaltet, seien es auch manchmal kleine Launen und Kapricen. Er wird sich dann glücklicher fühlen, wie mit einer sogenannten guten, gehorsamen Frau, die ihm stets den Wunsch an den Augen abliest und ihm nie Gelegenheit gibt, sich über sie zu wundern, zu ärgern oder zu freuen. Ich rate dir, Schwesterchen, laß nie in deinem Hause alle Uhren richtig gehen, alle Zimmer aufgeräumt sein – der gute Mann findet das bald langweilig, lieber tue ihm nichts zu Willen.«
    »Die glücklichste Ehe ist die, wo Mann und Frau sich ineinander schicken und fügen, und wo weder er noch sie sich durch Kapricen und Launen aufs neue interessant machen müssen. Ich wäre nicht der Mann, der sich durch solche Mittel fesseln ließe. Mir scheint an einer Frau nichts mehr entstellend, als gewisse kokette Kapricen. Und ist der Mund noch so hübsch, den sie schmollend verzieht, und sind die Füßchen, mit denen sie im Zorne auftritt, die zierlichsten der Welt, ich würde das nie bewundern. Anstatt daß die Langeweile mir verginge, würde der Unmut bei mir einziehen. Glücklich könnte ich mich dabei nie fühlen.« Bergen hatte diese Worte ernst und etwas erregt gesprochen und erfaßte die Hand seiner Braut.
    Ruth lächelte etwas spöttisch. »Da haben Sie eine glückliche Wahl getroffen, Leutnant v. Bergen. Meine sanfte Schwester wird weder den Mund schmollend verziehen noch  mit den Füßen auftreten. Wenn sie etwas erreichen will – so wird sie Kopfschmerzen bekommen und Migräne. Auch das ist Abwechslung, wenn auch im Grunde nur Laune und Unart, c'est tout à fait égal – so oder so, aber immer noch besser als ewig gutes Wetter.«
    »Wenn Hanna etwas erreichen will«, sagte Bergen, dem diese Auseinandersetzungen der schönen Frau unangenehm zu sein schienen, »so wird sie es mir mitteilen, und wenn ihre Wünsche erreichbar sind, woran ich nicht zweifle, so hat sie nicht nötig, Migräne zu bekommen, wozu sie, Gott sei Dank, auch keine Anlagen zu besitzen scheint.«
    »Wenn ihre Wünsche vernünftig sind!« lachte die schöne Frau. »Als ob ein Mann jemals einen Wunsch seiner Frau vernünftig gefunden hätte! Will sie ausfahren bei warmem Wetter, so staubt es zu sehr. Ist es kühl, so holt man sich den Schnupfen. Hat man Lust, in die Oper zu gehen, so ist das Stück jedesmal uninteressant. Kurz und gut, sobald man nicht stets mit einstimmt, wenn dem Gebieter etwas paßt, ist man unbequem und langweilig, und stimmt man ihm bei, so ist man erst recht langweilig. Also amüsiere ich mich doch lieber und quäle ihn mit ein paar Launen, dann ist die Langeweile doch nicht ganz so langweilig.« Sie hielt die kleine, schmale Hand vor den Mund und verbarg ein Gähnen.
    Bergen sah ärgerlich aus und bemerkte etwas scharf: »Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben, Gräfin.« Dann sah er seine Braut an, als wollte er sagen: »Wir werden uns nie miteinander langweilen.«
    Ruth warf ihm einen finsteren Blick zu für seine Bemerkung und wollte eben den Mund zu einer bitteren Entgegnung öffnen, als Eberhardt, der bis dahin einen stummen Zuhörer, wie wir anderen, abgegeben hatte, sagte: »Die Langeweile, von der du sprichst, Ruth, kann doch nur da vorkommen, wo ein Ehepaar keine andere Beschäftigung hat, als nur sich zu leben, das heißt, wo der Mann keine Stellung und kein Amt besitzt, als etwa seine Renten einzuziehen und seine Zinsen zu berechnen, und die Frau ihrem Hause nicht vorzustehen braucht, weil sie sich Leute genug halten kann, nur Toilettensorgen hat und Bälle und Gesellschaften  besucht. Wenn aber der Mann ein Amt bekleidet, die Frau wirklich Hausfrau ist, das heißt ihrem Haushalt vorsteht, teilnimmt an der Wirtschaft, für Mann und Kinder sorgt, da sind die wenigen Stunden, die sie zusammen verleben, für den müdegearbeiteten Mann Erholungsstunden, und ich glaube nicht, daß die Langeweile einkehren wird.«
    Bergen nickte ihm zu, aber Ruth bemerkte nachlässig, an solch bürgerliche Verhältnisse habe sie nicht gedacht.
    »Ja, ich denke mir es wenigstens so«, meinte Eberhardt, ihre Bemerkung überhörend, »und wenn ich verheiratet sein werde und, müde und bestaubt vom Dienste, in mein behagliches Heim komme, wo meine Frau mich empfängt, so bin ich überzeugt, daß ich nie Langeweile verspüren werde.«
    Ruth machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, als wollte sie sagen: »Hör auf! hör auf!« und der Baron mischte sich in das Gespräch: »Nun ist's genug des Disputierens. Ihr sprecht wie Blinde von der Farbe. In der Ehe kommt alles mögliche vor, auch Langeweile. Bergen nimmt es förmlich übel, daß man an die Möglichkeit denkt, Hanna könnte sich mit ihm langweilen. Wilhelm rollte eine wahre Idylle vor unseren Augen auf – man sieht ihn schon von einem anstrengenden Marsch sich auf das Sofa strecken, und die allerliebste Frau bringt ihm eine Tasse Kaffee – nur Grete sagt nichts. Was meinst du denn dazu, kleine Weisheit?«
    Ich saß stillselig dabei, präsentierte wirklich in Gedanken Eberhardt eine Tasse Kaffee und wischte ihm den Staub von der Stirn. Oh, was für ein reizendes Bild hatte er da hingezaubert!
    »Was ich dazu sage? Ich denke, wenn sich ein Paar Menschen recht liebhaben, dann ist alles wunderschön, sogar die Langeweile!«
    Ein freudiger Blick Eberhardts lohnte mir, der Baron und Hanna lachten, nur Frau v. Bendeleben und die schöne Witwe schienen längst an etwas anderes zu denken. Ruth erhob sich, erklärte, sie sei angegriffen, und zog sich zurück, nachdem sie nochmals Eberhardt freundlich zugelächelt hatte, als er ihr die dargereichte Hand küßte.  Mich hatten die einfachen Worte Eberhardts so glücklich gemacht, daß ich am anderen Tage ohne Neid mit ansah, wie Gräfin Satewski mein Pferd bestieg, um mit dem Brautpaar und Eberhardt bei der ungewöhnlich milden Luft einen Spazierritt zu machen. Es war kein drittes Damenpferd im Stall, und da die schöne Frau durchaus Luft schöpfen wollte und den Vorschlag des Barons, zu fahren, mit Achselzucken ablehnte, so wußte man keinen anderen Rat, als mich pro forma zu ersuchen, Frau v. Bendeleben Gesellschaft zu leisten, während die anderen ausritten.
    Ich sah, wie Eberhardt ihr die Hand bot, wie sie das Füßchen hineinsetzte und sich dann mit der Grazie einer vollendeten Reiterin in den Sattel schwang. Meine hübsche Suleika bäumte sich hoch auf, so energisch ergriff die kleine Hand den Zügel. Sie ritten nebeneinander, Bergen und Hanna waren schon voran, und ich stand am Fenster und fing den Gruß Eberhardts auf. Wie stattlich sah er aus!
    Als sie nach zwei tödlich langen Stunden zurückkamen, die ich mit der seit ihrer Tochter Heimkehr merkwürdig schweigsam gewordenen Frau v. Bendeleben verlebt hatte, sah die schöne, junge Frau rot und ärgerlich aus. Sie ging sofort in ihr Zimmer und kam erst zum Abendessen herüber. Hatte sie geweint? Es war, als ob die großen, dunklen Sterne noch in Tränen blitzten.
    Pastor Renner war erschienen. Eberhardt schritt diesmal rasch an seiner Cousine vorbei und bot mir den Arm. Sie ging mit dem »für mich eingeladenen Kavalier« zu Tische. Das amüsierte mich. Als im Laufe des Abends Eberhardt Gelegenheit hatte, mit mir einige Worte leise zu sprechen, sagte er: »Man scheint hier Pläne für deine Zukunft zu schmieden, nimm dich in acht.«
    Ich verstand ihn damals nicht recht, und erst als Hanna mir später, kurz vor der Hochzeit, erzählte: »Gretel, unten haben sie heute nachmittag Heiratspläne für dich gemacht«, ging mir ein Licht auf.
    »Wer hat diese Plane gemacht?« fragte ich.
    »Nun, Mama, Papa und Ruth.«
    »Wen soll ich, und wer soll mich denn beglücken?«  »Na, Gretel, welche Frage! Es gibt nur einem, und dieser eine ist der Pastor, Mamas erkorener Liebling.«
    Ich mußte doch lächeln, obgleich ich mich ärgerte, aber ich dankte Gott, daß ich nun wußte, wie es stand. Ruth hatte mich in letzter Zeit mit herablassender Freundlichkeit behandelt. Sie war launisch wie immer, hatte meistens Kopfschmerzen, und hielt es nur dann der Mühe wert, einigermaßen liebenswürdig zu sein, wenn Bergen und Eberhardt erschienen. Von ihrer Absicht, nach Wien zurückzukehren, sobald die tiefste Trauer vorüber sei, sprach sie nicht mehr. Auf die vielen Briefe an die alte Gräfin Satewski war nämlich anfänglich keine Nachricht, dann aber ein Brief ihres Sekretärs an die verwitwete Gräfin Satewski, Hochgeboren, eingelaufen, mit der untertänigsten Benachrichtigung, daß die Frau Gräfin Mutter noch zu sehr von dem Schmerz um den so plötzlich dahingeschiedenen Sohn ergriffen sei, als daß sie die fortwährende Erinnerung, die das Dortsein seiner jungen Witwe mit sich bringen würde, zu ertragen vermöchte. Die Frau Gräfin wolle bestimmen, was sie von ihren Sachen, Dienerschaft, Equipagen und 
Pferden nachgesandt zu haben wünsche, es werde sofort zu ihrer Verfügung stehen.
    Den Inhalt dieses Briefes erfuhr ich durch Hanna, die ganz verwundert meinte, die alte Gräfin müsse doch eine sonderbare Frau sein.
    Frau v. Bendeleben wurde, wenn möglich, noch schweigsamer. Ruth sprach mit etwas erzwungener Gelassenheit von den Zimmern, die sie sich in dem Flügel des Schlosses, wo die Fremdenstuben lagen, einzurichten gedenke, und meinte, daß sie um jeden Preis ihre Lady Arabella, ein englisches Pferd, und die Josepha, ihre Kammerjungfer, haben müsse.
    »Deine Möbel und das Pferd laß kommen, die Zimmer sollen dir eingerichtet werden. Aber deine Wiener Kammerjungfer bleibt, wo sie ist«, erklärte der Baron sehr kühl. Ruth weinte einen halben Tag über diese Abfertigung und bestürmte dann die Mutter mit Bitten. Als diese nicht zu erweichen war – weshalb, weiß ich nicht – beruhigte sie sich und schrieb an ihren cher cousin Eberhardt, ob er ihr nicht eine passende Person als Zofe in G. ausfindig machen könnte.  Die Antwort war sehr kurz. »Er bedaure, er habe gar keine Gelegenheit, sich nach einer solchen umzusehen.«
    Sie erzählte diese lakonische Antwort ganz empört bei Tische. »Wie ist's möglich, so ungalant zu sein!« rief sie. »Oh, mein schönes Wien, das wäre mir dort nicht geboten worden!«
    Inzwischen war der Hochzeitstag Hannas, der 5. Februar, immer näher gekommen. Die Trauung sollte im Schlosse stattfinden, und nur ein paar Kameraden Bergens, der Oberst v. Rosenberg mit Frau und Nordheims zugegen sein.
    Wir alle waren eine Woche vorher nach G. gefahren, um die neu eingerichtete Wohnung des jungen Paares zu sehen. Hanna allein blieb zu Hause, sie sollte ja überrascht werden. Die Wohnung lag im zweiten Stock eines ganz hübschen Hauses, aber steile Treppen, niedrige Zimmer und wenig Räume. Hannas Zimmer, Bergens Zimmer, ein Salon, ein Schlafzimmer und Wirtschaftsräume – das war alles.
    Ich konnte kaum einen Ausruf des Entzückens unterdrücken. Wie gemütlich, wie traut und zierlich sah das alles aus! Man sah, Bergen hatte alles überwacht und angeordnet, jedem Möbel und Bilde, jeder Statuette seinen Platz angewiesen. – Wie reizend dort das Plätzchen am Eckfenster, der zierliche Nähtisch mit dem Sessel davor, halb versteckt hinter duftigen, weißen Vorhängen. Hier wird sie sitzen, die niedliche, blonde Frau, und aufpassen, wenn er vom Dienste nach Hause kommt. Ein sehnsüchtiges Verlangen, auch so nahe am Ziele zu sein, erfaßte mich. Ich sah mich um nach Eberhardt: da stand er, und halb gerührt, halb freudig bewegt, schaute er zu mir herüber. Oh, ich wußte, er dachte dasselbe wie ich.
    Die schöne Frau in den schwarzen Kleidern betrachtete sich dieses gemütliche Heim mit einer Miene, die erstaunt und geringschätzig zugleich war. Sie blickte zur niedrigen Decke empor und riß den Samtpelz auf, indem sie tief Atem holte, als müsse sie ersticken. Sie sah aus, als wolle sie jeden Augenblick etwas von bürgerlichen Verhältnissen sagen. Auch Frau v. Bendeleben schien sich hier nicht wohl zu fühlen und äußerte verschiedene Male zu Bergen, sobald sich eine bequemere und elegantere Wohnung finde, müsse er diese wieder aufgeben.  »Wie wird sich Hanna in diesen kleinen Räumen gewöhnen?« fragte sie Ruch.
    »Ausgezeichnet gut, natürlich!« entgegnete diese. »Hanna paßt wie geschaffen für eine –« sie verschluckte das letzte Wort und schwieg, aber der Zug um den Mund war noch spöttischer geworden. Bergen strahlte vor Glück und schien gar nicht zu bemerken, daß die beiden Damen nicht in meine laute Bewunderung mit einstimmten. Er zeigte mit der Miene eines kleinen Krösus alle seine Schätze, und war völlig derselben Meinung wie ich, daß es auf der ganzen Welt nichts Gemütlicheres und Trauteres geben könne als dieses kleine Heim.
    Die acht Tage vergingen rasch, und am Vorabend der Hochzeit stiegen wir beide, Hanna und ich, zum letzten Male zusammen die Treppen hinan zu unserem Turmstübchen. Ich war unendlich wehmütig gestimmt. Mit Hannas Fortgehen brach für mich ein ganz anderes Leben an. Wir hatten uns sehr lieb, und wenn sie auch nicht die Vertraute meiner Liebe war, so wußte ich doch, daß sie an allem, was mich betraf, den innigsten Anteil nahm. Auch sie hatte Tränen in den Augen, als wir uns oben in unserem kleinen Heim befanden. Nach langem Blick überschaute sie das Gemach und schien von jedem Möbel Abschied nehmen zu wollen. Arm in Arm standen wir so, dann sagte sie leise: »Gretel, nun ist es das letztemal, daß wir hier vereint sind. Ich gehe einer glücklichen Zukunft entgegen, und ich will dir offen gestehen, der Abschied von dir und vom Elternhause wird mir zwar recht schwer – aber seit Ruth wieder da ist, liegt ein solcher Druck auf der ganzen Atmosphäre hier, daß ich in einer anderen Luft ordentlich aufatmen werde. Wenn 
ich nur nicht um dich Sorge hatte! Ich weiß nicht, wie du es hier aushalten willst, meine gute, liebe Gretel?«
    Ich weinte leise. »Ich gehe zu meinem Vater zurück, Hanna, sorge dich nicht um mich. Ich werde dich ja manchmal wiedersehen, und später –«
    »Nun, und später?« fragte Hanna.
    »Ich meine nur«, sagte ich verlegen, »du wirst oft hierherkommen und mich auch einmal besuchen da unten im Dorfe.«
    »Natürlich, Gretchen, jedesmal. Und du kommst eine Zeitlang  zu mir in die Stadt, das versteht sich von selbst. Und nicht wahr, Gretchen, morgen weinst du nicht so viel! Mach mir den Abschied nicht so schwer und hab' noch einmal tausend Dank für alle deine Freundschaft und Liebe in guten und bösen Tagen. Könnt' ich es dir je vergelten! Du wirst mir stets die schönste Erinnerung sein aus der Mädchenzeit, und nie werde ich unsere Streifereien durch Wald und Feld zu Pferde vergessen, bei denen du so wunderschön gesungen hast. Ach, Gretchen, ich wünschte nur eins für dich: ich möchte dich auch bald so glücklich wissen, wie ich es bin.«
    Ich küßte gerührt die klaren blauen Augen. »Weißt du, ich habe dir für vieles zu danken, für alles, Hanna! Du hast mir Mutter und Vater ersetzt, weil ich dich liebhaben durfte, und weil du mich wieder liebhattest.« –
    Der feierliche Tag war gekommen, der Hanna aus dem Elternhause führen sollte. Die Dienerschaft hatte es sich nicht nehmen lassen, zu Ehren der jungen Braut das ganze Schloß mit Tannenreisern auszuschmücken, wo es nur anzubringen war. Von unserem Zimmer über die Treppe, durch die Halle bis an den Saal, wo die Trauung stattfinden sollte – überall lagen Blumen und Grün gestreut. Lisel und der alte Johann hatten ganz verweinte Gesichter. Sie war von allen geliebt worden im ganzen Hause, die kleine, sanfte Hanna, von der brummigen Schließerin bis zum Stalljungen. Aller Herzen hatte sie erobert, manch gutes Wort für diesen oder jenen eingelegt, und nun wollten ihr die Leute zeigen, wie groß die Verehrung war und wie ungern man sie scheiden sah.
    Oben saß sie zum letzten Male in unserer Mädchenstube, und Lisel frisierte ihr die schönen blonden Locken. Ich stand im einfachen weißen Kleide und hielt den Myrtenkranz in der Hand, den sie von mir aufgesetzt haben wollte. – Mit aller Gewalt preßte ich die Tränen zurück, wähnend ich den bedeutungsvollen bräutlichen Schmuck in die vollen Haare drückte. Als sie sich erhob und der Schleier über die schweren Falten des langen, weißen Gewandes herabrieselte, da hielten wir uns einen Augenblick fest umschlungen und flüsterten ein inniges Lebewohl, Lebewohl!  Sie sah so wunderlieblich aus, diese kindliche Braut. Das blasse Gesichtchen zeigte Rührung und Glück, ihre Hände zitterten, als sie das prächtige Brautbukett ergriff, und die Bedeutsamkeit des Schrittes, den sie im Begriff war zu tun, übermannte sie beinahe. Zögernd stand sie mitten in der Stube, da hörten wir einen sporenklirrenden Tritt auf dem Korridor.
    »Er wartet schon«, sagte ich leise. »Komm, Hanna.« Richtig, es klopfte, draußen stand Bergen. Strahlend vor Glück richtete er seine Augen auf die liebliche Braut und reichte ihr den Arm. Ich schritt hinter ihnen die Treppe hinunter. Die ganze Dienerschaft befand sich in der Halle und schaute bewundernd dem Paare nach. Der alte Johann öffnete die Flügeltüren, das Brautpaar trat zu dem mit Orangenbäumen geschmückten Altar, um den bereits im Halbkreise die Angehörigen und die wenigen zu der Feier geladenen Fremden sich versammelt hatten. Heller Sonnenschein flutete durch die hohen Fenster und ließ den Glanz der zahlreichen Kerzen matt erscheinen. Und vom Altar her tönte die Stimme des Geistlichen: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben, das ist der Spruch, den ich euch, geliebtes Brautpaar, auf den Lebensweg mitgeben möchte.«
    Ein schöner Spruch fürwahr und schöne Worte waren es, die der junge Pastor darüber sagte. Von den Wangen der Braut rann Träne um Träne, und um Frau v. Bendelebens Lippen zuckte es wie von Schmerz und Freude zugleich. Ruth sah marmorbleich aus, schöner als je in der tiefschwarzen Spitzenrobe. Ich stand neben ihr, und als das Brautpaar hinkniete, um den Segen zu empfangen, faßte die kleine Hand krampfhaft in die duftigen Falten des schwarzen Gewandes und ein tiefer, ängstlicher Seufzer entschlüpfte ihren Lippen.
    Ob sie an ihre Hochzeit gedacht? Wie sie vor so kurzer Zeit erst dasselbe Gelübde ausgesprochen, das nun der Tod gelöst hatte? Wer weiß es! – Als die Zeremonie beendet war, und das junge Paar beglückwünscht wurde, war diese Erregung wieder verschwunden. Sie küßte kalt die junge Frau v. Bergen auf die Stirn, und beim Hochzeitsmahl war sie die lebhafteste von allen. Es schien, als spräche sie gerade  deshalb so viel, um böse Gedanken zu verscheuchen, die sich ihr beim Anblick des Brautpaares immer wieder aufdrängten.
    Sie saß neben Wilhelm v. Eberhardt, ich ihnen gegenüber neben dem jungen Pastor. Es war keine vergnügte Tafelrunde, es hätte von Rechts wegen auf einer Hochzeit fröhlicher zugehen müssen. Die Unterhaltung schleppte sich so weiter, die Hausfrau sprach wenig, dem Baron ging der bevorstehende Abschied von seinem Liebling nahe. Der alte Nordheim ließ zwar in einer hübschen Rede das Brautpaar leben, es kam aber doch keine Munterkeit in die Gesellschaft. Die Leute, der alte Johann an der Spitze, traten mit gefüllten Gläsern ein: »Wir wollten der jungen, gnädigen Frau v. Bergen unsere besten Segenswünsche bringen«, sagte der alte, ehrliche Mann mit den treuherzigen Augen. »Möge es ihr Wohlergehen allezeit, und möge sie, wenn sie der Heimat gedenkt, auch unser nicht vergessen, wie wir das Andenken an die gütige Herrin, die unter unseren Augen groß geworden ist, nie vergessen.« Große Tropfen rannen aus den Augen der jungen Frau, als sie dankend dem alten Diener die Hand reichte. »Nein, Johann«, fügte sie hinzu, »
ich vergesse euch alle nicht, wie könnt' ich das?«
    Es war dämmerig geworden, als Bergen sich mit seiner jungen Frau zurückzog, ich folgte ihnen und half den pelzgefütterten Mantel um ihre Schultern legen. Noch einmal umarmten wir uns, und dann hob sie ihr Mann in den Wagen, die vier Pferde zogen an, und der Kutscher, in großer Livree mit der bandgeschmückten Peitsche, fuhr mit einer prachtvollen Schwenkung über den Schloßhof. Noch einmal winkte die kleine Hand heraus aus dem Wagen – und ich stand allein in dem kalten Winde.
    Die Dienerschaft, die alte Schließerin und Lisel, alle weinten, als ob jemand gestorben wäre. »Die hat ein Herz wie Gold«, sagte der alte Johann. »Der Mann ist glücklich zu preisen!« Auch ich fühlte mein Auge feucht werden. Mit Hanna war mir so vieles entschwunden.
    Im Saal war man schon von der Tafel aufgestanden. Die fremden Gäste empfahlen sich bald, und Frau v. Bendeleben zog sich zurück. In dem kleinen Salon wurde uns Tee serviert.  Der Baron sah sich im Zimmer um, als müßte jeden Augenblick das blonde Köpfchen Hannas in der Tür erscheinen und ein herzliches neckendes Wort hereinrufen. Ruth lag im Sessel. Durch das schwarze Spitzengewebe ihres Gewandes schimmerte der schneeweiße Hals, die weiten Ärmel waren zurückgeschoben und zeigten die schönsten Arme der Welt. Eberhardt stand am Flügel und sah zu ihr hinüber, seine Stirn in finstere Falten gezogen, die Lippen aufeinander gepreßt.
    Ich sehnte mich nach einem freundlichen Blick von ihm. Er hätte mir wohl einen kleinen Trost für Hannas Fortgehen geben können. Aber ich wartete vergebens, seine Blicke hingen starr an der schönen Frau im Sessel. Traurig setzte ich mich in die tiefe Fensternische.
    »Gretel«, bat der Baron, der ruhelos auf und ab wanderte, »weißt du, singe mir ein Lied.« Ich erhob mich, auch Ruch stand auf.
    »Die Trauerzeit kann doch wohl abgewartet werden, ehe man mir zumutet, lustige Lieder mit anzuhören«, sagte sie in tiefgekränktem Tone. »Doch ich werde hinübergehen in mein Zimmer, dann mag sie singen, soviel sie will.«
    Der Baron war erstaunt stehengeblieben, Eberhardt drehte sich um und sagte zu mir: »Fräulein Siegismund wird nicht singen, wenn sie dich damit aufregt, liebe Ruth«, und warf mir dabei einen befehlenden Blick zu.
    Mir war, als hörte ich nicht recht. War das wirklich Wilhelm v. Eberhardt, der so zu mir sprach? Der Wilhelm, der mich liebte, mein Wilhelm? Ich wollte ihm noch einmal in die Augen sehen, doch er hatte sich schon wieder gewandt und blickte auf Ruth, die wie ein Kind, das seinen Willen ertrotzt hat, ihren Platz wieder einnahm.
    Der Baron hatte eine scharfe Bemerkung auf seinen Lippen, die Ader auf der Stirn war gewaltig angeschwollen. Aber er bezwang sich, schritt zur Tür und ging hinaus.
    Ruch sah ihm gleichgültig nach. »Papa ist furchtbar schlechter Laune«, sagte sie. »Sein blondes Nesthäkchen fehlt ihm überall. Das kleine Schmeichelkätzchen verstand es, ihm  die Grillen zu vertreiben.« Eberhardt antwortete nicht, und sah, wenn möglich, noch finsterer aus als vorhin.
    »Nun, cher cousin, warum so nachdenklich?« fragte sie wieder und warf ihm kokett eine Blume zu, mit der sie gespielt hatte. Die Blume fiel zur Erde, er machte eine Bewegung, als ob er sich danach bücken wollte. Dann zog er die Hand zurück und blieb in seiner vorigen Stellung. Da trat ich vor, nahm die Blume auf und legte sie neben ihm auf den Tisch, dann verließ ich das Zimmer.
    Ich ging hinauf in mein einsames Turmstübchen. Wie wundersam war mir zu Sinne! Etwas wie Eifersucht packte mich, ich wußte ihn dort unten allein mit der schönen, koketten Frau, rief mir zurück, wie er sie angeschaut, und konnte mir nicht erklären, warum er gar keinen freundlichen Blick, kein liebes Wort heute für mich gehabt hatte. Er war sonst damit nicht karg gewesen, noch gestern abend hatte er mir zugeflüstert, daß nun der Tag nicht mehr fern sei, der auch uns für immer vereinigen sollte – und nun kein Blick, kein Wort und diese finstere Miene? Ich hätte doch nicht fortgehen sollen. Ruth, die schöne Ruth, mit ihr saß er dort unten, und sie schaute er an – es war zum Verzweifeln! Ich schlich mich wieder hinunter und wollte in das Zimmer gehen. Als ich vor der Tür stand, machte ich mir Vorwürfe, daß ich mißtrauisch sei. Ich sagte mir, daß ich kein Recht habe, an ihm zu zweifeln, daß jeder Mann einmal verstimmt sein könne. Ich wollte ihn morgen fragen, ob ich etwas Unrechtes getan, ob ich ihn 
unwissentlich beleidigt hätte. Dann mußte sich ja alles finden.
    Ich ging zurück und legte mich auf das Sofa, zog den Ring an der Gummischnur hervor und steckte ihn an den Finger. Ein beruhigendes Gefühl kam über mich. Er war ja mein, er liebte mich ja! Warum sollte ich zweifeln?
    Es war fast, als sei mit Hanna mein guter Engel fortgegangen. Es kam eine Zeit, wo ich wie ein Kätzchen behandelt wurde, mit dem man spielt und schön tut, das man aber, wenn es unbequem wird, fortjagt.
    Eberhardt war am nächsten Tage wieder der alte, mich über alles liebende Bräutigam. Ich kam gar nicht dazu, ihn  nach dem vorhergehenden Abend zu fragen. Er war zärtlicher als je und wünschte die Zeit seiner Volljährigkeit immer dringender herbei. Wie leicht ist man doch besänftigt! Ich war herzensfroh, daß ich mich getäuscht hatte, und erwähnte, daß ich daran dächte, da mein Vater in einigen Tagen zurückkehre, in mein elterliches Haus zu gehen.
    Der Baron ließ vor Staunen die Zeitung sinken. »Was fällt dir ein, Gretel, wie? Du scherzest!«
    Ich lachte. »Nein, Hanna ist nun fort, und ich habe meinem Vater versprochen, zu ihm zu kommen, sobald er wieder da ist.«
    Frau v. Bendeleben meinte, es werde ihr sehr schwer, mich fortzulassen. Sie hoffe aber, ich käme jeden Tag ein Stündchen aufs Schloß.
    »Aber das kommt ja wie ein Blitz aus heiterem Himmel!« sagte der Baron. »Gretel, du undankbares Ding, wer soll mir abends den Tee einschenken, die Pfeife stopfen und mit mir Schach spielen? Nein, Klothilde«, wandte er sich an seine Frau, »warum hast du nie früher etwas davon gesagt, ich hätte ja stets abgeredet.«
    »Gretchen hat schon öfter davon gesprochen, Bernhard«, erwiderte diese. »Der Herr Pastor ist nicht mehr der Jüngste, die alte Kathrin ist auch schon recht stümperig, da finde ich es sehr natürlich, daß sie das Verlangen hat, zu ihrem Vater zu gehen. Sie kommt gewiß recht oft und spielt Schach mit dir. Aber gegen diese Gründe kannst du doch nichts einwenden.«
    »Die Gründe sind hoch zu achten«, erwiderte der Baron, »aber leid tut es mir doch, es ist, als ob ich noch eine Tochter weggeben sollte.«
    »Wer weiß, was noch für Gründe mitspielen«, sagte Ruth mit schalkhafter Miene; »man hat da von dem alten Hause eine wunderschöne Aussicht –«
    Ich wurde, glaube ich, dunkelrot. Aber zu glücklich, um etwas übelzunehmen, begnügte ich mich, einfach zu tun, als hätte ich die Anspielung nicht gehört. Der Baron blieb verstimmt, und ich sah ihn am Nachmittag den Weg nach dem Dorfe einschlagen.  In vierzehn Tagen wollte ich das Schloß verlassen und schrieb an Kathrin, die ich nicht wieder besucht hatte, auf einem Zettel, sie möge sich einrichten, ich käme dann und dann. Eine Antwort erhielt ich nicht, hatte sie auch nicht erwartet.
    Eberhardt kam wieder, aber allein. Hanna fehlte mir in jeder Weise, ich fühlte mich überhaupt ungemütlich. Hätte mich nicht der Gedanke getröstet: es ist ein Übergang, so wäre es mir doch sehr schwer geworden, von dem Schlosse zu scheiden, schon um des Barons willen.
    Ruth schien sehr gelangweilt, und in diesem Stadium ließ sie sich sogar herab, mich zu bitten, sie in ihrem Zimmer zu besuchen. Sie lag dann gewöhnlich im reizenden, bequemen Hauskleid auf einem Sofa und hielt ein Buch in der Hand, das dann bald auf den Teppich geworfen wurde. Sie zeigte mir ihre Kästen voll Garderobe, jene prachtvollen, seidenschimmernden Gewänder, mit denen sie bei irgendeinem Hoffeste erschienen war, ließ mich ihre Nippsachen bewundern und plapperte von lauter unbedeutenden Dingen. Über einem kleinen, vergoldeten Schreibtisch hing in ovalem Rahmen das lebensgroße Bildnis des verstorbenen Grafen Satewski. Sie hatte eine Schleife von schwarzem Krepp darüber gehängt, und das eine Ende derselben fiel gerade über das kecke Gesicht mit den lebenslustigen Augen, als ob sie nicht sehen sollten, wie seine junge Witwe so sehr wenig traurig aussah.
    Sie konnte lange Geschichten erzählen, was die Prinzeß A. zu ihr gesagt und wieviel Rosenbuketts ihr im Winter der Fürst S. geschickt habe, und zuckte mitleidig die Achseln, wenn Hannas und Bergens glückliche Briefe ankamen. »Kann man sich einen faderen Menschen denken, wie meinen teuren Schwager? Und dann seine ewigen Moralpredigten! Da ist doch Vetter Eberhardt ein anderer Mann, nicht, Fräulein Margarete?«
    Sie lag dabei auf dem Sofa und aß Bonbons. »Ein schöner Mann, der Eberhardt«, fuhr sie in ihrem Gespräche fort. »Ich wüßte kaum einen, der so hübsch wäre. Aber galant ist er nicht, das könnte man nicht gerade behaupten.«
    Und gerade dies schien ihr zu gefallen; denn als Eberhardt  am nächsten Sonnabend nicht kam, fuhr sie Sonntag nach G., unter dem Vorwande, etwas besorgen zu müssen. Sie erzählte nachher sehr komisch, daß Bergens sich fürchterlich erschreckt hätten, als sie plötzlich erschienen sei, und daß Hanna unter der Haube ganz leidlich ausgesehen habe, Bergen aber schrecklich würdig den Hausherrn repräsentiere. Sie habe sich nicht zu lange dort aufgehalten, und sobald sie ihre Besorgungen abgemacht, wobei Vetter Wilhelm ihr geholfen habe, sei sie wieder abgefahren.
    Merkwürdigerweise schrieb mir Eberhardt kein Wort davon, seine Briefe waren überhaupt nicht mehr so ausführlich wie sonst. Er habe soviel Dienst, entschuldigte er sich, und sei dann zu müde, um lange Seiten vollzuschreiben. Ich ließ es gelten. Mich machte ja schon jedes Wort von ihm glücklich.
  


    Ein windiger, kalter Februartag neigte sich zu Ende, da stand ich vor Frau v. Bendeleben mit überströmenden Augen und stammelte schluchzend meinen Dank für die zahllosen Wohltaten, die ich in ihrem Hause genossen. Der Baron, in Hut und Überzieher, um mich zu begleiten, erklärte, um seine eigene Rührung zu verbergen: »Gretel, weine nicht, im Grunde wechselst du ja nur dein Schlafzimmer, du bist ja doch jeden Tag hier!« Frau v. Bendelebens Augen waren auch feucht, als sie mir sagte: »Gretchen, wenn du irgend Rat und Hilfe bedarfst, so weißt du, wo ich zu finden bin. Gottes Segen auf allen deinen künftigen Schritten. Möge dir ein glückliches Los im Leben zuteil werden. Übersieh nicht die Hand, die dir das Glück bieten will, ergreife sie rasch und halte sie fest. Es geht sich besser durchs Leben an der Seite eines braven Mannes – du verstehst, was ich meine; prüfe und überlege!«
    Ruth lachte etwas spöttisch: »Wir kommen auch alle zur Hochzeit, nicht wahr, Mamachen?«
    Der Baron stieß ungeduldig mit dem Stock auf die Erde: »Mein Gott, so laßt sie doch zufrieden, sie ist ein vernünftiges Mädel und wird allein wissen, was sie zu tun hat. Lobt ihr nicht den Pastor so sehr, das bewirkt oft gerade das Gegenteil.  Die beiden werden allein einig werden, wenn's so sein soll.«
    »Der Pastor will mich ja gar nicht«, sagte ich, böse gemacht durch die Anspielungen. »Höchstens lacht er über mich und mokiert sich, und deshalb kann ich ihn nicht leiden.«
    »Na, nun komm, Gretel«, sagte der Baron rasch und beugte einer kleinen Szene dadurch vor, denn Frau v. Bendelebens große Augen blitzten mich zornig an. »Ich habe später keine Zeit«, setzte er hinzu, »und ich möchte dich gern in deine alte Heimat abliefern.«
    Ich beugte mich noch einmal dankend über die Hand der Frau b. Bendeleben, die sie mir kalt überließ, reichte der Gräfin Satewski die Hand, die gnädig herablassend meinte, ich möge nur dann und wann einmal zu ihr kommen. Weinend schritt ich mit dem Baron hinaus. Dort stand Lisel und sagte mir mit trauriger Miene Lebewohl. Der alte Johann kam mir auf dem Korridor entgegen, er trug im Arme meine Blumenstöcke. »Ich gehe mit, Fräulein Gretchen«, sagte er. »Der Franz wollte das Zeug hinunterbringen, aber das will ich mir doch nicht nehmen lassen. Kommen Sie nur recht oft wieder, ich begleite Sie abends auch allemal sicher wieder ins Dorf. – Ja, Abschiednehmen tut weh. Wer ein bißchen Herz hat, dem geht's gar gewaltig nahe.«
    Niedergeschlagen schritt ich neben dem Baron durch die Allee und gedachte, wie ich als kleines Mädchen hier aus Angst vor dem Gewitter hergeflüchtet war. Ich sah zur Erde, als ob ich die Spuren meiner Kinderfüßchen erblicken müßte: wie war die Zeit doch rasch dahingeeilt! Nun ging ich wieder fort aus dem Hause, das mich so liebevoll aufgenommen, meine verlassene Kindheit zu einer glücklichen umgewandelt, mich den Schatz der Bildung und alles, was das Leben schmückt, kennen gelehrt hatte, wo ich endlich ihn gefunden hatte, den geliebten Bräutigam. Ich blickte noch einmal zurück nach dem Turme, von wo die Fenster unseres Mädchenstübchens herabwinkten. Es war mir, als ob sich ein schwarzer Flor um meine Augen legte und eine Stimme mir zuflüsterte: »Das war deine schönste Zelt, sie kehrt nie wieder!«
    »Na, Gretel, nun weine nicht mehr, Kind. Es ist ein Abschnitt  in deinem Leben, das gebe ich zu, aber es ist ein kaum zu merkender Abschnitt. Du kommst, sooft du willst, zu uns, je öfter desto lieber. Sieh einmal, vielleicht gefällt dir das alte Haus, das sich aufs neue geschmückt hat für die junge Herrin.«
    Ich sah auf, kaum traute ich meinen Augen. Sauber mit Ölfarbe gestrichen, war das alte verwitterte Gebäude kaum wiederzuerkennen. Hell blitzten die klaren Scheiben aus der braunen Einfassung der Fenster, und über der geöffneten Haustür mit dem blanken Messingschloß hing eine Girlande ans Tannengrün. Der Baron schob mich hinein und öffnete die Wohnstube – doch was ist das? Da waren sie, all die lieben Möbel aus dem Schlosse. Mir schien's, als stände ich noch in meinem Turmstübchen, durch die offene Tür des Schlafzimmers sah ich das Himmelbett schimmern mit seinen grünen Vorhängen. »Oh, das habe ich Ihnen zu danken!« rief ich, und aufs neue flossen meine Tränen, aber diesmal vor Freude, und dankbar preßte ich die Hand des Barons in den meinen. »Wie soll ich jemals alle diese Liebe vergelten?«
    »Wenn's dir nur gefällt, Gretel. Du hast uns auch viel Freude gemacht, Kind. Komm nur zuweilen und singe mir ein Lied.«
    Dann ging er rasch fort, als ob er sich meinem Dank entziehen wollte. Ich stand allein in meinem eigenen »Zu Hause«, ein stolzes Gefühl stieg in mir auf. Wie nett war es jetzt hier, wie gemütlich! Es war nichts vergessen an der ganzen Einrichtung, nur die Blumen fehlten noch, die Johann draußen auf den Flur gestellt hatte – wie sorgten sie doch droben im Schloß, daß mir der Unterschied zwischen hier und dort nicht zu fühlbar werde.
    Aber was mochte nur Kathrin sagen? Ob sie noch böse war? »Kathrin!« rief ich aus der Tür. Da kam sie die Treppe herunter mit verdrießlicher Miene. »Bin mit meinem Spinnrad nach oben gezogen«, murmelte sie, »passe doch nicht mehr zu den neumodischen Sachen hier unten, wirst dir können auch eine neue Magd halten, Kathrin versteht es nicht, mit solch feinem Gerät umzugehen.«
    »Weißt du, Kathrin«, sagte ich sehr bestimmt und drückte  sie auf einen Stuhl in der Nähe des Ofens, »wir müssen jetzt einmal zusammen leben, und es wäre sehr vernünftig von dir, wenn du deinen Groll fahren ließest und dich bemühtest, freundlich gegen mich zu sein, wie ich es auch gegen dich bin. Du änderst an meinen Ansichten nichts durch deine mürrische Laune, und hast durchaus kein Recht, dich in meine Angelegenheiten zu mischen. Sobald mein Bräutigam majorenn ist – und sein vierundzwanzigster Geburtstag ist nächsten Sommer –, tritt er vor meinen Vater und sagt ihm, daß wir uns lieben. Bis dahin schweigst du zu jedermann über diese Angelegenheit. Laß dir ja nicht einfallen, drüben bei Renners zu plaudern! Und nun laß uns Frieden schließen.« Ich trat näher und hielt ihr meine Hand hin.
    Als ich sie dabei näher ansah, fiel mir auf, wie furchtbar sich das alte Gesicht verändert hatte. Eine beinahe gelbliche Hautfarbe und blaue Lippen sowie ein heftiges Zittern deuteten an, daß die Alte krank sei. »Was fehlt dir, Kathrin?« fragte ich erschrocken und erfaßte ihre Hand. Kalt lag sie in der meinen. »Kathrin! Du bist krank, du mußt zu Bett, ehe es schlimmer wird!«
    »Ich bin eben erst wieder aufgestanden und auf der Besserung«, sagte sie zähneklappernd. »Ich war recht krank, aber es geht besser, nur das Aussehen –«
    »Es ist unverantwortlich, daß Sie aufgestanden sind, Kathrin«, tönte es hinter mir. Ich wandte mich um und stand der Frau Gerichtsschreiber Renner, der Mutter des jungen Pastors, gegenüber, die einen Napf mit dampfender Suppe in der Hand hatte. Sie fuhr fort: »Sie können glauben, Fräulein Gretchen, sie war recht krank, die Kathrin, und ich habe ihr heute früh wohl hundertmal gesagt, sie soll liegen bleiben. Sie würden's ihr doch wohl nicht übelgenommen haben?«
    Kathrin krank! Und ich hatte nichts davon gewußt – War aus Trotz über ihre bösen Worte nicht wieder zu ihr gegangen! »Aber warum hat man mir nichts davon gesagt?« rief ich vorwurfsvoll. »Ich hätte sie gepflegt. Das ist unrecht von dir, Kathrin, und auch von Ihnen, Frau Renner.«
    »Ach was, mach nicht solch Gerede. Ich wollt's nicht haben,  das kannst du dir denken, und nun ist's genug, ich will nicht länger krank sein!«
    »Sie müssen augenblicklich wieder ins Bett«, eiferte nun die kleine behende Frau Renner. »Sie können sich den Tod holen. Hier essen Sie Ihre Wassersuppe, und dann vorwärts ins Nest. Was kann's helfen? Was einmal nicht geht, geht nicht, und das Fräulein muß wieder aufs Schloß, wenn es sich nicht allein bedienen kann.«
    Es lag ein Vorwurf in diesen Worten, der mich bitter berührte. »Seien Sie ohne Sorge, Frau Gerichtsschreiberin«, sagte ich etwas kühl, »ich muß nicht auf das Schloß, und werde nicht nur mich selbst bedienen, sondern werde auch Kathrin pflegen, und damit Sie sehen, daß dies mein vollständiger Ernst ist, so möchte ich Sie bitten, mir einen Augenblick Ihre Magd zur Verfügung zu stellen, damit sie mir behilflich ist, Kathrins Bett in mein Schlafzimmer zu schaffen.«
    Das freundliche Gesicht der Frau Renner sah ganz betroffen aus. »In das schöne Schlafzimmer?« fragte sie.
    »Nimmermehr!« rief Kathrin. »Mein altes Bett soll nicht hierher, ich will oben bleiben in meiner Dachstube, hier –«
    »Du schweigst!« sagte ich sehr bestimmt. »Ich habe hier zu befehlen. Wenn ich dich herunternehme, so geschieht es aus zweierlei Gründen. Erstens kann ich Tag und Nacht um dich sein, was ich in der unheizbaren Dachstube nicht ausführen könnte, und zweitens –«
    »Ja, das ist recht, liebes Fräulein Gretchen«, unterbrach mich die alte Frau gerührt. »Sie wird nicht gesund in dem alten zugigen Loch da oben. Ich hab's ja gleich gesagt. Aber als der Herr Baron kam und hier alles so hübsch machen ließ, und der Tischler die neuen Sachen brachte, da trug sie ihr Bett und Spinnrad nach oben. Sie konnte wohl hier unten in der Küchenstube bleiben, und das Spinnrad am Ofen hätte die schöne Stube auch nicht verunziert, aber sie war einmal eigensinnig.«
    Ja, eigensinnig ist sie, dachte ich, aber diesmal wird es ihr nichts helfen. Sie brummte allerhand vor sich hin, das ich nicht beachtete. Die Frau Renner holte ihr Mädchen, eine flinke, saubere Person, und bald stand das einfache Bett  an der wärmsten Stelle meines Schlafzimmers und das Spinnrad am Ofen der Wohnstube. Mit Hilfe der Frau Renner lag bald die vor Frost zitternde Kathrin im Bett und trank brummend und murrend eine Tasse Tee, obwohl der Ausdruck in den Augen schon viel freundlicher war.
    »Siehst du, Kathrin«, sagte ich heiter, »hier muß es dir ja gefallen. Ist dir nicht schon ganz mollig? Eigentlich sollte ich dich schelten, doch damit will ich warten, bis du wieder ganz gesund bist. Geschenkt wird es dir nicht, das merk dir«, fügte ich lächelnd hinzu, indem ich noch eine Decke über ihr Bett breitete.
    »Ach, Kind, ich hab' keine Ruhe im Bett; laß mich aufstehen. Wer soll dir denn Holz vor den Ofen tragen und das Abendbrot besorgen? Ach, mein Gott, es geht ja gar nicht.«
    »Ängstige dich nicht, Kathrin, ich weiß noch sehr gut, wo unser Holzstall ist, und die Speisekammer kenne ich auch noch – wenn nur was drinnen ist.«
    »Was wird nichts darin sein?« fragte die Alte ganz gekränkt. »Ich wußte doch, daß du kommen willst, und habe für Wurst und Brot und Eier Sorge getragen. Aber Tee und Schokolade und solche Kinkerlitzchen, wie du sie gewohnt bist im Schloß, die konnte ich nicht anschaffen.«
    »Na, was gibt's denn Schöneres wie Wurst und Butterbrot, Kathrin? Warte nur, du sollst sehen, wie ich gleich darüber herfalle. Sieh so, nun habe ich eine Schürze vor, nun passe auf, wie gut ich wirtschaften kann.« Damit ging ich in den Holzstall, holte einen Arm voll Holz, und bald prasselte das Feuer lustig im Ofen. Die Lampe wurde angezündet, die Läden geschlossen, die Speisekammer revidiert, und dann setzte ich mich mit einem großen Butterbrot seelenvergnügt in die Sofaecke und aß. Nie hat's mir besser geschmeckt, es war ja Heimatskost. Unbeschreiblich anmutend war mir dieses Zuhause. Wenn nun gar erst Kathrin genesen ist und mein Vater kommt, dann muß es wunderschön hier werden in dem alten Hause.
    Nach dem einfachen Abendbrot ging ich, mit Kathrin plaudernd, die sich im Bette gedreht hatte, um mich sehen zu  können, ab und zu, räumte meine Sachen ein, packte die Körbe mit den Kleidern aus und hing sie in den großen Kleiderschrank. »Was wirst du nur mit all dem Zeug anfangen, Gretel?« fragte die Alte kopfschüttelnd. »Du kannst doch hier nimmer solchen Staat machen.«
    »Nun, nun, Kathrin, ich werde doch noch oft aufs Schloß gehen, und dann vergiß nicht, daß ich nicht zu lange mehr bei dir bleibe. Wart nur, du Böse, du willst immer mit aller Gewalt vergessen, daß ich heimlich Braut bin und bald heiraten werde.«
    Ein tiefer Seufzer antwortete mir, während ich, ihre Grillen kennend, ihn überhörte und ruhig in meiner Arbeit fortfuhr. Nach einer Stunde war meine kleine Habe wohlgeordnet in Schränken und Kommoden untergebracht. Kathrins Atemzüge waren leiser geworden, sie schlief. Ich setzte mich an den Ofen auf ein Fußbänkchen und löste das Band, welches ich um Eberhardts Briefe geschlungen hatte. Der Schein der Lampe fiel matt darauf, aber ich konnte sie doch lesen, ich konnte ja beinahe jeden auswendig! Es war doch wunderschön, so zu sitzen, so allein und ungestört, ohne Angst zu haben, ein Unberufener entdecke mein Geheimnis. Blatt für Blatt nahm ich in die Hand und wollte sie noch einmal durchlesen.
    Der erste Brief! Mit welchem Entzücken hatte ich ihn erbrochen. Man sah es ihm an, daß er oft auseinander gefaltet war, und daß ich ihn tagelang mit mir herumgetragen hatte. Ach, so ein erster Liebesbrief ist doch ein bedeutungsvolles Ereignis in einem Mädchenleben. Wenn auch der Geliebte uns in Worten noch soviel gesagt hat, Geschriebenes bringt einen gewaltigeren Eindruck hervor. Auch jetzt ruhten meine Augen wieder auf den teuren Schriftzügen.
    »Mein geliebtes Mädchen!« schrieb er. »Da sitze ich nun in meiner Junggesellenwohnung wie früher. Es ist noch dieselbe alte, etwas eingewohnte Stube mit den schadhaften Möbeln, die schon vor mir wer weiß wie viele Leutnants möglichst ruiniert haben. Es ist alles noch so, wie ich es verlassen, nur ich bin ein anderer geworden. Ach, Gretchen, mein süßes, geliebtes Gretchen, ist es denn wirklich Wahrheit, Du  bist mein geworden in aller Deiner Lieblichkeit? Ich kann es kaum fassen, daß es so ist. Jener Abend im Walde, in dem klaren Mondschein, kommt mir wie ein wunderschöner Traum vor. Und doch ist es Wirklichkeit, ich habe es in Deinen Augen gelesen, Dein Mund hat es mir zugeflüstert, Du liebst mich und willst meine liebe, kleine, angebetete Frau werden!
    Wie anders erscheint mir das Leben jetzt, ich denke gar nicht mehr an all das Unangenehme, was es sonst mit sich brachte. Meine Kerle wundern sich gewiß heimlich, einen so gnädigen Herrn an mir zu haben. Selbst das endlose, ewige Leutnantsein kommt mir nicht mehr so schrecklich vor, mir ist augenblicklich sogar die Beförderung gleichgültig, ich denke nur an Dich, sehe nur Deine süßen, blauen Augen vor mir – alles andere kümmert mich nicht.
    Wie danke ich Dir, daß Du mich lieben willst. Ich habe ja keine Eltern mehr, und was mein Herz an Liebe besitzt, den ganzen reichen Schatz, der sich da aufgesammelt, den lege ich nun zu Deinen Füßen, mein Liebling, meine Braut! Laß Dich nicht verstimmen durch das Geheimbleiben unserer Verlobung; es sind die Verhältnisse, die mich dazu zwingen. Und ist es nicht auch reizend, daß kein Mensch etwas ahnt von unserem süßen Geheimnis?
    Ach, Gretchen, das Leben ist schön, wenn man einen so herzigen Schatz hat, wie ich ihn besitze. Wie freue ich mich auf ein Wiedersehen! Ich denke, so in drei bis vier Wochen darf ich ganz ruhig wieder nach Bendeleben kommen, ohne zu riskieren, daß meine kluge Frau Tante den eigentlichen Grund meiner Anwesenheit ahnt. Wie lang wird mir die Zeit noch dauern bis zu dem Moment, wo mein müde gejagtes Pferd vor der großen Freitreppe Eures Schlosses hält. Ich male mir schon aus, wie Du möglichst ehrbar aussehen wirst, was dem schelmischen Gesichtchen gewiß einen neuen Reiz verleiht. Wäre es doch erst so weit!
    Bitte, schreibe bald. Friedel ist ein treuer Mensch, Deine Briefe kommen sicher in meine Hände. Wie geht es Hanna? Der arme Bergen; ich wollte, er wäre so glücklich wie ich. Man sieht ihn nirgends, und als ich ihn besuchen wollte, ließ  er sich verleugnen. Wie würde er mich beneiden, wenn er wüßte, wieviel mehr Glück ich habe.
    Leb wohl, meine Braut, mein Liebling, mein einziges Herz, schreibe bald, bitte, ich vergehe vor Ungeduld. Tausend Küsse.
    Dein Wilhelm.«
    Ich las, und las mich nicht satt. Dann kam der zweite, der dritte, und endlich hielt ich den letzten in der Hand, den ich gestern bekommen und nur flüchtig lesen konnte:
    »Mein liebes Gretel!
    Vielen Dank für Deinen letzten Brief. Nimm es nicht übel, daß ich ihn erst heute beantworte, es fehlte mir nicht an dem besten Willen, wohl aber an Zelt. Dieser verdammte Dienst bei dem Hundewetter und diese dummen, polnischen Rekruten – Du glaubst es nicht, was es heißt, dabei Geduld zu behalten. Ich habe die Plackerei herzlich satt. Gestern abend ging ich zu Bergens, entre nous, es war sehr langweilig. Hanna machte zwar eine nette Wirtin, aber sie hatte doch nur Augen für ihren Mann, und der sitzt da, als wäre er ein Pascha und spricht goldene Worte der Weisheit. Gretel – das sage ich Dir von vornherein –, einen solchen Normalehemann bekommst Du nicht an mir. Ich konnte es auch nicht zu lange aushalten, ich wäre erstickt, hätte ich noch länger in diesen niedrigen Zimmern sitzen müssen, und eilte hinaus trotz Schnee und Regen. Meinem Burschen gab ich ein paar tüchtige Ohrfeigen, weil er nicht eingeheizt hatte. Es tat mir hinterher leid; aber geschehen ist einmal geschehen.
    Wann ich wieder nach Schloß Bendeleben kommen werde, kann ich bei diesem schauderhaften Wetter nicht bestimmen. Morgen gehst Du nun in Dein Vaterhaus zurück; wie wird es Dir dort gefallen? Vermutlich nicht übermäßig. Wie werde ich es anfangen, Dich zu sehen? Zu Dir kommen kann ich nicht, schon um des alten Drachens, der Kathrin, willen. Verzeih mir, mein liebes, gutes Gretchen, ich will Dich nicht kränken. Habe Nachsicht mit mir, ich werde auch wieder anders werden. Ich hätte heute nicht schreiben sollen, doch unterließ  ich es schon zu lange. Wie geht es der Gräfin Satewski? Hier in G. schwärmt die halbe Garnison für die junge Witwe. Sie ist in der Tat auch auffallend schön, kein Wunder, daß die Kameraden gewissermaßen in Aufregung sind, wenn sie einmal hier in der Stadt erscheint. Ich wurde neulich sehr beneidet, weil ich ihren Cicerone machen durfte, als sie hier einige Einkäufe besorgte, doch – Nun aber leb wohl, mein gutes Mädchen, schreibe bald, ich bitte Dich darum – schreibe recht gut, recht lieb,
 recht aus Deinem treuen Herzen.
    Dein Wilhelm.
    N.S. Wie mir Ruth erzählt, ist der salbungsvolle Liebling meiner Tante jeden Tag zum Abendessen Euer Gesellschafter. Ich finde es mindestens sonderbar, es ist aber wohl besser, ich behalte meine Bedenken für mich.«
    Es lag etwas Gereiztes, Verstimmtes in diesen wenigen Zeilen. Welch ein Unterschied zwischen jenem ersten und diesem letzten Brief! Er wurde mir um so fühlbarer, als ich beide nun miteinander verglich. Was verstimmte ihn nur so, und was mochte ihm begegnet sein, daß er sich so unglücklich fühlt? Gewiß war ihm diese Heimlichkeit ebenso verhaßt wie mir, aber was half es? Wer A sagt, muß auch B sagen! Oder sollte es vielleicht Eifersucht sein? Aber nein, er wußte ja, wie unaussprechlich ich ihn liebe. Ich wollte ihm rasch schreiben, ihm recht Mut einsprechen; es galt doch nur noch eine kurze Zeit, dann war alles überstanden. Ich erhob mich, holte Tinte, Feder und Papier und schrieb ihm, wie er es gewünscht, so recht ans treuem Herzen. Aus dem Schlafzimmer drangen die leisen Atemzüge Kathrins, und so ruhig es um mich her war, wurde es auch in mir, je mehr ich schrieb. Heute weiß ich nicht mehr, was alles ich dem Papier damals anvertraute, aber jedes meiner Worte war von der Liebe diktiert. Herzlich und warm 
klang alles, als ich ihm Mut und Trost einsprach und scherzend versicherte, ich hätte ihn gleich lieb, selbst wenn er nicht ein Musterehemann würde wie Bergen. Er wäre eben er, und so wäre es gerade gut.  Ich las noch einmal durch, was ich geschrieben, legte einige kleine Blumen von meinem Fenster in den Brief, drückte einen Kuß darauf und begab mich, nachdem ich ihn in meinem Nähtische verborgen hatte, zu Bett, um das erstemal nach langer Zeit meine Augen unter dem Dache meines Vaterhauses zu schließen. »Was man träumt in solch erster Nacht, geht in Erfüllung«, hatte mir Liesel noch vor dem Scheiden gesagt. Und Wilhelm erschien mir im Traum. Ich ging an dem kleinen Flusse im Park und suchte etwas, aber vergebens. Da stand Eberhardt drüben, ich winkte ihm, er aber schüttelte mit dem Kopfe und zeigte mit betrübter Miene nach rückwärts. Ich suchte nach einer Brücke, aber es war keine vorhanden. Da nahm ich einen schwanken Zweig und legte ihn über das Wasser; ich wollte darauf hinübergehen, zitternd vor Angst. 
Als ich mitten auf ihm war, stürzte ich in den Fluß. Ich rief um Hilfe. Eberhardt rührte sich nicht, nur ein Stöhnen hörte ich. Ich machte verzweifelte Anstrengungen, um ans Ufer zu gelangen, und kam nicht von der Stelle, während das Stöhnen immer ängstlicher und lauter wurde. Ich erwachte und konnte mich nicht besinnen, kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Da tönte mir wieder das Stöhnen ins Ohr, und nun wußte ich, wo ich mich befand.
    »Kathrin, bist du krank?« Ein neues Stöhnen war die Antwort. Grauenhaft hörte es sich an. Im Nu hatte ich Licht angezündet und war in den Kleidern – da lag die arme Kathrin mit dunkelrotem Gesicht, der Atem ging pfeifend, als müßte sie ersticken, das Stöhnen rang sich unheimlich von ihren Lippen, die Augen sahen stier zur Decke. Ein namenloser Schrecken überfiel mich. Ich war allein mit der Kranken, Erfahrung hatte ich gar nicht, was sollte ich beginnen? Ich versuchte, sie ein wenig hochzurichten und rief ihren Namen. Schwer sank sie wieder in die Kissen. Einen Augenblick war ich vollständig ratlos, dann nahm ich ein Tuch um und ging hinüber zum Pfarrhause. Es war eine dunkle, windige Nacht, aber ein warmer Frühjahrshauch verkündete schon den kommenden März. Ich klopfte an einen Fensterladen, wo ich das Schlafzimmer der Frau  Renner vermutete – ein-, zweimal, es hörte niemand. Endlich vernahm ich ein Geräusch, oben wurde ein Fenster geöffnet, und die Stimme des jungen Pastors rief herab: »Wer ist da? 
Soll ich zu einem Kranken kommen?«
    »Nein, ich bin's«, sagte ich beklommen. »Kathrin ist so krank. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, und da wollte ich Ihre Frau Mutter bitten, daß –«
    »Gleich, Fräulein Siegismund, sofort will ich sie wecken. Gehen Sie wieder hinüber zu der Kranken, Sie sollen sogleich Hilfe haben. Gehen Sie, ehe Sie sich erkälten.«
    Ich ging. Kathrin lag noch ebenso. Ich beugte mich über sie, sie erkannte mich nicht. Eine kurze Zeit verfloß, da klang die Haustür, und Frau Renner trat, begleitet von ihrem Mädchen, ein.
    »Herr Gott, Sie armes Kind, wie mögen Sie sich ängstigen«, sagte sie herzlich und faßte meine Hand. »Was mag nur dem alten Wurm sein, sie stöhnt ja furchtbar?« Sie trat an das Bett Kathrins, fühlte den Kopf und meinte: »Wir müssen kalte Umschläge machen, bis der Arzt kommt. Morgen ist glücklicherweise der Tag, wo er das Dorf besucht. Die Rose Marthal hat das Nervenfieber, und da wird er schon früh hier sein. Ängstigen Sie sich nur nicht, mein armes Hundel«, fügte sie echt schlesisch hinzu, »ich bleibe die Nacht bei Ihnen, und kommt ein neuer Tag, kommt auch ein guter Rat, es ist nicht alles so schlimm, wie es sich anläßt.«
    Ich hätte der alten, praktischen Frau die Hände küssen mögen für ihren Beistand, wenn sie es mir erlaubt hätte, und bat ihr in Gedanken alles ab, womit ich sie beleidigt hatte. Gehorsam folgte ich ihren Anordnungen, tauchte Tücher in kaltes Wasser und legte sie der Kranken auf die Stirn.
    »Das gibt eine Lungenentzündung, passen Sie auf, mein Kindel. Das pfeift viel zu sehr. Mein seliger Mann hat's auch durchgemacht. Es ist kein Spaß, sag' ich Ihnen.«
    »Sie wird doch nicht sterben?« fragte ich angsterfüllt.
    »Wollen's nicht wünschen, aber sie ist nicht mehr jung und, wie gesagt, es ist halt nicht zu spaßen mit einer Lungenentzündung.«  »Ach, mein Gott, nur das nicht!« betete ich für mich. Es kam mir mit einem Male der Gedanke, ich hätte das alte, treue Herz noch so recht nötig für mein junges Leben. Und immer schlimmer wurde es mit ihr, und als es endlich Morgen war und der Arzt kam, da machte er ein bedenkliches Gesicht und meinte, die Patientin wäre schwerkrank.
    Mit wahrer Todesangst wachte ich Tag und Nacht an dem Bette der Alten. Es war gewiß nicht leicht für mich, und ich erkannte, wie verwöhnt ich war. Vom Schloß wurde mir die Liesel zur Hilfe geschickt, auch sorgte die Baronin für ein »Tischchen deck dich«, obgleich mir vor Angst jeder Hunger fernblieb. Die Frau Gerichtsschreiberin und die Liesel standen mir treu bei und wachten auch nachts abwechselnd mit mir bei der Kranken.
    Aber mein Brief! Ich hatte ihn einmal spät abends im Fluge zur Anne Marie getragen und stand wieder in der Krankenstube, ehe man mich vermißte. Auf das Schloß kam ich natürlich nicht. So vergingen lange Tage in steter Angst um das alte Herz, das zwischen Tod und Leben schwankte. Bald neigte es sich zur Besserung, bald schien jede Hoffnung geschwunden. Mein Vater hatte seine Ankunft wieder um vier Wochen hinausgeschoben.
    Endlich, nach langer Zeit schlief unsere Kranke zum ersten Male einen ruhigen Schlummer. Liesel hatte sich an mein Bett gesetzt, und wir sprachen flüsternd miteinander. »Gestern war auch Herr Leutnant v. Eberhardt wieder da«, sagte sie Ieise. Ich fuhr zusammen: »War er schon öfter da, seitdem ich fort bin?«
    »Zweimal, Fräulein Gretel. Das erstemal, als Kathrin sich gerade am schlechtesten befand! Gestern kam er ganz früh und ritt erst spät in der Nacht wieder fort. Er hat mit der Frau Gräfin gefrühstückt, und nachher sind sie spazierengeritten.«
    Ich dachte nach. Also deshalb keine Briefe! Er hatte sicher geglaubt, mich dort zu finden.
    »Unsere Leute im Schloß sagen, das gibt noch einmal ein Brautpaar«, fuhr Liesel fort, ohne mich anzusehen. »Die gnädigste Gräfin lassen ja den Herrn Leutnant gar nicht aus  den Augen. Sogar, als er in den Park trat, hing sie sich ein Tuch über und folgte ihm. Der Johann hat noch gehört, wie sie sagte: ›Aber, Vetter, nun läßt du mich in dieser Langenweile da droben, wo man dem lieben Gott dankt, daß einmal jemand erscheint, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann! Willst du Luft schöpfen, so gib mir den Arm, ich gehe mit!‹ Und da ist sie mitgegangen, obgleich er ganz böse ausgesehen hat. Sie find auch zur Schloßgärtnerei gekommen, und da erzählte mir Anne Marie, der Herr Leutnant habe vor dem Gewächshause gesagt, die Frau Gräfin solle warten, er wolle ihr ein Veilchensträußchen herausholen. Aber sie habe ihn gar nicht losgelassen und habe lachend gemeint, mit Veilchen könne man sie aus der Welt jagen, die blauen, langweiligen Dinger seien ihr unbeschreiblich zuwider, sie liebe nur dunkelrote Rosen 
oder Granatblüten, und die werde man hier schwerlich haben. Denken Sie nur, Fräulein Gleichen, wie kann man Veilchen nicht leiden mögen! Es ist aber einmal so mit der Frau Gräfin, sie ist anders wie andere Damen. Neulich, als ich zufällig in ihr Schlafzimmer trat, da Hab' ich mich nicht schlecht erschrocken, da stand sie vor ihrem Toilettenspiegel und hatte ein wunderschönes, dunkelrotes Atlaskleid angezogen. Oh, diese Schleppe war so lang, und so prächtig sah das aus, und die Lichter blitzten aus den funkelnden Steinen, die sie in den schwarzen Haaren und um Hals und Arme trug, daß es mich beinahe blendete, und sie schaute lächelnd in den Spiegel und freute sich, daß sie so wunderschön aussah. Ich zog aber leise die Tür wieder zu; es gab mir einen ordentlichen Stich ins Herz, daß man sich so aufputzen kann, wenn der Mann erst seit Weihnachten unter der Erde liegt.«
    Ich lag ganz still, mir brauste es vor den Ohren. Das war noch Ruth, dieselbe herzlose, kalte Kokette, die sie schon als Kind gewesen. Was sollte ich beginnen, wenn sie – ich wagte das Schreckliche nicht zu denken,
    »War der Herr Leutnant recht heiter?« fragte ich.
    »Ach nein, Fräulein Gretchen. Er sah schon finster aus, als er kam, und noch finsterer, als er aus dem Zimmer der jungen Gräfin trat. Zwischen der Frau v. Bendeleben und  der jungen Gnädigen war etwas nicht ganz richtig. Sie hatte das Frühstück auf ihr Zimmer bestellt, da kam gerade der Herr Leutnant an, und sie sagte zum Johann: »Ich lasse meinen Vetter zum Kaffee bitten, meine Eltern haben doch schon getrunken. Ich war gerade im Zimmer, als er kam. Da richtete sie sich etwas von ihrem Sessel auf und reichte ihm die Hand zum Kusse – na, die Augen, die sie machte –, ich glaubte, der Herr Leutnant müßte schmelzen.«
    »Genug, Liesel, hör auf! Das mag ich nicht wissen; erzähle mir lieber etwas anderes.« Mir krampfte sich das Herz zusammen bei diesen Nachrichten.
    »Ich wollte ja nur erzählen, was der Herr Leutnant sagte, als sie ihm eine Tasse Kaffee selbst zurechtgemacht hatte«, begann Liesel wieder. »Er sah sie finster an und sagte –«
    »Kathrin regt sich, Liesel. Bitte, sieh nach, es interessiert mich wirklich nicht.«
    Liesel kam wieder: »Sie schläft – aber neugierig bin ich doch, was noch daraus werden wird.«
    Ich schloß die Augen und tat, als ob ich schliefe. In meiner Brust kämpften die verschiedenartigsten Empfindungen. Bald führte mir die Eifersucht die erschreckendsten Bilder vor, bald war der Verstand bei der Hand und sagte: Urteile nicht ungerecht und vorschnell. Eine Angst vor diesem schönen, koketten Weibe überkam mich, daß ich meinen Kopf tief in die Kissen begrub, als wollte ich nichts hören und sehen. Die ganze Nacht quälte ich mich mit den schrecklichsten Bildern, erst das graue Licht der Morgendämmerung brachte etwas tröstlichen Schimmer in mein Gemüt. Liesel war auf dem Stuhle eingeschlafen, auch Kathrin schlummerte, und ich betete um ein festes, starkes Herz.
    Als im Laufe des Nachmittags die Frau Gerichtsschreiberin am Krankenbette saß, rüstete ich mich, um einen Gang nach dem Schlosse zu machen, den ersten, seit ich von dort schied. Ich sah in den Spiegel: ein von Krankenstubenluft und Nachtwachen bleiches Gesicht schaute mir entgegen. Ich zuckte die Achseln und schalt mich selbst aus: »Warum bist du auch so dumm, Grete, dir trübe Gedanken zu machen, du Hasenherz – wo kein Vertrauen, da ist auch keine Liebe.« Ich  schritt durch den Park mit seinen knospenden Bäumen, es war frühlingsmilde, warme Luft, und sie hauchte mir beinahe das letzte Bangen hinweg. Bei Anne Marie machte ich halt und fragte nach Briefen. »Nichts, Fräulein Gretchen«, sagte sie bedauernd und erzählte mir von der Szene am Gewächshause. »Wahrscheinlich wollte der Herr Leutnant einen Brief abgeben, aber die gnädige Gräfin ließ ihn nicht hinein.«
    »Gut, Anne Marie, wenn einer kommt, bring ihn mir wieder, wie die letzten, aber bring ihn gleich!«
    Anne Marie nickte, die freundlichen blauen Augen ruhten teilnehmend auf mir: »Fräulein Gretchen, Sie können sich doch denken: ich laufe gleich hinunter und bringe ihn, das versieht sich. Habe ich doch alle Gelegenheit dazu, wenn ich frage, wie es Kathrin geht.«
    Nach einem freundlichen Gruß ging ich weiter und betrat die alte, wohlbekannte Allee. Die grauen Mauern des Schlosses blickten durch die kahlen Zweige der Bäume. Bald stand ich auf der Terrasse vor dem hohen Portal, über dem das Wappen der Bendelebens, in Sandstein gehauen, prangt – zu beiden Seiten befindet sich eine Inschrift: »Fürchtet Gott – ehret den König!« Hundertmal hatte ich es schon gelesen, und doch kam mir heute alles so fremd, so neu vor, die Halle erschien mir gegen die niedrigen Zimmer, in denen ich zuletzt gewohnt, so hoch, daß ich mich verwundert fragte: War denn das früher auch so?
    Der alte Johann kam mir entgegen. Er schmunzelte, als er mich sah: »Ach, das ist doch grad', als ob die Sonne wieder scheint, wenn Ihr freundliches Gesichtchen mich einmal wieder anschaut. Sie haben schlimme Zeit gehabt, Fräulein Margret, wir alle haben Sie bedauert. Gott sei Dank, daß es wieder besser ist. Der Herr Baron und die gnädige Frau sind ausgefahren.«
    Ich wollte umkehren. »Aber die Gräfin Satewski ist zu Hause«, sagte er; »Frau v. Bergen war noch nicht wieder hier. Das ist ja auch recht gut, sechs Wochen lang darf eine junge Frau nicht in das elterliche Haus, sonst bekommt sie Heimweh, das ist ein alter Glaube, den man respektieren muß. – Soll ich Sie anmelden?«  Ich dankte, schritt allein die Treppe hinan und ging in den westlichen Flügel, wo die Zimmer der Gräfin sich befanden. Ich klopfte an die Tür des Salons, aber niemand erschien. Gewiß liegt sie in ihrem Zimmer auf dem Sofa, dachte ich, und trat ein, durchschritt den Salon und guckte in das kleine, lauschige, üppige Boudoir. Weil ich auch dort die Gesuchte nicht fand, wollte ich eben umkehren, als ich einen Lichtschimmer aus dem Schlafzimmer bemerkte. Licht am Tage? Wie sonderbar! Die Tür war nur angelehnt, ich blickte durch die Spalte. Was sahen meine erstaunten Augen? Da stand die junge Witwe vor dem Spiegel – aber wo waren Haube und Schleier! Ein granatrotes Atlaskleid fiel in schweren 
Falten zur Erde, die lange Schleppe lag auf dem Boden, und drüber wie ein Hauch ein köstliches, schwarzes Spitzengewebe. Brust und Arme schimmerten schneeig aus dem purpurroten Stoff, um den schlanken Hals blitzten Brillanten, ein kleiner, schwarzer Spitzenschleier war mit denselben kostbaren Steinen im Haar befestigt, hinter dem Ohr eine Granatblüte. Das seine Gesicht mit dem reizenden Profil sah musternd in den Spiegel, die Arme mit dem blitzenden Geschmeide waren halb erhoben und in der einen Hand hielt sie einen kleinen Fächer von schwarzen Spitzen. Sie stand da, als wollte sie eben um Tanze dahinschweben.
    Wie bezaubert starrte ich das reizende Bild an – wie war sie schön, dieses junge Weib, in dieser halb spanischen Tracht. Und sie fand es selbst, denn ein Leuchten ihrer schwarzen Augen, ein triumphierendes Lächeln des kleinen Mundes, das ich im Spiegelbilde sah, verrieten es mir. Langsam wandte sie sich, mit dem Fuße stieß sie einen am Boden liegenden Gegenstand fort, daß er bis dicht vor den Türspalt flog – es war die kleine, schwarze Krepphaube mit dem Schleier. »Wie ist sie mir übersatt, diese alberne Komödie!« hörte ich sie halblaut sagen, während sie im Zimmer hin und her schritt, das künstlich durch Läden und Vorhänge dunkel gemacht war, damit sie ihre Schönheit bei Kerzenlicht bewundern konnte. Die Atlasschleppe rauschte, die Brillanten blitzten; ich konnte das schöne, Gesicht sehen, wenn sie an der Tür vorbeikam.  »Oh, ich habe dieses Leben so satt«, fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, »ich sterbe, wenn ich noch lange in diesem traurigen Aufenthalte zubringen soll. Oh, mein Wien, mein schönes,
 heiteres, lebenslustiges Wien! Ich sehne mich nach deinem Licht, deinem Farbenschmelz, wie der Vogel nach Freiheit, wie die trockene Erde nach Regen, wie – ich weiß selbst nicht wie.« Wieder blieb sie vor dem Spiegel stehen. »Kein Mensch ist hier, der mich sehen könnte«, murmelte sie weiter, »und ich bin doch schön, sehr schön. Wie lag man mir in Wien zu Füßen, und was gibt's hier für Bären!«
    Ich schlich mich leise zurück und drückte die Hand gegen mein klopfendes Herz. Wie war es möglich, so frivol, so leichtsinnig, so – mir fehlten die Worte für eine Bezeichnung dieser Szene. – Nur vor den Leuten notgedrungen diese schwarzen Gewänder. War sie allein, so wurden sie beiseite geworfen, und weil niemand vorhanden war, der ihrer Schönheit huldigte, so schmückte sie sich für sich allein und berauschte sich an ihrem eigenen Liebreiz. »Eitles Geschöpf!« murmelte ich vor mich hin. »Und die soll ich fürchten? Nein, dazu hat er ein zu tiefes Gemüt, um diese Zierpuppe, diese Kokette zu lieben.« Damals wußte ich noch nicht, daß nichts die Männer mehr anzieht als Koketterie, und daß ein schönes, frivoles Weib die gefährlichste Gegnerin für ein unerfahrenes, einfach denkendes Mädchen ist.
    Wie gejagt floh ich aus dem Schloß und eilte meiner Heimat zu. Kathrins tief eingesunkene Augen blickten mich mit einem Ausdruck von Rührung und Liebe an, die alte, knöcherne Hand faßte matt nach der meinen. »Gutes Kind!« flüsterte sie und schloß die Augen wieder. Die kleine Frau Renner erhob sich von ihrem Platz und winkte mir, ihr in die Wohnstube zu folgen. »Der Doktor war hier«, sagte sie leise. »Mein Herzel, es tut mir leid, dies Ihnen sagen zu müssen, aber es geht doch nicht anders: er meint, die Kathrin wird wohl gelähmt bleiben, später könne sie vielleicht wieder in einem bequemen Stuhl sitzen, aber arbeiten – das ist vorbei. Sie müssen sich ein Mädel nehmen, das jung und fix ist, und da hab' ich gedacht, Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie meine Marie mieten wollten, die kann  tüchtig schaffen, und ich nehme mir eine Jüngere. So recht eine anzulernen, wird Ihnen jetzt zu schwer bei der Pflege, die das alte Würmel noch bedarf, und ich tue nichts lieber, wie mir ein neues Mädchen erziehen. Ich 
kann sie Ihnen auch bald schicken, das Haus muß imstande sein, wenn der Herr Vater kommt. Da oben sieht's gefährlich aus in dem Studierstübel.«
    »Sie liebe, gute Frau Renner«, sagte ich tief gerührt, »das kann ich nicht annehmen, ganz gewiß nicht, das Mädchen paßt für Sie –«
    »Sie tun mir einen Gefallen, Kind. Die große Person hat in meinem Hause lange nicht genug Arbeit – kein Wort mehr, sie kommt übermorgen. Schon gut, schon gut, mein Hundel, was wollen Sie die alten Hände küssen –«
    Liesels Eintreten machte der Szene ein Ende. Die kleine Frau Renner trippelte über die Straße, und ich nahm meinen Platz am Krankenbette ein, stützte den Kopf in die flache Hand und dachte nach, während Liesel stillschweigend das Zimmer aufräumte.
    Im fortwährenden Kreisgang drehten sich meine Gedanken um Ruth und Eberhardt. Wenn ich die Augen schloß, so gleißte mir der purpurrote Seidenstoff ihres Kleides entgegen, ich sah dieses wunderschöne Gesicht sich gegen den Spiegel neigen und hörte die Worte: »Oh, dieses elende Komödienspiel!« – Wenn ich doch Eberhardt ein einziges Mal sprechen könnte, ihn fragen, was ihn so finster macht, ihn warnen könnte vor diesem schönen, falschen Weibe!
    Ich hoffte umsonst. Es gingen Tage dahin, und Anne Marie brachte mir keinen Brief. Meine Ungeduld, meine Angst wuchsen von Stunde zu Stunde. Auch Liesel kam nicht mehr, ich hatte das Mädchen von Frau Renner bekommen und erfuhr also auch von dieser Seite nichts. Der Baron war ein paarmal an meinem Fenster gewesen und hatte sich erkundigt, wie es stehe, hatte mich auch dringend eingeladen, ihn zu besuchen, er sehne sich nach meiner Gesellschaft. Ich entschuldigte mich damit, daß ich Kathrin nicht allein lassen könne, es wäre mir bisher unmöglich gewesen, nach dem Schlosse zu gehen.  Arbeit, sagte ich mir endlich, Arbeit ist das einzige, was hilft. Ich ließ das Stübchen meines Vaters ausräumen und scheuern, befreite die unzähligen alten Bücher von ihrem jahrelangen Staub und machte mich eines Tages daran, sie wieder an ihre Plätze zu stellen. Es war eine schwere Aufgäbe, sich einigermaßen herauszufinden. Mit den deutschen Schriften ging es: Wieland und Klopstock, Archenholz' Annalen und Siebenjähriger Krieg,
 dann archäologische Werke wurden bald geordnet, aber die lateinischen und griechischen Bücher? – Ratlos stand ich und hielt ein solches unverständliches, in Schweinsleder gebundenes Ding in der Hand, da öffnete sich die Tür, und Pastor Renner trat über die Schwelle.
    »Ich komme, um meine Hilfe anzubieten«, sagte er und sah mich freundlich an. Meine Mutter erfuhr, daß Sie bei dem Aufräumen sind, und schickt mich herüber. Alte Herren lieben in solchen Sachen Ordnung über alles, und wie ich sehe, stehen Sie schon da und wissen nicht, wo aus und ein.« Er nahm mir das Buch aus der Hand: »Das sind Ovids Verwandlungen in der schönen Elzevirausgabe, ich glaube, es stand hier. Bitte, reichen Sie mir die Bücher in gleichem Einband mit aufgeschlagenem Titelblatt – so ist's recht.«
    Mechanisch reichte ich ihm eins nach dem andern: »Ovid – hier, Virgil – hier, so, wir werden bald fertig sein.« Eifrig ordnete er die von mir hingereichten Bücher. Das Peinliche seines Erscheinens verschwand, so ruhig und freundlich war sein Auftreten. Eine Stunde verging, ohne daß ein anderes Wort als das zur Arbeit notwendige gesprochen wurde. Nun war sie aber auch vollendet, und ich dankte ihm mit freundlichen Worten.
    Er sah mich lächelnd an: »Kaum kann ich mir denken, daß Sie mit der jungen Dame identisch sind, die ich einst hier oben eintreten sah mit Hut und Reitpeitsche und verwehten Haaren.« Ich schaute betroffen an mir herunter – eine große, bunte Schürze, die beinahe das ganze Kleid bedeckte und noch von meiner seligen Mutter herstammte, hatte ich mir vorgebunden, die Ärmel zurückgeschoben und, mein Gott ja, um den Kopf ein weißes, dreieckiges Tuch geknotet, damit  der Staub sich nicht auf mein Haar legen sollte. – Ich wurde dunkelrot unter seinem lächelnden Blick und wollte das Tuch vom Kopfe reißen.
    »Ei, nicht doch!« wehrte er ab und legte einen Moment seine schlanke, weiße Hand auf meinen Arm. »Es wäre schade, wenn Sie das Tuch abnehmen wollten. Kein Hut, kein Blumenkranz hat Sie je so geschmückt, wie –«
    »Bitte, keine Schmeicheleien!« sagte ich, bebend vor Verlegenheit.
    »Schmeicheleien müssen sich allerdings wunderbar aus meinem Munde anhören. Ich spreche nur die Wahrheit, wenn ich behaupte, daß eine Frau nur frauenhafte Tracht kleidet.«
    »Ich weiß, ich weiß«, sagte ich ungeduldig. »Sie haben mich getadelt, daß ich so gern zu Pferde saß. Ich wiederhole Ihnen, es war mein größtes Vergnügen. Sie können sich nicht denken, wie reizend es ist, so ein mutiges Tier zu lenken.«
    »Ja, für eine Gräfin Satewski würde ich es allenfalls gelten lassen, aber für –«
    »Nun?«
    »Wir wollen nicht wieder streiten, Fräulein Gretchen. Ich bin überzeugt, Sie geben mir noch einmal recht. Lassen Sie uns Frieden schließen und meiden Sie nicht mehr so eigensinnig unser Haus, meine Mutter kränkt sich im stillen darüber, sie hat Sie sehr lieb.«
    »Nein, ich kann nicht, ich kann nicht«, sagte ich hastig, seine dargebotene Hand abwehrend. »Kommen Sie nicht wieder hierher, ich bitte Sie dringend. Verlangen Sie nicht, mich drüben in Ihrem Hause zu sehen, ich will stets Ihre Frau Mutter ehren und lieben, aber lassen Sie mich unbeachtet!«
    Betroffen trat er zurück. »Bin ich Ihnen schon jemals in irgendeiner Weise entgegengetreten, daß Sie das Gefühl haben müßten, ich sei Ihnen lästig?« fragte er verletzt und stolz zugleich. »Ich habe, bei Gott, mich noch nie in Ihre Nähe gedrängt. Daß ich dem Zufall dankbar war, der dies zuweilen tat, leugne ich nicht. Aber denken Sie nach, soviel Sie wollen, Sie werden nichts finden, was diese scharfen Worte rechtfertigen könnte.«  Verzeihen Sie mir, es ist wahr, aber ich wiederhole dennoch meine Bitte um meinetwillen, es hängt sehr viel davon ab. Ich bitte Sie, tun Sie nicht, als ob ich lebe, als ob Sie mich jemals gesehen, als –«
    »Sie sprechen in Rätseln, Margarete«, sagte er leise. »Ich vermag sie jetzt nicht zu lösen, aber es sei: ich werde Ihrem Wunsche gehorchen, ich werde mich bemühen, Sie nicht zu sehen. Leben Sie wohl, verzeihen Sie mein Eindringen hier, es war das erste und soll das letztemal sein. Mögen Sie den richtigen Weg gewählt haben für Ihr Glück!« Ein trauriger Blick streifte mich, als er sich förmlich verbeugte und hinausschritt.
    »Verzeihen Sie mir«, sagte ich leise und hielt ihm die Hand hin. »Ich wollte Sie nicht kränken – wenn Sie ahnen könnten –« Er sah es nicht mehr und hörte es nicht – den Kopf stolz zurückgeworfen, ging er die Treppe hinunter. Ich blieb stehen und blickte ihm nach; aber ich konnte nicht anders. Was hätte Eberhardt denken sollen, wenn ich dem jungen Geistlichen gestattete, so herüberzukommen. Wie hätte ich die spöttischen, scharfen Neckereien der Gräfin Satewski ertragen können und die Anspielungen der Frau v. Bendeleben?
    Ja, es war, besser so. Aber Eberhardt! Wann soll ich ihn wiedersehen? Warum schreibt er nicht??
    »Frau v. Bendeleben läßt Fräulein Gleichen bitten, Sie möchten zum Abendessen aufs Schloß kommen, die junge Frau v. Bergen mit ihrem Mann kämen gegen Abend auch«, bestellte, vor Freude dunkelrot, Liesel am anderen Nachmittag, als ich nähend an Kathrins Bette saß. »Ich bleibe so lange hier, Fräulein Gretchen, und nun machen Sie sich recht schön. Es freut mich so, daß Sie auch einmal wieder ein Vergnügen haben. Sie sind ganz trübselig hier unten geworden. – Die gnädige Gräfin hat sich zurückgezogen«, fuhr sie fort, »sie sagt, sie habe Kopfschmerzen. Vorhin lag sie aber in dem kleinen, blauen Salon, und da hörte ich sie recht herzhaft gähnen, und Johann meint –«  »Was meinst du, Kathrin«, fragte ich, die ordentlich aufgeregte Liesel unterbrechend, »kann ich dich wohl allein lassen einen ganzen Abend?«
    »Aber, Kind, nun freilich; geh nur, geh nur. Kommt noch Besuch, Liesel?«
    »Nein, Kathrin, wer soll denn kommen? Etwa der Leutnant v. Eberhardt? Na, sicher nicht; dann hätte die Frau Gräfin keine Kopfschmerzen.«
    Ich biß mir die Lippen wund und stand auf. Kathrin sagte mit lebhaftem Interesse: »Sie mag ihn wohl leiden, den Herrn Leutnant?«
    »Na, das versteht sich!« nickte Liesel. »Das kann ja ein Blinder mit dem Stock fühlen – ich hab's gleich gesagt. Neulich war sie wieder in die Stadt gefahren – das erzählte Mertens, unser Kutscher, abends in der Gesindestube – und hat den Fränzel in der halben Stadt herumgehetzt nach dem Herrn Leutnant. Er hat ihn aber nicht finden können, da ist sie denn sehr böse gewesen. Und wie sie aus einem Laden trat, der Fränzel hinter ihr, da hat sie den Herrn Leutnant auf der Straße getroffen und ist an seinem Arm weitergegangen. Es hat ausgesehen wie ein Brautpaar. Das muß so wienerische Mode sein, hier paßt sich das nicht – die Leute haben ihnen auch nicht schlecht nachgeschaut.«
    Das Plappermaul konnte ich nicht stopfen und mußte geduldig mit anhören, wie nun Kathrin sagte: »So, so! Na, der Mann ist ja kaum unter der Erde, das hat wohl nichts zu sagen!«
    Na, aber! Doch ich will nichts verraten!« rief Liesel und klopfte sich auf den Mund, als wollte sie ihn für seine Schwatzhaftigkeit bestrafen. Ich kleidete mich langsam an und tröstete mich damit, daß Ruth Kopfweh hatte, und Eberhardt nicht da war. Ich hätte ja nicht gewußt, wie ich es ertragen sollte, die beiden zusammen zu sehen.
    Zögernd trat ich abends in die alte Halle, da tönten leise Schritte auf der Treppe; eine zierliche Gestalt in grauem Kleide flog mir entgegen, und mit dem hellen Jubelruf: »Gretchen!« lagen wir uns in den Armen. Ich blickte wieder in das liebliche Gesichtchen, die klaren Augen schauten mich so  treu, so wie immer an, und da löste sich der starre Schmerz in meiner Brust, ich legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte so recht aus Herzensgrunde.
    »Armes Gretel, ja, du hast schwere Zeiten durchgemacht, während ich in lauter Glück schwamm. Komm, weine nicht, wir wollen wieder ein Stündchen wie früher verplaudern. Komm, ich war schon oben in unserem Mädchenstübchen, es ist noch alles so wie früher. Da wollen wir uns auf die alten Plätze setzen, und da sollst du dich aussprechen!«
    Ich folgte ihr mechanisch und leise weinend. Als ich aber wieder in das alte, liebe Gemach trat, wo ich meine glücklichste, seligste Zeit verlebt hatte, da brach der Sturm in meiner Seele um so heftiger los, und beinahe schreiend warf ich mich in das Sofa und verbarg den Kopf in den Kissen.
    »Gretel«, hörte ich Hannas Stimme, »das ist mehr Kummer, als ich vermutete. Die Sorge um die alte Kathrin ist das nicht allein, du hast anderes. Tieferes zu leiden. Kann ich dir nicht helfen, mein süßes, gutes Gretchen? Sag's mir, vertraue mir.«
    Ich schüttelte den Kopf. »Ach, wenn ich könnte, aber ich darf's ja nicht«, schluchzte ich außer mir. »Oh, war' ich doch tot, tot und begraben, das ist besser, als so zu leben, ich kann's ja nicht mehr ertragen!«
    Ratlos stand Hanna neben mir, ihre kleinen Hände streiften meine heißen Wangen, die frischen Lippen berührten meine brennenden Augen. »Armes Gretel, du darfst es nicht verraten, was dich so erschüttert? Weine dich aus, es wird besser danach, man fühlt sich wieder leichter nach solchem Tränenstrom.« Sie schlang den Arm um mich und legte meinen Kopf an ihre Schulter, meine Tränen flossen immer noch, aber ruhiger. Sie hatte recht, man wird freier und leichter.
    »Törichtes Mädel«, schalt ich mich selbst, »als ob schon alles verloren wär! Was hast du für Ursache, zu weinen? Er kann keine Zeit gehabt haben zum Schreiben, oder irgendwelche anderen Gründe – vielleicht ist er doppelt vorsichtig, seit die Gräfin im Schlosse ist, damit kein Brief verlorengeht. Wenn du ihm erst wieder in die Augen gesehen hast,  wirst du auch anders denken. Die lange, trübe Zeit da unten hat dich angegriffen – verzweifle nicht ohne Ursache, das Leben ist doch so schön!«
    »Ein netter Empfang, meine liebe Hanna, den dir deine Gretel da bereitet«, sagte ich. »Verzeih, es ist schon alles vorüber, und ich lache jetzt über meine Angst und Sorge. Es ist die trübe Zeit da unten in der Krankenstube und die Sehnsucht nach dir, die mich so traurig machte. Du bist glücklich, nicht wahr?«
    Ein heißer Freudenstrahl brach aus den klaren Augen: »Ach, Gretchen, die Worte fehlen mir, zu sagen, wie sehr ich es bin!«
    Ich ließ mir von ihr vorplaudern, wie sie ihr Leben eingerichtet, wie leicht sie sich in die ganz veränderten Verhältnisse gefunden habe, wieviel Vergnügen es ihr mache, die Hausfrau zu spielen, und wie einzig lieb ihr Mann gegen sie sei. »Komm bald zu mir, Gretel, du mußt alles selbst sehen, das Erzählen ist ja gar nichts gegen die Wirklichkeit.«
    Lange plauderten wir so, während die Dämmerung das kleine Gemach immer mehr erfüllte. Da tönte die Stimme Bergens vor der Tür: »Hanna! Frau! Ungetreues Weib! Wo steckst du denn so lange? Wir warten und warten, und da sagt Mama, du würdest wohl mit Fräulein Gretel hier oben im alten Quartier sitzen. Kommt heraus, wir wollen auch etwas von euren weisen Gesprächen profitieren.« Lachend öffnete Hanna und fiel ihm um den Hals. »Du Tyrann, du abscheulicher Mann, wir kommen ja schon.«
    »Es ist auch die höchste Zeit«, fuhr er ernsthaft fort, nachdem er mich herzlich begrüßt und den Arm seiner Frau genommen hatte. »Papa ist schon sehr ungeduldig, daß seine jüngste Frau Tochter so lange bleibt, und Mama scheint Kopfschmerzen zu haben und spricht sehr wenig, und Eberhardt gibt ihr das beste Beispiel: denn bis jetzt hat er den Mund noch nicht aufgetan.«
    Eberhardt hier! Eine Todesangst überfiel mich, was sollte ich beginnen? Umkehren? Nach Hause gehen? Das ging nicht mehr, schon standen wir vor der Tür. Nur vorwärts! flüsterte ich mir zu, während mein Herz wie wahnsinnig  gegen die Brust schlug: es hilft nichts mehr, Gott weiß allein, wie es kommen soll!
    Wir traten ein, mein Auge überflog das Zimmer; da saß Frau v. Bendeleben im Sessel am Kamin, der Baron am Tische und trommelte mit den Fingern auf der Platte, Eberhardt war nicht da. Ich wurde herzlich begrüßt, besonders vom Baron: »Du siehst ja ganz blaß aus, meine Kleine, die Krankenluft da unten tut dir nicht gut. Mußt wieder öfter einen tüchtigen Spazierritt machen, verlernst ja auch sonst das Reiten. Suleika hat dich schmerzlich vermißt, besuche sie nur einmal«, sagte er freundlich und schaute mich besorgt an.
    »Wo ist denn Eberhardt?« fragte Hanna, die sich ihrer Mutter gegenüber niedergelassen hatte und eifrig an einem Strumpfe strickte.
    »Er hat sich bei Ruch anmelden lassen, um sie zu bitten, mit uns zu Abend zu essen«, sagte Frau v. Bendeleben mit einem Seufzer. »Wie geht es Kathrin?« wandte sie sich dann an mich. »Ist es wahr, daß sie gelähmt bleiben wird?«
    Eben wollte ich antworten, da trat Pastor Renner ein. Er erblaßte etwas, als er mich sah, und sagte mir sehr kühl »Guten Abend«. Frau v. Bendeleben wurde etwas gesprächiger. Renner erzählte von seinen Erfolgen in der neuerrichteten Schule, das interessierte sie, und so verfloß beinahe eine Stunde, für mich unsäglich langweilig, da meine Gedanken bei Eberhardt und Ruth weilten.
    Johann meldete, daß serviert sei, und man erhob sich.
    »Ja, wollen wir denn ohne Eberhardt und Ruth essen?« fragte Hanna.
    »O nein«, sagte Frau v. Bendeleben, »bitte, geht und ruft sie!«
    »Komm mit, Grete«, bat Hanna. »Wir wollen die vergessene Gesellschaft bald auf die Beine bringen« – damit zog sie mich hinaus.
    »Geh allein, Hanna!«
    »O nein, ich fürchte mich in dem langen Korridor.«
    »Schick Johann«, bat ich.
    »Nein, komm nur, wir wollen sie erschrecken.« Ich zitterte vor Aufregung, aber sie zog mich mit. »Horch, sie sprechen«,  sagte sie leise, als wir in dem nur matterleuchteten Salon der Gräfin standen. Durch die schweren, dunkelroten Vorhänge drang Lichtschimmer aus dem kleinen Boudoir, und da tönte auch Ruths silberhelles Lachen. Ich hörte, wie sie sagte: »Was du für ein wunderbares Gesicht machst, Vetter. Ich finde dieses Arrangement sehr passend. Nur wollt' ich, daß der feierliche Schritt erst in aller Form geschehen wäre, aber Gott weiß, wie lange es noch dauert! Diese dörfliche Schönheit glaubt wahrscheinlich, es gehöre zum guten Ton, die öffentliche Verlobung mit ihrem salbungsvollen Anbeter zu verzögern, obwohl sie ja heimlich, wie mir Liesel sagte, vollständig einig sind. Na, sie war von jeher etwas obenhinaus und kopiert möglichst die Manieren der beau monde, soweit sie sie kennenlernte. Übrigens, es wird Zeit, daß ich dich beurlaube, Wilhelm, denn man rüstet sich zur Tafel. Ich wünsche bon 
appetit und viel Vergnügen; Bergen wird für lehrreiche Konversation Sorge tragen.«
    »Du mußt mit, Ruth!« sagte Eberhardt.
    »Nimmermehr!« rief sie. »Ich kann dies spießbürgerliche Wesen nicht ertragen. Das Fräulein Gretel wird wohl da sein mit ihrem ewigen Madonnengesicht. Der junge Pastor wird natürlich sie und sie ihn anhimmeln. Hanna wird gleich nach Tisch einen ellenlangen Strumpf aus der Tasche ziehen und sich mit der Miene einer erfahrenen Hausfrau ins Sofa setzen – nein, um alles in der Welt, ich bekomme Krämpfe, wenn ich daran denke.«
    »Und so grausam willst du sein und mich dort unten vor Sehnsucht verschmachten lassen?«
    »Oui, mon cher, allez seul.«
    »Aber was soll ich allein dort? Onkel und Tante, Bergen und Hanna, der Pastor und – und«, seine Stimme klang auf einmal dumpf und gepreßt. »Ich bitte dich«, sagte er dann beinahe heftig, »komm mit hinüber, oder ich bleibe hier – soll ich dort etwas mit ansehen, was ich nicht teilen kann? Komm mit!« lachte er, »dann sind wir gerade drei Paare und könnten einen kleinen mittelalterlichen cour d'amour errichten, und du, als Sachverständigste, kannst entscheiden, welcher Ritter seine Dame am zärtlichsten verehrt.«  Hanna preßte meine Hand, ihr Gesicht war dunkelrot geworden, und mir wankten die Knie, ich konnte mich kaum aufrechthalten. Aber alle meine Sinne waren gespannt auf die Vorgänge hinter den purpurroten Vorhängen gerichtet.
    »Eh bien!« sagte Ruch. »Ich will es tun und hinüber kommen, aber eine Bedingung: du wirst dich bemühen, diese kleine schwarze Krepphaube nicht zu übersehen, mein teurer – Vetter!« Sie sprach das letzte Wort mit eigentümlicher Betonung.
    Ein unheimliches, beinahe krampfhaftes Lachen Wilhelms erfolgte. »Mon dieu, was doch die Weiber für ihren guten Ruf besorgt sind! Ich bin fest überzeugt, dieses sanfte, unschuldige Kind aus dem Pfarrhaus« hat ihrem zärtlichen geistlichen Liebhaber etwas Ähnliches zur Pflicht gemacht, damit sie nicht kompromittiert wird. Sie ist spaßig, diese Komödie, die eine ist noch Witwe, die andere ist – alle Achtung vor diesen Weiberwitzen!«
    Sein Gelächter tönte mir noch in den Ohren, als ich wie gejagt davonlief. Fast bewußtlos sank ich in dem kleinen Salon in den Sessel. Glücklicherweise war niemand mehr hier, sie mochten schon im Speisesaal sein. Wie gebrochen lag ich da, ein Chaos von Gedanken wirbelte in meinem Kopfe. Ich strich mit der Hand über die Stirn: »Was soll ich tun? Was soll ich beginnen? Lieber Gott, hilf mir, hilf mir!«
    »Fräulein Gretchen, Fräulein Gretchen, wo stecken Sie denn?« rief Bergen. »Ich möchte um den Vorzug bitten, Sie als Tischnachbarin zu haben. Sind Sie krank?«
    »O bewahre!« rief ich und nahm, aufspringend, seinen Arm. »Sehen Sie mich nur nicht so verwundert an, ich bin wirklich ganz gesund, vollständig –«
    Man saß schon um den ovalen Tisch, Ruth neben ihrem Vetter und Bergen gegenüber, Hanna leichenblaß an der Seite des jungen Pfarrers. Wankend schritt ich zu meinem Platz. Eberhardts Blicke waren groß auf mich gerichtet, als er aufstand und mir eine tiefe Verbeugung machte. Mit etwas spöttischer Miene sah er, daß ich auf der anderen Seite des Pastors Platz nehmen mußte. Mir schnitt es gleich  Messern ins Herz, als ich bemerkte, wie er mit Ruth einen Blick wechselte.
    Wie eigentlich diese Zeit bei Tische hingegangen ist, weiß ich nicht mehr. Es war mitunter ein lebhaftes Gespräch im Gange, aber es schien mir, als ob alles untereinander gereizt und böse sei. Eberhardt sprach beinahe am meisten, und zwar widersprach das, was er sagte, gewöhnlich den Ansichten, die Bergen eben geäußert hatte. Auf häßliche, satirische Weise suchte er ihn lächerlich zu machen, aber Bergen blieb sehr ruhig, und Hanna warf ihm bittende Blicke zu, die er freundlich erwiderte.
    Pastor Renner blieb beinahe stumm, ich gänzlich. Endlich erhob sich Frau v. Bendeleben und gab das Zeichen zum Aufheben der Tafel. Hanna trat zu mir und flüsterte: »Gretchen, ich bitte dich, schweig gegen jedermann über das, was wir gehört! – Was hat nur Eberhardt?« fragte sie ihren Mann, der eben zu uns kam.
    »Kind, so zerfahren und gereizt ist er schon seit längerer Zeit – ich dächte, das mußt du auch schon gemerkt haben. Es ist gar nicht mehr mit ihm umzugehen jetzt. Gott mag wissen, was ihn drückt – er tut mir leid.«
    »Ja, mir auch«, sagte Hanna mit einem Seufzer und legte ihr großes wollenes Strickzeug vor sich auf den Sofatisch in dem kleinen Salon. »Komm, Grete, du sollst Tröster für alle sein, du singst heut ein bissel. Ich hab' mich so lange nach deiner schönen Stimme gesehnt.«
    »Aber die Gräfin Satewski, sie kann es nicht hören!« sagte ich ängstlich.
    »Aber ich kann's hören!« sagte hier sehr bestimmt der Baron. »Wer es nicht vertragen kann, mag das Zimmer verlassen und sich außer Hörweite begeben.«
    Er hatte laut gesprochen, aber die schöne Gräfin nahm nicht die mindeste Notiz davon. Sie hatte den feinen Kopf nach Eberhardt zurückgewandt, der hinter ihrem Sessel stand und zu ihr sprach. Er drehte das Ende seines schwarzen Bärtchens zwischen den Fingern und seine funkelnden Augen ruhten feurig auf dem schönen Gesicht.
    Ich mußte an ihm vorüber, wenn ich in das Nebenzimmer  gehen wollte, wo der Flügel stand. Mein Kleid streifte ihn, er merkte es nicht. Zum Singen war mir nicht zumute, fast mechanisch quollen mir die Töne aus der Brust. Ich merkte kaum, daß ich das alte Lied sang, das mir schon den ganzen Tag in den Ohren geklungen hatte. Da, beim zweiten Vers, kam mir wie ein Blitz die Erinnerung jenes Abends, an dem ich es zuerst gesungen. Ich sah ihn wieder, wie er drüben stand und mich anschaute:
    So selig, so wonnig.
      So wunderbar lieb,
      O ihr Sterne am Himmel.
      Wenn's immer so blieb!
    Mond ist gegangen.
      Erloschen die Stern',
      So blaß meine Wangen.
      Und er, – ach so fern!
    und der letzte Vers – jetzt paßte er! Ich glaube, ich habe ihn nie mit tieferer Empfindung gesungen. Hanna nahm die Hände von den Tasten und blickte mich an: »Gretchen, das ging ja durch Mark und Bein, was ist dir nur, liebes Herz?«
    Im Nebenzimmer faß Gräfin Satewski und lächelte wie vorher, aber der Platz hinter ihrem Stuhle war leer, Eberhardt war verschwunden. Er kam auch nicht wieder, obgleich die schöne Frau Johann durchs ganze Schloß jagte, um ihn zu suchen; – er blieb verschwunden. Hanna nahm unbekümmert ihren Strickstrumpf und bald klapperten die Nadeln flink gegeneinander.
    »Unbegreiflich!« fing Ruth an. »Haben dich die Eltern so schlecht mit Nadelgeld versehen, daß du derartige Arbeiten selbst verrichten mußt?«
    »O nein; aber du glaubst gar nicht, wie seine Wäsche aussieht. Solch ein unverheirateter Leutnant – du kannst es dir gar nicht vorstellen. Ich habe alle Hände voll zu tun, um alles, wieder in die Reihe zu bringen.«
    »Na, dann strick doch in deiner Häuslichkeit soviel du willst, aber nicht in Gesellschaft.«  »Ich glaube hier zu Hause zu sein und nicht in Gesellschaft. Ich habe mich überdies daran gewöhnt, mich mit etwas zu beschäftigen. Aber wenn es dich unangenehm berührt, lege ich das Strickzeug gern weg.«
    »Nein, bitte, bitte!« sagte Ruth. »Ich fühle mich angegriffen und ziehe mich zurück.« Sie stand auf. »Bon soir. Hoffentlich ist mir morgen wieder besser.« Auch ich erhob mich und sagte »Gute Nacht«. Ich mußte allein sein mit meinem schweren Herzen.
    »Ah, da winkt ja dem Herrn Pastor eine Ritterpflicht«, lachte Ruth, sich noch auf der Schwelle umwendend. »Man kann doch den finstern, einsamen Weg nicht allein machen?«
    »Ich bedaure sehr, dem Fräulein meine Begleitung nicht anbieten zu können. Ich habe nachher noch einen Gang in das entgegengesetzte Ende des Dorfes zu tun«, bemerkte der junge Geistliche kühl.
    »Ich gehe allein und fürchte mich gar nicht«, erwiderte ich und schritt an Ruth vorbei, die lächelnd folgte. Auf dem Korridor standen wir uns gegenüber, das Lächeln verschwand von dem reizenden Gesicht.
    »Vielleicht wäre eine andere Begleitung angenehmer«, flüsterte sie dicht an meinem Ohr. »Mamsell würde ihren Arm vielleicht lieber in den des hübschen Leutnants legen? – Noch ganz die Prinzeß von früher, die sich einbildete, mit uns rivalisieren zu können. Damals waren es –«
    »Bunte Bänder, Gräfin Satewski, und jetzt ist es eines Menschen Lebensglück. Aber beruhigen Sie sich, noch habe ich Mittel und Wege, mein Eigentum zu verteidigen – ohne die Waffen der Koketterie und der Lüge ergreifen zu müssen.«
    Ihre Augen blitzten, sie faßte mich am Handgelenk. – »Wovon sprichst du denn eigentlich, mein Kind? Ich habe kein tendre für den Herrn Pastor. Ich meinte nur, man soll sich genügen lassen und nicht heimlich Liebesbriefe durch Anne Marie an einen anderen besorgen. Erschrecken Sie nur nicht! Ich weiß ja nicht, wer dieser Glückliche ist – aber was würde meine Mutter, was Hanna und der tugendhafte Ehren-Bergen sagen, wenn sie das wüßten?«
    »Dieser andere, Gräfin«, sagte ich ruhig und laut, indem  ich mich hoch aufrichtete und ihr fest in die Augen sah, »dieser andere ist mein Bräutigam schon seit beinahe einem halben Jahre. Schlimm genug für mich, daß die Verhältnisse mich dazu zwingen, ihm heimlich zu schreiben, indessen kann ich's nicht ändern. Daß aber andere, unberufene Personen, für welche die Sache ohne alles Interesse ist, meine Schritte beobachten und sich in meine Angelegenheit mischen, daß Anne Marie keine treue Hüterin meines Geheimnisses ist, das ist hart für mich, die ich schutzlos dastehe. Aber auch das werde ich überwinden. Sollte man aber so boshaft, so frivol, so leichtfertig sein, mich bei meinem Verlobten zu verdächtigen, ihm Andeutungen zu machen, als ob ich nicht treu sei, so werde ich jede Schranke niederreißen, Gräfin Satewski, werde die Wahrheit sagen und –«
    »Nun, und?« fragte sie und lächelte.
    »Ich werde es Hanna erzählen und Bergen und Ihren Eltern. Alle Welt soll es wissen, was für eine Fülle von Frivolität sich hinter dieser weißen Stirn verbirgt!«
    Sie lachte. »Närrchen! Was fabeln Sie da eigentlich? Nun wohl, wir wollen sehen. Glück auf! Vergessen Sie nur nicht, daß Sie Grete Siegismund heißen und dort unten im Dorfe Ihrer Ahnen Haus stehen haben.«
    Sie wandte sich um. Ich ging allein aus der Halle. Ein feiner Regen sprühte mir ins Gesicht, und der Weg war aufgeweicht. Ich zog mein Tuch fester um mich – mich fror, obgleich mein Kopf glühte. Aus der Gärtnerwohnung schimmerte noch Licht. Ich trat ans Fenster und sah hinein: Anne Marie saß an dem Bettchen ihres Kindes. Als ich klopfte, erhob sie sich und öffnete das Fenster.
    »Anne Marie«, sagte ich bebend, »was hast du getan mit meinem Briefe? Du hast mein Vertrauen schlecht belohnt!«
    »Ich? Jesses, Fräulein Gretchen, wie können Sie mir das sagen?«
    »Man weiß darum! Deshalb hast du dich auch vor mir gefürchtet und bist nicht einmal ins Dorf gekommen.«
    »Ach; aber wie können Sie so etwas denken? Der Karle war gerade so krank, da hab' ich den Maxel geschickt mit dem Brief. Er hätte ihn richtig abgeliefert, sagte er.«  »Wann, Anne Marie?«
    »Am vorigen Montag, Fräulein.«
    »Ich hab' keinen bekommen, wahrhaftig nicht!«
    »O Jesses! Was sind das für Geschichten! Er hat gesagt, das Fräulein habe ihn selbst abgenommen an der Brücke im Park. Sie habe ihm den Kopf dafür gestreichelt, und er sei darum so rasch wiedergekommen.«
    »Das bin ich nicht gewesen, Anne Marie, der Brief ist in falsche Hände gekommen!«
    »OH, mein Gott! Ich bin unschuldig, ich kann nichts dafür, Fräulein Gretchen –«
    »Bitte, Anne Marie, komm morgen mit Maxel zu mir. Ich muß alles genau wissen, ich bitte dich darum.«
    »Gewiß! Ja, gleich morgen früh, seien Sie mir nur nicht böse.«
    Fieberhaft rasch schritt ich weiter. Nun wußte ich ja, woher die schöne Witwe mein Geheimnis kannte. Den Brief hatte ihr jedenfalls ein tückischer Zufall in die Hände gespielt. Er hatte vielleicht sehnsüchtig auf eine Antwort gewartet, während ich in Angst und Leid um sein Stillschweigen beinahe verging. Wer weiß, was dieses ränkesüchtige Weib ihm alles erzählte, um mich zu verdächtigen? Sie brauchte ein Spielzeug, um sich für die an Abwechslungen arme Witwenzeit zu entschädigen, da war der schöne Vetter willkommen – wie fatal, daß sie da entdecken mußte, er habe eine ernsthafte Neigung gefaßt für dieses verhaßte Mädchen aus dem Pfarrhaus«. Die mußte beseitigt werden! Gott weiß, zu welch teuflischen Mitteln sie gegriffen hatte.
    »Mein Gott«, flüsterte ich, während mir diese Gedanken durch meinen schmerzenden Kopf wirbelten, »gib mir Gelegenheit, ihn zu sehen, zu sprechen, er muß sich ja überzeugen, daß alles nur Lüge ist, er muß das Spiel durchschauen.«
    Da trat mir an der kleinen Brücke, die ich eben überschreiten wollte, eine hohe, dunkle Gestalt entgegen – wie hingezaubert stand er vor mir. »Eberhardt! Wilhelm!« schrie ich auf in der Angst meines gepeinigten Herzens und wollte meinen Arm um seinen Hals schlingen. »Wilhelm,  ich kann's nicht mehr ertragen, ich sterbe, wenn du noch länger so grausam gegen mich bist!«
    Ei trat rasch zur Seite, meine Arme sanken herab. Er legte die Hand an seine Mütze, verbeugte sich tief und gab mir den Weg frei. Es lag ein solcher Hohn in dieser Stellung, daß ich außer mir und mit gefalteten Händen vor ihn hintrat und bat: »Eberhardt, um Jesu willen, sei nicht so fürchterlich, sei barmherzig, ich kann's nicht mehr tragen, höre mich an!«
    Eine nochmalige tiefe Verbeugung erfolgte, dann schlug er seinen Mantel zusammen, schritt an mir vorüber und verschwand in der Dunkelheit meinen Blicken.
    Ich starrte in die Richtung, die er eingeschlagen hatte, als müßte ich die Finsternis mit meinen Augen durchdringen. »Wilhelm!« wollte ich rufen, aber das Wort kam nicht über meine Lippen. Meine Knie brachen zusammen, ich sank auf die nasse Erde und schlug mit der Stirn gegen das Brückengeländer. Der heftige Schmerz verhinderte eine Ohnmacht. Ich richtete mich mit Anstrengung wieder auf und preßte die Hand gegen meine blutende Stirn. Unaufhörlich rieselte der feine Regen hernieder, die Wellen des kleinen Flusses murmelten und glucksten unter der Brücke, finster und unheimlich war die Natur, aber unheimlicher und finsterer war es in meiner Seele. »Spring hinunter, dann ist alles aus!« flüsterte es in mir – »ein kleiner Sprung! Es hat ja schon mancher so Ruhe gefunden.« – Ich lehnte mich weit über das niedrige Geländer und streckte die Hände nach dem Wasser aus. –
    Da stand er plötzlich noch einmal vor mir.
    »Wilhelm!« rief ich und bemühte mich vergeblich, meine Hände freizumachen, die er ergriffen hatte und wie mit Eisen umspannt hielt. »Wilhelm, ich bin unschuldig. So wahr ein Gott lebt, man hat mich verleumdet!«
    »Natürlich, vollkommen! Ich bin ja davon überzeugt!« höhnte er. »Aber warum sollte man nicht aus Langerweile und in Ermanglung von etwas Besserem einen kleinen Roman einfädeln? Jammerschade, daß dieser geistliche Herr so wenig Routine hat in solchen Sachen.«  »Es gibt Leute, die lügen!« rief ich empört und riß mit einem heftigen Ruck meine schmerzenden Hände los. »Und ich bedaure dich von ganzem Herzen, daß du dich auf so jammervolle Weise hinter das Licht führen läßt. Ich weiß, wem ich es zu danken habe, daß dein Herz sich von mir abwendet. Diese Gräfin Satewski, die meine Kinderzeit vergiftete, sie nimmt mir jetzt das Glück meiner Jugend und meinen guten Ruf!«
    Er wollte mich umfassen und küssen.
    »Wenn du mich nicht mehr liebst, so beleidige mich wenigstens nicht!« schrie ich in hellem Jammer auf und stieß ihn zurück. »Ich habe nichts getan, was dir ein Recht gibt zu diesem Benehmen, das eines Mannes unwürdig ist!«
    Er ließ mich frei, und ich sank auf dem feuchten Wege in die Knie.
    Wie ich nur nach Hause gekommen bin an diesem Abend! Die Liefe! schrie laut auf, als ich in die Stube trat. Dann sank ich bewußtlos nieder. Als ich wieder zur Besinnung kam, standen die Frau Renner, die Marie und die Liesel an meinem Bett, und ich hörte Kathrins ängstliche Stimme: »Oh, du gerechter Heiland! Was ist nur passiert? Ach, mein Kind, meine Gretel!«
    Ich erwachte mit der klaren Erinnerung des Geschehenen, ich konnte sogar eine Lüge erfinden, konnte sagen, daß ich über eine Baumwurzel gestolpert und arg hingefallen sei, und so meine beschmutzten Kleider erklären. Ich wurde auch nicht krank, wie Hanna damals. Nein, nichts von alledem, ich mußte das Schreckliche durchkämpfen vom Anfang bis zum Ende, den ganzen bittern Kelch bis auf die Neige leeren.
    Wenn ich nur hätte weinen können! Aber die Tränen waren schon alle vergossen. Eine entsetzliche Starrheit war über mich gekommen. Bis dahin hatte mir noch die Hoffnung tröstend zur Seite gestanden, aber jetzt – war alles aus. Er hatte selbst mit rauher Hand den Himmel geschlossen, den er mir einst eröffnete, und es war dunkel geworden um mich her, ganz dunkel. Ich konnte nicht einmal ordentlich mehr denken, ich konnte nicht einmal beten.
    Ruhelos warf ich mich auf meinem Lager umher, die  Augen brannten wie Feuer und das Herz tat mir so weh, daß ich die Hand darauflegen mußte. Vielleicht bricht es – dachte ich, es muß ja brechen! Die Geschichte eines Mädchens im Dorfe, dessen Geliebter untreu wurde, als er unter die Soldaten kam in die Stadt, fiel mir wieder ein. Er hatte nicht wieder geschrieben, und sie war gegangen, ihn zu suchen; sie hatte ihn dann auch gefunden im Tanzsaal mit einer hübschen Dirne, mit der er schöntat. Als sie vor ihn getreten war, hatte er sie ausgelacht und ihr gesagt, sie solle sich wieder ins Dorf scheren, er könne jetzt auch Fein und Grob unterscheiden – ein Bauernmädchen möge er nicht zur Liebsten haben. Da war sie gegangen, und als sie in das Stübchen ihrer Heimat trat, war sie ihrer Mutter tot zu Füßen gestürzt. »Die ist an gebrochenem Herzen gestorben!« erzählen die Leute, wenn sie an dem einfachen Hügel vorübergehen.
    »Vielleicht hat der liebe Gott Erbarmen«, dachte ich, »und du wachst morgen früh nicht wieder auf. Wenn's doch so wäre! Oh, hätte ich doch eine Mutter, könnte ich ihr doch den ganzen Jammer anvertrauen! Ach, nur ein Herz, das mich versteht, nur eins!«
    Und es wurde Tag nach dieser entsetzlichen Nacht. Ich stand wie sonst auf und brachte wie sonst Kathrin das Frühstück ans Bett. Wie sonst gab ich dem Mädchen meine Anweisungen und setzte mich mit der Arbeit ans Fenster. Aber es kam mir alles so fremd vor. Mein Kanarienvogel saß zusammengekauert auf seiner Stange, er war doch früher so lustig umhergesprungen. Die Vorhänge sahen grau aus und die ganze Stube so unwohnlich. Ich hörte auch nicht, daß jemand an die Tür klopfte, und erst auf Kathrins herein!« blickte ich auf und gewahrte Hanna. Mechanisch stand ich auf und duldete den Kuß, den sie mir auf den Mund gab.
    »Gretchen! Ach, was ist das für ein Aufenthalt drüben im Schlosse –» kann Kathrin hören? Mach die Tür zu! – Ich bin weggelaufen, ich konnt's nicht mehr mit ansehen.« Sie setzte sich auf das Sofa und zog mich neben sich. »Denke dir, gestern abend gab es noch eine furchtbare Szene zwischen  meinem Manne und Eberhardt. Er schien doch gestern schon bei Tische so aufgeregt – er war es in letzter Zeit öfter. Wie du dich erinnern wirst, verschwand er dann plötzlich. Wir saßen noch und plauderten, da hörten wir auf dem Korridor einen Wortwechsel, und gleich darauf trat Eberhardt ein und warf die Tür hinter sich zu, daß es dröhnte. Wir sprangen entsetzt auf – er sah fürchterlich aus, die Haare hingen ihm wild um den Kopf, er schien geweint zu haben. Er hatte gewiß zuviel Wein getrunken bei Tisch, wenigstens meinte es Bergen. Unbekümmert um unseren Schrecken warf er sich in einen Sessel und fing an zu pfeifen, die Melodie zu dem Liede, das du kurz zuvor gesungen hattest. Mitten darin brach er ab und lachte 
höhnisch auf, dann pfiff er weiter. Mama, voll Entsetzen über dieses unpassende Benehmen, gab meinem Manne einen Wink, er möge ihn hinausführen – wahrscheinlich hielt sie ihn für angetrunken. Heinrich ging also wirklich auf ihn zu und fragte ihn ganz freundlich, ob er eine Partie Billard mit ihm machen wolle. Er erhob sich auch, und sie gingen in den Billardsaal. Von dort hörten wir nach einer Weile heftiges, lautes Sprechen. Ich ging mit Vater in meiner Herzensangst hinüber und kam gerade dazu, als Eberhardt, der ein Queue in der Hand hielt, mit zornbebender Stimme ausrief: ›Zum Donnerwetter noch einmal! Hör auf mit deinen Moralpredigten! Welches Recht hast du, mich wie einen Schulbuben zu behandeln?‹
    ›Ich behandle dich nicht wie einen Schulbuben, ich frage nur, ob du dich nicht lieber zu Bett legen willst, weil du mir krank zu sein scheinst‹, antwortete Heinrich, indem er mir winkte, fortzugehen.
    Vater, der jetzt hinzutrat, legte beschwichtigend seine Hand auf Eberhardts Arm und bat ihn ebenfalls, die Ruhe zu suchen. ›Hast du Unannehmlichkeiten gehabt, oder bist du unwohl!‹
    ›Weder das eine noch das andere; ich scheine aber lästig hier zu werden!‹ schrie er. ›Und es ist das beste, ich reite nach Hause.‹ Er warf das Queue auf die Erde, riß die Zimmertür auf und rief nach Johann mit beinahe überlauter Stimme. Dann setzte er die Mütze auf und wollte gehen.  »Du solltest heute nicht fortreiten, Eberhard?«, sagte mein Vater möglichst ruhig. »Kannst du keinen Spaß vertragen?«
    »Den Teufel auch! Bin ich denn verrückt geworden? Am Ende ist alles nur ein Spaß gewesen – laß mich los, Bergen, ich reite, und wenn ihr allesamt euch dagegen auflehnt. – Mein Pferd, Dummkopf!« schrie er Johann an, der auf Befehl wartend dastand und verwundert die Szene mit ansah.
    Er ritt richtig fort, ohne »Gute Nacht« zu sagen. Als er vielleicht fünf Minuten weg war, ließ Bergen sein Pferd satteln und folgte ihm. »Dem ist heute alles zuzutrauen«, sagte er zu mir, »ich muß aufpassen. Spioniere du ein bißchen, mein kluges Frauchen, was vorgefallen sein kann.« Was noch weiter passiert ist mit den beiden, weiß ich nicht – Ach, Gretel, was sagst du dazu; ich hab' doch so große Angst!«
    »Mein Gott«, begann sie nach einer Pause wieder, als ich die Antwort schuldig blieb, »ich hab' so eine Ahnung. Bei Ruth war ich auch schon. Sie lag noch im Bett, und als ich ihr das Geschehene mitteilte, da lächelte sie nur und schob sich das gestickte Kissen recht bequem unter den Kopf und sagte: »Dummer Junge! Aber so sind die Männer alle; er wird sich schon wieder beruhigen.« Grete, ob sich wohl Wilhelm in meine Schwester verliebt hat und sie ihm am Ende einen Korb gegeben hat in Anbetracht ihrer jungen Witwenschaft? Etwas Derartiges muß passiert sein, ich sah noch nie eine ähnliche Aufregung, die ganze Art und Weise seines Benehmens bringt mich darauf. Jedesmal, wenn er mit Ruth zusammen war, mochte sie in der Stadt gewesen sein oder kam er von hier – immer war er in einer fieberhaften Erregung. Grete, sag, hältst du das für möglich? – Es sollte mir leid tun, denn Ruth – nun, du weißt, wie ich über sie denke.«
    »Es kann ja sein«, sagte ich leise.
    »Lieber Gott, was für Geschichten! Und du, Gretel, siehst auch aus, als ob dein Weizen verhagelt wäre, oder noch schlimmer. Ist denn auch etwas zwischen dir und dem Pastor vorgefallen, es schien mir beinahe so gestern abend.«
    »Habt ihr euch denn alle verschworen, mich wahnsinnig zu machen?« schrie ich auf. »Was hab' ich, was hat er denn  nur getan, euch auf diese verrückte Idee zu bringen? Allmächtiger Gott! Und auch du, Hanna, bist so – so grausam, so boshaft wie die anderen alle!«
    »Aber, Grete!« rief gekränkt die kleine blonde Frau und sprang ebenfalls auf. »Ist denn heute alles toll? Jetzt beleidige ich dich, indem ich von einer Sache spreche, die wir alle als längst ausgemacht betrachten?«
    »Ja, ausgemacht, ohne mich zu fragen! Das hat niemand für nötig gehalten – die arme Grete konnte ja überhaupt froh sein, wenn sich eine halbwegs passende Partie für sie fand! Da gab jeder sein Körnchen Weisheit dazu, es wurde geneckt und geschwatzt und ihr ein Bräutigam vor den Leuten angehängt, der ihr gleichgültig war, und der selbst nichts davon wußte! Das ist ja nun ganz vergnüglich für andere Leute – was ich darunter zu leiden hatte, was mir die Geschichte für namenlosen Kummer bereitete – daran habt ihr nicht gedacht.«
    »Gretchen, dieser Vorwurf trifft mich schmerzlich«, sagte Hanna sanft, »um so schmerzlicher, da wir in letzter Zeit so Verschiedenes erfuhren, was die Wahrheit dieses Gerüchtes, wie du es nennst, zu bestätigen schien – ich bin die letzte, die dir etwas anhängen würde, wie du sagst.«
    »Was für Verschiedenes hast du gehört? Hanna, ich bitte dich, sage es mir! Doch nein, laß es lieber, es ist ja alles vergebens, alles zu spät – zu spät!«
    Das eintretende Mädchen meldete Anne Marie mit dem Knaben. »Sie kann wieder gehen, es ist nicht mehr nötig!« rief ich dem Mädchen zu. »Ich bedarf ihrer Dienste nicht mehr.«
    »Gretchen«, fing Hanna wieder an, »dich drückt ein Geheimnis. Ich will dich nicht zwingen, es mir mitzuteilen, und hoffentlich trügt mich meine Ahnung. Aber ich möchte dir helfen auf alle Fälle, ich will tun, was du verlangst, bitte, verfüge über meine Hilfe, wenn du ihrer irgend bedarfst. Ich bleibe noch einige Tage hier, komm zu mir, wann du willst und sooft du willst – ich habe es doch immer gut mit dir gemeint!«
    Ich war froh, als sie endlich ging, und ich wieder stumm  an meinem Fenster saß. Der Tag verfloß wie jeder andere. Es kam die Dämmerung, und ich starrte mit meinen heißen Augen hinaus auf die alte Linde und das Pastorhaus: so wird es nun immer sein, jeden Tag, jeden Abend, einsam sollt' ich hier sitzen die kommenden Tage und Wochen und Jahre! Wie ein Alp lag dieses Bewußtsein auf mir! Wie werde ich es ertragen, dieses Leben? Kann es denn nicht wieder anders werden? Ist denn alles schon verloren? Unwiderruflich? Dann sprang ich auf und zündete ein Licht an, ich wollte an ihn schreiben, und ich schrieb und schrieb die halbe Nacht hindurch, sagte ihm alles, klagte ihm meine Verzweiflung, meine grenzenlose Angst, und bat ihn, zu prüfen, ehe er mich von sich stieß für immer.
    Aber wer soll das Schreiben besorgen? Im nächsten Orte war Poststation, Wiesenau lag vielleicht drei Viertelstunden von hier – gleichviel, hin mußte der Brief, und sollte ich ihn selbst morgen hintragen.
  


    Der Rest der Nacht verging wieder schlaflos, ermattet erhob ich mich am Morgen. Umsonst hatte ich unaufhörlich darüber nachgesonnen, wen ich zu Eberhardt schicken könne – ich hatte niemand gefunden. Kathrin schlummerte noch, als ich mir ein Tuch umband und, den Brief in der Tasche, die Richtung nach Wiesenau einschlug. Der Weg glich mehr einem kleinen Flusse, als einem Pfade für Menschen. Der Regen sprühte noch ebenso wie gestern, und ich versank manchmal bis über die Knöchel in dem aufgeweichten Boden. Ein scharfer Wind wehte mir ins Gesicht und machte mein betäubendes Kopfweh noch unerträglicher.
    Da kam ein Wagen hinter mir her, ein Bauernwagen mit einem Leinwanddache. Ich versuchte rascher zu gehen, doch er war bald neben mir, die Pferde traten rücksichtslos in die Pfützen, so daß mich das schmutzige Wasser von oben bis unten bespritzte. Ich blieb endlich stehen, um das Gefährt vorbeizulassen, da rief eine mir wohlbekannte Stimme: »Fräulein Gretchen! Seh' ich denn recht? Was tun Sie hier auf freier Landstraße und in diesem Wetter?« Pastor Renner bog sich aus dem Wagen und sah mich fragend und verwundert an.  »Ich will nach Wlesenau«, sagte ich, mechanisch seine Frage beantwortend, und wollte weitergehn.
    »Aber Sie können ja unmöglich in diesem Schmutz vorwärtskommen, der Weg wird dort oben am Wasser noch grundloser. – Darf ich Ihnen einen Platz im Wagen anbieten?« fragte er schüchtern. »Ich fahre durch Wiesenau und will nach G.«
    »Nach G.?« rief ich.
    »Ja, es ist heute Synode dort.«
    Eine Flut von Gedanken fuhr mir durch den Sinn, dann trat ich entschlossen etwas näher zum Wagen und fragte, meine Augen voll und groß auf das feingeschnittene Gesicht vor mir heftend: »Wollen Sie mir einen Gefallen tun, mir einen Dienst erweisen, von dem mein Lebensglück abhängt?«
    »Sie sprechen immer so feierlich«, entgegnete der junge Mann etwas scheu und verlegen. »Erst neulich gab ich Ihnen auf Ihren Wunsch ein ähnliches Versprechen –, wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann, gewiß, von Herzen gern.«
    »Geben Sie diesen Brief in der Wohnung des Leutnants v. Eberhardt ab«, bat ich und hielt ihm mit zitternder Hand das Schreiben entgegen. Eine heiße Glut stieg mir in die Wangen, als die Augen des jungen Mannes forschend und erstaunt zugleich auf mir ruhten. Er nahm den Brief und las halblaut: »Dem Herrn Leutnant W. v. Eberharde, ...tes Regiment. G., Tempelstraße Nr. 7.«
    »An Leutnant v. Eberhardt, und von Ihnen?« fragte er und sah plötzlich leichenblaß aus.
    »Wollen Sie den Brief abgeben?« rief ich aufgeregt und hastig.
    »Ich soll das tun? Ich? Warum gerade ich?« kam es tonlos von seinen Lippen.
    »Weil ich niemand habe, dem ich vertrauen kann. O seien Sie barmherzig, tun Sie es mir zuliebe!« bat ich.
    »Ihnen zuliebe!« wiederholte er leise. »Aber warum nur gerade dieses?« Er verstummte und sah einen Augenblick an mir vorüber starr ins Leere. Dann richteten sich wieder die ernsten Augen auf mich, die ich im Wind und Regen  und vor Kälte und Aufregung zitternd am Wagen stand und ihn bittend ansah. Mein bleiches Gesicht ließ ihn schnell entscheiden; er reichte mir die Hand aus dem Wagen und sagte: »Gehen Sie rasch nach Hause, ich werde tun, was Sie fordern, der Brief soll in seine Hände kommen. Ängstigen Sie sich nicht, ich ehre Ihr Vertrauen und ich weiß, Sie tun nichts, was Ihrer nicht würdig wäre. Gehen Sie rasch, Ihre Kleider sind ja schon ganz feucht. Gehen Sie ohne Sorge, Margarete.«
    Er nahm den Hut ab, und ich trat vom Wagen zurück. Doch ehe er noch dem Kutscher zurufen konnte, weiterzufahren, war ich schon wieder am Wagen und bat mit Todesangst: »Geben Sie mir den Brief zurück! Ich trage ihn selbst nach Wiesenau.« Mit einem Male war es mir in den Sinn gekommen, welch einen Boten ich gewählt! Die erste Freude, überhaupt einen solchen zu finden, hatte es mich ganz übersehen lassen, daß keine unpassendere Persönlichkeit den Brief in Eberhardts Hände legen konnte. – Wie, wenn er, wirklich eifersüchtig, mit dem jungen Prediger in Wortwechsel kam? Wer konnte wissen, in welcher Stimmung er sich auch heute wieder befand? Welchen Beleidigungen setzte ich den Boten aus durch mein Begehren? Was konnten für Unannehmlichkeiten, ja, was für ein Unglück entstehen, wenn diese beiden sich gegenüberstanden?
    »Geben Sie«, bat ich noch einmal, während diese Vorstellungen durch meine Seele flogen, »es geht nicht, daß Sie – ich will –«
    »Warum?« fragte seine tiefe Stimme.
    »Sie dürfen ihm den Brief nicht geben. Fragen Sie nicht, er darf Sie nicht sehen –«
    »Er soll mich auch nicht sehen, Margarete«, erwiderte Pastor Renner. »Seien Sie ohne Sorge, der Brief gelangt in seine Hände, ohne daß ich vor seine Augen komme. Gehen Sie jetzt nach Hause, ziehen Sie trockene Kleider an. Heute abend bringe ich Ihnen den Bescheid, daß dieser Brief richtig abgegeben ist, und dieser Bescheid wird auch das letzte Wort sein, das je über diese Angelegenheit aus meinem Munde kommt. Und nun, Margarete, danken Sie nicht, sondern  nehmen Sie Dank für das Vertrauen, welches Sie mir schenken.«
    Ich stand noch, als schon der Wagen sich ein ganzes Stückchen entfernt hatte, mit über dem Herzen gefalteten Händen da. Der Wind riß mir das leichte Tuch vom Kopfe, und der feine Regen sprühte mir ins Gesicht und kühlte meine heißen Augen. Ein angstvolles Gebet war auf meinen Lippen, daß Gott alles zum Guten lenken, daß mein Brief ihn überzeugen möge, wie ich nur ihn liebe und immer geliebt habe.
    Als ich den langsam fahrenden Wagen nicht mehr sah, kehrte ich fröstelnd und durchnäßt nach Hause zurück. In unruhiger, fieberhafter Stimmung durchlebte ich den Tag und sehnte den Augenblick herbei, da Pastor Renner wieder aus der Stadt zurückkehren würde. – Endlich hörte ich das Rasseln des Wagens, und bald darauf trat der junge Mann in das Zimmer und sagte mir, daß alles besorgt sei. Der Bursche habe den Brief in Empfang genommen und gleich abgegeben.
    »Möchten Sie nur ruhiger werden, Margarete«, fügte er hinzu und sah traurig in mein verstörtes Gesicht. »Ängstigen Sie sich nicht mehr, Gott lenkt alles so, wie es zu unserem Besten ist, wenn wir es auch manchmal nicht begreifen. – Sie scheinen viel Kummer zu haben«, fuhr er fort, als er sah, daß ich mir ein paar Tränen aus den Augen wischte. »Sie wollen ihn standhaft allein tragen – wenn es Ihnen aber doch zuviel werden sollte, Margarete, drüben in dem Pfarrhause finden Sie allezeit ein paar Herzen, die gern helfen werden mit Rat und Tat.«
    Er ging, nachdem er mir nochmals die Hand gereicht hatte. Ich dankte ihm nicht einmal, und doch habe ich von dieser Stunde an keinen treueren Freund auf dieser Welt besessen.
    Etwas Ruhe war über mich gekommen, ich faßte plötzlich wieder Mut. Er mußte ja überzeugt sein, wenn er las, was ich ihm geschrieben, es mußte ja noch alles gut werden. Und da drang auch seit langer, grauer Zeit der erste Sonnenstrahl in die Stube und fiel voll und golden auf das Lager der schlummernden Kathrin, und als ich zum  Himmel hinaufsah, leuchtete ein Stück des reinsten Blaus durch die weißlichen Wolken. An den Bäumen und Sträuchern zeigte sich ein heller, grüner Schimmer, und vor meinem Fenster stand der kleine pausbackige Müller-Gottlieb und hielt mir jubelnd einen Strauß Schneeglöckchen entgegen, soviel wie seine Händchen kaum fassen konnten. Ich nahm sie in Empfang, die reizenden, kleinen Frühlingsboten mit den goldenen Spitzen an ihren weißen Blütenglöckchen, wie eine glückliche Vorbedeutung erschienen sie mir, sie verkündeten der Natur das Erwachen aus ihren Wintersorgen. Oh, möchten sie auch meinem Herzen einen Lenz bedeuten!
    Der Kleine zog glücklich ab mit ein paar Äpfeln. Ich wand Blume an Blume zu einem Kranz und trug ihn auf das Grab meiner Mutter. Lange saß ich dort auf dem kleinen Hügel, meinen Arm um das einfache Marmorkreuz geschlungen. Ein stummes, wortloses Gebet schickte ich empor für meine Liebe, und voll heimlicher Hoffnungen schritt ich wieder nach Hause.
    Bei all meinem Tun dachte ich an die Antwort, die ich bekommen müßte. Wenn ich mit Kathrin sprach, so rechnete ich dabei aus, wann Wohl ein Brief hier eintreffen könnte, wenn ich nähte, murmelte ich vor mich hin: »Nur noch zwölf Stunden, dann kann ich schon eine Antwort haben, oder er kommt selbst, das ist möglich. Oh, wie wollte ich ihn herzlich empfangen, kein Wort des Vorwurfes sollte über meine Lippen kommen! Die Näherei flog wieder in den Korb, und ich ging unruhig im ganzen Hause umher. Ich besah mir das Zimmer meines Vaters, in acht Tagen sollte er ja eintreffen. Wie endlos weit lag die Woche noch hinaus, es war ja noch lange nicht morgen. Die Blumenstöcke hatten welke Blätter, die abgepflückt werden mußten, mein ganzes Stübchen kam mir unordentlich vor, hier und da schob und rückte ich etwas zurecht – er könnte ja kommen! Ich ging in den Garten und suchte Schneeglöckchen, die wurden zierlich in ein Glas gestellt. Über Kathrins Bett wurde eine weiße Decke gebreitet.
    »Sag, Kind, was hast du nur vor? Kommt Besuch? Ich möchte nur wissen, warum du jetzt so eigentümlich bist, seitdem  du das letztemal vom Schlosse kamst und hingefallen warst. Gestern sahst du so bleich aus wie das Tuch nm deine Stirn, und heute glühen dir die Wangen. Dabei redest du keine Silbe, und ängstliche Seufzer sind das einzige, was man von dir zu hören bekommt. Sag doch, Herzenskind, was ist's nur?«
    »Nichts, Kathrin«, beruhigte ich sie, auf ihrem Bette sitzend und die welken Hände fassend. »Draußen wird es Frühling, fühlst du nicht, wie die Sonne schon wärmt? Bald können wir dich in deinem Bett ans offene Fenster tragen, das ist gut für die kranke Brust.« Die Alte schüttelte den Kopf: »Was das für eine Antwort ist, und was du für tiefe blaue Ringel um die Augen hast!«
    Die Nacht ging hin und der Morgen brach an, alle Augenblicke schaute ich aus dem Fenster. Einmal wollte es mich dünken, als ob ich Friedel um die Ecke der Kirche biegen sah – ein heißer Schrecken durchfuhr mich, aber er war es nicht. Der Nachmittag verging, der Tag neigte sich seinem Ende, meine heißen, müden Augen konnten nichts mehr unterscheiden auf der Dorfstraße, und ich saß am Fenster und bemühte mich zaghaft, die immer mehr schwindende Hoffnung festzuhalten. Draußen fang Marie bei ihrer Arbeit mit hoher Stimme. Deutlich klang jedes Wort zu mir herein:
    Da drüben überm Bergel
      Wo der Kirchturm herschaut.
      Da wird mir vom Pfarrer
      Mein Schatzerl angetraut! –
    Zwei schneeweiße Tauberl
      Fliegen über mein Haus,
      Und der Schatz, der mir bestimmt ist.
      Der bleibt mir nit aus.
    Kathrin lag still in ihrem Bette und horchte dem alten Liede zu, das sie in ihrer Jugend gewiß oft gesungen hatte. Da klang ein rascher Schritt unter den Fenstern. Ich erkannte im Fluge eine Militärmütze. Schon kam er die Stufen vor der Haustür herauf, die Sporen klirrten auf dem steingepflasterten Flur – mit beiden Händen hielt ich mich an dem  Tische in der Mitte des Zimmers – die Tür öffnete sich, und mit einer Stimme, aus der das Pochen meines armen, gequälten Herzens herauszuhören sein mußte, rief ich: »Wilhelm, Wilhelm!«
    »Fräulein Gretchen!« tönte da eine andere Stimme. Ich sah, es war nicht seine hohe Gestalt, es war Bergen, der dort an der Tür stand. Die ausgestreckten Arme sanken nieder, ich starrte ihn wie bewußtlos an.
    Da faßte Bergen meine Hände: »Sie müssen sich setzen, ehe ich Ihnen erklären kann, weshalb Sie mich hier sehen. Ich habe Sie erschreckt, nicht wahr? Sie sollten ein Glas Wasser trinken.« Er nahm die Karaffe und schenkte ein. Ich trank, kaum wissend, was ich tat. Eine schreckliche Ahnung überkam mich. Die Hände faltend, blickte ich auf den jungen Mann vor mir, als müßte ich ihn um Erbarmen bitten.
    »Es ist mir sehr schmerzlich, Fräulein Gleichen«, klang da seine weiche Stimme, »der Bote einer Nachricht zu sein, die Ihnen Schmerz und Kummer verursachen muß. Ich weiß, Sie haben ein stolzes Herz und ein mutiges Herz, und deshalb möchte ich Sie bitten, nehmen Sie all Ihren Stolz und Mut zusammen –«
    »Allmächtiger Gott!« stammelte ich, »er liebt mich nicht mehr!«
    »Vergessen Sie ihn, mein armes Kind, suchen Sie ihn zu vergessen.«
    »Er liebt mich nicht mehr!« schrie ich auf. »Nicht wahr, er liebt mich nicht mehr?«
    Sein Stummbleiben gab mir die Antwort. »Ach, meine Ahnung!« flüsterte ich und schlug die Hände vor das Gesicht. Dann bat ich: »Nun sagen Sie mir alles, es wird nicht mehr so schmerzen, da ich das Furchtbare weiß.«
    »Was soll ich noch hinzufügen?« sagte er leise. »Ich kann nur beteuern, daß mir das Herz blutet, Sie so vor mir zu sehen, daß dies der schwerste Gang meines Lebens war. Ich habe jene ganze unglückliche Leidenschaft entstehen und blühen und wieder vergehen sehen, und ich bin empört über die Ursache dieses Bruches. – Niemand ahnt es, Fräulein Gretchen, daß ich hier bin, niemand weiß etwas von der traurigen  Entscheidung. Ich habe ihn heute früh abreisen sehen, bin gestern bei ihm gewesen und war zugegen, als Ihr Brief kam. Ich weiß, Sie haben in namenloser Pein die Stunden gezählt, bis die Antwort kommen konnte, und ich bringe sie Ihnen, indem ich noch einmal bitte, nehmen Sie Ihr Herz zusammen, seien Sie stark und suchen Sie ihn zu vergessen! Und nun, was auch noch kommen möge, bewahren Sie sich ein vertrauensvolles Gemüt, verbannen Sie jede Bitterkeit aus Ihrer Seele, betrachten Sie nicht Ihr junges Leben als ein geknicktes, der liebe Gott gibt Balsam für jede Wunde. Und nun leben Sie wohl, Sie haben 
noch einen schweren Kampf zu kämpfen, gehen Sie siegreich aus ihm hervor. – Geben Sie mir die Hand, Sie haben einen treuen Freund an mir gefunden für das ganze Leben, an mir und an meiner Frau. Leben Sie wohl!«
    Er ging – regungslos lag ich in meinem Sessel. Nun war wirklich die Sonne mir gesunken und alles aus. Er liebte mich nicht mehr. Oh, diese schreckliche Gewißheit! Wie mir zumute war? Es brannte wie Feuer in meiner Brust, und draußen erhob Marie wieder ihre gellende Stimme:
    Da drunten im Tale,
      Geht's Bächlein so trüb',
      Und ich kann dir nicht hehle,
      Ich hab' dich so lieb.
    Und wann i dir zehnmal
      Sag', ich hab' dich so lieb.
      Und du gibst mir kein Antwort,
      So wird mir ganz trüb.
    Ich meinte, ich müßte ersticken in der Stube. Die einfache Weise fachte einen wilden Schmerz in mir an. Ich wollte ihr zurufen: »Hör auf zu singen!« – da tönte es schon wieder:
    Und daß du mich liebtest.
      Das dank i dir schön.
      Und i wünsch', daß dir alle
      Zeit besser mag's gehn.
    Ich war aufgesprungen, hatte die Tür zum Schlafzimmer aufgerissen und sank mit dem Aufschrei: »Mutter, ach, Mutter!«  an Kathrins Bette nieder. Wie ein Krampf schüttelte es mich, ich schrie und weinte, bis mich die Kräfte verließen. Kathrins alte Arme hatten mich umschlungen, und in namenloser Angst beugte sie sich über mich. Sie wußte, was geschehen, und ließ den lang verhaltenen Schmerz austoben. Wie besinnungslos lag ich nachher auf meinem Bett, nur ein leises Wimmern noch rang sich dann und wann aus meiner Brust, bis mich die Erschöpfung in eine Art Schlummer sinken ließ. Als ich erwachte, war es heller Morgen, und Hanna saß an meinem Bett und hatte einen Strauß Veilchen in meine Hände gelegt.
    »Mein Mann läßt dich herzlich grüßen«, sprach sie, mir einen Kuß gebend. – Da stand mit einem Schlage der gestrige Abend vor meiner Seele, und ein neuer Tränenstrom brach mir aus den Augen; wo kamen sie noch alle her?
    »Mein Gretel, mein gutes Gretel!« tröstete sie. »Du sollst nicht weinen, du sollst ruhig werden. Steh auf, wir wollen einmal an die frische Luft hinaus.« Sie sprach kein Wort über Eberhardt, sie sah mich nur traurig an. Ich konnte es doch noch nicht fassen, daß er mich verstoßen, daß ich nie wieder seine Stimme hören, daß unser Weg getrennt sein sollte, getrennt für immer! Hastig wehrte ich ab, als mich Hanna in den Park leiten wollte, wo jedes Plätzchen in mir eine Erinnerung weckte. »Laß mich allein«, bat ich, »ich kann noch nicht so fest sein. Laß mich allein!«
    »Ich begleite dich nach Hause, mein Herz«, sagte sie. Und dann saß ich wieder allein, und die Uhr tickte wie früher, die Kinder spielten ihre alten Spiele vor unserer Haustür, und Kathrins Augen sahen mich an, als wollten sie sagen: du armes Kind! Und abends, wenn ich zu Bett ging, dann kamen die Gedanken, kam die Erinnerung, und das Herz fragte immer wieder von neuem: Was tatest du nur, daß du so elend werden mußtest?
    Ich wußte ja damals noch gar nicht, weshalb er sich von mir gewandt hatte – ich glaubte nur, ich sei verleumdet. Erst viel später erfuhr ich den wahren Grund, und das war gut, denn es hätte mich, glaube ich, wahnsinnig gemacht. Bergen war damals gekommen, um mir alles zu sagen,  aber mein namenloser Schmerz ließ ihn das Demütigende nicht aussprechen. Er sagte mir nur, daß ich seine Liebe verloren, und das war genug, meinen Lebensmut, meinen Frohsinn für immer zu brechen.
    Tage waren vergangen und Wochen. Mein Vater war zurückgekehrt. Er hatte sich wohl kaum gewundert über mein verändertes Aussehen, mein stilles Wesen. Aber gefreut hatte er sich, mich nun drunten im Hause zu haben, und er erzählte im Dämmern viel und schön von seinen Reisen. Die Frau Renner kam gar oft herüber mit ihrem Strickstrumpf, und auch Kathrin in ihrem Lehnstuhl horchte aufmerksam, wenn er von Rom sprach mit seiner riesigen Peterskirche, vom Vatikan mit den schönen Bildern, oder wenn er von Neapel schwärmte, jenem Stückchen Paradies, das so wunderschön sein soll mit dem blauen Meer und dem feuerspeienden Berge, dem wunderbar, klaren, tiefblauen Himmel, wie man ihn hier gar nicht kennt. Zuweilen trat auch der junge Pastor in das Zimmer – immer ließ er vorher durch Marie erst anfragen, ob es erlaubt sei. Dann tauschten die beiden Männer ihre Ansichten über dieses und jenes aus in einer für uns ansprechenden Weise. Mein Vater hatte keine Ahnung von dem, was ich in seiner Abwesenheit gelitten und 
erlebt. Kathrin und ich hatten ohne jede Verabredung Stillschweigen beobachtet, warum sollte auch der alte Mann einen Kummer mittragen, den er doch nicht lindern konnte?
    Auf dem Schlosse war ich mehrere Male gewesen, nachdem die erste bange Zeit verflossen. Ich überzeugte mich bald, daß der Baron und Frau v. Bendeleben keine Ahnung von jener traurigen Episode hatten. Hanna und Bergen hielten mein Geheimnis in Ehren und entschädigten mich durch doppelte Liebe. Die kleine blonde Frau konnte ganze Nachmittage bei mir unten im Dorfe sitzen, wenn sie zum Besuch auf dem Schlosse war. Ihr Mann holte sie dann wohl ab, und bei einem solchen Besuch hatten sie mich mit aller Überredung den ersten Abend wieder in das Schloß gelockt.  Von Eberhardt hatte ich nichts wieder gehört. Er befände sich auf einem Kommando in Potsdam, erfuhr ich zufällig. Ruth war gelangweilter denn je. »Sie schreibt den ganzen Tag Briefe«, hatte einmal die Liesel der Kathrin erzählt. Gegen mich war sie eigentümlich, halb herausfordernd, halb beschämt. Zuweilen, wenn ich sie groß und voll ansah, konnte sie ihren Blick senken, und ein Hauch von Röte flog über das schöne Gesicht.
    So war der Sommer gekommen, der schöne warme Sommer. Für mich blühten freilich keine Blumen mehr, aber um Kathrins willen freute ich mich. Wir konnten doch ihren Stuhl unter die Linde tragen, sie sonnte sich und atmete die erquickende Luft ein. Sie war ein großer, guter Charakter, das alte, schlichte Mädchen. Taktvoller und feinfühlender konnte niemand auf Erden sein. Mit keiner Andeutung hatte sie meine schmerzende Wunde berührt. Nur immer bemüht, mich zu trösten, war sie voll tausend kleiner Zärtlichkeiten gegen mich gewesen. Mir bangte heimlich vor ihren Vorwürfen, ich hatte schon gemeint zu hören: »Ich wußte es ja vorher – du wolltest es ja nicht besser – ich hab's ja gleich gesagt!« Nichts von alledem. Gewarnt hatte sie mich, und nun ich unglücklich geworden, da nahm sie mich voll Liebe an ihr Herz und verschloß den Jammer, den sie darüber empfand, tief in ihrer Brust.
    Der Sommer verging, der Herbstwind fuhr über die abgemähten Felder, und jeder Tag brachte mir neue Gedanken an die selige Zeit im vorigen Jahre. Der zweite September kam mit demselben schönen Mondschein. Ich lehnte unter der Linde und sah nach dem Schlosse und dem Park hinüber. Diesmal war der Schein nicht so golden und klar wie damals, ein leichter Nebel hing wie ein feiner, duftiger Schleier über der Landschaft, oder waren es die Tränen, die mir im Auge standen? Das alte Lied fiel mir ein, das ich heute vor einem Jahre so jubelnd gesungen, als ich, meine Hand in der seinen, neben ihm auf dem Waldwege dahin ritt. »Oh, nicht den letzten Vers!« hatte er gebeten.
    Mond ist gegangen.
      Erloschen die Stern',  So blaß meine Wangen,
      Und er, – ach so fern!
    Wo mochte er sein? Ach, es verging kein Tag, keine Stunde, in der ich nicht an ihn dachte – wie hätte ich ihn jemals vergessen können! Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, ob er glücklich ist, dann wollt' ich ja gern meinen Schmerz weiter tragen durchs Leben. Ach, alles Glück der Welt für ihn!
    Wieder vergingen die Wochen so langsam, so eintönig. Die Adventszeit kam heran, wieder lag Schnee auf Bäumen und Dächern. Ich konnte die alten, grauen Mauern des Schlosses ganz deutlich durch die entlaubten Bäume schimmern sehen, wenn ich oben in meines Vaters Stube am Fenster stand. Wieder war die schönste Schlittenbahn, und die Kinder hatten unter unserer Linde einen großen Schneemann aufgebaut.
    Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Wie bangte mir davor – wie sollte ich ihn nur verleben, diesen Abend? Ohne Freude besorgte ich die kleinen Geschenke für meinen Vater und Kathrin, manche Träne fiel auf die Kleidchen, die mir Frau v. Bendeleben geschickt hatte, damit ich sie für die Dorfkinder nähe. – Und dann kam der Baron und bat mich, seiner Frau bei der Christbescherung im Schlosse zu helfen. »Es versteht sich von selbst, Gretel«, sagte er, »nur unter der Bedingung, daß du es gern tust. Du kommst jetzt so selten, daß man schier Angst hat, dich darum zu bitten, so traurig und blaß siehst du aus, wenn du bei uns bist. Ich hatte mir das ganz anders gedacht, meinte, du würdest wenigstens jeden Tag einmal hinaufgesprungen kommen. Freilich, die alte Kathrin, die nun so gelähmt ist – da mußt du die Wirtschaft führen. Sag, Kind, singst du auch noch?«
    »Nein«, sagte ich leise, »ich glaube, mein Vater macht sich nichts daraus, und –« ich wollte hinzufügen: »mir ist das Singen vergangen« – schwieg aber.
    Am Tage vor dem Heiligen Abend stand ich wieder in dem hohen Saal und legte die Christgeschenke unter den  Baum. Frau v. Bendeleben sprach freundlich und ruhig mit mir.
    »Du kommst doch morgen abend auch einmal herauf, Gretchen?« bat sie. »Es wird ein stilles Weihnachtsfest in diesem Jahre. Bergens kommen nicht, Hannas wegen, sie wagt sich nicht mehr vom Hause fort. Wir werden wohl ganz allein sein. Komm nur ja auf ein Stündchen, mein Mann würde dich zu sehr vermissen. – Das ist für die große Annerl vom Waldhüter, die Ostern konfirmiert wird«, fuhr sie fort und legte einen Zettel auf das schwarze Kleid. »Das ist aus einem Trauerkleide von Ruth gemacht« – sie strich seufzend mit der Hand über das weiche, schwarze, wollene Gewebe –, »nun wird es schon ein Jahr, seit sie Witwe ist, vorgestern war der Todestag und am dritten Feiertage kam sie hier an. Mein Gott, ich sehe sie noch immer verstört und blaß in den Saal treten. Was muß man doch alles erleben!«
    Wir waren bald fertig mit dem Aufbauen der Sachen. »Du könntest einmal zur Gräfin gehen, Gretchen, und sie fragen, ob sie der Bescherung beiwohnen will«, bat sie. »Ich will indessen die Lichter am Baume anzünden. Hör' nur, wie die kleine Gesellschaft nebenan lärmt. Sie sind schon ungeduldig, Mamsell Rißmann kann sie kaum noch bändigen.«
    Mich berührte der Auftrag nicht angenehm. Die Erinnerung, wie ich schon einmal mit Hanna hingegangen war, um die schöne Gräfin zu holen, wurde wieder lebendig. Eben beschloß ich, Johann zu schicken, als ich Liesel erblickte, die eilig aus den Zimmern der Gräfin kam und mich beinahe umgerannt hätte, so rasch eilte sie dahin.
    »Jesses! Fräulein Gretchen! Nun, seien Sie nur nicht böse. Herr Gott, nun hab' ich doch recht gehabt. Ich hab's ja aber gleich gesagt. Da erzählen Sie es nur der Kathrin, die hat's mir immer nicht glauben wollen. Jetzt können Sie es sehen, wie der Herr Leutnant die Frau Gräfin im Arm hält und sie ›mein Liebchen‹ und Gott weiß wie nennt. Nein, wer hätte das heut abend noch gedacht! Das muß ich gleich drunten melden, das weiß noch keiner.«
    »Liesel«, bat ich – ganz starr hielt ich sie an der Schulter fest – »von wem sprichst du? Wen meinst du?«  »Nun, mein Gott, wen soll ich schon meinen?« rief sie. »Der Leutnant v. Eberhardt ist vorhin ganz unvermutet gekommen und befindet sich bei der Frau Gräfin. Ich hab's halt gleich gesagt, daß das noch ein Liebespaar abgibt.«
    Fort war sie, und ich legte wie betäubt meinen Kopf an die kalte Wand, die Qualen der Eifersucht packten mich wie mit tausend Gewalten. Also deshalb liebte er mich nicht mehr, er liebte die schöne Frau – was war ich auch gegen sie?
    Da öffnete sich die Tür zu Ruths Zimmern, ein heller Lichtschein fiel in den Korridor. Ich sah seine hohe, schlanke Gestalt heraustreten, eine Frau in weißem, schleppendem Kleide folgte ihm. »Au revoir, mein Geliebter«, sagte sie und schlang beide Arme um seinen Hals, während er sie nochmals umfaßte und zärtlich auf sie niedersah. »Ich werde gleich Toilette machen, und dann kommst du, deine Braut abzuholen. Sorge nur, daß Mama nicht in Ohnmacht fällt, wenn du mit deiner unvermuteten Werbung vor sie trittst. Mon dieu, ich glaube, sie denkt eher an den Einsturz des Himmels als an eine Verlobung. Sie hat ja keine Ahnung davon, daß wir uns schon so lange lieben.«
    Sie lachte glockenrein, und er bog sich nieder und küßte sie: »Auf Wiedersehen, mein Engel, ich gehe gleich zu den Eltern.«
    Ich schloß die Augen und drückte mich tief in eine der Nischen, die in der Wand angebracht sind. Mein Herz klopfte wie wahnsinnig vor Zorn und Schmerz. Wenn er mich nur nicht sieht, dachte ich. Aber meine Angst war unnütz, schon schritt er an mir vorüber, den Kopf stolz erhoben, das Auge blickte wie siegestrunken, und um den Mund lag ein Lächeln seliger Befriedigung – so hatte ich ihn ja auch gesehen, als er mich damals küßte. Oh, daß ich hätte hinspringen können und ihm zurufen: »Du irrst dich ja, ich bin es allein, die du liebst. Du täuschest dich selbst; wie sie dich täuscht, dieses herzlose, kalte Geschöpf!« Jetzt wußte ich, was Hassen ist. Glühend haßte ich sie, die mir sein Herz geraubt. Bis jetzt hatte ich dieses Gefühl immer mit Entschiedenheit zurückgewiesen, ich redete mir ein, sie habe mich nur bei ihm verleumdet, weil  sie um keinen Preis mich, die Bürgerliche, als seine Frau sehen wollte – jetzt wußte ich, sie liebte ihn selbst, und es war ihr leicht geworden, mich zu beseitigen. Sie besaß 
ja die Macht einer reichen, hinreißend schönen, klugen Frau – was hatte ich dagegen einzusetzen?!
    Ich raffte mich zusammen und ging durch die Halle zurück. Noch immer drang das ungeduldige Lärmen der Kinder und Mamsell Rißmanns beschwichtigende oder scheltende Stimme aus dem Zimmer neben dem Saal. Ich wollte mir heimlich Hut und Tuch holen und dann fortgehen, da kam Johann: »Fräulein Gretchen, die Frau Baronin läßt bitten, Sie möchten den Kindern allein bescheren, sie habe augenblicklich Abhaltung – der Leutnant v. Eberhardt ist drinnen«, wisperte er mir leise zu. »Na, Sie werden auch wohl merken, was der will. Dem Franzel sein Brauner hat sich ja die Beine fast abgelaufen. Beinahe jeden Tag wurde er nach der Stadt gejagt mit Briefen. Na, nun ist er da, nun wird ja Mensch und Vieh auch wieder Ruhe haben.«
    Er öffnete mir die Saaltür: da stand Pastor Renner neben dem strahlenden Weihnachtsbaum und wartete auf den Beginn der Bescherung. »Wir sollen immer anfangen«, sagte ich leise, »die Herrschaften haben soeben Abhaltung.« Die Kinder wurden gerufen, der Weihnachtsgesang erschallte, der Prediger sprach wie sonst einige passende Worte – wie aus weiter Ferne drang alles in mein Ohr. Mamsell Rißmann und ich halfen den jubelnden Kindern die Herrlichkeiten einpacken, dann hing ich mein Tuch um und ging durch die beschneiten Wege nach Hause. Kathrin saß am Ofen und streckte mir freundlich die Hand entgegen: »Gelt, Gretel, morgen abend bleibst du hier bei uns? Der Vater hat ein Christbäumchen gekauft, er meint, sonst wär's dir nicht wie Weihnacht.«
    »Ja, Kathrin«, sagte ich leise, »ich bleibe bei euch.«
    Und so saß ich nun in meinem Stübchen am andern Tage. Der kleine Christbaum stand da, mit vergoldeten Äpfeln behangen, die Fahne von Flittergold rauschte leise. Kathrin saß am Ofen und las in der Bibel. Ich dachte an ihn und seine schöne Braut – ob ihn sein Gewissen wohl mahnen  würde, daß er einst eine andere geküßt, deren Leben nun vergiftet und deren Jugend gebrochen ist! Es wurde dunkel. In Gedanken sah ich ihn wieder hier in der Stube stehen, wie im vorigen Jahre, sah Kathrins erstauntes Gesicht. Da hörte ich die Kirchenglocken läuten. Ich stand auf und nahm Tuch und Hut. »Adieu, Kathrin«, sagte ich. »Bet für mich mit«, murmelte die Alte und blickte von ihrer Bibel auf. Dahin schritt ich allein den Weg, den er mit mir zusammen ging. Ich sah wieder hinüber zu dem Grabe meiner Mutter und kniete nieder davor, aber allein, und heiße, heiße Tränen rollten auf den Hügel. Aus der Kirche klang es wie damals:
    Vom Himmel hoch da komm' ich her.
      Ich bring' euch heute frohe Mär,
    Dann saß ich in dem alten Predigerstuhl und konnte endlich beten, ordentlich beten, kindlich und gläubig wie früher, für sein Glück, für sein Wohlergehen, und die Stimme des jungen Pfarrers tönte mild in mein Gebet: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Amen.«
    Aus unseren Fenstern strahlten mir die Kerzen des kleinen Weihnachtsbaumes entgegen, mein Vater und Kathrin warteten auf mich mit ihren kleinen Überraschungen und mit den Herzen voll Liebe. Mein Vater erzählte von dem Weihnachtsabend, den er im vorigen Jahre allein im Süden gefeiert, wie er sich gesehnt nach deutschem Tannenbaum und deutschem Weihnachtsgesang, und wie traurig er gewesen sei an jenem Abend, so fern von der Heimat und von seinem Kinde.
    »Nun bleiben wir immer zusammen«, sagte ich leise und schmiegte mich an ihn, »immer, bis wir sterben.«
    Nachher schlich ich mich in meines Vaters Stube und starrte hinüber nach dem Schlosse und seinen erleuchteten Fenstern. »Daß Gott dich behüte!« flüsterte ich. »Daß dir niemals ein Augenblick der Reue komme! Die Schmerzen für mich, das Glück für dich. Hab' Dank, daß du dich einmal freundlich zu mir herabgebeugt, du hast mich die Liebe kennengelehrt – hab' Dank, ich werde dich nie vergessen!«  Und die Zeit rauschte weiter, man merkte kaum ihren gewaltigen Flügelschlag, in dem kleinen Dorfe, in unserem stillen Hause. Einsam flossen die Tage dahin, und doch verging der Winter. Der Frühling kam und Hanna war wie das Glück selbst mit strahlendem Lächeln, ihr Töchterchen auf dem Arm, in meine stille Stube getreten. Das kleine, süße Ding, mit den blauen Augen seiner Mutter, hatte mich freundlich angelächelt, und wir hatten glückliche Stunden miteinander vertändelt.
    Ich war nur noch selten im Schloß gewesen, seitdem die schöne Frau Eberhardts Braut geworden, und nur, wenn ich überzeugt war, ihn nicht dort zu treffen. Er befand sich nach Beendigung seines Kommandos nach Potsdam wieder in G. und wollte seine junge Frau nach dort holen. Hanna sprach wenig darüber zu mir, nur daß sie zur Hochzeit kommen werde, erwähnte sie. Durch Frau Renner, die gern und wichtig über das bevorstehende Ereignis redete, erfuhr ich wider Willen, daß die Trauung in der Kirche sein sollte, und zwar abends um sieben Uhr; daß das kleine Gotteshaus mit Orangenbäumen und Blumen geschmückt und mit zahllosen Kerzen erleuchtet werden sollte.
    »Und im Schlosse soll es auch gar prächtig sein«, erzählte sie weiter. »Die Gäste kommen von nah und fern, da kriegt man mal was zu sehen. Sie gehen doch auch brautschauen, Fräulein Gretel, oder sind Sie mit bei der Hochzeit?«
    Nein, man hatte mich nicht geladen. Ruths Freundin war ich ja nie, und Hanna und Bergen hatten wohl auch davon abgeredet, der Baron wäre der einzige gewesen, der vielleicht daran gedacht hätte. Er schien aber nicht mehr so freundlich gegen mich zu sein wie sonst, und hatte gar einmal etwas von »dummem Benehmen« und »Undankbarkeit« fallen lassen, weil ich so selten aufs Schloß kam –. Ach, undankbar war ich gewiß nicht!
    Der Hochzeitstag, sein Hochzeitstag brach an. Golden schien die Sonne auf die frühlingsgrüne Erde, und die Apfelbäume saßen so voll von rosigen Blüten wie noch nie. Das ganze Dorf war in Aufregung. Die Frauen standen vor den Haustüren und plauderten von der schönen Braut, die Kinder  bewunderten die Ehrenpforte, die man an dem Eingang des kleinen Kirchhofs gebaut hatte. Ich hörte das ferne Rollen der Wagen, welche die Gäste brachten. Hanna kam einen Augenblick zu mir, sie hatte eine Träne im Auge, als sie mich umfaßte und küßte. Sie litt mit mir, ich wußte es. Ruhig besorgte ich meine kleinen Pflichten, Kathrin streichelte mir dann und wann leise die Hand. Als es dunkel wurde, tönte die Glocke des Kirchleins und sagte mir, daß er jetzt bald an den Altar treten würde.
    Ein heißes Verlangen, ihn noch einmal zu sehen, stieg in mir auf. Ich nahm mein Tuch um, und scheu hinter den vielen Menschen fortschleichend, die vor dem Haupteingang standen, schlüpfte ich durch eine Nebenpforte in die Kirche. Blendend hell war es hier, und ich drückte mich angstvoll in den finstersten Winkel, hinter die alten hölzernen Säulen, die den Chor und die Orgel tragen und mit grünen, duftenden Blättern umwunden waren. Eine glänzende Gesellschaft reihte sich um den kleinen Altar, die Fülle der Blumen duftete beinahe betäubend durch die Kirche, deren kahle, nackte Wände man verschwenderisch mit Grün geschmückt hatte. Hannas süßes Gesicht strahlte aus der bunten Menge wie ein freundlicher Stern zu mir herüber. Frau v. Bendeleben sah in der Kirche umher, als ob sie etwas suche. Unwillkürlich drückte ich mich tiefer in den Schatten. Da verstummte plötzlich das leise Geräusch der Menge. Man hörte einen Wagen vorfahren – es war, als ob mein Herz aufhörte zu schlagen. Aller Augen richteten sich nach 
der Tür. Ich vernahm ein leises Gemurmel der Bewunderung, die Orgel erbrauste, und nun schritten sie durch den Gang daher, der hohe, schlanke Mann in der schimmernden Uniform, und an seinem Arm das wunderschöne Geschöpf in ihrem weißen, silberdurchwirkten Kleide, mit den blitzenden Brillanten auf dem dunklen Haar, um das sich Orangenblüten schlangen. Einer Wolke gleich floß der Schleier um die zarte Gestalt. Wie geblendet starrte ich sie an. Ach, eine schönere Braut gab es wohl nie!
    Ich hörte nichts von der Rede des Geistlichen, ich sah nur das Brautpaar. Aber als sie hinknieten, da eilte ich in wilder Hast aus der Kirche, ich hätte das Ja nicht hören können,  das nun sein Mund aussprechen wollte! Ich flüchtete in unseren kleinen Garten, in die alte, verwilderte Buchenlaube, wo ich als Kind so oft gesessen. Da blieb ich die halbe Nacht. Es war eine so weiche, berauschende Luft, die Nachtigall flötete in vollen, langgezogenen Tönen, der Flieder duftete, ein geheimnisvolles Leben waltete in dieser linden Maiennacht; der Frühling sang sein altes zaubervolles Lied von Lieben und Seligsein. In ungestümer Sehnsucht streckte ich die Arme aus nach dem Glück, das ich besessen und nun für immer verloren hatte. Drüben auf dem Schlosse rauschte der Hochzeitsjubel, zuweilen drangen abgerissene Akkorde der Musik zu mir herüber, und ich war verlassen – verlassen!
    Auch dieses ging vorüber. Der heiße Schmerz, der sich noch einmal wild aufgebäumt hatte in jener Maiennacht, wurde sanfter. Es war, als hätte ich einen wunden Fleck am Herzen, der bei der leisesten Berührung wehtat. Mein Leben floß still und einförmig weiter, mein Vater saß über seinen Büchern, und ich war auf die Gesellschaft der alten Kathrin angewiesen. Der Verkehr mit dem Schlosse blieb nach wie vor nur ein geringer. Wenn Frau v. Bendeleben mich einmal gebrauchen konnte, so schickte sie, oder ich bot mich selbst an. Was sollte ich auch sonst dort? Mit dem Pfarrhaus bestand ein freundschaftliches, stilles Hinüber und Herüber, die kleine, alte Frau hatte nun einmal eine besondere Liebe für mich. Der junge Pfarrer war zurückhaltend, aber vorsorglich für mich bedacht. Ihm verdankte ich meine Lektüre, er besorgte mir Blumensamen für meinen kleinen Garten, er besuchte meinen Vater an den langen Winterabenden, wenn er ermattet die Feder weglegte, und plauderte mit ihm.
    Bergen wurde bald nach Ruths Hochzeit von G. versetzt, und zwar nach M. als Adjutant einer Brigade. Das war noch ein schwerer Tag, als die beiden Freunde Abschied von mir nahmen. »Kommt bald wieder, ach, vergeßt mich nicht ganz«, bat ich sie und begleitete sie bis an die Freitreppe des Schlosses. Ich wäre mit hinaufgegangen, hätte sich nicht eben eine kleine, elegante Equipage in der Allee gezeigt, in der ich Eberhardt und Ruth erkannte. Sie führte die Zügel. Rasch schlug ich einen Seitenweg ein, ich konnte noch  hören, wie der Wagen hielt und Eberhard sagte: »Da sind wir doch noch, Ruth hat sich besonnen und ihren Schmollwinkel verlassen.« Dann tönte Ruths Lachen in mein Ohr. Ein letztes Zurückgrüßen von Hanna – und auch sie hatte ich verloren.
    Dann kam ein Morgen, wo ich verzweifelt am Bette meines Vaters stand, immer wieder mit versagender Stimme seinen Namen rief und doch keine Antwort erhielt, wo seine kalte Hand die meine nicht mehr fassen konnte. Er war heimgegangen. Tot hatte ich ihn in seinem Bette gefunden, als ich ihm sein Frühstück bringen wollte: ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht. Tränenlos ließ ich mich hinwegführen und sank neben Kathrin in die Knie. Die Tränen der Alten fielen auf mein Haar, und sie hielt mich fest umklammert – die alte, gelähmte Dienstmagd war ja noch das einzige, was ich auf der Welt besaß.
    Ich sehe noch, wie man den unter Blumen verdeckten Sarg auf den Kirchhof trug. Das ganze Dorf gab dem verehrten alten Seelsorger die letzte Ehre. Die Leute weinten und schluchzten, und ich stand noch immer ohne Tränen an dem Fenster meiner Stube und sah ihm nach – nun war ich eine Waise. Dann kam der Baron und wollte mich wieder aufs Schloß nehmen, ich lehnte hastig ab und zeigte auf Kathrin. Was sollte die wohl anfangen ohne mich: es gab doch noch ein Wesen, das meiner bedurfte, und diese Sorge wollte ich mir nicht nehmen lassen. Wer weiß, wie lange ich noch dieses beglückende Gefühl haben durfte, daß ich jemand unentbehrlich sei.
    »Du darfst hier nicht allein bleiben, du verkommst hier«, sagte der Baron. »Ich ehre deine Anhänglichkeit, aber du mußt wenigstens die Woche ein paarmal an bestimmten Tagen zu uns kommen. Du gehst hier zugrunde in deinem starren Schmerz, du siehst ja mehr tot als lebend aus.«
    »Lassen Sie mich«, bat ich. »Ich danke Ihnen tausendmal – nicht jetzt, vielleicht später, ich kann ja nicht –«
    Ein Weilchen ließen sie mich wirklich in Ruhe, aber dann kam der Baron wieder. »Nun gehst du auf jeden Fall heute mit«, sagte er, »ich kann es nicht verantworten, mich so wenig  um dich zu bekümmern. Ich bin jetzt dein Vormund und ich befehle es.« Willenlos ließ ich mich mitziehen. Ich saß am Abend geduldig neben Frau v. Bendeleben und ließ mir erzählen von Hanna, und daß Ruth einen prächtigen Jungen besitze. Vorläufig sei nur noch ein großer Streit um die Vornamen. Ruth wolle, er solle Stanislaus heißen und Eberhardt habe gesagt, er werde dem Pastor schon die Namen aufschreiben.
    Der Baron bestimmte die Tage in der Woche, an denen ich auf dem Schlosse erscheinen sollte. »Ich werde mich erkundigen, Gretchen«, fügte er hinzu, »ob dein Grund ein stichhaltiger ist, wenn du einmal nicht kommst. Du darfst dich deinem Schmerz nicht so hingeben, dazu bist du noch viel zu jung, das ganze Leben liegt noch vor dir.«
    Das ganze Leben! Ich erschrak förmlich – und das sollte ich so weiterleben? Entsetzlicher Gedanke! Läge ich doch da drunten bei meinen Eltern! Das ganze Leben – wie lang ist so ein Menschenleben! Unser Leben währet siebenzig Jahre – und ich war eben zwanzig gewesen. Aber Gott ist barmherzig, dachte ich, es kann ja nicht so lange dauern!
    Ich war folgsam, ich kam pünktlich auf das Schloß, ich spielte mit dem Baron Schach und las die Zeitung vor, und am Tage saß ich unten im Dorf, pflegte Kathrin und leitete meine kleine Wirtschaft. Ich tat alles, aber ohne Freude, mit totem Herzen.
    Eines Abends war ich wieder oben im Schloß und bemühte mich, aufmerksam einen langen Bericht über Kartoffelernte anzuhören, da horchte Frau v. Bendeleben auf. »Es kommt Besuch«, sagte sie und legte ihre Arbeit hin, indem sie aufstand. Es wurden schon Stimmen laut, die Tür öffnete sich, und herein trat Ruth, gefolgt von ihrem Manne.
    Ich konnte nicht mehr fliehen, wie angewurzelt blieb ich stehen und sah ihn an. Auch er erblaßte leicht, als er mich erblickte, während die schöne Frau keine Notiz von mir zu nehmen schien und hastig, ihren Samtmantel abwerfend und die Mutter umarmend, fast unwillig ausrief: »Mamachen, du mußt einen Streit schlichten. Denke dir, die alte Gräfin Satewski in Wien ist gestorben. Man hat mir geschrieben,  es sei wünschenswert, daß ich der Eröffnung des Testaments beiwohne – ich muß, ich will nach Wien, und mein teurer Gatte« – hier wendete sie sich zu Eberhardt, der die Lippen aufeinandergebissen hatte – »erklärte es für unnötig und wünscht, daß ich nicht reise, anstatt mir seine Begleitung anzubieten.«
    »Na, setzt euch nur erst«, unterbrach der Baron die Rede der jungen Frau, »dann können wir überlegen. Was hast du für Gründe dagegen, Wilhelm?« fragte er seinen Schwiegersohn, der seinen Sessel möglichst aus dem Lichtkreise der Lampe geschoben hatte.
    »Tausend Gründe für einen«, sagte er; »die Hauptsache aber ist, daß der Kleine kränkelt, er bekommt wahrscheinlich Zähnchen und weint den ganzen Tag. Auch weiß ich nicht, inwiefern Ruths Anwesenheit dort so unerläßlich notwendig sein soll, es leuchtet mir nicht ein, und ich finde ihre Gegenwart bei dem Kinde viel nötiger als bei der Testamentseröffnung. Das Resultat, wenn's überhaupt eins für sie gibt, kann ihr hierher mitgeteilt werden.« Seine Stimme klang ruhig und leidenschaftslos, mich traf sie bis ins innerste Herz. Ich wollte aufstehen und hinausgehen.
    »Nichts da!« rief der Baron, »willst du schon wieder ausrücken? Hiergeblieben!« und er zog mich in den Sessel. Niemand außer ihm konnte ahnen, mit welchen Qualen ich dort saß.
    »Ich muß gestehen, Ruth«, fuhr der Baron fort, »dein Mann scheint recht zu haben. Möglicherweise hast du Unannehmlichkeiten in Wien zu erwarten. Mit den Verwandten deines ersten Gatten hast du dich so gut wie gar nicht gestanden. Ich würde lieber hierbleiben, abgesehen davon, daß das Unwohlsein des Kleinen schon einen triftigen Grund bietet.«
    »Es ist gar nicht so schlimm, Eberhardt übertreibt wie immer«, fuhr sie auf, und die Augen blitzten zornig zu ihm hinüber. »Die Amme ist eine ausgezeichnete Person, und außerdem kann er ja so lange hier bei Mama sein.«
    »Die Luft ist aber zu rauh, um eine solche Fahrt mit dem Kinde zu machen, bedenke das!« sagte Frau v. Bendeleben.  »So gern ich mein Enkelchen hier hätte, ich mag nicht zureden.«
    »Aber ich sag' es euch, ich muß nach Wien!« rief sie, und ein paar zornige Tränen blitzten in den Augen. »Ich muß!«
    »Gut, mein Kind, reise – ich werde so lange Mutterstelle bei deinem Kind vertreten«, unterbrach sie Eberhardt, ebenso kühl wie vorhin.
    »Wer hat dir denn geschrieben, Ruth, daß deine Gegenwart so nötig ist?« fragte der Baron.
    »Das ist's ja eben«, antwortete Eberhardt statt ihrer. »Sie sagt, sie habe einen Brief aus Wien – aber von wem? das hat man mir nicht anvertraut.«
    Die schöne Frau sah plötzlich verlegen zu Boden. »Genug, daß dem so ist«, erwiderte sie. »Es ist mir geschrieben worden, und ich werde reisen – auf jeden Fall. – Papa, darf ich morgen meinen Reisewagen einmal ansehen? Er steht noch von damals hier. Hoffentlich ist er noch so, daß ich ihn benutzen kann, er war ja noch ganz neu!«
    »Wird auch wohl noch gut sein«, sagte der Baron. »Wann soll's denn losgehen?«
    »Sobald wie möglich; übermorgen denke ich.«
    Eberhardt war aufgestanden. »Rauchen wir vielleicht eine Zigarre in deinem Zimmer, Papa?« fragte er; dann gingen beide Herren hinaus.
    Sobald sie fort waren, brach ein wahrer Sturm von Vorwürfen über ihren Gatten aus dem Munde der jungen Frau. Bis in die Seele erschütterten mich die herben Worte, und wie ein Blitz stand auf einmal die schreckliche Gewißheit vor mir, daß er nicht glücklich sei. Wo war der Nimbus des Vollkommenen geblieben, der dieses schöne Paar umgab, als sie dort in der kleinen Kirche vor dem Altar standen? Das strahlende Lächeln war von seinem Gesichte geschwunden, ein müder Zug lag um den stolzen Mund, und sie – sie mußte in der Tat sehr erbost auf ihn sein, daß sie in meiner Gegenwart so rücksichtslos seine Fehler und Untugenden, wie sie sich ausdrückte, an das Licht zog. Der Zorn ließ sie alle Klugheit vergessen – oder fürchtete sie nichts mehr von  dem blassen, vergrämten Mädchen, das da mit entsetzter Miene den harten Worten lauschte?
    »Ich sage dir, Mama, ich kann's nicht aushalten! Oh, dieses spießbürgerliche Leben, diese tugendhaften, dummen Gänschen von Kameradenfrauen, diese Kaffeegesellschaften, wo sie mit Strickstrümpfen sitzen, dünnen Kaffee trinken und über Dienstmädchen und Kinderbrei sprechen! Jedesmal, wenn solch verwünschte Einladung kommt, und ich will absagen, heißt es: ›Du mußt hingehen, die Frau Major oder die Frau Hauptmann könnte es übelnehmen.‹ Dabei sehen sie mich an, diese dummen Gänschen, als sei ich ein Wundertier, und sprechen von Extravaganzen und so weiter. Herrgott, wie hab' ich doch früher gelebt! Ach, mein Wien, mein schönes Wien, und nun gönnt man mir nicht einmal die Reise dahin!«
    »Aber, Ruch, du bist ja außer dir und weißt nicht mehr, was du redest. Du solltest ebenfalls Interesse haben an Dienstmädchen und vor allem an Kinderbrei. Was macht dir denn eigentlich Spaß, wenn nicht das Interesse für dein Kind obenan steht?«
    »Mein Gott, ja«, erwiderte die junge Frau, »der Junge ist ja ganz passabel und hübsch, aber ich kann nicht solchen Kultus mit ihm treiben wie Eberhardt, der von mir womöglich verlangt, daß ich den ganzen Tag in der Stellung der Murilloschen Madonna mit ihm umherziehe. Ich bin noch jung, ich will tanzen, ich will mich sehen lassen, ich will nicht die bürgerliche Hausfrau vorstellen! Aber die halbe Stadt schlägt die Hände zusammen über mein Benehmen, über meine Toilette und was sie alles haben, es ist zum Verzweifeln. Das wäre nun aber schließlich gleichgültig, wenn nicht Eberhardt – –« sie schwieg.
    »Du läßt dich immer gleich zu argen Bitterkeiten hinreißen, Ruth«, tadelte Frau v. Bendeleben, »wenn du einmal Grund zu Unzufriedenheiten zu haben glaubst. Nach meinem Dafürhalten solltest du solche Szenen nicht zu oft herbeiführen, es stumpft das Gefühl für dich bei deinem Manne ab, du könntest ihm mit der Zeit gleichgültig werden.«
    »Ja so!« lachte sie auf. »Bei allen guten Göttern, Mama,  das bin ich ihm schon geworden! Ich fühle, wie wir nur noch an einem losen Faden zusammenhängen; wenn das Kind –«
    »Ruth! Um des Himmels willen, bist du wahnsinnig?« schrie Frau v. Bendeleben auf. »Schäme dich, hier vor mir solche Worte auszusprechen; vergißt du ganz, was du dir und mir schuldig bist?«
    Die schöne Frau zuckte mit den Schultern, sah mich an und lachte laut auf: »Was dieses blasse Kind für ein entsetztes Gesicht macht! Nicht wahr, Kleine, Sie können das nicht fassen, daß man an Ihrem Ideal – und das war doch der gute Eberhardt früher – so ein bißchen auszusetzen findet? ›Ich hätte ihn glücklicher gemacht‹, sagen Sie gewiß leise vor sich hin. Mon dieu, ich habe es schon manchmal bedauert, Ihnen –«
    Da fiel die Hand der Frau v. Bendeleben schwer auf Ruths Schulter. »Kein Wort weiter!« sagte sie leichenblaß, während mir das Blut vor Zorn und Scham heiß in die Wangen stieg. »Ich habe bis jetzt geglaubt, die gereizte Stimmung in deinen Briefen und deinen Worten sei eine Folge deines kränklichen Zustandes gewesen. Ich irre mich aber, du bist jetzt ganz gesund, und ich sehe, wie es steht: ihr lebt in keiner glücklichen Ehe, das ist furchtbar hart für ein Mutterherz, und du so wie er – ihr dauert mich aufs innigste. Deine spöttischen Reden aber lassen mich nicht einen Moment im Zweifel, wo ich den schuldigen Teil zu suchen habe.«
    »Nur nicht so tragisch, Mama«, sagte Ruth. »Wir werden schon noch ein Weilchen an unserem Joch weiterziehen. Übrigens hoffe ich, mir aus Wien wieder etwas Lebensmut mitzubringen. Ich kann ja ohne Sorgen reisen, er wird Tag und Nacht an der Wiege sitzen.«
    Eberhardt sah leichenblaß aus, als wir uns bei Tische gegenübersaßen. Ob er wohl daran dachte, wie wir uns einst heimlich die Hände gereicht hatten unter demselben alten Tische? Ich weiß es nicht, aber ich fühlte, daß sein Auge zuweilen mein Gesicht streifte. Ruth sorgte, daß die unerquicklichsten Dinge dem Gespräch nicht fehlten. Die kleinen Ausfälle gegen Eberhardt waren zahllos, aber er blieb unempfindlich. Nach Tische empfahl er sich.  »Ich ängstige mich zu sehr um den Kleinen«, sagte er, »und da Ruth morgen erst ihren Reisewagen besichtigen will, so werde ich diese Nacht noch zurückkehren. Der Wagen kann morgen mittag wieder hier sein, oder Papa laßt sie vielleicht fahren.« Er nahm eiligst Abschied, wobei er mich übersah, und fuhr fort.
    Ich lag in meinem Bett zu Hause und konnte es nicht fassen, daß er so unglücklich aussah. Heimlich hatte mir längst gebangt. Ich kannte ja den Charakter Ruths, hatte so manchen Einblick in dieses kalte, kokette Herz getan: es mußte ja so kommen, zu vermeiden war es nicht. Aber es tat mir weh, unendlich weh, dieses stolze, lebensfrohe Gesicht so müde, so teilnahmlos und abgemattet zu sehen. Mein Gott, du führst deine Kinder wunderbar! dachte ich. Jeder kleine Groll, der sich vielleicht in irgendeinem Winkel meines Herzens noch gegen ihn verbarg, verschwand vor seinen traurig-stillen Blicken und häufte sich immer mehr als glühender Haß auf das Haupt seines Weibes. Sie war ja doch an allem allein schuld.
    Rätselhaftes Menschenherz! Die ganze heiße Liebe für ihn war aufs neue emporgeflammt, als er mir so unverhofft gegenüberstand – um so heller und ungestümer, je mehr ich einsah, daß er nicht glücklich war.
    »Kathrin!« sagte ich am andern Morgen noch mit bebender Stimme und kniete an ihrem Bette nieder, »weißt du, wen ich gestern abend gesehen habe?« Sie blickte mich verwundert an, dann fragte sie, in meinen Augen irgend etwas Eigentümliches lesend: »Doch nicht etwa ihn, den Leutnant v. Eberhardt?«
    »Ja, Kathrin, ich sah ihn wieder, aber wie!«
    »Nun?« fragte sie gespannt.
    »Er war nicht im besten Einvernehmen mit seiner Frau und sah so bekümmert aus –«
    »Ich weiß es schon lange«, nickte Kathrin, »und habe mich im stillen gefreut darüber. Es ist seine gerechte Strafe und durfte gar nicht anders kommen. Darum habe ich den lieben Gott gebeten, als ich dich hier so elend und verzweifelt sah. Mit Freude habe ich die ersten Andeutungen begrüßt, die mir  verkündeten, seine Ehe wäre nicht so, wie sie sein sollte. Oh, es muß noch besser kommen, damit er einsieht, wie er sich versündigt hat an dir!«
    »Pfui über dich, Kathrin!« rief ich und sprang entsetzt auf. »Schäme dich; ich hätte dir so rachsüchtige Gedanken gar nicht zugetraut. Wenn du ihn gesehen hättest, wie traurig, wie freudenarm er aussah –«
    »Gretchen, nimm dich zusammen«, unterbrach mich die Alte barsch; »fang mir nicht wieder an. Dein Gefühl für ihn könnte Sünde werden – er hat Weib und Kind.«
    »Sünde?« wiederholte ich. Einen Augenblick übergoß es mich wie mit siedendem Wasser. Ich drückte die Hände vor das Gesicht und holte tief Atem – wohin hätte ich mich da beinahe verirrt! Ach, wäre er mir strahlend vor Glück entgegengetreten, so hätte ich mich ruhig zurückgezogen, mich an seinem Wohlergehen gesonnt – aber so –! Es drängte mich mit aller Macht zu ihm hin, ihn zu trösten, ihm ein freundliches Wort zu sagen zum Ersatz für all den Hohn, den ihm sein Weib ins Gesicht warf. Und dieses Mitleid, diese Teilnahme sollte Sünde sein?
    Und doch hatte sie recht, die alte Kathrin. Ich durfte nicht an ihn denken, er hatte mich ja so rauh von seinem Herzen gestoßen, er wollte ja gar nichts von mir wissen, und – er war der Gatte einer anderen.
    Unruhig verbrachte ich den ganzen Tag. Endlich faßte ich mir ein Herz. »Kathrin«, bat ich, »du sagtest heute früh, daß du schon länger wüßtest, er lebe nicht glücklich mit seiner Frau. Bitte, erzähle mir, was du weißt.«
    »Nun, Kind, das erzählen sich die Spatzen auf dem Dache«, begann die Alte, »das ganze Dorf ist voll davon. Die Herrlichkeit hat nicht gar lange gedauert, aber ich mochte dir's nicht sagen, weil ich schon vorher wußte, daß dein gutes Herz und deine alte Liebe gleich wieder in Flammen stehen würden. Die junge Frau soll bald nach der Hochzeit, als die Flitterwochen noch nicht vorüber waren, allerhand sonderbare Ansinnen an ihren Mann gestellt haben. Sie hat sich in der kleinen Festung nun einmal nicht einrichten können, und da hat sie von ihrem Manne verlangt, er solle den Soldatenrock  an den Nagel hängen und mit ihr nach Wien ziehen. Da soll es denn auf dem Schlosse einen großen Spektakel gegeben haben, die Liesel erzählte mir davon. Der Herr Leutnant hat erklärt, er wäre mit Leib und Seele Soldat, und sie habe gewußt, was er sei, da sie ihn genommen. Er bleibe Offizier auf alle Fälle. Die junge Frau hat gescholten und getobt und sich zuletzt aufs Bitten verlegt. Er ist aber fest geblieben und hat gesagt, 
das Weib müsse sich in dem Stande wohl fühlen, in dem der Mann einmal sei. Die Frau Baronin hat sich zuerst der Tochter verzweifeltes Wesen sehr zu Herzen genommen und hat dem Baron Vorschläge gemacht, ob er sich nicht zur Ruhe setzen und Eberhardt das Gut übergeben wollte. Das habe aber der Baron sowohl wie der Herr Leutnant zurückgewiesen, der Baron, weil er noch zu jung sei, um schon auf der Bärenhaut zu liegen, sein Schwiegersohn, weil er Soldat bleiben wolle. Na, schließlich hat Frau v. Bendeleben gemeint, das aufgeregte Wesen liege in dem Zustande der jungen Frau, und wenn sie erst ein Kindel auf den Armen wiege, werde sich das alles machen. Nun hat sie einen herzigen Buben, wie die Liesel sagt, und 's ist halt noch die alte Komödie. Was draus wird, mag Gott wissen. Ich sag', was ich sag', die Strafe bleibt nicht aus, es ist ein gerechter Gott da droben.«
    Ich hatte die Hände gefaltet. »Armer, armer Eberhardt!« dachte ich und malte mir aus, welche häuslichen Szenen er mit jener schönen, ruhelosen, exzentrischen Frau durchgemacht haben mußte.
    »Die Eltern haben's natürlich gar gern gesehen, wie sie sich mit dem schmucken Neffen verlobte«, fuhr Kathrin fort. »Es soll da allerhand passiert sein in ihrer ersten Ehe, die Leute munkeln so manches. Der Kutscher, der sie damals, als der Graf Satewski gestorben war, über Hals und Kopf von Wien hat herfahren müssen, soll wunderliche Brocken herumgestreut und sich manchmal pfiffig hinterm Ohr gekratzt haben. Na, der Herr Baron hat ihn auch gleich am andern Tage wieder zurückgeschickt, aber in ein paar Stunden kann einer viel säen, was nachher aufgeht. Ich will nichts gesagt haben, die Menschen sind halt schlecht und reden, was sie dermaleinst  nicht verantworten können; aber aus der Luft fällt so was auch nicht immer.«
    Ich konnte es diesmal kaum erwarten, nach dem Schlosse zu gehen. Ich mußte wissen, ob die junge Frau wirklich nach Wien gereist sei. Richtig, sie war fort, und Frau v. Bendeleben hatte bereits einmal die Stadt besucht, um zu sehen, wie es dem Enkelkinde erging. »Eberhardt ist rührend«, sagte sie, »er sitzt den ganzen Tag zu Hause, wenn er nicht im Dienste ist. Ich wünschte, Ruth hätte etwas von diesem Sinn für Häuslichkeit: das wilde Wiener Leben hat ihn aber gänzlich erstickt. Als Gräfin Satewski umgab sie ein kleiner Hof, und es muß ihr wohl schwer fallen, sich in die Stellung einer Leutnantsfrau zu finden. Ich hoffe, Eberhardt wird sich noch einmal bereden lassen und seinen Dienst quittieren. Wir gedenken ihm einst das Gut zu übergeben, einen Sohn haben wir doch nicht, und Ruth ist die Älteste und Eberhardt unser Neffe. Wenn sie es nur verstände, so lange ihren Wünschen den Zügel anzulegen.«
    »Sind schon Nachrichten aus Wien da?« fragte ich.
    »Jawohl, ein Brief an Eberhardt, aber ein sehr kurzer. Sie schreibt nur über die Erbschaftsangelegenheit, die nicht günstig für sie ausgefallen zu sein scheint. Der Universalerbe der großen Reichtümer sei ein Neffe der alten Gräfin Satewski, der einzige Sohn ihres einzigen Bruders, den sie immer sehr geliebt habe, ein junger Fürst Bodresky. – Nun, ich halte es nicht für ein so großes Unglück. Ruth ist immerhin durch das Vermögen ihres verstorbenen Gatten eine sehr reiche Frau geworden. Ich begreife nicht, wie sie darauf kommt, zu denken, die Schwiegermutter könne ihr Reichtümer vererben, die sie doch den Satewskis erst zubrachte. Diese besaßen eigentlich gar nichts wie ihren alten Namen. Sogar das Hotel in Wien, in dem die Satewskis gewohnt haben, stammt von den Bodreskys her, und die Satewskischen Familiengüter waren mehr als verschuldet. Als die Fürstin Bodresky den Grafen Satewski heiratete, hat sie sie mit ihrem Vermögen vor dem gerichtlichen Verkauf bewahrt. Ruth erhielt bereits nach dem Tode ihres 
Mannes ein bedeutendes Kapital. Wie sie jetzt noch mehr erwarten kann, begreife ich  nicht. Ich meine, sie hätte zufrieden sein können, sie hat von Haus aus Vermögen, sie hat Eberhardt geheiratet, der ebenfalls ganz ansehnliche Mittel besitzt –«
    Frau v. Bendeleben schwieg, als hätte sie bereits zuviel gesagt. In der Tat, so vertraut war sie noch nie mit mir gewesen. Sie mochte sich wohl nach irgend jemand sehnen, mit dem sie sich aussprechen konnte. Sie schien unruhig und schmerzlich bewegt zu sein, als ob eine innere Angst sie peinige.
    Ich brachte die Rede auf Hanna, ein paar Worte wurden über ihren letzten Brief gesagt, dann kam wieder Ruth in den Vordergrund.
    »Du glaubst nicht, Gretchen«, begann sie aufs neue, »was für einen grenzenlosen Kummer es mir macht, Wilhelm und Ruth nicht so miteinander zu wissen, wie es eigentlich sein sollte zwischen einem jungen Ehepaar. Ich kann mir wahrhaftig das Zeugnis geben, daß ich Ruth gewarnt habe, als Eberhardt so plötzlich mit seiner Werbung vor mir stand. Ich habe ihr gesagt, daß sie sich nicht wohl fühlen würde in den kleinen Verhältnissen einer Offiziersfrau. Aber sie lachte mich aus und behauptete, sie liebe ihn einmal, und ich solle ihr nicht darein reden. Im Grunde waren wir ja froh, daß sie gerade Eberhardt gewählt, und wir hatten schließlich die besten Hoffnungen. Allein kein Jahr dauerte es, da fand sie ihre Stellung bereits unerträglich und Eberhardt nicht für sie paffend, selbst das Kind ist ihr langweilig. – Oh, mein Gott, was soll nur daraus werden!«
    Ich saß ganz starr dabei; also ist es doch wahr, was die Leute munkeln und was ich in den ersten Minuten gefühlt hatte, die ich mit dem jungen Paare zusammen verlebte. Meine Gedanken eilten zu Eberhardt, ich sah ihn einsam an dem Bettchen seines Kindes, mit seinem trüben Gesicht – was mochte er für Qualen ausstehen, wenn er an sein Weib dachte!
    »Ich will Ruth nicht allein die ganze Schuld zuwälzen«, fuhr Frau v. Bendeleben fort und trocknete sich eine Träne aus dem Auge. »Eberhardt mag kein feuriger Liebhaber sein, der ihr beständig zu Füßen liegt und sie anbetet, wie sie es  zu verlangen scheint von ihrem Manne. Er ist schweigsam und finster geworden als Ehemann und tritt ihr öfter sehr schroff entgegen, allerdings wohl meistens mit Recht. Sie ist verwöhnt durch ihren ersten Mann, der sich vor seiner schönen Frau wie ein Sklave bückte, um den Pantoffel zu küssen. Diese scheinbare Unterwürfigkeit, dieses stete Entzücktsein über jede ihrer Launen und Kapricen vermißt sie bei Eberhardt, der ein ernster Mann ist und das Leben anders auffaßt wie ein leichtblütiger, halbpolnischer Edelmann. Ich glaube, dieses Zuckerbrot ist dem verwöhnten Kinde vollständig unentbehrlich, sie kann es nicht ertragen, nicht jeden Morgen und Abend eine neue Liebeserklärung von ihrem Manne zu hören, wozu er wiederum gar nicht angetan ist. Wenn sie doch nur erst wieder 
hier wäre!«
    Es dauerte indessen noch lange, ehe der Himmel diese Bitte erfüllte. Der November ging vorüber mit seinen Stürmen, der Dezember brach kalt und klar an, und noch immer war die schöne Frau in Wien. »Meine Bekannten wollen mich gar nicht fortlassen«, schrieb sie ihrer Mutter. »Ich will auch diese Zeit benutzen, wer weiß, ob ich jemals wieder hierherkomme. Fürst Bodresky ist übrigens ein liebenswürdiger Mann, er hat mir während der Zeit meines Aufenthaltes das Palais Satewski vollständig zur Verfügung gestellt. Ich wohne wieder in meinen Zimmern, und wenn ich morgens erwache, so kommt es mir manchmal vor, als hätte ich alles das, was ich später erlebte, nur geträumt. Ein Hauch aus jener berauschenden Zeit, da ich noch die gefeierte Gräfin Satewski war, weht mir hier aus jedem Raume entgegen und läßt mich auf Stunden vergessen, daß in der engen, schmutzigen preußischen Festung Pflichten meiner harren, an deren Erfüllung ich nur mit Widerwillen und Beängstigung denke. – Die Freiheit ist doch zu wundervoll, und 
ich bin noch so jung!«
    Frau v. Bendeleben las mir diese Stelle vor und brach dann in Tränen aus. Es rührte mich, diese stolze Frau so elend zu sehen. »Es geht nicht länger«, erklärte sie, »Eberhardt muß ein Machtwort sprechen. Auf mich hört sie nicht mehr. Ich habe ihn schon öfter gebeten, sie ernstlich aufzufordern,  endlich wiederzukommen; er hat es nicht gewollt. ›Was soll es, wenn sie gezwungen zurückkommt, Mamachen?‹ sagte er dann. › Freiwillig muß sie kommen.‹ – Ach, ich glaube, wenn er darauf wartet, so kehrt sie gar nicht zurück. Er muß jetzt energisch darauf dringen, schon der Leute wegen.«
    Sie setzte sich eben an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Ich nahm meine Arbeit, als der Baron eintrat, ein geöffnetes Schreiben in der Hand.
    »Ein Brief von Eberhardt, Klothilde«, sagte er und reichte seiner Frau das Blatt hin. »Er scheint jetzt die Geduld zu verlieren und hat Ruth aufgefordert, zurückzukommen. Er scheint dies sehr kühl und bestimmt getan zu haben. Aber nach meiner Ansicht verfehlt er damit den Zweck. Sie will doch nun einmal keinen Gebieter, sondern einen Untertan in ihrem Manne sehen. Er schreibt: Ich habe Ruth ersucht, zurückzukehren um ihres Kindes willen. Vielleicht besitzt die Mahnung an das Mutterherz noch die Gewalt über sie, welche die schwache Leidenschaft für ihren Gatten nicht mehr übt.«
    Frau v. Bendeleben seufzte: »Es ist gut, daß er überhaupt den Wunsch ausspricht, sie wieder zu haben. Ich wollte, ich wüßte erst, was daraus wird!«
    Ruth kam wirklich zurück, aber diese Wiederkehr war beinahe beleidigender für ihren Gatten, als wäre sie gar nicht gekommen. Gleich nach den Weihnachtsfeiertagen traf sie ein, sie hatte das schöne Fest in ihrem Reisewagen zugebracht und es verschmäht, ihrem Kinde die Lichter am Tannenbaum anzuzünden und sich an seinem Lächeln zu erfreuen und das Jauchzen des Kleinen zu hören, wenn er verlangend die Ärmchen nach den bunten Herrlichkeiten ausstreckte. Sie hatte ihren Gatten allein gelassen an dem Abend, wo doch selbst das ärmste Tagelöhnerweib von ihrer harten Arbeit feiert und sich mit dem Manne des Jubels der Kinder freut unter dem dürftigen Weihnachtsbaum. Allein gelassen an dem Abend, wo er ihr vielleicht um des Kindes willen noch einmal herzlich und freundlich entgegengetreten wäre!
    Ich war außer mir, als ich es von Frau v. Bendeleben vernahm. Sie hatte ja ebenfalls bestimmt darauf gerechnet,  daß Ruth noch vor dem Feste zurückkehren würde. Ich weinte beinahe Tränen der tiefsten Empörung. Aber wer konnte hier helfen? Es blieb ja doch alles, wie es war.
    Wieder war es Frühling geworden, und als ich eines Nachmittags in das Schloß trat, waren eben Herr und Frau v. Eberhardt angekommen. Es berührte mich nicht angenehm. Ich hatte zwar Eberhardt öfter wiedergesehen, doch schien er immer sichtlich bemüht, mir auszuweichen. Auch ich war verschiedene Male wieder nach Hause gegangen, wenn ich zur rechten Zeit erfuhr, daß die Herrschaften aus der Stadt daseien.
    Sie zogen aber immer noch an ihrem Joche weiter, wie damals Ruth ihrer Mutter verkündete. Nur war jetzt die schöne Frau ungeduldiger als vor ihrer Reise, und Eberhardt finsterer als je.
    Heute konnt' ich nicht mehr fliehen, ich stand schon mitten im Zimmer unter ihnen. Meinem Erscheinen folgte ein plötzliches Verstummen, nur Ruth hatte eigentümlich aufgelacht, und Eberhardt machte eine heftige Bewegung, als wollte er mich hinausschicken. Frau v. Bendeleben erwiderte meinen Gruß nicht, der Baron sah mich finster an.
    »Kurz und gut«, nahm die junge Frau das Wort und stand von ihrem Sessel so hastig auf, daß er ein Stück auf dem Teppich hinflog, »ich kann mich einmal nicht in einer Ehe glücklich fühlen, wo das Herz des Mannes mir nicht ganz und ungeteilt gehört. Ich bin nicht die Person, die sich mit einigen Überbleibseln abspeisen läßt, und darum schenk' ich dir deine Freiheit wieder und zugleich die Erlaubnis, ganz dem Zuge deines Herzens zu folgen.« Wieder lachte sie, indem sie vor ihrem Manne stehenblieb mit über der Brust gekreuzten Armen.
    Ich zog mich erschrocken zurück bei diesen Worten und wollte die Tür öffnen; um alles in der Welt hatte ich dieser entscheidenden Szene nicht beiwohnen mögen.
    »Halt!« rief da die schöne Frau und war mit einem Sprunge an meiner Seite. »Nicht davonrennen, mein Herzchen. Du bist es ja, die er mit aller Inbrunst eines schüchternen Jünglings anschmachtet! – Hier geblieben! Dir verdanke  ich die ganze widerwärtige Zeit, die ich jetzt durchleben muß, du allein hast mir sein Herz abwendig gemacht. Verantworte dich doch, wenn du kannst, du hochmutstolle Prinzessin, du! –« Sie hatte mich bis in die Mitte des Zimmers gezerrt und schleuderte meine Hand von sich, als hätte ich Gift an den Fingern.
    Ich war so betäubt, daß ich gar nicht antworten konnte. Wie hilfesuchend irrte mein Blick umher und starrte in Frau v. Bendelebens entsetztes Gesicht.
    »Mich kannst du verleumden, Ruth, soviel du magst«, tönte da die Stimme Eberhardts, »aber zieh nicht unschuldige Personen mit in diese traurige Geschichte.«
    »Unschuldig?« fragte Ruth. »Sie ist wohl im Traume dazu gekommen, dir Briefe zu schreiben? Und im Traume hat sie dir ihr Bild geschenkt? Da, Mutter, hast du die ganze Unschuld!« rief sie und warf ein Päckchen Briefe auf den Tisch vor die Baronin. »Sieh da, das fand ich, als er gestern vergaß, den Schlüssel von seinem Schreibtisch zu ziehen. Und hier ist ihr Bild, das ich aus seiner Schreibtafel nahm und das mir den ersten Beweis seiner Untreue gab. Hier! Und nun werdet ihr dieses ganze unglückliche Leben an seiner Seite verstehen.«
    »Gretchen!« schrie Frau v. Bendeleben auf mit einem Tone, der mir durch die Seele schnitt, so vorwurfsvoll, so jammernd klang die Stimme. Noch immer starrte ich wie abwesend auf die Briefe, von denen Frau v. Bendeleben einen nach dem andern nahm. »Deine Margarete«, las sie die Unterschriften, und wieder klang es schmerzlich: »Gretchen, haben wir das um dich verdient?«
    »Nein, Mama«, unterbrach Eberhardt die schreckliche Pause, die einen Moment entstand, »urteile nicht zu rasch! Höre mich erst. Auch du, Papa, sieh nicht so furchtbar böse auf Margarete – die Sache liegt anders, als ihr denkt. Die Briefe und das Bild beweisen keine Untreue, denn sie sind geschrieben, noch ehe Ruth als Witwe zurückkehrte zu euch, das weiß Ruth nur zu gut. Daß sie jetzt etwas hervorsuchen will, um mit möglichstem Eklat eine Trennung von mir in Szene zu setzen, will ich ihr nicht verdenken, auch ich sehne  mich danach, daß ein Ende wird, aber daß sie diesen Grund erfindet, das ist eine Perfidie, die ich denn doch der Mutter meines Kindes nicht zugetraut hätte!«
    »Nein!« rief Ruth. »Glaub' es nicht, Mama, an sie hat er gedacht Tag und Nacht, ihr Bild hat er stets auf dem Herzen getragen und gegen mich war er immer abstoßend und unfreundlich – ist das noch keine Untreue?«
    »Ruth, ich möchte in Gegenwart des Mädchens da mich nicht mit allen Mitteln, die mir zu Gebote stehen, verteidigen«, fiel Eberhardt ein. »Bei Gott, du solltest mich nicht herausfordern. Denke daran, wie du mir das Leben auf jede Weise zur Hölle gemacht hast, was für eine nachlässige Mutter du deinem Kinde warst! Ich habe, weiß Gott, das mögliche getan, um den Frieden zu erhalten, es ging oft über meine Kräfte.«
    »Margarete«, rief des Barons Stimme, und sie war heiser und unfreundlich. »Margarete, hast du wirklich diese Briefe geschrieben?«
    »Ja, ich tat es«, sagte ich tonlos und legte die Hände vor mein Gesicht.
    »Sag' nur, Kind«, rief er heftiger, »was dachtest du dir dabei? Wie kommst du, die ich für ein vernünftiges, gesittetes Mädchen hielt, dazu, Briefe mit dem Leutnant v. Eberhardt zu wechseln?«
    Ich schwieg. Es wäre mir nicht möglich gewesen, ihn als wortbrüchig hinzustellen, indem ich die Wahrheit sprach. Frau v. Bendeleben stand auf, und indem sie mir einen kalten, verachtenden Blick zuwarf, schritt sie aus dem Zimmer.
    »Es tut mir sehr weh, Gretchen, daß ich dergleichen Dinge von dir hören muß«, nahm der Baron das Wort. »Ich kann mir jetzt manches erklären: deine Abneigung gegen Pastor Renner, dein verstörtes Wesen, als sich Ruth verlobte – es ist unrecht, daß Eberhardt vergaß, wie nahe du mir standest, und dir wie einer hübschen Kammerjungfer Sachen in den Kopf setzte, die für die Freundin meiner Tochter nicht passend sind. Das war nicht ehrenhaft von ihm. Du siehst, was für traurige Folgen es nun gehabt hat.«
    »Verzeihung, Papa«, sagte Eberhardt, »du bist im Begriff,  ein sehr hartes Urteil zu sprechen. Ich habe an Fräulein Siegismund nicht einen Augenblick in dem Sinne gedacht, wie du es aufzufassen scheinst. Margarete war meine Braut« – hier bebte seine Stimme – »und ich hätte sie ebenso sicher geheiratet, wie ich jetzt Ruth heiratete, wären mir nicht Dinge erzählt worden, die ich so schwach war zu glauben, und die mich eine Verbindung lösen ließen, die meiner nicht würdig zu sein schien.«
    »Deine Braut?« fragte der Baron, als könne er nicht fassen, was da so ruhig gesagt wurde.
    »Ich sagte es«, wiederholte er noch einmal. »Meine Braut war sie, und die Briefe sind völlig legitim, sozusagen.«
    »Da siehst du, Papachen, seine Braut!« lachte Ruth und trat zu dem erstaunten Vater, während ich, an allen Gliedern zitternd, krampfhaft die Lehne eines Stuhles in der Hand hielt. Ein heißes Gefühl wie erwachender Frühling überkam mich trotz aller Beschämung. »Da siehst du es, es ist schade, daß diese Partie nicht zustande kam. Du hättest dann deinen Bekannten deine Nichte Frau v. Eberhardt, geborene Siegismund, vorstellen können.«
    »Keinen Spott!« unterbrach sie Eberhardt zornig. »Kommen Sie, Fräulein Siegismund; hier ist kein Platz für Sie! Gehen Sie nach Hause und vergessen Sie das Häßliche, was Sie hier gehört haben.« Er nahm meinen Arm und führte mich zur Tür, die er öffnete.
    Wie im wüsten, schweren Traum wandelte ich meiner Heimat zu. Graue Wolken hingen tief vom Himmel hernieder. Ein warmer Wind strich um meinen heißen Kopf, und aus den zerrissenen Wolken blickte hier und da wie ein freundliches Auge ein kleiner Stern. Und droben auf dem Schlosse da kämpften sie weiter, die miteinander nicht leben konnten und die Fesseln zu zerbrechen suchten, die sie aneinanderketteten. Das eine Herz, weil es ein wankendes, eitles Ding war, nur für die Freuden dieser Welt geschaffen, ein Herz, das selbst die Liebe zu ihrem Kinde nicht an den Gatten zu fesseln vermochte, den sie einst so glühend begehrt, den zu besitzen sie sich nicht gescheut hatte, die teuflischsten Mittel anzuwenden – wie sie nun zu ähnlichen Mitteln griff, ihn wieder  wegzustoßen und frei zu sein! Und das andere Herz, – ach, ich hatte es ja herausgefühlt, das konnte nicht vergessen, konnte seine erste Liebe nicht hinausweisen, obgleich er es gezwungen hatte mit ernstem Willen. Das war doch trotz allem Unglück ein 
heimliches süßes Gefühl, und ließ mich beinahe das Bittere in dem Benehmen der anderen vergessen. Er hatte ja auf meiner Seite gestanden.
    »Kathrin«, sagte ich, als ich die Alte sah, und ein Tränenstrom stürzte aus meinen Augen, »nun glaub' ich, ist's vorbei mit denen auf dem Schlosse und mir. Ruth, die mich immer schon verleumdete, hat jetzt auch Zwietracht zwischen ihren Eltern und mir gesät.«
    Kathrin schwieg. Einmal schien sie antworten zu wollen, aber sie blieb still. Es war am Ende auch besser – sie hätte vielleicht nur bittere Bemerkungen gehabt. Am anderen Morgen ging ich zu Frau v. Bendeleben, ich wollte ihr alles erzählen, mit möglichster Schonung Ruths, es mußte klar werden zwischen uns. Sie sollten nicht denken dort oben im Schlosse, daß sie ihre Wohltaten an eine Unwürdige verschwendet hätten. An Hanna hatte ich gleich geschrieben, ihr erzählt, wie alles gekommen, und sie gebeten, sie möge mich rechtfertigen helfen bei ihrer Mutter.
    Es war ein schwerer Gang an jenem Morgen, und mein Herz pochte gewaltig, als ich Johann hinaufschickte, um mich zu melden. Er kehrte mit erschrecktem Gesicht zurück: »Ach, Fräulein Gretchen, nehmen Sie es nur nicht übel, aber die Frau Baronin und Frau v. Eberhardt packen gerade die Sachen, um zu verreisen. Sie sind nicht imstande jetzt –« er stockte und sah mich traurig an.
    »Ich kann die gnädige Frau nicht sprechen?«
    »Nein, in zwei Stunden wollen sie fort –«
    »Dann frag den Herrn Baron, Johann«, sagte ich und drängte meine Tränen zurück.
    »Der Herr Baron – der ist auch drinnen bei den Damen –«
    »Frage, Johann; bitte!«
    »Der Herr Baron bedauert, er muß gleich nach Wiesenau reiten!« kam Johann zurück.  »Adieu, Johann!« sagte ich. »Da werde ich wohl nicht wiederkommen.« Langsam wendete ich mich und ging die Stufen der breiten Treppe hinunter. Durch die geöffnete Tür der Halle konnte ich den Reisewagen auf dem Schloßhofe sehen. Er wurde eben gewaschen, und Liesel stand dabei und schwatzte mit dem Kutscher. Ich hörte, wie sie sagte: »Aber diesmal komme ich mit, das wird eine Lust!«
    Mir stürzten die Tränen aus den Augen, als ich durch das alte Tor schritt, über die Terrasse und durch den Park. Es war mir beinahe zumute, als hätte ich meinen Vater zum zweiten Male verloren. Es schmerzte so tief, daß die Leute mich nicht sehen wollten, die ich so sehr geliebt hatte. Als hätte ich ein Verbrechen begangen, mußte ich jetzt das Haus verlassen, das mir so lange eine Heimat war. Wieviel Bitteres brachte das Leben für mich! Alle meine Hoffnungen hatte ich noch auf den Baron gesetzt, aber freilich, es war die Tochter, die mich anklagte. Es war überhaupt schon ein Verbrechen, daß ich, die Bürgerliche, gewagt hatte, meine Augen zu dem Neffen des alten adligen Hauses zu erheben.
    Wer blieb mir nun noch? Auf zwei alten, müden Augen stand mein ganzer Schutz, den ich in dieser Welt hatte, schlossen sich die, dann war ich allein. Ich setzte mich auf das Grab meiner Eltern und barg das Gesicht in dem grünen Efeu – wie war es nur möglich, daß noch immer mehr Leid kommen konnte!
    Nochmals schrieb ich an den Baron und bat um eine kurze Unterredung. »Es ist besser«, antwortete er mir in einem kleinen Billett, »wir sehen uns jetzt nicht, und es wächst erst Gras über die letzte Geschichte. Viel Kummer habe ich jetzt zu tragen, und über meine unglückliche Tochter kaum weniger als über dich, die du meine besondere Liebe hattest. – Zur Nachricht diene dir, daß meine Frau mit Ruth nach der Schweiz gereist ist, und daß wir uns mit Eberhardt sehr im Bösen getrennt haben.«
    »Mein Gott, wie ist es nur möglich, daß Eltern so verblendet sein können!« stammelte ich, als ich die paar Zeilen überflog. Ich gab es auf, mich zu rechtfertigen, man hätte mir doch nicht geglaubt.  Kathrin sah tiefbekümmert aus. »Weißt du, Gretchen«, nahm sie gegen Abend dieses Tages das Wort, »du tätest mir einen rechten Gefallen, wenn du mich einmal ruhig anhören wolltest. Sieh, ich werde nun schon so alt, es kann mal eines Tages passieren, daß ich daliege, kalt und steif, und daß du mich halt begraben mußt. Tue mir dann den Gefallen und weise es nicht zurück, wenn sie dir drüben eine Heimat anbieten. Du bist noch zu jung, um allein zu leben, und so viel hat dir der Vater hinterlassen, daß du nicht unter fremde Leute zu gehen brauchst. Ich meine ja nicht, daß du drüben hineinheiraten sollst, das findet sich später und mag Gott einrichten, wie er will. Nein, nur hinüber sollst du zu der Frau Renner. Versprich mir das, damit ich ruhiger werde.«
    »Quäle dich nicht, Kathrin«, bat ich und kniete vor ihr nieder, »du bleibst noch lange bei mir. Denke nicht ans Sterben, ich bitte dich; ich will dir auch versprechen, alles zu tun, was du wünschest.«
    Die Alte streichelte mir den Kopf und legte sich in den Stuhl zurück: »Dann ist es gut, mein Herz, dann bin ich ruhig.« Ich setzte mich wieder an das Fenster und sah in das Abendrot. Neben mir stand ein Strauß Schneeglöckchen. Sie erinnerten mich an einen Abend, da ich auf Eberhardt gewartet mit bangem Herzen, und da Bergen statt seiner gekommen und mir gesagt hatte, daß er mich nicht mehr liebe. Was hatte ich alles seitdem verloren! Aber was war das? Da stand in der geöffneten Tür eine hohe Gestalt, ich konnte nicht mehr erkennen, wer es war, aber ich fühlte es. Mein Herz klopfte gewaltig, und ich vermochte mich nicht von meinem Stuhl zu erheben.
    »Margarete«, klang es leise, »darf ich eintreten? Wirst du mich nicht von deiner Schwelle weisen, wo ich jetzt mit einer so großen Bitte nahe?«
    »Wilhelm!« sagte ich leise, »tritt ein!«
    Wir standen uns gegenüber. Es war dunkel im Zimmer, und ich konnte nicht in sein Gesicht sehen. Aber heiße Tropfen fühlte ich auf meinen Händen, die er an seine Lippen zog, und mit leiser Stimme bat er: »Verzeihe mir!«  »Alles, Wilhelm, alles! Ich wünschte, ich hätte dich glücklicher wiedergesehen!«
    »Gretchen, ich will dir nicht die ganze Geschichte meiner Schuld erzählen heute«, sagte er, noch immer meine Hand in der seinen haltend. »Ich bin elender gewesen, als du vielleicht geahnt hast. Ich schenke es mir nicht, alles will ich zu deinen Füßen büßen – später, jetzt kann ich es noch nicht, es ist noch nicht Zeit dazu. Nur um eines bitte ich dich jetzt: nimm dich meines Kindes an.«
    »Dein Kind!« rief ich. »Oh, bringe es mir, Wilhelm, ich bitte dich.«
    »Es ist draußen im Wagen«, sagte er und schritt hinaus. Mit bebenden Händen zündete ich Licht an. Da trat er herein, ein reizendes Kindergesichtchen schaute schlaftrunken aus einem Gewirre von Tüchern und Mänteln, und auf einmal lächelte der rosige Mund, und zwei kleine Ärmchen streckten sich mir verlangend entgegen – mit einem Ausruf des Entzückens nahm ich das Kind in meine Arme. Halb weinend, halb lachend küßte ich die dunklen Augen, und der kleine Kerl jauchzte und lachte mit und fuhr mit den Händen in meine Haare.
    »So weiß ich es gut aufgehoben«, sagte Eberhardt, und es schimmerte feucht in seinen Augen. »Ich habe ein Kommando von mehreren Wochen, und sie ist abgereist, ohne sich nach dem Kinde umzusehen. Sie glaubte vielleicht, ich werde es pflegen können, wie immer, und ich hätte es getan, wäre nicht dies dazwischengekommen. Die Kinderfrau ist mir davongelaufen, indem sie erklärte, in einem Hause, wo die gnädige Frau stets böse wäre, wollte sie nicht bleiben. Gretchen, ich weiß, du –«
    Er hielt mir seine Hand hin. »Ohne Sorge!« rief ich. »Es wird meine heiligste Pflicht sein, das Kind zu hüten!«
    »Lebe wohl!« Er beugte sich über das Kind hernieder und küßte die kleinen Händchen, dann ging er aus der Tür.
    Ich war allein – nein, nicht allein, ich hielt ja sein Kind in meinen Armen. Das Herz wollte mir springen vor Wonne, vor Glück. Ich eilte an das Licht und sah in die süßen Kinderaugen, und küßte den kleinen Mund und die runden Schultern,  die aus dem Kleidchen hervorsahen. »O du süßes, geliebtes, kleines Kindchen, du sollst deine Mutter nicht vermissen!« flüsterte ich ihm zu, und dann hob ich es wieder auf meinen Arm, schritt im Zimmer auf und ab, und fast unbewußt fing lange nicht singen hören.
    Schlaf, Kindchen, schlaf!
    Da rief Kathrin ängstlich aus der Nebenstube: »Aber, Gretchen, Kind, was ist dir denn?« Die Alte hatte mich so lange, lange nicht singen gehört.
    »Oh, Kathrin, sieh doch, sieh!« rief ich und hielt ihr das Kind entgegen, das, lachend und strampelnd mit Händchen und Füßchen, auf meinem Arme saß. »Was ich hier habe! Sieh doch, er brachte mir sein Kind, sein Liebstes! Ach, Kathrin, nun will ich wieder fröhlich und lustig sein und singen!« Marie, die hereingekommen war, mußte die Lampe bringen, damit Kathrin das süße Ding ordentlich sehen konnte. Die Lippen der Alten bebten leise, als die großen, dunklen Kinderaugen verwundert auf sie herniederschauten, und Marie nannte es einmal über das andere: »Ach, das hübsche, kleine Buberl!«
    Wie verweht war meine Trauer, seit langer Zeit hatte mein Herz nicht so frisch geklopft wie jetzt. Ich tummelte mich, die Wiege mußte vom Boden heruntergebracht werden, Milch wurde gekocht, und dann saß ich an der Wiege, in welcher schon meine Mutter und ich gelegen, und sang mit leiser Stimme alte Wiegenlieder, die mich Kathrin als kleines Mädchen gelehrt hatte. Als sich die langen Wimpern des Kindes senkten, da kniete ich nieder, und ein Gebet voll inniger Dankbarkeit stieg aus meinem Herzen empor.
    Eine glückliche Zeit durchlebte ich nun, um keinen Menschen kümmerte ich mich, nur das Kind – das Kind war meine einzige Sorge. Daß ich es nicht immer würde bei mir behalten können, daran dachte ich nicht. Ich trug es im Garten umher, wenn die Sonne schien, ich leitete die ersten unbeholfenen Schritte und war selig, als ich aus dem undeutlichen  Stammeln nach meinem unermüdlichen Vorsagen das erste klare »Papa« heraushören konnte. Es sollte dies ja der Gruß für Eberhardt sein, wenn er kam, sein Kind zu besuchen.
    So vergingen Tage und Wochen. Vom Schloß erfuhr ich nichts, als daß die Damen noch immer in der Schweiz weilten. Eberhardt war nicht hiergewesen, nur Friedel hatte sich hin und wieder eingestellt, um nach dem Kinde zu fragen und einen Gruß zu bringen.
    Endlich, an einem schwülen Sommertage, als ich mit dem Kleinen in der schattigen Laube unseres Gartens saß und ihm bunte Steinchen auf den Tisch gelegt hatte, die er mit seinen Händchen unermüdlich wieder herunterwarf, erzählte mir Frau Renner, die mir mit dem Strickstrumpf ein wenig Gesellschaft leistete, gestern abend seien die beiden Damen wieder zurückgekommen, und heute früh sei die Frau v. Eberhardt zur Stadt gefahren. Wahrscheinlich habe sie einen Termin vor Gericht wegen der Scheidung. »Ein hochmütiges, pflichtvergessenes Frauenzimmer«, setzte sie entrüstet hinzu und zeigte auf das spielende Kind. »Es ist eine Sünd' und Schand'! Wenn's nur Gott ihr nicht so hingehen lassen wollt'.«
    »Bin neugierig«, fuhr sie nach einer Weile fort, »wem das Kind zugesprochen wird, ihm oder ihr?« – »Ihr?« wiederholte ich. »Mein Gott, ist denn da überhaupt noch ein Zweifel? Das Kind, um das sie sich nie gekümmert hat!« Ich preßte es angstvoll an mich, als wollte man mir es schon entreißen.
    »Ja, das kommt ganz darauf an«, meinte die kleine Frau, »wie die Sache liegt. Wenn er schuldig ist, kriegt sie es, und umgekehrt kriegt er es, oder nein, ich glaube, wenn sie alle beide schuld haben, dann behält es die Mutter bis zum vollendeten fünften Jahre, später kann es der Vater reklamieren.«
    »Mein Gott!« sagte ich und blickte ganz erstarrt in eine Reihe schrecklicher Möglichkeiten hinein.
    Da hörte ich auf einmal einen leichten Tritt auf dem Sande des Gartenweges, das Rauschen eines Kleides, und Frau v. Bendeleben stand vor der Laube, mit großem, erstauntem Blick das Kind auf meinem Schoße musternd.  Ich erhob mich verwirrt und ängstlich. »Bleib sitzen, Gretchen«, sagte sie mit ruhiger Miene und nahm Platz auf dem Sessel, den Frau Renner, die ich eilig auf dem Wege nach Hause verschwinden sah, soeben verlassen hatte. Einen Augenblick blieb es still zwischen uns. Um die Lippen des seinen, blassen Gesichts spielte ein eigentümlicher Zug. Sie sah auf den kleinen, schönen Knaben im weißen Kleidchen, der, unbekümmert um die neue Erscheinung, fortfuhr, mit den Steinchen zu spielen, während er jene unverständlichen und doch zum Herzen gehenden Laute von sich gab, die ein Mutterherz so gut begreift, als hätte das kleine Geschöpf sich in deutlichster Rede ausgedrückt.
    »Ich hörte bereits gestern abend, als ich ankam«, begann sie endlich, »daß du die Freundlichkeit hast, mein Enkelkind zu pflegen. Wir sind dir in der Tat vielen Dank schuldig und wollen dir nun auch nicht länger die Last aufbürden, die dir die Wartung des Kleinen gemacht hat. Ich werde ihn mitnehmen und sage dir unseren besten Dank für deine Güte.«
    »Das Kind ist mir keine Last«, sagte ich, vor Angst kaum imstande zu sprechen – »ich habe es lieb und –«
    »Das glaube ich wohl, und es war, wie gesagt, sehr freundlich von dir«, wiederholte Frau v. Bendeleben, und eine leichte Röte stieg in ihre Wangen. »Es ist allerdings eine eigentümliche Idee von Eberhardt gewesen, das Kind gerade hierherzubringen, indessen –«
    »Aber mein Gott, gnädige Frau«, rief ich, »wo sollte denn das Kind bleiben? Sie waren verreist mit Frau v. Eberhardt, die Wärterin lief davon – wie sollte ein Mann, der ohne weibliche Bedienung ist und außerdem noch seinen Dienst versehen muß, es denn anfangen, ein kleines Kind zu beaufsichtigen?«
    »So? Die Wärterin lief davon?« fragte Frau v. Bendeleben. »Wunderbar! Es war doch sonst eine ganz vernünftige Person. Nun gleichviel, es wäre am Ende nur in der Ordnung gewesen, daß er das Kind auf das Schloß gebracht hätte, wo es prächtig aufgehoben gewesen wäre bei der Rißmann, anstatt den Skandal noch zu vergrößern und es gerade hierherzubringen. Für Ruth ist dies ein Schlag ins Gesicht,  der – das mußt du einsehen – geradezu perfide genannt werden muß. Und nun gib mir den Kleinen, der Wagen hält vor der Tür.«
    »Gnädige Frau, verlangen Sie alles von mir, nur nicht das Kind«, bat ich und stand von meinem Platze auf. Der Kleine schlang beide Ärmchen um meinen Hals und wandte scheu das Köpfchen zurück. »Ich weiß, wie tief ich in Ihrer Schuld bin, alles will ich tun, um meine unbegrenzte Dankbarkeit, meine Liebe für Sie und den Herrn Baron zu beweisen. Aber das Kind, das er mir anvertraute, kann ich nur ihm, oder auf seinen Befehl herausgeben.«
    Einen Augenblick sah sie mich wie verdutzt an, dann sagte sie, noch ruhig, obgleich schon ein verhaltenes Beben in der Stimme lag: »Wenn du wirklich dankbar wärest, so würdest du nicht so sprechen – denke nach, in was für eine Situation bringst du dich und uns, wenn du dich weigerst, das Kind herauszugeben.«
    »Es tut mir leid, aber ich –«
    »Übrigens ist es lächerlich, daß ich erst noch frage«, schnitt sie mir die Antwort ab. »Du hast überhaupt nicht das mindeste Recht, dich zu weigern. Es ist das Kind meiner Tochter und geht dich gar nichts an. Es ist nicht allein mein Recht, es ist auch meine Pflicht, das Kind seiner Mutter zurückzugeben.«
    »Seiner Mutter, die sich nie um das Kind kümmerte?« fiel ich gereizt ein. »Alles, was sie dazu bewegt, es wieder zu verlangen, ist Angst vor der Welt, wenn man erführe, daß sie abreiste, ohne auch nur die geringste Anordnung für die Pflege des Kindes zu treffen! Sie überließ dies dem Vater, nun mag sie auch zufrieden sein mit dem, was er in dieser Sache zu tun für gut fand. – Ich wiederhole es nochmals, gnädige Frau, es tut mir leid, aber ich gebe das Kind nur in die Hände dessen zurück, der es mir anvertraute.«
    »Gretchen!« klang es gereizt und atemlos. Leichenblaß sah sie aus. »Vergißt du ganz, mit wem du sprichst? Willst du der Unglücklichen nicht nur den Gatten, sondern auch das Kind abspenstig machen?«
    »Den Gatten?« fragte ich. »Und Sie, gnädige Frau, Sie  glauben das immer noch? Sie, die ich so verehrt, so über alles geliebt habe? Freilich, wie soll ich mich verteidigen, ohne zugleich die Tochter furchtbar anzuklagen. Das Mutterherz würde mir doch keinen Glauben schenken. Aber fragen Sie Hanna oder Bergen, vielleicht urteilen Sie dann anders über mich, wenn sie Ihnen die ganze Wahrheit gesagt haben werden.«
    »Genug!« unterbrach mich Frau v. Bendeleben. Ihre Blässe war einer hohen Röte gewichen. Möglich, daß sie ahnte, es könne nicht alles so sein, wie man ihr gesagt hatte. Ihre Augen blitzten mich zornig an: »Genug! Diese widerwärtige Szene soll ein Ende haben. Ich will nicht das Kind meiner Tochter in den Händen der Gelieb –«
    Sie vollendete nicht, ein zorniger Aufschrei von mir ließ sie erschreckt einhalten. »Beleidigen Sie mich nicht, meine gnädige Frau!« sagte ich mit erhobener Stimme und trat einen Schritt näher. Der Kleine legte ängstlich seinen Kopf an meinen Hals. »Schon der Leutnant v. Eberhardt hat dem Herrn Baron erklärt, daß ich seine Braut war. Wie es kam, daß ich es nicht blieb, das könnte ich Ihnen ebenfalls erzählen. Doch es ist eine häßliche Geschichte, und ich will sie Ihnen ersparen, möglich, daß sie doch einmal vor Ihre Ohren kommt. Ich stehe ganz allein, ganz schutzlos vor Ihnen, augenblicklich besitze ich nichts als meinen guten Ruf, meine Ehre. Es ist Ihnen ein leichtes, mir sie zu rauben, aber noch gibt es, Gott sei Dank, Leute, die es beweisen können, daß ich nie etwas Unrechtes getan habe, daß –«
    »Verschone mich, ich kann deine Verteidigungsrede nicht mit anhören, mir mangelt die Zeit dazu – gib mir das Kind, ich habe Eile.« Sie machte eine Bewegung nach dem Kleinen, der nun, durch den ganzen, etwas heftigen Wortwechsel erschreckt, in lautes Weinen ausbrach.
    Ich war zurückgetreten und wollte ihn beruhigen. »Ich habe Eile, bemerkte ich schon einmal«, sagte Frau v. Bendeleben ungeduldig. »Laß ihn immerhin weinen, er wird sich schon wieder beruhigen, und nun zum letzten Male: gib mir das Kind!«
    »Das Kind bleibt hier, liebe Tante«, sagte plötzlich eine  ruhige Stimme hinter mir. Ich wandte mich und erblickte zu meiner unaussprechlichen Beruhigung Eberhardt, der, die Hand an die Mütze gelegt, der Frau v. Bendeleben eine tiefe Verbeugung machte.
    »Ich konnte es mir denken«, fuhr er fort, »daß dein gutes Herz dich sofort hierhertreiben würde, um dein Enkelkind in deine großmütterliche Obhut zu nehmen, und ich danke dir dafür herzlich und aufrichtig. Aber leider muß ich dir deinen Wunsch abschlagen. Das Kind bleibt hier, ich kann nichts an dieser Bestimmung ändern. – Aber noch einmal, liebe Tante, meinen innigsten Dank für deine freundliche Absicht.« Er ergriff die feine Hand im hellgrauen Handschuh und drückte einen Kuß darauf.
    Sprachlos starrte Frau v. Bendeleben den jungen Mann an, der so ruhig und bestimmt seinen Willen kundtat und, mit gänzlichem Übersehen späterer Rechte, sie einfach wieder »liebe Tante« anredete, als ob er nie der Schwiegersohn gewesen wäre.
    »Ich war schon im Schloß«, begann er aufs neue, als Frau v. Bendeleben ihn immer ansah, als wäre er oder sie irrsinnig, »und hörte, daß du hierhergefahren seiest. Da ging ich gleich hinterher, um Meinungsverschiedenheiten zu verhüten. Ich freue mich, daß ich dich hier noch treffe, da deine Anwesenheit mir Gelegenheit gibt, den Kleinen einmal nach langer Zelt wiederzusehen und der freundlichen Pflegerin zu danken. Noch einen Moment, liebste Tante, ich werde dich, wenn du es gestattest, begleiten, der Onkel hat mir eine Unterredung bewilligt – ich möchte nicht gern im Bösen von euch scheiden, wenn ich euch auch als Schwiegersohn nicht alles – so – so« er brach ab. Eine dunkle Röte färbte einen Augenblick das stolze Gesicht. Er beugte sich zu dem Kinde nieder, das aufgehört hatte zu weinen und, ihn erkennend, ihm zujauchzte. Dann nahm er es auf seinen Arm, und ohne mich anzusehen, setzte er hinzu: »so sollt ihr doch an den Neffen nicht in Groll denken.«
    »Es ist gut«, sagte Frau v. Bendeleben endlich und ließ ihre dunklen Augen gleichgültig über die anmutige Gruppe von Vater und Sohn schweifen. »Es muß sich finden mit  dem Kinde, wem es gerichtlich zuerkannt wird. Meinetwegen mag es solange hier bleiben, es handelt sich ja nur noch um einige Tage.«
    »Verzeihung, liebe Tante«, unterbrach sie Eberhardt, »das Gericht hat nichts mehr in der Sache zu tun. Ruth und ich haben sie bereits geordnet. Sie war so liebenswürdig, mir heute früh auf meinen Wunsch das Kind zu überlassen, das heißt, sie entsagte feierlich allen Ansprüchen darauf in Gegenwart ihres und meines Anwaltes, und somit dürfte diese Streitigkeit beendet sein.«
    Wäre ein Blitzstrahl zu Füßen der blassen Frau niedergefahren, sie hätte nicht starrer, nicht erschrockener aussehen können als jetzt. Ihre großen Augen hafteten mit wahrhaft entsetztem Ausdruck an Eberhardt, und über die farblosen Lippen kam endlich ein leises, tonloses: »Es ist nicht möglich!«
    »Doch, es ist so, und ich kann dir wiederholen, daß sie freiwillig und sofort auf meinen Wunsch einging –«
    »Wilhelm!« rief Frau v. Bendeleben, aufs tiefste erschüttert, und trat einen Schritt näher. »Eine Mutter sollte ihr Kind gleich hergeben? Wilhelm, sag nein, sag nein!« Flehend hingen ihre Blicke an seinem Gesicht.
    Sie tat mir leid, die arme gedemütigte Mutter, der ein einziges Wort den tiefen Schatten in dem Charakter der schönen, über alles geliebten Tochter enthüllte. Wenn sie auch früher manchmal über ihr exzentrisches Benehmen geseufzt, sie getadelt und manche ihrer Handlungen nicht gebilligt hatte, es war ihr doch stets nur als Laune erschienen. Der effektvolle Schluß der jungen Ehe, den die junge Frau so meisterhaft in Szene zu setzen wußte, indem sie durch den Raub meiner früheren Briefe ihren Mann als treulos in den Augen der Eltern hinzustellen versuchte, hatte das Mutterherz vollständig für die arme, betrogene Tochter eingenommen. Sie glaubte natürlich alles, und entschuldigte die Launen der jungen Frau durch die trüben Erfahrungen an der Seite eines Mannes, der seine Gattin hintergeht. Es war ja natürlich, daß bittere Gemütsstimmungen einkehren mußten in ein so armes, gequältes Herz. Nun noch der Schimpf, als  der Mann sein Kind in die Hände derjenigen gab, die sie als Urheberin dieser ganzen traurigen 
Geschichte betrachtete. Sie war heute hierhergekommen, um den »Skandal« ein Ende zu machen, um das Kind der armen, gekränkten Mutter wieder zuzuführen, und nun wurde ihr gesagt, daß diese tiefgekränkte, verkannte Frau ganz ruhig und bereitwillig das Kind – ihr Kind – dem verabscheuten Gatten überließ!
    Sie sah zum Erbarmen aus, diese stolze, jetzt so gedemütigte Frau. Auch Eberhardt empfand dies. Einen Augenblick leuchtete es wie Triumph aus den dunklen Augen, dann gewann schnell das gute Herz wieder die Oberhand. Er trat einen Schritt näher und sagte freundlich: »Wundert dich das so sehr, liebe Tante? Nach dem Vorspiel kann dich der Schluß wenig befremden, sollte ich meinen. Ich glaube, daß der Kleine Ruth stets sehr wenig interessiert hat, und der beste Beweis ist die plötzliche Abreise mit dir nach – – – Ihr waret ja wohl in der Schweiz? Sie hat nicht einmal einen Abschiedskuß auf den kleinen Mund gedrückt. – Sie dachte, verzeih, liebe Tante, auch du dachtest – das Kind ist ja während der Abwesenheit der Mutter in Wien bei dem Vater und der Wärterin wohl aufgehoben gewesen, warum nicht auch jetzt? Leider stand diesmal die Sache anders. Das Gerücht unserer gestörten Verhältnisse verbreitete sich, und eines Tages gingen mir Kinderfrau, Stubenmädchen und Köchin davon. Wo sollte ich hin? Zum Onkel, von 
dem ich aufs tiefste erzürnt geschieden war? Das ging nicht. Ich wußte ja nicht einmal, ob er von meinem Kinde etwas wissen wollte, das die eigene Mutter vergessen zu haben schien. Sollte ich die Frau eines Kameraden bitten, sich des Kleinen anzunehmen? Das hätte nur den Skandal vergrößert. Mit einem Worte, ich wußte niemand weiter auf der ganzen Welt als diejenige, die ich auf unerhörte Weise beleidigt und gekränkt hatte um Ruths willen. Und sie nahm das Kind mit Freuden auf. – Wenn du, liebe Tante, darüber nachdenkst, so kann dich die Handlungsweise Ruths nicht in Erstaunen fetzen. Ihr würde der kleine Schelm doch nur eine lästige Fessel sein, um so mehr, da sie, wie sie mir heute früh selbst erklärte, schon in einigen Tagen nach Wien zu gehen gedenkt.  Fessellos will sie sein, und sie versteht es auch, die Ketten zu brechen, das hat sie mir bewiesen.«
    Er seufzte tief auf, als er die letzten Worte leise vor sich hin sprach.
    Frau v. Bendeleben war kraftlos auf den Stuhl gesunken und hielt sich ihr Taschentuch vor die Augen. Eine bange Pause trat ein, nur ein qualvolles Stöhnen drang unter dem weißen Tuche hervor, das die zitternden Hände hielten.
    »Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht glauben!« stieß sie endlich heraus. »Ich will sie selbst sprechen, sie ist durch die Aufregung der ganzen Angelegenheit verwirrt gewesen. Es kann nicht sein, es darf nicht sein!« Sie erhob sich. »Komm, ich will klarsehen.«
    »Verwirrt?« fragte Eberhardt mit leiser Stimme, indem er mir das Kind zurückgab. »Ach nein, Tante, ich glaube, wenn du plötzlich die ganze Reihe dieser Verwirrungen übersehen könntest – du würdest schmerzlich erstaunen!«
    »Eberhardt«, unterbrach ihn Frau v. Bendeleben bittend, »laß mich das Kind mitnehmen. Glaube mir, es soll meine heiligste Pflicht sein, es zu erziehen. Ich will alles wieder gutmachen, was die Mutter an ihm gesündigt – gib mir das Kind!«
    Über das Gesicht Eberhardts, zu dem ich ängstlich aufblickte, als hinge mein Leben von der Antwort ab, die nun folgen mußte, flog ein eigentümlicher, beinahe spöttischer Zug. »Ich danke dir, liebe Tante Bendeleben«, sagte er ruhig und fest, »aber es bleibt bei dem, was ich beschlossen habe. Es wäre überdies nur eine kurze Zeit, die das Kind bei dir verleben könnte. Du wirst es begreiflich finden, daß ich meinen Sohn bei mir oder wenigstens in meiner Nahe zu behalten wünsche. Da ich hoffen darf, daß man mir auf mein Gesuch die Versetzung in ein anderes Regiment gewahren wird, und ich das Kind jedenfalls dorthin mitzunehmen entschlossen bin, so würde es nur ein unnötiges Herausreißen aus seinen Gewohnheiten sein, was ja kleinen Kindern nicht guttun soll.«
    »Und wer soll denn dort in deiner künftigen Garnison das Kind pflegen und erziehen, da du es ja doch nicht allein  kannst, wie du vorhin bemerktest?« fragte Frau v. Bendeleben und sah ihn verletzt an.
    »Oh, Tante«, erwiderte er, und seine Augen leuchteten freudig auf, während ein süßer Schreck durch mein Herz fuhr. »Oh, Tante, das ist mein Geheimnis. Aber glaube mir, die beste, liebreichste Hand wird mein Kind pflegen, und das edelste Herz wird es lieben, wenn sich meine Hoffnungen verwirklichen.«
    Ein rascher verständnisvoller Blick streifte mich. Ich fühlte, ich war dunkelrot geworden.
    »Ich glaube zu verstehen«, sagte die Baronin und zuckte mit den Achseln. »Wäre Ruth eine Ahnung davon gekommen, was mir jetzt klar zu werden beginnt, sie hätte dir das Kind nicht gelassen, um keinen Preis der Welt. Ich selbst würde sie auf den Knien darum gebeten haben, es nicht fortzugeben. Oh, daß ich mit der Reise nachgab! Wären wir doch hiergeblieben, diese Schande hätte nie unsere Familie treffen können!«
    »Weiß Gott, Tante«, brauste jetzt Eberhardt auf und stieß unmutig mit dem Fuße an den kleinen Kinderwagen, daß er weit über den Grasplatz rollte und dort in einem großen Päonienbeet steckenblieb, »du machst es mir sehr schwer, in Frieden ober wenigstens in Ruhe von euch zu scheiden. Ich habe die Ehrerbietung gegen dich und den Onkel stets zu bewahren gesucht. Aber diese Reden könnten selbst ein Lamm zur höchsten Wut reizen. Ich bin dir für meine zukünftigen Handlungen auch nicht die geringste Rechenschaft schuldig, deine Familie und die meinige magst du ganz ruhig als vollständig getrennt betrachten, damit du die ›Schande‹, wie du dich auszudrücken beliebst, von dem Standpunkte einer Unbeteiligten kritisieren kannst. Ich tue, was ich für recht halte, und wenn alle Bendelebens der Welt meine Handlungsweise als eine ›Schande‹ auffassen. Wollte Gott, ich wäre früher schon meinem Rechtsgefühl gefolgt und hätte mich nicht von einem verführerischen Irrlicht in den Sumpf locken lassen.«
    Er hatte mit lauter, heftiger Stimme gesprochen – Frau v. Bendeleben stand da und zuckte mit keiner Wimper.  »Ist deine Rede beendet, oder hast du mir noch etwas zu sagen?« fragte sie eisig. »Dann mache rasch, ich habe nicht mehr lange Zeit und darf wohl kaum erwarten, daß du Lust hast, nach dieser Auseinandersetzung noch mit ins Schloß zu kommen.«
    »Allerdings komme ich noch mit ins Schloß«, versetzte er gereizt. »Der On – der Baron v. Bendeleben erwartet mich zu einer Unterredung, und ich wüßte nicht, warum ich sie wie ein Feigling vermeiden sollte.«
    »Dann bitte ich, mich zurückziehen zu dürfen«, sagte sie ebenso eisig wie vorhin. »Meine Nerven können ohnedies ein solches Wortgefecht nicht vertragen.« Sie schritt, ohne mich oder das Kind anzusehen, den Weg entlang zwischen den Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern, äußerlich ruhig – doch ihre innere Aufregung mußte furchtbar sein. Denn als die Spitzen ihres Kleides in einem solchen Strauch hängenblieben, riß sie dieselben so hastig los, daß ein ganzes Stück des prachtvollen Gewebes sitzenblieb. Eberhardt beugte sich rasch zu dem Kleinen und drückte einen Kuß auf seine Stirn, dann sah er mich an und sagte: »Leb wohl, Margarete, du wirst von mir hören. Hab Dank für alle deine Liebe«, und schritt auch hinaus.
    Was mochte in der Seele dieser stolzen Frau toben und wühlen? Das Mutterherz lehnte sich auf und wollte nicht an den frivolen Charakter der Tochter glauben, obgleich sich die Wahrheit mit siegender Macht ihr aufdrängte. Sie begann einzusehen, daß doch nicht alles so sein könne, wie man ihr vorgeredet hatte. Sie war eine rechtliche Natur, und das Bewußtsein, vielleicht ungerecht geurteilt zu haben, war ihr ein schrecklicher Gedanke. Das wußte ich, ebensogut wußte ich aber auch, daß die Hindeutung Eberhardts auf meine Person von ihr richtig verstanden worden war, und daß diese Verirrung, wie sie stets die Liebe eines Adligen zu einer Bürgerlichen zu nennen pflegte, imstande war, den letzten schwachen Rest von Zuneigung für mich in ihrem Herzen vollständig zu zerstören. Sie tat mir leid, ich wußte, sie kämpfte schwer – wer konnte ihr diesen Kampf ersparen.
  


     Einige Tage nach diesem Vorfall erschien Friedel und brachte mir einen langen Brief von Eberhardt. Es war ein banges und doch wunderschönes Gefühl, als ich ihn in meiner Hand hielt. – Seit langer Zeit wieder ein Brief von ihm. Er schrieb:
    Margarete!
    Dein unvergleichlich edles, gutes Herz gibt mir den Mut, diese Zeilen an Dich zu richten. Ich weiß es, Du hast mir verziehen, hast Dich meines verlassenen Kindes angenommen, ohne mir den leisesten Vorwurf für meine – nennen wir die Sache beim richtigen Namen – Treulosigkeit zu machen. Wäre etwas imstande gewesen, mir mein Vergehen noch schwärzer erscheinen zu lassen, so war es Deine Milde, Dein Erbarmen für mich und mein Kind. Ich danke Dir, Margarete, und bitte Dich zugleich, nimm in den folgenden Zeilen das ganze reumütige Bekenntnis meiner Irrtümer, meiner Vergehen hin. Ich schreibe es Dir, denn ich weiß, wollte ich es Dir mündlich zu Deinen Füßen bekennen, so würde Deine liebe Hand sich leise auf meinen Mund legen, und Deine Augen würden mild versöhnend auf mir ruhen, während Du sagtest: »Oh, ich vergab dir schon lange, ich mag das garstige Zeug nicht mehr hören, was du mir da erzählen willst!« Das weiß ich bestimmt, denn ich kenne Dein gutes Gemüt. Du würdest mir auf jeden Fall eine Beschämung 
ersparen wollen, die ich mir nicht ersparen kann, und Du mußt und sollst alles wissen. Es ist nötig für – doch davon später.
    Gretchen, ich habe Dich geliebt, rein, aufrichtig und schwärmerisch. Du warst eben meine erste Liebe, das ist genug gesagt, das mußt Du aber auch gefühlt haben. Ich war glücklich, sehr glücklich, und mein einziges Sehnen gipfelte in dem Wunsche, Dich mein Weib nennen zu können. – Da kam die Gräfin Ruth Satewski in das Schloß. Wir hatten einmal in frühester Jugend eine Leidenschaft füreinander gehabt, als das kleine graziöse Mädchen noch mit eingeflochtenen Zöpfen und im kurzen Kleidchen einhersprang. Aber so jung, so klein sie war, das reizende Kind verstand damals schon, den Kopf des blöden Kadetten vollständig zu verdrehen.  Wir bildeten uns ein, Brautleute zu sein, und quälten einander sogar mit Eifersucht, z. B. wenn ich ein anderes kleines Mädchen öfter beim Drittenabschlagen geklopft oder beim Fanchonspielen gehascht hatte, oder wenn sie mit gar zu verführerischer Miene mit meinem Vetter, dem langen Edgar, zu flüstern beliebte. Das war während der Sechswochenferien in Bonn bei meinen Eltern. Dann 
ging ich wieder ins Korps nach Potsdam und sie mit ihrer Gouvernante ins heimatliche Schulzimmer, wo uns wahrscheinlich die romantischen Ideen unter lateinischen und französischen Vokabeln verschwanden. Ich hatte sie nicht wiedergesehen, ich hatte nur gehört, daß sie vermählt war, und dachte manchmal, sie muß eine schöne Frau geworden sein, dieses kleine brünette Geschöpf mit den wunderbaren Augen.
    Dann kam eine Zeit, Gretchen, wo ich alle Augen der Welt über Deinen süßen blauen Sternen vergaß, die glücklichste, gesegnetste Zeit meines Lebens. Und da auf einmal strahlten mir wieder jene dämonischen dunklen Augen entgegen. Ich gestehe es ehrlich – ich war frappiert von der außergewöhnlichen Schönheit meiner Cousine, doch fühlte ich mich so sicher in Deinem Besitz, daß mir gar nicht der Gedanke kam, sie könne uns gefährlich werden. Doch die junge Witwe war nicht allein schön, sie war auch klug und kokett, und in der Langeweile ihres Witwenstandes fing sie an, ihre Netze nach mir auszuwerfen. Sie stieß auf Widerstand, ich war geflissentlich ungalant und mitunter sogar ungezogen gegen sie, das reizte sie noch mehr. Mit der ihr eigenen Schlauheit sagte sie sich: »Es muß ein Grund da sein, weshalb er sich von mir zurückzieht. Ein Mann läuft nicht ohne weiteres davon vor einer schönen Frau, wenn nicht Motive vorhanden sind, die ihn dazu zwingen – suchen wir die Ursache dieses Sprödetuns!« – Sie suchte und 
fand – fand, daß ich Dich liebte!
    Ich bin überzeugt, daß sie gelacht hat, als sie dies entdeckte, und zu sich selbst gesagt: »Wenn es weiter nichts ist?« Sie fing ihren Feldzugsplan sehr fein an, sprach von Dir als von einem guten, lieben Mädchen, entfaltete ihr ganzes brillantes Unterhaltungstalent in glänzendster Weise,  plauderte, neckte und mokierte sich auf die pikanteste und angenehmste Art der Welt. Und als es ihr gelungen war, als sie sah, daß mich diese sprühende, oft frivole Unterhaltung amüsierte, und ich ihr belustigt zuhörte, da fing sie an, mich auf den Pastor Renner aufmerksam zu machen, zuerst mit ein paar hingeworfenen Worten, so daß ich kaum ahnen konnte, sie seien für mich berechnet. Dann erzählte sie allerliebst komisch eine Szene – wobei sie bewunderungswürdig seinen Gang und seine Sprache nachahmte – wie er Dich anschmachte, und was er sage, und wie sehr sie sich über so eine beginnende Liebe à la Voß' Luise amüsiere.
    Zuerst achtete ich nicht darauf, dann kam etwas wie Eifersucht über mich und ich beschloß aufzupassen – möglich, daß man in dieser Leidenschaft alles sieht, was man sehen will. Ich glaubte zu bemerken, daß Du Dich dem jungen Manne gegenüber keineswegs so benahmst, wie es einer Braut zukommt, und daß er geradezu unverschämt war. In meinem Unmut wurde ich kühler gegen Dich, ich nahm öfter meine Zuflucht zu meiner Cousine, saß ganze Abende lang in ihrem Boudoir, während sie im spitzenbesetzten Negligé auf der Chaiselongue ausgestreckt lag, und plötzlich war ich so weit gekommen, daß ich für das schöne kokette Weib eine heiße Leidenschaft fühlte. Zwar zuckte mein Herz im Anfang noch krampfhaft auf, wenn sie mir von Deiner heimlichen Verlobung mit dem jungen Prediger erzählte, aber ein Blick auf das schöne Gesicht ließ es wieder ruhig werden. Offen gestanden, Gretchen, ich habe nie recht eigentlich an Deine Untreue geglaubt, aber ich wünschte mitunter, es möchte der Fall sein, damit ich nicht diese Qual zu 
ertragen brauchte. Ruth zog mich an sich, wie einen Nachtschmetterling das Licht. Wenn ich bei ihr war, hatte ich alles vergessen, auch Dich, Gretchen! Und dann sah ich später Deine verweinten Augen, Dein bleiches Gesicht, und war in einer Stimmung, daß ich mir am liebsten eine Kugel vor den Kopf geschossen hätte – so erbärmlich, so ekelhaft kam ich mir vor.
    Das einfachste wäre gewesen, ich hätte Dich gefragt: Gretchen, liebst du mich noch, oder ist es wahr, was man mir erzählt? Dann wäre ja alles gut geworden – aber ich wollte  nicht, der Bruch mit Ruth wäre unvermeidlich gewesen, und ich konnte nicht leben ohne sie. So ließ ich es gehen – wie mir zumute war, das hat mir wohl jeder ansehen können.
    So kam ein Abend, an dem ich wieder mit kaum zu bemeisternder Sehnsucht nach Bendeleben geritten war und in das kleine Boudoir Ruths trat. Ich hatte einige Tage vorher einen Brief für Dich an die Schloßgärtnerin abgegeben, er war in einer Anwandlung von Reue geschrieben. Antwort hatte ich darauf nicht erhalten. Ruth lag nicht wie sonst auf dem Sofa, sondern ging aufgeregt, mit blitzenden Augen und leicht geröteten Wangen im Zimmer hin und her. Als ich eintrat, verbarg sie schnell ein Papier in ihrer Tasche. Ich sah sie ganz entzückt an, schöner war sie mir noch gar nicht erschienen als in dieser Aufregung in dem leichten, weißen Hauskleide.
    Sie schien erfreut, mich zu sehen, und – Gretchen, was soll ich diese Szene ausmalen! – ich sagte ihr, daß ich sie liebe. Zur Belohnung dafür erzählte sie mir, daß es definitiv gewiß sei, du wärst verlobt mit dem jungen Pastor, allerdings noch heimlich. Ich gestehe, ich erhielt einen Augenblick meine Besinnung zurück, ich starrte sie an, als phantasiere sie. Aber bald fühlte ich eine namenlose Verachtung für Dich, ich war wütend über Deine Untreue und vergaß ganz, daß ich ebenfalls treulos handelte. Eine häßliche, frivole, verzweiflungsvolle Stimmung erfaßte mich, ich konnte der schönen, eben noch so heiß begehrten Frau kein Wort mehr von Liebe sagen, und in beißender Rede ergoß sich meine Laune über sie, über Dich, über jeden, der mit mir sprach.
    Ich sah Dich dann nachher bei Tische neben dem vermeintlichen Bräutigam und hörte Dich das Lied singen, das Du einst an jenem Abend gesungen hast, wo ich Dir zuerst begegnete. Ich stürzte fort, ich wollte nichts hören und lief wie ein Wahnsinniger in dem dunklen Park umher. Ich verfluchte alle Weiber, ich haßte Ruth, ich haßte Dich noch mehr – da trafen wir uns. Ich höre noch Deine bebende, flehende Stimme, mit der Du meinen Namen riefst. Ich nahm mich gewaltsam zusammen – Du solltest nicht wissen, wie ich litt – und ging anfangs stumm an Dir vorüber, ich wollte  Dir zeigen, wie grenzenlos ich Dich verachtete. Ich ritt dann, nach einer stürmischen Szene mit Bergen und dem Onkel, in der Nacht fort wie ein Verrückter, Bergen jagte mir nach – seine Fragen, seine Zusprache machten mich nur noch wütender. Zum Glück war ein Kommando auf einige Monate nach Potsdam zu stellen. Bergen vermittelte, daß ich es übernehmen durfte; er blieb bei mir bis zur Abreise. Noch vorher kam Dein Brief. Ich warf ihn ungelesen 
ins Feuer. Bergen ahnte wohl, um was es sich handelte. Er fragte mich auch nach Dir, ich aber antwortete ihm nicht und verließ G. mit zerrissenem Gemüt.
    Kaum war ich in Potsdam angelangt, so traf bereits ein Brief meiner Cousine ein, dann noch einer und noch einer. Schließlich fand ich Gefallen an den kleinen, eleganten, kapriziösen Billetten. Ich antwortete zuerst nur kurz, dann länger, regelmäßig, und schließlich hatte mich die Schreiberin ebenso bezaubert wie in Person. Diese Briefe waren zuletzt Liebesbriefe in aller Form geworden, und als ich Weihnachten von meinem Kommando zurückkehrte, wußte ich schon, daß mich eine zärtliche Braut erwartete. Onkel und Tante waren hoch erfreut, nur Bergens betrachteten mich mißtrauisch. Hanna mied geflissentlich meine Nähe.
    Die Wahrheit zu sagen, der Gedanke war mir peinlich, ich könnte Dir begegnen. Ich hatte erfahren, daß Du keineswegs die Braut des jungen Pastors geworden warst. Es dämmerte mir bereits eine Ahnung auf, meine schöne Braut könne ein unredliches Spiel gespielt haben. Doch ein Blick auf diese zierliche Gestalt und dies strahlende Gesicht ließen mich jeden Zweifel vergessen. Einmal erzählte mir der reizende Mund unter allerhand Plaudereien auch von Dir, daß Dein geistlicher Freier sich urplötzlich von Dir zurückgezogen habe. Diese Äußerung zog eine Reihe von Gedanken nach sich. Ich glaubte zuerst, der junge Mann habe vielleicht von unserem früheren Verhältnis Kunde bekommen und sei deshalb zurückgetreten. Dann aber kam mir wie ein blendendes Licht der Gedanke: sie hat ihm einen Korb gegeben! Ach, Gretchen, welch ein Rätsel ist doch das Menschenherz! – Ich war treulos, ich liebte mit aller Glut eine andere, und doch, die Vorstellung, Du könntest  mich noch lieben, könntest meinetwegen jenen abgewiesen haben, 
rief ein unsäglich wonniges Gefühl in mir hervor.
    Diese Vorstellung schwand nicht. Ich horchte mit Eifer auf jedes Wort, was auf Dich Bezug hatte, und dabei rückte die Zeit näher und näher, die mich für immer mit Ruth vereinigen sollte. Manchmal war ich in unbeschreiblicher Aufregung. Es gab Tage, wo ich stundenlang an meinem Schreibtische saß, mit leerem Briefbogen vor mir. Ich wollte an Dich schreiben, Dir sagen, wie alles gekommen, um Aufklärung bitten – und dann schien es mir wieder unmöglich. Ich warf die Feder weg und ging unter die Kameraden. Dort, wo man mich als Bräutigam der schönsten Frau beneidete, wo ich die Fragen nach dem Befinden der Gräfin beantworten, die Komplimente der älteren Offiziere über mein Glück, die begeisterten Reden über Ruths wunderbare Schönheit hören mußte, schalt ich mich selbst einen dummen Teufel und warf mit aller Gewalt die peinigenden Gedanken und Zweifel in den finstersten Winkel meines Herzens. Ich zwang mich, stolz und glücklich zu scheinen.
    Am andern Tage ritt ich dann zu meiner Braut, und wenn ich sie so vor mir stehen sah in all dem Zauber, dann glaubte ich selbst einen Augenblick, das Glück habe mir seine köstlichste Perle in den Schoß geworfen. Unter solchen Kämpfen und Zweifeln kam der Hochzeitstag. Nun gab es keine Umkehr mehr. – Am Tage vorher war ich in unsere, mit allem erdenklichen Luxus eingerichtete Wohnung, war in Ruths blaues, spitzenduftiges Boudoir getreten und hatte daran gedacht, wie ich mir früher dies alles so anders ausgemalt hatte. Ich dachte auch an Dich, Gretel, daß Du nie solch einen weichlichen Luxus beansprucht haben würdest. Deine hohe, schlanke, keusche Gestalt mit dem flechtengeschmückten Kopfe, sie wäre mir hier in dieser üppigen Umgebung sonderbar erschienen. Nein, hier gehörte eben nur solch eine zierliche Fee hinein, wie sie es war. Jenes Gespräch kam mir wieder in den Sinn, in welchem ich davon schwärmte, wie reizend es sein müßte, wenn mir nach der Heimkehr vom Dienst mein nettes, reizendes Frauchen eine 
Tasse Kaffee an das Sofa brächte. Ich habe mich müde hingestreckt, und sie  sieht mich dann freundlich an mit ihren süßen, blauen Augen. – Ich mußte bitter lachen. Ich hatte ja eine ganze Menge Diener im Hause! Ach nein, Gretchen, das kam nicht vor, ein solch idyllisches Leben liebte Madame nicht. Unser Haushalt war auf größtem Fuße eingerichtet. Wenn ich morgens um fünf Uhr aufstand und zum Exerzieren ging, servierte mir ein Diener in untadeligen Gamaschen und gleicher Krawatte einen vorzüglichen Kaffee. Wenn ich bestaubt und müde zurückkehrte, empfing mich niemand als der Untadelige. Ich zog mich um und durfte dann in aller Form meiner jungen Frau, die im elegantesten Negligé in ihrem Spitzenhimmel auf dem Diwan lag, einen Besuch abstatten. Dann machte Madame Toilette, und die Garnison und die Einwohner des alten G. wurden in Staunen gesetzt durch ebendiese Toilette und die reizende Equipage. Es wurden die Frauen der Kameraden aus der Kinderstube oder vom Nähtisch aufgescheucht, denn Madame machte Besuche. 
Häufig war sie zur Speisestunde noch lange nicht zu Hause, und ich hatte die Wahl, entweder allein zu essen oder hungrig in den Dienst zu gehen. Manchmal, wenn ich wartete, um das Vergnügen zu haben, mit ihr zu dinieren, wurde mein Hunger so wütend, daß ich beim Brotempfang die Kerle um ihr Kommißbrot beneidete. Wenn ich dann in unser elegantes Speisezimmer trat, wurde mir versalzene Suppe und verkohlter Braten serviert, und Madame war entweder ausgefahren oder ausgegangen, oder wenn das nicht, so bekam ich Vorwürfe über die unpassende Zeit meines Dienstes, als ob ein Leutnant – aber genug davon!
    Unser Salon war kaum einen Abend leer von Besuch, die Einladungen wurden verschwenderisch ausgeteilt. Die Kameraden sämtlicher hier garnisonierenden Regimenter, der benachbarten kleinen Garnisonen und die Edelleute der umliegenden Güter waren zahlreich vertreten. Glänzende Diners, Soupers und Bälle wechselten miteinander ab. Ruth strahlte wie eine Königin inmitten ihres Hofstaates, und ich biß die Zähne aufeinander und suchte mit möglichst freundlicher Miene die Gäste zu empfangen, die meine Frau einzuladen für gut befunden hatte. Bergen und Hanna zogen sich bald  gänzlich von diesen Festen zurück. Und als Ruch einst auf einem Kasino-Balle in gar zu unmöglicher Toilette erschien, kam Hanna am andern Tage, machte ihrer Schwester ernstliche Vorwürfe über ihr extravagantes Leben und erklärte ihr, daß sie der Gegenstand des allgemeinen Stadtklatsches geworden, daß es nicht begreiflich sei, wie eine Frau sich so zum Brennpunkt der Aufmerksamkeit machen könne. Ruth soll sich halbtot gelacht und gemeint haben, 
in Wien sei das noch ganz anders gewesen. Hanna ging unverrichteter Sache und fast betrübt wieder fort.
    Zum Unglück war dies gerade der Tag, an dem auch ich mir vorgenommen hatte, mit meiner Frau ein paar ernstliche Worte zu sprechen; ich ahnte nicht, daß Hanna bereits dagewesen. Ich sagte Ruth, die ich unmutig und verstimmt in ihrem Boudoir fand, unverhohlen meine Ansichten über unser Leben, über die Summen, die unser Haushalt koste, über die Ungemütlichkeit, die ein solcher fortwährender Trubel mit sich bringe, und bat sie schließlich, wenn sie nicht meinetwegen sich zu einer stilleren Lebensweise entschließen könne, so möge sie es ihrer Person zuliebe tun. Es müßte diese ewige Unruhe endlich nachteilige Folgen für sie haben. Ruth nahm anfangs meine Worte mit eisiger Ruhe auf. Aber dann fing sie an, sich zu verteidigen. Sie geriet in die höchste Aufregung, warf mir vor, daß sie ein jammervolles, elendes Leben in diesem Neste führe, daß es schrecklich sei, einen Mann geheiratet zu haben, der sich mit seiner Person in den Sklavendienst des Königs begeben, und der noch nicht soviel Freiheit genieße, um mit 
seiner Frau zu einer anständigen Zeit zu Mittag zu essen. Und nun gönne er ihr nicht einmal die elenden Zerstreuungen, die sie sich hier schaffen könne. Gott weiß, was sie noch sagte, bis ich, um den leidenschaftlichen Affekt, in den sie gekommen, und der sich schließlich in konvulsivisches Weinen auflöste, zu beruhigen, mich vollständig in alles ergab.
    So ging das Leben weiter. Dann folgten ein paar kurze, stille Wochen, und ich schloß meinen kleinen Sohn in die Arme. Ich glaubte anfänglich, mit seinem Erscheinen müßte auch das Herz der Mutter sich in anderen Bahnen zu bewegen  lernen; ich hatte bis dahin die Mutterliebe als den höchsten Impuls des weiblichen Gemütes betrachtet und baute meine schönsten Hoffnungen darauf. Mit einer Wonne ohnegleichen saß ich in meiner nun so stillen Wohnung, und wenn das Schreien des Kindes zu mir drang, dünkte es mich köstlicher als alle Musik, die sonst durch diese Räume geschallt hatte. Aber ich hatte nicht richtig gerechnet. Die Geburt des Kindes schien auf Ruth nur insofern einen Eindruck gemacht zu haben, als sie die Veranlassung wurde, ein möglichst glänzendes Tauffest zu feiern. Während sie noch im Bett lag, schrieb sie eine Menge Bestellungen an Modehändler und Delikateßgeschäfte und plauderte mit nervöser Hast von den Paten, von der Anschaffung eines massiven silbernen Taufbeckens und anderer Dinge. Tante 
Bendeleben pflichtete ihrem reizenden Kinde eifrig bei, und so wurde denn die Feierlichkeit mit allem möglichen Pomp in Szene gesetzt. Als dies vorbei war, fing die alte Lebensweise wieder an. Sie tanzte, ritt und fuhr, und meine Bitten, meine Vorstellungen, doch nicht die Pflichten der Mutter zu vergessen, wurden übel aufgenommen, und es kam häufig zu kleinen Szenen. Endlich glaubte ich sie dadurch zu zwingen, daß ich meine Begleitung zu den Bällen und Gesellschaften ablehnte, besonders in der Zeit, als das Kind kränkelte. Das erstemal blieb sie schmollend zu Hause und schloß sich in ihr Boudoir ein, später ging sie allein, und ich hatte nichts gewonnen.
    Ich glaube, daß ich nicht immer das Rechte getroffen habe, um sie auf bessere Wege zu leiten; aber ich habe mich wenigstens redlich bemüht, dies zu tun, das weiß der Allmächtige.
    Mit den Damen der Kameraden hatte sie sich meistens sehr schlecht gestellt. Sie hatte ein mokantes Wesen, und das Kapitel der wirtschaftlichen Tätigkeiten, der Kinderstubenereignisse war ihr ein Greuel. Sie machte kein Hehl daraus, daß ihr die Kaffee- und Damengesellschaften im höchsten Grade langweilig seien, und zeigte dies selbst in Gegenwart der Frauen meiner Vorgesetzten so ungeniert, daß sie sich das allgemeine Mißfallen zuzog. Meine Bitten, doch meinetwegen sich gegen diese Damen liebenswürdiger zu zeigen, wurden geringschätzig abgelehnt mit der Bemerkung, sie hoffe  nicht, daß in Preußen auch die Frauen der Offiziere unter Subordination ständen. Ich litt sehr unter diesen Verhältnissen, aber sie schien es nicht zu bemerken. Ihre Schönheit, ihr Geist sicherten ihr um so größere Erfolge bei der Herrenwelt, und ich blieb völlig machtlos ihr gegenüber.
    So standen die Angelegenheiten, da trat Ruth eines Morgens zu ungewöhnlicher Stunde in mein Zimmer. Erregt und hastig teilte sie mir mit, daß sie gezwungen sei, augenblicklich nach Wien zu reisen, weil ihre cidevant Schwiegermutter, die alte Gräfin Satewski, gestorben sei. Sie wollte die Nachricht soeben brieflich erhalten haben. Ich verweigerte meine Einwilligung sofort, weil der Kleine mit fieberglühendem Köpfchen in den Armen der Wärterin lag und unruhig schrie. Ich wünschte, obgleich Ruth sich nicht besonders um das Kind bekümmerte, doch die Nähe der Mutter, in der Hoffnung, daß, wenn es gefährlicher krank werden sollte, die Mutterliebe das flatterhafte, oberflächliche Herz durchdringen, und sie sich der Pflege des Kindes widmen werde.
    Meine Frau zog sich schmollend zurück. Bald hörte ich, daß die Kammerjungfer das Anspannen bestellte. Ich ging in das Kinderzimmer, der Kleine war ruhiger, und die Wärterin, die ihn singend hin und her trug, meinte, es seien die Zähnchen, die ihn quälten. Da trat Ruth ein, zum Ausfahren gerüstet. »Wo fährst du hin?« fragte ich, als sie nach einem flüchtigen Blick auf das Kind wieder aus der Tür schreiten wollte. »Nach Bendeleben«, sagte sie nachlässig und mit den Schultern zuckend. »Ich will mir bei meinen Eltern den Rat in dieser Angelegenheit holen, den ich bei meinem Herrn Gemahl nicht finden konnte.« – »Halt!« rief ich, da ich annahm, daß sie dort von dem Unwohlsein des Kindes nichts erwähnen würde. »Ich begleite dich – einen Augenblick.« Sie schien unangenehm überrascht, konnte jedoch nichts einwenden, und so fuhren wir ab.
    Als ich in Bendeleben angekommen in den kleinen Salon trat, sah ich Dich, Gretchen, zum ersten Male wieder – so blaß das kleine Gesicht und in tiefer Trauer, schutzlos, ohne Vater und Mutter! Ich mußte mich unendlich zusammennehmen, um meine Bewegung zu verbergen. Da kam meine  Frau schonungslos hervor mit ihrer Anklage, und Dir mußte mit einem Schlage klarwerden, in welch unglücklicher Ehe wir lebten, und wie elend ich geworden war! – Auf welche Weise sie ihren Willen durchsetzte, hast Du mit angehört. Oh, Gretchen, ich bin schon manchmal recht unglücklich gewesen, aber an jenem Abend, als ich Dich, Deine traurigen Augen sah, und auf der andern Seite die Frau, an die mich törichte Leidenschaft gekettet hatte, da schlug es mit wilden Wellen über mir zusammen – ich war froh, daß sie nicht wieder zur Stadt fuhr, froh, daß sie nach Wien reiste. Wie lange sie blieb und wie wenig sie nach mir und dem Kinde fragte, hast Du wohl gehört. Dann kam sie mit dem festen Entschluß zurück, sich von mir zu trennen.
    Einmal schrieb sie mir von Wien aus, ich sollte ihr einen Schmuck schicken, den sie dort bei einem berühmten Juwelier modern fassen lassen wollte. Sie gab an, wie ihre Kassette zu öffnen sei, und bemerkte dabei, daß sie ihren Wunsch sehr bald erfüllt zu sehen hoffe. Ich ging in ihr Boudoir, öffnete die große, silberbeschlagene Kassette, die auf dem Tisch neben ihrem Diwan stand – denn Ruth liebte es, in müßigen Stunden mit ihren blitzenden Diamanten zu spielen, wie ein Kind mit seiner Puppe. Ich fand den Schmuck und nahm ihn von seiner dunklen Samtunterlage. Ein Glied des Kolliers war ausgebrochen, und Ruth hatte mir geschrieben, es liege eingewickelt oder in einer kleinen Schachtel in dem zweiten Einsatz des Kastens. Ich hob den ersten Einsatz heraus und suchte zwischen einem Gewirr von Ketten, Perlschnüren und Armbändern, erblickte auch richtig ein weißes Papier, wickelte es auf und fand – Gretchen, was meinst Du wohl? – fand das Stück aus dem Kollier, gewiß, aber noch etwas – fand ein Stück Papier mit 
meinen Schriftzügen. Einen Brief an Dich! – Meine Finger zitterten heftig, als ich das Papier glättete und las. Gretchen, es war der Brief an Dich, auf dessen Antwort ich so vergeblich gewartet hatte – damals kurz vor unserem Bruch. Das Ausbleiben der Antwort hatte mich in jenem Verdacht bestärkt, daß Dein Herz nicht mehr mir gehöre! – Wie soll ich Dir sagen, was ich empfand, als ich diese Entdeckung machte! Eine ohnmächtige Wut ergriff  mich. Ich habe an jenem Abend heiße Tränen in meinem einsamen Zimmer vergossen über meine Irrtümer, mein verfehltes Leben. Immer und immer wiederholte ich mir den letzten Satz aus Deinem früheren Briefe: »Wilhelm, wenn man Dir je etwas Böses sagen sollte über mich, so wirst Du es nicht glauben. Denn Du weißt ja, daß kein Mensch auf der Welt Dich so treu liebt wie Deine Grete. Ich wäre das elendeste Geschöpf, wenn Du mich einmal weniger lieben könntest als jetzt – aber das ist ja auch unmöglich!« – An diese einfachen Worte dachte ich immerfort. Dann schwebte mir Dein blasses 
Gesicht vor mit den traurigen Augen, die mich so fragend, so vorwurfsvoll anblickten. Ein Glück, ein großes Glück, daß sie nicht zu Hause war, die mich um das Teuerste auf Erden betrogen hatte.
    Gretchen, wie hat sie es nur angefangen, diesen Brief in ihre Hände zu bekommen? Oh, wieviel Elend hätte es Dir und mir erspart, wäre er richtig bestellt worden! Und doch, ich konnte ihr nicht allein die Schuld beimessen. Warum war ich so schwach, warum ließ ich mich durch ihre kokette Schönheit blenden? Ach, ich schäme mich noch, Gretchen, vergib mir ganz, ich habe wirklich schwer gebüßt.
    Doch weiter. Ruth kehrte zurück, unfügsamer als je, nachlässiger gegen das Kind und mich als früher. Die ganze Reife war überhaupt nur ein Vorwand gewesen. Ich sah aus ihrem Benehmen, wie sehr sie sich danach sehnte, die lästige Fessel abzustreifen. Ihre schönen Augen suchten unablässig nach irgendeinem Vorwande dazu. Wie ein Raubtier erschien sie mir, das jeden Moment zum Sprunge bereit ist.
    Eines Tages nun kam die erwünschte Gelegenheit. Ruth hatte die Einladung zu einem Diner auf dem Lande angenommen, ich aber abgelehnt. Mir ekelte vor diesem Komödienspiel, ich konnte mich nicht als den glücklichen Ehemann aufspielen, der ich ganz und gar nicht war. Ich saß an meinem Arbeitstisch und schrieb irgend etwas Dienstliches oder an Bergen, ich weiß es nicht mehr. Dann flogen meine Gedanken wieder dahin, wo sie jetzt so oft weilten – zu Dir. Ich nahm Dein Bild aus meiner Brieftasche, zog Deine Briefe aus dem Geheimfache des Schreibtisches und versenkte mich mit ganzer  Seele in jene wundervolle Zeit, da sie geschrieben worden waren. Ich hatte alles um mich vergessen, als mich die Stimme des Kleinen, der laut und ängstlich schrie, aufschreckte. Ich eilte durch die Zimmer nach der Kinderstube. Es war nur ein blinder Lärm gewesen, der kleine Bursche saß schon wieder lachend auf dem Schoß der Wärterin. An Deine Briefe denkend, schritt ich rasch zurück und gewahrte, als ich in mein Zimmer trat, die 
Schleppe von Ruths blaßgelbem seidenen Kleide, die eben hinter der dunklen Portiere verschwand. Sofort eilte ich ihr nach und fragte, ob sie mich zu sprechen wünschte. Sie stand im anstoßenden Zimmer in grande toilette. Sie hatte die kleinen Fäustchen geballt und die dunklen Augen waren mit unbeschreiblicher Wut und Verachtung auf mich gerichtet. Sie fing an, ihre Rolle zu spielen, und fürwahr, sie war eine so routinierte Schauspielerin, daß ich mich im ersten Moment täuschen ließ. »Rühr mich nicht an!« rief sie mir entgegen, »was willst du von mir? Ich verlange nicht nach dir.« Und mit rauschender Schleppe verließ sie den Salon, wo ich, nicht wissend, was dies bedeuten sollte, zurückblieb. Bald hörte ich sie fortfahren, und erst am anderen Tage sah ich sie in der Kinderstube wieder. Ich hatte den ganzen Morgen Dienst gehabt und sehnte mich nun, in das Gesicht des kleinen, ahnungslosen Buben zu blicken. Mein Gruß blieb unerwidert. Nach einer Weile sagte sie mir, sie habe mit mir zu sprechen, ob ich zu ihr 
kommen wolle. Ich ging nach einer Stunde in ihr Boudoir. Sie stand am Fenster und zerriß die Spitzen ihres feinen Taschentuches. »Ich habe es nun satt, dieses Leben an deiner Seite«, leitete sie brüsk unser Gespräch ein. »Ich kann es nicht mehr ertragen, mich getäuscht und betrogen zu sehen. Bisher habe ich immer noch geglaubt, daß ich mich vielleicht irrte. Aber seit kurzer Zeit weiß ich bestimmt, daß man mich hintergeht. Ich will zu meinen Eltern fahren und bitte dich, mich zu begleiten. Ich muß Entscheidung haben, noch heute – auf der Stelle, oder ich werde verrückt.«
    »Sehr gern«, sagte ich, »obgleich ich vorläufig noch keine Ahnung davon habe, was du mit dieser Rede meinst. Ich glaube aber selbst, daß es gut ist, wenn wir die Entscheidung  herbeiführen – ich werde das Anspannen bestellen.« Ich ging, mir den Kopf zerbrechend, was sie mit diesem »getäuscht und betrogen werden« gemeint habe. Dann saßen wir stumm nebeneinander im Wagen, wie hätte ich ahnen können, welche Pläne und Intrigen in diesem schönen Kopfe geschmiedet wurden, der mit der Miene gekränkter Unschuld in den weichen Kissen des Wagens lag? – Auf welche Weise sie den Bruch herbeizuführen suchte, hast Du selbst miterlebt, Gretchen. Dieser geniale Gedanke war ihr gekommen, als sie tags vorher Deine Briefe auf meinem Schreibtisch liegen sah, während ich einen Augenblick zu dem Kinde gegangen war. Sie benutzte sie vor den erschrockenen Eltern als Beweismittel meiner Untreue, und das Mittel verfing, wie Du ja leider selbst mit ansehen mußtest.
    Wie namenlos gern hätte ich Dich damals, als Du so leichenblaß in dem Zimmer standest und mit verstörter Miene und entsetzten Augen die Leute ansahest, die sich von Dir wandten wie von einer Verbrecherin – wie namenlos gern hätte ich Dich schützend in meinen Arm genommen und gesagt: »Fürchte dich nicht, ich bin bei dir!« Aber ich durfte es ja nicht, noch war ich der Gatte einer anderen. – Als Du das Zimmer verlassen hattest, nahm ich aus meiner Brieftasche jenen Brief von mir, den ich in Ruths Schmuckkästchen gefunden hatte, und sagte mit ruhiger, kalter Stimme: »Hier ist noch ein Brief, der dazu gehört und den du gewiß schmerzlich vermißt hast, um die Sammlung vollständig zu machen!« Sie wurde einen Augenblick sehr blaß und wußte nicht, was sie erwidern sollte. Ich benutzte den Moment der Ruhe und wandte mich zu Frau v. Bendeleben, die noch immer ganz fassungslos schien. Mit dürren Worten sagte ich ihr, daß Ruth schon vor meiner Verlobung mit ihr gewußt habe, daß ich Dich liebe, daß sie Dich aber bei 
mir verdächtigt habe, daß sie diesen meinen Brief an sich gebracht und unterschlagen habe, damit ich, vergeblich auf Antwort harrend, zuletzt an Deine Untreue glauben sollte. Daß ich diesen gravierenden Zeugen ihrer Handlungsweise neulich in ihrer Kassette gefunden habe, als ich den Schmuck nach Wien schicken mußte! »Du siehst, liebe Tante«, fügte ich hinzu, »daß das Hervorziehen  dieser Briefe und die Miene der beleidigten, überraschten Gattin eine ganz ausgezeichnete Komödie ist, die sie meisterhaft spielt. Es ist aber eine ganz unnütze Anstrengung gewesen. Hätte Ruth nur noch wenige Tage sich geduldet, so würde ich ihr in aller Ruhe den Vorschlag einer Scheidung gemacht haben. Sie hätte sich viel Aufregung dadurch erspart und nicht nötig gehabt, das Schloß meines Schreibtisches zu ruinieren, indem sie mit einem falschen Schlüssel das Schubfach öffnete, in welchem diese mir so werten Briefe lagen.« Damit näherte ich mich dem Tische, nahm die Briefblätter zusammen und barg sie in der Tasche meines 
Waffenrockes. »Es sind die Briefe einer Braut an den Verlobten«, sagte ich, »begreiflicherweise keine Lektüre für einen Dritten.«
    Das leidenschaftliche Temperament Ruths brach aber jetzt in vollstem Maße hervor. Scham über die Entdeckung ihrer Lügen, Wut über meine Ruhe und gedemütigter Stolz ließen sie jede Rücksicht vergessen. Die Worte sprudelten ihr unaufhörlich von den roten Lippen, während in den Augen Tränen des Zornes standen, und die kleinen Hände sich ballten. »Ich hasse dich! Ich verachte dich!« das waren Ausdrücke, die in tausendfachen Variationen auf mich geschleudert wurden. Ruhig ließ ich sie austoben und wandte mich wieder zu Frau v. Bendeleben. Ich erwartete von ihr ein Wort der Autorität. Ich habe immer viel von ihrem Verstande gehalten. Aber sie saß immer noch da, die Hände gefaltet auf dem Tische, und schien für die Exaltationen ihrer Tochter kein Ohr und für mich kein Auge zu haben. Endlich warf sich Ruth ihrer Mutter zu Füßen und mit einem Schrei barg sie den Kopf in den Falten ihres Kleides. Da stand sie auf, warf mir einen kalten Blick zu und sagte mit lauter Stimme, so daß Ruths Schluchzen sofort verstummte:
 »Es ist genug! Es ist ein Glück, daß es so kommt. Ich sage dir nur eines: wenn Ruth, wie du behauptest, gewußt hat, daß du bereits ein Verhältnis mit der Tochter des Pastors Siegismund unterhieltest, so muß sie dich, bei Gott, sehr geliebt haben, daß sie trotz alledem deine Gattin wurde, du Undankbarer! Und nun verlaß uns, mein armes Kind bedarf  der Ruhe. Bendeleben wird mit dem Justizrat R. sprechen und die Scheidung einleiten.«
    Ich konnte nicht anders, ich mußte laut auflachen, als ich den Korridor entlang schritt, über diese Auffassung der Angelegenheit. Fürwahr, meine Tante ist eine kluge Frau, das ersah ich aus der geistreichen Wendung, die sie der Sache gab! Aber der Mann kämpft vergebens mit allen Waffen der Logik gegen die selbstgeschaffenen Ideen einer Frau. Ich versuchte auch nicht, meine Tante eines Besseren zu überzeugen, sondern ging zu dem Baron. Diesen traf ich in feindlichster Stimmung an. Er machte mir die heftigsten Vorwürfe, daß ich so wenig Standesbewußtsein gehabt habe, um ein bürgerliches Mädchen heiraten zu wollen. Er sagte, daß ich durch diese Liebschaft ihn blamiert, seine Tochter unglücklich gemacht habe, und noch verschiedenes, was ich Dir nicht wiederholen will. Auf Dich war man ebenfalls sehr böse, mein Gretchen. Du armes Mädel hättest eben in Deiner Stellung auf dem Schloß kein Herz haben dürfen. Und doch pochten unsere jungen Herzen rascher, als wir einander sahen, und die Liebe, der es ja ganz 
gleichgültig ist, ob eine Krone über dem Namenszug beider prangt, oder ob diese auf einer Seite fehlt, zog uns zueinander hin. Und das soll ein Verbrechen sein!
    Ich schied von meinem Onkel, ohne mich zu einer Verteidigung meiner Handlungsweise herbeizulassen, wie er wohl gehofft hatte. Nur sagte ich ihm, daß ich die Scheidung beantragen und demzufolge mit meinem Anwalt schon morgen sprechen würde. Er stutzte einen Augenblick, und den Eklat fürchtend, schlug er mir eine längere Trennung von meiner Frau vor: sie könne unter dem Vorwande ihrer wankenden Gesundheit längere Zeit auf Reisen gehen, und die Gemüter würden sich dann vielleicht beruhigen. Später sei eine Versetzung in eine andere Garnison möglich, und Ruth werde mir die Täuschung vergeben und ruhiger werden.
    »Ich habe Ruth nicht getäuscht«, sagte ich, »sie hat mir gar nichts zu vergeben. Ich habe nichts dagegen, wenn sie verreist, kann aber leider den einmal gefaßten Entschluß der Scheidung nicht zurücknehmen, da ich in meiner Ehe zu der  festen Überzeugung gelangt bin, daß unser Verhältnis nicht besser, wohl aber immer unglücklicher werden wird. Es ist also das beste für Ruth, das beste für mich, und ich tue, wie gesagt, morgen den ersten Schritt in dieser Angelegenheit.«
    »Gut«, sagte mein Onkel und verbeugte sich, aber er war leichenblaß dabei. »Ich will nicht hindernd in den Gang dieser traurigen Geschichte eingreifen. Ich werde veranlassen, daß meine Tochter abreist, und werde meinerseits ebenfalls meinen Rechtsanwalt beauftragen – und somit hätten wir uns für jetzt nichts mehr zu sagen, sollt' ich meinen?« – »Nichts, Onkel«, sagte ich, nahm meine Mütze und ging. Was nun folgt, kennst Du. Ich brachte Dir mein Kind, die Scheidung wurde eingeleitet, und an jenem Tage, vorgestern, als meine Tante Dir das Kind abnehmen wollte, hatten Ruth und ich morgens die letzten Termine, zuerst bei dem Prediger, der auch unser Kind getauft hatte, dann vor Gericht.
    Ich trat schweren Herzens in das Zimmer des alten Geistlichen. Es war zwar nur eine leere Formalität zu erfüllen, aber gerade diese formelle Notwendigkeit ist unter Umständen äußerst peinlich. – Kaum hatte ich Zeit gehabt, den würdigen Herrn zu begrüßen, als ein Wagen vorfuhr und gleich darauf die Frau v. Eberhardt hereinrauschte, so schön, so frisch und mit so strahlendem Lächeln, als ob sie einen freundschaftlichen Besuch machen wollte. »Ah, guten Tag, mein Freund!« rief sie mir in vollkommen unbefangenem Tone zu, begrüßte den Geistlichen, sprach in seine wirklich ergreifende Rede hinein und klappte ihr Sonnenschirmchen auf und zu. Zuletzt gähnte sie ganz herzhaft, indem sie in echt wienerischem Dialekt, den sie manchmal bei besonders guter Laune annahm, bemerkte: »Ja, schaun's, Hochwürden, das ist alles recht schön, 's hilft aber doch nicht, 's bleibt alles beim alten. Wir haben halt beide keine Lust mehr zueinander – gelt, Eberhardt?«
    »Und Ihr Sohn?« fragte ganz entrüstet über diese leichtfertige Äußerung der Geistliche. »Wollen Sie das Kind, das Gott Ihnen anvertraut hat, nicht lieber unter dem Schutz beider Eltern aufwachsen sehen? Soll das Kind den  Segen eines geordneten Familienlebens entbehren? Oh, überlegen Sie!«
    »Ei, mein Sohn wird von seinem Vater mehr geliebt, als es zehn Mütter imstande wären. Höchstens kann's ihm schaden, wenn er sieht, daß von den Eltern eins nach hier strebt, das andere nach dort – es ist besser so.« Sie stand auf und legte ihre Hand auf den Arm des Geistlichen, der sie ganz entrüstet betrachtete. »Leben Sie wohl, Hochwürden! Haben Sie Dank für Ihre Mühe! Ich muß jetzt noch einige Besorgungen machen und nachher ist noch Termin – auf Wiedersehen, mein Freund!« nickte sie mir zu, machte ihre graziöse Verbeugung und war aus der Tür. Der alte Mann stand da mit einem Gesicht, aus dem Ärger und Besorgnis zugleich sprachen. Er hatte gewiß schon manches Ehepaar in dieser Situation vor sich gehabt, hatte schon schmerzliche Reue und häßliche Verstocktheit dabei kennengelernt, aber diese Auffassung war ihm gewiß noch nicht vorgekommen. Er drückte mir nach ein paar Augenblicken des Schweigens die Hand und sagte leise: »Es ist besser so, mein Herr, sie hat recht.« – Vor Gericht ging es ungefähr ebenso. 
Mein Anwalt beanspruchte das Kind für mich, und sie war sofort bereit – doch das weißt Du ja.
    Als ich vorgestern nach minutenlanger, schweigender Fahrt neben meiner Tante durch den Korridor des Schlosses schritt, um in das Zimmer meines Onkels zu gelangen, hörten wir Klavierspiel – eine Masurka, so exakt, so schwungvoll, wie eben nur Ruth diesen reizenden polnischen Tanz zu spielen versteht. Ich sah sie im Geiste dasitzen mit blitzenden Augen und dem bezaubernden Lächeln um den kleinen Mund. Frau v. Bendeleben blieb unwillkürlich stehen und preßte die Hand gegen die Brust. Sie war leichenblaß, dann fragte sie den alten Johann, der uns entgegenkam, seit wann die junge Frau zurückgekehrt sei und ob Besuch im Saale wäre. Aber noch ehe der Diener antworten konnte, verstummte das Klavierspiel, und Ruths glockenhelle Stimme trällerte eines jener kleinen französischen leichtsinnigen Chansons, die in heiterer Gesellschaft aus dem Munde einer schönen Frau geradezu berauschend wirken, mit diesen Verhältnissen aber häßlich kontrastierten.  Ein langer Triller, der wie schalkhaftes Lachen klang, beschloß den 
Gesang. Ich kannte dieses Lied zur Genüge, Ruth hatte es oft in ihrem Salon gesungen, und gerade dieser lachende kokette Schluß hatte ihre Gäste stets in höchstes Entzücken versetzt. Diesmal brachte es eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Frau v. Bendeleben riß die Tür auf und stand ihrer Tochter plötzlich gegenüber, mit einer so drohenden Miene, daß der heitere, sonnige Ausdruck von dem schönen Gesicht beinahe verschwand. Ich sah nur noch, wie sie das Notenbuch, in dem sie geblättert, auf den Flügel warf, und hörte Frau v. Bendelebens atemlose, bebende Stimme, mit der sie fragte: »Du kannst heute singen?« Dann wurde die Tür geschlossen, ich entfernte mich rasch und ging in meines Onkels Zimmer.
    Ich reichte ihm die Hand, sagte ihm, daß ich von heute an nicht mehr sein Sohn, daß ich gerichtlich von Ruth getrennt sei, und bat ihn, mir als Onkel nicht die ganze Zuneigung zu entziehen, die ich ehedem in so reichem Maße besessen hatte. Er sah ergriffen aus und erwiderte leise, er habe gehofft, es würde nicht zum Äußersten kommen. Er habe noch darauf gerechnet, daß das Kind uns diesen Schritt als zu schwer erscheinen lassen würde, da es doch gewiß niemand von uns beiden missen wollte. Ich sah, er wußte noch nicht, wie die Entscheidung ausgefallen war. »Hast du Ruth denn noch nicht gesprochen seit ihrer Rückkehr aus der Stadt?« fragte ich. – »Nein, mein Gott, ich bin erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen«, erwiderte er. »Ich weiß gar nicht, daß sie schon wieder zurück ist. Ich glaubte, sie kehre erst gegen Abend heim – schon deshalb, weil sie weiß, daß du heute nachmittag hier sein würdest.«
    »Oh«, erklärte ich, »wir sind in aller Freundschaft voneinander geschieden – Ruth war nie liebenswürdiger als heute, in Gegenwart der Richter, sie –«
    »Und das Kind?« fragte der Baron plötzlich.
    »Gehört mir, Onkel!«
    »Das ist nicht möglich!«
    »Ja, es ist so«, bestätigte Frau v. Bendeleben, die eben eintrat, »und zwar hat Ruth, wie sie mir eben selbst sehr  ruhig sagte, das Kind freiwillig abgetreten.« Armer Onkel, dies traf ihn ebenso unvorbereitet und niederschmetternd, wie es seine Gattin getroffen hatte. Er starrte erst mich an und dann seine Frau, als könne er es nicht fassen. Frau v. Bendeleben hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt und blickte mit resignierter Miene durch das Fenster auf das saftige Grün der Linden und Kastanien im Park. Eine Weile war alles still, dann fragte der Baron leise: »Wo ist Ruth, ich möchte sie sprechen?«
    »Vergebene Mühe, Bernhard, laß sie«, sagte Frau v. Bendeleben und legte die Hand auf ihres Mannes Arm. »Es ist besser so, das Kind bleibt Wilhelm – wir werden bald wieder ganz allein sein, Bernhard, denn sie – sie will morgen schon fort nach Wien!« Die Stimme bebte bei den letzten Worten, und dann rollten ein paar große Tränen aus den noch immer schönen Augen. Sie wendete sich rasch und schritt zur Tür hinaus. Der Baron saß auf einem Lehnstuhl und starrte vor sich hin, ein schmerzlicher Zug lag um seinen Mund. Dann stand er auf und reichte mir die Hand: »Behüt dich Gott, mein Junge. Geh jetzt, ich möchte – ich will –« er vollendete nicht, es schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen, und mich ansehend, sagte er: »Junge, du wirst mir hoffentlich nicht den Kummer machen und deine alte Liebe heiraten? Versprich mir das, und du sollst mein ganzes Herz behalten. Sieh, die Grete ist ein Prachtmädel, aber zieh sie nicht aus ihrem Stande.«
    Und nun, Gretchen, laß es Dich nicht verdrießen, daß ich Dir diesen Wunsch meines Onkels so unverhohlen schreibe. Denn meine Antwort darauf soll zugleich eine Frage an Dich sein, Gretchen. – Ich sagte ihm: »Das kann ich nicht versprechen, Onkel, denn mein nächster Schritt wird sein, die um Verzeihung zu bitten, die ich so arg beleidigt und gekränkt habe, und sie zu fragen, ob sie mir vergeben – ob sie noch jetzt mein Weib werden will?«
    Gretchen, laß Dich nicht kümmern, was mein Onkel geantwortet hat, und sage Du ein Ja auf meine demütige Bitte. Verzeih mir und werde mein! Ich bereite Dir eine Heimat da, wo ich meine Jugend verlebte. Am Rhein, am schönen Rhein  wollen wir wohnen, und alles, was Dich beglücken, was Deinen Mund lächeln, Deine schönen Augen strahlen machen kann, das will ich tun, damit Du die bange Zeit vergißt, die Du durch mich erlebt hast. Frage Dein Herz, Margarete. Nicht wahr, Du liebst mich noch? Man kann ja so schwer die erste Liebe vergessen – sollte es bei Dir anders sein? Schreibe nur ein Ja oder ein Nein auf einen Zettel, den mir Friedel überbringen soll. Ach, Gretchen, und nicht wahr, es ist ein Ja?
    Ich habe Dir alles gesagt, ich habe mein Betragen keineswegs beschönigt; sei gut, sei mild, Margarete, und werde mein! Ich zähle die Stunden, bis Deine Antwort kommt. Sieh das Kind an, wenn Dir die Entscheidung schwerfällt; was soll aus ihm, was aus mir werden ohne Dich, Margarete!
    Wilhelm v. Eberhardt.
    Ja, ich war sehr glücklich geworden. Ich hatte mich nicht einen Augenblick besonnen auf die Antwort, die ich ihm schicken wollte, und Friedel trabte sehr bald nach Beendigung der langen, ausführlichen Lektüre mit einem Briefchen von mir, welches das lakonische Ja enthielt, der Stadt zu. Der brave Mensch blickte mir forschend ins Gesicht, als ich ihm die Botschaft in die derben Hände legte. Ich muß wohl sehr glücklich ausgesehen haben, denn er war mit einem raschen Sprunge im Sattel, schnalzte mit der Zunge und rief noch halb zu mir gewendet: »Nu aber tritt ein bißchen zu, alter Junge! Der Herr Leutnant wartet wie ein Kind auf den Heiligen Christ!« Dann war er auch schon um die Ecke verschwunden.
    Ich ging ins Haus, nahm das Kind in die Arme und küßte es. Ich erzählte ihm eine lange Geschichte von einer Mama, die es sehr liebhaben würde. Kathrin sagte nichts, aber sie streckte mir ihre alten Hände entgegen, und in den greisen Augenwimpern hingen ein paar Tränen, die ersten, die ich je aus diesen Augen fließen sah. Was kümmerte  mich der Baron, was die Meinung der Welt, er bedurfte meiner, das war genug. Alle anderen Bedenken schwanden vor diesem beglückenden Bewußtsein.
    Und dann der Tag, an dem er kam, und ich zum zweiten Male als Braut in seinen Armen lag. Und unsere Liebe war eine gestärkte, gekräftigte, durch nichts mehr zu trennende.
    Die Stunden waren so schön, zu schön, als daß ich sie beschreiben könnte. Wäre es möglich gewesen, mein Glück noch zu steigern, so hätte es ein Brief von Hanna getan, den Wilhelm mir mitbrachte. Mit Herzklopfen öffnete ich ihn: es war die Antwort auf jenes Schreiben, worin ich ihr mitteilte, daß ich nun doch Eberhardts Weib werden würde, zwar gegen den Willen ihrer Eltern – und dies sei betrübend für mich –, aber ich könnte nicht anders, weil ich ihn so von ganzer Seele liebhätte. Die gute, liebe Hanna, sie schrieb so zart, so innig und sandte mir, vereint mit ihrem Manne, die aufrichtigsten Segenswünsche. Sie tröstete mich über das Zürnen ihrer Eltern und hoffte, daß sich einst noch alles zur Zufriedenheit gestalten würde. »Tue Deine Pflicht«, schrieb sie noch zuletzt, »mache den armen Eberhardt und sein Kind glücklich, für anderes hast Du jetzt nicht zu sorgen, das liegt in Gottes Hand!« Das war das richtige Wort gewesen, und ich stellte all mein Tun unter den Schutz unseres himmlischen Vaters und 
beugte mich demütig unter der Last des Glückes, das mich beinahe schwindlig machte.
    Ach, dieser Tag, er blieb der Glanzpunkt meines Lebens! Ich sehe mich noch in der kleinen Stube neben Eberhardt auf dem Sofa, zwischen uns das reizende Kind mit dem dunklen Lockenköpfchen. Er hatte einen Arm um die kleine Gestalt geschlungen, die andere Hand ruhte in der meinen, und dabei erzählte er mir Pläne für die Zukunft. Kathrin, die bei mir die Stelle der Mutter oder Ehrendame vertrat, saß wie immer auf ihrem Platz am Ofen und nickte mit dem Kopfe zu allem, was er sagte. Zum neuen Jahre hoffte er seine Versetzung zu erhalten. Dann wollte er von Weihnacht an Urlaub nehmen und am dritten Feiertage sollte uns Pastor Renner auf immer verbinden. Kathrin sollte unter der Pflege des verständigen Mädchens und der Oberaufsicht der Frau Renner  in dem Vaterhause verbleiben, und ich wollte meinem Gatten in unsere neue Heimat folgen.
    Mir wurden die Augen feucht, als ich daran dachte, die alte, treue Seele zu verlassen. Aber ich hatte keine Wahl mehr, ich gehörte ja ihm für immer. Wir wollten sie alljährlich besuchen, mußten wir ihr versprechen. Mein Gott, wenn man die alte, gebrechliche Gestalt ansah, dann konnte man an einen Abschied auf Nimmerwiedersehen denken.
    Ein schriftlicher Verkehr zwischen Eberhardt und mir wurde verabredet. Friedel sollte jede Woche einmal herüberreiten und einen Brief bringen und holen. Sehen wollten wir uns nicht so oft, um nicht den Leuten Anlaß zu müßigem Geschwätz zu geben. Weihnacht war ja so nahe, noch zwölf Wochen, und dann sollten wir uns für immer haben. Da mußte es schon ertragen werden, daß wir uns nicht so oft sehen und sprechen konnten. Es gab ja auch soviel für mich zu tun, und eine Ausstattung, zierlich und hübsch, mußte ich auch noch besorgen – hatte mir doch mein Vater schon bei Lebzeiten eine Summe dafür bestimmt.
    Ach, das Glück! Wie sieht die Welt so wunderbar eigen aus, wenn das Herz so voll ist von heiliger, süßer Freude. Ein rosiger Schein umleuchtet Gegenwart und Zukunft, was kann nun noch Trübes kommen? Vergangenes Leid ist ja kaum noch Leid, es dient nur dazu, das Jetzt strahlender und reizender zu machen. Wie ich so dasaß, das schlafende Kind auf meinem Schoß, den Kopf an die Brust des geliebten Mannes gelehnt und von seinem Arm umschlungen, da war meine schönste Stunde gekommen, und Gott sei noch heute der heißeste Dank dargebracht, daß ich sie so voll, so ungetrübt erleben durfte.
    Ach, wie bald, wie bald kam das Entsetzliche!
    Es war der November gekommen. An einem stürmischen Tage – es war am zwanzigsten, der, sooft er auch bis jetzt wiederkehrte, nichts von seiner Bitterkeit in meiner Erinnerung verloren hat – war ich drüben gewesen bei Frau Renner, bei meiner zweiten Mutter, wie ich sie zuweilen liebkosend nannte. Auf dem blassen, stillen Gesicht des jungen Pfarrers rief dieser Name immer ein leises, trauriges Lächeln  hervor. Die Gute, sie verdiente ihn auch. Mit Rat und Tat stand sie der verwaisten Braut bei, und eine wirkliche Mutter hätte kaum umsichtiger und besorgter für ihre Tochter sein können als sie. Als ich ihr zögernd und doch so freudig gestand, daß ich nun doch noch Wilhelms Braut geworden sei, da flog wohl für einen Augenblick ein Schatten über ihr altes Gesicht, und ein besorgter, kummervoller Blick richtete sich nach der Tür zum Studierzimmer ihres Sohnes, wo er seine Predigt verfaßte. Aber dann ergriff sie warm meine Hand und wünschte mit herzlichen Worten Glück. Auch der junge Pastor sagte mir am anderen 
Tage einige freundliche Worte. Nur kam es mir vor, als ob seine Hand zitterte, wie sie die meine erfaßte, und als ob die tiefe Stimme leise erbebte. Als ich ihm voll ins Gesicht sehen wollte, da wendete er sich ab und schritt weiter.
    Heute nun war ich, wie schon gesagt, ein Stündchen drüben gewesen. Der Sturm hatte mich, als ich über die Straße schritt, tüchtig gefaßt und ich konnte mich eines frostigen Schauers nicht erwehren. Willy jauchzte mir freudig entgegen. Ich nahm das Kind auf den Arm und stand mitten in der Stube. Kathrin nickte mir schläfrig zu. Da war es mir auf einmal, als zöge sich ein Nebel um meine Augen, als strahle die Lampe nur ein blasses, falbes Licht aus. – Ich setzte das Kind rasch auf den Boden und faßte mit der Hand an meine Stirn. In diesem Augenblick schlug es auf dem kleinen Kirchturm sechs Uhr. Hatte ich den Kleinen erschreckt durch das rasche Heruntergleiten, oder hatte er sich weh dabei getan, ich weiß es nicht. Er blieb einen Moment starr an der Erde sitzen und schrie dann plötzlich laut und ängstlich auf. Ich nahm ihn rasch wieder empor, er war wieder ruhig. Aber mich erfaßte ein banges Gefühl, mein Herz klopfte heftig. Ich schritt rasch ein paarmal in der Stube auf und ab und horchte auf den Sturm, 
der das Haus umtobte, dann sah ich wieder auf Kathrin, die eingenickt war. Auch das Köpfchen des Kindes hatte sich auf meine Schulter gesenkt. Leise legte ich den kleinen Schläfer auf das Sofa und drehte die Lampe so, daß der Schatten auf sein Gesicht fiel, dann preßte ich die Hände auf mein Herz und suchte mich  des unheimlichen Bangens zu erwehren, das so plötzlich über mich gekommen war. Ich zog Eberhardts Brief aus meinem Kleide, den mir Friedel morgens gebracht hatte, und las ihn Wort für Wort noch einmal durch. Draußen heulte der Wind in allen Tonarten und meine Unruhe steigerte sich immer mehr.
    Ich bin nicht abergläubisch, aber in dieser Stunde habe ich geahnt, daß ein furchtbares Geschick über mich hereingebrochen war. – Was ich alles tat an jenem Abend, um meine Unruhe zu bemeistern, ich weiß es nicht mehr. Später, nach dem Abendessen, als Kathrin und der kleine Bursche schliefen, versuchte ich zu lesen, um meine Gedanken zu fesseln. Umsonst, sie schweiften immer wieder fort. Es war totenstill in dem kleinen Gemach, und doch lauschte ich mit allen Sinnen: es war ein Hinaushorchen in die Ferne. Ich dachte an ihn, und ob seine Gedanken wohl auch so ängstlich bei mir weilten. – Draußen hatte sich das Unwetter verdoppelt. Ich lag dann in meinem Bett und lauschte dem Heulen und Toben des Windes und den gleichmäßigen Atemzügen des Kleinen neben mir, schlaflos und bange.
    Endlich, gegen Morgen, kam ein wenig Schlummer. Ach, später habe ich mir oft gewünscht, daß ich nie wieder erwacht sein möchte. – Mich schreckte ein heftiges, lautes Pochen auf. Ich fuhr empor in meinem Bett und lauschte mit Herzklopfen, ob es nicht ein Traum gewesen sei – aber nein, da tönte es schon wieder, lauter und deutlicher fiel der Klopfer der Haustür auf seine Metallplatte; gleichzeitig drang der Ruf: »Marie! Marie!« an mein Ohr. In einem Nu war ich in meinen Morgenkleidern, eilte mit einem Licht hinaus und öffnete die Tür. Ein kalter Luftzug drang herein und verlöschte das Licht; ich sah nur noch eine Gestalt eintreten. Wer es war, konnte ich in der Finsternis nicht erkennen. Die Frage erstarb mir auf den Lippen, denn eben kam auch Marie mit ihrer Lampe die Treppe herunter, und der Schein fiel flackernd und unsicher auf Friedels verstörtes Gesicht. Ein Blick auf ihn sagte mir, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Er war ohne Mütze, die Haare hingen Wirr um das Gesicht, die Augen irrten 
angstvoll von mir zu  Marie und wieder von Marie zu mir. – Er wollte sprechen und konnte nicht, und ich starrte ihn an, ohne vor Todesangst ein Wort sagen zu können. »Jesses Maria!« schrie das Mädchen auf. »Der Friedel! Was ist da passiert?«
    »Der Herr Leutnant!« stammelte er endlich nach einer Pause, die mich das Klopfen meines Herzens deutlich hören ließ. »Der Herr Leutnant –« schrie er dann auf und warf sich zu meinen Fußen – »ist tot! Gestern abend! Oh, der barmherzige Gott soll mir meine Sünden vergeben, aber ich wollt', ich wäre tot! Ach, Fräulein, der Jammer, der Jammer!« Und der Mensch brach in lautes Weinen aus, während ich mir die Hand vor die Stirn legte und einen entsetzlichen Traum zu träumen glaubte. Wie im Traume hörte ich den Schrei des Mädchens, das Schluchzen des Menschen zu meinen Füßen; in meinen Ohren tönte es immer: »Tot! Gestern abend!« Mein Herz war mit einem Male so still geworden, als hätte es aufgehört zu schlagen. –
    Dann lachte ich laut auf, es war ja lächerlich, was sie da sagten. Wilhelm sollte tot sein? Mein Wilhelm? Das war ja einfach unmöglich. Wie konnte er sterben, er, so voll Leben und Gesundheit, wie konnte er kalt und starr daliegen, an den ich Tag und Nacht mit aller Glut der Sehnsucht und Liebe dachte? – »Seid ihr verrückt?« rief ich zornig und stieß Friedel weg, der noch immer mein Kleid erfaßt hielt. Dann ging ich in die Stube, tastete mich nach Kathrins Bett und rief: »Kathrin! Wach auf und sage du den Menschen, daß es nicht wahr ist, sage ihnen, daß Wilhelm nicht tot sein kann. Nein, es kann ja nicht sein, es ist ja nicht möglich!«
    Ich erinnere mich noch ganz deutlich dieser Worte und der Ruhe, der Gewißheit, womit ich sie aussprach. Ich war völlig im Besitz meiner Sinne, obgleich man mir später oft erzählte, daß man für meinen Verstand in dieser Stunde gefürchtet habe. Nein, ich war vollständig bei mir. Ich hielt eben das Gräßliche nicht für möglich. Ich konnte es nicht fassen, daß ich das Teuerste auf Erden verloren, daß ich von dem Gipfel des Glückes bis in das tiefste Elend geschleudert sei. –
    Das Mädchen hatte, wie ich später erfuhr, die Frau Renner  geweckt mit dem Rufe: »Ach, kommen Sie doch nur, der Herr Leutnant ist tot, und das Fräulein ist wahnsinnig geworden!« Ich saß noch auf dem Bett der zum Tod erschreckten Kathrin, deren zitternde kalte Hände die meinen hielten – um mich her die Dunkelheit des frostigen Novembermorgens, – da bemerkte ich Licht im Wohnzimmer und hörte Stimmen. Dann kam das Licht auch in die Schlafstube, und das leichenblasse Gesicht der guten alten Renner schaute mich mit unverhohlenem Entsetzen an. Ich ging ihr entgegen und ließ mich in das Wohnzimmer führen. Dort stand Friedel an die Tür gelehnt, den Kopf in seinen Armen verborgen. Das Mädchen war bemüht, Feuer anzumachen im Ofen.
    »Gretchen, mein armes Kind«, sagte die kleine Frau, und große Tränen rannen über die blassen Wangen, »Trost kann ich Ihnen nicht geben, das vermag nur Gott.« – Friedels dumpfes Schluchzen, die bebenden Worte der alten Frau fuhren mir wie ein Dolchstoß ins Herz: die Überzeugung, daß das Schreckliche doch wahr sei, trat mit furchtbarer Deutlichkeit vor meine Seele. »Wilhelm! Wilhelm!« schrie ich in rasendem Schmerz auf – dann weiß ich nichts mehr von dieser bitteren Stunde.
    Als ich wieder zu mir kam, war es heller Tag geworden, ein klarer, reiner Wintertag. Ich erwachte mit dem vollständigen Bewußtsein des grenzenlosen Leids, das mich betroffen. Mit einer Ruhe, die ich noch jetzt bewundere, und mit einer Kraft, wie sie eben nur in solchen Leidenstagen der liebe Gott uns verleiht, stand ich auf und kleidete mich an, obgleich Frau Renner lebhaft dagegen war. Dann wollte ich Friedel sprechen, um aus seinem Munde zu hören, wie und auf welche Weise die schreckliche Katastrophe herbeigeführt worden sei. Er war aber schon fort, und Frau Renner sagte mir mit vor Weinen erstickter Stimme, Eberhardt habe ein junges Pferd geritten, dieses sei durchgegangen und habe sich mit ihm überschlagen. Da sei er mit dem Kopf an einen Prellstein geschleudert worden und sofort tot gewesen.
    Ich schauderte, mein Herz zog sich zusammen: sein Bild stand vor mir – das schöne Gesicht entstellt, die dunklen  Augen geschlossen –, starr blickte ich ins Leere hinaus, dann aber kam mir der Gedanke: »Du mußt ihn sehen, noch einmal sehen, das letztemal!«
    Ruhig zog ich mir ein schwarzes Kleid an, dasselbe, welches ich zur Trauer um meinen Vater getragen, dann fragte ich nach dem Kinde – man hatte es zu Renners drüben gebracht. Es wurde geholt, die kleine Waise. Ein Jammer ohnegleichen füllte meine Brust, und ich konnte doch nicht weinen, ach, nicht eine Träne trat in mein Auge. Der Kleine fürchtete sich vor dem schwarzen Kleide und meinem blassen Gesicht und verlangte nach Kathrin, die der Schreck vollständig sprachlos gemacht hatte. Ich nahm Hütchen und Mantel des Kindes und zog es an, band mir ein schwarzes Tuch um, nahm den Kleinen auf den Arm und schritt an der starren Frau Renner vorüber, aus der Haustür und durch den Park nach dem Schlosse. Was ich eigentlich wollte – klar war es mir selbst nicht. Das Kind jauchzte einem Schwarm Vögel zu, die hoch oben im blauen Himmel schifften. Ich sah nichts, vor meinen Augen stand das schreckliche Bild des Todes.
    Mechanisch setzte ich meinen Weg fort und gelangte, ohne jemand zu sehen, ins Schloß. Frau v. Bendeleben saß an ihrem Schreibtischchen, als ich eintrat. Dann sprang sie auf und hielt sich mit zitternden Händen an der Lehne ihres Stuhles, während ein entsetztes »Barmherziger Gott!« über ihre blassen Lippen kam.
    »Hier ist das Kind«, sagte ich, »jetzt muß ich es Ihnen geben, denn es hat keinen Vater mehr –!«
    Ich trat noch einen Schritt näher und wollte den Kleinen in ihre Arme legen. Aber er klammerte sich mit beiden Händen um meinen Hals und schaute trotzig die blasse Frau an, die mit unverstelltem Entsetzen dastand.
    »Gretchen«, sagte sie dann tonlos, »was sprichst du? Wer hat keinen Vater mehr?«
    »Wilhelm v. Eberhardt ist tot!« erwiderte ich laut, aber ich mußte mich mit der Hand auf die Tischplatte stützen und konnte kaum den Kleinen noch halten. Frau v. Bendeleben sank in den Sessel zurück. Eine lange Pause entstand, als ich  ihr das Kind auf den Schoß gesetzt und gesagt hatte: »Sei gut gegen die Dame, sie hat dich lieb!« Dann streichelte ich noch einmal mit der Hand über das dunkle Lockenköpfchen und wandte mich zum Gehen – meine Schritte schwankten. Was mein Herz in diesem Augenblicke empfand, war das Schwerste von allem, das kann nur ich ermessen.
    Als ich die Tür hinter mir schloß, hörte ich den Ruf: »Gretchen!« und gleich darauf das heftige Weinen des Kindes. Mit aller Gewalt zog es mich wieder zurück. Ich kämpfte einen Moment schwer mit meinem Herzen, aber dann riß ich mich los und trat in das Zimmer des Barons. Er hatte einen Brief in der Hand und sein Gesicht in einem Tuche verborgen. Als er mich sah, trat er zu mir, und einen Blick auf mein schwarzes Kleid und mein verstörtes Gesicht werfend sagte er leise: »Ich weiß es schon, mein Kind – hast du irgendein Anliegen an mich?«
    »Ich will ihn nur noch einmal sehen«, bat ich, »nur noch einmal.«
    »Er stand dir sehr nahe, Margarete, zuletzt?« sagte er.
    »Er war mein Bräutigam!« erwiderte ich leise.
    Der Baron zuckte zusammen, dann sagte er: »Du kannst mitfahren, ich habe bereits das Anspannen bestellt – warte einen Augenblick, ich will nur meiner Frau die Trauerkunde bringen.«
    »Sie weiß es schon«, bemerkte ich.
    »Weiß es schon? Durch wen?«
    »Durch mich. Ich brachte ihr das Kind!« Das letzte klang wie ein Aufschrei und meine Hand fuhr nach dem Herzen. Der Baron strich liebkosend über mein Haar und eine Träne rann langsam über seine Wange, als er murmelte: »Armes, armes Kind!«
    Kurze Zeit nachher rollten wir in eiliger Fahrt auf dem Wege nach G. Man hatte Mantel und Decken für mich in den Wagen gelegt, aber ich fror nicht, trotz der eisigen Kälte. Der Schmerz machte mich vollständig unempfindlich für alles. Wir fuhren vor dem stattlichen Hause vor, in welchem Wilhelm mit Ruth gewohnt hatte und nachher geblieben war. Friedel öffnete uns die Haustür, er sah ganz verweint aus,  und in der Tat, als er mich erblickte, rannen die Tränen aufs neue aus seinen Augen. Er geleitete uns die Treppe hinan und fühlte uns in Wilhelms Zimmer. Der Baron fragte, wo die Leiche sei; Friedel deutete auf eine Tür und flüsterte: »Dort nebenan.«
    »Bleib hier, Gretchen«, sagte der Baron, »ich werde erst nachsehen, wie es dort aussieht.« Er ging, begleitet vom Diener. Ich schaute umher in seinem Zimmer, dort lag noch alles, so wie er es gestern gesund und frisch verlassen – um als Toter heimzukehren. Unter dem Spiegel tickte die große Uhr, auf dem Tische lagen Handschuhe, Bücher, Zeitungen. Der Sessel vor dem Schreibtisch war zur Seite geschoben, als wäre er eben aufgestanden, um Friedel einen Brief für mich in die Hand zu geben. Ich nahm die Feder vom Tintenfaß, die seine Hand erst gestern noch gehalten. Ach, war es denn Wirklichkeit? Hatte er mich verlassen für immer? Ein wilder Schmerz bäumte sich auf in meinem gepeinigten Gemüte. – Was hatte ich getan, daß Gott mich so furchtbar strafte? Warum mußte ich leben mit dieser Qual? Warum lag ich nicht auch kalt und starr neben ihm da drinnen? –
    Da öffnete sich die Tür und Friedel trat herein. »Nun können Sie kommen, Fräulein Gretchen«, sagte er leise und schob die Vorhänge zurück. Ich folgte ihm schwankend. In dem völlig leeren Zimmer hatte man ihn aufgebahrt, es war einst der Salon des Hauses gewesen, aber die scheidende Frau hatte seine luxuriöse Einrichtung mit fortgenommen. Nur die prächtigen, roten seidenen Vorhänge vor den Fenstern waren geblieben, und durch sie fiel ein rosiger Schein auf das bleiche, stille Angesicht vor mir im Sarge, es wie mit einem Schimmer des Lebens überhauchend. Wortlos stand ich an dem Sarge und sah hinab auf mein gestorbenes Glück. Die Gedanken, die damals in mir tobten, Gott mag mir verzeihen, demütig waren sie nicht. Es war ein Auflehnen gegen das unerbittliche, rauhe Schicksal, und doch, wie machtlos kämpfte das arme Herz dagegen!
    Friedel weinte immer noch. »Ach, Fräulein«, sagte er endlich, »ich wollte, es käme eine Träne in Ihre Augen! Sie sehen so schrecklich blaß, so finster aus. Weinen Sie doch,  lassen Sie eine Träne in den Sarg fallen. Er hat ja keine Ruh' im Grabe, wenn die nicht um ihn weinen, die ihn geliebt haben.«
    »Friedel! Wenn ich nur weinen könnte!« schrie ich auf. Aber ich konnt's ja nicht. »Wilhelm, bleib bei mir, was soll ich ohne dich in der Welt!« Und dann beugte ich mich nieder und legte mein Gesicht an seine kalte Wange und küßte seinen Mund. So blieb ich lange, lange allein mit ihm, denn auch Friedel war gegangen. Ich sprach zu meinem Eberhardt flüsternd und schaute in sein liebes Gesicht, dann schnitt ich mir eine seiner Locken ab. – Das Zimmer hatte man mit Orangenbäumen geschmückt, und zahlreiche Kränze und weiße Rosen bedeckten den Toten, sie alle hatten noch gestern in voller Pracht geblüht, ja gestern noch!
    »Nicht einmal einen Kranz hab' ich für dich, mein einziger Schatz!« flüsterte ich. »Was kann ich dir nur mitgeben in dein kühles Grab?« Da fiel mir ein, daß Kathrin meiner Mutter noch im Sarge ein kleines Medaillon von der Brust genommen hatte, welches eine Locke enthielt, die einst die Verstorbene mir abgeschnitten, auf meine neugierige Frage hatte Kathrin erwidert, wenn man einem Toten Haare von einem Lebenden mit in die Erde gäbe, so zöge ihn der Verstorbene bald nach sich. Entschlossen nahm ich eine kleine Schere, band mein Haar auf und schnitt mit raschem Griff einen meiner langen braunen Zöpfe ab, die sein Entzücken gewesen waren. »Hier, mein Wilhelm, das ist noch besser wie Blumen«, flüsterte ich und legte die Flechte unter die Tücher auf sein Herz. – »Nun leb wohl, hab' Dank für alles und hole mich bald!«
    Ich wollte mich noch einmal niederbeugen, um ihn zu küssen, da wurde die Tür aufgemacht und mehrere Offiziere traten ein, gefolgt von dem Baron. Ich wandte mich von dem Sarge ab und schritt gesenkten Blickes aus dem Zimmer, ein paar Rosen von seinem Sarge und die Locke in der Hand. Im Begriff, die Tür zu schließen, hörte ich, wie einer der Herren fragte, wer ich sei. Der Baron sagte laut und doch mit einer gewissen Verlegenheit in der Stimme: »Die Dame, die sein Kind in Pflege hatte.«  Ich nahm auch das noch hin, es schmerzte nicht, es tat mir eben nichts mehr weh. Etwas wie ein verächtliches Lächeln mochte wohl um meinen Mund gezuckt haben über dieses Ableugnen meiner Rechte seitens eines Mannes, den ich wie einen Vater geliebt hatte, und der auch mich liebte vor anderen. Sein Stolz konnte sich selbst in diesem Moment nicht verleugnen. – Dann ertönte eine andere Stimme: »Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn diese junge Dame Fräulein Margarete Siegismund ist, so hat uns Eberhardt bereits vor längerer Zeit 
angezeigt, daß er sich mit ihr verlobt habe. Im Offizierkorps ist dies hinlänglich bekannt, und wir werden nachher sofort Veranlassung nehmen, der Braut unseres verstorbenen Kameraden zu kondolieren.«
    Ich hörte noch etwas wie beifälliges Murmeln mehrerer Stimmen, dann nahm ich mein Tuch um und wollte gehen, obgleich ich nicht wußte, wohin. Aber ich hätte um keinen Preis Beileidsbezeigungen anhören können, so herzlich sie auch gemeint sein mochten.
    Friedel kam und brachte mir mein Bild und die Brieftasche Eberhardts, die er aus seinem Waffenrock genommen hatte. Ich fragte ihn, ob er nicht wisse, wo ich bleiben könnte, bis das Begräbnis vorüber sei.
    Er nickte. »Warten Sie einen Augenblick, Fräulein.« Nach einem Weilchen kehrte er zurück, begleitet von einer korpulenten, gutmütigen Bürgersfrau, deren kleine blaue Augen von Tränen überflössen. Sie war die Wirtin vom Hause und bot mir in freundlicher Weise ein Zimmer an bis morgen abend. Dankbar nahm ich es an und saß dann still darin, in meinen Schmerz versunken. Die Nacht brachte ich auf dem Sofa zu, und am anderen Morgen früh schlich ich mich leise hinauf, um noch einmal seine lieben Züge zu sehen. Aber der Sarg war bereits geschlossen. So ging ich wieder hinunter und saß allein in dem kleinen Stäbchen, stundenlang.
    Da hörte ich auf einmal den taktmäßigen Schritt heranmarschierender Soldaten, Kommandoworte, das Sprechen vieler Menschen. Ich trat ans Fenster und sah die Leichenparade aufgestellt. Die Offiziere der Garnison standen leise flüsternd in der Straße. Ich lehnte mich mit der Stirn an die  Scheiben und starrte hinunter auf die bunte Menge, die ihm die letzte Ehre erwies. Ich dachte, daß ich nun so allein sei, daß unter all den vielen keiner ihm so nahe gestanden hatte wie ich, und daß sich doch niemand um mich bekümmere – da öffnete sich die Tür meines Zimmers, und als ich mich umwandte, blickte ich in das alte, liebe Gesicht der Frau Renner. Ihr Arm umfaßte mich, während ich zitternd am Fenster stand und den Sarg aus dem Hause tragen sah. – Die Trommeln wirbelten, der Trauermarsch erklang und der Zug setzte sich in Bewegung. Ich aber schaute dem blumengeschmückten Sarge nach und umklammerte krampfhaft die Hände der kleinen Frau, bis er um die Straßenbiegung verschwunden war.
    Dann wandte ich mich um und sagte noch einmal: »Leb wohl, leb wohl – nun ist alles vorbei.« –
    Die kleine Frau zog mich aufs Sofa, faßte mich liebevoll um und wollte sprechen; der Jammer ließ sie aber nicht dazu kommen. Sie weinte nur still, und so saßen wir da, während sie draußen auf dem Kirchhofe ihn einsenkten in die kahle, gefrorene Erde – mein Glück, mein alles.
    Dann schreckte ich auf, die schmetternden Klänge eines lustigen Marsches trafen mein Ohr: sie kehrten zurück vom Begräbnis; und immer lauter und näher erschallten diese übermutigen, lustigen Weisen. Ach, es war sein Lieblingsmarsch gewesen. Unter diesen Klängen war er damals in Bendeleben eingezogen, hatte er mir einst so verwegen, so lustig in die Augen geschaut, damals, als die Regimentskapelle auf dem großen Rasenplatze vor dem Schlosse spielte. »Oh, die Jugend, das Leben ist doch wunderschön!« hatte er damals gesagt, und ich hatte mit eingestimmt und mitgejubelt. Noch als ich ihn zum letzten Male sah, pfiff er diese Melodie und schaukelte sein Kind auf den Knien!
    Oh, diese Erinnerungen, wie sie mich packten, mir zeigten, wieviel süßes Glück ich verloren! Aber was die furchtbare Gegenwart nicht gestattete, das weckte die Mahnung an die wonnige Vergangenheit – ich schlang meine Arme um den Hals der alten Frau und schluchzte und weinte aus dem tiefsten Grunde meiner gequälten Seele.  »Gott sei Dank, sie weint!« das war alles, was die alte Frau sagte.
    Und nun, meine liebe Freundin, habe ich kaum noch etwas von mir zu sagen, mit ihm war eben alles ins Grab gesunken, was das Leben mir wert gemacht hatte – was nun folgte, war kein Leben mehr, war ein Vegetieren ohne jedes Interesse.
    Noch manchen schweren Schlag habe ich zu ertragen gehabt, aber der willkommene Gast, die Freude, ist nie mehr bei mir eingekehrt. Wohl ist mir noch mancher herzlich entgegengekommen, und ich lernte auch, nachdem ich die ersten schweren Jahre überstanden, diese Herzlichkeit und Liebe anerkennen, aber ich selbst – ich konnte mich nicht mehr freuen, das hatte ich verlernt in jenen schrecklichen Stunden.
    Bald nachher hatte ich gänzlich vereinsamt an Kathrins einfachem Hügel gestanden, noch jung und nicht imstande, eine Beschützerin, und sei sie auch noch so schwach, zu entbehren. Auf Bendeleben hatte man mir damals eine Heimat angeboten, um so mehr, da Eberhardts Kind lange nach mir weinte und bangte. Ich sollte ihn erziehen, sagte mir Frau v. Bendeleben, aber ich lehnte ab. Es war wohl ein wenig Stolz von mir: ich wollte nicht da Erzieherin sein, wo ich im Begriffe gestanden hatte, die Mutter des Kindes zu werden. Dann fürchtete ich mich auch, weich zu werden und dereinst den Abschied nicht ertragen zu können, wenn es seiner Mutter plötzlich einfallen sollte, ihn nach Wien zu fordern. Ich hatte recht gehabt. Ruth vermählte sich zum dritten Male, mit dem jungen Fürsten Bodresky, und da die Ehe kinderlos blieb, adoptierte später der Fürst seinen Stiefsohn. Er wurde im katholischen Glauben, zu dem auch Ruth übertrat, erzogen und scheint mit der bestechenden Persönlichkeit den ganzen Leichtsinn seiner 
Mutter geerbt zu haben. Jetzt ist er längst verheiratet und hat es nur der Größe seines fürstlichen Vermögens und der enormen Mitgift seiner Frau zu verdanken, daß es ihm noch nicht gelungen ist, sich zu ruinieren. Ach, manchmal denke ich, wenn Gott seinen rechten Vater hätte leben lassen, und wir beide ihn erzogen hätten, ob da nicht ein trefflicher Mensch aus ihm geworden wäre.  Wer so, verweichlicht von dem raffinierten Luxus, mit dem ihn seine Mutter umgab, in den Händen gewissenloser Hofmeister, in der gefährlichen Moral der Jesuiten erzogen – konnt' es anders kommen?
    Ich blieb also fest und ging nicht nach Bendeleben, obgleich Hanna mir es beinahe übelnahm. Zu Frau Renner, zu der einfachen Frau, zog es mich, die mir freundlich den Aufenthalt in ihrem Hause anbot. Wie zart und schonend bin ich dort behandelt worden, sowohl von ihr wie von dem jungen Pastor. Seinen Worten verdanke ich es auch, daß ich mich demütig unter Gottes Hand beugte, anstatt mit ihm zu hadern. Ich wurde stille nach und nach, aber die Wunde meines Herzens ist nimmer geheilt, und noch heute, noch jetzt blutet sie, sobald die Erinnerungen kommen.
    Von den Personen, die mir in meiner Jugend so nahe standen, lebt niemand mehr außer dem Pastor Renner in Weltzendorf, der, jetzt ein alter Mann und mein einziger Freund, seine Tage beschließen will in dem Hause, das einst mein Vaterhaus war. Die erste, die heimging und deren Tod mich mit heißem Schmerz erfüllte, war meine süße Hanna. Ganz plötzlich erlag sie einer epidemischen Krankheit und ließ, noch nicht sechsundzwanzig Jahre alt, ihren trauernden Gatten und drei kleine Kinder zurück. Wir waren im gleichen Alter, und ich fragte wieder, warum der liebe Gott nicht mich hatte sterben lassen, anstatt die zu fordern, die noch so unentbehrlich war, und für die ich so gern gegangen wäre.
    In demselben Jahre trat auch eine Lebensfrage an mich heran: Pastor Renner bot mir seine Hand. Er hatte mich schon längst geliebt, schon damals, als ich noch das hübsche, glückliche Mädchen war, das so wild zu reiten und herzhaft zu lachen verstand. – Ich habe einen schweren Kampf gekämpft zwischen Dankbarkeit und dem unvergeßlichen Andenken an den einzigen, den ich je geliebt. Die Augen der alten Frau sahen mich ängstlich und forschend an, und doch, ich konnte mich nicht entschließen, seine Frau zu werden. Er hatte Anrecht auf ein Herz, das sich ihm ganz hingab, und ich hatte ja keins mehr. Mit vielen, vielen Tränen bat ich, mich nicht für undankbar zu halten, aber ich könne nicht die  Seine werden. Er fügte sich. Ich sah, es machte ihm Schmerz, aber er ist mir trotz alledem ein wahrer Freund geblieben sein Leben lang.
    Zwei Jahre später führte er seiner Mutter eine junge Braut zu, rosig und frisch, deren blaue Augen voll Seligkeit an den ernsten Zügen des Bräutigams hingen. Da beschlossen wir – seine Mutter und ich – das junge Paar zu verlassen und in mein altes Heim zu ziehen. So geschah es. Wir richteten die alte Pfarre wohnlich ein für die junge Frau. Wir freuten uns dann später, wenn wir das blonde Köpfchen am Fenster gegenüber sahen, wie sie eifrig nähte, oder wenn sie, flink wie ein Wiesel, das klappernde Schlüsselbund an der Seite, herüberhuschte und einen wichtigen Rat von der Mutter verlangte.
    So lebten wir still, wir beiden Frauen, und nur wenn die Erinnerung an vergangene Zeiten bei mir einkehrte, konnte ich wieder plaudern. Dann dankte ich Gott, daß ich so Schönes erleben durfte. Eines Tages wurde ich auf das Schloß gerufen: der Hausherr lag auf dem Sterbebett. Ich habe ihn gepflegt fünf lange Wochen Tag und Nacht, habe ihm die Augen zugedrückt, die mich noch einmal dankbar anblickten, und habe wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abgetragen, die mir die Dankbarkeit für frühere glückliche Zeiten auferlegte.
    Die Witwe war trostlos und klammerte sich in ihrem Jammer an mich. Bei der Beerdigung sah ich auch Bergen und Ruth wieder, beide mit ihren Söhnen. Willi, jetzt Fürst Bodresky, war ein bildschöner Junge geworden, dunkel, feurig und lebhaft, während Wilhelm v. Bergen das Wesen seines Vaters hatte: gerade und schlicht, mit bewußtem Willen. Ruth war noch die kokette, lebhafte, elegante Erscheinung wie früher, aber ein Leben voll steter Aufregung und Abwechslung hatte den Schmelz der Jugend vorzeitig von dem wundervollen Antlitz verwischt. Sie sah in manchen Augenblicken trotz ihrer dreißig Jahre müde und alt aus. Mich beachtete sie nicht, und, was mich am meisten schmerzte, sie hielt den Sohn geflissentlich von mir fern. Der hübsche Junge tat scheu und fremd gegen mich. Bergen war desto herzlicher,  wir sprachen viel von Hanna und der schönen Zeit von damals, auch Eberhardts gedachten wir, und ich weinte mich satt in seiner Gegenwart. Er wußte ja, wieviel ich gelitten.
    Bald nach dem Begräbnis, und zwar auf Ruths Andringen, wurde Anstalt zum Verkauf von Bendeleben gemacht. Frau v. Bendeleben sollte mit nach Wien übersiedeln, Fürst Bodresky mochte das Gut nicht übernehmen. Bergen hatte nicht das nötige Kapital dazu und war auch zu gern Soldat, und auf die Kinder könnte man nicht warten, meinte Ruth – unterdessen hätten gewissenlose Pächter das Gut ruiniert. So dauerte es nicht lange, da zog die Herrin von Bendeleben mit ihrer Tochter, der Fürstin, nach dem glänzenden Wien, und in dem alten aristokratischen Hause, unter dem stolzen Wappen der Bendelebens, ging jetzt ein bürgerlicher, behäbiger Besitzer aus und ein. An den vornehmen, hohen Zimmern, wo jahrhundertelang nur Bendelebens gelacht und getrauert hatten, tobte eine Schar flachshaariger, kompakter Kinder, die sogar mit der Armbrust nach den bunten Göttern am Plafond des Speisesaales schossen, bis der wackere Vater und die brave Hausfrau, um nicht den Anblick von verstümmelten Nasen und fehlenden Augen zu haben, die 
vorwurfsvoll auf sie niederzublicken schienen, den Tüncher kommen und die ganze bunte Herrlichkeit weiß übermalen ließen, das »Vive la joie« dazu. Ach, gab es denn wirklich einmal eine Zeit, wo man das »Es lebe die Freude!« hätte rufen mögen?
    Mir preßte es das Herz zusammen, als ich fremde Leute da schalten sah, wo ich meine glücklichsten Tage verlebt hatte. Der alte Park mit seinen stillen Plätzen, seinen samtgrünen Rasenflächen, er kam mir entweiht vor, als ich eines Tages die wilde Jagd der Kinder darin herumtoben und die Gänse und Enten vom Hühnerhofe darin umherspazieren sah. Anne Marie war langst mit ihrem Manne davongezogen, denn die neue Gutsherrschaft brauchte keinen Gärtner. Die frühere Ordnung, die Stille war ganz abhanden gekommen.
    Ach, wenn der Baron das hätte sehen können! Er hätte nicht Ruhe im Grabe und würde der Tochter, die dieses alte Familiengut zum Verkauf gebracht hatte, geflucht haben.  Aber so geht es, gerade das Kind, auf dessen adlige Gesinnungen er so stolz war, es verschacherte jetzt das Haus seiner Väter, an dessen Erhaltung doch des Vaters ganzes Herz gehangen hatte. – »Warum hat er's nicht im Testament verboten?« sagte Frau Renner. Ja, warum? Weil er seinen aristokratischen Hinterbliebenen alles andere zugetraut hätte – nur nicht diese pietätlose Handlung.
    Und so lebten wir weiter, jahrelang, ein Leben, in dem sich nichts ereignete und suchten uns nützlich zu machen. Ich unterrichtete die kleinen Kinder des Pastors und half der jungen Frau in der Wirtschaft. Dann wurde meine gute, alte Renner kränklich, und nach langem Hin- und Herüberlegen meinte der besorgte Sohn, daß es besser sei, sie wohne in der Stadt, wo sie jeden Augenblick ärztliche Hilfe haben konnte. Ich begleitete sie natürlich, und ich tat es nur zu gern. Dann war ich ja seinem Grabe nahe, das ich bisher nur selten besuchen konnte. Dies machte mir den Aufenthalt in der engen Stadt lieb und angenehm. Und so zogen wir hierher in diese Wohnung hier. Die Hausbesitzer haben dreimal gewechselt, aber die Mieterin ist dieselbe geblieben, und sie ist alt und grau geworden in diesem Stübchen. Ich habe hier meiner alten Freundin nach langer Krankheit die Augen zugedrückt und habe versucht, ihr den Lebensabend heiter zu gestalten durch freundliche Pflege und herzliches Eingehen auf ihre Interessen und 
Freuden. Ich habe mich auch nach ihrem Tode noch immer gefreut, wie zu ihren Lebzeiten, wenn die Kinder und die blühenden Enkel aus dem stillen Dorfe kamen. Sonst habe ich keine Bekanntschaften geschlossen – auch keine gesucht in der Stadt.
    Zum Kirchhof bin ich seither jeden Tag gegangen. An schönen Sommerabenden nehme ich meine Arbeit mit und sitze an seinem Grabe auf der kleinen Bank, die ich dorthin stellen ließ. Wenn der Flieder duftet und die Rosen blühen, bleibe ich lange Stunden dort und kann mich kaum trennen von dem liebsten Platze auf der Welt.
    So ist mein Leben hingegangen, einförmig, freudenarm, und – nutzlos werden Sie sagen, mein liebes Kind. Sie haben recht, mir ist der Wirkungskreis einer Frau und Mutter versagt  geblieben. Ich habe mich weder an öffentlichen Vereinen beteiligt, noch an irgendwelchen Werken des allgemeinen Wohles, wo ich hätte an die Öffentlichkeit treten müssen. – Ich bin kein neidisches Gemüt, aber wenn ich ein fremdes herzliches Glück sehe, so tut es mir weh, und es ist mir am wohlsten zu Hause in meiner Einsamkeit und Stille. Ich habe mir auch im stillen einen kleinen Wirkungskreis geschaffen, und ich weiß, es gibt Menschen, arme Menschen, die mit Liebe und Dankbarkeit an mir hängen.
    Bedauern Sie mich aber nicht, mein liebes Frauchen, ich habe auch schöne Stunden. Wenn ich an dem kleinen Klavier sitze und die Lieder spiele, die ich einst gesungen in der fernen, schönen Jugendzeit, dann taucht sie lebendig vor mir auf, so zauberhaft, so schön wie damals. Dann reite ich wieder auf feurigem Pferde neben ihm durch den Wald, dann sieht wieder der Mond hernieder und zeigt mir sein liebes, dunkles Auge, und in mein Ohr tönen jene herzlichen Worte, die das Herz nie vergessen kann. Wohl mir, daß ich sie einmal durchleben durfte, jene berauschende Zeit, nicht jede hat solche Erinnerungen in ihrem Unglück.
    Und jetzt sind sie alle tot die anderen, tot die stolze Frau v. Bendeleben, tot auch die schöne gefeierte Fürstin Ruth, tot des Pfarrers sorgliche Hausfrau und der bravste Freund, Heinrich v. Bergen – die einen noch jung, die anderen schon müde vom Leben. Nur der Pastor Renner lebt noch und Ihre alte Freundin mit den weißen Haaren. Uns beide wird Gott auch bald abrufen. Und wenn erst ein grüner Hügel über dem Sarge sich wölbt, dann wird niemand ahnen, welche Freude und welcher Kummer einst die Herzen bewegte, die nun so still geworden sind. Ach, ich wünschte mir nur eines, aber das kann ja nicht in Erfüllung gehen: ich möchte einst neben Eberhardt auf dem stillen Kirchhofe liegen; doch – es ist ja nicht möglich. Und nun verzeihen Sie mir, daß diese meine Erzählung so lang, so ausführlich geworden – ich kam wieder hinein in die alten Erinnerungen, möchten sie doch nicht zu langweilig sein für Sie. Leben Sie wohl, herzlich wohl. Ich wünsche, daß die milde Luft Italiens Ihre Frau Mutter  stärke und kräftige.
 Bleiben Sie nicht zu lange mehr aus und denken Sie manchmal an Ihre einsame alte Freundin. Gott befohlen und auf Wiedersehen in herzlicher Liebe
    Ihre
    Margarete Siegismund.
    Ich habe sie nicht wieder gesehen, meine alte Freundin, deren rührende Geschichte die vorstehenden Blätter enthalten. Mein Aufenthalt in Italien dehnte sich über den ganzen Winter ans. Mein Mann nahm später Urlaub und kam uns nach, er brachte mir Grüße und einen Brief von der lieben Nachbarin. Es sollte der letzte sein, den ich von ihr empfing. Ich bekam keine Antwort auf meine verschiedenen Schreiben, und dann im März von fremder Hand einige Zeilen, denen man es ansah, daß sie beim Schreiben gezittert hatte. Sie meldete mir, daß meine gute, alte Freundin dieses unvollkommene Leben mit dem besseren Jenseits vertauscht habe – sie habe noch herzlich meiner gedacht und den Schreiber dieser Zeilen beauftragt, mir ihre letzten Grüße zu überbringen und den Dank für manche heitere Stunde, die sie durch mich an ihrem stillen Lebensabend genossen habe. Sie ruhe auf dem Gottesacker zu Weltzendorf – war noch hinzugefügt – neben ihren Eltern und Kathrin. Unterzeichnet war der Brief: Friedrich Renner, Pastor emer. 
Weltzendorf, den 26. März 1875.
    Meine Tränen fielen auf die unsicheren Schriftzüge, und aufrichtig war meine Trauer. Ich hatte sie recht von Herzen liebgehabt, die einsame alte Dame, die so viel Trübes erlebte in der Welt. Möge sie ruhen in Gottes Frieden! –
    Frühling war es, als wir wieder in unsere Heimat einkehrten, und was für ein Frühling! Die ganze Atmosphäre war erfüllt von Blütenduft, die Sträucher und Bäume schimmerten im hellsten Grün und die Festungswälle sahen ganz blau aus von all dem Flieder, der dort blühte. Uns gegenüber in der Wohnung, wo sonst das alte liebe Gesicht herausschaute,  stand ein junges Mädchen mit langen, goldblonden Zöpfen und putzte die Fensterscheiben spiegelblank, während sie vergnügt und unbekümmert um die Leute in die warme Luft hinaussang:
    Mein Herz, tu dich auf, laß den Frühling herein!
    Es wohnten schon wieder andere Menschen drüben. Es bleibt eben kein Fleckchen leer, und wenn einer geht aus diesem Leben, wie bald ist keine Lücke mehr zu erkennen! Es tat mir weh, dieser Anblick, so anmutig das Bild auch war, und ich habe noch manche Träne geweint, ehe ich mich daran gewöhnte, das alte, freundliche Gesicht dort nicht mehr zu sehen.
    Während dieser schönen Frühlingstage wurde in einem heiteren Kreise unserer Freunde eine Landpartie beschlossen. Verschiedene hübsche Punkte der Umgegend wurden ins Auge gefaßt; endlich schlug irgend jemand Weltzendorf vor, und zu meiner größten Freude ging dieser Vorschlag durch. An einem sonnigen, blauen Maitage rollten wir unter blühenden Obstbäumen dem Ziele unseres Ausfluges zu. Ich war still im Gegensatz zu der anderen Gesellschaft, ich dachte daran, daß ich den Ort sehen sollte, wo meine alte Freundin gelebt und geliebt und wo sie nun auch ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte. Im Wagenkasten lag ein Kranz von Frühlingsblumen, den ich auf ihr Grab legen wollte.
    Gespannt sah ich die grauen Mauern des stattlichen Schlosses aus dem lichten Grün der Linden und Kastanien auftauchen, das große Dorf lag wie begraben unter Blütenbäumen und der kleine Kirchturm ragte schlank darüber weg in den blauen Himmel hinein, wie ein Hirt, der seine Herde bewacht. – – Wir fuhren in das Dorf, stiegen am Wirtshause aus, und eine kleine, saubere Dirne zeigte uns den Weg zu dem Park, den der jetzige Besitzer (vermutlich einer der hoffnungsvollen Armbrustschützen) galanterweise uns zur Verfügung gestellt hatte. Auf dem Rasen standen Tische und Bänke, und in buntem Durcheinander wurde der landesübliche Kaffee mit Bergen von Kuchen vertilgt. Die Regimentsmusik spielte die lustigsten Weisen zum Ergötzen der ganzen Einwohnerschaft  des Dorfes, die sich zahlreich jenseits des kleinen Flüßchens, der hier die natürliche Grenze des Parkes bildet, versammelt hatte.
    Ich allein war zerstreut, ich mußte ja immer an die denken, die hier einst gewohnt. Und wenn mein Auge in das Dunkel der prachtvollen Baumgruppen tauchte, dann war es mir immer, als müßte dort eine schlanke Mädchengestalt im blaßblauen Kleide mit den dunklen Flechten um den Kopf heraustreten. Oder es müßten ein paar Reiterinnen die Allee entlang brausen mit blitzenden Augen und dem Übermut der Freude auf den rosigen Gesichtchen, die schlanken Gestalten Eberhardts und Bergens ihnen zur Seite. – Dort auf dem kleinen Balkon, der so keck an dem Turm klebt, hatte sie wohl gestanden, die erste unverständliche Sehnsucht der Liebe im Herzen, und zu den Sternen aufgeschaut. Hier auf diesem Platze vielleicht hatte sie den ersten Brief gelesen, und an jener kleinen Brücke war es, wo sie in dunkler, stürmischer Nacht bewußtlos zusammensank, als ihr beinahe das Herz brach über seine Untreue.
    Gegen Abend schlich ich mich heimlich fort aus dem Kreise der Tanzenden, ließ mir den Blumenkranz aus dem Wagen reichen und suchte mir eine kleine Dirne, die mich nach dem Kirchhof geleiten sollte. Ich ging, mein leichtes Sommerkleid auf der staubigen Straße zusammenraffend, hinter dem kleinen Flachskopf her. – »Das ist das Pfarrhaus«, sagte das Kind nach einem Weilchen und wies auf ein leidlich schmuckes Häuschen, dessen Fenster mit wildem Wein fast zugewachsen waren. Die alte Linde stand noch in dem kleinen Vorgarten und beschattete eine Bank, auf der ein etwa zwölfjähriges Mädchen, eifrig im Gesangbuche lesend, saß, während die frischen Lippen sich leise bewegten, als lerne es auswendig.
    Ich war stehengeblieben. Als das Kind mich bemerkte, stand es rasch auf, machte einen verlegenen Knicks und lief schleunigst und dunkelrot mit seinem Buche in die geöffnete Haustür hinein. Nun wandte ich mich nach dem gegenüberliegenden Hause, das mußte ja ihr Vaterhaus sein – auch dies lag tief im Schatten zweier Linden, die zu beiden Seiten der alten Sandsteintreppe standen. Die Fenster waren weit geöffnet  und ließen die milde Fruhlingsluft hinein. An einem derselben saß im Lehnstuhl ein alter Mann mit schneeweißem Haar und sah gespannt nach mir herüber. Dann erhob er sich und trat gleich darauf vor die Haustür. Ich ging hinüber und stand vor dem Greise, der sein schwarzes Käppchen vom Haupte nahm und mit freundlicher Stimme fragte: »Sie sind gewiß die junge Freundin von Fräulein Siegismund? Ich habe Sie schon lange erwartet und will Sie gern zum Kirchhof begleiten.« Er reichte mir die Hand und schritt dann rüstig neben mir her, die hohe Gestalt noch ungebeugt, das Auge klar und mit einem forschenden 
Ausdruck auf mich gerichtet.
    »Ich bin noch gerade zur rechten Zeit gekommen, um meiner alten Freundin die Augen zuzudrücken«, fuhr er dann fort. »Sie hat mir viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt, und ich freue mich, daß sie noch spät ihr Herz jemandem erschlossen hat. – Ich habe sie dann mit hierhergenommen in ihre Heimat. Mag ihr die Ruhe hier sanft sein auf dem kleinen Kirchhof, wo sie als Kind schon gespielt hatte. – Hier ist das Grab«, fügte er hinzu und zeigte auf einen mit frischem Rasen belegten Hügel, »dort ruhen ihre Eltern, und dies hier ist Kathrins Ruhestätte.«
    Ich trat näher und legte meinen Kranz auf den weißen Marmor des einfachen Steines. »Margarete Siegismund«, las ich leise, »geboren den 30. Mai 1812, gestorben den 25. März 1875. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.«
    Mir liefen still die Tränen aus den Augen, ein unendlich wehmütiges Gefühl hatte mich ergriffen.
    Der alte Mann neben mir schaute stumm auf das Grab, dann sagte er leise: »Weinen Sie nur, mein liebes Kind, sie ist es wert, beweint zu werden. Ein holderes Wesen, ein edleres Herz, einen rechtlicheren Charakter gab es selten auf dieser Welt. Ich weiß nicht eine Handlung von ihr, die nicht den Stempel echter Weiblichkeit und Demut getragen hätte. Sie hat viel gelitten im Leben, aber sie verstand es, wie keine, zu dulden!«
     Fürwahr, ein schöner Nachruf aus dem Munde ihres Jugendfreundes!
    Ich reichte ihm stumm die Hand. Als wir so standen, da flammte die Sonne noch einmal im höchsten Purpur auf und warf ihren roten Schein auf den kleinen Kirchhof und über die stillen Gräber, und das Gesicht des greisen Mannes sah wunderbar jung aus. Ein leiser Abendhauch bewegte die alten Lindenbäume an der niedrigen Mauer, und aus dem Park drangen die innigen Melodien eines Schubertschen Liedes herüber. Es war ein wunderbarer Friede zu dieser Stunde in der Natur, eine weiche Sehnsucht nach etwas Hohem und Heiligem schien in der Luft zu schweben und von den Lippen des alten Mannes klang es wie träumend: »Das ist der Friede nach heißem Kampf, und endlich kommt ein Wiedersehen!«
    In der Ferne verhallten die Töne. Am Himmel verglomm das Abendrot und über dem kleinen Gotteshause funkelte der Abendstern. Nun erscholl die Glocke des Kirchleins und läutete den Abend ein. Zuerst leise, dann immer voller und voller zogen die Töne über die stillen Gräber in die weiche Luft hinaus, und es klang wie Frieden und Wiedersehen!
  
