

Vorwort










Seit ich in hohe Jahre gekommen bin, ist immer wieder die Aufforderung an mich herangetreten, meine Erinnerungen niederzuschreiben, zuerst und besonders dringend von der Verlagshandlung, die dadurch das Vorrecht auf dieses Buch gewonnen hat. Zuerst wies ich es rund ab. Dann mahnten auch Kollegen, und so setzte ich einmal zwischen anderen Arbeiten an. Und nun erstand in meiner Frau ein Mahner, dem ich nicht widerstehen konnte, zuletzt auch ein Helfer. Sie hat den längsten Teil dieses Lebens mitgelebt und hat wohl einen Anspruch darauf, daß ich ihr nachgebe, gerade weil von unserem Zusammenleben nichts gesagt wird.
Der Ertrag eines Gelehrtenlebens steckt in den Büchern, die es hervorgebracht hat. Auch von denen rede ich nicht; ich habe mich um die abgeworfenen Schlangenhäute meiner Entwicklung niemals viel gekümmert. Fast alles, was ich geschrieben habe, ist durch einen äußeren Anlaß hervorgerufen, der mir dies und jenes Objekt in die Hände warf. Von diesen Anlässen muß ich reden, aber von dem, was so entstanden ist, mag ich es nicht. Ein Gelehrter ist man in Deutschland nur im Nebenamt, Hauptamt ist die Professur, und so habe ich sie immer behandelt. Aber was man als Lehrer ist, das lebt in den Hörern, also steht bei ihnen das Urteil. Wenn dieses Buch eine Daseinsberechtigung hat, so liegt sie darin, daß es über Zustände und Menschen berichtet, von denen kein Lebender mehr Zeugnis ablegen kann. Das habe ich gern getan, soweit es mir Gelegenheit gab, meiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben, nicht nur Menschen gegenüber. Die innere Bereicherung, die ich fremden Ländern und dem Leben unter anderen Völkern, ihren Sprachen und ihren Dichtern verdanke, ist unschätzbar, und sie ist auch meiner Wissenschaft zugute gekommen. Vollends das Anschauen der ewigen Natur und all der Herrlichkeiten der Kunst ist nicht nur Genuß, sondern Offenbarung des Göttlichen und stärkt die Schwingen der Seele, und wenn die Bilder in dem Gedächtnisse aufsteigen, wecken sie wieder die alte Andacht.
Peinlich und schwer fiel es dagegen, von manchen Erfahrungen zu reden, die ich an der Universität und in anderen Stellungen gemacht habe, und Urteile auszusprechen, die sich darauf gründen. Und doch war es unvermeidlich,[7]  schien mir sogar Pflicht zu sein. Geschehen konnte es nur von dem Standpunkte der Gegenwart, während sonst der Ausbruch des Krieges die Grenze bildet. Daß ich wohl auch bei Wohlwollenden Anstoß erregen werde, ist mir bewußt, daher habe ich lange geschwankt, ob ich das Buch noch bei Lebzeiten erscheinen lassen sollte. Wenn ich es zurückhielt, konnte ich ja über 1914 hinausgehen und auch noch freier reden. Allein dieses Warten schien mir schließlich furchtsam; das war ich doch niemals gewesen. Ehrlich und treu cum ira et studio zu bekennen, was ihm die Liebe zu seinem Volke und seiner Wissenschaft, auch seine Sorge um beide, eingibt, darf sich am Ende ein achtzigjähriger Preuße auch heute noch herausnehmen.


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20. September 1928.



Die Heimat










[11] Über meine Kindheit wäre wenig zu sagen, wenn ich nicht von meiner Heimat sprechen wollte, die durch die Schuld der Deutschen, schließlich den schmählichen Verrat der Novembermänner preisgegeben ist. Die Deutschen haben sich niemals darum gekümmert, wie es bei uns aussah, und es lebt schwerlich jemand, der die Zustände der 50er Jahre schildern könnte; ich kann noch darüber hinaus Charakteristisches nach den Erzählungen meiner Mutter und aus der Tradition mitteilen. Die ersten Eindrücke haften ja am festesten im Gedächtnis, und wo sich etwas sagenhaft verschoben haben sollte, weiß jeder wirkliche Historiker die typische Wahrheit zu schätzen. Mein ältester Bruder Hugo hat sein Leben dem Dienste der Provinz gewidmet, erst als Landrat des Kreises Inowrazlaw, das damals noch den Kreis Strelno mitumfaßte, also größer war als mancher deutsche Staat, zuletzt als Oberpräsident, dazwischen in der Selbstverwaltung. Wir haben uns nahegestanden, so daß ich über die Verhältnisse manches weiß. Er hatte mit Treitschke abgemacht, ihm das Material für den Polenaufstand von 1848 zu liefern. Das ward durch Treitschkes Tod verhindert, und er hat es nicht nachgeholt. Historische Studien irgendwelcher Art habe ich nicht gemacht, und ich kenne eigentlich nur die engste Heimat aus dauerndem Mitleben mit ihm und seinen Kindern, die jetzt auf seinen Gütern sitzen. Sein Schwiegersohn hat die Geschichte von Markowitz aus den Akten mit weitem geschichtlichem Blicke dargestellt, was mir sehr nützlich geworden ist1. Solcher Bücher sollte es viele geben. In meiner Darstellung behandele ich die Provinz noch als preußisch; nur die erst spät willkürlich veränderten Ortsnamen sind mir selbst nicht geläufig geworden. Gerade die deutschen Besitzer haben ihren Gütern die Namen, unter denen sie sie ererbt hatten, nicht rauben lassen. Daß das Vorwerk von Markowitz den gar nicht bezeichnenden Namen Gay, wie viele Waldvorwerke heißen, mit »Möllendorf« schon ganz früh vertauscht hat, kommt dagegen nicht in Betracht.[11]
Es pflegt den Deutschen nicht bewußt zu sein, daß die Kolonisation des Ostens, nicht nur in Thüringen und der Mark, sondern auch im Oder- und Weichsellande auf alten germanischen Boden wieder vorgedrungen ist. Wir werden nicht bezweifeln, daß vor den Germanen Menschen, vermutlich gar nicht indogermanischer, vielleicht finnischer Rasse, hier gewohnt haben; aber ob die Bodenforschung schon Spuren von ihnen im Netzedistrikt entdeckt hat, weiß ich nicht. Als die Römerzeit vom Weichsellande einigermaßen sichere Kunde erhält, sind nordgermanische Stämme herübergekommen, Goten, Vandalen, Burgunder. Aber auch sie sind vielleicht in die Sümpfe und Wälder meiner engsten Heimat nicht eingedrungen. Die Erforschung der vorgeschichtlichen Siedelungen ist nicht weit getrieben, und der Pflug hat viel zerstört. Rohes, handgeformtes, oft ungebranntes Geschirr wird vielfach gefunden und ist meist verkommen; es war wohl slawisch. Auch auf dem Boden von Markowitz hat ein Gräberfeld gelegen, nordwestlich, nahe dem Klosterlande, das auch einen besonderen Namen Doszierow führte. Ebenso etwas oberhalb von Kruschwitz, bei Lagiewnik. Fluchtburgen in den Sümpfen, auch hier Schwedenschanzen genannt, fehlen nicht, oft durch Raubgrabungen zerstört, so daß nur die Ringwälle dauern. Die Slawen (an der Ostsee bis an die Weichsel die baltischen Preußen), welche das von den südwärts ziehenden Germanen verlassene Land besetzten, haben sich für die Gesittung, die ihnen ganz allein von den Deutschen zukam, erst spät und unvollkommen empfänglich gezeigt, auch nach der Bekehrung zum Christentum und der zeitweiligen Unterstellung unter den deutschen König. Der Anschluß an Rom hat sie von den Russen dauernd geschieden; aber die Einwanderung von Deutschen ist von ihren Fürsten und Grundherren lange eifrig gefördert worden; die nur zu vielen kleinen Städte erhielten meist deutsches Recht, die deutschen Bauern waren auch vor den früh in die Leibeigenschaft gezwungenen Polen bevorzugt. Die Juden des Ostens, die sich unheimlich vermehrten, sind auch aus Deutschland gekommen. Polen hat auch bessere Zeiten gesehen, und man darf ein Volk nicht deshalb geringschätzen, daß ihm neben seinen besonderen Vorzügen die Fähigkeit gebricht, sich selbst zu regieren, wie sich auch in den Gemeinden zeigt, den Zellen, aus denen sich der Körper des Staates aufbauen soll. Aber über jedes erträgliche Maß hinaus war schließlich die Verwahrlosung des Landes und der Menschen gediehen, und für beide war die preußische Herrschaft einfach die Rettung. Von der Entvölkerung gibt es eine Vorstellung, daß in dem weithin größten Städtchen Inowrazlaw 1371 Einwohner in 299 Häusern saßen, in Kruschwitz[12]  gab es 13 Häuser, und da war doch ein Domkapitel2. In der großen Herrschaft Kobelnik, die schon vorher einen deutschen Verwalter hatte und noch einigen Reinertrag abwarf, belief sich, als sie 1789 in deutschen Besitz gelangte, der Viehstand, dem ich in Klammern den Bestand von 1889 zufüge, auf Pferde 40 (165), Rindvieh 92 (463), Schafe 300 (3626), Schweine 52 (211). Die Gebäude waren ganz verfallen. Über die Bauern mußte die Kammerdeputation Bromberg 1782 berichten, daß sie »gewohnt waren nicht mehr zu besitzen, als was sie zum notdürftigsten Unterhalte brauchten, das übrige aber im Trunke aufgehen zu lassen«. Begreiflich bei ihrer vollkommenen Rechtlosigkeit unter dem adligen Gutsherrn, dem erst 1768 das Recht, eine Todesstrafe zu verhängen, genommen war, wenigstens im Gesetze, aber was bedeutete das in einem machtlosen Staate? Klöster waren zur Zeit der Gegenreformation mehrfach gegründet und werden zuerst auch Gutes gewirkt haben, aber auch sie verkamen. In dem Karmeliterkloster in Markowitz waren 1819 nur zwei Mönche, einer schwerkrank, der andere ein notorischer Trunkenbold; dazu wurden zwei Mädchen im Kloster gehalten. Die Aufhebung war unvermeidlich, schon um der Kirche den Grundbesitz zu erhalten. Doch von der Erziehung der Menschen zur Menschlichkeit wird später geredet. Zunächst muß von dem Lande selbst gehandelt werden, das deutsche Arbeit aus einer Wüste in einen Garten verwandelt hat. Diesem Lande steht es nun auf seinem Gesichte geschrieben, daß es deutsch ist.
Es ist nur eine Ecke des Regierungsbezirkes Bromberg, von der ich rede, und es liegt mir fern, was ich hier beobachtet habe, auf die ganze Provinz Posen zu übertragen. In meiner Kindheit hörte man noch von dem »Großherzogtum« reden, ein Beweis, wie kurzsichtig es war, daß man 1815 diese preußischen, aber zu Deutschland staatsrechtlich bis 1868 nicht gehörenden Landesteile zu einer Provinz zusammenschlug, noch dazu unter einem polnischen Gouverneur, wenn es auch ein Radziwill war.
Von Kujawien will ich reden. Das war nicht nur einmal ein Herzogtum und jahrhundertelang ein Bistum gewesen, sondern Mieczko I. ist überhaupt der erste sicher beglaubigte polnische Fürst und hat im 10. Jahrhundert sein Schloß am Goplosee in Kruschwitz gehabt. Hier beginnt die polnische Geschichte mit dem Königshause der Piasten. Kujawien reicht auf das rechte Ufer der Weichsel hinüber, westlich nur bis an den Pakoscher See, so daß der Kreis Mogilno von den Kujawiaken schon ziemlich wie ein anderes Land angesehen ward. Ich habe mich auf meiner Dissertation als Cujavus[13]  bezeichnet, also schon damals bekannt, daß ich mich als deutscher Kujawiak mit meinen polnischen Landsleuten durch die Geburt, durch die Natur, also durch die gemeinsamen heimischen Götter verbunden fühlte, die uns alle genährt haben.
Dieselben polnischen Sümpfe sind Quellgebiet von Warthe und Netze. Zu jener fließt das Wasser südlich, zu dieser nördlich, zunächst in den großen Goplosee, den die Grenze durchschneidet, wo er noch ziemlich breit ist. Er zieht sich dann so eng zusammen, daß er leicht überbrückt ward; vermutlich ist da eine Furt gewesen. An ihr liegt Kruschwitz und dicht davor hat auf einer seit der Schiffbarmachung der oberen Netze landfest gewordenen Insel eine Burg gelegen, die wir als Burg der Piasten betrachten mögen, wenn ihre Bauten auch sehr viel jünger sind. Es ragt noch weithin sichtbar ein sechseckiger Turm empor, auf festem Steinfundamente aus guten Ziegeln errichtet. Steine sind selten, denn sie finden sich nur vereinzelt im Boden, Reste von Muränen. Dies ist der Mäuseturm, an dem dieselbe Sage hängt wie bei Bingen; der böse König heißt hier Popiel. Auch eine in der Bauart entsprechende Mauer umzog die Insel. Ihre Fundamente sind ausgegraben, als mein Bruder Landrat war, und durch eine Heckenpflanzung ersetzt, zu der die Sträucher aus unserem Garten kamen. Der Kreis stellte einen verarmten Adligen, Pan Bronikowski als Wächter an, denn die Insel sollte allen Eingeborenen ein gemeinsames Heiligtum werden, von dem aus sie sich an der prächtigen Aussicht über See und Landschaft gemeinsam erfreuen könnten. Gewaltige Steinkugeln fanden sich und sind teils eingemauert, teils am Fuße des Turmes aufgeschichtet; demgemäß wird die Zerstörung der Burg wohl in die Schwedenkriege des 17. Jahrhunderts oder den auf den Frieden von Oliva folgenden Bürgerkrieg fallen, der sich in dieser Gegend abgespielt hat.
Wenig weiter abwärts liegt auf dem rechten Seeufer eine uralte Kirche, neben der in kümmerlichen Häuschen die Mitglieder des verarmten Domkapitels wohnten. Als König Friedrich Wilhelm IV. im Anfange seiner Regierung bei dem Kammerherrn von Schwanenfeld in Kobelnik als Gast weilte, fuhr er zu der damals verfallenen Kirche und befahl ihre Wiederherstellung, was seine Architekten recht stillos besorgt haben. Es soll dabei ein altes »Götzenbild« irgendwo vermauert sein. Es war meine erste archäologische Unternehmung, daß ich als Sekundaner diesem Monumente nachforschte und nachfragte. Vergeblich; ein heidnisches Werk ist es schwerlich gewesen, vielleicht hat es nur in dem Glauben existiert, daß die Kirche aus der Zeit des Überganges zum Christentum stammte.[14]
Schrägüber liegt Kobelnik (Kobylniki, Stutendorf, auf einstige Pferdezucht deutend) und umrahmt mit seinem weitgestreckten Parke dieses Ufer des Sees, während auf der anderen Seite dichtes Röhricht selbst dem Schwimmer verwehrt, an Land zu gehen. Kobelnik ist der Herrensitz einer Anzahl von Gütern, die schon vorher unter der Verwaltung eines Deutschen gestanden hatten, als sie ein in Warschau lebender Herr von Schwanenfeld 1789 erwarb. Einer seiner Nachkommen war preußischer Kammerherr und heiratete die älteste Schwester Emma meines Vaters; von ihr hat mein ältester Bruder den Besitz geerbt und sich das neue Herrenhaus erbaut.

Markowitz in Posen. Nach einem Aquarell

Der Fluß, der aus dem Goplosee heraustritt, heißt jetzt Netze, ward aber früher zunächst Montwy genannt und hat diesen Namen an eine stattliche Ortschaft abgegeben, die sich im Anschluß an die Anlage einer Zucker- und einer Sodafabrik da gebildet hat, wo zunächst eine Furt war, seit der Mitte der 50er Jahre die Chaussee Posen-Thorn läuft, die einer Diebesherberge ein stattliches Chausseehaus hinzufügte. Die Chaussee geht süd-nördlich von dem winzigen Städtchen Strelno nach Inowrazlaw über Markowitz, das mein Vater 1836 von der preußischen Offizierswitwenkasse erwarb, deren Verwaltung allerdings wenig geleistet hatte. Inowrazlaw liegt auf einem »Berge«, den freilich nur die Eingeborenen als solchen erkennen. In seinem Grunde birgt sich das Steinsalz, das am anderen Weichselufer in dem Solbade Ciechoczinek schon ausgenutzt war, ehe man in Inowrazlaw sich um das Salz bemühte; längst hätte der Staat mit irgendeiner Industrie beginnen sollen. Jetzt ist auch hier ein heilkräftiges Solbad. Der Betrieb der Salzgewinnung geschah zu leichtsinnig und hat bedenkliche Senkungen des Bodens in der aufblühenden Stadt zur Folge gehabt. Das hat gerade die neuerbaute katholische Kirche unbenutzbar gemacht, die an Stelle einer älteren ausgebrannten Ziegelkirche errichtet war. Eine protestantische Kirche ward in meiner späteren Kindheit erst erbaut. Auf dem weiten Marktplatz stand ein hoher Wartturm, der wegen Baufälligkeit beseitigt werden mußte. Man sagte, er wäre vom Deutschen Orden errichtet, der Kujawien nur kurze Zeit einmal behauptet hat. Schwerlich war die Annahme begründet.
Die Netze windet sich dann weiter durch einstige Sümpfe und Seen, erhält auch aus solchen Zuflüsse, den ersten von Süden aus dem Pakoscher See, den die Eisenbahn Posen-Thorn überschreitet; am rechten Ufer liegt ihre Station, der mein Bruder den Namen Amsee gegeben hat; jetzt hat sich im Anschluß an die älteste Zuckerfabrik der Gegend auch eine Ortschaft gebildet. Da ist also die Westgrenze des alten Fürstentums Kujawien. Die Schiffbarmachung der unteren Netze, die Ende der 50er Jahre stattfand,[15]  später die der oberen hat die Wasserhöhe des Goplo stark gesenkt, andere Entwässerungsanlagen, endlich ausgedehnte Drainage hat die Landschaft bis zur Unkenntlichkeit verändert. Keiner kann sich jetzt vorstellen, daß mein Vater auf einem Kahne zur Entenjagd fuhr, wo jetzt ein meist trockener Graben zu üppigen Wiesen des Nachbargutes Zerniki und weiter führt. Östlich vom unteren Goplo dehnte sich Sumpf und Steppe, Bachorze nach einem kleinen Wasserlaufe genannt. Westlich wuchs den Anliegern ein Landstreifen zu, auf dem zunächst einige reiche Ernten von Raps und Rübsen großen Gewinn abwarfen; danach ließ sich nur ein Teil durch Rimpausche Dämme urbar machen. Es ergab sich auch ein bald erschöpfter Torfstich. Diese Ränder eignen sich nur zur Anpflanzung von Erlen und ähnlichem Gehölz. Dafür sind die weiten Felder Kujawiens von einer schweren, schwarzen Humusschicht bedeckt, die an Fruchtbarkeit von keinem Boden übertroffen wird, und auch wo der Boden leicht, auch wohl sandig wird (alte Dünen), läßt er sich ertragreich machen. In einiger Tiefe liegt Mergel, der früher zur Verbesserung des Bodens aufgegraben ward. Fruchtbäume, namentlich Pflaumen und Kirschen, gedeihen auf dem schwarzen kujawischen Boden schlecht, weil ihre Wurzeln den Mergel nicht vertragen; ihr Leben ist kurz. Wasseradern liegen tief, so daß es nur Ziehbrunnen gibt, und der Brunnenmeister, der Wasser fand, eine gewichtige Person war3. Es machte mir den Eindruck eines Wunders, als ich in Thüringen zuerst eine wirkliche Quelle und einen rieselnden Bach sah: das kannte ich nur aus Märchen und Gedichten.
Ziemlich alles Land wird ursprünglich von Wald bedeckt gewesen sein, den ältere Aufzeichnungen mehrfach erwähnen; bei Strelno liegen weite staatliche Forsten, aus denen sich Rehböcke einzeln nach den kleinen Waldstücken verlaufen, die hie und da erhalten sind. Auf gutem Boden haben Eichen gestanden, unsere deutsche schöne Buche fehlt, die niedrige Hagebuche ist vorhanden, Birke überwiegt. Pappeln verschiedener Art, auch Silberpappeln werden in den Gärten am höchsten, auch hohe Weiden fehlen nicht. In Kobelnik war die Anpflanzung seltener Bäume und Gesträuche schon früher gelungen. Jetzt stehen an den Straßen viele Rüstern; ich habe[16]  als Knabe erlebt, wie die ersten eingeführt wurden, auch Roßkastanie und dann Platane. Feineren Nadelhölzern und selbst den Fichten wird ein besonders strenger Winter wie der von 1870 verderblich; ebenso kann ein dürrer Sommer, wie sie nicht selten sind, wirken. Daher sind hohe Fichten eine große Seltenheit; Douglasfichte und Thuia scheinen das Klima besser zu vertragen. Jetzt ist die Landschaft freundlich durch die Umpflanzung auch der Feldwege, aber das hat unendliche Geduld erfordert, denn der Pole war roh gegen die Pflanzen. Ich erinnere mich eines Pfingsttages, an dem die Kirchgänger eine eben von meiner Mutter gepflanzte Allee ganz zerstört hatten, weil die kräftigen Stämmchen sich zu Peitschenstielen eigneten. An den Rainen aber gedieh die Schlehe und einzeln stand ein wilder Birnbaum, die Kruschke: die wurden geschont, weil die Früchte Liebhaber fanden. Im Walde gibt es noch einzelne Exemplare der Elsbeere, pirus torminalis, die wir Brotfruchtbäume nannten, aber eßbar sind die Früchte nicht mehr als die Birnen der Kruschke. Nun haben Botaniker in unserem Wäldchen noch andere Seltenheiten entdeckt, den Feldahorn und die Zwergkirsche, prunus fruticosa, die seitdem sorgfältig geschützt werden. Frühlingsblumen fehlten fast ganz außer Löwenzahn und in den Gräben die schönen echten Vergißmeinnicht. Anemonen, Leberblumen, Lungenkraut, Orchideen lehrten mich in den Wäldern von Pforte erst, was ein Frühling ist. Schafgarbe, Zichorie, Stechapfel, das waren die Hauptvertreter der kujawischen Flora. Daher haben die schönen Landschaftsbilder des polnischen Dichters Kasprowicz, die ich in der Übersetzung gelesen habe, in mir ganz heimische Erinnerungen erweckt.
In den deutschen Fibeln stand lange der Spruch:

Der wilde Wolf in Polen fraß

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den Tischler samt dem Winkelmaß.

Das ist mir oft höhnisch entgegengehalten, wenn ich als Schüler meine Heimat rühmte. Der letzte Wolf ist mir 1856 im Berliner Zoologischen Garten gezeigt worden, ein Wolf aus dem Forste von Mierau bei Strelno. Er trug ein Halsband mit seiner Heimatsbezeichnung, weil er der letzte Überläufer aus Polen war. Aber als Lothringen deutsch ward, mußten Schußprämien für Wölfe ausgesetzt werden, weil die schlechte französische Forstverwaltung ihrer in den Argonnen Herr zu werden niemals verstanden hat. Ein seltenes Wild kam im Herbste aus den östlichen Steppen herüber, die Trappe, und entzündete die Lust, den scheuen und klugen Vogel zu erbeuten, was kaum je gelang. Mein Neffe hat sich einmal als Kujawianka verkleidet und[17]  konnte sich heranschleichen, weil der Vogel das Weib für ungefährlich hielt. Übrigens hieß es, was man auch vom Auerhahn sagt, zunächst wäre die Trappe ungenießbar; man müßte sie erst einige Tage in die Erde graben, und dann wäre es am besten, wenn man sie vergäße. Iltis und Marder kamen nicht selten vor. In dem alten Hause in Kobelnik tanzten die Marder allnächtlich auf dem Boden; daran mußten sich die Gäste gewöhnen. Fuchsgraben in unserem Wäldchen war ein jährliches Vergnügen. Im Herbstnebel den Dohnenstieg längs zu gehen, war eine Freude; noch waren die Zugvögel, darunter Dompfaffen, Nebelkrähen u. dgl. nicht geschützt. Aber es hieß früh aufstehen, denn die Bauern, manchmal auch die Herren Nachbarn wußten auch den Weg. Massenhaft schwärmten im Winter Dohlen und Krähen. An denen lernten wir Jungen schießen, nachdem die ersten Versuche an Spatzen geglückt waren. Diese ergaben würzige Spatzensuppe und auch gebratene Dohlen waren unverächtlich. Im Kriege hat auch der Berliner sogar Krähen gegessen.
Die Jagd, an der ich freilich aktiv nur ganz wenig teilgenommen habe, war ergiebig. Die Schnepfe strich, Wachtel, Wachtelkönig, in dem Sumpf und Röhricht Wasserhuhn und Bekassine, vor allem Rebhühner. Toujours perdrix ward als eine sehr willkommene Abwechselung von toujours mouton empfunden, und namentlich die Hasen, die im Eiskeller monatelang aufbewahrt wurden, kamen für die Ernährung stark in Betracht. Die Treibjagden waren die größten Gast- und Festtage, zu denen die deutschen Besitzer auch aus weiterer Ferne sich gegenseitig einluden. Bei uns ward die Hasenjagd allerdings einige Jahre zerstört, weil mein Vater sich zum Hetzen hatte verleiten lassen. Ein Windhund, wirklich ein schöner Solofänger, war, ich weiß nicht wie, ins Haus gekommen, und nun ging es los. Erjagt ward sehr wenig, um so mehr Hasen gingen ein; es heißt, daß die äußerste Anstrengung, mit der sie sich schließlich retten, sie doch bald hinrafft. Vor allem aber waren sie schlau genug, über die Grenze zu gehen, und die Nachbarn, die sich über den Zuwachs zu freuen allen Anlaß hatten, konnten sich über die Hunde, manchmal auch die Reiter beschweren, weil sie die Grenzen nicht immer respektierten. Einmal habe ich eine ganze Hetze mitgeritten, was mir sehr wertvoll ist, denn so habe ich die Leidenschaft erfahren, die auch den Widerwilligen packt, und verstanden, daß die Hetze in England noch heute so viel getrieben wird. So in der Karriere fliegen, über jedes Hindernis, Graben und Hecke setzen, dem Hasen, wenn er geschickt eine Volte schlagen will, durch rasches Herumwerfen des Pferdes den Weg verlegen, das macht das Blut sieden, ein Rausch, vergleichbar dem gemeinen Reize, den das Glücksspiel[18]  mit hohem Einsatz ausübt. Auch das soll man einmal kosten. Wer niemals einen Rausch gehabt, der ist kein rechter Mann. Zu freier sittlicher Haltung gelangt erst, wer seine Leidenschaften überwindet, weil er ihren Reiz erfahren hat, sagt ein Athener.
Fische waren zwar keine Volksnahrung, aber doch noch reichlich vorhanden; in den fließenden Gewässern gab es Hecht und Schlei, selbst in kleinen Teichen Karauschen. Der untere Goplo ist jetzt durch die Abwässer einer Zuckerfabrik verseucht; als er noch von keinen Dampfbooten und Schleppern durchfahren war, gab es in kalten Wintern die Eisfischerei. Da ward es zu einem Volksfeste, wenn auf dem festgefrorenen Goplo Löcher geschlagen und Netze gezogen wurden. Groß und klein fuhr in Schlitten auf die Eisdecke, man lief und fror und schaute sich an, was zappelnd aus den Netzen kam, ganze Wagenladungen voll; ein Wels von Meterlänge war nicht unerhört. Das gab für die Leute reichliche Fest- und Fastenspeise4.
Die Landschaft ist durch den Rübenbau ganz verändert, der in den ersten 70er Jahren anfangend bald eine große Ausdehnung erhielt, zumal auch die Bauern Land genug hatten, um sich an ihm zu beteiligen; in der Genossenschaft, die mein Bruder mit einem Nachbarn gründete, waren polnische und deutsche Bauern Mitglieder. Voraussetzung war, daß die Eisenbahn Posen-Thorn, später auch Inowrazlaw-Bromberg endlich gebaut und auch sonst für bessere Wege gesorgt war. Solange über 50 Kilometer weit alles verkaufte Getreide durch die eigenen Gespanne abgeführt, jede Maschine zugeführt werden mußte, war die Belastung der Wirtschaft allzu schwer. Kohlen konnten nicht beschafft werden; und wer hält heute einen Betrieb ohne sie für möglich? Rindvieh ward nur zur Milchgewinnung gehalten; nicht einmal Käsereien bestanden. Die Düngung blieb daher ungenügend. Immer noch lagen mehrere Schläge brach, Bau der Ölfrüchte war ein Risiko; Klee, der zum Futter nicht entbehrt werden konnte, wo Wiesen fehlten, winterte leicht aus. Da war die Schafzucht eine Haupteinnahmequelle; es sind in Markowitz wohl 4000 gehalten worden. Die Schafwäsche und Schur war ein Fest von mehreren Tagen. Da saßen die Kujawiankas höchst vergnügt[19]  mit den Beinen im Wasser und langten sich Schaf um Schaf, das unter den waschenden Händen elendiglich blökte, noch mehr unter der Schere der Männer, die nur zu oft ins Fleisch kniff. Allgemeine Fröhlichkeit; es gab viel Schnaps. Der Schafmeister, ein vortrefflicher Schlesier, war so vornehm wie der Inspektor, ein treuer Mann; leider kam er früh als erster auf unsern Waldfriedhof, wo ein ehernes Kreuz sein Grab erhält. Wir Kinder waren ihm zutraulich; alle Monat kam er, uns eigenhändig zu scheren. Jedes Jahr reiste ein weiser Mann herum, der abends sehr gut essen und trinken wollte; er brachte den Geruch aus dem Schafstall mit, wo er jedes Tier begutachtet und den Stapel der Wolle geprüft hatte, denn gezogen wurden edle Merinoschafe5. Neben ihm stand ein Gehilfe mit einer Zange und kniff jedem Hammel oder Mutterschaf ins Ohr, das als Brackschaf zur Schlachtung im nächsten Jahre verurteilt ward. Darin bestand die Hauptnahrung für den Gesindetisch, aber auch für die Herrschaft, wo nur das zahlreiche Geflügel hinzukam. Die Küken warteten gute »Onkel«, Kapaune, die Schnaps bekamen, was für notwendig galt, damit sie bei ihren Schützlingen blieben. Die schwierige Putenzucht besorgte eine alte krumme Polin; sie bekam offiziell keinen Schnaps, aber betrunken war sie meistens und besorgte ihr Amt zur Zufriedenheit. Gänse konnten bei uns nicht so viel gezogen werden, wie man es gern getan hätte; denn die Bauern, die einen großen Teich hatten, machten mit Gänsen sehr gute Geschäfte bei den Juden von Inowrazlaw, die Gans hieß ja das Schwein des Juden. Als die australische Wolle in Massen auf den Markt kam, lohnte auch die Schafzucht schlecht. Aber als gute Verbindungen, Rübenbau, Drainage, künstlicher Dünger die Erträge der Felder vervielfachte, kam auch die Rindviehzucht auf, und von Schafen wurden Fleischschafe zum Verkauf gezüchtet; auf den eigenen Tisch kam nur eins im Jahre. Galsworthy läßt einen seiner Forsytes den festlichen Hammelrücken aus Deutschland beziehen. Einen besonderen Erfolg hatte das tiefe Pflügen: es zerstörte die Engerlinge, wobei die Saatkrähen fleißig halfen. Vorher war die Maikäferplage so groß, daß man in ihrer Flugzeit wirklich nicht in den Garten gehen konnte, Kastanien gar nicht aufkamen, die Hagebuchen und Eichen kahl wurden, die Rosen nur durch ständiges Absuchen erhalten werden konnten. Die ganze Dorfjugend sammelte die Käfer sackweise,[20]  das Federvieh konnte den Fraß nicht bewältigen. Ich habe den Ekel gegen das Ungeziefer nicht verloren, aber Widmans Maikäferkomödie hat ihr Wesen gut beobachtet.
Schon als ich 1876 nach Vorpommern kam, fiel mir auf, wie weit die Landwirtschaft hinter der unseren zurückstand, wie viel weniger gepflegt Felder und Wege waren. Nun ist seit Jahrzehnten Kujawien, was es nur werden konnte, terra di lavoro, wie Kampanien, gesegnet wie dieses, und schön ist es auch für den, der den Sieg über die Natur oder vielmehr die Befreiung der Kräfte, welche der Schoß der gütigen Mutter barg, zu würdigen weiß. Und auch sinnliche Schönheit fehlt nicht auf der endlos sich dehnenden Fläche, die von vielen Dörfern mit Kirchtürmen und Fabrikschornsteinen unterbrochen wird. Dunkele Alleen zwischen dem Grün und Gelb der Felder oder auch über dem schwarzen Sturzacker, im Winter dem blendenden Weiß des Schnees. Hoch oben ziehen die Wolken – sie habe ich nie so schön und gestaltenreich gesehen. Die Gestirne der Himmelskugel leuchten zwar nicht so stark wie im Süden, aber sie weckten dem Knaben die Andacht zur ewigen Ordnung, die er nie verloren hat, das erste Gefühl hellenisch-platonischer Frömmigkeit. Der Himmel war in den letzten 50er Jahren an besonderen Wundern reich: wie jagten sich in den hellen heißen Sommern die goldenen Sternschnuppen, wie oft wurden die Knaben aus den Betten geholt, im Sommer, wenn die schweren Gewitter niedergingen, furchtbar schön; Angst hat uns nie angewandelt; im strengen Winter um das Nordlicht flammen zu sehen; das ist mir nie wieder begegnet. Und einmal, 1859, zeigte sich ein wirklich wie eine Gottesgeißel geschwungener großer Komet – es ist seitdem kein vergleichbarer wiedergekommen. So weit ich auch in der schönen Welt herumgekommen bin, ein leises Heimweh nach solcher kujawischer Schönheit habe ich im Grunde der Seele immer getragen.
Das russische Polen zeigte uns, wie es vor der preußischen Zeit ausgesehen hatte. Seit dem Aufstand von 1863 waren nur wenige Übergangsstellen dem Verkehre geöffnet, die Kontrolle unbequem. Die gute preußische Chaussee führte bis an die Grenze, damit Schluß; jenseits mochte der Wagen sehen, wie er durchkam. Die Russen hatten mit Absicht eine Zone längs der Grenze wüst gelegt. Ich bin nur einmal mit meinem Bruder auf dem kleinen Dampfer seiner Zuckerfabrik den Goplo hinaufgefahren, wo ihm noch ein Wald gehörte, der aber bald abgeschlagen und dann das sandige Gelände an Bürger der nächsten Stadt losgeschlagen werden mußte. Der Ausländer sollte keinen Grund und Boden besitzen oder wenigstens nicht vererben. Die Veranlassung unserer Fahrt war, daß die Grenzwächter, Kosaken, denen der Besitzer ein[21]  Wachhaus im Walde hatte errichten müssen, ihren Wachtmeister erschlagen und die Leiche, an einen Eichenstamm gebunden, in einem Teiche versenkt hatten, was zu Verhandlungen mit den Behörden führte.
Drei Völker lebten im Lande: Polen, Juden, Deutsche, im wesentlichen ohne sich zu vermischen. Ein preußisches Staatsgefühl war zunächst nur von den Deutschen zu verlangen; es ist auch ihnen natürlich erst sehr allmählich zum Bewußtsein gekommen, und sie hatten auf die Regierung noch lange keinen Einfluß, aber sie fühlten sich doch den anderen gegenüber als das Volk, dem die Herrschaft zukam. Friedrich der Große hat sofort mit starker Hand durchgegriffen, für Sicherheit und Ordnung gesorgt, dem wirtschaftlichen Notstand und der Rechtlosigkeit nach Kräften gesteuert, hat auch erreicht, daß die Errichtung des Großherzogtums Warschau durch Napoleon keine Begeisterung erweckte und ein ziemlich wirkungsloses Intermezzo blieb. Auf dem Papier hatten die Franzosen allerhand Freiheiten gebracht, sich aber durch ihre Ausbeutung des Landes so verhaßt gemacht, wie sie es immer und überall getan haben und heute erst recht tun; es darf nur nicht ausgesprochen werden. Das Neue verschwand wieder bis auf die Beseitigung der patrimonialen Gerichtsbarkeit, was also ein Vorzug der Provinz blieb.
Die Angliederung einiger Woiwodschaften an Preußen kann mit der Zerstörung des polnischen Staates durch die dritte Teilung gar nicht auf eine Stufe gestellt werden. Die Bevölkerung war auch ganz einverstanden, und weshalb sollte ihr ein sächsischer August lieber gewesen sein als der preußische Friedrich? Das ganze niedere Volk war vollkommen rechtlos und dachte nur an seine nächsten Bedürfnisse, die Juden ebenso. Ihre Lage wandte sich zum besseren; da waren sie zufrieden. Die katholische Kirche behielt unter dem Beschützer der Jesuiten ihre Freiheit. Die Schlachta behielt ihren Adel und die Steuerfreiheit ihrer Güter, für die Landwirtschaft kam sogar eine günstige Konjunktur. Sie hatte Aussicht auf Verwendung in der Verwaltung und Polen traten in beträchtlicher Anzahl in das Heer. Zahlreiche Familien sind dadurch deutsch geworden, zunächst vom Adel, später mehr als Unteroffiziere und Militäranwärter; der Slawe ist ja ein vortrefflicher Soldat. 1772 dachte noch niemand an einen nationalen Staat. Die Diplomaten des Wiener Kongresses haben es auch nicht getan und damit eine schwere Schuld auf sich geladen. Aber nun blieb es dabei, daß alles Untertanen waren, zwischen denen kein Unterschied gemacht ward; für die Deutschen, die erwarten durften, als Bürger des Staates behandelt, zum Teil zu solchen erzogen zu werden, war das eine Zurücksetzung, und als sie schließlich Staatsbürger wurden, erhielten[22]  auch solche Untertanen dasselbe Recht, denen das Staatsgefühl fehlte. Wie hatten doch einst die Römer das keltische Oberitalien mit einfachen und den Eingeborenen genehmen Mitteln rasch zugleich für die Kultur und für das Römertum gewonnen. Wer das weiß (was freilich damals niemand wußte), kann leicht sagen, was möglich war und Erfolg haben konnte. Die bürgerliche Gleichberechtigung kam allen zu, aber politische Rechte gebührten nur dem, der sie sich durch die Kenntnis der Sprache des Staates und den Eintritt in das Heer oder den Dienst in der Gemeindeverwaltung persönlich erwarb. Schon die Bildung der Provinz Posen war verkehrt. Der Netzedistrikt war preußisch gewesen und hatte mit Westpreußen zusammengehangen, das ganz wider die natürliche Gliederung und die wirtschaftlichen Verbindungen mit Ostpreußen vereinigt ward. Aber die westpreußische Landschaft hat immer auch den Netzedistrikt umfaßt, und unsre Leute dienten im pommerschen Armeekorps. Aus dem westlichen Teile hätte ein Regierungsbezirk der Provinz Brandenburg gemacht werden sollen, aus dem südlichen einer von Schlesien. Mit der Kurie hätte sich damals eine Änderung der Diözesengrenzen vereinbaren lassen. Erst als es zu spät war, ist man auf diesen Gedanken gekommen.
Die beiden ersten Jahrzehnte nach 1815, die eine verhängnisvolle Agrarkrise brachten, haben für die Provinz schlechthin gar nichts getan, und die Wegelosigkeit, die völlige Vernachlässigung der Schule blieben wie sie waren, selbst die Auseinandersetzung der Bauern mit den Rittergütern schleppte sich bis in die 40er Jahre hin. Zuwanderung von Deutschen stockte. Erst in den 30er Jahren trat in dem Oberpräsidenten v. Flottwell ein ebenso einsichtiger wie energischer Mann an die Spitze der Provinz, durch dessen Eingreifen auf allen Gebieten ein gewaltiger Ruck vorwärts gemacht ward. Deutsche Besitzer mußten zuwandern, das materielle und geistige Gedeihen aller Bewohner gehoben werden, stramme deutsche Verwaltung die übermütige Schlachta bändigen. Aber als er abtrat, erlahmte der Eifer, manches schlief ganz ein. Von Berlin aus ist niemals im Geiste Flottwells regiert worden. Das polnische Landvolk und die Judenschaft hat die Förderung durch Flottwells Regiment dankbar empfunden; anders der Adel. Der nahm es übel, daß die fester angezogenen Zügel ihm beliebte Seitensprünge verwehrten. Das polnische Nationalgefühl war erweckt und erzeugte die Entfremdung von dem deutschen Wesen. Diese Umstellung der Gesinnung kam aus dem russischen Polen herüber, das unter dem Kaiser Alexander I. eine gewisse Selbständigkeit besaß und gegen Nikolaus 1830 den ersten Aufstand unternahm. Zu ihm zogen nicht wenige Adlige aus[23]  Preußen hinüber. Einer unserer Nachbarn ließ sich später noch General nennen, so wenig militärisch die Erscheinung des dicken alten Herrn auch war. Über die deutsche Grenze kam der Aufstand zwar nicht; nur die Cholera erschien ein erstes Mal in seinem Gefolge. Das Landvolk ließ sich im ganzen nicht verleiten, aber die Gerichte hatten doch eine nicht geringe Anzahl von Verurteilungen auszusprechen, und schon diesmal war die Begnadigung der meisten Schuldigen nicht angebracht. Flottwells Ernennung war eine gute Folge der unliebsamen Erfahrungen von 1830.
Rußland schlug den Aufstand nach den ersten Mißerfolgen grausam nieder und erreichte durch seine Gewaltherrschaft nur, daß das Feuer unter der Asche glimmend alle Herzen erfaßte und der Gegensatz der römischen Kirche zu der orthodoxen sich verschärfte. Beides griff nach Preußen herüber. Die Kirche behandelte polnisch und katholisch als dasselbe; sie hat einige von Bamberger Deutschen in der Nähe von Posen besiedelte Dörfer unter den Augen des Oberpräsidenten sehr rasch polonisiert. Fast der ganze Adel frondierte offen oder geheim. Eine Person wie der Graf Raczynski war hinfort undenkbar, der in Berlin sein Palais baute und seine Gemäldesammlung nicht nach Posen vermachte, sondern in Berlin ließ. Daß sie jetzt in Posen ist, hat die preußische Regierung viel später verfügt.


Gefährlich wurden zunächst nur die Emigranten aus dem russischen Polen, denen sich auch einige Familien aus unserer Provinz anschlossen, obwohl sie sich über nichts zu beschweren hatten. In Paris und der Schweiz mischten sich diese Polen mit den deutschen Flüchtlingen, die vor der Reaktion gewichen waren und die öffentliche Meinung mit ihren Brandschriften erfolgreich beeinflußten. Auch in Deutschland, zumal im Süden, gab es polnische Flüchtlinge oder solche, die es sein wollten, und ihr theatralisches Auftreten machte starken Eindruck. So ist die ebenso gedankenlose wie schädliche Polenschwärmerei des sentimentalen Liberalismus entstanden, in die sich bei den Süddeutschen ein blöder Preußenhaß mischte. Wie es bei uns aussah, davon wußte niemand etwas und fragte niemand. Graf Platen sang in dem fernen Italien seine Polenlieder. Sein Feind Heinrich Heine war in Paris den edlen Polen Krapulinski und Waschlapski zu nahe, um trotz allem Preußenhaß in diese Töne einzustimmen. In Paris beschloß man den Aufstand, der in Posen für das Jahr 1846 vorbereitet ward. Aber der Oberpräsident war unterrichtet, das Militär auf seinem Posten, die Hochverräter wurden verhaftet und zur Aburteilung nach Berlin befördert. Noch zeigte sich, daß das Landvolk keine Neigung hatte, den Aufrührern zu folgen.[24]
Bei meinen Eltern war gerade Gesellschaft, sowohl die Polen, mit denen nachbarlicher Verkehr war, wie die Offiziere aus Inowrazlaw waren geladen. Große Aufregung, als die letzteren ohne Begründung absagten, die Polen ausblieben. Die Offiziere waren gleichzeitig kommandiert, den Haussuchungen und Verhaftungen Nachdruck zu verleihen. Seitdem blieb die Lage gespannt; sie ward es auch in Berlin durch den Kampf um eine Volksvertretung immer mehr. Bald entfesselte der Sturz des Julikönigtums auch die deutsche Revolution. Gewiß waren die Zustände unhaltbar, die Sehnsucht in den Besten des Volkes nach Einheit und politischer verantwortlicher Mitarbeit am Staate drängte vorwärts, und ohne einen starken Druck waren die Fürsten und die Regierungen zum Nachgeben nicht zu bewegen. Aber den richtigen Weg zum Ziele, zur Einigung und Macht der Deutschen, konnte die politische Unerfahrenheit nicht finden, und in einem zentralisierten Einheitsstaate war es nicht nur unerreichbar, sondern war auch falsch bestimmt. Daß man sich hierin und in dem Anschluß an den nicht englischen, sondern französischen Parlamentarismus vergriff, ist verhängnisvoll geworden. Bereitwillig müssen wir anerkennen, daß wir Deutsche in unserer Geschichte wiederholt starke und fruchtbare Anregung von den Franzosen erfahren haben, auch 1789 und von Napoleon. Dumm und ungerecht wäre es, darum die großen besonderen Gaben des génie français leugnen zu wollen, wie drüben die meisten uns gegenüber so zu denken oder doch zu reden ungerecht und dumm genug sind. Aber der deutsche Geist hat doch seine größten Taten dann vollbracht, wenn er das gallisch-romanische Wesen ausschied, das auf das spezifisch Germanische wie ein Gift wirkt. Auf dem staatlichen Gebiete gilt es besonders, und die Neubildung des deutschen Staates wird nur gelingen, wenn die germanische Selbstverwaltung den Sieg über die Allmacht des zentralisierten Staates unter der Oberherrschaft eines korrupten Parlamentarismus gewinnt. Allerdings gehört auch etwas dazu, was wir an den Franzosen zu bewundern allen Grund haben, weil es von Deutschen oft schmählich verleugnet wird, die unbedingte Hingabe an das Vaterland und der Glaube an seine Größe, seine Ehre und sein Anrecht auf die entsprechende Geltung in der Welt.
Immerhin war der Sommer 1848 für Deutschland eine große Zeit der Hoffnung. Bei uns stand es ganz anders. Preisgegeben waren wir, preisgegeben von dem Könige und ganz ebenso von der Nationalversammlung in Frankfurt. Wir haben es beiden nicht vergessen. Statt den Hochverrätern gemäß dem Richterspruche den Kopf vor die Füße zu legen, ließ sie der König los, und der sentimentale Liberalismus klatschte Beifall. Der Erfolg war, daß[25]  sie in der Uniform der preußischen Landwehr die polnischen Sensenmänner auf unserem Dorfplatze einexerzierten. Meine älteren Brüder sahen durch die Spalten eines Bretterzaunes zu. Im herrschaftlichen Kruge zu Markowitz war ein Hauptquartier; da verteilte man die Haut des Bären, den man jagte, die deutschen Güter. Meine Eltern waren nicht geflohen; vor ihrem Hause standen Posten, allerdings mehr zum Schutze gegen Plünderung von den früheren Bekannten aufgestellt. An Bestellung des Landes war nicht zu denken, Pferde und Vieh waren genommen, soweit sie gebraucht wurden. Im Laufe des Jahres wechselten die Verhältnisse mehrfach; eine Weile müssen meine Eltern wohl in Bromberg gewesen sein. Meine Mutter geriet einmal in einen wüsten Trupp von Aufständischen, die sie herausrissen und den Wagen nehmen wollten. Da erkannte sie einer unserer Leute und rief: das ist ja die gnädige Frau aus Markowitz. Das genügte. Aber die Erregung durch diese Monate war doch so stark, daß ich zu früh ohne Hilfe einer Hebamme zur Welt kam. Schließlich erschien doch die preußische Kavallerie, und der Aufstand brach leicht zusammen. Gustav Freytag hat selbst angegeben, daß sein Kampf um das Schloß der Rothsattel einer heldenmütigen Verteidigung der Domäne Strelno nachgebildet ist. Ein besonderes Ereignis erwähnte meine Mutter gern. Als unsere Soldaten heranzogen, aber unsere polnischen Leute fast noch alle bei den Rebellen standen und die Pferde entführt waren, mein Vater abwesend, saß sie einsam bei der Arbeit; plötzlich kam ein Mann von hinten durch den Garten gelaufen, drang über den Balkon ins Haus und fiel um Gnade und Rettung flehend meiner Mutter zu Füßen. Es war ein Bekannter aus früherer Zeit (ich bin des Namens nicht sicher genug, um ihn zu nennen), jetzt waren die Reiter hinter ihm her. Da ließ die deutsche Frau das Pony ihres ältesten Jungen von dem alten treuen Kutscher Pawel an ein Wägelchen spannen, und der Flüchtling ist glücklich über die russische Grenze entkommen.
Allmählich renkte sich alles wieder ein; manches ward besser; die Chaussee ward gebaut, ein Landrat konnte in einem Herrn von Heyne aus den Deutschen des Kreises genommen werden, denn in der Zeit der Not hatte auch die Beamtenschaft vielfach versagt. Aber unmittelbar an den Aufstand schloß sich die furchtbar verheerende Cholera6, der Wohlstand war zerstört, ein[26]  schweres Ringen um die Existenz begann, und erschüttert war auch das Vertrauen auf die eigene Regierung, gegen die Deutschen im Reiche ein bitteres Gefühl erweckt.
Mit den Polen war nun kein Verkehr mehr möglich. Nur einer erschien zuweilen, Herr von Koszielski, der sich von früher her mit meinem Vater duzte und die drei Küsse der Begrüßung nicht unterließ. Meiner Mutter erweckte der Besuch des geschmeidigen Herrn einige Furcht; er war nämlich Reisender für eine Weinhandlung in Bordeaux und schwatzte leicht ein Faß Haut Sauternes auf, sehr guten, aber sehr teuren Wein7. Den Bart trug Koszielski immer wie der Prinz von Preußen und schmunzelte, wenn ihm angedeutet ward, daß seine Züge an die Hohenzollern erinnerten; Prinz August von Preußen hatte in den zwanziger Jahren in Bromberg Hof gehalten und die polnischen Damen so entgegenkommend gefunden wie Napoleon in Warschau. Die Familie Koszielski hatte einst einen großen Besitz gehabt, der nun auf zwei Güter zusammengeschmolzen war; auf einem saß er, auf dem anderen seine Frau mit ihrem geistlichen Gewissensrat. Ein Bruder hatte es geraten gefunden, Europa zu verlassen, und bei Ismael Pascha von Ägypten sein Glück gemacht, er hieß nun Sefir Pascha; Deutschland mußte er meiden. Schließlich zog er sich mit dem gewonnenen Reichtum nach Steiermark zurück und hinterließ diesen seinem Neffen, der auf einem deutschen Gymnasium erzogen war. Ich habe ihn einmal gesehen, als wir beide Schüler waren, er etwas älter, gerade beschäftigt, Heine zu übersetzen. Ich hatte meinen Vater bei einem Ritt nach dem ziemlich entfernten Gute begleitet; um den Weg abzukürzen, wagten wir den Übergang über eine halsbrechende Privatbrücke, die nur für Torfstecherkarren bestimmt war, führten aber unsere Pferde glücklich hinüber. Bei dem alten Koszielski gab es schließlich doch eine peinliche Geschichte: eine Haussuchung nach staatsfeindlichen Dingen; das Genauere habe ich vergessen. Der junge hat, als er reich geworden war, auch eine reiche Warschauer Jüdin heimgeführt hatte, eine gewisse Rolle gespielt, bei Kaiser Wilhelm II. Gnade gefunden, als die[27]  Polen im Reichstag für das erste Flottengesetz stimmten. Seine Landsleute gaben ihm den Spottnamen Admiralski und nahmen ihn bald nicht mehr ernst. Adlige Polen und auch solche, die aus dem allmählich erwachsenden Mittelstande her emporstiegen, besuchten unsere Schulen und Universitäten. Sie hätten also manche Stellungen einnehmen können. In den Tagen der königlichen Gunst ward einmal einem auf die Klage, daß es keine polnischen Landräte gebe, geantwortet, es sollte nur einer sich dazu melden; in der Provinz könnte er freilich nicht angestellt werden, weil er dann in Gewissenskonflikte kommen könnte. Da kam keiner. Der feinsinnige Latinist v. Morawski ging nach Krakau, Czwiklinski brachte es in Wien zum Leiter der höheren Schulen: beide stammten aus unserer Provinz und hätten zu Hause die besten Aussichten gehabt. Es gab aber auch sehr wenig polnische Ärzte oder Baumeister; nur die Advokaten fehlten nicht, begreiflicherweise.
1863 war wieder Aufstand in Russisch-Polen, und die nationalistischen Kreise, vor allem die Geistlichkeit hätten gern mitgemacht. Das scheiterte an der Grenzbesetzung, die viel lustiges Leben in die Häuser brachte, und an der Konvention, die Bismarck mit Rußland schloß, worüber sich der sentimentale Dusel der Deutschen, die von der wirklichen Lage keine Ahnung hatten, baß entsetzte. Aber die Hauptsache war doch, daß Bauern und Arbeiter sich entschieden weigerten, für die Herren ihre Haut zu Markte zu tragen. In Markowitz haben sie ihren Pfarrer, der sie auf der Kanzel aufhetzte, selbst angegeben, worauf der lebenslustige Herr abgeführt ward. Bismarck selbst handelte nach seiner Einsicht in die große Politik; von unseren Zuständen wußte er so wenig, daß er einen Ledochowski zum Erzbischof machen ließ. Es kam uns Deutschen hart an, daß wir auf Wunsch von oben dem »Versöhnungsbischof« Ehrenpforten bauen mußten. Auch später hat Bismarck die Dinge nur aus der Ferne und durch fremde Brillen gesehen und manch mal Bestrebungen durch seine Worte unterstützt, die seiner eigensten Anschauung von preußischer Verwaltung wenig entsprachen.
Mit der Gründung des Norddeutschen Bundes hörte der unnatürliche Zustand auf, daß die preußischen Ostprovinzen nicht zu Deutschland gehörten. Schon das belebte in ihnen den Kredit. Seit der Gründung des Reiches stieg die Kultur und der Wohlstand unserer Provinz in raschem Tempo; manche Gesetze der 70er Jahre halfen dazu. Eisenbahnen und Straßen wurden gebaut, mit dem Anbau der Zuckerrüben kam eine auf die Landwirtschaft belebend zurückwirkende Industrie auf, und sie war nicht die einzige. Die Deutschen hatten die Führung, aber die Polen folgten. In den[28]  Organen der Selbstverwaltung, Kreistagen und Provinziallandtag, wirkten sie gedeihlich mit, solange sie in der Minorität blieben. Denn der nationale Gegensatz blieb derselbe, und der kirchliche verschärfte sich durch den Kulturkampf. Die Regierung war wieder wenig wachsam und vermied Mißgriffe nicht. Es war wieder das Regiment aus der Ferne, Bureaukratie. Daß der Landrat zu einem ihrer Organe gemacht und so an den Aktenschreibtisch gefesselt ward, mußte hier besonders schädlich wirken. Die längst notwendige Verkleinerung der Kreise ließ lange auf sich warten. Dabei blieb es, daß die Verwaltungsbeamten möglichst rasch aus der Provinz wieder hinausstrebten, die ihnen die Fremde war, und nur zu oft kamen solche, die man anderswo nicht wünschte. Wie sollte es nicht erbittern, wenn Krotoschin einen Landrat erhielt, der sich anderswo unmöglich gemacht hatte. Die Polen hatten daher Erfolg, als sie sich ihres gesteigerten Wohlstandes dazu zu bedienen begannen, die Deutschen wirtschaftlich zurückzudrängen. Es hieß, daß sie auch Verstärkung durch Stammesgenossen erhielten, welche vor der russischen Vergewaltigung aus Wolhynien weichen mußten. Der polnische Grundbesitz ward so gestützt, deutscher ausgekauft. Da es nun polnische Handwerker, auch polnische Kaufleute gab, wurden die Deutschen möglichst boykottiert. Die Kirche rief eine polnische Darlehnskasse für das Landvolk ins Leben, was nur möglich war, weil die Deutschen nicht rechtzeitig für das Bedürfnis gesorgt hatten. Daß man sich auf dieser Seite zu energischer Abwehr entschloß, war durchaus berechtigt, ebenso, daß man Einfluß auf die Regierung zu gewinnen suchte. So entstand der Ostmarkenverein, dem im Reiche viele gute Patrioten beitraten und seine Führer dauernd unterstützten, denen es am Anfang dieses Jahrhunderts tatsächlich gelang, die Berliner Regierung zu beherrschen; wer anders dachte, galt für national unzuverlässig, und die Presse stellte sich dementsprechend ein. Die Stimmung in der Provinz, nicht nur in den Kreisen des Handels, sondern gerade bei den mit dem Lande verwachsenen Deutschen ward dieser Führung und der folgsamen Haltung der Bureaukratie immer weniger geneigt. Sie erlebten ja die Folgen, von denen die Mitglieder des Vereins in der Ferne nichts ahnten; die Presse sorgte dafür mit gewohnter Umfärbung der Tatsachen, wovon ich mit mehr als einem Belege aufwarten könnte8.[29]  Es war begreiflich, daß die Polen den Verein gleich bei der Gründung scharf bekämpften. Sie gaben seinen Mitgliedern den Namen, den sie behielten, Hakalisten (nach den Gründern v. Hansemann, v. Tiedemann, Kennemann) und schrieben ihnen die chauvinistische Gesinnung zu, die leider mit der Zeit zur Herrschaft kam. Es ist gewiß manches Gute gewirkt, wozu die Regierung aus eigener Initiative nicht gekommen wäre. Die Ansiedlungskommission hat namentlich zuerst mit Erfolg deutsche Bauernstellen begründet; eine ungesunde Steigerung der Güterpreise hat das freilich auch zur Folge gehabt. Eine lange Versäumnis ward eingeholt, indem endlich vom Staate für die Volksschule genügend gesorgt ward, und es war nur in der Ordnung, daß die polnischen Kinder Deutsch lernten. Aber unvermeidlich war die Folge, daß die Beherrschung beider Sprachen die Leute im Leben verwendbarer und leistungsfähiger machte als die Deutschen, die kein Polnisch lernten; die Beamten des Staates konnten es ja auch nicht. Althoff hat von mir einmal ein Gutachten über diese Dinge verlangt und wandte gegen die Richtigkeit meines Vorschlages nichts ein, daß in den mittleren und höheren Schulen Polnisch ein obligatorisches Fach werden müßte. Aber er zuckte doch die Achseln – an so etwas wäre jetzt ja gar nicht zu denken. Erreichbar und erwünscht konnte nur sein, daß die Bevölkerung in Frieden und zufrieden zusammen lebte und das Deutschtum in seinem Übergewicht erhalten und gestärkt würde. Dagegen war die Einstellung der Hakatisten chauvinistisch. Sie sahen in dem Polen einen Feind, der gewaltsam eingedeutscht oder aus dem Lande gedrängt werden müßte. Wer Haß säet, wird nie etwas Gutes ernten. Schon jede ungerechte Zurücksetzung verstößt gegen den Grundsatz Suum cuique; der sollte doch in Preußen gelten. Ungerechtigkeiten sind tatsächlich begangen; meistens sind das zugleich Dummheiten, die sich rächen müssen. Was ist es anders, wenn die Volksschule schließlich vergaß, daß das Kind zuerst seine Muttersprache ordentlich lernen muß, schon damit es eine zweite lernen kann. Also muß auch der Lehrer die Sprache des Kindes beherrschen.
Schließlich erzwangen die Hakatisten das unbestreitbar tyrannische und verhängnisvolle Enteignungsgesetz, das noch dazu durch die Änderungen des[30]  Abgeordnetenhauses unbrauchbar gemacht war, wie der damalige Laudwirtschaftsminister Freiherr von Schorlemer-Lieser 1918 im Herrenhause vor seiner Fraktion erklärte, der ich auch beigetreten war. Angenommen ist es auch im Herrenhause nur, weil die vielen Inhaber von Virilstimmen, die sonst nie erschienen, von der Regierung aufgeboten wider ihre Überzeugung stimmten; vielleicht ebenso bei der Abschaffung, die im Herrenhause 1918 noch erreicht ward, als es zu spät war. Ich hielt gerade in den Tagen der Annahme einen Vortrag in Wien; der Kultusminister Graf Stürckh, der später einem sozialistischen Mordbuben, noch heute einem Helden der Partei, zum Opfer fiel, gab mir zu Ehren einen Rout, und ich sah mich von polnischen Herren umringt und begriff erst allmählich, daß ich die Auszeichnung meinem Namen verdankte, als ein Herr zu mir sagte »meine Familie sitzt seit 600 Jahren im Kreise Wirsitz«, worauf ich ihm mit scharfer Betonung wünschte, daß sie noch ebenso viele Jahrhunderte dort blühen möchte. Die Haltung meines Bruders war ihm bekannt; wir haben es vorher und nachher nicht anders gehalten, und er hatte, als er noch ein ganz unabhängiger Mann war, die praktischen Vorschläge gemacht, um durch eine musterhafte Verwaltung diese fremdartigen Bestandteile mit der Gesamtheit innig zu verschmelzen9. Niemals darf bei den Angehörigen eines anderen Volkes Grund zu dem Verdachte gegeben werden, daß sie ihrer Nationalität, ihrer Sprache, ihrem Glauben entfremdet werden sollten. Der Überlegenheit der eigenen Kultur durften die Deutschen im ganzen sicher sein, aber jedes Volk hat seine eigenen Gaben, und auch hier fehlten sie selbst da nicht, wo sie erst durch unsere Schule erweckt werden mußten. Das nächste leicht erreichbare Ziel war, daß sich alle als Posener fühlen lernten: auf der gemeinsamen Erde war das von der Natur gegeben. Gemeinsam sollten sie auch die Vergangenheit ihres Landes kennenlernen und die erhaltenen Zeugen derselben pflegen. Welcher Widersinn, daß in Posen eine deutsche und eine polnische Sammlung der heimischen Altertümer bestand. Das wirtschaftliche Leben gab Gelegenheiten vieler Art zum Zusammenwirken; davon ist manchmal, aber viel zu wenig Gebrauch gemacht. Selbst bei dem polnischen Adel würde[31]  geschickte Behandlung manches erreichen können; wenn ihn der Staat nicht gewann, für Verbindungen mit dem Hofe war er empfänglich. Es war schon klug gewesen, daß einst der Prinz August in Bromberg ein Haus gemacht hatte, König Friedrich Wilhelm IV. hatte im Anfang seiner Regierung noch die Provinz in langsamen Zuge durchfahren, was des Eindruckes nicht verfehlt hatte. So etwas hat sich nicht wiederholt. Bei uns stand noch lange die »Königsbirke«, unter der er durchfahrend einen Imbiß eingenommen hatte. Dann kam erst der Kronprinz, als er Gouverneur von Pommern war, zur Inspektion der Truppen seines Armeekorps und kehrte in vielen, doch nur rein deutschen Häusern ein10, aber seine glänzende Erscheinung imponierte doch allem Volk; es ließen sich ihm wohl auch vornehme Polen melden. Man hätte dafür sorgen sollen, daß ein Prinz in der Provinz Hof hielt, am besten auf einem Landgute; das konnte den polnischen Adel, gerade seine Frauen, auch an den Berliner Hof locken. Ein flüchtiger Besuch Wilhelms II. in Posen reichte nicht aus. Und doch waren viele hochangesehene Herren, die im Provinziallandtage und somit in der Selbstverwaltung tätig waren, noch am Ende der 90er Jahre bereit, zu erscheinen, wenn der Kaiser nach Posen käme. Da hielt dieser eine jener unseligen Reden, deren Theaterdonner alles verdarb. Schließlich ward in Posen das Schloß gebaut, das schon äußerlich den Charakter einer Zwingburg trägt, im Innern so wenig wohnlich, daß es schwerlich eine prinzliche Familie darin ausgehalten haben würde.

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Eine große Schwierigkeit lag in der Religion. Obgleich es an katholischen Deutschen und evangelischen Polen nicht ganz fehlte, fiel für die Menge des polnischen Volkes doch deutsch und ketzerisch zusammen. Die Deutschen konnten gar nicht an die schwarze Gottesmutter von Czenstochau glauben, auch wenn sie gewollt hätten, und sie konnte sich auch gar nicht um sie kümmern, da sie nur polnisch versteht. Diese Vorstellung mag der unpolitische Pfaffe, der sie verbreitete, selbst gehabt haben. Erhöht ward die Schwierigkeit dadurch, daß die deutschen Katholiken, zumal die des Westens, im Landtage[32]  immer die Partei der Polen nahmen: Konfession ging auch den Redlichen über das eigene Volkstum, und es fehlte im Zentrum auch nie an solchen, die mit Bewußtsein gegen Preußen Partei nahmen. Es wäre gerade das Wünschenswerteste gewesen, wenn sich Dörfer von deutschen Katholiken gebildet hätten, die stand hielten und bewiesen, daß Gott alle Sprachen versteht. Aber die Süddeutschen verachteten den Osten. Ihnen ist auch heute der Verlust des deutschen Koloniallandes gleichgültiger als der von Samoa. Ohne Schuld ist der preußische Staat gewiß nicht. Er hat die Bildung der Geistlichkeit allzulange in den Händen des Erzbischofs gelassen, der sie nicht über das Niveau hob, das jenseits der Grenze vorhanden war. Als die Maigesetze auch hier eine tiefere Allgemeinbildung erzwangen, verschärfte der Kulturkampf die Gegensätze und Ledochowski wußte die Waffe zu führen, die ihm der Staat in die Hand gegeben hatte. Im Jahre 1875 sagte mir ein zynischer Kaplan: »Es lebbe das Kulturkampf, kein Erzbischof, ich kann machen was ich will.« Im Jahre 1916 sagte zu mir ein anderer junger Vikar, damals sehr gefügig, später ein wilder Chauvinist: »Wir müssen Bismarck dankbar sein: er hat uns gezwungen, mehr zu lernen: nun sind wir den Amtsbrüdern in Rußland und Galizien überlegen.« Diese deutsche Bildung hätte die Regierung nicht im Kampfe, sondern im Einverständnis mit der Kirche in den Zeiten durchführen müssen, welche den nationalen Gegensatz noch nicht kannten, dann ergab sich eine entsprechende Hebung der Schule, die ja noch in den Händen der Kirche war, und ebenso eine Hebung der Sittlichkeit des Volkes. Polen wären die Polen geblieben, das war ihr Recht, aber schon der Blick über die Grenzen würde sie mit dem Staate, der so für sie sorgte, treu verbunden haben.
Staat und Kirche, beide hatten die breite Masse des Volkes in jener Verwahrlosung belassen, von der ich noch für die 50er Jahre Zeugnis ablegen kann. Ein Unterschied zwischen den Bauern und den Landarbeitern war nicht zu erkennen. Das schöne Buch von Reymond, »Die polnischen Bauern«, zeigt diese auf einer höheren Stufe, aber verlaust und verschmutzt muß man sie doch denken; der Dichter hat mit Recht nicht dabei verweilt; die Liederlichkeit der Weiber kommt trotz einer Lynchjustiz an den Tag. Die Gestalt des Pfarrers ist ähnlicher. Der unsere saß in Ludzisk, denn die ansehnliche Barockkirche, die ein frommer und kunstsinniger Herr am Anfang des 18. Jahrhunderts in Markowitz errichtet und mit Reliquien, die er aus Rom mitbrachte, ausgestattet hatte11, besaß zuerst noch keinen eigenen Geistlichen. Das Klostergebäude gehörte dazu. Darin war die Schule, in der eine Überzahl[33]  von Kindern, auch aus den Nachbardörfern, nichts lernte. Wer Kirche oder Kloster betrat, konnte von Glück sagen, wenn er nur eine Legion Flöhe mitbekam. Im übrigen wohnte meist das übelste Gesindel im Kloster. Um den Kirchhof zog sich eine hohe Mauer; der Pfarrer ließ sie halb abtragen und sich aus den Steinen eine Scheune bauen. Der Ertrag des Kirchenackers blieb in seinen Händen. Er war ein rüstiger Herr; eine Weile hatte er immer wieder einen Neffen oder eine Nichte anzubringen, wozu ihm die deutsche Herrschaft behilflich sein sollte, und sie war ihm gefällig, denn er sollte doch auf seine Beichtkinder einwirken. Wirklich führte er auch nach Ostern regelmäßig eine Summe Geldes ab, Ersatz für Diebstähle, die in der Beichte bekannt waren. Nur hörte das auf, als er wegen seiner Hetzerei beim Aufstande von 1863 in unliebsame Berührung mit der Polizei gekommen war; die Sittlichkeit der Arbeiter mußte sich wohl gehoben haben. In Wahrheit nahm die Dieberei womöglich zu.
Die Landarbeiter hatten es eigentlich besser als in vielen Gegenden Deutschlands. Sie erhielten so reichliches Kartoffelland, daß mancher sich ein Schwein halten konnte, und die Herrschaft hielt jeder Familie eine Kuh. Sie sorgte für Arzt und Arzneimittel und für die Witwen ihrer Leute; für diese war ein eigenes Haus da, denn der Typhus ergriff gerade die kräftigsten Männer. Es bewährte sich die Praxis, einer Witwe eine Kuh zu schenken, dann fand sich bald ein Freier. Die Verwahrlosung der Frauen war wohl am schlimmsten; sie mußten mit auf Arbeit gehen, und jede Familie einen sogenannten Scharwerker, einen ledigen Arbeiter halten, wenn nicht ein arbeitsfähiges Kind da war. Aber es hat sich ja später gezeigt, daß sie Zeit genug hatten, das Haus in Ordnung zu halten; damals buken sie nicht einmal Brot, sondern der Knecht, der sich am herrschaftlichen Tische von Brot genährt hatte, bekam nach seiner Verheiratung Fladen mit ein wenig Rüböl. Die Häufigkeit der ehelichen und unehelichen Geburten ward durch die Kindersterblichkeit aufgewogen. Dreimal hat meine Mutter vor den Arbeiterhäusern kleine Gärten angelegt, Beerensträucher und Gemüsepflanzen oder Samen zur Verfügung gestellt. Dreimal ist alles vernichtet worden; die Bewohner zogen es vor, den Vorplatz als Abtritt zu benutzen12. Erst ihre Enkelin hat es erreicht, und jetzt stehen da[34]  schmucke Gärtchen, Blumenstöcke im Fenster: die Verbesserung der Schule und der wirtschaftliche Aufschwung, die Erfahrung der vom Militär Heimkehrenden, schließlich auch die nun erwachte Mahnung der Kirche hatten Erfolg gehabt. Zuletzt tat die Kirche auch etwas gegen das Saufen, das fürchterlich gewesen war, gerade auch bei den Weibern. Der Krug war herrschaftlich, da ließ sich gegen die nächtlichen Tanzvergnügungen und auch sonst manches tun. Aber kirchliche Feste gab es genug, und viermal im Jahre »Ablaß«, wie es hieß; die kirchliche Veranlassung kann ich nicht angeben. Dabei war Jahrmarkt. Buden mit allerhand Waren, Leckereien und vielbegehrtem Tand wurden aufgeschlagen, uns Kinder reizte es natürlich auch. Die Leute der Umgegend strömten herzu, und wenn es nur zu allgemeiner Betrunkenheit und mäßigen Schlägereien kam, war man froh. Das Erntefest endete ebenso; da standen schon am gesitteten Anfang die Branntweinfässer auf der Rampe vor dem Hause. Die Mütter brachten ihre Kleinsten mit und machten sie betrunken; sie sollten schlafen und die Mutter nicht stören. Das weitere spielte sich in einer Scheune ab, »und von der Scheune scholl es weit, Geschrei und Fiedelbogen«, wo es dann so weiterging, wie das Gedicht in seiner jetzigen Bearbeitung nur andeutet, aber mit anstandsloser Brutalität. Der Garten zeigte auf den Blumenbeeten am andern Morgen, daß sie zu Blumenbetten geworden waren. Auch das mußte als landesüblich hingenommen werden.
Diebstahl an allen Naturalien war nach der Volksauffassung kein Unrecht, auch wenn er durch Einbruch geschah. Ein Schaf aus dem Stall zu holen und auf dem Felde zu schlachten, würde wohl der Hirt aus seiner Herde nicht leicht auf sein Gewissen genommen haben, aber es kam vor. Einmal ward der Eiskeller erbrochen und ausgeräumt. Seine leere Scheune anzustecken hielt sich der Bauer für berechtigt. Anfang Juni war unsere Spritze gegen Abend immer bespannt, die Bemannung war auch gern bereit, weil sie an den Prämien für das Löschen Anteil bekam. Als die Schwurgerichte eingeführt wurden, also viele polnische Bauern und Gutsbesitzer zu Geschworenen berufen wurden, sagte ein Richter, Brandstiftung und Notzucht können wir nur selten bestrafen; da stimmt die Majorität aus Gewissensbedenken für nicht schuldig. Aber Widersetzlichkeit gegen die Herrschaft kam kaum vor, im Gegenteil. Die Leute hatten ja immer unter einer gesellschaftlich streng getrennten Minderheit gestanden, sozusagen unter einer anderen Menschenklasse, und wenn sie nun unter wohlwollenden Herren standen, waren sie willig und gewannen sogar Vertrauen, selbst wenn die mündliche Verständigung schwer war. Einzelne stiegen wohl zu der Stellung eines Vogtes (Vorarbeiters und[35]  Aufsehers) auf, aber die Handwerker, Schmied und Stellmacher, Aufseher in Kuh- und Pferdestall oder gar Schafmeister, die vornehmste Stellung, konnten nur Deutsche werden; in den Städten war das ebenso bei Schneider und Schuster. Das hat sich ganz geändert, seit die Schulen besser geworden sind, und auch in den Fabriken haben sie sich sehr anstellig gezeigt, während die Beamten der Zuckerfabriken zuerst klagten, sie drehten an jeder Schraube und jedem Ventil wie die Kinder. In der Tat, wie die Kinder waren sie, und daß sie es nicht mehr sind, danken sie den Deutschen ganz allein. Ebenso wie das Land sind auch die Menschen ganz anders geworden. In einem waren die Polen den Deutschen überlegen: der Pferdeknecht, der sein Gespann führte, der Fornal, versteht nicht nur mit der langen Peitsche zu knallen, wie es kein anderer kann, sondern sorgt für seine Tiere und ist stolz auf die Leistung, die er mit ihnen erreicht. Diese hochgewachsenen strammen Jünglinge, die so gute Kavalleristen wurden, nahmen sich beim Erntefeste in ihrer schmucken Tracht ebenso stolz aus wie die Mädchen anmutig in der kleidsamen Festtracht, wenn sie das Erntelied sangen. Wie traurig, daß der Abend die wüsten Orgien brachte.
Von Aberglauben merkte man wenig, wie ja überhaupt die Unkenntnis der Sprache die Kenntnis des Volkes stark behinderte. Daß die weisen Frauen und Schäfer zauberten und die Krankheiten besprachen, verstand sich von selbst; von solchem Glauben waren und sind die Deutschen aller Stände ja auch nicht frei. Aber zwei bezeichnende Beispiele verdienen Erwähnung. Als alle Bewachung des Obstgartens nichts half, kam ein schlauer deutscher Gartenjunge auf einen erfolgreichen Einfall. Er verbreitete, daß er sich an einem bestimmten Kreuzweg, wo eine Kruschke neben Schlehengebüsch stand, dem Teufel verschworen hätte: der würde die Diebe nicht nur angeben, sondern selbst packen. Ein anderes. Mein jüngerer Bruder lag bald nach seiner Geburt im Starrkrampf, die Mutter saß am Bette. Da stürmte das Küchenmädchen herein, riß dem Kinde schweigend mit hastiger Gewalt das Hemdchen ab, lief vor das Dorf, wo am Eingang kürzlich ein hohes Kreuz geweiht war. Um dessen Stamm schlang sie das Linnen; es hat da noch lange geflattert. Das Kind genas: das äußerste Mittel hatte geholfen.
In das Herrenhaus kamen die Leute zweimal, Weihnachten zur Bescherung die Kinder, zum Teil mit den Müttern, allerdings wohl in Auswahl, und zu Fastnacht kam ein Trupp junger Männer mit den Dorfmusikanten und den drei Tieren, Bär, Storch und Ziegenbock; die beiden letzten waren nur irgendwie vermummt und hielten einen Stock, an dem oben ein Ziegenbockskopf und ein Vogelkopf mit langem Schnabel roh geschnitzt war. Die Hauptperson[36]  war der Bär, dick in Erbsenstroh gewickelt, so daß er sich auf dem Boden herumtrudeln konnte, während die beiden anderen seltsame Sprünge machten, der Storchschnabel die Anwesenden piekte und der Geißbock, vom Bären gepackt, kläglich meckerte. Was sich die Leute dabei dachten, weiß ich leider nicht. Der Ziegenbock befremdet, denn Ziegen wurden nicht gehalten. Heute freilich weiß ich und durchschaut der Leser, daß dieser Volksbrauch über die christlichen Zeiten zurückweist. Englische Forscher haben Vergleichbares im Balkan und auf den vorliegenden Inseln, z.B. auf Skyros beobachtet und an thrakische Dionysien gedacht. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß es gemeinsame slawische Frühlingsfeiern sind, von der Kirche an den Vorabend der großen Fasten verwiesen, wo auf altrömischem Boden der Karneval ähnlich entstanden ist.
Wer das Land und das Volk jetzt betrachtet, wird sich kaum vorstellen, daß es noch vor 50 Jahren so ganz anders war. Jetzt mag kaum noch ein Unterschied zwischen einem polnischen und einem deutschen Bauernhofe sein, auch der landwirtschaftliche Betrieb übereinstimmen. Natürlich hat sich dadurch das polnische Element überall gekräftigt, ist auch in den Städten ein Mittelstand aufgekommen. Noch in der Mitte der 70er Jahre ritt ich mit meinem Bruder durch ein nahes Dorf, in dem sich Bauern der beiden Nationen mischten. Damals schien die Zeit nahe, wo die Polen ihre Höfe durch Mißwirtschaft und Trunksucht verlieren würden. 25 Jahre später kamen wir desselben Weges, ich fragte nach und erhielt die Antwort: »Es ist ganz anders gekommen, die Polen wirtschaften so gut wie die Deutschen.« Wie man sich zu einer solchen Tatsache stellte, darin lag der Unterschied. Ein Chauvinist würde über die Zurückdrängung der Deutschen geklagt haben. Wir freuten uns, daß es auch diesen Preußen gut ging, die doch unsere Landsleute waren und deutsche Kultur angenommen hatten. Sie waren nicht mehr dieselben wie drüben in Rußland oder in Galizien, dem Lande, das sich ja in Wahrheit selbst regierte, das heißt so regierte, wie es die Schlachta immer getrieben hatte. Die Hakatisten mußten eigentlich bedauern, daß man das Volk nicht in der Vertiertheit erhalten hatte, so wie sie zu Preußen gekommen waren. Aber dagegen hatten sie nichts, daß die Polen in das Heer eintraten, also der Ehre gewürdigt wurden, für König und Vaterland zu streiten und zu sterben. Sie haben sich in allen Kriegen wahrlich tapfer gehalten, und es war eine Freude zu sehen, wie gern sie schon nach 1866 ihre Kriegsmedaillen trugen. Für die richtige Behandlung war auch Dankbarkeit vorhanden. Noch im letzten Kriege haben alle Frauen ohne Ausnahme für ihre abwesenden Männer eine Glückwunschadresse an die Herrschaft von Markowitz[37]  unterschrieben und ihr sogar ein Gemälde geschenkt, das Haus und Garten eines der Güter darstellt. Es ist die gröbste Unwahrheit, daß sich die Mehrheit der Landbevölkerung nach Erlösung aus dem preußischen Staate und nach der Herrschaft ihrer Schlachta und ihrer Advokaten gesehnt hätte, geschweige nach den Galiziern.
Die Juden waren 1772 auch ein Fremdvolk, ganz in sich abgeschlossen, rechtlos bis 1812. Flottwell erweiterte ihre Rechte, ließ sie Synagogengemeinden und eigene Schulen bilden, eröffnete auch den einzelnen den Weg zur Naturalisation, also zum vollen Bürgerrechte. Sie saßen nur in den Städten, und die Menge verlangte gar nicht aus dem Schmutz und der Enge heraus, wie sie bis 1873 in dem Judenviertel von Inowrazlaw herrschten, das Sibirien genannt ward. Erst die Cholera des Jahres führte zum Niederreißen der verseuchten Häuser, in denen oft mehrere Familien sich mit derselben Stube begnügt hatten. Und doch fühlten sich die elenden Schnorrer als Kinder des auserwählten Volkes, trugen mit Stolz das Joch eines in vielem sinnlos gewordenen Gesetzes, und ihre Lehrer dünkten sich im Besitze einer allem Fremden überlegenen Weisheit. Unleugbar stand hinter all dem Schmutze der Gegenwart die Erinnerung an eine alte Kultur, der Glaube an den Uradel des Volkes und eine Eschatologie, die es für alle Bedrückung und Erniedrigung entschädigen sollte. Religion und Rasse fielen zusammen. Eine Verschmelzung mit den anderen Völkern war unmöglich, solange dieser Sondergeist herrschte. Und doch mußten alle neben einander leben, weil sie ohne einander gar nicht leben konnten.
Ich kann nur berichten, wie sich das Verhältnis in meiner Kindheit darstellte. Da kamen die schmierigen Trödler in die Häuser, kamen immer wieder, sooft sie hinausgeworfen wurden, schwatzten den polnischen Mägden gegen Hasenfelle die roten Glasperlen auf, die in langen Schnüren ein beliebter Schmuck der Braut sind. Andere Kleinhändler hatten die Buden beim Ablaß inne, trotz aller Verachtung unentbehrlich. Auch in der Stadt waren die Kaufläden fast ausschließlich in jüdischen Händen und neben unlauteren waren auch sehr achtbare Kaufleute darunter. Auch wer lieber seine Einkäufe in Bromberg oder Berlin machte, war in vielem auf die nächste Stadt angewiesen; daß er teurer kaufen mußte, lag schon in den Verkehrsverhältnissen. Der wichtigste Großhandel in allem, Getreide, Vieh und Wolle lag ganz in jüdischen Händen, und da wiederholte es sich, daß Redlichkeit und Unredlichkeit anzutreffen war. Es gab seltsame »Usancen«; der Wollhändler rechnete 1C6 Pfund auf den Zentner u. dgl. und der Produzent mußte sich dem fügen und nur zu oft kam er in den Fall, auch den Geldverleiher in Anspruch[38]  zu nehmen, schon wenn er auf seine Ware Vorzahlung nötig hatte. Da haben Wucherer unendlich viel Schaden gestiftet und gerechten Haß erzeugt, wenn sie den Bauern und den Rittergutsbesitzer um Haus und Hof brachten. So stiegen mit guten und mit verwerflichen Mitteln immer mehr Juden aus dem selbstgewählten Ghetto empor, schließlich doch durch Fleiß und Klugheit. Der Kaufmann pflegte, sobald er dazu die Mittel erworben hatte, seinen Platz einem Anfänger zu überlassen und selbst nach Berlin zu ziehen. Die wenigen, die ihr Geschäft zu Hause vom Vater auf den Sohn vererbten, pflegten nicht nur eine Elite zu sein, sondern sich auch allgemeine Achtung zu erwerben. Aber gesellschaftlicher Verkehr war ja ausgeschlossen, solange der Rassendünkel sich mit den Gojim nicht an einen Tisch setzte; es war seine Schuld, daß sich Rassendünkel auch auf der anderen Seite ausbildete. In einem Stücke war doch schon ein wichtiger Fortschritt erreicht. Zu Anfang waren die Juden unsicher, ob sie sich auf die polnische oder auf die deutsche Seite schlagen sollten; noch bei den ersten Wahlen zum Landtage soll es sich fühlbar gemacht haben. Aber immer mehr trieb sie schon der Vorteil auf die deutsche Seite, und so durfte man sie bald durchaus als deutsche Juden rechnen. Welcher Partei sie sich anschlossen, war demgegenüber Nebensache. Besonnene Politik hätte mit ihnen immer so rechnen müssen, wie es Flottwell getan hatte. Es blieb auch nicht aus, daß immer mehr Juden innerlich für die deutsche Kultur und das deutsche Wesen gewonnen wurden und die engen Bande der Thora lockerten oder lösten. Als die deutsche Schule an die Stelle der Synagogenschule trat, war hierfür der Boden bereitet, und den Schmutz Sibiriens räumte die Staatsgewalt weg. Zugang aus dem Osten war unterbunden. Dort blieb die alte Erstarrung, nicht ohne daß Entsittlichung sich zeigte; unsere Heere haben nach dieser Seite grauenvolle Erfahrungen gemacht, die nur von der deutschen Judenpresse weggelogen werden. Die Emanzipation zeugte dann dort die jüdischen Führer der Bolschewiki. Schuld an beidem trägt doch vor allem die Unterdrückung auf der einen Seite noch mehr als der Rassen- und Glaubenshochmut auf der anderen.
Ich will nur zwei Beispiele geben. Es verschlägt nichts, ob sich in meiner Erinnerung typische Züge auf den Namen Feibusch13 übertragen haben; die[39]  Person ist gleichgültig. In meiner Jugend war er schon ein erfolgreicher Bewucherer der Bauern und fuhr in einem Einspänner herum. Mein Vater erzählte, er hätte den kleinen Bocher gekannt, der neben dem herrschaftlichen Wagen Rad schlug und Kupferdreier oder auch -vierer (die gab es noch) zugeworfen erhielt. Namentlich in einer Vorstadt von Inowrazlaw trieben das die Kinder regelmäßig; daß jüdische darunter waren, fiel auf. Mit den Jahren blühte das Wuchergeschäft, schließlich fiel ihm bei der Subhastation das Gut anheim, das einmal dem General Kolatschkowski gehört hatte. Der Einspänner blieb in Gebrauch, obwohl die Mittel für einen Viererzug gereicht hätten. Die alte Praxis war gewesen, auf den Gütern vom Inspektor hier ein Bündelchen Heu, dort einen Sack Hafer zu erbitten; es ging auf Kosten der Herrschaft, redlich war es nicht, aber der Unterhalt des Pferdchens ward so beschafft. Als nun der neue Herr auf sein Gut gefahren kam und die Besichtigung vorüber war, sagte er wieder zum Inspektor: »nicht wahr, Sie geben mir ein Säckchen Hafer fürs Pferdchen.« Daß er sich selbst bestehlen wollte, kam ihm nicht in den Sinn. Es war ihm noch eine andere Erfahrung beschieden: er verlegte seinen Wohnsitz auf sein Gut, denn es stand ja in den Judenzeitungen, daß die Gutsbesitzer in unerhörter Weise steuerlich bevorzugt wären. Da kamen zur Grundsteuer die Kreis- und Provinzialsteuern, der Wegebau und vor allem die Schullasten. Nach einem Jahre zog der enttäuschte Rittergutsbesitzer wieder in die Stadt und schlug das Gut möglichst rasch wieder los. Die Gutsleute atmeten auf.
Ein anderes Bild. Es kam vor, daß wir beiden Buben aus dem Garten gerufen wurden, reine weiße Hosen anziehen mußten (die hatten doch immer Grasflecke) und sonst gesäubert wurden: der Herr Michel Levy war bei unserer Mutter, und wir sollten einen artigen Knix machen. Der alte Herr legte Wert darauf; uns war sein Hörrohr sehr merkwürdig, aber er machte selbst noch einen stärkeren Eindruck als der immer freundliche Superintendent, und wir wußten, daß Mama auf seine Besuche größten Wert legte. Obgleich er ein strenger Jude war, nahm er ein Ei, etwas Salat, ein Glas Portwein wohl an. Später habe ich erfahren, daß er als Berater und als Warner kam, als Warner auch vor Juden, aus Hochachtung und uneigennütziger Hilfsbereitschaft der deutschen sorgenden Frau zuliebe. Ich bin einmal in sein Haus gekommen, als ich alt genug war, eine reiche Bibliothek anzustaunen[40]  und etliche alte Münzen, auch antike, zu bewundern. So etwas sah ich zum ersten Male, der Eindruck war unverwischlich. Seine Familie gehörte zu den wenigen, die nicht fortzogen, sondern ganz in das Deutschtum aufgingen, und die freundschaftliche Verbindung hat sich durch den Wechsel der Generationen bis auf diesen Tag erhalten.
Ich brauche nicht zu sagen, daß es einen Antisemitismus, wie er sich später herausgebildet hat und auch von den Hakatisten vielfach geteilt ward, damals trotz allem Widerwillen gegen den physischen und moralischen Schmutz vieler Juden nicht gab, und daß er in unserem Hause und vollends bei mir nicht aufkommen konnte. Schwierig und nur in Generationen erreichbar war die Eindeutschung unserer jüdischen Landsleute gewiß, aber sie war im Gange und mußte erreicht werden. Treue Deutsche waren nicht wenige geworden; in der Wissenschaft, die ich zunächst übersehe, und die ihrem Wesen nach keine Rücksicht auf Herkunft oder Konfession nimmt, glänzen so manche Namen und wird der Friede weiter bestehen. Was von einem polternden, zum Rassenhaß ausgearteten Antisemitismus, was auch von jüdischer Seite gefehlt ist, will ich nicht hervorheben; zu bessern war auch da, und die Regierenden hatten manchmal Veranlassung, auf ihrer Hut zu sein. Jetzt ist alles verschoben, da die Novembermänner geradeso wie die Bolschewiki sich auf jenes glaubenlose, staatlose, gewissenlose Judentum stützten, dessen Presse längst unsere Brunnen vergiftete, und zu ihren Helfern die Ostjuden hereingerufen haben, die wir weder vertragen noch loswerden können. Wie das werden soll, in der Welt und bei uns, nur ein Prophet könnte es künden, und glauben würde ihm niemand.
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 Claus von Heydebreck: Markowitz, Beiträge zur Geschichte eines kujawischen Dorfes. 1917, Ostdeutsche Buchdruckerei und Verlagsanstalt A.-G. Posen.
2 A. E. Hölscher, Der Netzedistrikt. Königsberg 1793. S. 114.
3 In Möllendorf fehlte Wasser auf dem Hofe, und als der Brunnenmeister keinen Rat wußte, kam ein Zauberer mit der Wünschelrute, und ein Brunnen ward nach seiner Angabe gegraben; der Brunnenmeister aber lachte und sagte: »Wenn Sie's außerhalb des Hofes gewollt hätten, konnten Sie's näher haben, das seh' ich doch dem Boden an.« Man glaubt es auch jetzt zu sehen, aber nun war man einmal dem Zauberer gefolgt.
4 Einmal hatte sich ein zweijähriges Füllen ein Bein gebrochen, so daß es getötet werden mußte. Gerade waren Gäste geladen. Da ließ meine Mutter die Keulen braten und alle Anwesenden lobten den zarten Kalbsbraten übermäßig. Leider ward das Geheimnis verraten, denn nun wurde manchem übel. So stark ist das törichte Vorurteil geworden, wo doch unsere Ahnen ihren Göttern das Roß besonders gerne geopfert und mit ihnen verspeist haben. Der fremde Glau  be hat es verboten, weil die Sitten der Völker des Südens und Ostens sich schon festgesetzt hatten, als die Indogermanen der ersten Völkerwanderung das bisher unbekannte Pferd mit sich brachten.
5 Bock 56 erhielt auf einer landschaftlichen Ausstellung einen Preis und zum Lohn einen Überzug über seine schöne Wolle mit rotgestickter Zahl. Es mutete mich heimisch an, als ich auf der Schule im Horaz las, daß die Tarentiner Schafe auch solche Kleider getragen hatten. Das war griechische Sitte, für Megara ist sie bezeugt, da wird sie in Milet auch gegolten haben, das die feinste Wolle für seine Webereien brauchte.
6 In ihrer Ratlosigkeit liefen die Frauen aus dem Dorfe wie immer zur gnädigen Frau. Trotz aller Gefahr der Ansteckung wurden sie nicht abgewiesen, obgleich ja überhaupt niemand Rat wußte. Als meine Mutter eines Morgens die Tür zu der Treppe öffnen wollte, um zu den Wartenden oder doch dem Gesinde hinunterzugehen, ging die Tür nur mit Gewalt auf. Es lag die Leiche eines Mädchens davor. Übrigens blieben wir alle verschont. Aber bei der letzten Epidemie 1873 lag das älteste Söhnchen meines Bruders schwer krank, während der Vater als Landrat mit einigen beherzten Leuten herumfuhr und die Toten begrub; es waren ganze Häuser ausgestorben, und die Nachbarn scheuten sich, sie zu betreten.
7 Der ganze Osten trank damals so gut wie ausschließlich französische Weine, weil der Transport zur See nach den Ostseehäfen billiger war als die Fracht über Land. Was sich Rheinwein nannte, war so abscheulich geschmiert, daß er mit dem sogenannten Bordeaux, der namentlich in Stettin billig zu haben war, auf einer Stufe stand, trinkbar nur für Kehlen, die auch im Weine den Schnaps suchten.
8 Nur eines. In Opalenitza war es wirklich zu einem Zusammenstoße der polnischen Menge mit der Polizei gekommen. Die Schuld trug der Distriktskommissar, der rücksichtslos in eine Prozession hineingefahren war, die ganz ordnungsgemäß ihre Straße zog, ich erinnere mich des kirchlichen Anlasses nicht mehr. Die tiefere Schuld lag daran, daß in solche Stellungen der polizeilichen Landesverwaltung, die Flottwell geschaffen hatte (anderswo gab es sie nicht) oft ungeeignete Elemente, z.B. früh aus dem Heere entfernte Offiziere, hineingeschoben wurden. Da erhob sich nun ein gewaltiges Geschrei gegen die Polen und den Erzbischof Stablewski, als ob der dafür gekonnt hätte. Ich habe ihn kennengelernt; er hatte wirklich nicht das Zeug zum Rädelsführer und Aufständler, war froh, seinen guten Ungarwein zu trinken und in Ruhe künstlerischen Neigungen zu folgen; die in Wahrheit gefährlichen Kreise und Personen waren ganz andere.
9 Preußische Jahrbücher 1877 »Die Provinz Posen und die neue Kreisordnung«. Als er als Oberpräsident den Abschied nahm, hat er dem Könige seine Grundsätze in einer Denkschrift niedergelegt, die ich nicht kenne, aber von sachkundigen Kennern rühmen gehört habe. Wenn die Geschichtsforschung sich einmal mit unseren Schicksalen befassen wird, mag sie Aufklärung geben und Anerkennung finden. Es sagt sich wohl schon jetzt mancher, daß er die richtige Einsicht hatte, aber er war zu weich, um den Widerstand der Bureaukraten zu überwinden, und zu vornehm, um der Hetze der Hakatisten mit den entsprechenden Mitteln zu begegnen.
10 In Markowitz war er oft, bezauberte durch seine Leutseligkeit, wies meine Mutter auf ein Paar hin, meinen älteren Bruder, der als Landrat Ehrendienst bei ihm hatte, und seine Nachbarin: die würden bald einig sein, und er melde sich zur Patenschaft bei dem ersten Sohne. So ist es gekommen und er ist den Meinen immer gnädig gewesen, die Kronprinzessin aber nicht. Ich habe ihn nie gesprochen. Zu jenem Besuchstage hätte ich kommen können, wenn ich zwei Tage vor den Ferien von der Schule entlassen worden wäre. Aber so etwas wies der Rektor unerbittlich ab. Vergünstigungen gab es in Pforte nicht. Uns tat es da mals sehr leid, und richtig war es doch. Freilich ein greller Gegensatz zu dem modernen Schlendrian.
11 Ein wundertätiges Marienbild, das früher hier verehrt ward, ist verschwunden.
12 Auf einem der Güter meines Bruders habe ich noch in diesem Jahrhundert erlebt, wie die Anschauung von Reinlichkeit in Russisch-Polen war. Ein Ukas der Regierung hatte verordnet, daß die von dort für die Rübenernte bezogenen Arbeiter gesondert wohnten (was sich von selbst verstand) und ein besonderes Abtrittshäuschen erhielten. Wir ritten hinüber, uns von der Ausführung des Ukas zu überzeugen. Es stand auch da, blank und sauber, aber unbetreten, unbetretbar durch den Zustand seiner Umgebung, und der Verwalter sagte, er hätte die Leute nicht hineinbringen können, die erklärten sie wären keine solchen Schweine, das schöne Häuschen zu verunreinigen. Also ...
13 Als ich Wellhausen von Feibusch erzählte, schlug er sein lautes Lachen an und erklärte den Namen: das ist Phöbus, also einer der vielen Namen von Sklaven aus der Spätzeit des römischen Reiches, vererbt aus Gallien, wo es eine starke orientalische Zuwanderung immer gegeben hat, Syrer, hellenisierte Kleinasiaten, die für die jüdische und christliche Propaganda empfänglich waren. Die Kirche war, solange es noch Bekenner des alten Glaubens gab, gegen die Juden milder, so daß sie sich dort vermehrten und später in den Osten vertrieben die nicht mehr verstandenen Namen mitführten, den Götternamen Phöbus und den Isidor, in dem die Isis doch unverkennbar ist.




Das Elternhaus










[41] 1839 führte mein Vater seine junge Frau aus der Priegnitz nach Markowitz. Eine lange Fahrt auf eigenem Wagen mit eigenen Pferden, Lastwagen mit Möbeln und anderer Ausstattung dahinter – so mögen Farmer aus den Oststaaten Amerikas nach den großen Seen ausgezogen sein. Als das Ziel endlich erreicht schien, blieb der Wagen in der unergründlichen Blotte stecken, und der junge Ehemann mußte seine Frau auf den Armen nach dem Hause tragen. Blotte muß man sagen; nur dieses Lehnwort genügt. Und wie war das Haus? Etwas größer, aber ganz gleicher Art wie die polnischen Bauernhäuser, deren es heute bei uns nur vereinzelte noch gibt. Das Strohdach hielt den Regen unvollkommen ab und unterkellert war das Haus nicht.[41]  Als das erste Kind im Bettchen lag, mußte es vor den Ratten geschützt werden. Ein Tümpel nicht weit vor dem Hause, dahinter ein wie alle Gebäude baufälliges Haus für die Spiritusbrennerei (in Wahrheit Schnapsbrennerei), und Wall und Graben, Ligustergestrüpp oben, die beliebte polnische Begrenzung des Gartens nach der Landstraße. Die junge Frau mochte doch wohl etwas schaudern. Ein paar Deutsche zur Bedienung kamen vielleicht mit, sonst nur die fremde, halbwilde Bevölkerung. Für das erste Kind konnte ein Kindermädchen aus einem der deutschen Dörfer des Kreises gemietet werden; aber sie bedurfte selbst erst der Erziehung14. Es fehlte nicht ganz an deutschen Rittergutsbesitzern. In Kruschwitz saß der später geadelte Amtsrat Heyne, der angesehenste Landwirt, dessen Familie, so zahlreich sie war, wie die meisten anderen, die damals blühten, nicht mehr besteht. Ein wirklich naher Verkehr, eine Freundschaft, ist zu keinem Hause entstanden. Jenseits des Pakoscher Sees saß eine entfernt verwandte Familie von Tschepe, aber das war doch schon recht entlegen. In Kobelnik waren Schwanenfelds nahe, also die Schwester, welche ihren jüngsten Bruder, meinen Vater, nach dem Tode seiner Eltern erzogen und auch seine Ansiedelung bewirkt hatte, aber sie kränkelte und hielt sich mit ihrem Manne meist im Süden auf.
Der Anfang wird doch ganz fröhlich gewesen sein. Das Abenteuerliche des Zuges in die Ferne, die Aussicht, eine wohnliche Heimstatt und ein Behagen sich erst schaffen zu müssen, reizte den Jugendmut, und es schien auch alles gut zu gelingen. Es war noch Anlagekapital vorhanden, um den Hof auszubauen und von einem angesehenen Berliner Architekten das schöne Haus, Schloß sagte das Gesinde, errichten zu lassen, das sich im Bilde so zeigt, wie es 1860 aussah. Ein Umbau war für die nächste Generation dringend nötig, weil der Baumeister der 40er Jahre die Bedürfnisse der Gegenwart nicht kennen konnte. Dabei haben sich trotz der größten Schonung die glücklichen Verhältnisse zwischen den Flügeln und dem Mittelbau nicht ganz bewahren lassen.[42]
Der Tümpel war zu einem anmutigen Teiche ausgegraben und so umpflanzt, daß er größer schien, weil man nie das Ganze sehen konnte, und der ganze Garten durch die Bemühungen meiner Mutter und den Rat eines kunstsinnigen Hausfreundes, Herrn von Zedtwitz aus Dresden, zu wirklicher Schönheit gestaltet. Dabei muß dankbar der Herren des Gutes gedacht werden, vermutlich besonders eines Herrn von Malczewski, die im 18. Jahrhundert den Garten angepflanzt haben, der sich nun hinter dem neuen Hause erstreckt, nach allen Seiten etwas erweitert. Zuerst ist einmal als Grenzpflanzung eine Reihe Hagebuchen gezogen worden, nun verschwunden bis auf eine Laube, die sich kaum verändert hat und der vierten Generation zu den ersten Kletterübungen dient. Dann ist weiter vorgeschoben parallel eine Reihe Linden gepflanzt, die einmal gekappt waren; ähnliche Anlagen sind auf polnischem und baltischem Boden zahlreich. Hier ist nur ein Durchhau vorgenommen, um vom Hause auf die Türme von Inowrazlaw blicken zu können, sonst ist den Linden freies Wachsen gestattet; bis auf den Boden hängen die Zweige, und unter ihrem schattigen Dache wandelnd habe ich so manches Buch gelesen. Als Sitz zog ich die einzige Kastanie vor, die den Maikäfern widerstanden hatte; ich nehme den Orestes des Euripides nie zur Hand, ohne an sie zu denken, denn es war die letzte Tragödie, die ich für meine Pförtner Valediktionsarbeit dort oben zum ersten Male las. Es steht mancher Baum im Garten, der Bewunderung findet und verdient; viele, deren Leben ich seit ihrer Pflanzung verfolgt habe, und die das meine hoffentlich so lange überdauern wie die Linden ihren unbekannten Pflanzer. Eingegangen sind schon länger Maulbeerbäume, deren Anpflanzung Friedrich der Große längs der Straße befohlen hatte. Aus der Seidenzucht ist gleich nichts geworden, und die weißen Beeren schmeckten nur den Dorfkindern gut, deren Einbruch in den Garten zur Plage ward. Aus der polnischen Zeit standen noch zahlreiche Birnbäume, viel zu hoch ausgewachsen, nie beschnitten, allmählich absterbend. Die Früchte waren gelb und rotbackig, wie man sie malt, aber taugten wenig und ließen sich schlecht abnehmen; wenn sie abfielen, waren sie den Kindern preisgegeben, die sonst selbst an das Beerenobst nur selten gehen durften. Das Obst, Pflaumen und Birnen, Äpfel seltener und mit geringem Erfolge, ward im Ofen getrocknet, und zumal die Birnen galten den Kindern als Leckerbissen; heute würden sie verachtet werden. Apfelsinen kannte man kaum, und wenn man eine Scheibe bekam, gestand man sich schüchtern, daß sie sauer war. Aber die Trauben gediehen an der Südwand von Pferde- und Schafstall so köstlich, daß mein Bruder Tello, der aus dem Kadettenkorps als Leutnant zu den Husaren nach Trier kam, wetten[43]  konnte, sie würden die dortigen schlagen, und ein Kistchen kommen ließ, was bei der damaligen Verbindung lange dauerte; er hat die Wette gewonnen. Erst als ich aus dem Hause war, kamen Feigen hinzu, was wenige glauben werden; sie müßten sie kosten. Sie stehen nicht im Warmhaus, sondern im Freien als Busch, im Winter zugedeckt, durch die Leitung aus dem Pferdestall mit Jauche gedüngt, natürlich nicht die schönste kleine Sorte, grün oder schwarz, sondern die langen braunen Oberitaliener. Was eine Feige wirklich sein kann, habe ich früher einmal im Herbste in Griechenland, jüngst aber noch vollkommener in Kyme und Kyrene gelernt. Getrocknet, besser vertrocknet, in den häßlichen weißen Schnüren hatte der Knabe sie mit mehr Andacht als Genuß gegessen: sie stammten doch aus dem Sonnenlande, zu dem die unbewußte Sehnsucht im Herzen schlummerte. Die Feige hatte auch den Vorzug, daß der Pole sie nicht kannte, nicht mochte, also auch nicht stahl. Leider haben ihm jüngst die französischen Gefangenen, die sonst im Gegensatze zu den Engländern sehr ordentlich und fleißig waren, den Geschmack daran beigebracht, ebenso wie die Kunst, Rebhühner, Hasen, Kaninchen in Schlingen zu fangen. Der Franzose ist ja ein Virtuose in der Kunst des braconnier. Dabei sind die leichtsinnig eingeführten wilden Kaninchen ausgerottet, was kein Schade ist. Auch daran mag erinnert werden, daß die jetzt zur Volksnahrung gewordene Tomate erst Ende der 50er Jahre langsam eingeführt worden ist und als »Liebesapfel« zunächst auch bei uns auf starken Widerstand stieß.
Ein Garten muß, um schön zu bleiben, immer umgestaltet werden, und jeder, der ihn pflegt, wird ihm etwas von seinem eigenen Wesen mitteilen, aber so wie einige Grundlinien schon von dem polnischen Herrn stammen, der den Lindengang gepflanzt hat, wird er in Vielem das Werk meiner Mutter bleiben, wenn sie selbst auch an den Blumen und blühenden Büschen wohl die größte Freude hatte, auch den schönsten Trost, als nach den ersten Jahren schwere Zeiten und noch schwerere Pflichten für sie kamen. Schon 1846 zerriß die Entdeckung der polnischen Verschwörung den Verkehr mit diesen Nachbarn. 1848 hing Leben und Besitz an einem Faden; die Cholera folgte. Die ganze Existenz war bedroht. Verhältnisse, wie sie der Freiherr von Rothsattel in Soll und Haben, Axel von Rambow in Ut mine Stromtid erleben, gab es auch für Markowitz, und die braven und die infamen Juden spielten genau die gleiche Rolle. So stand es in den 50er Jahren, ist aber überwunden worden, schon in den 60er Jahren mit steigendem Erfolge. Meine Mutter hat allerdings dafür auch ihre ganze Kraft eingesetzt und verbraucht.[44]
Was gemeiniglich einer Hausfrau zufällt, die Führung des Hausstandes und die Sorge für die Kinder, war hier das wenigste und war doch schwer, als die beiden ältesten Söhne aus dem Hause kamen. Dazu hat allein geholfen, daß die Erziehungsgelder, die aus der Familienstiftung des Feldmarschalls Moellendorff für die Söhne kamen, auch wirklich nur zu diesem Zwecke verwandt wurden. Der älteste kam nach Bromberg auf das gute Gymnasium, der andere nach Kulm aufs Kadettenkorps, von wo der Junge »Kadett, Kadett Kaldaunenschlucker«, verhungert und krank, schließlich ganz siech nach Hause kam. Da eine Tochter fehlte, ist in einem trefflichen jungen Mädchen eine wahre »Haustochter« herangezogen worden, bis sie, wie der Welt Lauf ist, einen Hauslehrer heiratete und nie wieder einen genügenden Ersatz fand. Das war doch nur im Hause eine Hilfe, allenfalls noch für das, was man weibliche Handarbeit nennt. Die ganze Kleidung für uns Knaben, bis zum zwölften Jahre bunte Kittel und leinene Hosen, ward im Hause gearbeitet; dies wenigstens weiß ich. Aber die verantwortliche Leitung reichte ja viel weiter, und die ganze Wirtschaftsform war auf Hausarbeit gegründet, und das ganze weitausschauende und täglich eingreifende Regiment lag der Hausfrau ob. Wenn auch im Inspektorhause eine Mamsell saß, der das Federvieh, der große Backofen und die Küche für die Beamten, soweit sie nicht verheiratet waren, und an einem anderen Tische für mehr als zwanzig Knechte und eine Anzahl Mägde unterstand, so war gerade hier dauernde Kontrolle notwendig; die Zuverlässigkeit war gering, die Versuchung groß. Es hat arge Unterschleife, manche Katastrophen gegeben. Die Nahrung für so viele Menschen, verschieden nach ihren Bedürfnissen, mußte bereitet und das Nötige dazu fast alles selbst erzeugt werden. Aus dem eigenen Roggen, gemahlen in der eigenen verpachteten Mühle, ward verschiedenes, aber immer gesäuertes Brot gebacken. Semmel gab es auf dem herrschaftlichen Tische nur, wenn gelegentlich die hochgeschätzten Reihen von Wassersemmeln aus der Stadt mitgebracht wurden. Selbstbereiteter Zwieback war immer vorhanden, den Kindern kein häufiger Genuß. Kam überraschend Besuch, wurden Waffeln gebacken. Fleisch ward nur zu Gesellschaften aus der Stadt beschafft; für jeden Hammel, jedes Brackschaf schrieb die Hausfrau besonders das Todesurteil. Neben diesen lieferten die großen Schlachtfeste der Gänse und zumal der Schweine die Fleischnahrung; für die Herrschaft Hühnerstall und Jagd daneben. Zum Schweineschlachten, lange noch ohne Wurstmaschine, wurden Frauen aus dem Dorfe aufgeboten, und auch wir Kinder halfen beim Speckschneiden. Würste und Spickgänse kamen in die Räucherkammern, eine im Inspektorhause, eine im Schloß, frisches Fleisch in den Eiskeller[45]  hinten im Garten, das Gepökelte und Gesalzene in einen besonders gesicherten Keller, den niemand ohne persönliche Anwesenheit der Hausfrau betrat. Da standen die irdenen Riesentöpfe mit diesen Vorräten, daneben die Tonnen mit Gurken und geschnittenem Weißkohl, eine unvollkommene Sorte Sauerkraut, und mit gesalzenen Schnittbohnen, auch Heringsfässer, die Hauptnahrung der Knechte während der Fasten, die in der Diözese Gnesen sehr streng waren, sogar Butter verboten, so daß Rüböl gekauft werden mußte. Auch Spiritusfässer fehlten nicht, die verdünnt den unentbehrlichen Schnaps lieferten. Das damals noch oft mißlingende Einmachen der Beerenfrüchte, dem das Dörren wegen der Sicherheit des Erfolges vorgezogen ward, war den Buben wichtig, weil sie mithelfen durften. Selbst die Seife ward im Hause gekocht, ob auch die Talglichter gezogen, kann ich nicht sagen. Sie brannten im Souterrain, so daß ich die Lichtputzschere noch im Gebrauche gesehen habe. Bald kamen dorthin Öllampen, als auf unserem Familientische die neue »Moderateurlampe« stand, deren tägliche Reinigung eine lange, schwierige Arbeit war und den Dienstboten doch nicht anvertraut werden konnte.

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So hatte die Hausfrau für den Tag und für das Jahr zu sorgen, die vielen Menschen anzustellen und zu beaufsichtigen. Plötzlich etwas zu beschaffen kostete eine Wagenfahrt nach Inowrazlaw; von auswärts kam wenig, dazu waren die Verbindungen, auch die Post noch nicht angetan. Zwei bis dreimal im Jahre mußten die 50 Kilometer bis nach Bromberg zu den nötigen Einkäufen zurückgelegt werden. Die Hausfrau war nur am Schreibtisch beim Rechnen oder mit dem Schlüsselkorb treppauf treppab laufend zu denken; nur abends, wenn sie strickte und wir Kinder vorlasen oder allgemein gespielt ward, hatte sie Ruhe. Die polnische Sprache war ihr fremd geblieben; dennoch besaß sie das Vertrauen weit über den Kreis der eigenen Leute, und sie suchten Rat in allerhand Krankheiten. Wie oft habe ich alte Wäsche vom Boden oder Arzeneien aus dem »Medizinschranke« holen müssen. Nennen muß ich hier den Kreisphysikus Wilczewski, denn er ist durch Bekämpfung des bösen Fiebers (wohl Malaria) und des Typhus ein Wohltäter der Menschen gewesen. Diese Krankheiten rafften im Herbste gerade kräftige Menschen hin. Er erst führte die Chinarinde ein (Chinin noch unbekannt), und da die Polen dem Arzte nicht trauten, wandte er sich an verständige deutsche Frauen, deren nur zu wenige waren. So hatten wir immer einen großen Steintopf voll des bitteren Heilmittels, das erfolgreich zu empfehlen zuerst viel Überwindung kostete. Aber dann glaubten sie der gnädigen Frau. Im Kriege 1870 haben sie auch wacker Charpie gezupft,[46]  das einzuholen die wielmozna pana in den Dörfern herumfuhr. Alle hatten sie Söhne im Felde, gemeinsame Hoffnung und Sorge.
So hat sie sich nach außen mit fröhlichem Gesichte in der Sorge für alle und alles aufgerieben. Ende der 60er Jahre begann ihre von den Ärzten unerkannte Krankheit. Sie hat noch einige gute Wochen erlebt, als sie in Kreuznach mit den beiden Häusern der Bildhauer Cauer nah verkehrte. Eine andere Welt tat sich ihr auf, in der sie leichter atmen konnte. Sie war noch leidlich wohl, als ihre vier Söhne aus dem Kriege 1870 heimkehrten; 1866 waren es zwei, 1864 einer gewesen. Sie war auch entlastet und genoß das Glück, daß ihr Ältester, der ihr am nächsten stand, als Landrat nahe war und eine Enkeltochter um sie spielte. Vielleicht ahnte sie, daß ihr Geist in dieser Enkelin fortleben und fortwirken sollte. Bald kamen die unsäglichen Qualen der Wassersucht. Ich habe sie in ihren letzten Monaten gepflegt, ihre Leiche mit eigenen Armen in den Sarg gelegt, den nichts außer den Blüten und Knospen ihrer geliebten Rosen füllte. Ich habe auch die Ausmauerung der Grabstätte auf dem Waldkirchhofe beaufsichtigt, den sie für die evangelischen Gutsleute angelegt hatte; ihren Platz darauf hatte sie längst ausgewählt. Es fragte sich, an welchem Tage die Beerdigung sein sollte. Der katholische Vikar kam zur Besprechung, denn es schien natürlich, daß er die Glocken läuten ließe. Er weigerte sich; da ging ich mit ihm abseits in den Rosengarten und sagte: »wenn Sie nicht läuten lassen, findet die Feier am Peter-Paulstage vormittags statt,« (einem Hauptfest der Diözese), »und wir wollen sehen, wohin Ihre Gläubigen gehen, zu Ihnen oder zu ihrer gnädigen Frau.« Das zog; er ließ läuten, wie ich es wollte. Das Gefolge war unabsehbar.
Ich bin nun wohl imstande, ihr Wesen und ihr Schicksal zu verstehen und wage einiges darüber zum Vorbilde nicht nur für ihre Nachkommen auszusprechen, wenn auch manches, was die Qualen auf dem Sterbelager über ihre Lippen trieb, mit mir ins Grab geht. Die Familie von Calbo, der sie entstammte, ist ausgestorben. Ihr Vater ließ seine Witwe mit vielen Kindern früh zurück, die ich als eine rüstige, muntere Bäuerin, anders kann ich nicht sagen, einmal gesehen habe. Sie schrieb sich viel, nicht nur mit ihrer Tochter, sondern auch mit den Enkeln, solange sie klein waren. Ihre Kinder waren seltsam verschieden, eine feine kluge Tochter, körperlich schwach und verwachsen, lebte bei der Mutter und besuchte uns manchmal. Zwei Söhne kamen in das vornehme Bataillon der Gardeschützen, wo es einer nicht weit brachte, ein verholzter Sonderling. Der andere war mehr, stand meiner Mutter nahe, ward aber im dänischen Kriege 1848 schwer verwundet und starb früh, noch in einer militärischen Stellung. Ein dritter kam[47]  als Landwirt herunter. Meiner Mutter ward das Glück, daß sie früh als die Älteste von ihrer Großmutter übernommen ward, einer Frau von Moellendorff, Nichte des alten Ziethen. Chodowieckis Stich, auf dem König Friedrich den alten Ziethen vor sich sitzen läßt, ist so in unser Haus gekommen. In dem sehr wohlhabenden Hause zu Krampfer in der Priegnitz lebte eine Tradition, die noch fast bis in die Zeiten des alten Fritz zurückreichte. Elegante Raketts, mit Darmsaiten besponnen, und schön gefiederte Federbälle konnten wir noch bewundern, aber nur die Eltern spielten mit ihnen, und wir bekamen, verfertigten wohl auch, geringere, brachten es aber auch zu einiger Fertigkeit in dem anmutigen Spiele, das nun verschollen ist, wie das ähnlich graziöse Reifenschlagen, das in Gesellschaften auf dem Rasen allgemein geübt ward. Auch einige geistige Anregung fehlte in Krampfer nicht, nur lag es in der Tradition, daß das Französische mehr Beachtung fand als unsere wahrhaft große Dichtung, aber von der zeitgenössischen romantischen Lyrik kam doch manches hin. In der Nachbarschaft wuchs Gustav zu Putlitz auf, und diese Kinderfreundschaft ward, soweit es ging, von meiner Mutter aufrecht gehalten. Ein Klavier hat zur Ausstattung gehört, unter der mehrere seltene Stücke waren; aber als ich aufwuchs, rührte meine Mutter keine Taste und hatte doch an der Musik, wie sie Herr von Zedtwitz auf einem später nach dem glücklichen Verkaufe eines Hengstes angeschafften Flügel übte, den tiefsten Genuß. Zum Lesen fehlte die Zeit; da hat das Vorlesen der Söhne Ersatz geschafft, während die fleißigen Hände ihre Wäsche stopften. Erst als ich in Kreuznach im Cauerschen Hause sah, wie sie auflebte, eine ganz andere ward, und später, als ich mit ihr in Berlin in die königliche Oper und die Possen des Wallnertheaters ging, habe ich verstanden, was sie entbehrt, wieviel Sehnen sie in sich niedergekämpft hatte. Das ist ihr wohl erst ganz zum Bewußtsein gekommen, als nach meiner Geburt die vielen schweren Nöte kamen. Da bezwang sie sich selbst und bezwang die Nöte. Aber als sie sich mit den Söhnen, die ihr alles dankten, hätte freuen können, mußte sie sterben. Und doch ist ihr Leben voll und schön gewesen, denn der Mensch ist nicht dazu da, um glücklich zu sein, sondern um die Rolle zu spielen, die ihm sein Dämon zugewiesen hat. Möge ein Teil ihres Geistes wie in ihren Enkeln auch in der weiteren Geschlechterfolge leben, wenn auch unbewußt. Mit mir stirbt der letzte Mensch, der sie gekannt hat.
Jeder Mensch bringt in seiner Seele seinen Dämon mit; die enge Welt, in die er hineingeboren wird, wirkt sofort auf ihn ein, stärker oder schwächer, und auch die Kraft des Dämons ist verschieden. So geht es das Leben lang, so daß viele Menschen Gattungswesen zu sein scheinen, ganz durch ihre Umwelt[48]  bestimmt. Eigentlich kommt es also in einer Kindheitsgeschichte auf das Verhalten des Dämons zu der Umwelt an. Allein ich würde selbst von dieser und den Eindrücken, die das Kind von ihr empfing, gar nicht reden, wenn ich nicht glaubte, daß Gestalten und Zustände einer nun schon fernen Zeit verdienten, daß ihr Gedächtnis nicht ganz unterginge, nicht um persönlicher, sondern um typischer Bedeutung willen.
Ich bin ganz ohne Gespielen aufgewachsen; ein drei Jahre jüngerer Bruder konnte das erst allmählich werden und immer in anderem Verhältnis. Wir vertrugen uns darum, weil wir sehr verschieden waren, er an Körperkräften mir gewachsen, unternehmungslustiger, aber folgsam in den Spielen, die ich mir ausdachte. Die Eltern hatten zuerst versucht, Dorfkinder heranzuziehen, aber da meine älteren Brüder immer ganz verlaust nach Hause kamen, mußte das aufgegeben werden. Kinder aus der Stadt oder von anderen Gütern sah man ganz selten; auch wenn längerer Familienbesuch mit Kindern im Hause war, ergaben sich nur gleichgültige, öfter unerfreuliche Berührungen. Ein Mädchen, mit dem ich hätte spielen können, ist mir nie begegnet. Es fehlte die Schwester, dem Hause die Tochter. Für die Mutter war die ersten Jahre eine treffliche Haustochter ein Ersatz, auch ich hatte sie lieb, aber zum Erziehen war sie zu jung, zum Spielen zu alt. Die Brüder kamen in den Ferien, neckten, erzogen ein wenig, bestimmten doch nicht. Von dem, was uns im Inneren bewegte, zu reden, wagten wir auch zur Mutter kaum je, so unbegrenzt die Hingabe und so nahe das Zusammenleben war. Bis zum 11. Jahre habe ich mit ihr im selben Zimmer geschlafen. Auch wenn einzelne der Hausfreunde sich mit mir abgaben, war das zwar sehr belehrend, aber selten wahrhaft fördernd. Der Direktor des Kreisgerichtes Dr. Kuhne und seine Frau waren vertraute Freunde meiner Mutter. Er war ein hervorragender Mann, im Amte von unermüdlichem Fleiße, unbeugsam in juristischem und moralischem Urteil, das er rückhaltlos vertrat. Aber er trug aus der romantischen Jugendzeit eine weiche Sentimentalität im Herzen. Mich verzog er. Erst in meinem letzten Studienjahr in Berlin, wo er Obertribunalsrat geworden war und mir sein Haus öffnete, lernte ich ihn schätzen und nahm manches in mich auf, was ich erst später würdigte. Es war schädlich, daß keine unbedingte und als solche anerkannte Autorität den kindlichen Willen zwang, wo es not tat, auch brach. Nur in manchen Äußerlichkeiten des Betragens gab es keine Nachsicht. Das kann ich nicht essen, ward nicht anerkannt. Etwa die Haut auf der Milch nicht mitzutrinken, mit Gekröse oder Schwarzsauer zu mäkeln, wozu ich versucht war, ward nicht gestattet. Auch irgendwie, etwa einem Tiere gegenüber, Furcht oder Abscheu zu verraten, würde exemplarische[49]  Strafe eingebracht haben. Bei Tische wurden wir stramm gehalten, saßen auf Holzschemeln, bekamen nicht von allem. Die tägliche Kost war so einfach, wie sie jetzt in solchem Hause undenkbar ist, auch sonst bis zum Kriege nicht häufig gewesen sein dürfte. Wir Kinder lebten vorwiegend von Milch und Brot. Zum zweiten Frühstück ward der Spruch »Salz und Brot macht Wangen rot« durchgeführt, wenn kein Obst da war. Dann hieß es, geht an den oder jenen Stachelbeerbusch oder seht nach, ob Birnen gefallen sind. Auf den Hof kam ich selten, an den Arbeiten der Landwirtschaft nahm ich nicht einmal als Zuschauer Anteil. Das war meine Schuld, denn mein Bruder hat es später anders gehalten. Auch zu dem Vieh, selbst den Pferden, hatte ich kein wirkliches Verhältnis, wohl aber zu den Hunden, dem kleinen King Charles in der Stube, dem braven Pluto des Inspektors, der von selbst wußte, wen er nötigenfalls die Treppe hinunterzubefördern hatte, und der wilden Bulldogge, die nachts losgelassen den Hof schützen sollte und für die einmal Strafe gezahlt werden mußte, weil sie, auf die Landstraße geraten, den Postwagen gestellt hatte. Unser Tummelplatz war der Garten; da gab es auch ein Stückchen zu eigener Pflege, und der Mutter half man ja, wo es nur irgend anging, pflückte die Veilchen, die im Rasen massenhaft wucherten, suchte in den Gräben nach Vergißmeinnicht, lernte Sträuße und Kränze machen, die wir Kinder an den Festen, zumal Geburtstagen, in den Haaren trugen. Und die Bäume lernte man lieben, in deren Zweigen sich so schön träumen oder lesen ließ, den Robinson oder die Märchen (Grimm, Andersen, selbst Musäus), die 52 Sonntage (in denen wir uns wiederfanden); der Lederstrumpf war zu dick für solche Plätze. Besonders beliebt war der »Brüderbaum«, zwei durcheinandergeschlungene Apfelbäume, der eine mit roten, der andere mit grünen Früchten, wirklich ein anmutiges und seltenes Ding, das leider der kunstvolleren Ausgestaltung des Gartens geopfert ist. In einem entlegenen Boskett durften wir uns auch eine Höhle mit mehreren Zimmern graben. Handfertigkeiten lernten wir viel zu wenig. Im Basteln, wie man es nannte, habe ich wohl nur mit Modellierbogen gearbeitet; Tuschen blieb so ziemlich Schmieren. Nur daß wir einmal eine Wassermühle zimmerten, die wirklich ging, wenn auch nicht mahlte, ist mir erinnerlich, aber da halfen Erwachsene. Es gab eine Schaukel, aber da ward mir bei kräftigem Schwunge übel, eine lieber benutzte Wippe; zum Turnen an Barren und Reck fehlte jede Anleitung. Im Winter wurden Schneemänner gebaut, auch Eisschollen geschichtet, die ein Palast werden sollten; ein Märchen von Andersen lockte dazu. Und dann kamen die Schlittenfahrten. Unsere kleinen Schlitten wurden hinten an einen großen gebunden und die Hauptfreude war, tief in[50]  einen Graben zu versinken. Auch die großen Schlitten fielen nicht selten um, nicht immer unabsichtlich. Ich weiß genau, wie ich mich bei solchem Falle in dem tiefen Schnee aufrichten wollte, aber in einer Finsternis befand: ich lag unter der Krinoline einer wohlbeleibten Inspektorsfrau; es hätte noch ein Junge darunter Platz gehabt; sie fand es doch etwas genierlich. Im Hause hatte ich vor allem meine sorgfältig gehüteten Bleisoldaten; das schönste Regiment waren Tscherkessen mit dem Freiheitshelden Schamyl an der Spitze; wer weiß noch etwas von seinen Kämpfen wider die Russen, die damals so populär waren, daß die Nürnberger Spielwarenfabrik mit diesen Reitern auf reichen Absatz rechnen durfte. Bald genügte es mir nicht, bloß aufzubauen und marschieren zu lassen: Krieg mußte gespielt werden. Da ward auf dem großen Tisch der Schulstube mit Tinte ein großer Fluß gemalt mit einer Insel darin, der nicht weggewaschen ward. Er schied zwei Länder, in jedem ward eine Festung gebaut, die Heere und auch die Kanonen verteilt, und nun begann von beiden Seiten das Geschützfeuer mit Erbsen oder auch Pfeilen, Holzstücken mit Watte dahinter, die aus Blaserohren geschossen wurden, und je nach dem Erfolge rückten die Truppen vor. Das machte der kleinere Bruder gern mit; das Aufbauen weniger, und das Einpacken fiel mir zu, weil er mit den kleinen Soldaten nicht säuberlich verfuhr. Ich sah nachher, wenn ich als Tertianer in die Ferien kam, mit Wehmut, wie die Köpfe und Pferdeschwänze fehlten. Auf diese Spiele hatte mich ein wirklich sinnreiches kostbares Spiel gebracht, das die Belagerung von Sebastopol darstellte; ein großer Plan mit dem Gelände und eingezeichneten Stellungen, in denen Punkte mit einem Mann oder einer Kanone besetzt wurden. Würfel entschieden den Erfolg von Angriff oder Verteidigung, aber man konnte doch mit umsichtiger Verteilung etwas ausrichten. Daher gewann der Ältere, und dem Kleinen ward es verleidet. Gespielt ward aber auch mit den Großen, viele Abende; man lernte Mühle, Dame, Belagerung, Domino, Kartenspiele zu zweien und auch in größerer Gesellschaft; wenn sich die Herren zum Whist setzten, sah ich gern zu. Auch Vingt et un um Zahlpfennige kam vor und erregte die Leidenschaft. Die Hauptfeste des Jahres waren die Geburtstage der Eltern, die in die schönste Sommerzeit fielen, und zu ihnen kam zahlreicher Besuch. Weihnachten gehörte der Familie und die Vorbereitungen waren so schön wie der Heilige Abend. Alle saßen an dem großen Tisch, Papierketten wurden geklebt, Netze geschnitten, Rosinen auf Schnüre gezogen und ebenso wie die Nüsse vergoldet, eigentlich ziemlich unappetitlich, vor allem Mandeln aus heißem Wasser genommen, so daß die Schalen sich lösten, die Mandel oft weithin herumsprang; dann wurde sie fein gerieben, für das Marzipan,[51]  das Hauptkunstwerk. Da sah man dem Ausrollen zu und bekam etwas, um Brötchen und Kringel zu verfertigen. Auf das Backen folgte das Belegen mit eingemachten Früchten; stolz war man, wenn man so weit war, auch dabei zu helfen. Den Baum bekam man nicht zu sehen. Aber weil für ihn die Mutter allein sorgte, gab es für sie ein kleines Bäumchen, und das schmückten wir und schnitten heimlich die feinsten Netze.


Eintönig war dieses Leben freilich, vom Wandel der Jahreszeiten reguliert. Aber von außen kamen nicht selten Abwechselungen, herumziehende Künstler, der Mann mit der Drehorgel, der das Hausgesinde hervorlockte, und tanzen durften sie vor der Haustreppe, auch wenn sich das Essen verschob. Böhmische Musikanten in grünen Röcken bliesen wunderschön, bekamen öfter Essen als Geld und bliesen nochmals zum Dank. Auch ein Bärenführer mit Affen erschien gar nicht selten, einmal auch ein Bergmann mit dem vielbewunderten Modell eines Bergwerks. Erhalten ist ein mehr als naives Gemälde, das meine älteren Brüder als Kinder beim Schachspiel darstellt, von einem unternehmenden Maler verfertigt, der seine Kunst von Gut zu Gut landfahrend angeboten hatte. Als ich größer war, fuhr ich auch zu Vorstellungen nach Inowrazlaw mit. Da trat der große Zauberer Bellachini auf, der in Wahrheit ein Jude, ich dächte, aus Rawitsch war und als Landsmann besonderes Interesse erregte. Er holte mir einen Taler aus den Hosen und schenkte roten, grünen und gelben Likör aus derselben Flasche und was der Wunder mehr waren. Und einmal kam gar ein Theater: da gab es ein Stück, in dem ein Affe die Hauptrolle spielte, aber ich habe auch die Räuber gesehen; ein Gast spielte Franz und Karl Mohr, alle beide, und es war grausig schön.
Auf kurze Reisen bin ich gar nicht so selten mitgenommen, nach Rügen, nach Danzig, schon 1856 zu den Verwandten in die Priegnitz, wo ich mich in den vornehmen Häusern Gadow und Krampfer höchst unbehaglich fühlte, aber ich weiß nur eben die Tatsachen; für die flüchtigen Eindrücke der Landschaft und der Monumente war ich noch nicht empfänglich. Etwas anderes war es, als eine schwere Erkrankung meines Kadettenbruders eine Kur in Kreuznach nötig machte, zu der ich mitgenommen ward, weil ich auch kränkelte. Der Typhus steckte wohl schon in den Gliedern, der mich sofort nach der Heimkehr sehr schwer ergriff und auf viele Monate schwächte. Eine solche Fahrt war dazumal keine leichte Sache. Die Ostbahn war noch nicht fertig; es ging von Bromberg über Kreuz und Stettin nach Berlin, dann über Guntershausen nach Frankfurt, denn der Kurfürst von Hessen litt in Kassel keine Eisenbahn. Überall langer Aufenthalt; reisegewandt war die Mutter natürlich nicht, den Kranken zu besorgen erhöhte die Schwierigkeit. Aber[52]  als das Ziel erreicht war, das Solbad rasch seine Wirkung tat und Zeit genug war, sich in die ganz andere Natur und ein buntes Leben hineinzufinden, war es doch für alle ein auffrischender Genuß, für die Kinder eine bedeutende Erweiterung des geistigen Horizontes. Ich glaube, mir war die Ebernburg durch das, was ich nun über Hütten und Sickingen hörte, eindrucksvoller als die Natur, auch als die Dampfschiffahrt rheinabwärts bis Bonn. Hier ward auch die Universität besichtigt und ich soll gesagt haben: »hier werde ich einmal Professor der Geschichte.« Ich habe später einen Ruf nach Bonn ohne Rücksicht auf diese Prophezeiung ausgeschlagen. Auf der Rückreise ward Potsdam besucht, und als wir von Sanssouci zurückfuhren, begegneten wir dem Könige, der mit der Königin eine Spazierfahrt machte. Unser Wagen hielt, wir standen alle auf. Der König dankte mit einer Handbewegung. Das Bild hat sich meinem Gedächtnis tief eingeprägt, während ich kein anderes in klaren Zügen bewahrt habe. Erst als ich im zwölften Jahre mit meinem Vater in Berlin, dann in Dresden ein paar Tage war, hatte ich Empfänglichkeit. Die Gipse des Berliner Museums überwältigten mich, so daß ich mich gar nicht losreißen konnte, in Dresden die Harmonie der Natur mit den Bauten, und unter der kundigen Führung des Herrn von Zedtwitz sah ich zum ersten Male Gemälde. Daß es eine Kunst gibt, die Sinn und Herz bezwingt, ging mir auf. Correggios Nacht schlug noch Raffael und Holbein, vielleicht doch, weil ich Oehlenschlägers Drama Correggio gelesen hatte. Herrlich war die Malerei, aber andächtiger hatte ich doch vor den Niobiden gestanden.
Von Kobelnik habe ich noch nicht gehandelt, und doch war das Reich meiner Tante Emma für mich von höchster Bedeutung: nur da atmete man eine andere Luft. Da sie bei meinem Vater Mutterstelle vertreten hatte, war sie für seine Frau etwas wie Schwiegermutter, für alle die höchste Respektsperson. Sie kam nur im Sommer für Wochen oder Monate nach Kujawien, und dann drehte sich alles um sie. Ihr Gatte starb früh, ein freundlicher Herr, der immer Schokoladenplätzchen neben der Schnupftabaksdose in der Westentasche hatte, und sie beerbte ihn, wie sie immer regiert hatte. Schon die reiche und stilvolle, streng klassizistische Ausstattung des alten Hauses imponierte durch vornehmen Reichtum, Gemälde, Teppiche, eine Marmorkopie der Psyche von Capua15. Trat man in den Garten hinaus, so blickte man über[53]  ein Halbrund von Terrassen, auf denen sich Reben an niedrigen Spalieren rankten, umsäumt von bunten Blumen. Der damals noch hohe See war durch Ausgrabung des Moores und Sandes bis an den Fuß der Terrassen geführt, eine schmucke Gondel lud zur Wasserfahrt. Weithin zog sich der Park, von Kanälen durchzogen. Durchblicke und unten am Ufer ein hochaufgeschüttetes Plateau ließen die alte Kirche von Kruschwitz über dem Wasserspiegel wirkungsvoll den Blicken erscheinen, Nachahmung Italiens war mit dem, was Kujawien bieten konnte, vereinigt, ohne sich zu stören. In Italien, zu dem Nizza noch gehörte, auch wohl auf den hyerischen Inseln pflegte Tante Emma den Winter zu verbringen. In Rom hatte sie auch Wolf Goethe kennengelernt, Ölbilder zeigten ihn und seine Schwester Alma; seine Gedichte habe ich später in den Schränken der Bibliothek gefunden, die mir dann mancherlei zuführte, längst Vergessenes, aber auch Lachmanns Lessing. Sie war keine gewöhnliche Frau, bestrebt, die Mängel ihrer Jugendbildung zu ergänzen. Der französischen Konversation war sie vollkommen mächtig, aber ihre Bücher waren deutsch. Die Reisen hatten ihr mannigfache, manchmal sehr seltsame Bekanntschaften eingetragen, die kometenhaft auftauchten und verschwanden. Einzeln erschien Exzellenz von Frankenberg-Ludwigsdorff, Kronsyndikus, Mitglied des Herrenhauses16, der ihr Vermögen verwaltete, mit Ordensband und Stern. Der war noch unter dem Alten Fritz geboren und dem entsprach seine Schulbildung. Ich war schon auf der Schule, als er fragte: »Lernt ihr denn auch schon

je chante le héros qui regna sur la France
et par le droit de guerre et par ce de naissance?«

Das machte mich sprachlos; ich habe später Voltaire immer gern gelesen, wohl mehr als die meisten Kollegen, aber die Henriade durchzulesen, das habe ich nicht geleistet. Die unglaubliche Lebhaftigkeit der gebrechlichen alten Frau, die Unrast auch ihres inneren Wesens, ward wohl zur Launenhaftigkeit und führte sie in ihren Entschlüssen, Zuneigungen und Abneigungen zu unberechenbaren Quersprüngen. Aber sie übte keinen geringen Zauber aus; ich habe sie später gut kennengelernt. Sie konnte frömmelnde Anwandlungen haben und ebensogut voltairisch spotten; einige Frivolität war gestattet. Ida Gräfin Hahn-Hahn war ihr in den beiden Phasen ihrer nun vergessenen Laufbahn bekannt[54]  gewesen17. Aber für echte Größe war sie empfänglich, auch wenn sie ihr aus einer fremden Welt nahegebracht wurde18. Sie bestand darauf, daß Polen bei ihr verkehren durften und richtete einer Tochter des Generals v. Kolatschkowski die Hochzeit aus; aber dann erzählte sie mit Genugtuung, daß der Brautschatz allerhand Kleider, Schals und Spitzen enthalten hätte, aber nur ein Hemde, das Brauthemde; das war dafür von Batist, reich gestickt. Die gewöhnliche Wohltätigkeit übte sie nicht, dafür gelang es manchen, die darauf zu laufen wußten, Beträchtliches zu erschnappen; aber gelegentlich tat sie auch Gutes; so erhielt die evangelische Kirche in Kruschwitz Uhr und Glockengeläute. Für die gesamten Kinder der Gutsleute hatte schon ihr Gatte in einem schönen Eichenhaine ein Schulhaus erbaut (sicherlich war im Netzedistrikt keines von fern vergleichbar), und die ganze Schule ward von der Gutsherrschaft unterhalten. In demselben Gehölz war eine Fasanerie, und beides zu besichtigen führte die Schloßherrin gern ihre Gäste hin. Als Herrin fühlte sie sich überhaupt, als Sonne, um die alles andere kreisen mußte. So wie es bei uns gehalten ward, auch in der Erziehung der Kinder, war es ihr wohl nicht ganz recht, aber das blieb so, und schließlich hat sie doch immer erkannt, daß hier die echteste und eine uneigennützige Anhänglichkeit ihr treu blieb. Sie verdiente es und hat es schließlich belohnt, indem sie meinen ältesten Bruder erst zur Sorge für ihre Güter, dann zu ihrem Erben berief.
Für uns Kinder war es freilich nur eine schwere Prüfung, wenn es nach Kobelnik zu Tante Emma ging. Schon die Feiertagstoilette war keine Freude, und dann vielen fremden Menschen vorgebändigt werden und gesittet am Katzentische Milch trinken, gezuckerte, was ich verabscheute. Danach wurden wir in den Garten entlassen; wie sollte man spielen, wenn die Hosen sauber bleiben mußten. Manchmal sollten wir in einem Kanale angeln: ich weiß nicht was, denn die Frösche bissen nicht an. Einzige Rettung, wenn wir des alten Julius habhaft wurden, der nun Jäger war, früher Diener auf den Reisen. Dann sollte er erzählen, von Italien; an dem Häuschen, das er bewohnte, war eine Vorhalle und unter ihr die Wand mit einer italienischen[55]  Landschaft bemalt, im Hintergrunde die Peterskuppel. Aber er wußte nur zu berichten, daß der Weg nach Rom über schrecklich hohe Berge führte und Rom eine große Stadt wäre, wo kein einziger Mensch deutsch oder polnisch könnte, alle fürchterlich schrien und fürchterlich betrögen; Kujawien wäre doch schöner. Das wirkte doch nicht gegenüber dem Abglanz der italienischen Herrlichkeit, der mir hier entgegentrat; hingeworfene kurze Antworten der Tante auf meine Fragen kamen hinzu, später so Vieles in den Büchern, besonders packte mich Andersens Improvisator. Die Mignonsehnsucht saß ganz früh fest in meinem Herzen. »Dahin, dahin geht unser Weg. O Vater, laß uns ziehn.« Erloschen ist sie nie.
Wenn in Kobelnik die Stimmung etwas weltbürgerlich war, bei uns war sie preußisch, genauer fritzisch. Daß über dem Klavier die Bilder des Königspaares hingen, verstand sich von selbst. Der König war eben der König, dem war man von Gott ebenso zum Untertan gegeben wie den Eltern als Kind; die Hingabe an das Vaterland auf Leben und Tod war damit gegeben. Der Feldmarschall Moellendorff, nach dem jeder Junge den Vornamen Wichard führen mußte, hatte doch dem Alten Fritz die Schlacht bei Leuthen gewonnen, der Großvater Wilamowitz, den er adoptiert hatte, trug auf dem Bilde, das in der guten Stube hing, den pour le mérite, den er sich bei Eylau verdient hatte, und von der Familie der Mutter sollten sieben bei Kunersdorf gefallen sein. Die Erinnerung an die Schlesischen Kriege überwog die Freiheitskriege; das lag an dem Gegensatz zu Österreich, der Schmach von Olmütz. Da saß der Feind, der Preußen niederhielt. Die Süddeutschen waren Preußenfeinde; der Rheinbund war nicht vergessen. Die Franzosen waren weit, Waterloo oder, wie man noch sagte, Belle Alliance, war die letzte große Schlacht gewesen. Man fürchtete von ihnen nichts; Napoleon III. ward nach dem Kladderadatsch beurteilt, der allwöchentlich ins Haus kam. Die Reaktionszeit befriedigte durchaus nicht, und die echte Königstreue verlangt nicht die Billigung der jeweiligen königlichen Politik. Eine meiner ersten Erinnerungen hält ein Essen fest, bei dem der preußische Landrat mit einer Trauermiene verkündete: »der Kaiser (Nikolaus) ist tot«, und ebenso die Mahnung der Mutter, wie beschämend es wäre, daß ein Preuße so von dem Russenkaiser reden könnte. Schon vor der Regentschaft hingen auch die Bilder des Prinzen von Preußen und der Prinzessin Augusta an der Wand, die neue Ära ward mit Jubel begrüßt, die Sternzeitung gehalten, die Sammlung zu einem Ehrenschilde für den neapolitanischen Bourbonen verweigert, aber eine möglichst hohe Summe für die preußische Flotte gezeichnet. In dem Sinne wuchs ich auf; in der Schule wehte mich die liberale Opposition gegen Bismarcks[56]  Anfänge etwas an, aber dann kam 1864, der älteste Bruder zog als Reserveleutnant mit dem neuen dritten Garderegimente bis zum Lymfjord er machte den böhmischen Feldzug bei der Gardelandwehr mit, der Husarenbruder bekam im Reitergefechte mit den Bayern etliche Schmisse in das Gesicht. Welcher Jubel in diesen Juliferien. Ich habe ihm in einer lateinischen Elegie Ausdruck gegeben, die ich am Schulfest 1867 vortragen durfte. Schwarzweiß bis in die Knochen.

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Religionsübung gab es im Hause eigentlich nicht. Der liebe Gott und himmlische Vater, allmächtiger Herr der Natur und des Lebens, gütig auch wenn er strafte, mit Auge und Ohr im stillen Kämmerlein, auch in jedem Verstecke gegenwärtig: das war so sicher und so selbstverständlich, wie daß die Sonne am Himmel wanderte. Weihnachten freute man sich, daß das Christkind geboren war, Karfreitag trauerte man, daß Christus ungerecht so schmählich sterben mußte. Die besondere Heilighaltung dieses Tages geschah auch, um das evangelische Bekenntnis gegenüber den Katholiken deutlich zu machen, denn da die Kirche den Todestag Christi nur als Fasttag behandelt, hieß es das preußische Fest, und die Polen übertraten, soweit es irgend ging, die gesetzlichen Bestimmungen zu seiner Heiligung. Wir gehörten eigentlich zum Sprengel Strelno, der dortige Pastor hat mich auch getauft; aber er war ein mehr als zweifelhafter Seelenhirte, wie leider manche auf den kümmerlich bezahlten Stellen der Diaspora, und verfiel bald der Absetzung, weil er ein Kalb seiner Tochter im Ornate getauft hatte. In Inowrazlaw war dagegen der Superintendent Schönfeld ein verehrungswürdiger Mann, dem auch wir herzlich zugetan waren. Was er mit Aufopferung aller Kräfte für die evangelischen Schulen geleistet hat, ist alles Preises wert und sollte nicht vergessen werden. Bitter war es ihm, auf die Schulaufsicht zu verzichten, als die Kreisschulinspektoren eingeführt waren, eine notwendige und im ganzen heilsame Maßregel, wenn sie hier auch das Wirken eines Mannes abschnitt, der nicht zu ersetzen war. Bisweilen predigte er im Schulhause des Dorfes Kruscha duchowna, und dann fuhren wir Eltern und Kinder zum Gottesdienste; aber das war sehr selten. Die deutschen Kinder hatten dorthin täglich einen Schulweg von 40 Minuten. Die milde, echte Religiosität des verehrten Geistlichen ließ die Art, wie wir aufwuchsen, ruhig gewähren, an der manch anderer Anstoß nehmen durfte. Als später die Kandidaten der Theologie Katechismus, viele Sprüche und etliche Kirchenlieder lernen ließen, blieb das toter Gedächtnisstoff.
Der eigentliche Unterricht begann damit, daß ich lesen, schreiben, rechnen bei der Mutter lernte, aber das war nur schöner als spielen. Mit den ersten[57]  Hauslehrern ward es nichts Rechtes; ich habe sie ganz vergessen. Dann kam meine Krankheit, erst im zehnten Jahre ward es ernst, am ernstesten dadurch, daß ich ein Pony bekam. Das war so unfreundlich, bei meinem ersten, allerdings leichtsinnigen Reitversuch, ein paar Sprünge zu machen, mich abzuwerfen und mir einen Schlag gegen die Schläfe zu geben, so daß ich besinnungslos liegenblieb. Das verging, und das Reiten unter der Anweisung des Vaters setzte ein. Reiten war Familienstolz. Der älteste Bruder meines Vaters hatte mit einem Hengste eigener Zucht, mit dem Scherz, als erster Deutscher das englische Derbyrennen gewonnen, war Graf geworden und hatte in die Mitte des Familienwappens einen Pferdekopf erhalten. Ein anderer Bruder war ein verwegner Herrenreiter gewesen. So trieb auch mein Vater Pferdezucht, hatte sich eine runde Reitbahn bauen lassen und verstand bei dem Unterrichte keinen Spaß, und die lange Peitsche traf den Reiter häufiger als das Pferd. Ich danke ihm das sehr, vor allem, weil unerbittlicher Ernst dahinter war, aber es stählte auch den Körper und zwang den oft verträumten Jungen, den Körper folgsam, den Geist gegenwärtig zu halten. Schließlich hat mir's der Vater nie vergeben und noch meiner Braut geklagt, daß ich kein Kavallerist geworden bin, wo ich doch einen besseren Schenkelschluß hätte als meine Brüder von der Kavallerie. Mir ist das Reiten auch ein Genuß gewesen, den ich leider nur selten, zu Hause oder in Griechenland und Asien haben konnte. Zuletzt habe ich 1917 in Bulgarien ein Pferd bestiegen und es ging noch.
Schon vor dieser Zeit war etwas ins Haus gekommen, das für mein Werden wichtiger war als alle Schulstunden. Es geschah wohl durch die Anregung meines ältesten Bruders schon von Bromberg her (später ging er im Gefolge von Freunden auf die Ritterakademie in Brandenburg, die in den Leistungen doch tiefer stand): Bücher kamen ins Haus, denn was meine Mutter mitgebracht hatte, stand kaum gemehrt und kaum angerührt im Schranke. Noch heute besitze ich eine Anzahl Duodezbändchen einer Sammlung mit dem Motto »Bildung macht frei«, s.g. Klassiker des 18. Jahrhunderts, die den Namenszug meines Bruders tragen. In denen habe ich manches, schon ehe ich auf die Schule kam, gelesen, was mir sonst vielleicht nie in die Hand gekommen wäre, Gellert, Rabener, Hagedorn, »die Brüder« von Leisewitz, Gerstenbergs Ugolino. Aber die Hauptsache waren doch die wirklichen Klassiker, und was nie aus meiner Hand kam, der Homer von Voß, so daß er mir ganz geläufig war, ehe ich einen griechischen Buchstaben kennenlernte. Ich verlangte nach der Fortsetzung der Ilias, nach dem, wovon Schwabs Sagen des klassischen Altertums nun nicht mehr befriedigend erzählten. Daß die Griechen[58]  selbst die anderen homerischen Epen früh verkommen lassen konnten, kann ich ihnen auch heute nicht vergeben. Und dann Shakespeare. Daß mir der so früh in die Hände fiel, hat bewirkt, daß ich die rechte Begeisterung für Schiller niemals gekostet habe. Für die Komödien war ich zu unreif, aber an den Historien, ganz besonders der Reihe von König Johann bis zu Richard III. konnte ich mich nie ersättigen. Und in dem Schauder bei Lear und Macbeth ging mir auf, daß die Tragödie das Höchste in der Poesie ist und bleibt und daß sie Verstragödie sein muß, wenn sie dies Höchste sein will. Von Brandenburg aus brachte mir mein Bruder auch Simrocks Edda mit, die, so unverständlich das meiste blieb, doch erhabener klang und stärker fesselte als Simrocks Nibelungen; die kamen gegen die Ilias nicht auf. Immerhin war es doch nichts Geringes, daß das Germanische mir schon so früh nahekam, zumal das Nordische, von dem mehr zu wissen der Wunsch lebendig blieb.
Die Musik kam erst durch Herrn von Zedtwitz in das Haus, der meisterlich Klavier spielte; in Kobelnik sangen manchmal einige Damen, künstlerisch und noch mehr dilettantisch. Es ward beschlossen, ich müßte Klavierspielen lernen; meine Mutter kam wohl auf eine lange zurückgedrängte Neigung zurück. Der Unterricht war aber derart, daß es schien, als sei die Musik für die Finger, nicht für das Ohr gemacht. Statt dieses zu üben, hören zu lernen, sollte der Junge die Kunst ausüben; soviel er fragte, worin sie eigentlich bestünde, was denn ein Akkord, eine Melodie wäre, bekam er von niemandem Auskunft. Tonleitern und Fingerübungen eröffneten das Reich der Töne nicht. So ist dabei nichts als lange Quälerei herausgekommen, und das bleibende bittere Gefühl eines Mangels in der ganzen Bildung, der sich nicht ersetzen ließ. Die oft überwältigende Wirkung, die später manche Musik ausübte, bewies, daß die Auffassungsfähigkeit nicht fehlte. Aber es war doch quälend, den Rhythmus der Sprache, auch der gesungenen Lieder zu verfolgen, auch die antiken Musikschriftsteller zu lesen, und in der Musik ein Barbar zu sein. Der Aristoxenos, am Klavier klargemacht, würde anderen Erfolg gehabt haben als die Fingerübungen.
Französisch sollte gelernt werden, ohne Rücksicht, ob es für das Gymnasium nötig war. Die Vorstellung war, daß man es sprechen müßte, aber es erhielt auch eine Stelle im Lehrplan, als dieser geordnet ward. Das Parlieren fand sich, als eine alte ausgediente Französin eine Weile im Hause Aufnahme fand, und einige Geläufigkeit ward erzielt, um auf der Schule wieder verlorenzugehen. Englisch lag noch ganz allgemein außerhalb des Horizontes; es gab wohl selbst unter den Gästen, die in Kobelnik erschienen,[59]  niemanden, der es auch nur von ferne kannte. Wir bekamen einmal einen Hund Lovely, und niemand zweifelte, daß das einen kleinen Löwen bezeichnete; der ihm den Namen gegeben hatte, war ersichtlich derselben Ansicht gewesen.
Ernst ward es mit den Schulfächern erst 1858, als der Kandidat der Theologie ins Haus kam, der die Vorbereitung auf die Tertia durchgeführt hat und angestrengte regelmäßige Arbeit forderte. Latein konnte er gut und paukte die Grammatik, wie sich gehört. 25 Vokabeln mußten täglich gelernt werden und dann festsitzen. Die moderne Schlappheit wird das entsetzlich finden, und es kamen doch die französischen Vokabeln dazu. Da war das Vokabularium töricht geordnet, z.B. alle Namen der Fische hintereinander, dann die Bäume usw. Das verwirrte und nur wenig davon haftete. Das Lateinische dagegen stellte die Komposita zum Stammverbum, verwandte Nomina schlossen sich an: das begriff sich und führte von selbst in den Bau der Sprache hinein. Die alten überladenen Genusregeln mußten gelernt werden, die ganze Reihe der Maskulina auf is bis penis, pollis, mugilis, wobei die Erklärung stand: mugilis ein Fisch, pollis eine Sorte Mehl; zu penis stand keine und ward ergänzt »eine andere Sorte Mehl«. Mugil erschien dann noch unter den Ausnahmen. Natürlich übersetzte man dann Fisch gelegentlich mit mugil und kam sich dabei gelehrt vor, vermeinte aber, daß die Römer Hecht und Karpfen und Forelle nicht unterschieden hätten, geschweige die Menge französischer Fische, bei denen man sich gar nichts denken konnte. Neben diesem im ganzen doch nur heilsamen Pedantismus brachte der Lehrer am Ende doch erfreuliche, vielleicht unpädagogische Abwechslung. Er hatte wohl selbst Freude am Horaz gehabt, und so konnte ich, als ich aus seinen Händen kam, mehrere Oden auswendig, von aequam memento und eheu fugaces weiß ich es bestimmt. Zum Entgelt hatte er auf die griechischen Akzente verzichtet. Innerlich gab mir der Mann nichts; mein jüngerer Bruder hat seine Behandlung als Tortur empfunden. Als er nach der Verlobung mit der Haustochter in ziemlichem Unfrieden fortging, soll er geurteilt haben, ich wäre hoffnungslos dumm und mein Bruder würde am Galgen enden. Das hindert nicht, daß ich ihm für einen Dienst dankbar sein muß, der für mein Leben entscheidend geworden ist. Er hat meine Eltern auf Pforte gewiesen, weil er einen Portenser zum Lehrer gehabt hatte. Es war auch für mich an Brandenburg gedacht, aber die Kosten waren unerschwinglich. In Wahrheit hätten meine Eltern wohl Anrecht auf eine staatliche ganze oder halbe Freistelle in Pforte gehabt, wie sie später meinem jüngeren Bruder zuteil geworden ist, allein sie waren schon ganz erleichtert, als ich in Pension[60]  bei dem Rektor Peter als extraneus angenommen war, wenn ich unter zahlreichen Konkurrenten das Examen für Untertertia bestünde. Zum Abschied aus dem Elternhause bekam ich Jacke und lange Hosen, die Schulbücher waren bei Gsellius bestellt, die Mutter begleitete mich auf dem schweren Wege und fuhr beruhigt heim. Diesem Rektor und seiner Frau konnte sie den Sohn mit Zuversicht übergeben. Eine Freundschaft war sogleich begründet.
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 Sie wollte jeden Sonntag nach Hause gehen; das ward ihr einmal untersagt, weil sie nachlässig gewesen war, und da es mit ihr immer ärger wurde, öfter, bis sie weinend kam: »Gnädige Frau muß mich nach Hause lassen, sonst geht's nicht. Da haut mich meine Mutter durch, daß ich für eine Woche artig werde.« Das half, aber das Mittel konnte die Hausfrau auch anwenden und bekam eine leichte Hand, zum Besten auch der Kinder. Da gab es nicht nur ein Rohrstöckchen mit vielen Knoten, das auch auf die Reise mitgenommen ward, sondern es war ein unheimlicher Gestus, wenn man sah, wie an der rechten Hand der Siegelring umgedreht wurde; das verschärfte die verdiente Ohrfeige mit raffinierter Kunst.
15 Einmal erwartete sie Nichten aus der Priegnitz, da traf ich sie, wie sie die Psyche in graue Gazeschleier wickeln ließ und trotz verächtlichem Spotte die rückständige Prüderie nicht verletzen wollte. Wilhelm von Humboldt hat ähnliche Erfahrungen gemacht.
16 Ich habe später Gelegenheit gehabt, einen Brief zu lesen, den König Wilhelm an dies Mitglied des Herrenhauses gerichtet hatte, um ihn zu mahnen, er möchte sich für die Aufhebung der Steuerfreiheit der Rittergüter einsetzen, gegen die sich namentlich der schlesische Adel sträubte. Es war ein schöner Brief; ich weiß nicht, ob er veröffentlicht ist.
17 Es wird wohl auf sie zurückgehen, daß ein Spottvers auf die bigott gewordene Gräfin in meinem Gedächtnis ist, die sich in einem Fremdenbuche als belletriste eingezeichnet hatte: Belle warste, triste biste, siehste wie de biste, Belletriste.
18 So geschah es, als ich ihr meine noch sehr unvollkommene Übersetzung des Hippolytos vorlas; ich habe es in meiner Ausgabe S. 59 berichtet.




 II. Schülerjahre
Pforte, Ostern 1862 bis 9. September 1867










[61] Als Untertertianer trat ich in die unterste Klasse der königlichen Landesschule, die man sprachwidrig Schulpforta nennt. Aus der Einsamkeit unter eine Menge von älteren und gleichaltrigen Knaben versetzt, hatte ich es nicht ganz leicht, gab Anlaß zu Hänseleien und machte das Heimweh durch. Aber das war überwunden, als es in die großen Ferien ging. Bei meiner ungleichen Vorbildung galt es manche Mängel zu überwinden; im Griechischen war ich bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen. Aber das ward geschafft. Zum Winter kam ich nach Obertertia, und da noch halbjährliche Versetzung bestand, berechtigten meine Klassenleistungen die Hoffnung darauf, auch diese Klasse in einem Semester durchzumachen. Ich habe später erfahren, daß die Lehrer es erwogen. Aber sie entschieden, der Junge soll einmal etwas Gutes leisten, aber es ist Gefahr, daß er übermütig wird. Sie gaben mir also als Prämie »Guhl und Koner, Leben der Griechen und Römer«1, und versetzten mich nicht. Schon allein für diese Entscheidung muß ich die tiefste Dankbarkeit empfinden, die zugleich spornte, indem sie die Zügel anzog, was ich sehr nötig hatte. Dann ist in regelmäßigem Gange das Ziel erreicht worden. Von Übertretungen der Schulordnung und den entsprechenden Strafen, auch solchen, die ich als ungerecht schwer ertrug, rede ich ebensowenig wie von Erfolgen. Nur die Schule will ich schildern, ihr und meinen lieben Lehrern meine Dankbarkeit bezeugen. Vor einigen Jahren sammelte ein Buch2 Urteile über die eigene Schulzeit; da lehnte ich es aus Ehrfurcht und Pietät ab; es käme mir so vor, als sollte ich über mein Elternhaus ein Urteil abgeben. Jetzt soll nun diese Pietät zu Worte kommen. Als ich nach 5 1/2 Jahren Abschied nahm, war mir das Herz schwer, ich gelobte mir, der Pforte mein erstes großes Buch zu widmen und habe 1889 dies Gelübde erfüllt: almae matri Portae v.s.l.m. Ich erwog, ob ich darunter setzen sollte quod spiro et placeo, si placeo, tuumst. Das hole ich jetzt nach.[62]
Schildern will ich die Pforte, wie sie zu meiner Zeit war. Die Alumnen werden vielleicht meinen, ich könnte es nicht ordentlich machen, weil ich Extraneer war, d.h. in Pension bei einem Lehrer, nicht im Alumnat, also dem gemeinschaftlichen Leben des Cötus im Schlafsaal, dem Cönakel, den Arbeitsstuben fremd blieb; schon manche Bezeichnungen verraten, daß aus dem Kloster der Zisterzienser 1543 eine Lateinschule geworden war. Gewiß wird meinem Berichte manches fehlen, allein ich habe mich immer zu den Alumnen gehalten und wäre am liebsten einer gewesen, womit ich nicht sagen will, daß die Zulassung von 20 extranei verkehrt gewesen wäre, im Gegenteil; ich halte die Abschaffung dieser Zulassung für töricht und schädlich. Die Alumnen haben volle oder halbe Freistellen, kommen daher meistens aus wenig bemittelten Familien: da bekam die Vermischung mit den oft reichen Pensionären beiden Teilen gut; auch Ausländer sind in früheren Zeiten so nach Pforte gekommen. Der Staat vergab über die Hälfte der Alumnatstellen und konnte so seinen Beamten, die an ihrem Wohnort den Kindern die gewünschte Bildung nicht zu geben vermochten, und auch kinderreichen Familien vom Lande zu Hilfe kommen. Eine strenge Auslese durch die Aufnahmeprüfung konnte vor Mißbräuchen schützen. Jeder Alumnus mußte abgehen, wenn er in derselben Klasse zum zweiten Male sitzenblieb; wir nannten das »wegen Dummheit geschaßt werden«. In Wahrheit müßten geschlossene Anstalten ähnlicher Art fern von den Städten für die Kinder der Landbewohner in viel größerer Zahl bestehen. Schulen in Großstädten sind für die Eltern bequem, für die Kinder gefährlich. Aber das Land ist schon lange in Preußen gegen die Städte zurückgesetzt worden, hat allerdings die Zeit versäumt, wo es sich hätte erfolgreich wehren können, aber damals steckte dort noch zuviel von ständischen Vorurteilen und Gegensätzen.
Die hohen Klostermauern schlossen von der Welt draußen ab, schlossen eine kleine Welt für sich ein. Selbst mit dem Hofe des Oberamtmanns, der das zugehörige Landgut verwaltete, auch wohl die Verpflegung besorgte, war keine Verbindung für die Schüler. Hinaus kamen die Primaner täglich nach dem Mittagessen anderthalb Stunden, die andern nur Sonntags. Die ersteren stürmten meist zu ihrer Kneipe nach Almerich, die andern, wenn sie es dazu hatten, nach Kösen in eine Konditorei. Größere Spaziergänge in die schöne Umgegend unter Führung eines Lehrers waren selten und wenig beliebt. Von außen drang kaum etwas zu uns, Zeitungen nie. Um so wichtiger ward das Leben drinnen, fest geregelt und gerade dadurch nicht eintönig, denn die Regel sorgte für Abwechslung. Zwar der Vormittag gehörte ganz der Arbeit. Früh fing er an; die Alumnen standen im Sommer um 5, im Winter[63]  um 6 auf und mußten alle in den Waschsaal gehen, den Rektor Peter meiner Mutter mit Stolz als eine neue Errungenschaft zeigte; jetzt hat man sich entsetzt, daß die Jungen, halb angezogen, einen ziemlich langen Weg über Treppen und Korridore hatten. Nach dem Frühstück, zu dem die Unteren (Tertianer) die mächtigen Krüge mit Milch und die runden Brote holten (von beidem gab es sehr reichlich, auch einen Stich Butter), ging es in den Betsaal, dann in die Klassen. Schulstunden waren nicht zahlreich, immer lagen erholsame Arbeitsstunden dazwischen. Nach dem Mittag mußten alle in den Schulgarten, bei Regen in den Kreuzgang. Kopfbedeckungen durften innerhalb der Mauern nicht getragen werden. 2–4 Unterricht, 4–5 Schulgartenfrei, dann Arbeitsstunden, Abendessen, zur Andacht in den Betsaal, um 9 ins Bett, nur die Primaner blieben bis 10 auf.
In dem schönen großen Schulgarten hat noch jetzt jede Klasse ihre besonderen Bänke, ein Stück Wald am Abhange des Berges, ihre Kegelbahn. Schattige Alleen umsäumten den Turnplatz, den viele in den Freistunden gern benutzten, auch zum Gerewerfen. Auf ihm spielten groß und klein Barlauf, auf dem großen Rasenplatze davor mit besonderem Eifer Ballspiele. Eine geräumige Turnhalle diente auch als Festraum und faßte doch kaum die Gäste, die sich bei diesen Gelegenheiten einfanden.
Wenn sonst kein Feiertag war, gab es in der Woche einen Tag ohne Schulstunden, Ausschlafetag genannt, weil das Leben eine Stunde später begann. Der Vormittag und die Stunden 2–5 gehörten der freien eigenen Arbeit, dann genoß man die Erholung in mannigfachem Spiel. Dieser freie Tag war unser besonderer Vorzug, ihm verdankten wir die Ausbildung zu eigener Tätigkeit, zur geistigen Beschäftigung nach freier Wahl. Es mag sein, daß die Kleinen mit der Muße noch nicht recht etwas anzufangen wußten, das Stillsitzen ihnen schwer fiel. Irre ich nicht, so waren für sie Schach und ähnliche stille Spiele zur Abwechslung gestattet. Aber für die Älteren war der Segen unschätzbar. Es galt ja nicht nur die häuslichen Schularbeiten zu bewältigen, auch nicht nur die geforderte oder erwartete Privatlektüre zu treiben, lesen mochte jeder nach freier Wahl, er durfte wohl auch zeichnen. Unsere Vertrautheit mit unseren deutschen Klassikern war nur durch die Ausschlafetage möglich gemacht, die Institution der Privatlektüre auch, die den Ausfall so vieler Unterrichtsstunden und überhaupt deren geringe Zahl allein rechtfertigt. Wir lasen von antiken Schriftstellern was wir wollten; manches wie die Homerlektüre war auch vorgeschrieben. Zur Kontrolle ging man zu dem betreffenden Lehrer, meldete an, was man gelesen hatte, und er prüfte je nach seinem Belieben. Es war keine kleine Belastung der Lehrer,[64]  die doch sonst von der Freizeit denselben Vorteil hatten wie wir. In der Prima ließ diese Kontrolle nach. Man sollte im Tacitus und Horaz viel weiter Bescheid wissen, als die Klassenlektüre führte, aber das meldete niemand bei Peter mehr an; er betrachtete es als selbstverständlich. Die deutsche Lektüre ward nicht angemeldet und kontrolliert, ein Fehler; es würde auch die Beschäftigung mit historischen Werken leicht gesteigert haben. Daran ließ ich es auch fehlen, vom Altertum abgesehen, während ich von Lessing auch die polemischen Schriften mit Leidenschaft las, vom Vademecum für den Pastor Lange bis zum Antigötze. Für das, was man mit einem zu hochgegriffenen Namen Weltanschauung nennt, ist Lessing mir der erste bestimmende Führer gewesen.
In den fünf Wochen der großen Ferien mußten alle Schüler fort; daß alle zu Weihnachten auch nach Hause fahren konnten, bewirkte eine Hilfskasse, zu der jeder, der es konnte, beitrug. Selbst Ostern blieben wir in Pforte und füllten die freien Tage so gut es ging. Auch Michaelisferien gab es nicht; sie ersetzten die Examina, denn jedem ward nach jedem Semester vor dem versammelten Cötus unter Anwesenheit aller Lehrer von seinem Ordinarius seine Zensur mündlich mit aller Kritik erteilt, was mehrere Tage in Anspruch nahm. Am feierlichsten war die Valediktion: da trat jeder, der nach bestandenem Abiturientenexamen in Ehren abfahren sollte (die Wagen standen am Tore), auf das kleine Katheder und sprach seine Abschiedsworte, so wie es ihm ums Herz war oder schicklich schien. Der neue primus omnium hielt für den Cötus die Antwortrede.
Das Schulfest am 21. Mai brachte außer dem bunten Treiben des Nachmittags (Buden mit Leckereien, Tanz auf dem Rasen) den feierlichen Aktus, bei dem alle Klassen mit Rezitationen auftraten, ein Obersekundaner mit einer lateinischen Rede, ein Primaner mit einer deutschen, ein anderer mit einer lateinischen Elegie. Zu ihr berufen zu werden war die höchste Ehre, und sie ward im Archiv der Schule aufbewahrt. Eine Prüfung dieser Verse von den Anfängen bis zu dem Erlöschen der Fähigkeit dazu3 dürfte belehrend sein. Paul Deußen hat die seine drucken lassen; ich hoffe, daß es der meinen nicht widerfährt. Zuletzt wurden die Prämien verteilt, niemals an einen der Vortragenden; die hatten Auszeichnung genug. Von anderen Festlichkeiten, den Auszügen zum »Bergtage« auf den Knabenberg, Besuchen der Saalhäuser, um sich in dem Weinberge der Schule an Trauben satt zu[65]  essen (die Alumnen erhielten auch manchmal von dem gekelterten Weine), sei mit der Nennung genug gesagt. Auch des Primanerballs, zu dem der Amtsrat seine Zimmer hergab, sei nur Erwähnung getan, weil man nicht erwarten wird, daß durch alle Klassen Tanzstunden gingen, zu denen der Lehrer aus Naumburg kam; für die Tertianer hieß es Anstandsstunde. Wir lernten allerhand künstliche Tänze, die doch niemals ausgeführt wurden. Ein Musikdirektor war neben dem Lehrerkollegium angestellt, er bildete einen Chor aus, der im Winter öfters Konzerte veranstaltete. In vielen Klassenzimmern standen Klaviere und übten die Musikalischen in den Arbeitsstunden; aber wer bei der Aufnahme die Musikprüfung nicht bestand, war für immer von dem Unterrichte ausgeschlossen. So hatte die Musik nicht die Bedeutung, die ihr zukommt. Zu Fastnacht spielten wir unter der Leitung Kobersteins Theater in der Turnhalle, die von Zuschauern gedrängt voll war. Kostüme, schmutzig und zerlumpt, kamen vom Stadttheater aus Halle. Dekorationen fehlten. Trotzdem ward mit Recht das Höchste gewagt, keineswegs erfolglos. Heinrich IV., wo mich als Prinz Heinz ein vortrefflicher Falstaff ausstach, Egmont ohne weibliche Rollen machten den stärksten Eindruck. Ganz anderer Art war ein eigentümliches Schwimmfest. Wir gingen, sobald es die Witterung zuließ, statt der nachmittäglichen Arbeitsstunden zum Baden an die Saale; erprobte Primaner waren die Schwimmlehrer, und die große Schwimmprobe, dreimal von Ufer zu Ufer zu schwimmen, ohne sich von der starken Strömung fortreißen zu lassen, war keine Kleinigkeit. Im Spätsommer zogen die Freischwimmer flußauf zu den Saalehäusern, sprangen schon gruppenweise in die Saale und zogen dann militärisch geordnet, an der Spitze der Träger der Schwimmfahne, Wappen ein grüner Frosch, hinter Musikanten auf einem Kahne nach der Badeanstalt. Die Ufer waren bedeckt mit den Kösener Badegästen, von denen manche borniert genug waren, an den nackten Knabenleibern Anstoß zu nehmen. Die »Knaben«, wie wir Pförtner noch allgemein hießen (unser Berg heißt noch Knabenberg), waren weithin beliebt, und wenn wir an den zwei ganz freien Tagen (dritter Oster- und Pfingstfeiertag) weithin bis Kamburg oder Freiburg gelangten, fragten die begegnenden Weiblein freundlich: »Seid ihr Knaben?« Die vom Naumburger Domgymnasium waren Gymnasiasten; mit ihnen gab es keine Berührung.

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Hier sei die Erinnerung an einige längst verschwundene Gebräuche festgehalten. Wenn im Herbst das Examen zu Ende war, putzten die Tertianer eine Strohpuppe zu einem Lumpenmatz aus und steckten ihn an eine Stange: das war der Examenmann. Aufgestellt ward er im alten Klostergarten, der nur den Primanern vorbehalten war, die sich in ihm versammelten; einer[66]  hielt dem Examenmann eine Standrede, manchmal in Versen, wobei Ereignisse des abgelaufenen Jahres sehr freimütig behandelt wurden. Der übrige Cötus stand in den Kreuzgängen; die Adjunkten hörten wohl oben aus ihren Fenstern zu, aber das war und blieb geheim. Dann ward der Examenmann in feierlichem Zuge an die Mühle getragen und in die kleine Saale geworfen. Die Tertianer hatten ihre Nachthemden übergezogen, führten Gerten, um den bösen Examenmann zu strafen. Manche Schläge trafen auch andere, wurden erwidert, großes Gejohle, einzeln Wehgeschrei, schließlich allgemeine Fröhlichkeit. Kein Zweifel, daß ein sogar altgermanischer Festbrauch zugrunde lag, der ursprünglich mit dem Abschluß der Ernte und dem Zauberritus für das folgende Jahr Fruchtbarkeit bewirken sollte. Unverantwortlich, daß ein solcher Brauch mit dem harmlosen Spiele abgekommen ist; vermutlich fand ihn pädagogische Borniertheit nicht mehr zeitgemäß oder hatte ein dummer Bube zu wenig Schläge bekommen.
Vor den großen Ferien zogen die Alumnen stubenweise in den Wald und holten Laub. Die Stubentüren wurden ausgehängt und zwischen den Kränzen Bilder und Gedichte angeklebt, in denen sich die Stimmung über alles frei äußern durfte, bis eine Visitationskommission aus dem Ministerium kam, der mächtige Wiese an der Spitze. Das gab Aufregung bei Lehrern und Schülern. Nun stellte ein vortreffliches Bild dar, wie das »große Tier«, ein Löwe, in dem schönen Auditorium der Oberprimaner auf dem Katheder stehend seine Huldigung empfing. Aus dem Gedichte weiß ich noch den Vers »voll ward Betsaal nun und Kerche, und selbst der dicke Kerl sang wie 'ne Lerche«. Es war der Spitzname von Koberstein, der sonst auf den Kirchgang zu verzichten pflegte. Tagelang hing das Bild an der Tür; plötzlich war es verschwunden. Nach dem Zeichner und Dichter wurde gefahndet, natürlich vergeblich. Das Ankleben ist seitdem nicht mehr erlaubt worden. Wir waren überzeugt, daß der Befehl von Berlin gekommen war, unsere Lehrer wider ihre Neigung gehandelt hatten, vollends als nach den Ferien der Schuldige bekannt geworden war und aus der Schule gestoßen ward. Ein Schüler war von seinem Vater, einem pommerschen Pastor, gezwungen worden, den Namen zu gestehen, und der Vater hatte ihn offiziell angegeben. Das war nichts anderes als ein Bruch des Beichtgeheimnisses, und unser gesundes sittliches Gefühl war auf das tiefste verletzt. Nur das stand uns fest: unsere Lehrer konnten nicht anders empfinden als wir.
Eine keineswegs erlaubte, aber freundlich ignorierte Zeremonie erwartete die Kleinen, sobald sie aufgenommen waren. Die Obersekunda beschied sie auf ihren Platz im Schulgarten zur »Impfrevision«. Da stand der Arzt mit[67]  Brille und schwarzem Bart, ein Heilgehilfe neben ihm. Die Prüflinge mußten einzeln vortreten, einige waren gewarnt, andere gewitzigt genug, den Spaß zu durchschauen, aber nicht wenige nahmen es ganz ernst. Der Oberarm mußte entblößt werden, die Pocken wurden geprüft, nicht alle genügten, dann machte der Heilgehilfe einen Schnitt, natürlich bei denen, die sich allzuschlau gebärdeten, aber auch manchen, die zu laut plärrten. Ich war gewarnt, aber doch verängstigt in der lachenden Menge. Ob der Brauch noch geübt ward, als ich Obersekundaner war, kann ich nicht sagen, ein Rest des alten Pennalismus, im Grunde harmlos. Natürlich haben die Kleinen den Oberen manche persönliche Dienste geleistet, mußten auch die Wasserkrüge am Laufbrunnen füllen u. dgl. Das hat ihnen nichts geschadet. Schutz aber gab dem einzelnen die Schulordnung, mehr als den Extraneern, wie ich es selbst erfuhr.
Die Weisheit der Lebensordnung, welche im Alumnat herrschte, war, daß sie, den Schülern Selbstverwaltung gewährte und damit durch Gehorchen zum Führen, zur Selbstverantwortung erzog. Vier saßen regelmäßig an einem Tische, der Obere, der Primaner, ein Sekundaner, zwei Tertianer. Natürlich gab es an manchen Tischen zwei Sekundaner, manchmal keinen Tertianer. Dann trauten die Lehrer dem Primaner nicht zu, daß er seine Pflicht erfüllen würde, sich richtig um den Kleinen zu kümmern, daß er an seinem Anzug und in seinem Schranke Ordnung hielte, die Schularbeiten machte, auch Nachhilfe bekäme und nicht allzuviel Allotria triebe. Die Tische wurden jedes Semester neu verteilt, aber oft blieb die Gemeinschaft, solange es möglich war, zusammen, drei, vier Semester, und die Freundschaft hielt selbst für das Leben vor, wie die beiden Mitglieder der Berliner Akademie, der Naturforscher Ehrenberg und der Philologe Meineke sich immer noch als Oberer und Unterer betrachteten. Für jede der 15 Stuben verantwortlich war ein Primaner, der Inspektor, und die 15 Inspektoren hatten überall, auf Korridoren, in Betsaal und Schulgarten für Ordnung zu sorgen, Vorgesetzte des ganzen Cötus mit Strafgewalt. Sie konnten den Tertianern nach mehrfachen Verstößen ein »Kapitel« auferlegen, d.h. das Auswendiglernen eines beliebigen Stückes, zunächst war an ein Cäsarkapitel gedacht; es hat auch einer das überlange Wort gewählt, in dem Aristophanes die Ingredienzien einer Pastete zusammenfaßt. Die Berufung in eine so mächtige Stellung geschah durch sorgsame Auswahl aus den Oberprimanern, die zahlreich genug waren, um Ungeeignete auszuschließen. Direkter Vorgesetzter der Inspektoren war der Hebdomadar, einer der Lehrer, der eine Woche lang dauernd innerhalb des Alumnates anwesend war und nach allem sehen sollte, eine aufreibende[68]  Pflicht, von der nur einige der älteren Lehrer befreit waren. Irre ich nicht, so konnte der Hebdomadar schon auf Anzeige eines Inspektors in schwereren Fällen zu einer Karenz verurteilen: dann mußte der Schuldige fastend im Cönakel dem Mittagessen zusehen. Vielleicht stammte das noch aus der Mönchszeit; wenn auch sehr selten, kam es doch vor. Für alle schweren Sachen war die Synode zuständig, das Lehrerkollegium, das alle Sonnabende zusammentrat, denn auch der Rektor war nicht selbstherrlich. Es konnte bei dieser Verfassung nicht ausbleiben, daß die Primaner ein hohes Selbstgefühl hatten, der übrige Cötus zu ihnen aufschaute, und wenn sich auch manchmal mancher gedrückt fühlte, so hob ihn die Zuversicht, bald auch einmal regieren zu können, und die öffentliche Erteilung der Zensuren gab ihm Gelegenheit, auch die Herren Primaner gedemütigt zu sehen. Es bildete sich so immer eine ziemlich allgemeine Schätzung der Mitschüler, zumal der Primaner, und ein einzelner konnte in manchem den Ton angeben. Junge Lehrer haben es wohl mit den Primanern nicht immer leicht gehabt, da sie ihnen im Unterrichte viel zu selten gegenübertraten. Selbst ein eingeschobener Professor ist wohl zuweilen der Stimmung der Schüler gewichen.
Vorbedingung des Gedeihens war die Autorität der Professoren, besser die Hochachtung und die Liebe, die sie sich auch bei denen gewannen, die über ihre Schwächen lachten und sie gelegentlich mißbrauchten. Diese Vorbedingung war vorhanden; eine Folge davon, daß uns niemand imponierte, der von außen in die Schule eingriff, die Delegierten des Ministeriums oder der Schulrat, der zum Abiturientenexamen kam, ich glaube, ein verständiger und wohlwollender Mann. Aber wozu kam er? Ob einer reif oder unreif war, das wußte die Synode doch besser. Überhaupt das Examen. Dagegen hatte einst der alte Rektor Ilgen, W.v. Humboldts Freund, lange vergeblich protestiert; wir lebten des Glaubens, daß von uns mehr verlangt würde, als in den Examensvorschriften stand; ich habe tatsächlich als Thema des griechischen Skriptum eins bekommen, das ich in Obersekunda schon einmal bearbeitet hatte. Von einer beträchtlichen Anzahl der Abiturienten stand lange vorher fest, daß sie vom Mündlichen dispensiert werden würden. Über die anderen mochten die Lehrer sich rasch in den bedenklichen Fächern schlüssig werden. Überhaupt ist die ganze Examenspaukerei zu nichts nütze als höchstens zu Durchsteckereien, sie quält die Schüler und nimmt gerade die Zeit, welche am fruchtbarsten werden könnte. Die Kontrolle der unerprobten Lehrer, an die wir nicht dachten, weil die unseren sie längst überflüssig gemacht hatten, würde sich sehr viel wirksamer durchführen lassen, wenn[69]  tüchtige Schulräte häufig und plötzlich erscheinend den Unterrichtsstunden beiwohnten.
Das Rückgrat des Unterrichts war noch immer das Latein, sein Hauptziel, die gelehrte Sprache im schriftlichen (seltsamerweise nicht auch im mündlichen) Gebrauche vollkommen zu beherrschen. Der lateinische Aufsatz war von Obersekunda ab ein Hauptstück, und er sollte ein schönes Latein, ciceronianisches enthalten. Erfolg, daß man sich Phrasen aneignete und, als man etwas von rhetorischen Figuren hörte, mit ihnen Mißbrauch trieb. Nicht in ihm, sondern in der Fähigkeit, wirkliches gutes Deutsch in gebildetes Latein umzudenken, lag die geistige Schulung, der ich einen unvergleichlichen Wert beimesse. Das ist eine exercitatio intellectualis, den exercitationes spirituales der Jesuiten vergleichbar. So wie Peter die Aufgaben stellte, wenige Sätze in einer Stunde, aber wirklich lateinische zu machen, das strengte so heilsam an, wie einem mathematischen Beweisgange zu folgen, was eine gleichwertige exercitatio ist. Keineswegs gering schlage ich die Übung in lateinischen Versen an. Zuerst kann das freilich eine kindliche Spielerei scheinen, die doch ernsthaft genommen ward; wir sollten womöglich einen gradus ad Parnassum haben; ich habe ihn noch, ed. Friedemann, Leipzig 1842, und habe ihn oft mit Nutzen für den poetischen Sprachgebrauch eingesehen. Mit seiner Hilfe klebten wir unsere Hexameter, dann Disticha zusammen, lernten doch schon dabei die Vokale als lang und kurz unterscheiden, gewöhnten uns an die ovidische feste Form des Distichons, die der Sprache ihre Bewegung einengt, lernten also Stil, und neben der periodisierten Prosa war das recht nützlich. Schließlich steigerte es sich dazu, daß man selbst Verse machte, also auch sich der Herrschaft über Sprache und Stil bemächtigte, oder vielmehr mehrerer Stile, denn die Ode in horazischen Maßen trat dazu. Sie war das Hauptstück im Examen der Unterprimaner; wer zuerst fertig war, durfte von seinem Unteren die Schulglocke läuten lassen. Das Übersetzen eines deutschen Gedichtes war auch hier in Wahrheit das bildendste und schwerste. Jetzt ist so etwas längst in Deutschland gar nicht mehr möglich. England weiß wohl, weshalb es anders verfährt; in Italien vollends, aber auch in Holland werden die lateinischen Verse ebenso in Ehren gehalten, ich kenne wirklich schöne Gedichte; Papst Leo XIII. hat diese Kunst geübt, und Pascolis lateinische Gedichte sind seinen italienischen ebenbürtig. Ich habe im Seminar mehrfach lateinische und griechische Verse machen lassen; die griechischen Trimeter gelangen rasch, die lateinischen Verse waren fast allen zu schwer. Formgefühl zu erwecken hatte die moderne Schule niemals erreicht, wohl nicht einmal versucht.[70]
Das Griechische war nicht mehr als ein Anhang zum Latein. Formenlehre ohne jeden Hauch von sprachwissenschaftlich orientierter Grammatik, Pauken der nutzlosen Akzente, nachher jene ungriechische, auf den unpassenden lateinischen Leisten geschlagene Syntax, alles erschwerte das Erlernen der durchsichtigen, also leichten Sprache. Auswahl der Lektüre ungeschickt, Xenophon immer weiter, Lysias, Arrian. Eine Rettung war erst, daß die Odyssee in der Untersekunda, die Ilias in der Obersekunda durchgelesen werden mußte.
Dafür wirkte die vom ministeriellen Lehrplan geforderte Rückkehr zu Homer in der Prima ermüdend; zu präparieren brauchte man nicht mehr; die Lehrer, die ich hatte, waren der Sache auch gar nicht gewachsen. Anregend und doch zu unsicher war nur ein Halbjahr bei Volkmann. Eine seltsame Forderung war ein Kommentar zu einem sophokleischen Chorlied, lateinisch geschrieben. Was sollte bei der halbphilologischen Behandlung eines Textes herauskommen, den die allermeisten ohne Hilfe nicht einmal grammatisch verstehen konnten. Offenbar hing dies damit zusammen, daß der Sophokles in einer schwer gelehrten, aber veralteten Ausgabe gelesen ward, die C.W. Neue 1831 als Pförtner Lehrer gemacht hatte. Nur wer die Privatlektüre aus eignem Antrieb so energisch trieb, daß er durch sie die nötige Sprachkenntnis erwarb, hatte vom Griechischen was es, vernünftig behandelt, allen hätte sein können. Aber es haperte bei den Lehrern selbst. Als ich zu H.A. Koch kam und meldete, ich hätte 8 Oden Pindars gelesen, bestellte er mich auf 14 Tage später.
Er wird ihn wohl zum ersten Male angesehen haben; bei einem Ritschelianer strenger Observanz kein Wunder. Mit vielem, das ich las, ging ich überhaupt nicht hin.
Man mußte sich vor dem Abgang allmählich entscheiden, was man werden wollte, wenn es nicht durch Familientradition, wie bei den vielen Theologen, oder durch fremden Einfluß vorgeschrieben war. Es gab zwei Gelegenheiten, von eigenen Gedanken und Bestrebungen eine Probe zu geben. Koberstein ließ jedes Jahr für einen Aufsatz das Thema frei; wir wußten, daß er wesentlich danach die einzelnen beurteilte, und sein Urteil war für die Allgemeinheit entscheidend. Ich verglich die Behandlung der Sage in der Edda und den Nibelungen, ohne Literatur, nur aus meiner Vertrautheit. Daß ich Sprachen und Literaturen, möglichst viele, kennenlernen wollte, stand mir lange fest, wo meine Philologie sich ansiedeln würde, durchaus nicht. Ich erhielt die 1; die letzte vor mir hatte Nietzsche bekommen. Noch bedeutsamer war die Valediktionsarbeit; wer eine solche machen durfte, war von allen schriftlichen Hausarbeiten im letzten Semester[71]  frei4. Sie ward nicht zensiert, kam aber für die Befreiung vom mündlichen Examen in Betracht. Natürlich durfte es auch eine mathematische Arbeit sein. Diese Schriftstücke sind im Archiv; auch sie zu prüfen wird sich lohnen, wenn man nur nichts druckt. Sie werden von dem Ernste des Strebens Zeugnis ablegen, zugleich von der Freiheit, die uns die strenge Schule ließ, eine rechte alma mater.
Die Stellung des Deutschen kann nur in Verbindung mit der Person von Koberstein gekennzeichnet werden. Arbeit war dafür nicht viel nötig; von Stilistik hörten wir nur für das Latein, in der eigenen Sprache mußte man sich selber bilden, und gerade Latein ist dazu nicht förderlich. Griechisch oder Englisch, so stark ihr Gegensatz ist, können beide, am besten nebeneinander, unser Deutsch von der journalistischen Vermauschelung oder Verrohung erretten.
Die Mathematik verlangte zum Heile stramme Arbeit. Die große mathematische Hausarbeit jedes Semesters war nur mit vollem Einsatz der Kräfte zu bewältigen. Mathematik ist eben die rechte Ergänzung des sprachlich-grammatischen Unterrichts und die beste Propädeutik für Philosophie, die auf die Schule nicht gehört. Wozu wir sie lernen mußten, wußten wir nicht, aber lernen mußten wir sie. Es gab natürlich einzelne, die bei sonst hervorragender Begabung hier versagten. Wo die Phantasie vorwaltet, kann ich mir's denken, aber daß echte tiefe Wissenschaft ohne die Fähigkeit, die Geometrie zu begreifen, erreichbar sein sollte, vermag ich nicht zu glauben. Freilich muß man einen Lehrer haben. Ich war sehr befriedigt, als Felix Klein mir seine Überzeugung aussprach, bei einem richtigen Lehrer lernten alle das Nötige, und Karl Bardt mir versicherte, am Joachimstal hätte es einen solchen Lehrer gegeben.
Durch das Latein und die Mathematik bildete die Schule ihre Knaben, was dazu kam, blieb demgegenüber unwesentlich. Heute mag die Einseitigkeit Entsetzen erregen. Da haben so viele dies und das, weil es nützlich sein kann, in den Lehrplan der Schule geschoben, so daß ziemlich alles gelernt werden soll; natürlich geschieht es so, daß der vollkommene Abiturient von heute der griechische Margites wird, auf den der Vers gemacht ist: »Viele Künste verstand er, doch schlecht verstand er sie alle.« Gewiß waren die Mittel, mit denen die alte Schule bildete, durch die Tradition gegeben, die unentbehrliche Mathematik dank Platon, das Latein, weil es uns einst alle[72]  und jede Bildung gebracht hatte. Das war Rechtfertigung genug; in abstracto hätte man anderes wählen können. Gelernt ward das Latein freilich nicht mehr um seiner selbst willen, sondern weil es dem vorzüglich diente, was uns die Schule mitgab: arbeiten hatten wir gelernt, selbständig arbeiten, denken hatten wir gelernt, indem wir verstehen lernten, was und wie andere gedacht hatten, am besten durch das Umdenken von einer Sprache in die andere. Zugemutet ward uns nicht, Dinge zu verstehen, für die wir noch nicht reif waren, gerade weil wir, was uns vorgesetzt ward, ganz verstehen sollten. Vorschwatzen, Vorkauen mag man manches, von platonischer und kantischer Philosophie, von Staatsrecht und Verfassungen, womöglich von Wirtschaft, ästhetische Theorien und eine oder gar mehrere Weltanschauungen zur Auswahl feilbieten. Damit gibt man nur unverdauliche Kost, lehrt sich mit halb Verstandenem begnügen, nachschwatzen und was noch schlimmer ist, eigenes Geschwätze für Gedanken halten. Eine solche Erziehung ist nur dann geeignet, wenn das Ziel ist, Journalisten und Parlamentarier zu erzeugen, Menschen, deren Beruf es ist, über Dinge abzuurteilen, die sie nicht verstehen. Von der Jugendbildung, die einst an die griechische Philosophie anknüpfte, schwenkt man ab zu der Rhetorik der römischen Kaiserzeit, die an dem Untergange der Kultur eine Hauptschuld trägt. Damals lernte man wenigstens noch reden; wozu die Margitesschule befähigt, das läßt sich nur grobianisch treffend bezeichnen: Klugscheißer erzieht sie. Lagarde hat einmal Themata deutscher Aufsätze zusammengestellt, die zu seiner Zeit gegeben wurden: was würde er erst sagen, wenn er die Themata aus den heutigen Schulprogrammen zu Gesichte bekäme. Ihre Früchte faulen, ehe man sie bricht. Ungeheuer aber sind die sittlichen Gefahren. Mit 18 Jahren hat der Mensch keine »Weltanschauung«, wehe, wenn er es sich einbildet, sich einbildet fertig zu sein. Die Schule tut was sie kann, wenn sie ihn fähig macht und ihm den Trieb dazu einpflanzt, sich allmählich zu einer festen inneren Stellung zu Gott und Welt, auch zum Staate, durchzuarbeiten. Der beste Trost ist, daß in unserer Jugend trotz allem die gesunde Kraft steckt, in heißer freier Arbeit den Unsinn auszuschwitzen und den rechten Weg selbst zu finden. Und Lehrer gibt es auch immer noch, die trotz allen Richtlinien nach eigenem Können und Wollen das Rechte richtig lehren.
Die Schule entließ uns äußerlich völlig unvorbereitet für das bunte wirre Leben; leicht wird es manchem nicht geworden sein. Für die Universität entließ sie uns so vorbereitet, daß uns das Niveau mancher Vorlesungen zu tief war. Aber die Stille hatte nicht nur das Talent gebildet: das Leben in einer engen, aber in sich geschlossenen Welt bildete auch den Charakter.[73]  Gehorchen und Befehlen, wie es der Soldat lernte, vom Rekruten zum Unteroffizier. Kein Zufall, daß unter den alten Pförtnern viele hervorragende Generale sind.
Ein schwerer Mangel muß aber auch an dem alten Schulbetriebe gerügt werden. Sehen lernten wir nicht, wir lernten nicht lesen in dem großen Buche der Natur. Die Berge und die Wasser, Pflanzen und Tiere, und die Sterne am Himmel blieben uns fremd, fremd blieb auch die Menschenerde. Geographie war ganz vernachlässigt; ich glaube, daß Reisebeschreibungen gar nicht gelesen wurden. Fremd blieb alle Kunst außer der des Wortes. Lebendige Anschauung gewannen wir von gar nichts. Naumburg war so nahe: niemand hat uns auch nur ein Wort davon gesagt, daß die herrlichsten Werke deutscher Plastik jeden Sonntag für uns erreichbar waren. Selbst unsere Kirche, unser Kloster blieb uns fremd, bis Corssen sein anmutiges Buch darüber schrieb. Der Zeichenunterricht leistete als sein Höchstes, daß eine riesige Kugel durch Schattierung den Eindruck plastischer Erscheinung erhielt – wieviel Semmelkrume und Kohle dazu verbraucht war, ist nicht auszudenken. Nichts Lebendiges legte dieser Unterricht dem Schüler vor. Ärzte sind nicht wenige von meinen Mitschülern geworden, schwerlich einer ein Biologe. Wenn das Griechische ordentlich betrieben würde, könnte es hier ebenso wie in der Mathematik sich mit der Naturwissenschaft verbinden, haben doch die Griechen beides geschaffen, die Lateiner keins von beiden verstanden.
Ich habe mich bemüht, die Institutionen zu schildern, weil ich meine, daß sie nicht nur als Erscheinungen der Vergangenheit Wert haben, sondern die Erfolge der Erziehung erklären, für die bei uns alten Pförtnern eine so tiefe Dankbarkeit herrscht. Wenn die Vereinigung von klösterlicher Abgeschiedenheit mit Selbstverwaltung nicht zerstört wird, darf gehofft werden, daß der gute Geist der Pforte die gegenwärtige Krise so wie alle früheren übersteht. Wenn sie Knaben bleiben, werden sie Männer werden, Männer, wie sie das Vaterland bitter nötig hat. Aber die Institutionen fordern eine besondere Pförtner Lehrerschaft, und daß wir sie hatten, war unser besonderes Glück. Neben dem Rektor standen die alten Professoren, die seit Jahrzehnten in ihren hübschen Häuschen und Gärtchen ihr stilles Leben führten; ein Pförtner Professor ging nicht wieder fort, wozu auch seine äußere Stellung beitrug. Unter ihnen standen die Adjunkten, jüngere Lehrer, die noch wechselten. Daß alle sich die Doktorwürde erworben hatten, war selbstverständlich. Und nun muß ich pietätvoll, aber wahrhaft meine Lehrer charakterisieren. Ich habe die alte Photographie aufbewahrt, die dieses Lehrerkollegium[74]  zeigt: sie steht vor mir und ich schaue die verehrten Gestalten und ihre Stimmen tönen in meinen Ohren.
Carl Peter, der Rektor, hat den Vortritt. In seinem Hause habe ich gelebt und ihm meine Dissertation gewidmet. In meiner fahrigen und leidenschaftlichen Art, auch in meinem Lernen, das etwas von πουλυμαϑημοσύνη an sich hatte, war vieles, was ihm antipathisch war; Mißstimmungen blieben nicht aus, aber das ward durch seine Güte und meine Verehrung immer wieder ausgeglichen. Schon auf dem ersten Wege nach Bonn trieb es mich, ihn zu besuchen, wo er gleich sehr offen über Einrichtungen und Menschen sprach, und noch von Göttingen aus habe ich ihm in Jena, wo er Honorarprofessor war, meine Frau vorgestellt. Er war alter Pförtner und hielt auf die Tradition vielleicht mehr, als die jüngeren Lehrer billigten, konnte wohl steif und pedantisch erscheinen, aber er war ein gerechter Regent und ließ andere Individualitäten gelten, sobald er ihren Wert erkannte. Die Verse eines geringen Poeten passen gut auf ihn.



Laeta tibi vultu gravitas et mite serena
fronte supercilium, sed pectus mitius ore.

Scharf schied er zwischen Wissenschaft und Schule. Für diese sollte auch das livianische Römertum mit den Königsfabeln und dem legendarischen Verfassungskampfe als Realität behandelt werden, nicht, weil es wahr wäre, sondern weil es eine typische Bedeutung hätte, untrennbar von dem Latein, das als absolutes Ideal verstandesklarer Rede unvergleichlichen Bildungswert für den jugendlichen Geist hat. Er hat eine wirkungslose römische Geschichte geschrieben, getragen von tiefem Widerwillen gegen Mommsen. Ein Aufsatz über die macchiavellistische Politik der Römer gegen Griechenland ist auch vergessen, da wird aber jetzt niemand bezweifeln, daß Mommsen die Senatspolitik gründlich verzeichnet hat. Trotz dieser Abneigung hat er meiner Mutter empfohlen, als ich Obersekundaner war, mir Mommsens Römische Geschichte zu schenken, die mich gleich gefangennahm, auch in ihrer Ungerechtigkeit gegen Cicero, der daher lange vernachlässigt blieb. Merivales Geschichte der Kaiserzeit (englisch) gab er mir in die Hand, ein französisches antinapoleonistisches Geschichtswerk, dessen Verfasser ich vergessen habe, aber Velleius durfte ich nicht lesen, »der verdirbt Ihr Latein.« Er würde auch den Glauben an den Tiberius des Tacitus erschüttert haben, und das durfte nicht geschehen. Die Behandlung des Tacitus in Oberprima, in der man Peter eigentlich erst kennenlernte, war die vollendetste Interpretation; so etwas habe ich auf der Universität nicht gehört; allerdings auf die Schule berechnet, ohne jede historische Kritik, auch nicht zur Belehrung[75]  über die Kriege, die Verfassung und Verwaltung. Dafür hatten wir Nipperdeys erklärende Ausgabe in den Händen. In der Tragödie der Kaiser des julisch-claudischen Geschlechtes, wie Tacitus sie gestaltet hat, sollte unser sittliches Empfinden und Urteilen gestärkt werden. Sorgfältig war ausgewählt, was Tiberius, Claudius, Nero charakterisierte. Einzelszenen, wie die Leichenfeier der Iunia waren daher wichtiger als die Eroberung Britanniens. Die Hochzeit und der Tod der Messalina, Nero und Acte, selbst der versuchte Inzest Agrippinas wurden gelesen. Er behandelte uns als Erwachsene, während H.A. Koch so etwas wie teretes suras integer laudo nicht übersetzen ließ und danach geschätzt ward. Weil wir die Annalen mit Buch III begonnen hatten, erhielten wir für den lateinischen Aufsatz ein Thema, das zum Lesen der ersten Bücher zwang. Die Sprache des Tacitus ward nicht minder sorgfältig behandelt, um den Abfall von dem klassischen Latein, die Ausartung und Manier zu zeigen. Dafür sollte man sich Sammlungen anlegen. Rhetorik, die wir vorher zu betreiben ermutigt wurden, war verpönt, Cäsar das Stilmuster. Die Anforderungen an unser Schreiben waren hoch. Auch wenn man fehlerlos übersetzt hatte, mußte man nach der Kritik eine verbesserte Abschrift machen. Ob die Römer sich Freiheiten erlaubt hatten, war einerlei: das Latein, das wir schreiben lernten, sollte absolute grammatische und stilistische Korrektheit besitzen. Ciceros Briefe bekamen wir daher nicht zu sehen. Sein Horaz stand nicht auf gleicher Höhe, weil die Poesie ganz zurücktrat, aber daß er die Episteln bevorzugte, zeigt, daß er sah, wo der Dichter sein Bestes gegeben hat. Es wird nach einer anderen Seite belehrend sein, wie er uns behandelte. Er begann die erste Stunde so: »die Oden kennen Sie nun (aus Unterprima), und ich nehme an, Sie können von jedem Versmaß eine auswendig.« Natürlich war beides nicht der Fall, natürlich war es Ehrensache, das Vorausgesetzte zu erreichen. Aufgegeben ward in der Prima überhaupt nichts mehr, Strafen für Versäumnisse im Unterricht wurden nicht mehr erteilt, direkte Rügen waren selten. Auffällig ist mir jetzt, daß wir aus eigenem Antriebe kaum je das Wort nahmen.
Im letzten Jahre übernahm Peter den Geschichtsunterricht; die römische war an der Reihe. Die republikanische ward nur kurz repetiert, wobei die Verfassungsgeschichte nach Livius eingeprägt ward; für die Gesetze, ut quod plebs tributim iussisset populum teneret u. dgl. mußte der Wortlaut gegenwärtig sein. Kaisergeschichte der Jahrhunderte nach Tacitus gab es nur mit wenigen Jahreszahlen, aber durchgearbeitet ward die Zeit von den Iden des März 44 bis zur Schlacht von Philippi an der Hand von Peters sehr nützlichen Zeittafeln. Da die Quellen uns im Auszuge vorlagen, war das eine[76]  wirklich wissenschaftliche Übung in historischer Kritik. Nachahmenswert mag das nicht sein, verallgemeinern läßt es sich nicht, aber was bedeutete es nicht für jeden, der folgen konnte.
Koberstein war alt und etwas bequem; er hatte bei Großbeeren im Feuer gestanden. Den letzten Aufsatz des Semesters gab er nie zurück, das wußte man. Das Deutsch der letzten vier Schuljahre hatte er in der Hand, in Untersekunda mittel- und neuhochdeutsche Grammatik, also hier etwas Sprachgeschichte, in Obersekunda Lesen mittelhochdeutscher Poesie, nicht bloß Lachmanns 20 Lieder der Nibelungen, natürlich zum großen Teil Privatlektüre; auch etliche althochdeutsche Verse aus Muspilli; auch die Merseburger Sprüche prägten sich dem Gedächtnis ein. In Prima langweilte sein Vortrag über Literaturgeschichte, oft Vorlesung aus seinem gelehrten Werke. Interpretiert ward nichts. Dies versagte also, und die Korrektur und Besprechung der Aufsätze bedeutete wenig. Aber sein Urteil war doch maßgebend. Eine Stunde war Disputation über Themen, die wir vorschlugen und über ihre Wahl abstimmten, meist aus unserer Lektüre, zumal der klassischen Dichter; denn daß diese bekannt wären, setzten auch wir voraus. Als in einer Disputation herauskam, daß einem eine der Haupttragödien Shakespeares unbekannt war, verlor er die allgemeine Achtung, so gut seine Klassenleistungen waren. Über die lebhafte Debatte mußte Protokoll geführt, in der nächsten Stunde verlesen werden, ebenso förderlich wie die Übung im freien Vortrage. Ein anderes trat hinzu. Koberstein versammelte in einigen Abendstunden die Primaner, die es wollten, in seiner Wohnung und las Dramen vor, meisterhaft, wie er es bei Tieck gelernt hatte. Da lernten wir Kleist erst recht kennen, der ja noch so gut wie unbekannt war; ich habe ihn in mein elterliches Haus eingeführt und bin noch nach 1870 oft auf totale Unkenntnis gestoßen. Neben Shakespeare kam auch einmal Tiecks Gestiefelter Kater heran. Unsere Theaterspiele hatte Koberstein auch eingeführt und lange Jahre geleitet; jetzt war er es müde und hat die Einstudierung des Egmont mir so gut wie ganz überlassen. Und noch ein Drittes. Er opferte einen Abend der Woche einigen wenigen, die Italienisch lernen wollten. Die Methode war sonderbar, aber probat. Wir brachten die Gerusalemme liberata mit und lasen gleich los:

Canto le armi pietose e il capitano
che il gran sepolcro liberò die Cristo.

Da hatte man gleich gegenüber dem Latein Genuswechsel, Synalöphe, Versbau, Artikel, doppelte Aussprache des o. So ging es weiter; historische Grammatik einer lebenden Sprache, also was dem übrigen Unterricht fehlte,[77]  und so auch auf diesen Mangel aufmerksam machte. Gegenüber diesen freiwilligen Wohltaten, die er uns angedeihen ließ, darf die Vernachlässigung des französischen Unterrichtes verziehen werden, der in seiner Hand lag; die Schule behandelte ihn auch ungebührlich als Nebensache. Zum Glück brachte ich genügende Vorbereitung von Hause mit, so daß mir das Lesen nie Schwierigkeiten gemacht hat.
Englisch kannte das preußische Gymnasium nicht, aber Dieterich Volkmann stammte aus Bremen, war also imstande, für Freiwillige Unterrichtsstunden zu geben, für die auch am Vormittage Raum zu finden war. Wir haben doch zwei Tragödien von Shakespeare und den Schiffbruch aus Byrons Don Juan II., allerdings flüchtig, gelesen. So kam ich auf die Universität mit der Fähigkeit, in den drei modernen Hauptsprachen mindestens Schriften meiner Wissenschaft zu lesen und ohne Mühe weiter zu gehen.
Karl Steinhart war wenig jünger als Koberstein. Lange weiße Haare umrahmten ein rotes rundes Gesicht, das durch beständiges nervöses Zucken etwas Medusenhaftes erhalten haben würde, wenn der Ausdruck nicht so kindlich gutmütig gewesen wäre. Er war Ordinarius der Obersekunda5. Mit den Kleinen konnte er nicht fertig werden, nannte sie immer noch du, was ebenso unzulässig war wie Ohrfeigen, zu denen er vermutlich nicht ohne Grund sich hatte hinreißen lassen. Fertig ward er auch mit der Obersekunda nicht, die argen Unfug trieb. Leider habe ich ihn im Griechischen der Prima nicht mehr gehabt. Da wird seine weite Gelehrsamkeit noch ganz anders hervorgetreten sein; er hat die allerdings konfusen Einleitungen zu einer Platonübersetzung geschrieben, auch einiges über den fast vergessenen Plotin, war auch nicht überrascht, als ich die Privatlektüre des Trinummus6 anmeldete, sondern erfreut, prüfte eingehend und half an Stellen, die ich nicht verstanden hatte. Nützliche Anregungen nach vielen Seiten nahm man doch mit, wenn er auch zum Lehrer nicht viel weniger verdorben war als zum Erzieher. Und eins vertrat er, was sonst zu kurz gekommen wäre: den deutschen Patriotismus. Selbst in der Reaktionszeit hatte er durchgesetzt, daß die Feier des 18. Oktober durch einen Aktus nicht aufhörte, und er selbst hielt meist die Festrede mit einer Mahnung an Deutschlands Einigung, und er fand[78]  auch immer einen Schüler, der für den Aktus ein deutsches Gedicht machte und vortrug. Nach 1866 sagte er: »ich erlebe es noch, daß dieser Napoleon in einem Wagen dritter Klasse hier vorbeifährt«, keine schlechte Prophezeiung.
Karl Keil, alter Pförtner, Peters Schulfreund, war ein Gelehrter, der in seiner Art in Deutschland keinen über sich hatte. Von der Universität Leipzig her mit Ludwig Roß befreundet, hatte er von diesem Abschriften griechischer Steine erhalten und war ein Epigraphiker geworden, soweit es in der Ferne möglich ist. Die Akademie hatte ihm den Index zu Boeckhs Corpus übertragen, der freilich nicht fertig geworden ist. Davon erfuhren wir nichts; er war als Lehrer erfolglos, schon durch seinen ungeschminkt weißenfelsischen Dialekt, der sein Latein und Griechisch kaum verständlich machte. Er diktierte in Unterprima aus Xenophon Griechisch, was sofort in das Latein übersetzt werden sollte. Hintereinander ließ er auf die griechischen Inseln Epigramme machen; zu meiner Zeit waren gerade Skyros und Peparethos daran; auf Skyros war wenigstens Achilleus gewesen, aber Peparethos zu loben war hart. Im Latein war sein Ciceronianismus fanatisch. Zu mir sagte er vorwurfsvoll: »Sie schreiben ja wie Seneca.« Ich wollte, ich hätte es gekonnt. Auch später habe ich mich immer an Vorbilder gehalten, die ihr lebendiges Latein schrieben, Hermann, Bücheler, Mommsen, und den Tadel, daß ich nicht wie Haupt oder Vahlen schriebe, als Lob empfunden.
Der Mathematiker Buchbinder war gegen diese alten Herren jung und mochte manches anders wünschen. In der Handhabung der Disziplin barsch und streng, wo andere manches nachsahen, wenig beliebt, und doch meinte er es gut. In seiner frischen Männlichkeit ein vorzüglicher Lehrer in den Primen, wo er dem Unterrichte einige Blätter zugrunde legte, auf denen er die Hauptzüge seines Vortrages ausgearbeitet hatte. Da er wußte, daß sein älterer Kollege in den Sekunden versagte, erreichte er durch Repetition, daß wir das Nötige einigermaßen nachholten. In der Trigonometrie war das freilich nur die Anwendung von Formeln, deren Begründung ich wenigstens nicht begriffen hatte. Im letzten Semester ging er mit denen, welche folgen konnten, weit über das Thema hinaus, immer vorwärts, ohne zu repetieren; es kam ja für das Examen nicht in Betracht. Mir ist das ein reiner Genuß gewesen. Freilich war die Zeit vorbei, wo mich die Geometrie so angezogen hatte, daß der Lehrer mich aufforderte, Mathematik zu studieren, aber dem Reize dieser Wissenschaft gab ich mich in den Stunden völlig hin. Und doch zeigte Buchbinder nie, wozu sie eigentlich da ist. Kein Ausblick auf die Astronomie, auf Eukleides und Platon. Was die Mathematik, die Kunst zu lernen, für jede Wissenschaft bedeutet, habe ich erst bei den Griechen gelernt.[79]  In der Physik versagten Buchbinders Experimente allzuoft; daraus ward nichts Rechtes. Daß ihm auch die nur in der Tertia berücksichtigte Botanik zufiel, war wohl unbillig. Aber er vernachlässigte auch die Exkursionen, so lebhaftes Interesse sogleich für die reiche Flora der Umgegend entstand.
Endlich Wilhelm Corssen, der vergöttert ward, wußte man doch, daß er in der Synode die Verteidigung aller Delinquenten führte, im Abiturientenexamen als unlateinisch gebrandmarkte Wörter, die als Sprachfehler gerechnet werden sollten, aus seiner Beschäftigung mit dem späten Latein belegte. In seiner Untersekunda paukte er gehörig die Syntax, erweckte aber auch die Freude an den lateinischen Versen, die er freilich unbekümmert um Lachmanns Lukrez, die Regeln der Synalöphe und andere sichere Beobachtungen der antiken Praxis baute. Das schönste war sein Geschichtsunterricht in der mittleren und neueren Geschichte bis in die Anfänge der französischen Revolution; von da bis 1815 ging es nur in weiten Sprüngen. Er hatte bei Ranke gelernt und gab wirklich europäische Geschichte der Staaten und Völker, freimütig, in deutsch-patriotischem Sinne, aber nicht mit jener engen Einstellung, die ich bemerkte, als meine Kinder die Schule durchmachten. Wir lernten etwas von der Bildung des französischen Staates, von den großen Päpsten und den englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts. Ein langes Verweilen bei den friderizianischen Schlachten und gar bei den Gattinnen der preußischen Herrscher war dafür ein schlechter Ersatz. Corssen trug immer ganz frei vor; Lehrbücher waren überhaupt verpönt: man lernte früh nachschreiben. Eigentlich wußten wir von diesen Zeiten mehr und besseres als von der alten Geschichte. Ich glaube der Pietät meines lieben Lehrers nicht zu nahe zu treten, wenn ich die Wahrheit sage: ich habe ihn mit ganz wenigen Getreuen in Lichterfelde zu Grabe geleitet. Er hatte sich schon an seiner grammatischen Preisschrift überarbeitet; eine unglückliche Liebe soll hinzugetreten sein. Mit demselben Eifer stürzte er sich auf das Etruskische; daß er einen Fehlschlag tat, hat seinem Leben ein Ende bereitet. Früh hatte er zu trinken angefangen; das steigerte sich immer mehr und zeigte sich auch in der Klasse. Schließlich kam es so weit, daß er mit dem unheimlichen Blicke, den wir kannten, als Hebdomadar in den Betsaal kam. Der erste Vers war gesungen, er fing das Kapitel der Bibel an zu lesen, stockend, und las so immer weiter, immer weiter. Endlich brach er, plötzlich sich zusammenraffend, ab. Wie peinlich es auch war, kein Laut regte sich. Die Blicke der Inspektoren und der Bankobersten hielten die Kleinen gebannt: ein Triumph der Schulzucht, aber was die Ordnung aufrechthielt, war doch[80]  die Verehrung und Liebe zu dem Lehrer, ein Triumph auch für ihn, der sich die Herzen gewonnen hatte. Freilich war es auch das Ende. Peter hatte den unersetzlichen Lehrer immer gehalten; jetzt sah dieser selbst ein, daß er gehen mußte. Mir sprach er in seiner schlichten Ehrlichkeit aus, als ich persönlich kam, Abschied zu nehmen: »ich hatte nach Keils Tode die Unterprima übernehmen müssen und in die neue Aufgabe konnte ich mich nicht finden; Sie werden es der Korrektur Ihres Aufsatzes ansehen.«
Von den jüngern Lehrern, die nur einige Jahre dem Kollegium angehörten, wie Franz Kern und Dieterich Volkmann, brauche ich nicht zu reden. Namentlich Kern wußte durch wissenschaftliche Vorträge zu fesseln, die manchmal an Winterabenden gehalten wurden, und an denen manche Schüler teilnehmen durften. Es kamen auch vereinzelte Redner von außerhalb, sogar ein Improvisator ist aufgetreten. Diese Kunst ist ausgestorben, ebenso wie der Tausendkünster Bellachini; er ist durch den Gedankenleser und Hypnotiseur ersetzt. Erwähnenswert ist noch, daß Otto Benndorf ein Jahr bei uns war. Er ging dann mit dem archäologischen Reisestipendium nach Italien und begann seine ruhmvolle Laufbahn. Mit Peter konnte er sich nicht vertragen, wie er mir später erzählt hat: der hielt eine solche Reise für zwecklos, was ja auch berühmte Philologen getan haben. Benndorf hatte aber auch zum Lehren in der Tertia weder Lust noch Fähigkeit. Er fand in einem Gelaß des neuen Torgebäudes eine Sammlung von Gipsabgüssen vor, ordnete sie und schrieb einen Katalog, zum Teil in Winckelmanns Hymnenstil, den er später wohl ungeschrieben wünschte. Vermutlich stammten die Gipse aus der Zeit jenes Professors Lange, der Otto Jahn die erste Anregung zur Archäologie gegeben hat. Jetzt war niemand da, der zu der monumentalen Philologie irgendein Verhältnis gehabt hatte. Die Götterbilder blieben eingeschlossen.
Es konnte nicht ausbleiben, daß die Pforte ein anderes Gesicht bekommen mußte, wenn die Reihe der alten Lehrer ausschied. Im Ministerium war man schon vorher unzufrieden; wir waren nicht fromm genug. Wie sich schickte, umrahmte Morgen- und Abendandacht den Tag, hintereinander ohne jede Auslassung ward die Bibel darin vorgelesen. Das Tischgebet war das der alten Mönche. Wie sich schickte, zogen wir Sonntags in die Kirche. Unbegreiflicherweise war aus der Lutherzeit beibehalten, daß vor dem Abendmahl jeder einzelne dem Geistlichen in der Sakristei seine persönlichen Sünden bekennen sollte. Niese machte das hastig ab, aber es war doch eine entwürdigende Beichte und zerstörte schon die Andacht bei der ersten Kommunion, die der Konfirmation folgte, welche selbst neben dem fortdauernden[81]  Religionsunterrichte bedeutungslos sein mußte. Der Cötus im ganzen war in der Tat nicht fromm im Sinne der Partei, die sich selbst dafür hielt oder ausgab. Daran sollte der freundliche, einflußlose geistliche Inspektor Niese schuld sein, der als Rationalist verschrieen war. Vornehmlich um seinetwillen kam wohl schon die Visitation des großen Tieres; er hat nicht lange danach eine gute Pfarre erhalten und Bäßler zog ein, von tadelloser Orthodoxie, übrigens wohlwollend und um unser Seelenheil aufrichtig bemüht. Er würzte seine Predigt mit Anekdoten im Stile des damals berüchtigten Flüggeschen Lesebuches, »siehst du Kurtchen, nun wirft dich der große Hund um: warum hast du heute nicht gebetet«, was nur den Erfolg hatte, daß man statt des Gesangbuches ein anderes mitbrachte und während der Predigt las. Vor allem war seine Aufgabe, der Versäumnis zu steuern, daß wir die Menge Kirchenlieder nicht gelernt hatten, die auf dem Papier verlangt wurden. Dazu ließen wir Primaner uns nicht herbei. Mich beschied er zu sich, weil er mir Einfluß auf die Mitschüler zutraute und nötigte mir das Versprechen ab, von der Opposition zu lassen und die aufgegebenen Lieder zu lernen; schon daß er aufgab, erschien uns ehrenrührig. Nun half es nichts, ich mußte das Versprechen halten, aber er versöhnte mich durch sein Vertrauen: gefragt hat er mich nie. Die Kirchengeschichte ward durch Dogmatik ergänzt, sogar Arbeiten geschrieben, aber es diente der Gläubigkeit nicht, daß wir die Beweise für das Dasein Gottes vom ontologischen bis zum moralischen ausarbeiten mußten; die Schlußkraft mathematischer Sätze erhielten sie doch nicht. Und wenn wir bei ihm den 22. Psalm als Prophezeiung auf Christus vorgesetzt erhielten, so hatten wir gerade bei Siegfried (der bald in Jena Alttestamentler ward, besonders um Philon verdient) denselben hebräisch gelesen und eine wissenschaftliche Erklärung erhalten. Der frühere Unterricht, in dem das griechische neue Testament eifrig gelesen ward, hatte durch die Bibelkenntnis einen ungleich besseren Erfolg gehabt. Weil das Gymnasium in »das heilige Original« selbst einführen kann, können seine Religionsstunden einen hohen Wert für alle Schüler haben, denn im Evangelium und bei Paulus steckt Religion: die ist mehr wert als Theologie und Kirchengeschichte.
Als Keil starb, Corssen fortging, wurden zwei Professoren, zurücksetzend für die ältesten Adjunkten, eingeschoben, einer aus Hessen, einer aus Hannover; wir nahmen schon Anstoß, daß sie sofort nach 1866 die preußischen Stellen annahmen, und ihre Leistungen waren derart, daß Peter sie schleunigst weglobte. Ich schweige aus Schonung. Dann kam H.A. Koch, der nach meinem Abgang sich besser eingefunden hat; mit uns Primanern[82]  ging es schlecht. Bald nachher verschwanden die alten Herren; Herbst trat an Peters Stelle; die Frömmigkeit soll auch damals eingewirkt haben. Nach seinem Tode hat der Referent im Kultusministerium Bonitz sich mit den alten Pförtnern, zu denen er selbst gehörte, beraten, wer Rektor werden sollte; auch mich hat er gefragt, der ich doch erst Privatdozent war. Es sollte jemand werden, der die alte Pforte kannte. Das einstimmige Urteil wies auf Volkmann, damals Direktor in Elberfeld. Er hat das Amt länger eingenommen als seine Kräfte ganz tragfähig waren. Dann folgte Muff, nur als Kaiserlehrer befördert, und vertrat den damals offiziösen »Idealismus«, nicht die Wissenschaft. Die Universität Halle nahm ihn dennoch als Honorarprofessor an. Nach seinem Tode hat Althoff vorgehabt, aus Pforte wieder eine Anstalt zu machen, die für die strenge Wissenschaft vorbereitete, er fragte wieder alte Pförtner, mich auch, und ich trat mit aller Entschiedenheit für Paul Cauer ein, Honorarprofessor in Münster. Er war bereit, obwohl es in mancher Hinsicht ein Opfer für ihn war, verlangte nur, in Halle die Lehrtätigkeit fortsetzen zu können, die er in Münster ausgeübt hatte, aber die Fakultät wollte ihm unverantwortlicherweise nur Pädagogik verstatten. Ich war im Homer sein Gegner, aber ich würde ihn neben mir ohne jedes Bedenken als Kollegen begrüßt haben. So zerschlug sich eine schöne Hoffnung. Althoff sagte: »nun kann ich gegen den Oberpräsidenten Hegel nicht mehr an, nun muß es ein Christ werden.« Der kam; es ging nicht gut. Die Revolution kam und führte auch für Pforte jene Revolution durch, über die ich mich anderswo unverholen geäußert habe. Allein auch die Hoffnung habe ich geäußert, daß der alte gute Geist sich nicht bezwingen läßt. Die Treue der jüngeren Pförtner ist ja nicht minder stark als die der alten aus der Zeit von Peter, Koberstein und Corssen. Bei einigermaßen gutem Willen muß sich erreichen lassen, daß die alten Pförtner sozusagen als ein kräftigerer Elternrat mit dem Ministerium zusammenwirken. Auch dieses vergibt sich nichts, wenn es zugesteht, daß manche alte Ordnung zum Wesen der Klosterschule gehörte und gehört, Eintracht zwischen Lehrern und Schülern, Selbstverwaltung durch Lehrer und Schüler, Sicherung der Eigenart vor jedem Nivellieren, Erweckung eines berechtigten Stolzes, daß Höheres verlangt und geleistet wird. Dies alles möge sich von neuem befestigt haben, damit die Pforte 1943 ihr viertes Säkulum in Ehren begehen könne und der Weihespruch des Klosters seine Geltung behaupte: »Gewißlich ist der Herr an diesem Ort, wie heilig ist diese Stätte: ecce porta coeli«.
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 Unendlich viel habe ich aus dem Buche und seinen Abbildungen gelernt. Hinzu kam, daß ich zu Weihnachten Beckers Charikles und Gallus bekam. Die Realitäten des täglichen Lebens kennen zu lehren, damit die antiken Schriften Farbe erhielten, lag damals der Schule und auch der Universität ganz fern. Es ist immer noch nicht überwunden.
2 A. Graf, Schülerjahre, Berlin 1912, S. 107.
3 Beim großen Schulfest 1893 mußte ich Volkmann dringend bitten, diesen Teil der Festordnung zu beseitigen. Ich weiß nicht, ob es sofort geschehen ist. Nötig war es; traurig, daß es nötig war.
4 Am Anfang jedes Semesters wurden für die oberen Klassen sogleich die Termine der schriftlichen Hausarbeiten festgestellt. Nie durften zwei zugleich aufgegeben werden, zu jeder hatte man 14 Tage. Daher waren es wenige, aber die Forderung ging hoch.
5 Böse Zungen erzählten, daß er am Eisenbahnschalter auf die Frage, welche Klasse, geantwortet hätte: »selbstverständlich Obersekunda.«
6 Ich las das Stück, weil wir Lessings Schatz aufführten, und konnte es, weil wir auf kommentierte Ausga ben hingewiesen wurden. Die spätere Beschränkung auf bloße Texte gehört zu den pädagogischen Torheiten. Wie nützlich war es und für die Stunden entlastend, daß Nipperdeys Tacitus zugrunde gelegt ward.




 III. Studentenjahre
Bonn, Oktober 1867 bis August 1869
Berlin, Oktober 1869 bis 14. Juli 1870










[83] Der Mulus zog nach Bonn und suchte im Nebel seinen Weg. Nicht ohne Bedenken hatten die Eltern zugegeben, daß ich ein Studium ergriff, das ich gar nicht fest zu beschreiben wußte und das kein festes Ziel im Auge hatte. Daß ich in kein Corps eintreten würde, stand mir fest, und die Erwartung, daß ich anderes Sinnes werden würde, erfüllte sich nicht. Mein ältester Bruder war in Heidelberg Saxoborusse gewesen; eine andere Art von Studentenleben schien gar nicht denkbar. Ich kam gar nicht in Versuchung, denn ich blieb unbeachtet, nahm mir in der engen Rheingasse Zimmer und Kammer, die über einer besuchten Kneipe lagen. Einige Pförtner waren unter den Studenten, aber auch die nähere Verbindung mit einem von ihnen löste sich. Weltfremd wie ich war, ging ich einsam und schüchtern meinen Weg. Das rheinische laute Leben war mir zunächst unbehaglich, dazu der auch nach 1866 nicht ausgeglichene Gegensatz gegen den »Prüss«, der Katholizismus ebenso, denn hier herrschte er. Als die Vorlesungen begannen, war bei Jahn eine Reihe von Bänken durch die Zöglinge des Konviktes eingenommen, die ein Fremdkörper blieben; sie wurden von den andern Katalogen genannt. Sobald sich ein Privatdozent habilitierte, ein neuer Professor zuzog, hörte ein zuverlässiger Kataloge bei ihm, um festzustellen, ob er kein verderblicher Mann wäre, dessen Vorlesungen zu besuchen untersagt werden müßte. Es gab Dozenten, bei denen von uns niemand hörte, hier aus freiem Entschluß oder doch aus Tradition. Unter den Studenten der Philologie waren die maßgebenden fast ausschließlich keine Rheinländer, wenn auch von diesen etliche in das Seminar kamen. Der üble Zank zwischen Ritschl und Jahn lag wenige Jahre zurück, zuckte aber nach, solange Studenten da waren, die ihn erlebt hatten. Ritschl hatte das Feld geräumt, und als er nach Leipzig ging, als erster die Ehre einer Sammelschrift (Symbola in honorem Ritschelii) erhalten, die nun gemein geworden ist1. Eine Parteischrift[84]  hatte »das Ende der Bonner Philologenschule« verkündet. Davon war nichts zu merken; Jahn las vor mehr als hundert Studenten, soviel das Auditorium nur fassen konnte. Ritschls wissenschaftliche Produktion war schon vorher fast ganz erstorben, sein Plautus ein Torso, Leipzig hat durch ihn keine stärkere Bedeutung erhalten. Er las seine alten Hefte, Jahn, wie er sich ausgedrückt hat, seine ungedruckten Bücher. Eine seiner schönsten archäologischen Arbeiten, die Entführung der Europa, ist erst nach seinem Tode erschienen, die griechischen Bilderchroniken hat Michaelis druckfertig gemacht. Die Studenten nannten ihn »Onkel Otto«; seine Verehrung war allgemein. Aber er war ein gebrochener Mann; nur die Arbeit hielt ihn aufrecht. Ritschl wirkte nur darin nach, daß es für fein galt, nicht Bonnae, sondern Duonai zu schreiben und ähnliche Archaismen. Er hatte die Monumenta priscae Latinitatis in Verbindung mit dem Corpus inscriptionum herausgegeben; die Beschäftigung mit dem Altlatein, die seit Scaliger geruht hatte, erweckt zu haben ist sein Hauptverdienst. Freilich gehörte das Studium der verwandten Dialekte und Fühlung mit der Indogermanistik dazu; damit hat erst Bücheler den rechten Weg beschritten. Erst durch ihn und Usener hat Bonn seine rechte Glanzzeit erlebt, beide sind seine Schüler, beide unvergleichlich größere Gelehrte und verehrungswürdige Menschen, zu denen auch die Nachwelt aufschauen soll.
Meine Neigung galt dem Deutschen noch ebenso wie dem Griechischen; ich war durch Koberstein vorbereitet, las viel Mittelhochdeutsch, Gottfried von Straßburg und die kleinen Erzählungen in v.d. Hagens Gesamtabenteuern, die ich mir gekauft hatte. Jakob Grimm packte mich tief, die Mythologie ganz besonders. Aber es fehlten die Lehrer. Ich versuchte Gotisch bei Diez zu hören, aber da hielt ich nicht aus. Dagegen ist es mir eine schöne Erinnerung, daß ich mit ganz wenigen zu seinen Übungen im Spanischen in seine Wohnung ging. Der ehrwürdige gebrechliche Greis kam uns mit einer schüchternen Höflichkeit entgegen, die mich nur mehr verschüchterte. Wir lasen Calderons standhaften Prinzen, und bei der Poesie glühte die Jugend in dem großen Gelehrten auf: da erzählte er, um eine der kühnen Vergleichungen Calderons zu erklären, wie er in der Provence über Graben und Zaun gesprungen wäre, um ein Feld zu betrachten, das im Frühling von wilden Nelken so blutrot leuchtete. Auch Humor fehlte nicht. »Ein ce können Sie nur richtig aussprechen, wenn Sie sich kräftig auf die Zungenspitze beißen.« Koberstein hatte uns ›Das Leben ein Traum‹ in Schreyvogels Umdichtung vorgelesen; nun den großen Dichter im Original kennenzulernen, war ein unverlierbarer Gewinn. Ich erstand auf einer der Bücherauktionen,[85]  die in Bonn bei Lempertz zahlreich vorkamen, eine Sammlung spanischer Dramen, und diesen fremdartigen Stil zu kennen, hat meine Einsicht in die Bedingtheit auch der hellenischen Kunst wesentlich gefördert. Es blieb ja auch die Fähigkeit, sich in der dritten romanischen Sprache, schließlich auch im Katalanischen zurechtzufinden.
Mit dem Sanskrit fing ich sofort an. Gildemeister lehrte die Anfangsgründe dieser Sprache und die des Arabischen Nachmittags von 2–4. Es war eine schwere Plage für den geistvollen Gelehrten und er wählte diese Stunde gleich nach dem Essen, wie es hieß, weil er sonst schlafen würde. Nur solche Schüler hielten aus, denen es ernst war. Die meisten verschwanden, um so glatter ging es vorwärts. Drei Semester habe ich ausgehalten. Im letzten erklärte er Rigveda für zwei, die nur den Kommentar des Sayana präparieren mußten. Es kam wenig für uns heraus, denn wir lasen nur ein paar Lieder, an denen er eine gewaltsame Textkritik übte. Ein Semester habe ich Arabisch bei ihm getrieben, wo er rascher vorwärts gehen konnte, weil er das Hebräische der Schule voraussetzte. Es könnte scheinen, als wäre die angestrengte Arbeit verloren gewesen, die ich namentlich an das Sanskrit verwandt habe, denn als ich aus dem Kriege heimkehrte, war ziemlich alles vergessen; auch das Hebräische ließ ich ganz liegen. Aber es lohnte sich doch, in den Bau der sehr verschiedenen Sprachen einen Einblick getan zu haben. Und Gildemeister erquickte auch nicht selten durch einen kaustischen Witz, der keineswegs bei Indern und Arabern blieb. Die damals modernen halsbrechenden Etymologien, Hermes Sarameyas, Kentauren Gandharven hatte er besonders auf dem Strich, so daß ich gegen diesen Unsinn gefeit ward.
An Jahn hatte ich einen Empfehlungsbrief und er nahm mich freundlich auf, war er doch selbst Pförtner. Er erlaubte mir, ihn wieder zu besuchen, wozu mir zunächst der Mut fehlte; aber seine Vorlesungen taten ihre Wirkung. Zwar das Interpretieren war seine Sache nicht, es blieb eine nur reproduzierende Textkritik mit zahlreichen Parallelstellen und Zitaten, leeren Versnamen statt klingender Verse. Vorwärts kam man nur, wenn man auf die Meister zurückgriff, deren Studium er anriet, Porson – Elmsley – Hermann, im Theokrit Valckenaer, für das Latein Madvig, und bei wem hätte man es besser lernen können. Seine Einleitung zum Theokrit war eine Einführung in die hellenistische Literatur und Kultur, von der er damals allein etwas verstand2 und durch seine Schüler verbreitete. Vollends seine Geschichte[86]  der Philologie. Ich lache, wenn ich die vielen verschriebenen Namen in meiner stenographischen Nachschrift sehe; das tat keinen Schaden. Meinen Studenten habe ich dieses Beispiel oft angeführt, sie zu überzeugen, daß man das meiste aus Vorlesungen lernen kann, die man nicht versteht, wenn sie die Sehnsucht zu erwecken verstehen und den Weg weisen. Dazu ist der akademische Unterricht da, weder abzurichten noch totes Wissen einzutrichtern. Und gerade dies erreichte diese Geschichte einer Wissenschaft, denn sie wies den Weg zu einer Philologie, in der die Gegensätze zwischen Hermann und Boeckh ausgeglichen waren, die Archäologie in ihrem ganzen Umfange einbezogen. Sechstündig las sie Jahn; die Hochzeit meines ältesten Bruders zwang mich, die letzten Stunden zu versäumen, in denen er den Kreis um Boeckh behandeln, also den Schluß ziehen wollte, wie die Philologie geworden war, was sie sein soll: Altertumswissenschaft. Zu Hause lachten sie den »Kamelstudenten« aus, der am liebsten in Bonn geblieben wäre: ich bedaure den Verlust noch heute. Gustav Freytag ließ sich die Vorlesungen nachstenographieren; unverantwortlich, daß Michaelis ihre Herausgabe ebenso versäumt hat wie die Sammlung von Jahns kleinen Schriften. Das Ethos des Mannes, der alle Hustenanfälle überwand und ganz in seiner Wissenschaft und seinem Lehrberufe aufging, in milder Form scharfe Kritiken gab und die Überfülle des Tatsachenmateriales durch die Wärme der inneren Anteilnahme zu beleben wußte, packte immer. Das von Welcker begründete Gipsmuseum war von dem Auditorium nur durch eine Tür getrennt, in den Zwischenstunden zugänglich. Da wandelte ich zwischen den Statuen, und die Sehnsucht erwachte nach archäologischem Unterricht; meine Briefe sprachen das lebhaft aus. Aber Jahn hatte dazu die Kräfte nicht mehr. Um die römisch-germanischen Altertümer kümmerten sich nur Dilettanten.
Auch an Jakob Bernays hatte ich eine Empfehlung, und dieser nahm sich meiner an. Ich hörte ihn fleißig, und die Verschiedenheit der Gegenstände war höchst aufklärend. Ciceros Briefe (die Korrespondenz mit Caelius), Aristoteles Politik, Platons Staat (wenig ergiebig), Übungen über die nikomachische Ethik, ganz besonders ein Publikum über das Studium der alten Geschichte von Sigonius und Panvinius bis auf Gibbon und Niebuhr und ein anderes über die Vorsokratiker. Ich kaufte und las Gibbon, was auch meinem Englisch[87]  zugute kam. Fragmente von Herakleitos, Xenophanes, Parmenides hatte Bernays auf ein paar Seiten drucken lassen; sie prägten sich dem Gedächtnis leicht ein, was später beim Doktorexamen dem Philosophen Harms imponierte, so daß er über meine Unkenntnis in der neueren Philosophie gnädig hinwegsah. Aber auch der persönliche Verkehr mit dem »Rabbi«, wie Bernays bei den Studenten hieß, war interessant und förderlich. Er war nicht nur strenger Jude und hatte mit seinem Bruder Michael gebrochen, als dieser sich taufen ließ, sondern trug den Stolz auf sein Judentum zur Schau, selbst in der etwas komischen Vernachlässigung des Äußeren lag bewußte Absonderung. Es war eine sonderbare Sorte von Adelsstolz, der die meisten abstieß: mir hat er imponiert, denn da war alles echt, hatte alles Stil, auch die unverholene Verachtung der christlichen »Tochterreligion«, wie er sich ausdrückte. Er gab mir auch Weisungen, die ich befolgt und das nicht bereut habe. Er wies mir Plutarchs Moralia: »erst wenn Sie diese Schriften ordentlich gelesen haben, dürfen Sie sagen: ich kann Griechisch.« Ich habe mir gleich ein Bändchen des elenden aber bequemen Tauchnitzdruckes für die langen Eisenbahnfahrten in die Tasche gesteckt. »Es gibt Gelehrte, von denen ich alles lese, wie Mommsen und Cobet (wo er es wohl später gelassen haben wird), und es gibt andere, von denen ich nichts lese.« Auch daran habe ich mich gehalten, unbekümmert um den Groll der Betroffenen und den Tadel der gerechten Kammacher. Aber ich bezwinge den Anreiz, den Namen eines noch Lebenden zu nennnen, der wissenschaftlich nicht mehr zählt, aber eben darum mit vielem Erfolge bei der urteilslosen Masse ungesalzenen Schaum schlägt. Bernays war nicht ohne Eitelkeit, verachtete die Menge der Studenten und scheint doch seine Vorlesungen immer mehr auf den Tiefstand ihrer Bildung, wie er ihn voraussetzte, herabgestimmt zu haben. Seine letzten Bücher haben etwas Spielerisches, ein Fündlein wird durch allerhand Drum und Dran doch nur zum Scheine einer besonderen Bedeutung erhoben. So verlor er an Geltung; ich bin ihm immer dankbar geblieben. Daß Usener seine kleinen Schriften sammelte, und wie er es tat, verdient aus mehr als einem Grunde Bewunderung.

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In der Kneipe unter meiner Wohnung traf ich manchmal mit einem alten Studiosus zusammen, der, ich weiß nicht wie, zu keinem Abschluß gekommen war, obgleich er reiche Kenntnisse besaß. Von dem erfuhr ich nützliche Personalia; manchmal war er in der Lage, ein Buch zu verkaufen. So kam Aristoteles Metaphysik von Bonitz in meine Hand und das erste Buch, belebt durch die Vorlesung von Bernays, hat schon als strenge Kost neben dem vielen, das nur lecker schmeckte, sehr gut getan: hier hieß es die Gedanken[88]  zusammennehmen. Ein anderes Buch, das ich sonst schwerlich angesehen haben würde, war Welckers Götterlehre. Sie führte mich zu dem Manne, den ich unter meine vornehmsten Lehrer zähle; ich habe ziemlich alles was er geschrieben hat, in den Jahren meiner Ausbildung eifrig gelesen und so begriffen, daß es galt, sich ein Vollbild des ganzen hellenischen Wesens zu erwerben, wenn das Einzelne ganz verstanden werden soll. Welcker lebte noch als ein blinder Greis; ich habe ihn nie gesehen; im nächsten Jahre folgten wir seinem Sarge. Da hatte ich schon viel über ihn und seine letzten Jahre erfahren3, weil ich mit Otto Lüders bekannt ward, der sein vertrauter Vorleser bis zum Ende war und auch mit Jahn verkehrte. Wie sich diese Bekanntschaft bildete, die für mich bedeutungsvoll ward, weiß ich gar nicht mehr; vermutlich hat sie mich schon am Ende des Sommers in den philologischen Verein geführt. Eine Bewerbungsschrift um das philologische Seminar reichte ich zum Wintersemester 1868 ein. Wenn hiermit die Entscheidung für die Altertumswissenschaft fiel, begründete der Eintritt in den Verein das wahre Studentenleben, das ich nur neun Monate genossen habe.
Der philologische Verein hat, wie das bei dem raschen Wechsel der Personen in allen studentischen Verbindungen geht, sehr verschiedenen Charakter gehabt. Als ich eintrat, war er auf ganz wenige Mitglieder zusammengeschmolzen; noch kam es vor, daß Angehörige farbentragender Verbindungen, Corps und Burschenschaften, darunter waren. Ein lustiger Abend hat ihm die neuen Mitglieder zugeführt, die in ihm ein frisches Leben erweckten und gerade weil der Kreis so eng war, in Ernst und Scherz einander förderten und hoben. Für das philologische Studium und sogar für die Studentenschaft gewann er Bedeutung, die sich später noch gesteigert hat, als er auch Studenten anderer Wissenschaften einschloß. Von jenem Abend und seinen Folgen handelt O. Kern in seinem Buche über Diels und Robert; ich muß aber doch aus meiner Erinnerung reden. Die theologische Fakultät hatte zu einem abendlichen Festmahle aufgefordert, das sie zu Schleiermachers Ehren an dessen 100. Geburtstage veranstaltete. Das muß Anstoß erregt haben, weil Schleiermacher mehr ist als ein Theologe. Es erschienen[89]  daher mehrere Dozenten, darunter Bernays, trotzdem er mit den Christen nicht essen durfte; im philologischen Verein ward die Teilnahme beschlossen, andere Studenten schlossen sich an. Der theologische Festredner dankte für die zahlreiche Beteiligung, die oppositionelle Stimmung trat nicht an die Oberfläche, aber vorhanden war sie, und es bedeutete doch etwas, daß man von den Kommilitonen voraussetzen durfte, sie wüßten etwas von Schleiermacher, wenn es auch nur seine Rätsel waren4. Der Wein war gut; das Fest war lang. Als nach Mitternacht aufgebrochen ward, suchte eine Anzahl Studenten vergeblich an anderem Orte die Feier fortzusetzen und schließlich beschloß ein Häuflein mit dem Dampfschiff, das nach einiger Zeit kommen mußte, nach Königswinter zu fahren. Das Warten und die Fahrt ernüchterte; Schlafbedürfnis regte sich. In Königswinter gelang es mit Mühe in einem Gasthaus Unterkunft zu finden, je zu zwei in einem Bett. Der Schlaf war kurz; der Sonnenaufgang traf uns schon auf dem Wege nach Heisterbach, wo schleunigst eine der berühmten Bowlen angesetzt ward. Eile war nötig, denn mehrere waren von Usener zu Tisch geladen. Die Stimmung war nicht abgeflaut, allgemeines Schmollis ward getrunken, und der blutjunge Carl Robert tat nach dem Verbrüderungskuß an einen der Brüder die Frage: »wie heißt du eigentlich?« Eintritt in den Verein war die Folge.
Die Teilnehmer an dieser abenteuerlichen Fahrt kann ich nicht alle angeben; um so lebhafter ist die Erinnerung an den Verein. In ihm war die zahlreichste Gruppe aus Wiesbaden, daher an Usener angeschlossen, der übrigens so wenig wie Bücheler alter Herr des Vereins war. Diels und Robert hebe ich von den Nassauern allein hervor. Daneben waren die Hansestädte vertreten. Dettmer aus Lübeck war schon ein würdiges Mitglied, stand dicht vor der Promotion, eifriger »Jahnitschare«. Hamburg vertrat besonders der gescheite feine stille Christensen, der sich später um die mittelalterliche Dichtung von Alexander sehr verdient gemacht hat. Erst im Sommer trat der Lübecker Kaibel hinzu, der von Göttingen stark enttäuscht herüberkam. Er hielt sich erst sehr zurück, hat später eine führende Stellung eingenommen; unsere Freundschaft schloß sich erst in Rom. Ich führte dem Vereine meinen Schulfreund Walther Engel zu, der am Gymnasium zu Potsdam Lehrer gewesen ist, zum Weltkrieg noch eintrat und der erste Platzkommandant von Mitau ward. Der Brief einer Engländerin, der er behilflich war, kam in die[90]  Zeitungen und pries ihn als ihren rettenden angel. Unter rauhen Formen hatte er ein goldenes Herz. Er stammte aus St. Wendel, wo seine Vorfahren in langer Reihe Prediger gewesen waren, und sein Vater beklagte, daß der Sohn sich zur Theologie nicht entschließen konnte. Ich bin im August 1869 mit Engel die Mosel hinaufgewandert, habe Trier, Igel, Nennig besucht und auch von dem alten Pfarrhause einen starken Eindruck empfangen. Der Verein jenes Sommers ist auf der Photographie zu sehen, die Kern in seinem Buche über Diels und Robert mitgeteilt hat.
Weitaus am reifsten war Diels, zugleich mit mir in das Seminar getreten, an Wissen überlegen und vorbildlich durch zielbewußte, Seitensprünge vermeidende Arbeit. Er hatte ein Jahr in Berlin studiert, war aber unbefriedigt von dem dortigen Betriebe der Studien. Etwas von dem, was ihm im Alter bei den Studenten den Namen »Vater Diels« eintrug, war schon vorhanden; aber damit kontrastierte die körperliche Haltung. Er konnte mit den langen Armen und Beinen seltsam herumfuchteln, was ihm auf der Schule den Spitznamen Hamputsch (Hampelmann) eingetragen hatte, den die Mitschüler weiter anwandten. Er konnte ausgelassen lustig werden, aber bewahrte auch dann seine Autorität. Robert war dagegen Fuchs in jeder Beziehung. Begabung und Fleiß hatten ihn so früh auf die Universität gebracht, daß Bernays ihn in seinem zweiten Semester fragte: »nun sind sie wohl schon 18 Jahre geworden?« Aber er war auch noch ganz unausgeglichen in seinem Wesen, eine streng katholische Kindheit wirkte nach; er konnte sich plötzlich in tragischer Pose hinstellen und aus Gutzkow deklamieren: »Uriel Akosta, von Geburt ein Portugiese«, gestand, daß er Verse mit Liebesgeständnissen an die Schwester seiner Stiefmutter machte, die später einmal seine Frau werden sollte. Begreiflich, daß er manche Hänseleien dulden mußte, was er ebenso wie die Erziehungen liebenswürdig aufnahm. Eigentlich ward er von allen Älteren nicht weniger verzogen als erzogen.
Der Verein hielt darauf, im Seminar womöglich die Majorität zu bilden und bisher unbekannte Mitglieder an sich zu ziehen. Leider mißglückte es bei Bücher, der ein so bedeutender Nationalökonom werden sollte, an seine philologische Vergangenheit aber ohne Befriedigung zurückgedacht hat, und doch kenne ich noch eine Verbesserung der alten Politie der Athener, auf die er das Prioritätsrecht hat, falls sie überhaupt schon gefunden ist. Auf Aemilius Bährens verzichteten wir, so stark er auch im Latein war.
Erst im Seminar kam ich mit Usener in Berührung und da imponierte er mir nicht nur, sondern ich hatte an dem scharfen Tone Gefallen und war mir bewußt, daß ich viel lernte, als wir Lucan lasen, für den er über handschriftliches[91]  Material verfügte. Es herrschte durchaus der alte Betrieb, daß nur Konjekturen in den Seminararbeiten vorgelegt wurden, deren immer zwei im Semester verlangt wurden, für jeden Direktor eine. Sie konnten daher kurz sein, aber es führte doch zu Frivolitäten. Einer der Rheinländer gestand: »für Usener habe ich noch nichts, aber ich werfe ein paar Verse aus einem euripideischem Prolog hinaus. Dann ist er zufrieden und athetiert nur noch mehr.« Usener war gegen mich immer freundlich, wir kamen im Seminar vortrefflich aus, aber dabei blieb es. Gegenseitige Abneigung war unverkennbar. Ich konnte seine Vorlesungen nicht vertragen und schnödelte über sie. Nur die griechische Literaturgeschichte habe ich gehört, die mit vielen Auslassungen (Ilias und Odyssee, Lyrik und Drama) doch nur eben in das 4. Jahrhundert kam. Jetzt habe ich meine Nachschrift vorgeholt und sehe, daß eine gewaltige Gelehrsamkeit in einer Form geboten war, die ganz ebensogut wie Jahns Geschichte der Philologie jedem, der Fähigkeit und guten Willen hatte, ungemein viel zu lernen und zu überdenken bot, freilich ungleich und willkürlich in der Auswahl des Stoffes und manchmal befremdend in den Urteilen. Wie sollte es anders sein, da er doch noch in den Anfängen des Lehrens stand; ich habe es später ohne Zweifel viel ärger getrieben. Aber damals fühlte ich mich abgestoßen. Einiges tat dazu, daß ich die von Welcker stark abstechende Behandlung der Mythologie nicht vertrug. Alles sollte Lichtgott sein, selbst Silen, übrigens auch Aesop. Und dann las ich den Aufsatz Kallone, der in der Tat eine ungeheuere Gelehrsamkeit verschwendet um das Mißverständnis eines platonischen Wortes zu begründen. Lüders berichtete von einem scharfen Worte Otto Jahns: »die Götter haben seiner Gelehrsamkeit leider die Gabe der Probabilität versagt«, was von recht vielen seiner Konjekturen gilt. Es hat bis zur Philologenversammlung von 1877 gedauert, daß ich zur vollen Anerkennung seiner Bedeutung kam und es durch die Widmung meines Antigonos bekannte; ich habe dann manche schöne Briefe von ihm erhalten. Seine Mythologie habe ich allerdings so wenig billigen können wie seine Metrik, so sehr ich die nun erreichte Form seiner Schriften bewundere. Die Pelagia hatte mich entzückt; schade, daß sie keine Aphrodite ist. Das Weihnachtsbuch steigerte meine Bewunderung: das soll man immer als eine Probe edelster wissenschaftlicher Prosa lesen.
Jahn war mir doch auch im Seminar ungleich werter. Er sprach schon ein so wunderbares Latein. Wenn er sich im Stuhle zurücklehnte, seine Finger meist mit der Uhrkette spielten, ein Zeichen der Anstrengung, die es ihn kostete, über irgendeinen Gegenstand ausführlich handelte, weil[92]  unsere krasse Unwissenheit an den Tag gekommen war, floß die Rede ungehemmter und klangvoller als in der deutschen Vorlesung; aber es kam auch vor, daß Unfleiß oder Stumpfheit eines einzelnen zu einer allgemeinen Straf- und Mahnrede führte. Wenn er die Rede des Lykurgos erklären ließ, deren Kunstwert gering, deren Text zur Erlernung der Kritik wenig geeignet ist, so wollte er uns zu sachlichen Kenntnissen führen, auf einem Gebiete, das ihm selbst fern lag. Ich mußte die Einteilung machen, mich um die Geschichte und die damals noch so genannten Altertümer kümmern, das erstemal Inschriften heranziehen. Glücklich machte es mich, hierdurch in nähere Berührung zu ihm zu treten und sein Wohlwollen zu gewinnen. Eine erneute Bitte um archäologische Übungen konnte er nicht gewähren, aber er beriet mich doch bei meiner Arbeit auf diesem Gebiete und hat noch zuletzt das Thema einer Preisarbeit auf mich berechnet. Es sollte das Satyrspiel mit den Vasenbildern verglichen werden. Etwas Ordentliches würde ich nicht herausgebracht haben; bis heute ist meines Wissens eine solche Untersuchung nicht geführt, wo doch das literarische und das monumentale Material sich stark vermehrt hat, aber auf feste Ergebnisse ist auch nicht zu rechnen, mit Hypothesen, selbst wenn sie ansprechend sein könnten, nichts gewonnen. Leider ist vielen Archäologen von heute an dem, was die Künstler darstellen, auch nichts mehr gelegen; da tun sie so, als hätten die antiken Künstler sich auch nichts dabei gedacht.


Für die Archäologie ward zuletzt doch noch gesorgt, indem Kekule sich habilitierte und sogleich starken Erfolg hatte; der Verein tat das Seine dazu, daß Kolleg und Übungen besucht wurden. Er führte die Geschichte der Plastik bis zu der Gruppe des Menelaos, zu dem Pasiteles, den er damals entdeckt zu haben glaubte. Wie nützlich es auch war, daß wir eine geschichtliche Übersicht erhielten, das Wichtigste und Kekules besondere Stärke war doch, was er vor den Gipsen uns ahnen ließ: die Schönheit in der Kunst, und was sich darin dem offenbart, der überhaupt für Kunst empfänglich ist. Darauf fiel bei den Philologen auch nicht einmal ein Seitenblick. Es zündete auch. Weil die Tyrannenmörder, die Friederichs eben entdeckt hatte, im Museum fehlten, sammelten wir für ihre Anschaffung; alle Strafgelder, der Einsatz der zahlreichen Wetten und manche gelegentliche Gabe dienten diesem Zweck, später der Erwerbung einer Amazone, die ich nicht mehr erlebt habe. ἐν μύρτου κλαδὶ τὸ ξίφος φορήσω nahmen wir zu unserem Wahlspruch. In den Übungen setzte Kekule an Jahns archäologische Beiträge an; er hielt wohl die Sarkophagreliefs wegen ihres Inhaltes für Philologen geeignet. Mir fielen die Hippolytossarkophage zu und ich ging mit[93]  Feuereifer ans Werk. Aber als ich mit hochtrabenden Phrasen anhob, traf mich ein kalter Wasserstrahl: »das haben Sie wohl aus dem Lateinischen übersetzt«. Schamrot ward ich und bequemte mich sachlich zu reden. Ich habe schon um dieser verdienten Zurechtweisung meinem Lehrer die Dankbarkeit immer bewahrt. Er schien sich in Bonn nicht wohl zu fühlen und hatte im Verkehr einen etwas wehleidigen Ton. Noch viel unbehaglicher fühlte er sich als Konservator des Museums in Wiesbaden, wo ich ihn im Herbste 1869 besuchte. Obgleich Schüler von Eduard Gerhard, dem man nachsagt, daß er eine Vase oder Bronze mit dem Worte »nichts als schön« bei Seite gelegt hätte, verlangte Kekule von einem Werke, das ihn fesseln sollte, Schönheit. Die Archäologie, an der er mitarbeiten mochte, war Kunstgeschichte, wie sie es für Winckelmann gewesen war, wenn er auch die Archäologie als die Wissenschaft der antiken Monumente gelten ließ. Jahns Tod hat ihn sehr rasch nach Bonn zurückgeführt, wo er neben Usener und Bücheler eine weite und befriedigende Wirksamkeit ausgeübt hat, wie sie ihm später Berlin nicht bieten konnte.
Der Privatdozenten sich anzunehmen, hielt der Verein überhaupt für seine Aufgabe, sorgte dafür, daß sie Zuhörer erhielten und lud sie manchmal zu dem Weine, der bei den Sitzungen getrunken ward, Menzenberger, vom Weinberge des alten Simrock. Ein Privatdozent war freilich vorhanden, der nicht gehört werden durfte, der schon damals unausstehliche Lucian Müller, dem der deutsche Boden auch bald zu heiß ward. Mit ihm hatten wir nur eine Begegnung. Als wir im Karneval als Bauern verkleidet (das billigste Kostüm) herumtollten, trafen wir ihn, wie er ohne Maske aus dem Gasthof zum Stern kam, er ward um ringt und unter dem Gesange »ich bin Lucian Müller, Lucian Müller, Privatdozent in Bonn« mit wilden Grimassen umtanzt. Die Menge lief zusammen und hatte ihre Freude daran. Das war schon am Montag; den Haupttag haben wir in Köln mitgemacht, in kleine Gruppen verteilt, und so tat ich wenigstens einmal einen Blick in die rheinische trotz aller Ausgelassenheit niemals rohe Festlust, ohne freilich von ihr angesteckt zu werden.
Ein anderer Privatdozent war Johannes Schmidt, der uns nicht so nahe kam, aber mit schuldigem Respekt betrachtet ward. Damals war er ein schöner schlanker Mann, mit dem man gelegentlich im Schwimmbade zusammentraf. Er las um 8, aber jeder bemühte sich, nicht zu verschlafen; zum Glück passierte es auch ihm, daß er unterweilen recht spät kam. Er erhielt bald eine verdiente Professur, sonst würde er sicher unter seinen Zuhörern einige gefunden haben, die sich der vergleichenden Sprachforschung zuwendeten.[94]  So nahm man wenigstens so viel mit, daß die Schulgrammatik unzulänglich war und von den anderen Sprachen her aufgefrischt werden mußte. Niemand verkannte, daß in ihm ein reifer und bedeutender Forscher vor uns stand. Ich kaufte mir Schleichers Grammatik der indogermanischen Sprachen und spielte mit den Proben der mir unbekannten Dialekte, tiefer ging es nicht.
Der Philologe Eduard Hiller war aus dem Verein hervorgegangen, mußte demgemäß geehrt und gehört werden, was mehr Pflicht als Genuß war; er gab viel mehr Zitate als Gedanken.
Schließlich der Historiker Nissen, rhetorisch, beredt, witzig, selbstbewußt, auf die Distance, die den Studenten von ihm trennte, mehr haltend als die andern. Das einzige historische Kolleg, das ich gehört habe, war seine Geschichte der Westhellenen; es fesselte beim Anhören, ich habe gut nachgeschrieben. Es war aber eine ziemlich unselbständige Nacherzählung der antiken Berichte, in der sogar die fabelhaften Zahlen Diodors und die Zerrbilder der Tyrannen, wie sie Timaios gibt, wiederkehrten.
Ein Professor ward zuletzt noch für uns und speziell für mich bedeutend, ein Redner, mit dem ich keinen anderen vergleichen kann, Anton Springer. In meinem ersten Semester hatte ihn Krankheit bald zum Abbruch der Vorlesung über die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts gezwungen. Wo gab es damals, wo gibt es heute die Behandlung eines solchen Themas? Es war in Inhalt und Form hinreißend, das größte Auditorium brechend voll, Zuhörer aus allen Fakultäten; nur die Katalogen fehlten. Er nahm ein Jahr Urlaub und hielt dann kunstgeschichtliche Übungen im Anschluß an Vasari, setzte also italienische Kenntnisse voraus. Die besaß ich und lernte nun wenigstens Giotto kennen, dessen Kunst mir seitdem ein Höchstes geblieben ist. Die Sehnsucht, ihn zu sehen, die Meister kennenzulernen, von denen Vasari erzählte, also die alte Sehnsucht nach Italien erhielt neue Nahrung. Ich kam aber auch in persönliche Verbindung mit diesem Lehrer. Die Verehrung für ihn war in der Studentenschaft noch lebendig, obwohl für viele nur in der Tradition. Nach seiner Heimkehr sagte irgendwer in unserem Vereine »dem müßten wir einen Fackelzug bringen«. Erst schien es toll, aber wir hatten noch einen älteren Genossen, der Corpsstudent war und Springer gehört hatte. Der meinte, die Corps ließen sich für einen Fackelzug gewinnen; bei der Finkenschaft glaubten wir den Versuch wagen zu können. Also frisch gewagt. Endlose Verhandlungen. Die Burschenschaften hielten freilich zurück, natürlich nur, weil die Corps mitmachten. Schließlich ist es glänzend durchgeführt. Ich durfte, ausstaffiert in den Farben der Fakultät, mitziehen,[95]  ohne eine Fackel zu tragen, und in Springers Hause den Reden der Begrüßung und seiner Antwort beiwohnen. Es war der Glanzpunkt meines Studentenlebens. Das Universitätsjubiläum habe ich nicht mitgemacht.

Ich war 1869 erst kurze Zeit von meiner Moselreise in die Heimat zurückgekehrt, da kam die Kunde, daß Jahn am 9. September in Göttingen gestorben war. Ich verfaßte sofort ein lateinisches Epicedion und sandte es an die Bonner Zeitung, in deren Papierkorb es verschwand. Bald war ich entschlossen, nicht nach Bonn zurückzukehren. Springer half mir zur Exmatrikel, Diels schickte meine Sachen. Ich richtete mich im Oktober in Berlin zu einsamer Arbeit ein, entschlossen, sobald als möglich zu promovieren. Einsam ward es; neue Bekannte habe ich nicht gefunden. Während des Winters gab es Besuche der Eltern, also Theaterbesuch; die königliche Oper stand auf der Höhe: Mozart hat mich entzückt, bei jeder der seltenen Gelegenheiten später immer von neuem, auch anderes zog mich wohl an; aber ohne Anregung von anderer Seite suchte ich das Theater kaum je auf. Vom Schauspiel hat mir nur die Jachmann-Wagner einen tieferen Eindruck geweckt. Die Berliner Posse des Wallnertheaters gewährte damals und nach 71 auch reines Vergnügen. Von Hause drängte man auch, daß ich einige Familien besuchte, aber nur zu dem greisen Obertribunalsrat Kuhne ging ich gern. Gustav zu Putlitz war Hofmarschall beim Kronprinzen, seine Frau Oberhofmeisterin. Da mußte ich Besuch machen, wußte mich nicht zu benehmen und war erleichtert, als sie aus der Hofhaltung ausschieden und fortzogen5. Aus Bonn kam zum Sommer 1870 Dettmer; förderlich war mir der Verkehr mit Otto Lüders, der beim II. Garderegiment sein Jahr abdiente und anschließend die Offiziersübung machte, nebenher daran arbeitete, seine Dissertation zu einem Buche auszugestalten. Er stammte aus kleinen katholischen Verhältnissen, eine Schwester war Nonne, aber er war für die große Welt geschaffen und die Stellung bei Welcker hatte ihm die Protektion der Familie Naumann6 eingetragen, die ihm weiterhalf. Ein schöner Mann mit gewinnendem Wesen, reichgebildet, da gelang ihm alles; daß er im Regiment zum Offizier gewählt[96]  ward, war gleich nichts Geringes. Noch hatte er die akademische Laufbahn im Auge, aber innerlich zog es ihn wohl anderswohin. Der Verkehr war mir die beste Erholung von der einsamen Arbeit und menschlich war es Erziehung.
Die Universität bestärkte meinen Drang, mit dem Studium abzuschließen. Viel hören mochte ich nicht mehr, hatte auch Unglück. Auf Archäologie bei Friederichs hatte ich besonders gerechnet; nach wenigen Stunden vor den Originalen des Museums starb er. Geschichte der Philosophie wollte ich bei Trendelenburg hören; er war noch nicht bei Platon, da erkrankte er und hat sich nicht wieder erholt. Kirchhoffs Art ertrug ich nicht. Ein Nachbar sagte zu mir in der ersten Stunde: »hier ist es fein; man geht nur in jede zweite Stunde, denn er wiederholt immer den Inhalt der vorigen, so daß es reicht.« Curtius enttäuschte. Er hat in den Vorlesungen in demselben Tone die klassizistische Begeisterung zur Schau getragen wie in den Festreden. Sie war berechtigt, als er mit O. Müller in Griechenland war, sie war auch noch echt, aber schon darin sprach sich aus, daß er keine innere Fortentwicklung genommen hatte. Dafür konnte der gewinnende Reiz eines Mannes, der eine vergangene Zeit wundervoll repräsentierte, nicht entschädigen. Um ihm gerecht zu werden, muß man festhalten, daß die Ausgrabung von Olympia sein persönliches Verdienst ist, und sein Peloponnes ein Buch, das zu den wenigen gehört, die aus den 50er Jahren stammend noch lebendig sind. Mommsens Reich lag mir noch zu fern; er war auch oft auf Reisen für seine Inschriften. Etwas Neues und absolut Vollkommenes gab nur Bonitz in einer Vorlesung, die auf Erklärung der Poetik des Aristoteles hinaus wollte, aber der eigentliche Wert lag in der langen Einleitung. Bonitz stand auf der Stufe, an das Katheder gelehnt, ohne Heft und trug ganz ruhig, ganz klar in gewählter Sprache das System der aristotelischen Philosophie vor, ohne Ballast von Belegen, ohne kritische Beleuchtung, als ob er selbst Peripatetiker oder gar der Meister selbst war. Man lernte nicht nur Aristoteles kennen, sondern lernte wirklich philosophisch denken, ganz so, wie man einst Mathematik gelernt hatte. Was ich von den Berliner Studenten sah, stieß ab. Ein Nebenmann sah die Reinschrift meiner Dissertation und sagte »Sie wollen doch nicht hier promovieren? Dazu geht man nach Halle und macht den kleinen Doktor, der kostet wenig, zu drucken braucht man nicht, alles ist ganz bequem.«
Für die Philologie war also Haupt der einzige. Das Seminar, in dem ich ein paarmal hospitierte, bestätigte was Diels berichtet hatte: da war man in Bonn anderes gewohnt. Auch der Properz enttäuschte; den Prügelknaben Herzberg immer von neuem abgestraft zu hören war kein Genuß, und daß[97]  die Elegien nach Müllenhoff in Strophen zerteilt wurden, ertrug ich nicht. Mir war der Unsinn der Dialogresponsion in der Tragödie schon in Bonn zum Ekel geworden. Diese Verirrungen waren ja damals Mode; Lachmann war nicht ohne Schuld daran. Gepackt hat mich Haupt durch die Ilias, durch sein Ethos, die unbedingte Hingabe an Lachmann. Es griff ans Herz, wenn er fast mit Tränen in der Stimme seinen Glauben an den Freund und Meister bekannte, um dessentwillen er alle Verhöhnung willig ertrüge. Dem gab ich mich völlig hin. Lachmanns Lucrez und Bentleys Horaz mußten schon für die mündliche Prüfung durchgearbeitet werden. Der Lucrezkommentar machte mich zum gläubigen Lachmannianer und mein Handexemplar der Ilias zeigt die Lieder mit Buntstift ausgezeichnet. Die persönliche Verehrung für Haupt ging mit der für Welcker und Jahn zusammen; daß sich das wissenschaftlich nicht vertrug, kam mir nicht zum Be wußtsein.
Am Anfange des sechsten Semesters war die Dissertation fertig. Der Dekan Curtius erwirkte beim Ministerium, daß ich ausnahmsweise zum Doktorexamen zugelassen ward. Bei der Meldung fertigte mich Haupt in der Tür ab. Auf die Frage, was er mir vorlegen sollte und meine ausweichende Antwort, hieß es: »machen Sie keine Dummheiten«, und Lucrez ward gewählt. Kirchhoff, der Hauptreferent, fängt sein Referat an »soweit ich die Dissertation gelesen habe«; die Rüge der falschen Form παραδοξώτατον, die ich mehrfach geschrieben hatte, ist die einzige Hilfe, die mir geworden ist. Haupt bezeichnet seine Prüfung im Examen als »Unterhaltung« und so war sie ein vollkommener Genuß7. Auch das andere ging glatt. Mir selbst erschien das Prädikat summa cum laude gar nicht als etwas sehr Besonderes. Niemand war da, mir zu gratulieren. Ich setzte mich still mit der Zeitung in eine Kneipe, bald war alles Examen, alle Philologie vergessen. Es war der 14. Juli 1870: der Krieg in Sicht. Die feierliche Disputation fiel fort, weil ich Soldat ward, ich habe also den schönen Eid, wie ihn Schleiermacher[98]  formuliert hatte, nicht geschworen, aber gehalten. Er mußte fortfallen, als die lateinische Sprache nicht mehr allen Promovenden bekannt war, und die Verpflichtung ist beseitigt, den Ehrendoktor der Philosophie von keiner anderen Universität anzunehmen. Ich habe wegen des alten Eides zuerst auch den Doctor of letters abgelehnt, den ich von Dublin erhalten sollte. Später habe ich mich der neuen Praxis anbequemt, die im internationalen Verkehre kaum zu vermeiden war.
Als eine meiner heiligsten Erinnerungen betrachte ich den Tag der Heimkehr König Wilhelms aus Ems. Ich blieb auf der Straße, stand am späten Abend mit der Menge vor dem Palais, die sich mit Hochrufen und Gesang nicht genugtun konnte, bis ein Adjutant auf den Balkon trat und um Ruhe bat, der König hielte Kriegsrat. Schweigend verlief sich die Menge. Der alte Preußenkönig, das alte Preußenvolk.
Ein kleiner Teil der Dissertation reichte für den Druck hin, den ich ohne Hilfe überhastet besorgte, wenn ich müde vom Exerzieren nach Hause kam. Das war alles gleichgültig geworden. Krieg war das Losungswort.
Was hatte mir die Studentenzeit für meine Wissenschaft gegeben? Anregungen genug nach anderen Seiten, die auch der Philologie in dem engen Sinne der antiken Grammatik zugute kamen, vor allem die Archäologie, wenn sie auch nur Kunstgeschichte war, und unglückliche Umstände für mich den Unterricht sehr beschränkt hatten. Aber was war die Philologie, in die man eingeführt ward? Textkritik; alles andere kam nur heran, soweit es ihr diente, wie die Lehre Epikurs in Lachmanns Lucrezkommentar. Philosophische Schriften hatten mich in Vorlesungen und Übungen mehr beschäftigt als alles andere, aber was da in die Forschung einführte, waren nur literarische Fragen, nach Dubletten in der Ethik und nach der Reihenfolge der Bücher in der Politik des Aristoteles. Um die klassischen Schriftsteller, zumal die Dichter, drehte sich alles; die übrige Literatur war Nebenwerk; wer's wollte, mochte sich darin umsehen. Vom Leben, der Sitte, dem Glauben der alten Völker erfuhr man nichts; gut, daß ich Gallus und Charikles, Guhl und Koner aus Pforte mitbrachte. Selbst wenn Jahn in den Hellenismus einführte, versteckte sich das in die Einleitung zu Theokrit. Eine Einführung in die stilistische Manier und die Kunst der Komposition, wie sie Peter im Tacitus gab, fand ich auf der Universität nicht, und historische Kritik lehrte sein Geschichtsunterricht, nicht die Rhetorik Nissens. Dabei hatte die Philologie von sich die höchste Meinung, weil sie Methode lehre, allein vollkommen lehre. Methode, via ac ratio, war das Losungswort. Sie schien die Zauberkunst, welche alle verschlossenen Türen öffnete, auf sie kam es an;[99]  Wissen war Nebensache. Die Berliner Schule der Lachmannianer lebte in offener Fehde mit den Ritschelianern, und in dem Glauben an die allein seligmachende Methode waren sie doch alle befangen. Was ist herausgekommen? Von der Konjekturenjagd will ich gar nicht erst reden, aber da sind Ribbecks Juvenal, die Tragödien Senecas von Richter und Peiper, in denen die Zahlenspielerei der Responsion die ärgsten Orgien feiert; aus Berlin kamen die lüderlichen Ausgaben Eyßenharts. Rudolf Hercher war ein liebenswürdiger, witziger, auch ein findiger Mann, mit Recht Mitglied der Akademie, aber die Texte hat er schauderhaft interpoliert; es war ein Vorzug, daß er bei Cobet lernte, dessen stumpfe Bestreitung durch andere ihr Ziel verfehlte, aber auch Cobets scharfe Kritik schnitt neunmal von zehnen in das gesunde Fleisch und er war in den Wahnglauben an den codex optimus als unicus und die zugehörige bequeme Verachtung des Suchens in den andern Handschriften besonders tief verstrickt. Dasselbe Prinzip der »einen Quelle« herrschte in der Historie. Was Lehrs im Hesiod, Horaz, Ovid sich erlauben durfte, erscheint uns heute, wenn es noch jemand ansieht, als das Äußerste von Verständnislosigkeit. Dabei faßte er seine Methode in zehn Geboten der Kritik zusammen; es kam sogar ein gradus ad criticam wie einst ad Parnassum auf den Markt. Ich bekannte mich selbst als orthodoxen Lachmannianer und habe auch auf dem Katheder gemeint, meine Aufgabe wäre Methode zu lehren, wenn auch nicht allein für Textkritik. An der Konjektur habe ich noch meine Freude, so viele falsche, veröffentlichte und erst recht unveröffentlichte ich begangen habe. Die das Konjizieren verachten, sind Füchse, denen die Trauben zu hoch hängen. Aber von Anfängern soll man sie nicht verlangen, wie es im Bonner Seminar geschah. Allmählich ist mir die Einheit der Wissenschaft aufgegangen8, die weder in soundsoviele Disziplinen zerschnitten noch für die Leistungskraft des Einzelnen zurechtgestutzt werden darf. In ihrem Dienste tue jeder, was er kann, habe aber das Ganze vor Augen und verachte nicht, was es selbst nicht kann.
Die Schlacht von Marathon ist etwas, das man ganz kennen und verstehen möchte. Wie ist das möglich? Da ist das älteste Zeugnis das Gemälde des Polygnot gewesen, also muß es aus den schriftlichen Nachrichten hergestellt werden9, so weit es geht. Dazu muß man den Stil und die Darstellungsart[100]  des Malers kennen: hier also eine Aufgabe der Archäologie. Dann kommt der Bericht des Herodot, der das Gemälde gesehen hat und Erzählungen von Teilnehmern an der Schlacht verarbeitet. Was die späteren Geschichtschreiber bringen, ist wertlos bis auf die Nachricht, daß das neunte Regiment, die Aiantis, auf dem rechten Flügel stand10. Dies festzustellen ist Aufgabe der vergleichenden Interpretation, richtige Philologenarbeit, Interpretation, aber nicht nur der Texte, sondern auch Quellenkritik auf Grund literargeschichtlicher Vergleichung und Erfassung der einzelnen Vermittler und Verderber des herodotischen Berichtes; diesen selbst versteht man erst, wenn man weiß, was Herodot wollte und wie er erzählt. Nun ist aber noch der Grabhügel der Gefallenen da. Daß er es wirklich ist, mußte die Ausgrabung lehren. Und das Gelände ist da: topographische Studien müssen hinzutreten, ermittelt muß werden, wo die Athener sich aufgestellt hatten, um den Persern den Weg nach Athen zu verlegen, wo die Perserflotte ihre Schiffe auf das Land gezogen hatte. Damit wird das Schlachtfeld gefunden und werden die notwendigen Bewegungen des Angreifers deutlich, dessen Bewaffnung und Taktik mitbestimmend ist. Nun endlich kommt der Historiker an die Reihe, der diesmal auch militärische Einsicht haben muß. Ihm fällt das Letzte zu: erschließen, wie es sich wirklich zugetragen hat, wo dann gemäß der unsicheren Überlieferung ungelöste Probleme bleiben, z.B. über das Vorhandensein und die Verwendung von persischer Kavallerie. Wird es nicht deutlich, daß viele hier zusammenwirken müssen, damit die Wahrheit ermittelt werde, soweit es möglich ist? Über vieles, was wir wissen möchten, können wir die Wahrheit nicht erreichen; da heißt es sich bescheiden. Und wie läppisch ist der Dünkel gewisser Historiker, die meinen, Philologie, Archäologie usw. wären ancillae historiae, wie ehedem die Theologen von der weltlichen Wissenschaft meinten. Mir hat einer zu sagen gewagt: »Ihr bratet das Beefsteak, das wir essen.« Ich will das Bild nicht weiter ausführen, denn was würde denn aus dem Braten im Magen des Historikers?
Spät erst habe ich gewagt, den Studenten eine Einführung in die Philologie zu geben, in der ich lieber darstellte, wie sie sich zum Ganzen der Altertumswissenschaft ausgewachsen hat, und an Beispielen zeigte, was alles nötig ist, um eine Wahrheit zu finden. Aber von der Methode mußte doch[101]  gehandelt werden, und es machte mir Spaß zu zeigen, wie die Gebote des kritischen Katechismus, trotzdem daß sie alle eine Wahrheit enthalten, durch ebenso berechtigte Sprüche einander scheinbar aufheben, wie es ähnlich mit den Sprichwörtern geht. Auch wenn viele meiner Antithesen sich zunächst auf die Textkritik beziehen, haben sie doch für jede Untersuchung die entsprechende Geltung. Jetzt bin ich so alt, daß ich es mir erlauben darf, meinen Katechismus herzusetzen, und der Platz scheint mir hier der beste, nachdem berichtet ist, was Schule und Universität mir mitgegeben haben.


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Du sollst nicht vor Codices niederfallen (Lehrs).
Auch von dem Schreiber gilt quivis praesumitur bonus.

Ob Lehrs überhaupt eine gute alte Handschrift verglichen hat, ist sehr fraglich. Die Entdeckung vieler antiker Bücher hat gelehrt, daß die byzantinischen Schreiber ihre Sache überraschend gut gemacht haben; der Druck sichert den Text keineswegs besser. Handschriften der Jahrhunderte 14–16 sind freilich oft genau so zu beurteilen wie moderne »emendierte« Ausgaben. Die schweren Verderbnisse stammen dagegen aus dem Altertum und lassen sich oft nicht heben.

Du sollst Ehrfurcht haben vor der Überlieferung.
Lies cry for refutation (Carlyle).

Da muß man freilich wissen, was Überlieferung ist, handschriftliche Überlieferung, an der man es am besten lernt, aber von jeder geschichtlichen Überlieferung gilt es gerade so. Es genügt nicht, quid traditum acceperimus (Lachmanns recensio), man muß sich vergewissern, quale sit, was zu der Frage führt, quo modo traditum sit. Der Text hat eine Geschichte erlebt, von der Handschrift des Verfassers bis auf den Zustand, in dem er vorliegt: die muß verfolgt werden. Wenn man das tut, stellt sich überaus häufig heraus, daß man das Überlieferte nur richtig zu deuten, d.h. in die ältere Schreibweise umzusetzen braucht, damit das Wahre ans Licht tritt, das in ihm erhalten ist. Geistreiche Kritiker mögen intuitiv erfassen, was der Verfasser schrieb, wo es ihnen dann einerlei sein mag, ob eine Variante echte Überlieferung oder alte Konjektur ist; aber wie gefährlich, oft verderblich diese geistreiche Willkür ist, sollte die Leidensgeschichte der meisten Texte lehren.

Du sollst Ehrfurcht haben vor den Wissenden.
amicus Plato, magis amica veritas.

Die Wissenschaft kennt wie Gott keine προσωπολημψία, aber wir bleiben alle gegenüber vielen großen Forschern, lebenden und toten, allezeit Schüler, [102]  magnorum virorum praesentia non magis utilis est quam memoria sagt Seneca. Die ganz Großen sollen in unserm Gedächtnis wieder ganz lebendig werden.

Nur wer sich willig ergibt, befreit sein Urteil.

So Lachmann; aber es ist die Gefahr, daß das Urteil durch die Hingabe gebunden wird, wie es Haupt gegangen ist.

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.
Auch im Meister zeigt sich die Beschränktheit des Sterblichen.
Der Sprachgebrauch entscheidet.
Das Individuelle ist immer Abweichung vom Gewöhnlichen.

Analogie und Anomalie, Elmsley und Hermann haben beide Recht und Unrecht.

Du sollst einen Schriftsteller zuerst für klüger halten als dich selbst.
Du sollst keinen Schriftsteller klüger machen als er war.

Nach beiden Seiten oft gefehlt zu haben, bin ich mir bewußt. Für die geschichtliche Kritik heißt das, eine überlieferte Geschichte zuerst als wahr zu behandeln, aber ebenso einem überführten Schwindler nichts mehr zu glauben.

nil tam difficilest quin quaerendo investigari possiet (Ritschl)
quod vides perisse perditum ducas.

Du sollst freilich suchen, aber dich bescheiden, wo uns das Wissen versagt ist, sonst gerätst du ins Schwindeln. Weder dem Homer noch dem Plautus können wir die ursprüngliche Sprachform geben. Eine pragmatische Geschichte der Pentekontaetie oder der Eroberung Italiens durch Rom ist unerreichbar.

nihil in arte parvum.
minima non curat praetor.
nec scire fas est omnia.

Auch das absolut des Wissens Unwerte darfst du nicht verachten, denn es kann relativ zur Erkenntnis des Wissenswerten führen. Aber du sollst Quisquilien als Quisquilien behandeln. Die adnotatio critica steckt oft voll von ihnen, und die modernen Disziplinen, Archäologie, Epigraphik, Papyrologie treiben es damit noch ärger.

Sei nie zu vornehm wie Carlyles Mr. Dryas Dust zu arbeiten.
Non fumum e fulgore sed e fumo dare lucem.

Wer immerfort nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet, wird bald nach Regenwürmern graben. Aber du sollst dich nicht abschrecken lassen, nach den Schätzen zu graben, wenn du einmal Regenwürmer gefunden hast; nur wirf sie fort.[103]
Ob du einen Vers, ein Gedicht, einen Rechtssatz, ein Philosophem, einen Gott verstehen willst, immer mußt du dich in eine fremde Seele, eine fremde Individualität versetzen. Aber du mußt selbst eine individuelle Seele und einen selbsterworbenen Glauben haben.
Die letzte Aufgabe der philologisch-historischen Wissenschaft ist, durch die Kraft der wissenschaftlich geschulten Phantasie vergangenes Leben, Fühlen, Denken, Glauben wieder lebendig zu machen, auf daß alles, was von belebender Kraft in jener Vergangenheit ist, auf die Gegenwart und Zukunft fortwirke. Dazu muß der Kopf kühl sein, aber heiße Liebe im Herzen brennen. Nur der Eros führt zum Anschauen der Wahrheit und des ewig Lebendigen.

Und setzest du nicht das Leben ein,
nie wird dir das Leben gewonnen sein.

1 Gemäß der italienischen Sitte, die namentlich zu Hochzeiten kleine gelehrte Festschriften liebt, waren einige Gratulationsschriften vom archäologischen Institute erschienen, z.B. an Welcker; aber das war etwas ganz anderes.
2 Sehe man, was im Kommentar zu Persius und in den »Wandgemälden in der Villa Pamfili« über die kleinen halbliterarischen Gattungen, Mimen, Biologen u. dgl. steht: wer übersah das sonst? Anregung von Valckenaer her ist unverkennbar, überhaupt im Persiuskommentar. Haupt verglich Jahn daher mit Casaubonus, mit halbem Beifall, so wie Scaliger über jenen und seinen Persius urteilte, sehr mit Unrecht. Wenn es nur mehr Bücher gäbe wie diese. Kritische und leider nur zu oft dabei unkritische Textausgaben gibt es nur allzu viele.
3 Immer wieder ließ er sich die griechischen Dichter vorlesen, Pindar vor allem, dann auch Goethe. Träume seltener Art beschäftigten ihn, wovon das Tagebuch der griechischen Reise Proben gibt. Da er noch reisen konnte, fuhr er einmal nach Köln, um die Hugenotten zu hören; aber bei dem langen Duett des vierten Aktes rief er laut aus: »Wollen Sie nicht endlich auseinander gehen«. Otto Jahn war ihm ein treu sorgender Freund.
4 Unter den theologischen Professoren befand sich einer mit Namen Christlieb, der wohl irgendwie Anstoß erregt haben muß; ich weiß nichts von ihm. Schleiermachers geistreiche Rätsel wurden viel zitiert, darunter »Geteilt mir heilig, vereint abscheulich« (Meineid), und die Lösung »Christlieb« ward von Mund zu Mund getuschelt.
5 Ich habe damals gehört und keinen Anlaß zu bezweifeln, daß der Grund zu der plötzlichen Entlassung eine Ohrfeige war, die Frau von Putlitz dem zehnjährigen Prinzen Wilhelm verabreicht hatte, als er sich über den König, der Hannover besuchen wollte, die Äußerung erlaubte »Großpapa fährt in die gestohlenen Provinzen.« Das ertrug die temperamentvolle Preußin nicht. Bei der princess royal, deren Gesinnung aus ihrem Sohne sprach, war sie nun freilich unmöglich.
6 Kekule berichtet im Leben Welckers S. 185 und öfters über diese Familie.
7 Daß er mich zuerst eine lange Versreihe lesen ließ und dann sagte: »Gut; verstehen tun wir's beide und übersetzen können wir's beide nicht«, habe ich schon anderswo berichtet. Er fragte nach anderer didaktischer Poesie, ich nannte Arat, Manilius, Oppian und meinte gestehen zu müssen, daß ich sie alle nicht gelesen hätte. »Ist auch noch nicht nötig«, war die Antwort. Den scherzenden Ton kennzeichnet folgendes: es war davon die Rede, daß der schließende s bei Lucrez für den Vers unberücksichtigt bleiben kann; ich konnte auch die Schlußzeile Catulls anführen. Da bestürzte mich die Frage: »kennen Sie auch einen Dichter, der das s vor Vokalen ausstößt? Nein? Na, dann danken Sie Gott, Gerlach heißt er!« Damit schloß das Examen. Leos Plautinische Forschungen haben Haupt nicht Recht gegeben, aber Gerlach damit ebensowenig. Nur die Wissenschaft ist fortgeschritten.
8 Göttingers Rektoratsrede, in den drei ersten Auflagen meiner Reden und Vorträgen abgedruckt.
9 Der Maler hatte dargestellt, wie Kynegeiros ein Schiff gepackt hatte und ein Perser seinen Arm mit der Axt schlug. Und der Feldherr Kallimachos, der auch den Heldentod erlitten hatte, stand aufrecht, die Seinen anfeuernd, von einem Speere, durchbohrt. Daraus entstand die dumme Fabel, er hätte im Tode noch weitergekämpft, und die Rhetoren der Kaiserzeit durften das ernst nehmen. Wir besitzen die Deklamationen des Polemon.
10 Das erwähnte eine Elegie des Aischylos, der bei Marathon im Gliede gestanden hatte.




 IV. Krieg
20. Juli 1870 bis 20. Juli 1871
[104] Krieg ist das Losungswort, Krieg, und so tönt es fort











Ich war beim II. Garderegiment, bei dem mein ältester Bruder sein Jahr abgedient hatte, als Einjähriger zum 1. Oktober angemeldet und trat nun ein. Neigung zum Militär hatte ich durchaus nicht gehabt und die ersten Erfahrungen des Rekruten konnten sie nicht erwecken. Über 500 Einjährige sollten ausgebildet werden und was von Offizieren und Unteroffizieren beim »Schwamm« zurückblieb, war der Aufgabe nicht von fern gewachsen. Ein Hauptmann der Reserve war für die Aufsicht viel zu freundlich, die Unteroffiziere trieben den Drill, wie es im Frieden üblich war, Instruktion über die Ehrenbezeugungen vor Prinzen und hohen Chargen, die es in Berlin jetzt gar nicht gab. Übrigens war vor den Rittern der Friedensklasse des Pour le Mérite Stillstehen mit Gewehr über verordnet; das ist irgendwann abgeschafft. Schießen sollte erst später herankommen; ich habe tatsächlich nur 15 Kugeln nach der Scheibe gesandt, nicht einmal »die kleine Klappe« des Zündnadelgewehrs aufgeschlagen. Der Durst des Unteroffiziers, dem ich anvertraut war, war nicht zu stillen. Und es war doch Krieg, nur zu dem waren wir eingetreten; wenn es so weiter ging, wurden wir erst nach Monaten kriegstüchtig. Das verstimmte.
Korrekturen lesen war nur eine Qual mehr; die Druckfehler ließen sich so wenig fangen wie die Kasernenflöhe. Im Juli hatte ich auch die Aufgabe, die Hinterlassenschaft des verstorbenen Freundes Dr. Dettmer zu verpacken und in seine Heimat zu befördern. Dabei assistierte sein Hauswirt im Schlafrock mit langer Pfeife, half natürlich nicht, aber schwatzte. »Nee, Herr Doktor, heute und 48, das kann unsereins gar nicht klein kriegen. Dunnemals vors Schloß – ich bin ja auch dabei gewesen. Wir schrieen alle ›König raus‹. Und denken Sie mal: wir glaubten doch alle nicht, daß er rauskäme, und da stand er auf 'm Balkon. Na, eins kann ich Sie sagen: Unser oller Willem, ne, der wär' nicht gekommen.« Damals freute ich mich. Jetzt weiß ich, daß er einer aus der immer gleichen Masse war, die am Palmsonntag Hosianna den Sohne Davids und am Freitag Barrabas rufen. Nur das mag wahr sein, daß die Rufenden selbst das Gefühl hatten, der König darf nicht[105]  kommen. Wenn er ein wirklicher König und ein Mann gewesen wäre, würden sie den Versuch gar nicht gewagt haben.
Ein anderes Erlebnis war komisch. Kommt da ein aufgeregter Sattlermeister und präsentiert mir eine Rechnung über einen Sattel. Eine Karte mit meinem vollen Namen und Angabe der Wohnung hat er auch und ist zuerst gegen alle Einwände taub. Nicht einmal die Uniform überzeugt ihn, daß ich kein Kavallerist bin. Schließlich sieht er sich um »so viele Bücher, dann sind Sie's wirklich nicht!« Der raffinierte Schwindler ist später gefaßt, als ich schon im Felde war. Er soll ein Träger des verbreiteten Namens Möllendorff gewesen sein.
Noch eine Überraschung. Ich liege müde auf dem Bett, da poltert in neuer Dragoneruniform mein jüngerer Bruder herein, den ich auf der Presse glaubte, wo er sich zum Fähnrichsexamen vorbereitete. Nun lachte er mich aus, daß ich Griffe kloppte, während er ins Feld zog. Sein Regiment fuhr auf der »Communikation« (Ringbahn würden wir jetzt sagen) um Berlin, und er durfte sich derweilen die nötigsten Einkäufe machen. Daß er ohne jede Ausbildung mitgenommen ward, war so zugegangen. Er war zu dem Regiment gefahren, wo er eintreten sollte, der Oberst hatte ihn erst zum Frühstück gezogen; das war die Prüfung des künftigen Kameraden; dann ging es auf den Kasernenhof, er mußte auf ein Pferd und ward weidlich herumgejagt. Als er im Sitz blieb und alle Hindernisse nahm, war auch die soldatische Prüfung bestanden. Am 14. August benahm er sich im Gefechte so, daß er ohne weiteres Fähnrich ward; ehe ich es zum Gefreiten brachte, war er Leutnant. Mir warf er nach dem ersten Erfolge die Dummheit vor, nicht als Avantageur eingetreten zu sein; dieselbe Aufforderung ist mir von wohlwollenden Offizieren im Felde mehrfach gemacht; ich könnte mich später rasch zur Reserve versetzen lassen. Ich habe es nicht gewollt und bin froh, als Grenadier mit den Grenadieren gelebt zu haben.
Die ungeheuren Verluste, welche die Garde bei St. Privat erlitt, bei den beiden Grenadierbataillonen mehr als jeden zweiten Mann, zwangen den Nachschub, wie er auch war, kommen zu lassen. In höchster Eile wurden wir mobil gemacht, die Erlösungsstunde schlug. Ich habe meine Kriegserinnerungen im Oktober 1914 zu einer meiner »Reden aus der Kriegszeit« verarbeitet, aber das Buch wird jetzt nicht mehr gelesen, weil den Deutschen von heute die Erinnerung an eine Zeit peinlich ist, in der sie ein einiges stolzes Volk waren. Ich muß auch die Farben anders abtönen; unsere Jugend stand wieder in Frankreich, denen zu Hause sollte das Herz möglichst leicht gemacht werden, vor allem aber wünschte ich noch immer, daß der Krieg[106]  die friedliche Verständigung zwischen den Franzosen und uns nicht zerstören möchte, und was ich von meinen Söhnen und sonst aus dem Felde erfuhr, konnte diese Hoffnung noch bestärken. Jetzt ist die Aufgabe nur offene Wahrhaftigkeit; nicht wenig muß ich wiederholen, auch wörtlich.
Die Eisenbahnfahrt vom 30. August bis 4. September in einem übervollen Viehwagen war keine geringe Anstrengung. Bänke waren gestellt; bei Nacht legte man sich darauf oder darunter, Tornister als Kopfkissen. Zuerst nach Köln und rheinaufwärts war es noch lustig, auf den Bahnhöfen Jubel und gute Verpflegung. Im Elsaß ging es langsam mit zahlreichem Anhalten auf freiem Felde oder vor einer Station; die Feuer der Beschießung von Straßburg leuchteten durch die Nacht. In Zabern entgleiste der Zug durch falsche Weichenstellung; ein Grenadier war schwer zu Schaden gekommen. Man munkelte von böser Absicht des Weichenstellers, vermutlich ohne Grund. Vor Pfalzburg erfuhren wir den Sieg von Sedan und fürchteten kein Pulver riechen zu sollen. In Pont à Mousson ausgeladen, mußten wir sofort losmarschieren, was die steifen Knochen kaum leisten konnten. Daß ich auf einen Wagen gekommen wäre, ist mir nicht erinnerlich. In Eilmärschen ging es bis St. Mihiel. 175 Mann konnten nicht weiter; ich war auch ziemlich am Ende der Kräfte, aber ein Flußbad tat Wunder. Allerdings hatte ich die Torheit begangen, als wir vor Lunéville neben einem Kartoffelfelde hielten, mir das Kochgeschirr zu füllen, und entschloß mich erst auf dem zweiten Marsche die Last fortzuwerfen. Es hatte sich schon auf der Fahrt gezeigt, daß die Führung des Bataillons (so viel waren wir, darunter 195 Einjährige) ihrer Aufgabe nicht gewachsen war. Ein noch knabenhafter Fähnrich, eben aus dem Kadettenkorps gekommen, gab sich vielleicht die größte Mühe. Die Gewaltmärsche, um das Regiment zu erreichen, waren zwecklos. Und doch ging es in derselben Hetze weiter nach Châlons und das Marnetal aufwärts, zuletzt mit Sicherung, wie sie das Friedensreglement vorschrieb. Nirgend waren deutsche Truppen zu treffen, im Marnetal überhaupt noch nicht gewesen. Ein altes Bauernpaar erfuhr durch mich zuerst von Napoleons Gefangenschaft. Hinter Épernay bogen wir plötzlich rechts ab. Die letzte Nacht war gruselig. Der Führer hatte endlich eingesehen, daß unsere kampfunfähige Masse weiter vorgekommen war als das von Sedan anrückende Heer, und dazu gar nicht weit von der Festung Soissons. Feldwachen wurden ausgesetzt, Doppelposten an allen Eingängen. Was verstanden wir von Felddienst? Eine Schwadron würde uns bequem zersprengt haben. Dabei zahllose Fußkranke, hungrig und übermüdet alle. Doch die Rettung war nahe: das Regiment kam heran, wir wurden eingereiht, durch die Vermittelung[107]  von Lüders kam ich zur achten Kompanie, wo er als Vizefeldwebel einen Zug führte, obwohl ich zu lang war und neben dem Flügelmann im ersten Gliede noch häufig keine gute Figur gemacht habe, wenn es zum Exerzieren kam. Ordnung, Verpflegung, stramme Zucht und freundliche Behandlung hat uns alle rasch die Freude am Soldatenleben wiedergegeben, wenn unsere Unerfahrenheit auch manchen verdienten Tadel und Spott hervorrief. Nirgend konnte das Leben einer Kompanie harmonischer sein als bei der achten unter dem Kompanieführer, Premierleutnant von Kamptz, und dem Feldwebel Hartwig. Lüders kam zur fünften, als er Offizier ward. Ihm hatte ein Louisdor, den er im Brustbeutel trug, bei St. Privat das Leben gerettet, weil die Kugel ihn nicht durchschlug; er hat das verbogene Goldstück zeitlebens an der Uhrkette getragen. Selbst der recht wohlbeleibte Hartwig hatte zu den vierzehn gehört (die Teilnehmer zählten genau), welche die Barrikade an einem Eingang von St. Privat genommen hatten, Kamptz an der Spitze. Hartwig hatte sich von zwei Leuten über das Hindernis heben lassen. Die tapfern Verteidiger waren noch in der Überzahl, aber der Mut und die Todesverachtung der Stürmenden hatten sie so benommen, daß sie sich ergaben. Mir ist die Freude geworden, daß meine verehrten Vorgesetzten beide zuhörten, als ich 1914 von ihnen erzählte.
Es ging nun in starken, aber gegen das Vorangegangene nicht ermüdenden Märschen auf Paris zu, selbst Regenwetter und gedrängte Quartiere störten nicht zu sehr. Allmählich traf man leere Dörfer, gefällte Alleebäume auf der Straße, zerstörte Brücken. Paris war nahe. Am 19. September erreichten wir schon früh eine Anhöhe, von der wir die weite Stadt in strahlendem Sonnenscheine vor uns sahen. Allgemeines Halt, längere Rast, dann die Bataillone in Kolonne nach der Mitte, Feldgottesdienst als Vorbereitung auf den Sturm, ein Gottesdienst, der nicht nach Konfession fragte, sondern dem einen Gotte galt, in dessen Hände alle Seelen befohlen wurden. Hoch schlugen die Herzen, aber zum Sturme kam es nicht. Generalleutnant von Pape ist zwar bis nah an St. Denis herangeritten und hat sich überzeugt, daß wir die Forts der Nordostfront hätten nehmen können; aber die Heeresleitung scheute den Blutverlust: die einmal verpaßte Gelegenheit kam nicht wieder und unendlich viel mehr Blut mußte vergossen werden.
Die Armee des Kronprinzen von Sachsen, zu der die Garde gehörte, bezog in den Dörfern dicht unter den Forts von Paris Kantonnementsquartiere, denselben Dörfern, die später wie z.B. le Bourget umkämpfte Vorpostenstellungen geworden sind. Wir kamen in ein verlassenes anmutiges Dorf Bonneuil und für einige Tage ließ sich das Leben fast friedensmäßig an. Zwar mußten wir[108]  in einem Weinberg Stellungen für die Artillerie bereiten, aber in dem herrlichsten Wetter war das ganz lustig; vereinzelte Schüsse aus den Forts langten zu uns nicht herüber. Nachmittags zu exerzieren war weniger behaglich. Im Garten unseres wohnlichen Hauses verriet sich ein Versteck durch die aufgeworfene Erde, enthielt aber Porzellan statt des erhofften Weines, der übrigens bei der Marketenderin (die gab es, sogar mit einer Tochter) reichlich zu haben war. Wir aßen nun von feinen Schüsseln und Tellern zusammen an mehreren Tischen; aber die schönen Tage schwanden mit der heißen Herbstsonne. Bald hieß es aufbrechen, zur Rückendeckung der Belagerer gegen Norden. Nach etlichen Märschen entschied es sich, daß unser Bataillon die ansehnliche Stadt Beauvais besetzen sollte und mit ihr einen Hauptpunkt der vordersten Linie halten. Außer uns war dazu nur sächsische Kavallerie in wechselnder Stärke und ganze zwei Geschütze verfügbar, die auf einer Anhöhe über der Stadt wenigstens bedrohlich aussahen. Als wir einrückten und umringt von der Menge auf dem Markte hielten, ging der Bataillonskommandeur Major von Görne auf das Rathaus und hielt eine donnernde Rede. Er glaubte das Volk einschüchtern zu sollen und zog die stärksten Register. Wir würden bei den einzelnen Bürgern Quartier beziehen, aber unter jedes Bett ein Bündel Stroh legen, so daß bei dem geringsten Anzeichen einer Erhebung die Stadt in Flammen aufgehen würde. Ich habe später diese Drohung als einen Beleg völkerrechtswidriger Haltung der Preußen angeführt gelesen; sie klingt auch grausam, aber es waren nur Worte. Vier Wochen haben wir mit der Bevölkerung in bestem Einvernehmen gelebt. Was ich von mir erzählen kann, darf ohne Einschränkung verallgemeinert werden, und ich hörte manches, da ich auch mit den Offizieren in Berührung kam, im Laufe des Feldzuges immer mehr. Lüders war mein Freund und vermittelte, mein Name war dem Offizierkorps durch meinen Bruder bekannt, ich war für den Oktober als Einjähriger angemeldet, älter als die meisten Freiwilligen und war Doktor, wie mich auch die Kameraden anredeten. Offiziell gab es im Kriege für den Einjährigen, der im Gegensatz zu 1866 die schwarzweißen Schnüre trug, keinen Burschen, tatsächlich hatte ich aber gleich einen genommen, einen armen Bauernsohn aus dem Schaumburg-Hessischen, der sich gern etwas verdiente. Mein Französisch übte ich mit den Eingeborenen; es kam auch nicht selten vor, daß es von den Offizieren in Anspruch genommen ward, wenn sie dem fortbestehenden Lokalblatte Mitteilungen zu machen hatten; dabei gab es auch mehr zu hören als was ich übersetzte.

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Gleich am ersten Abend nach unserm Einzuge gingen viele Grenadiere in ein Bierhaus und saßen mit französischen Arbeitern zusammen, die sich[109]  später verliefen; sie sind wohl zu den Mobilgarden gezogen, die sich draußen bildeten. Mein Nachbar ergriff meine Hand und sagte verächtlich: ça n'a pas travaillé, ça, bemerkte dann den Siegelring, erkannte ein Wappen und wollte nicht glauben, daß ein »baron de l'empire«, wie er sich ausdrückte, simple soldat sein könnte. Die Erläuterung, daß wir die allgemeine Wehrpflicht hätten und meinesgleichen in allen Regimentern zu finden wären, machte ihn nachdenklich; er erzählte es den andern und sie wurden es auch. Es mußte doch etwas mit den Prussiens sein, die in so strammer Haltung eingezogen waren und sich mit sicherer Ruhe unter die Stammgäste der Brasserie mischten. Ein paar Tage darauf brach irgendwo Feuer aus, ein preusisches Kommando half beim Löschen, wirksamer als die pompiers.
In unserer Regimentsgeschichte steht durch den Namen des betreffenden Grenadiers beglaubigt, daß ihn in seinem ersten Quartier der Hausvater angefleht hätte, seine Kinder nicht zu schlachten; es war ihm gesagt, die Preußen wären Menschenfresser. Der Preuße hat bald in guter Freundschaft mit dem Hauswirt und erst recht mit den Kindern gelebt. Die Kinderliebe unserer Leute hat überhaupt oft den Bann der von dem Geschmeiß der Journalisten, leider auch der Pfaffen geschürten Angst gebrochen.
Eine rührende Geschichte entnehme ich einem Briefe, den ich nach Hause schrieb, einem Franzosen zur Ehre. »Drei Spielleute wurden in Beauvais einquartiert. Die Bewirtung übertraf schon alles, was sich von der Ärmlichkeit des Hauses erwarten ließ, um so mehr, da der traurige Ernst des Wirtes seltsam mit der Geschäftigkeit kontrastierte, mit welcher er immer neue Speisen, neue Flaschen auftrug. Die lustigen Musikanten ließen sich's die paar Tage ihres Aufenthaltes wohl sein.« Als sie abzogen, wollten sie ihrem Wirte danken, aber er wies es zurück und sagte: »Drei Söhne habe ich gehabt, schöne Jungen. Alle drei sind im August gefallen. Da habe ich sie in euch noch einmal an meinem Tische sitzend zu sehen geglaubt. Adieu mes fils.«
Ich kam mit meinem Burschen in ein kleines Haus am Markte, in dem eine Frau einen Posamentierladen hielt, eine typische Frau des guten Mittelstandes. Wir hatten es gut, sogar ein jeder ein Bett, morgens, auch wenn es sehr früh war, café au lait, reichliches Essen mit sprudelnder Konversation. Erst war sie für uns allein im Hause; nach zwei, drei Tagen erschien eine Tochter, blutjung, blond, zurückhaltend ohne jede Ziererei. Wieder ein paar Tage, und die Mama schlief morgens aus und ließ das Mädchen mit den beiden Grenadieren allein, auch wohl mit einem. Wie diese sorgsame Mutter hat es manche gehalten: die Achtung des Deutschen vor dem Weibe hat zu[110]  unserer Schätzung nicht wenig beigetragen. Umgekehrt haben wir hohe Achtung vor der Französin der Kreise heimgebracht, mit denen wir zumeist in Berührung kamen, nicht nur in ihrer unantastbaren Weiblichkeit1. Da die Männer, namentlich auf dem Lande, häufig fehlten, mußte die Hausfrau, auch die Frau des maire, für alles einstehen. Sie pflegte das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, das bei nur zu vielen Männern tiefer rutschte. Sie quasselten und wimmerten und flunkerten: die Frau fand sich in das Unvermeidliche und handelte; das pflegte dem Hause gut zu bekommen. Ich habe im späteren Leben einzeln Gelegenheit gehabt, auch mit vornehmen Französinnen in Berührung zu kommen, in denen noch etwas von der Haltung des ancien régime fühlbar war. Die Frauen scheinen wirklich die bessere Hälfte der Nation zu sein; vielleicht erweckt die Literatur eben darum von ihnen eine falsche Vorstellung.
Politik, auch abgesehen von den Aussichten des Krieges, zu behandeln, fand sich Gelegenheit. Namentlich die ansehnlichen Kaufleute trugen den Stolz auf die neugebackene Republik zur Schau, die notwendig siegen müßte. Bonapartisten sind mir nicht begegnet. Die Picardie war wohl überwiegend orleanistisch und rechnete auf die Herstellung des konstitutionellen Königtums; die sittliche Verwahrlosung des zweiten Kaiserreiches war die beste Folie für das Familienleben der Kinder Louis Philippes. Aber vor allem wollten sie einen König. »Ihr siegt jetzt,« sagte mir eine Frau aus dem Volke, »weil ihr einen König habt; wartet nur: wir werden bald auch einen haben.« Vom Elsaß sprach man auch manchmal, und es war wohl nur die Zuneigung meiner Wirtin, daß sie nach einer energischen Verteidigung unseres alten Rechtes meine Hand ergriff »eh bien, je vous donne l'Alsace«. Aber die Umstehenden protestierten nicht; wenn wir gegen Abend beisammen im Laden saßen, kamen gewöhnlich Leute vom Markte herein, an dem Gespräche mit dem petit Prussien teilzunehmen.
Nach dem Gefechte bei Formerie, von dem bald die Rede sein wird, kam ich in ein Quartier, weil der Wirt jemand gewünscht hatte, der lateinisch sprechen könnte. An der Tür fand ich geschrieben: »M. Bardi, altes Direktor von Gymnasium«. Weiter reichte das Deutsch des ancien directeur nicht; das Latein haben wir nicht versucht. Materiell verschlechterten wir uns beträchtlich; es gab nur ein Bett für mich und meinen Burschen, übrigens das[111]  letzte für ein halbes Jahr, und das Essen war zwar feiner, aber was half die delikateste Sauce, wenn ein einziger lapin avec navets für drei reichen sollte. Das ertrug ich doch willig. Der alte Herr war so liebenswürdig, bekannte sein Bedauern, daß er seine Tochter nach England geschickt hatte, und lehrte mich den Wohllaut des französischen Alexandriners durch den Vortrag von Stücken aus Racine kennen. Den großen, auch wirklich tragischen Dichter zu würdigen, mußte ich freilich beträchtlich älter werden. Ich habe Monsieur Bardi den Dank schon an anderer Stelle öffentlich ausgesprochen.
Es war eine schöne Zeit, außer den Wachen wenig Dienst – außer für die Freiwilligen. Die mußten neben der Kathedrale (die ich nicht betreten habe) Griffe kloppen, sehr notwendig, aber bitter, zumal die Kinder und nicht nur Kinder zusahen und auch Gelegenheit hatten, uns auszulachen. Ein paarmal gab es Streifzüge in die Umgegend. Franktireurs begannen sich zu regen; die sächsischen Reiter erhielten Feuer aus dem Hinterhalte, einzelne Kugeln trafen auch. Das forderte Strafe. So sind wir bis Gournay und Breteuil vorgestoßen und die Dörfer und Städtchen mußten durch Requisitionen büßen. Weiter ging man noch nicht. Selbst als einer der heimtückischen Schützen ergriffen war, konnte sich der führende Hauptmann nicht entschließen, die verdiente Todesstrafe vollziehen zu lassen, sondern ließ den heulenden Blusenmann mit einer Tracht Prügel laufen. Es würde uns damals auch schwere Überwindung gekostet haben, das Strafgericht zu vollziehen. Später mußte die Stimmung und das Verfahren sich ändern. Als in Étrepagny eine kleine Abteilung nächtlich überfallen und ermordet war, formulierte ich die Mitteilung an die Zeitung mit Genugtuung: Étrepagny est livré aux flammes.
Allmählich zogen sich im Westen und Norden neue Truppen zusammen, aus denen Faid'herbe später seine Armee gebildet hat. Gegen sie ging eine gemischte Abteilung am 27. Oktober vor. Es galt der Eisenbahnstation Formerie; Wagen für Requisitionen waren mitgenommen. Das Wetter war abscheulich, strömender Regen, ein erbärmliches Quartier, von da war man am 28. bald vor Formerie. Die erste Kompanie drang in das Dorf ein, die beiden Geschütze hatten auf einer Anhöhe abgeprotzt, die achte lag geschlossen nach Überwindung eines breiten aufgeweichten Sturzackers hinter einer Dornenhecke, Gehöfte und eine Dorfstraße lockten zur Erkundung, ob man nicht seitlich der ersten Kompanie zu Hilfe kommen könnte. Vizefeldwebel Reimarus, der kürzlich noch hinkend infolge einer schweren Verwundung aus der Heimat zurückgekommen war, rief Freiwillige auf. Zuerst ging es gut. Auf der Straße hatte sich in einer Senkung ein kleiner See gebildet, Reimarus durchschritt ihn, bis an den Gürtel ging das Wasser, aber[112]  nässer als wir schon waren, konnten wir nicht mehr werden, also durch. Aber kaum drüben bekamen wir so starkes Feuer, daß es zurückging, wieder durch das Wasser. Wir brachten die Meldung, daß wir einen überlegenen Feind in der Flanke hätten. Jetzt schlugen auch in die Kompanie die Kugeln ein, stöhnend brach ein Mann zusammen. Bald kam auch von hinten der Befehl »zurück« und es ging rasch über den Sturzacker, unschädliche Kugeln sausten hinterher. Eine Menge Stiefel blieben in der zähen Erde stecken, auch ein schwächlicher Freiwilliger konnte nicht weiter. Er wäre verloren gewesen, denn die Franzosen haben auch die Verwundeten totgeschlagen: da sprengte ein sächsischer Trainsoldat in den Kugelregen, hob den Hilflosen auf sein Pferd und kam heil zurück. Es hat Mühe gekostet, ist aber erreicht worden, daß er das Eiserne Kreuz erhielt; der Kronprinz von Sachsen wollte zuerst für ein verlorenes Gefecht keine Dekoration bewilligen. Auf der Hauptchaussee trafen wir die Geschütze schon auf dem Rückmarsche, die erste Kompanie dahinter, wir schlossen uns an, Reimarus mit der ersten Gruppe seines Zuges bildete die Hinterspitze. Zur Linken war die Straße tief in einen Abhang eingeschnitten. Plötzlich sahen wir die einige hundert Schritte vor uns Marschierenden halten und nach links heftige Schüsse abgeben. Wir kletterten die Böschung hinauf, sahen den etwa 150 Schritt entfernten Waldrand besetzt, gaben einige Schüsse ab und eilten dann der Kompanie nach. Wo sie geschossen hatte, lagen auf einem von links einbiegenden Wege dicht neben der Chaussee etwa vier tote Franzosen. Diese Abwehr hatte genügt, den Feind von der Verfolgung abzuschrecken. Er war in großer Überzahl, da die Eisenbahn, die wir hatten zerstören sollen, von beiden Seiten Verstärkungen herangeführt hatte. Bei mutiger Führung würde er uns alle in die Hand bekommen haben. Der Regen hatte aufgehört, aber der Rückweg nach Beauvais war weit; hungrig, müde, naß und niedergeschlagen kamen wir erst spät ans Ziel. Viele waren auf die Wagen geklettert, die nun außer den Toten und Verwundeten, soweit sie mitgeführt werden konnten, leer zurückkehrten. Vor der Stadt ordneten sich die Truppen und zogen in festem Tritt ein.
Es folgten schwere Tage der gespannten Erwartung eines Angriffs. Das Regiment ward in Beauvais zusammengezogen, aber bald erhielt es den Befehl zu seinem Korps auf Paris zurückzugehen, wo die heftigen Kämpfe um Le Bourget erneute Ausfälle wahrscheinlich machten. Es hieß Abschied nehmen; das gute Verhältnis zur Bevölkerung war nicht getrübt. Wir zogen zum Schein in der Richtung auf Rouen aus, bogen aber bald nach Süden ab. Auf dem Marsche lernte man das Requirieren; wir erhielten sogar den Befehl,[113]  wo irgend möglich Decken aus den Quartieren mitzunehmen. Ich hatte mir zwar die lächerliche Bedenklichkeit abgewöhnt, aus der ich in einem leeren Hause vor St. Mihiel zehn Silbergroschen unter einen Korb gelegt hatte, aus dem ich die Eier genommen hatte, aber dem neuen durch die Selbsterhaltung gerechtfertigten Befehle zu gehorchen kam doch hart an, nicht mir allein.
Vor Paris begann ein ganz anderes Leben ohne jede Berührung mit einer anderen Welt als dem nächsten Kreise der Kameraden, fast ohne Möglichkeit für Geld etwas außer eau de vie zu kaufen, in eintönigem Dienste. Die Quartiere, zuerst in Écouen, waren von den früheren Inhabern verwohnt, alles brauchbare mitgenommen, das Wetter rauh und sonnenlos. Viele erkrankten. Mich packte es zuerst an den Zähnen und ich mußte unsern Arzt aufsuchen, der Cobet hieß und um seine Verwandtschaft mit dem großen Leidener Philologen wußte. Der war in Paris geboren und den Deutschen zeitlebens wenig freundlich gesonnen, aber der Ursprung seiner Familie lag doch in Westfalen. Den Fehler eines Textes verstand er sehr viel besser herauszubekommen als unser Cobet meinen Backzahn. Damit war es auch nicht getan; ich fieberte heftig, mußte einmal von den Vorposten zurückbleiben, sollte ins Lazarett. Da half Reimarus, befreite mich davon, hieß mich die Zähne zusammenbeißen und Dienst tun. Es ging; vor dem Lazarett graute sich jeder; es kamen so wenige zurück. Reimarus kannte ich etwas von Berlin her, wo sein Bruder mit Lüders befreundet und auch mir wohl bekannt war. Er ist der eigentliche Organisator der vornehmen Leihbibliothek Borstell und Reimarus, für die ihm London Vorbilder gezeigt hatte. Georg Reimarus war Architekt, noch nicht ganz mit dem Studium fertig, erreichte es aber durch seine soldatische Tüchtigkeit und sein frisches gewinnendes Wesen, daß er Offizier bei dem Regiment ward und ihm auch später in der Reserve besonders nahe blieb. Wir wurden Freunde und haben, als ich 1897 nach Berlin kam, diese Freundschaft wieder aufgenommen und sie ist eine Familienfreundschaft geworden, die über seinen Tod hinaus dauert. Rat und Hilfe von ihm zu erhalten war das größte Glück für mein Leben in diesen Monaten; sie führte auch zu den Offizieren der Kompanie, zu denen der Premierleutnant der Reserve v. Könen getreten war, auch er wie Reimarus von einer schweren Wunde geheilt.
Wir sind noch einmal nach dem Norden gezogen, aber rasch zurückgekehrt und haben dann in Pierrefitte gerade vor der Double Couronne, dem Nordfort von St. Denis, dauernd die Vorpostenstellung besetzt. Das verlassene Dorf Villiers le Bel bot wenigstens Raum genug; man konnte es sich einigermaßen[114]  wohnlich gestalten. Da wir uns das Essen selbst bereiten mußten, bildeten sich Kochgesellschaften, so zu sagen kleine Familien. Wir waren zu sechsen, ein Unteroffizier, ein Gefreiter, zwei Grenadiere, ein Tambour, mein Bursche und ich. Wir hatten Matratzen und Decken, Tisch und einige Schemel, das Feuer in dem großen Kamine nährten die Stöcke, welche man die längste Zeit aus den Weinbergen heranholen konnte; zu letzt mußten freilich die Sparren aus dem Dache des zweistöckigen Hauses herhalten, das wir allein bewohnten. Feuerung holen, Stube aufräumen, das Essen zubereiten waren Arbeiten, die auf die einzelnen verteilt wurden. Mir fiel meist das Kartoffelschälen zu, denn wir hatten für die längste Zeit in Kartoffeln einen großen Schatz. Frühere Bewohner des Dorfes hatten sie geerntet; wie wir sie aus einem Keller, der zu einem anderen Revier gehörte, erbeutet hatten, davon sprach man lieber nicht. An Fleisch gab es überwiegend Hammel, vereinzelt gesalzenes Schweinefleisch, das wir freudig begrüßten. Rinderpökelfleisch war schlechthin ungenießbar. Zukost war zuerst spärlich, Reis vereinzelt, bis die Erbswurst erfunden war, die namentlich mit Kartoffeln vortrefflich mundete. So aßen wir sie gern zu Mittag; das Hammelfleisch verstand der Tambour, wenn es Fett genug hatte, trefflich zum Abend zu braten. Brot war reichlich, mit Speck mußte haushälterisch verfahren werden. Wein war um keinen Preis zu haben, Schnaps reichlich, auf Vorposten unentbehrlich, wo kein Feuer angemacht werden durfte. Der Winter war bekanntlich besonders kalt.
Dieses intime Zusammenleben, das sich im Laufe der Monate bis zur Heimfahrt nur auf einen größeren Kreis erweiterte, hatte gewiß manche Schattenseiten und brachte auch einzelne peinliche Erfahrungen, aber es bekam doch gut unter dem Volke zu leben und sich eine Stellung durch das zu erwerben, was man als Mensch war, zumal wo die Überlegenheit in so vielem bei den anderen war. Es wäre vielleicht schwerer gewesen, wären nicht in der Garde Leute aus den verschiedensten Landesteilen gewesen, sehr verschieden an Bildung, Lebenshaltung, Anschauungen und Ansprüchen, die sich ineinander schicken mußten. Da waren gleich zwei Westfalen, der lustige Tambour, immer voll toller Einfälle und dabei sentimental wie ein richtiger Clown. Nach Weihnachten kam er zu mir: »ach, Herr Doktor, können Sie mir nicht zu Neujahr ein Gedicht für meinen Schatz machen?« Worauf ich mich in Liebespoesie versuchen mußte. Neben ihm stand der bärtige Reservemann aus dem Wuppertal, Bremser an der Köln-Mindener Bahn. Er war ein besonders tüchtiger Soldat und unter den Kameraden angesehen, aber Gefreiter konnte er nicht werden, denn es kamen Tage, wo er[115]  wild ward, trank, sich vergaß; an anderen brach die kalvinistisch strenge Lebensauffassung gewaltsam durch. Den Unteroffizier, einen in der Tat arg leichtfertigen Kölner, verachtete er, nicht nur, weil er bloß Heizer gewesen war, sondern moralisch, was jener sich gefallen ließ. Der Gefreite war ein wohlhabender Bauernsohn vom Harze, nicht ohne Standeshochmut gegenüber dem armen Häusler, meinem Burschen, und einem soldatisch und menschlich mindestens gleichwertigen Ackerer aus dem Klevischen. Dann gab es Holsten und Hannoveraner, die viel und gut essen wollten, Pommern, die es nie fett genug bekommen konnten, nach ihrem Sprichwort, Speck in Butter braten und dann mit Löffeln essen. Butter lebte freilich nur in der Erinnerung. Die Polen legten nur auf die Quantität Wert; Oberschlesier wurden grob, wenn sie zu den Pollaken gehören sollten. Störend wurden die landschaftlichen Gegensätze nie, obgleich Hannoveraner, Hessen und Holsten sich noch nicht als Preußen fühlen konnten. Im ganzen kam bei den Leuten so viel Redlichkeit und in der Tiefe nicht nur gesundes, sondern feines Gefühl an den Tag, daß man auf sein Volk stolz sein durfte, vertrauensvoll auch darin, daß aus ihm frische Säfte belebend in die Oberschicht aufströmen würden. Freilich war es auch Landvolk, keine Städter oder Fabrikarbeiter; ein Berliner ist mir als ein moralisch angefaulter und danach geachteter Geselle erinnerlich, wenn seine faulen Witze auch auf dem Marsche und in der Langenweile der Vorposten anregten und willkommen waren.
Der Dienst verlief so, daß sich ein Tag in Pierrefitte und einer in Villiers le Bel ablösten; dieser war langweilig, denn es gab Appell, Empfang der Lebensmittel und solche Kleinigkeiten, für einzelne Kantonnementswache. Kurzweilig war auch der Tag auf Vorposten nicht, der wohl 28 Stunden lang ward, da man im Dunkel hin und her marschierte. In den Vorpostenstellungen lagen die Züge in gesonderten Wachstuben innerhalb des Fleckens und vorgeschobenen Unteroffizierswachen von sechs Mann, Doppelposten im Orte. Eine ganze Kompanie kam in die sog. Trancheen, rechts vom Dorfe an einem sanften Abhange auf die nächste Stellung zu, die schon dem vierten Korps gehörte. Hinter den Trancheen war das »Kartoffelfeld«, so genannt, weil die französischen Granaten darin steckten, die niemals trafen, ganz selten krepierten. Mit den Ingenieuren haperte es bei uns noch bedenklich, und daß wir uns selbst die Gräben tief und breit genug ausheben könnten, daran dachte niemand; es waren auch nur ein paar Spaten bei der Kompanie, die in den Futteralen blieben; »die sind für den Appell« sagten die Träger. Die längste Zeit haben wir ohne Dach in den engen Gräben gehockt, deren Boden, bis fester Frost kam, ein ekler Brei war. Es dauerte sehr lange, bis[116]  erlaubt ward, auf dem gefrorenen Boden des Grabens Feuer anzumachen, und dann drängte man sich in den eisigen Nächten so nah an die Feuer, daß nicht wenige sich die Stiefel verbrannten, ich die Wimpern eines Auges, was lange nachwirkte. Natürlich war diese Stellung verhaßt. Von da aus ward noch weiter rechts ein Unteroffizierposten für die Nacht vorgeschoben, nur mit Freiwilligen besetzt, denn er galt für den Fall eines Angriffes als verloren. Da meldete sich der treffliche Unteroffizier Portzig, und ich ging mit besonderer Freude mit, denn man saß in einer warmen Schmiede, wenn man nicht Posten stand, dies nur vier Stunden. Da stand man im Giebelfenster eines zerschossenen Hauses und sah den feindlichen Posten ganz nahe sich gegenüber. Zuerst war das Gefühl etwas seltsam: wird der Kerl schießen? Auf diese Entfernung könntest sogar du auf einen Treffer hoffen. Wir waren beide verständig und schossen nicht. Bei uns war es auch nur für den äußersten Notfall gestattet, auf leichtsinnigem Schießen stand Arrest. Ein sehr verständiger Befehl, denn was hatte es für einen Zweck, Kugeln zu vergeuden wie die Franzosen, unnötigen Lärm zu machen, ruhende Mannschaften zu alarmieren. Und wenn ein paar Franzosen abgeschossen wurden, darum ergab sich Paris keine Stunde früher. Menschenfreundlich war der Befehl also auch. Zur Beunruhigung der feindlichen Vorposten gingen Gardejäger einzeln in das Vorterrain und erzählten Jagdgeschichten von ihren Erfolgen, wenn sie auf eine unserer Feldwachen kamen, wo wieder nur Freiwillige standen. Ich habe es da wieder unter Führung von Portzig in einem Gartenhause am Feuer, das niemand sehen konnte, behaglich, das Postenstehen aufregend aber ungefährlich gefunden.
Das Geschieße von der feindlichen Seite war zuerst ganz toll. Nachmittags zu bestimmter Zeit sah man, wie drüben Menschen zusammenströmten, um zu sehen, wie die Kanonade auf Pierrefitte und die Trancheen los ging. Sie mußten sich wohl drüben freuen, wenn sie eins ihrer Häuser zerstörten. Wir haben auch nicht einen Mann verloren. An einer Stelle im Inneren der Ortschaft gab der Mann, den man ablöste, die Weisung: »um die Ecke da darfst du nicht gehen, da sehen sie dich vom Wall und schießen mit einer Wallbüchse.« Natürlich reizte das nur, man ging um die Ecke, bis sie's merkten. Dann kam die Kugel mit einem besonders scharfen Knall und fuhr in ein Haus, immer dasselbe; es war ein gefahrloser Spaß.
Abwechselung kam durch den Ausfall des 21. Dezember auf le Bourget, zu dem wir, eben von Vorposten zurück, in der Nacht alarmiert wurden, aber nur den Tag über in der starken Kälte hin und her marschierten oder herumstanden, denn die Verteidiger des Ortes wurden selbst fertig. Zweimal[117]  mußten wir einen tiefen Kanal durchwaten; das eisige Wasser drang in die Stiefel; nicht nur meine platzten. Das war nicht bekömmlich, aber Freund Reimarus brachte einen heißen Grog in mein Quartier, der die Erkältung brach. Das war sehr nötig, denn am folgenden Tage kam ich auf Cantonnementswache. Die hatte nur den Zweck, der Form zu genügen, denn dicht bei dem Doppelposten von Villers le Bel stand der entsprechende eines anderen Quartiers, Garde-Kürassiere. Wir standen still und in der sternklaren Nacht lag das Vorterrain weit vor den Blicken, die auf die Lichter von Paris hinüberschauten. Sie waren gegen den September stark beschränkt, aber noch leuchteten sie. Wie so oft vertrieb ich mir die Zeit durch das Aufsagen der Poesie, die im Gedächtnis lebendig war. Andere geistige Nahrung hatte man nicht; erst später habe ich einen griechischen Sophokles aus dem Feuer gezogen, der mir, nur wenig verkohlt, so lieb ward, daß er im Tornister einen Platz fand; der Schiffszwieback schien entbehrlicher. Manche Chorlieder sind für mich mit solchen Nächten in der Erinnerung verbunden, mit dieser der Anfang des Agamemnon:



Macht Ende, Götter, mit den Mühen, die ich hier
ein langes Jahr schon dulde, daß ich wie ein Hund
gestreckt auf Agamemnons Dache spähen muß.
Ich kenne jetzt der Sterne nächtlichen Verein,
die lichten Herren, deren Glanz am Himmelszelt
der Jahreszeiten Wechsel auf der Erde lenkt.

Wegen der Kälte standen die Kürassiere nur eine Stunde Posten und höhnten uns, als sie abgelöst wurden. Als ihre zweite Ablösung kam, standen wir noch. Der Wachhabende und unsere Ablösung hatten die Zeit verschlafen. Erst hielten wir trotz weidlichem Schimpfen aus, dann begingen wir das Unerhörte: einer von uns verließ den Posten und lief zurück zu der schlafenden Wache.
Weihnachten kam und die Offiziere hatten so viel wie irgend möglich getan, um eine Feier zu veranstalten, die an die Heimat erinnerte. Die Sehnsucht ward groß; als der Widerstand der Pariser so schwach geworden war, daß auf dem Marsche nach Pierrefitte gesungen werden durfte, erklangen nur Lieder, die von der Heimat handelten. Dieser Zustand trat bald ein, als die Beschießung, von allgemeinem Jubel begrüßt, endlich anfing, zunächst an der Ostfront, aber es kamen auch zu uns Pioniere und legten Stellungen für die schwere Artillerie an. Langweilig blieb es doch, und Fahrten zur Requisition in das Hinterland waren eine erfreuliche Abwechselung. Es gelang einen noch unberührten Geflügelhof zu finden und Hühner mit dem Faschinenmesser[118]  köpfen zu lernen. Mein Französisch verschaffte mir auch die Teilnahme an der Fahrt eines Unteroffiziers nach Beauvais, um Leder für die Schusterwerkstatt zu erhandeln. Da war es rührend, wie viele Fragen nach Monsieur Paul oder Henri, oder le grand garçon aux moustaches blondes zu beantworten waren. Mit gutem Gewissen durfte die Antwort beruhigend lauten, wenn die Personen sich auch nicht identifizieren ließen. Unsere guten Freunde hatten geglaubt, wir wären gleich nach dem Abzuge aus der Stadt abgefangen oder gefallen. Mittlerweile hatte überwiegend polnische Landwehr in Beauvais gelegen; der Unterschied hatte die Neigung für die Garde stark erhöht.
Mitte Januar ward das Bataillon nach Montmorency verschoben. Da waren noch Bewohner, denen es leidlich gegangen war, waren auch stattliche Villen. In einer fand sich eine Reihe schön gebundener Jahrgänge des Siècle; die wanderten ins Feuer, denn das Holz fehlte. In einer anderen Villa betrat ich staunend ein Bibliothekszimmer. Rings schienen die schönsten Bände in langen Reihen bis zur Decke hinauf zu stehen. Aber der erste Griff überraschte peinlich: es waren Tapeten, die nur eine Büchersammlung vortäuschten. Es kam der 18. Januar. Ich glühte von Begeisterung über das deutsche Kaisertum und versuchte diese Stimmung in den Kameraden zu wecken. Wir hatten Reis empfangen; es gelang mir Milch zu fabelhaftem Preise zu beschaffen. Der Milchreis tat seine Wirkung, aber mit meiner Festrede fiel ich kläglich ab. Daß die Fahne nach Versailles zum Könige ging, daß es nun mit Paris und dem Kriege ein Ende nehmen mußte, war gut und schön; aber Deutschland war den braven Leuten ein unbekannter Begriff.
Auf Vorposten ging es noch immer nach Pierrefitte, aber es war nicht mehr rechter Ernst, die strenge Ordnung lockerte sich. Am Tage der Kapitulation, als die Geschütze schwiegen und die Zivilbevölkerung aus St. Denis bis zu unseren Posten herauskam, habe ich in einem Gartenhause an einer eifrigen Grabung teilgenommen, die den ersehnten Schatz, natürlich Weinflaschen, nicht lieferte. Ehe der Grund erreicht war, ging es in die Quartiere zurück.
Der Februar ward der unerfreulichste Monat. Wir kamen nach Argenteuil, elende, über alles Maß enge Quartiere, leere Stuben, ganz voll Ungeziefer. Keineswegs bessere Verpflegung, einen Tag sollten wir sogar von der »eisernen Ration« leben, die wir in Berlin mitbekommen hatten, gleich als ob sie noch im Tornister steckte. Wir hungerten, weil die verfügbaren Nahrungsmittel an die Zivilbevölkerung von St. Denis abgegeben wurden. So haben die »Hunnen« gehandelt: England hat 1918 nach dem Waffenstillstand[119]  durch die völkerrechtswidrige Aufrechthaltung der Blockade 600000 deutsche Greise und Kinder umgebracht. Dies auserwählte Volk hielt sich an das Vorbild des Alten Testamentes; so waren ja einst die Hebräer mit Amalekitern und anderen »Heiden« verfahren. Bei uns Einjährigen stieg die Mißstimmung, weil wir mit strengem Exerzieren geplagt wurden; während wir im Frieden nach einem halben Jahre Gefreite geworden wären, sollten wir erst nachholen, was nicht durch unsere Schuld, sondern durch den Krieg versäumt war. Anderes kam hinzu, auch Persönliches, das ich übergehe. Die verärgerte Stimmung fand sogar in Gedichten Ausdruck. Erst allmählich kam alles wieder zurecht. Herr von Kamptz hat, den anderen Kompaniechefs vorausgehend, mich und einen zweiten Freiwilligen schon im März zu Unteroffizieren befördert, worin die Aussicht lag, im Regiment Reserveoffizier zu werden.
Mit der Bevölkerung konnte der Verkehr nur spärlich sein, und ein gutes Einvernehmen wie in Beauvais war nicht mehr möglich. Hätte der Krieg länger gedauert, so würde die Gutmütigkeit unserer Leute geschwunden sein: nach Hause wollten sie; wenn die Franzosen nicht nachgäben, sollten sie es büßen. Daß die rasche Annahme der Friedensbedingungen die Besetzung von Paris verhinderte, verstimmte auch. Eine Stelle aus einem meiner Briefe darf ich wohl einrücken. »Als ich heute vom Exerzieren kam, rief mich die Stimme eines ältlichen Mannes durchs Fenster zu der Gruppe eines Blusenmannes und zweier unserer Reservisten, der ihnen vergeblich den Inhalt eines Zettels zu erklären suchte, den er in der Hand hielt. Die Franzosen kannten mich als Vermittler, und ich las und erklärte: ›Dépêche officielle, la paix est signée‹. Der Alte zuckte dabei besorgt die Achseln: ›Nous ne connaissons pas encore les conditions, mais enfin, c'est donc ce que l' on a espéré depuis si longtemps.‹ Da faßte ich ihn bei der Hand und forderte ihn auf, sich mit mir zu freuen. Die Reservisten taten ihm desgleichen, und so dem Blusenmann und seiner Frau, und hoben die Kinder zum Kuß an ihre bärtigen Lippen. Da traten dem alten, für einen Franzosen fast zu bedächtigen Manne die Tränen in die Augen.«
Eine Freude hatte ich noch, eine Fahrt nach Versailles, an der Feldwebel Hartwig teil nahm. Es ging über den Mont Valérien, wo die langbärtigen Gestalten der Garde-Landwehr den Franzosen wie Riesen des Märchens erschienen, gerade wie die Garde-Ulanen, von denen in Beauvais manchmal Patrouillen ihre Lanzen auf dem Marktplatz zusammenstellten. Die Ulanen sind damals der feindlichen Vorstellung so etwas wie Kentauren geworden, schon ihr Name zum Kinderschreck. Weiter ging es an dem ausgebrannten Schlosse[120]  von St. Cloud vorbei; die Granaten des Mont Valérien hatten gezündet. In Versailles sahen wir nicht nur die Herrlichkeit der Schlösser und Gärten, sondern zufällig zog die gefeierte 22. Division vor dem Könige vorbei. Dieser König stieß sich nicht daran, daß die Uniformen zerschlissen waren, die Hosen bald gelb, bald grau, Zivilhosen. Vielleicht dachte er daran, wie anders sein Vater das heldenhafte Yorksche Korps ebenda empfangen hatte.
Schließlich marschierte die Garde ab, nach Gonesse, wo sie die Eisenbahn zur Heimkehr besteigen sollte. Die Quartiere waren noch elender und verlauster; einerlei, es sollte ja nach Hause gehen. Es kam ganz anders. Der Aufstand der Commune hatte begonnen. Wir schwenkten ab und besetzten die Nordostforts, Romainville, Aubervilliers, St. Denis und sind da bis zum 1. Juni geblieben. Unsere Kompanie zog das schlechteste Los. Wir kamen in die Häuser längs der großen Straße, die zwischen Pantin und Aubervilliers durch die Enceinte nach Belleville hineinzieht. Die Namen wurden damals viel genannt, weil ein scheußlicher Verbrecher, Tropmann, unfern der Straße eine ganze Familie abgeschlachtet hatte; Turgenief hat seiner Hinrichtung beigewohnt und sie beschrieben. Ich ging als Fourier zuerst in die Häuser, um Quartier zu machen – die Schweinerei, die von den Moblots in den meisten hinterlassen war, mit dem rechten Namen zu nennen, bringe ich nicht fertig, so fern mir Zimperlichkeit liegt. Für meine Korporalschaft wählte ich ein kleines Haus, weil es nicht verlassen war, sondern ein altes Ehepaar den besten Willen zeigte. Gut gebettet waren wir nicht; der Platz war arg beschränkt, die guten Leute ganz arm, auch an dem nötigen Hausgerät; gegessen haben sie oft von unserer Verpflegung. Überhaupt kamen hungrige Bettler, zumal Kinder, vielfach zu uns heraus und sagten ihr »Lansman, du broutte« selten umsonst; der Wert des so oft verachteten Kommißbrotes war den Franzosen aufgegangen. Den verarmten Wirtsleuten konnte ich noch einen Dienst leisten. Ihr Sohn war kriegsgefangen in Merseburg und teilte in einem Briefe mit, daß er freigelassen würde, um nach Versailles zu gehen, wo die Regierung ein Heer gegen die Commune bildete, wesentlich durch unsere Hilfe unterstützt, die ihr die Kriegsgefangenen zuführte. Die Eltern konnten den Brief nicht lesen, der Deutsche mußte helfen.
Von demselben Boden aus, auf dem wir jetzt lagen, hatte das Regiment 1814 unter schwersten Verlusten den Sturm auf Paris unternommen, der den Feldzug entschied. Zur Erinnerung ward eine Parade gehalten, und unter den Zuschauern behaupteten einige, sich der früheren Schlacht zu erinnern. Königs Geburtstag sollte kompanieweise gefeiert werden, reichlicher Wein war versprochen. Aber wo war ein Festraum? Die Schule der frères ignorantins war[121]  allein geeignet; aber gezwungen durften sie nicht werden. Also spielte ich den Polen, den frommen Katholiken, ging hin, küßte alle Hände, knixte vor dem Kruzifix, wandte so viele Künste auf, wie mir zu Gebote standen. Es gelang. Das Kruzifix ward abgenommen, der Raum nach Kräften geschmückt, das Faß hineingerollt, für Gläser oder Tassen, Krüge verschiedener Art sorgten die Väter. Mit Rede und Gesang feierten wir; es ward ausgelassen, Musik bis in die späte Nacht. Die guten Mönchlein fanden am Morgen manches, was starke Nachsicht verlangte. Ich habe später immer um die Schule einen starken Umweg gemacht.
Draußen kam ein schöner Frühling, von dem wir in der häßlichen baumlosen Vorstadt wenig zu sehen bekamen; jeder Übungsmarsch weckte die Sehnsucht nach der Heimat, und Woche um Woche verstrich. Wohl gab es Exerzieren, selbst im Bataillon, Formationen und künstliche Bewegungen der Friedensparade wurden eingeübt, die für den Ernst nicht mehr waren als die Touren einer Quadrille. Aber viele Stunden waren müßig; von Hause kamen in jedem Briefe einige Seiten aus der Odyssee als Beilage, aber das ersetzte den Mangel an Büchern nicht. Man durfte ziemlich weit spazieren, bis Pantin, wo mehr Leben war, nach St. Denis nicht. Kneipen entstanden, Huren kamen aus Paris. Es war nicht immer leicht, die Korporalschaft in Ordnung zu halten. Ich hatte doch alle die Leute unter mir, die den Rekruten in das Kommißleben eingeführt hatten; auch der Unteroffizier, der die Korporalschaft früher geführt hatte, jetzt keinen solchen Dienst mehr tat, aus Gründen, die ihm jede Berührung mit mir peinlich machen mußten, lag im selben Quartier. Es ist aber gut gegangen. Wer richtigen Gehorsam gelernt hat, kann auch befehlen.
Überdenke ich die Zeit, so tritt das viele Unerfreuliche und die entnervende Langeweile zurück vor dem, was das Miterleben der Tragödie bedeutete, die sich in der nahen Hauptstadt abspielte. Unsere Stellung zwischen beiden Parteien brachte es mit sich, daß sie uns beide freundlich begegneten. Die draußen beschützten wir vor den Communards, diesen kam nur durch unsere Linien etwas von der Außenwelt zu, also vor allem die Lebensmittel. Pariser Zeitungen wurden auf den Straßen feil geboten und strotzten von den unflätigsten Beschimpfungen von Trochu, Thiers, Jules Favre; Badinguet war bei beiden Teilen drunter durch. Bismarck dagegen hatte im Reichstage gesagt, in der Forderung nach Dezentralisation, die von den Kommunisten im Munde geführt ward (als Phrase, denn was sie wollten, ist die gemeinste Tyrannei der Schlechtesten), stecke ein Tropfen Wahrheit. Das nahmen sie als Anerkennung, während Bismarck doch Thiers nachdrücklich unterstützte.[122]  Leider konnte ich die Blätter nicht aufheben, den Père Duchesne und wie die zum Teil aus den Zeiten des Terrors wieder aufgenommenen Titel hießen. Ich dächte, Kaiser Wilhelm hätte sie sammeln lassen. Die Communards kamen aber auch heraus zu uns, namentlich ein baumlanger Schlächtermeister, mit dem sich gut reden ließ. Er legte vertraulich seine Hand auf meinen Kopf, den sie bequem umspannte, als Liebkosung, während er die blutigsten Reden führte. Es ist das gallische Blut, das die schmiegsamste sociabilité in die scheußlichste Bestialität umschlagen läßt. Unsere Verwundeten und Gefangenen haben es erfahren. Die Leichtgläubigkeit der Masse und die Verlogenheit einer gewissenlosen Presse haben wir jetzt auch zu Hause in derselben Qualität.
Bald nach Mitte Mai begann der Bürgerkrieg und kam uns immer näher, als die Versailler eindrangen. Feuerschein erhellte die Nächte; das gewohnte Donnern der Kanonen störte den Schlaf. Wieder Krieg; verstärkte Wachen wurden aufgestellt. Plötzlich kam eines Abends der uns unbegreifliche Befehl, niemand mehr in oder aus der Stadt zu lassen. Der Rand gegenüber der Enceinte ward stark besetzt, vor ihr lag ein freier Raum, wohl hundert Meter breit. Es war eine harte Maßregel, denn der Verkehr war rege gewesen, namentlich hatten manche Arbeiter ihre Wohnungen bald hier, bald dort, von den Arbeitsstätten getrennt. Die Mädchen aus einer Zigarettenfabrik trieben sich Nachts auf den Trottoirs von Paris herum. Mit Morgengrauen kamen Scharen heraus, an unsere Linien heran und mußten abgewiesen werden. Geschrei, Fluchen, Versuche mit Bitten oder auch mit Gewalt durchzukommen. Wir waren angewiesen, im Notfalle zu schießen. Das mochte ich nicht befehlen, ging lieber vor und erteilte einige Hiebe mit der flachen Klinge des Faschinenmessers. Spät erst kam es zur Ruhe, aber vor einer nahen Feldwache lag ein erschossenes Weib noch tagelang unter der Mauer; niemand holte den Leichnam hinein2. Das Gefecht ließ sich verfolgen; die Versailler drangen von rechts längs der Enceinte auf das Tor vor und ersetzten die rote Fahne durch eine schmutzige Trikolore. Aber die Höhen der Buttes Chaumont widerstanden. Der Abend des 26. Mai war schauerlich.[123]  Ich hatte als Beobachtungsposten auf dem hohen Eckhause der porte de Villette gegenüber Gelegenheit in die Stadt hineinzusehen und teile einige Sätze der Beschreibung mit, die ich nach Hause sandte. »Schlußtableau mit bengalischer Beleuchtung. Paris brennt. Dreiviertel des Himmels ist von der Lohe beleuchtet, der Qualm zieht in aschgrauen, unten vom Wiederschein bald rötlich, bald violett gefärbten Wolken vom Winde getrieben über unsere Häupter hin. Nur noch einzeln mischen sich die feinen weißen Wölkchen der Shrapnels unter das dicke Schwarz des Qualms. Es ist vollbracht. – Am Horizonte brannten die Tuilerien und das Stadthaus. Zu uns kamen versprengte Kugeln, die keinen Preußen, wohl aber französische Zuschauer trafen. Der Straßenkampf um die Höhen ließ sich verfolgen. Magazine von Petroleum und Holzwaren flammten auf. Trotz Regen konnte man nachts auf der Straße bequem lesen. Sodom und Gomorrha.«
Auch für uns schlug bald die Entscheidungs-Erlösungsstunde, Abmarsch zur Bahn, Heimfahrt lang und doch nur erquicklich. Das fröhliche, manchmal auch sentimentale Singen wollte nicht aufhören. Von nebenan hörte ich ein selbstverfaßtes Lied nach der Melodie: Nun ruhen alle Wälder; den Text durfte ich nicht aufschreiben, aber einige Zeilen haften in meinem Gedächtnis, in den entscheidenden Worten ganz verläßlich.


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Bei Sankt Marie der Schönen
die Mitrailleusen dröhnen,
die Kompanie tritt an.

Die Volksetymologie von St. Marie aux chênes zeugt für den Ursprung des Liedes. Der Schluß:

und werd' ich sterben müssen,
erleichtert mein Gewissen
der Tag von St. Privat.

Von einem Schilderhause hatte ich mir früher Verse abgeschrieben, nach der Orthographie von einem Thüringer.

und wenn man mich scharrt ein,
hier an der schönen Sein',
mußt du nicht zu viel klagen,
des Kriegers Braut muß alles tragen.
Wer für die Freiheit ließ sein Blut,
ruht auch in fremder Erde gut.

Es wird eine literarische Reminiszenz darin stecken, aber für die Volksempfindung ist es doch bezeichnend.[124]
In Brandenburg wurden wir ausgeladen. Das erste deutsche Quartier bei einem kleinen ärmlichen Beamten: der tat uns so viel zugute wie er irgend vermochte. Aber in Spandau war der behäbige Apotheker Antimilitarist oder Pazifist oder sonst ein Unkraut, das heute ins Kraut geschossen ist: der ließ uns auf dem Boden auf Stroh schlafen, und hinter einem Lattenverschlage lagen Matratzen. Vermutlich war es unangebracht, daß ich den Verschlag nicht aufbrach; aber man war nicht mehr in Frankreich. Weiter ging es nördlich um Berlin herum bis nach Französisch-Buchholz, für die Grenadiere fette Tage bei den braven Bauern und alle Abend Tanz. Der 16. Juni, der Tag des Einzuges, mußte abgewartet werden. Er ist der schönste, aber auch anstrengendste gewesen, zumal für mich, der als Unteroffizier du jour um 4 Uhr von Haus zu Haus gehen und wecken mußte. Es war ein langer Marsch bis auf das Tempelhofer Feld und dann noch langes Warten. Mich hielt die Erregung aufrecht, aber der Flügelmann brach unter präsentiertem Gewehr zusammen. Beim Einzug durften sich die Zuschauer in die Reihen drängen, brachten viel Bier, für den überhungerten Magen ließ sich wenig darbieten. Frauen und Bräute brachten einen Kuß; dem wehrte niemand. Auch ich erkannte meinen Vater und die beiden ältesten Brüder. Unter den Linden wurde Tritt gefaßt, die letzte Kraft zusammengenommen zum Vorbeimarsch in Kompaniefront vor dem König und Deutschen Kaiser, der die vielen Stunden neben Blüchers Statue hielt und seine gütigen Augen über die Reihen gleiten ließ. Ich ging als schließender Unteroffizier hinter dem rechten Flügel und dieser Blick ging mir tief ins Herz; er wärmt es noch heute. Schon ehe wir in den Kupfergraben abbogen, war die Ordnung verloren, die Kräfte versagten. Staub und Hitze und Bier und Hunger hatten das Ihre getan. Auf dem Kasernenhofe mußten Unteroffiziere vor die Brunnen treten, die Leute mit Gewalt am Trinken verhindern. Viele krochen ohne erst zu essen in die Klappen. Der Rest des Tages und die Nacht waren freigegeben. Ich gelangte auf weiten Umwegen zu den Meinen, legte mich nach kurzem, frohem Mahle aufs Bett und verschlief die Illumination.
Vier Wochen fehlten noch an dem vollen Jahre. Eigentlich hatte man Anspruch auf 14 Tage Urlaub, aber der Unteroffizier war unentbehrlich; nur mit Mühe erwirkte uns Herr von Kamptz acht Tage. Dann noch eine Probe vom Kasernenleben; die Gebräuche des Krieges, an die man gewöhnt war, stießen manchmal an. Ich bekam einen Avantageur in die Korporalschaft und kommandierte ihn wie die anderen Grenadiere zur Arbeit; Tische sollten zu unserem Offiziersexamen in das Exerzierhaus getragen werden. Das war dem adligen Bürschlein genierlich. Ich dachte, es könnte ihm nichts[125]  schaden, ich hatte doch auch die Straße gefegt und war zum Wasserholen geschickt worden. Die Bevorzugung der künftigen Offiziere in dieser Weise ist mir niemals berechtigt erschienen: sie sollten ebensogut wie wir Reserveoffiziere lernen, daß kein Dienst die Soldatenehre herabsetzen kann. Das Offiziersexamen war im wesentlichen eine Form. Unter den schriftlichen Aufgaben befanden sich Fragen nach der Bedeutung von Dingen wie »Schützen in die Intervalle« und Ähnlichem, was der Krieg nicht mehr kannte. Begreiflich, daß die Antworten nicht befriedigen konnten. Die Feldübung dagegen, Aussetzen einer Feldwache, Zugführen beim Angriff auf den Feind, einen andern Prüfling mit seinem Zuge, waren uns ganz geläufig, wir machten es nur zu kriegsmäßig. Das schadete alles nichts, denn das Urteil stand längst fest. Nun ging es nur noch einmal zum Plötzensee: es war für die Listen der Kompanie erwünscht, noch einige Freischwimmer mehr führen zu können. Dann schied man von den Offizieren auf baldiges Wiedersehen. Die Mannschaften waren lange vorher entlassen; nur einem habe ich die Hände schütteln können, als das Regiment 1913 sein hundertjähriges Jubiläum feierte und auch die alten Offiziere in die Chargen zurücktraten, die sie einst eingenommen hatten. Noch einmal Parademarsch vor Sr. Majestät. Bald ging es wieder in den Krieg, da zogen statt meiner zwei Söhne mit, der eine in den Tod.
1 Ausnahmen bestätigen die Regel. Ein Litauer war bei einem Bäcker einquartiert und ließ es sich gefallen, daß sie ihn als Polen betrachteten. Das scheint der Frau und der Schwägerin des Bäckers die Berechtigung gegeben zu haben, ohne Eifersucht umschichtig die Liebe des strammen Jungen zu suchen und zu finden.
2 Wie das arme Weib umgekommen ist, kann ich nicht unterdrücken. Grenadier Rosmarinowitsch, Oberschlesier, war der Täter. Der Kompanieführer verhörte ihn, denn es war ihm peinlich, daß der Befehl wörtlich ausgeführt war. »Aber auf Frauen schießt man doch nicht gleich?« »Zu Befehl, Herr Hauptmann, aber Weib frech, zeigt sich Arsch, schießt sie Rosmarinowitsch kaput.« »Na gut, wenn sie so frech ist, schießen, aber da schießt man doch vorbei.« »Herr Hauptmann, Rosmarinowitsch erste Schießklasse.« Nicht minder für die moeurs Gaulois wie für den biederen Oberschlesier charakteristisch.




 V. Intermezzo
Sommer 1871 bis Sommer 1872










[126] Es galt, sich in die Arbeit zurückzufinden und für die Reise in den Süden vorzubereiten, die längst geplant war. Die Studentenzeit war so kurz gewesen, ich hatte die für sie angesetzte Summe längst nicht verbraucht, im Felde so gut wie nichts, da hatte meine Mutter ein reichliches Reisegeld gesammelt, so daß ich mich um das archäologische Reisestipendium nicht bewerben mochte, obwohl ich dazu angeregt ward. Es mußte auch noch im Frühjahr 1872 die Offiziersübung gemacht werden. Daher hielt ich mich in Berlin auf, viele Monate auch in Markowitz. In der ersten Zeit war Lüders noch da, Robert kam, um seine Studien in Berlin abzuschließen und mit ihm war das Zusammenleben eng. Im Kriege, den er als Marburger Jäger mitgemacht hatte, war er gereift. Zur Archäologie zog es ihn kaum mehr als mich, er hatte aber bei Kekule mehr lernen können; in Berlin fehlte die Gelegenheit. Die Arbeit im Sinne Jahns, wie sie mir auch vorschwebte, ist in seinen ersten ausgezeichneten Arbeiten über die apollodorische Bibliothek und die eratosthenischen Katasterismen nicht zu verkennen, aber philologische Methode kam hinzu. Die Themata hat er sich frei gewählt, von seiner Dissertation habe ich vorher gar nichts gewußt. Er kam zum Abendessen oft auf meine Stube, wo die Markowitzer Spickgänse und Würste lockten, zur Ergänzung des Mittagessens unentbehrlich, denn die Teuerung war so groß, daß man für 11/2 Mark nicht satt werden konnte. Beim Thee lasen wir zusammen vielerlei; die Midiana fesselte z.B. so sehr, daß es zwei Uhr ward. Im Oktober 1872 machten Lüders, Robert und ich eine gemeinsame Reise nach Dresden, Nürnberg, München. In Dresden war die Darmstädter und Dresdener Madonna Holbeins zur Vergleichung ausgestellt und lag ein Buch zur Volksabstimmung über Original und Kopie aus; ein Zweifel war kaum möglich, aber die Kompetenz des Volkes anzurufen ein mehr als bedenklicher Schritt. In München die Vasensammlung mit Jahns Katalog eifrig zu studieren war der Hauptzweck der Fahrt. Damit ward ein Gebiet der monumentalen Forschung erobert, nicht minder reich, nicht minder reizvoll als das attische Drama. Daneben stieg Dürer am Himmel der Kunst auf, zu dem ich zeitlebens ebenso andachtsvoll emporgeschaut habe wie zu den größten Italienern.[127]
Lüders hatte Mittel gefunden, in den Süden zu fahren, wo es ihm glückte, zum Reisebegleiter des Prinzen Friedrich Karl berufen zu werden, was ihn in den Orient, zunächst an den Hof des Dey von Tunis brachte, aber den Studien entfremdete. Ein tunesischer Orden, der viele Nachfolger erhielt, machte ihm Freude. Den Druck seines aus einer von Jahn gestellten Preisarbeit erwachsenen Buches, die dionysischen Techniten, konnte er nicht selbst überwachen, übertrug es also mir, was namentlich an dem epigraphischen Anhang viel Arbeit machte, aber die Einführung in ein neues Gebiet war nützlich. Zum Dank hat er mir das Buch gewidmet. Ich wagte bei Curtius und Haupt Besuch zu machen und ward freundlich aufgenommen. Im Hause von Curtius war vornehmlich durch seine Damen ein bewegtes und geistig angeregtes Leben. Bei Haupt war man meist allein, da nahm mich die machtvolle Persönlichkeit ganz gefangen; er war ja viel mehr als seine Vorlesungen gaben und was er im Alter schrieb erkennen läßt. Einmal kam ich auch zu Mommsen ins Haus. Das ging so zu. Die Franzosen waren auch damals so verbockt und verkehrt, daß sie den wissenschaftlichen Verkehr abbrachen, um sich doch bald zu überzeugen, daß sie sich damit selbst ins Fleisch schnitten. Von unserer Seite ward daher beschlossen, der Gesandtschaft jemand anzuschließen, der Aufträge der deutschen Gelehrten, zunächst für die Unternehmungen der Akademie, in Paris erledigen sollte. Ich weiß nicht, wie man auf mich verfallen war. Mommsen beschied mich also zu sich, zog mich auch an seinen Familientisch und war sehr freundlich, obwohl sich sofort herausstellte, daß ich gänzlich ungeeignet war; Alfred Schöne ist berufen worden. Für Italien gab Mommsen mir Empfehlungskarten und die richtige Anweisung, Paläographie zu Hause zu treiben sei nutzlos; man lerne sie nur an den Handschriften, aber man müsse sich in viele hineinlesen; die wenigen, die man für seinen bestimmten Zweck brauche, reichten nicht und man würde mit ihnen erst fertig, wenn man sie von neuem vornähme, nachdem man sich an den vielen geübt hätte. Der Eindruck, den ich mitnahm, war erhebend und niederdrückend zugleich, dem vergleichbar, wenn man aus dem Tale zu dem unnahbaren Gipfel eines Hochgebirges aufschaut.

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Erfrischend und belehrend war der Verkehr mit Rudolf Schöll, der damals in Berlin Privatdozent war, um bald auf kurze Zeit als Professor nach Greifswald zu gehen. Er trieb mich aber zu vorschnellem Hervortreten an die Öffentlichkeit; von selbst wäre ich darauf nicht verfallen. Nietzsches Geburt der Tragödie erschien und versetzte mich in hellen Zorn. So traf mich Schöll, der mehr zu Spott geneigt war, und forderte mich auf, eine[128]  Rezension zu schreiben, die er in die Göttinger Anzeigen befördern könnte. Ich ließ mich verleiten und schrieb die Zukunftsphilologie in Markowitz, fast ganz ohne Bücher. Schöll war mehr als befriedigt, für die Anzeigen passe es freilich nicht, aber gedruckt müsse es werden. Ich fand rasch einen Verleger und trug die Kosten, die der Absatz auch für das zweite Stück einbrachte, zu dem mich Rohdes Afterphilologie zwang, als ich schon in Rom war, in einer anderen, reineren Welt.
Nietzsche hatte meinen moralischen Ingrimm durch einen frechen Ausfall auf Otto Jahn besonders erregt. Überhaupt schien mir alles herabgewürdigt, was ich von Pforte als etwas unantastbar Heiliges mitgenommen hatte. Das durfte ein Pförtner nicht antasten. Nietzsche hatte für etwas Besonderes, wenn auch Absonderliches gegolten, zu dem wir wenig Jüngeren emporsahen. Nicht ganz ohne Einschränkung; es hieß, daß Paul Deussen dem Autoritätsfreunde, was Nietzsche ihm immer geblieben ist, von seinem Griechisch, in dem er alle andern schlug, und vor allem seiner Mathematik abgeben müßte, für die jener notorisch unempfänglich war. Er war Ritschl von Bonn nach Leipzig gefolgt (daher der Angriff auf Jahn), und bekam durch diesen die Baseler Professur und den Ehrendoktor. Ich begreife nicht, wie jemand diesen Nepotismus entschuldigen kann, eine unerhörte Bevorzugung eines Anfängers, die das, was das Rheinische Museum von Nietzsche brachte, keineswegs rechtfertigen konnte, Dinge, die des Richtigen nicht eben viel enthielten, also nur einer sehr guten Doktordissertation entsprachen. Das konnte ich damals nicht beurteilen, Usener hatte es im Seminar hoch gepriesen, zunächst also war man stolz auf den Erfolg des Mitschülers. Als ich gleich nach dem Kriege meinen alten Rektor besuchte, machte ich auch dem Baseler Professor in Naumburg meine Reverenz. Wenige Monate darauf erschien die Geburt der Tragödie. Die Vergewaltigung der historischen Tatsachen und aller philologischen Methode lag offen zutage und trieb mich zum Kampfe für meine bedrohte Wissenschaft. Das war verzweifelt naiv. Hier war ja gar keine wissenschaftliche Erkenntnis beabsichtigt; es handelte sich gar nicht wirklich um die attische Tragödie, sondern um Wagners Musikdrama, von dem ich meinerseits keinen Hochschein hatte. Wieder einmal sollten die Griechen als das absolut vorbildliche Volk der Kunst erlebt, gefühlt, geschaffen haben, was die moderne Theorie als absolut vollkommen erweisen wollte. Apollinisch und dionysisch sind ästhetische Abstraktionen wie naive und sentimentalische Dichtung bei Schiller, und die alten Götter lieferten nur klangvolle Namen für einen Gegensatz, in dem etwas Wahres steckt, so viele triviale Dummheiten auch nachschwatzende Halbbildung[129]  mit den Wörtern auftischt. Apollon, nicht Dionysos, begeistert den Seher und die Sibylle zu hellseherischem Wahnsinn, und die Ekstase weckende Flötenmusik, nicht die Kithara des Gottes, herrscht in seinem delphischen Kultus. Über Dionysos hatte Nietzsche einiges bei Erwin Rohde gelernt, denn ein Hauptverdienst dieses hervorragenden Gelehrten ist die Erkenntnis, daß mit dem fremden Gotte eine neue, dem alten Gottesdienste der Hellenen fremde Form des religiösen Fühlens und Handelns eingedrungen ist. Auch das wird zutreffen, daß in den hinreißenden Dichtungen, zu denen Nietzsche sich später erhoben hat, ein dionysischer Geist weht. Eben darum ist er dem spezifisch Hellenischen immer nicht nur fremd, sondern feindlich gewesen.


So viel Knabenhaftes in meiner Schrift steckt, mit dem Endergebnis schoß ich ins Schwarze. Er hat getan, wozu ich ihn aufforderte, hat Lehramt und Wissenschaft aufgegeben und ist Prophet geworden, für eine irreligiöse Religion und eine unphilosophische Philosophie. Dazu hat ihm sein Dämon das Recht gegeben; er hatte den Geist und die Kraft dazu. Ob ihm die Selbstvergötterung und die Blasphemien gegen Sokratik und Christentum den Sieg verleihen werden, lehre die Zukunft.
Meine Schrift hätte nicht gedruckt werden sollen. Schon die abgeschmackte Orthographie, in die ich mich von Jakob Grimm ausgehend verrannt hatte, mußte fratzenhaft erscheinen. Und die Leser mußten einen ganz falschen Begriff von meiner Keckheit bekommen. Ich war ein tumber Knabe, der sich seines anmaßlichen Auftretens gar nicht bewußt war. Aber zur Reue habe ich keine Veranlassung, denn ich folgte meinem Dämon: ehrlich und mutig führte ich »im Myrtenreise das Schwert«, wie unser Bonner Vereinsspruch gefordert hatte, für meine Wissenschaft, die ich in Gefahr glaubte. Die Folgen mußte ich tragen. Zum Glück verschwand ich im Süden und merkte nicht allzuviel von der Hetze, die hinter mir her war. Sie hat auch nachher nicht aufgehört; ich ließ sie gewähren.
Rudolf Schöll tat mir noch einen gutgemeinten schlechten Dienst. Er verlangte einen Beitrag zum Hermes. Eigentlich hatte ich nichts, aber die Ehre der Aufforderung lockte zu sehr. Ein verständigerer Redakteur als Emil Hübner würde die Nichtigkeiten abgewiesen haben, die im 7. Bande des Hermes zu meiner dauernden Beschämung stehen. Es war Zeit, daß ich zu einer neuen Studentenzeit nach Italien ging.



Italien
[131] August 1872 bis Februar 1873











Über Bonn und Straßburg ging die Fahrt zunächst nach Oberitalien, Mailand, Brescia, Verona, Padua, Venedig. In Mailand waren Aufträge zu erledigen, für Dieterich Volkmann sollte ich das Itinerarium Alexandri kollationieren, für Schöll Auszüge lexikalischer Art abschreiben, die er für seine geplante und nie vollendete Ausgabe des Phrynichos nötig zu haben glaubte; der Phrynichos fehlt noch immer wie die meisten Grammatiker. Schwerlich werden meine Vergleichungen etwas getaugt haben, aber ich hatte doch Codices in die Hände bekommen. In Verona vermied ich die Kapitularbibliothek, obgleich ich eine Empfehlung von Mommsen hatte; aber in Scipione Maffeis museo lapidario wehte mich ein griechischer Hauch an; ich schrieb den ersten Stein ab, ebenso im Stadthause von Padua Epigramme, was später Kaibel ausnutzen konnte. Diese philologische Tätigkeit, alle Philologie war ganz Nebensache. Das Land, die Leute, die Städtebilder kennenzulernen war die erste Aufgabe; freilich reichte das gelesene Italienisch nicht, um die Gespräche, zumal die Dialekte zu verstehen. Im Vordergrunde aber stand die Kunst, besonders die Malerei. Ich war nicht unvorbereitet; Springers Anregung hatte gewirkt. Bei meiner Tante Emma hatte ich ein jetzt vergessenes Buch gefunden und mir angefreut, Seroux d'Agincourt, bearbeitet von A.v. Quast »Denkmäler der Architektur, Skulptur und Malerei vom IV. bis XVI. Jahrhundert«, vier Bände Tafeln (der Text fehlte) mit Zeichnungen, die jetzt niemand ansehen mag, aber sie gaben doch eine Vorstellung von der Fülle der Dinge, die man sehen und verstehen wollte, von den antiken Buchillustrationen und der Josuarolle bis auf Raffael. Burckhardts Cicerone war angelesen und blieb der ständige Begleiter. Das Reisehandbuch von Gsell Fells half nach vielen Seiten, auch mit historischen Angaben. Die Geschichte der italienischen Malerei von Crowe und Cavalcaselle war im Erscheinen und ich bekam die Bände nachgeschickt. So konnte ich mich gleich in Mailand daran machen, die Schulen und Stile zu unterscheiden und die Gesamtentwicklung daneben zu verfolgen. Die weiche Anmut Luinis ging leicht ein, der grelle Ausdruck Crivellis machte doch schon tiefen Eindruck, der besser[131]  vorhielt. Der strenge Stil, das Ringen um den Ausdruck, die Knospe, aus der die klassische Schönheit sich entfalten soll, zog mich sogleich besonders an. So ist es geblieben. Daher stieg ich in Verona zwar zum S. Giorgio Paolos hinauf und zollte ihm die schuldige Bewunderung, aber die Quattrocentisten Veronas waren mir lieber. Das steigerte sich natürlich in Padua durch Mantegna: aber die Madonna dell'Arena offenbarte etwas, bei dem die geschichtliche Relation überhaupt nicht ins Gewicht fiel, sondern ein absolut Vollkommenes vor die Augen trat. Mir ist diese reinste Offenbarung von Giottos religiöser Kunst noch mehr als ein Höchstes der Malerei geworden. Man muß diesen Freskenzyklus mit Dantes Paradiso zusammennehmen: sie ergänzen sich, eines allein reicht nicht hin, um die mittelalterliche Religion in ihrer unvergleichlichen Geschlossenheit zu begreifen. Den Menschen ihrer Zeit löste sie alle Fragen nach dem Sinn des Lebens, jedes einzelnen, aber auch der Menschheit und der Gottheit in Zeit und Ewigkeit. Der Fromme durfte naiv glauben oder verständig zweifeln: die Kirche konnte beide befriedigen. Die Poesie mochte schwere Gelehrsamkeit, kosmische Physik und Metaphysik lehren: sie besaß die Kraft, den gläubigen Leser in die Himmelssphären zu entrücken. Die Malerei führte vom Paradiese bis zum Weltgericht, und der ungelehrte Fromme fand die Erbauung und den inneren Frieden, den das Anschauen des Heilig-Schönen dem Sterblichen am reinsten gewährt. Aber auch heute noch wird, wer Lesen und Sehen gelernt hat, vor dieser religiösen Kunst die beglückende Nähe der Gottheit empfinden, wie es Plotin in der Erleuchtung durch das reine Denken erlebt hat. Wer da Mystik hineinlegt, mißversteht und entweiht.
Wer die Hellenen liebt und sich zu sagen getraut, daß sie ihre göttlichen Personen in vollkommenerer göttlicher Schönheit zu bilden vermocht haben als es den Christen mit den ihren gelungen ist, muß auf der anderen Seite den ungeheuren Vorzug anerkennen, daß die Christen eine heilige Geschichte hatten, von der Schöpfung bis zum Weltgericht. Die Hellenen sind sich immer bewußt gewesen, daß man von Göttern nur Mythen erzählen kann, Musenwerk, und ihre Weisen boten nur Dogmata, Meinungen. Die Christen behielten das Wort und legten den Widersinn hinein, daß das Dogma der Kirche unanfechtbare Wahrheit wäre. Aber die Theologie, welche aus Raffaels Disputa spricht, ist in ihrer alles beherrschenden Selbstgewißheit eine unvergleichliche Erscheinung; auch sie mag dem gehorsamen Glauben Frieden bringen. Freilich Bestand konnte der Wunderbau nicht haben; Dichter und Maler hielten sein Bild in letzter Stunde fest. Die ewig fragende hellenische Wissenschaft, von der in jener Theologie nicht weniger steckte als von hellenischer[132]  Mythologie in der heiligen Geschichte und von hellenischem Erbe in den Künsten, lehrte den Menschen fragen, zweifeln, suchen, suchen in Ewigkeit die ewig unerreichbare Wahrheit. Eben darum bedarf die Wissenschaft Ergänzung, wie sie die stille Andacht vor den Werken der echt religiösen Kunst gewährt. Wohl offenbart sich die Gottheit unmittelbar in der Natur, aber das sind die niederen Weihen. Zu den höheren führen uns die gottbegnadeten Menschen, die uns die ewig unsichtbare, unfaßbare Wahrheit in dem Schleier der Dichtkunst und der bildenden Künste oder den Klängen der Musik zeigen, in dem Abglanz, den zu schauen der Sterbliche allein vermag. Es ist nur ein Bild, kann und will nicht mehr sein und wir sollen das nicht vergessen; aber das Gebot des wahren Gottes lautet: du sollst dir ein Bildnis und ein Gleichnis machen.
In Venedig gab ein längerer Aufenthalt Muße zu Entdeckungswanderungen durch die Inselstadt, Wanderungen, denn ich verschmähte die Gondelfahrten und suchte mir mit dem Plane den Weg bis zu S. Giobbe und der Madonna dell'Orto, betrat jede Kirche und nahm die Blicke von den Brücken und den kleinen Plätzen und Höfen in mich auf. Gegen Abend fuhr ich gern zum Bad auf den Lido, wo damals nur ein paar Hotels neben den Badeanstalten lagen; man konnte noch einsam am Strande wandern. Mit der Malerei gewann ich ein inneres Verhältnis nur für die große Zeit des späteren Quattrocento bis Tizian. Sebastianos Bild in S. Crisostomo, das zu sehen immer ein paar Soldi kostete, ward mir das liebste. Wozu mehr Namen nennen; auch die Beschränktheit des Verständnisses ist genügend gekennzeichnet. Die Stadt im ganzen, baumlos, mit manchen Zeichen des Verfalles, hat meine Liebe nicht gewonnen, offenbar weil mir ihre Geschichte fremd geblieben ist; es fehlt auch an bedeutenden Schriftstellern, obwohl ich etwas von dem Dialekte durch Gozzi kennenlernte. Venedig weist auf den Osten, manche. Skulptur im Museum stammte von den griechischen Inseln. Wenn ich auf die Spitze des Giardino publico ging, bog ich immer wieder zu den Löwen vor dem Arsenale ab: sie stammten ja aus dem Piräus und trugen die Inschrift der Waräger.
Einsam war das Leben; auf der Bibliothek war Graf Soranzo, der noch aus der österreichischen Zeit stammte, ein freundlicher Verwalter und seine Gesellschaft anheimelnder als die des »Kinkelino«, mit dem sich ein Verkehr durch die gemeinsame Arbeitsstätte notwendig ergab. Es erschien auch für ein paar Tage der Vater Kinkel mit seiner zweiten Frau und spielte sich mit großen hohlen Worten als Märtyrer der Demokratie und überlegener Politiker auf, ahnungslos, daß er ebenso vergessen war wie sein Otto dervorbeiführt, konnten sich wohl fühlen. Vorstellen mußte man sich dem Oberbibliothekar Ferrucci, eine Formalität, aber unerläßlich; tatsächlich hatte man nur mit dem kundigen und hilfsbereiten Abbate Anziani zu tun. Aber Ferrucci vergaß die fleißigen Besucher nicht. Im folgenden Jahre empfing er mich mit heftigen Küssen; mein Rock war nachher voll Schnupftabak; er schenkte mir auch seine lateinischen Verse, Bearbeitungen äsopischer Fabeln. Viel in den Handschriften zu stöbern ließ die Hauptarbeit nicht zu. Nur ein Auftrag R. Herchers für Plutarchs Moralia führte auf die Riccardiana.
In der casa Nardini war ich nicht allein, das trug zu dem Ertrage dieser Wochen besonders viel bei. Rudolf Schöll kam aus Greifswald, unternehmungslustig, welt- und bibliothekskundig, ein glänzender Gesellschafter, konnte er nach jeder Richtung Führer werden, da er als Privatsekretär des Gesandten Grafen Usedom in den wichtigen Jahren vor 1870 in Florenz gelebt hatte. Daneben war Hartwich, Bibliothekar aus Halle, oft unser Begleiter. Schöll war auf der Jagd nach einer Abschrift des Asconius, die Sozomenus von Pistoia in St. Gallen genommen hatte, um die bisher allein auf einer Abschrift Poggios beruhende Überlieferung zu vervollständigen. Wir fuhren also frühmorgens nach Pistoia; es regnete stark. Den Bibliothekar aufzutreiben machte Mühe; die Störung war ihm unbequem, aber Schöll erreichte durch seine einschmeichelnde Beredsamkeit, daß wir eingeschlossen wurden. Die Handschrift war bald gefunden, Schöll stürzte sich mit Feuereifer auf die Kollation; ich mochte sehen, wie ich mich beschäftigte. Bald hatte ich mehr Neigung für eine colazione, aber die gab es nicht. Es mußte ausgehalten werden. Am Nachmittag kam ein dienender Geist nachzusehen, ob wir genug hätten. Schöll blieb fest, die Vergleichung mußte fertig werden. Ich aber ging in die Stadt; es regnete nicht mehr stark und zu sehen gab es genug; nur war es in dem Dom zu dunkel. Schließlich war Schöll doch fertig geworden, gerade als er nicht mehr lesen konnte; stolz auf den Erfolg durfte er sein: der Grund zu der schönen Ausgabe, zu der er in Greifswald A. Kießling heranzog, war gelegt. Ein Festmahl bei reichlichem Weine hatte er sich verdient, ich nur durch ausdauernden Hunger, den er in der Leidenschaft der Arbeit nicht verspürt hatte. So ausdauernd zuverlässig zu kollationieren habe ich nie gelernt, aber eine ähnliche Erfahrung doch gemacht, als ich im nächsten Jahre in Pisa war. Früh war ich ausgezogen, Dom und Battistero war besichtigt, dann in den Campo santo. Da fing ich mit dem Hippolytossarkophag an, der für Niccolo Pisano Vorbild gewesen war, und von den Skulpturen trat ich an den Trionfo della Morte, und so weiter. Stunde um Stunde verging unbemerkt. Benozzo Gozzoli war noch lange nicht genügend[136]  betrachtet, als der Wärter schließen wollte. Als ich herauskam und ein paar Schritte gegangen war, überkam mich die völlige Erschöpfung des Körpers durch die Übersättigung mit unvergeßlichen Eindrücken. Reichliches Tafeln, reichlicher Schlaf machten gleich wieder frisch. Glückliche Jugend. Auf demselben Ausfluge sah ich Lucca, das zu wenig gekannt wird, mit den schönsten Bildern meines geliebten Fra Bartolommeo.

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Eine andere gemeinsame Fahrt ging über Arezzo, wo dem großen Luca Sigorelli gehuldigt, von dem alten Aretium und seinen Töpfereien keine Notiz genommen ward, und Cortona nach Assisi, dem Ziele; Hartwich wollte da Archivalien einsehen. In dem verfallenden Cortona, zu dessen Burg wir hinaufklommen, wurden wir von zudringlichem Gesindel belästigt, das Schöll nur durch die Beherrschung der wirksamsten Flüche verscheuchte. In der Bibliothek bewunderten wir das Prachtstück, eine Muse auf Schiefer gemalt, ein schönes Werk des cinquecento (ihr Musikinstrument beweist es), aber wir hielten es für antik, und die Wahrheit sollte der Schätzung des Kunstwerkes nicht Eintrag tun. Vom heiligen Franz wußte ich wenig. Seine Popularität ist viel jüngeren Datums; nicht Hase, sondern Thode und Sabatier haben sie begründet. Aber so weit war man doch, daß man umgekehrt wie Goethe an der römischen Tempelfront ziemlich achtlos vorüberging und die Heiligkeit des Franziskus aus dem Riesenbau seines Klosters, der Fülle der giottesken (oder sienesischen) Gemälde, auch aus der Portiuncula erkannte. Wir erlebten zufällig das Fest, bei dem die heilige Clara in ihrem Bilde zu ihrem großen Freunde in Prozession geleitet wird, ein malerisches Volksfest.
Schöll hat mir auch wichtige Bekanntschaften vermittelt; den Baron Lipphart habe ich wenigstens einmal gesehen, mit Theodor Heyse auch bei meinem späteren Besuche mehrfach verkehrt. Einer der zahlreichen Deutschen, die sich in der Jugend von Italien nicht hatten losreißen können, war er nun ein Greis, in der Wissenschaft geschmackvoller Dilettant (seine Übersetzung Catulls beweist es), aber voll interessanter, auch pikanter Erinnerungen, von denen er mir jungem Burschen nur gelegentlich etwas zu kosten gab, manchmal mit einigen Spitzen gegen den vom Glück verwöhnten Neffen Paul Heyse. Eine andere Bekanntschaft war auf die Dauer wertvoller, mit Graf Enea Piccolomini, der von seinem Grafentitel nur in Siena Gebrauch machte. Er hatte in Berlin studiert und hielt die Verbindungen mit den Deutschen aufrecht. Ich suchte ihn auf dem Wege nach Rom in Siena auf und kam so auch in einen alten Palast zu seinen würdigen alten Eltern. Es entspann sich eine Verbindung, die ich noch von Deutschland gepflegt habe. 1898 traf ich ihn in Rom wieder, wo er es verstand, auch mit dem Vatikan[137]  Fühlung zu halten und als Lehrer segensreich wirkte. Es war ergreifend, den schon kränkelnden, wahrhaft vornehmen Mann im Kreise seiner zahlreichen Kinder zu sehen, um deren Zukunft er sich wohl sorgte. Nach einem einfachen Essen erschien der Nachtisch auf antikem Silber; es war vor Generationen auf den gräflichen Gütern ausgegraben. Siena ergänzte die Kenntnis der toskanischen Städte, die damals noch schwer zu erreichen waren, so daß ich nur Prato noch besucht hatte, und die großen Fresken des Stadthauses führten in unzweifelhaft sienesische, den Giottesken überlegene Malerei ein; Crowe und Cavalcaselle schrieben ihnen auch die Hauptbilder des Campo santo zu. Soddoma bezauberte.
Es stürmte und regnete stark, als ich von Siena auf die Maremmenbahn zufuhr. In Grosseto ward sie erreicht, aber da erfuhren die zahlreichen Reisenden, daß die Gleise mehrfach unterspült wären, Weiterbeförderung ganz ungewiß. Der Aufenthalt in dem Maremmenneste (mehr war Grosseto damals nicht) schien kaum erträglich. Wie manche Andere lungerte ich gegen Abend um den Bahnhof herum; es verlautete, daß in der Nacht ein Arbeitszug nach Civitá vecchia gehen sollte; vielleicht dürfte man mitfahren. Richtig, wer ausgehalten hatte, kam samt seinem Gepäck auf einen Wagen. Die Nacht war alles andere als bequem. Civitá vecchia ward erreicht, aber da war alles vorbei, denn gerade vor Rom war die Bahn zerstört. Da fand ich mich mit einem Römer zusammen, ein Vetturin ließ sich bereitfinden, und so bin ich noch auf die alte Weise eingezogen. Mein Begleiter strebte nach der Nähe des Vatikans, so ging es durch P. Cavallegieri auf den Petersplatz; der Abend gestattete noch diesen ersten Eindruck aufzunehmen, auch noch von Ponte S. Angelo, dann führten winklige dunkle Gassen zum Albergo Minerva. Am andern Morgen stieg ich die Kapitoltreppe hinauf zu unserm Institute an der rupe Tarpeia, wo Wohnung für mich bereitstand.
Das Institut war in dem großen Gebäude des früheren deutschen Hospitales untergebracht. In den beiden oberen Stockwerken des Hauptgebäudes wohnten die Sekretäre Henzen und Helbig ganz gut; es gab auch noch Zimmer für den verwitweten Dr. Klügmann und seine Familie, für den Architekten Laspeyres, der später das Institutshaus gebaut hat, und Henzens Privatsekretär Dr. Hinck, beide schwer lungenkrank, früh gestorben, aber damals noch lebenslustig, Hinck bis zur Ausgelassenheit. Unten wohnte der Hauswart mit seiner Frau Mariuccia, die angeblich die Zimmer der Mieter rein hielt, und der Hofrat Schulz mit Familie, zur Zeit eine einflußreiche Person, denn er allein besorgte die permessi für die vatikanischen Sammlungen, da die Gesandtschaft bei dem Papste unbesetzt war. Der Kulturkampf hatte begonnen[138]  und verschärfte sich immer mehr. Man war gehalten, den Schulz, der in Wahrheit Kanzleibeamter war, samt seiner Frau mit ganz besonderer Rücksicht zu behandeln und eine sonntägliche Einladung zu einem Kalbsbraten nicht auszuschlagen. Schließlich gab es noch ein Zimmer mit dem ominösen Namen Immondezzaio: da kam ich unter. Nur diesen Winter habe ich es ausgehalten. Auf den Fluß zu konnte man auf einem Wege zur via della consolazione und der piazza Montanara hinunterklettern; es war ein potenziertes Immondezzaio, aber zum Vatikan der kürzeste Weg. Ich bin ihn in der Morgenfrühe sehr oft gegangen: eine Carozzella konnte man so früh kaum an der Kapitolstreppe finden, und das war für die ragazzi Capitolini viel zu teuer. In dem regnerischen Winter war ein halbstündiger Marsch nicht erfreulich, und es gab auch kalte Morgen, an denen der schöne Brunnen der piazza della Tartaruga voll Eiszapfen hing. So ziemlich beim Marcellustheater, wo Niebuhr gewohnt hatte, brach man auf, an Palazzo Mattei, S. Andrea in Valle, Palazzo Massimi alle Colonne vorüber und in Windungen auf ponte S. Angelo zu. Heute mag sich's einer schwer vorstellen, es war ja noch das alte Rom.
Die Piemontesen (so sagten die Papalini) waren zwar die Herren, die Bresche an Porta pia ward als Symbol der Italia una viel besucht, aber die fast verzweifelten Finanzen verhinderten eingreifende Umgestaltungen. Nicht selten kamen halbierte Lirascheine vor, die als 50 centesimi genommen wurden, denn selbst das Kupfer war nicht sehr reichlich; baiocchi kamen noch vor. Die großen Städte hatten ihr besonderes kleines Papiergeld ausgegeben, auf das der Reisende achten mußte. Sein Leben war billig, denn für einen Louis d'or gab es bis zu 30 Lire, und doch konnte man für eine Lira satt werden. Es ist eine gewaltige Leistung, daß das Ministerium Minghetti, vor allem der stolze Patriot Quintino Sella der Verwirrung Herr geworden sind. Sie besaßen außer der Einsicht den nötigen Mut der Unpopularität und ließen das zahlende Volk schimpfen nach Herzenslust1. So war[139]  denn die Stadt noch das Rom der Humboldts und Bunsens, kaum zu vergleichen mit dem, das ich 1898 wiedersah, geschweige mit der amerikanisierten Weltstadt von heute, über der zu ewigem Gedächtnis das weiße Scheusal des Monumentes auf Ara celi thronen wird, verderblicher für das Stadtbild als der Berliner Dom und der Berliner Reichstag, obgleich diese nicht minder abscheuliche Protzereien sind. Noch waren die prati del castello leer, über die man zu der verfallenen Villa Madama auf den Monte Mario ging, ebenso alles vor Porta del popolo längs der Via Flaminia. Große Teile von Esquilin und Viminal waren unbebaut, jetzt verschwundene Villen reizten zu Spaziergängen, vor allem villa Ludovisi: daß diese samt ihrem Kasino nicht erhalten werden konnte, ist ein unersetzlicher Schade, gerade weil sich auf den Bahnhof zu die Bebauung richten mußte. Nun entbehrt die Weltstadt einen Park innerhalb der Mauern. Das Forum war bis über den Castortempel abgeräumt und kahl wie ein Skelett, die Marmorschranken trajanischer Zeit eben gefunden, Regia, S. Maria antiqua unter der Erde. Die Ausgrabungen auf dem Palatin ruhten, das sog. Haus der Livia und die Ruine mit dem sog. Spottkruzifix frisch, vor allem hatten die farnesischen Gärten noch ihren Zauber. Überall standen Tafeln mit den phantastischen von P. Rosa erfundenen Namen. Verlacht wurden sie, aber niemand belehrte uns, wieso sie falsch wären.
Das Leben der Stadt hatte ein sehr langsames Tempo, si vuol pazienza war ein Spruch, an den der hastige Norddeutsche sich gewöhnen mußte. Wenn er ungeduldig auf einen Vetturin oder einen Kellner wartete, bekam er ein tadelndes mo viene zu hören. An den Wochenmärkten drängten sich die Landleute auf piazza Montanara so gut wie auf dem campo dei fiori. Vor Weihnachten kamen die Pifferari aus dem Sabinergebirge. Auf der Treppe von Trinitá dei monti boten sich die Modelle in den veralteten, aber immer noch gemalten Kostümen an. Der Karneval enttäuschte zwar, weil die echte Lustigkeit fehlte, aber die barbari rannten noch. Der Bettel blühte ungestört. Dunkel und Stille setzte früh am Abend ein. Wenn die ragazzi selten genug einmal beim Weine länger zusammengeblieben waren und zum Kapitole zogen, erregte der laute Trupp einigen Anstoß. Sicherheit herrschte in der Stadt durchaus; auch belästigt ward nie, wer sich nicht ungeschickt benahm. Es gingen allerdings Geschichten von Räubereien im Schwange, sie mögen[140]  für frühere Jahre zutreffen, tatsächlich ist uns in diesen Jahren nichts zu Ohren gekommen. Im Hause Henzens erhielt ich durch zia Rosina allerdings gleich die Warnung, nicht allein vor die Tore zu gehen: sie fürchtete sich wirklich selbst vor einem Spaziergang, der in Gesellschaft nach acqua acetosa unternommen ward; Leo hat Weihnachten 1873 ein hübsches Gedicht darauf verfaßt. Ich schlug die Warnung sogleich in den Wind, ging in die Campagna nach porta Furba und unterschätzte die Kürze der südlichen Dämmerung. Auf der eiligen Rückkehr kam mir ein Campagnole zu Esel entgegen, die Flinte auf dem Rücken, wie sie noch oft ritten, und hielt mich wirklich an, tat die bedenkliche Frage che or'é, die ich beantwortete, ohne die Uhr zu ziehen, und fing eine Unterhaltung an, was ich hier triebe, wer ich wäre. Das ging ein Weilchen. Schließlich kam sein Wunsch heraus: da m' un zigaro. Den bekam er und wir schieden in Freundschaft.


Das Institut setzte auch noch die Traditionen des alten Istituto di corrispondenza archeologica fort und druckte im Bulletino manche Korrespondenz mit Entdeckungen, über die Henzen ein gutes Wort Brauns wiederholte, può darsi, che ci fosse qualche ombra di possibilitá. Die neue Unterstellung unter Preußen, dann unter das Reich hatte die Mittel und die Zahl der Stipendiaten vermehrt, aber auch das Regiment durch die Berliner Zentraldirektion eingeführt, in der die wenigsten Mitglieder von den römischen Verhältnissen und Bedürfnissen eine Ahnung hatten. So war es erklärlich, daß die Verordnungen und Eingriffe der C D bei beiden Sekretären wenig beliebt waren. Helbig redete unehrerbietig von den Olympiern, was ihn in üblen Ruf in Berlin brachte; Mommsen war die einzige Stütze. Der ehrwürdige Henzen war der Träger der Tradition, zu dem alle Italiener aufrichtig emporsahen. Er leitete das Ganze mit väterlicher Würde, in freundlichen gemessenen Formen, aber etwas aus der Höhe. Sein eigenes Interesse beschränkte sich auf das Corpus Inscriptionum Latinarum. Nach dem Tode seiner Frau führte ihm Fräulein Rosine Kopf das Haus, zia Rosina, der Aufgabe auch gegenüber den ragazzi vollkommen gewachsen, frisch, lebenslustig, für Scherze empfänglich; nur durfte nichts vorkommen, was die heilige Kirche oder gar Pio nono zu verletzen schien, und das ließ sich in den Zeiten des Kulturkampfes schwer vermeiden.
Helbig war schon zehn Jahre in Rom, sein Italienisch sächselte etwas, aber er schwamm im vollen Strome des gesellschaftlichen Lebens, bekannt mit dem stadtrömischen Adel und den Piemontesen, mit Kunstfreunden und[141]  Kunsthändlern. Ihm dankten wir es, daß wenige Tore verschlossen blieben. Sogar in den oberen Zimmern der Farnesina bin ich zweimal gewesen, deren Fresken von Soddoma künstlerisch unendlich höher stehen als Raffaels Amor und Psyche unten, von denen ihm nur die Komposition gehört. Palazzo Spada mit dem falschen Pompeius und dem falschen Aristoteles und Palazzo Farnese mit den wirklich schönen ovidischen Bildern der Caracci wurden zugänglich, die Villa Albani, die stimmungsvollste und reichste von allen, war es noch jeden Freitag, was man ungern einmal versäumte. Ganz verschlossen war nur die Biblioteca Chisiana und Palazzo Sciarra; in diesem sollte nicht bemerkt werden, daß alter Besitz außer Landes ging. Helbig sorgte auch für das Bulletino und überhaupt vornehmlich für den Verkehr mit der Außenwelt. Es war auch wissenschaftlich die Glanzzeit seines Lebens. Nach Vollendung des Kataloges der Bilder schrieb er die Untersuchungen über die campanische Wandmalerei, bei deren Vollendung ich ihm etwas behilflich sein konnte, da wir bei Jahn dasselbe gelernt hatten und ich in den Dichtern besser Bescheid wußte. Bei den Archäologen in Deutschland genoß er geringe Beliebtheit; da müssen Gegensätze aus den gemeinsamen römischen Jahren mitgespielt haben; es war nicht billig, daß sie nachwirkten. Überhaupt war in der jungen Archäologie wenig Einigkeit, zwischen Michaelis und Conze, den beiden ersten Stipendiaten, und der »Trias« Schöne, Benndorf, Kekule, war ein persönlicher Gegensatz unverkennbar und spiegelte sich manchmal in ihren Aufsätzen; ich kannte das aus Kekules Kolleg. Wir Ragazzi hielten entschieden zu Helbig, der uns viel mehr ein guter Kamerad als ein Lehrer und Vorgesetzter war. Alles in allem genommen hat er als Sekretär zwar die Ergänzung durch Henzen sehr nötig gehabt, aber das Leben des Institutes ganz wesentlich in Fluß erhalten, seinen Nachfolgern in jeder Hinsicht überlegen. Eine Reform, wie sie nur allzu gewaltsam 1885 durchgeführt worden ist, war wohl notwendig, aber ich glaubte im Sinne unserer Ragazzeria zu handeln, als ich beiden Sekretären ein Buch widmete. Daß auch Helbig ausschied, war schwerlich zu umgehen, aber als Kränkung mußte er es empfinden. Daß er dann immer mehr in andere Bahnen abglitt, war seine Schuld; im Grunde des Herzens wird er sie empfunden haben.
Auch seine Frau, die »principessa« hatte in diesen Jahren ihre Glanzzeit. Ihre Mutter, eine russische Fürstin, mag Veranlassung gehabt haben, die Tochter im Ausland erziehen zu lassen; sie hatte auch nichts dagegen, als sich diese in den jungen deutschen Gelehrten verliebte. Sonst stand die Tochter ganz im Bann der herrischen alten Fürstin. Diese hielt darauf, daß[142]  ihr Enkel orthodox getauft ward und setzte es mit gewaltsamer List durch.2 Ich habe es 1878 erlebt, daß sie aus den Lazaretten des serbisch-türkischen Krieges ohne Aufenthalt nach Rom kam, nach dem Rechten zu sehen. Der Junge war bisher Hans gerufen, aber als der Besuch angekündigt war, erging der gemessene Befehl, nur noch den Taufnamen Dmitri zu brauchen. Die sehr fromm gewordene alte Dame trug eine schwere goldene Kette über dem schwarzen Kleide der Pflegeschwester und riß an ihr in wilder Erregung, als ihr Gespräch mit Mommsen auf das politische Gebiet kam: so heiß war schon damals der panslawistische Haß gegen Bismarck. Unsere Principessa hatte dieselbe Vitalität wie ihre Mutter, die sie an mehr als männlichem Wuchse und an Körperfülle übertraf. Die russische Gelehrigkeit, fünf Sprachen zugleich fließend zu sprechen, musikalische Begabung, die gesellschaftlichen Formen, wo es not tat, einzuhalten, aber für gewöhnlich sich über sie hinwegzusetzen, waren große Vorzüge, vor allem aber leuchtete aus ihren kindlichen slawischen Zügen eine Lauterkeit, eine warme Güte. Auch wer philisterhaft zu manchem den Kopf schüttelte, mußte verstummen, denn was sie sich auch erlaubte, stand ihr gut. Sie konnte mit einer lebendigen grünen Eidechse als Halsschmuck die Kapitoltreppe herunterkommen, um zu einer Visite zu fahren. Die Kutscher drängten sich um den Vorzug, die donna grassa in ihren Wagen zu locken. Viele rief sie bei Namen und entschied: oggi tu, Peppino, und kraute das Pferd zwischen den Ohren, ehe sie einstieg. Ihre Ehe konnte unsere unerfahrene Jugend nicht beurteilen. In Wahrheit liebte sie ihren Wolfgang und nahm ihn so, wie sie ohne Illusion erkannte, daß er war, und noch schien sie glücklich. Eine Natur eigener Art, überwiegend Natur, aber nicht nur das, befähigt, glücklich zu sein, das Leben zu genießen, wie es auch war. Aber voll gelingt das nur in der Jugend. Wir vergötterten sie fast alle. Sie allein sprach uns auch von italienischer Kunst, in der sie sich eine ungelehrte, aber sichere Kennerschaft erworben hatte. Daß sie die Portierleute dazu anhielte, für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, was man an sich von der Hausfrau wohl erwarten konnte, war undenkbar, und niemandem fiel es ein, so etwas von ihr zu verlangen. Daß Henzen und Helbig ihr Haus uns öffneten, freundlichen Rat auf jede Bitte erteilten, gab eine Art Heimatsgefühl, wie wir es bedurften. An Beweisen der Dankbarkeit ließen wir es nicht fehlen.[143]
Der Archäologe Dr. Klügmann war mit der Sorge für die Bibliothek beauftragt, was ihn nicht belastete. Es war mehr pro forma, denn auch er war lungenleidend, hatte an demselben Leiden seine Frau verloren und doch blühende Kinder. Er hielt sich sehr zurück, aber mit der Zeit trat man ihm näher; ich habe noch von Berlin Briefe mit ihm gewechselt. Zu Hause war er in Lübeck, sein Bruder ist später als Ministerresident in Berlin Mitglied der Zentraldirektion gewesen, kaum weiter tätig, als daß er ein Diner gab.
In Berlin hat man immer Wert darauf gelegt, daß die Sekretäre eine Art Unterricht erteilten, und ist unzufrieden gewesen, daß nichts Rechtes daraus werden wollte. Henzen und Helbig hatten daran wenig Spaß, wir ebensowenig. Henzen hielt seine epigraphischen giri, aber was kam dabei heraus, daß man lernte, worin sich ein gefälschtes M von einem echten unterschied, oder ein wenig über die equites singulares oder vigiles erfuhr. Helbig führte vor Skulpturen und redete von Stilanalyse, was ihm gar nicht lag. Es ging das Gerücht, er hielte sich an Erinnerungen aus der Zeit Brunns. Der wird es meisterlich verstanden haben, aber daraus folgt nur, daß ein Sekretär für das interessieren wird, was er selbst treibt. Daneben ist zu wünschen, daß die Lernenden für das was sie anpacken bei einem der Sekretäre Kritik und Förderung finden. Übungen, wie sie der Professor mit den Studenten treibt, sind möglich auf der Stube, aber der Collegia ist ein Stipendiat satt. Das war zu verlangen, daß Führungen in ein Gelände, einen Ruinenkomplex, stattfänden, aber in die Caracallathermen, zu dem ältesten Hafen beim Forum boarium, nach Ostia und Vei ging es nie. Solche Exkursionen veranstaltete P. Rosa; der führte auch »an die Stelle, wo Remus Rom gegründet haben würde, wenn nicht Romulus, dessen Existenz die Deutschen leugnen, das Gotteszeichen erhalten hätte.« Zu dem gingen wir nicht. Aber wie stark war die Wirkung, als G. de Rossi einmal in den Calixtkatakomben für uns sprach. Es war nicht nur der Genuß seiner unvergleichlichen Beredsamkeit, er erweckte auch das Bedauern, daß man einem ganzen Gebiete der Wissenschaft fern blieb. Ich glaube, mancher Ragazzo hat S. Maria Maggiore, S. Clemente, S. Sabina nie betreten. Das tat ich wohl, S. Sabina ward mein Liebling unter den Basiliken, gerade in ihrer Schlichtheit, aber zu dem rechten künstlerischen Verständnis bin ich nicht gelangt, zu dem historischen vollends nicht. Freilich ist überhaupt noch nicht erreicht, daß mit den Mißbildungen, christliche Archäologie und christliche Literaturgeschichte, aufgeräumt ist. Aber die Scheidewand ist doch durchbrochen.
Die Adunanzen wurden regelmäßig gehalten; der Bibliotheksaal in einem Nebengebäude der casa Tarpea faßte nur eine geringe Anzahl Besucher,[144]  aber es hatte Bedeutung, daß hier die Italiener ständig erschienen, von vatikanischer Seite die Brüder de Rossi und der ehrwürdige Mönch Padre Bruzza (Epigraphiker), ebenso die Mitglieder der staatlichen Sopraintendenza, Pellegrini, Brizio. Besonders angestaunt ward immer Donna Ersilia Lovatelli Caetani in ihrer Anmut und der herablassenden Liebenswürdigkeit, die sie jedem gönnte. Ich habe später auch den Vorzug gehabt, in ihr Haus zu kommen, wo mich die Unterhaltung mit ihrem Gatten mehr als die munzipale Archäologie anzog; er stand im Kommunaldienst und erzählte von den Schwierigkeiten der sehr nötigen Modernisierung, aber auch von der Landwirtschaft auf den Gütern des Herzogs von Sermoneta (Vater der Gräfin und Führer des liberalen Adels), der Urbarmachung des Sumpflandes. Wenn vornehme Gäste nach Rom kamen, zumal Mommsen, füllte sich der Saal der Bibliothek und gab es wirkliche Belehrung. Oft mißhandelten wir Ragazzi nur die italienische Sprache, was die italienische Liebenswürdigkeit nachsichtig hinnahm; die Principessa lachte uns nachher nach Verdienst aus. Es war aber auch erziehlich, irgendein neues Monument vorlegen zu müssen. Nach dem Schlusse forderte Henzen regelmäßig auf, due passi mit ihm zu machen. Da war er meist in der besten Laune und konnte sogar etwas boshafte Witze machen. Aber auch wenn es auf den Palatin oder zum Tiber hinunterging, war es nur ein Spaziergang.
Das Beste mußte also jeder selbst für sich tun, und wieder half dazu am meisten die Ragazzerie, denn weder mit dem deutschen Künstlerverein noch überhaupt der deutschen Kolonie bestand ein Verkehr, auf die Gesandtschaft zu Herrn von Keudell ward man nur in der Masse eines großen Rout befohlen, mit den Italienern kam man leider auch nicht zusammen. Man hörte Italienisch außer den Adunanzen, wenn man, selten genug, ins Theater ging oder auch zu einer Predigt in den Gesú, sonst nur in gelegentlichen Gesprächen. Aber eine Ragazzerie sammelte sich, wie sie wohl selten so geschlossen gewesen ist. Bald kam Kaibel, mit dem ich rasch die Freundschaft fürs Leben schloß. Seinem großen Plan, die griechischen Epigramme auf Stein zu sammeln, brachte ich volles Interesse entgegen, für italienische Sprache und italienisches Leben hatten wir die gleiche Neigung, auch in der philologischen Textbehandlung stimmten wir überein; in manches konnte ich ihn einführen. Seine besonnene Liebenswürdigkeit gewann ihm bald allgemeine Zuneigung. Dann kam August Mau, zunächst um seiner schwachen Lunge willen, der in Rom sitzen bleiben sollte, nach Hincks Tode als Henzens Privatsekretär. Er war ein Schüler von Ribbeck, athetierte in mehreren Dichtern unschuldige Verse (noch in den Commentationes[145]  Mommsenianae), war schüchtern, errötete leicht, sprach wenig, aber mit der Gesundung blühte er langsam auf. In Pompei wird sich das zeigen. Carl Bardt, bewährter Lehrer am Wilhelmsgymnasium in Berlin, Mommsenschüler, von etwas feierlicher Haltung uns ausgelassenen wirklichen Ragazzi gegenüber; tief musikalisch teilte er nicht alle unsere Unternehmungen. Er hat sich, als ich schon nach Griechenland abgegangen war, mit Luise Aldenhoven verlobt, die Dr. Klügmann das Haus führte. Ein solches Ereignis ist in so engem Kreise immer aufregend, für die Weiblichkeit besonders. Das habe ich damals nicht mitgemacht, aber meine Freundschaft mit Bardt und auch seiner Frau ist mir in meiner Privatdozentenzeit sehr teuer gewesen und, als wir wieder zusammen waren, er als Direktor des Joachimstalischen Gymnasiums, ich als Professor, haben wir sie bis zu dem Tode des Ehepaares gepflegt. Ihm war die römische Zeit immer lebendig. An seinen Horazübersetzungen und auch denen aus lateinischer Prosa habe ich große Freude, sehr viel weniger an seinen Komödien. Tatsächlich empfand er den eigentümlichen Wohllaut plautinischer Langverse, Kretiker, Baccheen nicht. Singspiel muß Singspiel bleiben.
J. Vollgraff war der einzige Ausländer unter uns, das hat nie gestört; er war aber Schüler Cobets, unbelehrbarer Verehrer dieser Art von Kritik, daher zuerst von der Minderwertigkeit der deutschen Weise überzeugt. Das mußte er herabstimmen, aber Cobet verehrten wir auch, ich mehr, als ich es jetzt tue, und Vollgraff war ein so feiner, den Verkehr belebender Gesellschafter, daß er bald in vielem tonangebend ward. Bestimmte Zwecke verfolgte er nicht; das befähigte ihn dazu, dem allzu fleißigen Fachsimpeln entgegenzuwirken.
Etwas abseits stellte sich ein Gymnasiallehrer Hollander aus Osnabrück, obwohl er uns immer sehr willkommen war, und erst recht Emil Bährens, schon von Bonn her in Distance gehalten. Er arbeitete mit eisernem Fleiße und gutem Finderglück auf den Bibliotheken; sonst schien ihm Rom gleichgültig zu sein. Ich besonders war dem gegenüber intolerant. Immerhin aßen wir mit den beiden zusammen, berührten uns auch bei den Sekretären. Die beiden bildeten ein Paar und stritten doch immer nicht ohne Erregung, wofür sie im Weihnachtsgedichte die Verse erhielten:


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Wie steht es denn mit Bährens und Hollander?
Ach, die sind immer beieinander,
Kastor und Pylades.

Durchreisende wie Alfred Schöne wirkten natürlich belebend; überhaupt war der Kreis keineswegs abschließend gegen bekannte oder auch zufällig[146]  heranrückende Tischnachbarn. Denn die Osteria, der Gabbione, war zahlreich besucht, obwohl sie in einem Keller unweit von Fontana Trevi lag. Vermutlich war sie seit Jahrzehnten von anspruchslosen Fremden als Stammlokal bevorzugt3. Domenico, der schöne, echt römische Wirt oder Kellner (das weiß ich nicht), verdiente alles Vertrauen. Manzo bollito oder abacchio arrosto war gewöhnlich; aber es gab auch Insalata di broccoli, carciofi alla giudea, cinghiale in agrodolce, und außer der vulgären crostata di visciola ein pasticcio di maccheroni (süß), das ich nirgends wieder gefunden habe. Alle diese Gerichte überstiegen nur wenig unsere Normalsätze, aber groß war die Versuchung, wenn Domenico Freitags verkündete »una spigola«; so nannte er einen delikaten Flußfisch; irgendwer beanspruchte Sachverstand und setzte ihn mit dem acipenser gleich, was er verantworten möge. Den Luxus leistete sich der Olandese regelmäßig; sonst siegte meist die Rücksicht auf den Geldbeutel. Später ist Mau als capo-ragazzo in seiner Vorliebe für den Gabbione auf den Widerstand der anspruchsvollen Jugend gestoßen. Schwerlich wird er noch existieren.
Am Abend noch zu Weine zu gehen war eine seltene Ausnahme; nur einmal mußte jeder Neuling in die Palombella hinter dem Pantheon geführt werden, Orvieto und Est-est trinken, eigentlich auch in vorgerückter Stunde die Landschaften archäologisch erklären, die auf den Wänden des Kneipzimmers gemalt waren. Das galt für eine Institution aus der Zeit von H. Brunn. In diesem Winter war kein Archäologe unter uns; im nächsten hat Robert durch verblüffende Deutungen die Ehre der Disziplin glänzend gerettet.
Schon vor Weihnachten war die vertraute Harmonie der Casa Tarpea und der Ragazzeria festgegründet und fand in der Weihnachtsfeier ihren Ausdruck. Herkömmlich waren alle, auch Helbigs und Klügmanns, zu Henzen geladen. Ob ein Ulk, wie wir ihn unternahmen, schon vorgekommen war, bezweifle ich. Ein Gedicht, in dem jeder von uns etwas aufgezogen ward, war gelungen, aber nichts Besonderes, schon mehr eine Reihe von Szenen der gemeinsamen colazione von Laspeyres, Hinck und mir, voll Anzüglichkeiten; Laspeyres hatte dazu feine Handzeichnungen gemacht.[147]
Weihnachten 1873 war die Fülle zum Teil sehr gelungener Verse noch größer; da wirkten Robert und namentlich Leo mit. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Hauptaktion 1872 oder 73 stattfand; darauf wird nicht viel ankommen. Es war nicht lange her, daß Schliemann den Schatz des Priamos gefunden hatte; der Bericht, wie er der Vorsehung für die Belohnung seines Glaubens und seiner Frau für die Rettung des Schatzes in ihrem Umschlagetuche dankte, war viel belacht. Der Wert der noch unbekannten Schätze stieß auf starke Zweifel, die dem Schatze und auch dem Finder Unrecht taten, aber allgemein verbreitet waren. Das ward ausgenutzt. Frau Schliemann samt Umschlagetuch sollte erscheinen. Frau Helbig durfte man ins Vertrauen ziehen, ihre Kleider paßten mir leidlich, denn mir fiel die Rolle zu. Das Fest war im Gange, viel Volks versammelt. Frau Helbig und ich stahlen uns fort, alles war gut vorbereitet. Bald überreichte das Dienstmädchen ganz ernsthaft Henzen eine Karte; die Dame stünde vor der Tür. Er las ziemlich verstört »Madame Schliemann née Providence«, und ehe er sich noch entschied, trat die Dame ein und begann den berühmten Professor mit französischem Überschwang zu begrüßen. Es dauerte wirklich ein wenig, bis er mich erkannte und aus ärgerlicher Verlegenheit in lautes Lachen überging. Verse, auch auf Schliemann bezüglich oder doch an seine Grabung anschließend, waren wohl etwas lang, aber die Gesamtwirkung war glänzend, die gehobene Stimmung allgemein. Es heißt, daß Fräulein Rosina Kopf alle solche handschriftlichen Späße, die man in Abschrift hinterlegen mußte, aus Henzens Nachlaß überkommen und in die Ehe mitgeführt hat, die sie dann einging. Vielleicht kann das Institut doch noch diese Dinge an sich bringen, wertlos an sich, zeugen sie doch für eine nun schon ferne Zeit, die dem Institute zur Ehre gereicht.
In den Weihnachtstagen unternahmen mehrere von uns eine Fahrt nach Palestrina, die allerdings nicht ausreichte, mehr als die imposante Lage der Stadt kennen zu lernen. In Tuskulum, in den Albanerbergen waren wir mehrfach, aber sonst war es schon eine von manchen für gewagt erklärte Expedition, daß einige (sicher Vollgraff, Kaibel und ich) nach Velletri, Cori Norba Norma Segni gingen. Räuber begegneten uns nicht, alles war auch schön, aber die Unterkunft in Norba in einem uns irgendwie empfohlenen Hause war etwas abenteuerlich. Unser Wirt war mit cinghiale und uccelli reichlich versehen, als wir sein Vertrauen gewonnen hatten. Offenbar jagte er auf fremden Gründen und trieb Handel mit dem Ertrage, wohl auch mit Wein, denn der Keller lag voll Fässer. Er gestand auch, zu den Banden gehört zu haben, die der König von Neapel unter Konnivenz der Behörden,[148]  der päpstlichen und französischen, warb und über die Grenze in das Neapolitanische schickte, jahrelang, bis ihm der Boden Roms zu heiß ward. So harmlos und gemütlich wie er sich uns zeigte, war unser Wirt also nicht immer.
Es war ein großer Mangel, daß solche Unternehmungen bei den damaligen Verbindungen nur selten möglich waren. Wir kannten wohl die nächsten Umgebungen Roms und Latium südlich bis Grotta ferrata, Monte Cavo, Nemisee, aber an das Meer bin ich (abgesehen von einem wenig nutzbringenden Besuch von Cervetri im nächsten Winter) gar nicht gekommen. Und doch ist es ein unschätzbarer, unverlierbarer Gewinn, wenn man einen alten Ort mit dem Bestreben besucht, die Lage, die Aussicht, die Bodengestalt, von allen Ruinen abgesehen, dem Gedächtnis einzuprägen. In wenig Stunden lernt man für die Geschichte, was weder Bücher noch Karten noch Photographien geben können. Freilich ist die altmodische Beförderung anzuraten, zu Fuß oder auf einem Reittier. Nur dann kommen die Entfernungen zum Bewußtsein und man kann auch nach Bedarf vom Wege abbiegen.
Die Arbeit auf der vatikanischen Bibliothek ist noch gar nicht erwähnt, und doch war sie die nächste philologische Aufgabe und gehörte der Vormittag regelmäßig dem Vatikan; Donnerstags, wo die Bibliothek geschlossen war, ging ich nicht selten auf die Barberina. Es war schon nicht leicht, alle Permessi für den Vatikan zu erhalten (in die Grotten unter St. Peter und die Capella Paolina kam man nicht), und die Kontrolle durch die Schweizer am Tore und auf den Gängen war streng. Die Feindschaft des gefangenen Souveräns wollte Pio nono stark zur Schau bringen, und die Deutschen sollten sie besonders empfinden. Jetzt, wo seit dem Papsttum Leos XIII. und der großartigen Wirksamkeit des Paters, jetzt Kardinales Ehrle (zu dessen Wahl zum Korrespondenten unserer Akademie ich mich freue, den ersten Anstoß gegeben zu haben), ist die Bibliothek so liberal wie kaum eine andere. Damals herrschte Monsignore Martinucci, dem K. Justi das Epitheton Scheusal gegeben hat. Er tat alles, um die Benutzer zu peinigen. Arbeitszeit 8–11; da war es oft nur an einem, eigentlich dem einzigen Fensterplatze möglich zu lesen; durch frühes Aufstehen und raschen Marsch gelang es mir oft, ihn zu erreichen. An dem caldaio, der das kleine Zimmer nicht warm machte, saß der scopatore, der an Stelle eines Bibliotheksbeamten die Bestellzettel in das Nebenzimmer zum Pater Bollig brachte, der im Grunde wohlmeinend von den vexatorischen Bestimmungen doch nur verstohlen abwich und sich nicht gern auf deutsch ansprechen ließ, wenigstens nicht laut. Man sollte immer nur eine Handschrift bekommen, wenigstens nur eine vor sich haben;[149]  in den späteren Stunden gab es manchmal gar keine; wie man unter der Hand erfuhr, machte der Papst dann einen Morgenspaziergang in den Sälen der Bibliothek. Den sehr ungenügenden handschriftlichen Katalog einzusehen erforderte immer die besondere Erlaubnis von Pater Bollig. Irgendwie ging es doch. Der Euripides machte hier nicht so viele Mühe wie der Laurentianus, ich habe also sehr viele Handschriften angesehen und Notizen gemacht, die weiter keinen Nutzen gebracht haben, als daß ich besser lesen lernte. Ich geriet zuerst in der Barberina auf ein Stück einer schönen alten Handschrift, in dem ich ein Ineditum vermutete. Es stellte sich heraus, daß es zu den Kriegsschriftstellern gehörte, die ganz vernachlässigt waren. Da suchte ich weiter im Vatikan; die antiken Illustrationen reizten, aber die Schwierigkeit des sachlichen Verständnisses schreckte ab, und so zog ich den Onesandros (so heißt er) vor, der zwar verständlich ist, aber nur als früher Vertreter eines strengen Attizismus einen bescheidenen Wert hat, was ich damals noch nicht begreifen konnte. So habe ich an diese nutzlose Arbeit in Rom und auch in Neapel viele Zeit verschwendet. Es ist kein Schade, daß Onesandros immer noch nicht in der reinen Überlieferung vorliegt.
Des ungemütlichen Kollationierens ward ich oft satt und entwich in die Skulpturensammlung; der Zugang hatte schon immer durch die galleria lapidaria geführt; manchmal ging es gleich an der Bibliothekstüre vorbei. Die antike Skulptur hatte in Venedig und Florenz neben der italienischen Kunst zurückgestanden, hier konnte sie freilich auch gegenüber den Stanzen und der capella Sistina nicht bestehen, weder an absolutem Werte noch durch den Gewinn für das eigene Innenleben; aber der alte Ruhm von Winckelmanns Zeiten her war durch die echt griechischen Werke noch wenig erschüttert und die eigene Wissenschaft verlangte, mit dem vertraut zu werden, was der Vatikan und daneben das kapitolinische Museum und die Villen boten; für den Lateran war in dem Kataloge von Benndorf und Schöne ein Führer vorhanden, dem zu folgen sich lohnte. Jetzt ist auch in Rom überaus viel hinzugekommen; die Vorstellung von antiker Kunst, die unsereins damals gewann, mag jetzt ärmlich genannt werden. Es hat doch Arbeit genug gekostet und Genuß genug gebracht.
Nicht zu unterschätzen war die Bibliothek des Institutes, einerlei wie unvollständig sie war, gerade darum, weil ihre Verwaltung sich überhaupt nicht fühlbar machte. Eingang konnte, wer im Institut bekannt war, immer finden, sich die Bücher suchen, auch auf sein Zimmer nehmen. Gerade dadurch, daß man vornahm, was durch Titel oder Verfasser reizte, worauf gerade das Auge fiel, daß man ohne besonderen Zweck las, erweiterte den[150]  Horizont. Und namentlich die Abende waren für diese Beschäftigung meist frei.
Gegen Ende Februar 1873 erschien Mommsen; damit ging eine Sonne auf, um die alles kreisen mußte, was zum Institut in irgendeiner Weise hielt, die Italiener ganz besonders. Aber ich erlebte nur die Anfänge; eine Reise nach Griechenland war vorbereitet und ich brach nach Neapel auf. Dort machte ich kaum Halt und bestieg ein Schiff der messageries maritimes, das direkt nach dem Piräus fahren sollte, als einziger Deutscher unter Franzosen und wenigen Griechen.
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 Ich scheue mich nicht, salva venia ein Verschen her zu setzen, das ich auf dem betreffenden Orte kopiert habe. Italienische Grazie ist genug darin. Caro Minghetti ti ringrazio, che qui si piscia senza dazio, e si puó fare una cagata senza pagare carta bollata. Eine Erfahrung, die Mau machte, ist für verwandte Zustände des päpstlichen Rom bezeichnend. Er wohnte in einem bescheidenen Mietshause der via della consolazione und traf beim Herabsteigen vor der Treppe eine contadina in nicht mißzuverstehender Beschäftigung. Sie fuhr auf und bat um Verzeihung: »credevo che fosse un palazzo«. Die Einfahrten auf die Höfe der großen Paläste waren also den unabweisbaren Bedürfnissen des weiblichen Geschlechtes freigegeben. Für die Männer war reichlich und öffentlich gesorgt.
2 Der Knabe ward in oder bei Baden-Baden geboren; sein Vater war nicht zur Stelle. Die Großmutter ergriff den Neugeborenen und fuhr mit ihm in die russische Kapelle, wo der Pope zur Stelle war und die or  thodoxe Taufe vollzog. Die Eltern waren überrumpelt, fanden sich aber leicht darein.
3 Ich lese in einem schwedischen Zeitschriftenaufsatz von V. Lundström, den er mir freundlich geschickt hat, daß schwedische Romfahrer in früheren Jahrzehnten dicht bei Fontana Trevi in sog. »Katakomben« ihren Stammtisch hatten und den Kultus der Fontana Trevi ernsthaft betrieben; einen Soldo warfen wir auch noch hinein. Schon damals waren carciofi alla giudea besonders beliebt. 1898 habe ich sie bei einem vertrunkenen Juden im Ghetto allerdings noch viel vollkommener vorgesetzt erhalten.




Griechenland
[151] März bis Mai 1873











Die Seereise war stürmisch und ich lernte die Seekrankheit gründlich kennen. Der Dampfer konnte um Kap Matapan nicht herum, sondern mußte umkehren und im Hafen von Navarino Schutz suchen. Da lagen wir eine Nacht; in der Lagune quakten die Frösche ein echt aristophanisches brekekekex, koax, koax. Es dauerte noch 24 Stunden, bis wir früh morgens im Piräus landeten, wo mich Lüders empfing; er war als Nachfolger U. Köhlers für die Inschriften der Gesandtschaft attachiert. Ein Wagen führte uns von der noch kleinen Hafenstadt auf die Straße vom Phaleron und machte unterwegs an einem Chani halt, wo die erste Masticha gekostet ward. Unterkunft war damals nur in einem internationalen Hotel möglich, so daß man nicht in die Lage kam, die Landessprache zu verwenden. Von dem Athen jener Tage kann ein heutiger Stipendiat sich keine Vorstellung machen. Der fränkische Turm stand an den Propyläen, am Südabhang war nur das Theater freigelegt, auf der Burg ein wüster Trümmerhaufe, dazwischen Bruchstücke von Skulpturen, selbst der Kalbträger und die Prokne, und Inschriftsteine, Grasbüschel und Dornen. Aber neben dem Erechtheion war ein kleiner Ölbaum gepflanzt, bei dem ich einmal ein paar Griechen aus Kleinasien traf, das alte Wahrzeichen der Göttin als Symbol der Hoffnung auf ein großes neues Hellas verehrend. In der Unterstadt waren kleine Sammlungen der Marmorstücke im Theseion, in dem Turme der Winde und um ihn, Vasen und dergleichen im Varvakion. Bei den alten Athenern fühlte man sich nur angesichts des Dexileos und des treuen Hundes im Kerameikos. Für die Topographie, der ich nachging, war man neben dem verwirrenden Pausanias auf Leake angewiesen; den ersten Schritt vorwärts hatte Köhler (Hermes VI) getan. Nur wenige Bücher waren durch ihn bei der Gesandtschaft.[151]
Alles war kahl; Nymphenhügel mit der Sternwarte, Pnyx, Philopappos wurden eifrig besucht; das wirkte in den phantastischen Hypothesen bei Curtius und Wachsmuth nach, die mich später zum Widerspruch gereizt haben, jetzt vergessen sind, 1870 war zum letzten Male eine englische Gesellschaft bei Marathon von Räubern überfallen, daher sollte niemand ohne Bedeckung in die Umgegend der Stadt gehen, was Lüders verlangte, ich aber, als er einige Zeit abwesend war, ohne Bedenken übertrat. Es war auch harmlos, menschenleer. Auf dem Wege nach Käsariani begegnete mir ein bewaffneter Mann, ging aber mit einem freundlichen ὑάσσο πατριώτα vorbei. Nur die Hunde trieben mich am Meere auf einen Anlegesteg, wo ich gefangen war, bis der Hirt sie zurückrief. Bekanntschaften fanden sich nicht. Bei dem Ephoros Eustratiades war die Meldung förmlich; der ehrwürdige Kumanudes aber war freundlich und erzählte interessant. Er stammte aus Makedonien und hatte das Meer zuerst als Berliner Student auf einer Fahrt nach Rügen gesehen. Er zeigte die Scheden seiner Sammlung der Grabsteine, wies aber nachdrücklich darauf hin, daß bei der verfallenen Kirche der Hypapanti gegraben werden müßte; da lagen schöne Säulen. Leider hat man versäumt, seinem Rate rechtzeitig zu folgen, so daß die Kirche erneuert werden konnte. Ein merkwürdiger Mann war der Astronom Schmidt, der die Nächte meistens auf der einsamen Sternwarte verbrachte, aber auch sonst einen so leichten Schlaf hatte, daß er von dem leisesten Erdbeben aufwachte und die Beobachtung notierte. Die Erde bebte damals überaus häufig; Kastri-Delphi war kürzlich besonders schwer getroffen. Ganz seltsam war der Astronom nicht nur in den Glauben an Geistererscheinungen, eine Art Spiritismus geraten, nicht ohne Verbindung mit der antiken Daemonologie. Plutarchs Schriften waren ihm besonders lieb, sogar die Naturbetrachtung in dessen Tischgesprächen. Er arbeitete an einer Mondkarte, die nun durch die Photographie überholt sein wird, und glaubte namentlich an den Einfluß dieses Gestirns.
In gelegentlicher Gesellschaft kam ich nur nach Eleusis, wo nichts zu sehen war, und auf das Pentelikon, wo das Kloster im Schatten seiner Bäume und auf dem Gipfel der Rundblick auf die Gebirge bis zum Olympos, Dirphys, Parnassos und die peloponnesischen Bergzüge, dazwischen die Meerbusen, im Osten die Inseln, die Enge der hellenischen Welt und die strenge Schönheit der hellenischen Natur offenbarte. Nach Athen zieht man in dem Gefühle, das Aristophanes seinen Wolkenchor in der ersten Antistrophe aussprechen läßt; Michaelis hat sie auf den Titel seines Parthenon gesetzt, daher hafteten die Verse im Gedächtnis: jetzt lag vor Augen, was die Strophe[152]  unvergleichlich schildert4, Attika war nicht mehr das Wunschland der Poesie, sondern lebendige Realität.

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Daß auch die anderen Landschaften dazu wurden, dankte ich einer Gelegenheit zur Reise in den Peloponnes, an die ich sonst nicht hätte denken können. Der Erbprinz Bernhard von Meiningen, in dem Köchly eine nie erloschene Liebe zu Griechenland entzündet hatte, kam nach Athen, und Lüders, der ihm schon vorher zum Begleiter gegeben war, vermittelte, daß ich mich anschließen durfte. Es ward eine große Kavalkade; der Prinz war von seinem Adjutanten, Hauptmann von Schleiniz vom II. Garderegiment, und einem Kammerdiener begleitet. Wie damals nicht anders möglich, sorgte ein sog. Kurier für Unterkunft und Verpflegung; dazu kam die Bedeckung von berittenen Gendarmen, im Peloponnes meistens noch ein Trupp von εὔζωνοι, der Elitetruppe in Fustanella und mit einer praktischen Beschuhung, deren Marschleistung wir zu bewundern Gelegenheit hatten. Unsere Grenadiere würden das Klettern nicht so lange ausgehalten haben.
Um die Post abzuwarten, die nur einmal in der Woche mit dem Dampfer von Triest kam, blieb ich zurück, während die andern zu Schiff nach Korinth fuhren, und ritt mit den Pferden und Maultieren, die das Gepäck trugen, nach Megara. Als wir auf dem Markte hielten, sollte ich selbst für mein Quartier sorgen, also mich verständlich machen, und war ziemlich hilflos. Aus der Menge trat ein junger Mann und bot halb französisch, halb griechisch seine Gastfreundschaft an. Die Verständigung ging leidlich. Die Stadt ward durchwandert, das historische Schicksal von Megara aus seiner Lage begriffen5. Beim Abendbrot überreichte mir die halberwachsene Schwester meines Gastfreundes einen schönen Blumenstrauß und trug in feiner Schulhandschrift ihren Namen Samaltana in mein Notizbuch ein. Dazu kam ein älterer Bruder, der mit meiner Aufnahme wenig einverstanden war und die Befürchtung äußerte, meine Erkenntlichkeit für die Gastfreundschaft möchte nicht genügen. Sie sprachen unbefangen in dem Glauben, ich verstünde so wenig von ihrer Rede, wie ich selbst zu sprechen wußte. Das löste sich am andern Morgen zu allgemeiner Befriedigung. Der Ritt ging über die skironischen Klippen6, dann den Strand entlang nach Korinth; da ward die Burg[153]  bestiegen und die Aussicht ergänzte den Blick vom Pentelikon. Mit Sonnenaufgang weiter, denn der Ritt sollte mitten in die Halbinsel am See von Stymphalos vorbei nach Phonia Pheneos führen, das auch im Regen erreicht ward. Der Prinz verriet unterwegs, daß er den Plan zu einer Tragödie, ich glaube, einen Themistokles, in sich trug; meine Bedenken waren ihm unwillkommen, aber seine sehr jugendliche Liebenswürdigkeit ertrug sie. Trotz dem ungünstigen Wetter ging es weiter auf die Styx zu, aber wir haben nur den Silberfaden des »Schwarzwassers«, wie der Name jetzt lautet, an dem schroffen schwarzen Felsabhang gesehen, als wir über den Schnee des Gebirges nach Megaspilaeon ritten. Dort Empfang durch die Mönche, mehr feierlich als genußreich. Nachtquartier in dem freundlichen Kalavryta, von da zurück in das Tal des Erymanthos, in diesem weiter, bis wir rechts nach Divri abbogen. Der Ritt bei schönstem Wetter bot sonderbare Blicke auf das Gebirge und den schäumenden Fluß, aber er führte durch Öde. Um so überraschender war der Empfang in dem stattlichen Dorfe, in dem auch Welcker wohl aufgenommen war. Wir waren angekündigt, eine Menschenmenge war versammelt, unter schönen Bäumen stiegen wir ab, ein imponierender Greis in prachtvoll gestickter Nationaltracht saß unter den Honoratioren und hielt in vornehmer Literatursprache, die ich gut verstand, eine lange Ansprache, aus der manches zu lernen war. Mit dem Danke für den Besuch verband sich ein Rückblick. König Otto und Königin Amalie waren einmal auch so empfangen worden und die Anhänglichkeit an sie war lebendig. »Warum ist der König nicht zu uns Arkadern gekommen. Wir würden ihn von den Verrätern in Nauplia und Athen befreit haben.« Von Georgios wollten die Leute in der Provinz auch später wenig wissen, weil er den großen Fehler beging, sein Ländchen nicht zu bereisen, sondern möglichst viele Monate im Auslande lebte. Nur die Königin Amalie hat ihre Aufgabe richtig begriffen, aber sie blieb kinderlos: das war verhängnisvoll. Sie hat sich nicht gescheut, einen heiligen Felsen an dem Nymphenhügel herabzurutschen, was nach dem Volksglauben Fruchtbarkeit bringen sollte, und hat es sich gefallen lassen, daß eine Bäuerin sie zutraulich mit der Frage ἔχεις ἔνδσν beklopfte. Sie hat in Athen die ersten Bäume gepflanzt, was dann erst die Kronprinzessin Sophia mit großem Erfolge wieder aufgenommen hat, so daß das Stadtbild sowohl im Süden der Burg wie auf den Höhen des linken Ilissosufers sich gänzlich verändert hat.


Des andern Tages ging es über die Hochebene Pholoe nach Olympia. Lästig fiel, daß der Nomarch von Elis an der Grenze seiner Provinz einen feierlichen Empfang veranstaltete und uns durch eine starke Eskorte geleiten[154]  ließ; später sind wir von dieser Aufmerksamkeit verschont geblieben. Das Nachtquartier in Druva, dem Dorfe auf der Anhöhe rechts von Kladeos, versprach nicht viel, und die Aussichten auf das Nachtmahl schienen trübe. Wir stiegen hinab auf die Fläche, wo jetzt die Altis mit ihren Gebäuden freiliegt. Damals deckte alles noch der Sand, nur die Spuren der französischen Schürfung machten die Stelle des Zeustempels im Gestrüppe kenntlich. Dafür grunzte ebendort eine Sau mit ihren Ferkeln und für ἕνα τάλλερο ließ sich eins von diesen erhandeln, ein köstlicher Braten. Der Preis war ein Maria-Theresiataler, die einzige Silbermünze, die man auf dem Lande kannte, wo auch das Kupfer spärlich verbreitet war. An dem Heiligtume war wenig zu sehen, aber der Plan der Ausgrabung war schon erwogen und Lüders beauftragt, über seine Besichtigung der Örtlichkeit zu berichten.
Weiter ging es flußaufwärts. Es hatte sich schon so gefügt, daß die geographischen und topographischen Fragen mir vorgelegt wurden; ich hatte den Pausanias mit, auch in Athen mich etwas vorbereitet. So hatte ich Psophis nach der Erinnerung an Polybios trotz allen Zweifeln sicher erkannt. Aber hier am Alpheios wollte nichts stimmen, konnte es auch nicht, denn Pausanias beschreibt den Weg in umgekehrter Richtung. Das war zwar schon früher bemerkt, aber davon wußte ich nichts, und meine geringe Schätzung des auch jetzt noch von den meisten Archäologen kanonisierten Sophisten stammt von dieser Erfahrung. Sie vergessen, daß man ihn vorzüglich brauchen kann, sobald eine Stadt oder ein Heiligtum ausgegraben ist (wenn man auf Liederlichkeiten wie bei den Gebäuden der delphischen Marmariá auch gefaßt sein muß), aber zum Führer taugt er schlecht, hat das auch nicht beabsichtigt: die Führer fand der Reisende an Ort und Stelle; das Buch war dann eine reiche und für den Zeitgeschmack genießbare Ergänzung; im übrigen mochte es vielen die Reise in das kleine und verfallene Mutterland ersetzen.
Der Erymanthos war so wasserreich, daß das Übersetzen in Kähnen zeitraubend ward; der Ladon und oberhalb seiner Mündung der Alpheios ließen sich durchreiten. Nachtquartier in einem vornehmen Hause in Andritzena. Der Prinz schlief in einem Bette, ich sehr gut auf dem Boden, erwachte nur einmal, als der Prinz fluchend aus den seidenen Kissen auffuhr und einige wenige der Wanzen umbrachte. Aufbruch in leisem Regen, auf der rauhen Höhe des Apollontempels von Bassai doch Ausblick bis auf das Meer im Süden und Westen; hinab zur Neda, jenseits über die Berge in die messenische Ebene mit ihrer üppigen Vegetation: ein überraschender Gegensatz. Ich stutzte und staunte, als ich in einem Dorfe, durch das wir ritten, nach[155]  dem Namen fragte, denn ich hörte den heimischen Slavennamen Ostrowo. Nachtquartier bei den Mönchen im Kloster Vurkano, auch eine neue Erfahrung. Auf die Höhe zum Zeus Ithomatas ließ man mich allein gehen. Die Mauern der Gründung des Epaminondas lagen zum Teil in hohen Weizenfeldern. Von der Möglichkeit, durch die Langadaschlucht nach Sparta zu reiten, war damals noch keine Rede, so daß der Umweg über Leondari in das Eurotastal genommen werden mußte. Sparta, das ich nicht wieder besucht habe, ist für mich mit dem Dufte der Orangenblüte verbunden, der uns schon von weitem entgegenkam. Von dem alten Sparta war nichts zu erkennen, aber die gewaltige Mauer des Taygetos im Westen und das fruchtbare Tal gaben doch eine neue richtigere Vorstellung von dem Leben der alten Spartiaten, die uns auf der Schule nicht so sehr viel anders als dem Schulmeister Agesel in Immermanns Münchhausen erschienen waren. Festmahl bei dem Erzbischof, türkische Gerichte, leckere Kuchen in Honigsauce, die mit den Fingern geholt und gehalten werden mußten. Der Erzbischof gab zu dem Rülpsen der befriedigten Sättigung den Ton an; vermutlich war es ein Verstoß gegen die Etikette, daß die Gäste ihn nicht aufnahmen.

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Über Sellasia nach Tripolis, Ausflug nach Mantinea in schnellem Tempo unter Führung eines der Besitzer der Feldmark. Er drehte, während wir nebeneinander trabten, eine Zigarette, leckte sie und reichte sie mir herüber, dann die seine zum Anzünden. Auch das mußte gelernt werden. Zu Wagen nach Nauplia, um einen Dampfer zu erreichen, was nicht gelang und den Aufenthalt von einigen Tagen, den Besuch von Epidauros und sogar des selten besuchten Asine eintrug. Im Theater von Epidauros machte ich den ersten Versuch, die von den modernen Baumeistern unerreichte Akustik in den antiken Theatern zu erproben; in Milet, wo 20000 Zuschauer Platz hatten, habe ich ihn am eindrücklichsten wiederholt. Auf dem obersten erhaltenen Sitze war mir der Anfang des Faust in jeder Silbe verständlich wie den andern, als ich unten den Anfang des Oedipus auf Kolonos vortrug.
Zu Schiff über Hydra zurück nach Athen; die kleinen Hydrioten tauchten ganz wie bei Wilhelm Müller; sein Gedicht lernte damals jeder Schuljunge auswendig. Nun wollte der Prinz noch einige Orte im Norden besuchen, und da Lüders unabkömmlich war, trat ich an seine Stelle und hatte mich auch soweit an die Sprache gewöhnt, daß ich die nötigen Gruß- und Dankesworte im Namen des Prinzen zu formulieren wußte. Es reiste sich bequemer, weil er sozusagen incognito blieb; auch das Tempo war nicht so überhastet. So konnte die Festung Gyphtokastro, die man Eleutherai nennt, besichtigt werden; der Prinz hat später für ihre Aufnahme gesorgt. Es ging bis nach[156]  Aigosthena ans Meer, Übernachtung in Viglia in einem Bauernhause, wo die Großmutter nur albanesisch, der Vater beides, die Kinder nur noch griechisch sprachen; über den Kithairon7 auf dem Passe, den Herodot gelegentlich der Schlacht von Plataiai erwähnt, was mir sehr aufklärend war. Aber den modernen Darstellungen der Schlacht mißtraue ich auch heute noch, weil allzuviele Prämissen der Schlüsse hypothetisch sind. Ohne Grabungen im Stile unserer Limesforschung wird sich, wenn überhaupt, Sicherheit nicht erreichen lassen.
In Theben ward mir Zeit gelassen, eine schöne Inschrift abzuschreiben8; der Anfang zu einem Museum war dort gemacht. In Delphi, das über Chaironeia (wo der Löwe in Trümmern lag) und Daulis erreicht ward, lagen nur wenige Steine in den Ruinen des Gymnasiums. Kastri stand und ich hätte gern weiter nach Inschriften gebuddelt, erregte aber schon Mißstimmung, als ich zu lange an einem Steine saß, den Kaibel später herausgab9. In Arachova wurden die hübschen Mädchen bewundert, die sich eines besonderen Rufes erfreuen, sie schienen uns aber gerade mehr slawische Züge zu tragen. Auf die Hochebene des Parnaß ward zur Korykischen Grotte gestiegen; den Hauptgipfel deckte noch Schnee. In Itea warteten wir auf einen Dampfer und lagen in festem Schlafe, als die Erde kräftig bebte; ich rollte von dem Divan in die Stube, alle liefen, wie sie waren, ins Freie. Das Haus blieb stehen, aber in Kastri waren mehrere durch Felsblöcke zertrümmert, die von den Phädriaden herunterkamen. Damit war die griechische Reise beendet. Es folgten nur noch einige Tage auf Korfu, das schon manche italienischen Züge trug und der englischen Herrschaft ein Straßennetz verdankte, wie es Griechenland bitter nötig hatte, aber noch lange nicht erhalten sollte. Die zauberhafte Natur, im königlichen Garten auf der Stelle des alten Kerkyra, und zumal bei Palaeokastrizza, nahm noch zuletzt den Sinn so sehr gefangen, daß der Golf von Neapel, Sorrent und Capri nicht dagegen aufkommen konnten; das tiefblaue und purpurne Meer Homers wird doch nirgends erreicht. Mit der erhebenden Überzeugung fuhr ich nach »Europa«, wie die Griechen sagten, zurück, nun erst befähigt zu sein, die hellenische Geschichte, die hellenischen Menschen und vor allem ihre Götter verstehen zu können.
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 Übersetzt Reden und Vorträge I 187.
5 Davon konnte ich bald Anwendung machen, Hermes IX, 309. So etwas war damals ganz ungewöhnlich. Die Behandlung der megarischen Komödie, mit der ich mich vor der Fakultät im colloquium einführte, auch, aber das war ein Fehlschlag.
6 Der Eindruck ließ mich später ein schönes Gedicht des Simonides verstehen. Hermes XIV, 163, Sappho und Simonides 212.
7 Als auf der Paßhöhe der Helikon sichtbar war, fiel mir ein, daß Dionysos auf dem Kithairon unmöglich mit helikonischen Nymphen liebeln kann, und ich verbesserte die Stelle des Sophokles Oed. 1108. Für Leute, die wie der Famulus Wagner in ihr Museum gebannt sind, ist das nicht überzeugend.
8 Hermes VIII, 431, Abrechnung eines böotischen Hipparchen.
9 Hermes VIII, 414.




 Italien
[157] Mai 1873 bis April 1874











In Neapel löste ich mich von dem Prinzen, nachdem ich einmal seinem Vater, dem Herzog Georg und seiner zweiten Gemahlin, Freifrau von Heldburg, im Museum vorgestellt war. Der Herzog bemühte sich um die römische Tracht, wohl schon in Gedanken an die epochemachende Aufführung des Cäsar durch die »Meininger«, die ich später in Berlin bewundert habe. Dann trat ich in den Dienst von Mommsen, der mit Bardt sein Hauptquartier in Neapel aufgeschlagen hatte. Eben hatte er auf dem Wege nach Camaldoli einen Raubanfall überstanden, aber die geraubte Uhr war ihm von der Polizei zurückgegeben. Der Minister hatte es befohlen, und die Polizei stand ja mit der mächtigen Camorra in geheimer Beziehung. Mommsen sagte mit Recht, »das konnte mir auch im Tiergarten zustoßen; nur würde sich kein Minister darum bemüht haben und wiederbekommen hätte ich die Uhr auch nicht«.
Wir fanden gute Unterkunft in einem Logierhause dicht beim Museum, frühstückten in einem Café reichlich, erst Eier und eine bistecca, dann Erdbeeren. Die bistecca war eine Scheibe Rindfleisch, dünn wie ein Bogen Papier, denn da es an Eis fehlte, mußte das Fleisch frischgeschlachtet gebraten werden. Zur Kühlung der Getränke und der Bereitung des gelato kam alle Morgen eine Flotille von Castellamare herüber und führte den Schnee ein, der in den Schluchten des Monte St. Angelo aufbewahrt ward.
Um 8 Uhr öffneten sich die kühlen Hallen des Museums, in dessen Oberstock sich die Bibliothek und die officina dei papiri befand. Meine bescheidene und langweilige Aufgabe war es, die Zeitungen und manches aus der Lokalliteratur für die lateinischen Inschriften zu exzerpieren. Oft entschlüpfte ich zu den Papiri10, noch lieber ins Museum hinunter, denn die Arbeitszeit mußte voll ausgenutzt werden. Danach ging es zu einer Siesta und stillem Lesen nach Hause; der Hunger regte sich schon. Er mußte sich gedulden; erst führte noch eine carozzella zum Bade nach der Villa Reale, wo die Italiener sich über unser Schwimmen verwunderten; die Neapolitaner gingen damals überhaupt noch wenig ins Wasser. Erst gegen Sonnenuntergang ging es zu reichlichem Male und kräftigem Trunke in die giardini di Torino. Nur Mommsen arbeitete dann noch. Er schickte Bardt und mich auch einzeln[158]  in die Umgegend, um Inschriften nachzusehen11. Ein Besuch der furcae Caudinae mißlang; Regen zwang dicht vor dem Ziele zur Umkehr. Über Puteoli bin ich einmal (wohl allein) nach Cumae gegangen; die alte Griechenstadt zog unwiderstehlich. Mein Eindruck von der Öde entsprach dem Goethischen »Wanderer«, der zufällig Cuma nennt. Jüngst hatte der Direktor des Neapler Museums Maiuri die große Freundlichkeit, mir Cumae zu zeigen, wo er die imponierende Sibyllengrotte freigelegt hat. Jetzt bedecken herrliche Weinberge das Stadtgebiet, aus dem die Burg kahl emporragt. Rings wohlangebautes Land, auf das Meer zu erst ein breiter Streifen Hochwald, dahinter der sandige Strand, keine Spur von dem Hafen; er war wohl schon versandet, als die Römer Dikaiarcheia Puteoli zu dem Welthafen machten, der nun nach Neapel gerückt ist. Einmal hatte ich auch einen Auftrag des Institutes auszuführen, in Curti bei Capua das merkwürdige Heiligtum einer mütterlichen oskischen Göttin zu besichtigen und darüber im Bullettino zu berichten.
Der Verkehr mit Mommsen gipfelte in einer Fahrt nach Lucera und Venosa, an der ich neben dem Führer, dem Direktor der Bildergalerie des Museums, Salazar, teilnehmen durfte. In Lucera ließ sich die archaische Inschrift 4912 Dessau nicht finden, was schon Mommsens Zorn erregte. In Venosa waren die Steine, die er einst abgeschrieben hatte, teils verkommen, teils verwahrlost, so daß der Sindaco, der in weißer Weste zu ehrerbietiger Begrüßung erschien, die Kritik bekam »voi volete essere la città di Orazio, siete la città dei porchi«. Ein feierliches Frühstück im Rathause schlug der Meister aus, nahm nur eine Zitrone gegen den Durst an. Seine Begleiter fanden den Entschluß, mit den Venusinern den eigenen Magen zu strafen, etwas hart. Als wir am Abend vorher spät in einem elenden Albergo untergekommen waren, gab es außer trocknem Brot und gutem Wein nur ein Kuheuter in Essig, das sich beim besten Willen nicht kauen ließ. Das Schloß Friedrichs II. in Lucera zu sehen war schon eine Überraschung gewesen. Unvergeßlich war die Wagenfahrt über Canosa und das Schlachtfeld von Cannae. Rings[159]  umgaben uns Feuer, in denen das Stroh der abgeernteten Äcker aufging, damit die Asche sie düngte. So erklärte der kundige Begleiter und rühmte, daß die Zahl der Schafe, die unter den Bourbonen im Winter auf diesen Äckern, im Sommer in den Abruzzen gehalten wurden, schon um Tausende abgenommen hätten. Die Italia una sollte mit dem Ackerbau den Wohlstand zurückführen, den wohl schon der römische Senat durch die Vernichtung der Samnitenherrschaft zerstört hatte. Wertvoller als alles dies war für mich, daß sich nun ein vertrautes Verhältnis zu Mommsen ergab; es ward vielerlei über römisches und griechisches Staatswesen verhandelt; auch von seinem Plane, die Römische Geschichte fortzusetzen, sprach er eingehend. Mit der Hof- und Senatsgeschichte in der Weise des Tacitus müsse aufgeräumt werden. Er würde nur noch Dynastien unterscheiden, danach den Stoff abgrenzen. Hervortrat die schwere Ungerechtigkeit gegen Augustus, die er nie überwunden hat. Sie gehörte zu der Vergöttlichung Cäsars, auf der die künstlerische Wirkung der römischen Geschichte wesentlich beruht. Es ist spaßhaft, wie heutzutage Literaten, die von der Sache nichts verstehen und von dem Fortschritte der Forschung keine Ahnung haben, so tun als könnten sie erst mit ihrer Rhetorik dem Cäsar gerecht werden, und hängen doch von Mommsens Cäsar ab, an den längst kein wirklicher Historiker mehr glaubt. Aber das blöde Publikum bewundert das Brillantfeuer der Wortkunst, ganz wie im zweiten Jahrhundert n. Chr. Das rechnen wir dort für ein Symptom des Verfalles. Auch über die Poeten der Kaiserzeit gab er sein Urteil ab, zum Teil sehr befremdend. Eigentlich mochte er nur Horaz und natürlich Petron.

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Als Mommsen abreiste, zogen Bardt und ich nach Pompei, wo wir Mau trafen. Trotz der Hitze war die primitive Existenz im Sole mir geradezu eine Wonne. 41/2 Lire den Tag war so gut wie geschenkt; dabei durfte von dem niemals zugemessenen Weine auch ein Besuch aus Neapel, etwa der freundliche G. de Petra, später Direktor des Neapler Museums12, mittrinken. Gegessen ward in einem Hinterzimmer: das Gastzimmer gehörte den durchreisenden Inglesi; die mochten 10 Lire für ein Pranzo bezahlen, bekamen aber erst, nachdem für uns serviert war. Die Flöhe waren allerdings ungezählt, und was als Insektenpulver in Neapel feil war und polvere Prussiano hieß, machte ihnen keinen Eindruck. Unser Wirt Nicola wußte aber, wie man sie mit Erfolg jagt: man legt sich nur mit einem Strumpfe bekleidet auf[160]  das Bett: bald sammeln sie sich in dem Strumpfe und man bringe sie einzeln um13. In der langen Siesta der heißen Stunden war Zeit genug, denn ganz früh ging es in die Stadt, zur colazione zurück, erst gegen 5 Uhr wieder hinein. Wir waren im Besuche ganz unbehindert, denn durch Mommsen waren wir Fiorelli vorgestellt, zu dessen großzügiger Verwaltung es stimmte, uns bei Tag und bei Nacht in Pompei jede erdenkliche Freiheit zu gewähren, so daß uns die Wächter beinahe als Vorgesetzte betrachteten. Es stand damals ein Haus für wissenschaftliche Arbeit in der Stadt, auch mit einigen Büchern. Dort liebten wir bei Nacht zu sitzen oder durch die Gassen zu schlendern, wenn der Mondschein auf die Ruinen so belebend wirkte wie auf der Burg von Athen oder wie die Fackelbeleuchtung der Statuen im kapitolinischen Museum. Wenn eins gespenstisch genannt werden durfte, war es nur das Letzte. Fiorelli war ein imponierender Mann, zum Gebieter geboren, ohne viel Rücksicht. Es ist schon glaublich, daß er Briganten zu Wächtern geworben hatte: energische Kerle waren sie und gewohnt, einem Führer, wenn er danach war, unbedingt zu gehorchen. Aber auch als Gelehrter ist Fiorelli Bahnbrecher der wissenschaftlichen Studien in Pompei, durch eigene Beobachtung, durch die Veröffentlichung der alten Ausgrabungsberichte und nicht zuletzt durch die Erlaubnis, die er R. Schöne und Nissen zu ihren Studien gewährt hatte, die erst später in Nissens großem Werke ans Licht traten. Nun war Mau eben am Werke, durch die Unterscheidung der vier Stile auch die Malerei dem geschichtlichen Verständnis zu erschließen. Er hatte die wichtigsten Gedanken gefaßt, als wir zu ihm kamen, trug sie vor und ließ uns an dem Fortschritte seiner Erkenntnis teilnehmen. Auch suchen durften wir, ob sich nicht hier oder da unter späterer Übermalung eine frühere zweiten Stiles erkennen ließe. Glücklich war ich, als ich in der casa del labirinto so etwas bemerkt hatte. Mau war ein ganz anderer Mensch geworden, gesund, gesprächig, mit leuchtenden Augen. In Rom verschloß er sich wieder. Unverkennbar war, daß er sich Pompei für das Leben geweiht hatte, mit dem sein Name für immer verbunden ist.
Mit Bardt habe ich Ausflüge nach La Cava, Paestum, Sorrent, Capri gemacht. Paestum war noch schwer über Eboli zu erreichen, wo wir bei den[161]  Offizieren eines Kavallerieregimentes freundliche Hilfe fanden. Capri war im Sommer still, aber die durch den Besuch der Fremden verdorbene Bevölkerung hat mir die Insel verleidet. Eins haben wir gewagt, was wenigen gelungen sein mag, in der blauen Grotte gebadet, zum Ärger für den Alten, der den Besuchern die Lichteffekte an seinem Körper vormachte. Empfehlen kann ich den Versuch nicht; wir kamen arg zerschunden mit Mühe in das Boot zurück, und es gab mehr unliebsame Erlebnisse. Was man auf der Insel und von den Bootsleuten erfuhr, war nicht erfreulich. Man muß wohl so lange wie Norman Douglas unter dem Volke gelebt haben, um Eindrücke zu gewinnen, wie er sie anziehend (trotz dem Abstande, in dem sich der Engländer immer hält), in seinem Büchlein »In Sirens land« niedergelegt hat. Immerhin waren wir so weit, uns in Pompei mit den Nachbarn des Sole zu unterhalten, Klagen über die grausamen Zustände zu hören. Die fleißigen Bauern hatten kein Eigentum und konnten vertrieben werden, sobald der Pächter mit der Zahlung im Rückstand blieb oder der Verpächter einen Wagehals fand, der mehr bot. Das wagte wohl ein junger Bursche, um eine rüstige Braut heimzuführen. »Es geht auch zuerst gut, aber die Kinder kommen, die Frau wird krank, das Elend ist da«. So viel lernte man, daß Campanien nicht ein Paradies der Faulen, sondern terra di lavoro ist. Ich bin mit den lustigen Neapolitanern immer gut ausgekommen; wie überall muß man sich nur den Landessitten anbequemen. Wie es jetzt steht, weiß ich nicht. Das neue Pompei mit seinem einträglichen Aberglauben war zum Glück noch nicht entstanden.
Auf den Vesuv bin ich allein geritten, weil Bardt plötzlich unwohl ward. Um 3 Uhr nachts stieg ich zu Pferde; der Führer ritt nun das für Bardt bestimmte Pferd, so konnten wir rasch traben. Es ging herrlich durch die kühle Nacht, nachher gemächlich den Berg empor, von der Südseite, wo die Fremden nicht gehen. Unter dem Aschenkegel hörte jeder Weg auf, der Führer blieb mit den Pferden zurück. Ich watete durch die lockeren rapilli und die Asche empor; das Ziel leuchtete ja. Oben machte der Einblick in den feurigen Schlund keinen besonderen Eindruck; das hatte man sich so gedacht. Um so großartiger war es, als im Nordosten die ersten Strahlen aufzuckten und die dichten Wolken oben am Himmel beleuchteten. Morgenwind hob sich. Als der Sonnenball aufstieg begann ein Kampf. Die Wolken waren tagsüber aus dem Meer emporgestiegene Dünste: gegen sie stritt die Sonne. Sie wogten droben unter wechselnden Windströmungen. Eine Weile war unten alles von Nebelschwaden verdeckt, denn tiefer und tiefer sank das Gewölk, näher und näher trieb es die Sonne dem Meere zu; schließlich versank es.[162]  Strahlend lag die ganze Landschaft, als ich rasch den Kegel herab sprang. Bardt saß beim Frühstück, als wir herantrabten. Ein großartigeres Schauspiel der Natur habe ich nicht gesehen, kürzlich in Kyrene das gleiche Phänomen bei Sonnenaufgang, aber die Höhe, die Gebirge ringsum, in der Tiefe die See, nicht zuletzt die völlige Einsamkeit und Öde wirkten ganz anders zusammen. Helios offenbarte sich als Titan.


Bardt war von Mommsen ausersehen, die Inschriften von Sizilien und Sardinien zu bearbeiten, hatte halb zugesagt, verzichtete jedoch und zog heim, zunächst um zu heiraten. Auch ich ging zurück, erst in das nun einsame Rom, einiges in der Stille zu erledigen, dann in das ebenso einsame Florenz, wo es Bibliotheksarbeit gab, trotz der Hitze genußreiche Wochen. Für eine Lira konnte man in einem Sommertheater mancherlei mit der den Italienern eingeborenen mimischen Kunst dargestellt sehen, kleine zierliche Verskomödien von Giacosa, und was ich theoretisch bei Lachmann gelernt hatte, praktisch erproben, daß erst der richtige Vortrag italienischer Verse die echt lateinischen mit ihren vielen sog. Elisionen verständlich und genießbar macht. Wie sie in Deutschland gewöhnlich durch Unterdrückung einer Silbe gesprochen werden, ist unausstehlich. Aber auch den Hamlet gab es, einen seltsamen Hamlet, der die arme Ophelia mit wilden Schritten umkreiste und ihr wiederholt auf die Schulter klopfte und rief: »geh ins Kloster«, offenbar zornig, weil sie immer noch dastand. Am Schlusse, als die Bühne voll von Sterbenden lag, kam der Geist und hielt jedem seine Sünden vor, für die sie nicht nur sterben, sondern in der Hölle büßen würden. Hamlet der Sohn fragte: »Was ist meine Strafe?« Antwort: vivrai. Da fiel der Vorhang und stürmischer Beifall folgte. Um der poetischen Gerechtigkeit zu genügen hat man, wenn ich nicht irre, auch in Deutschland einen ähnlichen Schluß angeflickt. Übrigens gestehe ich, daß ich den letzten Akt, vom Totengräber abgesehen, auch nicht vertragen kann.
Dann holte ich Bologna (wo die Ausgrabungen noch nicht begonnen hatten, S. Petronio im Umbau und daher unzugänglich war), Modena, Parma, darauf umkehrend Ravenna, Rimini, Cesena nach. Die Erweiterung des künstlerischen Horizontes war beträchtlich. Von Correggio soll man nicht reden, wenn man Parma nicht kennt, und wenn man es kennt, wird man ihm seinen Ehrenplatz nicht mißgönnen. In Modena erschütterten die bunten Tonfiguren des Mazzoni klassizistische Vorurteile, denn es half nichts: auch diese Kunst mußte anerkannt werden. Heute mag man lächeln, daß es einen Kampf kostete; wer sich in die Zeit versetzt, wird begreifen, daß ich froh bin, ihn bestanden zu haben. Vollends Ravenna: auf dieser byzantinischen Insel[163]  betritt man eine andere Welt und ahnt Größe, auch wenn diese Formensprache beklemmend, nicht befreiend wirkt. Damals kannte ich die zugehörige Poesie noch nicht; wieder hat man beide nötig, um jedes von beiden voll zu würdigen; Predigten und christliche Hymnen gehören auch dazu, aber auch die Anecdota Prokops. Nach Cesena trieb mich die Bibliothek der Malatesta. Wieder einmal war der Bibliothekar in campagna; ich bekam aber für kurze Zeit Zutritt, sah mehrere Handschriften an (Platon, Demosthenes, aus dem ich die solonische Elegie abschrieb); nichts konnte reizen. Anders war es in Modena gewesen. Da griff ich zuerst nach dem alten Codex der Kirchenväter, in Wahrheit einer Abschrift des Pariser, was noch unbekannt war. Scholien zu Clemens schrieb ich ab, verlorne Mühe. Ein guter Fund war die Handschrift der Hymnensammlung, aus der ich Homer und Kallimachos zum Teil verglich; um es für den letzteren zu vollenden, bin ich im folgenden Frühjahr zurückgekehrt. Etwas Großes wähnte ich für die kleinen Schriften des Xenophon gefunden zu haben. In der alten Politie der Athener gab es eine Menge Varianten, die den Text glatter machten. Da Kirchhoff eine Ausgabe vorbereitete, teilte ich ihm Proben mit, erhielt aber umgehend die mitleidlose Kritik, daß ich mich durch Humanisteneinfälle hätte täuschen lassen. So war's; ich sah es sofort ein. Daß Jahrzehnte nachher ein Verteidiger dieser Überlieferung auftreten könnte, war mehr als ich erwartete, und da wird eine solche Ausgabe gar noch ernst genommen. Eine gute Folge war, daß ich zunächst für Kirchhoff in Rom die Xenophonhandschriften aufsuchte und verglich, auch sonst mich mit Xenophon abgab, wenn ich's auch nicht verwertet habe, außer daß ich in Berlin Zurborg bei seiner Ausgabe der Πόροι half. Zur Warnung gestehe ich wieder etwas Beschämendes: unter meinen Auszügen steht eine Beschreibung des Vaticanus 1950, es wird auch aufgeführt Ἐπικούρου προσφώνησις; also ich hatte in der Spruchsammlung, die Usener bald darauf herausgeben konnte, einen köstlichen Fund in der Hand und ließ ihn mir entgehen. Wer weiß, ob ich beim raschen Einsehen in sehr viele Handschriften nicht mehr der Art begangen habe. Praktisch ist bei der Bibliotheksarbeit des nächsten Winters nichts herausgekommen. Sehr viele Scholien zu Thukydides aus dem Vaticanus B (später auch in Florenz aus C), habe ich abgeschrieben; von Aristeides Text und Scholien geprüft u. dgl.; nichts damit angefangen. Am besten war es, wenn ich Aufträge ausführte, so für Müllenhoffs Germania antiqua, für die ich schon in Neapel die Germania des Tacitus verglichen hatte. Mir von diesem in seiner Schlichtheit imponierenden Manne Dank zu verdienen, war mir eine große Freude; ich habe[164]  ihn später auch persönlich so weit kennengelernt, daß der Eindruck lebendig geblieben ist. Für die griechische Philologie ist in jenen Jahren kaum etwas herausgekommen, das sich mit dem messen könnte, das im ersten Bande seiner deutschen Altertumskunde steht.
In Rom nahm das Leben denselben Gang wie im vorigen Winter, in der Ragazzeria war es für mich noch reicher. Robert kam als Stipendiat, wir zogen in einem Hause an piazza Montanara zusammen, Kaibel zog zu uns, als er aus Griechenland zurückkam, und dieses enge Zusammensein und Zusammenarbeiten14 ist uns allen eine der glücklichsten Zeiten geblieben. Robert nahm erst jetzt die entschiedene Wendung zur Archäologie, er durfte sich des Erfolges seiner Apollodorarbeiten freuen und belebte allgemein durch das Gefühl des eigenen Könnens und Strebens neben einem naiven Glücksgefühl, sich frei nach der eigenen Neigung bewegen zu dürfen. Kaibel brachte eine Fülle von neuem Wissen mit und war uns dadurch überlegen, daß er noch eine andere große Aufgabe übernommen hatte, die Sammlung der griechischen Inschriften von Italien und Sizilien. Dazu hatte ihn Mommsen geworben, ein Beweis von Vertrauen und Wohlwollen, das ihn heben mußte. Er hatte alle schüchterne Zurückhaltung verloren, fühlte sich im römischen Leben mehr zu Hause als wir, wozu beitrug, daß er auch über die Tagespolitik für deutsche Zeitungen schrieb, um des Geldes willen; im Grunde war er unpolitisch. Wie viele Abende haben wir bei dem billigen vino dei castelli lange zusammen gelesen, über die neuen Epigramme gesonnen, die Kaibel mitgebracht hatte, leidenschaftlich über alle möglichen Fragen der Wissenschaft und des Lebens disputiert. Es ergab sich eine Gemeinsamkeit in entscheidenden Überzeugungen, die wir in unsere Lehrtätigkeit und wissenschaftliche Haltung mitnahmen. Hinzu kam Friedrich Leo aus Bonn, mit Kaibel schon befreundet, was unsern nahen Verkehr begründete. Er war wohl schon als Kind im Elternhause, dann weiter in Göttingen und Bonn sehr verwöhnt worden und kam sich fertiger vor als er war. Seine Dissertation gehörte noch zu der Sorte, in der die Methode durch Zerstörung eines Kunstwerkes ihren Triumph feiert. Meinen Widerspruch hatte ich ihm schon schriftlich ausgesprochen, und er richtete sich eben gegen diese Methode überhaupt. Da waren also Gegensätze und es ging ohne scharfe Auseinandersetzungen nicht ab. Aber gerade dadurch begründete sich eine enge Freundschaft, denn es war ihm mit der Wissenschaft und[165]  dem Leben ernst und er hatte die Kraft auch den Ansatz zur Selbstgefälligkeit zu überwinden. Wir waren nun vier, die immer zusammenlebten, Mau war auch ein lieber Gefährte, zu Henzen und namentlich zu Helbig war die Beziehung nahe. Das Weihnachtsfest verlief nicht minder glänzend als das vorige; Leos Gedichte schossen den Vogel ab. Einer Erweiterung unseres Kreises bedurften wir kaum. Daher ist uns Wilhelm Meyer nicht nahe getreten, wenn wir auch im Gabbione zusammenkamen, in der Bibliothek auch, und auf manchen Spaziergängen. Er war unheimlich fleißig, ganz von handschriftlichen Forschungen eingenommen; aber es imponierte nicht nur, daß er sich ganz durch unbeugsame Energie emporgearbeitet hatte, sondern der Mann in seinem manchmal unbeholfenen, aber sicheren und lauteren Wesen hat mir wenigstens starke Achtung und eine vielleicht noch nicht ganz bewußte Zuneigung eingeflößt. Ich mußte ihm gut sein, auch wenn er abstieß. Auf einige Wochen erschien Usener, den wir aber nicht viel sahen. Ich erinnere mich einer Wanderung nach Tivoli in großer Gesellschaft, an der er teilnahm. Herrliches Frühlingswetter, frisches Grün und manche Blume auf der sonst öden Campagna, wechselnde Blicke auf die Sabinerberge, Schnee auf Monte Gennaro. Es war wohl an der Zeit, sich der Natur hinzugeben. Usener ging mit Wilhelm Meyer fürbaß und weiter vertieft in die Besprechung von mittelalterlichen Lexika und anderen Codices, während wir andern bald auf einen Hügel sprangen, bald ein verfallenes Grab besichtigten, an den Anioübergängen gern Halt gemacht hätten. Da empfand ich einen Gegensatz zu Usener. W. Meyer war ein Naturfreund, also auch nicht auf seine Rechnung gekommen, war auch ein gewaltiger Fußwanderer. Er stürmte weiter auf die Berge zu, als wir in Tivoli ankamen. Wir saßen längst beim Weine, die Sonne war längst untergegangen, da kam er erschöpft und erfrischt zugleich zurück und holte befriedigt das überschlagene Mittagsmahl mit dem Abendbrote nach.

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Es war einer meiner letzten Ausflüge. Die Krankheit meiner Mutter zwang zur Heimkehr. In meinem Plane hatte der Besuch von Sizilien gelegen, wohin ich nie gekommen bin. Daher habe ich zwar aus allen anderen Büchern des Thukydides größere Stücke in den Vorlesungen erklärt, aber gerade die schönsten Bücher vermieden, denn ohne eigene Kenntnis von Syrakus und seinen Umgebungen mochte ich es nicht tun. 1927 bin ich wenigstens in dem Hafen gewesen und in flüchtiger Fahrt auf den Euryelos gelangt; das hat mir bestätigt, daß der Verzicht berechtigt war. Denn mit der grammatisch-stilistischen Erklärung die Studenten abzuspeisen hat mir nie genügt, und ein Historiker muß selbst auch einer historischen Kritik unterworfen[166]  werden. So wie Peter den Tacitus behandelte, war es für Schüler vortrefflich, aber eine richtige Interpretation müßte zu einer Rechtfertigung des Tiberius führen.
Der Aufbruch von Rom fiel leichter, weil zunächst Klügmann und Leo mitkamen. Terni mit den Wasserfällen, Perugia, Orvieto sollten noch besucht werden. In Perugia kam man zwischen 3 und 4 Uhr nachts an, fuhr hinauf, lief den ganzen Tag herum und mußte vor Tagesanbruch aus den Betten, um über Orte nach Orvieto zu fahren. Dort war der Dom und Luca Signorelli noch ein ganz großer Eindruck; Michel Angelos Jüngstes Gericht hat für mich das archaische des Camposanto in Pisa und Signorelli nicht erreicht, geschweige verdrängt. Als ich mir Photographien kaufte, bemerkte ich das Fehlen des Brustbeutels mit meiner ganzen Barschaft für die Heimreise. Offenbar hatte ich ihn in der Ermüdung am Abend vorher abgestreift und im Dunkel des Morgens vergessen. Sofort fuhr ich zurück, kam spät abends in Perugia in das Hotel. Derselbe alte Diener machte mir in demselben abgelegenen fensterlosen Nebenzimmer das Bett. Alles schlief. Er mußte das Geld gefunden haben. Ich fragte, er leugnete, aber so, daß ich nicht zweifelte. Ich versprach 50 Lire, ich schilderte, was der Verlust des Reisegeldes mir bedeutete. Keine Antwort, aber er kam mit der Zurichtung des Bettes nicht vorwärts. Offenbar war ihm nicht wohl. Sollte ich ihn packen, Gewalt versuchen? Ich bot ganz ernste Beredsamkeit anderer Art auf. »Wie dem Menschen wohl zumute sein wird, wenn die Reue kommt, wenn er zur Beichte gehen soll, auch dort schweigt, und dem Jüngsten Gerichte entgegengeht, denn die Absolution kann er ohne Beichte nie erreichen. Wie anders, wenn er das Gefühl einer guten Tat hat.« Da wandte er sich um und sagte tonlos l'ho io, lo cercheró. Nun vertraute ich ihm, ließ ihn gehen, er brachte den Beutel, bekam seine 50 Lire, und ich konnte mit dem Nachtzuge abfahren, der uns zwei Tage vorher nach Perugia gebracht hatte. Als die Gefährten am Vormittage in Florenz eintrafen, empfing ich sie am Bahnhof und erzählte. Leo hat sich die Einzelheiten besser als ich eingeprägt, wiederholte sie gern und half meiner Erinnerung auf.
Rasch mußte ich weiter, mußte nur noch in Venedig, Modena, Mailand einiges erledigen. In Venedig wußte ich kein Albergo, ging törichterweise in ein österreichisches, bekam ein abscheuliches Loch und erkrankte an überaus heftigem Fieber. Tagelang habe ich ohne Wartung und Nahrung gelegen; der Arzt gab nur starke Chinindosen; schreiben konnte ich nicht. Aber es ging vorüber. Als ich zum ersten Male zu dem entfernten Postamt ging, um nach Hause zu telegraphieren, war ich so schwach, daß ich mich[167]  auf die Stufen jeder Brücke setzen mußte, um Kräfte zu sammeln. Die Arbeit in Venedig ließ ich fahren, zwang mich, das andere doch noch abzuschließen; erst als ich die Alpen hinter mir hatte, schwand das Gefühl der Krankheit. Ohne Aufenthalt ging es nach Hause, zum erstenmal mit der Eisenbahn von Bromberg nach Inowrazlaw, wo ich meinen Bruder und seine Frau in einem neuerworbenen Hause antraf. Sie waren glücklich in der jungen Ehe, da ihr Knabe die Cholera ohne Schädigung überstanden hatte. Aber in Markowitz war das Wiedersehen erschütternd. Es war keine Hoffnung, daß meine Mutter von ihrem Schmerzenslager aufstehen könnte. Aber ich kam nicht zu spät, und es war gut, daß ein neuer, unverbrauchter Pfleger hinzukam.
10 Zu wirklicher Arbeit konnte es nicht kommen; man bekam nur wenig in die Hand und ich war auch unvorbereitet. Ein Euripidesvers Hermes XI, 301.
11 Einmal stand Bardt hoch auf einer Leiter, wir mußten uns laut besprechen. Die Menge unten stritt sich darüber, wo wir her waren; Aussehen und Sprache wollten nicht übereinstimmen, also entschied ein weiser Mann: sono Inglesi, ma parlano Francese. Unser Italienisch trug uns mehrfach die Ehre ein, für Piemontesen gehalten zu werden. Der Stimmung der Zeit entsprach es, daß man als Prussiano überall mit achtungsvoller Freude begrüßt ward; Tedesco soll man auch heute nicht sagen: das bedeutet Österreicher. Vor allem die italienischen Offiziere fühlten sich geradezu als unsere Kameraden. Als deutsches Papiergeld das preußische ersetzte, wollten die Wechsler es zuerst nicht nehmen: non é prussiano.
12 Von einem anderen Neapler Archäologen, der später über Pompei gearbeitet hat, sei ein bezeichnendes Wort festgehalten: »der Archäologe braucht Latein und Deutsch e del Greco si passa«. Ich fürchte, das Letzte sagen oder denken doch auch deutsche junge Archäologen.
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 Einen wichtigeren Rat will ich nicht zurückhalten. Die Hitze führt für Nordländer sehr leicht zu Dysenterie, die oft genug gefährlich, durch nordische Behandlung tödlich wird. Ich war in Pompei schon so geschwächt, daß ich den Weg nach Torre Annunziata nicht zu Fuß machen konnte, befolgte aber das Hausmittel des Wirtes und aß dort, wo es erst erreichbar war, recht viel ganz hartgefrorenes Gelato. Das half sofort durch die Abkühlung des Magens und der Därme.
14 Unter anderem lasen wir den Ödipus auf Kolonos, und ich verbesserte Vers 1583, womit das Verständnis der Tragödie in einem Hauptpunkte erreicht war. Veröffentlicht habe ich es 1917.




 VII. Privatdozent
Berlin, Herbst 1874 bis Ostern 1876










[168] Der Sommer verging in Markowitz über der Pflege und dem Tode meiner Mutter und der Abfassung meiner Habilitationsschrift. Wie es mit einer Universitätslaufbahn geht, übersah zu Hause niemand; die Unsicherheit schreckte, und zu den Beängstigungen der Kranken gehörte die Furcht, ich würde hungern müssen. In Berlin war Mommsen trotz einem Rufe nach Leipzig geblieben; Haupts Tod hatte ihm die Stelle als Sekretar der Akademie freigemacht; für das nächste Jahr war er zum Rektor erwählt. Bei ihm konnte ich auf einen freundlichen Empfang rechnen, bei ihm lernen zu können, nicht seine römische Wissenschaft, sondern Wissenschaft überhaupt, war die große Hoffnung. Es verstand sich von selbst, daß ich ihm mein erstes Buch widmen müßte. Die Habilitation ging glatt; bei der lateinischen Antrittsvorlesung, die nach dem tatsächlichen Schluß der Vorlesungen stattfand, war außer dem Dekan nur Mommsen und der Studiosus Oldenberg zugegen, der damals noch vertrauter Schüler Mommsens war1. Zum Herbst fand ich eine schöne Wohnung in der Matthäikirchstraße bei den selben Vermietern wie Friedrich Matz, eben als a.o. Professor nach Berlin berufen. Der nächste Verkehr mit ihm war schon örtlich geboten, und da er Jahns Schüler und Stipendiat gewesen war, durfte auf harmonischen Verkehr zuversichtlich gerechnet werden. Ein Privatdozent führte sich damals durch eine öffentliche Vorlesung ein, das belastete nicht sehr, auch gesellschaftliche Pflichten waren zuerst nicht stark; aber häusliche Verhältnisse nahmen Zeit in Anspruch. Es ward mir schwer, mich einer Einladung nach Italien oder Südfrankreich zu erwehren; meine Tante Emma, gewohnt zu herrschen und bereit, sich sehr erkenntlich zu erweisen, konnte nicht einsehen, daß ich durch eine Stellung ohne Gehalt mich gebunden[169]  fühlte, so daß ich ihre Gunst verscherzte. Im Jahre 1875 ward mein Vater vom Schlage getroffen und hat noch zwölf Jahre siech, meist in Bädern gelebt.
Von den alten Freunden war Bardt nun verheiratet und in seinem Hause lebte die Erinnerung an Rom weiter. Wichtiger noch war, daß Leo als Probekandidat an das Joachimstal kam und wir zumal im nächsten Jahre viel und eingehend lasen, Platons Gesetze und die Schrift πεγὶ ὕψους, die schon in Rom behandelt war. Das Ergebnis war nicht gering2. Zu Weihnachten sandten wir ein neckisches Gedicht an die casa Tarpea, das wehmütig schloß:

Klingt denn ein Reim, keimt ein Gedanke
Verbannten uns am Strand der Panke?
Nur wer im Licht wohnt möge dichten3:
Uns deckt die Nacht: wir schweigen und verzichten.

Diesmal war dort noch eine blühende Ragazzerie, 1875 klagte Henzen bereits über Cliquenwesen und Zerfall.
Ich hatte wohl Grund zu trüber Stimmung, denn kaum hatte sich zwischen Matz und mir das Verhältnis freundschaftlich gestaltet, so erkrankte er, längst lungenleidend, und bald war galoppierende Schwindsucht nicht zu verkennen. Wie sich von selbst verstand, suchte ich ihm alles zu Liebe zu tun. Eine Tante kam auch öfter, aber nicht immer beruhigend. Er sehnte sich nach Licht und Leben, aber bald täuschte er sich nicht mehr und rüstete sich zum Scheiden. Ich las ihm manches vor, und einmal bat er in starkem Fieber, ich sollte recht viele Kerzen anzünden und dann Goethesche Lieder vorlesen, Braut von Korinth, Gott und Bajadere. Warum widerstehen? Warum[170]  nicht eine der wenigen Lebensstunden noch glücklich machen, selbst wenn es einige unglückliche Tage kostete. Aber da mußte die Tante dazwischen fahren: sie war sehr fromm, unser Gebaren war heidnisch; es ward gewünscht, daß ich in die Weihnachtsferien führe. Nach wenigen Tagen rief mich die Todesnachricht zurück und ich bekam mit der Sorge für die Leiche und die Bestattungsfeier, zu der ich meine Zimmer zur Verfügung stellte, viel zu tun. Ehe der Sarg geschlossen war, kam die Tante und brachte ein Neues Testament; das mußte in den Sarg kommen. So haben die ägyptischen Christen, sei es als Reiselektüre, sei es als Zauber wie die Ägypter das Totenbuch, heilige Schriften mitgenommen; wir verdanken dem die Reste des Petrusevangeliums. Der berühmte Prediger, der in meinem Schlafzimmer Toilette machte, erkundigte sich bei mir, ob und durch wen die »sinnige« Handlung vollzogen wäre, und quittierte in seiner Rede dafür durch ein Lob der »unbekannten« frommen Hand. Als ich nach einigen Tagen mit den Eltern von Matz in jenes Haus zu Tisch geladen war, saß ein halbwachsener Junge am Katzentisch, wir wären ja sonst dreizehn gewesen4. Solche Erfahrungen, wie die ganz Frommen vor und hinter den Kulissen agieren, hatte ich noch nicht gemacht. Den Eltern, die einen so hoffnungsvollen Sohn verloren hatten, jedes Geschäft, jede unbequeme Verhandlung abzunehmen, war ich gern bereit. Es zog sich durch Monate hin.

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Ich siedelte in die bequemere Wohnung von Matz hinüber und freundete mich mit den Wirtsleuten an. Die Frau war von guter Herkunft, der Mann Geldbriefträger, alter Unteroffizier. Sie hatten nur ein Töchterchen, das am Typhus schwer erkrankte; ich habe manches Mal an ihrem Bettchen gesessen. Der Mann kam zu mir in Verzweiflung, er habe einen Geldbrief verloren, müsse die ziemlich hohe Summe ersetzen. Ich gab ihm das Geld, obgleich es mir schwer war, und traute ihm. Die Wohnung haben nach mir Robert und Kaibel bezogen; da wiederholte sich das Fehlen eines Geldbriefes, die Unterschlagung kam heraus, der Mann ins Gefängnis. Robert, der sich ein Haus baute, nahm Frau und Tochter aus Mitleid in die Portierwohnung. Aber nach einiger Zeit mußte er sie hinauswerfen, denn die Tochter war Hure geworden. Eine traurige Erfahrung.
In den Osterferien machte ich eine Offiziersübung, nicht zur Freude; ich hatte viel verlernt, die bekannten Offiziere waren zu gutem Teile fort oder[171]  so hoch avanciert, daß ich auf die ganz jungen angewiesen war, unter die ich nicht paßte und deren Lebensführung mich abstieß. Es ward gespielt, was früher die Regimentskommandeure unterdrückt hatten. Als ich wenige Jahre darauf zur Landwehrübung kam, waren manche Spieler verschwunden. Wie 1870 mußte ich daneben Korrekturen lesen, diesmal von meiner Habilitationsschrift, dem ersten Buche.
Zu gleicher Zeit kam Lüders mit seiner jungen Frau, einer ebenso anmutigen wie tapferen Griechin, die ganz deutsch geworden ist, die Töchter natürlich nicht. Lüders war bei der Gründung des athenischen Institutes der erste Sekretär geworden, aber er über warf sich sofort mit der Zentraldirektion und sah auch selbst ein, daß er der Aufgabe nicht gewachsen war. Er entschied sich für die Konsulatskarriere, was eine Vorbereitungszeit erforderte, die ihm peinlich genug war. Die Frau hielt mit heiterer Selbstverleugnung aus, obwohl der Gegensatz zu dem reichen Leben, aus dem sie kam, stark war. Es dauerte nicht lange, bis Lüders von einem unbefriedigenden Konsulatsposten als Erzieher des Kronprinzen Konstantinos nach Griechenland berufen ward.
Die archäologische Gesellschaft war immer erfreulich durch das Zusammentreffen mit Menschen, die man sonst nicht sah. Der Erbprinz von Meiningen, damals bei den Gardefüsilieren, fehlte selten. Mir war Victor Hehn besonders merkwürdig, denn sein berühmtes Buch »Kulturpflanzen und Haustiere« hatte mich entzückt; sein »Italien«, das jeder lesen soll, der das Land besuchen will, war noch nicht erschienen. Er kam nach dem gemeinsamen Essen noch in den Schwarzen Bären mit. Nur zögernd zog ich die Zigarrentasche heraus, als ich gerade neben ihm saß, denn er hatte das Rauchen in seinem Buche als barbarisch hart verurteilt. Da lachte er vergnügt, steckte sich eine schwere Havanna an und sagte: »Warum nicht? Wir sind doch Barbaren?« Selbst warf er nicht oft eine Bemerkung in die Unterhaltung, aber sein Mienenspiel zu beobachten reichte hin, eine scharfe Kritik herauszuerkennen.
Die Ausgrabung von Olympia kam allmählich in Gang, das hielt die Gemüter in Spannung. Im Museum war eine neue Hand, die einen kräftigen Besen führte, dringend nötig. Bötticher hatte die Gipse neu angestrichen, so wie die Griechen alljährlich die Inschriftsteine neu kalken, die in den Kirchen und Häusern eingemauert sind. Der hellenistische wundervolle Dornauszieher war angeboten und ausgestellt; Menzel bewunderte und zeichnete ihn, aber die Museumsverwaltung wollte von einem so realistischen Bengel nichts wissen: nur der Spinario des kapitolinischen Museums genügte den klassizistischen Anforderungen. Ich will keine weiteren Skandale ans Licht ziehen, die der Numismatiker A. von Sallet geflissentlich kolportierte.[172]  Auch die ersten Platten vom Zeusaltar in Pergamon, die Humann schickte, erregten Kopfschütteln. Es ist nicht sicher, daß die Ausgrabung beschlossen wäre, wenn nicht Conze aus Wien Rettung gebracht hätte. Der große Aufschwung der Museen ist aber erst das Werk von Richard Schöne, dem Generaldirektor, der über allen stand, weil er sich persönlich zurückhielt und jedem Fähigen freie Bahn schuf. Seine alles überragenden Verdienste sind eben darum niemals genügend anerkannt worden. Ich kam noch in sein Haus, als er zunächst Referent im Kultusministerium geworden war. Conze kam erst, als ich Berlin verließ.
Die gesellschaftlichen Verpflichtungen mehrten sich. Es bestand ein akademischer »Kyklos«, der im Sommer Ausflüge unternahm, und zu den Familien wurden auch Privatdozenten herangezogen, wie denn überhaupt der verkannte und in den Schatten gedrängte Privatdozent in das Reich der akademischen Mythologie gehört. Wer so empfand, hatte es sich selbst bereitet. Heinrich Kiepert war ein besonders eifriges Mitglied, und ich gewann die Gunst des etwas seltsamen, sehr berlinischen Herrn5, ohne dessen Karten das lateinische Corpus und überhaupt die historische Geographie gar nicht hätte leben können. Curtius und Mommsen fehlten selten, Kirchhoff kam natürlich nicht, aber ich verkehrte bei ihm und widmete ihm noch eine lebhafte Verehrung. Er lebte mit seiner viel älteren Frau und einer Schwägerin zusammen; wie die Ehe zustande gekommen war, ist wohl bekannt, ich halte mich nicht für berechtigt, es zu wiederholen. Die Damen waren sehr musikalisch und veranstalteten Musikabende. Er war unempfänglich und schritt während der Vorträge in seinem Studierzimmer schweigend auf und ab. Ich wunderte mich über seine wenigen Bücher und erfuhr, daß er alles verkaufte, was er nicht mehr brauchte. Den Plotin hatte er ganz abgetan; ihn interessierte nur, was er gerade trieb. Pflichtmäßig erklärte er den Pindar, aber sprach offen aus, daß er sich nichts aus ihm machte.


Vahlen kam von Wien, fand sich aber nicht schnell in die andere Art und Vorbildung der Studenten. Seine starke Wirkung fällt erst in die letzten 70 er und die 80 er Jahre, ebenso seine schönsten Programme. Er gab im Verkehr überhaupt wenig aus; immerhin begründete sich ein freundliches Verhältnis, das ich auch als Kollege trotz allem aufrecht zu halten vermocht habe, allerdings ohne den Verkehr mit seiner dritten Frau aufzunehmen.
Das Haus Curtius war so anziehend wie immer, aber ich hatte nun zu viel gesehen und gelernt, um in ihm den Historiker und den Archäologen[173]  hoch zu werten, und der berühmte Mann ersetzte mir das nicht. Ich hatte auch angefangen mich selbst mit attischer Topographie und Stadtgeschichte abzugeben. Er aber vertrug keine Abweichung von seinen Lieblingsmeinungen. Zu Emil Hübner führte schon der Hermes; er schickte mir einzelne Beiträge zur Beurteilung oder vielmehr Abweisung. In seinem Hause zog die liebenswürdige Frau und die blühenden Kinder an, und vor allem bekam ich den hochverehrten J.G. Droysen, ihren Großvater, zu sehen und von seinem sprühenden Geiste einiges zu erhaschen. Er war ja auf andere Gebiete übergegangen, aber hatte wohl schon die neue Auflage seines Alexander und der Diadochen im Auge. Selbst als ich von Kallimachos sprach, sagte er: »ich bin jetzt anderweitig verheiratet, aber ich treibe immer noch einige Buhlschaft mit meiner Jugendliebe.«
Durch Mommsen kam ich in die Häuser von Bonitz und Hercher, dessen Witz sich gern an allen Fachgenossen rieb. Müllenhoff war mir freundlich, Nitsch ebenso, auch Zeller lernte ich kennen: wahrlich, es war eine stolze Reihe von Männern, bei denen ein Anfänger genug zu lernen fand; ich gedachte das noch länger fortzusetzen, durch die Vorlesungen mich in immer mehr Gebiete einzuarbeiten; ein Buch zu schreiben lag mir ganz fern.
Über alles ging, wie natürlich, daß ich mit Mommsen in nahem Verkehre blieb, nun auch in sein Haus eingeführt. Gleich bei der Übernahme des Rektorates, 1874, hielt er eine bedeutende Rede, deren Urteile mir aus dem Herzen kamen. Seltsamerweise hat er sie nicht weiter verbreitet, wohl gar zurückgezogen; aus Vahlens Exemplar ist sie in seinen Reden und Aufsätzen gedruckt. Es wird wohl Anstoß erregt haben, daß er erklärte, auf den Visitenkarten der Studenten den studiosus historiae ungern zu sehen, und was er weiter an philologischen und juristischen Forderungen erhob. Zu viele alte Historiker juckte es, und dann suchen die Betroffenen nicht sich selber zu kratzen. Die Rede ist immer noch zeitgemäß und wird es bleiben. Er erwies mir die Auszeichnung, mich zu einem kleinen vornehmen Rektoratsdiner im Hotel de Rome zuzuziehen, das ein jähes Ende nahm: er fiel in Ohnmacht. Als er zu sich gekommen war, erhielt ich den Auftrag, ihn nach Hause zu bringen, wo der Unfall womöglich nicht bekannt werden sollte. Auf der langen Fahrt nach Charlottenburg sprach er unaufhörlich mehr zu sich selbst als zu mir, sprach, was er niemals wissentlich einem fremden Ohre anvertraut haben würde, Stimmungen, Hoffnungen, Ansprüche, Reue. Hüllen der Seele fielen. Nie und zu niemandem ist auch nur eine Andeutung von dem über meine Lippen gekommen, was ich wider seinen Willen, sein Bewußtsein gehört hatte, nie werde ich ein Wort verraten. Aber ich gelobte[174]  ihm die Treue für Leben und Tod, die ich gehalten habe. Der Unfall hatte keine Folgen. Seine Rede bei der Enthüllung der Tafeln mit den Namen der gefallenen Studenten war ein ganzer wohlverdienter Erfolg, wenn auch seine Stimme die Aula nicht füllte.
Bei seinen Arbeiten konnte ich ihm nicht helfen, nur gab er mir ein Stück lateinischer Prosa, das Niese von einem Pariser Palimpsestblatte abgeschrieben hatte. Es kostete Mühe, eine quintilianische Deklamation zu finden6. Aber eine schwere ehrenvolle Aufgabe legte er auf meine Schultern, die Sammlung von Haupts Opuscula. Das war an sich erziehlich, denn die Gelehrten sind zu leicht geneigt, nur zu treiben, wozu sie Lust haben, womöglich auch in den Vorlesungen. Darum sollte jeder zu Anfang eine Aufgabe zugewiesen erhalten, die er machen soll, weil sie gemacht werden muß. Fertig werden muß sie auch: das Meisterstück in unserm Handwerk. Ich hatte es damit nicht leicht. Es gehörten ungedruckte Reden dazu, über deren Auswahl zu entscheiden war, die Kollegienhefte mußten durchgesehen werden, Adversaria waren vorhanden, die Ränder der Handexemplare enthielten Notizen und Konjekturen. Die Bibliothek war verkauft; ich fand bei dem Antiquar noch manche Autoren mit ähnlichen Eintragungen und kaufte für schweres Geld, was sich als nutzlos erwies. Arbeit war es genug; öffentliche Anerkennung habe ich wenig gefunden. Aber diesem Auftrage verdanke ich, daß ich die lateinische Literatur in einem Umfange gelesen habe, wie es sonst schwerlich geschehen wäre, denn ich wollte verstehen, was ich herausgab. Nicht gering schlage ich auch an, daß ich Salomon Hirzel kennenlernte, sogar zu ihm nach Leipzig fuhr, der sich nicht nur als ein vorbildlicher Verleger, sondern auch als Freund um Haupt bemühte, sogar an der Korrektur teilnahm. In dem Nachlaß befand sich eine saubere Niederschrift der historia Apollonii Tyrii; ich dachte, es wäre die Ausgabe zu der Abhandlung, die ich zuerst herausgab, aber es war nur eine Abschrift des Welserschen Druckes, dem Haupt besonders vertraute. Es ist mir nicht sicher, daß Rieses Textbehandlung das Richtige trifft. Außerdem fand sich eine Ausgabe der Bucolica des Calpurnius und Nemesianus vor, die mir die Vollendung zu verdienen schien, aber die Handschriften waren nicht genügend, zum Teil gar nicht verglichen. Ich war so leichtsinnig, die Ausgabe zu versprechen, bin darum 1876 nach Italien gereist, hatte das wichtigste Material, da erschien die Ausgabe von E. Bährens und brachte die volle Überlieferung. Das verbot die Herausgabe, so anfechtbar die Kritik von Bährens war. Es ist später durch Schenkel und eine reiche Rezension von Leo das Nötige für die Gedichte[175]  geschehen, von denen ich Calpurnius einmal im Seminar vorgenommen habe. Das ist fruchtbar, da es in den neronischen Kunstbetrieb einen guten Einblick gewähren kann.
Als Dozent glückte es mir, zu den Studenten in das rechte Verhältnis zu kommen. Zwar in der ersten Privatvorlesung hatte ich nur drei Zuhörer, auch wohl zwei7, aber zweistündige Publika wurden sonst kaum gehalten, da war die Vorlesung voll, so daß wir mehrmals in ein größeres Auditorium ziehen mußten, und im Winter 1875 hörten so viele, daß Vahlen etwas gekniffen dazu gratulierte. Die Hauptsache aber war, daß ich in meiner Wohnung Übungen hielt, denn so etwas gab es gar nicht und wir hatten Freude aneinander. Die Philologen waren gerade zahlreich und unternehmend genug, einen Philologenball zu veranstalten, zu dem die Dozenten nebst ihren Damen geladen wurden und gern erschienen. Da mußte ich in das vorbereitende Komitee eintreten. Für den Ballsaal war meine Befähigung mehr als gering, aber es sollte für Mommsen eine lateinische, für Kirchhoff eine griechische Inschrifttafel aufgestellt werden. Dabei konnte ich helfen, für Kirchhoff an einem Psephisma, für die andere Tafel verfertigte ich Saturnier.


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Triumpe Venerus gnate verginum custos
duonoru pilologorum maxume praisol usw.

So war alles im besten Gange, ich verlangte nicht nach einer Veränderung. Da bot mir Geheimrat Göppert, der Referent, ein Extraordinariat in Breslau an. Das habe ich ausgeschlagen; Mommsen wird wohl dafür gesorgt haben, daß die vorgesetzte Behörde nicht verstimmt ward; den Breslauer Kollegen kann ich es nicht verdenken, obgleich ich nichts gegen Breslau hatte, sondern nur noch lernen wollte. 1875 erreichte mich in Markowitz an meinem Geburtstage die entscheidende Nachricht, daß ich als Ordinarius nach Greifswald berufen würde. Da gab es kein Besinnen. Am 15. Januar 1876 hat Kaiser Wilhelm mein Patent unterschrieben.
1 Er hat noch über die Arvalen promoviert, aber im Doktorexamen schon Sanskrit als Nebenfach genommen. Bei der öffentlichen Disputation griff Mommsen eine seiner Thesen an, widerlegte sie, und Oldenberg gab seinen Irrtum zu. Sofort erklärte Mommsen sein Bedauern, daß er nun nicht promoviert werden könnte, weil auf dem Diplom stehen mußte postquam sententias controversas strenue defendit. Als sich das Gelächter gelegt hatte, fuhr er ernsthaft fort und sprach die Wahrheit aus, daß Oldenburg sich als Doktor gerade erst recht bewährt hätte, weil er einen Irrtum rasch erkannt und ohne Umschweife zugestanden hatte.
2 Hermes X. Kaibel hat mich immer wieder aufgefordert, die Schrift zu erklären, auch noch, als er den von unverantwortlichem Mangel an Stilgefühl zeugenden Einfall abwies, der sie dem Longin beilegen wollte. Immer wieder prophezeite er, du tust es doch noch. In der Tat würde ich es gern tun, denn die Schrift ist geeignet in die Frühzeit des Klassizismus einzuführen, wo die hellenistische Sprache noch einwirkt, der Anschluß an Platon überwiegt und freie Bewegung nicht erstarrt ist. Der Verfasser ist nicht gelehrt, scharf zu denken ist nicht seine Sache. Sehr verkehrt, wenn seine starken Anleihen bei dem Gegner Caecilius geleugnet werden. Aber der Geschmack ist sein Eigentum, er ist kein Pedant, kommt gar nicht von der Rhetorik her oder doch nur von einer, die unter der Philosophie steht, vermutlich rhodische Schule, Nachfolge des Poseidonios. Schön schreiben will er, daher er in seiner Behandlung oft eine Probe von dem ὑψηλόν gibt, das er gerade behandelt. Vahlen hat Jahns Ausgabe öfter erneuert, manches Falsche ausgeschieden, aber selbst auch nicht eine Verderbnis gehoben. Ein Textabdruck ist nicht nötig, wohl aber eine Erklärung, die tiefer gehen muß als die von Roberts, der das sprach- und stilhistorische Problem gar nicht erfaßt hat.
3 Diese Verse weiß ich noch; das Gedicht besitze ich nicht. In Rom versuchten sich die ragazzi daran, unsere Anteile zu unterscheiden, haben aber zu unserer Belustigung fast immer fehlgegriffen.
4 Als junges Ehepaar haben wir in Greifswald immer so viel Gäste geladen, daß wir 13 wurden, zunächst weil wir nur so viele Bestecke besaßen, aber uns machte es auch Spaß, dem Aberglauben entgegenzutreten, den ich durch die Erklärung beruhigte, ich wüßte bestimmt, daß der Wirt zuerst sterben müßte.
5 Als junger Mann war er Welcker auf seiner griechischen Reise begegnet, nach dessen Schilderung eben so berlinisch.
6 Hermes XI, 118.
7 Eine fatale Erfahrung war, daß einmal ein Strolch von der Straße sich in das Auditorium gesetzt hatte, um in warmer Stube seine Stullen zu verzehren. Ich habe ihn gewähren lassen. Es kamen manche Unbefugte in die Universität, wie das in Berlin unvermeidlich ist. Frauen war der Zutritt ganz verboten, und doch haben sich sehr bedenkliche in eine, ich glaube öffentliche Vorlesung von du Bois Reymond gedrängt, deren physiologisches Thema sie reizen konnte. Die Sprache der Anschläge war nur lateinisch. Auch Scholem nomine Brühl versicherte in gewählter Sprache, daß er für vestimenta vetusta die höchsten Preise zahlte. Ich würde mich dessen schwerlich erinnern, wenn der Anschlag nicht in einem lustigen Couplet des Wallnertheaters in Musik gesetzt erschienen wäre.




 VIII. Greifswald
Ostern 1876 bis August 1883
Und in Greifswald, da wehnt der Wind so kalt.










[176] Das alte Studentenlied hat recht. Auch mir ist es wie vielen Zuzüglern gegangen, daß ich mich erst durch eine chronische Halzentzündung an den Wind gewöhnen konnte. Die reizlose Gegend lockte nicht zum Spazierengehen; der Wald von Eldena war weit, der Bodden, wirklich kein Meer, erst durch kurze Dampfschiffahrt zu erreichen, so daß das Baden Stunden kostete. Rügen ließ sich nicht in einem Tage besuchen. Die Osterferien über blieb man ohne Frühling wohl oder übel zu Hause, aber mit dem Schlusse des Sommersemesters mußte man fort. Gleich im ersten Jahre ging es für den Calpurnius nach Italien, 1877 zu meiner ersten (bis 1921 einzigen) Philologenversammlung nach Wiesbaden, um einen Vortrag zu halten und Usener zu huldigen. Ostern 1878 schickte mich der Arzt nach Rom; ich verlobte mich mit Mommsens ältester Tochter, heiratete im Herbst, und ein neues besseres Leben begann, das aber für die letzten anderthalb Jahre durch eine sehr schwere Erkrankung meiner Frau getrübt ward, die ein besonders rauher April niederwarf; erst die Übersiedelung nach Göttingen hat ihr allmählich die Gesundheit wiedergegeben, und schwerlich wäre es so gut abgegangen, wenn wir nicht immer eine Zuflucht bei meinem Bruder in Markowitz und Kobelnik gefunden hätten, um so heimischer, da unsere Frauen sich befreundeten. Gerade 1882 war der Herbst besonders schön und wir wohnten ganz weltabgeschieden mit den Kindern allein in Kobelnik. Wie ich in der Heimat die erste Broschüre und das erste Buch geschrieben hatte, arbeitete ich jetzt zum ersten Male die Metrik sämtlicher Chorlieder des griechischen Dramas nur von den Texten heraus, was sich noch mehrfach wiederholen sollte, bis ich mich getraute, meine griechische Verskunst zu schreiben, die vorläufig nicht gelesen wird. Wenn ich ein System aus allgemeinen Prinzipien aufgebaut hätte, würde es anders sein; der Weg über Textkritik und Interpretation ist unbequem. Aber ich erkenne an, daß ich alles noch einmal hätte umschreiben sollen. In der verzweifelten Stimmung gleich nach dem Untergange meines Vaterlandes glaubte ich auch meinen[177]  Tod nahe und wollte doch die Ergebnisse von vierzig Jahren noch irgendwie zusammenfassen.
Wenn ich so in Greifswald nicht heimisch geworden bin, ist es begreiflich, daß die Berliner Beziehungen namentlich zuerst stark nachwirkten. Kaibel kam von Berlin, später, als er über Breslau (von dem Platze, den ich ausgeschlagen hatte) nach Rostock gegangen war, von dort und ist immer unser liebster Gast gewesen. Seine Kritik förderte meine erste Ausgabe des Kallimachos. Griechische Postkarten in Prosa und Versen flogen hin und her. Ich habe noch die Übersetzung der Vorrede von Lessings Laokoon mit seinen Korrekturen. Ich hatte dem Seminar diese Aufgabe gestellt, natürlich nur denen, die es wagen wollten; so etwas konnte man damals noch versuchen. Auch ein Stück aus Schillers naiver und sentimentaler Dichtkunst nahm ich vor, das meine Hochachtung vor seiner Prosa stark herabstimmte. Aber Cicero (Tusculanen V und namentlich die Vorrede de optimo genere oratorum) zu übersetzen, ist mir immer so leicht und so erfreulich gewesen, wie es Cobet von sich bekannt hat. Auch die Studenten waren gern dabei und haben gewiß für beide Sprachen daran gelernt. Die philosophischen und rhetorischen griechischen Termini muß man ihnen angeben, dann würdigen sie auch den Römer, der es erreicht, sie in der eigenen Sprache wiederzugeben, ohne diese zu vergewaltigen.
Robert, der sich nun in Berlin habilitierte, kam auch mit seiner vortrefflichen Frau, sogar mit dem ältesten Kinde, und diese Freundschaft zu vieren ward eifrig gepflegt. Es war sein Unglück, daß seine Frau erkrankte und nach langen Leiden viel zu früh für den Gatten und die Kinder starb. Er hatte durch sein feuriges Lehrtalent sofort einen vollen Erfolg, und Mommsen verschaffte ihm ein persönliches Ordinariat, als er einen Ruf nach auswärts erhielt. So segensreich seine Lehrtätigkeit sich auch weiter in Berlin gestaltete, war es für ihn schwerlich ein Segen. Es ward niemals in mancher Hinsicht eine volle Stellung und genügte auch sonst seinen Ansprüchen nicht. So ist er nach Halle gegangen, als Kekule neben der Direktorstelle am Museum auch eine Professur erhalten sollte, und damit war eine Fortsetzung der Lehrtätigkeit in dem gleichen Stile für beide unmöglich. Robert ist daher immer mehr zu einer umfassenden literarischen Produktion übergegangen, zum Teil rein philologischen Problemen zugewandt. Am glücklichsten hat ihn wohl die Inszenierung Menanders und der sophokleischen Ichneuten gemacht, in ihrer Art glänzende Versuche. Menander würde freilich gegen das Umsetzen in das Burleske protestiert haben.[178]
Auch Leo kam, von einer neuen Reise in den Süden heimgekehrt, bevor er sich in Bonn habilitierte; mit den Tragödien des Seneca tat er einen großen Wurf, und ich las die Druckbogen. Mommsen trug ihm den Venantius Fortunatus auf: so lohnte er, wenn er einem Anfänger etwas zutraute.
Diels war wenigstens in Berlin nähergerückt, wo ihn Zeller, noch als er Gymnasiallehrer war, in die Akademie brachte. Mit den Doxographen trat Diels völlig ausgereift in die Reihe der vornehmsten Philologen, wie sich gebührte, uns anderen voran. Mommsen ist er niemals näher getreten. Zeller, den ich so glücklich gewesen war, einige Male in angeregter Gesellschaft seinen treffenden, manchmal gar nicht schonenden Witz und seine ungewollte Überlegenheit zeigen zu sehen, hatte in Diels sofort nicht nur den Gelehrten, sondern eine ihm in vielem verwandte Natur erkannt und es sich verdient, daß Diels ihm über den Tod die wärmste Verehrung bewiesen hat.
Mommsens sechzigster Geburtstag (30. Nov. 1877) sollte eine große Feier werden. Kießling und ich fuhren hinüber, denn er war philosophischer Ehrendoktor von Greifswald1. Der Abend in seinem Hause ist wohl das ungetrübteste Fest seines Lebens gewesen, denn die herzlichste Verehrung leuchtete in allen Augen. Treitschke hielt mit seinem Feuer und der mächtigen Stimme, die durch drei Stockwerke tönte, die Rede nicht nur auf den Forscher, sondern noch mehr auf den Patrioten, vom Dänenkriege 1848 (in dem Mommsen Kriegskorrespondent gewesen war) und der Absetzung durch die sächische Reaktion her. Andern Tages sprach im kleinen Kreise Scherer, der eben nach Berlin gekommen war, in seiner feinen Weise. Ich versuchte an Niebuhr, Nachfolge und innere Gegnerschaft, zu erinnern und brauchte den Ausdruck Jubelgreis in einem Sinne, der dem jugendkräftigen Manne nicht zuwider war. Die Commentationes Mommsenianae enthielten auch Beiträge von Ausländern, und für die unvertretenen Länder war es kein Ruhm. Zum Teil mag es an den Redaktoren gelegen haben, Studemund und Hübner, bei denen ich mit Mühe durchgesetzt hatte, daß Kaibel und Robert aufgefordert waren, die doch Mommsen näherstanden als viele, die nur wegen ihrer Stellung Aufnahme fanden. Im ganzen beweist auch dieser Band, daß solche Gelegenheitsschriften vom Übel sind. Ich habe nur noch einmal einen Beitrag geliefert, als es H. Weil galt, der zum Franzosen geworden war, weil ihm in Deutschland der verdiente Lehrstuhl unerreichbar war. Später habe ich gegen den Unfug der Fest schriften immer ebenso energisch wie vergeblich protestiert. Bernays nannte den unförmlichen Band[179]  der Commentationes Mommsenianae einen Kyklopen, dem selbst sein eines Auge, der Index, fehlte. Hübner, der das Buch überreichte, war der Redaktion nicht gewachsen; er war es auch beim Hermes nicht, so daß Mommsen, da Diels ablehnte, Kaibel und Robert an seine Stelle setzte. Damit war Hübner von dem fallen gelassen, der ihn hochgebracht hatte, und war zugestanden, daß es ein Mißgriff gewesen war. Es läßt sich schwer vermeiden, ist aber immer nicht nur der Sache, sondern auch dem Betreffenden selbst schließlich zum Schaden, wenn ein brauchbarer Assistent in eine Stellung gehoben wird, die er nicht ausfüllen kann. In den großen medizinischen und naturwissenschaftlichen Instituten dürfte es besser geordnet sein.
Keine zwei Jahre darauf erfolgte der unselige Brand in Mommsens Hause, der mit seiner Bibliothek einige entliehene Handschriften verzehrte. Schon dies war eine schwere Erschütterung für ihn. Seine politische Schwenkung zu den Freisinnigen, die er 1867 abgeschüttelt hatte, kam hinzu; der Bismarckprozeß hat ihn stark angegriffen. Ein künftiger Biograph wird hier eine neue Periode beginnen müssen. Er konnte nicht verkennen, daß viele Freunde, darunter Treitschke, sich abwandten, und auch von denen, die treu blieben, seine politische Haltung mißbilligt ward, wofür das geflissentliche Lob einer gewissen Presse schlecht entschädigte2. Er hat sich in seiner politischen Haltung, zumal nach außen hin, immer mehr versteift, aber dem alten Kaiser hat er in der Akademie einen Nachruf gehalten, der nicht vergessen werden darf. Vom Lehramt trat er bald zurück und berief Otto Hirschfeld, das deutliche Zeichen der seelischen Depression. Die Fortsetzung der Römischen Geschichte war schon früher aufgegeben; ich habe es oft mit ihm besprochen und ihn in dem Entschlusse bestärkt3. Dafür war das Staatsrecht in den Hauptteilen schon da und an den Römischen Forschungen hatte er große[180]  Freude gehabt. Eine Auswahl seiner juristischen Schriften war in Aussicht genommen; ich habe einen Probedruck, wenn nicht einen Bogen in Händen gehabt4. Das zerstörte der Brand. Den Jordanes zu vollenden mußte ihm eine Pein sein, das Monumentum Ancyranum ein Trost. Arbeit machten die Inschriften und die Sorge für die auctores antiquissimi auch genug, für die er später den Cassiodor in fabelhafter Schnelligkeit und die Riesenarbeit der Chronica minora fertigstellte. Aber um diese schwere Editionsarbeit zu leisten, mußte er etwas suchen, das ihm Freude machte und das Gefühl der ungebrochenen Schaffenskraft zurückgab. Plötzlich schickte er mir nach Göttingen den Entwurf zu den drei ersten Kapiteln des fünften Bandes der Geschichte, ich sollte sagen, ob sie den Druck verdienten und die Fortsetzung sich lohnte. Der Zustand war noch skizzenhaft; es scheint mir auch heute, daß sich aus den Monumenten über die Zustände und die Kultur der Provence und Galliens mehr hätte sagen lassen; was über die spanischen Schriftsteller gesagt ist, sind wenige befremdend ungerechte Worte, und ein Verehrer des Werkes wird diese Teile schwerlich besonders hervorheben. Dennoch trat ich warm für die Fortsetzung ein und sie in den Bogen, teilweise auch mitarbeitend im Manuskripte zu verfolgen war ein Hochgenuß5. So entstand ein Werk, der Römischen Geschichte ebenbürtig, gerade auch darin, daß es eine gewaltige Aufgabe nicht sowohl löste als die Grundlinien zog, auf denen einmal eine Kulturgeschichte der Kaiserzeit aufgebaut werden muß, die sowohl die geistige Reichseinheit wie das Sonderleben der Provinzen schildern muß, allerdings auch auf die Zukunft weisend die Orientalisierung der Welt; von Philosophie und Religion hat Mommsen mit Bedacht geschwiegen. Wenn er auch mit der Aufnahme durch das Publikum nicht zufrieden war, hatte er doch Kraft und Lust zu schaffen wiedergefunden und vollendete das Staatsrecht in wunderbar kurzer Zeit. Ich habe auch von diesem die Bogen mitgelesen.[181]
Ich mußte vorgreifen, um das Zusammengehörige nicht zu zerreißen, das für Mommsens Biographie wichtig ist. Persönliches, wie daß er seine silberne Hochzeit in meinem Hause gefeiert hat, besitzt keine solche Bedeutung.
Mit Berlin verband mich auch das Militär. Nach den damaligen Bestimmungen war ein Institutsdirektor im Kriegsfalle unabkömmlich, daher mußte ich zur Landwehr übertreten, da aber eine kurze Übung machen. Ich ward einer Kompanie zugewiesen, vor deren Hauptmann die Kameraden warnten, weil er den meisten Dienst ansetzte und seine Offiziere streng herannahm. Hauptmann von Krosigk war zur Auszeichnung wegen seiner Haltung im Kriege von den Lübbener Jägern in die Garde versetzt; mittellos, wie er war, ward es ihm sehr schwer, mit der Familie in Berlin auszukommen. Er hat es mir erzählt, denn wir wurden bald gute Freunde. Der Dienst war freilich schwer, aber der Hauptmann nahm ihn für sich am schwersten, und ich tat ihn gern, denn gleich am ersten Tage hatte er mir das Beispiel vom preußischen Militarismus gegeben, das öffentlich zu erzählen, wie ich mündlich oft getan habe, mir eine willkommene Pflicht ist. Am ersten Abend waren zwei Landwehrleute betrunken verspätet in die Kaserne gekommen. Am andern Morgen versammelte Krosigk die Kompanie, schimpfte mit den derbsten Ausdrücken auf die Schuldigen und bestrafte sie so schwer, wie in seiner Kompetenz lag. Es schien grausam. Da änderte er die Stimme. »Kerls, wir sind alle im Krieg gewesen, sind alle keine Jungens mehr, und ich denke, ihr seid ordentliche Preußen. Es schickt sich nicht, daß so einer auf die Latten kommt, und ich mag nicht, daß in meiner Kompanie so was vorkommt. Ich will euch was sagen: wenn in den zwölf Tagen nichts weiter passiert, dann ist auch gestern nichts passiert. Habt ihr verstanden?« »Zu Befehl Herr Hauptmann.« Nach zwölf Tagen trat die Kompanie wieder zusammen. Da dankte er mit gerührter Stimme in schlichten Worten, die den Leuten zu Herzen gingen. Sie hatten wie ich einem solchen Hauptmann zuliebe den schwersten Dienst willig getan; sie waren eben ordentliche Preußen. Im Kriegsfall würde ich reklamiert worden sein, aber vor der Beförderung zum Premierleutnant war eine Übung von 8 Wochen unvermeidlich und verkürzte das Semester empfindlich. In mehr als 50 Jahren habe ich niemals so lange ausgesetzt. Dafür machte ich ein verregnetes Manöver in der Neumark mit, aber den Stern habe ich auf die Epaulettes nicht gesetzt, denn bei der Übersiedlung nach Göttingen nahm ich den Abschied.
Soviel auch nach außen zog und eine Neigung, in Greifswald festzuwurzeln, nicht aufkommen ließ, fürs erste galt es dort zu leben, und die Begründung des eigenen Hausstandes, die Geburt der ersten Kinder ist doch ein starkes[182]  Band der Erinnerung. Greifswald war eine Kleinstadt, die in den drei alten stattlichen Kirchen und ein paar Giebelhäusern Zeugen einer glänzenderen Vergangenheit bewahrte, da ein reicher Bürger die Universität gründen konnte. Ihr Rektormantel ist das Original, nach dem der Berliner gearbeitet ist, eine Herzogin von Pommern hat ihr einen kostbaren Teppich gestickt, der in gewissen Jahren feierlich ausgestellt wird. Nun war Stadt und Universität klein geworden, nur wenige Schiffe Greifswalder Reeder schwammen auf dem Meere. Die Stadt lebte von Universität, Oberlandesgericht und den Großgrundbesitzern der Umgegend; die Bauern waren unter der Schwedenherrschaft ausgekauft; aus dieser hatte sich auch noch die Geltung des gemeinen, römischen Rechtes erhalten. Kein geringer Teil des Kreises gehörte der Universität, die also Patron der Kirchen war, so daß die Bewerber um erledigte Stellen bei allen Professoren um ihre Stimmen warben. Beziehungen außerhalb des Universitätskreise haben sich für mich nicht ergeben; aber oft ging unter meinen Fenstern die nun nicht mehr jugendschöne, höchst resolute Dame vorüber, die Spielhagen in den Problematischen Naturen eingeführt hat; es hefteten sich lustig derbe Geschichten an ihre Eheerlebnisse, die ich nicht erzähle. Spielhagen aber durfte sich in Greifswald nicht sehen lassen, weil er sie und andere bekannte Personen und Verhältnisse aus dem Leben takt- und rücksichtslos übernommen hatte, so auch noch zuletzt in der »Sturmflut«. Dieses verheerende Naturereignis hatte noch Spuren hinterlassen; bei dauerndem Ostwind trat der Ryk über die Ufer in die Gräben der Stadt, recht empfindlich; Kanalisation fehlte. Im täglichen Leben und Verkehr herrschte manches, was sich jetzt die meisten gar nicht denken können. Geheizt ward mit Holz, das man sich für den Winter am Hafen von den Schiffern selbst einkaufte, soweit Kohle verwandt ward, kam sie aus England. Wenn die Heringsfischer mit einem guten Fang heimkamen, trugen sie die Fische herum, und wer soviel verbrauchen konnte, bekam einen Eimer (Wall) voll für wenige Groschen. Andere Fische gingen sämtlich nach Berlin. Die Gänsemast mit dem verbotenen, aber allgemein geübten Stopfen ward von den Bürgern viel geübt; das Einschlachten gehörte sich für jeden Hausstand, und die Dienstmädchen erwarteten im Winter eine Gans als ständigen Sonntagsbraten. Bei ihnen war die Moral sowie sie heute von den Anhängern der neuen Zeit gepredigt wird. Ein Handwerker empfahl uns ein Mädchen für den Oktober »jetzt ist sie nur gerade in's Klinik«. Wir haben sie nicht genommen, aber zwei andere aus solchem Anlaß gehen lassen, haben aber auch sehr gute Dienstboten gefunden. Eine Freude war es, daß die niederdeutsche Sprache noch fast allgemein herrschte; die Leute wurden erst vertraulich,[183]  wenn sie sie sprechen durften, und manche Wendung drang in die allgemeine Unterhaltung. Die Kenner hatten an Reuters mecklenburgischem Platt manches auszusetzen, andere erklärten, nur in Wolgast spräche man noch ganz unverfälschtes. Es fiel auf, daß eine katholische Kirche erbaut war, obgleich Katholiken nur unter den Studenten waren, nicht wenige Polen, und das Urteil unserer Wäscherin gab zu denken: »der katholische Pfarrer geht mit jeder Leiche auf den Kirchhof; unsere tun es nur, wenn man ihnen einen Wagen bezahlt.« Dabei hörte man die mir schon aus dem Kriege bekannte Redensart »das ist zum Katholisch werden«. Jetzt soll die Propaganda manchen Erfolg gehabt haben.
Meine Hauptaufgabe war, in dem neuen Lehramte festen Fuß zu fassen und mich als Glied des Lehrkörpers in die Universität einzufügen. Das erstere ging leicht; für das andere mußte der Anfänger viel lernen, und die Verhältnisse lagen in Greifswald nicht ganz einfach. Der Gegensatz zu Bonn und Berlin war stark; die Universität war von ihrer Gründung her mit Grundbesitz reich ausgestattet und hatte sich lange selbst erhalten, viel zu lange, denn für die Anforderungen der Gegenwart reichten die Mittel längst nicht mehr. Seit einer Reihe von Jahren hatte der Staat eingegriffen, namentlich für die medizinischen Bauten gesorgt, so daß diese Fakultät die bestbesetzte und besuchteste war. Aber um die Naturwissenschaften stand es kläglich. Ein ordentliches Laboratorium hatte nur die Chemie; das hatten die Mediziner durchgesetzt. Die juristische Fakultät hatte so wenige Zuhörer, daß der Klapphornvers entstand:


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Es trafen sich zwei Juristen,
die eigentlich lesen müßten.
Beim ersten hörte keiner,
dem andern schwänzte seiner.

Auch unter den Professoren gab es noch Vertreter der alten Zeit. So war der Kurator noch einer der Professoren (der Nationalökonom Baumstark, zugleich Vertreter im Herrenhause), was ganz ungehörig ist, schon weil er als Fakultätsmitglied den Verhandlungen beiwohnt, also namentlich bei Berufungen dem Ministerium über Dinge berichten kann, die im Schoße der Kollegen bleiben müssen. Dazu hatte er in dem Verwalter des Universitätsvermögens einen zweiten Kurator neben sich, Hänisch, Onkel, soviel ich weiß, eines auf einen Abweg geratenen Neffen, der ihn auf den Sessel des Ministers für Wissenschaft und Kunst führen sollte, weil er nichts von ihnen verstand. Bei dem Professor Hünefeld habe ich selbst noch Besuch gemacht, der einst wohl ziemlich die ganze Naturwissenschaft vertreten hatte, nun auf[184]  Mineralogie (im allerweitesten Sinne) beschränkt war. Er klagte mir über den Verfall der Zeiten, seit es so viele Studenten gäbe, wären die Aale zu teuer geworden, auch ganz klein. »Ja früher, da bekam man so dicke« und er zeigte auf seinen Arm. Über jene Zeiten berichtete der vortreffliche Chemiker Limpricht, der noch in den fünfziger Jahren nach Greifswald gekommen war, unter anderem, wie er bei einem alten Professor Besuch gemacht hätte, der noch aus der Schwedenzeit stammte. Der stellte zuerst die Frage »was haben Sie studiert?« »Ich bin Chemiker.« »Und haben auch Chemie studiert? Wie die jungen Leute es jetzt bequem haben. Ich hatte doch Theologie studiert und bin Astronom (ohne Sternwarte). Da hat Ihnen die Ernennung wohl auch gar nichts gekostet. Ich habe dem Kammerdiener des Fürsten von Putbus (damals Kurator) einen guten Batzen Geld zahlen müssen.« Ein Jurist Pütter war verstorben, aber unvergessen, daß er dem Könige Friedrich Wilhelm IV. auf die Frage »sind Sie mit dem berühmten Pütter verwandt?« geantwortet hatte »entschuldigen Majestät, der bin ich selbst«. Schließlich Münter (in der Stadt natürlich Münting genannt), der Zoologie und Botanik vertrat und sich um die Verschönerung der Stadt durch Anpflanzungen entschiedene Verdienste erworben hat. Man konnte dem gutmütigen und lustigen alten Herrn nicht gram sein, erzählte aber unzählige Schwänke von ihm. Nur einen setze ich her6. Er hatte die Pariser Weltausstellung von 1869 besucht und soll erzählt haben: »Da fahre ich im Omnibus, will aussteigen und fasse eine Schnur, die da herabhing, dachte, es wäre eine Klingelschnur. Es war aber der Zopf eines Chinesen. Der fing fürchterlich an zu zetern, der Schaffner ließ uns beide aussteigen, der Kerl wird zudringlich, ich entschuldige mich und reiche ihm meine Karte«. Sowie er die liest, verbeugt er sich tief und sagt »Professor Münter aus Greifswald? große Ehre«. Es gab noch mehr Originale wie den Orientalisten Ahlwardt, den Kunsthistoriker Pyl, der sich ein Haus gebaut und möglichst klassizistisch eingerichtet hatte, aber ganz im Verborgenen lebte, nur die Antrittsvisiten in Empfang nahm; sonst merkte man von seiner Existenz nichts.
Es bestand natürlich ein Kreis namentlich jüngerer Männer, eine Opposition, die aber noch in der Minorität war. Allmählich wurden neue Stellen geschaffen, traten frische Kräfte ein, wenn sich einer der Alten zur Ruhe setzte oder starb. Wenn nur in Berlin den Wünschen der Fakultäten mehr Rechnung getragen wäre, aber da fiel die Entscheidung nicht selten nach anderen Rücksichten. Der Minister Falk und sein Referent Göppert scheuten[185]  sich durchaus nicht vor dem Oktroyieren und mächtige Männer, die sie bestimmten, auch nicht. Virchow hatte Assistenten unterzubringen; Mommsen sprach es ganz offen aus, als ich in einem solchen Falle mich beklagte: »wir konnten ihn nicht brauchen.« Für Greifswald sollte er gut genug sein. Wir, die unter diesem Regimente zu leiden hatten, nannten es Berlinokratie; in mir hat sich dadurch die Forderung der Selbstverwaltung auch im Staate als ein Hauptsatz der inneren Politik festgesetzt, die von dem radikalen Liberalismus zwar im Munde geführt, aber in der Tat rücksichtslos verleugnet wird. Ein Fall stehe für alle. Unser Germanist W. Wilmanns, der als Gelehrter und als Mann wohl der tüchtigste und nach allen Seiten wirksamste der Dozenten war, ging nach Bonn und schlug neben Schönbach den ganz jungen Erich Schmidt vor. In Berlin entschied man sich für Alexander Reifferscheid, dessen Verdienst in irgendwelchen persönlichen Beziehungen zu Falk bestand. Die Studenten waren die ersten, bei denen er es verschüttete. Daß an einer so kleinen Universität der Wechsel der Lehrer häufig ist, also die Jugend überwiegt, gibt ihr ein besonderes Gepräge, ebenso wie an den größten Universitäten das Alter der meisten Dozenten. Das ist für das Ganze recht und gut, aber sehr bedauerlich, wenn einer darum kleben bleibt, weil er nie hätte berufen werden sollen.
Die Opposition schloß sich natürlich zusammen und hatte an älteren und erfahrenen zwei vortreffliche Führer, den klugen Gynäkologen Pernice7 mit seinem selten verletzenden Witze und den Chemiker Limpricht, Direktoren neuer hinreichender Institute, also befriedigt in ihren Stellungen und vergeblicher Opposition abgeneigt. Dann waren mehrere junge Juristen, Alfred Pernice, der bald nach Berlin ging, Hölder, Bierling, der Historiker H. Ulmann, der Philologe Kießling, dieser an Jahren vielen voraus, aber ein angriffslustiger Heißsporn, von den Theologen Wellhausen. Die meisten lasen auch eine Weile gemeinsam lateinische Schriftsteller, Lukrez, Petron, wobei die gesellige Vereinigung das beste war, zumal die Frauen, wo es deren gab, teilnahmen, unter denen Frau Pernice, Mutter einer blühenden Kinderschar, meiner Frau eine mütterliche Freundin ward.
Der größte Gewinn, den mir Greifswald gebracht hat, war die allmählich erwachsende Freundschaft mit Julius Wellhausen, die sich bald auf unsere Frauen erstreckte und für das ganze Leben vorgehalten hat. Er war als Sohn[186]  eines Pfarrers, aber aus einer bäuerlich zu nennenden Umgebung nach Göttingen gekommen, um Theologe zu werden, Ewald hatte ihm durch die Forderung streng grammatischer Schulung den Weg zur Wissenschaft gewiesen. Aber er hatte sein Arbeitsfeld in engen Grenzen gehalten, hat auch nie das Bedürfnis gefühlt, den Horizont seiner Interessen zu erweitern; für bildende Kunst z.B. war er ganz unempfänglich. Zu seiner sofort durchschlagenden Untersuchung über Pharisäer und Sadduzäer war er ohne weitere historische Studien gekommen. »Ich habe nur den Josephus gelesen, sagte er; das tun die Theologen nicht.« So kam er aus dem Göttinger Stift nach Greifswald als ein naives weltunerfahrenes fröhliches und friedsames Menschenkind. Er trat in eine Fakultät, in der sich Orthodoxie und Liberalismus schlecht vertrugen8, und die erstere bekam durch das Eingreifen des Staates immer mehr die Oberhand. Baier, der behauptete, Schleiermacher allein verstanden zu haben, war schon in die philosophische Fakultät abgeschoben, wie das öfter geschehen ist, und sollte den Philosophen spielen. Wellhausen kam mit allen gut aus, hielt sich aber zu unserem Kreise und hatte am Petron helle Freude. Er saß an der Bearbeitung von Bleeks Einleitung in das Alte Testament und steckte mir verstohlen die Druckbogen zu dem Anhange »Rückwälzung der Textgeschichte« in den Briefkasten. Ich war entzückt, und nun entwickelte sich ein reger Austausch der Ansichten, zunächst über die Methode der Textkritik. Was ich über Lachmanns recensio und emendatio hinaus gefordert habe, die Textgeschichte, war von Wellhausen mit der Tat schon vorbildlich verfolgt. Ich las dann auch die Bogen seines Hauptwerkes, der Prolegomena zur Geschichte Israels9, und es blieb nicht aus, daß wir auch auf religiöse Fragen eingingen, einander gerade durch manche Unterschiede in ernstem Glauben und freiem Denken bekräftigend. Mommsen hatte gerade die Odi barbare von Carducci aus Italien mitgebracht, auf den ich dort schon aufmerksam geworden war. Wir versuchten uns an Übersetzungen und er ließ zu Weihnachten einige drucken. Ich gab Wellhausen ein Exemplar und sprach in einem Begleitgedichte aus, was für mich entscheidend aus unserem Verkehre erwachsen war.[187]
Als Christgeschenk legt unter den Tannenbaum,
den zäher Väterglaube dem Wodan weiht,
der Hellenist die Heidenverse
nieder dem Theologieprofessor.

Verdammt wir alle. Rabbi und Pontifex,
Daduch, Druide, Bischof und Kirchenrat,
Erbpächter sie der Heileswahrheit,
werfen den Stein auf uns Atheisten.

Wir Atheisten? Monotheismus nur
ist Atheismus. Einzige Wahrheit ist
hier einzig Lüge. Fromm und gläubig
lieben wir alle die weiland Götter.

Nur nicht den Stickstoff, nur den Gorilla nicht,
nur nicht des Urnichts Parthenogennesis,
Bildungsphilister, Bildungsjuden
Gleichet dem Stoffe, den ihr begreifet,

berauscht euch an magnetischem Hexentrank,
verlognem Wahrheitsfusel, getretnem Quark
der liberalen Bettelsuppen
oder dem Opiumsaft Nirvanas.

Kein Gott lebt ewig. Christus und Antichrist
bringt Götterdämmrung, Typhon und Fenriswolf.
Der große Pan ist tot, erklingt die
plötzliche Kunde vom Fels zum Meere.

Doch ewig leben Götter im Element,
im Menschenbusen, sehnend nach Schön und Gut,
lebt ewig Gott. Am farb'gen Abglanz
haben, sein Ebenbild, wir das Leben.

Wellhausen ist immer Christ geblieben, hat nicht aufgehört, bei jedem Mittagsmahle den Herrn Jesus zu Gaste zu bitten. Wie er empfand, steht in den schönen Worten seiner israelitischen Geschichte zu lesen. Er ist auch Theologe geblieben; daraus erklärt sich die ganze Haltung seiner Geschichte. Es widerstrebte ihm, sich, wie er doch hätte tun müssen, in das Assyrische und Babylonische hineinzuarbeiten. Daher hat er nur noch einiges übersetzt, mehr als die kleinen Propheten, die leider allein erschienen sind. Dafür wandte er sich den Arabern10 zu, an denen ihn die Sprache, die[188]  primitiv semitische Kultur und die eigentümliche Überlieferung der Geschichte anzog: hier ist er auch Historiker gewesen. Eben die Interpretation, die das Aramäische heranziehen muß, lockte ihn zu den Synoptikern und führte ihn weiter zu analytischen Arbeiten im Neuen Testamente. Da ist er schließlich in eine destruktive Kritik geraten, die sogar seine Auffassung Jesu beeinträchtigen mußte. Das kann ich nicht billigen und halte dafür, daß die schwere Krankheit, an der er seine letzten Jahre litt, ihre Schatten auch auf seinen Geist geworfen hat, wie sie seine Stimmung verdüsterte. So laut und herzlich er lachen konnte, so viel er von der Kindlichkeit seiner Seele lange bewahrte, leicht und glücklich ist sein Leben nicht gewesen, und er hat es niemals leicht genommen. Wenige haben ihn recht verstanden.


Schwere, entscheidende Jahre hat er in Greifswald durchlebt, in denen ein Freund ihn wohl kennenlernen konnte. Seine junge Frau geriet schon im ersten Jahre der Ehe in ein Leiden, das sie auf Jahre ganz niederwarf und, in den Folgen niemals überwunden, auch auf ihre Gemütsverfassung wirkte. Die Kinderlosigkeit haben beide Gatten nicht verwunden. Noch im Kriege empfand er fast als einen Vorwurf, daß er dem Vaterlande keinen Sohn opfern konnte. Während er um das Leben seiner Frau bangte, erhoben die Zionswächter ein Zetergeschrei über die frevelhafte Zerstörung der heiligen Bücher, d.h. der auf jüdische und christliche Dogmatik zurechtgeschnittenen Deutung. Wohl war der Erfolg in den Kreisen der Wissenschaft durchschlagend, er verstand sich auch gut mit Robertson Smith in Schottland und Kuenen in Holland, die er besuchte, aber selbst aus England kam eigens ein Reverend, sich den teuflischen Kritiker anzusehen. Wellhausen führte ihn auf einen Kirchturm und ließ ihn die Reize der pommerschen Landschaft bewundern, ließ sich aber auf die brenzligen Fragen gar nicht ein. Befremdet hat der Besucher berichtet, dieser Bösewicht sähe aus wie ein farmerlike boy. In der protestantischen Kirche rumorte es gewaltig, auch in der eigenen Fakultät hielt der Friede nur äußerlich. Wellhausen sah ein, daß er als Ketzer verfolgt werden würde und kam dem zuvor, legte die Stelle nieder und ging nach Halle, um sich als Privatdozent durchzuschlagen; unsere philosophische Fakultät machte ihn zum Ehrendoktor. Einen solchen Mann ließ der Staat ganz fallen und berief ihn später als Semitisten nach Marburg nur unter der Bedingung, nicht über das Alte Testament zu lesen. Erst in Göttingen als Nachfolger Lagardes war er frei. Mittlerweile hatte sich die protestantische Orthodoxie besonnen und ihr Dogma zurechtgeflickt, so daß »vorläufig« Wellhausens Schichten der hebräischen Religionsgeschichte anerkannt werden durften.[189]
Es war natürlich, daß ich mich zunächst an den Fachkollegen Adolf Kießling anschloß. Wenn ich als Dozent selbst Bescheid wußte, waren mir doch die Fakultätsgeschäfte neu und ich folgte, auch wenn Kießlings Ungestüm fehlging, mit unbedachter Heftigkeit. Leider fehlte bald ein ehrlicher Mahner wie der treffliche Wilmanns, der mich mit einem unverblümten »machen Sie keine solche Dummheiten« zurechtwies. Bald ward ich von selbst durch Schaden klug.
Kießling, eine männlich schöne Erscheinung von gewinnendem Wesen, reichbegabt, weit interessiert, war doch über Gebühr leichtsinnig, um die Folgen seiner Worte und Handlungen zu wenig besorgt, unfähig bei einer Sache auszudauern; so hat er sein Leben nicht zu dem gelangen lassen, was seine Freunde hoffen durften. Das übersah ich erst allmählich; zunächst freute ich mich seiner Gesellschaft, empfing manche Anregung; bald folgte er mir im Wissenschaftlichen mehr. Seinen Horaz würde er ohne mich schwerlich fertiggemacht haben; von den Oden ist wohl keine, die wir nicht durchgesprochen hätten. Den Gedanken der Philologischen Untersuchungen griff er lebhaft auf, aber getan hat er für sie nichts als seinen kleinen Beitrag geliefert. Weder an der Korrektur noch an der Annahme der Beiträge hat er sich beteiligt. Aber ich habe seinen Namen auf dem Titel immer mitgeführt in Erinnerung an die 71/2 Jahre treuer Kameradschaft; Kaibel erbte sie von mir und fand sich mit ihm auch in der Musik zusammen; er hoffte ihn durch die Berufung nach Straßburg neu aufzurichten, aber es war zu spät.
Die Philologen hatten rasch gewechselt, Usener, Bücheler, Schöll, Ed. Hiller; eine Tradition bestand nicht. Als Archäologe war Preuner als sein Nachfolger von Michaelis hinberufen, was man schwer begriff. Er fiel für den Unterricht ganz aus. Der alte Schoemann lebte noch im Ruhestand; von wissenschaftlichen Dingen hat er mir nie gesprochen, aber als ich mich verlobt hatte, tadelnd gesagt: »ich hatte mir für Sie das hübscheste Mädchen ausgesucht, die und die«, was einiges Wohlwollen für mich und stärkeres Interesse für die hübschen Greifswalder Mädchen verriet. Und dann war der Kollege Susemihl, der vom Seminar ausgeschlossen, aber bei den Studenten keineswegs wirkungslos war. Ich fand ihn und Preuner mit Kießling zerfallen, habe aber die Vermittelung wenigstens mit Susemihl gleich erfolgreich angepackt und durchgeführt. Mit diesem in dem besten kollegialen Einvernehmen zu leben, ist mir nicht schwer gefallen, und er hat es mir auch gedankt. Wohl hatte er Eigenheiten genug, über die man lachen mochte; das wird sich mit den Jahren gesteigert haben, so daß viele Schnurren im[190]  Umlauf sind. Manches könnte ich auch erzählen, aber ich stelle ihm lieber das Zeugnis aus, daß er ein redlicher, pflichttreuer Mann war und mit hingebendem Fleiße der Wissenschaft gedient hat. Wieviel an seinen Ausgaben der Politik und der Ethiken des Aristoteles auch auszusetzen ist, die erste hat ohne Frage die Sache nicht wenig gefördert und von den beiden geringeren Ethiken würden wir ohne ihn noch heute keinen handlichen Text haben. So ungefüge seine Literaturgeschichte der Alexandrinerzeit auch ist, ihr reiches Material wird von Unzähligen ohne Dank benutzt. Daß ihm Knaack und Wellmann zu helfen bereit waren, zeugt doch auch für den Menschen und den Lehrer.
Bei meinem Eintritt blieb mir nicht erspart, die Vorlesung zu übernehmen, welche Hiller angekündigt hatte, griechische Staatsaltertümer, so ungern ich mich vor den Studenten mit Dingen einführte, die ich zum Teil erst lernen mußte, und mit einem Thema, das schon im Titel einer Sorte von Zitatengelehrsamkeit angehörte, die besser in die Zeiten des alten Meursius als in die Mommsens paßte. Nun kann man ja unter einen Titel ziemlich alles bringen, was man will, aber zuerst wußte ich noch nicht, was ich wollte, bis ich an Athen und die Inschriften kam und da ernsthaft an bestimmten faßbaren Problemen anpacken konnte. Es sind auch gleich mehrere brauchbare Schülerarbeiten entstanden, da ich epigraphische Übungen folgen ließ.
Vor dem größeren Publikum, auch den Kollegen stellte sich dem Herkommen gemäß ein neuer Professor in einer Rede zu Kaisers Geburtstag vor. Ich gewann meine Stellung sofort mit der Rede »Von des attischen Reiches Herrlichkeit«11. Sie trug mir seltsamerweise von dem beim Diner neben mir sitzenden Landrat die Aufforderung ein, für die konservative Partei bei den Landtagswahlen zu kandidieren, und die Nationalliberalen, zu denen ich mich hielt, kamen mit demselben Antrag. Ich konnte über die Zumutung nur[191]  lachen. Als Bismarck sich zum Schutzzoll wandte, schwenkte der größere Teil der Nationalliberalen links, wir anderen rauchten die Straßburger Regiezigarren, die für das Tabaksmonopol Stimmung machen sollten, aber so schauderhaft schmeckten, daß diese voreilige und schlecht vorbereitete Maßregel den richtigen Gedanken des Monopols auch bei seinen Freunden hoffnungslos diskreditierte. Die Freikonservativen gewannen Boden, und als ich nach Göttingen kam, wo jeder, der zum Reiche hielt, nationalliberal sein mußte, merkte ich, wie sehr die Parteibezeichnungen täuschen. Die Hannoveraner waren im Grunde stark konservativ, Anhänger des Alten, zumal ihrer alten Gewohnheiten, während die Freikonservativen sich von einem Alten gelöst hatten und willens waren, fortzuschreiten. Aber sie blieben ein Häuflein von Offizieren ohne Armee.
Studenten der Philologie gab es zahlreich, und Kießling und ich setzten alle Kraft ein, den Unterricht intensiv zu betreiben. Neben dem Seminar, für das Bonn uns beiden Vorbild war, bestand ein Proseminar, das überhaupt erst unsere Generation durchgesetzt hat. Nur einige Semester half uns dabei der Privatdozent Lütjohann, sonst mußte es einer von uns neben dem Seminar übernehmen, was nicht wenige Korrekturen brachte. Zwei vierstündige Vorlesungen oder statt einer ein Publikum habe ich immer gehalten. Der philologische Verein gestaltete sich neu, und wir Dozenten, auch Susemihl, besuchten ihn häufig. Der Verkehr mit den Studenten war sehr vertraulich, sie verlangten, daß man auch beim Biere seinen Mann stand und sich zu Weihnachten und am Stiftungsfeste des Vereins auch recht kräftige Anzapfungen gefallen ließ. Alles erfreulich, der Sache dienlich, aber recht zeitraubend. Zuerst waren die Studenten fast ausschließlich Pommern, aber keineswegs schwerfällig, sondern sie fingen bald Feuer, und ich habe sie wissenschaftlicher Arbeit geneigter gefunden als die Niedersachsen. Die Zahl der Dissertationen stieg rasch, die Qualität war nicht niedrig. Später kam Zuzug aus der Ferne. H.v. Arnim, Bruno Keil, Wilhelm Schulze haben sogar in Greifswald promoviert. E. Schwartz, L. Traube gaben wenigstens eine Gastrolle12,[192]  Fr. Spiro, B. Graef haben ihre Greifswalder Zeit nicht verleugnet. Ein Schwede, der herüberkam, war kein guter Vertreter seines Volkes. Was die Lehrtätigkeit anging, war mir sicher, daß ich bei jedem Wechsel der Universität zunächst verlieren mußte. Ich habe die ersten zwei Jahre noch von Göttingen mit vielen Greifswalder Schülern korrespondiert.
Das Doktorexamen hatte noch seinen alten Stil. Es fand im Hause des Dekans statt, anwesend waren außer ihm die vier Examinatoren, aber sie hörten auch zu. Wein stand auf dem Tische, daneben zwei Torten, zunächst für die Anwesenden, was dem Ganzen einen vertraulichen Charakter gab, wenn sich der Prüfling in den Zwischenpausen stärkte. Den Rest der Torten bekamen die Examinatoren für ihre Frauen und Kinder mit. Das Urteil ward wirklich in gemeinsamer Beratung gefunden. Von der Dissertation lag es der Fakultät, praktisch dem ersten Referenten ob, eine kurze Charakteristik für das Diplom zu formulieren, auf die hoher Wert gelegt ward. Als ich promovierte, galt das auch noch in Berlin, schade, daß es abgekommen ist. Die Dissertation zirkulierte bei der ganzen Fakultät, meist pro forma, aber es kam vor, daß einer Ernst mit der Nachprüfung machte und den ersten Antrag verwarf. So kontrollierten wir regelmäßig den Vertreter des Französischen (Romanisch konnte man es nicht nennen), der kaum die Bildung eines Lektors hatte, und manchmal führte es zur Abweisung. Die öffentliche Disputation war nicht nur erhalten, sondern war eine wahre Feierlichkeit; oft opponierte einer von uns aus der Korona und konnte die Gratulation wirkungsvoll abtönen. Ebenso war es in Bonn und Berlin; es machte großen Eindruck, als H. von Sybel seinen Sohn Ludwig selbst promovierte und ihm nicht nur ornamental den in dem schönen Formular vorgeschriebenen Kollegenkuß gab. In Bonn hat sich die Sitte noch länger als in Berlin gehalten; in Göttingen hat sie vielleicht nie bestanden. Die schmachvolle Promotion in absentia war dort erst kürzlich beseitigt, als Mommsen in einem scharfen Artikel »Die deutschen Pseudodoktoren« den mehrfach geduldeten Unfug öffentlich an den Pranger gestellt hatte. Die juristische Fakultät forderte freilich immer noch nicht den Druck der Dissertation, bis es der Minister ihr aufzwang13. Es war an dem philosophischen Doktorexamen noch einiges zu bessern, aber es ward doch vor einem Ausschuß der Fakultät abgelegt, der ebenso wie alle Examinatoren dauernd zuhörte und in einer wirklichen Beratung das[193]  Ergebnis feststellte14, freilich ohne die Arbeit besonders zu charakterisieren.
Das Staatsexamen ward in Greifswald so gehandhabt, daß die Prüfungskommission und nicht der einzelne Examinator entschied. Nach Abschluß der einzelnen Prüfungen trat die ganze Kommission zusammen und stellte oft nach eingehender Debatte die einzelnen Resultate fest. Dabei ließ sich der ganze Mensch, den seine Lehrer gut kannten, abschätzen, was oft in besonderen Bemerkungen dem Zeugnis beigefügt ward. Die Schulbureaukratie hat das abgeschafft und schematische Prädikate an die Stelle gesetzt. Die Pädagogik spielte noch keine Rolle. Sie hat erreicht, daß der unpraktische Professor, den die Fliegenden Blätter verspotteten, ausgestorben ist, aber es stünde besser um die Schule, wenn sie noch so unpädagogische Idealisten besäße wie meinen guten Steinhart oder wie sie Hans Hofmann in seinen Novellen »Das Gymnasium in Stolpenburg« nach dem Leben schildert.
Einige Semester habe ich in Greifswald auch in alter Geschichte geprüft, weil O. Seeck in Berlin die venia legendi nur für die römische Geschichte erhalten hatte. Auch in Göttingen bin ich kurze Zeit als Ersatzmann eingetreten. Dabei habe ich mich von der schauerlichen Unwissenheit der Historiker überzeugt, welche mittlere und neuere Geschichte studiert hatten. Sie können in der Tat nicht die alte Geschichte daneben hinreichend verstehen, halten sie für unwichtig und haben erreicht, daß sie auf dem Gymnasium in sinnloser Weise verkürzt ist. Es muß vielmehr immer ein Philologe da sein, der zugleich Historiker ist, dann wird gerade dieser Unterricht zu allgemein geschichtlichem Urteil verhelfen.
Schon diese Prüfungsarbeit war keine leichte Last und es kam noch hinzu, daß die Arbeiten des Abiturientenexamens aus der ganzen Provinz den Mitgliedern der Kommission zur Begutachtung vorgelegt wurden, ein Rest der Kontrolle, die ehedem den Universitätsprofessoren über die Schulen zufiel. Das war mit Recht beseitigt, aber die Überprüfung der Arbeiten hätte recht nützlich sein können, wenn die Schulräte sich darum gekümmert hätten15, aber ihnen war jede Einmischung der Professoren unbequem. In Göttingen[194]  kamen die Abiturientenarbeiten nur noch gelegentlich in unsere Hände; dann unterblieb es ganz. Eine Verbindung von Universität und Schule, wie sie in Baden schöne Früchte bringt, besteht nicht mehr. Wohl aber streben die Gymnasialpädagogen, die sich den Namen Philologen anmaßen, eine Kontrolle der Universitäten an, und wer weiß, ob sie es nicht erreichen und die unbequeme Wissenschaft niederzwingen. Ehedem sollte das Gymnasium auf die Universität vorbereiten, jetzt wird uns zugemutet, unsere Studenten auf den Unterricht nach den Richtungslinien vorzubereiten.
Die Philologischen Untersuchungen, eine Frucht meiner Zusammenarbeit mit Kiessling, sollten nicht Anfängerarbeiten von Schülern aufnehmen, und haben das erst zuletzt in einigen besonders gearteten Fällen getan. Aber eine Serie von Büchern war zuerst auch nicht beabsichtigt, wohl aber die Vertretung der Wissenschaft, wie sie von den befreundeten Verfassern aufgefaßt ward. Der Fortschritt der Forschung vollzieht sich ganz besonders durch Einzeluntersuchungen, die das Maß von Zeitschriftartikeln überschreiten und als Buch eine zu geringe Zahl von Käufern finden. Da wird einer vornehmen Buchhandlung, wie es die Weidmannsche zur Ehre Deutschlands immer war und ist, das Opfer durch Aufnahme in eine Serie etwas erleichtert. Jetzt hilft die segensreiche Notgemeinschaft, aber auch sie kann nicht überall einspringen. An solche Erwägungen dachte ich noch nicht, aber mit dem Spruche: »Alles für die Wissenschaft, für die Wissenschaft aber auch alles« war es mir heiliger Ernst, und wenn ich durch rücksichtslose Form berechtigten Anstoß erregte: den Schlendrian des beschönigenden Rezensionswesens und die Flut des Nichtigen, die wissenschaftlichen Wiederkäuer und Windmacher kann ich heute nur noch weniger vertragen als damals. Wer wird noch behaupten, daß Cauers Delectus meine Kritik nicht verdient hätte, zu der mich meine Vorlesung über griechische Dialekte trieb. Es ist jetzt einerlei, was damals wider mich geschrieben und noch mehr geredet worden ist, aber dazu zu schweigen kostete Überwindung. Zum Glück überwand ich mich und ließ nicht drucken, was ich schrieb, so etwas wie »verschieben wir doch unsern Streit um hundert Jahre. Ich werde zur Stelle sein, sorgen Sie dafür, meine Herren Kritiker, daß Sie es auch sind«. Schließlich war die Antwort an wohlwollende Mahner auch am Platze, wenn sie auch unklug war:


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Herr Pfarrer und Herr Amtmann ihr,
ich bitte, laßt mich in Ruh,
es ist mein Kind, es bleibt mein Kind,
ihr gebt mir ja nichts dazu.[195]
Im Frühjahr 1883 fragte Sauppe bei mir an, ob ich an die Stelle von E.v. Leutsch nach Göttingen kommen wollte. Der offizielle Ruf ließ bis Ende Juli auf sich warten, dann beschied mich Althoff nach Berlin, die Fakultät, die mir vertraute, legte es in meine Hand, wenn möglich, einen Nachfolger zu besorgen. Althoff, mit dem ich mich leicht verständigte, war kein Pedant, sondern mit dem ungewöhnlichen Wege ganz einverstanden, telegraphierte mit Rückantwort an Kaibel, und nach 24 Stunden kehrte ich zurück, alles war abgemacht. Ich habe noch Althoffs Brief, in dem er mich bat, den Kurator zu verständigen und ihm seine Entschuldigung auszusprechen. Er hatte diese Instanz ganz vergessen.
1 Jetzt machten wir Humann zum Ehrendoktor, was Mommsen verdroß; so etwas dürfte Berlin nicht vorweggenommen werden.
2 Sein Eintreten gegen den Antisemitismus war von abstrakten liberalen Theorien wohl weniger getragen als von der Rücksicht auf vortreffliche Freunde jüdischen Blutes, Kollegen, aber auch auf einen Mann wie Bamberger, der gewiß ein so treuer Patriot wie Mommsen selbst war. Die soziale Seite des schweren Problems übersah er so sehr, daß er in meinem Hause sagen konnte »was wollt ihr; bei uns in Holstein durfte im Dorfe immer nur ein Jude wohnen, und es ging vortrefflich«. Mit diesem Zustande würden sich vielleicht die wilden Antisemiten zufrieden gegeben haben, deren Treiben freilich widerwärtig genug war, um jeden Protest zu rechtfertigen.
3 Die Begründung dieser Ansicht habe ich an anderen Orten gegeben. Wer den Aufbau des dritten Bandes und seinen künstlerisch effektvollen Abschluß zu würdigen weiß, muß zugeben, daß die drei Bände ein Ganzes sind, dem sich nichts anstücken läßt. Daß er in seinen allerletzten Jahren mit dem Gedanken an eine Fortsetzung gespielt hat, ist eine Altersschwäche, mit der man nicht rechnen darf.
4 Ich kann versichern, daß er damals und noch zehn Jahre später nicht beabsichtigt hat, seine sämtlichen kleinen Schriften zu sammeln, wie es nachher geschehen ist, weil die juristischen in vollständigen Exemplaren gesammelt bei ihm lagen. Mit Recht hielt er vieles für ephemer, also erledigt. Notorisch finden solche Gesamtausgaben wenige Käufer und schaden geradezu der Verbreitung des dauernd Wertvollen.
5 Wie er arbeitete, mag man danach beurteilen, daß im Kapitel Germanien zuerst Spott ausgegossen war über alle, welche den Ort der Varusschlacht bestimmen wollten. Mittlerweile war er auf die Münzfunde bei Barenau aufmerksam geworden und ging nun selbst unter die verspotteten Entdecker. Das großartige Kapitel über die Juden hat er niemandem vor der Veröffentlichung gezeigt; es mag die Fanatiker beider Parteien nicht befriedigen, eben darum gereicht es ihm zur Ehre.
6 Die famose Geschichte von einem hermaphroditischen Hering, den er entdeckt haben sollte, wird Erfindung sein, so daß ich sie unterdrücke.
7 Pernice entschied, »nun wählen wir jeden der Reihe nach unbesehen zum Rektor«, als ein Jurist gewählt war, dem man nachsagte, daß er in der Kritik eines Strafgesetz, buches getadelt hätte, es wäre im Falle eines Duells mit tödlichem Ausgange immer nur von der Bestrafung des Überlebenden die Rede.
8 Zöckler, starrgläubig trotz naturwissenschaftlichen Interessen, ist einmal von Hanne, dem Liberalen, auf einem Rektordiner, wo sich die Gegner berührten, gefragt, mit welcher Schnelligkeit Christus gen Himmel gefahren sei, und wo der Himmel läge. Er wußte die Antwort, noch jenseits des Sirius, und so schnell wie eine Kanonenkugel könnte es wohl gegangen sein. »Dann fliegt er noch«, war die treffende Antwort.
9 Er hatte in Georg Reimer einen Verleger, der das Buch mitlas und ihm am Ende das Honorar verdoppelte, nicht nur weil er den Erfolg des Buches voraussah, sondern weil er seinen Wert zu schätzen wußte.
10 Über Muhammed habe ich schon in Greifswald ein Kolleg bei ihm gehört.
11 Die Rede steht in den älteren Auflagen meiner »Reden und Vorträge«. Jetzt habe ich sie fortgelassen, weil sie die Erneuerung nicht mehr verdient. Aber die Beurteilung des attischen Reiches (so habe ich es genannt, weil die Athener es taten. Wer Seebund sagt, möge versuchen, das griechisch auszudrücken), die jetzt von jungen Historikern beliebt wird, ist viel unhistorischer als mein übertriebenes Lob. Jede Herrschaft muß zunächst an sich denken; aber Perikles hatte nicht das Interesse der athenischen Philister im Auge, die er nach Kräften in die Kleruchieen abschob, sonst hätte er nicht die Tribute wiederholt herabgesetzt und den Parthenon gebaut, was ihm auch als unproduktiv verdacht worden ist. Wenn der Makedone Philippos unser Lob findet, weil er die Griechen zur Einheit unter seiner Herrschaft zwang, so war das auch bei den Athenern keine brutale Selbstsucht. Und sie haben die geistige Einigung der Nation trotz der durch die Demagogen verschuldeten Niederlage erreicht. Wäre es zu ihr etwa ohne ihre ἀρχή gekommen?
12 Traube ward durch einen von Berlin importierten Antisemitismus vertrieben, der zwei brave Jungen in seine Netze zog, die von der Universität weichen mußten, denn wir und die maßgebenden Kreise der Studentenschaft wollten von der Verhetzung nichts wissen. Eigentümlich war es, daß zwei Professoren sich aus Greifswald fortmachen mußten, weil sie die Achtung der Kollegen und nicht nur dieser verscherzt hatten. Eine kleine Universität in einer kleinen Stadt hat diese Macht, gut, wenn sie sie gebraucht. Ich will die schmutzige Wäsche nicht vorlegen, aber ich weiß Bescheid. Beide waren Juden, aber das spielte nicht entfernt mit; wir hatten ja hochgeachtete Kollegen gleicher Herkunft, deren Urteil über die beiden sicherlich nicht milder war.
13 Ein Jurist beklagte sich bitter über die Änderung, weil sie ihm die Ausstattung seiner zweiten Tochter nähme. So einträglich war es, wenn die Kontrolle durch den Druck der Arbeit fehlte.
14 Freilich ließ sich nichts machen, wenn der Examinator sich für befriedigt erklärte, wie es einmal ein Philosoph mit den Worten tat: »ich habe mich nicht überzeugt, daß der Kandidat versagt haben würde, wenn ich ihm andere Fragen gestellt hätte.«
15 Kiessling wies einmal nach, daß die Abiturienten das Thema der lateinischen Übersetzung gekannt hatten, weil sie eine Zahl in einem Diktat aus Justin abweichend nach einer älteren Ausgabe eingesetzt hatten. Aber ihm ward verwiesen, daß er einen verdienten Schulmann angegriffen hätte.




 IX. Göttingen
Herbst 1883 bis März 1897










[196] Ein Professor, der nach Göttingen kommt, richtet sich auf Bleiben ein. Ich fand zuerst eine Wohnung gegenüber dem Auditorienhause, in der Waitz lange Jahre gewohnt hat (hoffentlich erinnert eine Tafel an ihn), kaufte dann das Eckhaus der Weender Chaussee mit einem größeren Garten hinter dem Hause, im Vorgarten eine hohe Fichte. Eine Fahnenstange war da, und ich zog die schwarzweiße Fahne auf, denn das Haus war welfisch gewesen und das Welfentum trieb gern eine billige Ostentation. In den Gärten blühten im Frühjahr nur gelbe Krokus, gelb-weiß zeigte sich überhaupt gern. Über unserer ersten Wohnung wohnte ein liebenswürdiges altes Ehepaar, Oberst von Brandis, Bruder des letzten hannoverschen Kriegsministers, und seine Frau, eine gute Preußin aus der Altmark, die es wohl erreichte, daß die Söhne sich als Preußen fühlten und führten. Daraus ergab sich Verkehr mit den Offizieren der Garnison (Inf.-Regt. 83), aber Fräulein von Brandis bat, von ihnen nicht gegrüßt zu werden, aus Rücksicht auf ihre welfischen Bekannten. Der Adel war am schroffsten, aber den Wahlkreis beherrschten die Welfen für den Reichstag mit Hilfe der Katholiken des Eichsfeldes. Nur bei den Septennatswahlen 1887 gelang eine nationale Wahl1. Beim Jubiläum fiel die gelbweiße Dekoration der Häuser auf, und doch war das Datum für das Gedächtnis des Königs Ernst August keine Empfehlung. Auch an der Universität gab es noch einen Rest Welfen. Der Physiolog Meißner schickte mir nach dem Antrittsbesuch nicht einmal eine Karte, während er den gleichzeitig zuziehenden Physiker W. Voigt als Kollegen behandelte, obwohl er von Königsberg kam; Voigt war Sachse. Daß das Stiftungsfest der Universität mit dem Danke an die englisch-hannoverschen Könige gefeiert ward, deren Bilder die schöne Aula schmücken, war in der Ordnung; daß Kaisers Geburtstag von der Universität unbeachtet blieb, war ein Skandal, wenn auch kein böser Wille, sondern der Göttinger Glaube Schuld war, bei uns ist alles unverbesserlich. Diesen Glauben auszurotten, empfanden die jung[197]  zuziehenden Professoren als ihre Aufgabe. Das Regierungsjubiläum des Königs 1885 schaffte Wandel; von da an setzte sich die Feier durch, und dem alten Herrn zollte jeder die schuldige Verehrung. Zu seinem Jubiläum hielt ich die Rede2: das war wieder meine Einführung vor dem größeren Publikum. Eine Professur der Eloquenz, wie sie bestanden hatte, war abgeschafft, sehr mit Recht, aber man hielt sich noch manchmal an die Philologen, nicht nur wenn die Sprache lateinisch sein sollte, wie man es wirklich noch für eine Glückwunschadresse zu Bismarcks 70. Geburtstag für angemessen hielt. Ich sah die Akten nach seinen Bestrafungen nach und fand nichts, dessen er sich zu schämen hätte. Er war als Unparteiischer bei einem Pistolenduell die verabredeten Schritte haud passibus aequis, wie ich ihm nachrühmen konnte, beinahe gesprungen, um die Gefahr zu mindern. Gern schrieb ich nicht etwas, das keiner lesen sollte. Vermutlich wollte das der Verwaltungsausschuß, dann tat er keiner Partei weh.
Der Kurator war noch Herr von Warnstedt, aus der hannoverschen Zeit, schwer leidend; er genoß daher nur noch die Pietät für frühere Tätigkeit. Sein Nachfolger Ernst von Meier faßte sein Amt so, wie es allein einen Inhalt hat, als Vertreter der Staatsaufsicht, namentlich über die Institute, und gleichzeitig als Vertreter der Universitätsinteressen gegenüber dem Ministerium. Der Kurator muß auch die erforderliche vertrauliche Auskunft über die Personalien aller Glieder der Universität nach oben geben, selbst also Takt, im Ministerium Vertrauen besitzen. Althoff aber zog persönliche Informationen vor und Kuratoren waren ihm von der Art am liebsten, die Bismarck für seine Gesandten bevorzugte, repräsentative Briefträger. Daher kam es mit E.v. Meier bald zum Bruche, den mit Ausnahme einiger Institutsdirektoren, denen die Kontrolle ihrer Etatsüberschreitungen peinlich war, die Professoren mit aufrichtiger Trauer scheiden sahen. Zwischen seiner und meiner Familie hatten sich nahe Beziehungen gebildet, die in Berlin weitergepflegt wurden. E.v. Meier hat zu geringer Freude der Welfen die hannoversche Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte dargestellt, und die Verwaltung der Universität, wie sie gewesen war, illustrierte die einst allgemein herrschende Praxis gut. Jetzt genügte für die Rechtspflege ein Landrichter im Nebenamt; ein Sekretär und drei Pedelle waren zwar stark belastet, aber sie reichten hin. Wie viel ihrer früher gewesen waren, kann ich nicht mehr sagen, wohl doppelt so viel. Ich habe als Prorektor aus den Akten hierin und auch in andere Dinge einen Einblick getan und begreife, daß[198]  manche sich nach den Sinekuren der früheren Zeiten und dem Schleier des »keine Ombrage machen« sehnten3.
Die alte kleine Stadt innerhalb des Walles ist ziemlich dieselbe geblieben, nur der Durchbruch auf das Theater und das Gymnasium hat mehr Luft hineingebracht. Innerhalb des Walles wohnten schon damals nur wenige Professoren; die Vorstädte schoben sich immer weiter die Abhänge hinauf; die Anpflanzungen, ein Werk des Oberbürgermeisters Merckel, entwickelten sich langsam. Noch trennten schattenlose Wege die Stadt von dem Hainberge: die Pracht der Waldanlagen, die heute Göttingen an landschaftlichen Reizen mit den schönsten Universitätsstädten wetteifern lassen, konnte man kaum für die Zukunft ahnen. Aber die nähere und fernere Umgegend bot doch so viele anziehende Orte, das Leben mit der Natur, wie ich es nur in der Heimat gekannt hatte, hier mit der reicheren mitteldeutschen Natur, dazu mit dem eigenen Garten, ließ die sommerlichen Erholungsreisen überflüssig erscheinen; nötigenfalls fand sich für wenige Wochen eine nahe Ruhestatt in Münden oder Wilhelmshöhe, und die Ferien gewährten allein schon Ruhe zu wissenschaftlicher Schriftstellerei. Wenn die Kräfte einmal ganz zu versagen drohten, reichte ein kurzer Aufenthalt in anderer Luft zur Auffrischung hin. Das einhäusige Leben schnitt allerdings von manchem ab, was Greifswald durch die Nähe von Berlin doch ab und zu gewährt hatte, so von der bildenden Kunst und dem Theater. Von Böcklin hatte ich doch noch den ersten großen Eindruck mitgenommen, aber den großen Umschwung in der Malerei, der auch auf die Beurteilung der antiken Kunst zurückwirkte, mußte ich erst in Berlin kennen lernen und besaß glücklicherweise die Empfänglichkeit, mich rasch hineinzufinden. Theaterspiel sahen die Göttinger nur gelegentlich in einem unbeschreiblich elenden kleinen Gebäude am Wilhelmsplatz, das zur rechten Zeit abbrannte, um dem stattlichen Neubau Platz zu machen. Was in jenem geboten ward, entsprach dem Lokale4.
Um nicht ganz im Fache zu versimpeln, mußte ausgedehntes Lesen herhalten, wie ich es zeitlebens getrieben habe. Es gab ja damals noch deutsche[199]  Dichter, von denen jedes neue Werk mit Leidenschaft ergriffen ward, Storm, Raabe, Fontane, aber schon waren die beiden Schweizer, G. Keller und C. Fr. Meyer, allen überlegen, der erstere von unvergänglichem Werte, der andere setzt wie die hellenistische und römische Poesie einen wissenden, für die berechneten Künste des Stiles empfänglichen Leser voraus. Frankreich hatte nicht weniger zu bieten. Alle Bände von Zolas Rougon Macquarts konnte man unmöglich lesen, so wenig wie die ganze Comédie humaine Balzacs, aber schon der ungeheure Fleiß und das ehrliche Streben nach unverschleierter Wahrheit imponierte, an Flaubert und Maupassant echte, freilich in Manier ausartende Kunst, ganz ebenso an den Parnassiens. Der romantische Anschluß an ein Hellenentum bei diesen, bei Carducci, Swinburne, Rydberg (den ich später schätzen lernte), zog durch die Poesie der anderen Völker, als er in Deutschland abgeblüht war. England hatte ihn allerdings in Shelley und Keats früher gehabt; aber da war die hellenische Einwirkung fast nur von bestimmten Dichtungen hergekommen. Der Umschlag zu dem Naturalismus und der Entschleierung der möglichst häßlichen Wahrheit bei Zola und den Brüdern Goncourt stand immer noch künstlerisch höher als bei den Deutschen gleicher Richtung5. So feine Kunsturteile und Stilanalysen, wie sie Saint-Beuve und nicht er allein darbot, waren bei uns nicht zu finden. H. Taine zwängte die Geschichte der englischen Literatur zwar in ein Schema, das abstrakte Theorie unter Vergewaltigung der Geschichte und der Individualität gezimmert hatte, aber Wahrheit lag auch hier darin; ich habe mehr bei ihm gelernt als aus Scherers Geschichte der deutschen Literatur. Gegen Taine und gegen die Überschätzung von Milieu und Masse half Carlyle, den mir Wellhausen zugeführt hatte. Wenn so namentlich die ästhetischen Strömungen in der französischen Literatur des letzten Jahrhunderts von A. de Vigny, George Sand, Victor Hugo an, dazu drängten, geschichtliche Entwicklung zu begreifen, so mußte ich wenigstens sprungweise in die ältere Zeit vorgehen, zunächst in das mit Unrecht gering geschätzte 18. Jahrhundert; Voltaire und auch Bayle berichtigten Vorstellungen, die aus der gewohnten Hingabe an Lessing stammten. Und so ging es weiter bis zu Rabelais und Villon. Weiter haben meine Sprachkenntnisse nicht gereicht, so daß ich zu Übersetzungen greifen mußte. Wenn dazu einige Bekanntschaft mit den Hauptwerken der Italiener derselben Jahrhunderte und ein wenig[200]  Spanisch trat, so sah der Philologe, was die Geschichte einer Literatur sein soll und sein kann. Daß auch das noch zu eng ist, weil es die Literatur auf die belles lettres beschränkt, ist mir erst später klar geworden, wohl zuerst an Hippokrates. Was die deutschen Philologen als antike Literaturgeschichte in Handbüchern und Vorlesungen verzapften, war (und ist leider noch vielfach) ein Gerippe von Namen und Zahlen, abgestandenen antiken und modernen Schlagworten als Charakteristik und eine Bibliographie, deren meiste Nummern weder gelesen werden noch es verdienen. Hinter all den kritischen Experimenten an den Gedichten der augusteischen Zeit steckt von wirklichem Verständnis nicht entfernt soviel wie in den schmalen Bändchen von Sellar. Das Englische stand für mich in Göttingen noch zurück, um dann ganz in den Vordergrund zu treten; der letzte große Franzose, den ich mit Bewunderung lesen konnte, ist in Anatole France gestorben, und ein hochgebildeter Italiener hat mir gestanden, daß es ihm ebenso ginge. Aber ich empfinde den großen Mangel, zwar modernes Englisch viel gelesen zu haben, aber von der älteren Literatur allzuwenig. Shakespeare ist sicherlich kaum halb verstanden, wenn man von der Periode der Elisabeth höchstens ein paar Stücke von Marlowe gelesen hat. So habe ich leider auch in der Jugend versäumt, Altnordisch zu lernen, was mehr eingebracht haben würde, als sich lange mit Sanskrit zu plagen. Denn die europäische Literatur von Petrarca bis zu der Entdeckung des echten Hellenentums durch die Deutschen und Engländer wurzelt im Römischen und hilft nur für Hellenistisches. Aber das Altgermanische liefert die wichtigsten Parallelen zu dem Althellenischen in Recht und Sitte und Glauben, durch Gegensatz ebensogut wie durch Übereinstimmung, und auf die Zeiten vor Homer und von Homer bis zur Höhe des 4. Jahrhunderts kommt es doch an, wenn die Hauptsache gelingen soll, das Erfassen der hellenischen Seele. Seit die drei skandinavischen Sprachen nicht mehr schreckten, habe ich ihnen auch für reichen Genuß zu danken; auf die deutsche »schöne Literatur« des letzten Menschenalters kann man ruhig verzichten. Ibsen aber bleibt ein großer Dichter, was auch die anmaßlichen Schwätzer des Tages sich gegen ihn erlauben. Am besten freilich, ihn selbst zu lesen und auch von Norwegern gespielt zu sehen, wo seine Menschen auch in stärkstem Affekte eine gemessene Haltung bewahren. Wer nur eine Literatur kennt, kennt auch diese in Wahrheit nicht, und eine so reiche und so trümmerhaft erhaltene wie die der Griechen (von der sich die römische gar nicht trennen läßt) erfordert besonders weiten Umblick. Mit den bildenden Künsten steht es ebenso. Dann wird man den Klassizismus los, aber was wahrhaft klassisch[201]  und daher unvergleichlich und ewig ist, wird man dann erst recht erkennen.
Als ich 1905 für die Kultur der Gegenwart eine Skizze der griechischen Literaturgeschichte zu schreiben unternahm, sagte ich mir, daß ich im Rahmen dieses Werkes mich in engen Grenzen halten müßte. Denn die Philosophie war abgetrennt, ohne die sich die geistige Entwicklung gar nicht geben läßt. Die Religion darzustellen hatte ich damals übernommen, wollte mit ihr sogar anfangen und einigermaßen die Ergänzung geben, habe es aber dann aufgegeben, weil der Raum mir nicht genügen konnte. Ich schrieb wieder einmal ohne alle Bücher in meiner Heimat den ersten Teil, über die klassischen Schriftsteller. Die hellenistische Zeit, von der ich bei den Lesern nur geringe Bekanntschaft voraussetzen durfte, bekam eine andere Behandlung; später war die Masse des Erhaltenen unverhältnismäßig größer. Die Christen zog ich hinein, Leo wollte, daß ich auch die Lateiner hinzunähme, und daß es einmal geschehen muß, wenn die ganze geistige Bewegung dargestellt werden soll, war uns beiden klar; aber zur Zeit war die Scheidung nicht zu umgehen. Das Mißverhältnis in der Behandlung war unleugbar und erregte große Entrüstung. In späteren Auflagen habe ich etwas nachgeholfen, aber die Beschränkung auf das eng Literarische einmal zugegeben, war es für mich wenigstens unvermeidlich. Jetzt liegt mir daran, auszusprechen, wie es zu einer Darstellung gekommen ist, die mir selbst niemals genügt hat. Man soll keine Bücher schreiben, zu denen die Anregung nicht aus dem eigenen Willen kommt, wenn das Thema durch äußere Rücksichten begrenzt ist.
Der Wunsch, Zusammengehöriges in Kürze abzumachen, hat von Göttingen weit abgeführt. Hier war zunächst nur am Platze, von dem Bestreben etwas zu sagen, das immer darauf gerichtet war, nicht in die Einseitigkeit des Spezialisten zu geraten. Dazu konnte Göttingen verführen. Ich brauchte ein Gegengewicht gegen das Gefühl der Selbstgenügsamkeit, das in Göttingen unleugbar vorhanden war und leicht anstecken konnte. Die Universität war dazu in ihren großen Zeiten unter Heyne, Michaelis, Lichtenberg, Schlözer berechtigt gewesen, und nachdem die Krisis von 1837 überwunden war, zählte sie eine nicht geringe Anzahl berühmter oder doch namhafter Männer unter ihren Lehrern, wenn auch ihre wirkungsvollen Jahre nun hinter ihnen lagen. Jeder Ankömmling mußte ihnen mindestens seine Aufwartung machen, denn ein persönlicher Besuch bei allen Dozenten war herkömmlich und Verkehr in viel ausgedehnterem Maße erwartet, als ich aufzunehmen gewillt war und zunächst auch die Gesundheit meiner Frau ertrug.[202]
Wilhelm Weber, der letzte der Sieben, erschien noch manchmal in der Fakultät, lebte aber ganz verborgen in seinem Garten, in dem sogar Wein gekeltert ward, obwohl der Wind vom Harz her so kalt weht, daß man abends nur selten im Freien sitzen kann. Der immer noch tätige Nationalökonom Hanssen war von Berlin enttäuscht nach Göttingen zurückgekehrt, was oft mit Stolz erzählt ward; daß Lotze und Waitz dort bald gestorben waren, auch. Hanssen starb bald und erhielt in Cohn einen nicht immer erfreulichen Nachfolger. Eine wirkliche und noch rüstige Berühmtheit war der feine, spitzigwitzige Anatom Henle, mit dessen Schwiegersohn Ulmann ich in Greifswald gut bekannt gewesen war; ein anderer Schwiegersohn ward Henles Nachfolger. Daß ich die Familienpolitik nicht förderte, als für einen Historiker die Wahl zwischen Ulmann und Max Lehmann war, hat mir die Sippe nie verziehen. R.v. Ihering fühlte sich als der princeps professorum und war als solcher anerkannt. Der (natürlich einzige) vornehme Lohndiener erkundigte sich vor jedem Diner, ob der Herr Geheimrat erscheinen würde, und stellte danach die Stühle so, daß für ihn Raum genug war. Eigentlich verlangte Ihering, daß die von ihm bevorzugte Kochfrau ein Menu bereitete, wie es ihm genehm war, immer ziemlich dasselbe, und meiner Frau ist er grob geworden, weil ich als Prorektor statt der üblichen französischen ganz besonders gute italienische Weine zu schönen italienischen Gerichten gab. Einige Male habe ich Karten mit ihm gespielt und fand nicht, daß seine Kunst den Ansprüchen, die er machte, entsprach; er spielte auch am liebsten mit alten Damen. Bei guter Laune konnte er noch geistreich sein, amüsant erzählen, gute, manchmal zynische Witze sprühen lassen, aber er war nicht mehr, was er vorstellte.
Unter den Theologen herrschte Ritschl, den man wohl den lutherischen Papst nannte. Eine rührende Gestalt war Reuter, Abt von Bursfelde, fast blind, den ein treuer Hund zum Auditorienhause geleitete. Ich kam mit ihm in Berührung, als ich seinem Sohne zum Doktor verhalf, der eine vorsichtige und freundliche Leitung bedurfte. Da gab es Unterhaltungen über Augustin, dessen Konfessionen mir von Greifswald her wegen ihrer Rhetorik so verdächtig waren wie Rousseaus Confessions. Ich habe Reuters Augustinische Studien mit Nutzen gelesen, aber verständlich ist mir der große Kirchenmann erst durch meinen Kollegen Holl geworden, einen von denen, die zu überleben ich als ungerecht empfinde; das gleiche gilt von Roethe. Es ist mir eine Genugtuung, daß mein erster Eindruck von Augustins Natur nicht falsch war.
Den Abtstitel erbte von Reuter der allgemein beliebte und als Mensch[203]  verehrte Schultz, dessen Gattin wohl die vollkommenste fraulich-mütterliche Gestalt gewesen ist, die mir das Leben gezeigt hat.
Der Gynäkologe Schwartz war bereits körperlich gebrochen, aber er war Jahns Schwager, der in seinem Hause gestorben war, in seinem Sohne erkannte ich früh den werdenden großen Gelehrten und seine drei Töchter wurden und blieben vertraute Freundinnen meines Hauses.
Der Chemiker Hübner, Bruder des Berliners, starb plötzlich und hinterließ seine Witwe mit vier kleinen Kindern. Da war es zunächst das Mitgefühl, das uns zu der tapferen Frau führte, aber es ward eine nahe und dauernde Verbindung daraus, auch mit ihrer Mutter, einer Schwester des Ministers v. Stosch. Die Damen hatten in Potsdam gelebt; es tat wohl, mit seinem preußischen Gefühle auf volle Resonanz zu stoßen.
Nun endlich die Philologen. E. von Leutsch lebte seinen Katzen und seiner Gemüsezucht. Von der verstand er etwas; die mächtige Gemüsefrau, Frau Dornieden, nahm höhere Preise, wenn die Bohnen »von Leutschen« stammten. Von seinen Vorlesungen hatte schon Kaibel entsetzt und belustigt ziemlich dasselbe Bild entworfen, das Usener auf einem fliegenden Blatte in Auszügen aus seiner Nachschrift gegeben hat, denn auch er hatte dasselbe Kolleg gehört. Mir versicherte Leutsch, ich wäre ihm sonst willkommen, aber gewollt hätte er A. Luchs, weil der etwas von Metrik verstünde; er wußte also, daß das bei mir fehlte. Wie sich schickte, habe ich dafür gesorgt, daß das Seminar ihm bei seinem Tode das Ehrengeleit gab. Die Hoffnung, daß der Philologus mit ihm stürbe, erfüllte sich leider nicht. Eine Zeitschrift erhält sich, wenn sie inhaltlich herunterkommt durch die Bibliothekare, die eine Serie nicht abreißen lassen. Das hat allerdings den Vorteil, daß sie sich leichter wieder heben als eine neue sich gründen läßt.
Zu Hermann Sauppe sah ich mit der gebührenden Verehrung auf, als ich kam, und war glücklich, daß ich sie bewahren konnte. Er war wohl so spät von der Schule an die Universität gekommen, daß er sich nicht ganz umstellen konnte6; manches hatte er gehen lassen müssen, und daß er Neuerungen wie das Proseminar mitmachen sollte, war nicht zu verlangen. Das Schwergewicht seiner Person hat doch bis zuletzt bewirkt, daß die Studenten des Seminars aus seinen Übungen außer der sicheren Einführung in die Sprachen in der Ehrfurcht vor dem alten Herrn etwas noch wertvolleres[204]  mitnahmen, nicht zuletzt auch durch die patriotischen Mahnungen, an denen er es nicht fehlen ließ. Er hatte in der Schweiz den Glauben an die Größe des deutschen Vaterlandes nicht verloren, und hat in Göttingen vor und nach 1866 seine Person mutig für die Einheit, für Kaiser und Reich eingesetzt. Wir verständigten uns gleich und auch die schwierige Umgestaltung der Gesellschaft der Wissenschaften, die ich ohne Vorwissen ihres Sekretärs betrieben habe, hat keine Störung gebracht. Für die Gesellschaft habe ich ihm die Gedächtnisrede gehalten und die Sammlung seiner ausgewählten Schriften mit ins Leben gerufen. Zu seiner goldenen Hochzeit, die eine allgemeine Feier ward, führten seine jüngste Tochter und seine Enkelinnen ein Festspiel auf, das Roethe und ich verfaßt und einstudiert hatten; wenn es nicht zu lang wäre, würde ich es mitteilen.
Auch mit Karl Dilthey ging es die ersten Jahre vortrefflich. Er war ebenso geschmackvoll wie kenntnisreich, von weitester allgemeiner Bildung, in Zürich Gottfried Keller nahegekommen, Schwager von Usener, auch durch diesen angeregt, also der Verkehr mit ihm genußreich und belehrend. Er lebte zurückgezogen, kam aber nicht selten in unser Haus. Zu eigener Produktion kam er vor zu vielen Plänen kaum noch, bald gar nicht, und die breite Lehrtätigkeit befriedigte weder ihn noch die Studenten. Unmöglich konnte ich allein vor dem Riß stehen; für das Latein war ganz ungenügend gesorgt. Ich hätte vielleicht auch Vorlesungen über lateinische Schriften halten sollen, wie ich es als Privatdozent getan hatte und im Seminar immer getan habe. Aber die Einsicht, daß die strenge Scheidung von Latinisten und Graezisten vom Übel ist, hat sich mir erst spät aufgedrängt. In der Kaiserzeit lassen sich die beiden Sprachen gar nicht scheiden; das hat die Beschäftigung mit den christlichen Schriften immer beherzigt. Die klassische Poesie und Prosa der Römer ist mit der klassischen und zeitgenössischen der Griechen ganz nah verbunden, so daß sie von dorther leicht behandelt werden kann, die Philosophie sogar behandelt werden muß; die Wissenschaften vollends sind ja alle ganz griechisch, von der Landwirtschaft abgesehen. Aber das Italische, der Plautus und der Varro und das römische Recht fordern einen anderen Vertreter; das Gebiet des Vulgärlateins fällt demselben zu. Die heutige Generation tut Recht daran, daß sie die Beschränkung auf eine Sprache überwindet.
Meine Belastung war so stark, daß ich sie kaum tragen konnte, zumal Dilthey kränklich und daher öfter beurlaubt war. Proseminar und Seminar zugleich und daneben zwei Vorlesungen nimmt jetzt kaum jemand auf sich. Althoff war davon ganz überzeugt, daß Abhilfe nötig wäre, bat aber, ich[205]  möchte mich etwas gedulden. Erst nach mehr als zwei Jahren gelang die Berufung von Wilhelm Meyer, mit der Dilthey ganz einverstanden war; Vahlen, den ich fragte, hatte andere Vorschläge, denen ich zum Glück nicht folgte. Mich hatten Meyers Entdeckungen der Gesetze der späteren griechischen Hexameters und ganz besonders seine Ausgabe des Ludus de Antichristo bestimmt; ein Mann von solcher Bedeutung mußte aus einer untergeordneten Stellung an der Münchner Bibliothek befreit werden. Er kam gern mit seiner trefflichen Frau, die er nun heiraten konnte, und einem Sohne erster Ehe, und wenn ihm die neue Tätigkeit auch nicht recht lag, ging es doch eine Weile. Da übertrug ihm Althoff die Katalogisierung der Göttinger Handschriften (es sollte mehr werden, ist aber dabei geblieben), was dazu führte, daß er die Lehrtätigkeit aufgeben wollte. Das konnte ich nicht ertragen und mußte in Berlin energisch auftreten. Die Verständigung mit Althoff gelang aber auf Grund meines Vorschlages, daß eine Ersatzprofessur in den Etat gestellt ward, also für Sauppe, was dessen Stellung nicht beeinträchtigte. Nach manchen Weiterungen kam Leo (1889), in Straßburg durch Kiessling ersetzt; Dilthey ging als tatsächlicher Nachfolger Wieselers zur Archäologie über, W. Meyer vertrat das mittelalterliche Latein, das eine besondere Professur durchaus verdient, und hat so in seiner Weise der Wissenschaft dienen können. So schien alles wohl geordnet; auch Dilthey schien zuerst befriedigt, und ich habe keine Ahnung davon, weshalb er einen geheimen Groll auf mich geworfen hat, der sich erst offenbarte, als ich fortging, so daß er mir nicht einmal seine Rede auf Otfried Müller schickte, dessen Feier ich angeregt hatte, so daß er als mein Ersatzmann sprach. Es hatte mich sehr große Mühe gekostet, in der Gesellschaft der Wissenschaften seine Wahl durchzusetzen und hat mir manchen Spott der Kollegen eingetragen, deren Erwartung sich bestätigte, daß er nichts leisten würde. Die ganz wenigen, die ihm als Assistenten an seinem Institute nahetraten, Gräven und Fredrich, haben Tüchtiges bei ihm gelernt; im Ganzen fiel die Archäologie weiter in der Bildung der Studenten aus, und das kleine Museum blieb unbesucht. Nur für mich selbst konnte ich hier wie in Greifswald die Verbindung mit den Monumenten aufrecht halten. Auch für die alte Geschichte war Volquardsen keine nennenswerte Unterstützung.
Die Studenten mußten gleich fühlen, daß die Zügel straffer gezogen wurden. In der Prüfungskommission fand ich es vor, daß in den Meldungen regelmäßig als die besonders studierten Schriftsteller Terenz und Sallust, Lysias und Sophokles angegeben wurden; kürzere gibt es nicht. Daraus waren bisher die Themata gegeben; das hörte auf und dieser neue Kurs verstimmte.[206]  Auch mein Vortrag brachte so vieles, was unverständlich und überflüssig schien, kein reinliches Heft ergab. Ich erfuhr, daß der Spitzname Wilhelm Mumpitz aufkam. Das ward bald anders; der philologische Verein erlebte wie in Greifswald eine innere Umgestaltung und ich nahm nun den regsten Anteil, half bei der Wahl der Vorträge, ging in die Sitzungen, hielt eine Weile im gemütlichen Teile aus, alles so, daß die freie Bewegung der Studenten sich nicht gehemmt fühlte.
Auch in der Prüfungskommission war es nur zuerst nötig, unpopulär zu sein. Sehr bald stellte sich das richtige Verhältnis ein, daß dies Examen keine Furcht erregte, vollends nach dem Doktor. Unerfreulich aber charakteristisch war, daß Kandidaten, deren wissenschaftliche Bestrebungen anerkannt waren, vom Provinzialschulkollegium niemals an das Göttinger Gymnasium kamen, sondern möglichst an Orte, wo sie die der Pädagogik unsympathische wissenschaftliche Arbeit kaum noch treiben konnten. Eine allgemeine Beratung fand in der Kommission nicht statt, aber man konnte sich doch besprechen, und da war es wieder charakteristisch, daß die Beurteilung der Menschen bei mir und dem ganz naturwissenschaftlich eingestellten trefflichen Philosophen G.E. Müller immer übereinstimmte, bei dem andern Philosophen Baumann nicht. Als ein Wechsel in dem Vorsitz notwendig geworden war, ist es mein von Althoff gern unterstützter Vorschlag gewesen, daß diese Stelle einem Schulmanne, nicht einem Professor übertragen ward, natürlich einem wissenschaftlich ebenbürtigen Manne. So kam Direktor Viertel an das Gymnasium, und die Zusammenarbeit war im höchsten Grade erfreulich. Das wünschenswerte Eingehen auf die Eigenart der Prüflinge ist nur möglich, wenn sie dem Prüfenden bekannt ist und bei ihm und dem Vorsitzenden neben aller Strenge in den Anforderungen das menschliche Wohlwollen nicht fehlt. Davon ein Beispiel. Ein Kandidat, dessen Wissen ich kannte, hatte so große Angst, daß er vor dem mündlichen Examen immer wieder zurücktrat. Da wandten wir die List an, daß Viertel ihn und mich zu einer Besprechung einlud. Wir unterhielten uns eine Stunde lang und erklärten nach dieser tatsächlichen Prüfung, nun hätte er in seinen Hauptfächern bestanden. Da war er erleichtert und erledigte am andern Tage das Übrige. Leider haben wir nachher doch nichts von ihm gehört; die seelische Zerrüttung scheint zu stark gewesen zu sein.

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Auf dem Seminar und dem Vereine beruhte der frische Aufschwung, den die Göttinger Philologie nahm. Zuzug von außen stellte allerdings die besten Namen unter denen, welche sich als Stifter des Genethliakon Gottingense (1888) nennen, Bethe, Bruhn, Kern, Passow, Viereck, Wentzel, fast alle[207]  Seminarmitglieder; Redaktor war Bruhn, dessen Vorsitz im philologischen Verein den Höhepunkt bildete. Auch Hiller von Gaertringen und F. Noack kamen aus Berlin, Töpffer aus Kurland, Adolf Wilhelm aus Graz, und dieser nahm hier die entscheidende Wendung zur Epigraphik, deren Meister er werden sollte.
So schwer die Arbeitslast war, die auf mir lag, es kostete keine Überlegung, Rufe nach Heidelberg und Straßburg (das gar nicht näher erörtert ward) auszuschlagen. Der Vertreter des badischen Ministeriums hatte volles Verständnis dafür, als ich ohne auf die Bedingungen einzugehen, die mich hätten verlocken können, erklärte, ich hätte meinem König einmal geschworen und könnte nun selbst in den Dienst eines Fürsten wie des Großherzogs von Baden nicht mehr treten. Ein späterer Ruf nach Bonn war mir vollends unannehmbar, denn bei aller Verehrung für Bücheler und Usener konnte ich nicht mehr Tritagonist sein, und so haben sie diese Stelle immer besetzt. Beide haben mir die Ablehnung auch nicht verdacht.
Daß im Lehrkörper der Universität noch einigermaßen der hofrätliche Ton herrschte, den man Göttingen von jeher nachsagte, war unleugbar, auch in der Fakultät. Dem wirkten namentlich Naturwissenschaftler entgegen, der Zoologe Ehlers, der Botaniker Graf Solms-Laubach, der Mineraloge C. Klein, mit denen ich gleich enge Fühlung aufnahm; Solms hatte auch starke historische Interessen. Diese Beziehung zu der naturwissenschaftlichen Klasse, Sparte, wie man sagte7, steigerte sich, als Felix Klein hinzutrat; doch von dem ist später zu handeln.
1887 kam das Jubiläum der Universität und damit eine schwere Prorektorwahl. Ohne Frage war der Jurist Frensdorff der einzig richtige Vertreter, denn er war Hannoveraner, mit der Geschichte des Landes und der Universität intim vertraut. Aber wir drangen mit ihm nicht durch. Ritschl hatte noch die Macht, obwohl er sich in seiner Rede beim Lutherjubiläum eine starke Blöße gegeben hatte. Ich war im Verwaltungsausschuß und konnte von seiner Führung der Geschäfte nicht erbaut sein. Auf der Liste der Einzuladenden befand sich, wie sich gebührte, der Bischof von Hildesheim; sie[208]  war vom Senat (der Versammlung aller Ordinarien) genehmigt, da erzwang Ritschl die Streichung: er könnte keinen katholischen Kirchenfürsten begrüßen. Dann gehörte er nicht auf seinen Platz. Er hat auch in der Beantwortung mancher Gratulationen starken Anstoß gegeben. Von der Regierung erwarteten wir vergeblich ein wertvolles Geschenk; erwünschte Neubauten gab es genug. Aber der Beweis königlicher Huld bestand nur in der Ernennung des Prinzen Albrecht, Regenten von Braunschweig, zu unserem Rector magnificentissimus. Er war anwesend, schwieg sich aber aus, als eine Erwiderung auf seine feierliche Begrüßung erfolgen mußte; auch weiter hat er nichts für Göttingen getan. Althoff meinte, als ich ihm mein Befremden aussprach, warten Sie nur, wir werden Göttingen nicht vergessen. Das hat er redlich bewiesen, sogleich durch die Neubauten für die medizinischen Institute, die jetzt an einer Gosslerstraße liegen. Denn dieser Minister heimste sehr gern den Dank ein; Althoff hatte solchen Ehrgeiz nicht.
Gossler war jung Minister geworden, weil Bismarck in Verlegenheit war, als er Puttkamer ersetzen mußte, der selbst nur in der Not den Platz von Falk eingenommen hatte. Ich erfuhr zufällig, daß Göppert seinem jungen Kollegen Gossler im Tiergarten begegnet war und dessen Selbstvorstellung als Minister mit einer sehr unverblümten Äußerung des Unglaubens aufgenommen hatte. Um so mehr ließ dieser sich angelegen sein, sich in seiner Würde zu zeigen. Als er das erstemal in Göttingen war, bestellte er den Lehrkörper in die Aula und hielt eine Cour ab, als wäre er ein Fürst. In Wahrheit ist er immer nur ein geschickter Figurant gewesen, hat daher auch den Zeitpunkt verpaßt, wo er mit Würde seinen Abgang nehmen konnte.
Im ganzen verlief das Jubiläum doch zur Befriedigung der vielen alten Studenten, die sich zusammenfanden; ich hatte die Freude, Kaibel und Leo in meinem Hause zu haben, und die Ehre, vor der Aula die Ansprache an die Studenten zu halten. Auf welches Hoch sie ausgehen sollte, war durch die vielen Toaste und Reden an anderen Orten unsicher geworden. Ich wies alle Vorschläge zurück und fand, wie sich zeigte, für die deutsche Jugend den rechten Ton: dem neunzigjährigen Kaiser, der Verkörperung der Einheit und der Größe des deutschen Vaterlandes gebührte der Dank und das Treugelöbnis der deutschen Jugend8.
Es folgte das Dreikaiserjahr, die zweimalige Vereidigung auf den Namen eines neuen Herrn, eine Formalität, die keinen Sinn mehr hatte, denn der Staatsdiener ist dem Könige als dem höchsten Diener des Staates ein für allemal[209]  verpflichtet; etwas Persönliches liegt hierin nicht, und gerade weil dies das Beste ist, läßt es sich nicht kommandieren. Die Treue, die man beschwört, gilt der Majestät; von Wilhelm I. sprach man als unserem alten Herrn, Wilhelm II. erhielt bald die Bezeichnung S.M. Ich fuhr zur Goetheversammlung nach Weimar und traf dort Lüders, der den Kronprinzen von Griechenland als Hofmarschall begleitete, in gehobener Stimmung; nicht ohne sein Zutun war die Verlobung mit der Prinzessin Sophia durchgesetzt, während Victoria den Battenberger nicht bekam, dem wohl selbst sehr viel weniger daran gelegen war als der alten Queen Victoria und der Kaiserin Friedrich. Auch Ernst Curtins war in Weimar, und wir verkehrten freundschaftlich wie früher; wie er die Wandlungen am preußischen Hofe aufnahm, hatte etwas Rührendes, und da klangen unsere Empfindungen zusammen; die griechische Geschichte ließ sich vermeiden.
Als durch Leo die Philologie in Göttingen gesichert war, konnte ich endlich in den etwas verlängerten Osterferien 1890 nach Griechenland reisen und meine ziemlich erschöpften Körperkräfte und ebenso meine Kenntnis des Landes auf die Höhe bringen. Zwar warnte der getreue Stiefelfuchs Bohnsack: »da ist hier einmal ein Hofrat Müller gewesen, der ist auch nach Griechenland gefahren und ist auch nicht zurückgekommen.« Einer meiner ersten Gänge in Athen galt dem Grabe Otfried Müllers, der vor 50 Jahren auf dem Kolonos des Sophokles bestattet war; das Grab dicht neben dem Rangierbahnhof läßt wie der ganze Kolonos keine Stimmung mehr aufkommen. Aber die Reise hat alles erfüllt, was ich erhoffte. Nun ging sie rasch über Brindisi-Patras, und schon die Fahrt längs des korinthischen Golfes durch die fruchtbare Strandebene mit dem Blick hinüber auf die öden schroffen Berge war einer der landschaftlichen Eindrücke, die in diesem Frühling alle anderen Genüsse und Belehrungen überwogen. Athen war gänzlich verändert, die Burg durch die Energie von Kabbadias bis in die Tiefen erforscht, das Museum erbaut, vor allem stand unser Institut durch Dörpfeld und Wolters in voller Blüte. Wolters stillere Wirksamkeit lernte ich langsamer in ihrer tiefen Bedeutung schätzen, Dörpfeld stand im Zenit seiner fruchtbaren Tätigkeit, und ich gab mich sofort der Bezauberung durch seine Person hin. Beiden widmete ich nachher ein Buch zur Ergänzung einer Widmung an Henzen und Helbig, die gegen ihre Absetzung protestiert hatte. Ich traf zufällig gerade zu einer Sitzung des Institutes ein, in welcher der treffliche Entdecker von Eleusis Philios einen auch rhetorisch hochgestimmten Vortrag hielt. Daß ich das allerdings sehr gewählte Griechisch ganz verstand, war mir eine große Beruhigung. Philios hat mir später seine Ausgrabungen[210]  eingehend gezeigt9. Lüders lebte damals vornehm in einer Villa am Phaleron, noch im Hofdienste, den er bald mit der nicht stark belastenden Stellung des deutschen Generalkonsuls vertauschen sollte10. Verkehr mit manchen griechischen Fachgenossen stellte sich ein, aus Deutschland erschienen später um die Osterzeit Kekule und Treitschke. In Kekule begrüßte ich den Lehrer mit herzlicher Dankbarkeit, die ich nie verloren habe; wir haben uns auch später als Kollegen immer gut verstanden. Treitschke war trotz seiner Taubheit ein belebendes Element. Er wagte es mit Erfolg, allein die Argolis zu besuchen und rühmte die niedere Bevölkerung, die seiner unbehilflichen Taubheit immer zu Hilfe kam. Eines Abends verlangte er zu Weine zu gehen, wozu sich damals nur in einer samischen Weinhandlung Gelegenheit bot, wo wir zwischen großen auf kleinen Fässern saßen. Da führte er über den griechischen Staat, den griechischen König und das Haus Glücksburg mit seiner mächtigen Stimme Reden, die zum Glück nur von uns verstanden wurden. Über Deutschland sprach er mit tiefster Erregung und düsteren Ahnungen; Bismarck war ja eben gestürzt. Wir hatten die Trauerkunde in Böotien erfahren und konnten uns, so zwecklos es war, nicht enthalten, ein Huldigungstelegramm an ihn von Theben abzusenden, das doch nur für uns etwas bedeutete. Auf einem öden Berge war ein Hirt auf uns zugetreten und hatte nicht ohne Hohn gesagt »der eiserne Kanzler ist abgesetzt: was wird nun aus Deutschland?«
Eine zahlreiche ragazzeria, wie man wohl sagen durfte, fehlte nicht und Ausflüge in Attika wurden gemacht, zuerst nach dem eben von den Amerikanern glücklich entdeckten Dionyso-Ikaria. Was war nicht alles über die Lage des Ortes und über Thespis ins Blaue vermutet worden, und nun lag das Dorf verborgen in einer Waldschlucht. Der Name beweist seine Gründung in vorgriechischer Zeit; Dionysos kann nur ein später Zuwanderer sein, und seine Gläubigen mögen sich einst vor Verfolgungen hier geborgen haben, Thespis aber hat zu Hause dem Gotte Reigen aufgeführt, ehe Peisistratos[211]  das Bockspiel des Arion aus Korinth zu seinem neuen Feste herübernahm. Das Phallikon singt Dikaiopolis an den ländlichen Dionysien; in Ikaria ward es gesungen (IG I 187): es wendet sich nicht an Dionysos. Der Phales ist vielmehr ein älterer Gott gewesen, den der fremde mächtigere Herr wie die Silene und Satyrn sich dienstbar gemacht hat. Wir sahen Ikaria noch in winterlicher Kahlheit, aber der Blick auf das Meer war doch schön, wenn man die nächsten Höhen erklomm. Später war zwischen Thorikos und Sunion das Feld purpurn von den schönsten Anemonen, wie man sie in der Stadt Athen nicht kannte. Bei Thespiae war es gelb von Narzissen: Narkissos ist da zu Hause, der Name muß also wohl zutreffen. Bei Chalkis war das Feld blau von einer kleinen Schwertlilie; in den Gerstenfeldern fehlte der Mohn nicht. Bei Theben fielen Tulpen auf; sie waren wohl in alten Gärten, noch aus der Türkenzeit, verwildert. So beging die Natur noch immer die Anthesterien.
Durch Böotien mit einem Abstecher nach Chalkis und Eretria zog ich zu Pferde und zu Fuß mit vier jüngeren Begleitern, Brückner, Hiller, Kern, Wilhelm, so daß die Griechen mich schon immer den γέρων nannten. Vierzehn Tage in solcher Begleitung und unter den Lebensbedingungen einer solchen Reise, das konnte wohl verjüngen. Wir gingen von Delphi aus, wo noch nichts Neues zu sehen war, dann auf dem bekannten Wege über Chaironeia, wo diesmal das Schlachtfeld als solches betrachtet ward, auf Lebadeia zu, das im Glanze elektrischen Lichtes strahlte, als wir ihm in finsterer Dämmerung nahten. In Böotien war das ebenso überraschend wie eine Baumwollspinnerei, die sich der Kraft eines starken Baches auch zur Erleuchtung bediente. Hier rasteten wir einen Tag11, um einen Abstecher nach Orchomenos zu machen. Es folgte ein anstrengender Tagesritt über Koroneia und die Vorberge des Helikon bis Palaeopanagiá, an den Rand oberhalb von Thespiai, wo bei spätem Nachtmahl dem schönen dunklen Rezinat kräftig zugesprochen ward. Daß wir am andern Morgen das Musental hinaufgingen, aber bei der Aganippe zu kräftig frühstückten, um auf den Helikon zu gehen, ist eine Unterlassungssünde, die durch mein wiederholtes reuiges Bekenntnis nicht gesühnt werden kann. In der Stadt Thespiai fanden wir mit Unwillen eine der leichtfertigen französischen Ausgrabungen, wie sie damals öfter gemacht[212]  wurden, ein hastiges Suchen nach Inschriftsteinen, die zum Teil noch herumlagen, und ein Aufwühlen der Bauten ohne irgendwie zum Abschlusse zu kommen. Erfahrungsgemäß wird dann das Aufgedeckte zerstört, die Steine verschleppt, Raubgrabungen angeregt. So ist es hier auch nachher geschehen. In Theben hielten wir uns länger auf; ich bemühte mich um die Topographie an der Hand der Aufnahme, die Fabricius eben gemacht hatte12. Die Aale der Kopais bewiesen, auf offenem Feuer geröstet, ihre altberühmte Vortrefflichkeit, eine sehr erwünschte Delikatesse; sonst brieten wir ein Lamm, wenn Zeit dazu war; wenige Konserven hatten wir mit. Manchmal war Schmalhans Küchenmeister. Gerstenbrot, zumal frisch aus dem Ofen, lernten wir schätzen. Wir erhielten in Theben gute Pferde zu einem sehr billigen Preise, auf denen man auch einen Galopp wagen durfte, freilich nur zur Freude derer, die reiten konnten. Es folgte der reichste Tag. Hinauf ging es über die tenerische Ebene den Berg empor zu dem Orakelheiligtum des Apollon Ptoios, das jetzt nach der starken Quelle, ohne die ein solcher Kultplatz nicht zu denken ist, Perdikovrysi, Rebhuhnquelle heißt. Eine Talmulde ist rings von Bergen eingeschlossen, so daß Aussicht nach keiner Seite ist. Die Franzosen hatten die Ausgrabung gemacht; die Fundstücke, Statuen und Inschriftsteine waren fortgebracht, eine ordentliche Aufnahme und ein vollständiger Bericht fehlte und fehlt noch. Ich kann nur den Eindruck wiedergeben, den mir die Ruinen machten. Eine ausgemauerte kleine Höhle schien das älteste zu sein, vielleicht aus vorböotischer Zeit. Die Quelle mochte damals noch im heiligen Bezirke entsprungen sein. In böotischer Zeit, vor der Annexion durch Theben, war dem Gotte ein Tempel errichtet, Wohnungen für die Orakelpriester und Tempeldiener erbaut. Der Gott ward viel befragt und besucht, auch später noch, aber zu Plutarchs Zeit war alles so verödet wie jetzt, wohl seit der verhängnisvollen sullanischen Zeit. Wer aber war der Herr der Gegend vor Theben, vor den Böotern? Orchomenos oder die Bewohner der Küste, dann aus äolischem oder ionischem Stamme. Die Wissenschaft hat sich seltsam wenig um das Ptoion bemüht.
Das gilt nicht viel weniger von den ganz großartigen Ruinen auf der Insel der Kopais, die jetzt meist Gha benannt wird, ein Name, den wir nicht hörten, als wir zu ihr hinabritten. Der antike Name ist Arne gewesen, woran sich füglich nicht zweifeln läßt; es ist das vorgriechische Wort für Stadt. Arne ist ganz von einer starken Mauer umgeben, eins der beiden Tore so[213]  gut wie das Löwentor von Mykene erhalten. Der Palast ist in der ganzen Anlage gut zu übersehen, kein Zweifel, daß das Schloß im See zu Orchomenos gehört hat. Dort zu sitzen und über den See mit seinen grünen Binsen zu den Ufern gegenüber, zu den Bergen und dem Schneerücken des Parnassos zu blicken, war durch den Kontrast zu der Enge des heiligen Tales doppelt ergreifend. Oben Totenstille, hier krächzten Dohlen, die wir aus dem Gemäuer aufscheuchten, Schwäne und Entenschwärme zogen über den See, hochbeinige schöne Reiher standen im Rohre, weiße große Wasservögel hoben sich in die Luft; ich kannte sie nicht, begrüßte sie als Geschwister der Stymphaliden. Herakles hat ja auch hier die ältesten Abzugsstollen gegraben; Ingenieure, seine Nachfolger, haben nun die Entwässerung vollendet. Niemand wird mehr von Arne aus die Kopais so erblicken, wie sie vor meinem Gedächtnis als ein lebendiges Bild steht.
Auch der Abend bot ein unvergeßliches Bild. Wir waren den Berg hinauf wieder zurückgeritten und in einem Kloster eingekehrt, das auf einem Plateau noch oberhalb des Heiligtumes liegt. Da saßen wir nun zusammen unter Vorsitz des Abtes mit seinen zwei würdigsten Mönchen, aßen eine delikate Bohnensuppe mit Öl und einen Pilaw mit Huhn, trotz den strengen Fasten, während unsere Wirte nur an der Suppe teilnahmen und sonst sog. roten Kaviar aßen, der für unsereinen ungenießbar ist. So großherzig ist die orthodoxe Kirche, denn sie ist sich zwar bewußt, die einzig wahre zu sein, aber drängt sich niemandem auf, im Gegenteil, sie verachtet es, daß ein Mensch die Religion wechseln kann, in der er geboren ist; der König Georg durfte Protestant bleiben; daß die deutsche Prinzessin Sophia übertrat, war ein unbedachter Schritt. Weintrinken verboten die Fasten nicht, und der Abt vertraute mir das Rezept, d.h. die Menge Harz, die einem Liter Rebensaft zugefügt werden muß. Darauf verstand er sich, aber von der Kapelle der heiligen Paraskevi, d.h. des Karfreitags, gab er ohne Besinnen an, sie gehöre einer Märtyrin mit Namen »Freitag« aus der diokletianischen Verfolgung.
Tanagras Mauern lehrten, daß es erst eine böotische Gründung ist, wenn auch die Graer in dem Namen stecken, denn es ist durchaus Landstadt; die ionischen Graer waren auf beiden Seiten des Euripos Seefahrer. Mykalessos überraschte durch den Umfang der Ansiedelung; die Gräber haben später seine Bedeutung im 7.–6. Jahrhundert vor der Annexion durch Theben bestätigt. Von da ging es nach Euboia, aber Erwähnung verdient nur noch unser letztes Nachtlager im Chane von Kalamos unweit des Amphiaraion bei Oropos, dessen Theater damals viel besprochen ward. In der Mitte des langen Gebäudes[214]  brannte ein Feuer, der Tür gegenüber, durch die der Rauch abziehen sollte, ringsum Sitze; viel Volks kam und ging, zumal als die Fremden auf der einen Seite sich auf die Teppiche zur Ruhe legten, und erst recht am andern Morgen, als sie sich wuschen, ganz wie es Afrikareisende beschreiben. Die andere Hälfte bildete die Schlafstätte der Wirtsfamilie. Am andern Tage brachte uns ein scharfer Marsch in die Kultur Athens zurück, in einem Aufzuge, der nur für Kalamos paßte. Die Stiefel zerrissen, die Hosen trotz fleißigem Flicken von den Dornen zerfetzt. Wir waren verbrannt von der Frühlingssonne, so oft auch der Regen oder das Durchwaten von Gewässern angefeuchtet hatte. Es war nicht so leicht, sich in die Zivilisation zurückzufinden, äußerlich und innerlich.
Das griechische Osterfest nahte; am Karfreitag waren die zahllosen Osterlämmer im Stadion zusammengetrieben und die Käufer sammelten sich, aus deren Augen der wilde Hunger leuchtete: die Fasten der orthodoxen Kirche zehren gewaltig an den Leibern der Gläubigen, und die Beobachtung der kirchlichen Vorschriften wird noch fast allgemein aufrechtgehalten. Das ergreifende Schauspiel der Entzündung des heiligen Lichtes in der Hauptkirche machten wir natürlich mit, nicht so die folgenden nächtlichen Mahle.
Unmittelbar darauf ging es auf die Peloponnesreise unter Führung von Dörpfeld; auch Wolters kam mit, in die Argolis auch Kekule. In dem zahlreichen Gefolge befand sich Professor Perrin aus Baltimore, der sich mir schon auf dem Schiffe bald hinter Korfu bekannt gemacht hatte, weil ihm mein Name auf dem Koffer aufgefallen war; wir hatten uns sehr gut unterhalten, haben auch weiter über den Ozean hin brieflich verkehrt. Dann Blinkenberg aus Kopenhagen, eine noch wertvollere dauernd gepflegte Bekanntschaft, Thumb, der neugriechische Sprachstudien verfolgte, aber auch für Zeitungen korrespondierte, Heberdey, ein besonders belebendes Element, wir fünf, die in Böotien zusammen gewesen waren, und noch einige andere. Photographien, die Dörpfeld häufig aufnahm, halten die Erinnerung an diese Reise fest. Was es bedeutete, Dörpfeld in voller Frische in Mykene, in Tiryns und überall, zuletzt am eingehendsten in Olympia zu hören, bedarf keiner Worte weiter. Ich hebe nur einige spaßhafte Erlebnisse hervor. In Tripolitza saßen wir beim Essen, plötzlich ließ uns ein Herr, der an einem Nebentische saß, allen ein Glas schönen Tegeatischen Weines reichen. Es ist Sitte, wenn man in einer Kneipe zusammensitzt, daß einer und der andere so zu gemeinsamem Trunke ein Tablett mit vollen Gläsern reichen läßt; aber wir waren sehr viele und er war uns unbekannt. Nun stellte sich heraus, daß er der zur Zeit zur Disposition gestellte Gymnasialdirektor war und abwarten[215]  mußte, bis seine Partei ans Ruder kam und den jetzigen Inhaber zur Disposition stellte. Damals ging eine solche Praxis dem Deutschen gegen sein Staatsgefühl; er hat nun die Parteiherrschaft und ihre Vergeudung von Menschenkraft und Geld auch zu Hause kennengelernt.
Auf dem Ritte durch die Berge von Megalopolis über Lykosura nach Bassai war ein Dorf zum Nachtquartier ausersehen, das den Namen Ampeliona führt; bei der Kälte dieser Nacht begriff man schwer, wie es nach Weinstöcken benannt sein konnte; der Wein war auch kaum zu genießen. Dennoch sah ich mit lauter Mißbilligung, daß ein junger Mitreisender unser Gepäck mit einer großen Flasche des schönen Weines von Argos beschwert hatte, weil er Rezinat nicht trinken könnte. Wer sich an den nicht gewöhnt, soll zu Hause bleiben; er ist allerdings in Athen so bitter, daß es da zuerst Überwindung kostet. Auf dem Ritte nach Ampeliona war ich mit den vier »Böotern« abgebogen, um eine Befestigung zu besichtigen, in welcher das Schloß Hira mit Recht vermutet war. Da hat sich ein mutiger Mann, Aristomenes, lange Jahre gegen die spartanischen Zwingherren Messeniens gehalten und ist in der Sage zu einem großen Helden geworden, berühmt in ganz Hellas, in Rhodos, wo er zuletzt Zuflucht fand, als Heros verehrt. So etwas war noch kurz vor den Perserkriegen möglich; erst die romantische Dichtung der hellenistischen Zeit hat den Klephten in die älteren Freiheitskämpfe der Messenier hinaufgeschoben. Es war verlockend genug, zu der Burg emporzusteigen, aber Dörpfeld hatte nur kurzen Urlaub erteilt und hatte ganz Recht, streng auf Disziplin zu halten. So kehrten wir um, gerade als wir nach Ersteigung einer Höhe die Burg jenseits einer Schlucht dicht gegenüber sahen. Hiller, der von der Partie war, hat später Hira besucht und die ganze Geschichte aufgeklärt13.
Von Ampeliona ward mit Sonnenaufgang aufgebrochen. Schlaf hatte ich mit Kern in einem abgelegenen Hause wenig gefunden, denn der mürrische Wirt hatte uns in einem kalten Zimmer eine Treppe hoch eingeschlossen, und vor den Fensterhöhlen waren Laden, die in dem Sturme, der hereinblies, unaufhörlich klapperten. Das Insektenpulver steckte in einer Tasche, die bei dem Gepäck geblieben war. Als wir des Morgens die Läden öffneten, um uns zu waschen, sahen wir uns auf ein Glas Wasser angewiesen, das uns die bösartig blickende Wirtin am Abend hingestellt hatte. Nur mit Mühe gelang es aus dem Gefängnis herauszukommen.
Der Ritt durch die Berge in der Kälte, manchmal unter Sprühregen war unerfreulich. Endlich ward der Apollontempel erreicht. Der Wind pfiff scharf[216]  genug; nur allmählich zerteilten sich die Wolken und gestatteten bald hier –bald dorthin Ausschau zu halten. Dörpfelds gerade hier unmittelbar einleuchtende Erläuterung der Architektur wirkte zwar belebend, aber der leere Magen und die Übermüdung verlangte nach kräftigerer Stärkung, als sie zunächst statt des in Ampeliona versäumten Frühstücks gereicht ward. Da fanden sich walachische Hirten ein, die einige Satten fette Schafmilch bieten konnten. Kalt war sie auch, aber wer sich nicht scheute und noch etlichen guten griechischen Cognak in der Feldflasche hatte, konnte sich laben. Wir hatten auch noch viel zu leisten, bis wir spät abends über Phigaleia nach dem Dorfe Zurza gelangten, wo es erst bedenklich aussah, aber es fand sich gar ein Café, in dem der Demarch saß und für Quartier sorgte, uns sogar Schweinebraten schickte. Die Laune war schon vorher wieder so sonnig geworden wie der Nachmittag. Der Gegensatz zu dem, was der Morgen gezeigt hatte, verstärkte die Freude an dem vollen Frühling, zu dem wir hinabgestiegen waren. Alles eine Blütenpracht, neben dem frischen Laube, Myrte und Lorbeer, Arbutus, Johannisbrotbaum (blühend wie rote Akazien), Kystos, üppige Farne, dabei auch hohe Bäume, Platanen, echte Kastanien. Oft war der Weg zwischen den Büschen so schmal, daß die Zweige mir ins Gesicht schlugen; Weißdorn blühte schön, aber er riß nicht nur die Hände blutig, sondern faßte auch die Hose, was viel schmerzlicher war; ich konnte die in Böotien mehrfach geübten Flickkünste in Olympia wieder anwenden; weit habe ich es in ihnen nicht gebracht.
Dörpfeld hätte gern gesehen, wenn einige von uns nach dem nicht zu weit entfernten Kallidona einen Abstecher gemacht hätten, aber wir strebten alle nach Olympia. Über Kallidona liegt auf einer Höhe eine Ruine; ich dächte, es hätte sich jetzt herausgestellt, daß sie gar nicht antik ist. Damals aber war Dörpfeld geneigt, das Pylos der Odyssee dort zu finden, denn für einen authentischen Reisebericht hielt er natürlich die Odyssee schon damals. Jetzt hat er nicht weit vom Strande etliche Kuppelgräber entdeckt und daher Pylos dorthin versetzt, hat auch ziemlich allgemein Beifall gefunden, weil die antiken Homererklärer Pylos ungefähr ebenda gesucht haben, aber nur diese. Daß das nicht mehr als ein Schluß aus der Erläuterung des Ilias ist, beruhend auf demselben Glauben, daß Homer überall genau Bescheid wisse, sagt man sich nicht. Aber daß ein Dichter in Ionien keine geographischen Kenntnisse über das Westland haben konnte, sollte zugestanden sein. Pylos ist gar nicht Stadtname; erst auf Grund Homers hat man an verschiedenen Orten die Stadt Nestors, des Herrn von Pylos oder der Pylier, angesetzt, die Odyssee nicht anders als Thukydides.[217]
Auf unserm letzten Ritte kam es noch bei dem Durchreiten der Furt des Alpheios zu einem spaßhaften Abenteuer. Ich ritt ein besonders hochbeiniges Maultier; eben darum schlugen mir die Zweige besonders oft ins Gesicht. Das Tier war brav, wünschte aber an der Tête zu gehen. Ein Eselchen, auf dem Mr. Perrin ritt, hatte zu dem Maultier eine unbezwingliche, vielleicht väterliche Neigung. Das ließ sich ertragen, aber durch die Furt mußte ein Ortskundiger das erste Tier sorgfältig führen. Als ich mitten im Flusse war, erhob sich hinten Geschrei und bald sah ich Mr. Perrin auf seinem hilflos strampelnden Esel bereits abgetrieben. Das Tierchen war mutig vorgesprungen, um seinen Freund zu erreichen, und hatte den Grund unter seinen kurzen Beinen verloren. Einer der Führer sprang nach und es gab nur Gelächter.
In Olympia war nun das deutsche Haus in ein Gasthaus verwandelt, das wenigstens meinen Ansprüchen durchaus genügte. Die Altis war freigelegt, das Muse umstand, allerdings für die Statuen alles andere als gut berechnet. Dörpfeld und hier auch Wolters hielten Vorträge ziemlich den ganzen Tag über, da sie rasch nach Athen zurück mußten. Auch dieses stramme Colleg-Hören war mir nicht zu viel, aber ich blieb noch etwas länger um in den Ruinen zu rekapitulieren und mehr noch um die Landschaftsbilder fest einzuprägen, das Kronion trotz allem Gestrüpp zu besteigen, den Kladeos entlang zu gehen, den Alpheios etwas aufwärts. Daß diese Landschaft so viel mehr nach Mitteldeutschland (Fulda verglichen einige Kenner) aussah, der Olympier hier keinen Olympos hat, nach dem er hieße, sondern dem Orte, von dem sein Blitz Besitz ergriff, seinen Namen gegeben hat, war eine wichtige Folgerung, die ich für die Religion zog, und die Berghöhe von Phrixa bestätigte schön, was ich kurz vorher über die Iamiden Pindars ausgeführt hatte. Ich nahm von dieser Reise die Überzeugung mit, daß die Archäologie als die Wissenschaft von aller monumentalen Überlieferung, einschließlich dessen, was die ganze Natur des Landes lehrt, an Bedeutung der alten allein auf Sprache und Literatur gerichteten Philologie mindestens gleichwertig ist, aber als bloße Kunst- oder gar Künstlergeschichte noch unzureichender als die alte Grammatik. Dem gab ich bald offen Ausdruck, was einigen Unwillen erregt hat.
Ich war des Sehens satt, aber auf eins wollte ich nicht verzichten, zum Apollon nach Delos mußte ich noch kommen. Nur einen Begleiter fand ich, meinen Schüler Dr. Günther, den Herausgeber der Avellana, der sich als Direktor des Danziger Archives hervorragende Verdienste erworben hat, leider auch schon, wie so viele der Besten, verstorben. Wir hatten uns[218]  immer besonders gut vertragen, er war noch nicht lange in Athen, also der Sprache noch gar nicht mächtig, aber bewies sich als ein trefflicher Kamerad. Schon die Nachtfahrt nach Syra war nicht bequem. Um halb sechs kamen wir an, der Dampfer nach Mykonos war fort. Da erboten sich drei Schiffer, uns nach Delos zu bringen, in zwei Stunden, sagten sie. Rasch kauften wir für uns Proviant, denn die Insel war wüst. Halb sieben ging es los. Abends halb sieben kamen wir an. Bunazza, Windstille hatte uns überfallen, dann Gegenwind, so daß Rudern nicht vorwärts brachte. Das Schaukeln während der Bunazza führte zu einem kurzen Anfall von Seekrankheit. Schließlich gelang es doch durch Lavieren, das bald beinahe bis Tenos, bald bis weit rechts vor Rheneia führte, die Einfahrt in den schmalen Sund zwischen dieser »Schafsinsel« und Delos zu erreichen. Wir stiegen aus und liefen in das Ruinenfeld, stiegen wirklich auch im Halbdunkel bis zu dem Felsenheiligtum empor, das damals für den ältesten Kultplatz galt. Noch waren die französischen Ausgrabungen ein Chaos; erst M. Holleaux hat hier die schönste Ordnung geschafft; der Boden ist unerschöpflich. Auf der Insel lebte damals außer zwei Schafhirten nur ein Wächter in einer Hütte, die zum größeren Teile mit Inschriftsteinen angefüllt war. Zunächst mußten wir unsern nicht reichlichen Mundvorrat mit unsern Schiffern teilen, das war Menschenpflicht, aber auch nur halbsatt ward keiner. Eine Anzahl roher Eier war im Boote zerschlagen. Die Nacht war fürchterlich; wie wir alle in der Hütte unterkamen, ist mir unklar. Die Schiffer erzählten sich lange Märchen von deutschen Schatzgräbern, denen im letzten Augenblicke die Lampe verlosch14; soviel verstand ich. Wir schliefen wohl ein und das andere Mal ein, aber die Flöhe und der Menschendunst jagten uns auf, ins Freie, in die Nacht. Es war erlösend, als die Dämmerung erlaubte, noch ein wenig in das Trümmerfeld zum Theater zu gehen. Die Schiffer drängten zur Abfahrt; ein Glück, daß die freundlichen Hirten etwas Milch brachten, leider mit sogenanntem Kaffee minder schmackhaft gemacht. Wir strebten nach Mykonos, wo die Statuen und Inschriften von Delos sich befanden, aber ein heftiger Wind verhinderte die Einfahrt in den Busen, in dessen Tiefe die Stadt liegt. Alles Lavieren mißlang. In fliegender Eile trieben wir auf die Klippen des gegenüberliegenden vorgestreckten Teiles von Mykonos zu. Fortuna, Sturm, riefen die Schiffer, die Wellen schlugen in das Boot, ins Gesicht, was schlimmer war, das Wasser lief in die Stiefel. Einzige Rettung war, längs der felsigen Küste von der Stadt weg mit dem Winde zu fahren. Mit wunderbarer[219]  Geschicklichkeit warf der Schiffer das schwere Segel wieder und wieder herum, stieß ein anderer mit dem Ruder gegen die Felsen, die uns sonst zum Kentern gebracht haben würden. Gefährlich genug, aber mich wandelte die Furcht nicht an: das Schauspiel war so aufregend schön. Wir kamen um das Kap, konnten nun einen Landungsplatz leicht erreichen, den die Schiffer kannten. Da setzten sie uns mit unsern Reisetaschen einfach an Land; es ginge nicht anders; dann fuhren sie davon. Es war kein böser Wille, sie hatten ihre Schuldigkeit getan, aber wir hatten zwei Stunden auf einem oft tief sandigen Wege zur Stadt zu wandern. Wind und Sonne trockneten bald. Als wir zu Fuß einzogen, konnten uns die Mykonier homerisch fragen: »ihr seid doch wohl nicht zu Fuß auf die Insel gekommen?« Nun waren wir in dem schmucken italienisch gebauten Städtchen geborgen, stärkten uns, trieben den Schlüssel zu dem reichen Museum auf, bald nach Mittag kam der Dampfer, holte uns nach Syra, aber wieder zu spät für den Anschluß. Unsere Schiffer begrüßten uns lachend; nach Syra war die Fahrt fabelhaft schnell gegangen. Einen ungewollten Ruhetag mußten wir einlegen, was unter den Orangen der Gärten und auf dem sauberen Markte und am Hafen leicht verschmerzt ward. Die Rückfahrt nach Athen war wieder stürmisch und zeitraubend, aber wir standen vergnügt auf der Kommandobrücke und sahen unter uns eine seekranke Menge, auch leidende Pferde und Hunde. Beim Abendmahle waren unter fünf Teilnehmern drei Deutsche; der Kapitän erkannte das lebhaft an. Auch die Ankunft in Athen brachte noch Weiterungen, aber das Ganze war doch eine gelungene Fahrt, sowenig wir von dem alten Delos verstanden hatten15.
Dann rascher Abschied, rasche Heimfahrt, nur in Mailand etwas Theokrit Kollationieren, kurzer Besuch bei Kaibel in Straßburg, Wellhausen in Marburg, vor Pfingsten zu Hause. Bohnsacks schlimme Befürchtungen, die meine Frau doch etwas geängstigt hatten, waren nur glückliche Omina gewesen.
So ging es mit frischen Kräften in das alte Geschirr, und da Leo mit gleicher Kraft im selben Joche zog, war der Fortgang und Fortschritt gesichert. Hinzutrat aber für mich ganz überraschend eine neue hochwillkommene Belastung: die Entdeckung der literarischen Papyri begann, und ich ward sofort gerufen, Hand anzulegen. Mahaffy hatte die Flinders-Petrie Papyri herauszugeben und wandte sich wegen der Blätter mit Szenen aus[220]  Euripides' Antiope an mich. Die neuen Verse selbst waren nicht so wichtig als mit Augen zu sehen, wie ein Buch beschaffen war, das den ältesten alexandrinischen Herausgebern der Tragiker vorgelegen haben konnte. Als dann der ganze Fund in den Cunningham Memoirs ans Licht trat, eröffnete sich ein Blick auf das ganze tägliche Leben der Griechen Ägyptens, gerade aus der Glanzzeit ihrer Herrschaft, so daß man darum ringen mußte, sich die Einzelzüge zu einem Bilde zu ordnen. Die Massenfunde, die seit den planmäßigen Ausgrabungen vor allem der Engländer in Oxyrynchos herauskamen, haben bewirkt, daß die Papyrologie ein Spezialstudium geworden ist, in dem die Verfallzeit der Ptolemäer und noch viel mehr die Römerzeit überwiegt. Erst die Zenonpapyri haben für das Ägypten des Philadelphos und Kallimachos wieder frisches und sehr viel reicheres Material gebracht. Jene frühesten Versuche, den Wald, nicht nur Bäume, zu sehen, mußten in vielem täuschend sein und sind mit Recht vergessen16, aber nur selten kann heute noch jemand eine gleiche überraschte Freude empfinden wie in der ersten Morgenstunde, als die Sonne des Entdeckertages aufstieg, die nun bereits im Sinken zu sein scheint.
Mit der Athenischen Verfassung des Aristoteles kam ein Buch ans Licht, das den Einsatz aller Kräfte plötzlich forderte. Kaibel kam in den Ferien herüber, und wir haben viele Tage bis zu der beseligenden vollen Ermüdung an dem Faksimile gelesen und ergänzt. Eine Ausgabe kam schnell zustande, so verteilt, daß die letzte Entscheidung für den erzählenden Teil Kaibel zufiel, für den Rest mir; die sehr mühsame Durchmusterung der Grammatiker und Scholien besorgte ich auch, nicht nur für uns; das übernehmen andere Ausgaben gern ohne weiteres. Als die dritte Auflage nötig ward, hielten wir für geboten, daß die Handschrift selbst von einem Kenner der Schrift nachgelesen würde, und hatten das Glück, Ulrich Wilcken zu dieser Prüfung bereitzufinden. Die wichtigen Ergebnisse bestrebten wir uns, möglichst knapp mitzuteilen und überhaupt an den Aristoteles im Texte oben, unten in der Adnotatio an den Leser zu denken, nicht an Hinz und Kunz, der hier und da ein Häkchen zuerst falsch oder richtig gesehen hätte. Jäger, die für eine Kleinigkeit eilfertig ihren Prioritätsanspruch anmelden, während der andere im Schweiße der ganzen Arbeit die Kleinigkeiten bemerkt, aber natürlich[221]  zurückstellt, verwirken ihr Beuterecht. Überhaupt wird einmal in der Bezeichnung der Ergänzungen oben, in der Variantenangabe unten eine Änderung eintreten müssen. Soll etwa in alle Ewigkeit jeder ergänzte Buchstabe zwischen Haken gestellt werden? Die Ausgaben, welche den urkundlichen Bestand angeben, von Inschriften und Papyri, liegen vor. Auf Grund von ihnen wird der Text für die Leser gedruckt, die an ihm gar nicht arbeiten wollen. Über das, was unsicher in ihm ist, müssen sie sich unten belehren können, weiter nicht. Die meisten, die Zeilen einer Inschrift anführen, schreiben heute die überflüssigen Klammern mit ab, sie denken sich nichts dabei, die Leser auch nicht, es ist nur lästig, aber es täuscht Akribie nur vor. Ebenso hört der persönliche Anspruch der Ergänzer und Verbesserer mit der Zeit auf: die Byzantiner und Itali, die soviel treffend verbessert haben, sind anonym geworden. Wem es gelingt, das zu finden, was später urkundlich bestätigt wird, hat mehr erreicht als mancher, von dem ein unsicherer Einfall im Gedächtnis faute de mieux erhalten werden muß, und erträgt doch willig die Vergessenheit. Aber zur Zeit ist die Mode anders; sie hat mir die Lust genommen, eine vierte Auflage zu machen. Ich würde die Adnotatio der dritten noch stark vereinfacht haben, denn die orthographischen Fehler, deren sich einer der Schreiber schuldig gemacht hat, zu verewigen ist schlechthin sinnlos.
Weder Kaibel noch ich wollten bloße Textmacher sein, sondern den Aristoteles verstehen, dem das Buch abgesprochen ward, nach der nicht selten befolgten Methode: »ich habe mir's anders gedacht, also ist es nicht das richtige.« Kaibel übernahm die stilistische Würdigung und hat nach L. Spengel das beste über den periodisierten Stil gesagt, den Aristoteles von Isokrates angenommen hat; darin liegt eine wichtige Abkehr von Platon. Daß er in dem Schlußabschnitt über die Praxis der Gerichtsverhandlung die formlose Aufzeichnung irgendeines Schülers unverarbeitet aufgenommen hat, ließ sich damals noch nicht ganz übersehen. Es ist für die Beurteilung der anderen Politien und ähnlicher Materialsammlungen des Schulleiters von weittragender Bedeutung. Mir fiel die sachliche Erläuterung zu; das ging zumal neben den Geschäften des Rektorates nicht rasch genug um auf allen Einzelgebieten der erste zu sein oder zu scheinen.
Die Sorge für meine lieben Studenten ist über diesen Arbeiten nicht zu kurz gekommen. Davon ist hier nicht viel zu sagen; es ging so leicht, es ging so gut. Sauppe war auch mit achtzig Jahren nicht veraltet, sondern der alte, und Leo war da. Wir hatten die engste Fühlung, einig über die Ziele und den Betrieb des Unterrichtes, einig auch über unsere Wissenschaft standen wir[222]  doch ein jeder ganz selbständig nebeneinander, ergänzten und förderten uns gegenseitig, und so war für die Studenten, soweit es die Philologie anging, gesorgt. Für sie gehörten wir ganz so zusammen, wie sie uns alltäglich in der Zwischenpause im Vorgarten des Auditorienhauses spazieren sahen und wie wir uns beide oft in ihrem philologischen Vereine zusammenfanden, jedenfalls im selben Sinne an dem Wohle des Vereins regen Anteil nahmen. Eine Weile war uns A. Gercke als Privatdozent ein lieber Kollege; die letzten meiner Göttinger Jahre hatte ich noch die Freude, Wellhausen und Wilhelm Schulze aus Marburg zu uns übersiedeln zu sehen, nicht ganz ohne mein Zutun. An dem Aufsteigen Roethes hatte ich warme Freude; lauter Bande, die meine Neigung, in Göttingen dauernd zu bleiben, stärkten.
Öffentliche Vorlesungen hatte ich zu allen Zeiten nicht selten gehalten. Es war aber eine Neuerung, daß ich sie nicht auf die Fachstudenten, sondern auf ein weiteres Publikum berechnete. Das nahm auch zahlreich teil, Gastzuhörer, auf deren dauerndes Erscheinen ich stolz sein durfte, und auch andere, denn in Göttingen waren immer Ausländer, namentlich Amerikaner, um Deutsch zu lernen, und kamen deshalb in meine Vorlesungen. Da sah man einen ein Taschenlexikon aufschlagen und verzweifelt wegstecken, weil nun der Faden der Rede ihm ganz entglitten war. Dicht vor mir saß eine Amerikanerin, die wohl etwas Niggerblut in den Adern hatte. Das Köpfchen mit einer ungeheuren wolligen Perücke nickte sachte nieder; sie kämpfte, aber erlag dem Schlafe; vollkommne Verständnislosigkeit hatte von Anfang an in ihren Zügen gelegen. Ich war boshaft genug, die Stimme zu heben, so daß sie auffuhr, den Wollkopf zurückwarf und mich mit einem Blicke ansah, den ohne Lachen auszuhalten Überwindung kostete. Warum setzte sie sich auf die erste Bank? Noch unbegreiflicher, daß sie wiederkam. Ein merkwürdiger Hörer war ein serbischer Bischof, der sich im Ornat den Dozenten vorgestellt hatte, bei denen er hören wollte. Erst allmählich kam an den Tag, was in ihm den Wissensdurst erregt hatte. Er hatte zu der heiligen Synode gehört, welche Milan von seiner Frau Natalie geschieden hatte. Nun wollte Milan sie wiederhaben und brauchte eine andere Garnitur von Bischöfen, um das vorige Urteil umzustoßen. Da mußten die früheren weichen, und für diesen war ein Studium an deutschen Universitäten die schmeichelhafte Form seiner Entfernung. Sehr viel Aufhebens machten wir alle nicht von ihm, und die unverheirateten Dozenten, die in der Krone am selben Tische mit ihm saßen, rieten auch nicht dazu, ihn in die Familien einzuladen17. Aber der[223]  Minister Goßler machte ihm, als er zufällig nach Göttingen kam, seinen Besuch.
Einen zweijährigen Zyklus von Vorlesungen über alte Geschichte, Literatur und Philosophie habe ich für Damen gehalten, als ein Fortbildungskurs für Lehrerinnen eingerichtet war; es hörten aber viele Frauen, auch von Kollegen, denen ja so etwas sonst nicht geboten ward. Den Stoff der eigenen Wissenschaft für diesen Zweck und diesen Hörerkreis zu wählen, zu umgrenzen und auch fertig zu werden, dazu mußte man sich stark zusammennehmen. Das Liebste war mir das Semester der Philosophie, weil ich sie sonst nie behandelt hatte; die Wirkung war wohl auch hier am stärksten. Diese Vorträge waren im ganzen gleicher Art wie ich sie später jahrelang im Viktoria-Lyzeum in Berlin gehalten habe. Schade, daß sie abgekommen sind, seit die Frauen in der Universität allgemein zugelassen sind, denn für die Hausfrauen ist damit nicht gesorgt, gesetzt, sie könnten hingehen. Vor ihnen und für sie ernsthaft von so hohen Dingen reden zu dürfen, wie der Hellenist sie ihnen nahebringen kann, ist schön und lohnend. Da spricht man aus, was man vor gemischtem Publikum oder halbreifem zurückhält. Freilich war im Viktoria-Lyzeum der Unfug, daß Backfische hingeschleppt wurden, um zu gähnen und Pralinés zu lutschen, nachher blasiert zu schwätzen.
Allmählich nahm die Zahl der Studenten ab, da das Ministerium vor dem Studium gewarnt hatte, mit dem Erfolge, daß hinterher der schädliche Mangel an Lehrern eintrat; in Berlin blieb einer aus meinem Seminar weg, weil er zur Aushilfe an einem Gymnasium herangeholt war. Ganz ähnliche Mißstände hatten in Greifswald bei meinem Hinkommen geherrscht. Die Erfahrung hat nichts geholfen: kürzlich hat dieselbe Warnung dieselben Folgen gehabt. Aber auch in Semestern, wo an manchen Universitäten das Seminar nur kümmerlich aufrechterhalten ward (so in Berlin) oder gar einschlief, war bei uns der Betrieb lebhaft, denn es kam Zuzug aus Bayern (Rehm), Württemberg, der Schweiz, gar aus Südafrika, mein römischer Freund Vollgraff führte mir seinen Sohn zu, der jetzt sein Nachfolger ist, einmal hospitierte ein Norweger. Der Amerikaner E. Fitch promovierte sogar mit einer wertvollen Dissertation und ist mir noch heute ein guter Freund, wohl der einzige drüben, der die hellenistischen Dichter wirklich kennt.

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Bronzebüste von Max Bezner. 1926



Eine besondere Freude war[224]  ein Besuch der beiden dänischen Gelehrten, Heiberg und Drachmann, die mir aus brieflichem Verkehre schon bekannt waren und sich nun den Betrieb des Unterrichtes an einigen deutschen Universitäten ansahen. Daraus erwuchs eine dauernde eifrig gepflegte Freundschaft. Ebenso ward aus brieflich-wissenschaftlicher Berührung Freundschaft mit Rektor Finsler in Bern, den ich leiblich nur einmal in Göttingen gesehen habe; in den schönen Romanen von Maria Waser ist ein Abglanz dieser reichen Persönlichkeit nicht zu verkennen. Auch J. Heikel kam aus Helsingfors, und ich konnte einiges dazu tun, daß er die Vita Constantini in Harnacks Sammlung der Kirchenväter herausgab. Von Engländern hatte ich zuerst mit berühmten Männern zu tun gehabt, mit Bywater, als es sich um den Druck der Homerscholien des Townleianus durch E. Maaß in Oxford handelte, an dem ich mitzuhelfen versprach. Von Mahaffy sprach ich schon; der persönliche Verkehr mit ihm hat mir einen imponierenden Typus des englischen Gelehrten gezeigt, der bei uns fehlt. An R. Jebb schickte ich etwas und bekam freundliche Antwort. Sein Sophokles fand in Deutschland nicht die verdiente Beachtung; mir wog es nicht weniger, daß er sich in griechischen Versen virtuos auszudrücken wußte; wieweit diese Fertigkeit in England ging, habe ich erst später kennengelernt und dort für meine eigenen griechischen Verse mehr Resonanz gefunden als zu Hause. Am wichtigsten war, daß W. Paton sich an mich mit Fragen gewandt hatte, als er die Inschriften von Kos sammelte; ich hatte gerade gar keine Zeit für sie übrig, aber wir haben von da an eine rege Korrespondenz unterhalten, noch in die ersten Jahre des großen Krieges hinein. Er war als junges Mitglied der British school im Süden hängengeblieben, weil er sich in eine schöne Griechin von Kalymnos verliebte, besaß ein Tschiflik in Myndos und war später um seiner Söhne willen genötigt, auf Chios und Lesbos zu leben, wo griechische Gymnasien waren. Archäologische Forschung reizte ihn nicht, er packte diese und jene Schriftsteller an, bis er sich zuletzt auf die Moralia Plutarchs konzentrierte, ohne die Feindschaft des gescheiten, aber zuchtlosen und in jeder Hinsicht unzuverlässigen Bernardakis zu scheuen, der mich verfolgte, weil ich seine liederliche Ausgabe nach Gebühr zu kennzeichnen gewagt hatte. Viele Jahre haben wir uns beide um Plutarch gemüht; schließlich ist Paton gestorben, als sein erster Band im Druck war, aber gesichert ist die Ausgabe, wenn ich die Vollendung auch nicht erleben kann. Die Kritik ist hier, soweit ich sehen kann, am schwersten; an die Teilnahmlosigkeit des philologischen Publikums muß sich jeder gewöhnen, der Texte bearbeitet, die von der Menge höchstens nachgeschlagen werden. Paton muß das Bedürfnis, auch sehr intime Dinge auszusprechen,[225]  stark empfunden haben, denn er gab dem in seinen Briefen an mich immer mehr nach. So erhielt ich Einblick in das Wesen eines ausgezeichneten Schotten. Der Gentleman in vollem Sinne, trotz dem langen Leben in ganz anderer Umgebung, trotz der Freiheit von manchen Bindungen durchaus Engländer, aber ohne die Überheblichkeit, die man bei einer gewissen Sorte von Engländern findet18, bei einer entsprechenden Sorte von reisenden Deutschen vor dem Kriege auch fand. Stolz auf sein großes Volk und auf das britische Reich, wie sich gebührte, aber als echter Patriot willig, auch den Patriotismus und den Stolz eines anderen gelten zu lassen. In dieser Gesinnung einig schickten wir als gute Freunde unsere Söhne gegeneinander ins Feld.
Von anderer Hand erhielt ich einen Brief in elegantem Attisch: er kam von Gilbert Murray, und lange Zeit pflegten wir diese Verbindung. Er schickte mir eigene Dramen, dann seine prachtvollen Übersetzungen. Der Poet ist stärker in ihm als der Philologe, aber es ist ein Segen, daß unterweilen ein solcher Poet unter uns aufsteht. Meine herzlichen Gefühle sind für ihn nicht erloschen, und es ist mir schmerzlich, daß er, ich ahne nicht, weshalb, sich abgekehrt hat. So haben für mich zuerst persönliche Berührungen dazu geführt, daß ich einsah, wir Deutschen kümmerten uns zu wenig um den Betrieb unserer Wissenschaft in anderen Ländern, und daß ich die Pflege der internationalen wissenschaftlichen Beziehungen mir selbst vornahm und zur Mitwirkung gern bereit war, als der Gedanke an eine Vereinigung der Akademien auftauchte. Aber damit Göttingen dazu etwas tun konnte, mußte erst seine Gesellschaft der Wissenschaften zu neuem Leben erweckt werden. Die Möglichkeit dazu entstand erst unter meinem Prorektorat 1891.
In Göttingen war die leitende Behörde, der Verwaltungsausschuß, gut gebildet, vor allem, weil die Dekane nicht darin waren. Das verminderte die Zahl der Mitglieder und legte das Amt in die Hände von solchen, denen man Befähigung und Fleiß zutraute; auf ein Ehrenamt wird leichter verzichtet als auf das einträgliche Dekanat. Zu diesem bin ich nirgend gelangt; in Berlin habe ich verzichtet, weil ich ein Jahr diesen Geschäften nicht opfern wollte. In Göttingen hielt man darauf, daß sowohl bewährte Kollegen wie Neulinge, von denen Tüchtigkeit erwartet ward, nebeneinander im Verwaltungsausschuß[226]  saßen, daher waren mir die Geschäfte nicht fremd; mit dem Kurator war volles Einvernehmen, das Ministerium wollte der Universität wohl. So ging alles glatt. Für die Gerichtsbarkeit bestand ein eigener Ausschuß, in dem die Juristen natürlich besonders berücksichtigt wurden; dafür erhielten sie im Verwaltungsausschuß nie das Übergewicht. Bestraft mußten fast ausschließlich Verbindungsstudenten werden, Angehörige eines Korps erst, als ein rühriges Mitglied des Ausschusses den Universitätsrichter zum Einschreiten zwang; aber auch Wingolfiten kamen vor den Prorektor. Eine allgemeine studentische Vertretung bestand so gut wie gar nicht. Zwar hatten wir in langwierigen Debatten eine Organisation auf dem Papier entworfen und die Einführung versucht; aber die Finkenschaft, der zuliebe das Ganze vornehmlich unternommen war, kam so lässig zu den Wahlen, daß praktisch nichts herauskam. Erst als ich im Kriege 1915/16 Berliner Rektor war, hatte sich ein Ausschuß gebildet, mit dem die Zusammenarbeit sehr ersprießlich war. Als seine Mitglieder Vertrauen zu mir gefaßt hatten, haben sie mir unter der Hand sehr wertvolle Mitteilungen über unlautere Elemente gemacht und zu praktischen Neuerungen Anregung gegeben. Es ist ein großer Fortschritt, daß die Studentenschaft Lust am Selbstregimente gefaßt hat, und die Professoren müssen sie darin gewähren lassen, soweit es irgend geht, und die unerläßliche Kontrolle mit vorsichtigem Takte üben. Ein edles Roß soll man ohne den Zwang der Kandare mit leichtem Schenkeldruck regieren.
Eine seltsame Aufgabe habe ich als Prorektor erfüllen müssen, vier Herren zum fünfzigjährigen Dozentenjubiläum gratulieren. 1841 hatte König Ernst August sich bequemt, Göttinger Privatdozenten zu befördern, weil er erfahren hatte, daß Professoren doch nicht so leicht zu haben waren wie Tänzerinnen. Bei einem Mediziner, der längst die praktische Verbindung mit der Universität aufgegeben hatte, war gerade große Wäsche; die Frau hängte sie auf und empfing mich zuerst; an das Jubiläum hatten sie nicht gedacht. Anders mein archäologischer Kollege Wieseler, der war samt seiner Frau in Spannung, und ehe ich noch ein Wort gesagt, schloß er mich in seine Arme. Da hatte er schon 1873 einmal gelegen, auf der Insel Psyttaleia vor Salamis, als er aus dem Boote steigend stolperte. Ich war dabei, als er zum erstenmal mit seinem Schüler, dem trefflichen Lolling, auf die Burg ging. Athen und Athena waren ihm gleichgültig; er kramte nur Göttinger Klatsch aus; das war mir damals als Blasphemie erschienen. Wieseler hatte einmal manches Verdienstliche getan, aber das war schon 1873 vorbei. Was er für das Museum angekauft hat, groteske Fälschungen und bedenkliche Seltsamkeiten, davon ist[227]  in dem Kataloge von Hubo manches zu lesen; seine Nachfolger räumten auf und erzählten nur im Vertrauen davon19.
Die famose erste Schulkonferenz hatte ihre Beschlüsse gefaßt, der Abbau der ernsten Bildung war mit dem Kampfe gegen die Grammatik eingeleitet. Althoff hatte für seine Person Verwahrung dagegen eingelegt, was freilich nicht bekannt ward. Ich war nicht gesonnen, den Schlag hinzunehmen, obgleich er die Philologie als Wissenschaft kaum stärker als alle anderen traf. Ich hatte auch als Vater eine bezeichnende Erfahrung gemacht. Auf der überhaupt minderwertigen Göttinger Mädchenschule, die meine Töchter besuchten, war die Grammatik sofort gründlich beseitigt. Die neue Methode hatte zunächst nur den Erfolg, daß die Kinder beim besten Willen nichts lernen konnten. Da fand meine älteste Tochter in den Ferien einen alten Plötz und vertiefte sich mit Leidenschaft in ihn. »Hier gibt es ja Regeln!«20. Ich hielt also die Rektoratsrede über Philologie und Schulreform, die ich nur darum nicht wieder abgedruckt habe, weil es eine Beleuchtung der gegenwärtigen Schulpolitik erfordert haben würde. Daß ich oben starken Anstoß erregen würde, war mir bewußt, auch daß ich einen in Aussicht gestellten Orden vorläufig nicht bekam, entsprach meiner Erwartung und tat nicht weh21. Auch den Wunsch hörte die Bureaukratie nicht gern, den ich mit Hinblick auf den Tod Wilhelm Webers, des letzten der Göttinger Sieben, aussprach: »Möge ein solcher Konflikt nicht bloß sieben, nicht bloß Göttinger, nicht bloß Professoren finden, die ohne Furcht und ohne Eitelkeit, einzig dem nimmer trügenden Rufe eines lauteren Herzens folgend, für Recht und Wahrheit handeln und leiden.« Sie fehlen auch heute nicht, wo der ochlokratische Parlamentarismus die Tyrannei des Königs Ernst August hundertmal übertrifft.
Am 22. Dezember 1890 starb Lagarde. Wie er in Göttingen neben den Kollegen gelebt hat, ist oft dargestellt; ich könnte manches Menschliche berichten,[228]  aber es widerstrebt mir. Er nahm zuletzt teil an einem Kränzchen, das sich gebildet hatte und in dem jeder in seinem Hause einen Vortrag hielt, er nach seiner Abhandlung über das Weihnachtsfest, die im Druck war. Er war ein höchst liebenswürdiger Wirt, aber Einwürfe gegen seine Aufstellungen nahm er ungnädig und ungläubig auf, auch wenn er notorische Tatsachen unberücksichtigt gelassen hatte. Meine Einladung zum Rektordiner nahm er gern an; es lag darin die Anerkennung, daß er zu den Vornehmsten unter uns gehörte, und das war nicht allgemein anerkannt. Er muß damals schon an der Erkrankung gelitten haben, die eine Operation unter Gefahr des Lebens nötig machte. Niemand außer seiner verehrungswürdigen Frau hat davon etwas gewußt, bis die Trauernachricht kam, die darum nicht minder schmerzlich war, daß zugleich bekannt ward, wie groß er sich im Sterben gezeigt hatte. Die Aufgabe des Prorektors war, für eine Bestattung zu sorgen, die seiner und eines solchen Sterbens würdig wäre. Seine Frau hat ausgesprochen, die Befürchtung einer Störung wäre unbegründet gewesen; zur Kenntnis des Verwaltungsausschusses war gelangt, daß ein Redeversuch von Unberufenen nicht unmöglich wäre. Auch darüber waren wir einig, daß der Feier der christliche Charakter gewahrt werden müßte, aber die Rede eines Geistlichen nicht angebracht wäre. Also mußte der Prorektor einspringen. Das häusliche Weihnachten ließ sich verschieben; trotz der Sorge für viele Äußerlichkeiten mußte der Geist sich frei machen um dem seltenen und seltsamen Manne die letzte Ehre so zu erweisen, wie sie ihm zukam. Die helle Wintersonne des ersten Feiertages leuchtete über der frischgefrorenen Schneedecke des Friedhofes. Wer hinausgekommen war, darunter die große Mehrzahl der Dozenten, war mit dem Herzen dabei. Kein Mißton, volle Andacht. Meine Rede versuchte dem Unsterblichen, das in Lagarde gelebt hatte und weiterleben wird, seinem Dämon, gerecht zu werden. Ich habe sie mit Bedacht aus der Sammlung meiner Reden hierher versetzt:
Die Verwandten, Freunde und Kollegen des Mannes, dem wir heute, am ersten Weihnachtsfeiertage das letzte Geleit geben, wissen, daß er selbst die christliche und kirchliche Leichenfeier auf die heiligen Worte beschränkt hat, die über dem offenen Grabe gesprochen werden sollen. Sie werden seinen Beschluß billigen, aber ebenso auch den unseren, die wir den Sarg unseres Kollegen nicht in stummer, dumpfer Trauer umstehen mochten, sondern Verlangen trugen nach einem lebendigen, lösenden Worte. Daß ich hier spreche, im Namen unserer Universität, hat in dem zufälligen Umstande seinen Grund, daß ich gerade an der Spitze unserer Körperschaft stehe; was ich aber sage, kann ich nur aus meinem subjektiven Empfinden und meinem[229]  persönlichen Urteil nehmen: vor der Majestät des Todes und der höheren des Lebens haben alle irdischen Rücksichten zu schweigen.
Uns erschüttert zunächst die Tragik dieses Todesfalles, daß der Mann, der uns andern alle an Arbeitskraft und Arbeitslust so weit hinter sich ließ, die Arme hat sinken lassen müssen, die doch eigentlich die Garben seines Lebenswerkes zu binden erst anfangen sollten.
Uns erhebt dagegen der Todesmut, der, einer tödlichen Krankheit gewiß, sehr ungewiß der Rettung durch ärztliche Hilfe, zwar sein Haus sorgsam bestellt hat, wie vor jeder Reise, aber den Werkeltagsweg der täglichen Arbeit fürbaß gegangen ist, als sollte heute und morgen und übermorgen ihm zur selben Tätigkeit dieselbe Sonne leuchten. Kein Freund hat geahnt, was bevorstand; der Schatten des Todes hat es nicht vermocht, seine Seele zu trüben. Das ist das stille Heldentum der Arbeit, das schwerer ist, als mit lautem Hurra gegen die feindliche Schanze zu stürmen, ein Heldentum, das nur noch übertroffen wird durch das stillere der Liebe, die alles dies nicht für sich, sondern für den Geliebten leistet und leidet. Das ist so still und so heilig, daß der sterbliche Mund sich scheut, auch nur von fern daran zu rühren, auf daß er es nicht entweihe.
Es ist ein einsamer Mann gewesen, der nun eingehet in das Reich des ewigen Schweigens; vielen seiner Kollegen ist er ganz fremd geblieben, ganz wenigen nur nahe getreten und geblieben. An einen engen Kreis wendet sich die Wissenschaft oder die Wissenschaften, die er vertrat; hier steht wohl keiner, der alle die Sprachen buchstabieren kann, in denen er Texte gedruckt hat. Und doch ist sein Name in weiteren Kreisen bekannt, als es der eines Gelehrten zu sein pflegt; er hat den Samen leitender Gedanken und Gefühle ausgestreut, der in tausend Herzen aufgegangen ist. Auch Wind hat er gesäet und Sturm geerntet; schwerlich wird selbst an seinem Grabe die Leidenschaft schweigen, in Haß und Liebe, Verherrlichung und Verlästerung.
Antonius sagt an der Bahre Cäsars:

Was Menschen Übles tun, das überlebt sie,
das Gute wird mit ihnen oft begraben:
so sei es auch mit Cäsar.

Es ist nicht wahr, was der Volksverführer spricht, er selbst glaubt es nicht, und der Fortgang der Handlung widerlegt es. Denn das Böse kann nicht dauern, weil es nur etwas Negatives ist: Leben hat allein das Gute, denn das Gute ist Gottes. Was Menschen Gutes tun, das überlebt sie: so wird es auch mit Paul de Lagarde sein. Aber wer darf sich unterwinden zu sagen, was in[230]  dem Wirken eines bedeutenden Zeitgenossen gut ist? Erst die Nachwelt kann das tun, und sie erkennt es eben daran, daß es dauert.
Aber wohl begreifen wir auch einen Zeitgenossen in seinem Wesen, wenn wir sein Werden verstehen können: Paul de Lagarde ist zu dem geworden, was er war, was er ist und bleiben wird, durch die Bildung des Geistes und des Herzens, durch die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Eindrücke, die er in dem Berlin König Friedrich Wilhelms IV. als Jüngling empfangen hat, durch die schweren Jahre 1848–1852, die ihn zum Manne gereift haben.
Nur an dem Gelehrten will ich das etwas näher ausführen. Es mag sein, daß seine Neigung für den Orient durch Friedrich Rückert geweckt oder doch gestärkt ist. Ein starker Zug nationalgesinnter Romantik ist mit Sicherheit auf Jakob Grimm zurückzuführen. Aber die entschiedene philologische Richtung, das Streben nach objektivster Urkundlichkeit, das geflissentlich zur Schau getragen ward, neben dem aber immer wieder die stärkste Subjektivität hervorbrach, insbesondere das Unternehmen, die philologische Methode der Textkritik für die Urkunden des Christentums in Dienst zu stellen: das stammt von Karl Lachmann. Hatte Lachmann unternommen, den Text des Neuen Testamentes festzustellen, eine Aufgabe, die bis heute nicht genügend gelöst ist und schwerlich von einem einzelnen gelöst werden kann, so hat sich Lagarde an die ungleich größere gewagt, dasselbe für das Alte Testament zu tun. Ich übersehe die Dinge so weit, um sagen zu können, daß es eine schwerere und deshalb schönere Aufgabe der Textkritik überhaupt nicht gibt. Wer sie vor 50 Jahren angriff, mußte sich sagen, daß er sein Leben daran setzte. Diesen Wagemut hat er gehabt und hat ihn auch nicht verloren, als er längst begriffen hatte, daß er selbst das Ziel auch nicht von fern schauen würde. Gestehen wir es uns nur ein: all sein Syrisch und Koptisch, Armenisch und Spanisch ist doch nur so nebenher abgefallen. Der Philologe pflückt eben die Blumen an seinem Wege, weil er sie findet, nicht weil er sie sucht: er sucht das Ziel, darauf strebt er hin, einerlei, ob er ihm näher oder ferner am Wege zusammenbreche. Aber Lachmann und die Philologen seiner Zeit waren allerdings noch des frohen Glaubens, daß der einzelne in ungeheurer Anstrengung das Unmögliche zwingen könnte. Sie waren wohl größere und glücklichere Gelehrte als wir Nachfahren; aber das Ziel hoffen wir sicherer zu erreichen, indem wir uns bescheiden, indem an die Stelle der übermenschlichen Einzelleistung die organisierte Arbeitsgenossenschaft tritt. So muß es auch mit der großen Aufgabe geschehen, die jetzt verwaist ist, und ich spreche es mit Bedacht, nicht ohne das Gefühl eigener Verpflichtung,[231]  aus: uns, der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der er angehörte, deren Ruhm es war, daß der Mann der gigantischen Pläne auf dem Stuhle der Michaelis und Ewald saß, uns zunächst ist das Vermächtnis zugefallen, einzustehen für die Fortführung des Lebenswerkes unseres Kollegen, nur um so mehr, wenn er vielleicht dies Zutrauen zu uns nicht gehabt hat.
Aber der Entschlafene war nicht nur Gelehrter, ja es ist damit der Kern seines Wesens gar nicht getroffen. Wesentlich derselbe würde er zu anderen Zeiten haben leben und wirken können und der Philologie und jeder Gelehrsamkeit völlig entraten. Als Prophet hat er seine Stimme erhoben über Staat und Kirche, Jugendbildung und Gottesdienst, Gesellschaft und Gesittung. Es hat ihn auch nicht irregemacht, wenn sie die Stimme eines Rufers in der Wüste blieb; denn er fühlte sich als Prophet. Er hatte ein Recht dazu, denn er war eine prophetische Natur. Wir dürfen den Namen der großartigen Gestalten Israels wohl verallgemeinern und auf alle die Menschen erstrecken, deren Seele eine solche Gewalt und Eigenart hat, daß sie mit einem Blicke das All, Weltliches und Außerweltliches, umspannen, tiefer und schärfer eindringend als alle anderen, aber von einem einzigen Augenpunkte; sie glauben an die objektive Wahrheit des Bildes, das sie sehen, ordnen und werten danach die Dinge; sie erblicken das Heil der Welt darin, daß sie sehen und schätzen lerne wie sie, und suchen sie dazu zu bekehren. Solche Propheten sind, um einige der größten, und zwar gegensätzliche, zu nennen, Herakleitos und Parmenides, Augustin und Giordano Bruno, Jean Jacques Rousseau und Thomas Carlyle. Es sind subjektiv gewaltige Naturen; darum wecken sie alle noch heute starke Sympathien und Antipathien. Bei allen bleibt, je näher man zusieht, um so stärker »ein Erdenrest, zu tragen peinlich«. Bei allen ist der Augenpunkt, aus dem sie das All betrachten, in Wahrheit religiös, und was sie wirken, wirken sie durch den vollen Einsatz ihres subjektiven Glaubens. Wie sich die Menge zu denen stellt, die töricht genug ihr volles Herz nicht wahren, wissen wir alle; aber auch der Verstand der Verständigen hat die prophetischen Naturen nie ganz begriffen, schon weil sie religiös sind; und – seien wir nur ehrlich, der moralische Maßstab, der für uns andere gilt, ist für die Propheten ganz ebenso wie für die politisch großen Männer inkommensurabel. Sie sind selten glücklich, was die Menschen so nennen; »der Blick der Schwermut ist ein fürchterlicher Vorzug«. Sie schauen die Schäden und Leiden schärfer; deshalb rufen sie zur Umkehr und Einkehr: aber dafür schauen sie hindurch durch die Nebel und Dünste des Irdischen in das Reich der Sonne und der ewigen Wahrheit. In diesem Anschauen liegt vielleicht ein unendlich höheres Glück. Vielleicht; mir versagen[232]  die eigenen Worte, darum führe ich ein Sonett von Giordano Bruno an, das ich nicht kennen würde, hätte nicht der Entschlafene die italienischen Schriften dieses Propheten neu gedruckt. Ich weiß, es wird ihm lieb sein, wenn ich Bruno hier sprechen lasse, obwohl er ihn nicht geliebt hat, wie auch ich ihn nicht liebe. Mehrdeutig ist es auch; dafür ist's Prophetenwort, und eben darum bediene ich mich seiner.

Ursache, Urgrund, ewigliches Eins,
aus welchem Leben, Sein, Bewegung stammet,
und alles was in Himmel, Höll' und Erden
nach Höhe, Breite, Tiefe sich erstreckt:
Gefühl, Verstand, Vernunft enthüllen mir's:
was meßbar, zählbar, wahrnehmbar du wirkest,
erschöpft nicht Stoff und Zahl und Kraft; du reichest
weit über jedes Unten, Mitten, Oben.
Und blindes Irrn, der Zeit, des Glückes Tücke,
Neid, Haß und Eifersucht und Herzensbosheit
und frevler Scharfsinn und ein maßlos Streben,
sie sollen mir den Äther nicht verfinstern,
mir keinen Schleier vor die Augen werfen:
dich will ich ewig schaun, du schönste Sonne22.

So wollen wir ihn denn hinaustragen an diesem Mittwintertag auf den Gottesacker, den Gottes Sonne scheidend überstrahlt, und finde er eine sanfte Ruhestatt am Feste des zunehmenden Lichtes, am Feste des Euangelions, das für ihn stets die frohe Botschaft war. Es wird keine Entweihung sein, wenn wir als Scheidegruß ihm über den Sarg rufen: »Preis Gotte in den[233]  Himmelshöhen, und auf Erden Friede unter den Menschen seines Wohlgefallens.«
Lagarde hatte in seinem Testamente die Gesellschaft der Wissenschaften zum Erben eingesetzt. Sie führte nur noch ein schattenhaftes Dasein, denn Wert hatten nur die Göttingischen Anzeigen, aber für diese war die Gesellschaft nicht nötig, selbst wenn ihre Mitglieder sich als Rezensenten beteiligten, wie es Sauppe, jetzt Sekretär, vielfach getan hatte. Es fehlten auch die Geldmittel, und vom Staate war nicht zu erwarten, daß er sie dieser Gesellschaft zur Verfügung stellte. Lagarde hatte als einziger sich wiederholt dafür eingesetzt, durch eine gründliche Reform die Gesellschaft lebensfähig zu machen. Sehr mit Recht war er dafür eingetreten, daß Preußen eine zweite der reinen Wissenschaft dienende Institution erhielte. Die Gefahren einer Zentralisation, wie sie in Frankreich besteht, liegen auf der Hand. Es wird in seinen Gedanken vielleicht noch manches Erwägenswerte stecken, das zunächst undurchführbar ist. Aber schon die Tonart, in der er sprach, verhinderte die Durchführung, die nur unter tätiger Mitwirkung der Regierung möglich war. Er aber nahm zu dem Ministerium eine Kampfstellung ein, und so war sein Testament voll scharfer Angriffe auf die Regierung und auch auf Althoff persönlich. Zu erwarten war demnach, daß die Erbschaft ausgeschlagen werden müßte.
Es ist anders gekommen. Tragisch gewiß, daß er sterben mußte, damit ihm der heiße Wunsch erfüllt würde, aber versöhnend zugleich, daß er trotz allem, was sein Testament an Hindernissen aufgerichtet hatte, erfüllt ist, in erster Linie durch eben den, welchen er am schärfsten befehdet hatte, durch Althoff. Es liegt wahrlich Größe darin, daß dieser gerade darum für die gute Sache mit zäher Energie eintrat. Die Gesellschaft war bisher als juristische Person noch niemals anerkannt, konnte also eine Erbschaft gar nicht antreten, ehe ihr diese Eigenschaft zugesprochen war. Das machte juristische Schwierigkeiten. Ebenso notwendig war, daß die Gesellschaft mehr Mittel erhielt, um arbeitsfähig zu werden. So weit konnte Althoff allein helfen, aber er war sich auch klar, daß die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Verfassung nicht bleiben durfte. Reformvorschläge konnten nur von wissenschaftlich urteilsfähiger und zu tätiger Mitarbeit entschlossener Seite gemacht werden. Es war also nur durch lange vertrauliche Zusammenarbeit möglich, das Ziel zu erreichen, und es mußte der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Mir liegen daher auch keine Schriftstücke vor.
Von entscheidender Bedeutung war, daß Felix Klein, ein geborener Organisator, voll von reformatorischen Gedanken und geneigt und befähigt[234]  war, sich für ihre Durchführung einzusetzen. Unsere Familien standen in regem Verkehr. Oft machten wir mit den Kindern weite Spaziergänge und ich hörte seiner Belehrung aufmerksam zu, manchmal etwas skeptisch gegenüber umstürzenden Gedanken. So wie er die Naturwissenschaft von der mathematischen Seite auffaßte, entsprach sie ganz der Vorstellung, die ich von Platon her mitbrachte, aber das ward mir nun erst recht klar. Er wies mich z.B. auf Zeuthens Buch über Apollonios hin. Er war in England gewesen und hatte, ebenso wie ich, erkannt, daß die Deutschen von der englischen Wissenschaft zu wenig Notiz nähmen. Gerade an Platon hatte es sich eben gezeigt (Campbells Entdeckungen). Klein hatte seine Kollegen dazu gewonnen, daß sie für jedes Semester gemeinsam die Vorlesungen nach bestimmtem Plane auswählten; er war dabei, den mathematischen Unterricht auf dem Gymnasium so umzugestalten, daß auch ein Einblick in die höhere Mathematik erzielt wird. So hatten wir über vieles unsere Ansichten ausgetauscht und waren in den wesentlichen Dingen einig. Auch an die Aufgabe einer Akademie und die Wege, etwas für Göttingen zu erreichen, hatten wir gedacht: nun war es möglich geworden, unsere Gedanken durchzuführen. Mit Feuereifer gingen wir daran. Klein zog den Physiker Rieke zu; auf Ehlers durften wir zählen, wenn es zur Ausführung kam. Von der anderen Klasse wagte ich niemand heranzuholen. Es genügt, das Ergebnis anzugeben. Statuten wurden durchberaten; ich habe den Entwurf in der definitiven Fassung mit eigener Hand geschrieben. Wesentlich war, daß für die Naturwissenschaften ein zweiter Sekretär hinzutrat, also Ehlers, daß Sauppe seine Stelle behielt, aber zu seiner Entlastung ich die Geschäfte übernahm. Die neue Organisation ward der Gesellschaft durch allerhöchste Entschließung verliehen und sofort in Tätigkeit gesetzt, Lagardes Erbschaft angenommen. Die überraschende Handlung verlief so gut wie ganz ohne Mißton. Die vermehrten Mittel wurden ausschließlich für sachliche Ausgaben verwandt, die Mitglieder erhalten kein Gehalt. Daher konnte bestimmt werden, daß nach Erreichung einer Altersgrenze, ich dächte von 75 Jahren, eine Neuwahl für diese Stelle ohne Beeinträchtigung des früheren Inhabers eintreten sollte. Die Grenze galt auch für das Sekretariat; aber als der erste Fall der Art eintrat, ist für Ehlers, der unentbehrlich schien, Dispens erbeten und erteilt worden. Man entschied eben damals noch sachlich und ließ die Tüchtigen wirken, solange sie die Kraft bewahrten.
Die Schriften der Gesellschaft mußten eine neue Gestalt erhalten. Es gelang mir, die Weidmannsche Buchhandlung für den Verlag zu gewinnen. Ohne ihre großartige Opferwilligkeit würde die stattliche Reihe der Abhandlungen[235]  und neben den reichen Nachrichten die Erhaltung der Anzeigen nicht möglich geworden sein. Auch die Unterstützung wissenschaftlicher Unternehmungen hat sofort begonnen. Ich konnte für Wellmanns Dioskorides wirken und die Bearbeitung der griechischen Scholiasten noch anregen, für die von der Gesellschaft weiter gesorgt wird. In den Sitzungen ward nicht, wie in Berlin, auf den Vortrag eines einzelnen gerechnet, auch nicht die Verpflichtung dazu allen auferlegt, sondern kurze Mitteilungen, je nach Belieben, erwartet. Es war bewundernswert, wie Klein es verstand, auch für scheinbar ganz spezielle mathematische Dinge das allgemeine Interesse zu fesseln. Gleich drängte er auf die Erfüllung einer wichtigen Pflicht, die Vollendung der Sammlung von Gauß' Werken, und da ich dazu behilflich sein konnte, insbesondere für den Briefwechsel Gauß-Bolyai, konnte ich etwas über solche Dinge lernen, wie es eben nur in einer Gesellschaft der Wissenschaften möglich ist. Daß ich so bald aus der Gesellschaft scheiden mußte, war mir ein großer Schmerz, so gern ich auf die Verwaltungsgeschäfte des Sekretärs verzichtete. An ihrer aufsteigenden Entwicklung habe ich immer die Freude eines stillen Mitgliedes gehabt.
Sie ward auch sogleich in die wissenschaftliche internationale Politik gezogen. E. Süß in Wien und Th. Mommsen in Berlin betrieben die Gründung einer Vereinigung aller Akademien; ich bin schon sehr früh zu den Erwägungen herangezogen, die schließlich zur Gründung der Association des Académies erst geführt haben, als ich nicht mehr in der Stellung eines Mitwirkenden war. In Berlin muß die Sache nicht ganz glücklich betrieben sein, auch gegen die Vereinigung der deutschen Akademien im Kartell verhielt man sich spröde. Da ging Göttingen unbeirrt vor, und ich hatte die Ehre und Freude, die Vertreter auf der wohl ersten Kartellsitzung in Göttingen zu empfangen. Das Kartell hat gerade in den letzten schweren Jahren seine einigende Macht und damit auch Macht gegenüber dem feindlichen Auslande bewiesen.
In dem Jahre, in dem ich Exprorektor war, machte Bismarck auf der Reise nach Kissingen in Göttingen für einige Minuten halt. Natürlich hatte der Zug Verspätung, um so mehr Menschen drängten sich auf den Perron, an den Fenstern des Bahnhofgebäudes, auf Vordächern, Jungen kletterten, wo immer ein Sitz möglich schien. Die Bahnsperre war eben eingeführt; kaum glaubliche Zahlen wurden für die Einnahme genannt. Der Prorektor war zwar ein süddeutscher Demokrat, wollte aber doch auf die Ehre, Bismarck zu begrüßen, nicht verzichten. Die Ansprache muß wohl dem Menschenkenner so flau geklungen haben, daß er sich rasch von ihm abwandte. Ich[236]  konnte ihm von seiner Studentenzeit etwas sagen, was ihn belustigte; den Namen des damaligen Fechtlehrers wußte er sofort. Seinem Korps, den Hannoveranern, gab er den Rat, anders als er es gehalten hätte, täglich ernst zu arbeiten »zwei, drei Stunden, dann sind die Professoren schon sehr zufrieden«. Ich hatte ihn nie von nah gesehen, geschweige gesprochen, nun sah er mir ins Auge und schüttelte meine Hand. Die Rührung zuckte mir durch Mark und Bein. Jetzt war er geächtet, und wer auf seine Warnungen horchte, hieß ein Nörgler. Als Zeugnis für meine Stimmung führe ich an, daß ich in einer offiziellen Tischrede ausgeführt habe, die preußischen Jahrhunderte endeten in den 80er Jahren mit dem Tode des großen Kurfürsten, Friedrichs des Großen, und so stünden wir jetzt wieder in den gefährlichen 90er Jahren; der Wunsch, daß es diesmal anders gehen möchte, schloß die Rede, nur ein Wunsch. Ein Freund hat mich in späteren Jahren erinnert, ich hätte von ruere in servitium geredet, als Adolf Hildebrands Entwurf zum Denkmal für Kaiser Wilhelm verworfen war und niemand Einspruch erhob, daß mit der Schloßfreiheit ein malerisches Stück des alten Berlin niedergerissen und die banale Protzerei des sog. Nationaldenkmals das Andenken des Königs entweihte, der sich nie als Kaiser aufgespielt hatte, geschweige denn als Triumphator.
Es dauerte nicht lange, da trat die Nötigung, nach Berlin zu gehen, immer dringender an mich heran. Mommsen hatte es mir schon ernstlich verdacht, daß ich mich entschieden weigerte, zur alten Geschichte überzugehen und die Stelle zu übernehmen, die Ulrich Köhler erhielt. Ob er mit dem Gedanken in der Fakultät durchgedrungen wäre, steht dahin. Auf alle Anspielungen und Anzapfungen erwiderte ich immer, ich wäre in Göttingen zufrieden, hatte jetzt ja auch allen Grund. Aber nun erklärte Althoff, daß die Regierung es dringend verlangte, noch bei Lebzeiten von Curtius. Noch ließ es sich hinausschieben; aber als dessen Stelle frei ward, kam es zur Entscheidung. Zunächst setzte ich unbedingten Widerstand entgegen: ich käme niemals anders als auf einen Ruf durch die Fakultät. Daß Besprechungen des Ministeriums mit einzelnen Professoren stattgefunden hatten, Vahlen mir in zustimmendem Sinne geschrieben hatte, konnte mir nicht genügen. Da bewirkte Althoff einen Fakultätsbeschluß, und ich war gezwungen. Dann stellte ich noch die Bedingung, daß ich alles in Gemeinschaft mit Diels einrichten dürfte. Das Seminar behielten sich Kirchhoff und Vahlen vor, ein Proseminar zu schaffen hatten sie versäumt: da ließ sich ansetzen. Die Historiker Hirschfeld und Köhler hatten ein Institut für ihre alte Geschichte, in dem sie auch Diels Übungen abzuhalten erlaubten, und[237]  er hatte erreicht, daß für die Handbibliothek die Bücher des verstorbenen Professors E. Hiller angeschafft wurden, die freilich sehr viel Kleinkram enthielten, der nach meiner Meinung in eine solche Bibliothek nicht gehört, weil zu vieles rasch völlig veraltet. Dieses Institut sollte durch Bewilligung reichlicher Mittel und eine neue Verfassung zu einem wirklichen Institut für die ganze Altertumskunde ausgebaut werden. Wenn dazu öffentliche Vorlesungen traten, wie ich sie zu halten gewöhnt war, schien die Fortsetzung einer Lehrtätigkeit, wie ich sie mir in Göttingen geschaffen hatte, in Berlin Erfolg zu versprechen. Dennoch ist mir das Scheiden von Göttingen sehr schwer geworden. Es war bitter, die eigene Neigung zu opfern, in die Großstadt zu ziehen, vor deren Getriebe mir graute, und damit auch auf den vertrauten Verkehr mit den Studenten verzichten zu müssen. Ich machte mir keine Illusionen darüber, daß die glücklichste Zeit meines Lebens vorüber war; aber der Mensch ist ja nicht dazu da, glücklich zu sein, sondern der Pflicht zu gehorchen.
Die Studenten ließen nicht im unklaren, daß sie mich gern behalten hätten. Bei dem Abschiedsessen, das die Kollegen wie gewöhnlich den Scheidenden gaben, erregte ich einigen Anstoß durch die Erklärung, ganz besonders den naturwissenschaftlichen Kollegen zu Danke verpflichtet zu sein. Es war aber so. Sie hatten mir auch das Vertrauen erwiesen, mich in Kommissionen zur Berufung eines Kollegen ihrer »Sparte« ziemlich regelmäßig als »Unverständigen« zu wählen. So nannte man den Vertreter der anderen Sparte, der nach den Statuten in einer jeden solchen Kommission sein mußte, und, wenn er es häufig war, gerade als nicht Sachverständiger zwischen widerstrebenden Wünschen zu vermitteln wußte.
Für meine Fakultät konnte ich beim Scheiden noch durchsetzen, daß ein Wechsel in der Professur für alte Geschichte eintrat, auf meinen eigenen Ersatz mochte ich nicht einwirken. Leo wünschte begreiflicherweise, daß Kaibel käme, der ihm wissenschaftlich und menschlich so nahe stand wie ich. Mir schien es bedenklich, Kaibel aus Straßburg fortzulocken; er hatte nach den Greifswalder Erfahrungen oft erklärt, er wollte nicht wieder mein Nachfolger sein, und die Studentenzahl nahm wieder, wie damals, gerade ab. Ich begriff auch nicht, was ihn in Straßburg, wo er ein hübsches Haus hatte, verdroß. In Wahrheit hat sich schon dort seine Krankheit (Magenkrebs) geregt und auf seine Stimmung gedrückt. Dem sollte der Wechsel abhelfen. Er hat sich freilich rasch alle Herzen gewonnen, aber nach hoffnungsvollen Anfängen doch selbst an seiner das ganze Wesen durchleuchtenden Heiterkeit verloren. Bald folgte quälendes Siechtum; schon am 15. Oktober 1901 mußte ich hin, ihm die Grabrede zu halten. Ich war darauf nicht gefaßt,[238]  sträubte mich lange, hatte bis in den späten Abend keine Minute zur Überlegung. Die Feier war für den anderen Tag früh angesetzt. Begreiflich, daß ich mit einiger Besorgnis einschlief. Am Morgen fuhr ich aus tiefem Schlafe jäh auf: mir waren die Schlußworte meiner Rede eingegeben. Völlig unbewußt habe ich sie gefunden. Daß der Geist im Schlafe weiter arbeitet, wird mancher erfahren haben; ich habe es oft erprobt, eine unverstandene Stelle oder eine Chorstrophe, die nicht klingen wollte, auswendig zu lernen, damit ich im ganzen oder halben Schlafe damit zu Rande käme. Des Morgens hatte ich auch oft etwas, nur in den meisten Fällen, nicht in allen, war es untauglich, weil irgendeine Prämisse selbst eingesetzt oder vergessen war. Aber ein so überraschendes, unwidersprechliches Erlebnis der »Eingebung« kann ich nicht anführen, und es ist wohl der Erwähnung wert. Nun machte mir die Rede keine Mühe mehr. Ich könnte meinen lieben Freund nicht besser charakterisieren, setze also den Hauptteil her, wie ich ihn auf Wunsch der anderen Freunde für den Druck niedergeschrieben habe. Nur eins muß hinzugefügt werden: Musik gehörte zu seinem Lebenselement, er übte sie nicht nur, er komponierte sogar. Aber er hielt das ganz im Verborgenen, als ob es mit seiner Wissenschaft gar nichts zu tun hätte. Und doch war er auch in dieser ganz auf das Künstlerische gerichtet; die Arbeit an den Inschriften war ihm eine Last, die er nur Mommsen zuliebe trug. An der Poesie oder der Kunstprosa, die mit ihr wetteifert, hing sein Herz, ihrer Formen suchte er sich zu bemächtigen, weil er die Sprache genug beherrschte, um die Schwingungen der Seele des Dichters wahrzunehmen. Daher konnte er wirklich griechisch dichten. Das Gedicht, das er im Angesicht des dräuenden Todes in lyrische Formen gekleidet hat, erreicht in der Tat den wirklich klassischen Ton23.
Wir alle kennen und lieben als das Hervorstechendste an Georg Kaibels leiblicher Erscheinung die leuchtenden Augen, die in die Welt und ihre Schönheit so frei und fröhlich, so sicher und beherrschend dareinschauten. Ich habe diese Augen gesehen, als sie noch befremdet und schüchtern, fragend und fast bittend auf die weite unheimliche Welt blickten. Das war in Bonn, als er nach einem unbefriedigenden ersten Studienjahre 1868 aus Göttingen dorthin kam. Damals war die Psyche noch gebunden, damals war er noch nicht er selbst. Aber ich habe dann auch beobachtet, wie die Bande sprangen, und der befreite Schmetterling lichtfroh seine schimmernden[239]  Flügel im Sonnenlichte wiegte. Das war wenige Jahre später auf dem Boden Italiens. Der reine Himmel, die milden Lüfte, die melodische Sprache, die zu hören und zu reden ihm zeitlebens ein Genuß blieb, die natürliche Anmut der ungezwungenen Lebensformen, das alles fühlte er seinem eigentlichen Wesen verwandt: da ward er fast plötzlich er selbst, nicht durch eine Umwandlung, sondern durch die freie Entfaltung seiner Natur. Und so ist er geblieben, so hat er sich in glücklicher ungestörter Selbstentfaltung ausgelebt. Wohl sind noch zwei Momente hinzugetreten, die ihn wesentlich höher gehoben haben: einmal, daß er die Gattin fand. Ich weiß genug, um zu schätzen, wieviel er dadurch an sich selbst gewonnen hat; aber da bindet mir wieder die Ehrfurcht vor dem heiligen Schmerze die Lippen. Das andere war die unerwartete Berufung zum Lehramt an der Universität, das ihm mit der Freiheit, sich ganz seiner Wissenschaft zu widmen, die Verpflichtung auferlegte, in dieser immer weiter und tiefer zu gehen. Aber innerlich verändert hat ihn auch das nicht. Ganz unwesentlich sind vollends die Wechsel des Wohnortes und Wirkungskreises gewesen, die der Beruf brachte; nur daß es ihm wie eine Heimkehr war, als er von der Ostsee in das sonnige Rheintal ziehen durfte. Denn in Lübeck geboren und aufgewachsen, hat er sich doch niemals dort zu Hause fühlen können, und wirklich stammte sein Geschlecht aus der Pfalz.
Künstlerblut war in ihm, und es hat sich nicht verleugnet. Denn im Grunde war seine Neigung und Begabung künstlerisch. Er bedurfte der Schönheit, der hohen und ernsten, wie er des Sonnenlichtes bedurfte. Diese unentbehrliche Nahrung der Seele fand er vor allem in der Musik, die er auf Grund der ernstesten und tiefgehendsten Arbeit ununterbrochen übte, aber im stillen, nur für sich. Nie hat sie sich vor seine wissenschaftliche Tätigkeit gedrängt; aber sie ist zu dieser das notwendige Komplement gewesen, und die Wahrheit in Kürze zu sagen, hat er seine Philologie nicht anders getrieben als seine Musik. Gewiß hat er sich all der entsagungsvollen Pflichtarbeit nicht entzogen, die der Lehrberuf und auch die Wissenschaft fordern; er hat an manchem schweren Werke Hand angelegt und jahrelang ausgeharrt, nicht weil es ihn anzog, sondern weil es für die Wissenschaft notwendig war. Aber ganz wohl fühlte er sich erst und erreichte demgemäß erst das Höchste, wenn er durch die souveräne Beherrschung der Sprache und der Kunstformen, die er sich erworben hatte, das volle Verständnis und die volle Wirkung des Schönen nachschaffend erschloß. Auch in der wissenschaftlichen Produktion führte ihn der unmittelbare Drang seiner künstlerischen Natur am sichersten zum Ziele.[240]
Nicht anders auf sittlichem Gebiete. Er hat sich nicht wie wir andern durch Selbstbeherrschung und Selbstbescheidung zu dem Manne, der er war, erzogen, sondern ist unbefangen und unbeirrt durch Furcht oder Zweifel dem eigensten Gefühle gefolgt. Und er war so glücklich, das zu dürfen. Daher die heitere Sicherheit seines Wesens, die ihm alle Herzen gewann: selbst wenn er im Zorne bis zur Ungerechtigkeit aufflammen mochte, hat ihm niemand einen Groll bewahren können. Gemeine Naturen zahlen mit dem was sie tun: edle mit dem was sie sind.
Aber wenn nun die Nacht kam, langsam, mit immer schwärzeren Schatten, wie sollte dieses Herz sie ertragen, das des Lichtes und der Wärme über alles bedurfte? Es stand ihm zur Seite, was die Schatten scheuchte: die holde Treiberin, Trösterin, Hoffnung. Ihrer hatte er auf seinem ganzen Lebenswege niemals entraten können, aber sie hatte ihn auch nie verlassen. Und so vergoldete sie sein Leben, treu bis zum letzten Tage. Es sind nicht viele Tage, daß er mir nach langer Pause wieder mit eigener Hand eine Karte schrieb, die damit schloß »es geht doch vorwärts«. Das mochte, menschlich betrachtet, wie eine schwere Selbsttäuschung des unheilbar Kranken aussehen, und gewiß muß die Hoffnung auf ein leibliches Genesen den Seinen unsagbar traurig gewesen sein; aber mir ist die Wahrheit des Wortes gleich beim Lesen aufgegangen. Das war keine Täuschung, das war das Vorgefühl der nahenden Befreiung, das die hoffende Seele durch die entsetzlichen Qualen des siechenden Leibes hindurch beseligend empfand. So hat er sich doch die beglückende Kraft zu bewahren vermocht: er war geworden, was er war, er ist's geblieben: so wollen wir sein Bild in treuem Gedächtnis bewahren.
Ihr, liebe Kinder, habt euren Vater zum Teil noch nicht gekannt, und ganz versteht ein Kind wohl niemals seine Eltern. Wenn es euch einmal gelingt, durch die Macht der Töne ein erhabenes Kunstwerk so zu verkörpern, daß alles Menschliche, alle Mühsal und Eitelkeit schwindet, und daß eure Seele kein anderes Gefühl mehr hat, als die Andacht vor der heiligen Schönheit: dann ist der Geist eures Vaters über euch. Aber auch wenn euch das Leben an den Scheideweg stellt und ihr wählen müßt, ob ihr den breiten Weg gehen wollt oder den rauhen und schmalen, den Pflicht und Ehre weisen, dann denkt eures Vaters: er hat niemals geschwankt, ja niemals gewählt, sondern ist festen Schrittes und erhobenen Hauptes den schmalen Weg gegangen, weil er nicht anders konnte, weil er dem Adel der eignen Seele vertrauen durfte.
Und wir andern alle, die wir nun hinausziehen, seinen Leib in den Mutterschoß der Erde zu bergen – mancher begräbt damit ein Stück Sonnenschein[241]  seines eignen Lebens, und heute oder morgen kommt allen der Tag, wo sie fühlen, daß es abwärts geht: heute und morgen und immerdar wollen wir uns aufrichten an unseres Freundes freudiger Hoffnung, wollen vertrauen, daß er recht hat: es geht doch vorwärts.
Zeuch hin, du freie, fröhliche Seele in Gottes heilige Ewigkeit.
Nach Göttingen bin ich dann erst wieder gekommen, als ich Ende Januar 1914 auch meinem Freunde Leo einen Spruch an seinem Grabe nachrufen mußte und auch Wellhausen zum letzten Male sah, überzeugt, daß es das letzte sein würde. Ein Vertreter der Universität sprach zuerst, dann hatte ich als Vertreter der Berliner Akademie in deren Namen ihre Teilnahme auszusprechen und fügte etwa das Folgende hinzu24:
»Meine Aufgabe ist, Zeugnis abzulegen von einer Freundschaft, die über vierzig Jahre gedauert hat und mir die Möglichkeit gibt, zu durchschauen, wie hier eine Persönlichkeit ihr Leben zur Vollkommenheit abgerundet hat, durch eigenen Willen, eigene Kraft, durch eigenen Glauben an das Ewige und die Verpflichtung, die es uns auferlegt, mit dem anvertrauten Pfunde zu wuchern.
Wie er ward, wage ich nicht zu erzählen. Entscheidend war zuerst der große Eindruck des Krieges25, daß der Mann dem Vaterlande gehört mit allem, was er ist und was er schafft. Dann Reisen, Leben in fremdem Volke, dann die Arbeit des Amtes mit ihrer Schwere und ihrem Segen, all das Viele, was der Mann erlebt, dem an der Seite der Gattin die Kinder emporwachsen, was der Lehrer im Verkehre mit den Schülern erlebt, überall Erziehen, zur Selbsterziehung anleiten, vor allem sich selbst erziehen.
Als er in diese Stadt und dieses Amt kam, war er innerlich gefestigt, hatte er sein Leben zu dem Kunstwerk gestaltet, das es gewesen ist. Die Strenge, die hier seine Schüler wohl empfunden haben, wenn er zuerst an sie herantrat, und mancher von den Fernerstehenden für das Wesentlichste gehalten hat, war nur eine notwendige Ausstrahlung seines inneren diamantklaren und diamantfesten sittlichen Lebens. Ihr, meine lieben Kommilitonen, werdet bald nicht nur die gravitas, sondern laeta viri gravitas et mentis amabile pondus gespürt haben. Auch die innere Wärme und das Wohlwollen wird euch zum Bewußtsein gekommen sein. Was er euch für euer Wissen lehrte, war nicht das Köstlichste. Das Beste, was wir lehren können, kommt aus der Seele und dringt in die Seele, nicht vom Munde in das Ohr. Er[242]  lehrte euch Leben und Wissenschaft so ernst nehmen, wie er sie nahm. Er teilte euch von seiner Kraft mit, durch Selbsterziehung über sich hinauszukommen. Fertig wie er war, konnte er in jedem Augenblick auch bereit sein zu sterben. Wenn der große Kündiger des menschlichen Seelenlebens gesagt hat, daß unser ganzes Leben Vorbereitung zu einem seligen Sterben ist, so ist das eine Euthanasie noch in höherem Sinne, als wir es von dem schmerzlosen plötzlichen Hinscheiden sagen, um das wir diesen Toten glücklich preisen. An der wahren Euthanasie, die er erreicht hat, trösten wir uns heute, werden wir uns immer erbauen. Die Wirkung schwindet darum nicht, daß er von uns gegangen ist. Euch, seinen Kindern, wird sie die Kraft geben, den Trennungsschmerz zu überwinden, wir alle werden treu bewahren, was er uns war, was er uns ist. Vom Irdischen nehmen wir Abschied, die Seele bleibt, bleibt uns, auch wenn sie heimgekehrt ist in ihre Heimat, in den Schoß des ewig lebendigen Gottes. Have pia anima.«
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 Damals ließ sich der junge Gustav Roethe, trotzdem er an einem Beinbruch darniederlag, in das Wahllokal fahren.
2 Gedruckt unter dem Titel »Basileia« in den älteren Auflagen meiner Reden und Vorträge.
3 Der Prorektor hatte einst, als die Universität noch eine universitas im rechtlichen Sinne war, die Würde eines comes palatinus gehabt und damit das Recht poetae laureati zu krönen und uneheliche Kinder zu legitimieren. Nach 1815 glaubte ein Prorektor, wohl nach dem Vorbild von Hessen-Kassel, daß die Vergangenheit ganz wiederhergestellt wäre und versuchte, das letztere Recht auszuüben.
4 Einmal bin ich hingegangen, als Rossi den Othello gab. Schon daß er italienisch sprach, war ein unerträgliches Experiment; aber die Mitspieler trieben es so, daß er sich bald ganz gehen ließ. Es sah so aus, als brächte er diese Desdemona aus Ekel um, und man konnte es ihm nicht verdenken.
5 Nichts als eine krankhafte Nebenerscheinung war es, daß die von dem naturalistischen Schmutze angeekelte »Moderne« sich von dem süßlichen Puppen spiele Maeterlinks hypnotisieren ließ, Parfüm gegen Gestank. Man mußte die Fenster öffnen, damit frische Luft beide vertriebe.
6 In den Kuratorialakten habe ich ein sehr schönes Gutachten Ritschls gelesen, erstattet, als die Nachfolge C. Fr. Hermanns zwischen Sauppe und H.L. Ahrens schwankte, für den Ritschl eintrat, weil im Griechischen auf die Dichter das Meiste ankommt. Ich halte für sehr bedenklich, daß man heute anders zu denken scheint.
7 Caelius Aurelianus Tard. passion. IV, 9, 131 singulis Sparta non sufficit sua, das ist aus Soran übersetzt, der einen im späten Griechisch verbreiteten sprichwörtlichen Ausdruck brauchte. Er geht zurück auf einen Vers aus dem Telephos des Euripides, Fragm. 723, Agamemnon sagt zu Menelaos: dein Reich ist Sparta, kümmere dich um das und laß Mykene in Ruhe. Schon Cicero, ad Atticum I, 20, schreibt an Atticus cum quam dicis mihi obtigisse Spartam numquam deseram. Von da wird sich der Ausdruck im Humanistenlatein verbreitet haben. Aber daß das alte Sparta hinter der Sparte steckte, wußte niemand mehr.
8 Gedruckt ist die Rede in den älteren Auflagen meiner Reden und Vorträge.
9 Wir saßen gegenüber der alten Mauer aus Luftziegeln und Philios wußte mit dem sicheren Wurfe kleiner Steine die Fugen zu treffen. Die Kunst im Werfen, die man bei griechischen Knaben schon bewundern kann, erwies sich so auch für den Gelehrten verwendbar.
10 Als solcher hat sich Lüders später dadurch verdient gemacht, daß er den flüchtigen Freiherrn von Hammerstein erkannte und den Armen der heimischen Gerechtigkeit überliefern konnte. Hammerstein hatte seinen unheilvollen Einfluß als Führer der Konservativen bei dem Schulgesetze noch eben auf den Grafen von Zedlitz ausgeübt, was dessen Sturz zur Folge hatte. In diesem hat Althoff den einzigen Kultusminister verehrt, der ein Mann für diese Stellung zu werden das Zeug hatte.
11 In einem Stall fanden wir ein Grabrelief, Wilhelm hatte einen photographischen Apparat mit und machte eine Aufnahme, die bei einem Exponieren von einer Viertelstunde in dem dunklen Raum wirklich gelang. Wir nannten den dicken Böoter, der jetzt erst recht sichtbar war, Pilich, weil nur so viele Buchstaben lesbar waren; daß es ἐπὶ Δίχαι war, ist uns nicht eingefallen.
12 Die sieben Tore Thebens, Hermes XXVI. Die entscheidenden Grabungen sind dann ausgezeichnet von Keramopullos veranstaltet und veröffentlicht. Natürlich ist noch viel zu tun.
13 Hira und Andania, Berliner Winkelmannsprogramm N. 71.
14 Ich kann bezeugen, daß der Erzähler zu meiner Überraschung die Form ἔσβη anwandte.
15 Günther hat noch einmal zu einem lauten »Deutschland soll leben« Anlaß gegeben. Wir waren zusammen nach Kaesariani gegangen, da schossen Soldaten nach der Scheibe, mit wenig Erfolg. Einer forderte uns zur Teilnahme auf. Günther ergriff sofort das ihm doch nicht bekannte Gewehr und traf ins Schwarze.
16 Ein Vortrag, der so etwas versuchte, durfte in der letzten Auflage meiner Reden nicht mehr erscheinen. In einer Besprechung der ersten Bände der Oxyrynchos-Papyri habe ich Ähnliches mit ähnlichem Erfolge versucht. Jüngst mag Rostowzew das fast berauschende Gefühl, soviel Neues zu sehen, ähnlich gehabt haben, aber seine Behandlung der Zenonpapyri in dem Buche a large estate in Egypt wird nicht so leicht veralten.
17 Es wird Salat gereicht, der Bischof greift mit den Fingern in die Schale, fragt, was es sei, hört »Salat«, wirft mit dem Rufe »ißt Bischof nicht«, die Blätter wieder zurück. – Ein interessanter Hörer war ein griechischer Geistlicher von der Schule des Patriarchates auf der Insel Chalki. Er stammte aus Kypros, das England sich nach dem Berliner Kongreß angeeignet hatte. Ich dachte, die Befreiung von der Türkenherrschaft würde freudig empfunden werden, aber er erklärte, ὁ Τοῦρκος εὔσπλαγχνος, ὁ Ἄγγλος δὲν ἔχει ἔλεος, ὁ χριστιανισμὸς τῶν ὑπόκρισις
18 Von dieser ist mir in Schweden eine ergötzliche Probe erzählt. Auf den höflichen Einwand, er könnte sich vielleicht als Fremder in die Denkart eines anderen Volkes nicht ganz hineinfinden, erfolgte die Antwort, I am not a foreigner, I am an Englishman.
19 In Greifswald war sein Bruder Professor der Theologie, der es nicht ertrug, daß Paulus nicht einen Brief an die Deutschen geschrieben hätte, und daher die Galater zu Deutschen machte. Zu Wellhausen sagte er: »was halten Sie von Lutorius? (dem Führer der Kelten, die Galatien besetzten): ich muß bei ihm immer an Luther denken.«
20 Meine Töchter haben nachher in der Luisenstiftung noch bei trefflichen Lehrern in der alten Weise ordentlich Französisch und Englisch gelernt. Leges sine moribus vanae; damals waren noch die nötigen mores bei Lehrern und Schülern vorhanden. Sie fehlen auch heute noch nicht ganz.
21 Weh tat es eher, als die Ernennung zum Geheimen Regierungsrat mich ereilte, und meine Frau gab dieser Empfindung Althoff gegenüber sehr unverblümt Ausdruck. Aber man muß so etwas gelassen hinnehmen: protestieren ist eine andere Sorte Eitelkeit. Ich besitze einen reizenden Brief von Usener, in dem er Susemihl als besonders berufen zum Geheimrat charakterisiert. Er selbst ist ihm auch nicht entgangen.
22 Causa principio et uno sempiterno, onde l'esser la vita il moto pende, e a lungo a largo e profondo si stende quanto si dice in ciel terr' et inferno. Con senso con ragion con mente scerno ch' atto misura et conto non comprende, quel vigor mole et numero, che tende oltr' ogn' inferior mezzo et superno. Cieco error, tempo avaro, ria fortuna, sord' invidia, vil rabbia, iniquo zelo, crudo cor, empio ingegno, strano ardire non bastaranno a farmi l'aria bruna, non mi porrann' avanti gl' occhi il velo, non faran mai, ch' il mio bel sol non mire. G. Bruno de la causa, principio et uno, Schlußsonett der Vorrede I, 209 Lag. Zum Verständnis muß man den vierten Dialog vergleichen. Atto V. 6 und vigor V. 7 sind ἐνέργεια und δύναμις, Aktualität und Potenz.
23 Veröffentlicht in Leos Gedächtnisrede, Götting. Nachrichten 1902, S. 39 der geschäftlichen Mitteilungen, auch in dem Nekrolog seines treuen Schülers Radtke in Bursians Jahresberichten.
24 Mir liegt nur ein fehlerhaftes Stenogramm vor, das die Presse brachte.
25 Wenige Monate später habe ich seine »Kriegserinnerungen« in den Druck gebracht.


. Berlin

Seit Ostern 1897



[243] Wenn ich die gesunde und behagliche Existenz in Göttingen aufgeben sollte, so wollte ich wenigstens im Freien wohnen und meinen Kindern das Leben in frischer Luft unter Bäumen erhalten. Es gelang, in Westend ein Grundstück mit Garten zu erwerben, auf dem aus dem alten Waldbestande noch eine Kiefer steht, deren Dryas an Stelle der freilich schöneren Göttinger Fichte den Schutz des Hauses übernahm. Der Hausbau begann während wir noch in Göttingen wohnten, zwang aber, das erste Semester in einer unbehaglichen Stadtwohnung zuzubringen, was die trübe Stimmung verstärkte. Westend aber hat die Erwartungen voll erfüllt. Es waren damals kaum fünf Minuten bis zum Walde, Sonntagsspaziergänge der ganzen Familie bis an die Havel oder den Tegeler See ließen sich gut durchführen. Ich lernte Radfahren, fuhr damit auch einige Jahre in die Universität, bis es der steigende Verkehr verbot, aber es sollte auch mir Erfrischung und Bewegung im Grunewald gewähren, den ich bald bis an den Wannsee als mein Revier betrachtete, in dem ich alle Waldwege kannte. Men schen begegnete man da kaum, um so öfter dem Damwild und den Rehen. Auf schmalen Pfaden mußte man klingeln, damit ein äsender Damhirsch Platz machte. Auch in der Jungfernheide, wo jetzt die Siemensstadt sich ausdehnt, war noch Wald. Über die Spree führte nur der Kahn eines oft betrunkenen und verschlafenen Fergen; in solchen Fällen war der Verkehr nur auf weitem Umwege über den Luisenplatz und den Bahnhof Jungfernheide möglich. Die ganze Anhöhe über der Quelle (nun Bahnstation) Fürstenbrunn, jetzt bedeckt von üppigen Schrebergärten, lag wüst; hie und da wuchsen ein paar Katzenpfötchen; benutzt ward sie nur zum Pferdemarkt. Rings um Altwestend hat sich in einem Menschenalter alles geändert, aber dieses hat seinen ländlichen Charakter im wesentlichen bewahrt: an die Riesenstadt gemahnt nachts nur am Osthimmel ein dunstiger Lichtschein, und die Stille wird nur ab und zu von dem Gerassel eines Autos gestört. Kuhgebrüll bei Tage ist nur Stadtkindern eine Störung. Solange die gute Stadtverwaltung Charlottenburgs nicht unter das Mißregiment des Berliner Stadtparlamentes gezwungen war, durfte man sich auch nach der Seite der Verwaltung etwas auf den Gegensatz zu Berlin zugute tun.[244]
Dies Wohnen in einem Vorort zuerst ohne benachbarte Kollegen, dann nur mit Roethe, der ähnlich dachte und ähnlich lebte, erzwang von selbst ein zurückgezogenes Leben, zu dem ich entschlossen war, um die wissenschaftliche Arbeit nicht preiszugeben. Von Mommsens Hause war die Entfernung nicht zu groß, so daß meine Frau den Verkehr mit den Ihren und noch einer weiteren Verwandtschaft pflegen konnte, Mommsen sich der Feier seines achtzigsten Geburtstages entzog und dafür die Glückwünsche seiner Enkel in Empfang nahm. Er war nun vom Sekretariat der Akademie zurückgetreten, vollendete eben erst sein Strafrecht und wollte noch seinen Willen in vielen Dingen durchsetzen, über anderes seine absprechenden Urteile abgeben. Er war gewohnt, daß die meisten demütig gehorchten oder wenigstens so taten. Zu politischen Orakeln ließ er sich nicht schwer bestimmen und bemerkte nicht, daß gewisse Leute darauf spekulierten. Gerade darin und in einiger Empfänglichkeit für geschickte Augendienerei zeigte sich das Alter. Da ich ihn viel zu hoch hielt, um ihm zu schmeicheln, und in der Wissenschaft kein Ansehen der Person kenne, habe ich seine Erwartungen enttäuscht. Zwanzig Jahre vorher würde er gerade diese Selbständigkeit freudig begrüßt haben.
Ich selbst hätte manche verwandtschaftlichen Beziehungen pflegen können, aber ich vermied es; der Heimat näher zu sein, war freilich willkommen. Im Kreise der Kollegen gab es natürlich nicht wenige, mit denen ein anregender, aber kein naher Verkehr entstand. Diels hatte seine festen Lebensgewohnheiten, sehr verschieden von den meinen, was auf unseren Verkehr einwirkte. Er nahm in der »Graeca« eine führende Stellung ein, der auch Mommsen angehörte, nahm auch an der »Mittwochsgesellschaft« teil, aber in diese Kreise paßte ich nicht. Von alten Freunden fand ich meinen Kriegskameraden G. Reimarus und C. Bardt als Direktor des Joachimsthalschen Gymnasiums vor, in das ich meine Söhne schickte. Ebenda wirkte O. Schroeder, den ich aufsuchte, da wir schon über Pindar korrespondiert hatten. Auch P. Wendland suchte ich auf und lernte in ihm auch den Menschen in seiner schlichten Vornehmheit schätzen, mußte leider sehen, wie er seine Kräfte in unheimlicher Arbeitsamkeit verzehrte. Viel zu spät kam er an die Universität und mußte als Nachfolger Kaibels mitten aus einer Forschertätigkeit scheiden, die zum Höchsten zu führen schien. In Westend wohnten die Eltern und andere Verwandte von Frau Leo, was nachbarlichen Verkehr mit sich brachte und zu nahen Beziehungen führte, die wir dauernd mit ihrer Schwester Frau du Bois Reymond und deren Gatten gepflegt haben; ich werde diesen ausgezeichneten Mann noch als Gefährten auf zwei griechischen Reisen einführen.[245]
Theaterbesuch hat mich wenig gereizt, selten befriedigt, verbot sich auch durch die Zeitverschwendung; dagegen den Genuß der bildenden Künste wie der aufnehmen zu können, war ein Vorteil Berlins, und das habe ich nicht versäumt.
Ein gewisser Ersatz für die sonstige Zurückgezogenheit ergab sich durch die Einrichtung eines offenen Abends, denn zu diesen Mittwochen kamen bekannte jüngere Familien, junge Kollegen, ausgewählte Studenten, manch Durchreisender, nicht wenige Ausländer der verschiedensten Nationen oft und gern, bis der Krieg allem ein Ende machte.
Alles entwickelte sich langsam; das Eingewöhnen war schwer, manches verstimmte, körperliche und seelische Depression blieb nicht aus. Daß das Proseminar sofort in guten Gang kam, die Vorlesungen, zumal die öffentlichen, Erfolg hatten, war nicht mehr als ich zu erwarten berechtigt war. Die Privatvorlesung hielt ich aus Rücksicht auf die älteren Kollegen nachmittags, was nicht nur den Besuch beeinträchtigte. Zwei Stunden hintereinander war mir wie den Studenten eine überstarke Anstrengung. Vorträge vor den Damen des Victoria-Lizeums traten bald hinzu, wirkten und befriedigten wie die ähnlichen in Göttingen. Formal war ich an die Stelle von Ernst Curtius getreten, der die Professur der Eloquenz so lange innegehabt hatte, daß sie nun abgeschafft ward, aber sein Nachfolger mußte doch gleich 1898 zu Kaisersgeburtstag und dann zur Jahrhundertwende (verfrüht 1900) reden1 und gewann damit seine Stellung unter den Kollegen ganz wie in Greifswald und Göttingen. Die Rede über Volk, Staat und Sprache erhielt von Seiner Majestät einen Dank für ihren patriotischen Schluß; die Ablehnung der herrschenden Politik gegen Polen und Dänen beachteten wenige; das Wort eines Neulings hatte kein Gewicht. Althoff verstand und würdigte es.
Er hatte meine Berufung nach Berlin betrieben, weil er mich bei der Schulkonferenz verwenden wollte, die er plante und 1900 ins Werk setzte; das hat mich in den nächstfolgenden Jahren durch andere Aufträge, vor allem durch meinen Entschluß, ein Lesebuch für die Schule zu machen, schwer belastet. Auch kleine Dienste mußte ich ihm leisten, wie ein griechisches Gratulationsgedicht für den Finanzminister Miquel. Er hoffte wohl auch, daß ich zum[246] Kaiser Beziehungen aufnehmen und dadurch nützlich wirken könnte, worin er sich täuschte. Ich war zum Höfling verdorben und am allerwenigsten geneigt, meine Zeit und meine Unabhängigkeit zu opfern. Zunächst aber schickte mich Althoff schon in den Osterferien 1898 nach Italien mit einem offiziellen Auftrage, der eigentlich von Mommsen stammte. Ich schien geeignet, weil ich Mitglied der Zentraldirektion des archäologischen Institutes geworden war. Mitgewirkt wird aber die freundliche Absicht haben, mir eine Auffrischung zu verschaffen, weil ich die erzwungene Verpflanzung nach Berlin schlecht vertrug. Ein Baum, der Wurzel geschlagen hat, kränkelt immer, wenn man ihn in ein anderes Erdreich versetzt. Dann hat er mich wieder im Frühjahr 1903 zum Historikerkongreß nach Rom geschickt. Mein Interesse für das archäologische Institut war immer lebhaft, ward so verstärkt und ist gestiegen bis auf den heutigen Tag.
Ganz früh trat ich auch in die Kommission für die Ausgabe der vornicänischen Kirchenväter, die Harnack leitete; die Überwachung mehrerer Bände derselben verlangte nicht geringe Arbeit. Als ich 1900 in die Akademie eintrat, deren Korrespondent ich seit einigen Jahren war, bekam ich bald die Leitung der griechischen Inschriften in die Hand, die von Grund aus reorganisiert werden mußten und in den ersten Jahren die Aufbietung aller Kräfte beanspruchten. Wenig später führte die Erwerbung besonders wertvoller Papyrusrollen durch die Königlichen Museen zu der Gründung einer Papyruskommission, in welche Diels und ich eintraten. Da fiel uns auch die Ausgabe wichtiger und schwerer Texte zu. So lag in dem ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts eine Fülle von neuen schweren Verpflichtungen auf mir, denen ich die Fortsetzung der selbstgewählten Arbeiten opfern mußte. Die sehr weit geförderte Ausgabe der griechischen Lyriker habe ich abbrechen, die der Tragikerfragmente, einen sehr teuren Wunsch, ganz aufgeben müssen, zumal ich mich verleiten ließ, für die Kultur der Gegenwart eine Skizze der griechischen Literaturgeschichte zu schreiben, weil sich das ohne viele Mühe und besondere Forschung rasch schreiben ließ. Etwas zog mich auch die Aufführung der Orestie des Aischylos in meiner Übersetzung ab, an die sich Ähnliches schloß. Das erfuhr ich freilich, daß es erfrischen kann, wenn man mehrere Arbeiten zugleich zu betreiben gezwungen ist; diese Erfrischung bieten ja Studentenarbeiten und die Vorlesungen auch, diese besonders, wenn man immer neue Gegenstände wählt. Aber ich atmete doch auf, als die Geschäfte allmählich weniger drückten, und Vortragsreisen nach England, Holland, Skandinavien wirkten nun ebenso belehrend und anfrischend, wie es zwei griechische[247] Reisen 1903 und 1905 getan hatten. Aber erst 1913 konnte ich damit beginnen, eigene Bücher erscheinen zu lassen, die nicht aus äußerem Anstoß entstanden waren, was ich seitdem fortgesetzt habe, zumal durch den Krieg und seine Folgen die amtlichen Verpflichtungen teils fortfielen, teils stark eingeschränkt wurden. Ich habe diese Übersicht vorausgeschickt, weil nun die einzelnen Gebiete der Tätigkeit hintereinander soweit behandelt werden sollen, wie es mir rätlich erscheint.
Zuerst also das, wozu Althoff mich bestimmte, und ich bin es seinem Andenken schuldig, Zeugnis abzulegen. Es ist ein Buch über ihn erschienen, das auf dem reichsten Aktenmateriale beruht; so etwas fehlt mir ganz, aber ich habe ihn in seinem Wesen und Wirken genügend kennengelernt, da darf wohl auch lautwerden, was aus einem warmen Herzen kommt.
So wie er war, mußte er sich Feinde machen und mußte ihm das ganz gleichgültig sein. So gleich in der Bureaukratie, denn er war wie Bismarck kein bequemer Vorgesetzter, ein gefügiger Untergebener auch nicht. Aber die Minister hat er so zu behandeln gewußt, daß er für sein Ressort, die Universitäten, tatsächlich die Entscheidung in der Hand hatte, außer für die Theologie, wo er die Verantwortung entschieden ablehnte, aber Harnack doch mit List nach Berlin gebracht hat. Benachbarte Gebiete, z.B. Museen einzubeziehen, war sein Wunsch, was bedauerliche Folgen hatte. Was sie geworden sind, hat. R. Schoene auch gegen ihn erreicht. Die Bureaukratie an sich war ihm so unbequem wie dem Reichskanzler; er mag den regelmäßigen Geschäftsgang und Instanzenzug nicht selten verletzt haben. Auch vielen Professoren hat er Veranlassung zu persönlichen Klagen gegeben, berechtigten und noch mehr unberechtigten, denn es lag ihm ganz fern, die Menschen alle gleichmäßig zu behandeln, und der Professor als solcher imponierte ihm durchaus nicht. Er war eine Herrschernatur und dabei frei von jedem persönlichen Ehrgeiz. Er warf seine ganze Person in den Kampf für die Sache, welche er vertrat, aber für seine Person verlangte er nichts als die Freiheit für seine Sache zu wirken. Gemäß seinen Erfahrungen achtete er die Menschen, je länger er sie kannte, desto weniger. Alle Herrschernaturen haben das getan. Und wo er Eitelkeit und Eigennutz traf, versagte er die Achtung, faßte aber die Menschen an diesen Schwächen, wenn er sie brauchen konnte. Gebrauchen muß ein Herrscher auch minderwertige Leute, solche »mit einem reinen, aber weiten Gewissen«, wie er sich euphemistisch ausdrückte. Vor jedem Manne, der aufrecht und redlich für seine Sache eintrat und auch ihm gegenüber Mann blieb, hatte er die volle Achtung, und an Urteil über die Charaktere fehlte es ihm nicht. Gerade wer ihm zeigte, daß er sich nicht[248] zu allem bequemte und sich nicht alles gefallen ließ, erwarb sich sein Vertrauen; es war allerdings wohl für beide Teile nötig, daß sie solche Erfahrung machten2. Schwerlich kann man sagen, daß er sein großes Talent als Leiter und Organisator gerade in der Stellung des Referenten im Kultusministerium und gerade für die Universitäten zu verwerten besonders berufen war. Wohin er auch gestellt ward, würde er sich in die besonderen Bedingungen hineingefunden haben. Nun stand er hier, wo es sich um die richtige Verwertung von Menschen und um den Ausbau der Anstalten handelte, die dem Hochschulunterricht und zugleich der Wissenschaft dienten. Für das erstere brachte er die Begabung mit, das andere hat er bald besser als jeder andere begriffen. Sein Verdienst ist es, daß die Universitätsinstitute für Medizin und Naturwissenschaften so begründet und ausgestattet wurden, daß sie für die Welt vorbildlich sind; es genügt, auf diese eine Tatsache hinzuweisen. Dabei war es vielleicht günstig, daß er ein persönliches Verhältnis zu keiner Wissenschaft hatte. Es war sehr überflüssig, wenn ihm Professoren und solche, die es werden wollten, ihre Bücher schenkten, die er doch nicht las, und hätte er es getan, so würde er nur danach gefragt haben, ob das Buch in seinem Verfasser einen tüchtigen Kerl erkennen ließe. Aber daß sich ihm ein junger Gelehrter persönlich vorstellte, wünschte er, denn darauf gründete er sein Urteil. In den Universitäten und Fakultäten standen ihm Selbstverwaltungskörper gegenüber. Das verbreitete Gerede, daß er die Selbstverwaltung mißachtet hätte, ist grundfalsch. Unter Falk-Göppert war das Oktroyieren viel stärker; dafür sorgte schon die Berlinokratie, der sich Althoff sofort entzog, was ihm natürlich gleich von tonangebenden Leuten verdacht ward. In den 131/2 Jahren, die ich in Göttingen war, ist nur einmal ein Professor ernannt, der nicht vorgeschlagen war, und da hatte die Fakultät keinen Sachverständigen gehabt und war mit der Entscheidung sehr zufrieden, sobald der neue Kollege kam. Als ich Prorektor war, schickte Althoff aus dem Ministerium die jetzige Exzellenz Schmidt-Ott, damals einen jungen Mann, als Vertreter des beurlaubten Kurators und sagte mir unter anderem: »er hat bisher nur die Luft des Ministeriums geatmet, sorgen Sie dafür, daß er die frische Luft einer Universität kennenlernt«. Häufig sind eingehende vertrauliche Vorbesprechungen mit den nächstbeteiligten Fakultätsmitgliedern vorhergegangen: das ist nur nützlich,[249] solange auf beiden Seiten der gute Wille vorausgesetzt werden kann, wie es in Göttingen der Fall war. Sein sanguinisches Temperament hat ihn keineswegs nur zu Heftigkeiten verführt, die verletzten; er hatte ein gütiges Herz, und gerade diesem folgte er nicht selten zu rasch, sagte zu, was er nicht erfüllen konnte und mußte dann irgendwie einen Ausgleich suchen, was nicht immer gelang. Das trug nur den Schein der Unzuverlässigkeit. Wer erlebt hat, wie er sich Lagarde gegenüber benommen hat, wie rührend er für den unglücklichen Paul von Winterfeld gesorgt hat3, wie er Mommsen, der es ihm zuletzt nicht leicht machte, in Dankbarkeit und Verehrung im Leben und im Tode (gleich durch die Errichtung seiner Statue4) die Treue gehalten hat (andere hielten nicht länger aus, als der berühmte Mann ihnen Relief gab), der weiß, was der Mensch Althoff war. Sein Werk steht da. Er brauchte die um Recht und Billigkeit unbekümmerte Tyrannis nicht zur Folie, die nach ihm gekommen ist. Aber wer an sein stilles Grab in dem botanischen Garten tritt, der soll auch wissen, daß da ein Mann ruht, der nicht nur Großes und Bleibendes wie eben diesen Garten geschaffen hat, sondern der ein redlicher und treuer Mensch war.
In seinen letzten Jahren, als er Ministerialdirektor geworden war und seine Hände auch in vielen Dingen hatte, die außerhalb seines Ressorts lagen, wurden unsere Berührungen seltener und seltener. Mit einigen seiner letzten Pläne, wie dem Professorenaustausch mit Amerika und der Gründung der Posener Akademie, war ich, wie er wußte, durchaus nicht einverstanden. Das hat natürlich meine herzliche Verehrung nicht beeinträchtigt und unser inneres Verhältnis auch nicht, wie sich zu meiner Freude zeigte, wenn ich ihn nach seinem Rücktritt besuchte.
Die Schulkonferenz ist in erster Linie berufen worden, um den Abiturienten der Oberrealschule die Universität zu eröffnen, was notwendig war, vorausgesetzt, daß die Vorbildung auf mathematisch-naturwissenschaftlicher Grundlage jene allgemeine geistige Ausbildung verleiht, die das Gymnasium immer noch gab, so daß auch heute noch sehr viele Lehrer der Naturwissenschaft und der Technik die Gymnasialabiturienten für auf die Dauer leistungsfähiger halten. Daneben war schon in den wenigen Jahren an den Tag gekommen,[250] daß die Abschaffung der Grammatik eine große Torheit war. Althoff hatte gegen die Beschlüsse der früheren Konferenz sofort Verwahrung eingelegt und wollte sie revidieren. Dadurch ward die Frage nach der allgemeinen Gestaltung des Lehrplanes aufgerollt, und das Gymnasium geriet in Gefahr, denn der Gedanke, Gymnasium und Realgymnasium so zu vereinen, daß in den höheren Klassen entweder Griechisch oder Englisch gelehrt würde, hatte einflußreiche Vertreter, obwohl etwas Dümmeres nicht leicht auszudenken ist. Man könnte mit gleicher Berechtigung Mathematik und Zeichnen oder Singen in dieser Weise wechseln lassen. Englisch soll am besten jeder auf jeder höheren (besser schon jeder mittleren) Schule lernen, jedenfalls jeder Gymnasiast. Es sind gerade Diels und ich gewesen, auf deren Antrag unsere Fakultät diese Forderung erhoben hat. Die Weltsprache muß man eben lesen können (auf das Lesen kommt es an, nicht auf das Plappern), für den Deutschen ist sie leicht, und gerade neben dem Griechischen wird sie wegen der Verkümmerung von Flexion und doch ganz unbeschränkter Ausdrucksfähigkeit die grammatisch-logische Schulung des Geistes erst recht fördern. Ohne Griechisch aber ist die deutsche Bildung, der nicht nur wir den geistigen Aufschwung des 19. Jahrhunderts verdanken, preisgegeben5. Es wird zutreffen, daß Harnack und ich damals das Griechische gerettet haben, vor der Konferenz natürlich, durch Verhandlung mit dem Ministerium, denn solche Redeschlacht einer zahlreichen Versammlung pflegt nur ornamentalen Wert zu haben.
Meine Beteiligung an der Konferenz hatte zur Folge, daß ich mancherlei zu schreiben aufbekam, darunter aus den Akten der Unterrichtsverwaltung eine kurze geschichtliche Darstellung des griechischen Unterrichtes6, die interessante Tatsachen an das Licht zog. Auch in England, Holland und Italien kümmerte man sich um unsere Behandlung des Griechischen, was manche Korrespondenz ergab, zumal als ich mein griechisches Lesebuch herausgab, bei dem ich vielleicht zu sehr an die Pförtner Privatlektüre gedacht[251] habe. Wer der Meinung ist, daß nur künstlerisch vollendete Werke gelesen werden sollen, verurteilt für das Griechische, was das Latein gerade jetzt eifrig anstrebt. Homer und die athenischen Klassiker in Vers und Prosa (was den Thukydides ausschließt) zeigen nur einen engen Ausschnitt des Hellenentums; wie sich damit das Lesen des Neuen Testamentes verträgt, das ein Vorzug des Gymnasiums sein muß, wird dabei nicht bedacht. Griechisch als Weltsprache lehrt erst, daß jede Wissenschaft aus Hellas stammt, Mathematik und Technik, Grammatik und Medizin, jede Philosophie und die Bibel samt den ältesten Dokumenten des Christentums. Das zeigt mein Lesebuch. Seine Wirkung steht zu der Arbeitsleistung, die rasch geschehen mußte, in keinem Verhältnis. Es galt, Einleitung und Erläuterung zu so verschiedenen Stücken zu liefern wie Hippokrates und Clemens, Heron und Maximus Tyrius, und das wenigste war jemals kommentiert. Dafür kam von einem angesehenen Gymnasiallehrer eine Kritik ins Ministerium: »flüchtige Arbeit; es ist eine Konjektur von mir nicht berücksichtigt«. Und die einen sagten: »hier wünsche ich mehr, dafür könnte jenes fortbleiben.« Die andern drehten das um. Hätte man sie alle gehört, so wäre entweder nichts geblieben oder ein Wälzer daraus geworden. Natürlich gibt der erste Wurf nicht Vollkommenes; aber die Lust zur Verbesserung verging mir rasch. Es ließ sich auch die Geschichte des Stiles an den reichlichen Proben sehr gut in einer Vorlesung lehren, was sonst praktisch undurchführbar ist. Aber die Herren Kollegen waren nicht geneigt, sich zu einem Schulbuche herabzulassen. Ein Mißerfolg, aber es reut mich nicht, ihn gemacht zu haben.
Ich hatte mir bei meiner Berufung ausbedungen, nicht mehr in die Prüfüngskommision zu kommen und habe gern auf Zuhörer verzichtet, die sich dadurch bestimmen lassen. Dennoch habe ich ihr kurze Zeit angehört, lange genug, um ihre rein schematische Praxis kennenzulernen, die wohl unvermeidlich ist, aber auch nicht vermeidet, daß die Kanditaten auf die Auswahl ihrer Prüfer Einfluß gewinnen. Das erreichen sie aber auch beim Doktorexamen, wenigstens habe ich da fast ausschließlich solche geprüft, die mich kannten und daher nicht fürchteten. Ich kannte meinen Ruf »bei dem weiß man nie, was er fragen wird; da lohnt es sich nicht, die Fragen aus früheren Examina zu sammeln.« Gleich nach der Revolution ist zum Prüfer ein Gymnasiallehrer bestellt worden, der notorisch die erforderten Sprachkenntnisse nicht besitzt. Als nach der Konferenz die Forderungen an die Kanditaten neu formuliert wurden, bin ich herangezogen und habe mich bemüht, sie etwas näher an das Erreichbare herabzustimmen, denn geredet war so, als sollten die Kandidaten mehr wissen als viele der Examinatoren,[252] z.B. in der Metrik. Mein Versuch mißlang, die Schüler von den Akzentregeln zu befreien, deren lange Kunstwörter gleich die Vorstellung erwecken, die Sprache wäre entsetzlich schwer. In der Metrik ist es ebenso. Fragt man, was ein Hexameter ist, so springen gleich Hephthemimeres und Trithemimeres aus dem Munde, aber wie ein Vers beschaffen sein muß, pflegt ebenso unbekannt zu sein wie die Bedeutung der ganz entbehrlichen Kunstwörter. Bescheid um die Akzente wußten die Studenten auch nicht. Ich habe die Mitglieder des Proseminars einen von mir hektographierten Text mit den fehlenden Akzenten versehen lassen und die schauerlichen Ergebnisse dem Ministerium eingesandt; Antwort kam nicht. Viele haben mich mißverstanden und geglaubt, ich wollte auch die gedruckten Texte ohne diese Lesezeichen lassen. Das lag mir fern, denn wenn sie für die erwachsenen Leser nötig sind, wird sie niemand den Schülern fern halten. Soviel ich weiß, sollen sie nun nicht mehr gelehrt werden. Über unsere byzantinische Mode bin ich allerdings nun zu einem ziemlich radikalen Urteil gekommen, weil ich fortwährend mit Inschriften und antiken Büchern zu tun hatte. Vielleicht finde ich noch eine Gelegenheit, mich zu dieser Sache zu äußern. Diels warf einmal im Ärger über die Mühseligkeit der Korrektur hin, die Dinger müßten ganz beseitigt werden; so weit will ich doch nicht gehen. Aber auch die antike Zeichensetzung ist Erfindung der Grammatiker, unserer hochgeschätzten Kollegen, an deren Entscheidung sich unsere Praxis ebensowenig zu binden braucht, wie es unsere Grammatik tut.
Meine Übersetzungen griechischer Tragödien erschienen und ein studentischer Kreis beschloß die Orestie des Aischylos aufzuführen, gewann hervorragende Schauspieler für die Hauptrollen und in Dr. Oberländer einen geschickten Regisseur. An dem Einstudieren habe ich keinen Anteil gehabt, aber er verhandelte mit mir, ich nahm Streichungen an dem Texte vor und besprach vielerlei, die Auffassung der Charaktere, die Bühnenbilder, die Chöre, die er zumeist so einzustudieren verstand, daß sämtliche Choreuten zusammen sprachen und doch die Worte verstanden wurden. Diese letzte Forderung hatte ich erhoben. Der Erfolg war gewaltig: sechsmal war das Theater des Westens ausverkauft. Ich lernte mancherlei, freute mich an vielem; die Chöre werden den, der sie auswendig weiß, niemals befriedigen. Aber wenn moderne Musik die Worte verschlingt, läßt man sie besser fort, verzichtet also auf Aischylos. Als ich später einmal in Wien war, gab Schlenther mir zu Ehren die Orestie so, wie er sie teils zu naturalistisch, teils mit zu üppiger Aufmachung zurechtgeschnitten hatte. Das bestätigte mir das Urteil, daß die Eumeniden trotz dem auch auf dem Theater überaus wirksamen[253] ersten Teile nicht aufführbar sind. Die Gerichtszene und die Lösung des Konfliktes sind für unser Gefühl unbefriedigend; die von dem Dichter mit Bedacht ganz anders abgetönte Stilisierung muß erkältend wirken. Man soll die beiden ersten Dramen jedes für sich aufführen. Ich bin an ähnlichen Aufführungen des Ödipus, Hippolytos, der Medea beteiligt gewesen, niemals ohne Förderung im Verständnis der Originale, niemals kam der Erfolg dem der Orestie gleich, weil bei ihr die frische Wirkung eines unbekannten großen Kunstwerkes in Darstellern und Zuschauern eine geradezu andächtige Stimmung erzeugte. Aischylos war wirklich so gut wie unbekannt, auch von den Philologen keineswegs nach Gebühr studiert und gewürdigt. Meinem Herzen hat er, seit ich ihn als Schüler las und kümmerlich verstand, am nächsten gestanden und ist mir nun, wo ich die Tragiker der Weltliteratur alle zu schätzen glaube, der Unübertreffliche geblieben, und ich bin stolz, daß ich ihn recht vielen in meinem Volke nahe gebracht habe, natürlich auch solchen, die überlegen reden dürfen, weil sie seine archaische Gebundenheit, sein Griechisch und sein frommes Athenertum nicht verstehen. Daß die Medea durchfiel, war zum Teil meine Schuld. Um der schon dem Aristoteles fatalen Aigeusszene zu entgehen, hatte ich das Drama in zwei Akte geteilt und das Unumgängliche irgendwie kurz zusammengefaßt. Das verdarb. Medeas Monologe, auf denen die Wirkung beruht, müssen so, wie sie der Dichter hingestellt hat, schnell aufeinanderfolgen, damit der Hörer in steigender Spannung bleibt. Aber auch die hochbegabte Darstellerin der Medea verdarb. Die Sonnentochter darf sich nicht im Affekt auf dem Boden herumwälzen. Dabei erlaubte die Tragödin sich, Versreihen in dem Hauptmonologe umzustellen, weil sie mit Fortissimo eingesetzt hatte und das wiederholte Umspringen von Mordlust zu Weichheit nicht mehr herauszubringen vermochte. Umgekehrt hatte ich in den Visionen Kassandras eine Strophe gestrichen und die Schauspielerin hatte geklagt, daß ihr ein Übergang fehlte, was sich noch abstellen ließ. Die Bühne hatte ich aber, allerdings gegen Euripides, für uns passend angeordnet, so daß der Königspalast und das ärmliche Haus Medeas beide sichtbar waren.
Diese Beschäftigung mit dramatischen Aufführungen wird veranlaßt haben, daß ich in die Schillerkommission berufen ward und ihr bis zum Kriege angehörte. Erich Schmidt, der früher in ihr den Ton angegeben hatte, war verärgert ausgetreten, weil die Wahlen von dem Könige nicht bestätigt wurden, wie es von dem Stifter, Wilhelm I., immer geschehen war. Jetzt machte ein Vertreter des Kultusministeriums den Versuch, die Statuten so auszulegen, daß die Kommission den König nur zu beraten hätte, aber seine Entscheidung[254] frei wäre. Diese flagrante Mißdeutung fand kräftige Zurückweisung, und wir schlugen den mißliebigen Gerhart Hauptmann von neuem vor, diesmal für die versunkene Glocke und Hannele. Mir kam es schwer an, denn der Dichter wird mir unausstehlich, wenn er sich Erhabenheit und Tiefsinn abrenommieren will; aber da die Weber und der Biberpelz den Preis unbedingt verdienten, stimmte ich zu. Es war vergeblich. Wir haben später, als Roethe die tatsächliche Führung übernommen hatte, erreicht, daß die Erzeugnisse einer längeren Zeitspanne beurteilt werden durften, und wenigstens Schönherr (Glaube und Heimat) und Hart (Tantris) mit Erfolg gekrönt wurden; aber das vorzüglichste Drama, das überhaupt vor uns kam, Burtes Katte, schlugen wir vergeblich zur Krönung vor.
Hier mögen ähnliche Erfahrungen im Kapitel des Ordens pour le mérite Platz finden, der seine Mitglieder kooptiert, so daß der König sich nur die Verleihung vorbehalten hatte. Bei den Wahlen der Klasse für Wissenschaft ging das immer glatt, aber bei den Malern unterblieb die Verleihung längere Jahre, ist aber während des Krieges noch erfolgt. Es ist ein großes Verdienst des Kanzlers A.v. Harnack, daß er den Fortbestand und die Kooptationsfreiheit des Kapitels durchgesetzt hat. Es war auch nur in der Ordnung, daß Liebermann nun endlich gewählt ward; es war nur in Voraussicht des Mißerfolges unterblieben. Aber daß wider alles Herkommen, wider den Geist der Statuten, plötzlich unter die Künstler ein Dichter mit geringer, aber doch mit Majorität gewählt ward, ist ein Beweis, daß der Mut, der sich vor dem Könige nicht fürchtete, vor den Tyrannen der Ochlokratie versagte: ihr großer Mann, der Verfasser des unwürdigen Festspiels von 1913, Gerhart Hauptmann, mußte den Orden tragen. Als die vorbereitende Sitzung und dann die Wahl erfolgte, war ich in Schweden abwesend. Ich würde alles getan haben, die Wahl jedes Dichters, vollends eine Wahl zu verhindern, die gar nicht dem Dichter, sondern durch den Tendenzdichter den neuen Herren huldigen wollte.
Zur Bildung einer ständigen Kommission für die Herausgabe ihrer Papyri schritt die Museumsverwaltung, als sie antike Buchrollen, nicht nur Aktenstücke erworben hatte. In der Papyrusabteilung arbeitete in Hugo Ibscher ein Mann, der sich einen Weltruf erworben hat. Der als Buchbinderlehrling angefangen hatte, ist Ehrendoktor, vom Papste dekoriert und nach Rom, London, Stockholm für besonders schwere und wichtige Aufgaben berufen. Niemand kommt ihm gleich in den Künsten, Papyri und Pergamene zu glätten, lesbar zu machen, Fetzen zusammenzustücken, das Ganze zu erhalten. Ich kann bezeugen, daß er mir die Abschrift eines Komikerbruchstückes geschickt[255] hat, und nur ein Buchstabe war zweifelhaft. Um die aramäischen Elephantinepapyri hat er viel größere Verdienste, als die Ausgabe erkennen läßt. Die Photographie des Korinnapapyrus läßt die Mühe des Zusammenstückens erkennen. Die Lesung der literarischen Papyri ist so gut wie ganz das Verdienst von W. Schubart, selbst wenn es den Herausgebern einzeln gelungen ist, hier und da weiterzukommen. Alle anderen Gattungen der Schriften gewöhnt selbst herauszugeben und zu erläutern, überwies er die Buchreste den Philologen; die Kommission, in der Diels und ich einen Platz erhielten, hatte auch andere Geschäfte. Diels ist ausgeschieden, nachdem er den Didymos, den Platonkommentar und die laterculi Alexandrini ediert hatte; an den beiden ersten habe ich mich auch geplagt, immer die Photographien vor Augen. Mir fielen die Dichter zu, darunter der älteste griechische Papyrus, die verstümmelte und gegen Ende ganz verschriebene Abschrift der Perser des Timotheos aus Alexanders Zeit. Ich würde diese Aufgabe nicht gelöst haben, wenn ich nicht die ältere Lyrik und die Monodieen der späten Tragödie seit Jahrzehnten unter den Händen gehabt hätte. Bei manchen, die nachher an dem Texte viel geändert haben, ist fühlbar, daß sie nicht in diesem Falle waren, nicht minder, daß sie nicht aus dem Papyrus oder seiner Photographie, sondern aus der Abschrift des Textes heraus konjizierten. Diese Erfahrung machte es mir peinlich, daß ich bei der Mitarbeit an einigen Bänden der Oxyrrhynchospapyri nur auf die Abschriften von A. Hunt angewiesen war; Photographien habe ich nicht erhalten; unsere Museen sind gewohnt, sie jedem Bearbeiter zur Verfügung zu stellen. Im anderen Falle kann man nur Bedenken gegen die Lesung, höchstens Vermutungen äußern; sie haben sich manchmal bewahrheitet.
Der Fund des Timotheospapyrus war etwas so Seltenes, daß er dem Kaiser vorgelegt werden sollte. Ich fuhr daher nach Potsdam und hielt einen kurzen Vortrag, der Kaiser mit seiner raschen Auffassungsgabe war voll Interesse und sagte, »das muß meine Frau auch sehen«; die Kaiserin kam, und ich ward zum Frühstück gezogen. Auf dem Wege durch die Vorzimmer wies er auf einen weiblichen Kopf und stellte die Frage, aus welcher Zeit er wäre, offenbar wollte er den Philologen sich blamieren lassen. Der moderne Stil war nicht zu verkennen; aber es wäre ihm lieber gewesen, wenn er nicht hätte sagen müssen: »ja, es ist Begas«. Dies war meine erste persönliche Begegnung mit den Majestäten. Die Kaiserin in ihrer schlichten weiblichen und mütterlichen Güte ist mir immer gnädig gewesen; man konnte sie nur lieb gewinnen. Dem Kaiser war ich zu verschieden von der Art seiner Umgebung; die Unterwürfigkeit, auf die er zu treffen gewohnt war, ließ ihm als Plumpheit[256] erscheinen, wenn ich rundweg sagte, daß Itheka Itheka ist, und auf eine wegwerfende Replik aussprach, daß die Wissenschaft zu entscheiden hat. Einmal habe ich mir doch in einer Eingabe den herkömmlichen Ton abgerungen, als es sich darum handelte, für Schultens Ausgrabung von Numantia eine Unterstützung aus dem allerhöchsten Dispositionsfonds zu erlangen, wozu dies der von Geh.-Rat Schmidt vorsorglich angegebene Weg war. Der Erfolg des Unternehmens wird mich entlasten. Das darf niemals vergessen werden, daß der Kaiser mit ganzem Herzen und wirklichem Interesse die Wissenschaft gefördert hat, wie es keiner seiner Vorgänger auf dem Throne oder irgendein anderer Fürst getan hat.
Die große Cour hatte gegen die frühere Zeit eine ganz andere Form erhalten. Der alte Kaiser war zu seinen Gästen gekommen und hatte außer den neu Vorgestellten einzelne angesprochen; das Souper folgte. Jetzt war es nur ein Vorbeimarsch vor den Majestäten, die unter einem Thronhimmel standen, für die Geladenen ein langes Warten auf den einen Augenblick der huldigenden Verbeugung, für die Kaiserin eine schwere Anstrengung. Als ich das erstemal teilnehmen mußte, war ich im Senat der Universität, stand also ganz weit hinten öde lange durstige Stunden. Der einzige Spaß war zuzusehen, wie die jungen Damen in einem Nebenzimmer die tiefe révérence übten und mit der Courschleppe, die hier erst angeknöpft ward, zu gehen versuchten. Aber sie kamen frühe daran. Später, als ich regelmäßig eingeladen ward, konnte ich mich der Teilnahme oft entziehen, kam auch dem Range gemäß ganz früh daran, machte aber in dem quälend heißen Talar des Professors unter den glänzenden Uniformen eine Figur wie ein Rabe unter Pfauen, denn von dem Rechte, mir für schweres Geld auch solche Pracht zuzulegen, hatte ich keinen Gebrauch gemacht. Die beiden Präsidenten der Kaiser Wilhelms-Gesellschaft, A. von Harnack und Emil Fischer, trugen ein neu erfundenes Kostüm; respektlose Generale verglichen es mit dem Gefieder eines Zeisigs. Nun war ich schon zum Abendbrot wieder zu Hause und hatte sogar ein Glas Sekt bekommen. Denn Kollege v. Harnack, der bei Hofe Bescheid wußte, war so freundlich mir den Weg zu einem Zimmer neben der Treppe zu weisen, wo für die Wissenden die Sektquelle strömte.
Eindrucksvoll war die Hochzeit der Prinzessin Viktoria mit dem Herzog von Cumberland, 1913, wo die zum Verwechseln ähnlichen Vettern, der Zar und der König von England, mit ihren Frauen, der alte Herzog von Cumberland, bis dahin ein grimmiger Preußenfeind mit einem Nußknackergesicht, von Geringeren zu schweigen, unsere Verbeugungen sich etwas gelangweilt[257] gefallen ließen. Der Fackeltanz der Minister war abgeschafft, die Verteilung des bräutlichen Strumpfbandes zur Überreichung eines Stückchens Seidenband mit irgendwelchem Namenszuge geworden. Aller Pomp konnte nicht verhindern, daß die Stimmung schwül war. Soweit die hohen Herrschaften noch leben, haben sie sich damals zum letzten Male gesehen, und die Schloßkapelle ist verödet.
Nach dieser Abschweifung zurück zu den Papyri. Wir beschlossen die Herausgabe der »Berliner Klassikertexte«, und als wir über die Ausstattung berieten, warf zuerst Diels die Frage auf, ob man angesichts der schönen griechischen Buchschrift, die sich in 1000 Jahren so wenig verändert hat, daß sie immer gleich lesbar geblieben ist, die byzantinische ausgeartete Minuskel beibehalten sollte, wie sie die modernen Druckereien darboten7. Ich stimmte freudig zu, daß eine neue Schrift im Anschluß an die antike Buchschrift erfunden werden müßte, denn für die Inschriften galt dasselbe. Diels zeichnete also selbst die Buchstaben, die Reichsdruckerei goß die Typen, die Akademie beschloß die Einführung. Daß die liebe Gewohnheit aufbegehren würde, hatten wir erwartet. Nun waren aber die Striche zu fein ausgefallen, das Lesen zuerst also wirklich unbequemer. So ist die Akademie selbst gleich nach Diels Tode zu den alten Typen zurückgekehrt, und wenn jetzt gerade in England neue Typen geschnitten werden (sie waren in Oxford immer besser als bei uns), so ist der Schritt von den Byzantinern zu den Hellenen doch nicht getan. Aber wenigstens die Inschriften dürfen bei uns die neuen Typen behalten.
Noch ein berechtigter Vorwurf ist der neuen Schrift gemacht, die Lesezeichen sind zu groß und doch nicht klar, und nehmen sich über den Buchstaben störend aus, die doch zunächst an Inschriften erinnern. Das führte zu der Frage, ob wir diese Zutaten nicht beschränken könnten, was den Druck sehr viel billiger machen und auch den Schülern manche Erleichterung schaffen würde. Manches ist geradezu schädlich8, und Dialektinschriften,[258] deren Betonung wir nicht kennen, nach der Schulregel des gemeinen Griechisch zu betonen, wird dem Herausgeber recht bedenklich. Die Gewohnheit ist ja des Menschen Amme, aber der wissenschaftliche Mensch sollte sich füglich selbst entwöhnen.
Von den Inschriften, bei denen sich mir dies besonders aufdrängte, und den Kirchenvätern rede ich passender bei der Akademie und wende mich nun zu den Reisen, zunächst denen, welche ich im staatlichen Auftrage unternahm. Die erste im Auftrage des preußischen Ministeriums 1898, über die Erfolge der s.g. Geisterkarawane zu berichten. Es wurden nämlich alljährlich eine Anzahl Gymnasiallehrer nach Italien geschickt, und das römische Institut klagte über eine Belästigung; die an sich löbliche Sache war in der Tat verkehrt angefangen. Das sollte untersucht werden; die Anregung hatte Mommsen gegeben, dessen Brief an Althoff mir vorliegt. Es stellte sich heraus, daß wirklich manche ganz unvorbereitete Lehrer eine so große Vergünstigung erhielten und der Nutzen der Führungen, allerdings nicht nur durch die Schuld der Reisenden, gering war. Solche Reisen sind unter der dauernden Führung eines sachkundigen und praktischen Gelehrten nicht selten mit bestem Erfolge unternommen. Noch besser ist freilich, wenn einzelne aus sich heraus interessierte Lehrer die Mittel zu längerem Aufenthalte in den klassischen Ländern erhalten. Anschluß und Anleitung wird ihnen in unseren Instituten nicht mehr fehlen, nicht nur bei den Sekretären, sondern bei der niemals ganz fehlenden Jugend. Mir war es sehr wichtig, mich von den Zuständen bei dem römischen Institute zu überzeugen, da ich der Zentraldirektion angehörte; darüber werde ich später im Zusammenhange mit der weiteren Entwicklung dieser Behörde handeln. An dieser Stelle beschränke ich mich auf einen Reisebericht und schließe meine weiteren Reisen in den Süden an.
Ein kurzer Besuch in Florenz war gleich die wirksamste Auffrischung, denn er führte in die mir immer besonders wohltuende Gesellschaft der italienischen Fachgenossen, und das italienische Volksleben war mir nun einmal vertraut und lieb, alles so ganz unberlinisch. In Vitellis gastlichem Hause fand ich einen Kreis angeregter Männer, die so nah und so ungezwungen verkehrten, wie es selbst in Göttingen nur selten der Fall war. Ich suchte mich auch über die Wandlungen in der italienischen Poesie zu[259] unterrichten, d'Annunzio kam zur Sprache, von dem ich mancherlei gelesen hatte, selbst die Vergini delle rocce; aber das erregte Kopfschütteln: sie könnten das nicht leisten. Natürlich ließ ich es mir gesagt sein, las aber den Marzocco. Im Hause von Milani traf ich in seiner Gattin eine imponierende, ebenso kluge wie liebenswürdige Frau, die Tochter Comparettis, und habe so auch einmal eine bedeutende Dichterin kennengelernt, damals noch ohne ihre Werke in die Hand zu bekommen. Milani zeigte mir seine Schöpfung, das museo Etrusco; über diese großartige Leistung darf man seine phantastischen Deutungen vergessen: das Museum hat jetzt eine unvergleichliche Anschaulichkeit und Fülle gewonnen. Das Problem des etruskischen Volkstums und seiner Kultur drängte sich auf; W. Schulzes Werk über die lateinischen Eigennamen war erschienen und hatte festgestellt, daß die Etrusker keinesfalls im achten Jahrhundert eingewandert sein können, da ihre Sprache Spuren bis tief nach Mittelitalien hinein hinterlassen hat. Als ich dann in Rom durch besondere Vergünstigung alle Schätze der Villa di Papa Giulio betrachtete und Boni mir seine Entdeckungen auf dem Forum zeigte, verstärkte sich die Überzeugung, daß die älteste Geschichte Roms und Italiens nur durch den Spaten aufgehellt werden kann; nur die Sprachforschung kann sonst noch Hilfe leisten. Rom selbst ist ja eigentlich eine etruskische Gründung des sechsten Jahrhunderts, und unser Ziel muß sein, nicht römische, sondern italische Geschichte zu treiben, die in der Herrschaft der Römer gipfelt, erst über Italien, dann über die Welt. Das jetzt von den Italienern als eine nationale Sache behandelte etruskische Problem ist ein Teil dieses historischen Forschungsgebietes. In diesem Sinne habe ich 1924 in Florenz vor italienischem Publikum geredet; 1898 waren mir freilich nur die ersten zweifelnden Gedanken aufgestiegen, und das Ganze lag außerhalb des Kreises meiner eigenen Arbeit.
In Rom fand ich alles seit 1878 ganz verändert. Ich wohnte nun in unserem neuen Institutshause, das der Diener Giuseppe freilich nicht sehr viel sauberer hielt als einst Mariuccia mein Immondezaio. Bei den Sekretären fand ich entgegenkommende Aufnahme und freute mich, daß in einer Adunanz überwiegend italienisch gesprochen ward. Zu Helbigs stieg ich auf das Janiculum und suchte die alten freundschaftlichen Beziehungen fortzusetzen, ließ mich durch seine Angriffe auf die Zentraldirektion, der ich angehörte, und auf die Leitung des römischen Institutes nicht stören, sondern suchte auch daraus Anhaltspunkte zu unparteiischem Urteile zu gewinnen. Piccolominis herzliche Gastfreiheit genoß ich ebenso dankbar wie die Florentinische. In der vatikanischen Bibliothek war die Veränderung gegen[260] die Zeiten Martinuccis am stärksten. Ich hätte mich am liebsten zum Kollationieren festgesetzt. Nicht nur, daß alle denkbaren Vergünstigungen gern gewährt wurden, die Beamten sprangen selbst hilfreich ein. Als ich eine Theokrithandschrift9 nicht bekam, holte sie Padre Ehrle selbst aus dem Lazaret, wie er es nannte. Ihre Blätter waren in Gefahr, sich aufzulösen; bekanntlich hat Ehrle sich um solche Schäden und die Möglichkeit ihrer Heilung besonders bemüht und sogar einen internationalen Kongreß dafür zusammengerufen.
Da ich in amtlichem Auftrage in Rom war, mußte bei den Gesandten Besuch gemacht werden. Eines Abends bei Herrn von Bülow, dem Gesandten am päpstlichen Hofe, waren mehrere Herren vom Vatikan anwesend, darunter Monsignore Hilpert, der mir andeutete, es wäre irgend etwas peinliches in der Luft; der Gesandte ahnte nichts. Anderen Tages zeigte sich, daß den Österreichern Archiv und Bibliothek gesperrt waren. Auf dem deutschen Historikertage war von einem von ihnen eine verletzende Äußerung gefallen, die damit prompt beantwortet war. Ehrle nahm mich beiseite, unterrichtete mich und warnte; die Deutschen hätte er noch zugelassen, aber wenn von Deutschland nichts geschähe, würden sie auch ausgeschlossen werden. Ich hütete mich, zu den Diplomaten zu gehen, schrieb einen Privatbrief an Althoff; in wenigen Tagen war die Sache erledigt ohne Staub aufzuwirbeln.
Es gab so viele gesellschaftliche Verpflichtungen, daß der Besuch der neuen Entdeckungen und Sammlungen (das Museum in den Diocletiansthermen war mir ja neu) und der alten lieben Stätten nur flüchtig sein konnte. Auch deutsche Bekannte und Verwandte waren anwesend, und ich wollte doch wenigstens Pompei besuchen. Die Fahrt nach Neapel machte ich mit meinem ältesten Bruder, zunächst mit der Bahn bis Terracina, wo das alte Anxur und ein sehnsüchtiger Blick zu dem Vorgebirge der Kirke hinüber wieder soviel Geschichte lehrte, wie ein kurzer Besuch im Vei getan hatte. Da versteht man sofort, wie Camillus nach dem Gallierbrande auf den Gedanken kommen konnte, Rom nach Vei zu verlegen (oder die Sage es ihm zuschreibt). Denn die Sümpfe zwischen Palatin, Capitol und Quirinal hat wahrlich nicht die Natur zu einer Reichshauptstadt geschaffen, sondern[261] der eiserne Wille des Römervolkes, das gleich damit seine weltbezwingende Kraft betätigte. Von Terracina ging es auf Goethes Spuren mit dem Vetturin nach Capua. Nachher blieb ich allein ein wenig in Pompei, das mir noch ganz vertraut war. Ich ahnte nicht, daß während dieser Tage in Neapel Unruhen ausgebrochen waren, fand aber gleich bei der Ankunft das Straßenpflaster aufgerissen, sah eingeschlagene Fensterscheiben, aber ernst war es nicht. Die Demonstrierenden hatten gerufen a basso il parlamento, vogliamo il re assoluto; das war einst der Ruf der Bourbonenpartei gewesen. Der Anlaß war vornehmlich die Teuerung des Brotes, aber eine Gärung war im Lande unverkennbar. Ich traf auf dem Dampfer, mit dem ich nach Genua fuhr, einen interessanten italienischen Kaufmann aus Alexandrien, der, wie so oft die Patrioten im Auslande, die Gefahren des Vaterlandes ernsthafter ansah, als die Parteien zu Hause. Sehr bitter sagte er: l'Italia si disfá da se. Er handele am liebsten mit klerikalen Firmen, weil sie die solidesten wären. Als ich nach Mailand hinein wollte, gab es Weiterungen; nur als Ausländer erhielt ich Zutritt, und der Zustand der Straßen, die Erregung des Volkes bewiesen, daß hier noch keine wirkliche Ruhe war. Ich ging auf die Ambrosiana, die zum Glück offen war, und traf meinen alten Gönner Ceriani, trotzdem er die Achtzig überschritten hatte, in alter Rüstigkeit und mit altem jovialem Humor. Als ich ihm dazu Glück wünschte, erwiderte er: »was wollen Sie, mein Großvater ist 94 geworden, mein Vater 90, ich denke es auch so hoch zu bringen«. Daß die Zahlen genau sein könnten, wird man nicht verlangen. Leider hat er doch nicht solange ausgehalten. Noch sprach er geringschätzig davon, daß die jungen Leute Heizung für die Bibliotheksräume verlangten: er hätte das Bedürfnis nie gefühlt. Er gab mir aber auch sehr wertvolle Erklärungen über die Revolte, die auch auf dem Lande, in der Lombardei und den Marken stattfand, und belehrte mich über die agrarischen Zustände, die wirklich unhaltbar wären. Die Kirche hatte die Sache der Bauern vertreten; die Presse griff den Erzbischof von Mailand heftig an. Da verstand ich, was mir ein Bauer gestanden hatte, mit dem ich einmal in den Bergen über Gargnano am Gardasee ins Gespräch gekommen war. Er wies über die nahe österreichische Grenze mit den bitteren Worten: »was haben wir nun davon, daß wir zum regno gehören: denen da drüben geht es viel besser.« Eine scharfe Beleuchtung der Italia irredenta. 1905 bei der Rückkehr von Athen fand ich in Brindisi Eisenbahnerstreik, der recht unbehaglich war. Es kostete viele Zeit und die entschlossene Benutzung jeder Möglichkeit, etappenweise vorwärts zu kommen und endlich Verona zu erreichen. In[262] Rom hatte ich aus italienischem Munde gehört, daß eine Erfahrung, die ich 1890 gemacht hatte, durchaus nicht vereinzelt war. Mir war ein falscher 20-Lire-Schein in Bologna am Bahnhofschalter beim Wechseln herausgegeben. Wie sehr freut sich ein Freund Italiens, daß so etwas nicht mehr möglich ist und l'Italia fá da se.
Im Frühjahr 1903 beschied mich plötzlich Althoff zu sich und eröffnete mir, ich müßte in wenigen Tagen als Vertreter der Regierung mit unserm Rektor Gierke und Harnack nach Rom zum congresso delle scienze storiche. Ich erreichte, daß Bücheler noch zu uns trat, denn der erste lebende Latinist war vor allen dazu berufen, Deutschland in Rom zu vertreten. Das hat mir die unvergeßliche Freude eingebracht, daß ich sehen durfte, wie er es genoß, auf diesem Boden zu wandeln, der ihm fremd und doch so heilig war. Ich sparte einen Nachmittag aus und führte ihn über den Aventin zum Monte testaccio, wies ihm die historischen Örtlichkeiten, soweit sie das Auge erreichte. Jede begrüßte er mit Entzücken, und als ich ihm gar das schöne Stück der Serviusmauer unter S. Saba zeigte, streichelte er gerührt die Steine und murmelte »das sind sie, sind sie wirklich«. Die philologische Sektion wählte ihn in der ersten Sitzung zum Vorsitzenden und er sprach lateinisch, was zuerst befremdete. Am nächsten Tage trat ich an seine Stelle und folgte seinem Beispiel, Italiener schlossen sich an, erfreut, ihre Beherrschung der Sprache zu zeigen; es gefällt ihnen immer, wenn es ein Ausländer dazu bringt; ein Engländer bleibt freilich unverständlich und seine Aussprache erscheint barbarisch. Der Kongreß verlief ungestört; nur die Eröffnungssitzung war so langweilig, wie die endlose Wiederholung derselben Allgemeinheiten zu sein pflegt, und der Minister, der die italienische Regierung vertrat, machte cattiva figura, obwohl der Ausländer noch nicht wußte, wie es um den Herrn Nasi stünde; er ist bald mit üblem Geruche verschwunden.
Es war mir recht wertvoll, daß ich bei den Italienern nirgend auf nationalistische, den fremden Instituten feindliche Gesinnung stieß, die sich doch manchmal geregt hatte, sondern der gute Wille zur Zusammenarbeit geflissentlich betont ward. Von unserem Institute vermieden sie aber auch nur ein Wort zu sagen, was ich mit anderen Beobachtungen als bedeutsam vermerkte. Traurig waren die Eindrücke, die ich bei einem Besuche der Villa Lante empfing, nicht nur von Helbig, sondern auch von der Principessa. Sie war leidend, durch freiwilligen Dienst in einem Krankenhause übermüdet, der Welt, in der wir zusammen froh gewesen waren, entfremdet. Von ihnen beiden wollen wir nur das Bild ihrer Jugend festhalten. Der König gab im[263] Quirinal ein großes Festmahl; bei den endlosen Vorstellungen war er ersichtlich erleichtert, mit mir italienisch sprechen zu können, die imponierend schöne Königin sprach mich gleich in echt wienerischem Deutsch an; die montenegrinische Prinzessin war dort erzogen. Bei Tisch kam ich neben Herrn Dérembourg von der Pariser Akademie zu sitzen, der gleich von seinem Vetter Dernburg sprach, dem hervorragenden Juristen und Vertreter der Berliner Universität im Herrenhause, und unverblümt zu erkennen gab, er wünschte Korrespondent der Berliner Akademie zu werden; ich sollte es auch in Paris werden, wo ich schon einmal bei der Wahl durchgefallen wäre. Ich enttäuschte ihn schon dadurch, daß ich durchaus nicht verstehen wollte, was er meinte. Wir sind an solchen Kuhhandel nicht gewöhnt.
Nach Florenz bin ich noch einmal 1911 zum Kollationieren gleich nach Semesterschluß ohne Aufenthalt gefahren. Es war der heißeste Sommer und auf der Höhe des Apennin entlud sich ein Gewitter, ohne die Glühhitze zu mildern. In den Reisenden hatten sich alle Bande der Dezenz gelöst; in einem Kupee lag ein Mann so ziemlich im Badekostüm, selbst eine ältliche Engländerin zeigte sich im Deshabillé; als ein wenig Regen kam, streckte sie ein Taschentuch hinaus, um das laue Naß daraus zu saugen. Ich war von der ununterbrochenen Fahrt auch arg mitgenommen, aber das Wiedersehen der geliebten Stadt belebte. Ich ging nach der Ankunft sofort in das Battistero, wo etliche Kinderchen recht geschäftsmäßig getauft wurden, und in die Kühle des Domes. Da hielt ein Geistlicher hinter dem Altar eine Ansprache über die Verkehrtheiten der modernen Erziehung vor zahlreichem, offenbar sehr gewähltem, meist weiblichem Hörerkreise. Die beredte Rede, die sehr gesunde Gedanken in der schönen Sprache nicht ohne Leidenschaft vortrug, fesselte mich; der Redner ging, wie man es oft findet, auf einer Estrade hin und her, mußte aber Pausen machen, um sich den Schweiß abzutrocknen. Ich fand auf halber Höhe unter Fiesole ein Unterkommen mit erträglicher Hitze; die Erde im Garten war unter der Sonnenglut vielfach geborsten, aber der Gärtner war mit dem Wetter ganz zufrieden. In dem stickigen Arbeitsraume der Laurentiana hielt ich nicht so gut aus wie 1873, sondern mußte eine Pause machen und mich an Chianti und Schinken mit Feigen auf Eis wieder leistungsfähig machen. H. Wegehaupt arbeitete durch und verdarb sich seine Augen an dem Palimpseste von Plutarchs Moralia, den bisher alle vermieden hatten; das pralle Sonnenlicht war für die Entzifferung günstig, aber für die Augen kaum erträglich. Ich habe die erfolgreiche Kollation nachher der Akademie vorgelegt. Der treffliche und allgemein geliebte Mann, mir ein besonders werter Schüler, hat 1914 sein Leben in tapferstem Kampfe für das Vaterland[264] hingegeben. Von Bekannten war Florenz leer, aber Bauten und Bilder waren ja auch gute Freunde, und von Büchern nahm ich in Sem Benellis Cena delle beffe ein packendes Drama mit, das von dem Leben des großen Florenz ein wahreres Bild gibt als Gobineaus Renaissance. Von meiner Fahrt nach Kyrene im Jahre 1927 schweige ich hier.
Nun die griechischen Reisen. 1903 wollte ich meiner Frau zur silbernen Hochzeit Athen zeigen und selbst ein Vierteljahr zu weiterer Umschau, namentlich auch in Kleinasien, verwenden: es war das erstemal, daß ich die Ferien so lange ausdehnen wollte. Wir fuhren gegen Ende September auf der Therapia, einem Schiffe der Levantelinie, aus Hamburg ab, was neben dem Genusse der Seefahrt (Sturm im Busen von Biscaya, Vollmond in der Straße von Gibraltar) einen kurzen Besuch von Lissabon, Algier, Tunis, Malta gewährte. Lissabon entspricht dem Rufe, zu den schönsten Städten der Erde zu gehören, durchaus nicht; schon das breite Gewässer verbietet die Vergleichung mit Neapel, Konstantinopel und Stockholm. In Algier widerte die Verkommenheit der Araber an, um so stärker wirkte das Nationale in Tunis, aber da war auch das Museum des Bardo mit seinen Mosaiken, darunter dem Porträt Vergils, das noch, wie die republikanischen Porträts, einen Römer ganz ohne die Verfeinerung, Vergriechung des Klassizismus zeigt, obgleich der Dichter ein Hauptführer dieses Klassizismus war. Und erst Karthago. Das muß man sehen, dann springt in die Augen, daß hier eine Stadt liegen mußte, die um die Herrschaft des Meeres ringen durfte, ganz anders als Rom und auch Athen von der Natur für die geschichtliche Rolle geschaffen. Aber im Museum zeigt sich die Abhängigkeit von Ägypten und Hellas, die geistige Impotenz der Phönikier. Wie anders hatten die Etrusker und Italiker das Fremde aufgenommen, um das Nationale zu steigern. Nur die europäische Herrschaft der Römer hat auf einige Menschenalter in Afrika eine eigenartige Kultur erzeugt, auch in Apuleius, Cyprian und Augustin, die noch unter den Vandalen fortlebte.
Die Therapia war voll von Vergnügungsreisenden, von denen wir uns fernhielten, allein ein Kostümfest, das der lebenslustige Kapitän auf der langen Fahrt hinter Malta veranstaltete, wirbelte die ganze Gesellschaft durcheinander. Die Mehrzahl war gegen alles, was Kunst oder Geschichte ist, blasiert, es fiel auch die Kritik, in Athen wäre nichts los, da bliebe man am besten an Bord, wo es kühles Bier gäbe; erst in Konstantinopel wären die Hotels auf der Höhe. Aber es fehlte nicht an einzelnen, die mit echter Begeisterung für Hellas reisten, namentlich ein Kaufmann aus Elberfeld,[265] empfand ganz wie wir. Ich widmete ihm zur Erinnerung einige Verse, die hier ein bescheidenes Plätzchen finden mögen:


Die Blätter weiß von Kalkstaub, die der Nord
nicht abriß und der Hundstern nicht verbrannte.
Die Myrte müde, Asphodill verdorrt,
der Lorbeer durstig, Stoppeln die Akanthe,
so liegt das Land Athens an Sommers Neige;
lohnt es der Müh', daß ich vom Schiffe steige?

So fragt der Wandrer, und der Rezinat
wird ihn nicht trösten noch die Oktopoden.
Rasch ist das Urteil fertig »ich betrat
doch bei den Griechen nur Barbarenboden,
und wenn die Speisekarte schofel is,
was kof' ich mir für die Akropolis«.

Jawohl, mein wertester Kulturnomade,
du hast ganz recht, wenn dir Athen nicht paßt.
An Komfort fehlt's, es riecht nicht nach Pomade,
kein Badezimmer und kein Bierpalast.
Und was als Altertum sich dicke tut,
ist merschtendels ganz jämmerlich kaput.

Nur wer die Andacht kennt vor Tod und Schweigen,
wer an die Freiheit glaubt, an Gott und Wahrheit,
dem lohnt es, zur Akropolis zu steigen,
der schaut Athena in der lichten Klarheit.
Andächtig spricht er dann mit Jakobs Wort:
gewißlich ist der Herr an diesem Ort.

In Athen fanden wir die liebenswürdigste Aufnahme bei dem Sekretär, Prof. Schrader; sonst war nur Adolf Wilhelm anwesend, der uns von Göttingen her gut bekannt war, später auch nach Delos mitkam. Griechische Kollegen suchte ich nicht auf, denn zunächst sollte meine Frau Athen genießen, den Blick von Tatoi mit seinem schönen Walde, den ein teuflischer Mordanschlag auf den König nun verbrannt hat, und die Burg im Mondschein. Nach einigen Tagen geleitete ich sie bis Patras, von wo sie allein nach Hause fuhr, während ich mich in Akrata, einer Station halbwegs auf Korinth zu, mit zwei Reisegefährten treffen wollte, Hiller von Gaertringen als Reisemarschall und Alard du Bois Reymond10. Er war ein ausgezeichneter Mann,[266] im Leben Patentanwalt, aber im Herzen ein echter Naturforscher, also für Wissenschaft, auch wo sie ihm neu war, voll empfänglich. Es war mir wenigstens ebenso erfreulich wie förderlich, wie ein ganz modern eingestellter Mensch die Eindrücke der Natur aufnahm und das Leben der Gegenwart beobachtete, das unsereinem in Griechenland nur ein Hemmnis auf dem Wege zu dem Hellas ist, das wir suchen. Es liegt nicht nur daran, daß Italien seine eigene große Kunst hat, während in Griechenland eine lange Reihe leerer Jahrhunderte zwischen uns und dem Altertum liegt. Das orientalische Christentum hat den Griechen allein die Kraft verliehen, ihre Nationalität zu bewahren, aber es hat dafür den Zusammenhang mit dem alten Hellenischen so gut wie ganz zerrissen. Es fehlt auch die ungezwungene laute Fröhlichkeit des italienischen Volkes. Geblieben aber ist die Natur in Land und See, Quellen und durstigen Fluren; sie lehrt die Geschichte der Hellenen erst verstehen, die Bedingungen ihres Lebens, in vielem auch ihres Seelenlebens. In Akrata fiel mir auf, daß der ansehnliche Bach, der hier mündet, das stille Meer weithin rot färbte, und ich erinnerte mich, daß Euripides einmal dem Krathis nachrühmt, er färbe blonde Haare rot; aber er sagt es von dem Krathis in Unteritalien, der nur seinen Namen von dem Flüßchen Achaias hat, an dem ich stand. Die Tradition im Gedächtnis, die Augen offen: dann lohnt ein Augenblick Stunden ärgerlichen Wartens. Die wurden lang, denn als die beiden Gefährten kamen, war weder in Akrata noch in Aigion-Vostizza ein Boot zu haben; zurück also nach Patras, aber auch da verspätete sich der Dampfer lange und war mit Men schen, Ziegen und Hunden so überfüllt, daß die Nachtfahrt kein Vergnügen war, in der Kajüte ein unerträglicher Menschendunst, auf Deck blies ein frostiger Nordost.
Aber es ging ja nach Delphi; schon die uns aufgezwungene Wagenfahrt (wir wollten natürlich reiten) hinauf war herrlich, und wie anders stellte sich nun das Heiligtum dar. Das Dorf Kastri war verlegt, das Heiligtum aufgedeckt, die reiche Beute an Skulpturen in einem Museum geschmackvoll aufgestellt; um die Inschriften kümmerten wir uns nicht. Mein Interesse fesselte vor allem die sog. Marmariá, wo ich mit Recht das älteste Delphi ansetzte, das von Apollon noch nichts gewußt hatte. Sein Tempel ist in Wahrheit gar keiner, sondern umhegt den Orakelraum, wie er auch in der alten Zeit genannt wird; ein Bild hat er nie gehabt. Der Platz wird der Inkubation schon gedient haben, ehe der fremde Gott die hellenische Erdgöttin und ihren Gatten Poseidon verdrängte. Der Leiter der französischen Ausgrabungen, Th. Homolle mit seinem Stabe, war[267] anwesend, äußerst höflich, und lud uns zu einem üppigen Mahle, bei dem oft eine befremdende Stille herrschte. Denn sein Gefolge benahm sich wie Fähnriche an einer Galatafel im Kasino, aß schweigend, wenn nicht einer von dem hohen Vorgesetzten angerufen ward. Unterdessen unterhielt sich Homolle halblaut mit mir; wegwerfende Urteile fielen über griechische Gelehrte, selbst den von mir wie von allen, die sich um die Sprache kümmern, hochverehrten Hatzidakis. Der Gegensatz dieser militaristischen Subordination zu der fröhlichen Freiheit bei uns ist mir nicht nur hier aufgefallen. Als ich Manuskripte der Inschriftenausgabe von der französischen Akademie unter die Hände bekam, staunte ich, wie die strengsten Forderungen an Abgeschlossenheit der Ausarbeitung und Lesbarkeit der Schrift erfüllt waren. Da regte sich freilich der Wunsch, daß die deutschen Bearbeiter wenigstens einigermaßen ähnliche Manuskripte einlieferten.
Von Delphi ging es diesmal zu Schiff nach Korinth, wieder mit ärgerlicher Verspätung, weil Ochsen eingeladen wurden, so daß der Aufenthalt verkürzt werden mußte, denn wir strebten nach Athen zur Inselreise. Da fügte es sich, daß die Fahrt von Syra, diesmal nach Mykonos, wieder auf einem kleinen Boote und wieder mit Windstille und Seekrankheit, bei einigen wirkliche Krankheit, lang und peinlich war. In dem Museum war der Reichtum stark gewachsen; die besonders wichtigen Funde der bei der Reinigung der Insel im Jahre 424 nach Rheneia überführten Gräber führte uns ihr Finder Stavropulos vor; sie sind immer noch nicht veröffentlicht. Delos war nun ganz verändert. Mr. Combert, der französische Architekt und seine Frau, eine Griechin, nahmen uns mit größter Liebenswürdigkeit auf; in einem Nebenhause gab es Unterkunft, die meinen Ansprüchen durchaus genügte, das Souper war prächtig; sowohl in dem Tischgespräche wie in den nun ganz sauberen Ausgrabungen war viel zu lernen. Verblüffend war die Frage: »haben Sie auch ein Krokodil gesehen?« Ich wußte wohl von der seltsamen antiken Fabel, daß der kleine heilige Bach Inopos Nilwasser führen sollte, aber das mit dem Krokodil hielt ich für einen Spaß. Das war es nicht. Es gibt auf der Insel eine Art Eidechsen, die über einen Fuß lang werden und Krokodile heißen. Das erklärt die alte Fabel; der Glaube an Flüsse, die nach einem unterirdischen Laufe wieder hervortreten, war verbreitet und beruhte auf einigen richtigen Beobachtungen. Der Name Krokodil ist also griechisch oder vielmehr von den Griechen aus einer älteren Sprache übernommen und auf das ägyptische Tier übertragen.
Von Delos fuhren wir drei auf einem tüchtigen Segelboote nach Paros; du Bois entsetzte sich über die veralteten und unpraktischen Segel; er war[268] Fachmann und pflegte auf eigenem Boote die Ostsee nach allen Richtungen zu durchkreuzen, hat schließlich mit seinem jüngsten Sohne in tragischer Weise auf diesem Meere den Tod gefunden. In Paros sind die Reste des Altertums zahlreich, aber unansehnlich. Eine Grabung unseres Institutes, die tief in die vorgriechische Inselkultur geführt hatte, macht davon keine Ausnahme. Zu den Ruinen gehörte eine Eisenbahn zu den Marmorbrüchen, deren Schienen verrostet auf dem zerfallenden Unterbau herumlagen. Solche halbvollendete oder preisgegebene Anlagen sind gar nicht selten.
Ein Dampfer führte über Naxos an Ios vorbei nach Thera, unserem eigentlichen Ziele. Hiller hatte auf eigene Kosten in mehreren Kampagnen die alte Stadt ausgegraben und die Ergebnisse in einem großen Werke veröffentlicht. Dies alte Thera sollte besichtigt werden; ich wollte mir auch ein Urteil bilden, ob eine Fortsetzung der Grabung aussichtsreich wäre. Die Möglichkeit weiterzugehen ist ja immer vorhanden, aber hier schien es richtig, Schluß zu machen und die Inschriften in einem Ergänzungshefte zu vereinen, welche seit dem Bande der Inselinschriften entdeckt waren, den Hiller wenige Jahre vorher vollendet hatte. Er hatte schon seit 10 Jahren in Wahrheit für dieses Unternehmen seine Arbeit und seine eigenen Mittel eingesetzt. In Thera war er, wie er es verdiente, ein Wohltäter, den die Honoratioren ebenso wie seine Arbeiter verehrten, was bei diesen in wirklich rührender Weise hervortrat, bei den anderen manche Eifersüchteleien hervorrief, die für uns nicht immer erfreulich waren. Die moderne Stadt, hoch auf dem Rande des Kraters gelegen, dessen Tiefe den sicheren Hafen bildet, samt den anderen an sich merkwürdigen vulkanischen Erscheinungen durfte uns nicht aufhalten; nur du Bois fuhr später zu den »verbrannten Inseln«. Wir ritten nach dem alten Thera an den Ostrand der Insel. Denn die Griechen hatten dem vulkanischen Boden, den eine Bimsteinschicht deckte, nicht getraut, sondern einen Berg gewählt, dessen Kalkstein den anderen Inseln entspricht, obgleich die nächste ergiebige Quelle weit entfernt liegt. Auf einem noch höheren Gipfel haben die Christen ihr Kloster gegründet. Zu dem ging zunächst unser Ritt über die Felder, die ganz mit den nun abgewelkten Rebstöcken bestanden waren, deren Trauben den schweren Santorinwein liefern; jetzt glühten Tomaten zwischen den nackten Stöcken. Dem Abt mußte gehuldigt werden, denn er lieferte die Matratzen und anderes Hausgerät für den hellenischen Grabbau, in dem früher Hiller mit seinen Helfern gewohnt hatte und wir nun die beste Unterkunft fanden. Schon von hier war die Aussicht bezaubernd, Sonnenaufgang und der Blick über das Ostmeer mit seinen Inseln. An einem hellen Tage unterschieden wir eine Linie am Horizonte,[269] die nach der Karte nichts anderes sein konnte als das knidische Vorgebirge der asiatischen Küste. Man sieht so weit, wie die Krümmung der Erdkugel gestattet. In der Abendsonne schien die nahe Insel Anaphe Feuer zu fangen; danach heißt sie. Von der Burghöhe zeigen sich dem Blicke auch die kretischen Berge. Es gab in der Stadt und der Gräberstadt viel zu sehen, auch an den uralten Inschriften nachzuprüfen, die von den Theräern in den nackten Fels gegraben sind, und die Luchsaugen der Griechen entdeckten hoch an Felswänden neue Namen; man sieht keinen praktischen Grund, weshalb sie da in ältesten Zeiten eingegraben sind. Auch in die weitere Umgegend wußte Hiller manchen lohnenden Weg zu führen, auch hinab an das Meer zu lauem Bade, trotzdem es Novemberanfang war. Einmal begann es zu regnen, als wir noch auf den Matratzen lagen, da sprangen wir auf, hinaus in die erfrischende, himmlische Dusche, aber zum Entsetzen des griechischen Dieners, denn der Orient mit seiner sehr unhellenischen Prüderie hat den Griechen die natürliche Nacktheit anstößig gemacht. Unser Aufenthalt war durch den Abgang des nächsten Schiffes vorher bestimmt, so daß sich nichts ändern ließ, als ein trotz der griechischen Sprache verstümmeltes Telegramm uns auf dem Berge erreichte; Schrader war so freundlich gewesen, den Text umzuschreiben, der mir aus Berlin Mommsens Tod meldete. Ich entschied mich zur Heimkehr, die freilich viele Tage in Anspruch nahm. So kam es, daß ich statt nach Weihnachten Mitte November die Vorlesungen aufnahm.
Den so versäumten Besuch Kleinasiens konnte ich zwei Jahre später nachholen, da ich als Vertreter Deutschlands und zugleich unserer Akademie zu einem archäologischen Kongresse nach Athen gehen sollte und die Osterferien Raum boten, vorher Konstantinopel und Asien wenigstens flüchtig kennenzulernen. Hiller war wieder von der Partie, und in Konstantinopel schloß sich auch du Bois an. Nach der langen Eisenbahnfahrt in Constanza dicht an den hellerleuchteten Dampfer zu fahren und in diesem ein in Wahrheit deutsches Schiff zu betreten, war eine erfreuliche Überraschung; das Tomi des Ovid blieb freilich unangeschaut. Nach der Nacht war ich zum Glück früh genug auf Deck, die Inselchen vor der Einfahrt in den Bosporus zu sehen: sie liegen so, daß sie den Glauben an die Symplegaden nicht erzeugt haben können. Ihn hat die Phantasie der Schiffer geschaffen, die ein Eindringen in den Pontos für unmöglich hielten; deshalb konnte nur göttlicher Beistand einem Schiffe der größten Helden einmal hindurchgeholfen haben. Erst als vielen Schiffen auch die Rückfahrt gelungen war, hatte die Argo das Tor für immer geöffnet. Die »blauen« Inseln holte schließlich rationalistische Erklärung heran.[270]
In Konstantinopel gab ich mich ganz in die schützenden Hände von Theodor Wiegand und war geborgen. Sein schönes Haus in Arnautkiöi am oberen Bosporus nahm uns auf, er wußte die Wunder von Konstantinopel zu zeigen, Belehrung aller Art über die Monumente, die Türken und den Sultan zu geben, und übernahm weiter die Führung, gleich sicher und vorbildlich in der Behandlung von Türken, Armeniern und Griechen; die Mittel waren je nach Bedarf sanft oder auch sehr kräftig, durchschlagend nicht nur in metaphorischem Sinne. Die Stadt wird nun bald auch modernisiert ihren Charakter und ihren Zauber verlieren; schon daß die Hunde mit ihrer Selbstverwaltung umgebracht sind, ist ein unersetzlicher Schade. Es war gerade Gelegenheit, die persische Trauerfeier für die Söhne Alis zu sehen, bei der sich unter aufreizender Musik und Klagegeheul die Gläubigen mit kurzen Schwertern an Haupt und Brust und Armen schneiden, so daß immer mehr Blut fließt, ein widerlicher Anblick, dem wir uns bald entzogen, denn sie tun es ziemlich geschäftsmäßig, schauspielerhaft. Aber zur Veranschaulichung antiker Klageprozessionen ist es gut, so etwas gesehen zu haben.
Eine nächtliche Dampferfahrt brachte uns nach den Dardanellen. Der Ritt von dort nach Hissarlik führte über die überschwemmte Niederung, den Kampfplatz der Ilias. Die Burg, die das zweite Jahrtausend über ein mächtiger Herrensitz gewesen ist, hat mit dem Meere nichts zu schaffen gehabt, sondern schützte ihr Hinterland und das obere Skamandertal. Als der Seehandel einen Platz am Meere forderte, ist Alexandreia Troas erbaut und hat einen künstlichen Hafen erhalten: es wird noch einmal ein vornehmer Ausgrabungsplatz werden; wir durchritten die Ruinen, als wir von Hissarlik zum Ritte nach Assos aufgebrochen waren. In Ilion war ich bemüht gewesen, die Lage und die Bauten unbeirrt durch Homer zu betrachten, probierte aber, wie man, vielmehr daß man nicht um den Mauerring laufen kann, wie es Hektor bei Homer tat, machte auch einen Abstecher nach dem Orte, wo Demetrios von Skepsis sein Ilion etwa hinverlegt hat; gerade weil die Hypothese toll ist, hätte man die Stätte auf- und untersuchen sollen. Bunarbaschi besuchten wir nicht; einst verlegte man dorthin ein Ilios, das zu Homer stimmen sollte. Das geht nicht mehr; dafür dekretiert man, daß die Erde sich geändert hat oder die Griechen sich alle geirrt haben, wenn sie das Schiffslager an den Hellespont, das Grab des Protesilaos nach Elaius verlegten. Der Homer der Kypria und der der kleinen Ilias haben also den Homer der großen Ilias nicht mehr verstanden, aber unsereiner begeht ein Verbrechen an dem Dichter, wenn er seine Poesie als Poesie nimmt, wie es einst seine Hörer taten.[271]
Der Ritt über den Kamm des Ida war schön, aber kalt. Ein Nachtquartier bei einem türkischen Bey war gut, aber der Wirt saß, wenn auch abseits, bei uns noch lange, nachdem das Mahl zu Ende war und wir gern geschlafen hätten. Wiegand mußte Konversation machen, und da Schnaps kein Wein, also vom Propheten nicht verboten ist, stieg die Laune des Türken. Am andern Morgen erschien er nicht zum Abschied, und unsere Leute hatten erfahren, daß seine Frau ihn mit einer gehörigen Gardinenpredigt im Harem empfangen und weiteren Verkehr mit den Giaurs untersagt hatte.
Assos hat der amerikanischen Ausgrabung viel gebracht, aber vollendet ist sie durchaus nicht und die Ruinen versprechen noch Gutes. Es war kein Handelsplatz, sondern Ackerbaukolonie, denn die Reede tief unten ist ein kümmerlicher Anlegeplatz. Es glückte uns aber, einen Kaik zu finden, der oben mit trocknem Schafmist vollgeladen war, auf dem man sich weich und warm lagern konnte, um nach Molivos-Methymna überzusetzen. Dort wollten wir nicht bleiben, sondern das nahe blühende Griechendorf Petra aufsuchen. Unterwegs kam ein Grieche in europäischer Tracht auf Hiller zu, ein Bekannter aus Rhodos, türkischer Beamter, der nannte uns einen wohlhabenden Herrn für Petra, der uns mit Begeisterung aufnahm. Es war bei ihm für unsere Toilette etwas zu europäisch; zumal ich hatte mir die Hose an einem Nagel des Sattels arg zerrissen, und gerade mich rekognoszierte er aus einer griechischen illustrierten Zeitung, in der mein Bild stand. Zur Fahrt nach Mytilene versprach er einen Wagen und rühmte, wie sich zeigte, mit vollem Rechte die Chaussee, die von den Anliegern, Türken und Griechen, gemeinsam erbaut war. Die beiden Rassen und Konfessionen vertrugen sich also hier: es ist ein Verhängnis für beide, daß ihre Staaten diese Politik nicht zu befolgen verstanden haben; die eigentliche Schuld liegt freilich an den Großmächten, denn diese haben aus eigensüchtigen Beweggründen immer zum Hasse und zum Kriege geschürt.
Die Fahrt nach Mytilene ging durch wohlangebautes Land oder durch Wald; nur hingen ganze Klumpen von Raupen an den Zweigen der Strandkiefer, die man gewähren läßt. Wiegand untersuchte die Stätte von Pyrrha, ob sie eine Ausgrabung lohnen würde, aber sie war ganz mit Ölbäumen bestanden, deren Ankauf zu kostbar sein würde. Es dunkelte, als wir uns Mytilene näherten, so daß wir die schönen Haine und Gärten von Lesbos nur eben ahnten, durch die der Weg geht. Die Stadt mit ihren zwei Häfen und ihre unveränderte Natur und Besiedelung war am andern Tage bald besichtigt; der Dampfer führte nach dem damals blühenden, halb europäisch, halb griechischen Smyrna, dann ging es weiter nach Ephesos, Priene, Milet, Didyma.[272] Dies Ionien kennenzulernen ist eine Offenbarung, schon durch den Gegensatz der Weiträumigkeit zu der Enge des Mutterlandes. Dazu der Reichtum der architektonischen Funde, die der flüchtig Reisende nur dank einer so kundigen Führung etwas begreift, wie sie Josef Keil in Ephesos, Wiegand in seinem Reiche allein gewähren können. Priene mit seinem einzigen, aber riesigen Gotteshause gemahnt an kleine mittelalterliche Städte, die sich doch einen prächtigen Dom gebaut haben. Hier waren die Bewohner Ackerbürger, die sich mit winzigen Häuschen begnügten, aber sie hatten Wasserleitung und Kanalisation und ein stattliches Gymnasium; darin sind diese Hellenen den Europäern ziemlich bis in unsere Tage weit voraus gewesen. Oben über der Stadt haben die Frauen ihr besonderes Heiligtum, das uns die vielen ähnlichen vertreten kann, die es in solcher Lage vor vielen Städten gegeben hat. Auch die Verehrung wird nicht viel anders gewesen sein, gerade weil die Terrakotten der Baubo Mysterienschwärmern anstößig sind.
Das Frühlingswasser des Mäander hatte das ganze Delta in einen See verwandelt, so daß wir in einem Boote an der Theaterbucht Milets landeten und Lade wieder eine Insel war. Auf ihr war ein Zigeunerdorf, und auf der westlichen Höhe lag eine griechische Kapelle, ganz einsam. Wir fanden sie offen, und auf einem Zinnteller lagen Wachslichtchen, von denen der Besucher den Heiligen zu Ehren eins ansteckt und eine Kupfermünze dafür hinlegt. Einige lagen hier: die Menschen verschiedenen Glaubens achteten auch die fremden Götter. Auch in dem Dorfe Balat auf dem Boden Milets lebten Griechen und Türken friedlich durcheinander. Die Türkenhäuser trugen Storchnester, denn der Türke verehrt im Storche den Vogel, der zum Grabe des Propheten pilgert; der Christ brät ihn sich. Jetzt sind die Griechen ausgemordet oder vertrieben; Äcker liegen weithin öde. Es ist nicht mehr Religion, sondern Politik, die solche Scheußlichkeiten hervorruft. Sind sie im Grunde scheußlicher, als daß ein englischer Gelehrter ein Flugzeug nach Didyma dirigierte und eine Bombe in das verlassene deutsche Haus werfen ließ? Es konnte gar keinen anderen Zweck haben, als die deutsche Wissenschaft zu schädigen. Den Hunnen galt es: diese Hunnen retteten gleichzeitig die Papiere der amerikanischen Expedition in Sardes. Die Franzosen zerschossen das leere Johanniterschloß von Budrun. Wozu?
Das deutsche Haus in Akkiöi über Milet, in dem wir herrliche Tage verlebten, ist jetzt auch vernichtet. Wie zauberhaft stieg die Mondscheibe über den zackigen Grat des Latmos empor: Selene küßte den Endymion, dessen Grotte in dem Granit des Latmos liegt. Wie schweifte ein sehnsuchtsvoller Blick von Didyma hinüber nach den südlicheren Inseln, Kos zumal, die unerreichbar[273] blieben. Der Ritt auf flinken kleinen Pferden, Wiegand auf einem mutigen Araberhengste, war noch ein letztes frisches Aufatmen in Freiheit und Natur. Dann mußten wir uns eilen, zum Archäologenkongresse nach Athen zu kommen, in Kultur, Menschengewühl und Politik.
Der Kongreß verlief, soweit man sehen konnte, zu allgemeiner Befriedigung; die Griechen hatten alles geschickt vorbereitet, die letzten Anordnungen aber in die Hände eines Komitees gelegt, in das die Vertreter der wichtigsten Staaten berufen wurden. Es galt, gleich am Vorabend der feierlichen Eröffnungssitzung für diese die Ordnung der Redner zu bestimmen, und es drohte jene entsetzliche Langeweile, die durch die endlosen Begrüßungsreden entsteht, wenn immer wieder ein Gratulant aufsteht und in einer eigenen Rede oder einer langatmigen Adresse, die er verliest, immer wieder dasselbe sagt. Da machte ich den Vorschlag, es sollte einer für alle Akademien, einer für alle Universitäten sprechen, das erste gebühre der Pariser Akademie, das zweite Oxford um ihres Alters willen. Das schlug durch, denn wenn Deutschland verzichtete, waren andere Ansprüche nicht wohl möglich. Der Erfolg war äußerst günstig, denn die zwei Reden sagten alles, und Percy Gardner fesselte durch die Kunst des Vortrages auch diejenigen, welche die Sprache nicht verstanden. Es klingt eben eine jede Sprache schön, wenn sie ein Meister des Wortes spricht. Hier war dem Redner der Auftrag erst am Abend vorher geworden; da ich das wußte, bewunderte ich doppelt, wie glänzend alles was zu sagen war in kurzen Worten dargeboten ward11. Daß die geistlichen Fürsten, der Papst und der ökumenische Patriarch durch ihre Abgesandten noch zu Worte kamen, war unvermeidlich. Für die auswärtigen Institute und einige andere, die sich hören lassen wollten, war später auf der Burg noch eine Gelegenheit. Da war viel Volks aus der Stadt versammelt und ein alter Fustanellaträger hat am Ende ein treffendes Urteil über die Reden abgegeben, die er alle nicht verstand: der Franzose und der Deutsche könnten allein sprechen. Dörpfelds ungekünstelt aus warmem Herzen quellende Beredsamkeit und M. Holleaux' oratorischer Schwung waren stilistische Gegensätze, die sich ergänzten. Die wissenschaftlichen Vorträge wurden natürlich in den Sektionen gehalten; ich mußte hier zur Epigraphik gehen, in die école Française, denn die französische Forschung auf diesem Gebiete verdiente die Huldigung, und ich ging um so lieber hin, da M. Holleaux die nächste Beziehung zu unserem Institute pflegte. Man sagte sich viele Artigkeiten; die Rede des Kaisers in Tanger und die Marokkokrise störten das Einvernehmen noch nicht.[274]
Nach Griechenland bin ich nicht mehr gekommen, aber 1917 hat mich die Heeresleitung nach Makedonien geschickt, um für die Akademiker der dortigen Heeresteile Vorträge zu halten. Diese wurden auf acht Tage aus ihren Verbänden herausgehoben, um in Prilep nur noch Akademiker zu sein; auf den militärischen Rang kam nichts an. Zum Schlusse ward im Vorhofe der Moschee, in der die Vorträge stattfanden, ein Kommers veranstaltet, dem die Offiziere taktvoll fernblieben, obwohl sie, der General an der Spitze, zu den Vorträgen kamen. Es waren für den Kommers primitive Töpfchen als Seidel gebrannt, Bier beschafft und sogar ein kleines Kommersbuch gedruckt. Auch so etwas ist eine der Blüten des deutschen Militarismus, den die Fremden nie begriffen haben, die Deutschen, soweit sie für die Ehre des Waffendienstes moralisch untauglich waren, auch nicht. Unter den Rednern war Roethe, was dem Ganzen und mir persönlich den Wert der Unternehmung erhöhte. Man war auch mit uns zufrieden und wir durften auf Autos bis Ochrida fahren, obgleich der Weg auf einer Strecke von den Franzosen beschossen ward. Erst an dem See wird Landschaft und Färbung südlich. Die Nacht dort ward aufregend; der Ort war nur mit einem Zuge deutscher Husaren belegt, die Österreicher hatten sich wieder einmal schlagen lassen, Verstärkung konnte erst in der Nacht eintreffen, brennende Dörfer sah man im Süden. Ein Besuch bei den kirchlichen Oberhäuptern war beschwerlich, da sich zuerst keine Sprache fand, die auf beiden Seiten verstanden ward; endlich gestand ein Pope, daß er Griechisch spräche. Ebenso ging es mir mit den Wirten in meinem Quartier: ein Beweis von dem Terrorismus, den die Bulgaren ausübten, vorher die Serben ausgeübt hatten, deren Wüten gegen die Türken, ihre Heiligtümer und Friedhöfe ziemlich in gleichem Stile fortgesetzt ward. Unser Eindruck, daß die Bevölkerung von den Serben nichts wissen will, scheint nach den späteren Erfahrungen richtig zu sein. Unsere Leute hoben aber nachdrücklich hervor, daß ihnen die Serben in ihrem Lande gefielen, und ihre schmucken Dörfer, die man auf der Fahrt durch das Tal der Morawa sah, standen in vorteilhaftem Gegensatze zu den makedonischen. Übrigens hielt uns ein bulgarischer Gelehrter einen sehr gehaltvollen, keineswegs chauvinistischen Vortrag über sein Volk, das er als ein reines Bauernvolk bezeichnete; das Bewußtsein seiner selbst sei ihm durch die Geistlichkeit gekommen, also im Gegensatze zu dem griechischen Klerus und dem ökumenischen Patriarchen. Alles aber komme darauf an, daß sich aus dem Bauernvolke eine höhere, von der kirchlichen Bevormundung, aber auch von fremden Einflüssen (Rußland, katholische Propaganda) freie Oberschicht bilde. Haß gegen die Deutschen bestand auch bei[275] den Serben nicht, sondern nur gegen die Schwob, die Österreicher, und gegen die Ungarn, was sich bei einem Versuche, das wichtige Nisch zu überfallen, sehr deutlich gezeigt hat. Die Landschaft und das tückische Sommerklima kennenzulernen, war auch für das Altertum belehrend, denn in diesen Talkesseln, zwischen mächtigen Gebirgszügen mit beschwerlichen Pässen, haben die Stämme gesessen, aus denen die Hellenen durch ihre Züge nach Osten, das Tal des Axios hinab, und nach Süden gebildet haben. Die Goldmasken von Trebenischte bei Ochrida (ein Fund, der nach unserem Besuche gemacht worden ist) bezeugen, daß sich hier noch jahrhundertelang die Sitte erhalten hat, welche die Fürsten von Mykene dorthin mitgenommen haben. Wie Prilep im Altertum geheißen hat, scheint noch unbekannt; aber in der Römerzeit ist dort eine Stadt gewesen. Reste der Architektur fehlen nicht, und neben einer Kirche lag eine griechische Inschrift guter Zeit, mit der Weihung eines »Veteranen des Prätoriums an den hier verehrten Gott Drakon«; die Schlange war abgebildet. Ob die Eingeborenen urhellenischen oder illyrischen Blutes waren, kann niemand sagen. Über Prilep liegen die ausgedehnten Ruinen einer Burg, die nach dem Heros Marko heißt, etwas weiter im Gebirge ein altes heiliges Kloster, zu dem uns die Bulgaren einluden, ein ebenso belehrender Besuch wie der bei dem freundlichen Oberhaupte der türkischen Geistlichkeit in Prilep, der der deutsche Schutz eine kurze Zeit Sicherheit gewährte. In Usküb-Skoplie hielten wir auch noch ein paar Vorträge: das liegt imponierend am Axios, offenbar eine makedonische Gründung, wie der Name sagt eine »Ausschau«, vorgeschobener Wachposten gegen die Illyrier. Der Niedergang des türkischen, wirtschaftlich und wohl nicht nur wirtschaftlich höchststehenden Elementes der Bevölkerung, war auch hier unverkennbar. Die kurze Anwesenheit der Deutschen wird bei allen Teilen der Bevölkerung nicht leicht vergessen werden, mögen auch die von uns angelegten Autostraßen über die Gebirge verfallen. Und es ist ohne Zweifel ein gutes Gedächtnis, in dem wir stehen werden.

Endlich kann ich mich den wichtigsten Seiten meiner Berliner Tätigkeit zuwenden, zunächst dem archäologischen Institute. Da hat ein Mitglied der Zentraldirektion zwar kaum etwas Nennenswertes zu tun, aber an dem Gedeihen des Institutes habe ich immer lebhaften Anteil genommen, an der athenischen Zweiganstalt seit ihrer Gründung, und immer mehr ist mir klar geworden, daß das Heil der Altertumstudien daran hängt, wie das Institut geführt und ausgebaut wird. Da es ein Jahrzehnt preußisch gewesen, dann bald, 1871, in der ersten Freude auf das Reich übergegangen war, während sonst die Kulturaufgaben[276] den Einzelstaaten überlassen blieben, ergab sich ein gewisser Streit der Ressorts. Das preußische Kultusministerium sah scheel auf die Reichsanstalt, Althoff zumal, der mit Michaelis von Straßburg her in Feindschaft lebte und daher auch die Archäologie an den Universitäten unbillig zurücksetzte. Die Gründung eines preußischen historischen Institutes war ein wenig freundlicher Akt, und es regte sich Begehrlichkeit nach unserer Bibliothek, deren Reichtum an italienischer Lokalliteratur die Historiker reizen konnte. Das Reich zeigte nur wenig Interesse; die Botschafter und Gesandten haben sich in Rom immer, in Athen meistens höchst kühl verhalten. Wir wählten Mitglieder des Bundesrates in die Zentraldirektion, zuerst den hanseatischen Gesandten Klügmann, dann den bayrischen Gesandten Grafen Lerchenfeld, und dieser ist auch in manchen finanziellen Dingen hilfreich gewesen. Aber tieferes Interesse konnte man von dem liebenswürdigen Grandseigneur nicht erwarten, der seit der Gründung des Reiches ein patriotischer Vermittler zwischen Bayern und Preußen war, also sehr viel wußte, aber nur vorsichtig in vertrautem Gespräche einiges davon mitteilte. Mommsen hatte lange großen Einfluß gehabt, war nun aber mit dem Laufe der Dinge nicht einverstanden. Er hatte sich das große Verdienst erworben, die Erforschung des römisch-germanischen Limes in Gang gebracht zu haben, aber die Bodenforschung, die hier allmählich ihre Methode lernte, lag ihm fern und ging ihm zu langsam, und der Anschluß der Römisch-germanischen Zweiganstalt an das Institut lief seinen Ansichten entgegen. Der Erfolg hat ihm in beiden Stücken nicht Recht gegeben, aber zunächst hemmte seine Stellungnahme. Ganz besonders bedauerlich war die offene Feindschaft zwischen Kekule und Furtwängler, dessen Übergehung bei den Wahlen in die Zentraldirektion sich schlechthin nicht rechtfertigen ließ. Immer wieder habe ich mich bemüht, seine Wahl zu erreichen; als es recht spät noch gelang, konnte er sich leider zur Annahme nicht überwinden. Da blieb es nicht aus, daß sich Widerwille gegen das Prinzip der Kooptation und gegen die Berliner regte, die tatsächlich ein Übergewicht hatten. Schon in den 70er Jahren hatte ich Henzens leise, Helbigs überlaute Klagen über die Olympier gehört: 1898 hörte ich sie wieder. Eine in vielem unvermeidliche Umgestaltung hatte den Charakter einer Revolution angenommen, Henzen, Helbig und Mau zugunsten von neuen Männern beiseite geschoben, die sich den Beifall der jüngeren Archäologen zum überwiegenden Teile nicht erwarben. Auch ich hatte meine Mißbilligung der Revolution offen geäußert und war mit einiger Oppositionsstimmung in die Zentraldirektion getreten. Die Mißstimmung richtete sich vornehmlich gegen den Generalsekretär[277] Conze, wegen der Redaktion der Berliner Publikationen wohl nicht ganz ohne Grund. Auch läßt sich nicht leugnen, daß die Form seiner Verwaltung manchmal mehr bureaukratisch war oder schien, als sich selbständige Gelehrte gern gefallen lassen. Conze regierte nach den Prinzipien, die er sich gebildet hatte, mit unentwegter Konsequenz und glaubte wohl, daß gerade der Gelehrte die Strenge des Verwaltungsbeamten anwenden müßte. Bis zuletzt rühmte er sich, in Dörpfeld einen Architekten zum ersten Sekretär gemacht zu haben, auch als die meisten meinten, daß dieser dadurch den Aufgaben entfremdet worden sei, zu denen ihn Begabung und Vorbildung unvergleichlich befähigten. Conze dachte sogar, ihn zu seinem Nachfolger zu machen. Seine persönliche Autorität war so groß, daß Schoene ihm zu folgen pflegte und nur in geschäftlichen Dingen seinen wertvollen Rat gab. Auch Kekule pflegte mitzugehen. Das war auch begreiflich, denn wer Conze in der Zentraldirektion kennenlernte, mußte seine unbeugsame Rechtlichkeit, seine Hingebung an die Sache und die vornehme Haltung gegenüber oft giftigen Anfeindungen anerkennen und bald zu aufrichtiger Verehrung des aufrechten Mannes gelangen. Aber der Tag kam doch, wo er seines Amtes müde ward. So konnte er sich zuletzt ganz seinem geliebten Pergamon widmen. Seine Mitarbeiter berichteten bewundernd, wie er in Mysien wieder jung ward, als leidenschaftlicher Reiter sein Pferd tummelte und sich die vorbildliche Bedürfnislosigkeit seiner Jugendreisen bewahrt hatte. So war der Lebensabend des lauteren, viel verkannten Mannes schön. Mit herzlichem Gefühle habe ich ihm in der Akademie die Gedächtnisrede gehalten, zugleich für Georg Löschcke, dessen belebendes Feuer, das ihm über viel Schweres im Leben hinweggeholfen hatte, das wir daher durch seine Berufung nach Berlin neu anfachen wollten, doch allzufrüh verglomm. Bald durfte ich auch Richard Schoene wenigstens im Tode als unserem Ehrenmitgliede den Nachruf halten; er konnte nur darum nicht ordentliches Mitglied werden, weil er im Ministerium eine hohe Verwaltungsstelle einnahm.
Das athenische Institut erfreute sich im ganzen einer friedlichen und immer reicheren Blüte. Aber in Rom ging es anders, nicht nur weil die Überfülle neuer Entdeckungen nach Griechenland zog. 1898 kam ich auf den Palatin und traf drei deutsche Gymnasiallehrer ziemlich ratlos herumirrend. So wenig ich selbst Bescheid wußte, übernahm ich die Führung. Sie erklärten, daß sie auf eine Berücksichtigung ihrer Wünsche durch die Herren des Institutes doch nicht rechnen dürften. 1903 versuchte ich vergeblich, den Botschafter dem Institute geneigter zu machen; Mommsens pessimistische Haltung, der ich ebenso vergeblich entgegenzuwirken suchte, machte sich[278] fühlbar. Kühle der Italiener gegenüber dem Institute herrschte allgemein und kontrastierte mit der Aufnahme, die wir Delegierte fanden, und die Beteiligung des Institutes an den Veranstaltungen des Kongresses bestand darin, daß der erste Sekretär eine Gesellschaft gab, vor der Eröffnung, so daß die deutschen Delegierten noch gar nicht anwesend sein konnten, und daß eine Adunanz ausfiel. Nicht einmal Führungen für die zahlreichen deutschen Teilnehmer waren vorgesehen, und mit Mühe erwirkte ich wenigstens für Bücheler und einige wenige eine Führung über das Forum, zu den Vestalinnen und Maria antiqua. So etwas war unerträglich, wenn auch Michaelis, der bei seinem Schwager Petersen gewohnt hatte, von oben herab erklärte, alles wäre in schönster Ordnung gewesen; er war nicht selten eine Art von Mitregent neben Conze. Mehrfache Personenwechsel traten ein; es verbietet sich noch, Näheres zu sagen. Im ganzen ward es nicht besser, die Stimmung der Italiener verschärfte sich; die Expropriierung unseres Besitzes auf dem Kapitol erfolgte noch vor der Kriegserklärung unter dem fadenscheinigen Vorwande von Ausgrabungsplänen. Unsere Häuser stehen noch12.
Zu Conzes Nachfolger ward O. Puchstein mit einer Stimme Majorität gewählt. Ein Vertreter des auswärtigen Amtes gehörte damals der Zentraldirektion noch nicht an (eine Einrichtung, die sich votrefflich bewährt), aber mir hat der damalige Referent später gesagt, daß sie eine Wahl mit diesem Stimmenverhältnis nicht bestätigt haben würden. Das wäre Puchstein zu gönnen gewesen und würde vielleicht auch das kostbare Leben des ausgezeichneten Gelehrten länger erhalten haben. Denn das Amt war ihm eine Last, die er unmutig trug, und er entwickelte, skeptisch veranlagt, nach keiner Seite die entschiedene Initiative, auf die es ankam. Und wenn die scharfen Reibungen auch durch ihn und noch mehr durch die ausgleichende Gewandtheit seines Nachfolgers ziemlich beseitigt wurden, von einem Aufschwunge des Institutes ließ sich nichts erkennen, und die Gründung immer neuer Parallelinstitute anderer Länder und ihre rege Ausgrabetätigkeit erforderte doch stärkere Anspannung. Es waren die Jahre, in denen die Berliner Museen ihre großartigen Grabungen, nicht um Museumstücke zu erwerben, sondern im reinen Dienste der geschichtlichen Wissenschaft durchführten. Preußen tat mehr als das Reich.[279]
Der Krieg bedrohte unsere Zweiganstalten mit dem Untergange. Aus Athen vertrieb ein roher Gewaltstreich der Franzosen unseren Sekretär; aber die mitvergewaltigten Griechen blieben treu, und die englische und amerikanische Schule hielten die wissenschaftliche Kameradschaft aufrecht, so daß die Herstellung der alten Verhältnisse bald gelang. In Rom war es schwerer, aber Walther Amelung hat es erreicht. Die Zentraldirektion erhielt einen Vorsitzenden, der den gesteigerten Anforderungen des Amtes gewachsen ist, unverkennbar ist der Aufschwung. Darum hat die tatkräftige Einsicht des Auswärtigen Amtes ganz besonders hohe Verdienste: es war ein Segen, daß das Institut dem Reiche gehört und unter dem Auswärtigen Amte steht. Denn die Macht unserer wissenschaftlichen Stellung, die zu erschüttern sich einige Siegerstaaten vergeblich bemühten, also ihre Bedeutung für die Weltgeltung Deutschlands kam der Reichsregierung zum Bewußtsein. Wenn kein allgemeiner politischer Rückschlag erfolgt, kann die Erweiterung des Institutes durch neue Zweiganstalten nicht ausbleiben, denn Ägypten und der nähere Orient (der ganz tief nach Asien hineinreicht) läßt sich nicht mehr von Athen und Rom fernhalten, noch weniger den dortigen Instituten zuweisen. Eine Selbständigkeit, wie sie die Frankfurter Anstalt besitzt, ist mit der losen Überordnung der Zentraldirektion zu vereinigen, die als Beirat des Präsidenten ihren Zweck erfüllt, einen Beirat, wie die selbständigen künftigen Anstalten ihn auch, freilich nicht so vielköpfig wie in Frankfurt, erhalten müssen. Eine Umgestaltung der Zentraldirektion ist auch unvermeidlich, nicht nur weil die christliche Archäologie und die Prähistorie Berücksichtigung verlangen: die nach langen Verhandlungen und vielen Kompromissen zustande gekommene Zusammensetzung hat zwar zu keinen Krisen geführt, aber es ist ein Widersinn, daß die Staaten vertreten sind, welche eine Universität besitzen, Preußen mit schreiender Ungerechtigkeit behandelt ist und nur Ernennungen durch den preußischen Minister und den Reichskanzler, zum Teil auf Vorschlag der Zentraldirektion, die schlimmsten Ungerechtigkeiten ausgleichen können. Zur Zeit ist es fast nur die Berliner Akademie, die statt ihrer früheren Überzahl noch drei Vertreter wählt, durch die vermieden wird, daß die Zentraldirektion ein Parlament von Professoren der Archäologie wird. Es kommt aber doch vor, daß die Kunstgeschichte so bevorzugt wird, wie sie es gegenüber dem, was die Erforschung der monumentalen Überlieferung heute ist, so wenig beanspruchen kann wie die Philologie Bentleys oder Gottfried Hermanns innerhalb der Erforschung der schriftlichen Überlieferung. Und in der Geschichte, selbst in der Epigraphik läßt sich eine Trennung der beiden Überlieferungen gar nicht[280] durchführen. Es ist eine sehr bedenkliche Tatsache, daß sich fast nur noch archäologische Kunstspezialisten bewerben, Philologen es kaum noch versuchen, und es hat schon dazu geführt, daß Stipendien an Bewerber gegeben sind, die überhaupt gar kein Griechisch verstehen oder nur über die kläglichen Schulreminiszenzen verfügen. Wenn wir die monumentale Philologie, wie es praktisch und gebräuchlich ist, Archäologie nennen, so wird sie in der Altertumswissenschaft die Führung haben; wir sehen, wie belebend sie in Amerika und Schweden wirkt. Aber dann muß man sich auch danach richten, was die Archäologie jetzt ist. Ein ganz auf die Skulptur beschränkter Forscher, wie es Amelung war, wird unter den anders gerichteten seinen Platz haben, einer, dessen Interesse an der Keramik aufhört, wo die wirklich griechische mit dem geometrischen Stile anfängt, meinetwegen auch: aber das bleiben Spezialisten, und das Institut muß auf das Ganze sehen und für alles sorgen. Die Akademien, nicht bloß die Berliner, sind am besten geeignet, Vertreter in die Zentraldirektion zu senden, sollen sich freilich deswegen nicht auf ihre ordentlichen Mitglieder beschränken. Daneben wird die mit Unrecht angefeindete Kooptation in einer oder der andern Form am besten für die nötige Ergänzung sorgen.
Nur mit einem Worte sei ausgesprochen, daß ein entsprechend organisiertes germanisches Institut eigentlich eine unabweisbare Notwendigkeit ist und daß Althoff daran gedacht hat. Ein preußisches konnte es freilich nicht werden.

Das Schwergewicht meiner Lehrtätigkeit lag in dem neu gegründeten Institute für Altertumskunde, und die Zusammenarbeit mit Diels war die Vorbedingung des Erfolges. Arbeitsräume und die Verbindung mit den Historikern vermittelte er leicht, weil er seine Übungen schon in ihren Räumen gehalten hatte. Die Verbindung blieb lose, der Vorsitz wechselte zwischen den vier Direktoren, bis Norden hinzutrat, in dessen Hände dann die Geschäftsführung gelegt ward, denn der Wechsel ist schädlich. Die Verhandlungen mit Althoff wurden schon vor meiner Übersiedlung durch Diels und mich geführt. Sachlich gingen sie leicht, es folgte aber ein charakteristisches Nachspiel. Diels ging etwas früher fort, da rief Althoff: »nun habe ich ihn schon immer Geheimrat angeredet, das muß schleunigst in Ordnung gebracht werden.« So geschah es, und Diels erhielt dann in rascher Folge die Orden, um auch nach dieser Richtung nicht zurückzustehen. Daran merkte ich erst ganz, daß seine Bedeutung bisher nicht voll gewürdigt war und er an der Universität geradezu Zurücksetzung erfahren hatte. Die Akademie hatte dagegen begriffen, was sie an ihm hatte, und er würde sich nach der Wahl[281] zum Sekretär durch das Gewicht seiner Persönlichkeit schon allgemein durchgesetzt haben, aber ich hatte doch die Freude, daß ich dazu den Anstoß gab und mit dem nächsten Kollegen in voller Harmonie zusammen arbeiten konnte. Des war ich sicher. Wir waren seit der Studentenzeit in Fühlung geblieben, und so verschiedene Menschen wir waren, auch vom Leben verschieden geführt und in der Wissenschaft nicht nur in dem was wir trieben, sondern auch wie wir es trieben, verschieden (darauf gerade beruhte unsere einander ergänzende Wirkung auf die Schüler): im Grunde waren wir doch dieselben, die in Bonn ihre Freundschaft begründet hatten. Durch die Verschiedenheit unserer Lebensgewohnheiten ergab es sich, daß wir uns nicht sehr viel sahen und die eigenen Arbeiten, abgesehen von den Papyri, kaum je besprachen, aber jeder von uns fühlte sich im Hause des andern besonders wohl, wozu unsere Frauen nicht wenig beitrugen. Ich muß Frau Diels einige Worte widmen, weil sie in den reichen Mitteilungen von O. Kern über Diels zu kurz gekommen ist. Es ist ganz gleichgültig, daß sie sich in die Äußerlichkeiten des Berliner Lebens niemals ganz hineinfand, sie besaß dafür eine hervorragende weibliche Klugheit und ein unbestechliches Urteil über Echt und Unecht. Als Mutter hat sie mindestens soviel wie der Vater dazu getan, daß die drei Söhne den Eltern soviel Freude und Ehre machten, und dem Urteil der Frau vertraute der Gatte so unbedingt, daß er ihr jeden wichtigen Brief zeigte, ehe er ihn abschickte. Humor hatten beide; in manchen seiner akademischen Reden kommt er prächtig heraus. Die Gemessenheit und Würde, die nun in seiner Haltung herrschte und zu dem Bonner Studenten im Gegensatz stand, war anerzogen. Er hatte sich damit gegen die bitteren Zurücksetzungen gewappnet, die er in Hamburg am Johanneum erfahren hatte. Unter ihr barg sich ein zuweilen sehr heißes Empfinden, gegen Niedrigkeit der Gesinnung ein flammender Zorn, der ebenso plötzlich hervorbrechen konnte wie eine tiefe Rührung, ἀγαϑοὶ δ᾽ ἀριδάκρυες ἄνδρες, was wir für uns Nordländer auf einen Mann abtönen mögen, der die Träne nicht immer verhalten kann. Das schloß nicht aus, daß er in eigener Sache empfindlich sein konnte und nicht leicht vergaß. Eine Behauptung zurückzunehmen, überhaupt das Umlernen ward ihm schwer. Es ist hier nicht der Ort, den Gelehrten zu charakterisieren, denn der Weg von den Doxographen zu den Aristoteleskommentaren (Simplikios) und den Vorsokratikern ist zwar gerade und leicht zu überschauen, aber es gab andere Gebiete, die ihn nicht weniger anzogen. Als ich in der Akademie kurz nach seinem Tode auf den letzten Genossen meiner Jugend sprach, würde ich die Ruhe dazu nicht gehabt haben, gesetzt, die kurz zugemessene Zeit hätte es gestattet.[282]
Da Kirchhoff und Vahlen sich der Zusammenarbeit mit uns versagten, mochten sie ihr Seminar in ihrer Weise weitertreiben; wir nannten das unsere Proseminar, und da für die Anfänger bisher nicht gesorgt war, kamen sie sofort in großer Zahl, aber nicht nur Anfänger, sondern aus allen Semestern, so daß es schwer war, allen etwas zu bieten. Natürlich führten wir gegen die alte Berliner Sitte sofort ein, daß die Mitglieder bei beiden Direktoren gleichmäßig arbeiten mußten. Für die Bibliothek und überhaupt zu unserer Unterstützung hatten wir einen Assistenten, an den sich auch die Studenten mit ihren kleinen Anfragen wenden sollten, namentlich um die richtigen Bücher zu erhalten. Der Assistent hatte auch stilistische Übungen abzuhalten, die durch die sinkenden Leistungen der Gymnasien nötig wurden, vor allem im Lateinischen. Mehrfach fiel auf, daß das Frankfurter Reformgymnasium zwar im Griechischen eher mehr als die alte Schulform erreichte, aber im Latein nur ein klägliches Wissen mitgab. Zu diesen Übungen sind oft Gymnasiallehrer herangezogen; eine Weile bewies Ewald Bruhn, als er Provinzialschulrat war, auch hier sein besonderes Lehrtalent. Der erste Assistent war R. Helm, habilitierte sich bald und nahm dann auch am wissenschaftlichen Unterrichte teil. Da er zum Glück mehrere Jahre bei uns blieb, hat er sich um das Institut höchst verdient gemacht, wofür ich ihm warme Dankbarkeit bewahre. Seine Nachfolger wurden nur zu rasch fortberufen, obgleich wir erreichten, daß die Stelle zu einem Extraordinariat werden konnte, was allein richtig und daher von neuem anzustreben ist.
Mein Göttinger Schüler G. Wentzel fühlte sich von der nicht geringen Belastung als Assistent so bedrückt, daß er sie abwarf. Er war ein so vielseitig interessierter Mensch, befähigt Vorzügliches zu leisten, daß er zuviel anfing und am Ende zu nichts kam. Seine wertvolle Dissertation zeichnet sich dadurch aus, daß ihre Teile gesonderte Seitenzahlen tragen. Er hatte nämlich den Druck, der zu bestimmtem Termine vollendet sein mußte, so vertrödelt, daß die Teile nebeneinander gesetzt und abgezogen werden mußten, was er bei der Druckerei erreichte, weil er Referent für Musik und Theater bei einer im selben Verlag erscheinenden Zeitung war. Er löste dann eine Preisaufgabe der Berliner Akademie so, daß er im Grunde ihre Unlösbarkeit nachwies. Diels hatte geglaubt, die biographische Überlieferung ließe sich so behandeln wie seine Doxographen. Sie steckt aber zum Teil in der Lexikographie, und so geriet Wentzel, durch eine Vorlesung von mir eingeführt, an diese, und ging zuerst mit Feuereifer an die große und dringende Aufgabe, die griechischen Lexikographen zu sammeln, fand auch an Fräulein Vogel für die Vergleichung der Handschriften eine hingebende Helferin, die erste Dame, welche in der[283] Vaticana Zutritt fand; ich habe sie im Vorzimmer des Klosters Grotta Ferrata bei der Arbeit besucht; zu dem Wohnen in einem Nonnenkloster des Dorfes gehörte nicht geringe Selbstverleugnung. Fertig geworden ist nichts, weil Wentzel ein Fanatiker der Akribie war. Zum Glück hat die dänische Akademie unter der Führung von Drachmann sich der Sache angenommen, und sie ist nun in sicherem Fahrwasser, so daß die Vorarbeiten doch noch einmal Verwendung finden werden. Wentzel folgte eine Weile seiner Leidenschaft für die Musik, geriet dann auf den humanistischen Spätling Simon Lemnius und damit in die Kulturgeschichte von Graubünden; vor dem versprochenen Abschluß ist er gestorben.
Wir sahen uns bald genötigt, in unserem sog. Proseminar Neuerungen einzuführen, die ich zu verantworten habe, denn Diels schloß sich gern an, da er die Erfahrungen an kleineren Universitäten nicht gemacht hatte. Das erste war die Schaffung einer Oberstufe, in die eine Prüfung hineinführte. Sie bestand aus einer Übersetzung aus dem Lateinischen und Griechischen, was zuerst als zu leicht beanstandet ward, sich aber durchaus bewährte. Die Gefahr, daß zu viele sie bestünden, war durchaus nicht vorhanden, obgleich ich wenigstens nur leichte Texte wählte. Ovidische Disticha z.B. waren den meisten etwas ganz fremdes. Die Einrichtung hat sich bewährt und an vielen Universitäten Nachfolge gefunden. Ihre rechte Bedeutung erhielt sie erst, als Vahlen nach Kirchhoffs Tode wohl oder übel sein Seminar mit unserem Institute verbinden mußte, wo er die lateinische Interpretation sich vorbehielt. Er wird immer noch mit heilsamer Wirkung die Studenten in seine Strenge der sprachlichen Interpretation des überlieferten Wortlautes eingeführt haben, aber mit Sauppe war sein Alter nicht zu vergleichen; er hatte schon lange aufgehört zuzulernen. Nun ließ sich durchführen oder doch als Prinzip aufstellen, daß in das Seminar nur solche eintreten sollten, welche in die Wissenschaft mit eigener Arbeit einzudringen befähigt und gewillt waren. Das Lateinsprechen und Schreiben hielten wir für das Seminar nach Möglichkeit fest; manche Dinge vertragen es nicht, aber es hat schon den einen großen Vorteil, daß das leere Gerede im Stile der deutschen Schulaufsätze unterbleibt. Die Oberstufe blieb beim Deutschen, soweit nicht einzelne freiwillig lateinisch schrieben, sollte aber denen genügende Ausbildung geben, welche nur dem Examen und dem praktischen Lehrberufe zustreben. Es ist nicht leicht, aber lohnend, sich als Lehrer danach einzustellen. Schließlich geriet ich auf eine Übung, die Diels zwar mitmachte, aber ohne viel Freude, weil er das nicht mochte, worauf es mir ankam; sie ist daher abgekommen. Aber mich hat die Erwartung nicht getrogen, daß die Studenten[284] besonders gern kommen würden, nicht bloß die Unterstufe, die dazu angehalten war. Ich nahm die verschiedensten Dinge vor, Geographie von Griechenland, die Landschaften Italiens, griechische Syntax im Anschluß an ein paar Seiten von Platons Euthyphron, athenische Verfassung mit Aristoteles, griechische Götter oder Heroen. Fragen stellten die Unwissenheit fest und ich gab die Erklärung, beantwortete auch Fragen, welcher Art sie auch waren. Jeder Abschweifung ging ich nach, in welche Gebiete des antiken Lebens sie auch führte, Hinweise auf gute Bücher und Aufsätze, auf eine Statue oder ein Vasenbild, die sie sich ansehen sollten, eine Inschrift oder ein bilderreiches Buch wurden gegeben, Warnungen vor Handbüchern und wertlosem Zeuge fehlten nicht. Unwissenheit ward nicht gescholten, sondern vorausgesetzt, der gute Wille zu lernen ebenso. Ich kann es nicht warm genug empfehlen.
Ein Mangel war, daß die Archäologie nicht mit vertreten war, nur weil es sich in den engen Räumen nicht machen ließ, denn Kekule war durchaus geneigt. Erst nach dem Umzug in den Westflügel des Universitätsgebäudes, als auch Löschcke kam, ist der Archäologe zu den Direktoren hinzugetreten und gehört eine Stunde bei ihm zu den obligatorischen Übungen des Proseminars. Daß die beiden Bibliotheken getrennt sind, braucht nicht zu schaden, denn sie liegen auf demselben Flur, die schöne Gipssammlung eine Treppe höher. Diese Vereinigung aller Zweige der Altertumswissenschaft räumlich und im Lehrplan darf wohl als vollkommen gelten, in gewissem Sinne vorbildlich. Mit der Geschichte ist die Verbindung lose; obligatorische Beteiligung an bestimmten Übungen wird von keiner Seite gewünscht; die Mitglieder des Institutes dürfen nicht überlastet werden; aber erwünscht wäre es, wenn die Historiker in öffentlichen Vorlesungen Übersichten der alten Geschichte geben wollten: die Studenten würden gern kommen. Jedes Mitglied des Institutes war berechtigt, den Übungen als Hörer beizuwohnen, auch wenn es nicht Mitglied von Seminar oder Proseminar war, formell mit Zustimmung des Dozenten. Bei mir war sie nicht nötig: ich habe gerade im Seminar die Anwesenheit von Hörern immer gewünscht, und sie sollten nicht nur Hörer sein, sondern die Redefreiheit war unbeschränkt und die Anwesenheit von Älteren oder Studenten benachbarter Disziplinen, z.B. der Sprachwissenschaft hat sich oft sehr förderlich erwiesen. Mir war es sehr recht, wenn ich auch einmal belehrt ward, wie ich im Kolleg besonders gern von eigenen Irrtümern erzählt habe.
Unser philologischer Betrieb war erst ganz was er sein sollte, als Norden hinzutrat, denn drei gleichstehende Direktoren sind nötig, zwei für Seminar[285] und Arbeiten (wo jeder in beiden Sprachen herankommen muß) und einer für die Oberstufe. Bei den Übungen hatte ich auch im Auge, daß die Anfänger mit uns Alten in Berührung kämen und wir mit ihnen. So war vorgesorgt, daß die Studenten nicht einseitig würden und die Professoren nicht nur Spezialschüler zögen. Erst dadurch, daß die Studenten gehalten sind, unter mehreren Lehrern zu arbeiten, entsteht ein wirkliches Seminar. Die meisten nennen sich so, sind aber Privatissima der einzelnen Dozenten; nur der Raum und die Handbibliothek sind gemeinsam, im übrigen wird einspännig gefahren. Wir waren sieben ordentliche Professoren am selben Institut. Die Philologie hat allen anderen Disziplinen das Seminar, also die Ergänzung des Lehrvortrages durch Rede und Gegenrede, vorgemacht. Die Ausgestaltung in unserm Institute verdient auch die Übertragung auf andere Disziplinen.
Der Krieg hat uns schwere Störung gebracht. Die Mitglieder unseres letzten Seminars alle und mancher der Älteren, von dem wir vieles erhofften, sind auf dem Felde der Ehre gefallen. Auch die nächsten Jahre waren schwer; aber die Ordnung ist hergestellt und es ist eine Freude, wie gut es der selbsttätige Fleiß fertig bringt, die von der Schule mitgebrachte Vorbildung zu ergänzen. Allerdings haben die Direktoren dafür neue Einrichtungen geschaffen. So wird der Wandel in den äußeren Bedingungen und die Individualität der Dozenten immer wieder umgestalten, aber hoffentlich wird wahr, was mir in Upsala ein schwedischer Kollege gesagt hat, als ich ihm den Ausbau unseres Institutes beschrieb: »damit habt ihr für die Altertumswissenschaft in der ganzen Welt gesorgt.« Tatsächlich haben wir die Freude, daß nicht selten Gelehrte anderer Völker nach Berlin kommen, um in unserem Institute und der Bibliothek bequem zu arbeiten.
Was auch immer jemand bei den Griechen und Römern suchen will, es gibt für ihn keinen anderen Weg als durch die Sprache. Und wenn er auch nur den Faltenwurf der Statuen untersuchen will, so ist die Tracht eine Erscheinungsform des Lebens, bestimmt für Menschen einer Zeit und einer Sitte, der Unterschied zwischen der bleibenden Funktion und der wechselnden Mode, die Grenzen der künstlerischen Freiheit verlangen Beachtung. Gewußt muß werden, was der Künstler gewollt und gedacht hat: wer kann das wissen, ohne die Menschen und die Zeiten zu kennen. Dazu ist zwar nicht nötig, das Werden der Sprache geschichtlich zu lernen, wie es ja nur der Indogermanist lehren kann, aber wohl die lebendigen beiden Sprachen. Dazu sollen die Seminarübungen vor allem helfen, die Interpretationen sollen zeigen, wie einer versteht, der die Sprache kann. Aber ohne eifriges unermüdliches Lesen lernt es keiner, bewahrt sich auch keiner die Fähigkeit des Verstehens. Dazu[286] aber vermag der Unterricht nicht zu zwingen: das Lesen müssen die Studenten selbst besorgen; gemeinschaftliches Lesen ist besonders fruchtbar. Leider muß ich beklagen, daß die Neigung und die Energie der Studenten nach dieser Seite am schwächsten ist, und nicht nur der Studenten. Vollends seit die Intuition als eine höhere und bequemere Methode aufgekommen ist, erlebt man die schauerlichsten Proben der anmaßlichen unwissentlichen, aber auch wissentlichen Verleugnung des sprachlichen Verständnisses, ganz zu schweigen von kaum verhüllter Abhängigkeit von Übersetzungen. Vorsokratiker versteht man nicht aus den Übersetzungen von Diels, philosophische Gedanken überhaupt nicht anders als indem man griechisch denkt, vom Rechte gilt dasselbe. Aber bei den Poeten, auch bei Thukydides, ist es kaum anders. Die Halbwisser des intuitiven Verständnisses kann man nur auf Serlos Worte verweisen: »ich habe keine schlimmere Anmaßung gefunden, als wenn jemand Ansprüche auf Geist macht, solange ihm der Buchstabe nicht deutlich und geläufig ist.«
Der Student, der das Seminar in allen Stufen durchmacht, wird an sehr verschiedenen Objekten praktisch gelernt haben, wie man zum Verständnisse der Texte gelangt, und die Weite der Philologie, wie sie sich jetzt ausgestaltet hat, muß ihm auch bewußt geworden sein, denn die archäologischen Übungen werden ihn auch zum Besuche der Gipssammlung und der Museen angetrieben, historische Vorlesungen wird er auch besucht haben. Und doch fehlt noch etwas: Zusammenfassung, Bilder von dem Ganzen, das auch in den Privatvorlesungen nur stück- und strichweise zur Erläuterung des Einzelnen herangezogen wird. Diese Ergänzung sollen öffentliche Vorlesungen liefern; sie sollen zugleich auch anderen Hörern die Ergebnisse der Einzelwissenschaft nahe bringen. Kultur- und Geistesgeschichte aus verschiedenen Epochen, nicht in Abstraktionen, sondern in möglichst konkreter Anschaulichkeit, bedeutende Erscheinungen der Literatur, auch wohl einzelne Personen oder Werke, Philosophie, religionsgeschichtliche Skizzen, Schilderung wichtiger Örtlichkeiten, Städte, Heiligtümer – der Stoff ist unendlich, und der Redner findet einen dankbaren Hörerkreis. Althoff hatte mich für diese Vorlesungen besonders berufen, und ich hatte mit ihnen in Göttingen den Anfang gemacht. Ich sah die schwere Belastung voraus und wollte mich selbst binden, auch die Verwandlung in eine Privatvorlesung unmöglich machen, zu der die Aussicht auf beträchtliche Einnahmen leicht verlocken konnte. Daher habe ich selbst darum gebeten, daß die ausdrückliche Verpflichtung in meine Berufung gesetzt ward. Nach einer längeren Reihe von Jahren bat ich, mich auf eine Stunde beschränken zu dürfen. Dann machte[287] der Krieg ein Ende, und später hatten die Studenten wohl keine Zeit mehr übrig. Es ist sehr bedauerlich, daß solche öffentlichen Vorträge ganz selten geworden sind; sie sollten aus sehr verschiedenen Gebieten gehalten werden, denn jetzt steht es so, daß sehr viele Studenten weder die Zeit noch das Geld haben, Privatvorlesungen über andere als ihre speziellen Studiengebiete zu hören, und die allgemeine wissenschaftliche Bildung leidet. Eine zusammenhängende Reihe muß es schon sein, wenn mehr als eine flüchtige Anregung gegeben werden soll, und am besten ist es, daß derselbe Lehrer, der die strenge Wissenschaft in den großen Vorlesungen und im Seminar lehrt, in solchen Bildern eine Vorstellung von dem gibt, was bei all den Sachen herauskommt: das alte Leben in allen seinen bedeutenden Erscheinungen muß lebendig werden. Gewiß ist es daneben sehr schön, wenn ein tüchtiger Mann von außen zu einer Reihe von Vorträgen herüberkommt, wie es in München auf Anregung der Studentenschaft geschieht, wo auch ich mit besonderer Freude gesprochen habe. Was jetzt mit Vorträgen, auch von Ausländern, unternommen wird, kann ich nicht beurteilen. Dem Professorenaustausch mit Amerika habe ich ablehnend gegenübergestanden. Als ich von Harvard gewünscht ward, fragte das Ministerium daher nur telephonisch in einer Form an, der ich entnahm, man rechnete auf keine Zusage. Diels mußte sich dauernd mit der Sache befassen, weil sie unter seinem Rektorat eingeführt war, selbst ging er nicht hinüber und war enttäuscht, denn wenn auch einzelne treffliche Leute kamen, war doch der Erfolg, daß die amerikanischen Studenten meinten, sie könnten zu Hause alles ebensogut lernen, und daher ihre Zahl bei uns ab nahm. Als der Professor Shorey bei uns über Platon lesen wollte, bedeuteten wir ihm, daß dafür hinreichend gesorgt wäre. Das hat ihn mächtig verschnupft, und er hat sich durch die Versicherung gerächt, ich ließe jetzt meine alten Hefte drucken und in meiner hellenistischen Dichtung stünde nichts. Er muß es ja wissen.
Die vierstündigen Vorlesungen können nicht mehr, als an einzelnen Beispielen zeigen, wie die Wissenschaft zu dem vollkommenen Verständnis des betreffenden Objektes gelangt. Das wird gewiß erzielt werden können, wenn der Professor einen kleinen Turnus von Vorlesungen mit aller Sorgfalt ausarbeitet und mit jeder Wiederholung vervollkommnet; er hat ein schönes Heft, und der Student kann auch eins bekommen. Aber wenn dann die öffentlichen Vorlesungen fehlen, bleibt es doch Stückwerk, ganze Gebiete bleiben unberührt, und der Eindruck entsteht, daß sie minder wichtig wären. Ich bin außerstande gewesen, solche schönen Vorlesungen zu halten; wenn ich es versuchte, mißlang es, nachher habe ich es auch nicht gewollt. Es gab bei[288] mir keine schönen Hefte, und wenn mir einer sagte, ich habe Ihre Homervorlesung gehört, so mußte ich lachen, denn es war immer eine neue Vorlesung oder vielmehr ein neuer Vortrag, auch wenn das Thema im Kataloge ebenso hieß. Nur wenn ich frisch mit einer neuen Aufgabe kämpfte, war mir ganz wohl dabei. Darum sehe ich in der Interpretation das Beste, was wir geben können; man kann auch einen Menschen so gut wie ein Werk interpretieren, etwa den Euripides, indem man nicht eine ganze Tragödie vornimmt, sondern den Wandel des Stiles, der Kunst, der inneren Haltung an bezeichnenden Proben vorführt. Man kann mit Heranziehung schwerer Gelehrsamkeit zeigen, wie die Wissenschaft allmählich zum Verständnis durchgedrungen ist, kann sich bemühen, ein Werk möglichst unmittelbar ohne viel Drum-und-Dran lebendig zu machen, mag dann, wie Gottfried Hermann, nur mit dem Texte bewaffnet aufs Katheder gehen. Das ist sehr wenig systematisch, und systematische Vorlesungen dürfen freilich auch nicht fehlen, vornehmlich in der Grammatik, aber selbst da kann es nicht schöner geschehen als es Wackernagels Vorlesungen über Syntax zeigen: vor ihn möchte ich mich auch heute auf die Bank setzen. Bloßen Wissensstoff zu übermitteln, dazu sind die Bücher da: die Vorlesung soll zum Denken anregen und in das Forschen einführen. Absolut verbindliche Regeln gibt es nicht, man muß nur immer seine ganze individuelle Kraft für das einsetzen, was man als Ziel vor sich hat, und immer sein Bestes geben. Als ich in Greifswald unter der Vorbereitung für eine Vorlesung fast erlahmte, ward mir von wohlmeinender und erfahrener Seite gesagt: »wozu das? das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.« Da traf ich die rechte Antwort: »das hat der Teufel gesagt, und ich werde mich den Teufel darum scheren.« Wieviel man auch von einer Vorlesung haben kann, die man nicht versteht, hatte ich bei Otto Jahn erfahren, und Goethes Spruch ist nicht falsch: »eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht verstehen.« Im Alter bin ich freilich immer mehr dazu gekommen, die schwere Gelehrsamkeit zurückzustellen und, wie mich einst Wellhausen mahnte, »nur gleich das Richtige zu sagen«. Eigene Überlegenheit durch fortgesetzte Polemik zu zeigen, wie es Lachmann im Lukrezkommentar, Madvig zu de finibus schriftlich, Haupt im Kolleg taten, ist mir immer unausstehlich gewesen.
Ich glaube, man wird zugeben müssen, daß wir uns in den Übungen unseres Institutes und den Vorlesungen bemüht haben, den Unterricht den Bedürfnissen der Studenten anzupassen und darauf Rücksicht zu nehmen, daß wir nicht nur Mitarbeiter an unserer Wissenschaft heranzubilden hatten. Was Wissenschaft ist, sollten freilich alle begreifen: erst das verleiht das[289] Ethos, das den Gymnasiallehrer macht, das ihn adelt. Ich habe in meiner Widmung an meine lieben Lehrer ausgesprochen, wie hoch ich von diesem Berufe denke. Aber auch wir Universitätslehrer wollen nicht nur διδασκαλία, sondern ψυχαγωγία treiben, und wenn wir das wollen, werden wir auch dem Seelenzustande und der Fassungskraft unserer Hörer Rechnung tragen. Will man das Pädagogik nennen (obgleich der Student kein Kind ist und seine Freiheit haben will), so treiben wir sie je nach unserer Individualität. Auf den Menschen kommt auch im Professor mehr an als auf den Gelehrten. Vorschriften allgemeinverbindlicher Art, papierne Paragraphen einer sog. Hochschulpädagogik werden für einen Professor, der sein Amt und seine Studenten lieb hat, immer Papier bleiben. Lehren ist eine Kunst, dazu muß man geboren werden, lernen läßt sich nur das Handwerk an den Meistern, die es vorgemacht haben, und nicht zum wenigsten an dem Erfolge bei den Studenten. Auch hier gilt, Probieren ist besser als Studieren, und die Erkenntnis der Dummheiten, die man zu begehen doch nie zu alt wird, hilft weiter: wenn man erst mit sich selbst zufrieden ist, sollte man schon vorher aufgehört haben.
Die Studenten der deutschen Universitäten haben mir zu meinem sechzigsten Geburtstage die Vasenbilder von Furtwängler-Reichhold geschenkt (soviel damals von ihnen vorlag) und konnten nichts schenken, was mich mehr erfreut hätte; ich habe dafür sorgen können, daß sich viele an den Herrlichkeiten erfreuten. Und trotz ihrer bitteren Not haben sie mir zum Doktorjubiläum die während des Krieges erschienenen Bände der Oxyrhynchuspapyri geschenkt, weil sie wußten, daß ich sie nicht mehr kaufen konnte. Ich habe ihnen mit Versen gedankt, die auch hier stehen müssen, weil sie aussprechen, wie wir über hundert Semester miteinander gelebt haben und wie hoffentlich auch fürderhin Professoren und Studenten leben werden.


Wo immer auch unsere Wiege stand
und wo wir auch immer geboren,
der Dienst unsrer Göttin macht uns verwandt,
Studenten und Professoren.

Der Wahrheit, der himmlischen, haben wir all
in Freiheit Treue geschworen;
sie hat sich zu ihrer Gefolgschaft stets
die mutigen Sucher erkoren.

Und ob des Professors Scheitel auch weiß
und dem Füchslein feucht noch die Ohren,
der eine weiß wenig, der andere nicht viel,
vor der Göttin sind beide Toren.
[290]
Sie thronet, den sterblichen Augen entrückt,
umtanzt von der Ewigkeit Horen,
doch den Suchenden zeigt sie im Abglanz sich gern,
durch redliche Arbeit beschworen.

Wohl zieht uns das Leben in seinen Bann,
wir frohnden und schwitzen und schmoren,
und manchmal mögen das himmlische Licht
die Nebel des Alltags umfloren.

Doch der Adel der Arbeit um Gottes Lohn
ist immer uns unverloren.
Drum bleiben wir frei und bleiben uns treu,
Studenten und Professoren.

Unser Institut erhielt die schönen und reichlichen Räume und erreichte die Verbindung mit der Archäologie und der Gipssammlung erst durch den wohlgelungenen Anbau an das Universitätsgebäude, das während des Krieges soweit vollendet ward, wie es nun steht. Die Wünsche gingen weiter. Als ich als Rektor den Minister Trott zu Solz herumführte, zeigte er volles Verständnis für das, was noch zu tun bleibt. Er begann gleich damit, daß das Helmholzdenkmal von dem Platze fort müßte, wo es im Wege steht; es schickt sich auch nicht, daß die Naturwissenschaft sich einen Herrschaftsplatz anmaßt. Auch dem stimmte der Minister sogleich zu, daß der Vordergarten im Stile des alten Palais des Prinzen Heinrich gehalten werden müßte, also keine hohen Bäume, die manche Zimmer fast unbenutzbar machen, sondern geschorene Hecken, zwischen denen sich auf Hermen die schönen Büsten verdienter Professoren erheben könnten. Ihre Aufstellung hoch an den Wänden der alten Aula ist einfach barbarisch. Schatten für die sommerlichen Zwischenstunden bietet der Hintergarten genug. Damals plante ich noch den Abschluß desselben durch eine Säulenhalle gegen die Dorotheenstraße, deren Wand die Namen unserer Gefallenen so aufnehmen sollte, daß sie lesbar wären. Das wird auf den abscheulichen vier Pfeilern, die man gedankenlos Pylonen nennt, als ob sie an einem Tore stünden oder stehen könnten, gar nicht möglich sein, und die Namen sind die Hauptsache, wie sie es auf dem athenischen Staatsfriedhofe waren. Mit den dortigen schönen Gedichten kann es aber unsere Inschrift, die wir Reinhold Seeberg verdanken, wohl aufnehmen. Statuen stellten die Athener nicht hin; wenn wir doch unsere auch nicht hätten. In Wilhelmshaven ist die Kapelle zu einem Mausoleum unserer Flotte in unvergleichlicher Schönheit umgeschaffen; da ward mir erzählt, daß alle Sonntag eine Mutter kommt,[291] um vor der Tafel, auf der ihres Sohnes Name steht, zu beten. So sollten Enkel und Urenkel mit Stolz ihren Helden auf dem Denkmale suchen können.
Auch nach der Vollendung der Seitenflügel war für viele Seminare nicht gesorgt, die über benachbarte Häuser verstreut sind. Aber vor dem Kriege konnten wir ziemlich sicher hoffen, daß das Opernhaus, äußerlich in seiner alten Schönheit hergestellt, der Universität zugewiesen würde, sobald der beschlossene Neubau am Königsplatze durchgeführt war. Das ist un möglich geworden; aber die Klagen sind berechtigt, daß die Auditorien selbst nicht mehr zureichen. Es gibt zu viele Studenten, nicht nur in Berlin, sondern überall, und man hatte doch schon früher auf die Gefahren eines gelehrten Proletariates hingewiesen. Wo der Andrang zu groß ist, pflegt man die Barrieren hoch zu machen: heute geschieht das Gegenteil. Die Räume würden schon reichen, wenn nicht immer mehr junge Leute beiderlei Geschlechtes zugelassen würden, die auf die Universität gar nicht gehören, oder sollen die Dozenten das Niveau ihrer Vorlesungen auf die Fassungskraft der ungenügend vorgebildeten Männlein und Weiblein herunterdrücken? Die Studenten sind immer ein Stand gewesen, die gebildete deutsche Jugend, aus der sich die Führer des Volkes rekrutierten. Heute will man sie degradieren. Es tat unsereinem bitter weh, wenn die Armut viele nach dem Kriege zwang, sich neben dem Studium durch ihrer Hände Arbeit den kümmerlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Jetzt wird in einer offiziellen Statistik die Abnahme der »Arbeitsstudenten« beklagt, weil sie nicht mehr in den Verkehr mit den Arbeitern kämen. Also denen sollen Studenten, die anderes zu tun haben, die Arbeit wegnehmen, damit der Staat die Arbeitsscheuen durchfüttere. Jetzt wird ein halbgebildetes Proletariat gezüchtet; aber vielleicht ist das eine gewollte Konsequenz der neuen Ziele im Schulunterricht, und diese Halbgebildeten sollen die Führer des Ochlos werden.
Die philosophische Fakultät, in die ich eintrat, war zwar größer als in Göttingen, aber es kannten sich doch alle, und die Geschäfte wurden in Eintracht sachlich und sicher geführt. Dieses ist auch so geblieben, trotz dem unheimlichen Wachsen der Zahl und dem häufigen Wechsel der Mitglieder. Es ist ein Segen, daß die Abtrennung einer naturwissenschaftlichen Fakultät abgewendet werden konnte13; so wird es wohl auch von allen empfunden, die[292] an den Geschäften Anteil nahmen. Nur der Dekan ist überlastet; offenbar muß er eine andere ständige Hilfskraft erhalten als einen Pedellen, und vielleicht könnten die nötigen Mittel beschafft werden, wenn die Bezüge der sechzehn Ältesten allmählich abgeschafft würden, wie wir es in Göttingen erreicht haben. Da ward beschlossen, daß die Neuhinzutretenden kein Anrecht mehr haben sollten, von den Jüngeren verzichteten sehr viele, so daß nur noch eine kurze Zeit die Expektanten zu vollem oder halbem Bezuge einrückten. Allerdings wird in Berlin die Anwesenheit der Ältesten in den Sitzungen gefordert, und das ist nicht bedeutungslos, denn die Fakultät hat auf den Rat ihrer Mitglieder nicht verzichtet, auch wenn ihnen ein Gewaltakt das Stimmrecht genommen hat.
Die Fakultät hatte früher die volle Verantwortung für die Haltung ihrer Privatdozenten. Das war ganz logisch, denn diese waren keine Staatsbeamten, die Fakultät hatte ihnen die Erlaubnis für bestimmte Fächer erteilt und konnte sie zurückziehen, wenn sie dazu Veranlassung gaben, und ihnen Übergriffe und Verstöße contra bonos mores verweisen. Der Staat übte nur sein allgemeines Aufsichtsrecht. Nun zwang das Abgeordnetenhaus die Regierung, die Privatdozenten unter einen Disziplinarhof zu stellen, ließ aber der Fakultät das Gericht in erster Instanz. Es war eine unerfreuliche Maßregel, eine lex in hominem. Der Privatdozent und Assistent L. Arons war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Die Fakultät war der Ansicht, daß die politische Überzeugung einem jeden freistünde, aber nicht die Agitation gegen den Staat, und da Arons agitatorisch aufgetreten war, hatte sie es ihm verwiesen. Damit war die Majorität des Abgeordnetenhauses nicht zufrieden, die Regierung folgte dem, machte das Gesetz und erhob Anklage. Die Gerichtsverhandlung vor der Fakultät fand statt. Die Anklage führte der eben aus Breslau in das Kultusministerium berufene Geheimrat Elster, die Verteidigung der Rechtsanwalt Heine. Beide bewegten sich in den gewöhnlichen Tiraden, beide machten einen unerfreulichen Eindruck, aber der Angeklagte führte in schlichter Rede aus, daß er seiner Überzeugung entsprechend Mitglied der Partei wäre, aber sich gemäß seinem Versprechen der Agitation enthalten hätte. Die Kollegen, die es übersehen konnten, bestätigten es. Also sprach ihn die Fakultät frei. Daß die Regierung an den Disziplinarhof appellierte und dieser anders entschied, war vorauszusehen. Aber die Fakultät hat sich ihres Privatdozenten nach Kräften angenommen. So ist diese Sache verlaufen. 1914 hat die Fakultät die Rehabilitierung von Arons angeregt, die Regierung stimmte zu, nur über die Form konnte man sich nicht einigen. Herr Elster ward Referent für die Universitäten,[293] hat aber 1916 ganz plötzlich ausscheiden und verschwinden müssen; ich weiß, weshalb.
Jetzt sind die Privatdozenten fast ganz der Aufsicht der Fakultät entzogen, und während die tüchtigsten, die jung sind und rasch weiterkommen, mit den Professoren, die oft ihre Lehrer gewesen sind, sich so gut vertragen wie ehedem, fehlt es nicht an Bestrebungen, sich als Stand zusammenzuschließen und auch der Fakultät gegenüber auf Sonderrechte zu pochen, was das Ministerium aus Abneigung gegen die Selbstverwaltung der Fakultät befördert. Aus den Privatdozenten soll sich die Professorenschaft rekrutieren. Wer sich habilitiert, muß erfahren, ob er das Nötige als Dozent leisten wird, er erhält keine Anwartschaft auf Beförderung, und Mitleid sollte er auf Kosten der Universität nicht finden. Eben darum sieht sich eine Fakultät vor, ehe sie die Venia erteilt, auch aus Rücksicht auf den Bewerber, denn es kommen außer der wissenschaftlichen Leistung noch andere Rücksichten in Betracht. Wo aber solche Bedenken bestehen, ist es wünschenswert, daß es zu einer förmlichen Meldung und Abweisung gar nicht kommt. Streng fernzuhalten sind alle Aspiranten, die den Titel Professor nur für ihre äußere Stellung oder andere Vorteile wünschen, ebenso jeder, den in höherem Alter die Lust anwandelt, seine Weisheit an der Universität zu predigen. Privatdozent soll nur sein, wer Professor werden will. Natürlich kommt es vor, daß ein Privatdozent länger auf einen Ruf warten muß, als er verdient. In solchen Fällen ist ihm früher auf Anregung oder doch mit Zustimmung der Fakultät der Titel Professor verliehen14. Titel sind jetzt von der Reichsverfassung verboten, es soll nur noch Amtsbezeichnungen geben. Gleichwohl ist eine neue Kategorie von Beamten geschaffen, die in ihrem Namen »nichtbeamtete außerordentliche Professoren« die Verletzung der Verfassung zur Schau trägt. Nach diesen Grundsätzen sind die Fakultäten, denen ich angehört habe, im Prinzip verfahren, und Abweichungen haben keine guten Folgen gehabt. Die Habilitation ist nun in Berlin so vorsorglich geordnet, so viele Professoren übernehmen die Verantwortung, daß die Entscheidung so sachkundig und gerecht ausfallen muß, wie nur menschenmöglich ist. Genau so ist es bei den Berufungen, einerlei was aus den salons des refusés verbreitet wird. In meiner langen Praxis ist es mir einmal begegnet, daß ein wegberufener Professor aus persönlichen Motiven die Wahl des weitaus besten Nachfolgers[294] verhindern wollte; er kam aber bei der Kommission übel an. Fehlgriffe sind natürlich nicht ganz zu vermeiden; ich habe oben einen Fall erwähnt, wo die Regierung von den Vorschlägen mit vollem Rechte abwich. Übrigens haben die Professoren ja eine sichere Waffe gegen das Oktroyieren: sie brauchen sich nicht oktroyieren zu lassen.
Immer mehr nehmen die Privatdozenten Assistentenstellungen ein, was ihre Freiheit etwas beschränkt, aber für ihre spätere selbständige Leitung trefflich vorbereitet; es erleichtert ihnen auch ihre materielle Lage. Privatdozentenstipendien sind gleich nach 1871 geschaffen, sollten aber nur auf Antrag oder doch mit Zustimmung der Fakultät verliehen werden. Die Bedenken, welche die Erteilung von besonderen Lehraufträgen erregt, scheint die Fakultät zu unterschätzen. Man gönnt den Privatdozenten jede Einnahme, aber wenn ein Anfänger auf ein enges Spezialgebiet festgelegt wird, so züchtet man Spezialisten, und was für den Unterricht notwendig ist, dafür müssen Professoren sorgen. Wird es vollends in das Belieben des Ministers gestellt, irgendwem einen Lehrauftrag zu erteilen, der dem Lehrkörper gar nicht angehört, so wird die ganze Universitätsordnung untergraben. Ein konkreter Fall wird es beleuchten. Die Fakultät versagt einem Bewerber die venia legendi: darauf erteilt ihm der Minister den Lehrauftrag für dasselbe, durch mehrere Professoren und Privatdozenten vertretene Gebiet genau in den Formen der Bestallung eines ordentlichen Professors. Ein Fußtritt gegen die Selbstverwaltung, aber unter der Herrschaft der belua centiceps, des souveränen Parlamentes, gibt es kein Rechtsmittel gegen die Willkür des Parteiministers.
Die Hauptarbeit der Fakultät besteht in den Doktorprüfungen. In Berlin ist das Prinzip der Prüfung vor der ganzen Fakultät beibehalten. Als ich das Examen machte, traten noch einige Professoren heran und hörten etwas zu. Jetzt ist durch die Masse der Examina ein Zustand eingetreten, den alle beklagen, aber niemand zu ändern weiß. Störend war schon immer für die Kandidaten, daß viele Prüfungen gleichzeitig im selben Zimmer stattfanden, zumal wenn unbeschäftigte Dozenten ab und zugingen. Daß einer ein wenig zuhört, ist eine seltene Ausnahme, und nicht wenige Prüfungen werden von dem Professor in seinem Zimmer unter vier Augen abgehalten. Wenn nachher im Plenum die Abstimmung erfolgt, wird zwar sorgfältig auf Gleichartigkeit der Prädikate gehalten, aber doch nur auf Grund der Protokolle und der Erläuterung durch denselben, der für sein Fach das Prädikat bestimmt hat. Unvermeidlich ist, daß die Skala der Prädikate bei den verschiedenen Professoren verschieden ist, was für die Bewertung der Dissertation ebenso[295] gilt15. Nicht selten fällt ein Kandidat durch, darf aber gleich im nächsten Semester wiederkommen, wo er dann nach einigem unwissenschaftlichen Einpauken den zu Mitleid geneigten Examinatoren zu genügen pflegt. In Göttingen bestimmte der Ausschuß die Zahl der Semester, nach denen die Wiederholung erst gestattet war, was praktisch der definitiven Abweisung gleich kommen konnte. Wie hastig es gehen muß, wenn 40 Prüfungen abgemacht werden müssen, kann sich jeder sagen. Jede Würde und Feierlichkeit ist verschwunden.
Der philosophische Doktor hat aber auch überhaupt durch die Masse, die ihn begehrt und erreicht, seinen Wert verloren. Für Chemiker, künftige Journalisten und alle, die in das praktische Wirtschaftsleben eintreten wollen, wird der Doktorgrad nicht weniger als für die Ärzte gefordert; dagegen ist es immer seltener geworden, daß ihn die Kandidaten des höheren Schulamtes begehren, was vor 50 Jahren die fast ausnahmslose Regel war. Es kommen also sehr viele Kandidaten, denen an wissenschaftlicher Bildung gar nichts liegt, auch nicht an dem Prädikate, denn das kommt nur auf das Diplom. Sie möchten es möglichst leicht haben, und es ist schwer, das Niveau der Dissertation und des Examens auf der Höhe zu halten. In den ersten Jahren nach dem Kriege haben manche Fakultäten eine geradezu sträfliche Nachsicht gezeigt; bei uns ist nur den Kriegsteilnehmern die Rücksicht zuteil geworden, auf die sie Anspruch hatten. Es kommt hinzu, daß der Doktorgrad immer mehr auch von anderen wirklichen oder sogenannten Hochschulen verliehen wird und die Unterschiede in der Praxis verschwinden. Das ist eine Ungerechtigkeit gegen alle, welche sich in der alten strengen Weise den echten doctor philosophiae verdienen. In manchen germanischen Ländern verleiht auch heute noch der Doktortitel die venia legendi. Ich kenne aus Kopenhagen die Feierlichkeit der keineswegs ornamentalen Disputation und die Bedeutung, die ihr ganz allgemein beigelegt wird. Das läßt sich bei uns nicht nachahmen, aber wohl sollten sich durch einen Titel aus der Masse diejenigen herausheben, die aus wissenschaftlichem Streben einen Abschluß der Studien durch eine wissenschaftliche Arbeit und eine Prüfung vor ihren Lehrern wünschen. Die Anforderungen in den meisten Fächern brauchen gar nicht erhöht zu werden, und was durch diese Dissertationen für die Wissenschaft[296] positiv geleistet ist, wird jeder Forscher auf seinem Gebiete dankbar anerkennen. Aber ein unterscheidender Titel für diese docti doctores findet sich schwer, denn Magister war vom Mittelalter her immer weniger als Doktor. Sonst paßte er gut, denn der Student in unserem Seminar ist kein Schüler mehr, sondern unser Geselle, der in der Dissertation sein Meisterstück macht. Mit der Zunft und dem ehrlichen Handwerk werden wir uns gern vergleichen lassen.
Überblickt man die Entwickelung der Hochschulen, wie sie sich auch abgesehen von den einzelnen Willkürakten in den letzten sechzig Jahren vollzogen hat, so fragt man sich nicht nur, ob die deutsche Universität die in das Mittelalter zurückweisenden Formen behalten kann, in denen sie seit 1810 ihren Ruhm begründet und erhalten hat. Die medizinische Fakultät ist bereits eine Hochschule für sich, nur lose mit den anderen verbunden, und es scheint ihr gut zu bekommen. Wenn die Ausbildung der Juristen nur noch für den praktischen Beruf ohne Einführung in die Wissenschaft des Rechtes und seiner Geschichte zugeschnitten wird, und dazu ist der Weg beschritten, so gehört sie nicht an die Universität; so wird es ja in anderen Ländern gehalten. Wenn die Kirchen ganz vom Staate gelöst werden, so ist es wohl denkbar, daß sie die Ausbildung ihrer Diener in die eigene Hand nehmen wollen. So bedauerlich das alles wäre, es würden nur die Fakultäten fortfallen, denn die wissenschaftlichen Disziplinen gehören ganz in die philosophische Fakultät; das Alte und das Neue Testament hatte ihr der Freiherr von Münchhausen bei der Gründung der Universität Göttingen schon zugewiesen. Es lohnt sich nachzulesen, wie sich Schleiermacher vor der Gründung der Berliner Universität geäußert hat; er wollte die alten Formen beibehalten, aber der Geist, der Schule, Universität und Akademie beleben sollte, war ein neuer Geist: den zu erhalten ist das Eine, an dem alles hängt; die Formen sind gewiß nicht ohne Bedeutung, aber sie können wechseln.
Heißt es zu schwarz sehen, wenn uns die Furcht ankommt, die Universitäten könnten auf einen ähnlichen Zustand herabsinken, wie er vor 1810 nur zu oft gewesen ist, so daß sie nur den nötigsten Wissensstoff übermittelten und an ein politisches Credo gebunden würden, schlimmer als einst an ein kirchliches. Die Gründung von 1810 geschah in platonisch-aristotelischem Geiste: droht uns nicht die Geistlosigkeit der spätantiken Rhetorik, neben der nur das im Grunde tote Wissen der sieben freien Künste stand, das den Geist verliert, auch wenn Spezialisten im Einzelnen noch so große praktische Erfolge haben. Es ist geradezu spaßhaft, wenn dieselben Leute über das angebliche[297] Versinken der Wissenschaft in Spezialistentum zetern, und dabei die Schaffung von neuen Spezialdisziplinen, z.B. Geschichte der Sozialdemokratie, betreiben. Die Vermehrung der Professuren namentlich in der philosophischen Fakultät, die gleich mit dem Pairschub von Extraordinarien und der Einführung des »Fallbeils der Emeritierung« einsetzte, ist ein unheimliches Symptom. Man muß um die Wissenschaft wirklich Bescheid wissen, muß selbst kein Spezialist sein, um auch einem solchen gerecht zu werden. Es geschieht denen, welche sich auf ein Spezialgebiet beschränken, schweres Unrecht, wenn sie darum alle Scheuklappen tragen sollen. Die Wissenschaft kann ja die Spezialisten gar nicht entbehren, gebraucht deren vielmehr immer mehr. Wie eng sind nicht manche Aufgaben, für die ein neues Forschungsinstitut der Kaiser-Wilhelm-Institute gegründet wird. Wer seine Kraft auf den einen Punkt konzentriert und eben dadurch die Wissenschaft fördert, weil es nur so geschehen kann, verdient sich für dieses Opfer den wärmsten Dank. Den Blick auf das Ganze wird er nicht verlieren, wenn ihm dafür auf der Universität die Augen geöffnet sind. Damit ist gesagt, daß der Universitätslehrer seinen Unterricht auf das Ganze richten muß, auch wenn er das Forschen immer nur am Einzelobjekte lehren kann. Entbehren kann freilich auch die Universität die Spezialisten nicht; aber sie sind an ihr Extraordinarien und sollten es bleiben. Doch ich will mich nicht in Zukunftspläne verlieren, an deren Durchführung ich selbst nicht glaube.
Nur noch eine bange Frage, die sich bei der Beratung über Berufungen einstellt. Erzeugt unser Volk wirklich so viele Talente, wie für die Besetzung der Lehrstühle an unseren Universitäten erforderlich sind? Daran hat man nicht gedacht, als man drei neue Universitäten schuf. Es ist ein abschüssiger Weg, wenn die Zahl der Studenten immer vermehrt wird, die der Professoren auch. Wenn die Qualität sinkt, wohin soll es führen? Gebe Gott, daß ich ein Schwarzseher bin.

In die Akademie, deren Korrespondent ich seit einigen Jahren war, bin ich nicht sofort, aber früh genug gewählt, um gleich bei meinem Eintritt noch einen Vortrag in dem alten Sitzungszimmer zu halten. Da war es schlicht und heimlich, und man fühlte sich im Geiste mit den großen Männern verbunden, die einst hier gesprochen hatten. Die neuen anspruchsvollen Räume werden solche Gefühle schwerlich wecken, stimmen vielmehr zu den grellen Umschlägen und dem verschwenderischen Satze der jetzigen Akademieschriften, denen ich die alte vornehme Schlichtheit vorziehe. Aber allerdings, die Räume waren zu klein geworden und der Satzspiegel reichte für[298] manche Mitteilungen nicht. Ein Neubau war beschlossen, und es folgte eine Zwischenzeit, während der die Akademie recht unbequem in einem Hause dicht hinter der Potsdamer Brücke unterkam16. Einst nannte man den ganzen Häuserblock zwischen den Linden und der Dorotheenstraße nach der Akademie; über der Tür zeigte eine kostbare Uhr den Berlinern maßgebend die Zeit, über dem Dache nach der Dorotheenstraße zu bestand noch das Türmchen einer Sternwarte, die der Akademie seit alters gehörte, einst ihr Hauptbesitz, denn da wurden die Kalender für Preußen gemacht, und die Einnahme aus ihnen fiel der Akademie zu. Jetzt ward alles anders. Die Königliche Bibliothek nahm den größten Teil des Bauplatzes ein, und es gelang und gelingt ihr, die Akademie als einen geduldeten Einlieger zu behandeln. Ich wünsche, daß der Tag kommt, wo sie ihn ausweist, und dieser Tag ist vielleicht nicht fern. Es ist erreicht, daß die Uhr irgendwo liegt und verrostet. Eine Inschrift, die genau für die Breite der Front abgepaßt war und beide Institute nannte (ich hatte sie entworfen), ist unberücksichtigt geblieben. Die Treppe zu unserm Festsaale geht in einem der Bibliothek gehörigen Flügel steil in die Höhe, ganz unfestlich und unwürdig; ein Aufzug für die Besucher ist nicht vorhanden. Es dürfte jetzt kaum noch bestritten werden, daß der Bau auch für die Bibliothek unpraktisch angelegt ist und in absehbarer Zeit nicht mehr reicht. Althoff war sehr unwillig, daß sie an diesem Platze in die Höhe zu bauen beschlossen ward, als er gerade auf Urlaub war. Denn sie konnte neben dem Bahnhofe Zoologischer Garten auf einem weiten fiskalischen Gelände in die Weite ganz unbegrenzt errichtet werden, was beliebige Erweiterung für die Zukunft gestattete und den Betrieb stark erleichterte. Wer zuckt heute nicht darüber die Achseln, daß sie zu fern von der Universität gelegen haben würde: neben der mußte nur die Universitätsbibliothek bleiben; nun sind beide im selben Hause. Die Akademie hat manche so dunkele Zimmer bekommen, daß sie zu Arbeitsräumen nicht taugen, die Akustik in den Sitzungssälen war so schlecht, daß sofort Änderungen getroffen werden mußten, die Malereien tut man gut, nicht anzusehen, und so weiter. Der Erbauer hat denselben Kunstverstand bewiesen, wie in der finsteren Basilika des Kaiser-Friedrich-Museums, und man fragt sich, wie dieser Herr von Ihne zu diesen Aufträgen daneben auch, wie er zu seinem Adel kommen konnte. Leider wird man zugestehen müssen, daß die Sekretare für die Akademie nicht genügend eingetreten sind. Auwers, der den Ton angab, war vermutlich der ganzen Veränderung gram und mochte sich nicht mit ihr abgeben. Er hielt überhaupt[299] die bestehende Ordnung für unverbesserlich; als ich anzufragen wagte, ob es sich nicht abstellen ließe, daß der Zufall denselben Redner immer wieder den Klassensitzungen zuwiese, erhielt ich nach 14 Tagen den Bescheid, das wäre unmöglich. Man hätte doch nur jedesmal ein paar Namen zu vertauschen gehabt. Eine meiner ersten Erfahrungen in der Akademie ließ befürchten, daß zwischen den Klassen ein Gegensatz bestünde, was sich zum Glück nicht bewahrheitete, denn die Harmonie ist ebenso vollkommen wie in der Fakultät. Aber damals wirbelte es etwas Staub auf, daß für Virchow zum 80. Geburtstag eine Medaille geschlagen werden mußte, weil Mommsen bei derselben Gelegenheit eine bekommen hatte. Er war lange Sekretar gewesen, hatte das Riesenwerk der lateinischen Inschriftsammlung und das kaum geringere der Auctores antiquissimi ganz oder fast ganz zu Ende geführt, Virchow dagegen war nicht lange Akademiker und hatte nur wenige Beiträge geliefert, darunter einen, von dem eine lustige Geschichte folgen soll. Die beiden Medaillen sind so ausgefallen, daß mit Recht keine dritte geschlagen ist. In den Sitzungsberichten 1892, S. 687–96 wird ein Schädel abgebildet und breit behandelt; dabei wird zwar zugegeben, daß die Anatomie nicht beweisen kann, daß es der Schädel des Sophokles wäre, aber sie könnte auch das Gegenteil nicht beweisen, und die Neigung dafür ist unverkennbar. Damit stand es so. Als ich 1890 in Athen war, sagte man mir, ich müßte mich vor dem Königl. Oberinspektor Münter in Tatoi hüten, das wäre zwar ein höchst vortrefflicher, liebenswürdiger Herr, aber er hätte einen Schädel aus einem Grabe, das ungefähr in der Gegend lag, wo Sophokles begraben war, und er suchte nun einen Eideshelfer für seinen Glauben, den Schädel des Sophokles zu besitzen, wie Immermanns Hofschulze für das Schwert Caroli Magni. Münter habe ich nicht gesehen; der Glaube des braven Mannes mochte ihm nicht gestört werden, aber erfreulich war es gewiß nicht, daß er in unseren Akademieschriften ernsthaft behandelt ward.
Das Jubiläum der Akademie mit seinen endlosen Gratulationsreden machte mir keinen großen Eindruck, auch nicht der Festakt im weißen Saale mit seiner seltsamen Aufmachung, aber würdig und ohne jede höfische Phrase sprach Koser über unsern zweiten Stifter, Friedrich den Großen. Und ein Gewinn war die Schaffung neuer Stellen für ordentliche Mitglieder und Harnacks monumentale Geschichte der Akademie. Am Leibnitztage 1901 hielt sie ihre letzte Sitzung in den alten Räumen, von der der Maler Pape mit erheblicher künstlerischer Freiheit ein Bild gefertigt hat. In dieser Sitzung habe ich meine Antrittsworte gesprochen, die auch hier Platz finden müssen.[300]
»Die Sitte der Akademie zwingt mich, an dem ersten Leibniz-Tage, den ich in ihrer Mitte verlebe, von mir selbst zu reden. Da kann ich nicht umhin, des Tages zu gedenken, der mir zuerst von ihrer Existenz Kunde brachte. Das liegt vierzig Jahre und mehr zurück. Der Knabe, aufgewachsen in ländlicher Abgeschiedenheit, in die kaum je ein Hauch von gelehrtem Wesen drang, war einmal in die Hauptstadt mitgenommen und schritt staunend die Linden entlang. Plötzlich blieb sein Begleiter stehen und stellte seine Uhr. Dabei wies er auf die Uhr über unserer Tür und erklärte, diese ginge allein immer richtig, weil sie die gelehrten Leute beaufsichtigten, die allein die wahre Zeit kennten, die Herren von der Akademie. Und da mir das vielleicht ungenügend imponierte, fügte er hinzu: ›unser guter König ist, ehe er so krank ward, oft in dies Haus gegangen, um die gelehrten Leute zu hören.‹ Das war ein unanfechtbares Zeugnis für ihre Würde; aber ein Verlangen, sie zu hören oder gar selbst einer von ihnen zu werden, erweckte es in dem Knaben nicht. Derselbe Gang hatte das neue Museum, wie man damals noch zu sagen berechtigt war, zum Ziele, leider vornehmlich die Gemälde des vielbewunderten Treppenhauses; indessen standen da doch die Dioskuren von Monte Cavallo und in prächtigen Sälen daneben ein Wald von Statuen, Göttern und Helden, nimmer geschaut und doch wohlvertraut dem Knaben. Was er hier erfuhr, das war die Epiphanie lichter Gewalten, denen er sich untertan und zugetan fühlte. So fühlt er sich noch heute. Wie ihn auch das Leben geführt hat, durch Jahre des Lernens und Wanderns in das Lehramt und schließlich in diese Akademie: daran hat sich nichts geändert, daß ihm die Liebe zu der Offenbarung der göttlichen Schönheit im Hellenentume Herz und Sinn beherrscht, Denken und Handeln bestimmt.
Der Knabe darf staunen und anbeten; er sieht Einzelnes, Fertiges. Der Mann will verstehen, er muß das Gewordene aus dem Werden begreifen, ihm stellt sich alles in geschichtlicher Bedingtheit dar. Das Leben ist Eines, und das abgerundetste Kunstwerk, auch die mächtigste Einzelpersönlichkeit, wird wissenschaftlich erst begriffen, wenn sie aus dem Ganzen des Lebens heraus erfaßt wird, in dem sie stand. Darum kann die Wissenschaft vom Hellenentume ihre Grenzen nicht enger ziehen, als sie dem hellenischen Leben gezogen sind. Es ist noch nicht hundert Jahre her, daß diese Wissenschaft in ihrem Leben begriffen ward. Fr. A. Wolf stellte die Forderung auf; A. Boeckh und Fr. G. Welcker begannen den Rahmen, den er leer gelassen hatte, zu füllen. Eine wunderbare Regsamkeit folgte, und mit jedem neuen großen Erfolge hat sich der Rahmen selbst nur erweitert. Es kam auch eine Zeit,[301] wo Gefahr vorhanden war, daß die Einheit verlorenginge, Archäologie, Geschichte, Sprachwissenschaft und viele andere Disziplinen sich abzulösen drohten und Philologie zur Textkritik zusammenzuschrumpfen begann, die also daran das Leben hätte, daß Abschreiber und Philologen die Texte verdorben hätten. Damals erscholl das Lob der philologischen Methode, meist als Selbstlob; hurtig wie nie drehte sich die Mühle der Produktion; es schien aber oft mehr auf das Mahlen anzukommen als auf das Mehl. Diese Zeit ist überwunden, wenigstens in der Wissenschaft; die schädlichen Folgen für das Ansehen der Philologie wirken freilich noch mit bedauerlicher Stärke nach. Allein die Einheit und Unteilbarkeit der Wissenschaft vom antiken Leben ist kaum noch bestritten, und Gefahr liegt heute eher darin, daß über dem Blick ins Weite die notwendige konkrete Einzelforschung zu kurz komme, wo denn die rechte Erbin des reizvollen Spieles der Konjektur und der orthodoxen Archetypus-Diplomatik, die echte Exegese, die Kunst des individuellen Verstehens allein Heil und Rettung bringen kann, eine Kunst, die nimmer und nirgend entbehrlich ist.
Mein Sinn ist immer auf die ganze Wissenschaft vom Hellenentum gerichtet gewesen. Was ich in mündlichen Vorträgen und vollends in der schriftlichen Produktion angegriffen habe, das ist mir fast immer durch äußere Anlässe nahegebracht worden; es hätte ebensogut etwas ganz anderes sein können. Ich weiß am besten, daß ich viel weniger Mangelhaftes hätte produzieren können, wenn ich mich hätte spezialisieren oder doch konzentrieren wollen. Aber ich glaube, ich würde das nicht gekonnt haben, gesetzt, ich hätte es gewollt. Ich wollte es nicht, denn ich empfand meine Wissenschaft immer als dieselbe Einheit, der zustatten käme, was gerade unter meinen Händen war. Daß ich es nicht konnte, lag wohl in meiner Art, und so muß ich es mir gefallen lassen, wenn subjektiv scheint, was ich als objektiv berechtigt übe. Wie dem nun sei: ich kann nicht bestreiten, daß jemand, der also arbeitet, für sich der organisierten akademischen Arbeit kaum bedarf. In der Tat werde ich schwerlich je für mich die Akademie mobil zu machen suchen. Gleichwohl hoffe ich, nicht untätig in ihren Reihen zu stehen, wie ich denn mit besonderer Freude unter Herrn Harnack mit an dem großen Werke Hand angelegt habe, das er zu Nutzen der Wissenschaft und zu Ehren der Akademie, so Gott will, zu Ende führen wird. Denn ich habe allerdings die Überzeugung, daß nur die Organisation wissenschaftlicher Arbeit in der Akademie und weiterhin in der Verbindung der Akademien diesen Körperschaften das Existenzrecht verleiht. Und ich kenne einiges von solcher Tätigkeit, da ich der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften[302] in kritischer Zeit einige Jahre angehört und zum Teil vorgestanden habe. In welchem Sinne ich dort tätig gewesen bin, hier tätig zu sein den guten Willen habe, das läßt sich mit einem Namen sagen, und ich werde es darum nicht unausgesprochen lassen, weil ich zugleich Gott dafür danken muß, daß ich es vor den leiblichen Ohren dessen tun kann, der durch die Tat bewiesen hat, welche Wege zum Ziele führen: im Sinne Theodor Mommsens fasse ich die Aufgabe der Akademie und des Akademikers.«
Wie ich es sagte, bin ich mit eigenen Unternehmungen an die Akademie nicht herangetreten, denn nur weil Diels gerade verreist war, habe ich die Sammlung der griechischen Ärzte beantragt; der Gedanke gehörte ihm und ist ihm bewilligt, weil seine Tatkraft die Sammlung der Aristoteles-Kommentare zur Vollendung gebracht hatte. Der Kommission habe ich unter ihm immer angehört und unsern gemeinsamen Freund Heiberg bestimmt, den durch Diels' Tod verwaisten ersten Band der Hippokrates-Ausgabe zu übernehmen; das sollte Heibergs letzte Arbeit werden. Sonst habe ich nicht eingegriffen, aber schon in Greifswald und so weiterhin nicht nur selbst den Hippokrates gern gelesen, sondern auch in Fredrich und namentlich in Wellmann der Medizin erfolgreiche Bearbeiter geworben. Die Kommission für die Ausgabe der Kirchenväter hatte nicht nur mit der Auswahl der Bearbeiter zu tun, sondern auch den Druck mehrerer Bände zu überwachen. Das war mir bei Clemens Alexandrinus, den ich besonders wertschätze, eine Freude; bei den Sibyllinen kostete es starke Überwindung. Die Beschränkung auf die vornicänischen Väter war praktisch berechtigt, schloß aber gerade die größten christlichen Schriftsteller des 4. Jahrhunderts aus. Daher bestimmte ich die Summe Geldes, die mir zum 60. Geburtstag geschenkt war, für Gregor von Nyssa, und mein Kollege und Freund Norden übernahm die Leitung. Es waren so viele Forschungen in den Bibliotheken und damals noch teure Photographien nötig, daß das Geld nur für den Druck von ganz wenigen Bänden gereicht hat. Zu meiner besonderen Freude ist einer von einem italienischen Gelehrten bearbeitet, denn die Spende kam auch aus dem Auslande. Schon vorher hatte ich der Krakauer Akademie durch einen Schüler die Anregung zur Herausgabe des Gregor von Nazianz gegeben; die Vollendung scheint gesichert, aber erleben werde ich sie nicht.
Einem Plane Mommsens mußte ich entgegentreten, auch wenn sich alle anderen, zum Teil wider ihre bessere Einsicht, seiner Autorität beugten. Der Beschluß ward gefaßt, als mich Kaibels Tod nach Göttingen gerufen hatte, so daß ich nicht gleich abraten konnte; die Ausführung ward in[303] die Hand der Kirchenväterkommission gelegt. Was Mommsen wünschte, war die Fortsetzung der Prosopographia imperii Romani auf die ersten byzantinischen Jahrhunderte, und er dachte an die Staatsbeamten. Da die Würdenträger der Kirche nicht fehlen durften, verband er sich mit Harnack. Aber in der Kirche war die überhaupt schwierige Abgrenzung der notablen Männer undurchführbar, schon um der Mönche willen; so wird mit vielen hundert Johannes zu rechnen sein. Das Unternehmen war auch verfrüht, denn ein großer Teil des Materiales war unveröffentlicht; die großartige Forschung von Eduard Schwartz hat seither eine Menge unbekannter Tatsachen und Männer ans Licht gezogen. So ist der ganze Plan denn auch gescheitert. Gerade der Teil, auf den es Mommsen ankam, ist ganz aufgegeben. Die Christen übernahm Jülicher, und die Bearbeitung durch einen so hervorragenden Gelehrten hat schon sehr schöne Einzelergebnisse gezeitigt, ohne Frage wird es deren mehr geben, und die Vorarbeiten behalten hohen Wert, auch wenn es zum Druck des Ganzen, d.h. dieses christlichen Teiles, nicht kommen sollte. Es war eine täuschende Ausrede, daß die Fonds der Akademie nicht belastet würden, weil die Kosten von der Wentzel-Heckmann-Stiftung getragen würden, die doch auch der Akademie unterstand; jetzt ist deren Vermögen durch die Inflation fast verloren. Wieviel würde heute erreicht sein, wenn die auf ein uferloses Unternehmen verwandten Summen den Kirchenvätern zugute gekommen wären.
Es liegt Größe, aber es liegt auch Tragik darin, daß Mommsen die Zukunft auf Pläne festlegen wollte, bei denen er die Leistungsfähigkeit nicht nur der erreichbaren Geldmittel, sondern auch der verfügbaren Menschen überschätzte. Für seine Ausgabe des Codex Theodosianus konnte die Akademie noch die unverhältnismäßigen Kosten aufbringen, aber die Sammlung der griechischen Münzen, wie er sie plante, war schlechthin undurchführbar, wäre es gewesen, auch wenn London und Paris sich nicht (mit Recht, wie mir scheint) ablehnend verhalten hätten, wovon er sich noch selbst in Paris überzeugen mußte. Vergebens hat er noch eine ihm zur Verfügung gestellte Summe diesem Unternehmen zugewiesen. Die Akademie würde gezwungen gewesen sein, sich auf einige Bände zu beschränken, auch wenn der Zusammenbruch Deutschlands nicht erfolgt wäre. Zum Glück ist durch eine hochherzige Stiftung Imhoof-Blumers eine Stelle für einen Hilfsarbeiter der Akademie geschaffen, der die Numismatik dauernd unabhängig von den Münzsammlungen treiben kann.
Die griechischen Inschriften leitete bis in den Juli 1902 A. Kirchhoff; da übergab er sie mir in der Form, daß er einen Kasten ausschüttete, in dem[304] das ihm für die Sammlung zugewiesene Geld lag, das ich sofort bei der Seehandlung hinterlegte. Schon an Kaibels Band hatte ich mitgearbeitet, und im Anfang der 90er Jahre hatte Mommsen auf meine Anregung in der Kommission, der er zum Glück angehörte, durchgesetzt, daß die Akademie die Inschriften der griechischen Inseln zu sammeln unternahm, und drei Hefte waren bereits erschienen. Den Anstoß hatten die aus eigener Initiative und mit eigenen Mitteln unternommenen Ausgrabungen von Fr. Hiller von Gaertringen, meinem Begleiter auf der Reise des Jahrs 1890, gegeben. Er hatte schon damals seine wissenschaftlichen Pläne mit mir besprochen, dann das Theater von Magnesia ausgegraben, was zunächst dem Museum zugute kam17, dann Rhodos für die Inschriften abgesucht, in Thera seine umfassende Ausgrabung ins Werk gesetzt, die allgemeines Aufsehen erregte. So waren wir beide längst Mitarbeiter der Akademie. Auch daß die lesbischen Inschriften durch W. Paton gesammelt wurden, hatte ich allein vermittelt; daß ich hier die Bogen nicht las, lag an einem Verbote Kirchhoffs, angeblich weil es den Druck aufhalten würde, jetzt, wo ich in Berlin war; in Göttingen hatte es das nicht getan. In Wahrheit war Kirchhoff nun auch wissenschaftlich ganz erstarrt, wie er es für den Unterricht schon länger war. Die Abklatsche hatte er nie aufgehoben, die von Lolling gesandten Inschriften schon in den 80er Jahren ohne jedes Wort der Erläuterung abgedruckt, die schönsten Mitteilungen von A. Wilhelm ungenutzt liegen lassen; manche seiner Briefe lagen uneröffnet in den ungeordneten Papieren. Es mußte also energisch durchgegriffen werden. Statt einer Anzahl verschiedener Corpora mußte alles in eine Sammlung zusammengezogen und die Grenzen, die für sie gelten sollten, bestimmt werden. Ein Vertrag mit einem ungeeigneten Bearbeiter für ein Teilgebiet mußte gelöst werden. In Betreff der delphischen Inschriften, die, ohne an die französischen Pläne zu denken, an H. Pomtow gegeben waren, war (wieder durch Mommsens Vermittlung) abgemacht, daß er nur die vor jenen Ausgrabungen bekannten Steine bearbeiten und diese Bearbeitung dann den Franzosen übergeben sollte. Das war sehr hart für ihn, denn seine Beziehungen zu den französischen Gelehrten waren nicht ohne seine Schuld äußerst gespannt. Aber ich konnte ihm nicht helfen; seine Polemik war auch[305] mit meinem Wunsche unvereinbar, der auf freundschaftliche Zusammenarbeit gerichtet war. Von jener Seite ist sein rastloser Eifer dann mit noch größerer Feindseligkeit angegriffen worden; seine Kontrolle war der französischen Ausgrabung unwillkommen, aber die Wissenschaft hat allen Grund, ihm dankbar zu sein. Über die delischen Inschriften wird später gehandelt. Der unvermeidliche Übergang zur Minuskel ward nur gegen starkes Widerstreben der Spezialisten durchgesetzt, ist aber heute anerkannt; die für die Papyri geschnittenen neuen Typen kamen den Inschriften sehr zugute. Ein falscher Schritt der früheren Kommission ist erst später nicht ohne Opfer zurückgetan. Trotz dem einsichtigen Urteil Ulrich Köhlers, der einen Neudruck seines Teiles der attischen Inschriften verlangte, hatte man ihn gezwungen, nach der mindestens hier nicht maßgebenden Praxis der lateinischen Inschriften einen Ergänzungsband zu machen. Das zwang schließlich doch zu dem, was Köhler verlangt hatte, und zum Glück fand sich in Professor J. Kirchner ein unermüdlicher Bearbeiter. Das für die Zukunft Allerwichtigste war, daß ich dank dem persönlichen Wohlwollen, das ich bei dem Minister v. Studt immer gefunden habe, durch eine Audienz bei dem Finanzminister v. Rheinbaben die Schaffung einer Stelle für einen wissenschaftlichen Hilfsarbeiter durchsetzte. In ihr trat Hiller endlich auch äußerlich in das Verhältnis zur Akademie, das seit langen Jahren tatsächlich bestanden hatte. Da ich in den Rechenschaftsberichten des Friedrichtages 1914 und 1928 über die Unternehmung berichtet, auch von ihrer Entstehung gehandelt und einige Gedanken über die Aufgaben der Zukunft ausgesprochen habe, kann ich hier kurz sein. Es ist fast beängstigend, daß es in Deutschland an Epigraphikern fehlt, weil zwar Sprachwissenschaft, Geschichte und Archäologie sie nicht entbehren können, aber alle sie nur als eine Hilfsdisziplin betrachten; die modernere Papyrologie reizt auch zur Zeit mehr. In Göttingen hatte ich noch erfolgreich epigraphische Übungen halten können, hier war es nicht möglich. Übungen, keine systematischen Vorlesungen, sind nötig, damit Epigraphiker herangebildet werden. Wenn dafür nicht gesorgt wird, fürchte ich für die Zukunft.
An der Akademie hängt mein Herz, und sie hat alle Erschütterungen überstanden ohne Einbuße an ihrer Ehre; sie hat sich auch immer, selbst in den schwersten Zeiten, der staatlichen Fürsorge zu erfreuen gehabt. Es ist ein großer Trost, daß die reine Wissenschaft auch jetzt alle mögliche Förderung findet. Aber sie führt ein Leben ziemlich im Verborgenen; die Berliner und überhaupt die Deutschen nehmen wenig von ihr Notiz. Wie anders in Frankreich, ganz abgesehen von den Immortels der Académie Française, die Daudet[306] und die Goncourts verhöhnt haben. Wir sind zum Glück von einer solchen Akademie verschont geblieben und bedauern die Akademie der Künste, mit der wir lange unter demselben Dache gewohnt haben, daß sie mit einer Abteilung für Dichter verkoppelt ist, die sich schon lächerlich genug gemacht hat und die wirklich bedeutenden Dichter, die wir doch noch haben, ausschließt. Noch mehr als in Frankreich, wo die Stiftung von Preisen, eine wenig nachahmenswerte Einrichtung, bevorzugt wird, sollte Dänemark uns vorbildlich sein. Seine Akademie dankt ihre reichen Mittel den Schenkungen einsichtiger und hochsinniger Bürger, und die Verwaltung kann so liberal sein, daß auch deutsche Gelehrte bedacht werden. An unsere Akademie denkt nicht leicht einer, und doch gibt es so gar viele wissenschaftliche Arbeit, die wir gern unterstützen möchten, so viele Aufgaben, die wir kennen und die nur durch Organisation im großen zu lösen sind. Als 1910 bei dem Universitätsjubiläum die Institute der Kaiser-Wilhelms-Gesellschaft gegründet wurden, konnte ich mich wenig freuen, erstens weil der Kaiser nur den Namen hergab, das Geld in der Hauptsache von der Industrie kam, zweitens weil sie die Universität nichts angingen, endlich weil die Industrie, wenn sie so etwas ins Leben ruft, an praktische Ergebnisse für sich selbst denkt. Das ist ihr nicht zu verdenken, aber es ist sehr amerikanisch. Jetzt haben sich die Institute ins Ungemessene vermehrt; für die sog. Geisteswissenschaften ist dicis causa ein klein wenig begonnen. Es kann einem Freunde der Akademie angst werden, wenn er sich ausmalt, daß sich alle diese reich ausgestatteten und erfolgreichen Institute zu einer naturwissenschaftlichen Vereinigung zusammenschließen könnten, so daß unsere Klasse ganz in den Schatten träte. Dann kann leicht gesagt werden, auf die Vorträge in der Akademie kommt wenig an, auf die Sitzungsberichte erst recht nicht. Wem dagegen an der Einheit der Wissenschaft liegt, wer auch für nötig hält, daß eine Körperschaft das nötige Gewicht behält, um die deutsche Wissenschaft nach außen und innen selbständig zu vertreten, der muß wünschen, daß die Akademie zum mindesten ihre Geltung behält. Sie kann es nur, wenn sie in der Lage bleibt, große Unternehmungen durchzuführen, für andere dauernd zu sorgen, weil sie dauernder Pflege bedürfen. Ein Stab von wissenschaftlichen Beamten ist dazu unerläßlich; ihre Zahl war daher seit der Schaffung solcher Stellen bis zum Kriege in stetem Wachsen. Es ist bitter, zu sehen, wie die Hunderttausende für Bauten und Gehälter bei den Kaiser-Wilhelm-Gesellschaften immer verfügbar sind, aber die paar tausend, um die es sich hier handelt, auch in den dringendsten Fällen versagt werden. Dabei muß es zunächst bleiben, aber nur aus Not, daß fast alle ordentlichen Mitglieder[307] es im Nebenamte sind; eigentlich sollten sehr viel mehr Akademiker im Nebenamt an den Hochschulen lehren.
In etwas kann die Akademie sich selbst stark ausbauen, in der Heranziehung der Korrespondenten zur Teilnahme an der Leitung von akademischen Unternehmungen; der Verkehr ist jetzt so erleichtert, daß sie auch in Sitzungen und Kommissionen auftreten sollten. Man kann sogar daran denken, zu ordentlichen Mitgliedern Gelehrte zu machen, die in einer anderen Stadt ihre amtliche Tätigkeit haben. Lagarde hatte sich schon Göttingen in dieser Weise als das Organ gedacht, in dem die Gelehrten aus ganz Nordwestdeutschland zusammenwirkten. Leipzig pflegt an Jena zu denken, und seit Heidelberg eine Akademie hat, könnte sie Südwestdeutschland umfassen. Die Sitzungen würden danach etwas umzugestalten sein, was sich ohne viel Schaden einrichten ließe. An ihnen, an den Vorträgen, den Publikationen mag manches verbesserungsfähig sein; das ist Nebensache. Endlich wird die Akademie gut tun, nicht zu vornehm zu tun, sondern mehr hervorzutreten, um die Gunst weiterer Kreise zu gewinnen.
Die Akademie ist auch in erster Stelle Trägerin unserer wissenschaftlichen Beziehungen zum Auslande, für welche ja die Association des académies bestand. Damit dabei etwas herauskommt, ist die wichtigste Vorbedingung, daß die Regierungen sich nicht einmischen, wie denn schon vor dem Kriege die französische Regierung die Durchführung von Beschlüssen verhindert hat, denen die französischen Gelehrten zugestimmt hatten. Kongresse, wie die in Rom und Athen, von denen ich berichtet habe, haben im Grunde nur Wert, indem sie die Menschen zusammenführen und in ihnen das Gefühl der kollegialen Zusammengehörigkeit wecken oder stärken. Persönliche Beziehung zum Auslande hatte ich schon nicht wenige. Nun führte mich eine Einladung durch die Studentenschaften zu Vorträgen nach den vier holländischen Universitäten. In Leiden betrat ich nicht ohne Befangenheit das Katheder des großen Scaliger. In Amsterdam war der Gegensatz der großen Stadt zu dem etwas verschlafenen Leiden stark; der mächtige Bürgermeister sagte nach meinem Vortrage: »heute steht Ihr Pindar über pari«, woraus doch folgte, daß der Kurs des Griechischen im allgemeinen tief war. Die Gastlichkeit im Hause K. Kuipers war nicht minder herzlich als in Utrecht bei dem Gefährten der römischen Jugendtage J. Vollgraff und in Groningen bei seinem Sohne, meinem Schüler W. Vollgraff. Ich konnte Naber und Herwerden noch die Hände schütteln; im Gefühle der Zusammengehörigkeit war der Gegensatz zu den Schülern Cobets überwunden, dessen geschichtliche Berechtigung ich in Leiden voll anerkannt hatte. Der wenn auch flüchtige Besuch[308] des Landes erhöhte das Verständnis der holländischen Malerei, auch dadurch, daß ich erst hier die der Gegenwart kennenlernte. Zu Franz Hals bin ich eigens nach Harlem gepilgert. Am Tische von Jan Six fühlte man sich ganz in der Zeit Rembrandts; nur aus seinen blühenden Kindern lachte die Gegenwart.
Auch in die drei skandinavischen Länder bin ich zu Vorträgen geladen worden. In Dänemark hat die Philologie durch Madvig eine so feste Stellung wie nur irgendwo sonst, in Schweden nimmt sie einen Aufschwung, der das Höchste verspricht; Norwegen mit seinem frisch geweckten Selbstgefühl wird nicht zurückbleiben. In Kopenhagen traf ich auf die alten Freunde, war auch einmal mit meiner Frau in einem Seebad am Kattegat gewesen, und wir hatten die Sprache lesen gelernt; bald fühlte ich mich angeheimelt, wenn ich die Statue des alten Bischofs Absalom wiedersah, denn ich habe öfter Vorträge gehalten, durfte auch einmal einer Sitzung der Akademie beiwohnen, angesichts des wunderbaren Gemäldes Kroyers; das ist eine andere, lebensvollere Kunst als in der Predigt Fichtes in der Berliner Aula. Die Akademie hat sich unter der Ägide der Association mit der unsern zur Herausgabe der griechischen Ärzte verbunden, und in dieser nie unterbrochenen Gemeinschaft hat sich gezeigt, daß die Wissenschaft alle politischen Mißstimmungen überwinden kann. Der König von Dänemark kam selbst zu einem meiner Vorträge in die Universität; nur der deutsche Gesandte beliebte meine Anwesenheit zu ignorieren. Das war in Oslo und Stockholm anders, die Aufnahme durch die Kollegen nicht minder herzlich. An beiden Orten kam der Genuß der Natur, der Landschaft hinzu, während in Kopenhagen erst der Mensch das Schöne geschaffen hat. Von Norwegen zeigte das einzige Oslo freilich allzuwenig, aber Schwedens Natur offenbart sich doch einigermaßen, wenn man von einer Universität zur andern fährt, und in Stockholm und Göteborg lernt der Deutsche auch eine echt schwedische Kunst kennen, von der er im allgemeinen viel zu wenig weiß, was von der dänischen ebenso gilt, und es tut sehr gut, gerade das Nationale, vom Deutschen unterschiedene und doch Germanische herauszufühlen. Von Wert war es auch hier wie in Holland, die andere Organisation der Studentenschaft kennenzulernen; den besonderen Bedingungen wird sie entsprechen, aber ich lernte schätzen, ein wie hohes Gut die Freizügigkeit der Studenten bei uns ist, die alle mehrere Universitäten kennenlernen sollten, was nur die bittere Not zu vielen verbietet. An allen schwedischen Universitäten ergaben sich dauernde Freundschaften, und als Hjärne mir einige seiner Schriften schenkte, Kjellberg Rydbergs Gedichte, fing ich an, die Sprache zu lernen, deren melodischer Klang schon ein ganz eigenartiger Genuß war, schon eher als ich die Worte verstand. Ich bin[309] noch wiederholt in das schöne Land gekommen, namentlich nach Lund, das die Vorzüge der kleinen Universitätsstadt hat. Mit welcher großartigen Freigebigkeit mir Schweden Gelder zur Unterstützung unserer Studenten zur Verfügung gestellt haben, ist von mir öfter gerühmt worden; ungern unterdrücke ich die Einzelheiten.
Nach Amerika zu gehen würde die Arbeit zu sehr gestört haben, so verlockend namentlich eine Einladung nach Chicago war. Da die Amerikaner auch zu dem Berliner Kongresse nicht kamen, konnte der Verkehr mit einigen dortigen Kollegen nur brieflich sein. Doch habe ich den ehrwürdigen Gildersleeve, der noch bei Boeckh gehört hatte, sogar in meine Vorlesung führen dürfen, wo die Studenten ihn seiner Würde gemäß begrüßten, und er hat mich wohl nicht so imperious gefunden, wie er mich früher im Gegensatze zu dem imperial Boeckh bezeichnet hatte. Als eine der höchstmöglichen Ehren rechne ich, daß ich in Oxford zwei Vorlesungen halten durfte, die kein geringerer als Gilbert Murray mir übersetzt hatte. Oxford in lachendem Frühling zu sehen, bei dem Vizekanzler, dem Präsidenten von Magdalen College, in den Zimmern zu wohnen, in den Betten zu schlafen, wo einst die Stifter des College, Heinrich VIII. und Anna Boleyn, geschlafen hatten in Queenscollege zu Grenfell und Hunt hinaufzusteigen, um einen Blick auf ihre Papyrusschätze zu werfen (ein Ibscher fehlte allerdings), das war alles in seiner Weise ebenso bezaubernd wie bei Windsor einen langen Gang unter mannshohen blühenden Rhododendren zu durchwandern, in Cambridge einer Regatta beizuwohnen. Überhaupt der Eindruck des Landes, das keinen dreißigjährigen Krieg und keine französischen Raubzüge gekannt hat, wo nun die ganze Landschaft um die Themse von London aufwärts ein Park ist, und das Volk mit seinem selbstbewußten Fühlen und der entsprechenden Haltung, dies alles machte das Viele, was man gelesen hatte, erst ganz lebendig. In Westminster am Pfingsttage fragte mich eine Frau aus dem Volke, weshalb die Kapelle leer wäre, in der Cromwell einst bestattet war, und rief nach der Auskunft entrüstet, never ought to be there. Da mußte ich doch denken, daß dieser Mann in der Geschichte seines Vaterlandes als einer der Begründer von Englands Größe verehrt zu werden verdiente. Nicht nur Bewunderung, sondern aufrichtige Sympathie fühlte ich für dieses England, unbeschadet mancher Kritik, die auch die Universitäten herausfordern. Fremdartig war das Meiste, vieles nachahmenswert; aber ich begriff auch, daß man sich scheut, altererbte Formen aufzugeben; auch Perücken gehören zu dem grandiosen Stil. Die Deutschen kommen sich heute recht fortgeschritten vor, wenn sie alle solche Traditionen zerstören.[310]
Für das nächste Jahr, 1908, war der Kongreß aller historischen Wissenschaften in Berlin angesetzt. Ich hatte in Oxford die englischen Kollegen gebeten, es möchten recht viele zu uns kommen, auch um für Verständigung zwischen unsern Staaten zu demonstrieren. Das ward zugesagt und durchgeführt. Der Kongreß hatte den vollsten Erfolg. Das vorbereitende Komitee, dem ich angehörte, hatte für die öffentlichen Sitzungen Vorsorge dahin getroffen, daß kein Deutscher, sondern nur Gäste redeten, und es war ein seltener Genuß, die vier Hauptsprachen von vollendeten Rednern gesprochen zu hören; ich selbst hatte die besondere Freude, daß es auch bei Tisch in meinem Hause so geschah. Von den Begrüßungen ist die englische von R.W. Macan auch jetzt noch besonders lebendig in unserem Gedächtnis, kein Mißton trübte das Zusammensein. Freilich war unverkennbar, daß auch die besonders geladenen Franzosen ihr Versprechen nicht hielten, sondern Ausreden vorbrachten wie im Gleichnis des Evangeliums: »ich habe ein Weib genommen, ein Joch Ochsen gekauft.« Nur Maspero kam mit seinem Gefolge, was seiner ganzen Haltung entsprach und natürlich besonders hoch aufgenommen ward. Der Kaiser war auf der Nordfahrt; sein Vertreter, Prinz Friedrich Leopold machte eine klägliche Figur, aber zum Glück übersahen ihn die Ausländer ganz. Es war günstig, daß wir ganz unter uns Gelehrten blieben; die kaiserliche Einladung einiger weniger nach Potsdam in die Orangerie ward nun als eine nicht belastende Aufmerksamkeit besonders geschätzt.
Als ich im Winter meinen 60. Geburtstag feierte, tat mir Sir William Ramsay die Ehre an, herüberzukommen und im Namen der englischen Fachgenossen zu gratulieren. Die Pointe seiner feinen Rede lief auf eine Anspielung hinaus, die nur verständlich war, wenn man Brownings Abt Vogler kannte. Durch einen glücklichen Zufall verstand ich; es wäre sonst peinlich gewesen, und das Zutrauen, daß die Deutschen Browning kannten, war mehr ehrenvoll als berechtigt. Es gab mit dem Kenner Kleinasiens auch politische Gespräche über die Bagdadbahn, deren kulturfördernde Wirksamkeit er bewunderte, und einen möglichen Ausgleich der englischen und deutschen Interessen im nahen Orient. Bei gutem Willen und genügender Einsicht der Diplomaten war das gewiß durchführbar; aber wir trauten beide unsern Diplomaten nicht.
1913 war derselbe Kongreß in London. Es müssen da Mißhelligkeiten vorhergegangen sein, denn die Oxforder Herren fehlten fast alle; London war wohl auch nicht der rechte Ort. Kurz, es klappte nicht recht, und das gab mancher Engländer in vertraulichem Gespräche zu. Nur die Eröffnungsfeier in Lincolnsinn war eindrucksvoll. Man wies mich an, für alle Akademien[311] zu sprechen, obgleich ich gar kein offizieller Delegierter war; der neben mir sitzende Pariser Kollege war sichtlich verstimmt, trotzdem ich der Pariser Akademie die schuldige Reverenz gemacht hatte. Franzosen fehlten wieder fast ganz. Mit uns Deutschen verkehrten besonders die Russen und nahmen die Aufforderung an, daß 1918 der Kongreß in Petersburg gehalten werden sollte. Zu mir sagte einer von ihnen: »bis dahin haben wir einen Krieg gehabt, aber dann ist wieder alles in Ordnung.« Und als ich ungläubig war und auf die alte Freundschaft zwischen Preußen und Rußland verwies, kam die Antwort: »schon recht, aber ihr habt einen schlechten Verbündeten.« Im englischen Volke, durchaus nicht etwa bei den Gelehrten oder den Regierungsvertretern, war Deutschenhaß unverkennbar. Es war gerade ein deutsches Luftschiff zu einer Landung bei Lunéville gezwungen, dazu machten mehrere Zeitungen sehr hämische Glossen, und die Zeitungsjungen riefen die Evening News mit dem Zusatz aus a German Sedan. Auch auf der Insel Wight, die ich mit meiner Frau besuchte, verriet es sich in Unterhaltungen mit der Bevölkerung.
Nach Frankreich bin ich nicht gekommen, obwohl ich oft gemahnt ward, meinen fauteuil als Mitglied der Académie des inscriptions einzunehmen. Ich hatte besonders auf Grund meiner Kriegserfahrungen die Illusion, die Franzosen könnten sich mit uns aufrichtig vertragen, und ich ersehnte diese Versöhnung, die heute nur für möglich halten kann, wer zur Dienstbarkeit unter Frankreich so bereit ist wie einst die Staaten des Rheinbundes. Nach den Erfahrungen in Griechenland ließ ich mir besonders angelegen sein, die Beziehungen zu den französischen Epigraphikern zu pflegen, die so vorzügliches leisteten. Sie wurden alle unsere Korrespondenten. Ein junger Franzose, S. Delamarre, hatte für unsere Sammlung die Inschriften von Amorgos bearbeitet, und da er selbst todkrank war, übernahm Hiller in Wahrheit die ganze Last der Edition, was ihm den gerührten Dank der Mutter und eine nahe Verbindung mit B. Haussoullier eintrug. In welchem Sinne ich unser gegenseitiges Verhältnis immer aufgefaßt habe, zeigt der Schluß meiner Vorrede dieses Bandes: in ipsa fronte profitendum est, totum hunc librum amicitiae esse fetum, quam in Gallorum Germanorumque virorum animis studiorum curarumque communio procreavit. Bald darauf kam über Hiller an mich die vertrauliche Mitteilung, man wünschte auch die delischen Inschriften in unserer Sammlung erscheinen zu lassen. Sofort sagte ich zu, Th. Homolle kam selbst herüber, und in meinem Zimmer stellten wir die Bedingungen fest, unter denen die Pariser Akademie die Inschriften von Delos bei uns erscheinen lassen wollte. Diese Bedingungen wurden dann von Paris aus vor unsere Akademie gebracht,[312] und der Druck begann. Es war eine reine Freude, mit den ausgezeichneten Bearbeitern F. Dürrbach und P. Roussel zusammenzuarbeiten, denn wir nahmen es auch ernst, ebenso Haussoullier, und selbst P. Foucart sandte Berichtigungen, auch zu anderen unserer Bände. Ein drittes Heft war im Druck, die Tafeln nach unseren Angaben fertig, als der Krieg ausbrach. Wenige Wochen vorher konnte ich bei einer zufälligen Begegnung mit dem französischen Botschafter versichern, daß zwischen unseren Akademien une alliance bien étroite bestünde, was er mit ungläubiger Verwunderung aufnahm; er wußte ja um das französisch-russisch-englische Komplott. Nun mußte der Druck ruhen; wir ließen die angefangenen Bogen jahrelang im Satze stehen, immer in der Hoffnung, daß einmal der Tag der Fortsetzung kommen würde. Welche schmerzliche Überraschung, als eine französische Ausgabe der bei uns gedruckten Inschriften erschien, ohne Mitteilung an uns, aber mit Benutzung unserer Bemerkungen. Das scharf zu rügen, war meine Pflicht, in eigenem Namen, denn die Akademie durfte nicht hineingezogen werden. Darüber hatte ich mir nie Illusionen gemacht, daß Homolle widerwillig zu den Deutschen gegangen war; was von den Gebrüdern Reinach, aus einer Frankfurter Judenfamilie, zu erwarten war, ahnten wir auch und hat sich noch nach dem Kriege nur zu deutlich gezeigt. Ich bin zu diskret, aus Briefen und vertraulichen Äußerungen etwas mitzuteilen, aber ich weiß mancherlei. Daß Haussoullier mit unter den Leitern der neuen Publikation stand, tat weh, aber um der Inschriften willen konnte er es wohl nicht vermeiden. Das war ein ausgesprochen feindlicher Akt, der die Wissenschaft noch mehr schädigt als uns. Die Tafeln hatten sie nicht, ergänzten sie nicht; ich habe sie als ein besonderes Heft ausgegeben. Wie die Sammlung der delischen Inschriften einmal aussehen soll, wird sich der blinde Haß vielleicht gar nicht überlegt haben. Er hat auch versucht, die Inschriften überhaupt aus der deutschen Hand zu nehmen, einerlei, ob sie dabei verkämen, dies allerdings vergeblich.
Zunächst war also meine Beziehung zu den französischen Kollegen ganz eng geworden. Der greise Perrot schrieb eine besonders eingehende, wohlwollende Charakteristik von mir. Nun kam der Krieg. Schon im Herbste 1914 hat die Pariser Akademie mich ausgestoßen, weil mein Name unter den 93 steht, welche eine öffentliche Erklärung gegen die Verleumdungen Deutschlands erließen, wie sie sofort in den Feindesländern mit einer nur zu erfolgreichen Propaganda austrompetet wurden. Mit der Erklärung war es so zugegangen. Der Protest gegen die infame Lüge von der deutschen Kriegsschuld und die ebenso dummen Lügen von den deutschen Greueltaten war durchaus gerechtfertigt. Eine erste Form, die mir vorlag, ward als ungeschickt[313] verworfen. Dann telephonierte mir der Berliner Bürgermeister Reicke, ein stark freisinniger, d.h. demokratischer Mann, die Adresse wäre nun verbessert, aber Zeit zu weiterer Prüfung wäre nicht mehr, ich sollte meinen Namen zur Verfügung stellen. Daß ich das tat, ohne den Text zu kennen, war leichtsinnig und verkehrt. Ich habe denn auch bald, als bekannt ward, daß auch die Neutralen Anstoß nahmen, mit einer Anzahl von Kollegen dorthin mitteilen lassen, daß ich die Form preisgäbe. Aber die Wahrheit gebe ich nicht preis und verachte jeden, der nach dem Zusammenbruche pater peccavi gesagt und seinen Namen zurückgezogen hat; es sind gerade solche darunter, die an der anstößigen Fassung mitschuldig sind. Die Streichung durch die Pariser habe ich damit beantwortet, daß auf den Diplomen meines Rektorates steht: plerarumque in hoc orbe academiarum socius, e Parisina honoris causa eiectus. Es ist begreiflich, daß alle die, welche sich auf die offiziellen Angaben der Ententeregierungen verließen, also an Deutschlands Kriegsschuld glaubten, unsere Versicherung des Gegenteiles mit Entrüstung aufnahmen; aber selbst dann hätten wir nur dasselbe getan wie sie und den Versicherungen unserer Regierung getraut. Nun dringt die Wahrheit aber durch, und jeder, der sich um die Wahrheit bemüht, muß auch zugeben, daß wir nicht nur ehrlich gehandelt haben, sondern das moralische Recht auf unserer Seite war.
Die Pariser und später die Brüsseler Akademie haben dann alle Deutschen ausgestoßen. Wir haben das nicht getan, mochten einzelne unserer Korrespondenten auch noch so unverantwortliche Schmähungen aussprechen. Zu unserer Freude haben die anderen Akademien der Feinde ebenso gehandelt und hat sich da der Verkehr bald in freundschaftliche oder doch korrekte Formen zurückgefunden. Es wird auch der Tag kommen, wo die Akademieen unabhängig von jeder staatlichen Bevormundung sich auf dem Boden der Gleichberechtigung wieder zusammenschließen: bei uns Deutschen ist die ehrliche Bereitwilligkeit und der lebhafteste Wunsch vorhanden, wie sie es immer waren: das Ganze ist ja ein deutscher Gedanke.
Gerade wer fest und treu zu seinem Vaterlande steht, wird dieselbe Haltung bei jedem anderen zu achten am ehesten bereit sein, und nur durch solche ehrenfeste Männer kann ein wirklich ehrlicher und haltbarer Friede zwischen den Völkern zustande kommen, nicht durch schmachtlappige oder heimtückische Pazifisten. Solange tyrannische Gelüste und feige Unterwürfigkeit herrschen, von vaterlandsloser Verräterei ganz zu schweigen, ist und bleibt latenter Kriegszustand außen und innen. Aber gerade darum können und sollen die redlichen Männer der Wissenschaft, gewohnt, der Wahrheit zu[314] dienen, durch ihre patriotische und den Patriotismus der anderen achtende Gesinnung und ihr neidloses Zusammenarbeiten für eine gemeinsame heilige Sache auch zugleich ihren Vaterländern und dem Frieden dienen. Der Gesang der Engel hat den Frieden auf Erden nur ἐν ἀνϑρώποις εὐδοκίας verkündet. Das sind die echten Männer der Wissenschaft, denn ihnen ist der Dienst der Wahrheit Gottesdienst18.
Im Jahre 1910 feierte unsere Universität ihr hundertjähriges Bestehen. Wieder kamen Abgesandte aus allen Ländern, wieder fanden sie freudige Aufnahme öffentlich und in vielen Häusern, wieder gab es keinen Mißklang. Es imponierte doch, daß der Kaiser unter seinen Professoren saß, mitsang und vom Katheder sprach, daß Erich Schmidt als Rektor sagte: »im Götz ertönen nur zwei Hochrufe, es lebe der Kaiser und es lebe die Freiheit!« Jetzt ist Kaiser und Freiheit zugleich verloren. Und die Verbrüderung von Militarismus und Wissenschaft imponierte auch; gerade das ist mir von ausländlichen Gästen ausgesprochen. Mir fiel es zu, bei dem Festmahle die »akademischen« Gäste zu begrüßen. Was ich damals gesprochen habe, wiederhole ich hier. Die Welt hat ein anderes Aussehen bekommen, aber was ich damals sprach, entspricht auch heute meinem Glauben und auf ihm ruht meine Hoffnung. So mag es das Schlußwort dieser Bekenntnisse sein.
Mir ist die ehrenvolle Aufgabe gestellt, diejenigen unserer Ehrengäste zu begrüßen, welche eine Stätte wissenschaftlicher Arbeit und wissenschaftlichen Unterrichtes vertreten. Da läge es nahe, auf die einzelnen Körperschaften, Länder, auch die einzelnen Männer einzugehen, zumal für den, der sich vielen eng verbunden fühlt. Aber eben darum würde es nicht nur lang, sondern ungerecht werden, und so verstatten Sie mir, daß ich vielmehr von dem rede, was uns allen gemeinsam ist, daß ich Sie als unsere Kollegen begrüße, und ich hoffe, Sie werden auch ein ernstes Wort anhören mögen, wenn Sie sich an unserm Tisch als Kollegen behaglich fühlen.
Die Universität Berlin hat ihre Einladungen über die ganze Erde hinausgesandt, und ihre Erwartung freundlicher Aufnahme und Annahme hat nicht getrogen. Das hätte sie nicht wagen können, wenn sie keine höheren Aufgaben hätte, als wenigstens die deutschen Universitäten des 18. Jahrhunderts offiziell hatten. Damals tat der Professor alles, was man von ihm verlangte, wenn er anerkannte Lehren »tradierte« und der Student sich, wie der junge Wolfgang Goethe, überzeugte, daß »er nichts sagt, als was im Buche steht«;[315] heut wissen wir freilich nur noch von denen, die das opus super erogationem eigener Forschung leisteten. Das ist anders geworden seit der Gründung Berlins. Denn niemals ist klarer erkannt worden, wärmer gefühlt und schärfer ausgesprochen, wozu die Universität da ist, als von Wilhelm Humboldt und den Männern um ihn. Sie beseelte eben der Glaube an die Idee der Wissenschaft, die in ihrer Universalität der ganzen Menschheit zugeteilt ist, aber in die Erscheinung kann sie nur treten in den einzelnen Gelehrten, in den einzelnen wissenschaftlichen Genossenschaften und in den Bildungsanstalten des einzelnen Staates und Volkes. So schufen sie in der Universität eine wissenschaftliche Bildungsanstalt und eine Genossenschaft von Gelehrten zugleich für Preußen und die Welt. Nur solange die Universität der Wissenschaft im Sinne ihrer Stifter dient, hat sie ein Existenzrecht, und wenn wir den Glauben unserer Stifter verlieren, verdienen wir nicht mehr zu sein. Bleiben wir aber der Idee getreu, so brauchen wir uns nicht zu scheuen, ihre Erscheinungsform mit freimütigem, kritischem Auge an der Idee zu messen, der, weil sie ewig ist, keine zeitlich und örtlich bedingte und beschränkte Erscheinung voll genügen kann.
Ob der Anschluß an die überlieferte Gliederung in die vier Fakultäten usw. noch berechtigt wäre, ist schon unsern Gründern unsicher gewesen. Sicherlich war es schon damals unzutreffend, wenn man den Namen universitas umdeutend die Gesamtheit aller Zweige der Wissenschaft zu umfassen wähnte. Heute sind neben der Universität andere gleichberechtigte Hochschulen hervorgetreten, gleichberechtigt, weil sie ebenfalls das Prinzip der wissenschaftlichen Forschung und Lehre anerkennen, das sie nur auf andere Objekte oder doch zugleich auf andere praktische Ziele richten. Ohne Frage wird die Zeit noch manche solche Gründungen bringen. Wir aber, das Auge auf das Ganze der Wissenschaft gerichtet, bieten auch den noch Ungeborenen unser Willkommen, indem wir die Vertreter der Gegenwärtigen als unsere Kollegen unter uns begrüßen.
Vor hundert Jahren durfte man noch meinen, daß Gymnasium und Universität, wie man sie damals schuf, den Bildungsbedürfnissen des Volkes genügen würden. Heute führen nicht nur verschiedene Wege der Vorbildung auf die Universität, es ist auch unleugbar, daß eine große Zahl von Männern und Frauen, die dieser Vorbildung entbehren und entbehren müssen, einen heißen Durst nach Wissen oder doch nach Vertiefung des nur angelernten Wissens empfindet. Ohne Frage muß ihr Sehnen Befriedigung finden, schon damit sie nicht jener Halbbildung verfallen, die gerne den Namen der Wissenschaft sich anmaßt.[316]
Nun klopfen sie an unsere Türen. Aber Seine Magnifizenz hat es heute morgen schon gesagt, wir können sie ihnen nicht öffnen, so gern wir weitherzige Liberalität in der Zulassung von Gästen üben. Die Universität würde ihrer Idee entfremdet werden, wenn sie gezwungen würde – denn freiwillig wird sie es nicht tun –, Elemente unter ihre Studenten aufzunehmen, die entweder unseren Unterricht ungenießbar finden oder ihn auf das Niveau des 18. Jahrhunderts herabziehen müßten. Es geschieht wahrlich auch im Interesse der Aufnahme Heischenden, wenn wir fest bleiben. Für sie muß durch ganz neue Institute gesorgt werden; dagegen bedarf es nicht der Gründung neuer Universitäten, wenn diese nur denen vorbehalten bleiben, welche wissenschaftlicher Arbeit gewachsen sind.
Das sind Sorgen, welche die deutschen Universitäten alle angehen; in der Hauptstadt und Großstadt machen sie sich besonders fühlbar. Müssen wir uns hier doch überhaupt fragen, ob unsere Studenten genügend zu ihrem Rechte kommen, nicht nur dem auf einen gesunden Genuß ihres Lebensfrühlings, sondern auch auf ihr Recht an uns Professoren. Doch da kommen Sie uns zu Hilfe, meine lieben Herren Kollegen von den deutschen Universitäten. Soll ich verraten, was ein Berliner Professor, der es mit seinen Studenten gut meint, zuerst sagt, wenn er sich mit einem von ihnen über seinen Studiengang berät? »Vor allen Dingen«, sagt er, »gehen Sie einmal von Berlin weg.« So steht es ja überhaupt: wir sind auf ein einträchtiges ergänzendes Zusammenwirken angewiesen. Am Gedeihen aller hängt das jeder einzelnen Universität. Keine soll sich einbilden, daß sie alles leisten könnte oder auch nur sollte. Davon ließe sich sehr viel sagen – aber das sind alles Dinge, die sich gerade nicht sagen lassen.
Ergänzende Mitwirkung kann ja aber auch außerhalb Deutschlands, ja außerhalb des Gebietes der deutschen Sprache gefunden werden. Denn wie wir schon lange mit besonderer Freude, ich darf wohl sagen, mit besonderer Fürsorge die zahlreichen Ausländer unter unseren Zuhörern in ihren Studien verfolgen, so nimmt glücklicherweise das Studieren deutscher Jünglinge im Auslande zu. Ich glaube, das ist nützlicher, als wenn Professoren hin und her ziehen, obgleich auch das sehr genußreich und nützlich ist, wenigstens für den Professor: es befreit von Vorurteilen und lehrt nicht nur die Fremde, sondern auch die Heimat besser kennen und lieben.
Meine verehrten Herren Kollegen des Auslandes, Sie sagen uns oft viel Schmeichelhaftes über unsere Universitäten; dann, bitte, sagen Sie auch, daß wir uns nicht einbilden, es herrlich weit gebracht zu haben, sondern sehr wohl wissen, daß Sie zu Hause gar manches besitzen, was wir gern[317] übernehmen würden, vor allem aber, daß wir gerade diejenigen Ihrer Institutionen würdigen, die für uns nicht passen. Denn eben an diesen erkennen wir, und Ihnen wird es ähnlich gehen, daß der Dienst derselben Idee die individuellen Unterschiede nicht aufhebt, daß ihr vielmehr durch diese Verschiedenheit am besten gedient wird. Die Universität als Lehranstalt muß sich notwendigerweise dem Aufbau ihres Staates einordnen und kann nur gedeihen, wenn sie in allem den Stempel ihres Landes und Volkes trägt. Das gilt genau so von den einzelnen Gelehrten. Sind es nicht unsere besten Männer, in deren Wesen und Wirken der Geist nicht nur ihres Vaterlandes, sondern ihrer engsten Heimat am lebendigsten ist? Den Typus des deutschen Gelehrten wird für uns alle keiner so rein darstellen, als Jakob Grimm, und ihn recht zu fassen, reicht die Bezeichnung als Deutscher gar nicht hin, Hesse muß man sagen. Wer kann Thomas Carlyle gerecht werden, der nicht seiner schottischen Moore gedenkt, und um Erneste Renan zu begreifen, muß man ihn nicht nur in der großen Welt von Paris, sondern in der Enge der Bretagne aufsuchen. Ja selbst die Republik San Marino fordert ihr Recht an Bartolommeo Borghesi, zu dem Mommsen hinaufgepilgert ist, um Epigraphik zu lernen. Alle diese Männer gehören der Welt an, nicht obgleich, sondern weil sie ihre heimische Art in jedem Zuge ihres Wesens nicht verleugnen. Und ich denke, wir alle schätzen unsere ausländischen Freunde gerade um deswillen so hoch, weil sie anders sind als wir selbst. Treu halten wir ein jeglicher an seinem Volkstum, und gerade damit dienen wir der Menschheit, denn wir wissen, daß die Weltkultur daran hängt, daß sie eine Harmonie von vielen, möglichst vielen Volksindividualitäten bleibt oder wird, während die Uniformierung ihr Tod sein würde. Denn es ist so, wie mein Königlicher Herr es heut morgen ausgesprochen hat, »jede Nation muß ihre Eigenart wahren, wenn sie ihren Wert für das Ganze behaupten will«.
Und doch fühlen wir uns als Kollegen, wir Diener der Wissenschaft in allen Landen. Die alte res publica litterarum mit ihrer einen gelehrten Sprache ist freilich dahin. Weiter, aber auch reicher, vielstimmiger, aber auch vollstimmiger ist unsere Welt geworden. Eine neue Ritterschaft möchte ich unsere Gemeinschaft nennen, zusammengehalten durch dieselben Begriffe von Ehre und Pflicht und denselben Minnedienst. Die Arbeit ist's, die uns adelt, sie allein, und Frau Wahrheit ist es, der wir uns gelobt haben. Sie zu suchen, für sie zu streiten, füllt unser Leben. Jede wissenschaftliche Trübung der Wahrheit aus Rücksicht auf Konfession oder Politik, auf Beifall oder Gunst oder Lohn, ist uns Felonie. Und wenn unsere Studenten singen:[318] »Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht«, so handeln wir danach, selbst wider den unduldsamsten aller Tyrannen, die öffentliche Meinung. Und als Lehrer arbeiten wir daran, daß das nachwachsende Geschlecht zu seiner Führung wahrhafter, tapferer, innerlich freier Männer nicht entbehre. So fechten wir als Kameraden unter einer Fahne, und, wie wieder unsere Studenten singen: »Der die Sterne lenket am Himmelszelt, der ist's, der unsere Fahne hält.«
Köstlicher sind uns im Grunde die Werkeltage, an denen wir ohne viele Worte in diesem Sinne die Arbeitsgemeinschaft, Kollegenschaft und Freundschaft üben, denn wir halten es mit Goethes Prometheus: »Des rechten Mannes wahre Feier ist die Tat.« Aber wenn uns denn einmal unser Fest auch leiblich zueinander geführt hat, so dürfen wir's einander auch wohl bekennen, wie nahe wir uns im Herzen stehen.
Auf denn, meine Herren Kollegen von Berlin, ergreifen Sie Ihre Gläser: »Unsere Kollegen, unsere Freunde, unsere Kameraden aus nah und fern, sie leben hoch!«
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Beide in Bd. II meiner Reden und Vorträge. Die Jahrhundertrede schickte ich an einen Amerikaner mit dem Verse:
»Hunc saecularem fiximus clavum Iovi«
Germania inquit. saeculam vigesimum
Americana terminato gloria.
2
Rücksichtslos ließ er die angemeldeten Besucher im Vorzimmer warten. Als es mir nach den ersten Erfahrungen zu arg ward, ging ich weg und sagte es dem Kanzleidiener. Althoff war nachher sehr ärgerlich, aber es ist nicht wieder vorgekommen.
3
Reisch berichtet darüber in dem Buche »Deutsche Dichter des lateinischen Mittelalters, übersetzt von Paul von Winterfeld«.
4
Ich bin mit der Wahl des Entwurfes von Brütt nicht einverstanden gewesen, der Mommsen einen phantastischen Mantel und eine gewaltsame Bewegung gibt, die ihm fremd war. Ein schlichter Entwurf des Münchener Bildhauers Hahn schien mir wahrer und darum würdiger. Auch war ich für Ausführung in Bronze, was Schoene und Menzel verhinderten.
5
Die Abneigung gegen das Griechische saß in den Halbgebildeten der höheren Klassen, die auf der Schule nichts gelernt hatten und sich in ihrer Bildungslosigkeit überlegen vorkamen, blasiert, zynisch oder auch muckerisch. Daneben die satten Bourgeois, die nur Geldverdienen und den Dienst des Gottes Bauch anerkennen. Die Bildungshungrigen der Arbeiterklasse, die eigentlich für die Sozialdemokratie zu schade sind, dachten anders. Mein Freund, Rektor Finsler in Bern, fand bei den Sozialdemokraten Unterstützung für das Griechische gegen den bürgerlichen Radikalismus, und als ich in Olten über Sokrates geredet hatte, sprach das offizielle Organ der Sozialdemokratie sein Bedauern darüber aus, daß man von den Griechen zu wenig erführe.
6
Bei Lexis, Die Reform des höheren Schulwesens in Preußen. Halle 1902, S. 157.
7
Es ist das erst ganz allmählich erreicht; die ältesten Drucke ahmen die unausstehliche Kursive, d.h. die Handschrift der gleichzeitigen Griechen nach. Die erste starke Vereinfachung durch die typi regii des französischen Königs Franz I. behielt doch noch nicht wenige Buchstabenverbindungen bei. Die Typen vereinzeln jeden Buchstaben, so weit sind sie zu dem Prinzip der antiken Buchschrift zurückgekehrt; die antiken Buchstabenformen kennen wir erst jetzt: da wird einmal auch die Rückkehr zu ihnen erfolgen. Zur Zeit ist nicht einmal das blödsinnige Iota subscriptum zu vertreiben, das in den klassischen Zeiten noch gesprochen ward.
8
Ein besonderer Schädling ist der s.g. Spiritus lenis, den selbst die antiken Grammatiker nur in den seltenen Fällen gesetzt haben, wo er der Unterscheidung gleich geschriebener Wörter diente, sonst niemals. Die Bezeichnung spiritus stammt erst von späten Byzantinern; die lateinische Übersetzung ist nicht schön. Weil nun dies Zeichen dasteht, lehrt noch heute die Schulgrammatik und scheinen auch Sprachwissenschaftler zu glauben, es würde ein Hauch bezeichnet, und sie reden von einem Knackgeräusch. Wenn sie doch das Griechische bedächten: das sagt, daß die Prosodie, d.h. die Aussprache »kahl« ist, also das Fehlen des Ha bezeichnet wird.
9
Dessen italienische Handschriften habe ich gelegentlich eingesehen, nur um mir ein Urteil zu bilden; daß es zu einer Ausgabe kam, bewirkte die Aufforderung der Clarendon press. Bei einem Neudrucke konnte ich nur weniges verbessern und würde den Text gern in Deutschland gedruckt haben. Aber es liegt ein Papyrus in englischem Privatbesitze nun schon viele Jahre, ohne den jede Ausgabe sich verbietet. Nun werde ich darauf verzichten müssen.
10
Er hat mir eine Abschrift seiner Briefe von dieser Reise und Abzüge der schönen Photographien geschenkt, die er häufig aufnahm, so daß ich hier besser als sonst unterrichtet bin.
11
Percy Gardner hat die Adresse in seinen New chapters in Greek art, S. 346 veröffentlicht.
12
Zu erinnern ziemt sich, daß gleich nachdem Rom Hauptstadt geworden war, erwogen worden ist, ob man nicht den Palazzo Caffarelli und die rupe Tarpea der italienischen Regierung gegen einen würdigen Bauplatz überlassen sollte, weil das Capitol und den Platz des Jupitertempels in fremder Hand zu wissen, wirklich für das Nationalgefühl des Italieners peinlich war. Das wäre vornehmer und klüger gewesen.
13
Graf Solms kam von Göttingen nach Straßburg, wo die Fakultät geteilt war, und klagte, als er Göttingen wieder besuchte, über das Fehlen der Anregung durch die philosophische Fakultät mit sehr drastischen Worten.
14
In Eton tragen die Schüler der unteren Klassen eine Jacke, die älteren dieselbe mit Frackschößen. Wenn nun ein Schüler so lange unten sitzen bleibt, daß ihm die Jacke genierlich wird, darf er sich Schöße daransetzen lassen. Man nennt sie den charity tail. Genau dasselbe ist dieser Professortitel.
15
Als mein ältester Sohn hier studierte, sagte ein keineswegs unfleißiger Kommilitone zu ihm: »ich werde doch nicht so dumm sein und den Doktor bei den Philologen machen. Da muß ich wer weiß wie lange an der Dissertation sitzen. Ich gehe ein Semester zu N.N. in die Übungen, lasse mir eine Schlacht geben, dann geht es gleich im nächsten Semester ganz glatt.«
16
Über den Erbauer dieses Hauses hat Diels am Leibniz-Tage 1904 ergötzlich gehandelt.
17
An der Ausgabe der magnetischen Inschriften durch O. Kern habe ich sehr starken Anteil genommen, ebenso wie Hiller, der später auch die Inschriften von Priene für die Museen herausgegeben hat, die mich stark interessierten und den Anstoß zu der Beschäftigung mit der ältesten Geschichte Ioniens gaben. Daß diese Sammlungen von den Museen herausgegeben wurden, hat weder mich noch den wissenschaftlichen Beamten gehindert, daran teilzunehmen, weil wir meinen, für die Epigraphik, nicht nur für das akademische Corpus sorgen zu sollen.
18
Sehr schön hat Nathan Söderblom unsere Religion in seinen Vorträgen vor der dänischen Studentenschaft dargestellt. Tre lifsformer, mystik, förtröstan, vetenskap, Stockholm 1922.









Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff
Erinnerungen
1848–1914
Meiner Frau
zum Tage der Goldenen Hochzeit













Vorwort


1. Kindheit

Die Heimat
Das Elternhaus



2. Schülerjahre


3. Studentenjahre


4. Krieg


5. Intermezzo


6. Wanderjahre

Italien
Griechenland
Italien [2]



7. Privatdozent


8. Greifswald


9. Göttingen


10. Berlin
