 VII.  [122] Trotz aller Eile kam ich zu spät: Klein hatte wieder mit dem Burgtheater abgeschlossen. Um mir Genugtuung zu bieten, bewilligte man mir ein »Ehrengastspiel«. In dieser Form spielte ich im Monat Juni im alten Burgtheater u.a. den Harpagon, Hassan (»Fiesco«) und den Bösewicht Mathias im »Sonnwendhof« von Mosenthal. ? Jauner engagierte mich dann an das von ihm gegründete »Ringtheater«. Es wurde von Wien, der warmherzigen Theaterstadt, wie in einer Familie ein neues, liebes Mitglied, wohlwollend aufgenommen ? ja, sogleich ordentlich verhätschelt. Beaumarchais »Figaros Hochzeit« (das Lustspiel) mit Mitterwurzer als Figaro war eine Vorstellung, die sich über die Konvention erhob. Gerne spielte ich die kleine Rolle des Basilio. ? Während einer Aufführung des Schauspiels »Der Compagnon« von L'Arronge, just da ich mich auf der Szene befand, entstand Unruhe im Publikum, infolge eines verdächtigen Brandgeruches. Dreimal mußte das Spiel unterbrochen werden, dreimal gelang es Direktor Jauner von einer Parterreloge aus, die Aufregung der Zuschauer durch die Versicherung, es liege nichts Verdächtiges vor, zu beschwichtigen. Und doch! ? Dieser Argwohn, er war wie ein Ahnen einer furchtbaren Katastrophe! Anfangs Dezember brachte das Ringtheater die Erstaufführung von Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen«. Es gab einen großen Erfolg. Hanslick prophezeite in der »Neuen Freien Presse« eine lange Reihe von Wiederholungen. Ich wollte auch die zweite Aufführung anhören[122] und patschte gegen sieben Uhr im Schneegestöber über den Opernring dem Ringtheater zu. Beim neuen Universitätsgebäude sah ich durch den Schleier der fallenden, großen Schneeflocken nicht fern einen Glutschein ? und in demselben Augenblick fiel auch an meiner Seite das Wort: »Das Ringtheater brennt!« Es ist klug eingerichtet von der Natur, daß wir ein Unglück im Augenblick, da wir es erfahren, nicht mit all seinen Konsequenzen fassen, sonst würde es uns schier tödlich treffen. Ich erinnere mich, daß ich mehr neugierig als erschüttert weitereilte. Bald stand ich vor dem Theater und sah mit Tausenden in das flammenspeiende Haus. Plötzlich hörte ich meinen Namen rufen ? ich wende mich, und ein zitterndes, junges Geschöpf steht an meiner Seite, das mit seinen zarten, nassen, eiskalten Fingern meine Hände krampfhaft faßt: »Einer von uns, einer von uns!« rufend. Es war ein Ballettmädchen, das ich kaum kannte, und eine Stunde früher hätte sie sich wohl nicht erinnert, daß ich ihr »einer von uns« wäre! Der Anblick der armen Kleinen war herzzerreißend. Ein Gazekleidchen, das sie beim Feste im zweiten Akt hätte tragen sollen, war alles, was sie am Leibe hatte. Ohne Schuhe, im Trikot stand sie im garstigen Eiswasser; die entblößten Schultern versuchte sie mit ihren nackten Ärmchen zu decken; die aufgelösten, blonden Haare klebten an ihren Wangen, die naß waren von kalten Schneeflocken und heißen Tränen. »Mein Mutterl ist da oben«, wimmerte das arme Geschöpf, »im vierten Stock: sie verbrennt!« Sie schluchzte, daß das ganze dürftige Körperchen davon geschüttelt wurde. »Sie hören ja, daß alles gerettet ist«, beschwichtigte ich die Jammernde. Dieses geflügelte Wort, das ein k. k. Polizeirat einem kaiserlichen Erzherzog, der zur Unglücksstätte angefahren kam, beruhigend gesagt, war erst vor wenigen Minuten flügge geworden und verbreitete sich mit der großen Schnelle der Lüge.[123] Es war wie ein Hohn auf die schreckliche Wahrheit im brennenden Hause und ? nicht einmal originell; denn schon Torquemada und Peter Arbues riefen, dieweil tausend Juden brannten: »Sie sind alle gerettet!« ? Erst durch langes Zureden gelang es mir, das Mädchen zu bewegen, ins nächste Kaffeehaus zu treten, wo bereits ähnliche Unglücksgestalten um den Ofen kauerten. Ein wenig heißer Kaffee, den sie genoß, durchwärmte die erstarrten Glieder. Ihre Mutter hat die Ärmste natürlich nicht wieder gesehen. Wie wäre das auch möglich gewesen! Ich besah mir einige Wochen später alle Räume des Hauses, in das so viele zu einem lustigen Spiel geladen wurden, um selbst mitzuwirken in einer fürchterlichen Tragödie. In dem Ruß, der fingerdick die Wände der Gänge deckte, war der Todeskampf der Opfer förmlich eingraviert. Man sah deutlich, wie sie sterbend ihre Fingernägel in die Mauer gegraben hatten. Entsetzliches Gekritzel! ? Gegen drei Uhr früh dachte ich daran, nachzusehen, wie es in unserer Garderobe mit meinem Handwerkszeug (Schminkschatulle usw.) stehe. Die Soldaten, die den Kordon um das Theater bildeten, ließen mich nicht durch; einer, ein Slawe, der mich nicht verstand, erhob sogar den Säbel, um dreinzuhauen; auch er schien heute »alles retten zu wollen«. Endlich gelang es mir dennoch, durch List den Bühneneingang zu erreichen. Da zog er vorbei der gräßlichste Leichenzug, der gedacht werden kann. Eine endlose, sich immer und immer wieder erneuernde Reihe von Opfern. Der Tod hatte sie in seine Farbe gekleidet: sie waren alle schwarz, was sich beim Fackellicht grausig abhob von der Todesblässe der Leichenträger. Unsere Garderoben waren von der Wut des Feuers verschont geblieben; dennoch habe ich meine Habseligkeiten nicht wiedergesehen. Jedes Gewerbe hat seine Glanzmomente; Diebe leben von solchen, da Jubel oder Entsetzen ihre Mitmenschen verwirren. Während Hunderte ihre[124] letzten Seufzer zum Himmel senden, füllen nebenan ein paar arme Schelme unter Lebensgefahr ihre Taschen mit Theaterrequisiten. Alle unsere Schubladen erbrochen! Auch die meine leer wie ein ausgeblasenes Ei; doch nein, ein einziger Gegenstand war zurückgeblieben, von allen einer: meine Leibwattierung: alles war für mich gerettet! ? Im Souterrainlokal einer nahen Wirtschaft tagten wir nachmittags. Eine unheimlich bange Schwüle und Stille herrschte in dem niederen, nur von wenigen Gasflammen trüb erleuchteten Kellerraum. Wer kam, drückte dem andern stumm die Hand. Das Unglück liebt es, sich absurd zu kleiden: Die erste Anstandsdame streifte mit ihrer langen Seidenschleppe, die gestern noch die Bretter des Ringtheaters fegte, die Lumpen einer armseligen Kehrfrau, welche dasselbe gründlicher mit einem Besen zu besorgen hatte. Chormädchen, noch immer in der Balltoilette von gestern steckend, die ihnen das Theater für alles, was es ihnen nahm, sterbend vererbte, kauerten frierend an den Wänden. Hier stolze Mimen im Pelz, frisiert wie das Schild eines Haarkünstlers, dort ein Theaterarbeiter ohne Rock, den verbrannten Arm im zerrissenen Hemdärmel. Die Versammlung wählte aus ihrer Mitte drei Vertrauensmänner, die zunächst die Geschäfte des verwaisten Personals zu leiten hatten. Auch mein Name fiel. Tags darauf verteilten wir, das gewählte Theaterkomitee, im Büro eines Polizeirates die ersten Gelder, die bereits für das Personal gespendet waren. Zuerst wurden die Namen der Mitglieder verlesen. Meldete sich der Aufgerufene nicht, so wurde »fehlt« gerufen, aber ? »tot« geschrieben. Das Wort erstarb also hier buchstäblich in der Feder. ? Namentlich bei Nennung des Orchesterpersonals traten die kleinen, fürchterlichen Pausen häufig ein. ? Eine Rührung hatte die ganze Welt ergriffen. In Kürze war eine Million Gulden für die »durch den Brand Verunglückten«[125] zusammengeflutet. Ich schlug dem Hilfskomitee im Gemeinderat vor, dem Personal die Gagen den Winter über auszuzahlen, so, als ob das Theater nicht verbrannt wäre: immer am Ersten des Monats. Ich drang durch. ? Auch Pauline Lucca wollte ihr Scherflein beitragen und arrangierte eine Wohltätigkeitsvorstellung, in der sie selbst mitwirkte. In ihrer Wohnung wurden die Plätze verkauft. Ich war auf ihren Wunsch Beisitzender und nahm für ein Billett hundert, aber auch zwei- und dreihundert Gulden ein. Wer hätte auch zurückhalten sollen, wenn sie dabei stand, sie, die Reizende, die den Eindruck hervorrief, als ob die Natur über die ganze hinreißende Persönlichkeit mit einem kecken Schriftzug das Wort Genie geführt. Das Theaterkomitee war aufgelöst, und ich flüchtete mit den Trümmern meiner Habe Ende Februar nach Paris, das ich noch nicht kannte. Ich nahm Wohnung in dem ländlichen Vorort Neuilly und kam zur Stadt nur, wenn ich das »Théâtre Français« besuchte oder bayerisches Bier trinken wollte, das damals Paris zu erobern begann. Durch ein Empfehlungsschreiben der Bernhardt an Coquelin hatte ich das Glück, den Ausgezeichneten kennen zu lernen. »Mon cher Coq!« hieß es in dem Schreiben, »nimm Dich seiner an, er ist sehr remarquable« usw. usw. Coquelin hat den Wunsch seiner Kollegin in herzlicher Weise erfüllt: wiederholt war ich Gast in seinem schönen Heim, durch aparten Kunstgeschmack, ein Stück von ihm« ? und spielte er interessante Rollen, so erhielt ich nicht selten Einladung und Sitz. Coquelin war ein großer Komiker ohne die »trockene« Komik, wie wir sie in Deutschland so sehr lieben; sein Wesen war geistsprühender Humor. Und darum liebte ich ihn noch mehr in Rollen, wo ihm nicht (wie bei Molière) durch uralte Traditionen Fesseln angelegt waren, sondern wo Phantasie und Geist sich ungestörter auszuschwelgen vermochten. ? Der Frühling kam, der[126] Sommer ? und ich hatte noch kein Engagement. Tieftraurig zog ich mich in meinen geliebten Schmollwinkel St. Ursanne zurück. Endlich kam ein Antrag aus Wien. Strampfer hatte mit 1. September das Carltheater übernommen und bot mir Engagement. Gerne nahm ich an. Aber ach! Die Herrlichkeit sollte nicht lange währen. War das Glück ihm nicht mehr treu, war die früher so kräftige und kühne Hand des alten Bühnenpraktikers unsicher geworden, es wollte nichts Rechtes zustande kommen. Wieder war es ein häßlicher Dezembertag, da erfolgte der Zusammenbruch des Theaters! Arbeiter drangen ins Theaterbüro, im kernigsten Dialekt ihre rückständige Gage fordernd; und da sich die Geldmächte ins Direktionszimmer zurückzogen, sprengten sie gewaltsam die Türe. Es war eine abscheuliche Szene! Mir selbst war die Sache zum Segen: ein Ruf nach Weimar kam. Weimar! Welcher Deutsche fühlt sich nicht, wenn dieser geliebte Name an sein Ohr klingt, wie durch einen Zauberschlag gegrüßt und umgaukelt von all den lieben, herrlichen, ihm ins Herz gewachsenen Gestalten aus der Phantasie unserer großen Meister. Ich debütierte mit Erfolg und wurde vom Intendanten des großherzoglichen Hoftheaters Baron Loën vom Herbst auf drei Jahre engagiert für Otto Lehfeld, der nach langem Zögern ernstlich pensioniert zu werden wünschte. ? Nach Wien zurückgekehrt, dachte ich daran, wie die weite Spanne Zeit zu überbrücken wäre. Hugo Wittmann willigte ein, mit mir den Text zu einer komischen Oper zu schreiben, und so entstand »Der Feldprediger«, zu dem Millöcker graziöse Musik machte. ? Mein Freund hatte die feinsinnige Sängerin des Carltheaters, Helene Weinberger, geheiratet und wählte Italien zur Hochzeitsreise. Ich aber wurde mitgenommen, wie ich war: d.h. ohne Geld. Das offene Auge der bezaubernden Frau, empfänglich für all die großen Eindrücke[127] rundum, sah es mir an, wie gerne auch ich immer weiter geschwelgt hätte, und so animierte sie von Station zu Station mit ihrem lustigen, gütigen Lachen: »Machen S' eben einen weiteren Pump.« Auf diese Weise wurde ich bis Neapel und Pompeji ins Schlepptau genommen. Hier trennte ich mich von meinen Freunden und reiste zurück. Zuerst nach Bozen, dann ins Pustertal zu Defregger. Er hatte sich auf der Spitze des Berges, an dessen Fuß sein Heimatdorf Dölsach liegt, eine geräumige Blockhütte erbaut. Hier hauste er, 6000 Fuß hoch, schon seit Wochen mit seinem kleinen Söhnchen Hermann. Er war abgestiegen, mir den Weg zu zeigen und kam mir bis Lienz entgegen. Knapp vor Dölsach begegnete uns eine Frau, bei deren Anblick Defregger aufschaut und Halt macht. Sie trug einen kleinen Korb auf dem Rücken und war bäuerlich gekleidet. Obgleich an die Vierzig, deckte noch gesunde, frische Röte die Wangen der kleinen, blonden Frau, und ihre weißen Zähne leuchteten und prunkten. Auch sie hielt und blickte groß mit ihren schönen, blauen Augen. Die beiden betrachteten sich gar merkwürdig. Und so forschend und neugierig, als ob sie sagen wollten: So so, das ist aus dir geworden! Defregger, dessen Stimme die Erregung nicht verbergen konnte, fragte: »Was bist jetzt?« ? »Enziangräberin!« ? »So? Hast g'heirat?« ? »Scho, zwei Pub'n hab' ich; und Du, ich weiß, bist ein großer Professor g'worden!« ? Was Stand! Was Zeit! Da standen sich zwei gegenüber, die sich einstmals schreckbar lieb gehabt, einzig nur Niensch und Mensch! ? Ich werde die hübsche Szene nie vergessen. Defregger erzählte mir später, wie er vor mehr als zwanzig Jahren zu der hübschen Dirn Fensterln ging, da noch sein Vater lebte. Das Müdel wohnte weit, der Alte war streng: um früh wieder ordnungsmäßig bei der Arbeit zu sein, mußte Romeo in der Lederhose zum Hin und Zurück die ganze Nacht opfern.[128] ? Beim Aufstieg zum Blockhaus hielt Defregger bei einer Almhütte und zeigte mir ins Holz geschnittene oder gekratzte Ziegenböcke, die er als Hirtenbub mit einem Messer eingekritzelt. Auf der Höh', wo das Blockhaus stand, war es wunderbar: wenn die Sonne des Morgens, ihres endlichen Sieges bewußt, die schweren Nebel, die die ungeheuren Tiefen deckten, weggedrückt hatte, und die Täler Tirols und Kärntens dem Auge in ihrem leuchtenden Grün sich enthüllten, so war es, als ob durch ein Schöpfungswort eine Welt geboren worden wäre. Nachdem ich drei Wochen bei meinem Freunde Tiroler Luft und Wein gekneipt, verabschiedete ich mich und reiste mit einem Umweg über Wien ins Engagement nach Weimar. 
 V.  [78] Um die Osterzeit des Jahres 1872 übersiedelte meine Braut von Wien nach München, um bei Joseph Flüggen weiter Malunterricht zu nehmen. Ich löste meinen Vertrag mit Strampfer und folgte ihr. ? Bald nach Gründung des Reiches war in Deutschland der »Kulturkampf« entbrannt. Wilhelm von [78] Kaulbach schuf seinen Riesenkarton Peter von Arbues und half durch die Darstellung des Scheiterhaufenmannes den Brand noch zu vergrößern. In allen Schaufenstern der Kunst- und Buchhandlungen Münchens war das Bild des blinden Großinquisitors, wie er mit seinen knöchernen Fingern die Totenopfer zeichnet, ausgestellt. In meinen ersten Münchner Tagen, da mir, was Malerei ist, noch ein Buch mit sieben Siegeln war, imponierte mir die bis auf die Knochen (auch auf die des Helden) konstruierte Schulweisheit dieser Kunst. Ich beschloß, den Schöpfer des Bildes aufzusuchen. Wie und wann das zu machen sei, belehrte mich eine der servierenden Kellnerinnen im »Café Probst«. Diese jungen Mädchen des berühmten Cafés in der Neuhauserstraße wußten Bescheid in diesen Dingen und standen überhaupt der Kunst näher, als man ahnen möchte. Zur guten Tradition gehörte bei ihnen, daß sie den Kunstjüngern, die sich täglich zu Dutzenden dort einfanden, nicht nur jahrelang die Zeche kreditierten, nein, daß sie die ärmsten Teufel darunter auch durch Vorschüsse unterstützten. Das berechtigte sie dann, sich mit mütterlicher Miene nach den künstlerischen Fortschritten ihrer Schützlinge zu erkundigen. Zählte doch selbst der gänzlich mittellose junge Salzburger, Hans Makart, zu den Stipendiaten und Adoptivsöhnen einer wohlwollenden Zweikannensee. ? Die Königliche Akademie der bildenden Künste befand sich damals in den weiten Räumen des früheren Jesuitenklosters in der Neuhauserstraße. Kaulbach, der Direktor, besaß im Erdgeschoß sein Riesenatelier. Es hatte etwas Nüchternes, schier Magazinartiges. Die warmen Töne, die auf dem altertümlichen Trödel der Koloristen leuchten, auf Plüsch, Seide und Gami flimmern, funkeln und flunkern, an Renaissancegesimsen lustwandelnd auf und ab klimmen, um verwitterte Säulen, Ranken, Pogen und Vögelchen der Gotik irrlichtelieren, in Glas[79] oder Zinnwerk glitzern und zittern, fehlten hier. Dafür standen große Kartons und Kisten, kolossale Gipsfiguren, Menschen- und Tiergerippe in Mengen umher. Kaulbach stand auf einem zwei Meter hohen Holzgerüste und pinselte an seinem Nerobild. Ich gab meinen Gruß. Er rückte die Brille und warf mir unter derselben einen Blick zu, scharf wie ein Seitenhieb, ausdauernd, fast lauernd. Aha, dachte ich, den Blick kennst du ja, Reineke Fuchs steht ja da oben. (Der Illustrator des Goethe-Werkes.) Sich seiner Arbeit wieder zuwendend, schickte er die Frage zu mir herab: »Auch Künstler?« ? »Schauspieler«, antwortete ich. »Also auch Künstler«, sagte er ? und wiederholte darauf mehrmals gedehnt: »Künstler ? auch ein Schauspieler ist Künstler ? kann Künstler sein ? kann es sein.« Die Rede versickerte langsam wie ein Steppenfluß. So verfuhr er immer: er hielt den Gedanken am Worte fest. »Nun, und was führt Sie zu mir?« ? »Ihr Peter Arbues!« ? »Dort« ? er deutete mit dem Pinsel auf eine Fläche am Eingange des Ateliers ? »sehen Sie den ersten Entwurf zu dem Bilde; ich habe ihn, von der Idee gepackt, frisch mit Kohle an die Wand skizziert. ? Das Schicksal hat manchmal Humor: diese Akademie war früher ein Jesuitenkloster und die Geburtsstätte meines Arbues vielleicht ein Sitzungssaal der Inquisition.« ? Ich blickte nach der bezeichneten Stelle und meinte: »Aus dem wollustartigen Grinsen dieser Grausamkeit stiert Wahnsinn.« ? »Wahnsinn ? Wahnsinn ?«, murmelte zunickend Kaulbach. »Und Wahnsinn bei Großen sollte nie ohne Wache gehen«, zitierte ich. »Ohne Wache gehen ? ganz recht, ganz recht ? das ist ? Shakespeare?! ? Und warten Sie ? ja ja, Hamlet, gelt? ? Da versuche ich meine Kunst wieder an so einem Wahnsinnigen, der ohne Wache ging. Hm, wenn man denkt, daß die arme Welt oft jahrzehntelang solchem Wahnsinn ausgeliefert war ? grauenvoll!« ?[80] Kaulbach malte noch eine Weile schweigend weiter; hielt plötzlich inne, ließ die Arme sinken und seufzte: »Ich bin müde!« ? Ich sprang hinzu und half ihm beim steilen Abstieg über geländerlose Stufen. Ich sehe ihn vor mir, den seinen Alten, wie er mit heiterem Wohlwollen mir forschend ins Gesicht blickte. Ein dunkler Überwurf ? Michel Angelo, sagen wir nachempfunden ? deckte den leichtgebeugten Rücken, und ein Seidenkäppchen fast vollständig das graue, schlichtgeglättete Haar. Das korrekt, wie mit dem Stichel gezogene Antlitz war fast faltenlos und glattrasiert bis auf ein graues Schnurrbärtchen, das namentlich bei pikanten Pointen leise gestrichen wurde. Auf den Wangen lag eine leichte, gesunde Röte, und die großen, grauen Augen sprühten Geist durch die Brille. »Ich komme gar nicht mehr ins Theater, erzählen Sie mir etwas von deutschen Bühnenverhältnissen«, sagte er und meinte im Grunde: wenn ich schon meine Zeit an dir verliere, so will ich doch irgend etwas dabei profitieren. Dennoch beim Abschied bemerkte der Alte: »Kommen Sie wieder, junger Freund, recht bald wieder.« Als ich nach kurzer Frist der Einladung folgte, überreichte mir Kaulbach einen Band Shakespeare mit den Worten: »Habe ich für Sie mitgebracht: Sie profitieren von meiner Kunst, ich möchte von der dramatischen profitieren.« Ich wählte den »Kaufmann von Venedig« und legte tüchtig los. Mein Hörer war sichtlich gepackt, denn er sagte: »Geben Sie uns doch nächstens im Hörsaal der Akademie einen ähnlichen Vortrag; vielleicht regt er die jungen Akademiker an, etwas anderes zu malen als angezogene Modelle.« Der Hieb sollte Piloty und seine Schule treffen, obgleich zu ihr allbereits sein eigenes, abtrünniges Fleisch und Blut, sein Sohn Hermann, zählte. Kaulbach lud mich in sein schönes patriarchalisches Heim in der Kaulbach-, damals Gärtnerstraße. Gar oft las ich daselbst Balladen von[81] Goethe, Faust, Hamlet, Lear. Ich hatte gar vornehme Zuhörer, u.a. die berühmtesten Altkatholiken jener Zeit, die alle zu Kaulbachs Freunden zählten. ? Nach Kaulbach drang ich bei Karl von Piloty ein. Er malte an seinem Kolossalgemälde »Thusnelda« und hatte für den Kaiser Tiberius ein stolzes Modell: den kunstbegeisterten bayerischen Magnaten, Grafen Moy. Er hatte allbereits von meinen Erfolgen bei Kaulbach gehört und bat mich um einen Vortrag. ? Als ein Alter sein Leben zu schildern, löst im ganzen das Behagen eines schnurrenden Katers am warmen Ofen aus; »will es aber die Sache«, daß man sich selbst loben muß, so hat die Situation einige Ähnlichkeit mit der eines verurteilten Delinquenten. Also mit einem Anlauf: Piloty, ein künstlerisches Temperament von exaltiertem Pathos, rief, von dem Realismus und der Unmittelbarkeit meiner Darstellung gepackt: »Meine Leute auf der Leinwand«, er deutete auf sein figurenreiches Thusneldabild, »kann ich gar nicht mehr anschauen: blutlose Geschöpfe ohne Leben.« Im Moment Feuer und Flamme, warf er seine Sammetjacke ab, fuhr hastig in den Straßenrock und nötigte mich, ohne meine Zusage abzuwarten, in eine Droschke, um mich vom Fleck weg aus Königliche Theater zu bringen. Unvergeßlich ist es mir, wie Piloty sich für mich ins Zeug legte, wie er, impulsiv durch und durch, dem damaligen Generalintendanten der Königlichen Hofbühne, Karl von Perfall, mein Talent mit erhobenen Schwurfingern beteuerte, wobei sein feuriges, braunes Auge im edlen, aber abgemagerten Gesicht leidenschaftlich aufflammte. »Den mußt du engagieren, Karl, das ist deine Pflicht; dazu bist du auf diesen Posten gestellt!« rief er determiniert und mit einer fast befehlenden Handbewegung. Darauf der andere Karl, mit der kgl. bayer. Meiruhmöchtichhaben-Gemütlichkeit: »Ja, Karl, das geht nit so, wie du[82] dir das denkst, ? so wie bei dir in der Akademie; weißt, die Fächer im Hoftheater sind besetzt, ich hab meinen Etat ? aber ich will den Herrn Wohlmuth für künftig im Auge behalten usw.« Nichts ist charakteristischer für Piloty als die geschilderte kleine Begebenheit: Talente zu fördern, wo und auf welchem Gebiete der Kunst er sie auch fand, war seine Luft, sein Element. Und darum war er auch der geborene große Lehrer. Kaulbachs Einfall, mich in der Akademie deklamatorische Vorträge halten zu lassen, realisierte Piloty; im geräumigen Hörsaal las ich auf seinen Wunsch und nach seiner Anordnung an mehreren Nachmittagen Balladen deutscher Dichter und Szenen aus Shakespeare. Er selbst war zugegen mit seiner ganzen Suite, auch mit denen, die schon flügge waren. Ich nenne u.a.: Gabriel Max, Makart, Lenbach, Benzur, Gysys, Kurzbauer usw. Aber auch die zwei Gewaltigen der Malerkunst: Leibl und Böcklin beglückten mich einmal durch ihre Anwesenheit. Man sieht: ein Parterre von Königen! Und, weiß Gott, die Anwesenheit von allen Gekrönten Europas ? sämtliche Koburger Thrönchenanwärter eingerechnet ? hätte mich nicht stolzer machen können. Einmal sprach Piloty mit mir von seinem Wallensteinbild in der Neuen Pinakothek, bei welcher Gelegenheit er mir was Häusliches vom Königlichen Hof erzählte: als das Bild fertig und in der Galerie aufgestellt war, wurde er von Ludwig II. zur Audienz befohlen. Nachdem der König eine Weile mit Feinheit sich über das Bild geäußert hatte ? verschwand er für einen Augenblick ins anstoßende Kabinett, trat danach mit verschränkten Armen auf und deklamierte Piloty den großen Monolog aus dem ersten Akt der Schillerschen Tragödie vor. Ob Piloty es gewagt hat, seinem Souverän mit den Worten wie Polonius: »Bei Gott, mein Fürst, wohl vorgetragen, mit gutem Ton und gutem Anstand« Beifall zu klatschen, weiß ich nicht.[83] Amazon.de Widgets In jenen Tagen stellte im Kunstverein Defregger das Bild aus, das ihm im Fluge die Herzen des deutschen Volkes eroberte: »Der Ball auf der Alm«. Von der Holdseligkeit dieser Kunst ergriffen, trieb es mich, den »neuen Mann« kennen zu lernen. In einem älteren Hause der Blumenstraße stieg ich vier oder fünf Treppen und wurde in einen kleinen Verschlag geführt, der sich den Namen »Atelier« beilegte. Hier saß in einem Lehnstuhl ein an beiden Füßen Gelähmter: Defregger. Welch erschütternder Gegensatz: Gesundheit, Freude am Leben und Schaffen im klassisch-schönen Antlitz ? und die Füße Blei, wie tot! Und dennoch, just damals in dieser Nußschale und obgleich durch sein Leiden wie gefesselt, malte Defregger seine schönsten Bilder, u.a. sein wie vom Genius seines Landes Tirol diktiertes prächtiges »Letztes Aufgebot«. Die Luft, sich künstlerisch aussprechen zu dürfen, verlieh dem edlen Gesicht Defreggers den Ausdruck keuscher Freude. An seiner Seite stand ein achtzehnjähriges Mädchen mit blühenden Farben wie die Jugend selbst. Es war die Tochter seiner in ärmlichen Verhältnissen lebenden Hausleute. Vor zwölf Jahren hatte er bei ihnen Wohnung genommen, sich in ihren sechsjährigen, bildhübschen Fratzen verliebt, ihn auferzogen, auf seine Kosten lernen lassen, um ihn, als er ? um biblisch zu sprechen ? mannbar geworden, zu heiraten. Die Trauung wurde vom Geistlichen in jenem kleinen Raum, der Bräutigam sitzend, die Braut stehend, vollzogen. Was alle Medizinal- und Obermedizinalräte (»ein Titel muß sie erst vertraulich machen« höhnt Mephisto) in Jahren nicht fertig kriegten, Defregger zu heilen, das gelang in seiner Heimat seinem Landsmann, dem »Bauerndoktor« Wasler, in zwei Wochen radikal. Und zwar durch ein Mittel aus Väterzeit, das den Herren Professoren vermutlich unter ihrer Würde erschienen war: er schröpfte ihn an den Knien und legte dann einen dicken[84] Brei darüber. ? Schnell schloß ich schon bei meinem ersten Besuch Freundschaft mit dem Maler, und sie hat standgehalten ein ganzes Leben. Die erste Vorstellung, die ich im Königlichen Theater sah, war »Julius Cäsar«. Man pflegt gerne mit kompetenter Miene von einer »alten« und »neuen« Schule zu sprechen. Zumal nicht wenigen von jenen, deren Sache das Beurteilen ist und deren Kopf reich ist an Schubladen und Schublädchen, angefüllt mit ähnlichen Schlagworten, erleichtern solche Redensarten ihren Beruf. Geschieht es ohne Witz, bleibt's unbeachtet, geschieht es aber mit Geist, so wird's Gefahr. In Wahrheit gab es nie eine alte und neue Schule, weder in Wien am Burgtheater noch in München, ja nicht einmal in Weimar ? sondern allzeit nur gute und schlechte Schauspieler; die letzteren, um ein malitiöses Kulissenwort zu gebrauchen, »führten ihr Organ spazieren« ? die wirklichen bemühten sich allzeit, der Natur so nahe als nur möglich zu kommen. Der Natur im Geist und Sinn der Dichtung, meine ich, nicht der in Berlin erfundenen Gassenbüberei, die darin besteht, daß das Publikum kaum die Hälfte des Gesprochenen versteht, die dem alten Moor (Räuber) ein Spuckkästchen ans Bett stellt und dem sterbenden Attinghausen Medizin- und Wärmeflaschen. (Die Klistierspritze in dieser Szene bleibt einem Übermenschen von Spielleiter noch vorbehalten!) Das Ganze ist ein völliger Mangel an Stilgefühl, ohne das die Schauspielkunst einem scheugewordenen Pferde gleicht. Diese Kunststücke sind übrigens »alt und neu«, allzeit gehandhabt von Leuten, die bei geringem Können an der Oberfläche schwimmen möchten. In einem Briefe aus Leipzig vom 4. Mai 1800 schreibt Goethe an Schiller: »In dem Theater wünschte ich Sie bey einer Repräsentation. Ein loses, unüberdachtes Betragen, im Ganzen wie im Einzelnen, kann nicht [85] weiter gehen. Von Kunst und Anstand keine Spur. Bey der Recitation und Deklamation der meisten bemerkt man nicht die geringste Absicht, verstanden zu werden. Des Rückenwendens, nach dem Grunde Sprechens ist kein Ende, so geht's mit der sogenannten Natur fort, bis sie bey bedeutenden Stellen gleich in die übertriebenste Manier fallen.« Klingen diese Zeilen nicht so, als ob sie heute aus Berlin nach einer Aufführung an einer Reinhardt-Bühne geschrieben wären?! ? Doch nein! Hätte Goethe gesehen, wie Reinhardt z.B. in der »Widerspenstigen« den Petruchio buchstäblich auf den Händen voltigierend auf die Bühne kommen, im »Sommernachtstraum« den mahagonifarben angestrichenen Puck in einer kachierten Baumkrone seine Monologe plappern läßt, Moissi bei dem Monolog »Sein oder Nichtsein«, da Hamlet, ganz Seele und Traum, schier körperlos werdend, in ein leises Schwanken geraten darf, befiehlt, den Fuß auf den Souffleurkasten zu stellen und ins Publikum zu brüllen, was es Zeug hat ? seine Indignation hätte sich angesichts dieser Reinhardtschen Spekulationen zum Zorn oder Ekel gesteigert. Aber Reinhardt ? seinem eigentlichen galizischen Namen habe ich nicht nachgeforscht ? kann eben nicht anders: er muß spekulieren! Es ist seiner Rasse (der anderseits die deutsche Bühne ja so unendlich viel, so Entscheidendes ? künstlerisch und sozial zu danken hat) angeboren wie ? der Elster die Kleptomanie ? man kann sagen von Aubegmn der Welt. Denn der ehrwürdige Erzvater Abraham schon, hat er nicht dem lieben Gott selbst spekulative Vorschläge gemacht, da Jehova Sodom zerstören wollte? »Herr«, marktete er, »wenn in Sodom dreißig Gerechte sind, möchtest du nicht die Stadt verschonen? ? Oder Herr, wenn nur zwanzig dort sind? Oder ? du weißt, mein Vetter Loth lebt dort ? nur zehn, willst du Gnade nicht üben?« ? Und der Schauspieler und[86] seine herrliche Kunst? Wie fahren sie dabei? O, darnach wird wenig gefragt! Was persönlich im Mimen, ist der talmudistischen Mätzchenmosaik Reinhardts und seiner Ableger nur im Wege und wird bei den Proben ausgetrieben wie bei einem Exorzismus der Teufel aus dem Leibe des Sünders; ihr Ideal wären Ammergauer Bauern und ? Kriegerfrauen. Bei der »Julius Cäsar«-Aufführung im Jahre 1872 in München also gab es einige, die hoch auf dem Kothurn schritten, und andere, die völlig menschlich spielten und sprachen; zu den letzteren zählten Meister Rüthling als Brutus und vor allem Christen, der die geniale Gestalt des Erzaristokraten Casca, dem der Atem des Volkes »eine Last stinkiger Gase« ist, mit frappanter Natürlichkeit gab. ? Bemerken will ich noch, ehe ich München verlasse, daß damals am Gärtnertheater ein unbedeutendes, einaktiges Literaturstückchen von mir »Lessing in Camenz« gegeben wurde und Beifall fand. Einen Antrag nach Meiningen für den fast erblindeten Charakterspieler Weilenbeck nahm ich an. An einem Herbsttag entstieg ich in der Residenzstadt dem Zuge als einziger Passagier ? und so war es dem meiner harrenden Theaterdiener nicht schwer, in mir den neuengagierten Charaktermimen zu agnoszieren. Der überlange, bandwurmschmale Alte stellte sich mir vor, indem er zur Beglaubigung seiner Würde auf den silbernen Wappenknopf der Mütze deutete. Sein Rücken, durch Amtsgewohnheit so gekrümmt, als müßte er immerfort besorgen, »nach oben anzustoßen«, duckt sich noch tiefer. Er nahm mir meine Tasche ab und geleitete mich nach dem von ihm für mich gemieteten »gemidlichen Loschi«. Auf dem Wege dahin, in der pfützigen Gosse, die mitten durch die Boulevards der Residenz schleicht, bemerkte der Theaterdiener seine auf Irrwegen watschelnden Gänse ? und scheuchte sie, mit beiden Händen die[87] Frackschöße, die gleichfalls der herzogliche Wappenknopf ziert, vorschwenkend, durch »Pscht, Pscht, Ludersch, heim« seinem Häuschen zu. Ein Männlein, von der entgegengesetzten Richtung kommend, streifte uns und fragte meinen Begleiter flüsternd: »Wer?« ? »Der neue Charaktermacher«, tuschelt das längliche Prunkmöbel der Herzogswürde. Der andere: »D er ? keene Möglichkeit, dem paßt im Leben doch keen Kostüm, dem machern Hund; wieder so ä dummes Engagement ? adjüs.« Ich hatte scharf hingehorcht und verstanden. »Wer war der Herr«, fragte ich den Theaterdiener, der darauf mit großem Respekt in Miene und Ton antwortete: »Unser Herr Obergarderobier.« ? Na, dachte ich, der muß es ja wissen; mein Schicksal scheint somit hier entschieden. ? Es drängte mich sogleich, die Stadt zu besehen. Schnell war die Straße, die das damalige Meiningen ausmachte, durchmessen, und weiter ging's im lieblichen Tal, am Strand der krausgewundenen Werra. Wie ein verwöhnter Liebling liegt die kleine Residenz eingewiegt, eingebettet und behütet von sanften Höhen. Ich war ganz entzückt und lief und lief ohne Ende. Von der Abendsonne waren Berg, Tal und Fluß wie in Feuer vergoldet, und als ich mich endlich zur Rückkehr wandte, brannten die Fenster des Residenzschlosses in roter Glut. ? Tags darauf stellte ich mich meinem Chef vor. Chef? Ach nein: das Theater leitete der regierende Herzog selbst (damit er auch in Wirklichkeit was zu regieren habe, denn das übrige wurde seit 1870 ja doch in Berlin besorgt) ? aber dem Manne, der als Leiter figurierte: dem Herrn Intendanzrat Grabowsky. In der Berliner National-Galerie hängt das lebensgroße Porträt eines spanischen Grandezzaprotzen von Velasquez; wer von meinen Lesern dieses einzige Bild gesehen, dem brauche ich Grabowsky nicht zu schildern: in dem glattrasierten, puterroten Gesicht des stramm-feisten Alten mit der von ehrwürdigem Weiß[88] umrahmten Monstreglatze, blank wie eine Billardkugel, brüsteten sich wetteifernd Bürokratendünkel und naive Borniertheit. Ein Unteroffizier a. D., der sich über die arme dramatische Kunst hergemacht. Er war die »Seele« des Ensembles: sein Korporalstock! Denn die Eigenart der Meininger lag nicht in der dekorativen Pracht allein, sondern auch im Drill der »Geister«. Eine gar lustige Posse war's, wie Grabowsky mit den dramatischen Embryos, die er allherbstlich aus Theaterschulen in Berlin und Hamburg nach Meiningen brachte, verfuhr. Beim Auftrieb auf den Markt ließ er jedem dieser Davisons und Devrients sein Fach. Nun stelle man sich die kalte Dusche eines zugereisten Coriolan oder Hamlet vor, wenn er in Meiningen zu einem »Heil-Cäsar«-Brüller degradiert wurde. Ich war einmal dabei, wie er so einen ersten Charakteristiker abführte, der sich beschweren wollte, in »Kabale und Liebe« nicht den Wurm, sondern den stummen Polizeidiener im zweiten Akt »verkörpern« zu müssen. »Nu, ist es die Möglichkeit«, donnerte er, »du lieber Himmel! Den Wurm kann jeder spielen, jedes Kehrweib möcht' ich sagen! Das ist jarnischt! Aber der Polizeidiener ? hu! so 'n Schuft: will immer auf die arme Luise losgehen! Der miserable Intrigant! Den müssen Sie spielen! Der ist mir zehnmal wichtiger wie so ein lumpiges Würmchen! Na ? machen Sie's!« Und wirklich! Der Jüngling verließ moralisch erhoben das Büro des alten Praktikers. Grabowsky behandelte mich mit wohlwollender Herablassung, riet mir, ein Logis mit Sonnenseite zu wählen, die wichtig sei fürs Gemüt des Schauspielers und empfahl mir am Schluß, Fräulein Ellen Franz einen Besuch abzustatten. »Unsere erste Darstellerin«, sagte er, »eine Dame von Geist und« ? mit ehrfürchtiger Feierlichkeit fügte er hinzu ? »unserer Hoheit, dem Herzog, nahestehend«. ? Es war der Winter vor der Invasion Deutschlands durch Meiningen, da[89] noch nirgends gemeiningerl wurde als in Meiningen selbst, der Winter, wo alles zu dem großen Triumphzug präpariert und eingeölt wurde. Ich hatte keine Ahnung von dem unverständlichen Zeug, das um mich vorging und riß Mund und Augen auf, zumal bei den Proben, wo die Hauptsache dazu gekocht und gebraut wurde. Der Herzog fast immer dirigierend im Parterre. Ihm zur Seite, beratend und einflüsternd, die Ellen Franz; so wie sie nur von der Szene abkommen konnte ? husch zu ihm! Mittags gegen 1 Uhr ? denn die Proben dauerten endlos ? labte sie den Herzog mit belegten Brötchen. Grabowsky, oben am Regiestuhl, umklammert gewohnheitsmäßig seine Kolossalstirne mit den Denkerbeulen, damit sie nicht von der Wucht seiner Ideen gesprengt werde, mit den Wurstfingern seiner Rechten. Kommandiert der Herzog vom Parterre, so erhebt sich der Intendanzrat, und da er nicht immer die kurzen Befehle der Hoheit versteht, so beugt er sich in halber Wendung zu seinem Fürsten, hebt beim Wiederniedersitzen aus Schonungsgründen den Rock in die Höhe und gerät auf diese Weise, zumal bei seiner prallanliegenden, vom Sitzen fadenscheinigen Hofe, seinem Souverän gegenüber in eine zweifelhaft ehrerbietige Stellung. Einmal schnarrte es aus dem Parkett ? es war bei einer Probe vom »Kaufmann von Venedig« ?: »Herr Intendanzrat, lassen Sie die Venezianer auf dem Rialto nicht geradlinig stehen wie zum Parademarsch bereit: diagonal, diagonal!« Grabowsky erhebt sich, glotz eine Sekunde ratlos ins Leere ? ? »diagonal?« Das Wort stand nicht im Register seines geistigen Archivs. Er räuspert sich und fragt mit halbem Zögern: »Hoheit geruhten zu meinen?« »Diagonal, diagonal!« ? »Jaso? hm, ja, zu Befehl, Hoheit. Na ja, versteht sich!«, schnauzt er darauf einen armen Statistenknaben an: »Schnabel, Mensch, hören Sie nicht, sie sollen diagonal stehen.« Im Parkett verstohlenes Kichern von[90] Zweien. ? Kostüme, Federn und Agraffen, Möbelkram und Requisitentrödel, Beleuchtung der Statisten von vorn und hinten usw., hieß die frischgebackene Offenbarung. Und der Schauspieler? Na ja, auch er galt, sofern er viel Person besaß und nichts Persönliches; denn letzteres war den Meiningern unbequem: es stand den Möbeln im Weg. Das sich mit beiden Ellenbogen In-den-Vordergrund-drängen und alles Allein-machenwollen des heutigen Regisseurs ? ein Mehltau für alle Schauspielkunst ? in Meiningen entsprang es, von hier nahm es seinen Ausgang, um in verschiedenen Variationen mit diversen aparten Tricks immer und immer wieder, bis auf den heutigen Tag, wie etwas Neues aufzuleben. Diese Herren machen es, wie die unmodernen Zahnärzte von früher: sie meinten, um zu ihrem Zweck zu gelangen, den Nerv töten zu müssen; der heutige, fortgeschrittene Arzt ist froh, ihn erhalten zu können. Hier ein Beleg dafür, wie's zu jener Zeit in Meiningen gemacht wurde. Wir studierten ? nebenher gesagt monatelang ? »Romeo und Julia« ein. Ich spielte den Pater Lorenzo. Damit ich nicht eine Gartenfigur »decke«, wurde mir bei der Probe mit Kreide genau der Fleck fixiert, wo ich meinen Monolog zu halten habe. War's Bosheit, war's Galgenhumor oder beides, ich redete absichtlich ohne Stil, ohne Wahrheit, betonte unsinnig, sprach Prosa statt Verse, um zu sehen, ob mir eine Korrektur erteilt wurde. ? Kein Schimmer! Weder die Hoheit im Parterre noch die von Gottes Gnaden mit dem speckglänzenden Hintern am Regiestuhl sagten ein Wort dazu. ? Während Romeo von Rosalinden spricht, also während des psychologisch zarten Probepfeils, der uns auf ein Herz, geschaffen für eine mächtige Leidenschaft, vorbereiten soll, bieten ihm in Meiningen Marktweiber Orangen und Äpfel zum Kaufe an. Und das sollte eine Renaissance der Kunst sein! In Wahrheit ist es nichts als[91] das alte, schlechte Theater der Engländer, die mit ihrem Riesen aus Stratford Ausstattungsspekulation treiben. Die Ellen Franz nun, die Geliebte des Herzogs, eine geborene Engländerin, brachte dieses kunstmaskierte business als Offenbarung nach Meiningen, und der Herzog, der dadurch Gelegenheit fand, Dekoratives zu entwerfen und zu skizzieren, wofür er ausgezeichnetes Talent besaß, ist Feuer und Flamme. Den Jammer in seinem ganzen Umfang, den Meiningen angerichtet, weiß selbst der klügste Beobachter und schärfste Kritiker nicht zu beurteilen, sondern nur der, der selbst am Werk, ihn am eigenen Leib empfunden: um das reiche, kaleidoskopartige Repertoire ? keine Nation macht es Deutschland nach! ? das das Beste aus dem gesamten Literaturschatz aller Sprachen brachte, war es geschehen. Es mußte notwendigerweise zusammenschrumpfen, weil Meiningen ein Zeitmoloch ist. Zwei, drei Bluffaufführungen (Julius Cäsar, Wilhelm Tell etc.) verschlangen Wochen, Monate, verhinderten die Neueinstudierung anderer Werke von Wert oder zwangen, im Gegensatz zu den Schlagern der Saison, sie salopp herauszuwerfen. Verhinderten auch viele Jahre, daß die modernen Dramatiker zu Worte kamen. ... Bürgermeister und Stadtrat wurden zu den Blitzlichtoffenbarungen geladen und staunten auf die Bühne! Teppiche, Gobelins, Renaissance- oder Empiremöbel zu Hauf, Statisten, die sich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit »Arm und Beine ausrissen« ? sapperlot, das war noch nicht da, das ist Kunst! Wie Wallenstein sprach, Buttler spielte ? wer achtete darauf, vermochte darauf zu achten? Schaukelten im »Kaufmann von Venedig« in der ersten Szene ein paar Gondeln im Canal grande (und lenkten, nebenher gesagt, ab von der Wichtigkeit der Exposition), so war das der Gipfel von allem, was die dramatische Kunst zu bieten vermag. Wie automatisch trat dadurch eine Entwertung der Schauspielkunst ein. Ging es[92] doch auch ganz prächtig ohne sonderliches Können. Ich gehe so weit, die Meiningerei mitverantwortlich zu machen für das soziale Elend des deutschen Schauspielers. Wozu brauchte sich der Herr Direktor in Mainz, Magdeburg usw. materiell anzustrengen? Er kaufte Möbel und zahlte seinem Hamlet, seiner Julia 150 oder 180 Mark. Im übrigen muß ich gestehen, daß die geplanten Gastspielausflüge mit Schläue eingeleitet wurden: berühmte Kritiker aus Berlin (u.a. der geistvolle Frenzel) wurden fleißig hierher geladen, die Wunder zu beschauen. Sie durften im herzoglichen Schlosse absteigen. Na, man kann sich denken! Wenn in Deutschland ein Souverän, der Bändchen und Titelchen zu vergeben hat, Impresario wird! Aus dem herzoglichen Schlosse gingen Berichte nach Berlin und ins ganze Reich, die Meiningen als dramatisches Betlehem priesen! ? Mitte März gab's ein Ereignis für die Stadt: einen Gast im Hoftheater. Ein Fräulein S. aus ? die Stadt fällt mir nicht ein ? als Maria Stuart. Wir wunderten uns nicht wenig und fragten uns wozu? Da doch die Ellen Franz das Fach spielt und mit ihren 26 oder 28 Jahren noch lange wird spielen können. Und die verläßt Meiningen doch sicher nicht. Ein Augurenlächeln der Eingeweihten: damit sie uns nicht verlassen könne, der Beweis erbracht ist, daß sie als unersetzlich, lebenslänglichen Vertrag mit schwindelnd hoher Gage bekommen müsse. Die S., Durchfallskandidatin, wurde gewählt, weil sie ideal schlecht sei; nach ihr ein zweites Schlachtopfer. Entworfen und gedeichselt wurde das diplomatische Werk von Herrn Chronegk, der Regisseur hieß, weil er solche Stückchen famos zu inszenieren verstand. Aber die Untertanen Meiningens rochen den Braten. Monarchisch bis auf die Knochen, aber zugleich sittlich-moralisch bis auf die Niere, haßten sie die »Maitressenwirtschaft« und, wie sie sich großartig ausdrückten, »den britischen Einfluß«. Die »Stuart«-Vorstellung[93] war ausverkauft. Die S. wird mit Beifall empfangen, und ob sie gleich nach herzoglichem Wunsch zum »Abbusseln« schlecht ist, mit Beifall stürmend überschüttet. Am Schluß ? die Rache ist süß, Tyrann von Meiningen! ? die Bühne überdeckt mit Blumen und Lorbeer. An der Bühnenpforte wird darauf die S., die zu dem Erfolge kommt wie die Jungfer zum Kind, von einer Schar von Mißvergnügten vergnüglich erwartet und mit Himmelhochjauchzen, das aber auch zum herzoglichen Schloß emporstinkt, begrüßt. Man hätte der Gastin fraglos auch die Pferde ausgespannt, aber der Staat hatte das Pferdeglück, daß die Metropole keine Droschke besaß, und so blieb dem Thron diesmal das Schlimmste erspart. ? Aber die Sache wurde immer lustiger: im Wochenblättchen, das, wie sich denken läßt, nie Kritiken über das Hoftheater bringen darf, weil es sonst den »ersten Diener des Staates« kritisieren müßte, eine pompöse Kritik über die S. »Stern!«, »Meisterin!«, »Seelenmalerin!« usw. Der Herzog ergrimmt! Er läßt den Verleger seines Staatsmoniteurs vor seinen Stuhl laden. Das alte, kleine, dachsbeinige Männeken ? ich hatte es ab und zu bei seinem Schöppchen am Stammtisch gesehen ? steht schlotternd an Seel' und Leib vor dem Herrscher aller Meininger. »Wie konnten Sie sich unterstehen? Wer hat das Zeug geschmiert? Diesen Blödsinn, diesen Schmarren?« ? »Hoheit, verzeihen, ich derf's nicht sachen.« ? »Mensch, ich wünsche es zu wissen, verstehen Sie das!« ? »Ich derf's mal nicht.« ? »So? Jetzt befehle ich es Ihnen als ihr Souverän! Wer schrieb den Mist?« ? »Ja, wenn ich's bardu sachen muß: höchst Dero Herr Vater, der allerdurchlauchtigste Herr Herzog Bernhard!« Tableau! Dem erstarrten Fürsten bleibt noch soviel Fassung, dem Buchdrucker abzuwinken, der sich nicht in der aufrechten Haltung, die laut Katechismus den Menschen vom Tier unterscheiden soll, sondern tief gebückt und ärschlings[94] nach dem Hintergrund lanciert und in der Glastüre verschwindet. Herzog Bernhard, der frühere österreichische General, der mit dem Kriegsjahr 1870 das Thrönchen seinem Sohn abtreten mußte, war der Theaterwirtschaft des jetzigen Herrn nicht grün; sein Mütchen zu kühlen, kam ihm das Gastspiel der S. apropos. Als zweite Debütrolle der S. stand »Sappho« auf dem Spielplan. Aber mit gnädiger Handbewegung hieß es: Honorar wohl, zweites Auftreten, nein. Die Debütantin, die so schön auf ihren Stuartlorbeeren geruht, sagt energisch wie der alte Shylock: »Ich stehe hier auf meinen Schein.« »Sei's darum,« sagt der Herzog, »aber der Hof und was hofbedienstet (damit Dreiviertel des Städtchens) bleiben fern; sie mag spielen ? vor leeren Bänken. Und keine Kränze, keine Blumen; den Spaß kann ich ihr ja versalzen!« ? Der Hofgärtner, der einzige, der in Meiningen Blumen zu verkaufen hat, erhält Order: bei Gefahr des Kopfes, kein Blümchen, kein Blättchen! ? Der Abend kommt: Das Haus voll bis zur Decke. Da Sappho auftritt, unter brausendem Beifall ein Blumenplatzregen und Riesenlorbeerräder, daß Zirkusspringer hätten durchvoltigieren können. Den größten davon läßt aus einer Hofloge ein selten schöner, hochgewachsener Greis, über dessen Vornehmheit selbst in Paris das Wort ging »über Meiningen gibt es keine Meinungen«, reichen: Seine Hoheit der Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen. Es muß eine Pause eintreten, bis die Mitspielenden die Bühne von dem Grünzeug der Begeisterung entlastet haben. »Wie war das möglich?« zürnt der Herzog. ? »Ein Zug mit Landeskindern aus Hildburghausen, Hoheit, und ein telegraphisch bestellter Waggon mit Blumen aus Erfurt!« ? »Aufstand!« »Revolution!« ruft der Fürst, »aber wartet, Rebellen, ich werde euch zeigen, wer Herr ist: Ellen Franz, willst Du mein Weib sein vor Gott und den Menschen?« Leises Rot färbte die Wangen der jungfräulichen[95] Magd und an den herzoglich-meiningischen Hausorden sinkend, hauchte sie: »Dein, Georg, mein VII., Dein!« ? Nach der »Sappho«-Vorstellung ungewohntes Treiben in Gassen und Gäßchen; verständnisinniges Winken von einer Seite des Bürgersteigs zur andern, was da sagen wollte: »Mir haben's dick hinter den Ohren!« »Mir sind hell unter der Platte!« Schadenfrohes Sich-zublinzeln: »Das haben wir schlau gemacht; nieder mit der Unterrockwirtschaft!« ? Im Tabaksqualm der Wirtschaften wagen sich Worte hervor: »Das war nur der Anfang, 's kommt noch ganz andersch.« Das Nationalgetränk, die gute »Gose«, fließt in Strömen und beim Sechsundsechzig wird bei der untersten Karte mit Wucht in den Tisch gehauen: »Nee, 's Weiberregiment dulden mir einmal nicht als solide Demokraten!« Kurz, helle Revolution! Der Herzog aber, er mag sie nicht mehr, seine undankbaren Untertanen: fort, eiligst fort, bis die Wunde, die sie seinem Vaterherzen geschlagen, wieder vernarbt ist. Tags darauf Trauungszeremonie im herzoglichen Schloß. Als Zeugen: der Adjutant des Herzogs und Regisseur Chronegk, seit Jahren der vertrauteste Freund der Ellen Franz. Verdammt! Ein kleines Hindernis! Als der Geistliche die Personalien der Zeugen abhört, stellt es sich heraus, daß Chronegk sich zwar selbst getauft (denn in Wirklichkeit trug er einen jener Namen voll Duft wie Veigelstock oder Mandelblüh), im übrigen aber beschnitten und ungewässert, und somit damals in Meiningen unqualifizierbar als Zeuge war. Was beginnen? Rasche Hilfe tut not! Chronegk selbst hat die Geistesgegenwart: Kammerdiener vor! An dem ist alles tipptopp, da fehlt kein Titelchen, kein Schnitzelchen; er ist auf Befehl Trauungszeuge und packt dem Herzog den Hochzeitskoffer. Im übrigen nach dieser Haupt- und Staatsaktion, auf die Meiningen nicht gefaßt war, Betäubung, Schwüle, dumpfes Schweigen. Ich aber spürte in mir[96] etwas von einem politischen Laubfrosch, stieg auf das optimistische Sprößlein oben und prophezeite: Sonnenschein: alles wird sich in Wohlgefallen lösen, kein Malkontenter schießt ? um mit dem alten Schartenmeier zu reden: »der neuen Landesmutter durch den Rock ins Unterfutter«, sondern in Bälde huldigt ihr Stadt und Land. Amazon.de Widgets Bei Bodenstedt, der seit zwei Jahren nicht mehr Intendant des Hoftheaters war ? es hieß, daß die Ellen Franz ihn gestürzt ? verkehrte ich fleißig. Der Dichter der Mirza Schaffylieder war ein gar stattlicher Herr und schritt mit seinen hohen, gestickten, echt persischen Stiefeln in seinem Wald von Büchern mit so sicherem Bewußtsein wie etwa seinerzeit in Leipzig der gravitätische Literaturdiktator Gottsched. Überall um ihn in dienender Zärtlichkeit seine von ihm so oft besungene Gattin Mathilde. Die anmutige, kleine Frau mit ihrem Lächeln voll Güte, besaß nur eine Schwäche: sie vermochte nicht oft genug von ihrem Manne angedichtet zu werden. »Was willst Du zu Deinem Geburtstag, Mathilde?« ? »Ein Gedicht, Friedrich!« war die Antwort. »Was soll ich Dir zu Weihnachten bescheren?« ? »Ein Gedicht, mein Friedrich, nichts als ein Gedicht.« ? Mit Ostern war die Meininger Spielzeit zu Ende und die langen Ferien begannen. Ich reiste nach München, um mich mit Emilie van der Straß trauen zu lassen. Was wir beide so lange, so heiß ersehnt hatten, es sollte uns nicht zum Heile werden. Die Schuld lag an mir. Die rührende Güte, ungewöhnliche Intelligenz und Schönheit der Frau, die sich mir anvertraut hatte, hätten jedem andern ein dauerndes Glück bereitet. Mein verworrenes Wesen, mein unbefriedigter, krankhafter Ehrgeiz, der nicht erwarten konnte, was sicher von selbst gekommen, ja, bei einiger Geduld viel sicherer und früher gekommen wäre machten mich zu einem fahrigen, kindischen, schier pathologischen[97] Geschöpf, das sich sein Leben und das der Gefährtin ganz unnötig verdarb. ? Die Verheiratung eines herzoglichen Hofschauspielers ist doch wahrlich kein kleines Ereignis für eine Thüringer Metropole! Und als ich mit meiner Frau in Meiningen ankam, in den Gäßchen, durch die wir schritten, rechts und links an allen Fenstern, hinter leise zurückgeschobenen Vorhängen, Bürgerinnen und Bürger, vorsichtig auslugend. ? Gespielt aber wurde zuerst im Badeort Liebenstein, in einem kleinen herzoglichen Theater. Hier beging ich einen der dümmsten Streiche meines Lebens. Bei einer Probe im Kostüm von Graf Essex befahl mir Grabowsky, ein Barett in der linken Hand, nicht in der rechten, zu halten und während einer langen Szene beileibe nicht vom Degenknauf wegzubringen. Von dem unerhörten Blödsinn gereizt, sprang's in mir auf, ich warf Barett, Rolle und Engagement hin und bat um augenblickliche Entlassung. Spätherbst, eine junge Frau und kein Engagement! 
 II.  [24] Als Sohn eines Geschäftsfreundes der Fabrikherren stand mir ein gut möbliertes Zimmer im Hauptgebäude zur Verfügung. Doch zog ich ein Stübchen, nicht größer als eine Badekabine, in einem von Handwerkern bewohnten Rückgebäude vor, um souverän zu sein. Aus Scherrs illustrierter Literaturgeschichte riß ich alle großen Dichter und Denker und tapezierte damit die Wände meiner Zelle. Mein Chef mochte mich ganz gut leiden, obgleich unsere Anschauungen einem Wegweiser glichen, nach zwei entgegengesetzten Richtungen zeigend: ich vermochte unserm Düngerhaufen keinen besonderen Reiz abzugewinnen, in den er[24] wie gerührt seine Nase zu stecken pflegte, um zu hauchen: »die reinste Schokolade!« ? er wiederum begriff nicht recht, wozu ich ein mit Besen und Schaufeln gefülltes Magazin, dessen Beschließer ich war, des Abends zu einer Bühne umgestaltete? Wozu ich weiters seinen Schlosser, Chemiker, Zuckermeister dramatisch bilden wollte, indem ich sie einlud, auf improvisierten Sitzen Platz zu nehmen und meinen Monologen aus »Faust« oder »Egmont«, die ich hoch oben auf einem Kalkfasse schmetterte, zu lauschen? Als er mich aber gar dabei ertappte, wie ich den slawischen Arbeitern am Felde draußen beim »Ein prismen« der Runkelrüben den Hamlet interpretierte ? löste sich von den Lippen des Hirsch Kuffner die klassische Wahrheit: »Total meschugge!« ? Trotz meiner jungen Jahre war ich nicht blind für die sozialen Zustände dieses großen industriellen Unternehmens; und ihr furchtbarer Ernst übte einen so starken Eindruck auf mein Gemüt, daß er nachhaltend blieb für mein ganzes Leben. Zur Winterzeit, während der »campagne«, wurde Tag und Nacht gearbeitet und beide Schichten währten, kurze Eßpausen eingerechnet, volle zwölf Stunden. Die Räume der Fabrik machten in ihrer Nacktheit den Eindruck, als ob sie nicht für Menschen, sondern für arbeitende Tiere errichtet wären. Wie in Dantes Hölle wurden die Verdammten sowohl durch Hitze als durch Kälte gemartert. In der »Spodium-Dörre«, wo gehackte Knochen, zur Filtrierung des Zuckerrübensaftes bestimmt, beständig umgeschaufelt werden müssen, herrschte ein Gluthauch, der jeden töten mußte, der ihm Jahre ausgesetzt war. Im sogenannten »Preßraum« wieder war es so kalt, daß der menschliche Atem gefror. Hier arbeiteten ausnahmslos junge Mädchen. Mit hochgeschürzten Röcken und nackten Armen mußten diese armen Kinder aus einem großen Reservoir den eisigen Zuckerrübenbrei in schweren Eisenkübeln über einen naßkalten, asphaltierten Boden barfüßig zu den Pressen[25] schleppen. Zwölf Stunden! Und der Lohn? Zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig »Neukreuzer« (etwa 60 Pfennig), und wehe, wenn »liederlich« gearbeitet wurde! Dann gab es »Strafen« in Form von Abzügen, die die armen Menschenknospen ? Opfer der Königin Industrie ? mit Herzklopfen fürchteten und mit »Unglück« bezeichneten. Mehr als Fleiß schützte sie vor diesem die Bereitwilligkeit für den »Herrn Aufseher«, dem schiesschultrigen, grimmen Geßler der Fabrik. Alle, Mann und Frau, mußten sich, bevor sie die Fabrik verließen, am Hoftor vom »Portier« untersuchen lassen, ob sie nicht vielleicht die Kostbarkeit einer gefrorenen Rübe gedrückt. Schön ist es ja nicht, wenn man seine Arbeiter wie Diebe und Verbrecher behandeln läßt; aber die beiden Dioskuren Hirsch und Ignatz waren eben gar nicht ? meschugge und ließen es geschehen. Hatten auch nichts gegen den Humor ihres rohen Burschen am Hoftor, wenn er junge Müdchen ? gewissenhafter abgriff als alte Slowaken. Um übrigens der Zuckerrübe baldmöglichst zu entkommen, war ich ihr eifrigster Jünger, und so bekam ich schon nach 6 Monaten (im April 1864) ein glänzendes Zeugnis ?, neben meinem K. K. Militärschwimmzeugnis das beste, welches ich überhaupt aufzuweisen habe ? gezeichnet Hirsch und Ignatz nebst großem Siegel. Im adeligen Wappen ? denn die beiden waren bereits damals für ihre Verdienste um die Industrie Österreichs in den Adelsstand erhoben ? prangte, statt der Zuckerrübe, eine heraldische Bestie. Amazon.de Widgets Das Jahr 1884, das Deutschland zwei Provinzen einbrachte, schenkte auch mich der deutschen Bühne. Von diesen beiden Ereignissen hätte allerdings schon das erste genügt, um dieses Jahr denkwürdig zu machen. Merkwürdig! Nicht nach Wien, so nahegelegen, nach Berlin zog es mich. Und zwar ohne jede Überlegung! Mein Empfinden sagte mir: Du gehörst als deutscher Komödiant in die Zentrale Deutschlands. Ende April ging's,[26] arm am Beutel, auf die Wanderschaft; Lessings Hamburger Dramaturgie und ein paar Bände Shakespeare im Ränzel. Ach, armer dramatischer Handwerksbursch! Du hattest keine Ahnung von dem dornenvollen, abschüssigen Weg, so reich an Fallen und Fangeisen! Sorglos saßest du in der Ecke des Kupees und träumtest dich hinüber in Lorbeerhaine, wo schöne, dicke Rollen an vergoldeten Zweigen hingen, und Beifall wie Sphärenmusik rauschte. Mitten in der Nacht wurde ich aus meinem schönen Wahnsinn gerissen durch eine Donnerstimme: »Pässe vorzeigen!« Auf dem Trittbrett des Waggons stehend und zur offenen Kupeetür emporragend, hielt mir ein martialischer Unteroffizier das Bajonett schier unter die Nase. Denn wir waren in Bodenbach, der österreichisch-sächsischen Grenzstation. Der Paß war ausgestellt: »im Namen Seiner K. K. Apostolischen Majestät, Kaisers von Österreich, Königs von Böhmen und Ungarn«. Und so weiter eine halbe Seite lang; auch die Lombardei und Venedig standen noch darauf. ? Ich kam in Berlin früh morgens an. Die Stadt zählte damals nicht mehr als 600000 Einwohner, und ihr stolzestes Etablissement war die bescheidene Konditorei »Kranzler« an der Ecke der Linden. Ihr galt mein erster Besuch. Am Abend ging ich ins »Königliche«. Dessoir spielte den Othello. Sein Organ hatte bereits einen Sprung; vieles in seinem Spiel war präpariert und abgekartet ? aber groß war die innere Wucht, die ins Herz griff und Ruck um Ruck gab. Wenn er auf Cypern »seine holde Kriegerin« begrüßte, so fühlte man, wie in seinem Innern glühende Lavamassen wogten und fluteten. Ich brachte die erste Nacht in Berlin auf Cypern zu. Damals vermochte man noch von einem Alt-Berlin zu sprechen, wie es Glasbrenner so gemütvoll schildert. Jede Atmosphäre erzeugt ihre Geschöpfe und formt und prägt sie zu eigenartigen Typen. Zwei solche Alt-Berliner Figuren waren meine[27] Wirtsleute. Er, der alte Königliche Subalternbeamte, besaß die traditionelle Intelligenz preußischer Staatsdiener. Sein innerer und äußerer Mensch zeugten von seinem Wahlspruch: »Ordnung muß sind!« Madame gehörte zu den Frauen, die sich noch im Alter etwas Jugendliches, Mädchenhaftes bewahren. Wenn sie lächelte, lustwandelte jener undefinierbare Charme in ihrem Antlitz, der zu den Reservatrechten des weiblichen Geschlechtes gehört. Ihr dürres Figürchen trippelte kaum hörbar durchs Zimmer; die knöchernen Hände waren trotz aller Arbeit gepflegt. Die Kleidung ebenso bescheiden als peinlich sauber. Sparen war ihr Beruf, ihre Kunst, was ich jedoch nicht zu fühlen bekam. Denn als meine paar österreichischen Papiergulden bei Kranzler und anderen Konditoreien vernascht waren, steckte sie mir fortwährend etwas zu: »ein Butterbrötchen, bitte« ? »ein Täßchen Bouillon, gerne gegönnt« usw. Die obskuren Theateragenturen, die ich unablässig aufsuchte, wollten von dem »länglichen Wunderknaben« aus dem Lande der »Ratzefallen und Drahtbinder« nichts wissen; bis sich endlich das Vermittlungsbüro Held meiner annahm. »Zu was für schnöden Bestimmungen wir kommen können«, reflektiert Hamlet. Held, der im Jahre 1848 als Führer der Berliner Revolution Herrscherstühle stürzen und Kronen und Szepter zerbrechen wollte, half nun ambulanten Bühnentyrannen Throne erbauen, auf die er Kaiser und Fürsten der Schminke setzte, gehüllt in Hermelin von Katzenfell. Er bot mir Kontrakt nach Tangerhütte, einer kleinen Ortschaft in der Mark Brandenburg. Aber so wie jetzt in den großen Warenhäusern, hieß es bei ihm: Nur gegen bar: kostet einen Taler. Ach, wenn außer Tangerhütte auch noch die ewige Seligkeit dafür zu erlangen gewesen wäre ? ich hätte beide müssen verrosten lassen. Schwertraurig kehrte ich heim und jammerte meiner guten Wirtin vor von meinem verlorenen Paradies in der Uckermark.[28] Darauf beschwichtigte ich meinen Schmerz, wie das im Leben ja so oft geschieht, dadurch, daß ich andere malträtierte: nämlich Shakespeare, Schiller und Goethe. Ein Klopfen an der Türe unterbrach mein Geschrei. Meine Wirtin trat mit einem ältlichen Herrn ein. Er war klein, schmächtig und etwas verwachsen. Seine Kleidung schien mir sehr gewählt, sein Benehmen hatte etwas Gemessenes, Altfränkisches. »Ich habe als Ihr Nachbar«, sagte er, »oft Ihren Monologen an der Türe gelauscht; Sie haben sicherlich Talent. Nun höre ich von Ihrer Frau Wirtin, daß Ihnen das Reisegeld ins Engagement mangle. Wollen Sie einem alten Junggesellen, der die Kunst liebt, erlauben, Ihnen für die ersten Schritte auf den weltbedeutenden Brettern diesen bescheidenen Betrag anzubieten?« Zwölf Taler lagen auf dem Tisch! Ich wollte Dankesworte stammeln ... »Lassen Sie nur, es ist ja nur vorgestreckt«, sagte er mit jenem anmutigen Lächeln, das bezwingt, gleichviel, ob es sich bei jungen Mädchen oder alten Knaben zeigt, und entfernte sich schnell. Meine Freude war schwindelnd! Ich umarmte meine Wohltäterin so jubelnd, daß ich die arme Knöcherne schier zerbrach. Stehenden Fußes eilte ich zu Held, um mir meinen Caruso-Kontrakt (11 Taler im Monat) zu holen, und tags darauf nahm das Verderben seinen Lauf ? gen Tangerhütte. 
 VI.  [98] Immerhin hatte ich noch Glück: ich erhielt einen Antrag nach Straßburg. ? Ich stand vor dem Dom und staunte empor und konnte nicht müde werden, zu schauen, und wie ich die Augen halb schloß, um inniger zu genießen, da regte sich unversehens die starre Rhythmik der Ornamentenfülle; und wie sie leise zerfloß und verzweigend anschwoll in Wucht und Größe, und wie sie sich wieder grüßend fand, um sich in Grazie zu umarmen ? da schien mir, dem gänzlich Unmusikalischen, faßlich zu werden, was Musik ist, sein sollte. ? Herr Heßler, der Direktor des neuerbauten Stadttheaters ? das alte soll das erste Gebäude der Stadt gewesen sein, welches von den Geschützen des Kriegsjahres 1870 zerstört worden war ?, empfing mich mit gezwungenem Lächeln. Von seiner vorgesetzten Behörde erhielt er den[98] preußisch-strammen Wink: Leistungen als Schauspieler nischt: Spielen is nich! Er mußte also einen anderen Charakterspieler kommen lassen. Leicht wurde es ihm nicht, sein Kunst-Harakiri. »Den Franz Moor gestatten Sie mir wohl noch als letzte Rolle zu spielen«, sagte er mit Verbissenheit, »geben Sie den Spiegelberg, er ist frei«. Die Räubervorstellung kam. Ich trete als der hochstaplerische Maulheld auf und poltere meine Worte: »Der Teufel hole die Pfaffen!« Was ist das? Brausender Beifall! Ich stehe verblüfft und muß eine Pause eintreten lassen, bis der Lärm ein Ende genommen. Und der Grund? Der Kulturkampf stand damals im Zenith und die Neu-Straßburger, in echt Bismarckscher Wolle gefärbt, machten ihrem Herzen Luft. ? Gleich noch ein politisches Stückchen aus dem Theater! In der Oper »Templer und Jüdin« spielte ich den alten Juden Isaak und war Zeuge einer anderen patriotischen Demonstration. Der mitwirkende Baritonist Reichmann, der später so berühmt werden sollte, wurde an die Rampe geschickt, um für die Stelle »Du stolzes England freue dich, dein König groß und ritterlich« zu singen: »Du stolzes Deutschland freue dich, dein Kaiser stolz und ritterlich«. Diese Geschmacklosigkeit fand bald darauf Revanche: bei einer »Tell«-Aufführung demonstrierte Alt- gegen Neu-Straßburg bei allen Stellen, wo der Dichter von der Fremdherrschaft spricht. Solche Gegensätze zu mildern, die Gemüter zu besänftigen, war Heßler der Mann nicht. Er war unbeliebt und wurde wie alle Streber, die durch die Umwälzung des Krieges emporgekommen waren und Hautgout besaßen, »Reichskalifornier« genannt. Gerne mimte er den Herrenmenschen: auf dem Platze vor dem Theater rief er nicht selten laut, daß man es hören konnte: »Seine Majestät der Deutsche Kaiser hat mich auf diesen Posten gestellt: was Bismarck in der Politik, Moltke mit dem Schwert, das bin ich in der Kunst.« Mich[99] schikanierte dieser Übermensch, dem, ach!, noch so viel bis zum Menschen fehlte, wo es nur möglich war, z.B. im »Urbild des Tartüffe« von Gutzkow, in welchem Stück ich die Tartüffegestalt des Präsidenten gab, sprang Heßler, dem der abgesetzte Charakterspieler noch im Herzen brannte, nach dem ersten Akt auf die Bühne und schrie: »Sie sehen aus wie ein verkohltes Zündhölzchen, legen Sie sich sogleich einen Bauch auf!« ? »Bester Direktor«, protestierte ich, »der nächste Akt spielt nur einen Tag später, dem Mann kann doch nicht über Nacht ein Bauch gewachsen sein«. Um indes nicht durch Zank aus der Stimmung gerissen zu werden, entschloß ich mich zu einem Kompromiß und legte mir da, wo nach seinem Ausspruch »ein Loch klaffte«, ein paar Handtücher auf. In der Nähe eines solchen Zornkraters war es auf die Lange nicht auszuhalten, und so entschloß ich mich schweren Herzens, Straßburg zu verlassen und nahm für den nächsten Winter Engagement in Danzig an. Direktor des Stadttheaters war Georg Lang, der in seinem ganzen Wesen etwas von der rundlichen Behaglichkeit und Anmut seines Vaters, des berühmten Münchner Komikers, besaß. Auch seine Frau, die schöne Soubrette Rattey, ehedem in Berlin, besonders als »Milchmädchen von Schöneberg« gehätschelt und verwöhnt, hatte etwas von der »Molligkeit« ihres Gatten und war mit ihrem pikanten, naseweisen Lächeln, wie man in Wien sagt ? zum Anbeißen. Da ich Glück beim Publikum hatte, erhöhte Lang ? dieser weiße Rabe ? aus freien Stücken meine Gage und gab mir zudem ein Benefize, das ich nicht im Kontrakt hatte. Ich wählte für den Abend »Kabale und Liebe« und spielte den Wurm. Nachdem ich als hagerer Sekretär Luisen aus verhaltener Leidenschaft und Geschmack an der Intrigue den ränkevollen Brief diktiert hatte und zärtlich an sie mit den Worten herantrat: »Verzage Sie nicht, liebe Jungfer,[100] ich habe herzlich Mitleiden mit Ihr, wahrlich herzlich Mitleiden ?« lösten sich von den Lippen eines Zuschauers auf der letzten Galerie ? (welcher Schauspieler könnte sich ein idealeres Publikum wünschen?!) laut die Worte: »Jawoll, jawoll, du, du!« Genau als wollte er sagen: Schuft, wer glaubt dir das?! Ich blickte unwillkürlich auf, und noch heute sehe ich den jungen Burschen, wie er, die Ellenbogen auf die Brüstung gestützt, den Kopf in die Hände gebettet, die Worte hervorstieß. Er hatte sich so der Sache hingegeben, daß er keine Ahnung besaß, er spräche laut mit. ? Es gehörte meine ganze Unklarheit im Denken dazu, den Antrag, im nächsten Winter mit gesteigerter Gage bei Lang zu bleiben, abzulehnen, um nach ? Lübeck zu gehen. Nach Schluß der Danziger Saison zog ich zum Sommeraufenthalt nach dem nicht fernen Oliva, einer an waldige Hügel sich lehnenden Ortschaft, nahe dem Strande der Ostsee. Mit den letzten Ausläufern des Danziger Stadtgebietes endet das deutsche Element; die ganze Bevölkerung ringsum ist polnisch. Armes Landproletariat, ausgemergelte Gestalten mit müde hängendem Kopf, die die Blechflasche mit kaltem »Kaffee« gefüllt, morgens ausziehen und oft Stunden und Meilen laufen, um für sechzig, achtzig Pfennig Taglohn vierzehn, auch sechzehn Stunden zu arbeiten. Sie wohnten in langgestreckten, sich dachsartig zur Erde duckenden, rissigen Lehmbaracken, die zum »Gute« gehörten. Den Besitzern waren sie in gewissem Sinne hörig. Denn sie waren verpflichtet, weil sie die Wohnlöcher angeblich billig hatten, dem Herrn zur Zeit der Ernte Feldarbeiten zu leisten. Die »Besitzer« aber waren meist nur kleine, verschuldete Emporkömmlinge mit einem angeheirateten, unzulänglichen Vermögen. Einen Bauernstand gab es nicht. Wenn die armen polnischen Teufel auch für den geringsten Lohn keine Arbeit bekamen, was nicht selten vorkam, so betrieben sie, gleichsam offiziös, den Holzdiebstahl ?[101] und mußten sie dafür ins »Kittchen« (ins Loch), dann geschah es mit einer Gewohnheitsmiene wie bei geschäftlichen Dingen. Und so gab's auch kaum ein Haus, an dem nicht eine zerbrochene Fensterscheibe mit Vorladungszetteln zu Gerichtsterminen geflickt gewesen wäre. Noch ein Kuriosum sei hier notiert. Von den Herren im Amt sowie von allen, die deutsch sprachen, sagten die ausschließlich katholischen Polen: »Er spricht lutherisch.« Und die verhaßten Maigesetze des damaligen Kulturkampfes nannten sie: »den Mai glauben«. In Lübeck angekommen, war ich sehr betrübt, eine Gesellschaft zu finden, so salopp zusammengesucht, daß sie künstlerisch schon im Entstehen den Keim des Todes in sich trug. Auch finanziell standen wir von Woche zu Woche knapp am Abgrund. ? Ein Lichtblick während dieser traurigen Saison war mir Emanuel Geibels Wohlwollen, der mich oft zu sich lud. Seiner politischen Gesinnung nach monarchisch-absolutistisch (was, wie er mir oft erklärte, »das einzig Gesunde« sei), war er in seinem Wesen und Äußeren ganz das Gegenteil eines Aristokraten. Sah man ihn mit seinen grauen Flatterlocken, einen schwarzen Schlapphut auf dem Kopf, in ärgster Kälte ohne Handschuhe durch Lübecks Straßen stürmen, so hätte man ihn eher für einen demokratischen Anhänger des Königsberger Johann Jakobi gehalten, als für einen für Wilhelm I. in die Leier greifenden Poeten. Im April starb Herwegh in Baden-Baden und mir kam ein, eine Geldsammlung zu veranstalten, um in irgendeiner Form dem Andenken des großen, politischen Lyrikers eine Ehrung zu bereiten. Ich bat Geibel, seinen Namen an die Spitze der Liste zu setzen. Obgleich nun Herwegh seinen Bruder in Olymp arg gezaust hatte ? (»Emanuel von Geibel, ach! Wie lang Dich nähren soll er?[102] Bezahlt hat dich der Wittelsbach, Und du besingst den Zoll?er.«), so tat es Geibel gerne. »Unserm Trompeter!« sagte er mit leuchtenden Augen, »das versteht sich!« Nach Schluß der Saison reiste ich mit meiner Frau nach München zu kurzem Aufenthalt. Ich war viel bei Gabriel Max. Er malte damals seine gedanken-und farbentiefsten Bilder. Zwei sehr entgegengesetzt klingende Dinge verdarben leider später die große Kunst dieser wahrhaft fürstlichen Natur: der Spiritismus, in den Max sich förmlich eingesponnen hatte, und der Materialismus in Gestalt von Kunsthändlern. Wührend diese, die »Konjunktur« benützend, den Maler der Mode zur Zuvielmalerei verleiteten, lockte ihn das spiritistische Irrlicht auf Seiten- und Sumpfwege. Ich mußte bei »Sitzungen« auch mitmachen und z.B. Tische, die da durch bloßes Händeauflegen in Galopp gerieten ? ein betrogener Betrüger ? derart springen machen, daß mir der Schweiß von der Stirne troff; in welcher Attitüde mich Max auch einmal auf ein ihm zunächst liegendes Blättchen Papier in 30?40 Sekunden infam-genial karikierte. Bei Max lernte ich Makart kennen, der mich einlud, ihn in Wien zu besuchen. Das sollte bald geschehen, da mich ein gar lieber Anlaß nach der österreichischen Hauptstadt führte: die Verheiratung meiner Schwester Sofie mit Eduard Hanslick. Piloty gab mir eine Empfehlung an Dingelstedt, dem damaligen Direktor des Burgtheaters, mit, der, als er in München war, fleißiger Gast im Atelier des berühmten Malers gewesen. Sie hatte gar keine besondere Absicht, sollte mich nur mit dem großen Manne bekannt machen. Ich gedachte, den Brief ohne Umstände zu überreichen, anspruchslos, wie er mir von einem Künstler mitgegeben wurde. Irrte mich aber erheblich! Dingelstedt saß auf einer Erhöhung, so etwa wie ein ungarischer[103] Stuhlrichter, und bot mir mit kühler Handbewegung ein Armensünderstühlchen unter sich an. Übung vermag viel: das alte Gesicht mit den müden Augenlidern, den spärlichen grauen Bartkotelettesäden hatte ? »es war erreicht!« ? wirklich etwas von der Decadence eines verlebten Aristokraten. Auch sein Benehmen war wenigstens an jenem Tage ? er wechselte nämlich ? ganz »du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut«. Ein blasierter Seitenblick auf den Wurm in der Tiefe, und er schien alles zu wissen. Ein kurzes: »Nun?« ? »Direktor Piloty war so gütig, Ihnen zu schreiben ?.« ? »Sehr schön, habe gelesen, mein Herr, aber wir haben keine Vakanz.« ? »Darum, Herr Baron, hat es sich ja kaum gehandelt, aber ?.« »Aber Sie wünschen mich kennen zu lernen. Könnte geschehen, ? bin nur augenblicklich sehr beschäftigt ? vielleicht ein andermal ?.« ? Damit war ich mit samt Piloty hinausgeworfen. Amazon.de Widgets Makart war kürzlich aus Kairo zurückgekommen und gruppierte in loser, gefälliger Weise die heimgebrachten Skizzen und Naturstudien in seinen großen, märchenhaft-schönen Atelierräumen, für die ihm Kaiser Franz Joseph vor einigen Jahren, nahe dem Ringgürtel der Stadt, Grund und Boden geschenkt hatte. Alles, was da in Wien kunstverständig war oder dafür gelten wollte, gab sich in dieser in Farbe schwelgenden Werkstatt des großen Koloristen ein Rendezvous. Die Spitzen der Stadt, die der Kunst und des Adels reichten einander die Tür. Die Majorität bildete die Frauenwelt; die wunderschöne, blonde Gräfin Kathinka, Gemahlin des zigeunerbraunen Ministerpräsidenten Andrassy, die Fürstinnen Esterhazy oder Metternich, und wer nennt sie ? in Zauberhüllen, geboren von dem leidenschaftlichen Willen, dem noch freien Herrn des Hauses die Sinne wirbelnd zu machen, kamen und gingen. Makarts Kunst brauchte diesen Rausch; in Purpur geboren, war ihr Paolo Veronesesche[104] Pracht und Glut, Element, Atem, Nahrung. Und doch ? da bestand ein Widerspruch ?: wer hätte sich in diesem Trubel, verbunden mit blinder Abgötterei, sammeln, verpuppen sollen zu einem Insichgehen, zu stiller Arbeit, ohne die auf die Dauer selbst das Genie nicht bestehen kann. Makarts Kunst erstarb in diesem Wirbel. Der Meister gab einen Begrüßungsabend. Perser Teppiche und goldig leuchtende Gobelins deckten die Tische; man speiste auf Meißener, Alt-Wiener oder chinesischem Porzellan, mit Renaissance- oder Rokoko-Bestecken aus Silber und Gold, trank aus phantastisch geschliffenen, venezianischen Kristallgläsern und füllte sie aus getriebenen Krügen und Humpen aus der Blütezeit der Augsburger Silberschmiedekunst. Ein jeder Tisch anders und alle zu einem Kunstwerk zusammengestimmt. Mir aber, dem kleinen Komödianten, der noch vor einigen Wochen in Lübeck in dem bescheidenen Gäßchen Marderloch gehaust, kam es zu, der ? um mich einmal ganz gewählt auszudrücken ? Creme der Wiener Gesellschaft eine Deklamation zu geben nach Art meiner Münchener Vorträge. Ich hatte Glück, kam in die Zeitungen und wurde aufgefordert, zu einem wohltätigen Zweck den Vortrag öffentlich zu halten. Ludwig Speidel, der die Wiener Kritik meisterte und in Händen hielt, stark und sicher wie ein Wagenlenker der Ilias die Zügel, war zugegen und lobte mich. Aus der langen Kritik, die auch manches auszusetzen hatte, will ich mir erlauben, die ersten drei Worte, die mich stets stolz gemacht, zu zitieren. Sie lauteten: »Ein geborener Schauspieler ? ?«. Ich lernte den großen Schwaben in späteren Jahren persönlich kennen. Auf gedrungenem, massigem Bau saß ein unverhältnismäßig großer, grauer Lockenkopf. Trotz des wenig schönen, stark geröteten Gesichtes, der knapp anliegenden, goldenen Brille hatte das Haupt etwas mächtig Gebietendes. Speidel hatte die sonderbare Gewohnheit, zugleich mit dem gespreizten[105] Zeige- und Mittelfinger seiner Rechten häufig ein und dieselbe Stelle am Haaransatz der gewölbten Stirne zu reiben, wodurch zwei sich scharf abhebende, hellweiße Streifen im Haar entstanden, den beiden leuchtenden Strahlen gleichend, welche die Kunst in ähnlicher Form Moses aufs Haupt setzt; so daß Speidels pompöser Schüdel mit dem des großen Gesetzgebers erstaunliche Ähnlichkeit besaß. Ihn sprechen zu hören war Labsal durch Inhalt und Form: Die Stimme hatte einen vollen, warmen Klang, und selten öffnete er den Mund, ohne daß eine scharfsinnige, geistvolle Bemerkung über die Lippen gekommen wäre. Nicht selten kommt es vor, daß die Frauen, die sich der Bühne widmen, auf dem Wege zu diesem Beruf ihren eigensten entdecken: sie heiraten. Meine Schwester Sofie, die wir schon in meinen Dramen aus der Kinderstube als Sängerin kennen gelernt, wollte sich in Wien der Oper widmen. Sie lernte Hanslick kennen, und er nahm sie zur Frau. Die rührende Novelle, wie dies geschah, hat der Meister in seinem monumentalen Werke »Aus meinem Leben« geschildert; lassen wir ihn selbst plaudern: »An einem Frühlingsnachmittage trat, von ihrer Schwester begleitet, eine junge Sängerin bei mir ein, mit dem Ersuchen, sie anzuhören. Eine Schülerin der Marchesi, sollte sie demnächst in der öffentlichen Prüfungsproduktion des Konservatoriums auftreten. Ich akkompagnierte ihr die Romanze der Mignon aus der Oper von Ambroise Thomas. Mit ineinander gefalteten Händen, das dunkellockige Haupt etwas zurückgelehnt und die blauen Augen gen Himmel gerichtet, sang sie »Kennst du das Land?« Ihre Stimme klang so warm, der Vortrag so tief empfunden, zugleich so dramatisch, daß ich, davon sympathisch berührt, ihrem Talente eine schöne Entwicklung prophezeite.[106] Gerne folgte ich ihrer Einladung, sie im Kreise ihrer Familie aufzusuchen. Da habe ich denn häufig mit ihr musiziert, insbesondere einige Rollen wie Agathe, Mignon, Margarethe, Amneris ihr am Klavier begleitet. Nicht nur ihr Talent, ihr ganzes Wesen interessierte mich, das, bescheiden, schweigsam, schüchtern, nur im Gesang einen ungeahnten Aufschwung nahm. In der Opernproduktion, welche die öffentliche Schlußfeier des Konservatoriums bildete, sang und spielte sie (im Kostüm und mit Orchesterbegleitung) die Kerkerszene aus Gounods »Faust« mit hinreißender Wärme und Wahrheit. Der erste Preis im dramatischen Gesang wurde ihr einstimmig zuerkannt. Der Ruf von diesem neuaufgetauchten, vielversprechenden Talent verbreitete sich bald. Dr. August Förster, im Begriffe, die Direktion des Leipziger Stadttheaters zu übernehmen, kam in Begleitung seines Kapellmeisters Josef Sucher zu der jungen Sängerin, hörte sie singen und engagierte sie. Der bereits unterzeichnete Kontrakt ist trotzdem nie in Kraft getreten und daran war kein anderer Schuld als ich. Sofie Wohlmuth, so hieß das Mädchen, wurde meine Frau.« ? Hanslick, damals just fünfzig, war nicht groß, von behaglicher Fülle, sehr lebhaft und beweglich. Sein seines Gesicht, mit den Brauen wie Vogelnester, den großen Augen voll Herzensgüte, besaß Ernst, Schärfe und Anmut zugleich. Hanslick war der richtige Österreicher, der gerne genoß; aber sein Genießen war kein gedankenloses Schwelgen: es lag Einsicht, Begreifen des Lebens darin, des »Es lebe das Leben«. Wer das Bild Rossinis in seinen älteren Jahren gesehen, kann sich auch eine Vorstellung von Hanslick machen: beide ein klein wenig eitel auf ihr hübsches ? mit Erlaubnis der Alldeutschen ? Exterieur, beide göttlich runde Epikuräer. Mir ist der edle Mann bis zu seinem Tode Freund und Bruder gewesen und hat gar viele meiner Dummheiten durch seine Güte, seinen Rat und seinen Einfluß[107] wieder gutgemacht. ? Nach der Hochzeit reiste ich wieder nach München. ? Tirol hatte eine große Überschwemmung heimgesucht, und mit Entsetzen las man von den Verwüstungen im Ziller- und Tauferertal. Defregger hing mir eine Ledertasche, mit Banknoten gefüllt, um und sandte mich als seinen grand-aumônier in seine geliebte Heimat. Unter außerordentlichen Beschwerden durchwanderte ich am ersten Tag das verwüstete Zillertal, da und dort die zerrissensten Existenzen mit kleineren oder größeren Banknoten notdürftig flickend. Nicht selten mußte ich, um weiter zu kommen, über nasse Steinblöcke klettern, die diese Sintflut von den Höhen mit der Wucht kämpfender Titanen ins Tal geschleudert. Sie schlugen oft, so wurde mir erzählt, mit solcher Vehemenz aneinander, daß die Nacht für Augenblicke hell erleuchtet war, und die entsetzten Bewohner zwischen Wasserfluten vor Feuergefahr zitterten. Da wo Bergriesen das Zillertal schließen, übernachtete ich in einem hochliegenden Stall mit meinem Führer, einem Wirte aus »Zillergrund«, dem ein anstürmender Wellenschlag in einer Minute Hab und Gut und seine Lieben weggeschwemmt hatte. Ich lag auf Streu, zog frierend meinen Überzieher enger an mich und sah durch geborstenes Mauerwerk ins Freie. Trat der Mond aus den Wolken, so tauchte für Minuten gespenstig die ganze grauenhafte Pracht der Verwüstung vor mir auf. In meinem unruhigen Halbschlummer hörte ich die Seufzer des Wirtes. Wie unsere Erzväter, wenn sie von ihrem Besitze reden. Weib, Vieh und Kind in einem Atem nennen, so lamentierte auch der Naturmensch an meiner Seite: »Oh, mei' Mutterl, mei' Küh, mei' Weib, mein' Schaf', mei Bua.« Träume haben viel von der Verworrenheit des Stimmens der Instrumente vor Beginn eines Musikstückes. Hier, aufgereizt von allem, was ich tagsüber gesehen, waren sie alpartig und zerrissen! Ich sah aus[108] Gletschern Wasserströme stürzen, die zu Seen mit wilden Wellen wuchsen und Ortschaften wegschwemmten ? plötzlich weckte mich eine Sturmglocke ... aber sie hing friedlich am Halse der einzigen Kuh, die dem Wirte geblieben war und sich vielleicht soeben eine Fliege vom Halse gescheucht hatte. Vor fünf Uhr schon sprang ich von meinem Lager auf und machte am Ufer der Ziller Toilette. Dann überstieg ich mit meinem Schlafkameraden das zehntausend Fuß hohe Hörnlejoch und gelangte ins Tauferertal, wo ich weitere »Vergelt's Gott in Himmel auf« für den Spender in München einkassierte. ? Für den Winter nahm ich wieder Engagement in Danzig bei Lang. Im Sommer spielte ich dann einige Wochen auf Helgoland in einem kleinen, artigen Holztheater. U.a. gab ich die Titelrolle des Trauerspiels »Roger Dumenoir«, das keinen Geringeren zum Verfasser hatte als den englischen Gouverneur der Insel. Das Stück begann recht anheimelnd: es zeigte den Helden Dumenoir auf dem Friedhof, eine Grube schaufelnd, in die der Gemütsmensch seine zu einem Stelldichein zitierte Geliebte werfen wollte, nachdem er ihr zuvor mit einer mitgebrachten Hacke den Garaus gemacht. Der Dichter-Gouverneur war im übrigen ein charmanter Herr, der für die Deutschen viele Sympathien zeigte: er hatte die deutsche Schauspielerin Rudloff geheiratet und subventionierte aus persönlichen Mitteln das Deutsche Theater auf der Insel. Nitr verlieh er für meine bluttriefende Leistung eine Art Ordensauszeichnung, die er autorisiert war, zu vergeben; aber ? schnöder Undank! ? ich glaube, sie blieb auf der Insel liegen. ? Für den Herbst nahm ich Engagement in Magdeburg an. Da ich mir aber die Gagenreduktion, zu der Direktor Sch. behauptete, sich gezwungen zu sehen, für meine Person nicht gefallen lassen wollte, so war ich nach acht Wochen mit Magdeburg fertig. ? Ich weiß nicht, wie es mir plötzlich einkam, ich könnte[109] meine Erlebnisse bei den kleinen Truppen in Dörfern und Märkten in einem heiteren Büchlein schildern! Leipzig nicht fern ? auf, nach der berühmten Bücherstadt! In einem engbrüstigen Zimmerchen, wie das des »armen Poeten« von Kotzebue, schmierte ich mit Eifer, bis ein kleiner Band beisammen war, den ich »Streifzüge eines deutschen Komödianten« nannte. Joh. Ambr. Barth nahm das Buch in Verlag und ließ ein größeres Kapitel daraus in der »Gartenlaube« abdrucken. Keil, der Besitzer des damals so berühmten Blattes, klopfte mir wohlwollend die Backen und zahlte mir ein phantastisches Honorar. Auf diese Weise kam ich mit Literaten Leipzigs in Berührung; auch Wilhelm Liebknecht lernte ich kennen. Wenigen dürfte es bekannt sein, was für einen stolzen Stammbaum der rote Mann nachzuweisen imstande gewesen wäre: von mütterlicher Seite vermochte er ihn geradlinig Blatt für Blatt bis Luther hinauf zu belegen. Freilich befanden sich unter seinen Ahnen keine Raubritter, sondern bloß Ritter vom Heiligen Geist: Gelehrte, Magister, Universitätslehrer. Der rechtschaffene, biedere Alte mochte mich gut leiden und wurde nicht müde, an Abenden in seinem Hause »Bet' und arbeit'« von Herwegh oder »Trotz alledem« von Freiligrath von mir zu hören. Das war so recht Wasser auf seine Mühle. Zur »Taufe« seines Sohnes war auch ich geladen. Sie bestand in einer bescheidenen Schmauserei, bei der der geniale Drechslermeister Bebel eine frische, gar nicht gedrechselte Rede hielt. Ich rezitierte zum Nachtisch u.a. »Die Disputation« von Heinrich Heine. Nachdem ich geendet, meinte Bebel: »So was sollte heute einer schreiben; sofort säß' er im Loch.« Übrigens saß er ein paar Monate später wirklich im Loch, wo ich ihm eine Anstandsvisite abstattete. ? Es war Frühling geworden, die »Streifzüge« waren gedruckt. Mit dem Honorar, das Barth zahlte, entschloß ich[110] mich, einen Ort im Schweizer Jura aufzusuchen. Ich wählte das alte französische Städtchen St. Ursanne. In steilen Bergen, wie verschollen, hat sich die kleine Stadt ihr mittelalterliches Gepräge so unberührt erhalten, daß man glauben möchte, sie wäre ein halbes Jahrtausend in tiefem Schlafe gelegen. Auch die Reste einer Raubritterresidenz auf kecker Höhe fehlen nicht. Morsche Mauern verbinden sie mit dem Haupttor des Städtchens. Dieses Tor! Ein Witz, eine Kaprice, ein närrischer Einfall aus Stein und Holz: unten breit und großspurig ? sodann turmartig, schlank und schmächtig ?, dann mit eins statt der Spitze eine breite Kopfbedeckung: Geßlers Hut auf der Stange! Die Straße, welche die Stadt ausmacht, zwängt sich zwischen steilen Felswänden und einem kecken Bug des reißenden Doubs. Hat man sie in fünf Minuten im Schlenderschritt durchmessen, so erblickt man den steilen historischen Felsen, in welchem der Gründer des Städtchens, der fromme Ire Ursanne, der zugleich mit St. Gallus durch diese Täler zog, um in die Hütten das junge, keusche Christentum zu tragen, mit einem Bären in einer Grotte gehaust hat. Die bei den unzertrennlichen Kameraden, Ursanne und sein Bär, gaben dem Orte Namen und Wappen. Einzelne burgartige Bauten Ursannes zeugen, daß sich der Ort im Mittelalter anschickte, unter den Städten des Jura eine Rolle zu spielen. Heute stehen sie recht großprotzig da in dem winzigen Städtchen, und als wollten sie sich mit ihren originellen Physiognomien lustig machen über ihre gute Herrin und riefen ihr unaufhörlich zu: ei potztausend, was machen wir denn in einem so kleinen, verschlafenen Nest?! Auf jedes Dutzend Bürger kommt in Ursanne ein Wirtshaus; denn die Stadt besitzt deren mehr als der Passionsweg Stationen ? und ein jedes ladet, winkt und animiert durch ein altes Schild aus Blech und Schmiedeeisen; das ergibt eine fidele Menagerie in den Lüften[111] aus Schlangen, Löwen, Ochsen, Bären und allerlei Federvieh. Und überall, wohin das Auge fällt, erblickt es gemeißelt, geschnitzt, gemalt das Wappen der Stadt: den aufrecht stehenden Bären mit dem Bischofsstab im Bärenarm. Steht man auf dem steinernen Bogen, der den Doubs überbrückt, so sieht man ? ein intim-reizvoller Blick wie der hinter die Kulissen ? die ganze Rückseite des verwitterten Städtchens; und Gärten, Wiegen, Bienenkörbe, Spinnrüdchen, Ziegen am Strick usw. spiegeln und schaukeln sich, versinkend und wieder auftauchend in den springenden Fluten des wilden Gewässers. Natürlich fehlt der Brücke ihr heiliger Nepomuk nicht. Auch ein schöner Brunnen schmückt die Stadt, der aus vier aufgerissenen, phantastischen Fratzenmäulern Wasser erbricht. Sein schönster Schmuck ist eine schlanke Säule, auf der der heilige Ursanne mit seinem Bären steht. Der steinerne Heilige faltet die Hände und betet für die lebendigen Sünder aus Fleisch und Bein. Der gerechte Stolz der Stadt aber ist der romanische Dom, mitten in ihrem Herzen; er ist aus grauen Steinen gefugt, rein und unangetastet im Stil, liegt erhöht wie auf einem Postament und taucht stolz-bescheiden auf aus ihn umgrenzenden Linden. Kein Mensch aber überschritt zu jener Zeit das schöne Portal der Kirche, sie blieb gemieden an Wochen- und Sonntagen. Es scheint, daß der damalige »Kulturkampf« in Deutschland ansteckend wirkte: auch aus Bern kamen Gesetze, die die Katholiken des Jura, sonst friedfertig wie »Fridolin, der treue Knecht«, zu Revolutionären aufwirbelten. Sie mieden die alten Gotteshäuser und errichteten sich Kirchen in Speichern und Ställen. Was nur ein jeder »Schönes« im Hause hatte, wurde herbeigeschleppt, um die Scheunen zu schmücken. Was dadurch zustande kam, geschmackvoll war es nicht; aber dennoch: Einfalt und Blumen in Fülle machten den Raum zu einem Tempel, rührend und[112] weihevoll. Und im ganzen Jura, soweit ich ihn durchstreifte, dasselbe Bild: Gras vor der alten Kirchentüre und Priester an den geschmückten Altären der Holzverschläge. ? Auf breiter Landstraße, die sich wie ein Doppelgänger an den Lauf des Flusses hält, erreicht man in einem Stündchen die französische Grenze; fast täglich überschritt ich sie und lief nicht selten nach dem Städtchen St. Hipotyle, wo ich in einer Konditorei mit dem närrischen Schild »Au bon Diable« Erfrischungen nahm. ? Aber ach! just hier in der lieblichen Idylle Ursannes habe ich die grausamste Handlung meines Lebens begangen: das Herz, das mir in Treue zugetan war ? eine rechte Metzgerarbeit ? gewaltsam von mir abgelöst. Im Herbst war ich in Berlin und spielte als Gast an einem »Henne-Theater«. Am Tage meines ersten Auftretens wurde mir eine Karte ins Zimmer gebracht, auf der zu lesen war: »Der allbekannte Liebling der Musen.« Zwar schauderte dem Staubgeborenen vor dem Anblick des Olympiers, doch ließ ich ihn eintreten. Der Göttliche trug »Jägerwäsche« und einen alten Bekannten des Pfandhauses: einen Winterrock, fadenscheinig und mit ausgeweiteten Seitentaschen. Der Musengeküßte war unrasiert, ungewaschen und salopp in der Haltung; eine verkrachte Existenz auf den ersten Blick. Er tat sofort vertraulich und intim und sagte mit pfiffigem Lächeln, in das sich aber versöhnlich ein Zug von Gutmütigkeit mischte: »Verlassen Sie sich auf mir, junger Mann, ich mach's!« Und seine großen Hände demonstrierend, ergänzte der alte Bettler-Claquer: »Betrachten Sie jefälligst die Pfoten; die jenügen, die Bejeisterung jehörig zu erhöhen und haben schon manche Karriere gemacht.« ? Dann spielte ich Molièresche Rollen an der »Belle-Alliance-Bühne« und auch bei Emil Klaar am»Residenztheater«. In den Kunsthandlungen Berlins war damals eine neue[113] Reproduktion des Bildes von Menzel »Christus als Knabe zwischen den Schriftgelehrten« ausgestellt. Der rücksichtslose Naturalismus der Darstellung in dem Werke, der da sagte: schaut, so wird die Sache gewesen sein ? packte mich mächtig. Echter, und man gestatte mir den Ausdruck »koscherer«, sind in der Kunst die Juden nie (selbst nicht von Shakespeare, dessen Shylock bis in die Fingerspitzen mauschelt), gezeichnet worden. Ich beschloß den Aufstieg zu dem großen Meister in den fünften Stock. Er malte an dem entzückenden Bilde, wie bei einer Prozession im Salzburgischen der Träger einer heiligen Fahne dieselbe durch das nicht hohe, schmiedeeiserne Rokokotor vermöge einer genial-kecken Niederbiegung der Stange zu schieben versteht. Menzel nahm mich gar freundlich auf und erkundigte sich lebhaft nach den augenblicklichen Arbeiten seiner Münchener Kollegen. Wohlwollend sprach er von Grützner, dem schalkschen Eindringling in Klosterkellereien und Psychologen der Mönchsräusche. Auch von dem Farbendichter Makart in Wien mußte ich ihm erzählen. Von der Farbenschönheit des letzteren sprach er mit heller Bewunderung, in die sich, wie mir schien, fast ein Schimmer von Sehnsucht mischte: »Ich wollt', ich könnt' auch das.« Ich entsinne mich einer den Beurteiler wie den Beurteilten charakterisierenden Bemerkung Menzels über Makarts Bild »Karl V. Einzug in Antwerpen«: »? Ein anderer hätte vielleicht bedacht, daß in dem nördlichen Klima die fast nackten Schönen um den Kaiser frieren müßten oder geglaubt, bei einem oder dem andern der vielen Zuschauer auf dem Bilde durch die nackten Reize der Holden sinnliche Erregungen andeuten zu müssen ? keine Spur davon bei Makart; das Genie, unangekränkelt von alledem, kümmerte sich um nichts als um seine Farbe.« ? Gerne besuchte ich damals die Hörsäle der Universität. Einmal erlebte ich dort einen interessanten Nachmittag: [114] von Treitschke betrat vor »ausverkauftem Haus« das Katheder. Er gab sich ganz feudal: Zylinder, Glacéhandschuhe ? nur leider die abgetretenen Stiefelabsätze verrieten den Herrn Professor. Trotz eines Zungenfehlers sprach er sehr geläufig. Er las preußische Geschichte, bekränzte Gekrönte und prophezeite den Demokraten mit vor Glück leuchtender Miene wieder die Prügelbank. »Preußen den König nehmen«, sagte er u.a., »und dafür eine Volksherrschaft geben, hieße so viel wie einem Menschen sein gesundes Bein abnehmen, um es durch ein hölzernes zu ersetzen.« Nachdem Treitschke zu Ende war, hörte ich, wie einer der anwesenden hohen Offiziere die Bemerkung machte: »Eine größere Verherrlichung des Königtums kann man sich nicht denken.« Anders empfand ein anderer Zuhörer: der anarchistische Abgeordnete Most; er tauchte am Schluß des Vortrags aus einem Winkel auf und schrie: »Hier wird öffentlich Korruption gepredigt!« Glücklicherweise verschwand er bald darauf, sonst hätte es Skandal gegeben. ? Der Saal war noch nicht ganz leer, als bereits Hörer des berühmten radikalen Eugen Düring indenselben eindrangen. Ein Antipode trat dem andern auf die Hacken. Der blinde Gelehrte, ein gänzlich fleischloses, mit Haut überkleidetes Skelett, wurde von Frau und Sohn seines altgedienten Pelzes entledigt und zum Katheder geleitet. Der zusammengedrückte Körper des Fünfzigers zuckte nervös; sein faltenreiches Antlitz, auf dem kein kräftiger Bartwuchs gedeihen wollte, hatte mit dem fast zahnlosen Munde etwas von einer alten, keifenden Jungfer; ja mit dem vorhängenden Fangzahn ähnelte es der Phorkyas im zweiten »Faust«. Den Oberkörper über den Tisch gebeugt, die knöchernen Finger krampfhaft geballt, die in unmodernen Stiefeln steckenden Füße einwärts gekrümmt, brach er mit dem Augenblick, da er auf dem Stuhl niedergelassen war, mit seinem Vortrage[115] los, wie wenn eine Schleuse plötzlich geöffnet wird. Seine Rede glich einer daherbrausenden Windsbraut: sie fegte und fegte ohne Rast und Rücksicht. Grinste er dabei ab und zu ironisch, so sah es aus, als zerbisse und zerfleische er seine eigenen Worte. Die Rapidität zornigen Spottes, der Enthusiasmus des Ingrimms gaben ein Brillantfeuerwerk menschlichen Verstandes ohnegleichen! Treitschke und Düring hintereinander! Ob ihre Ideen nicht nachträglich noch wie die Geister der Gefallenen nach der Hunnenschlacht zu erbittertem Kampfe gegeneinanderstürmten?! ? Amazon.de Widgets »Wollen Sie nach Amerika gehen?« wurde ich im April des Jahres 1880 in einer der Berliner Theateragenturen gefragt, die in Seitenstraßen der »Linden« so üppig wuchern wie Pilze nach einem Juliregen. Da ich bejahte, sagte der Agent: »Die Direktorin des Deutschen Thaliatheaters in New York, Frau Cotrelli, ist im Büro nebenan, gedulden Sie sich einen Augenblick; Sie können ihre Bekanntschaft machen.« Nach wenigen Minuten öffnete sich die Türe und die neue Neuberin Amerikas, eine volle Blondine, einen Hundert-Dollar-Hut auf dem hübschen Kopf, trat ein. Ich erhob mich, mich vorzustellen ? aber siehe da, die stattliche Dame kommt auf mich zu, streckt mir die Hand entgegen und sagt lustig: »Na, wie ist's, Alisi, gehen Sie mit?« Einen Augenblick stehe ich frappiert, jauchze aber sogleich laut auf und küsse der Meisterin freudig die Hände: meine neue Herrin war keine andere als das lustige kleine Mädel aus Stendal, die »Lenore« ohne Studium und Probe. Jetzt freilich als die berühmte erste Soubrette der Neuen Welt machte sie andere Honoraransprüche als ein Glas Grog. Die geschäftlichen Angelegenheiten waren bald »gesixt« und mit einem herzlichen »Auf Wiedersehen drüben« empfahl ich mich von meiner freundlichen Gebieterin.[116] Ende August bestieg ich in Bremerhaven den Dampfer »Habsburg«, der mich in elf Tagen nach New York brachte. Die Stadt besaß neben dem geräumigen Thaliatheater noch ein kleines deutsches Schauspielhaus, das »Germaniatheater«. Die ganze deutsche Presse verhätschelte die kleine Bühne und schlug auf unsere Köpfe los. Voran in der sehr gelesenen »Sozialistischen Volkszeitung« die Frau des Chefredakteurs und früheren russischen Nihilisten von Schewitsch. Die grausame Kritikerin, eine geborene von Dönniges, die Ehemänner ablegte wie verbrauchte Handschuhe, und vordem allbereits Frau von Rakowitza, Frau Friedmann geheißen, war keine andere als die berühmte Geliebte Lassalles, um die er im Duell fiel. In ihrem pikanten Büchlein »Meine Beziehungen zu Ferdinand Lassalle« erzählte sie, wie sie dem genialen Volksmann in Schäferstunden manch mal zugerufen: »Couche, couche! Etwas ähnliches mußten sich auch alle Mitglieder des Thaliatheaters von ihr gefallen lassen. Durch die Verneinung der Presse wurde die Situation für unser Theater bedenklich, bis anfangs Dezember die Cotrelli ihren Haupttrumpf ausspielte: ein Gastspiel der Geistinger. Diese treffliche Künstlerin war der richtige Star für New York: prachtvolle Erscheinung, glänzende Kostüme und große Wandlungsfähigkeit, die dem Amerikaner gleichbedeutend mit Genialität ist. Heute »Die schöne Helena« oder »Die Gerolstein« ? morgen die »Königin Elisabeth« im »Grafen Essex« usw. Nach der Geistinger gaben wir fleißig Anzengruber und Schiller. Im »Wilhelm Tell« spielte ich den Attinghausen. Einmal, während der langen Pause zwischen den beiden Szenen des alten Patriarchen, setzte ich mich auf eine Rasenbank im Hintergrunde der Bühne. Schneider und Friseur waren just dabei, Statisten für ihren Beruf amerikanisch zurechtzurichten. Es war lustig anzuschauen! Das neunzehnte Jahrhundert zog[117] man ihnen gar nicht vom Leibe: Der Mensch, wie er von der Straße aufgelesen war, wurde unten in ein Paar leinwandene Ritterstiefel und oben in einen Waffenrock aus einer Maskenverleihanstalt gesteckt, auf dem die übergebliebenen Knöpfe ein rechtes Einsiedlerleben führten. Darauf klebte der Friseur dem Objekt als Bart ein Stück Wolle ins Gesicht, die aber häufig mit der Farbe seines Haupthaares wenig korrespondierte. Dann ließ er seine Mannen noch reihenweise, vermöge einer dicken Stange Kugellackschminke, unter seiner Faust erröten. »Gestatten Sie mir eine Frage«, redete ich einen dieser ewigen Schweiger an, dessen Gesicht Intelligenz verriet, »was sind Sie außer Ihrem heutigen Beruf?« ? »Seit Monaten bin ich nichts als Statist am Thaliatheater. Vor einem Jahre freilich war ich noch sächsischer Offizier. Mein Name ist Freiherr von ... Eine Spielschuld, die mein Exzellenzpapa nicht zu zahlen geneigt war, zwang mich, die Heimat zu verlassen und nach Amerika zu gehen; ich habe Aussicht, in die amerikanische Armee einzutreten.« Ich bedankte mich für die Offenheit des jungen Herrn und stellte an einen etwas älteren, ebenso grausam zubereiteten, die gleiche Frage. »Ich war preußischer Polizeileutnant in Berlin. Im Jahre 1876, bei der Reichstagswahl, stimmte ich mit den 35 Schutzleuten meines Reviers für den Sozialisten Fritzsche und die Sache kam auf.« ? »Und wie?« ? »Durch unsere Schläue: die von den Sozialisten mit dem Namen Fritzsche bedruckten Wahlzettel, welche vor der Türe des Lokals zur Verteilung gelangten, wiesen wir vorsichtig zurück und schrieben den Volkstribun mit Tinte auf einen Papierstreifen. Die Wahlkommission zählte beim Skrutinium 36 Tintenstimmen für Fritzsche, addierte zu 35 Schutzleuten einen Polizeileutnant, was 36 Staatsbeamte ? weniger ergab. Ich aber drückte mich schleunig über den Ozean.« ? »Ich bin«,[118] begann darauf aus eigenem Antrieb ein sehr junger Mensch, dem unter der Bartwolle des Friseurs der erste Flaum sprießte, »ein Wiener; in ein Chormädel vom Theater an der Wien hab' ich mich vernarrt. Mein Vater, ein Wachszieher vom Alsergrund, war fuchtig; so hab' ich Geld, wo ich's nur hab' kriegen können, z'sammpackt und 's Mädel dazu und bin durch. Zuerst, versteht sich, nach Italien; dann haben wir uns in Genua nach Brasilien 'nüberschiffen lassen, von da haben wir einen Rutscher nach Mexiko g'macht, wo wir für teures Geld g'schwitzt haben wie im Dampfbad. Dann ? warum weiß ich selber nicht ? nach Havanna! Einmal, wir waren erst ein paar Tag' da, wie ich vom Wiener Café zurück ins Hotel komm', sind' ich 's Zimmer leer, 's Vogerl ausg'flogen. Damit mir der Abschied von ihr noch schwerer wird, hat mir 's Engerl auch alles Geld mitg'nommen, was noch da war. Wer weiß, was für einen spanischen Sklavenhalter der Fratz zu seinem Sklaven g'macht hat. Mit dem Letzten in meinem Brieftaschel bin ich her und muß mich als Statist in die Affenjacken da stecken lassen, für fünfundzwanzig Cents den Abend.« ? »Nun«, bemerkte ich, »Sie haben doch die Welt gesehen, die Tropen.« ? »Geh'n S'«, war die Antwort, »in Wien ein Golasch beim Küfuß und ein Seidel Pilsner sind mir lieber wie die ganzen Tropen.« ? Der Inspizient kam: »Bitte, auf Ihren Platz: die Sterbeszene!« In zehn Minuten war ich tot und abgeschminkt! Im »Booth-Theater« gab Sarah Bernhardt ein längeres Gastspiel. Wie es uns doch sofort gefangen nimmt, beglückt, erlöst, wenn einer auf der Bühne aus sich selbst schafft! Bei den ersten Worten, die ich von der Bernhardt hörte, kam es über mich: ja, das ist Geist von ihrem Geiste. Ich sah sie in »Rome vaincu« in einer tragischen Rolle, die sie mit innerer Wucht gab. Ein Griff der gekrampften Hand nach den Eingeweiden,[119] als wollte sie selbstmörderisch in ihnen wühlen, war eine kühne, instinktive Eingebung, groß, weil wahr und psychologisch. In »Le Passant« war sie als junger Troubadour biegsam wie ein Birkenstämmchen und schmuck wie ein Goldfasan. Besonders in diesem Stücke bewunderte ich auch ihre ungewöhnliche Sprechtechnik. Worte und Sätze sprudelten leicht und sicher; es erinnerte an eine Fontäne, die aus Röhren und Röhrchen Wasserstrahlen sprüht und Bälle wirst und wieder fängt. Ich machte die persönliche Bekanntschaft der genialen Frau. Eine ihrer fleißigsten Redensarten war: »Ma maigreur est ma spécialité.« Und wirklich, in diesem Gesicht hatte der Geist, ähnlich wie bei Voltaire, das Fleisch fast völlig aufgezehrt. Eigentlich blieb nicht gar viel darin übrig als das dominierende, große, wundervoll schöne, stahlblaue Auge. Die Bernhardt modellierte auch ganz hübsch, und während ich ihr auf ihren Wunsch ganze Strecken aus Molière vorspielte und vorlas, knetete und knetete sie und machte aus mir einen rechten Satyrkopf. ? Im »Wallack-Theater« sah ich Shakespeares »Wie es Euch gefällt«. III. Akt: Der Morgen graut, Nebel, die auf dem stillen Birkenhain liegen, verflüchten, Vögel in den Zweigen jubilieren ihr Morgenlied, ein Wanderer, der unter dem gastlichen Dache eines Baumes ruht, reibt sich den Schlaf aus den Augen und zieht fürbaß! Die Sonne hat völlig gesiegt, die letzten Schleier weggedrückt und spiegelt sich in dem klaren Bach, der rauschend das Gehölz durchzieht und dessen munteres Geplätscher ? denn es ist wirkliches Wasser, was wir sehen ? den ganzen Akt das heitere Geplauder Rosalindens melodramatisch begleitet. Dazu ein recht mittelmäßiges Spiel ? und man wird mir zugestehen, daß ich mit Meiningen recht hatte! Denn da haben wir Meiningen (das schlechte englische Theater) vor Meiningen! ? Kein ausgesprochener Engagementsantrag, aber[120] ein deutlicher Wink kam aus Wien vom Burgtheater. Man habe mich für den ausgezeichneten Charakterdarsteller Klein, der diese Bühne verlasse, ins Auge gefaßt. Da hieß es, sich flink auf den Weg machen; und so sah ich mich genötigt, das interessante Buch Amerika nach dem ersten Kapitel zuzuklappen. Einen erhabenen Abschiedsgruß noch wollte ich mitnehmen: die Niagarafälle. Dann bestieg ich zur Rückkehr nach Europa, Mitte April, den Dampfer »Wieland«. Am zehnten Tage nahten wir uns Plymouth, wo das Schiff einen Tag zu halten hatte. Es wurde in den phantastisch zerklüfteten Kriegshafen durch eine förmliche Wildnis von Kreideklippen bugsiert. Ich faßte den Entschluß, den Dampfer zu verlassen, um mir ein Stück Alt-England zu besehen. Nach dem genialen Wahnsinn in den Straßen New Yorks hatte die Stille in den engen Gäßchen der schönen alten Stadt etwas Beruhigendes, schier Biedermeier-Behagliches. Im Stadttheater sah ich von einer deutschen Truppe eine Operette ? und hätte davon beinahe nachträglich die Seekrankheit, von der ich auf dem Schiffe verschont geblieben, bekommen. Oben krähten ein paar ausgediente Schneppinen mit einer Stimme, die die Farbe verloren wie bunte Wäsche in heißer Lauge; am Dirigentenpult schlug ein langhaariges Genie in einem Frack, so speckglänzend wie der eines Wiener Vorstadtkellners, mit meterlangen Armen wütend um sich. Aber den »Gründlingen im Parterre«, worunter sich englische Seeoffiziere befanden, gefiel die Sache ausgezeichnet, denn sie trampelten als Zeichen des Beifalls fast den Fußboden durch. Tags darauf beschloß ich, die Hauptstadt Englands aufzusuchen, und nahm mein Billett nach ? Stratford, der Geburtsstadt Shakespeares. Ich stieg nahe seinem Geburtshaus, bei Shakespeare selbst ab, so stolz nannte sich mein Hotel. Ich darf mich rühmen, zu den wenigen zu zählen, die nicht an[121] die Wand einer Erinnerungsstätte den Namen gekritzelt. ? Schnell ging es darauf über London und Brüssel nach Wien. Die Kaiserstadt trug Galaschmuck: es war das Hochzeitsfest des Kronprinzen Rudolf! 
 I.  [7] Das erste Bild, das aus Schleiern und Nebeln der Vergangenheit aufsteigend sich mir zeigt ? denn bei allem Zurückgrübeln finde ich nichts, was dahinter läge ?, ist eine große Schüssel mit »Indianern«, auch »Mohrenköpfe« oder »Luccaangen« genannt. Meine Mutter saß mit ihrer Schwester am Kaffeetisch, auf welchem das Indianerlager sich befand, und die beiden, die Bierbrauersgattin und die Schafswollwarenerzeugersgemahlin, hatten sich viel zu erzählen von dem Jammer und Elend des irdischen Daseins. Ich aber stand in einem Winkel, sah mit sehnsuchtsvoller Andacht den Himmel voll Schaum und Schokolade vor mir offen und begriff diese Welt nicht ?. Wie vermochte man von Unglück zu sprechen, wo das Glück mit einem Griff zu erreichen und in den Mund zu stecken war! ? Nicht nur Träume, wie der böse Franz Moor meint, nein, auch Erinnerungen kommen manchmal aus dem Bauch. ? Im Mittelpunkt des zweiten Erlebnisses, dessen ich mich entsinnen kann, steht eine grüne Birne. ? Die Situation war nicht ganz undramatisch. Neben unserem Hause (in der Straßengasse der Vorstadt Alt-Brünn) hatte eine Obstfrau ihren ärmlichen Stand aufgeschlagen. Auch Birnen bot sie feil, das Häuflein für einen alten Kreuzer. Ach, nur eine davon, eine einzige ? mir lief das Wasser im Munde zusammen! Mein um ein Jahr älterer Bruder sah meine Lüsternheit, und sein wahrhaft goldenes Herz faßte einen kühnen Entschluß: In der Abenddämmerung schlich er sich zu den Birnen, stibitzte von dem Verkaufstisch eine der ersehnten Früchte und brachte sie mir triumphierend. Aber die Erinnye folgte dem Schuldigen, nämlich die keifende Obstlerin, welche den[7] Dieb in einem von uns beiden erkannt zu haben glaubte. Die Straßengasse stand in dem Ruf, die bösesten Wuber Europas zu besitzen; man kann sich demnach vorstellen, mit welchem Geschimpfe die Beraubte zu meiner Mutter gestürzt kam. Die Frau Bierbrauerin behandelte die Sache mit magistraler Würde: Da mein Bruder leugnete, faßte sie ihre beiden Söhne bei der Hand, wie Schillers Isabella den Manuel und Cäsar, und führte uns vor die Anklägerin, die ununterbrochen kiff, wie Frau Schnips vor der Himmelstüre, mit der Aufforderung, den Missetäter zu bezeichnen. Die Keifende ließ ihre Triefäuglein nicht lange schweifen und kreischte, auf mich deutend: »Der Garschtige war's!« Welch angenehmer Geleitsbrief durchs Leben ein hübsches Gesicht sei, schon damals mußte ich es deutlich und handgreiflich erfahren. Groß und klein, Mensch und Mops ? allen tut es wohl, verhätscheltes Schoßkind zu sein. Und das wird man als Kind allemal, wenn »einem was fehlt«! Man bekommt gute Worte und süße Bissen. Mir wollte nun ? o Pech! ? geraume Zeit rein gar nichts fehlen. Was tun? Hinter dem Garten unseres Hauses floß ein breiter Flußkanal. Da befand sich ein Brett, das die Mägde betraten, wenn sie Wasche zu schwenken hatten. Es war uns Kindern strengstens verboten, dem Brett auch nur nahe zu kommen; man warnte und drohte: »Der Wassermann holt dich!« Ich trotzte dem Befehl: ich wollte meme Krankheit, wollte den Zuckerüberguß des Muleids. Ich wählte einen häßlichen Novembertag, setzte mich aufs verbotene Brett, zog Schuh' und Strümpfe aus, steckte die Füße ins eisige Wasser und bat den lieben Gott um ein rechtes Krankwerden. Aber man weiß, wie eigensinnig der liebe Gott sein kann ? er wollte mir justament den Gefallen nicht erweisen ... und auch der Wassermann ? wie hätten die unglücklichen Eltern um das arme Kind gejammert! ? suchte sich einen bessern Bissen als den kleinen dummen[8] Lausbuben. ? Man hielt mich für ein heikles Pflänzchen und brachte mich darum aufs Land zu meiner guten Großmutter nach Steinitz (einem kleinen Dorf nahe dem berühmten Austerlitz), wo meine Großeltern die k. k. Posthalterei in Pacht hatten. Ich sehe es vor mir das zarte Weiblein mit den frommgütigen Augen, dem wie bräunlich getönten, schmalen Gesicht, mit so vielen Falten wie eine moderne »Stuartkrause«, dem lächelnd gekniffenen Mund, aus dem nie das kurze, hölzerne Tabakspfeifchen kam. Sie hatte mich sehr lieb; ich erinnere mich, wie sie mich, da ich einen Kinderausschlag hatte, zu sich ins Bett nahm und mir gütig zuredend die Nächte durch meine Hände hielt, damit ich nicht an mir herumreibe. Endlich sollte ich doch nach Brünn zurück. Meine Großmutter brachte mich selbst zur Stadt. Man wußte, wie ich an ihr hing, und daß ich mich bei ihrer Abreise an ihre Röcke klammern würde. Darum griff manzu einer List und setzte mich, als die Steinitzer Pferde vor den Wagen gespannt wurden, zwischen einen Hügel von Kuchen und Spielzeug. Aber ? ich weiß nicht, was es war ? da war etwas nicht, wie es sein sollte ? ? ?. Ich wurde aufmerksam, stutzte ? und begriff! Auf, weg von der zuck'rigen und lackierten Herrlichkeit ? aus dem Zimmer, ohne Hut, die Treppe hinab, aus dem offenen Hoftor auf die Straße, dem Wagen nach. Er war in eine Staubwolke gehüllt und bog schon in eine Seitenstraße ein. Doch ich, nicht aufzuhalten, nach der alten Kalesche, bis ich sie mit dem Instinkt der Liebe, der die Beinchen beflügelte, erreicht hatte. Und nun empor zu der geliebten Frau, die mich gerührt an ihr Herz nahm. ? Als ich dann, sechs Jahre alt, doch zurück mußte ins Elternhaus, war der Pferdestall meines Vaters meine Welt. Wurde ich verfolgt von groß oder klein ? husch unter die Bäuche der Rosse, wohin mir keiner zu folgen wagte. Gerne schwang ich mich auch auf einen breiten, schweren Gaul, berufen,[9] Fässer zu schleppen, und ? ritt aus, zigeunerkeck, ohne Sattel. ? Indess', einmal sollte mir das schlimm bekommen. Die Gassenjungen der Straßengasse dachten sich: Wart' nur, Bourgeois-Lausbub, wir werden dir deine junkerlichen Passionen verleiden. Johlend sammelten sie sich und warfen von allen Seiten Steine nach dem Biergaul. »Es kann der Beste nicht im Frieden bleiben«, und das sanfte Tier gab sich in einen frechen Galopp. Eine Weile hielt ich mich an der Mähne fest, glitt aber dann über den Kopf des Pferdes zur Erde. Sofort hielt mein Freund wie eine Mauer, um zu verhüten, daß ich mich beschädige. Mit gesenkten Ohren schritten wir darauf zu zweit dem Hoftor und Stalle zu. Die schöne Stadt Brünn, jetzt modern gelichtet, hatte zu jener Zeit etwas mittelalterlich Düsteres, schier Atembeklemmendes; denn noch war sie an mehreren Seiten von steilen Wänden und Schanzen umgeben, in denen eisenbeschlagene Holztore in schweren Angeln ächzten. Im Frühling des Jahres 1854 legte sie großen Staat an: Der junge Kaiser Franz Joseph, kaum angehaucht vom ersten Bartflaum, hatte die ideal schöne bayerische Prinzessin Elisabeth geheiratet und zeigte sich mit seinem Engel aus München seinen Provinzialhauptstädten. Ich durfte aus einem gemieteten, teppichgeschmückten Fenster der »innern Stadt« den Einzug mit ansehen und war schrecklich gespannt: ein Kaiser, so ganz etwas anderes als andere Leute, muß sich auch, war meine Logik mit meinen sechs Jahren, durch irgend etwas Apartes auszeichnen, zum Beispiel: drei Hände haben, oder wenigstens sechs Finger an der Rechten. Nichts von all dem war der Fall, und ich kam demnach nicht auf meine Rechnung. Mit sieben Jahren also war ich bereits so etwas wie ein Republikaner, und bald darauf wurde aus dem frommen Steinitzer Knaben noch dazu ein frecher Atheist. Auch hiebei[10] vollzog sich meine seelische Umkrempelung im Handumdrehen. Es flößte mir ungeheuren Respekt ein ? eine Schwester meiner Mutter hatte geheiratet ?, wie Zeremonie und Gemurmel des Geistlichen ein Haus mit Kindern füllen könne. Donnerwetter, dachte ich: das ist eine Sache! Mit dem Augenblick aber, da mir ein Gespiele den großen Witz des Schöpfers, über den seine eigenen Engelamoretten im Himmel kichern mögen, erklärte, gingen mir die Augen auf wie den großen Kindern im Paradies, und aus dem Beter und Fanatiker wurde zum Entsetzen der Umgebung ein böser Leugner. Als bei Ausbruch des österreichisch-italienischen Krieges 1859 alle Kirchenglocken zum Gebete riefen, machte ich einem Erwachsenen gegenüber die altkluge Bemerkung: »Wenn sie statt der Bimmelei lieber dort unten keine Dummheiten machten.« Ein sechzehnjähriger Kostgänger am Tische meiner Eltern nahm mich, den Achtjährigen, mit ins Stadttheater auf die »offene« Galerie, wo wir beide für elf Kreuzer aus meiner Sparkasse »Hamlet« sahen. Wie bei dem Nürnberger Sprungfederkrampus durch einen Druck der Deckel eines Kästchens aufklappt und der Schwarze mit eins emporschnellt, so an jenem Abend der Theaterteufel aus meiner Seele. Wohl lief ich schon einige Jahre auf der Erde herum, geboren wurde ich an jenem Abend! ? Vorbei für mich waren von Stund' an Ballspiel, Tanz, Prügeleien, kurz alle Zerstreuungen der Kindheit ? ja die Kindheit selbst! Zu Hause, in der Schule, auf einsamen Spaziergängen monologisierte ich, was mein Gedächtnis an jenem Schicksalsabende behalten. So zwar, daß Mitschüler meinen Bruder fragten: »Rappelt's bei ihm? Er red't immer mit sich selber?« Es gibt eine Wunderblume, die Jucca grandiflora, welche alle hundert Jahre nur einmal blüht. Ich aber zählte zu einem noch selteneren Naturwunder: meine ersten Reime[11] galten weder schwarzen noch blonden Mädchenlocken ? sondern Hamlet. Ich sang: Amazon.de Widgets »In schwarzer Hülle angetan, Wie staune ich dich Hamlet an.« Die zweite Offenbarung für mich an derselben Stätte war »Fiesco«: »Mir brennt der Kopf, das Herz, die Leber brennt!« ? heißt es im zweiten »Faust«. Die Stehgalerie, der höchstgelegene Platz im Stadttheater, war für mich der höchste in der Welt überhaupt. Die längsten Stücke waren mir die liebsten. Zum Beispiel: »Die Armen von Paris«. Fünf Akte und ein Vor- und Nachspiel: Ich addierte sieben Akte: ich mußte das Stück sehen. Nach dem Nachspiel im Theater gab es dann ein zweites für mich zu Hause: nämlich Ohrfeigen! ? Denn nicht auf rechtlichem Wege hatte ich die olympischen Höhen erstiegen: entweder ich stahl das Geld dazu aus dem Scheingroschenkörbchen meiner Mutter, oder ich stahl mich ohne Eintrittskarte ? bei den Phrenologen gilt ja dieselbe Vertiefung am Scheitel des Schädels zugleich für Diebs- und Schauspielertalent ? am alten Billetteur vorbei auf die »Offene«. Manchmal erbettelte ich mir die paar Kreuzer von einer Schwester meiner Mutter. Aber Tante Pepi wohnte weit, am anderen Ende der Stadt. Ein unbemerktes Sichdrücken für so lange Zeit war ausgeschlossen. Doch halt ? so geht's! Man gibt vor, wegen eines hohlen Zahnes zu den »Barmherzigen Brüdern« gehen zu müssen, läßt sich zum Beweis, daß man nicht geschwindelt, eine Wurzel in stummer Begeisterung wirklich ziehen, und da man zu Hause ja alles mit dem langen Warten auf den Pater Zahnarzt motivieren kann, so bleibt Zeit genug, die Finanzoperation bei der Gönnerin auszuführen. Es ist nicht zu sagen, was für byzantinische Schmeichelkünste ich anwendete, um die paar Kreuzer von der guten Tante zu erpressen. Ich holte ein Polster[12] herbei, damit sie bequemer sitze, einen Schemel für ihre Füße, küßte ihre Hände, erfand die süßesten Verkleinerungsworte und versprach, später eine ihrer Töchter zur Frau zu nehmen, ohne eine weitere Mitgift als die neun oder zehn Kreuzer für die Stehgalerie. ? Der plötzliche Gedanke, ich könnte mit meinen Geschwistern wohl selbst Theaterstücke aufführen, war für mich so etwas wie für den Erfinder der Moment, da in seinem Gehirn die offenbarende Idee aufblitzt. Der ländliche, mit moosüberwucherten Schindeln gedeckte, niedere Heuschober war unsere Probebühne und mußte per Leiter erklommen werden. In das Rembrandtsche Halbdunkel dieses Raumes schleppten wir nun aus allen Winkeln und Schlupfen des Hauses geliehenen, erbettelten, gestohlenen Trödel. Gewöhnlich gab auch ein markantes Requisit Anstoß zur Einstudierung eines Stückes. Ein Plättbrett! Was fehlte da noch, um den »Fiesco« zur Aufführung zu bringen? Sah ich nicht im Stadttheater, wie Verina den Diktator von einem Brett ins Meer warf? ? Ein langes Küchenmesser! Wie hätten wir da zögern sollen, das Drama des blutdürstigen Shylock zu geben? ? Eine dreiteilige »spanische Wand« aber weckte in mir den dramatischen Dichter und gebar meine Tragödie »Der Gefangene«. Die Titelrolle fiel einem jüngeren Schwesterchen zu. Wir steckten das Mädchen in »Schlangenhofen« (ein Knabenkleid, großzügig aus einem Stück geschnitten und aus Verdauungsrücksichten hinten knöpfbar) und legten es in Eisen; d.h. wir fesselten die Hände des reizenden Rotköpfchens mit Papierketten, einem der stolzesten Stücke unseres theatralischen fundus instructus. Das Dekorationsstück wurde so gestellt, daß es die Kleine völlig einschloß. Darauf trat ich mit einem Nürnberger Gewehr vor die Zitadelle und hielt Wache. Ich klagte über Liebesschmerzen und bejammerte die Pflicht, auf meinem Posten ausharren zu müssen, dieweil die[13] Geliebte mit offenen Armen meiner warte. Liebe und Pflicht ? der Leser errät den tragischen Konflikt! Eine andere Schwester (die 20 Jahre später Eduard Hanslick zu seiner Frau machte) hatte eine sehr sympathische Stimme und unserer Gouvernante einige italienische Volkslieder abgelauscht. Ich wäre ein schlechter Dramaturg gewesen, hätte ich diesen günstigen Umstand unausgenützt gelassen. Die Sängerin mußte hinter den Kulissen, welche wir einfach durch ein über einen langen Besenstiel geworfenes geblumtes Kaffeetischtuch gebildet hatten, eines ihrer Lieder er tönen lassen. Allerdings mit einer kleinen Textveränderung von mir: statt »Lucia cara, Lucia bella« sang sie meinen Namen »Luigi caro, Luigi bello. Natürlich vermochte Luigi nicht zu widerstehen, warf die Flinte ins Heu und sich selbst in die Arme der Nachtigall hinter dem Kaffeetuch. Jetzt schob die ahnungsvolle Schlangenhose einen Flügel der »Spanischen« zurück, sprengte Riegel und Ketten und entlief. Aber wehe! ein jüngerer Bruder als, »Hauptmann« betrat die Szene! Seine Würde markierte ein Schiffhut aus blauem Zuckerhutpapier, versehen mit einem Federbusch aus Fidibussen, gestohlen vom Schreibtisch meines Vaters. Schon im Auftreten hatte der Krieger zu rufen: »Ha, der Gefangene ist entflohen«. Wohl kehrte ich jetzt wieder zurück auf den verlassenen Posten. Doch zu spät! Seine Gestrengen donnerte: »Du bist des Todes!« Er winkte hinter die Kulisse, wie Geßler seinen Reisigen. Und hervor trat mein jüngstes Schwesterchen ? ein rechter Plumpsack mit einem schnurrigen, klugen Vollmondgesichtchen, in dem sich zwischen Polsterbacken ein keckes Stumpfnäschen eingenistet. Der Hauptmann raffte nun das Gewehr auf, das ich zuvor ? nicht allein des theatralischen Effektes wegen, sondern auch weil wir kein zweites in unserer Rüstkammer besaßen ? von mir geworfen, und überreichte es der drei Käse hohen Dicklichkeit. Dies[14] gab mir Zeit, der Geliebten, welche mir gefolgt war, zuzurufen: »Weib meiner Seele, räche mich«, und ihr heimlich einen »Dolch« in die Hand zu drücken. »Angelegt!« kommandierte der grimmige Zuckerhut, und der bewaffnete Däumling, unaufhörlich über einen ihm umgehangenen grauen Mantel stolpernd, gehorchte. Bei dem zweiten Kommandoruf: »Feuer!« hatte eine dritte Schwester hinter der Szene in die Hände zu klatschen, um den Knall aus dem tödlichen Feuerrohr zu markieren. Damit fiel der Held maustot zu Boden. Jetzt hob die Geliebte den rächenden Stahl aus Holz, und mit den Worten: »Du hast meinen Luigi getötet, stirb Barbar!« durchstach sie die böse Fidibus-Charge, die alsbald dalag wie ein Käfer, der sich tot stellt. ? Eine Münchner Theaterabonnentin erklärte mir einmal: »Wissen Sie, bei Trauerspielen gehe ich immer schon nach der zweiten Leich.« Bei diesem Prinzip hätte sie nie die ganze reinigende Größe meiner Tragödie genossen: nicht umsonst hatte ich die letzte Szene im Hamlet gesehen: noch mehr Leichen! »Da mein Geliebter tot ist, mag ich auch nicht mehr leben!« rief die Sängerin und senkte sich die noch von Blut dampfende Waffe in die Brust. Als nun die graue Mantelmotte uns alle auf der Erde liegen sah, meinte sie, das gehöre so zur Sache und legte sich zum größten Entsetzen des Dichter-Regisseurs zu den übrigen. Da einige Kinder aus der Nachbarschaft im Proszenium des Heubodens als Zuschauer figurierten, geriet ich ob der Blamage in hellste Wut, stieß ? tot wie ich war ? die extemporierte Leiche so lange mit den Füßen, bis sie gleich einem Stehaufmännchen emporschnellte und zur Mutter flüchtete, um Drama und Dramaturgen heulend zu denunzieren. Ganz Österreich war damals ? in den sechziger Jahren ?noch deutsch, und blieb es auch trotz geringer Konzessionen, die man, seit Palacki sein (übrigens deutsch geschriebenes)[15] Monumentalwerk »Die Geschichte Böhmens« erscheinen ließ, den slawischen Stämmen gewährte. Ich erinnere mich, daß man der Jugend Anekdoten von Joseph II. und Friedrich II. durcheinander erzählte, unterschiedslos, als von zwei großen deutschen Monarchen. Erst nach 1866 und 1870/71, da der deutsche Kaiser nicht mehr in Wien, sondern in Berlin saß, gelang es den tschechischen Ellenbogen, die Konsequenz daraus zu ziehen, und ihre nationalen Führer präsentierten Österreich aus alten Archiven stammende, vergilbte Rechnungen, auf denen sie zäh bestanden. In den Gymnasien und Realschulen genügte für die tschechische Sprache eine einzige Stunde in der Woche, und auch die war ? wenn ich mich recht erinnere ? nicht obligatorisch. In meiner Klasse gab sie ein kleines, eitles Tölpelchen, das beständig hin und her lief und unaufhörlich mit dem Taschentuche seine gänzlich staublosen Lackstiefel abklopfte; es waren seine einzigen Glanzlichter, auf die er aufmerksam machen wollte. Im übrigen hatten wir ausgezeichnete Lehrer, zumeist Väter des Augustinerklosters, das in seinen gotischen Räumen bedeutende Männer (berühmte Dichter, Gelehrte, Musiker) beherbergte. Nicht aus dem Kloster stammte der Herr Katechet. Ein stramm-feister Goliath, der die christliche Demut, die er lehrte, dadurch illustrierte, daß er uns ein über das andere Mal zurief: »Ihr seid nicht wert, den Staub unter meinen Füßen zu küssen!« ? Aber trotz der trefflichen, wohlwollenden Schwarzröcke blieb ich ein miserabler Schüler; hier, wo Physik und Geometrie mehr galten als »Hamlet« und »Fiesco«, war ich konsequent der Letzte, und nur darum, weil es keinen Letzt-Letzten gab. Unaufmerksamkeit allein war es nicht: all mein Leben sind mir Dinge, die einzig mit dem trockenen Verstande zu erfassen sind, selbst bei heißem Bemühen, unübersteigbare Berge gewesen. So kann ich z.B. ? als Kuriosum sei es[16] hergesetzt ? bis zur Stunde trotz der besten Augen nicht fließend lesen und stolpere bei der zweiten Zeile. Man versuchte es mit Privatunterricht. Der Lehrer meiner ältesten Schwester sollte ihn mir erteilen: Pater Glatzel. Dieser alte Gelehrte, gleichfalls ein Weiser des Augustinerklosters, durfte damals von sich sagen: »Die höhere Töchterschule der Stadt bin ich.« Alle besseren Häuser, oder um die Sprache der Geschäftsstadt zu sprechen: alle Häuser, die besser standen, beriefen ihn zum Bildner der heranwachsenden Jungfrauen. Ich sehe ihn vor mir, den urwüchsigen Alten! Auf seinem massiv gezimmerten Körper, der mit dem starken Embonpoint seinen Raum im Raume beanspruchte, saß ein grau-umlockter Cyklopenkopf, trotz seiner Häßlichkeit an das Haupt Jupiters erinnernd; wohl auch vermöge der hohen Intelligenz, die in lächelnder Ruhe auf den breiten Fettmassen des Antlitzes thronte. In hohen Stiefeln und langem Schwarzrock, einen uralten Zylinder aus der Biedermeierzeit auf dem pathetischen Haupte, den Bauch wie ostentativ vorreckend, in der Rechten einen derben Stock, in der Linken unfehlbar zwei bis drei dicke Bände, in der hinteren Rocktasche ein schweres Exemplar der beiden Teile »Faust«, als wollte er auf diese Weise seiner Person das nötige Gleichgewicht geben ? so durchschritt er die Straßen Brünns. Obgleich ihn seine eigene Neigung, sein Enthusiasmus, eine Generation idealer Mütter heranzubilden, zum Erzieher höherer Töchter gemacht, so war er doch ein schlechter Lehrer. Er war der extremste Idealist, dem ich jemals begegnet; ein Gemengsel von Ibsens Rosmer und Stockmann. Weder die klugen, noch die törichten Jungfrauen, die er, gleichgültig welcher Konfession sie angehörten, »meine katholischen Schwestern« nannte, vermochten seinen Unterricht zu fassen. Ob er wohl an ein magnetisches Fluidum glaubte? Wahrscheinlich! Denn während er den guten Backfischen allerlei Subtilitäten[17] zum besten gab, hielt er ihre zarten Hände in den seinen und sah sie unverwandt mit seinen milden, braunen Augen an. Das Beste, was die Mädchen von ihm profitierten, war nicht positives Wissen, sondern der ideale Schwung, den er ihren Seelen einhauchte. Die Brünner höheren Töchter waren Philanthrop-, Idealist-, Sozialist- und Kommunistinnen ? aber leider nur bis zu dem Augenblick, da sie die Ehe mit diesem oder jenem Schafwollwarenerzeuger eingingen; es war wie ein chemischer Prozeß: der Idealismus verflüchtete und der Wollsack blieb als Bodensatz zurück. Pater Glatzel zählte zu den alten Kindern, deren Gutmüt gkeit an das Pathologische grenzt; er war der Geist, der stets bejaht. Was er verdiente, ließ er sich so willenlos abnehmen, daß ihm jahraus, jahrein kein Kreuzer in der Tasche blieb. Kaum alten ihm seine Schülerinnen am Ersten das Geld in die Tiefen seiner Schoßtasche praktiziert ? denn nur auf diese Weise vermochte man ihm sein Honorar zukommen zu lassen ?, so wurde er von den am Kloster auf seine Rückkehr lauernden Ausbeutern gleich wieder geplündert. ? Politisch war Glatzel ganz Mann der Freiheit und für die Sache der Tschechen ehrlich begeistert, die ihn als einen ihrer größten Dichter feierten. Seine radikalen Anschauungen mußten ihn endlich mit dem Kloster in Konflikt bringen, und so flüchtete der edle Alte nach Amerika, wo er als Gründer einer sozialistisch-religiösen Sekte in sehr hohem Alter starb. ? Eine ungünstigere Wahl hätten meine Eltern nicht treffen können: was mir nottat, war der Drill eines Unteroffiziers und nicht das Victor-Hugo-Pathos Meister Glatzels. Auch drehte sich die Szene bald: mein Lehrer wurde mein Hörer; warum sollte sich eine Klosterzelle nicht zu einer Bühne umgestalten lassen? Ich brüllte wie der von der Schlange umschlungene Laokoon, und Wandel- und Kreuzgänge, sonst nur von dem rhythmischen Tritt eines Klostermannes feierlich durchhallt,[18] erdröhnten von dem Donner der Traumerzählung Franz Moors. Die Sache paßte Glatzel so recht in seinen Kram: es galt eine Seele zu retten aus dem Bereich der Bierfässer und Wollsäcke. »Da nehmen Sie sich nur weiter keine Mühe,« sagte er meinen Eltern, »aus dem Buben wird doch nichts anderes als ein Schauspieler.« Ich hörte die Worte und mir wurde dabei so behaglich zumute wie einem Kälbchen, wenn man's im Nacken kraut. Das Kälbchen ? um das treffende Bild festzuhalten ? zählte damals elf und ? dürstete nach Taten. Brünn ist freilich zu groß, dachte ich; aber sollte man nicht in dem Marktflecken Geyer, den ich von Steinitz her kannte, ein Theater gründen können? Gedacht, getan! Ich pumpte ein paar unserer Dienstmägde erfolgreich an, stahl meiner Mutter einen schwarzseidenen Überwurf (den Mantel Hamlets!), stopfte schöne Theaterrequisiten in eine große Handtasche und zog aus wie Don Quijote auf Abenteuer. Geyer, reflektierte ich, ist nur fünf Meilen von Brünn entfernt, meinen Eltern und Großeltern wohnen dort und im nahen Austerlitz Geschäftsfreunde ? es wird großartig! Zwar ist es hart zu Fuß zu laufen bei schneidender Kälte im dünnen Mäntelchen ? dafür aber ist der Winter eine gute Theaterzeit! Amazon.de Widgets Spät abends kam ich in dem kleinen slawischen Flecken an, ganz vereist wie ein verfrorener Apfel. Ein Branntweinbrenner, der nach Steinitz Geschäfte machte, nahm mich in sein Haus. In der warmen Stube taute ich auf wie ein Tierchen aus dem Winterschlaf. Der alte, gutmütige Jude redete mir meinen Unsinn aus und fütterte mich koscher, aber ausgezeichnet. Er wollte mich selbst im Wagen nach Brünn bringen, doch sollte ich noch einen Tag warten, denn ein »Bocher« war angekommen und sollte bei ihm morgen zu Tische sitzen und beten. Bocher sind Studierte von besonderer Frömmigkeit, die von »Kille« (kleine jüdische[19] Gemeinde) zu »Kille« reisen und in angesehenen, streng-religiösen Familien »Seder halten«, was soviel heißt, als unter hundert Zeremonien speisen und dann predigen. Er wird Rebbeleben genannt. Man sieht in Mähren noch genau dasselbe wie vor zweitausend Jahren und zurück in Palästina! Denn auch Jesus war nichts anderes als so ein fahrender Scholast der Juden: ein Bocher, ein Rebbe, der in den Gemeinden predigte. Freilich wie!!! Denn das Wie ist alles in der Welt und kann zum Gotte machen! Der Bocher hat kein anderes Gewerbe als seine Frömmigkeit und lebt also ähnlich wie die Derwische am Ganges. Er wird hochgehalten und ein sinnvolles, jüdisches Sprichwort heißt: »Aus einem Bocher (Weisen) kann man alles machen.« ? Anderthalb Jahre nach dieser verkrachten Direktionsreise kam ? der zweite Streich! Ich ging durch nach Wien, um Karl Treumann, dem Direktor des »Kaitheaters«, meine Kräfte anzubieten. Nachdem ich vor dem Bühneneingang zwei Stunden lang geschildert und auf den berühmten Komiker und Bühnenleiter gewartet und Pläne bis in den Himmel und von da aufwärts bis ins Burgtheater gebaut, kam endlich der Ersehnte, und ich fragte ihn ? wie spät es sei?! Der Augenblick machte mich wie Falstaff zu einer »Memme aus Instinkt«. Am Abend sah ich Nestroy als Sansquartier in »Zwölf Mädchen in Uniform«. Das linke Auge ? so erforderte es die Rolle ? bedeckte eine Binde, aber das andere, große, schöne, rumorte lustig, und sein Geist sprang über auf den Zuschauer und hielt ihn fest. Ein Jahr darauf ging Nestroy von der Bühne ab; denn er »setzte an«. Es ist gar tragisch, wenn einem Schauspieler, dessen Spezialität all sein Leben die Magerkeit war, ein Bäuchlein wächst. Nestroys Partner, den ausgezeichneten Wenzel Scholz, hatte ich schon früher einmal in Brünn gesehen, gelegentlich seines Gastspiels in »Handschuhmacher und Strumpfwirker«. Er war klein[20] und kugelrund, und darum liebte ihn Nestroy an seiner Seite; denn dadurch wurde er selbst ? eine Art optische Täuschung, die der Komik zugute kommt ? noch dünner und länger. ? Weil es einmal zum Programm des braven Spießers gehört, gegen den Beruf des Schauspielers zu protestieren, eiferte man zwar im väterlichen Hause gegen meine Neigung und Pläne, aber im Grunde war man doch eitel darauf, daß sich zwischen Bierfässern, Malz- und Hopfensäcken ein phantastisches Geschöpf meiner Art hat bilden können. Und als ich fünfzehn Jahre alt war, hieß es: Es sei! Aber ein »Kompetenter« soll uns vorher bestätigen, daß Du wirklich Talent hast.« Ein solcher existierte nach den damaligen Begriffen in Österreich einzig am K. K. Burgtheater. Mein Vater reiste also mit mir nach Wien. Zuerst klopften wir bei Laroche an. Der greise Meister mit dem frappanten alten Goethe-Kopf, zeigte sich weltmännisch-artig, speiste uns aber, ohne mich zu prüfen, mit der boshaft pointierten Bemerkung ab: »Nun, wenn ihn das Brünner Theater inspiriert hat, dann muß schon was dran sein.« Es ging zu Dr. Förster. Welch ein Gegensatz zu dem vornehmen Alten, der noch Goethe gesehen und gehört, und dem auch äußerlich roh-gefugten Doktor-Regisseur. Er schrie mich an wie ein Unteroffizier: Grade stehen! Und damit mir die weise Belehrung faßlich werde, gab er mir ? jeder Zoll ein Hausknecht ? einen derben Schups in den Rücken. Das war alles! Mit der Bemerkung: »Der Bengel soll erst deutsch lernen«, entließ er uns, ohne mich gehört zu haben. Wir wollten nicht umsonst nach Wien gefahren sein und beschlossen, unser Glück bei Ludwig Loewe zu versuchen. Der Theaterwagen ? ein behäbiger Kasten aus Väterzeiten, mit zwei ausrangierten K. K. Rossen ? hielt am Tor, um den Altmeister zur Probe zu fahren. Demungeachtet gestattete er uns, einzutreten, und mein Vater durfte zum drittenmal seine Ansprache, die er[21] auf der Reise sorglich memoriert hatte, vorbringen. Loewe fixierte mich einen Augenblick mit seinen klugen, grauen Falkenaugen und sagte dann derb-burschikos: »Na, soll ich's ihm denn von der Nase absehen, oder hat der Junge etwas auswendig gelernt?« Die Worte waren kaum heraus, als ich auch schon am Boden lag, um die Sterbeszene Valentins aus »Faust« dem Meister zu versetzen. Fühlend, daß der historische Augenblick für mich gekommen, wollte ich alles geben, was in mir war. Was ich an Leidenschaft und Ton aufwandte, hätte für den ganzen Faust ausgereicht. Nachdem ich zu Ende gerast, sagte Loewe: »Hat ja gebrüllt wie ein Heiduck; aber 's liegt was drin!« Eine beseligende Wärme durchströmte mich bei den Worten des großen Mimen, eine Wonne, ähnlich wie sie den Jüngling durchschauert beim zärtlichen Gruß der Geliebten. Und als er mir mit seiner Hand wohlwollend übers Haar strich, empfand ich so etwas wie Tasso, da er den Lorbeer empfängt: »Nehmt ihn hinweg, er sengt mir meine Locken!« ? Ich war immer stolz darauf, daß es gerade Loewe war, der mit jenem freundlichen Wort mein Leben entschied, weil er einer der radikalsten Naturalisten der deutschen Bühne gewesen, schon damals, ehe dieses Wort für die Schauspielkunst erfunden war. Unbeirrt von seiner künstlerischen Umgebung, einzig dem kategorischen Imperativ seiner starken Begabung folgend, glich er dem Flusse, der, einen breiten See durchziehend, seine Strömung beibehält. Selbst Goethe, den er, wie er mir später erzählte, in Karlsbad bei einer festlichen Gelegenheit den Orest tragieren sah, und der in seinen Attitüden einer wandelnden Glyptothek glich, vermochte den damals jungen Mann nicht wankend zu machen in seinem Streben nach Wahrheit und Natur. ? Am Abend sah ich im Burgtheater »Uriel Acosta« von Gutzkow. Die Vorstellung machte gar keinen Eindruck auf mich; Josef Wagner, der Darsteller der Titelrolle,[22] ein geistiger Antipode Ludwig Loewes, deklamierte rücksichtslos; was er um so weniger hätte tun dürfen, als es schon der Dichter ausgiebig tat. In diesem Falle aber ist es Pflicht des Schauspielers, den Dichter zur Natur zurückzuzwingen. Deklamieren beide, so geraten sie ins Wolkenreich. Logischerweise und nur für den Laien verwunderlich, verträgt darum der Rhetoriker Schiller amallerwenigsten den Kothurn und hat ihn sich bekanntlich auch als echter Dramatiker energisch verbeten. ? Amazon.de Widgets Es war kein glücklicher Zufall für mich, daß mein Vater tags darauf im Café Stierbeck (der damaligen »Börse« Wiens) zwei Freunde traf, die in dem mährischen Städtchen Lundenburg eine Zuckerfabrik besaßen. »Sicher muß der Mensch gehen«, hieß es, »lerne erst ein Jahr die Zuckergewinnung durch die Rübe, und dann treib', was Du willst; geht's nicht mit der Kunst, so bleibt Dir die Zuckerbranche«. Vierzehn Tage darnach saß ich in Lundenburg. Sehr erstaunt war ich über die Großartigkeit der bautenreichen Fabriksanlage, erst vor kurzem gegründet von den beiden bescheidenen jüdischen Herren Hirsch und Ignatz Kuffner. Die Juden Österreichs saßen lange, lange Jahre in versteckten Gemeinden, wo man sie und ihren kleinen Handel mit Bedarfsgegenständen der Dorfbewohner als da sind: Schnittwaren, Kleidungsstücke, wirtschaftliche Geräte usw. duldete. Sie sparten, scharrten, legten zusammen, verwandelten Groschen in Gulden. Waren davon 40?50000 beisammen, so hieß es von dem Besitzer: »der große Löw«, oder »der gewaltige Wolf«. Da kamen die liberalen Gesetze! Und siehe! Der gedrückte Mann der Kille verließ seinen Schlupfwinkel und erschien in der Hauptstadt. Meist taten sich mehrere zusammen, gründeten, spekulierten großzügig, unternahmen, mit dem richtigen Instinkt des Kaufmanns, und wie über Nacht hatten sie Handel und Industrie der Länder Österreichs in ihren Händen. Die[23] behaglichen Leute von früher, zumal in Wien die gemütlichen »Bürger von Grund«, wurstelten dagegen solide weiter in ihren kleinen »G'schäfteln« und »G'wölbeln« ? wenn's nur zu einem Sonntagsausflug mit »Backhendl« in den Wiener Wald reichte. Und als sie sich endlich doch umsahen und sich die Augen rieben, da wurden sie ? Antisemiten. Aber, o Wunder! Nicht nur Handel und Industrie beherrschten die Leute der Kille, auch die Journalistik, auch ein Geschäft, und kein schlechtes, hatten sie an sich gebracht. Die Reichen von ihnen wurden Herausgeber und Verleger, die Kleinen, aus Tarnopol oder Czernowitz kommend, ließen sich die »Peissen« (Seitenlöckchen der Orthodoxen) abschneiden und schrieben über ? Richard Wagner! Nicht anders war es mit dem Theater: Thalia wurde eine koschere Göttin! Und will man ehrlich sein, gar oft nicht zu ihrem Schaden. Man denke an die großen Schauspieler, die diese Rasse, welche so eindringlich mit ihren Händen zu sprechen weiß, daß ihr der persische Gott mit den hundert Händen als der Gott der Beredsamkeit erscheinen könnte, hervorgebracht hat: Dessoir, Davison, Sonnenthal. 
  [6] Wer lange lebt, kann viel erfahren. (Goethe.)[6] 
 IV.  [58] In schwarzer Nacht war der Zug in der Grenzstation Bodenbach eingefahren. Ich lugte neugierig aus dem Kupeefenster, und das Erste, was ich beim matten Schein der Gaslaternen erblickte, war das Manifest des Kaisers: »An meine Völker«. Auf der Station gab es viel Bewegung, viel wichtige Geschäftigkeit; abeo eine unheimliche, bleierne Beklommenheit lag über allem: Dey häßliche Auftakt des Krieges, dem gähnenden Hauch des Raubtieres vor dem Mordsprung ähnelnd. ? Mein Vater war damals Direktor der großen Bierbrauerei in Fünfhaus bei Wien. Zu ihm reiste ich. Überall, auch in diesem Vorort, an allen Ecken und Enden, das mannshohe Plakat: »An meine Völker«. In allen Schaufenstern Karikaturen des Königs der »Butterbemmenesser« und seines Premiers Bismarck. Daneben sah man Napoleon III. als verhetzenden Reineke dargestellt, oder wie er auf der Spitze seines hochqedrehten Schnurrbarts die Erdkugel balanciert. Besonders beliebt war das zahllos reproduzierte Blatt: »Wo is Preiß?« Es stellte einen magyarischen Husaren mit schneidig ansaewichsier Schnauze dar, wie er auf feurigem Rössel voraussprengt und mit geschwungenem Säbel herausfordernd den Feind sucht. Ähnlich wie ein Stück, das keinen Beifall findet, langsam vom Spielplan verschwindet, so nach und nach dieser illustrierte Chauvinismus aus den Schaufenstern beim Eintreffen ungünstiger Kriegsnachrichten. Den Kaiser Franz Joseph, der in seinem Lustschlosse Schönbrunn residierte, sah ich täglich, 8 Uhr früh, in offener Kutsche, sein Söhnchen Rudolf ihm gegenüber, durch die Fünfhauser Hauptstraße nach der »Burg« fahren. Und je ungünstiger die Berichte aus dem Felde kamen, man könnte sagen in gleichem Tempo, steigerten sich die täglichen Kundgebungen der Sympathie für den Träger der Krone; ein Beweis vom Taktgefühl »seiner Völker«. Der siebentägige Bruderkrieg war[58] bereits entschieden, Österreich geschlagen, und noch erfand die Verzweiflung des Volkes Gerüchte wie: »Der Benedek hat's Zentrum g'sprengt.« Oder: »Er hat die Preußen absichtlich ins Reich gelockt, um sie bei Wien zu vernichten.« Das »Thalia-Theater«, ein riesengroßer, längst wieder abgebrochener Holzbau am »Lerchenfelder Grund«, brachte damals als Benefiz für unsere »braven Blessierten« einige Räuberaufführungen. Der Veranstalter hatte sich für die löbliche Sache vom Kriegsministerium Roß und Reiter zu verschaffen gewußt und annoncierte warm patriotisch, aber hochverräterisch im Stil: »unter Mitwirkung von sechzig Pferden und hundert Räubern aus der K. K. Alserkaserne«. Für einen Abend wurde mir die Rolle des Franz anvertraut. Im letzten Akt, da er gefangen seinem Räuberbruder ausgeliefert wird, wurde ich auf ein feuriges Ungarpferd gelegt. Ein sonnverbrannter Sohn der Pußta, in seiner Originaluniform, der typischen Figur auf jenem Bilde: »Wo is Preiß« nicht unähnlich, bestieg neben mir seinen Rappen und hielt mich am Kragen meines Überwurfes fest. Aus dem Hofraum ging es sodann in gestrecktem Galopp über die Auffahrt und Riesenbühne bis knapp an die Rampe. Schon glaubte ich, hinüber gehe es ins Publikum oder gar in die Ewigkeit ? da, ein kurzer, bremsender Ruck der sehnigen Hand des katzengeschmeidigen Husaren, begleitet von einem schneidigen Prr, und die Pferde standen wie Bildsäulen. Darauf warf mich der Reitersmann, gleich einem erlegten Hafen, einer Gruppe von Räubern zu, die mich ihrerseits wieder in eine Ecke der Kolossalbühne schmissen, wo ich, um mich lerchenfelderisch auszudrücken, wie »a Schippel Boaner« (Häufchen Knochen) liegenblieb. Roß, Reiter und ? als der Dritte im Bund ? Franz fanden jubelnden Beifall. ? Dr. Frankel, der Direktor des damals künstlerisch hochstehenden Stadttheaters in Brünn, erfuhr von meiner Lerchenfelder Karriere[59] zu Pferd und meine schauspielerische war angebahnt: er engagierte mich für erste Rollen an die von ihm mit Feinheit geleitete Bühne. Und so spielte denn der ohne Unterricht entlaufene Komödiant der Schmiere, noch nicht neunzehn Jahre alt, an einem Theater von Ruf das ganze Charakterfach. In der »Wiener Neuen Freien Presse« vom 24. Januar 1867 begann ein Referat: »Aus Brünn erhalten wir einen enthusiastischen Bericht über die Leistung eines jungen, am dortigen Stadttheater engagierten Schauspielers, Herrn Wohlmuth, als Richard III., der die Kühnheit hatte, Shakespeares Riesentragödie zu seinem Benefize zu geben. Wir sind gegen Provinzerfolge zwar mißtrauisch, dem ungeachtet ...« Aber »Prr«, wie es mein Husar mit seinem feurigen Rosse machte; denn nur das, wovon ich glaube, daß es mein bewegtes Leben besonders illustriert, will ich hier melden, nicht aber mit Lorbeeren, vergilbt und vermodert wie das aufbewahrte Blumensträußchen, mit dem uns die Geliebte vor fünfzig Jahren beglückt, den Leser ennuyieren. Was für Augen aber machten meine Lehrer, die profanen und die aus der Klosterzelle, bei dem Ereignis für Brünn! Wie lange war's her, da sie prophezeiten: »Der wird auch einmal auf dem Mist krepieren«, und nun, nach wenigen Jahren, prangte ich in Titelrollen auf dem Zettel des Königl. städt. Theaters. Einer von ihnen rief mir, sooft er mich sah, zu: »Sie sind meine liebste Blamage!« Ein Jahr spielte ich in Brünn, dann ergriff mich die Wanderlust, und trotz aller Vorstellungen Frankels verließ ich meine Vaterstadt. Zu meinem Unheil! Um bei der Bühne fortzukommen, gehören nicht nur Fähigkeiten, und das, was man »Kopf« nennt, sondern vor allen Dingen Hinterkopf: Lebensgeschick, Klugheit. Damit war's aber bei mir, wie man in München sagt, »weit g'fehlt«. Davon besaß ich nichts, radikal nichts. Blicke ich jetzt zurück, so muß ich mich wundern, daß die Sache noch so glimpflich abging;[60] denn das reale Leben war für mich ein Urwald, in dem ich planlos irrte. Dazu das ehrsüchtige Streben: ich muß ans Ziel kommen, augenblicks; ich fühle in mir das Recht, dazu ..., es verdarb vollends alles. Wer aber am Billettenschalter vorwärtsdrängt und die Vorstehenden überspringen möchte, wird zurückgewiesen, muß sich nochmals anstellen und kommt nur um so später an die Reihe. ? Nach mancherlei Schicksalen kam ich im Herbst 1888 nach Wismar in Mecklenburg-Schwerin. Den Reisesack in der rechten, Stock und Regenschirm in der andern Hand, ein paar lange Degen und Rapiere unterm Arm, so trat ich ins Tor der Gastwirtschaft des Herrn Habich. Der kleine, rundliche Wirt zeigte sich freundlich und brachte mich auf ein Biedermeierzimmer, so behaglich lächelnd wie er selbst. ? »Herr Neustätter zu sprechen?« Mit dieser Frage betrat ich das Zimmer des Theatermächtigen. Der Theaterdiener darauf: »Wen soll ich dem Herrn ? mit Betonung ? Direktor Schönerstätt melden?« O weh, gleich zwei Dummheiten in einem Atemzug! So ein Theaterdirektor ist gar ein großer Mann, ein Götzenbild; demnach ein schlimmes Entree. Mein Prüfstein war der Papa in dem zuckersüßen Rührstück »Muttersegen«, ein »fauler« Segner, der am Schluß die Hände der Liebenden unter Musikbegleitung ? denn wo die Dummheit am höchsten, ist das Melodram am nächsten ? ineinander zu fügen hat. Eine gar magere Gelegenheit, Talent zu beweisen! Das ganze Debüt war übrigens nichts als eine Falle; denn Direktor Schönerstätt wollte mich los sein, weil ich ihm für das Fach viel zu jung erschien; und zu leugnen war's nicht, daß ich mit fast zwanzig Jahren zu meinem Pech geradezu knabenhaft aussah. Nach vierzehn Tagen hatte ich also meinen Abschied. »Doch dem Guten ist's zu gonnen, Wenn des Abends sinkt die Sonnen,[61] Daß er in sich geht und denkt, Wo man einen Guten schenkt«, singt der alte Barde Schartenmeier. In der Gaststube der Habichschen Wirtschaft befand sich ein großer, runder Tisch, an dem sich allabendlich ein biederer Kreis, dem es so recht »zu gonnen« war, zusammenfand: Schiffsreeder, Gutsbesitzer usw. Breite, gesunde Typen, an denen Fritz Reuter seine Freude gehabt hätte, ja von denen vielleicht schon einer oder der andere des Meisters ahnungsloses Modell gewesen; denn er kam ab und zu nach Wismar und dann auch ins Habichsche Lokal. Als ich nun dem Stammtisch, an dem auch ich jeden Abend saß, mein Mißgeschick eröffnete, herrschte Trauer; denn, ich weiß selbst nicht warum, aber diese ehrenfesten Männer waren mir alle herzlich gewogen. »Mut, mein guter Wohlmuth,« sagte einer der Gönner, der Gymnasialdirektor Dr. Ahnding, »fahren Sie nach Schwerin ? in einem Tag sind Sie hin und zurück ? und stellen Sie sich dem Intendanten des Hoftheaters vor, vielleicht haben Sie Glück.« Tags darauf, in aller Früh, ging's in die Residenz des Ochsenkopfes! Der Generalintendant, Freiherr Alfred von Wolzogen, aus dem durch Weimar zum zweiten mal geadelten Geschlecht, Vater des bayerischen Fahnenträgers Richard Wagners Hans und des schneidigen Chansonettenfängers Ernst, empfing mich in seiner Wohnung und ließ mich auf der Stelle loslegen. Ich sprach Zangas Kriegserklärung aus Grillparzers »Traum ein Leben« und den Monolog Richard III. aus dem fünften Akt, in welchem der Fürchterliche sich aus einem würgenden Alpdruck wachreißt. Als ich zu Ende war, sagte v. Wolzogen: »Sehr realistisch, sehr packend, sehr getroffen.« Und nach einer kurzen Pause des Nachdenkens: »Kommen Sie nachmittags ins Theaterbüro, vielleicht ...« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Emil Devrient,[62] der zurzeit in Schwerin ein Gastspiel gab, trat ein. Zwei elastische Gestalten, mit allen Allüren vollendeter Aristokraten, schüttelten sich die Hände. Wolzogen stellte mich dem klassischen Helden mit der subtil-frisierten Perücke, einem Meisterwerk Dresdener Haarvirtuosen, mit den Worten vor: »Ein junger Österreicher, der mir soeben mit Shakespeare warm gemacht.« ? Als ich mich zur angegebenen Zeit im Theaterbüro einfand ? lag auch schon der Vertrag bereit. »Hier liegt der Kontrakt«, sagte v. Wolzogen, »hoffentlich unterzeichnen Sie! ? Gleich freilich kann ich Sie leider nicht hier behalten: wir haben kein Geld. Aber im April können Sie kommen. Herr Hofpauer will gehen, und damit wird eine kleine Gage frei.« Es war von dem Münchner Schauspieler und Rezitator die Rede, der damals, noch im Flügelkleide, jugendliche Liebhaber säuselte. »Ein trauriger Winterschlaf, Herr Baron!« seufzte ich ? unterfertigte aber. ? Am Abend war ich wieder in Wismar, und schnurgerade ging's zu Habich. Als ich die altväterliche Kneipstube, wo meine wackeren Freunde, darunter lustige Schmerbäuche, die wie Falstaff seit einem Menschenalter ihr Knie nicht gesehen, Austern schlampampten, freudig bewegt betrat und meinen Kontrakt hochschwang: da war der Jubel groß, und der steife Grog floß und heizte wie ein Kachelofen. Die Tafelrunde, die merkwürdigerweise trotz meiner Wortkargheit und Weltbangigkeit Spaß an mir fand (besonders belustigte sie mein tägliches Abendessen, bestehend aus Kaffee und Bratkartoffeln), beschloß, daß ich den Winter in Wismar zubringen soll. In echt deutscher Weise wurde sogleich organisiert und eine Arbeitsteilung festgelegt: Habich, der Gastwirt, habe für den Magen zu sorgen und das magere »Kirlchen« mecklenburgisch herauszufüttern; ein Aufopfernder übernahm die Kehle, für den Kopf hatte der liebenswürdige, intelligente Gutsbesitzer Koch zu sorgen durch Herbeischaffung[63] von Büchern. Wenig Glück hatte ich mit der Wohnung. Die alternde Witwe, bei der ich ein kleines Zimmer gemietet hatte, schien über den Begriff Sauberkeit ähnlich philosophisch zu denken, wie Falstaff über den der Ehre: »Was ist Sauberkeit? Kann sie mir einen zweiten Mann schaffen? Kaum! Also weg mit ihr ? ich mag sie nicht.« Leises Grauen überkam mich, wenn sie morgens erschien, mir den Kaffee zu bringen. Ach, wie viele Winterfliegen waren bereits in diese Monstre-Tasse todesmatt abgestürzt; arme Tiere! Aber ihr hattet überwunden ? dagegen ich Ärmster ... Nein, getrunken wird die Brühe nicht. Was aber anfangen mit ihr? Stehen lassen? »Wer aber eine Witwe beleidigt, der sündigt zwiefach.« Aus dem Fenster schütten? Das Auge des Gesetzes wacht. Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle? ? Lugen da nicht aus der Ecke die zwei Kolossalstiefel ihres Seligen, des Schiffslotsen?! Wink des Schicksals! Vorsichtig verriegelte ich jedesmal die Türe, um bei der schwarzen Tat nicht ertappt zu werden, und goß darauf den greulich grauen Absud in die einst wasser-, jetzt auch kaffeedichten Kolossalstiefel des Seemannes. Und das Tag für Tag, bis sie so voll waren, als sollten sie dem »von Rothenstein« kredenzt werden. Die Katastrophe blieb nicht aus: denn einst bei der leidenschaftlichen Rezitation eines Monologes erzitterte der Estrich, die Juchtenen gerieten ins Wanken, und weil mir, wie in allen wichtigen Momenten meines Lebens, auch hier die Geistesgegenwart gebrach, schnell einzugreifen, neigten sie sich und erbrachen ihre häßliche Fülle ?, eine lehmfarbige Sintflut ? richtiger, in Anbetracht meiner Missetat, wie das Volk sie sinnvoll umtaufte, Sünd flut ? bildend. ? Von meinen Freunden ermutigt, hielt ich im ersten Lokal der Stadt einen Shakespeare-Vortrag, der sehr viel Anklang fand. Im übrigen vertrieb ich mir damit die Zeit, Verschen zu schmieden unter dem Motto:[64] »Das Schlechte tadeln, heißt das Gute adeln.« In Decken gehüllt saß ich in meiner ungeheizten Stube oft bis zum Hahnschrei und leimte Epigramme. Das Beste davon, wenn auch in der Form mangelhaft, war das auf einen aufgeblasenen Schauspieler: Amazon.de Widgets »Er ist die Sonne unter uns. Nimmt euch das wunder? Bei Tage glänzet sie, Doch abends geht sie unter.« Der bekannte Fritz Reuter-Verleger Hinstorff, der mir, seitdem er meinen Vortrag gehört, Interesse entgegenbrachte, erfuhr die Sache, ließ sich die kleinen Sprüche vorlesen und ? verlegte sie! Mein Stolz war unbeschreiblich, das dünne Heftchen kam wochenlang nicht aus meiner Brusttasche. Eines Tages erschien der berühmte Buchhändler in meiner Zelle und sagte: »Ziehen Sie sich doch flink Ihren besten Rock an, Fritz Reuter kommt in einer halben Stunde mit dem Zug aus Rostock: wir beide und der Dichter Winkler, der schon zur Bahn gelaufen, wollen ihn empfangen.« Ich war zwar sehr glücklich, aber von der ungewöhnlichen Ehre, die mir durch die Aufforderung widerfuhr, davon hatte ich damals doch keinen vollen Begriff. Wir warteten auf dem Bahnhof ? der Zug lief ein. ? Wo ist er? ... Niemand steigt aus? ... Sollte er doch nicht ?? ? Winkler, der alle Kupees eifrigst abpatrouilliert hatte, ruft: »Doch, ? da ? ? aber ...« ? »Was denn?« ? »Aber ?«. »Ach so!« seufzte Hinstorff. Winkler: »Leider!« Hinstorff fast gerührt: »Mein alter, lieber Freund! ? Na, heben wir ihn raus! ...« Es geschah ?. Ich aber drückte mich; ein Jammer erfüllte meine Seele, daß mir die Tränen nahe waren. Abscheuliches Gefühl, einen Großen klein zu sehen! Hätte ich nur das Glück gehabt, ihn darnach noch einmal anders[65] zu sehen! Es war mir nicht beschieden, und ich kann, soviel ich mich auch bemühe, den damaligen Eindruck nicht loswerden. Armer Reuter! Wer wie Du sieben Jahre im Gefängnis um seinen Kopf gebangt, greift leicht zum Glas, das vergessen macht. Traurige Philisterseele, die das nicht begreift! Nach einem unvernünftig vertrödelten Winter ging's mit dem Ostergeläute nach Schwerin. Wolzogen verstand es, mich schnell ins Repertoire einzuschmuggeln. Obgleich das Hoftheater einen Schauspieler hatte, der kontraktlich im Besitze des ersten Charakterfaches war, steckte er mir, wo nur möglich, Rollen zu. So z.B. den Geizigen, Gringoire, Hans Jürge, Michel Perrin ? in dem gleichnamigen Stück usw. Auch den Questenberg im »Wallenstein« spielte ich. Wolzogen gehörte zu den Übeltätern, die die mächtige Trilogie in die spanischen Stiefel eines einzigen Abends zwängten. Recht und Pflicht des Gärtners ist es, den Baum zu beschneiden, nur muß es nicht allzu tief gehen, sonst verwundet und schädigt er seinen Schützling. Wolzogen nahm herzlichen Anteil an der Entwicklung des ihm zugelaufenen Schützlings und gab mir ? der erste und einzige Mann während meiner schauspielerischen Laufbahn ? nützliche Winke in technischen Dingen. Viel hielt er auf das dramatische R, das damals so etwas wie eine Lebensfrage beim deutschen Theater war. Aber ich hatte den berüchtigten Konsonanten, den die Chinesen gar nicht, die Engländer nur wenig, die Frösche dagegen im Hochzeitsjubel virtuos los haben, einmal nicht, und würde ihn auch nie bekommen haben, selbst wenn ich wie Demosthenes mit Kieselsteinen im Munde Übungen gemacht hätte. Wolzogen lud mich ab und zu in sein Haus, und seine später so berühmten Söhne, Hans und Ernst, saßen zu meinen Füßen, wenn ich Szenen aus Shakespeare vortrug. ? Stachelreime zu drechseln war mir während meiner Muße in Wismar zur zweiten Natur geworden;[66] sie zu verleugnen in der kleinen mecklenburgischen Residenz, mit einem Dunstkreis, förmlich geschwängert von Stoffen für Epigramme, wäre dem Verlangen zu vergleichen gewesen, ein Kater soll sich in einem Hofe mit fetten Mäusen das Mausen abgewöhnen. Ich schoß auf Junker, Ritter, Höflinge, kurzum auf geheiligte Institutionen, die ein solider Hofschauspieler, der in die Höhe will, hätte respektieren müssen ? und indem ich den Ochsenkopf verulkte, setzte ich mir unversehens selbst einen auf. Die Sache wurde ruchbar und Wolzogen erhielt von maßgebender Seite einen Wink: »Über die Grenze das infamichte Kirlchen!« Mein Chef hielt etwas auf mich, aber sich eines Mitgliedes wegen in Ungelegenheiten setzen, dazu reicht die Liebe eines Theaterintendanten (sofern es sich um das männliche Personal handelt) denn doch nicht aus ? und so wurde mein Vertrag, der nur auf ein Jahr lautete, nicht weiter verlängert. Dagegen gab mir Wolzogen, da ich wieder nach Österreich reisen wollte, eine glänzende Empfehlung an den Intendanten des Wiener Hofburgtheaters Freiherrn von Münch-Bellinghausen (Friedrich Halm) mit. In Berlin, wo ich hielt, um mich den Theateragenten vorzustellen, arrangierte mir einer von ihnen, der mich in Schwerin als Eoban Hesse in Deinhardtsteins »Hans Sachs« gesehen, ein Probespiel auf der Bühne des Königl. Schauspielhauses vor dem Generalintendanten von Hülsen und seinen Regisseuren. Nachdem ich mich mit Monologen aus »Timon von Athen« und »Narziß« ? um einen wunderschönen österreichischen Kriegsausdruck zu gebrauchen ? »bravoureus« gehalten, besprach sich von Hülsen kurz mit seinen Räten (ich sehe es noch deutlich, wie der länglich-geschmeidige, preußisch-junkerliche, gutmütige von Strantz mit seinem pomadisierten Köpfchen lebhaft »ja« nickte), trat zu mir und engagierte mich. Er nannte eine bescheidene[67] Gage und reichte mir statt eines Kontraktes seine Hand als Abmachung. Bald durfte ich auch den alten Jeremias Knabe »Im Vorzimmer Seiner Exzellenz« spielen und fand Beifall. Der vornehmste Kritiker der Stadt, der neunzigjährige Genz in der »Voss. Zeitung«, zeichnete mich durch eine eingehende Kritik aus. In seinem wohlwollenden, schier väterlich gütigen Bericht rühmte er u.a., daß der »jugendliche Herr Wohlmuth durch Scheinalter der Natur Künstlichkeit angeprägt« ? und sich an einen früheren erlauchten Mitarbeiter dieser ältesten deutschen Zeitung erinnernd, schloß er: »Und so hoffen wir sicher von dem Gast, er bewährt durch sein Schaffen umfänglich und entschieden den Denkspruch Lessings: Kunst und Natur Sind auf der Bühne eines nur; Wenn sich Natur in Kunst verwandelt, So hat Natur und Kunst gehandelt!« Auch Döring lobte mich und lud mich an seine Seite zum berühmten Stammtisch bei »Lutter und Wegner«, wo ehedem Ludwig Devrient, E. Th. A. Hoffmann, Glasbrenner und andere Ritter vom Heiligen Geist gesessen. Der Alte schenkte ohne Einhalt Rotwein aus seiner Flasche in mein Glas, und wenn ich mich beklagte, daß keine Rollen für mich nachkamen, so beschwichtigte er mich: »Geduld, junger Mann, Geduld. Ihr jungen Leute habt keine Geduld; ich habe auch warten müssen.« Stolz war er auf zwei Dinge: auf sein Ordensbändchen, das nie aus seinem Knopfloch kam, und auf seine jugendlich-leuchtenden Zahnreihen: »Da sehen Sie, junger Mann, ich uralter Kerl ? noch alle auf dem Posten, stehen da, wie die Garde bei der Parade, was?« Dabei klopfte er derb mit den Knöcheln seiner Rechten an das prächtige Gebiß. Wurde Döring von den Disputierenden des Stammtisches über das Wie und Warum[68] in schauspielerischen Dingen als Kompetenz befragt, so war seine stereotype Antwort: »Weiß nicht, machen, machen, das ist alles.« Gute Ratschläge sind bei alten Kindern, was die Decke in der Wiege für die Kleinen ?: sie werden täppisch weggestrampelt. Sechs Wochen keine weitere Rolle, kein schriftlicher Vertrag, ein Empfehlungsschreiben an die Wiener Generalintendanz in der Tasche ? leb' wohl Berlin! Ich hielt in meiner Vaterstadt Brünn und wurde von Direktor Frankel eingeladen, am Stadttheater zu gastieren. Der Prophet gilt nicht in seinem Vaterland ? heißt es. Nicht immer! Es hat Launen und überschätzt ihn manchmal auch gern: »Der Lausbub' von der alten Brünn« eroberte sich im Flug viele Herzen und mehr als das: ein Herz! Die härtesten Bühnentyrannen erweichen merkwürdigerweise gerne die zartesten Frauenherzen: Franz mit seiner »Lappländernase« sticht nicht selten den schönen Karl mit seinem »Schwanenhals« aus. Richard III., der von sich sagt, er sei so mißgestaltet, daß Hunde bellen, wenn er an ihnen vorbeihinke, entzückte ein junges, stolzes Patrizierfräulein. Es war eine Freundin meiner Schwester, beide zählten zu Pater Glatzels »katholischen Schwestern«, und so war der Roman schnell eingeleitet. Die Rolle des Liebeshehlers wurde dem ehrwürdigen Pater selbst zugeteilt. Die Intrigue war von zwei jungen Mädchen und demnach gar schlau erdacht. Sie baten Glatzel, ihnen die Klosterbibliothek zu zeigen und auch mich zu der Besichtigung einzuladen. Eine achtzehnjährige, schlanke Blondine, den schönen, langgezogenen, weiblichen Gestalten verwandt, die uns in den skandinavischen Ländern so sehr entzücken, trat mir entgegen. Große, kluge, grau-blaue Augen, energische Züge wie von einem Meister der Steinschneidekunst geführt: Lessings Ernst ins Weibliche übersetzt! ? Glatzel führte uns durch die altertümlichen Räume und erklärte und sprach über Stil. Aber[69] er hatte unaufmerksame Hörer. »Der Lebende soll hoffen« heißt es im »Faust«: was war mir romanisch, was gotisch im Anblick der goldig leuchtenden Flechten, die dem schönen Mädchen über Hals und Nacken niederhingen. Mit Impresariogeschick verstand es mein gutes Schwesterchen, aus dem Quartett zwei Duette zu machen: sie schob nämlich geistesgegenwärtig Bruder und Freundin in einen Nebenraum und lehnte flink die Türe desselben zu ? sie dem Schicksal dadurch weit öffnend. Die blassen Wangen des Mädchens überflog leichte Röte; der verlegenere aber von beiden war der vielgereiste Komödiant. Ich starrte die lilienhafte Erscheinung dumm und stumm an, so daß sogar, wie mir vorkam, eine Sekunde ein leises, spöttisches Lächeln um ihre Mundwinkel spielte. Mir aus der Verlegenheit zu helfen, brach sie das Schweigen: »Gelt«, sagte sie, »ich bin keck, wie ich das ang'stellt hab', so einen Künstler kennen zu lernen?! Aber, wissen Sie, wir sind doch Landsleut', und weil auch ich nit in Brünn verspießen möcht', und wie Sie raus will, um mich der Kunst zu widmen ?« »Sie wollen Schauspielerin werden, Fräulein?« »Am liebsten, aber das geben meine Eltern ja nie zu, ? aber ? ? nein, hier, man traut sich doch nit ?.« Und sie schlug mir für morgen früh im Blumengarten einer Gärtnerei der Vorstadt eine Zusammenkunft vor. Sie war vor mir da, kam mir heiter und unbefangen entgegen. Ihr ganzes Wesen hatte trotz ihrer zarten Jugend etwas Wohlwollend-Überlegenes. »Da«, sagte sie, »ein paar Rosen, die ich für Sie abgebrochen ? bißl Blut von mir klebt daran; schadet nix, nehmen S' nur; es ist darum kein Pakt, denn bei mir da fehlt's noch weit bis zum Faust ? und Sie sind nur auf dem Theater der Mephisto ? da freilich ein ganzer.« ? »Nein«, plauderte sie weiter, »zum Theater, weil Sie mich gestern gefragt, da willigt mein Vater, der gestrenge[70] Herr Oberbürgermeister von Brünn, sicher nit ein; aber ich glaub' auch zum Malen bißl Talent zu haben, und vielleicht setz' ich's durch, daß er mich nach Wien oder Niünchen in die Lehr gibt. Leicht wird auch das nit halten, aber da muß man halt betteln und betteln und schmeicheln ? wissen S', so ein einziges Töchterl setzt am End' alles durch ? alles ? noch mehr ...« Ein zärtlicher Seitenblick, und ich verstand. Mußte verstehen; denn eine Güte leuchtete mir aus ihm entgegen, daß er mich traf wie ein ganzes Bündel heißer Sonnenstrahlen; unsere Hände berührten sich wie von selbst: es war der Hochzeitstag unseres Lebens. ? Vor meiner Abreise nach Wien wurde ich noch zur »Assentierung befohlen«. Mit 80?90 Burschen stellte ich mich in dem kasemattenartigen Gewölbe einer Kaserne der Kommission. Kommissionen erzeugen, dieweil da viel geredet werden muß, trockene Kehlen; das wußte auch mein Vater, und als guter österreichischer Patriot beschloß er, in diesem besonderen Falle Abhilfe zu schaffen, und zwar durch gutes Märzenbier aus seinem Keller. Das feuchtete die Kehlen an und den Humor. »So a magerer Hund«, rief einer der Wohlwollendsten, »und sein Vater is Bierbrauer!« Da aber Länge und Breite stimmten, so hieß es: »Stellt's ihn z'ruck!« ? »Ah was, der wird Euch sein Lebtag kein Soldat, laßt's 'n laufen.« ? »Was sagen wir aber?« ? »Sagen wir, na ? wegen allgemeiner Abmagerung!« Ich war befreit. Flink sprang ich von der Tribüne und wünschte mir nie, weder im Leben noch auf der Bühne, einen schöneren »Abgang«. Einer aus der Kommission rief mir noch nach: »Daß S' uns aber nit blamieren und am End' einmal den Gambrinus spielen.« Den Gefallen hab' ich ihm getan. ? Der Generalintendant des Wiener Hoftheaters empfing mich und nahm mein Empfehlungsschreiben von Wolzogen entgegen.[71] Während er es las, sah er ab und zu vom Blatt auf mich mit verwundertem Blick, der da besagte: was, dieses bescheidene Männlein soll so ein Tausendsassa sein? »Hm, Wolzogen lobt Sie ja außerordentlich, ? hm ? schau eine förmliche Schilderung Ihrer ganzen Persönlichkeit in liebevoller Weise.« ? Er las einzelne prägnante Stellen aus dem Briefe (die hier wiederzugeben ich mir begreiflicherweise versagen muß) mit lauter Stimme. ? »Hm, dann sind Sie ja ? aber warum ließ er Sie dann weg? Ach ja, da steht's: eine Spezialität ? dafür haben wir kein Geld. Aber eine allererste Bühne wie das Hofburgtheater ... Ha ha ha ? da irrt er sich: wir haben womöglich noch weniger Geld. Na, aber es war mir interessant, den individuellen Kerl kennen zu lernen. ? Im Augenblick gibt's freilich keine Vakanz bei uns ? vielleicht später einmal; na ? also!« Damit reichte er mir, nachdem er zuvor in merkwürdiger Weise eine kleine, runde Drehung mit ihr beschrieben hatte, seine wuchtig breite Hand, und die kurze Stehaudienz war zu Ende. ? Der Zufall fügte es, daß ich in Wien alles, was ich liebte und verehrte, hübsch beisammen fand: in demselben bürgerlich bescheidenen Hause aus der Biedermeierzeit, in dem Loewe im ersten Stockwerk wohnte, fand Emilie van der Straß, meine Angebetete, die es bei ihrem Vater flink durchgesetzt hatte, bei dem Maler Aigner in Wien Unterricht nehmen zu dürfen, in der zweiten Etage Pension. In Loewes Charakter lag es nicht, sich für junge Kollegen hitzig ins Zeug zu legen; immerhin behielt er mich seit jener Prüfung allzeit im Auge; am besten, glaube ich, bezeichne ich sein Verhalten mir gegenüber mit dem jetzt so geläufigen Ausdruck: »wohlwollende Neutralität«. Ich war Hausfreund, Famulus, lieb' Kind bei dem Alten. Da ich dadurch tagelang bei ihm war, so war es möglich, zwischen meiner Angebeteten und mir einen Mechanismus eigenster Art herzustellen:[72] kaum entführte der behäbige Theaterwagen den Altmeister zur Probe, so verließen im zweiten Stock zwei blonde Zöpfe das geöffnete Fenster, und eine Minute später schlüpfte meine Schöne durch die im ersten Stock für sie halbgeöffnete Türe. Die Köchin Löwes, die richtige alte Betschwester, wurde durch Gebetbücher und Rosenkränze bestochen. Sie protegierte unsere Liebe, was für alte Jungfern so etwas wie eine Nachlese einstiger Wonnen, nicht ohne sinnlichen Reiz, bedeutet. Sie erzählte uns, daß auch sie geliebt, daß aber das Schicksal anders entschieden, und daß sie ihrem begehrlichen Verehrer indigniert abgeschrieben: »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie mich durch platonische Liebe kränken wollen, leben Sie wohl!« ? Löwe fand meine Braut, die sich ihm präsentiert hatte, »eines Kaisers würdig«, merkte aber, daß ich mich nur ihretwegen in Wien aufhalte und meine Zeit verliere. Eines Tages, ich glaube, es war Ende November, sagte er mir: meine Tochter Anna hat das Deutsche Theater in Lemberg übernommen, spielen Sie doch bei ihr. Ich folgte dem Rate. Das Theater der galizischen Hauptstadt stand damals im besten Rufe; nach den Wünschen seines Gründers, des Grafen Skarbeck, wurde nur an zwei Abenden in der Woche polnisch, sonst deutsch gespielt. Mit der Zeit freilich änderte sich die Sache, die zu einer polnisch-nationalen anwuchs. Trotz der klaren Bestimmung des gräflichen Mäzens wurden die Deutschen von der Bank, auf der sie mit den Polen saßen, von der Überzahl mehr und mehr zur Seite gedrückt, bis die Polen endlich die ganze Bank besaßen. ? Dieselben soliden, bürgerlich-tüchtigen Eigenschaften, die Frauen zu berühmten Staatslenkerinnen gemacht haben, befähigen sie auch ? weil beide Berufe innerlich verwandter sind, als der oberflächliche Blick es sieht ?, auf Theaterthronen Ausgezeichnetes zu leisten. Beweis dafür: die berühmte Theatermama[73] Neuberin am Portal der deutschen Bühnenkunst, prächtig wie Monumentalgestalten vor der Freitreppe eines stolzen Palastes. Auch die Löwe verstand famos ihr Handwerk und hatte eine Truppe beisammen, die selbst bei den Polen einen Achtungserfolg errang. Ich durfte bei ihr die meisten großen Rollen meines Repertoires spielen, auch Richard III. Nach dem ersten Akt ließ mir einer im seidenen Kaftan ? die Juden zählten zu den fleißigsten Besuchern des Theaters ? einen Lorbeerkranz mit Schleife reichen. Aber bis zum Schluß der Tragödie dauert's lange. Einem von den »Technischen« in der Garderobe blieb dadurch Zeit, sich in den breiten Seidenstreifen zu verlieben. Und als das Stück zu Ende, lag nur mehr der Lorbeer auf meinem Platze ? die Schleife war fort! Aber es gibt ein Wiedersehen! Acht Tage später auf einer Redoute, auf der die schönen Polinnen so lustig tanzten, wie, um mich schwäbisch auszudrücken, »der Lump am Stecken«, entdeckte ich das Band mit schwungvoller Widmung: »Für das Haupt des Meisters« vollgewürdigt bei einer Schönen als Krönung ihres »Cul de Paris«. Auch den Harpagon spielte ich in Lemberg und hatte Gelegenheit, an einem Kollegen von der Oper, der an der traurigen Leidenschaft Harpagons krankte, meine Beobachtungen zu machen. Nicht selten hört man fragen, warum hält, wenn es so geizig ist, das Geizgespenst Molières Livreediener, Equipage usw.? Aber der Meister wußte genau, aus welcher Sphäre er sich seinen Helden zu holen habe. Wie hätte er an einem Bettelmann die hundert charakteristischen Züge demonstrieren können; und er durfte einen aus der höheren Gesellschaft wählen, weil es seinem Genie bekannt war, daß es zu den unfehlbaren Eigenschaften des Geizigen gehört, nie seine gesellschaftliche Stufe zu verlassen. Auf dieser freilich entwickelt er im Sparen einen Scharfsinn, der etwas Verwandtes hat mit dem[74] Genie des Wahnsinns. Harpagon z.B. gibt, wie seine Standesgenossen, ein Mahl, aber er wählt mit Raffinement Schüsseln, »die den Appetit ersticken, anstatt zu reizen«, und er läßt die Reste der abgetragenen Schüsseln mit Argusaugen bewachen. Auch mein Kollege gab ein Abschiedsessen, aber er eroberte den Braten dazu, einen Hafen, von einem Jägersmann gegen ein Freibillett zur Oper. Er kaufte ein Fäßchen Landwein bei einem Schankwirt, zog ihn eigenhändig in Flaschen ab, klebte stolze Vignetten darauf und bestreute die Bouteillen mit Ofenstaub, als kümen sie aus einer Kellerei. Ferner durchlief er ganz Lemberg und suchte in den Tabaktrafiken aus hundert Kistchen dicke Zweikreuzer-Zigarren, die sich wie »Cuba L« präsentierten. ? Dieser sonst kluge und liebenswürdige Kollege erzählte mir von dem großen Sänger Sontheim ein Lemberger Stückchen, das ich hier wiedergeben möchte. Der unvergleichliche Tenorist aus Stuttgart sang als Gast den Eleazar in der »Jüdin«. Die Lemberger Juden waren außer sich, riefen: »Gewaltig, gewaltig« und brachten ihrem berühmten Glaubensgenossen nach der Vorstellung vor dem Hotel eine begeisterte Ovation. Als das Hochrufen kein Ende nehmen wollte, sagte Sontheim, ganz Cäsar oder Bonaparte, zu meinem Freunde, der sein Gast war: »Ich werde mich doch noch auf der Altane zeigen müssen, damit das Volk sich beruhigt!« ? Die Lemberger Saison war zu Ende! Vergebens besinne ich mich, was direkt darnach folgte; nie habe ich mir Aufzeichnungen gemacht, weil ich mir dachte, was wichtig, behält sich von selbst, und was durch's Sieb fällt, ist Spreu und nicht der Aufbewahrung wert. Ich weiß nur, daß ich nach Deutschland reiste, um Engagement zu finden, und in Berlin von einem österreichischen Theateragenten einen Brief vorfand, der mich einlud, nach Wien zu kommen und mit Strampfer zu unterhandeln, der ein neues Theater gründen[75] wolle. Gerne folgte ich dem Ruf. In Prag auf dem Perron erblickte ich Heinrich Laube, wie er seinen wimmernden Jagdhunden durch das Eisengitter des Hundekupees Trost zusprach. Da ich ? natürlich zumeist aus Streberei ? die Bekanntschaft des berühmten Bühnenherrschers machen wollte, so kaufte ich zu meinem Billett dritter Klasse flink die nötige Zuschlagskarte. Als sich der Zug in Bewegung setzte, saß ich an der Seite des kleinen, knorrig-knubbigen Mannes, dessen Gesicht etwas Mopsverdrießliches hatte, einzig verklärt durch die klugen Augen, hell und wie blitzblank geputzt. Laube hatte von Haus aus etwas Knurrig-Kantiges; absichtlich schien mir dagegen immer an ihm seine auf den dramatischen Knalleffekt abzielende Barschheit, wie man sie nicht selten von berühmten Ärzten in Kauf nehmen muß. Ein epigrammatisches, derbknapp hingeworfenes Wort wirkt doppelt. Er war der Mann, in einem ungeschminkten Gesicht auf den ersten Blick die Schminke zu erkennen, und so redete er mich mit den Worten an: »Sie sind Schauspieler, wo sind Sie engagiert?« Als ich bejahte und von dem Unternehmen Strampfers erzählte, sagte der ehemalige Direktor des Burgtheaters in seiner gehackten Manier: »So?! Na, dann wird Wien um zwei Theater reicher werden: auch ich gründe eins; wir brauchen keine Hoftheater! Stadttheater, unabhängige Bühnen brauchen wir. Mir ganz recht, daß Ihr Herr Strampfer ein Theater gründet: Konkurrenz ist gut, Konkurrenz fördert.« Laube plauderte in wohlwollender Weise weiter mit mir, bis ich mich verleiten ließ, meiner Begeisterung für Ludwig Löwe Ausdruck zu geben. Sofort war ich bei ihm, wie's in Sachsen heißt: »Ins Fettöpfchen getreten«, denn die beiden rauften sich bekanntlich seit Jahren mit einer Wut wie brünstige Hirsche um die Hindin. ? In Wien mietete ich mir in der Vorstadt »Neubau« ein bescheidenes Zimmer bei zwei vor[76] Jahren aus Bayern eingewanderten Schwestern im Alter von dreißig und vierzig Jahren. Die jüngere der beiden gutherzigen Frauen besaß zwei bildschöne, kleine, uneheliche Mädchen. In das dreijährige Nesthöckchen vernarrte ich mich im Fluge. Bis auf ein kurzes Hemdchen war Emmy stets »Nackermandt« und hätte mit ihren weißen, rosigen Gliedern, den braunen Rehaugen und blonden Flatterlocken das lieblichste Büblein aus dem »Früchtekranz« von Rubens, den München so glücklich ist, in seiner Pinakothek zu besitzen, ausgestochen. Kam ein Brief für mich an, so schob sie die Mutter, die meine Leidenschaft für die Kleine kannte, ihn mir zu überreichen, ins Zimmer. Was auf eine Weise geschah, wie folgende Reime besagen: Amazon.de Widgets »Klein Emmy strampelt nackt und bloß, Mehr als ein Hemdchen trägt sie nicht; Bringt sie die Post, hält sie aus Scham Das kurze Hemdlein vors Gesicht.« Selten kam ich heim, ohne dem Engelchen irgendein Spielzeug mitzubringen. Bald hatte sie so viel davon, daß sie zu ihrer Zerstreuung die ganze geleimte Welt auf den Boden warf, um mit ihren Füßchen darauf herumzustrampsen. Verschont blieben einzig die Puppen, für die die kleinen Mädchen eine Zärtlichkeit empfinden, daß man an ein Ahnen ihres künftigen Berufes denken möchte: nach der letzten Puppe, das erste Kind. ? Strampfer gab, nach Art und Manier kurzer, gedrungener Männer, seinem Rückgrat die möglichst strammste Haltung, ging, die Hände auf dem Rücken, im Büro auf und ab und sagte mir: »Ich bin ? umgekehrt ? der Geist, der stets das Gute will und stets das Böse schafft.« Und, seinen graumelierten Demokratenbart zausend, fuhr er fort: »Ich gründe ein Theater, um das höhere Drama zu pflegen ? da kommt Laube und macht mir einen Strich durch die Rechnung. Nun bin ich,[77] ob ich will oder nicht, wieder der Operette verfallen.« ? Demungeachtet war die Eröffnungsvorstellung des »Strampfer-Theaters« Hans Hopfens kraftvolles Drama »In der Mark«. Ich fand darin keine Beschäftigung. Bei der Besetzung von Stücken geht es zuweilen wie bei dem Kinderspiel »Schneider, leih' mir die Scher«: wer nicht geschickt auf einen Platz zu huschen versteht, irrt, ein Geprellter, umher und kommt um den Standplatz. ? Strampfer hatte einen rechten Falkenblick für das Talent. Er war ein dramatischer Pfadfinder, Pfadmacher. Als er vordem das Theater an der Wien leitete, brachte er die Gallmeyer und die Geistinger; dann Blasel, Swoboda, Rott usw. Und er ließ sie sich nicht von Agenten »vermitteln«, nein, er kaufte sie entweder schon am Halm ? womit ich den Lehrer und die Theaterschulen meine ? oder er klaubte sie bei kleinen Truppen in Budweis, Troppau, Temesvar usw. aus der Spreu. Auch für sein jetziges Theater hatte er Schweighofer, Girardi, Gottsleben, Lebrecht u.a. aus Winkeln und Ecken Österreichs aufgespürt. Lauter Komiker! Die Operette dominierte! Ich kam wörtlich während der Saison »alle heiligen Zeiten« zum Auftreten: nämlich am Allerheiligen- und am Allerseelentag (täglich je zweimal) als alter Müller in Raupachs schwindsüchtigem Rührstück »Der Müller und sein Kind«: noch weniger als der Tropfen auf dem heißen Stein für die Spielwut eines jungen Mimen. 
 III.  [29] Da ich mit einem Bummelzüge fuhr, so wurde in Tangerhütte auch wirklich gehalten. Am frühen Vormittage entstieg ich dem Kupee und nahm im Wirtshaus, einem salopp aus Fachwerk errichteten Hause, das zugleich Bahn-, Post- und Telegraphengebäude war, ein Zimmer. Dank der Berliner Fürsorge und Beihilfe durch meine gütige Wirtin war alles da: Frack, Zylinder, Handschuhe! Dazu mein jugendliches Bewußtsein, so[29] ausgerüstet ? dem Herrn entgegen. Draußen ließ ich meine Blicke links und rechts schweifen, nach Ost und West ? umsonst ? kein säulengetragener Tempel, kein springender Pegasus auf einem Dachfirst, wie ich, reiner Tor, es vorausgesetzt an einem Orte, wo Theater gespielt wird. Nichts als lange Fabrikwerkstätten. Nach langem, vergeblichem Umherirren langte ich endlich wieder tiefbetrübt bei meinem Gasthause an. Das Stubenmädchen, »eine gesunde Pflanze«, stand vor der Türe, und weidlich belustigt von meiner Erscheinung fragte sie mich mit behaglichem Spott: »Sagen Sie mal, Kleener, wat suchen Sie denn eigentlich?« ? »Entschuldigen Sie, Fräulein, das Theatergebäude.« ? »Det hab ich mich doch gleich gedacht: na, hören Sie, da hätten Sie sick den Schniepel (Frack) ersparen können und die Spaziergänge ins Dorf; der Zauber wird ja bei uns besorgt; jehen Sie man darin, da finden Sie die janze Blase beisammen.« Sie deutete nach einem Zimmer des Wirtshauses. Das war der erste Kaltwasserstrahl! Ich gab mir einen Ruck, klopfte und trat ein. Es war Probe. Aber die Bretter, die die Welt bedeuten, und die hier schlichtweg die der Wirtsstube waren, und deren Abgrenzung von dem übrigen Raum nur eine breite Holzleiste mit einigen Löchern für die Unschlittkerzen-Beleuchtung markierte, waren fast leer; alles gruppierte sich an einem runden Tisch um den Mächtigen, der Halbgötter straucheln, Buhlerinnen erröten, Despoten verstummen machen kann: um den Souffleur. Es gab eine Unterbrechung. Direktor P...., der mir entgegenkam, malträtierte grausam seine Lippen, um ein Lachen, ähnlich dem der strammen Minna vor der Wirtshaustüre, zu verbeißen. Aber auch eine lebhafte Freude, nur gedämpft durch die Würde des Amtes, zeigte sich in dem typischen Theaterschmierengesicht des Bühnenhalters, das noch lebhafte Spuren der gestrigen Kugellackschminke trug und die da sagte: Frack und[30] Zylinder: große, einzigartige Akquisition! Im Geiste sah er bereits meinen Frack, dieses Unikum hier, bei Aufführung eines modernen Stückes kommunizierend von Darsteller zu Darsteller wandern. Ich wurde meinen Kollegen vorgestellt. Der erste Held stak in seinen hohen, braunen Ritterstiefeln und hatte einen grellroten Schal genial um den Hals gewunden; seine Haare waren, damit er am Abend als Lockenkopf erscheine, in Papier-Papilloten gedreht; schwarze Striemen unter den Augen waren Zeugen des gestrigen Jaromir. Der Intrigant und Regisseur hatte Theaterschuhe mit abgetretenen Absätzen an den Füßen und hielt sich, aus Rücksicht für seine Wäsche, sehr zugeknöpft. Er schielte mit seinen zu schmal geschlitzten Augen mißtrauisch nach mir. Ein verwittertes, langes, abgemagertes Exemplar, mit so gekrümmtem Rücken wie ein Katzenbuckel, leeren, verglasten Augen, aus denen verkanntes Genie und gebranntes Wasser redeten, war in einen Havelock gehüllt und ganz Pathos in Miene und Bewegung. Eine großartige, tremolierende Geste seiner Rechten begrüßte herablassend den Anfänger. Ein kaum fünfzehnjähriges Mädchen, Tochter des Souffleurs, grüßte mich mit schalkischen, mutwillig-blitzenden Äuglein. Dann gab es noch zwei andere weibliche Wesen und ? die Krone des Ensembles: die Frau Direktorin. Sie war, um münchnerisch zu reden, schon »bissl übertragen«; nicht minder ihr Negligé, dem man es zudem ansah, daß es viel zu lange nicht mehr auf die Bleiche gekommen war. Sie interessierte sich für aufstrebende Talente und warf mir einen feurigen Blick zu, den aber das strafende Auge ihres Gemahls sogleich parallsierté. Meine erste Rolle war der Apothekerbursche in »Anna-Liese«. Ich spielte zwar herzlich schlecht, denn der schüchterne Junge lag mir ganz und gar nicht, aber so sicher, daß mir keiner glauben wollte, ich hätte noch nie gespielt, nie einen Lehrer gehabt. Das Stück gefiel den Leuten in Tangerhütte[31] und ist ja heute noch in der Provinz gerne gesehen. Man denke: ein veritabler Fürst heiratet ein bürgerliches Mädchen; wie wohl muß so was nicht dem Herzen der Frau Bäckermeisterin tun! ? Darauf spielte ich gleichwertig den jungen Didier in der »Grille«, einem Schauspiel der Birch-Pfeiffer. Madame hatte es nach der hübschen Dorfgeschichte »Die kleine Fadette« der George Sand fabriziert, aber so viel Süßstoff dazu getan, daß es schmeckt wie verzuckerter Milchkaffee. Danach gab man mir eine ältere Rolle: den Papa in »Philippine Welser«. Ich spielte ihn um eine Nuance besser und ? horch, was war das: o süße Musik, das erste Beifallsklatschen! Doch kein Wunder, denn der alte Kaufmann kanzelt ja den König und Kaiser ohne Gnade ab. Und wenn auf deutschen Bühnen ein Niederer einen Höheren ordentlich anschnauzt, so kann er seines Erfolges gewiß sein. Ob der Unterlehrer den Oberlehrer (wie in »Flachsmann als Erzieher«) oder ? wie hier ? ein Geschäftsinhaber Seine Majestät, den Herrn des Reiches, darauf kommt es wenig an. ? Endlich spielte ich noch einen verschmähten Liebhaber in dem Rührstück »Die Lieder des Musikanten« von Rudolf Kneißl. Der Verfasser war selbst nichts anderes als ein Pommern und Brandenburg durchstreifender Theaterhäuptling. Wie sehr er aber den ambulanten Karren mit seinem phantastischen Lumpentum liebte, beweist, daß er ihm auch dann noch treu blieb, als er eine Berühmtheit à la Birch-Pfeiffer geworden war und an großen Bühnen zur Aufführung gelangte. ? Direktor P.... schien kein Freund zu sein von rauschenden Verabschiedungen. Wenigstens in Tangerhütte verschmähte seine sein besaitete Natur Geräusch und Lärm der üblichen Schlußovationen; ohne Sang und Klang ging es fort ? leise ? ganz leise! Auch der Wirt ahnte nichts von seiner Abreise. Mich und noch zwei von der Bande ließ er gleichsam als Geisel oder[32] ahnungslose Versatz-Objekte für die nichtbezahlte Wirtshausrechnung zurück. Da wir aber wußten, daß sich der Meister nach Stendal gewandt, so folgten wir seinen Spuren und folgten ihm nach; gleichfalls leise, ganz leise ... Auf dem mittelalterlichen Marktplatz zu Stendal steht ein uralter Roland-Koloß, der sehr burschikos dreinschaut und eine so verwegene Haube mit schneidigem Büschel auf hat, wie ein Wilddieb aus den bayerischen Bergen. Er ist am ganzen steinernen Leib bereits derartig zusammengeflickt, wie der Hosensitz eines Magistratsschreibers. Der ausgesprochene slawische Zug in seinem Gesicht zeugt uns, welche Völker um das elfte und zwölfte Jahrhundert die preußische Altmark bewohnten. ? Direktor P.... war ein Kenner der Menschenseele, wenigstens der des spielwütenden Anfängers: als er mich in dem Vorstadtgarten ankommen sah, in welchem er mit Hilfe seines Hamlet und seiner Medea just dabei war, eine »Arena« zu errichten, lächelte er triumphierend: »Na, darauf hätte ick doch Jift jenommen! ? so, nu' jreifen Sie aber och feste an, damit Sie morgen schon den Stendalern beweisen können, wat 'ne Harke is.« Im Schweiße meines Angesichtes half ich nun Bretter auf leere Bierfässer legen und eine Mauer von Latten und Schilf um diese armselige Sommerherberge der Musen zu ziehen. In demselben Wirtshause fanden auch mehrere von uns Unterkunft; der Held schlief auf einem Sofa, ich eine Etage tiefer in der Schublade des Möbels. Es sollte wöchentlich ausbezahlt werden, und zwar, um die Sonntagseinnahme abzuwarten, jeden Montag. An Gagetagen fehlte es demnach nicht; die Tage kamen auch ? nur die Gage blieb aus! Zumal mir, wollte ich mich schüchtern nahen, rief der Direktor brutal zu: »Nanu, wat wollen Sie denn, seien Sie froh, daß ich einem so blutigen Anfänger Jelegenheit biete, sich an meinem Kunstinstitute auszubilden.« Als mir mein[33] Magen später gebot, etwas zäher zu fordern ? wurde er mild und sang mir das Sirenenlied: »Jehn Sie man, Wohlmutheken, ick lasse Ihnen och nächstens den Franz Moor verzapfen.« ? Ich war besiegt. Mit dem Tempelherrn im »Nathan« sagte ich: »Die Früchte sind ja reif« ? und ging nach wie vor daran, die abgefallenen Äpfel und Birnen im Garten aufzulesen. Ein Gast sollte kommen, der Hamburger Gödemann, einst berühmt als »niedrig-komischer« Jude ? aber von Stufe zu Stufe völlig gesunken. Direktor P. erzählte in den Wirtshäusern den Stendalern bei mancher »kühlen Blonden« (Weißbier) Wunder von dem Illustren, den er unter schier unerschwinglichen Opfern für Stendal gewonnen. Am Repertoire für Gödemann standen die Possen »Heiman Levy auf der Alm« und »Die Rekrutierung in Krähwinkel«. Der Direktor hatte die Bühne nach Möglichkeit in Verfassung gebracht. Der kleine, gedunsene Gödemann erschien zur Probe. Einige Couplets trug er noch mit Geschmack vor, sein Gedächtnis glich aber bereits einer zerrissenen Hosentasche, der nichts anzuvertrauen ist. Nach der Probe erbat sich die Kunstruine vom Direktor einen Vorschuß, der ihm auch in der Höhe von zwanzig Silbergroschen bewilligt wurde. Zum Unheil! Denn er versoff das Geld in »Destillationen«; scheute sich auch nicht, dem Wirtshauspöbel für Schnäpschen Couplets zum besten zu geben. Der Abend kam, die Vorstellung sollte beginnen ? die Hauptperson fehlte. Direktor P., der schon seit einer Stunde vor dem Theatergarten angstvoll nach ihr aus schaute, lief endlich davon, um seinen Star aufzusuchen; fand ihn auch endlich ? im Straßengraben. Staubbedeckt, fertig, Sand drauf! Verzweiflungsvoll kehrte er zu uns zurück. Die angekündigte Vorstellung konnte nicht gegeben werden. Dem Publikum aber das Geld zurückerstatten? »Da müßte ick mir ja selber anspucken«, sagt P. »Aber wat für ein Stück wäre im Augenblick[34] einzuwerfen, Kinder? ? »Einzig »Lenore«, Direktor!« »Is recht, dann flink »Lenore«.« ? »Nein, unmöglich, Direktor, die Titelrolle fehlt, die Frau Direktorin ist ja nicht zur Stelle.« ? »Richtig, verflucht! in Tangermünde, Reklame zu machen für unseren morgigen Abstecher; wir opfern uns ja immer fürs Janze ? das hab' ick davon! Herrjott, wat anfangen?« ? Das blutjunge, allerliebste Töchterchen des Souffleurs, das P. gleichsam nur als Fußnote am Kontrakt mit ihrem Vater mitbekommen hatte, hüpfte lustig vor und sagte mit ausgelassenem Übermut: »Direktor, für ein Glas Grog spiele ich Ihnen die Lenore!« ? »Schon gespielt?« ? »Nee, aber das leuchtende Beispiel der Frau Direktorin« ?, sagte in einem Ton, in dem sich verhaltenes Kichern barg, der Schalk, »das ich so oft bewundert ... und dann ? ? der Vater wird schon auf mich aufpassen ?,« ? »Abgemacht!« rief der gerettete Direktor und eilte, dem Publikum das vierzehnjährige Phänomen als Entschädigung für das siebzigjährige anzupreisen. Und wahrlich, es kam auf seine Rechnung! Denn die Kleine spielte mit einer Sicherheit, daß ein Enthusiast sich nicht enthalten konnte, laut zu rufen: »Und det is erst vierzehn Jahre alt, jroßartig!« ? »Und die Gewohnheit nennt er seine Amme ?.« P. fuhr fort, mir auch weiter nichts zu zahlen! Und so beschloß ich, ihn zu verlassen, und in Hamburg mein Glück zu versuchen. Für Gepäck war nicht viel zu entrichten; denn mein gesamter Besitz: zwei Hemden, zwei Westen und die paar Bücher, die ich von Hause mitgenommen, verknüpft durch einen Strick, brauchten nicht als Frachtstück aufgegeben zu werden. Selbstverständlich reiste ich vierter Klasse. Mein Nachbar, ein Handwerksbursche, sah meine verzärtelten Hände, ohne die Biederkeit der Arbeitsschwielen und ? erriet: »Gelt, Schneider?« Ich erinnerte mich, wie Schneider schon »in goldenen Sporen geritten kamen« und ließ ihn bei seiner Überschätzung. In[35] der Republik angekommen, steckte ich die Hände in die leeren Hosentaschen und gaffte die Häuser an. Wie sollte ich nicht heiter sein! Der schöne Herbstabend und die neuen Eindrücke rundum! Lustig sprang ich dem Gasthause zu, das mir mein Reisegefährte empfohlen hatte; ich gab mein Gepäck ab und spornstreichs ins Thaliatheater. Direktor Maurice gab mir eigenhändig ein Freibillett. Es wurde »Der geheime Agent« von Hackländer gegeben. Der ausgezeichnete Marr, Goethes erster Mephisto, spielte einen Diplomaten der alten Schule mit vieler Feinheit; sein derberer Gegenspieler war Görner. Nach der Vorstellung in mein Gasthaus zurückgekehrt, war ich nicht wenig erstaunt, in einem Raum neben der Eßstube predigen zu hören. Das rundliche, blondgescheitelte Männlein, das auf einer Erhöhung stand und salbaderte, sah aus wie, nach Wilhelm Busch, Jobs auf der Kanzel. Er engagierte sich für eine vom lieben Gott ausschließlich patentierte christliche Sekte. Das ganze frömmelnde Arme-Leute-Milieu hatte etwas so Abgestandenes wie eine Stube mit kaltem Tabaksrauch. Als dazu die andächtigen Jünglinge ein lauwarmes Gesinge anhuben, ergriff ich eiligst die Flucht unter meine Bettdecke. Frühmorgens, wie ich ausgehen will, verstellt mir mein Wirt den Weg: »Nee, min Jung, hier is de Bruk, erst Betolung.« Ich zuckte die Achseln: »Habe nichts!« ? »Wat sagst Du, wat?« kreischte der kleine, breite Kerl und wurde rot und zornig. Seine Frau wollte ihn beruhigen, aber er eiferte: »Ick wette, dat det Kerlchen nich mal Snider is.« ? »Ach, doch, Vadding«, beschwichtigte ihn seine in Wirklichkeit bessere Hälfte. »Die Wahrheit ist Gottes Spiegel« lehrt der Talmud ? und, weil ich zudem weiter keine Sünde darin sah, Meister Böcks Kollege nicht zu sein, so gestand ich es freimütig. Jetzt zersprengte es das Männlein schier: »Warum kommst Du dann in eine Sniderherberge?« Ich witterte Morgenluft![36] Das hatte mit seinem Rate der in der vierten Wagenklasse getan. Darauf griff der Herbergsvater verächtlich nach meinem Päckchen mit Shakespeare und der geliebten Dramaturgie und sagte »Wat soll mir nun der Quark?!« Dem ungeachtet behielt er meinen mageren Besitz und gab mir die Weisung, nicht eher zu erscheinen, als bis ich zu zahlen imstande wäre. ? Der Abend kam, und ich war ohne Zimmer. Die Worte des Narren im »Lear« verließen mich nicht: »Wer ein Haus hat, seinen Kopf hineinzustecken, der hat einen guten Kopfputz.« Aber trotz alledem, ich ging doch wieder ins Thaliatheater. Die Schneeberger (die spätere Frau Hartmann des Burgtheaters) spielte entzückend in einem Stück von Görner und glich einer lieblich-gaukelnden Libelle. Nach der Vorstellung irrte ich einige Stunden planlos umher und setzte mich dann in der Nähe des Alsterbassins auf eine Bank. Ich war tieftraurig, völlig ratlos und fror kläglich. Ich hatte viel Mitleid mit mir selbst ? aber nicht einen Augenblick verdammte ich meinen Entschluß, Schauspieler geworden zu sein. Endlose Nacht! Und wenn der Tag hellt, wird sich darum mein Schicksal erhellen? Sieben Uhr! Seelisch und körperlich zermürbt, entschloß ich mich zu einem Sturm auf das Herz meines Herbergvaters. Doch »dieser Republikaner blieb starr wie Eis«! Traurig senkte ich den Kopf und ging. Als ich indes schon wieder die Treppe hinabstieg, winkte mir seine Gattin in eine Nebenstube, riegelte zu und gab mir einen Topf heißen Kaffee. Ich sog gierig wie eine verstaubte Musikantenkehle und küßte meiner Wohltäterin dankbar gerührt die Hände. ? Ein Theateragent auf St. Pauli bot mir einen Kontrakt für jugendliche Liebhaber nach Neumünster (Holstein). Doch gleich seinem Berliner Kollegen verlangte er bares Geld: einen ganzen harten Taler und bereitete mir dadurch Tantalusqualen. Eine rätselhafte, soll ich sagen, perverse Anhänglichkeit[37] zog mich zu dem Bänkchen, auf dem ich die traurige Nacht zugebracht. Ein zartes Männlein mit weißem Bart in einem langen, schwarzen, tadellos gebürsteten Rock, setzte sich zu mir und brach eine Gelegenheit vom Zaun, ein Gespräch mit mir anzuknüpfen. Alsbald war ihm meine ganze Lage bekannt, ja, fast glaube ich, er hatte sie schon bei meinem Anblick erraten und sich nur deshalb zu mir gesellt. »Junger Herr,« sagte er, »es gibt bei uns Leute, die sich für junge Künstler interessieren; erwarten Sie mich, ich bin bald zurück.« Er verließ mich, verschwand in ein großes Haus ? kam wieder heraus ?, es folgte ein zweites ? er bog um die Ecke. Es war keine Stunde vergangen, so sah ich ihn von weitem wiederkehren. Er wickelte etwas in ein Kuvert, das er aus seiner Brusttasche gezogen hatte, kam zur Bank und reichte es mir. »Hier, junger Herr, und Gottes Segen mit Ihnen« ? damit entfloh er so flink, wie ich es seinen alten Beinen nicht zugetraut. Ich öffnete. Hurra, Geld! In großen und kleinen Münzen gegen dreizehn Taler. Der Alte hatte für mich »geschnorrt«. Täfelchen an alten Häusern künden uns rühmend: hier lebte und wirkte der und der Ausgezeichnete. Etwas ähnliches möchte ich vollführen, indem ich die Adresse auf dem Kuvert des gütigen Greises reproduziere: »Herrn Oberlehrer Nathan Zelle, Hamburg«. ? Eine Stunde später besaß ich meinen Kontrakt nach Neumünster im funkelnagelneuen Preußen. Das erste, was ich, dort angekommen, zu tun hatte, war: mich sterblich in die »Muntere« (es war immer die Muntere) zu verlieben. Ich debütierte als Don Eugenio in »Preziosa«. Und weil ich mich bei der Probe nicht mit Grandezza aufrecht hielt, mahnte sie: So halten Sie sich doch gerade, Sie dummer Junge. Dieser »dumme Junge« drang mir tief ins Herz ? ich sah sie dankbar gerührt an. Weiß nicht, was mich an ihrem »dummer Junge« so beglückte? Ich schlief mit ihm ein und wachte mit[38] ihm auf. Ich machte ihr täglich Fensterpromenaden und hatte Gelegenheit, täglich auf einen andern österreichischen Offizier eifersüchtig zu sein. Kein Wunder: es ist bekannt, daß die Habsburger Monarchie zum gemeinsamen Angriff mit Preußen gegen Dänemark sorgfältig die bildschönsten Leutnants ausgewählt hatte. Während nun Preußen die Düppler Schanzen brach, nahmen die schmucken Herren vom Donaustrand die weiblichen Herzen in Holstein im Sturm. Da ich mich für jugendliche Liebhaber ganz und gar nicht eignete, so war ich für Neumünster in wenigen Wochen erledigt. Es ging nach Berlin. Wo und wovon ich dort lebte ? weiß Gott! Aber es geht alles, wenn man jung ist. Eine Handvoll Zwetschgen als Mittagessen ? auch gut. Durste ich mich doch jetzt Mime nennen, und das war die Hauptsache! Eines Tages, da ich vor dem Museum die Amazone von Kiß aufmerksam betrachtete, ? was ist das? ? mehrere Stimmen rufen meinen Namen. Ich wende mich rasch und erblicke ? die Stendaler Bande. Die bekannten, jugendlich-frohen Gesichter drangen wie gute Gedanken in meine Seele. »Du mußt mit! ? Wir berappen die Reise ? haben nur einen Ausflug nach Berlin gemacht. Wir spielen in Werder bei Potsdam ? komm!« rief das übermütige Völkchen durcheinander. Der kleine, charmante Vorwitz hing an meinem Arm, zu Hause war nichts zu holen, so ging ich auf dem Fleck mit. Das Städtchen Werder liegt auf einer Havelinsel; eine Fähre trug uns übers Wasser. Wir hatten uns verspätet, und Direktor P. wartete bereits am jenseitigen Ufer und räsonierte, da der Nachen anstieß: »Gewissenlose Mitglieder, ihr ruiniert mich; ich soll pünktlich die Gage zahlen (Wer lacht da?), und ihr verpraßt sie in Berlin.« Er beruhigte sich bald, freute sich, mich unter den Ankömmlingen zu erblicken, und drückte mir sogar ? hört und staunt! ? einen Taler in die Hand. »Aber nu' schnell, die Kartoffelbauern warten schon.«[39] ? »Was spielen wir, Direktor?!« »Ejal, ? wartet, Wohlmuth hier ? den »Verschwender«. Nu' aber macht fix.« ? »Sind denn die Verschwenderzettel ausgetragen, Herr Direktor?« fragte ich. ? »Jawoll, der is och darunter.« Die Kollegen lachten: sie wußten, daß P. in solchen Dingen kein Engherziger war. Denkend wie sein Kollege im »Faust«-Vorspiel: »Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen«, ließ er in die Häuser tragen, was just an Zetteln vorrätig. Jeder konnte bei ihm haben, was ihm Spaß gemacht hätte. Auf einem Zettel erschienen »Die Räuber« angekündigt, auf einem andern »Pechschulze«, auf diesem »Kabale und Liebe«, auf jenem »Lumpazivagabundus« oder »Don Carlos« usw. Und die Darsteller, die auf diesen Anzeigen prangten! Direktor zu Werder, fast meine ich, du warst nicht nur ein großer Erfindergeist, sondern auch ein kleiner Schalk! Da las man: Herr Helfaus, von Reinfall, Luft usw. Daneben die stolzesten der Bühnenwelt: Seidelmann, Devrient, Rachel. ? In der schmalen Kegelbahn, die uns als Garderobe diente, vollzog sich unsere Umwandlung so flink, als ging's auf den Maskenball. Der Direktor, der den Diener des Verschwenders Flottwell, den treuen Valentin, spielte, stak im Nu in semer Livree. Plötzlich tauchte seine Gemahlin, draußen auf einer Leiter stehend, im Fenster so spontan auf, wie Figuren auf Lichtbildern. Hastig und mit gedämpfter Stimme rief sie: »Der Mann wartet, wat soll ick austrommeln lassen?« Der Direktor halblaut: »den Verschwender! Wohlmuth aus Berlin als Gast in seiner berühmten Rolle als Kammerdiener Wolf. Nicht zu vergessen, Zauberposse mit Gesang!« Freilich wurde bei P. der Zauber ohne Dekorationen und der Gesang ohne Musik besorgt. »Is was zugekommen?« fügte der Bühnenleiter noch eilig bei. »Es jeht!« replizierte seine Gattin und war auch schon nach unten verschwunden wie durch eine Bühnenversenkung. Zwar hatte[40] auch sie zu spielen und als Fee Cheristane im Wolkenäther zu erscheinen, doch war es immer so eingerichtet, daß eine der beiden Direktionshälften in der ersten Szene unbeschäftigt blieb, um an der Kasse sitzen zu können. Direktor P. steckte wie bei allen seinen Rollen Mittel- und Zeigefinger in ein Schächtelchen mit roter Schminke, färbte mit einem kühn virtuosen Strich seine beiden Wangen, zog seinen Straßenüberzieher über die Valentin-Livree, stülpte den Rockkragen hoch und folgte seiner Frau durchs Fenster, um Kassenschluß zu machen. ? Doch waltete über meinem Debütabend kein glücklicher Stern. In der Gesellschaftsszene des zweiten Aktes soll, durch einen Wortwechsel gereizt, ein junger Kavalier (der Bräutigam des von Flottwell heimlich geliebten Mädchens) seinen Gastfreund und Nebenbuhler zum Duell fordern. Bei dem Mangel an Personal mußte bei P. der liebenswürdige Franzose und harmlose Naturfreund Chevalier Dumont die Ausforderung übernehmen. Der Darsteller dieser Rolle war, was seine Räusche anbelangt, ein Uhrwerk: zuverlässig tags benebelt, abends nüchtern. Heute aber war er schlecht aufgezogen und schwankte beim Bühnenlicht. Weil Dumont unaufhörlich die Natur zu bewundern hat, so unterstrich der Künstler diesen Zug seiner Rolle und klammerte sich krampfhaft ans Fenster, das leicht angebohrt vorne stand. Die Ausforderung kommt ? aber der Naturfreund schaut zum Fenster hinaus. Direktor P. in seiner Dienerlivree auf der Szene gerät in Schweiß, nähert sich dem Chevalier und flüstert wütend: »Fordern Sie aus, Sie betrunkenes ...« Hier nannte er ein antimosaisches Tierchen. Frommer Wunsch! Der Naturfreund, froh, sich an etwas klammern zu können, blickt durch bläulich gestrichene Leinwandscheiben auf Flur und Au. Die Pause wird beängstigend. P. souffliert mit heißem Atem: »Ausfordern, Mensch, oder Sie sind augenblicklich entlassen.« Aber Deutschland[41] weiß es ja von seinem Kanzler: Not kennt kein Gebot. Der Chevalier hält am Fenster fest; nur ein rührender Blick sagt dem grausamen Meister: »Ach, könnte ich!« Verzweiflungsvoll blickt P. mich an, ob ich, der Kammerdiener, nicht vielleicht ausfordern möchte? Ich schüttle verneinend! Da ? ein Wetterleuchten über dem Antlitz meines genialen Brotgebers. Man sieht's, sein Gehirn kreist, einen verwegenen Gedanken zu gebären; er stürzt vor und ? ha, Mut in der Seele eines Lakaien! und ruft höchstselbst: »Herr von Flottwell, das geht zu weit, wir schlagen uns!« Das ging nun dem Darsteller des Flottwell denn doch über den Spaß; er riß Mund und Augen auf, gaffte seinen Diener und Gebieter einen Augenblick verdutzt an und mit einem gedämpften: »Sie Ochse!« verschwand er von der Bühne. Betroffen, meinend, es gelte ihm, wendet sich der Naturschwärmer am Fenster, verliert das Gleichgewicht und bedeckt im Fall einen Teil der Bühne. Das Fenster aber, das er in Treue auch jetzt nicht läßt, folgt ihm und deckt seine Schmach. Nach diesem Knalleffekt fiel der Vorhang. Das Athen im Havelsee hielt alles für Absicht und applaudierte entzückt. Direktor P. aber rieb sich vergnügt die Hände und sagte: »Kinder, det Stück jefällt!« Noch wenige Vorstellungen und P. zog mit seiner Kunstkarawane weiter durch den märkischen Sand. Nach Werder wurde Beelitz unserer Kunst überantwortet. Wir erhielten Weisung, unsere Koffer, Körbe, Schachteln zum Direktor zu senden, der den Transport der Effekten zu besorgen hatte. Auch bei diesem Anlaß zeigte sich der originelle Geist dieses merkwürdigen Mannes; das Versetzen lag ihm im Blut. Nachdem er uns auf einen Leiterwagen geladen und expediert hatte, verpfändete er, um von Werder loszukommen, unser Hab und Gut, dieweil er seine Habseligkeiten (Barnum, Strußberg und all ihr Fürsten im Reiche des Schwindels, was seid ihr für Pygmäen!) in Stille bereits vorausgeschickt[42] hatte. ? Der Stammtisch der Kneipe neben dem Theatersaal in Beelitz ähnelte am Abend unserer Ankunft einem närrischen Quodlibet, von einem übermütigen Spaßmacher in weinseliger Laune erfunden. Das Komödiantenoölkchen hatte sich nämlich, einer Einladung folgend, zur Honoration des Städtchens gesellt: Der Herr Bürgermeister, steif wie seine überlebensgroßen Vatermörder, ehrte das Direktionspaar, das ihn sterbend in Devotion flankierte, durch herablassendes Schmunzeln. Neben der tiefroten Bardolphnase des Beelitzer Ochsenmörders erschien unsere Luise blaß auch ohne Schminke. An der Seite unseres vierzehnjährigen Genies mit dem blonden Lockenköpfchen vermochte die fadenscheinige, wie von Motten benagte, nachlässig sitzende Perücke des Polizeigewaltigen nur schlecht zu täuschen. Nachdem uns die Beelitzer Würdenträger mit Schnäpschen und kühlen Blonden reichlich regaliert hatten, steuerten sie mit der Polizeistunde ihren Ehebetten zu, schnurgerade wie der Esel zu seiner Krippe. Darauf bekam das weibliche Personal ein abgesondertes Zimmer, für das männliche wurde Stroh im Theatersaal aufgeschüttet, einem alten Freund der Musensöhne, auf dem sich's prächtig träumen ließ von schönen, großen Rollen. Das Theater war sehr schmal und die Möglichkeit, die Garderobe hinter die Kulissen zu verlegen, ausgeschlossen. Ein glücklicher Zufall half! Der Ziegenstall, der an die Bühnenseite grenzte, wurde, indem man die rechtmäßigen Insassen umquartierte, zu unserm Ankleidezimmer gewandelt. P. tat ein übriges und ließ den Neueinziehenden frisches Stroh streuen. Die Eröffnungsvorstellung war das rührende, echt märkische Volksschauspiel »Lenore« von Holtei. Ich spielte den preußischen Husarenleutnant Wilhelm, um den Lenore sich die rabenschwarzen Haare rauft. Hegel fertigt die Liebe mit der Bemerkung ab: »Sie ist die Kaprice auf die Eine«. Auf mich aber, bin ich überzeugt,[43] hätte sich kein menschliches Wesen kapriziert, wenn's nicht Vorschrift der Rolle gewesen wäre. Das Gesicht hatte ich mir in Ermangelung von Schminke und Puder mit Mehl angestrichen, das sich aber auf der von der Kälte geröteten Nase nicht heimisch fühlen wollte und schnöde abfiel. Statt der weißen Trikots hatte ich Beinkleider meines Chefs an, die, im Prinzip weiß, unter dem Regime seiner Gemahlin nie zur Entfaltung ihrer Unschuldsfarbe gelangten. Statt schneidiger Kavalleriestiefel staken meine Beine in abgesetzten hohen Schäften wie in Trichtern. Wie Don Quichote in einem Falstaffgewande sich verloren hätte, so ich in meiner viel zu weiten Husarenjacke. Viel zu groß war mir auch mein Tschako und gravitierte unaufhörlich abwärts zur Nase. Ein alter Riesensabul hing mir so salopp vom Leibe, daß er sich nicht selten von links nach rechts verirrte. Dergestalt angetan durchkroch ich das große viereckige Loch, das Stall und Bühne verband. P. hatte auch in Beelitz eigenhändig die Szene erbaut, und weil ein Podium fehlte, Bretter über »Böcke« gelegt und festgenagelt. Nur leider, die Zeit war knapp, nicht alle. Unglücklicherweise trat ich, just als ich auf die Szene sollte, auf eines der nicht festgenagelten Bretter, das sich durch meine Last hinter den Kulissen auf der Bühne hoch aufbäumte, dieweil es mich hinten unwillig an die frisch geweißte Wand warf. Die Beelitzer hatten ihr Geld nicht umsonst ausgegeben und amüsierten sich königlich. Meinem Papa, dem stolzen Herrn Baron, der auf der Bühne stand, riefen sie munter zu: »Oller Junge, Boden flicken lassen!« Hohnlachen war also mein Auftakt. Ich begann loszulegen und von meiner Lenore zu schwärmen. Die Heiterkeit hielt nicht nur an, im Gegenteil, sie schien noch allgemeiner zu werden. Geschah's immer noch, weil die Welt der Bretter aus den Fugen war? Nein, das ging mich an, ganz ohne Zweifel, mich. »Alle Teufel,« denke ich, »ist vielleicht dem jungen Kriegshelden etwas[44] an seinem Kostüm in Unordnung geraten?« Ich wende mich, um visitieren zu können, und reize durch die weiße Farbe meines Rückens, die ich der Kalkwand von vorhin verdanke, noch mehr die Lachmuskeln der Zuschauer. Nein, nein, alles hermetisch ... Aber ? o Lumpenkomödianten! ? was entdecke ich? In meinen Stiefelschäften zwei hohe Strohhalme, die, so wie ich schritt, ihre leichten Köpfchen wiegten und wie verständnisinnig ins Publikum nickten und grüßten. Ich riß die Zeugen des Humors meiner Kollegen und unserer Garderobe aus den Stulpen und schwärmte weiter von meiner geliebten Pfarrerstochter. Wenige Wochen nach dieser glanzvollen Aufführung verließ ich Beelitz, und zwar in der normalsten Weise ? d.h. ich ging durch. In Verden, der uralten Welfenstadt, war der Theatersaal geräumig, die Truppe um ein Bescheidenes besser. Ich spielte trotz meines Knabenalters den Stauffacher, den Heldenvater in dem Schicksalsdrama »Die Schuld« von Müllner, den Waffenschmied Friedeborn in »Käthchen von Heilbronn«. ? Die Muntere in Verden nahm mich um eine Nüance ernster als die zu Neumünster. Es war so recht eine weibliche Theaterbude, das Stübchen, in dem sie hauste, und nur ein Philister hätte die Nase rümpfen können beim Charme dieser liebenswürdigen Unordnung. Hier stand die offene Schminkschatulle auf dem Theaterkorb, dort lagen Rokokoschuhe oder Spitzenhäubchen puderbestaubt; auf Stühlen, Fensterbrettern Rollen, Schleifen, Nadelkissen, Strumpfbänder; ? in einer Ecke aber hatte ich mich eingenistet, büffelte meine Rollen und las meiner Freundin, dieweil sie sich ihre Kostüme für den Abend zurechtschneiderte, nähte und richtete, die ihren vor. Das Gedächtnis der Frauen ? ich habe die Erfahrung ? ist ein viel flinkeres als das des männlichen Geschlechts. Das meiner Munteren war schier unheimlich: der dickste Part, wenn ich ihr ihn zweimal vorlas ? »saß«! Es war,[45] als ob sich die Worte in ihrem Gehirn abphotographierten. Auch sonst machte ich mich bei ihr nützlich, wie ich konnte: besorgte ihr hundert kleine Kommissionen, die bei Schauspielerinnen nie ausgehen, und trug ihr tägliches Liebesbriefchen an ihren Bräutigam in Königsberg zur Post ? und zwar ohne die geringste Eifersucht. Dafür bemutterte mich die Kleine, strickte mir hohe, schwarze Franz-Moor-Strümpfe und häkelte mir einen breiten Ritterkragen. ? Ostern kam, die Saison war zu Ende. Ein Winkelagent schickte mich nach Arnswalde (Pommern), wo ich jedoch nur kurze Zeit verblieb. Ich fuhr nach Stettin, wo es mir so traurig ging, daß wiederholt eine Wiese hinter der Stadt mein Nachtlager war; aber es war warmer Juni, und die Gastgeberin forderte, so wie der schattige Zweig in dem wunderlieblichen Uhlandschen Gedicht »Der Apfelbaum«, keine Zahlung von mir. Ich erfuhr von einer Lücke im Personal in Pasewalk und wandte mich dahin. Aber wehe, auf dem Wege zum Direktor, just am Marktplatz, sprang über dem Spann meines linken Fußes radikal von einer Seite zur andern ? es klang wie ein kurzer, dumpfer Aufschrei! ? das Leder meines Stiefels. Ich hinkte ins Wirtshaus zurück, suchte meine schwarzen Theaterstrümpfe von lieber Hand hervor, drückte sie erst an meine Lippen und zog sie dann über die blamierten Füße, schlupfte in meine Franz-Moor-Schuhe und so ausgerüstet dem Bühnengewaltigen Pasewalks entgegen! Dieser aber überschaute mit einem Blick meine ganze klägliche Lage und riet mir, mein Glück in Prenzlau zu versuchen. Aber auch da wollte man den armen dramatischen Wanderburschen nicht einstellen. Darauf versuchte ich es in Neustadt-Eberswalde. Umsonst! Die Truppe hatte das Städtchen vor kurzem verlassen. Das viele Gehen, die frische Luft, die jungen Jahre ? und mehr als vierundzwanzig Stunden nicht einen Bissen! Ich war hungrig wie ein Wolf der[46] Steppe und fühlte mich dazu tief beschämt. Trotzig sah ich vor mich hin und grollte: Fechten oder sich ersäufen! Mit gesenktem Kopf durchzog ich das Städtchen. Vor einem der besten Häuser blieb ich stehen ... nein, nein ? unmöglich: ? weiter! Am Ende des Städtchens hielt ich, lehnte mich an einen Wegweiser, schloß die Augen und sann ?. Ich sah die Wagschalen vor mir und wog ab. Mein ganzes kurzes Leben zog in schattenhaften Bildern an mir vorüber. Am deutlichsten sah ich die bekümmerten Gesichter meiner Eltern und Geschwister. Auch Gestalten der Bettler, die ich zu Hause beschenken durfte, tauchten vor mir auf. Ach, und all die schönen Rollen, die ich noch zu spielen hoffte! Dummes Zeug, zurück ins Städtchen! Jagos Wort: »Ersäuf' Katzen und junge Hunde« hielt mich gefangen wie der Refrain eines Gassenhauers. An einem Hause der Hauptstraße, mit einem Schnittwarengeschäft, hielt ich ? schrecklicher Entschluß! ? Da kam etwas Unerwartetes: eine Art Lustigkeit sprang plötzlich auf in mir, ein Übermut, der alle ideale Blödigkeit für einen Augenblick zur Seite schob. Jaja, er ist keine Fabel, der Galgenhumor! Er stupfte und schupfte mich die Steintreppe empor zur offenen Ladentür: sei kein Narr! Ein Moment des Schwindels, und ich trat ein. »Was wünschen Sie?«, fragte mich eine junge Frau, die am Ladentische stand. Alles Blut, das in mir war, stieg mir in den Kopf, und verwirrt stotterte ich: »Sie verzeihen, wohnt hier der Theaterdirektor?« Dabei traten mir Tränen, groß wie Wassertropfen bei einem Platzregen, in die Augen. »Hier hält sich ja gegenwärtig keine Truppe auf.« »Ich danke«, brachte ich hervor, mich nach der Türe zurückziehend. ? »Oder doch,« sagte die Frau, »jetzt besinne ich mich; warten Sie, ich schreibe Ihnen die Adresse auf.« ? Nach wenigen Augenblicken legte sie ein Papier in meine Hand, das zwar nicht die[47] Adresse eines Theaterdirektors, wohl aber eine an alle Welt enthielt: Geld. ? Ich merkte mir Hausnummer und Firma, und wenige Monate darnach erhielt die Schnittwarenhandlung von einem Anonymus einen kleinen Betrag in Briefmarken zugeschickt. ? Nach Neustadt beschloß ich in Angermünde mein Heil zu versuchen. Verlorene Liebesmüh auch hier! Man empfahl mir Freienwalde. Ohne Rast dorthin! Aber »wenn das Unglück kommt, so kommt es in Geschwadern«! Kaum eine halbe Stunde hinter Angermünde fing es heftig zu regnen an, was für meine dramatische Fußbekleidung eine förmliche Auflösung bedeutete. Jeder zur Beschotterung der Landstraße aufgeschichtete Steinhaufen war mir eine willkommene Oase. Plötzlich, da ich gerade wieder, behende wie eine junge Katze, über so ein steinernes Gebirge voltigiere, rief mir ein Angermünde zueilender Bürgersmann zu: »Sie woll'n wohl wachsen und jedeihen, weil Sie bei die Nässe auswandern? Kommen Se man zurück, und warten Sie in einer Schenke ab, bis die Schleusen sich jelegt.« Ich hielt und machte eine verlegene Miene. Der Psychologe erriet und sagte gutmütig: »Na, kommen Se man, ick zahle.« Diese Zauberformel brachte mich im Nu an seine Seite. Wir kehrten in der ersten Wirtschaft ein, und da mir mein Gönner die Wahl des Getränkes freistellte, so erbat ich mir den lang entbehrten Kaffee. Am runden Stammtisch bei ihm durfte ich freilich nicht Platz nehmen ? um so ungenierter verschlang ich an einem andern abseits eine Unzahl Semmeln zu der Brühe, die von den drei Bedingungen, welche Voltaire an den Begriff Kaffee gestellt haben soll: »schwarz wie die Nacht, süß wie die Liebe, heiß wie die Hölle«, wenigstens die letztere erfüllte. Bevor der biedere Märker sich entfernte, schob er mir noch zwei Zweieinhalb-Groschenstücke, taktvoll in ein Papier gewickelt, zu. Die Wirtin sah's, und da ich mich zur Weiterwanderung erhob, sagte sie: »Nu[48] jeben Sie der Minna wenigstens en Trinkgeld, Männeken, nachdem Sie hier jenassauert haben.« »Gerne!« log ich und gab der pausbackigen Kellnerin, die sich an meiner Seite ausnahm wie auf Heiligenbildern blasende Posaunenengel neben einem Asketen, die Hälfte meines Vermögens, mit dem meine verwegene Phantasie bereits Luftschlösser gebaut. Kurz vor Freienwalde sah ich eine Gestalt sich hinkend fortschleppen, deren Anblick mich erschütterte. Was noch an Haut und Fleisch an diesem zerbrochenen Gerippe hing, war eine Wunde: zerrissene Füße, blutigrote Augenränder, Schwären überall. Das Ganze mitsamt den Fetzen am Leib in Schmutz getaucht. Vom Rücken schlampte dem Greis ein grober Sack mit zusammengebettelten Kartoffeln und Brotresten. Törichter Staat, der solch zertretenen Wurm auf die Straße läßt! Das kranke Alter, das nichts mehr erwerben kann, dessen sehnsüchtiger Traum ein bißchen Stroh in einem Stall für die heutige Nacht ist, ruft ihm zu: Ich klage an! Der Ärmste streckte mir bittend die Hand entgegen und ? unnütz waren auch meine hochfliegenden Pläne mit der zweiten Münze! Psychologen mögen ergründen warum; aber ich fühlte mich mit eins wie erlöst, so leicht, als ob meine Seele Flügel bekommen hätte. Ich sprang weiter wie besoffen von Idealismus. Auch in Freienwalde fand ich kein Engagement. Aber durch Zufall einen Ruf nach Soldin, und ein Landfuhrmann lud mich im Auftrag des dortigen Bühnenleiters zum Torf auf seinen Leiterwagen, der da ist der Tespiskarren des uckermärkischen Sandes. In Soldin stellte ich mich dem Direktor nach altem Brauch der Schmiere im Theatergasthaus vor. Mein Chef fragte mich: »Haben Sie schon Logis?« ? »Ich bin eben erst angekommen.« ? Ein anwesender Gast erhob sich und bot mir unentgeltlich Logis an ? es war einer von der Polizei. »Sie haben kein Unterkommen und wahrscheinlich keine Legitimation, kommen Sie mit!« ?[49] »Bitte, hier ist mein Paß!« ? »Hm, ? aber er ist nicht richtig visiert, also ?.« Dem Direktor nur, der die Garantie übernahm, daß meine Anwesenheit in Soldin Preußen nicht aus den Angeln heben würde, verdanke ich, daß der strebende Diener des Staates von mir abließ und zu seiner kühlen Blonden zurückkehrte. Direktor Struwe zog hier nur seine Gesellschaft zusammen, um an einem andern Platze sein Gerüst aufzuschlagen. Während unseres kurzen Aufenthaltes in Soldin spielten wir »auf Teilung«. Auf Teilung ließ Struwe mit Vorliebe an solchen Orten spielen, wo außer der Rollenverteilung selten was anderes zu verteilen übrigblieb: zweieinhalb bis drei Groschen für einen Ferdinand oder Wilhelm, für eine Stuart oder Lenore. Es war Brauch ? auch einer von jenen, »wo der Bruch mehr ehret als der Brauch« ?, daß wir selber das Städtchen durchzogen, um zu den Vorstellungen einzuladen. War's Mitleid, war's Enthusiasmus? Eine brave Bäckersfrau steckte mir einmal bei dieser Gelegenheit ein paar Semmeln in die Tasche ? sie waren freilich altbacken. Keiner von uns, keiner im Ort erfuhr, wohin nach Soldin die Reise gehen sollte. Direktor Struwe, der sich selbst rühmte, »hell im Koppe« zu sein, folgte auch hier seiner altbewährten Praxis, durch falsche Gerüchte seine Gläubiger irrezuführen. Endlich kam Order: heute in später Nacht mit den Reisetaschen vors Tor. Hier erst harrte unser ein mit Dekorationen beladener Leiterwagen, nahm uns auf und rollte mit dem ganzen Künstlerballast hinaus auf die dunkle Landstraße. Erst als in Letschin, einem sehr großen, reichen Dorfe der Uckermark, der Wagen hielt, erfuhren wir, daß unser Bestimmungsort erreicht sei. Hier gingen die Geschäfte ausgezeichnet, und unser altes, kleines Direktionsfäßchen, mit einem Gesicht wie eine Butzenscheibe, schlappte im Garten, in dem die »Arena« errichtet war, in seinen gestickten Pantoffeln[50] vergnügt umher. Auch sonst befand er sich stets in so tiefem Negligé, daß sich der große, dunkle Knopf, der seine weite Nankinghose hielt, auf seinem Bauche markant abhob. Das Würdenhaupt des Direktors deckte ein breitkrempiger Strohhut, und typisch für ihn war die ewig belegte Butterstulle in seiner Rechten Struwe ließ mich eines Tages, da er, ein geborenes Finanzgenie, eben dabei war, seinen Mitgliedern die kürzlich bezahlte Gage wieder in Sechsundsechzig abzugewinnen, ins Wirtshaus kommen und machte mir, mit der einen Hand sein Wänstlein, mit der andern meine Backen streichelnd, den ehrenvollen Antrag, das Amt eines Requisiteurs inklusive Zettelbesorgung zu übernehmen ? gegen fünf Silbergroschen Diäten pro Tag. »Die Requisiten mit Genie besorgen«, meinte er, »steht mir höher in der Kunst, als sämtliche Mööre in den Räubern spielen.« Ich schlug ein, klebte Zettel an und schleppte aus allen Ecken und Enden des Dorfes all den verrückten Kram zusammen, der für eine Vorstellung oft erforderlich und auf einem Fleck beisammen aussieht wie?ine Diebsbeute. Freilich war ich recht beliebt, und alle im Dorfe borgten mir, was ich im Namen der Kunst erbat; selbst der Herr Pastor einen schwarzen Rock für seinen Amtsbruder in »Lenore«. Ach, und erst seine Frau! Diese unsagbar gütige alte Dame! Nicht ohne Rührung kann ich an sie denken, die jeder so gerne mit dem russischen Liebeswort »Mütterchen« angeredet hätte. Was nur möglich, suchte sie im Hause für mich zusammen und erleichterte mir auf diese Weise mein beschwerliches Amt. Und wie oft, wenn ich, mit Flinten, Schaufeln usw. beladen, erhitzt über den weiten Dorfplatz lief, rief sie mir, am Zaun des Pfarrgartens stehend, zu: »Herr Wohlmuth, etwas Obst, Sie essen es ja so gerne.« Und damit gab sie mir eine Schüssel mit Äpfeln und Birnen, und jedesmal fanden sich in den Tiefen Zehngroschenstücke, auch halbe und ganze Taler. Die »Räuber«[51] kamen zur Aufführung, und um die böhmischen Wälder zu »wattieren«, sollten Hunde auf die Bühne. Doch, woher sie nehmen? »Ach was,« rief bei der Beratung Karl, »das ist Wohlmuths Sache: Hunde sind Requisiten.« Hatte er recht? Oder hört mit der Bewegung das Requisit auf? Die Rechtsbücher seit Moses schweigen sich aus darüber. Und so blieb mir, dem Franz Moor des Abends, nichts übrig, als im Dorf auf Hundefang auszugehen. Ein »Gutsbesitzer« (so ließen sich die reichen Bauern der Gegend gerne nennen), der just die Straße kam, war mir hilfreich und pumpte mir seinen großen Köter, Ulmer Rasse. Dieser Prachtkerl aber sollte meine Schmach rächen! Mehr Kunstverständnis als die Zuschauer beweisend, winselte und heulte er am Abend, übertönte Karls Organ und' geriet ihm einmal derartig zwischen die Beine, daß er den Helden beinah zu Fall brachte. Tags darauf stand das vierzigjährige Jubiläum des Direktors auf dem Spielplan. Schon seit einer Reihe von Jahren feierte Struwe diesen glorreichen Tag in allen Städtchen und Dörfern. Und warum auch nicht? Die Sache warf ihre 25?30 Taler ab und erforderte keine Regiespesen; denn die nötigen Requisiten: der bronzierte Lorbeerkranz auf einem Kissen, überzogen mit dem Samt einer abgelegten Pluderhose, die Adresse des Personals usw. waren längst dem Theaterfundus einverleibt. Die Ehre, in einer feierlichen Ansprache die seltenen Verdienste des Jubilars um die deutsche Kunst herauszustreichen, wurde mir zuteil. Präzise aufs Stichwort begann der erhabene Greis seine Tränen zu bekämpfen und seiner Rührung mühsam Herr zu werden. In Ermangelung anderer Jungfrauen überreichten darauf ? natürlich alles coram publico ? zwei meiner Kolleginnen dem wie überrascht Dastehenden den Kranz. Die Fettmassen seines Gesichtes zuckten wehmütig ? es verschwamm! Kollege W.'s Part war's nunmehr, dem Gefeierten[52] den Kranz aufs Haupt zu setzen; er mußte wenigstens so tun, denn der Erschütterte lehnte mit der Würde, mit der Cäsar schon vor ihm den Kronreif zurückwies, den dargebotenen Schmuck ab, ? stammelte sodann, die Ehrengabe in Händen, einige Worte des Dankes, verschwand von der Bühne, vertauschte de. Lorbeer mit einer belegten Butterstulle, und die Feierlichkeit hatte ihren Abschluß gefunden. Von Letschin ging Struwe nach Strausberg. Ich aber verließ ihn; mein Ehrgeiz trieb mich nach Seelow wo das klassische Repertoire, wie es hieß, sehr gepflegt wurde Ich ging zu Fuß und unterschied mich von anderen Handwerksburschen nur vermöge eines Zylinders, den mir ein Letschiner Schneider aus Kunstbegeisterung aufgebügelt hatte. Der Direktor in Seelow war eine stattliche Gestalt, in langem, überbequemem Gehrock; sein altes Gesicht mit den vielen schlappen Wulsten hatte den friedfertigsten Ausdruck. Er empfing mich mit größtem Wohlwollen. »Herrjemersch nee, ja,« rief er, »ich habe von Sie gehört, Sie sollen ja ä verfluchtes Dierchen sein: Sie spielen nicht alleene den Franz Moor, sondern besorgen auch schenial die Requisiten. Nu ja, da kann ich Sie meinem Institut einverleiben; denn ich pflege die Glassiger wie leen anderer. Mutter, bring uns ä paar herzstärkende Schnäpschen und etliche Butterbemmen! ? Heut' muß die Maria Stuart dran glooben.« In welchem Staate die Wiege des Redners gestanden, bedarf nach der gegebenen Probe wohl nicht erst gesagt zu werden. Ich schlug dem Direktor als Antrittsrolle den Mephisto vor. »Nee, hören Se,« rief er, »den »Faust« von Goethen, nee, den wollen wir denn doch nicht riskieren; ich hab' zwar das Material für das Stück ? in meiner Bibliothek ?, kann mer auch vorstellen, daß Ihnen der Herr der Wanzen und der Flöhe auf den Leib geschrieben is, denn dafor haben Se was (ich verbeugte mich), aber nee, nee ? wenn's durchaus ä Schubiak sein soll, so spielen[53] Sie eben übermorgen den Erzbischof Leopold in »Eine feste Burg ist unser Gott« ? Mutter, gib ihm die Rolle.« Ich war's zufrieden, eilte stehenden Fußes zum Barbier und rief ihm zu: »Bitte scheren Sie mir eine Tonsur!« Der gute Mann, der von dieser römisch-katholischen Frisur nie gehört hatte, glaubte, nicht recht verstanden zu haben und fragte: »Wat woll'n Se, det ick Ihnen scheren soll?« ? »Hier, eine Tonsur, so groß wie ein Doppeltaler!« Der Mann mit dem Geschäftsschild, das Don Quichote für Mambrins Helm hielt, retirierte hinter seinen Operationsstuhl. Nachdem ich ihn aber über alles aufgeklärt, und daß katholische Priester, sobald sie das Gelübde der Keuschheit ablegen, sich die Haare scheren lassen, so sie ihnen nicht schon vorher ausgegangen, beruhigte sich und tat mir meinen Willen. Nun im Triumph zurück zu meinem Direktor. Den aber zerriß es schier vor Lachen. »Ach, Herrjemersch nee, ? das is ja ? ich berschte schier ? Dunner ja, Sie sind ja ä junges Viech, nehmen Sie's nicht ungut: Erschtens könnten Sie ja eene Perücke aufsetzen, und dann hab ich für den Erzbischof ä blaues Käppchen in der Garderobe, und schließlich hab' ich mir überlegt, daß ich das Stück gar nicht geben kann ? na, beruhigen Sie sich nur, mein gutes Dierchen, Sie spielen das Würmche in »Kabale und Liebe«. ? Sie haben also umsonst Haare gelassen, armer Absalom ? nee, es is zum Dotschreien.« ? Nach einigen Wochen verließ ich Seelow und reiste nach Wrietzen an der Oder ins Engagement zu Direktor Hartmann. Man hatte mir viel Gutes von dem Mann erzählt; er übertraf meine Erwartungen: Ich fand einen ungewöhnlich intelligenten, ehrenhaften, alten Mann mit einem Fleiß, der einen Zug ins Geniale besaß. Ohne seine graue Liszt-Mähne hätte man ihn für einen Handwerksmann gehalten; denn um die körperlichen Arbeiten, die ein Theater fordert, ausführen zu können, sah man Hartmann fast[54] immer, eine Schürze vorgebunden, mit zurückgestreiften Hemdärmeln. Er war Feuer und Flamme für die Kunst und seine Truppe. Es war übrigens eine recht patriarchalische Schmiere. Hartmanns Gattin hatte ihm in seinen vier Söhnen einen Theatermeister, ersten Helden, Dekorationsmaler und Kapellmeister geschenkt. Jeder tüchtig oder doch genügend in seinem Fache. Auch ein Töchterchen gab's, in das ich mich, obgleich es sentimental spielte, munter verliebte. Zu diesem eisernen Familienbestand engagierte Hartmann nur noch wenige Mitglieder. Seine Frau, von behaglicher Rundlichkeit, mit ihrem stereotyp gutmütigen Lächeln, sah viel eher aus wie eine begüterte Bäckersfrau als ehemalige »Sappho«. Sie hatte den reichen Garderobeschatz, den Hartmann eigenhändig musterte, besserte und flickte, zu verwalten. Er war ihre Mitgift gewesen, als Hartmann bei ihrem Vater, gleichfalls einem herumirrenden Theatermann, um ihre Hand anhielt. Die Bühne betrat sie nicht mehr. Jeder Ankömmling vernahm von ihr: Unser Theatervorhang ist eine Reliquie: er bestand schon, da Dessoir als Anfänger bei meinem Vater gespielt. Die alte Dame kam auch darum so gern auf dieses Thema, weil sie dabei Gelegenheit fand, die Bemerkung einzuschmuggeln, wie Dessoir in das jugendliche Direktorstöchterchen sterblich verliebt gewesen. Die Trauben hingen aber für das arme, polnische Jüngelchen zu hoch. Eines der ersten Stücke, in denen ich bei Hartmann in einer Nebenrolle auftrat, war Shakespeares »Die Komödie der Irrungen«. Der lustige Wirrwarr in der übermütigen Kapriole des Gewaltigen entsteht dadurch, daß zwei Herren und zwei Diener sich ähneln wie zwei Tropfen Wasser. Damit vermochte Hartmann so aufzuwarten, daß sich sogar sein Kollege aus Stratford dankend vor ihm verneigt hätte: Er ließ die vier Leute von seinen vier Söhnen spielen. Es wird zwar viel nachgemacht auf deutschen Bühnen, aber ich[55] wette, das wird nach Hartmann beim stärksten Wollen kein Theaterleiter mehr zustande bringen. Nach drei Wochen schon ging's von Wriezen nach Prenzlau. Hier bot mir Hartmann Gelegenheit, mich an das Kühnste in der Schauspielkunst zu wagen: ich spielte den Mephisto, Nathan, Shylock, Harpagon, Richard III. Die letztgenannte Riesentragödie, die ich nie vorher auf der Bühne gesehen, richtete ich für unser knappes Personal ein. Die Rollen schrieb ich nachts aus, wobei mir ein armer Soldat, mit dem ich mein bescheidenes Mahl teilte, beistand. Mit seiner Hilfe schaffte ich auch den Sarg, der im ersten Akt über die Bühne getragen wird, ins Theater. Und so, wie ich die Rollen damals gab, so blieben sie nach zwanzig und dreißig Jahren. Technisch wurde später manches nachgeholt, aber an der Intention nichts geändert: Der Diktator in mir befahl: so und nicht anders. In dem Einakter »Im Vorzimmer Seiner Exzellenz« spielte ich einen greifen Diätisten, auf dessen Bittgesuch um Beförderung der Minister, nachdem er ihn mit einem kurzen Seitenblick gemustert, die Randbemerkung schreibt: »Zu alt und darum ad acta.« Diesen Minister spielte ein Schauspieler Lips und hatte die geniale Idee, den bösen Mann in der Maske ? Bismarcks zu geben und noch dazu mit einem Stich ins Komische: die berühmten drei Haare forcierte er zu drei Spitzen wie die der Pickelhaube. Ich berichte diese Sache absichtlich, damit man sieht, was man in Preußen, noch knapp vor dem 1866er Sieg gegen den märkischen Junker und baldigen Nationalheros wagen durfte. ? Genannter Mime zog auch nie auf der Bühne die Kopfbedeckung in normaler Weise; tat vielmehr wie alle »scharfen Spieler« jener Zeit: er verdrehte die Rechte wie im Krampf, zwang sie wie mühsam in die Höhe nach links und riß dann mit einem schnellen Ruck Hut oder Mütze vom Haupt. Ich fragte mich immer, was diese »Nuance« zu bedeuten habe, und[56] kriegte es endlich heraus, daß diese armseligen Ableger ein Gebrechen des großen Ludwig Devrient nachäfften, der das Chiragra hatte und nur auf diese Weise zum Barett gelangen konnte. ? Mitte Februar 1886 übersiedelte die Truppe nach Friedland (Mecklenburg-Strelitz). Auch hier durfte ich mich in den größten Aufgaben des Charakterfaches zeigen. Die Empfindung, die die Leutchen des kleinen Landstädtchens für meine Darbietungen an den Tag legten, muß mich heute noch in Erstaunen setzen! Wo nahmen sie nur bei einem Gesichtskreis, eng wie ihre Stadtmauern, Sinn und Blick für das Echte in der Kunst? Sie unterschieden nicht zwischen mir und den andern, sie schieden mich förmlich von ihnen: ich war der »Kirl« (Kerl), die andern die »lütt'en Später« (kleine Spieler). Die mecklenburgischen Lorbeeren waren kompakter Art: Gänsebrüste, Würste, Schinken, Torten kamen zu Hauf' in meine Stube; dazu täglich in vergoldeten Porzellankannen dampfender Kaffee ? auch Punsch und Grog. Eine besondere Ehrung wurde mir dadurch zuteil, daß das Wochenblättchen, künstlerischen Angelegenheiten bis dahin fernstehend, neben der Ankündigung des nahen Viehmarktes eine Kritik über meinen »Nathan« brachte. Eine Anerkennung aparter Art war es gewiß auch, daß im Schaufenster der Apotheke zwischen Töpfen, Büchsen und Flaschen mit Giftwappen meine Photographie als Franz Moor prangte. ? Mit den Feldarbeiten des Frühjahrs brach der Theaterbesuch des ackerbautreibenden Ortes radikal ab. Die Truppe kehrte nach Prenzlau zurück. Deutlich erinnere ich mich: es war während der Vorstellung »Ben David oder Christ und Jude«, als Hartmann die Schreckensnachricht hinter die Kulisse brachte: Krieg mit Österreich! Traurig spielte ich meinen edelmütigen, alten David zu Ende, packte noch zur Nachtzeit meine Habseligkeiten, um schon früh am Morgen in mein Heimatland zurückzukehren.[57] 
 VIII.  [129] Am Eingange des von der krausen Ilm durchströmten, sanften Tals, der grünen Hügelwelle, die Goethe zu einem Parke umgedichtet, fand ich Wohnung. Tagtäglich vor den Proben machte ich meinen Spaziergang nach dem Dorfe Oberweimar. Der Weg führte an einem der kleinsten und doch berühmtesten Häuser Deutschlands vorbei: an Goethes Gartenhaus. Es grüßt von leichter Höhe und ist umrankt von Rosen, die der Dichter aus Italien heimgebracht. Es war keine Pose von mir selbst und den anderen, wenn ich, so oft ich vorbeiging, das Haus grüßte: sein Anblick riß mir den Hut unwillkürlich vom Kopfe. Nicht selten begegnete mir auf diesen Promenaden der Großherzog. Regelmäßig hielt die hohe, aristokratische Gestalt, jeder Zoll innerste Überzeugung legitimer Würde; regelmäßig redete mich Serenissimus an mit einer zur Gewohnheit gewordenen Herablassung, aber auch mit herzlichem Wohlwollen. Wiederholt rezitierte ich ihm auf seinen Wunsch mitten im Grün des Parkes ganze Strecken aus meinen Rollen. Über manche, die er von mir[129] gesehen (Richard III., Kaliban, Tartüffe), wollte er meine Ansichten hören. ? Es kam mir ein, in Weimar für die Malerwelt ähnliche Vorträge zu halten wie seinerzeit in München. Bei dem dritten oder vierten erscheint zu meinem Erstaunen, just, da ich loslegen will, ? ganz à la Friedrich oder Josef II. ?, der Großherzog in der Türe und nimmt in der ersten Reihe Platz. Nach dem Vortrag kam er zu mir ans Pult und belobte mich, zumal für einen Gesang aus »Dantes Hölle«, den ich, wie er sagte, »mit großer Plastik gegeben«. »Und Dank«, so schied er, »für die Anregung, die Sie meinen jungen Künstlern geben«. Nachdem mich Salvini in New York, wo er nach der Bernhard am »Booth-Theater« auftrat, als Macbeth durch seine Unmittelbarkeit bis ins Herz gepackt, hatte ich das Glück, den andern großen italienischen Meister kennen zu lernen: Rossi! Am eigenen Leibe, möchte ich sagen, denn bei seinem Gastspiel in Weimar spielte ich mit ihm den Jago ? und wenn er als Othello bei der Stelle: »Beweise, Schurke, daß mein Weib verbuhlt«, auf mich lossprang und mich packte, so mußte die Seele eng mit dem Körper verquickt sein, sollte sie nicht herausgebeutelt werden. Eine Abscheulichkeit, wie sie nur das Wandertum der Virtuosen erzeugt, war es, daß Rossi italienisch, wir deutsch sprachen. Bei den großen Aufgaben der Schauspielkunst heißt es, nachtwandlerisch den Spuren des Dichters zu folgen, alles was er tut ist ein unwillkürliches Hinüberschöpfen eigener Mittel in die Dichtung ? und so, gesteh' ich, habe ich schon das Wort »Auffassung« nie recht leiden mögen. Spekulation, »Auffassung«, Regieweisheiten usw. werden nichts anderes zusammenbringen als Surrogate, Stümpereien. Rossis Kunst nun war ganz innerliches Empfinden, Anschauen und Erleben; da war alles echt und wahr; da gab es nichts, man mußte mit ihm! ? Persönlich war er von bezwingender Güte und Anmut: ein altes[130] Kind! Einmal, an einem häßlichen Winternachmittag, traf ich den Italiener am Parkrand, wie er frierend die Füße aneinanderschlug und sich in seinen Pelz vergrub. »Herr Rossi«, sagte ich, »Sie sind halb erfroren, ich wohne nur wenige Schritte von hier, kommen Sie zu mir, ich bin zwar Junggeselle, aber ich koche Ihnen guten, heißen Kaffee«. ? »Bravo, Bravo«, rief er, sprang in die Höhe, klatschte in die Hände wie ein Knabe und küßte mich, »das ist lieb von Dir, Bruder: Kaffee, weißt Du, schlägt kein Italiener ab, also komm!« Bei mir zu Hause in der warmen Stube gefiel's ihm ausgezeichnet: eins, zwei, waren die nassen Stiefel abgestreift und meine Pantoffeln an seinen Füßen; er warf sich auf das breite Sofa und wälzte sich darauf behaglich und pudelwohl. Von dem brennheißen, mörderisch-starken Mokka, den ich braute, schlürfte er wollüstig Tasse um Tasse. Bald war er aufgetaut, wurde gesprächig und erzählte, immer mit dem hübschen, italienischen Anklang, von seinen Gastspielreisen. »Weißt Du«, plauderte er, »bei Euch hier spiele ich gern; aber z.B. drüben in Amerika, das ist gar keine Kunst mehr; da habe ich manchmal, wenn ich im Westen hab' spielen müssen in einem Zirkus oder großen Schlachthaus oder so ? Sachen geredet ? oh! Z.B. hab' ich auch paarmal reing'rufen ins Publikum ... (er donnerte mit schwungvollem Pathos die klassischen Worte aus »Götz von Berlichingen«) ? und bravo haben sie gerufen ? »da capo!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Da capo, weißt Du, das war das einzige italienische Wort, was sie verstanden haben ? und das hab' ich ja g'wußt!« ? Anfangs Mai gab es in Weimar eine Tonkünstlerversammlung. Walter von Goethe, der letzte Enkel des Dichters, der das Haus seines großen Anherrn verschlossen hielt wie die Juden die Bundeslade, die sie nur einmal im Jahre dem Volke zeigen, »erweichte seinen harten Sinn« und öffnete, selbst ein Musiker, die[131] geheiligten Räume seinen tagenden Berufsgenossen. Ich wurde herbeigerufen, aufzupassen, daß nichts ? »wegkomme«! Hamlet sagt: »Ich könnte in eine Nußschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermeßlichem Gebiete halten.« Und wahrlich, eine Nußschale war es, womit der König von unermeßlichem Gebiete des Geistes sich begnügte! Dieses schmale Arbeitszimmer für den auch körperlich Wuchtigen! Das schlichte Bett, der einfache Lehnstuhl! O diese bescheidenen Großen aus der Biedermeierzeit! Da lag auch noch auf seinem Platze das schmale, längliche Kissen, auf dem die Arme Goethes ruhten, wenn er diktierte. Das alles noch so unberührt zu sehen, es hat mich innig ergriffen. ? Walter von Goethe war ein gar scheues Wild. In seinen jungen Jahren meinte er, ein Komponist zu sein, und weil man ihn nur »halb mit Erbarmen lobte«, was viel weher tut als ein gesunder Tadel, zog er sich verletzt zurück. Der kleine, gebückte Mann mit dem langgezogenen Gesicht, so faltenreich, wie man es an Zwergen beobachtet, mit dem übergroßen Kopf auf dem gebrechlichen, schmächtigen Körperchen, das schier an Alraunchen erinnerte, zeigte bei jeder Berührung mit der Außenwelt etwas Schüchternes, Ängstliches, Mimosenhaftes. Sein ganzes Wesen glich einer kaum geheilten Wunde, die bei der leisesten Berührung schmerzt. Demungeachtet war es mir vergönnt, als Belohnung für mein gewissenhaftes Aufpassen im Goethe-Haus, ihm bei der kunstsinnigen Frau Hartmuth Balladen von Goethe vorzutragen. Sein Unteil war: »Sie setzen sich erst mitten hinein und gehen dann um und um.« Das waren seine Worte, weiß nicht, was er damit gemeint. Walter von Goethe starb im Frühjahr 1884. Bald darauf ging dem Landtag des Großherzogtums eine Regierungsvorlage zu, das Goethe-Museum zu sondieren. Ich wohnte auf der Tribüne der Sitzung bei und freute mich, wie es mit eins keine Parteien gab, die Landboten sich von den[132] Sitzen erhoben, um ohne Debatte einstimmig die Vorlage zu bewilligen! »Wie das verzauberte Tier, das auf unterirdischen Goldkisten liegt«, so ängstlich hatte der Enkel den Nachlaß des unsterblichen Ahnherrn bewacht. Trotz des Drängens der Goethe-Forscher blieb alles hermetisch verschlossen. Aber ? um wieder zu zitieren ? »Schätze, verborgene, drängen ans Licht«. Jetzt sollten sie gehoben werden. Der alte Amtsrichter Walther, in dessen Bezirk das Goethe-Haus lag, und dessen Amtspflicht es war, die Nachlässe zu sichten und zu registrieren, war mein Tischnachbar im »Russischen Hof« und verriet uns in seinem gemidlichen Dialekt die erstaunlichsten Dinge. Einmal erzählte er: »Sie haben keene Ahnung, was da alles unten in den vernachelten, halbvermoderten Kisten begraben liecht. Heute früh z.B. kommt ein Buch in einem Futteral an die Reihe; ich ziehe rechts, der Großherzog links ? was kommt heraus? Der Götz! ? 's erschte Manuskript davon!« ? Amazon.de Widgets Der »Feldprediger« war in Wien, Berlin und vielen deutschen Bühnen mit Beifall zur Aufführung gekommen, und auch das Textbuch wurde gerühmt. Durch Hanslick erfuhr ich, daß Johann Strauß ein ähnliches Libretto von Wittmann und mir in Musik setzen möchte. Die Sommerferien des Hoftheaters waren gekommen, und so reiste ich nach Wien, um mit dem Meister zu beraten. Mit einem Frühzug fuhr ich nach Schönau, wo er zurzeit auf seinem Gute weilte. Ich ließ mich melden und lustwandelte eine Weile im schönen Garten. Da erscheint auf der Terrasse der Villa ein Herr in elegantem »Bonjour« und ruft mir zu: »Bißl matinal, freut mich, aber bißl matinal; na, ich mach mich in der Sekunden fertig.« Die Sekunde hatte, wie es in Bayern heißt, der Fuchs gemessen und währte länger als eine Stunde. Dafür aber hatte der Walzerkönig Wort gehalten, er war wirklich fertig: Die Haare waren gekräuselt, der[133] Backenbart schwarz gefärbt, die Brauen nachgezogen und auch sonst vermochte man in dem elegant geschnittenen Gesicht des Meisters da und dort Retuschen zu bemerken. Er trug jetzt ein braunsamtenes Künstlerjackett und an seinem rechten Arm schepperten goldene Braceletten. Kleine Schwächen! Im übrigen war Strauß ganz liebenswürdiger Wiener und sprach über den Textplan, den ich ihm mitteilte, mit seiner Überlegung. Der Zufall wollte es, daß bald darauf der ungarische Dichter Jokai vorsprach und, wie es sich herausstellte, gleichfalls den »Dolch im Gewande«. Der zusammengedrückte Herr, der in jeder Weise eher aussah wie ein alter Notar eines Provinzstädtehens, zog alsbald aus seiner bauchigen Rocktasche ein umfangreiches Manuskript: ein Libretto für Strauß. Es gab demungeachtet keine Basiliskenblicke und kein Duell. Wir ließen uns vielmehr von unserm charmanten Wirt und seiner schönen Frau zu einem ausgezeichneten Frühstück führen und waren bei köstlichem Vöslauer sehr aufgeräumt. Einmal neigt sich Strauß zu mir und sagt: »Erzählen S' mir, bitte, was von Weimar.« Ich dachte, er wollte das Neueste über das Goethe-Haus und -Museum hören, irrte mich aber ? denn ehe ich anhub, fuhr er fort: »Ich hör', daß die Ilm so ausgezeichnete Forellen hat; ist das Fleisch davon wirklich so zart und cremefarben?« ? Da ich kein großer Gastronom bin, mußte ich mich entschuldigen, über das Weimar keine Auskunft geben zu können. ? Den Sieg trug übrigens Ungarn davon; Strauß wählte Jókais Textbuch. Am 6. November 1884 brachte Weimar »zur Feier der hundertjährigen Aufführung der Räuber« eine Neueinstudierung des Stückes. Der Intendant von Loën hatte einen Prolog verfaßt, das Haus war festlich erleuchtet, das Parkett den Hörern der Jenenser Universität reserviert. Sie kamen vors Theater angefahren in geschmückten Schlitten und voller Wichs. Fackeln[134] und Lichter glitzerten wie hundert Irrlichter im Schnee. Vor dem Haus, am berühmten Schiller-Goethe-Monument, das mit Lorbeeren gekrönt war, ein frohes, farbiges Bild! Ich stand als Franz Moor auf der Szene. Kein Zeichen des Inspizienten heute, daß der Vorhang hochgehen sollte, sondern ein »Silentium, Hoch« eines Chargierten im Parkett. So ging's den ganzen Abend unter dem Kommando der Burschenschafter. »Ein freies Leben führen wir« wurde von hundert frischen Stimmen unten brausend mitgesungen. Ein Schillerfest! Ein junges Fest! Ein deutsches Fest! Nur einer fehlte: der Großherzog. Dem hocharistokratischen Sinne des alten, vornehmen Herrn war die ganze Sache, die übrigens ohne alte Traditionen nicht möglich gewesen wäre, zu ursprünglich, unbändig ? republikanisch-anrüchig. Im Frühling gaben wir die beiden Teile »Faust«, und ich spielte zum ersten Male in Weimar den Mephisto. Auf dem Buche prangte: »Bearbeitung von Dr. Otto Devrient«. Gäbe es eine ästhetische Polizei, sie hätte Bearbeiter und Bearbeitung dingfest machen müssen! Eine dumm-dreistere Versündigung an einem Jahrtausendwerk ist nicht zu denken! Gleich in dem inkommensurablen Prolog im Himmel, da der Teufel mit souveräner Grazie in den Kreis der Himmlischen tritt und sich aufreckt, um mit einer Frechheit zum Küssen dem Herrn eine Wette zu bieten, gleich in diesen schönsten Versen der deutschen Sprache ein bübischer Eingriff. Man höre und staune! Devrients Regiestift streicht den Gott und übergibt dem Engel Gabriel das Referat. Vom Herrn wird infolgedessen immer in der dritten Person gesprochen, etwa wie bei einer Gerichtsverhandlung von einem abwesenden Zeugen: »Er hat«, »er wird«, »er läßt« usw. Und weil das nicht durchaus mit Goetheschen Versen zu fixen ist, so ergänzt sie ? was liegt daran ? Herr Devrient durch seine eigenen; dichtet auch ? wer fragt darnach ? da und dort ein[135] paar Vierzeiler dazu. Und so geht es weiter durch den ganzen »Faust«: jedes »anstößige« Wort gestrichen und durch ein sittenreines aus der Sudelküche Devrients ersetzt. Z.B. Goethe: »'s ist eine der größten Himmelsgaben, so ein lieb Ding im Arm zu haben.« ? Im Arm ? fi donc ? am Arm zu haben verbessert Devrient. Und bedenkt nicht, daß Gretchen auf diese Weise schwerlich zu ihrem Kinde hätte kommen können! Worte wie »die Hur'« ? ja, was denkt sich Goethe von einem Hoftheater ? zum Höchsten: »die Dirn« usw. Und die Mucker Weimars schmunzeln mit salbungsvollem Fettmaul, und die Universität in Jena erhebt Devrient zum Ehrendoktor. Ich fragte nicht viel, säuberte ohne weiteres in meiner Rolle den Text von dem Ungeziefer honoris causa und sprach unverfälschten Goethe. Von vielen Seiten wurde ich darum als ein Pietätloser, der die weimarische Tradition nicht respektiert, heftig angegriffen. Da kam mir überraschende Hilfe: eine von Gottes Gnaden. Der Großherzog, dem ich im Park begegnete, lachte mir schon von ferne zu und sagte: »Recht taten Sie, lieber Wohlmuth, ganz recht, Goethe in Weimar wieder goethisch sprechen zu lassen.« ? Und noch einer von Gottes Gnaden spendete mir Beifall: Liszt! Der herrliche Derwisch, der wie ein König nahm, ohne zu betteln, wie ein König gab, ohne wiederzufordern, lebte zur Zeit in Weimar als Gast des Großherzogs. Er hatte die »Faust«-Aufführungen gesehen und suchte mich auf, um mir seinen Beifall zu spenden. Fatalerweise hatte just an diesem Tage meine Wirtin im Garten Wäsche zum Trocknen aufgehängt ? und der König der Musikanten mußte sich durch Hemden, Unterröcke usw., mit denen er allerlei bedenkliche Kämpfe zu bestehen hatte, Bahn brechen, bis endlich die knorrige Abbé-Gestalt mit der berühmten, weißen Mähne, die ein ausgedienter niedriger Zylinder krönte, siegreich aus dem letzten windgeblähten Damenhöschen auftauchte.[136] Er sagte mir viel Liebes, das ich natürlich hier nicht wiederholen möchte. Und es war nicht das erste Mal, daß ich mich seines Beifalls freuen durfte; spielte ich eine Rolle von Bedeutung, und schielte nach seiner Loge, so sah ich die weiße Mähne leuchten und war stolz. Mindestens zweimal in der Woche mußte ich zu ihm, um ihm Shakespeare und deutsche Balladen vorzutragen. Nicht oft genug vermochte er den rasenden Todesgalopp Lenorens von mir zu hören. Er hatte zu dieser deutschesten Ballade mit allen Schauern des Todes diskrete Musik gemacht, die den »Unkenruf in Teichen«, die »donnernden Brücken«, das unheimliche »Husch, husch, husch des nachprasselnden Gesindels« stimmungsvoll malt, ? setzte sich ans Klavier und begleitete meinen Vortrag. Bei solchen Gelegenheiten lernte ich das damalige musikalische Jung-Deutschland kennen: Felix Weingartner, Mottl, d'Albert, Reisenauer u.a.m. Sie machten dem verehrten Meister viel Freud', aber auch viel Leid. Zumal da sie allesamt wohl reich an Talent, aber arm am Beutel waren. Wie oft hörte ich ihn seufzen: »Toute ma poche, toute ma poche.« ? Auch Otto Lehfeld, der mir lange nicht grün war, und einmal, da er hörte, ich hätte in einer seiner früheren klassischen Rollen Beifall gefunden, seinen neuen Regenschirm dafür strafte, indem er ihn im Park an einer hohen Eiche wütend zerschellte, ? kam nach dem »Faust« zu mir. Es riß an der Glocke, die Türe flog auf, und der alte, rassige Hüne mit den sprühenden Augen im überscharf gezeichneten, dunkelfarbigen Gesicht, stand vor mir. Er faßt meine Hände und eifert: »Ich danke Euch, Kollege, ich danke Euch, daß Ihr den »Faust« gesäubert habt von dem Unrat ? ?.« Und nun entlud er über Otto Devrient eine solche Flut von Schimpfworten, daß selbst der spitzköpfige Thersites in »Troilus und Cressida« eingestanden hätte: Donnerwetter, der kann's doch noch besser.[137] Im Frühjahr 1886 war das ganze literarische Deutschland in Weimar zu Gast. Wie die Deputierten der verschiedenen Vereine, die bei uns tagten, sich manchmal gegenseitig vorstellten, davon war ich wiederholt im Hotel bei der Tafel Zeuge: »Schillerverein, mein Herr?« »Oder Goethe?« »Shakespeare?« ? »Nein, Schriftsteller!« ? Im Hoftheater gab es natürlich große Ehrung: Musik und Prologe. Bei einer Schluß-Apotheose strömte ? damals noch etwas ganz Neues ? elektrisches Licht ins Parkett, wo sie alle saßen, die Dichter und Gelehrten. Der Effekt war verblüffend! Nicht Dichterlocken leuchteten ? Glatzen, Glatzen, nichts als Glatzen! Soviel Billardkugeln wären im ganzen Großherzogtum nicht aufzutreiben gewesen: eine weite, im Licht gleißende Glatteisfläche. ? Nur nicht allzu großstädtisch überlegen herniedergeblickt auf das kleinliche Kunstgetriebe und Theaterunwesen in Landslüdten und Märkten! Die »Schmiere« liegt uns näher als man glaubt. Auch in der Residenzstadt kann man sie irgendwo in einer entlegenen Ecke ertappen, naiv, unbefangen, wie in ihrem guten Recht. Nicht selten entsteht sie durch »Abstecher«, die erste Bühnen nach anderen Städten unternehmen. Davon weiß ich etwas zu erzählen aus meiner Zeit in Weimar. Das Großherzogliche Hoftheater spielte wöchentlich ein-, zweimal in Erfurt. Spät abends fuhren wir ab, kamen »drüben« in tiefer Dunkelheit an, wurden beim Licht ausgelassen, danach wieder in stockfinstere Wagen gepackt, zur Bahn gebracht und heim ging's nach der Goethestadt. Mir war es immer, als wäre ich durch ein Ofenrohr hin- und zurückgekrochen. Mitgenommen wurden zu diesen stolzen Mustervorstellungen nur die allernötigsten ? um meiningerisch zu referieren ? Requisiten, Dekorationen und Schauspieler. Einmal gaben wir die von Süßstoff durchtränkte »Philippine Welser« von Redwitz. Ich spiele den König und Kaiser und stehe[138] im dritten Akt auf hohem Throne! Papa Welser soll mir als Geschenk der reichen Stadt Augsburg ein Meisterwerk der Goldschmiedekunst überreichen, das er folgendermaßen rühmt: »Ein silbern Schifflein ist's mit güldnem Mast, diamant am Steuer, Perlen in den Segeln: ein Bild von unserer Stadt, des Handels goldner Wiege« usw. Das sollte er. Aber der Verein, an den wir verpachtet waren, besaß kein Schifflein mit güldnem Mast, und der stolze Abgesandte der Reichsstadt überreichte der Majestät im Hermelin ein ? Bierkrügl! Allerdings ? was wahr ist, ist wahr ? ein Exemplar erster Güte. Auf dem Kruge war folgende Szene dargestellt: Napoleon III. will dem deutschen Michl das Leintuch unterm Wertesten wegziehen, wofür durch einen sinnreichen Mechanismus beim Aufklappen des Deckels Michel dem Beherrscher der Franzosen eine Maulschelle verabreicht. Meine Augen werden beim Anblick der Prachtgabe groß und größer, Zorn will aufsteigen, der verwundete Ehrgeiz bäumt sich und stachelt mich, dem Vater der schönen Philippine das Geschenk vor die Füße zu werfen, aber der Napoleon auf dem Krügel hatte ein so mildes, treuherziges Gesicht, daß es auch mich mahnte, friedfertig zu bleiben und das Spiel nicht zu verderben. Doch der Witz ist allemal stärker als wir selbst; ich konnte nicht anders, ich nahm einen Schluck und sagte loyal zum braven Untertan an den Stufen des Thrones: »Na dann profit, lieber Welser!« ? Im letzten Akt wieder an meinem Thronstuhl stehend, da ich meinen Vasallen verkünden soll, daß ich geruhen will, Philippinen ihren bürgerlichen »Ludergeruch« zu vergeben und sie als rechtmäßige Gemahlin meines Sohnes anzuerkennen, habe ich zu sagen: »Wo sind die Herren vom Hof?« ? Eine Anzahl der Besten der Nation soll erscheinen. Da aber Würdenträger nicht so leicht aufzutreiben sind wie sinnvolle Bierkrügl, warte ich vergebens. Die Darstellerin der Philippine, die talentvolle[139] Jenike ? sie durfte sich das erlauben, denn sie war beim »Baron-Intendanten« in Weimar, wie man in Wien sagt, die »Jenichte« ? kommandierte: »Nur weiter, Majestät, die sind in Weimar ...« In Weimar wurde damals in den neunziger Jahren im Hoftheater in der Woche viermal gespielt. Einmal, an einem Geburtstage Schillers, spielten wir nicht »Wallenstein«, nicht »Wilhelm Tell«, sondern das Kitschstück »Unsere Frauen« von L'Arronge in Erfurt. Das Hoftheater blieb demzufolge an diesem für Weimar besonders feierlichen Tage geschlossen. Das mußte den großen Dichter denn doch verschnupft haben, denn am Tage darauf hielt er in seiner bronzenen Hand ein mächtiges Plakat mit gewaltigen Lettern: »Schönen Dank, Herr Generalintendant für die gestrige Ehrung.« ? Man erfuhr bald, daß die »Rächer seiner Ehre« ein Anzahl junger Maler gewesen waren, ich weiß sogar die Namen der beiden Rädelsführer zu nennen: es waren die lustigen Kumpane Meinzolt und Fleischer. Der eine mußte dabei dem andern auf die Schulter steigen, um den Riesenzettel auf dem berühmten Doppelmonument von Rauch anzubringen. ? Ach und das »gemiedliche« Weimar von damals! Vier oder fünf Tage hielt Schiller das Plakat in seiner Hand und die Weimarer gingen daran vorbei wie an Geßlers Hut und lachten: »Ganz recht hat er, der Schiller, daß er sich's nicht hat gefallen lassen von dem drecketen Baron.« 
 IX.  [140] Im Oktober 1886 schied Possart aus dem Verband des Münchener Hoftheaters, und ich wurde eingeladen, für ihn an der Kgl. Bühne zu gastieren. Da ich heute noch in München (und zwar, wie's in einer Posse von Kotzebue heißt, »wie närrisch«) spiele, so kann ich natürlich nicht geschwätzig weiter berichten.[140] Ein altes Couplet hat den Refrain: »Wenn man nicht kann wie man will, so schweigt man lieber still.« Nur ein paar Haltestellen und Stationen! Als Debüt wurden mir drei Rollen bewilligt: Tartüffe, Narziß und Nathan. Ich hatte Glück: schon nach dem zweiten Akt des »Narziß« kam der Generalintendant von Perfall auf die Bühne und sagte mir: »Sie bleiben bei uns«. ? Von Lebemännern heißt es, daß sie, nachdem sie sich ausgetobt, extrem solide werden; etwas ähnliches erlebten wir in der Kunst an Jocza Savits, dem Regisseur des Münchener Hoftheaters. Nachdem er Jahre Meiningen noch übermeiningert hatte, gründete er die Askese der »Shakespeare-Bühne«: ein Bühnenbauch, tief ins Parkett ragend, eine durch eine Stufe markierte »zweite« Bühne, um die Handlung ohne Pause vorwärts drängen zu lassen, dürftige Dekorationen und Kulissen und fast gar keine Möbel. Dafür aber durch die Zeit, die die vereinfachte Einrichtung einsparte, als Ersatz einen unverstümmelten Text! Weiters das Aviso an den Schauspieler: spanne deine Kräfte an, hier kommt dir nichts zu Hilfe, du mußt dir selbst helfen durch dein Können. Dem Münchener Regisseur erging's wie jedem Reformator: er wurde fanatisch angegriffen: das Publikum verlangte sein Bühnenbild, der Schauspieler seine kleinen Behelfe und Schminkkniffe, um die ihn die neue Bühne fast ganz brachte; den Text ohne jede Kürzung und Redaktion konnten beide nicht würgen. Von meinen Kollegen, glaube ich, war ich der einzige, der das magere Gerüst nicht unbedingt verneinte. Eindringlich aber redete ich Savits zu, Konzessionen zu machen: wenigstens einen hübschen Hintergrund, eine aus wenigen geschmackvollen Stücken bestehende Belebung des Bildes. Aber da kam ich schön an! Wer in Leidenschaft folgert, dem ist nicht zu helfen. »Im Gegenteil«, eiferte er: »noch viel zu viel, puritanisch, ganz puritanisch muß der Schauplatz werden; nichts[141] fürs Auge, damit das Wort, einzig das Wort zur Geltung komme«. Er sagte das Wort und meinte eigentlich mehr: die Seele! Denn ich muß sagen, er brachte auf den nüchternen Brettern Vorstellungen zustande, mit denen sich nichts vergleichen konnte, was damals »Klassisches« auf deutschen Bühnen geboten wurde. Der zweite Teil von »Heinrich IV.« z.B., mit den genialen Rekrutierungsszenen, die uns das damalige England durch frappanten Naturalismus zum Greifen lebendig vorführen ? daran hätte der Schauspieler-Kollege Shakespeare, glaube ich, selber seine Freude gehabt. Das Stück wurde auch immer und immer wieder verlangt. Demungeachtet: das »Steiniget ihn« gegen Savits wurde lauter und allgemein. Und dennoch: mochte Savits' Sache auch nicht ohne eine gewisse Verbohrtheit sein, ein guter Kern mußte ihr doch innewohnen. Denn die mannigfachen Bühneneinrichtungen, die folgten, was sind sie anderes als Umbau, Ausbau der verpönten ersten Shakespeare-Bühne? Tragen diese Küchlein (die reizvolle »Künstlerbühne«, die in der Einrichtung von »Maß für Maß« durch Julius Diez ihr Zaubervollstes gab, inbegriffen) nicht alle deutlich die Eierschalen der geschmähten »Fetzenbühne«, aus der sie gekrochen, an sich? Sie haben nur mit mehr Schliff und Manier als Savits den in ganz Deutschland alpartig empfundenen, alles erdrückenden, ablenkenden, zeitraubenden Opernballast der alten Statistenbühne abgeschüttelt. Statistenbühne, ja! Denn ohne stehendes Heer war ja früher Schiller und Shakespeare gar nicht zu denken. Da kam sie aufmarschiert, die bewaffnete Macht, truppweise, vor der Vorstellung der »Jungfrau« oder »Julius Cäsar«, um sich zu verwandeln zum Troß der Edeln oder zu römischen Legionen. Kurz, was man auch sagen mag, die Shake speare-Bühne war jedenfalls die ? geruchlosere! Mit ein Grund, weshalb Savits' Streben schließlich Recht behielt. Begeistert[142] waren die Lehrer der Münchener Universität. Ganz besonders Riehl feierte den »neuen Weg« als Erlösung und Zukunft und empfahl seinen Hörern den Besuch der Vorstellung. Auch Bernays war entzückt ? freilich nur vom Hörensagen. Denn seit ihm die beiden Balkonsitze, die ihm Ludwig II. bewilligt hatte, beim Regierungswechsel durch den Sekretär des Prinzregenten, Hofrat Klug, gestrichen wurden, betrat der gekränkte Herr Professor nie wieder das Königliche Theater. Seine Theaterliebe war groß, seine Eitelkeit aber unmäßig. Bernays war auf alles eitel: auf seinen Geist, sein Wissen, seine Schriften (darunter besonders auf seinen zweifellos bedeutenden »Jungen Goethe«), seine Privatbibliothek, seine lattenhohe Gestalt, die in einem schwarzen Gehrock überbequem herumschlampte, ja ich glaube sogar, auf seine ungewöhnliche Häßlichkeit. Vereint mit dieser Eitelkeit war eine Grandezzapose, die ihn nie, ich möchte wetten, selbst bei den allernatürlichsten Lebensbedürfnissen, verließ. Ich war einmal bei ihm zu Besuch und werde es nie vergessen, wie der Überschlanke eine Gipsbüste Schillers auf hohem Sockel mit großartiger Theatralik umschlang, seinen Kopf mit den schrecklich schielenden Augen an den des Dichters lehnte und, mit der Linken über die hohe Stirn des Poeten streichend, pathetisch dozierte: »Mein Schiller ? siehe deinen Diener!« Nicht selten hörte ich Bernays in der Universität. Er lehrte wohl, aber er belehrte nie! Nicht um alle Welt hielt er inne, um auf dies oder jenes besonders aufmerksam zu machen oder dem Hörer Zeit zu lassen, sich etwas zu notieren. Solches hätte ja die Rundheit des Vortrags, um die es ihm zu tun war, stören können. Die einzige Konzession, die er machte, war, Stellen von Wichtigkeit durch gesteigerten Ton zu unterstreichen ? aber die rhetorische Plastik mußte unter allen Umständen unberührt bleiben. Bernays war ein ausgezeichneter Deklamator ? und weil er das wußte, so[143] widmete er der Rezitation die Hälfte der Stunden. Einmal passierte ihm dabei eine niedliche Wilhelm Busch-Humoreske. Hoch aufgerichtet sprach er aus dem zweiten »Faust« die Szene, da Mephisto Faust zu den Müttern sendet. Im Eifer des Vortrags stieß er nun mit seiner Stirne an das Gasrohr oberhalb des Tisches; er prallt zurück, weiß sich aber geistesgegenwärtig zu fassen, ergreift ? es brannte keine Flamme ? damit ihm solches nicht wieder passieren könne, das abscheuliche Rohr mit der Linken und deklamiert in dieser Pose weiter bis zum Schlusse der Stunde. Amazon.de Widgets Nächst Shakespeare war es Molière, mit dem Savits bemüht war, dem Repertoire Farbe zu verleihen. Mir war es vergönnt, u.a. den Harpagon, Tartüffe, Geront (les fauberies de Scapin), den Eingebildeten Kranken zu spielen. Bei Nennung des letztgenannten Stückes fällt mir ein lustiges Kuriosum ein, das ich erzählen will. In der hübschen Szene, da Argan sein Töchterchen Luise über das Verhalten der älteren Schwester aushorcht (Goethe gefiel die Szene so sehr, daß er sie ? wie er erzählt ? alljährlich einmal zu seinem Vergnügen las), spielte ein siebenjähriges Mädel aus dem Ballett den kleinen weiblichen Gamin. Luischen wuchs, wurde heiratsfähig, gebar ein Töchterlein ? natürlich fürs Ballett wie Mama, das ? wer lange lebt, kann viel erfahren, steht am Eingange dieses Buches ? mit sieben Jahren, gleichsam traditionell, wieder mein Töchterchen in der genannten Komödie wurde. Die dritte Auflage, das Enkelchen, ist nicht ausgeschlossen! Und weil ich mich just darüber ertappe, wie ich Anekdoten plappere, so sei hier ein lustiges Bild, wie es nur das Theater zu erzeugen vermag, eingeflickt. Bei manchem Rokokostück im Residenztheater hatte in den Zwischenakten nicht selten technisches Personal auf der Szene zu arbeiten, das nebenbei an[144] demselben Abend in der Oper nebenan im Nationaltheater in stummen Rollen verwendet wurde. Nun war es ein verblüffender Karneval, wie sich Nibelungenrecken in Bärenfellen, Stierhörner am Kopf, oder ägyptische Priester mit stilisierten Bärten zwischen Darstellern in elegant gestickten Röcken aus der Zeit Ludwigs XIV. mischten ? zumal wenn noch Arbeiter in ihren Blusen von heute dazwischen herumhantierten. Einmal fragte ich einen solchen Künstler von nebenan, der bis an den Hals in einem bräunlichen Leinwandsack stak, was er denn heute vorstelle. Worauf er nicht ohne Selbstgefühl zur Antwort gab: »Ich bin doch, drüben' in der »Zauberflöte« ein Hinterfuß vom Kamel!« Sonst waren wir im Residenztheater ganz modern, zumal Ibsen gaben wir fleißig. Der Dichter lebte damals unter uns. München ? das Genie unter den Städten Europas ? hatte es auch ihm angetan mit seinem undefinierbaren Zauber. Durch diesen glücklichen Umstand war es uns sogar vergönnt, »Hedda Gabler«, die damals entstand, aus der Taufe zu heben. Ibsen wohnte den Proben bei, und ich entsinne mich, wie er einmal den Generalintendanten, der eine Stelle, die ihm zu »stark« erschien, gestrichen haben wollte, mit den Worten abwies: »Haben Sie das Stück geschrieben oder ich?« Der arme, gute Perfall verzog sich darauf umgehend in sein Exzellenzbüro. Noch einer anderen, köstlichen Antwort Ibsens entsinne ich mich. Nach einer Aufführung der »Gespenster« fragte ihn ein junger Literat: »Herr Doktor, ist es Engstrand, der das Asyl angezünder?« Darauf Ibsen, wie erwägend, bedächtig: »Es sähe ihm wohl ähnlich!« ? Mit der Regelmäßigkeit einer aufgezogenen Uhr erschien Ibsen täglich nachmittags um drei Uhr im Café Maximilian und setzte sich an den für ihn reservierten kleinen Marmortisch. Sowie der »ausländische Herr« mit dem[145] eisgrauen, gepflegten Backenbart im langen, dunkeln Überrock, der schier die Erde streifte, die Tür öffnete, stand auch schon sein Glas Bier am Platze mit dem Gläschen Kognak daneben. Dafür bekam auch die Kellnerin täglich ihr Markstückchen als Trinkgeld. Ibsen sah mich gern auf der Bühne, und ich wurde gar viel beneidet vom ganzen Café, wenn er sich von seinem Sitz erhob, mit seinen gemessenen kurzen Schritten ans andere Ende zu meinem Platze gravitierte, um mir etwas Liebes zu sagen. Viel Lob trug mir von ihm die kleine Rolle des Foldal in seinem »John Gabriel Borkman« ein. Auch zu sich lud er mich. Ich klingle, er öffnet selbst, und zwar in Hemdsärmeln und genau so wie der beschäftigte Handwerksmann, wenn er mitten in seiner Arbeit für einen Augenblick abberufen wird, mit dem Zeichen seiner Zunft in der Hand: mit der eingetauchten Feder. Er wohnte in der Kanalstraße. Das gegenüberliegende Haus war ein nüchternes Zinshaus. Auf meine Bemerkung, daß ihm diese baumlose Aussicht keine Anregung bieten könne, antwortete er: »Oh, noch viel zu ablenkend; das Idealste für mich wäre eine graue Wand.« Es war damals eine Lust, in München zu leben: ein guter Teil des literarischen Jung-Deutschlands, von hier nahm er seinen Ausgang, in Schwabing war seine Geburtsstätte. In dieser Vorstadt, ganz draußen, besaß Dr. Albert, der erfolgreiche Erfinder auf dem Gebiet der Bilderreproduktion und großzügige Kaufmann, seine Werkstätten und Druckereien. Hier ließ Wedekind sein »Frühlingserwachen« erscheinen, Panizza sein »Liebeskonzil«, O. I. Bierbaum seine »Studentenbeichte«, Schaumberg, Schaumberger ihre Novellen usw. usw. Hier vor allen Dingen lebte und wirkte M. G. Conrad, der Herausgeber der berühmten Monatsschrift »Die Gesellschaft«, die den Mut wie keine besaß, Fragen[146] auf allen Gebieten, sozialen wie politischen, die Spalten zu öffnen, sofern der Beitrag nur literarischen Goldgehalt besaß. Und sie bot allen Gastrecht: den bereits anerkannten und den jungen, die sich erst die Sporen verdienen sollten. In hervorragender Weise schrieb der Herausgeber selbst für die Hefte und außer ihm gar viele aus ganz Deutschland, die später ein so lautes Wort in der Literatur mitreden sollten. Conrad und Dr. Albert dürfen darum als die Geburtshelfer jener großen Sturm- und Drangzeit genannt werden. Zuerst im Café Heck, dann im Café Noris fanden die Zusammenkünfte statt. Conrad, der germanische Recke, so recht das Idealbild Hermann des Cheruskers, aber ohne die Legierung napoleonischer Verschlagenheit, die Kleist ihm gibt, trat ein und brachte Stimmung mit; er zählt zu den seltenen Menschen, in deren Nähe es einem sofort wohl wird. An seiner Seite ragte nicht selten ein älterer Poet, der hünenhafte Oberst von Reder, wie das Urbild von Goethes Hans von Selbitz oder wie eine Haudegengestalt aus dem Dreißigjährigen Krieg. Da saß Bierbaum, der schon in seiner Jugend Schwabblig-Quabbilge mit dem zirkelrunden, unsicher gezeichneten Gesicht, in dem ein ungewöhnlich schönes, großes Auge laut spektakelte. Dann Hans von Gumppenberg mit seiner jugendlichen Denkerglatze, am Finger den eisernen Wappenring, der liebenswürdige, windhundgeschmeidige Schaumberger, Schaumberg, Scharff, nicht selten auch Dehmel und Hartleben, und der weltmännische Dr. Parnizza, der seine unartige »Himmelstragödie« mit einem Jahr Gefängnis büßen mußte, das er sich, ohne der dichterischen Absicht Abbruch zu tun, hätte ersparen können, wenn er statt »Gott Vater« »Gott Jupiter« gesetzt hätte. Am Kampfplatze des Café Noris ging's oft heiß her. Im Tabaksqualm, dem Pulverdampfe der Literaten, wurde nicht um Haupt- und Staatsaktionen, wohl aber[147] um Neuerscheinungen in der Literatur mit Epigrammen, geschliffenen Argumenten und Wortgeschossen gekämpft bis zum Hahnschrei. ? Ein Ereignis bewegte seit Wochen das Café: Liliencron sollte kommen. Man kannte in München seine Werke ? nicht den Mann. Groß war die freudige Erregung, unmäßig die Neugierde. Das literarische Café sendet eine Abordnung zur Bahn, sie zu empfangen, »die eiserne Nachtigall«, »die deutsche Eiche«. Der Zug hält, und der »robuste Urmensch« entsteigt dem Kupee ? respektive hüpft mit leichter Gefälligkeit zur Erde. Er ist klein, zierlich und hat ein blondgescheiteltes Köpfchen. Der Gang ist wie eine Blume auf Draht; das Wesen Rokokogeschnörkel! ? Unbeschreiblichen Respekt besaß der Dichter der »Adjutantenritte« vor allem, was sich »königlich« nennen oder gar die Silbe »Hof« voransetzen durfte. Mich z.B. redete er zu meiner Qual nie anders an als »Herr kgl. Hofschauspieler«. Daß der Dichter nach München gekommen, um sich auszuschwelgen, darin hatte das Café Noris recht; nur nicht, wie man es dort annahm, literarisch, sondern in ganz anderer Weise: was das Ewig-Buibliche anbelangt! Sehr wählerisch war er dabei nicht: was er just fand, griff er auf, und wenn's auf der Stiege beim Treppescheuern war. Füße, wie breite Holzflöße aus Tölz, besang er in graziösen Liedern. Mir schickte er einmal ein entenwatschelndes Geschöpf mit viereckigem Kopf, aber sehr runden Hüften, ob ich nicht ein »Gretchen« oder »Klärchen« aus ihr machen könnte. Als ich es seinem innigsten Bruder Otto Julius er staunt mitteilte, sagte Bierbaum mit Überzeugung: »Das ist die Rückkehr zur Natur«. Auch bei der großen Bewegung jener Tage in der Malerei, dem Losringen aus kitschigen Traditionen, nahm München die Führung. Als der Kühnste an der Front stand Fritz von [148] Uhde. Oberländer hat einmal in den »Fliegenden Blättern« ein famoses Blatt gebracht: »Einer, der gegen den Strom schwimmt«. An diesen Zähen, der hundert ihm entgegenarbeitende Ellenbogen durchbricht, erinnerte Uhdes kraftvolles Sichdurchsetzen. Als er sein erschütternd schlichtes Abendmahl ausstellte, was wurde da nicht gewettert, geeifert, gespottet: Jünger? Nein, das sind Ausgeher, Dienstmänner, Hausknechte. Uhde aber dachte: »weil ich Protestant bin, so will ich protestieren« ? und protestierte in seinen Gemälden, nicht allein gegen die hergebrachten bildschönen Oberammergauer Apostel, sondern auch gegen das alte Ateliervorhanglicht und seine braunsoßige Technik. Begeistert eilte ich zu ihm. Er aber, ohne lange Überlegung, malte mich frischweg. Ich knöpfte den Kragen weg, nahm ein Heft zur Hand, gab mir die Haltung, machte die Bewegung, als ob ich eine Rolle einstudiere ? Uhde überließ mir ohne Einrede das Arrangement ? und so entstand das Bild »Der Schauspieler«. Es zählt zu Uhdes besten Gemälden, ja zu den besten, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in München entstanden. Ungewöhnlich gefiel »Der Schauspieler« auch dem alten Prinzregenten. Er hatte das Bild bei Uhde im Atelier gesehen, und eines Abends, ich war von einer meiner endlosen Streifereien durch Moos und Heide zurückgekehrt, will eben in die Königinstraße nach meiner Wohnung einbiegen, da kommt er mit seinem Adjutanten aus dem Englischen Garten. Ich, von oben bis unten staubbedeckt, möchte mich eiligst drücken, aber er winkt von ferne und hält. In seiner herzlichen Weise sagte er: »Was ist denn mit Ihrem Bild von Uhde? Es ist ausgezeichnet; wenn es nach mir ginge, so hinge es schon in der Pinakothek.« Es ging aber nicht nach ihm und wurde für einen geringen Preis[149] (ich glaube 2?3000 Mark) von der Nationalgalerie in Christiania angekauft, die es zwischen Bilder alter Meister hing, wo es neben Hals und Holbein standhält. Darnach malte mich Uhde gleichfalls lebensgroß als Richard III. Uhde möchte in seinen Bildern den Eindruck hervorbringen, als ob alles in kühner Weise hingesetzt wurde. Dem war aber nicht so, nicht immer so: um schnell zu erscheinen, arbeitete er oft sehr lange. Er strich aus und wiederholte: immer und immer fiel ihm etwas anderes ein, ein anderer ein: Franz Hals, den er besonders liebte, Velasquez, Tizian u.a. Bei Schaffung des Richardbildes hatten es ihm die Koloristen angetan: er eilte in die Pinakothek, Schackgalerie und kehrte mit neuen Ideen zurück ins Atelier. Sein Ehrgeiz, seine Hingebung waren grenzenlos. Er arbeitete bis zur Grausamkeit gegen sich und ? sein Modell. Ich glaube, ihm wäre es in seinem heiligen Eifer, der etwas Ehrfurchtgebietendes hatte, nicht darauf angekommen, das abzubildende Opfer ? wie jener Bildhauer den armen, schönen Jüngling in der Legende von Chamisso »Das Kruzifix« ? ans Kreuz zu schlagen, wenn es das Werk erfordert hätte! Entschädigung für die Qualen, die ich erduldete, war Uhdes Geplauder. Wie wenn der Schmiedehammer auf glühendes Eisen niedersaust, so sprühten hohe Witzesfunken. Zumal, wenn er losschimpfte und wütend wurde über künstlerische Dinge, leuchtete sein unbeschreiblich schönes Auge, tiefblau wie die sonnenbeschienene See, gleich dem des zürnenden Erzengels Michael auf, und geistvolle Einfälle übersprudelten sich. Den »Richard« kaufte der regierende Fürst Liechtenstein und schenkte ihn der Wiener Staatsgalerie. ? Zuletzt malte mich Uhde als Malvolio (»Was Ihr wollt«). Aber da kränkelte der Meister bereits, und die Sache wollte zuerst nicht recht vorwärtsgehen. ? Einmal trat Habermann, der ein Stockwerk[150] höher sein Atelier hatte, bei Uhde ein, besah die Arbeit und sagte: »Uhde, was bist du ängstlich geworden!« Damit nahm der urprächtige Baron und Meister ihm Pinsel und Palette aus der Hand und malte ein paar resche Striche dem Malvolio ins Gesicht, die dem Ausdruck zugute kamen. Das Bild, das schließlich ausgezeichnet wurde, hängt im Großherzoglichen Museum in Weimar. ? Ein künstlerisches Ereignis war die Gründung des »Simplicissimus« durch Th. Th. Heine und Langen. Sie gehört im eminentesten Sinne mit zur großen Umwälzung auf dem weiten Gebiete der bildenden Kunst. Wie durch vulkanische Kräfte Inseln aus dem Meere aufragen, so standen sie unversehens vor uns, daß man sich schier die Augen rieb vor Erstaunen, die großen Erscheinungen der Zeichenkunst! Wer damals erfahren wollte, was »die Moderne« leistet, brauchte sich nur für 10 Pfennig den »Simpl« zu kaufen. Da war der kohlschwarze Südtiroler Thöny, so lang geschossen, daß er, wenn er sich vom Sitz erhob, gar kein Ende nehmen wollte ? und doch jeder Zoll von ihm der geborene Maler. Ihm war das Zeichnen Element, wie der Forelle das Quellwasser; wohin das kluge Auge blickte, im ganzen weiten, gesellschaftlichen Umkreis fand es Nahrung und Stoff. Thönys frappante Typen fanden selbst innige Bewunderung Meister Menzels. Dann Rudolf Wilke, der urwüchsige Geselle, kraftvoll und schmuck, mit seinem zeichnerischen Geschick ohnegleichen und durchdringendem Beobachtungsblick. Legte er sich zu Bett, was zumeist erst beim Morgen grauen geschah, so lag er darin mit seiner ganzen Habe ? und sollte er aufstehen, um zu arbeiten, so mußte er von Freundeshand herausgeworfen werden. Den beiden unzertrennlichen Bohémiens und großen Kindern ging ein gelungener Schabernack über alles: Geld, Ruhm und Erfolg. Da war ferner Reznicek, das gutmütig-österreichische[151] Blut, mit großem malerischen Temperament; der geistvolle norddeutsche Bruno Paul mit seinem naturalistischen Erfassen süddeutschen Wesens; der Träumer Schulz, mit blauen Augen, märchenhaft wie seine sinnigen Bilder aus verklungenen Zeiten; Th. Th. Heine, der zeichnende Epigrammatiker, mit Feinheit und Schärfe, als hätte er seine satirische Kraft von seinem Namensvetter Heinrich geerbt, der damals sein Bestes gab. ? Vermöge der »fliegenden Justiz«, die damals noch in Deutschland existierte, wurde Heine wegen einer seiner politischen Zeichnungen im Münchener »Simpl«, in Sachsen, weil er ein Leipziger, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Im »Café Lutz«, wo die Zeichner des Blattes und seine Mitarbeiter und Redakteure: Ludwig Thoma, Dr. Geheeb, Corficz Holm usw., täglich nachmittags um einen runden Marmortisch beisammen saßen, wurde beim Eintreffen der Nachricht beschlossen, ein Gnadengesuch, unterzeichnet von den berühmtesten Künstlern Münchens, dem König in Dresden einzureichen, damit für Heine Gefängnis in Festung verwandelt werde. Mir aber fiel die Aufgabe zu, mit dem Blatte die Runde zu machen. Heine hatte kurz zuvor in einer grimmigen Zeichnung Lenbach und Uhde, wie sie in München um die Palme in der Kunst ringen, arg zerzaust ? demungeachtet unterzeichnete der erste in ritterlicher Weise ohne weiteres obenan. Uhde dagegen war störrisch. Da er mir aber als Sachse für Dresden besonders wichtig erschien, holte ich mir Succurs aus der oberen Etage. Mit den Worten »Ja, was fällt dir denn ein, Uhde«, betrat Habermann das Atelier seines Kollegen, »da gibt's nichts; so was unterzeichnet man einfach.« Und es geschah! Die vielen berühmten Namen aber mußten den Räten in Dresden geradezu in die Glieder gefahren sein, denn die Begnadigung kam ? telegraphisch! ? Zu den genannten Meistern des[152] »Simpl« gesellte sich etwas später noch ein geniales Haupt: der göttlich-kleine Cyklop mit dem mächtigen Schädel voll der kühnsten Phantasien: Olaf Gulbransson; sein Humor schreitet wuchtig wie ein lachender Sieger und darf, so ganz und gar Eigenheit, von sich sagen, was ein Shakespearescher Held in einem tiefbrütenden Monolog von seinem Wesen vor sich hin spricht: »Ich bin ich selbst allein.« 
 X.  [153] Nach siebenjährigem Aufenthalt in Amerika kehrte Possart nach München zurück und übernahm durch Befürwortung des Geheimsekretärs des Prinzregenten, Herrn von Klug, die Leitung des Königlichen Theaters. Sein kluger Kopf stand unseren Bestrebungen (das Münchener Hoftheater, das u.a. den Vorzug hatte, die Neuschöpfungen Ibsens aus der Taufe zu heben, hatte bei Freund und Feind den Ehrentitel Deutschlands »Moderne«) völlig fremd gegenüber. Er hatte während der langen Gastspielzeit drüben, dem Schlaraffenland des Wandervirtuosentums (wo man es für Kunst nimmt, wenn man Wurm und Hofmarschall Kalb, Desilva und Ben Akiba zusammenspielt), keine Fühlung mit uns gehabt und keine mit der aufblühenden literarischen Epoche jener Tage. Nicht an das, was er vorfand, sondern an das, was er vor sieben Jahren verlassen hatte, knüpfte er an. Das erste, was er tat, war, die Clara Ziegler für vierzig Abende zu verpflichten. Das Münchener Publikum aber hatte keine »Organe« mehr für das hohe Pathos der »Tragödin« und für Ohrfeigenstücke wie »Graf Essex« usw., so daß das Gastspiel schon nach sieben oder acht Abenden abgebrochen werden mußte. Dann folgten die Reisevirtuosen Friedrich Haase und Sonntag mit ihren 10000 approbierten, seelisch-verkalkten Mätzchen in damals schon eingesargten[153] Kitschstücken. Und während Bühnen anderer Städte die »Versunkene Glocke«, den »Biberpelz«, die »Liebelei«, die »Jugend« usw. usw. als schöne, reife Früchte brachten, stand bei uns als neueinstudiert auf dem Zettel: »Ultimo«, »Die Dienstboten«, »Des Königs Befehl«, »Freund Fritz« und so mehr. Das Wertvolle aber verlangte ein Ventil, und nicht mit Unrecht bezeichnete man Possart als den Gründer (wider Willen) des »Münchener Schauspielhauses«. Die Münchener Presse ließ sich die Sache auch nicht gefallen und griff Possart heftig an. ? Die abwehrende Stimmung währte ziemlich lang ? bis zur Gründung des Prinzregenten-Theaters. Da trat eine Wendung ein. Der Bekämpfte wurde von einer die öffentliche Meinung beherrschenden Partei auf den Schild gehoben und zum Lokalheros gemacht! Ob mit Recht? Gerade die Nachmittags-Vorstellungen im Prinzregenten-Theater (»Klassiker«-Vorstellungen) ? ganz im Zeichen des dramatischen Warenhauses Pollini in Hamburg-Altona ? waren für unser Schauspiel ein großer Niedergang. »Was künstlich ist, verlangt geschlossenen Raum«, heißt es im 2. Teil Faust. Dieses Wort des Homunculus enthält eine verallgemeinernde Weisheit und bewährte sich auch hier. Nachmittag im Regententheater Faust oder Götz ? am Abend im Residenztheater »Maria Theresia« oder »Im weißen Rössel« usw. ? dementsprechend ununterbrochene Repertoirebildungen und Notbesetzungen ? all das mußte konsequenterweise zum künstlerischen Ruin führen. Und war das Entstehen der Wagnerbühne für die Oper von so hohem Wert? Dem Fremdenverkehr, mag sein, hat das neue Theater gedient. Vermochte es aber so glänzende Aufführungen der Wagneropern zustandezubringen als seinerzeit jene meisterhaften unter Levy im Hof- und Nationaltheater? Kaum! Das Wichtigste aber ist: der Plan, ein Königliches Schauspielhaus zu bauen,[154] lag damals in der Luft, ja, der Platz, wo es stehen sollte, war so gut wie bestimmt. Hätte Possart seine ungewöhnliche Energie, seine weitblickende Intelligenz, seine mutvolle Tatkraft dafür eingesetzt, längst stünde nicht ferne der Königlichen Residenz eine monumentale Stätte für das Schauspiel, die uns, ach, so nottut! Aber der Bau in Bogenhausen erhob sich, und das Projekt eines Königlichen Schauspielhauses versank damit ... Dreizehn Jahre war es Possart vergönnt, an der Spitze des Königlichen Instituts zu stehen ? dann fiel er! Wenn Minister fallen, so fallen sie, nach Börne, wie Butterbrote auf die Fettseite; weich wie ich bin, hoffe ich, auch Generalintendanten! Mir gegenüber zeigte sich Possart gelegentlich wohl auch ? es waren Wellenschläge ? kollegial und überließ mir, großmütig wie der gesättigte Löwe, manche Rolle seines Repertoires. Ich selbst hatte nie Unterricht gehabt und gebe ihn selbst nur ungern. In München aber wurde ich förmlich dazu gepreßt. Zwar die Jünglinge, die, von ihrer Genialität durchdrungen, nichts tun wollen ? tat ich mir ab; aber eine ganze Anzahl junger Mädchen, die viel redlicher denken und arbeiten, machte ich im Laufe der Jahre zu Louisen, Julien, Rautendeleins. Da ich nicht viel nach dem Honorar fragte ? es waren fast ausnahmslos blinde Passagiere, die mitfuhren ?, so hatte ich Glück! Ich nenne die berühmt gewordene Centa Bré, die das Lachen versteht wie wenige auf deutschen Bühnen. Sie kam als kleine Blumenmacherin zu mir mit noch harten Händchen. Wir arbeiteten tüchtig. Nicht selten saß ihre ältere Schwester, eine hochgewachsene, ungewöhnlich schöne Nonne, dabei, sah und hörte, und versicherte, wenn sie nicht ihrem heiligen Berufe angehörte: »Nur Schauspielerin!« Ganz gefunden hat sich die Bré erst später im Engagement. Mit dem Unterricht, sofern er etwas taugt, geht es nicht selten wie mit der Heilkraft einer[155] Badekur: die volle Wirkung stellt sich erst später ein. ? Auch die große Frau mit männlichem Geist, Irene Triesch, war eine Zeit bei mir. Sie und die Bré spielten als Anfängerinnen bei Meßthaler am »Deutschen Theater«. Drach, der in den Zentralsälen das moderne Drama zu pflegen begann, wohnte mit mir im Deutschen Theater der Vorstellung eines Stückes von Sudermann bei. Er war sehr entzückt von der Bré. Nach der Vorstellung, im Restaurant des Theaters, bot er ihr Vertrag. Abseits auf einem Stuhle kauerte, wie zum Sprunge bereit, der junge, biegsame Leib der Triesch; mit glühenden Augen, wie nur sie solche besitzt, und denen man ansah, wie ihr das junge Herz voll Ehrbegier pocht, blickte sie zu uns. »Drach«, sagte ich, »schauen Sie die dort im Winkel; sie ist so hübsch und so ungewöhnlich begabt; engagieren Sie sie doch auch.« ? »Meinetwegen!« sagte er und engagierte den baldigen Stern seines Theaters und bald Deutschlands gleichsam als Zuwage beim Bré-Einkauf! ? Eines Tages brachte mir Geheimrat Dr. Reber, der Direktor der Münchner Pinakotheken, sein Nichtchen Georgine. Ein wahres Madonnenbild und ein Mädchen von seltenem Geist und ungewöhnlichem Talent. Nach achtmonatlichem Unterricht spielte die noch nicht Neunzehnjährige in Mainz mit großem Beifall das ganze sentimentale Fach. Aber ihre Psyche war zu sein besaitet für die rohe Wirklichkeit des Theaterlebens, und sie verließ die Bühne nach wenigen Jahren. ? Das eigenartigste Talent aber, dem mir vergönnt war, zu Hilfe zu kommen, vielleicht eines der größten, das das Deutsche Theater besaß, zog ich aus einem kleinen Weinkeller, nahe dem »Platzl«, ans Tageslicht: die Jenny Rauch. Eine anmutige, blutjunge Brünette, das Kellnerinnenschürzchen umgebunden, mit den klügsten, sinnigsten Äuglein, die man sich denken kann, brachte uns den Schoppen. Das gutmütige[156] Schauen dieser wilden Kirschen war wie eine weltschmerzliche Frage ans Leben. Nur zaghaft erbat sich das Mädchen die Erlaubnis, mir etwas »vorsagen« zu dürfen. Ich war auf das Herunterleiern des hundertmal gehörten »Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften« gefaßt. Aber schon die Art, wie sie bei mir Hut und Mantel mit fiebernden Fingern abwarf, frappierte mich. Als sie darauf losbrach mit einer Stelle aus »Medea«, heißblütig und mit vollem Erfassen ? saß ich wie gebannt. Und wie sie dann, nicht müde werdend, Monologe der Julia, Stella, Stuart ? all das hatte das junge Köpfchen, wenn der Stammtisch seine Schoppen hatte, verstohlen »zusammengehamstert« ? mit Temperament und sicherem Instinkt, unterstützt von einem glockenvollen Organ, mir schmetternd gab, fühlte ich mich tief ergriffen. Aber ? o Jammer, das geniale Kind war krank, schwer krank. Ein unerbittliches Lungenleiden! Wie vermochte man sie da den Anstrengungen der Bühnenlaufbahn auszusetzen?! Ich ging mit mir zu Rate; frug auch Ärzte. Wir entschieden: im Tabakrauch des Kellers lebt sie vielleicht zwei, drei Jahre, beim Theater durch Gymnastik des Sprechens, die der Lunge zugute kommt, viel leicht acht bis zehn Jahre. So möge ihr heißer Wunsch sich erfüllen. In welcher Weise sie mir nach zwei, drei Monaten (sobald das Technische erfaßt war) das Gretchen, Klärchen, die Julia vorspielte ? vermag ich nicht zu schildern; ich wußte kaum noch etwas zu sagen ? sah hin und staunte! Die Rauch machte auch schnell ihren Weg, wurde eine berühmte Schauspielerin des Deutschen Theaters in Berlin und ? starb! Nicht acht, zehn Jahre, wie wir gehofft, nur sechs dauerte ihr beglückender Traum. Als ich die Trauernachricht in der Zeitung las, war mir's, als hätte ich einen lieben Verwandten verloren.[157] Es gibt auch einen Fluch der guten Tat! Weil ich also bei einigen jungen Damen, die nur Talent und kein Geld besaßen, mit meinen dramatischen Unterweisungen Glück hatte, war ich eine Zeitlang am Ort als Lehrer Mode und hieß: »Die Münchner dramatische Armenschule«. Zumal die Nachmittagsstunden gehörten durch zahllose »Prüfungen« nur selten mir selbst allein. Hier so ein vertrödelter Nachmittag. Es klopft ? herein! Zwei treten ins Zimmer: Vater und Sohn. Den ersteren davon hätte man, so wie er war, nur auf einen mageren Klepper zu setzen brauchen, und ein Don Quichote wäre fertig gewesen. Der ausgemergelte Hals des dürren Alten maß wohl eine viertel Elle. Er stak in einem veralteten, feierlich ausgebürsteten Gehrock und war wie sein Urahne aus der Mancha von Adel. Seinem fünfundzwanzigjährigen Sohne sah man es an, daß er sich Zoll für Zoll für unwiderstehlich hielt. In seinem hübschen Gesicht hatte sich wie eingefroren ein siegbewußt-borniertes Lächeln eingenistet, und es schien, als ob er dieses durch ein stereotypes Drehen und Kajolieren des blonden Schnurrbärtchens noch unterstreichen wollte. Mit einer Stimme, nicht unähnlich der eines Bauchredners, klagte mir Papa, sein Sprößling hätte schon etliche Berufe ergriffen, aber noch nie etwas durchgeführt. Er habe immer gehofft, sein Glück durch eine glänzende Partie zu machen vermöge »Adel und Exterieur«. Aber täglich frage er ihn: Wo ist die Goldbraut? ? Nun möchte er es mit dem Theater versuchen und ich möchte mein kompetentes Urteil abgeben. Kompetent! Abscheuliches Wort ? ich empfinde dabei fast einen physischen Schmerz. Ich habe gelernt, nicht vorschnell zu sein. Talent ist oft eine komplizierte Sache; auch ein geringes kann durch Surrogate (als da sind: äußere Mittel, Geschick, Fleiß, Gedüchtnis, gesunde Ellenbogen) so weit ersetzt werden, daß es zur Not[158] fürs Theater ausreicht, und nicht mit Unrecht meint Iffland: »Gebt mir einen normalen Menschen und ich mache euch einen Schauspieler daraus.« Aber bei diesem Adonis gab es nichts als Sand, trockenen Sand der Mancha; nicht einen Tropfen Feuchtigkeit der Seele. Mit aufrichtigem Bedauern sagte ich das dem armen Alten, der meine kompetenten Mienen mit ängstlich fragenden Blicken beobachtet hatte. Zufällig wählte ich das Wort: »Ihrem Sohn fehlt alles Temperament.« Darauf der besorgte Vater: »Darin, verzeihen Sie, irren Sie doch: sehen Sie, wenn meinem Ludwig ? wie beispielsweise gestern ? ein Gericht nicht mundet, so ergreift er den Teller und schleudert ihn meiner Gemahlin vor die Füße.« ... Nach Vater und Sohn traten ein: Mutter und Tochter; zum Unterschied dicklich und rundlich, geblasenen Glasfigürchen mit bunten Augentupfen ähnlich. Die Mutter noch »appetitlich« und sehr beweglich. Das Töchterchen jung, bildschön: Milch und Blut und Augen himmelblau wie die einer Weihnachtspuppe aus der Großmutterzeit. Ihre Puppenschönheit auch nicht durch die geringste Spur von Seele oder Geist irritiert. Beide trugen »Kapotthütchen«. Mama präsentierte sich stolz als »Frau Eisenbahnkondukteur«. Sie war sehr beredt, erzählte, wie die Verlobung ihrer Tochter zurückgegangen, und nun müßte ich sie zum Theater bringen, ihr Zimmerherr habe das gesagt. Ich wandte mich an die Tochter und fragte sie, ob sie schon von Kindheit an Luft und Liebe für die Bühne empfand? Aber Mama ließ das lächelnde Töchterlein nicht zu Worte kommen. »Aber bitte«, sagte sie, »was fragen S' den Fratzen? Was weiß denn die! Luft und Liebe, soviel Sie nur mögen.« ? »Gut, gut«, sagte ich, »aber lassen wir das Fräulein selbst sprechen, ich möchte gern ihr Organ hören.« Die Mutter: »Sie ? wunderbar, ganz wunderbar.« Ich: »Und Fräulein glauben Talent zu besitzen?« Die Mutter:[159] »Großartig, ich sag' Ihnen, einfach großartig, Herr Professor ?« ? »Ich bin nicht Professor.« ? »Net, so eine Gemeinheit ? also 's Talent, ich sag' Ihnen, großartig!« Ich: »Fräulein, in welcher Weise äußert sich Ihr großes Talent?« Die Mutter: »Also wenn sie mal im Volkstheater war oder bei d' Volkssänger und heimkommt ? ich sag' Ihnen, da hupft's umanand und macht die Faxen nach ? rein bucklet könnt' man sich da lachen. Also, net wahr, abgemacht, wir machen's, wir bringen sie zum Theater ? gelt?« ? Sie gingen. Die Tochter hatte nicht ein Wort gesprochen. Beide sah ich nie wieder. Sie waren kaum zur Tür hinaus, da trat meine Hausfrau ein und meldete: im Hof unten wäre ein junger Mensch, der zum Theater möchte und mich zu sprechen wünscht ? er habe sich schon von ihr, der Hausfrau, Gewichte ausgebeten und hebt 50 Pfund mit den Zähnen ... Darauf trat ein Ehepaar zwischen vierzig und fünfzig ein. Brave, behäbig-behagliche Münchner Bürgersleute, denen, möchte ich wetten, auf der Straße unten ihr Dackel nachtrottet. »Mein Mann« ? begann als die geistige Führerin Madame ? »ist in den Gemeinderat gewählt, da heißt's, Sie wissen, auch manchmal was sagen, und da sollen Sie ihm halt ein bissel das Sprechen beibringen.« Ich dachte natürlich, daß es sich bei dem neuen Volkstribun um Sprachtechnik handle, und bat ihn, um eine Probe zu haben, ein paar Worte zu sprechen ? vielleicht über augenblickliche Stadtangelegenheiten. Aber siehe da, der ehrenfeste Herr Wachszieher stammelte: »Meine Herren ? indem ? insofern ? daß wir ? weil wir hier ? also ?« usw. Genug, es stellte sich heraus, daß ich den guten Mann nicht belehren sollte, wie er reden müsse, sondern daß ich ihm das Was beibringen sollte. Weil ich aber dazu ? handelte es sich doch um Sachen des Magistrats ? weiser hätte sein müssen[160] als Salomo, Zarathustra und Sokrates zusammengenommen, zuckte ich die Achsel: »Über unsere Kraft« ? und geleitete das Ehepaar unter aufrichtigem Bedauern bis zur Treppe. ? Da stieg schon wieder wer empor. Diesmal eine junge, ungewöhnlich schöne Brünette, elegant, rassig und von siegendem Charme. Es war eine von den geschiedenen Frauen Strindbergs, die augenblicklich in München lebte und den spontanen Entschluß gefaßt hatte, es mit dem Theater zu versuchen. Sie wollte meine Ansicht hören, mein Urteil. Ich erklärte mich sogleich bereit, ihr dienlich zu sein, und wollte mich von ihren Fähigkeiten für den Beruf, den geistigen und handwerksmäßigen, womöglich gleich überzeugen, wollte sie prüfen. Aber die interessante Frau redete in prickelnd-bizarrer Weise, mit sprühendkapriziösen Wendungen von der »Auffassung« der Rollen, die sie spielen wolle. Also von den letzten Dingen. ? Das währte eine ziemliche Weile. Endlich sagte ich: »Ich wiederhole, gnädige Frau, daß ich herzlich gern bereit bin, Ihnen die Hand zu bieten ? aber dazu muß ich Sie fragen ? Sie vergeben ?, ob es Ihnen für den Anfang möglich ist ? denn das halte ich für durchaus nötig ? eine halbe Stunde nicht geistreich zu sein?« ? Da veränderten sich ihre Mienen, sie stand auf, ergriff den Sonnenschirm und verließ mich, um nie wieder etwas von sich hören zu lassen. ? Bis zur Stunde frage ich mich, ob ich mit dieser Äußerung, die ernst und gut gemeint war, wirklich etwas Unartiges gesagt hatte?! Nach einer ermüdenden Spielzeit war meine alljährliche »Erholung« eine schier noch ermüdendere Reise. München ist Fremdenstadt und hat darum von allen deutschen Hofbühnen die kürzesten Ferien: abgezählte achtundzwanzig Tage! Da heißt es, will man ein neues Eckchen Welt sehen, kombinieren, studieren ? und dann jagen und hetzen. Im Jahre 1892 entschied ich[161] mich für Bosnien. In schwarzer Nacht kam ich in Brod, der ungarisch-bosnischen Grenzstation, an. Neben dem Billettschalter, beim Schein einer qualmenden, trübselig brennenden Petroleumlampe stand ein Mann mit einer Amtsmütze und verlangte die Pässe ab. Mir gab es einen Riß! Ich hatte keinen, und in diesem traurigen Nest warten, bis er mir von München nachgeschickt wird ? schauerlich! Verzweiflung macht kühn und erfinderisch! Hatte es nicht auf der ganzen weiten Strecke in Ungarn geheißen ? ganz so wie im »Revisor« von Gogol ?, »wer da schmiert, der fährt«?! Gewohnheitsmäßig trage ich nun auf meinen Ferienreisen das Wochenrepertoire der nächsten Saison bei mir. Dieses ziehe ich, auf die Gefahr, wie ein ertappter Dieb gefaßt zu werden, jetzt aus der Brusttasche, bewehre mit einem Guldenzettel meine Rechte und winke die Amtsmütze zu mir. Auf diesem Repertoire steht am Kopf etwas von »Königlich«. ? Darauf deute ich nun, eine ernste Miene aufsetzend, mit dem Finger. Der Grenzgewaltige will schwierig werden, aber im Moment fühlt er auch schon in derselben Hand, die den Amtsstempel hält, meinen Guldenzettel. Oho ? das ist freilich etwas anderes! er grunzt ein respektvolles »Ah«, welches entweder dem »Königlichen« auf dem Repertoire oder dem K. K. auf dem Guldenzettel gilt, ? hebt den Stempelstock und ? bautz! Der Doppeladler saust nieder aufs »Weiße Rössel«. Und so ging's dann lustig weiter! In Serajewo, in Mostar, überall ? bautz aufs königlich bayerische Repertoirestück! ? Die Türken rissen Mund und Augen auf beim Anblick der aus Österreich zugereisten Beglückung. Sie dürfen mehrere Weiber nehmen, und ihre Städte besitzen infolgedessen keine Dirnen (die ja schließlich doch nur arme Opfer auf dem Altar der einzigen Gemahlin sind). In Serajewo aber gab es Dirnen wie Insektenschwärme; sie wimmelten in den Straßen wie Kohlweißlinge[162] auf fettem Ackerland. Neben überlebensgroßen Federhüten und Turnüren nach der Mode, armselige Luderchen mit Droschkentaxen. Ich drechselte folgenden Stachelreim: Amazon.de Widgets »Wir bringen die Kultur zu euch! Drang man aus Wien ins Türkenreich, Und überall in großer Schnelle Erhoben sich im Land Bordelle.« Mit großem Entzücken sah ich nach Serajewo mit seinem bizarren Bazar die herrlichen dalmatinischen Städte Ragusa und Spalato und gelangte ? alles in vier Wochen ? bis in die schwarzen Berge Montenegros. Auf der Landkarte unseres alten Kontinentes, zwischen Frankreich und Spanien, ist ein buntes Kleckschen zu bemerken, gelb, blau oder grün. Dieses Spritzerchen, nicht größer als die Verewigung eines Maikäfers, mitten in den Pyrenäen, ist die Republik Andorra. Jahrzehntelang fixierte ich beim Herannahen der Reisezeit den dicken Punkt, bis er mich hypnotisiert hatte. Eine Republik, die sich seit mehr als tausend Jahren selbständig regiert ? das Kleckschen mußte ich sehen! In dem letzten französischen Dörfchen Hospitalet (Ariège), bestehend aus einem Dutzend ärmlicher Häuser, die sich in graue Felsspalten verschlupfen, übernachtete ich, um gegen vier Uhr früh mit einem alten Andorraführer aufzubrechen. Solange wir uns auf französischem Boden befanden, waren die steilen Wege gebahnt, Flüsse und Flüßchen überbrückt. Das vollständige Aufhören von alledem war das Zeichen, daß wir das Gebiet der Bauernrepublik betreten hatten. Im ganzen Freistaat nicht zwei Ellen von Luxusdingen, als da sind Pflasterstraßen und Brücken. Er ist heute nicht anders als zur Zeit, da ihn der Sage nach Karl der Große gegründet hat. Es hieß also für uns, in Menschen- und Maultierstapfen auf- und abwärts klettern und Gebirgswässer[163] durchwaten. Da, nach einer steilen Wanderung von drei Stunden ? die ersten Republikaner. Auf kleinen Maultieren drei Schäfer und Grenzwächter zugleich; Stäbe in den Händen, kurze Gewehre an der Seite, die phrygische Mütze auf. Wir kamen uns näher: Kleine, hagere Menschen, die Gesichter von der Schneekälte des Winters und den Sonnengluten des Sommers zugleich wettergegerbt und gebräunt. Sie waren aufs ärmlichste gekleidet, eigentlich mehr in Leinwand gewickelt. Nachdem sie sich eine Weile mit meinem Führer in ihrem katalonischen Dialekt unterhalten hatten, nickten sie mir gutmütig zu und reichten mir die harten Hände zum Zeichen, daß ich willkommen sei in ihrem Land. Die erste Ansiedlung, Canillo, liegt an einem jähen Felsabhang. Sie besteht aus einem weitläufigen, patriarchalischen Bauernhof, der Raum genug hat für viele Schmuggler mit ihren Maultieren und Waren, einigen ärmlichen Häuschen und Hütten und der ? Kirche. Kirche! Der verfallene Verschlag für die Feuerspritze in einem ostpreußischen Dorfe wäre daneben monumental zu nennen. Ich hatte so etwas nie gesehen, nie für möglich gehalten. Die verfaulte Holztüre, halb aus den Angeln, das Taufbecken ein Stein, unbehauen, wie er auf dem Felde gefunden wurde, nur innen etwas vertieft, der Altar ein morscher Kasten mit einem getünchten Holzkreuz darauf. Der viereckige, finstere Raum mit Spinngeweben förmlich überdeckt, der Boden von Mäuselöchern durchbohrt. In der Mitte desselben eine Falltüre ? die die Begräbnisstätte der Bürgermeister des Ortes deckt. Die anderen Bürger werden außerhalb der Kirche in einem elenden Verschlag verscharrt. ? Unten im Tale bemerkte ich die schwärzlichen Umrisse einer menschlichen Gestalt: es ist der Geistliche des Dörfleins ? der sich sein Mittagessen fischt. Hinter Canillo, nach einem scharfen Felsbug, in einer engen Bergschlucht ein uraltes, originelles[164] Kirchlein, einsam, verlassen, fast wie ein Felsenriff im weiten Meere. Die frühgotische Form so sicher und exakt, daß es, obwohl ohne Mörtelbewurf und aus den unbehauenen Steinen der Andorraberge unbeholfen zusammengefügt, dalag wie ein großer Kristall. Ein Jahrtausend Sonne und Wetter hatten mitgearbeitet, ihm seine tiefbraune Plüschfarbe zu geben. ? Eine halbe Stunde weiter das Dorf Prazz, das, so winzig es ist, sich wie ein Städtlein gebärdet; denn es besitzt einen kleinen Platz mit drei oder vier einstöckigen Häusern, anheimelnd wirkend durch glückliche Gruppierung. In der Mitte ein steinerner Brunnen zur Labung für Mensch und Vieh. Nicht fern dieser Hochburg des Patriziertums der Republik ? richtige Höhlenbewohner. Die vielen tiefen Risse und Spalten der sich zur Rechten fortziehenden Felshänge durch »Kunst« erweitert, mit Türeingang und Luftloch versehen und so zu einem menschlichen Wohnsitz umgewandelt! Und Höhle an Höhle, eine lange übervölkerte Zeile, eine Avenue der Armut! ? Da und dort sah ich heiße Quellen von der Dicke eines jungen Birkenstammes aus dem Gestein hervorbrechen. Der Führer, der mein Erstaunen sah, bedeutete mir, daß es zumeist Schwefelquellen wären, und daß zumal Frankreich den Schäfern gar oft Anträge gemacht, ihnen Straßen durchs Land zu ziehen und Bäder zu er richten, wodurch sie Hunderttausende verdienen könnten. Nein! Heißes Wasser! Bauernlogik: Die Weiber mögen die schmutzige Wäsche drin reinigen! Nur nichts von außen! Denn nicht allein um Selbständigkeit und Freiheit sind diese Schäfer besorgt, auch um ihre Sittenreinheit, über die sie mit wahrem Fanatismus wachen. Als ihnen vor Jahren eine reiche Gesellschaft von draußen den Antrag machte, eine Spielbank in Andorra zu errichten, und dafür Millionen bot, wies der Senat das Ansinnen mit stürmischer Entrüstung zurück. ? Unantastbar ist auch die Tugend[165] ihrer Frauen. Jedes Mädchen ein Blümchen Rühr-mich-nichtan. Vergißt sie sich gar mit einem Manne, der nicht der alten Republik angehört, so ist sie verfemt im Lande und kann sich nicht mehr sehen lassen in den heimischen Bergen. ? Nach einem zwölfstündigen Marsch kam ich vier Uhr nachmittags in Altandorra (Andorra la Vieja), der Hauptstadt des Freistaates, an. Die Metropole ist um einige, etwas höhere Gebäude reicher als Prazz, dafür aber minder anmutig. Auf dem Platze befindet sich das Staatsgefängnis ? beinahe hätte ich der Staatskäfig gesagt. Denn ungefähr so sieht der niedere Verschlag mit dem eisernen Gitter aus. Er ist übrigens mehr eine Art Warnungszeichen oder Dekorationsstück; denn seit grauen Zeiten, so sagte man mir, saß kein Mensch hinter diesem Gitter. In der Wirtsstube mit ihrem Lehmboden und dem mit einem dicken, blauen Schäfermantel verhängten Fenster war es erquickend kühl. Ich riß von mir, was nur Sitte und Anstand gestattet, ließ mich am Brunnen in der Ecke über und über anpumpen und warf mich dann auf die Holzbank am langen Tisch. Es ging übrigens recht gemütlich zu in diesem ersten Hotel des Staates. Während der steinalte Wirtpatriarch in Hemdärmeln, die phrygische Mütze auf dem Kopf, Speisen und Wein herbeischleppte, spazierten die Hühner, Speisereste in frechster Weise aufpickend, munter über die »table d'hote« und junge Zicklein machten mir parterre die ausgelassensten Clownsprünge vor. ? Das Rathaus (Palais) liegt seitab der Stadt an einem tollkühn abfallenden Felshang, aus dem es wie herausgewachsen erscheint. Es ist ein maurischer Bau aus dem dritten Jahrhundert von verblüffender Originalität. Grau verwittert, zyklopisch gedrungen, primitiv gefugt, nur mit einem kegelförmigen, unbeholfenen Ecktürmchen aus Stein versehen, steht es da in naiver Schönheit. Man kann[166] sich denken, wie die Jahrtausende den Bau gegerbt, gefurcht, gezeichnet, welche Narben und Striemen sie hineingegraben. Er ist von einem malerischen Reiz ohnegleichen. Dazu: das Geringste, jeder Riegel, jeder Nagel daran gewinnt durch das hohe Alter ein fast ehrfurchtsvolles Interesse. ? Das Altmonument überragt und krönt das ganze, weite, romantisch zu seinen Füßen liegende Tal, und die Aussicht von hier ist von seltenem Zauber. Das Palais besteht eigentlich nur aus zwei gleichförmigen, gleichgroßen Räumen übereinander. Der untere ist der Stall für Maultiere und Esel der Senatoren, der darüber der Sitzungssaal. Hier hängen an den Wänden feierlich die dreieckigen Hüte und roten Tuchmäntel der Senatoren. ? Ich sah und sprach den Präsidenten des Freistaates, der just aus dem Palais trat, da ich es entzückt betrachtete. Aber ich kann nicht sagen, daß mir der Mann gefallen hätte. Seine modische Kleidung paßte gar nicht in den Rahmen. Ebenso hatte sein großartiges Benehmen etwas Stilwidriges. Auch bei der Unterhaltung gewann er nicht. Er begann sofort von seinem Kollegen Felix Faure zu sprechen, den er in Paris besucht habe usw. Ich kehrte zurück nach Hospitalet und in beschleunigtem Tempo ging's heim nach Bayern. Im Allgäu entstand auf einer Station ? irre ich nicht, so war's Kaufbeuren ? ein ungewöhnliches Gedränge im ganzen Zug. Ich weiß nicht, was da eigentlich los war ? vielleicht waren's Leute eines Prozessionszuges ? genug, hundert und hundert Menschen, die auf dem Perron gewartet, überschwemmten förmlich die Waggons. Auf die Eisenbahnklasse wurde gar keine Rücksicht genommen: Der große »amerikanische« Wagen, Klasse II, in dem ich fuhr, war einfach gepfercht und in den Gängen, zwischen den Sitzreihen, Mensch an Mensch. Auch bei mir. Hier standen vier blutjunge schwäbische Bauerndirndln und in Feierkleidern schmuck herausgeputzt. Der Zug setzte sich in Bewegung und ich[167] sagte scherzend zu meinem Reisegenossen gegenüber: »Ja, ja! Das ist hier so auf der Strecke christlich gesetzlich, wenn's überfüllt ist, so hat man den Danebenstehenden einfach auf den Schoß zu nehmen.« Die Kleine mir zunächst, ein vierzehn-oder sünszehnjühriges Kind mit blonden Zöpfchen und eingeflochtenen Maschen darin, wahrscheinlich zum erstenmal in einem Eisenbahnwagen, wendet mir ihr hübsches Gesichtchen fragend zu, und, da sie meine ernste Miene sieht und das glattrasierte Gesicht, das so was von einem geistlichen Herrn für sie haben mochte, ? wie sollte sie zweifeln? Sie dankt und setzt sich mir ganz gemütlich auf die Kniee. Und so hatte ich armer, alter Junggeselle zwei oder drei Stationen die glückliche Empfindung eines Papas, der ein hübsches Töchterchen sein eigen nennt. Es blieben mir noch einige Tage bis zur Eröffnung der Spielzeit. Ich beschloß, sie in Aibling zuzubringen, um Leibl, der sich vor Jahren hierher von der Welt zurückgezogen hatte, aufzusuchen. Scheu flüchtete er noch ein paar Meilen seitab in die Vorberge der bayerischen Alpen nach Kutterling. Hier hauste, Sommer und Winter, in einem kleinen Bauernhause, das er für Jahrzehnte gepachtet, der geniale Maler mit seinem unzertrennlichen Freunde, dem Landschafter Sperl. Ich liebte die große Kunst Leibls und nicht minder sein mutiges Herz, mit einer großartigen Handbewegung allen nur entbehrlichen Ballast und Wust des Lebens zur Seite zu schieben und nur sich selbst zu leben und seiner Kunst. ? Ich stieg empor auf schmalem Steg zu dem Hause, das man mir als das seine bezeichnete. Ein kleiner, alter Holzbau, braun gebeizt von Sonne und Wetter, ganz freiliegend, umgeben von Obstbäumen. Ich klopfte an und Leibl öffnete selbst; denn er war ganz allein zu Hause. Er war in Hemdärmeln und entschuldigte sich wegen seines Negligés. Er faßte den Überfall freundlich auf, als das, was er war, als eine redliche[168] Huldigung, als eine Wallfahrt zu seinem Genie. Er wies mir mit seinen gewaltigen Händen, die er selber wie Zentnergewichte recht unbeholfen wog, Platz an auf einer Holzbank an einem alten, großen Bauerntisch. Dann sagte er mir im reinsten Kölnisch: ich möge mich nur einen Augenblick gedulden, er müßte was zur Erquickung herbeiholen. Ich war allein und sah mich um: das große, getäfelte Bauernzimmer unverändert, wie es früher gewesen, mit der Hühnersteige am großen Kachelofen, Kruzifix im Erker usw. Nur ein breites, eisernes, ganz modernes Bett stand an der Wand. Das war alles! Mehr brauchte der Mann nicht, um zu hausen; und das Fenster der Bauernstubs noch um eine Scheibe vergrößert, damit mehr Licht einfallen könne. Mehr brauchte der Maler nicht, um seine Meisterwerke zu schaffen. Kann man sich leicht etwas Ergreifenderes denken?! ? Ein paar Büchsen hingen in der Ecke. Wenn Leibl fühlte, daß es heute nicht gehen wolle, wenn seine Kunst es forderte, daß er brach liege, nahm er die Flinte von der Wand und durchbirschte die Gegend. Ist das nicht groß?! Heißt das nicht sich ausleben?! ? Die Staffelei stand leider leer. Leibl malte gegenwärtig in dem nahen Dörfchen Berbling. Auf einem Arbeitstisch lag eine prächtige Kohlenzeichnung von samtenem Ton, die Leibl mir gegenüber im späteren Gespräch als mißlungen erklärte und zur Seite schob. ? Er kam an, die herkulischen Hände und Arme, mit denen er wie oft die rebellischen Bauern in den Wirtshäusern, wenn sie raufen wollten, zu Paaren trieb, förmlich bepackt mit Weinflaschen und Imbiß. Auch eine Decke hatte er mitgebracht, um sie über den Tisch zu breiten. Ich beschwor ihn, sich nicht zu bemühen, und, wenn es ihm genehm, bei dem schönen Wetter lieber mit ins Freie zu treten. Das taten wir denn auch und setzten uns auf die Holzbank vor dem Hause. Die Flasche blieb natürlich nicht zurück. »Ein Landsmann vom Rhein«, sagte Leibl,[169] »auf den ich mir was einbilde«! ? Wir saßen und plauderten eine Stunde, die mir unvergeßlich bleiben wird. Leibl sprach viel über die modernste Richtung in der Malerei und kam auf Uhde zu sprechen, dessen großes Können er herzlich rühmte. Als ich mich empfahl, sah er mir freundlich ins Gesicht und sagte: »Zeichnen möchte ich Sie. ? Kommen Sie wieder!« Wie gerne wäre ich der Aufforderung gefolgt, hätte uns nicht der Tod den Herrlichen entrissen. ? Ich hatte bei meiner vorjährigen Ferienreise spanischen Boden gestreift und meine Sehnsucht, so alt wie mein Leben, das Wunderland des Don Quichote zu bereisen, war wieder aufs lebhafteste erwacht. Es ging zuerst nach Barzelona. Hier sollte ich etwas sehen, wovon ich soviel, soviel gehört hatte: einen Stierkampf! Und zwar in der Riesenarena der Stadt. Den Consierge des Hotels lud ich zum Mitgehn. Er erschien, am Arm die Gattin, die eine hochbusige Dame war von spanischer Grandezza. Es gab zwei Eintrittspreise: Sonne und Schatten. Die Reichen und Satten überließen, großmütig wie sie sind, die Sonne den Armen und blieben im Schatten. Auch ich mit meinen beiden Gästen zahlte das Doppelte für die Schattenseite. Die Sonnenseite gab einen Anblick von blendendem, betäubendem Reiz, ein jubelndes Sichausleben, frenetisches Aufjauchzen der Farbe! Man stelle sich vor: amphitheatralisch aufsteigend tausend und tausend Menschen, dicht gedrängt. Sonntägliche, buntnationale Tracht! Die Frauen in Blusen von südlicher Farbenglut mit feurigen, schick umgeworfenen Schärpen, bei denen das Gelb dominiert, glitzernden Schmuck im dunkeln Haar und großen, leuchtenden Fächern in Händen. Das alles vom Sonnenlicht übergossen, durchflutet, umschmeichelt ? in regster, nervöser Erwartung. ? Das Theater beginnt! So etwas wie ein Marquis Posa in einem Kostüm, als wäre es einer Maskenleihanstalt[170] entlehnt und fürchte die Helle des Tages, erscheint, geht in Begleitung von zwei Komplicen, gleichfalls in einem Sammet von seliger Pracht, schräg über den Zirkusraum und verbeugt sich vor einem in der Mitte hoch thronenden, schwarzbefrackten Herrn. Es ist der Vizebürgermeister der Stadt, der feierlich den Schlüssel für den Verschlag der Tieropfer in die Tiefe wirst. Der Schlüssel wird virtuos aufgefangen, ? Tusch, Freudengeschrei der Massen und das blutrünstige Vergnügen nimmt seinen Gang! Die Zuschauer werden rasend vor Enthusiasmus ? sie atmen Blutgeruch! Sie werfen in ihrem Paroxysmus den Kämpfern zu, was sie nur bei sich haben. Einer auf der Schattenseite weiß sich buchstäblich nicht mehr zu fassen, so daß er, nachdem er bereits alles hingegeben, seinen Rock vom Leibe reißt, um ihn dem Matador zuzuschleudern. Ein Enthusiast ohnegleichen war auch mein Concierge. Als ein schwarzer, kleiner Stier sich geschickt wie virtuos gegen den tödlichen Degenstich in den Nacken wehrte, triumphierte mein Gast stolz: »Seht ihr, seht, das ist ein Landsmann von mir, der schwarze, brave Kerl! Ein Andalusier! Hoch!« Gleich darauf lag der andalusische Landsmann Schaum und Blut vor Maul und Nüster als Kadaver im Sand. ? Tragikomisch benahm sich für mich ein dem Tode geweihtes Schimmelchen. Eine klägliche Schindmähre, an deren Rippen man auch ohne Röntgenstrahlen anatomische Studien hätte machen können. Dieser armselige Karrengaul mußte stolzere Zeiten gesehen haben und trug wahrscheinlich einstmals einen kriegerischen Helden auf seinem Rücken. Denn, während die andern Pferde beim Anblick des Stieres scheuten und den drohenden, vorgebeugten Hörnern zu entgehen suchten, setzte sich Rosinante ganz im Gegenteil in einen scharfen Trab, direkt dem Feinde entgegen. Für das Publikum ein Clownstückchen, das große Heiterkeit auslöste. Ohne Zweifel war der klägliche Racker, dessen Karierre beim[171] Pferdemetzger endete, ein ausgedientes Kavalleriepferd, das sich beim Klange der kriegerischen Musik hier alter Zeiten erinnerte. Nicht lange darauf hatte der Stier den kampfbereiten Renner auf den Hörnern und schmiß ihn in die Lüfte! Neun Stiere und siebzehn Pferde wurden getötet. Gräßlich! Aber eine Regierung, die es wagen wollte, diese fürchterlichen Spiele aufzuheben, liefe Gefahr, eine nationale Revolution zu entfesseln: Menschenblut könnte fließen für Tierblut! ? Ich sah darauf das herrliche Saragossa mit seinen uralten Bauten in schmalem Gäßchengewirr. ? Auf der Fahrt nach Madrid gab es Strecken, wo akute Hungersnot herrscht. Ausgemergelte Menschen: Männer, Frauen, Greise, Kinder liefen unserem Zuge nach und streckten uns bettelnd die Hände entgegen. Man warf ihnen zu, was man bei sich hatte: Münze und Nahrungsreste. ? Nach Madrid sah ich Burgos mit seinem Prachtdom ? und wandte mich über St. Sebastian zur Rückreise. In Lourdes aber mußte ich Station machen; hier hielt mich eine Mission! Zwei mir gleichwerte Leute vom Theater wünschten sich das alles heilende Lourdeswasser: meine liebe, unvergeßliche Kollegin Bland, die es für ihre kranke Mutter brauchte, und meine geniale Schülerin Jenny Rauch. Die arme Jenny wollte sich ihre schönen, schwarzen, aber leider sehr kurzsichtigen Äuglein damit betupfen. Ich füllte an der heiligen Quelle zwei Fläschchen, zusammen etwa »drei Quarteln«, und fuhr darauf wieder weiter. Im Zuge hole ich meinen kleinen Koffer vor, um die beiden Fläschchen unterzubringen. Ein Reisegenosse aber, der einzige, der sich im Augenblicke mit mir im Kupee befand, wußte sogleich, um was es sich handle und wurde sehr ungnädig. »Mein Herr«, rief er, »Sie scheinen mir ein studierter Mann zu sein, und unterstützen Unfug und Aberglauben; ich bin Anarchist, mich macht so was toll.« »Wenn man«, entgegnete ich, »aber lieben Personen eine[172] Freude bereiten kann!« ? »Ach was! Da, wo Sie daheim sind«, ereiferte er sich, »wird's doch Wasserleitungen geben; da halten Sie für Ihre alten Weiber die Bouteillen unter und die Wirkung und Verzückung wird dieselbe sein.« Mit diesen Worten wollte er das Wasser fast gewaltsam aus dem Fenster schütten. »Es sind keine alten Weiber, die es haben sollen«, sagte ich. Er ? mit einem ironischen Zucken der Mundwinkeln: »So ? wer sonst?« Ich: »Schauspielerinnen!« ? Darauf nur ein erstauntes »Ah!« des Rabiaten. Schauspielerinnen? ? Lourdeswasser? ? Das war ihm neu! Er kannte eben nur die Schauspielerinnen seiner Nation, nicht die deutschen, die nicht selten der höheren Tochter mit der Musikmappe am Arm an Sittsamkeit noch etwas vorgeben. Aber mein Reisegenosse war ein großer Theaternarr, fing an, neugierig zu plaudern, und lobte mich schließlich noch, daß ich die Fläschchen für meine Kolleginnen so weit schleppen wollte. ? Zwei oder drei Stationen später verließ der Sanguiniker das Kupee und als milder Gegensatz zum Anarchisten stieg eine Klosterfrau in schwarz und weißer Einkleidung ins Abteil; eine noch junge Deutsche, einem Kloster in den Pyrenäen angehörend, die ihre Eltern in Freiburg im Breisgau zu besuchen hatte. Landsleute in der Fremde, einen halben Tag allein im Kupee ? da gibt's was zu schwatzen, zu erzählen. Es war ein schlichtes, gutes, kluges Mädel; wollte zerstreut sein und ich mußte ihr Verse von Goethe, Uhland, Möricke zitieren, die sie sich ganz begeistert in ein Büchlein schrieb. Es war ein heißer Tag, sie wurde müde und schläfrig und ? plötzlich fühlte der alte Komödiant ein heiliges Köpfchen an seine Schulter gelehnt. Ein kleines Stündchen rührte ich mich nicht und ließ sie schlafen ? und bekam dafür von ihr etwas von dem Klostergebäck, das sie für ihre Eltern im Schwäbischen mitbekommen hatte.[173] Im Jahre 1898 bereiste ich während der Ferienwochen Skandinavien bis zum Nordkap. Die Bahn brachte mich über Stockholm, Bergen bis Trondhjem. Hier bestieg ich den Dampfer nach dem Nordkap. Auf der Rückreise war ich so glücklich, in Christiania Ibsen zu sprechen. Er war sehr gütig und ließ es sich nicht nehmen, mich zu bewirten. »Sie werden gewiß als Münchner bayerisches Bier lieben, aber das Pilsner ist hier frischer.« Er ließ beides kommen. Ebenso Rheinwein und Roten usw. Er erkundigte sich lebhaft nach den Theaterverhältnissen Münchens. Ich berichtete eingehend. Der Meister sprach manches über die Schauspielerei und die Technik dieser Kunst. Ich machte die Bemerkung: »Es ist nicht wahr, daß Ibsen, wie vielfach angenommen wird, schwer zu spielen sei, im Gegenteil! Während der Schauspieler andere Dichter zur Natur zwingen muß, zwingen Sie uns zur Natur. Sie legen uns die Worte so zurecht ? so in den Mund ?, Sie machen es uns leicht!« ? »Ja«, lächelte er, »das ist freilich mein Bemühen ... Wenn es mir nur auch immer gelänge ...!« Auf meine Frage, ob er seine bedächtigen, wenig agilen Landsleute, die Norweger, besonders begabt für die Schauspielkunst halte, antwortete er: »Besonders begabt für Ihre Kunst halte ich von den skandinavischen Völkern nur die Dänen.« ? Mit bewegtem Herzen schied ich, ? und vier Tage nach der Unterredung mit dem Erlauchten spielte ich in München ? im »Weißen Rössel«. ? Es sei mir gestattet, ein paar Strophen einzuschalten, die mir am Anfang einer Ferienzeit das erlösende Gefühl eingab, dem Kerker der Stadt entspringen zu dürfen: Lebt wohl, ihr himmlischen Soffitten, Gemalter Hain, gemalte Flur, Ihr »praktikabeln« Wälder, Hütten, Du angestrichene Natur![174] Du Silbermond aus Stoff und Gaze Du Leinwandsee, Ihr Sterne aus Marienglas, Lebt wohl, ade! Du Sommertraum aus grauen Flören, Du wilde Pappendeckelsau, Kachierte Früchte, Blüten, Beeren, Du aufgehängte Flur und An, Du Felsenblock mit Heu gefüllt Du Flittergold, Du Donnerblech, das, wenn es gilt, Vulkanisch grollt. Ihr erbsenrollenden Orkane, Du Blitz aus Kolophonium, Du frisch genähte Siegesfahne, Elektrisches Elysium, Du ausgestopfte Vogelwelt, Papierner Schnee, Du aufgerolltes Ährenfeld! Lebt wohl, ich geh! Mit neuer Kraft dir bald zu leben, Verlaß ich dich nun, holder Schein; O Freiheit, Freiheit! Wonnebeben Durchströmt die Brust, mein ganzes Sein! Hinaus, hinaus! O Licht und Duft! O Himmelszelt! Hinaus, hinaus! O Waldeslust Und Blütenwelt![175] Hier lasse ich mir nicht soufflieren, Was mich entflammt, erfreut, durchglüht; Hier darf ich frei extemporieren, Wie alles, was da lebt und blüht. Echt, nicht gemacht, sind fern und nah, Frucht, Blüten, Baum, Die Menschen selber echt beinah ? O Ferientraum! Ich habe während der vielen Jahre in München nur wenig gastiert. An kleinen Bühnen verleidete mir meist ein wenig entgegenkommendes und vor allen Dingen übermüdetes Personal die Sache. (In Passau z.B. antwortete mir ein älterer Schauspieler auf meine Frage, ob er denn bis morgen die große Rolle wird auswendig lernen können? »Das wohl nicht, aber seien Sie ruhig: ich beherrsche immer die Situation.«) Dazu saloppe, ungenügende Proben ? macht zusammen einen künstlerischen Katzenjammer, erkauft mit 150?200 Mark. Viel Freude machte es mir dagegen, wiederholt von Max Grube eingeladen zu werden, in Düsseldorf bei den Rheinischen Goethe-Festspielen mitzumachen. Ich hatte dort Glück, zumal als Harpagon, den ich wiederholt gab. Ganz besonders Perfall in der »Kölnischen Zeitung« schrieb so sicher über mich, als wäre er ein Gedankenleser. ? Einmal bei einem »Muster gastspiel« in Mainz spielte ich den Malvolio in »Was Ihr wollt«. Von Münchnern wirkten weiter mit: Häusser (Tobias) und die Swoboda (Viola). Es fiel alles gut aus bis auf die ? Hotelrechnung unserer Kollegin! Sie war damals nämlich sterblich verliebt ? (ich schreibe diese Worte mit ihrer ausdrücklichen Erlaubnis) in den Italiener Fumagalli zur Zeit in München ? und lief, so wie sie nur abkommen konnte, ? auch bei der Mittagstafel[176] während der verschiedenen Gänge ? zum Telephon, um dem Geliebten Grüße zu senden. Nun kam die »Nota«. Die Häussers und die meine waren bescheiden. Aber die der Swoboda! Das Telephonieren war damals noch teuer! Und Besprechungen wie: »Liebst Du mich noch, mein Abgott?« ? »Dein übers Grab, mein Augenlicht.« ? »Wirst Du mir treu bleiben, Liebling?« ? »Kehre zurück in meine Arme, Erlöserin!« ? kosteten Geld! Arme Kollegin! Wie übergroß wurden Deine Augen ?: statt zwanzig wie wir ? Fumagalli, du warst teuer erkauft! ?, sechzig Reichsmark! Lange Zeit wohnte ich in einem kleinen, alten Häuschen der Königinstraße, draußen, wo sie schon mit der Vorstadt Schwabing zusammenfließt. Es lag phantastisch mitten in Gärten, die in Unkraut schossen. Besitzerinnen waren zwei alte Jungfern; die jüngere davon kurzbeinig und kugelrund, einem gedrungenen, feisten Kapuziner frappant ähnlich; die viel ältere dagegen hatte etwas von einem länglichen Jesuiten, was, wenn sie nebeneinander standen, ein fideles Genrebild gab. Die Jesuitin hatte vor Jahren eine Pilgerfahrt nach Jerusalem mitgemacht, was sie jedem mit ihrem ihr zur Natur gewordenen blau-frommen Augenaufschlag als erstes erzählte, weil sie sich dadurch wie geadelt glaubte. Während der Kapuziner das Haus zu versorgen hatte, ging die andere Tag für Tag ihrem Sport nach; darin bestehend, wo es nur in der Umgebung (Ramersdorf, Moosach, Laim usw.) Ablaß gab oder ein »Amt«, eine Prozession, ein Begräbnis, mit Gebetbuch, Rosenkranz, hartgesottenen Eiern im Ridikül, hinzuwallfahrten. Einmal im Jahre fiel es ihr außerdem zu, die Ziege zum Bock zu führen: mit der Rechten das Tier am Strick ziehend, in der Linken das große Liederbuch, so ging es dahin zum gesegneten Werk. Außer den beiden Frauen und der gehörnten Nährmutter besaß das Haus noch als Insassen einen[177] großen, weißen Kater und mich. Der erstere, wenn er nachts die weiten Gärten Schwabings durchlumpt hatte, wartete des Morgens Tag für Tag, bis die in ihn verliebte Wirtschafterin des Hauses in den Stallverschlag zum Melken ging, steckte sodann als erster seinen dicken Kopf in den Milchtopf und soff, bis er satt war; den Rest überließ er dann seinen gottesfürchtigen Herrinnen. Das waren wahrhaft paradiesische Zustände für mich! Nur ein Nachteil machte sich mehr und mehr geltend: für meine Bilder- und Skizzensammlung, die wuchs und wuchs, wurde das kleine Haus zu eng. Im Gang, ja in der Küche mußten Meisterwerke von Zügel, Leibl, Keller, Trübner, Slevogt, Uhde usw. aufgehängt werden. Was tun? Ich entschloß mich kurz und schenkte die Sammlung (annähernd vierhundert Werke, die zumal das Schaffen der Münchner Maler aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts charakterisiert), meinen Kollegen für das Schauspieler-Museum. (Zieglerstiftung.) Man hat mich damals wegen meines »humanen Sinnes« ziemlich überschätzt. Denn ich glaube wirklich, daß ich die Schenkung nie gemacht hätte, wenn ich in der Lage gewesen wäre, mir eine große Wohnung zu nehmen, um die Schätze würdig unterzubringen. Die Schenkung hatte übrigens eine verblüffende Wirkung: ich wurde von allen Ecken und Enden angepumpt! Denn, wer Derartiges wegschenkt, reflektierte man, muß nicht nur außerordentlich dumm sein, sondern wahnsinnig reich. Das erstere vermochte ich nicht abzuleugnen, erklärte dagegen wahrheitsgemäß, daß das Geringe, das ich besaß, eben in den Bildern stak. Umsonst! Die drohenden Klingelzeichen an meiner Türe ? meinen eigenen Angelegenheiten galten täglich kaum drei bis vier, und der friedliche Klang derselben war mir zu bekannt ? nahmen erschrecklich überhand und machten mich schaudern. Als ein Mensch, der ein Herz im Leibe hat, erhebe ich hier darum meine warnende[178] Stimme für Leute, die Schenkungen machen wollen. ? Nach Possart wurde Baron von Speidel Generalintendant. Er war Oberst und eine glänzende militärische Laufbahn stand ihm offen; er opferte sie für das Regiment im Theater, das er herzlich liebte. Bei seiner Antrittsrede sagte er: »Da heißt es, sich tüchtig einarbeiten!« Das war ihm gelungen: Er wurde ein ausgezeichneter Bühnenleiter. Leider starb uns der pflichtgetreue und gerechte Mann schon nach sieben Jahren. ? Wer wird es sein? Wer wird nach Speidel Intendant? Das war die Frage, die München leidenschaftlich bewegte! Man riet, »zerriß und zerspliß sich mit Sinnen« ? und verfiel dabei sogar auf den früheren Ministerpräsidenten Podewils, der ja so famose Schnadahupsln zur Zither sang. Aber ganz so urbajuwarisch fiel die Wahl doch nicht aus! Freilich mußte es damals einer sein, dessen Urahnen vor grauen Jahren auf grauen Burgen gesessen und ein paar Kreuzzüge ins heilige Land mitgemacht hatten ? im übrigen wurde der Mann und seine Fähigkeiten erwogen. Man hatte Glück! Ein noch junger Mann ? an und für sich ein Vorzug, weil er noch lernen kann ? mit hellem Blick, einem Herzen voll Wärme für die Kunst, schaffensfreudig, weitblickend und auch nicht ohne Theatererfahrung, der ausgezeichnete Musiker: Freiherr von und zu Frankenstein wurde Intendant. Die Eigenschaften des klugen Kaufmanns: kühn im Entschluß, und vorsichtig bei der Operation, zeichneten ihn aus. Herzhaft und ringsum belebend griff er ein ? aber er hatte einen schweren Stand: bald nach seinem Amtsantritt brach der Krieg aus! Zumal im Schauspiel mußte er wichtige Mitglieder entbehren: der ausgezeichnete Basil, der Naturbursche von Gottes Gnaden, war nicht zu halten und zog freiwillig die feldgraue Uniform an ? der wuchtige Prachtrecke Ulmer mit Herz und Kopf voll Impuls, bei dem vielleicht das Bewußtsein überlegener[179] Kraft und Stärke einen so kindlichen, weise lächelnden Humor gebar, und der lachen und dräuen kann wie kaum ein zweiter in Deutschland, schob sein »Unabkömmlich« kurzerhand von sich und zog als Offizier ins Feld. Ebenso Dr. von Jacobi, ein Nachkomme des Weisen, den Goethe Freund nannte; der geistvolle, junge Charakterspieler, von dem die deutsche Bühne einen tiefschürfenden, reinigenden, im besten Sinne modernen Regisseur zu erwarten hatte, stand gleich in der ersten Phase des Krieges an der Front und fiel zu unserm Schmerz. ? Der liebenswürdige, alle bezwingende Waldau, die verhätschelte Augenweide von jung und alt, und noch viele von uns kämpften an beiden Fronten: so auch Florath, das rassige, weinfrohe Teufelchen, das Goethes Wort: »Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch 'nen Wein!« glänzend bewährte, denn er reiste im Krieg zum Helden und darnach zu einem ganzen Kerl auf den Brettern. ? Selbst unsern Oberregisseur, Dr. Kilian, obgleich ihm das Nationaltheater das »Unabkömmlich« wiederholt dringend angeboten, trieb es, seine Ehrenpflicht als Soldat zu erfüllen und er zog als Hauptmann an die Ostfront. Der Feingebildetete, Feinsinnige hatte das Münchner Repertoire durch seinen sichern Blick für alles, was dramatisch pulsiert, durch sorgfältiges Durchsieben, weise Auswahl von altem und neuem Gold auf eine Höhe gebracht, wie nie zuvor ? und fehlte der Leitung gar bald ebenso wie einem Manne der Arbeit der plötzlich gelähmte rechte Arm. ? ? ? Die Revolution kam! Schier wie durch eine Theaterversenkung auf das Klingelzeichen des Inspizienten war die Monarchie verschwunden; mit ihr war natürlich das bisherige Theaterregime wie durch eine Sturzwelle weggeschwemmt. Damit zugleich unser Generalintendant Frankenstein. Es kam als Intermezzo der Künstlerrat mit dem ehrenfesten Franz Jakobi, Fritz [180] Ulmer, dem kameradschaftlich braven, wohlwollend hilfreichen, redegewaltigen und dem geschäftstüchtigen Bauberger und klugem, rührigen, warmherzigen Trautsch in leitenden Stellungen. Der glänzende Schauspieler, der Teuselssapperloter Schwanec ke, forsch und zähe, verschlagen wie eine Katze, und mit einem Geist, so elastisch und gelenk wie es die Glieder eines Equilibristen sind, wurde Intendant. ? Aber die Sache währte nicht lange: Die bayerische Regierung holte sich bald von auswärts einen »Fachmann«! ... Es war einmal ein Mann, der so wenig Künstlerblut in sich hatte, als ein Frosch heißes dieses »besondern Saftes« ... Es war einmal ein kleiner, bequemer Bureaukrat, der ? im Gegensatz zu den geistig Reichen, die geborene Verschwender sind ? darauf angewiesen war, mit seiner bescheidenen Neige schlau zu wirtschaften. Zufolge dieser routinierten Schläue begriff der von der Regierung zum General-Intendanten der Bayerischen Staatstheater gewählte Mann Dr. Carl Zeiß, man müsse Klügere für sich arbeiten lassen und ihre Leistungen mit Anstand auf den eigenen »Ehrenscheitel häufen«. Vorher in Dresden und Frankfurt, gelang Zeiß der Trick: er fand seine Leute! In München griff er unglücklich in den Lostopf und war schnell bankrott. Da war in Hamburg ein Theater, das Schillers Räuber in Straßenkleidern von heute gab. Ein Karl mit Monokel, ein Franz, Zigaretten rauchend, in Bügelhosen. Das Herz des Münchner Bühnenleiters schlug begeistert. Zwar den Übermenschen selbst mit der genialen Ehrfurchtlosigkeit vor dem Kunstwerk, den er am liebsten gehabt hätte, konnte er nicht bekommen, aber wenigstens den andern Regisseur des Theaters, das solchen Mut des Skandals aufgebracht hatte: er ließ den erlösenden Engel kommen! Hamlet war das Debüt! Bügelhosen waren leider allbereits von Hamburg vorweggenommen. ? Schnell was anderes ausspekuliert![181] Bagatelle! Man stilisiert ? das sieht immer nach was aus! Ein Beispiel: Lessing rühmt in seiner Dramaturgie wie Shakespeare den Geist in Hamlet (im Gegensatz zu den Gespenstern Voltaires, denen man am hellichten Tag auf ihre Schleppe treten könne), ganz im Sinne der Ammenmärchenphantasie erscheinen läßt: Mitternacht! Das Gespenst, »verdammt, auf eine Zeit lang nachts zu wandeln«, schreitet langsam über die schneebedeckte Schloßterrasse. ? Veraltet! Das Hamburger Genie läßt nicht herumspazieren, es erscheint nichts als im grünblauen Blitzlicht der Kopf des Gespenstes ? genau wie bei einer spiritistischen Sitzung. Und so weiter ... Kurz, mit dem verschriebenen Meister aus dem Norden war's nichts. Mir fällt ein Schnadahüpfl ein, das ich gelegentlich auf Zeiß machte, und das sein Wirken ? wie ich glaube ? nicht übel charakterisiert: Amazon.de Widgets »Am Kopf hat der Zeiß fast gar koane Haarl, Nur oans is no kahler: Sei Repertoirl!« Bei alldem war Zeiß nicht ohne Gutmütigkeit, Wohlwollen und kameradschaftlichen Geist, und als ihn ein Schlaganfall im Jahre 1924 wegraffte, wurde er von vielen aufrichtig betrauert. ? Nach dem Tode von Zeiß lag die Verwaltung in den Händen des Oberregierungsrats Heydel, dem die Gabe des Organisierens förmlich im Blute lag. Er hatte nun freie Hand und nützte sie mit unermüdlichem Fleiß. Er liebte die Kunst und war hilfreich, wo er es nur vermochte. Die Tradition jedoch sollte gewahrt bleiben: Die Regierung wollte wie ehedem einen Intendanten und rief Frankenstein zurück. Und so hatten wir denn wieder einen Künstler an der Spitze! ... Von den Kriegsjahren und der Zeit, die ihnen folgte, und was ich da alles miterlebt habe, davon hier zu sprechen, halte[182] ich nicht am Platz. Gegenwart ist Tageslicht und auch allzu große Helle kann machen, daß man nicht sieht. So gewaltige Katastrophen und ihre Folgen und Konsequenzen lassen sich erst aus der Perspektive beurteilen: Es muß viel, viel Zeit darüber hinweggegangen sein, soll man sie begreifen mit all den so abscheulichen Blasen, die aus ihnen aufsteigen, wie aus den Tiefen des Urschlammes. Nur ein paar flüchtige Momentaufnahmen aus der Episode der Räterepublik als Illustration jener Zeit: In meinem Quartier Bogenhausen wurde unnötig so viel kreuz und quer geknallt, daß mir einmal, da ich in meiner Wohnung, an einem rückwärtigen Fenster, stand, von der Wiese am Hause zugerufen wurde: »D' Nas'n weg, g'schoss'n wird!« Ich hatte just noch Zeit, zur Seite zu springen. ? Knapp nach der Rätezeit hatte ein Offizier mit seinem militärischen Begleiter auch bei mir nach Waffen zu forschen. Da sich außer zwei verrosteten gotischen Spießen und einer Streitaxt aus der Zeit der Agilolfinger in meinem lammfrommen Heim Blutwerkzeuge nicht befanden, so hatte ich natürlich keine Bedenken, dem Mann die Tür zu öffnen. Anders dachte meine junge, kleine Haushälterin! Sie legte die Diebskette vor, und als der Leutnant Einlaß begehrte, inquirierte sie scharf durch die Türspalte und wünschte, er möchte sich vorerst legitimieren. Der junge, schmucke Held, geziert mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse, sah die strenge Miene des lieblichen, zarten Mignon-Köpfchens nicht ohne Wohlgefallen und meinte lächelnd: »Nun, Kind, Sie sehen doch, wer ich bin!« ? »O mei,« meinte die Kleine, »heutzutag' darf ma sein eignen Hemad net trau'n!« Ich bin am Schlusse! ? Denn von ganz Gegenwärtigem hatte ich nur wenig zu erzählen, und auch diese engeren Erlebnisse konnte ich, weil sie mich noch umgeben, nicht unbefangen schildern. Erinnerung verklärt, weil sie vergißt; lichtet durch[183] Wege und Stege der Phantasie eine Wildnis zum Park. Die Gegenwart dagegen sehn wir mit viel zu heißem Herzen, als daß wir ihr Gerechtigkeit, Wohlwollen und ritterliches Verstehen entgegenbringen könnten. Das letzte Wort Hamlets, das ja am Ende aller Selbstschilderungen gesetzt werden muß, komme auch mir zu Hilfe: »Der Rest ist Schweigen.«[184] 
 Franz von Defregger und Eduard Thöny herzlich getreu[5]  
